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ALTHOCHDEUTSCH: PHONETISCHER BAU

Das Vokalsystem des Althochdeutschen

Das Vokalsystem des Althochdeutschen


hat folgenden Bestand:
1) die kurzen Vokale: a, o, u, e, i.
2) die langen Vokale: ā, ō, ū, ē, ī.
Zu den AHD Diphthongen gehören
ei, ou, io (iu), ia.
Der Kurzvokal e wird orthographisch unterschiedlich
wiedergegeben: als e, ё oder Ŧ. Das Ŧ ist Resultat des
germanischen Umlauts a > Ŧ unter der Einwirkung des i
oder j in der folgenden Silbe, in solchen Wörtern wie
Eltern, elend u.a. Es bezeichnet einen kurzen geschlossenen
Laut. Das ё (< G. e und i) bezeichnet einen kurzen offenen
Laut.
Langvokale können anders bezeichnet werden: â, ô, û, ê, î.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Umlaut
Der Wechsel der Stammvokale, der gewöhnlich
durch den Einfluss des Vokals einer folgenden
Silbe entsteht und als Mittel der Bildung neuer
grammatischer Formen dient.
Unter dem Umlaut im AHD versteht man den
kombinatorischen Wechsel der Vokale a/e (ä), o/ö,
u/ü, au/äu in Stammsilben: Die hinteren Vokale a,
o, u, au in den Stammsilben wurden zu vorderen
Vokalen Ŧ (ä), ö, ü, äu unter der Einwirkung von i (j)
in darauf folgender unbetonter Silbe.
Dieser frühere Umlaut wird in der deutschen
Sprachgeschichte als primärer Umlaut
oder i-Umlaut bezeichnet.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Der i-Umlaut

Der Umlaut begann bereits in


germanischer Zeitperiode, im AHD vollzog
er sich um 750 und war im 9. Jh
abgeschlossen. Er betraf vor allem das kurze
a, das sich zu e umwandelte, z.B.: AHD. gast
– gŦsti ‘Gast’ – ‘Gäste’, AHD. lamb – lŦmbir
‘Lamm’ – ‘Lämmer’, AHD. faran – fŦris, fŦrit
‘fahren’ – ‘fährst’, ‘fährt’ u.a.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Der i-Umlaut

Konsonantenverbindungen hs, ht, rw traten


zu dieser Zeit umlautverhindernd auf:
AHD. maht – mahtig ‘Macht’ – ‘mächtig’,
AHD. wahsan – wahsit ‘wachsen’ – ‘wächst’,
AHD. garwen – garwita ‘gar machen’.
Der Umlaut fehlte noch in solchen Fällen, wo
die i und j in unbetonten Silben durch eine oder
zwei Silben von dem Stammvokal getrennt
waren, z.B. AHD. mágatin ‘Mädchen’,
‘Mägdelein’, AHD. máhal(j)en ‘vermählen’ usw.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Der i-Umlaut

Seit dem Anfang des 10. Jhs wird der Umlaut


des langen ū orthographisch bezeichnet. Er wird
iu geschrieben, da zu dieser Zeit der alte
Diphthong iu durch Monophthongierung zu [ό]
wurde, wobei die alte Schreibung geblieben war.
So entstand das neue Phonem [ό], teils durch
Monophthongierung des Diphthongs iu, teils
durch den Umlaut des langen ū, z.B.:
AHD. hūs (Sing.) – hūsir (Pl.) >
(seit dem 11. Jh) hiusir [hόsir] >
(um die Mitte des 13. Jhs) [hόzir] ‘Haus –Häuser’
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Wandel der altgermanischen Diphthonge ai [ʭ] und au [ʯ]

Die Diphthonge ai [ʭ] und au [ʯ]


entwickelten sich zu Monophthongen. So
vollzieht sich im Altsächsischen der
Wandel: ai [ʭ] > ē1, au [ʯ] > ō, z.B. GOT.
laisjan – AS. lērian ‘lehren’, GOT. stain –
AS. stēn ‘Stein’. Im AHD trat diese
Monophthongierung nur positionsbedingt
ein.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Wandel der altgermanischen Diphthonge ai [ʭ] und au [ʯ]

Der Diphthong ai [ʭ] wurde im AHD


nur vor h, r, w zu ē1. In den anderen
Fällen näherte er sich nur zum Teil dem
ē1, indem die erste Komponente unter
dem Einfluss der zweiten gehoben wurde:
ai [ʭ] > ei [ʬ], z.B.:
ai [ʭ] > ē1 [ς]: GOT. laisjan – AHD.
lēran ‘lehren’;
ai [ʭ] > ei [ʬ]: GOT. dails – AHD. teil
‘Teil’
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Wandel der altgermanischen Diphthonge ai [ʭ] und au [ʯ]

