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Nachhaltige Entwicklung als

Leitbild
Modul 2

Nachhaltige Entwicklung
als Leitbild

Modulautor
Prof. Dr. Hansjörg Seybold

Projektleitung und Projektkoordination


Achim Beule
Prof. Dr. Hansjörg Seybold
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Erwerbbare Kompetenzen

Mit den nachfolgenden Kompetenzen soll umrissen werden, welche individuellen


Lernprozesse beim Durcharbeiten dieses Moduls angeregt und unterstützt werden
sollen.

• „Nachhaltige Entwicklung“ als Fachbegriff vom Alltagsverständnis unter­


scheiden.

• Merkmale, Dimensionen und Strategien nachhaltiger Entwicklung erfassen und


sie in individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen einbinden.

• Das Gerechtigkeitsparadigma als Grundlage nachhaltiger Entwicklung erken­


nen.

• Nachhaltige Entwicklung als ein Leitbild für den Weg in die Zukunft erfassen.

• Wertorientierungen und Interessen erfassen, die verschiedenen Definitionen


und Interpretationen von nachhaltiger Entwicklung zugrunde liegen.

• Verständnis entwickeln für die unterschiedlichen Ansätze nachhaltiger Entwick­


lung in den Industriestaaten des Nordens und den weniger entwickelten Staa­
ten im Süden.

• Ansatzpunkte entwickeln für ein eigenes Verständnis von nachhaltiger Ent­


wicklung.

Bild: © ymgerman - fotolia.com

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Inhaltsverzeichnis

Seite

Einleitung: Wie wird unsere Zukunft im Jahr 2052 sein? 5

1. Nachhaltige Entwicklung –Aufgabe für die Welt von morgen 6


1.1 „Nachhaltig“ – ein inflationär gebrauchter Begriff 7
1.2 „Nachhaltigkeit“ – neues Modewort in Alltag, Politik und Wirtschaft 8
1.3 Ursprung des Fachbegriffs „Nachhaltigkeit“ 9
1.4 Was bedeutet „Nachhaltige Entwicklung“ 10
1.5 Gerechtigkeit als grundlegender Wert einer nachhaltigen Entwicklung 11

2. Dimensionen nachhaltiger Entwicklung 12


2.1 Nachhaltigkeitsdreieck/-viereck 13

3. Strategien nachhaltiger Entwicklung 15


3.1 Effizienzstrategie 16
3.2 Konsistenzstrategie 17
3.3 Suffizienzstrategie 19

4. Sind die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit gleichgewichtig? 20


4.1 Schwache vs. starke Nachhaltigkeit 21
4.2 Entwicklungsländer fordern Vorfahrt für Wohlstand 22
4.3 Ökologische Leitplanken setzen, natürliche Lebensgrundlagen schützen 24
4.4 Green economy 26
4.5 Cradle to cradle – Wachstum durch Ökoeffizienz? 28
4.6 Postwachstumskritik 30

5. Rio+20: Die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung 2012 31

6. Nachhaltige Entwicklung – ein Leitbild für alle? 32

7. Literaturhinweise 34

8. Linkliste 36

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Einleitung: Wie wird unsere Zukunft im Jahr 2052 sein?

Modul 2 geht der Aufgabe nach, aufzuzeigen, wie durch eine „nachhaltige Ent­
wicklung“ den in Modul 1 dargestellten und hier im einleitenden Überblick zusam­
mengefassten globalen Entwicklungen gegengesteuert werden kann.

Düster...
sollten die Prognosen des Forschungsverbundes Club of Rome eintreffen.
Mehr als 30 Wissenschaftler und Wirtschaftsexperten haben sich mit der globalen
Wirtschaftsentwicklung und den Folgen des Klimawandels beschäftigt.
Der Ausblick, den sie in ihrem Report „2052“ zeichnen, ist überwiegend negativ:
Der Klimawandel werde sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dramatisch
verstärken und dadurch viel Leid verursachen. Mehr Dürren, verheerendere Fluten
und extremes Wetter sagen die Forscher für die nächsten 40 Jahre voraus. www.sueddeutsche.de

Schlecht...
sagt der „Umweltausblick der OECD 2012“.
In den letzten vier Jahrzehnten wurde im Zuge der Anstrengungen zur Anhebung OECD-Umweltausblick bis 2050
des Lebensstandards ein beispielloses Wirtschaftswachstum in Gang gesetzt. Die Konsequenzen des Nichthan­
Seit 1970 ist die Weltbevölkerung um über 3 Milliarden Menschen gewachsen, delns. OECD Publishing 2012.
während die Weltwirtschaft zugleich um mehr als das Dreifache expandiert hat.
Die Versorgung einer bis 2050 um weitere 2 Milliarden Menschen wachsenden
Weltbevölkerung und der allgemeine Anstieg des Lebensstandards werden unsere
Fähigkeit zur Erhaltung bzw. Erneuerung dieser Naturgüter, von denen alles Leben
abhängig ist, auf eine schwere Probe stellen.
Gelingt uns dies jedoch nicht, wird das ernste Folgen haben, insbesondere für die
Armen dieser Welt, und es wird letztlich auch das Wachstum und die menschliche
Entwicklung in den kommenden Generationen behindern.

„Die Welt muss aufwachen“


Überschwemmungen, Wirbelstürme, Dürrekatastrophen: Die düsteren Prognosen IPPC: 4. Uno-Klimabericht. 2007
des globalen Klimaberichts 2007 haben Politiker weltweit aufgeschreckt.
Frankreichs Präsident Chirac forderte eine „Revolution“, Umweltminister Gabriel
„große politische Konsequenzen“.

>>> Film anschauen


Wie wird die Erde aussehen, die wir unseren www.youtube.com/
Kindern hinterlassen? Die Doku­fiction „2075 - watch?v=x8r-AxSWQmI
Verbrannte Erde“ entwirft ein Szenario in der
Zukunft, in dem die Erwärmung des Klimas
weltweit zu dramatischen Veränderungen
geführt hat.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1. Nachhaltige Entwicklung – Aufgabe für die Welt von


morgen?

Frage
Wie können all die verschiedenen Maßnahmen gebündelt werden, die gegen die
globalen Herausforderungen erforderlich sind?
oder noch präziser:
• Wie soll der Klimaerwärmung begegnet werden? Und wer soll dies machen?
• Ernährung! Wer hat zu viel und wer zu wenig zu essen. Was lässt sich dagegen
machen? Und wer soll dies tun?
• Wie sollen die Ressourcen geschont werden? Und sollen dies alle Menschen
gleicherrmaßen tun?

Vorschnelle Antwort
“In Deutschland wird doch schon genug Umweltschutz betrieben“
• Unser Trinkwasser kann man unbesorgt trinken!
• Unsere Autos brauchen immer weniger Benzin!
• Biolebensmittel werden doch immer mehr gekauft!
• Häuser müssen wir wie verrückt dämmen!
• Energie sparen wir doch an allen Ecken und Enden!

„Wir sind doch schon Europameister in der Nachhaltigen Entwicklung“ sagte Bun­ www.youtube.com/results?search_
deskanzlerin Angelika Merkel in ihrer Rede auf der 11. Jahrestagung des Rates für query=Nachhaltigkeit+merkel&oq
Nachhaltige Entwicklung am 20.6.2011

Richtig! Es wird hier im Lande schon einiges getan!


• Aber das sind nur Einzelmaßnahmen auf regionaler bzw. nationaler Ebene. Da­
mit lassen sich globale Probleme kaum lösen.
• Es bedarf eines weltweiten Konzeptes oder eines Leitbilds, welche das Han­
deln einzelner Individuen, von Gruppen, Nationen – ja aller Menschen dieser
Erde bündeln und lenken kann.

Leitbild „nachhaltige Entwicklung“


Zwar gibt es schon seit Menschengedenken individuelle und auch gesellschaft­
liche Vorstellungen über Wohlstand und ein gutes Leben.
Aber: Mit dem Begriff einer nachhaltigen Entwicklung wird jedoch angestrebt,
unter Berücksichtigung der natürlichen Ressourcen ein gutes Leben aller Men­
schen dieser Erde und der nachfolgenden Generationen in gleicher Weise zu
entwickeln.

LEITBILD
NACHHALTIGE
ENTWICKLUNG

Zeichnung: Hans Scheuerlen

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1.1 „Nachhaltig“ – ein inflationär gebrauchter Begriff

„Heutzutage wird der Begriff der Nachhaltigkeit häufig mit verschiedenen Be­
deutungen verwendet. So wird er oftmals bei der Debatte über eine zukunfts­ Behlau, Lothar: Die Dimensionen
fähige Welt im Zusammenhang mit Themen wie Mobilität, Energie oder Le­ der Nachhaltigkeit. Ein Überblick.
bensmittel benutzt. Vortrag, anlässlich der Münchner
Wissenschaftstage 2012
Redet jemand von einer „nachhaltigen Mobilität“, meint er Verkehrssysteme, am 20.10.2012 in München
die zukünftig eine zunehmende Anzahl von Menschen mit einer Mindestquali­ www.muenchner-wissenschafts­
tät befördern und dabei den Ressourcenverbrauch berücksichtigen. Wie weit tage.de/2012/upload/download/
der Redner dabei ein Umdenken einfordert, ist unterschiedlich, denn eine Behlau_Lothar_Dimensionen_der_
„nachhaltige Entwicklung“ ist eher eine normative Zielsetzung und damit hin­ Nachhaltigkeit.pdf
sichtlich ihrer Umsetzung zunächst offen: während der Eine schon den Kauf
eines verbrauchsarmen Mittelklassewagens als nachhaltig deklariert, sieht der
Andere einzig nur den Verzicht auf Autos als nachhaltiges Verhalten an.
Daneben gibt es noch zahlreiche Verwendungen und Konstruktionen des Be­
griffs, die eher für „lang anhaltend, ausreichend, spürbar, intensiv, stark“, aber
weniger für eine Zukunftsfähigkeit stehen. So redet ein Gewerkschaftsvorsit­
zender von einer „nachhaltigen Lohnerhöhung“ und bei der Testfahrt des neu­
en Ferrari wird geschwärmt, „dass das neue Differenzial die Kraft noch rascher
und nachhaltiger auf den Boden bringt“.

