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Gerd Breitenfeld

Fahrt nach Futuras!

Roman

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Kontrast Verlag
D-56291 Pfalzfeld
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Alle Rechte vorbehalten
Titelgestaltung: Gerd Breitenfeld/MVC
Alle Rechte vorbehalten

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Die bürgerliche Demokratie ist wahrscheinlich die größte
politische Leistung der menschlichen Zivilisation. Aber das
zeigt nur, wie unzivilisiert wir noch sind.

Daniela Dahn

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An Bord von Futuras 4

Das Unglaubliche wurde Wirklichkeit: unser Raumschiff Fu-


turas 4 raste mit seinen zwölf Besatzungsmitgliedern - sechs
Männern und sechs Frauen - mit Ultralichtgeschwindigkeit
durch das Weltall! Wir waren zwar nicht mehr die ersten
Menschen, die unser Sonnensystem verlassen hatten, aber es
gab nur wenige vor uns, die sich diesen fantastischen Traum
der Menschheit erfüllen konnten.
Seit die Astronomen erkannt hatten, dass selbst die
höchste vorstellbare Geschwindigkeit, nämlich die des
Lichtstrahls, nicht ausreicht, innerhalb der langen Zeit eines
ganzen Jahres auch nur den allernächsten Stern außerhalb
unseres Sonnensystems zu erreichen, galt jeder Gedanke an
eine Reise in diese fernen Welten als pure Spekulation oder
utopische Spinnerei. Auch eine Funkverbindung erschien
nahezu aussichtslos. Doch mit der Entdeckung des Trans-
photoneneffekts keimten erste Hoffnungen. Und als es vor
wenigen Jahren gelang, einen für Ultralichtgeschwindigkei-
ten ausgelegten Antrieb zur Einsatzreife zu bringen, eröffnete
sich der Menschheit erstmals die reale Möglichkeit, Sterne
zu erreichen, die mehrere Lichtjahre von der Erde entfernt
waren. Die biologisch-medizinischen Probleme oder die
Fragen autonomer Versorgung waren schon lange vorher
für die Langzeitflüge im erdnahen Raum gelöst worden.
So konnte man nun mit großer Spannung die ersten Starts
interstellarer Raumschiffe erwarten, die neue Erkenntnisse
über Spuren außerirdischen Lebens über das Geschehen
im Weltall bringen sollten. Vor allem aber ging es um die
Erforschung der Möglichkeiten, fremde Welten sinnvoll für
die Menschheit zu nutzen.
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Als erstes Ziel wurde von der Internationalen Raumfahrt-
behörde einer der nächstliegenden Fixsterne ausgewählt, das
Sonnensystem Alpha Centauri. Das besondere Interesse galt
dabei mehreren Planeten, von denen wiederum einer, der den
Namen Futuras trug, wegen seiner erdähnlichen Atmosphäre,
seiner Schwerkraftverhältnisse und der gemessenen Durch-
schnittstemperatur gute Bedingungen für die Entwicklung
von Lebensformen zu bieten schien. Einige - allerdings sehr
umstrittene - Beobachtungen ließen sogar auf die Existenz
intelligenter Wesen auf Futuras schließen.
In vierteljährlichen Abständen waren vor uns die Schwes-
terschiffe Futuras 1, 2 und 3 gestartet. Futuras 1 sollte in
geringem Abstand den Planeten umrunden und auf dem
Rückflug an den exakt berechneten Begegnungspunkten die
nachfolgend geplanten Raumschiffe über seine Beobachtun-
gen informieren.
Futuras 2 konnte - entsprechend den so erhaltenen Infor-
mationen - nach eigener Entscheidung kurzzeitig landen, um
Luft- und Bodenproben aufzunehmen. Das dritte Raumfahr-
zeug schließlich hatte zur Aufgabe nach Auswertung der Er-
kenntnisse seiner beiden Schwesterschiffe, bei einer gezielten
Landung biologische Substanzen, technische Einrichtungen
oder andere Zeugnisse bestehenden oder vergangenen Lebens
an Bord zu nehmen und zur Erde zu bringen.
Für unser Raumschiff Futuras 4 ergab sich keine Aufga-
benerweiterung. Wegen der immer noch langen Flugzeiten
infolge der großen Entfernung vom Heimatplaneten war es
jedoch erforderlich, ein Rettungsfahrzeug im Operations-
gebiet zu haben, das bei technischen Defekten oder anderen
Störungen rechtzeitig Hilfe leisten konnte. Sollte - wie wir

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alle hofften - keine Rettungsaktion erforderlich werden,
so würden wir wie Futuras 3 landen und die Ausbeute an
wichtigen Substanzen und Materialien vergrößern. Unsere
Besatzung - alles erfahrene Astronauten - hatte das erste
Jahr ihrer so ungewöhnlichen Reise recht gut überstanden.
Die natürliche Erregung beim Abschiednehmen auf der Erde
und die Anspannung beim Start von der Orbitalstation lagen
weit hinter uns. Es war zunächst schwierig, sich auf die Ein-
tönigkeit des gleichförmigen Fluges in den darauffolgenden
Tagen, Wochen und Monaten einzustellen und erforderte von
den auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen
ein Höchstmaß an Selbstdisziplin. Dabei waren nicht nur
die zahlreichen, routinemäßigen Kontrollen der technischen
Einrichtungen, sondern auch notwendige Übungen zur Er-
haltung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit
pedantisch genau durchzuführen. Während des Fluges, der
jedem wie eine Ewigkeit vorkam, geschah nichts, aber auch
gar nichts Aufregendes. Deshalb spielten in den täglichen
Arbeitsbesprechungen, die der Kommandant Oliver Nord
mit sachlicher Konsequenz leitete, bereits geringfügige Ver-
änderungen im Tagesablauf, selbst sogar Anregungen oder
Gedanken dazu, eine Hauptrolle.
Doch je mehr wir uns dem System Alpha Centauri näher-
ten, wurden diese Besprechungen zunehmend zum Forum für
Überlegungen zu den zu erwartenden Aufgaben und Even-
tualitäten am Ziel unserer Fahrt. Dabei wurde uns mehr und
mehr bewusst, wie sehr wir immer noch im Dunkeln tappten.
Wir kannten - wie bereits vor dem Start - nur die astronomi-
schen Erkenntnisse auf Grund der Beobachtungen aus dem
erdnahen Raum heraus. Als wir den Begegnungspunkt mit
Futuras 1 passierten, gelang nicht einmal eine Kontaktauf-
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nahme, geschweige denn eine Informationsübermittlung.
Wir führten das auf den bei den hohen Geschwindigkeiten
der aneinander vorbeirasenden Raumschiffe sehr engen
Kommunikationskorridor zurück, der bei geringsten Kurs-
oder Zeitabweichungen nicht mehr für eine Funkverbindung
ausreicht.
Als sich der Zeitpunkt für die Begegnung mit Futuras 2
näherte, wich unsere Funkerin Mika Musalkova Tag und
Nacht nicht von ihren Geräten, aber wir mussten erneut eine
Enttäuschung hinnehmen. Keinerlei Signal erreichte uns.
Also hofften wir auf Futuras 3, das uns die umfangreichs-
ten Informationen, auch die von den Vorgängern erhaltenen,
übermitteln würde. Allerdings erstreckte sich die Zeit einer
möglichen Verbindungsaufnahme über mehrere Wochen, da
die Dauer des Aufenthaltes auf dem Planeten weitgehend
der eigenen Entscheidung der Besatzung überlassen war.
Sollte Futuras 3 günstige Bedingungen bei seiner Landung
vorgefunden haben, wäre es im Extremfall sogar möglich,
dass unsere beiden Schiffe erst bei unserer Ankunft im pla-
netaren Raum in Verbindung treten konnten. So blieb uns
immer noch ein wenig Hoffnung, auch wenn die zierliche
Tschechin am Funkgerät seit dem Eintritt in die Phase einer
möglichen Funkverbindung auf unsere fragenden Blicke hin
nach wie vor nur die Schultern hob oder den Kopf schüttelte.
Unter diesen Umständen musste von uns auch ins Auge
gefasst werden, dass allen drei Schiffen etwas Ernsthaftes
zugestoßen sein konnte. So schob sich allmählich unsere
eigentliche Aufgabe wieder in den Vordergrund, von der
wir gehofft hatten, dass sie nie Realität werden würde: Die
Rettung unserer in Gefahr geratenen Kameraden.

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Daraus ergaben sich für unsere Arbeitsbesprechungen
neue Überlegungen und mancherlei Veränderungen in der
Arbeit der Besatzung. Auch ich musste meine Tätigkeit um-
stellen. Meine planmäßige Hauptaufgabe bestand darin, den
im Bug unseres Raumschiffes eingebauten Atomisator regel-
mäßig zu warten und bei notwendig werdendem Handbetrieb
auch zu bedienen. Der Atomisator hatte bisher seine für uns
lebenswichtige Funktion glänzend und ohne jede Störung
erfüllt, indem er alle in unsere Flugbahn geratenen Fremdkör-
per mit seiner superharten Strahlung zerstörte. Das Erfassen
und Bekämpfen dieser schnellen Objekte erfolgte natürlich
vollautomatisch, da bei unserer hohen Fluggeschwindigkeit
jede menschliche Reaktion zu spät gekommen wäre. Auch
im Handbetrieb war der Atomisator unsere stärkste Waffe.
Er käme vor allem zum Einsatz, wenn das Raumschiff in der
Nähe unseres Flugzieles mit gedrosselter Geschwindigkeit in
einer allmählich enger werdenden Spirale um den Planeten
Futuras flog und beispielsweise zur Bergung verunglückter
Astronauten feindliche Ziele in der Luft oder am Boden in
der Umgebung des Landeplatzes eliminieren müsste. Ich
hatte mich bisher nicht sonderlich mit der Handhabung dieser
schrecklichen Waffe beschäftigt, da wir allen Grund hatten
anzunehmen, dass unsere Vorgänger sich und uns den Weg
schon freigekämpft hatten, falls dies irgendwie erforderlich
gewesen war.
Statt dessen führte ich als Assistent des Kommandanten
das Bordjournal, unterstützte unsere Bordärztin Maria Gräfin
Dohlenau bei ihren Routineuntersuchungen, kontrollierte die
Einhaltung der von ihr verordneten Körperübungen und ging
ihr auch bei der Behandlung der wenigen bisher aufgetrete-
nen Verletzungen zur Hand.
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Nun musste ich mich also mit der Handhabung des Ato-
misators befassen. Da ich mich aber nicht so ohne Weiteres
aus den anderen inzwischen übernommenen Aufgaben zu-
rückziehen konnte, blieb mir zu meinem Leidwesen weniger
Freizeit, insbesondere auch weniger Zeit zum Zusammensein
mit Mika, meiner zierlichen, liebenswerten Pragerin.
Auch die anderen an Bord waren mehr oder weniger stark
von den Veränderungen unserer Situation betroffen. Die
Ängste, die nun einmal unabdingbar mit jedem Weltraumflug
verbunden sind, werden üblicherweise von jedem Astronau-
ten unterdrückt. Angst zu zeigen gilt als Schwäche. Zu Recht,
denn offenbarte Angst steckt an, bewirkt eine Gereiztheit, die
sich rasch ausbreitet. Selbst eine unterdrückte Angst kriecht
aus allen Poren, verändert unbewusst das Verhalten.
Schien es mir nur so, dass die sachliche Konsequenz un-
seres Kommandanten allmählich ohne erkennbaren Grund
Züge einer militärischen Strenge annahm? Sorgte die nicht
unterzukriegende Fröhlichkeit unseres Chefingenieurs Boris
Schewtschenko bisher immer wieder für eine heitere Stim-
mung an Bord, so führte seine Lebhaftigkeit und gelegent-
liche Derbheit immer häufiger zu spürbarer Unruhe.
Olaf Johannson, einer der Informatiker, entwickelte bisher
unentwegt neue Computer- und Gesellschaftsspiele, deren
Lizenzen ihm auf der Erde gewiss ein Vermögen eingebracht
hätten. Hier im Weltraum spielten sie eine bedeutende Rolle
beim Geistestraining und bei der Förderung sozialer Kon-
takte. Damit wurde ein starker Einfluss auf die Festigung
des Gemeinschaftsbewusstseins ausgeübt. Jetzt schien er
plötzlich seine Kreativität verloren zu haben.
In mancher der sich während des Fluges herausgebilde-
ten Partnerschaften begann es zu kriseln. Nur unsere Ärztin
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Maria schien in dieser angespannten Zeit eher noch an Per-
sönlichkeit zu gewinnen. Sie strahlte unverändert eine ver-
trauensvolle Ruhe aus und entwickelte ein psychologisches
Feingefühl, so dass sie bald zum Ratgeber in persönlichen
Angelegenheiten und anerkannten Schiedsrichter bei Mei-
nungsverschiedenheiten wurde.
Merkwürdig, niemand hatte einen Fehler gemacht. Kein
böses Wort war gefallen. Keiner hatte die Nerven verloren.
Aber unser Denken an die unbekannte Gefahr erzeugte eine
knisternde Atmosphäre an Bord.
Jeder hatte wohl den verständlichen, aber nicht sehr klu-
gen Wunsch, dass nur endlich etwas geschehen müsse. Und
mancher mag sogar für sich ergänzt haben: ‘Egal was!’
Die Gefahr jedoch war näher, als wir alle ahnen konnten

Ein Unglück kommt selten allein.

Endlich kam eines Tages der langersehnte Zeitpunkt, an


dem mit der Drosselung der Geschwindigkeit die Phase des
Einschwenkens auf eine weite Bahn um den Planeten Futuras
beginnen sollte. Um das Heck mit seinen Bremstriebwerken
in Flugrichtung nach vorn zu bringen, war es notwendig, die
starke Rotation unseres Schiffes um seine Längsachse zu
stoppen. Damit entfiel aber die künstliche Schwerkraft und
es gab eine Menge festzuzurren und zu verpacken, damit
schwerelos herumfliegende Gegenstände keinen Schaden
anrichten konnten.
Schließlich kam aus der Zentrale der Befehl unverzüglich
die Startsessel aufzusuchen und sich anzuschnallen. Als das
geschehen war, hieß es: “Rotationsdüsen Alpha und Gamma
um 180 Grad schwenken!”
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Das war notwendig, um die Düsenkräfte gegen die Ro-
tation zu richten und diese so abzubremsen. Ausgerechnet
in diesem wichtigen Augenblick trat die erste, ernsthafte
technische Störung bisher auf. Düse Gamma ließ sich nicht
bewegen. Nun war das im Moment kein Problem, das zu
größerer Besorgnis hätte Anlass sein können, denn auch die
Düsen Beta und Delta waren für den gleichen Zweck geeig-
net. So herrschte innerhalb weniger Minuten im Raumschiff
Schwerelosigkeit und wir staunten, was trotz aller Sorgfalt
beim Festzurren doch noch begann, frei im Raum zu schwe-
ben. Mir blieb kaum Zeit, ein Tagebuch einzufangen, das sich
gefährlich durch die Kabine bewegte, da kam der Befehl für
unseren geschicktesten Mechaniker, Winston Matthews, sich
für den Ausstieg vorzubereiten. Offenbar wollte man gerade
jetzt in der Nähe des Planeten eine Schwächung der Manö-
vrierfähigkeit nicht einfach hinnehmen und von innen war
die Reparatur der Düse Gamma nicht durchführbar.
Derartige Havariefälle waren oft genug trainiert worden,
so dass jeder Handgriff saß. Innerhalb weniger Minuten
schwebten deshalb Winston und zu seiner Sicherung, wie
es der Havarieplan vorsah, die Ärztin Maria und ich zur
Druckausgleichskammer vor der Ausstiegsluke. Dort muss-
ten wir erst die Beendigung des Schwenkmanövers abwarten,
durch das die Hecktriebwerke nach vorn in die Flugrich-
tung gebracht wurden. Erneut kam also die Aufforderung
zum Festschnallen aus der Zentrale. Unmittelbar nach dem
Schwenkvorgang war der von den Navigatoren ermittelte
genaue Zeitpunkt für die ersten Bremsaktionen erreicht.
So hatten wir drei im Ausstiegsraum genügend Zeit, noch
einmal unsere Lebenserhaltungssysteme und die bereitste-

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henden Werkzeuge und Materialien zu überprüfen, bis uns
der Bremsdruck tief in die Sessel drückte.
Monatelang konnten wir wegen der Rotation des Raum-
schiffes die Sterne nur über den Computerbildschirm sehen.
Nun sahen wir den Himmel tiefschwarz mit seinen zahllosen,
flimmernden Leuchtpunkten unmittelbar durch das Bullauge
der Drucckammer. Doch für romantische Betrachtungen
blieb uns keine Zeit. Kaum war die fast lautlose Tätigkeit
der Bremstriebwerke beendet, kam auch schon die Anwei-
sung des Chefingenieurs zum Ausstieg. Winston ging allein.
Wir beiden blieben einsatzbereit in der nach außen offenen
Kammer zurück. Da die Techniker einen harmlosen Fehler
vermuteten, sollte alles möglichst schnell gehen.
Wir schauten Winston in der grellen Außenbeleuchtung
nach, bis er mit schlurfenden Schritten in seinen schweren
Magnetschuhen hinter der Wölbung des Schiffsrumpfes
verschwand. Wegen der erwarteten Geringfügigkeit der
Reparatur hatten wir nicht die gewichtigen und aufwendigen
Freifluggeräte mit reaktivem Antrieb gewählt, sondern die
einfachen, soliden Magnetschuhsysteme älterer Konstrukti-
on, was sich nun wegen der Trägheit der Fortbewegung als
ein schwerwiegender Fehler erweisen sollte.
Während ich gespannt darauf wartete, dass Winston eines
der vielen bereitstehenden Werkzeuge anforderte, herrschte
in der Zentrale einige Aufregung. Ausgerechnet jetzt, da
wir mit geringer Geschwindigkeit und mit dem Atomisator
nach hinten in den Schwerebereich des Planeten Futuras
einschwenkten, zeigte der Radarschirm, einen kosmischen
Körper, auf einer für uns möglicherweise gefährlichen Bahn.
Fieberhaft verglichen die Navigatoren die voraussichtlichen
Bahnverläufe. Das war keine leichte Aufgabe bei unserer
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ungleichmäßig gekrümmten Ellipsenbahn. Eine Kursände-
rung war überdies zur Zeit gar nicht möglich, solange die
Außenarbeiten nicht beendet waren.
Doch Winston meldete bereits die Beendigung der Repa-
ratur und bat um einen kurzen Probelauf der Düse. Erleich-
terung auf allen Gesichtern in der Zentrale. Aber nur für
wenige Augenblicke. Dann rief, nein schrie, ein Navigator
in die Stille hinein: “Das Objekt verändert seinen Kurs!”
Oliver Nord presste die ohnehin schmalen Lippen zusam-
men: “Das gibt es doch nicht. Nachmessen!”
Das Radarbild erlosch und leuchtete erneut auf. Tangen-
ten und Kurven wurden angelegt. Doch dann stand fest, das
Objekt verlässt den Kollisionskurs und nähert sich mehr
von der Seite.
Die Männer und Frauen schauten sich wortlos an, bis es
einer aussprach: “Das wäre der erste Meteor der lenkbar ist!”
Inzwischen hatte Chefingenieur Boris wunschgemäß Düse
Gamma kurz eingeschaltet und fragte Winston nach dem
Ergebnis. Es kam keine Antwort. Er fragte nochmals: “Was
ist los, Winston? Geht das Ding? Dann komm rasch zurück!”
Wieder keine Antwort. Ich schaute über die glänzende
Wölbung des Raumschiffs, aber niemand kam. Dafür sah
ich zum ersten Mal unseren Planten Futuras, überraschend
nahe. Deutlich konnte ich helle und dunkle Partien unter-
scheiden und am Horizont leuchtete eine wundervoll blaue
Corona. So muss einst Juri Gagarin unsere Erde bewundernd
erblickt haben. In diesem Moment kam für Maria und mich
der Befehl zum Ausstieg, ohne einen Hinweis auf benötigte
Geräte. Schnell half ich der Ärztin durch die enge Luke.
Dann schlurften wir den gleichen Weg wie vorher Winston.
Den Magneten im linken Schuh ausschalten, Bein vorsetzen,
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Magnet links ein- und rechts ausschalten, rechtes Bein vor-
setzen. Oft geübt, aber jetzt, wo es ernst war, sehnte ich mich
nach einem Halteseil. Vielleicht hätte bereits ein Strohhalm
Sicherheit gegeben. Angst? Vielleicht.
Dann standen wir vor Winston an der Düse Gamma.
Sein Scaphander war bis über die Hüfte an der linken Sei-
te verbrannt. Metallteile waren geschmolzen, der offene
Oberschenkel sichtbar. Man brauchte kein Arzt zu sein, um
sofort zu erkennen, dass der Mann tot war. Sein Wunsch nach
einem kurzen Probebetrieb war offenbar missverstanden
worden. Er wollte wohl nur ein Schwenken der Düse und
hatte nicht damit gerechnet, dass die Zentrale einen kurzen
Triebwerksstoß gab. Ich schaltete seine Fußmagneten aus
und wollte ihn wegtragen. Es ging nicht. Seine Schuhe waren
festgeschweißt. Auch ein paar Schläge gegen die Schuhe
waren vergeblich. Wir versuchten es noch einmal gemeinsam
mit Gewalt, aber auch ohne Erfolg. Ich ging zurück, einen
Trennschneider aus der Drucckammer holen. Maria war-
tete bei dem Toten. In der Zentrale, in der sich inzwischen
alle neun verbliebenen Besatzungsmitglieder eingefunden
hatten, musste man die Aufmerksamkeit teilen. Einerseits
wollte man den so tragisch Umgekommenen allgemein be-
liebten Kameraden bergen, andererseits brauchte man jede
Minute, um sich auf den bevorstehenden Kampf mit dem
rasch näherkommenden Raumschiff vorzubereiten. So gab
man uns schweren Herzens den Befehl, schnellstens in die
Drucckammer zurückzukehren und dort zu verbleiben und
Winston später zu bergen, wenn dafür mehr Zeit sei. Helfen
konnte man ihm ohnehin nicht mehr.
Ich war schon nahe des Einstiegs, während Maria sich
noch an dem Toten zu schaffen machte, was der Zentrale wie
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eine Ewigkeit vorgekommen sein muss. Als sie für mich über
der Wölbung des Raumschiffes sichtbar wurde, blinkte es in
der Schwärze hinter ihr metallisch. Der Gegner war bereits
mit bloßem Auge zu sehen.
Kaum war Maria eingestiegen und die Luke hinter ihr
verschraubt, wurden wir gegen die Wand gedrückt. Die
Ungeduld der Zentrale, unser Schiff in Kampfposition zu
wenden, war so groß, dass man uns nicht einmal Zeit zum
Festschnallen ließ. Ich hatte Maria mit meinen schweren
Eisenstiefeln getroffen und sie stöhnte leise auf, aber laut
genug, um in der Zentrale gehört zu werden. Boris schaltete
daher noch einmal die Düsen für Sekunden ab.
“Aber Tempo!”, rief er uns drahtlos zu und wir nutzten
die Sekunden. Wieselflink saßen wir in unseren Sesseln und
das Raumschiff schwenkte weiter. Boris, der Chefingenieur,
beherrschte souverän die Tastatur der zahlreichen Rotations-,
Schwenk- und Antriebsstrahlwerke des Raumschiffs.
In der Zentrale verfolgten alle Anwesenden auf dem
Bildschirm gespannt wie der Zielbereich des Atomisators
langsam aber stetig näher an das feindliche Objekt herankam.
Doch im letzten Moment beschleunigte dieses seine Fahrt,
und auch die sofort von Boris eingeleiteten Korrekturen,
konnten nicht verhindern, dass sich der Gegner unbekämpf-
bar weiter dem Raumschiff näherte. Als sich das Manöver ein
zweites Mal wiederholte, war allen klar, dass die geschickten
Ausweichbewegungen des Objekts kein Zufall sein konnten.
“Wieder weg!”, stöhnte der Chefingenieur schwitzend
und konstatierte: “Die sind beweglicher als wir und nutzen
die Massenträgheit unseres Schiffes voll aus.”

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“Mehr noch”, warf der Kommandant ein, “sie müssen
wissen oder wenigstens ahnen, dass wir sie nur in Bugrich-
tung bekämpfen können.”
Aber woher sollte der unbekannte Feind wissen, dass
nur ein schmaler Winkel für ihn gefährlich ist? Boris lei-
tete erneut ein Wendemanöver ein, doch man konnte am
Monitor deutlich erkennen, wie das Objekt langsam aus der
gefährlichen Zone herauslief. Damit war auch dem letzten
Besatzungsmitglied klar, dass wir es mit einem hochintelli-
genten Feind zu tun hatten. Unter solchen Umständen sank
die Hoffnung auf Null, den Atomisator erfolgreich einsetzen
zu können, zumal der Abstand der beiden Raumschiffe immer
geringer wurde. In die um sich greifende Resignation platzte
überraschend die leise Frage einer Mathematikerin: “Warum
setzen die eigentlich noch keine Waffen gegen uns ein?”
Maria und ich konnten in der Ausgleichskammer nur
unvollständig die Ereignisse in der Zentrale verfolgen. Der
Monitor vor uns gab ein viel zu kleines und unscharfes Bild
wieder, und in unseren Schutzanzügen hörten wir nur einige
Kommandos, deren genauen Zweck wir mit viel Fantasie
erraten mussten. Die ganze sorgenvolle Atmosphäre blieb
uns weitgehend erspart.
Plötzlich stieß mich Maria an und zeigte zum Bullauge.
Dort zog unser Gegner im Abstand von wenigen hundert
Metern vorbei. Die von der Sonne Alpha Centauri hell an-
gestrahlte Oberseite hob sich kontrastreich vom schwarzen
Himmel ab und auch die dunkle Unterseite war gegen einen
bläulichen Schimmer im Hintergrund einigermaßen auszu-
machen. Es war ein fast kugelförmiges Ellipsoid, metallisch
glänzend, mit zahlreichen unregelmäßig verteilten runden
Bullaugen und verschiedenen außen angebrachten Konst-
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ruktionen, von denen mir in der kurzen Zeit des Vorbeiflugs
insbesondere eine fast die ganze Länge des Objektes beglei-
tende rechteckige Platte auffiel, deren Funktion ich mir nicht
erklären konnte.
“Hast du irgendwelche Triebwerke gesehen?”, fragte
mich Maria.
Ich stutzte: “Nein, nicht. Die waren vielleicht auf der
anderen Seite.”
Da die Zentrale unser Funkgespräch mitgehört hatte, aber
kein Fenster besaß, wurden die Außenbordkameras einge-
schaltet und nach kurzem Suchen war das ständig größer
werdende Objekt auf den Monitoren.
Kommandant, Chefingenieur und Hauptnavigator ver-
ständigten sich kurz. Dann verkündete Oliver Nord die wohl
schwerwiegendste Entscheidung der ganzen Fahrt. “Das
Unternehmen Futuras 4 wird abgebrochen.”
Die Navigatoren errechneten daraufhin fieberhaft den
notwendigen Kurs und optimalen Zeitpunkt für das Zünden
der Transphotonentriebwerke zur Fahrt Richtung Erde.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

Die Katastrophe

Als Maria mich erneut anstieß und zum Fenster zeigte,


schob sich dort eine dunkle Metallwand langsam näher.
Dann stießen die beiden Raumschiffe mit einem dumpfen
Stoß sanft zusammen. Der Abstand vor unserem Fenster
betrug kaum einen Meter und nach wenigen Sekunden
konnten wir keinerlei Verschiebung mehr erkennen. In der
Zentrale hatten sie bemerkt, dass wir uns auf einem neuen
Kurs bewegten, der nicht mehr von uns bestimmt wurde. Wir
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wurden abgeschleppt.
Mit einem Male hatte sich der Ernst der Situation zur
Dramatik gesteigert. Doch dem Kommandanten merkte
man die Aufregung nicht an. “Wir haben noch eine Chance,
wir müssen versuchen, uns mit dem schlagartigen Einsatz
aller verfügbaren Triebwerke loszureißen und uns schnell
zu entfernen.”
Oliver Nord blickte seinen Chefingenieur fragend an. Bei-
de wussten natürlich, dass das eine Rechnung mit mehreren
Unbekannten war. Niemand kannte die Energie, mit denen
uns das andere Raumschiff festhielt, und jeder wusste, dass
unsere eigenen reaktiven Kräfte nur ganz allmählich ihre Wir-
kung entfalten konnten. Aber wir hatten keine andere Wahl.
Boris Schewtschenko meinte nach kurzem Überlegen:
“Wir können mit unseren Rotationsdüsen beide Raum-
fahrzeuge umeinander rotieren lassen und dann plötzlich
gegensteuern. Dabei verstärkt die Massenträgheit der schwe-
ren Schiffe unsere Raketenkraft und könnte die Trennung
bringen.”
So geschah es dann. Maria und ich sahen zwar nichts
von der Rotation, aber wir wurden von der zunehmenden
Zentrifugalkraft spürbar seitwärts in die Sessel gedrückt.
Deutlich war ein schabendes und knirschendes Geräusch
an der Außenwand zu hören. Als unsere Düsen mit voller
Kraft gegensteuerten, nahm der Druck wieder ab. Es war ein
krachendes Bersten zu hören und die eiserne Wand vor dem
Bullauge entfernte sich rasch nach oben. Die Trennung war
also vollzogen. Die Heimfahrt konnte beginnen.
Vor unserem Fenster lag der Planet Futuras im Schein
seiner Sonne. Wir waren ihm so nahe, dass man im blauen
Schleier Wolkenfelder, Meere und Kontinente erkennen
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konnte. Der Anblick war so überwältigend, dass mir ein
“Fantastisch!” über die Lippen kam. Doch es klang unge-
wöhnlich dürftig und leer, weil offenbar das Mikrofon ab-
geschaltet war. Betroffen schaute ich zu Maria. Die redete
mit mir hinter ihrem Schutzhelm, aber ich hörte nichts. Da
zeigte sie auf den Monitor, der kein Bild mehr hatte. Strom-
ausfall! Für meine Sprechverbindung mit Maria war das
kein Problem. Wir konnten uns vom Bordnetz trennen und
auf unsere autonomen Systeme schalten. Damit war es auch
möglich die Zentrale zu erreichen. “Hallo Zentrale! Ausfall
des Bordnetzes in der Ausgleichskammer.”
Keine Antwort. Als ich besorgt zu Maria schaute, meinte
sie: “Die können gar nicht antworten, wenn das gesamte
Bordnetz ausgefallen ist, solange die Notstromversorgung
nicht läuft.”
Mir war zwar klar, dass das ein Irrtum sein musste,
denn die Notstromversorgung hätte sich sofort automatisch
einschalten müssen, aber ich verkniff es mir, Maria darauf
hinzuweisen. Was war geschehen?
“Ich schau mal in der Zentrale nach.”
Maria hielt mich zurück. Jeden Augenblick konnte die
Beschleunigung nach dem Zünden der Triebwerke einsetzen.
Aber warum wurde nicht schon längst gezündet? Minuten
waren nach der Trennung von dem fremden Raumschiff
vergangen und wir segelten noch immer antriebslos auf
einer Kreisbahn um den Planeten Futuras. Hatte die Zent-
rale den Entschluss, das Unternehmen abzubrechen, wieder
aufgehoben?
Ich konnte die Ungewissheit nicht länger ertragen, schnall-
te mich vom Sessel ab und schwebte schwerelos zur inneren
Luke. Maria hinderte mich nicht daran, mahnte aber, immer
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mit dem plötzlichen Beschleunigungsdruck zu rechnen. So
beeilte ich mich, die Luke zu öffnen, um im Licht meiner
Handlampe möglichst schnell durch den dunklen Gang und
ein merkwürdigerweise offenes Schott zu schweben, damit
ich mich nach nur kurzer Zeit des Risikos wieder in einem
Sessel der Zentrale festschnallen konnte. Doch meine Eile
war überflüssig.
Auch die Zentrale war ohne Licht. Je weiter der schwache
Lichtfleck meiner Lampe die Sessel, einen nach dem anderen,
absuchte, desto grausamer war das Bild, das sich mir bot.
Keines der neun Besatzungsmitglieder in der Zentrale war
mehr in der Lage, die Photonentriebwerke zu zünden. In der
Seitenwand klaffte ein großes Loch, offensichtlich bei der
gewaltsamen Trennung der Raumschiffe entstanden. Ein Riss
zog sich bis in die vorderen Sektionen. Zerfetzte Kabel und
Rohrleitungen hingen in den Raum. Keiner meiner Freunde
hatte einen Scaphander angezogen. Sie waren unvorbereitet
von den Bedingungen des Weltalls überrascht worden und
sofort gestorben. An der Außenwand war meine Freundin
Mika tief in den Sessel eingesunken. Ihr Mund war verzerrt
und ihre Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Hilfe war
nicht mehr möglich. Ich informierte Maria und bat sie, zu
mir zu kommen. Sie sagte zu, doch kurz danach klang ihre
Stimme erregt und ängstlich, “Nein, komm du ganz schnell
zurück in die Kammer, hörst du, ganz schnell!”
Als ich wieder durch die innere Luke einstieg, sah ich
sofort den Anlass ihrer Sorge. Vor dem Bullauge hatte sich
wieder die große Metallwand aufgebaut und schob sich
langsam vorbei. Nachdem ich mich in den Sessel gezogen
und gewohnheitsmäßig angeschnallt hatte, gab es wieder

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diesen dumpfen Klang beim sanften Anlegen des fremden
Raumschiffes.
Ich musste mir eingestehen, das eben Erlebte war zu viel
für mich. Das Ende der Besatzung, das Ende unseres Raum-
schiffes, all das schien auch das Ende für mich zu bedeuten.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, starrte ich vor
mich hin. In meinem Kopf kreisten Erinnerungsbilder von
der Erde, die meiner Kindheit im Elternhaus, den Freunden
aus glücklichen Tagen, Erlebnisse bei früheren Raumfahrten.
Die Bilder wechselten immer rascher, verschmolzen wirr
ineinander und begannen zu rotieren. Das Singen in meinen
Ohren wurde lauter und lauter, ging in ein schmerzhaftes
Dröhnen über und ganz allmählich bekam das Dröhnen Ge-
stalt und Inhalt. Maria schrie mich an: “He, komm zu dir!”
Sie hatte mich schon vorher angesprochen, aber ich hatte
nichts gehört. Ihre Verzweiflung war sicher nicht geringer
als meine. Wie musste sie erschrocken sein, als ihr letzter
Begleiter nun auch noch weggetreten war! Ganz langsam
nur wurde mir wieder bewusst, wo ich saß.
Als Maria sagte, “Mein Gott, was sollen wir denn jetzt
machen?”, begriff ich endlich, in welch misslicher Lage
wir uns befanden. Nach einem Blick auf die Uhr konnte
ich wenigstens einen Hauch von Optimismus verströmen:
“Unsere Lebenserhaltungssysteme reichen noch für mehr
als sechs Stunden.”
Was war das schon in der Ewigkeit des Weltalls? Aber die
Lebensgeister waren wieder geweckt und Maria ergänzte:
“Danach können wir noch viele Ersatzsysteme austauschen.”
Da waren wir wieder bei unseren Kameraden, die ihre
Systeme nicht mehr benötigten. Die Gewissheit, wenigstens

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einige Tage durchhalten zu können, weckte neue Kräfte in
uns.
“Ich werde mir noch einmal in Ruhe den Schaden am
Raumschiff anschauen”, sagte ich, schnallte mich ab und
schwebte hinaus in die Zentrale. Maria wollte mit zu den
toten Gefährten und begleitete mich. Sie schloss allen die
Augen, ordnete ihre Kleidung, wenn es nötig war, rückte
den Kopf oder die Arme zurecht. Es war wie ein Abschied-
nehmen. Indessen verglich ich den Riss in der Außenwand
mit meinen mäßigen Schweißerkenntnissen. Das Flicken der
gerissenen Kabel würde ich mir schon eher zutrauen. Ob sich
die Triebwerke noch zünden ließen? Für einen Augenblick
blitzte der Gedanke auf, notfalls in der Druckausgleichskam-
mer den Rückflug zu überleben. Doch dafür reichte nicht
einmal die Atemluft.
Erst jetzt fiel mir auf, dass das große Loch in der Bord-
wand wieder geschlossen war. Hatte ich etwa geträumt? Doch
man konnte noch recht gut die Ränder des Loches erkennen.
Das fremde Raumschiff hatte beim zweiten Anlegen die
herausgerissene Platte an genau der gleichen Stelle wieder
eingefügt.
Da war sie wieder, diese Ungewissheit über die da drau-
ßen, in deren Gewalt wir uns befanden. Maria schwebte
neben mir an der wieder eingefügten Platte vorbei. Es waren
schwache Geräusche zu hören. Erst ein gleichmäßiges Zi-
schen, dann ein unregelmäßiges Kratzen. All das war schwer
mit unseren irdischen Erfahrungen zu deuten. Auf jeden Fall
wurde das Metall unserer Außenhülle bearbeitet.
“Mir fällt auf”, sagte Maria, “dass es seit dem zweiten An-
koppeln keinen Beschleunigungsdruck mehr gegeben hat.”

22
“Das besagt wohl, dass wir nicht zum Planeten geschleppt
werden.”
“Noch nicht!”, ergänzte Maria und plötzlich wurde uns
klar, was das nur bedeuten konnte. Wir mussten mit ihrem
Besuch rechnen.

Die Begegnung mit den Außerirdischen

Während der ganzen Reise hatte sich unsere Fantasie


bereits mit den möglichen Lebensformen auf fremden
Sternen beschäftigt. Riesige Ameisen, sprechende Bäume,
denkende Amöben von mehreren Metern Durchmesser,
fliegende Zweibeiner oder gar materielose Daseinsweisen
kamen in unseren Gesprächen vor, so dass uns eigentlich
nichts mehr überraschen konnte. Jetzt aber, wo die erste
Kontaktaufnahme unmittelbar bevorstand, entwickelte sich
bei Maria und mir eine nervenzerreißende Spannung, die
nicht so sehr auf der natürlichen Neugier, sondern vor allem
auf einer entsetzlichen Angst beruhte. Diese Angst wuchs
weiter an, als sich die Geräusche an der Außenwand erheblich
verstärkten und plötzlich Metallteile in die Zentrale segelten.
Ich zeigte auf ein etwa zehn Zentimeter großes Bohrloch
und zog Maria zurück in den Seitengang. Mir fiel ein, dass
in der Kabine des Kommandanten ein kleines Fenster war,
von dem aus man die Zentrale recht gut überblicken konnte.
Ich klemmte meine Handlampe so unter den Anschnallgurt
eines der Toten, dass ihr Strahl genau auf das Loch in der
Wand gerichtet war, holte für alle Fälle ein Lasergewehr aus
dem Schrank des Kommandanten und wartete gemeinsam
mit Maria hinter dem kleinen Fenster auf die unbekannten
Besucher.
23
Die schienen sich Zeit zu lassen. Erst bohrten sie noch ein
zweites Loch in die Außenwand. Nachdem unsere Spannung
schier unerträglich geworden war, schob sich endlich ein
faustgroßer Kopf mit einem langen schlangenartigen Leib
durch das eine Loch. Ein gleichartiges Wesen glitt etwa
einen Meter lang aus der anderen Öffnung, drehte seinen
Kopf, und plötzlich fuhr ein Lichtstrahl durch den Raum,
genau auf meine Handlampe zu. Ein Weilchen verharrte der
Lichtstrahl, dann tastete er langsam die Sessel mit den toten
Gestalten ab, ein geisterhaftes Bild, das mir einen Schauer
des Entsetzens über den Rücken laufen ließ. Das Licht glitt
weiter durch den Raum, verweilte dann längere Zeit am
Steuerpult und verlosch unerwartet. Danach zogen sich die
beiden Wesen gleichzeitig zurück. Wir schauten uns ratlos an.
Maria zuckte mit den Schultern. “Kannst du dir das er-
klären?”
Mir blieb eine Antwort erspart, weil sich zwei neue
Wesen in den Raum schoben, deren Köpfe sich eigenartig
auseinanderfalteten. Da erst dämmerte mir, dass es sich
möglicherweise noch gar nicht um die erwarteten Lebewesen
handelte, sondern um eine Art von Sonden, mit denen unser
Schiff erst einmal untersucht wurde.
Als ich dies Maria mitteilte, nickte sie mit dem Kopf:
“Erst haben sie wohl mit einer Kamera gearbeitet. Weiß der
Teufel, welche Instrumente jetzt wohl in den Köpfen der
Sonden stecken.”
Wir sollten das schneller erfahren als wir dachten. Zu un-
serer größten Verblüffung vernahmen wir in unseren Kopfhö-
rern plötzlich eine blecherne Stimme in sauberem Englisch:
“Maria, wo befinden Sie sich und wo ist Ihr Partner?”

24
Das war wie ein unerwarteter Schlag. So hatten wir uns
auch in unseren kühnsten Träumen den ersten Kontakt mit
Außerirdischen nicht vorgestellt. Uns verschlug es die Spra-
che. Man hatte also unseren Funkverkehr abgehört. Maria
und ich schauten uns an, wagten aber nicht, miteinander zu
reden.
Dann hatte Maria als erste einen logischen Gedanken. Sie
fasste sich ein Herz und fragte: “Sind Sie ein Kamerad von
einem der Raumschiffe Futuras 1‚ 2 oder 3?”
Es dauerte eine ganze Weile, die unsere Unruhe noch
wachsen ließ. Dann kam die Antwort: “Nein, ich bin ein
Bewohner des Planeten, den Sie Futuras nennen.”
Unsere Fassungslosigkeit hatte ihren absoluten Höhe-
punkt erreicht. In meinem Kopf wirbelten viele Fragen durch-
einander. Woher kennen die Futuraner irdische Sprachen?
Weshalb klang die Sprache so blechern? Kam sie von einem
Tonträger? Vielleicht können sie gar nicht selber sprechen?
Haben also keinen Mund? Keinen Kopf? Keinen Körper?
Maria reagierte nüchterner: “Was haben Sie mit uns vor?”
Ich bewunderte Maria. Sie hatte sich nicht nur schneller
gefasst, sie hatte auch die wichtigste Frage gestellt, die es
für uns in dieser Situation gab. Nun mussten die Wesen da
draußen Farbe bekennen. Aber nach bangen Sekunden des
Wartens kam nur eine Gegenfrage: “Wie lange reichen Ihre
Lebenserhaltungssysteme?” Wir schauten uns betroffen an.
Wollten sie nur wissen, von welchem Zeitpunkt an sie an
Bord kommen konnten, ohne Widerstand befürchten zu müs-
sen? Oder wollten die uns lebend haben und waren besorgt,
dass wir nicht mehr lange durchhalten? Sollten wir verraten,
dass wir noch lange mit den Lebenserhaltungssystemen un-
serer toten Gefährten überleben konnten?
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Mir ging es um baldige Klarheit: “Noch etwa vier Stun-
den. Weshalb fragen Sie danach?”
Wieder kam die Antwort nicht sofort, aber sie kam und
brachte viel der erhofften Klarheit: “Unsere Begegnung ist
höchst gefährlich. Sie vertragen unsere Mikroorganismen
nicht und wir Ihre nicht. Wir müssen sehr vorsichtig sein.
Aber Vorsicht kostet Zeit. Vier Stunden werden für Ihre
Rettung reichen.”
Ich schaute überrascht zu Maria. Über ihr Gesicht legte
sich der Schimmer eines stillen Lächelns. Oder war es nur
die Widerspiegelung meiner eigenen Gefühle? “Ihre Ret-
tung” hatte die Stimme gesagt, und erst jetzt wurde uns voll
bewusst, wie hilflos und rettungsbedürftig wir waren.
Ich hielt noch immer das Lasergewehr unseres toten
Kommandanten in der Hand ...
Die nächste Stunde verging mit wohldurchdachten Vorbe-
reitungen für unsere Rettung. Wir hatten auf Anfrage eiligst
erklärt, dass wir unbewaffnet seien und alle Anweisungen, so
gut wir es konnten, befolgen wollten. Uns wurde mitgeteilt,
dass wir in sterilen Plastikbeuteln auf den Planeten gebracht,
dort desinfiziert und allmählich den Umweltbedingungen auf
Futuras angepasst würden. Unser Raumschiff werde vorerst
auf einer Kreisbahn verbleiben.
Unser Verstand sagte, dass es für uns gar keine andere
Möglichkeit gab, als alles zu tun, was man von uns verlangte.
Aber das beunruhigende Gefühl des Misstrauens ließ sich nur
sehr schwer verdrängen, zumal wir es nicht wagten, unsere
Gedanken auszutauschen, weil wir abgehört werden konnten.
Doch mehr und mehr gewann die Hoffnung die Oberhand
über unsere Skepsis.

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Als nach einiger Zeit die aus unserer Außenhaut heraus-
gerissene Platte langsam in unser Raumschiff gesenkt wur-
de, kam der große Augenblick, an dem wir zum ersten Mal
die außerirdischen Lebewesen sehen sollten. Im durch die
Öffnung von außen eindringenden Licht standen zwei Ge-
stalten in Scaphandern, die eine verteufelte Ähnlichkeit mit
Erdenmenschen hatten: zwei Beine, zwei Arme, ein Rumpf,
der etwas kräftiger erschien als unser, und auch ein Kopf.
Ein Gesicht nach unseren Vorstellungen war im Gegenlicht
nicht zu erkennen. Der Helm einer Gestalt hatte oben einen
kegelförmigen Aufsatz, dessen Spitze abgeschnitten schien.
Also keine sprechenden Amöben und keine feuerspeien-
den Drachen! Diese Überraschung war ausgeblieben, aber
gerade das war für uns die größte Überraschung. Wir ließen
uns, ängstlich zwar, aber doch mit zunehmendem Vertrauen
von den beiden Gestalten in zwei große Plastikhüllen legen
und schwebten schwerelos in den Händen unserer Retter
durch das Loch unseres Schiffes in die Druckausgleichskam-
mer des fremden Objektes. Dort wurden wir festgeschnallt
und im Dunkeln allein gelassen. Am sanften Druck spürten
wir, dass unser neues Zuhause Fahrt in eine für uns so un-
gewisse Zukunft aufnahm.

In unglaublich kurzer Zeit mussten wir auf Futuras gelandet


sein. Unsere Körper lagen schwer auf den Pritschen. Wir
wurden einzeln in metallene Transportbehälter geschoben
und konnten dadurch nichts sehen. Ich rief leise nach Maria,
aber auch unsere Sprechverbindung war abgerissen. Mir
schien es, als ob wir erneut flogen und nach einiger Zeit
wieder landeten, aber alles verlief lautlos.
Als ich aus dem Behälter gezogen wurde, befand ich
mich in einem Raum mit einer gewölbten Metalldecke, etwa
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fünf Meter hoch, ebenso breit und lang. Zwei Futuraner in
weißen Schutzanzügen halfen mir aus der Plastikhülle und
deuteten mir, meinen Raumanzug abzulegen. Ich öffnete
ganz vorsichtig meinen Helm, in der albernen Hoffnung, ihn
notfalls rechtzeitig wieder schließen zu können. Zu meiner
freudigen Überraschung konnte ich frische, kühle Luft atmen.
Bald waren mein Raumanzug und auch die gesamte andere
Kleidung im Plastiksack verstaut. Meine beiden Betreuer
gaben mir einige weiche, helle Kleidungsstücke, stellten
eine Schale mit Essbarem auf einen Tisch und entfernten sich
durch eine Tür in der Stirnwand des Raumes, hinter der sich
offenbar ein weiterer Raum mit einer zweiten Tür befand.
Ich war allein. Von Maria keine Spur. Nach Essen war
mir nicht zumute, obwohl seit der letzten Mahlzeit an Bord
unseres Raumschiffes viele Stunden vergangen waren. Ich
schaute auf mein nacktes Handgelenk, denn selbst meine
Uhr hatten mir die Futuraner abgenommen. Im hinteren Teil
des Raumes stand eine Liege. Nach alter Hotelgepflogenheit
machte ich ein Probeliegen.
Ich muss sofort eingeschlafen sein ...

Der Kampf der anderen Raumschiffe

Mein Schlaf war tief und traumlos. Es hätten ruhig noch ein
paar Stündchen mehr sein können, aber ich wurde geweckt.
Geweckt wie Dornröschen, mit einem Kuss.
Maria hatte am Vortage das Gleiche erlebt wie ich. Ihr
Raum war gleich neben meinem und als sie ausgeschlafen
auf Erkundung gegangen war, hatte sie die Verbindungstür
zwischen unseren Zimmern entdeckt. Nun saß sie in der

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gleichen schlichten Kleidung wie ich auf meiner Liege und
strahlte mich fröhlich an: “Ist das nicht herrlich, wir leben!”
Ich fand aus meinem tiefen Schlaf nicht so schnell wieder
in die Wirklichkeit zurück, aber langsam wurde mir bewusst,
dass ich nicht allein und Maria noch da war. Und ihre von
Herzen kommende Freude übertrug sich sofort auf mich. Ich
zog sie zu mir, erwiderte ihren Kuss und drückte ihren Kopf
fest an meinen. Minutenlang lagen wir Wange an Wange,
fühlten die Wärme des anderen und waren glücklich.
Die bekannte blecherne Stimme riss uns aus unseren Ge-
fühlen: “Einen guten Tag unseren Gästen aus dem Weltraum.
Sie werden nach dem langen Schlaf Hunger haben. Links ne-
ben dem Spiegel ist eine Durchreiche mit Nahrung. Nehmen
Sie sich, was Sie möchten. Ich bin Lali, ihre Betreuerin. Wir
werden heute und in den nächsten Tagen viel miteinander zu
tun haben, bis Sie acklimatisiert sind. Wenn Sie mir etwas
sagen wollen, auf dem Tisch steht ein Mikrofon.”
Maria ging zum Tisch: “Danke Lali. Ihnen und den an-
deren Helfern. Dank für alles.”
Sie hielt mir das Mikrofon entgegen und nickte auffor-
dernd. Aber mir fiel nichts ein, was ich hätte sagen sollen.
Wir wurden also beobachtet. Wer mochte diese Lali sein
und was gab es ‘viel zu tun’ in der nächsten Zeit? Wir gaben
uns erst einmal einem ausgiebigen Frühstück hin.

Lali hatte uns nicht zu viel angekündigt. Die beiden nächsten


Wochen waren angefüllt mit medizinischen Untersuchungen,
mit Waschungen und Bestrahlungen, elektronischen
Messungen und Medikamenteneinnahmen. Immer wieder
kamen die schweigenden Männer in den Schutzanzügen zu
uns, legten Elektroden an, setzten uns Hauben über den Kopf,
führten Sonden in unseren Körper ein oder brachten uns zu
29
irgendwelchen Untersuchungen in andere Räume.
Unsere Betreuerin bekamen wir in der ganzen Zeit nicht
zu sehen, aber wir führten viele, hochinteressante Gespräche
mit ihr, die uns manchmal in peinliche Verlegenheit brach-
ten. So erfuhren wir, dass unser Schwesterschiff Futuras 1
ein Raumschiff der Futuraner zerstört hatte, das ihnen zur
Begrüßung entgegengeflogen war. Danach hatte Futuras 1
sinnloserweise eine Stadt mit dem Atomisator beschossen,
bevor es durch einen unbemannten Raumkörper vernichtet
werden konnte. Das folgende Raumschiff Futuras 2 wurde
auf Grund der gemachten Erfahrung rechtzeitig in gleicher
Weise wie wir eingefangen und abgeschleppt. Die Besatzung
schoss jedoch nach der Landung wild um sich und kapitu-
lierte erst nach einigen Tagen, als unbekannte Krankheiten
auftraten, die weder vom an Bord befindlichen Arzt, noch von
den Futuranern geheilt werden konnten. Erst später erkannte
man, dass Bakterien, die für die Bewohner dieses Planeten
harmlos sind, bei den Erdenmenschen schwere Erkrankungen
hervorriefen, da ihnen ein entsprechender Immunschutz fehl-
te. Trotz aller ärztlicher Bemühungen starb auch das letzte
Besatzungsmitglied von Futuras 2 nach wenigen Monaten.
Aber auch viele Futuraner waren nach Kontakten mit den
Erdenmenschen an unheilbaren Leiden erkrankt und starben.
Daher also die Vorsicht und die Bemühungen um uns. Mit
dieser Erkenntnis ließen wir alles willig über uns ergehen,
auch wenn manches recht unangenehm war. Besonders Maria
verfolgte als Ärztin interessiert jede neue Maßnahme und war
sehr angetan von dem hohen medizinisch-wissenschaftlichen
Niveau der Futuraner. Sie war daher voll davon überzeugt,
dass uns eine Anpassung an die Verhältnisse des anderen
Planeten gelingen würde.
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Einmal fragte ich Lali, ob sie ihre Englischkenntnisse von
der Futuras 2 Besatzung habe. Nach der üblichen Pause kam
die sachliche Antwort: “Ich besitze keine Englischkenntnis-
se. Ich spreche mit Ihnen über einen sprachumwandelnden
Computer. Ich spreche Futuranisch, er übersetzt es Ihnen
dann ins Englische. Umgekehrt übersetzt er mir Ihre Worte.”
Nun wussten wir, weshalb die Antworten stets verzögert
kamen. Auch das Blecherne der synthetischen Stimme war
damit erklärt. Um diese Sprachkenntnisse zu erlangen, war
der Computer mit allen vorhandenen Tonträgern von Futuras
2 und des Wracks von Futuras 1 gefüttert worden.
Dabei war man auch auf die Aufzeichnungen des Funk-
verkehrs der Besatzung von Futuras 2 mit dem anfliegenden
Raumschiff Futuras 3 gestoßen. Darin wurden die Futuraner
als bösartig, hinterhältig und sehr aggressiv geschildert.
Futuras blieb deshalb in großer Entfernung und ging mit
dem Wissen um das tragische Schicksal der Besatzung von
Futuras 2 wieder auf Heimatkurs. Wir konnten Lali glaubhaft
versichern, dass eine Funkverbindung unseres Raumschiffes
mit Futuras 3 nicht zustandegekommen war.
Immer wieder fragte Lali, ob Futuras 4 auch den Auftrag
hatte, den Planeten zu zerstören. Alle unsere Beteuerungen,
dass wir in friedlicher Absicht Verbindung aufnehmen woll-
ten, schien man nicht recht zu glauben. Die Erlebnisse mit
unseren Vorgängern saßen sehr tief im Bewusstsein der Fu-
turaner. Schließlich wussten sie auch, dass unser Raumschiff
Futuras 4 versucht hatte, so zu manövrieren, dass ihr eigenes
Schiff in den Zielvektor des Atomisators kommen sollte.
Es konnte den Futuranern auch nicht verborgen geblieben
sein, dass Futuras 4 eine Menge Lasergewehre und andere

31
Waffen an Bord hatte, was auch nicht gerade für friedliche
Absichten sprach.
Einmal versuchte ich Lali klarzumachen, dass wir uns
nicht von intelligenten Amöben oder denkenden Kraken
hätten einfach auffressen lassen wollen. Wir wussten doch
nichts über die Bewohner von Futuras.
Lali fragte zurück, was wir gemacht hätten, wenn ihr
Raumschiff in das Schussfeld unseres Atomisators geraten
wäre? Diesmal war die Verzögerung auf unserer Seite. Ich
musste schlucken, bekam einen roten Kopf und gab kleinlaut
die Wahrheit zu.
Lali hakte unerbittlich nach: “Hätte man danach noch
feststellen können, ob intelligente Kraken oder liebenswerte
Bewohner in dem Raumschiff waren?”
Darauf konnte ich keine vernünftige Antwort geben. Lali
erwartete sicher auch keine.

An jenem Abend hatten Maria und ich lange darüber


diskutiert, wie es dazu kommen konnte, dass keiner unserer
Besatzung und offenbar auch keiner unserer Vorgänger dem
geheimnisumwitterten fremden Leben mit der Bereitschaft
zur Friedfertigkeit begegnet war. Solange wir denken konnten
traten in utopischen Romanen oder Science-Fiction- Filmen
die Bewohner fremder Welten fast immer nur als Feinde
auf. Der Krieg zwischen den Sternen hatte jeden Gedanken
an eine fruchtbare Zusammenarbeit verdrängt. Und auch
unsere Auftraggeber sahen in unserer Mission nur die
Vorbereitung der Unterwerfung fremder Lebensformen und
die ökonomische Verwertung der Schätze ferner Planeten.
Wie sollten wir Erdenmenschen auch anders motiviert
sein, wenn schon auf unserem eigenen Planeten Kriege
und Unterdrückung, Ausbeutung und erbärmliche Armut
32
dominierende Formen des menschlichen Zusammenlebens
sind.

Lali und die Geschichte der Futuraner

Eines schönen Tages war es dann soweit. Wir durften Lali


endlich sehen. Da stand sie vor uns. Vielleicht noch ein wenig
ängstlich, ob auch die Gefahr der fremden Mikroorganismen
wirklich überwunden war. Sie mochte etwa ebenso alt sein
wie Maria, etwas schlanker, etwas kleiner, in einer hauteng
anliegenden, schwarzen Kleidung, dunkle Haut, kurzes,
schwarzes Haar, wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner
Nacht. Ein Mensch wie wir. Sie würde in Rom, Istanbul oder
Kairo - abgesehen von ihrer eigenwilligen Kleidung - kaum
auffallen. Einen merkwürdigen Hut trug sie. Wie ein Kegel
mit abgebrochener Spitze, durch einen Riemen unter dem
Kinn gehalten. Im Ohr ein kleines Hörgerät, unter dem Kinn
ein ebenso kleines Gerät, wohl ein Mikrofon.
Sie sprach leise ein paar Worte ins Mikro und schon klang
es blechern aus ihrem Hut: “Guten Tag. Schön, dass ich bei
Ihnen sein darf.”
Der Hut war also Computer und Lautsprecher zugleich.
Ich erinnerte mich, eine ähnliche, nur klobigere Form ein-
mal an einem Raumfahrerhelm gesehen zu haben, als ich in
den Plastiksack gesteckt wurde. Ich teilte Lali dies mit. Sie
lächelte nach der üblichen Pause und eröffnete uns, dass sie
es selbst gewesen sei.
“Dann sind wir ja alte Bekannte”, meinte ich jovial, ging
auf sie zu und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie schien
einen Augenblick unschlüssig zu sein.

33
Maria erkannte das instinktiv und hielt mich zurück:
“Denk an die Mikroorganismen!”
Als Lali das übersetzt bekam, überwand sie sich, kam
ebenfalls einen Schritt auf uns zu und reichte mir ihre linke,
Maria ihre rechte Hand. Sie demonstrierte Mut und Vertrauen
zu ihren Wissenschaftlern: “Ich werde eine Woche mit Ihnen
leben und auch mit Ihnen untersucht. Wenn alles gut verläuft,
kann ich Ihnen danach unseren Planeten zeigen.”
Wir waren sehr beeindruckt. Lali erinnerte daran, dass nun
auch für uns eine erhöhte Gefahr bestünde. So hielten wir uns
eine ganze Weile an den Händen, suchten das Vertrauen in
den Augen des anderen und versicherten uns ohne Worte, als
gute Kameraden die Bewährungsprobe bestehen zu wollen.

Nach wie vor waren unsere Tage angefüllt mit


Immunisierungen und Untersuchungen der verschiedensten
Art. Lali war mit einbezogen. Wir verstanden uns gut, auch
dann, wenn ihr Computerhut auf dem Tisch stehen geblieben
war und wir uns mit Gesten und Mimik unterhielten. Oft
sprach sie zu uns mit ihrer weichen singenden Stimme in
wohlklingender, vokalreicher Sprache. Auch wenn wir
keines der Wörter kannten, errieten wir oft aus der Situation
heraus den Sinn ihrer Sätze. Besonders schön waren die
langen Abende, die wir meist in einer gemütlichen Sitzecke
in Marias Raum verbrachten. Es hatte bereits mehrmals
Weintrauben als Nachtisch gegeben und so waren wir nicht
sehr verwundert, als Lali uns eines Abends Wein aus einer
großen Keramikflasche in unsere Schalen einschenkte, der
vorzüglich schmeckte. Es fehlte zu unserer romantischen
deutschen Gemütlichkeit eigentlich nur noch eine brennende
Kerze auf dem Tisch, aber das kannte man hier anscheinend
nicht.
34
Lali erkundigte sich viel nach dem Leben auf der Erde und
obwohl wir vor Neugier auf Futuras brannten, erzählten wir
gern und ausführlich über unseren Heimatplaneten und konn-
ten so gleichzeitig unser Heimweh ein wenig abreagieren.
Eines Abends sagte ich Lali, dass wir sehr erfreut, aber
auch sehr verwundert darüber seien, auf einem so weit ent-
fernten Planeten Lebewesen anzutreffen, die so viel Ähn-
lichkeit mit Erdenmenschen haben.
Lalis Antwort verblüffte uns: “Wir sind doch eigentlich
auch Erdenmenschen.” Und dann erzählte sie uns eine lange
Geschichte: “Nach allem, was wir Futuraner über das Le-
ben im Weltall wissen, gab es nur drei Planeten, auf denen
Bedingungen herrschten, die eine Entwicklung von höheren
Lebewesen zuließen: Eure Erde, unser Futuras und noch ein
Planet, den wir Agapos nannten. Er war schon vor Jahrtau-
senden von einer hochintelligenten Art Mensch bewohnt,
etwa so groß wie wir, mit kurzen Armen und Beinen, aber
mit einem großen Rumpf und einem gewaltigen Kopf. Diese
Großköpfe hatten eine leistungsfähige Industrie geschaffen.
Sie kannten bereits Kernenergie und Transphotonenantrieb.
Auf ihren Reisen durch das Weltall entdeckten sie sowohl
Futuras als auch die Erde. Auf Futuras lebten damals große
Riesen mit starken Armen und kräftigen Beinen. Ihr kleiner
Kopf hatte nur ein Auge, aber einen Rüssel, den sie geschickt
wie eine dritte Hand benutzten. Da sie ein dichtes Fell be-
saßen, brauchten sie keine Kleidung. Sie verfügten aber nur
über eine geringe Intelligenz. Die Großköpfe unterwarfen
die Riesen und benutzten sie als willige Arbeitskräfte, be-
sonders beim Abbau von Uran, das es noch heute reichlich
auf Futuras gibt. Die geringen Vorkommen auf Agapos
waren von der Industrie der Großköpfe bereits damals auf-
35
gebraucht. Zum Leidwesen der Großköpfe gab es unter den
einäugigen Riesen aber immer weniger Nachwuchs, so dass
im Laufe der Zeit die Arbeitskräfte in den Uranbergwerken
nicht mehr ausreichten. Zum Glück hatten damals aber die
Großköpfe gerade die Erde entdeckt und so brachte man neue
Arbeitssklaven von dort. Obwohl viele die Umstellung nicht
überlebten, waren sie bald zahlreicher als die Riesen, denn
die hatte der Kontakt mit den Erdenmenschen noch härter
getroffen. Allmählich starben die Riesen völlig aus. Dagegen
konnten sich die Großköpfe gut gegen die Anpassungsproble-
me schützen und brachten ständig neue Arbeitssklaven von
ihrem Stützpunkt Balebeka auf der Erde. Die Erdenmenschen
waren gelehrige Schüler. Bald verrichteten sie nicht nur die
einfachen Arbeiten im Bergbau und in der Landwirtschaft,
sondern gingen auch in die Industrie, ins Verkehrswesen und
wurden sogar Wissenschaftler.
Dann kam die große Katastrophe auf Agapos. Die Groß-
köpfe hatten nach langen Versuchen endlich Erfolg, unbe-
grenzt Energie aus der Kernfusion zu gewinnen. Doch der
künstliche Sonnenbrand war nicht mehr zu beherrschen. Er
erfasste erst die Versuchsanlage, dann die umstehenden Ge-
bäude und breitete sich langsam über die ganze Oberfläche
des Planeten aus, der binnen eines Jahres als neue Sonne am
Himmel erstrahlte. Es blieb zwar Zeit genug, viele Tausende
Großköpfe nach Futuras in Sicherheit zu bringen, aber die
meisten, man schätzt etwa drei Milliarden, verbrannten im
Sonnenfeuer. Auf Futuras gab es danach etwa die gleiche
Anzahl Großköpfe wie Erdenmenschen. Mit dem wachsen-
den Selbstbewusstsein der Menschen wuchsen aber auch die
Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Es gab vereinzel-
te Aufstände gegen die Unterdrückung durch die Großköpfe,
36
die immer wieder grausam niedergeschlagen wurden. Da
kam unerwartete Hilfe durch die biologische Entwicklung.
Schon lange Zeit konnten die Frauen der Großköpfe ihre
Kinder nicht mehr normal zur Welt bringen. Sie mussten
operativ entbunden werden und im Verlauf von Jahrzehnten
ging auch ihre Geburtenzahl drastisch zurück. Als schließlich
die herrschenden Großköpfe nur noch etwa ein Zehntel der
Bevölkerung ausmachten, brach wieder einmal ein regio-
nal begrenzter Aufstand aus, weil in einem Bergwerk die
Löhne gesenkt werden sollten. Die Kämpfe breiteten sich
jedoch rasch über den ganzen Planeten aus. Es gab keine
Kontrolle mehr über die unorganisierten Menschenmassen,
die nunmehr grausame Rache an ihren Peinigern nahmen.
Am Ende war kein einziger Großkopf mehr am Leben. Die
Städte und Industrieanlagen waren dabei zerstört und zum
Teil radioaktiv verseucht worden. Die Menschen hungerten
und wurden ihrer so schwer errungenen Freiheit nicht froh.
Es entwickelten sich unterschiedliche Völker und Gemein-
schaften, die sich nun gegenseitig bekämpften. Einzelne
Herrscher beanspruchten bestimmte Territorien für sich und
stritten mit anderen um die Macht. Es entstanden viele Spra-
chen und Staaten, die zum Teil wieder untergingen. In ihrer
Verzweiflung schufen sich die Menschen unterschiedliche
Gottheiten, von denen sie sich Erlösung erhofften. Auch
im Namen dieser Gottheiten kämpften sie gegeneinander.
Schließlich entstanden auch große politische Systeme, die für
ein gut organisiertes Zusammenleben der Menschen sorgen
sollten. Jedes System hielt sich für das einzig wahre und
versuchte, die übrigen Menschen notfalls mit Gewalt davon
zu überzeugen. So gab es fortwährend Kriege auf Futuras,

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bis sich endlich vor etwa dreihundert Jahren die Demokratie
dann durchsetzte.”
Maria und ich hatten wie gebannt zugehört. Wir hatten Lali
mit keiner Frage unterbrochen, obwohl es so viele Fragen
gegeben hätte. Wir mussten erst einmal alles verdauen, diese
ganze Historie. Vor allem aber mussten wir uns auch erst
darauf einstellen, dass wir hier auf Futuras unter Menschen
waren, unter Erdenmenschen, die vor einem Jahrtausend oder
früher von Balebeka oder woher auch immer nach Futuras
gebracht worden waren und sich hier weiterentwickelt hatten.
Wir hoben wortlos unsere Weinschalen und tranken.

Der erste Ausgang

Am nächsten Morgen eröffnete uns Lali, dass wir für einige


Stunden unsere fensterlosen Räume verlassen und uns im
Garten aufhalten durften. War das eine Freude!

Der Garten war parkartig angelegt und so groß, dass wir nach
einer Seite zunächst noch keine Begrenzung erkennen konnten.
Das Gelände fiel von den, wie Industriehallen aussehenden
schmucklosen Gebäuden unserer Quarantänestation etwas ab.
Schmale Wege führten durch ein urwüchsiges, aber gepflegtes
Grün. In einiger Entfernung schimmerten links und rechts
durch blühende Büsche graue Begrenzungsmauern. Hoch am
blauen Himmel stand eine Sonne. Sie schien etwas größer
zu sein als unsere Erdensonne, blendete aber nicht so stark,
so dass man ohne Schwierigkeiten zu ihr aufschauen konnte.
In einiger Entfernung wuchs ein einzelner Baum, breit und
knorrig wie eine Eiche. Doch beim Näherkommen sahen
wir, dass er keine Blätter, sondern Nadeln trug. Dazwischen
38
Früchte wie kleine Äpfel und gleichzeitig an manchen Ästen
gelbe, stark duftende Blüten. Wir fragten Lali, was das für
ein Baum sei.
Sie sagte etwas und der Computer übersetzte: “Das ist
ein Baum.”
Maria blieb hartnäckig: “Ja, aber wie heißt der?”
Lali brachte mit einem nicht übersetzbaren Namen den
Computer in Verlegenheit. Doch dann half er sich, indem er
den Namen aus der Futuranersprache übernahm: “Das ist
ein Alote.”
Uns half das wenig. Aber wir mussten bald erkennen, dass
es nur wenige Pflanzen gab, für die etwas Vergleichbares auf
der Erde existierte. So war die Übernahme irdischer Bezeich-
nungen nur in ganz seltenen Ausnahmefällen möglich. Selbst
das Gras bestand aus kleinen Büscheln rundlicher Blätter.
Je weiter wir nach unten gingen, umso größer wurde der
Abstand zwischen den seitlichen Mauern. Mit einem Male
tat sich vor uns ein Durchblick auf einen schmalen Fluss auf,
dahinter eine weite Ebene mit regelmäßig angebauten Pflan-
zen. In der Nähe einige Häuser. Fenster, Türen, rote Dächer
- die Häuser hätten auch auf unserer Erde stehen können.
Lautlos glitt ein rötlicher Kasten von der Größe eines
Autos über uns hinweg. Er landete neben einem der Häuser
und zwei Menschen stiegen aus. Sie trugen Pakete und ver-
schwanden hinter einer Tür.
“Was ist das?”, fragte ich Lali erstaunt.
Die sah mich ebenso erstaunt an: “Gibt es das nicht auf
der Erde?”
“Doch, doch, schon, aber das macht einen mörderischen
Lärm bei uns.”

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Wir setzten uns auf einen Baumstamm und erfuhren, dass
fast der gesamte Transport auf Futuras mit solchen und auch
größeren Gleitern abgewickelt wird. Die Energie, die man
dabei ausnutzt, wäre die Gravitation, die Anziehungskraft
des Planeten. Wir verstanden gar nichts mehr.
“Wie kann man denn die Schwerkraft überwinden?”
Lali überlegte lange. Wie sollte sie uns das erklären? Dann
fiel ihr ein anschaulicher Vergleich ein: “Du hast neulich
erzählt, dass du auf der Erde ein Segelboot hattest?”
“Stimmt, aber ich sehe da keinen Zusammenhang.”
“Bei uns können Segelboote auch gegen den Wind segeln.
Bei euch nicht?”
“Doch. Selbstverständlich. Zwar nicht direkt gegen den
Wind, aber sehr schräg dagegen.” “Und genau das tun unsere
Gleiter eben auch, mit Hilfe der flachen Scheibe über dem
Transportbehälter. Man braucht nur ein Material, das die
Schwerkraft nicht durchlässt, genau wie das Segel den Wind
abgleiten lässt. Dabei ist die Schwerkraft unvergleichlich
zuverlässiger als der Wind. Sie ändert weder die Richtung
noch die Stärke.”
Das schien so umwerfend einfach und war doch unglaub-
lich, wenn wir es nicht mit unseren eigenen Augen gesehen
hätten.
“Und so ein Material gibt es?” Ich staunte mehr als ich
noch zweifelte.
“Natürlich, schon seit Langem. Wir haben das noch von
den Großköpfen übernommen.”

Dann kam einer der Weißgekleideten, sagte etwas zu Lali, und


wir mussten unseren ersten Spaziergang leider abbrechen.
Man hatte wohl Sorge, dass unser ungewohnter Kontakt mit
der Natur zu Allergien oder anderen gesundheitlichen Folgen
40
führen könnte. Deshalb war auch der Nachmittag wieder
ausgefüllt mit Abstrichen und Impfungen. Am Abend musste
Lali viele Fragen beantworten. So erfuhren wir, dass es
überhaupt keine Straßen für Fahrzeuge auf Futuras gibt, weil
alle Lasten und auch alle Personen mit solchen Fluggleitern
befördert werden. Die kleinsten von ihnen sind gerade für
zwei Personen geeignet, die größten tragen Lasten mit einem
Gewicht von Hunderten von Tonnen. Selbst das Raumschiff,
das uns geborgen hatte, wurde so angetrieben. Dadurch
konnte es zwar nicht aus dem Schwerebereich von Futuras
hinausfliegen, aber innerhalb dieses Bereiches hatte es
ungeheure Antriebskräfte. Es gab klare Verkehrsregeln für die
Gleiter, vorgeschriebene Höhen, Höchstgeschwindigkeiten,
Landeverbote, Begegnungsregulative usw. Die Lenkung sei
denkbar einfach, meinte Lali, da jeder Befehl über einen
Bordcomputer umgesetzt werde, so dass eine Überforderung
der Technik nicht möglich sei. Allerdings bei sportlichen
Wettkämpfen liefe alles ohne Computer, nur nach dem
Gefühl, der Erfahrung und der Risikobereitschaft des
Lenkers.

Die Demokratie der Futuraner

Offenbar waren inzwischen alle medizinischen Befunde


positiv. Der Aufenthalt im Garten hatte uns also nicht
geschadet. Ebenso hatte Lali durch den permanenten Kontakt
mit uns keinen Schaden genommen. Die wenigen anderen
Futuraner, die im Rahmen ihrer dienstlichen Pflichten mit
uns in Berührung gekommen waren, wurden ebenfalls
gründlichen medizinischen Kontrollen unterworfen.

41
Dann erhielten wir den Besuch eines älteren Herren, den
uns Lali als Vorstandsvorsitzenden ihres Instituts für Im-
munologie vorstellte, wohl eine Art Direktor nach unseren
Maßstäben. Unsere Betreuerin setzte ihren Computerhut ab,
bediente einen Umschalter und stülpte das Gerät Maria auf
den Kopf. Während diesem Vorgang wechselte der Mann ei-
nige Sätze mit Lali in einer Sprache, die sich so deutlich vom
Futuranischen unterschied, dass selbst wir dies bemerkten.
Danach sprach der Vorsitzende wieder Futuranisch zu Maria.
Nun übersetzte der Computer das Empfangene für Maria
ins Englische und gab kurz danach Marias Worte blechern
in Futuranisch wieder. So erhielt Maria die Mitteilung, dass
seitens des Instituts keine Bedenken mehr gegen unseren
freien Aufenthalt auf Futuras bestünden. Ein ‘Mitglied des
Staatsvorstandes’ würde uns in der nächsten Zeit empfangen
und mit uns über unseren weiteren Aufenthalt sprechen. Er
gratulierte uns zu unserem guten Gesundheitszustand, gab
uns zum Abschied - wie mir schien noch etwas zögernd - die
Hand und zog sich danach wieder zurück.
Da ich das Gespräch nur indirekt mitbekommen hatte,
musste mir Maria alles berichten. Lali bekam wieder ihren
Hut zurück und wurde sogleich von uns mit Fragen bestürmt:
“Was ist ein Vorstandsvorsitzender deines Instituts?”
“Was ist das für ein Staatsvorstand?”
“Was für eine Sprache gebrauchte der Mann zunächst mit
dir?”
Lali hob die Arme: “Langsam, langsam! Eines nach dem
anderen.”
Dann erklärte sie, dass es fast drei Milliarden Menschen
auf Futuras gäbe und etwa zwanzig verschiedene Sprachen
gesprochen würden. Futuranisch, wie es allgemein gebraucht
42
werde, sei eine künstliche Sprache, die erst vor etwa zweihun-
dert Jahren mit dem Aufkommen der Computer geschaffen
worden sei. Es gäbe nur zehn Konsonanten und zehn Vokale.
In jedem Wort kämen sie nur abwechselnd vor, also niemals
zwei Konsonanten nacheinander. Uns wurde klar, weshalb
diese Sprache so auffallend klangvoll war.
Maria meinte: “Mein Gott! Hätten wir uns auf der Erde
nicht auch auf eine gemeinsame künstliche Sprache einigen
können? Wie viele Streitereien wären uns erspart geblieben!
Wie leicht wäre dann auch die Verständigung zwischen den
Völkern, wenn jeder nur eine einzige Fremdsprache hätte
lernen müssen. Die Bücher brauchten nicht in zig Sprachen
übersetzt zu werden..”
Lali unterbrach Marias Begeisterung: “Man braucht so
eine Sprache nicht einmal zu lernen, wenn man dann, wenn
es nötig ist, einen Sprachcomputer hat. Viele einfache und
besonders ältere Leute unterzogen sich anfangs bei uns gar
nicht der Mühe, diese Sprache zu lernen. Erst seit vor eini-
gen Jahren der gesamte Schulunterricht in dieser Sprache
durchgeführt wird, breitet sich Futuranisch rasch aus. Einige
Traditionalisten, eben auch mein Chef, nutzen jede Gelegen-
heit, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten, sobald sie
jemanden treffen, der diese Sprache gleichfalls beherrscht.”
“Und was ist ein Staatsvorstand? Hat das vielleicht etwas
damit zu tun, dass es ‘seit dreihundert Jahren die Demokratie
gibt’, wie du neulich sagtest?”
“Genau. Aber da muss ich euch erst etwas über unser
System der Stufendemokratie erzählen. Kommt, setzen wir
uns doch.”
Wir gingen in Marias Raum und nahmen wieder in ihrer
gemütlichen Sitzecke Platz.
43
“Oh je, wie fange ich am besten an? Also, die vielen
Völker unseres Planeten sind unterschiedlich groß und auch
in ihren Traditionen und ihrer Kultur unterschiedlich. Da ist
eine einheitliche politische Administration nicht so einfach.
Es wurden deshalb überall kleine soziale Gesellschaftszellen
als einheitliche Basis gebildet.”
“Familien?”, warf ich ungeduldig ein.
“Ja, die gibt es natürlich auch. Aber eine einheitliche
Grundstruktur muss auch die Alleinstehenden erfassen.”
Sie brach ihre Ausführungen ab, um uns ihr Anliegen von
einer anderen Seite her anschaulicher nahezubringen. “Wie
groß sind denn eigentlich auf der Erde die Gremien, die die
wichtigsten politischen Entscheidungen beraten und treffen?”
“Wie meinst du das?”
“Nun, für die Herausbildung einer Meinung in Rede und
Gegenrede gibt es doch bestimmte optimale Teilnehmer-
zahlen.”
Wir hatten noch nie über so ein Problem nachgedacht und
schauten uns ratlos an. Dann meinte Maria etwas vorsichtig:
“Im Bundestag, unserem Parlament, in dem alle wichtigen
Gesetze beschlossen werden, sitzen über sechshundert Mit-
glieder.”
Lali glaubte an ein Missverständnis: “Die können doch
gar nicht alle zu Wort kommen.”
Vielleicht war es gar kein Missverständnis. Ich versuchte
einzulenken: “Na ja, das wird vorher alles in Ausschüssen
oder in der Regierung vorbereitet.”
“Und wie viele Menschen sind dort dann immer zusam-
men?” “
Vielleicht nur dreißig oder vierzig.”
“Viel zu viele”, meinte Lali selbstsicher. “Wenn mehr als
44
höchstens zwanzig zusammen beraten, gibt es nach un-
seren Erfahrungen bestenfalls interessante Reden, aber
keinen wirklichen Meinungsaustausch mehr. Wir sehen als
Optimum acht bis sechzehn Personen an.”
“Warum mindestens acht?”
“Wenn es weniger sind, ist es nicht mehr effektiv, einen
Vorstand als Leitung zu wählen.”
“Genügt nicht ein einzelner als Leiter?”
Kaum hatte ich das vorgeschlagen, musste ich selber an
die schlechten Erfahrungen auf der Erde mit selbstherrlichen
Königen, Führern und anderen Diktatoren denken. Meine
Reaktion war doch etwas unüberlegt und prompt kam Lalis
Entgegnung: “Nein, ein einzelner wird immer zur Autorität.
Zwei als Leitung kommen nie zu einer Entscheidung, wenn
sie unterschiedliche Meinungen haben. Ein Vorstand mit
drei Mitgliedern hat sich seit langer Zeit bei uns bewährt,
vorausgesetzt, dass bereits zwei von ihnen verbindliche
Beschlüsse fassen können, wobei die Stimme des Vorsitzen-
den nicht mehr Gewicht haben darf als die jedes der beiden
Mitglieder. Aber zurück zu den kleinen Zellen mit acht bis
sechzehn Personen. Sie treffen sich meist einmal monatlich
oder bei Bedarf auch öfter und beraten alle wichtigen Proble-
me. Sie informieren sich gegenseitig sowohl über die großen
politischen Fragen und bilden sich dazu eine Meinung als
auch über die Alltagsfragen des Lebens im Bereich ihrer
Zelle. Hier allerdings können für alle Mitglieder der Zelle
verbindliche Beschlüsse durch den demokratisch gewählten
Zellvorstand gefasst werden. Diese beziehen sich in der Regel
auf das Zusammenleben im Haus oder Wohngebiet, berühren
aber auch wirtschaftliche und soziale Aufgaben der Zelle.”

