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Jürgen Habermas

Die postnationale
Konstellation
Politische Essays

»Mufi und Grenze« ist das suggestiv ste Bild für die neue Konstellation
der Greti7uberschreitungen Deren wichtigste Dimension bildet die
wittsehahliche Globalisierung, die gegenwartig eine neue Qualität an
nimmt Jürgen Habermas untersucht m seinem neuen Buch die Aus
Wirkungen dieses vielgestaltigen Piozesscs auf die Zukunft der Demo
kratie t r fragt nach den möglichen Konsequenzen für Rechts
Sicherheit und Fffcktiv itat des Verwaltungsstaats, für die Souveianttat
des lerntonalstaats, die kollektive Identität sowie die demoki ansehe
Legitimität des Nationalstaats Seine Antwort Die Parole »Ohnmacht
durch Globahsiciung« ist keineswegs ganz aus der Luft gegriffen Die
fiskalische Grundlage dei Sozialpolitik wird schmaler, die I ahigkeit
zur wirtschaftlichen Makiosteucrung nimmt ab Die \ etgleichsweise
homogene Basis der staatsburgei liehen Souveränität ist erschüttert,
weshalb es für den Nationalstaat schwierigen wird, seinen I egitimati-
onsbedart zu decken Juigen Habermas diskutiert die gangigen politi-
schen Antworten auf diese Hcraustoiderung und skizziert eigene Voi-
schlagc
Das Werk von furgen Habermas im Suhrkamp Verlag ist auf den Sei-
ten 257-258 dieses Bandes verzeichnet Suhrkamp
Inhalt

Vorwort 7

/. Zum nationalen Kontext


1. Was ist ein Volk?
Zum politischen Selbstverständnis der
Geisteswissenschaften im Vormärz 13
2. Über den öffentlichen Gebrauch der Historie . . . . 47

/ / . Die postnationale Konstellation


3. Aus Katastrophen lernen?
Ein zeitdiagnostischer Rückblick auf das kurze
20. Jahrhundert 65
4. Die postnationale Konstellation und
die Zukunft der Demokratie 91
edition suhikamp 2095
Frste Auflage 1998 5. Zur Legitimation durch Menschenrechte 170
© Suhikamp Vetlag Franktutt am Main 1998
Listausgabe
Alle Rechte \orbchaltcn, inshesondcic das / / / . Zum Selbstverstdndms der Moderne
dci Übersetzung, des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung duteh Rundtunk und I ernsehen, 6. Konzeptionen der Moderne
auch em7clnei Teile
kein Ieil des U-erkes dait in ngendemer Form
Ein Rückblick auf zwei Traditionen 195
{durch Potogiafie, Mikrohim odei andeic \eitahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Vcilages reproduziert
7. Die verschiedenen Rhythmen von Philosophie
oder unter Yciuendung elektionischer S\ steine und Politik
verübeltet, %erMclf.ilt,st oder verbietet werden Herbert Marcuse zum 100. Geburtstag 232
Satz jung Ciossmedia, Lahnau
Diuck: Nomos Verlagsgescllscrutt, Baden-Baden
Umschlag gestaltet nach einem Kon/ept
vonWilK Pleckhaus Rolt btaudt
Pnnted in Gei man\
ISBN 3 518-12095 6

4 5 6 7 8 9 - 0 8 07 06 05 04 03
IV. Ein Argument gegen das Klonen von Menschen Vorwort
Drei Repliken
8. Genetische Sklavenhcrrschaft?
Moralische Grenzen
reproduktionsmedizinischer Fortschritte 243 »Fluß und Grenze« ist das suggestive Bild für die neue
Konstellation der Grenzuberschreitungen. In der Frank-
9. Nicht die Natur verbietet das Klonen furter Germanistenversammlung von 1846 ging es um die
Wir müssen selbst entscheiden 248 Herstellung der nationalen Grenzen, die heute verfließen.
10. Die geklonte Person wäre kein zivilrechtlicher Die beiden einfuhrenden Essays beleuchten unseren natio-
Schadensfall 253 nalen Kontext aus zwei entgegengesetzten Perspektiven.
Damals richtete sich der Blick auf den republikanischen
Anfang. Ernüchtert blicken wir heute auf dessen katastro-
phales Ende.1
Der zeitdiagnostische Ruckblick auf das kurze 20. Jahr-
hundert versucht, die gegenwartig verbreitete Stimmung
aufgeklärter Ratlosigkeit zu erklaren. Er lenkt den Blick
auf ein beunruhigendes Problem des kommenden Jahrhun-
derts: Laßt sich auch über nationale Grenzen hinaus die

1 Ich lasse meine kontrenerse Rede auf Goldhagen (erschienen in K D


Bredthauer, A Heinrich (Hg ), Ans dei descbicbte lernen, edition Blat
ter 2, Bonn 1997, 14- 37) n 'cht aus Rechthabern nachdrucken Denn am
Sach\ erstand der gegenüber Goldhagen ki itisch eingestellten Histonker
habe ich keine /weitcl Abei ich bedaure, daß das im Titel dei Rede an-
gezeigte Ihema im Stielt untergegangen ist - ich meine die notwendigen
Differenzierungen im öffentlichen Gebrauch der Geschichte Dieser
\ erkommt namheh zu demagogischer Geschichtspolitik, wenn \\ 11 nicht
soi gfaltig zwischen der moralischen Stellungnahme zu, dei |uiistischen
Aufarbeitung von sowie der politisch ethischen Selbstverstanehgung
ubci Menschenrechtsverletzungen und Massemeibrechen unterschei
den, die im nationalen Rahmen vorbereitet, ausgefuhit und von anderen
passi\ unterstutzt oder toleriert worden sind Unter diesem Gesichts-
punkt kommt Goldhagens methodischem Vorgehen auch ein philoso
phisches Veidienst zu. Er verwendet einen Inierpretationsrahmcn, dei
es ihm erlaubt, in die historische Analyse von unmittelbar beteiligten
Tätern die moralische Dimension von Handlungsfreiheit einzufühlen
»Freiheit« m diesem Sinne unterstellen wir einem Aktor, der in Kenntnis
von Handlungsalternativen zurechnungsfähig soz^it aus eigener Sicht
normatn gerechtfertigt gehandelt hat

7
sozialstaathche Demokratie erhalten und entwickeln > Der und sozial ausgleichenden kosmopolitischen Ordnung
Titel-Essay spurt den politischen Alternativen zur herr- richten kann Ein Europa, das sich für eine Domestizierung
schenden neoliberalen Praxis nach - ohne Vertrauen in die von Gewalt in jeder, auch in sozialer und kultureller Gc
Rhetorik eines »Dritten Weges« jenseits von Neoliberalis- stalt engagiert, wurde gegen den postkolomalen Ruckfall in
mus und alter Sozialdemokratie ' Eurozentrismus gefeit sein Auch am interkulturellen Dis-
Mit dem Beginn der einheitlichen europaischen Geldpo- kurs über Menschenrechte kann sich eine solche, hinrei-
lmk beobachten wir eine Umkehr der Allianzen Zufrie- chend dezentnerte Perspektive bewahren
dengestellte Markteuropaer verbunden sich mit national- Die Beitrage des dritten Teils erinnern in groben Zü-
staatlich denkenden Euroskeptikern, um den Status quo gen an den philosophischen Hintergrund, vor dem ich die
eines wirtschaftlich integrierten, aber nach wie vor poli- Herausforderungen der postnationalen Konstellation im
tisch zersplitterten Europa einzufrieren Voraussichtlich Hauptteil analysiere Zum Selbstverstandnis der Moderne
•wurde dafür in der Münze sozialer Verwerfungen ein Preis gehört auch ein Begriff von Autonomie, der ein Argument
zu zahlen sein, der nach Maßgabe der heute erreichten gegen das erneut diskutierte Klonen menschlicher Organis-
Standards an Zivilitat hoch, zu hoch ist Demokratische men nahelegt
Legitimität ist nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu haben
Das ist inzwischen ein konservativer Grundsatz Gegen- Starnberg, im Juni 1998 ] H
über dem utopischen Jenseits von Links und Rechts sind
Zweifel angebracht, aber zwischen Revolutionaren und
Konservativen scheint ein Rollentausch stattzufinden
Denn »revolutionär« sind die Anstrengungen, der Bevöl-
kerung die Maßstabe des egalitären Universahsmus abzu-
gewöhnen und gesellschaftlich produzierte Ungleichheiten
auf die Natureigenschaften von »Leistungstragern« und
»Versagern« zurückzuführen
Im nationalen Rahmen fallt es freilich der Politik immer
schwerer, mit einem globalisierten Wettbewerb Schritt zu
halten Eine normativ befriedigende Alternative, die etwas
Neues in Bewegung setzen kann, sehe ich nur in der föde-
ralistischen Ausgestalung einer sozial- und wirtschaftspo-
htisch handlungsfähigen Europaischen Union, die dann
den Blick auf die Zukunft einer differenzempfindhchen
2 Dieser Text diente der Vorbereitung eines Gespraehs mit Gerhard
Schröder das am 5 Juni 1998 im Rahmen des Kulturforums der SPD
stattgefunden h n

8
I. Zum nationalen Kontext
Was ist ein Volk?
Zum politischen Selbstverstandms
der Geisteswissenschaften im Vormärz,
am Beispiel der Frankfurter
Germanistenversammlung von 1846'

I Zwei Zielsetzungen

Aus dem Einladungsschreiben »zu einer Gelehrtenver-


sammlung in Frankfurt a M « sowie aus der kurzen Einlei-
tung zur Publikation der Verhandlungen der Germanisten1
geht die doppelte Zielsetzung der Veranstalter hervor Auf
Initiative des Tübinger Juristen Reyscher hatten sich be-
kannte Gelehrte wie Jacob und Wilhelm Grimm, Georg
Gottfried Gervinus, Leopold Ranke, Ludwig Uhland,
Friedrich Christoph Dahlmann, Georg Beseler und Karl
Mittermaier zusammengetan, um eme Vereinigung der drei
mit deutschem Recht, deutscher Geschichte und deutscher
Sprache befaßten Disziplinen zu gründen In erster Linie
geht es um die Institutionahsierung einer besseren wissen-
schaftlichen Kommunikation Bis dahin stutzten sich Kon-
takte, die über die übliche Lektüre von Zeitschriften und
Buchern hinausgehen, auf personliche Bekanntschaft Da-
bei spielten Briefwechsel eine w ichtige Rolle Das gilt nicht
nur für den interdisziplinären Verkehr zwischen den Ju-
risten, Sprachwissenschaftlern und Historikern, sondern
auch für die Kommunikation innerhalb der I acher, vor al-
lem unter den deutschen Philologen Es bestand ein Bedurf-

1 Vortrig IUS Anliis der Centtn lrteicr an der Johann Woltging Goethe
Unuersitit, f nnktuit^M
2 ) I) Sauerlinders Verlag 1 r a n k t u r t / M i S47 (im folgenden zitiert als
Verhandlungen)

13
nus nach festeren Formen des persönlichen Kennenlerncns, den »germanischen Altertumern«, koinzidiert auf eine fast
der gegenseitigen Verständigung und Belehrung - »in freier unbewußte Weise mit der politischen Tendenz des Tages
Rede und ungezwungenem Gesprach« und ohne »abgele- Die Veranstaltung ist allerdings von tragischer Ironie ge
sene Vortrage« Vorbild waren die ersten gesamtdeutschen zeichnet Die emphatisch gefeierten Anfange bedeuten
Fachkongresse der Naturforscher und Arzte (seit 1822) so- namheh objektiv ein Ende - in politischer wie in wissen
wie der Klassischen Philologen (seit 1838) Die Initiatoren schaftshistorischer Hinsicht Die Germanistcnversamm-
waren sich freilich bewußt, daß eine gesamtdeutsche Ver- lungen von 1846/47 in Frankfurt und Lübeck waren der
sammlung germanistischer Geisteswissenschaftler als ein erste, aber auch der letzte Versuch, jene Disziplinen zusam-
Politikum wahrgenommen werden wurde menzufuhren, die einst das Herzstuck der frühen Geistes-
Das zweite, über die disziphnaren Bedurfnisse hinaus wissenschaften gebildet haben Anderthalb Jahrzehnte spa-
gehende Ziel war eine - wie immer auch verhaltene - De- ter werden die Juristen und die deutsehen Philologen ihre
monstration zugunsten der Einigung des politisch zersplit- jeweils eigenen Vereinigungen gründen Das entsprach
terten Vaterlandes »Es wäre zu viel erwartet von einer dem ganz normalen Muster der Ausdifferen7ierung wis
Gelehrten-Zusammenkunft, wenn unmittelbares Ein- senschaftheher Disziplinen
greifen in das Leben ihr zur Aufgabe gestellt wurde, aber Seit dem ausgehenden 18 Jahrhundert waren, neben eta-
nichts Geringes versprechen wir uns von unserer Ver- blierten Fächern wie der klassischen Philologie oder Kunst
sammlung, wenn sie, wie nicht zu zweifeln steht, auf dem gesehiehte, einzelne geisteswissenschaftliche Disziplinen
Boden wissenschaftlicher Untersuchung festhaltend, so- entstanden Aber im Rahmen gemeinsamer histonstischer
wohl den Wert als auch den Ernst der Zeit würdigen und Überzeugungen hatten sie sich zunächst nicht soweit von-
jeden Einzelnen von dem Eifer, der das Ganze beseelt, er- einander entfernt, daß sie füreinander nur noch disziphnare
füllen wird «' Der Verlauf der Tagung wird diese Erwar- Umwelten dargestellt hatten Diese Entstehungsphase nä-
tung bestätigen Selbst wir Nachgeborenen, die wir uns herte sich jedoch in den vierziger Jahren des 19 Jahrhun-
durch Profession und Lebensgeschichte mit den Geistes- derts, also zur Zeit der Germanistenversammlung, ihrem
wissenschaften wie mit den republikanischen Traditionen Ende Unter den Teilnehmern befinden sich nur vier jenei
unseres Landes verbunden fühlen, verspuren noch beim Grundungsvater, die Erich Rothacker, der Historiker der
Nachlesen des Protokolls die Bewegung, die die Redner Geisteswissenschaften, aufzahlt namheh Jakob und Wil-
damals erfaßt hat Ruckblickend erkennen wir gewiß auch helm Grimm, Leopold Ranke und Friedrich Gottlieb
das Unpolitische in den Leidenschaften jener Heroen der Welcker Sie sind gleichsam die letzten in der illustren Reihe
deutschen Historischen Schule Bei aller Kritik wird sich der Herder, Moser, Wolf, Friedrich und August Wilhelm
jedoch niemand dem eigentümlichen Charme dieser vom Schlegel, der Sehleiermaeher, Humboldt, Nicbuhr, Savign\,
Geist der Romantik beseelten Anfange entziehen können Eichhorn, Creuzer, Gorres, Bopp und Boeckh 4 Rothacker
Die Anteilnahme der Gelehrten an ihren Gegenstanden,

4 \r Rothacker I ogik und Systtmatik der Geistesu-nsenschafttn Bonn


i \irhandlun^Ln 6
1948,116
datiert diese Grundungsphase, in der die Fächer noch eine politischen Willen hatten, als Intellektuelle und Burger v on
gemeinsame Sprache sprechen, mit zwei berühmten Zitaten ihrem professionellen Wissen öffentlichen Gebrauch /u
auf die 80 Jahre zwischen 1774 und 1854 »Jede Nation hat machen Was in der Generation meiner Lehrer - vor, wah-
ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel rend und nach 1933 - als ein solcher Versuch der politisch-
ihren Schwerpunkt« (Herder), »Jede Epoche ist unmittel- intellektuellen Einflußnahme erscheinen konnte, fallt
bar zu Gott und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus offensichtlich nicht unter diese Kategorie des staatsbürger-
ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst« (Ranke) lichen Engagements Die Rolle des Intellektuellen ist an-
Die Frankfurter Versammlung, die ein neues Kapitel in gewiesen auf den Resonanzboden einer liberalen üffent
der Geschichte ihrer Wissenschaften aufschlagen wollte, henkelt und einer freiheitlichen politischen Kultur Die
schließt in Wahrheit die Gründerzeit ab Wissenschafts- Germanisten, die vor 150 Jahren im Frankfurter Kaisersaal
geschichthch betrachtet, taugte sie gerade noch für eine Pressefreiheit forderten, hatten davon ein klares Bewußt-
translatio nomims, damals ging ja der Ehrentitel des »Ger- sein Gleiches wird man von Julius Petersen, Alfred Baum-
manisten«, auf den jetzt Jakob Grimm im Namen der ler, Ernst Bertram, Hans Naumann oder Erich Rothacker
Sprachwissenschaften Anspruch erhob, auch im allgemei- nicht behaupten können
nen Usus von den Rechtshistonkern auf die Neuphilologen Die Paulskirchenbewegung scheitert an historischen
über 5 Umstanden, die nicht mein Thema sind Aber die Germa-
Ebenfalls als Illusion erwies sich die Rolle, die die Ger- nisten, die mich als Teil dieser Be-wegung interessieren,
manisten als die geborenen Interpreten des Volksgeistes in scheitern nicht nur an Umstanden Zu den hemmenden
der politischen Öffentlichkeit glaubten spielen zu können Faktoren gehört auch ein politisches Selbstverstandnis, das
Bekanntlich scheiterte in der benachbarten Paulskirche durch die Philosophie der frühen Geisteswissenschatten ge-
zwei Jahre spater der Versuch zur nationalen Einigung in- prägt ist Aussichtslos war nicht nur der Wunsch, sich über
nerhalb eines liberal verfassten Gemeinwesens Immerhin disziphnare Grenzen hinwegzusetzen, die alsbald klar her-
trafen sich etwa 10 Prozent der Tagungsteilnehmer in der vortraten Problematisch war auch die sich selbst verbor-
ersten deutschen Nationalversammlung wieder, die mei- gene Konstruktion von Herkunftsbezugen, die der Nation
sten von ihnen als Mitglieder des Centrums Wilhelm Sche- den Schein des organisch Gewachsenen verleihen sollten
rer konnte spater die Germanistenversammlung als »eine Am I eitfaden der Ausfuhrungen von Jacob Grimm werde
Art Vorlaufer des Frankfurter Parlaments« bezeichnen ' ich kurz den philosophischen Hintergrund der Histori-
Der Vormärz war die erste und die letzte Periode, in der schen Schule skizzieren (II) An den in der Diskussion auf-
fuhrende Repräsentanten der Geisteswissenschaften den brechenden Widersprüchen mochte ich sodann zeigen, wie
die ruckwartsgewandte Idee des Volksgeistes die zukunfts-
5 U Mewts Zur Namengebung Germanistik in J Fohrminn WVnli genchteten liberalen Intentionen in Schwierigkeiten bringt
kamp, Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 79 Jahrhundert (III) Gervinus entgeht der fatalen Dialektik \on Ein- und
Stuttgart/Weimar 1994 25 47
6 J J Muller Die ersten Germanistentagc in ders (Hg) l aeraturbissen Ausgrenzung durch eine historische Dynamisierung der
schaft und Sozial Wissenschaften 2 Stuttg 1974 297 318 Volksgeistlehre Damals geben sich aber nur Demokraten
16 17
wie Julius Frobel, die in der Germanistenversammlung gründe, daß die beobachtenden und erklärenden Naturwis-
nicht vertreten sind, Rechenschaft über das prekäre Verhält- senschaften allgemeine Phänomene und gesetzmäßige Zu-
nis des kulturell definierten »Volkes« zur »Nation« der sammenhange erfassen, wahrend sich die verstehenden
Staatsburger (IV) Die Germanistik hat ihren ersten großar- Geisteswissenschaften auf die kulturelle Eigenart und die
tigen Versuch, sich in eine republikanische Öffentlichkeit Individualität ihrer Gegenstande einstellen Grimm hat
einzumischen, nicht wiederholt Abschließend will ich an nicht nur den Gegensatz von Allgemeinem und Besonde-
die fachinternen Grunde erinnern, die die Germanistik zu rem, von »nomothetischen« und »ideographischen« Wis-
einem unpolitischen Selbstverstandms disponiert haben (V) senschaften, wie Windelband spater sagen wird, vor Augen
Er verbindet damit den Kontrast des Fremden und des Ei-
genen Die hermeneutische Einsicht in die Vorurteilsstruk
II Das Weltbild der frühen Geisteswissenschaften tur des Verstehens wird dahingehend pointiert, daß wir das
Eigene besser verstehen als das Fremde Gleiches muß von
Jacob Grimm eröffnet die zweite öffentliche Sitzung mit Gleichem erkannt werden Das zeigt sich vor allein an der
Ausfuhrungen zum Verhältnis von Natur- und Geisteswis- Poesie, die »eigentlich nur in ihr (der Muttersprache) ver-
senschaften Chemie und Physik dienen ihm als Beispiele standen sein will« So verhalt es sich auch mit den germani-
für exakte, auf Berechnung beruhende Wissenschaften, die schen Altertumern Das verständnisvolle Eindringen in sol-
die Natur wie einen Mechanismus auffassen, in Elemente che Dokumente des Volksgeistes, die der Gegenwart
zerlegen und für technische Zwecke neu zusammensetzen entruckt sind, ist keine neutrale wissenschaftliche Opera-
Ganz anders operieren die »ungenauen« Wissenschaften, tion, sondern wurzelt tief im Gemüt Der Verstehende
die dank eines fein ausgebildeten, sensiblen Gemüts (»einer bringt seine ganze Subjektivität ein in einen Erkenntnis-
seltenen Vorrichtung einzelner Naturen«) in die organisch vorgang, der auf ein enthusiastisches Sieh-im-Anderen-
gegliederte Vielfalt und das Innere der historischen Schöp- Wiedererkennen abzielt Das hermeneutische Verstehen
fungen des Menschen eindringen Sie zeichnen sich nicht scheint vom Pathos der einverleibenden Aneignung zu le-
durch »Hebel und Erfindungen (aus), die das Menschenge- ben »Der chemische Tiegel siedet unter jedem Feuer und
schlecht erstaunen und erschrecken«, sondern durch den die neu entdeckte, mit kaltem lateinischem Namen getaufte
inhärenten Wert, die Wurde ihrer Gegenstande »Das Pflanze wird auf gleicher klimatischer Hohe überall erwar-
Menschliche in Sprache, Dichtung, Recht und Geschichte tet, wir aber erfreuen uns eines verschollenen ausgegrabe-
steht uns naher zu Herzen als Tiere, Pflanzen und Ele- nen deutschen Wortes mehr als des fremden, weil wir es un-
mente « Mit einer überraschenden, auch überraschend mi- serm Land wieder aneignen können, wir meinen, daß jede
litanten Wendung fugt Grimm hinzu »Mit denselben Waf- Entdeckung in der vaterlandischen Geschichte dem Vater-
fen siegt das Nationale über das Fremde «7 land unmittelbar zustatten kommen werde «s Für Jacob
Grimm leitet sich der inklusive Charakter der Wissenschaft -
Dieser elliptischen Formulierung liegt der Gedanke zu-

7 Verhandlungen, 62 60

18
liehen Kommunikation allein vom kühlen Univcrsahsmus und die Frühlingsblumen der Dichtung zeigten sich aufs
der Naturwissenschaften her »Die genauen Wissenschaften Neue « p Der organischen Autfassung der Sprache korre-
reichen über die ganze Erde und kommen auch den auswär- spondiert die naturschutzensche Einstellung des Sprach-
tigen Gelehrten zugute, sie ergreifen aber nicht die pflegers, der die eigene Sprache, ohne ihr durch Normie-
Herzen « ' Die Geisteswissenschatten hingegen versenken rung Fesseln anzulegen, durch behutsame Eingriffe von
sich so sehr in die Tiefen der jeweils eigenen Kultur, daß ihre fremden Beimischungen reinigen will »Glauben Sie nicht,
Ergebnisse vornehmlich für deren Angehörige von Inter- das Wörterbuch werde, weil es sich der geschichtlichen
esse sind Die »deutschen Wissenschaften« adressieren sich Umwandlung der Sprache unterwirft, deshalb auch als la-
ans deutsche Publikum 10 ßig oder nachsichtig sich erweisen Es wird tadeln, was sich
Der Geist eines Volkes, der die Referenz für die Abgren- unberechtigt eingedrängt hat, selbst wenn es muß geduldet
zung des Eigenen vom Fremden liefert, druckt sich am werden, geduldet, weil in jeder Sprache einzelne Zweige
reinsten in dessen Poesie aus Und diese ist wiederum mit verwachsen und verkrüppelt sind, die sich nicht mehr grad
der »heimatlichen Sprache« aufs engste verwoben Jacob ziehen lassen «' 3
Grimm kann deshalb auf die »einfache« Frage »Was ist das Wer eine naturalisierte Sprache zur Definition von Volk
Volk'« die einfache Antwort geben »Ein Volk ist der Inbe- und Volksgeist verwendet, will die Nation in Zeit und
griff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden«" Raum klar abgrenzen »Unsere Vorfahren sind Deutsche
Trotz dieser auf den ersten Blick kulturahstischen Bestim gewesen, ehe sie zum Christentum bekehrt wurden, es ist
mung wird das Volk substantiahsiert Nicht zufällig wer- ein älterer Zustand, von dem wir ausgehen müssen, der uns
den die Metaphern für die Sprache, in der sich die Schöp- untereinander als Deutsche in ein Band vereint hat « l4 Die
fungen des Volksgeistes artikulieren, der Naturgeschichte sprachgeschiehthche Kontinuität des Volksgeistes verleiht
und Biologie entnommen der Volksnation das Naturwüchsige Wenn aber die Nation
Als Jacobs Bruder Wilhelm Grimm über das gemein- als Gewachs imaginiert wird, verliert das nationale Projekt
same Projekt des Wörterbuchs der deutschen Sprache be- der Einigung den konstruktiven Charakter der Herstellung
richtet, schildert er die Verödung des geistigen Lebens seit einer modernen Nation von Staatsbürgern Was für die Er-
dem Dreißigjahngen Krieg wie die Flora einer Landschaft streckung in der Zeit gilt, gilt auch für die räumliche Aus-
»Auch die Sprache welkte und die Blatter fielen einzeln dehnung Wenn die Nation mit der Sprachgemeinschaft
von den Asten Am Anfang des 18 Jahrhunderts hing koextensiv ist oder sein soll, verschwindet die Kontingenz
noch trübes Gewölk über dem alten Baum, dessen Lebens- der Grenzen staatlicher Territorien hinter den Naturtatsa-
kraft zu schwinden schien (Erst) der Stab, mit dem chen der Sprachgeographie Jacob Grimm appelliert an das
(Goethe) an den Felsen schlug, ließ eine frische Quelle über Gesetz, »daß nicht Flusse, nicht Berge Volkerscheide bil-
die dürren Driften strömen, sie begannen wieder zu grünen den, sondern daß einem Volk, das über Berge und Strome

9 Hxl 12 \ Libxndlungui 115


10 \ crhandlangcn 61 13 V11handlangen 119
11 Virhandlun^tn 11 14 Vcrhandlungcn ij
gedrungen ist, seine eigene Sprache allein die Grenze setzen wandten, quietistischen und gegenaufklarenschen Zuge,
kann« !i Diese Überzeugung bildet übrigens den Hinter die den Historismus nicht gerade zum Geburtshelfer eines
grund für den Eifer der Juristen und Historiker, die die er modernen bürgerlichen Nationalstaats prädestinieren
ste öffentliche Sitzung darauf verwenden, den Erbfolge- Gewiß hat der philosophische Idealismus der Tübinger
anspruch der danischen Krone auf eine Inkorporation von Stiftler eine ähnliche Stoßrichtung gehabt wie das roman-
Schleswig, das ja nicht zum Deutschen Bund gehört, zu- tisch-histonschc Denken von Herder, Moser und Hamann
rückzuweisen Auch Hölderlin, Schelhng und Hegel haben gegen die
1874 charakterisiert Wilhelm Scherer ruckblickend den Klassifikationen des Verstandesdenkens und gegen die Po-
Geist der Historischen Schule mit einer Serie von Begriffs sitivitaten einer erstarrten Tradition Einbildungskraft, Pro-
paaren »Gegenüber dem Kosmopolmsmus die Nationali- duktivität und sinnliche Spontaneität beschworen Auch
tat, gegenüber dei künstlichen Bildung die Kraft der Natur, sie haben gegen das abstrakt Allgemeine den Eigensinn und
gegenüber der Zentrahsation die autonomen Gewalten, ge- die Individualitat des Besonderen im Gefuge eines orga-
genüber der Beglückung von oben die Selbstregierung, ge- nischen Ganzen betont Aber die Philosophie hat diese
genüber der Allmacht des Staates die individuelle Freiheit, gegensätzlichen Momente in die Vernunft selbst aufgenom-
gegenüber dem konstruierten Ideal die Hoheit der Ge- men, wahrend dem Historismus Begriffe für das vernunf-
schichte, gegenüber der Jagd nach Neuem die Ehrfurcht vor tige Allgemeine fehlen Ohne einen solchen Vernunftbezug
dem Alten, gegenüber dem Gemachten die Entwicklung, mußten sich die Germanisten redlich mit dem Problem ab-
gegenüber Verstand und Schlußverfahren Gemüt und An- muhen, wie sich denn aus dem Volksgeist die Grundsatze
schauung, gegenüber der mathematischen Form die organi- für eine liberale Verfassung herausspinnen ließen
sche, gegenüber dem Abstrakten das Sinnliche, gegenüber
der Regel die eingeborene Schöpferkraft, gegenüber dem
Mechanischen das Lebendige « " Man erkennt sofort die III Zur Dialektik von bin und Ausgrenzung
Aspekte, untei denen die Ideologie des Volksgeistes mit den
liberalen Zielen der nationalen Bewegung konvergiert Aus Mit dem Weltbild der Geisteswissenschaften war eine Per-
dem spontanen Wachstum des pietätvoll erweckten Volks- spektive gegeben, aus der sich die politische Einigung
geistes laßt sich die produktive, erneuernde, ja emanzipato- Deutschlands als überfällige Vollendung einer kulturell
nsche Kraft herauslesen, die sich gegen die Reglementie- langst ausgebildeten Einheit der Nation darstellt Dem
rung durch starre staatliche Bürokratien auflehnt und dem durch Kultur und Sprache definierten Volkskorper fehlt
Volk eine eigene, seiner historischen Natur gemasse politi- nur noch das passende politische Kleid Die Sprachgemein-
sche Gestalt geben will Andererseits entnimmt man Sehe schaft mußte im Nationalstaat mit der Rechtsgemeinschaft
rers Beschreibung auch die antiquarischen, ruckwartsge- zur Deckung gebracht werden Denn jede Nation, so
schien es, besaß von Haus aus ein Recht auf politische Un-
r s \c yhandlun^cn 11
16 W Scluixr V(»t>i^tnriäA»fiZt/c(ii--^) 340t (/inert nich Rotluckir
abhängigkeit Dabei tauschten sich die Teilnehmer der
[ s 1 n 4] 119) Germanistenversammlung, die dieses Prinzip im Lichte der
Volksgeistlehre interpretierten, über das spezifisch Mo- wollen, erinnert der Berichterstatter der Historischen Sek-
derne ihres Vorhabens Weil sie davon ausgingen, daß die tion Georg Heinrich Pertz an »die Deutschen im Elsaß, in
Staatsnation mit der Kulturnation schon herangereift war, Lothringen, den Niederlanden, an die Deutschen jenseits
verkannten sie den konstruktiven Zug ihres Projektes Der des Niemen, die Deutschen in Böhmen, in Ungarn und Sie-
Geist des deutschen Volkes, der in der neuen Ordnung po- benburgen, welche ein Recht auf die Forterhaltung ihrer
litische Gestalt annehmen sollte, war ja bereits in den älte- deutschen Nationalität und angeborenen Muttersprache
sten Urkunden der Poesie, der deutschen Sprache und des haben «"Jacob Grimm hatte schon in seiner Eröffnungs-
germanischen Rechts bezeugt Diese Perspektive erklart rede den bedauerlichen Sonderweg des Holländischen, die-
die kognitiven Dissonanzen, die im Laufe der Debatte auf- ser »eigentümlichen, unseren Nordwesten sichtbar schwa-
traten Zunächst ist es die Annahme einer homogenen und chenden Gestaltung der Sprache« mit der Bemerkung
sich klar abgrenzenden Sprachgemeinschaft, die eine merk- kommentiert »Scheint es (auch) kaum möglich, ihn ganz
würdige Dialektik auslost wieder zu uns zurückzuführen, so bleibt es desto wün-
Selbst im Falle einer großdeutschen Losung wurden die schenswerter, alle Verbindungen zwischen ihm und unserer
kulturellen Grenzen der Sprachgemeinschaft mit den poli- Bahn zu vervielfachen «20
tischen der Rechtsgemeinschaft nicht zur Deckung gelan- Die Abspaltung des Niederdeutschen vom Hochdeut-
gen Die Grenzen des Nationalstaates wurden in jedem Fall schen erinnert an den Preis, den die imaginäre Einheit der
deutschsprachige Minoritäten ausschließen und fremd- Sprachnation fordert - die Mediatisierung der Mundarten,
sprachige einschließen Die politisch-rechtliche Ausgren- für die Grimm eine euphemistische Gewinn- und Verlust-
zung der Auslandsdeutschen erzeugt den Wunsch nach rechnung aufmacht 2I Der Bruder Wilhelm räumt den
ihrer kulturell-sprachlichen Eingemeindung Deshalb artifiziellen Charakter der Schriftsprache, ohne die die
schlagen die Historiker die Gründung eines »Vereins zur »Stamme oft sich gar nicht verstehen«, ein Die Homo-
Erhaltung der deutschen Nationalität im Ausland« vor geneitat der Sprachgemeinschaft ist nichts Ursprüngliches,
Damit verfolgen sie ein doppeltes Ziel Vielen Rednern sie verlangt die Einebnung der Dialekte zugunsten einer
hegt das Schicksal der Auswanderer am Herzen, die gerade administrativ eingeführten Schriftsprache Es paßt aber
damals in großer Zahl nach Nordamerika strömen, sie sol- schlecht zum antiquarischen Verständnis des naturwüchsi-
len auch in der Fremde die »althergebrachte Sprache und gen Volksgeistes, daß die bewahrenswerte Besonderheit
dadurch (den) warmen Zusammenhang mit dem Mutter- des Nationalen durch eine Repression gewachsener Beson
lande(')« bewahren17 Aber im Hinblick auf »Europa, oder derheiten erst hervorgebracht werden mußte Ebenso lrn-
richtiger die deutschen Grenzstaaten« braucht eine solche
Politik andere »Mittel und Zwecke« als »für die fremden 19 Verhandlungen 107
Weltteile« ls Ohne »in den politischen Kreis eingreifen« zu 20 Verhandlungen 13
21 Verhandlungen 13 Seit I uther ist die Herrschiit des hochdeutschen
Dialekts unabindcrhch festgestellt und willi„ e n t s t e l l lllc Ieile
Deutschlands ein7elnen Vorteilen die jede vertrauliche Mundart mit
17 Xcrhandlungin 61 rührt wenn dadurch Kraft und Starke der aus ihnen lllen aufsteigenden
18 Vcihandlungtn 11] gemeinschaftlichen und edelsten Schriftsprache gehoben wird

2
24 5
tierend ist die Tatsache, daß sich die Nationalsprachen, die durfnissen, Sitten, Gesinnungen, Ansichten des Volkes «'4
doch die Individualität der verschiedenen Volker begrün- Mit Beseler, Mittermaier und Reyscher gehören der Ver-
den sollen, miteinander vermischt und aufeinander ein- sammlung die fuhrenden Kopfe der »jüngeren« Germani-
gewirkt haben, also keine wohl abgegrenzten Einheiten stik an Wie die altere Historische Rechtsschule lehnen sie
bilden das Vernunftrecht ab und kultivieren die Rechtsgeschichte
Im Vergleich mit den »gemischten« Sprachen wie dem als »einzigen Weg zur wahren Erkenntnis unseres eigenen
Englischen oder selbst dem I ranzosischen gilt zwar seiner- Zustandes« (Savigny) Aber anders als Savignv betonen sie
zeit das Deutsche als »reine« Sprache Aber auch sie enthalt den Gegensatz zwischen »Volksrecht und Juristenrecht« ls
Lehnworter, deren romanischer Ursprung vergessen ist, Sie sind der Auffassung, daß das Recht als Ausdruck des
Fremdworte, ohne die wir nicht einmal im Alltag auskom- Volksgcistes in jeder Nation eine andere Gestalt annehmen
men, auch viele terminologische Ausdrucke, die sich fur's müsse, die Rezeption fremden Rechts werde per se die in
Fachwissen als unentbehrlich erwiesen haben Wilhelm den Sitten des eigenen Volkes wurzelnde Rechtskultur zer-
Grimm erwähnt diese Tatsachen, ohne damit »der Einmi- stören ~" Diese juristische Version der Volksgeistlehre be-
schung des Fremden das Wort zu reden« Er hofft, daß sein gegnet in der Diskussion vor allem drei Schwierigkeiten
Wörterbuch »die Reinheit der Sprache wiedererwecken« (a) Die Juristen tun sich schwer mit der Überlegenheit des
kann Sein Purismus ist vielleicht nicht »steiflcinern«, wo- dogmatisch durchgebildeten römischen Rechts, (b) daß
gegen er sich wehrt, aber diohend genug wettert er wie sein sich ihm gegenüber einige Institutionen des überlieferten
Bruder" gegen die Korruption des Eigenen durch das germanischen Rechts nur aufgrund spezifisch moderner
Fremde »Alle Tore sperrt man auf, um die auslandischen Wirtschaftsverhaltnisse durchsetzen können, mußte ihnen
Geschöpfe herdenweise einzutreiben Das Korn unserer paradox erscheinen, (c) vor allem konnten sie aber den
edlen Sprache hegt in Spreu und Wust wer die Schaufel demokratischen Verfassungsstaat nicht aus den eigenen
hatte, um es über die Tenne zu werfen1 Wie oft habe ich ein rechtshistorischen Quellen legitimieren
wohlgebildetes Gesicht, ja die geistreichen Zuge von sol (a) Was sich aus den Quellen der partikulanstischen
chen Blattern entstellt gesehen Offnet man das erste Buch, Stammes-, Landschaits- und Stadtrechte schöpfen ließ,
ich sage nicht ein schlechtes, so schwirrt das Ungeziefer blieb so weit unter dem Niveau des begrifflich durchgebil-
zahllos vor unseren Augen «2j deten romischen Rechts, daß die Juristen gar nicht umhin
In dieser Hinsicht haben es die Juristen noch schwerer konnten, insbesondere in den Kernbereichen des Zivil-
als die Philologen Wahrend die fremden Sprachen für die rechts die Überlegenheit des Romanischen anzuerkennen
eigene immerhin Umwelten bilden, herrscht das römische Einige Diskussionsredner versuchen diese Tatsache damit
Recht im eigenen Land »Unser Recht steht im Widerspru- 24 Verhandlungen 6S
che mit dem Leben, mit dem Volksbewußtsein, den Be- 2$ So der Titel des 1S43 ersehicnenen p i o g n m m u i s e h e n Werks von Ge
org Beseler
22 Sunde ist es fremde Worter m/uwenelen d i wo deutsehe fielen gute 26 G Dileher B R Kern Die juristische Cjcimamstik des ly Jahrhunderts
oder gar bessre ve>rh\nden sinei Verhandlungen 14 und die taehtyadüion der Deutschen Rechts^cschichtc in Zschi /
23 Verhandlungen 123 Rcthlsgcsch C X l \ Bind Germ Abt 1984 1 46

26 27
herunterzuspielen, daß das römische Recht in der Praxis schem Boden durch moderne Verkehrsverhaltnisse er-
des »gemeinen Rechts« durch »germanische Sitten, Ein schaffen worden sind« i0
nchtungen, politische und soziale Zustande« modifiziert (c) Für die liberalen Rechtshistonker hegt aber die
und gewissermaßen eingedeutscht worden sei ' 7 Andere eigentliche Herausforderung nicht im Pnvatrecht, sondern
Redner warnen aber davor, Germanismus und Romanis- im öffentlichen Recht, wo nicht das germanische mit dem
mus als feindliche Bruder zu betrachten »Wir wurden uns romischen, sondern das historische mit dem natürlichen
in einen Zustand der Barbarei zurückversetzen müssen, Recht konkurriert Für die vernunftrechthehe Begründung
wenn wir mit einem Mal dasjenige ausrotten wollten, was der modernen Vertassungsordnung gibt es offensichtlich
uns das romische Recht gebracht hat «28 Ein Kollege will kein einheimisches Äquivalent Aber die geeinte Nation
die wissenschaftliche oder formelle Seite des romischen braucht eine Verfassung nach dem Vorbild der amerikani-
Rechts von den Inhalten unterscheiden »Das Gute und schen und franzosischen Revolutionsverfassungen Einig-
Nützliche, was sich im Gebiete der Wissenschaft in allen keit besteht gewiß über die Notwendigkeit einer »allgemei-
zivilisierten Staaten entwickelt hat, wollen wir, sofern es nen Gesetzgebung« Seit Savigny sahen sich die deutschen
unseren Zwecken entspricht, aufnehmen, und es ist diese Juristen ohnehin in der Rolle eines unpolitischen Ersatzge-
Aufnahme eine Forderung der Zvihsation, welcher die Na- setzgebers Aber dabei dachten sie an zivilrechtliche Kodi-
tionalität, die nicht in eine förmliche Abgeschlossenheit fikationen wie das spatere BGB, wobei das Parlament nur
übergehen darf, nicht entgegensteht «29 die Aufgabe haben sollte, Inhalte zu ratifizieren, die aus den
(b) Aber nicht nur der Purismus stoßt auf Schwierigkei- Sitten und Gewohnheiten des Volkes stammten '' Solange
ten, auch die Orientierung an Rechtsaltertumern, die nicht das Recht seine Legitimität aus der rechtsfortbildenden
auf moderne Lebensverhältnisse zugeschnitten sind Die Kraft des Volkes schöpfen kann, entsteht für das positive
Beispiele, die Mittermaier gegen das justimanische Recht Recht kein Begrundungsbedart, der durch das demokrati-
und für die Überlegenheit des germanischen ins Feld fuhrt, sche Verfahren eines parlamentarischen Gesetzgebers ge-
enthüllen die Ironie des Ruckgriffs auf alte Traditionen deckt werden musste Die liberalen Rechtshistoriker zie
Deutsche Rechtsinstitute können namheh in penphere Ge- hen zwar eine Verbindungslinie \on germanischen Thing-
biete wie das Handels-, Wertpapier- und Gesellschaftsrecht gemeinden, bauerlichen Dorfversammlungen, Schoffen-
nur deshalb vordringen, weil sich bestimmte Elemente kollegien und Landstanden zu den modernen Volksvertre-
der mittelalterlichen Stadtrechte für den modernen Wirt- tungen Aber ihre Forderungen nach Pressefreiheit, nach
schaftsverkehr als funktional erweisen Deshalb mochte die Justizgrundrechten, überhaupt nach Grundrechten, wie sie
juristische Sektion ihre Aufgabe der »Ausscheidung des alsbald in den §§131-189 der Paulskirchenverfassung er-
Fremdartigen« gerne als den Versuch begreifen, diejenigen
30 Xcrhandlun^cn 149
»Rechtsinstitute (zu bestimmen), welche auf rein deut- 31 Verhandlungen 100 Wo Republiken konstitutionelle Stalten und ib
solute Momrehien in einem Bunde vereinigt sind, kinn freilich nieht
27 Verhandlungen 151 von einem umfassenden Geset/bueh ehe Rede sein Übrig bleibt aber
28 Verhandlungen 82 der große Umring eier Privat oder /ivilgeset/gebung und der Krimi
29 Verhandlungen 73f nalgeset7gebung

28 2
9
schöpfend formuliert wurden, ließen sich aus germani- sches Vermächtnis für die politische Emanzipation der
schen Rechtsquellen nicht rechtfertigen So muß selbst ein deutschen Nation dargestellt 3S Anders als die meisten sei-
Reyscher am Ende darauf hoffen, »daß die Vernunft von ner Kollegen ließ er sich durch den Fehlschlag der 48er
selbst auf eine gewisse Übereinstimmung der Rechtsbe- Revolution nicht entmutigen Im Vorgriff auf seine Ge-
griffe führe« '2 schichte des 19 Jahrhunderts publiziert er Ende 1852 jene
Es zeigte sich immer wieder, daß die Idee einer ur- profilierte Einleitung, die ihm den berüchtigten Hoch-
sprünglich homogenen und klar definierten Volksnation, verratsprozeß eintrug.36 Dann skizziert er seinen »Stand-
die ihre Form im Nationalstaat findet, schlecht zur uni- punkt der politischen Entwicklung in der Geschichtsepo-
versalistischen Herkunft des politischen Liberalismus che der neueren Zeit« Er entwirft das Panorama eines
paßt Ein Professor Gaupp aus Breslau weicht noch einen Kampfes um die Ideen von Freiheit und Demokratie, der
Schritt weiter zurück Mit dem Hinweis auf die anfangliche aus einem spannungsreichen Zusammenspiel des roma-
Verschmelzung der germanischen mit den romanischen nischen und des germanischen Geistes seine Energien
Volkern spielt er auf eine nicht-identitare Lesart der Volks- zieht und sich vom spaten Mittelalter über die Reforma-
geistlehre an Er plädiert für die »Entwicklung edler Hu- tion, die Revolutionen in England, Amerika und Frank-
manität auf der Grundlage tief empfundener Nationalität« reich bis zu den Freiheitsbewegungen des 19 Jahrhunderts
Er erinnert an Goethes Idee der Weltliteratur, um sie mit erstreckt Die politischen Bewegungen der Gegenwart
einem Geist zusammenzubringen, »den wir selbst wie- sind »vom Instinkte der Massen getragen« und drangen in
derum den okzidentalen nennen, von welchem Europa und die »Richtung nach innerer Freiheit oder nach äußerer
Amerika gleichmäßig beherrscht wird« J> Aus dieser Per- Unabhängigkeit, und meist nach beiden zugleich« v Ge-
spektive hatte schon Georg Gottfried Gervinus seine funf- wiß, gegen abstrakte weltburgerhche Ideen, »die alle Vol-
bandigc Geschichte der poetischen National-Literatur der kerunterschiede verwischen mochten«, setzt Gervinus auf
Deutschen (Leipzig 1835-42) geschrieben eine »Doppelgeleisigkeit« dieser Volksbewegungen, sie
streben »innerlich nach freieren Staatsordnungen, äußer-
lich nach Wahrung der Unabhängigkeit der Volker und
Stamme, nach einer politischen Scheidung, die der natür-
IV Vom Volk des Volksgeistes zur Nation
lichen Scheide der Nationalitäten und Sprachen gemäß
der Staatsburger
ist« 1S Aber die Volker kämpfen für dieselben politischen
Ziele, und diese entspringen einer Interaktion von Volks-
Auch Gervinus, neben Dahlmann der fuhrende Kopf un-
ter den Historikern, der seine Landsleute gelegentlich vor
35 P ( J Hohendihl 1 iteiarische Kultur im 7titalte) da Liboalismus
»nationaler Eitelkeit und Großtuerei«14 warnte, hatte die i8jo 1870 München 1985 K \ p VI und \ 11
klassische Periode von Lessing bis Goethe als ein astheti- 36 W Boehlith (Hg ) DerHochver)atsp)ozeßgegen Gtrvmus,Yranktun/
M 1967
32 Verhandlungen S4 37 (7 G Gervinus, finleitung in du Geschichte des Neunzehnten Jahr
33 Verhandlungen 1Z4tf hunderte (h^ \ W Boehhth) I rjnkfurt/M 1967 153 162
34 Hcidclbogo Jahrbucho dt) L iteratu) 16 1S33 555 38 Gervinus (s 11137) ' 5 °

3° 3'
geistern, die miteinander kommunizieren und voneinan- der Amerikanischen auf die Franzosische Revolution »Bei
der lernen der Uberwanderung der amerikanischen Freiheit nach
Gervinus hatte mit Begeisterung Tocqueville gelesen Frankreich bewahrte sich ihr universeller Charakter Die
und sieht in der demokratischen Verfassung Amerikas »das politische Idee hatte sich in Amerika von der religiösen Bei-
Vorbild und die Vorliebe der Massen« Das neue Staatsideal mischung gelost, ja sie hatte sich unter dem dortigen reinen
der Vereinigten Staaten, das die antiken Vorbilder abgelost Demokratismus, unter dem die Glieder aller Nationen
habe, wurzelt nicht in Rechtsaltertumern, sondern in mo gleich befriedigt lebten, selbst von nationalen Beschrankun-
dernen Lebensbedingungen, die Egalitansmus und Indivi- gen freigemacht Die germanisch-protestantische Beson-
dualismus zugleich hervorbringen »Denn das Streben derheit war nicht langer eine Bedingung ihres Weiterwir-
nach der Gleichheit aller Verhaltnisse, nach der Freiheit kens Sie eroberte bei ihrer Ruckwendung zuerst das größte
von Mensch zu Mensch, ist in dem Selbstgefühle der Per- der katholischen und romanischen Volker Eine ganz neue
sönlichkeit notwendig begründet Die politische Gleich- Welt war ihr damit zum Spielräume eröffnet «40 Die Bot-
heit aber, wenn sie nicht der Ausdruck der gleichen Unter- schaft ist deutlich, und die Herren verstanden sie nur zu
druckung unter der Despotie ist, verlangt die Herrschaft gut Nach der Niederlage von 1848 wartet der in Frankreich
des Volkswillens nach der Entscheidung der Mehrheit, be- begonnene »ostliche Siegeszug der Freiheit« erst recht dar-
dingt eine Regierung, die nicht auf die Vorspiegelung eines auf, in dem Lande vollendet zu werden, von wo die prote-
gottlichen Rechts begründet ist , erfordert eine Gesetz- stantische Idee der Freiheit einst ausgegangen ist
gebung, die auf dem Bedürfnis der Gesellschaft ruht, über Auf diese Weise pfropft Gervinus dem Partikularismus
das die Gesamtheit selber urteilt« 3 ' Diese Rechtsprinzi- der Volksgeistlehre den universalistischen Gehalt des de-
pien stehen nicht langer in Gegensatz zu nationalen Eigen- mokratischen Verfassungsstaates auf Bei ihm losen sich
arten, sondern resultieren aus einem merkwürdigen 2«- das Romanische und das Germanische immer mehr vom
sammenspiel der Volksgeister Boden konkreter Volker ab und verwandeln sich in Prinzi-
Zunächst sind die in protestantisch germanischen Lan- pien, die vom einen Land zum anderen ziehen Unter den
dern ausgebildeten Gedanken der religiösen und der politi- Händen des Historikers verlieren Volk und Volksgeist die
schen Freiheit von Europa aus über den Atlantik nach klaren sprachwissenschaftlichen Konturen Deshalb hat
Amerika gezogen, um dann, 1789, wiederum nach Osten Gervinus auf die Frage »Was ist ein Volk'« keine klare Ant-
zurückzuwandern Die Freiheitsideen kehren aber erst wort mehr Die hatte er bei Julius Frobel finden können,
nach Europa zurück, nachdem sie durch das multikonfes- dem politisch aktiven Neffen des Reformpadagogen und
sionelle und multikulturellc Einwanderungsmiheu der einem sudwestdeutschen Demokraten, der wie Gervinus
amerikanischen Gesellschaft gefiltert und von konfessio von der »Demokratie in Amerika« fasziniert ist und übri-
neuen sowie nationalen »Beimischungen« gereinigt worden gens mit ihm zusammen als Abgeordneter der National-
sind So jedenfalls beschreibt Gervinus die Ruckwirkung versammlung in der Paulskirche saß

39 Gervinus (s Fn 37) 166 40 Gervinus (s Fn 37), 135

33
Zur Zeit der Frankfurter Germanistentagung hatte Fro- nierte - Gemeinsamkeit einer geteilten kulturellen Lebens-
bel unter dem Pseudonym C Junius ein Werk erscheinen form für die Lebensfähigkeit eines republikanischen Ge-
lassen, worin er Jacob Grimms Definition des Volkes meinwesens sein kann »die gemeinsame Sprache und
gleichsam vorwegnehmend kommentiert Ein Volk ist »die Literatur, der gemeinsame Typus der Kunst und Sitte« ist
Gesamtheit aller der Menschen, welche eine gemeinsame für Volker, die »ihre Existenz hauptsächlich auf freie Asso-
Sprache reden, - (aber) die mögen wirklich diese Sprache ziation und Bundesgenossenschaft stutzen«, ein wertvolles
als Erbteil reiner Stammesgemeinschaft besitzen, oder die- Gut, namheh eine Ressource gesellschaftlicher Solidarität
selbe mag das Erzeugnis einer Stammesvermischung sein, Aus Frobels weitsichtigen Überlegungen können wir, die
mit der das Volk als ein neues entstanden ist, oder es mag wir heute an der Schwelle zu einer postnationalen Form
auch ein Volk mit gänzlicher Aufgebung seiner eigenen der politischen Vergemeinschaftung verharren, immer
Sprache sich in das andere verschmolzen haben Es mag noch etwas lernen
ferner die Gesamtheit von Menschen, welche die gemein- Auf der Grundlage des Vertrages von Maastricht soll
same Sprache redet, einen einzigen Staat, eine Mehrheit von sich die Europaische Union über den Zustand einer funk-
Staaten oder einen Staatenbund bilden, oder sie mag ein Be- tionierenden Wirtschaftsgemeinschaft hinaus entwickeln
standteil verschiedener Staaten sein, oder sie mag end- In einem politisch geeinten Europa wurden aber auf vielen
lich ganz ohne politische Existenz heimatlos zerstreut le- Pohtikfeldern, einschließlich der Sozialpolitik, Entschei-
ben «41 Für deskriptive Zwecke eignet sich weder ein rein dungen getroffen werden müssen, die dann für alle Mitglie-
politischer noch ein rein genealogischer Begriff des Volkes, der gleichermaßen verbindlich waren - für Danen und
denn Volker entstehen und vergehen »im Gang der Kul- Spanier wie für Griechen und Deutsche, um nur diese zu
tur« Normativ betrachtet, kann allein der Wunsch eines nennen Die Akzeptanz von Entscheidungen, die der eine
Volkes nach demokratischer Selbstbestimmung die Forde- für den anderen mittragen muß, verlangt jene abstrakte Art
rung nach politischer Unabhängigkeit begründen »Das von Solidarität, die sich zum ersten Mal wahrend des
sittliche, freie, eigentlich politische Moment in dem Dasein 19 Jahrhunderts zwischen den Burgern von Nationalstaa-
der Volker ist die Bundesbruderschaft aus freiem Ent- ten hergestellt hat Die Danen müssen einen Spanier und
schluß «42 Es besteht ein normativer Vorrang der republi- die Deutschen einen Griechen ebenso als »einen von uns«
kanischen Freiheit vor der Einheit einer Nation 43 Freilich zu betrachten lernen wie umgekehrt die Spanier einen Da-
erkennt Frobel, der in der Schweiz gelebt hatte, wie wichtig nen und die Griechen einen Deutschen Der notwendige
auch die vorpohtisch eingespielte - oder wenigstens lmagi- Ausgleich zwischen verschiedenen Interessenlagen und
Lebensverhaltnissen kann in keinem politischen Gemein-
41 J frobel, System der Sozialen Politik (2 Auf] 1847), Neudruck Aalen wesen allem aus dem klugen Kalkül je eigener Vorteile Zu-
1975 Bd 1, 242t
42 Frobel (s Fri4i), Bd 1,245 standekommen Deshalb halten Pohtikwissenschaftler
43 Unter diesem Gesichtspunkt kritisiert Probel übrigens schon damals auch für das künftige Europa Ausschau nach »non-majon-
das völkerrechtliche Prinzip der Nichteinmischung in innere Angele tarian sources of legitimacy« Es bedarf eines Bewußtseins
genheiten eines anderen Staates und befürwortet humanitäre Interven
tionen, vgl Frobel, Bd 1 250 der Zusammengehörigkeit, das es den »frei assoziierten

34 35
Bundesgenossen« möglich machen wird, sich als Staatsbur- Kultur entwickeln In einem solchen, über die Grenzen
ger miteinander zu identifizieren nationaler Gesellschaften hinausgreifenden Kommumkati-
Im 19 Jahrhundert standen die europaischen Volker, onszusammenhang muß aus einem langst bestehenden Ge-
freilich jedes für sich und noch nicht alle gemeinsam, vor flecht von Interessen auch ein Zusammengehongkeits-be-
einem strukturell ähnlichen Problem Was sich heute als wußtsein entstehen Vielleicht haben wir den Kollegen im
europaische Identität aus einem über nationale Öffentlich- Vormärz eine tröstliche Einsicht voraus kollektive Identi-
keiten hinausgreifenden Kommunikationszusammenhang täten werden eher gemacht als vorgefunden Aber sie dürfen
noch herstellen muß, ist damals, in der Gestalt eines zwei- Einheit nur zwischen Heterogenem stiften Auch unter
schneidigen Nationalbewußtseins, von kulturellen Eliten Burgern desselben Gemeinwesens ist jeder für jeden ein an-
geschaffen worden Gewiß, die Idee der Nation hat in ihrer derer und dazu berechtigt, ein Anderer zu bleiben
volkischen Lesart zu verheerenden Exklusionen gefuhrt,
zum Ausschluß von Reichsfeinden - und zur Vernichtung
der Juden Aber in ihrer kulturahstischen Lesart hat sie V Das unpolitische Selbstverstandms
auch dazu beigetragen, einen solidarischen Zusammenhang der deutschen Philologie
zwischen Personen zu stiften, die bis dahin Fremde fürein-
ander gewesen sind Die universalistische Umformung der Angesichts dieser aktuellen Herausforderung konfron-
angestammten Loyalitäten gegenüber Dorf und Familie, tiert uns die Frankfurter Gelehrtenversammlung erst recht
Landschaft und Dynastie war ein schwieriger und langwie- mit der Frage, warum seit jenem ersten gescheiterten Ver-
riger Prozeß, der selbst in den klassischen Staatsnationen such von deutschen Universitäten eine ähnlich sichtbare
des Westens nicht vor dem Beginn des 20 Jahrhunderts die Initiative zur Einflußnahme auf die politische Öffentlich-
ganze Bevölkerung erfaßt und durchdrungen hat Im Hin- keit nicht wieder ausgegangen ist Abschließend will ich,
blick auf die politische Einigung Europas stehen wir, wenn am Beispiel der Germanistik, nur auf eine in der Entwick-
schon nicht in einer vergleichbaren Situation, so doch vor lung des Faches selbst liegende Disposition hinweisen
einer ähnlichen Aufgabe wie seinerzeit unsere Germanisten Umversitatsfacher wie die Germanistik nehmen, soziolo-
im Hinblick auf die politische Einigung ihrer Nation gisch betrachtet, verschiedene Funktionen wahr Neben
Der nationalstaathche Rahmen für die Implementierung Zwecken der Forschung und der Berufsvorbereitung die-
von Menschenrechten und Demokratie hat, über die Gren- nen sie auch der Allgemeinbildung und der öffentlichen
zen von Stammen und Dialekten hinweg, eine neue, ab- Selbstverstandigung der Gesellschaft 44 Die deutsche Phi-
straktere Form der sozialen Integration möglich gemacht lologie hat diese Funktionen auf eine bemerkenswert
Wir stehen heute vor der Aufgabe, diesen Prozeß mit einem asymmetrische Weise erfüllt sie hat sich im wesentlichen
weiteren Abstraktionsschntt fortzusetzen Eine grenzüber- auf ihre Forschungsaufgaben konzentriert Gerade diese
schreitende demokratische Willensbildung braucht einen
geeigneten Kontext Dafür müssen sich eine europaweite 44 T Parsons, G M Platt, The American Unwersity, Cambr, Mass 1973,
politische Öffentlichkeit und eine gemeinsame politische 90 ff

