Sie sind auf Seite 1von 7

30

ISSN 1560-6325 ISBN 978-3-901989-28-5 € 15,–


2013

polylog

polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren Nr. 30 (2013)


zeitschrift für interkulturelles philosophieren

migration
Mit Beiträgen von Arash
Abizadeh, Uchenna Okeja,
Bianca Boteva-Richter, Nobuko Adachi, Kien Nghi Ha,
Nausikaa Schirilla, Abullahi An-Na’im, Peter EnZ
und anderen

Gefördert durch den Magistrat der stadt Wien SONDERDRUCK


5
Arash Abizadeh
Geschlossene Grenzen, Menschenrechte
und demokratische Legitimation

25
Uchenna Okeja
Migration und globale Gerechtigkeit:
Afrikanische Sichtweisen

41
Bianca Boteva-Richter

migration
Die Migration und das Zwischen
als konstituierendes Element –
Ist der globale Mensch ein ewiger Migrant?

59
Nobuko Adachi
Die Dynamik von Rasse und Ethnizität als
forum Kategorisierungs- und Klassifizierungsprozess:
Benennung, Rassenzuweisung und Ethnisierung in einer
105 japanisch-brasilianischen Kommune

peter Enz 75
Religion und Rebellion Kien Nghi Ha
Ibn Khaldun und die revolutionäre Bewegung Postkoloniale Kritik und Migration

83
116 Nausikaa Schirilla
Rezensionen & Tipps
Feminisierung der Migration und
144 zurückgelassene Kinder
Diskurskritische und ethische Aspekte
IMPRESSUM
91
145 Im Gespräch mit Abullahi An-Na’im
polylog bestellen Anke Graneß und Ursula Baatz im Mai 2013
bücher

Susanne Moser
Die Menschenrechte – eine Sakralisierung der Person?
zu: Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte

Hans Joas: In Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie sei Émile Durkheim gewesen, dem zufolge
Die Sakralität der Person. der Menschrechte vertritt Hans Joas die These der Glaube an die Menschenrechte und an die
Eine neue Genealogie der »dass wir den Aufstieg der Menschenrechte universale Menschenwürde als die »Religion
Menschenrechte und die Idee universaler Menschenwürde als der Menschheit oder der Humanität« auf-
Suhrkamp 2011 einen Prozess der Sakralisierung der Person zufassen sei. (87). Joas hebt hervor, dass der
ISBN: 978–3-518–58566–5, 303 S. zu verstehen haben« (204). Die im 18. Jahr- Begriff des Heiligen hier nicht von dem der
hundert stattfindenden Reformen des Straf- Religion abgeleitet, sondern als für Religion
rechts und der Strafpraxis, so z.B. die Ab- konstitutiv angesehen wird. Nicht nur religi-
schaffung der Folter, seien der Ausdruck einer ös Gläubige hätten demnach etwas, das ihnen
tiefreichenden kulturellen Verschiebung, heilig sei, sondern auch Atheisten und dieje-
durch welche die menschliche Person selbst nigen, die an die Vernunft glauben (94). Das
polylog 30 »zum heiligen Objekt« geworden sei. (82) Der Sakrale zeichne sich dadurch aus, dass es von
Seite 130 erste, der diesen Gedanken formuliert habe, Verboten geschützt und verteidigt und als Ort
& medien