Spricht ein Politiker allerdings von einem „nachhaltigen Wachstum“, sollte man
stutzen. Hat er dabei die Zukunft im Blick und mahnt zur konsequenten Res­
sourcenschonung und damit zu einer Abkehr vom ökonomischen Wachstum?
Oder wünscht er sich ein möglichst lang anhaltendes quantitatives Produkti­
onswachstum?“

Liest man diese Einführung im Vortrag von Lothar Behlau bei den Münchner Wis­
senschaftstagen 2012, so wird die Notwendigkeit deutlich, sich genauer mit die­
sem Begriff zu befassen und zu klären,
• was er umgangssprachlich bedeutet und
• was er als Fachbegriff im Sinne einer zukunftsfähigen Nutzung der Ressourcen
dieser Erde und dem Erhalt ihrer Tragfähigkeit für eine Rolle spielt.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1.2 „Nachhaltig“ – neues Modewort in Alltag, Politik und


Wirtschaft!

„Nachhaltig“ als umgangssprachlicher Begriff


Beispiele
• Welcher Lehrer hat nicht schon seine Schüler ermahnt, sie sollen „nachhal­
tiger“ lernen! D.h. so lernen, dass das Gelernte „lang anhält“, also möglichst
lange im Gedächtnis bleibt.
• Wie oft hört man im Radio, dass ein Politiker von einem „nachhaltigen Erfolg“
spricht und damit meint, dass er über längere Zeit Erfolg hat.
• Und auch der Chef einer Firma spricht von einem „nachhaltigen Erfolg“, wenn
er über mehrere Jahre hohe Gewinne erzielt.
• Bei der Entwicklung von Bildungsplänen wird oft beraten, diese „nachhaltig“
zu machen, d.h. so fundiert, dass Lehrer die Bildungsplaninhalte unterrichten
und die Schüler diese lernen und im Gedächtnis behalten.

!!! Der Begriff „nachhaltig“ wird in all diesen Fällen umgangssprachlich genutzt.
Gemeint ist meist eine „dauerhafte“, „lang anhaltende“ Wirkung von Maß-
nahmen oder Bemühungen. Bei Bildungsplänen und beim Lernen wird dabei
nur ein Wunsch ausgesprochen, denn erst ein Leistungstest zeigt, ob die
Schüler „nachhaltig“ gelernt haben.

„Nachhaltig“ als Fachbegriff


Beispiele
• Kurze Transportwege brauchen weniger Treibstoff, sind daher nachhaltiger als Umfrage: Was ist eigentlich Nach­
lange haltigkeit? (Utopist07)
• Freilandgemüse benötigt weniger Energie als Treibhausgemüse, ist daher www.youtube.com/watch?v=
nachhaltiger. r_b07VrDXyA&feature=related
• Fahrradfahren erzeugt kein CO2, ist daher bzgl. der Belastung der Atmosphäre
nachhaltig
• Altpapiernutzung schont die Wälder, ist daher nachhaltig.

!!! „Nachhaltig“ als Fachbegriff meint zwar auch eine „dauerhafte“ oder „lang
anhaltende“ Wirkung von Maßnahmen,
jedoch nicht in einem allgemeinen Sinne,
sondern bezogen auf eine „zukunftsbeständige“ Nutzung der Ressour-
cen dieser Erde und eine „tragfähige“ Erhaltung ihrer Lebensmöglichkeiten!

Nachhaltigkeit – der Film.


Der Film versucht den Begriff der Nachhaltigkeit an einfachen Beispielen zu erklä­ www.youtube.com/watch?v=C17X­
ren. Er wurde von Schülern des Gymnasium Kenzingen während der Projekttage BXDMif8
2009 produziert.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1.3 Ursprung des Fachbegriffs „Nachhaltigkeit“

1713: Nachhaltige Forstwirtschaft


Seinen Ursprung hat der Begriff „Nachhaltigkeit“ in der Forderung von Hans Carl Hans Carl von Carlowitz:
von Carlowitz (1645 – 1714), Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Frei­ Sylvicultura oeconomica oder Hauß­
berg, dass in einem Wald immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie wirthliche Nachricht und Naturmä­
durch planmäßige Aufforstung nachwachsen kann. ßige Anweisung zur Wilden Baum-
Auf diese Weise – so von Carlowitz – bleibt der Bestand auch für zukünftige Nut­ Zucht. Herausgegeben von Joachim
zung erhalten. Hamberger (2013). München,
oekom Verlag.

© Rainer Sturm/PIXELIO

Angesichts der von ihm beobachteten Übernutzung der Wälder seiner Zeit wies
von Carlowitz 1713 in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ mit der Forderung
einer „nachhaltigen Waldnutzung“ auf die Notwendigkeit hin, „Reserven für künf­
tige Generationen nachzuhalten“.

1963: Der stumme Frühling Quelle: Carson, Rachel (1963): Der


Die amerikanische Meeresbiologin Rachel Carsons schrieb in ihrem – die Umwelt­ Stumme Frühling. München, Beck.
diskussion weltweit auslösenden – Buch nicht nur speziell über die Folgen des Ein­
satzes des Pestizids DDT auf Singvögel, sondern wies generell darauf hin, die Erde
in einem ökologischen Gleichgewicht für zukünftige Generationen zu erhalten. D.h.
sie „nachhaltig“ im Sinne von zukunftsfähig“ zu nutzen.

1980
Im Kampf gegen die zunehmende Umweltverschmutzung und gegen Kernkraft­ Anschauen
werke gründeten die verschiedenen Umweltbewegungen in Deutschland auf ih­ In „Entdeckung der neuen Sachlich­
rem Bundeskongress in Karlsruhe die Bundespartei der „Grünen“. keit“ berichtet Volker Strauch über
die Umweltbewegungen im
1987: Der Brundtland Report Deutschland der Achtzigerjahre und
Über das ökologische Verständnis hinaus wurde der Begriff „Nachhaltigkeit“ welt­ ihren Protest (www.youtube.com/
weit bekannt durch die World Commission on Environment and Development watch?v=KQcVUI--Yj4 )
(WCED) mit ihrem 1987 veröffentlichten Bericht: „Our Common Future“. Der Be­
richt wird meist Brundtland Bericht genannt nach der Vorsitzenden der Kommission Nachlesen
und früheren Ministerpräsidentin von Norwegen, Gro Harlem Brundtland. Quelle: World Commission on
Ziel der Kommission war es, ein praktikables Programm für die Bekämpfung von Environment and Development
Umwelt- und Entwicklungsproblemen zu erstellen. (1987) Our Common Future. Ox­
ford. Oxford University Press.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1.4 Was bedeutet „Nachhaltige Entwicklung“

Begriff
Mit der Hinzufügung des Begriffes „Entwicklung“ zu „nachhaltig“ will die Brundt­ Nachlesen
land-Kommission deutlich machen, dass die zunehmenden Umweltprobleme nicht Ulrich Grober (2006): Die Entde­
nur Maßnahmen zum Erhalt der Lebensgrundlagen fordern, sondern auch die Ent­ ckung der Nachhaltigkeit. Kulturge­
wicklungsprobleme der verschiedenen Länder grundlegende Entwicklungsmaß­ schichte eines Begriffs. Frankfurt,
nahmen notwendig machen. Kunstmann.

„Nachhaltige Entwicklung“ ist die bekannteste Übersetzung des von den Vereinten Anschauen
Nationen verwendeten Begriffs „Sustainable Development“ Ulrich Grober widmete sich in
einem Vortrag unter dem Titel „Zau­
Ziele berwort Nachhaltigkeit“ der Suche
„Nachhaltige Entwicklung“ wird daher von dieser Kommission verstanden als nach der Essenz dieses Leitbe­
eine Entwicklung, „... welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu griffs.
riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen www.youtube.com/watch?v=Z­
können“. Hauff, Volker (1987): Unsere gemeinsame Zukunft (Brundtland-Report). 3DI6LNM-XE
Greven. Eggenkamp.

Aufgaben
Fünf Jahre später bei der Weltkonferenz der Vereinten Nationen zum Thema „Um­
welt und Entwicklung“ in Rio de Janeiro 1992 haben mehr als 180 Länder der Erde
sich für eine „Nachhaltige Entwicklung“ ihrer Staaten verpflichtet und im Ab­
schlussdokument „Agenda 21“ die folgenden beiden Aufgaben in den Mittelpunkt
gestellt
• „Recht auf ein gesundes und produktives Leben in Einklang mit der Natur ge­ Nachlesen
währleisten“, Bundesministerium für Umwelt,
• „einen gerechteren Ausgleich zwischen dem wohlhabenden Norden und den Naturschutz und Reaktorsicherheit
Entwicklungsländern zu erreichen“, (Hrsg.): Bericht der Bundesregie­
• „eine Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen zu schaffen, ohne das Mo­ rung in Deutschland über die Konfe­
dell der westlichen Industriestaaten zu globalisieren“, renz der Vereinten Nationen für
• „nicht-nachhaltige Produktions- und Verbrauchsstrukturen abzubauen und eine Umwelt und Entwicklung im Juni
geeignete Bevölkerungspolitik zu fördern“, 1992 in Rio de Janeiro. Bonn o.Jg.
• „die Beseitigung der Armut als eine unabdingbare Voraussetzung für eine nach­
haltige Entwicklung zu betrachten.“

Beide Konferenzen vermitteln die Botschaft, mit „nachhaltiger Entwicklung“


ein Leben und Wirtschaften auf dieser Erde in Angriff zu nehmen, das im Ein-
klang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und den sozialen Grundbedürf-
nissen der Menschen in globalem Gleichklang stattfinden soll.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

1.5 Gerechtigkeit als grundlegender Wert einer nachhaltigen


Entwicklung

Mit dem Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ wird der Blick über die lange Jahre do­
minierende Umweltdiskussion („Umweltschutz = Leben in Einklang mit der Na­
tur“) durch die immer drängender werdenden Forderungen der Dritte Welt Länder
auf das Ziel „gleicher Lebenschancen für alle“ ausgeweitet. Damit soll die umwelt­
politische Fokussierung mit der entwicklungspolitischen Fokussierung aus der Er­
kenntnis heraus verknüpft werden, dass ein Leben im Umweltraum ohne die Be­
rücksichtigung der Bedürfnisse aller Menschen dieser Erde nicht möglich ist.

a) Umweltpolitische Fokussierung
• Ökologische Fokussierung: mehr Natur- und Umweltschutz“
• generationelle Fokussierung: Gleiche Lebenschancen für spätere Generati­
onen, „Gerechtigkeit“ als Ausgleich zwischen den Generationen

b) Entwicklungspolitische Fokussierung
• Bedürfnis-Fokussierung: Mehr materieller Wohlstand, mehr Gesundheit
• Sozialpolitische Fokussierung: Mehr Lebenschancen für alle Menschen, mehr
Gerechtigkeit innerhalb der Generationen

Beide Weltkonferenzen vermitteln die Botschaft, die beiden unterschiedlichen Inte­


ressen nicht mehr als Gegensätze zu betrachten, sondern sie im neuen Hand­
lungskonzept „nachhaltige Entwicklung“ zusammenzuführen. Mit „nachhaltiger
Entwicklung“ soll also beides zusammen gelingen: ein Leben und Wirtschaften auf
dieser Erde in Angriff zu nehmen, das stattfinden soll
• im Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und
• den sozialen Grundbedürfnissen der Menschen in globalem Gleichklang.