37
unreflektierte Wissenschaftlichkeit hat aber das Fach vor Fach eine philologische Identität ausgebildet hat, folgt die
falscher Politisierung nicht geschützt Institutionahsierung der Lehrstuhle, der disziphnaren Ge-
Aus der Distanz betrachtet, scheint sich die Geschichte meinschaften und der wissenschaftlichen Kommunikation
der Germanistik unauffällig in ein Schema einzufügen, das Zusammen mit der romanischen und der slawischen bildet
die Wissenschaftssoziologie für die Entwicklung akademi- jetzt die germanische Philologie den Facherkanon der mo-
scher Fächer allgemein aufgestellt hat Um 1800 wird in dernen Philologien Sie etabliert sich auch als Schulfach
Deutschland die mittelalterliche Gelehrtenkorporation in und bedient mit Literaturgeschichten ein bildungsburgerh-
eine verstaatlichte Universität mit Forschungs- und Aus- ches Publikum Schließlich differenziert sich das Fach in-
bildungsfunktionen umstrukturiert. An die Stelle der Hier- tern in altere und neuere Germanistik, von der historischen
archie von oberen und unteren Fakultäten tritt die Umver- Sprachwissenschaft trennt sich dann noch einmal die allge-
sitas der Fächer, die sich, verkörpert in disziphnaren meine Linguistik Als sich im Laufe des 20 Jahrhunderts
Gemeinschaften, auf honziontaler Ebene voneinander dif- ein Pluralismus von Forschungsrichtungen und Methoden
ferenzieren Mit dieser Ausdifferenzierung kommt auch durchsetzt, scheint die Germanistik die übliche Karriere
ein neuer Typus von Wissenschaft zum Zuge Die wissen- eines wissenschaftlichen Faches absolviert zu haben
schaftliche Arbeit wird nach dem Vorbild der modernen Bei näherer Betrachtung zeigt das historische Profil des
Naturforschung von der Systematisierung bewahrten Wis- Faches jedoch Besonderheiten Zunächst denkt man an po-
sens auf die methodische Erzeugung neuen Wissens umge- litische Verwicklungen, man erwartet ja, daß ein auf natio-
stellt Der Singular »der« Wissenschaft bezieht sich nicht nale Literatur und Muttersprache spezialisiertes Fach zum
langer auf die individuelle Tugend der Gelehrsamkeit, die gesellschaftlichen und kulturellen Leben, auch zur poli-
man besitzt, sondern auf die Rationalität eines unpersön- tischen Öffentlichkeit eine größere Nahe hat als andere
lichen Verfahrens, das man befolgt. Disziplinen Aber erstaunhcherweise hat die Umversitats-
Lachmanns Berufung 1818 und Jacob Grimms Deutsche germamstik vor allem ihren wissenschaftlichen Auftrag
Grammatik 1819 bilden, wie oft bemerkt, die symboli- betont, sie hat sich wahrend des ganzen 19 Jahrhunderts
schen Daten für die Abgrenzung einer germanistischen gegen gesellschaftliche Imperative eher abgeschirmt Im
Wissenschaft vom dilettantischen Umgang mit deutscher Verhältnis zur Forschungsorientierung waren die Lei-
Literatur - und zwar nicht nur von der Sammlertatigkeit stungsbezuge zum Beschaftigungs- und Bildungssystem
der Gelehrten alten Typs, sondern auch von den Entdek- sowie zur lesenden und politischen Öffentlichkeit unter-
kungen der Amateurforscher und der patriotischen Begei- entwickelt, jedenfalls unausgeglichen Funktionen der
sterung jener Liebhaber altdeutscher Texte, die damals dem Berufsvorbereitung, der Allgemeinbildung und der öffent-
antifranzosischen Zeitgeist verhaftet sind 45 Nachdem das lichen Selbstverstandigung hat die Germanistik nur unzu-
reichend erfüllt
45 K Weimar, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Der von der klassischen Philologie herkommende Karl
Ende des ly Jahrhunderts, München 1989, U Hunger, Die altdeutsche
Literatur und das Verlangen nach Wissenschaft, in Fohrmann, Voß Lachmann spielte am Anfang eine überragende Rolle, weil
kamp (s Fn 5), 236 263 das Fach über philologische Arbeiten an textkritischen

38 39
Ausgaben seine Identität gewonnen hat. Es konnte seine hatten gelernt, Texte herauszugeben und zu kommentieren,
Wissenschaftlichkeit dank einer der klassischen Philologie d. h., mit Wort- und Sacherklärungen zu versehen, nicht
entlehnten Methode unter Beweis stellen. Das war für die aber Texte zu interpretieren.*7 Von dieser Praxis, die biogra-
Konstituierung des Faches gewiß wichtig. Aber nach dem phische Einzeldarstellungen einschließt, bildet Wilhelm
Abschluß dieser Phase hat dieses selbe Methodenbewußt- Scherers Geschichte der deutschen Literatur (von der ich aus
sein im längst etablierten Fach offenbar zur Fetischisierung der Studienzeit meines Vaters noch ein Exemplar der
eines Wissenschaftsanspruches gedient, hinter dem sich 12. Aufl. von 1910 geerbt habe) allerdings eine Ausnahme.
Professoren, die an Pädagogik, öffentlichem Einfluß und Im allgemeinen verschließen sich die Universitätsgerma-
Popularisierung wenig interessiert waren, verschanzen nisten den Bedürfnissen nicht nur des breiteren Publikums,
konnten. Das Fach hat sich in seiner spröde-philologischen sondern auch der Schule. Bis zum Ende des ^.Jahrhun-
Gestalt Forderungen nach einer Öffnung gegenüber Schule derts blieb der philologische Unterricht an deutschen
und Publikum nur zögernd unterworfen. Aus dieser Mo- Gymnasien eine Unterweisung in alten Sprachen und klas-
tivation ist auch der sogenannte Nibelungenstreit zu sischer Literatur. Latein und Griechisch besaßen nach wie
verstehen, der sich an Lachmanns enthaltsamer, auf Kom- vor das Bildungsmonopol; Deutsch spielte im Stundenplan
mentierung verzichtender Editionspraxis entzündete. Die eine marginale Rolle.48 Nicht als wäre die Lobby beim
gegnerischen Parteien warfen sich einerseits unfruchtbares preußischen Kultusministerium zu schwach gewesen.
Spezialistentum, andererseits wohlmeinenden Dilettantis- Nach Auswertung der Protokolle der »Versammlung deut-
mus vor.46 scher Philologen und Schulmänner« zwischen 1862 und
Die »Philologisierung« bedeutet auch das Ende jener rä- 1934 gelangt Detlev Kopp zu dem Schluß, daß die Germa-
sonnierenden Literaturgeschichte im Stile von Gervinus nisten an einem größeren Unterrichtsanteil gar nicht inter-
und Prutz, die der Aufklärung des großen Publikums hatte essiert waren: »Das Hauptinteresse der Universitätsgerma-
dienen sollen. Dieser Typus geriet nach 1848 in Verruf, galt nistik galt... weit weniger der schulischen Praxis... als
als journalistisch und unwissenschaftlich. Klaus Weimar dem Ziel, den Stellenwert des Faches in der Hierarchie der
spricht von der »Austreibung des Geistes aus der Litera- Wissenschaften... zu steigern.«49
turgeschichte«, denn diese wird auf das Format eines Wenn eine Germanistik, die ihre ganze Reputation aus
historisch-philologischen Forschungsprogramms zuge- der Forschung ziehen wollte, ihre gesellschaftlichen und
schnitten. Die Literaturgeschichte geht seit der Mitte des kulturellen Aufgaben nur unzureichend wahrnimmt, be-
Jahrhunderts aus der Zuständigkeit der Philosophen und sagt das freilich noch nichts über ihren latenten Einfluß auf
Historiker in die Hände von Germanisten über, die ihre Re- die Mentalität des gebildeten Bürgertums. Die frühe Ger-
putation in der altdeutschen Philologie erworben hatten. Sie manistik wurzelt, wie wir gesehen haben, in einer Philoso-

46 R. Kolk, Liebhaber, Gelehrte, Experten, in: Fohrmann, Voßkamp (s. Fn 47 Weimar (s. Fn 45), 319-346
5), 84-87; zur Entwicklung des Faches von den romantischen Anfän- 48 D. Kopp, Deutsche Philologie und Erziehungssystem, in: Fohrmann,
gen zur »esoterischen Elitedisziplin« vgl. R. Krohn, Die Altgermanistik Voßkamp (s. Fn 5), 669-741
des 19. Jahrhunderts und ihre Wege in die Öffentlichkeit, ebd. 264-333 49 Ebd. 705

40 41
phie der Geisteswissenschaften, die Sprachdenkmaler und logien, insbesondere die germanische Für den Leser zahlen
literarische Überlieferungen als verehrungswurdige Zeug jetzt alle Werke als »klassisch«, von denen er, ungeachtet
msse des Volksgeistes auszeichnet Vor diesem Hinter des Zeitenabstandes, Wesentliches lernen kann 52 Die Frage
grund nimmt die streng methodische Bearbeitung von Tex ist, wer darüber entscheidet, was wesentlich ist Über den
ten Zuge des Rituellen an, sie wird als andachtige und wesentlichen Gehalt eines Werkes entscheiden weder Text
identitassichernde Wiederaneignung eines unendlich wert- noch Leser allein, sein klassischer Rang muß sich in der
vollen Besitzes verstanden Darüber -wachst der Auswahl Lektüre selbst erweisen Dadurch entsteht eine Unbe-
der Texte der Rang einer Kanonisierung zu Mit ihrem pro stimmtheit, der die deutsche Philologie leicht begegnen
fessionellen Ethos der Sicherung und Reinigung von Tex- kann, weil ja für sie die philologische Methode, die dem Le-
ten, die zum bewahrenswerten nationalen Erbe gehören, ser die Texte erst zugänglich macht, mit der Autorität des
hat die esoterische Disziplin eine breite bewußtseinsbil- Volksgeistes verknüpft ist Diese Autorität begründet per
dende Wirkung dadurch erlangt, daß sie die maßgebenden se die Vermutung, daß Texte, in denen sich der Volksgeist
nationalen Bildungsguter kanonisiert Die Germanistik, äußert, einen identitatsbildenden, also wesentlichen Gehalt
»die in einem ersten Schritt die Methoden der Altphilologie haben Der Bezug zum authentischen Volksgeist, der den
auf die volkssprachlichen Texte des Mittelalters anwandte frühen Geisteswissenschaften von Herder eingeschrieben
und sich in einem zweiten Schritt der deutschen Literatur worden ist, sichert der Germanistik einen Bildungsauftrag,
geschichte zuwandte findet ihr Komplement in der Ka- den sie als philologische Disziplin, und nur als solche,
nomsierung der deutschen Klassiker Was in der histori- glaubte erfüllen zu sollen Als Wissenschaft leistet sie denn
schen Wissenschaft in Bewegung gebracht wird, wird in auch mit ihrer editorischen Praxis einen Beitrag zur Um-
der Klassikerkanonisierung dem Strom der Zeit enthoben stellung einer pietistisch aufgeladenen Bildungsidee von
und für stille Kontemplation oder verbindliche Anschau- der »Menschheit« auf die »Nation«
ung stillgestellt «50 Spätestens seit dem Kaiserreich geht auch in den Köpfen
Für den intrinsischen Wert der Gegenstande, an denen der Germanisten selbst das unpolitische Ethos der Wissen-
sich der Geist bilden soll, hatte der Humanismus den Be- schafthchkeit mit einer von nationalen Mythen geprägten
griff des »Klassischen« zur Verfugung Aber bereits bei Mentalität Hand in Hand
Friedrich Schlegel hat sich dieser Begriff von der klassi- Dann spiegelt sich, was Aleida Assmann die »Koevo-
schen Antike gelost und ist für andere Besetzungen frei ge- lution von Verwissenschaftlichung und Sakrahsierung«
worden, seitdem konnte er auch auf moderne Gegenstande genannt hat Jetzt entwickelt sich namheh eine gesellschaft
angewendet werden 51 Davon profitierten die neuen Philo- liehe Arbeitsteilung zwischen ausdifferenzierten Wissen-

50 A Assmann Du Arbeit am nationalen Gedächtnis Frankfurt/M 1993 52 So noch H G Gadamer, Wahrheit und Methode, Tubingen i960 271
61 >Klassisch ist, was der historischen Kritik gegenüber standhalt, weil
51 N Wegmann Was beißt einen klassischen Text lesen? Philologische seine geschichtliche Herrschaft, die verpflichtende Macht seiner sich
Selbstreflexion zwischen Wissenschaft und Bildung, in Fohrmann, Voß überliefernden und bewahrenden Geltung aller historischen Reflexion
kimp(s Fn 5), 334 450 schon voraushegt und sich in ihr durchhalt

42 43
Schäften, die das nationale Erbe verwalten und kanonisie- gie einer methodisch aufgeweichten Wissenschaft über, die
ren, auf der einen Seite, sowie einer kultisch überhöhten, dann auch von innen politisiert werden konnte Die Aus-
zugleich entdifferenzierenden, scheinbar privaten, platt- richtung auf geistesgeschichtliche Zusammenhange bahnte
nationale Gesinnungen erzeugenden »Bildung« auf der gewiß einen hermeneutischen Zugang zum Kunstwerk,
anderen Seite In den Schulen, die von der Umversitats- verbaute aber gleichzeitig andere Wege, die die Fixierung
germamstik sich selbst überlassen worden sind, nimmt der auf's Eigene, Vertraute und Verehrungswurdige hatten auf-
Deutschunterricht den Charakter von Weihestunden an, losen können Ansätze zu einer vergleichenden Literatur-
hier werden die Klassiker als deutsche Geistesheiden gefei- geschichte, wie sie in der Romanistik ausgebildet waren,
ert, ihre Texte werden verehrt, aber nicht analysiert 53 Die fanden kein Echo, die Anfange der Literatursoziologie, die
literarische Vereins- und Denkmalskultur bezeugt mit ih- gesellschaftliche Funktionszusammenhange der Literatur-
ren Festreden, Pilgerzugen und Gedenkfeiern, wie eine na- produktion und ihrer Rezeption durchleuchtete, wurden
tionalpadagogisch zugerichtete Literatur in der Öffentlich- marginalisiert, eine Ästhetische Theorie, die den Blick auf
keit zelebriert wird »Die religiöse Gestalt der Bildungsidee das radikal Andere und Dissonante der im Aufbruch be-
gewinnt dort ihr Profil, wo dem tendenziell unaufhaltsa- griffenen Moderne hatte hinlenken können, kam trotz
men Entwicklungsgang der Wissenschaft die Verfestigung Wornnger gar nicht erst auf 56
ihrer Gegenstande in absoluter Wertsteigerung entgegen- Gegen das Elend einer »geschlossen irrationalistischen
gehalten wird «54 Front der Literaturwissenschaft«, die um das »Geheimnis
Für ihre Sterilität ist der verwissenschaftlichten Germa- der dichterischen Seele« bangt, mußte Leo Lowenthal be-
nistik freilich die Rechnung präsentiert worden In der Zeit reits 1932 die rationale Erfassung des literarischen Gegen-
vor dem Ersten Weltkrieg nahmen sich Fachfremde wie standes, und einen analytischen Zugang zu ihm, verteidi-
Wilhelm Dilthey oder Georg Simmel der Interpretation gen 57 Lowenthals Aufsatz Zur gesellschaftlichen Lage der
des literarischen Kunstwerks an 1911 machte Friedrich Literatur ist im ersten Jahrgang der Zeitschrift für Sozial-
Gundolf mit seinem Shakespeare und der deutsche Geist forschung enthalten - zugleich dem letzten, der in Deutsch-
großen Eindruck Nun setzte, im Anschluß an Diltheys land erscheinen konnte Zusammen mit einer triumphieren-
Aufsatzsammlung Das Erlebnis und die Dichtung (1906), den Geistesgeschichte hatte ein anderer Geist die deutschen
auch innerhalb des Faches eine »geistesgeschichtliche Universitäten erobert Für diese bildet Theodor W Adorno,
Wende« ein Damit öffnete sich zwar die Umversitatswis- mehr noch als Benjamin, den Gegentypus schlechthin
senschaft endlich gegenüber Gymnasium und Öffentlich Adorno hat Eichendorff mit dem Surrealismus58 und das
keit 5 ' Aber der Kult des Dichterischen ging bloß in die Re- Inwendige der ästhetischen Struktur mit dem Auswen-

53 D Kopp (s F n 4 8 ) , 725 56 W Voßkamp, 1 iteratursozwlogie Line Alternative 7ur Geistesge


54 Assmann (s Fn 50), 46 schichte? in Konig Lammen (s Fn 5 j), 291 303
55 F Trommler, Germanistik und Öffentlichkeit, in Ch Konig, L Lam 57 Leo Lowenthal, 7ur gesellschaftlichen Lage der Literatur in Zschr f
mert, l iteraturwissenschaft und Geistesgeschichtt, Frankfurt/M 1993 Sozialforschung,! 1932,85 102, hier S 87
3°7 33° 58 T W Adorno, Noten zur Literatur, Frankfurt/M 1958

44 45
digen der gesellschaftlichen Praxisw zusammengebracht. Über den öffentlichen Gebrauch
Jene zunächst unterdrückten Alternativen der Forschung
hat er, nach seiner Rückkehr aus dem Exil, hier in Frankfurt
der Historie
zusammengeführt und gegen eine ausschließlich an Geistes-
geschichte orientierte Denkungsart auch innerhalb der Ger-
manistik zur Geltung gebracht - wie man exemplarisch am Der Demokratiepreis, den das erste Mal Bärbel Bohley und
Werk von Peter Szondi sehen kann. Wolfgang Ullmann für die Bürgerrechtler der DDR entge-
gengenommen haben, geht an den diesjährigen Preisträger
mit der folgenden Begründung: Daniel Goldhagen habe
»aufgrund der Eindringlichkeit und der moralischen Kraft
seiner Darstellung dem öffentlichen Bewußtsein in der
Bundesrepublik wesentliche Impulse gegeben«; er habe
»die Sensibilität für Hintergründe und Grenzen einer deut-
schen >Normalisierung<« geschärft. Die Bezugnahme auf
die rhetorische Wirkung des Buches und auf die Streitfrage
der Normalisierung, die sich im Übergang zur Berliner Re-
publik erneut stellt, läßt erkennen, was das Kuratorium der
Blätter für deutsche und internationale Politik mit dieser
Preisverleihung im Sinn hat - und was nicht. Es kann und
will nicht in eine wissenschaftliche Kontroverse eingreifen.
Auch in Deutschland haben sich bedeutende Historiker,
oft mit der Energie eines ganzen akademischen Lebens,
um die Erforschung der Nazi-Zeit und um die politische
Aufklärung der Bürger über die komplexe Vorgeschichte
des Holocaust große Verdienste erworben. Stellvertretend
nenne ich nur Martin Broszat, Hans Mommsen und Eber-
hard Jaeckel sowie unter den Jüngeren Ulrich Herbert,
Dietrich Pohl und Jörg Sandkühler. Die Frage ist nicht, wer
von den Zeithistorikern die Aufmerksamkeit einer breiten
Leserschaft verdient hätte, sondern wie die ungewöhnliche
Aufmerksamkeit interessierter Bürger zu bewerten ist, die
das Buch von Daniel Goldhagen tatsächlich gefunden hat.
59 T.W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1970, 24: »Keine Der performative Sinn der Preisverleihung besagt, daß die
Kunst, die nicht negiert als Moment in sich enthalt, was sie von sich öffentliche Resonanz, die Buch und Autor in der Bundes-
abstoßt.«

47
republik gefunden haben, ebenso verdient wie begrußens den Zivilisationsbruch lieber wie ein Naturereignis aus den
wert ist' Umstanden erklaren, und denen, die ihn eher verantwort
Diese Aussage stoßt auf vehementen Widerspruch Das lieh handelnden Personen zuschreiben, und zwar nicht nur
Buch, so heißt es, befriedige mit einer globalen und eineb Hitler und seiner engsten Clique Heute begegnen sich
nenden Darstellung eines komplexen Geschehens das Be- beide Parteien mit wechselseitigen Motivunterstellungen
dürfnis des Massenpubhkums nach vereinfachenden Erklä- der Diagnose der Verleugnung steht der Vorwurf selbstge
rungen Mit Stilmitteln einer Ästhetik der Grausamkeit rechter Morahsierung gegenüber Dieser heillose Streit ver-
erziele es emotionale Wirkungen, mit obszönen Schilderun- deckt die zugrundeliegende Frage Was bedeutet überhaupt
gen verdunkele es das Urteilsvermögen Andere Vorwurfe eine retrospektive Zurechnung von Verbrechen, die wir
beziehen sich weniger auf den Text als vielmehr auf die Mo heute zum Zwecke einer ethisch-politischen Selbstverstan-
tive der Kauf er und Leser Hier begegnen wir den bekannten digung unter Burgern vornehmen' Goldhagen gibt einen
Stereotypen von »Gutmenschentum«, »negativem Natio- weiteren Impuls zum Nachdenken über den richtigen of
nalismus« und »Auszug aus der Geschichte« Die Nach- fenthehen Gebrauch der Historie
kommen der Tater verschafften sich durch die nachträgliche In Diskursen der Selbstverstandigung, die durch Filme,
Identifikation mit den Opfern eine kostenlos selbstge- Fernsehserien und Ausstellungen ebenso wie durch histo
rechte Genugtuung Sie ergriffen wieder einmal die Gele- nsche Darstellungen oder »Affairen« angeregt werden,
genheit, die Loyalität zu eigenen Überlieferungen aufzu- streiten wir uns nicht über kurzfristige Ziele und Politiken,
kündigen und ins schimärisch Postnationale zu fluchten sondern über Formen des erwünschten politischen Zusam
Ich muß gestehen, daß ich diese aufgeregten Reaktionen menlebens, auch über die Werte, die im politischen Ge
nicht verstehe Sie versuchen, ein Phänomen zu erklaren, meinwesen Vorrang haben sollen Gleichzeitig geht es
das keiner Erklärung bedarf darum, in welchen Hinsichten -wir uns als Burger dieser Re-
Eine breite Resonanz auf ein solches Buch war tnvialer- publik gegenseitig achten können - und als wer wir von an
weise zu erwarten Man muß sich nur klarmachen, wie bei- deren anerkannt werden mochten Dafür bildet die natio
des ineinandergreift Goldhagens analytische Fallstudien nale Geschichte einen wichtigen Hintergrund Nationale
zur Judenvernichtung und die Erwartungshaltung eines Überlieferungen und Mentalitäten, die Teil unserer Person
Publikums, das an der Aufklarung dieses kriminellen Kapi geworden sind, reichen namheh weit hinter die Anfange
tels seiner Geschichte interessiert ist Goldhagens Unter dieser Republik zurück Diese Verbindung aus politischem
suchungen sind genau auf die Fragen zugeschnitten, die Selbstverstandnis und historischem Bewußtsein bestimmt
unsere privaten wie öffentlichen Diskussionen seit einem auch die Perspektive, aus der Goldhagens Buch für uns re-
halben Jahrhundert polarisieren Seit den Anfangen der levant wird Weil aus der Mitte unseres Lebenszusammen-
Bundesrepublik besteht ein Gegensatz zwischen denen, die hanges jenes singulare Verbrechen hervorgegangen ist, an
dem sich erst der Begriff eines »Verbrechens gegen die
Menschlichkeit« hat bilden können, stellen sich für die
i Der Text lag der I audatio zugrunde die ich anläßlich der Preisverlei
hung am 10 Mar? 1997 gehalten habe
Nachgeborenen, die sich über ihre politische Existenz in

49
diesem Lande klar werden wollen, wie von selbst die fol- landischem Geist, dem die Lernprozesse der letzten Jahr-
genden Fragen Kann politische Massenknminahtat über- zehnte schon »zu weit« gehen Am 19 6 1948 notierte Carl
haupt einzelnen Personen oder Personengruppen zur Last Schmitt, daß ein »Bußprediger« wie Karl Jaspers kein In-
gelegt werden5 Wer waren gegebenenfalls die verantwort- teresse verdiene Das jammerliche Verdrangungsvokabular
lich Handelnden, und was waren ihre Grunde 5 Waren nor- jenes unsäglichen »Glossariums«, das sich bei jedem selbst-
mative Rechtfertigungsgrunde, soweit sie den Ausschlag kritischen Wort gegen »falsche Bußwilhgkeit« aufbäumt,
gegeben haben sollten, in Kultur und Denkweise veran- ist spater in Weikersheim wieder aufbereitet worden und
kert 5 wirkt heute, im Sog des erfolgreichen Ablenkungsmanö-
Es muß unser Selbstverstandnis affizieren, wenn Gold- vers gegen »pohtical correetness«, weit über den Kreis der
hagen einem repräsentativen Kreis von irgendwie doch Unbelehrbaren hinaus Auch Andersgesinnte scheinen zu
überzeugten Tatern eine subjektive Rechtfertigung zu- furchten, daß Goldhagens Studie eine fragwürdige morali-
schreibt, die ein integraler Bestandteil damals herrschender sche Abrechnung mit den unwissenden Zeitgenossen des
Grunduberzeugungen gewesen ist »Die Juden repräsen- Holocaust schürt Gerade an dieser Untersuchung laßt sich
tierten eine Art Riß im deutschen kulturellen Gewebe jedoch zeigen, daß historische Fragen der subjektiven Zu-
einen Riß, an dem alle kulturellen Tabus zerbrachen, wenn rechnung im aktuellen Zusammenhang einer ethisch-poh-
die Deutschen sich über die Juden erregten«2 Voraus- tischen Selbstverstandigung einen ganz anderen Stellen-
gesetzt, daß die jeweils lebenden Generationen in der Art wert haben Ich •werde zunächst daran erinnern, wie ein
ihres Denkens und Empfindens, in der Gestik des Aus- legitimer öffentlicher Gebrauch der Historie überhaupt
drucks und in der Weise ihrer Wahrnehmung über ein Ge- möglich ist, um dann zu erklaren, warum sich Goldhagens
spinst kultureller Faden mit Lebensform und Denkweise Fallstudien für eine von morahstischen Mißverstandnissen
vergangener Generationen verknüpft sind, muß eine solche freie ethisch politische Selbstverstandigung eignen
Behauptung, wenn und soweit sie zutrifft, den naiven Ver-
trauensvorschuß gegenüber eigenen Traditionen erschüt-
tern Diese kritische Einstellung gegenüber Eigenem ist es, I
•was Goldhagens Studie fordert - und was die Besorgnis
mancher Konservativer auf den Plan ruft Die moderne Geschichtsschreibung hat zwei Adressaten,
In diesen Kreisen glaubt man, daß nur fraglose Traditio- die Zunft der Historiker und das allgemeine Publikum
nen und starke Werte ein Volk »zukunftsfahig« machen Eine gute zeithistonsche Darstellung soll gleichzeitig den
Deshalb gerat jeder skeptisch sondierende Ruckblick in den kritischen Maßstaben der Wissenschaft und den Erwartun-
Verdacht hemmungsloser Morahsierung Seit 1989 festigt gen einer interessierten Leserschaft gerecht werden Vom
sich im vereinigten Deutschland eine neue Sorte von vater- Interesse dieser Leser, die Aufklarung über den eigenen hi-
storischen Standort heischen, darf sich freilich der Blick
D Goldhagen, Hitlers zjdhge Vollstrecker, Berlin 1996, 87 (Seitenanga des Historikers nicht dirigieren lassen Sobald die Sicht
ben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe) des analysierenden Beobachters mit der Perspektive ver-

5° 51
schmilzt, die die Teilnehmer an Selbstverstandigungsdis- Beteiligten, die sich vor Gericht oder im Alltag begegnen
kursen einnehmen, degeneriert Geschichtswissenschaft zu und voneinander Rechenschaft fordern, verwandeln sich
Geschichtspohtik Das Bündnis von Historismus und Na- Fragen der Zurechnung in rechtliche - oder auch morali-
tionalismus hat sich einst dieser Konfusion verdankt, eine sche - Fragen
ahnliche Konfusion spiegelt sich heute noch in Tendenzen, Denn auch unter moralischen Gesichtspunkten geht es,
den kalten Krieg mit histonographischen Mitteln fort- allerdings ohne die strikten Verfahrensregeln der Strafpro-
zusetzen. Es versteht sich von selbst, daß nur integre Wis- zeßordnung, um die Beurteilung von Recht und Unrecht
senschaftler, die in dieser Hinsicht auf der Differenz von Wie für die Zwecke der Justiz, so können historische
Beobachter- und Teilnehmerperspektive beharren, zuver- Kenntnisse im Alltag natürlich auch für moralische Aus-
lässige Experten sein können einandersetzungen verwendet •werden - etwa in der sprich-
Auf historische Experten ist beispielsweise die politische wörtlichen Auseinandersetzung zwischen »Vätern und
Strafjustiz angewiesen Wenn es um politische Massenkn- Söhnen« In beiden Fallen wird historisches Wissen für die
minahtat geht, behandeln beide, Justiz und Zeitgeschichte, Betroffenen in der gleichen Hinsicht relevant Diese Hin-
dieselben Zurechnungsfragen Beide interessieren sich da- sicht auf Gerechtigkeit unterscheidet sich aber von jenem
für, wer an solchen Verbrechen beteiligt war, ob die einge- Aspekt, unter dem sich nachgeborene Generationen einer
tretenen Handlungsfolgen eher den Personen oder eher geschichtlichen Erbschaft vergewissern, die sie als Burger
den Umstanden zur Last gelegt werden müssen, ob die ver- eines politischen Gemeinwesens so oder so antreten müs-
strickten Personen überhaupt anders hatten handeln kön- sen. Auf diese Differenz kommt es mir an Die erklärenden
nen, ob sie gegebenenfalls aus normativen Überzeugungen Zurechnungen des Historikers gewinnen aus der Sicht der
oder aus Klugheitsgrunden gehandelt haben, ob ein ande- ethisch-politischen Selbstverstandigung der Burger eine an-
res Verhalten zumutbar war usw Aber der Strafnchter dere Funktion, als sie in moralischen oder rechtlichen Dis-
kann von historischen Gutachten - wie umgekehrt auch kursen haben wurden
der Historiker von den Ermittlungsakten der Staatsanwalt- Hier geht es nicht primär um Schuld oder Entschuldi-
schaft - nur profitieren, solange beide dieselben Phäno- gung der Vorfahren, sondern um eine kritische Selbstverge-
mene aus verschiedenen Perspektiven betrachten Die eine wisserung der Nachkommen Das öffentliche Interesse der
Seite ist an der Frage der Vorwerfbarkeit von Handlungen spater Geborenen, die nicht wissen können, wie sie selbst
interessiert, die andere Seite an der Aufklarung ihrer Ursa- sich damals verhalten hatten, richtet sich auf ein anderes
chen Aus der Sicht des Historikers entscheidet die Zure- Ziel als der Eifer moralisch urteilender Zeitgenossen, die
chenbarkeit von Handlungen nicht über Schuld und Un- sich in demselben Interaktionszusammenhang vorfinden
schuld, sondern über die Art der erklärenden Grunde Wie und einander zur Rede stellen Schmerzliche Enthüllungen
immer auch die Erklärung aussehen mag - ob die Grunde über das Verhalten der eigenen Eltern und Großeltern, die
eher in den Personen oder in den Umstanden liegen -, als ja nur Trauer auslosen konnten, bleiben eine private Ange-
solche kann eine kausale Erklärung den Handelnden weder legenheit zwischen den unmittelbar Beteiligten Als Burger
belasten noch entschuldigen. Erst aus der Perspektive von nehmen hingegen die Nachfahren ein öffentliches Interesse

53
am dunkelsten Kapitel ihrer nationalen Geschichte im nicht-morahsierenden Selbstverstandigung haben Gewiß,
Hinblick auf sich selbst Dabei zeigen sie nicht auf andere eine klare Analysestrategie entscheidet noch nicht über die
Sie wollen sich über die kulturelle Matrix eines belastenden Richtigkeit der Ergebnisse Aber inzwischen hat eine
Erbes Klarheit verschaffen, um zu erkennen, wofür sie ge- wohltuend entdramatisierende Auseinandersetzung der
meinsam haften und was gegebenenfalls von den Traditio- Fachleute mit den Details dieser Untersuchungen einge-
nen, die damals einen verhängnisvollen Motivationshinter- setzt Die mit dem Material vertrauten Spezialisten erheben
grund gebildet haben, noch fortwirkt und der Revision im einzelnen eine Fülle von Einwanden, nehmen aber
bedarf Aus einem weit verbreiteten individuell schuldhaf- Goldhagens Ansatz ernst 4
ten Verhalten in der Vergangenheit entsteht das Bewußt- Mich besticht das klare Argumentationsmuster Gold-
sein kollektiver Haftung, mit der Zuschreibung kollektiver hagen definiert den Kreis von Tatern, den er untersucht,
Schuld, die schon aus begrifflichen Gründen ein Unding durch die Zugehörigkeit zu Mordinstitutionen und die un-
ist, hat das nichts zu tun 3 mittelbare Teilnahme an Aktionen der Judenvermchtung
Diese Tater operieren gleichsam am Ausgang einer kom-
plexen Geschehenskette Dadurch erledigen sich Fragen
II der objektiven Zurechnung, die bei den starker anonymen,
arbeitsteiligen und administrativen Ablaufen des organi-
Goldhagens Fallstudien, insbesondere die Untersuchungen sierten Massenmordes nicht so leicht zu entscheiden sind
über Polizeibataillone und Todesmarsche, sollen innerhalb Zugleich beantworten sich 'weitere Fragen - welche Nor-
eines bestimmten theoretischen Rahmens Schlüsse von men verletzt worden sind und ob die Tater Kenntnis davon
beobachteten Handlungsweisen auf orientierende Deu- hatten - durch die Art der Verbrechen von selbst Die Ana-
tungsmuster und Mentalitäten erlauben Die sozialwissen- lyse setzt dann mit der Frage ein, ob die Tater subjektiv zu-
schafthch angelegten Untersuchungen lesen sich wie nach- rechenbar gehandelt haben, ob sie also die vorhersehbaren
gestellte Experimente und gehorchen insofern dem und vermeidbaren Folgen ihres Handelns gekannt und ge-
Eigensinn autonomer Forschung Zugleich kommen aber wollt haben Goldhagen schließt aus der Logik alltäglicher
die analytischen Gesichtspunkte, unter denen die verant- Situationen innerhalb wie außerhalb des mörderischen
wortlichen Tater, die Beweggrunde ihrer exzeptionellen »Dienstes« auf den Spielraum, den die Beteiligten für eine
Handlungen und die zugrundeliegenden kognitiven Mu- reflektierte Stellungnahme zu ihren eigenen Handlungen
ster erfaßt werden, jenem öffentlichen Interesse entgegen, und Verwicklungen gehabt haben müssen »die Tater leb-
das wir, im Lande der Tater, an einer aufrichtigen, d h ten in einer Welt, in der Nachdenklichkeit, Diskussion und
Auseinandersetzung möglich waren « (318)
3 H Jäger, der selbst eine frühe Studie zur nationalsozialistischen Gewalt Sodann prüft Goldhagen Fragen der Zumutbarkeit Ha-
knminahtat vorlegt hat, betont, daß Goldhagens Buch nicht, wie ihm oft
vorgeworfen wird, eine Kollektivschuld behauptet, sondern >eine mas
senweise individuelle Schuld vor Augen fuhrt Die Widerlegung des 4 Dieter Pohl, Du Holocaust Forschung und Goldhagens Thesen, in Vier
funktionahstischen Taterhildes, in Mittelweg 36, Febr/Marz 1997 teljahreshefte für Zeitgeschichte, 1997, 1 48

54 55
ben nicht die Umstände ein anderes Verhalten unmöglich Aggression als solche, sondern die, zu der sich der Tater
gemacht5 Hier verweist er auf Aktionen, für die sich Frei berechtigt glaubt Das Böse ist das verkehrte Gute Daß
willige fanden oder welche die Manner aus eigener Initia- viele Tater ihr mörderisches Handeln für legitim gehalten
tive unternahmen, auf Angebote, sich von der Teilnahme an haben müssen, stutzt Goldhagen mit vielen Details - vom
den Massakern freistellen zu lassen, und auf Gelegenheiten, fehlenden Bemuhen um Geheimhaltung bis zu obszönen
sich in actu den Totungsaktionen straflos zu entziehen Of Fototerminen Wer aus Überzeugung an einer Praxis teil-
fenbar wußten die Manner auch, daß sie sich notfalls ver nimmt, die nach normalen Maßstaben als verbrecherisch, ja
setzen lassen und sogar Befehle ohne Gefahr für Leib und als schlechthin abscheulich gilt, muß starke normative
Leben verweigern konnten Ebensowenig spricht die Grunde haben, um derart dramatische Ausnahmen zu
»überflüssige« Gewalt, also die exzessive Grausamkeit der rechtfertigen Nahehegenderweise rekurnert Goldhagen
Mordeinsatze (auf die Goldhagen aus analytischen Grün auf die Vorstellungen von »dem Juden« Da er die Grunde
den eingeht), für eine unentrinnbare Zwangslage Andere für die moralisch selektiven Wahrnehmungen aus dem ma-
Entschuldigungsgrunde wie den sozialpsychologisch wirk nifesten Verhalten rekonstruieren muß, tragt er Evidenzen
samen Druck der Gruppe, die Gewohnung an staatlich für eine unterschiedliche Behandlung der designierten Op
sanktionierte Massenknminahtat oder eine unbewußte fer zusammen Das antisemitische Syndrom äußert sich
Bindung an staatliche Autorität glaubt Goldhagen aus darin, daß Juden in vergleichbaren Situationen regelmäßig
schließen zu können Der naheliegenden Vermutung, daß ein noch schlimmeres Schicksal zu erleiden hatten als Po-
dieser Typ von Tatern an die formale Autorität von Vorge- len, Russen, politische Gefangene usw Gegenüber Juden
setzten in besonderer Weise fixiert gewesen sein konnte, verhielten sich die Tater noch bösartiger als gegenüber lh
begegnet Goldhagen mit Beispielen von Opposition und ren anderen Opfern Wer sich heute, anläßlich der Diskus
offenem Widerspruch in anderen Fallen, die nichts mit der sion über das Berliner Holocaust-Denkmal, über den
Ermordung von Juden zu tun hatten Auch Eigeninteresse Wunsch der Hinterbliebenen nach einem differenzieren
scheint nicht überwiegend im Spiel gewesen zu sein Für den Eingedenken mokiert, sollte sich daran erinnern, von
Goldhagens weitere Überlegung ist jedenfalls die Annahme wem diese »Hierarchie der Opfergruppen« eingerichtet
wichtig, daß Korruption, Ehrgeiz oder Karnereinteresse worden ist Auf diesem Weg gelangt Goldhagen zu der
nicht ausschlaggebend waren Eine Bestätigung ist das ge zentralen Behauptung, daß letztlich antisemitische Auffas-
radezu bizarre Verhalten der Begleitmannschaften auf den sungen die mörderische Praxis dieser Tater erklaren
Todesmarschen wahrend der letzten Kriegstage Wenn aber Der abschließende Schritt der Argumentation stutzt sich
diese Leute vorsatzlich, ohne drastischen äußeren oder of auf einen Umstand, der schon durch den Titel der vorbild-
fensichthchen inneren Zwang und nicht einmal aus Nutz lichen Untersuchung von Christopher Browning nahege-
hchkeitserwagungen gehandelt haben, drangt sich das Bild legt worden war daß die Tater eben »ganz gewöhnliche
von Tatern auf, die kein Unrechtsbewußtsein hatten Manner« gewesen sind 5 Goldhagen spitzt diese These auf
Philosophisch gesehen ist Goldhagens Untersuchung
von einem Gedanken inspiriert Böse ist nicht die schiere 5 Chr R Browning, Ordinary Men New York 1992

56 57
»ganz gewöhnliche Deutsche« zu. Er belegt anhand der Schritt konsequent aus allen Lebensbereichen der deut-
üblichen sozialstatistischen Merkmale, daß die Zusammen- schen Gesellschaft ausgeschaltet worden, und dieser Prozeß
setzung des Pohzeibataillons 101 für die zeitgenössische hat sich in aller Öffentlichkeit vollzogen. Das wäre ohne das
männliche Bevölkerung in Deutschland annähernd reprä- stillschweigende Einverständnis breiter Schichten der Be-
sentativ gewesen ist. Natürlich können die retrospektiv er- völkerung nicht möglich gewesen. Im Hinblick auf die Eli-
mittelten Daten nicht ohne weiteres mit Daten der Umfra- ten fragt Goldhagen mit Recht: »Wieviele deutsche Kir-
geforschung gleichgesetzt werden. Deshalb sind erhebliche chenmänner waren in den dreißiger Jahren nicht der
Qualifikationen angebracht, wenn man dieses Polizei- Meinung, daß die Juden eine Gefahr seien?... Wieviele
bataillon wie ein repräsentatives Sample behandelt und den Generäle... wollten Deutschland nicht von den Juden
Schluß zieht, »daß auch Millionen anderer Deutscher nicht säubern? ... Wieviele Juristen, wieviele Mediziner, wieviele
anders gehandelt hätten, wären sie in die entsprechenden akademische Berufe hielten den allgegenwärtigen, öffentli-
Positionen gelangt« (22). In unserem Zusammenhang ist chen Antisemitismus mit seinen wahnhaften Zügen für
hervorzuheben, daß ein solcher Schluß nicht zu dem stig- schieren Unsinn?... Sicherlich haben nicht alle Kirchen-
matisierenden Vorwurf verführen darf, die Deutschen seien männer, Generäle, Juristen und andere Führungskräfte die
»ein Volk von Mördern«6 oder auch nur von »potentiellen Vernichtung der Juden befürwortet. Einige wollten sie nur
Mördern« gewesen. Denn kontrafaktische moralische Vor- deportieren, andere wünschten deren Sterilisierung, wieder
würfe sind sinnlos. Face to face können sich moralische andere wollten den Juden >nur< ihre Grund-rechte nehmen.
Vorhaltungen nur auf faktisches Handeln oder Unterlassen Aber auch solchen Ansichten hegt eine eliminatorische Ide-
beziehen. Etwas anderes ist Goldhagens kontrafaktische alvorstellung zugrunde.«(503) Dagegen läßt sich allenfalls
Überlegung, die in einem historischen Zusammenhang den einwenden, daß Goldhagen die deutschen Professoren ver-
guten Sinn hat, auf die unbestritten große Verbreitung von gessen hat.
antisemitischen Dispositionen in der deutschen Bevölke- Andererseits rechtfertigen diese Tatsachen nicht die Rede
rung jener Zeit hinzuweisen. von der Judenvernichtung als einem »nationalen Projekt der
Deutschen«. Goldhagen selbst weist auf das Medium des
»gesellschaftlichen Gesprächs« hin, in dem sich die elimi-
III natorischen Absichten artikulieren mußten. Schon die in-
tersubjektive Verfassung und die Dynamik öffentlicher
Die Frage der Verwurzelung des Antisemitismus in der zeit- Kommunikation verlangen ein differenziertes Bild. Auch
genössischen deutschen Kultur sprengt die Grenzen der unter den asymmetrischen Bedingungen einer Diktatur ge-
Fallstudien. Goldhagen muß den Blick von der erheblichen langen Meinungen nur gegen konkurrierende Meinungen,
Zahl der Täter auf die große Zahl der indirekt Beteiligten er- kognitive Modelle nur gegen andere Modelle zur Herr-
weitern. Die jüdische Bevölkerung ist seit 1933 Schritt für schaft. Der Streit der Historiker entzündet sich aber vor al-
lem an der polemischen These eines »geraden Wegs nach
6 J. H. Schoeps, Ein Volk von Mördern ?, Hamburg 1996 Auschwitz«(497). Gegen diesen Goldhagen, der den Kredit

58 59
seiner empirischen Untersuchungen lntentionahstisch zu wörtliche Personen einschätzen und wieviel wir uns selbst
überziehen und daraus einen globalen Erklarungsanspruch als politisch Handelnden zumuten Mit Fragen der ethisch-
abzuleiten scheint, kann man Goldhagen selbst ins Feld fuh- politischen Selbstverstandigung steht dieses Vorverstand-
ren — den, der sich entschieden gegen monokausale Ansätze ms selbst zur Diskussion Wie wir Schuld und Unschuld im
wehrt, der sich für ein komparatives Vorgehen stark macht historischen Ruckblick verteilt sehen, spiegelt auch die
und natürlich weiß, daß man sich für die Erklärung des Ho- Normen, nach denen wir uns gegenseitig als Burger dieser
locaust »nicht allein auf den Antisemitismus beschranken Republik zu achten willens sind An diesem Diskurs neh-
(kann), sondern auf zahlreiche weitere Faktoren ebenfalls men übrigens die Historiker nicht mehr als Experten, son-
eingehen (muß)«(8) Wer sich als Nicht-Historiker, etwa bei dern wie wir anderen in der Rolle von Intellektuellen teil
Ian Kershaw7, über die Kontroversen auf dem breiten Feld Hier sehe ich Goldhagens eigentliches Verdienst Er rich-
der NS-Forschung informiert, gewinnt ohnehin den Ein- tet den Blick nicht auf unterstellte anthropologische Uni-
druck, daß sich die konkurrierenden Ansätze eher erganzen versahen, nicht auf Gesetzmäßigkeiten, denen prasumptiv
als einander ausschließen alle Menschen unterworfen sind Die mögen, wie die ver-
Aber in diesen Dingen steht mir ein fachliches Urteil gleichende Genozidforschung behauptet, auch einen Teil
nicht zu Was wir aus dem heutigen Anlaß zu beurteilen ha- des Unsäglichen erklaren Goldhagens Erklärung bezieht
ben, sind Verdienste, die sich ein amerikanischer, ein judi- sich jedoch auf spezifische Überlieferungen und Mentalitä-
scher Historiker um den richtigen Umgang der Deutschen ten, auf Denk- und Wahrnehmungsweisen eines bestimm-
mit einem kriminellen Abschnitt ihrer Geschichte erwor- ten kulturellen Kontextes Sie bezieht sich nicht auf ein Un
ben hat Ich will zum Schluß eine Überlegung aufgreifen, veränderliches, in das wir uns zu schicken haben, sondern
die ein juristischer Kollege, Klaus Günther, allgemein zum auf Faktoren, die durch einen Bewußtseinswandel verän-
öffentlichen Umgang mit der Geschichte politischer Kri- dert werden können - und die sich inzwischen auch durch
minalität angestellt hat Offenbar hangt es nicht nur von politische Aufklarung verändert haben Der anthropologi
den Tatsachen, sondern auch von unserem Blick auf die sehe Pessimismus, der hierzulande mit einem fatalistischen
Tatsachen ab, wie wir Fragen der Zurechnung entscheiden Historismus im Bunde steht, ist eher Teil des Problems, des-
Welche Anteile wir im historischen Ruckblick den Perso- sen Losung er zu liefern vorgibt Daniel Goldhagen gebührt
nen, welche den Umstanden zuschreiben, wo wir die Dank dafür, daß er uns in einem anderen Blick auf die Ver-
Grenze zwischen Freiheit und Zwang, Schuld und Ent- gangenheit bestärkt hat
schuldigung ziehen, hangt auch von einem Vorverstandms
ab, mit dem wir an das Geschehen herantreten Die her
meneutische Bereitschaft, den wahren Umfang von Ver-
antwortung und Mitwissen anzuerkennen, variiert mit
unserem Verständnis von Freiheit - wie wir uns als verant-

7 I Kershaw, Der NS Staat, Hamburg 1995

60
II. Die postnationale Konstellation
Aus Katastrophen lernen?
Ein zeitdiagnostischer Ruckblick
auf das kurze 20. Jahrhundert

I Durchgreifende Kontinuitäten

Die Schwelle zum nächsten Jahrhundert fesselt die Phanta-


sie, weil sie in ein neues Jahrtausend fuhrt Dieser kalenda-
rische Einschnitt verdankt sich einer heilsgeschichtlich
konstruierten Zeitrechnung, deren Nullpunkt, Christi Ge-
burt, tatsächlich, wie wir retrospektiv feststellen, eine welt-
geschichtliche Zäsur bedeutet hat Am Ende des 2 Jahr-
tausends richten sich die Fahrplane der internationalen
Fluglinien, die globalen Transaktionen an den Börsen, die
Weltkongresse der Wissenschaftler, sogar die Rencontres
im Weltall nach der christlichen Zeitrechnung Aber die
runden Zahlen, die durch die Interpunktionen eines Kalen-
ders erzeugt werden, decken sich nicht mit jenen Zeitkno-
ten, die die historischen Ereignisse selber schürzen Jah-
reszahlen wie 1900 oder 2000 sind im Vergleich zu den
historischen Daten von 1914, 1945 oder 1989 ohne Bedeu-
tung Vor allem verschleiern die kalendarischen Einschnitte
die Kontinuität der weit zurückreichenden Trends einer
gesellschaftlichen Moderne, die auch die Schwelle zum
21 Jahrhundert ungerührt überschreiten werden Bevor
ich auf die eigene Physiognomie des 20 Jahrhunderts ein-
gehe, mochte ich solche langen, durch das Jahrhundert
gleichsam hindurchlaufenden Rhythmen am Beispiel der
demographischen Entwicklung (a), des Strukturwandels
der Arbeit (b) und des Curnculums wissenschaftlich-tech-
nischer Fortschritte (c) in Erinnerung rufen
(a) In Europa hat, vor allem infolge der medizinischen
Fortschritte, ein rasches Bevolkerungswachstum schon seit

65
dem frühen 19 Jahrhundert eingesetzt Diese demographi lischen Inklusion des Bewußtseins der Vielen in immer
sehe Entwicklung, die in den wohlhabenden Gesellschaf weiter ausgreifende Kommunikationsnetze die konzen-
ten inzwischen zum Stillstand gekommen ist, hat sich seit trierte Masse verwandelt sich ins zerstreute Publikum der
der Mitte unseres Jahrhunderts in der Dritten Welt explosiv Massenmedien Die physischen Verkehrsstrome und Ver-
fortgesetzt Experten rechnen nicht vor dem Jahre 2030 mit kehrsstaus schwellen weiter an, •wahrend die elektronische
einer Stabilisierung bei etwa zehn Milliarden Menschen Vernetzung der individuellen Anschlüsse die auf Straßen
Damit wurde sich die Weltbevolkerung von 1950 verfünf- und Platzen zusammengeballten Massen zum Anachronis-
facht haben Hinter diesem statistischen Trend verbirgt mus macht Freilich berührt der Wandel der sozialen Wahr-
sich freilich eine abwechslungsreiche Phanomenologie nehmung nicht die zugrundeliegende Kontinuität des Be-
Zu Beginn unseres Jahrhunderts ist die Bevölkerungsex- volkerungswachstums
plosion von den Zeitgenossen zunächst in der sozialen Ge- (b) Ahnlich vollzieht sich der Strukturwandel des Be-
stalt der »Masse« wahrgenommen worden Auch damals schaftigungssystems in langen, über die Schwellen des Sa-
war dieses Phänomen nicht ganz neu Bevor sich LeBon für kulums hinweggleitenden Rhythmen Die Einfuhrung ar-
die Psychologie der Massen interessiert, kennt der Roman beitssparender Produktionsmethoden, also die Steigerung
des 19 Jahrhunderts schon die massenhafte Konzentration der Arbeitsproduktivität, ist der Motor dieser Entwick-
von Menschen in Städten und Wohnquartieren, in Fabrik- lung Seit der industriellen Revolution im England des
hallen, Büros und Kasernen, auch die massenhafte Mobili- 18 Jahrhunderts folgt die Modernisierung der Wirtschaft
sierung von Arbeitern und Auswanderern, von Demon- in allen Landern derselben Sequenz Die Masse der arbei-
stranten, Streikenden und Revolutionaren Aber erst zu tenden Bevölkerung, die seit Jahrtausenden in der Land-
Beginn des 20 Jahrhunderts verdichten sich Massen- wirtschaft tatig war, verschiebt sich zunächst in den sekun-
strome, Massenorganisationen und Massenaktionen zu dären Sektor der guterherstellenden Industrie, dann in den
aufdringlichen Erscheinungen, die die Vision vom Auf- tertiären Sektor von Handel, Transport und Dienstleistun-
stand der Massen (Ortega y Gasset) auslosen In der Mas- gen Inzwischen sind die postindustriellen Gesellschaften
senmobilisierung des Zweiten Weltkrieges und im Massen- durch einen quartaren Sektor wissensbasierter Tätigkeits-
elend der Konzentrationslager entfaltet sich ebenso wie bereiche gekennzeichnet, die - wie die high-tech-Indu-
nach 1945 im Massentreck der Flüchtlinge und im Massen- stnen oder das Gesundheitswesen, die Banken oder die öf-
chaos der displaced persons ein Kollektivismus, der sich fentliche Verwaltung - vom Zufluß neuer Informationen,
auf dem Titelbild von Hobbes Leviathan angekündigt letztlich von Forschung und Innovation abhangen Diese
hatte schon dort sind die zahllosen Einzelnen anonym zur wiederum verdankt sich einer »Erziehungsrevolution«
übermächtigen Gestalt eines kollektiv handelnden Makro- (T Parsons), die nicht nur den Analphabetismus beseitigt,
subjekts verschmolzen Aber seit der Mitte des Jahrhun- sondern zu einer drastischen Ausweitung des sekundären
deits verändert sich die Physiognomie der großen Zahlen und tertiären Bildungssystems gefuhrt hat Wahrend die
Die Präsenz versammelter, in Marsch gesetzter oder zu- Hochschulbildung ihren elitären Status verlor, wurden die
sammengepferchter Korper wird abgelost von der symbo- Universitäten häufig zum Herd politischer Unruhen

66
Im Laufe des 20 Jahrhunderts blieb zwar das Muster (c) Schließlich bildet die Kette der gesellschaftlich rele-
dieses Strukturwandels der Arbeit unverändert, aber das vanten Folgen des wissenschaftlichen und technischen
Tempo hat sich beschleunigt Einem Land wie Korea ist seit Fortschritts eine dritte Kontinuität, die durch die Jahrhun-
i960, unter den Bedingungen einer Entwioklungsdiktatur, derte hindurchgreift Die neuen Kunststoffe und Ener-
der Sprung von der prae- in die postindustrielle Gesell- gieformen, die neuen industriellen, militärischen und
schaft innerhalb einer einzigen Generation gelungen Diese medizinischen Technologien, die neuen Transport- und
Beschleunigung erklart die neue Qualität, die ein seit lan- Kommunikationsmittel, die wahrend des 20 Jahrhunderts
gem vertrauter Prozeß der Wanderung vom Land in die die Wirtschaft ebenso wie die gesellschaftlichen Verkehrs-
Stadt wahrend der zweiten Jahrhunderthälfte angenom- und Lebensformen revolutioniert haben, bauen auf natur-
men hat Wenn man von Afrika unterhalb der Sahara und wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Ent-
von China absieht, hat der gewaltige Produktivitatsschub wicklungen der Vergangenheit auf Technische Erfolge wie
der mechanisierten Landwirtschaft den Agrarsektor na- die Beherrschung der Atomenergie und die bemannte
hezu entvölkert In den OECD-Landern ist der Beschaf- Raumfahrt, Innovationen wie die Entschlüsselung geneti-
tigtenanteil einer hochsubventionierten Landwirtschaft scher Codes und die Einfuhrung von Gentechnologien in
unter die Marke von 10 Prozent gesunken In der phano- Landwirtschaft und Medizin verandern gewiß unser Risi-
menologischen Wahrung lebenswelthcher Erfahrung be- kobewußtsein, sie berühren sogar unser ethisches Selbst-
deutet das einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit verstandnis Aber in gewisser Weise bleiben selbst diese
Die dörfliche Lebensform, die seit dem Neolithikum bis spektakulären Errungenschaften in gewohnten Bahnen
weit ins 19 Jahrhundert hinein allen Kulturen denselben Seit dem 17 Jahrhundert hat sich die instrumentelle Ein-
Stempel aufgedruckt hat, ist in den entwickelten Landern stellung gegenüber einer 'wissenschaftlich objektivierten
zur Atrappe geworden Der Untergang des Bauernstandes Natur nicht verändert, unverändert ist die Art der techni-
hat auch die traditionelle Beziehung von Stadt und Land schen Beherrschung von dekodierten Naturvorgangen,
revolutioniert Heute leben mehr als 40 Prozent der Welt- auch wenn heute unsere Eingriffe in die Materie tiefer und
bevolkerung in Städten Der Prozeß der Verstädterung zer- unsere Vorstosse in den Kosmos weiter reichen denn je
stört mit der im alten Europa entstandenen urbanen Le-
Die technologiegesattigten Strukturen der Lebenswelt
bensform die Stadt selbst Mochte schon New York, selbst
verlangen von uns Laien nach wie vor den banausischen
im metropohtanen Kern von Manhattan, nur noch entfernt
Umgang mit unverstandenen Apparaten und Anlagen, ein
an das London und Paris des 19 Jahrhunderts erinnern, so
habituahsiertes Vertrauen in das Funktionieren undurch-
haben doch erst die ausufernden Stadtregionen von Mexico
schauter Techniken und Schaltkreise In komplexen Gesell-
City, Tokyo, Kalkutta, Sao Paulo, Kairo, Seoul oder Shang-
schaften wird jeder Experte gegenüber allen anderen Ex-
hai die gewohnten Dimensionen von »Stadt« gesprengt
perten zum Laien Bereits Max Weber hat jene »sekundäre
Die verschwimmenden Profile jener erst seit zwei, drei
Naivität« beschrieben, die uns auch im Hantieren mit
Jahrzehnten wuchernden Megalopolen hefern eine An-
Transistorradio und Handy, Taschenrechner, Videoausru-
schaung, für die uns noch die Begriffe fehlen
stung oder Laptop nicht verlasst - bei der Handhabung
vertrauter elektronischer Gerate, in deren Herstellung das verdoppelter Realitäten Die digitale Kommunikation
akkumulierte Wissen vieler Wissenschaftlergenerationen übertrifft schließlich alle anderen Medien an Reichweite
eingegangen ist Trotz panischer Reaktionen auf Gefahren- und Kapazität Mehr Menschen können schneller größere
meldungen und Storfalle wird diese lebenswelthche Assi- Mengen von vielfaltigeren Informationen beschaffen, ver-
milation des Unbegriffenen ans Vertraute durch den publi- arbeiten und über beliebige Entfernungen zeitgleich aus-
zistisch genährten Zweifel an der Zuverlässigkeit von tauschen Noch sind die mentalen Folgen des Internets, das
Expertenwissen und Großtechnologie nur vorübergehend sich der lebenswelthchen Eingewohnung starker wider-
erschüttert Das gewachsene Risikobewußtsein verunsi- setzt als ein neues elektrisches Haushaltsgerät, schwer ab-
chert nicht die täglichen Routinen zuschätzen
Eine ganz andere Relevanz für die langfristige Verände-
rung des alltäglichen Erfahrungshorizonts hat der Be-
schleunigungseffekt verbesserter Kommunikations- und II Zwei Physiognomien des Jahrhunderts
Verkehrstechniken Schon die Reisenden, die um 1830 die
ersten Eisenbahnen benutzten, hatten über neue Raum- Die durchs kalendarische Jahrhundert hindurchgreifenden
und Zeitwahrnehmungen benchet Im 20 Jahrhundert ha- Kontinuitäten der gesellschaftlichen Moderne belehren uns
ben Autoverkehr und zivile Luftfahrt den Personen- und nur unzureichend über das, was das 20 Jahrhundert als sol-
Gütertransport weiter beschleunigt und die Entfernungen ches charakterisiert Geschichtsschreiber richten deshalb
auch subjektiv immer weiter schrumpfen lassen Auf eine die Interpunktionen des Zeitflusses ihrer narrativen Dar-
andere Weise wird das Raum- und Zeitbewußtsein durch stellungen eher nach Ereignissen als nach Trendwenden
die neuen Techniken der Übertragung, Speicherung und und Strukturwandlungen Die Physiognomie eines Jahr-
Bearbeitung von Informationen berührt Bereits im Europa hunderts wird durch die Zäsuren großer Ereignisse
des ausgehenden 18 Jahrhunderts hatten Buch- und Zei- geprägt Heute besteht unter den Historikern, die über-
tungsdruck zur Entstehung eines globalen, zukunftsge- haupt noch bereit sind, in größeren Einheiten zu denken,
nchteten historischen Bewußtseins beigetragen, am Ende ein Konsens darüber, daß dem »langen« 19 Jahrhundert
des 19 Jahrhunderts klagte Nietzsche über den alles verge- (1789-1914) ein »kurzes« 20 Jahrhundert (1914-1989) ge-
genwärtigenden Historismus einer gebildeten Elite Inzwi- folgt ist Der Beginn des Ersten Weltkrieges und der Zu-
schen hat die zerstreute Abkoppelung der Gegenwart von sammenbruch der Sowjetunion umrahmen einen Antago-
museal vergegenständlichten Vergangenheiten die Masse nismus, der sich durch die beiden Weltkriege und den
der Bildungstounsten erfasst Auch die Massenpresse ist kalten Krieg hindurchzieht Diese Interpunktion laßt frei-
ein Kind des 19 Jahrhunderts, aber die Zeitmaschincn- lich Raum für drei verschiedene Interpretationen, je nach-
effekte der Druckmedien werden im Laute des 20 Jahrhun- dem auf welcher Ebene jener Antagonismus angesiedelt
derts durch Foto, Film, Radio und Fernsehen intensiviert wird - auf der ökonomischen Ebene der Gesellschafts-
Raum- und Zeitdistanzen werden nicht mehr ȟberwun- systeme, auf der politischen Ebene der Supermachte oder
den«, sie verschwinden spurlos in der ubiquitaren Präsenz auf der kulturellen Ebene der Ideologien Die Wahl dieser


hermeneutischen Gesichtspunkte ist natürlich selbst vom vorgenommene Experiment in Atem gehalten, die unter
Kampf der Ideen bestimmt, die das Jahrhundert beherrscht grausamen Opfern brutal durchgepeitschte Zwangsindu-
haben stnahsierung bahnt der Sowjetunion zwar den politischen
Auch heute wird der kalte Krieg noch mit histonogra- Aufstieg zur Supermacht, sichert ihr aber keine ökonomisch
phischen Mitteln fortgeführt, gleichviel ob die Herausfor- und gesellschaftspolitisch tragfahige Basis für eine über-
derung des kapitalistischen Westens durch die Sowjetunion legene oder auch nur uberlebensfahige Alternative zum
(Eric Hobsbawm), oder ob der Kampf des liberalen We- westlichen Modell Nach der zweiten Lesart tragt das
stens gegen die totalitären Regime den Leitfaden abgibt Jahrhundert die düsteren Zuge eines Totahtarismus, der
(Francois Füret) Beide Interpretationen erklaren auf die einen mit der Aufklarung einsetzenden Prozeß der Zivili-
eine oder andere Weise das Faktum, daß allein die USA aus sierung abbricht und die Hoffnung auf eine Domestizie-
den beiden Weltkriegen ökonomisch, politisch und kultu- rung staatlicher Macht und eine Humanisierung des gesell-
rell gestärkt hervorgegangen ist und als einzige Supermacht schaftlichen Verkehrs zerstört Die totalitär entgrenzte
das Ende des kalten Krieges überlebt hat Dieses Ergebnis Gewalt kriegführender Nationen durchbricht die volker-
hat dem 20 Jahrhundert den Namen des »amerikanischen« rechtlichen Schranken auf dieselbe rücksichtslose Weise,
verliehen Die dritte Lesart ist weniger eindeutig Solange wie im Innern die terroristische Gewalt diktatorischer Ein-
der Begriff »Ideologie« in einem neutralen Sinne gebraucht parteienherrschaften die verfassungsrechtlichen Sicherun-
wird, verbirgt sich hinter dem Titel des Zeitalters der Ideo- gen neutralisiert Wahrend aus diesen beiden Perspektiven
logien (Hildebrand) nur eine Variante der Totahtansmus- Licht und Schatten zwischen den totalitären Kräften und
theone, wonach sich der Kampf der Regime in einem ihren liberalen Gegnern eindeutig verteilt sind, steht das
Kampf der Weltanschauungen reflektiert In anderen Fal- Jahrhundert nach der dritten, der postfaschistischen Lesart
len signalisiert aber derselbe Titel die (von Carl Schmitt im Schatten eines ideologischen Kreuzzuges zwischen Par-
entwickelte) Perspektive eines Weltburgerkrieges, wonach teien, wenn nicht gleichen Ranges so doch ähnlicher Men-
sich seit 1917 die utopischen Projekte der Weitdemokratie talität Beide Seiten scheinen einen weltanschaulichen Ge-
und der Weitrevolution - mit Wilson und Lenin als ihren gensatz zwischen geschichtsphilosophisch begründeten
Exponenten - gegenübergestanden haben (E Nolte) Nach Programmen auszufechten, die ihre fanatisierende Kraft
dieser ideologiekritischen Lesart von rechts ist die Ge- ursprünglich religiösen, auf säkulare Ziele umgelenkten
schichte damals vom Bazillus der Geschichtsphilosophie Energien verdanken
infiziert worden und derart entgleist, daß sie erst 1989 in
Bei allen Unterschieden ist diesen drei Versionen eins ge-
die normalen Bahnen naturwüchsiger Nationalgeschichten
meinsam sie lenken den Blick auf die grausamen Zuge eines
zurückspringen konnte
Zeitalters, das die Gaskammer und den totalen Krieg, den
Aus jeder dieser drei Perspektiven gewinnt das kurze staatlich durchgeführten Genozid und das Vernichtungsla-
20 Jahrhundert eine eigene Physiognomie Nach der ersten ger, die Gehirnwasche, das System der Staatssicherheit und
Lesart wird es von der Herausforderung des kapitali- die panoptische Überwachung ganzer Bevölkerungen »er-
stischen Weltsystems durch das größte je an Menschen funden« hat Dieses Jahrhundert hat mehr Opfer »produ-