45
“Wie ein Stammtisch bei uns, nur kann der nichts be-
schließen”, warf ich ein, und war ein wenig erschrocken, wie
abwertend dies klang. Maria blickte mich etwas unwirsch an,
aber Lali wusste Gott sei Dank nicht, was ein Stammtisch
war.
Sie fuhr unbeeindruckt fort: “So eine kleine Gruppe
verändert sich im Laufe der Zeit: Ältere sterben, Jüngere
werden mit zwanzig Jahren volljährig, andere Bewohner
ziehen ins Haus und so weiter. Wenn die Gruppe auf sech-
zehn Mitglieder anwächst, kann sie in zwei arbeitsfähige
Gruppen geteilt werden. Drei bis fünf solcher Zellen bilden
die nächstgrößere Struktureinheit, den Zellverband. Der
umfasst an die fünfzig Bürger und ist damit zu groß für die
Beratung konkreter Probleme. Die Beratungen auf dieser
zweiten Ebene werden nur von den Mitgliedern der drei bis
fünf Zellvorstände durchgeführt. Diese neun bis maximal
fünfzehn Personen wählen sich gleichfalls einen dreiköpfigen
Vorstand als Leitung.”
“Ich kann mir denken, dass drei bis fünf dieser Vorstände
zusammen die dritte Ebene bilden, sich erneut einen Vorstand
wählen und so weiter und so weiter”, warf Maria ein.
“Richtig”, freute sich Lali, “in jeder Ebene beraten dann
stets im Durchschnitt fünfzehn Personen alle anfallenden
Probleme.”
Ich wollte Lali zeigen, dass auch ich aufmerksam zugehört
hatte und rechnete nach: “Wieso fünfzehn im Durchschnitt?
Das wäre doch die Obergrenze bei vollen fünf Vorständen mit
drei Mitgliedern. Bei drei bis fünf Vorständen liegt der Durch-
schnitt doch bei vier, also nur zwölf Beratungsteilnehmern.”
Aber Lali belehrte mich: “Diese zwölf wählen sich doch
einen neuen Vorstand als Leitung aus den eigenen Reihen
46
und kommen dann schon auf fünfzehn, wie gesagt im Durch-
schnitt. Ach, das muss ich noch erklären: Sobald einer in den
Vorstand einer höheren Ebene gewählt wird, muss die Gruppe
in der niederen Ebene sich einen Ersatz in ihren dezimierten
Vorstand wählen.”
“Das erscheint mir recht kompliziert”, stöhnte Maria.
“Doch wenn ich an unser Wahlsystem mit Listenaufstellung
und Erst- und Zweitstimme, an den Wahlkampf der beteilig-
ten Parteien und Personen oder die proportionale Verteilung
der Sitze denke, ist das hier wohl auch nicht komplizierter.”
Lali hörte interessiert zu. “Ihr müsst mir das einmal
ausführlich erläutern. Ich will euch nur noch sagen, dass
ein Staatsvorstand ein Organ der zwölften Ebene ist und
immerhin etwa fünfzig Millionen Menschen führt. Die
Staatsvorstände wählen einen Vorstand des Kontinents, also
die dreizehnte Ebene. Die höchste regierende Gewalt über
ganz Futuras wird aber vom Vorstand des Planeten ausgeübt.
Dieses dreiköpfige Führungsgremium wird von den Vorstän-
den der fünf Kontinente gewählt und ist also die vierzehnte
und letzte Ebene.”
“Eine Regierung für den ganzen Planeten! Donnerwetter!
Wenn es das einmal auf der Erde gäbe! Nun verstehe ich,
dass es hier keine Kriege mehr geben kann”, war meine
spontane Meinung.
Lali war über unser Erstaunen ebenso verblüfft wie wir
über ihre Darlegungen, die für sie nur alltägliche Selbstver-
ständlichkeiten zum Inhalt hatten. Sie lächelte: “Wie würde
es mir wohl auf der Erde ergehen?”

Bisher besaß Lali den einzigen Englischcomputer, den es


auf Futuras gab. Inzwischen hatte man aber schnell für uns
welche programmiert, die Lali uns am nächsten Tag bringen
47
wollte. Sie ließ uns an diesem Abend zeitig allein, so konnten
wir uns zu dem neuen Wissen über Futuras unsere Gedanken
machen.
“Es gibt also drei Menschen mit all ihren Schwächen, die
die Macht über den ganzen Globus ausüben.” Maria konnte
mit dieser Vorstellung noch nicht so recht fertig werden. “Sie
haben zwar fünfzehn Mitglieder der Vorstände der Kontinen-
te zur Seite. Mir ist klar, dass es sich in diesem kleinen Kreis
effektiver arbeiten lässt als mit einem Parlament. Interessant
wäre es aber zu erfahren, wie die ständige Kontrolle durch
die jeweils untere Ebene funktioniert.”
“Jedes Mitglied einer Beratungsebene sitzt doch immer
auch im Vorstand der jeweils unteren Struktureinheit und
muss dort auch für seine Arbeit in der höheren Ebene gerade
stehen können, wenn es auf eine Wiederwahl hoffen will.
Eigentlich ist die ganze Arbeitsweise ziemlich offen und
durchsichtig. Mir gefällt besonders, dass auf jeder Stufe die
vertrauensvollsten Personen aus einem überschaubaren Kreis
gewählt werden. Jeder wählt nur Leute, die er kennt und ein-
schätzen kann. All diese fiesen Typen, die sich auf der Erde
bis in Parteiführungen und Parlamente hochdienen, würden
hier bereits in den ersten Ebenen hängen bleiben. Ebenso
die vielen primitiven Schreihälse, die jedem populistischen
Redner auf den Leim kriechen, weil ihr Intellekt nicht für
eine eigene Meinung ausreicht.”
Maria versuchte meine Euphorie ein wenig zu dämpfen:
“Vorausgesetzt, es geht in der Praxis wirklich alles so ideal
zu, wie wir uns das jetzt vorstellen. Vielleicht gibt es doch ir-
gendwelche Kandidatenaufstellungen oder Listenplatzkämp-
fe, auf die der Wähler - wie bei uns - keinen Einfluss hat.”

48
Aber ich wollte mich nicht bremsen lassen: “Welche
Gremien für so etwas sollte es denn geben? Nein, das passt
nicht recht in das ganze System. Ob es überhaupt Parteien
gibt? Und wenn, welche Rolle mögen sie dann spielen?”
So warfen wir noch manche Frage auf bis wir müde waren
und zu Bett gingen.

Nach einiger Zeit kam Maria noch einmal in meinen Raum


und setzte sich auf mein Bett. “Sag mal, wo nehmen die
eigentlich die zehn Vokale für ihre Sprache her? Ich komme
bloß auf fünf.”
“Hm, nimm noch ä, ö und ü dazu, dann hast du schon
acht. Es gibt wohl auch die Unterscheidung zwischen offenen
und geschlossenen Vokalen oder so ähnlich. Auch kurze und
lange. Wir müssen einfach mal auf Lalis Sprache achten.”
“Weißt du, dass es eigentlich wunderschön ist, dass ich
nicht alleine übrig geblieben bin?”, sagte sie leise, gab mir
einen Kuss und huschte in ihr Zimmer.
Meine Gedanken ließen mich lange nicht einschlafen ...

Eine Pressekonferenz

Der nächste Morgen sollte uns erneut einige Überraschungen


bringen. Lali eröffnete uns mit sehr ernstem Gesicht,
dass ein Mitglied des Staatsvorstandes, statt uns wie
angekündigt zu empfangen, kurzfristig mit uns im Garten
eine Pressekonferenz angesetzt habe. Der Druck der Medien
war offenbar zu stark geworden. Man wollte endlich die
Fremdlinge einmal sehen.
“Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass eure Anwesenheit
bei vielen Futuranern nach ihren bisherigen Erfahrungen mit
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Besuchern von der Erde nicht gerade Begeisterung ausgelöst
hat. Die regierenden Vorstände können solche Stimmungen
nicht einfach ignorieren und waren, wie ihr bemerkt habt,
bisher recht zurückhaltend euch und der Arbeit unserer In-
stitute gegenüber. Es war deshalb gar nicht so einfach, ein
Vorstandsmitglied zu gewinnen, noch dazu eines der zwölf-
ten Ebene, also der Führung unseres Staates, das bereit war,
etwas für die Verbesserung unserer Beziehungen zu tun. Das
ist für ihn nicht ohne persönliches Risiko. Ihr könnt ihm bei
seiner guten Absicht viel helfen.”
“Aber wie denn, Lali?”
Sie lächelte, aber ihre Augen waren traurig. “Das kann
euch kein Futuraner sagen, ich auch nicht. Aber ich habe
Vertrauen zu euch, dass alles gut wird.”

Wir hatten wenig Zeit. Die ersten Journalisten warteten


bereits im Garten. Wir mussten sie trotzdem noch eine
ganze Weile warten lassen, denn erst wurden unsere neuen
Sprachcomputer ausprobiert. Bei dem Spaß, den es dabei
gab, als wir uns mit Lali in Futuranisch unterhielten, verlor
sich sogar etwas die innere Erregung vor der unerwarteten
Pressekonferenz.
Dann erschien eine freundliche ältere Frau, die sich als
Sprecherin des Staatsvorstandes vorstellte, wohl so etwas wie
bei uns eine Pressereferentin. Sie trug wieder so eine schicke,
enganliegende einfarbige Kleidung wie Lali bei ihrem ersten
Besuch in unserem Quarantäneraum. Sie bestand darauf, dass
auch wir nicht in unserer schlichten hellen Anstaltskleidung,
sondern ‘gut angezogen’ vor die Journalisten treten sollten.
Lali lachte über unsere fragenden Blicke, nahm uns an
den Armen und ging mit uns durch den Institutskomplex
in einen Raum mit mehreren großen Spiegeln, in dessen
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Mitte ein kleines Podest stand. Sie einigte sich rasch mit
der Pressesprecherin auf eine Kleidung in türkisgrün, legte
Hose, Jacke und Unterwäsche ab und stellte sich ohne jede
Scham nackt auf das Podest. Bevor ich noch ihren reizvollen
Körper ausreichend betrachten konnte, kam ein Schneider
und heftete ihr vorn und hinten ein Schaumstoffformstück
an die Haut. Von oben senkten sich rotierende Greifer auf sie
herab und in weniger als einer Minute war Lali türkisgrün
eingesponnen. Mit zwei, drei gekonnten Schnitten wurde
der Kopf freigelegt und auch die eingesponnenen Polster
entfernt. Aus dem überlappenden Material wurden vorn und
hinten Klappen geschnitten und mit einer Art Klettverschluss
körpereng angelegt. Strahlend schön trat uns Lali entgegen,
prüfte sich kurz in einem der Spiegel und forderte mich auf,
mich auszuziehen.
Nun war mir von der Erde her Freikörperkultur durchaus
nichts Fremdes, und auch im Raumschiff war kein Platz
für Prüderie. Aber so ganz gleichgültig war es mir in dieser
Situation nicht, zumal ich gerade nicht ohne Vergnügen die
nackte Lali betrachtet hatte. So zog ich mich rasch aus und
stellte mich mit dem Rücken zu den drei Frauen. Doch es
half nichts. Der Schneider redete auf mich ein. Da ich aber
meinen Computerhut abgesetzt hatte und deshalb nichts ver-
stand, zeigte er auf zwei Fußabdrücke im Podest, auf die ich
mich stellen musste. Also drehte ich mich notgedrungen um
und war sehr froh, dass ein Wirbel von Fäden sehr schnell
meinen Körper, meine ausgestreckten Arme und meine ge-
spreizten Beine eingesponnen hatte. Während der Schneider
mir wieder den Blick auf meine Begleiterinnen frei schnitt
und mich vorn wie hinten mit den praktischen Verschlüssen
versah, spürte ich Wärme an meinen Fußsohlen. Die Bein-
51
kleider wurden unten mit einer festen Schicht abgeschlossen,
so dass man keine Schuhe benötigte.
Als nach wenigen Minuten auch Maria wenigstens äußer-
lich zu einer Futuranerin geworden war, führte die rötlich
gekleidete Sprecherin, die wir Posi nennen sollten, uns drei
Türkisfarbene zu den wartenden Journalisten in den Garten.
Plötzlich war die fast vergessene Unruhe wieder da und
wir erschraken, als wir an die hundert Presseleute dicht ge-
drängt auf der Wiese stehen sahen. Keiner von ihnen trug ein
Sprachhütchen, aber die meisten hatten einen kleinen hellen
Apparat, den sie oft längere Zeit vor ihre Augen hielten. Ein
Blitzlichtgewitter, wie wir es noch vom Abschied auf der
Erde in Erinnerung hatten, blieb allerdings aus. Posi führte
uns über einige Stufen zu einer improvisierten Plattform,
auf der ein Mann temperamentvoll gestikulierend eine Rede
hielt. Posi raunte uns zu, dass dies das Mitglied des Staats-
vorstandes sei. Als er uns kommen sah, brach er seine Rede
ab, begrüßte uns mit zurückhaltender Freundlichkeit und
präsentierte uns den Journalisten. Vielleicht, um mir selbst
Mut zu machen, vielleicht auch noch beeindruckt von der
gewaltigen Gestik des Redners, trat ich bei der Nennung
meines Namens einen Schritt vor und hob beide Arme zur
Begrüßung. Irgendwie musste man das missverstanden ha-
ben, denn es erhob sich ein überwiegend ablehnendes Ge-
murmel. Auch einzelne Rufe und Pfiffe konnten von mir nicht
als freundliches Entgegenkommen verstanden werden. Es
war kein Trost für mich, dass es Maria als Frau keinen Deut
besser erging. Nur einige Presseleute versuchten mit wenig
Erfolg durch Beifallklatschen einen Ausgleich zu schaffen.
Während wir durch diese unfreundliche Begrüßung recht
eingeschüchtert waren, schien das bei unserem Vorstandsmit-
52
glied eine gegenteilige Wirkung ausgelöst zu haben. Er hatte
sich nun einmal für uns engagiert und griff stimmgewaltig
die Journalisten an. Sie seien einer vorurteilsfreien, objekti-
ven Annäherung unfähig, wie es eigentlich ihr Berufsethos
erfordere. Ihr Verhalten habe alle Regeln der futuranischen
Gastfreundschaft verletzt und so weiter und so weiter. Er
sprach so schnell, dass unsere Sprachcomputer nicht Schritt
halten konnten.
Aber nachdem unser Redner mit dieser kämpferischen
Rede seinem Ärger temperamentvoll Luft verschafft hatte,
ging er zu einem feierlichen, für meine Ohren allerdings
etwas zu pathetischen Ton über. Wir stünden hier nicht als
die Mörder so vieler Futuraner, sondern als Repräsentanten
eines anderen Sterns. Er sprach von der Begegnung mit der
eigenen Geschichte, von den gewaltigen Hoffnungen, die
damit verbunden seien. Er lobte auch in den höchsten Tönen
unseren persönlichen Mut, mit dem wir uns in unser schwe-
res Schicksal fügten, auf einem fremden Planeten leben zu
müssen, ohne Aussicht auf Heimkehr.
Es war still nach seiner Rede, kein Beifall, aber seine
Worte hatten offenbar beeindruckt.
Auch uns. Wenn wir in den vergangenen Wochen mit
Mühe den nüchternen Weg vom Todeskandidaten zum wieder
lebensbejahenden Menschen gegangen waren, so wurde uns
jetzt die historische Tragweite unserer Mission bewusst. Es
schauerte uns beinahe vor uns selber. Ich nahm mir fest vor,
die Erde und ihre Bewohner würdig zu vertreten und alles
zu tun, was den Futuranern helfen könnte oder wenigstens
ihnen Freude bereitete.
Maria neben mir mag ähnlich empfunden haben, denn sie
blickte ernst und feierlich aus ihrer fremdartigen Kleidung.
53
Dann ging sie spontan auf den Redner zu und bedankte sich
ergriffen.
Danach bat Posi die Anwesenden, heute noch keine Fra-
gen an uns zu richten. Wir könnten noch nichts über Futuras
sagen, da wir noch nichts gesehen hätten. Die Medien würden
regelmäßig von ihr über uns informiert. Doch damit erntete
sie nur lauten Protest. Man wollte nun doch wenigstens ein
paar Worte von uns hören. Posi schaute mich hilfesuchend an.
So trat ich vor. “Es stimmt, wir haben noch nicht viel von
Futuras gesehen, aber das Wenige nötigt uns bereits Hochach-
tung ab. Ich denke an die Sorgfalt, mit der euer Raumschiff
uns geborgen hat, an die Fürsorglichkeit und die Mühe, mit
der wir hier im Institut vor den heimtückischen Gefahren
der für uns neuen Welt bewahrt wurden und insbesondere
an die intelligenten Höchstleistungen der futuranischen Wis-
senschaftler als Repräsentanten der Kultur dieses Planeten.
Die Menschen auf der Erde waren sehr gut beraten, keinen
Aufwand und keine Kosten zu scheuen, um die Verbindung
mit Futuras zu suchen. Vieles ist dabei bisher leider schief-
gelaufen. Es ist Furchtbares geschehen. Das tut uns sehr leid.
Aber ich bin sicher, dass einmal vernünftige und für beide
Welten nützliche Verbindungen zustande kommen. Was wir
dazu beitragen können, werden wir tun.”
Mir standen die Schweißperlen auf der Stirn. Aber die
Zuhörer schienen bereit zu sein, uns wenigstens in diesem
Augenblick nicht mit der Schuld an der Ermordung ihrer
Landsleute zu belasten. Es gab - wenn auch nur spärlichen
- Beifall und das Vorstandsmitglied legte mir dankend die
Hand auf die Schulter. Auch Posi war zufrieden, und Maria
nickte mir zu, als wollte sie sich voll hinter meine Worte
stellen.
54
Nachdem Posi die Pressekonferenz beendet hatte, gingen
die Journalisten den Hang hinunter. Auf der großen Wiese vor
der falschen Eiche bestiegen sie ihre dort abgestellten Flug-
gleiter, von denen einer nach dem anderen lautlos aufstieg
und sich entfernte. Ich hätte mir das nur allzu gern aus der
Nähe angesehen, aber das Vorstandsmitglied wechselte noch
viele freundliche Worte mit uns. Wir wurden von ihm nun
doch zu einem Empfang eingeladen und uns wurde nahege-
legt, uns auch Gedanken über die gemeinsame Erarbeitung
eines Aufenthaltsprogramms zu machen. Posi stimmte mit
Lali noch einige Terminfragen ab, dann verabschiedete sie
sich gemeinsam mit dem Vorstandsmitglied herzlich von
uns. Wir drei Türkisfarbenen gingen nach dieser Anspannung
leicht ermattet, aber doch mit dem gehobenen Selbstgefühl
einer bestandenen Bewährungssituation in unsere Räume
zurück.

Umzug in ein neues Heim

In Bezug auf das Essen waren wir durch den langen


Raumflug etwas anspruchslos geworden. So erschien uns
die Vielfalt des Angebotes während unserer Quarantäne
als wesentliche Qualitätsverbesserung, auch wenn man
uns bewusst unter ständiger Gewichtskontrolle relativ
knapp hielt. Grundkomponente der Nahrung war stets ein
stärkehaltiger Brei, der immer wieder anders gewürzt und
geformt wurde. Die zweite Komponente war Eiweiß, meist
in Form von Fleischstückchen ohne Knochen, so dass wir
wenig Vorstellungen über die Herkunft des Fleisches hatten.
Die dritte Komponente schließlich war ein Gemüse, meist
als Rohkost. Oft waren diese Grundbestandteile als Eintopf
55
zusammengekocht, wurden sonst aber getrennt auf den
tellerartigen Schalen serviert. Da es keine Soßen gab und das
Essen recht fettarm war, musste ich immer einen der vielen
köstlichen Fruchtsäfte dazu trinken. Wir hatten unseren Spaß
daran zu versuchen, eine ähnliche Geschmacksrichtung
oder ähnliche Formen bei Nahrungsmitteln auf der Erde
zu finden. Das gelang uns aber ebenso selten wie bei den
Pflanzen im Garten unserer Quarantänestation. Hatte eine
Frucht etwa die Form eines Apfels, so schmeckte sie eher
nach Erdbeeren. Lediglich die Weintrauben schmeckten wie
gewohnt und sahen auch so aus, sieht man einmal von ihrer
leuchtend orangen Farbe ab. Nur eines war in Farbe, Form
und Geschmack völlig irdisch: Eier.
Wir hatten uns angewöhnt, nach dem Mittagessen ein
Stündchen zu schlafen. Wir stellten aber fest, dass unsere so
herrlich leichten, türkisfarbenen Anzüge nicht ausgezogen
werden konnten, ohne sie zu zerreißen. Lali meinte zwar,
man könne auch darin schlafen, wenn man aber ein Bad
nehmen wollte, müsste man sich eben ausziehen und danach
entweder die bekannten zweiteiligen weichen Anzüge oder
einen Mantel überziehen oder sich neu einspinnen lassen, was
nur sehr wenig Geld koste und in fast jedem Haus möglich
sei. Wer bei der Arbeit schwitze oder sich schmutzig mache,
müsse eben mehrmals am Tage sein Gespinst wechseln.

Am Nachmittag erfuhren wir von Lali, dass wir am nächsten


Tag in ein Haus in Otokalim, einer Stadt der sechsten Ebene,
umziehen würden. Sie hoffe, dass es uns dort gefiele.
“Uns wird es sicher gefallen, aber was ist eine Stadt der
sechsten Ebene?”
“Na, so etwa 12.000 Einwohner.”
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Kaum hatte sich unsere Aufregung um die Pressekon-
ferenz gelegt, wurden wir also wieder in neue Spannung
versetzt.
Lali wollte sich noch einmal unser neues Quartier ansehen
und die notwendigen Vorbereitungen für den Umzug treffen.
So rätselte ich allein mit Maria über unser neues Domizil:
“Werden wir dort unser Essen selbst kochen?”
“Können wir allein einkaufen gehen?”
“Ob man uns wohl Geld geben wird?”
Und dann: “Ob man uns vor zornigen Futuranern schützen
muss?”
Wir hatten beileibe nicht die Befürchtung, dass man uns
jetzt, nach all der bisherigen Fürsorge, allein unserem Schick-
sal überlassen würde. Aber wie würde unser Leben unter den
Futuranern in Zukunft aussehen? Uns wurde erneut bewusst,
wie wenig wir bis jetzt über das Leben der Futuraner wussten.
“Gibt es denn kein Fernsehen auf Futuras?”, fragte Maria.
“Das wird es sicher geben”, antwortete ich, “bei dem
hohen Stand der Technik.”
“Warum hatten wir dann keinen Monitor in unseren
Räumen? So hätten wir doch Land und Leute längst besser
kennengelernt.”
“Haben wir denn einmal darum gebeten? Vielleicht sind
sie sogar gekränkt, weil wir so wenig Interesse an ihnen
gezeigt haben?”
“Du meine Güte! Haben wir Lali nicht genug ausgefragt?
Man kann doch unmöglich alles auf einmal erfragen. Wir
hatten doch, weiß der Teufel, genug um die Ohren!”
Damit hatte Maria sicher recht. Dennoch wollten wir
sobald wie möglich Lali nach dem Fernsehen fragen.

57
Es war Zeit zum Schlafengehen. Ich gab zum Abschied
Maria einen Gute-Nacht-Kuss. Sie legte ihre Arme um mei-
nen Hals: “Bleib doch noch ein wenig.”
Ich legte meine Wange an ihre und dank meiner etwas
unglücklich halbgebückten Stellung fielen wir, ohne uns
loszulassen, seitwärts auf das bequeme Ecksofa. Wir drück-
ten uns fest aneinander, als ob wir sagen wollten: ‘Wenn
wir beide immer zusammenhalten, werden wir schon alles
durchstehen! Wir brauchen einander so sehr, wie wohl keine
anderen zwei Erdenmenschen.’ Jeder von uns spürte in der
engen Umarmung den warmen Körper des anderen. Und was
in der Hektik der vergangenen Wochen verdrängt worden
war, brach nun ungestüm und ohne jede Hemmung über uns
herein.

Als Lali am nächsten Morgen zu uns in den Raum kam,


stutzte sie für einen Augenblick, dann sagte sie lächelnd: “Ich
hatte schon geglaubt, die Erdenmenschen können Kinder nur
noch in der Retorte zeugen.”
Es war schon schwer, unsere Liebe zu verbergen! Nun
schämten wir uns ein wenig, aber Lali ging auf uns zu und
gab jedem einen Kuss. Bald saßen wir am Frühstückstisch
und waren glücklich darüber, dass wir uns vor Lali nicht zu
verstecken brauchten.
Unsere Frage nach dem Fernsehen hatten wir nicht verges-
sen. Lali bedauerte, dass es in diesen abgeschirmten Räumen
nicht möglich gewesen sei, aber in unserem neuen Quartier
werde es auch einen Fernseher geben. Da war er wieder, der
aufregende Gedanke an die neue Wohnung. Wir brauchten
keine Koffer zu packen, so wenig war unser eigen. Nur ein
neues Gespinst war notwendig. Das alte hatte die turbulente
Nacht nicht überstanden.
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Als wir neu eingekleidet waren, führte uns Lali in den
Garten. Dort bildete die gesamte Mannschaft des Instituts
ein Spalier und sang uns zu Ehren ein schönes melodisches
Abschiedslied. Wir hatten nur fünf oder sechs von ihnen
kennengelernt, aber viele andere hatten hinter den Kulissen
mit für unser Wohl gesorgt. So bedankten wir uns bewegt
bei jedem einzelnen.
Auf der Wiese wartete ein kleiner Fluggleiter, kaum grö-
ßer als ein Auto. Lali ließ mir die Zeit, den Gleiter von allen
Seiten zu betrachten. Nichts Auffallendes, außer einer etwa
zwei Quadratmeter großen metallischen Platte über dem
Ganzen. Kein Motor, keine Räder. Gerade so groß, dass vier
Türen zu vier bequemen Sitzen Platz fanden. Kaum saßen
wir, bewegte Lali einen Hebel an einem kleinen Armaturen-
brett, das nur einige wenige Anzeigen aufwies. Mit einem
leisen Geräusch veränderte die Platte über uns ihre Stellung
und elegant stiegen wir nach oben. Unter uns sahen wir die
grauen Gebäude des Instituts, erkannten den ummauerten
Park, ganz unten den kleinen Fluss mit den daran anschlie-
ßenden Feldern und den einzelnen weißen Häusern mit roten
Dächern dahinter. Wir glitten lautlos in vielleicht hundert
Metern Höhe über eine überwiegend grüne Welt, die nur hin
und wieder von einzelnen Häusern oder Häusergruppen un-
terbrochen wurde. Am Horizont waren deutlich die Umrisse
eines fernen Gebirges zu erkennen. Jedes Mal wenn Lali den
Kurs änderte, wurden wir sanft zur Seite gedrückt.
Plötzlich kam uns ein ähnlicher Gleiter entgegen.
“Er kommt von links”, sagte Lali, “also muss er uns
ausweichen.”
Der Fremde änderte seinen Kurs zwar nicht, stieg aber
einige Meter höher und glitt über uns hinweg. Je näher wir
59
unserem Ziel kamen, um so häufiger erfolgten Begegnungen
mit anderen Gleitern. Es war nicht einfach festzustellen,
wer wem ausweichen musste, insbesondere, wenn mehrere
gleichzeitig aufeinander zu flogen. Aber für Lali schien das
kein Problem zu sein.
Unter uns wurden die Abstände zwischen den Häusern
immer geringer. Dann flogen wir über größere Bauwerke
und Lali erklärte uns, dass dies das Zentrum unserer neuen
Stadt sei. Es gab keine Straßen, keine aneinandergereihten
Häuser. Stets war noch etwas Grünes dazwischen.
Lali drehte sich lachend um: “Festhalten!”
Wie ein Stein sackte der Gleiter ab, fing sich wenige Meter
über einer Wiese und landete sicher. Lali hatte sich nur einen
Scherz mit uns erlaubt und war wohl ein wenig enttäuscht,
weil wir dank unseres Raumfahrertrainings keine besonderen
Reaktionen zeigten. Ich konnte mich allerdings recht gut an
die Empfindungen erinnern, die ich als Kind hatte, wenn es
auf dem Rummelplatz im Riesenrad abwärts ging.
Unser Landeplatz lag wenige Meter neben dem hellen
Haus, das nun unsere neue Heimat sein sollte. Es war
größer als ich erwartet hatte. Zwei Geschosse, ein großes
flaches Dach, viele Fenster und Türen, einige große Tore im
Erdgeschoss. Lali klärte uns auf, dass dies der Zentralbau
einer Zelle sei. Unten nur Garagen für die Gleiter und eine
Gaststätte mit einer Küche, oben zwei Wohnungen, eine für
uns drei und eine für einen Mann und eine Frau, die unsere
Helfer sein sollten.
Gespannt gingen wir eine Treppe nach oben. Jeder hatte
da ein schön eingerichtetes geräumiges Zimmer mit zwei
Fenstern.

60
Es gab einen gemeinsamen Wohnraum, ein Bad, eine Toi-
lette und einen, wie mir schien, etwas zu groß geratenen Flur
mit den Zugängen zu allen Zimmern und einem Durchgang
in die zweite Wohnung. Eine Küche gab es nicht.
Viel Zeit blieb uns nicht. Es war bereits Mittag und in
der Gaststätte im Erdgeschoss wartete das Essen auf uns.
Zu unserem Erstaunen waren wir dort nicht allein. Etwa
fünfzehn Personen standen um eine gedeckte Tafel herum
und warteten offensichtlich nur noch auf uns. Lali stellte uns
den Anwesenden vor. Da sie die meisten auch nicht kannte,
sagte jeder bei der Begrüßung seinen Namen, einiges über
die familiären Zusammenhänge und ein paar verbindliche
Worte, wie es wohl auch hier üblich war. Ich muss geste-
hen, alles rauschte so an mir vorüber, dass fast nichts in
meinem Gedächtnis haften blieb. Nur eines wurde mir klar:
Diese Leute waren eine Zelle, also die von Lali erwähnte
kleinste Struktureinheit der futuranischen Demokratie und
irgendwie würden wir wohl in der nächsten Zeit mit ihnen
zusammenleben.
Nach dem etwas zu reichlichen und guten Begrüßungs-
diner zeigte uns der Inhaber der Gaststätte im Keller ein
Schwimmbecken und einen Raum mit der uns nun schon
bekannten Einrichtung für das Kleiderspinnen. Dann drän-
gelte Lali, dass wir uns noch ein wenig ausruhen und auf den
Empfang beim Staatsvorstand vorbereiten sollten.
“Das kann doch wohl nicht wahr sein, Lali! Du lässt uns
ja kaum zur Besinnung kommen!”, stöhnte Maria und ich
ergänzte: “Konntest du uns das nicht früher sagen?”
“Was sollen wir tun? Ich habe den Anruf erst während der
Begrüßung bekommen. Sollte ich euch die Überraschung
während des Essens bereiten? Ich konnte mir eure Reaktion
61
gut ausmalen. Wollen wir absagen? Aber mit welcher Be-
gründung?”
Nein, das wollten wir auch nicht. Also machten wir uns
noch ein wenig frisch und gingen zurück zu unserem Flug-
gleiter.
Nach dem Start fragte mich Maria unvermittelt: “Ist dir
eigentlich aufgefallen, dass keiner der männlichen Journa-
listen auf der Pressekonferenz einen Bart trug und auch alle
Männer unserer Zelle glatt rasiert waren?”
Mir war das nicht besonders aufgefallen, aber jetzt, wo
Maria das ansprach, musste ich ihr zustimmen.
Wir Männer hatten uns schon im Raumschiff nur gele-
gentlich den Bart geschoren. Seit der Landung wuchs meiner
ständig ungehemmt. Er war zwar gepflegt, aber in seiner
Länge bald rekordverdächtig.
Lali ärgerte sich: “Du hättest ihn vor der Pressekonferenz
abnehmen sollen. Jetzt ist dein Bart auf allen Zeitungsfotos.
Aber vielleicht hat das auch seine gute Seite. Du wirst nicht
so leicht erkannt, wenn du unter die Leute gehst, denn du
wirst ihn hoffentlich abnehmen. Ein Bart gilt bei uns als
altmodisch.”
Nun lag mir durchaus nichts an dem antiquierten männli-
chen Schönheitsrequisit, aber ich besaß keinen Rasierapparat.
Meine Frage danach gab Lali wieder Gelegenheit, uns den
hohen Stand der futuranischen Wissenschaft vorzuführen:
“Unsere Männer rasieren sich schon lange nicht mehr. Das
ist doch unangenehm und nach ein paar Stunden sind die
Stoppeln sowieso wieder da. Der Frisör bestreicht die ent-
sprechenden Gesichtspartien mit einer Creme. Danach fallen
die Haare samt ihren Wurzeln aus und wachsen jahrelang
nicht wieder nach.”
62
Wir konnten nur staunen und ich beschloss, dies möglichst
bald auszuprobieren.

Der Empfang beim Vorstand des Staates

Der Flug zum Staatsvorstand dauerte länger als der Flug


vom Quarantäneinstitut hierher. Wir flogen über eine
Seenlandschaft, dann einem breiten Strom entlang bis wir am
Horizont das Meer sahen. Unter uns tauchten viele Häuser
auf, alle einzeln stehend. Die Dächer waren teils flach,
teils spitz und hatten sehr oft ein eingearbeitetes Muster in
auffallenden Farben, damit man aus der Luft das gesuchte
Landeziel erkennen konnte. Gelegentlich erkannten wir eine
Anzahl größerer und höherer Bauten, von denen wir bereits
wussten, dass sie das Zentrum größerer Ballungsgebiete
kennzeichnen. Ich hatte Hemmungen das Wort Stadt zu
gebrauchen. Zu weitläufig war die parkartig zersiedelte
Landschaft, um mit unseren Vorstellungen einer Stadt
übereinzustimmen.
Wir landeten diesmal auf der Dachfläche eines sehr großen
Gebäudes. Lali fuhr sofort in einen Hangar auf der einen Seite
der Dachfläche, denn die Landezone musste möglichst rasch
wieder freigegeben werden. Außerdem herrschte ein recht
starker Wind, den wir während des Fluges kaum bemerkt
hatten, der aber einem frei auf dem Dach stehenden Gleiter
schnell zum Verhängnis werden konnte.
In einer Ecke des Hangars befanden sich Aufzüge. Davor
standen einige kräftige Männer in grauer Tuchkleidung mit
Kopfbedeckungen. Sie verlangten von uns, die Daumen in
zwei dafür vorgesehene Öffnungen in der Wand zu halten. Als
Lali dies tat, leuchtete eine grüne Lampe auf, bei Maria und
63
mir kam ein rotes Lichtsignal. Deshalb ließ man uns nicht in
die Aufzüge. Alle Erklärungen von Lali nützten nichts. Man
glaubte ihr schon, dass wir die beiden Erdenmenschen seien,
die auf Futuras lebten, aber sie dürften niemanden passieren
lassen, dessen Daumen nicht als angemeldet gespeichert
seien. Lali führte sehr temperamentvoll einen geradezu
italienischen Streit bis endlich nach einer Rücksprache mit
irgendwelchen Übergeordneten ein Mann aus dem Aufzug
kam, der uns zum Vorstand begleitete. Lali war das alles
höchst unangenehm und sie entschuldigte sich immer wie-
der bei uns für das Vorkommnis. Wir dagegen konnten ein
Schmunzeln kaum zurückhalten, erinnerte uns das Verhalten
der Männer doch sehr stark an ähnliche Situationen auf un-
serer Erde. Es wird wohl überall ein gern gescheutes Risiko
bleiben, durch eine freie Entscheidung, nach Wertung aller
Umstände, angemessen vom gewohnten oder angewiesenen
Verhalten abzuweichen.
In einem Vorzimmer mussten wir eine Weile warten. Es
blieb gerade die Zeit für Lali, uns über die Sache mit den
Daumen aufzuklären. Demnach sind alle Futuraner in einem
zentralen Computer erfasst, so dass mit Hilfe ihrer Daumen
jederzeit ihre Identität festgestellt werden kann. Irgendwelche
Personalausweise gäbe es nicht. In ähnlicher Weise erfolge
auch der gesamte Geldverkehr.
“Wie funktioniert das?”, entfuhr es mir, aber im gleichen
Moment öffnete sich eine Tür und die uns bereits von der
Pressekonferenz her bekannte Frau Posi kam auf uns zu.
Nach einer herzlichen Begrüßung führte sie uns in einen
Saal. An der Stirnseite eines T-förmigen Tisches saßen zwei
Frauen und ein Mann. Wir erfuhren, dass die ältere der bei-
den die Vorsitzende des Staatsvorstandes, die andere und der
64
Mann weitere Mitglieder waren. Die Ältere blickte uns aus
gütigen und klugen Augen an. Sie bat uns, am Tisch Platz
zu nehmen und brachte ihre Freude darüber zum Ausdruck,
dass wir die Katastrophe von Futuras 4 wie durch ein Wun-
der überstanden hatten und die Anpassung an die hiesigen
Verhältnisse so gut gelungen sei. Ich erwiderte, dass dies
einzig und allein der Sorgfalt und dem Können der Futura-
ner zu verdanken wäre. Die Frau strahlte soviel mütterliche
Wärme aus, dass es uns in keinem Augenblick schwer fiel,
ungezwungen freundliche Worte auszutauschen. In dieser
vertrauensvollen Atmosphäre war es auch möglich, offen,
sachlich und ohne jede Kränkung darüber zu sprechen, dass
auf Futuras seit den tragischen Begegnungen mit unseren
Schwesterschiffen gezielt die Erdenmenschen in den Medien
als Feinde dargestellt worden waren, um die Futuraner zur
Verteidigungsbereitschaft zu motivieren. Auch unsere Anwe-
senheit sei noch kein Anlass, diese reale Gefahr als beendet
zu betrachten. Eine rasche Umstimmung der Futuraner sei
weder möglich noch wünschenswert.
Leider konnten wir den gegen die Erde sprechenden Tat-
sachen wenig entgegensetzen. So mussten wir notgedrungen
Verständnis für eine Situation zeigen, die sich gewiss er-
schwerend auf unser Hiersein auswirken würde. Auf unsere
geäußerte Besorgnis hin, versicherte uns jedoch die freund-
liche Vorsitzende, dass wir vor irgendwelchen körperlichen
Angriffen absolut sicher seien, da jede Anwendung von
Gewalt von den Futuranern abgelehnt werde.
So sehr wir auch der alten Dame vertrauten, die Behaup-
tung, dass es auf Futuras keine Gewalt gäbe, schien uns recht
blauäugig zu sein. Sollten auch hier die Politiker der höheren
Ebenen den Kontakt zum einfachen Volk verloren haben?
65
Verwunderlich wäre das für uns keinesfalls, zumal sie nicht
von den Volksmassen gewählt werden und deshalb auch
nicht, wie die Regierungen auf der Erde, um die Stimmen
der Wähler besorgt sein müssen.
Lali hatte sich während der Unterhaltung sehr zurückge-
halten. Sie wirkte ungewohnt unruhig. War es der Respekt
vor der hohen Regierung? Traute sie dem Wohlwollen der
Vorsitzenden nicht? Hatte sie ein Anliegen, das sie nicht
loswerden konnte? Dann, als sich eine erste Gelegenheit
dafür bot, platzte sie heraus: “Wir hatten eigentlich mit Herrn
Sofeto gerechnet?”
Sie hatte es leise und behutsam als vorsichtige Frage
formuliert, aber den Vorstand offensichtlich in Verlegenheit
gebracht.
Maria und ich verstanden nicht sofort, worum es ging.
Doch dann ging uns ein Licht auf: Richtig, wir hatten doch
anlässlich der Pressekonferenz ein Mitglied des Staatsvor-
standes kennengelernt. Das konnte nur dieser Herr Sofeto
gewesen sein, den Lali jetzt vermisste. Gab es da etwa noch
ein viertes Mitglied? Oder gehörte dieser Herr Sofeto gar
nicht zu dieser Leitung des Staates?
Lalis direkte Frage erforderte eine klare Antwort. Die
beiden Vorstandsfrauen richteten schließlich ihre Blicke auf
ihren männlichen Kollegen.
“Die Versammlung der Vorstände der Länder hat heute
einen neuen Vorstand des Staates gewählt. Dabei erhielt ich
einige Stimmen mehr als Herr Sofeto.”
Das war der nüchterne Sachverhalt. Natürlich lag die
Vermutung nahe, dass Herr Sofeto deshalb abgewählt wurde,
weil er sich zu sehr für uns eingesetzt hatte. Deshalb auch
die Verlegenheit bei Lalis Frage.
66
Die Vorsitzende war klug genug, nicht um die Tatsachen
herumzureden: “Es gibt eben auch unter den Landesvor-
ständen manche, denen es schwerfällt, die große Schuld der
Erdenmenschen nicht euch persönlich anzulasten. Zudem
müssen sie auf ihre Wähler in der Ebene darunter Rücksicht
nehmen. Die Pressekonferenz hat sehr unterschiedliche Re-
aktionen ausgelöst. Die Empörung über Herrn Sofeto scheint
zu überwiegen und ich will offen eingestehen, dass ich es
für eine glückliche Lösung halte, wenn er ein wenig in den
Hintergrund tritt.”
Die alte Dame gab sich in ihrer warmherzigen Art redliche
Mühe, uns davon zu überzeugen, dass sich die Abwahl nicht
gegen uns persönlich gerichtet hatte. Dennoch fiel es uns sehr
schwer, unsere Betroffenheit zu überwinden.
Nach einiger Zeit wurde das dritte Ratsmitglied aufge-
fordert, uns die Vorstellungen über unsere nächste Zukunft
darzulegen. Dieses dritte Mitglied war eine deutlich jüngere,
sehr energische Frau, die im Gesichtsausdruck immer etwas
Schalkhaftes hatte. Sie sagte, dass sie gestern im Fernsehen
beobachten konnte, wie selbstbewusst wir auf der Presse-
konferenz aufgetreten seien. Man könne uns sicher einige
Anstrengungen aufbürden. Wir sollten jeweils eine Woche
planmäßigen Unterricht in wichtigen Lehrfächern erhalten
und im Wechsel eine Woche den Planeten ‘in natura’ ken-
nenlernen. Auf meine Frage, an welche Lehrgebiete gedacht
sei, meinte sie, darüber sollten wir selbst entscheiden. Sie
schlage zum Beispiel die Futuranische Sprache, Geschichte,
Geographie des Planeten, das Maß- und Gewichtssystem,
Mathematik oder konkrete technische Wissensgebiete vor.

67
Maria wollte wissen, ob sie sich nicht als Ärztin weiter-
bilden könne, um hier zu arbeiten und so den Futuranern
ihren Dank abzustatten.
Die drei Räte schalteten ihre Sprachmittler ab und berieten
erregt über dieses Angebot. Schließlich sagte uns die Vorsit-
zende: “Ihre Gedanken zeugen von einer lauteren Gesinnung,
die uns sehr bewegt hat. Natürlich werden Sie die Gelegen-
heit dazu bekommen. Aber lernen Sie erst das Land und die
Menschen hier kennen, dann sehen wir weiter.” Sie erhob
sich. “Aber kommen Sie jetzt, im Nebenraum warten die
Vorstände der Länder mit einem kleinen Begrüßungsimbiss.”
Ein Bediensteter öffnete eine Schiebetür. Auch wir erho-
ben uns und ließen der Vorsitzenden den Vortritt. Als sie an
uns vorbeiging, schob sie ihren Arm unter den von Maria
und nahm sie mit.
Im Nebenraum wurden wir mit Beifall empfangen, der
wohl in erster Linie dem Staatsvorstand galt. Die Räte der
Länder hatten offensichtlich noch Angehörige mitgebracht,
denn statt der erwarteten fünfzehn Personen waren es mehr
als doppelt so viele. Verständlicherweise wollte man die
Gelegenheit nutzen, die umstrittenen Fremden von der Erde
einmal aus der Nähe zu erleben.
Da standen wir also mitten unter denen, die Herrn Sofeto
gestürzt hatten, weil er uns zugetan war. Wie staunten wir
aber, als gerade dieser Herr Sofeto uns hier lachend ent-
gegen kam und uns überaus herzlich begrüßte. Wenn das
auch seinem Temperament entsprach, so hatte ich doch den
Eindruck, dass er ganz demonstrativ vor seinen Kollegen zu
seiner Haltung stehen wollte. Meine Verwunderung darüber,
dass er trotz seiner Abwahl noch zu dieser Veranstaltung
eingeladen wurde, konnte er nicht verstehen: “Ich bin doch
68
als Vorsitzender meines Landesvorstands hier. Durch meine
Wahlniederlage im Staatsvorstand habe ich automatisch
meinen Nachfolger im Landesvorstand wieder in eine Ebene
tiefer verdrängt.”
Er sprühte vor Optimismus und war sicher, bald wieder
in den Vorstand des Staates gewählt zu werden, “...wenn ihr
durch euer Auftreten auf Futuras für meine Rehabilitierung
sorgt.”
Nach einem Toast der Gastgeberin bemühten sich viele
der Anwesenden, mit uns ins Gespräch zu kommen. Das
geschah unaufdringlich, diszipliniert und ruhig. Ich stellte
mir vor, welche Aufregung es auf der Erde geben würde,
wenn die Gelegenheit bestünde, einen Außerirdischen zu
interviewen. Wir hatten viele Fragen zu beantworten, meist
ging es dabei um unsere alte Erde. Von der befürchteten
Aversion gegen die aus der bisherigen Erfahrung als brutal
und aggressiv bekannten Erdenmenschen war in diesem
Kreis nichts zu spüren.
Als ich einmal mit Maria ein paar Worte allein wechseln
konnte, ging es um Herrn Sofeto: “Kannst du dir vorstellen,
wie tief Herr Sofeto als Politiker in einer ähnlichen Situati-
on auf der Erde abgestürzt wäre? Wer da einmal weg vom
Fenster ist, der bekommt so schnell kein Bein mehr auf den
Boden!”
Mir schienen die Vorstandsmitglieder im allgemeinen
recht jung zu sein. Frau Posi bestätigte auf eine unerwartete
Weise meine Vermutung: “Viele sind kaum über sechzig. Die
einzige über hundert ist die Vorsitzende.”
Das verschlug mir fast die Sprache. Ich hätte die meisten
auf vierzig bis fünfzig geschätzt, höchstens. Als ich einmal

69
mit Lali sprechen konnte, fragte ich sie nach der durchschnitt-
lichen Lebenserwartung der Futuraner.
“Etwa hundertzwanzig bis hundertfünfzig Jahre”, ant-
wortete sie.
Ich wagte es, Lali nach ihrem Alter zu fragen. “Fünfund-
sechzig Jahre, und du?”
Ich schämte mich fast zu sagen “neununddreißig.”
Lali schien überrascht: “Und Maria?”
“Ich glaube einundvierzig.”
Sie hatte sich nach dieser Überraschung schnell wieder
gefangen und lachte: “Da könntet ihr ja bequem meine
Kinder sein!”
Später konnte ich Maria wieder einmal beiseite nehmen
und sie raten lassen, wie alt Lali sei.
“Na, etwa wie wir, vielleicht etwas jünger.”
Sie wurde blass, als ich sie über Lalis Alter und das der
Futuraner aufklärte.

Stunden später, auf dem Heimflug, kam mir eine Erleuchtung:


“Lali, sag mal, wie viel Tage hat denn bei euch ein Jahr?”
“Aha, Schlaumeier, du willst mir den Stolz auf mein Alter
nehmen? 302 Tage. Und bei euch?”
“365 Tage, da sieht das mit dem Alter natürlich ganz
anders aus!”
Maria rechnete angestrengt: “Hm, Vorsicht! Die Hun-
dertjährige wäre auf der Erde auch schon über achtzig und
Lali über fünfzig!”
“Aber sie könnte nicht unsere Mutter sein!”, strahlte ich.
Spät am Abend landeten wir. Lali fuhr den Gleiter in
eine der Garagen und Minuten später fielen wir todmüde in
unsere neuen Betten.
70
Neue Erkenntnisse über das Leben der Futuraner

Lali hatte wiederholt davon gesprochen, dass sie in einem


Institut arbeitet. Daran musste ich unvermittelt beim
Frühstück denken. Deshalb fragte ich sie: “Was macht
eigentlich dein Institut? Wirst du dort nicht vermisst?”
“He, du willst mich wohl loswerden?” Dabei lächelte sie
so schalkhaft, dass es nicht nötig war, sie vom Gegenteil zu
überzeugen. “Mein Aufenthalt bei euch ist meine Arbeit für
das Institut. Unser Institut ist die Zentrale für alle Forschun-
gen über interstellares Leben.”
“Dass dann aber nicht mehr Institutsmitglieder Kontakt
mit uns suchen”, wunderte sich Maria.
“Wartet nur ab, man wird schon noch an euch herantreten.
Im Übrigen seid ihr nicht das einzige Forschungsobjekt. Es
sind auch noch viele Fragen aus der Vergangenheit offen.
Die Unternehmen Futuras 1 und 2 werden noch untersucht,
Techniker analysieren euer Raumschiff, interstellare Funk-
verbindungen werden vorbereitet und an einigen Grundfra-
gen von eigenen Raumflügen aus dem Schwerefeld unseres
Planeten wird gearbeitet. Außerdem haben sich bereits andere
Gruppen des Instituts mit euch beschäftigt, zum Beispiel
die Mediziner und Biologen, die so erfolgreich eure Ackli-
matisierung vorbereitet und durchgeführt haben und noch
einige Zeit mit der Auswertung der Ergebnisse beschäftigt
sind. Denkt auch an die Sprachwissenschaftler, die mühsam
aus den aufgefundenen Büchern und anderen Sprachträgern
Englisch gelernt haben und uns die praktischen Hütchen
konstruieren konnten.”
“Dabei hätten wir doch helfen können”, warf ich ein.

71
“Bestimmt - wenn ihr schon da gewesen wäret! Hast du
vergessen, dass ich dich bereits mit dem Sprachcomputer
anreden konnte, bevor ich dich zu sehen bekam?”
Ich ärgerte mich über meinen so unüberlegten Einwurf
und versuchte schnell das Thema zu wechseln: “Und wie
lautet speziell dein wissenschaftlicher Auftrag?”
“Ich schreibe eine Arbeit über die sozialen und psychi-
schen Probleme der Anpassung. Aber das Schönste an dieser
Aufgabe ist doch, dass ich so viel mit euch zusammen sein
kann und euch auch ein wenig helfen darf, mit dem vielen
Neuen fertig zu werden.”
Das hatte sie so schön gesagt, dass wir ihr aus ehrlichem
Herzen versicherten, wie froh und wie dankbar wir für ihre
Betreuung waren. Maria und Lali umarmten sich. Es war
wirklich so, dass wir uns stets recht allein gelassen fühlten,
wenn Lali nicht bei uns war.
Als sich unsere Gefühlswallung etwas gelegt hatte und wir
beim Frühstück wieder kräftig zulangten, ging mir eine Be-
merkung von Lali nicht aus dem Sinn: “Sag mal, Lali, bauen
die Futuraner Raumschiffe, die zur Erde fliegen können?”
Zum ersten Male wurde von uns der Gedanke an eine Heim-
kehr ausgesprochen. Für Lali gewiss keine Überraschung.
Früher oder später musste sie mit dieser Frage rechnen.
Sie legte mir ihre Hand auf meinen Unterarm: “Seit der
Katastrophe auf dem Planeten Agapos und dem späteren
Untergang der Großköpfigen war es auf Futuras verpönt,
sich mit Nukleartechnik zu befassen. Es hat nie mehr einen
Raumflug außerhalb des Schwerefeldes unseres Planeten
gegeben und auch die Transphotonentechnik wurde nie
wieder erforscht. Dafür bestand auch kein Bedarf. Erst durch
das Auftauchen eurer Raumfahrzeuge kamen diese Überle-
72
gungen da und dort wieder ins Gespräch. Unser Institut und
auch einige andere Einrichtungen arbeiten zwar inzwischen
an theoretischen Grundproblemen hierzu, aber es gibt weder
eine finanzielle Förderung noch den politischen Willen, mit
dieser Problematik konzentriert und zielgerichtet voranzu-
kommen. Durch euer Hiersein wächst zwar das Interesse an
diesen Fragen, aber macht euch bitte keine übertriebenen
Hoffnungen. Ihr wisst selbst am besten, wie viel Geld solche
Pläne verschlingen, Geld, das für andere wichtige Aufgaben
dringend gebraucht wird. Da wird seit zehn Jahren an einem
riesigen Hochwasserschutzdamm gebaut, aber die Anlage
wird nicht fertig, weil immer wieder die Finanzierung nicht
gesichert werden kann.”
Der Gedanke an eine mögliche Heimkehr hatte sich bei
Maria und mir noch gar nicht im Bewusstsein eingenistet,
so dass uns Lalis pessimistische Eröffnung nicht besonders
hart traf. Fast hatte ich den Eindruck, dass Lalis realistische
Einschätzung ihr selbst mehr weh tat als uns. Es schmerzte
uns im Augenblick mehr, als Lali uns mitteilte, dass sie uns
in den nächsten Tagen für einige Zeit verlassen müsse, um
ihre Arbeit im Institut weiterzuführen.
Nach dem Frühstück gingen wir in unser gemeinsames
Wohnzimmer und Lali schaltete den Fernseher ein. Eine
helle Wand, die ich vorher als recht kahl empfunden hatte,
leuchtete auf. Wir wichen staunend an die gegenüberliegende
Seite des Raumes zurück und setzten uns dort auf ein Sofa.
Trotz der Größe des Bildes, etwa zwei mal drei Meter, war
es so klar, dass ein Verdunkeln der Fenster nicht nötig war.
Ein gemischter Chor sang sehr getragene Weisen, die auch
uns ein wenig traurig stimmten. Nach einiger Zeit schaltete
Lali auf ein anderes Programm, eine Nachrichtensendung.
73
Unser Sprachmittler konnte die vielen Eigennamen nicht
übersetzen und hatte überhaupt Probleme mit dem schnellen
ununterbrochenen Redefluss, so dass viele Zusammenhänge
für uns unverständlich blieben. Ein dritter Sender übertrug
die Trauerfeier für einen verstorbenen bekannten Bildhauer.
Lali wollte weitersuchen, doch Maria bat sie, noch etwas bei
dieser Sendung zu bleiben. Wenn der Tote uns auch unbe-
kannt war, so interessierte uns doch die Art der Beisetzung.
Die Feier fand in einem Gebäude statt, das wir auf Anhieb
als Kirche bezeichnen würden. Im Mittelpunkt eines hohen
kreuzförmigen Raumes stand eine riesige Vase, zu der von
allen Seiten Stufen hinauf führten. In den vier Seitenschiffen
saßen in langen Bankreihen viele Trauergäste und hörten
einem Redner zu, der auf den Stufen an der Vase stand
und eine Gedenkrede für den Verstorbenen hielt. Danach
sprachen noch einige andere. Schließlich brachte ein wür-
diger älterer Herr eine Urne, stieg feierlich die Stufen zu
der großen steinernen Vase hinauf und schüttete den Inhalt
der Urne, offenbar die Asche des verbrannten Toten, in die
Vase, während die Menschen aufstanden und von Musik
begleitet ein schwermütiges Lied sangen. Danach gingen
einige Futuraner, wohl die nächsten Angehörigen, zu einer
Stelle der Kirchenwand, wo sie ein dunkles Tuch von einer
Tafel entfernten. Lali erläuterte uns, dass auf der Tafel ein
kurzer Lebenslauf des Verstorbenen stand. Auf ihren Hinweis
sahen wir, dass fast alle Wände der Kirche bis in eine Höhe
von mehreren Metern mit derartigen Tafeln bedeckt waren.
Unter dem Geläut von Glocken verließen die Menschen die
Kirche, wobei viele bemüht waren, einen Blick auf die stei-
nerne Tafel zu werfen. Ich unterhielt mich mit den Frauen
darüber, dass auch bei uns auf alten Grabsteinen oftmals
74
manches über Beruf, Ehen und Kinderzahl des Toten steht,
während neuerdings leider außer dem Namen, dem Geburts-
und dem Todesdatum kaum etwas der Nachwelt überliefert
wird. Selbst die Traueranzeigen in den Zeitungen sagen oft
so wenig über den Toten, dass man manchmal gar nicht
weiß, ob es einen Bekannten oder einen Fremden gleichen
Namens getroffen hat.
Auf dem vierten Sender gab es eine Sportübertragung.
Zwei Mannschaften zu je vier Spielern kämpften auf einem
tennisplatzgroßen Spielfeld, wobei ein großer Ball immer
erst mit den Händen im eigenen Feld aufgeschlagen wurde,
bevor er über ein niedriges Netz zum Gegner flog. Hunderte
von Zuschauern fieberten mit den Spielern und begleiteten
jeden gekonnten Schlag mit Beifall.
Schließlich gab es noch ein fünftes Programm. Aber als
Lali es einschaltete, kam gerade der Abspann eines Films
und eine freundliche Sprecherin verabschiedete sich von den
Zuschauern. Auch die anderen Sender hatten inzwischen ab-
geschaltet. Wir waren ein wenig erstaunt, aber Lali klärte uns
auf: “Bei uns gab es noch vor wenigen Jahren Fernsehen rund
um die Uhr. Doch das hatte sich als beachtliches Hindernis
für ein harmonisches Familienleben und überhaupt für die
soziale Kommunikation der Menschen erwiesen. So hat man
die Sendezeit allmählich auf zwei Stunden täglich reduziert.”
Maria fragte ungläubig: “Und das ausgerechnet zur Früh-
stückszeit?”
“Natürlich nicht. Die eigentliche Sendezeit ist von vier
bis sechs Uhr abends. Von vier bis sechs Uhr morgens ist
nur eine Wiederholung des Programms vom Vorabend für
Schichtarbeiter.”
“Aber jetzt ist es doch sicher viel später als sechs Uhr.”
75
“Fünf Minuten darüber.”
Uns wurde bewusst, dass wir uns seit Wochen nicht mehr
um die Zeit gekümmert hatten. Im Wohnzimmer hing eine
Uhr. Sie hatte zwei Zeiger, wie wir es gewohnt waren. Statt
der Zahlen gab es Striche, das war uns so fremd auch nicht,
wenigstens die dicken Striche bei drei, sechs, neun und zwölf
waren wir gewohnt. Jetzt erst bemerkte ich, dass dazwischen
jeweils nur ein dünnerer Strich war und nicht wie bei uns
üblich zwei. Tatsächlich klärte uns Lali auf, dass der Tag
der Futuraner nicht vierundzwanzig sondern nur sechzehn
Stunden hat, also zweimal acht.
“Wenn wir schon einmal bei diesem Thema sind”, hakte
ich ein, “du hast einmal gesagt, das Jahr hat bei euch nur 302
Tage. Gibt es denn auch Wochen und Monate?”
“Ja, das Jahr hat zehn Monate zu dreißig Tagen. Jeder
Monat hat fünf Wochen zu je sechs Tagen.”
“Und der 301. und 302. Tag?” “Das sind zwei wochen-
tagfreie Tage am Ende jeden Jahres, im Schaltjahr, also alle
sieben Jahre, sogar drei.”
“Merkwürdig, das passt doch eigentlich gar nicht zu dem
praktischen Oktalsystem der Uhr”, meinte ich.
Aber Maria erinnerte mich daran, dass auch das irdische
Zeitschema nicht mit dem sonst üblichen Dezimalsystem
übereinstimmt. Manches ist eben von der Natur vorgegeben
und kann nicht einfach geändert werden, etwa die Zahl der
Tage im Jahr. Dinge, die man aber ändern konnte, halten sich
oft hartnäckig durch die stupide Kraft der Gewohnheit. Wenn
wir auf der Erde doch wenigstens die Monate auf eine gleiche
Länge von dreißig Tagen bringen könnten! Die fünf freien
Tage am Jahresende wären dann auch nicht zu verachten.

76
Lali erklärte uns die Bedienung der Fernseheinrichtung.
Wir brauchten uns nicht an die Sendezeiten zu halten. Es gab
eine eingebaute Recordertechnik und - was für uns besonders
wichtig war - man konnte eine Art bespielte Disketten einle-
gen und auf diese Weise viel von Land und Leuten kennen-
lernen. Lali wollte uns mit geeigneten Disketten versorgen.

Unsere neue engere Heimat

Beim Mittagessen im Erdgeschoss unseres Hauses setzte sich


ein sympathisches Paar an unseren Tisch. Wir hatten es schon
tags zuvor beim Begrüßungsdiner flüchtig kennengelernt.
Wie wir waren auch die beiden neu hier. Herr Sifalo - so hieß
der freundliche Mann - hatte sich als Arzt um eine Stelle im
neuen Ärztehaus beworben, das nur einige hundert Meter
von hier entfernt war. Er bekam unter mehreren Bewerbern
diese Stelle angeblich nur deshalb, weil - wie er mit einem
verschmitzten Seitenblick behauptete - seine Frau hier als
Arztsekretärin eingesetzt werden konnte. Seit einigen Tagen
hatten sie mit ihrem Sohn ein neues Einfamilienhaus in der
Nähe bezogen. Sie luden uns so herzlich ein, nach dem Essen
einen kleinen Verdauungsspaziergang zu ihnen zu machen,
dass wir gern zusagten.
Wir gingen mit ihnen auf einem schmalen asphaltierten
Parkweg und standen nach kaum fünfzig Metern vor zwei
neugebauten Wohnhäusern. Um das Haus herum, zu dem
uns Herr Sifalo führte, lag noch frisch ausgeworfene Erde,
aber das Gebäude selbst leuchtete schmuck in seinem hellen
Putz. Innen war es nicht sehr geräumig, vier kleinere und ein
größerer Raum mit einer anschließenden Terrasse auf der
Sonnenseite. Mir fiel eine kleine, aber recht zweckmäßig
77
eingerichtete Kochnische auf. Eine elektrische Fußbodenhei-
zung sorgte an kühlen Tagen für Wärme, eine nach irdischen
Maßstäben recht aufwendige Sache. Frau Sifala wollte uns
zu einem Imbiss verführen, aber sie hatte Verständnis dafür,
dass wir so kurz nach dem Mittagessen dankend ablehnten.
Man hatte uns aus dem Nachbarhaus beobachtet und Herr
Ralupo, der Gastwirt, ließ nicht locker, uns auch sein Haus
zu zeigen. So verabschiedeten wir uns von der Arztfamilie,
nicht ohne das Versprechen, uns bei nächster Gelegenheit
etwas ausführlicher zu unterhalten.
Das Haus des Wirtes war ebenso neu, ähnlich aufgeteilt
und ausgestattet, hatte aber noch ein ausgebautes Dachge-
schoss, in dem der Koch wohnte. Von der Terrasse aus konnte
man noch einige weitere Häuser im Grünen erkennen. Herr
Ralupo bezeichnete die nächsten fünf Wohngebäude als “zu
unserer Zelle gehörig”. Er wäre im Vorstand dieser Zelle. Lali
beglückwünschte ihn dazu, fragte aber sachkundig: “Wohnen
da wirklich nur sechzehn Personen?”
Das war, wie wir schon wussten, die Höchstzahl für eine
Zelle.
“Ja, wenigstens bisher, genau sechzehn. Doch in diesen
Tagen sind ja acht neue dazugekommen.”
Wir überlegten: Die drei von der Arztfamilie, unsere bei-
den Helfer, und wir. Er hatte uns also bereits voll einbezogen.
Herr Ralupo bestätigte das. Es sei zwar nicht üblich, Neu-
zugänge in die Leitung der Zelle, den Vorstand, zu wählen,
aber ansonsten seien sie völlig gleichberechtigt.
Lali fragte - wohl mehr an uns denkend - weiter: “Was
wird denn nun aus den acht Neuen? Vierundzwanzig Perso-
nen sind doch zu viel für eine Zelle.”

78
“Gestern Abend wurde bereits die Teilung beschlossen,
meine Familie, der Koch und - schauen sie da hinüber - die
Bewohner des nächsten Hauses bilden mit euch Neuen eine
eigene Zelle. Sie kennen das ältere Paar sicher noch vom
Begrüßungsdiner. Er ist Mitglied des Gemeindevorstandes,
also der Leitung unserer vierten Ebene und wird uns sicher
in vielen Fragen unterstützen können.”
Herr Ralupo zeigte mit ausgestrecktem Arm in verschie-
dene Richtungen, wo sich zwischen den Bäumen weitere
Gebäude andeuteten. “Dort liegen die anderen Zellen, die mit
uns einen Zellverband bilden.” Herr Ralupo war ganz stolz
auf den Bereich des Zellverbandes: “Fast siebzig Personen
sind das jetzt, Volljährige. Dazu etwa zwanzig Kinder. Wir
haben ein Ärztehaus, eine Schlosserei, einen Baubetrieb,
ein Bad und halt meine Gaststätte. Eine überdurchschnitt-
lich große Fläche gehört dazu. Dadurch wohnt es sich zwar
angenehm, aber es kostet auch Arbeit und Geld.”
Inzwischen waren wir das kurze Stück zu unserem Haus
zurückgegangen. Wir verabschiedeten uns und der Wirt rief
uns noch nach: “Vergessen sie nicht, übermorgen Abend ist
die Wahl des neuen Vorstandes der Zelle und natürlich auch
die Namensgebung.”
Wir waren kaum in unserer Wohnung, da fragte Maria:
“Lali, was ist das für eine Namensgebung?”
“Keine Angst, ich werde weiter Maria zu dir sagen und
bleibe für euch Lali. Aber jeder Futuraner hat eine feste
Kennzeichnung. Aber davon wird euch die Vorsitzende des
Zellverbandes noch einiges erzählen.

Später, als Lali bereits in ihr Zimmer gegangen war, saß ich
noch einige Zeit mit Maria zusammen.
79
“Da gibt es auf Futuras Millionen solcher kleinen Wohn-
gemeinschaften von etwa einem Dutzend Bürgern, die zu-
sammen leben, manchmal vielleicht sogar in einem Haus.
Wenn sie nicht gerade neu zusammengewürfelt sind wie wir,
kennen sie sich lange und können gemeinsam ihre Probleme
beraten und vielleicht auch lösen”, grübelte ich.
“Ich bin gar nicht so sicher, ob das auch effektiv ist”,
meinte Maria nachdenklich. “Was haben denn der Arzt, der
Gastwirt und wir schon für gemeinsame Probleme? Jeder
hat doch andere Aufgaben, andere Sorgen. Die muss letzten
Endes jeder selbst individuell meistern. Ich fürchte eher, dass
sich irgendein Vorsitzender kraft seines Amtes anmaßt, sich
in die persönliche Freiheit des einzelnen einzumischen.”
“Er braucht dazu immer die Zustimmung eines Zweiten.
Ein kleiner König kann er da nicht werden. Im Übrigen
dürfte er auch die nächste Wahl nicht überstehen, wenn er
sich unbeliebt macht. Und von wegen keine gemeinsamen
Probleme! Denk doch nur an unser gemeinsames Essen in
der Gaststube, das gemeinsame Wohnen im Haus und in der
Umgebung. Sollte das immer problemlos verlaufen? Ich wür-
de gern erfahren, welche Rechte und welche Möglichkeiten
ein Vorstand überhaupt hat.”
Maria griff einen Gedanken, den sie schon früher ein-
mal hatte, erneut auf: “Eines gefällt mir an diesem System
besonders: Diese Wahlen von Stufe zu Stufe. Es gibt sicher
auch auf Futuras Hitzköpfe, Ungebildete oder gar Asoziale.
Jetzt wird deutlich, dass die gleich in der ersten Ebene durch
das Sieb fallen und von den höheren Stufen von vornherein
ausgeschlossen sind.”
“Weißt du, dass das in meinen Ohren recht arrogant
klingt?”, bemerkte ich etwas verärgert, “entschuldige bitte,
80
es ist etwas Wahres dran. Aber wissen wir denn, ob es die
Futuraner überhaupt zulassen, dass sich in ihrer Gesellschaft
so ein Bodensatz entwickelt, wie wir es von den Ellenbo-
gengesellschaften der Erde gewohnt sind? Keiner muss doch
sein Leben lang ungebildet bleiben. Zumindest hat hier jeder
die Möglichkeit, das Vertrauen der anderen zu gewinnen.
Und nur die Vertrauensvollsten werden gewählt und in der
nächsten Stufe wieder gesiebt, bevor sie immer größere Ent-
scheidungsbefugnisse in den höheren Ebenen erlangen. Ich
finde das nach allem, was wir bereits wissen, schon optimal.”
“Mag sein, dass jeder Wähler den wählt, der sein Vertrau-
en genießt. Ob das aber auch immer der Wertvollste ist?”
“Was bestimmt denn den Wert eines Menschen für die
Gesellschaft? Sein Geld etwa? Sein Parteibuch? Seine Kre-
ditwürdigkeit oder sein telegenes Gesicht? Ich denke, unsere
irdischen Maßstäbe würden in der totalen Demokratie der
Futuraner keine Bedeutung erlangen können. Was kann es
für den sozialen Wert eines Menschen für einen gerechteren
Maßstab geben als die Beurteilung seiner Gesamtpersönlich-
keit durch Menschen seiner nächsten Umgebung, die ihn am
besten kennen?”

Am nächsten Tag wurde die Wohnung neben uns von einem


Mann und einer Frau bezogen. Sie waren als unsere Helfer
vorgesehen. So recht wussten wir zwar nicht, wobei sie uns
helfen sollten, doch wir empfanden das als freundliches
Entgegenkommen des Staatsvorstandes. Die Frau, lebhaft
und attraktiv, mochte nach irdischen Maßstäben noch keine
dreißig Jahre alt sein. Der wesentlich ältere Mann, vielleicht
vierzig, kräftig gebaut, mit leicht graumeliertem Haar.
Lali hatte die beiden ausgewählt. Sie stellte uns die junge
Frau als gelernte Krankenschwester vor und ihn als tüchtigen
81
Handwerker, der an seinem bisherigen Wohnort das Vertrau-
en der Bürger genoss und dort sogar in den Vorstand der
dritten Ebene gewählt worden war. Nein, der Typ Putzfrau
und Hausdiener, wie ich sie mir vorstellte, waren sie nicht.
Aber ich fand sie in ihrem natürlichen Selbstbewusstsein
sehr sympathisch. Er nannte sich Meto, sie Meta. Als ich
sagte, dass es auch auf der Erde den Namen Meta für eine
Frau gäbe, lachten alle herzlich. Sie verriet uns, dass Meta
weder ihr letzter offizieller Name noch ihr Geburtsname sei,
sondern der Name, den sie erhalten hatte, als sie in ihre erste
gemeinsame Wohnung zogen.
Beide waren den Rest des Tages damit beschäftigt, einen
großen Fluggleiter mit Hausrat von zwei Speditionsarbeitern
entladen zu lassen und ihre Wohnung halbwegs bewohnbar
einzurichten.
Lali telefonierte mehrmals mit ihrem Institut und verkün-
dete uns dann, dass sie uns bereits in der nächsten Woche für
einige Tage verlassen müsse. Dazu hätte sie noch unbedingt
einiges auszuarbeiten. Sie entschuldigte sich, dass sie sich
in ihr Zimmer zurückziehen müsse und empfahl, wir sollten
uns ein wenig mit der Umgebung vertraut machen.
Maria fragte vorsichtig, ob die Begegnung mit fremden
Leuten nicht unangenehm werden könnte. Aber Lali meinte,
hier wüssten nur wenige, dass die Erdenmenschen in ihrer
Nähe weilten und - mit einem spitzbübischen Seitenblick zu
mir - seit der Bart ab sei, würden wir ohnehin nicht auffallen.
Ich hatte zwar noch immer nicht die Gelegenheit, die
empfohlene Wundercreme zu nutzen, mir aber mit einer
Schere den Bart so gut es ging gestutzt, um nicht nach dem
Geschmack der Futuraner altmodisch zu erscheinen. Maria

82
hatte kein Wort dazu verloren. Nun hatte wenigstens Lali das
zur Kenntnis genommen.
Da Lali nicht zum Mittagessen erschien, baten wir Meta,
ihr etwas Essbares aufs Zimmer zu bringen. Wir saßen indes-
sen mit Frau Sifala am Tisch zusammen. Sie hatte einen Tag
frei genommen, um ihren Sohn zu empfangen, der zum ersten
Mal seine Eltern am neuen Wohnort besuchte. Der etwas
schlaksige junge Mann studierte in der früheren Heimat der
Frau Sifala Pädagogik. Er war ebenfalls daran interessiert,
die Umgebung des neuen Zuhauses kennenzulernen. So
wanderten wir nach dem Essen zu fünft los, denn Lali hatte
Meto gebeten, das Einräumen der Wohnung zu unterbrechen
und uns zu begleiten. Wir gingen den uns schon bekannten
Weg vorbei an den beiden neuen Häusern. Kurz dahinter
kam uns ein älteres Paar entgegen. Ich erinnerte mich bei
ihrem Anblick, dass es mir doch schon beim Begrüßungs-
diner als sehr zurückhaltend aufgefallen war. Das war also
das Vorstandsmitglied der Gemeinde, von dem der Wirt bei
unserem ersten Spaziergang sagte, dass er in der Zelle bei
allen Problemen helfen würde. Herr Raluto - so hieß er - und
seine Frau begrüßten uns sehr herzlich. Sie machten absolut
keinen zurückhaltenden Eindruck mehr. Beide waren früher
Lehrer. Sie gingen erst jetzt zum Mittagessen, sonst hätten
sie sich uns gern angeschlossen. Frau Raluta sprach mit dem
Studenten über das Lehrerstudium, während ihr Mann sich
nach Lali erkundigte, uns einen Hinweis für den weiteren
Weg gab und mit einem “Auf Wiedersehen morgen Abend
” verabschiedete. Trotz der Kürze des Gesprächs waren be-
sonders die beiden Frauen von der Wärme sehr angetan, die
der alte Herr ausstrahlte.