Frage:
Weshalb soll ich dieser Botschaft folgen, mir sie zu eigen machen?
Entspricht sie meinen eigenen Vorstellungen von einem guten Leben?
Mögliche Antwort:
Vielleicht nicht den eigenen Vorstellungen von einem guten Leben, aber auf jeden
Fall von gerechten Lebensmöglichkeiten überall auf dieser Erde!

Gerechtigkeit als normatives Leitbild


Alle drei Merkmale („im Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen“ und „den
sozialen Grundbedürfnissen der Menschen“ sowie in „globalem Gleichklang“ wei­
sen darauf hin, dass „Gerechtigkeit“ als normatives Leitbild einer nachhaltige Ent­
wicklung aller Menschen und Gesellschaften dieser Erde zugrunde liegt.
Zwei Arten von Gerechtigkeit werden unterschieden:
1. Gerechtigkeit bzgl. der Lebenschancen und -qualitäten aller derzeit auf der Erde
lebenden Menschen (intragenerationelle Gerechtigkeit)
2. Gerechtigkeit bzgl. der Lebenschancen und -qualitäten künftiger Generationen
(intergenerationelle Gerechtigkeit)

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

2. Dimensionen nachhaltiger Entwicklung

Sowohl die Brundtland-Kommission als auch die Weltkonferenz in Rio de Janeiro


sehen die Aufgabe nachhaltiger Entwicklung nicht nur darin, ökonomischen Inte­
ressen nachzugehen oder ökologische Prioritäten zu setzen, sondern ökono-
mische, ökologische und auch soziale Bedürfnisse beim individuellen und ge­
sellschaftlichen Handeln zu verknüpfen.

Was bedeuten diese 3 Dimensionen?

Die ökologische Dimension meint einen schonenden Umgang mit den Rohstoff-
und Energieressourcen der Erde, ein Beachten der Grenzen für die Aufnahmefähig­
keit der Erde für Abfälle und Emissionen und der Grenzen für irreversible Eingriffe
in den Naturhaushalt.

Die ökonomische Dimension weist auf die Notwendigkeit einer dauerhaft wett­
bewerbsfähigen Wertschöpfung in Produktion, Handel, Dienstleistung hin.

Die soziale Dimension fordert eine gerechte Verteilung der Ressourcen, soziale
Gerechtigkeit, humane Arbeitsplätze, Bildung und Qualifikation für die nachfol­
gende und Versorgung für die aus dem Arbeitsleben ausscheidende Generation.

In dem Film „Säulen der Nachhaltigkeit“ erklären Schüler des Informatikkurses der www.youtube.com/watch?v=5iY5S­
achten Klasse am St. Ursula Gymnasium in Freiburg anhand vieler Beispiele die 0Z5wlA&feature=related
drei Dimensionen und ihren Zusammenhang

Mit den drei Dimensionen wird der Anspruch verbunden, das individuelle und ge­
sellschaftliche Handeln nicht an einer oder zwei Dimensionen auszurichten, son­
dern die schwere Aufgabe auf sich zu nehmen und allen drei Dimensionen beim
Handeln Rechnung zu tragen. Ein Verknüpfen dieser drei Dimensionen bedeutet –
so der Anspruch - einen Ausgleich zwischen diesen drei Ansprüchen im alltäg­
lichen und gesellschaftlichen Handeln herzustellen.

Ziel: Alle drei Dimensionen in möglichst gleicher Weise beim Handeln berück-
sichtigen

Beispiel: Beim Einkauf von z.B. einem Pfund Kaffee bedeutet nachhaltiges Han­
deln, nicht nur den billigsten (ökonomische Dimension) auszuwählen, sondern
auch den sozial fairsten (gegenüber den Produzenten) und den umweltschonend
angebauten (ökologische Dimension).

Mit der ständigen Berücksichtigung aller


drei Dimensionen beim Handeln wird
die Vision einer Gesellschaft verfolgt, die
• TECHNISCH effizient arbeitet,
• ÖKOLOGISCH verträglich wirtschaftet,
• SOZIAL gerecht lebt.
Zeichnung: Hans Scheuerlen

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

2.1 Nachhaltigkeitsdreieck/-viereck

Um die Verknüpfung der drei Dimensionen besser verstehen zu können, wird ger­
ne ein „Nachhaltigkeitsdreieck“ mit den drei Eckpunkten ökologische Nachhaltig­
keit, wirtschaftliche Effizienzsteigerung und soziale Gerechtigkeit gezeichnet. Die
Linien des Dreiecks sollen zeigen, dass alle drei immer im Zusammenhang, also
vernetzt zu denken sind.

Ökologische Soziale
Nachhaltigkeit Gerechtigkeit

Wirtschaftliche
Effizienzsteigerung

Differenzierter und präziser ist jedoch das folgende Schaubild von Meyer (1997),
welches nicht nur die Vernetzung (Retinität) von Ökologie, Ökonomie und Sozialem
zeigt, sondern auch
• die damit verbundene Globalität von Nachhaltiger Entwicklung und damit die
Gerechtigkeit bzgl. der Lebenschancen und -qualitäten aller derzeit auf der
Erde lebenden Menschen (intragenerationelle Gerechtigkeit
• und deren Intergenerationalität, d.h. Gerechtigkeit bzgl. der Lebenschancen
und -qualitäten künftiger Generationen.

Mayer, J. (1998). Die Rolle der Um­


weltbildung im Leitbild nachhaltiger
Entwicklung. In A. Beyer (Hrsg.),
Nachhaltigkeit und Umweltbildung
(S. 25-49). Hamburg: Krämer.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Diesem Dreieck fehlt nach entwicklungspolitischer Überzeugung eine weitere


Dimension: die politische!
D.h. Nachhaltigkeit ist dieser Auffassung nach ohne politische Stabilität und eine
entwicklungsorientierte Regierungsführung (good governance) nicht zu erreichen.
Also nicht, wenn grundlegende Elemente wie „Menschenrechte“, „Demokratie“,
„Frieden“ und „Gleichstellung der Geschlechter“ nicht gewährleistet werden.

Nachlesen
BMZ (Hrsg.) 2007: Orientierungs­
rahmen für den Lernbereich globale
Entwicklung. Bonn, S. 23.

Prämisse
Die bildhafte Verwendung eines Dreiecks (oder Vierecks) suggeriert, dass die Di­
mensionen gleichwertig seien. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn man davon
ausgeht, dass sowohl wirtschaftliches Wachstum als auch sicherer Wohlstand sich
im Rahmen ökologischer Ressourcen dauerhaft verwirklichen lassen. Oft wird aber
die Gleichwertigkeit aus gesellschaftlichen Interessen heraus vernachlässigt, wie
später gezeigt wird.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

3. Strategien nachhaltiger Entwicklung

Auch wenn es beim Kauf von Kaffee im vorhergehenden Beispiel noch recht ein­
fach erschien, alle drei Dimensionen zu berücksichtigen, so ist dies im ständigen
Handeln des Alltags eine sehr schwierige Aufgabe, denn es soll ja mit dieser Ver­
bindung deutlich werden, dass
• die früher oft feindlich sich gegenüberstehende Ökonomie und Ökologie sich
aufeinander zu bewegen sollen;
• bei der Verfolgung wirtschaftlicher Interessen die sozialen Belange nicht zu
kurz kommen sollen;
• der reiche Norden nicht weiter auf Kosten des armen Südens konsumieren kann.

Frage: Gibt es dazu Hilfen, Anleitungen, Ratgeber?

Drei Strategien werden meist als Antwort auf die Frage genannt, wie einschnei­ Joseph Huber: Nachhaltige Ent­
dende und umwälzende Veränderungen durch nachhaltige Entwicklung angegan­ wicklung durch Suffizienz, Effizienz
gen werden können: und Konsistenz. In: Peter Fritz et al.
(Hrsg.): Nachhaltigkeit in naturwis­
Als erste die Effizienzstrategie. Sie zielt ab auf ein intelligenteres und ratio- senschaftlicher und sozialwissen­
nelleres Ausnutzen von natürlichen Rohstoffen. Eine bessere Ressourcenaus­ schaftlicher Perspektive. Stuttgart,
nutzung meint, dass durch neue Technologien die Herstellung von Produkten we­ S. 31-46.
sentlich weniger Rohstoffe benötigt als dies bisher der Fall ist.
 
Als zweites dient eine sogenannte Konsistenzstrategie zur besseren An­
passung der Stoff- und Energieströme an die Regenerationsfähigkeit von Öko-
systemen. Dies geschieht vor allem durch eine verstärkte Nutzung nachwachsender
Rohstoffe und den Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft. Das Recycling von Altpapier
oder Altglas ist hierfür ebenso ein Beispiel wie eine ökologische Landwirtschaft.
 
Eine kulturell-sozial geprägte Suffizienzstrategie zur Veränderung der Lebens-
stile unter dem Motto “Mehr Qualität statt Quantität”. Allein mit einer Effizi­
enzsteigerung ist der Weg in eine nachhaltige Gesellschaft nicht erreichbar. Daher
erscheinen ein Mentalitätswandel sowie Verhaltensänderungen hin zu mehr Ge­
nügsamkeit vor allem für die Industriestaaten unverzichtbar.

Zusatz
Manchmal wird mit der Permanenz-Strategie als einer vierten darauf hingewiesen, Noch eine Strategie!
dass durch technische Innovationen die Lebensdauer von Produkten verlängert Im Aktionsprogramm von Rio
werden kann. Und in jüngerer Zeit wird mit der Resilienzstrategie noch eine hinzu­ de Janeiro 1992 wird auch die
gefügt. Sie meint Widerstand gegen problematische Veränderungen und das „sich Bildung als eine wichtige Stra­
behaupten“ gegenüber Veränderungen. tegie bezeichnet: aufklären,
informieren, analysieren und
Es kann jedoch auch argumentiert werden, dass die Erhöhung der Dauerhaftigkeit Werte vermitteln ist ein strate­
von Produkten Teil der Effizienzstrategie ist, d.h. Kennzeichen einer ressourcenspa­ gisches Vorgehen, wenn Nach­
renden Nutzung von natürlichen Rohstoffen. Und der Umgang mit Veränderungen, haltigkeit im Kopf beginnen
auch die Anpassung von Systemen kann als wesentliches Element der Konsistenz­ soll.
strategie betrachtet werden.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

3.1 Effizienzstrategie

Beispiele
• Ein Kleinwagen, der 3 l/100 km Benzin benötigt, ist gegenüber einem Gelände­
wagen mit einem Verbrauch von 12 l/100 km um den Faktor 4 sparsamer.
• Die energetische Sanierung einer Schule kann zu einer Reduktion der Heiz­
energie um 4/5 führen, also um den Faktor 5.
• Eine Energiesparlampe benötigt für dieselbe Lichtleistung wie eine Glühbirne
nur 1/5 der Energie, ist also um den Faktor 5 ressourceneffizienter.