72 73
ziert«, mehr gefallene Soldaten, mehr ermordete Burger, Krieges zu einer Einheit zusammen und suggeriert den,
getötete Zivilisten und vertriebene Minderheiten, mehr Ge- wie es scheint, homogenen Zusammenhang eines ununter-
folterte, Geschundene, Verhungerte und Erfrorene, mehr brochenen 75jährigen Krieges der Systeme, der Regime
politische Gefangene und Flüchtlinge hervorgebracht, als und der Ideologien Damit wird aber dasjenige Ereignis
man sich bis dahin auch nur hatte vorstellen können Die nivelliert, das das Jahrhundert nicht nur chronologisch
Phänomene von Gewalt und Barbarei bestimmen die Signa- teilt, sondern das auch ökonomisch, politisch und vor al-
tur des Zeitalters Von Horkheimer und Adorno bis lem in normativer Hinsicht eine Wasserscheide bedeutet
Baudrillard, von Heidegger bis Foucault und Dernda haben ich meine die Niederlage des Faschismus Durch die Kon-
sich die totalitären Zuge des Zeitalters in die Struktur der stellation des kalten Krieges ist die ideologische Bedeutung
Zeitdiagnosen selber eingegraben Das veranlaßt mich zu der bald als »unnaturlich« erscheinenden Allianz der
der Frage, ob diesen negativistischen Deutungen, die sich Westmachte mit der Sowjetunion gegen das Deutsche
vom Grauen der Bilder gefangen nehmen lassen, vielleicht Reich in Vergessenheit geraten Aber Sieg und Niederlage
eine Kehrseite dieser Katastrophen entgeht von 1945 haben jene Mythen, die seit dem Ende des
Gewiß haben die unmittelbar beteiligten und betroffe- 19 Jahrhunderts auf breiter Front gegen das Erbe von 1789
nen Volker Jahrzehnte gebraucht, um sich der Dimension mobilisiert worden sind, auf Dauer entwertet Der Sieg der
jenes erst dumpf empfundenen Schreckens bewußt zu wer- Alliierten hat nicht nur die Weichen für eine demokrati
den, der im Holocaust, in der planmassigen Vernichtung sehe Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, in
der europaischen Juden kulminiert Aber dieser, wenn auch Japan und Italien, schließlich auch in Portugal und Spanien
zunächst verdrängte Schock hat dann doch Energien und gestellt Allen Legitimationen, die nicht wenigstens verbal,
schließlich sogar Einsichten freigesetzt, die in der zweiten wenigstens dem Wortlaut nach, dem universalistischen
Hälfte des Jahrhunderts eine Peripetie des Schreckens her- Geist der politischen Aufklarung huldigten, ist damals der
beifuhren Für die Nationen, die 1914 die Welt in einen Boden entzogen worden Das ist gewiß kein Trost für die
technologisch entgrenzten Krieg hineingezogen haben, Opfer der tortgesetzten Verstosse gegen die Menschen-
und für die Volker, die nach 1939 mit den Massenverbre- rechte
chen eines ideologisch entgrenzten Vernichtungskampfes Immerhin hat sich nach 1945 im Treibhaus der Ideen ein
konfrontiert waren, markiert das Jahr 1945 auch einen Klimawechsel vollzogen, ohne den sich auch die einzige
Wendepunkt - eine Wende zum Besseren, zur Zähmung je- unzweifelhafte kulturelle Innovation des Jahrhunderts
ner barbarischen Kräfte, die in Deutschland aus dem Bo- nicht hatte durchsetzen können Die vor und wahrend des
den der Zivilisation selbst hervorgebrochen sind Sollten Ersten Weltkriegs vollzogene, aus dessen Erfahrungen ge-
wir aus den Katastrophen der ersten Hälfte des Jahrhun- speiste Revolutionierung der bildenden Kunst, der Archi-
derts doch etwas gelernt haben' tektur und der Musik hat erst nach 1945, sozusagen in der
Mein Zweifel an den drei Lesarten laßt sich auch so er- Vergangenheitsform der »klassischen Moderne«, weltweite
klaren die Segmentierung eines kurzen 20 Jahrhunderts Geltung erlangt Die avantgardistische Kunst hatte bis in
zieht die Periode der Weltkriege mit der Periode des kalten die frühen dreißiger Jahre hinein ein Repertoire an völlig

74 75
neuen Formen und Techniken erzeugt, mit dem die inter- nach bewahrtem Muster die inneren Konflikte nach außen
nationale Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte experi- in militärische Abenteuer abzuleiten
mentiert, ohne den damals erschlossenen Horizont von (b) Auch die Dekolomalisierung war kein geradliniger
Möglichkeiten zu überschreiten. Eine vergleichbare Origi- Prozeß Aber im Ruckblick haben die Kolonialmächte nur
nalität und wirkungsgeschichtliche Kraft besitzen viel- noch Nachhutgefechte gefuhrt In Indochina wehren sich
leicht nur noch die zur gleichen Zeit entstandenen Werke die Franzosen vergeblich gegen nationale Befreiungsbewe-
von zwei, dem Geist des Modernismus freilich abgewand- gungen, 1956 scheitert das Suez-Abenteuer der Briten und
ten Philosophen, Heidegger und Wittgenstein Franzosen, 1975 müssen die USA nach zehn verlustreichen
Wie dem auch sei, der 1945 eingetretene Wechsel des Knegsjahren ihre Vietnam-Intervention abbrechen Bereits
kulturellen Klimas bildet auch den Hintergrund für drei 1945 war nicht nur das Imperium des besiegten Japan zer-
politische Entwicklungen, die - auch in der Darstellung fallen, im selben Jahr waren Syrien und Lybien unabhängig
von Hobsbawm1 - der Nachknegspenode bis in die acht- geworden 1947 zogen sich die Briten aus Indien zurück,
ziger Jahre hinein ein anderes Gesicht gegeben haben der im darauffolgenden Jahr entstanden Birma, Sri Lanka,
kalte Krieg (a), die Dekolomalisierung (b) und der Aufbau Israel und Indonesien Dann erlangten die Regionen des
des Sozialstaates in Europa (c) westlichen Islam von Persien bis Marokko, nach und nach
(a) Die Spirale eines ebenso grandiosen wie erschöpfen- auch die zentralafrikanischen Staaten, schließlich die restli-
den Wettrüstens hat die unmittelbar bedrohten Nationen chen Kolomen in Sudostasien und der Karibik ihre Unab-
gewiß in Schrecken gehalten, aber die verruckte Kalkula- hängigkeit Das Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika
tion eines Gleichgewichts des Schreckens - MAD war die und die Ruckkehr Hongkongs und Makaos nach China
selbstironische Abkürzung für mutually assured destruc- bilden den Abschluß eines Prozesses, der wenigstens die
tion - hat den Ausbruch eines heißen Krieges immerhin formelle Abhängigkeit der Kolomalvolker beseitigt und
verhindert Das unerwartete Einlenken der wildgeworde- die neu geschaffenen, allerdings nur zu oft von Bürgerkrie-
nen Supermachte - die vernunftige Einigung zwischen gen, kulturellen Konflikten und Stammesfehden zerrisse-
Reagan und Gorbatschow in Reykjavik, mit der das Ende nen Staaten zu gleichberechtigten Mitgliedern der UN-
des Wettrüstens eingeleitet wurde - laßt den kalten Krieg Vollversammlung gemacht hat
ruckblickend als einen risikoreichen Prozeß der Selbstzah- (c) Von unzweideutigem Vorteil ist allein die dritte Ent-
mung atomar bewaffneter Allianzen erscheinen Auf ähn- wicklung In den wohlhabenden und friedlichen Demokra-
liche Weise kann man die friedliche Implosion eines Welt- tien Westeuropas - und in geringerem Umfang auch in den
reiches beschreiben, dessen Fuhrung die Ineffizienz einer USA und einigen anderen Landern - entwickelten sich ge-
vermeintlich überlegenen Produktionsweise erkennt und mischte Ökonomien, die den weiteren Ausbau von Burger-
die Niederlage im ökonomischen Wettlauf eingesteht, statt rechten und erstmals eine effektive Verwirklichung sozialer
Grundrechte erlaubt haben Gewiß, das explosive welt-
1 t Hobsbawm, Das Zeitalter der Fxtreme, München 1997, ich verdanke wirtschaftliche Wachstum, die Vervierfachung der Indu-
diesem Buch mehr Anregungen als die Fußnoten zum Ausdruck bnn
gen strieproduktion und die Verzehnfachung des Welthandels

77
mit Industrieprodukten allein zwischen den frühen fünfzi- historisches Zeitalter zu Ende gegangen war Sehr viel mehr
ger und den frühen siebziger Jahren hat auch Disparitäten wußten sie nicht «2
zwischen den armen und den reichen Regionen der Welt Schon die alten Probleme der Friedenssicherung und der
befordert Aber die Regierungen der OECD-Lander, die in internationalen Sicherheit, der weltwirtschaftlichen Dispa-
diesen beiden Jahrzehnten drei Viertel zur Weitproduktion ritäten zwischen Nord und Sud sowie der Gefahrdung
und vier Fünftel zum Welthandel mit Industrieprodukten ökologischer Gleichgewichte waren globaler Natur Sie in-
beitrugen, hatten aus den katastrophalen Erfahrungen der tensivieren sich aber heute durch ein neu hinzugetretenes
Zwischenkriegszeit immerhin soviel gelernt, daß sie eine Problem, das die bisherigen Herausforderungen überla-
intelligente, auf innere Stabilität bedachte Wirtschaftspoli gert Ein weiterer, wie es scheint endgültiger Globahsie
tik verfolgten und bei relativ hohen Wachstumsraten um rungsschub des Kapitalismus schrankt namhch auch noch
fassende soziale Sicherungssysteme auf- und ausbauten In die Handlungsfähigkeit jener Spitzengruppe von Staaten
der Gestalt sozialstaatlicher Massendemokratien ist hier die (G 7) ein, die sich, anders als die ökonomisch abhangigen
hochproduktive Wirtschaftsform des Kapitalismus zum er- Staaten der Dritten Welt, eine relative Unabhängigkeit hat-
sten Mal sozial gebändigt und mit dem normativen Selbst ten bewahren können Die wirtschaftliche Globalisierung
Verständnis demokratischer Verfassungsstaaten mehr oder bildet für die im Nachknegseuropa entstandene politische
weniger in Einklang gebracht worden und soziale Ordnung die zentrale Herausforderung (III)
Diese drei Entwicklungen sind für einen marxistischen Ein Ausweg konnte dann bestehen, daß die regulatorische
Historiker wie Eric Hobsbawm Grund genug, um die Kraft der Politik den Markten, die sich dem Zugriff der
Nachkriegsjahrzehnte als »Golden Age« zu feiern Aber Nationalstaaten entzieht, nachwachst (IV) Oder sollte das
spätestens seit 1989 hat die Öffentlichkeit das Ende dieser Fehlen einer zeitdiagnostisch erhellenden Orientierung an-
Ära wahrgenommen In den Landern, wo der Sozialstaat zeigen, daß wir nur aus Katastrophen lernen können5
mindestens im Ruckblick als gesellschaftpolitische Errun-
genschaft wahrgenommen wird, breitet sich Resignation
aus Das Ende des Jahrhunderts steht im Zeichen der III Vor dem Ende des sozialstaathchen Kompromisses
strukturellen Gefahrdung eines sozialstaatlich gezähmten
Kapitalismus und der Wiederbelebung eines sozial rück- Ironischerweise begegnen die entwickelten Gesellschaften
sichtslosen Neoliberalismus Hobsbawm kommentiert die am Ende des Jahrhunderts der Wiederkehr eines Problems,
schwer-mutig-ratlose, von schriller Techno-Musik über- das sie doch soeben, unter dem Druck der Systemkonkur-
tönte Stimmung in der Tonlage eines spatromischen Schrift renz, gelost zu haben schienen Das Problem ist so alt wie
stellers »Das kurze 20 Jahrhundert endete mit Problemen, der Kapitalismus selber Wie laßt sich die Allokations- und
für die niemand eine Losung hatte oder auch nur zu haben Entdeckungsfunktion selbstregulierender Markte effektiv
vorgab Wahrend sich die Burger des Fin de siecle einen Weg nutzen, ohne dabei Ungleichverteilungen und soziale Ko-
durch den globalen Nebel um sie herum in das dritte Jahr-
tausend bahnten, wußten sie mit Gewißheit nur, daß ein 2 Ebd 688

78 79
sten in Kauf nehmen zu müssen, die mit den Integrations- schaft zu überfordern drohen. Unmißverständlich sind die
bedingungen demokratisch verfasster liberaler Gesell- Indikatoren für die Zunahme von Armut und sozialer Un-
schaften unvereinbar sind? In den gemischten Ökonomien sicherheit bei wachsenden Einkommensdisparitäten, un-
des Westens hatte der Staat mit der Verfügung über einen verkennbar sind auch die Tendenzen zur gesellschaftlichen
erheblichen Anteil des Sozialprodukts einen Spielraum für Desintegration.3 Die Kluft zwischen den Lebensbedingun-
Transferleistungen und Subventionen, überhaupt für eine gen der Beschäftigten, der Unterbeschäftigten und der Ar-
wirksame Infrastruktur-, Beschäftigungs- und Sozialpoli- beitslosen vergrößert sich. Wo sich die Exklusionen - von
tik gewonnen. Er konnte auf die Rahmenbedingungen von Beschäftigungssystem und Weiterbildung, von staatlichen
Produktion und Distribution mit dem Ziel Einfluß neh- Transferleistungen, Wohnungsmarkt, familiären Ressour-
men, Wachstum, Preisstabilität und Vollbeschäftigung zu cen usw. - bündeln, entstehen »Unterklassen«. Diese pau-
erreichen. Der regulatonsche Staat konnte, mit anderen perisierten und von der übrigen Gesellschaft weitgehend
Worten, über wachstumsstimulierende Maßnahmen auf segmentierten Gruppen können ihre soziale Lage nicht
der einen, Sozialpolitik auf der anderen Seite gleichzeitig mehr aus eigener Kraft wenden.4 Eine solche Desolidarisie-
die wirtschaftliche Dymanik fördern und die soziale Inte- rung muß jedoch auf längere Sicht eine liberale politische
gration sichern. Kultur zerstören, auf deren universalistisches Selbstver-
Ungeachtet großer Unterschiede hatte sich der sozial- ständnis demokratisch verfaßte Gesellschaften angewiesen
politische Sektor in Ländern wie den USA, Japan und der sind. Formal korrekt zustandegekommene Mehrheitsbe-
Bundesrepublik bis in die achtziger Jahre hinein ausge- schlüsse, die nur noch die Statusängste und Selbstbehaup-
dehnt. Aber seitdem hat in allen OECD-Ländern eine tungsreflexe der vom Abstieg bedrohten Schichten, also
Trendwende eingesetzt: Die Höhe der Leistungen verrin- rechtspopulistische Stimmungslagen, widerspiegeln, wür-
gert sich, gleichzeitig wird der Zugang zu den Sicherungs- den die Legitimität der Verfahren und Institutionen selber
systemen erschwert und der Druck auf die Arbeitslosen aushöhlen.
verstärkt. Der Um- und Abbau des Sozialstaates ist unmit- Von Neoliberalen, die ein höheres Maß an sozialer Un-
telbar die Folge einer angebotsorientierten Wirtschafts- gleichheit akzeptieren und zudem an die inhärente Gerech-
politik, die auf eine Deregulierung von Märkten, auf den tigkeit der »Standortbewertung« durch weltweite Finanz-
Abbau von Subventionen und die Verbesserung von Inve- märkte glauben, wird diese Situation natürlich anders
stitionsbedingungen abzielt und die eine antiinflationäre eingeschätzt als von denen, die dem »sozialdemokratischen
Geld- und Zinspolitik sowie die Senkung direkter Steuern, Zeitalter« nachhängen, weil sie wissen, daß gleiche soziale
die Privatisierung von Staatsunternehmen und ähnliche Rechte die Korsettstangen demokratischer Staatsbürger-
Maßnahmen einschließt. schaft sind. Aber beide Seiten beschreiben das Dilemma
Die Aufkündigung des sozialstaatlichen Kompromisses
hat freilich zur Folge, daß die Krisentendenzen, die er auf- 3 W. Heitmeyer (Hg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander?, Frank-
furt/M. 1997
gefangen hatte, wieder aufbrechen. Es entstehen soziale 4 N. Luhmann, Jenseits von Barbarei, in: M. Miller, H. G. Soeffner (Hg.),
Kosten, die die Integrationsfähigkeit einer liberalen Gesell- Modernität und Barbarei, Frankfurt/m. 1996, 219-230

80 81
ganz ähnlich. Ihre Diagnosen laufen darauf hinaus, daß die Dem Nationalstaat bleiben immer weniger Optionen
nationalen Regierungen in ein Nullsummenspiel hineinge- Zwei scheiden aus Protektionismus und die Ruckkehr zur
zwungen werden, wo die unausweichlichen ökonomischen nachfrageonentierten Wirtschaftspolitik. Soweit sich Ka-
Zielgroßen nurmehr auf Kosten sozialer und politischer pitalbewegungen überhaupt noch kontrollieren lassen,
Ziele erreicht werden können Im Rahmen einer globali- wurden die Kosten für eine protektiomstische Abschot-
sierten Wirtschaft können Nationalstaaten die internatio- tung der einheimischen Wirtschaft unter den gegebenen
nale Wettbewerbsfähigkeit ihrer »Standorte« nur auf dem weltwirtschaftlichen Bedingungen schnell eine unakzep-
Wege einer Selbstbeschrankung staatlicher Gestaltungs- table Größenordnung annehmen Und staatliche Beschaf-
macht verbessern; das rechtfertigt »Abbau«-Pohtiken, die tigungsprogramme scheitern heute nicht nur an den
den sozialen Zusammenhalt beschädigen und die demokra- Verschuldungsgrenzen öffentlicher Haushalte, sie sind in-
tische Stabilität der Gesellschaft auf eine harte Probe stel- nerhalb des nationalen Rahmens auch nicht mehr effektiv
len.5 Diesem Dilemma liegt eine plausible Beschreibung Unter Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft funk-
zugrunde, die ich hier nicht im einzelnen begründen oder tioniert der »Keynesiamsmus in einem Lande« nicht mehr.
auch nur belegen kann 6 Sie laßt sich auf zwei Thesen zu- Aussichtsreicher ist eine Politik der vorauseilenden, intelli-
spitzen (1) Die ökonomischen Probleme der Wohlstands- genten und schonenden Anpassung der nationalen Verhält-
gesellschaften erklaren sich aus einer - mit dem Stichwort nisse an den globalen Wettbewerb Dazu gehören die
>Globalisierung< bezeichneten - strukturellen Veränderung bekannten Maßnahmen einer vorausschauenden Industne-
des weltwirtschaftlichen Systems (2) Diese Veränderung pohtik, die Forderung von Research and Development,
schrankt die nationalstaathchen Aktoren in ihrem Hand- also von künftigen Innovationen, die Qualifizierung der
lungsspielraum so weit ein, daß die ihnen verbleibenden Arbeitskräfte durch verbesserte Aus- und Weiterbildung
Optionen nicht ausreichen, um sozial und politisch uner- sowie eine sinnvolle »Flexibilisierung« des Arbeitsmarktes
wünschte Nebenfolgen eines transnationahsierten Markt- Diese Maßnahmen bringen auf mittlere Sicht Standortvor-
verkehrs hinreichend »abzufedern« 7 teile, jedoch andern sie nichts am Muster der internationa-
len Standortkonkurrenz Wie man es dreht und wendet, die
5 R Dahrendorf nennt das die Quadratur des Kreises , in Transit, 12, Globalisierung der Wirtschaft zerstört eine historische
1996, 5 28 Konstellation, die den sozialstaathchen Kompromiß vor-
6 Ich danke für die Erlaubnis, die folgenden Manuskripte einzusehen
C Offe, Precanousness and the Labor Market A Medium Term Review übergehend ermöglicht hat Auch wenn dieser keineswegs
of Available Pohcy Responscs, Ms 1997, J Neyer, M Seeleib Kaiser, die ideale Losung eines dem Kapitalismus innewohnenden
Bringing Economy Back in Fconomic Globahzation and the Re Com
modification of the Workforce, Zentrum f Sozialpolitik, Univ Bremen,
Problems darstellt, so hat er doch die entstandenen sozia-
Arbeitspapier 16/95, ^ Wiesenthal, Globalisierung Soziologische und len Kosten in akzeptierten Grenzen gehalten
Politik-Wissenschaftliche Koordinaten eines unbekannten Territoriums,
Ms 1995 In Europa hatten sich bis zum 17 Jahrhundert Staaten
7 Die folgenden Überlegungen ausführlich in J Habermas, Jenseits des herausgebildet, die sich durch die souveräne Herrschaft
Nationalstaates? Zu einigen holgcproblemen der wirtschaftlichen Glo
bahsierung, in U Beck (Hg ), Politik der Globalisierung, Frankfurt/M , über ein Territorium auszeichneten und alteren politischen
67 84 Formationen wie den Alten Reichen oder den Stadtstaaten

82
an Steuerungskapazitat überlegen waren Als funktional gehen, ob wir es beim Status quo eines über den Markt in-
spezifizierter Verwaltungsstaat hatte sich der moderne tegrierten Europas belassen oder ob wir auf eine europa-
Staat vom rechtlich institutionalisierten marktwirtschaft- ische Demokratie zusteuern wollen.8
lichen Verkehr differenziert; zugleich war er als Steuerstaat Auch ein solches Regime wird aufgrund seiner geogra-
von der kapitalistischen Wirtschaft auch abhangig gewor- phisch und wirtschaftlich erweiterten Basis freilich besten-
den. Im Laufe des 19 Jahrhunderts hat er sich als National- falls Vorteile im globalen Wettbewerb erringen und seine
staat für demokratische Formen der Legitimation geöffnet Position gegenüber anderen starken können. Die Schaf-
In einigen privilegierten Regionen und unter den gunstigen fung größerer politischer Einheiten fuhrt zu defensiven Al-
Umstanden der Nachkriegszeit konnte sich der inzwischen lianzen gegenüber dem Rest der Welt, sie ändert jedoch
weltweit zum Vorbild gewordene Nationalstaat - über die nichts am Modus der Standortkonkurrenz als solcher Sie
Regulation einer in ihrem Selbststeuerungsmechanismus fuhrt nicht per se zu einem Kurswechsel von der Anpas-
allerdings unangetasteten Volkswirtschaft - zum Sozial- sung an das transnationale weltwirtschaftliche System zu
staat entwickeln. Diese erfolgreiche Kombination ist in einem Versuch der politischen Einflußnahme auf dessen
dem Maße gefährdet, wie sich eine globalisierte Wirtschaft Rahmenbedingungen Andererseits erfüllen politische Zu-
den Zugriffen dieses regulatorischen Staates entzieht Die sammenschlüsse dieser Art eine notwendige Bedingung für
sozialstaatlichen Funktionen sind im bisherigen Ausmaß ein Aufholen der Politik gegenüber den Kräften der globa-
offensichtlich nur noch dann zu erfüllen, wenn sie vom lisierten Ökonomie. Mit jedem neuen supranationalen Re-
Nationalstaat auf politische Einheiten übergehen, die eine gime verringert sich die Zahl der politischen Aktoren und
transnationahsierte Wirtschaft gewissermaßen einholen füllt sich der Club der wenigen global handlungsfähigen,
d. h. auch kooperationsfahigen Aktoren, die - vorausge-
setzt, es gibt einen entsprechenden politischen Willen - zu
IV Jenseits des Nationalstaats? verbindlichen Vereinbarungen von Rahmenbedingungen
überhaupt in der Lage waren
Daher richtet sich der Blick vor allem auf den Aufbau su- Um wieviel schwieriger als der Zusammenschluß euro-
pranationaler Institutionen Das erklart die kontinentalen paischer Staaten zu einer Politischen Union ist erst die
Wirtschaftsalhanzen wie NAFTA oder APEC, die ver- Einigung auf das Projekt einer weltwirtschaftlichen Ord-
bindliche, jedenfalls mit weichen Sanktionen bewehrte Ab- nung, die sich nicht in der Herstellung und rechtlichen In-
sprachen zwischen den Regierungen erlauben Großer sind stitutionalisierung von Markten erschöpfte, sondern Ele-
die Kooperationsgewinne bei ehrgeizigeren Projekten wie mente einer weltweiten politischen Willensbildung ein-
der Europaischen Union Denn mit solchen kontinentalen fuhren und eine Domestizierung der unerwünschten sozia-
Regimen entstehen nicht nur einheitliche Wahrungsge- len Nebenfolgen des globalisierten Marktverkehrs gewähr-
biete, die die Risiken von Wechselkursschwankungen ver- leisten wurde Angesichts der Überforderung des Natio-
ringern, sondern größere politische Einheiten mit hierar-
chisch gestuften Kompetenzen In Zukunft wird es darum 8 V g l S 135 i 5 5

85
nalstaats durch eine globalisierte Wirtschaft drangt sich stenz gegenüber einem Entwurf transnationaler Regime
zwar in abstracto, am grünen Tisch sozusagen, eine Alter- mit weltinnenpohtischem Zuschnitt ist verständlich, wenn
native auf - eben die Übertragung von Funktionen, die bis- wir davon ausgehen, daß ein solches Projekt aus den gege-
her Sozialstaaten im nationalen Rahmen wahrgenommen benen Interessenlagen der Staaten und ihrer Bevölkerungen
haben, auf supranationale Instanzen. Aber auf dieser Ebene gerechtfertigt und von unabhängigen politischen Machten
fehlt ein politischer Koordinationsmodus, der den markt- verwirklicht werden muß In einer stratifizierten Weltge-
gesteuerten transnationalen Verkehr mit Rucksicht auf so- sellschaft scheinen sich aus der asymmetrischen Interde-
ziale Standards in erträgliche Bahnen lenken konnte Ge- pendenz zwischen entwickelten, neu industrialisierten und
wiß sind die 191 souveränen Staaten auch diesseits der unterentwickelten Landern unversöhnliche Interessenge-
Organisationen der Vereinten Nationen durch ein dichtes gensätze zu ergeben. Aber diese Perspektive trifft nur so-
Netz von Institutionen miteinander verflochten 9 Etwa lange zu, wie es keine institutionalisierten Verfahren trans-
350 Regierungsorganisationen, von denen mehr als die nationaler Willensbildung gibt, die global handlungsfähige
Hälfte nach i960 gegründet worden sind, dienen wirt- Aktoren dazu bringen, ihre je eigenen Präferenzen um Ge-
schaftlichen, sozialen und friedenssichernden Funktionen sichtspunkte einer »global governance« zu erweitern "
Aber natürlich sind sie nicht in der Lage, eine positive Ko- Die Globalisierungsprozesse, die ja nicht nur wirtschaft-
ordination zustande zu bringen und regulatorische Funk- licher Art sind, gewohnen uns nach und nach an eine an-
tionen in umverteilungsrelevanten Bereichen der Wirt- dere Perspektive, aus der uns die Begrenztheit der sozialen
schafts-, Sozial- und Beschaftigungspohtik zu erfüllen Schauplatze, die Gemeinsamkeit der Risiken und die Ver-
Niemand jagt gerne einer Utopie nach, erst recht nicht netzung der kollektiven Schicksale immer deutlicher vor
heute, nachdem alle utopischen Energien verbraucht zu Augen treten Wahrend die Beschleunigung und Verdich-
sein scheinen 10 Ohne nennenswerte sozialwissenschaft- tung von Kommunikation und Verkehr die räumlichen
hche Anstrengungen ist denn auch die Idee einer die und zeitlichen Distanzen schrumpfen laßt, stoßen die Ex-
Markte einholenden Politik bisher nicht einmal zu einem pansion der Markte auf die Grenzen des Planeten und die
»Projekt« ausgereift Dieses mußte wenigstens an Beispie- Ausbeutung der Ressourcen auf die Schranken der Natur
len einen allen Beteiligten zumutbaren Interessenausgleich Der enger gewordene Horizont erlaubt schon mittelfristig
simulieren und Umrisse für geeignete Verfahren und Prak- keine Externahsierung von Handlungsfolgen mehr- ohne
tiken erkennen lassen Die sozialwissenschafthche Resi- Sanktionen furchten zu müssen, können wir Kosten und
Risiken immer seltener auf andere abwälzen - auf andere
9 D Senghaas, Interdependenzen im internationalen System, in G Krell, Sektoren der Gesellschaft, auf ferne Regionen, fremde Kul-
H Muller (Hg ), Frieden und Konflikt in den internationalen Bcziehun
gen, Frankfurt/M 1994,190 222 turen oder künftige Generationen Das ist bei den lokal
10 Ich glaube freilich nicht, daß meine Diagnose von 1985 durch die un nicht mehr eingrenzbaren Risiken der Großtechnik ebenso
vorhergesehene Implosion der Sowjetunion entwertet worden ist offensichtlich wie bei der industriellen Schadstoffproduk-
J Habermas, Die Krise des Wohlfahrtsstaats und die Erschöpfung uto
pischtr Energien, in ders , Die Neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M
1985, 141 163 ii D Held, Dimocracy and the Global Order, Cambridge 1995

86
tion der wohlhabenden Gesellschaften, die alle Erdteile ge- sein, das sich nach den Erfahrungen von zwei barbarischen
fährdet u Aber wie lange können wir dann noch sozial ver- Weltkriegen öffentlich artikuliert und - ausgehend von den
ursachte Kosten auf »überflüssig« gewordene Segmente unmittelbar beteiligten Nationen - in vielen Landern aus-
der Arbeitsbevolkerung abwälzen5 gebreitet hat Wir wissen, daß dieser Bewußtseinswandel
Gewiß, internationale Absprachen und Regelungen, die lokale Kriege und zahllose Burgerkriege in anderen Regio-
solchen Externahsierungen entgegenwirken, sind von Re- nen der Welt keineswegs verhindert hat Aber infolge des
gierungen solange nicht zu erwarten, wie diese in ihren na- Mentahtatswandels haben sich immerhin die politisch-kul-
tionalen Arenen, wo sie sich um Zustimmung und Wieder- turellen Parameter der zwischenstaatlichen Beziehungen
wahl bemuhen müssen, als unabhängig handelnde Aktoren so geändert, daß die UNO-Menschenrechtserklarung mit
wahrgenommen werden Die Einzelstaaten mußten innen- der Achtung von Angriffskriegen und der Inkrimimerung
politisch wahrnehmbar in bindende Kooperationsverfah- von Verbrechen gegen die Menschlichkeit die schwache
ren einer kosmopolitisch verpflichtenden Staatengemein- normative Bindungswirkung von öffentlich anerkannten
schaft eingebunden werden Die entscheidende Frage ist Konventionen gewinnen konnte Für die Institutionahsie-
deshalb, ob in den Zivilgesellschaften und den politischen rung von weltwirtschaftlich relevanten Verfahren, Prakti-
Öffentlichkeiten großraumig zusammenwachsender Re- ken und Regelungen, die die Losung globaler Probleme er-
gime ein Bewußtsein kosmopolitischer Zwangssohdansie- lauben wurden, reicht das nicht aus Eine Regulierung der
rung entstehen kann Nur unter diesem Druck einer innen- entfesselten Weltgesellschaft erfordert Politiken, die Lasten
politisch wirksamen Veränderung der Bewußtseinslage der umverteilen Das wird nur auf der Grundlage einer bisher
Burger wird sich auch das Selbstverstandms global hand- fehlenden weltburgerhchen Solidarität möglich sein, die al-
lungsfähiger Aktoren dahingehend andern können, daß sie lerding eine schwächere Bindungsqualitat haben wurde als
sich zunehmend im Rahmen einer internationalen Gemein- die innerhalb von Nationalstaaten gewachsene staatsbür-
schaft als Mitglieder verstehen, die alternativenlos zur Ko- gerliche Solidarität Die Weltbevolkerung ist objektiv
operation und damit zur gegenseitigen Interessenberuck- langst zu einer unfreiwilligen Risikogemeinschaft zusam-
sichtigung genötigt sind Ein solcher Perspektivenwechsel mengeschlossen worden Nicht ganz unplausibel ist des-
von »internationalen Beziehungen« zu einer Weltinnen- halb die Erwartung, daß sich unter diesem Druck jener
pohtik ist von den regierenden Eliten nicht zu erwarten, große, historisch folgenreiche Abstraktionsschub vom lo
bevor nicht die Bevölkerungen selbst aus wohlverstande- kalen und dynastischen zum nationalen und demokrati-
nem Eigeninteresse einen solchen Bewußtseinswandel prä- schen Bewußtsein fortsetzt

miieren Die Institutionahsierung von Verfahren zur weltweiten


Ein ermutigendes Beispiel ist das pazifistische Bewußt- Interessenabstimmung, Interessenverallgemeinerung und
zur einfallsreichen Konstruktion gemeinsamer Interessen
12 U Beck, Gegengifte Die organisierte Unvtrantworthcbkeit, Frank wird sich nicht in der organisatorischen Gestalt eines (auch
furt/M 1988
13 / u m Modell einer Weltinnenpolmk ohne Weitregierung vgl S 155
gar nicht wünschenswerten) Weltstaates vollziehen kön-
168 nen, sie wird der Eigenständigkeit, Eigenwilhgkeit und

89
Eigenart ehemals souveräner Staaten Rechnung tragen Die postnationale Konstellation
müssen Aber wie sieht der Weg aus, der dorthin fuhrt' und die Zukunft der Demokratie
Mit dem Hobbesschen Problem, wie soziale Verhaltens-
erwartungen stabilisiert werden können, ist die Koopera-
tionsfahigkeit rationaler Egoisten auch auf globaler Ebene »All polmcians move to the centre to com-
überfordert Institutionelle Innovationen kommen in Ge- pete on the basis of pcrsonahty and of who
sellschaften, deren politische Eliten überhaupt zu einer sol- IS best able to manage the adjustment in
chen Initiative fähig sind, nicht zustande, wenn sie nicht economy and Society necessary to sustain
compentiveness in the global market
Resonanz und Abstutzung in den vorgangig reformierten
The concept of a possible alternative eco
Wertorientierungen ihrer Bevölkerungen finden Deshalb nomy and society is excluded «
sind die ersten Adressaten eines solchen »Projekts« nicht
Regierungen, sondern soziale Bewegungen und Nicht-Re- Robert Cox, 1997
gierungsorgamsationen, also die aktiven Mitglieder einer
nationale Grenzen überschreitenden Zivilgesellschaft Je- Im Jahre 1929 erscheint eine bemerkenswerte Schrift zur
denfalls verweist die Idee, daß den globalisierten Markten Kritik der Soziologie Dann entwickelt Siegfried Landshut
politische Regelungskompetenzen nachwachsen müssen, die These, daß die Soziologie ihren Gegenstand, die Gesell-
auf komplexe Zusammenhange zwischen der Kooperati- schaft, durch eine bestimmte Perspektive erst erzeugt Die
onsfahigkeit von politischen Regimen und einer neuen In- philosophische Fragestellung des Vernunftrechts, wie sich
tegrationsform weltburgerhcher Solidarität eine Assoziation freier und gleicher Burger mit Mitteln des
positiven Rechts herstellen laßt, entwirft den emanzipato-
nschen Erwartungshonzont, der den Blick auf die Wider-
stände einer, wie es scheint, unvernunftigen Realität lenkt
Das wird auch der Blick der Soziologie sein In Hegels
Rechtsphilosophie hegt dieser Zusammenhang noch auf der
Hand Hegel gibt ja einem klassischen Begriff einen ganz
anderen, einen modernen Sinn, wenn er die >burgerhche
Gesellschaft als die »in ihre Extreme verlorene Sittlich-
keit« beschreibt Landshut verfolgt die Entwicklung von
hier über Marx und Lorenz von Stein bis zu Max Weber,
um zu zeigen, daß eine Soziologie, die Hegels Glauben an
die Vernunftigkeit des Wirklichen immer mehr verliert, die
Spuren ihrer Konstitutionsgeschichte immer weiter ver-
wischt und schließlich den normativen Vorgriff verheim-
licht, ohne den die vom »Staat« unterschiedene »Gesell-

91
schaft« gar nicht als die Gesamtheit der Determinanten von empfinden wir auch das Wohlstandsgefalle, das sich zwi-
Ungleichheit und Unterdrückung erscheinen konnte Aber schen dem wohlhabenden Norden und den von Chaos und
nach wie vor verarbeitet die Soziologie die Enttäuschung Selbstdestruktion heimgesuchten Armutsregionen des Sü-
über die »Ohnmacht« des vernunftrechthchen Sollens dens immer noch vertieft, oder die kulturellen Konflikte,
»Die >Gesellschaft< ist nur der Titel, unter dem sich die die sich zwischen einem weithin säkularisierten Westen
Spannungen, Widerspruche und Fraglichkeiten zusam- und der fundamentalistisch bewegten islamischen Welt auf
menfassen, die mit der Wirksamkeit der Ideen von Freiheit der einen, den soziozentnschen Traditionen des Fernen
und Gleichheit sich ergeben «' Ostens auf der anderen Seite abzeichnen - ganz zu schwei-
Margaret Thatcher muß diesen Zusammenhang intuitiv gen von den Alarmsignalen der unbarmherzig tickenden
verstanden haben, als sie den Slogan erfand, daß es so etwas ökologischen Uhren, von der Libamsierung der in Burger-
wie Gesellschaft »gar nicht gibt« Sie ist unter den Politi- kriegen und ethnonationalen Konflikten zerfallenden Re-
kern die eigentlich »postmoderne« Erscheinung Auch in gionen usw 2
der politischen Öffentlichkeit entfalten die Konflikte, die Die Liste der Probleme, die sich heute jedem Zeitungs-
sich heute auf nationaler, europaischer und internationaler leser aufdrangen, kann sich freilich nur in eine politische
Ebene abzeichnen, ihre beunruhigende Kraft allein vor Agenda verwandeln, wenn ein Adressat da ist, der sich -
dem Hintergund eines normativen Selbstverstandmsses, und dem man - eine gezielte Transformation der Gesell-
wonach soziale Ungleichheit und politische Unterdruk- schaft noch zutraut Die Diagnose gesellschaftlicher Kon
kung nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlich produ- flikte verwandelt sich in eine Liste ebensovieler politischer
ziert - und deshalb grundsätzlich veränderbar sind Aber Herausforderungen erst dadurch, daß sich die egalitären
seit 1989 scheinen sich immer mehr Politiker zu sagen Intuitionen des Vernunftrechts mit einer weiteren Prämisse
Wenn wir die Konflikte schon nicht losen können, müssen verbinden - mit der Annahme, daß die vereinigten Burger
wir wenigstens den kritischen Blick entscharfen, der aus eines demokratischen Gemeinwesens ihre gesellschaftliche
Konflikten Herausforderungen macht Umgebung gestalten und die zur Intervention erforder-
Als politische Herausforderung empfinden wir es immer liche Handlungsfähigkeit entwickeln können Der juristi-
noch, daß in der Bundesrepublik neben 2,7 Millionen So- sche Begriff der Selbstgesetzgebung muß eine politische
zialhilfeempfangern weitere Millionen Burger unterhalb Dimension gewinnen und zum Begriff einer demokratisch
der offiziellen Armutsgrenze leben, daß der saisonberei- auf sich selbst einwirkenden Gesellschaft erweitert werden
nigte monatliche Zuwachs der registrierten Arbeitslosig- Dann erst kann aus den existierenden Verfassungen das re-
keit vom noch schnelleren Anstieg der Aktienkurse und formistische Projekt der Verwirklichung einer »gerechten«
Unternehmensgewinne begleitet wird, daß im vergangenen oder »wohlgeordneten« Gesellschaft herausgelesen wer-
Jahr die Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund um ein den 3 Im Europa der Nachkriegszeit haben sich Politiker
Drittel zugenommen haben usw Als Herausforderung
2 U Menzel Globalisierung vs Fragmentierung, Frankfurt/M 1998
1 S Landshut, Kritik der Soziologie, Neuwied 1969, 85 3 J Rawls, tine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M 1979

91 93
jeder Couleur beim Aufbau des Sozialstaates von dieser husche Herausforderung wahr, weil wir sie noch aus der
dynamischen Lesart des demokratischen Prozesses leiten gewohnten nationalstaathchen Perspektive beschreiben
lassen Und vom Erfolg dieses, wenn man will, sozialde- Sobald dieser Umstand zu Bewußtsein kommt, wird das
mokratischen Projektes hat umgekehrt auch die Konzep demokratische Selbstvertrauen erschüttert, das notig ist,
tion einer Gesellschaft gezehrt, die politisch, mit dem Wil- um Konflikte als Herausforderungen, d h als Probleme
len und Bewußtsein ihrer demokratisch vereinigten Burger, wahrzunehmen, die auf eine politische Bearbeitung war-
auf sich selbst einwirkt ten »For lf State sovereignty IS no longer conceived as m-
Die wohlfahrtsstaathche Massendemokratie westlichen divisible but shared with international agencies, lf States no
Zuschnitts steht allerdings am Ende einer zweihundert] ah- longer have control over their own terntones, and lf terri-
ngen Entwicklung, die mit dem aus der Revolution hervor- torial and pohtical boundanes are increasingly permeable,
gegangenen Nationalstaat begonnen hat An die Konstella- the core pnnciples of liberal demoeraey - that is self-gover-
tion dieses Anfangs sollten wir uns erinnern, wenn wir nance, the demos, consent, representation, and populär
verstehen wollen, warum der Sozialstaat heute in Bedräng sovereignty - are made distinctly problematic «5 Weil die
ms gerat Der kontrafaktische Gehalt der von Rousseau Idee, daß eine Gesellschaft demokratisch auf sich einwir-
und Kant auf den Begriff gebrachten republikanischen Au- ken kann, bisher nur im nationalen Rahmen glaubwürdig
tonomie hat sich gegen das vielstimmige Dementi einer implementiert worden ist, ruft die postnationale Konstella-
ganz anders lautenden Realität nur behaupten können, weil tion jenen gebremsten Alarmismus aufgeklarter Ratlosig-
er in nationalstaatlich konstituierten Gesellschaften seinen keit hervor, den wir in unseren politischen Arenen beob-
»Sitz« gefunden hat Der Terntonalstaat, die Nation und achten Die lahmende Aussicht, daß sich die nationale
eine in nationalen Grenzen konstituierte Volkswirtschaft Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente
haben damals eine historische Konstellation gebildet, in der Management einer erzwungenen Anpassung an Imperative
der demokratische Prozeß eine mehr oder weniger über- der »Standortsicherung« reduziert, entzieht den politi-
zeugende institutionelle Gestalt annehmen konnte 4 Auch schen Auseinandersetzungen den letzten Rest an Substanz
die Idee, daß eine demokratisch verfasste Gesellschaft mit In der beklagten »Amenkamsierung« von Wahlkampfen
einem ihrer Teile reflexiv auf sich als ganze einwirken kann, spiegelt sich eine dilemmatische Situation, die keine aus-
ist bisher nur im Rahmen des Nationalstaats zum Zuge ge- greifende Perspektive mehr zu erlauben scheint
kommen Diese Konstellation wird heute durch Entwick- Eine Alternative zur aufgesetzten Fröhlichkeit einer
lungen in Frage gestellt, die inzwischen unter dem Namen neoliberalen Politik, die sich selbst »abwickelt«, konnte je-
»Globalisierung« breite Aufmerksamkeit finden doch dann bestehen, für den demokratischen Prozeß ge
Die Situation ist paradox Die Tendenzen, die eine post- eignete Formen auch jenseits des Nationalstaates zu finden
nationale Konstellation anbahnen, nehmen wir nur als po- Unsere nationalstaathch verfassten, aber von Denationah-
4 U Beck, Wie z^ird Demokratie im 7eitalter der Globalisierung mog
lich?,m ders (Hg), Politik der Globalisierung Frankfurt/M 1998 Fin 5 A McGrew, Globalization and Territorial Demoeraey, in ders (Hg )
lutung, 7 66 Ich danke Ulrich Beck für weitere 1 iteraturhinweise The Transformation of Demoeraey?, Cambridge 1997, 12

94 95
sierungsschüben überrollten Gesellschaften »öffnen« sich nalen Konzernen (Japan) verraten, so bilden die Mitglieder
heute gegenüber einer ökonomisch angebahnten Weltge- der »United Nations Organization« gleichwohl eine Ver-
sellschaft. Mich interessiert die Frage, ob eine erneute poli- einigung von Nationalstaaten. Jener Staatentyp, der aus der
tische »Schließung« dieser globalen Gesellschaft wünsch- Französischen und der Amerikanischen Revolution her-
bar und wie sie gegebenenfalls möglich ist. Worin könnte vorgegangen ist, hat sich weltweit durchgesetzt. Nicht alle
eine politische Antwort auf die Herausforderungen der Nationalstaaten waren oder sind demokratisch, also nach
postnationalen Konstellation bestehen? Grundsätzen einer Assoziation freier und gleicher Bürger
Ich will zunächst an die klassischen Merkmale und Be- verfasst, die sich selbst regieren. Aber wo immer Demokra-
standsvoraussetzungen des Nationalstaates erinnen und er- tien westlichen Zuschnitts entstanden sind, haben sie die
läutern, welche Vorgänge wir mit dem Ausdruck »Globali- Gestalt von Nationalstaaten angenommen. Der National-
sierung« verbinden (I). Vor diesem Hintergrund zeigt sich, staat erfüllt offensichtlich wichtige Erfolgsvoraussetzun-
wie die Veränderung der Konstellation, die sich heute vor gen für die demokratische Selbststeuerung der Gesellschaft,
unseren Augen vollzieht, die Funktions- und Legitimitäts- die sich in seinen Grenzen konstituiert. Die nationalstaat-
bedingungen nationalstaatlicher Demokratien berührt (II). liche Einrichtung des demokratischen Prozesses läßt sich
Pauschale Reaktionen auf die wahrgenommene Einschrän- schematisch unter vier Gesichtspunkten analysieren. Der
kung des Handlungsspielraums nationaler Regierungen moderne Staat ist nämlich (a) als Verwaltungs- und Steuer-
greifen allerdings zu kurz. Bei der Frage, ob die Politik den staat und (b) als ein mit Souveränität ausgestatteter Territo-
davongelaufenen Märkten »nachwachsen« kann und soll, rialstaat entstanden, der sich (c) im Rahmen eines National-
müssen wir die Balance zwischen Öffnung und Schließung staats (d) zum demokratischen Rechts- und Sozialstaat
sozial integrierter Lebensformen im Auge behalten (III). entwickeln konnte.6
Die Alternative zu einer perspektivelosen Anpassung an (a) Bevor eine Gesellschaft politisch auf sich selbst ein-
Imperative der »Standortkonkurrenz« möchte ich in zwei wirken kann, muß sich ein Teilsystem ausdifferenzieren,
Schritten entwickeln: zunächst im Hinblick auf die Zukunft das auf kollektiv bindende Entscheidungen spezialisiert ist.
der Europäischen Union (IV) und dann im Hinblick auf Der in Formen des positiven Rechts konstituierte Verwal-
Möglichkeiten einer transnationalen Weltinnenpolitik, die tungsstaat läßt sich als Ergebnis einer solchen funktionalen
in den Modus der Standortkonkurrenz selbst eingreift (V). Spezifizierung verstehen. Die Trennung des Staats von der
Gesellschaft bedeutet zugleich die Ausdifferenzierung
einer Marktwirtschaft, die über subjektive Privatrechte in-
stitutionalisiert wird. Im individualistischen Zuschnitt des
Rechtssystems spiegelt sich ein funktionaler Imperativ
Auch wenn einige Staaten heute noch an Alte Reiche selbstregulierter Märkte, die auf die dezentralisierten Ent-
(China), an Stadtstaaten (Singapur), an Theokratien (Iran)
oder Stammesorganisationen (Kenya) erinnern, oder wenn 6 Zum folgenden J. Habermas, Der europaische Nationalstaat, in: ders.,
sie Zuge von Familienclans (El Salvador) oder multinatio- Die Einbeziehung des Anderen, Frankfurt/M. 1996, 128 ff.