83
Die nächsten Häuser an denen wir vorbeikamen, waren
schon älter. Die Vorgärten wirkten gepflegt und waren voll
blühender Sträucher und Blumen. Wir hatten es längst auf-
gegeben, nach Pflanzennamen zu fragen. Zwar verglichen
wir sie ständig mit irdischen Gewächsen, aber selbst dann,
wenn wir eine bemerkenswerte Ähnlichkeit entdeckten, was
ohnehin selten genug vorkam, kannten wir oft nicht einmal
den genauen Namen der Pflanze auf der Erde. So gaben wir
uns einfach der naiven Freude an der Schönheit der Natur
hin. Frau Sifalo erwies sich gelegentlich als hilfreiche Leh-
rerin, etwa wenn sie uns auf die Giftigkeit einer verlockend
schönen Frucht aufmerksam machte.
Erst als wir im Gebiet einer der benachbarten Zellen auf
einen Garten stießen, der von einem dichten Maschendraht
umgeben war, fiel uns auf, dass es sonst nirgends Zäune
gab. In diesem Garten befänden sich vermutlich kostbare
Zuchtstauden, erklärte uns unsere aufmerksame Begleiterin,
die der Züchter vor Wildschäden schützen müsse. Die Frage
nach dem Wild ersparten wir uns. Mit Großwild war in dieser
besiedelten Gegend gewiss nicht zu rechnen. Später wurde
unsere stille Vermutung bestätigt, als wir einige kurzohrige,
kaninchengroße Vierbeiner über eine Grünfläche hoppeln
sahen.
Die schon einige Jahre alten Häuser waren locker in
diesem parkartigen Gelände verteilt. Überall gab es gut ge-
pflegte, kaum zwei Meter breite Asphaltwege. Auch die im
Wald stehenden Häuser hatten einen gut gekennzeichneten
Landeplatz für Gleiter.
In einer geräumigen Lichtung erblickten wir einen künst-
lich angelegten See. Auf dem feinen weißen Sand sonnten
sich einige nackte Badegäste. In dem kleinen See von viel-
84
leicht fünfzig Metern Durchmesser tummelten sich ballspie-
lende Kinder. Uns war nach dem ungewohnten Marsch in der
warmen Mittagssonne durchaus nach Baden zumute. Meto
war sich sicher, dass uns hier niemand erkannte, solange wir
uns in kein Gespräch einließen. Badekleidung war offenbar
nicht erforderlich. Aber konnten wir hier unsere Gespinsthaut
irgendwo erneuern? Frau Sifala schien unsere Gedanken
erraten zu haben. Sie zeigte auf das einzige Gebäude in der
Nähe des Bades. Dort gäbe es neben einem Geräteschuppen
und den Toiletten bestimmt auch ein Einkleidungsgerät. So
zogen wir uns rasch aus und stürzten in das kühlende Wasser.
Als wir uns recht ausgetobt hatten und nach einem Son-
nenbad wieder trocken waren, sammelten wir wie gewohnt
die Reste unserer Kleidung ein, warfen sie in einen Sammel-
behälter beim Einkleidungsgerät und setzten nach kurzer Zeit
in leuchtendem Gelb unseren Spaziergang fort.
Etwas abseits klangen uns aus dem Grünen Hammerschlä-
ge und Motorengeräusche entgegen. Beim Näherkommen
sahen wir ein Betriebsgelände, auf dem einige Männer an
einer großen Eisenkonstruktion bohrten, schraubten und
schweißten. Da wurde der Techniker in mir wach und ohne
Bedenken, aber auch ohne Einwand seitens Meto, ging
ich zu den Männern. Auf meine Frage hin sagte man mir,
dass es sich um ein Tragegerippe für einen Turmaufbau im
Zentrum der Stadt handele. Man könne es sich erlauben,
die viele Tonnen schwere Anlage hier auf dem Boden fertig
zu montieren, da der Transport dank der großen Fluggleiter
überhaupt kein Problem war.
Ein großes Materiallager mit viel Profileisen erregte meine
Aufmerksamkeit, weil das Metall kaum Roststellen aufwies,

85
obwohl es im Freien lagerte. Offenbar gab es Legierungen,
die keinen Rostschutz benötigten.
Unser Weg führte weiter durch einen Wald. Wir sahen
lange keine Häuser. Erst als wir wieder in die Nähe unse-
rer heimatlichen Gastwirtschaft kamen, begegnete uns ein
Dutzend Schulkinder, die aus dem einzigen Haus stürmten,
das etwa die Größe des unsrigen hatte. Alle anderen Häuser
waren kleiner, nur für eine oder zwei Familien vorgesehen.
Unsere Begleiter verabschiedeten sich von uns und gin-
gen quer über eine Wiese zu ihrem Heim. Wir blieben auf
dem schmalen Asphaltweg und gelangten so nach wenigen
Minuten zu unseren Wohnungen. Wir waren es nicht mehr
gewohnt zu wandern und gar zu schwimmen. So ruhten wir
uns erst ein wenig aus.

Der Entschluss, das Fahrrad neu zu erfinden

Von Lali war nichts zu hören. Neugierig klopfte ich an ihre


Zimmertür. Sie hatte die ganze Zeit gearbeitet. Nun ging sie
mit uns zum Abendessen und wir berichteten von unseren
Erlebnissen. Beiläufig erwähnte ich, dass die Landschaft so
weitläufig und die Verbindungswege so herrlich angelegt
seien, dass wir uns so bald wie möglich Fahrräder kaufen
wollten.
“Fahrräder?”, fragte Lali zurück und legte ihre Stirn dabei
in Falten, so dass ich erschrak, weil ich wohl etwas Falsches
oder Unangemessenes gesagt haben musste. Dann entspannte
sich ihr Gesicht, weil sie glaubte, mich verstanden zu haben:
“Sagtest du nicht, dass diese Dinger viel Krach machen, die
Luft verschmutzen und nicht einmal fliegen können? Nein,
die gibt es nirgends auf Futuras.”
86
“Oh Gott, Lali! Du meinst die Autos, von denen ich dir
erzählt habe. Nein, ich meine Fahrräder, ohne Motor, mit
den eigenen Beinen angetrieben.“
Lali schaute hilfesuchend zu Maria als wollte sie fragen:
‘Spinnt der?’
Aber Maria setzte meine Beschreibung fort: “Zwei Räder,
eins vorn, eins hinten. Man sitzt auf dem Sattel und tritt in
zwei Pedale.”
“Und das gibt es auf der Erde?”, fragte Lali ungläubig.
“Ihr kennt keine Fahrräder?”, fragte ich noch ungläubiger.
Lali fing an zu glauben, dass wir sie nicht auf den Arm
nehmen wollten. Sie holte ein Schreibgerät und ich zeichnete
wunschgemäß ein Fahrrad auf die Serviette. Das war nicht
schwer, jedes Kind kann ein Fahrrad zeichnen. Ich bildete
mir auch ein, meine Zeichnung sei ganz gut gelungen. Aber
Lali schaute so verständnislos aufs Papier, wie wir am Anfang
auf die komischen Sprachmittlerhüte geschaut haben mögen.
Dann verlangte sie eine Aufsichtszeichnung. Das war schon
schwieriger, aber es gelang. Nun stand für Lali fest, dass das
Ding immer nach der Seite umkippen müsse. Und für uns
wurde es mehr und mehr zur Gewissheit, dass die Futuraner
wegen ihrer Fluggleiter sich offenbar am Fahrrad vorbei ent-
wickelt hatten. Sie brauchten keine Fahrräder, ebensowenig
wie Autos oder Flugzeuge oder überhaupt Verbrennungsmo-
toren. Ein Wunder fast, dass es Segelboote gab.
Wir schauten uns an und ich hatte den nahezu heroischen
Einfall: “Lali, wir werden für die Futuraner das Fahrrad ein
zweites Mal erfinden!”
Dann erzählten wir so anschaulich von Fahrraderlebnissen
in unserer Jugend, dass sich Lali wenigstens ungefähr ein
Bild davon machen konnte. Schließlich meinte sie: “Wenn es
87
euch gelingt, den Futuranern so ein Freizeit- und Sportfahr-
zeug zu bauen, würdet ihr sicher viel Anerkennung erfahren.
Versucht es. Ich will euch gern dabei helfen.”

Die Konstituierung unserer Zelle und unsere Namens-


gebung

Wie kompliziert doch so ein Fahrrad ist! Wir wussten nicht


wie viel Zähne an jedem der beiden Zahnräder waren, wie
hoch sich der Sattel über dem Tretlager befand und wie groß
der Abstand vom Sattel zum Lenker sein musste. Ich versuchte
im Zimmer die Haltung eines Radfahrers einzunehmen und
die Entfernung vom Gesäß zu den Händen zu messen, da
betrat Meta, unsere freundliche Helferin das Zimmer. Sie
konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Ich muss wohl
gerade eine Figur abgegeben haben, die einem Känguru
glich, das zum Sprung ansetzt. Was konnte ich schon anderes
tun als mitlachen? Meine Konstruktionsversuche musste ich
allerdings verschieben, denn Meta erinnerte daran, dass im
Speiseraum die Konstituierung unserer Zelle anstand.
So ging ich mit Maria, Lali und unseren beiden Helfern
nach unten, wo bereits die acht anderen Zellenmitglieder an
einigen zusammengerückten Tischen saßen. Noch während
wir uns begrüßten, kam eine ältere grauhaarige Frau in den
Raum, die uns der Wirt als Vorsitzende unseres Zellverban-
des, also der zweiten Ebene, vorstellte. Sie war in Begleitung
eines jungen Angestellten, der einen kleinen Koffer trug und
- wie wir später merkten - für die technisch-organisatorischen
Dinge zuständig war.
Die Grauhaarige eröffnete unsere Versammlung und hielt
- vermutlich auftragsgemäß - eine überaus wohlwollende
88
Begrüßungsrede für uns Erdenmenschen. Nur für uns folgte
eine Erläuterung der Theorie der Ebenen, der Stufendemo-
kratie, der Bedeutung der Zellen und - was für uns noch
ziemlich neu war - das Prinzip der Namensgebung. Jeder der
fünf Kontinente auf Futuras war demnach mit einem Vokal
gekennzeichnet, unser mit einem O. Jeder Staat darauf, als
nächst niedrigere Ebene, mit einem Konsonanten, unser hat
ein T. Unser Staat hieß also Ot. Die nächsten Ebenen heißen
Land, Region, Gebiet und Bezirk, jeweils im Wechsel mit
einem Vokal bzw. Konsonanten bezeichnet. Unser Bezirk
als achte Ebene trug die Bezeichnung Otokal und hat etwa
200.000 Einwohner. Jeder der vier Kreise, die den Bezirk
bildeten, hatte vier Gaue. Einer davon ist unsere Stadt
Otokalim. Vier Stadtbezirke mit je etwa 3.000 Bewohnern,
denen in ländlichen Gauen Gemeindeverbände entsprachen,
waren unterteilt in Gemeinden als vierte Ebene mit etwa
800 Menschen, Teilgemeinden mit je etwa 200 Bürgern,
Zellverbände mit rund fünfzig und eben die Zellen mit acht
bis sechzehn Mitgliedern. Unser Zellverband, also die zweite
Ebene, in deren Vorstand unsere Versammlungsleiterin die
Vorsitzende war, trug die Bezeichnung Otokalimeral. Für
unsere neue Zelle schlug sie den Buchstaben A vor, und jede
Familie müsste sich dann einen Konsonanten und für jedes
Familienmitglied einen weiteren Vokal selbst aussuchen.
Die Vorsitzende erläuterte - wieder wohl in erster Linie mit
dem Blick auf uns - dass der fünfzehnstellige Name zusam-
men mit den Daumenabdrücken und dem Geburtsnamen in
dem zentralen Computernetz gespeichert würde und so jede
Identifikation ermögliche. Der Name war also gleichzeitig
Anschrift, Telefonnummer und Kontonummer.

89
Natürlich wurden auch Lali und die anderen Neuen in
diesem Kreis mit freundlichen Worten bedacht. Das Arztehe-
paar und unsere Helfer legten in aller Kürze ihren bisherigen
Lebensweg dar, und Herr Raluto sprach als Mitglied des Vor-
standes der Gemeinde über die wirtschaftliche Entwicklung
des Ortes und einige soziale Probleme. Vielleicht hatte auch
er uns als Zielgruppe besonders vor Augen, aber unser Ver-
ständnis für die lokalen Probleme war wegen ungenügender
Orts- und Sachkenntnis recht gering.
Nun wurde die Wahl der drei Vorstandsmitglieder vor-
bereitet. Jeder von uns dreizehn hatte drei Stimmen. Herr
Raluto als Mitglied des Vorstandes einer höheren Ebene
durfte zwar wählen, war aber selbst nicht wählbar. Lali bat
darum, auch uns nicht auf die Wahlscheine zu setzen, da wir
noch keine ausreichenden Kenntnisse der Probleme haben
konnten. Doch das wurde ebensowenig akzeptiert wie der
Hinweis des Arztsohnes, dass er wegen seines Studiums
meist abwesend sei. Die Grauhaarige meinte, man dürfe
niemandem das Grundrecht der Wählbarkeit beschneiden. Es
bliebe natürlich jedem Wähler überlassen, die berechtigten
Einwände bei seiner Wahl zu berücksichtigen.
Der jüngere Begleiter der älteren Dame sollte nun die
Wahlzettel vorbereiten, aber wir hatten noch immer keine
vollständigen Namen. Die Grauhaarige entschuldigte sich
und bat um unsere Vorschläge. Sofort meldete sich Lali und
schlug für uns drei gewissermaßen als Familienzeichen das
L vor. Sie hatte längst erkannt, dass sie so ihren Namen Lali
behalten konnte. Niemand machte uns das streitig und so
kam ich zu meinem Namen Lalo und Maria wurde eine Lala,
wenigstens für den Computer. Die Ralutos bekamen zwar ihr
gewohntes T, hießen nun aber Lato und Lata bzw. Ralato,
90
wenn man die Zeichen der dritten und vierten Ebene dazu
nahm, wie das anscheinend bei der Anrede von Vorstands-
mitgliedern oder auch Fremden üblich war. Unsere Helfer
wählten ein N, Herr Sifalo und seine Familie ein S, der Wirt
behielt das P und der Koch wählte ein K.
Nun konnte der junge Mann seine dreizehn Wahlzettel
mit den zwölf Namen schreiben:
Otokalimeralako
Otokalimeralata
Otokalimeralapo
Otokalimeralapa
Otokalimeralaso
Otokalimeralasa
Otokalimeralasu
Otokalimeralano
Otokalimeralana
Otokalimeralalo
Otokalimeralala
Otokalimeralali
Maria und ich hatten die Namen in unserer Schrift in der
gleichen Reihenfolge mitgeschrieben, da wir die futurani-
schen Buchstaben noch nicht lesen konnten. Eine Kabine
gab es nicht. Jeder musste aber mit seinem Zettel den Raum
verlassen, drei Namen ankreuzen und ihn dann bei der Grau-
haarigen in einen Kasten werfen.
Mir erschienen die Namen recht eintönig. Ich musste
lange nachdenken, wer eigentlich wer war. Dann ging ich
in unsere Wohnung und gab meine drei Stimmen - aber das
ist doch strenges Wahlgeheimnis.
Als alle ihre Zettel abgegeben hatten, wurde ausgezählt.
Lapo, unser Wirt, hatte mit elf Stimmen die meisten. Er war
91
schon in der alten Zelle im Vorstand. Aber Herr Sifalo, der
jetzt Laso hieß, kam als Neuling immerhin auf neun Stim-
men. Nur eine weniger hatte Lano, also Meto unser Helfer,
nämlich acht. Die Ehefrau des Mitglieds des Gemeindevor-
stands, Lata, hatte mit sieben Stimmen die meisten, die eine
Frau erhielt. Die Arztfrau, jetzt also Frau Lasa, hatte zwei
Stimmen, eine Stimme bekam Lana, unsere Helferin Meta,
und die letzte Stimme fiel, trotz der dagegen gerichteten
Bitte, an Lali.
Damit hatten wir also unsere Namen und auch eine
Leitung. Lapo der Wirt war Vorsitzender, Herr Laso und
zu meiner Überraschung nicht unser Helfer, sondern Frau
Lata waren die beiden anderen Vorstandsmitglieder. Lali
klärte mich auf, dass in jedem Vorstand immer von jedem
Geschlecht einer vertreten sein musste. Auch wenn unser
Helfer eine Stimme mehr hat, kommt er nicht als dritter Mann
in den Vorstand. Ich fand das großartig. So war eigentlich
immer eine gute Basis für die Verwirklichung der Gleichbe-
rechtigung der Geschlechter gegeben.
Der junge Begleiter der Grauhaarigen hatte inzwischen ein
Protokoll angefertigt, das wir alle unterschreiben mussten.
Man bestaunte unsere Unterschrift mit den hier so fremden
Buchstaben.
Dann bedankte sich der Wirt für das Vertrauen, verpflich-
tete sich und seine Vorstandsmitglieder, unsere Interessen im
Zellverband, also in der zweiten Ebene, voll wahrzunehmen,
bat die gewählte Leitung und unseren Helfer, noch ein we-
nig dazubleiben, wünschte allen einen schönen Abend und
beendete damit die Versammlung. Am Ausgang bekam jeder
eine inzwischen angefertigte Kopie des Namensgebungs-
protokolls.
92
Im Wohnzimmer las mir Lali meinen vollen Namen vor und
ich versuchte, ihn mir einzuprägen: Otokalimeralalo.
Ich schrieb ihn mir in unserer Schrift auf und las ihn immer
wieder. Schließlich fand ich ihn irgendwie schön und fragte
Lali: “Muss ich zu Maria jetzt Lala sagen?”
Sie lachte: “Wenn es euch Spaß macht, bitte. Kannst auch
Schätzchen zu ihr sagen. Nur in der Öffentlichkeit bleibe
unbedingt bei Maria. Ganz Futuras kennt sie nur unter die-
sem Namen, auch wenn er sich für uns etwas ungewohnt
ausspricht. Auch Meta wird sicher weiter so gerufen werden
wollen. Nur Geld bekommt sie unter diesem Rufnamen
nicht.”
Mir ging das, was wir über die politischen Strukturen er-
fahren hatten, durch den Kopf: “Sag mal, Lali, unsere Stadt
Otokalim hat gerade 12.000 Einwohner, wie es sich für die
sechste Ebene gehört. Der Kreis als nächst höhere Ebene hat
vielleicht 50.000 Einwohner. Wie ordnet sich da eine Stadt
mit, sagen wir, 24.000 Menschen ein?”
“Das System ist doch nicht starr. Diese Stadt hätte dann
sicher zwei normale Vorstände für jeweils 12.000 Bürger.
Mit zwei entsprechenden Vorständen aus den benachbarten
Gauen der ländlichen Umgebung wählen sie die reguläre
Leitung des Kreises. Unabhängig davon wählen die beiden
städtischen Vorstände aus ihren Reihen einen Stadtvorstand,
der außerhalb der normalen Pyramide steht. Solche Lösungen
sind nicht selten. Sie ergeben sich aus den objektiven Rea-
litäten. Das Stufensystem bietet dafür ausreichenden Spiel-
raum. Normalerweise sind in jeder Zelle zwölf Personen und
jeweils vier Einheiten bilden die nächste Ebene. Rechne dir
doch selbst einmal aus, was für ein breiter Spielraum allein
bereits dadurch entsteht, wenn in jeder Zelle nur acht statt
93
zwölf Personen wären, also das zulässige Minimum, und nur
jeweils drei Einheiten die nächsthöhere Ebene bilden würden.
Und vergleiche das mit der Situation, wenn stets sechzehn
Personen eine Zelle bilden und fünf Einheiten den nächsten
Vorstand wählen würden, was doch auch noch normgerecht,
wenn auch extrem wäre. Wir rechneten gemeinsam:

Minimum Durchschnitt Maximum

(3x) (4x) (5x)

Zelle 8 Personen 12 Personen 16 Personen

Zellverband 24 Personen 48 Personen 80 Personen

Teilgemeinde 72 Personen 192 Personen 400 Personen

Gemeinde 216 Personen 768 Personen 2.000 Personen

Gemeindeverband 648 Personen 3.072 Personen 10.000 Personen

Gau 1.944 Personen 12.288 Personen 50.000 Personen

Mit der sechsten Ebene gaben wir es auf. Es wurde nur


zu deutlich, dass selbst dann, wenn man die unrealistischen
Extremwerte außer Betracht ließ, ein erheblicher Spielraum
für die Einordnung aller Ortschaften mit ihren realen
Bevölkerungsgrößen bestand.
Lali erläuterte uns, dass die praktische Bedeutung dieser
Bandbreite weniger auf den unteren Ebenen lag, sondern erst
im Verhältnis der Staaten und Kontinente eine erhebliche
Rolle spielte. So habe der Kontinent A etwa doppelt so viele
Bewohner wie der unsere, aber jeder ist die dreizehnte Ebe-
ne. Auch die Staaten seien durch ihr natürliches Wachstum
unterschiedlich groß. Man konnte sie nicht administrativ
auf eine gleiche Einwohnerzahl bringen, wobei allerdings
gar zu kleine Staaten in einigen Fällen zu Konföderationen
94
zusammengeschlossen wurden, um allzu krasse ‘Gewichts-
unterschiede’ bei der Wahl des Kontinentvorstandes zu ver-
meiden. Trotzdem gäbe es in der zwölften Ebene Staaten mit
fünfzig Millionen Menschen und andere mit hundertfünfzig
Millionen. Selbst der kleinste Kontinent E habe kaum mehr
Menschen, der Kontinent A dagegen fast eine Milliarde. Es
gäbe für die unteren Ebenen dagegen so eine Art Faustregel,
die meist recht streng beachtet würde:
12 - 50 - 200 - 800 – 3.000 – 12.000 – 50.000 – 200.000
Erst darüber gäbe es die größeren Abweichungen.
Maria hielt diese Abweichungen für ungerecht, da dann
die kleineren Kontinente im höchsten Vorstand von Futuras
die gleichen Rechte hätten, wie die bevölkerungsreichsten.
Das war richtig, aber mir schien das neben der großartigen
Lösung, eine Regierung für den ganzen Planeten zu besitzen,
unerheblich zu sein.
Deshalb fühlte ich mich auch nicht so sehr getroffen, als
Lali mit einem nicht zu überhörenden spitzen Unterton auf
die geographischen Zwänge hinwies: “Warum interessiert ihr
euch nur so sehr für die Ausnahmen statt für das Normale?
Vielleicht werden wir später einmal die kleinen Kontinente
zusammenschieben können, damit euer Gerechtigkeitssinn
zufrieden gestellt wird.”
Maria lächelte etwas verlegen und bemühte sich, das
Gespräch auf Alltagsfragen zu bringen, von denen uns noch
so viele unter den Nägeln brannten: “Wir haben nun drei
kluge Leute als Vorstand gewählt. Was haben die eigentlich
zu tun?”
“Also einmal bilden sie mit den neun Vorstandsmitglie-
dern aus den anderen drei Zellen die zweite Ebene, vertreten
also etwa fünfzig Einwohner und wählen den Vorstand des
95
Zellverbandes, eben wieder einen Vorsitzenden und zwei
Mitglieder. Aber die Hauptaufgabe unseres Vorstandes be-
steht darin, unsere Zelle zu regieren.”
“Was gibt es denn bei uns Wenigen schon zu regieren?”,
fragte Maria.
“Auch die Wenigen brauchen Gesundheit, Sauberkeit,
Ordnung, Schutz vor Störungen, Schlichtung bei Streit, Hilfe
in Notfällen usw.”
“Und wie geschieht das im Einzelnen?”
“Das habt ihr doch schon zum Teil erlebt. Der Vorstand
gibt einen Namen. Ohne den hat der einzelne kein Konto,
keine Anschrift. Der Vorstand verfügt über einen Anteil am
gesellschaftlichen Vermögen, an Geld und Sachwerten. Es
sind vier Häuser zu betreuen und zu erhalten. Die Gastwirt-
schaft in unserem Haus gehört zur Hälfte unserer Zelle und
zur Hälfte der Familie des Wirts. Der Vorstand bestätigt
die Bildung einer Familiengemeinschaft, er entscheidet bei
Streitigkeiten.“
“Was sagst du da? Der Vorstand ist zugleich Gericht?”
“Ja, für bestimmte Streitigkeiten in seinem Bereich. Aber
das werdet ihr später noch genauer kennenlernen.”
Oh, es blieb noch vieles zum späteren Kennenlernen.
Aber eines wurde uns schon heute klar, dass man nämlich
wirklich die vertrauenswertesten Mitbürger in den Vorstand
wählen musste. Sie besaßen eine konzentrierte Macht und
man war in vielem von ihnen abhängig. Wir kamen darauf zu
sprechen, dass man auf der Erde ganz konsequent das Prinzip
der Gewaltenteilung zwischen Gesetzgebung, Exekutive und
Rechtsprechung vertritt. Auch wir waren von der Richtigkeit
dieses Prinzips überzeugt und äußerten vorsichtig unsere
Zweifel an der Machtfülle der Vorstände. Lali hatte allerdings
96
keinerlei Verständnis dafür: “Wenn es einer gegenseitigen
Kontrolle bedarf, dann ist doch irgend etwas faul. Entweder
fehlt eine wirksame demokratische Kontrolle von unten, wie
sie ständig bei uns funktioniert, oder ihr habt überhaupt nicht
die Besten gewählt.”
Es war für Lali unfassbar, dass wir bei den meisten Wah-
len überhaupt keine Personen, sondern Parteien wählen,
die dann ihre Leute auf die verantwortungsvollen Posten
setzen. Wir fanden, ehrlich gesagt, selbst keine vernünftigen
Argumente für dieses Parteiensystem. Wie sollten wir da
Lali überzeugen?
Wir saßen noch lange zusammen und erfuhren unter an-
derem, dass wir durch die Namensgebung jetzt als Familie
galten.
“Da bin ich jetzt also mit zwei Frauen verheiratet”, ent-
fuhr es mir.
Aber Lali bremste meine Gefühle: “Eltern und Kinder sind
doch auch eine Familie, ohne miteinander verheiratet zu sein.
Eine Familie ist eine freiwillige wirtschaftliche Einheit. Jeder
muss notfalls finanziell für den anderen aufkommen. Alle
Familienmitglieder haben sich sozial zu unterstützen. Die
Probleme der Sexualität sind keine Frage einer staatlichen
Bescheinigung oder gar Erlaubnis.”
Es blieben noch so viele Fragen. Aber am nächsten Tag
wollten wir zeitig ins Rathaus der Stadt fliegen, um uns
dem Zentralcomputer zu stellen. So wurde es Zeit, ins Bett
zu gehen.

Der Besuch in Otakalim

Am nächsten Morgen kam es wieder einmal anders


97
als erwartet. Bisher hatte man uns ein wenig von der
Öffentlichkeit fern gehalten, obwohl die Futuraner durchaus
über ihre Gäste aus dem Weltall informiert wurden. Gestern
Abend hatten die Fernsehnachrichten, ohne dass wir es
mitbekamen, eine kurze Meldung über unsere Namensgebung
gebracht. Damit war auch unser Aufenthaltsort bekannt
geworden und an die hundert Bewohner der umliegenden
Orte waren in den frühen Morgenstunden zu unserem Haus
geflogen. Sicher nicht unbedingt aus Sympathie, mehr wohl
aus verständlicher Neugier. Die meisten hatten Blumen oder
sogar kleine Geschenkpäckchen mitgebracht. Wir traten ans
Fenster und winkten den Leuten zu.
Lali war ebenso überrascht wie wir. “Die wollen euch
zur Namensgebung gratulieren. Das ist am folgenden Tag
so üblich unter Freunden und Bekannten. Man bringt ein
kleines Geschenk und wird dafür bewirtet. Doch wer hätte
das hier erwartet?”
“Aber so viele! Wie sollen wir die denn bewirten?”, be-
merkte ich erschrocken.
Doch das Gastwirtspaar hatte bereits schnell reagiert.
Er schenkte jedem eine Tasse eines kaffeeartigen Getränks
ein, während seine Frau die Blumen und kleine Geschenke
entgegennahm. Gerührt gingen wir die Treppe hinunter in
die Gaststube, drückten hier und vor dem Haus viele Hände.
Einige Reporter rannten mit ihren kleinen weißen Kästchen
vor den Augen hin und her. Als nach einer Stunde immer
noch einige Gleiter landeten, rief Lali allen Anwesenden
zu, dass wir jetzt dringend fort müssten. Ich stieg auf die
Tragefläche unseres Gleiters, dankte allen aus bewegtem
Herzen, entschuldigte uns so gut ich konnte, und Minuten
später stiegen wir winkend auf.
98
Wir waren trotz aller Vorbehalte sehr glücklich über die
Zuneigung so vieler Futuraner. Wussten wir doch aus Lalis
Erzählungen und unseren bisherigen Erfahrungen, dass die
Gefühle der von Futuras 1 und 2 so brutal geschädigten Bür-
ger noch immer auch die Einstellung der nicht unmittelbar
betroffenen Futuraner stark beeinflussten. Wir hatten dafür
viel Verständnis, zumal ja auch an Bord unseres eigenen
Raumschiffes die Bereitschaft zum Kampf die allgemeine
Atmosphäre bestimmte und nicht die Absicht einer friedli-
chen Begegnung.
Während des Fluges zum Rathaus erzählte Maria sehr
anschaulich von Weihnachts- und Osterbräuchen, über den
Geburts-, Namens- und Valentinstag auf der Erde. Für Lali
waren das gewiss interessante Neuigkeiten, bei mir aber
wurden viele Erinnerungen wach. So saß ich still auf meinem
Platz, und meine Gedanken waren weit weg von Futuras.
Die Landung erfolgte auf einem weiten, gepflasterten
Platz. Ringsum standen fünf bis sechsgeschossige Gebäude
mit verschiedenem architektonischen Schmuckwerk, zum
Teil mit kleinen Türmchen, wohl ältere, in unterschiedlichen
Epochen errichtete Bauwerke. Zwischen den vielen Fuß-
gängern landeten und starteten ständig Fluggleiter. Andere
Fahrzeuge waren nicht zu sehen. Wir gingen auf ein großes,
altes Portal zu. Dort erwartete man uns bereits. Ein diensteif-
riger Herr begrüßte uns im Namen des Vorstandes als neue
Bürger der Stadt. Er führte uns an vielen Türen vorbei durch
einen langen gewölbten Gang in ein Zimmer und stellte uns
dort die Vorsitzende des Stadtvorstandes vor. Die ließ noch
das dritte Vorstandsmitglied holen und bald saßen wir zu
sechst an einem runden Tisch bei einem Glas Wein, hörten
viele anerkennende und aufmunternde Worte, standen Rede
99
und Antwort zu den nun schon gewohnten Fragen und wur-
den schließlich mit guten Wünschen weitergeschickt. Eine
junge Frau begleitete uns wortlos in einen etwas kahlen
Saal, in dem an wenigen Arbeitsplätzen einige Angestellte
arbeiteten. Obwohl auf einer schlichten Bank eine Anzahl
Futuraner wartete, wurden wir sofort zu einem der Arbeits-
plätze gebeten. Nach Vorlage unserer Namensprotokolle
wurden unsere vollständigen Namen in den Computer ein-
gegeben. Dazu mussten wir beide Daumen in zwei Löcher
eines Gerätes einführen. Der Angestellte erklärte uns, dass
nun unsere Hautlinienstrukturen mit denen aller Futuraner
verglichen würden. Sollte es eine Verwechslungsgefahr
geben oder wäre der Daumen verletzt, müsste ein anderer
Finger genommen werden. Nach wenigen Minuten war alles
erledigt. Wir verabschiedeten uns und traten wieder auf den
Platz vor dem Rathaus.
Lali informierte uns, dass wir jetzt an jeder Kasse über
unser Geld verfügen könnten. Wir schauten uns fragend an,
aber Lali meinte: “Kommt nur mit.”
Wir gingen unerkannt im Trubel der City in eines der Ge-
bäude gegenüber dem Rathaus. Es war ein Kaufhaus. Unser
erster Eindruck war ohne bemerkenswerte Unterschiede zu
einer entsprechenden irdischen Einrichtung. Es herrschte ein
reger Betrieb, und wir fielen wegen der nahezu einheitlichen
Kleidung zwischen den zahlreichen Käufern nicht auf. Lali
führte uns an eine Kasse, steckte dort ihre Daumen in die
uns nun schon bekannten Löcher, nachdem sie vorher eine
Taste mit uns unbekannten Zeichen gedrückt hatte. Aus einem
Schlitz entnahm sie einen Schein, warf einen Blick darauf
und meinte: “Es stimmt alles. Der Computer funktioniert
bereits. Ich habe die Null gedrückt und erhalte dadurch
100
meinen Kontoauszug. Wenn man etwas kauft, wird der Preis
eingegeben und man erhält eine Quittung.”
Nachdem auch wir beide unseren Kontostand schwarz
auf weiß in den Händen hielten, den wir aber nicht entziffern
konnten, bummelten wir ohne besonderes Ziel zwischen
Warentischen und Schauvitrinen. Es herrschte eine unbe-
schreibliche Vielfalt, so dass ich mich kaum auf einzelne
Angebote konzentrieren konnte. Erst an einem Glaskasten
mit Armbanduhren blieb ich länger stehen. Natürlich brauch-
ten wir dringend welche, und Lali empfahl mir eine hübsche
goldene. Doch die hatte für jede Stunde nur einen Strich. So
entschied ich mich für eine andere, relativ große, an der aber
die Zahlen von eins bis acht deutlich erkennbar waren. So
wollte ich anfangen, mir die fremden Zeichen einzuprägen.
Darüber machte sich Lali lustig: “Wozu das? In ein paar
Tagen hast du das nicht mehr nötig.”
Ich konnte nicht einmal den Preis lesen. Ein Verkäufer
tippte den Betrag in ein kastenförmiges Gerät, die Zahlen
leuchteten auf bis ich meine Daumen eingelegt hatte. So
wurde ich stolzer Eigentümer einer futuranischen Arm-
banduhr. Auch Maria kaufte sich eine, dazu Papier und ein
Schreibgerät. Als die beiden Frauen intensiv über Schmuck
und Bijouteriewaren versunken waren, konnte ich mich unbe-
merkt im Gedränge entfernen und an einem Blumenstand ein
paar wunderschöne orchideenartige Blüten kaufen, die ich in
einem Karton verpackt bekam. Ich suchte die beiden Frauen
vergeblich an der Schmuckvitrine. Sie hatten mich vermisst
und suchten mich ebenso wie ich sie. Glücklicherweise galt
wohl auch auf Futuras die bewährte Regel: Wenn man sich
im Warenhaus verliert, muss man an den Platz zurücckehren,
an dem man zuletzt noch zusammen war. So fanden wir uns
101
nach einigen aufregenden Minuten am Schmuckstand wieder.
Zum ersten Male war Lali ernsthaft böse. Wenn sie mich
über die Lautsprecher hätte suchen lassen müssen, wäre es
mit unserem Inkognito vorbei gewesen. Sie hielt mir vor, ob
ich mir vorstellen könne, was das für einen Auflauf gegeben
hätte, wenn wir erkannt werden wären. Diese Gefahr hatte
natürlich auch ohne meinen Alleingang bestanden, aber um
des lieben Friedens Willen gab ich ihr recht und versprach
Besserung. Aber auf alle Fragen nach dem Inhalt des Kartons
verweigerte ich standhaft jede Auskunft.
Als wir uns auf dem Rückflug unserem Hause näherten,
sahen wir noch immer einige Futuraner, die ihre Glück-
wünsche abgaben. So gab es nach der Landung erneut ein
Händeschütteln bis wir uns endlich ein wenig frisch machen
und zum Mittagessen gehen konnten. Als wir den Gastraum
betraten, verschlug es uns beinahe den Atem: Ein einziges
Blumenmeer! Frau Lapa, unsere Wirtin, und ihre zwölfjäh-
rige Tochter hatten Vasen, Schüsseln, Eimer und alle Behält-
nisse, die sie auftreiben konnten, mit den von den Gratulanten
übergebenen Blumen gefüllt. Auf mehreren Tischen lagen
kleinere und größere Päckchen als Geschenke für uns. Wie
sollten wir uns nur für soviel Mitgefühl bedanken? Maria und
ich waren den Tränen nahe. Wir lagen uns in den Armen und
bedankten uns gerührt bei Herrn Lapo, dem Gastwirt, der mit
seiner Frau den ganzen Vormittag mit dem Entgegennehmen
der Mitbringsel und der Bewirtung der Gratulanten beschäf-
tigt war. Sie hatten alles ohne Auftrag getan und waren sehr
froh, dass wir das anerkannten. Den finanziellen Verlust
würde er schon vor dem Vorstand vertreten können, meinte
er. Aber Lali versicherte ihm, dass natürlich alles auf unsere
Kosten ging, er solle sich da keine Sorgen machen. Wir hatten
in dieser Frage noch keine Maßstäbe und wussten nicht, ob
102
unser Konto das überhaupt hergab. Doch Lali tröstete uns,
es würde schon reichen.
Nach dem Essen saßen wir glücklich, aber müde in unse-
rem Wohnzimmer zusammen. Lali war sich nicht sicher, ob
es auch unserem Willen entsprach, als sie dem Gastwirt die
Übernahme der Kosten zugesichert hatte. Wir hätten zwar
genug auf unseren Konten, aber die Hälfte davon würde
schon drauf gehen. Wir atmeten erleichtert auf: “Weißt du,
Lali, auf der Erde gibt es Länder, in denen es üblich ist, zum
Beispiel Hochzeiten mit vielen Gästen so aufwendig zu
feiern, dass sich die Gastgeber für viele Jahre verschulden.
Dennoch kann man sich dort solchen Gepflogenheiten nicht
entziehen. Was ist da schon die Hälfte unseres Vermögens
für so viel Zuneigung und Anhänglichkeit von Futuranern?”
Nun war auch Lali erleichtert. Sie nahm meinen Kopf in
ihre beiden Hände, gab mir einen Kuss und sagte: “Sei auch
nicht böse, dass ich dir im Kaufhaus solche Vorhaltungen
gemacht habe. Es war halt ein Risiko, mit euch so allein
unter den vielen Leuten.”
Risiko hatte sie gesagt. War es denn so gefährlich gewe-
sen? Uns waren zwar die Buh-Rufe auf der ersten Presse-
konferenz noch unvergessen. Wir wussten auch, dass ein
Mitglied des Staatsvorstandes wegen seinem Einsatz für uns
abgewählt worden war. Aber wir hatten auch viel Vertrau-
en und Sympathie von den Futuranern erfahren. Vielleicht
saßen wir, von Lali und ihren Helfern liebevoll umsorgt, in
einem Glaskasten, der uns vom scharfen Wind der Realität
abschirmte? Ich war verunsichert. Konnte uns eigentlich die
so sehr für uns voreingenommene Lali helfen, unsere Position
auf Futuras richtig einzuschätzen? “Was meinst du, Lali, wäre

103
geschehen, wenn man uns erkannt hätte? Anpöbeleien von
uns nicht Wohlgesonnenen, vielleicht? Oder gar Prügel?”
Lali nahm alles nicht so ernst wie ich: “Hättest dich wohl
prügeln mögen, wie eure Boxer, von denen du mir erzählt
hast? Nein, Gewalt gibt es nicht auf Futuras, wenigstens keine
absichtliche, gewollte. Aber bei einem Menschenauflauf kann
sehr viel Unheil geschehen. Und auf ein paar böse Anschul-
digungen müsst ihr schon gefasst sein, wenn ihr jetzt öfter
mit fremden Futuranern in Berührung kommt. Ich hoffe, ihr
werdet das verständnisvoll ertragen. Aber weshalb bist du
eigentlich im Kaufhaus weggelaufen?”
Ach ja, fast hätte ich meinen Blumenkarton vergessen!
Ich holte ihn rasch, packte den herrlichen Blütenzweig aus,
zwinkerte Maria zu und gratulierte auch in ihrem Namen
unserer Betreuerin zur Namensgebung. Es war eine gute
Gelegenheit, ihr von unserem ersten verfügbaren Geld ein
wenig unseren Dank für ihre so selbstlose Mühe abzustatten.
Lali stand mit ernstem Gesicht vor uns und hielt etwas
verlegen den Blütenzweig in den Händen. Dann legte sie ihn
beiseite, nahm unsere ausgestreckten Hände und sagte mit
leiser Stimme: “So selbstlos ist das gar nicht. Ihr seid mir in
diesen gemeinsamen Wochen ans Herz gewachsen. Ich bin
sehr glücklich mit euch. Es würde mir sehr schwer fallen,
von euch wegzugehen.” Und kaum hörbar fügte sie hinzu:
“Ich hab euch sehr lieb.”
Sie zog erst Maria an sich, dann mich. Ich lernte, dass
man sich auch zu dritt einen Kuss geben kann. Jeder spürte
die Wärme der anderen Wangen. Unsere Zungen trafen
sich zärtlich. Keiner wollte als Erster auseinandergehen. So
blieben wir zusammen, drückten unsere Körper aneinander,
suchten die Haut unter der Kleidung bis es keine Kleidung
104
mehr gab. Die Münder ließen sich nicht los, während meine
Hände nicht ausreichten, vier pralle Brüste gleichzeitig zu
streicheln. Maria nahm Lalis Hand und führte sie zu meiner
erwachten Männlichkeit. Auch meine Hände glitten abwärts,
tasteten die kleinen Fellchen ab bis sie die Zärtlichkeit fan-
den, die sie suchten. Wie im Traum trieb uns die Sehnsucht
zu einer Liegestatt. Wilder wurde das Tasten und Streicheln.
Die Münder fanden neue Ziele, erregende. Und als die Er-
regung nicht mehr zu bändigen war, drang ich tief in Lalis
Körper. Unsere Münder waren wieder zusammen. Welle auf
Welle schlug über uns hinweg bis Lali erzitterte und ihre
Anspannung nachließ. Dann war es an Maria, sich weit für
mich zu öffnen. Vertrauensvoller kann sich ein Mensch einem
anderen nicht hingeben, zu dessen und zum eigenen Glück.
Doch mein Glück war zu groß. Nach wenigen Wellen lag
ich zuckend auf Maria und verströmte all meine Sehnsucht.
Aber Lali vollendete zärtlich mit ihrer Zunge das, was auch
Maria nicht versagt bleiben sollte. Bald lagen wir erschöpft
dicht beieinander, still und glücklich.

Wir lernen Futuranisch

Wir hatten uns in unserem neuen Heim gut eingelebt und


wären nach den Turbulenzen der letzten Zeit für einige
ruhigere Tage recht dankbar gewesen. Aber es sollte wohl
nicht so sein. Gerade als Lali ihre Sachen zusammenpackte,
um endlich den überfälligen Besuch in ihrem Institut
anzutreten, platzte Herr Lano, unser Helfer, den wir nach
wie vor Meto nannten, in unsere etwas wehmütige Stimmung
mit der Mitteilung, dass unsere Sprachlehrerin angekommen
sei. Sie säße beim Frühstück in der Gaststube. Lali führte
105
uns gleich zu ihr, machte uns bekannt und nutzte die
Gelegenheit, sich rasch von uns zu verabschieden, ohne dem
Abschiedsschmerz Zeit zu geben.
Unsere Lehrerin, eine kleine, etwas kompakte Person,
stellte sich als Limosakira vor. An dem ‘Lim’ konnten wir
erkennen, dass sie in unserer Stadt lebte, aber in einem
ganz anderen Stadtteil. Sie wirkte ernst und selbstbewusst.
Wir sollten sie Kira nennen, wie es üblich war. Obwohl sie
wissen musste, dass wir sie ohne unsere Sprachhüte nicht
verstanden, sprach sie in einem klaren, präzisen Futuranisch
auf uns ein, das sicher einem Nachrichtensprecher alle Ehre
gemacht hätte. Und siehe da, wir erahnten eine ganze Men-
ge von dem was sie sagte und mit entsprechenden Gesten
und einer ausgeprägten Mimik unterstrich. Als wir unsere
Sprachmittler aufsetzen wollten, verhinderte sie das ener-
gisch, begleitet von einem schalkhaften Lächeln im Gesicht.
Wir erlernten die ersten Wendungen der Umgangssprache
wie kleine Kinder, ohne Lehrbuch und andere Hilfsmittel.
Bereits am Abend konnten wir einige der in jedem Touris-
tenhandbuch zu findenden Fragen stellen und in einfachen
Sätzen auch beantworten.
Maria und ich sprachen wie alle Raumfahrer neben der
Muttersprache noch drei oder vier gängige Fremdsprachen
fließend. Es mochte Zufall sein, dass wir beide auch noch
aus persönlichem Interesse einige zusätzliche Kenntnisse
erworben hatten, Maria in Arabisch und Japanisch, ich in
Russisch, Polnisch und Tschechisch. Möglich auch, dass wir
eine gewisse Sprachbegabung hatten. Frau Kira war jeden-
falls begeistert von unseren täglichen Fortschritten und wir
taten unser Bestes. Bereits nach wenigen Tagen versuchten
Maria und ich uns auch außerhalb der Unterrichtszeit, soweit
106
es möglich war, in Futuranisch zu unterhalten. Wir hatten
Freude an dieser Sprache. Sie war klangvoll und grammatisch
sehr einfach. Zu den Regeln gab es nur wenige der in anderen
Sprachen so sehr gefürchteten Ausnahmen.
In der folgenden Woche sollte eigentlich unsere erste Ex-
kursion zum Kennenlernen von Land und Leuten erfolgen.
Ein großer Tierpark am Rande eines Naturschutzgebietes
hätte uns sicher mit der Flora und Fauna dieses Kontinents
vertraut gemacht und auch ein wenig Entspannung gebracht.
Doch wir waren alle drei so von unserer gemeinsamen Auf-
gabe begeistert, dass Frau Kira eine Änderung des Planes
erreichte. So konnten wir drei Wochen lang hintereinander
konzentriert an unserer Sprachausbildung arbeiten.
Lali war fassungslos, als sie nach einer Woche von ihrem
Institut zurücckehrte und wir sie auf Futuranisch begrüßten.
Niemand freute sich wohl mehr als sie über die anerkennen-
den Worte von Frau Kira. Es wurde für uns ein erstaunliches
Erlebnis, wie die Fülle des Gedankenaustausches wuchs,
wenn die Wartepausen des Sprachmittlers entfielen und statt
der wohlgeformten Übersetzungsangebote ausdrucksvoll ins
Unreine gesprochen werden konnte.
Am Wochenende blieb Frau Kira bei ihrer Familie und wir
verbrachten mit Lali viele Stunden im Strandbad. Wir tobten
wie Kinder mit einem großen Schaumstoffball herum, und die
mitspielenden Badegäste merkten bei unseren Zurufen und
kurzen Gesprächen kaum, dass wir keine Futuraner waren.
Wenn wir allerdings abends mit Lali über ihre Arbeit spra-
chen, dann fehlten uns noch häufig die richtigen Ausdrücke
und wir mussten noch oft nach unseren Sprachhüten greifen.
Auch auf Futuras gab es keinen Nürnberger Trichter und
keine Methode, im Schlaf zu lernen. So blieb uns das leidige
107
Vokabelpauken nicht erspart, aber Frau Kira wechselte so oft
das Sprachgebiet, dass uns das Büffeln nicht allzu schwer
fiel. Allerdings kostete das auch viel Freizeit, so dass Lali
beschloss, uns für zwei weitere Wochen zu verlassen, um ihre
Arbeit voran zu bringen. Sie wusste uns in guten Händen.
Die nächsten Wochen wurden härter als erwartet. Zum
Vokabellernen kamen nun das Lesen und Schreiben hinzu.
Alle Buchstaben und Zahlen waren anders als gewohnt.
Druckschrift und Handschrift waren zwar gleich und es gab
keine Groß- und Kleinschreibung, aber Frau Kira erweiterte
unser Pensum noch um die einfachen Grundlagen des Rech-
nens mit dem Oktalsystem. Eine Acht und eine Neun gab es
nicht. Statt der Acht stand bereits die Eins mit der Null. Das
brachte manche Vorteile, angeblich besonders in der höheren
Mathematik, aber auch bereits beim Potenzieren und beim
Wurzelziehen. Wir waren jedoch in unserem Dezimalsystem
so fest verankert, dass wir noch lange Zeit später den Compu-
ter zu Hilfe nehmen mussten, wenn wir wissen wollten, wie
viel zum Beispiel Tausend auf Futuras ist, oder umgekehrt.
Und selbst bei einfachen Berechnungen blieben wir lieber
im Dezimalsystem und ließen lediglich das Ergebnis vom
Computer umrechnen.
Ehrlich gesagt, wir waren recht froh, als die drei Wochen
endlich dem Ende zugingen. Da überraschte uns Frau Kira
mit der Mitteilung, dass sie uns bei einer staatlichen Kom-
mission zur Sprachprüfung angemeldet hatte. Wir hielten das
für völlig überflüssig und verstanden nicht, warum uns Frau
Kira, zu der wir doch eigentlich ein gutes Verhältnis hatten,
mit so etwas belastete. Sie wiederum war enttäuscht, dass
wir uns über diesen Vertrauensbeweis nicht freuten, weil das
doch für unsere “Einstufung” von Bedeutung sei.
108
“Einstufung?”, fragten wir wie aus einem Munde. Frau
Kira erläuterte uns geduldig, dass der Grad der Sprachkennt-
nisse ein wichtiges Kriterium beim Erreichen bestimmter
Bildungsstufen sei. Und diese seien mitbestimmend für den
Wert des einzelnen in der Gesellschaft. Das Einkommen
eines Futuraners hänge neben der Arbeitsleistung und dem
Lebensalter eben auch von der erreichten Bildungsstufe ab.
Als ich abends mit Maria auf dem Sofa bei einer Schale
Wein saß, war nicht nur die drohende Sprachprüfung unser
Thema, sondern auch die seltsame Leistungsgesellschaft der
Futuraner. Uns leuchtete durchaus ein, dass Arbeit, Bildung
und Lebenserfahrung entscheidend für den sozialen Wert
eines Menschen waren, schließlich spiegeln sich auch in den
irdischen Einkommensregelungen irgendwie die erbrachte
Arbeitsleistung, der Grad der Qualifikation und meist auch
das Dienstalter als fiktive Lebenserfahrung wider. Aber wie
wollte man das einigermaßen gerecht messen? Wie in Geld
ausdrücken?
Uns wurde wieder einmal bewusst, wie fremd uns diese
andere Welt noch war. Umso stärker wuchs das Gefühl, wie
sehr wir uns gegenseitig brauchten, um hier zu bestehen. Als
Erdenmenschen hatten wir so viel Gemeinsames im Denken,
Fühlen und Empfinden, dass unsere Zuneigung, unsere Liebe
eine sichere Grundlage hatte, die uns den Lebensmut und
die Kraft gab, gemeinsam alle Schwierigkeiten zu meistern.
Die Sprachprüfung hatte unsere ganze Aufregung nicht
verdient. Die drei Prüfer - zwei Herren und selbstverständlich
eine Frau - waren voll des Lobes. Wir bekamen die Note
‘sehr gut’ und eine Urkunde als ‘Sprachkundiger Stufe 1’.
Wir wussten allerdings nicht, wie viel davon auf unsere
wirkliche Leistung und wie viel auf Höflichkeit und Ent-
109
gegenkommen uns Erdenmenschen gegenüber entfiel. Wir
waren jedenfalls froh, es hinter uns gebracht zu haben. Die
Prüfer waren zufrieden und Frau Kira strahlte vor Glück. Wir
waren ihr auch sehr zu Dank verpflichtet und hielten damit
nicht hinterm Berg.

Ein Besuch im Textilmaschinenwerk

Die folgende Woche brachte uns endlich eine Exkursion. Man


hatte zwar den ausgefallenen Besuch im Naturschutzgebiet
auf unbestimmte Zeit verschoben, aber wir flogen, wie es
ursprünglich zeitlich vorgesehen war, in einen Industriebetrieb.
Ein Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums unseres Landes
Oto brachte uns mit dem Fluggleiter in ein weniger dicht
besiedeltes Gebiet. Während des Fluges erfuhren wir,
dass bei den Vorständen aller Ebenen Fachorgane für
bestimmte Aufgabengebiete bestanden. Während es in den
Zellen und bis zur fünften Ebene, dem Gemeindeverband,
überwiegend ehrenamtliche Spezialisten waren, standen den
Vorständen der Gemeinden bereits einzelne, in den höheren
Ebenen zunehmend mehr hauptamtlich Beschäftigte zur
Verfügung. Soweit erforderlich wurden auch Fachbereiche
mit Bereichsleitern gebildet. Bei den Vorständen der Länder,
Staaten und Kontinente gab es Ministerien, wie wir sie auch
von der Erde her kannten.
Unser Begleiter, ein Herr Kilato, war im Landeswirt-
schaftsministerium Abteilungsleiter für Textilmaschinenbau
und führte uns in den größten Betrieb dieser Art des Landes.
Bei der Landung bemerkten wir zum ersten Mal eine An-
zahl Fluggleiter in Omnibusgröße, die, wie uns Herr Kilato
erklärte, im Liniendienst den Berufsverkehr übernahmen.
110
Wir wurden von einem guten Dutzend Futuranern ernst
und feierlich mit Blumen begrüßt und in einen Beratungs-
raum geleitet, wie wir ihn in einer Größe für etwa zwanzig
Personen schon mehrfach kennengelernt hatten. Nach einer
etwas steifen förmlichen Begrüßung erläuterte eine Frau, die
man uns als ‘Vorsitzende des Werkvorstandes’ vorstellte, die
Erzeugnisse des Werkes und deren Herstellung, begleitet von
anschaulichen Fernsehbildern an der Stirnwand des Raumes.
Es ging im wesentlichen um die von uns ständig genutzten,
rotierenden Gespinstbekleider, aber auch um einige andere
Maschinen für die Stoffherstellung im Web- oder Wirkver-
fahren. Der Vortrag war sicher sehr interessant, aber vieles
wurde mir erst später bei den praktischen Vorführungen in
den Werkhallen verständlich. Mag sein, dass die Fülle von
Fachausdrücken uns sprachliche Probleme bereitet hatte.
Vermutlich aber fanden deshalb viele Erläuterungen nicht den
Weg in meine Ohren, weil meine Gedanken immer wieder
abschweiften. Ich grübelte, was eine Abteilung Textilmaschi-
nenbau eines Ministeriums für Aufgaben haben könne. Gab
es hier etwa eine zentrale Planwirtschaft, wie sie sich auf der
Erde längst als unrealisierbar erwiesen hatte? Ich vermutete,
dass der erwähnte Werkvorstand auch so eine demokratische
Einrichtung war wie die anderen Vorstände, aber wie so eine
Leitung funktionieren sollte, ob sie eher einem Betriebsrat
oder einem Aufsichtsrat ähnelte oder als eine Art Direktorium
unmittelbar den Geschäftsablauf regelte, das interessierte
mich mehr als technologische Betriebsabläufe.
Als uns die muntere Rednerin am Ende ihres Vortrages
aufforderte, Fragen zu stellen, konnte ich deshalb die in
solchen Situationen meist übliche peinliche Stille mit der

111
sicher nicht ganz sachgemäßen Frage nach dem Werkvor-
stand überbrücken.
Die Erläuterung der kundigen Vorsitzenden warf jedoch
mehr Fragen auf als beantwortet wurden: “Die Gewerkschaft
wählt ihre Vorstände. Und bei etwa 2.000 Mitgliedern unseres
Betriebes ist die fünfte Ebene der Betriebsvorstand, der durch
je einen Vertreter des gesellschaftlichen Anteilseigentümers
und der Bekleidungspartei zum fünfköpfigen Werkvorstand
erweitert wird. Der Werkvorstand entscheidet alle wichtigen
Fragen wie Art und Umfang der Investitionen, Gewinnver-
teilung, Bestätigung der Bilanzen und Betriebs­pläne oder
Einstellung und Entlassung der Direktoren, während die
Einstellung, Einstufung und Entlassung der übrigen Ge-
werkschaftsmitglieder durch den Betriebsvorstand erfolgt.”
Da hatte die eifrige Vorsitzende unsere Kenntnisse über die
sozialen Strukturen auf Futuras aber gründlich überschätzt.
Hier war sicher nicht die Zeit und der Ort, alles zu klären.
Doch in den nächsten Tagen gab es genügend Gelegenheit
zu Unterhaltungen über die einzelnen Probleme, wobei die
Gespräche auf den täglichen Hin- und Rückflügen mit Herrn
Kilato sich als besonders informativ erwiesen.
Noch auf dem Heimflug des ersten Tages fragte Maria
nach der Rolle des Privateigentums auf Futuras. Herr Kila-
to zeigte sich als kluger verständnisvoller Erklärer: “Unter
Eigentum verstehen wir das Recht, allein oder mit anderen
Eigentümern zusammen, über ein Objekt zu verfügen.”
“... und es zu nutzen und zu besitzen”, ergänzte Maria in
Erinnerung an eine gängige Definition im deutschen Recht.
“Nein”, war die Antwort von Herrn Kilato, “denn nutzen
und besitzen kann auch ein Nichteigentümer, wenn es ihm der
Eigentümer auf Grund einer Verfügungsbefugnis gestattet.
112
Dies gilt sogar, wenn einer etwas unberechtigt besitzt oder
nutzt, zum Beispiel ein Dieb. Aber Sie wollen doch sicher
etwas über das Eigentum an dem Textilmaschinenwerk
wissen. Das gehört zur Hälfte dem Land und zur Hälfte der
Gewerkschaft.”
Herr Kilato bestätigte auch meine Vermutung, dass man
auf Futuras, anders als auf der Erde, unter der Gewerkschaft
nur die Gesamtheit der Betriebsangehörigen eines Betriebes
verstand. Die Betriebsangehörigen, also die Gewerkschaft,
wählen in Betriebszellen von acht bis sechzehn Personen,
genau wie in den Wohnzellen, in der ersten Ebene ihre
Vorstände. Die letzte Ebene ist dann der Betriebsvorstand,
der für die ganzen innerbetrieblichen Angelegenheiten des
Arbeitsablaufs, der Personalfragen u.a. eine hohe Verantwor-
tung trägt. Selbst die in der Rede der Vorsitzenden genannten
Aufgaben des Werkvorstandes werden vom Betriebsvorstand
dominiert, da er drei der fünf Mitglieder stellt.
Ich erinnerte mich, dass im Werkvorstand neben den Be-
triebsvorstandsmitgliedern und einem Vertreter des Landes
als Miteigentümer noch ein weiteres Mitglied saß. Daher
fragte ich Herrn Kilato: “Was ist denn eine Bekleidungs-
partei?”
Herr Kilato war ein wenig verwundert. Auch er hatte uns
wohl bereits einen größeren Einblick in die Lebensweise
der Futuraner zugetraut: “Wissen Sie nicht, dass wohl jeder
Futuraner in mehreren Parteien ist?” Er zählte uns eine Reihe
solcher Parteien auf: “Nahrungsmittelpartei, Kosmetikpar-
tei, Theaterpartei, Bildungspartei, Landwirtschaftspartei,
Tourismuspartei...”
Ich unterbrach: “Das sind nach unserem Verständnis doch
wohl eher Vereine. Eine Partei ist bei uns nicht schlechthin
113
eine Organisation von Bürgern mit gleichen Interessen,
sondern mit gleichen politischen Zielen.”
“Oh, auch wir kennen Vereine. Parteien nennen wir nur die
Organisationen, die einen anerkannten politischen Einfluss
haben. So gibt es neben der Bekleidungspartei auch noch
einige Vereine auf diesem Gebiet. Ein Verein kämpft zum
Beispiel um die Abschaffung der Gespinstmode. Er versucht,
über seine Mitglieder Einfluss in der Bekleidungspartei und
auch in den gesellschaftlichen Strukturen in den verschie-
denen Ebenen zu gewinnen, um sein Ziel zu erreichen. Die
Parteien aber sitzen nicht nur in den Werkvorständen, sondern
finden auch in den Fachbereichen und den Ministerien vor
Entscheidungen in Fragen auf ihrem Tätigkeitsfeld Gehör.
Ein Vorstandsmitglied, das sich den gewichtigen Meinungen
der sachkundigen Parteien verschließt, wird sehr schnell
abgewählt. Welche unterschiedlichen Interessen vertreten
denn die Parteien auf der Erde?”
Wir konnten ohne Zögern einige wichtige Parteien mit
Namen nennen, verhedderten uns aber hoffnungslos, als
wir ausgerechnet am Beispiel der Demokraten und der Re-
publikaner in den USA die Unterschiede erläutern sollten.
Unglücklicherweise brachten wir die Worte “Linke” und
“Rechte” ins Gespräch, und ausgerechnet hier fragte Herr
Kilato nach den Abgrenzungskriterien. Schließlich ver-
suchten wir am Beispiel der uns näher liegenden, deutschen
Parteien den Unterschied in den Interessen der Arbeitgeber
und Arbeitnehmer darzulegen. Wir glaubten, dass uns das we-
nigstens einigermaßen gelungen war, als Herr Kilato fragte:
“Ist es richtig, dass diejenigen, die ihre Arbeitsleistung geben,
die Arbeitnehmer sind, während die, die sich die Arbeit der

114
anderen aneignen oder nehmen, von euch als Arbeitgeber
bezeichnet werden.”
Maria stöhnte leise. Glücklicherweise wurden wir durch
die Landung einer Antwort entbunden.

Nach dem Abendessen saß ich noch lange mit Maria


zusammen. Irgendwie hatten wir uns heute blamiert und
wir schämten uns sehr dafür. Wir hatten nicht den Eindruck,
dass uns Herr Kilato gezielt hereinlegen wollte. Vielleicht
war es ihm sogar peinlich, uns unbeabsichtigt an einer
empfindlichen Stelle getroffen zu haben. Uns wurde klar, dass
wir uns besser auf derartige Fragen vorbereiten mussten, und
so diskutierten wir lange über das System und die Funktion
der Parteien in Europa. Wir fanden es richtig, wenn in
jedem Land wenige, große Parteien existierten, von denen
jede zu allen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung als
Regierung oder Opposition eine einheitliche Position bezog.
Wir hielten eine Zersplitterung in viele Parteien - nach den
Erfahrungen der Weimarer Republik in Deutschland - bei
der Bildung starker Regierungskoalitionen für uneffektiv.
Ganz abwegig fanden wir das Beispiel der Futuraner, für
jedes kleine Interessengebiet eine eigene Partei zu bilden.
“Stell dir vor”, sagte Maria, “ein Vorsitzender aus der
Bekleidungspartei muss über Fragen, sagen wir, der Zuläs-
sigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen oder der Höchstge-
schwindigkeit auf Autobahnen, nein, von Fluggleitern oder
über eine Hochschulreform entscheiden. Wessen Meinung
hätte er da zu vertreten?”
“Vielleicht - seine eigene.” Das war mir so rausgerutscht
und ich entschuldigte mich rasch. “Aber im Ernst, vielleicht
wird der Vertreter der Bekleidungspartei auch nur dort tätig,
wo es eben um Bekleidung geht, im Werkvorstand zum Bei-
115
spiel oder im Ministerium für Textilmaschinenbau? Ist denn
bei uns jeder Parlamentarier gleichzeitig Sachverständiger für
Höchstgeschwindigkeiten, Universitäten und Frauenproble-
me, um bei deinen Beispielen zu bleiben? Nutzt es überhaupt
der Sache, wenn Parlamentarier sich der Parteidisziplin
beugen und gegen ihre Überzeugung stimmen?”
“Parlamentarier sind nur ihrem Gewissen unterworfen”,
entgegnete Maria.
“Aber wir kennen in der Praxis doch auch den Fraktions-
zwang oder die Ablehnung geheimer Abstimmungen oder
den Druck, dem Abtrünnige, die entgegen Parteibeschlüssen
stimmen, ausgesetzt werden.”
Wir tauschten bis lange nach Mitternacht Argumente
und Gegenargumente. Aber je länger wir diskutierten, um
so hoffnungsloser erschien es uns, die Futuraner davon zu
überzeugen, dass unser Parteiensystem ein sehr sinnvolles
sei. Wir wünschten aber, nie in die Verlegenheit zu geraten,
erklären zu müssen, dass bei uns meist überhaupt keine Per-
sonen, sondern eben Parteien gewählt wurden. Dass die Par-
teien dann, häufig sogar im kleinsten Kreise der Vorstände,
Kandidaten auswählten und auf Listen setzten und auf diese
Weise nicht jeder Bürger, wie auf Futuras, sich der direkten
Wahl durch seine Mitbürger stellte. Man würde uns nicht
verstehen, für undemokratisch halten, für zurückgeblieben,
und günstigstenfalls milde belächeln.

Herr Kilato war taktvoll genug, am nächsten Tage das Thema


nicht wieder neu aufzugreifen. Er erkundigte sich nach
Technologien des Maschinenbaus auf der Erde. Wir waren
auf diesem Gebiet durchaus kompetente Gesprächspartner, da
wir, wie alle Astronauten, einige Monate an der Herstellung
unseres Raumschiffes mitgewirkt und dabei auch eine
116
technische Grundausbildung erhalten hatten. Viele Vorgänge
wie Schmelzen, Gießen, Walzen, Pressen, Schweißen,
Nieten ließen sich ohne Probleme mit den Technologien auf
Futuras vergleichen. Aber es überstieg die Vorstellungskraft
von Herrn Kilato, wenn wir von Kränen, Transportkarren,
Luftkissenpaletten oder Tiefladern sprachen. Er, der ein
Leben lang mit den Schwerkraftgleitern umgegangen war,
bewunderte unseren gewaltigen Transportaufwand in einer
Weise, wie wir es etwa mit den Erbauern der ägyptischen
Pyramiden tun.
Umgekehrt staunten wir in den Werkshallen. Sobald
eine Last einem Arbeiter zu schwer erschien, nahm er eine
Gleitfläche, ohne Kabine, nur mit einem kleinen Steuerteil
sowie einem Kranhaken oder einer Transportplattform und
dirigierte die Last an die gewünschte Stelle. Die zum Teil
tonnenschweren fertigen Maschinen wurden mit großen
Lastengleitern durch das aufklappbare Hallendach direkt zu
ihrem Aufstellungsort geflogen.
In den Hallen fehlte der auf der Erde unvermeidbare
braune Staub. Alle Eisenteile waren rostfrei.
Überall waren an den Maschinen rotierende Teile. Die
Futuraner beherrschten das sich um eine geschmierte Ach-
se drehende Rad. Nirgends aber wurde das Rad für die
Vorwärtsbewegung eingesetzt. Man hatte es dafür einfach
nicht nötig. Diese Erkenntnis erinnerte mich wieder daran,
dass ich bisher wenig für mein Versprechen getan hatte, ein
Fahrrad zu bauen.
An jedem Tag besichtigten wir einen anderen Bereich
des Werkes. In der Forschungs- und Entwicklungsabtei-
lung führte man uns Prototypen verbesserter Modelle vor
und erläuterte uns mit berechtigtem Stolz die erreichten
117
Fortschritte. Die Entwicklungsingenieure waren offenbar
im wesentlichen mit der kreativen Suche nach neuen Ideen
und besseren Lösungen beschäftigt, während man die Be-
rechnungen und zeichnerischen Kompositionen weitgehend
den Computern überließ.
Im ökonomischen Bereich spielte beim Einkauf der
Zulieferungen und beim Absatz der eigenen Produkte der
gute alte Vertrag wie auf der Erde die Hauptrolle. Eine in-
teressante Abweichung fiel mir allerdings auf. Die meisten
langfristigen Zulieferverträge hatten flexible Vereinbarungen,
nach denen jeder Partner in genau bezeichneten zeitlichen
und quantitativen Grenzen einseitig ohne Zustimmung des
anderen Änderungen der Liefermenge und sogar der Preise
nach rechtzeitiger Ankündigung vornehmen durfte. Meine
Bedenken, dass dadurch eine gewisse Rechtsunsicherheit
eintrete, teilte man nicht. Der Hersteller des Endproduktes
bekomme stets als erster die Schwankungen des Marktes zu
spüren und es sei doch recht und billig, wenn durch ihn die
Zulieferer rechtzeitig daran gehindert würden, mehr Teile
herzustellen, als für die noch absetzbaren Endprodukte be-
nötigt würden. Allein die bestehende Konkurrenz der Firmen
würde bereits unangemessene Preisänderungen verhindern.
An interessanten Aussprachen in der Personalabteilung
nahmen auch die drei Mitglieder des Betriebsvorstandes teil.
Wir erfuhren, dass jeder Betrieb Männer und Frauen in glei-
cher Anzahl beschäftigen musste. Bei jeder Neueinstellung
oder Entlassung darf normalerweise höchstens ein Mann
oder eine Frau mehr zur Belegschaft gehören als die Anzahl
der Beschäftigten des anderen Geschlechtes. Das bringe in
manchen Bereichen manchmal erhebliche Schwierigkeiten,
aber Verstöße würden mit hohen Geldstrafen geahndet.
118
Maria erkundigte sich, ob die Entlohnung nach der Leis-
tung erfolge.
Die Betriebsvorstandsvorsitzende, die wir am ersten
Tage bereits als Werkvorstandsvorsitzende kennengelernt
hatten, holte weit aus: “Die Hälfte des Betriebes gehört der
Gewerkschaft, also allen fest im Betrieb beschäftigten. Dem
Land gehört die andere Hälfte. Jeder trägt also die Hälfte der
Kosten und verfügt über die Hälfte des Gewinns. Der Ge-
winnanteil der Gewerkschaft wird nach einem Punktesystem
als Lohn für jeden aufgeteilt. Der Betriebsvorstand legt für
jeden Mitarbeiter fest, mit wie viel Punkten er für das lau-
fende Jahr eingestuft wird. Die Skala reicht von einem Punkt
für einen Lehrling im ersten Lehrjahr bis zu zwanzig Punkten
für einen langjährigen Direktor. Es gibt in den Betriebszel-
len regelmäßig offene Aussprachen über die Leistung des
einzelnen und von dort kommen die Einstufungsvorschläge.
Zur Differenzierung kann es auch Zehntelpunkte geben, also
etwa 6,4 oder 12,6. Der Betriebsvorstand gleicht in der Regel
nur unangemessene Abweichungen zwischen den einzelnen
Betriebszellen aus, soweit sie nicht durch die Art der Arbeit
berechtigt erscheinen. In die Differenzierung zwischen den
einzelnen Mitgliedern der Zelle wird nur in seltenen Ausnah-
mefällen eingegriffen. Die Gesamtzahl der Punkte entspricht
dem Gewinnanteil der Gewerkschaft. Jeder Punkt bedeutet
also eine bestimmte Summe Geld, abhängig vom Umfang
des erzielten Betriebsgewinns. Jeder erhält monatlich einen
angemessenen Abschlag und am Jahresende den Rest seines
Anteils.”
“Wie hoch sind etwa die Abzüge für Steuer, Krankenver-
sicherung, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung
und anderes”, wollte ich wissen.
119
Überraschenderweise musste ich das erst erläutern. Ver-
sicherungen gäbe es überhaupt nicht.
“Eine Steuer gibt es auch nicht”, meinte die Vorsitzende,
aber sie wurde vom Leiter der Personalabteilung berichtigt:
“Ich denke, es gibt schon so etwas, es wird uns nur kaum
noch bewusst. Von jeder Geldüberweisung, ganz gleich wel-
cher Art, zieht die Bank zehn Prozent für den Staat ein, also
bei jeder Lohnüberweisung ebenso wie bei jedem Einkauf.”
Maria fragte nach dem Schutz vor Entlassungen. Zu
unserer Überraschung war der recht gering. Nur Kranke,
Schwerbeschädigte und Schwangere wären eine Zeit lang
geschützt. Allen anderen wurde in der Regel rechtzeitig
gekündigt, aber sie konnten auch ohne Einhaltung einer
Frist entlassen werden, wenn man sie im Betrieb nicht mehr
benötigte. Die Zellen würden sehr darauf achten, dass keine
Arbeitskraft mehr, als für die jeweiligen Produktionsprozesse
unbedingt gebraucht, eingesetzt werde.
Man musste uns wohl unsere Enttäuschung an den Ge-
sichtern angesehen haben, denn Herr Kilato meinte: “Denken
sie bitte nicht, dass ein Direktor oder ein Abteilungsleiter
willkürlich jemanden entlassen kann, nur weil ihm seine
Nase nicht gefällt. Die Entscheidung liegt beim Betriebs-
vorstand und wenn der eine Entlassung vornimmt, die nicht
überzeugend begründet ist, muss er mit der Abwahl rechnen.
Allerdings legen wir großen Wert darauf, dass in den Ar-
beitszellen eine gute Harmonie herrscht. Der Zellvorstand
kann jederzeit beantragen, dass Leute, die sich nicht in die
Gemeinschaft einfügen können oder die nicht die Arbeits-
leistung erbringen, die man von ihnen erwarten kann, eine
andere Arbeit im Betrieb bekommen oder entlassen werden.
Im Übrigen, denken sie daran, der Entlassene bleibt Eigen-
120
tümer bis zum Jahresende, behält also seinen Anspruch auf
die anteilige Endauszahlung.”
“Und danach?”, fragte Maria.
“Danach gehört er zur Arbeitsreserve. Das heißt eigentlich
schon seit seiner Entlassung. Er wird von seiner Stadt oder
Gemeinde zu gemeinnützigen Arbeiten herangezogen, bis er
eine andere Arbeit gefunden hat.”
“Was wird aus seinem Miteigentum am Werk?”
“Das endet mit der Auszahlung des Gewinnanteils am
Jahresende.”
“Wovon lebt er danach?”, wollte Maria weiter wissen.
“Für die gemeinnützigen Arbeiten, die möglichst seinen
Fähigkeiten entsprechen sollen, bekommt er von der Kom-
mune ein Entgelt in Höhe seines bisherigen monatlichen
Einkommens, das sich allerdings von Monat zu Monat um
zehn Prozent bis auf einen allgemeingültigen Mindestsatz
verringert. So ist jeder bestrebt, möglichst schnell wieder
eine neue Arbeitsstelle zu finden.”
“Keine schlechte Lösung”, gestand Maria, “der Staat
wirft das Geld nicht fürs Herumlungern heraus, wie bei uns,
und der Entlassene hat ein ausgefülltes Leben, auch wenn es
sicher nicht immer voll seinen Wünschen entsprechen mag.”
Es gab eine Fülle neuer Erkenntnisse für uns, die zum Teil
gar nicht recht in unser gewohntes Denken passen wollten.
Noch auf dem Heimflug gab es Fragen über Fragen: “Gibt
es wirklich keine Versicherungen?”
“Wer zahlt denn den Alten eine Rente?”
“Kann man es sich leisten, krank zu werden?”
Herr Kilato war damit nicht in Verlegenheit zu bringen:
“Jeder Futuraner erhält von der Gesellschaft dem Alter ent-
sprechend Geld. Von Geburt an zweihundert Eku monatlich
121
und vom einundzwanzigsten Lebensjahr an wächst es in
jedem Jahr um zehn Eku monatlich. Das sind also Kindergeld
und Altersrente in einem, mit dem Ausscheiden aus dem
Arbeitsprozess im Alter gibt es keine Steigerung mehr. Je
länger einer also arbeitet, desto höher wird sein Altersgeld,
die Rente. Krankheit kostet nichts. Das Einkommen läuft
weiter, Arzt und Medikamente sind kostenlos.”
“Das hat sich aber auf der Erde nicht sonderlich bewährt,
das ist doch ein Anreiz zum Krankfeiern”, erinnerte ich mich.
“So leicht ist es nicht, einen Arzt hinters Licht zu führen.
Was hätte man auch davon? Man kann doch in dieser Zeit
nichts unternehmen. Wo man gesehen wird, bekommt man
böse Vorwürfe. Wer die Gesellschaft, also seine Mitbürger
betrügt, unterliegt der allgemeinen Ächtung.”
Welch hohe Moral! Ich musste daran denken, dass es
auf der Erde geradezu ein Beweis besonderer Cleverness
war, blau zu machen oder auch dem Staat möglichst wenig
Steuern zukommen zu lassen. Manche waren mit Absicht
hochverschuldet, um die Tilgungen von der Steuer absetzen
zu können. Es gab sogar Minister und Parteiführer, die als
Steuerhinterzieher gerichtlich abgeurteilt waren, ohne dass
dies ihrer politischen Karriere Abbruch tat. Ich musste meine
Lippen fest zusammenpressen, damit mir im Zorn darüber
kein unbedachtes Wort herausrutschte.
Maria konnte es immer noch nicht glauben: “Gibt es
denn wirklich überhaupt keine Versicherung? Zum Beispiel
gegen Feuer oder Einbruchsdiebstahl oder eine Lebensver-
sicherung?”
Was eine Lebensversicherung ist, musste Maria erst erläu-
tern. Doch dann kam die Bestätigung: “Nein, es gibt keine.
Wer einen Schaden erleidet, den er nicht selbst verschuldet
122
hat, bekommt ihn natürlich von der Gesellschaft ersetzt. Jeder
Zellvorstand prüft und bestätigt das. Manchmal muss erst ein
Gutachten erarbeitet werden. Auch die durch den Tod eines
Angehörigen entstehenden Kosten werden erstattet. Dazu
bedarf es keiner Versicherung. Die Erwartung eines hohen
Geldbetrages beim Ableben eines Angehörigen ist in unseren
Augen im höchsten Maße unmoralisch.”
Kurz vor der Landung rang ich mich zu einer beinahe
peinlichen Frage durch: “Herr Kilato, seit wir auf Futuras
sind wurden wir so fürsorglich betreut, dass ich bis heute
noch nie Geld in der Tasche zu haben brauchte. Sie werden
es kaum für möglich halten, aber ich habe noch nie einen
Eku gesehen. Können sie mir einen zeigen?”
Da ging das kluge, zurückhaltende Lächeln des Futuraners
in ein lautes jungenhaftes Lachen über: “Ich habe in meinem
ganzen Leben auch noch keinen Eku gesehen. Es gibt ihn
nicht. Geld ist bei uns nur eine Zahl auf dem Konto. Man
kann es nicht verlieren, es kann nicht gestohlen werden. Man
hat es, auch wenn man es eigentlich gar nicht hat.”