Ziel
Wie die Beispiele zeigen, soll es Ziel der Effizienzstrategie sein, mit möglichst ge­ Nachlesen
ringem Einsatz an Ressourcen einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen. Ernst Ulrich von Weizsäcker zeigt
Während Effizienz bisher in der Wirtschaft lediglich im Hinblick auf rationelleres mit den beiden Australiern Karlson
und damit billigeres Produzieren von Bedeutung war, ist der Grundgedanke der Ef­ Hargroves, und Michael Smith in
fizienzstrategie im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung, die Rohstoffe dieser dem 2010 veröffentlichten Buch
Erde so sparsam wie möglich zu verbrauchen und sie damit über längere Zeiträu­ „Faktor Fünf. Die Formel für nach­
me zu strecken als bisher. haltiges Wachstum.“ (München,
Droemer Verlag ), wie die Ressour­
Schon 1997 versuchte Friedrich Schmidt-Bleek in seinem Buch „Wieviel Umwelt ceneffizienz um den Faktor 5 ge­
braucht der Mensch? Faktor 10 – das Maß für ökologisches Wirtschaften“ (Mün­ steigert werden kann.
chen, DTV) aufzuzeigen und zu begründen, dass es erforderlich ist, die Ressource­
neffizienz um das 10-fache zu steigern. Nur dann – so seine Argumentation – ist Manche meinen, Faktor 5 sei noch
ein ökologisch vertretbares Wirtschaften möglich. längst nicht genug!

Das ist ein anspruchsvolles Ziel und oft nur sehr schwer zu erreichen. Aber Bei­
spiele gibt es, die zeigen, dass so eine Effizienzsteigerung möglich ist:
• Eine LED-Birne verbraucht bei gleicher Leistung etwa 85% weniger als eine
Glühlampe. Das bedeutet immerhin schon Faktor 7.
• Ein heute neu gebautes Passivhaus verbraucht weniger als ein Zehntel eines
älteren Hauses mit gleicher Wohnfläche. Also mindestens Faktor 10.

Problem des Reboundeffekts!


Die Einsparung von Ressourcen und Energie senkt die Herstellungskosten. Dies
verführt leicht zum Mehrverbrauch. D.h. die Ressourceneinsparung durch Effizienz
wird dann aufgefressen durch mehr Verbrauch und Konsum.

Beispiel 1: In den letzten 20 Jahren ist der Stromverbrauch von Computern ständig
gesunken. Die damit erreichte Energieeinsparung wurde jedoch dadurch mehr als
aufgefressen, dass heute ein Vielfaches an Computern benutzt wird als vor 20 Jah­
ren.
Beispiel 2: In ähnlicher Weise wird die Einsparung an Benzin und Diesel durch ver­
brauchsärmere Motoren dadurch mehr als aufgefressen, dass die Anzahl der zuge­
lassenen Kraftfahrzeuge ständig zunimmt.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

3.2 Die Konsistenzstrategie

Beispiele
• Warmwasser durch die Sonneneinstrahlung zu erhitzen bedeutet, eine regene­
rative Energie zu benutzen, die immer wieder zur Verfügung steht, also uner­
schöpflich ist.
• Ebenso ist es, wenn man Windenergie oder Wasserkraft nutzt.
• Schüler sammeln in ihrer Schule Flaschenkorken zum Recyceln. Damit bleibt
der Kork in einem Kreislauf der Nutzung, des Recycelns und Wiederverwen­
dens.
• Ähnlich ist es, wenn Papier, Glasflaschen oder Metall der Wiederverwertung
zugeführt werden. Diese Stoffe werden in einem Kreislauf der Verwendung,
des Recycelns und Wiederverwertens genutzt, der, zwar nicht unendlich lange
aufrecht erhalten werden kann, jedoch eine längere Zeit.

Die Konsistenzstrategie zielt ab auf die Vereinbarkeit von Natur und Technik. Ziel
sind naturverträgliche Technologien, welche möglichst keine schädlichen Emissi­
onen verursachen und mit Hilfe derer Abfälle zu Rohstoffen für neue Produktionen
werden.
Angestrebt werden Kreisläufe für die Wertstoffe (Recycling) und für die Produkte
(Verlängerung der Lebens- und Nutzungsdauer). D.h.. eine Verringerung bzw. Wie­
derverwertung der Material- und Energieflüsse in Wirtschaft und Gesellschaft, An­
genommen wird, dass durch die Berücksichtigung der Belastungsgrenzen der Na­
tur Umweltschäden vermieden oder überwunden werden.
Vorbild ist die Natur, in welcher Stoffkreisläufe weitgehend geschlossen ablaufen,
d.h. zum Funktionieren der Kreisläufe weder etwas hinzugefügt noch weggenom­
men werden muss.

Problem
Die Konsistenzstrategie fordert, dass die Einwirkungen der Menschen auf die Um­
welt mit den natürlichen Kreisläufen nicht in Konflikt geraten. Dies ist jedoch in vie­
len Fällen nicht so leicht einzuhalten, da die Grenzwerte von Umweltbelastungen
nicht immer konkret festlegbar und eindeutig sind (z.B. ist der Grenzwert von 2
Grad Erwärmung der Atmosphäre eine öffentlichkeitswirksame Angabe, die viele
Schädigungen toleriert). D.h. Belastungsgrenzen sind meist nicht so einfach an der
Natur ablesbar.

17
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Modell einer Biolandwirtschaft


Einfacher als in der Industrie ist die Konsistenzstrategie in der Landwirtschaft um­
zusetzen. Am nachfolgenden Beispiel lässt sich sehr schön erkennen, wie eine,
sich an Kreislaufprozessen ausrichtende, sogenannte Biolandwirtschaft aussieht
und wie konventionelle Landwirtschaft sich in weiten Teilen über diese Kreislauf­
prozesse hinwegsetzt.

Kreislaufwirtschaft bedeutet hier, dass die selbst angebauten Futtermittel für die
Tierhaltung und Gülle und Mist für die organische Düngung der Felder verwendet
werden. Dabei können jedoch nur so viel e Tiere gehalten werden, wie eigene Fut­
termittel vorhanden sind und Gülle und Mist nicht zu einer Überdüngung führen.
Als Faustregel gilt, dass pro Großvieh ein Hektar Land zur Verfügung stehen muss.

Das untenstehende Bild zeigt dagegen eine Landwirtschaft, welche nicht konsi­
stent ist. D.h. hier ist keine Kreislaufwirtschaft, sondern eine Intensivlandwirtschaft
mit großer Tierhaltung, welche Vorsorge mit Medikamenten betreiben muss und
bei der mehr Gülle und Mist anfällt, als auf den Feldern zum Düngen verwendet
werden kann. Ähnlich ist es beim Futtermittelanbau, der zur Ertragssteigerung Mi­
neraldünger und zum Schutz Pestizide benötigt und als Konsequenz Auswaschun­
gen hat, welche das Grundwasser belasten.

18
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

3.3 Die Suffizienzstrategie

Beispiele
• Carsharing bedeutet den Verzicht auf ein eigenes Auto – jedoch nicht, sich zu Nachlesen
jeder Zeit und an vielen Orten eines zu mieten, wenn man es benötigt. „Gut leben statt viel haben“ ist
• Viele Städte bieten Leihfahrräder an. Sie können an vielen Orten einer Stadt ge­ eines der Leitbilder in dem Buch
mietet werden und statt des Pkw für Fahrten in der Stadt genutzt werden. „Zukunftsfähiges Deutschland in ei­
• Die Nutzung des öffentlichen Verkehrs bedeutet zwar den Verzicht auf die Auto­ ner globalisierten Welt“ des Wup­
fahrt, nicht jedoch den auf mobile Beweglichkeit. pertal Instituts für Klima, Umwelt,
• Saisonale und regionale Lebensmittel bedeuten zwar den Verzicht auf ständige Energie (Frankfurt, Riemann, 2008)
Erhältlichkeit, nicht jedoch an einer abwechslungsreichen Vielfalt.
• Der Verzicht auf täglichen Fleischkonsum bedeutet nicht unbedingt einen Ver­
zicht an Essensgenuss, hat jedoch ein Weniger an der ressourcenintensiven
Fleischproduktion zur positiven Folge.

Die Suffizienzstrategie setzt auf das Prinzip der Selbstbeschränkung. “Gut leben
statt viel haben” ist das damit verbundene Leitbild für eine nachhaltige Lebenswei­ Video
se. Es geht hierbei um eine Selbstbegrenzung des Ressourcenumsatzes und damit „Nachhaltigkeit -- Die Welt verän­
um eine Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen bzgl. einer konsum­ dern beginnt im Kopf.“ lautet der
geprägten Lebensweise. Slogan des PR-Projekts für das Stu­
dium Fundamentale an der Univer­
Was heißt „Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen“? sität Erfurt.
• Verbrauchsarme Autos kaufen, damit ein Anreiz entsteht, sie weiter zu optimie­ www.youtube.com/watch?v=
ren. gQDEqpK9KEY
• Niedertourig im Verkehr „mitschwimmen“ statt rasen.
• Nicht wegen des Gedränge im öffentlichen Verkehr wieder auf das Auto um­
steigen.
• Regionale und saisonale Produkte wieder mehr wertschätzen und nutzen.
• Naherholung und nicht nur Ferntourismus genießen.

Also: Kritisch prüfen, wie viel Konsum für die eigene Lebenszufriedenheit
erforderlich ist!

19
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4. Sind die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit gleichge-


wichtig?