einer Kraft erfahren werde. (92) Zugleich sei kulare Werte- und Weltdeutungstraditionen,
es für das Heilige charakteristisch, dass es mit eine Herausforderung dargestellt, in deren
einer starken subjektiven Gewissheit, einem Licht ihre Anhänger sich neu deuten mussten.
Evidenzempfinden und einer affektiven Inten- (205) So sei der Widerstand der USA gegen die
sität erfasst werde. (251) Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Joas betont, dass seine These eine Ableh- nach ihrer Verabschiedung 1948 enorm gewe-
nung aller derjenigen Vorstellungen enthalte, sen. Sie wurde als dem amerikanischen Recht
in denen angenommen werde, dass der als und der amerikanischen Tradition völlig fremd
Prozess der Sakralisierung der Person zu ver- angesehen, wobei versucht worden sei, durch Entschieden wendet er sich
stehende Aufstieg der Menschenrechte »als einen Verfassungszusatz die Ausrichtung der sowohl gegen die bisherigen
Produkt einer bestimmten Tradition, etwa der amerikanischen Politik an der Erklärung zu »Meistererzählungen«, welche
christlichen, aufzufassen sei«. (204) Ebenso- verhindern, was nur knapp scheiterte. (209) die Menschenrechte entweder
wenig könne man davon sprechen, dass dieses Joas will die »Entstehung« der Menschen- auf religiöse oder auf säkular-
Produkt quasi unvermeidlich an irgendeinem rechte in ein neues Licht stellen. (15) Entschie- humanistische Ursprünge
Punkt der Geschichte aus den Keimen der Tra- den wendet er sich sowohl gegen die bisherigen zurückführen wollen (16), als
dition habe hervorgehen müssen: »Traditionen »Meistererzählungen«, welche die Menschen- auch gegen einen kulturellen
also solche, so behaupte ich, bringen nichts rechte entweder auf religiöse oder auf säku- Triumphalismus, »dem zufolge
hervor.« (204) Entscheidend sei die Art ihrer lar-humanistische Ursprünge zurückführen die Menschenrechte wie ein fest
Aneignung durch die zeitgenössischen Akteure wollen (16), als auch gegen einen kulturellen gegründeter Besitz erscheinen,
unter ihren spezifischen Bedingungen und in Triumphalismus, »dem zufolge die Menschen- der die Überlegenheit der
dem Spannungsfeld von Praktiken, Werten rechte wie ein fest gegründeter Besitz erschei- eigenen Kultur unter Beweis
und Institutionen, in dem sie sich befinden. Er nen, der die Überlegenheit der eigenen Kultur stellt«.
versucht dies am Beispiel des Verhältnisses von unter Beweis stellt« (146). Unter Rückgriff auf (S. 146)
Christentum und Menschenrechten aufzuzei- Ernst Toeltsch entwickelt Joas methodisch eine
gen: Es habe eine christliche Rechtfertigung affirmative Genealogie, bei der er eine spezi-
der Sklaverei, der Folter, eine Ablehnung der fische kontexttranszendierende Verschränkung
Menschenrechtserklärungen des 18. Jahrhun- von Narration und Argumentation annimmt.
derts und eine Skepsis gegenüber der Allgemei- (171) Die narrative Struktur unseres Selbstver-
nen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ständnisses bringe es mit sich, dass man nicht
gegeben. Sicher gab es auch das Gegenteil: Das umhin könne, sich selbst zu den Idealen, bzw.
christliche Engagement für die Abschaffung Werten, die man habe, in ein Verhältnis zu
von Folter und Sklaverei und die Rückbesin- bringen und sich in Bezug auf diese zu veror-
nung auf den christlichen Person-Begriff.(16) ten. (173) Anstatt einer objektiven Geschichts­
Die in vieler Hinsicht neuartige Sakralisierung teleologie trete nunmehr die vom Subjekt her
der Person habe also für das Christentum, zu schaffende Kultursynthese. (187) Ideale oder polylog 30
ebenso wie für andere religiöse und auch sä- Werte würden vom Subjekt nicht gewählt oder Seite 131
bücher