96 97
Scheidungen der Teilnehmer angewiesen sind. Das Recht Staatsgebiet definiert werden. In den Grenzen des Territo-
ist nicht nur Organisationsmittel der Verwaltung. Es rialstaats konstituiert sich einerseits das Staatsvolk als po-
schirmt die privatisierte Gesellschaft gegen den Staat ab, in- tentielles Subjekt einer Selbstgesetzgebung demokratisch
dem es die Interaktionen zwischen beiden in gesetzliche vereinigter Bürger, andererseits die Gesellschaft als das po-
Bahnen lenkt. Insoweit ist bereits der moderne Staat als tentielle Objekt ihrer Einwirkung.
solcher auf den Rechtsstaat hin angelegt. Die Trennung von Aus dem Territorialprinzip ergibt sich im übrigen die
politischen und wirtschaftlichen Funktionsbereichen hat Trennung der internationalen Beziehungen vom nationalen
zwei wichtige Konsequenzen. Einerseits bleiben dem Staat Hoheitsbereich; dementsprechend stehen Außen- und In-
die wichtigsten öffentlich-administrativen Regelungskom- nenpolitik unter verschiedenen Prämissen. Nach außen,
petenzen auf der Grundlage eines Monopols an Mitteln gegenüber den übrigen Subjekten des Völkerrechts, be-
legitimer GeieWtanwendung vorbehalten. Andererseits ist gründet sich die Souveränität des Staates aus dem Recht auf
eine funktional spezifizierte öffentliche Gewalt als Steuer- die gegenseitige Anerkennung der Integrität staatlicher
staat von Ressourcen des in die Privatsphäre entlassenen Grenzen. Dieses Interventionsverbot schließt das jus ad
Wirtschaftsverkehrs abhängig. bellum, also das »Recht«, jederzeit Krieg zu führen, nicht
(b) Jede »Selbsteinwirkung« der Gesellschaft setzt ein aus. Der Status der Souveränität wird durch die faktisch
wohlbestimmtes »Selbst« - als Bezugsgröße der Einwir- unter Beweis gestellte Autonomie der Staatsgewalt gedeckt.
kung - voraus. Der Begriff der Gesellschaft als eines Netz- Sie bemißt sich an der Fähigkeit der Staatsgewalt, die Gren-
werkes von Interaktionen, die sich in den sozialen Raum zen gegen äußere Feinde zu schützen und im Inneren »Ge-
und in die historische Zeit hinein erstrecken, ist zu unspe- setz und Ordnung« aufrechtzuerhalten.
zifisch. Nun ruft die Vorstellung einer »demokratischen« (c) Eine demokratische Selbstbestimmung kann erst zu-
Selbsteinwirkung die vernunftrechtliche Idee einer be- stande kommen, wenn sich das Staatsvolk in eine Nation
grenzten Menge von Personen in Erinnerung, die sich mit von Staatsbürgern verwandelt, die ihre politischen Ge-
dem Vorsatz vereinigen, einander genau diejenigen Rechte schicke selbst in die Hand nehmen. Die politische Mobili-
einzuräumen, die nötig sind, damit sie ihr Zusammenleben sierung der »Untertanen« erfordert jedoch eine kulturelle
mit Mitteln des positiven Rechts legitim regeln können.7 Integration der zunächst zusammengewürfelten Bevölke-
Mit Rücksicht auf die Bedingungen der Durchsetzung des rung. Dieses Desiderat erfüllt die Idee der Nation, mit de-
positiven, also zwingenden Rechts muß aber die soziale ren Hilfe die Staatsangehörigen - über die angestammten
Abgrenzung der politischen Gemeinschaft mit der territo- Loyalitäten gegenüber Dorf und Familie, Landschaft und
rialen Begrenzung eines staatlich kontrollierten Gebietes Dynastie hinaus - eine neue Form kollektiver Identität aus-
kombiniert werden. Weil das staatliche Territorium den bilden. Der kulturelle Symbolismus eines »Volkes«, das
Geltungsbereich einer staatlich sanktionierten Rechtsord- sich in der präsumptiv gemeinsamen Abstammung, Spra-
nung umschreibt, muß die Staatsangehörigkeit über das che und Geschichte seines eigentümlichen Charakters,
eben seines »Volksgeistes« vergewißert, erzeugt eine wie
7 J. Habermas, Faktizitat und Geltung, Frankfurt/M. 1992, r 51 ff. immer auch imaginäre Einheit und bringt dadurch den Be-

99
wohnern desselben staatlichen Territoriums eine bis dahin folgt, kann sie diesen anspruchsvollen Prämissen nicht
abstrakt gebliebene, nur rechtlich vermittelte Zusammen- ohne weiteres entsprechen Vielmehr muß die Politik dafür
gehörigkeit zu Bewußtsein Erst die symbolische Kon- Sorge tragen, daß die sozialen Entstehungsbedingungen
struktion eines »Volkes« macht aus dem modernen Staat privater und öffentlicher Autonomie hinreichend erfüllt
den Nationalstaat sind Andernfalls ist eine wesentliche Legitimitatsbedin-
Das nationale Bewußtsein versorgt den in Formen des gung der Demokratie gefährdet
modernen Rechts konstituierten Flachenstaat mit dem kul- Es dürfen keine systematischen Benachteiligungen und
turellen Substrat für eine staatsbürgerliche Solidarität Diskriminierungen auftreten, die den Angehörigen von
Damit verwandeln sich die Bindungen, die sich unter An- unterpnvilegierten Gruppen die Chancen vorenthalten,
gehörigen einer konkreten Gemeinschaft, also auf der von den gleich verteilten formalen Rechten auch tatsäch-
Grundlage persönlicher Bekanntschaft, ausgebildet haben, lich Gebrauch zu machen Aus der Dialektik von recht-
in eine neue, abstraktere Form der Solidarität Angehörige licher Gleichheit und faktischer Ungleichheit8 begründet
derselben »Nation« fühlen sich, obwohl sie Fremde für- sich die Aufgabe des Sozialstaats, auf die Sicherung der so-
einander sind und bleiben, soweit füreinander verant- zialen, technologischen und ökologischen Lebensbedin-
wortlich, daß sie zu »Opfern« bereit sind - etwa den Wehr- gungen hinzuwirken, die allen eine chancengleiche Nut-
dienst abzuleisten oder die Last umverteilungswirksamer zung gleichverteilter Burgerrechte erst ermöglichen Der
Steuern zu tragen In der Bundesrepublik Deutschland ist aus den Grundrechten selbst begründete sozialstaatliche
der Landerfinanzausgleich ein Beispiel für das, was eine Interventionismus erweitert die demokratische Selbstge-
zugleich egalitäre und universalistische Rechtsordnung der setzgebung der Burger eines Nationalstaates zur demokra-
Bereitschaft ihrer Burger, füreinander einzustehen, zu- tischen Selbststeuerung einer nationalstaatlich definierten
mutet Gesellschaft
(d) Die Assoziation freier und gleicher Rechtspersonen Im Europa der Nachkriegszeit ist der demokratische
vollendet sich erst mit dem demokratischen Modus der Prozeß unter den in (a) bis (d) beschriebenen Aspekten
Herrschaftslegitimation Mit dem Wechsel von der Für- mehr oder weniger überzeugend institutionalisiert wor-
sten- zur Volkssouveramtat verwandeln sich, idealtypisch den Seit dem Ende der siebziger Jahre gerat diese Form
betrachtet, die Rechte der Untertanen in Rechte der Men- der nationalstaatlichen Institutionalisierung jedoch zuneh-
schen und Staatsburger, d h in liberale und politische Bur- mend unter den Druck der Globalisierung Ich verwende
gerrechte Diese gewährleisten neben der privaten nun den Begriff »Globalisierung« für die Beschreibung eines
auch die gleiche politische Autonomie Der demokratische Prozesses, nicht eines Endzustandes Er kennzeichnet den
Verfassungsstaat ist seiner Idee nach eine vom Volk selbst zunehmenden Umfang und die Intensivierung von Ver-
gewollte und durch dessen freie Meinungs- und Willensbil kehrs-, Kommunikations- und Austauschbeziehungen
düng legitimierte Ordnung, die den Adressaten des Rechts über nationale Grenzen hinweg Wie im 19 Jahrhundert
erlaubt, sich zugleich als dessen Autoren zu verstehen Weil
aber eine kapitalistische Wirtschaft ihrer eigenen Logik 8 R Alexy, Theorie der Grundrechte, Frankfurt/M 1986, 378ff
die Eisenbahn, die Dampfschiffahrt und der Telegraph den dehnung und Intensivierung des zwischenstaatlichen Han-
Verkehr von Gutern und Personen sowie den Austausch dels mit Industriegutern lassen sich nicht nur für die letzten
von Informationen verdichtet und beschleunigt haben, so Jahrzehnte, sondern auch im Vergleich zur Freihandelspe-
erzeugen heute die Satelhtentechnik, die Luftschiffahrt riode vor 1914 nachweisen Einig ist man sich ferner über
und die digitalisierte Kommunikation wiederum erwei- die rapide steigende Anzahl und den wachsenden Einfluß
terte und verdichtete Netzwerke »Netzwerk« ist zu ei- transnationaler Unternehmen mit weltweiten Produkti-
nem Schlüsselwort geworden, gleichviel, ob es sich um onsketten sowie über die Zunahme der Direktinvestitionen
Transportwege für Guter und Personen, um die Strome im Ausland Kein Zweifel besteht schließlich an der bei-
von Waren, Kapital und Geld, um die elektronische Über- spiellosen Beschleunigung der Kapitalbewegungen auf den
tragung und Verarbeitung von Informationen oder um elektronisch vernetzten Finanzmarkten und an der Ten-
Kreislaufe zwischen Mensch, Technik und Natur handelt denz zur Verselbstandigung von Finanzkreislaufen, die eine
Zeit-reihen belegen Globahsierungstendenzen in vielen von der Realwirtschaft entkoppelte Eigendynamik entfal-
Dimensionen Der Terminus findet gleichermaßen An- ten Diese Entwicklungen fuhren kumulativ zu einer erheb-
wendung auf die interkontinentale Ausbreitung von Tele- lichen Verschärfung des internationalen Wettbewerbs
kommunikation, Massentourismus oder Massenkultur wie Weitsichtige Ökonomen haben schon vor zwei Jahrzehnten
auf die grenzüberschreitenden Risiken von Großtechnik zwischen den bekannten Formen der »internationalen«
und Waffenhandel, auf die weltweiten Nebenwirkungen Ökonomie und der neuen Formation einer »globalen Öko-
der überlasteten Ökosysteme oder die übernationale Zu- nomie« unterschieden »The international economy had
sammenarbeit von Regierungs- oder Nicht-Regierungsor- been the object of the regulatory Systems built up natio-
gamsationen 9 nally and internationally in the post war years The global
Die wichtigste Dimension bildet eine wirtschaftliche economy was a very largely unregulated (and many would
Globalisierung, deren neue Qualität heute kaum noch in argue unregulateble) domain The global economy was the
Zweifel gezogen wird »Die globalen wirtschaftlichen matnx of >globahzation< as a late twentieth Century pheno-
Transaktionen bewegen sich, gemessen an den national aus- menon «''
gerichteten Aktivitäten, auf einem in keiner vorausgegan- Für sich genommen, besagen diese Trends noch nichts
genen Epoche erreichten Niveau und beeinflussen mittel- über eine Beeinträchtigung der Funktions- und Legitimi-
bar und unmittelbar die Volkswirtschaften in bisher un- tatsbedingungen des demokratischen Prozesses als solchen
bekanntem Ausmaß «10 Ich erinnere an vier Fakten Aus- Aber eine Gefahr bedeuten sie für die nationalstaatliche
Form seiner Institutionahsierung Gegenüber der territo-
9 U Beck, Was ist Globalisierung? Frankfurt/M 1997
10 J Perraton, D Goldblatt, D Held A McGrew, Die Globalisierung der
rialen Verankerung des Nationalstaats beschwort der Aus-
Wirtschaften Ulrich Beck (Hg ) (s Fn4), 134 168, hier 167, vgl auch druck »Globalisierung« das Bild von anschwellenden Flüs-
D He\d, Democracy and Globahzation,\x\ Global Governance 3, 1997, sen, die die Grenzkontrollen unterspulen und das nationale
251 267 Einschränkend W Streeck, Industrielle Beziehungen in einer
internationalisierten Wirtschaft, in Beck (Hg) (s Fn4), 169 202, hier
176t 11 R Cox, Democracy in Hard Times, in McGrew (Hg ) (s Fn 5), 55

103
Gebäude zum Einsturz bringen können n Die neue Rele- dings zentralen - Veränderungen des internationalen Wirt-
vanz von Fließgroßen signalisiert die Verschiebung der schaftssystems zu beschranken, Globahsierungsvorgange
Kontrollen aus der Raum- in die Zeitdimension Die Verla- auf ganzer Breite im Auge behalten
gerung der Gewichte vom »Beherrscher des Territoriums«
zum »Meister der Geschwindigkeit« scheint den National-
staat zu entmachten 13 Allerdings sind Staatsgrenzen - II
trotz der neurotischen Bewachung durch die nationalen
Streitkräfte - nicht mit Befestigungen zu vergleichen Wie Wie berührt die Globalisierung (a) Rechtssicherheit und
man sich am Beispiel der traditionellen Außenhandelspoli- Effektivität des Verwaltungsstaats, (b) die Souveränität des
tik leicht klar machen kann, funktionieren solche Grenzen Terntonalstaats, (c) die kollektive Identität und (d) die de-
eher als Schleusen, die »von innen« bedient werden, um die mokratische Legitimität des Nationalstaats'15
Strömung so zu regulieren, daß nur die erwünschten Zu- ad a) Zunächst geht es um die Effektivität der öffentli-
oder Abflüsse passieren können Wir müssen im einzelnen chen Verwaltung als des Mediums, über das demokratische
prüfen, ob und gegebenenfalls welche Globalisierungsvor- Gesellschaften auf sich einwirken können Das Verhältnis
gange die Fähigkeit des Nationalstaates schwachen, seine von privatem und öffentlichem Sektor gestaltet sich je nach
Systemgrenzen aufrechtzuerhalten und Austauschprozesse dem Anteil am Bruttosozialprodukt, der für den Staats-
mit der Umwelt autonom zu regulieren konsum zur Verfugung steht, sehr verschieden, z B in den
In welchen Hinsichten wurde das die Fähigkeit einer na- USA und Schweden Aber unabhängig von der Staatsquote
tionalen Gesellschaft zur demokratischen Selbststeuerung bleiben Staat und Gesellschaft nach wie vor funktional
beeinträchtigen5 Gibt es für Defizite, die auf nationaler voneinander getrennt Anders als bei den Regulationsfunk-
Ebene eintreten, gegebenenfalls auf supranationalen Ebe- tionen, die der Staat z B für Zwecke der makrookonomi-
nen funktionale Äquivalente' Die Befürchtung, die sich in schen Steuerung und der Redistnbution übernommen hat,
solchen Fragen ausdruckt, liegt auf der Hand »Is economic ist bei den klassischen Ordnungs- und Orgamsationslei-
globalization an uncrontrollable, inflexible force to which stungen, vor allem bei der staatlichen Garantie der Eigen-
liberal democracy is inevitably subordinate'«14 Die Ant- tumsrechte und der Wettbewerbsbedingungen, von einer
worten werden differenziert ausfallen, wenn wir die unter nachlassenden Kraft des Nationalstaates nichts zu spuren
(a) bis (d) bezeichneten Funktions- und Legmmitatsbedin- Durch die Störung ökologischer Kreislaufe und die Stör-
gungen einer sozialstaatlichen Massendemokratie der anfälligkeit großtechnischer Anlagen sind allerdings neue
Reihe nach durchgehen und dabei, ohne uns auf die - aller Risiken grenzüberschreitender Art entstanden »Tscherno-
byl«, »Ozonloch« oder »saurer Regen« signalisieren Un-
12 In diesem Sinne assoziieren John Agnew und Stuart Corbndge mit die
sen Entwicklungen »the trend from boundanes to flows« dies , Mas fälle und ökologische Veränderungen, die sich aufgrund
tenng Space, London 1995, 216 Das andere Bild »Vom Schlagbaum
zum Bildschirm« spielt auf die Visualisierung von Grenzen an
13 Menzel (s Fn2), 15 15 V^l /um folgenden M / u m Rigicnn jensuts des Nationalstaates,
14 Cox (s Fn 11), 51 1 rmkfurt/M 199S

104 105
ihrer Intensität und Reichweite im nationalen Rahmen zen erwerben soll,17 als vielmehr dem fiskalischen Druck,
nicht mehr beherrschen lassen und die insofern die Ord- den die wirtschaftliche Globalisierung auf die besteue-
nungskapazitat einzelner Staaten überfordern.16 Auch in rungsfahigen Ressourcen des Staates ausübt
anderer Hinsicht werden die Staatsgrenzen porös Das gilt ad b) Bei der »Entmachtigung« des Nationalstaates
für die organisierte Kriminalität, vor allem für den Drogen- denken wir in erster Linie an die langst festgestellten Ver-
und Waffenhandel Obwohl das Thema der inneren Sicher- änderungen des modernen, aus dem Westfälischen Frieden
heit oft aus wahlpohtischen Gründen dramatisiert wird, hervorgegangenen Staatensystems. Die Zuge dieses Sy-
zeigt sich die Bevölkerung für populistische Inszenierun- stems spiegeln sich in den Bestimmungen des klassischen
gen dieser Art immerhin empfänglich. Aber die politische Volkerrechts ebenso wider wie in den Beschreibungen des
Kontrollfahigkeit, die der Nationalstaat in diesen Hinsich- pohtikwissenschafthchen Realismus.18 Nach diesem Mo-
ten einbüßt, kann, wie sich inzwischen zeigt, auf inter- dell besteht die Staatenwelt aus unabhängigen national-
nationaler Ebene kompensiert werden. Globale Umwelt- staatlichen Aktoren, die in einer anarchischen Umgebung
regime arbeiten vielleicht nicht mit der erwünschten nach Präferenzen eigener Machterhaltung oder Macht-
Effektivität, sind jedoch keineswegs wirkungslos. erweiterung mehr oder weniger rationale Entscheidungen
Anders verhalt es sich mit der Fähigkeit des Steuerstaa- treffen. An diesem Bild ändert sich auch nicht viel, wenn
tes, die nationalen Ressourcen auszuschöpfen, aus denen die Staaten eher die ökonomische Rolle von Nutzenmaxi-
sich die Verwaltung ahmentieren muß. Die beschleunigte mierern als die politische Rolle von Machtakkumuherern
Kapitalmobihtat erschwert den staatlichen Zugriff auf Ge- spielen. Dann passen zwar die kooperativen Strategien bes-
winne und Geldvermogen, und die verschärfte Standort- ser ins Bild19, aber die Annahme der strategischen Interak-
konkurrenz fuhrt zur Schrumpfung der nationalen Steuer- tion unabhängig operierender Machte bleibt davon unbe-
einnahmen. Die bloße Drohung mit Kapitalabwanderung rührt. Dieses konventionelle Bild ist der heutigen Situation
setzt eine Kostensenkungsspirale in Gang (und schreckt weniger angemessen denn je 20 Obwohl Souveränität und
überdies die Steuerfahndung ab, geltendes Recht durchzu- Gewaltmonopol der Staatsgewalt formal intakt geblieben
setzen). Die Steuern auf Spitzeneinkommen, Kapital und sind, stellen die wachsenden Interdependenzen der Weltge-
Gewerbe sind in den OECD-Gesellschaften soweit gesun-
ken, daß sich der aus Gewinnsteuern erzielte Anteil am ge- 17 Zukunftskommission der Fnednch-Ebert-Stiftung (Hg ), Wirtschafth
samten Steueraufkommen seit Ende der achtziger Jahre ehe Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt und ökologische Nach-
haltigkeit, Bonn 1998, 204 222
drastisch verringert hat, und zwar zuungunsten des Anteils 18 Vgl die maßgebenden Werke von H J Morgenthau, Politics among
aus Verbrauchssteuern und aus den Einkommensteuern Natwns, New York 1949, und K i. Waltz, Man, the State and War,
der Normalverdiener Die Parole vom »schlanken Staat« New York 1959
19 R O Keohane, After Hegemony Cooperation and Discord in the
verdankt sich weniger der berechtigten Kritik an einer un- World Political Economy, Pnnceton 1984
beweglichen Verwaltung, die neue Managementkompeten- 20 E O Czempiel, Weitpolitik im Umbruch, München 1993, S Laubach-
Hintermeier, Kritik des Realismus, in C Chwaszcza, W Kersting
(Hg ), Politische Philosophie der internationalen Beziehungen, Frank
16 U Beck, Risikogtsellschaft, Frankfurt/M 1986 furt/M 1998,73 9S

106 107
Seilschaft die Prämisse in Frage, daß die nationale Politik wirtschaftlichem Gebiet für den Internationalen Wah-
überhaupt noch territorial, in den Grenzen des Staatsge- rungsfond und die Weltbank (1944) oder für die aus dem
biets, mit dem tatsächlichen Schicksal der nationalen Ge- GATT-Abkommen (1948) hervorgegangene Welthandels
sellschaft zur Deckung gebracht werden kann Organisation wie auf anderen Gebieten für die Weltgesund-
Dafür genügt das Standardbeispiel des Atomreaktors, heitsorganisation (1946), die Internationale Atombehorde
den eine benachbarte Regierung in der Nahe der eigenen (1957) oder die »Special agencies« der UNO, beispielsweise
Grenze nach anderen als den national verbindlichen Pla- für die weltweite Koordination der Zivilluftfahrt Die Pra-
nungsverfahren und Sicherheitsstandards bauen laßt In ei- xis einer verschachtelten Mehrebenenpolitik, die sich neben
ner ökologisch, wirtschaftlich und kulturell immer dichter oder unterhalb der UNO einspielt, kann die durch Auto-
verflochtenen Welt decken sich Staaten, die legitime Ent- nomieverluste des Nationalstaates entstandenen Effizienz-
scheidungen treffen, in ihrem sozialen und territorialen lucken wenigstens in einigen Hinsichten schließen — wenn
Umfang immer seltener mit den Personen und den Gebie- auch nicht, wie noch zu zeigen ist, in den wirklich relevan-
ten, die von den Folgen dieser Entscheidungen potentiell ten Hinsichten einer positiv koordinierenden Wirtschafts-
betroffen sind Weil der Nationalstaat seine Entscheidun- und Sozialpolitik Aber internationale Arrangements wie
gen auf territorialer Grundlage organisieren muß, besteht in die lockeren G-7-Treffen oder zusammenwachsende Re-
der interdependenten Weltgesellschaft immer seltener eine gime wie NAFTA und ASEAN oder gar politische Gebilde
Kongruenz zwischen Beteiligten und Betroffenen 21 Die wie die Europaische Union können erklaren, warum sich
Theonebildung darf nicht in die »territoriale Falle« tapsen die für den Nationalstaat konstitutive Grenze zwischen In-
»The territorial State has been >pnor< to and a >container< of nen- und Außenpolitik verwischt, warum sich die klassi-
society only under specific conditions «22 Jenseits der Na- sche Diplomatie beispielsweise mit der Kultur- und Außen-
tionalstaaten bilden sich durch militärische Blockbildung wirtschaftspolitik vernetzt Offensichtlich wird die klas-
oder durch ökonomische Vernetzung - durch die NATO, sische Machtpolitik nicht nur normativ in das Regelwerk
die OECD oder die sogenannte Triade - andere Grenzen, der UNO eingebunden, sondern noch wirksamer durch
die für nationale Belange eine fast ebenso große Bedeutung den Einsatz von »soft power« zurückgedrängt
gewinnen wie die Grenzen des eigenen Territoriums Kompetenzverschiebungen von der nationalen zur über-
Auf regionaler, internationaler und globaler Ebene sind nationalen Ebene reissen freilich Legitimitatslucken auf
»Regime« entstanden, die ein »Regieren jenseits des Natio- Neben einer Vielzahl von internationalen Regierungsorga-
nalstaates« (Michael Zürn) ermöglichen und den Verlust an nisationen und standigen Regierungskonferenzen haben
nationaler Handlungsfähigkeit in einigen Funktionsberei- auch Nicht Regierungsorganisationen wie der Worldwide
chen wenigstens teilweise kompensieren 23 Das gilt auf Fund for Nature, Greenpeace oder Amnesty International
an Einfluß gewonnen, sie sind vielfach in das Netz infor-
21 D Held, Democracy the Nation State and the Global System, in Held meller Regelungsinstanzen einbezogen Aber die neuen
(Hg ), Pohtical Theory Today, Cambridge 1991, 197 235, hier 2Oiff
Formen der internationalen Zusammenarbeit entbehren ei-
22 Agnew und Corbndge (s F1112), 94
23 Vgl Zürn (s Fn 15) ner Legitimation, die auch nur entfernt den Anforderungen

108 109
der nationalstaathch institutionalisierten Verfahren genü- nach »nationaler Unabhängigkeit« einzig aus der Unter-
gen wurde 24 druckung von Minderheiten, denen die Zentralregierung
ad c) Die Frage des Demokratiedefizits erhebt sich nicht gleiche Rechte, insbesondere kulturelle Gleichberechti-
nur im Hinblick auf intergouvernementale Regelungen, die gung, vorenthalt 25 Ebensowenig denke ich an ethnonatio
auf Vereinbarungen zwischen kollektiven Aktoren beru- nale Konflikte, die - wie im ehemaligen Jugoslawien - unter
hen und die ohnehin nicht die Legitimationskraft einer Bedingungen der chaotischen Auflosung einer alten Herr-
politisch verfassten Burgergesellschaft haben können Dar- schaftsordnung aufbrechen Auch dafür sind lokale Erklä-
über hinaus stellt sich die Frage, ob sich die Globalisierung rungen ausreichend Bei anderen Phänomenen sind jedoch
auch auf das kulturelle Substrat staatsbürgerlicher Solida- globale Ursachen im Spiel
rität auswirkt, das sich im Rahmen von Nationalstaaten In unseren Wohlstandsgesellschaften mehren sich ethno
herausgebildet hat Unter dem Gesichtspunkt der institu- zentrische Reaktionen der einheimischen Bevölkerung ge-
tionellen Ermoglichung von demokratischer Selbstbestim- gen alles Fremde - Haß und Gewalt gegen Auslander, gegen
mung zahlt die politische Integration der Burger einer Andersgläubige und Andersfarbige, aber auch gegen Rand-
großraumigen Gesellschaft zu den unumstrittenen histori- gruppen und Behinderte und, wieder einmal, gegen Juden
schen Leistungen des Nationalstaates Heute verraten je- In diesen Zusammenhang gehören auch Entsohdansierun-
doch Anzeichen der politischen Fragmentierung erste gen, die sich an Fragen der Umverteilung entzünden und
Risse im Gemäuer der »Nation« zur politischen Fragmentierung fuhren können Beispiele
Dabei beziehe ich mich nicht in erster Linie auf Natio- bieten die Lega Nord, die den wirtschaftlich wohlhabenden
nahtatenkonfhkte wie im Baskenland oder in Nordirland Norden Italiens vom Rest des Landes abtrennen will, oder
Es nimmt diesen Konflikten nichts von ihrem Ernst und ih- bei uns die Forderung nach einer Revision des Lander-
rem Gewicht, wenn man sie als Spatfolgen einer gewaltsa- finanzausgleichs sowie der Parteitagsbeschluß der FDP
men Nationalstaatsbildung betrachtet, die zu historischen zum Abbau des sog Solidantatszuschlages
Verwerfungen gefuhrt hat Normativ betrachtet, ist jenes Es empfiehlt sich, zwei Aspekte zu unterscheiden einer-
vermeintliche »Recht« auf nationale Selbstbestimmung, das seits die kognitiven Dissonanzen, die beim Aufeinander
auch die europaische Neuordnung nach dem Ersten Welt prallen verschiedener kultureller Lebensformen zu einer
krieg bestimmt und viel Unheil angerichtet hat, Unfug Verhärtung der nationalen Identität fuhren, andererseits
Gewiß, eine Sezession ist oft aus historischen Gründen die hybriden Differenzierungen, die in der Folge der Assi-
berechtigt - so in Fallen kolonialer Eroberung oder im milation einer alternativlos gewordenen materiellen Welt-
Hinblick auf Ureinwohner, die einem Staat einverleibt kultur an die jeweils einheimische Kultur vergleichweise
worden sind, ohne je um Zustimmung gefragt worden zu homogene Lebensformen aufweichen
sein Aber im allgemeinen legitimieren sich Forderungen (c-i) Das Elend von Repression, Burgerkrieg und Ar-
25 A Margaht, J Raz, National Seif Determination, in W Kymlicka
24 M Imber, Geo governance without democracy, in McGrew (Hg ) ( H g ) The Rights ofMinonty Cultures, Oxford 1995,79 9 2 A Bucha
(s Fn 5), 201 ff nan, The Morahty of Secesswn, in ebd,35O 374

110 III
mut bleibt schon deshalb nicht mehr nur eine lokale Ange- wesen offenhalt für die Einbeziehung von Burgern jeder
legenheit, weil die Medien dafür sorgen, daß das Wohl- Herkunft, ohne diese Anderen in die Uniformitat einer
standsgefalle zwischen Nord und Sud, West und Ost gleichgearteten Volksgemeinschaft einzuschhessen Denn
weltweit perzipiert wird Dadurch werden breite Migra- ein vorgangiger, durch kulturelle Homogenitat gesicherter
tionsstrome, wenn nicht ausgelost, so doch beschleunigt Hintergrundkonsens wird als zeitweilige, katalysatorische
Obgleich die große Masse der Auswanderer die Grenzen Bestandsvoraussetzung der Demokratie in dem Maße über-
der OECD-Gesellschaften gar nicht erreicht, hat sich auch flüssig, wie die öffentliche, diskursiv strukturierte Mei-
in diesen Landern die ethnische, religiöse und kulturelle nungs- und Willensbildung eine vernunftige politische Ver-
Zusammensetzung der Bevölkerung, sei es durch eine er- ständigung auch unter Fremden möglich macht. Weil der
wünschte, tolerierte oder erfolglos abgewehrte Immigra- demokratische Prozeß schon dank seiner Verfahrens-
tion, erheblich verändert Nicht nur klassische Einwan- eigenschaften Legitimität verbürgt, kann er, wenn notig, in
derungslander wie die USA und alte Kolomallander wie die Lucken sozialer Integration einspringen und im Hinblick
England und Frankreich sind von dieser Drift erfaßt Trotz auf eine veränderte kulturelle Zusammensetzung der Bevöl-
rigider (in unserem Falle grundrechtswidriger) Einwande- kerung eine gemeinsame politische Kultur hervorbringen
rungsregelungen, die die Festung Europa abriegeln, befin- Auf der anderen Seite verlangt die Einrichtung einer
den sich alle europaischen Nationen inzwischen auf dem
»multikulturellen Staatsbürgerschaft«29 Politiken und Re-
Wege zu multikulturellen Gesellschaften Natürlich voll-
gelungen, die die zur zweiten Natur gewordene nationale
zieht sich diese Plurahsierung der Lebensformen nicht rei-
Grundlage der staatsbürgerlichen Solidarität erschüttern
bungslos 2b Einerseits ist der demokratische Verfassungs-
In multikulturellen Gesellschaften wird eine »Politik der
staat für Integrationsprobleme dieser Art normativ besser
Anerkennung« notig, weil die Identität jedes einzelnen
gewappnet als andere politische Ordnungen, andererseits
Burgers mit kollektiven Identitäten verwoben und auf Sta-
sind diese Probleme eine tatsachliche Herausforderung für
biherung in einem Netz gegenseitiger Anerkennung ange-
Nationalstaaten klassischer Prägung 27
wiesen ist Der Umstand, daß der Einzelne von intersub-
Normativ betrachtet, hat die Einbettung des demokrati- jektiv geteilten Überlieferungen und identitatspragenden
schen Prozesses in eine gemeinsame politische Kultur nicht Gemeinschaften existentiell abhangig ist, erklart, warum
den ausschließenden Sinn der Verwirklichung einer natio- in kulturell differenzierten Gesellschaften die Integrität
nalen Eigenart, sondern den inklusiven Sinn einer Praxis der der Rechtsperson nicht ohne gleiche kulturelle Rechte ge-
Selbstgesetzgebung, die alle Burger gleichmäßig einbe- sichert werden kann »The individual's nght to eulture
zieht 28 Inklusion heißt, daß sich das politische Gemein stems from the fact that every person has an overnding m-
16 ] Habermas, Die Asyldebatte in ders Vergangenheit aU 7nknnft terest in his personal identity - that IS in preserving his
München 1993, 159 186 way of life and in preserving traits that are central identity
27 C Offe, Homogcneity and Constitittional Dcmocracy in The Jour
nal ofPohtical Philosophy, Wol 6, 2 1998,113 141 components for him and other members of his cultural
28 J Habermas, Inklusion - Einbe/ichen oder Imsehheßen? in dos
(s friß), 154 184
29 W Kymlicka, Multicultural Cuuenship, Oxford 1995

"3
group «30 Eine Politik, die auf die gleichberechtigte Ko Schlager breiten sich über den Erdball aus, dieselben Pop-,
existenz der Lebensformen verschiedener ethnischer Ge- Techno- oder Jeansmoden erfassen und prägen die Menta-
meinschaften, Sprachgruppen, Konfessionen usw abzielt, lität der Jugend noch in den entferntesten Regionen, die-
setzt freilich in historisch gewachsenen Nationalstaaten selbe Sprache, ein jeweils assimiliertes Englisch, dient als
einen ebenso prekären wie schmerzhaften Prozeß in Medium der Verständigung zwischen den entlegensten
Gang Die zur nationalen Kultur aufgespreizte Mehrheits- Dialekten Die Uhren der westlichen Zivilisation geben für
kultur muß sich aus ihrer geschichtlich begründeten Fu- die erzwungene Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen den
sion mit der allgemeinen politischen Kultur losen, wenn Takt an Der Firnis einer kommodifizierten Einheitskultur
sich alle Burger gleichermaßen mit der politischen Kultur legt sich nicht nur auf fremde Erdteile Er scheint auch im
ihres Landes sollen identifizieren können In dem Maße, Westen selbst die nationalen Unterschiede zu nivellieren,
wie dieser Prozeß der Entkoppelung der politischen Kul- so daß die Profile der starken einheimischen Traditionen
tur von der Mehrheitskultur gelingt, stellt sich die Solida- immer mehr verschwimmen Neuere Untersuchungen zur
ntat der Staatsburger auf die abstraktere Grundlage eines Anthropologie des Massenkonsums entdecken jedoch eine
»Verfassungspatnotismus« um 3I Mißlingt er, laßt er das bemerkenswerte Dialektik von Einebnung und schöpferi-
Gemeinwesen in Subkulturen zerfallen, die sich gegenein- scher Differenzierung 32
ander abschotten In jedem Fall höhlt er aber die substan- Die Anthropologie hat lange genug den nostalgischen
tiellen Gemeinsamkeiten der Nation als einer Herkunfts- Blick auf einheimische Kulturen gepflegt, die unter dem
gemeinschaft aus Druck der kommerziellen Homogenisierung angeblich
(c-2) Die Globalisierung belastet die Kohasionskraft entwurzelt und ihrer vermeintlichen Authentizität beraubt
nationaler Gemeinschaften auch noch auf eine andere wurden Neuerdings betont sie den konstruktiven Charak-
Weise Globale Markte sowie Massenkonsum, Massen- ter und die Vielfalt der innovativen Antworten, die globale
kommunikation und Massentourismus sorgen für die welt- Reize in lokalen Kontexten auslosen In Reaktion auf den
weite Diffusion von oder Bekanntschaft mit standardisier- uniformierenden Druck einer materiellen Weltkultur bil-
ten Erzeugnissen einer (überwiegend von den USA den sich oft neue Konstellationen, die nicht etwa beste-
geprägten) Massenkultur Dieselben Konsumguter und hende kulturelle Differenzen einebnen, sondern mit hybri-
Konsumstile, dieselben Filme, Fernsehprogramme und den Formen eine neue Vielfalt schaffen Diese Beobachtung
trifft nicht nur auf Kamerun, Trinidad oder Belize, auf
30 A Margaht, M Halbertal Liberaltsm and the Right to Culture, in So
aal Research, 1993 491 510 hier 507 Der gleiche Zugang zu kulturel
ägyptische oder australische Dorfer zu,33 sondern ebenso
len Ressourcen rechtfertigt sich aus dem mtnnsischen Grund, die ei auf Städte wie Moskau oder London So bestätigt eine Stu-
gene Identität zu wahren und nicht, wie einige liberale Theoretiker die über eine dichtbesiedelte, ethnisch gemischte Vorstadt
vorschlagen, instrumenteil - als eine Art Wertespeicher aus dem sich
privatautonome Entscheider mit den Präferenzen höherer Ordnung
versorgen können, vgl J Raz, MulticHlturahsm A Liberal Perspective 32 D Miller, Worlds Apart Modernity through the pnsm of the l ocal,
in Dissent Winter 1994, 67 79 London 1995, Introductwn Anthropology, modernity and consump
31 Vgl mein Interview mit J M Ferry in J Habermas Die nachholende tion, 1 22
Revolution, Frankfurt/M 1990, 149 156, hier 1^3ff 33 Vgl die Beitrage in Miller (s Fn32)

114 115
im Westen Londons, unweit von Heathrow-Airport, den ad d) Die demokratische Ordnung ist nicht von Haus
Prozeß der Entstehung neuer kultureller Unterschiede 34 aus auf eine mentale Verwurzelung in der »Nation« als ei-
Der Autor wendet sich in diesem Zusammenhang gegen die ner vorpohtischen Schicksalsgemeinschaft angewiesen Es
verdinghchende Fiktion, als bildeten ethnische Gruppen ist die Starke des demokratischen Verfassungsstaats, Luk-
kohärente Ganzheiten mit klar abgrenzbaren Kulturen ken der sozialen Integration durch die politische Partizipa-
Gegenüber dem traditionellen Bild des multikulturellen tion seiner Burger schhessen zu können Der demokrati-
Diskurses entwirft er das dynamische Bild einer fortgesetz- sche Prozeß selbst kann, wenn er nur in eine liberale
ten Konstruktion neuer Zugehörigkeiten, Subkulturen und politische Kultur eingebettet ist, eine Art Ausfallburg-
Lebensstile Dieser Prozeß wird durch interkulturelle Be- schaft für den Zusammenhalt einer funktional ausdifferen-
ruhrungen und multiethnische Verbindungen in Gang ge- zierten Gesellschaft dann übernehmen, wenn die Vielfalt
halten Er verstärkt den in nachindustnellen Gesellschaften der Interessenlagen, kulturellen Lebensformen oder Welt-
ohnehin bestehenden Zug zur Individualisierung und zum anschauungen das naturwüchsige Substrat der Herkunft-
Entwurf »kosmopolitischer Identitäten« 35 gemeinschaft überfordert 37 In komplexen Gesellschaften
Die Tendenz zur Abschottung scheinbar homogener bildet die in Prinzipien der Volkssouveranitat und Men
Subkulturen gegeneinander mag sich dem Ruckgriff auf schenrechte begründete deliberative Meinungs- und Wil-
reale oder dem Entwurf imaginärer Gemeinschaften ver- lensbildung der Burger letztlich das Medium für eine ab-
danken So oder so verbindet sie sich mit der konstruktiven strakte und rechtsformig hergestellte, über politische
Ausdifferenzierung immer neuer kollektiver Lebensformen Teilnahme reproduzierte Form der Solidarität Der demo-
und individueller Lebensentwurfe Beide Tendenzen ver- kratische Prozeß muß sich allerdings, wenn er die Solidari-
starken im Inneren des Nationalstaats die zentrifugalen tät der Staatsburger über zentrifugale Spannungen hinweg
Kräfte Sie zehren die Ressourcen staatsbürgerlicher Solida- sichern soll, durch seine Ergebnisse selber stabilisieren
ntat auf, wenn es nicht gelingt, die geschichtliche Symbiose können Die Gefahr einer Entsohdarisierung kann er nur
solange abwenden, wie er anerkannten Maßstaben sozialer
des Republikamsmus mit dem Nationalismus aufzulösen
Gerechtigkeit genügt
und die republikanische Gesinnung der Bevölkerung auf die
Grundlage eines Verfassungspatriotismus umzustellen 36 Die liberalen und politischen Grundrechte begründen
einen Staatsburgerstatus, der insofern selbstbezuglich ist,
34 G Baumann, Contesting Culture Discourses ofldentity m multi ethmc als er die demokratisch vereinigten Burger dazu ermäch-
London, Cambridge 1996
35 J Waldron, Minonty Cultures and the Cosmopohtan Alternative, in tigt, ihren Status auf dem Wege der Gesetzgebung auszu-
W Kymhcka (Hg ) (s Anm 25)5105 > The cosmopohtan strategy is not gestalten Auf längere Sicht wird nur ein demokratischer
to deny the role of culture in the constitution of human hfe, but to Prozeß, der für die angemessene Ausstattung mit und eine
question, first, the assumption that the social World divides up neatly
into particular distinct cultures, one to every Community, and secondly, faire Verteilung von Rechten sorgt, als legitim gelten und
the assumption that what everyone needs is just one of these entities - Solidantat stiften Um eine Quelle von Solidarität zu blei-
a Single, coherent culture — to give shape and meamng to hts hfe «
36 D Oberndorfcr, Integration oder Abschottung?, in Zeitschrift f Aus
landerrecht und Auslanderpohtik, 18, Januar 1998, 3 13 37 Vgl meine Antwort auf R J Bernstein in J Habermas (s Fn6), 3 ioff

116 "7
ben, muß der Staatsburgerstatus einen Gebrauchswert be- immer starker die Fähigkeit zur politischen Einflußnahme
halten und sich auch in der Münze sozialer, ökologischer auf den gesamtwirtschaftlichen Kreislauf ein 38 Wie der le-
und kultureller Rechte auszahlen Insofern hat die sozial- gitimitatswirksame innenpolitische Handlungsspielraum
staatliche Politik eine nicht unerhebliche Legitimations- schrumpft, zeigt sich am Zusammenspiel von Sozial- und
funktion übernommen Das betrifft natürlich nicht nur das Wirtschaftspolitik einerseits, Wirtschaftspolitik und Ar-
Kernstuck des Sozialstaats, die redistnbutive Sozialpolitik, beitsmarktentwicklung andererseits
die für die Lebensführung der Burger von existentieller Be- Für die Nachkriegszeit hat das Bretton-Woods-System
deutung ist Von der Arbeitsmarkt- und Jugendpohtik über der festen Wechselkurse zusammen mit den Institutionen
die Gesundheits-, Familien- und Bildungspolitik bis zu der Weltbank und des Internationalen Wahrungsfonds ein
Naturschutz und Stadtplanung erstreckt sich »Sozialpoli- internationales Wirtschaftsregime dargestellt, das eine Ba-
tik« im weiteren Sinne auf das ganze Spektrum der staatli- lance zwischen nationalen Wirtschaftspolitiken und Regeln
chen Orgamsations- und Dienstleistungen, die kollektive des hberahsierten Welthandels erlaubte Nachdem dieses
Guter bereitstellen und jene sozialen, naturlichen, kultu- System Anfang der siebziger Jahre aufgegeben •wurde, ist ein
rellen Lebensbedingungen sichern, die die Urbanität, den ganz anderer, ein »transnationaler Liberalismus« entstan-
öffentlichen Raum einer zivilisierten Gesellschaft über- den Inzwischen ist die Liberalisierung des Weltmarktes
haupt, vor dem Verfall bewahren Viele Infrastrukturen des weiter fortgeschritten, die Mobilität des Kapitals beschleu-
öffentlichen und privaten Lebens sind von Verfall, Zerstö- nigt und das industrielle System von der Massenproduktion
rung und Verwahrlosung bedroht, wenn sie der Regulie- auf Bedurfnisse der »post-fordistischen Flexibilität« umge-
rung durch den Markt überlassen werden Wenn im folgen- stellt •worden 39 Auf zunehmend globalisierten Markten hat
den vom »Sozialstaat« die Rede ist, habe ich jedoch sich die Balance eindeutig zuungunsten der Autonomie und
weniger diese regulatorischen Leistungen als die zentralen des wirtschaftspolitischen Handlungsspielraums der staat-
Umverteilungsfunktionen des Staates im Auge lichen Akteure verschoben 40 Zugleich sind den National-
Wie sich die wirtschaftliche Globalisierung über das staaten in den multinationalen Korporationen machtige
Schrumpfen des Steueraufkommens auf die staatliche Sozi- Konkurrenten entstanden Aber diese Machtverschiebung
alpolitik auswirkt, hegt auf der Hand Auch wenn in der laßt sich besser in medien- als in machttheoretischen Begrif-
Bundesrepublik noch nicht wie in England und in den fen erfassen Geld substituiert Macht Die Reguherungs-
USA ernstlich von einem »Abbau des Sozialstaates« die macht kollektiv bindender Entscheidungen operiert nach
Rede sein kann, laßt sich allgemein für die OECD-Gesell- einer anderen Logik als der Regelungsmechanismus des
schaften seit Mitte der siebziger Jahre ein Ruckgang der So- Marktes Nur die Macht laßt sich beispielsweise demokra-
zialhaushalte sowie eine Verschärfung der Zugangsbedin-
38 R W Cox, GlobalRestructuring Making Sense oftbc Changing Inter
gungen zu den Versicherungssystemen belegen Ebenso national Economy, in R Stubbs, G Underhill (Hg ), Pohtical Economy
wichtig wie die Krise der öffentlichen Haushalte ist das and tbi Changing Global Order, New York 1994, 45-59
Ende der keynesiamschen Wirtschaftspolitik Unter dem 39 Agnew und Corbndge (s F n i 2 ) , i 6 4 210
40 E Helleiner, From Bretton Woods to Global Finance, in Stubbs und
Druck globalisierter Markte büßen nationale Regierungen Underbill(s Fn38), 163 17s

118 119
tisieren, nicht das Geld Deshalb entfallen per se Möglich Zwar zeigen die erfolgreichen GATT-Runden, daß zwi-
keiten demokratischer Selbststeuerung in dem Maße, wie schen den Regierungen Vereinbarungen Zustandekommen,
die Regulierung gesellschaftlicher Bereiche vom einen Me- die Handelshindernisse abbauen und neue Markte schaffen
dium auf das andere übergeht Dieser negativen Integration entsprechen aber bisher nur
Unter Bedingungen eines globalen, zur »Standortkon- auf ökologischen Gebieten mehr oder weniger aussichtsrei-
kurrenz« verschärften Wettbewerbs sehen sich die Unter- che Versuche zu einer positiven Integration Nicht einmal
nehmen mehr denn je genötigt, die Arbeitsproduktivität zu eine Vereinbarung über die sog Tobin-Tax ist zustandege-
steigern und den Arbeitsablauf insgesamt so zu ratio- kommen, ganz zu schweigen von weiterreichenden markt-
nalisieren, daß der langfristige technologische Trend zur korngierenden Vereinbarungen über eine Koordinierung
Freisetzung von Arbeitskräften noch beschleunigt wird auf Gebieten der Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik
Massenentlassungen unterstreichen das wachsende Droh- Statt dessen lassen sich die nationalen Regierungen schon
potential beweglicher Unternehmen gegenüber einer ins- angesichts implizit angedrohter Kapitalabwanderung in ei-
gesamt geschwächten Position von ortsgebunden operie- nen kostensenkenden Dereguherungswettlauf verstricken,
renden Gewerkschaften In dieser Situation, wo der der zu obszönen Gewinnen und drastischen Einkommens-
Teufels-kreis aus wachsender Arbeitslosigkeit, überbe- dispantaten, zu steigender Arbeitslosigkeit und zur sozia-
anspruchten Sicherungssystemen und schrumpfenden Bei len Marginahsierung einer wachsenden Armutsbevolke-
tragen die Finanzkraft des Staates erschöpft, sind wachs- rung fuhrt 42
tumsstimulierende Maßnahmen um so notiger, je •weniger In dem Maße, wie die sozialen Voraussetzungen für eine
sie möglich sind Inzwischen haben namhch die internatio- breite politische Teilnahme zerstört werden, verlieren auch
nalen Börsen die »Bewertung« nationaler Wirtschaftspoli- formal korrekt getroffene demokratische Entscheidungen
tiken übernommen Auch deshalb haben Politiken der an Glaubwürdigkeit »Um auf den immer großer •werden-
Nachfragesteuerung regelmäßig externe Effekte, die sich den Weltmarkten wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen
auf den nationalen Wirtschaftskreislauf kontraproduktiv (die OECD-Staaten) Schritte tun, die dem Zusammenhalt
auswirken »Keynesiamsmus in einem Lande« ist nicht lan- der Burgergesellschaften irreparablen Schaden zufügen
ger möglich 41
Die dringlichste Aufgabe der Ersten Welt im kommenden
Die Verdrängung der Politik durch den Markt zeigt sich Jahrzehnt wird deshalb die Quadratur des Kreises aus
also daran, daß der Nationalstaat seine Fähigkeit, Steuern Wohlstand, sozialem Zusammenhalt und politischer Frei-
abzuschöpfen, Wachstum zu stimulieren und damit we- heit sein «43 Diese nicht gerade ermutigende Diagnose
sentliche Grundlagen seiner Legitimität zu sichern, zuneh- fuhrt auf selten der Politiker zur Abrüstung der Pro-
mend verliert, ohne daß funktionale Äquivalente entstehen
Denn im Hinblick auf diese beiden Funktionen werden die 42 Zu den Folgeproblemen der Standortkonkurrenz vgl F W Scharpf,
Defizite nicht auf supranationaler Ebene kompensiert Demokratie in der transnationalen Politik, in Beck (Hg ) (s Fn 4), 228
253, hier 243fr
43 R Dahrendorf, Die Quadratur des Kreises, in Transit, 12, Winter 1996,
41 J Neyer, Spiel ohne Grenzen, Marburg 1996 5 -28, hier 9

120 121
gramme und auf selten der Wahler zu Apathie oder Protest dantat ist erschüttert Für einen Nationalstaat, der in sei
Der weitgehende Verzicht auf politische Gestaltung der nem Handlungsspielraum eingeschränkt und in seiner
sozialen Verhaltnisse und die Bereitschaft, normative Ge- kollektiven Identität verunsichert ist, wird es aber schwie-
sichtspunkte zugunsten der Anpassung an vermeintlich riger, seinen Legitimationsbedarf zu decken Wie soll man
unausweichliche systemische Imperative des Weltmarktes darauf reagieren'
einzuziehen, beherrschen die öffentlichen Arenen der Das Bild vom Terntonalherrn, dem die Kontrolle über
westlichen Welt Clinton oder Blair empfehlen sich als seine Grenzen entgleitet, hat entgegengesetzte rhetorische
tüchtige Manager, die ein angeschlagenes Unternehmen Strategien auf den Plan gerufen Beide zehren von Begrif-
schon irgendwie reorganisieren werden, und verlassen sich fen der klassischen Staatslehre Die defensive Rhetorik
auf Leerformeln wie »It's Time for a Change« Der pro- - sagen wir die des Bundesinnenministers - geht von der
grammatischen Entleerung einer Politik, die auf den »Poh Schutzfunktion des gewaltmonopohsierenden Staates aus,
tikwechsel« an sich zusammenschrumpft, entspricht beim der in den Grenzen seines Territoriums Recht und Ord-
Wahler informierte Abstinenz oder die Bereitschaft, »per nung aufrechterhalt und den Burgern in ihrer privaten
sonhche Ausstrahlung« zu quittieren Es geht sogar ohne Lebenswelt Sicherheit garantiert Gegen die von außen
die schillernden Figuren wie Ross Perot oder Berlusconi, hereinbrechende, unkontrollierte »Brandung« beschwort
die aus dem Nichts kommen und unternehmerischen Er diese Seite den politischen Willen zur Schließung der
folg suggerieren Wenn die Verzweiflung groß genug ist, Schleusen Der protektiomstische Affekt richtet sich ebenso
genügen ein bißchen Geld für rechtsradikale Slogans und gegen Waffen und Drogenhändler, die die innere Sicher-
ein ferngesteuerter Ingenieur aus Bitterfeld, den niemand heit gefährden, wie gegen die Informationsuberflutung, das
kennt und der über nichts anderes als ein Handy verfugt, fremde Kapital, die Arbeitsimmigranten und die Flucht-
um aus dem Stand fast 13 Prozent Protestwahler zu mobi- lingswellen, die angeblich die heimische Kultur und den
lisieren Lebensstandard zerstören Die offensive Rhetorik setzt an-
dererseits an den repressiven Zügen der souveränen Staats-
gewalt an, die die Burger dem uniformierenden Druck
einer regelungswutigen Verwaltung unterwirft und ins Ge-
III
fängnis einer homogenen Lebensform einsperrt Der liber-
täre Affekt begrüßt die Öffnung der territorialen und so-
Die Parole »Ohnmacht durch Globalisierung« ist, •wenn
zialen Grenzen als Emanzipation in beiden Richtungen -
unsere Analyse stimmt, keineswegs ganz aus der Luft ge-
als Befreiung der Herrschaftsunterworfenen von der nor-
griffen, auch wenn sie der Spezifizierung bedarf Die fiska-
malisierenden Gewalt staatlicher Regulierung wie auch als
lische Grundlage der Sozialpolitik wird schmaler, wahrend Befreiung der Individuen von den Zwangen zur Assimila
gleichzeitig die Fähigkeit zur wirtschaftlichen Makrosteue- tion an die Verhaltensmuster eines nationalen Kollektivs 44
rung abnimmt Außerdem laßt die Integrationskraft der
herkömmlichen nationalen Lebensform nach, die ver-
gleichsweise homogene Basis der staatsbürgerlichen Soli 44 Typisch M Albrow Abschied vom Nationalstaat Frankfurt/M 1998

123
Diese Art von Stellungnahmen, die Globalisierungsvor- mik der Öffnung und der erneuten Schließung sozial
gange pauschal begrüßt oder perhorresziert, greift natur- integrierter Lebenswelten gerecht werden An die national
lich zu kurz Unter den veränderten Bedingungen der post- staatlichen Akteure richtet ein solcher Entwurf die para-
nationalen Konstellation kann der Nationalstaat seine alte doxe Erwartung, heute schon in den Grenzen ihrer aktuel-
Starke nicht durch eine »Politik des Einigeins« zurückge- len Handlungsmoglichkeiten ein Programm zu verfolgen,
winnen Der neonationale Protektionismus kann nicht er- das sie doch erst jenseits dieser Grenzen realisieren können
klaren, wie eine Weltgesellschaft wieder in ihre Segmente Famihenverbande, religiöse Gemeinschaften, Stadt-
zerlegt werden konnte - es sei denn durch eine Weltpohtik, gemeinden, Imperien oder Staaten können sich gegenüber
die er doch, ob nun zu Recht oder nicht, für eine Schimäre ihren Umwelten offnen und schhessen Diese Dynamik
halt Ebensowenig überzeugend ist eine Politik der Selbst- verändert die Horizonte der Lebenswelt, die Maschen der
abwicklung, die den Staat in postnationalen Netzwerken sozialen Integration, die Spielräume für differentielle Le-
aufgehen laßt Der postmoderne Neoliberalismus kann bensweisen und individuelle Lebensentwurfe Daß sich
nicht erklaren, wie die auf nationaler Ebene entstehenden Grenzen verfestigen oder verflüssigen, besagt noch nicht
Defizite an Steuerungsfahigkeit und Legitimation ohne viel für die Geschlossenheit oder Offenheit einer Gemein-
neue, und zwar wiederum politische Regelungsformen auf schaft Interessant ist in dieser Hinsicht weniger die Konsi-
supranationaler Ebene ausgeglichen werden können Da stenz von Grenzen als vielmehr die Interferenz von zwei
sich der Einsatz legitimer Macht an anderen Erfolgsknte- Formen der Koordinierung gesellschaftlichen Handelns -
nen bemißt als an dem des ökonomischen Erfolges, laßt von »Netzwerken« und »Lebenswelten« 46 Horizontale
sich politische Macht nicht beliebig durch Geld substituie- Beziehungen des Austauschs und des Verkehrs, die
ren Die bisherige Analyse legt vielmehr eine Strategie nahe, zwischen dezentralisiert entscheidenden Aktoren über
die der perspektivelosen Anpassung an Imperative der Markte, Transportwege, Kommunikationsnetze usw her-
Standortkonkurrenz mit dem Entwurf einer transnationa- gestellt werden, stabilisieren sich oft über effizient zustan-
len Politik des Einholens und Einhegens globaler Netze be- degekommene und positiv bewertete Handlungsfolgen
gegnet 45 Dieser Entwurf muß freilich der subtilen Dyna- Diese Form der »funktionalen Integration« gesellschaft-
licher Verhaltnisse durch Netzwerke konkurriert mit einer
45 Die gleiche Strategie verfolgt auch Pierre Bourdieu mit der These ganz anderen Form der Integration - mit einer über Ver-
> Man kann gegen den Nationalstaat streiten und dabei doch seine um
verseilen Aufgaben verteidigen, Aufgaben, die allerdings genauso gut,
ständigung, intersubjektiv geteilte Normen und gemein-
wenn nicht besser, von einem supranationalen Staat erfüllt werden same Werte laufenden »sozialen Integration« der Lebens-
konnten Wenn man nicht will, daß die Bundesbank mit ihrer Zinspo- welt von Kollektiven, die eine gemeinsame Identität
litik das Haushaltsgebaren der einzelnen Staaten bestimmt, muß man
dann nicht für die Schaffung eines supranationalen Staates eintreten, ausgebildet haben
der einigermaßen unabhängig ist von den internationalen okonomi In der europaischen Geschichte beobachten wir seit dem
sehen und nationalen politischen Kräften und in der Lage ist, die soziale
Seite der europaischen Institutionen zu entfalten' P Bourdieu, Der 46 Zu den Formen der sozialen Integration und der Unterscheidung von
Mythos Globalisierung und der europäische Sozialstaat, in ders ,Ge Netzwerken und korporativen Einheiten vgl B Peters, Die Integration
genfeuer, Konstanz 1998, 49f moderner Gesellschaften, Frankfurt/M 1993, >)6{{ u 165ff

124 125
hohen Mittelalter einen spezifischen Prozeß des Aufeinan- weit entläßt die Einzelnen in die Ambivalenz wachsender
dertreffens dieser beiden Integrationsformen - mit einer Optionsspielräume. Sie öffnet ihnen die Augen und erhöht
charakteristischen Abfolge von Öffnungs- und Schlie- zugleich das Risiko, Fehler zu machen. Aber es sind dann
ßungeffekten. Die Ausbreitung von Netzwerken des Wa- wenigstens die eigenen Fehler, aus denen sie etwas lernen
ren-, Geld-, Personen- und Nachrichtenverkehrs fördert können. Jeder wird mit einer Freiheit konfrontiert, die ihn
eine Mobilität, von der eine sprengende Kraft ausgeht, auf sich stellt und von anderen isoliert, indem sie ihn zur
während die raumzeitlichen Horizonte einer Lebenswelt, zweckrationalen Wahrnehmung je eigener Interessen an-
wie weitgespannt sie auch sein mögen, stets ein intuitiv ge- hält; die ihn aber auch instandsetzt, neue soziale Bindungen
genwärtiges, aber zurückweichendes Ganzes bilden, aus einzugehen und neue Regeln des Zusammenlebens kon-
dem - aus der Perspektive der Beteiligten - keine Inter- struktiv zu entwerfen.
aktion herausführt. Expandierende und verdichtete Märkte Soll ein solcher Liberalisierungsschub nicht sozialpatho-
oder Kommunikationsnetze lösen eine Modernierungs- logisch entgleisen, also nicht in der Phase der Entdifferen-
dynamik von Öffnung und Schließung aus. Die Verviel- zierung, in Entfremdung und Anomie steckenbleiben, muß
fältigung der anonymen Beziehungen mit »Anderen«, die sich eine Reorganisation der Lebenswelt in jenen Dimen-
dissonanten Erfahrungen mit »Fremden« haben eine sub- sionen des Selbstbewußtseins, der Selbstbestimmung und
versive Kraft. Der wachsende Pluralismus lockert die der Selbstverwirklichung vollziehen, die das normative
askriptiven Bindungen an Familie, Lebensraum, soziale Selbstverständnis der Moderne geprägt haben.47 Die unter
Herkunft und Tradition, setzt einen Formwandel der so- Öffnungsdruck desintegrierte Lebenswelt muß sich erneut
zialen Integration in Gang. Bei jedem neuen Modernisie- schliessen, nun freilich in erweiterten Horizonten. Dabei
rungsschub öffnen sich die intersubjektiv geteilten Lebens- dehnen sich die Spielräume in allen drei Dimensionen aus -
welten, um sich zu reorganisieren und erneut zu schließen. Spielräume für eine reflexive Aneignung der identitätssta-
Um diesen Formwandel kreist die klassische Soziologie bilisierenden Überlieferungen, Spielräume der Autonomie
mit immer neuen Beschreibungen - von Status zu Vertrag, für den Umgang miteinander und im Verhältnis zu den
von Primär- zu Sekundärgruppe, von Gemeinschaft zu Ge- Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, Spiel-
sellschaft, von mechanischer zu organischer Solidarität räume schließlich für die individuelle Gestaltung des per-
usw. Der Öffnungsimpuls geht von neuen Märkten, Kom- sönlichen Lebens. Mehr oder weniger gelungene Lernpro-
munikationsmitteln, Verkehrswegen und kulturellen Ver- zesse schlagen sich dabei in exemplarischen Lebensformen
netzungen aus, wobei die Öffnung selbst für die betroffe- nieder. Viele Lebensformen verlöschen im Auf und Ab der
nen Individuen die zweideutige Erfahrung zunehmender Geschichte spurlos, andere behalten ihre Anziehungskraft
Kontingenz bedeutet: die Desintegration haltgebender, im im Gedächtnis der Nachgeborenen. In diesem Sinne exem-
Rückblick autoritärer Abhängigkeiten, die Freisetzung aus plarisch sind die Lebensformen des europäischen Bürger-
gleichermaßen orientierenden und schützenden wie präju-
dizierenden und gefangennehmenden Verhältnissen. Kurz-
um, die Entbindung aus einer stärker integrierten Lebens- 47 J. Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/M.
1985, Kap. XII

126 127
tums. Wie die »Stadtbürger« in den Kommunen des hohen veröffentlicht, die den Faschismus als Ausdruck eines miß-
Mittelalters und der Renaissance haben die »Bürgerlichen« lungenen Versuchs der politischen Schließung darstellt. Er
in den liberal verf assten Nationalstaaten der jüngeren Neu- wird als eine verzögerte Reaktion auf den Zusammenbruch
zeit - neben ihren spezifischen Formen der Exklusion und eines Freihandelsregimes beschrieben, dem bis zum Beginn
Unterdrückung - auch Modelle von Selbstverwaltung und des 20. Jahrhunderts eine feste Goldwährung zugrundege-
Partizipation, von Freiheit und Toleranz entwickelt, in de- legen hatte. Als Historiker will Polanyi zeigen, daß der von
nen sich der Geist bürgerlicher Emanzipation ausdrückt. politischen Regulierungen weitgegend freigesetzte interna-
Am Ende des 18. Jahrhunderts haben sich diese Emanzi- tionale Handel keineswegs aus der spontanen Entwicklung
pationserfahrungen in den Ideen von Volkssouveränität und des Marktes selbst hervorgegangen ist. Im 19. Jahrhundert
Menschenrechten artikuliert. Seit den Tagen der Französi- ist das Freihandelssystem vielmehr politisch, unter dem
schen und Amerikanischen Revolution steht deshalb jede Schirm der Pax Britannica, eingerichtet worden. Als An-
erneute »Schließung« eines politischen Gemeinwesens ge- thropologe ist Polanyi zugleich davon überzeugt, daß ein
wissermaßen unter dem Vorbehalt eines egalitären Univer- solches dereguliertes Wirtschaftsregime auf Dauer »die
salismus, der von der Intuition der gleichberechtigten Ein- menschliche und natürliche Substanz der Gesellschaft«
beziehung des Anderen zehrt. Das zeigt sich heute an den zerstören und zu Anomie führen mußte. Damals, am Ende
Herausforderungen des »Multikulturalismus« und der »In- des Zweiten Weltkrieges, machten andererseits die mon-
dividualisierung«. Beide nötigen uns dazu, die Symbiose des strösen Folgen einer totalitären Schließung der ökono-
Verfassungsstaates mit der »Nation« als einer Herkunftsge- misch gespaltenen Gesellschaft die Notwendigkeit deut-
meinschaft aufzukündigen, damit sich auf abstrakterer lich, »die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Geld dem
Ebene die staatsbürgerliche Solidarität im Sinne eines diffe- Markt zu entziehen«.48 Die Zukunft eines institutionali-
renzempfindlichen Universalismus erneuern kann. Die sierten Kapitalismus, den Polanyi im letzten Kapitel unter
Globalisierung drängt gleichsam den Nationalstaat dazu, dem Titel »Freiheit in einer komplexen Gesellschaft« ent-
sich im Inneren für die Vielfalt fremder oder neuer kultu- warf, hat wesentliche Züge der ökonomischen Nachkriegs-
reller Lebensweisen zu öffnen. Zugleich schränkt sie den ordnung vorweggenommen. Im Jahre der Veröffentlichung
Handlungsspielraum nationaler Regierungen in der Weise dieses Buches wurde das System von Bretton Woods be-
ein, daß sich der souveräne Staat auch nach außen, gegen- gründet, in dessen Rahmen die meisten Industrieländer
über internationalen Regimen öffnen muß. Wenn die er- dann eine mehr oder weniger erfolgreiche wohlfahrtsstaat-
neute Schließung ohne sozialpathologische Nebenfolgen liche Politik betreiben konnten.
gelingen soll, darf sich eine Politik, die den globalisierten Inzwischen ist auch dieses Arrangement einer gelunge-
Märkten nachwächst, nur in institutionellen Formen voll- nen politischen Schließung mit der politisch durchgesetz-
ziehen, die nicht hinter die Legitimitätsbedingungen demo- ten Deregulierung weltweiter Märkte beendet worden, und
kratischer Selbstbestimmung zurückfallen. zwar mit einer Öffnung, die über die Finanzmärkte auch
In dieser Hinsicht ist Die Grosse Transformation lehr-
reich. Unter diesem Titel hat Karl Polanyi 1944 eine Studie 48 K. Polanyi, The Great Transformation, Frankfurt/M. 1978, 333

128 129
die internationale Arbeitsteilung noch einmal verändert stische Züge aus den berufsständisch stratifizierten
hat. Die Dynamik der neuen globalen Ökonomie erklärt Gesellschaften der frühen Neuzeit entliehen - die Korpo-
das wiedererwachte Interesse an der von Polanyi unter- ration als »zweite Familie«. Und der junge, noch nicht
suchten Dynamik der internationalen Ökonomie.49 Wenn ganz unsentimentale Marx hat die Idee einer freien Asso-
nämlich jene »Doppelbewegung« - der Deregulierung des ziation von Produzenten mit Erinnerungen an die nach-
Welthandels im 19. und der Reregulierung im 20. Jahrhun- barschaftlichen und korporativen Vergemeinschaftungen
dert - als Modell dienen könnte, "würde uns erneut eine einer bäuerlich-handwerklichen Welt besetzt, die soeben
»Große Transformation« bevorstehen. Aus Polanyis Per- unter der hereinbrechenden Gewalt der Konkurrenzge-
spektive betrachtet, stellt sich jedenfalls die Frage nach sellschaft endgültig zerbrachen. Marx hat sich freilich als-
Möglichkeiten der politischen Schließung einer global ver- bald gegen einen Frühsozialismus gewendet, der noch mit
netzten, hoch interdependenten Weltgesellschaft ohne Re- der Intention der »Aufhebung« von Solidargemeinschaf-
gression - ohne die Art von welthistorischen Erschütte- ten einer romantisierten Vergangenheit verbunden war.
rungen und Katastrophen, die wir aus der ersten Hälfte Unter den Arbeitsbedingungen der einsetzenden In-
unseres Jahrhunderts kennen und die Polanyi damals zu dustrialisierung sollten die sozialintegrativen Kräfte ver-
seiner Untersuchung angeregt haben. sinkender Traditionsbestände transformiert und gerettet
Allerdings darf eine erneute Schließung nicht aus der werden. Der Sozialismus hat auch im Verlaufe der Arbei-
Defensive gegen eine vermeintlich »überwältigende« Mo- terbewegung ein Janusgesicht behalten, das nicht weniger
dernisierung entworfen werden. Sonst schleicht sich der in eine idealisierte Vergangenheit zurückblickte als nach
rückwärtsgewandte Blick von Modernisierungsverlierern vorn in eine von der industriellen Arbeit beherrschte Zu-
ein, die, solange sie noch nicht verzweifeln, utopischen Bil- kunft.50
dern einer schlechthin »versöhnten« Lebensform nachhän- Ebensowenig wie die vor- und frühindustrielle Gesell-
gen. Was diese romantischen, eigentümlich bewegenden schaft darf die sozialstaatlich befriedete Industriegesell-
Bilder zu »utopischen« Bildern im schlechten Sinne macht, schaft der Nachkriegszeit verklärt werden. Was Polanyi am
sind die regressiven Züge einer nach vorne projizierten Ende des Krieges als die Zukunft eines sozial gebändigten
»Sittlichkeit«, die weder dem befreienden Potential der er- Kapitalismus erst vor Augen stand, wird heute im distan-
zwungenen Öffnung einer in Auflösung begriffenen Ge- zierten Rückblick als »organisierte« oder »erste« Moderne
sellschaftsformation noch der Komplexität der neuen Ver- beschrieben, auf die seit dem Ende der Nachkriegszeit eine
hältnisse gerecht wird. Nicht einmal Geister, die der »zweite« oder »liberal erweiterte« Moderne folgt. Auf diese
Moderne so entschieden zugewandt waren wie Hegel und Weise wird jede Nostalgie vermieden: »Mit Blick auf das
Marx, waren ganz frei davon. Hegel hat sich an entschei- Ausmaß und die Form der Organisation menschlicher
dender Stelle {Rechtsphilosophie §§24<jff.) für die Bestim- Praktiken... kann man von einer relativen Schließung der
mung der Sittlichkeit des vernünftigen Staates korporati- Moderne sprechen... Die Errungenschaften der organi-