Die Tage im Werk vergingen wie im Fluge. Am letzten Tag


fand ein langes Abschlussgespräch mit unseren Betreuern
statt. Natürlich mit dem obligatorischen kleinen Imbiss.
Erstaunlich, wie viele Dinge es gab, auf die wir im Verlaufe
dieser Woche noch nicht gestoßen waren. So waren neben
den fest im Betrieb Beschäftigten noch eine Anzahl von
Fremdfirmen im Werk, die voll oder weitgehend auf
der Basis von Aufträgen tätig waren, wie Handwerker,
oder der Rechtsanwalt. Die Betriebsambulanz und die
Betriebskantine waren selbständige Einrichtungen, deren
Personal nicht zur Betriebsgewerkschaft gehörte. Schließlich
gab es auch einige Kontrolleure, so einen Ökologen, einen
123
Sicherheitsbeauftragten und auch einen Gütekontrolleur,
die für die Einhaltung der Umweltschutznormen, des
Arbeitsschutzes und der Erzeugnisqualität verantwortlich
waren. Diese Kontrolleure waren betriebsunabhängig und
gehörten Prüforganisationen an, die wir vielleicht mit
unserem TÜV vergleichen konnten.
Ich konnte eine brennende Frage nicht länger zurückhal-
ten: “Werden Umfang und Art der Produktion vom Land ge-
plant oder richtet sich das nur nach Angebot und Nachfrage?”
“Natürlich wird nicht planlos produziert”, war die Ant-
wort. “Der Werkvorstand legt eine Reihe von Kennziffern
für das laufende Jahr fest und auch einige Zielstellungen für
das folgende. Einzelne Festlegungen erfolgen langfristig,
zum Beispiel für größere Investitionen. Den Verkauf der
Produkte langfristig zu planen, ist kaum möglich, wenn wir
auch bemüht sind, etwa durch Werbung, den Absatz auf der
optimalen Höhe zu halten.”
Ich war beruhigt, dass der Einfluss des Staates offenbar auf
die Mitwirkung des Vertreters des Landes im Werkvorstand
beschränkt war.
Der Grundurlaub beträgt auf Futuras einheitlich einen
Monat. Dazu kommen zusätzliche Tage nach Schwere und
Verantwortlichkeit der Arbeit, nach Alter und Betriebszu-
gehörigkeit.
Nach einem feierlichen Eintrag in das Gästebuch und einer
Dankesansprache von mir flogen wir heim, nicht ohne vorher
versichert zu haben, dass wir gelegentlich gern wieder das
Werk besuchen würden, auch wenn keiner der Beteiligten
das ernsthaft erwartete.

Über Moral und ihr Gegenteil


124
Es nahte auch die Stunde des Abschieds von ‘Mister
Allwissend’, wie Maria und ich heimlich den emsig um uns
besorgten Herrn Kilato nannten. So luden wir ihn auf dem
Heimflug zu einer Schale Wein ein. Das jedoch lehnte er strikt
ab, da Alkohol im Fluggleiter nicht möglich sei.
“Nicht möglich? Sie meinen verboten?”
“Nein, verboten auch, aber eben auch nicht möglich. Hier,
diese beiden Sensoren sperren das Bedienungsteil, sobald
auch nur eine Spur Alkohol im Raum ist. Man kann die
Sensoren zwar in dringenden Fällen auch abschalten. Doch
dann leuchtet auf der Gleitfläche eine blaue Lampe auf und
man muss mit einer Kontrolle durch die Luftwacht rechnen.
Das kann sehr teuer werden, wenn man keine überzeugende
Begründung für die Dringlichkeit hat.”
Nach einer Weile lachte er unvermittelt auf und schüttelte
den Kopf. Ein lange zurückliegendes Erlebnis war ihm wie-
der eingefallen: “Nach Feierabend wollte ich einmal starten,
aber die Sensoren hatten die Steuerung des Gleiters gesperrt.
Doch ich war stocknüchtern. Während ich nach der Störung
suchte, waren alle Kollegen abgeflogen. So musste ich eine
Stunde auf den herbeigerufenen Mechaniker warten. Der fand
dann bald den Schaden: Jemand hatte mir zum Schabernack
einen leeren Weinbehälter unter einen Sitz gelegt.”
Eine Tasse Kaffee schlug er uns aber nicht ab. Als ich
die Wohnungstür öffnete und Maria und Herrn Kilato den
Vortritt ließ, lief Maria mit einem Freudenruf Lali in die
Arme. Wir hatten sie erst am nächsten Tag erwartet, um so
inniger herzten und küssten sich die beiden Frauen. Doch
die größere Überraschung kam erst danach. Auch Lali und
unser Herr Kilato umarmten und drückten sich wie ein junges
Liebespaar. Ich muss wohl sehr verdutzt dagestanden haben.
125
Als die beiden nach einer mir unendlich lang vorkommenden
Zeit endlich voneinander abließen und Lali mich fröhlich
begrüßen wollte, fielen meine Umarmung und mein Kuss
dagegen ungewollt steif und förmlich aus.
“Ihr müsst schon entschuldigen, aber Rado und ich ha-
ben uns als Studenten an der Universität Otari schrecklich
geliebt”, sagte Lali.
“Aber Feli, unsere beiden Freunde kennen mich nicht als
Rado, nur als Lato, Kilato.”
Nun lachten wir alle, aber Herr Kilato musste erst aufge-
klärt werden, dass wir auch eine Feli nicht kannten.
Maria bestellte nebenan bei unseren Helfern Kaffee. Meta
brachte bald das duftende Getränk und einiges Gebäck. So
sehr wir uns auch auf das Erzählen mit Lali gefreut hatten,
diesmal mussten wir doch Herrn Kilato mit den vielen “Weißt
du noch...?” und “Kannst du dich noch erinnern...?” den
Hauptteil der Unterhaltung überlassen. Die beiden hatten
sich auch Jahre später noch gelegentlich getroffen und, wie
sie ohne den geringsten Anflug von Scham offenbarten, dann
und wann auch eine glückliche Nacht miteinander verbracht.
Weiß der Teufel, so richtige Freude über das unerwartete
Wiedersehen der Zwei konnte bei mir nicht aufkommen.
Erst als mir Maria in einem geeigneten Moment zuflüsterte:
“Sitz nicht da wie ein betrogener Ehemann!”, nahm ich mich
mit aller Kraft zusammen und machte gute Miene zum guten
Spiel. Nach einiger Zeit konnte ich tatsächlich ohne jeden
spitzen Unterton ganz sachlich fragen: “Warum seid ihr
damals eigentlich nicht zusammengeblieben?”
Da wurde Lali ganz ernst und sagte: “Ich hatte einen an-
deren Mann gefunden. Den Chef an meinem ersten Institut.
Ein toller Mann wie ihn sich eine Frau nur wünschen kann,
126
groß und kräftig, geistreich und selbstbewusst. Dazu schöne
Gesichtszüge. Nicht so schüchtern und zurückhaltend wie
Rado, ich meine Kilato, aber auch nicht so rücksichtsvoll
und so zärtlich. Wir haben trotzdem zwei traumhaft schöne
Jahre miteinander verbracht. Nur als sich herausstellte, dass
ich niemals Kinder bekommen würde, war er nicht bereit,
dieses Leid mit mir zu teilen. Heute hat er mit zwei Frauen
sieben Kinder.”
Und Herr Kilato ergänzte: “Für mich war das ein harter
Schlag, damals. Aber man soll dem Schicksal nicht nachtrau-
ern. Hals über Kopf heiratete ich eine andere Kommilitonin
und hatte Glück. Wir sind bis heute zusammen, haben drei
Kinder und verstehen uns ausgezeichnet.”
Ich konnte mir die Bemerkung nun doch nicht verkneifen:
“Und trotzdem trifft man sich mit einer alten Freundin?”
Aber der Vorwurf in dieser Frage glitt völlig an Herrn
Kilato ab: “Weshalb nicht? Hören denn auf der Erde alle
Freundschaften auf, wenn man heiratet? Darf man danach
keine neuen Freundschaften schließen?”
“Das schon”, wehrte ich ab, “aber man kann doch nicht
mit jeder ins Bett gehen.”
“Mit jeder Freundin sicher nicht. Aber jede Freundschaft
zwischen einem Mann und einer Frau existiert doch in einem
sexuellen Spannungsverhältnis. Sicher kann man jahrelang
ein gutes kameradschaftliches Verhältnis halten, ohne dass
der Wunsch nach Zärtlichkeiten aufkommt. Aber ist es nicht
etwas ganz Natürliches, wenn gerade in einem längeren
Miteinandervertrautsein auch der Wunsch nach Berührungen
wächst? Soll man das dann unterdrücken, wenn es zwischen
den Partnern Übereinstimmung gibt?”
“Und wenn die eigene Familie darunter leidet?”
127
“Nicht nur die eigene, auch die Familie des Partners darf
nicht darunter leiden.”
Lali schaltete sich in unser Zwiegespräch ein: “Als ich
wieder allein war, hätte ich nie versuchen dürfen, Kilato fest
an mich zu binden. Ich denke, keiner von uns beiden hatte
auch in den schönsten Stunden den Gedanken, bestehende
Bindungen zu lösen.”
“Weiß das ihre Frau, Herr Kilato?”, fragte Maria.
“Selbstverständlich. Heimlichkeiten sind ein Vertrauens-
bruch.”
“Und was sagt sie dazu?”
“Sie kennt Lali und sie kennt mich und unsere Ehe. Sie
vertraut mit Recht darauf, dass unsere Ehe stabil genug ist.
Wir denken, dass erst dann, wenn eine Ehe innerlich zer-
brochen ist, der eine oder der andere oder beide nach neuen
festen Partnern Ausschau halten. Aber selbst dieses gezielte
Suchen nach einem neuen Ehepartner kann die alte Ehe nicht
zerstören, sie ist es dann bereits.”
Maria war beeindruckt von der lauteren Haltung des Herrn
Kilato. Aber war das nicht nur seine individuelle Einstellung?
“Es ist auf der Erde eine häufige Erscheinung, dass ein
braver Ehemann einem alleinstehenden Mädchen vorlügt,
dass seine Ehe bereits gescheitert ist und er sie heiraten
möchte. Und das alles nur um eine Befriedigung seines Ge-
schlechtstriebes zu erreichen. Gibt es das auch auf Futuras?”
“Mir ist so etwas nicht bekannt. Aber ich will es nicht
ausschließen, nur scheint es mir wenig sinnvoll zu sein.
Welche Frau lässt sich denn mit einem so wenig bekannten
Mann ein, nur weil er ihr die Heirat verspricht? Wenn sie
ihn aber besser kennt, weiß sie auch, wie es wirklich um
seine Ehe steht. Und welcher Mann ist schon auf einen sol-
128
chen Schwindel angewiesen, um seinen Geschlechtstrieb zu
befriedigen? Er müsste schon sehr einsam sein, ohne gute
Freunde, Nachbarn, Kollegen.”
Lali unterbrach ihn: “Rado, ich glaube hier verstehen
uns die Erdenmenschen kaum. Sie haben eine Sexualmoral,
die auch für uns unverständlich ist. Maria hat mir einmal
erzählt, es gibt dort Bordelle, da gehen Männer hin, zahlen
viel Geld, um mit einem wildfremden Mädchen zu schlafen.
Diese Mädchen haben manchmal zehn und mehr Männer an
einem Abend. Und es gibt auch Männer, die gegen Bezahlung
Frauen befriedigen.”
Herr Kilato blickte uns ungläubig und etwas befremdet
an, wie mir schien. Dann sagte er nachdenklich: “Es muss
wohl unglaublich schwer sein für einen Mann, eine liebende
Freundin zu finden, dass er sich so entwürdigen muss, um
ein wenig vorgespielte Zärtlichkeit zu erhaschen. Und wie
schwer müssen es die Frauen haben, auf andere Art ihren
Lebensunterhalt zu verdienen, wenn sie sich an ungeliebte
Männer wegwerfen müssen. Ältere Frauen haben es auch bei
uns manchmal nicht leicht, einen Partner zu finden, insbeson-
dere wenn sie von Natur aus nicht sehr attraktiv aussehen.
Aber ich habe noch nie gehört, dass sie versucht hätten, sich
einen Mann mit Geld zu kaufen. Es würde sich wohl auch
keiner finden. Da liegt es doch näher, sich etwa an den Bruder
des verstorbenen Ehemannes zu halten, oder an einen Cou-
sin, vielleicht auch an einen nahestehenden Arbeitskollegen
oder an einen Jugendfreund. Es muss doch gelingen, etwas
abgeklungene Beziehungen wieder aufzufrischen.”
Wie gut hatte unser Freund doch die tatsächlichen Ursa-
chen der irdischen Sexmisere erahnt, aber mit seinen Vor-

129
schlägen für einsame Frauen konnte ich nicht einverstanden
sein.
“Sie empfehlen den Geschlechtsverkehr zwischen Ver-
wandten? Das ist doch sozial nicht zu verantworten. Wenn
es daraus Kinder gibt, muss man mit Degenerationserschei-
nungen rechnen.”
“Wir kennen das Inzestproblem. Aber niemand bekommt
gegen seinen Willen ein Kind. Die Möglichkeiten der Ver-
hütung und des Schwangerschaftsabbruchs sind absolut.
Der Verkehr zwischen Eltern und Kindern und zwischen
Geschwistern ist trotzdem untersagt und wird bestraft. Auch
Cousins dürfen keine gemeinsamen Kinder zeugen. Aber
Verschwägerte sind doch überhaupt nicht blutsverwandt.
Es ist bei uns weit verbreitet, dass ein Mann auch mit den
Schwestern seiner Frau und eine Frau auch mit den Brüdern
ihres Mannes schläft, wenn sie sich gut verstehen. Einen An-
spruch darauf hat natürlich niemand. Aber auch unabhängig
davon ist es eigentlich bei uns eine schöne Sitte, dass man
einer Witwe oder einem Witwer zur Seite stehen möchte.
Man lässt sie auch in sexueller Hinsicht nicht allein.”
Meta, unsere freundliche Helferin, hatte schon einige
Minuten in der Tür gestanden. Sie wollte unser Gespräch
nicht stören, aber jetzt erinnerte sie uns daran, dass längst
Abendbrotzeit war. So gingen wir hinunter in die Gaststube.
Herr Kilato konnte nun doch nicht mehr weiterfliegen, denn
bei Einbruch der Dunkelheit war Startverbot für Gleiter, die
kein Radarsystem besaßen. Er telefonierte mit seiner Frau,
erzählte ihr von dem überraschenden Wiedersehen mit seiner
Jugendfreundin und sagte ihr, dass er erst morgen früh, kurz
vor Arbeitsbeginn nach Hause käme.

130
Johann Strauß auf Futuras

So saßen wir vier noch lange beim Wein zusammen, waren


fröhlich und ein wenig ausgelassen. Lali hatte uns eine
wunderschöne Aufmerksamkeit mitgebracht. Sie hatte die
Gelegenheit genutzt, im Institut Musik von Tonträgern aus
dem Wrack von Futuras 2 auf eine Diskette zu überspielen,
die sie nun über die Fernseheinrichtung erklingen ließ. Es
war ein buntes Durcheinander: das Violinkonzert von Bruch,
die amerikanische Nationalhymne, ein griechischer Sirtaki,
Hard Rock, deutsche Volkslieder, ein Walzer von Strauß,
Chopin, Bach und wer weiß was noch. Wir spielten alles nur
ein wenig an. Danach bat Maria um den Walzer und ehe ich
mich versah, sagte sie zu mir: “Damenwahl, darf ich bitten,
mein Herr?”
Mein Gott, wie lange hatten wir nicht mehr getanzt? Im
Raumschiff fehlte der Platz und wohl auch die Entspannung.
Beim Training vor dem Start fehlte die Zeit. Aber ich hatte
immer schon gern getanzt, wenn auch nicht gerade Walzer.
Doch es ging gut. Wir lagen uns in den Armen und schwebten
im Dreivierteltakt durchs Zimmer. Maria hatte glänzende
Augen und wir hätten noch lange in den Wolken geschwebt,
wenn nicht die beiden Futuraner uns mit offenen Mündern
angeschaut hätten. Wir setzten uns wieder zu ihnen und
erfuhren, dass die Futuraner einen Tanz nur als kulturelles
Relikt aus der Zeit kannten, als man noch an Götter glaubte.
Gelegentlich würden solche Tänze - nur von Männern oder
nur von Frauen - bei historischen Veranstaltungen auf einer
Bühne vorgeführt. Als modernen Tanz kannte man lediglich
Ballettveranstaltungen, aber Tanz als Ausdruck allgemeiner
Lebensfreude war nicht bekannt.
131
Wir baten Lali, den Strauß noch einmal abzuspielen. Maria
nahm Herrn Kilato bei der Hand und zog ihn vom Sofa. Er
ging willig mit und übte mit Maria das ‘eins - zwei – drei’
der Walzerschritte ohne Drehung, dann zog sie ihn an sich
und langsam wechselten sie pendelnd die Richtung bis zum
ersten Male in einem Takte eine halbe Drehung gelang. Ich
nickte Lali zu, wir standen auf und versuchten das Gleiche. Es
klappte recht gut und bald drehten sich beide Paare im Takt,
als wäre es längst nicht der erste Versuch. Lali musste immer
wieder das Gerät zurückschalten und den Walzer spielen.
Dann saßen wir zwei alte Tänzer und beobachteten
schunkelnd unsere gelehrigen Schüler beim Tanz. Wieder
tanzten wir alle und wechselten dabei die Partner bis Lali mit
Freudentränen in den Augen Maria umarmte und erschöpft
mit ihr aufs Sofa sank.
Durchgeschwitzt wie wir waren, brauchten wir ein erfri-
schendes Bad. So entledigte sich Lali ihres Gespinstkleides.
Herr Kilato tat sofort das Gleiche und ließ sich von Lali ins
Bad führen. Maria und ich blieben noch ein Weilchen, bis sich
unsere Atemfrequenz wieder etwas normalisiert hatte, aber
dann zogen auch wir uns aus und gingen den anderen nach.
“Sieh einer an, sie können es nicht einmal bis zum
Bettchen ertragen”, rief Maria lachend, als sie die beiden
ineinander verhakelt unter der Dusche erblickte. Sie kamen
ausgelassen auf uns zu. Plötzlich standen wir alle dicht bei-
einander. Lali nahm lachend meine Hand an ihr tropfnasses
Dreieck und führte Kilatos Hand zu Maria. Wie verabredet
ergriffen beide Frauen unsere aufgerichtete Männlichkeit
und Lali fragte schalkhaft: “Ist das nicht ein wunderschönes
Gute-Nacht-Sagen?”

132
Ich versuchte schnell meinen dritten Finger ein wenig
in Lalis Schoß zu versenken und zu meiner Verwunderung
verursachte der Gedanke, dass Herrn Kilatos elfter Finger
eben erst da drin war, durchaus nicht mehr das ungute Gefühl,
das mich bei der herzlichen Begrüßung der beiden Jugend-
geliebten noch befallen hatte.
Lali gab mir und Maria einen innigen Kuss, löste sich
mit einer eleganten Drehung und ging mit ihrem Freund in
ihr Zimmer.
Maria und ich ließen wohlig das warme Wasser auf unsere
Haut perlen. In Gegenwart der geliebten Frau wirkte selbst
der prickelnde Wasserstrahl erotisierend. Ich seifte Marias
Rücken und ihr pralles kleines Gesäß ab. Als ich mich mit
der Hand unter ihren Armen hindurch etwas weit nach vorn
tastete, drehte sie sich entgegenkommend um und vertraute
mir auch ihre Vorderseite ohne Scheu an. Die Luft schien
vor Spannung zu knistern, aber ich bemühte mich, die Erre-
gung nicht auf die Spitze zu treiben. Auch Maria wusch jetzt
behutsam meinen Körper, ohne dass außer dem Kopf und
den Füßen auch nur das kleinste Teilchen ausgespart blieb.
Nachdem wir uns hastig abgetrocknet hatten, nahm ich
Maria auf meine Arme und trug sie wie eine Braut vor der
Hochzeitsnacht über die Schwelle meines Zimmers, legte
sie vorsichtig auf mein Bett und mich selbst so dazu, dass
mein Kopf auf ihrem Oberschenkel und ihrer auf meinem
lag. Gierig schlürfte ich das Glück aus der süßesten Frucht,
die es gab, während ich ihren Mund saugend bei mir spürte.
Meine Zunge suchte und fand zwischen ihren schwellenden
Lippen das kleine Knöpfchen, ließ es nicht mehr los und fuhr
schneller werdend auf und ab. Auch Marias Mund und ihre
Zunge umschmeichelten mein Bestes immer heftiger bis
133
endlich unser gemeinsames Glück zitternd dahintaumelte
und all unsere Lust in einem innigen Kuss verzuckte.
So lagen wir, eng zusammengeschmiegt, satt und zufrie-
den und schliefen tief bis zum nächsten Morgen.

Wir wurden wach, als sich Lali warm und nackt zwischen uns
drängte. Herr Kilato war bereits abgereist und Lali bedrückte
eine Sorge: “War das, was wir zusammen erlebt haben, nicht
eine Überforderung eurer irdischen Moralvorstellungen? Es
ist schwer für mich, mir ein richtiges Bild darüber zu machen,
was für euch noch angemessen und zumutbar ist und was
etwa darüber hinausgeht.”
Während ich noch schlaftrunken mit der Hand über Lalis
schwarzes Haar strich, war Maria bereits wach genug, um zu
antworten: “Lali, ich glaube eher, dass die irdischen Moral-
vorstellungen eine Überforderung der Natur des Menschen
sind. Aber ist es nicht unsere Pflicht, hier auf Futuras uns
so gut es geht euren Moralvorstellungen entsprechend zu
verhalten? Wir tun es, und wie du merkst, mit wachsendem
Vergnügen.”
Die größeren Anpassungsprobleme hatte wohl ich. Und
so lag es wohl auch besonders an mir, Lalis Besorgnis zu
zerstreuen: “Wir haben dich doch nach all dem genau so lieb
wie vorher. Nein, noch mehr.”
Und nach dem dankbaren langen Kuss, den ich dafür
erhielt, wollte ich es noch deutlicher sagen: “Ich mag auch
dein kleines Schatzkästchen genau wie vorher.”
Das sollte eigentlich keine Aufforderung sein, aber als ob
Lali alle möglichen Irritationen restlos aus der Welt schaffen
wollte, nahm sie mich gleich beim Wort, hockte sich mit
einem viel zu ernsten Gesicht über mich, nestelte mit ihren
warmen Händen an meiner müden kleinen Schlafmütze bis
134
sie sich überrascht aufrichtete und geschickt von Lali in ih-
ren Körper geführt wurde. Weit vor mir wippten Lalis feste
Brüste, ihr Mund war für meinen unerreichbar. Als ob Maria
meinen Wunsch ahnte, gab sie mir ihren Mund und so teilten
sich Lalis aufwallende Gefühle über unseren heißen Kuss
auch Maria mit. Nach der anstrengenden Nacht mühte sich
Lali lange bis sie endlich aufstöhnend vornüber fiel. Maria
deckte uns behutsam zu, gab jedem einen Kuss, ging ins
Bad und ließ uns Haut an Haut noch ein Stündchen unsere
Seeligkeit abklingen.

Sprachunterricht und Ökonomie

Am nächsten Tage begann wieder die ernste Seite unseres


Lebens auf dem fremden Planeten. Frau Kira, unsere
energische Sprachlehrerin, ließ uns ausführlich über unsere
Exkursion in das Textilmaschinenwerk berichten. Sie
unterbrach uns weder mit Fragen noch mit Korrekturen,
machte sich aber ständig Notizen. Erst als wir glaubten, alles
wesentliche vorgetragen zu haben, erarbeitete sie eine genaue
Analyse unserer deutlich gewordenen Sprachprobleme.
Sie zeigte uns noch eine Fülle von Fehlern, die uns in
der Umgangssprache des Betriebsbesuches gar nicht
aufgefallen waren. Es hatte uns auch keiner korrigiert. So
waren wir jetzt fast ein wenig beschämt. Frau Kira dagegen
sah das nicht so ernst. Sie meinte, den letzten Schliff
würde sie uns noch geben. Sie wollte sich mit uns in der
nächsten Zeit mehr auf das Schreiben konzentrieren. Maria
bekam als Aufsatzthema: ‘Kritische Bemerkungen zu den
Eigentumsverhältnissen im Textilmaschinenwerk’. Mir gab
sie das Thema: ‘Kritische Betrachtung des Vergütungssystems
135
im Textilmaschinenwerk’.

‘Sieh mal an’, dachte ich, ‘da hat doch die kluge Lehrerin
aus unseren Berichten genau herausgehört, in welchen
Fragen wir kein volles Verständnis für die praktizierten
Lösungen aufbrachten, obwohl wir uns eigentlich im Bericht
wohlweislich jeder Kritik enthalten hatten.’
“Ist es nicht etwas vermessen, wenn wir als Außenste-
hende uns eine Kritik erlauben?”, war mein schüchterner
Versuch eines Widerspruchs.
“Wieso? Sie können doch etwas, was wir nicht können.
Sie können mit uns unbekannten Systemen und Methoden
vergleichen. Im Übrigen wird von mir ohne Ihre Zustimmung
niemand etwas von der Kritik erfahren. Mir geht es nur um
Ihre Fähigkeit, sich sprachlich mit Problemen auseinander-
zusetzen.”
Wir bekamen einen ganzen Tag Zeit für die Hausarbeiten.
Aber wie kann man über etwas schreiben, bevor man sich
ausreichend Klarheit über das Sachgebiet und auch mögliche
Auswirkungen der niedergeschriebenen Gedanken verschafft
hat. Letzteres gilt besonders, wenn man aufgefordert wird,
etwas Kritisches auszusagen.
Wir diskutierten unsere Bedenken mit Lali. Für sie war es
selbstverständlich, dass wir offen und voll unsere Meinung
niederschreiben, auch wenn es einem Leser nicht gefallen
sollte. Man könne durchaus den Eindruck von Überheblich-
keit vermeiden und gegen sachliche Einwände gäbe es keine
anderen Mittel als überzeugende Gegenargumente. Aber die
müsste erst jemand finden.
Wir waren uns da nicht so sicher, wussten wir doch, wie
selten auf der Erde sachliche Kritik akzeptiert wurde. War
sie berechtigt, zog sich der Kritiker den ganzen Zorn der in
136
ihrem Prestige verletzten Kritisierten zu. War an der Kritik
auch nur ein winziges Eckchen nicht absolut hieb- und stich-
fest untermauert, wurde die gesamte Kritik zu Fall gebracht
und der Kritisierende möglichst gleich mit. Aber letztlich
überwanden wir unsere Bedenken, zumal uns Frau Kira
versichert hatte, dass die Arbeiten nicht für fremde Augen
bestimmt wären. Und Frau Kiras Wort hatte bei uns Gewicht.
Doch worin bestand eigentlich unsere Kritik? Maria
meinte, der Anteil jedes Betriebsangehörigen müsste sich
doch auch auf einen entsprechenden Teil des Betriebsvermö-
gens erstrecken und nicht nur auf den Gewinn. Bei seinem
Ausscheiden zum Beispiel müsste er einen Anspruch auf
Auszahlung dieses ganzen Anteils haben.
Das war nach irdischen Maßstäben sicher theoretisch
richtig. Aber Lali brauchte keine lange Überlegung für ihre
Argumentation: “Dann müsste aber auch jeder bei seiner
Einstellung diesen Anteil einzahlen.”
“Das ginge doch über einen Kredit.”
“Und dann müsste er viele Jahre lang hohe Tilgungsraten
zahlen.”
Auf der Erde hätten wir keine Zweifel an diesem System
gehabt. Aber wir waren schon lange genug auf Futuras, um
rückblickend zu erkennen, dass durch Kreditaufnahme auf
der Erde sehr leicht unsoziale Abhängigkeiten entstehen
konnten. Viele Bürger, die Mehrheit der Firmen und Kommu-
nen war doch bis an den Hals verschuldet und für so manchen
führte die Spirale von Zins- und Tilgungsverpflichtungen
irgendwann zum Ruin. Schließlich wäre es auch ökonomisch
bedenklich, wenn etwa beim gleichzeitigen Ausscheiden
mehrerer Betriebsangehöriger dem Betrieb ein so hoher
Teil seiner Finanzmittel entzogen würde, dass dadurch eine
137
Gefährdung seiner weiteren Arbeit eintreten konnte. Da
sprach doch vieles für eine Eigentumsvorstellung, wie sie
hier gehandhabt wurde.
Aber Maria fragte weiter: “Was geschieht eigentlich mit
dem Eigentumsanteil der Gewerkschaft, wenn ein Betrieb
nicht mehr gebraucht wird und seine Tätigkeit einstellt?”
Der Anteil am Gewinn war unstrittig. Aber was wurde
aus dem Restwert der Anlagen? Lali wusste, dass in solchen
recht seltenen Fällen der gesamte verbleibende Wert den
gesellschaftlichen Teileigentümern zufällt. Das allerdings
fanden wir nicht gerecht.
Bis mir die Frage einfiel: “Wer trägt eigentlich einen ein-
getretenen Verlust? Es muss ja doch nicht immer gelingen,
Gewinn zu erzielen.”
“Natürlich auch der gesellschaftliche Teileigentümer, im
Falle eures Betriebes also das Land Oto. Das Land garantiert
sogar für eine begrenzte Zeit eine gesetzliche Mindestentloh-
nung, wenn der erzielte Gewinn nicht ausreicht.”
Damit war auch in unseren Augen der Gerechtigkeit wie-
der Genüge getan. Denn wer das höhere Risiko trägt, muss
auch mehr Rechte eingeräumt bekommen. Maria erkannte,
dass das Eigentum auf Futuras aus guten Gründen unter-
schiedliche Inhalte haben konnte und im Bereich der Wirt-
schaft von unseren gewohnten Vorstellungen stark abwich.
Dennoch konnten wir uns gut vorstellen, dass gerade diese
Art des Eigentums zu einem hohen persönlichen Interesse
jedes einzelnen Betriebsangehörigen an der Erzielung eines
maximalen Betriebsgewinns führte und damit eine sehr
wirksame Triebkraft für ein produktives Verhalten jedes
Mitarbeiters gegeben war.

138
Mir fiel ein, dass Lali gesagt hatte, ‘im Falle eures Betrie-
bes’ sei das Land Oto der gesellschaftliche Teileigentümer
gewesen, und ich fragte, ob es denn nicht immer das Land sei.
“Nein, bei größeren Werken ist das meist der Staat,
manchmal sogar der Kontinent. Bei kleineren Firmen kann
das der Bezirk, der Kreis, auch eine Gemeinde sein. Selbst
unsere Zelle ist der gesellschaftliche Teileigentümer von
Lapas Gastwirtschaft.”
Wir waren überrascht und wollten mehr darüber wis-
sen, und Lali gab Auskunft so gut sie eben konnte: “Die
Umstände des Lebens und die Besonderheiten der zur Be-
friedigung der unterschiedlichsten Bedürfnisse der Bürger
notwendigen Leistungen erfordern nun einmal eine Vielfalt
an Organisationsformen der Arbeit. Da gibt es als kleinste
Form die Einzelfirma. Das sind Firmen, die oft aus einer
einzigen Person bestehen. Andere Einzelfirmen, wie unsere
Gastwirtschaft, bestehen aus einem Ehepaar. Es hätten eben-
so Vater und Sohn, oder zwei Schwestern oder auch zwei
nicht miteinander verheiratete oder verwandte Personen sein
können. Auch ein Familienbetrieb mit Eltern und mehreren
erwachsenen Kindern ist als Einzelfirma zulässig. In allen
Fällen erfordert die Gründung eine mehr oder weniger auf-
wendige Ausrüstung mit Räumen, Mobiliar, Maschinen usw.
Deshalb wird die Registrierung einer jeden Firma von einer
fünfzigprozentigen gesellschaftlichen Beteiligung am Ei-
gentum und am Gewinn abhängig gemacht. Dadurch kommt
es nicht zu anarchischen Gründungen überflüssiger Firmen.
Die Gesellschaft bringt die Hälfte des Gründungskapitals
ein, trägt auch zur Hälfte das Betriebsrisiko und behält auch
einen gewissen Einfluss auf das Betriebsgeschehen. Es gibt
in diesen Einzelfirmen natürlich keine gewählten Leitungs-
139
organe. Die Eigentümer müssen sich schon bei wichtigen
Entscheidungen einigen. Aber das ist bei so kleinen Einrich-
tungen meist kein Problem, denkt nur an Lapos Gaststätte.
Diese Firmen dürfen auch Nichteigentümer gegen festen
Lohn als Arbeitskräfte einstellen, jedoch nur bis zur Anzahl
der Eigentümer. Unser Koch ist zum Beispiel ein solcher
eingestellter Nichteigentümer.
Hat eine Firma mehr individuelle Eigentümer, so muss
sie sich als Genossenschaft organisieren und in der üblichen
Weise einen dreiköpfigen Vorstand als Führung wählen.
Auch hier gibt es wieder zwingend den gesellschaftlichen
Eigentumsanteil.
Übersteigt die Anzahl der Eigentümer die obere Grenze
für eine Zelle, also sechzehn Personen, erhält der Betrieb die
Form der Gewerkschaft, wie ihr sie in der Textilmaschinen-
fabrik ausgiebig kennengelernt habt.
Das sind die Grundformen. Es gibt aber zahlreiche
Sonderformen, zum Beispiel reine Staatsbetriebe und -ein-
richtungen wie etwa mein Institut. Auch gibt es zwischen-
betriebliche Firmen.”
Maria hatte nach all den Informationen die gesuchte
Klarheit für ihre Hausaufgabe. Sie wollte das Für und Wider
der Eigentumsproblematik so darlegen, wie es sich in unse-
rer Unterhaltung ergeben hatte. Sie ging beruhigt schlafen,
während ich noch lange an die Zimmerdecke starrte, keinen
Ansatzpunkt für die von mir gewünschte Kritik fand, ja
eigentlich fast nichts über die praktische Handhabung des
Punktsystems für die Entlohnung und die Gewinnverteilung
wusste.
Als ich am nächsten Morgen unausgeschlafen am Früh-
stückstisch saß, versprach mir Lali Unterstützung. Während
140
Maria in ihrem Zimmer bereits eifrig schrieb, stritt ich mit
Lali noch darüber, ob die Differenz zwischen einem Punkt für
einen Lehrling und zwanzig Punkten für einen Werkdirektor
nicht zu groß sei.
“Warum sollte ein erfahrener und erfolgreicher Direktor
nicht das Zwanzigfache eines Lehrlings im ersten Lehrjahr
verdienen? Im dritten Lehrjahr ist es nur noch das Zehnfache
und im Vergleich mit einem guten Facharbeiter, der etwa
fünf bis sieben Punkte erhält, ist es gar nur das Drei- bis
Vierfache. Wenn du noch bedenkst, dass eine Einstufung mit
der Höchstpunktzahl auch für einen Direktor Seltenheitswert
besitzt, verdient er trotz seiner hohen Verantwortung manch-
mal nur wenig mehr als das Doppelte.”
Als ich versuchte, das Einkommen eines irdischen Azubis
mit dem eines irdischen Vorstandsmitgliedes eines mittleren
Konzerns oder eines anderen vergleichbaren Managers ins
Verhältnis zu setzen, schlug meine Kritik eher in das Gegen-
teil um. Wer will sich schon mit der Verantwortung für ein
ganzes Werk belasten, wenn er nur das zwei- oder dreifache
Gehalt eines Facharbeiters bekommt? Reicht das als Moti-
vation für aufopferungsvolle Arbeit? Entspricht das noch
dem Anteil der eigenen Leistung an der Gewinnerzielung?
Lali wies mich darauf hin, dass die Bezahlung für die
Arbeitsleistung auf Futuras doch lediglich etwa ein Drittel
der Gesamteinnahmen ausmache und gerade ein Werkdirek-
tor als meist Älterer ein überdurchschnittliches Altersgeld
und als bildungsmäßig hoch Eingestufter auch ein hohes
Bildungsgeld erhalte.
Unter Bildungsstufe und Bildungsgeld konnte ich mir
nichts Rechtes vorstellen, aber Lali vertröstete mich auf die

141
nächste Woche, die eine Exkursion an verschiedene Bil-
dungseinrichtungen vorsah.
Während Maria bis Mittag mit ihrer Arbeit fertig wurde
und die beiden Frauen nach dem Essen bei herrlichem Wetter
ins Strandbad gingen, saß ich noch grübelnd vor dem leeren
Papier, kritzelte in Stichworten ein Konzept nach dem ande-
ren hin und verwarf es ebenso schnell wieder.
Meta, die sich bei ihrer Arbeit immer leise im Hintergrund
hielt, musste meinen Gemütszustand wohl bemerkt haben.
Sie legte mir eine Hand auf die Schulter: “Trinken Sie erst
einmal eine Schale Kaffee, dann geht alles leichter.”
Sie stellte das Schälchen mitten auf mein eben noch ärger-
lich durchgestrichenes Konzept, zwinkerte mir aufmunternd
zu und ging wieder aus dem Zimmer.
Und tatsächlich, es lief wieder! Vielleicht war es nur das
Gefühl, nicht so allein gelassen zu sein oder ich hatte doch
gerade den richtigen Ansatz gefunden, jedenfalls füllte sich
Seite um Seite. Mir fielen die gestern so heftig diskutierten
Zusammenhänge zwischen Gewinnanteil und Eigentum
wieder ein, die natürlich auch zu meinem Thema passten und
so lag der Aufsatz nach kaum zwei Stunden fertig vor mir.
Ich nahm mir die Zeit, ihn noch einmal sorgfältig durchzu-
lesen, und als ich auch beim zweiten Mal keinen Anlass zu
irgendeiner Änderung fand, stand ich auf und wollte zum
Strandbad gehen, nicht ohne mich vorher von Meta dankbar
zu verabschieden.
Doch da überraschte mich ein bisher unbekanntes Ge-
räusch. Zum ersten Male summte das Telefon in meinem
Zimmer. Ich versuchte mich an Lalis Bedienungsanweisun-
gen zu erinnern. Ein Display zeigte den Namen des Anrufers:
“Alano”. Das sagte mir im Moment nur, dass der Anruf aus
142
unserer Gemeinde kam, sonst wäre der Name vollständig
auf der Anzeige erschienen. Dann fiel mir ein, dass ‘Lano’
der neue amtliche Name unseres Helfers Meto war und ich
drückte den Empfangsknopf.
“Sind Sie noch daran interessiert, Ihren Bartwuchs zu
verhindern? Ich sitze gerade beim Friseur und habe mit ihm
darüber gesprochen. Wenn es Ihnen recht ist, bringe ich ihn
gleich mit?”
Mir war es recht und mit gemischten Gefühlen ließ ich
mir eine halbe Stunde später eine cremige Gesichtsmaske
auflegen. Der Friseur ließ sich von Meto wieder zurückbrin-
gen, nachdem er mir - und zur strengen Kontrolle auch Meta
- eine Zeit genannt hatte, zu der die Creme wieder abgewa-
schen werden musste. Als das endlich geschah, gingen mit
der schmierigen Creme auch die stoppeligen Reste meines
stolzen Bartes ins Waschbecken. Mein Kinn fühlte sich an
wie ein Babypopo. Da war kein Brennen auf der Haut, keine
Rötung. Ich war neugierig, wie lange das so bleiben würde.
Ich fühlte mich sehr wohl und wollte endlich meine
Absicht verwirklichen, ins Strandbad zu gehen. Vor dem
Haus lud Meto gerade etwas aus dem Fluggleiter. Er konnte
es nicht lassen, ein wenig über meinen fehlenden Bart zu
frozzeln. Dann fragte er, wohin ich gehen wolle und bot mir
seine Begleitung an.
In mir stieg der schlimme Verdacht auf, man hatte uns
mit Meto einen Aufpasser zur Seite gestellt, der uns - ohne
aufdringlich zu sein - nicht aus den Augen lassen sollte.
Etwas spitz gab ich deshalb meine Zustimmung: “Ich kann
Sie nicht an der Erfüllung Ihres Auftrages hindern.”
Meto brauchte nicht lange, um den Sinn meiner Formu-
lierung zu erkennen: “Mein Auftrag ist, Ihnen und Maria zu
143
helfen. Niemand hat uns beauftragt, die Futuraner vor Ihnen
zu schützen. Dachten Sie an so etwas?”
“Nein, nein”, versuchte ich möglichst glaubhaft zu ver-
sichern, “von uns geht doch keine Gefahr für die Futuraner
aus. Ich dachte eher daran, dass Sie uns vor rachsüchtigen
Futuranern schützen sollen. So ein Schutz könnte doch unter
Umständen nötig werden?”
“Weshalb bedauern Sie dann, dass Sie mich an der Er-
füllung eines solchen Auftrages nicht hindern können? Aber
auch einen solchen Auftrag habe ich nicht. Wozu auch? Vor
Gewalt brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Die gibt es auf
Futuras nicht. Vor bösen Worten könnte ich Sie nicht schüt-
zen, aber Ihnen vielleicht zur Seite stehen. Sind Sie sicher,
etwa bei einem Unfall die notwendigen Dinge richtig zu
veranlassen? Nun, der Weg zum Strandbad ist Ihnen bekannt
und wenn Sie lieber alleine gehen wollen ...”
Ich unterbrach Meto. Ich hatte keine andere Wahl, als
mich zu entschuldigen. Wir waren wirklich noch recht hilflos
in dieser fremden Welt, sobald sich etwas Ungewöhnliches
ereignete. Nun bat ich ihn ausdrücklich mitzugehen, falls er
das Ausladen des Gleiters auf den Abend verschieben könne.
Wir wählten den Weg über die Wiese und durch den Wald.
Als wir an der Schlosserei vorbeikamen, sprach ich, aufge-
kratzt wie ich war, den Leiter des kleinen Teams an, ob er
mir die Rahmenkonstruktion für ein Fahrrad bauen könne.
Er konnte sich zwar nichts darunter vorstellen, sagte aber
zu, wenn ich ihm eine exakte Zeichnung bringen würde. Am
liebsten hätte ich mich gleich an die Arbeit gemacht, aber das
Bad lockte im Augenblick doch stärker. So verbrachten wir
noch ein paar ungezwungene Stunden der Entspannung bis
die Sonne in die Spitzen des Waldes gesunken war.
144
Frau Kira hatte unseren Hausarbeitstag genutzt, um Herrn
Kilato aufzusuchen. Ihn zu finden, war auf Futuras kein Pro-
blem, da doch der Name gleichzeitig die Anschrift war. Bei
ihm hatte sie sich offenbar über eine Menge Fachausdrücke
und fachliche Redewendungen informiert. Sie musste sich
wohl auch über die Gewinn- und Einstufungsproblematik
unterhalten haben, denn sie zeigte sich in den Gesprächen
der folgenden Tage äußerst fachkundig. Mit unseren Arbeiten
war sie recht zufrieden, so dass sich der Unterricht mehr mit
den ökonomischen Fragen befasste, während die sprachliche
Weiterbildung fast unauffällig nebenherlief.
Für das kommende Wochenende hatte sich Lali etwas
besonderes ausgedacht. Sie wollte uns das Meer zeigen und
hatte in einem Seebad Zimmer bestellt. Wir freuten uns sehr
darauf, ein neues Stückchen Futuras kennenzulernen und
auch einmal wenigstens einen Tag lang auszuspannen.
Vorher aber wollte ich noch unbedingt die Zeichnung für
den Rahmen des Fahrrads fertigstellen. Ich saß jede freie
Minute in meinem Zimmer und grübelte, meist über Fragen
der Abmessungen. Schließlich lag die fertige Zeichnung
vor mir auf dem Tisch. Sie schien mir gelungen. Sogar die
Mechanik der Verbindung von Lenker und Gabel kramte ich
aus meiner Erinnerung. Eine Lösung für den Sattel schien mir
vorerst unwichtig. Da würde sich zu gegebener Zeit schon
etwas finden. Sorgen bereiteten mir dagegen die Räder und
das Tretlager mit der Kette. Eines Nachmittags war ich mit
meinem Werk wieder bei dem mir inzwischen recht freund-
lich gesonnenen Bekannten in der naheliegenden Schlosserei.
Er war Vorstandsvorsitzender der halbgesellschaftlichen
Schlossergenossenschaft der Gemeinde, wie seine amtliche
Bezeichnung lautete und hieß Rakuto. Er fand sich ohne
145
Weiteres in meiner Zeichnung zurecht. Wir einigten uns
auch rasch über die zu verwendenden Materialien. Zu meiner
Freude waren Kugellager für die Pedale und das Tretlager
überhaupt kein Problem. Ich musste nur die gewünschte Län-
ge der Pedale angeben. Hinsichtlich der Räder - besonders der
Reifen - hatte Herr Rakuto allerdings nur ein Schulterzucken
und auch ich sah momentan keine Lösung.

Urlaub am Meer

Der Flug nach Otomaputo, einem Badeort am Südmeer,


dauerte mehr als zwei Stunden.
“Maputo, Maputo? Gibt es das nicht auch auf der Erde?”,
fragte Maria unsicher.
“Ja, in Afrika, ich glaube in Mozambique.”
Wir waren in Gedanken wieder auf der Erde. Um keine
wehmütige Stimmung aufkommen zu lassen, suchten wir
irdische Ortsbezeichnungen, die von der Buchstabenfolge her
auch auf Futuras vorkommen könnten. Vierbuchstabige wie
Roma, Bari u.a. gab es in großer Zahl. Mit fünf Buchstaben
wurde es schon schwieriger. Sechs und mehr Buchstaben
erforderten bereits ein längeres Nachdenken: Milano, Tirana.
Malaga wurde von Lali nicht akzeptiert, weil die Futuraner
das G, ebenso wie das D und das B oder W und V nicht
kannten. Ähnlich war es mit Doppellauten, wie in Sevilla.
So wohlklingende Namen wie Akapulco oder gar Antanana-
rivo erfüllten leider schon wegen der aufeinanderfolgenden
Konsonanten nicht die Bedingungen. Die Flugzeit verging
auf diese Weise sehr schnell. In unser Spiel vertieft, achteten
wir kaum auf den Verlauf des Fluges und waren überrascht,
als uns Lali mitteilte, dass wir am Ziel seien.
146
Wir landeten neben einem schmalen, zweigeschossigen
Gebäude, keine fünfzig Meter vom Strand entfernt. Lali
stieg aus, bat uns zu warten und erkundigte sich nach unserer
Unterkunft. Als sie zurücckam, stiegen wir noch einmal auf.
Wir flogen in geringer Höhe über die langgestreckte Ortschaft
am Meer. Lali suchte ein Haus mit einem grünen Dach und
weißen Diagonalen. Jetzt erst wurde uns deutlich, welchen
Sinn die unterschiedlich farbig gekennzeichneten Dächer
hatten. So fanden wir unser Ziel bald. Es war ein wiederum
schmales, aber recht langes Haus mit zwei Geschossen. An
einer schlichten Hotelrezeption meldeten wir uns an, indem
wir die Daumen in zwei uns nun schon vertraute Öffnungen
steckten. Auf einem Bildschirm erschienen unsere Namen,
und da sie mit unserer Zimmerbestellung übereinstimmten,
erhielt jeder einen Schlüssel, Lali sogar zwei. Mit dem ei-
nen öffnete sie einen Garagenplatz für unseren Fluggleiter
und stellte ihn dort ein. Die Schlüssel hatten die Form einer
kleinen Plastickarte mit der aufgedruckten Zimmernummer.
Unsere drei Karten hatten die gleiche Nummer. Lali führte
ihre Karte in den Schlitz an unserer Tür ein. Die Tür öff-
nete sich und wir standen in einem schmalen, fensterlosen
Flur. Erst als Lali ihre Karte wieder aus dem Schlitz in der
Außenseite herauszog und in einen Schlitz im Innenraum
steckte, ging im Flur das Licht an. Wir sahen vier Türen, drei
führten in kleine, zweckmäßig eingerichtete Schlafzimmer
mit einem Bett, einem Schrank, Tisch und Stuhl. Hinter der
vierten Tür befand sich ein Wohnraum mit einer Sitzecke,
einer Fernsehwand und einem Balkon, von dem aus man
einen herrlichen Blick auf das Meer hatte.
Die warme Abendluft ließ uns nicht lange zögern. Wir
legten unsere Reisetaschen ab und waren in wenigen Minuten
147
in den Dünen. Wir rannten durch den Sand und stürzten uns,
angezogen wie wir waren, in die Wellen. Die Frauen stiegen
eine nach der anderen auf meine Schultern und sprangen
kopfüber ins Meer. Kurz, wir tobten uns richtig aus, bis wir
müde und mit zerrissener Kleidung an Land stiegen und
uns im noch immer warmen Sand ausruhten. Lali hatte nach
dem nächsten Sanitärbau Ausschau gehalten, in dem die
Möglichkeit bestand, sich neu einzukleiden. Dort zogen wir
uns ganz aus, duschten den Sand von der Haut, trockneten
uns gegenseitig ab und gingen neu eingesponnen in unser
Hotel zurück. Jetzt erst bemerkte ich gegen das gelblichro-
te Abendleuchten im Westen eine Vielzahl palmenartiger
Bäume, die uns vermuten ließen, dass wir sehr weit in den
warmen Süden geflogen waren.

Gut ausgeschlafen wanderten wir am nächsten Morgen


fröhlich singend zum Hafen von Maputo. Lali mietete
ein Segelboot, das allerdings so gar nichts mit denen, die
wir von der Erde her kannten, gemein hatte. Es war ein
doppelrümpfiger Katamaran - das Wort könnte übrigens auch
aus dem Futuranischen stammen - aber auf jedem Rumpf
war ein Mast und an jedem Mast ein Segel, das steif wie
ein Brett war und sich im Wind kaum blähte. Es gab auch
keine Leinen. Die Bedienung erfolgte an einem Steuergerät,
an dem selbst jeder Laie die gewünschte Fahrtrichtung
einstellen konnte. Daraufhin wurden die brettartigen Segel
in die elektronisch ermittelte optimale Stellung bewegt. Als
vor dem Hafen ein etwas stärkerer Wind aufkam, rollten
sich ohne unser Zutun die steifen Segel ein Stück am Mast
auf und verringerten so die Angriffsfläche für den Wind.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Es war, als ob das
Segel aus senkrechten Stangen bestünde, flexibel nur in einer
148
Richtung, steif in jeder anderen. Aber ich konnte nur eine
einheitliche korkartige glatte Fläche erkennen. Lali erklärte
mir das als Eigenheit der dünnen Plastholzschicht. Eine dicke
Schicht eines blasigen Kunststoffes werde im Prozess des
Erkaltens so sehr einseitig in die Länge gewalzt, dass jedes
Bläschen zwar hauchdünn, aber mehrere Meter lang werde.
Das Ganze ähnele der Faserstruktur des Holzes, habe auch
dessen Steifheit und dessen geringe Elastizität. Wegen der
fehlenden Querversteifung könne man eine relativ dünne
Schicht dieses Materials quer zur Faserrichtung aufwickeln,
eben wie unser Segel um den Mast. Ich war begeistert von
der Art, die Herstellung eines künstlichen Holzes der Natur
abzugucken und die Funktionalität dabei offensichtlich noch
zu übertreffen. Sobald es einmal möglich war, wollte ich mir
die Fertigung dieses Materials anschauen.
Es gab noch ein kleines Wunder zu bestaunen. Bekanntlich
konnte ein gut gebautes Segelboot irdischer Bauart ziemlich
hart gegen den Wind kreuzen. Natürlich ging bei dem ge-
gebenen Kräfteparallelogramm viel Energie verloren, aber
die kleine Resultante genügte, um weitgehend gegen die
Energiequelle voranzukommen. Mit unserem Katamaran
war es möglich, die beiden Segel so zu stellen, dass das linke
gewissermaßen links gegen den Wind, das rechte dagegen
rechts gegen den Wind anging. In Folge dessen konnte man,
zwar nur in langsamer Fahrt, aber eben auch haargenau gegen
den Wind segeln.
Trotz aller Bewunderung der Technik – So war Segeln
nicht mehr der Kampf des Menschen gegen Wind und Wel-
len. Es fehlte einfach das sportlich spannende Abenteuer.
Bereits nach kurzer Zeit war unser Segeln so langweilig wie
die Fahrt mit einem Motorkutter. Nur die Wellen konnten
149
noch ein wenig gegen unsere Langeweile ankämpfen und
uns mit einem gelegentlichen Spritzer über die Plattform am
Einschlafen hindern.
Wir segelten am Strand entlang. Als wir auf der Höhe un-
seres Hotels waren, hatten die beiden Frauen das Segeln satt
und sprangen lachend ins Wasser. Lali überließ es mir, das
Boot heil in den Hafen zu bringen. So übte ich ein wenig am
Steuergerät. Der Katamaran folgte willig jedem Kommando.
Ich schaltete auf Null und sofort wurden die Segel am Mast
aufgerollt und die Fahrt lief aus. Nach kurzer Zeit des Trei-
bens gab ich dem Gerät wieder die gewünschte Richtung ein.
Die Segel wurden sofort ausgefahren und ich gewann wieder
zunehmend an Geschwindigkeit. In der Hafeneinfahrt wurde
es durch Gegenverkehr eng, aber das Ausweichen wie auch
das Anlegen waren leichter als das Einparken eines Autos
in eine Parklücke. Die Frau in der Ausleihe schaute auf die
Uhr, tippte die Leihgebühr ein, die sofort auf einer Anzeige
erschien, und ich bezahlte durch Einlegen meiner Daumen.
Aus dem Gerät kam eine Quittung, auf der nicht nur vermerkt
war, welchen Betrag ich wofür auf wessen Konto gezahlt
hatte, sondern auch mein Name, Datum und Uhrzeit sowie
mein alter und mein neuer Kontostand. So wusste man im-
mer, über wie viel Geld man noch verfügen konnte.
Als ich am Kai entlangging, fiel mir auf, dass die Fender,
die zum Schutze der anlegenden Boote an der Mauer ange-
bracht waren, aus einem gummiartigen Material bestanden.
Ich zog eines dieser walzenförmigen Gebilde hoch und
betastete es von allen Seiten. Kein Zweifel, das war eine
kautschukartige Substanz. So etwas gab es also auch hier.
Ich schöpfte sofort eine kleine Hoffnung hinsichtlich meiner
Fahrradreifen.
150
Die Frauen warteten bereits ungeduldig beim Essen auf
mich. Wir hatten ja nur diese zwei kurzen Tage und mussten
heute noch bis zum Einbruch der Dunkelheit unseren Rück-
flug beendet haben. Das erforderte schon einige Eile.

Das Bildungswesen auf Futuras

Zu Beginn der neuen Woche holte uns ein Fluggleiter


des Ministeriums für Bildung unseres Landes Oto in die
Landeshauptstadt Otokur. Obwohl unser Land etwa zwölf
Millionen Einwohner hatte, waren im Ministerium weniger
als hundert Beamte beschäftigt. An ihrer Spitze stand nicht
ein Minister, sondern ein dreiköpfiger Ministerrat. Der hatte
uns zu einer einführenden Aussprache eingeladen. Diese
Räte waren, wie uns der Führer des Fluggleiters, ein Herr
Kataro, erzählte, nicht wie sonst üblich gewählt, sondern vom
Landesvorstand zur Realisierung seiner Beschlüsse auf dem
Gebiet des Bildungswesens eingesetzt. Wir erfuhren auch,
dass dem Vorstand des Landes kein Kabinett zur Verfügung
stand. Die dreiköpfige Landesführung bestimmte die Politik
in der Art eines kollektiven Präsidenten. Sie ließ sich dabei
von Beratungsgremien oder einzelnen Experten beraten. Die
zwei Männer und eine Frau des Ministerrates begrüßten uns
freundlich, aber nur sehr kurz, übergaben uns einem Beamten
zu einem Einführungsvortrag und schlugen vor, nach dem
gemeinsamen Mittagessen die Aussprache zu führen.
Wir folgten dem Beamten mit Herrn Kataro in einen
kleinen Saal, in dem er mit Hilfe einer Leuchtwand und an
Hand von grafischen Darstellungen und Strukturschemata
versuchte, das System der Schulbildung in Oto darzustellen.
Er hatte diesen Vortrag wohl schon oft vor unterschiedlichen
151
Zuhörern gehalten, die aber, im Gegensatz zu uns, zumindest
in den Grundzügen mit dem hiesigen Bildungssystem ver-
traut waren. So rauschten Schüler- und Lehrerzahlen, Pro-
zentsätze, territoriale Unterschiede, Befragungsergebnisse
und anderes über uns hinweg und wir hatten Mühe, das für
uns Wichtige und Interessante aus der Fülle des Materials
herauszufischen.
Wenn wir richtig verstanden hatten, gab es verschiedene
Pflichtschularten:
1. die Vorschule für Kinder vom 4. bis 6. Lebensjahr
2. die Unterschule für Kinder vom 7. bis 9. Lebensjahr
3. die Mittelschule für Kinder vom 10. bis 12. Lebensjahr
4. die Hauptschule für Kinder vom 13. bis 15. Lebensjahr
Danach gab es für Jugendliche vom 16. bis 18. Lebensjahr
zwei Möglichkeiten, entweder den Besuch der Oberschule
oder der Berufsschule mit praktischer Berufsausbildung.
Soweit - von der Vorschule abgesehen - lag das eigentlich
auch für uns im Bereich des Gewohnten oder Vorstellbaren.
Doch danach folgten Bildungsstufen, die ohne zeitliche oder
altersmäßige Begrenzungen von allen Futuranern auf freiwil-
liger Basis, weitgehend neben ihrem Beruf, wahrgenommen
werden konnten. Ihre Absolvierung bildete die Voraussetzung
für eine von allen angestrebte entsprechende Einstufung
als Basis eines Bildungsgeldes. Dieses Bildungsgeld war,
wie uns schon bekannt, die dritte Quelle des monatlichen
Einkommens jedes Futuraners, neben seinem Arbeits- und
Altersgeld.
Das erste Bildungsgeld erhielten Jugendliche mit dem
Abschluss der Hauptschule, das zweite mit dem Ende der
Berufsausbildung, und als dritte Stufe zählte der Abschluss
der Oberschule. Diese dritte Stufe, etwa vergleichbar mit
152
unserem Abitur, konnte von Oberschülern im Rahmen ihrer
Pflichtschulzeit, von Facharbeitern aber nur freiwillig neben
ihrem Beruf erreicht werden.
Wir waren gespannt, ob der Dreijahresrhythmus auch für
ein weiterführendes Studium beibehalten wurde. Er wurde.
Es gab drei Jahre Fachschule und drei Jahre Hochschule,
wobei nur wenige, besonders leistungsstarke Abiturienten
die Möglichkeit zu einem Direktstudium erhielten. Für die
meisten gab es nur verschiedene Formen einer Art Fernstudi-
um mit mehr oder weniger langen berufsfreien Abschnitten.
Die vierte oder fünfte Bildungsstufe wurde daher von der
Mehrzahl der Studierenden erst irgendwann im Laufe ihres
Lebens erreicht. Eine sechste Bildungsstufe konnte für hohe
wissenschaftliche, wirtschaftliche oder künstlerische Leis-
tungen verliehen werden, vielleicht vergleichbar mit unserer
Doktorpromotion. Und schließlich gab es noch eine siebte
Stufe für außergewöhnliche Leistungen für die Gesellschaft.
Besondere Prüfungen gingen diesen Verleihungen offen-
bar nicht voraus, man musste wohl geeignete Leistungen im
beruflichen oder allgemeinen Leben vorweisen, um für eine
Verleihung vorgeschlagen zu werden, die dann einmal im
Jahr für die sechste Bildungsstufe durch den Vorstand der
Region, also der zehnten Ebene, vorgenommen wurde. Die
siebte und höchste Bildungsstufe verlieh nur der Vorstand
des Landes.
Vielleicht war Herr Kataro ein wenig enttäuscht, dass wir
nach all den abstrakten Offenbarungen weder in Begeisterung
ausbrachen noch irgendwelche Kritik äußerten. Uns schien
das System machbar. Natürlich interessierte uns wesentlich
stärker, wie das Ganze in der Praxis funktionierte. Doch dazu
sollten wir in den kommenden Tagen viel Informatives ge-
153
boten bekommen. Vorerst blieb keine Zeit Fragen zu stellen,
denn das Mittagessen mit dem Ministerrat stand an.
Schon die Gespräche bei Tisch, aber auch der erste Teil der
Aussprache im Zimmer des Ratsvorsitzenden, drehten sich
erst einmal um die Schulsysteme auf der Erde. Auch hierbei
entstand der Eindruck, dass es viele Ähnlichkeiten gab.
Maria interessierte sich für den Vergleich der Vorschule
mit den irdischen Kindergärten. Nachdem sie auf Befragen
alles dargelegt hatte, was ihr über die Kindergärten bekannt
war, sie selbst hatte ja keine Kinder, erläuterte die Frau unter
den Räten nicht nur die Vorschule, sondern überhaupt die
sozialen Probleme von Mutter und Kind. Es war demnach
allgemein üblich, dass die junge Mutter ein Jahr voll mit
ihrem Kinde zusammen war und vom Beruf freigestellt
wurde. Wenn dies insbesondere bei Frauen in leitenden Tä-
tigkeiten nicht empfehlenswert war oder von der Mutter aus
irgendeinem Grunde nicht gewünscht wurde, musste ihr ein
Krippenplatz in einer Tageskrippe oder einem Wochenheim
zur Verfügung gestellt werden. Auch im zweiten und dritten
Lebensjahr des Kindes konnte die Mutter ohne wesentliche
finanzielle Einbußen zu Hause bleiben. Allerdings war sie
verpflichtet, wenn sie aufgrund ihrer Persönlichkeit die
Voraussetzungen dafür bot, im zweiten Jahr tagsüber neben
ihrem eigenen Kind noch ein bis zwei andere etwa gleichalt-
rige Kinder zu betreuen. Mit ihrem dreijährigen Kind wurde
sie, wenn erforderlich und dem nichts entgegenstand, als
Hilfserzieherin in der Vorschule eingesetzt.
Diese Vorschule hatte durchaus Gemeinsamkeiten mit
dem Kindergarten auf der Erde, leistete jedoch als Über-
gangsform zur Unterschule einen starken Beitrag in der

154
Erziehung zur Disziplin und vermittelte den Kindern bereits
die Grundkenntnisse im Sprechen, Schreiben und Lesen.
Die Vorschulen befanden sich, je nach der Anzahl der
vorhandenen Kinder, möglichst nahe bei den Wohnungen,
also bei den Zellverbänden oder Gemeinden. Meist wurden
maximal so viele junge Mütter ohne spezielle Erziehungs-
ausbildung eingesetzt, wie es ausgebildete Erzieher und
Erzieherinnen gab.
Wir stellten in diesem Zusammenhang Fragen zur Kinder-
häufigkeit und waren erstaunt, dass trotz Pille und kaum ein-
geschränkter Zulässigkeit einer Schwangerschaftsunterbre-
chung in den ersten Monaten, eine weit höhere Geburtenrate
gegeben war als in Europa. Ursache waren offensichtlich die
sozialen Förderungsmaßnahmen für Schwangere und Mütter.
Mir lagen einige Fragen zum Studium am Herzen. Ich
erfuhr, dass in allen akademischen Berufen eine relativ
selbständige Berufskategorie mit drei Jahren Studium an der
Fachschule bestand. Ich bekam sofort Schwierigkeiten, mir
einen Arzt mit halber Ausbildung vorzustellen. Aber man lä-
chelte und einer der Räte sagte: “Sie müssen natürlich genau
eine der wenigen Ausnahmen ansprechen. Ärzte studieren
natürlich in der Regel sechs Jahre hintereinander im Direkt-
studium. Aber eine ganze Anzahl der Medizinstudenten geht
bereits nach drei Jahren mit dem Fachschulabschluss ab. Die
Ausbildung ist keine verlorene Zeit. Sie werden als Arztge-
hilfen oder Operationshelfer bzw. -schwestern eingesetzt,
können sich auf die Bedienung technischer Geräte speziali-
sieren oder andere Einsatzmöglichkeiten finden. Gerade in
der Medizin gibt es ein lebenslanges Weiterbildungssystem.
Ganz anders ist es zum Beispiel beim Rechtsstudium. Wer
mit Hilfe des Rechts irgendein Sachgebiet leiten will, muss
155
natürlich erst einmal von dem Sachgebiet etwas verstehen,
bevor er die Leitungsmethodik studiert. So ist ein Jurastudi-
um überwiegend ein Zweitstudium, das weitgehend neben
dem Beruf absolviert wird.
Ingenieure wiederum haben ein dreijähriges technisches
Allgemeinstudium zu absolvieren, bevor sie als nächste Stufe
die Hochschulspezialisierung, überwiegend neben ihrem Be-
ruf und speziell auf diesen ausgerichtet, in Angriff nehmen.
Nur die Allerbesten auf jedem Gebiet werden für die For-
schung und die Lehrtätigkeit an den Fach- und Hochschulen
bleiben.”
Wir merkten, dass im oberen Bereich der Bildung eine
starke Differenzierung entsprechend der Vielfalt des gesell-
schaftlichen Bedarfs bestand und wollten uns das gern in der
Praxis anschauen. Für den nächsten Tag war aber erst einmal
der Besuch einer Hauptschule vorgesehen.
Der Ministerrat wünschte uns viele, interessante Einblicke
und Erkenntnisse. Wir bedankten und verabschiedeten uns
und flogen wieder zurück.

Unterwegs begegnete uns neben vielen anderen Gleitern


ein ungewöhnlich großer Lastentransporter, dessen riesiger
Transportbehälter mit vielen Tonnen Schüttgut beladen war.
Was mich aber stutzig machte, waren acht oder zehn richtige
Ballonräder anstelle der sonst üblichen Kufen. Herr Kataro
klärte mich auf, dass alle Gleiter nicht ganz senkrecht starten
und landen könnten und deshalb meist ein kurzes Stück
auf den Kufen rutschen müssten. Bei einer superschweren
Last könnte das harte Bremsen der Kufen bei der Reibung
mit dem Start- bzw. Landeplatz zu Verschiebungen oder
Beschädigungen der Last oder gar des Gleiters führen.
Deshalb sorgten die Räder für ein sanfteres Aufsetzen
156
oder Abheben mit geringeren Auswirkungen infolge der
Massenträgheit.
Es gab also doch Räder auf Futuras! Also auch Reifen!
Das gab mir weiteren Auftrieb für meine Fahrradpläne. Wenn
ich nur den Hersteller der Reifen ausfindig machen konnte!

Besuch in einer Hauptschule

Zu Hause erwartete uns wieder einmal eine Überraschung.


