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Kanonisierungen in der DDR.

Dargestellt am Beispiel >sozialistischer Realismus<

MARTINA LANGERMANN (Berlin)

I.

Allgemein wird für die DDR die Existenz von vier verschiedenen Typen von Ka-
nones angenommen: der offizielle Kanon, zu dem sich Gegenkanones bzw. Ka-
nones mit den Eigenschaften der Subversivität und Opposition herausbildeten,
ein resistenter bürgerlich-humanistischer Kanon und ein sich in der Spätphase
der DDR herausbildender esoterischer Kanon, getragen von kleinen kulturellen
und politischen Gruppen. l Trotz zu benennender Einwände folgen wir2 der un-
terstellten These, daß Kanones in der DDR eine gesellschaftsstrukturierende
Kraft beizumessen ist. Die DDR-Gesellschaft war von der Idee einer Werte-Ge-
meinschaft geprägt und bildete darauf bezogene Identitäten aus.
Gegenüber der Klassifikation gibt es folgende Bedenken: Mit der Aufstel-
lung ist die Existenz einer führenden politischen Schicht im Gegensatz zu
unterschiedlichen sozialen, kulturellen Gruppen oder Milieus als Träger von
Kanones unterstellt, was die Vorstellung impliziert, wonach die Geschichte
der DDR-Gesellschaft als ein Nebeneinander von politischem Handeln der
Führungsschicht und sozio-kulturellen Traditionen zu beschreiben wäre. Sie
reproduziert eine Einteilung der künstlerischen Intelligenz in relativ starre
Gruppierungen und ist insofern ungeeignet, verschiedene Erscheinungsformen
des offiziellen (machtgestützten) Kanons zu betrachten und die gleichzeitig
existierenden unterschiedlichen Kanones, Formen ihrer Wechselwirkungen
und Bezogenheit, zu erfassen. Gerade dies zu versuchen, scheint jedoch wich-
tig, geht man davon aus, daß die DDR-Gesellschaft (wie wahrscheinlich alle
Gesellschaften mit totalitärem Anspruch bzw. fundamentalistischen Ausrich-
tungen) von Bemühungen um eine >diktatorische Gesellschaftkonstruktion< ge-
prägt war.

Vgl. Renate von Heydebrand, »Probleme des >Kanons< - Probleme der Kultur- und Bil-
dungspolitik«, in: Johannes Janota (Hrsg.), Methodenkonkurrenz in der germanistischen
Praxis, Vorträge des Augsburger Germanistentages 1991, IV, Tübingen 1993, 3-22.
2 Der Beitrag beruht wesentlich auf Diskussionen im Rahmen eines DFG-Projekts »Kanon
und Norm. Zur 1iterarischenlkulturellen Kommunikation in der SBZ/DDR« an der Hum-
boldt-Universität Berlin.
R. von Heydebrand (Hrsg.), Kanon Macht Kultur
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1998
Kanonisierungen in der DDR 541

An diesen Aspekt knüpfen Sozialhistoriker in der aktuellen Diskussion an,


indem sie wie folgt akzentuieren: »Das Besondere in der 40-jährigen Gesell-
schaftsgeschichte der DDR ist nicht, daß es der SED gelungen wäre, eine Ge-
sellschaft nach marxistisch-leninistischem Bauplan zu konstruieren. Das Beson-
dere ist vielmehr, daß dies mit historisch beispielloser Entschlossenheit versucht
worden ist.« Strukturelle Leistungsschwächen staatlicher Gewalt hätten, so Jes-
sen, ein Netzwerk informeller Strukturen entstehen lassen, was zu einer »spezi-
fischen Konstellation aus ideologiegeleiteter Formierung der Gesellschaft durch
die Parteidiktatur und den auf sie bezogenen informellen Handlungsnetzen« ge-
führt habe, wobei »die informellen Zusammenhänge nicht nur an die vorgefun-
denen Strukturen anknüpften und in ihnen agierten, sondern selbst strukturbil-
dend wirkten«.3
Eine zweite Überlegung bezieht sich auf die Grundannahme, für die DDR sei
eine weitgehende Durchdringung gesellschaftlicher Beziehungen mit herrschafts-
bezogenen Praxen und Bedeutungen vorauszusetzen. Folgt man der These, daß
das Besondere in der starken Bezogenheit auf die Herrschaft der Partei (SED)
lag, so lassen sich >herrschaftsabgewandte< Teile der DDR-Realität nur verein-
zelt ausmachen. Inwiefern >Kanones der Opposition oder Subversion< eigene
soziale und kommunikative Netzwerke ausbildeten, hing von verschiedenen
Faktoren ab. Einen der wichtigsten bildeten die verschiedenen Arten von
Öffentlichkeit und die damit verbundenen Freiräume sozialen Handeins. In der
DDR war sowohl soziales als auch literarisches Handeln, mit wenigen Ausnah-
men, auf den offiziellen Kanon und dessen mediale Vermittlung bezogen. Die
Begründung eigener Zusammenhänge ist erst in den 80er Jahren zu beobachten;
wobei jeweils zu fragen wäre, inwiefern es sich um Polemik gegen Formen des
offiziell Kanonisierten oder schlechthin um Ignoranz handelte. Es ist nicht zu-
fällig, daß Formen sozialen Ausstiegs oft die Voraussetzung für gewonnene >Un-
abhängigkeit< bildeten. Trotzdem entwickelten die Akteure einer >zweiten< (in-
offiziellen) Öffentlichkeit - anders etwa als in Polen - keine vergleichbaren
Netzwerke sozialer Absicherung und gesellschaftlicher Organisation. 4

3 Ralph Jessen, »Die Gesellschaft im Staatssozialismus. Probleme einer Sozialgeschichte


der DDR«, Geschichte und Gesellschaft 21 (1995),96-110, hier: 100.
Ein Beispiel, an dem sich die gegenseitige Abhängigkeit formeller und informeller Struk-
turen zeigen läßt, sind Veränderungen in der Kommunikation zwischen Autoren und Le-
sern. Briefe, in denen Leser den unmittelbaren Kontakt zum Autor suchten, hat es in der
DDR stets weit mehr gegeben als in westlichen Kulturen. Auffällig wird in den 70er Jah-
ren, daß nicht nur dies, sondern auch das Gespräch mit dem Autor immer mehr zu einer
Form wurde, in der Leser versuchten, staatliche Strukturen der Kommunikation (Ge-
spräche in zentralen Institutionen, organisierte Formen der Literaturkritik und Leserdis-
kussionen in zugelassenen Zeitschriften) zu umgehen, sei es durch abgelegene Orte, an
denen sie stattfanden, oder sei es durch die Organisation kleiner Kommunikationskreise
halböffentlichen Charakters. >Der Staat< seinerseits duldete diese Vorgänge bis zu einem
gewissen Grade, da er selbst nicht in der Lage war, innerhalb seiner Strukturen Angebote
zur Bewältigung von Konfliktstoffen des Alltags, von Fragen wie Leben im Alter, Leben
mit Behinderung oder als Angehöriger von Minderheiten usw. zu machen.
4 Vgl. Helmut Fehr, »Informelle Gruppen, Teil-Öffentlichkeiten und kollektive Mobilisie-
rungsprozesse«, Berliner Debatte INITIAL 4/5 (1995), 39-50, hier: 44.