Sie sind auf Seite 1von 25

ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU

Substantiv

Das AHD Substantiv hatte die


dreiteilige Wortstruktur
(Wurzel + Thema + Endung)
Der Themavokal war aber schon nicht
in allen Kasusformen zu finden.
Im AHD wurden die Deklinationstypen
in vokalische und konsonantische geteilt.
Die vokalischen Stämme waren: a- (ja-,
wa-), ō- (jō-), i- und u-Stämme, die
konsonantischen hauptsächlich n-
Stämme.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Substantiv

Der bestimmte Artikel ther, thiu, tha₣

AHD. Sum man habeta zuuene suni.


Quad thō der iungōro fon then themo
fater...
‘Ein Mann hatte zwei Söhne. Da sagte
der Jüngere von ihnen dem Vater...’
AHD. Furfarenti gisah man blintan
‘Im Vorbeigehen sah er (einen) blinden
Mann’
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Substantiv

Artikellos sind
die Abstrakta: AHD. forhta
‘Furcht’, maht ‘Macht’, guot ‘das
Gute’;
die Stoffnamen: AHD. silabar
‘Silber’, uuīn ‘Wein’;
die Unika: AHD. erda ‘Erde’,
himil ‘Himmel’ u.a.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Substantiv

AHD. Uuir uui₣₣en, da₣ tia erda


da₣₣ uua₣₣er umbegāt unde der
fierdo teil nahōr obenān erbarōt ist,
an demo si₣₣ent tie mennisken
‘Wir wissen, dass die Erde von dem
Wasser umgeben ist und dass etwa
der vierte Teil davon oben nicht
bedeckt ist, dort leben die
Menschen’
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Substantiv

Vereinzelte Formen
des unbestimmten Artikels:
AHD. Einan kuning uuei₣ ih,
heizsit her Hluduīg
‘Ich weiß einen König, er heißt
Ludwig’
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Adjektiv
Im AHD gab es für die Bildung der
Steigerungsstufen zwei parallele Möglichkeiten:
1) Suffixe -ir(o) (für Komparativ) und -ist(o) (für
Superlativ);
2) Suffixe -ōr(o) (für Komparativ) und -ōst(o) (für
Superlativ).
Die Steigerungsstufen der Adjektive mit den
Suffixen -ir(o) und -ist(o) hatten den Umlaut der
umlautfähigen Wurzelvokale, mit -ōr(o) und -ōst(o)
keinen Umlaut, z.B. AHD. lang – lŦngir – lŦngisto;
alt – Ŧltir – Ŧltisto.
Aber zur AHD Periode hatten die langen Vokale
noch keinen Umlaut, z.B. AHD. lut – lutir – lutisto;
hoh – hohir – hohisto.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Adjektiv
Sprach
Positiv Komparativ Superlativ
periode
AHD. guot (ba₣) be₣₣iro be₣₣isto
NHD. gut besser (der) beste
AHD. mihhil (groß) mero meisto
NHD. viel mehr am meisten
AHD. lu₣₣il (klein) minniro minnisto
NHD. wenig minder am mindesten
aber auch:
NHD. wenig weniger am wenigsten
und:
NHD. klein kleiner am kleinsten
AHD. ē/baldo ēr ērist
NHD. bald eher am ehesten
AHD. gerne/liob liobiro liobisto
NHD. gern lieber am liebsten
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Numerale
GwD. eins; GOT. ains; AE. ān; IE. oinos; ASL. inŭ;
GwR. один;
GwD. zwei; AHD. zwō, zwā, zwēne; GOT. twai,
twos, twa; SS. dwa; GwR. два; L. duo;
GwD. drei; AHD. drī; GOT. Ďreis; SS. tri; L. tres;
ASL. trīje; GwR. три;
GwD. vier; AHD. fior; AS. fi(u)war; GOT. fidwōr
(fidur) durch die Formen petwor < qetwor zu L.
quattuor; SS. catur; ASL. četyri; GwR. четыре;
GwD. fünf; AHD. funf (finf); GOT. fimf; vorgerm.
pempe (penqe); SS. pañca; L. quinque (für pinque);
GwR. пять;
GwD. sechs; AHD. sehs; GOT. saíhs; SS. sas; L.
sex; ASL. šesti; IE. seks; GwR. шесть;
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Numerale