Der Diphthong au [ʯ] wurde zu ō nur


vor h und den Dentalen d, t, s, n, r, l. In
den anderen Fällen näherte er sich dem ō
nur zum Teil, indem die erste
Komponente unter dem Einfluss der
zweiten gehoben wurde: au [ʯ] > ou [ʰ],
z.B.:
au [ʯ] > ō [π]: GOT. hauhs – AHD. hōh
‘hoch’;
au [ʯ] > ou [ʰ]: GOT. laufs – AHD. loub
‘Laub’
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Diphthongierung der langen Vokale ē2 und ō

Im Altsächsischen bleibt das lange ē1 im


Weiteren unverändert.
Im AHD erscheint auch noch das lange ē2.
Seine Diphthongierung beginnt am Ende des 8.
Jhs. In den Schriftdenkmälern kommt ē oder der
Diphthong ea, z.B. AHD. hēr, hear ‘hier’. Anfang
des 9. Jhs werden ē und ea zu ia: AHD. hiar, in
der 2. Hälfte des 9. Jhs wird ia zu ie: AHD. hier.
Das lange ō wurde im Fränkischen zu uo
diphthongiert, z.B. fuor ‘(ich) fuhr’. In anderen
deutschen Mundarten breitete sich die
Diphthongierung am Ausgang des 9. Jhs aus.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Im AHD sowie in anderen germanischen


Sprachen wirkte ein spezifisches
kombinatorisches Gesetz – Brechung, das als
eine Erscheinung der so genannten
Vokalharmonie betrachtet wird.
Dieses Gesetz wird wie folgt definiert:
Der kombinatorische Wandel der Vokale
in Stammsilben unter dem Einfluss
engerer oder breiterer Vokale der
nachfolgenden Silben
(Vokale in Endungssilben).
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Der vokalharmonische Ausgleich, zusammen-


gefasst unter dem Begriff Brechung, wird anders
auch altgermanische Brechung genannt. Diese
kann gezeigt werden am Vergleich der Wörter aus
dem Gotischen, wo sich der kombinatorische
Lautwandel solcher Art nicht vollzogen hatte, mit
den Wörtern aus anderen germanischen Sprachen,
z.B. aus dem Altenglischen, z.B.:
Got. sigis – AE. siŲe (Got. i vor i in der
nachfolgenden Silbe > AE. i); Got. quiĎan – AE.
cweİan (Got. i vor a > AE. e); Got. hulpum – AE.
hulpon (Got. u vor u > AE. u); Got. hulpans – AE.
holpen (Got. u vor a > AE. o).
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung
Der Lautwandel folgt nach dem Schema: e – i, o
– u, eo (io) – iu und stellt eine Art der mittelbaren
Assimilation dar:
а) dem indoeuropäischen Stammsilbenvokal е
entspricht das germanische i vor den Lauten i, j
oder der Konsonantenverbindung «Nasal +
Konsonant» (in anderen Fällen e = e), z.B.:
IE. e > G. i: L. medius – AE. midde – GwD. Mitte;
L. ventus – AE. wind – AHD. wint – AS. wind –
AIS. vindr;
IE. e > G. e: L. edere – AE. etan; L. ferre – AE.
beran – AHD., AS. beran.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung
Der AHD Stammsilbenvokal e wird zu i vor den
Lauten i, j der folgenden Silbe, z.B.:
AHD. e > i: AHD. geban (Infinitiv) – gibu, gibis,
gibit (1., 2., 3. Pers. Sg.); helfan (Infinitiv) – hilfu,
hilfis, hilfit (1., 2., 3. Pers. Sg.); herta – hirti; berg –
gibirgi; wetar – giwitiri; wert – wirdīg;
Assimilation zwischen zwei nichtbenachbarten
Lauten.
b) dem indoeuropäischen Stammsilbenvokal i
entspricht das germanische e vor dem Vokal der
tiefen Zungenlage a, z.B.:
IE. i > G. e: L. piper – AHD. pfeffar ‘Pfeffer’; L.
sinapis – AS. senep ‘Senf’;
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

c) dem indoeuropäischen Stammsilbenvokal u


entspricht das germanische u vor dem Vokal u oder
der Konsonantenverbindung «Nasal + Konsonant»
(in anderen Fällen u > o), z.B.:
IE. u > G. u: SS. sunus – GOT. sunus – AE., AHD.,
AS. sunu – AIS. sunr;
IE. u > G. o: L. iugum – AHD. joch – AS. ok.
Der AHD Stammsilbenvokal u wird zu o vor
dem Vokal der tiefen Zungenlage a, z.B.:
AHD. u > o: AHD. [helfan (Infinitiv) – half
(Imperfekt Sing.)] – hulfum (Imperfekt Pl.) –
giholfan (Part. II);
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