Lali umarmte uns und verkündete uns feierlich: “Am Institut
gründen wir einen Verein für die Verbindung mit der Erde.”
Wir fanden das schön, erkannten aber nicht den Grund für
Lalis feierliches Gesicht. Sie wiederum war enttäuscht, dass
wir nicht in helle Freude über diese Nachricht ausbrachen.
“Menschenskinder, stellt euch doch vor, es gelänge, die
Nuklearforschung bei uns wieder zu neuem Leben zu er-
wecken und auch an der Transphotonentechnik zu arbeiten,
dann würden doch die wichtigsten Voraussetzungen für eure
Heimkehr in die Wege geleitet.”
Jetzt erkannten auch wir den ganzen Umfang der Ver-
einsziele und waren sicher, dass die Initiative dazu von Lali
ausgelöst worden war. Sie meinte aber, dass derartige Ge-
danken schon länger hier und da geäußert worden seien. Die
Arbeit ihres Institutes konnte bisher aber keine gebührende
Anerkennung finden, solange in der Bevölkerung noch der
Unmut über das Verhalten der Erdenmenschen dominiere.
Auch heute noch täten sich die Medien und die politischen
Vorstände schwer, ihre bisherige Haltung zu ändern. Da
bedürfe es einfach einer organisierten Kraft von unten her,
die einen entsprechenden Druck ausübe. Sie habe diese
Überlegung nur einmal in einer Institutssitzung offiziell aus-
157
gesprochen und dafür viel Beifall erhalten. Nun müsste man
die günstige Stimmung nutzen. Deshalb sei bereits für mor-
gen eine Gründungsversammlung angesetzt und es bestünde
großes Interesse an unserer Mitwirkung. Leider sei es ihr nur
gelungen, für Maria eine Freistellung vom Ausbildungsplan
dieser Woche zu erreichen. Sie schimpfte auf die Bürokraten
im Ministerium, aber mein Angebot, auch ohne Freistellung
mitzugehen, hielt sie für grundverkehrt. Wir sollten unsere
zur Zeit wachsenden Sympathien keinesfalls bei irgendei-
ner Instanz verscherzen, das könne unserem gemeinsamen
Anliegen nur schaden.
So flog ich am nächsten Morgen allein mit Herrn Kataro
zur Besichtigung einer Hauptschule nach Otokalimo, einem
Ort mit etwa 3.000 Einwohnern. Auch hier empfing uns ein
dreiköpfiger Vorstand, der demokratisch von den Lehrern
gewählte Schulrat, die Leitung der Schule also. Man teilte
mir mit, dass bei wichtigen Entscheidungen oder auf Wunsch
einer der zu beteiligenden Seiten, der Schulrat durch Wahl
um einen Vertreter der Eltern und einen Vertreter des Vor-
standes von Otokalimo, einem Vorstand der fünften Ebene,
erweitert würde. Später erfuhr ich dazu noch, dass dieser
erweiterte Schulrat im Allgemeinen nur bei der Begrüßung
eines neuen Schülerjahrgangs und bei der feierlichen Verab-
schiedung der ältesten Schüler nach ihrer Hauptschulprüfung
in Erscheinung trat.
Es gab an der Schule drei Klassenstufen. Die erste erfass-
te alle Schüler des Gemeindeverbandes, die im laufenden
Kalenderjahr dreizehn Jahre alt wurden. In der zweiten
Klassenstufe waren entsprechend die Vierzehnjährigen und
in der dritten die Fünfzehnjährigen. Das Schuljahr begann
- wie bei uns - jährlich nach einer längeren Sommerpause.
158
Soweit konnte ich den Erläuterungen einer wortge-
wandten, etwas hageren Schulrätin gelassen und mit ge-
legentlichem verständnisvollen Kopfnicken folgen. Aber
wie immer, wenn man glaubte, es sei im Grunde doch alles
ähnlich wie auf der Erde, kam wie ein Paukenschlag etwas
Neues, Unverhofftes: “In jeder Klassenstufe gibt es eine A-,
B- und C-Klasse. Die B-Klasse mit etwa vierzig Prozent
der Schüler eines Jahrgangs repräsentiert den normalen
Leistungsdurchschnitt. Die leistungsstärksten, etwa dreißig
Prozent der Schüler, lernen in der A-Klasse, während die
leistungsschwächsten, zeitweilig zurückgebliebenen Schüler,
in der C-Klasse sind.”
Die aufmerksame Rätin sah mir mein Erstaunen an und
hielt einen Augenblick inne. Da ich sie aber nicht unter-
brechen wollte, fuhr sie fort: “Jede Klasse arbeitet nach
dem gleichen Lehrplan, es wird also im Kern das gleiche
Grundwissen vermittelt. Die höhere Leistungsfähigkeit und
Aufnahmebereitschaft der A-Schüler wird jedoch voll aus-
gelastet, indem sie zum einen den Lehrstoff intensiver, mit
zusätzlichen Problemen angrenzender Stoffgebiete angerei-
chert, angeboten bekommen und zum anderen zusätzliche
Kurse in verschiedenen handwerklichen Fähigkeiten absol-
vieren. Der Lehrstoff wird außerdem durch entsprechende
Exkursionen vertieft, die aus Zeitgründen mit den anderen
Klassen nicht durchgeführt werden können.
In der C-Klasse befinden sich die Schüler, die aus irgend-
welchen Gründen, sei es durch Krankheit oder aus familiären,
intellektuellen oder sonstigen Ursachen, in ihrer Lernfähig-
keit zeitweilig zurückbleiben. Sie erhalten bei verminderter
Klassenstärke von unseren besten Methodikern das volle
Grundwissen des Lehrplanes vermittelt.”
159
Hier konnte ich mich nicht mehr zurückhalten: “Werden
diese Schüler nicht für ihr ganzes Leben als C-Klässler ne-
gativ abgestempelt, während sich aus den A-Schülern eine
Elite entwickelt?”
“Ich weiß nicht, ob die Schüler auf der Erde ohne größere
Leistungsunterschiede aufwachsen. Wir müssen jedenfalls,
ob wir es wollen oder nicht, von der Realität ausgehen,
dass das Leistungsgefälle innerhalb jeder Klassenstufe
außerordentlich groß ist. Richtet sich ein Lehrer in seinen
Anforderungen nach den schwachen Schülern, langweilen
sich die besseren, und, was uns noch wichtiger erscheint, es
bleiben Bildungsmöglichkeiten ungenutzt. Richtet sich der
Lehrer jedoch nach den leistungsstarken Schülern oder auch
nur nach dem Leistungsdurchschnitt, so bleiben die Schüler,
die dem stofflichen Fortschritt nicht mehr folgen können,
unaufholbar zurück.”
“Bei uns bleiben die Leistungsschwächsten dann sitzen,
das heißt, sie müssen diese Klassenstufe noch einmal wie-
derholen”, warf ich ein.
“Dieses System ist uns nicht unbekannt. Wir praktizierten
es früher auch. Aber erstens bedeutet das für den Schüler ein
verlorenes Jahr. Zweitens ist ihm bei der Wiederholung ein
Großteil des Stoffes schon bekannt, er braucht sich deshalb
nicht besonders zu bemühen, schaltet ab, beginnt zu stören
und verpasst oft den Anschluss an den Stellen, an denen sein
Wissen aus dem Vorjahr endet. Und drittens ist ein Sitzenblei-
ber in der neuen Klasse oftmals - wie sie es nannten - negativ
abgestempelt und bleibt häufig isoliert. Schließlich entsteht
viertens ein Altersunterschied, der gerade im Wachstumsalter
recht gravierend sein kann. Genügend Argumente, meinen
wir, die gegen das Sitzenbleiben sprechen.
160
Das Entscheidende an dem System der A-, B- und C-Klas-
sen ist aber, dass jeder Schüler die Gelegenheit hat, am Ende
eines Schuljahres wieder von der C- in die B-Klasse bzw. von
der B- in die A-Klasse aufzusteigen, wenn seine Leistungen
dies rechtfertigen. Umgekehrt gibt es auch ein Absteigen,
wenn ein Schüler den Anforderungen seiner Klasse nicht
gewachsen ist. So können wir recht gut die ungleichmäßige
Entwicklung der Leistungsfähigkeit von Jungen und Mäd-
chen, das zeitlich unterschiedliche Einsetzen der Pubertät und
vor allem die Folgen einer zeitweiligen Fehlbeeinflussung
von außen abfangen. Auch das Aufholen krankheitsbeding-
ter Ausfälle kann durch eine Herunterstufung erleichtert
werden. Selbst intellektuell schwach entwickelten Kindern
kann in der C-Klasse ein Optimum an Wissen und Können
vermittelt werden. Wer hier dennoch den Anforderungen
nicht gewachsen ist, wird nach sorgfältiger pädagogischer
und medizinischer Überprüfung an eine Sonderschule ver-
mittelt. Das geschieht jedoch meist schon vor dem Besuch
der Hauptschule.”
Neugierig geworden warf ich die Frage ein: “Kommt ein
solcher Aufstieg oder Abstieg in der Praxis häufig oder nur
in Ausnahmefällen vor?”
“Er erfolgt regelmäßig. Wir haben in jeder Klassenstu-
fe etwa fünfzig bis siebzig Schüler. Von den fünfzehn bis
zwanzig Schülern der A-Klasse steigen in jedem Jahr etwa
fünfundzwanzig Prozent der Schüler in die B-Klasse ab,
also die vier oder fünf Leistungsschwächsten. Dafür steigt
die gleiche Anzahl von Schülern aus der B-Klasse in die
A-Klasse auf, weil sie in diesem Schuljahr ihre Reife dafür
durch hohe Leistungen nachgewiesen haben. Gleichzeitig
steigen vier oder fünf der C-Klassenschüler in die B-Klasse
161
auf und die gleiche Anzahl ab. Die B-Klasse wechselt also
in jedem Jahr doppelt so viele Schüler wie die A- und die
C-Klasse. Dies ist ein Grund für die etwas höhere Klassen-
stärke der B-Klasse, damit ein Kern der Klasse für gewisse
Stabilität sorgt.”
“Ich höre immer nur Leistung, Leistung, Leistung”, ent-
fuhr es mir. “Entschuldigen sie bitte diesen Einwurf, aber
wir haben doch Kinder vor uns. Fügt man ihnen denn keinen
psychischen Schaden zu, wenn man sie schon so früh dem
Stress aussetzt? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Angst
vor dem Abstieg ebenso wie das Streben nach dem Aufstieg
sehr starke Stimuli für den Lerneifer der Schüler sind. Ist das
aber gut für das kindliche Gemüt?”
“Das ist eine sehr ernste Frage. Aber unzweifelhaft stellt
das spätere Berufsleben hohe Leistungsanforderungen. Ohne
die hohe Leistung jedes einzelnen kann es keinen Wohlstand,
keine umfassenden Sozialleistungen geben. Sollen wir Schü-
ler ins Berufsleben entlassen, die den harten Anforderungen
nicht gewachsen sind, weil sie es nicht gelernt haben, ihre
Leistungsfähigkeit voll auszuschöpfen?
Im Übrigen sind sowohl der Wunsch aufzusteigen als
auch die Furcht vor einem Abstieg Triebkräfte, die im Kinde
selbst entstehen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kinder bei
Überforderungen von ihren selbst gesteckten Zielen Abstand
nehmen und abschalten. Sie geraten nur dann in Stress, wenn
als Triebkraft für das Lernen ein Druck von außen wirkt, sei
es durch einen pädagogisch unklugen Lehrer oder, was in der
Praxis leider noch am häufigsten vorkommt, durch den Druck
egozentrischer Eltern, die mit einem A-Schüler renommie-
ren möchten und auf schlechte Noten gelegentlich noch mit
Strafen reagieren. Wir Pädagogen versuchen dem bei jeder
162
sich bietenden Gelegenheit entgegenzuwirken, etwa durch
Aufklärung bei Elternversammlungen oder in persönlichen
Gesprächen. Offenbar mit wachsendem Erfolg, denn Er-
scheinungen nervlicher Überforderungen von Schülern sind
in letzter Zeit doch selten geworden. Aber”, fügte die Rätin
mit einem Lächeln hinzu, “man kann nun einmal nicht von
jedem Menschen ein Studium der Psychologie verlangen,
bevor er ans Kinderzeugen denken darf.”
Meine Zweifel an der Seltenheit nervlicher Überforderun-
gen der Schüler waren durchaus nicht ausgeräumt, aber es
wäre aussichtslos gewesen, mit meinen bloßen Vermutungen
gegen die Argumente der Rätin anzukämpfen. So musste ich
mangels besserer Kenntnisse ihren vorgetragenen Tatsachen
Glauben schenken. Eines aber fand ich sehr bemerkenswert:
Die Möglichkeit des regelmäßigen Auf- und Absteigens war
geeignet, die Bildung prädestinierter Elite ebenso zu verhin-
dern wie abgestempelter Verlierertypen. Deshalb bewegte
mich die Frage, wie man hier Schülerleistung maß und nach
welchen Kriterien die vier oder fünf Schüler ausgewählt
wurden, die auf- oder absteigen sollen? Ich wollte mir die
Fragen für den Besuch in den Klassen und deren Auswertung
aufsparen. Die Rätin machte mich mit einem ruhigen älteren
Lehrer, Herrn Sorito bekannt, der mit mir in den Klassen 1A,
2B und 3C hospitieren sollte. Wir gingen also zuerst in die
Normalklasse 2B. Im Klassenraum herrschte Dämmerung,
weil gerade ein Lehrfilm über irgendwelche Tiere vorgeführt
wurde. Für mich natürlich ein hochinteressanter Stoff, aber
so gern ich mir den Film auch mit angeschaut hätte, für unser
augenblickliches Anliegen wäre wohl nicht allzu viel dabei
herausgesprungen. So gingen wir in die 3C. Der gerade im
Fach Geographie unterrichtende Lehrer war von unserem
163
Besuch überrascht. Herr Sorito stellte mich dem Lehrer und
den vierzehn Schülern vor. Wir setzten uns an einen freien
Tisch im hinteren Teil des Raumes und der Unterricht wurde
fortgesetzt. Anfangs drehten sich einige Köpfe verstohlen
nach uns um, aber bald waren wir vergessen.
Von dem Lehrer ging eine starke Autorität aus. Er formu-
lierte seine Fragen präzise und ließ keinen Fehler unkorri-
giert. Ich traute ihm durchaus zu, dass die auffallend strenge
Disziplin in der Klasse insbesondere auf seine Ausstrahlung
weniger auf die Anwesenheit von uns Besuchern, zurückzu-
führen war. Er hatte seine kleine Gruppe jederzeit voll im
Blick. Jeder Schüler wurde innerhalb einer kurzen Zeitspan-
ne regelmäßig angesprochen und so zur Aufmerksamkeit
angehalten. Mehrmals wechselte er in der halben Stunde,
die wir bis zum Pausenzeichen in der Klasse verbrachten,
die Methode der Wissensvermittlung. Gelegentlich kriti-
sierte er auch energisch die lasche Haltung oder die legere
Ausdrucksweise eines aufgerufenen Schülers. Mir erschien
das alles etwas zu straff, aber ich konnte mir gut vorstellen,
dass jeder der Schüler ständig angemessen gefordert wurde.
Der zurückhaltende Herr Sorito bat mich in der Pause,
dem Lehrer meine Einschätzung zu übermitteln. Der brauchte
gewiss keine Bestätigung seiner starken Persönlichkeit von
einem Laien wie mir. Dennoch bestand die offene Darlegung
meines Eindrucks im wesentlichen aus einer Anerkennung,
die keinesfalls nur der gebotenen Höflichkeit entsprach.
Ich fragte, warum in der Klasse nur Jungen wären. Der
Lehrer meinte, ich hätte das eine Mädchen vorn am ersten
Tisch wohl nicht erkannt, aber am Anlass meiner Frage würde
das nicht viel ändern. Das sei wohl biologisch begründet. Bei
den Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen der Hauptschule würde
164
von Klasse zu Klasse die Leistungsstärke der Mädchen deut-
licher hervortreten. In der Mittelschule sei dieses Phänomen
kaum zu beobachten und spätestens in der Oberschule gleiche
sich das bald wieder völlig aus.
Die nächste Stunde verbrachten wir in der 1A. Herr
Sorito hatte mich vorher darauf aufmerksam gemacht, dass
die Einstufung dieser ersten Klasse der Hauptschule auf der
Grundlage der Zeugnisse zweier verschiedener Mittelschu-
len erfolgt sei. Die Maßstäbe seien dadurch nicht unbedingt
gleich, so dass hier ausnahmsweise bereits nach einem halben
Schuljahr Korrekturen der Einstufung vorgenommen würden.
Der sehr lebhafte Lehrer unterrichtete seine fünfzehn
Schüler, acht davon Mädchen, im sprachlichen Ausdruck.
Er sprach viel selbst, ohne dass die Aufmerksamkeit der
Schüler darunter litt, denn er begleitete seine Worte mit einer
starken Mimik und untermalenden Gesten. Wenn er fesselnd
Sprachbeispiele aus der futuranischen Lyrik vortrug, wirkte
er wie ein Schauspieler. Mit ungeschickten Wortbeispielen
oder schiefen Sprachbildern provozierte er spontanes Ge-
lächter, das allerdings schnell verstummte, als er mitteilte,
dass diese Formulierungen aus den letzten Klassenaufsätzen
stammten. Bald hatte mich der Lehrer so in seinen Bann ge-
zogen, dass ich mich am liebsten gemeldet und Fragen zum
Thema gestellt hätte. Er trug nicht nur aus dem Kopf eine
Fülle faszinierender Sprachkompositionen vor, er analysierte
auch exakt den Grund für die Wirkung dieser Sätze. Viel zu
rasch war die Stunde zu Ende. Er beantwortete die letzte
Frage einer Schülerin mit einer hübschen Doppeldeutigkeit
und sicherte sich damit bei den intelligenten Bürschchen
einen spontanen Beifall, wie er bei Lehrern wohl überall
recht selten ist.
165
In der Pause beklagte er sich bei uns über die Müdigkeit
der Klasse, die gestern Abend erst von einer zweitägigen
geologischen Exkursion in die berühmten Steinbrüche von
Ototulamo zurückgekehrt sei. Ich hatte keine Spur von Mü-
digkeit bemerkt, auch noch nie etwas von den berühmten
Steinbrüchen gehört. Aber er hatte uns überzeugend den
hohen Leistungsstand einer A-Klasse demonstriert.
Mit der 2B hatten wir erneut Pech. Sie war nicht im
Klassenzimmer. Herr Sorito erfuhr im Sekretariat, die Klasse
sei zur Kameradschaftlichkeitseinschätzung im Prüfungs-
zimmer.
“Das trifft sich recht gut, denn diese Einschätzung wird
sie interessieren”, rief mir Herr Sorito zu und eilte mir voran
durch den langen Korridor. Wir traten in ein dunkles Zimmer
und beobachteten, wie an einer Wand jeweils zwei Namen
aufleuchteten, einer links und einer rechts. Nach einigen
Sekunden verlöschten sie wieder und zwei neue erschienen.
Das wiederholte sich in schneller Folge. Unsere Augen ge-
wöhnten sich an die Dunkelheit und ich konnte die Gesichter
von etwa fünfundzwanzig Kindern erkennen, die gespannt
auf die Lichtzeichen blickten und dann irgendeine Tastatur
vor sich bedienten.
Herr Sorito zupfte mich am Arm und wir gingen wieder
aus dem Zimmer. Wir setzten uns auf eine Bank im Korridor
und er erklärte mir das Beobachtete: “Neben der Leistungs-
bewertung, die ja mehr oder weniger objektiv erfolgt, spielt
für den Wert eines Menschen seine Anerkennung durch
die Mitmenschen eine große Rolle. Wir benutzen deshalb
in regelmäßigen Abständen die elektronische Anlage des
Prüfungszimmers für einen Test, wie jeder Schüler von den
anderen als Kamerad eingeschätzt wird. Die zwei aufleuch-
166
tenden Namen verlangen von jedem eine Entscheidung,
welchen der beiden Mitschüler er bevorzugt. Jeder kann
also den linken oder den rechten Knopf drücken. Kann er
sich für keinen entscheiden, gibt es eine neutrale Taste. So-
bald alle eine Taste gedrückt haben, wechseln die Namen.
Jedes Namenpaar erscheint zweimal, wobei beim zweiten
Mal die Seiten vertauscht sind. Jeder wird also mit jedem
verglichen. Ein Computer bereitet die Ergebnisse auf. Im
Einzelfall mag diese oder jene Entscheidung eines Schülers
zweifelhaft sein, in der großen Zahl jedoch gehen einzelne
Fehlentscheidungen unter und wir staunen immer wieder
über die Ergebnisse, bei denen die lauteren Charaktere und
nicht etwa die kräftigsten oder lautesten Schüler im Vorder-
feld erscheinen.
Als die Schüler in den Schulhof stürmten, gingen wir in
den nun wieder beleuchteten Raum, in dem eine junge Lehre-
rin gerade die Ergebnisse dem Drucker entnahm. In der Hand
hielt sie eine Liste, die sie mir, nachdem Herr Sorito mich vor-
gestellt hatte, mit der Bemerkung übergab, ich würde damit
wohl wenig anfangen können, da ich die Schüler nicht kenne.
Doch darum ging es mir auch nicht. Die Liste enthielt, fein
aufgereiht unter den Nummern von eins bis vierundzwanzig,
die Namen der Schüler und Schülerinnen mit der jeweils
erreichten Punktzahl. Für jeden positiven Knopfdruck gab es
einen Punkt, für jedes unentschiedene Drücken einen halben.
Da jeder mit jedem zweimal verglichen wurde, waren ma-
ximal sechsundvierzig Punkte möglich, mit vierunddreißig
Punkten stand ein Junge an der Spitze. Die Lehrerin fand das
ungewöhnlich, meistens seien es Mädchen. Aber dieser Junge
sei ein wirklich fabelhafter Schüler. Herr Sorito bestätigte
das anerkennend, ging die Liste kurz durch und fand, dass
167
es keine besonderen Positionen der Jungen oder Mädchen
gäbe. Dann zeigte er vielsagend auf die letzte Position mit
ganzen vier Punkten und die Lehrerin nickte dazu, als hätte
sie das nicht anders erwartet.
Aus den weiteren Materialien war zu erkennen, welche
Schaltplätze überwiegend eine Seite oder häufig neutral ge-
wählt hatten. Insgesamt gab es eine deutliche Bevorzugung
der linken Seite. Deshalb also das zweimalige Erscheinen
jedes Namenpaares.
Nach dem Mittagessen kamen wir erneut mit dem Schulrat
zusammen. Nach einem kurzen Bericht meines Betreuers
und einer allgemeinen Zusammenfassung meiner Eindrücke
erkundigte ich mich nach den Kriterien der Leistungsbemes-
sung für den Auf- oder Abstieg.
Die Schulrätin erläuterte mir ein für jedes Lehrfach ge-
bräuchliches Benotungssystem. Für die ordnungsgemäße Er-
füllung der Anforderungen gab es demnach drei Punkte. Lag
die Qualität einer Leistung über dem Durchschnitt, erhielt der
Schüler vier Punkte. Für außergewöhnlich gute Leistungen
waren sogar fünf Punkte möglich. Entsprach das Gebotene
nicht ganz dem Durchschnitt, blieb es bei zwei Punkten und
eine ungewöhnlich schwache Leistung erbrachte nur einen
Punkt. Die Vielzahl der Benotungen eines Schuljahres erga-
ben für jedes Fach am Ende einen mathematisch exakt be-
rechneten Durchschnittswert für jeden Schüler, bis auf zwei
Stellen hinter dem Komma genau. Der erfahrene Herr Sorito
warf ein, dass man die Leistungen eines Schülers natürlich
nicht mit dem Zollstock messen könne. Es bleibe immer ein
gewisser Ermessensspielraum für den Lehrer, der aber auf
keinen Fall missbraucht werden dürfe, sondern vom klugen
Lehrer als gewichtiges Erziehungsmittel eingesetzt werde.
168
Die Rätin fuhr in ihrer Erklärung fort: “Wir bilden aus
der Gesamtzahl der Lehrfächer drei Gruppen: Erstens die
Naturwissenschaften, zweitens die sonstigen Fächer wie
Mathematik, futuranische Sprache und Literatur, Philosophie
und Ethik, Geschichte und Heimatkunde sowie drittens die
musischen Fächer. Die letzteren werden zwar ebenso wie
der Sport stark gefördert und auch benotet, diese Werte
gehen aber genausowenig in die Abschlussbewertung ein,
wie die Noten für die Arbeit in Arbeitsgemeinschaften oder
für die Zusatzkurse der A-Klassen. Von den beiden anderen
Fächergruppen wird jeweils ein Gesamtdurchschnitt pro
Gruppe gebildet, so dass für jeden Schüler eine gewisse
Ausgleichsmöglichkeit zwischen den Lehrfächern einer
Gruppe besteht. Schließlich gibt es noch eine dritte Note, die
den beiden Gruppendurchschnitten gleichgestellt ist. Diese
stützt sich weitgehend auf den Kameradschaftstest, soweit
der Schulrat nicht auf Anregung der unterrichtenden Lehrer
in Fällen von Disziplinverstößen gewissermaßen als Strafe
verändernd eingreift. Diese drei Werte werden addiert. Aus
den Summen wird eine Reihenfolge der Schüler einer Klasse
nach ihrer Leistung gebildet. Die mit der höchsten Summe
steigen auf, die mit der niedrigsten ab.”
“Zu den ohnehin starken Triebkräften kommt also noch
eine Konkurrenz der Schüler untereinander dazu. Führt das
nicht zu Egoismus und gegenseitigem Ausstechen?”
“Davor schützt uns mit absolutem Erfolg der drohende
Kameradschaftstest, der die Reihenfolge stark beeinflusst.”
Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass die Rätin das
richtig einschätzte. Die auf der Erde oft zu beobachtenden
Gewalttätigkeiten zwischen den Schülern, die Selbstisolie-
rung der Leistungsstärkeren und auch die Lernfaulheit aus-
169
reichend begabter Schüler schienen unter diesen Umständen
auf Futuras keine Chance zu haben. Der Auf- oder Abstieg
eines Schülers war offenbar in keiner Weise vom Vermögen
oder der sozialen Stellung der Eltern abhängig. Die Eltern
konnten lediglich über die Erziehung zu einer angemessenen
Lernmotivation Einfluss auf ihre Kinder nehmen.
Ich verabschiedete mich sehr nachdenklich von meinen
Betreuern.

Eine kleine Wunde mit großen Auswirkungen

Da ich mich erst später mit Herrn Kataro vom


Bildungsministerium für den Heimflug verabredet hatte,
nutzte ich die Gelegenheit und bummelte noch ein wenig
durch den Ort. Ein Supermarkt machte mich neugierig. Zum
ersten Mal seit ich ausreichende Sprachkenntnisse besaß und
auch die Gepflogenheiten der Futuraner einigermaßen kannte,
hatte ich die Möglichkeit zu einem solchen Einkaufsbummel.
Vieles von den wunderschönen, so fremdartigen Dingen
hätte ich sicher ganz gut gebrauchen können, aber
merkwürdigerweise sah ich alles nur unter dem Aspekt, ob
ich damit Maria und Lali eine Freude machen konnte. Es
gab herrliche Juwelierarbeiten, aber bei keiner der beiden
Frauen hatte ich bisher ein Schmuckstück gesehen. Maria, die
aus einem recht begüterten vornehmen Elternhaus stammte,
pflegte angesichts der überall so hochgeschätzten Bijouterie
zu sagen, Schmuck zu tragen sei eine Dienstmädchenmanie.
Eine Frau oder gar einen Mann mit Ohrringen verglich sie
pietätlos mit den primitiven Völkern, die sich Pflöcke durch
die Lippen oder Ringe durch die Nase zogen.

170
Bei den kosmetischen Artikeln fand ich mich nicht zu-
recht. Am Buchstand kam ich mir gleichfalls recht hilflos
vor, hatten wir doch noch immer nicht die Zeit gefunden, uns
in die futuranische Literatur zu vertiefen, mit Naschereien
konnte ich ihnen sicherlich auch keine Freude bereiten.
Doch dann entdeckte ich bei den Lederwaren eine Schul-
tertasche, die mir gefiel. Lali hatte eine ähnliche und ich
glaubte mich zu erinnern, dass Maria diese Tasche einmal
lange betrachtet hatte. Wir besaßen nur große Reisetaschen
und so entschloss ich mich zum Kauf. Der Verkäufer zeigte
mir, dass in der Schultertasche noch ein kleineres Hand-
täschchen war, das in Material und Muster mit der anderen
harmonierte. Ich bezahlte in der nun schon gewohnten Art
und Weise. Auf dem Wege zum Ausgang gelangte ich in
die Spielwarenabteilung. Hier suchte ich eigentlich nichts.
Aber plötzlich blieb mein Blick an einer Art Schaukelpferd
hängen. Die Stahlkonstruktion stellte wohl einen Hirsch
oder ein Rentier dar, dessen Geweih zum Festhalten für den
kleinen Reiter diente.
Was aber meine Aufmerksamkeit erregte, war der Sattel.
Er sah nicht nur aus wie ein Fahrradsattel, er war auch in
ähnlicher Weise auf dem oberen Tragholm befestigt. Selbst-
verständlich erwarb ich das Gerät und traf recht bepackt auf
Herrn Kataro. Er nahm an, dass ich ein Kind in meiner Um-
gebung beschenken wolle. Ich ließ ihn bei seinem Glauben.
Auf dem Heimflug malte ich mir in allen Varianten aus, wie
Herr Kataro reagieren würde, wenn ich versuchte, ihm die
Funktion eines Fahrrades zu erklären. Das versetzte mich
in eine recht heitere Stimmung und ich hatte Mühe, mein
heimliches Schmunzeln zu verbergen.

171
Gelöst und voller Vorfreude betrat ich unsere Wohnung,
um Maria die Tasche zu übergeben. Ich hatte vergessen, dass
die beiden Frauen zur Vereinsgründung waren. So stand ich
sehr enttäuscht im leeren Raum.
Meta kam ins Zimmer, grüßte und informierte mich über
einen Anruf der Schlosserei. Ich könnte mir meine Kons-
truktion abholen. Ich ließ das Abendbrot Abendbrot sein,
ging eiligst den bekannten Weg durch den Wald zur Werk-
statt, fand dort aber niemanden mehr vor. Missmutig kehrte
ich zurück, erbat mir von Meto eine Zange, um den Sattel
vom Holm des Schaukeltieres zu lösen. Dabei rutschte ich
mit der Zange ab, verletzte mich an der Hand und musste
Metas medizinische Fähigkeiten in Anspruch nehmen und
die Wunde verbinden lassen. Sie tat das sehr geschickt und
vielleicht hätte ihre wohltuende Fürsorge ausgereicht, meine
Stimmung wieder aufzubessern, wäre nicht der gute Herr
Meto dazugekommen. Er warf einen flüchtigen Blick auf
den Sattel, nahm die Zange, löste leicht die Verbindung und
legte mir den Sattel auf den Tisch. Dann sagte er mir auch
noch freundlich belehrend, wie ich die Zange hätte ansetzen
müssen. Nun war ich restlos down. Mein Astronautenstolz
war verletzt. Oder war es etwa nur die verletzte männliche
Eitelkeit? Ich ging hungrig ins Bett, wollte gern, aber konnte
nicht einschlafen.
Schließlich stand ich wieder auf, machte mich ein wenig
frisch und ging die Treppe hinunter in die Gaststube. Sie war
leer, da irgendeine interessante Sendung im Fernsehen lief.
Frau Lapa, die Wirtin, servierte mir einen kleinen Imbiss und
setzte sich zu mir. Ich fragte sie, wo ihr Mann sei. Daraufhin
erzählte sie mir, dass es im Hause der Familie Las gebrannt

172
habe und ihr Mann sich jetzt den Schaden besehe. Der Name
Las sagte mir nichts.
“Aber sie kennen doch unseren Arzt, Herrn Laso, seine
Frau Lasa und ihren Sohn, den Studenten?”
Natürlich kannte ich sie, nur die Bezeichnung Las für
die ganze Familie war mir nicht geläufig. Natürlich inte-
ressierte mich deren Schicksal. Zum Glück war keinem
etwas geschehen, nur der Dachstuhl war teilweise zerstört
und am persönlichen Eigentum der Familie war erheblicher
Sachschaden entstanden. Ich erinnerte mich daran, dass es
auf Futuras keine Versicherung gab und erkundigte mich:
“Müssen die Las den Schaden nun selbst tragen?”
“Wer einen Schaden hat, der hat ihn nun einmal. Aber sie
bekommen einen vollen Ersatz in Geld. Auch unsere Zelle.”
“Unsere Zelle?”
“Natürlich. Das Haus gehört doch zur Hälfte der Gesell-
schaft, also unserer Zelle. Nun muss der Zellvorstand ein
Schadenprotokoll aufstellen, getrennt für den Schaden der
Las, einschließlich des halben Daches und für den Schaden
der Zelle, also der anderen Dachhälfte. Deshalb sitzt mein
Mann schon den ganzen Abend dort.”
“Kann denn ihr Mann die Ursachen feststellen und den
Wert des Schadensersatzes?”
“Die Ursache hat die Feuerwehr mit ihren Spezialisten
festgestellt. Nur der Umfang des Schadens wird von ihm
ermittelt, jeder Gegenstand einzeln. Und ob er vielleicht
noch wertgemindert nutzbar ist und so. Später kommt dann
ein Gutachter vom Kreis, der die entsprechende Entschä-
digungssumme vorschlägt. Die Dachreparatur gibt der
Zellvorstand sofort in Auftrag, das Haus muss schließlich
schnell vor Regen geschützt werden. Diese Kosten werden
173
bis zur Erstattung von der Zelle verauslagt oder von den
nächsthöheren Ebenen, wenn unser Geld dazu nicht reicht.”
“Gibt es denn keinen Streit über die Höhe der Ersatzleis-
tungen?”
“Meistens sind die Gutachter nicht kleinlich. Und der Vor-
stand beschließt in der Regel so wie der Gutachter urteilt. Nur
wenn sich einer aus eigener Dummheit schadet, wird weniger
Geld erstattet. Aber gegen den Beschluss des Zellvorstands
kann man sich bei der nächsten Ebene beschweren.”
“Welche Ebene zahlt denn nun für den Schaden der Las?”
“Jede, soweit sie kann. Es gibt einen Mindestbestand an
Geld auf jedem Zellkonto für dringende Ausgaben. Ist mehr
auf dem Konto, bekommt Familie Las gemäß dem Vorstands-
beschluss die volle Höhe auf ihr Konto erstattet. Reicht
das Geld nicht, zahlt der Zellverband im Rahmen seiner
Möglichkeiten oder die nächste Ebene, bis die geschädigte
Familie den vollen Betrag bekommen hat.”
“Das kann den Staat aber eine Menge kosten.”
“Nicht nur den Staat. Bei großen Schäden muss auch der
Kontinent oder sogar die Zentrale des Planeten ran.”
Ja, richtig, fiel mir ein, der Staat war nur eine Ebene von
vielen. Das Wort ‘staatlich’ war nur die Einwirkung irdischer
Denkweise bei der Übersetzung aus dem Futuranischen.
Aber wir Erdenbürger kannten weder eine Führung des
Kontinents noch eine Zentrale des ganzen Erdballs. Trotz
vieler Versuche reichte keine der vielen internationalen und
übernationalen Einrichtungen an die Machtfülle der Staaten
heran. Und jede Staatsführung wachte ängstlich darüber, dass
die Länder und Provinzen, die Kreise und Kommunen unter
keinen Umständen zu viel wirtschaftliche Macht und politi-
sche Autonomie bekamen. Umgekehrt gab es logischerweise
174
einen ständigen Kampf um jeden Taler, den die Länder, die
Konzerne, ja sogar die einzelnen Bürger als Steuerzahler
dem Staat vorenthalten konnten. Klang der Ruf nach Freiheit
nicht oft wie ein Aufschrei gegen die vielfache Einengung,
Unterdrückung, Ausbeutung durch den Staat? Die Selbstver-
ständlichkeit, mit der sich die einfache Frau Lapa mit ihrem
gesellschaftlichen System identifizierte, machte mir das erst
so recht bewusst. Wie sehr erschien der Staat den Menschen
auf der Erde noch als etwas Übergeordnetes, Fremdes und
trotz gelegentlicher, mehr oder weniger demokratischer Wah-
len etwas Unbeeinflussbares, dem man sich bedingungslos
zu unterwerfen hatte, wollte man sich nicht dem direkten
Druck seines Zwangsapparates oder dem indirekten Zwang
der ökonomischen Existenzvoraussetzungen aussetzen.
Meine Gedanken kehrten wieder zu Frau Lapa zurück:
“Woher nimmt eigentlich die Zelle das Geld?”
“Unsere Zelle hat nur die Hälfte der Gewinne der Gast-
wirtschaft als eigene Einnahme. Die Nachbarzelle hat die
Schlosserei. Die wirft mehr ab. Aber alle Zellen erhalten
pro Einwohner monatlich einen bestimmten Betrag aus der
Zentralkasse. Die Höhe verändert sich manchmal etwas durch
Beschlüsse des globalen Vorstands.”
“Mein Gott, woher nimmt denn die Zentralkasse diese
Riesenbeträge?”
“Mit Göttern hat das nichts zu tun. Bei jedem Kauf, jeder
Geldüberweisung überhaupt, wird automatisch ein Betrag in
Höhe von zehn Prozent an die Zentralbank abgeführt. Not-
falls wird das auch eine Zeit lang vom globalen Vorstand auf
elf Prozent erhöht, wie das vor Jahren einmal nach der großen
Hochwasserkatastrophe auf dem Kontinent U der Fall war.”

175
Wieso sprach sie von Göttern? Ach so! “Dieses ‘mein
Gott’ von mir ist eine irdische Redensart. Aber dieses auto-
matische Kassieren gefällt mir. Es trifft alle gleich und doch
zahlt der, der mehr ausgibt, auch entsprechend mehr an die
zentrale Kasse.”
Unser so anregendes Gespräch wurde unterbrochen als
der Wirt in Begleitung des Arztes eintrat. Sie waren mit der
Schadensaufnahme fertig und wollten noch ein Schlückchen
trinken. Sie begrüßten mich mit recht ernsten Mienen. Ich
wollte Herrn Laso mein Mitgefühl bekunden, aber er zeigte
auf meine verbundene Hand: “Was ist das?”
“Nichts Besonderes. Ein kleiner Kratzer von einer abge-
rutschten Zange. Frau Meta war sehr besorgt und hat gleich
einen dicken Verband gemacht.”
“Zeigen sie mal her”, sagte er sehr bestimmt und nahm
geschickt den Verband ab.
“Es hat nicht geblutet? Wirklich, es ist nicht viel. Aber sei-
en sie vernünftig und nehmen sie die Wunde ernst. Niemand
kann wissen, wie ihr Körpersystem auf für uns harmlose
Verschmutzungen reagiert. Ich könnte ihnen höchstens eine
Injektion zur allgemeinen körperlichen Stärkung geben. Sind
ihre Helfer im Haus?”
Als ich bejahte, rief Frau Lapa im Obergeschoss an und
sofort kam Meta herunter. Sie sollte eine bestimmte Ampulle
aus der Wohnung des Arztes holen. Aber sie wehrte entsetzt
ab.
“Das Institut hat mir genaue Instruktionen für den Fall
einer Verletzung oder Erkrankung mitgegeben. Ich soll un-
ter allen Umständen irgendwelche Injektionen verhindern,
da für längere Zeit eine starke Unverträglichkeit gegenüber
vielen Seren gegeben ist. Das Institut wurde bereits von
176
mir weisungsgemäß verständigt und eine Ärztin ist schon
mit dem Radargleiter unterwegs hierher. Ich war eben ganz
erschrocken, als ich sein Bett leer fand.”
Mir war zwar bekannt, dass Meta eine medizinische
Ausbildung besaß, aber von einer Instruktion unseres Qua-
rantäneinstitutes wusste ich nichts.
Der Arzt zuckte mit den Schultern, lächelte etwas ver-
legen: “So kann es kommen, wenn man dem Arzt vor Ort
keine entsprechenden Informationen gibt.”
Er bat Meta, ihn zu verständigen, wenn die Ärztin komme.
Mich schickte er ins Bett und gab Meta den Verband mit.
Wir hatten es nicht verlernt, ärztliche Anweisungen exakt
zu befolgen und so ging ich brav ins Bett. Meta setzte sich
dazu, verband erneut meine Hand und wartete mit mir auf die
Ärztin. Auf meine Frage, warum sie mir nie etwas von ihrer
Instruktion gesagt habe, kam ein nicht erwarteter, aber leider
zutreffender Vorwurf: “Wann hatten Sie schon einmal Zeit
für ein Gespräch, seit Sie unsere Sprache beherrschen? Mir
scheint, außer mit Ihren beiden Frauen haben Sie doch kaum
einmal mit einem anderen Mitglied unserer Zelle gespro-
chen. Am Anfang, mit dem Sprachmittler, war alles ziemlich
umständlich und ich konnte verstehen, dass wir alle uns nur
auf die wichtigsten Hinweise beschränkten, aber später ...”
Sie hatte recht! Sie und Meto, ihr Mann, waren für mich
nur ein Stück der uns so fremden Umwelt. Wir hatten uns an
Lali geklammert wie Kinder an den Rock der Mutter. Sie war
es, die für uns die Verbindung nach außen halten musste. Sie
regelte alle Dinge des Alltags mit unseren Helfern. Selbst mit
dem Wirt und seiner Frau kam bei den Mahlzeiten kaum ein
Gespräch zustande. Gleich nach dem letzten Bissen zogen

177
wir uns in unsere Wohnung zurück. Was uns dadurch alles
entging, hatte mir vorhin das Gespräch mit Frau Lapa gezeigt.
Meta hatte inzwischen meine Hand verbunden. Ich legte
ihr meine andere Hand vorsichtig auf die Schulter und suchte
nach ein paar passenden Worten der Entschuldigung. Da ich
keine fand, zog ich ihren Kopf an meine Brust, um wortlos
um Verzeihung zu bitten. Da öffnete sich die Tür und herein
kam, nein, stürmte Lali und mit ihr eine muntere, kleine,
etwas korpulente Person, die angekündigte Ärztin.
Meta war sich der Verfänglichkeit unserer Situation sofort
bewusst und löste sich erschrocken von mir, stand auf und
ging ins Gastzimmer den Arzt holen. Während die Ärztin
den eben neu angelegten Verband wieder abnahm, fragte sie:
“Kennen Sie mich noch vom Institut her?”
Ich konnte mich nicht erinnern, sie unter den vielen, meist
weitgehend in ihrer Isolierkleidung vermummten Helfern
gesehen zu haben. Aber ich wollte ihr gern den erwarteten
Gefallen tun und zog mich mit einem wohl nicht sehr glaub-
würdigen “Ach ja” aus der Affäre.
“Haben Sie Schmerzen?”
“Ich spüre fast nichts. Meta hat vielleicht etwas voreilig
angerufen.”
“Nein, ganz bestimmt nicht. Ihre Verletzung ist zwar
harmlos. Sie sind so ausreichend gegen Futuraseinflüsse
immunisiert, dass Ihnen auch ein wenig Rost oder anderer
Schmutz nicht gleich schaden dürfte. Wenn Lalis Traum
einmal in Erfüllung ginge und Sie landeten wieder auf der
Erde, müssten Sie erneut erst in Quarantäne und langsam
assimiliert werden. Nein, unsere größte Sorge ist eine gut-
gemeinte, aber falsche Behandlung durch einen Notarzt.”

178
Die letzten Worte hatte Herr Laso mitgehört, der eben
mit Meta ins Zimmer trat. “Warum, zum Teufel, informiert
ihr nicht wenigstens den nächsten im Notfall erreichbaren
Arzt?”, rief er erregt.
“Der nächste erreichbare Arzt wird zur Zeit voll instruiert,
nämlich Maria. Sie ist bei uns im Institut und bekommt auch
eine Ausstattung für den Notfall mit. Meta, die lange Zeit bei
uns gearbeitet hat, kennt die wichtigsten Regeln. Sind Sie in
der Nähe zu erreichen?”
“Wir sind in einer Zelle. Der Zufall wollte es, dass ich
die Verletzung zu sehen bekam, ohne dass Meta es bemer-
ken konnte. Ich wusste auch nicht, dass Meta irgendwelche
Instruktionen besaß. Beinahe hätte ich ...”, er nannte den
Namen eines Medikaments, den ich mir nicht gemerkt habe,
“gespritzt.”
“Da haben Sie klug überlegt. Das hätte zumindest nicht
geschadet. Bei einem Futuraner mit der gleichen Verletzung
hätten Sie aber höchstwahrscheinlich an ...”, wieder eine mir
unverständliche Arzneibezeichnung, “gedacht. Dann aller-
dings hätten wir unseren Patienten in ernste Gefahr gebracht.”
“Donnerwetter! Trotzdem, vermutet hatte ich so etwas
schon.”
Danach unterhielten sich die beiden freundschaftlich in
dem zwischen Ärzten üblichen, unverständlichen Fachjar-
gon, während mir Lali einen Gruß von Maria zuflüsterte.
Die Vereinsgründung verlief erfolgreich. Das Institut nutzte
die freie Zeit von Maria zur erwähnten Einweisung und sie
stürze sich mit Feuereifer auf die so lang entbehrte medizi-
nische Tätigkeit.
Herr Laso verabschiedete sich, die kleine resolute Ärz-
tin gab mir noch eine Spritze und als Meta mir wieder den
179
Verband anlegte, sagte unser Gast unvermittelt mit einem
fröhlichen Augenzwinkern zu Meta: “Und ihr habt euch
offensichtlich schon verständigt.”
Meta bekam einen über und über roten Kopf, während
die Ärztin blass wurde: “Au weia, da habe ich wohl etwas
Schönes angerichtet?”
Ich begriff nicht, was hier vorging und blickte hilfesu-
chend zu Lali. Sie war die einzige, die Herr der Situation
blieb. Sie lachte: “Keine Sorge, das kriegen wir schon hin.”
Da glaubte ich zu wissen, worum es ging, und fühlte mich
verpflichtet, Meta beizustehen. Deshalb wandte ich mich
an die Ärztin: “Sie haben sicher bemerkt, dass ich meine
Hand um Metas Schulter gelegt hatte, als sie hereinkamen.
Ziehen sie daraus bitte keine falschen Schlussfolgerungen.
Meta hatte mir zu recht vorgeworfen, dass wir uns bisher
nie die Zeit zu einem Gespräch genommen hatten. Das war
eine gewisse Missachtung ihrer so unauffälligen Fürsorge für
uns alle. Ich wollte mich beschämt dafür entschuldigen ...”
“Hör auf”, unterbrach mich da Lali, “wir glauben dir ja,
aber wir hätten uns alle drei gewünscht, dass das eine echte
Liebkosung gewesen wäre.”
Jetzt begriff die Ärztin und erklärte beinahe feierlich:
“Ich habe mit meiner dummen Anspielung Porzellan zer-
schlagen. Ich denke, ich muss es deshalb auch wieder zu
kitten versuchen. Meta war, wie gesagt, lange Jahre eine
tüchtige Kollegin an unserem Institut. Wir haben ihre Hoch-
zeit mitgefeiert und uns mit dem jungen Paar über ihr Glück
gefreut. Wir haben aber auch mit ihnen gelitten, als ihr großer
Kinderwunsch nicht in Erfüllung ging. Die Untersuchung
ergab, dass es an Meto liegt. Eine Möglichkeit zur Heilung
gibt es nicht. Es war die Zeit eurer Quarantäne. Irgendwann
180
diskutierten wir am Institut die theoretische Frage, ob eine
Futuranerin mit einem Erdenmann Kinder bekommen könne
oder ob die Auseinanderentwicklung bereits soweit fortge-
schritten ist, dass es nicht mehr funktioniert. Irgendeiner
brachte die Diskussion in einen Zusammenhang mit Metas
Problemen. Wir sprachen mit ihr und ihrem Mann. Sie waren
bereit zu einem Einsatz in eurer Nähe und zu den möglichen
Konsequenzen. Meta bat sich aber aus, dass sie selbst nach
einer gewissen Zeit einschätzen würde, ob die Basis für eine
Zuneigung gegeben sei oder nicht. Sie wollte ihr Kind nicht
lediglich als Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments.
Und ich einfältiges Wesen bin mit meinen Wunschvorstel-
lungen schon vorausgeeilt und habe goldene Sterne gesehen,
wo noch gar keine waren.”
Sie nahm Meta in ihre Arme und war den Tränen nahe.
Lali war ernst geworden und schaute erwartungsvoll zu
mir. Mich aber würgten die Worte in der Kehle und fanden
keinen Ton, der sie hinaustrug.
Meta hatte sich wohl wieder etwas gefangen: “Mach dir
keine Vorwürfe”, sagte sie leise zur Ärztin. “Man kann nichts
zerstören, was nicht da ist. Meto hat schon seit Wochen keine
Hoffnung mehr. Er kann also nicht mehr enttäuscht werden.
Und mir hat das Geheimnis das Herz zugeschnürt. Bei jedem
freundlichen Wort glaubte ich, man müsste mir meine Absicht
anmerken. Ich traute mich kaum zu lächeln. Wie sollte man
da von einem Mann, den man gern hat, beachtet werden?”
Nun streute sich auch noch Lali Asche aufs Haupt: “Maria
und ich waren auch nicht gerade rücksichtsvoll. Wir haben
nur unser Glück gesehen und dabei hätten wir doch...”
“Jetzt reicht mir aber die Barmerei!” Ich war nicht mehr
zu bremsen. “Das Einzige, was versäumt wurde, war, mich
181
in das Geheimnis einzuweihen, damit es kein Geheimnis
mehr ist. Wie soll denn Vertrauen aufkommen, wenn ein
Geheimnis dazwischen steht? Nun ist es weg, das Geheimnis.
Wir können uns in die Augen schauen, ohne zugeschnürtes
Herz. Wir können freundlich zueinander sein, ohne etwas
verbergen zu müssen. Ich werde ganz gewiss nicht morgen
mit Meta ins Bett gehen, aber wir werden miteinander spre-
chen, wir werden uns besser kennenlernen und vielleicht
etwas näher kommen. An uns ganz allein wird es liegen, ob
wir uns finden oder nicht.”
Ich wurde umarmt und bekam einen Kuss. Nein, nicht
von Lali. Schon gar nicht von Meta. Von der kleinen Ärztin,
der wohl ein Stein vom Herzen gefallen war. Ich wischte mir
ihre Tränen von meiner Wange, bat Lali, über alles mit Maria
zu reden, versprach Meta, dass ich mich morgen, sobald ich
vom Hospitieren zurück sei, mit ihrem Mann unterhalten
wolle und verabschiedete mich, um endlich allein zu sein
und über alles nachzudenken.
Doch die Rechnung hatte ich ohne die kleine Ärztin
gemacht: “Das Hospitieren entfällt morgen und wohl auch
übermorgen. Morgen strenge Bettruhe. Lali, wir bleiben über
Nacht hier. Ich will morgen noch einmal Fieber messen und
die Wunde sehen. Und nun ins Bett! Alle!”
Lali übernahm das Informieren des Bildungsministeriums
und wir gingen auseinander. Als ich im Bett lag, fühlte ich
mich dank solcher Fürsorge wirklich krank. Kurz vor dem
Hinüberdämmern ging leise eine Tür. Lali gab mir noch
einen Gute-Nacht-Kuss und wollte ebenso leise wie sie
gekommen war wieder verschwinden. Doch es ertönte laut
eine energische Stimme aus Marias Bett: “Lali, komm bitte
mal zu mir!” Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Die
182
besorgte kleine Ärztin, die in Marias Zimmer übernachtete,
hatte Lalis Besuch bemerkt und fürchtete wohl eine Ablen-
kung von meiner ‘historischen Aufgabe’ und mein Lächeln
ging in einen fröhlichen Traum über.

Zeitig am Morgen wurde ich geweckt. Die Ärztin sah


noch einmal nach meiner kleinen Wunde. Da auch Puls,
Temperatur und Blutdruck zu keinerlei Besorgnis Anlass
gaben, flog sie bald ins Institut zurück. Lali war geblieben.
Sie lud unsere beiden Helfer zum Frühstück ein und sorgte
mit ihrem unbefangenen Geplauder dafür, dass es nicht zu
irgendwelchen Beklemmungen in unserem Verhältnis kam.
Sie berichtete, dass aus der geplanten Vereinsgründung die
Gründung einer politischen Partei wurde, da die Mehrzahl
der Teilnehmer der Ansicht war, dass es sich bei den Zielen
der Organisation um wichtige globale politische Interessen
handelte. Maria habe sich vehement dafür eingesetzt, nicht
nur einen Durchbruch zu neuen Forschungszielen und
Technologien ins Auge zu fassen, sondern mit einer breiten
Kampagne die berechtigten Vorbehalte mancher Futuraner
gegen Kontakte mit der Erde abzubauen, die nach den
Ereignissen um die Landung von Futuras 2 sicher nicht nur
bei den Angehörigen der Getöteten vorhanden seien. Man
beschloss, der Organisation deshalb auch den Namen ‘Partei
für Freundschaft mit der Erde’ zu geben. Jetzt arbeitete
man an einem Parteistatut, mit dem man die Registrierung
beantragen und danach an die Öffentlichkeit treten wollte.
Nach dem Frühstück musste ich wieder ins Bett. Meta er-
neuerte meinen Verband. Wir berührten im Gespräch nicht die
Probleme des vergangenen Abends. Lali war es tatsächlich
gelungen, auf einfühlsame Art Brücken zu schlagen. Als sie
183
gegen Mittag wieder fort musste, ließ sie eine angenehme,
vertrauensvolle Atmosphäre zurück.

Die ersten Runden mit dem Fahrrad

Mich hielt es kaum im Bett, wenn ich an die Schlosserei und


mein Fahrradprojekt dachte. Aber Meta blieb unerbittlich.
Erst am übernächsten Tag erlaubte sie mir einen kleinen
Spaziergang. Natürlich griff ich nach dem Sattel und
wanderte schnurstracks durch den Wald in die Werkstatt.
Da stand nun mein aufgebockter Fahrradrahmen. Ich über-
ließ dem Meister verständlicherweise gern die Montage des
Sattels, um danach sofort ein erstes Probesitzen vorzuneh-
men. Die Pedale waren etwas zu lang geraten, aber mit einem
etwas tiefer befestigten Sattel konnte ich sie schließlich in
allen Stellungen bequem erreichen. Lenker und Tretlager
ließen sich einwandfrei bewegen.
Der Meister fragte, wie weit ich mit den Rädern gekom-
men sei. Leider konnte ich ihm nichts Positives mitteilen,
außer der Hoffnung, mich mit den Herstellern der Reifen
des Lastengleiters und der Fender im Hafen von Maputo in
Verbindung zu setzen.
Doch der Meister winkte resigniert ab: “Machen Sie
sich bitte keine falschen Hoffnungen. Man kann sich zwar
draufsetzen und mit den Beinen am Boden abstützen, aber
sich senkrecht halten und mit den Füßen die Pedale treten,
ist unmöglich. Ich hatte das auch von Anfang an befürchtet.”
“Warten sie nur ab. Sobald wir Räder haben, werde ich es
Ihnen beweisen”, war meine siegessichere Antwort.
Doch woher hatte der Meister diese Zweifel? Da holte
er zwei runde Blechscheiben von der Größe der geplanten
184
Räder aus einem Verschlag. In der Mitte hatten sie einen
einfachen Bolzen als Achse, außen einen aufgeschweißten
Blechstreifen, gewissermaßen als Ersatz für Felgen. Die
hintere Scheibe hatte auf der Achse noch ein Kettenrad.
Mit wenigen Handgriffen waren die Räder und eine Kette
montiert. “Wenn ihr geplantes Gerät fahren könnte, müsste
das doch auch so gehen, oder nicht?”
Ich überlegte. Ohne Freilauf, ohne Bremse? Trotzdem,
warum nicht? “Eigentlich haben sie recht.”
Ich versuchte es. Mit dem linken Fuß stellte ich mich
von links auf das linke Pedal und stieß mich mit dem rech-
ten ab. Erschrocken sprang ich wieder ab, denn das Pedal
drehte sich mit und ich wäre beinahe über das Fahrrad nach
rechts gestürzt. Der Meister lachte und es klang ein wenig
Triumph mit. Zu allem Unglück schmerzte nun auch noch
die Wunde an meiner Handfläche. Sollte ich es noch einmal
und geschickter versuchen? Das Lächeln der zusammenge-
kommenen Schlosser gab den Ausschlag. Ich setzte mich
auf das schrägstehende Fahrrad, den rechten Fuß auf das
rechte, hochstehende Pedal. Mit dem linken stieß ich mich
ab, drückte das rechte und dann das linke Pedal herunter
und - das Ding rollte! Es rollte mit dem Heidenlärm der
blechernen Räder auf dem Asphalt, aber es rollte. Die Pedale
rotierten ununterbrochen. Es trat sich recht schwer und ich
hatte Sorge, ohne Gummireifen ins Rutschen zu kommen,
aber es rollte eben! Ich traute mir keine Kurve zu, aber das
schmale Asphaltband führte ohne Steigung und ohne Ge-
fälle ziemlich gerade durch den Wald. Ich trat und trat. Das
Anhalten ohne Bremse erschien mir zu riskant, also fuhr
ich weiter und weiter. Ich gewöhnte mich an die lange nicht
mehr erlebte Bewegung. Im gleichmäßigen Rhythmus kam
185
ich rasch vorwärts. Schon sah ich von weitem unser Haus.
Herr Lapo wollte gerade ein Fenster schließen, da bemerkte
er mein geräuschvolles Kommen. Er starrte mich an und
verschwand in der Gaststube. Noch bevor ich unser Heim
erreicht hatte, kamen etliche Personen heraus und winkten.
Ich erkannte Meta, die mir ängstlich etwas zurief, was ich
nicht verstehen konnte, aber auch nicht wollte. Um mich
durch ein missglücktes Absteigen nicht zu blamieren, ratterte
ich vorbei. An dem Haus der Familie Las mit dem verkohl-
ten Dachstuhl vorüber, zum Strandbad im Wald und weiter,
näherte ich mich wieder der Schlosserei von der anderen
Seite. Nun musste ich es riskieren. Ich trat immer langsamer
bis ich nach links kippte, hüpfte noch ein paarmal auf dem
linken Bein mit und stand, noch ein wenig außer Atem, vor
den verdutzten Schlossern.
Der Meister schüttelte seinen Kopf: “Das gibt es doch
nicht! Wir haben es doch auch probiert. Keiner von uns ist
auch nur ein paar Schritte weit gekommen.”
Er wollte es noch einmal versuchen, aber ich sagte ihm,
dass es zwecklos sei: “Mit dem Radfahren ist es wie mit dem
Schwimmen. Keiner kann es von Natur aus. Man muss es ler-
nen. Dann aber verlernt man es sein Leben lang nicht mehr.”
Wir versuchten es gemeinsam. Ich hielt ihn am Sattel fest
und er fuhr einen großen Bogen auf dem Montageplatz, dann
noch einen und noch einen. Aber er bekam kein Gefühl für
das Gleichgewicht. Er wollte nicht aufgeben, aber ich hatte
keine Puste mehr. Ein jüngerer Schlosser löste mich beim
Schieben ab. Runde für Runde verging. Er fuhr schneller
und sicherer. Als schließlich der Helfer nicht mehr konnte
und losließ, gab es nicht den befürchteten Sturz. Der Meister
bemerkte, dass er nicht mehr gehalten wurde und bekam
186
wohl das uns Erdenmenschen aus unserer Kindheit in Erin-
nerung bleibende stolze und befreite Gefühl ‘ich kann’s!’.
Er fuhr strahlend noch einige Runden und versuchte dann
anzuhalten. Trotz oder vielleicht sogar wegen unserer Hilfe
rutschte dabei das blecherne Vorderrad weg. Er fiel auf die
Knie, aber alles blieb heil.
Nun wollten auch die anderen Schlosser Rad fahren ler-
nen, aber ich wollte das Fahrzeug gern mitnehmen. Doch
der Meister schlug vor, einen Streifen aus einem lederartigen
Material provisorisch auf die provisorischen Felgen der pro-
visorischen Räder aufzunieten, damit die Rutschgefahr und
auch der Lärm etwas gemindert wurden. Das überzeugte mich
und so ging ich zu Fuß, aber leichten Herzens nach Hause.
In der Wohnung war niemand. Wie fehlten mir jetzt Maria
und Lali, um meine Freude mit ihnen zu teilen! Auch Meta
und Meto waren nicht in ihren Zimmern. So suchte ich Lapo,
den Wirt. In der Gaststube erklang lautes Lachen und als
ich eintrat, tönte mir fröhlicher Jubel entgegen. Ein zufällig
anwesender Gast aus einem benachbarten Zellverband hatte
geistesgegenwärtig meine Jungfernfahrt aufgenommen und
die inzwischen etwa zwanzig Gäste hatten sich den Film
wieder und wieder auf der Fernsehwand angeschaut. Jetzt
räumte man mir einen Platz in der ersten Reihe ein und das
Spielchen wiederholte sich noch einmal.
Mit krummem Buckel, gerötetem Gesicht und angewin-
kelten Armen strampelte ich laut rappelnd am Fenster vorbei.
Man hörte die Rufe der Umstehenden, sah Rad und Fahrer
von hinten noch ein Weilchen kleiner und kleiner werdend.
Dann noch eine spätere Einstellung. Lapa, der Wirt, erläuterte
in Großaufnahme: “Sie erlebten soeben das erste Fahrrad auf

187
Futuras, ein großartiges Geschenk der Erdenmenschen, als
Dank für ihre Rettung aus dem geborstenen Raumschiff.”
Aus. Keine zwanzig Sekunden alles zusammen. Ich war
mir nicht darüber im Klaren, ob das klapprige Gefährt oder
der schnaufende Reiter auf ihm wirklich eine gute Werbung
waren. Aber zum Nachdenken blieb mir jetzt keine Zeit. Alle
wollten wissen, wie das so ist auf einem Fahrrad.

Als ich am nächsten Morgen auf Herrn Kataro vom


Bildungsministerium wartete, der mich zum geplanten
Hospitieren abholen musste, überlegte ich mir, dass der sicher
nicht begreifen würde, dass ich wegen einer so lächerlichen
Verletzung zwei Tage ausgesetzt hatte. Deshalb nahm ich mir
vor, alles ein wenig aufzubauschen, damit er den Eindruck
bekomme, ich nehme heute tapfer meine Pflichten wahr,
obwohl mir noch gar nicht sehr wohl zumute sei. Doch
mir blieb die Rolle des bemitleidenswerten Simulanten
glücklicherweise erspart. Herr Kataro dachte überhaupt nicht
daran, sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Statt des
gewohnten distanzierten Morgengrußes überfiel er mich
geradezu: “Menschenskind, das ist ein tolles Ding, was sie
da gemacht haben! Kann ich dieses Fahrrad mal sehen?”
Ach du meine Güte! Wer konnte ihm das nur erzählt ha-
ben? “Woher wissen sie denn ...?”
“Na, hören sie mal. Haben sie den keinen Fernseher?
Zum Sendeschluss wurde es sogar noch einmal wiederholt,
weil so viele Zuschauer darum gebeten hatten. Besonders
geschickt hat sich der Reporter allerdings nicht angestellt.
Man konnte den Straßengleiter überhaupt nicht richtig er-
kennen.” Der zufällige Gast aus der Nachbarschaft musste
wohl einen guten Draht zum Fernsehen gehabt haben. Herr
Kataro wollte unbedingt den ‘Straßengleiter’ sehen. Der
188
Begriff ‘Straßengleiter’ sei im Fernsehen gebraucht worden.
Ich hielt ihn für eine Fehlbezeichnung, denn ‘Gleiten’ hatte
wirklich nichts mit ‘Fahren’ gemein. Doch sprachen wir nicht
auch von ‘Raumfahrt’, obwohl eigentlich von Fahren keine
Rede sein konnte. Man übernahm halt hier wie auf der Erde
gewohnte Begriffe auch für ungewohntes Ähnliches.
Herr Kataro ließ sich auch mit dem Hinweis, dass das
Fahrrad in der Werkstatt sei, nicht von seinem Wunsch ab-
bringen, das Rad zu sehen. Und da wir noch etwas Zeit hatten,
gab es eine Zwischenlandung in der Schlosserei.
Herr Kataro hatte sich mir gegenüber immer sehr korrekt
verhalten. Trotzdem missfiel mir sein etwas hochmütiger
Ton gegenüber den Lehrern, so dass ich nie recht warm mit
ihm wurde. Er erinnerte mich nur allzu sehr an das Verhalten
mancher irdischer Ministerialbeamter, für die ihre Umwelt
nur aus Untertanen zu bestehen schien. So ein Auftreten
reizte geradezu zum Widerspruch, den man sich allerdings
wohlweislich verkneifen sollte. Wehe aber, wenn sich eine
Gelegenheit bot, einen solchen Menschen über seinen eige-
nen Hochmut stolpern zu lassen. Eine solche Gelegenheit
bot sich mir.
In recht bestimmendem Ton forderte Herr Kataro vom
Meister die Vorführung des Fahrrades. Der schaute mich
an und da ich nichts dagegen zu haben schien, holte er das
Fahrrad aus einem Schuppen. Herr Kataro ließ sich die Ein-
zelteile und deren Funktion erläutern und vergaß nicht, auf
seine Tätigkeit im Ministerium hinzuweisen, die es angeblich
erfordere, sich in bezug auf technische Neuerungen auf dem
Laufenden zu halten. Deutlich spürbar wuchs beim Meister
der Widerwille. Doch die Falten auf seiner Stirn glätteten
sich sofort, als unser Beamter nicht bat, sondern forderte,
189
ein Stück selbst zu fahren. Das schien mir denn doch zu
gefährlich. Ich sagte es ihm und bat den Meister, das Rad
in seiner Funktion vorzuführen. Der war etwas enttäuscht,
dass ich dem unsympathischen Gast eine verdiente Lektion
erspart hatte. Doch während der Meister mit Leichtigkeit
startete und elegant zwei oder drei Runden fuhr, machte mir
Herr Kataro Vorwürfe, dass ich ihn wohl für unsportlich halte
oder ihm nicht gönne, als erster aus seinem Ministerium ei-
nen Straßengleiter benutzt zu haben. Ich klärte ihn nochmals
darüber auf, dass das Modell ohne Freilauf, ohne Bremsen
und ohne Reifen noch sehr unvollkommen sei, doch er hatte
kein Verständnis dafür. Selbst als der Meister beim Absteigen
einige Schwierigkeiten hatte, bestand Herr Kataro auf seinem
Wunsch. Der Meister nickte mir in einem unbeobachteten
Augenblick hoffnungsvoll zu und in mir wurde der Lausbub
wach. Ich blinzelte mit einem Auge zurück. Wir hatten uns
verstanden. Ausführlich erklärte der Meister den Start, mach-
te es sogar noch einmal vor, verwies auf die Gefahren, wohl
wissend, dass man sie ohne Übung nicht meistern konnte.
Er bot sich sogar an, Herrn Kataro am Sattel zu führen, was
dieser, wie erwartet, entrüstet zurückwies.
Es kam also wie es kommen musste. Die erste Umdre-
hung der Pedale war noch nicht beendet, da lagen Ross und
Reiter auf einem Haufen von Blechabfällen. Herr Kataro war
nicht sehr hart gefallen, aber die scharfen Schnittkanten der
Blechreste hatten seine Kleidung zerfetzt und er blutete aus
mehreren Schnittverletzungen sowie aus der Nase, mit der
er recht heftig aufgeschlagen war. Er jammerte erbärmlich.
Ich bekam Gewissensbisse und bat den Meister, uns schnell
zum Ärztehaus zu bringen, denn ich besaß immer noch nicht
den Erlaubnisschein für Fluggleiter.
190
Doktor Laso verpflasterte die kleinen Schnittwunden,
stillte rasch das Nasenbluten und untersuchte den Kopf
mit einem elektronischen Gerät auf eine mögliche Gehirn-
erschütterung. Glücklicherweise mit negativem Ergebnis.
Herr Kataro war so kleinlaut, wie ich ihn noch nie erlebt
hatte, konnte sich gar nicht damit abfinden, dass ihm nichts
Ernsthaftes fehlte und staunte, dass er allein aufstehen und
gehen konnte. Nachdem er sich neu gekleidet hatte, flog er
mit seinem Gleiter heimwärts und verfluchte sicherlich im
Stillen mich und alle Fahrräder.
Nach einem Dankeschön an Doktor Laso wollte ich nach
Hause, aber der Meister bat mich, noch einmal mit ihm das
kurze Stück zur Werkstatt zu gehen, er wolle mir noch etwas
zeigen. Ich nahm an, es ging um das beim Sturz verbogene
vordere Blechrad und wollte es mir gern einmal genauer
ansehen. Doch der Meister meinte etwas anderes. Einer
der Schlosser hatte eine Aufnahmekamera mitgebracht und
wollte seine Kollegen beim Fahrenlernen filmen. Nun hatte
er heimlich unseren Besuch, die drei Runden des Meisters
und auch den Sturz des Hochmuts in aller Deutlichkeit
aufgenommen. Bei der Vorführung im Sozialraum der
Werkstätte forschte ich aufgeregt, ob nicht etwa auch die
stille Verständigung über den Streich zwischen dem Meister
und mir sichtbar wurde. Aber glücklicherweise zeigte die
Leuchtwand im entscheidenden Augenblick Herrn Kataro
im Großformat, wie er verbissen darauf bestand, als Erster
seines Ministeriums sich mit dem Fahrrad zu blamieren. Die
dem Sturz vorangehenden warnenden Gespräche waren klar
zu hören, so dass bei den Bildern vom Sturz auch mir jetzt
ein ungehemmtes Lachen entfuhr.

191
Aus Erfahrung gelernt, bat ich, die Diskette nicht dem
Fernsehen zuzustellen, da das wohl keine gute Werbung für
das Fahrrad sei. Aber es war bereits zu spät. Der Schöpfer
dieses durchaus gelungenen Films war lange vorher bereits
mit dem Fluggleiter aufgestiegen

An einer Hochschule

Nach dem Mittagessen beschloss ich, auch ohne Herrn Kataro


den für heute vorgesehenen Besuch an der Hochschule
für Pädagogik in unserer Bezirkshauptstadt Otokal
durchzuführen. Meto übernahm gern die Bedienung des
Gleiters. So konnte ich unterwegs die Gelegenheit nutzen, die
Unterhaltung vorsichtig auf Metos Ehe zu bringen, um mich
dann über einen geeigneten Aufhänger an den unerfüllten
Kinderwunsch heranzutasten. Doch Meto kam mir sehr
entgegen. Er ließ mich erkennen, dass er in vollem Umfang
über das Gespräch mit Meta, Lali und der kleinen Ärztin
informiert war. Offensichtlich war er froh darüber, dass auch
zwischen uns der Damm der Heimlichkeit gebrochen war.
Deshalb sprach ich auch offen über meine Besorgnisse: “Ist
es Ihnen nicht unangenehm, Vater eines fremden Kindes zu
werden?”
“Wenn es ein Kind der geliebten Frau ist, so ist es doch
kein fremdes. Und wenn man weiß, dass man selbst nie ein
eigenes Kind bekommen kann, bleibt doch nur die Wahl, gar
kein Kind zu haben oder das eines anderen Mannes. Würden
sie sich anders entscheiden?”
“Hm, schwer zu sagen. Auf jeden Fall würde ich mir den
Mann gut anschauen.”

192
“Eben, eben”, lächelte Meto. Er hatte schneller als ich
bemerkt, dass ich mich selbst aller Gegenargumente beraubt
hatte.
“Das Risiko einer künstlichen Befruchtung wäre für mich
viel schwerer zu ertragen. Auch Meta verabscheut diese
Vorstellung.”
“Aber ist das Verhältnis des wirklichen Vaters zu seinem
Kinde nicht eine Belastung für die Ehe?”
“Sicher, das kann niemand ignorieren. Aber man muss
doch das Vertrauen zu seiner Partnerin haben, dass sie stark
genug ist, diese Belastung zu ertragen. Und den Partner
schaut man sich doch auch nicht nur an, um festzustellen,
ob er gesund ist und welche Haarfarbe er hat. Er muss auch
die Gewähr dafür bieten, dass er keine Vaterrechte bean-
sprucht, sich nicht bemüht, die kinderlose Ehe zu zerstören.
Auch sollte er fähig und gewillt sein, das Kind wenigstens
in seiner Entwicklungszeit darüber im Unwissen zu lassen,
dass sein Erzieher gar nicht der wirkliche Vater ist. Und”,
fügte er zögernd hinzu, “vielleicht ist es nicht zu beweisen,
aber ich bin überzeugt davon, dass ein Kind nur dann glück-
lich aufwachsen kann, wenn es von den Beteiligten in einer
liebevollen Stunde voller Harmonie gezeugt worden ist.”
Mir ging dieses Vertrauen sehr nahe. Aber da es unter
Männern kaum üblich ist, sich gerührt in die Arme zu sinken,
lenkte ich ab, indem ich ein sehr trauriges Beispiel von der
Erde erzählte.
“Eine Familie lebte mit fünf Kindern glücklich und in
Frieden zusammen. Dennoch wurde der Mann eines Tages
auf Beschluss eines Gerichts zu einer Vaterschaftsunter-
suchung bestellt, weil er mit einer anderen Frau in deren
Empfängniszeit zusammengekommen war. Er schämte sich,
193
weil seine Frau von seiner Untreue erfuhr, doch die verzieh
ihm großzügig. Aber das Gutachten der Ärzte schloss un-
seren Mann als möglichen Vater aus, weil er von Geburt
an zeugungsunfähig war. Das hatte er selbst nicht gewusst.
Nun wurde aber offenbar, dass alle fünf Kinder seiner Frau
von freundlichen Gehilfen stammten. Die Frau musste das
wohl oder übel zugeben. Er jedoch fand nicht den gleichen
Großmut, den vorher seine Frau ihm gegenüber gezeigt hatte
und ließ sich scheiden. Damit hatte er sein Glück und das
seiner Familie zerstört.”
Meto hatte verständnislos zugehört: “Gibt es denn noch
ungewollte Kinder auf der Erde? Gilt es denn allgemein als
Schande, mit anderen liebenswerten Menschen zusammen-
zukommen? Oder war dieser Mann ein zurückgebliebener
Einzelfall? Und wie steht es um die Gleichberechtigung von
Mann und Frau?”
Der Flug war viel zu kurz, um Meto darüber aufzuklären,
dass es noch immer einige Staaten auf der Erde gab, in denen
die Frauen so zurückgesetzt wurden, dass sie nicht einmal
über ihren eigenen Körper entscheiden durften. Aber hätte ich
ihm das überhaupt sagen wollen? Ich schämte mich plötzlich
für die altertümliche, christlich geprägte, abendländische
Moral unserer High-Tech-Zivilisationen.
Wir landeten. Meto unternahm einen Einkaufsbummel
und ich fand nach kurzem Suchen den Rat der Pädagogischen
Hochschule. Das dreiköpfige Leitungsgremium, in dem wie
meist im Bildungswesen die Frauen in der Überzahl waren,
hatte mich bereits am Morgen erwartet. Nachdem ich mich
mit Hinweis auf den Unfall von Herrn Kataro für die Ver-
spätung entschuldigt hatte, führte mich eine Rätin in einen
Hörsaal, in dem etwa zweihundert Studenten einer Vorlesung
194
über Rhetorik lauschten. Der Professor sprach über die Be-
deutung der Lautstärke beim Lehrvortrag. Mal flüsterte er
fast in die atemlose Stille des Saales, mal donnerte er wie
ein Volkstribun vom Katheder herab, dass auch der müdeste
Student erschreckt auffuhr. So gab er selbst ein überzeugen-
des Beispiel von der Wirksamkeit der Sprache und lieferte
auch die theoretische Begründung. Ich hätte gern weiter
zugehört, doch die Rätin zog mich leise zum Ausgang. Ich
sollte keinen falschen Eindruck von der Arbeitsmethode der
Hochschule bekommen. Die wichtigere Wissensvermittlung
erfolge in den Seminaren.
Von den beiden Seminaren, die wir besuchten, war ich
ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht. Keine Spur von akade-
mischer Freiheit. Im Unterschied zur Hauptschule galt hier
für die Obergrenze der Seminarstärke die mir nun schon
hinreichend bekannte Sechzehn der futuranischen Demokra-
tie. Es gab auch einen gewählten Seminarvorstand, der nach
Auskunft der mich führenden Rätin ein gewichtiges Wort bei
der Auf- bzw. Abstufung zu sagen hatte. Also auch hier war
es so, wie ich es an der Hauptschule kennengelernt hatte. Ein
Teil des Studiums wurde ohne Lehrer als Streitveranstaltung
zu bestimmten vorgegebenen Themen unter der Verantwor-
tung der Seminarvorstände durchgeführt.
Ich hielt in meinem Abschlussgespräch nicht mit meiner
Kritik zurück, dass sich das Studium nicht wesentlich vom
Unterricht in den niederen Schulstufen unterscheide.
“Doch”, entgegnete erwartungsgemäß einer der Räte,
“erstens sind die Studenten 23 bis 25 Jahre alt, also in hohem
Maße selbständig. Zweitens sind alle Pädagogikstudenten
bereits als Hilfslehrer im beruflichen Einsatz. Jeweils zwei
Studenten besetzen im halbmonatlichen Wechsel eine Lehrer-
195
stelle, im ersten Jahr an einer Mittelschule, im zweiten an
einer Hauptschule und im dritten an einer Oberschule. Sie
gehen also mit großem Ernst an ihre Studien und sind von
sich aus an einer intensiven Arbeit interessiert. Gibt es eine
intensivere Form der Ausbildung auf der Erde als den Un-
terricht mit einer überschaubaren Schülerzahl?”
Ich musste wohl oder übel verneinen. Immer, wenn es
auf eine hohe Effektivität der Ausbildung ankam, wie zum
Beispiel bei unserer Astronautenausbildung, oder an den
Volkshochschulen, wurde immer die Unterrichtsform ge-
wählt. Um das Gesicht zu wahren, versuchte ich das Prinzip
selbst anzugreifen: “Muss denn immer mit höchster Intensität
gearbeitet werden? Ist für die Entwicklung reifer Persönlich-
keiten nicht auch ein gewisser Freiraum für die individuelle
Entfaltung nötig? Lebenserfahrung erwirbt man doch nicht
nur im Unterricht. Fröhliche Geselligkeit, gemeinsame Er-
lebnisse, auch etwas Ungebundenheit tragen doch wesentlich
zur Formung des jungen Menschen bei.”
Ich fühlte, das war mir gelungen, und ich war neugierig,
wie man diese disziplinierte Strenge des Studiums gegen
meine Argumente verteidigen würde.
“Verstehen wir Sie richtig, dass Sie der Meinung sind, eine
geringere Intensität des Studiums vergrößere die Freiräume,
wie Sie es nannten?”
Als ich dies bejahte, hielt man mir vor, dies widerspräche
jeder Logik. “Bei geringerer Intensität lernt man im gleichen
Zeitraum weniger oder man braucht eine längere Zeit, um
zum gleichen Wissen zu gelangen. Wir meinen, je weniger
Zeit man für den Erwerb des erforderlichen Wissens benötigt,
je intensiver also das Studium ist, umso mehr Freiräume für
fröhliche Geselligkeit, gemeinsame Erlebnisse und meinet-
196
wegen auch für Ungebundenheit bleiben dem Studenten,
wenn ich auch nicht recht verstehe, wozu Ungebundenheit
schlechthin gut sein soll.” Mir wurde klar, dass unsere viel
gepriesene akademische Freiheit als weniger intensive Studi-
enform dazu führen musste, dass eine zu lange Studiendauer
zur Erlangung des notwendigen Wissens erforderlich wurde.
Natürlich verlängerten sich dadurch auch die Freiräume für
allerlei nützliche und eine Vielzahl unnützer studentischer
Freizeitbeschäftigungen. Doch das behielt ich besser für
mich. So wollte ich wenigstens die Rolle der Vorlesungen
stärker betont wissen: “Nun steht doch gewiss nicht für jedes
Seminar ein Lehrer zur Verfügung, der den höchsten Stand
der neuesten Forschungen kennt, wie sicher der Rhetorik-
professor, den ich erleben durfte.”
“Natürlich nicht, obwohl auch der Rhetorikprofessor wie
jeder andere Lehrer und auch die Forscher regelmäßig an den
themengebundenen Streitgesprächen in den Seminaren, meist
in der A-Stufe, teilnehmen. Doch alle Hochschullehrer, die in
der Regel höhere pädagogische Fähigkeiten haben, nehmen
an kontinuierlichen Weiterbildungen durch die Forscher teil.”
Das war für mich neu und wie alles Neue interessant:
“Lehrer und Forscher sind also getrennt?”
“Ja. Ist es denn auf der Erde nicht so? Jede Hochschule
hat neben den unterschiedlichen Lehrbereichen auch spe-
zielle Forschungsinstitute. Die Hochschulforscher nehmen
allerdings auch in einem gewissen Umfang an der Lehre teil,
wie auch umgekehrt die Lehrer häufig in Forschungsaufga-
ben einbezogen werden. Die Schwerpunkte ihrer Arbeiten
bleiben jedoch. Gelegentlich erfolgen auch Wechsel in den
anderen Bereich. Wir als pädagogische Hochschule arbeiten
auch eng mit Forschungseinrichtungen, zum Beispiel natur-
197
wissenschaftlicher Hochschulen, zusammen. So haben wir
keine eigenen physikalischen Institute, wohl aber ein Institut
für die Erforschung der Methodik des Physikunterrichts.”
Im weiteren Gespräch stießen wir beinahe zufällig darauf,
dass alle neunzehnjährigen Männer und Frauen ein Einsatz-
jahr zu absolvieren haben. Während die Männer meist die
Miliz als Träger der staatlichen Gewalt unterstützen, würden
die Frauen vorwiegend als Sozialhelfer eingesetzt.
Das weckte weitere Fragen, aber der halbe Tag, der durch
den Zwischenfall mit Herrn Kataro verlorengegangen war,
fehlte nun an allen Ecken und Enden. So nahm ich beim
Abschied viele Anregungen zu weiteren Erkundigungen mit.

Neue Hoffnung fürs Fahrrad

Als Meto und ich nach dem Rückflug wieder die Treppe zu
unseren Wohnungen hinaufgingen, kam uns Meta entgegen.
Sie übergab mir die Visitenkarten zweier Herren, die in der
Gaststube auf mich warteten. Ich las: ‘Orisulotefakeno,
Chefkonstrukteur, Gerätewerke Orisulom’ und auf der
anderen Karte stand: ‘Orisulomisikato, Mitglied im Vorstand
der Stadt Orisulom’.
Ich erkannte aus der Wortzusammensetzung, dass die
Herren aus einer Stadt im Lande Ori des Nachbarstaates Or
kamen und Herr Fakeno nicht direkt in dieser Stadt, aber
wohl in deren Nähe wohnte. Meine stille Vermutung, dass sie
wegen des Fahrrades kamen, wurde schnell bestätigt. Herr
Sikato zeigte sich hocherfreut, mich besuchen zu dürfen,
bestellte sofort bei Lapo ein erfrischendes Getränk für mich,
stellte sich selbst als verantwortliches Vorstandsmitglied
für die Wirtschaft seiner Stadt und Herrn Fakeno als neuen
198
Chefkonstrukteur des größten Industriebetriebes der ganzen
Region vor. Ohne Umschweife und diplomatische Floskeln
berichtete er von der schwierigen Absatzsituation des Be-
triebes und den sozialen Auswirkungen der notwendigen
Produktionseinschränkungen für die Stadt und das ganze
Umfeld. Der Werkvorstand, dem er als staatlicher Vertreter
angehöre, habe im alten Betriebsmanagement Veränderungen
vorgenommen. Herr Fakeno habe die Idee gehabt zu prüfen,
ob das Fahrrad nicht geeignet sei, die Produktion zu beleben.
Dieser Herr Fakeno war offenbar nicht nur ideenreich,
sondern auch ein pfiffiger und kreativer Ingenieur, denn er
machte mir das Angebot seines Vorstandes auf ganz andere
Weise schmackhaft: “Bei allem Respekt vor Ihrer Leistung,
Sie werden gewiss meine Meinung teilen, dass Ihr Gerät
noch wenig ausgereift ist und der Weiterentwicklung bedarf.”
Eilig fügte er hinzu: “Selbstverständlich bliebe Ihr Patent
davon unberührt.”
Es gab also auch einen geregelten Erfinderschutz, den
ich bisher überhaupt noch nicht in Erwägung gezogen hatte.
Herr Sikato versicherte, dass nach Veröffentlichung meines
Fahrprinzips im Fernsehen, niemand mir mehr meine Rechte
streitig machen könne und das Werk gern für die Patentbe-
antragung sorgen würde.
Wir besprachen bis ins Detail die Hauptprobleme der
Fertigstellung meines in jeder Hinsicht noch unfertigen
Modells, insbesondere des Freilaufs und einer elastischen
Bereifung. Leider hatte ich mir auf der Erde nie die Mühe
gemacht, die Hinterachse eines Fahrrades auseinanderzuneh-
men. So konnte ich meinen Besuchern nur erklären, dass man
jederzeit mit Treten aufhören können müsse, während das
Rad weiter rollt und bei einem Treten in entgegengesetzter
199
Richtung sofort eine starke Bremswirkung entstehen müsse.
Was sollte Herr Fakeno schon mit einer solchen primitiven
Funktionsbeschreibung anfangen? Doch er sagte nach kur-
zem Überlegen zu Herrn Sikato: “Wir haben doch bei unseren
Zentrifugen die gleiche Funktion, Antrieb, Freilauf, Bremsen.
Das müsste sich in eine für eine Hinterachse geeignete Form
bringen lassen.”
In Bezug auf die Reifen fanden wir so schnell keinen
endgültigen Lösungsweg. Als ich meine Beobachtungen mit
den Ballonreifen der Schwerlastgleiter und den Fendern im
Hafen äußerte, kamen wir einen kleinen Schritt weiter: “Im
Bezirk Orisul gibt es einen Hersteller elastischer Kunststoffe.
Vielleicht hilft ein Besuch dort. Was halten Sie davon, wenn
wir gemeinsam hinfliegen?”
Und wie ich daran interessiert war! Wir einigten uns auf
den kommenden Montag, in der Gewissheit, dass mich unsere
Sprachlehrerin für einen Tag freistellen würde.
Meine so hilfsbereiten Schlosser waren ein wenig ent-
täuscht, als wir ihnen ein liebgewordenes Erzeugnis wieder
entführten. Sie hatten gerade die Räder mit einem weichen
Belag versehen. Als der Meister noch einmal einige Ab-
schiedsrunden fuhr, waren die Geräusche doch deutlich
gedämpft. Ich warnte die beiden Herren aus Orisulom ein-
dringlich, Fahrversuche zu unternehmen und trennte mich
optimistisch von meinem Lieblingskind.
Ich war gut gelaunt. Nach dem Abflug meiner Gäste ging
ich zu Fuß durch den Wald. Am liebsten hätte ich ein Lied-
chen gesungen, aber vor mir ging eine Mutter mit vier klei-
nen Kindern. Beim Überholen machte ich eine scherzhafte
Bemerkung. Sie lachte und meinte, nur einer der Jungen sei
ihrer. Die anderen Kinder nehme sie aus der Vorschule mit
200
zu den Eltern, die in ihrer Nähe im unteren Teil der Siedlung
wohnten.
Diesen unteren Teil hatte ich noch nie kennengelernt. Ich
war auch erstaunt, dass ich schon so oft an der Vorschule,
die etwas abseits vom Weg im Wald lag, vorbeigegangen
war, ohne sie mir näher anzuschauen. Die lieben Kleinen
bedauerte ich ein wenig, weil sie auch dem Stress der A-,
B- und C-Klassen ausgesetzt wären.
“Wo denken Sie hin”, sagte die Frau, “Vorschulen sind
meist sehr klein, weil sie sich doch ganz in der Nähe der
Wohnungen befinden müssen. Wir mit unseren kaum zwan-
zig Kindern können nicht einmal drei Gruppen, für jeden
Jahrgang eine, bilden. Erst wenn wir unsere Ältesten in die
Unterschule geben, schlagen wir einige ihrer Reife nach für
die A- oder C-Klasse vor.”
Ich wünschte der Frau ein schönes Wochenende. Sie
bedauerte, dass sie gerade ihre zwei freien Tage hinter sich
habe und am Wochenende arbeiten müsse: “Die Vier- bis
Sechsjährigen kann man doch nicht allein lassen. Wo sollten
die denn bleiben, wenn die Eltern arbeiten?”
Ich erfuhr, dass erst die höheren Schulstufen am Sonntag
frei hatten. Industriebetriebe und viele Dienstleistungsein-
richtungen arbeiteten kontinuierlich, oft in vier Schichten
zu je sechs Stunden. Es leuchtete mir ein, dass nur so die
teure Technik und die Anlagen voll genutzt werden konnten.
Aber wie war diese Belastung von den Betriebsangehörigen
zu verkraften? Meine Gesprächspartnerin hielt mich gewiss
für etwas beschränkt: “Haben Sie denn nicht auch nach fünf
Schichten zwei Tage frei oder arbeiten Sie nicht?”
Es half nichts. Ich musste mich als einer der beiden Er-
denmenschen zu erkennen geben.
201
“Wo hab ich nur meine Augen gelassen! Natürlich! Ich
habe Sie schon im Fernsehen gesehen, wenn auch mit einem
dicken Bart im Gesicht. Täglich auf dem Heimweg schaue
ich rüber zu Lapas Gaststätte, ob ich Maria oder Sie mal
sehe, aber bisher ohne Erfolg.”
Wir waren an der Gaststätte angekommen. Ich verab-
schiedete mich und sah noch aus einiger Entfernung, wie
die Frau mit den Kindern sprach und mit der Hand in meine
Richtung zeigte.
Maria war angekommen. Sie saß mit Meta, Meto, Frau
Lapa und dem Koch in unserem Wohnzimmer und bog sich
mit den anderen vor Lachen. Sie prustete selbst in unseren
Begrüßungskuss hinein. Obwohl ich wirklich in bester
Stimmung war, fand ich dieses Gekicher irgendwie albern.
So ist es wohl oft, wenn einer in einer lachenden Gruppe
nicht weiß, was eigentlich der Grund für das Gelächter ist.
Ich bezog es unwillkürlich auf mich, aber der Koch sagte
mit verdrehten Augen: “Ich bin der Erste aus meinem Mi-
nisterium”. Und wieder erscholl das ungehemmte Lachen
im Raum. Jetzt allerdings ahnte ich den Grund. Man hatte
im Fernsehen den Sturz des bedauernswerten Herrn Kataro
gesendet. An Bedauern dachte allerdings keiner in diesem
Kreis. Maria konnte aber als Einzige erahnen, dass ich nicht
ganz schuldlos war, und so flüsterte sie mir lachend zu: “Du
bist mir vielleicht ein Schlawiner!”

