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Ludwig-Maximilians-Universität

Sommersemester 2012
Seminar: Grammatikunterricht
Dozent: Wolfgang Melchior
Thema: Der formale und der funktionale Grammatikunterricht
Referentin: Lisa Nöth, Marta Rojek, Michaela Warras
Datum: 03.05.2012

Formaler Grammatikunterricht

Karl Ferdinand Becker (Sprachforscher) stellte beim Unterricht in der deutschen Sprache fest, dass
eine grundlegende Grammatik fehlt. 1833 erschien sein „Leitfaden für den ersten Unterricht in der
deutschen Sprachlehre“.

Zeitrahmen Anfang des 19. Jh. bis in die 1950er (aber auch heute noch)
Vorbild Lateinunterricht
Zentrierung Lehrerzentrierung
Vorgehen deduktiv: kurze Erklärung eines grammatikalischen Phänomens mit
anschließender Anwendung in Übungen
Ausgangsmaterial Isolierte Beispielsätze
Medien vor allem Tabellen
Ziel alle Schüler sollen den Bau der Standardsprache umfassend kennen und
verstehen lernen;
Aneignung von Kategorien, Ordnungsmustern und Fachbegriffen
Kritik kaum Eigeninitiative der Schüler;
keine strukturellen Anknüpfungspunkte an andere Bereiche des
Deutschunterrichts;
keine Anwendungsbeispiele, Funktion des Sachverhalts wird nicht klar
Vorteile Systematik und Zusammenhänge werden erkannt
Grammatikalisches Phänomen wird eingeübt
Nicht-Muttersprachler profitieren von der Regelanwendung
(Ergebnisse können im Rechtschreibunterricht hilfreich sein)

Funktionaler Grammatikunterricht
Der funktionale Grammatikunterricht wurde in den 80er Jahren von Wilhelm Köller (Professor für
Sprachdidaktik, Semiotik und Sprachtheorie im Ruhestand) entwickelt. Das Buch „Funktionaler
Grammatikunterricht. Tempus, Genus, Modus: Wozu wurde das erfunden?“ erschien 1983, stellt eine
von mehreren Möglichkeiten dar, sich das Phänomen Grammatik theoretisch zu vergegenständlichen.

Zeitrahmen Zur Zeit der kognitiven Wende (1983) bis in die Gegenwart,
Konstuktivismus
Vorbild Theorie der kommunikativen Einheiten, Frage nach der Funktion von
Formen, Köller spricht nicht von grammatischen Formen, sondern von
grammaischen Zeichen
Zentrierung Lehrerzentrierung, zielt aber auch auf schülerseitige Erkenntnisse in Bezug
auf sprachliche Funktionen ab
Vorgehen systematisch, kaum induktiv-entdeckend, lebensnahe
Grammatikvermittlung bereits bekannter Phänomene, Orientierung am
Sprachgebrauch und an der Spracherfahrung, Einbettung der Grammatik in
Situationszusammenhänge ist unabdingbar, „Reflexion über Sprache“ (->
Sinnhaftigkeit sprachlicher Phänomene erkennen)
5 Prinzipien nach Köller:
1.Prinzip der Verfremdung: praktisch Bekanntem wird seine
Selbstverständlichkeit genommen
2. Prinzip der operativen Produktivität: produktives Denken über
Operationen (Umformen, Streichen, Ersetzen, usw.) an Sprache auslösen
3. Das funktionale Prinzip:
- Sprache wird in ihrem Werkzeugcharakter thematisiert
- Einbettung des Grammatikunterrichts in den allgemeinen Unterricht
4. Das integrative Prinzip: Einbettung grammatischer Fragestellungen
in übergeordnete (pragmatische, anthropologische) Zusammenhänge,
grammatisches Wissen als Arbeits- und Bildungswissen verstehen
5. Das genetische Prinzip: für SuS soll die Genese grammatischer
Begriffe nachvollziehbar werden
Ausgangsmaterial Texte
Medien Analysen und Interpretationen
Ziel Die Herausarbeitung des Instruktionspotenzials sprachlicher Ausdrücke
(handlungstheoretische Grundlage -> Wozu fordern gammatische Formen /
Zeichen auf?) sowie ihres kognitiven Differenzierungsgehaltes
(Ausdrucksmöglichkeiten im schriftsprachlichem Bereich zu verbessern).
4 übergreifende Unterrichtsziele:
1. Identifizierung: SuS sollen sprachliche Strukturmuster
(wieder)erkennen.
2. Perspektivierung: SuS sollen erkennen, dass sprachliche Zeichen
nicht Abbildung, sondern Interpretation der Wirklichkeit sind.
3. Funktionalität: Sus sollen die instruktiven und die kognitiven
Funktionen sprachlicher Zeichen in verschiedenen Äußerungssituationen
und Textsorten erkennen.
4. Sprachkritik: SuS sollen die missbräuchlichen Verwendungsformen
von sprachlichen Zeichen kennenlernen.

Kritik - nicht alle grammatischen Phänomene können erfasst werden


- SuS brauchen eine gewisse Regelhaftigkeit
- vermitteltes Wissen ist textuell und nicht grammatisch
- wenig Formbezug und Systematik
- problematische Anwendung bei Kindern mit Migrationshintergrund

Vorteile - vermittelt Sinnhaftigkeit grammatischer Phänomene


- verbessert das Spachverständnis (v. a. auch bei Migrationskindern)
- Orientierung am Sprachgebrauch und an der Spracherfahrung
- lebensnahe Grammatikvermittlung
- wartet nicht auf entsprechende Lerngelegenheiten

Literatur:
- Gornik, Hildegard: Methoden des Grammatikunterrichts, in: Bredel, Ursula et al.: Didaktik der deutschen Sprache, Bd. 2, 2. Aufl.
Paderborn 2006, S. 814-823
- Bredel, Ursula: Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht. Schöning 2007.