49 R. Cox in: Mc Grew (Hg.) (s. Fn 5), 53t. 50 J. Habermas, Was heißt Sozialismus heute?, in: ders.(s. Fn 31), 194t.

130 131
sierten Moderne bestanden dann, die Entwurzelungen und der Arbeitsbiographien verbirgt sich eine Deregulierung
Ungewißheiten des ausgehenden 19 Jahrhunderts in eine des Arbeitsmarktes, die das Risiko der Arbeitslosigkeit er-
neue Kohärenz von Praktiken und Orientierungen zu höht, in der »Individualisierung« der Lebenslaufe verrat
überfuhren Nation, Klasse, Staat waren die wichtigsten sich eine erzwungene Mobilität, die mit langfristigen Bin-
konzeptionellen Bestandteile dieser Konstruktion, aus dungen in Konflikt gerat, und in der »Plurahsierung« der
denen kollektive Identitäten geformt wurden« 51 Ein- Lebensformen spiegelt sich auch die Gefahr der Fragmen-
gespielte neokor-poratistische Verhandlungssysteme, gere- tierung einer Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt ver-
gelte industrielle Beziehungen, sozialstrukturell verankerte liert 54 Bei aller Vorsicht gegenüber einem unkritischen
Massenparteien, zuverlässig funktionierende Versiche- Ruckgriff auf die Errungenschaften des Sozialstaates sollten
rungssysteme, Kleinfamilien mit herkömmlicher sexueller wir vor den Kosten seiner »Transformation« oder Auflo-
Arbeitsteilung, Normalarbeitsverhaltmsse mit standardi- sung nicht die Augen verschließen Man kann für die
sierten Erwerbsbiographien bildeten aus dieser Sicht den normalisierende Gewalt von Sozialburokratien empfind-
Hintergrund einer mehr oder weniger stabilen, durch Mas- lich bleiben, ohne vor dem skandalösen Preis, den eine
senproduktion und Massenkonsum geprägten Gesell- rücksichtslose Monetansierung der Lebenswelt erfordern
schaft 52 wurde, die Augen zu verschließen
Vor diesem Hintergrund erscheinen die Trends zur Ent- Es besteht kein Grund, die Öffnung der organisierten
burokratisierung öffentlicher Dienste, zur Enthierarchisie- Moderne blauäugig zu feiern In der linearen Erzahlweise
rung betrieblicher Organisationsformen, zur Enttraditio- der postmodernen Theorien taucht eine erneute politische
nahsierung der Geschlechter- und Famihenbeziehungen, Schließung nicht mehr auf, weil sich aus dieser Sicht Poli-
zur Entkonventionahsierung von Konsum und Lebenssti- tik, die Fähigkeit zu kollektiv bindenden Entscheidungen,
len in einem gunstigen Licht Die zunehmende Differenzie- im Sog des zerfallenden Nationalstaats als solche auflost
rung von Verkehrsformen und Mentalitäten, die nachlas- Mit der nationalstaatlichen Organisationsform soll eine so-
sende Parteibindung von Wahlern und der neue Einfluß zialstaatliche Politik, die angeblich auf eine bloße »Verwal-
subpohtischer Bewegungen auf die organisierte Politik, vor tung des Sozialen« zusammengeschrumpft ist, ihre Basis
allem die wachsende Autonomisierung und zugleich Indi- verlieren Wenn sich »die Verantwortungen und Verpflich-
vidualisierung der eigenen Lebensgestaltung verleihen der tungen der Individuen (nicht mehr) auf eine umgrenzte po-
allmählichen Auflosung der organisierten Moderne einen litische Ordnung beziehen lassen, ist die Möglichkeit
gewissen Charme 53 Jedoch haben diese positiv besetzten von Politik selbst in Frage gestellt«55 Aus der Verflussi
Stichworte auch eine Kehrseite In der »Flexibilisierung« gung nationalstaathch organisierter Gesellschaften ergibt
sich für den Postmodernismus ein »Ende der Politik«, auf
51 P Wagner, Soziologie der Moderne Frankfurt/M 1995,180
das ja auch der Neoliberalismus, der soviel wie möglich den
52 S U Beck(s Fn 16) sowie U Beck A Giddens, S Lash Reflexwe Mo
dermsierung, Frankfurt/M 1996 54 W Heitmeyer (Hg ), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Frank
53 U Beck, Gegengifte Die organisierte Unverantuorthchkeit trank furt/M 1997
furt/M 1988, ders (Hg ), Kinder der Freiheit, Frankfurt/M 1997 55 Wagner (s F n 5 i ) , 261

I32 133
Steuerungsfunktionen des Marktes überlassen mochte, Grunde für die europaische Einigung, die die Frage der
seine Hoffnung setzt 56 Was für die eine Seite mit dem Un Entkoppelung der Demokratie von den Formen der natio-
tergang der klassischen Staatenwelt in einer anarchisch ver nalstaatlichen Implementierung gar nicht berühren Für
netzten Weltgesellschaft unmöglich wird - eine Politik im viele von uns spielt der historische Grund eine Rolle, daß
Weltmaßstab -, erscheint der anderen Seite als unerwünscht eine Wahrungsunion die von Schuman, Adenauer und de
- ein politischer Rahmen für die deregulierte Weltwirt- Gaspen eingeleitete Politik der Versöhnung - und die Ein-
schaft Aus verschiedenen Gründen kommen Postmoder- bindung Deutschlands in die europaische Gemeinschaft -
nismus und Neoliberalismus in der Vision uberein, daß unumkehrbar macht Im folgenden geht es aber allein um
sich die Lebenswelten von Individuen und kleinen Grup- Grunde für und gegen die Europaische Union als die erste
pen wie Monaden über weltweit ausgespannte und funk- Gestalt einer postnationalen Demokratie 57
tional koordinierte Netzwerke verstreuen, statt sich auf
Pfaden sozialer Integration in vielschichtigeren und größe-
ren politischen Einheiten zu überlappen
Wie gegenüber den regressiven Utopien der Schließung IV
empfiehlt sich Zurückhaltung auch gegenüber solchen, sich
progressiv gebenden Projektionen der Öffnung Notig ist Nach dem Grad der Zustimmung zur postnationalen De-
vielmehr eine Empfindlichkeit für jene eigentümliche mokratie mochte ich vier Positionen unterscheiden Euro-
Balance zwischen Öffnung und Schließung, die die glück- skeptiker, Markteuropaer, Eurofoderahsten und Anhanger
licheren Stationen in der Geschichte der europaischen einer »global governance« Die Euroskeptiker halten die
Modernisierung ausgezeichnet hat Wir werden den Her- Einfuhrung des Euro entweder grundsatzlich für falsch
ausforderungen der Globalisierung nur auf vernunftige oder mindestens für verfrüht Die Markteuropaer begrü-
Weise begegnen können, wenn es gelingt, in der postnatio- ßen die einheitliche Wahrung als notwendige Konsequenz
nalen Konstellation neue Formen einer demokratischen der Vollendung des Binnenmarktes, wollen es aber dabei
Selbststeuerung der Gesellschaft zu entwickeln Deshalb bewenden lassen Die Eurofoderahsten streben eine Um-
mochte ich die Bedingungen für eine demokratische Politik wandlung der internationalen Vertrage in eine politische
jenseits des Nationalstaates zunächst am Beispiel der Euro- Verfassung an, um den supranationalen Entscheidungen
paischen Union prüfen Dabei interessieren mich nicht die von Kommission, Ministerrat, Europaischem Gerichtshof
Motive für oder gegen den weiteren Ausbau der Politi- und Parlament eine eigene Legitimationsgrundlage zu ver-
schen Union, sondern die Stichhaltigkeit der Grunde, die schaffen Davon unterscheiden sich noch einmal die Ver-
sowohl die Sympathisanten als auch die Skeptiker ins Feld treter einer kosmopolitischen Position, die einen Bundes-
fuhren können, und zwar Grunde für und wider das Wag- staat Europa als Ausgangsbasis für die Einrichtung eines
nis einer postnationalen Demokratie Es gibt andere
5 7 E Grande, Postnationale Demokratie -Ein Ausweg aus der Globahsie
rungsfalle? W Fricke, E Fncke (Hg ), Jahrbuch für Arbeit und Tech
56 J M Guehenno, Das Ende der Demokratie, München und Zürich 1994 nik, Bonn 1997, 353-367

•34 135
auf internationalen Vertragen beruhenden Regimes einer Antwort finden, ist ein europaischer Bundesstaat nicht
künftigen »Weltinnenpolitik« betrachten Diese Positionen möglich Damit wurde auch die Basis für weiterreichende
ergeben sich in der Konsequenz von Stellungnahmen zu Aspirationen entfallen
vorgeordneten Fragen Ich will vier dieser für die Weichen- Die Stichworte, die ich zu diesen Themen anbiete, kön-
stellung in der Hauptsache entscheidenden Vorfragen be- nen bestenfalls eine unübersichtliche Diskussionslage
handeln charakterisieren und die Verteilung der Beweislasten fest-
Zunächst (a) geht um die These vom Ende der Arbeitsge- stellen Erst im Anschluß daran konnte sich eine »kosmo-
sellschaft Wenn die Erwerbsarbeit im Rahmen normaler politische« Position beurteilen lassen, die eine erneute
Beschaftigungsverhaltnisse ihre strukturbildende Kraft für politische Schließung der ökonomisch entfesselten Weltge-
die Gesamtgesellschaft einbüßt, genügt als politisches Ziel sellschaft ins Auge faßt
die Wiederherstellung der »Vollbeschaftigungsgesell- a) Der in allen industriellen Gesellschaften beobachtete
schaft« nicht mehr Weiterreichende Reformen sind aber in Trend zur Steigerung der Arbeitsproduktivität hat sich in
den Grenzen eines einzigen Landes kaum noch zu realisie- postindustriellen Gesellschaften fortgesetzt Die fort-
ren Sie verlangen eine Koordinierung durch Absprachen schreitende Rationalisierung ist regelmäßig von einer säku-
und Verfahren auf supranationaler Ebene Mit der europa- laren Verschiebung der Arbeitsbevolkerung aus dem pri-
ischen Einigung geht (b) der alte Streit um soziale Gerech- mären in den sekundären und tertiären Sektor, schließlich
tigkeit und Markteffizienz in eine neue Runde Die Neoh- in den quartaren Sektor einer Wissens- und Informations-
beralen sind davon überzeugt, daß erst recht die im globalen gesellschaft begleitet worden Die wiederholt gemachten
Maßstab eingerichteten Markte, indem sie effizientes Wirt- Prognosen, daß daraus eine »technologische Arbeitslosig-
schaften ermöglichen, zugleich Desiderate der Verteilungs- keit« resultieren müsse, haben sich in früheren Phasen
gerechtigkeit erfüllen Sonst wurde die Option der Markt- nicht bestätigt Bei allem Auf und Ab sind, bis weit in die
europaer für eine lockere Union der fortbestehenden Na- siebziger Jahre hinein, Arbeitsplatzverluste durch die
tionalstaaten, die allein horizontal über den einheitlichen Kombination von Arbeitszeitverkurzungen mit dem Ent-
Markt integriert sind, ihre Plausibihtat verlieren Drittens stehen neuer Arbeitsplatze kompensiert worden Seitdem
(c) geht es um die Frage, ob die Europaische Union den Ver- beobachten wir allerdings in den meisten OECD-Landern
lust an nationalstaatlichen Kompetenzen überhaupt wett- eine Entkopppelung des wirtschaftlichen Wachstums vom
machen kann Als Testfall betrachte ich die Dimension einer Beschaftigungsstand Die 18 Millionen Arbeitslosen der
umverteilungswirksamen Sozialpolitik Diese Frage der offiziellen EU-Statistik sind das Ergebnis einer Entwick-
Handlungsfähigkeit hangt mit der weiteren, allerdings ana- lung, die nach jedem konjunkturellen Aufschwung einen
höheren Sockel von Arbeitslosen zurückgelassen hat An-
lytisch klar zu unterscheidenden Frage zusammen (d), ob
dere Lander wie die USA oder Großbritannien haben über
politische Gemeinschaften eine kollektive Identität jenseits
die Öffnung eines Niedriglohnsektors die Nachfrage nach
der Grenzen einer Nation ausbilden und damit Legitimi
einfachen Dienstleistungen starker ausgeschöpft Aber da-
tatsbedingungen für eine postnationale Demokratie erful
für hat auch die von der Gesellschaft auf die Individuen ab-
len können Wenn diese beiden Fragen keine affirmative
136 137
gewalzte Dynamik der Verarmung und Marginahsierung schaftigungsgesellschaft« (Vobruba) hangt offensichtlich
ein höheres Maß an staatlicher Repression zur Folge, vor davon ab, wie man alle diese Ursachen gewichtet Die Ge-
allem unterminiert sie die öffentlichen Standards gesell- wichtung variiert nicht ohne weiteres mit linken oder rech-
schaftlicher Solidarität ten Optionen Wahrend die »Kommission für Zukunfts-
Für die Phänomene wachsender sozialer Ungleichheit fragen der Freistaaten Bayern und Sachsen« unter dem
werden verschiedene Ursachen genannt, vor allem das Ende Vorsitz von Meinhard Miegel davon ausgeht, daß wir in der
des Keynesianismus und ein verschärfter globaler Wettbe- Bundesrepublik mit einer hohen Dauerarbeitslosigkeit
werb, der Rationahsierungsinvestitionen beschleunigt Paul rechnen müssen, kommt die »Zukunftskommission der
Kennedy hat die Größenordnung der Arbeitskraftreserven Friedrich Ebert-Stiftung« zu dem Schluß, daß die Er-
berechnet, die wahrend der kommenden Jahrzehnte in werbsarbeit nach wie vor die »Schlusselgroße der gesell-
Asien, Lateinamenka und anderen Landern durch das be- schaftlichen Integration« ist, auch wenn sich deren Cha
weglicher gewordene Investitionskapital erschlossen wer- rakter »einschließlich der lebenslang stabilen Berufsbilder«
den konnten Andere Ursachen können freilich mit der verandern wird 58 Eine erwartete Kontinuität arbeitsgesell
Globalisierung nicht umstandslos in Verbindung gebracht schaftlicher Strukturen entlastet die Politik von der Auf
werden In den meisten OECD Gesellschaften ist das Ar- gäbe eines radikalen Umbaus des Verteilungssystems
beitskrafteangebot mit der steigenden Erwerbsneigung von Unter Umstanden genügt es sogar, wenn der Staat im na-
Frauen, auch mit der zunehmenden Immigration von Gast- tionalen Rahmen aktiv wird, um die Rahmenbedingungen
arbeitern, Armutsfluchtlingen usw absolut gestiegen Weil der Kapitalverwertung zu verbessern
hier existentielle Bedurfnisse ins Spiel kommen, reguliert Die Situation stellt sich anders dar, wenn man das politi-
sich auf Arbeitsmarkten das überschüssige Angebot nicht sche Ziel der Vollbeschäftigung aufgibt Unter dieser Prä-
nach den für Gutermarkte üblichen Mechanismen der Men- misse kann man entweder versuchen, die geltenden Stan-
genanpassung Auch das gehört zum besonderen Charakter dards der Verteilungsgerechtigkeit zu senken, um einen als
der »Ware Arbeitskraft« Außerdem spielen lokale Um- »Fehlentwicklung« betrachteten Sozialstaat mehr oder
stände und wirtschaftspohtische Versäumnisse eine Rolle - weniger zu liquidieren Oder man kann Alternativen an-
z B eine unflexible öffentliche Verwaltung, die unzurei peilen, die keineswegs kostenlos sind z B eine radikale
chende Qualifizierung von Arbeitskräften oder verzögerte
Umverteilung des geschrumpften Volumens an Erwerbs
Strukturanpassungen Auch die Phantasielosigkeit des Ma-
arbeit59 oder die Beteiligung breiter Schichten am Kapital
nagements, betriebliche Organisationsmangel, fehlende In
eigentum60 oder die Entkoppelung eines staatlichen, ober
novationen auf dem Gebiet von Forschung und Entwick
halb des Sozialhilfeniveaus liegenden Grundeinkommens
lung oder eine unzureichende Ruckkoppelung von In-
dustrie und Wissenschaft können die Wettbewerbsfähigkeit
58 Zukunftskommission der Friedrich Ebert Stiftung (s Fni7), 22jff
des nationalen Standorts mit beschaftigungsrelevanten Fol- 59 G Grozinger, Drei wirtschaftspohtische Ziele drei semi autonome In
gen beeinträchtigen stitutionen, in Wirtschaftswissenschaftliche Diskusswnsheitrage, Nr 8,
Flensburg 1998
Die Einschätzung der These vom »Ende der Vollbe- 60 Scharpf(s Fn42), 247ff

138 139
vom Erwerbseinkommen 61 Radikale Umverteilungen abfinden wurde, den - auch vom politischen Prozeß seg
dieser Art stoßen nicht nur auf den Widerstand der beste- mentierten - Rest einer hoffnungslos »überschüssigen« Be-
henden Interessen, Wertonentierungen und Eigentumsver- völkerung einem repressiven Staat als Problem der inneren
hältnisse, sie durften sich auch kaum kosten- oder wett- Sicherheit und der Armenfursorge zu überantworten,
bewerbsneutral, also innerhalb eines nationalen Rahmens, bliebe die erzwungene Desohdansierung ein Stachel im
durchfuhren lassen Wahrend der siebziger Jahre sind Dis- Fleisch der politischen Kultur 62 Eine funktionale Recht-
kussionen über Grundeinkommen und Dualwirtschaft fertigung reicht nicht aus, um extrem gespreizte soziale
noch unter der Prämisse gefuhrt worden, daß der Na- Unterschiede in einer demokratisch verfassten Burgerge-
tionalstaat den gesellschaftlichen Umbau in eigener Regie sellschaft normativ akzeptabel zu machen Als normative
vornehmen könne Nach der Veränderung der globalen Theorie übernimmt daher der Neoliberalismus die Beweis-
Rahmenbedingungen ist aber klar, daß innovative Ant- last für die starke Aussage, daß effiziente Markte nicht nur
worten auf das »Ende der Arbeitsgesellschaft« ein koor- ein optimales Verhältnis von Aufwand und Ertrag, sondern
diniertes Vorgehen auf supranationaler Ebene notig ma- eine sozial gerechte Verteilung garantieren Damit stellen
chen sich zwei Fragen Welche normativen Erwartungen sind es,
(b) Die erwähnte neoliberale Alternative berührt die die effiziente Markte erfüllen sollen5 Und wie wahrschein-
alte Kontroverse über das Verhältnis von sozialer Gerech- lich funktionieren Markte so effizient, daß sich wenigstens
tigkeit und Markteffizienz Zur Klarung dieses ehrwürdi- in diesem, wie sich zeigen wird, ermassigten Sinne von so-
gen Dogmenstreits werde ich kaum Neues beitragen kön- zialer Gerechtigkeit eine normativ akzeptable Verteilung
nen Man muß damit rechnen, daß ein weitgehend erwarten laßt-1
dereguherter Arbeitsmarkt und die Privatisierung der Vor- Der Neoliberalismus legt seiner normativen Grundan-
sorge für Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit im Bereich nahme einen am prozeduralen Modell des Vertragsrechts
niederer Einkommen und unsicherer Beschaftigungsver- gewonnenen Begriff von Tauschgerechtigkeit zugrunde
haltmsse armselige Milieus am Rande des Existenzmini- Bei einer Tauschoperation stehen Ertrag, Erwerb oder
mums entstehen laßt Selbst wenn sich dann die Mehrheit Gewinn - also das, was jemand bekommt - in einem »äqui-
der Zufriedenen und Nicht-ganz-so-Zufnedenen damit valenten« Verhältnis zu dem, was er einbringt, d h zu
Aufwand, Angebot oder Einlage genau dann, wenn die
61 Was G Vobruba (Ende der Vollbeschaftigungsgesellschaft, in Zeit- Ver-einbarung, also die Einwilligung beider Seiten, unter
schrift f Sozialreform, 44, 1998, 77<)'))S 88 zur Idee des Shareholder
Socialism sagt, laßt sich sinngemäß auch auf andere Plane zur - ausglei gewissen Standardbedingungen zustandekommt die Betei
chenden - Kombination mehrerer Einkommensquellen beziehen »Alle ligten müssen die gleiche Freiheit haben, nach je eigenen
diese Ansätze laufen darauf hinaus, die bisherige personelle Zuordnung Präferenzen zu entscheiden Ein Markt, der (zusammen
von Bevolkerungsgruppen zu den gesellschaftlichen Einkommensquel
len und Interessenpositionen aufzulösen Einfacher gesagt Wenn der mit dem Geldmedium) über gleiche private Freiheitsrechte,
Kapitalismus gesiegt hat, dann muß man eben alle zu (Teil)kapitahsten insbesondere Vertragsfreiheit und Eigentumsrechte, msti-
machen, um sie an den Fruchten dieses Sieges zu beteiligen Wenn ab
hangige Erwerbstatigkeit als Einkommensquelle nicht mehr ausreicht,
muß sie durch Kapitaleinkommen ergänzt werden < 62 Agnew und Corbridge (s Pni2), 20if

140 141
nationalisiert wird, sichert ein Verfahren für den Tausch sion der Freiheit - politische Autonomie - hinzu Der
von Äquivalenten, das in diesem Sinne »gerecht« ist, wenn Neoliberalismus ist nicht empfänglich für die republikani-
und soweit es tatsächlich einen - im streng normativen sche Idee der Selbstgesetzgebung, wonach sich private und
Sinne der gleichen privaten Freiheit aller - »freien« Wettbe- staatsbürgerliche Autonomie wechselseitig voraussetzen
werb ermöglicht Dabei gilt die leistungsgerechte Entloh Er sperrt sich gegen die Intuition, daß die Burger erst dann
nung als spezieller Fall dieser, an die Voraussetzung rezi frei sind, wenn sich die Adressaten des Rechts zugleich als
prok unterstellter Willkurfreiheit gebundenen Tausch dessen Autoren verstehen können
gerechtigkeit Diese doppelte normative Verkürzung, die der Neolibe-
Dieser Begriff von Freiheit ist mit einem normativ ermä- ralismus mit der Wahl seiner Grundbegriffe vornimmt,
ßigten Personenkonzept verknüpft Der Begriff des »ratio- mag eine gewisse Unbekummertheit in Fragen der sozialen
nalen Entscheiders« ist unabhängig sowohl vom Begriff ei- Gerechtigkeit erklaren - jene zwischen Toleranz, Gleich-
ner moralischen Person, die ihren Willen durch Einsicht in gültigkeit und Zynismus schwankende Einstellung, die
das, was im gleichmassigen Interesse aller Betroffenen hegt, sich in Deutschland oft mit einer pessimistischen Anthro-
binden kann, als auch vom Begriff des Burgers einer Repu- pologie ganz anderer Herkunft verbündet Selbst diese re-
blik, der sich gleichberechtigt an der öffentlichen Praxis der duzierten normativen Erwartungen können Markte frei-
Selbstgesetzgebung beteiligt Die neoliberale Theorie rech- lich nur erfüllen, wenn sie gemäß der Modellannahmen
net mit Privatrechtssubjekten, die in den Grenzen gesetzli- tatsächlich »effizient« arbeiten Auf die bekannten Ein-
cher Handlungsspielraume nach eigenen Präferenzen und wände brauche ich hier nicht in extenso einzugehen 63
Wertorientierungen »tun und lassen, was sie wollen« Sie Markte werden zu Recht dafür gepriesen, daß sie die effizi-
brauchen sich wechselseitig nicht füreinander zu interessie- ente und sparsame Übertragung von Informationen mit
ren, sind also nicht mit einem moralischen Sinn für soziale dem Anreiz zur zweckmassigen Informationsverarbeitung
Verpflichtungen ausgestattet Die rechtlich geforderte Be- verbinden Aber diese Funktion ist grundsätzlich durch die
achtung der Pnvatfreiheiten, die allen Wettbewerbsteilneh- Unempfindlichkeit gegenüber externen Kosten einge-
mern gleichermaßen zustehen, ist etwas anderes als der schränkt, Markte sind für Informationen in einer Sprache,
die nicht die der Preise ist, taub Im übrigen erfüllen reale
gleichmäßige Respekt vor der menschlichen Wurde eines
Markte die Funktion der Preisbildung nur sehr unvoll-
jeden
kommen, weil sie den idealen Forderungen des freien Wett-
Mit einer »Privatrechtsgesellschaft« rechnet der Neo-
bewerbs normalerweise nicht genügen Schließlich schei
liberalismus auch in der Hinsicht, daß sich der Gebrauchs-
tert die egalisierende Kraft des Marktes, der die Leistungen
wert der Burgerfreiheiten im Genuß privater Autonomie
aller Teilnehmer einem unparteilichen Maßstab unterwer-
erschöpft Der Staatsapparat hat den Instrumentellen Sinn,
fen soll, an dem evidenten Umstand, daß Personen, wie wir
kollektiv bindende Entscheidungen nach Maßgabe der ag-
sie kennen, keineswegs die gleichen Chancen haben, an
gregierten Präferenzen der Gesellschaftsburger zu treffen
Zwar dient der demokratische Prozeß dem Schutz gleicher
privater Freiheiten, fugt diesen aber keine weitere Dimen- 63 Ebd , 222ff

142 '43
Märkten teilzunehmen und Gewinne zu erzielen. Reale production vary not only in the ways firms approach prof-
Märkte reproduzieren - und steigern - ex ante bestehende its, but also in the degree to which they attempt to maximize
komparative Vorteile von Unternehmen, Haushalten und (a) criteria of allocative efficiency or X-efficiency conside-
Personen. rations, (b) social peace and egalitarian distribution consi-
(c) Aus der neoliberalen Option für die Wünschbarkeit derations, (c) quantity vs. quality aspects of production, and
deregulierter Märkte ergibt sich eine Präferenz für den ein- (d) innovation in developing new products versus innova-
heitlichen europäischen Markt und die gemeinsame Geld- tion in improving upon existing products.«65 Aus dieser
politik einer unabhängigen Zentralbank. Die sozialdemo- Sicht hat beispielsweise die Zukunftskommission der Fried-
kratische Option für eine staatliche Regulierung, die den rich-Ebert-Stiftung für den Wirtschaftsstandort Deutsch-
Rahmen für effiziente Märkte schaffen und die Lücke zwi- land ein Profil erarbeitet, das (anstelle der neoliberalen
schen sozialer Gerechtigkeit und Markteffizienz schließen Kostensenkungsstrategie) die staatliche Förderung Stand-
soll, verbindet sich hingegen häufig mit einer euroskepti- ort-spezifischer Vorzüge nahelegt.66
schen Einstellung. Das entscheidet sich an der Frage, ob die Der eindrucksvolle Katalog für Ansatzpunkte zu einer
Europäische Union überhaupt in der Lage sein wird, we- nationalen Reformpolitik (Verbesserung der Innovations-
sentliche Aufgaben des Nationalstaates zu übernehmen. fähigkeit, Entwicklung der Humanressourcen, Verwal-
Dem entspricht spiegelbildlich die Frage, über welchen tungsmodernisierung, ein Niedriglohnsektor, der durch
politischen Handlungsspielraum nationale Regierungen negative Einkommenssteuern erträglich gemacht wird,
immer noch verfügen. usw.) berührt freilich nicht die Tatsache, daß die erwähn-
Die Euroskeptiker gehen davon aus, daß sich in den Na- ten Globalisierungsprozesse beides, die Steuerressourcen
tionalstaaten verschiedene Konfigurationen von nichtwirt- wie die Spielräume für eine aktive Wachstums- und Be-
schaftlichen Praktiken, Institutionen und Mentalitäten her- schäftigungspolitik, beschneiden und damit die Sozial-
ausgebildet haben, die jedem Wirtschaftsstandort ein politik in Bedrängnis bringen. Deshalb können sich die
besonderes Profil verleihen und dessen Erfolgsaussichten Euroskeptiker nicht damit begnügen, die verblichenen
im globalen Wettbewerb weitgehend bestimmen. Diese An- Tugenden des Nationalstaates herauszustreichen. Sie dre-
nahme stützt sich auf eine Forschungsrichtung, die die in- hen den Spieß um und fragen, ob denn die Europäische
stitutionelle Einbettung nationaler Produktionssysteme Union überhaupt die politische Handlungsfähigkeit ge-
untersucht, um die Abstraktionen der neoklassischen Öko- winnen kann, die die Nationalstaaten nach der euroföde-
nomie rückgängig zu machen.M Offensichtlich gibt es in ei- ralistischen Lesart eingebüßt haben. Unstrittig ist das
ner gegebenen Marktkonstellation nicht nur den »einzig dichte Netz von Regelungen, mit dem die Europäische
richtigen« Weg zur kostengünstigsten Kombination von Kommission, der Ministerrat und, in nicht unbeträchtli-
Arbeitskräften, Kapital und Rohstoffen: »Social Systems of chem Maße, der Europäische Gerichtshof inzwischen die

64 J. R. Holhngsworth, R. Boyer, Contemporary Capitalism, Cambridge 65 Ebd., 37


1997, 1-48 66 Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung (s. Fn 17), 76ff.

144 145
Gesellschaften der Mitgliedstaaten überziehen. Denn die der Sozial-, Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik zu einer
europäische Politik, die von Anbeginn das Ziel verfolgt, »Harmonisierung« zu gelangen. Ich brauche den Streit der
die freie Mobilität von Gütern und Dienstleistungen, Ka- Experten nicht im Einzelnen zu rekapitulieren.68 Im Kern
pital und Personen zu fördern, greift tief in viele Pohtik- geht es darum, ob die europäischen Institutionen bloß in
felder ein.67 Das gilt sogar für die Sozialpolitik. Die EU der Lage sind, nationale Interessen auf dem Wege einer ne-
hat beispielsweise im Hinblick auf die Gleichstellung der gativen Integration so aufeinander abzustimmen, daß neue
Frauen wichtige Sozialgesetze erlassen, während der Eu- Märkte entstehen; oder ob sie auch die Kraft haben, im
ropäische Gerichtshof mehr als dreihundert sozialrecht- Sinne einer positiven Integration marktkorrigierende Ent-
lich relevante Entscheidungen gefällt hat, um die nationa- scheidungen zu treffen und Regelungen mit redistributiver
len Wohlfahrtsregime mit dem gemeinsamen Binnenmarkt Wirkung durchzusetzen. Denn neben der Geldwertsta-
kompatibel zu machen. Diese Anpassungen berühren je- bilität sind Beschäftigungsstand und kontinuierliches
doch nicht den Modus der Besteuerung, Finanzierung und Wirtschaftswachstum gleichrangige und konkurrierende
Verteilung, den die nach Konstruktion und Leistungsni- wirtschaftspolitische Ziele, die erforderlichenfalls in Kon-
veau erheblich voneinander abweichenden sozialpoliti- kurrenz zur unabhängigen Zentralbank verfolgt werden
schen Regime der Mitgliedsländer auf ganz verschiedene müssen.69
Weise festlegen. Die skeptische Seite stützt sich auf die historische Evi-
Wenn nun die Mitgliedstaaten infolge der Währungs- denz des zweimal gescheiterten Versuchs, die europäische
union und auf der Grundlage einer einheitlichen europä- Politik um eine soziale Dimension zu erweitern und die eu-
ischen Geldpolitik weitere makroökonomische Steue- ropäische Gemeinschaft über die sozialpolitische Route zu
rungsmöglichkeiten verlieren, während sich der inner- einem Bundesstaat zu entwickeln.70 Wolfgang Streeck ver-
europäische Wettbewerb nochmals verstärkt, sind Pro- folgt die Koalitionen und Strategien, die solche ehrgeizigen
bleme einer neuen Größenordnung zu erwarten. Länder Harmonisierungsversuche alsbald auf das marktkonforme
mit hohen sozialen Standards fürchten die Gefahr einer Ziel der Beseitigung von Mobilitätshindernissen zwischen
Angleichung nach unten; Länder mit einem vergleichs- nationalen Arbeitsmärkten reduziert haben. Demgegen-
weise schwachen Sozialschutz fürchten, durch die Einfüh- über betont die andere Seite das Eigeninteresse, den Hand-
rung höherer Standards ihrer Kostenvorteile beraubt zu lungsspielraum und die relative Unabhängigkeit der euro-
werden. Europa wird vor der Alternative stehen, entweder päischen Behörden gegenüber den nationalen Regierungen,
den Problemdruck über den Markt - als Wettbewerb zwi- die Pfadabhängigkeit der Politiken von den einmal ein-
schen sozialpolitischen Regimen, die in nationaler Zustän- gegangenen Festlegungen sowie den Eigensinn der rege-
digkeit bleiben - abzuwickeln oder dem Problemdruck po-
68 St. Leibfried, P. Pierson (Hg.), Standort Europa. Europaische Sozial-
litisch zu begegnen mit dem Versuch, in wichtigen Fragen politik, Frankfurt/M. 1998
69 Grozinger (s. Fn 59)
70 W. Streeck, Vom Binnenmarkt zum Bundesstaat* Überlegungen zur
67 F. W. Scharpf, Optionen des Föderalismus in Deutschland und Europa, Politischen Ökonomie der Europaischen Sozialpolitik, in: Leibfried,
Frankfurt/M. 1994 Pierson (Hg.) (s. Fn68), 377ff.

146 147
lungsbedürftigen und immer dichter vernetzten Probleme gewollten Status quo ein Zukunftsbild von Europa entwer-
selbst.71 Die Eurooptimisten können zudem darauf hinwei- fen, das die Phantasie beflügelt und zu einem breitenwirk-
sen, daß die Europäische Union in anderen Bereichen, wenn sam dramatisierten öffentlichen Streit über das gemein-
auch in bescheidenem Umfang, längst eine aktive Umver- same Thema in den verschiedenen nationalen Arenen
teilungspolitik betreibt - eine Umverteilung zwischen Sek- anregt.
toren durch die gemeinsame Agrarpolitik sowie eine Um- (d) Die politische Alternative zu einem im neoliberalen
verteilung zwischen Regionen durch die Verwendung der Format eingefrorenen Markteuropa kann gegen die erwart-
Strukturfonds. baren ökonomischen Einwände mit dem Argument vertei-
Die Diskussion scheint darauf hinauszulaufen, daß digt werden, daß der europäische Wirtschaftsraum auf-
keine Seite recht behält - weder die Neorealisten, die allein grund seiner dichten regionalen Verflechtung von Handel
dem Nationalstaat die Kraft zu einer »gestaltenden« Poli- und Direktinvestitionen als ganzer noch eine vergleichs-
tik zutrauen, noch die Neofunktionalisten, die eine weise große Unabhängigkeit vom globalen Wettbewerb ge-
gewissermaßen »automatische« Entwicklung vom Binnen- nießt. Aber selbst wenn der ökonomische Spielraum für ein
markt zum Bundesstaat erwarten: »Die Zukunft der euro- politikfähiges, d.h. auch wirtschaftspolitisch handlungs-
päischen Sozialpolitik hängt nicht davon ab, ob ein euro- fähiges Europa gegeben ist, hängt der Ausbau der Euro-
päischer Binnenmarkt Institutionalisierung braucht... , päischen Union zum Bundesstaat von einer weiteren
sondern ob Europa als politisches System die notwendigen Bedingung ab: »Eine Stärkung der Regierungsfähigkeit eu-
politischen Ressourcen aufbringen kann, um mächtigen ropäischer Institutionen ist nicht ohne Ausweitung ihrer
Teilnehmern am Markt umverteilende Pflichten aufzuerle- förmlichen demokratischen Legitimitätsgrundlage denk-
gen.« 72 Die Währungsunion ist der letzte Schritt auf einem bar.«73 Wenn Europa über eine integrierte Mehrebenenpo-
Weg, der zwar von den Initiatoren des Projekts mit weiter- litik handlungsfähig werden soll, müssen die vorerst nur
reichenden Hoffnungen begonnen worden ist, der sich durch ihren gemeinsamen Paß gekennzeichneten Europa-
aber aus der Retrospektive nüchtern als »intergouverne- Bürger lernen, sich über die nationalen Grenzen hinweg
mentale Marktherstellung« beschreiben läßt. Heute ist der gegenseitig als Angehörige desselben politischen Gemein-
Punkt erreicht, wo eine dichte horizontale Vernetzung wesens anzuerkennen: »weder der Absicht noch dem Er-
über den Markt durch eine relativ schwache politische Re- gebnis nach« dürfen sie »von Angehörigen anderer euro-
päischer Nationen >unzumutbare< Schädigungen >unserer<
gulierung durch noch viel schwächer legitimierte Behör-
Interessen beargwöhnen«.74
den ergänzt wird. Die europäische Einigungsdynamik
kann über diesen Punkt nur hinausführen, wenn die Euro- Das Schema der Verfassung eines nationalen Bundes-
föderalisten gegenüber diesem von den Markteuropäern staates, z. B. der Bundesrepublik Deutschland, läßt sich ge-
wiß nicht ohne weiteres auf einen föderalistisch verfaßten
71 P. Pierson, St. Leibfried, 7.ur Dynamik sozialpolitischer Integration:
Der Wohlfahrtsstaat in der europaischen Mehrehenenpolitik, in: Leib-
fried und Pierson (Hg.) (s. Fn68), 425 ff. 73 C. Offe, Demokratie und Wohlfahrtsstaat (Ms. 1998), 27
72 Streeck (s. Fn 70), 391 74 Ebd., 22

148 149
Nationalitätenstaat vom Ausmaß der Europaischen Union reguherungswettbewerbs zwischen den nationalen »Stand-
übertragen 75 Es ist weder möglich noch wünschenswert, orten« unter der scheinbar unpolitischen Aufsicht einer
die nationalen Identitäten der Mitgliedstaaten einzuebenen Zentralbank nur vermieden werden, wenn die gemeinsame
und zu einer »Nation Europa« zu verschmelzen. Auch in europaische Geldpohtik ergänzt wird durch eine gemein-
einem europaischen Bundesstaat wurde, um es auf einen same Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik, die stark ge-
Punkt zu bringen, die zweite Kammer der Regierungsver- nug ist, um nationalen Alleingangen mit negativer Drittwir-
treter eine stärkere Stellung behalten als das unmittelbar kung vorzubeugen. Das macht die Übertragung weiterer
gewählte Parlament der Volksvertreter, weil die heute allein Souveramtatsrechte auf eine europaische Regierung notig,
bestimmenden Elemente der Verhandlung und multilatera- wobei die Nationalstaaten im wesentlichen diejenigen Re-
len Vereinbarung zwischen den Mitgliedstaaten auch in gelungskompetenzen behalten wurden, von denen keine
einer politisch verfaßten Union nicht spurlos verschwin- Nebeneffekte für die »inneren« Angelegenheiten anderer
den können Aber positiv koordinierte und umverteilungs- Mitgliedstaaten zu erwarten sind. Die Europaische Union
wirksame Politiken müssen von einer europaweiten demo- muß, mit anderen Worten, von der bisherigen Grundlage in-
kratischen Willensbildung getragen werden, und diese ternationaler Vertrage auf eine »Charta« in der Art eines
kann es ohne eine solidarische Grundlage nicht geben. Die Grundgesetzes umgestellt werden Andererseits ist dieser
bislang auf den Nationalstaat beschrankte staatsbürgerli- Übergang von intergouvernementalen Vereinbarungen zu
che Solidarität muß sich auf die Burger der Union derart einem verfaßten politischen Gemeinwesen nicht nur auf ein
ausdehnen, daß beispielsweise Schweden und Portugiesen gemeinsames, über national definierte Wahlrechte und na-
bereit sind, füreinander einzustehen. Erst dann können ih- tional segmentierte Öffentlichkeiten hinausgreifendes Ver-
nen annähernd gleiche Mindestlohne, überhaupt gleiche fahren demokratischer Legitimation angewiesen, sondern
Bedingungen für individuelle und nach wie vor national ge- auf eine gemeinsame Praxis der Meinungs- und Willensbil-
prägte Lebensentwurfe zugemutet werden. Die nächsten dung, die sich aus den Wurzeln einer europaischen Burger-
Schritte auf eine europaische Föderation zu sind mit gesellschaft speist und in einer europaweiten Arena entfal-
außerordentlichen Risiken verbunden, weil eins ins andere tet. Diese Legitimitatsbedingung für eine postnationale
greifen muß: die Erweiterung der politischen Handlungs- Demokratie ist heute offensichtlich noch nicht erfüllt Eu-
fähigkeit muß gleichzeitig mit einer Erweiterung der Legi- ropaskeptiker bezweifeln, daß sie überhaupt erfüllt werden
timationsgrundlage der europaischen Institutionen voran- kann.
schreiten. Das Argument, daß es kein europaisches Volk gibt und
Einerseits kann der sozialpolitische Schaden eines De- mithin auch keine verfassungsgebende Gewalt existiert,76
gewinnt allerdings erst durch eine bestimmte Verwendung
75 E Grande, Demokratische Legitimation und europaische Integration, des Begriffes »Volk« den Charakter eines grundsatzlichen
in Leviathan, 1996, 339-360 R Schmalz Bruns, Burgergesellschafth-
che Politik — ein Modell der Demokratisierung der Europaischen Union,
in K D Wolf (Hg), Projekt Europa im Übergang?, Baden-Baden 76 D Grimm, Braucht Europa eine Verfassung? (Carl Friedrich von Sie
1997,63 90 mens Stiftung), München 1995

150
Einwandes.77 Die Prognose, daß es so etwas wie ein euro- tet sind. Anders als in der Moral gelten im positiven Recht
päisches Volk nicht geben wird, wäre nur dann plausibel, Pflichten als etwas Sekundäres; sie resultieren allein aus
wenn die solidaritätsstiftende Kraft des »Volkes« tatsächlich der Kompatibilität der Rechte eines jeden mit den glei-
von der vorpolitischen Vertrauensbasis einer »gewachse- chen Rechten aller anderen. Wehrpflicht (und Todesstrafe)
nen« Gemeinschaft abhinge, die Volksgenossen mit ihrem können unter diesen Prämissen ohnehin nicht begründet
Sozialisationsschicksal gleichsam ererben. Selbst Claus werden. Die Steuerpflicht folgt aus dem Entschluß, mit
Offe stützt seine skeptische Überlegung auf die Prämisse, Mitteln des positiven und zwingenden Rechts eine politi-
daß die Bereitschaft der Bürger, sich auf die Risiken eines sche Ordnung zu schaffen, die in erster Linie subjektive
umverteilenden Sozialstaats einzulassen, ohne diese askrip- Rechte gewährleistet. Die sogenannte Schulpflicht be-
tive Art von Solidarität mit einem »von uns« nicht zu er- gründet sich schließlich aus einem Grundrecht von Kin-
klären sei. Nur die Zugehörigkeit zur vorpolitischen dern und Jugendlichen auf den Erwerb von Grundqualifi-
Schicksalsgemeinschaft einer Nation habe die Bindungs- kationen, das der Staat im Interesse der Grundrechtsträger
wirkung und erzeuge den Vertrauensvorschuß, die ver- gegebenenfalls auch gegen widerstrebende Eltern durch-
ständlich machen, warum selbstinteressierte Bürger eigene setzen muß.
Präferenzen hinter den Zumutungen einer »Pflichten auf- Ich verkenne nicht das Janusgesicht der »Nation« als der
erlegenden« staatlichen Autorität zurückstellen. Aber ist ersten modernen, noch von Herkunftsprojektionen zeh-
das erklärungsbedürftige Phänomen so richtig beschrieben? renden Form kollektiver Identität. Sie changiert zwischen
Es besteht eine bemerkenswerte Dissonanz zwischen der imaginierten Naturwüchsigkeit einer Volksnation und
den etwas archaischen Zügen des »Verpflichtungspoten- der rechtlichen Konstruktion einer Nation von Staatsbür-
tials« aufopferungswilliger Schicksalsgenossen und dem gern. Aber die west- und nord- wie die mittel- und ostmit-
normativen Selbstverständnis des modernen Verfassungs- teleuropäischen Pfade der Entstehung des Nationalstaates
staates als einer freiwilligen Assoziation von Rechtsgenos- - from State to nation vs. from nation to State - bezeugen
sen. Die Beispiele der Wehrpflicht, der Steuerpflicht und den konstruierten, durch Rechtsmedium und Massenkom-
der Schulpflicht suggerieren ein Bild vom demokratischen munikation vermittelten Charakter dieser neuen Identitäts-
Staat als einer primär verpflichtenden Autorität, die den formation. Das nationale Bewußtsein verdankt sich ebenso
Herrschaftsunterworfenen Opfer auferlegt. Das Bild paßt der Mobilisierung von Wahlberechtigten in der politischen
schlecht zu einer Aufklärungskultur, deren normativer Öffentlichkeit wie der Mobilisierung von Wehrpflichtigen
Kern darin besteht, die Moral des öffentlich zugemuteten für die Verteidigung des Vaterlandes. Sie verbindet sich mit
sacrificium abzuschaffen. Die Bürger eines demokrati- dem egalitären Selbstverständnis demokratischer Staats-
schen Rechtsstaates verstehen sich als die Autoren der bürger und geht aus dem Kommunikationszusammenhang
Gesetze, denen sie als Adressaten zu Gehorsam verpflich- der Presse und dem diskursiv verflüssigten Machtkampf
politischer Parteien hervor. In diesem voraussetzungsrei-
77 Vgl. meine Bemerkung zu Dieter Grimm in: Habermas (s. Fn6), 185ff.; chen Kontext entwickelt sich der Nationalstaat zum »größ-
vgl. auch G. Delanty, Models of Citizenship: Defining European Iden-
tity and Citizenship, in: Citizenship Studies,i, 1997, 285-304
ten bekannten Sozialverband, der Umverteilungsopfer bis-

153
her zumutbar machen konnte«.78 Gerade die artifiziellen europaweiten politischen Öffentlichkeit Resonanz fin-
Entstehungsbedingungen des nationalen Bewußtseins den, die ihrerseits eine europäische Bürgergesellschaft mit
sprechen jedoch gegen die defaitistische Annahme, daß sich Interessenverbänden, nicht-staatlichen Organisationen,
eine staatsbürgerliche Solidarität unter Fremden nur in den Bürgerbewegungen usw. voraussetzt. Transnationale Mas-
Grenzen einer Nation herstellen kann.79 Wenn sich diese senmedien können aber einen solchen vielsprachigen Kom-
Form der kollektiven Identität einem folgenreichen Ab- munikationszusammenhang erst herstellen, wenn, wie es
straktionsschub vom lokalen und dynastischen zum natio- heute in den kleineren Nationen schon der Fall ist, die na-
nalen und demokratischen Bewußtsein verdankt, warum tionalen Bildungssysteme für eine gemeinsame (Fremd-)
sollte sich ein solcher Lernprozeß nicht fortsetzen können? Sprachenbasis sorgen. Und normative Antriebskräfte, die
Dieser Formwandel der sozialen Integration wird sich diese verschiedenen Prozesse von den zerstreuten nationa-
gewiß nicht aus einer funktionalen, über wirtschaftliche In- len Zentren aus gleichzeitig in Gang setzen, wird es ohne
terdependenzen hergestellten Integration wie von selbst er- überlappende Projekte für eine gemeinsame politische Kul-
geben. Auch wenn sich der europäische Binnenmarkt und tur nicht geben.80 Diese Projekte können jedoch in dem
die gemeinsame Geldpolitik wider Erwarten ohne politi- historischen Horizont entstehen, in dem sich die Bürger
sche Hilfestellung über gleichmässiges Wachstum und sin- Europas bereits vorfinden.
kende Arbeitslosigkeit stabilisieren sollten, würde diese Der Lernprozeß, der zu einer europäisch erweiterten
systemische Dynamik allein nicht ausreichen, um gleichsam Solidarität von Staatsbürgern führen soll, liegt nämlich auf
hinterrücks das kulturelle Substrat für ein wechselseitiges einer Linie spezifisch europäischer Erfahrungen. Die euro-
transnationales Vertrauen entstehen zu lassen. Dafür ist ein päische Entwicklung ist seit dem ausgehenden Mittelalter
anderes Szenario nötig, wonach sich verschiedene Antizi- stärker als andere Kulturen durch Spaltungen, Differenzen
pationen in einem Kreisprozeß wechselseitig stützen und und Spannungen charakterisiert — durch die Rivalität zwi-
stimulieren. Eine europäische Charta nimmt die veränder- schen kirchlicher und säkularer Gewalt, durch eine regio-
ten Kompetenzen einer Verfassung vorweg, die erst dann nale Zersplitterung der politischen Herrschaft, den Gegen-
funktionieren kann, wenn es den durch sie immerhin ange- satz zwischen Stadt und Land, durch die konfessionelle
bahnten demokratischen Prozeß tatsächlich geben wird. Spaltung und den tiefen Konflikt zwischen Glauben und
Dieser Legitimationsprozeß muß von einem europäischen Wissen, durch die Konkurrenz der großen Mächte, die im-
Parteiensystem getragen werden, das sich erst in dem Maße periale Beziehung zwischen »Mutterländern« und Kolo-
formieren kann, wie die bestehenden politischen Parteien nien, vor allem durch Eifersucht und Krieg zwischen den
zunächst in ihren nationalen Arenen über die Zukunft Nationen. Diese scharfen, oft tödlich zugespitzten Kon-
Europas streiten und dabei grenzüberschreitende Interes- flikte sind - in den glücklicheren Momenten - auch ein
sen artikulieren. Diese Diskussion muß wiederum in einer Stachel zur Dezentrierung der jeweils eigenen Perspek-

78 Offe (s. Fn 73), 46 80 Die Impulse der Linken für eine solche Diskussionn sind bisher
79 E.W. Böckenförde, Welchen Weg geht Europa? (Carl-Friedrich von schwach: vgl. P. Gowan, P. Anderson (Hg.), The Question of Europe,
Siemens Stiftung), München 1997, 37 London 1997

154 155
tiven gewesen, ein Antrieb zur Reflexion auf und zur Die auf europäischer Ebene bestehenden Koordina-
Distanzierung von Voreingenommenheiten, ein Motiv zur tionsprobleme verschärfen sich auf globaler Ebene noch
Überwindung des Partikularismus, zum Erlernen toleran- einmal. Weil die negative Koordination von Unterlassungs-
ter Umgangsformen und zur Institutionalisierung von handlungen den geringsten Implementationsaufwand er-
Auseinandersetzungen. Diese Erfahrungen mit gelungenen fordert, konnte sich, zumal unter dem hegemonialen
Formen der sozialen Integration haben das normative Druck der USA, die Liberalisierung des Weltmarktes
Selbstverständnis der europäischen Moderne geprägt, durchsetzen, konnte ein internationales Wirtschaftsregime
einen egalitären Universalismus, der uns - den Söhnen, Zustandekommen, das den Abbau von Handelsschranken
Töchtern und Enkeln eines barbarischen Nationalismus - besiegelt. Die externen Effekte der Schadstoffproduktion
den Übergang zu den anspruchsvollen Anerkennungsver- und die grenzüberschreitenden Risiken von Großtechno-
hältnissen einer postnationalen Demokratie erleichtern logien haben sogar zu Organisationen und Praktiken ge-
kann. führt, die regulative Aufgaben übernehmen. Aber für glo-
bale Regelungen, die nicht nur eine positive Koordinierung
der Handlungen verschiedener Regierungen erfordern,
V sondern auch in existierende Verteilungsmuster eingreifen,
sind die Hürden (noch) zu hoch.
Ein europäischer Bundesstaat wird aufgrund seiner erwei- Im Lichte der jüngsten Krisen in Mexiko und Asien
terten wirtschaftlichen Basis und der gemeinsamen Wäh- wächst natürlich ein Interesse an der Vermeidung von Bör-
rung günstigenfalls Skaleneffekte, beispielsweise Vorteile senkrächen, an strengeren Regelungen für Kreditgeschäfte
im globalen Wettbewerb erzielen. Die Schaffung größerer und Währungsspekulationen. Kritische Vorgänge auf den
politischer Einheiten ändert jedoch noch nichts am Modus internationalen Finanzmärkten bringen einen Institutiona-
der Standortkonkurrenz als solcher, d. h. am Muster defen- lisierungsbedarf zu Bewußtsein. Auch der globalisierte
siver Allianzen gegen den Rest der Welt. Andererseits er- Marktverkehr verlangt nach Rechtssicherheit, d.h. nach
füllen supranationale Zusammenschlüsse dieser Art im- transnational wirksamen Äquivalenten für die bekannten
merhin eine Bedingung, die für ein Aufholen der Politik Garantien des bürgerlichen Privatrechts, die der Staat den
gegenüber globalisierten Märkten notwendig ist. So kann Investoren und Handelspartnern im nationalen Rahmen ge-
sich wenigstens eine Gruppe global handlungsfähiger Ak- währleistet: »Deregulation can be seen as negotiating on the
toren bilden, die im Prinzip nicht nur zu einschneidenden one hand the fact of globalization, and, on the other, the on-
Vereinbarungen, sondern zu deren Implementation fähig going need for guarantees of contracts and property rights
sind. Ich möchte abschließend auf die Frage eingehen, ob for which the State remains as the guarantor of last in-
diese politischen Aktoren im Rahmen der UNO das erst stance.«81 Aber vom Wunsch nach staatlichen Regelungslei-
locker geknüpfte Netzwerk transnationaler Arrangements stungen, ob nun für die global vernetzten Finanzmärkte
so verstärken können, daß ein Kurswechsel zu einer Welt-
innenpolitik ohne Weltregierung möglich ist. 81 S. Sassen, Globalization and its Discontents, New York 1998, 199

156 157
oder für die städtischen Infrastrukturen und Dienste, auf der multinationalen Zusammensetzung und einer starken
die transnationale Unternehmen angewiesen sind, kann Stellung der nationalen Regierungen, staatliche Qualität an-
man noch nicht auf die Fähigkeit und Bereitschaft der Staa- nimmt, immerhin denkbar. Aber auf globaler Ebene fehlt
ten zu marktkorrigierenden Regelungen schließen.82 Na- beides, die politische Handlungsfähigkeit einer Weltregie-
tionale Regierungen, die auf den Kreislauf ihrer inzwischen rung und eine entsprechende Legitimationsgrundlage. Die
denationalisierten »Volkswirtschaften« mit Mitteln der UNO ist eine lockere Gemeinschaft von Staaten. Ihr fehlt
Makrosteuerung kaum noch Einfluß nehmen können, die Qualität einer Gemeinschaft von Weltbürgern, die po-
müssen sich unter den gegebenen Bedingungen des globa- litische Entscheidungen mit empfindlichen Konsequenzen
len Wettbewerbs darauf beschränken, die Attraktivität ih- auf der Grundlage einer demokratischen Meinungs- und
res Standorts, d.h. die lokalen Verwertungsbedingungen Willensbildung legitimieren und damit zumutbar machen
des Kapitals, zu verbessern. können. Schon die Wünschbarkeit eines solchen Weltstaates
Eine andere Qualität hätte die Einflußnahme auf den Mo- ist fragwürdig. Die Spekulationen über eine Weltfriedens-
dus der Standortkonkurrenz selbst. Unter den gegebenen ordnung, die die Philosophie seit dem berühmten Vorschlag
Bedingungen kann man sich nicht einmal auf eine weltweite des Abbe Saint-Pierre (1729) bis auf unsere Tage beschäfti-
Transaktionssteuer auf Spekulationsgewinne einigen. Erst gen, führen regelmäßig zur Warnung vor einer despotischen
recht fällt es schwer, sich eine Organisation oder eine stän- Weltherrschaft.83 Aber ein Blick auf den Zustand, die Funk-
dige Konferenz, irgendein Verfahren vorzustellen, wonach tion und die Verfassung der Weltorganisation lehrt, daß
sich beispielsweise die Regierungen der OECD-Staaten auf diese Sorge grundlos ist.
einen Rahmen für die nationalen Steuergesetzgebungen Heute vereinigt die UNO Mitgliedstaaten, die nach Be-
einigen könnten. Ein internationales Verhandlungssystem, völkerungsgröße und- dichte, nach Legitimitätsstatus und
das einen »race to the bottom« - einen kostensenkenden Entwicklungsstand extreme Unterschiede aufweisen. In
Deregulationswettbewerb, der sozialpolitische Handlungs- der Vollversammlung verfügt jeder Staat über je eine
spielräume einschnürt und soziale Standards beschädigt - Stimme, während die Zusammensetzung des Sicherheits-
begrenzt, müßte die Kraft zu umverteilungswirksamen Re- rats und das Stimmrecht der Mitglieder den tatsächlichen
gulationen haben. Einschneidende Politiken dieser Art wä- Machtverhältnissen Rechnung tragen soll. Die Satzung
ren innerhalb einer Europäischen Union, die, ungeachtet verpflichtet die nationalen Regierungen zur Einhaltung der
Menschenrechte, zur gegenseitigen Achtung ihrer Souve-
82 Vgl. Sassen (ebd., 202f.): »A focus on place, and particularly the type of
ränität und zum Verzicht auf militärische Gewaltanwen-
place I call >global cities«, brings to the fore the fact that many of the re- dung. Mit der Kriminalisierung von Angriffskriegen und
sources necessary for global economic activities are not hypermobile von Verbrechen gegen die Menschlichkeit haben die Sub-
and could, in pnnciple, be brought under effective regulation... A re-
focusing of regulation onto infrastructures and production complexes jekte des Völkerrechts die generelle Unschuldsvermutung
in the context of globalization contributes to an analysis of the regula-
tory capacities of States that diverges in significant ways from under-
standings centered on hypermobile Outputs and global telecommunica- 83 D. Archibugi, Models of international orgamzation in perpetual peace
tions.« Projects, Review of International Studies, 18, 1992,295-317

158 159
eingebüßt. Die Vereinten Nationen verfügen freilich weder gierungen binden; und schließlich den Ausbau des Sicher-
über einen ständigen Internationalen Strafgerichtshof (der heitsrates in eine handlungsfähige Exekutive.85 Selbst eine
soeben in Rom immerhin auf den Weg gebracht worden ist) derart gestärkte und auf erweiterter Legitimationsgrund-
noch über eigene Streitkräfte. Aber sie können Sanktionen lage operierende Weltorganisation würde jedoch nur in den
verhängen und Mandate für die Durchführung humanitä- begrenzten Zuständigkeitsbereichen einer reaktiven Si-
rer Interventionen erteilen. cherheits- und Menschenrechtspolitik sowie einer vorbeu-
Die UNO ist nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem di- genden Umweltpolitik mehr oder weniger effektiv tätig
rekten Ziel entstanden, weitere Kriege zu verhüten. Die werden können.
Funktion der Friedenssicherung war von Anbeginn mit Die Beschränkung auf elementare Ordnungsleistungen
dem Versuch der politischen Durchsetzung von Men- erklärt sich nicht nur aus den pazifistischen Motivationen,
schenrechten verbunden. Zu den Fragen der Kriegsverhü- denen die Weltorganisation ihre Entstehung verdankt. Für
tung sind inzwischen Probleme der Umweltsicherheit hin- weiterreichende Aufgaben fehlt der Weltorganisation auch
zugetreten. Aber sowohl die normative Grundlage der aus strukturellen Gründen die Legitimationsbasis. Von
UNO-Menschenrechtserklärung als auch die Konzentra- staatlich organisierten Gemeinschaften unterscheidet sich
tion auf Sicherheitsfragen im weiteren Sinne verraten das jede Weltorganisation durch die Bedingung vollständiger
klar begrenzte funktionale Erfordernis, auf das die Weltor- Inklusion — sie kann niemanden ausschliessen, weil sie
ganisation, ohne ein Gewaltmonopol zu besitzen, antwor- keine sozialen Grenzen zwischen Innen und Außen er-
tet: zum einen die Domestizierung von Krieg, Bürgerkrieg laubt. Eine politische Gemeinschaft muß mindestens dann,
und staatlicher Kriminalität, zum anderen die Abwendung wenn sie sich als eine demokratische versteht, Mitglieder
humanitärer Katastrophen und weltweiter Risiken. An- von Nicht-Mitgliedern unterscheiden können. Der selbst-
gesichts dieser Beschränkung auf elementare Ordnungs- referentielle Begriff kollektiver Selbstbestimmung zeichnet
leistungen würde auch aus der ehrgeizigsten Reform der einen logischen Ort aus, den demokratisch vereinigte Bür-
bestehenden Institutionen keine Weltregierung hervor- ger als Mitglieder einer besonderen politischen Gemein-
gehen. schaft einnehmen. Auch wenn sich eine solche Gemein-
Die Befürworter einer »kosmopolitischen Demokra- schaft nach den universalistischen Grundsätzen eines
tie« 84 verfolgen drei Ziele: erstens die Schaffung des politi- demokratischen Verfassungsstaates konstituiert, bildet sie
schen Status von Weltbürgern, die der Weltorganisation eine kollektive Identität in der Weise aus, daß sie diese
nicht nur vermittels ihrer Staaten angehören, sondern über Prinzipien im Lichte ihrer Geschichte und im Kontext ih-
die von ihnen gewählten Repräsentanten in einem Weltpar- rer Lebensform auslegt und implementiert. Dieses ethisch-
lament vertreten sind; zweitens die Einrichtung eines mit politische Selbstverständnis der Bürger eines bestimmten
den üblichen Kompetenzen ausgestatteten internationalen
Strafgerichtshofes, dessen Urteile auch die nationalen Re- 85 D. Archibugi, From the United Nations to Cosmopolitan Democracy,
in: D. Archibugi, D. Held (Hg.), Cosmopolitan Democracy. An Agenda
for a New World Order, Cambridge 1995, 121-162; D. Held, Demo-
84 D. Held, Democracy and the Global Order, Cambridge 1995, 267-287 cracy and the New International Order, ebd., 96-120