GwD. sieben; AHD. sibun; GOT. sibun; SS.


sapte; L. septem; ASL. sedmi; GwE. seven;
GwR. семь;
GwD. acht; AHD. ahto; GOT. ahtau; L. octō;
GwD. neun; AHD. niun, niwan; GOT. niun;
AE. niΓon; AS. nigun; L. novem; GwE. nine;
GwD. zehn; AHD. zehan; GOT. taíhun; AE.
tien, tŢn; AGR. dēka; L. decem; ASL. desetĭ;
GwR. десять.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Numerale

Die Zahlwörter elf und zwölf sind


germanischer Herkunft.
GwD. elf; AHD. einlif; GOT. ainlif; AE.
ānleofan; GwE. eleven; IE. lik; G. lif (hatte
die Bedeutung ‘übrig sein’, also elf heißt ‘eins
darüber’, ‘noch eins’);
GwD. zwölf; AHD. zwelif; GOT. twalif; AE.
twelf; GwE. twelve (aus G. twa+lif, was
bedeutete ‘zwei darüber’, ‘noch zwei’);
Das Suffix zur Bildung der Zehner GwD. -zig
(AHD. -zug; MHD. -zic) ist eine Nebenform
von AHD. zehan; GOT. taíhun.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Ablautreihen der starken Verben im Althochdeutschen
Präsens- Prät. Sg. Part.
Abl. Prät. Pl.
Stamm Stamm Stamm
reihe Stamm
1. Vollstufe 2. Vollstufe Schwundstufe
IE. e + λ > IE. a + λ > AHD. ai > λ>i λ>i
I ei > G. ī ei / (h, r, w + ē) (Schwundstufe) giscriban,
scrīban, līhan screib, lēh scribum, lihum gilihan
e + ∏ > iu / eo a + ∏ > AHD. au > ∏>u u > o, d.h.
> io ou / (h, Dentales (Schwundstufe) Vokalsenkung
+ ō) unter Einfluss
II des a im Suffix
-an
biogan, boug, bugum, gibogan,
gio₣an gō₣ gu₣₣um gigo₣₣an
1. u > o, d.h.
e / e > i (vor n, a u (vor den
Vokalsenkung
m), d.h. Sonanten)
(+ r, l) vor a des
Vokalhebung (Schwundstufe)
III Suffixes -an;
2. u (vor n, m)
helfan, half, hulfum,
giholfan,
bintan bant buntum
gibuntan
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Ablautreihen der starken Verben im Althochdeutschen

1. e (+ n, m, r,
1. a (+ n, m, r, l); G. ē1 > ā (+ n, m, AHD. u > o (+ n,
l); 2. a r, l) m, r, l)
2. e (Dehnstufe) vor dem Suffix -
IV
an
neman, nam, nāmum, ginoman,
sprechan sprach sprāchum gisprochan
e+ a + Geräuschlaut G. ē1 > ā (+ e + Geräuschlaut
Geräuschlaut Geräuschlaut) (wie 1. Vollstufe)
V
(Dehnstufe)
geban gab gābum gigeban
a G. ō > AHD. uo G. ō > AHD. uo a (wie 1.
VI (Dehnstufe) (Dehnstufe) Vollstufe)
faran fuor fuorum gifaran
= Part. Stamm 1. ia; 2. ie > io 1. ia; 2. ie > io = Präsensstamm
VII lā₣₣an, lia₣, lia₣₣um, gilā₣₣an,
loufan liof liofum giloufan
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Der Rückumlaut

Die Definition des von J.Grimm empfohlenen


Terminus Rückumlaut (обратный умлаут):
der Wechsel der Stammvokale e-a in den
infinitivischen und präteritalen Formen bei den
schwachen Verben der 1. Klasse, den jan-
Verben, als Resultat der Einwirkung des j auf
den Stammvokal a im Infinitivsuffix.