Die Gründung der Freundschaftspartei

Nach dem Abendessen erzählte Maria von ihren Erlebnissen


am Institut. Lali hatte die Vereinsgründung gut vorbereitet.
Ihre Mitarbeiter hatten interessierte Freunde und Angehörige
202
mitgebracht, so dass der Saal mit etwa dreihundert Personen
restlos überfüllt gewesen war und ein zweiter Raum eiligst
für weitere Besucher hergerichtet werden musste, die das
Geschehen im Hauptsaal über eine Leuchtwand verfolgen
konnten.
Nachdem der Vorsitzende des Institutsrates eine umfas-
sende Begründung für die Notwendigkeit einer Verbindungs-
aufnahme zwischen den beiden einzigen im Weltraum bisher
bekannten gegenwärtigen Zivilisationen vorgetragen hatte,
sprach Lali detailliert über sinnvolle Zielstellungen des zu
gründenden Vereins. Es waren dies:
1. Aufnahme von Funckontakten mit der Erde
2. Wiederaufnahme der Nuklearforschung für friedliche
Zwecke
3. Entwicklung der Transphotonentechnik.
In der folgenden Diskussion, die sich über mehrere
Stunden erstreckt hatte, wurden zahlreiche Hinweise für
die Realisierung dieser Ziele gegeben, aber von mehreren
Rednern auch die direkte Vorbereitung eines Raumfahrt-
unternehmens in Richtung Erde vorgeschlagen. Einer der
Redner begründete diesen Vorschlag mit einer moralischen
Verpflichtung der Futuraner, Maria und mich wieder auf die
Erde zurückzubringen. Dem hatte Maria widersprochen. Es
sei nicht Schuld der Futuraner, dass wir uns bei ihnen befän-
den, so dass es auch keine Pflicht gäbe, für unsere Rücckehr
zu sorgen. Dessen ungeachtet würden wir natürlich eine
sich bietende Möglichkeit zur Heimkehr gern nutzen und
auch mit allen Kräften an der Verwirklichung einer solchen
Möglichkeit mitwirken. Sie hatte bemängelt, dass die Ziele
des zu gründenden Vereins ausschließlich technischer Na-
tur seien und darauf verwiesen, dass es auf Futuras Kräfte
203
gäbe, die noch stark von den Ereignissen bei der Landung
von Futuras 2 beeindruckt seien. Insbesondere beträfe das
die Angehörigen der so tragisch ums Leben Gekommenen.
Diesen Kräften müsse man verständnisvoll begegnen und
versuchen, sie nicht zu Feinden der Zielsetzung des Vereins
werden zu lassen. Maria hatte deshalb auch vorgeschlagen,
in den Namen des Vereins die Worte ‘Freundschaft mit der
Erde’ aufzunehmen. Es hatte für diesen Vorschlag viel Beifall
und allgemeine Zustimmung gegeben.
Die bis dahin weitgehend konform verlaufende Dis-
kussion wurde anschließend überraschend zu einer harten
Auseinandersetzung mit konträren Standpunkten, da der
Vorschlag gemacht wurde, statt eines Vereins eine Partei zu
gründen, da die vorgesehenen Ziele nur über eine politische
Einflussnahme erreicht werden könnten. Viele Teilnehmer
wollten nicht soweit gehen oder hatten Schwierigkeiten,
sich von der Vereinsvorstellung zu trennen. Doch im Verlauf
der Auseinandersetzung gewannen die Argumente für eine
Parteigründung immer mehr an Überzeugungskraft, so dass
es schließlich doch zu einem entsprechenden Mehrheitsbe-
schluss gekommen war.
Natürlich war ich auf Marias Schilderung gespannt, in
welcher Weise nun diese Parteigründung ablief.
“Lali hatte eigentlich die Vorstellung, dass sich erst einmal
wenigstens acht Interessenten zu einer ersten Parteizelle zu-
sammenfinden und einen dreiköpfigen Zellvorstand wählen,
wie wir es bei unserer Konstituierung in Lapas Gaststätte
erlebt haben. Durch weitere Mitgliederaufnahmen käme es
dann, sobald sechzehn zusammen wären, zu einer Teilung
der Zelle. Mit mehreren hundert Interessierten war das aber
nicht zu machen. Der Vorsitzende des Institutsrates schlug
204
daher vor, wo auch immer sich im Saal acht bis sechzehn Per-
sonen zusammenfänden, sollten sie ihre Namen in eine Liste
eintragen und gleichzeitig ihr Alter angeben. Der jeweils
Älteste sollte als provisorischer Zellvorsitzender noch im
Verlauf dieser Woche eine konstituierende Sitzung ansetzen
und dem Institutsrat die Protokolle übersenden. Dann wollte
man es ausnahmsweise dem Rat überlassen, jeweils drei bis
fünf Zellen, möglichst nach territorialen Gesichtspunkten
zu Zellverbänden zusammenzuführen und die Konstituie-
rung der nächsten Ebenen zu veranlassen. Dieser Vorschlag
fand allgemeine Zustimmung. Zur Überraschung aller hatte
die Partei auf Anhieb fast 350 Mitglieder. 25 Listen kamen
zustande. Einige Listen kamen nicht auf acht Zeichnungen.
Zwei davon taten sich zusammen, die anderen behielten
die unvollständigen Listen und wollten sie außerhalb der
Versammlung durch weitere Interessenten vervollständigen.
Die Listen verblieben vorerst bei den Listenältesten, deren
Namen registriert wurden. Der Institutsratsvorsitzende bat
in dem inzwischen eingetretenen Durcheinander, ihn telefo-
nisch von den angesetzten Versammlungen zu unterrichten.
Zu einem offiziellen Abschluss der Veranstaltung kam es
nicht mehr. Man ging allmählich auseinander, aber wir hatten
den Eindruck, eine Lawine ist ins Rollen gekommen.“
Ich drängte Maria weiterzuerzählen: “Kamen denn die
Zellen zustande, oder erwies sich die erste Begeisterung
als Strohfeuer? Was hattet ihr in den nächsten Tagen für ein
Echo?”
“Noch am gleichen Abend wurden die ersten sechs Vor-
stände gewählt. Der Rat des Instituts erhielt dauernd Anrufe
mit den angesetzten Wahlversammlungen. Lali und ich und
auch noch einige Mitarbeiter besuchten möglichst viele
205
Gründungsversammlungen. Mit Lali war ich jeden Tag in
mindestens einer Zelle. Es gab viele Fragen zu beantworten
und es war schon ein Erlebnis, die Begeisterungsfähigkeit
der Futuraner zu beobachten. Glaube mir, die Tage waren
sehr anstrengend, zumal man mir auch die Gelegenheit ge-
geben hatte, mich intensiv mit der Medizin der Futuraner
zu befassen.
Viele Zellen waren inzwischen auf zwanzig und mehr
Mitglieder angewachsen, so dass gleich bei der Gründung
eine Teilung erfolgte. Von einigen Listenältesten hörten wir
nichts. Deshalb mussten wir sie aufsuchen. Sie hatten Pro-
bleme bei der Ansetzung der Versammlungstermine, meist
wegen der Schichtarbeit einiger Kandidaten.
Als wir abflogen, hatte der Rat des Instituts über 30 Pro-
tokolle vorliegen und muss nun, entgegen den sonst üblichen
Regeln, gewissermaßen von oben jeweils drei bis fünf Zellen
zusammenführen, deren Zellvorstände dann einen Vorstand
des Zellverbandes, also der zweiten Ebene, wählen.”
“Ist das alles nicht recht bedenklich”, wandte ich ein. “Da
kommen doch Vorstände zustande, obwohl sich die Mitglie-
der der Zelle, bzw. die Zellvorstände der ersten Ebene noch
gar nicht richtig kennen.”
“Das waren auch die Bedenken mancher Versammlungs-
teilnehmer. Aber es würde einfach zu lange dauern, bis man
die über 300 bereits zum Eintritt bereiten Kandidaten organi-
satorisch erfasst hätte, wenn man in den gewohnten Trippel-
schritten vorginge. So nimmt man in Kauf, dass die Auswahl
der Vorstände vorerst nicht optimal ist, aber es existiert erst
einmal in kürzester Zeit eine Grundstruktur. Es ist vorgese-
hen, binnen eines Vierteljahres neue Wahlen durchzuführen.

206
Bis dahin kennt man sich dann schon besser. Dieses System
integriert geradezu einen ständigen Ausleseprozess.”
“Sag mal, wenn einer aus dem Zellvorstand in einen höhe-
ren Vorstand gewählt wird, sitzt er dann in zwei Vorständen?”
“Nein, nur im höheren Vorstand.”
“Und die Zelle wählt einen Mann oder eine Frau in ihren
eigenen Vorstand nach?”
“Nein, es gibt eine Neuwahl aller drei Vorstandsmitglie-
der. Dabei kandidiert das in den Vorstand des Zellverbandes
gewählte Mitglied nicht mehr.”
“Jeder bleibt also Mitglied seiner Zelle, auch wenn er in
den Vorstand der Stadt oder gar des Landes gewählt wurde?”
“Aber das weißt du doch! Denke nur an Herrn Ralato aus
unserer Zelle. Der sitzt im Gemeindevorstand, also in der
vierten Ebene, bleibt aber Mitglied unserer Zelle.”
“Stimmt! Aber was wird eigentlich aus ihm, wenn er
einmal nicht mehr in den Gemeindevorstand gewählt wird?”
“Dann verschwindet er nicht gleich in der Versenkung,
wie meistens bei uns auf der Erde, sondern geht lediglich
in seinen Vorstand der Teilgemeinde, also die dritte Ebene,
bis zur nächsten Wahl zurück. Dabei verdrängt er allerdings
einen von dort in die zweite Ebene. Aus diesem Vorstand
wiederum steigt einer in seine Herkunftszelle ab. Man sagte
mir, dass solche Rückstufungen oft Neuwahlen auslösen.”
Ich fand das recht kompliziert, doch irgendwie ermög-
lichte dieses System, dass einer, der in hohen Funktionen
den Anforderungen nicht genügte, seine Fähigkeiten auf
einer niederen Ebene voll zur Geltung bringen konnte. Auf
der Erde betrachteten wir zwar Beförderungen wegen guter
Leistungen als etwas Normales. Eine Zurückstufung dage-
gen, etwa weil ein anderer sich für eine bestimmte Tätigkeit
207
geeigneter erwies, wurde nicht als etwas Normales, sondern
als kränkende Zurücksetzung empfunden.
“Bist du denn in einen Vorstand gewählt worden?”, fragte
ich Maria. Sie hatte sich aber auf Empfehlung von Lali zu-
rückgehalten und war der Partei nicht beigetreten.
“Wir fallen nun einmal etwas aus dem Rahmen und
werden uns gerade ohne parteiliche Einbindung stärker für
die Partei einsetzen können. Wir wären wegen unserer feh-
lenden Lebenserfahrung auf Futuras als Vorsitzender eines
Parteivorstandes einer Gemeinde sicherlich völlig fehl am
Platze. Aber als Redner in einer Versammlung oder als Ge-
sprächspartner sind wir sehr begehrt und können mit hoher
Wirksamkeit für die Partei arbeiten.”
Mir kam noch eine Frage in den Sinn: “Was macht eigent-
lich ein Interessent der neuen Partei, wenn er schon Mitglied
einer anderen Partei ist?”
“Er tritt einfach ein. Die Gesetze gestatten hier die
Mitgliedschaft in mehreren Parteien, soweit sich die Inter-
essen dieser Parteien nicht entgegenstehen. Man kann also
durchaus noch etwa in der Partei für die Abschaffung des
Bildungsgeldes oder in der Bekleidungspartei sein. Nicht
aber in einer Partei ‘Gegen die Verbindung mit der Erde’,
falls es so eine Partei geben sollte.”
Ich beneidete Maria um den großen Kenntnisvorsprung,
den sie mir gegenüber in dieser einen Woche erworben hat-
te, in der ich mich um das Bildungswesen bemühen durfte.
Plötzlich entdeckte Maria das Pflaster an meiner Hand. Sie
hatte von Lali bereits die ganze Geschichte erfahren.
“Wenn ich dich einmal alleine lasse! Aber ich hätte bisher
auch nicht helfen können. Nun aber kann ich es und hoffe,

208
dass ich immer in deiner Nähe bin, wenn du wieder Dumm-
heiten machst.”
“Das hoffe ich auch, Maria. Die eine Woche Alleinsein
wird sich hoffentlich so schnell nicht wiederholen. Oder
musst du noch einmal ins Institut?”
“Leider ja. In der übernächsten Woche. Bis dahin wird
wohl der erste Ansturm auf die Partei abgeebbt sein und die
Organisation in ihren Grundzügen stehen.”
“Da braucht man dich doch noch nicht als Propagandisten.
Die Partei tritt doch erst später an die Öffentlichkeit.”
“Meine medizinische Ausbildung ist aber noch nicht
abgeschlossen. Ach! Weshalb versuche ich eigentlich, die
Notwendigkeit unserer Trennung zu begründen? Ich hatte
Lali gebeten, uns beide ans Institut zu holen. Statt einer
Antwort hat sie mir die Geschichte von Meta erzählt. Ich
glaube, ich habe sie richtig verstanden. Man möchte wohl
gern, dass du eine Zeit lang alleine in unserer Wohnung
bist.” Und nach einem tiefen Atemholen fuhr sie fort: “Wir
zwei gehören fest zusammen. Das habe ich ganz besonders
während der Trennung empfunden. Daran ändert auch die
Sache mit Meta nichts.”
“Jetzt redest selbst du so, als ob alles schon eine beschlos-
sene Sache wäre.”
“Beschließen könnt letztlich nur ihr beide das, aber es gibt
so wenig Argumente dagegen. Meine Liebe zu dir ist jeden-
falls stark genug, dass ich über jede Eifersucht erhaben bin.”
“Dessen bin ich mir absolut sicher. Hätten wir sonst so
wunderschöne Stunden mit Lali erleben können?”
Nun lag die Entscheidung wirklich nur noch bei Meta
und mir. Ich war glücklich über die verständnisvolle Haltung
von Maria. Im richtigen Moment fiel mir ein, dass ich das
209
Geschenk gekauft hatte. Ich holte die Schultertasche und gab
sie Maria mit den feierlichen Worten: “Meiner lieben Frau.”
Wir hielten uns an den Händen, gaben uns einen so ernsten
Kuss, als ob es auf dem Standesamt wäre. Spätestens jetzt
war aus unserer zufälligen Schicksalsgemeinschaft ein Bund
fürs Leben geworden, den nichts, aber auch gar nichts mehr
trennen konnte.
Mit dem Geschenk hatte ich einen Volltreffer gelandet.
Maria fand freudige Dankesworte. Dennoch blieb die Tasche
bald unbeachtet auf einem Stuhl liegen, da es uns unwider-
stehlich in mein Schlafzimmer zog, um nach dem ‘standes-
amtlichen’ Akt auch die Hochzeitsnacht zu vollziehen.

Fahrradreifen in Sicht

Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt landete der


Chefkonstrukteur, Herr Fakeno, mit einem für zwei
Personen viel zu großen Fluggleiter, um mit mir ins Werk für
Kunststoffe zu fliegen. Er strahlte mich bei der Begrüßung
wie ein Schuljunge an, der erfolgreich Äpfel gestohlen
hatte. Lange konnte er mit dem Grund dafür nicht hinterm
Berge halten. Auch er hatte im Fernsehen den Sturz unseres
lieben Herrn Kataro gesehen. So etwas hatte ich seit damals
schon befürchtet, denn das konnte meinem Vorhaben nur
abträglich sein.
“Unterstützen Sie mich trotzdem noch bei der Fertigstel-
lung des Fahrrades?”, fragte ich.
“Natürlich, aber solange es nicht richtig rollt, darf sich
keiner mehr draufsetzen. Ich habe Ihr schweres Modell gleich
danach sicher weggeschlossen.”

210
“Gleich danach?”, erkundigte ich mich skeptisch. “Wo-
nach denn?”
Herr Fakeno wurde verlegen. “Ich darf es Ihnen eigent-
lich nicht erzählen, aber Sie werden es sicher im Interesse
unserer Sache für sich behalten. Als wir neulich mit dem
Gerät in Orisulom ankamen, wollte Herr Sikato trotz Ihrer
Warnung unbedingt das Rad benutzen. Natürlich habe ich
versucht, ihn davon abzuhalten. Als Ingenieur konnte ich mir
gut vorstellen, dass erst bei einer gewissen Geschwindigkeit
eine Stabilisierung eintritt, während beim Start und beim
Anhalten kritische Situationen bestehen, die nur mit einiger
Übung beherrscht werden können. Was dann geschah, haben
sie mit dem ersten Mann seines Ministeriums erlebt. Nun
liegt Herr Sikato mit einem Schlüsselbeinbruch zu Hause.”
“Oh Gott, das tut mir aber leid. Können wir ihm einen
kurzen Besuch abstatten?”
“Auf keinen Fall. Er wäre mir sehr böse, wenn er wüsste,
dass ich geplaudert habe. Sie müssen das doch verstehen.”
Ich sah es ein und versprach, die Angelegenheit für mich
zu behalten.
Mich wunderte, dass Herr Fakeno nicht am Steuerpult
blieb, der Gleiter aber bei einer Begegnung mit einem an-
deren selbständig eine Kurskorrektur vornahm.
“Das ist ein Radargleiter, wie er vom Betrieb nachts zur
Beförderung der Schichtarbeiter eingesetzt wird. Bei Dun-
kelheit ist die visuelle Erkennbarkeit von Kollisionsobjekten
recht schwierig. Da dürfen nur Radargleiter aufsteigen, die
jedem erfassten anderen Gleiter automatisch ausweichen.
Radargleiter fliegen auch bedeutend schneller, fast Schall-
geschwindigkeit, und auch höher als die einfachen Perso-

211
nengleiter. Ich habe den Radargleiter genommen, um weniger
Zeit zu verlieren.“

Eine Frau Palita, Studienkollegin meines Begleiters, war


Betriebsvorstandsmitglied im Werk Orisulite. Sie zeigte
uns zuerst die Hauptproduktion des Betriebes, Kunstholz.
Der Ausgangsrohstoff kam in gekörnter Form aus einem
Chemiewerk, wurde in großen Kesseln erhitzt und als
dickflüssige Masse durch Rohrleitungen in Behälter geleitet,
in denen der Flüssigkeit schaumbildende Blähstoffe
zugeführt wurden. Der sich langsam abkühlende, aber
noch formbare Schaum wurde dann in einem dicken Fluss
auf eine Art Walzstraße geleitet. Am Ende der Strecke
war er kaum noch einen Meter hoch und breit. Etwa zehn
Meter lange erstarrte Blöcke wurden abgetrennt und in ein
Wasserbecken geworfen. Diese Blöcke waren wesentlich
leichter als Holz. Sie wurden in großen Hallen in gängige
Abmessungen zerschnitten und als Dämmstoff verkauft. Ich
war stark beeindruckt, aber das Beeindruckendste stand uns
noch bevor.
Für die Kunstholzherstellung führte man einzelne der
noch warmen Zehn-Meter-Blöcke auf einer anderen, parallel
verlaufenden Walzstraße zurück. Zwischen schräg liegenden
Walzen wurden die kantigen Blöcke rasch abgerundet und
stark in die Länge gestreckt. Am Ende schossen sie mit hoher
Geschwindigkeit als runder Strang von kaum dreißig Zenti-
meter Durchmesser aus einer ringförmigen Öffnung. Dieser
Strang wurde sofort maschinell in Stücke unterschiedlicher
Länge geteilt, die seitwärts auf Stapel rollten. Frau Palita ließ
für uns eine kurze Scheibe von etwa zehn Zentimeter Länge
abschneiden. Das Material war inzwischen abgekühlt. Es
212
war deutlich schwerer als der Dämmstoff der ersten Verar-
beitungsstufe, aber immer noch leichter als Wasser.
Frau Palita erklärte nicht ohne Stolz: “Das Geheimnis
unserer Produktion besteht darin, dass es uns gelungen ist, die
anfangs runden, kaum einen Zentimeter großen Bläschen im
Schaumstoff so auszuwalzen, dass sie bis zu zwei Meter lange
faserartige Röhrchen bilden. Das gibt selbst dünnen Stangen,
die nur etwa das spezifische Gewicht von Holz haben, eine
Festigkeit, die Stahl gleichkommt. Kommen sie nur mit.”
Mir kamen wieder die brettartigen Segel in Maputo in
den Sinn und so war ich gespannt darauf, was Frau Palita
uns hier zeigen würde.
Sie führte uns in einen Raum, in dem unterschiedlich
starke Rundhölzer von etwa fünf Metern Länge in zirka
zwei Meter Höhe an beiden Seiten fest aufgelegt waren.
In der Mitte hingen schwere Gewichte an den Stangen, die
offenbar einer Dauerbelastung unterzogen wurden. Sie bat
uns, das Gewicht von einer etwa Besenstiel starken Stange
abzunehmen, was uns Männer bereits einige Mühe kostete.
Dann forderte sie mich auf zu testen, ob die Stange meinem
Körpergewicht standhalte. Ich hängte mich sehr vorsichtig
mit beiden Händen daran. Die Stange fasste sich an wie
normales Holz und bog sich auch ein wenig durch. Aber
auch als ich mutig begann kräftig zu wippen, federte sie nur
leicht und brach selbst dann nicht durch, als ich versuchte,
dies mit aller Kraft zu erreichen.
“Alle Achtung!”, konnte ich nur anerkennend feststel-
len. Nur war dieses hervorragende Material leider nicht für
Fahrradreifen geeignet.
Als hätte Frau Palita meine Gedanken erraten, fuhr sie
in ihrer Führung fort: “Ich hoffe, Sie haben am Beispiel
213
Kunstholz das Prinzip der zu langen Fasern ausgewalzten
Bläschen verstanden. Nun stellen Sie sich bitte vor, dass wir
statt des steifen Kunststoffes einen elastischen verwenden. So
erhalten wir ähnliche Stangen, die zwar nicht steif sind, aber
eben elastisch und vor allem hochgradig zug- und reißfest.
Kommen Sie bitte mit in den Nebenraum.”
Dieser Raum war wesentlich höher. Hier waren die Test-
stangen unterschiedlichen Durchmessers nicht nur links und
rechts aufgelegt, sondern in etwa fünf Meter Höhe an beiden
Seiten festgeklemmt. Auch an diesen Materialproben befan-
den sich Gewichte, die stark nach unten durchhingen. Der
Querschnitt der Stangen mochte sich dabei etwas verringert
haben, nirgends jedoch konnte ich auch nur geringe Risse
erkennen.
Herr Fakeno hatte offenbar bereits eine Vorstellung von
den Fahrradreifen. Er hob ein auf dem Boden liegendes Gum-
mistück von der Stärke einer Salamiwurst auf, prüfte es von
allen Seiten und fragte dann: “Kann man die beiden Enden
so eines Stückes zu einem Ring zusammenschweißen?”
“Man kann schon”, sagte Frau Palita, “aber an der Stelle
ist dann die langfaserige Struktur zerstört und keine große
Haltbarkeit gegeben.”
Herr Fakeno warf enttäuscht das Stück wieder weg. Auch
ich war mir eigentlich sicher, dass dieses Material wegen
seiner Dehnbarkeit für Reifen nicht in Frage kam.
“Nun guck nicht so traurig”, lächelte Frau Palita ihren
Studienfreund an. “Wir machen gerade daraus die Lande-
rollen für die Laster.”
Wir waren beide recht skeptisch, als wir in die Produkti-
onshalle der Elaste geführt wurden. In einer Ecke der Halle,
am Ende einer Walzstraße, ähnlich denen, die wir schon
214
kannten, lagen eine große Anzahl metallene Felgen, jede
mit über einem Meter Durchmesser. Zur Zeit lief hier keine
Produktion, aber Frau Palita veranlasste, dass eine dieser Fel-
gen waagerecht in eine rundliche Maschine eingelegt wurde.
Danach leitete man das Ende eines noch warmen dünnen
Elastestranges von der Walzstraße herüber und legte es an
der Felge an, die zu rotieren begann. Der Strang wickelte
sich ungefähr dreißig Mal um die Felge bis der vorhandene
Raum völlig ausgefüllt war. Nach dem Abtrennen des Stran-
ges klappte ein Deckel über die Felge und ein bereits vorher
eingefülltes Material wurde wie bei einer Vulkanisierung auf
den Elastesträngen festgebacken. Als nach einiger Zeit der
Deckel geöffnet werden konnte, wurde der fertige Reifen,
fest mit der Felge verbunden, herausgehoben. Ein Riesending
nun, fast zwei Meter hoch, außen mit einer hartgummiartigen
Laufschicht versehen.
Herr Fakeno und ich schauten uns kurz freudig erregt an.
Das musste es sein! Nur viel kleiner. Unsere Führerin zeigte
uns in einem Lager andere Räder. Das kleinste jedoch hatte
noch die Größe irdischer Traktorenreifen.
Wir gingen zu dritt in die Kantine zum Mittagessen. Mei-
ne beiden Ingenieure berieten lange über die Machbarkeit
eines viel dünneren Reifens. Das Hauptproblem schien das
Auswalzen sehr dünner Elastestränge zu sein. Herr Fakeno
wollte schnellstens für einige Musterfelgen sorgen. Ich war
neugierig, ob auch die Vollplastik-Reifen eine ausreichende
Federung bieten würden. Von erheblichem Vorteil schien
mir der Wegfall jeglicher Reifenpannen mit der leidigen
Flickerei zu sein.
Auf dem Rückflug besprachen wir noch einige andere Pro-
bleme. Die Kette brauchte einen Spanner, eine Felgenbremse
215
fürs Vorderrad war nötig. Für einen späteren Entwicklungs-
schritt wurde eine Gangschaltung angedacht. Schließlich
brauchte man auch eine Beleuchtung. Meine Beschreibung
eines Fahrraddynamos schien Herrn Fakeno zu belustigen:
“Warum verwenden sie in der Lampe keine Batterie?”
“Das wird zum Teil gemacht, ist aber ziemlich teuer und
hält nicht allzu lange.”
Mein Partner schüttelte den Kopf. “Das kleine Ding kostet
doch keinen Eku und hält ein Leben lang.”
Ich war sprachlos. Herr Fakeno öffnete am Steuerteil des
Gleiters eine Klappe. Ein fingerhutgroßes Teilchen darin war
der Energiespender für die Steuerung und die Radaranlage.
Meine Gedanken gingen zur Erde, zu den Konstrukteuren
von Elektroautos. Was würden die dafür geben, wenn man
die benötigten großen Energien in Batterien von wenigen
Gramm Gewicht, statt in den zentnerschweren Ackumula-
toren speichern könnte!
Welche gewaltigen Fortschritte auf technischem, aber
auch politischem Gebiet konnte man erreichen, wenn es
einmal zu einem friedlichen Austausch von Kenntnissen,
Fähigkeiten und Erfahrungen zwischen den beiden Welten
kommen würde!

Über Kunst und Literatur

Als ich zurücckam saß Maria noch mit Frau Kira, der
Sprachlehrerin, in unserem Wohnzimmer. Man wollte in
meiner Abwesenheit keinen neuen Lehrstoff in Angriff
nehmen. So hatte man sich gewissermaßen zur Unterhaltung
mit futuranischer Lyrik beschäftigt. Zu meiner Überraschung
trug Maria ein kleines Gedicht vor, das sie ohne Mühe
216
auswendig gelernt hatte, weil es in Versmaß und Sprache
fließend und eingängig war. Inhaltlich war es nur ein naiver
Hymnus an die abendliche Natur, aber der Wohlklang der
so vokalreichen Sprache wurde, in Verse gesetzt, besonders
spürbar. Meine Frage nach den größten Dichtern und
Schriftstellern des Planeten gab Frau Kira zu meinem
Erstaunen an Maria weiter.
“Darüber haben wir gerade gesprochen. Du wirst es kaum
glauben, es gibt keine oder besser, es gibt unzählige. Schon
allein deine Fragestellung ist hier nicht üblich. Jeder, der
seinen Mitmenschen etwas zu sagen hat und es in gefälliger
Form tun kann, tut es auch. Überall gibt es in den Kom-
munen oder Kreisen Zirkel und Arbeitsgemeinschaften, in
denen das Dichten und Schreiben gefördert wird, allerdings
nicht als Beruf, sondern als Laienschaffen, als Volkskunst.
Das Verlegen und Drucken ist kein Problem. Auch Maler,
Bildhauer, Musiker und Schauspieler sind meist Amateure.
Nur relativ wenige haben sich ganz ihrer Kunst gewidmet
und betreiben sie als Beruf.”
Ich konnte mir gut vorstellen, dass bei dem weit ver-
breiteten Sechsstundentag viel Zeit für eine künstlerische
Betätigung aller daran Interessierten blieb. Bei einer so
großen Vielfalt in der Laienkunst war es sicher schwierig,
zu so herausragenden Leistungen zu gelangen, dass eine
entsprechende berufliche Selbständigkeit möglich wurde.
Frau Kira bestätigte meine Überlegungen. Berufsmäßige
Künstler seien insbesondere im Bereich der Architektur, der
großen Theater und Orchester, des industriellen Designs und
bestimmter Unterhaltungskünste tätig. Doch auch in diesen
Bereichen wirkten überwiegend Amateure mit. Man wäre auf
Futuras der Auffassung, eine eigene künstlerische Betätigung
217
wäre für die Entwicklung der Persönlichkeit wichtiger als der
passive Genuss professioneller Leistungen anderer.
Vielleicht hatte Frau Kira das etwas krass dargestellt.
Unseren irdischen Vorstellungen und Erfahrungen entsprach
dies jedenfalls nicht. Aber wir waren hier nicht auf der Erde.
Und was hinderte uns eigentlich daran, den auf der Erde
geltenden Maßstab vorsichtig und wohlüberlegt in Zweifel
zu stellen?
Maria mochte ähnliche Gedanken haben. Sie wandte sich
an Frau Kira: “Wissen sie, das erscheint uns etwas fremd. Auf
der Erde sind die Anstöße zu künstlerischer Selbstbetätigung
relativ spärlich, ich glaube sogar rückläufig.” Und mit einem
Blick zu mir: “Denk nur an die Hausmusik! Mir fällt da
eine Parallele ein: Im Sport gilt der Grundsatz, jede eigene
sportliche Aktivität ist mehr wert als ein noch so häufiges
Zuschauen. Aber wie viele eifrige Fans gehen jeder eigenen
Anstrengung beharrlich aus dem Wege?”
Meine Gedanken waren noch bei dem so ansprechenden
kleinen Gedicht, das Maria vorgetragen hatte. Sollte es unter
der Vielzahl von Dichtern und Schreibern wirklich keinen
Shakespeare, keinen Puschkin, keinen Goethe geben? Ich
griff meine alte Frage noch einmal auf. Frau Kira hatte wohl
schon im Verlaufe des Tages Mühe gehabt, Maria von der Su-
che nach Dichterfürsten abzubringen. Nun versuchte sie mich
mit einem Vergleich zu überzeugen: “Mit den Schreibern ist
es wie mit den Malern. Vielen Malern liegt eine gewichtige
Aussage am Herzen, aber ihnen fehlen die handwerklichen
Fähigkeiten dazu. Andere haben Talent und das notwendige
Können, nur haben sie ihrer Umwelt nichts mitzuteilen.
Andere klecksen den Mitmenschen unverständliche sub-
jektive Emotionen auf die Leinwand. Dann entsteht nur ein
218
aussageloser bunter Fleck an der Zimmerwand, bestenfalls
vielleicht eine hübsche Ergänzung zum Tapetenmuster. Unter
tausend Bildern gibt es nur wenige, die in gekonnter Manier
eine verständliche Aussage des Künstlers bringen, die auch
für den Betrachter von gewichtiger Bedeutung ist.
Die Aussage eines Bildes fixiert aber stets nur einen ein-
zigen Augenblick. Selbst eine zeitlose Aussage bezieht sich
nur auf einen Aspekt. Jedes Schreibwerk dagegen wird sich
immer auf Vorgänge eines längeren Zeitraumes und auf eine
Vielfalt von Aspekten und Problemen beziehen. Brennt einem
Schreiber ein umfassender Komplex gewichtiger Aussagen
auf dem Herzen und meistert er dies auch sprachlich, so kann
ihm ein Kunstwerk von gewisser Dauer und Wirkung auf
einen Kreis von Lesern gelungen sein, denen die gleichen
Probleme auf der Seele brennen. Aber welcher Poet wird
schon von einem zweiten oder dritten die Umwelt ebenso
bewegenden Komplex innerlich so aufgewühlt, dass es ihm
gelingt, ein weiteres Meisterwerk zu schreiben? Oft genug
lebt das zweite Werk eines erfolgreichen Schriftstellers nur
vom Erfolg des ersten. Oft genug auch verschleudert ein
guter Schreiber seine zauberhafte Sprache nur noch an Be-
langlosigkeiten. Jedenfalls kennen wir auf Futuras eine große
Zahl hervorragender Bücher, aber kaum einmal stammen
zwei davon aus derselben Feder. Deshalb hat Maria schon
recht, wenn sie sagt, entweder haben wir keinen großen
Schriftsteller oder eben viele.”
Mir erschien diese Behauptung zumindest übersteigert.
Mag sein, dass hierbei auch eine vernünftige geistige Einstel-
lung eine Rolle spielte, jeden Kult um einzelne Personen zu
vermeiden, der leider auf der Erde oftmals wichtiger bei der
Verehrung großer Meister war, als eine sachliche Einschät-
219
zung ihrer Leistungen. Man musste sich nur einmal die Liste
der Literatur-Nobelpreis-Träger der vergangenen zwanzig
Jahre anschauen und man staunte, wer von ihnen bereits nach
kurzer Zeit vergessen oder nur noch den Experten in Erin-
nerung war. Wie viele hochgepriesene Werke verloren allein
durch eine Veränderung des Regierungssystems eines Staates
völlig ihre Bedeutung. Das mochte für Futuras sicher nicht
gelten. Hier war aber wahrscheinlich, dass es bei der Vielzahl
guter Autoren besonders schwer war, sich durch mehrere
herausragende Werke auszuzeichnen. Da die Schriftstellerei
wohl auch kein besonders lukratives Geschäft war, und eine
staatliche Förderung des professionellen Schreibens fehlte,
würde es dem einzelnen Schreiber neben seiner beruflichen
Arbeit auch zeitlich kaum möglich sein, mehr als ein Buch,
höchstens aber einige wenige zu verfassen.
Maria hatte von Frau Kira einen Zettel mit nach ihrer
Meinung ausgezeichneten Büchern bekommen und die
feste Absicht, sie zu beschaffen und, sobald es unsere Zeit
erlaubte, auch zu lesen.

Die Woche mit dem Sprachunterricht verging stets wie


im Fluge. Es machte Spaß, mit Frau Kira zu lernen. Sie
brachte immer neue, gegenwartsbezogene Themen ein,
die uns ansprachen und zu dem, für den Erwerb von
Sprachkenntnissen nun einmal unverzichtbaren Fleiß
motivierten. Schließlich waren wir soweit, dass wir
sogar Wortspielereien und sprachliche Zweideutigkeiten
verstanden. Nur an unserer Aussprache und Betonung setzte
sie immer wieder helfende Kritik an.

Eine Sportveranstaltung
220
Am Wochenende kam Lali wieder. Wir bestürmten sie
sofort mit Fragen nach dem Stand der Parteigründung.
Sie berichtete, dass noch immer ein großer Andrang von
Interessierten erfolge und die ersten Zellen in anderen
Staaten unseres Kontinents bereits gegründet worden seien.
Das Fernsehen und die Zeitungen ließen sich nicht länger
bremsen. So musste bereits früher als beabsichtigt die
Registrierung wenigstens in unserem Staate Ot beantragt
werden, damit die Partei an die Öffentlichkeit gehen konnte.
Es gab einige Proteste gegen die administrative Bildung
von Zellverbänden, weil einige Zellen lieber mit anderen
zusammengehen wollten. Man hatte in allen Fällen nach-
gegeben, auch wenn dadurch das Prinzip der territorialen
Gemeinsamkeit unberücksichtigt blieb. Einige Vorstände der
Zellverbände waren bereits gewählt worden, so dass in den
betroffenen Zellen nach kurzer Zeit Neuwahlen durchgeführt
werden mussten. Auf Maria wartete in der kommenden Wo-
che wieder ein harter Einsatz.
Ich hatte es aufgegeben zu bitten, mitarbeiten zu dürfen,
um mir nicht erneut eine Absage einzuhandeln. Aber immer-
hin bat mich Lali, eine Fernsehansprache auszuarbeiten, die
zu gegebener Zeit für die Partei werben sollte.
Das Wetter war inzwischen merklich kühler geworden, zu
kühl, um noch in unser Strandbad schwimmen zu gehen. So
schlug ich vor, einen Spaziergang in den unteren Teil unserer
Siedlung, den wir noch nicht kannten, zu machen. Meta und
ihr Mann schlossen sich uns an. Wir waren guter Laune und
froh, die vielen Probleme etwas beiseite schieben zu können.
Die Häuser standen im unteren Ortsteil etwas dichter. Es
häuften sich größere zweistöckige und einige dreistöckige
Mehrfamilienhäuser. Ein Lebensmittelmarkt und ein kleines
221
Warenhaus, die wir als einzige Handelseinrichtungen sahen,
waren geschlossen. Auf der einen Seite eines zentralen Plat-
zes mit reizvollen Wasserspielen war ein Feuerwehrhaus mit
mehreren knallig lackierten Spezialgleitern, ein Ärztehaus
und ein einzelnes Gebäude mit dem Schriftzug ‘Gemein-
devorstand’. Hier also hatte Herr Ralato aus unserer Zelle
als Vorstandsmitglied in der vierten Ebene seinen Sitz. Wir
wollten ihn gern sprechen, aber man sagte uns, er sei zum
Sportfest im Stadion.
Meto schlug deshalb vor, zum Sportplatz zu gehen und
alle stimmten zu. Wir hatten ein ordentliches Stück Weg
vor uns. Das Bächlein, das unseren Weg mehrmals kreuzte,
bildete schließlich einen kleinen Stausee, der als Schwimm-
bad und Gondelteich genutzt wurde. Die untere Seite des
aufgeschütteten Staudamms war gleichzeitig die Tribüne
des anschließenden Sportfeldes. Auf dieser Tribüne saßen
etwa 200 Erwachsene und auf dem Platz tummelten sich
eine Menge Jugendlicher in Sportkleidung.
Wir trafen bald auf Herrn Ralato, der glücklicherweise
nicht mit der Organisation befasst war und für uns Zeit hatte,
da er erst bei der Siegerehrung gebraucht wurde. Er erklärte
uns bereitwillig die Veranstaltung: “Die dreizehn- bis fünf-
zehnjährigen Schüler der Hauptschule unserer Gemeinde
Otakalimer führen gerade jahrgangsweise ihre Gemeinde-
meisterschaften in der Leichtathletik durch. Es ist ein Fünf-
kampf, bestehend aus zwei Sprung-, zwei Lauf- und einer
Kraftdisziplin. Nach einem Punktesystem werden die Sieger
und die Reihenfolge aller Teilnehmer jedes Jahrgangs fest-
gestellt. Drüben an den Umkleidekabinen sind bereits Listen
mit den Leistungen des jüngsten Jahrgangs ausgehängt. Die
Mittelschüler haben nur einen Vierkampf, die Unterschüler
222
einen Dreikampf zu absolvieren. Heute Nachmittag folgt
als Höhepunkt der Siebenkampf der Neunzehnjährigen im
Einsatzjahr, getrennt nach Jungen und Mädchen, und an-
schließend die Freundschaftsstaffeln jeweils der drei Klassen
jeder Klassenstufe gegeneinander. Es laufen immer so viele
Jungen und Mädchen abwechselnd, wie in jeder der drei
Klassen mindestens aufgeboten werden können, also jeweils
für jeden Jahrgang eine möglichst hohe, aber immer gleiche
Anzahl für jede Klasse. Bei den Dreizehnjährigen läuft zum
Beispiel jede Klassenstufe mit neun Jungen und sieben
Mädchen. Jeder läuft eine Stadionrunde bis zum Wechsel
durch Abklatschen. Das bringt große Begeisterung bei den
Teilnehmern und bei den Zuschauern, meistens Eltern.”
Ich erkundigte mich, ob es auch Wettkämpfe für Erwach-
sene gab und war erstaunt, dass Jahrgangsmeisterschaften
nach dem gleichen Prinzip bis ins hohe Alter durchgeführt
wurden. Die Besten der heutigen Wettkämpfe wurden zu
den Mehrkampfmeisterschaften des Kreises entsandt. Für
Oberschüler und Berufsschüler sowie Studenten gab es auch
Landesmeisterschaften im Mehrkampf. Wer im Mehrkampf
auf Kreisebene gut abschnitt, also eine allgemein gute Kör-
perkonstitution besaß, konnte sich auch in Einzeldisziplinen
auf die Landesmeisterschaften seines Jahrgangs vorbereiten.
Wir schauten dem Treiben eine Zeit lang zu. Die Läufer
bestritten erst einen Sprint von etwa 120 Metern, später einen
Lauf über zwei Stadionrunden. Hoch- und Weitsprung hatten
kaum Abweichungen zu den entsprechenden Wettkämpfen
auf der Erde. Bei der Kraftübung warfen die Sportler eine
etwa zwei Kilogramm schwere Kugel mit einem Haltebügel
für beide Hände aus einer gebückten Haltung heraus nach

223
drei- oder viermaligem Pendeln zwischen den Beinen meh-
rere Meter nach vorne.
Da wir zu Mittag wieder zurück sein wollten, bedauer-
ten wir Herrn Ralato gegenüber, dass wir die interessanten
Kämpfe am Nachmittag nicht anschauen konnten. Wir
wünschten ihm noch einen erfolgreichen Tag und verab-
schiedeten uns.
Auf dem Heimweg erfuhren wir von Lali und Meto noch
einiges über andere Sportarten. Es wurde geschwommen,
gerudert und gesegelt. Man kannte das Turnen an Geräten
und zahlreiche Ballspiele. Lali, Meta und Meto waren fas-
sungslos, dass bei uns Sportler sich gegenseitig mit Fäusten
schlugen, sich im Ringkampf auf Matten wälzten, mit Säbeln
aufeinander eindroschen. Das seien doch Aufforderungen
zur Gewaltanwendung, Vorbereitungen zur Kriegsführung.
Wir wagten daraufhin nicht mehr, von Speerwerfen oder gar
Schießen zu sprechen. Es gab auf Futuras auch keine Sportart
mit dressierten Tieren, wie etwa Reiten, obwohl man Reittiere
kannte. Skilaufen und Schlittenfahren waren bekannte Ver-
gnügungen, die aber nicht als Wettbewerb ausgeübt wurden.
Es gab Geschicklichkeitsflüge mit handgesteuerten Gleitern,
was man aber wohl mehr als Schauveranstaltung betrachtete.

Das Fahrrad macht Fortschritte

Vor Lapas Gaststätte erwartete uns lieber Besuch. Herr Kilato,


unser kluger Begleiter aus dem Wirtschaftsministerium,
der sich so überraschend als Jugendfreund unserer Lali
herausgestellt hatte, und seine Frau. Er fiel Lali ebenso
stürmisch um den Hals wie damals und küsste sie in
Gegenwart seiner Frau, so dass ich das Gefühl hatte, er
224
wollte uns nur beweisen, dass seine Beziehung zu Lali keinen
Schatten auf seine Ehe geworfen hatte. Doch auch Lali und
Frau Kilata umarmten sich zärtlich, während ihr Mann Maria
ebenfalls mit einem Kuss bedachte. Wir Männer begrüßten
uns wie alte Freunde, während Maria und ich Frau Kilata
mit angemessener Zurückhaltung, aber herzlich die Hand
schüttelten.
Wir aßen in der Gaststube gemeinsam zu Mittag. Meta
und ihr Mann wollten sich bei der Begrüßung bescheiden
zurückziehen, doch ich hinderte sie daran, machte sie mit
den Kilats bekannt und nahm sie auch mit an den Esstisch.
Als Herr Kilato während der recht fröhlichen Unterhal-
tung mit Deutlichkeit durchblicken ließ, dass seine Frau über
alle Einzelheiten seines letzten Besuchs bei Lali informiert
war, schien mein anfängliches Gefühl sich zu bestätigen.
Frau Kilata schwieg dazu. Das Gespräch war ihr offenbar
nicht besonders angenehm und es reizte mich die Frage, wie
der sonst so souveräne Herr Kilato reagieren würde, wenn
seine Frau sich mit einem anderen Mann einließe. Dieser
Gedanke allein veranlasste mich, besonders aufgeschlossen
und freundlich zu Frau Kilata zu sein. Und siehe da, sie stieg
in das neckische Spiel ein, als ob es eine abgesprochene
Sache sei. Bald waren wir mitten im schönsten Flirt. Ich
hätte meine Umwelt vergessen, wenn mich nicht Maria bei
einem besonders gelungenen Kompliment recht heftig, aber
mit dem freundlichsten Lächeln der Welt, unter dem Tisch
gegen das Schienbein getreten hätte. Als ich sie betroffen
anschaute, ging ihr Blick kurz zu Meta, die sich leise mit
ihrem Mann unterhielt, als hätte sie das Geschehen am Tisch
nicht bemerkt. Ach ja! Da waren sie wieder, meine Pflich-
ten als einziger irdischer Spermienträger auf Futuras. Wie
225
verwünschte ich meine Männlichkeit, wenn sie nicht einmal
Herrn Kilato zu einem langem Gesicht verhelfen durfte, weil
seine Frau einem anderen Mann schöne Äuglein machte!
Maria hatte mich zwar gebremst, aber sie hätte mir gewiss
auch nicht verraten können, wie man sich aus einem einmal
begonnenen Flirt elegant wieder zurückziehen konnte. Doch
da kam wie bestellt der Wirt und rief mich ans Telefon. Ich
hätte auch Maria den Trick zugetraut, aber es war ein echter
Anruf. Bedauernd legte ich meine Hand auf die von Frau
Kilata und entschuldigte mich für ein paar Minuten, fest
entschlossen, nicht wieder an den Tisch zurückzukehren.
Der Anruf kam von Herrn Fakeno. Ein erstes Muster
des Fahrrades war fertig. Am liebsten wäre ich gleich hin-
geflogen, aber unser Gleiter war für die große Entfernung
zu langsam. So wollte Herr Fakeno mit seinem schnellen
Radargleiter noch heute kommen. Ich brauchte zwar keiner-
lei Vorbereitungen zu treffen, doch unter Berufung darauf
verabschiedete ich mich bedauernd und achselzuckend von
der Tischgesellschaft.
In unserer Wohnung kam ich mir recht verloren vor. Lan-
geweile hatte in meinem Leben bisher keinen besonderen
Platz eingenommen. Ich konnte stundenlang mit meinen
Gedanken spazieren gehen, ohne dass ein Gefühl des Unaus-
gefülltseins aufkam. Wenn ich aber warten musste, warten auf
ein zeitlich unbestimmtes Ereignis, dann konnte ich meine
Gedanken von dem Erwarteten nicht wegbringen. Doch das
Erwartete hatte meist so unbestimmte Konturen, dass den
Gedanken die reale Substanz fehlte. Trotzdem musste man
denken! Es ging gar nicht anders, solange ich nicht schlief.
Wer konnte aber schon schlafen, wenn er auf etwas wartete?
Also dachte man. Mal an dies, mal an jenes, mal im Kreis
226
herum. Und immer wieder der Blick zur Uhr, ohne dass
man dabei die Uhrzeit ins Bewusstsein aufnahm. Raucher
pflegten da zur Zigarette zu greifen. Nicht aus Sucht, eher
aus Langeweile. Oder aus Gewohnheit. Oder weil man nicht
recht wusste, wohin mit den untätigen Händen. Ob auf der
Erde immer noch geraucht wurde? Unwissende, die nichts
von der Schädlichkeit des Rauchens wussten, dürfte es wohl
kaum noch geben. Anscheinend kannte man hier das Rauchen
nicht. Wie würden sie reagieren, wenn ich ihnen Zigaretten
anbieten könnte? Ich konnte mir Lalis verständnisloses und
mitleidiges Gesicht gut vorstellen.
Aber für solche inhaltslosen Situationen gab es doch noch
das Fernsehen. Ich schaltete unsere Lichtwand ein, aber Fehl-
anzeige! Keiner der fünf Kanäle nahm mir das Denken ab.
Die weisen Vorstände ließen ihren Bürgern noch Zeit für das
Familienleben. Ich legte eine von Lalis Kassetten ein, ohne
eine bestimmte Wahl zu treffen und hatte einen Bericht über
die Urwaldtiere unseres südlichen Kontinents A herausge-
fischt. Da nisteten Vögel in fremdartigen Bäumen. Es waren
wirklich seltsame Wesen, unwirklich bunt, mit ungewohnten
Lauten. Man stelle sich einen Adler vor, mit Pfauenfedern
und dem Gesang der Nachtigall und dennoch hat man die
Unterschiedlichkeit zu unserer irdischen Vogelwelt noch
nicht erfasst. Aber gerade das Gemeinsame faszinierte mich.
Es waren Wirbeltiere wie unsere Vögel, mit Federn wie bei
uns, und sie legten Eier, aus denen ihre Jungen schlüpften.
Wie viele Parallelen gab es in den Evolutionen, die Lichtjahre
voneinander entfernt stattfanden!
Ich war gespannt, ob es im Urwald auch affenartige Tiere
gab, Vorläufer oder Fehlentwicklungen auf dem Wege zum
Menschen. Schließlich hatte uns Lali doch von den einäugi-
227
gen Riesen erzählt, die es auf Futuras einmal gegeben hatte
und die sich über verschiedene Zwischenstufen aus dem
Tierreich entwickelt haben mussten. Doch der Film zeigte
vorerst federlose Vögel mit fledermausartigen Flügeln großer
Spannweite, die sich räuberisch auf hundegroße kurzbeinige
Steppentiere stürzten.
In diesem Moment kam unsere Wirtin ins Zimmer und
teilte mir die Ankunft von Herrn Fakeno mit. Der wartete vor
dem Haus auf mich, bat mich in seinen großen Gleiter. Er
wollte vermeiden, dass wir mit dem Fahrrad gefilmt wurden
und schlug vor, dass wir einen einsamen Platz aufsuchten.
Nun kannte ich die Umgebung viel zu wenig. Aber ich nahm
an, dass um diese Zeit niemand mehr in der abgelegenen
Schlosserei war. Im Gleiter befand sich ein junger Mann,
den mir Herr Fakeno als einen seiner sportlichen Mitarbeiter
vorstellte. Ich erkundigte mich gleich, ob dieser das Radfah-
ren erlernen sollte. Beide bejahten lachend.
In der Schlosserei befand sich noch der Meister. Er war
allein und die beiden Konstrukteure waren einverstanden,
dass er bei der Erprobung dabei blieb, allerdings unter der
Versicherung, dass er keine Kamera holte und auch sonst
Stillschweigen bewahrte.
Das Rad hatte nur noch den Sattel mit dem handwerk-
lichen Stück aus der Werkstatt des Meisters gemein. Der
Rahmen war so zierlich, dass ich um die Stabilität besorgt
war, zumal mir die Reifen zu stark und auch zu schwer
erschienen. Die Räder mit Speichen zu konstruieren, wäre
nach Meinung der Konstrukteure zu aufwendig. So hatte
man Leichtmetallfelgen mit einer kreuzförmigen Verbindung
zur Nabe verwendet, die mir auch für die schweren Reifen
angemessen schienen. Die Hinterachse mit dem Freilauf
228
und dem Rücktritt hatte einen größeren Durchmesser als wir
es von der Erde gewohnt waren, doch ließ sich dies später
gewiss noch verändern.
Natürlich brannte ich darauf, selbst einige Runden zu
fahren. Der Start war leicht und unproblematisch. Als ich ge-
nügend Fahrt hatte, testete ich den Freilauf - keine Probleme!
Dann den Rücktritt. Sofort trat die Bremswirkung ein, schien
mir aber nicht stark genug. Ich half mit der Handbremse nach
und wäre fast kopfüber gestürzt, weil das Vorderrad sehr hart
abgebremst wurde. Sie löste sich aber beim Lockern des
Handgriffs sofort und einwandfrei. Ich stieg wieder fest in
die Pedale. Es trat sich sehr leicht und ich meinte, man könnte
für ein Rad ohne Gangschaltung die Übersetzung ruhig etwas
vergrößern. Aber alles in allem, war es Herrn Fakeno in der
kurzen Zeit gelungen, einen Riesenschritt voranzukommen.
Er freute sich über meine anerkennenden Worte.
Auch der Meister teilte meine Zweifel an der Stabilität des
Rahmens, aber so sehr er auch gegen Sattel, Tretlager und
Lenker drückte und schob, es zeigte sich nicht die geringste
Biegung. Ich merkte ihm an, dass auch er gern eine Runde
gefahren wäre und wollte dies gleich nutzen, Herrn Fakeno
von der Problemlosigkeit des Fahrenlernens zu überzeugen.
“Sehen sie, unser Meister hat ein einziges Mal bisher
einige wenige Runden auf dem schweren Modell gedreht.
Ich behaupte, wer das Fahren einmal gelernt hat, verlernt es
nicht mehr. Wollen wir einen Versuch machen?”
Alle waren neugierig genug, um einverstanden zu sein.
Der Meister stieg auf, trat aber ununterbrochen, wie er es
gelernt hatte und wurde dabei zu schnell. Als er merkte, dass
er die Kurve nicht mehr schaffen würde, fuhr er geradeaus
auf den Weg zum Wald.
229
Ich schrie ihm noch hinterher: “Aufhören mit Treten!”
Doch da hatte er schon selbst daran gedacht und benutzte
auch den Rücktritt bis er stand. Er stieg ab, drehte das Rad
in die entgegengesetzte Richtung und fuhr wieder zu uns zu-
rück. Er übergab strahlend das Rad Herrn Fakeno und ahnte
nicht, in welche unglückliche Situation er den Konstrukteur
damit gebracht hatte. Sollte er ängstlich das Rad seinem
jungen Kollegen übergeben oder den Sturz des Herrn Kataro
riskieren? Ich erlöste ihn aus seinem Hin-und-Hergerissen-
Sein, nahm das Rad noch einmal, setzte das linke Bein auf
das linke Pedal, stieß mich mit dem rechten Fuß mehrmals
ab und rollte so stehend die erste Runde. Dann zeigte ich,
wie ein geübter Fahrer das Bein über den Sattel schwingt
und so zum normalen Sitzen kommt.
Herr Fakeno hatte die Bedenkzeit gut genutzt: “Trauen
sie sich zu, mir das Fahren beizubringen?”, fragte er mich,
mutig geworden.
Für mich gab es nach den Erfahrungen mit dem Meister
eigentlich keinerlei Zweifel, zumal Herr Fakeno hoch mo-
tiviert sein musste. So schob ich ihn wacklig eine Runde
und noch eine zweite und musste feststellen, dass er sehr
ängstlich und verkrampft auf dem Sattel saß. Plötzlich trat
er den Rücktritt und sprang ab. Das Rad zwischen den Bei-
nen wollte er aufgeben. Das wäre gewiss das Ende meiner
Fahrradpläne gewesen. Also musste ich ihn bei seiner Ehre
packen und beinahe zwingen, wieder aufzusteigen und
weiterzumachen. Nach fünf oder sechs Runden musste ich
allerdings eine Verschnaufpause einlegen, die Herr Fakeno
zur erneuten Kapitulation benutzen wollte. Aber der Meister
übernahm meine Hilfestellung während der Fahrt und weiter
ging es. Dann löste der stämmige Ingenieur den Meister
230
ab. Natürlich hatte der nicht den Mut, seinen Vorgesetzten
loszulassen, obwohl es mir schien, als fahre er schon we-
sentlich sicherer. So löste ich den Ingenieur wieder ab. Nach
der ersten Runde behauptete ich, obwohl es nicht zutraf, ich
hätte das Rad bereits nicht mehr festgehalten. Herr Fakeno
erschrak, schlug einen Haken und wäre beinahe gestürzt.
Er fuhr aber tapfer weiter und ich ließ ihn nun wirklich los,
rannte aber noch eine Runde nebenher. Alles verlief gut. So
blieb ich stehen und auch als er mich sah, trat er unentwegt
in die Pedale. Allmählich entspannte sich sein verkrampftes
Gesicht. Nach einigen weiteren Runden trat er lässig den
Rücktritt und hielt bei uns an. Er war sicher der Glücklichste
von uns allen. Schließlich hatte er sich am meisten für das
Projekt engagiert.
Nachdem wir auch seinem Mitarbeiter zu der notwendigen
Fahrfähigkeit verholfen hatten, beanspruchte Herr Fakeno
erneut das Rad, um den Start ohne fremde Hilfe zu üben.
Es gelang. Danach bedankten wir uns bei dem hilfsbereiten
Meister und flogen das kurze Stück zurück, um in Lapas
Gaststube noch die verbesserungsfähigen Details zu beraten.
Als die künftigen Fahrradproduzenten abgeflogen waren,
ging ich zufrieden in unsere Wohnung. Die Kilats waren
längst auf dem Heimweg und auch Lali und Maria hatten
nur noch auf mich gewartet, um sich über die Ergebnisse
des Fahrradtests zu informieren und sich dann in aller Eile
von mir zu verabschieden. Der Schreck über das erneut
drohende Alleinsein schnürte mir die Kehle zu, so dass ich
keine passenden Worte fand. Auch den beiden Frauen ging
der Abschied nahe, und so fand keiner den Mut zu einem
ablenkenden Scherz oder einer anderen Belanglosigkeit, mit
denen derartige Beklemmungen gewöhnlich überspielt wur-
231
den. Wir machten es kurz: Eine innige Umarmung, ein Kuss
und ein flüchtiges Winken aus dem aufsteigenden Gleiter.

Bei Polizei und Kriminalgericht

Zeitiger als gewohnt ging ich ins Bett. Meine Gedanken


kreisten ums Fahrrad und unvermittelt wurde mir bewusst,
dass die Futuraner wohl auch den Roller, das Dreirad und
den Kinderwagen gar nicht kannten. Als Meta kam, um mir
endlich das letzte Pflaster von meiner Hand zu entfernen,
fragte ich sie gleich nach diesen Kinderfahrzeugen. Nach
einer umständlichen Erläuterung stellte sich heraus, dass
diese Dinge tatsächlich ebenso unbekannt waren wie das
Fahrrad. Kleine Kinder wurden getragen oder selbst über
kurze Strecken von wenigen hundert Metern mit dem Gleiter
befördert. Da taten sich wohl noch allerhand Perspektiven
für meinen Betätigungsdrang auf.
Doch ich sollte meine Gedanken vorerst nicht weiter-
führen können. Meta saß mit ihren großen guten Augen an
meinem Bett und sagte leise mit verblüffender Offenheit:
“Die nächsten Tage sind nach meinem Regelzyklus sehr
günstig für eine erfolgreiche Befruchtung.”
Mein Gehirn brauchte eine Weile, um Abschiedsstimmung
und Konstruktionspläne zu verdrängen, damit Platz für den
Gedanken an ‘eine erfolgreiche Befruchtung’ wurde. Meta
durfte nach allem eine positive Reaktion von mir erwarten. So
nahm ich endlich ihren Kopf in meine Hände, zog ihn zu mir
herunter und gab ihr einen Kuss auf ihre warmen Lippen. Zu
mehr als einem harmlosen Brüderlein-Schwesterlein-Kuss
konnte ich mich so rasch nicht entschließen.

232
“Meta, es war ein anstrengender Tag heute. Ich bin sehr
müde. Nehmen wir uns fest vor, morgen Abend ganz lieb
zueinander zu sein?”
Sie nickte einsichtig, gab mir ihrerseits einen Kuss auf
die Stirn, wie eine Mutter, die ihr Kind ins Bett bringt, und
ließ mich mit meinen Gedanken allein.
Ich hatte Zeit gewonnen, mich auf meine Aufgabe ein-
zustellen. Eine Aufgabe, zu deren Erfüllung ich mich längst
innerlich bereit gefunden hatte und die ich selber auch nicht
mehr länger vor mir herschieben wollte.
In der Hast des Abschieds hatte ich vergessen, mich bei
Lali zu erkundigen, was in der nächsten Woche für mich
geplant war. So wartete ich am nächsten Morgen mit der
absoluten Gewissheit, dass irgendeiner der ackuraten Futura-
ner mich nach dem Frühstück zur gewohnten Zeit zu einer
Exkursion oder einem Hospitieren abholen würde. So kam es
auch. Pünktlich senkte sich ein Gleiter auf die kleine Wiese
neben unserem Haus und wenig später entschwebte ein Herr
Rumiko vom Gebietsvorstand, also der neunten Ebene, mit
mir in unsere Nachbargemeinde Otokalimes, die gleichzeitig
das Zentrum unseres Gemeindeverbandes Otokalime, der
fünften Ebene, war.
Das Dorf mit einigen hundert Einwohnern hatte außer sei-
ner zentralen Lage anscheinend wenig Attraktives zu bieten.
Die Vorstände des Gemeindeverbandes und der Gemeinde
saßen gemeinsam mit ihren wenigen Angestellten in einem
stark strukturierten dreistöckigen Gebäude, das sich wie ei-
nes unserer irdischen Rathäuser vorteilhaft von den anderen
meist einfachen Zweckbauten abhob. Unser Ziel war aber
nicht einer der Vorstände, sondern die dem Vorstand des
Gemeindeverbandes nachgeordnete Polizeistation.
233
Herr Rumiko hatte mir bereits während unseres kurzen
Fluges mitgeteilt, dass derartige Stationen die unterste pro-
fessionelle Ebene der staatlichen Gewaltausübung seien.
Es gäbe zwar in den meisten Zellverbänden Hilfspolizisten,
die als Neunzehnjährige, während ihres Einsatzjahres eine
polizeiliche Ausbildung erfahren hätten, aber nur gelegent-
lich neben ihrem normalen Beruf zu polizeilichen Aufgaben
herangezogen würden.
Die Station war ein schmuckloser Flachbau auf der
gegenüberliegenden Seite des Platzes vor dem hübschen
Haus der Vorstände. Die wenigen Fenster waren vergittert.
Der Flur hinter der Haustür besaß eine weitere Tür, die
in einen Besucherraum führte, der im Gegensatz zu dem
bisherigen düsteren Eindruck des Gebäudes trotz einer fast
schulterhohen Barriere hell und freundlich wirkte. Als wir
eintraten, stand einer von zwei Männern auf und meldete
seinem Vorgesetzten, Herrn Rumiko, die Dienstbereitschaft
der Station Otokalime und dass es zur Zeit keine besonderen
Vorkommnisse gäbe. Beide Polizisten trugen normale Ge-
spinstanzüge in Grau. Ich konnte keinerlei Rangabzeichen,
Waffen oder überhaupt irgendeine Polizeikennzeichnung
erkennen, wie auch die Meldung in keiner Weise militärisch
zackig, sondern sehr zivil, fast formlos erfolgte und in eine
individuelle Begrüßung überging. Herr Rumiko fragte nach
dem Verbleib eines dritten Mannes. Der war gerade in unserer
Gemeinde Otokalimer, um mit den dortigen Hilfspolizisten
das gestrige Sportfest auszuwerten.
“Was könnte sich denn schon auf so einem Sportfest
ereignen, was ihr Interesse weckt?”, erkundigte ich mich.
Der Wachälteste klärte mich auf: “Der Wettkampfcha-
rakter des Sports führt zu einer gewissen Fanatisierung, die
234
gelegentlich zu Verstößen gegen das absolute Gewaltverbot
ausartet. Die Hilfspolizisten, alles ausgesucht kräftige junge
Männer, haben den Auftrag, bei sich entwickelnden Range-
leien sofort dazwischenzutreten. In schwereren Fällen, wenn
es etwa zu Tätlichkeiten zwischen Sportlern käme, könnte
es auch zu Festnahmen kommen.”
“Ist denn eine Prügelei zwischen Schülern etwa schon ein
schwerer Fall?”, fragte ich ein wenig ironisch.
“Natürlich”, kam prompt die Antwort, “man kann doch
nicht dulden, dass ein Bürger womöglich eine Körperver-
letzung davonträgt.”
“Eine Ohrfeige oder ein Nasenstüber ist doch noch keine
Straftat”, wandte ich zweifelnd ein.
“Doch, für uns ist dabei die Integrität eines Menschen
verletzt und das führt zur Bestrafung. Zur Abkühlung der
Gemüter erfolgt erst einmal eine Festnahme und eine Iso-
lierung für einige Minuten oder Stunden, falls es sinnvoll
ist auch bis zum nächsten Morgen. Spätestens dann jedoch
erfolgt die Freilassung. Die Namen und das beanstandete
Verhalten werden der Polizeistation gemeldet.”
Ich erfuhr, dass in ähnlich konsequenter Weise bei Trun-
kenheit in der Öffentlichkeit oder bei sexuellen Belästigun-
gen verfahren wurde. Ernstere Tatbestände wie Diebstahl,
Raub, Betrug oder gar Totschlag kamen äußerst selten vor.
Die Polizeistation entschied im Ergebnis der Untersuchung,
ob sie es bei einer Belehrung oder der kurzfristigen Festnah-
me beließ oder ob sie dem Vorstand des Gemeindeverbandes
einen Vorschlag für eine Geldstrafe unterbreitete, dem in den
meisten Fällen zugestimmt wurde. Die Geldstrafe wurde
dabei nie in einer bestimmten Summe festgelegt, sondern
in einem Prozentsatz des monatlichen Gesamteinkommens,
235
so dass Gebildetere, Ältere und sonstige Mehrverdienende
für das gleiche Vergehen härter bestraft wurden, weil man
von ihnen auch eine höhere soziale Verantwortung erwartete.
Fälle, die in ihrem Gewicht oder in ihrer Kompliziertheit die
Kompetenz der Polizeistation oder des Vorstandes des Ge-
meindeverbandes nach eigener Einschätzung überschritten,
wurden ebenso wie Beschwerden des Betroffenen an das
Polizeiamt des Kreises weitergeleitet.
Mich bewegte natürlich die Frage, was dann das Polizei-
amt tat. Aber Herr Rumiko vertröstete mich auf den Nach-
mittag. Dann würden wir ein solches Amt besuchen.
Vom Besucherraum gingen zwei Türen in den hinteren
Bereich. Die eine führte in die Sozialräume der Wache, die
andere in einen Bereitschaftsraum, in dem sich eine zweite
Schicht von Polizisten aufhielt. Da sie gerade einen Nacht-
dienst hinter sich hatten, schliefen sie fest, und wir gingen
leise an ihnen vorbei in einen weiteren Raum, der spärlich
möbliert als Arrestzelle diente, zur Zeit aber leer stand. Bisher
hatte ich keinerlei Bewaffnung gesehen. Deshalb erkundigte
ich mich- auch danach. Man führte mich erneut in den Sozi-
altrakt. Der Schichtleiter öffnete einen Schrank und schnallte
sich ein kleines längliches Kästchen um, kaum größer als
eine Fotokamera. Das Kästchen hatte einen Sucher und ein
Fadenkreuz als Zielmarkierung. Man erklärte mir, dass durch
einen Knopfdruck ein elektrischer Impuls ausgelöst würde,
der einen so getroffenen Menschen, je nach Entfernung für
einige Minuten bis zu einer Stunde bewusstlos machte. Ein
Körperschaden könne durch den Impuls nur entstehen, wenn
die Waffe im Notfall auf eine Entfernung von weniger als
drei Metern eingesetzt wurde. Der Besitz und erst recht die
Benutzung eines solchen Impulsgebers durch einen Nichtbe-
236
rechtigten würden sehr schwer bestraft und wären seit Jahren
nicht mehr vorgekommen.
Ich erfuhr weiterhin, dass zur Station noch eine dritte
Schicht gehörte, die aber gerade frei hatte. Bei Erkrankungen
und anderen Ausfällen wurden die Schichten durch Hilfs-
polizisten aufgefüllt. Im Einsatz trug jeder Polizist eine rote
Mütze, die allgemein respektiert wurde. An der Dienstmütze
waren auch Rangabzeichen angebracht.
Wir wünschten den Hütern der Ordnung noch viel Erfolg
und verabschiedeten uns.

Nach einem guten Mittagessen, zu dem mich Herr Rumiko


in eine gemütliche kleine Gaststube am zentralen Platz
eingeladen hatte, flogen wir zum Kreisamt der Polizei in die
Stadt Otokalim, der Hauptstadt unseres Kreises Otokali, also
der siebten Ebene.
Da man uns von der Polizeistation aus avisiert hatte,
überraschten wir niemanden. Viele Polizisten und Angestellte
erwarteten uns vor einem Gebäudekomplex und der Leiter
des Amtes begrüßte uns mit einer feierlich geschwollenen
Rede. Unter dem Beifall der Umstehenden überreichte er mir
einen Blumenstrauß, den ich nun wohl oder übel die ganze
Zeit mit mir herumtragen musste, da ich keine Gelegenheit
fand, ihn loszuwerden, ohne den guten Amtsleiter zu krän-
ken. In seinem Amtszimmer stand er uns schließlich zur
Verfügung und ich konnte meine Frage anbringen, was mit
den von der Polizeistation hereingereichten komplizierteren
Fällen geschah.
“Das ist sehr verschieden”, meinte der Amtsleiter, “wenn
es sich um Beschwerden gegen Maßnahmen der Polizeistati-
on handelt, überprüfen wir den Sachverhalt und entscheiden
selbst. Der Betroffene kann dann gegebenenfalls beim Kreis-
237
kriminalgericht klagen. Richtet sich die Beschwerde gegen
eine Entscheidung des Vorstandes des Gemeindeverbandes,
kann nur der Kreisvorstand diese Entscheidung ändern oder
gleichfalls an das Kreiskriminalgericht verweisen. War ein
Fall sehr bedeutsam oder recht kompliziert, sagen wir bei-
spielsweise eine Brandstiftung, so bearbeitet ihn natürlich die
Polizei allein und nicht ein Vorstand. In solchen Fällen erhält
unsere Abteilung Kriminalpolizei den Auftrag zur Ermittlung
und macht in Zusammenarbeit mit dem Staatsanwalt des
Kreises die Sache reif für das Gericht. In Fällen, in denen
wir mit den Ermittlungen nicht weiterkommen, stehen uns
die Spezialisten vom Polizeiamt des Gebietes ...”
“Meinem Amt also”, unterbrach Herr Rumiko, nicht ohne
sich einen gewissen Stolz anmerken zu lassen.
“... des Gebietes oder sogar des Landes zur Verfügung”,
vollendete der Amtsleiter seinen unterbrochenen Satz. Nach
einigen Beispielen hervorragender kriminalistischer Arbeit
seines Amtes, die mir aber keine neuen Erkenntnisse brach-
ten, bat ich um einen Besuch des Kriminalgerichtes, das sich
im gleichen Gebäudekomplex befand. Herr Rumiko sprach
einen älteren Richter an, der gerade keinen Prozess zu leiten
hatte und gern bereit war, sich mit uns zu unterhalten. Ich war
verwundert, dass im ganzen Polizei- und Kriminalbereich
das Grundprinzip der Gleichberechtigung der Geschlechter
offenbar aufgegeben war.
Der grauhaarige Richter lächelte: “Frauen sind gleichbe-
rechtigt, aber eben nicht gleich. Gewaltausübung entspricht
doch wohl mehr unseren männlichen Körpereigenschaften.”
“Aber Frauen könnten doch Richter oder Staatsanwälte
sein. Da brauchen sie doch keine körperliche Gewalt auszu-
üben”, hielt ich dagegen.
238
“Sie haben recht, wenn sie meinen, Urteile sprechen,
Ermittlungen leiten oder Leiter eines Amtes zu sein, das
könnten auch Frauen. Aber alle diese Posten sind mit Män-
nern besetzt, die am Anfang ihrer Laufbahn Polizisten wa-
ren. Erst wenn sie sich als Polizisten in ihren jungen Jahren
bewährt haben, werden sie in die Staatsanwaltschaft berufen
und absolvieren dabei ihr kriminaljuristisches Studium. Aus
dem Kreis der Staatsanwälte kommen später die Kriminal-
richter. Ein Einstieg auf halbem Wege, also ohne praktische
Erfahrungen im operativen Polizeidienst, wird allgemein
abgelehnt, so dass tatsächlich keine Frau Staatsanwalt oder
Kriminalrichter werden kann. Aber seien sie unbesorgt. Die
Kriminalgerichte sind stets mit drei Richtern besetzt, einem
Berufsrichter und zwei Laienrichtern, die von den Vorstän-
den zu uns delegiert werden. Einer der beiden Laienrichter
ist immer eine Frau, oft genug sind sogar beide Laienrichter
Frauen, deren Stimme beim Urteil das gleiche Gewicht hat,
wie das des professionellen Richters.”
“Das ist interessant und auch einleuchtend. Erlauben sie
noch eine ganz andere Frage. Gibt es für schwere Verbrechen
noch die Todesstrafe?”
Er schaute mich etwas unsicher an und fragte zurück:
“Weshalb sagen sie ‘noch’?”
“Auf der Erde ist von den meisten Staaten das Todesurteil
als inhuman abgeschafft.” “Wie schützt man die anderen
Menschen vor einem Täter, der wiederholt und aus niedrigen
Motiven gegen Leben und Gesundheit seiner Mitmenschen
aggressiv vorgeht?”
“Man kann ihn lebenslänglich einsperren.”
“Das tut man auch bei uns gelegentlich. Ich weiß aber
nicht, ob das weniger inhuman ist. Und was, wenn er auch
239
im Gefängnis aggressiv ist? Man kann ihn doch nicht wie
ein Tier in Ketten legen.”
Ich verschwieg wohlweislich, dass bei uns lebenslängliche
Strafen in der Regel nach einer begrenzten Anzahl von Jahren
endeten und Freigelassene oft genug erneut Straftaten begin-
gen. Ich behielt auch meine Überzeugung für mich, dass die
Ursache für die Abschaffung der Todesstrafe wohl weniger in
humanitären Überlegungen zu suchen war, sondern in ihrem
früher so häufigen Missbrauch durch die verschiedensten
Machthaber als Mittel zur Ausschaltung politischer Gegner.
Mir gefiel durchaus der dargelegte Entwicklungsweg
eines Kriminalrichters. Aber Gerichte hatten doch auch
Streitigkeiten ganz anderer Art zu beurteilen, zivilrechtliche
zum Beispiel, oder familienrechtliche, verwaltungsrechtli-
che und viele andere. Meine diesbezügliche Frage stieß auf
Kopfschütteln: “Du meine Güte! Sie verlangen aber viel
von einem Richter. Nein, wir haben es nur mit Kriminalität
zu tun. Das reicht uns aber auch. Soll ich denn heute ein
Sittlichkeitsverbrechen aburteilen, morgen eine Ehe schei-
den, übermorgen einen Grundstücksstreit schlichten und am
nächsten Tage vielleicht eine Erbauseinandersetzung durch-
führen oder gar Beschlüsse der Vorstände überprüfen? Das
kann doch niemand. Oder sind eure Richter auf der Erde so
klug? Dann alle Achtung vor ihnen.”
Nun ganz so krass war es auf der Erde wohl nicht. Aber
im Prinzip eben doch. Man sollte darüber nachdenken. So
ergab sich auch meine nächste Frage: “Wer regelt denn diese
anderen Streitigkeiten?”
“Die zuständigen Vorstände und ihre Einrichtungen wie
die Grundstücksämter, die Standesämter, Handelsämter und
andere. Auch die zentralen Einrichtungen des Globalen Vor-
240
standes, wie die Bank mit ihren Schuldämtern, das Patentamt
oder das Umweltamt.”
Es war zu viel für mich, das alles auf Anhieb zu verstehen.
Also wollte ich zurück zu den Kriminalproblemen: “Was
halten sie vom Gefängnis? Ist dies eine wirksame Strafe und
eine wirksame Abschreckung?”
“Eine Strafe soll doch zu einem gesellschaftsgerechten
Verhalten in der Zukunft erziehen. Meinetwegen auch sekun-
där zur Abschreckung des Täters und anderer dienen. Doch
eine Isolierung von der Gesellschaft allein ist als Erziehung
wenig geeignet. Wir verurteilen weitgehend zu Geldstrafen,
also zur Einschränkung des individuellen Wohlstandes. Eine
Isolierung durch Einsperren erfolgt meist nur zeitweilig bis
zur Aufklärung von Tatzusammenhängen oder bis zur Besei-
tigung der akuten Gefahr, die von einem Täter ausgeht. So
muss man einen triebhaften Sittlichkeitsverbrecher solange
von seinen möglichen Opfern fernhalten, bis auf der Grund-
lage medizinischer Gutachten ein Urteil über eine entspre-
chende medizinische Behandlung rechtskräftig geworden ist
und diese Behandlung auch erfolgreich durchgeführt wurde.”
“Kann man denn einen Triebtäter medizinisch in einen
sittsamen Bürger umwandeln?”
“In den meisten Fällen ja. Nehmen sie nur die kleine
Operation, durch die man die Erektionsfähigkeit des männ-
lichen Gliedes beseitigt. Die Zeugungsfähigkeit durch Sa-
menübertragung bleibt sogar erhalten. Oft genügt das völlig,
um Frauen zukünftig vor diesem Mann zu schützen. Warum
sollte man ihn danach noch eingesperrt halten?”
“Aber einen Dieb wird man so nicht kurieren können.
Er wird immer wieder stehlen, wenn er nicht ins Gefängnis
kommt.”
241
“Das wird er sich nach den ersten, harten Geldstrafen
reiflich überlegen. Und wenn er das nicht tut, wollen sie
ihn deshalb für den Rest seines Lebens einsperren? Aber
im Ernst, uns machen die Menschen mit einer ungenügend
entwickelten Selbstdisziplin die meisten Sorgen. Sie begehen
keine großen Verbrechen, aber sie lassen sich gehen, versäu-
men ihre Pflichten, wechseln häufig ihren Aufenthalt, haben
ihr Konto überzogen, so dass es gesperrt wurde und leben
deshalb auf Kosten anderer oder stehlen gelegentlich. Für sie
leitet das Kriminalgericht einen Erziehungsprozess ein, der
mit einer Aufenthaltsbindung in ihrer Heimatzelle beginnt,
Kontrollen ihrer Arbeitspflicht vorsehen kann, ebenso even-
tuell die Einsetzung eines Pflegers, der alle notwendigen Fi-
nanzoperationen durchführt. Reicht dies nicht, folgen weitere
Stufen einer disziplinierteren Erziehung bis zur Kasernierung
mit Gemeinschaftsarbeit und Gemeinschaftsverpflegung.
Manche bleiben freiwillig in diesen Gemeinschaften, obwohl
sie wegen guter Führung in eine niedere Stufe der Erzie-
hung entlassen werden könnten. Für einige wenige müssen
allerdings auch härtere Formen der Erziehung angewendet
werden, in denen dann ein Familienleben nicht mehr möglich
ist und auch der Freigang eingeschränkt oder ganz verboten
wird. Das entspricht in seiner härtesten Stufe dem Gefängnis,
ist aber weniger von der begangenen Straftat abhängig, als
in erster Linie vom persönlichen Verhalten in der jeweiligen
Erziehungsstufe. Selbstverständlich wirken in allen Stufen
gute Erzieher mit. Uns Kriminalrichtern und den eingesetz-
ten Wachpolizisten obliegt eigentlich nur die Kontrolle der
Einhaltung vorgegebener Disziplinregeln.”
Diese Flut an Überlegenswertem war nicht im gleichen
Tempo zu verarbeiten, wie sie über mich hereinbrach. Aber
242
ich nahm mir fest vor, eine solche Erziehungsgemeinschaft
einmal zu besuchen. Sicher gab es da viel Brauchbares zu
lernen für den Umgang mit den vielen Aussteigern auf der
Erde, den Obdachlosen, den Rauschgiftsüchtigen. Allen de-
nen, die unter der Last einer hilflosen Umwelt ihren inneren
Halt verloren hatten, die wir mit dem verlogenen Vorwand
der persönlichen Freiheit in ihr und unser aller Unglück
gleiten ließen, ohne einen Weg zu wissen, sie vom Abgleiten
in die Kriminalität zu schützen und ihnen zu helfen, wieder
den sozialen Anschluss an die organisierte Gemeinschaft der
Staatsbürger zu erreichen.
Es war spät geworden. Noch auf dem kurzen Heimweg
sicherte mir Herr Rumiko zu, den Besuch einer Erziehungs-
gemeinschaft, sobald dies möglich sei, in den Plan aufzuneh-
men. Für morgen hatte er jedoch erst einmal einen Besuch
bei einem Schuldamt der Bank vorgesehen.