160 161
demokratischen Gemeinwesens fehlt der inklusiven Ge- besonderen kollektiven Identität wurzelt, muß sich die
meinschaft der Weltbürger.86 weltbürgerliche Solidarität auf den in den Menschenrech-
Wenn sich Weltbürger gleichwohl auf globaler Ebene ten ausgedrückten moralischen Universalismus allein stüt-
organisieren und sogar eine demokratisch gewählte Reprä- zen.
sentation verschaffen, können sie ihren normativen Zu- Im Vergleich zur aktiven Solidarität von Staatsbürgern,
sammenhalt nicht aus einem ethisch-politischen, also von die u. a. die redistributiven Politiken des Wohlfahrtsstaates
anderen Traditionen und Wertorientierungen abgehobe- zumutbar gemacht hat, behält die Solidarität der Weltbür-
nen Selbstverständnis, schöpfen, sondern einzig aus einem ger insofern einen reaktiven Charakter, als sie den kosmo-
rechtlich-moralischen Selbstverständnis gewinnen. Das politischen Zusammenhalt in erster Linie durch Affekte
normative Modell für eine Gemeinschaft, die ohne Mög- der Empörung über Rechtsverletzungen, d. h. über staatli-
lichkeit der Exklusion besteht, ist das Universum morali- che Repressionen und Verstöße gegen die Menschenrechte
scher Personen - Kants »Reich der Zwecke«. Keineswegs sichert. Eine inklusive, aber in Raum und Zeit organisierte
zufällig bilden deshalb in der kosmopolitischen Gemein- Rechtsgemeinschaft der Weltbürger unterscheidet sich ge-
schaft allein die »Menschenrechte«, also Rechtsnormen mit wiß von der universalen Gemeinschaft moralischer Perso-
ausschließlich moralischem Inhalt,87 den normativen Rah- nen, die einer Organisation weder fähig noch bedürftig ist.
men. Damit ist noch nicht geklärt, ob die Erklärung der Andererseits kann sie aber nicht den vergleichsweise festen
Menschenrechte, auf deren Wortlaut sich die vergleichs- Integrationsgrad einer staatlich organisierten Gemein-
weise kleine Zahl der Gründungsmitglieder der UNO 1946 schaft mit eigener kollektiver Identität erlangen. Für die
geeinigt hatte, auch in der multikulturellen Welt von heute Erweiterung der nationalen Staatsbürgersolidarität und der
eine hinreichend übereinstimmende Interpretation und wohlfahrtsstaatlichen Politik im Maßstab eines postnatio-
Anwendung finden kann. Auf diesen interkulturellen Dis- nalen Bundesstaates sehe ich keine Hindernisse strukturel-
kurs über Menschenrechte kann ich hier nicht eingehen.88 ler Art. Aber der politischen Kultur der Weltgesellschaft
Aber auch ein weltweiter Konsens über Menschenrechte fehlt die gemeinsame ethisch-politische Dimension, die für
kann für die im nationalen Rahmen entstandene staatsbür- eine entsprechende globale Vergemeinschaftung und Iden-
gerliche Solidarität kein strenges Äquivalent begründen. titätsbildung nötig wäre. Hier greifen die Bedenken, die die
Während die staatsbürgerliche Solidarität in einer jeweils Neoaristoteliker schon gegen einen nationalen und erst
recht gegen einen europäischen Verfassungspatriotismus
86 Das kosmopolitische Bewußtsein konnte allenfalls konkretere Gestalt ins Feld führen. Eine kosmopolitische Gemeinschaft von
durch eine Abgrenzung in der zeitlichen Dimension anmerken - durch
eine Stilisierung des Abstandes der Gegenwart von der nationalstaatli-
Weltbürgern bietet deshalb für eine Weltinnenpolitik keine
chen Vergangenheit. ausreichende Basis. Die Institutionalisierung von Verfah-
87 Habermas (s. Fn6), 220-226 ren der weltweiten Interessenabstimmung, Interessenver-
88 Ch. Taylor, A World Consensus on Human Rights?, in: Dissent, Sum-
mer 1996, 15 -21; J. Habermas, Remarks on Legitimation througb Hu-
allgemeinerung und einfallsreichen Konstruktion gemein-
man Rights, in: Philosophy & Social Cnticism, 24, 1998, 157-172; dazu samer Interessen kann sich nicht im organisatorischen
Th. A. Mc Carthy, On Reconciling Cosmopolitan Unity and National Gefüge eines Weltstaates vollziehen. Entwürfe zu einer
Diversity (Ms. 1998); vgl. S. 169-191

162 163
»kosmopolitischen Demokratie« müssen sich nach einem Wirtschaftsregimes - manchmal sogar gelingt, weltweit
anderen Modell richten. über vermeintlich wissenschaftlich entscheidbare Fragen ei-
Eine Politik, die den globalen Märkten nachwachsen und nen durchaus normativ imprägnierten Hintergrundkonsens
den Modus der Standortkonkurrenz verändern soll, läßt herbeizuführen. Global handlungsfähige Mächte operieren
sich nicht auf der obersten Etage einer im ganzen »weltstaat- nicht mehr im Naturzustand des klassischen Völkerrechts,
lich« organisierten Mehrebenenpohtik unterbringen. Sie sondern auf der mittleren Ebene einer im Entstehen begrif-
wird sich auf einer weniger anspruchsvollen Legitimations- fenen Weltpolitik.
grundlage in den nicht-staatlichen Organisationsformen in- Diese bietet ein diffuses Bild - nicht das statische Bild
ternationaler Verhandlungssysteme vollziehen müssen, die einer Mehrebenenpolitik innerhalb einer Weltorganisation,
heute schon für andere Politikbereiche bestehen. Im allge- sondern das dynamische Bild von Interferenzen und Inter-
meinen fördern Arrangements und Verfahren diese Art aktionen zwischen den auf nationaler, internationaler und
Kompromisse zwischen unabhängig entscheidenden Akto- globaler Ebene eigensinnig ablaufenden politischen Pro-
ren, die über Sanktionspotentiale verfügen, um ihren jewei- zessen. Internationale Verhandlungssysteme, die Vereinba-
ligen Interessen Nachachtung zu verschaffen. Innerhalb rungen zwischen staatlichen Aktoren ermöglichen, kom-
einer politisch verfaßten, staatlich organisierten Gemein- munizieren einerseits mit den innerstaatlichen Prozessen,
schaft ist diese Kompromißbildung stärker mit Verfahren von denen die jeweilige Regierung abhängt, aber sie fügen
einer deliberativen Politik verzahnt, so daß eine Einigung sich andererseits auch in den Rahmen und die Politik der
nicht nur über einen machtgesteuerten Interessenausgleich Weltorganisation ein. So ergibt sich für eine Weltinnen-
zustandekommt. Im Kontext einer gemeinsamen politi- politik ohne Weltregierung wenigstens eine Perspektive -
schen Kultur können die Verhandlungspartner auch auf vorausgesetzt, daß man sich über zwei Probleme Klarheit
gemeinsame Wertorientierungen und Gerechtigkeitsvor- verschaffen kann. Das eine Probem ist grundsätzlicher, das
stellungen rekurneren, die eine über zweckrationale Ver- andere empirischer Natur. Wie ist (a) eine demokratische
einbarungen hinausgehende Verständigung ermöglichen. Legitimation von Entscheidungen jenseits des staatlichen
Aber auf internationaler Ebene fehlt diese »dichte« kom- Organisationsschemas denkbar? Und unter welchen Be-
munikative Einbettung. Und eine »nackte« Kompromißbil- dingungen kann sich (b) das Selbstverständnis der gobal
dung, die wesentlich Züge der klassischen Machtpolitik handlungsfähigen Aktoren dahingehend wandeln, daß sich
widerspiegelt, reicht nicht aus für die Initiierung einer Welt- die Staaten und supranationalen Regime zunehmend als
innenpolitik. Natürlich operieren auch die Verfahren für m- Mitglieder einer Gemeinschaft verstehen, die ohne Alter-
tergouvernementale Vereinbarungen nicht ausschließlich in native zur gegenseitigen Interessenberücksichtung und zur
Abhängigkeit von gegebenen Machtkonstellationen; nor- Wahrnehmung allgemeiner Interessen genötigt sind?
mative Rahmenbedingungen, die die Wahl von rhetorischen
(a) In der liberalen wie in der republikanischen Tradition
Strategien begrenzen, strukturieren die Verhandlungen
wird die politische Teilnahme der Bürger in einem wesent-
ebenso wie beispielsweise der Einfluß von »epistemic com-
lich voluntaristischen Sinne verstanden: Alle sollen die glei-
munities«, denen es - wie heute im Falle des neoliberalen
che Chance haben, ihre Präferenzen wirksam zur Geltung

164 165
oder ihren politischen Willen bindend zum Ausdruck zu Organisationen an den Beratungen internationaler Ver-
bringen, sei es, um ihre privaten Interessen zu verfolgen handlungssysteme in dem Maße die Legitimation des
(Locke) oder um in den Genuß politischer Autonomie zu Verfahrens steigern, wie es auf diesem Wege gelingt, trans-
gelangen (J. St. Mill). Wenn wir jedoch der demokratischen nationale Entscheidungsprozesse der mittleren Ebene für
Willensbildung auch eine epistemische Funktion zuschrei- nationale Öffentlichkeiten transparent zu machen und mit
ben, gewinnen die Verfolgung eigener Interessen und die Entscheidungsprozessen dieser unteren Ebene rückzukop-
Verwirklichung politischer Freiheit die 'weitere Dimension peln. Unter diskurstheoretischen Prämissen ist auch der
des öffentlichen Vernunftgebrauchs (Kant). Dann zieht das Vorschlag interessant, die Weltorganisation mit dem Recht
demokratische Verfahren seine legitimierende Kraft nicht auszustatten, von den Mitgliedstaaten zu wichtigen
mehr nur, und nicht einmal in erster Linie, aus Partizipation Themen jederzeit die Durchführung von Referenden zu
und Willensäußerung, sondern aus der allgemeinen Zu- verlangen.91 Auf diese Weise kann - wie im Falle der
gänglichkeit eines deliberativen Prozesses, dessen Beschaf- UNO-Gipfelkonferenzen zur Umweltbelastung, zur
fenheit die Erwartung auf rational akzeptable Ergebnisse Gleichberechtigung der Frauen, zur strittigen Auslegung
begründet.89 Ein solches diskurstheoretisches Verständnis der Menschenrechte, zur weltweiten Armut usw. - wenig-
von Demokratie verändert die theoretischen Anforderun- stens eine Thematisierung von regelungsbedürftigen Mate-
gen an die Legitimitätsbedingungen demokratischer Poli- rien erzwungen werden, die ohne solche öffentlichen In-
tik. Nicht als könnten funktionierende Öffentlichkeit, szenierungen nicht wahrgenommen werden und auf keine
Qualität der Beratung, Zugänglichkeit und diskursive politische Agenda gelangen.
Struktur der Meinungs- und Willensbildung die konventio- (b) Eine erneute politische Schließung der ökonomisch
nellen Entscheidungs- und Repräsentationsverfahren ganz entfesselten Weltgesellschaft wird freilich erst möglich sein,
ersetzen. Aber die Gewichte verschieben sich von der kon- wenn sich die Mächte, die überhaupt global handeln kön-
kreten Verkörperung des souveränen Willens in Personen nen, auch im Hinblick auf die Erhaltung sozialer Standards
und Wahlakten, Körperschaften und Voten zu den proze- und die Beseitigung extremer sozialer Ungleichgewichte
duralen Anforderungen an Kommunikations- und Ent- auf institutionalisierte Verfahren der transnationalen Wil-
scheidungsprozesse. Damit lockert sich aber die begriffliche lensbildung einlassen. Sie müssen dazu bereit sein, ihre Per-
Verklammerung der demokratischen Legitimation mit den spektiven über die »nationalen Interessen« hinaus um Ge-
bekannten staatlichen Organisationsformen. sichtspunkte einer »global governance« zu erweitern. Der
Vermeintlich schwache Legitimationsformen erscheinen Perspektivenwechsel von »internationalen Beziehungen«
dann in einem anderen Licht.90 So würde beispielsweise zu einer Weltinnenpolitik ist aber von Regierungen nicht
eine institutionalisierte Beteiligung von Nicht-Regierungs- zu erwarten, wenn nicht die Bevölkerungen selbst einen
solchen Bewußtseinswandel prämiieren. Weil sich die re-
89 J. Habermas, Drei normative Modelle der Demokratie, in: Habermas
(s. Fn6), 277-299
90 A. Linklater, Cosmopohtan Citizenship, in: Citizensbip Studies, 2, 1998, 91 Mitteilung von Jamie Carnie (Structure for a Democmtic World
23-41 Government, Ms. 1998)

166 167
gierenden Eliten innerhalb ihrer nationalen Arena um Zu- rer Hinsicht aufbringen. Sie müssen nämlich innerhalb des
stimmung und Wiederwahl bemühen müssen, dürfen sie nationalen Spielraums - des einzigen, in dem sie aktuell
nicht dafür bestraft werden, daß sie nicht länger in nationa- handeln können - auf den europäischen Handlungsspiel-
ler Unabhängigkeit operieren, sondern in die Koopera- raum vorausgreifen. Diesen wiederum müssen sie pro-
tionsverfahren einer kosmopolitischen Gemeinschaft ein- grammatisch mit der doppelten Zielsetzung erschließen,
gebunden sind. Innovationen kommen nicht zustande, ein soziales Europa zu schaffen, das sein Gewicht in die
wenn die politischen Eliten nicht auch in den vorgängig re- kosmopolitische Waagschale wirft.
formierten Wertorientierungen ihrer Bevölkerungen Reso-
nanz finden. Wenn sich aber das Selbstverständnis global
handlungsfähiger Regierungen nur unter dem Druck eines
innenpolitisch veränderten Klimas wandelt, ist die ent-
scheidende Frage, ob sich in den Zivilgesellschaften und in
den politischen Öffentlichkeiten der großräumig zusam-
menwachsenden Regime, ob sich hier in Europa und in der
Bundesrepublik ein weltbürgerliches Bewußtsein - gewis-
sermaßen ein Bewußtsein kosmopolitischer Zwangssolida-
risierung ausbilden wird.
Die Reregulierung der Weltgesellschaft hat bisher nicht
einmal die Gestalt eines exemplarisch, an Beispielen erläu-
terten Projektes angenommen. Seine ersten Adressaten
sind nicht Regierungen, sondern Bürger und Bürgerbewe-
gungen. Aber soziale Bewegungen kristallisieren sich erst,
wenn sich für die Bearbeitung von Konflikten, die als aus-
weglos empfunden werden, normativ befriedigende Per-
spektiven öffnen. Die Artikulation einer Blickrichtung ist
auch die Aufgabe von politischen Parteien, die sich noch
nicht ganz aus der Bürgergesellschaft ins politische System
zurückgezogen und dann verbarrikadiert haben. Parteien,
die sich nicht am Status quo festkrallen, brauchen eine Per-
spektive, die über diesen hinausreicht. Und der Status quo
ist heute nichts als der Strudel einer sich selbst beschleuni-
genden Modernisierung, die sich selbst überlassen bleibt.
Die politischen Parteien, die sich noch Gestaltungskraft
zutrauen, müssen den Mut zur Antizipation auch in ande-

168
Zur Legitimation durch Menschenrechte tanz; es verlangt von seinen Adressaten nicht nur faktische
Anerkennung, sondern beansprucht, Anerkennung zu ver-
Ingeborg Maus dienen. Zur Legitimation einer rechtsförmig konstituierten
zum 60. Geburtstag zugeeignet staatlichen Ordnung gehören deshalb alle öffentlichen Be-
gründungen und Konstruktionen, die diesen Anspruch auf
Anerkennungswürdigkeit einlösen sollen.
Ich werde den Begriff der Legitimation (und entsprechend Das gilt für alle staatlichen Ordnungen. Moderne Staaten
den der Legitimität) in einem doppelt eingeschränkten zeichnen sich nun dadurch aus, daß sich die politische
Sinne verwenden: ich beziehe mich auf die Legitimation Macht in der Form des positiven, d. h. gesatzten und zwin-
einer politischen Ordnung, und nur auf die des demokrati- genden Rechts konstituiert. Da auch die Frage nach der Art
schen Verfassungsstaates. Ich will zunächst an einen Vor- der politischen Legitimation vom Wandel der Rechtsform
schlag zur Rekonstruktion des inneren Zusammenhanges betroffen ist, möchte ich (1) das moderne Recht zunächst
von Demokratie und Menschenrechten erinnern, den ich nach Struktur und Geltungsmodus kennzeichnen, bevor
andernorts vorgetragen habe.1 Dann möchte ich einige ich (2) auf den entsprechenden Legitimationstypus eingehe.
Aspekte behandeln, unter denen die im Westen entstan- (1) Moderne Rechtsordnungen bauen sich wesentlich
dene Konzeption der Menschenrechte heute kritisiert wird aus subjektiven Rechten auf. Diese Rechte räumen einer
- sei es im Diskurs des Westens mit sich selbst oder in Dis- Rechtsperson gesetzliche Spielräume für ein von je eigenen
kursen, die andere Kulturen mit ihm führen. Präferenzen geleitetes Handeln ein. Damit entbinden sie
die berechtigte Person auf wohlumschriebene Weise von
moralischen Geboten oder Vorschriften anderer Art. Je-
I. Die prozedurale Rechtfertigung denfalls ist in den Grenzen des rechtlich Erlaubten nie-
des demokratischen Verfassungsstaates mand zu einer öffentlichen Rechtfertigung seines Tuns
rechtlich verpflichtet. Mit der Einführung subjektiver Frei-
Ich beginne mit einer Erläuterung des politischen Begriffs heiten bringt das moderne Recht im Unterschied zu tradi-
der Legitimation. Die Legitimationsbedürftigkeit von Ord- tionalen Rechtsordnungen das Hobbessche Prinzip zur
nungen, die sich durch staatliche Organisationsgewalt aus- Geltung, daß alles erlaubt ist, was nicht explizit verboten
zeichnen (und beispielsweise von Herrschaftsstrukturen in ist. Damit treten Recht und Moral auseinander.2 Während
Stammesgesellschaften unterscheiden), erklärt sich bereits uns die Moral zunächst sagt, wozu wir verpflichtet sind, er-
aus dem Begriff der politischen Macht. Weil sich dieses Me- gibt sich aus der Struktur des Rechts ein Primat der Berech-
dium staatlicher Macht in Formen des Rechts konstituiert, tigungen. Während sich moralische Rechte aus reziproken
zehren politische Ordnungen vom Legitimitätsanspruch Pflichten herleiten, sind Rechtspflichten aus der gesetz-
des Rechts. Das Recht fordert nämlich nicht nur Akzep-
2 I. Maus, Die Trennung von Recht und Moral als Begrenzung des Rechts,
in: dies., Zur Aufklarung der Demokratietheorie, Frankfurt/M. 1992,
1 J. Habermas, Faktizitat und Geltung, Frankfurt/M. 1992, Kap. 3 308-336

170 '71
liehen Einschränkung subjektiver Freiheiten abgeleitet. durchschnittlichen, erforderlichenfalls durch Sanktionen
Diese grundbegriffliche Privilegierung von Rechten gegen- erzwungenen Normbefolgung - und andererseits eine Le-
über Pflichten erklärt sich aus den modernen Konzepten gitimität der Regeln, die jederzeit die Befolgung einer
der Rechtsperson und der Rechtsgemeinschaft. Das mora- Norm aus Achtung vor dem Gesetz möglich macht.
lische Universum, das im sozialen Raum und in der histo- Im Hinblick auf die Legitimität der Rechtsordnung ist
rischen Zeit gleichsam entgrenzt ist, erstreckt sich auf alle aber vor allem eine andere Formeigenschaft, nämlich die
natürlichen Personen in ihrer lebensgeschichtlichen Kom- positivität des gesatzten Rechts, wichtig. Wie soll die Legi-
plexität. Demgegenüber schützt eine in Raum und Zeit je- timität von Regeln begründet werden, die vom politischen
weils lokalisierte Rechtsgemeinschaft die Integrität ihrer Gesetzgeber jederzeit geändert werden können? Auch Ver-
Angehörigen nur insoweit, wie diese den artifiziell erzeug- fassungsnormen sind änderbar; und sogar die Grundnor-
ten Status von Trägern subjektiver Rechte einnehmen. men, die die Verfassung selbst als unabänderlich deklariert,
Diese Struktur spiegelt sich in dem eigentümlichen Mo- teilen mit allem positiven Recht das Schicksal, beispiels-
dus der Rechtsgeltung, der die Faktizität der staatlichen weise nach einem Regimewechsel, außer Kraft gesetzt wer-
Rechtsdurchsetzung mit der Legitimität eines dem den zu können. Solange man auf religiös oder metaphy-
Anspruch nach rationalen Verfahrens der Rechtssetzung sisch begründetes Naturrecht zurückgreifen konnte, ließ
verschränkt. Das moderne Recht stellt nämlich seinen sich der Strudel der Temporalität, in den das positive Recht
Adressaten frei, ob sie die Normen nur als eine faktische hineingeraten ist, durch Moral eindämmen. Auch das ver-
Einschränkung ihres Handlungsspielraums betrachten und zeitlichte positive Recht sollte zunächst dem ewig gültigen
sich auf einen strategischen Umgang mit den kalkulierba- moralischen Recht - im Sinne einer Legeshierarchie - un-
ren Folgen möglicher Regelverletzungen einstellen oder ob tergeordnet bleiben und von diesem seine bleibenden Ori-
sie den Vorschriften »aus Achtung vor dem Gesetz« Folge entierungen empfangen. Aber in pluralistischen Gesell-
leisten wollen. Schon Kant hat mit seinem Begriff der Le- schaften sind solche integrativen Weltbilder und kollektiv
galität die Verbindung dieser beiden Momente hervorgeho- verbindlichen Ethiken zerfallen.
ben, ohne welche moralisch verantwortlichen Personen Die politische Theorie hat auf die Legitimitätsfrage eine
Rechtsgehorsam nicht zugemutet werden kann. Rechts- doppelte Antwort gegeben: Volkssouveränität und Men-
normen müssen so beschaffen sein, daß sie unter je ver- schenrechte. Das Prinzip der Volkssouveränität legt ein
schiedenen Aspekten gleichzeitig als Zwangsgesetze und Verfahren fest, das aufgrund seiner demokratischen Eigen-
als Gesetze der Freiheit betrachtet werden können. Es muß schaften die Vermutung auf legitime Ergebnisse begründet.
wenigstens möglich sein, Rechtsnormen zu befolgen, nicht Dieses Prinzip drückt sich in den Kommunikations- und
weil sie zwingen, sondern weil sie legitim sind. Die Gültig- Teilnahmerechten aus, die die öffentliche Autonomie der
keit einer Rechtsnorm besagt, daß die staatliche Gewalt Staatsbürger sichern. Hingegen begründen jene klassischen
gleichzeitig legitime Rechtsetzung und faktische Rechts- Menschenrechte, die den Gesellschaftsbürgern Leben und
durchsetzung garantiert. Der Staat muß beides gewährlei- private Freiheit, nämlich Handlungsspielräume für die
sten, einerseits die Legalität des Verhaltens im Sinne einer Verfolgung ihrer persönlichen Lebenspläne, gewährleisten,

173
eine von sich aus legitime Herrschaft der Gesetze. Unter Um diese Intuition richtig auszudrücken, empfiehlt es
diesen beiden normativen Gesichtspunkten soll sich das sich, von der folgenden Frage auszugehen, auf die ich im
gesatzte, also änderbare Recht legitimieren als ein Mittel weiteren rekurrieren werde: Welche grundlegenden Rechte
zur gleichmäßigen Sicherung der privaten und staatsbür- müssen sich freie und gleiche Bürger, wenn sie ihr Zusam-
gerlichen Autonomie des Einzelnen. menleben mit Mitteln des positiven Rechts legitim regeln
(2) Allerdings hat die politische Theorie die Spannung wollen, gegenseitig einräumen? Die Idee einer solchen ver-
zwischen Volkssouveränität und Menschenrechten, zwi- fassunggebenden Praxis verbindet die Ausübung der
schen der »Freiheit der Alten« und der »Freiheit der Mo- Volkssouveränität mit der Schaffung eines Systems von
dernen«, nicht ernstlich zum Ausgleich bringen können. Rechten. Dabei gehe ich von dem hier nicht näher zu er-
Der auf Aristoteles und den politischen Humanismus der örternden Grundsatz aus, daß genau die Regelungen Legi-
Renaissance zurückreichende Republikanismus hat stets timität beanspruchen dürfen, denen alle möglicherweise
der öffentlichen Autonomie der Staatsbürger Vorrang vor Betroffenen als Teilnehmer an rationalen Diskursen zu-
den unpolitischen Freiheiten der Privatleute eingeräumt. stimmen könnten. In »Diskursen« wollen die Teilnehmer,
Der auf Locke zurückgehende Liberalismus hat (jedenfalls indem sie sich gegenseitig mit Argumenten von etwas zu
seit dem 19. Jahrhundert) die Gefahr tyrannischer Mehr- überzeugen suchen, zu gemeinsamen Ansichten gelangen,
heiten beschworen und einen Vorrang der Menschenrechte während sie in »Verhandlungen« einen Ausgleich ihrer ver-
vor dem Volkswillen postuliert. Im einen Fall sollten die schiedenen Interessen anstreben. (Allerdings hängt die
Menschenrechte ihre Legitimität dem Ergebnis der ethi- Fairness solcher Vereinbarungen wiederum von diskursiv
schen Selbstverständigung und souveränen Selbstbestim- begründeten Verfahren der Kompromißbildung ab.) Wenn
mung eines politischen Gemeinwesens verdanken; im an- nun solche Diskurse (und Verhandlungen) der Ort sind, an
deren Fall sollten sie von Haus aus legitime Schranken dem sich ein vernünftiger politischer Wille bilden kann,
bilden, die dem souveränen Willen des Volkes den Über- muß sich die Vermutung auf legitime Ergebnisse, die das
griff auf unantastbare subjektive Freiheitssphären verweh- demokratische Verfahren begründen soll, letztlich auf ein
ren. Gegen diese komplementären Einseitigkeiten muß kommunikatives Arrangement stützen: Die für eine
man aber darauf bestehen, daß die Idee der Menschenrechte vernünftige - und daher legitimitätsverbürgende - Willens-
- Kants Fundamentalrecht auf gleiche subjektive Hand- bildung des politischen Gesetzgebers notwendigen Kom-
lungsfreiheiten - weder dem souveränen Gesetzgeber als munikationsformen müssen ihrerseits rechtlich institutio-
äußere Schranke bloß auferlegt noch als funktionales Re- nalisiert werden.
quisit für dessen Zwecke instrumentalisiert werden darf.3
Der gesuchte interne Zusammenhang zwischen Men-
schenrechten und Volkssouveränität besteht dann darin,
3 Vgl. zum folgenden J. Habermas, Über den internen Zusammenhang daß die Menschenrechte die Kommunikationsbedingun-
von Rechtsstaat und Demokratie, in: ders., Die Einbeziehung des Ande- gen für eine vernünftige politische Willensbildung insti-
ren, Frankfurt/M., 1995, 293-305; auf die freundschaftliche Kritik von
I. Maus, Freiheitsrechte und Volkssouveranitat, in: Rechtstheorie, 16, tutionalisieren. Rechte, die die Ausübung der Volkssou-
1995, 507- 562, kann ich hier nicht eingehen veränität ermöglichen, können dieser Praxis nicht wie

175
Beschränkungen von außen auferlegt sein. Diese Überle- seits die Staatsbürger von ihrer öffentlichen Autonomie
gung leuchtet allerdings unmittelbar nur für die politischen nur dann einen angemessenen Gebrauch machen können,
Bürgerrechte, also für die Kommunikations- und Teilnah- wenn sie aufgrund einer gleichmäßig gesicherten privaten
merechte, ein, nicht jedoch für die klassischen Freiheits- Autonomie hinreichend unabhängig sind; daß sie aber auch
rechte, die die private Autonomie der Bürger sichern. Diese nur dann gleichmässig in den Genuß der privaten Autono-
Rechte, die jedem eine chancengleiche Verfolgung privater mie gelangen können, wenn sie als Staatsbürger von ihrer
Lebensziele und umfassenden individuellen Rechtsschutz politischen Autonomie einen angemessenen Gebrauch ma-
garantieren sollen, haben offensichtlich einen intrinsischen chen. Deshalb sind liberale und politische Grundrechte un-
Wert - und gehen nicht etwa in ihrem instrumenteilen Wert teilbar. Das Bild von Kern und Schale ist irreführend - so
für die demokratische Willensbildung auf. als gäbe es einen Kernbereich von elementaren Freiheits-
Nun dürfen wir nicht übersehen, daß den Staatsbürgern rechten, die vor den Kommunikations- und Teilnahme-
die Wahl des Mediums, über das sie ihre politische Autono- rechten Vorrang beanspruchen dürften.4 Für den west-
mie ausüben, nicht mehr freisteht. An der Gesetzgebung lichen Legitimationstypus ist die Gleichursprünglichkeit
sind sie nur als Rechtssubjekte beteiligt; sie können nicht von Freiheits- und Bürgerrechten wesentlich.
mehr darüber disponieren, welcher Sprache sie sich bedie-
nen wollen. Also muß der Rechtskode schon als solcher
zur Verfügung stehen, bevor die Kommunikationsvoraus- II. Die Selbstkritik des Westens
setzungen für eine diskursive Willensbildung in der Gestalt
von Bürgerrechten institutionalisiert werden können. Menschenrechte tragen ein Janusgesicht, das gleichzeitig
Zur Einrichtung dieses Rechtskodes ist es jedoch erforder- der Moral und dem Recht zugewandt ist. Ungeachtet ihres
lich, den Status von Rechtspersonen zu erzeugen, die als moralischen Inhalts haben sie die Form juristischer Rechte.
Träger subjektiver Rechte einer freiwilligen Assoziation Sie beziehen sich wie moralische Normen auf alles, »was
von Rechtsgenossen angehören und gegebenenfalls ihre Menschenantlitz trägt«, aber als juristische Normen schüt-
Rechtsansprüche müssen effektiv einklagen können. Es gibt zen sie einzelne Personen nur insoweit, wie sie einer be-
kein Recht ohne die private Autonomie von Rechtsperso- stimmten Rechtsgemeinschaft angehören - in der Regel die
nen überhaupt. Mithin gäbe es ohne die klassischen Frei- Bürger eines Nationalstaates. So besteht eine eigenartige
heitsrechte, insbesondere ohne das fundamentale Recht auf Spannung zwischen dem universalen Sinn der Menschen-
gleiche subjektive Handlungsfreiheiten, auch kein Medium rechte und den lokalen Bedingungen ihrer Verwirklichung:
für die rechtliche Institutionaliserung jener Bedingungen, Sie sollen für alle Personen unbeschränkt Geltung erlangen
unter denen die Bürger an der Selbstbestimmungspraxis - aber wie ist das zu erreichen? Man kann sich auf der einen
teilnehmen können. Seite die globale Ausbreitung der Menschenrechte so vor-
Auf diese Weise setzen sich private und öffentliche Au-
4 Allerdings unterscheidet R. Herzog (Die Rechte des Menschen, in: Die
tonomie wechselseitig voraus. Der interne Zusammenhang Zeit vom 6. 9.96) zu Recht die Begründung von der Durchsetzung der
von Demokratie und Rechtsstaat besteht darin, daß einer- Menschenrechte

176 l
77
stellen, daß sich alle bestehenden Staaten - nicht nur dem Form der politischen Legitimation überhaupt einleuchten
Namen nach - in demokratische Rechtsstaaten verwan- kann. Am radikalsten vertreten westliche Intellektuelle
deln, während jedem Einzelnen zugleich das Recht auf eine selbst die Behauptung, daß sich hinter dem Anspruch auf
Nationalität seiner Wahl zusteht. Von diesem Ziel sind wir die universale Gültigkeit der Menschenrechte nur ein per-
offensichtlich weit entfernt. Eine Alternative könnte darin fider Machtanspruch des Westens verbirgt.
bestehen, daß jeder unmittelbar, nämlich als Weltbürger, in Das ist kein Zufall. Von eigenen Traditionen Abstand zu
den effektiven Genuß der Menschenrechte gelangt. In die- gewinnen und eingeschränkte Perspektiven zu erweitern
sem Sinne verweist Artikel 28 der Allgemeinen Menschen- gehört nämlich zu den Vorzügen des okzidentalen Rationa-
rechtserklärung der Vereinten Nationen auf eine globale lismus. Die europäische Geschichte der Interpretation und
Ordnung, »in der die in dieser Erklärung festgelegten Verwirklichung von Menschenrechten ist die Geschichte
Rechte und Freiheiten vollständig realisiert werden«. Aber einer solchen Dezentnerung unserer Sichtweise. Die angeb-
auch dieses Ziel eines wirksam institutionalisierten Welt- lich gleichen Rechte sind auf unterdrückte, marginalisierte
bürgerrechts liegt in weiter Ferne. und ausgeschlossene Gruppen erst nach und nach ausge-
Im Übergang von einer nationalstaatlichen zu einer kos- dehnt worden. Erst als Ergebnis von zähen politischen
mopolitischen Ordnung weiß man nicht genau, was gefähr- Kämpfen sind auch Arbeiter, Frauen und Juden, Zigeuner,
licher ist: die untergehende Welt souveräner Völkerrechts- Schwule und Asylanten als »Menschen« mit Anspruch auf
subjekte, die ihre Unschuld längst verloren haben, oder die volle Gleichbehandlung anerkannt worden. Wichtig ist
unklare Gemengelage supranationaler Einrichtungen und nun, daß die einzelnen Emanzipationsschübe rückblickend
Konferenzen, die fragwürdige Legitimationen ausleihen auch die ideologische Funktion zu erkennen geben, die die
können, aber nach wie vor auf den guten Willen mächtiger Menschenrechte bis dahin jeweils erfüllt hatten. Denn je-
Staaten und Allianzen angewiesen sind.' In dieser labilen desmal hatte der egalitäre Anspruch auf allgemeine Geltung
Situation bieten zwar die Menschenrechte für die Politik und Einbeziehung auch dazu gedient, die faktische Un-
der Völkergemeinschaft die einzige, von allen anerkannte gleichbehandlung der stillschweigend Ausgeschlossenen zu
Legitimationsgrundlage; fast alle Staaten haben die inzwi- verschleiern. Diese Beobachtung hat den Verdacht geweckt,
schen fortgebildete Menschenrechtscharta der Vereinten daß die Menschenrechte in dieser ideologischen Funktion
Nationen ihrem Wortlaut nach angenommen. Dennoch aufgehen könnten. Haben sie nicht immer als Schild einer
sind allgemeine Geltung, Inhalt und Rangordnung der falschen Allgemeinheit gedient - einer imaginären Mensch-
Menschenrechte nach wie vor umstritten. Der mit norma- heit, hinter der ein imperialistischer Westen seine Eigenart
tiven Argumenten geführte Menschenrechtsdiskurs wird und sein eigenes Interesse verstecken konnte? Bei uns wird,
sogar von dem grundsätzlichen Zweifel begleitet, ob unter im Anschluß an Heidegger und Carl Schmitt, diese Herme-
den Prämissen anderer Kulturen die im Westen entstandene neutik des Verdachts in einer vernunftkritischen und einer
machtkritischen Lesart praktiziert.
5 I. Maus, Volkssouveranitat und das Prinzip der NichtIntervention in der
Frwdensphüosophie Immanuel Kants, in: H. Brunkhorst (Hg.), Ein Nach der ersten Version ist die Idee der Menschenrechte
mischung erwünscht?, Frankfurt/M , 88-116 Ausdruck einer im Piatonismus wurzelnden, spezifisch

178
abendländischen Vernunft. Diese setzt sich mit einem »ab- scher Ideologie verrät nur einen Mangel an historischer Er-
straktiven Fehlschluß« über die Schranken ihres Entste- fahrung.7
hungskontextes und damit über die bloß lokale Geltung Westliche Intellektuelle sollten ihren Diskurs über ihre ei-
ihrer vermeintlich universalen Maßstäbe hinweg. Allen genen eurozentrischen Befangenheiten nicht mit den Debat-
Traditionen, Weltbildern oder Kulturen sollen je eigene, ten verwechseln, die andere mit ihnen führen. Gewiß, auch
und zwar inkommensurable Maßstäbe für Wahres und Fal- im interkulturellen Diskurs begegnen uns Argumente, die
sches eingeschrieben sein. Dieser einebnenden Vernunft- die Wortführer der anderen einer europäischen Vernunft-
kritik entgeht freilich die eigentümliche Selbstbezüglich- und Machtkritik entlehnt haben, um zu zeigen, daß die Gel-
keit, die die Diskurse der Aufklärung auszeichnet. Auch tung der Menschenrechte dem europäischen Entstehungs-
der Menschenrechtsdiskurs ist darauf angelegt, allen Stim- zusammenhang trotz allem verhaftet bleibt. Aber jene Kri-
men Gehör zu verschaffen. Deshalb schießt er selbst die tiker des Westens, die ihr Selbstbewußtsein aus eigenen
Standards vor, in deren Licht noch die latenten Verstöße Traditionen ziehen, verwerfen die Menschenrechte keines-
gegen den eigenen Anspruch entdeckt und korrigiert wer- wegs in Bausch und Bogen. Denn heute sind andere Kultu-
den können. Lutz Wingert hat das den »detektivischen ren und Weltreligionen den Herausforderungen der gesell-
Zug« des Menschenrechtsdiskurses genannt6: Menschen- schaftlichen Moderne auf ähnliche Weise ausgesetzt wie
rechte, die die Einbeziehung des Anderen fordern, funktio- seinerzeit Europa, als es die Menschenrechte und den demo-
nieren zugleich als Sensoren für die in ihrem Namen prak- kratischen Verfassungsstaat in gewisser Weise erfunden hat.
tizierten Ausgrenzungen. Ich werde im folgenden die apologetische Rolle eines
Die Variante der Machtkritik verfährt etwas plumper. westlichen Teilnehmers am interkulturellen Menschen-
Auch sie dementiert den Anspruch auf universale Geltung rechtsdiskurs einnehmen und dabei von der Hypothese
mit dem Hinweis auf den genetischen Vorrang einer ver- ausgehen, daß sich jene Standards weniger dem besonderen
hohlenen Partikularität. Aber diesmal genügt ein reduktio- kulturellen Hintergrund der abendländischen Zivilisation
nistischer Kunstgriff. Angeblich können sich in der norma- als dem Versuch verdanken, auf spezifische Herausforde-
tiven Sprache des Rechts nichts anderes als die faktischen rungen einer inzwischen global ausgebreiteten gesellschaft-
Machtansprüche politischer Selbstbehauptung spiegeln; lichen Moderne zu antworten. Diese modernen Ausgangs-
deshalb soll sich hinter universalen Rechtsansprüchen re- bedingungen mögen wir so oder so bewerten, aber für uns
gelmäßig der partikulare Durchsetzungswille eines be- heute stellen sie ein Faktum dar, das uns keine Wahl läßt
stimmten Kollektivs verbergen. Aber glücklichere Natio- und deshalb einer retrospektiven Rechtfertigung weder
nen haben schon im 18. Jahrhundert gelernt, wie die schiere bedarf noch fähig ist. Im Streit um die angemessene Inter-
Macht durch legitimes Recht domestiziert werden kann. pretation der Menschenrechte geht es nicht um die
»Wer Menschheit sagt, lügt« - dieses vertraute Stück deut- Wünschbarkeit der »modern condition«, sondern um eine

6 L. Wingert, Turoffner 7u geschlossenen Gesellschaften, in: Frankfurter 7 Zu einer umfassenden Kritik der Carl Schmittschen Rechtstheone vgl
Rundschau vom 6. 8. 95 I. Maus, Bürgerliche Rechtstheone und Faschismus, Munschen 1980

180 181
Interpretation der Menschenrechte, die der modernen Welt für die Integrationsleistungen des positiven Rechts offenbar
auch aus der Sicht anderer Kulturen gerecht wird. Die kein funktionales Äquivalent gibt. Diese Sorte von artifiziell
Kontroverse dreht sich vor allem um den Individualismus geschaffenen, gleichzeitig zwingenden und freiheitsverbür-
und den säkularen Charakter von Menschenrechten, die im genden Normen hat sich auch bei der Herstellung einer ab-
Begriff der Autonomie zentriert sind. strakten Form staatsbürgerlicher Solidarität zwischen Frem-
Es dient der Klarheit, wenn ich der Metakritik eine Be- den, die Fremde füreinander bleiben wollen, bewährt.
schreibung zugrundelege, die die westlichen Legitima- (c) Schließlich wird das Modell der verfassunggebenden
tionsstandards unverhohlen zum Ausdruck bringt. Die Praxis so verstanden, daß die Menschenrechte nicht als mo-
oben vorgeschlagene Rekonstruktion des Zusammenhangs ralische Gegebenheiten vorgefunden werden. Sie sind viel-
von Freiheits- und Bürgerrechten geht von einer Situation mehr Konstrukte, denen gleichsam an der Stirn geschrieben
aus, in der sich, wie wir annehmen wollen, freie und gleiche steht, daß sie nicht wie moralische Rechte einen politisch
Bürger gemeinsam überlegen, wie sie ihr Zusammenleben unverbindlichen Status behalten dürfen. Als subjektive
sowohl mit Mitteln des positiven Rechts als auch legitim Rechte sind sie von Haus aus juristischer Natur und schon
regeln können. Ich möchte vorweg an drei Implikationen ihrem Begriffe nach auf eine Positivierung durch gesetz-
dieses Vorschlages erinnern, die für die weitere Auseinan- gebende Körperschaften angelegt.
dersetzung relevant sind: Diese Überlegungen ändern nichts am individualisti-
(a) Dieses Modell beginnt mit den horizontalen Bezie- schen Zuschnitt und der säkularen Grundlage der auf Men-
hungen der Bürger untereinander und führt die Beziehun- schenrechten basierenden Ordnungen; sie betonen sogar
gen der Bürger zum funktional erforderlichen Staatsapparat den zentralen Stellenwert der Autonomie. Aber sie lassen
erst in einem zweiten Schritt, also schon auf der Basis beste- die Kritik, die im interkulturellen Menschenrechtsdiskurs
hender Grundrechte, ein. Auf diese Weise vermeiden wir die an beiden Aspekten geübt worden ist, in einem anderen
liberale Fixierung auf die Frage der Kontrolle des staatlichen Licht erscheinen.
Gewaltpotentials. Diese Frage ist aus dem Blickwinkel der
europäischen Geschichte gewiß verständlich, rückt aber die
unverfänglichere Frage nach der solidarischen Begründung III. Der Diskurs der anderen mit uns:
eines politischen Gemeinwesens in den Hintergrund. »Asiatische Werte«
(b) Die Ausgangsfrage setzt das gleichsam aufgelesene
Medium des gesatzten und zwingenden Rechts als zweck- Seit der Verlautbarung der Regierung von Singapur über
mäßig und unproblematisch voraus. Die Schaffung einer As- Shared Va.lu.es (1991) sowie der von Singapur, Malaysia,
soziation von Rechtspersonen, die als Träger von subjekti- Taiwan und China gemeinsam abgegebenen Erklärung von
ven Rechten gelten, wird nicht (wie im Vernunftrecht üblich) Bangkok (1993) ist, wie sich auf der Wiener Menschen-
als eine normativ begründungsbedürftige Entscheidung be- rechtskonferenz gezeigt hat, eine Debatte in Gang gekom-
handelt. Eine funktionale Begründung genügt, weil es in men, in der sich die strategischen Äußerungen der
komplexen Gesellschaften, ob nun in Asien oder in Europa, Regierungsvertreter mit Beiträgen oppositioneller und un-

182
abhängiger Intellektueller teils verbinden, teils überschnei- Mir scheint, daß die Debatte mit dieser Bezugnahme auf
den. Die Einwände richten sich im wesentlichen gegen den kulturelle Differenzen eine falsche Richtung nimmt. Gewiß
individualistischen Zuschnitt der Menschenrechte. Die läßt sich aus der Form des modernen Rechts auf dessen
Kritik, die sich auf einheimische »Werte« konfuzianisch Funktion schließen. Subjektive Rechte sind eine Art
geprägter fernöstlicher Kulturen beruft, geht in drei Rich- Schutzhülle für die private Lebensführung der einzelnen
tungen. Sie stellt (i) den prinzipiellen Vorrang der Rechte Person, aber in doppelter Hinsicht: es schützt nicht weniger
vor Pflichten in Frage, bringt (2) eine bestimmte, kommu- die gewissenhafte Verfolgung eines ethischen Lebensent-
mtaristische »Rangordnung« der Menschenrechte ins Spiel wurfs wie eine von moralischen Rücksichten freigesetzte
und beklagt (3) die negativen Auswirkungen einer indivi- Orientierung an je eigenen Präferenzen. Diese Rechtsform
dualistischen Rechtsordnung auf den sozialen Zusammen- paßt zu den Funktionserfordernissen von Wirtschaftsge-
halt des Gemeinwesens. sellschaften, die auf dezentralisierte Entscheidungen zahl-
(1) Kern der Debatte ist die These, daß die alten Kultu- reicher unabhängiger Aktoren angewiesen sind. Aber auch
ren Asiens (wie auch die Stammeskulturen Afrikas)8 der die asiatischen Gesellschaften setzen im Rahmen eines glo-
Gemeinschaft Vorrang vor den Individuen einräumen und balisierten Wirtschaftsverkehrs das positive Recht als
eine scharfe Trennung von Recht und Ethik nicht kennen. Steuerungsmedium ein. Sie tun dies aus denselben funktio-
Das politische Gemeinwesen sei traditionellerweise eher nalen Gründen, aus denen sich diese Form des Rechts einst
über Pflichten als über Rechte integriert worden. Die poli- im Okzident gegen ältere korporative Formen der Verge-
tische Ethik kenne keine subjektiven Rechte, sondern nur sellschaftung durchgesetzt hatte. Rechtssicherheit ist z. B.
Rechte, die den Individuen verliehen sind. Das gemein- eine notwendige Bedingung für einen auf Berechenbarkeit,
schaftsbezogene, tief in der jeweiligen Tradition verankerte Zurechenbarkeit und Vertrauensschutz angewiesenen Ver-
Ethos, das von den Individuen Ein- und Unterordnung kehr. Deshalb stellt sich die entscheidende Alternative gar
verlangt, sei deshalb unvereinbar mit dem individualisti- nicht auf der kulturellen, sondern auf der sozioökonomi-
schen Rechtsverständnis des Westens.9 schen Ebene. Die asiatischen Gesellschaften können sich
nicht auf eine kapitalistische Modernisierung einlassen,
ohne die Leistungen einer individualistischen Rechtsord-
8 Vgl. die parallele Stellungnahme des nigerianischen Politologen Claude nung in Anspruch zu nehmen. Man kann nicht das eine wol-
Ake, The Afncan Context ofHuman Rights, in: Afnca Today, 34, 1987,
y. »The idea of human rights, or legal rights in general, presupposes a so- len und das andere lassen. Aus Sicht der asiatischen Länder
ciety which is atomized and individualistic, a Society of endemic con- ist die Frage nicht, ob die Menschenrechte als Teil einer in-
flict. It presupposes a Society of people conscious of their seperatedness dividualistischen Rechtsordnung mit eigenen kulturellen
and their particular interests and anxious to reahze them... We put less
emphasis on the individua! and more on the collectivity, we do not allow Überlieferungen vereinbar sind, sondern ob die überliefer-
that the individual has any claims which may override that of the Society. ten Formen der politischen und gesellschaftlichen Integra-
We assume harmony, not divergence of interests, competition and con-
flict; we are more inclined to think of our obligations to other members tion an die schwer abweisbaren Imperative einer insgesamt
of our society rather than of our claims against them.« bejahten wirtschaftlichen Modernisierung angepaßt wer-
9 Yash Ghai, Human Rights and Governance: The Asia Debate, in: Center den müssen oder gegen sie behauptet werden können.
for Asian Pacific Affairs, Nov. 1994, 1-19

184 185
(2) Nun werden diese Vorbehalte gegen den europäi- schränken. Normativ betrachtet, ist eine »vorrangige«
schen Individualismus oft gar nicht in normativer, sondern Berücksichtigung sozialer und kultureller Grundrechte
in strategischer Absicht geäußert. Die strategische Absicht schon deshalb unsinnig, weil diese nur dazu dienen, den
läßt sich daran erkennen, daß die Argumente im Zusam- »fairen Wert« (Rawls), d. h. die tatsächlichen Vorausset-
menhang mit der politischen Rechtfertigung des mehr oder zungen für eine chancengleiche Nutzung jener liberalen
weniger »weichen« Autoritarismus von Entwicklungsdik- und politischen Grundrechte, zu sichern.10
taturen stehen. Das gilt insbesondere für den Streit über die (3) Mit den beiden genannten Argumenten verbindet
Rangordnung der Menschenrechte. Die Regierungen von sich oft eine Kritik an den vermuteten Auswirkungen einer
Singapur, Malysia, Taiwan und China pflegen ihre von west- individualistischen Rechtsordnung, die die Integrität der
licher Seite inkriminierten Verstöße gegen Justizgrund- gewachsenen Lebensordnungen von Familie, Nachbar-
rechte und politische Bürgerrechte mit einem »Vorrang« so- schaft und Politik zu gefährden scheint. Eine Rechtsord-
zialer und kultureller Grundrechte zu rechtfertigen. Sie nung, die die Individuen mit einklagbaren subjektiven
sehen sich durch das - offenbar kollektiv verstandene - Rechten ausstattet, sei auf Konflikt angelegt und wider-
»Recht auf wirtschaftliche Entwicklung« dazu autorisiert, streite daher der Konsensorientierung der einheimischen
die Verwirklichung liberaler Freiheits- und politischer Teil- Kultur. Es empfiehlt sich, die prinzipielle Lesart dieser Kri-
nahmerechte solange »aufzuschieben«, bis das Land einen tik von einer politischen zu unterschieden.
ökonomischen Entwicklungsstand erreicht hat, der es er- In prinzipieller Hinsicht steht hinter dem Vorbehalt die
laubt, die materiellen Grundbedürfnisse der Bevölkerung berechtigte Kritik an einem in der Lockeschen Tradition
gleichmäßig zu befriedigen. Für eine Bevölkerung im Elend verwurzelten Verständnis subjektiver Rechte, das vom
seien Rechtsgleichheit und Meinungsfreiheit eben nicht so heute herrschenden Neoliberalismus erneuert worden ist.
relevant "wie die Aussicht auf bessere Lebensumstände. Dieser possessive Individualismus verkennt, daß einklag-
Ganz so umstandslos lassen sich funktionale Argumente bare individuelle Rechtsansprüche nur aus vorgängig, und
nicht in normative ummünzen. Gewiß, für die langfristige zwar intersubjektiv anerkannten Normen einer Rechtsge-
Durchsetzung von Menschenrechten sind einige Umstände meinschaft abgeleitet werden können. Gewiß gehören sub-
förderlicher als andere. Das rechtfertigt jedoch nicht ein jektive Rechte zur Ausstattung einzelner Rechtspersonen;
autoritäres Entwicklungsmodell, wonach die Freiheit des aber der Status von Rechtspersonen als Trägern solcher
Einzelnen dem paternahstisch wahrgenommenen und defi- subjektiven Rechte bildet sich nur im Kontext einer
nierten »Wohl der Gemeinschaft« untergeordnet ist. In Rechtsgemeinschaft, die auf der gegenseitigen Anerken-
Wahrheit verteidigen diese Regierungen gar keine Indivi- nung freiwillig assoziierter Mitglieder beruht. Deshalb
dualrechte, sondern eine paternalistische Fürsorge, die ih- muß das Verständnis der Menschenrechte vom metaphysi-
nen erlauben soll, die im Westen als klassisch betrachteten schen Ballast der Annahme eines vor aller Vergesellschaf-
Rechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf um-
fassenden individuellen Rechtsschutz und Gleichbehand- 10 Vgl. meine Auseinandersetzung mit Günther Frankenberg, in: Haber-
lung, auf Glaubens-, Assoziations- und Redefreiheit einzu- mas (s. Fn3), {l

186 187
tung gegebenen Individuums, das mit angeborenen Rech- IV. Die Herausforderung des Fundamentahsmus
ten gleichsam auf die Welt kommt, befreit werden. Mit
dieser »westlichen« These entfällt aber auch die Notwen- £)er Angriff auf den Individualismus der Menschenrechte
digkeit einer »östlichen« Antithese, wonach den Ansprü- richtet sich gegen einen Aspekt des ihnen zugrundeliegen-
chen der Rechtsgemeinschaft Vorrang vor individuellen den Begriffs von Autonomie, nämlich die Freiheiten, die
Rechtsansprüchen gebührt. Die Alternative zwischen »In- den privaten Bürgern gegenüber den Staatsapparaten und
dividualisten« und »Kollektivisten« wird gegenstandslos, gegenüber Dritten garantiert werden. Aber die Bürger sind
wenn man die gegenläufige Einheit von Individuierungs- in einem politischen Sinne erst dann autonom, wenn sie
und Vergesellschaftungsprozessen in die Grundbegriffe sich ihre Gesetze selber geben. Das Modell der verfassung-
des Rechts aufnimmt. Weil auch Rechtspersonen nur auf gebenden Versammlung stellt die Weichen für eine kon-
dem Wege der Vergesellschaftung individuiert werden, struktivistische Auffassung der grundlegenden Rechte.
kann die Integrität der einzelnen Person nur zugleich mit Kant begreift Autonomie als die Fähigkeit, den eigenen
dem freien Zugang zu jenen interpersonalen Beziehungen Willen an normative, aus dem öffentlichen Vernunftge-
und zu den kulturellen Überlieferungen geschützt werden, brauch resultierende Einsichten zu binden. Diese Idee der
in denen diese ihre Identität aufrechterhalten kann. Der Selbstgesetzgebung inspiriert auch das Verfahren einer de-
richtig verstandene Individualismus ist ohne diesen Schuß mokratischen Willensbildung, mit dem politische Herr-
von »Kommunitarismus« unvollständig. schaft auf eine weltanschaulich neutrale Grundlage der Le-
In politischer Hinsicht steht hingegen der Einwand ge- gitimation umgestellt werden kann. Sie macht eine religiöse
gen die desintegrativen Auswirkungen des modernen oder metaphysische Begründung von Menschenrechten
Rechts auf schwachen Füßen. Die Prozesse einer in diesen überflüssig. Insofern ist die Säkularisierung der Politik nur
Ländern ebenso beschleunigten wie gewaltsamen ökono- die Kehrseite der politischen Autonomie der Bürger.
mischen und gesellschaftlichen Modernisierung dürfen Die europäische Menschenrechtskonzeption bietet den
nicht mit rechtlichen Formen verwechselt werden, in denen Wortführern anderer Kulturen nicht nur mit dem einen
sich Entwurzelung, Ausbeutung und Mißbrauch admini- Aspekt der Autonomie - dem individualistischen Zu-
strativer Gewalt vollziehen. Gegen die tatsächliche Op- schnitt subjektiver Rechte - eine Angriffsfläche, sondern
pression von Entwicklungsdiktaturen hilft nur eine Ver- ebenso mit dem anderen Aspekt - der Säkularisierung einer
rechtlichung der Politik. Die Integrationsprobleme, die alle von religiösen und kosmologischen Weltbildern entkop-
hochkomplexen Gesellschaften zu bewältigen haben, las- pelten politischen Herrschaft. Aus der Sicht eines funda-
sen sich freilich mit Mitteln des modernen Rechts nur dann
lösen, wenn mit Hilfe legitimen Rechts jene abstrakte Form the name of development or State stabihty, and the consistent refusal of
most of them to recognize that there are mdigenous peoples among
von staatsbürgerlicher Solidarität erzeugt wird, die mit der their population who have a right to preserve their traditional culture,
Verwirklichung von Grundrechten steht und fällt." economy and beliefs, is but a demonstration of their lack of commit-
ment to the real Community. The vitahty of the Community comes from
the exercise of nghts to orgamze, meet, debate, and protest, dismissed
11 Ghai (s. Fn 9), 10: »Governments have destroyed many communities in as >liberal< nghts by these governments.«

188 189
mentalistisch verstandenen Islams, Christentums oder Ju- Der Kern der Kontroverse kann nicht als Streit über die
daismus ist der eigene Wahrheitsanspruch absolut auch in Relevanz, die verschiedene Kulturen jeweils der Religion
dem Sinne, daß er erforderlichenfalls mit Mitteln poli- zubilligen, beschrieben werden. Die Konzeption der Men-
tischer Gewalt durchgesetzt zu •werden verdient. Diese schenrechte war die Antwort auf ein Problem, vor dem
Auffassung hat Folgen für den exklusiven Charakter des heute andere Kulturen in ähnlicher Weise stehen wie seiner-
Gemeinwesens; religiöse oder weltanschauliche Legitima- zeit Europa, als es die politischen Folgen der Konfessions-
tionen dieser Art sind unvereinbar mit der gleichberechtig- spaltung überwinden mußte. Der Konflikt der Kulturen
ten Inklusion Andersgläubiger. selbst findet heute ohnehin im Rahmen einer Weltgesell-
Allein, nicht nur für Fundamentalisten bedeutet eine schaft statt, in der sich die kollektiven Aktoren ungeachtet
profane Legitimation durch Menschenrechte, also die Ent- ihrer verschiedenen kulturellen Traditionen wohl oder übel
koppelung der Politik von göttlicher Autorität, eine aufrei- auf Normen des Zusammenlebens einigen müssen. Denn die
zende Herausforderung. Auch indische Intellektuelle, wie autarke Abschirmung gegen Einflüsse von außen ist in der
z. B. Ashis Nandy, schreiben »antisäkularistische Manife- heutigen Weltlage keine Option mehr. Im übrigen bricht der
ste«. 12 Sie erwarten die gegenseitige Tolenerung und Be- weltanschauliche Pluralismus auch im Inneren jener noch
fruchtung islamischer und hinduistischer Glaubenskultu- von starken Traditionen bestimmten Gesellschaften auf.
ren eher von einer wechselseitigen Verschränkung der Selbst in kulturell vergleichsweise homogenen Gesell-
beiden religiösen Wahrnehmungsweisen als von der welt- schaften 'wird eine reflexive Umformung herrschender dog-
anschaulichen Neutralität des Staates. Sie sind skeptisch ge- matischer Überlieferungen, die mit Ausschließlichkeitsan-
genüber einer erklärten politischen Neutralität, die die Re- spruch auftreten, immer unausweichlicher.13 Das Be-
ligion in ihrer öffentlichen Bedeutung nur neutralisiert. In wußtsein, daß die jeweils eigenen religiösen »Wahrheiten«
solchen Überlegungen verquickt sich freilich die norma- mit öffentlich anerkanntem profanem Wissen in Überein-
tive Frage, wie eine gemeinsame Grundlage für das ge- stimmung gebracht und gegen andere religiöse Wahrheits-
rechte politische Zusammenleben gefunden werden kann, ansprüche innerhalb desselben Diskursuniversums vertei-
mit einer empirischen Frage. Die Ausdifferenzierung einer digt werden müssen, wächst zunächst in den intellektuellen
vom Staat getrennten religiösen Sphäre mag den Einfluß Schichten. Wie das Christentum seit der Konfessionsspal-
privatisierter Glaubensmächte tatsächlich schwächen; aber tung, so wandeln sich unter dem Reflexionsdruck der mo-
das Toleranzprinzip selbst richtet sich nicht gegen die dernen Lebensumstände die traditionalen Weltbilder über-
Authentizität und den Wahrheitsanspruch religiöser Be- haupt in »reasonable comprehensive doctrines«. So
kenntnisse und Lebensformen, es soll allein deren gleichbe- bezeichnet Rawls ein reflexiv gewordenes ethisches Welt-
rechtigte Koexistenz innerhalb desselben politischen Ge- und Selbstverständnis, das Spielraum läßt für die vernünf-
meinwesens ermöglichen. tigerweise zu erwartenden Dissense mit anderen Glaubens-

12 Partha Chacterjee, Seculansm and Toleration, in: Economu and Pohtical


Weekly, July 9, 1994, 1768-1776; Rajeev Bhargava, Giving Seculansm its 13 H. Hoibraaten, Secular Society, in: T. Lindholm, K. Vogt (Hg.), hlamic
Due, in: Economic and Pohtical Weekly, July 9, 1994, 1984-1791 Law Reform and Human Rights, Oslo, 1993, 231-257

190 191
Überzeugungen, mit denen jedoch eine Verständigung über III. Zum Selbstverständnis
Regeln der gleichberechtigten Koexistenz möglich ist.14
der Moderne
Meine apologetischen Überlegungen stellen den westlichen
Legitimationstypus als eine Antwort auf allgemeine Her-
ausforderungen dar, denen heute nicht mehr nur die west-
liche Zivilisation ausgesetzt ist. Das besagt natürlich nicht,
daß die Antwort, die der Westen gefunden hat, die einzige
oder gar die beste ist. Insofern bedeutet die gegenwärtige
Debatte für uns eine Chance, uns über unsere blinden Flek-
ken aufklären zu lassen. Schon die hermeneutische Refle-
xion auf die Ausgangslage eines Menschenrechtsdiskurses
zwischen Teilnehmern verschiedener kultureller Herkunft
macht uns auf normative Gehalte aufmerksam, die in den
stillschweigenden Präsuppositionen eines jeden auf Ver-
ständigung abzielenden Diskurses enthalten sind. Unab-
hängig vom kulturellen Hintergrund wissen nämlich alle
Beteiligten intuitiv recht gut, daß ein auf Überzeugung be-
ruhender Konsens nicht zustande kommen kann, solange
nicht symmetrische Beziehungen zwischen den Kommuni-
kationsteilnehmern bestehen - Beziehungen der gegensei-
tigen Anerkennung, der wechselseitigen Perspektivenuber-
nahme, der gemeinsam unterstellten Bereitschaft, die
eigenen Traditionen auch mit den Augen eines Fremden zu
betrachten, voneinander zu lernen usw. Auf dieser Grund-
lage lassen sich nicht nur selektive Lesarten, tendenziöse
Auslegungen und bornierte Anwendungen von Menschen-
rechten kritisieren, sondern auch jene schamlosen Instru-
mentalisierungen der Menschenrechte für eine universali-
stische Verschleierung partikularer Interessen, die zu der
falschen Annahme verleiten, daß sich der Sinn der Men-
schenrechte in ihrem Mißbrauch erschöpfe.