z.B. GOT. satjan – AHD. se₣₣en (Infinitiv) –


sazta (Präteritum); GOT. branjan – AHD.
brennen (Infinitiv) – branta (Präteritum).
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
j-präsentische Verben
Die meisten Verbalableitungen mit dem Suffix -jan
und mit den Suffixen -ōn und -ēn bilden die
entsprechenden 1., 2. und 3. Klassen von
schwachen Verben. So sind also die Verben der 1.
Klasse alle j-Präsentia, z.B. GOT. satjan – AS.
settian – AHD. se₣₣en – GwD. setzen; GOT. faljan –
AS. fellian – AHD. fellen – GwD. fällen.
Zu j-Präsentia gehören einige starke Verben. z.B.
AHD. si₣₣en (aus *setjan), AHD. bitten (aus GOT.
*bidjan), AHD. liggen (aus GOT. *legjan) – 5.
Ablautreihe mit der Brechung (Tonerhöhung) des
Stammvokals; AHD. skephen (aus GOT. *skapjan),
AHD. heffen (aus GOT. *hafjan) – 6. Ablautreihe
mit dem primären Umlaut des Stammvokals.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
j-präsentische Verben

1) adverbale Ableitungen:
GwD. führen – MHD. vüeren – AHD. fuoren <
faran – fuor; AS. fōrian;
GwD. setzen – MHD. setzen – AHD. se₣₣en <
si₣₣en – sa₣; GOT. satjan;
GwD. (über)schwemmen aus AHD. swimman –
swam; GOT. *swamjan.
2) adnominale Ableitungen:
GWD. hören < GOT. hausjan (< IE. ous ‘Ohr’);
GwD. wärmen < GOT. warmjan (< warm
‘warm’);
GwD. füllen < GOT. filjan (< ful ‘voll’).
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
j-präsentische Verben

GwD. kennen < GOT. kanjan (< kunnan – kann


‘können’ – ‘kann’), AHD. kennen – kannta –
gikannt;
GwD. rennen < GOT. ranjan (< rinnen – ran
‘rinnen – rann’), AHD. rennen – ranta – girant;
GwD. senden < GOT. sandjan (< *sinĎan – sanĎ
‘gehen/reiten’), AHD. senden – sandta – gisandt;
GwD. wenden < GOT. wantjan (< *windan –
want ‘winden’), AHD. wenden – wandta –
giwandt;
GwD. nennen < GOT. namnjan (< *namo
‘Name’), AHD. nennen (nemnen) – nannta –
ginannt.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Unregelmäßige Verben. Präteritopräsentische Verben
Ablaut
Präteritopräsentia Übersetzung
reihe
I wi₣₣an – wei₣/wi₣₣um ‘wissen’
– giwi₣₣an
II kunnan – ‘können’, ‘wissen’
kann/kunnun –
III durfan – darf/durfun – ‘dürfen’, ‘nötig
haben’
IV sculan/scolan – ‘sollen’
scal/sculun –
V magan – mag/magun ‘können’,
(mugun) – ‘vermögen’
VI muo₣an – ‘mögen’,
muo₣/muo₣un – ‘Gelegenheit haben’
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Unregelmäßige Verben. Athematische Verben

1. Das Verb sīn, wesan ‘sein’ (verbum


substantivum).
Das Paradigma dieses Verbs wird suppletiv
aus drei Wurzeln zusammengestellt: aus der
Wurzel sīn (IE. *es), der Wurzel IE. *bhu und
der germanischen Wurzel wesan (vgl. GwR.
есть – быть – был).
Das Verb wesan war ein regelmäßiges starkes
Verb der 5. Ablautreihe: AHD. we₣an (wesan)
– wa₣ (was) – wārum – (Part. II fehlte im
AHD und erschien im MHD gewesen, gesīn).
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Unregelmäßige Verben. Athematische Verben

2. Die Verben gān – gēn ‘gehen’ und stān –


stēn ‘stehen’.
Die kurzen Formen des Infinitivs dieser
Verben gān – gēn und stān – stēn dienten zur
Bildung des Präsens, wobei zur Bildung aller
anderen Formen die vollen Infinitivformen
der starken Verben gangan und stantan
verwendet wurden: AHD. gangan – gieng –
giengum – gigangan (7. Ablautreihe); AHD.
stantan – stuont – stuontum – gistantan (6.
Ablautreihe)
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Unregelmäßige Verben. Athematische Verben