Ein zu historischer Akt

Ich hatte mir vorgenommen, Meta zu einem Schälchen Wein


einzuladen, um so auf recht irdische Weise den so lange
geplanten Weg ins Bett zu ebnen. Doch als ich in mein
Zimmer kam, standen die Schälchen und eine Karaffe Wein
bereits auf dem Tisch. Ein Öllämpchen verbreitete warmes
Licht. Meta war nicht da, so konnte ich mich im Bad noch
ein wenig auf den bevorstehenden Abend vorbereiten, auch
gedanklich. Als ich wieder in die wohlige Dämmerung des
Öllämpchens trat, stand Meta vor mir. Sie hatte ein weißes
Gespinstkleid an, das mich an eine Braut erinnerte. In ihren
Augen schimmerte ein erwartungsfroher Glanz. Sie hob mir
ihre Hände langsam zur Begrüßung entgegen, die ich an
243
meine Lippen zog und nach dem Kuss kräftig festhielt. Mir
war das alles zu feierlich, aber was konnte ich schon dagegen
tun? Irgendwie war es ja wirklich ein historisches Geschehen,
was sich da anbahnte. So zog ich Meta näher an mich. Wir
umarmten uns und küssten uns lang und innig, aber noch
immer sehr feierlich. Langsam schob ich meine Hand an ihre
Brust. Sie war fest und voll, aber noch nie hatte ich das dünne
Gespinst so sehr als Hindernis für meine Gefühle empfunden
wie jetzt. Es war kein Problem für mich, das Gespinstkleid
zu zerreißen, doch danach bemerkte ich, dass es zu früh war.
Wir hatten noch kein einziges Wort miteinander gesprochen.
Aber Meta lächelte mich in ihrer Nacktheit freundlich an.
Ich nahm sie vorsichtig auf meine Arme und legte sie auf
mein Bett. Schnell hatte auch ich mein Gespinst abgestreift
und lag an der Seite der Frau. Ihre warme Nähe tat wohl, und
nichts stand der innigen Vereinigung von Erde und Futuras
im Wege.
Nur einer hatte den Hauch der Geschichte noch nicht
verspürt und schlief mutlos zwischen meinen Schenkeln.
Oh, ihr Männer, hoffentlich habt ihr es noch niemals erlebt,
dieses Gefühl der Unfähigkeit, das nahe Glück zu ergreifen!
Je stärker man sich nun nach seiner gewohnten Männlichkeit
sehnt, umso weiter bleibt sie einem entrückt. Ich erinnerte
mich, dass ich vor vielen Jahren auf der Erde schon einmal
etwas Ähnliches erlebt hatte. Ein geliebtes Wesen hatte sich
hartnäckig all meinen Verlockungen widersetzt. Doch uner-
wartet erklärte sie mir eines Tages ohne mein Drängen ihre
Bereitschaft, weil ihr der Arzt dringend Geschlechtsverkehr
angeraten hatte. Das Vergnügen auf Rezept wurde keines. Es
ging jedenfalls nicht.

244
Zu Meta war ich so zärtlich wie ich nur konnte. Ich strei-
chelte sie lieb und küsste sie lange, aber immer lauschte ich
dabei nach unten. Doch nichts regte sich. Endlich kam der
Zeitpunkt, an dem eine Erklärung erwartet werden musste.
Ich führte langsam Metas Hand an den Ort meines Versagens.
Ihr Gesicht wurde ernst. “Hab ich dir weh getan mit
meinem Drängen?”
“Nein, Liebes, bestimmt nicht. Wenn ich dich als Meta
lieben könnte, liebenswert wie du bist, aber ich komme mir
vor, wie ...” Mir fehlte das richtige Wort, aber dann fiel es
mir ein: “... wie ein Repräsentant der Erde, der mit einer
Repräsentantin von Futuras ein Weltallkind zeugen soll.”
“Ach, eigentlich geht es mir nicht viel anders, nur ...” und
sie lächelte wieder, “bei einem Mann wirkt sich das eben
deutlicher aus.”
Und mit ihrem Lachen war die Repräsentantin wieder nur
Meta. Sie hielt mit zwei Fingern mein Trauerklößchen hoch,
drohte ihm schelmisch und gab ihm zur Strafe einen Klaps.
Dann stand sie auf: “Komm, wir trinken auf diesen Schreck
erst einmal einen Schluck Wein.”
Richtig, vor lauter Zeugungsbewusstsein hatte ich gar
nicht mehr an den Wein gedacht. Wir tranken erleichtert.
Meta nahm einen großen Schluck in den Mund und flößte
ihn mir beim Küssen ein. Ich konnte mich mit Vergnügen re-
vanchieren. Sie machte es mir sehr leicht, meine Betrübtheit
zu vergessen. Es lag bestimmt nicht an den zwei Schälchen
Wein, dass wir immer ausgelassener wurden. Wir hatten die
erschauernde Feierlichkeit abgeschüttelt und freuten uns
darüber wie Kinder.

245
“Der soll auch ein Schlückchen kriegen”, rief Meta und
stupste meinen faulen Zipfel in den Wein. Der mochte ihn
aber anscheinend nicht und so holte sie sich den Wein wieder.
“Du glaubst gar nicht, wie gut der Wein so schmeckt”,
schäkerte sie und legte den Zipfel erneut in die Schale. Da
vergeht sicher auch dem faulsten Zipfel die Faulheit. Längst
war aller Wein abgeschleckt, aber das Schlecken hörte erst
auf, als die Bereitschaft zu Höherem deutlich vorhanden war.
Als keiner sich von uns beiden mehr des geschichtlichen
Augenblicks bewusst war, fand der historische Akt in ver-
gnüglicher Stille statt.

Das Schuldamt und der Strafvollzug

Am nächsten Morgen flog Herr Rumiko mit mir zur


Landesbank von Oto. Er war eigentlich für Probleme der
Rechtsverwirklichung zuständig und ich fragte ihn, was denn
die Bank damit zu tun habe.
“Ist doch logisch”, sagte er. “Wenn die wichtigste Form
der Bestrafung in einer Einschränkung des Wohlstandes
besteht, also in Geldstrafen, dann hat doch das zentrale
Geldinstitut alle Mittel für eine kontrollierte Abwicklung
der Strafe in der Hand.”
Das war einleuchtend. So wie ich das Handhaben des
bargeldlosen Verkehrs kennengelernt hatte, war jeder Bürger
voll in der Hand der Bank. Für einen Erdenmenschen sicher
ein erschreckendes Gefühl. Doch so ungewohnt durfte das
eigentlich nicht sein. Hatten doch auch bei uns die Banken
in fast allen Unternehmen das Sagen, obwohl weder die Pro-
duktion von Waren, noch die Seeschiffahrt, weder Ackerbau

246
und Viehzucht, noch Handwerk und Gewerbe reine Finan-
zangelegenheiten sein sollten.
Wir landeten in Otoki, der Hauptstadt unseres Landes Oto,
einer Stadt mit fast einer halben Million Einwohnern. Von
der Landefläche auf dem Dach eines Hochhauses konnte ich
eine Anzahl ähnlich hoher Häuser erkennen, dahinter aber
verlor sich die Stadt bereits in einer unendlichen Vielzahl
kleinerer Gebäude, verstreut im Grünen.
Nach dem nun schon gewohnten Einschieben der Daumen
in die entsprechenden Vertiefungen, bekamen wir grünes
Licht und konnten durch eine Tür ins Innere des Hauses ge-
hen. Herr Rumiko führte mich zu einem hohen Angestellten
des Bankrates, der uns eine allgemeine Übersicht über die
Struktur der globalen Zentralbank gab. Demnach hatten die
Finanzministerien der Staaten und Länder keinen direkten
Einfluss auf die Bank, deren zentraler Rat nur dem höchsten
Vorstand des Planeten Futuras unterstellt war. Sache der
Staaten, der Länder und der anderen territorialen Ebenen
war es lediglich, mit den ihnen bereitgestellten Mitteln spar-
sam und sinnvoll zu wirtschaften. Bei den Vorständen aller
Ebenen bis hinab zum Kreis befanden sich Einrichtungen
der Zentralbank, wie Abrechnungsämter, die für die Erfas-
sung der zehnprozentigen Abgabe bei jeder Zahlung sorgten
und technische Ämter, denen die aufwendige Wartung der
zahlreichen Buchungsgeräte oblag, Rechnungshöfe für die
Einhaltung der Wirtschaftlichkeit, Schadensersatzämter für
die Kontrolle angemessener Ausgleiche und schließlich die
Schuldämter. Das Schuldamt für die gesamte Stadt Otoki, war
im gleichen Haus untergebracht und der Angestellte führte
uns - wie offenbar vereinbart - nach seinen einführenden
Erläuterungen zum Leiter dieses Schuldamtes.
247
Der Leiter war eine Leiterin, Frau Penina. Ich überfiel
sie gleich mit der Frage, warum das Schuldamt von einer
Einzelleiterin und nicht von einem Vorstand geleitet würde.
“Eine gute Frage, aber wer sollte den Vorstand wählen?
Die Angestellten des Amtes? Sie sind nicht Miteigentümer,
also ohne starke materielle Interessen, mit festen Gehältern,
anders also als in einer Firma. Was sollte auch ein Vorstand?
Er hätte wenig zu entscheiden in einer untergeordneten
Behörde einer zentralen Einrichtung. An der Spitze der
Globalbank steht ein Zentralbankrat. Aber selbst in den
Kontinenten ebenso wie in den Staaten und Ländern gibt es
nur Einzelleiter. Ähnlich ist es auch bei anderen zentralen
Einrichtungen wie der Miliz oder der Flugverwaltung. Die
jeweiligen Angestellten haben über die Gewerkschaftsvor-
stände ein Mitspracherecht in persönlichen Angelegenheiten.
Ich will nicht verschweigen, dass es eine Tendenz gibt, aus
Prinzip überall einheitlich Vorstände einzuführen, aber zur
Zeit ist die Vernunft noch stärker. Man bestimmt die Struk-
turen nach der Zweckmäßigkeit und reitet nicht ein Prinzip
um des Prinzips willen zu Tode. Im Übrigen gibt es gerade
beim Schuldamt viele Fragen, die sowohl einzelne Bürger
als auch Firmen betreffen, die nur in Zusammenarbeit mit
den zuständigen Räten gelöst werden können.”
Das wurde mir gleich deutlich gemacht. Eine Firma hatte
so wenig Gewinn erwirtschaftet, dass zahlreiche Arbeitskräf-
te in andere Betriebe abwanderten.
“Wir haben mit dem Werkvorstand und dem Vorstand
der zuständigen gesellschaftlichen Ebene ein Sanierungs-
programm ausgearbeitet und hoffen, dass die zusätzlich be-
reitgestellten Finanzmittel in wenigen Jahren zurückfließen.
Uns obliegt dafür die Kontrolle.”
248
“Jede Kreditgewährung erfolgt also durch das Schuld-
amt?”
“Nein, die meisten Kredite geben die Vorstände aus ih-
ren Mitteln, eventuell unterstützt durch den übergeordneten
Vorstand. Nur in gewichtigeren Fällen erfolgt dies durch
die Bank. Wenn aber die Kredite nicht termingemäß an die
Vorstände zurückgezahlt werden, wird das dem Schuldamt
gemeldet. Der Vorstand erhält dann von uns das Geld, damit
er seine Aufgaben ungestört finanzieren kann und wir ziehen
es wieder vom Schuldner ein.”
“Wie hoch sind denn die Kreditzinsen?”, fragte ich und
erntete Unverständnis. Es gab keine Zinsen. Niemand konnte
sich also durch Geldverleih ein Vermögen ergaunern, wie
das bei uns üblich war. Niemand war dadurch aber auch
interessiert, andere durch Kreditgewährung in Abhängigkeit
zu bringen oder gar gezielt wirtschaftlich zu ruinieren. Die
gewählten Vorstände vergeben beispielsweise Kredite für
den Bau eines Hauses oder für die Gründung einer Firma
nach sorgfältiger Prüfung der sachlichen und persönlichen
Voraussetzungen, denn der Vorstand wurde in der Regel
Miteigentümer und trug damit das Risiko mit, das mit dem
Objekt verbunden war.
Es folgten Darlegungen über ein recht kompliziertes
Konkursverfahren, das bei der Umstellung nicht mehr
benötigter Produktionen oder der Einstellung uneffektiver
Produktionsverfahren eine erhebliche Rolle spielt. Die
dabei nicht zu vermeidenden Verluste übernahm die Bank,
soweit kein persönliches Verschulden die Ursache war. Eine
entsprechende Prüfung und Beurteilung wurden durch die
dafür geeigneten Einrichtungen des jeweils übergeordneten
Vorstandes vorgenommen.
249
Von den mich weniger interessierenden, banktechnischen
Erläuterungen blieb eigentlich nur in meinem Gedächtnis
haften, dass es bei der bekannten Daumenmethode keinerlei
Betrugsmöglichkeiten und nur äußerst selten einen Irrtum
durch die Technik gab.
Mein Interesse galt mehr der Frage, wie trieb das Schuld-
amt alle die Geldforderungen ein, die individuell gegen
Bürger entstanden waren, sei es durch Geldstrafen, durch
schuldhafte Schadensverursachung oder ein sonstiges Fehl-
verhalten, etwa einer Kontenüberziehung. Mir war bereits
gesagt worden, dass in all diesen Fällen der Gläubiger durch
die Bank befriedigt wurde und dadurch die Geldforderung
auf das Schuldamt der Bank überging.
“Das kontrollierte Geldeinziehen ist die wichtigste Form
unseres Strafvollzuges”, warf Herr Rumiko ein und Frau
Penina erläuterte das im einzelnen: “Viele Schuldner zahlen
regelmäßig zu den vereinbarten Terminen den erforderlichen
Betrag. Sie stehen bei uns auf einer Liste und der Computer
kontrolliert die Geldeingänge. Er registriert auch das Ende
der Zahlungen. Damit wird unsere Kontrolle gegenstandslos
und es erfolgt die Streichung von der Liste.
Kommt es aber zu unbegründeten Verzögerungen oder
zum Ausbleiben der Zahlungen, wird der Schuldner in die
zweite Schuldstufe genommen, das heißt, sein Konto wird so
verändert, dass eine Abbuchung nur mit den Daumen einer als
Betreuer eingesetzten zweiten Person vorgenommen werden
kann. Meist ist das der Ehegatte oder ein anderes Mitglied der
eigenen Zelle. Gelegentlich wird der Betreuer vom Schuld-
ner so stark beeinflusst, dass die Kontrollwirkung nachlässt.
Sobald wir das an den Kontenbewegungen erkennen, wird
natürlich der Betreuer gewechselt.
250
Reicht das nicht aus und gehen die festgelegten Zahlungen
noch immer nicht regelmäßig ein, wird in der dritten Schuld-
stufe der fällige Betrag vom Schuldamt selbst abgebucht und
nur der Rest verbleibt dem Schuldner und seinem Betreuer
zur Verfügung.
Das aber betrifft kaum noch ein Prozent der Schuldner,
aber gerade die machen uns die größten Sorgen. Einige
entziehen sich ihrem Betreuer, indem sie ihren Aufenthalt
wechseln und auf Kosten von Freunden zu leben versuchen.
Andere geben ihre Arbeit auf, so dass die auf dem Konto
eingehenden Gelder unter Berücksichtigung eines für den
Lebensunterhalt notwendigen Mindestbetrages nicht mehr
für die Begleichung der Schuld ausreichen. Dann werden in
einer vierten Schuldstufe vom Schuldamt in Abstimmung
mit dem Vorstand der Zelle des Schuldners und mit seiner
Arbeitsstelle einschneidende Beschränkungen der persönli-
chen Freiheiten des Schuldners angeordnet. Ein Wechsel des
Arbeitsplatzes oder auch des Aufenthaltes ist dann nur noch
mit Zustimmung des Schuldamtes möglich.
Sichert das alles noch immer nicht den regelmäßigen Ein-
gang der erforderlichen Zahlungen, erfolgt der Übergang in
die fünfte Schuldstufe. Das bedeutet Kasernierung in einem
Gemeinschaftslager an einem zentralen Ort mit zeitlich ein-
geschränkter Freizeit und völliger Kontrolle der Ausgaben
und des gesamten Kontos. Wiederholte Überschreitungen
der Ausgangszeiten oder Verstöße gegen die Regeln des
Gemeinschaftslebens führen schließlich zur Einstufung in
die sechste und letzte Stufe, das Gefängnis.
In den letzten Schuldstufen sind die Schuldner auch mit
Verurteilten zusammen, die ohne bestehende Geldschulden
aus strafrechtlichen Notwendigkeiten von der Gesellschaft
251
isoliert werden müssen, beziehungsweise unter stufenweiser
Verringerung der Kontrolle wieder in das normale Leben
zurückzuführen sind. Dabei haben es die Verurteilten weit-
gehend selbst in der Hand, durch ihr Verhalten den Resozia-
lisierungsprozess zu beschleunigen. Wenn die Bestrafungen
durch die Kriminalgerichte erfolgt sind, obliegt diesen auch
die Entscheidung über die Herabstufungen. Sie folgen dabei
jedoch weitgehend den Vorschlägen der Erzieher und des
Schuldamtes.”
“Ist es nicht bedenklich, ein Geldinstitut mit dem Straf-
vollzug zu beauftragen?”, wandte ich ein.
“Mag sein”, räumte Frau Penina unvoreingenommen ein,
“aber es hat sich als recht praktisch erwiesen. Wenn erst
einmal ein System zur zwangsweisen Erziehung zu einer
finanziell angemessenen Lebensführung installiert ist, kann
man mit den gleichen bewährten Methoden auch die Resozi-
alisierung anderer durchführen, ohne ein weiteres ähnliches
System aufbauen zu müssen, das sich allein von der Anzahl
der betroffenen Verurteilten kaum lohnen würde.”
Das leuchtete mir ein. Ich fand das System der stufen-
weisen Resozialisierung als besonders wertvolle Lösung
und sagte das auch meinen Gesprächspartnern. Die riesigen
Probleme, die es auf der Erde mit entlassenen Strafgefan-
genen gab, wenn sie als Vorbestrafte wieder in das normale
Leben eingegliedert werden sollten, behielt ich jedoch ver-
ständlicherweise für mich.
“Was geschieht eigentlich mit einer Forderung, wenn ein
Schuldner stirbt?”, wollte ich noch wissen.
“Das ist unproblematisch. Die Bank übernimmt, wie in
jedem anderen Todesfall auch, das Konto mit dem jeweiligen
Stand. Eine etwa verbleibende Restschuld erlischt. Der Ei-
252
gentumsanteil an einem Haus oder an einer Kleinfirma wird
nicht zur Begleichung der Schuld herangezogen, sondern
geht ins Eigentum des gesellschaftlichen Miteigentümers
über und wird von diesem meist neu vergeben. Bleiben ei-
gentlich nur die Gegenstände des Hausrates. An denen ist die
Bank nicht interessiert. Den Hausrat teilen sich die Erben.
Im Streitfall entscheidet der Vorstand des letzten Wohnsit-
zes nach dem angemessenen Bedarf der Hinterbliebenen
und unter sinnvoller Berücksichtigung eines eventuellen
Testaments.”
Für uns Erdenmenschen bedeutete das einen Sinnverlust
jeglicher Erbrechtsvorstellungen. “Da lohnt es sich doch
überhaupt nicht, für seine Kinder zu sparen!”
“Wozu denn auch?”, fragte Frau Penina. “Die haben doch
ihr eigenes Einkommen. Sollen die denn auf Kosten ihrer
Eltern besser leben als sie es verdienen? Und da wir keine
Zinsen haben, bringt eine angehäufte Geldmenge auch nichts.
Das möchte bei uns gewiss niemand. Wozu also sparen?”
Ich hatte da schon einige Zweifel, ob wirklich niemand
auf Kosten anderer leben möchte. Aber vielleicht war ich da
noch zu viel mit irdischem Denken behaftet. Leistungsge-
rechter war dieses System natürlich. Wenn ich daran dachte,
dass auf der Erde einer, der durch Erbschaft, Lottospiel, ein
gutes Geschäft oder irgendeine Gaunerei zu 100.000 € kam
- und was ist das schon besonderes, wenn es viele tausend
Millionäre gibt - so stand ihm durch Zinsen in jedem Monat
ein beträchtliches zusätzliches Einkommen zur Verfügung,
für das er keinen einzigen Handschlag machen musste. Das
konnte, weiß Gott, nicht gerecht sein. Selbst wenn diese
100.000 Euro durch eine entsprechende eigene Leistung
zustande gekommen wären, sollte man dafür eben sein Le-
253
ben nach den eigenen Wünschen schön gestalten können,
aber woher nahm man das Recht, dass mit diesem Geld
ohne weitere eigene Arbeit ständig neues Geld geschaffen
werden durfte? Dieses zusätzliche Geld konnte doch nur aus
der Arbeit anderer kommen.
Ich dachte auch an die vielen anständigen einfachen
Menschen, die ihr Leben lang auf vieles verzichteten, um
den Kindern einmal etwas zu hinterlassen, die das meist
gar nicht zu würdigen wussten. Wie oft war dieses mühsam
Ersparte gar einer Inflation oder einem Währungsschnitt zum
Opfer gefallen!
Wir sprachen noch lange über die verschiedenen Proble-
me, von den Einstufungsmodalitäten über die Gehälter der
Schuldamtsangestellten bis zur Todesstrafe. Immer wieder
war ich von den einfachen, sinnvollen Lösungen der Futura-
ner überrascht, die offenbar erst möglich geworden waren,
nachdem die recht komplizierte Struktur der demokratischen
Vorstände mit ihren vielen Ebenen einmal eingespielt funk-
tionierte.
Nachdem uns Frau Penina zum Ausgang begleitet hatte,
bedankten und verabschiedeten wir uns und flogen einige
Kilometer weiter vor ein Gefängnis.
Es sah schrecklich aus, denn es war wegen der leichten
Fluchtmöglichkeit mit Hilfe von Gleitern auch nach oben
mit Gittern und Landehindernissen versehen. Der Leiter der
Anstalt, auch ein Angestellter des Schuldamtes, war über un-
seren Besuch informiert und begleitete uns persönlich durch
den Gebäudekomplex. Den Kern bildete eine fabrikartige
Anlage, die viele unterschiedliche Arbeitsbereiche umfasste.
Wir sahen Reparaturabteilungen für elektrische Geräte, eine
Auftragsschlosserei, eine Keramikherstellung, eine Halle für
254
Papierverarbeitung und andere Fertigungsbereiche, meist
einfache, aber arbeitsintensive Tätigkeiten. Die Gefangenen
erhielten einen Lohn, konnten jedoch nicht frei über ihn ver-
fügen. Soweit er nicht zur Abzahlung von Geldforderungen
einbehalten wurde, ging er auf ein Sammelkonto. Wenn die
Gefangenen - streng getrennt nach Geschlecht - noch eine Fa-
milie zu versorgen hatten, wurden die Unterhaltskosten vom
Sammelkonto überwiesen. Nur wenig stand ihnen selbst zur
Verfügung, da ihr Lebensstandard bewusst niedrig gehalten
wurde. Unterbringung und Verpflegung waren einfach und
kosteten wenig. Ein Gebäude enthielt Einzelzellen für die
Isolierung während der laufenden Ermittlungen, aber auch
für besonders aggressive Personen als zeitweilige Sonder-
bestrafung. Ein modern eingerichtetes kleines Krankenhaus
war voll in das Sicherheitssystem integriert. Alles in allem
doch eine bedrückend düstere Angelegenheit.
Die auffallende Disziplin der Gefangenen war aber -
nach Einschätzung des Leiters - nicht nur das Ergebnis des
ausgeübten Zwanges, sondern überwiegend einer starken
Motivierung durch die Chance, in die fünfte Schuldstufe zu-
rückgestuft zu werden, wenn Leistung und gute Führung dies
rechtfertigten. Interessant war, dass es auch hier eine Struktur
mit demokratisch gewählten Vorständen in drei Ebenen nach
den gleichen Prinzipien wie außerhalb der Einrichtung gab.
Die Vorstände hatten ein gewichtiges Wort bei der Abstufung
mitzusprechen. Man kannte auch hier den Kameradschaft-
lichkeitstest, wie ich ihn an einer Schule kennengelernt hatte
und der hier zur Beurteilung der Führung mit herangezogen
wurde. So war die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der
etwa zweihundert Insassen aus dem ganzen Land Oto trotz
einiger Langzeitkandidaten weit kürzer als ein Jahr.
255
Einen ganz anderen Eindruck erweckte das unmittelbar
neben dem Gefängnis angelegte Gemeinschaftslager der
fünften Schuldstufe. Hier gab es keinerlei Sicherheitsvor-
kehrungen. Auch hier bildete eine große Produktions- und
Dienstleistungsanlage den Kern, um den herum einfache,
aber gepflegte Reihenhauskomplexe in ausgedehnten
Grünanlagen errichtet waren. Ein Erzieher führte uns in
eines der zweigeschossigen Häuser. Um einen größeren Ge-
meinschaftsraum herum waren neben einer Küche und den
Sanitäreinrichtungen sechs kleine, individuell eingerichtete
Einzelzimmer gruppiert. Eine gleiche Wohnung war im
Obergeschoss eingerichtet. Die zwölf Bewohner bildeten
eine Zelle und wählten ihren Vorstand, jedoch waren alle
nur eines Geschlechts, denn Männer und Frauen lebten auch
hier in getrennten Gemeinschaften. Allerdings gab es in der
Anlage ein Hotel, in dem die Ehepartner wohnen und in der
Freizeit mit den Lagerinsassen zusammen sein konnten.
Interessanterweise gab es im Lager einige Dauerbewohner,
die längst hätten entlassen werden können, die sich jedoch
nicht stark genug fühlten, den Anforderungen eines Lebens in
individueller Freiheit gewachsen zu sein. Diese hatten sogar
das Recht erhalten, in einem besonderen Block des Lagers
gemeinsam mit ihren Familien zu wohnen.
Für jeweils vier Zellen, also einen Zellverband, stand -
wie auch schon im Gefängnis beobachtet - ein Erzieher zur
Verfügung, der im wesentlichen den Resozialisierungsprozeß
vorbereitete und leitete. Er hatte einen starken Einfluss bei
der Gewährung individueller Vergünstigungen, wie etwa
einer verlängerten Freizeit oder gar eines Urlaubs aus dem
Lager. Für alleinstehende Insassen waren versuchsweise
gemischte Wohngemeinschaften eingerichtet, die sich nach
256
Ansicht unseres Begleiters so gut bewährt hatten, dass man
an eine Verallgemeinerung dachte. Der härteste Eingriff in
die Freiheit der Persönlichkeit war in diesen Lagern eigent-
lich nur die Bindung jeder Geldausgabe an die Mitwirkung
des Erziehers.
Das Gemeinschaftslager hatte über tausend Bewohner.
Ein Zehntel davon waren die freiwilligen Dauergäste, meist
gutwillige, aber wenig gefestigte Menschen. Etwa ein Viertel
wurde monatlich abgestuft und entsprechend viele konnten
neu in diese fünfte Schuldstufe aufgenommen werden.
Ich konnte beim Abschied meine Sympathie für diese
humane stufenweise Differenzierung nicht verbergen, sehr
zur Freude von Herrn Rumiko, der mir auf dem Heimflug
mitteilte, dass seine Mission damit beendet sei und morgen
wohl noch einmal die Bildung zum Zuge käme.
Ich dachte sofort mit einem inneren Lächeln an Herrn
Kataro, der wohl - inzwischen wieder gesund - seinen aus-
gefallenen Termin nachholen wollte.

Zu Hause erwartete mich eine fröhliche Meta. Wir


hatten gestern besprochen, dass wir alle Möglichkeiten
nutzen wollten, um mit möglichst großer Sicherheit eine
Schwangerschaft zu erreichen. Sie ging mit mir ins Bad
und war guter Dinge, als sie beim Zerreißen unserer
Gespinstkleidung feststellen konnte, dass meine gestrige
Schlafmütze bereits hellwach war. Wir standen ohne jede
Scheu Haut an Haut unter der Dusche und ließen die wohlige
Wärme des Wasserstrahls auf unsere Seelen wirken. Zärtlich
streichelte ich Metas Leib als wollte ich fragen, ob da wohl
schon ein kleines ‘Ich’ von mir heranwächst. Sie klopfte
mir auf die Finger als wollte sie dieses Etwas schützen und
lachend gingen wir in mein Zimmer, nass wie wir waren.
257
Die Erinnerung an den gestrigen Abend ließ unsere Vor-
freude so rasch anschwellen, dass wir uns viel zu wenig Zeit
für zärtliche Präliminarien gönnten und uns wie im Rausch
ineinander stürzten. Dennoch hatte Meta nicht vergessen,
dass wir nicht nur aus Freude am Spaß zusammen waren.
Sie hatte gelesen, dass bei einer anderen Stellung die kleinen
Spermien leichter ihr Ziel fänden. Natürlich wollte ich ihren
Wunsch gern erfüllen, wenn ich mich zu diesem Zweck auch
schweren Herzens für einige Augenblicke von ihr trennen
musste. Sicherlich ist mit einer Veränderung der Position
auch ein besonderer Reiz verbunden, aber ich muss gestehen,
für mich geht viel von der Romantik der Liebe verloren,
wenn die Berührung der Haut, Brust an Brust und Mund an
Mund fehlte. Wenn man nur den Rücken der geliebten Frau in
einiger Entfernung sah, bekam das zärtliche Zusammensein
einen unschönen sportlich-animalischen Zug. Hätte es nicht
ein so vorrangiges Ziel für Meta und mich gegeben, hätten
wir gern auf den Wechsel der Position verzichtet und diesen
besonderen Reiz verbrauchten Lebemännern oder in langjäh-
rigen Pflichtübungen abgestumpften Ehepaaren überlassen.
Doch das Wissen um unsere Aufgabe - oder war es einfach
nur die bereits auf die Spitze getriebene Lust aneinander -
ließ uns den fehlenden Hautkontakt nicht vermissen. Wohl
selten wurde eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft mit
soviel innerer Bereitschaft, soviel Hingabe und Leidenschaft
erfüllt. Mehr konnte kein Mann an Kraft und gutem Willen
den kleinen Samen mit auf den Weg geben und Metas Auf-
geschlossenheit und ihr starker Kinderwunsch musste sich
doch auch auf die kleine Wunderkugel Eizelle übertragen.
Als wir endlich völlig erschöpft zusammensanken, waren
unsere Gefühle wieder frei für die kleinen Zärtlichkeiten des
258
Anderen, für das Streicheln der Hände, für das Kosen der
Lippen und wir genossen es lange, als wollten wir nachholen,
was wir uns heute als Vorspiel hatten entgehen lassen.

Im Internat einer Oberschule

Es war nicht der erwartete Herr Kataro, der mich am nächsten


Morgen zu der vorgesehenen Exkursion abholte, sondern eine
kleine muntere Frau mit Namen Satira. Sie überbrachte mir
freundliche Grüße von Herrn Kataro, die ich ganz gewiss nicht
verdient hatte und brachte mit verschmitztem Lächeln zum
Ausdruck, dass sie sich freue, einen Mann kennenzulernen,
der wirklich Rad fahren konnte. Ich übernahm ihren Ton und
fragte sie, ob sie das etwa auch lernen wolle.
Sie lehnte lachend ab: “Wozu das, wenn ich doch nicht
mehr der erste meines Ministeriums auf einem Rad sein
kann?”
Der Flachs blühte während unseres ganzen Fluges, und
so war ich bei der Landung über vieles informiert, nur nicht
über die Aufgabe des heutigen Tages. “
Wir sind jetzt auf dem Schulhof der Oberschule von Oto-
kalis, einer Stadt mit über 10.000 Einwohnern.”
“Aha, also wohl sechste Ebene?” “
Richtig! Die Oberschüler, also die Sechzehn- bis Acht-
zehnjährigen des ganzen Kreises Otokali, zu dem sie gehören,
lernen hier, soweit sie sich nicht nach der Hauptschule einem
Beruf zugewandt haben und die Berufschulen besuchen.”
Da wir mit der ausdrücklichen Bitte avisiert worden wa-
ren, keinen großen Empfang zu organisieren, begrüßte uns
der Schulrat gleich in seinem Arbeitszimmer, natürlich in
der mir in den Bildungseinrichtungen bisher stets begegne-
259
ten Zusammensetzung von zwei Frauen und einem Mann.
Allerdings war diesmal der Mann der Ratsvorsitzende und
auch der Wortführer. Er informierte mich über die unge-
wöhnliche Größe der Schule mit fast sechshundert Schülern
in nur drei Jahrgängen, so dass es in jedem Jahrgang nicht
nur eine A-, eine B- und eine C-Klasse gab, sondern jeweils
vier bis fünf. Die große Schülerzahl ergebe sich daraus, dass
die örtlichen Internatsmöglichkeiten sehr günstig wären. Das
Einzugsgebiet der Schule ginge daher ausnahmsweise über
die Kreisgrenze hinaus.
Man hatte für mich einige Klassenbesuche vorgesehen.
Ich war jedoch durch mein bisheriges Hospitieren ein wenig
selbstsicherer geworden und schlug meinerseits vor, mir statt
der zeitraubenden Unterrichtsteilnahme lieber das Leben im
Internat näherzubringen. Man war einverstanden. Und so
führte mich der hagere Vorsitzende, der - für einen Futuraner
äußerst ungewöhnlich - einen ganzen Kopf größer war als
ich, aus dem Schulkomplex über den geräumigen Schulhof
zu den Internatsgebäuden.
Mir fiel auf, dass der Schulhof auf der einen Seite von
einer hohen Metallwand begrenzt wurde, auf der sich mehrere
Schüler bewegten.
Auf meine Frage antwortete der Hagere ganz nebenbei:
“Das ist unsere Altstoffanlage”, und er wäre gewiss weiter
in Richtung der Internate gegangen, wenn ich ihn nicht mit
weiteren Fragen zu dieser Anlage bestürmt hätte. So gingen
wir erst einmal um die Metallwand herum und ich sah, dass
es sich um die Rückseite großer Behälter handelte, die neben-
einander stehend mit einer Art Verladerampe versehen waren.
In jedem dieser Behälter befanden sich sorgfältig ausgelesen
Altstoffe wie Papier, verschiedene Kunststoffe und Metalle,
260
Alttextilien und anderes. Der Hagere informierte mich, dass
von den Schülern der A-Klassen der Oberstufe die Gleiter-
prüfung abgelegt werde, deshalb könnten sie die von den
anderen Schülern des Kreises gesammelten und sortierten
Altstoffe hierher transportieren und nach dem Verkauf auch
zu den weiterverarbeitenden Betrieben schaffen. Das sei ein
recht sinnvoller Nebenerwerb für alle beteiligten Schulen.
Mir war nicht unbekannt, dass es auch auf der Erde gele-
gentlich Altstoffsammlungen durch Schüler gab. Doch fand
ich es recht befremdlich, dass dies geradezu gewerblich durch
die Schulen betrieben wurde.
Der Vorsitzende konnte das nicht verstehen. “Die Ju-
gendlichen brauchen doch neben dem Lernen eine spürbare
Bestätigung durch eine erfolgreich bewältigte gesellschaft-
lich nützliche Aufgabe. Sie müssen auch zu körperlicher
Pflichterfüllung erzogen werden. Bei den Kleineren sind
das vor allem Reinigungsaufgaben und eben das Sammeln
von Altmaterial. Den Größeren obliegen entsprechend ihrer
Entwicklung die Transporte.”
Ich erfuhr, dass jeder Schüler bereits ab der Unterschule
eine feste Anzahl von Haushalten oder eine Firma zugewie-
sen bekam, die er regelmäßig aufsuchte und deren Altstoffe
zur Schule brachte. Jede Klasse hatte auch einen bestimmten
Bereich der Grünanlagen oder nahe gelegener Wälder ständig
sauber zu halten. Auch die Reinigung der Schulgebäude, ja
sogar von verschiedenen öffentlichen Gebäuden wurde von
Schülern vorgenommen, soweit Handarbeit gefragt war und
dies nicht von Firmen mit Reinigungsmaschinen durchge-
führt werden musste.
Auf meine Bedenken hin versicherte man mir zwar, dass
dies nur einen geringen Teil der Freizeit in Anspruch nähme,
261
aber ich hielt diese Tätigkeit für Kinderarbeit, wie sie in den
sozial entwickelten Ländern der Erde weitgehend verboten
war.
“Warum sollen Kinder nicht arbeiten?”, fragte der Hage-
re. “Wenn die Art der Arbeit nur kindgerecht ist und keine
negativen Auswirkungen auf die geistige und körperliche
Entwicklung der Heranwachsenden hat.”
Zu den Reinigungs- und Pflegearbeiten meinte er: “Wir
hatten früher große Probleme mit unseren Jugendlichen. Es
fehlte ihnen weitgehend die notwendige Wertschätzung für
die Arbeit der Erwachsenen. Das äußerte sich in einer unkon-
trollierbaren Verschmutzung von Räumen, Einrichtungen und
Anlagen mit Abfällen oder Schmierereien und ging bis zur
leichtfertigen Beschädigung, sogar bis zur mutwilligen Zer-
störung von Abfallbehältern, Sitzbänken, Schuleinrichtungen
und anderem. Seit sie selbst viele dieser Dinge reinigen und
pflegen, ist eine erstaunliche Veränderung in der Einstellung
zu den vorhandenen Werten eingetreten.”
Dieses kritikwürdige Verhalten von Jugendlichen kam
mir verdammt bekannt vor. Natürlich betraf das auf der Erde
nicht nur Jugendliche, aber wenn es tatsächlich gelänge, den
Menschen in jungen Jahren so etwas wie eine Achtung vor
dem Ergebnis menschlicher Arbeit anzuerziehen, musste sich
das auf Dauer auch auf die Erwachsenen auswirken.
Mich stimmte auch eine andere Überlegung sehr nach-
denklich. Wurden auf der Erde nicht immer noch die meisten
der nicht von Maschinen zu erledigenden Reinigungsarbeiten
ausgerechnet von älteren Frauen erbracht? Wie respektlos
war es doch eigentlich von uns, unsere Mütter und Großmüt-
ter am Ende ihres arbeitsreichen Lebens, wenn sie kaum noch
von altersbedingten Krankheiten verschont geblieben waren,
262
mit Eimer und Scheuerlappen über die Fußböden kriechen zu
lassen, um zur Sicherung ihrer schmalen Existenzgrundlagen
unseren Schmutz zu beseitigen?
Der Lärm, den ein Lastengleiter beim Abkippen einer
Ladung Schrott verursachte, riss mich aus meinen Gedanken.
Wir gingen weiter durch eine Grünanlage, die das Altstoffla-
ger von einem Sportplatz trennte. An drei Seiten des Platzes
sah man zwischen Baumgruppen Reihenhäuser mit drei
Etagen. Wir betraten ein Internatsgebäude. Im Erdgeschoss
befanden sich bibliotheksartige Leseräume, Fernsehecken,
Spielzimmer und andere Gemeinschaftsräume. In den Etagen
darüber gab es einfach eingerichtete Wohnräume für jeweils
drei Oberschüler. Eine Einzelunterbringung, so sagte man
mir, sei nicht nur unökonomisch, sondern bringe im Puber-
tätsalter auch psychische Probleme. Deshalb wohnten auch
immer ein Sechzehn-, ein Siebzehn- und ein Achtzehnjähri-
ger zusammen. Die bewusste Trennung zwischen Klassen-
und Wohngemeinschaft habe sich bewährt.
Es überraschte mich nicht mehr, dass es auch hier Vor-
stände in drei Ebenen gab, wohl aber, dass der Vorstand der
dritten Ebene eigenverantwortlich das Geschehen im Internat
leitete. Es gab eigene Büros der Schülervorstände für die
Organisation der Unterbringung, der Freizeitarbeiten, einen
eigenen Ordnungsdienst sowie Beiräte für verschiedene
andere Sozialbereiche. Außer mehreren Handwerkern gab
es nur einen Erwachsenen, der als Direktor im wesentlichen
das Internat gegenüber der Schule und nach außen im Ge-
schäftsverkehr vertrat. Drei Lehrer der Oberschule wirkten
ehrenamtlich als Berater in Erziehungsfragen mit.
Ich fand das schon erstaunlich, aber meine Begleiter versi-
cherten mir, dass zum Beispiel die eigenen Ordnungsdienste
263
der Schüler wirksamer wären, als ein erwachsener Aufpasser
jemals sein könnte.
“Was machen dann eigentlich die pädagogischen Bera-
ter?”, wollte ich wissen.
Frau Satira schmunzelte: “Sie haben so viele Probleme
entdeckt, aber unser größtes ist Ihnen offensichtlich entgan-
gen.”
Ich schaute fragend zum langen Vorsitzenden. Der half
mir: “Es gibt leider männliche und weibliche Schüler.”
“Ich protestiere gegen das leider!”, rief sofort Frau Satira
mit gespielter Empörung. “Aber es macht uns schon einige
Sorgen. Streit zwischen Jungen um ein Mädchen, zwischen
Mädchen um einen Jungen, Eifersucht, Liebeskummer, na
ja, da ist der Rat eines vertrauensvollen Erwachsenen schon
noch gefragter als der eines gleichaltrigen gewählten Vor-
standes.”
“Mein Gott, natürlich. Aber wie kann man in einem
solchen Komplex Männlein und Weiblein überhaupt ausei-
nanderhalten?”
“Durch Gefängnismauern vielleicht! Aber wer will das
schon. Wir freuen uns sogar, wenn ein Junge und ein Mäd-
chen fest zueinanderstehen. Das schützt mehr vor Unsittlich-
keiten als Verbote. Meist wirkt sich das sogar positiv auf die
schulischen Leistungen aus. Wenn die Eltern einverstanden
sind, kann so ein Pärchen auch in ein gemeinsames Zimmer
ziehen. Es gibt extra ein Haus für solche ‘Schülerehen’.
Aber da sprechen die Erzieher ein gewichtiges Wort mit.
Sie können mir glauben, die haben so viel zu tun, dass wir
im Ministerium gerade prüfen, ob in den Internaten nicht
zusätzlich Psychologen eingesetzt werden sollten.”

264
Der Vorsitzende nickte zustimmend: “Neulich stand der
Schulrat vor der Entscheidung über einen Antrag des Inter-
natsvorstandes, im Schwimmbad des Sportkomplexes das
Nacktbaden zuzulassen. Wir hatten uns nach langen Diskus-
sionen zu einer Erlaubnis für bestimmte begrenzte Zeiten
durchgerungen. Aber zur Überraschung mancher Skeptiker
gab es den ganzen Sommer über keine unangenehmen Vor-
kommnisse.”
Mir lag die Frage nach den Kindern dieser frühen Paa-
rungen auf der Zunge. Aber dann erinnerte ich mich, dass
schon in der Hauptschule im Unterricht Schwangerschafts-
verhütung gelehrt wurde. Schließlich war im Notfall auch
eine ungefährliche Unterbrechung möglich. So verkniff ich
mir meine Frage.
Ich bekam Gelegenheit, mich mit einigen Schülern zu
unterhalten, die sich gerade auf eine Abschlussprüfung
vorbereiteten, die etwa unserem Abitur entsprach. Die Auf-
regung ließ sich nicht verbergen und übertrug sich, durch
die Erinnerung an die eigene Schulzeit verstärkt, auch auf
mich. Hier hatten auch meine so klugen Futuraner noch
keine Ersatzlösung gefunden, wie man ohne Prüfungsdruck
gleichstarke Lernmotivationen erzielen konnte.
In dem großen Speisesaal des Internats aßen wir zu Mittag.
Das Essen hätte sicher jeder Gaststätte Ehre gemacht.
Deshalb meinte ich: “Womit habe ich wohl so ein Ehren-
mahl verdient?” Meine Begleiter lächelten, aber ersparten
sich jede Aufklärung. Es war zu offensichtlich, dass man mit
meinem Besuch im Internat nicht gerechnet haben konnte.
Und extra für mich den Wochenspeiseplan umzustellen, das
war ich bei aller Hochachtung, die mir bisher widerfahren
war, den Futuranern doch nicht wert.
265
Das Abschlussgespräch am Nachmittag beim Schulrat
hatte mehr Fragen über das Schulwesen auf der Erde zum
Inhalt als mir recht war. Aber als Einzelner hatte man es in
einem größeren Kreis immer schwer, das Gesprächsthema
zu bestimmen, zumal mir auf diesem Gebiet meine Partner
deutlich überlegen waren.
So freute ich mich auf den Heimflug mit meiner herzhaft
stichelnden Frau Satira, die mich in dieser Hinsicht wiederum
nicht enttäuschte.

Die Radproduktion läuft an

Die kleine Schäkerei auf dem Heimflug mit Frau Satira


hatte mich in so gute Stimmung gebracht, dass ich in
freudiger Erwartung des nun schon gewohnten, abendlichen
Liebesspiels mit Meta fröhlich unser Haus betrat. Was mochte
sie sich wohl heute für eine Überraschung ausgedacht haben?
Sie hatte eine. Und was für eine faustdicke! Auf dem lan-
gen Flur lief mir Meta lachend in die Arme. Meto kam mit
strahlenden Augen hinterher. Meta küsste mich stürmisch,
nahm meine Hand, hielt sie auf ihren Leib und fragte lachend:
“Fühlst du schon etwas?”
Ich fühlte in diesem Moment eine ganze Menge, aber wohl
nicht das, was Meta erwartete. Denn übermütig nahm sie uns
zwei Männer bei den Köpfen und rief: “Oh, ihr zwei Väter!”
Da musste ich wohl recht bedeppert dreingeschaut haben,
denn sie fragte mit großen, erstaunten Augen: “Du freust
dich wohl gar nicht?”
“Doch, doch, aber ...”, ich suchte eine glaubwürdige Er-
klärung und fand auch eine: “... aber kann man das denn so
früh schon sicher feststellen?”
266
Man konnte auf Futuras. Und weil es ein so ungewöhn-
liches Weltraumkind war, musste Meta extra in eine Spezi-
alklinik fliegen, aber alle Tests waren positiv.
Langsam hatte ich mich gefasst, und meine ehrliche
Freude über das Gelingen unserer Bemühungen war stärker
als die Enttäuschung darüber, dass weitere Bemühungen
nunmehr leider entbehrlich geworden waren.
Wir saßen nach dem gemeinsamen Abendessen noch
lange zusammen und malten uns aus, wie unser Kind einmal
aussehen würde.
Als ich mich gegen Mitternacht endlich verabschieden
wollte, erschrak Meta: “Ach du meine Güte! Jetzt hätte ich
es beinahe vergessen. Du hast doch morgen frei?” Und als
ich dies bejahte: “Ein Herr Sikato vom Vorstand der Stadt
Orisulom wollte unbedingt zu dir. Du kennst ihn ja schon.
Ich habe ihm gesagt, dass du morgen früh hier zu erreichen
bist. Gut, dass das klappt.”
“Hat er auch gesagt, was er will?”
“Das wüsstest du schon.”
Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, was
dieser Herr Sikato von mir wollte. Sein Schlüsselbeinbruch,
den er sich beim heimlichen Radfahrversuch geholt hatte und
von dem ich gar nichts wissen durfte, konnte überhaupt noch
nicht ausgeheilt sein. Seine Einstellung zum Fahrrad war
daher sicher auch nicht sehr positiv. Aber er war der Vertreter
des staatlichen Miteigentümers an der Fahrradfabrik. Ob die
Fabrik, um die es nicht zum besten bestellt war, etwa doch
Konkurs anmelden musste? Ich schlief mit meinen recht
unguten Vorstellungen schließlich erst nach Stunden ein.

Als ich noch beim Frühstück in Lapas Gaststube saß, landete


Herr Sikato. Er trug seinen linken Arm in einer Binde.
267
“Freut mich, sie wiederzusehen, Herr Sikato. Aber was
haben sie denn da angestellt?” Ich spielte gekonnt den Ah-
nungslosen.
“Ach, nichts besonderes. Ein ungeschickter Schritt beim
Aussteigen aus dem Gleiter. Aber es geht schon wieder.”
Er machte es mir mit seiner Lüge verdammt schwer, weiter
so zu tun, als würde ich nicht die wahren Umstände seines
Unfalls kennen. Aber das war ich doch meinem Herrn Fakeno
für seine vertrauliche Information schuldig. Also bedauerte
ich so gut es ging sein Missgeschick und erkundigte mich
nach seinem Anliegen.
“Ich will es kurz machen. Hier ist ihr Erfinderpatent für
das Fahrrad.”
Er überreichte mir feierlich eine Urkunde des Patentamtes
und gratulierte mir dazu. Der Betrieb habe, wie vereinbart,
die Anmeldung in meinem Namen vorgenommen und alle
Gebühren und Auslagen bezahlt. Gleichzeitig sei Herrn
Fakeno ein Patent für den Rücktritt und Frau Palita vom
Kunststoffwerk Orisulite eines für die Fahrradreifen erteilt
worden. Er bat mich, keinen Einspruch einzulegen, weil doch
die Idee für den Rücktritt eigentlich von mir gekommen sei.
Dem guten Herrn Sikato fiel offensichtlich ein Stein vom
Herzen, als ich wahrheitsgemäß versicherte, Herr Fakeno
habe sich allein das Patent für den Rücktritt verdient und ich
würde deshalb auch keinerlei Ansprüche geltend machen.
Ich wurde den Eindruck nicht los, dass mein Besucher
noch irgendein wichtiges Anliegen vor sich her schob.
Schließlich rückte er endlich damit heraus: “Sie wissen doch,
mit der Produktion des Fahrrades wollen wir mit unserem
Werk wieder rentabel werden. Zur Zeit aber haben wir er-
hebliche finanzielle Schwierigkeiten. Deshalb bitten wir sie,
268
dem Werk die Herstellungslizenz zu einem günstigen Preis
zu erteilen. Wir dachten an 300.000 Eku.”
Nun hatte ich nie die Absicht, Geld mit dem Fahrrad zu
verdienen, noch konnte ich mir überhaupt vorstellen, welchen
Wert 300.000 Eku haben. Aber in dem Augenblick, als ich
die Lizenz kostenlos abtreten wollte, dachte ich an unsere
Partei, die für die nächste Zeit gewiss nicht mit ausreichenden
Mitteln ausgestattet war.
Mein Gesprächspartner holte ungeschickt mit seiner
einen freien Hand einen vorbereiteten Vertragsentwurf aus
seiner Mappe und legte ihn mir mit fragendem Blick vor.
Beim Lesen hatte ich Zeit zum Nachdenken. Dann sagte ich:
“Einverstanden ...”
Herrn Sikatos Miene hellte sich auf.
“... aber mit einer Änderung.” Mein Partner wurde erneut
unsicher. Ich strich im Vertrag das kurzfristige Datum für
die Zahlung des Geldes und schrieb hinter den Betrag von
300.000 Eku: ‘... und zwar nach dem Verkauf jedes Fahrrades
ein Eku.’
Herr Sikato hatte einen so günstigen Vertrag in seinen
kühnsten Träumen nicht erwartet.
“Dann tragen sie das Risiko für den Absatz mit?”
“Ist das denn nicht auch recht und billig? Sollen denn
die Betriebsangehörigen das Risiko für mein Fahrrad allein
tragen?”
Verdammt, ich hatte ‘mein Fahrrad’ gesagt. Das klang
sehr arrogant. Ich ärgerte mich. Aber Herr Sikato bemerkte
meinen Ärger nicht. Er war so erfreut, dass er versuchte,
mich mit seinem freien Arm zu umarmen, ließ aber schnell
davon ab, als sein Schlüsselbein ihm Schmerzen bereitete.
So erzählte er mir sehr eindrucksvoll, dass der Lizenzvertrag
269
die große Hoffnung für das Werk und die Stadt Orisulom
sei, die Arbeitsplätze zu erhalten und finanziell wieder auf
einen grünen Zweig zu kommen. Er verriet mir, dass im Werk
bereits auf Verdacht eine Probeserie von tausend Stück auf-
gelegt worden war und der junge Ingenieur, der zusammen
mit Herrn Fageno bei mir das Fahren gelernt hatte, seine
Fähigkeiten bereits an eine große Gruppe von Betriebsan-
gehörigen weitergegeben hatte.
Bei dieser Mitteilung kam mir die glänzende Idee, dass
man die notwendige Werbung für das Fahrrad eigentlich recht
gut mit der Werbung für unsere Partei verbinden konnte.
So bat ich Herrn Sikato, mich auf seinem Rückflug mit ins
Werk zu nehmen. Erst unterwegs wurde mir bewusst, dass
dies natürlich nicht ohne Einverständnis der Partei ging,
zu der ich bisher jedoch noch keinerlei Verbindung hatte,
wenn man von Marias und Lalis Erzählungen absah. Aber
es ging halt nur eines nach dem anderen. Erst wollte ich
mir den technischen Stand der Fahrradentwicklung genau
anschauen. Schließlich bestand die Gefahr, dass technische
Probleme an den übereilt entwickelten Rädern sich negativ
für die Parteiwerbung auswirken konnten.
Herr Fakeno war im Werk nicht zu erreichen. So übergab
Herr Sikato dem Leiter der kaufmännischen Abteilung, einem
Mitglied des Werkvorstandes, den unterschriebenen Vertrag.
Auch an dessen spontaner Freude konnte ich ermessen,
welche Bedeutung der Fahrradproduktion für den lokalen
Aufschwung beigemessen wurde. Dieser Kaufmann freute
sich aber auch besonders darüber, dass Herr Fakeno ihn
nunmehr wohl nicht mehr länger daran hindern konnte, die
Werbung fürs Fahrrad einzuleiten. Leider musste auch ich
ihn vor voreiligen Schritten warnen, bevor die Erprobung
270
abgeschlossen sei. Er hoffte jedoch, dass das mit der heutigen
Langstreckenerprobung durch Herrn Fakeno erfolgen würde.
“Wie bitte? Eine Langstreckenerprobung?” Herr Sikato
war ehrlich erstaunt. “Wann denn? Und auf welcher Stre-
cke?”
So genau wusste das der Kaufmann auch nicht. Aber es
seien zwanzig Fahrer mit Herrn Fakeno unterwegs und es
sollte über hundert Kilometer in der nördlichen Heide gehen.
Der ruhige, etwas schlaksige Herr Sikato war wie verwan-
delt. Er zog mich am Arm zur Tür. “Warum sagt man mir
das nicht? So etwas bleibt doch nicht unentdeckt. Wir haben
schon genug Reporter, die ums Werk herumschnüffeln.”
Schnell wie ein Jüngling rannte er vor mir her zum Gleiter.
“Vorsicht, dass sie nicht noch einmal stürzen!”, rief ich
ihm in einem Anflug von Ironie zu, aber er bemerkte es
nicht. Wir stiegen rasch auf. Da man aus größerer Höhe das
schmale Band der Wege wegen der überhängenden Zweige
nur schlecht einsehen konnte, gingen wir tiefer herunter und
suchten Kilometer um Kilometer nach der Fahrerkolonne ab.
“Zwanzig Radfahrer, die muss man doch entdecken
können!”
Doch wir fanden keinen. Wir mochten wohl alle Herrn
Sikato bekannten Wege abgeflogen sein, leider ohne Er-
folg. Dann gab er es auf. Aber auf dem Rückflug, kurz vor
dem Werk, entdeckten wir sie doch. Ich zählte und kam auf
achtzehn. Im Werkhof stiegen sie vom Rad. Wir landeten
daneben.
“Menschenskind, Fakeno, wir geben uns die größte Mühe,
den Stand der Produktion nicht zu zeigen und sie liefern alles
den Reportern frei Haus”, schimpfte Herr Sikato erregt.

271
“Wir haben niemanden getroffen und außer euch hat uns
auch kein Gleiter verfolgt. Die Reporter sind zudem alle in
der Stadthalle zu einer Informationsveranstaltung über mein
Rücktrittspatent”, entgegnete der pfiffige Chiefkonstrukteur.
“Aber erst einmal unserem Gast einen guten Tag”, und er
schüttelte mir kräftig die Hand.
Dann berichtete er über die Fahrt. Jeweils zehn Räder
hatten unterschiedlich harte Reifen. Von denen mit einer
weicheren Decke seien zwei wegen der Ausdehnung bei
einer längeren Fahrt von den Felgen gesprungen. Sie kämen
für den Einsatz in der weiteren Produktion nicht mehr in Be-
tracht. Ansonsten gäbe es keine Beanstandungen. Man müsse
allerdings die Fahrzeuge erst noch gründlich abschließend
untersuchen.
Die Fahrer bewegten sich etwas steif über den Hof. Keiner
von ihnen war vorher mehr als höchstens einen Kilometer
gefahren und heute ging es gleich über fünf Stunden. Eine
deutliche Überforderung. Ich unterhielt mich mit einem
jungen Mann, der offensichtlich Schmerzen am Gesäß
hatte. Er fand die Fahrt trotzdem wunderbar und würde am
liebsten das Fahrrad sofort kaufen. Nachdem Herr Fakeno
seinen Testfahrern noch einige Anweisungen für die Mate-
rialuntersuchung gegeben hatte, zogen wir drei uns in sein
Arbeitszimmer zurück.
Herr Sikato berichtete über den Vertrag mit mir, Herr
Fakeno über den Stand der Produktion der ersten tausend
Räder und ich über meine Idee, die Werbung für das Rad mit
der Werbung für die Futuras-Erde-Partei zu verbinden. Es
stellte sich heraus, dass Herr Fakeno bereits Mitglied dieser
Partei und in einen Zellvorstand gewählt war. Diese Zelle
hatte bereits über zwanzig Mitglieder und konnte gar nicht
272
so schnell geteilt werden, wie sich neue Mitglieder meldeten.
In der Stadt gäbe es mehrere Zellen, die bisher nur eine lose
Verbindung miteinander hätten, aber in der nächsten Woche
einen Vorstand des Zellverbandes wählen wollten. Ich bat,
mir den Termin mitzuteilen, da ich gern teilnehmen würde,
wenn es meine Zeit erlaubte.
“Ob es in der nächsten Zeit möglich werden könnte, mit
einer größeren Gruppe von Radfahrern eine Werbefahrt durch
unser Land zu veranstalten, Werbung für Fahrrad und Partei,
mit Fernsehen und so?”, fragte ich vorsichtig.
“Frühestens in einer Woche”, sicherte mir Herr Fakeno
zu, “aber sie sollten dabei sein.”
“Und ich übernehme die Organisation mit Streckenfüh-
rung, Unterbringung und allem, was dazugehört”, schloss
sich auch Herr Sikato an.
“Für die Werbung sorgt unser kaufmännischer Chef”,
ergänzte Herr Fakeno, “der brennt schon förmlich darauf.”
Ich blieb noch lange im Werk. Wir saßen mit den Fahrern
zusammen und diskutierten über Gangschaltungen, Len-
kerfederungen und anderes. Auch über Radrennbahnen und
ähnliche utopische Ideen. Schließlich war es doch der reale
Kern jeder Utopie, dass ein Stückchen davon verwirklicht
werden konnte und der Rest erwünscht und angestrebt wurde.
Aber selbst der Teil einer Utopie, der weiterhin ein unerreich-
barer Traum blieb, beeinflusste das Denken und Handeln der
Menschen und gab der Entwicklung eine Richtung.
Es war schon dunkel, als mich einer der Ingenieure mit
einem Radargleiter nach Hause brachte.

Mein Einstieg in die Parteiarbeit

273
In Lapos Gaststube brannte noch Licht. Eine fröhliche
Gesellschaft feierte. Maria und Lali kamen mir vergnügt
entgegen. Beim Begrüßungskuss klärte mich Lali auf: “Meta
und Meto bekommen ein Kind. Das wird bei uns gefeiert,
sobald es feststeht.”
Und Maria ergänzte flüsternd: “Hast du verstanden? Meto
bekommt das Kind!”
Ich wusste es doch bereits und hatte verstanden. Fast
die ganze Zellgemeinschaft war zusammengekommen und
sogar einige Leute aus der weiteren Nachbarschaft feierten
mit. So ging ich gefasst lächelnd auf Meta und Meto zu,
gratulierte ihnen und hatte auch keinerlei Probleme, ehrlich
zu versichern, dass ich mit ihnen glücklich sei. Mir tat es nur
leid, so spät erst zurückgekommen zu sein, aber ich hatte ja
keine Ahnung, dass eine Feier stattfand. Frau Lapa brachte
mir eine Schale Wein, so konnte ich auf das gute Gedeihen
des Nachwuchses trinken. Zum Anstoßen taugten die Ke-
ramikschalen leider nicht, und ich fragte mich, warum es
eigentlich keine Gläser für den Wein gab. Glas gab es doch
in allen Fenstern, aber Trinkgläser, Flaschen oder andere
Hohlkörper aus Glas hatte ich noch nirgends gesehen. Doch
bevor ich mir hätte vornehmen können, den Futuranern auch
das Weinglas zu erfinden, meldete sich Lali zu Wort: “Maria
und ich haben noch eine Überraschung für euch. Wir mussten
nur noch auf unseren Bummelanten warten, denn der wird
dazu gebraucht.”
Sie schaltete die Lichtwand ein, auf der ich vor Tagen den
Sturz des Herrn Kataro wiedererlebt hatte. Diesmal zeigte das
Bild eine kleine Musikgruppe, die einen Walzer spielte, den
gleichen, nach dem wir hier im Hause mit Lali und ihrem Ju-
gendfreund getanzt hatten. Langsam schwenkte die Kamera
274
in einen Saal, auf dessen Tanzfläche sich mindestens zwölf
Paare zur Musik drehten. Es fehlten nur noch die weiten
weißen Röcke der Damen und man hätte glauben können, es
seien Bilder vom Wiener Opernball. Da hatten doch Maria
und Lali irgendwelchen Futuranern das Tanzen beigebracht.
Nun ahnte ich schon, wozu ich heute noch gebraucht wurde.
Die Lichtwand erlosch wieder und Lali erklärte: “Die
Erdenmenschen haben uns ihren Walzer mitgebracht und
wir hatten den Gedanken, dieses Geschenk in die Agitation
unserer Partei für Verbindung und Freundschaft mit der
Erde einzubauen. Einige hundert Mitglieder haben das mit
Freude aufgegriffen und wie ihr gesehen habt, hat das viel
Spaß gemacht. Wir sollten es auch versuchen.”
Sie schaltete den Ton wieder ein und forderte mich zum
Tanz auf. Unter dem “Ah” und “Oh” der Zuschauer drehten
wir einige Runden. Dann nahm sich Maria Meto aufs Parkett
und übte mit ihm die ersten Schritte im Dreivierteltakt. Als
Lapo an uns vorbei wollte, nickte mir Lali zu, ließ mich los
und begann mit dem Wirt zu üben. Ich forderte Meta auf
und so sah man drei Paare vorwärts und rückwärts trippeln
bis allmählich die ersten leichten Drehungen gewagt werden
konnten. Herr Laso, der Arzt, und seine Frau stellten sich
neben mich und Meta und versuchten nicht ohne Geschick
unsere Schritte nachzumachen. Kurzum, nach kaum einer
halben Stunde drehte sich die ganze Gesellschaft im Walzer-
takt durch den Saal. Der Tanz ist ja ziemlich einfach, leider
aber auch recht anstrengend. So waren besonders die Älteren
froh, als Lali die Musik ausklingen ließ. Doch nach einer
kurzen Verschnaufpause wurde erneut Musik gewünscht und
es hielt kein Paar auf den Stühlen.

275
Spät gingen wir auseinander. Als sich im oberen Flur
unsere Helfer verabschiedeten, sagte Meta mit vom Tanzen
geröteten Wangen zu mir: “War es nicht schön, unser Fest!”
Und ich gab ihr einen Kuss mitten auf den Mund: “Wun-
derschön war es, euer Fest.”
Kaum war ich mit Lali und Maria allein, erkundigte ich
mich nach dem Stand der Parteigründung.
Lali berichtete begeistert: “Es läuft großartig! In der kur-
zen Zeit haben sich bereits einige Vorstände der dritten Ebene
konstituiert und sogar einer der vierten Ebene. Das sind in
einem einzigen Kreis fast tausend Mitglieder. Mir geht es
beinahe zu schnell, denn notgedrungen sind alle Vorstände
erst provisorisch gewählt. Man kennt sich doch noch nicht so
gut. Es werden also nicht immer auf Anhieb die Besten sein,
aber das wird sich mit der Zeit hoffentlich einpendeln. Nur
bleibt die Frage, ob wir diese Zeit für die Festigung der Orga-
nisation haben, denn unsere Aktivität bringt zunehmend auch
Gegner auf den Plan. Besonders im Fernsehen und in einigen
Zeitungen gibt es skeptische und bisweilen auch gehässige
Kommentare. Die amtliche Registrierung wurde gleich für
den ganzen Staat Ot und nicht nur für ein Land beantragt.
Aber es bilden sich sogar in einigen Nachbarstaaten erste
Zellen. Ab nächster Woche ist eine große Werbekampagne
vorgesehen. Maria hatte die glänzende Idee mit dem Walzer.
Die ersten Versuche haben eingeschlagen wie eine Bombe.
Wir wollen den Walzer zur Erkennungsmelodie der Partei
machen. In den Versammlungen soll getanzt werden. Das
kommt an, bringt gute Stimmung und nimmt dem Ganzen
etwas den politischen Ernst.”
“Und als Parteisymbol könnt ihr das Fahrrad nehmen”,
wandte ich mehr zum Scherz ein und berichtete über die
276
Möglichkeit, in gleicher Woche die Werbekampagne mit
einer Fahrradrundfahrt durch das Land zu unterstützen.
Lali und Maria fanden das großartig und wollten sich
schnellstens mit dem Organisationsbüro abstimmen. “Du,
deinen Scherz mit dem Parteisymbol sollten wir ernsthaft
durchdenken. Ist dein Fahrrad nicht tatsächlich ein - vielleicht
bisher das einzige - Symbol für die Verbindung mit der Erde?
Wir werden das anregen”, meinte Lali.
Man gab mir den Entwurf eines Programms, den ich mir
gelegentlich durchlesen sollte. Über diese Programmpunkte
sollte in den Versammlungen beraten werden, damit so die
persönlichen Positionen der Anwesenden deutlich werden
konnten und wenigstens eine erste Einschätzung für deren
Eignung als zu wählende Vorstandsmitglieder möglich
wurde.
Es war sehr spät geworden und wir waren alle müde.
Dennoch legte ich mich zu Maria ins Bett und nahm ihren
Kopf an meine Schulter. Wir spürten unsere Wärme und
schliefen beieinander ein.

Für die folgende Woche stand planmäßig die Geographie


von Futuras im Ausbildungsprogramm. Es war eigentlich
beschämend, wie wenig wir in den vielen Monaten unseres
Aufenthaltes von dem Planeten kennengelernt hatten.
Anfangs fehlten zwar manche Voraussetzungen dafür, aber
jetzt, nachdem wir ausreichend Sprachkenntnisse erworben
hatten und auch eine ganze Menge über das Leben der
Futuraner wussten, war unsere Zeit so ausgefüllt, dass
sie kaum für einen gründlichen Blick auf den Globus
oder für einen Videofilm über fremde Kontinente reichte.
Genaugenommen endete die Kenntnis von unserer näheren
Umgebung bereits an der Schlosserei im Walde und am
277
Sportplatz in der unteren Gemeinde. Wir hatten nur vage
Vorstellungen von den Grenzen unseres Landes oder der
Lage der Kontinente zwischen den Ozeanen.
Leider sollte diesbezüglich vorerst keine Besserung
eintreten, denn Lali hatte uns beide für die Arbeit in der
neuen Partei freistellen lassen. Das entsprach ganz gewiss
unserem wichtigsten Anliegen, Verbindungen zwischen
unseren Planeten zu schaffen, die es vielleicht doch einmal
ermöglichten, zur Erde zurückzukehren. Wir vermieden es,
darüber zu reden, um unsere Herzen nicht schwer werden zu
lassen, aber tief drinnen glühte immer die Sehnsucht nach
der verlorenen Heimat.
Am ersten Tag lernte ich Lalis Institut kennen. Man stellte
mir eine Menge Leute vor, darunter etliche, die uns bereits
in der Quarantäne kennengelernt hatten. Umgekehrt war dies
allerdings nicht der Fall, da wir sie nur in ihren unförmigen
Schutzkleidungen gesehen hatten, und bei unserer Verab-
schiedung waren es so viele Gesichter, dass ich mir keines
eingeprägt hatte.
Das Institut war nicht nur zentrale Forschungsstelle für
interstellare Lebensformen, sondern in letzter Zeit auch Aus-
gangspunkt und Koordinierungszentrum für die Gründung
und Strukturierung der Partei. Allabendlich fanden im großen
Hörsaal Diskussionen zu theoretischen und praktischen Pro-
blemen der Partei statt. Die Angehörigen des Instituts stellten
dabei einen großen Teil der Redner und Versammlungsleiter.
Anlässlich meiner ersten Teilnahme führte mich der
Vorsitzende des Institutsrates auf ein bühnenartiges Podium,
stellte mich den Versammelten vor und forderte mich auf,
einige Worte an die Anwesenden zu richten. Das kam für
mich unerwartet. Während des Beifalls zu meiner Begrü-
278
ßung konnte ich in aller Eile einige Gedanken ordnen und
begann schließlich mit der Erinnerung an unseren ersten
Aufenthalt im Institut, dem wir unsere Existenz und damit
die erste sinnvolle Verbindung zwischen unseren Planeten zu
verdanken hätten. Danach brachte ich meine Bewunderung
für das große Interesse der Futuraner an einer friedlichen
Verbindung und der raschen Entwicklung der Partei zum
Ausdruck und beendete meine kurze Ansprache mit der
Hoffnung auf eine erfolgreiche Verwirklichung der Ziele
der Partei und versicherte, dass Maria und ich nach Kräften
dabei mithelfen wollten.
Der Vorsitzende des Institutsrates bedankte sich höflich
für meine Worte, besonders aber für unsere Bereitschaft zur
Mitwirkung. Nur durch unser persönliches Auftreten hätte
die Partei überhaupt eine Chance, den noch weit verbreiteten
tiefen Hass auf die Erdenmenschen allmählich abzubauen.
Ohne die systematische Überwindung dieser Voreingenom-
menheiten in weiten Kreisen der Bevölkerung könne die
Partei ihren Zielen nicht näher kommen. Wir hätten schon
viel dazu beigetragen, aber man sollte sich von den Anfangs-
erfolgen nicht täuschen lassen, es bliebe noch viel zu tun.
Die Partei würde uns nach Kräften in unseren Bemühungen
unterstützen.
Was hatte er da gesagt? “Hass auf die Erdenmenschen”
und “Voreingenommenheiten in weiten Kreisen der Bevölke-
rung”! Ich fühlte mich wie aus einem Traum gerissen. Waren
wir nicht überall freundlich begrüßt und aufgenommen wor-
den? Hatten wir je ein böses Wort gehört? Natürlich wussten
wir schon seit der ersten Pressekonferenz von einer geteilten
Meinung zu uns Erdenmenschen. Wir konnten uns auch
gut den Unmut derer vorstellen, die von den Besatzungen
279
unserer Vorgänger-Raumschiffe so schweres Leid erfahren
hatten. Auch Lali beklagte sich gelegentlich über negative
Beiträge in den Medien. Aber nun erschien mir die Aversion
gegen die Erde in neuen Dimensionen und unsere Aufgabe
hier auf Futuras in einem ganz anderen Licht.
Ein Wissenschaftler hielt danach einen Grundlagenvor-
trag über die Möglichkeiten einer Funkverbindung zur Erde.
Maria und ich hörten angestrengt zu, verstanden aber wegen
der Fülle technischer Begriffe schon rein sprachlich wenig.
Erst in der Diskussion wurde uns klar, dass der Vortragende
den Bau einer riesigen Sendeanlage für wenig sinnvoll hielt,
solange ein Funksignal zur Erde mehrere Jahre benötige.
Er forderte erst einen Vorlauf in der Transphotonentechnik,
die man ohnehin als Antrieb für Raumschiffe brauche und
von der er sich auch eine Beschleunigung der Radiosignale
versprach. Nur ein Funkverkehr mit mehrfacher Lichtge-
schwindigkeit sei sinnvoll. Andere Sprecher wünschten aber
einen normalen Funkspruch mit dem einzigen Inhalt, dass
sich zwei Erdenbewohner gesund auf Futuras aufhielten.
Diese Nachricht wäre zwar erst nach Jahren am Ziel, aber
immer noch weit früher als ein Raumschiff und würde auf
der Erde notwendige Vorkehrungen auslösen.
Auch Lali beteiligte sich an der Aussprache. Sie hielt
die rechtzeitige und präzise Vorbereitung des Funkverkehrs
zwischen einem Raumschiff und der Erde vor der Landung
für erforderlich, damit die bewährten Quarantänemaßnahmen
und anderes dort ordentlich vorbereitet werden könnten.
Schließlich konnte ich mich nicht mehr länger zurück-
halten. Jeder Diskussionsteilnehmer sah nur die aktive Seite
des Funkverkehrs. Deshalb wies ich darauf hin, dass von
der Erde aus seit Jahren starke Signale in den Weltraum
280
gesendet werden, in der Hoffnung auf irgendein Echo. Be-
sonders gezielt erfolge das in Richtung Futuras, weil man
hier aus den gemessenen Bedingungen mit der Möglichkeit
intelligenten Lebens schon vor dem Start von Futuras 1 ge-
rechnet hatte. Sollte Futuras 3 der Rückflug gelungen sein,
dann hätte man sogar eine Bestätigung dieser Vermutung.
Mit Sicherheit würden die Funksignale in Richtung Futuras
danach verstärkt. Man möge doch prüfen, ob nicht auch
entsprechende Antennenanlagen für den Empfang dieser
Signale sinnvoll wären.
Ein Redner verwies danach auf die vorhandenen Anten-
nen des Instituts. Ein anderer, der offenbar in dieser Anlage
beschäftigt war, hielt diese Antennen für völlig unzulänglich.
Sie hätten noch nie ein Signal aus dem Weltall empfangen.
Schließlich wurde beschlossen, der zukünftigen Parteifüh-
rung zu empfehlen, eine Beratergruppe für interstellaren
Funkverkehr zu bilden. Einige Teilnehmer, die sich auch
an der Diskussion beteiligt hatten, erklärten sich sofort zur
Mitwirkung bereit.
Anschließend spielte die kleine Band, die wir schon im
Videofilm gesehen hatten, unseren Walzer. Der Versamm-
lungsleiter forderte Lali zum Tanz auf. Diese zog Maria und
mich gleich mit. Auf der kleinen Fläche im Hörsaal konnten
nur wenige Paare tanzen, aber viele der Anwesenden summ-
ten die nun schon allgemein bekannte Melodie mit und einige
schunkelten dazu.
Nach der Versammlung führte uns Lali durch Instituts-
räume, in denen die auswertbaren Materialien von Futuras
2 und 4 sorgfältig geordnet aufbewahrt wurden. Ein Raum
enthielt die Bordbibliotheken mit allen Büchern, Filmen,
Tonbändern und Disketten. Das Bordjournal von Futuras 4
281
hielt mich eine Weile gebannt auf. Ich hatte das Tagebuch
geführt und es berührte mich eigenartig, wie seltsam entfrem-
det mir meine eigene Handschrift hier in dieser musealen
Atmosphäre nun vorkam. Die beiden Frauen waren schon
weitergegangen. Ich holte sie ein, da sie vor einigen Wand-
bildern stehengeblieben waren. Eines zeigte einen flachen,
rundlichen Bau. Lali erklärte, es sei die Gedenkstätte am Ort
der größten Zerstörungen durch den Atomisator von Futuras
2. Hier sei auch die Asche von den vielen toten Futuranern
und der Besatzung von Futuras 2 beigesetzt. Etwas unsicher
schaute sie uns an und fügte hinzu, dass auch unsere toten
Kameraden von Futuras 4 hier ihre letzte Ruhestätte gefunden
hätten. Dann ging sie rasch weiter, als wollte sie uns keine
Zeit zu besinnlicher Trauer lassen. Doch das konnte sie uns
nicht ersparen, zumal der nächste Raum unsere Erinnerung
noch steigerte. Hier lagen exakt nummeriert und den ein-
zelnen Personen zugeordnet die von ihnen hinterlassenen
Gegenstände. Und stärker als der fremdartige Totentempel
wirkten die Armbanduhr des Kommandanten, die Gitarre
der von mir an Bord so innig geliebten Funkerin Mika, Ma-
rias bordmedizinische Ausrüstung oder gar meine eigenen
Utensilien, von der Kleidung bis zum Rasierapparat, vom
Nähzeug bis zu dem kleinen Fotoalbum mit Erinnerungen
an die Erde. Die Glasvitrinen waren leider verschlossen, aber
Lali versprach, dass wir uns bei Gelegenheit alles gemein-
sam in Ruhe anschauen könnten. Tief bewegt verließen wir
den Raum und gingen etwas achtlos durch den nächsten,
in dem unser Atomisator stand, neben Lasergewehren und
anderen Waffen, unseren Scaphandern, der Funkausrüstung,
mathematischen und astronomischen Leitgeräten, dem Zent-
ralcomputer, ja sogar Sitzen und anderen Einrichtungsteilen.
282
Lali war nicht entgangen, wie tief uns alles bewegte. Das
war für sie nicht unerwartet. Deshalb hatte sie wohl auch nie
mit uns darüber gesprochen und diese erste Begegnung mit
unserer Vergangenheit nur als kurze Episode auf dem Weg
zu unserem Nachtquartier vorgesehen.
Die Institutsleute hatten einen hübschen Einfall. Sie hatten
für Maria und mich unsere alten Quarantäneräume wieder
eingerichtet. Da Lali uns im Dunkeln hinführte und wir den
Weg ohnehin nicht kannten, merkten wir erst wo wir waren,
als sie das Licht einschaltete.
Als unsere erste Freude über die gelungene Überraschung
abgeklungen war, stand Lali wie damals in ihrem schwar-
zen, enganliegenden Kleid vor uns. Aus dem aufgesetzten
Sprachhütchen klang uns blechern entgegen: “Ich bin Lali,
Ihre Betreuerin. Ich freue mich, dass ich bei Ihnen sein darf.”
Ein unbeschreibliches Gefühl überfiel mich, gemischt
aus der Angst, die uns damals noch in den Knochen saß, der
Zuneigung und Dankbarkeit zu Lali und wohl auch aus dem
Stolz, alle Probleme seitdem gemeistert zu haben. Oder war
mir nur noch einmal die Freude zu leben so richtig bewusst
geworden? Dieses Gefühl wandelte sich langsam vom Un-
angenehmen in einen wahren Glücksrausch.
Maria fand als erste wieder Worte: “Mein Gott, wie schön
ist es doch zu leben!”
Sie lag sich mit Lali in den Armen. Ich stand wie be-
nommen vor Glück daneben. Zum ersten Mal, seit wir die
Erde verlassen hatten, rollten mir salzige Tränen über die
Wangen. Ich konnte sie weder zurückhalten noch verbergen
und fürchtete die Sticheleien der Frauen. Aber die Läster-
mäulchen blieben still. Maria nahm ein Tuch und tupfte mein
Gesicht ab. Lali gab mir einen Kuss. Es war mir, als hätten
283
wir uns nie vorher geküsst. Alles war neu und erregend. Wir
blieben die ganze Nacht zusammen und waren glücklich bis
zur völligen Erschöpfung.
Auch das war das Wunder der Liebe, die körperliche und
seelische Vereinigung gebar neue Lebensfreude und Schaf-
fenskraft. Sie gab emotional eine bejahende Antwort auf die
ewige Frage nach dem Sinn des Lebens.
Wie tierisch primitiv mutete dagegen die Einstellung
mancher weltlicher und geistlicher Führer an, für die das
Zusammensein von Mann und Frau nur durch den Willen zur
Fortpflanzung gerechtfertigt war. Wie tierisch primitiv war
aber auch das Verhalten vieler Menschen, die “sex whithout
love” propagierten und unter bordellartigen Bedingungen
rein körperliche Entspannung suchten, aber im Gegensatz
dazu glaubten, ihre ‘reinen’ und ‘heiligen’ Gefühle für ir-
gendeine ‘wahre Liebe’ oder eine ‘ewige Treue’ aufsparen
zu müssen.

