Sie sind auf Seite 1von 1

Zu Nietzsche, ein Bereiter der Postmoderne:

„Es gibt nur perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches


‚Erkennen‘; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte
kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für
dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser
‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“ Hinter jeder
Perspektive steht ein Wille, jeder Affekt öffnet ein Auge. Nur ein
kastrierter Intellekt wäre frei von Befehl und Begehren.

Nietzsche bietet hier schon das, was man später Diskursanalyse


nenne wird. Wir gewöhnen uns an Befehle der Macht, halten sie für
Argumente und vergessen die Gewalt in der Gewohnheit, bis wir die
Gesetze, die uns unterwerfen, als Ausdruck der eigenen Macht
empfinden. Das Vergessen des Ursprungs heiligt die Gewohnheit der
Macht und sichert ihre Erhaltungsbedingungen.
Wer Widerstand gegen jene Unterwerfung, die das Subjekt formiert,
leisten, also das Subjekt austreiben will, der muss „dem Herkommen
widerstreben“, den bösen Blick einüben.

Norbert Bolz, Ratten im Labyrinth