3. Das Verb tuon ‘tun’.


Es weist ein scheinbar dentales Suffix -t in
präteritalen Formen auf. Die präteritale
Form tat ist mit Hilfe der Reduplikation
gebildet: AHD. tuon – teta – tātum – gitan.
Alle athematischen Verben hatten in der 1.
Person Sg. die Flexion -m, wo andere Verben
die Endung -n hatten: z.B.
AHD. 1. Pers. Sg. bim – gēm – stām – tuom
(GwR. есть – я ем);
AHD. 2. Pers. Pl. birum – gēmēs – stāmēs –
tuomēs.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Unregelmäßige Verben. Athematische Verben

4. Das Verb wellen ‘wollen’.


Dieses Verb nimmt eine besondere Stelle
unter den Verben dadurch ein, dass das
Präsens des Verbs wollen aus dem alten
Konjunktiv entstanden ist (vgl. GwR. я
хотел бы anstatt я хочу). Später ist diese
Konjunktivform als Indikativ umgedeutet
worden. Das Präteritum volta, volti, ī wurde
bei schwachen Verben konjugiert. Später
wurde der Stammvokal des Präteritums auf
das Präsens übertragen.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Entwicklung der analytischen Formen des Verbs

1) Uua₣ tha₣ folc beitōnti Zachariam ‘das Volk war


wartend auf Zacharias’.
2) Inti nu uuirdist thū suīgēnti ‘nun aber wirst du
schweigend’.
3) Argangana uuārun ahtu daga ‘es waren acht
Tage vergangen’.
4) Thu scalt beran einan allawaltenden ‘du sollst
einen Allmächtigen gebären’.
5) Hērro, senu thīn mna, thia ih habēta gihaltana in
suei₣douhhe ‘Herr, da ist deine Münze, die ich im
Schweißtuche verwahrt hatte’.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Entwicklung der analytischen Formen des Verbs

Perfekt und Plusquamperfekt


AHD. Phīgboum habēta sum giflanzōtan in
sīnemo uuīngarten ‘ein gewisser (Mann)
hatte einen Feigenbaum, gepflanzt in seinem
Garten’.
Habēn ist ein Prädikat, das ein
Akkusativobjekt phīgboum regiert;
giflanzōtan ist ein Partizip II (< phlanzōn
‘pflanzen’), das als Attribut zum Substantiv
phīgboum auftritt und mit ihm in Kasus,
Zahl und Geschlecht konjugiert.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Entwicklung der analytischen Formen des Verbs

Das Perfekt und das Plusquamperfekt mit


dem Hilfsverb sīn, wesan ‘sein’ entwickeln
sich aus dem nominalen Prädikat, das in
seinem Bestand ein Partizip II vom
intransitiven terminativen Verb hat: AHD.
Diu marha ist farbrunnan ‘das Land ist (ein)
verbranntes’.
Ein Beispiel des Perfekts und des
Plusquamperfekts mit dem Hilfsverb
uuerdan ‘werden’: AHD. uurden taga
gifulte… ‘die Tage waren vollendet…’.
ALTHOCHDEUTSCH: GRAMMATISCHER BAU
Die Entwicklung der analytischen Formen des Verbs
Das Passiv
Zuerst entwickeln sich die Verbindungen sīn,
wesan ‘sein’ + Partizip II, z.B. AHD. gihōrit ist
thīn gibēt ‘dein Gebet ist gehört’.
Entscheidend für die Entstehung der
Korrelation «aktiv-passiv» war der Gebrauch
der Partizipien II von transitiven Verben in
Verbindung mit dem Verb werdan ‘werden’, die
sich zur gleichen Zeit mit der Verbindung sīn,
wesan ‘sein’ + Partizip II entwickelte, z.B.
AHD. Denne uurdit untar in uuīc arhapan
‘dann wird ein Kampf zwischen ihnen
begonnen’.