Wie bisher dargestellt geht das vorherrschende Nachhaltigkeitsverständnis von ei­


ner Gleichrangigkeit der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit aus. Gleichrangigkeit
meint, dass mit Nachhaltiger Entwicklung in gleicher Weise und in gleichem Um­
fang die Ziele verfolgt werden,
• die Umwelt zu schützen und Ressourcen zu sparen (ökologische Dimension)
• die Wirtschaft zu stabilisieren (ökonomische Dimension) und
• die Zahl der Armen zu verringern (soziale Dimension).

Dieses Nachhaltigkeitsverständnis ist – das haben die letzten 20 Jahre gezeigt –


mehr eine theoretische Forderung denn ein praktisches Handeln.
Behlau, Lothar: Die Deimensionen
„Zur Umsetzung der Nachhaltigkeit wird oftmals das sogenannte Drei-Säulen Mo­ der Nachhaltigkeit. Ein Überblick.
dell herangezogen: Gleichzeitig und gleichwertig möge man die sozialen, ökono­ Vortrag, anlässlich der Münchner
mischen und ökologischen Aspekte bei Prozessen dieser Art berücksichtigen. Da­ Wissenschaftstage 2012
bei gibt es oft Konflikte oder Interessensabwägungen: einem Ziel zwar stark zu am 20.10.2012 in München
dienen aber dafür ein anderes zu vernachlässigen. Als Ergebnis suchen sich die un­ (www.muenchner-wissenschafts­
terschiedlichen Akteure vorzugsweise jeweils ihr „Tortenstück“ aus dem Kuchen: tage.de/2012/upload/download/
Die Unternehmen fühlen sich für die Ökonomie verantwortlich, die Gewerkschaf­ Behlau_Lothar_Dimensionen_der_
ten kümmern sich um die sozialen Belange und die Ökologie hat nur einige schwa­ Nachhaltigkeit.pdf)
che Advokaten in Form von Nichtregierungsorganisationen wie z.B. Greenpeace.
Bei dem Modell spricht man auch von einem dreispaltigen Wunschzettel, auf dem
jeder Akteur sein Anliegen eintragen könne. Als Kritik am Drei-Säulen-Modell wird
ebenfalls angeführt, dass die ökologische Komponente Vorrang genießen muss, da
der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen die Voraussetzung für eine ökono­
mische und soziale Entwicklung ist.“ (Behlau 2012, S. 25)

Angesichts der Schwierigkeit, diese Gleichrangigkeit beim Handeln angesichts un­


terschiedlicher Interessen zu gewährleisten, haben sich unterschiedliche Interpre­
tationen im Hinblick auf die Gewichtigkeit der drei Dimensionen entwickelt:

1. Zum einen gibt es vor allem in der Wirtschaft Interpretationen weg von einer
sogenannten starken Nachhaltigkeit hin zu einer schwachen Nachhaltigkeit.
2. Entwicklungsländer fordern Vorfahrt für steigenden Wohlstand vor dem Schutz
von Umwelt und Ressourcen.
3. Dagegen setzen die Industriestaaten auf eine Form von Wirtschaft, die als
„green economy“ die ökonomische und ökologische Dimension in neuer Wei­
se verbinden soll.
4. Unterstützt werden sie dabei von Wissenschaftlern, welche die Konsistenzstra­
tegie ganz konsequent für die Herstellung von Verbrauchsgütern verwenden
wollen (cradle to cradle)
5. Wissenschaftler fordern die Bestimmung von „ökologischen Leitplanken“, die
von Wirtschaft und Gesellschaft nicht überschritten werden dürfen
6. Wachstumskritiker fordern sogar eine Abkehr vom Dogma eines ständig not­
wendigen wirtschaftlichen Wachstums.

20
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.1 Schwache vs. starke Nachhaltigkeit

Die Unterscheidung von zwei Nachhaltigkeitsarten beruht vor allem auf einer öko­ Moritz Marker (2011): Nachhaltig­
nomischen Betrachtungsweise. Sie greift die gängige These von der Gleichwertig­ keitsindikatoren aus theoretischer
keit der drei Dimensionen auf, interpretiert sie als „Kapitalstöcke“ (ökonomisches, und praktischer Perspektive – Öko­
ökologisches und soziales Kapital), die durch menschliches Handeln vermindert nomische und soziale Kennzahlen
oder vergrößert werden können. für ein „Nachhaltigkeitsidnikatoren­
set“ der Stadt Hamburg. Master-­
Schwache Nachhaltigkeit Thesis. Universität Oldenburg
Diese Interpretation von Nachhaltiger Entwicklung geht von der Annahme aus,
dass eine Entwicklung so lange nachhaltig ist, so lange die Gesamtmenge an Ka-
pitalstöcken gleich bleibt (Gesamtkapitalstock).
Mit der Annahme von einem konstanten Gesamtkapitalstock wird davon ausgegan­
gen, dass die einzelnen Kapitalstöcke gegeneinander substituiert werden können.
D.h. eine Vermehrung des ökonomischen Kapitals kann eine Verminderung des öko­
logischen Kapitals kompensieren. Entscheidend ist das Gleichbleiben der Gesamt­
menge, nicht jedoch seine Zusammensetzung. Es wird also angenommen, dass je­
de Art von Kapital verbraucht werden kann, sofern ein Ausgleich in Form kom­­pen­­-
sierender Investitionen in diese oder andere Arten von Kapital ge­tätigt werden.

Beispiel
„Eine wichtige Schlussfolgerung ist, dass Umweltzerstörung mit nachhaltiger Ent­ Hamburgisches Weltwirtschafts In­
wicklung vereinbar sein kann, solange bestimmte Regeln befolgt werden. Dies ist stitut (HWWI) 2010 : Nachhaltigkeit.
der Aspekt, der beim Konzept der schwachen Nachhaltigkeit besonders häufig kriti­ Strategie 2030. Vermögen und Le­
siert wird – scheint es doch zu implizieren, dass das Abholzen von Bäumen nach­ ben in der nächsten Generation. Ei­
haltig ist, solange Häuser und Straßen gebaut werden. Handelt es sich bei dem ne Initiative des Hamburgischen
Baum um einen von vielen, mag die Umwandlung in ein Haus wohlstandsmehrend WeltWirtschafts Instituts und der
sein, zumal wenn es noch nicht viele Häuser gibt. Handelt es sich jedoch um den Berenberg Bank.
letzten auf der Erde existierenden und Sauerstoff produzierenden Baum, so dürfte
seine Abholzung mit Sicherheit wohlstandsschmälernd sein, insbesondere dann,
wenn bereits eine Vielzahl von Häusern existiert. Es kommt bei der schwachen
Nachhaltigkeit also immer auf die Grenzbetrachtung an.“ (S.14)

Starke Nachhaltigkeit:
Diese Interpretation von Nachhaltiger Entwicklung geht von grundlegenden Ele- Beispiel: „Die Ozonschicht kann
menten in jedem Kapitalstock aus, die nicht unterschritten werden dürfen. Sie zum Bespiel nicht durch eine ande­
können auch nur sehr begrenzt durch andere ersetzt, also substituiert werden. Die re Art von Kapital ersetzt werden“
ökologische Dimension fast überhaupt nicht. Sie wird hier nicht als eine der drei (HWWI 2010, S. 14).
Dimensionen betrachtet, sondern als eine übergeordnete. D.h. Wirtschaft und Ge­
sellschaft können sich so lange frei entfalten, solange sie das ökologische Kapital
(den Naturkapitalstock) nicht verringern und damit zukünftigen Generationen ent­
ziehen. D.h. es ist nur erlaubt, das Naturkapital im Rahmen der Regenerationsfähig­
keit zu nutzen. Denn bei der starken Nachhaltigkeit geht es um den Erhalt des öko­
logischen Kapitals für künftige Generationen.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.2 Entwicklungsländer fordern Vorfahrt für Wohlstand

Für die Entwicklungsländer steht die Beendigung der Armut im Mittelpunkt nach­ Vereinte Nationen: Milleniumsent­
haltiger Entwicklung. Die ärmsten Länder der Welt fordern das Recht auf Entwick­ wicklungsziele. Bericht 2012
lung ein, d.h. eine „Ent-Umweltpolitisierung“ des Nachhaltigkeitsdiskurses und www.unric.org/html/german/mdg/
mehr Anstrengungen für Armutsbekämpfung. millenniumerklaerung.pdf
Damit sehen sie das Schwergewicht nachhaltiger Entwicklung in der sozialen und
ökonomischen Dimension bei teilweiser Vernachlässigung der ökologischen Di­
mension, wenn sie der Beseitigung der Armut und dem Streben nach Wohlfahrt
entgegensteht.

Millenniumsentwicklungsziele:
Im Jahre 2000 beschlossen 150 Länder in New York die sogenannten „Millenium­
sentwicklungsziele“, ein Set von international vereinbarten Entwicklungszielen, wel­
che zum Leitmotiv für die internationale Entwicklungspolitik wurden. Ziel ist, diese
Ziele bis 2015 zu erreichen.

2010 wurde folgende Zwischenbilanz bezogen:


„Fünf ]ahre vor Ablauf der vereinbarten Frist 2015 wurde das Ziel, die extreme Ar­ Oxfam hat vor einigen Tagen die
mut um die Hälfte zu verringern:, ebenso erreicht wie das Ziel, den Anteil da Men­ neue interaktive Weltkarte „Men­
schen, die keinen zuverlässigen Zugang zu verbesserten Trinkwasserquellen haben, schen im Klimawandel“ veröffent­
zu halbieren. Für mehr als 200 Millionen Slumbewohner, doppelt so viel wie für licht. Die Karte zeigt Orte, an denen
2020 angestrebt, verbesserten sich die Lebensbedingungen. Die Bildungsbeteili­ Menschen aus den armen Ländern
gung der Mädchen im Grundschulbereich entsprach der der Jungen, und die Kin­ Asiens, Afrikas und Lateinamerikas
der- und Müttersterblichkeit wurde zügiger gesenkt. schon heute mit den Auswirkuun­
gen der globalen Erwärmung kon­
frontiert sind. Die Betroffenen kom­
men zu Wort und erzählen, wie die
klimatischen Veränderungen ihr Le­
ben beeinflusst und wie sie versu­
chen, sich an die unvermeidbaren
Folgen anzupassen.
www.oxfam.de

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Diese Ergebnisse belegen, dass menschliches Leid enorm gemindert wurde und
dass der mit den Millenniums-Entwicklungszielen verfolgte Ansatz richtig ist. Sie
bieten uns jedoch keinen Grund, in unseren Bemühungen nachzulassen. Progno­
sen zufolge werden 2015 weltweit noch immer mehr als 600 Millionen Menschen
nicht verbesserte Wasserquellen nutzen, fast eine Milliarde Menschen mit einem
Einkommen von weniger als 1,25 U5-Dollar pro Tag auskommen müssen, weiterhin
Mütter unnötig bei der Geburt sterben und Kinder vermeidbaren Krankheiten zum
Opfer fallen. Hunger bleibt eine globale Herausforderung, und eine abgeschlos­
sene Grundschulbildung für die Kinder ist nach wie vor ein grundlegendes, aber un­
erreichtes Ziel mit Auswirkungen auf die anderen Ziele. Das Fehlen einer sicheren
Sanitärversorgung hemmt den Fortschritt in den Bereichen Gesundheit und Ernäh­
rung, der Artenschwund setzt sich unvermindert rasch fort, und die Treibhausgase­
missionen stellen weiterhin eine große Bedrohung für Menschen und Ökosysteme
dar.