14 J. Rawls, Pohtical Liberahsm, New York 1993


Konzeptionen der Moderne
Ein Rückblick auf zwei Traditionen

Wenn mich eine philosophische Gesellschaft einlädt, über


»Konzeptionen der Moderne« zu sprechen, geht sie von
der keineswegs trivialen Voraussetzung aus, daß es sich da-
bei um ein philosophisches Thema handelt.' Das lenkt un-
sere Aufmerksamkeit auf den klassischen Begriff der
Moderne, wie er zunächst von Hegel bestimmt und mit ge-
sellschaftstheoretischen Mitteln von Marx, Max Weber,
dem frühen Lukäcs und der älteren Frankfurter Schule ent-
faltet worden ist. Diese Tradition hat sich am Ende apo-
retisch in die Selbstbezüglichkeit einer totalisierenden
Vernunftkritik verstrickt. Daher ist das Projekt einer
selbstkritischen Vergewisserung der Moderne mit Hilfe
eines anderen Vernunftbegriffs - dem einer sprachlich ver-
körperten und »situierten« Vernunft - fortgeführt worden.
Aus dieser linguistischen Wende sind freilich zwei konkur-
rierende Auffassungen hervorgegangen: die postmoderne
»Überwindung« des normativen Selbstverständnisses der
Moderne einerseits, die lntersubjektivistische Umformung
des klassischen Begriffs der zweideutigen Moderne ande-
rerseits.

Ich möchte zunächst erklären, warum »die Moderne«


überhaupt zu einem Thema der Philosophie geworden ist.

I Vortrag vor der Koreanischen Gesellschaft für Philosophie in Seoul, Mai


1996

195
Dabei geht es genaugenommen um drei Fragen: (i) Wann Wie die berühmten Querelles des Anciens et des Moder-
und warum haben sich Philosophen für eine Deutung der nes - die Auseinandersetzungen mit den Wortführern einer
spezifisch modernen Lebenslage - the modern condition - klassizistischen Ästhetik im Frankreich des späten 17. Jahr-
interessiert? (2) Warum nimmt diese philosophische Deu- hunderts - zeigen, bereiten die Kunst und die ästhetische
tung der Moderne eine vernunftkritische Gestalt an? (3) Erfahrung den Boden für das Verständnis von »Moder-
Warum tritt die Philosophie die Durchführung ihrer Inter- nität«. Jede Periode hatte ihren eigenen Stil hervorgebracht,
pretation an die Gesellschaftstheorie ab? lange bevor im 20. Jahrhundert das avantgardistische
(1) Das Wort »modernus« ist im späten J.Jahrhundert Selbstverständnis der bildenden Kunst den Stilwandel be-
zunächst verwendet worden, um eine »christlich« gewor- schleunigte und auf Dauer stellte. Im Bereich der Kunst
dene Gegenwart von der »heidnischen« römischen Vergan- kann die Intensivierung des Bewußtseins selbsterzeugter
genheit zu unterscheiden.2 Seitdem hat der Ausdruck die Diskontinuitäten nicht überraschen. Jedoch breitet sich
Konnotation einer absichtlichen Diskontinuierung des mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert allgemein ein neues
Neuen vom Alten. Der Ausdruck »modern« wurde in Eu- historisches Bewußtsein aus - und ergreift am Ende sogar
ropa immer wieder benutzt, um - mit jeweils verschiede- die Philosophie. Hegel stellt explizit den »Bruch« mit der
nen Inhalten - das Bewußtsein einer neuen Epoche auszu- historischen Vergangenheit fest, den Französische Revolu-
drücken. Die Distanzierung von der unmittelbaren tion und Aufklärung für die Nachdenklicheren unter sei-
Vergangenheit gelingt zunächst durch den Rückbezug auf nen Zeitgenossen herbeigeführt hatten.3
die Antike oder auf irgendeine andere als »klassisch«, d. h. Jetzt steht die »moderne« zur »alten« Welt dadurch in
nachahmenswert ausgezeichnete Periode. In dieser Weise Gegensatz, daß sie sich radikal zur Zukunft hin öffnet. Der
hat sich die Renaissance, mit der nach unserem Verständnis vorübergehende Moment der Gegenwart gewinnt dadurch
das »moderne« Zeitalter beginnt, auf die griechische Klas- Prominenz, daß er jeder Generation von neuem als Aus-
sik bezogen. Um 1800 setzte hingegen eine Gruppe junger gangspunkt für die Erfassung der Geschichte im ganzen
Schriftsteller das Klassische in Gegensatz zum Romanti- dient. Der Kollektivsingular »die« Geschichte ist, im Ge-
schen, indem sie ein idealisiertes Mittelalter als ihre norma- gensatz zu den vielen Geschichten der verschiedenen Ak-
tive Vergangenheit entwarf. Auch dieses romantische Be- toren, eine Prägung des späten 18.Jahrhunderts.4 Die Ge-
wußtsein verrät den charakteristischen Zug eines neuen schichte wird nun als ein umfassender problemerzeugender
Anfangs, der sich von dem, was nun transzendiert werden Prozeß erfahren - und die Zeit als knappe Ressource für die
sollte, absetzt. Weil mit einer in die Gegenwart hineinrei- Bewältigung dieser aus der Zukunft herandrängenden Pro-
chenden Tradition gebrochen werden soll, muß der »mo- bleme. Die sich überstürzenden Herausforderungen ma-
derne« Geist diese unmittelbare Vorgeschichte entwerten chen sich als »Zeitdruck« fühlbar.
und auf Abstand bringen, um sich normativ aus sich selbst Dieses moderne Zeitbewußtsein betrifft die Philosophie
zu begründen.
3 J. Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, \ rankfurt/M
1985, 1 3 - 2 1
2 H R. Jauss, Literaturgeschichte als Provokation, Frankfurt/M. 1970, 11 4 R. Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt/M. 1979

196 197
in besonderer Weise. Bis dahin sollte sie ja, sollte Theorie wisserung als »Bedürfnis der Philosophie«. Philosophie,
überhaupt eine wahre Darstellung geben vom Wesen der zur Hüterin der Vernunft bestellt, begreift die Moderne als
Welt - von den allgemeinen, notwendigen und ewigen Zü- ein Kind der Aufklärung.
gen der Realität an sich. Sobald jedoch die Philosophie auf Nun hatte sich die neuere Philosophie seit Descartes auf
ihren eigenen Standort in der Geschichte reflektieren muß, Subjektivität und Selbstbewußtsein konzentriert. Die Ver-
erhalt die Theorie - das Erfassen der Wahrheit - einen Zeit- nunft war in Begriffen der Selbstreferenz eines erkennen-
index. Im innerweltlichen Horizont einer Gegenwart, die den Subjekts erklärt worden, das sich gleichsam auf sich
die Quelle flüchtiger, kontingenter und je besonderer selbst zurückbeugt, um seiner als eines erkennenden Sub-
Ereignisse ist, verschränkt sich der Kontext der Rechtferti- jektes wie in einem Spiegelbild ansichtig zu werden. Der
gung mit dem der Entdeckung. Wenn wahre philosophi- Geist nimmt sich durch eine Selbstreflexion in Besitz, die
sche Einsichten gleichwohl kontextunabhängige Gültig- das Bewußtsein als eine Sphäre nicht sowohl der Gegen-
keit sollen beanspruchen dürfen, muß die Philosophie diese stände als vielmehr der Vorstellungen von Gegenständen
beunruhigende Gegenwart durchdringen und auf den Be- erschließt. Von dieser »Spekulation« macht Hegel Ge-
griff bringen. Sie kann die Grenzen der historischen Lage, brauch, wenn er das moderne Zeitalter durch ein Prinzip
der der philosophische Gedanke selbst entspringt, nur da- der Subjektivität kennzeichnet, das Freiheit durch Refle-
durch zu überwinden suchen, daß sie »die Moderne« als xion sichert: »Es ist das Große unserer Zeit, daß die Frei-
solche begreift. Hegel 'war der erste Philosoph, der dieses heit, das Eigentum des Geistes, daß er in sich bei sich ist,
neue Bedürfnis, seine Zeit »in Gedanken zu erfassen«, arti- anerkannt ist.«5 Subjektivität ist ein fundierender, in gewis-
kuliert. Die Philosophie muß der Herausforderung der ser Weise ein fundamentalistischer Begriff. Sie sichert die
Zeit mit der Analyse der »neuen Zeit« begegnen. Aber Art von Evidenz und Gewißheit, auf deren Grundlage alles
warum soll sie, warum kann sie die Moderne in der Form übrige bezweifelt und kritisiert werden kann. So ist die
einer Kritik der Vernunft begreifen? Moderne stolz auf ihren kritischen Geist, der nichts als
selbstverständlich akzeptiert, es sei denn im Lichte guter
(2) Weil die Moderne sich selbst im Gegensatz zur Tra-
Gründe. »Subjektivität« hat einen zugleich universalisti-
dition versteht, sucht sie sozusagen Halt in der Vernunft.
schen und individualistischen Sinn. Jede Person verdient
Auch wenn diejenigen, die sich als die Modernen verste-
den gleichen Respekt aller. Zugleich soll sie als Quelle und
hen, stets eine idealisierte Vergangenheit zu Nachahmung
als letzte Instanz der Beurteilung ihres je spezifischen An-
erfanden, muß jetzt eine reflexiv gewordene Moderne die
spruchs auf Glück anerkannt werden.
Wahl dieses Modells nach eigenen Standards rechtfertigen
und alles Normative aus sich selber schöpfen. Die Moderne Insofern ist das Selbstverständnis der Moderne nicht nur
muß sich aus der einzigen Autorität, die sie übriggelassen durch theoretisches »Selbstbewußtsein« charakterisiert,
hat, stabilisieren, eben aus Vernunft. Denn allein im Namen durch eine selbstkritische Einstellung gegenüber allem
der Aufklärung hatte sie die Tradition entwertet und über- Überlieferten, sondern auch durch die moralischen und
wunden. Aufgrund dieser Wahlverwandtschaft identifi-
ziert Hegel das Bedürfnis der Moderne nach Selbstverge- 5 G.F.W. Hegel, Werke, Frankfurt/M., Bd. 20, 329

199
ethischen Ideen der »Selbstbestimmung« und der »Selbst- einer Kritik der Vernunft ebenso an wie die Vermögen
verwirklichung«. Hegel zufolge hat dieser normative Ge- selbst.
halt der Moderne seinen Sitz in der Struktur der Vernunft (3) Wir verstehen nun, warum das Thema »Moderne«
selber und findet seine Erklärung im »Prinzip der Subjek- für die Philosophie überhaupt Relevanz erhalten hat und
tivität«. Da Kant von der Vernunft einen selbstkritischen •warum es unter vernunftkritischen Gesichtspunkten analy-
Gebrauch gemacht und von den Vermögen der Vernunft siert worden ist. Darüber hinaus erklärt das neue Zeitbe-
einen transzendentalen Begriff entwickelt hatte, kann nun wußtsein die Art von »Krise«, auf die sich die kritische
aber Hegel Kants drei Kritiken als maßgebende Interpreta- Selbstvergewisserung der Moderne bezieht. »Kritik und
tion des Selbstverständnisses der Moderne lesen. Die Kritik Krise«6 wird zum Modell für diese Analyse, weil sich das
der reinen Vernunft erklärt die Bedingungen der Möglich- moderne Bewußtsein mit der Herausforderung konfron-
keit einer objektivierenden Naturwissenschaft, die den tiert sieht, mit Problemen fertig zu werden, die aus einem
menschlichen Geist von metaphysischen Illusionen befreit. sich stetig erweiternden Horizont möglicher, immer kühner
Die Kritik der praktischen Vernunft erklärt, wie Personen, antizipierter Zukünfte auf eine um so stärker beunruhigte
indem sie sich aus Einsicht selbstgegebenen Gesetzen fü- Gegenwart einstürmen. Vor allem eins wird als »kritisch«
gen, Autonomie erwerben. Und die Kritik der Urteilskraft erfahren - die wachsende gesellschaftliche Komplexität.
erklärt die notwendigen subjektiven Bedingungen einer Diese geht nämlich Hand in Hand mit einer Differen-
ästhetischen Erfahrung, die sich vom religiösen Kontext zierung und zugleich Enttraditionalisierung einer Lebens-
unabhängig gemacht hat. welt, die auf verwirrende Weise ihre kontingenz-absor-
Kant hatte praktische Vernunft und Urteilskraft von der bierenden Züge von Vertrautheit, Transparenz und Zuver-
theoretischen Vernunft unterschieden, ohne die formale lässigkeit einbüßt. Aus dieser defensiven Perspektive wird
Einheit der drei Vermögen preiszugeben. Am Ende des die »hereinbrechende« Moderne zunächst als Angriff auf
18.Jahrhunderts hatten sich diese Sphären des Wissens die Sittlichkeit einer sozial integrierten Lebensform wahr-
auch schon institutionell voneinander differenziert. In den genommen - als eine Stoßkraft sozialer Desintegration.
Sphären von Wissenschaft, Moral und Kunst wurden Auf der Folie von »Kritik und Krise« kann Hegel Kants
Wahrheitsfragen sowie Fragen der Gerechtigkeit und des Vernunftkritik als eine lehrreiche, aber unvollständige, in-
guten Geschmacks unter je verschiedenen Geltungsaspek- sofern nur symptomatische Deutung des rationalen Wesens
ten, aber unter denselben diskursiven Bedingungen einer der modernen Welt begreifen. Hegel muß die Züge des kan-
»Kritik« erörtert. Weil Kant die korrespondierenden tischen Spiegelbildes der Moderne, die auf der Rückseite des
Vernunftvermögen als Bestandteile der transzendentalen Spiegels verborgen bleiben, erst noch dechiffrieren. Kant
Subjektivität untersucht hatte, brauchte Hegel nicht zu hatte innerhalb der Vernunft diejenigen Differenzierungen
zögern, auch diese kulturellen Sphären von Wissen- herausgearbeitet, denen in der Kultur die Sphären von Wis-
schaft und Forschung, Moral und Recht, Kunst und
Kunstkn-tik als »Verkörperungen« des Prinzips der Sub-
6 Vgl. die gleichnamige Dissertation von R. Koselleck, Kritik und Krise
jektivität zu begreifen. Diese Objektivationen boten sich Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg 1959
senschaft, Moral und Kunst entsprachen. Aber aus Hegels in denen sich das Prinzip der Subjektivität verkörpert hat -
Sicht hatte er die Kehrseite dieser produktiven Unterschei- in der empiristischen Wissenschaft und der abstrakten Mo-
dungen nicht bemerkt. Was auf der diskursiven Ebene Dif- ralität ebenso wie in der romantischen Kunst, im possessi-
ferenzierungsgewinne waren, wurde innerhalb des Hori- ven Individualismus des bürgerlichen Formalrechts und
zonts sittlich integrierter Lebenswelten als ebenso viele der Marktökonomie ebenso wie in der instrumenteilen
»Entzweiungen« eines intuitiven Ganzen erfahren. Kant Ivlachtpolitik der großen Mächte. Die »Positivität« ent-
hatte die schmerzliche Abstraktion ebenso verkannt wie das fremdender Institutionen und verdinglichter sozialer Be-
Bedürfnis nach Wiederherstellung der vorgängigen Totali- ziehungen entlarvt das Prinzip der Subjektivität als eines
tät auf einer höheren Stufe. Aus dieser Perspektive erweist der Repression, die nun als die verschleierte Gewalt der
sich das zunächst gefeierte Prinzip der Subjektivität, und die Vernunft selber auftritt. Der repressive Charakter der Ver-
mit ihm gesetzte Struktur des Selbstbewußtseins, als eine nunft gründet in der Struktur der Selbstreflexion, d. h. in
bloß selektive Ansicht der Vernunft, die nicht mit dem Gan- der Selbstreferenz eines erkennenden Subjekts, das sich
zen der Vernunft identifiziert werden darf. Gewiß, die Ver- selbst zum Objekt macht. Dieselbe Subjektivität, die zu-
standestätigkeit bringt subjektive Freiheit und Reflexion nächst als Quelle von Freiheit und Emanzipation erschie-
hervor, ist kräftig genug, um die Traditionsmacht der Reli- nen war - »erscheinen« im doppelten Sinne von Manifesta-
gion zu untergraben. In der Vergangenheit war die Religion tion und Täuschung -, enthüllt sich als Ursprung einer
im wesentlichen der Garant der sittlichen Integration des wildgewordenen Objektivation.
gesellschaftlichen Lebens gewesen, und in der Gegenwart Hegel erkennt in der - allerdings unverzichtbaren - ana-
ist das religiöse Leben durch die Aufklärung erschüttert lytischen Kraft der Reflexion auch eine Gewalt, die, wenn
worden. Dabei zeigt sich aber, daß das Prinzip der Subjek- sie sich von den Zügeln der Vernunft losmacht, ringsum
tivität unfähig ist, im Medium der Vernunft die einigende alles vergegenständlicht, d. h. in Gegenstände möglicher
Kraft der Religion zu erneuern. Gleichzeitig ist die religiöse Manipulation verwandelt. Die sich selbst überlassene
Orthodoxie über der geistlosen Abwehr einer abstrakten »Reflexion« läßt entzweite organische Ganzheiten in ihre
Aufklärung zu einer Positivität geronnen, die die Religion isolierten Teile zerfallen. Sie zerlegt intersubjektive Bezie-
ihrer Bindungsenergien beraubt.7 hungen in die reziprok beobachteten Handlungsfolgen
So erscheint die Kultur der Aufklärung aus Hegels Sicht zweckrational entscheidender Aktoren in der Weise, daß
nur als Gegenstück zur positiv erstarrten Religion. Indem die vereinzelten Individuen von den Wurzeln ihrer gemein-
sie Reflexion und Zweckrationahtät an die Stelle der Ver- samen Herkunft abgeschnitten werden. Allerdings muß
nunft setzt, betreibt sie Vernunftidolatrie. Auf diese Weise sich Hegel selbst auf Reflexion einlassen. Er muß sich in de-
entdeckt der junge Hegel denselben »Positivismus« auch in ren Medium bewegen, um die Negativität einer Verstandes-
den anderen kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen, tätigkeit zu denunzieren, die den Platz der Vernunft bloß
usurpiert hat. Er kann die Grenzen der instrumentellen Ver-
nunft selbst nur reflexiv aufzeigen. Nur indem Hegel einen
7 Vgl. Th.M.Schmidt, Anerkennung und absolute Religion, Stuttgart
1-997
Akt der höherstufigen Reflexion vollzieht, kann er deren

203
Grenzen transzendieren. So wird der eigene Gedanke per- Dialektik der Aufklärung, mit eigenen Methoden durch-
formativ in die Bewegung der Dialektik der Aufklärung führt-9
hineingezogen. Wiederum ist es die Vernunft selbst, aus der
eine vorbildlose, zukunftsoffene, neuerungssüchtige Mo-
derne einzig ihre Orientierung gewinnen kann. II
Weil sich die Moderne derart in offenen Zukunftshori-
zonten bewegt, kann das der Dialektik der Aufklärung ein- Die Probleme jener folgenreichen Arbeitsteilung, die sich
geschriebene Telos zunächst nicht mehr sein als ein Verspre- während des beginnenden 20. Jahrhunderts zwischen Phi-
chen. Hegel war sich über das Desiderat im klaren, daß die losophie und Soziologie im Rahmen der von Hegel kon-
Einbildung der Vernunft in die Realität erst noch historisch zipierten Gegenwartsanalyse eingespielt hat, möchte ich
nachzuweisen war. Nicht der kritische Blick auf die Mo- wiederum in drei Schritten behandeln. Ich will (1) kurz
derne trennt den reifen Hegel vom jungen. Die Problem- daran erinnern, daß Max Webers Theorie der gesellschaft-
stellung, die ich in gebotener Vereinfachung skizziert habe, lichen Rationalisierung der Fragestellung einer »Dialektik
ist dieselbe; aber erst der reife Hegel macht sich an die der Aufklärung« verpflichtet ist. In welchem Sinne diese
Durchführung des Programms. Er muß beides erfassen, Zeitdiagnose in eine Sackgasse führt, zeigt sich an den
sowohl die antagonistischen Erscheinungsformen der so- aporetischen Konsequenzen der älteren Kritischen Theo-
zialen Desintegration als auch die geschichtlichen Entwick- rie, die unter den Prämissen des westlichen Marxismus
lungen und die Mechanismen, aus denen sich eine Überwin- Max Webers Forschungsprogramm fortgeführt hat. In
dung gegenläufiger Tendenzen, die Auflösung hartnäckiger meiner stark vereinfachenden Rekonstruktion bezeichnet
Konflikte verständlich machen läßt. Die Philosophie des (2) das Ende dieser Theorieentwicklung zugleich das Ende
Rechts ist dann der Versuch, die ambivalenten Verkörperun- der zeitdiagnostischen Arbeitsteilung zwischen Philo-
gen der Vernunft in der Gesellschaft, d. h. in den sozialen sophie und Soziologie. Während sich die Theorie ratio-
Ordnungen der Familie, der Marktwirtschaft und des naler Wahl und die Systemtheorie sozusagen den em-
Nationalstaats, auf den Begriff zu bringen. Die Sphäre des pirischen Erklärungsanspruch des Programms zu eigen
Sozialen - was wir heute »Gesellschaft« nennen - hat sich machen, setzt der Postmodernismus, indem er sich der
allererst unter dem Gesichtspunkt einer Dialektik der Auf- von Heidegger und Wittgenstein entwickelten Konzep-
klärung als jener zutiefst zweideutige Phänomenbereich er-
tionen der Vernunftkritik bedient, die Kritik der Moderne
schlossen, der nach einer kritischen Deutung verlangt.8 Aus
mit anderen Mitteln fort. Aber diese Ansätze begegnen (3)
diesem Grunde ist die Philosophie auf eine Gesellschafts-
theone angewiesen, die ihr zeitdiagnostisches Forschungs- 9 H. Marcuse, Vernunft und Revolution, Neuwied 1967. Die klassischen
programm, im Rahmen der philosophischen Vorgabe einer Gesellschaftstheonen verstehen sich als Antworten auf die Krisenten-
denzen ihrer Gegenwart; vgl. dazu J. Habermas, Kritische und konserva-
tive Aufgaben der Soziologie, in: ders., Theorie und Praxis, Frankfurt/M.
1971, 290 - 306; siehe auch meine Abhandlung zur Soziologie in der Wei-
8 S. Landshut, Kritik der Soziologie Freiheit und Gleichheit als Ursprungs- marer Republik in: J. Habermas, Texte und Kontexte, Frankfurt/M
problem der Soziologie, in: ders., Kritik der Soziologie, Neuwied 1969 1991, 184-204

204 205
ihren eigenen Schwierigkeiten. Postmoderne Theorien von Staat und Wirtschaft ergänzen sich beide Seiten - ein
begeben sich der Kriterien, anhand deren wir die univer- von Steuerressourcen abhängiger Verwaltungsapparat und
salistischen Errungenschaften von den kolonialisierenden eine privatrechtlich institutionalisierte Marktwirtschaft,
Zügen der Moderne unterscheiden können. Das wei- die ihrerseits von staatlich garantierten Rahmenbedingun-
tere Problem der sogenannten Inkommensurabihtät von gen und Infrastrukturen abhängt. Die institutionellen
Sprachspielen und Diskursen wird uns veranlassen, im Kerne der beiden Bereiche - staatliche Bürokratie und Un-
letzten Teil der Vorlesung einen alternativen Weg einzu- ternehmensorganisation - betrachtet Weber als die erklä-
schlagen. rungsbedürftigen evolutionären Errungenschaften der ge-
(i) Max Weber stellt die europäische Modernisierung in sellschaftlichen Moderne. Zusammen mit dem positiven
den Zusammenhang eines weltgeschichtlichen Prozesses Recht sind sie sozusagen die Schrittmacher der gesellschaft-
der Entzauberung.10 Wie Hegel beginnt er mit der Trans- lichen Modernisierung. Die Erklärung, die Weber anbietet,
formation und Auflösung umfassender religiöser Weltbil- erinnert an Hegel. Während dieser die signifikanten Berei-
der, die ihre sinnstiftende Orientierungskraft verlieren. che moderner Gesellschaften als Verkörperungen einer
Aus der Rationalisierung der abendländischen Kultur er- subjektzentrierten Vernunft begriffen hatte, versteht We-
gibt sich die bekannte Differenzierung zwischen »Wert- ber die Modernisierung der Gesellschaft als eine Institutio-
sphären«. Im Gefolge von Rickerts Neukantianismus geht nalisierung zweckrationalen Handelns vor allem in den bei-
Weber davon aus, daß jede dieser Sphären - Wissenschaft, den dynamischen Kernsektoren von Staat und Wirtschaft.
Recht und Moral, Kunst und Kritik - einer jeweils eigenen Für Weber gilt eine Organisation in dem Maße als »ra-
Logik von Tatsachen-, Gerechtigkeits- und Geschmacks- tional«, wie sie ihre Mitglieder instandsetzt und dazu an-
fragen gehorcht. Konflikte zwischen diesen Wertsphären hält, zweckrational zu handeln. Die beiden zentralen
können nicht mehr rational, vom höheren Standpunkt ei- Organisationen scheinen unter diese Beschreibung zu fal-
nes religiösen oder kosmologischen Weltbildes aus, beige- len - auf der einen Seite die moderne Staatsanstalt, die eine
legt werden. Aber ebensowenig kann die Einheit eines von rechtlich kalkulierbare, weil zuverlässige und effiziente Ar-
der Gesellschaft intersubjektiv geteilten Weltbildes, im Na- beitsteilung zwischen kompetent geschulten und hoch spe-
men von objektivierender Wissenschaft oder Vernunftmo- zialisierten Fachbeamten implementiert, auf der anderen
ral, durch die einigende Kraft der theoretischen oder prak- Seite das kapitalistische Unternehmen, das für eine wirt-
tischen Vernunft ersetzt werden. schaftliche Allokation der Produktionsfaktoren sorgt und
dem Druck von Wettbewerb und Arbeitsmarkt mit einer
Weber konzentriert sich auf den Prozeß der gesellschaft-
Steigerung der Arbeitsproduktivität begegnet. Kurzum,
lichen Modernisierung, der durch das Tandem von Verwal-
der bürokratische Staat ist auf das fachkompetente und
tungsstaat und kapitalistischer Wirtschaft vorangetrieben
zweckrationale Verwaltungshandeln der Beamten, die
wird. Auf der Grundlage der funktionalen Differenzierung
marktwirtschaftliche Produktionsweise auf die rationale
io Zu der im folgenden stark stilisierenden Darstellung der Weberschen Wahl und die qualifizierte Arbeitskraft von Managern und
Zeitdiagnose vgl. ausführlicher J. Habermas, Theorie des kommunika- Arbeitern zugeschnitten. Für die Motivationsgrundlage
tiven Handelns, Frankfurt/M. 1981, Bd. 1, 225-366

206 207
der Eliten, die die neuen Institutionen tragen, entwickelt Im Unterschied zu Hegels Diagnose wird die Dialektik
Weber das bekannte Argument einer Wahlverwandtschaft der Aufklärung gleichsam angehalten und bleibt unvollen-
zwischen protestantischen Sekten und dem Geist des Kapi- det. Denn gegenüber dem »Charisma der Vernunft« bleibt
talismus. Dieser historische Anfangszustand stellt freilich Weber skeptisch. Ohne Rekurs auf die Bewegung einer to-
nur die Weichen für einen selbstdestruktiven Entwick- talisierenden Vernunft sieht er keinen Ausweg für eine Be-
lungszyklus, den Weber nach dem Muster einer - allerdings wältigung der sozialen Desintegration und für den Über-
stillgestellten - Dialektik der Aufklärung analysiert. gang zu einer weniger fragmentierten und friedlicheren
Im Gefolge des Zerfalls traditionaler Weltbilder und Gesellschaft. Aus seiner Sicht können die »Entzweiungen«
einer daraufhin einsetzenden Rationalisierung der Kultur einer instrumenteilen Vernunft, die die ganze Gesellschaft
verbreiten sich privatisierte Glaubenseinstellungen und durchdringen, nicht innerhalb der Sphäre der Gesellschaft
eine internalisierte Gewissensmoral. Zumal die »protestan- selbst überwunden werden. Weber versteht »Freiheitsver-
tische Ethik« fördert eine rationale Lebensführung und lust« und »Sinnverlust« als existentielle Herausforderun-
sichert dadurch eine wertrationale Verankerung zweck- gen für einzelne Personen. Jenseits der vergeblichen kol-
rationaler Verhaltensweisen. Aber im Verlaufe der fort- lektiven Hoffnung auf Versöhnung innerhalb der sozialen
schreitenden Modernisierung hat sich dann die Organi- Ordnungen selbst bleibt nur die absurde Hoffnung eines
sationsrationahtät der immer -weiter verselbständigten trotzigen Individualismus. Allein dem starken, auf sich ge-
administrativen und ökonomischen Handlungsbereichc stellten Subjekt kann es in glücklichen Fällen gelingen, der
von dieser motivationalen Grundlage religiöser Wertorien- rationalisierten und damit zerrissenen Gesellschaft einen
tierungen gelöst. Die evolutionär neuen, rechtlich konstitu- einheitsstiftenden Lebensentwurf entgegenzusetzen. Mit
ierten Handlungsbereiche, die zunächst die Emanzipation dem heroischen Mut des Verzweifelten kann das entschlos-
der Einzelnen aus den korporativen Vergemeinschaftungen sene Individuum im Anblick der unlösbaren sozialen Kon-
der vormodernen wie der frühbürgerlichen Gesellschaft flikte Freiheit bestenfalls privat, in der eigenen Lebensge-
möglich gemacht hatten, verwandelten sich schließlich in schichte verwirklichen.
das, was Weber als »stählernes Gehäuse« beklagt. Marx Diese Vision der verwalteten Gesellschaft ist in der Tra-
hatte schon höhnisch den ambivalenten Sinn registriert, den dition des westlichen Marxismus von Lukäcs bis Adorno
der Begriff »Freiheit« im Ausdruck »freie Lohnarbeit« an- noch einmal radikalisiert worden. Aus dieser Perspektive
nimmt - frei von feudalen Abhängigkeiten, aber auch frei erscheint die Hoffnung auf die Widerstandskraft des star-
für das kapitalistische Schicksal von Ausbeutung, Armut ken Einzelnen nur noch als Residuum einer vergangenen
und Arbeitslosigkeit. Angesichts der wachsenden Komple- liberalen Epoche. Wie dem auch sei, die frühe kritische
xität verselbständigter Handlungssysteme beobachtet We- Theorie hat sich der Mittel der analytischen Sozialpsycho-
ber nun überall eine Konversion von Freiheiten in Diszipli- logie bedient, um die Annahme zu verteidigen, daß die je-
nen. Ausgehend von den disziplinierenden Zwängen der weils herrschenden Sozialisationsmuster die funktionalen
Bürokratisierung und Verrechtlichung entwirft er das Imperative des Staates und der Ökonomie von der Ebene
schwarze Bild einer verwalteten Gesellschaft. der Institutionen auf die Ebene der Persönlichkeitsstruk-

208 209
turen übertragen.11 Die zeitgeschichtlichen Erfahrungen raubt ist, sich aber in der Sprache der avantgardistischen
mit Faschismus und Stalinismus bestätigten das so entste- Kunst zu Wort meldet.
hende Bild einer totalitär integrierten Gesellschaft. Diese Die ambivalenten Züge sind aus dem einebnenden Bild
hat den Widerstand der heroischen, im stählernen Gehäuse einer totalitären Moderne weitgehend getilgt. Der Hegel-
bloß gefangengehaltenen Individuen längst gebrochen und schen Dialektik der Aufklärung ist die Spitze abgebrochen.
kann mit der Willfährigkeit der übersozialisierten, an ihre Schlimmer noch, indem sich die instrumentelle Rationalität
disziplinäre Matrix angepassten Subjekte rechnen. Kultur- zu einem unvernünftigen Ganzen aufbläht, verstrickt sich
industrie und Massenmedien gelten als die augenfälligsten die Kritik des unwahren Ganzen in eine Aporie. Sobald die
Instrumente der gesellschaftlichen Kontrolle, während Kritik der instrumenteilen Vernunft nicht mehr im Namen
Wissenschaft und Technik als hauptsächliche Quelle einer der Vernunft selbst durchgeführt werden kann, verliert sie,
die Gesellschaft im ganzen durchdringenden instrumentei- und damit die Kritik der Moderne, eine eigene normative
len Rationalität erscheinen. Grundlage. Adorno hat aus der Not der Aporie, deren sich
Die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und eine selbstbezügliche Kritik gleichsam im Vollzug inne
Adorno kann man als eine Rückübersetzung der Weber- wird, die Tugend der Negativen Dialektik gemacht. Er ist
schen Thesen in die Sprache der Hegelmarxistischen Ge- dem Unternehmen einer eingestandenermaßen paradoxen,
schichtsphilosophie verstehen. Sie führt den Ursprung der einer »bodenlosen« Kritik treu geblieben, indem er genau
instrumentellen Vernunft auf den Augenblick der ersten die Bedingungen dementiert, die erfüllt sein müßten, damit
Trennung des subjektiven Geistes von der Natur zurück. das Geschäft der in actu ausgeübten Kritik möglich wird.
Andererseits besteht eine offensichtliche Differenz zu He- (2) Angesichts dieser Schwierigkeit lag es nahe, den
gel. Bei diesem bleibt die Herrschaft von Reflexion oder einen oder den anderen Teil des ursprünglichen Projektes
Verstand nur ein Moment in der Bewegung einer totalisie- aufzugeben. Die eine Seite, die eine Theorie der gesell-
renden, sich selbst einholenden Vernunft. Bei Horkheimer schaftlichen Moderne weiter verfolgt, gibt die philosophi-
und Adorno hat die subjektive Rationalität, die die äußere sche Idee einer selbstkritischen Vergewisserung der Mo-
wie die innere Natur im ganzen instrumentalisiert, den derne auf, während die andere Seite, die die philosophische
Platz der Vernunft endgültig besetzt, so daß Vernunft erin- Kritik fortführt, die Dialektik der Aufklärung und die Ver-
nerungslos in »instrumenteller Vernunft« aufgeht. Diese bindung zur Gesellschaftstheorie preisgibt. Das Ende der
Identifikation läßt die instrumentelle Vernunft ohne eine kooperativen Arbeitsteilung zwischen Philosophie und
intrinsische, in ihr selbst verwurzelte Gegenkraft. Eine ge- Gesellschaftstheorie bedeutet die Entkoppelung eines kri-
genstrebige Tendenz äußert sich nur noch im Eingedenken tischen Selbstverständnisses der Moderne von der empiri-
der »mimetischen« Kräfte. Mimetisch nennen Benjamin schen Beobachtung und deskriptiven Erfassung ihrer ge-
und Adorno die sehnsüchtigen Klagen einer unterdrückten sellschaftlichen Krisentendenzen.
und verstümmelten Natur, die ihrer eigenen Stimme be- Die deskriptiven Ansätze behalten von der klassischen
Konzeption der Moderne eine Grundannahme bei. Sie ge-
i i Ebd , 455- 518 hen nämlich davon aus, daß moderne Gesellschaften den ei-

210 211
nen oder anderen Rationalitätstypus verkörpern. Das gilt Wahl des jeweiligen theoretischen Rahmens konstitutiv
jedenfalls für die beiden erfolgreichsten soziologischen An- sind, der Reflexion und jedem Zweifel entzogen sind.
sätze der Gegenwart, für die Theorie rationaler Wahl und Ein kritisches Selbstverständnis der Moderne erfordert
die Systemtheorie. Sie konzentrieren sich jeweils auf einen e in anderes Herangehen. Dafür bieten Heidegger und
der beiden Rationahtätsaspekte, die Max Weber ingeniös Wittgenstein einen alternativen Begriff von Vernunft und
miteinander verknüpft hatte - einerseits auf die Zweckra- ein neues Verfahren der Vernunftkntik an. Beide gelangen
tionalität einzelner Aktoren, andererseits auf die funktio- jeweils auf ihre Weise zu einer Kritik der subjektzentrier-
nale Rationalität großer Organisationen. Innerhalb der ten Vernunft, die sich nicht länger auf die totalisierende
Grenzen eines methodologischen Individualismus versucht Kraft der Hegeischen Vernunft und deren Dialektik ver-
die Theorie rationaler Wahl, Interaktionsmuster aus den läßt. In destruktiver Hinsicht weisen sie wiederum eine
Entscheidungen von »rational« handelnden Subjekten zu wildgewordene instrumentelle Vernunft in ihre Schranken.
erklären. Die Systemtheorie läßt sich andererseits auf einen Die Vernunft wird wiederum mit den Operationen eines
kollektivistisch zugeschnittenen Theorierahmen ein und re- vergegenständlichenden und manipulierenden Verstandes
formuliert das, was Weber als Organisationsrationalität be- gleichgesetzt, mit »vorstellendem Denken« und philoso-
trachtete, in den funktionalistischen Begriffen der Selbstre- phischer Abstraktion, mit der Verfügungsgewalt und der
gulation oder der Autopoiesis. So gelangt man zu zwei Disziplin einer sich selbst behauptenden und narzißtisch
konkurrierenden Bildern. Für die eine Seite bestehen mo- ihrer selbst bemächtigenden Subjektivität. Aber in kon-
derne Gesellschaften aus locker gewebten Netzwerken, die struktiver Hinsicht wird an Seins- oder Naturgeschichte,
aus der Interferenz der zahllosen, von je eigenen Präferen- an »das Andere der Vernunft« appelliert.
zen geleiteten Entscheidungen mehr oder weniger ratio- Obwohl sich der Akzent von den sozioökonomischen
naler Aktoren hervorgehen. Für die andere Seite zerfallen und politischen Erscheinungen auf die kulturellen Phäno-
moderne Gesellschaften in eine Vielzahl unabhängig ope- mene verlagert, ist Heideggers Kritik von Wissenschaft
rierender, selbstreferentiell geschlossener Systeme, die Um- und Technik, von Naturausbeutung, Massenkultur und an-
welten für einander bilden und nur indirekt, über wech- deren Ausdrucksformen des totalitären Zeitalters ein Ge-
selseitige Beobachtungen, miteinander kommunizieren. genstück zu der Verdinglichungskritik des westlichen Mar-
Wegen des völligen Fehlens von intersubjektiv geteilten xismus. In Deutschland waren im Gefolge der einfluß-
Werten, Normen und Verständigungsprozessen ähneln reichen Geisteswissenschaften Historismus und Lebens-
beide Visionen in der einen oder anderen Hinsicht Max We- philosophie entstanden und hatten die Annahme einer in-
bers Konzeption der verwalteten Welt. Allerdings gelten varianten transzendentalen Ausstattung des erkennenden
solche Züge nun nicht mehr als Indikatoren von Sinn- und Subjekts erschüttert. Schon zu Diltheys Zeiten fielen die
Freiheitsverlust oder fehlender sozialer Integration. De- mentalistischen Grundbegriffe von Subjektivität und
skriptive Theorien lassen ja für Bewertungen keinen Raum; Selbstbewußtsein, Rationalität und Vernunft einer Art De-
sie suggerieren nur insofern eine affirmative Einstellung, als transzendentalisierung zum Opfer. Mit der Wende von der
die zugrundeliegenden Rationalitätsbegriffe, die für die transzendentalen Untersuchung zur Hermeneutik wurden

213
die Weichen für eine symbolisch verkörperte, in kulturelle Jas allem, was ihnen irgend in der Welt begegnen kann, eine
Kontexte eingelassene, historisch situierte Vernunft ge- Bedeutung a priori verleiht. Die sprach- und handlungsfä-
stellt. Jene weltbildende Spontaneität, die bis dahin das higen Subjekte können die innerwelthchen Vorkommnisse
transzendentale Bewußtsein ausgezeichnet hatte, ging über nur durch die tiefengrammatisch eingestellten Linsen die-
auf symbolische Formen (Cassirer), Stile (Rothacker) ser vorontologischen Auslegung der Welt betrachten und
Weltbilder (Jaspers) oder sprachliche Regelsysteme (Saus- feststellen, was welche Relevanz hat und wie es sich den
sure). vorgezeichneten Kategorien möglicher Beschreibung fügt.
Kant hatte die Vernunft als das Vermögen der Ideen be- Wie sie etwas in der Welt wahrnehmen und mit ihm zu-
griffen, die die Mannigfaltigkeit des unendlich Vielen zu rechtkommen, hängt von der Perspektive der sprachlichen
einer Totalität ergänzen. Die Ideen entwerfen einerseits das Welterschließung ab, gleichsam von dem Licht, mit dem
Ganze von möglichen, nach kausalen Gesetzen in Raum der sprachliche Scheinwerfer alles illuminiert, was sich in
und Zeit verknüpften Erscheinungen. Andererseits sind sie der Welt überhaupt ereignen kann. Das ist eine optische
für ein Reich von Zwecken als Gesamtheit von intelligi- Metapher für den Rahmeneffekt der Grundbegriffe und se-
blen, nur ihren selbstgegebenen Gesetzen unterworfenen mantischen Verknüpfungen, der Relevanzen und Rationa-
Wesen konstitutiv. Mit der Hegeischen Kantkritik haben litätsstandards. Für jede Sprachgemeinschaft legen die im
die Ideen darüber hinaus die Kraft zu einer reflexiven weiteren Sinne grammatischen Strukturen im vorhinein
Selbsteinholung ihrer eigenen Objektivationen und damit fest, welche Äußerungen als wohlgeformte, sinnvolle oder
zur bewußten Reintegration der auf immer höheren Stufen gültige Äußerungen zählen dürfen. Im Hinblick auf ihre
welterschließende Funktion begreift Heidegger Sprache als
fortschreitenden Differenzierung erworben. Die großge-
ein Ensemble von ermöglichenden Bedingungen, die, ohne
schriebene Vernunft gab nun dem Weltprozeß im ganzen
selber rational oder irrational zu sein, a priori bestimmen,
die Struktur eines Ganzen von Ganzheiten.
was denen, die sich innerhalb ihres grundbegrifflichen Ho-
Demgegenüber rekonstruiert Heidegger die Geschichte
rizonts bewegen, als rational oder irrational erscheint.
der Metaphysik als eine schicksalhafte Folge epochaler
Welterschließungen, die einen Spielraum für die jeweils Darin stimmt Wittgenstein mit Heidegger mehr oder we-
möglichen Interpretationen und Handlungsweisen in der niger überein. So stellt es sich jedenfalls aus der Sicht eines
Welt festlegen.12 In die Syntax und in das Vokabular der Kontextualismus dar, der rückblickend die Konvergenzen
Sprachen, die jeweils in einem metaphysischen Zeitalter zwischen den beiden Denkern betont.13 Mit seinem Kon-
vorherrschen, sind Ontologien eingebaut. Und diese be- zept der Sprachspiele konzentriert sich Wittgenstein eben-
stimmen wiederum den Umkreis wie auch die Infrastruk- falls auf die Funktion der Welterschließung. Aufgrund der
tur der Welten, innerhalb deren sich die Sprachgemein- internen Beziehung zwischen Sprechen und Handeln ist die
schaften jeweils vorfinden. Sie kategorisieren, mit anderen »Grammatik« einer Sprache auch für eine entsprechende
Worten, das holistische Vorverständnis der Angehörigen,
13 Sehr früh, namhch 1962, erkennt das bereits K.-O. Apel in seiner Kieler
Antrittsvorlesung über Wittgenstein und Heidegger, vgl. ders., Trans-
12 C. Lafont, Sprache und Welterschließung, Frankfurt/M. 1994 formation der Philosophie, Bd. i, Frankfurt/M. 1973, 225-275

214 215
Praxis oder Lebensform konstitutiv. Wittgenstein und deren Version zu eigen. Weil sie Vernunft mit den Opera-
Heidegger machen es der philosophischen Tradition bzw. tionen des Verstandes identifizieren, behalten sie von der
der Metaphysik zum Vorwurf, diese Dimension der sprach- Autorität der vergangenen metaphysischen Begriffe einer
lichen Welterzeugung zu ignorieren. Die Ablehnung der uin faßenden Vernunft nichts zurück - auch nicht jenen Sta-
»platonistischen« Irrtümer bildet den gemeinsamen Aus- chel der Erinnerung, der Adorno quak, wenn er im letzten
gangspunkt für das, was sie nun - in einem ganz neuen Sinne - Satz seiner Negativen Dialektik einer entthronten Meta-
unter Kritik der Vernunft verstehen. Nach Heidegger ma- physik »im Augenblick ihres Sturzes« seine Solidarität be-
chen sich Plato und der Piatonismus der »Seinsvergessen- zeugt. So undifferenziert sehen es vielleicht nicht die Mei-
heit« schuldig. Sie »vergessen« den sinnstiftenden Hinter- ster, aber die Schüler, die die postmoderne Kritik der
grund des ontologischen Vorverständnisses, das jeweils für Vernunft direkt und vorbehaltlos gegen die Aufklärung
eine geschichtlich spezifische Rolle von Rationalität und und ihre Dialektik in Stellung bringen. Diese Vernunftkri-
Vernunft den Kontext bildet. Nach Wittgenstein gewinnt tik soll nicht nur das Götzenbild einer unbedingten und
die idealistische Tradition ihre Grundbegriffe durch die Ab- reinen Vernunft zerstören, sondern die Ideen von Selbstbe-
spaltung vom Kontext jener sprachlichen Praktiken, in de- wußtsein, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ih-
nen sie ihren angemessenen Platz finden und »funktionie- rer normativen Verbindlichkeit berauben. Sie soll nicht nur
ren«. Die metaphysischen Begriffe einer selbstgenügsamen die falschen Prätentionen der Vernunft entlarven, sondern
Vernunft, die sich insofern für absolut hält, als sie noch ihre Vernunft als solche entmachtigen. Die Attacke auf den
eigenen Bedingungen unter Kontrolle zu haben glaubt, ver- »Geist der Moderne« soll die Menschheit von der Präok-
danken sich abstraktiven Fehlschlüssen. Für Heidegger wie kupation heilen, sie stehe vor der Herausforderung, den
für Wittgenstein erreicht der transzendentale Schein einer Problemdruck von zu vielen zu ausgreifend antizipierten
unbedingten und reinen, kontextunabhängigen und allge- Zukunftsmöglichkeiten zu bewältigen. Der »locus of con-
meinen Vernunft im mentalistischen Paradigma den Höhe- trol« verlagert sich von den überforderten Subjekten ent-
punkt der Verblendung. Aber im Gegensatz zu Hegel kann weder auf die schicksalhaften Ereignisse einer Geschichte
sich die Kritik dieser subjektzentrierten oder instrumentei- des Seins oder auf die zufälligen Vernetzungen einer Na-
len Vernunft nicht mehr arglos der spekulativen Bewegung turgeschichte der Sprachspiele.
der Selbstreflexion anvertrauen. Die Vernunftkritik ver-
(3) An dem heilsamen Einfluß des Postmodernismus
wandelt sich vielmehr in eine Hermeneutik des Verdachts,
auf die gegenwärtigen Debatten habe ich keinen Zweifel.
die im Rücken der Vernunft das Andere der Vernunft ent-
Die Kritik an einer Vernunft, die dem Ganzen der Ge-
larven will. Nur auf diesem genealogischen Wege wird eine
schichte eine Teleologie unterschiebt, ist ebenso überzeu-
zum Idol erhobene Subjektivität in jenen geschichtlichen
gend wie die Kritik an der lächerlichen Prätention, aller ge-
Kontext der eigenen Herkunft zurückversetzt, den die ab-
sellschaftlichen Entfremdung ein Ende zu bereiten. Die
strakte Vernunft als ihr Unbewußtes vor sich selbst verbirgt.
Betonung von Fragmentierung, Riß und Marginalisierung,
Verschiedene postmoderne Theorien machen sich diese
von Andersheit, Differenz und Nicht-Identischem sowie
rekontextualisierende Vernunftkritik in der einen oder an-
der Blick für die Besonderheiten des Lokalen und des Ein-

216 217
zelnen erneuern Motive der alteren Kritischen Theorie, vor die Heidegger und Wittgenstein nahelegen, führt die Fakti-
allem Benjamins. Sofern sie den Widerstand gegen die zität solcher Beschränkungen auf die sublimere Gewalt der
Kräfte des abstrakt Allgemeinen und der Uniformierung Selektivität von Regeln zurück, die Art und Aufbau philo-
stärken, nehmen sie auch Hegels Motive wieder auf. Aber sophischer Texte und metaphysischer Traditionen, literari-
diese willkommenen Konsequenzen verdanken sich frag- scher Stile, theoretischer Pradigmen und professioneller
würdigen Prämissen, die, wenn sie zuträfen, einen hohen Diskurse bestimmen. Diese Verschiebung erklärt, warum
Preis fordern würden. Ich möchte zunächst zwei Schwä- postmoderne Forschungsprogramme eher mit Werkzeu-
chen kommentieren: (a) eine bestimmte Art des sprach- gen der philologischen und ästhetischen Kritik als mit sol-
lichen Idealismus und (b) das fehlende Verständnis für die chen der soziologischen Kritik hantieren.
universalistischen Errungenschaften der Moderne. Während die klassischen Konzeptionen der Moderne
(a) Die rekontextualisierende Vernunftkritik stützt sich auf Erfahrungen von sozialer Desintegration und auf die
auf eine Analyse der welterschließenden Funktion der Verletzung universalistischer Normen zugeschnitten wa-
Sprache. Das erklärt eine gewisse Neigung, die Bedeutung ren, richten postmoderne Ansätze ihr Interesse vor allem
von Grammatiken und Vokabularen für die Konstitution auf Exklusion - auf den ausschließenden Charakter jener
gesellschaftlicher Infrastrukturen zu überschätzen. Hei- unbewußt operierenden Regelsysteme, die den Sprechern
degger hatte schon Texte und Traditionen der abendländi- und Aktoren unauffällig auferlegt werden. So kann bei-
schen Metaphysik mit der einzigartigen Macht ausgestat- spielsweise Foucault soziale und politische Geschichte in
tet, aufgrund eines vorgeschossenen Kategoriennetzes oder Begriffen einer Geschichte humanwissenschaftlicher Dis-
Begriffsschemas nicht nur die Alltagserfahrungen und kurse schreiben. In ähnlicher Weise schreiben jüngere So-
-theorien, sondern allgemein die kulturellen und gesell- ziologen die Geschichte der modernen Gesellschaften in
schaftlichen Praktiken ganzer Epochen zu durchdringen Begriffen einer Geschichte moderner Gesellschaftstheo-
und zu strukturieren. Auf diese Weise sollte sich die hinter- rien - als wären die materiellen Strukturen der Gesellschaft
gründige Geschichte der abendländischen Metaphysik in von den Grundbegriffen und Diskursen der Wissenschaft-
der vordergründigen Weltgeschichte widerspiegeln. Eine ler konstituiert worden. H
ähnliche, wenn auch weniger dramatische Angleichung (b) Für die rekontextualisierende Vernunftkritik bildet
liegt nahe, wenn Wittgenstein die Struktur von Lebensfor- die Tugend, die Vernunft von ihren falschen Abstraktionen
men mit der Grammatik von Sprachspielen gleichsetzt. zu befreien, zugleich den blinden Fleck. Postmoderne An-
Anders als in der klassischen Gesellschaftstheorie werden sätze nehmen jeden universalistischen Anspruch per se als
Interaktionsmuster, institutionelle Ordnungen und Nor- ein weiteres Anzeichen für den Imperialismus einer ver-
men in Begriffen von Ontologien oder Grammatiken un- schleierten Partikularität, die vorgibt, für das Ganze einzu-
tersucht. Von Marx bis Durkheim und Max Weber waren stehen. Diese Analysestrategie bewährt sich (übrigens
soziale Tatsachen durch Aspekte von Zwang, Ausbeutung schon seit Marx) bei der Entlarvung eurozentrischer Über-
und Unterdrückung, von erzwungenem Opfer und versag-
ter Befriedigung analysiert worden. Die Analysestrategie, 14 P. Wagner, Soziologie der Moderne, Frankfurt/M. 1995

218 219
lieferungen und Praktiken; sie fördert allgemein die Dezen- braucht werden, ist kein Grund dafür, das mit dieser Dis-
trierung beschrankter Perspektiven. Der Argwohn gegen- kurspraxis verknüpfte Versprechen selbst zu revozieren -
über Mechanismen der Ausschließung, die ja in die ver- und zwar um so weniger, als diese Praxis gleichzeitig die
borgenen Voraussetzungen von universalistischen Diskur- Maßstäbe und die Mittel liefert, um die ernsthafte Ein-
sen tatsächlich oft eingebaut sind, ist gut begründet - as far lösung des Versprechens zu kontrollieren.
as it goes. Manchen postmodernen Theorien fehlt aber eine Die postmodernen Ansätze denunzieren mit Recht die
hinreichende Empfindlichkeit für die spezifische Verfas- kolonialisierenden Effekte der weltweit zur Herrschaft ge-
sung jener in der Moderne entstandenen und für die Mo- langten Kommunikationsmuster und Diskurse westlicher
derne kennzeichnenden Diskurse. Aus der richtigen Prä- Herkunft. Das gilt für einen großen Teil der materiellen
misse, daß es keine Vernunft im Nullkontext gibt, ziehen sie und symbolischen Kultur der westlichen Zivilisation, die
den falschen Schluß, daß sich die Maßstäbe der Vernunft sich über die globalen Netzwerke von Märkten und Me-
selbst mit jedem neuen Kontext ändern. dien ausbreitet. Aber solche Theorien sind schlecht gerü-
Es ist nicht der Anspruch auf vollständige Inklusion, der stet für die Aufgabe, zwischen kolonialisierenden und
moderne von anderen Diskursen unterscheidet. Schon die überzeugenden Diskursen zu unterscheiden, zwischen
Botschaft der in den Alten Reichen entstandenen Weltreli- Diskursen, die ihre weltweite Verbreitung Systemzwängen
gionen war »an alle« adressiert und sollte jeden, der sich verdanken, und anderen, die sich aufgrund ihrer Evidenzen
bekehrte, in den Diskurs der Gläubigen einbeziehen. Was durchsetzen. Westliche Wissenschaft und Technologie sind
die modernen Diskurse, sei es in Wissenschaft, Moral oder ja nicht nur nach westlichen Standards überzeugend und
Recht auszeichnet, ist etwas anderes. Diese Diskurse rich- erfolgreich. Und offenbar sprechen die Menschenrechte,
ten sich nach Prinzipien und unterwerfen sich selbstbezüg- trotz der anhaltenden interkulturellen Auseinandersetzun-
lichen Standards, in deren Licht faktische Verstöße gegen gen über ihre richtige Interpretation, eine Sprache, in der
die Forderung nach vollständiger Inklusion zugleich ent- Dissidenten ausdrücken können, was sie erleiden und was
deckt und kritisiert werden können - z. B. eine verborgene sie von ihren repressiven Regimen fordern - in Asien, Süd-
Selektivität im Hinblick auf die Zulassung von Teilneh- amerika und Afrika nicht weniger als in Europa und den
mern, Themen oder Beiträgen. Diese rekursive Selbstkon- Vereingten Staaten.
trolle und Selbstkorrektur erklärt die spezifische Leistung
dieser prinzipienbasierten, selbstbezüglichen Diskurse.
Gewiß entsteht mit der selbstreferentiellen Verfassung und III
Operationsweise auch eine besondere Form diskursiver
Gewalt, die im Modus einer verdeckten, weil impliziten Die Diagnose der Moderne beruht, solange sie mit Mitteln
Verletzung des expliziten Versprechens der Inklusion aus- der Vernunftkritik vorgenommen wird, auf philosophi-
geübt wird. Allein, die bloße Tatsache, daß universalisti- schen Überlegungen. Die klassische Konzeption der Mo-
sche Diskurse oft als Medium der Verschleierung sozialer derne ist, wie wir gesehen haben, unter Prämissen der
und politischer, epistemischer und kultureller Gewalt miß- Bewußtseinsphilosophie entwickelt worden. Nach der lin-