beschlossen. Nicht Begründungen seien bei in- einzelne Kultur, Religion oder Philosophie als
tensiven Wertbindungen konstitutiv, sondern ihre ausschließliche Grundlage zu betrachten.
Erfahrungen, die ein Gefühl der subjektiven (271). Es sei eine Verständigung gelungen, »zwi-
Evidenz bei affektiver Intensität, oder wie schen fundamental differierenden kulturellen
Troeltsch­sage, eine »subjektive Absolutheit« Traditionen, Traditionen also mit auf den ersten
hervorrufen (163). Verschiebungen dieses sub- Blick stark voneinander abweichenden ›Sakrali-
jektiven Evidenzgefühls seien Kennzeichen täten‹« (266) Das Schema westlich/nichtwest-
eines Wertewandels. (251) lich erweise sich als unfähig, diese Vielfalt zu
Das Narrativ der Sakralität der Was passiert nun, wenn die subjektiven Evi- erfassen. (275) Bei der Erklärung handle es sich
Person sei geeignet gewesen, denzen voneinander abweichen, wenn ein Dis- nicht um ein westliches Oktroi. (277)
das historische Wissen, das wir sens in Sachen Werten entsteht? (251) Joas gibt Hans Joas liefert mit seinem Buch einen Bei-
zur Entstehung der Erklärung darauf eine pragmatische Antwort: Nur Men- trag zum interkulturellen Dialog. Anhand des
von 1948 haben, zu schen können handeln. Sie können sich zu ge- Konzepts der Wertegeneralisierung will er uns
synthetisieren. meinsamen Handlungen zusammenschließen, einen Weg aufzeigen, wie wir trotz verschie-
(S. 266) auch wenn ihre Werte differieren. Die Möglich- dener Erfahrungen und verschiedener Her-
keit »in der Pluralität konkurrierender Wertsys­ kunft, abweichender Traditionen und unter-
teme einen erfolgreichen Weg der Verständi- schiedlicher Werte, dennoch gemeinsam die
gung auf eine neuartige Gemeinsamkeit hin« zu Welt gestalten können, ohne dabei unsere Ver-
gehen, sieht Joas in der Wertegeneralisierung. wurzelung in diesen Traditionen zu verlieren.
(252) Dieser auf Talcott Parsons zurückgehende Joas fordert uns hier auf, den eurozentrischen
Begriff enthält die These, dass »je differenzierter Blickwinkel in Hinsicht auf die Menschenrech-
eine System ist, desto höher ist das Niveau der te zu verlassen. Bereits im 19. Jahrhundert
Generalisierung, auf dem das Wertmuster ›for- habe ein reger Menschenrechtsdiskurs in La-
muliert‹ werden muss, wenn es die spezifische- teinamerika, Afrika und Asien stattgefunden,
ren Werte aller differenzierten Teile des sozialen insbesondere in China. Joas weist darauf hin,
Systems legitimieren soll.« (261) Die Allgemeine dass bei der Ausarbeitung der Menschenrechts-
Erklärung der Menschenrechte von 1948 mit ih- erklärung von 1948 Delegierte von 18 Staaten
rer Vielfalt an Verfassern und deren bewusstem mitgearbeitet haben, unter anderem der Ver-
Verzicht auf spezifische Formen von Begrün- treter Chinas, Peng-chun Chang, der ganz
dungen stellt für Joas das Ergebnis einer solchen besonders davor gewarnt habe, eine einzelne
Wertegeneralisierung dar. (271) Das Narrativ Tradition spezifisch hervorzuheben. Ihm sei
der Sakralität der Person sei geeignet gewesen, die »Synthetisierung von Begründungstraditio­
das historische Wissen, das wir zur Entstehung nen« ein zentrales Anliegen gewesen (274), der
der Erklärung von 1948 haben, zu synthetisie- indischen Delegierten, Hansa Mehta sei es zu
polylog 30 ren. Die lange Vorgeschichte der Erklärung von verdanken, dass die Sprache der Erklärung ge-
Seite 132 1948 zeige, dass es schwierig sein dürfte, eine schlechtsneutral sei (nicht »all men«, sondern
& medien