Unerfüllt bleibt auch das Ziel der Gleichstellung der Geschlechter, was ebenfalls Vereinte Nationen 2012, S.5
umfangreiche negative Folgen hat, da die Erreichung der Millenniums-Entwick­
lungsziele stark von der Ermächtigung der Frauen und dem gleichen Zugang vorn
Frauen zu Bildung, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung und Entscheidungspro­
zessen abhängt. Zudem müssen wir einräumen, dass die Fortschritte je nach Land
und Region ungleichmäßig ausfallen und dass zwischen den Bevölkerungsgruppen,
insbesondere zwischen ländlichen und städtischen Gebieten, gravierende Un­
gleichheiten bestehen.“

Diese geringere Berücksichtigung der „ökologischen Dimension“ gegenüber der Wissenschaftliche Beirat der
sozialen Dimension greift der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Bundesregierung für globale
globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Gutachten 2004 auf, indem er Umweltveränderungen (WBGU)
auf den Zusammenhang zwischen Armut und Umweltzerstörung aufmerksam 2004: Armutsbekämpfung durch
macht. Dazu erarbeitet er eine“… Analyse des systemischen Zusammenhangs von Umweltpolitik. Berlin.
Armutsdimensionen (Einkommensarmut, Krankheit, Unterernährung, Mangel an
Bildung sowie an gesellschaftlicher Stabilität und Sozialkapital) mit Umweltverän­
derungen (Klimawandel, Wassermangel und -verschmutzung, Bodendegradation,
Verlust biologischer Vielfalt und Ressourcen sowie Luftverschmutzung). Armut und
Umweltprobleme werden in ihren verschiedenen Ausprägungen und Wechselwir­
kungen untersucht“. (WBGU 2004, S. 10)

23
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.3 Ökologische Leitplanken setzen, natürliche Lebensgrund-


lagen schützen

Unter dieser Überschrift setzt sich der Sachverständigenrat der Bundesregierung Sachverständigenrat für Umweltfra­
in seinen Empfehlungen zum Fortschrittbericht 2012 zur nationalen Nachhaltig­ gen (SRU): Ökologische Leitplanken
keitsstrategie mit der Frage auseinander, „...wie Umwelt- und Nachhaltigkeitsstra­ setzen, natürliche Lebensgrundla­
tegien systematisch ökologische Belastungsgrenzen reflektieren und adäquate gen schützen – Empfehlungen zum
Leitplanken für die Inanspruchnahme von natürlichen Ressourcen und Senken for­ Fortschrittbericht 2012 zur natio­
mulieren können“ (SRU 2011, S. 3) nalen Nachhaltigkeitsstrategie
15.09.2011.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die besondere Bedeutung der ökolo­
gischen Dimension: „ Wenn ökologische Grenzen nicht eingehalten, wichtige Na­
turgüter irreversibel geschädigt und sogar unvorhersehbare Veränderungsprozesse
ausgelöst werden, dann können auch ökonomische und soziale Nachhaltigkeits­
ziele nicht erreicht werden. Oberstes Ziel einer Politik für nachhaltige Entwicklung
muss daher der Schutz der Lebensgrundlagen in globaler Perspektive sein, wie di­
es seit dem Fortschrittsbericht 2008 (Bundesregierung 2008) auch hervorgehoben
wird. “ (SRU 2011, S. 3)

24
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Der SRU verändert daher das klassische Nachhaltigkeitsdreieck, sodass die Einbet­
tung menschlicher Aktivitäten in eine begrenzte natürliche Umwelt stärker heraus­
stellt wird. Damit soll die Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen stärker in
den Blick kommen.

Der SRU ist sich bewusst, dass es nicht einfach und national auch nicht allein zu Schon im Jahre 2000 forderte der
leisten ist, solche Leitplanken und vor allem Grenzwerte festzulegen. Aber er sieht Wissenschaftlicher Beirat der Bun­
die Möglichkeit, die im Fortschrittsbericht der Bundesregierung 2012 dargestellten desregierung Globale Umweltverän­
Indikatoren der Nachhaltigkeitsstrategie mehr in Richtung „Erhaltung der Lebens­ derungen im Hauptgtachten: „Welt
grundlagen“ so zu verändern, dass Schritt um Schritt langfristige, schutzgutorien­ im Wandel – Neue Strukturen glo­
tierte Leitplanken entwickelt werden können. baler Umweltpolitik“ (Berlin 2000)
ein“Leitplankenkonzept“.
Beispiel
(SRU 2011, S.10)

Indikator Beschreibung Ziele Begründung

Ressourcenschonung

Ökologischer Anteil der Wasser­ Bestehendes Ziel: Wichtiges Schutz­


Gewässerzustand körper im guten 100% im Jahr gut, bei dem öko­
ökologischen und 2015 (Wasserrah­ logische Ziele
chemischen Zu­ menrichtlinie) nicht eingehalten
stand (bzw. mit werden
guten ökolo­
gischen Potenzial

25
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.4 Green economy

Green Economy wird seit ein paar Jahren als Schlagwort gebraucht für ein vom Na­ Deutscher Industrie- und Handels­
turverbrauch entkoppelte Wirtschafswachstum. Ohne Wohlstandverzicht den Res­ kammertag (DIHK) 2011: Konferenz
sourcenverbrauch zu senken ist das Motto der im Rahmen des UNEP-Umweltpro­ Green Economy. Ein neues Wirt­
gramms entwickelten Konzeption.. schaftwunder. Bonn, BMBF

„Green Economy stellt zurecht die Wirtschaft in den Mittelpunkt für eine nachhal­ Philippe Thalmann, EPFL: Was hei­
tige Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Nur wirtschaftliches Wachstum inspiriert Un­ sst Green Economy? Eine Beurtei­
ternehmen zu einem effizienten technischen Fortschritt, zum Beispiel in Form von lung aus ökonomischer Sicht
Energie-, Rohstoff- und Material effizienz.“ (DIHK 2011 S.7) www.youtube.com

„Charakteristika der Green Economy


Green Economy charakterisiert angesichts der ökologischen Megatrends eine inno­
vationsorientierte Volkswirtschaft, die
• schädliche Emissionen und Schadstoffeinträge in alle Umweltmedien vermei­
det,
• die Kreislaufwirtschaft weiterentwickelt und regionale Stoffkreisläufe soweit Bundesministerium für Umwelt,
wie möglich schließt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
• den Einsatz nicht erneuerbarer Ressourcen weiter (absolut) senkt, (BMU)2012: Green Economy. Mit
• eine noch effizientere Nutzung von Energie, Rohstoffen und anderen natür­ CSR den Wandel gestalten. Bonn
lichen Ressourcen erreicht,
• nicht erneuerbare Ressourcen durch nachhaltig erzeugte erneuerbare Ressour­
cen kontinuierlich ersetzt,
• langfristig eine ausschließlich auf erneuerbaren Energien basierende Energie­
versorgung erreicht,
• grundsätzlich im Einklang mit Natur und Umwelt agiert und dabei die biolo­
gische Vielfalt sowie Ökosysteme und ihre Leistungen erhält und wiederher­
stellt.

... Dabei steht das Verhältnis zwischen Ökonomie und Ökologie im Mittelpunkt, je­
doch bestehen auch Bezüge zu sozialen Zielen, z.B. positive Beschäftigungsef­
fekte.“ Quelle: BMU

Es existieren allerdings berechtigte Zweifel, dass mit einer grünen Technologierevo­ Im Gutachten des Sachverständi­
lution und einer auf Ressourceneffizienz setzenden Wachstumsstrategie die abso­ genrats für Umweltfragen: Verant­
lute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zu erreichen wortung in einer begrenzten Welt,
ist. Bonn 2012 sind auf S. 365 verschie­
dene Verständnisse von „green
economy“ erläutert.

26
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Bisherige Untersuchungen – so Thalmann im YouTube-Film – zeigen, dass es eine Rio + 20, Hintergründe –
absolute Entkoppelung bisher nicht gibt. Selbst positive Beispiele erreichen bisher Konflikte – Perspektiven
nur eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, welche noch lange nicht nach­ Die UN-Konferenz für
haltig ist. nachhaltige Entwicklung 2012
Rio20-Report.pdf
Umfassende Nachhaltigkeitsstrategien müssen daher auch Suffizienzansätze be­
rücksichtigen, das heißt Ansätze eines qualitativen Wachstums statt eines quantita­
tiven durch Selbstbegrenzung, Konsumverzichts und der Entschleunigung (s. Nico
Paech, nächste Seite) – auch wenn dies schwierig ist und einen längerfristigen ge­
sellschaftlichen Bewusstseinswandel voraussetzt.

Wolfgang Sachs hatte bereits 1993, kurz nach dem ersten Rio-Gipfel, festgestellt:
„Einer naturverträglichen Gesellschaft kann man in der Tat nur auf zwei Beinen nä­
herkommen: durch eine intelligente Rationalisierung der Mittel wie durch eine
kluge Beschränkung der Ziele. Mit anderen Worten: die ‚Effizienzrevolution’ bleibt
richtungsblind, wenn sie nicht von einer ‚Suffizienzrevolution’ begleitet wird.“ (S.23)

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.5 Cradle to cradle – Wachstum durch Öko-Effizienz!

„Die jüngste Idee des Michael Braungart ist eine gefrorene Folie voller Pflanzensa­ Fuss, Holger: Die Klugheit des
men zur Verpackung von Eiscreme: „Sie reißen die Folie auf, schmeißen sie ins Kirschbaums.
nächste Gebüsch, und während Sie Ihr Eis lutschen, taut die Verpackungsfolie und Berliner Zeitung 14.4.2013
übrig bleiben die Pflanzensamen.“ (Fuss 2013)

Frage
Wer ist dieser Michael Braungart, vom dem Holger Fuss schreibt, er sei ein Öko-
Visionär?