220
guistischen Wende ist der mentalistische Begriff einer im eines bestimmten Weltbildes, eines Paradigmas, einer Le-
Subjekt zentrierten Vernunft durch den detranszendenta- bensform oder Kultur gibt es keinen hermeneutischen
lisierten Begriff der situierten Vernunft ersetzt worden. Übergang zur nächsten Perspektive. Da es nicht möglich
Damit war der Weg zu einer postklassischen Kritik der ist, einen »dritten« komparativen Standpunkt einzuneh-
Moderne gebahnt. Gerade aus dieser philosophischen men, kann es auch keine transzendierende Kritik geben, die
Grundlegung erwächst jedoch postmodernen Theorien uns erlauben würde, verschiedene Rationalitäten auf einer
eine eigentümliche Schwierigkeit. Denn die Behauptung Skala von Graden der Gültigkeit oder »Wahrheitsähnlich-
der Inkommensurabilität der verschiedenen Paradigmen keit« transitiv anzuordnen. Eine Rationalitätskonzeption
und der darin eingelassenen »Rationalitäten« ist schwer mit ist, sobald sie nur ihrer eigenen Wurzeln bewußt geworden
der hyperkritischen Einstellung der postmodernen Theo- ist, so akzeptabel wie die andere.15
retiker selbst zu vereinbaren. Ich werde zunächst (i) dieses Aber diese Sicht der Dinge setzt immer noch stillschwei-
Problem der Inkommensurabilität untersuchen und auf gend das Bild einer fragmentierten Vernunft voraus, deren
metakritischem Wege die Wendung zu einer pragmatischen Splitter über viele inkommensurable - oder zum Teil über-
Sprachbetrachtung begründen. Diese pragmatische Wende lappende - Diskurse verstreut sind. Wenn es jedoch keine
führt (2) zu einem Begriff der kommunikativen Vernunft, Vernunft gibt, die ihren eigenen Kontext übersteigen kann,
der den Weg zu einer neoklassischen Konzeption der Mo- wird auch der Philosoph, der dieses Bild vorschlägt, keine
derne bahnt. Diese Diagnose kehrt, wie ich (3) am Beispiel Perspektive für sich in Anspruch nehmen dürfen, die ihm
des Theorems der reflexiven Modernisierung belegen will, einen solchen Überblick erlaubt. Wenn die kontextualisti-
zur Arbeitsteilung zwischen Philosophie und Gesell- sche These stimmt, ist es allen gleichermaßen verwehrt, die
schaftstheorie zurück. Mannigfaltigkeit der Diskurse zu überschauen, in denen
(1) Jede rekontextualisierende Vernunftkritik ist in die sich verschiedene, miteinander unverträgliche Rationali-
Grenzen einer immanenten Kritik gebannt, da sie die fal- tätstypen verkörpern sollen. Unter dieser Prämisse kann
schen Prätentionen der reinen Vernunft mit Bezugnahme auch niemand die Gültigkeit verschiedener Weltbilder be-
auf jenen lokalen Hintergrund kritisiert, dem die vermeint- urteilen, es sei denn aus der selektiven und insofern vorein-
lich unbedingten Rationalitätsstandards in Wahrheit ver- genommenen Perspektive eines bestimmten, eben des eige-
haftet sind. Wir können die abstraktiven Fehlschlüsse eines nen Weltbildes. Foucaults »glücklicher Positivismus« hätte
prätentiösen Universalismus nur aufdecken, wenn wir des- eines solchen fiktiven Gesichtspunkts jenseits aller selekti-
sen verborgenen partikularen Wurzeln ausgraben. In dieser ven Gesichtspunkte bedurft. Die Behauptung einer relati-
Art entdecken postmoderne Ansätze eine Vielfalt von Tra- vistischen Position muß, um den Selbstbezug zu unterbre-
ditionen (Maclntyre) oder Diskursen (Lyotard), die jeweils chen, den mit dieser Aussage vollzogenen Akt der Be-
konstitutiv sind für ein Weltbild mit eigenen Rationalitäts- hauptung selbst von der behaupteten Aussage ausnehmen.
standards. Jeder Rationalitatstypus markiert Schwellen, die
wir nicht passieren können, ohne einen mentalen Gestalt-
15 Vgl. R. F. Bernstein, Beyond Objectivism and Relativum, Philadelphia
wandel zu vollziehen. Aus der festgehaltenen Perspektive 1983, Part Two, 51 -108

"3
Deshalb schlägt Rorty die raffiniertere Alternative eines läppenden Lebenswelten) - eine Verständigung über etwas
»eingestandenen Ethnozentrismus« vor. Die plausible Auf- in der Welt erzielen können. Unter diesem Gesichtspunkt
fassung, daß wir normalerweise Äußerungen nur im Lichte drängen sich ganz andere Phänomene in den Vordergrund:
unserer eigenen Standards verstehen und als wahr oder beispielsweise die kontexttranszendierende Kraft von
falsch beurteilen können, wendet er auf den Grenzfall der Wahrheits-, allgemein von Geltungsansprüchen, die Spre-
radikalen Interpretation an, wenn eine gemeinsame Spra- cher mit ihren Äußerungen erheben; oder die Zurechenbar-
che fehlt. Wir sollen »ihre« Ansichten nur in dem Maße keit ihrer Sprechakte, die sich die Sprecher gegenseitig un-
verstehen können, wie wir die diesen zugrundeliegenden terstellen; oder die komplementären, zwischen Sprecher
Perspektiven an die »unseren« Ansichten zugrundeliegen- und Hörer austauschbaren Perspektiven der ersten und der
den Perspektiven angleichen.16 Diese Position vernachläs- zweiten Person; oder die gemeinsame pragmatische Vor-
sigt aber die hermeneutische Einsicht in die symmetrische aussetzung, daß jedes Einverständnis von »Ja-« und
Struktur jeder Verständigungssituation17; sie kann auch »Nein«-Stellungnahmen der zweiten Person abhängt, so
nicht Rortys paradoxe Anstrengung erklaren, eine »plato- daß einer vom anderen lernen muß usw. Die symmetrischen
nistische Kultur« zu überwinden, in der doch (fast) alle im- Beziehungen der gegenseitig anerkannten kommunikativen
mer noch befangen sind. Freiheiten und Verpflichtungen erklären darüber hinaus
Offensichtlich ist mit einer Naturalisierung der Ver- Davidsons »Prinzip der Nachsicht« oder Gadamers Aus-
nunft, die sich auf die sprachliche Konstitution selbstrefe- sicht auf eine »Verschmelzung der Horizonte« - also die
rentiell geschlossener »Welten« beruft, etwas schief gelau- hermeneutische Erwartung, daß die Kluft zwischen dem,
fen. Eine Analyse, die von der welterschließenden Funk- was zunächst inkommensurabel erscheint, im Prinzip stets
tion der Sprache ausgeht, richtet ihr Augenmerk auf kon- überbrückt werden kann.
textbildende Horizonte, die erweitert und immer weiter (2) Den kommunikativen Sprachgebrauch oder das
zurückgeschoben, aber niemals als solche transzendiert kommunikative Handeln kann ich hier nicht im einzelnen
werden können. Wenn sich die Sprachanalyse aus diesem analysieren. Dabei würde jene kommunikative Vernunft
Blickwinkel ganz von der Frage okkupieren läßt, wie Mit- zum Vorschein kommen, die in der Argumentation wie in
glieder einer Sprachgemeinschaft in ihrem Tun und Lassen der Alltagspraxis immer schon am Werke ist. Auch diese
gleichsam hinterrücks von einem unausweichlichen sprach- kommunikative Vernunft ist natürlich in die Kontexte der
lichen Vorverständnis der Welt im ganzen dirigiert werden, verschiedenen Lebensformen eingebettet. Jede Lebenswelt
bleibt das eigene Recht des kommunikativen Sprachge- stattet ihre Angehörigen mit einem gemeinsamen Stock an
brauchs auf der Strecke. Die Sprachpragmatik geht von der kulturellem Wissen, Sozialisationsmustern, Werten und
Frage aus, wie Kommunikationsteilnehmer - im Kontext Normen aus. Die Lebenswelt läßt sich als Quelle von Er-
einer geteilten Lebenswelt (oder von sich hinreichend über- möglichungsbedingungen für dasjenige kommunikative
Handeln begreifen, durch das sie sich umgekehrt auch sel-
ber reproduzieren (lassen) muß. Aber die symbolischen
16 R. Rorty, Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1987, 17 ff
17 J Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt/M 1988, 175-179 Strukturen der Lebenswelt unterhalten eine interne Bezie-

224 225
hung zu der kommunikativen Vernunft, die die Aktoren in Wenn man diese rohe Skizze zugrundelegt, lassen sich die
ihrer Alltagspraxis in Anspruch nehmen müssen, wenn sie Grundzüge der Weberschen Zeitdiagnose auf eine andere
kritisierbare Geltungsansprüche erheben und darauf mit Weise reformulieren. Zunächst hat eine gewisse Rationali-
»Ja« oder »Nein« reagieren. sierung der vormodernen Lebenswelten die kognitiven und
Das erklärt den Pfad der »Rationalisierung«, der Lebens- motivationalen Startbedingungen für eine kapitalistische
formen unterliegen, wenn sie in den Strudel der gesellschaft- Wirtschaftsform und den administrativen Staat erfüllt. Im
lichen Modernisierung hineingeraten. Die Rationalisierung Laufe ihrer Entwicklung verwandeln sich diese beiden funk-
einer Lebenswelt, die von einer »Rationalisierung« des tional ineinandergreifenden Handlungssysteme in selbst-
Wirtschafts- und Verwaltungshandelns oder der entspre- regulierte, über Geld und Macht gesteuerte Systeme.
chenden Handlungssysteme wohl zu unterscheiden ist, er- Dadurch gewinnt ihre Dynamik eine gewisse Unabhängig-
faßt alle drei Komponenten - die kulturelle Überlieferung, keit von den Handlungsorientierungen und Einstellungen
die Sozialisation des Einzelnen und die Integration der Ge- individueller und kollektiver Handlungssubjekte. Für die
sellschaft.18 Kulturelle Überlieferungen werden in dem Aktoren bringen höhere Grade der Systemdifferenzierung
Maße reflexiv, wie sie ihre selbstverständliche Geltung ein- einerseits den Vorzug höherer Freiheitsgrade mit sich. Aber
büßen und sich der Kritik offnen. Eine Fortsetzung der die Vorzüge erweiterter Optionsspielräume gehen anderer-
Tradition verlangt dann die bewußte Aneignung durch seits mit sozialer Entwurzelung und jener neuen Sorte von
nachwachsende Generationen. Gleichzeitig bringen Sozia- Zwängen Hand in Hand, die ihnen durch das kontingente
lisationsprozesse zunehmend formale Kompetenzen her- Auf und Ab des wirtschaftlichen Konjunkturzyklus, durch
vor, also kognitive Strukturen, die sich von konkreten In- Arbeitsdisziplin und Arbeitslosigkeit, durch uniformie-
halten immer weiter lösen. Die Personen erwerben immer rende Verwaltungsvorschriften, ideologische Beeinflußung,
häufiger eine abstrakte Ich-Identität. Fähigkeiten zu einer politische Mobilisierung usw. auferlegt werden. Die Bilanz
postkonventionellen Selbstkontrolle sind die Antwort auf dieses sehr gemischten Ergebnisses wird in dem Maße ne-
die soziale Erwartung autonomer Entscheidungen und in- gativ, wie das ökonomische und administrative System in die
dividueller Lebensentwürfe. Zugleich werden die Prozesse lebensweltlichen Kernbereiche der kulturellen Reproduk-
sozialer Integration immer weiter von naturwüchsigen Tra- tion, Sozialisation und sozialen Integration übergreifen.
ditionen entkoppelt. Auf der Ebene der Institutionen erset- Wirtschaftssystem und Staatsapparat müssen zwar ihrerseits
zen allgemeine moralische Grundsätze und Prozeduren der in Kontexten der Lebenswelt rechtlich institutionalisiert
Rechtsetzung tradierte Werte und Normen. Und die poli- werden. Aber Entfremdungseffekte entstehen vornehmlich
tischen Regelungen des Zusammenlebens werden zuneh- dann, wenn Lebensbereiche, die funktional auf Wertorien-
mend von den deliberierenden Körperschaften des Verfas- tierungen, bindende Normen und Verständigungsprozesse
sungsstaates sowie von den Kommunikationsprozessen in angelegt sind, monetarisiert und bürokratisiert werden. We-
Bürgergesellschaft und politischer Öffentlichkeit abhängig. ber hatte soziale Pathologien dieser Art als Sinn- und Frei-
heitsverlust diagnostiziert.
18 J.Habermas (s. Fnio), Bd. 2, 2i2ff. Der klassische Begriff der Moderne, wie er von Max We-

226 117
ber, Lukäcs und der Frankfurter Schule entwickelt worden kaion. Im Laufe der Rationalisierung der Lebenswelt
ist, beruht auf dem abstrakten Gegensatz zwischen einer schrumpft oder zersplittert jedoch dieser askriptive Hin-
disziplinierenden Gesellschaft und der verletzbaren Sub- tergrundkonsens. Er muß im selben Maße durch erzielte
jektivität des Einzelnen. Mit der Übersetzung in eine inter- Interpretationsleistungen der Kommunikationsteilnehmer
subjektivistische Begrifflichkeit wird diese Konfrontation selbst ersetzt werden. Auf diesen Umstand kommt es mir
durch Kreisprozesse zwischen Lebenswelten und Syste- im gegenwärtigen Zusammenhang an. Rationalisierte Le-
men ersetzt. Das erlaubt eine größere Sensibilität für die benswelten verfügen mit der Institutionalisierung von Dis-
Zweideutigkeit gesellschaftlicher Modernisierung. Eine kursen über einen eigenen Mechanismus der Erzeugung
wachsende gesellschaftliche Komplexität bewirkt nicht per neuer Bindungen und normativen Arrangements. In der
se Entfremdungseffekte. Sie kann ebenso die Optionsspiel- Sphäre der Lebenswelt verstopft »Rationalisierung« nicht
räume und Lernkapazitäten erweitern - jedenfalls so lange, die Quellen der Solidarität, sondern erschließt neue, wenn
wie die Arbeitsteilung zwischen System und Lebenswelt die alten versiegen. Diese Produktivkraft Kommunikation
intakt bleibt. Soziale Pathologien19 ergeben sich erst in der ist auch für die Herausforderungen »reflexiver Moderni-
Folge einer Invasion von Tauschbeziehungen und bürokra- sierung« von Bedeutung.
tischen Regelungen in die kommunikativen Kernbereiche Dieses Theorem rückt die bekannten »postindustriellen
der privaten und öffentlichen Sphären der Lebenswelt. Entwicklungen« in ein bestimmtes Licht - also die Auflö-
Diese Pathologien sind nicht auf Persönlichkeitsstrukturen sung der sozialen Differenzierungen entlang der traditio-
beschränkt, sie erstrecken sich ebenso auf die Kontinuie- nellen Klassen- und Geschlechtsunterschiede, die Auflok-
rung von Sinn und auf die Dynamik der gesellschaftlichen kerung der standardisierten Massenproduktion und des
Integration. Diese Interaktion zwischen System und Le- Massenkonsums, die Erschütterung der stabilen Verhand-
benswelt reflektiert sich in der ungleichgewichtigen Ar- lungs- und Versicherungssysteme, die größere Flexibilität
beitsteilung zwischen den drei Gewalten, die moderne der Großorganisationen, der Arbeitsmärkte, der Parteibin-
Gesellschaften überhaupt zusammenhalten - zwischen So- dungen usw. Postindustrielle Gesellschaften haben die Re-
lidarität auf der einen, Geld und administrativer Macht auf serven, von denen die »einfache« Industrialisierung gezehrt
der anderen Seite. hat, aufgebraucht - sowohl die vorgefundenen Ressourcen
(3) Dieser Vorschlag zu einer Reformulierung erlaubt der Natur als auch das kulturelle und soziale Kapital der
auch eine Antwort auf Probleme, die sich heute im Zuge vormodernen Gesellschaftsformation. Gleichzeitig begeg-
»reflexiver Modernisierung« stellen.20 Normalerweise be- nen sie Nebenfolgen der gesellschaftlichen Reproduktion,
ziehen die Angehörigen einer Lebenswelt so etwas wie die in Gestalt von systemisch erzeugten Risiken anfallen
Solidarität aus überlieferten Werten und Normen, aus ein- und nicht länger externalisiert, also auf fremde Gesellschaf-
gespielten und standardisierten Mustern der Kommuni- ten oder Kulturen, auf andere Sektoren oder künftige Ge-
nerationen abgewälzt werden können. Moderne Gesell-
schaften stoßen also in doppelter Hinsicht an ihre Grenzen
19 A. Honneth (Hg.), Pathologien des Sozidien, Frankfurt/M. 1994
20 U. Beck, Risikogesellschaft, Frankfurt/M. 1986 und werden »reflexiv«, wenn sie diesen Umstand als sol-

228 229
chen wahrnehmen und darauf reagieren. Weil sie immer werden. Und für diese Form der demokratischen Selbstein-
weniger auf externe Ressourcen wie Natur oder Tradition wirkung ist die Einrichtung von Verfahren der diskursiven
zurückgreifen können, müssen sie ihre eigenen Bestands- Meinungs- und Willensbildung ausschlaggebend.22
voraussetzungen zunehmend selber reproduzieren. Die Aber nicht nur die politische Willensbildung der Staats-
Modernisierung »halbmoderner« Gesellschaften, von der bürger, auch das private Leben der Gesellschaftsbürger ist
Beck spricht,21 gelingt nur auf »reflexivem« Wege, weil für auf die Quelle diskursiv erzeugter Solidarität angewiesen.
die Bearbeitung der Folgeprobleme der gesellschaftlichen In dem Maße wie sich standardisierte Lebenslagen und
Modernisierung deren eigene Kapazitäten genutzt werden Karrieremuster auflösen, spüren die Einzelnen im Hin-
müssen. blick auf vervielfältigte Optionen die zunehmende Bürde
»Reflexivität« kann freilich sowohl im Sinn einer »Selbst- der Entscheidungen oder Arrangements, die sie nun selber
anwendung« systemischer Mechanismen als auch im Sinn treffen oder aushandeln müssen. Der Zwang zur »Indivi-
der »Selbstreflexion«, d. h. der Selbstwahrnehmung und dualisierung« nötigt dazu, neue soziale Regelungen zu-
Selbsteinwirkung kollektiver Aktoren, verstanden werden. gleich zu entdecken und zu konstruieren. Die freigesetzten
Ein Beispiel für Reflexivität im ersten Sinne ist die markt- Subjekte, die nicht länger durch traditionale Rollen gebun-
wirtschaftliche Absorption marktwirtschaftlich erzeugter den und dirigiert werden, müssen kraft eigener kommuni-
ökologischer Belastungen. Ein Beispiel für Selbstreflexion kativer Anstrengungen Verbindlichkeiten schaffen.23
wäre das Einholen globalisierter Märkte durch eine »welt- Diese flüchtigen Hinweise sollen nur zeigen, wie der
innenpolitische« Einflußnahme auf deren Rahmenbedin- kommunikationstheoretische Ansatz zu einem neoklassi-
gungen. Weil die funktionale Differenzierung hochspezia- schen Begriff der Moderne zurückführt, der wiederum auf
lisierter Teilsysteme immer »weiterläuft«, setzt die System- die Unterstützung einer kritischen Gesellschaftstheorie an-
theorie auf Selbstheilung durch reflexive Mechanismen. gewiesen ist. Aber die philosophischen Linsen nötigen
Diese Erwartung darf jedoch nicht überzogen werden, weil diesmal zu einem stereoskopischen Blick auf die Ambiva-
gesellschaftliche Subsysteme, die nur ihre eigene Sprache lenzen der Moderne. Die Analyse muß sowohl die befrei-
sprechen, für die externen Geräusche, die sie verursachen, enden und entlastenden Auswirkungen einer kommunika-
taub sind. So können Märkte nur auf »Kosten« reagieren, tiven Rationalisierung der Lebenswelt im Auge behalten
die in Preisen ausgedrückt sind. Die Kosten widerstreiten- als auch die Effekte einer verwilderten funktionalistischen
der Systemrationalitäten lassen sich offensichtlich nur Vernunft.
durch eine Reflexivität der anderen Art, durch Selbstrefle-
xion im Sinne der politischen Selbsteinwirkung, in sozial
verträglichen Grenzen halten. Die weiterlaufende Moderne
muß mit politischem Willen und Bewußtsein weitergeführt
22 J. Habermas, Faktizitat und Geltung, Frankfurt/M. 1992
21 U. Beck in: U. Beck, A. Giddens, S. Lash, Reflexive Modernisierung, 23 J. Habermas, Indwiduierung durch Vergesellschaftung, in: ders., Nach-
Frankfurt/M. 1996, 56ff. metaphysisches Denken (s. Fn 17), 2 34ff.

1 1
230 i
Die verschiedenen Rhythmen eines überprägnanten Einflusses. So ist es Adorno ergan-
gen. Dessen Werk ist jedoch mit Recht eine Herausforde-
von Philosophie und Politik rung für die Gegenwart geblieben. Sogar Horkheimers Ar-
Herbert Marcuse zum ioo. Geburtstag ' beiten finden im Kontext der von ihm inspirierten Schule
nach wie vor Interesse. Aber im Falle von Herbert Marcuse
verschwimmt das Profil des wissenschaftlichen Autors
hinter der zeitgeschichtlichen Rolle des politischen Lehrers
Nach dem Tode seiner ersten Frau Sophie schrieb Herbert und Inspirators. Wir kennen die eigentümlichen Auf- und
Marcuse am 3. März 1951 an Horkheimer und Pollock: Abschwünge in der Rezeption bedeutender oder weniger
»Die Idee, daß der Tod zum Leben gehört, ist falsch, und bedeutender Philosophen. Die Nachwirkungen politischer
wir sollten Horkheimers Gedanken, daß nur mit der Ab- Eingriffe, die ihrem zeitgeschichtlichen Kontext viel enger
schaffung des Todes die Menschen wirklich frei und glück- verhaftet sind als philosophische Werke, unterliegen ande-
lich werden können, noch viel ernster nehmen.« Das ewige ren, kurzatmigen Rhythmen. Im Falle von Marcuse scheint
Leben schon im Diesseits - Marcuse hat sich diesen unpro- es zwischen den wirkungsgeschichtlichen Rhythmen des
testantischen, auf Condorcet zurückgehenden Gedanken Werks und der politischen Person zu einer Art Kurzschluß
in einer vitalistischen Tonart zueigen gemacht. Trotz gen- gekommen zu sein. Das Gewicht der philosophischen
technischer Fortschritte ist er einstweilen nicht realisiert Lehre wird in den Strudel der Entwertung des politischen
worden. Sonst hätte Herbert Marcuse die eigentümliche Engagements hineingezogen. Es liegt nahe, sich zum Für-
Verkettung der hundertsten Wiederkehr seines Geburts- sprecher des einen auf Kosten des anderen zu machen.
tages mit einem anderen Jahrestag feststellen können: Aber wenn etwas dran ist an meiner These, besteht die Ge-
»1898-1968-1998« ist das Motto, unter dem man sich, wie fahr einer optischen Verzerrung in beiden Richtungen - im
beispielsweise vor wenigen Wochen in Genua, an Marcuse Hinblick auf das politische Engagement nicht weniger als
erinnert. Dort traten auch gelehrte Freunde des Philoso- im Hinblick auf die Philosophie.
phen auf. Aber leidenschaftliches Interesse weckte, im Im Vergleich zu den anderen Mitgliedern des engeren
Rückblick auf die studentische Revolte, nur die zwiespal- Kreises um Horkheimer ist Marcuse gewiß das eigentlich
tige Rolle des Mentors. Es scheint so zu sein, daß die Koin- politische Temperament. Er gehörte 1918 einem Berliner
zidenz seines Geburtstages mit dem Jahrestag von 1968 Soldatenrat an und berichtet noch 60 Jahre später von der
Marcuse vor dem Vergessen eher bewahrt als der Nachhall Enttäuschung über »das Scheitern der deutschen Revolu-
des philosophischen Werkes. tion, das meine Freunde und ich... mit der Ermordung
Daß die philosophische Wirkung der einst in großen von Karl und Rosa erlebt haben«. Während des Zweiten
Auflagen verbreiteten Schriften zum Stillstand kommt, ist Weltkrieges hat Marcuse in der politischen Abteilung des
oft nur ein Symptom der vorübergehenden Erschöpfung Office of Strategie Services gearbeitet und mit der Anferti-
gung von »Feindanalysen« auf seine Weise am Kampf ge-
1 Veröffentlicht in Neue Zürcher Zeitung vom 18./19.J11I1 1998 gen das Regime teilgenommen, das ihn aus Deutschland

*33
vertrieben hatte. In den frühen sechziger Jahren hat ihn die cuse das Vorhaben seiner Hegel-Studie damit, daß »die Ent-
amerikanische Bürgerrechtsbewegung erneut politisiert, stehung des Faschismus gebieterisch nach einer neuen In-
bevor er sich an der Opposition gegen den Vietnamkrieg terpretation der Hegeischen Philosophie« verlange. Wenn
beteiligte und schließlich auf die Protestbewegung der Stu- es nun zutrifft, daß Marcuses Werk in den Schatten einer
denten diesseits und jenseits des Atlantiks Einfluß nahm. vergangenen politischen Aktualität geraten ist, müssen wir
Dieser zeitweilige Aktivismus darf freilich nicht darüber für ihn aus dem inzwischen eingetretenen Wandel der hi-
hinwegtäuschen, daß Marcuse, auch im Vergleich zu Hork- storischen Situation allerdings eine andere Lehre ziehen.
heimer und Adorno, eine im engeren Sinne akademische Nicht seine Philosophie müssen wir »in einem neuen Licht
Gestalt ist - derjenige, der den Regeln der Profession ge- sehen«, sondern unsere Voreingenommenheit gegenüber
nügt und gelehrte Bücher schreibt. der politischen Rolle des Autors überprüfen.
Bei Heidegger macht er sich mit den Themen und den Die sorgfältige Dokumentation, die Wolfgang Kraushaar
Standards der zeitgenössischen Philosophie vertraut. Der soeben über Die Frankfurter Schule und die Studentenbe-
erste »Heideggermarxist« schreibt seine Habilitations- wegung vorgelegt hat, erlaubt es, am Beispiel der Bundes-
schrift in einem konventionellen Stil und veröffentlicht da- republik die Stellungnahmen nachzuprüfen, mit denen
mals, um 1930, Arbeiten in führenden akademischen Zeit- Marcuse unmittelbar auf die 68er Bewegung eingewirkt hat.
schriften. Nicht Adorno, sondern Marcuse übernimmt Wichtige Motive sind bereits in der Rede enthalten, die Mar-
dann in der von Horkheimer arrangierten Arbeitsteilung cuse am 22. Mai 1966 auf einem vom SDS veranstalteten
des New Yorker Instituts die Rolle des Philosophen und Vietnam-Kongress in der Frankfurter Universität gehalten
schreibt den Kommentar zum schulbildenden Aufsatz Tra- hat. Marcuse geht aus vom »Kontrast zwischen dem gesell-
ditionelle und Kritische Theorie. 1941 erwirbt sich Marcuse schaftlichen Reichtum, dem technischen Fortschritt und
mit einer historisch-systematischen Untersuchung zur Ent- der Beherrschung der Natur einerseits, sowie andererseits
stehung der Gesellschaftstheorie aus der Hegeischen Philo- der Verwendung aller dieser Kräfte zur Perpetuierung des
sophie auch innerhalb des Faches die verdiente Anerken- Existenzkampfes auf nationaler und globaler Grundlage...
nung. Reason and Revolution besteht jeden Vergleich mit im Angesicht von Armut und Elend«. Heute, nach dem
Karl Löwiths berühmtem Gegenstück Von Hegel zu Nietz- Ende des Wettrüstens zwischen den Supermächten, fällt die
sche. Noch Eros and Civilization, sein radikalstes und in ge- »zerstörerische Verwendung des akkumulierten Reich-
wissem Sinne »eigenstes« Buch, versteht Marcuse als Bei- tums« gewiß weniger ins Auge als zu Zeiten des Vietnam-
trag zu einer fachlichen Diskussion. One Dimensional Man krieges. Aber im Zeichen eines globalisierten Kapitalismus,
ist das bekannteste Buch, nicht sein bestes. Es erscheint 1964 der Arbeitslosenzahlen und Aktienkurse gewissermaßen im
und endet, immer noch tief pessimistisch, mit dem Benja- gleichen Takt steigen läßt, wird Marcuses zentrale Behaup-
minzitat »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die tung einer »fatalen Einheit von Produktivität und Destruk-
Hoffnung gegeben« - also ganz ohne jenen »Praxisbezug«, tivität« auf andere, nicht minder drastische Weise bestätigt.
den die Studenten alsbald herstellen. Marcuse sieht, daß die Produktivkräfte von den beste-
Im Vorwort zu Vernunft und Revolution begründet Mar- henden Produktionsverhältnissen eher entfesselt als gefes-
2
234 35
seit werden. Er stellt das produktivistische Modell der ge- Sachen, die ich gelernt habe,... ist, daß Moral und Ethik
sellschaftlichen Emanzipation in Frage. Lange vor dem nicht bloßer Überbau und nicht bloße Ideologie sind.« Gut
Club of Rome kämpft er gegen »den scheußlichen Begriff idealistisch spricht Marcuse von »der Solidarität der Ver-
fortschrittlicher Produktivität, für den die Natur gratis da nunft und des Sentiments«. Seitdem Soziologen einen ge-
ist, um ausgebeutet zu werden«. Inzwischen hat die ökolo- wissen Wandel von materiellen zu sogenannten postmate-
gische Bewegung dieses Thema allgemein zu Bewußtsein riellen Wertorientierungen festgestellt haben, hat selbst
gebracht. Marcuse sucht den Unterschied zwischen Sozia- diese Auffassung an Plausibilität gewonnen.
lismus und Kapitalismus »nicht so sehr in der Entwicklung Natürlich erklären nicht in erster Linie die Argumente
der Produktivkräfte als in ihrer Umkehr. Diese ist die Vor- das breite Echo, das Marcuse damals im studentischen Pu-
aussetzung für die Abschaffung der Arbeit, die Autonomie blikum gefunden hat. Es waren die Impulse einer freudia-
der Bedürfnisse und die Befriedung des Existenzkampfes.« nisch eingefärbten Lebensphilosophie, die ihm auf Seiten
Auch das gewinnt im Lichte der These vom »Ende der Ar- der Enkelgeneration große Resonanz gesichert haben.
beitsgesellschaft« einen vernünftigen Sinn. Nach einer ver- Marcuse, der selbst von der Jugendbewegung der Jahrhun-
breiteten Schätzung könnte in den OECD-Gesellschaften dertwende geprägt war, hatte ein Gespür für den kulturre-
das gesamte Sozialprodukt von 20 Prozent der arbeitsfähi- volutionären Charakter der neuen Jugendbewegung - für
gen Bevölkerung erwirtschaftet werden. Wenn aber immer die Antriebe der Revolte und für das Selbstverständnis der
größere Teile der Arbeitsbevölkerung für die Reproduk- Rebellierenden: »Diese Opposition ist... sexuelle, morali-
tion der Gesellschaft »überflüssig« werden, läßt sich der sche, intellektuelle und politische Rebellion in einem. In
enge Zusammenhang von Arbeitserfolg und sozialer Aner- diesem Sinne ist sie total, gegen das System als Ganzes ge-
kennung kaum aufrechterhalten. richtet.«
Auch Marcuses Einschätzung der Protestpotentiale ist Allerdings verrät die letzte Formulierung auch schon,
keineswegs unrealistisch. In der Sowjetunion sieht er ohne- warum diese existentialistische Beschreibung dazu einlädt,
hin keine Gegenkraft zum kapitalistischen Westen. Eben- die Jugendrevolte mit dem geschichtsphilosophisch einge-
sowenig teilt er die Auffassung, daß die verallgemeinerbaren führten Begriff für die Umwälzung eines Ganzen, eben mit
Interessen der Gesellschaft allein im Leiden und Widerstand dem Begriff der »Revolution«, zu verknüpfen. Marcuse
der exploitierten Massen zum Ausdruck kommen. In den selbst hat die Revolte zwar nicht mit einer Revolution ver-
USA zeichnet sich damals schon ein anderes Verhältnis von wechselt; aber er hat ihr die Rolle einer Initialzündung
Mehrheit und Minderheit ab. Einer integrierten Mehr- durchaus zugetraut. Er suggeriert seinen Hörern, daß sie
heit stehen marginahsierte Minderheiten ohne wirksames sich als Teil einer künftigen revolutionären Bewegung ver-
Drohpotential gegenüber. Deshalb setzt Marcuse seine stehen dürfen. Das belegen auch seine zweideutigen Äuße-
Hoffnung auf die moralische Sensibilität von Jugendlichen, rungen zur Frage der Gewaltanwendung. Schon im Juli
Intellektuellen, Frauen, religiösen Gruppen usw. Die nor- 1967 setzt er sich in Berlin mit einer gegen Knut Never-
mativen Antriebskräfte müssen den materiellen Interessen mann gerichteten Bemerkung vom liberalen Teil des SDS
der Mühseligen und Beladenen zu Hilfe kommen: »Eine der ab: »Ich habe keineswegs Humanität mit Gewaltlosigkeit

236 237
gleichgesetzt. Im Gegenteil, ich habe von Situationen ge- pestruktivität tauschen. Von einer hocheffizienten »Stand-
sprochen, in denen es genau im Interesse der Humanität ortkonkurrenz« lassen sich unsere Regierungen in einen
liegt, zur Gewalt überzugehen.« Diese Tendenz •wird durch kostensenkenden Deregulierungswettlauf verstricken, der
ein vernunftautoritäres und geistelitäres Verständnis von im letzten Jahrzehnt zu obszönen Gewinnen und drasti-
Philosophie und Aufklarung gefördert, das Marcuse zu- schen Einkommensdisparitäten, zur Verwahrlosung kultu-
sammen mit anderen Generationsgenossen dem politisch reller Infrastrukturen, zu steigender Arbeitslosigkeit und
fragwürdigen Curriculum des deutschen Gymnasiums ver- zur Marginalisierung einer wachsenden Armutsbevolke-
dankte. Auch Hannah Arendt beispielsweise war nicht so rung geführt hat. Um das zu erkennen, brauchen wir keine
weit davon entfernt. neue Sprache, denn wir wähnen uns nicht länger in einer
Die illusionäre Gleichsetzung der rebellierenden Jugend »Überflußgesellschaft«.
mit einer revolutionären Vorhut mag zum Teil die gewis- Auch die intellektuelle Situation hat sich geändert. Der
sermaßen stillgestellte Wirkungsgeschichte des Philoso- Postmodernismus hat das Selbstverständnis der Moderne
phen Herbert Marcuse erklären. Die falsche Aktualisie- abgerüstet. Man weiß nicht mehr so recht, ob die demokra-
rung von damals erschwert es heute im Rückblick, die tische Konzeption einer Gesellschaft, die politisch mit dem
Leistung des akademischen Gelehrten von dem ausgeblie- Willen und Bewußtsein ihrer vereinigten Bürger auf sich
benen Kairos, also jenem geschichtlichen Kontext, zu ent- einwirkt, die Züge einer liebenswert altmodischen oder
koppeln, den Marcuse selbst zu einer falsifizierenden In- eher die einer gefährlichen Utopie angenommen hat. Im
stanz aufgewertet hat. Es ist ja nicht das erste Mal, daß eine Bündnis mit einer pessimistischen Anthropologie gewöhnt
Philosophie in eben der Geschichte umkommt, die sie zum uns zudem der Neoliberalismus täglich mehr an einen
Kriterium veri und falsi erhoben hat. Dieses Urteil hat frei- neuen Weltzustand, in dem soziale Ungleichheit und Ex-
lich einen unverdient hämischen Akzent. Es wird nämlich klusion wieder als Naturtatsachen gelten. Die bestehenden
dem Wahrheitsgehalt, den Marcuses Analyse auch besitzt, Verfassungen legen eine ganz andere Betrachtungsweise
nicht gerecht. Marcuse hat die eigentümliche Verschlin- nahe. Brauchen wir vielleicht doch eine renovierte Sprache,
gung der Produktivität des wirtschaftlichen Wachstums damit diese normative Sicht der Dinge gegenüber den
mit der Destruktivität seiner gesellschaftlichen Folgen in Zwängen zur Anpassung an funktionale Imperative nicht
beschwörend-totalisierenden Begriffen erfaßt - mit Begrif- in Vergessenheit gerat?
fen, die uns fremd geworden sind. Er hat seine Diagnose
zum Bild einer totalitär geschlossenen Gesellschaft ver-
dichtet, weil er meinte, ein Vokabular einfuhren zu müssen,
das abgestumpfte Augen für gar nicht mehr wahrgenom-
mene Phänomene erst öffnet, indem es die scheinbar ver-
trauten Phänomene in grelles Gegenlicht taucht.
Das hat sich geändert. Kein Zeitungsleser kann sich
heute noch über die Verschlingung von Produktivität und

238
IV. Ein Argument
gegen das Klonen von Menschen
Drei Repliken
8. Genetische Sklavenherrschaft?
Moralische Grenzen
reproduktionsmedizinischer Fortschritte'

Elisabeth Beck-Gernsheim beschreibt überzeugend, wie


der Prozeß der Durchsetzung von neuen Techniken der
Genmedizin in der Öffentlichkeit abläuft: auf die anfäng-
liche moralische Entrüstung folgt die Normalisierung.2
Nicht nur die Interessen der Forscher an Reputation, nicht
nur die Interessen der verwertenden Hersteller am ökono-
mischen Erfolg brechen den Innovationen die Bahn. Die
neuen Angebote stoßen offensichtlich auf das Interesse von
Abnehmern. Und dieses Interesse ist oft so überzeugend,
daß moralische Bedenken im Laufe der Zeit verblassen. Ist
die Minderung von Leiden nicht selbst ein moralisches Ar-
gument?
An dieser Schwelle berühren sich empirische Beschrei-
bung und normative Betrachtung. Vermutlich vollzieht
sich die Normalisierung dieser neuen Techniken nicht nur
unter dem Druck einer wachsenden Nachfrage. Interessen
setzen sich um so schneller durch, je schwächer die morali-
schen Einwände sind, die sie im Zaume halten sollen - bei-
spielsweise den Wunsch nach einem eigenen Kind. Aber
mit dem Projekt, Menschen zu klonen, kommt ein, wie mir
scheint, schwerwiegendes Argument ins Spiel. Der archai-
sche Abscheu, den wir vor geklonten Ebenbildern empfin-
den, hat einen rationalen Kern.
Die Erbsubstanz eines Neugeborenen wird bis heute als

1 Veröffentlicht m: Süddeutsche Zeitung vom 17/18 Januar 1998


2 In: Süddeutsche Zeitung vom 13. Januar 1998

2
43
»Schicksal« oder als kontingenter Umstand, als Ergebnis heute geltenden verfassungsrechtlichen Begriffen von
eines zufallsgesteuerten Prozesses verstanden, mit dem die Menschenrecht und Menschenwürde unvereinbar.
heranwachsende Person leben und worauf sie eine Ant- Nach den gleichen moralischen Maßstäben, und nicht
wort finden muß. Die grammatische Zweideutigkeit der allein aus religiösen Gründen, ist das Kopieren der Erb-
ethischen Grundfrage, wer wir sind und sein möchten, er- substanz eines Menschen zu verurteilen. Dieses Verfahren
klärt sich ja aus der Tatsache, daß wir uns in gewisser Weise zerstört nämlich eine wesentliche Voraussetzung verant-
als eine bestimmte Person schon vorfinden. Wir sind für wortlichen Handelns. Gewiß, auch bisher sind wir von ge-
unser Tun und Lassen verantwortlich, obwohl wir über netischen Programmen abhängig. Aber für das Programm
einen Kernbestand von Anlagen und ererbten Eigenschaf- selbst können wir keine rechenschaftspflichtige Person
ten keine Verfügung haben. haftbar machen. Der Klon ähnelt dem Sklaven insofern, als
Manche verstehen das als Schicksal, das wir ȟberneh- er einen Teil der Verantwortung, die er sonst selbst tragen
men« müssen, andere sehen darin eine Herausforderung, müßte, auf andere Personen abschieben kann. Für den Klon
»der zu werden, der man sein möchte«. Diese Kontingenz verstetigt sich nämlich in der Definition eines unwiderruf-
läßt sich ebenso religiös verstehen wie in einem nachmeta- lichen Kodes ein Urteil, das eine andere Person vor seiner
physischen Sinne. Gleichviel, für die Zumutung verant- Geburt über ihn verhängt hat.
wortlichen Handelns bleibt eine Bedingung wesentlich. Der Sklavenhalter beraubt sich übrigens, indem er einer
Keine Person darf über eine andere Person so verfügen und anderen Person ihre Freiheit vorenthält, auch der eigenen
deren Handlungsmöglichkeiten in der Weise kontrollieren, Freiheit. Im Rahmen demokratischer Rechtsordnungen
daß die abhängige Person eines wesentlichen Stücks ihrer können jedenfalls Bürger nur dann in den Genuß gleicher
Freiheit beraubt wird. Diese Bedingung wird verletzt, privater und öffentlicher Autonomie gelangen, wenn sich
wenn einer über das genetische Programm eines anderen alle gegenseitig als autonom anerkennen. Im Falle des Er-
entscheidet. Auch der Klon trifft sich in seinen Selbstver- zeugers, der sich zum Herrn über die Gene eines anderen
ständigungsprozessen als eine bestimmte Person an; aber aufwirft, ist diese grundlegende Reziprozität aufgehoben.
hinter dem Kernbestand dieser Anlagen und Eigenschaften Für den, der sein genetisches Programm verdoppeln läßt,
steht die Absicht einer fremden Person. hat die Sache zudem eine obszöne Seite: Wer dürfte sich,
Das unterscheidet den Fall des absichtlich geklonten bei allem Narzißmus, für so vollkommen halten, daß er
Menschen von dem der einengen Zwillinge. Nicht die eine exakte Kopie der eigenen Anlagen und Eigenschaften
Ebenbildlichkeit der aus einer Zelle hervorgehenden Teile überhaupt wollen kann?
ist das Problem, sondern Anmaßung und Knechtung. Mit Allerdings hinkt auch dieser Vergleich. Der Freilassung
dieser Technik wird nämlich eine Entscheidungskompe- des Sklaven entspräche ja eine Freisetzung nicht vom gene-
tenz eingerichtet, die einen Vergleich mit dem historischen tischen Kode, sondern nur von der absichtlichen Fest-
Beispiel der Sklaverei nahelegt. Sklaverei ist ein Rechtsver- legung dieses Kodes durch einen anderen. Zudem ist die Le-
hältnis und bedeutet, daß ein Mensch über einen anderen bensgeschichte das Medium, worin Personen erst ihre
Menschen als Eigentum verfügt. Sie ist deshalb mit den unverwechselbare Identität ausbilden. Der genetische Kode

244 245
ist nicht unwiderruflich in dem Sinne, daß er die Identität Bevor wir die Blicke prüfen, die wir auf geklonte Men-
einer Person so festlegte wie ein Herr den sozialen Status schen werfen könnten, wäre doch erstens zu fragen, wel-
des Sklaven. Sonst müßte die Zumutung verantwortlichen chen Blick sie auf sich selber richten müßten - und ob wir
Handelns allgemein ins Leere laufen. Obwohl wir alle mit ihnen das zumuten dürfen. Zum anderen ist die Prämisse
den Festlegungen, den Begabungen und Behinderungen selbst fragwürdig. Das ist zugleich meine Frage an die So-
eines genetischen Kodes leben müssen, hängt es, jedenfalls ziologien: Ist die Normalisierung von neuen Techniken, die
aus der Perspektive des Handelnden selbst, von den eigenen uns aus moralischen Gründen zunächst empören, auch in
Antworten ab, wie wir solchen Fakten oder dem, was wir diesem Fall des gentechnisch reproduzierten Homunculus
für Gegebenheiten der Geburt halten, umgehen. unvermeidlich? Oder können moralische Grunde, wenn
Damit verschwindet jedoch nicht unser Problem. Denn sie öffentlich überzeugen, nicht auch ihre empirische Wir-
für einen Klon sind solche »Gegebenheiten« keine zufälli- kung haben?
gen Umstände mehr. Er kann, was sich sonst nur »ereig-
net«, anderen Personen als Ergebnis ihres Tuns zurechnen.
Und dieser Perspektivenwechsel ist es, der, wenn ich recht
sehe, tief in unser moralisches Selbstverständnis eingreifen
mußte, weil er die Reziprozität zwischen Ebenbürtigen
aufhebt.
Fragen, ob eine Gesellschaft das, was sie tun könnte, bes-
ser unterlassen sollte, verwandeln sich schnell in Fragen des
Rechts. Elisabeth Beck-Gernsheim erwähnt den Artikel
eines bekannten amerikanischen Juristen, der für die Frei-
gabe des Klonens von Menschen mit dem folgenden Argu-
ment eintritt: Die Produktion von geklonten Menschen sei
mit rechtlichen Mitteln ohnehin nicht zu verhindern; des-
halb würde eine vorbeugende rechtliche Diskriminierung
tatsächlich zur Ausgrenzung einer neuen Kategorie von
Minderheit fuhren. Klone wären noch schlimmer »ge-
zeichnet« als andere Minderheiten. Als ich Anfang Dezem-
ber diesen Aufsatz von Lawrence H. Tnbe in der New York
Times las, war ich zunächst beeindruckt. Denn das liberale
Argument hat ja - im Gegensatz zu den Pressionen von
marktliberaler Seite - normative Überzeugungskraft. An-
dererseits kann es uns dazu veranlassen, über zwei Dinge
nachzudenken.

246
9. Nicht die Natur verbietet das Klonen per se für einen Wert, der optimiert werden sollte. Oder er
Wir müssen selbst entscheiden3 zeigt, daß die Optimierung einer solchen Größe auch unter
gegebenen zivilisatorischen Bedingungen für die Erhaltung
der Art notwendig ist, und ergänzt dann diese empirische
Feststellung durch das moralische Gebot, daß wir zur Er-
Dieter E. Zimmer plädiert dafür, daß wir uns in der Frage, haltung der Art, also zur generativen Fortsetzung mensch-
ob das Klonen von Menschen erlaubt sein soll, nicht an lichen Lebens, verpflichtet sind. Sind wir es?
moralischen Kategorien wie Freiheit und Verantwortung Die Biologie kann uns moralische Überlegungen nicht
orientieren, sondern an der Biologie.4 Eine rationale Erör- abnehmen. Und die Bioethik sollte uns nicht auf biologisti-
terung von Fragen der Bioethik verlangt gewiß eine hinrei- sche Abwege bringen. Andererseits sind normative Ge-
chende Kenntnis der einschlägigen naturwissenschaftli- sichtspunkte umstritten, und die moralische Eingliederung
chen Diskussionen und Tatsachen. Aber normative Fragen neuer Phänomene ist es erst recht. Das gilt natürlich auch
lassen sich ohne Bezugnahme auf normative Gesichts- für den Versuch, möglichen Konsequenzen des Klonens
punkte nicht vernünftig behandeln. von menschlichen Organismen mit kantischen Begriffen
Zimmer selbst wendet sich gegen die Zulässigkeit des beizukommen.
Klonens menschlicher Organismen mit dem folgenden Ar- Ich gehe davon aus, daß die universalistischen Grund-
gument. Das Klonen würde die zufallsgesteuerte Kombina- sätze einer egalitären Rechtsordnung nur solche Entschei-
tion der elterlichen Gene und damit einen natürlichen Va- dungskompetenzen zulassen, die mit dem gegenseitigen
nationsmechanismus stillstellen. Eben diesem verdanken Respekt für die gleiche Autonomie eines jeden Bürgers ver-
wir, daß bisher die Neugeborenen - mit der statistisch ver- einbar sind. So darf beispielsweise ein anderer über meine
nachlässigenswerten Ausnahme eineiiger Zwillinge - als Arbeitskraft eine zeitlich und sachlich begrenzte Verfü-
genetische Unikate auf die Welt kommen. Weil sich nun gung nur dann ausüben, wenn ich dazu meine Einwilligung
der Mensch - als »Gattungswesen« - nur dank seiner breit gegeben habe. Zwar gibt es »besondere Gewaltverhält-
variierten Anlagen zu einem »Anpassungsgenie« entwik- nisse«, zum Beispiel das zwischen Eltern und Kindern.
kelt habe, gelangt Zimmer zu der Schlußfolgerung: »Wenn Aber abgesehen davon, daß auch die elterliche Gewalt
die Menschen begönnen, sich zu klonen, verstießen sie ge- rechtlich beschränkt ist, genügt es für die Frage, ob das
gen eines der Prinzipien, denen sie ihre Existenz verdanken. Klonen von Menschen in die grundlegende Symmetrie der
Darum dürfen sie es sich nicht erlauben.« Aus dieser Über- gegenseitigen Beziehungen zwischen freien und gleichen
legung wird freilich erst ein regelrechter praktischer Schluß, Rechtspersonen eingreifen würde, das Verhältnis erwach-
wenn wir normative Annahmen hinzufügen. Entweder hält sener oder im rechtlichen Sinne mündiger Personen zu be-
Zimmer unsere artspezifische »Anpassungsfähigkeit« trachten. Die Abhängigkeit vom Soziahsationsschicksal ist
ohnehin anderer Art als die vom genetischen Schicksal: Die
heranwachsende Person kann sich gegebenenfalls vom El-
3 Veröffentlicht in: Die Zeit vom 19.1'ebruar 1998
4 In: Die Zeit vom 12.1 ebriur 1998 ternhaus »abwenden« und mit dessen Traditionen »bre-

248 249
chen«, während sie ihren Genen in gewisser Weise unter- Lebensgeschichte zu ihren Begabungen und Behinderun-
worfen bleibt. gen zu verhalten und auf diese Ausgangslage produktive
Die Frage ist, was sich für das moralische Selbstver- Antworten zu finden. Aber für sie wären diese »Gegeben-
ständnis einer erwachsenen Person ändern müßte, wenn sie heiten der Geburt«, jedenfalls das, was sie dafür hält, keine
nicht, wie 'wir sagen, natürlich gezeugt, sondern geklont zufälligen Umstände mehr, sondern das Ergebnis eines ab-
worden wäre. Offensichtlich ändert sich nicht die Abhän- sichtlichen Tuns. Was sonst ein kontingentes Geschehen
gigkeit von einem genetischen Programm, sondern die Ab- bleibt, kann der Klon einer anderen Person als Absicht zu-
hängigkeit von der absichtlichen Festlegung dieses Pro- rechnen. Diese Zurechenbarkeit des intentionalen Eingriffs
gramms durch eine andere Person. Wenn sich Eltern in eine Zone der Unverfügbarkeit bildet den moralisch und
entschließen, ein eigenes Kind zu bekommen, •wird dieses rechtlich relevanten Unterschied.
durch die zufallsgesteuerte Kombination der beiderseitigen Der Ausdruck »unverfügbar« soll nur heißen: dem Zu-
Gene zum Erben eines unübersichtlichen genealogischen griff anderer Personen - denen wir, normativ gesehen,
Zusammenhangs. Zimmer betont mit Recht den Unter- gleichgestellt sind - entzogen. Daß die Bedingungen der
schied zwischen diesem Entschluß und der Entscheidung Ausbildung personaler Identität in diesem Sinne unverfüg-
einer Person, von ihrem genetischen Code, also gewisser- bar sind, gehört offenbar auch zum modernen Verständnis
maßen von sich selbst, eine exakte Kopie herstellen zu las- von Handlungsfreiheit. Andernfalls ist die gegenseitige
sen. Das -würde eine bisher unbekannte Art der interperso- Anerkennung der gleichen Freiheit für alle in Frage ge-
nalen Beziehung zwischen genetischem Vor- und Abbild stellt. Der Klon weiß, daß er nicht nur zufälligerweise, son-
begründen. Die absichtliche Festlegung der Erbsubstanz dern prinzipiell für seinen Erzeuger nicht dieselbe Art von
bedeutet nämlich, daß sich für den Klon ein Urteil lebens- Festlegungen treffen könnte, wie dieser für ihn. Dagegen
länglich verstetigt, welches eine andere Person vor seiner läßt sich einwenden, daß die von ihren Eltern gezeugten
Geburt über ihn verhängt hat. Wem die Konnotationen der Kinder auch nicht umgekehrt ihre Eltern erzeugen können.
Gerichtsmetapher nicht schmecken, der mag mit Lutz Diese Asymmetrie betrifft jedoch wesentlich den Um-
Wingert sagen, daß hier eine interpersonale Beziehung stand, daß das Kind überhaupt zur Welt gekommen ist, also
an das Verhältnis von Designer und Produkt angeglichen die bloße Tatsache seiner Existenz, nicht die Art und Weise,
wird. wie es diese Existenz aufgrund eines ererbten Kernbestan-
Wie dem auch sei, ein Problem besteht für beide Seiten - des von Fähigkeiten und Eigenschaften zu führen in der
das der moralischen Obszönität einer selbstherrlichen und Lage ist.
selbstverliebten Verdoppelung der eigenen genetischen Ich bin nicht sicher, wie dieser Perspektivenwechsel un-
Ausstattung auf selten des Erzeugers und auf selten des Er- ser moralisches Selbstverständnis affizieren würde. Soweit
zeugten das Problem eines Eingriffs in eine Zone, die sonst ich sehen kann, müßte das Klonen von Menschen jene
der Verfügung anderer entzogen bleibt. Die geklonte Per- Symmetriebedingung im Verhältnis erwachsener Personen
son hätte gewiß wie alle anderen die Freiheit, sich im Laufe zueinander verletzen, auf der bisher die Idee der gegensei-
einer reflexiv angeeigneten und willentlich kontinuierten tigen Achtung gleicher Freiheiten beruht.

250 2
5*
Dieses Bedenken erstreckt sich aber nicht, wie Zimmer io. Die geklonte Person wäre kein
behauptet, auf behebige therapeutische Eingriffe in den zivilrechtlicher Schadensfall5
Organismus eines Abhangigen, der nicht gefragt wird,
nicht einmal auf die vorbeugende Eliminierung von Krank-
heiten (die freilich niemals vorgeschrieben, sondern nur er-
laubt werden durfte). Für eine normative Rechtfertigung Ich bewundere die Interventionen von Reinhard Merkel,
solcher wohlumschriebenen gentechnischen Eingriffe sehe auch wenn sie mich nicht immer überzeugen/' Strittig ist
ich allerdings ausschließlich negative Argumente, allge- nicht - wie zwischen Dieter E. Zimmer und mir - der Stel-
mein die Vermeidung von Übeln. Vielleicht ist das schon lenwert moralischer und rechtlicher Argumente oder das
eine zu weiche Formulierung, denn die Definition von Gewicht, das sie im Zusammenhang mit biologischen und
Übeln hangt von kulturellen Maßstaben ab, die sehr pro- soziologischen Überlegungen gewinnen können. Zwischen
blematisch sein können. Galten nicht auch einmal »min- uns ist die Art der normativen Argumente selbst strittig.
derwertige Rassen« als ein Übel? Ich habe nicht den Ein- Aus der empiristischen Sicht, die Merkel bevorzugt, wird
druck, daß wir auf die moralischen und rechtlichen Fragen einem geklonten Menschen kein »Schaden« zugefugt. Wer
der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin bereits die die Kategonen von »Freiheit« und »Verantwortung« kan-
richtigen Antworten gefunden haben. Nur: Die Biologie tisch ausbuchstabiert, hat jedoch Vorbehalte gegenüber der
selbst kann sie uns nicht geben. präzedenzlosen Entscheidungskompetenz, die mit diesem
neuen Verfahren eingerichtet wurde. Ich halte den Streit
der Philosophen weder für mußig noch für unentscheidbar.
Auch hier müssen die Theorien schließlich zu den Phäno-
menen passen.
In der Hauptsache geht es um die Frage, ob es für eine
Person gleichgültig ist oder ob es für ihr Selbstverständnis
einen moralisch relevanten Unterschied macht, »auf wel-
che Weise sie zu ihrem Genom gekommen ist« - durch Zu-
fall, Bestimmung oder Willkur. Um die richtigen Phäno-
mene in den Blick zu bekommen, müssen wir die
Perspektive eines Handelnden einnehmen, der wissen will,
wer er ist und wie er sein Leben fuhren soll. Dabei wird er
sich auch zu seinen genetischen Anlagen (oder zu dem, was
er für Gegebenheiten der Geburt halt) in der einen oder an-

5 Veröffentlicht in Die Zeit vom 12 Mar? 1998


6 In Die Zeit \om 5 Mar? 1998

2
53
deren Weise verhalten müssen. Aus der Sicht der ethischen den Person vergleicht und behauptet: »Zu welchen Mög-
Selbstverständigung legt das Genom zwar Bedingungen lichkeiten von Freiheit und Verantwortung jemand am Be-
der Identitätsbildung fest. Aber wir interpretieren diese ginn seiner Existenz biologisch disponiert wird, hängt
Anlagen teils als ermöglichende, teils als beschränkende allein von der Beschaffenheit seines Genoms ab, nicht da-
Bedingungen. Wir identifizieren uns eher mit Begabungen von, wodurch oder von wem er es hat.« Die Differenz, auf
als mit Behinderungen. Und diese können wir wiederum die es mir ankommt, liegt nicht in der Beschaffenheit der
als Herausforderung statt als »lähmendes« Schicksal ver- Erbanlagen. Sie liegt im moralischen Selbstverständnis, das
stehen. Wie sich ein solches Selbstverständnis herausbildet, sich ändert, sobald die betroffene Person die Entscheidung
hängt unter anderem von Interpretationsmustern ab, die in über die natürlichen Grundlagen ihrer eigenen Entwick-
einer Kultur vorherrschen. lung einer anderen Person zuschreibt, weil sie im Spiegel-
Es macht offensichtlich einen Unterschied, ob wir die bild eigener Anlagen einer fremden Absicht begegnet.
genetische Ausstattung als Ergebnis eines Zufallsprozesses Auch die beiden weiteren Einwände verschieben das
der Natur oder als als Teil eines »verborgenen« Plans oder Problem auf eine andere Ebene. Mit dem Gedankenexperi-
religiös als Gnade, als Bestimmung Gottes begreifen. Sol- ment der Verdoppelung eines menschlichen Embryos in
che Interpretationen prägen das Bewußtsein von Freiheit, einem frühen Stadium lenkt Reinhard Merkel vom Kern
mit dem Personen ihre alltäglichen Handlungen ausführen. der Sache ab, weil hier der entscheidende Aspekt der ab-
Wie sollte dieses Bewußtsein unberührt bleiben von dem sichtlichen Herstellung einer Kopie eines bekannten gene-
Wissen, daß beim Design des eigenen Genoms weder der tischen Vorbilds fehlt. Was immer man zu diesem Fall sa-
Zufall der Natur noch Gottes Vorsehung die Hand im Spiel gen mag, mein Vorbehalt richtet sich zunächst gegen die
hatte, sondern empeer? Verdoppelung des Genoms eines ausgereiften mensch-
Die willkürliche Verfügung über die genetische Ausstat- lichen Organismus, nicht gegen den biologischen Vorgang
tung einer anderen Person würde ein interpersonales Ver- des Klonens als solchen. Die gegenwärtige Diskussion ist ja
hältnis zwischen dem Erzeuger und dem Erzeugten, zwi- durch Nachrichten über das Schaf Dolly und die makabren
schen genetischem Vor- und Nachbild begründen, das Zukunftsphantasien ausgelöst worden, die sich daran ent-
bisher unbekannt ist. Von den bekannten interpersonalen zündet haben.
Beziehungen weicht dieses Abhängigkeitsverhältnis da- Schließlich trägt Merkel den Einwand vor, daß der Er-
durch ab, daß es sich grundsätzlich der Transformation in zeuger gegenüber der geklonten Person keine Rechtsver-
eine Beziehung unter Gleichen, unter normativ Gleichge- letzung begehen kann, weil diese dem fraglichen Akt selbst
stellten und Gleichzubehandelnden entzieht. Der Designer erst ihre Existenz verdankt: »Schon deshalb kann gegen-
legt die Anfangsgestalt seines Produkts unwiderruflich und über dem Klon keine >Symmetriebedingung wechselseiti-
asymmetrisch - ohne die Möglichkeit eines Rollentauschs ger Achtung< verletzt worden sein, weil die Handlung, der
grundsätzlich offenzulassen - fest. er sein Dasein verdankt, für ihn in keinem Sinne als Verlet-
Reinhard Merkel verschiebt das Problem, wenn er einen zung qualifizierbar ist.« So mag ein Anwalt in einem bereits
»durch einen Gendefekt Geisteskranken« mit einer gesun- eingetretenen zivilrechtlichen Schadensfall argumentieren.

254 2
55
Aber unsere Diskussion betrifft, wenn wir schon juristisch
reden wollen, die verfassungsrechtliche Frage, ob ein Typ
von Herstellungsverfahren erlaubt sein soll, mit dem (wenn
meine Analyse stimmen sollte) eine prazedenzlose Ent-
scheidungskompetenz eingerichtet und mit ihr eine not-
wendige Voraussetzung für die normative Gleichstellung
aller Rechtspersonen verletzt werden würde.
Um diese Verletzung zu charakterisieren, sind verschie-
dene Metaphern in Umlauf. Wir reden vom Designer, der
ein Produkt herstellt, oder vom Richter, der ein letzt-
instanzliches Urteil fällt - ein Bild, das religiösen Empfin-
dungen noch am nächsten kommt. Diese Metaphern sind
fast so unzureichend wie die des Sklavenhalters, der Perso-
nen mit Sachen verwechselt, weil sie alle auf die Entschei-
dungssituationen zwischen zeitgleich handelnden Perso-
nen anspielen. Sie verfehlen den Abstand der Gegenwart
von einer unumkehrbaren Vergangenheit - zwischen einer
vor der Geburt getroffenen Entscheidung und der nachfol-
genden Lebensgeschichte, über deren ganze Spanne diese
sich auswirkt. Ist das Beunruhigende nicht gerade der
Aspekt, für den das rechte Bild fehlt? Ich meine die anhal-
tende, in gewisser Weise irreversible Auswirkung der will-
kürlichen Entscheidung einer anderen Person auf »mich«
- nicht, sofern ich überhaupt existiere, sondern auf wesent-
liche Bedingungen meines Selbstverständnisses?