»all human beings«) und der chilenische Rich- selbst zu, dass seine religiös motivierten Spe-
ter Hernan Santa Cruz habe sich besonders kulationen manche Leser immer nervöser
für die Erwähnung sozioökonomischer Rechte machen werde, da dies mit rationaler philo-
eingesetzt.« (275) sophischer Argumentation wenig und mit So-
Der Versuch von Hans Joas, die Geschichte zialwissenschaft schon gar nichts zu tun habe.
der Menschenrechte als Prozess der Sakrali- (230) Dadurch verliert sein pluralistisch ange-
sierung der Person neu zu schreiben, erscheint legtes Anliegen an Glaubwürdigkeit, in dem er
hingegen als nicht plausibel. Man erkennt zwar alle Vorstellungen zurückgewiesen hatte, wel-
die Absicht hier über ein Instrument zu verfü- che die Menschenrechte als Produkt einer be- Letztlich nimmt Joas Zuflucht
gen, das jenseits der Dichotomie religiös/säku- stimmten Tradition, etwa der christlichen, auf- bei der Unsterblichkeit der
lar-humanistische angesiedelt werden könnte. fassen (204). Zudem ist auffällig, dass Joas den Seele und der Gottesebenbild-
Bei genauerer Betrachtung trifft dies jedoch ursprünglichen Charakter der Menschenrechte lichkeit.(250) Zudem ist auffällig,
nicht zu. So wird der atheistische Ansatz von als Abwehrrechte vollkommen ausblendet. Im dass Joas den ursprünglichen
Durkheim, dessen zentrales Dogma die Auto- 13. Jahrhundert wurde von englischen Adeligen Charakter der Menschenrechte
nomie der Vernunft des Individuums darstellt in der Magna Charta Libertatum der Schutz von als Abwehrrechte vollkommen
(95), ebenso verworfen wie andere Vernunftbe- Leben und Eigentum vor den Übergriffen des ausblendet.
gründungen, z.B. bei Kant, weil hier diejenigen Herrschers erkämpft. Diesen Freiheitsrechten
Menschen ausgeschlossen sind, die nicht oder nur einiger weniger fügt die französische Men-
nicht mehr über Vernunft verfügen, so z.B. schenrechtserklärung die Freiheit, Gleichheit
Neugeborene, geistig Behinderte und demenz- und Solidarität aller Menschen hinzu, auch
kranke alte Menschen. Letztlich nimmt Joas wenn sie zunächst nur für bürgerliche Männer
Zuflucht bei der Unsterblichkeit der Seele und gedacht war und sowohl Frauen als auch lohn-
der Gottesebenbildlichkeit mit der Bemerkung, abhängige Männer ausschloss. Die Menschen-
dass wer diesen Glauben nicht teile, zeigen würde wird hingegen erst in der Allgemeinen
müsse, wie er mit seinen denkerischen Mitteln Erklärung der Menschenrechte von 1948 ein-
die Idee der Unverfügbarkeit rechtfertigen und geführt und auch Joas weist darauf hin, dass es
motivierend machen könne. (250) die Erfahrungen des Holocaust waren, die dazu
Hier zeigt sich die ganze Problematik dieses geführt haben, dem Begriff der Menschenwür-
Buches: Es will nicht nur die Geschichte der de einen zentralen Platz einzuräumen (113).
Menschenrechte neu schreiben, sondern auch Die Geschichte der Menschenrechte und die-
deren Begründung liefern. (12) Seine Skepsis jenige der Menschenwürde wäre also getrennt
gegenüber philosophischen Begründungsversu- zu betrachten. Letztere könnte sehr wohl als
chen und seine Ablehnung einer rein rationalen Prozess der Sakralisierung der Person aufge-
Begründung letzter Werte führen Joas zuletzt fasst werden, ob dies für die Menschenrechte
zu einer religiösen, und zwar christlichen Be- auch zu gelten hat erscheint mehr als fraglich polylog 30
gründung der Menschenrechte. Er gibt sogar zu sein. Immerhin unterscheidet Joas in seiner Seite 133
bücher

These auch klar zwischen beiden. Dennoch lie- Menschenrechten, sie seien ein westliches In-
fert das Buch von Hans Joas einen wertvollen strument der Überlegenheit und Dominanz.
Beitrag zur Entkräftung der Kritiken an den

polylog 30
Seite 134