Michael Braungart ist Chemiker und war früher Geenpeace Aktivist. 1987 gründete
Braungart in Hamburg das Forschungs- und Beratungsinstitut EPEA, dessen Dienst­
leistungen heute von vielen Firmen und Behörden in Anspruch genommen werden.
Er führt die Konsistenzstrategie ins Extreme mit der These, dass alle Verbrauchsgü­
ter sich im Stoffkreislauf befinden und nicht „upgecycled“ werden dürfen.

Vision
„Stellen Sie sich eine Welt vor, in der die Industrie, jede Fabrik und jedes Gebäude, Michael Braungart, William Mc
so verschwenderisch und nützlich ist wie ein Kirschbaum in voller Blüte. Eine Welt, Donough (2005): Einfach intelligent
in der Gebäude – genau wie Bäume – Solarenergie verwenden, Nahrung und Sau­ produzieren. BTV Berliner Taschen­
erstoff produzieren, Lebensraum für andere Lebewesen bieten, Wasser und Luft buch Verlag, Berlin.
reinigen und sich mit den Jahreszeiten verändern. Eine Welt ohne Umweltver­
schmutzung und Abfall, in der Produkte ausschließlich aus Materialien hergestellt
werden, die für die Menschen und ihre Umgebung förderlich und von hohem Wert
sind und daher in Kreisläufen geführt werden.
Eine Welt, in der die Menschen sich darüber freuen können, dass konsumfreudiges
Verhalten für ihre Umwelt förderlich ist und dass die Einschränkungen und Bemü­
hungen, die das gegenwärtige Vermeiden, Reduzieren und Sparen „der Umwelt zu­
liebe“ mit sich bringen, nur noch eine ferne Erinnerung sind. Das ist die Welt, die
das Cradle to Cradle®-Designkonzept uns eröffnet.
Die Begriffe „Öko-Effizienz“ und „Öko-Effektivität“ werden häufig fälschlicherwei­
se synonym benutzt. Es gibt jedoch einen großen Unterschied: Im Gegensatz zur
Minimierung der Stoffströme schlägt die Idee der Öko-Effektivität die Umwandlung
von Produkten und der damit zusammenhängenden Materialströme vor, wodurch Michael Braungart, William Mc
eine tragfähige Beziehung zwischen ökologischen Systemen und dem Wirtschafts­ Donough (Hrsg.) 2008: Die nächste
wachstum möglich wird. Das Ziel besteht nicht darin, den Materialstrom „von der industrielle Revolution: Die
Wiege zur Bahre“ zu verringern oder zu verzögern, sondern darin, zyklische Stoff­ Cradle-to-Cradle-Community. Euro­
wechselkreisläufe zu erzeugen, die eine naturnahe Produktionsweise ermöglichen päische Verlagsanstalt, Hamburg.
und Materialien immer wieder neu nutzen.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Die Ansätze zur Öko-Effizienz berücksichtigen lediglich quantifizierende Parameter, Schmitter, Ernst:
welche Probleme beschreiben, die es zu minimieren gilt (z.B. Emissionen von Revolutionär mit AchillesferseDER
Treibhausgasen), wohingegen der Ansatz der Öko-Effektivität auch qualifizierende RABE RALFNr. 155 - April/Mai 2010
Parameter einbezieht (z.B. das Einsetzen von Kohlendioxid als Nährstoff). Cradle to Die Berliner Umweltzeitung
Cradle®-Design überträgt das Prinzip „Qualität vor Quantität“ auf industrielle Sys­
teme. Materialien und Materialflüsse werden so entworfen, dass sie für die Rege­
neration und Erhaltung ihrer biologischen und technischen Quellen förderlich sind.
Dieser Ansatz befreit von der gegenwärtigen Verpflichtung, nachteilige Umweltaus­
wirkungen vermindern oder verlangsamen zu müssen. So wird eine Loslösung von
der gegenwärtigen Kultur des Schuldbewusstseins möglich.“
(http://epea-hamburg.org/index.php?id=154&L=4)

Eine wunderschöne Vision, in welcher Ernst Schmitter aber blinde Flecke wie die
„Wachstumsgläubigkeit“ und die Fehlannahme entdeckt, dass mit einer biotechno­
logischen Effizienz Gesellschaften verändert werden können.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

4.6 Postwachstumskritik

Niko Paech bezweifelt jedoch wie auch andere, sogenannte “Wachstumskritiker”, Paech, N. (2012): Befreiung vom
dass sich ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum ökologisch durchhalten läßt. Überfluss. Auf dem Weg in die
In seinem Buch “Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsö­ Postwachstumsökonomie, Mar­
konomie“ (Marburg 2012) erläutert er, dass die Effizienz- und Konsistenzstrategie burg.
durch Technik- und Systeminnovationen es nicht schaffen, sich in die Stoff- und En­
ergieströmen der Natur so einzubinden, dass sie langfristig nicht aufgebraucht
bzw. irreversibel zerstört werden.
Im besten Fall würde dies bedeuten, Wachstum von den natürlichen Ressourcen
zu entkoppeln.

Seiner Meinung nach kann aber ständiges Wirtschaftswachstum ökologisch nicht


entschärft, also ohne Übernutzung der Ressourcen durchgehalten werden.
Für ihn ist daher sowohl das Nachhaltigkeitsdreieck als auch das -viereck eine
falsche Darstellung, da beide auf der seiner Meinung nach falschen Prämissen be­
ruhen, dass alle Dimensionen gleichrangig sind.
Wie das Bild zeigt, ist für ihn die ökologische
Dimension die alles Handeln begrenzende,
der die anderen unterzuordnen sind. Ökologie

Ökonomie
Mit seiner Wachstumskritik zieht Nico
Paech die Konsequenzen aus der schon
1972 zum ersten Mal dargestellten Erkennt-
Soziales
nis über die „Grenzen des Wachstums“,
welche der Club of Rome Anfang der
neunziger Jahre wiederholt und in seiner
neusten Schrift 2012 nochmals eindringlich
vertieft hat.

„Die Versorgung einer bis 2050 um weitere 2 Milliarden Menschen wachsenden


Weltbevölkerung und der allgemeine Anstieg des Lebensstandards werden unsere
Fähigkeit zur Erhaltung bzw. Erneuerung dieser Naturgüter, von denen alles Leben
abhängig ist, auf eine schwere Probe stellen.“ Club of Rome 2012

Die Schweizer Ökonomin Christiane Busch-Luety kann als „Mutter“ einer so ver­
standen Nachhaltigkeit angesehen werden, denn sie hat als eine der ersten Ökono­ Busch-Lüty, Christiane (2000):
minnen ein Verständnis von Nachhaltigkeit publiziert, in dem die nicht monetarisier­ Natur und Ökonomie aus Sicht der
ten Leistungen der ökologischen Natur wie der Versorgungswirtschaft, als Ökologischen Ökonomie. in: Bart­
Produktivität verstanden, nicht nur in das ökonomische Denken einbezogen wer­ mann Hermann, John Klaus D.
den, sondern als zentrale Kategorien analytisch zugrunde zu legen sind. (Hg.): Natur und Umwelt. Aachen:
Sie trug wesentlich zur Gründung des Schweizer Netzwerks „Vorsorgendes Wirt­ Shaker, S. 13-44.
schaften“ bei.

>>> Fragen der Postwachstumsökonomie wird in Modul 3 ausführlich nach­


gegangen

30
M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

5. Rio+20: Die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung


2012 – Ein Schritt in die Zukunft?

Vom 20. bis 22. Juni 2012 fand in Rio de Janeiro die Konferenz der Vereinten Natio­ Rio20-Report.pdf
nen für nachhaltige Entwicklung statt. Zwanzig Jahre nach dem ersten Erdgipfel
von Rio und zehn Jahre nach dem Treffen in Johannesburg trafen sich dort erneut
Staats- und Regierungschefs aus aller Welt sowie Tausende Vertreter aus Politik, Zi­
vilgesellschaft, Wirtschaft und Medien, um über die Lösung globaler Zukunftspro­
bleme zu beraten.

Fragen
• Welche Ergebnisse brachte diese Konferenz?
• Wurde ein Fortschritt bzgl. nachhaltiger Entwicklung erreicht?

Positive Ergebnisse
Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der 12. Jahreskonferenz des Bundeskanzlerin Angela Merkel
Rates für Nachhaltige Entwicklung (Berlin 25.06.2012) sieht Wirtschaftswachstum und
„Die Ergebnisse von Rio bleiben hinter dem zurück, was in Anbetracht der Aus­ Nachhaltigkeit nicht als Gegensätze
gangslage notwendig gewesen wäre. Richtig ist aber auch, dass die Ergebnisse www.youtube.com/watch?v=
zumindest ein weiterer Schritt in die richtige Richtung sind. Ich will dazu drei Di9eahoB1Ew
Punkte nennen.
Erstens: die sogenannte Green Economy… Umweltschonendes Wirtschaften wur­
de von den Vereinten Nationen als wichtiges Instrument für eine nachhaltige Ent­
wicklung gewürdigt. Das heißt, Ökonomie und Ökologie werden nicht mehr als Wi­
derspruch, sondern als Einheit wahrgenommen.
Zweitens: Reformen der UN-Institutionen für Nachhaltigkeit und Umwelt.
Drittens: In Anlehnung an die bisherigen Millennium-Entwicklungsziele sollen nun
auch „Sustainable Development Goals“ erarbeitet werden.“

Misserfolg
Rio+20-Gipfel liefert keinen Rettungsschirm gegen Umwelt- und Klimakrise. EU RIO+20-Konferenz: Nachhaltige
und Deutschland müssen Vorreiterrolle zurückgewinnen Entwicklung? Der H1 Redakteur
Rio de Janeiro/Berlin: „In Rio wurden Profitinteressen vor den Schutz der Umwelt Sören Köpke berichtet von der
und vor die Interessen künftiger Generationen gestellt. Der Gipfel wurde den He­ Erfolglosigkeit der Konferenz
rausforderungen nicht gerecht“, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für www.youtube.com/watch?v=
Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zum enttäuschenden Ergebnis des giYnIho0Owg
Rio+20-Gipfels. „Blumige Absichtserklärungen und ein Aufguss früherer Gipfelbe­
schlüsse helfen dem globalen Ressourcenschutz nicht. Die Ergebnisse von Rio
nützen der Fischfang- und der Holzindustrie, den Palmölfirmen, den Profiteuren der
fossilen Energieerzeugung und den Öl- und Kohlekonzernen. Ein wirkungsvoller Kli­
ma-, Natur- und Ressourcenschutz ist auf der Strecke geblieben“, sagte Weiger.
www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/rio-20-gipfel-liefert-
keinen-rettungsschirm-gegen-umwelt-und-klimakrise-eu-und-deutschland-muesse/

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6. Nachhaltige Entwicklung – ein Leitbild für alle?