d) Der AHD Diphthong eu wird zu eo, io vor a,


e, o der folgenden Silbe (Senkung), z.B.:
AHD. eu > eo (io): AHD. beogan – biogan
‘biegen’;
e) Der AHD Diphthong eu wird zu iu vor i, j, u
der folgenden Silbe (Hebung), z.B.:
AHD. eu > iu: AHD. beogan ‘biegen’ – biugu
‘(ich) biege’, biugis(t) ‘(du) biegst’, biugit ‘(er)
biegt’.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Brechung im verbalen Paradigma.

Die thematischen starken Verben hatten


im AHD folgende Personalendungen:
Sing. Plur.
1. Person –u 1. –a-mēs (eines), –en
2. Person –i-s(t) 2. –et (at)
3. Person –i-t 3. –a-nt (e-nt)
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Die starken Verben mit dem Stammvokal im


Präsensstamm e, o, io in allen drei
Personalformen des Präsens konnten nur die
Vokale i, u, iu haben:
AHD. neman (nimu, nimis, nimit), helfan
(hilfu, hilfis, hilfit), biogan (biugu, biugis,
biugit), ziohan (ziuhu, ziuhis, ziuhit).
Die starken Verben mit dem Stammvokal a
wurden umgelautet unter der Einwirkung des i in
der Flexion:
AHD. faran (faru, fŦris, fŦrit), tragan (tragu,
trŦgis, trŦgit).
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

AHD. ziohan – zoh – zugum – gizogan;

biogan – boug – bugum – gibogan;

helfan – half – hulfum – giholfan;

flechtan – flaht – fluhtum – giflohtan


PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Anmerkung 1:

Die Verben der 1. Ablautreihe unterliegen


keiner Tonsenkung unter dem Einfluss des a
im Suffix -an, da diese Verben in allen
Grundformen außer dem ablautenden Vokal
noch einen epenthetischen Vokal i hatten:
AHD. stīgan – steig – stigum – gistigan;
scrīban – screib – scribum – giscriban.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Anmerkung 2:

Die Konsonantenverbindung «Nasal +


Konsonant» oder die Gemination von
Nasalen verhinderten die Brechung, da vor
diesen Verbindungen nur hohe Vokale
gesprochen wurden: AHD. bintan – bant –
buntum – gibuntan; rinnan – ran – runnum –
girunnen.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

a) AHD. gold – guldīn (Gold –


bei Adjektiven: golden);
AHD. erda – irdisc (Erde –
irdisch);
AHD. kraft – krŦftīg (Kraft –
kräftig)
b) AHD. warm – wŦrmī (warm –
bei Substantiven: Wärme);
AHD. kalt – kŦltī (kalt – Kälte)
c) AHD. chennan aus GOT.
bei Verben: *kannjan;
AHD. se₣₣en aus GOT. *satjan
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Brechung

Der Umlaut rührt bei der


Formbildung der Adjektive und
Adverbien (Steigerungsstufen) von
den Suffixen -iro, -isto her, z.B.:
AHD. hoh – hohir – hohisto;
AHD. kalt – kŦltir – kŦltisto usw.
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Vokaldehnung durch Nasalschwund

Die Dehnung eines Lautes beim


Ausfall eines anderen Lautes,
z.B. Dehnung eines der Gruppe
von Konsonanten vorausgehenden
Vokals als Resultat
der Vereinfachung dieser Gruppe
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Vokaldehnung durch Nasalschwund

Die Ersatzdehnung vollzieht sich in allen


westgermanischen Sprachen, z.B.:
GOT. Ďagkjan [┐εaαkẅan] ‘denken’: *Ďanhta
[┐εaαxta] > *Ďahta [┐εãxta] > Ďāhta [┐εʦxta]
‘(ich) dachte’;
AHD. thenken [┐εenken] ‘denken’: *thanhta
[┐εaαxta] > *thahta [┐εãxta] > thāhta
[┐εʦxta] ‘(ich) dachte’;
AE. İencan [┐εeαkan] ‘denken’:*İonhta
[┐εoαxta] >*İohta [┐εõxta] > İōhte [┐επxte]
‘(ich) dachte’
PHONETISCHE PROZESSE
IM ALTHOCHDEUTSCHEN VOKALSYSTEM
Vokaldehnung durch Nasalschwund

Latein:

īdem < *isdem;


sēdecim < *sexdecim;
āmittere < *apsmittere, *absmittere;
sanguīs < *sanguins