Probleme bei der Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung


Die mit Nachhaltiger Entwicklung verbundenen Aufgaben, zum einen ökono­
mische, ökologische und soziale Aspekte beim individuellen und gesellschaftliche
Handeln zu berücksichtigen und zum anderen die Effizienzstrategie, Konsistenz­
strategie und Suffizienzstrategie gleichzeitig zu verfolgen, sind nicht einfach. Denn
meist ist auch nicht eindeutig, wie in vielen Situationen zu entscheiden ist.

1. Problem: Aufgrund unterschiedlicher Interpretation von Nachhaltiger Ent- Nachlesen


wicklung (starke vs schwache Nachhaltigkeit) gibt es noch keine Leitbild Nachhaltigkeit [Broschiert]
allgemein akzeptierte Strategie, um in möglichst vielen Situationen Journal 360, 2/2000.
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns konkrete Mög-
lichkeiten aufzuzeigen.
2. Problem: Die Nachhaltiger Entwicklung innewohnenden Wertorientierungen
wie der Gerechtigkeitsimperativ treffen auf Widerstand und führen
zu Auseinandersetzungen um Ökologie und wirtschaftliches
Wachstum, wie die Auseinandersetzung um „green economy“
und noch stärker um qualitatives Wirtschaftswachstum zeigt.
3. Problem: Und sehr häufig stehen notwendigen Maßnahmen die eigenen
Bequemlichkeit, eigene Interessen oder Wünsche nach Konsum
und materiellem Wohlstand gegenüber.
4. Problem: Und manche sagen sogar: „Was interessiert uns die ferne Zukunft.
Wir wollen heute ohne Einschränkungen leben und konsumieren!“

Nachhaltige Entwicklung – Vision eines Aktionsprogramms


Aussagen wie diese machen deutlich, dass Nachhaltige Entwicklung kein fertig ge­
plantes und in allen Details akzeptiertes und von allen gewünschtes Handlungskon­
zept oder Aktionsprogramm ist, obwohl es so 1992 auf der Weltkonferenz in Rio de
Janeiro von über 180 Staaten verabschiedet wurde.

Nachhaltige Entwicklung als Leitbild


Es kann als ein Leitbild für all die Überlegungen, Diskussionen und Maßnahmen
betrachtet werden, die seit dieser Zeit weltweit in Gang gesetzt wurden. Es bün­
delt als „gemeinsamer Nenner“ die Vorstellungen und Hoffnungen der vielen Teil­
nehmerländer der Rio-Konferenz 1992 von einer (Welt-)Gesellschaft, die
• ökologisch verträglich wirtschaftet,
• technisch effizient arbeitet,
• sozial gerecht lebt.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

Was sind Leitbilder?


Leitbilder sind meist Vorstellungen, Ideen oder Visionen, die meist deshalb kon­
sensfähig sind, weil sie allgemein und wenig konkret sind.
Die Unbestimmtheit ist jedoch auch eine Schwäche, denn sie führt in dem Augen­
blick, in dem Konkretisierungen vorgenommen werden, zu einer Fülle an unter­
schiedlichen Interpretationen, die sich teilweise sogar widersprechen.

Aufgabe
Nachhaltige Entwicklung als Leitbild focussiert in einer immer komplexer wer­
denden Welt mit ihren Nord-Süd Gegensätzen, den oft widersprüchlichen und mit­
einander konkurrierenden Positionen und Zielen zwischen Ökonomie und Ökologie
sowie den immer deutlicher erkennbaren globalen Verflechtungen sowohl die
Wahrnehmung als auch das Denken auf eine neue Sichtweise dieser Probleme
und macht sie damit öffentlichen Diskussionen als auch demokratischen Entschei­
dungsprozessen leichter zugänglich.

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7. Literaturhinweise

• BMZ (Hrsg.): Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung.


Bonn 2007.
• Braungart, Michael; McDonough, William: Einfach intelligent produzieren. BTV
Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2005.
• Braungart, Michael; McDonough, William (Hrsg.): Die nächste industrielle Revo­
lution: Die Cradle-to-Cradle-Community. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg.
2008.
• Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU):
Green Economy. Mit CSR den Wandel gestalten. Bonn 2012.
• Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.): Be­
richt der Bundesregierung in Deutschland über die Konferenz der Vereinten Na­
tionen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Bonn o.Jg.
• Busch-Lüty, Christiane: Natur und Ökonomie aus Sicht der Ökologischen Öko­
nomie. n: Bartmann Hermann, John Klaus D. (Hg.): Natur und Umwelt.
Aachen: Shaker, 2000.
• Carson, Rachel: Der Stumme Frühling. München, Beck 1963.
• Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK): Konferenz Green Eco­
nomy. Ein neues Wirtschaftwunder. Bonn, BMBF 2011.
• Fuss, Holger: Die Klugheit des Kirschbaums. Berliner Zeitung 14.4.2013
• Hauff, Volker: Unsere gemeinsame Zukunft (Brundtland-Report). Greven. Eg­
genkamp 1987.
• Grober, Ulrich: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Be­
griffs. Frankfurt. Kunstmann 2006.
• Hamburgisches Weltwirtschafts Institut (HWWI): Nachhaltigkeit. Strategie
2030. Vermögen und Leben in der nächsten Generation. Eine Initiative des
Hamburgischen
• Weltwirtschafts Instituts und der Berenberg Bank. Hamburg 2010.
• Huber, Joseph: Nachhaltige Entwicklung. Strategien für eine ökologische und
soziale Erdpolitik. Berlin, Edition Sigma 1995.
• Joseph Huber: Nachhaltige Entwicklung durch Suffizienz, Effizienz und Konsi­
stenz. In: Peter Fritz et al. (Hrsg.): Nachhaltigkeit in naturwissenschaftlicher
und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart, 1995.
• IPPC: 4. Uno-Klimabericht. 2007
• Leitbild Nachhaltig-keit [Broschiert] Journal 360, 2/2000
• Marker, Moritz: Nachhaltigkeitsindikatoren aus theoretischer und praktischer
Perspektive – Ökonomische und soziale Kennzahlen für ein `Nachhaltigkeitsid­
nikatorenset‘ der Stadt Hamburg. Master-Thesis. Universität Oldenburg 2011.
• Mayer, Jürgen: Die Rolle der Umweltbildung im Leitbild nachhaltiger Entwick­
lung. In: A. Beyer (Hrsg.), Nachhaltigkeit und Umweltbildung (S. 25-49). Ham­
burg: Krämer 1998.
• OECD-Umweltausblick bis 2050 Die Konsequenzen des Nichthandelns. OECD
Publishing 2012.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

• Paech, Nico.: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsö­
konomie, Marburg 2012.
• Randers, Jorgen: 2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. Der
neue Bericht des Club of Rome. München Oekom 2012.
• Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU): Verantwortung in einer begrenz­
ten Welt, Bonn 2012
• Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU): Ökologische Leitplanken setzen,
natürliche Lebensgrundlagen schützen Empfehlungen zum Fortschrittbericht
2012 zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Berlin 2011.
• Schmidt-Bleek, Friedrich: „Wieviel Umwelt braucht der Mensch? Faktor 10 –
das Maß für ökologisches Wirtschaften“. München, DTV 1997.
• Schmitter, Ernst: Revolutionär mit Achillesferse. DER RABE RALF. Nr. 155 -
April/Mai 2010. Die Berliner Umweltzeitung
• Vester, Frederic: Vernetzt denken. Stuttgart. Klett 1978
• Von Carlowitz, Hans Carl: Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nach­
richt und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Herausgegeben
von Joachim Hamberger München, Oekom 2013.
• von Weizsäcker, Ernst Ulrich; Hargroves, Karlson; Smith, Michael: „Faktor Fünf.
Die Formel für nachhaltiges Wachstum.“ München, Droemer 2010.
• Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltverände­
rungen (WBGU): Armutsbekämpfung durch Umweltpolitik. Berlin 2004.
• Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltverände­
rungen: „Welt im Wandel – Neue Strukturen globaler Umweltpolitik“. Berlin
2000. World Commission on Environment and Development: Our Common Fu­
ture. Oxford. Oxford University Press, 1987
• Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie: „Zukunftsfähiges Deutschland
in einer globalisierten Welt“. Frankfurt, Riemann, 2008.

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M2 Nachhaltige Entwicklung als Leitbild

8. Linkliste

• Behlau, Lothar: Die Deimensionen der Nachhaltigkeit. Ein Überblick. Vortrag,


anlässlich der Münchner Wissenschaftstage 2012 am 20.10.2012 in München
(www.muenchnerWissenschaftstage.de/2012/upload/download/Behlau_Lo­
thar_Dimensionen_der_Nachhaltigkeit.pdf)
• Oxfam: „Menschen im Klimawandel“. Interaktive Weltkarte. www.oxfam.de/.
• Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der 12. Jahreskonferenz
des Rates für Nachhaltige Entwicklung. http://bundesregierung.de/Content/DE/
Rede/2012/06/2012-06-25-merkel-nachhaltigkeitsrat.html.
• Rio + 20. Hintergründe – Konflikte – Perspektiven. Die UN-Konferenz für nach­
haltige Entwicklung 2012. Rio20-Report.pdf
• Rio+20-Gipfel liefert keinen Rettungsschirm gegen Umwelt- und Klimakrise.
EU und Deutschland müssen Vorreiterrolle zurückgewinnen. www.bund.net/
nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/rio-20-gipfel-liefert-keinen-rettungs­
schirm-gegen-umwelt-und-klimakrise-eu-und-deutschland-muesse/
• Vereinte Nationen: Milleniumsentwicklungsziele.Bericht.2012. www.unric.org/
html/german/mdg/millenniumerklaerung.pdf

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Projektleitung und Projektkoordination

Achim Beule
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport

Thouretstraße 6
70173 Stuttgart

Telefon 0711 279-2890


Telefax 0711 279-2577

Achim.Beule@km.kv.bwl.de
www.km-bw.de

Prof. Dr. Hansjörg Seybold


Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd

Römerstraße 14
71665 Vaihingen/Enz

Telefon 07042 6921


Telefax 07042 6905

DrSeybold@web.de

Sollte trotz aller Bemühungen um Klärung von Urheberrechten ein Irrtum aufgetre­
ten sein, bitten wir darum, sich mit den Herausgebern in Verbindung zu setzen, da­
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