Meine Gedanken kreisten noch um diese Fragen, als ich beim


Frühstück für die anderen wohl recht unvermittelt sagte:
“Lali, es gibt meines Wissens keine Religionen auf Futuras.
Worin besteht für euch eigentlich der Sinn des Lebens?”
“Hast du am frühen Morgen keine einfachere Frage?
Erstens gibt es durchaus einzelne Gruppen von Futuranern
in abgelegenen Gebieten, die noch an Götter glauben. Und
zweitens müssen doch nicht alle Menschen die gleiche Mei-
nung vom Sinn des Lebens haben. Bei uns gibt es da wohl
sehr individuelle Vorstellungen. Viele sehen das sicher sehr
pragmatisch: Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Aber das
verlagert nur die Frage, denn welchen Sinn haben dann eben
Selbsterhaltung und Fortpflanzung? Eine bekannte Philoso-
phin, Frau Kusimara, meint, der Sinn des Lebens bestehe
284
gerade darin, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Sie
spricht von einem Erkenntnistrieb, dem das ganze Verhalten
der Menschen untergeordnet werde: Denken, um zu neuen
Erkenntnissen zu gelangen; Arbeit, um die Grundlagen für
neue Erkenntnisse zu schaffen, eben auch für die Selbster-
haltung und schließlich Fortpflanzung, um die Erkenntnisse
weitergeben zu können.”
Da schaltete sich Maria ein: “Weil aber der letzte Sinn
des Lebens niemals erkannt werden wird, nennen wir das
verbleibende Unbekannte Gott.”
“Wozu eigentlich”, ärgerte ich mich, “das ist eben das
noch zu erkennende. Man darf doch nicht aufhören, nach
Erkenntnissen zu streben, weil angeblich sowieso nicht
alles erkennbar ist. Ein Gott hilft auch nicht zu weiteren
Erkenntnissen.”
Maria konterte: “Du hast wohl noch ein recht naives Got-
tesbild: Ein alter Mann mit Vollbart, der über den Wolken
thront und schon alles regeln wird.”
“Unsinn, wenn er allmächtig wäre, gäbe es keinen Krieg
und keine Ungerechtigkeit. Wenn er das aber offensichtlich
nicht ist, wozu braucht man dann Gott?”, ereiferte ich mich.
Unser Streit nahm unangenehme Formen an. Zeit für Lali,
ablenkend einzugreifen: “Kinder, Kinder, ich dachte bisher
immer, ihr unterscheidet euch nur im Bett und nun solche Ver-
schiedenheiten. Natürlich gibt es auch bei uns unterschied-
liche Vorstellungen, nicht einmal nur über das Unbekannte,
sondern oft genug auch über bereits längst Erkanntes. Aber
da helfen doch keine gegenseitigen Vorwürfe. Mir wird durch
euch eigentlich erst eine wichtige Seite unserer Demokratie
bewusst, nämlich eine gepflegte Streitkultur. Was zählt sind
Argumente, beweisbare Behauptungen also. Und beweisen
285
heißt immer nur, mit zwingenden oder wenigstens glaubwür-
digen Schlussfolgerungen aus Tatsachen einen anderen von
der Richtigkeit einer Aussage zu überzeugen. Es gibt zwei
Sünden gegen die Demokratie: Unbewiesenes als Tatsache
zu behaupten und Bewiesenes nicht anzuerkennen. Einfacher
gesagt: Frechheit und Sturheit. Aber es erfordert in Grenz-
fällen schon eine gehörige Portion Weisheit, um die Über-
zeugungskraft von Beweisen richtig einzuschätzen. Daher
wohl auch die starke Förderung der Allgemeinbildung bei uns
und das Gewicht der Bildung bei der Wahl von Vorständen.
Dabei sind nicht so sehr die Diplome und Einstufungen das
Kriterium der Weisheit, sondern die gesamte Lebensweise
eines Bürgers ist Ausdruck seiner Bildung und Grundlage
für den Vertrauensbeweis bei der Wahl.”
Lali hatte lange gesprochen, lange genug, uns Zeit zur
Besinnung zu lassen. Unsere Hände hatten sich unter dem
Tisch wieder gefunden, als wollten wir fragen: ‘Haben wir
jetzt nicht andere Probleme?’
Wirklich, die hatten wir.
Da war noch meine Ernüchterung durch die gestrige Rede
des Vorsitzenden über den ‘tiefen Hass weiter Kreise’. Zu
meinem Erstaunen war Maria durch ihre Arbeit im Institut
bereits besser darüber informiert als ich. So gäbe es sogar
Bestrebungen, eine Gegenpartei zu gründen. Lali bemühte
sich, meine Sorgen zu dämpfen, indem sie mir versicherte,
dass seit geraumer Zeit in den Medien die Anzahl der nega-
tiven Kommentare zu den Ereignissen um Futuras 2 erheb-
lich zurückgegangen sei. Sie meinte, dass sich dadurch der
‘verbreitete Unmut’ allmählich beruhigen würde, zumal eine
gezielte Manipulation der Bürger seitens der politischen Füh-
rung nach Lalis Einschätzung nicht mehr gewünscht werde.
286
Mir fehlte der notwendige Einblick in die gesellschaftliche
Wirklichkeit und so blieben manche Zweifel. Aber unsere
Arbeit auf Futuras hatte eine neue wichtige Orientierung
bekommen.
Erregt, aber friedlich vereint, gingen wir ins benachbarte
Institutsgebäude.
Lali führte uns in das vierte und oberste Stockwerk des
Nebengebäudes. Das Institut hatte einige wenig genutzte
Räume der Organisationsgruppe zur Verfügung gestellt.
In einem Raum vertrieben sich etwa zwanzig Futuraner
mit einem schachartigen Gesellschaftsspiel die Zeit. Sie
waren der Bereitschaftsdienst. Daneben war die Zentrale
eingerichtet. Auf einem großen Tisch lag eine Landkarte, in
der unzählige Nadeln mit roten, blauen und grünen Köpfen
steckten. An manchen waren Fähnchen mit Nummern be-
festigt. Vier Telefonisten brachten fast ohne Unterbrechung
Zettel mit Meldungen zu einem Computer. Nach der Eingabe
der Information ging der Zettel zum Kartentisch, wo dann
entsprechende Nadeln gesteckt oder verändert wurden. Ab
und zu wurde einer aus der Bereitschaft ins Zimmer gerufen,
der sich dann mit einem Auftrag auf das Dach des Gebäudes
begab und mit einem Fluggleiter startete. Das Ganze machte
den Eindruck verwirrender Geschäftigkeit. Für meine beiden
Frauen nichts Ungewohntes mehr.
Maria erfasste alles mit einem Blick: “Es stehen heute fünf
Wahlen in der dritten Ebene an und Dutzende in der zweiten.”
Sie holte sich die Termine aus dem Computer, schaute
auf die Karte, verglich Zeiten und Entfernungen und meinte
dann: “Ich könnte an drei Versammlungen teilnehmen. Willst
du mich begleiten oder fährst du allein zu einer der beiden
anderen?”
287
Wie sollte ich mich entscheiden? Ich blickte fragend zu
Lali.
“Geh erst einmal mit Maria mit, damit du die Atmosphäre
solcher Wahlen kennenlernst. Morgen kannst du dann allein
fliegen, damit wir möglichst viele Parteiräte mit den Erden-
menschen in Kontakt bringen.”
Einfach nur die Erde zu repräsentieren, schien mir doch
etwas wenig zu sein, aber Maria lachte über meine Sorge:
“Du wirst sehen, die fragen uns Löcher in den Bauch, aber
niemand außer uns beiden kann ihre Fragen nach unserer
Erde und dem Leben ihrer Menschen beantworten.”

Ein unerwartetes Erlebnis

Da die letzte der drei Veranstaltungen erst nach Einbruch der


Dunkelheit angesetzt war, stellte man uns einen Radargleiter
zur Verfügung. Mit uns flogen noch zwei andere Mitarbeiter
der Zentrale, die im gleichen Gebiet am Rande unseres
Staates Ot an weiteren Wahlen teilnehmen sollten.
Die erste Veranstaltung in einer kleinen Gaststätte in
dörflicher Umgebung verlief geradezu musterhaft planmä-
ßig, für mich aber dennoch wenig befriedigend. Die zwölf
Vorstandsmitglieder der zweiten Ebene waren durch die
vorangegangenen Wahlen hinreichend über das Programm
informiert und drängten auf eine rasche Durchführung der
Formalitäten, um sich danach mit uns unterhalten zu können.
Als es dann soweit war, kam es aber nur zu einem kurzen
Gedankenaustausch, da unsere Begleiter in arge Zeitnot ge-
rieten. So nahmen wir nur die Protokolle an uns, baten um
Verständnis für unsere Situation und stiegen bald wieder mit
unserem Gleiter auf.
288
Nachdem unser Fahrer jeden der beiden Mitarbeiter an
einem anderen Ort abgesetzt hatte, brachte er auch uns in das
Lokal der nächsten Wahlversammlung. Wir nahmen uns zwar
vor, alles etwas ruhiger angehen zu lassen, doch der Stress
war bereits vorprogrammiert, denn die Wahlen hatten bei
unserer Ankunft schon begonnen. Die 15 Teilnehmer - über-
wiegend Frauen aus einem großen Krankenhaus - brachten
den Wahlakt routiniert zu Ende. Danach hatte Maria ihre
große Stunde. Sie konnte endlich einmal ihre medizinischen
Kenntnisse unter Beweis stellen und die sachkundigen Fra-
gen der interessierten futuranischen Ärztinnen nach dem
Gesundheitswesen auf der Erde beantworten. Für mich als
Laien blieb nur zu konstatieren, dass beide Seiten offenbar
viel von einander lernen konnten. Während die Futuraner in
der Gentechnik noch völlig am Anfang standen, waren sie
uns auf dem Gebiet der technischen Apparaturen und der
Pharmazie weit überlegen. Unvergleichlich waren allerdings
die sozialen Aspekte, also die Sorge der Gesellschaft um den
kranken Menschen. Auf Futuras brauchte wirklich keiner
früher zu sterben, nur weil er arm war.
Ich war erst wieder gefragt, als Maria einen Partner für
den Walzer brauchte. Der Tanz war auch hier bereits bekannt.
Anscheinend hatte man sogar schon geübt, denn bald tanzten
fast alle Teilnehmer mehr oder weniger geschickt, aber mit
lebhafter Begeisterung. Doch die Frauen und auch die fünf
“Quotenmänner” hatten einen schweren Dienst hinter sich
und so zog es sie bald zu ihren Familien nach Hause.
Wir aber hatten noch einige Stunden Zeit bis zur nächsten
Veranstaltung, bummelten gemütlich durch die zersiedelte
Stadt und setzten uns, als wir pflastermüde wurden, in eine
recht attraktive Gaststätte.
289
Als wir auf das bestellte Essen warteten, fielen uns etwa
zwanzig meist jüngere Futuraner an einer separat stehenden
langen Tafel auf. Wir verstanden zwar nicht, worüber sie so
eifrig diskutierten, aber wie das im Leben gelegentlich ist,
hatten wir mit einem Male das unbestimmte Gefühl, dass
sich ihr Gespräch auf uns bezog. Offenbar hatten auch sie
aus unseren Blicken bemerkt, dass wir auf sie aufmerksam
geworden waren. Jedenfalls stand ihr Wortführer auf, kam
an unseren Tisch und stellte sich vor: “Ich bin Satino, Vor-
sitzender einer Zelle der Partei gegen die Freundschaft mit
der Erde. Sie sind doch Ralala und Ralalo?”
Erst nach einem verdutzten Zögern bejahten wir, denn
uns waren unsere eigenen futuranischen Namen nicht ge-
läufig, da sie niemand benutzte, auch nicht die Futuraner
in unserer näheren Umgebung. Und dass eine Partei ‘gegen
die Freundschaft mit der Erde’ bereits existierte, hatte man
uns nicht gesagt. Obwohl unsere Zeit durch die anstehende
Versammlung begrenzt war, gab es keinen Grund abzusagen,
als uns Herr Satino bat, nach dem Essen einige Fragen seiner
Parteifreunde zu beantworten.
Beim Essen hatten wir ausreichend Zeit, Vermutungen
über diese Partei anzustellen und uns die aus den Versamm-
lungen geläufigen Argumente für eine Freundschaft zwischen
den Planeten noch einmal zurechtzulegen.
Dann gingen wir zu den Wartenden, grüßten freundlich,
nahmen den angebotenen Platz ein und wunderten uns dar-
über, dass unsere Freundlichkeit nicht erwidert wurde. Als
Maria die ernsten, fast feindlichen Blicke sah, flüsterte sie
mir in Deutsch zu: “Das kann ja heiter werden!”
Sofort kritisierte das Herr Satino: “Es ist sehr unfreund-
lich, in einer Gesellschaft eine Sprache zu gebrauchen, die
290
von den anderen nicht verstanden wird. Aber das passt zu
dem Bild, das wir von den Erdenmenschen haben.”
Ich hätte gern eingelenkt, aber dieser Affront erforderte
eine härtere Antwort: “Vielleicht werden Sie diese Sprache
später einmal lernen, wie wir Ihre Sprache gelernt haben.”
Einer aus der Runde fragte zynisch: “Welche von den
140 wichtigsten Sprachen der Erde sollten wir denn lernen?
Sie haben doch noch nicht einmal eine gemeinsame Haupt-
sprache.”
Einige lachten verhalten. Maria sprang ein: “Sie sind gut
informiert. Woher haben Sie dieses Wissen?” “Sie hatten
doch eine Menge Bücher an Bord von Futuras 2 und Futu-
ras 4. Die sind längst übersetzt und in jedem Buchladen zu
kaufen.”
Herrn Satino bewegte Wichtigeres: “Weil sich die Völker
mit den verschiedenen Sprachen nicht verstehen, führen sie
Kriege gegeneinander. Man muss sich das vorstellen, Erden-
menschen gegen Erdenmenschen!”
Das musste für einen Futuraner, der seit Generationen
gewaltfrei lebte, eine furchtbare Vorstellung sein. So wand-
te ich wenigstens vorsichtig korrigierend ein: “Doch nicht
wegen der unterschiedlichen Sprachen!”
“Schlimmer noch: wegen des Glaubens an unterschied-
liche Götter oder sogar nur um den Besitz von Rohstoffen.
Es ist wie auf Futuras zur Zeit der Großköpfe!”
Einen verächtlicheren Vergleich konnte es in seinen
Vorstellungen kaum geben. Uns schmerzte, dass diese gan-
ze Gehässigkeit leider auf Tatsachen beruhte, die nicht zu
widerlegen waren.

291
Eine junge Frau steigerte die Anklage noch: “Eure Suche
nach anderen Kulturen im Weltraum hat doch auch nur das
Ziel, sie zu bekämpfen und auszurauben.”
“Das ist doch nicht wahr!”, empörte ich mich. Aber wie
sollte ich diese Behauptung beweisen? Ich musste befürchten,
dass unseren streitbaren Gesprächspartnern der Gegenbeweis
leichter fallen würde.
Doch der Angriff kam anders: “Hat Futuras 4 etwa nicht
versucht, unseren Raumgleiter zu bekämpfen? Wir kennen
doch die Aufzeichnungen des Funkverkehrs.”
“Durften wir uns denn nicht wehren? Schließlich hat
uns doch Ihr Raumgleiter besiegt, eingefangen und abge-
schleppt.”
Das war unehrlich, aber vielleicht fiel das im Moment
nicht auf. Doch prompt kam eine sehr polemische Entgeg-
nung: “Vielleicht machen Sie unseren Raumgleiter auch noch
für den Tod Ihrer Kameraden verantwortlich, die infolge
eines unsinnigen Manövers Ihres Kommandanten sterben
mussten.”
Das tat weh. Maria legte ihre Hand auf meine, um mich
zu mahnen, die feindseligen Emotionen nicht noch weiter zu
steigern. So bemühte ich mich, ruhig zu bleiben: “Niemand
macht der Besatzung des Raumgleiters einen Vorwurf. Wir
sind im Gegenteil für unsere Rettung aus dieser kompli-
zierten Situation sehr dankbar. Unser Dank ist der Einsatz
für die Freundschaft zwischen den Bewohnern von Futuras
und der Erde.”
Auch Herr Satino schien keine rechte Freude daran
zu haben, dass die Diskussion so emotionsgeladen war.
Er hatte genügend sachliche Argumente gegen uns: “Sie
wissen sicher um die barbarischen Gewaltakte der Besat-
292
zung von Futuras 2. Wir haben versucht, die Motivationen
dafür zu erforschen. Hatte ein schwacher Kommandant die
Nerven verloren? Oder bestimmte eine kriminelle Gruppe
aus Freude an der Gewalt das Geschehen? Einige von uns
werteten systematisch die Bordbibliothek aus und stellten zu
unserem Erstaunen fest, dass unter den zahlreichen Büchern
über Weltraumfahrten kein einziges dabei war, das von der
Freundschaft mit anderen Zivilisationen handelte. Wenn man
von rein wissenschaftlicher Literatur über technische oder
astronomische Probleme absieht, befassten sich alle Bücher
mit der gewaltsamen Bekämpfung der Fremden. In allen
Romanen gab es nur Krieg zwischen dem Guten und dem
Bösen, wobei die Erdenmenschen natürlich immer nur die
Guten waren. Wenn das die Grundhaltung ist, darf man sich
da noch über die sinnlose Gewaltanwendung gegenüber den
Futuranern wundern? Und nun sagen Sie bitte selbst: War
das in Ihrer Bordbibliothek nicht genauso?”
Maria und ich schauten uns betroffen an. Uns fiel tatsäch-
lich kein entsprechender Buchtitel ein, der nicht irgendeinen
sinnlosen Krieg der Sterne zum Inhalt hatte. Da gab es für
uns nichts zum Abstreiten: “Wir nehmen an, Sie haben auch
unsere Bordbibliothek ausgewertet und sind zu dem gleichen
Ergebnis gekommen”, sagte Maria leise. Doch da fiel ihr
etwas ein und sie ergänzte rasch: “Aber anscheinend haben
Sie beispielsweise ‘E.T. den Außerirdischen’ nicht beachtet.”
Der einzige ältere Mann unter den vielen Jüngeren ließ
das aber nicht gelten: “Sie hatten diesen Film an Bord und
wir waren anfangs sogar recht angenehm überrascht, weil
E.T. der erste Vertreter einer fremden Zivilisation war, der
von Ihnen nicht stark und böse, eben nicht bedrohlich und
feindlich dargestellt wurde, sondern gut, hilfsbedürftig und
293
liebenswert. Er suchte die Freundschaft der Erdenmenschen
und fand sie auch. Allerdings nur bei den Kindern. Die Er-
wachsenen dagegen haben den kleinen Kerl gnadenlos gejagt,
obwohl keinerlei Gefahr von ihm ausging. Das wäre doch
eine gute Gelegenheit gewesen, die Freundschaft zwischen
den Planeten, die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaus-
tausch zum Wohle beider Bevölkerungen und all die anderen
Sprüche aus Ihrem Parteiprogramm unter Beweis zu stellen.
Aber nichts davon wurde im Film auch nur angedeutet. Das
Happy-End bestand letzten Endes darin, dass es gelang, den
lieben kleinen E.T. aus den Händen dieser Unmenschen zu
befreien, so dass er auf seinen Heimatplaneten zurückflüch-
ten konnte.”
Herr Satino resümierte zufrieden: “Sagen Sie uns bitte
nun einen einzigen Grund, weshalb wir mit einer solchen
Zivilisation Freundschaft pflegen sollten?”
Natürlich gab es trotz allem solche Gründe. Wir hatten uns
in Dutzenden von Versammlungen die möglichen Vorteile
einer freundschaftlichen Zusammenarbeit unserer Planeten
erarbeitet. Aber wie sollte man hier bei dieser Voreingenom-
menheit argumentieren?
Ich versuchte es: “Wir wissen jetzt gegenseitig von unse-
rer Existenz, müssen also auch unser Verhältnis irgendwie
gestalten. Wenn nicht Freundschaft, dann Feindschaft. Ist
das Ihre Alternative? Wollen Sie nun tatsächlich den Krieg
der Sterne?”
Mein Auftreten war wieder etwas sicherer geworden,
zumal mir auch Maria beifällig zunickte.
Doch Herr Satino belehrte mich: “Sie denken nicht lo-
gisch. Zwischen Freundschaft und Feindschaft gibt es viele
Zwischenstufen. Wir wollen keine Feindschaft, keinen Krieg.
294
Bleibe nur jeder auf seinem Planeten und lasse den anderen
auf seine Weise leben. Jede gegenseitige Berührung bringt
unübersehbare Gefahren. Es genügt, wenn beide Seiten auf
die Anwendung von Gewalt verzichten. Wozu dann gleich
pathetisch eine Freundschaft propagieren?”
Eine Entgegnung wartete Herr Satino nicht ab. Sie wäre
uns auch nicht leichtgefallen. Ziemlich unvermittelt verwies
er auf unsere begrenzte Zeit, bedankte sich höflich für unsere
Bereitschaft, trotz unserer anstehenden Versammlung an
dieser Aussprache teilgenommen zu haben und wünschte
uns sogar großmütig persönliches Wohlergehen.
Damit waren wir in Gnaden entlassen und durften uns
von unseren Plätzen erheben, was wir, ehrlich gesagt, nicht
ohne eine gewisse Erleichterung taten. Doch ganz wie be-
gossene Pudel wollten wir nicht abtreten: “Wir wünschen
Ihren Bemühungen um einen beiderseitigen Gewaltverzicht
vollen Erfolg. Dieses Ziel werden auch wir mit all unseren
Kräften unterstützen. Nur, wenn dieses Ziel erreicht ist und
keinerlei Gewaltanwendung mehr droht, was steht dann noch
unserem Wunsch nach einer Freundschaft zwischen Erde
und Futuras entgegen? Lassen Sie Ihre klugen Analytiker
daran arbeiten und teilen Sie uns das Ergebnis gelegentlich
mit. Auf Wiedersehen!”
Wir gingen gar nicht erst an unseren Tisch zurück, be-
zahlten und verließen diese unfreundliche Stätte. Wortlos
bummelten wir in der einbrechenden Dunkelheit in das Lokal
unserer Nachmittagsveranstaltung zurück, in der auch die
Abendversammlung stattfinden sollte. Von dort aus erreichten
wir Lali telefonisch und teilten ihr ohne Beschönigung alle
Einzelheiten des Verlaufs dieser so unerfreulichen Begeg-
nung mit. Auch Lali war diese Partei nicht bekannt, sie wollte
295
sich aber unverzüglich um nähere Angaben bemühen. Wir
sollten uns keine Sorgen machen. Unserer Partei könnte das
wenig schaden. Die Freundschaftsbewegung wäre wie eine
Lawine ins Rollen gekommen und nicht mehr aufzuhalten,
zumal auch die Beratungen mit den Beauftragten des Glo-
balen Rates sehr hoffnungsvoll fortgeführt wurden.
Die Wahl verlief auch an diesem Abend ohne Probleme.
Wir sprachen nicht über unser Zusammentreffen mit der
Gegenpartei und waren froh, als uns der Radargleiter wieder
ins Institut zurückbrachte.
Mit Lali konnten wir in dieser Nacht unsere sorgenvollen
Gedanken nicht mehr austauschen. So saß ich noch lange mit
Maria zusammen. Uns hatte diese bedrückende Begegnung
noch rechtzeitig aus einer weiteren Illusion gerissen. Die
futuranische Idylle hatte uns die Unzulänglichkeiten und die
Rückständigkeit der Erde fast vergessen lassen. Zweifel ka-
men an der Bereitschaft irdischer Militärs und Machtpolitiker
auf, dass man auf eine Unterwerfung und Ausbeutung von
Futuras verzichten würde. Wie würde sich ein möglicher-
weise anfliegendes Raumschiff Futuras 5 verhalten? Würde
es unsere Rufe, Mahnungen, Warnungen und Forderungen
überhaupt ernst nehmen? Und wie reagieren? Dennoch war
uns klar, nur wir konnten es überhaupt schaffen, unsere
lieben Futuraner und uns selber vor dem Atomisator eines
blindwütigen Sternenkriegers zu schützen.
Wir saßen bis tief in die Nacht hinein zusammen, sprachen
alle denkbaren Probleme durch und gelangten schließlich zu
der Erkenntnis, dass wir mit viel mehr Ernst und Realitätssinn
an die Ausarbeitung und die Lösung der Aufgaben herange-
hen mussten, die nur wir in Vorbereitung einer Begegnung
Erde - Futuras übernehmen konnten.
296
Ein Wiedersehen mit Orisulom

Am nächsten Tag trafen wir Lali in der Zentrale. Sie hatte


sich wie gewohnt voll in die geschäftige Betriebsamkeit des
Raumes integriert. Dennoch glaubten wir zu erkennen, dass
ihre Unrast von einem zusätzlichen Problem belastet wurde.
Was lag uns da schon näher als die Frage: “Hast du Sorgen
wegen der Gegenpartei?”
“Nein, das nicht. Und ihr braucht auch keine zu haben.
Diese Partei besteht bisher nur aus ganzen drei Zellen in
einem Zellverband. Es sind überwiegend Studenten eines
Instituts, das mit der Auswertung der Bücher und Tonträger
aus euren Raumschiffen beauftragt war. Intelligente junge
Leute meist, etwas hitzig und voreilig in ihren Schlüssen.
Sie haben noch nicht die Fähigkeit, Abstand von der eigenen
Kultur zu gewinnen, um das Leben auf der Erde nicht immer
nur mit unseren Maßstäben zu messen.”
“Wer kann das schon? Messen wir das Leben auf Futuras
nicht auch mit den Maßstäben unserer Erde?”
“Willst du diese jungen Leute verteidigen?”
“Sie sehen etwas einseitig die negativen Seiten der Erde.
Aber glaub mir, Lali, Maria und ich waren drauf und dran
diese Schattenseiten unseres Planeten und sogar von uns
selber zu verdrängen, zu bagatellisieren. Wir nehmen die
Meinungen dieser Heißsporne sehr ernst.”
Lali schaute mich nachdenklich an: “Vielleicht hast du
recht. Wir werden uns darüber wohl noch länger unterhal-
ten müssen. Heute reicht die Zeit dazu nicht. Wir hätten
euch sicher schon früher mit den Auswertungsergebnissen
dieses Instituts vertraut machen sollen. Ich werde sie euch
besorgen.”
297
Aber ein anderes Problem beschäftigte Lali im Moment
mehr. Gerade wollte sie mit uns darüber sprechen, da war
auch der Leiter der Zentrale darauf gestoßen und kam auf
uns zu: “Lali, wir kriegen ein neues Problem auf den Hals.
Es bilden sich immer mehr Zellen in den Nachbarstaaten.
Die Registrierungen dort machen uns keine Schwierigkei-
ten, aber die Flugwege werden so lang, dass die Schichtzeit
für einen Besuch nicht mehr ausreicht. Wenn wir unsere
Hilfsmöglichkeiten nicht einschränken wollen, müssen wir
Unterzentralen schaffen. Ein Schwerpunkt entsteht im Staate
Or. Es wäre gut, wenn wir das dortige Maschinenbauzentrum
gewinnen könnten. Wäre das nicht eine Aufgabe für dich?”
Das war es, was auch Lali erkannt hatte. Sie holte sich
einen Computerauszug mit den Zellengründungen in Or.
Dann nahm sie eine Karte des Staates und legte sie auf den
Fußboden. Über zwanzig Zellen bestanden bereits. Ich schau-
te ihr ohne besonderes Interesse über die Schulter. Zufällig
blieb mein Blick auf dem Namen Orisulom hängen.
“Hoppla, da muss ich diese Woche noch hin.”
Lali schaute mich erstaunt an.
“Na ja, meine Freunde ...”, ich gab ein wenig an, “meine
Freunde von der Fahrradfabrik haben mich zur Wahl ihres
Vorstandes der zweiten Ebene eingeladen.”
Lali ging ungläubig zum Computer.
“Tatsächlich, die Versammlung ist für übermorgen vorge-
sehen.” Und nach kurzer Pause: “So ein Betrieb wird doch
einen freien Raum entbehren können?”
“Sicher”, kam es von mir im Brustton tiefster Überzeu-
gung. “Und wenn das nicht gehen sollte, hilft bestimmt der
Stadtvorstand. Im Übrigen könnte die Finanzierung der

298
Nebenzentrale mit 300.000 Eku unterstützt werden, voraus-
gesetzt, ebenso viele Räder würden verkauft.”
“Damit kann man viele Nebenzentralen finanzieren. Aber
liegt Orisulom nicht etwas ungünstig auf der von uns am
weitesten entfernten Seite des Staates Or?”, wandte sich
Lali an den Leiter. Der holte eine Karte des Kontinents O.
“Von Orisulom aus könnten wir auch große Teile der
Staaten Os und Ol erreichen. Das könnte uns weitere Neben-
zentralen ersparen. Praktisch betreuen wir von dort aus den
gesamten Westen des Kontinents. Also, Lali, versuch mal,
was du bei seinen Freunden erreichen kannst.”
Damit waren wir beide für drei Tage abgemeldet. Maria
seufzte: “Nun sind wir wieder getrennt und ich muss meine
Tour allein machen.”
Lali versuchte zu trösten: “Maria, das musst du doch
einsehen. Es geht schließlich um unsere große Sache.”
‘Ach, Lali’, dachte ich. ‘Wenn du wüsstest, wie oft so ein
Satz auf der Erde zu Opfern auffordert!’ Wie viel Schweiß,
wie viel Tränen und wie viel Blut waren schon für irgendeine
‘große Sache’ geflossen. Wenn es um ‘unsere große Sache’
ging, musste man immer alles einsehen und verstehen. Wie
oft schon war die ‘große Sache’ gar nicht den geforderten
Einsatz wert. Hättest besser sagen sollen: ‘Die drei Tage
vergehen doch so schnell.’ Aber anscheinend hatte Maria
diese Parallele nicht bemerkt. Vielleicht wurde sie auch nicht
gleich so misstrauisch wie ich, wenn wieder einmal ‘unsere
große Sache’ als Argument für die notwendige Einsicht
herhalten muss.
Wir hatten keine Zeit zu verlieren. Es war kein schneller
Radargleiter frei, daher standen uns viele Flugstunden be-
vor, und wir mussten vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel
299
sein. Lali holte alle erreichbaren Unterlagen zusammen, und
nach einem kurzen, aber herzlichen Abschied stiegen wir die
wenigen Stufen aufs Dach und flogen davon.
Mit nur einer kurzen Flugunterbrechung landeten wir
endlich am späten Nachmittag auf dem Werkhof der Fahrrad-
fabrik in Orisulom. Herr Fakeno war nicht mehr im Betrieb.
Aber einer seiner Konstrukteure, den ich schon als Radfahrer
kennengelernt hatte, war gern bereit, uns in Fakenos Woh-
nung zu begleiten, nachdem wir uns telefonisch angemeldet
hatten. Wir setzten nach kurzem Flug auf dem Dach eines
größeren Wohnhauses auf, wo Herr Fakeno schon auf uns
wartete. Natürlich begrüßte er, wie es sich auch auf Futuras
gehörte, Lali als Frau zuerst. Er schien sie zu kennen und mir
schoss der Gedanke durch den Kopf: ‘Wohl schon wieder
ein Jugendfreund?’
Doch der nächste Augenblick klärte alles auf: “Ich gratu-
liere Ihnen auch von ganzem Herzen zu Ihrer Berufung in die
siebte Bildungsstufe. Im Fernsehen habe ich die Laudatio mit
ganz besonderem Interesse verfolgt, da ich mit einem Ihrer
Schützlinge, wie Sie sicher wissen, eng zusammenarbeite.
Er ist in den wenigen Monaten bereits ein richtiger Futuraner
geworden. Daran haben Sie sicher einen großen Anteil.”
Es klang gut in meinen Ohren, ein ‘richtiger Futuraner’
zu sein, wenn ich auch wusste, dass Fakeno allen Grund
hatte, mir zu schmeicheln. Dass aber Lali ihre Berufung in
die höchste Bildungsstufe vor uns verheimlicht hatte, fand
ich einfach gemein. Ich schaute sie recht finster an, und sie
zuckte schuldbewusst mit den Schultern: “Was sagt euch
das schon. Für euch bin ich doch Lali und kein Mitglied des
Institutsrates. So soll es auch bleiben.”

300
“Sie wussten das nicht?”, staunte Herr Fakeno, als er mich
so herzlich begrüßte, dass meine Version vom ‘guten Freund’
durchaus aufrechterhalten werden konnte.
Frau Fakena hatte inzwischen für den Besuch ‘die Gardi-
nen gebohnert’, wie man auf unserer Erde sagte. Das kleine
Wohnzimmer, in dem wir uns bequem zusammensetzten, war
aufgeräumt und blitzsauber. Lali trug unser Anliegen vor.
Herr Fakeno war optimistisch: “An Räumlichkeiten dürfte
es nicht scheitern. Auch die technischen Einrichtungen würde
der Werksvorstand sicher ohne große Kosten bereitstellen
können.”
Nur in welchem Umfang sich Helfer finden würden,
könnte er nicht sagen. Alle würden zur Zeit Überstunden
machen, um die erste Serie der Fahrräder, leider noch mit viel
Handarbeit, pünktlich fertigzustellen und zugleich auch eine
wenigstens teilweise automatisierte Taktstraße einzurichten.
Wir müssten das alles morgen mit dem Werksvorstand be-
sprechen.
Wir wollten uns ein Hotelzimmer suchen, aber Frau Fa-
kena bot uns das Kinderzimmer an, das leer stünde, seit die
Kinder aus dem Hause wären. Als sie das Angebot ausgespro-
chen hatte, stockte sie verlegen. “Einer kann auch hier auf
der Liege schlafen”, ergänzte sie rasch, aber Lali versicherte:
“Wir werden uns schon nicht beißen.”
Nach dem etwas früh angesetzten Abendessen wollte
sich Herr Fakeno verabschieden, da er abends noch eine
Versammlung seiner Zelle hatte, die zu groß geworden war
und geteilt werden musste. Natürlich boten wir ihm sofort
an mitzukommen.
Da es bald dunkel wurde, flogen wir mit dem großen
Radargleiter ins Werk. Herr Fakeno setzte uns dort ab, stieg
301
aber wieder auf, um noch einen Teil der Zellmitglieder ver-
einbarungsgemäß mit seinem nachttauglichen Gleiter ins
Werk zu holen.
Wir unterhielten uns inzwischen mit den anderen Mit-
gliedern der Zelle, alles Betriebsangehörige, die nach
Schichtende gleich dageblieben waren. Einige kannte ich
bereits von der Langstreckenerprobung. Plötzlich hatte ich
einen Einfall. Ich fragte einen der mir bekannten Radfahrer,
ob er jetzt an ein Fahrrad herankäme. Und als er bejahte, da
genügend fahrbereite Räder in der Produktionshalle stün-
den, bot ich Lali an, Rad fahren zu lernen. Sie zögerte keine
Sekunde mit ihrer Zusage und so rannte ich bald Runde um
Runde neben dem Rad um den Hof. Ich fürchtete, dass bei
der etwas spärlichen Beleuchtung Lali recht unsicher fahren
würde, aber überraschend schnell konnte ich das Rad los-
lassen und bald fuhr sie ohne meine Begleitung strahlend
wie ein Kind ihre Kreise, lenkte nach einiger Zeit auf dem
geräumigen Platz nach der anderen Seite und fuhr eine Acht
nach der anderen bis der nahende Gleiter sie zum Absteigen
zwang. Etwas außer Atem, aber glücklich gingen wir in den
Versammlungsraum zurück.
Viele Zellmitglieder hatten noch weitere Interessenten
mitgebracht, so dass ohne uns sechsundzwanzig Personen an
den Tischen saßen. Mir wurde klar, dass die persönliche Mit-
gliederwerbung in diesem Demokratiesystem eine Hauptrolle
beim Wachstum von Parteien und Vereinen spielte. Die Neu-
linge standen nicht allein einer anonymen Masse gegenüber,
sondern wurden von Freunden oder Nachbarn eingeführt, mit
dem überschaubaren Kreis von Personen einer Zelle bekannt
gemacht und wohl auch über die üblichen Gepflogenheiten
aufgeklärt. Diese persönlichen Beziehungen zwischen den
302
Mitgliedern bereiteten dem Zellvorstand heute allerdings
auch erhebliche Schwierigkeiten, diese gewachsenen Ver-
bindungen bei der Teilung zu berücksichtigen. Herr Fakeno
hatte einen Vorschlag mitgebracht, der ausschließlich davon
ausging, wer näher zusammen wohnte. Dadurch wurden
mehrere dieser individuellen Kontakte auseinandergerissen.
Es gab folglich Einsprüche und Gegenvorschläge. Schließ-
lich gelang es doch, alle Wünsche zu berücksichtigen. Aller-
dings waren danach in einer Zelle fünfzehn, in der anderen
nur elf Mitglieder.
Nun bat Herr Fakeno Lali und mich, doch zu ihnen zu
sprechen, bevor die beiden Gruppen zur Wahl ihrer neuen
Vorstände auseinandergingen.
Es war für mich ein Erlebnis, Lali zuzuhören. Sie malte
mit ihrer warmen Stimme ein Bild der beiden winzigen
Planeten im weiten Weltall, weckte die Erinnerung an die
gemeinsame Vergangenheit und beschwor eine friedlich
verbundene Zukunft. Sie berichtete über das starke An-
wachsen der Partei, über den Stand von Registrierung und
Strukturierung, über die Notwendigkeit einer Nebenzentrale
in Orisulom, ja sogar über die Bedeutung des Walzers und
der Fahrräder für die Werbeaktion in der nächsten Woche.
Mir hatte Lali im ersten Teil ihrer Ansprache manches
vorweggenommen, was ich gern gesagt hätte. Da ich ohne
zwingenden Grund auch nicht über die Erde berichten wollte,
blieb mir nur Dank und Bewunderung für die Futuraner. Man
war aber wohl recht froh, dass alles nicht zu breit ausgewalzt
wurde, denn es standen noch die Wahlen bevor.
Herr Fakeno bat schließlich Lali und mich, jeder in einer
Zelle die Aufsicht und die Kontrolle der Wahlen vorzuneh-
men, da es noch keine zweite Ebene gab, deren Aufgabe das
303
eigentlich gewesen wäre. So blieb Lali mit den fünfzehn
Personen im Raum, während Herr Fakeno mich und die
anderen zehn in einen Nebenraum führte.
Nach den Regeln der futuranischen Demokratie fragte
Herr Fakeno nach dem ältesten Anwesenden. Da sich keiner
fand, der früher geboren war als er, leitete er die Wahl. Die
Aufforderung, sich gegenseitig Fragen zu stellen, wirkte
allerdings sehr formal, denn alle kannten sich, sie arbeiteten
im Betrieb zusammen oder wohnten im gleichen Haus. So
schrieb jeder schnell seinen vollen fünfzehnstelligen Namen
auf einen Zettel, ein Betriebsangehöriger verschwand für
einige Minuten mit der Liste und brachte elf sauber gedruck-
te Stimmzettel, jeder mit den elf Namen der Anwesenden.
Eine Wahlkabine, wie sonst wohl üblich, gab es zwar nicht,
aber jeder ging mit seinem Zettel in eine Ecke des Raumes,
kreuzte seine drei Kandidaten an und brachte den Zettel zu-
sammengefaltet zu mir. Ich fungierte sozusagen als Urne. Als
ich alle Zettel hatte, zählte ich sie laut auf den Tisch, mischte
sie durcheinander und begann, die angekreuzten Namen
vorzulesen. Mehrere notierten sich die Gewählten und die
Anzahl ihrer Stimmen, was eigentlich ein zweiter Wahlhelfer
hätte machen sollen. Aber da am Ende Übereinstimmung
bei allen Mitschreibern bestand, konnte ich einen, mir bis-
her kaum aufgefallenen Ingenieur als neuen Vorsitzenden
verkünden. Er hatte eine Stimme mehr als Herr Fakeno. Als
weiteres Vorstandsmitglied war eine Frau mit der drittgrößten
Stimmenzahl gewählt worden. So gab es keine Probleme mit
der Quotenregelung für die Geschlechter, wie wir es bei der
Konstituierung unserer Wohnzelle erlebt hatten.
Der neue Vorstand ließ die Stimmzettel noch einmal von
den Anwesenden überprüfen und fertigte formlos ein Proto-
304
koll an, für dessen Richtigkeit ich gegenzeichnete. Kopien
des Protokolls erhielten jedes Vorstandsmitglied und ich,
der es mit zur Zentrale nehmen sollte. Nach den üblichen
Gratulationen und dem Dank für das geschenkte Vertrauen,
gingen wir in den Raum der anderen Zelle zurück, denn von
dort erklangen bereits Walzerklänge.
Lali hatte trotz der Eile einen Tonträger mitgebracht und
gab sich redliche Mühe, den Orisulomern das Eins-zwei-drei
des Taktes beizubringen. Ich half ihr eine Weile. Dann, als
die Musik erneut von vorn begann, kam sie zu mir und wir
drehten so eindrucksvoll es ging eine Runde im Kreise der
klatschenden Parteifreunde. Schließlich fanden sich noch
einige Paare. Es gab zwar manchen Stolperer, aber allen
machte es so viel Spaß, dass es heftige Proteste gab, als
Lali die Musik abstellte. So ließ sie die Tonträger da, aber
wir verabschiedeten uns und flogen mit Herrn Fakeno nach
Hause. Der musste allerdings noch einmal zurück, um die
Teilnehmer zu befördern, die ihr Heim nicht zu Fuß erreichen
konnten.
Frau Fakena war ein gutmütiger Muttertyp. Sie hatte uns
ein wohlschmeckendes Erfrischungsgetränk bereitet, und
wir leisteten ihr gern Gesellschaft, solange ihr Mann noch
nicht zurück war. Um ins Gespräch zu kommen, lobte Lali
die wirklich zweckmäßige und sehr geschmackvolle Einrich-
tung der Wohnung. Das zu hören, war Frau Fakena sicher
angenehm, aber was sollte sie schon dazu sagen?
So wollte auch ich einen Beitrag zum Ingangkommen
der Konversation leisten und fragte: “Sind sie Eigentümer
der Wohnung?”
Frau Fakena fragte nun etwas überrascht zurück: “Gibt
es so etwas auf der Erde? Bei uns gibt es das nicht. Man
305
kann nur Eigentümer eines Einfamilienhauses sein, das
heißt zur Hälfte. Hier wohnen aber neun Familien. Nein,
dieses Haus gehört der Gemeinde. Wir haben die Wohnung
nur gepachtet.”
“Sie meinen gemietet?”
“Nein, aber mieten kann man Wohnungen auch. Das ist
mehr etwas für alte Leute, die nur noch ihre Möbel in die
fertige Wohnung stellen lassen. Außerdem ist es recht teuer,
wenn der Eigentümer so viele Aufwendungen übernehmen
muss, die sonst vom Pächter veranlasst und bezahlt werden.
Wer seine Wohnung selbst gestalten möchte, der pachtet
sie besser. Er kann dann hinter seiner Wohnungstür alles so
einrichten, wie er es gern hätte, zum Beispiel die Stromlei-
tungen und Steckdosen, die Türen oder Mauerdurchbrüche,
Fußböden, Wandputz, Tapeten, Fliesen, Anstrich usw. Der
Eigentümer ist nur noch für die Treppen, das Dach und die
Aussenwände zuständig.”
Ich fand das recht klug. Aber da taten sich doch neue
Probleme auf: “Dann muss aber der Pächter wohl auch alles
innerhalb seiner Wohnung instandhalten?”
“Natürlich.”
“Und wenn man auszieht? Der eine Wohnungsinhaber
hat vielleicht vorher gerade neue Fußböden oder Heizkörper
bezahlt, ein anderer hat seine Wohnung völlig abgewohnt
hinterlassen. Dann hat der nachfolgende Pächter mit der
einen Wohnung Glück, mit der anderen aber Pech. Das ist
doch nicht gerecht.”
Die beiden Frauen lächelten und Lali griff ein: “Du
Schlauberger, glaubst du, dass andere nicht auch darauf
gekommen sind? Wer eine Wohnung pachtet, muss je nach

306
dem Zustand der Wohnung einen kleineren oder größeren
Kostenanteil übernehmen.”
“Und wer bestimmt die Höhe dieses Kostenanteils?”
“Der ergibt sich aus den Rechnungen des ausziehenden
Pächters. Nehmen wir einmal an, einer hat für tausend Eku
sein Bad gefliest. Für Fliesen ist in einer Tabelle eine durch-
schnittliche Nutzungsdauer von, sagen wir, zehn Jahren
festgelegt. Daraus ergibt sich für jedes Jahr ein Wertverlust
von hundert Eku. Zieht man nun nach fünf Jahren aus, gehen
nur noch fünfhundert Eku in den Kostenanteil. Wer nach zehn
Jahren auszieht, muss die Fliesen als abgewohnt betrachten.
Aus allen kostenanteilsfähigen Rechnungen und der verblei-
benden Restnutzungsdauer der installierten Objekte ergeben
sich dann die Kostenanteile.”
“Das ist recht kompliziert.”
“Einen komplizierten Lebensvorgang kann man nicht
unkompliziert regeln. Bei krassen Abweichungen des errech-
neten Kostenanteils vom tatsächlichen Zustand der Wohnung
gibt es sogar Korrekturmöglichkeiten, so dass letztlich jeder
Pächter entweder einen hohen Kostenanteil zahlen muss,
dafür aber eine hochwertige Wohnung übernimmt, oder er
bekommt sie billig, muss aber dann in der nächsten Zeit
einiges Geld in die Wohnung stecken. Wir denken, das ist
gerecht. Der Vorteil für den Pächter besteht eben darin, ohne
großes finanzielles Risiko innerhalb seiner Wohnung alles
nach seinen Wünschen gestalten zu können, solange er die
bautechnischen Grenzen nicht überschreitet. Der Verpächter
hat den Vorteil, dass er sich nicht um jeden tropfenden Was-
serhahn zu kümmern braucht, sondern sich auf nur wenige
Hauptaufgaben konzentrieren kann.”

307
Mir ging die Frage durch den Kopf, weshalb es auf der
Erde keine Wohnungspacht gab? Die Regelungen der Woh-
nungsmiete oder gar des Wohnungseigentums waren gewiss
nicht weniger kompliziert. Aber diese Regelungen sicherten
dem Eigentümer die Möglichkeit eines arbeitsfreien Einkom-
mens, während es auf Futuras nur um die Bezahlung aller
für die Werterhaltung und die Modernisierung anfallenden
notwendigen Kosten ging. Es gab keinen Zins und keine
Möglichkeit Geld ohne Arbeit zu vermehren. Auf der Erde
waren alle Versuche, ohne die Triebkraft Kapitalverwertung
auszukommen, gescheitert. Weshalb nur gelang das den
Futuranern?
In meine Gedanken versunken, hatte ich nicht zugehört,
was Frau Fakena über die Wohnungsmiete berichtete. Ich
hatte schon auf der Erde gelernt, mir meine geistige Abwe-
senheit nicht anmerken zu lassen. Das ging meist gut, solan-
ge man nicht mit einer Frage angesprochen wurde. Dieser
Gefahr entging ich, denn Herr Fakeno betrat das Zimmer
und wir hatten ein neues Gesprächsthema, die Bildung der
Nebenzentrale.

Die Beratung über die Einrichtung einer Nebenzentrale der


Partei fand am nächsten Vormittag im Werk statt. An ihr
nahm auch Herr Sikato vom Vorstand der Stadt teil, da er
gleichzeitig Mitglied des fünfköpfigen Werkvorstandes war.
Er bot an, Räume im Rathaus zur Verfügung zu stellen, da
das Werk doch etwas weit entfernt von den Wohnungen der
Helfer liegen würde und in der Stadt auch die technischen
Verbindungen leichter herzustellen wären. So überprüften
wir dort die gegebenen Möglichkeiten und da sie geradezu
ideal waren, begannen wir gleich mit dem Einrichten. Herr
Fakeno beriet sich mit den Vorsitzenden der beiden gestern
308
gegründeten Zellen und so standen bereits am Nachmittag
die ersten vier Helfer bereit. Lali führte das erste Gespräch
mit der Hauptzentrale und als dann die Computer vernetzt
waren, lief in Orisulom die Arbeit voll an, wenn auch noch
erheblich geruhsamer und vorerst nur tagsüber. Wir hatten
eine Karte der westlichen Staaten unseres Kontinents auf
eine Kunstholzplatte geklebt, die an der Wand hing und
steckten am Standort für jede Zelle eine Nadel mit rotem
Kopf ein. Es mochten bereits so an die dreißig sein, aber
erst zweimal kennzeichnete eine grüne Nadel mit einem
nummerierten Fähnchen den Sitz eines Zellverbandes, also
eines Vorstandes der zweiten Ebene. Für den Abend war die
Wahl eines solchen Vorstandes auch in Orisulom vorgesehen,
zu der mich in der vergangenen Woche bekanntlich Herr
Fakeno eingeladen hatte.
In einer ruhigen Minute wollte ich mit Lali einige Vor-
bereitungen für unser gemeinsames Auftreten in dieser Ver-
sammlung beraten, aber sie meinte: “Da wirst du wohl allein
hingehen müssen. Ich will noch möglichst viele Termine für
die zahlreichen anderen Zellen vereinbaren, damit wir mit
unserem strukturellen Aufbau noch vor unserer Werbekam-
pagne auf festen Füßen stehen.”
Ich informierte mich noch ein wenig über Lalis Erfah-
rungen in solchen Versammlungen und ließ mir die Namen
der jeweils drei Gewählten von den fünf zu vereinigenden
Zellen ausdrucken. Danach ließ uns die Arbeit weiterhin
kaum Zeit für ein Gespräch. Als der Zeitdruck etwas nach-
ließ, übernahm einer der Helfer die Leitung für die letzte
Arbeitsstunde. Während Lali mich bei Frau Fakena zum
Abendessen absetzte, flog sie selbst ohne gegessen zu haben

309
noch mit einem Radargleiter zu einigen Zellvorständen in
der weiteren Umgebung der Stadt.
Beim Abendessen wagte ich die Frage an Herrn Fakeno:
“Ich war überrascht, dass gestern Abend ein anderer noch
eine Stimme mehr hatte als sie. Hatten sie das erwartet?”
“Ehrlich gesagt, nein. Aber das ist ein guter Mann, ein
hervorragender Technologe, und trotz seiner Jugend leistet
er eine ausgezeichnete Sozialarbeit in der Gewerkschaft. Es
wird eine gute Zusammenarbeit geben. Als Leiter der Kon-
struktionsabteilung habe ich sicher den einen oder anderen
meiner Mitarbeiter gelegentlich auch einmal verärgert. Dass
ich dennoch so viele Stimmen bekommen habe, bewerte ich
sehr hoch, auch wenn ein anderer noch eine mehr hatte. Bei
der Arbeit im Vorstand haben wir alle drei die gleichen Rech-
te. Jeweils zwei können einen Beschluss fassen, gelegentlich
geschieht das sogar gegen den Vorsitzenden.”
Die Versammlung fand im gleichen Raum statt wie die
am Vorabend. Wir erlebten gleich zu Beginn eine angeneh-
me Überraschung, die mich, den Unerfahrenen, den man
trotzdem gern mit einer wichtigen Funktion zu ehren pfleg-
te, doch in Verlegenheit brachte. Eine der fünf Zellen hatte
heute genau das gleiche erfahren, was wir bereits gestern
erlebt hatten: wegen der vielen neuen Interessenten waren
aus einer Zelle zwei geworden. So hatten wir jetzt sechs
Vorstände der Zellen im Saal, aber mehr als fünf Vorstände
durfte nach den Regeln der futuranischen Demokratie die
nächsthöhere Ebene nicht umfassen. Es mussten sich also erst
zwei Zellverbände zu je drei Zellen zusammenfinden. Das
verlief jedoch einfacher, als ich erwartet hatte, denn jeweils
zwei Zellen waren bereits einmal zusammen gewesen und die
fünfte und sechste schlossen sich je einem solchen Paar an.
310
Erst als dieses Problem gewissermaßen spontan geklärt
war, konnte ich im Auftrag der Organisationszentrale eine
kurze Rede über den Stand der Strukturierung und die Ar-
beitsaufnahme der Nebenzentrale halten. Ich warb um weite-
re Helfer und bat um Unterstützung für die Werbekampagne
in der nächsten Woche. Für allgemeine Fragen stünde ich
nach der Wahl zur Verfügung.
Nun sollte der eine Zellverband in den anderen Raum
gehen. Da kein weiterer Vertreter der Zentrale da war und
ein übergeordneter Vorstand noch nicht existierte, schlug
ich leichtsinnigerweise vor, dass in einem Raum die Wahl
ohne neutrale Aufsicht durchgeführt werden sollte. Doch
da hatte ich ahnungslos wieder ein Grundprinzip verletzt
und mir schlug heftiger Widerspruch entgegen. Selbst unter
provisorischen Bedingungen dürfte auf keinen Fall auf eine
Kontrolle verzichtet werden. Während also der eine Vorstand
des Zellverbandes etwa in gleicher Weise gewählt wurde wie
gestern die beiden Zellvorstände, diskutierte man im anderen
Raum über die Ziele der Partei, bis ich dann auch dort die
Aufsicht über die Ordnungsmäßigkeit der geheimen Wahl
übernehmen konnte.
Als schließlich die sechs gewählten Vorstandsmitglieder
feststanden und die Protokolle ausgefertigt waren, kam der
Gedanke auf, doch gleich einen Parteivorstand der Stadt zu
wählen. Wieder waren meine Kenntnisse überfordert: “Ge-
hören da nicht mindestens drei Zellverbände dazu?”
Man klärte mich auf, dass in geschlossenen Ortschaften
oder Betrieben, falls es sinnvoll erscheint, auch sogenannte
Zwischenebenen aus nur zwei Vorständen einen gemeinsa-
men übergeordneten Vorstand wählen konnten. Hier böte
sich das an, da alle Zellen der Stadt erfasst wären und auch
311
alle davon überzeugt waren, dass bereits in Kürze wegen
des Mitgliederzustroms ohnehin ein dritter Zellverband in
Orisulom gebildet werden müsste.
Also wählten die sechs Mitglieder der beiden Vorstände
der Zellverbände einen gemeinsamen Parteivorstand der
Stadt. Alles verlief rasch und reibungslos. Doch dadurch
waren Nachwahlen in den Zellverbänden nötig geworden,
denn der eine Vorstand des Zellverbandes bestand nur noch
aus zwei Personen, der andere gar nur noch aus einer. Auf so
eine Situation war ich natürlich nicht vorbereitet. Um nicht
noch einmal mit unangemessenen Vorschlägen Widerspruch
zu provozieren, beriet ich mich mit dem neugewählten
Stadtvorstand über die Verfahrensweise. Die Vorsitzende,
eine ältere Angestellte der Stadtverwaltung, belehrte mich,
dass es weder ein automatisches Nachrücken nach der Stim-
menzahl bei der letzten Wahl, noch eine Nachwahl einzelner
Mitglieder gäbe. In jedem Falle sei eine Neuwahl aller drei
Vorstandsmitglieder erforderlich, damit nicht die Wähler
eines der verbleibenden Vorstandsmitglieder, also eine
Minderheitsgruppe von Wählern, ein zweites Mitglied im
Vorstand und damit eine Dominanz ihrer Interessen erreichen
könnte. Bei dieser Wahl wären selbstverständlich die in eine
höhere Ebene Gewählten als Kandidaten ausgeschlossen.
So geschah es also gleich anschließend, wobei die neu-
gewählten Mitglieder des Stadtvorstandes der Partei die
Aufsicht übernehmen konnten.
Auch diese Wahlen verliefen rasch und planmäßig. Nur
in den Zellen, aus deren Vorständen nunmehr einzelne Mit-
glieder in die höhere Ebene gewählt wurden, mussten in der
nächsten Zeit wieder Wahlen durchgeführt werden.

312
Ich nahm schließlich alle Protokolle an mich, um sie der
Zentrale zu überbringen.
Nach dieser unerwartet langen Prozedur gab es nur noch
einige wenige Fragen an das neugewählte Mitglied des
Stadtparteivorstandes, Herrn Fakeno, wegen der Fahrrad-
veranstaltung zur Werbewoche.
Da noch zwei weitere Radargleiter eingesetzt werden
konnten, flog ich mit Herrn Fakeno direkt zu seiner Wohnung,
wo wir recht erschöpft ankamen und bald zu Bett gingen.
Lali kam noch später. Als sie erfuhr, dass wir gleich einen
Vorstand der dritten Ebene mitgewählt hatten, war sie sehr
angetan. Auch mit ihren erreichten Ergebnissen war sie zu-
frieden. Wir gaben uns noch einen langen Gute-Nacht- Kuss,
hielten unsere Hände und schliefen aber übermüdet schneller
ein, als es uns lieb war.
Die Arbeit der Nebenzentrale lief reibungslos. Von der
Hauptzentrale waren zwei erfahrene Mitarbeiter gekommen,
die die Schichtleitung übernahmen. Lalis Auftrag war damit
erfüllt. Ich blieb weiter in Orisulom, um die Bildung der pro-
visorischen Parteivorstände so gut es ging zu unterstützen.
Vor allem war ich mit der Werbefahrt für die Freundschaft
mit der Erde beschäftigt.
So hieß es wieder einmal Abschiednehmen. Lali lud
mich zum Mittagessen in einen etwas abgelegenen kleinen
Gasthof ein, den sie bei einem ihrer Einsätze kennengelernt
hatte. Etwas traurig meinte sie: “Weißt du, dass wohl unsere
schönste gemeinsame Zeit endgültig vorbei ist?”
“Ach was, wir haben doch noch so viel gemeinsam zu
arbeiten, und jede Stunde, die wir zusammen verbringen, ist
ein schönes Geschenk.”

313
“So, so. Zusammen in Versammlungen sitzen, zusammen
Stecknadeln stecken zum Beispiel?”
“Lali, was ist denn los? Meinst du nicht, dass wir auch
wieder ein Stündchen zum Lachen, Tanzen und Streicheln
finden? Und auch ein Stündchen im Bett?”
“Sicher. So wie in den beiden letzten Nächten, als wir
uns vor Müdigkeit kaum noch ‘Gute Nacht’ sagen konnten.”
“Entschuldige, aber da ging uns so vieles im Kopf herum,
dass wir doch beide nicht an Zärtlichkeiten dachten.”
“Siehst du, mein Lieber, genau das meine ich, wenn ich
unseren wunderschönen Tagen nachtrauere, als uns eben
noch nicht soviel im Kopf herumging.”
“Wenn erst einmal ein zentraler Vorstand gewählt ist,
sollten wir vielleicht mit Maria Urlaub machen!”
“Dann geht der Kampf zur Durchsetzung unserer Ziele
erst richtig los. Ihr wollt schließlich auch nicht erst als ehr-
würdige Greise zur Erde zurück.”
“Manchmal weiß ich nicht mehr, ob ich überhaupt noch
zurück will. Es ist so schön bei euch.”
“Und manchmal packt dich das Heimweh so, dass du
Angst hast, an die Erde denken zu müssen. Hast du das nicht
neulich selbst so gesagt?”
“Nicht ganz so. Aber es ist schon manchmal nicht leicht.
Wie schön, dass man dann nicht allein ist.”
“Maria.”
“Ja, und du.” Lali schaute flüchtig zum Wirt. Der war
beschäftigt und kehrte uns den Rücken zu. Sie gab mir
schnell einen Kuss und fragte leise: “Fliegen wir noch ein
Stückchen?”
Wir bezahlten mit unseren Daumen und flogen wenig
später über die weiten Wälder um Orisulom bis wir auf
314
einer kleinen Lichtung landeten. Aus dem beabsichtigten
Spaziergang wurde allerdings nichts, denn wo wir es auch
versuchten, versperrte dichtes Unterholz und Gestrüpp den
Weg in den Wald.
“Wenn man nicht in den Wald hinein kann, kann auch
keiner aus dem Wald zu uns.”
Wir lachten, jagten uns um ein Gebüsch herum bis wir uns
auf dem kuscheligen Rasen wiederfanden, der so gar nichts
mit Gras gemeinsam hatte, aber einen herrlich gepolsterten
Untergrund bildete. Es war wie im Paradies. Wir küssten
uns so inbrünstig, als wäre es das erste Mal. Oder auch das
letzte Mal. Vielleicht traf das eher zu, denn sehr rasch war
unsere Fröhlichkeit verflogen und die etwas wehmütige Ab-
schiedsstimmung hatte uns wieder erfasst. Wir pressten uns
fest aneinander, spürten unsere Herzen schlagen und hätten
gern unsere Gespinstkleider zerrissen, um unsere Haut zu
fühlen. Aber wo konnte man sich hier neu einkleiden? Im-
merhin war die Kleidung dehnbar genug, um meiner Hand
den Weg durch Lalis Halsausschnitt zu gestatten. Und mit
einiger Vorsicht erlaubten die unteren Verschlussklappen
sogar ein Zueinanderfinden.
Nein, es war gewiss nicht unser lustvollstes Beisammen-
sein. Zwar sollte der Verstand auch bei der triebhaftesten
menschlichen Handlung dominieren, aber wenn die äußeren
Umstände ablenkende Rücksichtnahmen erforderten, ging
viel sinnliche Freude verloren. Dennoch waren wir schließ-
lich entspannt und glücklich. Die wehmütige Traurigkeit
des nahenden Abschieds war einer sachlichen Gefasstheit
gewichen. Das Wissen um die innere Verbundenheit ließ neue
Kräfte frei werden, Ängste wurden von Zuversicht verdrängt
und das ganze Leben erschien in einem anderen Licht.
315
Frau Fakena mochte uns die Veränderung wohl angemerkt
haben, denn auch sie war viel aufgeschlossener als wir noch
einmal gemeinsam aßen, bevor Lali dann zum Gleiter ging
und winkend abhob.

Eine dramatische Talkshow

Die Herren Sikato, Fakeno und der Kaufmann aus dem


Fahrradwerk hatten gute Arbeit geleistet. Der Ablauf der
Werbefahrt war bis ins kleinste Detail durchdacht und
vorbereitet. Bisher hatten das Fernsehen und die Presse
relativ wenig über das Fahrrad berichten können und was
berichtet wurde, weckte eher die Wissbegier der Zuschauer
und Leser, als dass es sie befriedigte.
Nun wollte man drei Tage lang in die Offensive gehen
und das Interesse für die Fahrt wecken. Nach den ersten
ausführlichen Informationen im Fernsehen, kamen ganze
Schwärme von Reportern ins Werk. Herr Fakeno stellte
ihnen den neuesten Entwicklungsstand unseres Rades vor,
nicht ohne immer wieder zu betonen, dass die Futuraner die
Errungenschaft den Erdbewohnern zu verdanken hätten. Es
gab sogar Vorführungen von Radfahrern, die verdeutlichen
sollten, das schon Kinder und auch ältere Menschen das
Fahren leicht lernen könnten.
Eine Pressekonferenz, die Herr Sikato einberufen hatte,
informierte über die genaue Strecke und Durchfahrtszeiten
der Werbefahrt in den Orten an der Strecke und über die Ver-
anstaltungen in den Etappenorten. Bei der Beantwortung von
Fragen der Journalisten erwähnte er, dass der ‘Erfinder des
Fahrrades’ zur Zeit im Hause sei und in der Nebenzentrale
der Freundschaftspartei arbeite.
316
Doch ich war gerade in Orisulite, um im dortigen Kunst-
stoffwerk aus vier Zellverbandsvorständen einen Parteivor-
stand der dritten Ebene wählen zu lassen. Ein Fernsehteam
erreichte mich sogar dort, aber im ungünstigsten Augenblick,
gerade während der Wahl. Meine alte Bekannte, Frau Palita,
half mir aus der Not und nutzte gleichzeitig die Gunst der
Stunde, dem Fernsehen die Herstellung der Fahrradreifen zu
zeigen und dadurch für ihr Erzeugnis zu werben. Ich konnte
so die Versammlung in Ruhe zu Ende bringen.
Danach allerdings ließ man mir keine freie Minute. Ich
musste Dutzende von konzeptlos durcheinander gestellten
Fragen beantworten und sicherte schließlich zu, am Abend
in einer Talkshow mitzuwirken.
Man holte mich dazu nach dem Abendessen ab. Die Talk-
show fand auf der Bühne eines Theatersaales in Orisulom
statt. Ich hatte erwartet, dass auch die Herren Fakeno und
Sikato dabei wären. Es ging aber überhaupt nicht um unsere
Werbefahrt, sondern um den Sinn der Freundschaft zwischen
Erde und Futuras. In der Eile hatte ich mich darüber nicht
ausreichend informiert und war sehr schockiert, als die wei-
teren Teilnehmer vorgestellt wurden: eine Frau Rusila, Witwe
eines der Opfer von Futuras 2. Dann ein Herr Rosoto, Vor-
standsvorsitzender eines Kreises, in dem der Atomisator von
Futuras 2 furchtbare Zerstörungen angerichtet hatte. Dazu
hatte man immerhin einen der beiden neuen Organisatoren
der Nebenzentrale und den jungen Technologen eingeladen,
der neulich bei der Wahl eine Stimme mehr als Herr Fakeno
erhalten hatte.
Hatte ich mit meiner leichtfertigen Zusage zur Talkshow
etwa einen fundamentalen Fehler gemacht? Würden sich
die vielen Zuschauer auch in Anwesenheit der von den Erd-
317
bewohnern so tief verletzten und geschädigten Futuraner
so freundlich und wohlgewogen mir gegenüber verhalten,
wie wir es bisher stets erlebt hatten? Bestand nicht eher die
Gefahr, dass durch die Erinnerung an die tragischen Ereig-
nisse der vom Institutsratsvorsitzenden erwähnte Hass auf
die Erdenmenschen neu entfacht wurde und mir persönlich
sowie allen Forderern der Freundschaft mit der Erde entge-
genschlug. Vielleicht hatte uns Lali in dieser Frage bewusst
beschwichtigt, um uns nicht zu beunruhigen. Schließlich
wollte sie doch auch ihre eigene Arbeit nicht gefährden. Wie
stark mochte die Gegenpartei im Saale vertreten sein? Aber
es gab keinen Weg mehr zurück.
Die junge Moderatorin, eine Frau Telefi, hatte gewiss
nicht die Absicht, für die Freundschaft zu werben. Ihr ging
es wohl mehr um den spektakulären Zusammenprall unter-
schiedlicher Auffassungen.
Daher wohl auch ihre erste provokatorische Frage an
mich: “Sie kennen gewiss die furchtbaren Ereignisse bei
der Landung von Futuras 2. Es war dies die erste Verbin-
dung Erde - Futuras. Kann man auf dieser Grundlage eine
Freundschaft aufbauen?”
Frau Telefi hatte allerdings mit dieser Frage an mich ei-
nen doppelten Fehler begangen. Erstens hatte sie mit dieser
Zuspitzung bereits einen Teil der Zuhörer im Saale verärgert,
was an einem ungehaltenen Gemurmel zu erkennen war. Und
zweitens gab sie mir und nicht den bedauernswerten Betrof-
fenen die erste Gelegenheit, den ohnehin nicht vermeidbaren
Streitpunkt vorzutragen. Dadurch konnte ich der Situation
von vornherein ein wenig die Schärfe nehmen, noch bevor
die Betroffenen die ganz sicher schrecklichen Ereignisse
von damals emotional heraufbeschwören konnten. Wenn es
318
mir nur gelingen würde, ruhig zu bleiben und den Kloß im
Hals loszuwerden. Mit belegter Stimme begann ich: “Meine
Gefährtin und ich haben hier auf Futuras von dem grausamen
Geschehen erfahren und waren aufs Äußerste betroffen. Ne-
ben vielen Unschuldigen sind alle Schuldigen von damals
mit dem Tode bestraft worden. Kann es eine härtere Sühne
als das geben? Das entstandene Leid bleibt dadurch nicht
ungeschehen. Zwingt das aber nicht gerade dazu, alles zu
tun, um solches Leid niemals wieder neu entstehen zu lassen?
Kein kultivierter Mensch auf der Erde wie auf Futuras kann
dieses Ziel durch Rachegedanken gegenüber Unbeteiligten
erreichen wollen. Deshalb bin ich fest davon überzeugt,
und das ist meine Antwort auf ihre Frage, dass gerade diese
Ereignisse uns gebieten, für alle Zukunft Freundschaft zu
schließen. Erde und Futuras können sich, wenn sie in Freund-
schaft verbunden sind, unendlich viel geben.”
Wenn es schon nicht meine Antwort gewesen sein sollte,
so war es doch der aufkommende Beifall im Saal, der Frau
Telefi beeindruckte. Dennoch suchte sie weiter die Konfron-
tation: “Aus der Sicht der Betroffenen sieht das gewiss anders
aus. Wie ist dazu Ihre Meinung, Herr Rosoto?”
Sie legte ihm geradezu eine oppositionelle Antwort in den
Mund. Aber der Mann wich aus: “Sollte nicht Frau Rusila
etwas dazu sagen.”
Es passte jetzt nicht so recht, ihr persönliches, schweres
Schicksal darzulegen, was vielleicht die Stimmung hätte
noch ändern können. “Was soll ich sagen? Die beiden Erden-
menschen hier bei uns sind nicht die Mörder meines Mannes
und der anderen. Ich habe auch keine Rachegefühle. Aber
Freundschaft? Geht das nicht gleich etwas zu weit?”

319
“Vielen Betroffenen wird es schwerfallen”, ergänzte jetzt
Herr Rosoto, “man kann nicht von heute auf morgen Wut in
Begeisterung umwandeln. Lasst uns Zeit.”
Ich hatte das Gefühl, dass seitens dieser beiden Gesprächs-
teilnehmer kein gefährlicher Angriff mehr zu erwarten war.
Der Organisator aus der Parteizentrale gab Frau Telefi
keine Gelegenheit, ihr Konzept weiter zu verfolgen, sondern
berichtete - ohne eine Aufforderung abzuwarten - wie in der
Gründungsversammlung der Partei von Maria beantragt
wurde, die Freundschaft mit in den Parteinamen aufzuneh-
men und nicht nur sachlich von Verbindung mit der Erde zu
sprechen. Gerade weil durch Futuras 2 negative Emotionen
aufgekommen wären, müsste man diese mit Geduld und
Ausdauer allmählich abbauen.
Und auch der Technologe sagte etwas sehr Bemerkens-
wertes: “Der Gedanke der Freundschaft verpflichtet unsere
beiden Erdengäste und die ganze Partei, alle technischen und
sonstigen Voraussetzungen zu schaffen, dass sich auch auf
der Erde eine freundschaftliche Haltung zu Futuras entwi-
ckelt. Denn nur das schützt uns davor, dass nicht eines Tages
ein Raumschiff Futuras 5 erneut Unheil bei uns anrichtet.”
Der Vertreter der Zentrale ergänzte sofort: “Deshalb eben
auch der Programmpunkt unserer Partei, alle Möglichkeiten
zur Aufnahme einer Funkverbindung mit der Erde zu nut-
zen, insbesondere auch den Nachrichtenaustausch zwischen
Raumschiffen und Planeten vorzubereiten. Die Ereignisse
mit Futuras 2 hätten niemals stattgefunden, wenn wir uns
damals schon in der Sprache der Erdenbewohner mit dem
anfliegenden Raumschiff hätten unterhalten können. So sind
auch unsere beiden Gäste von der Erde für uns eine Garantie
der Sicherheit vor irgendwelchen Missverständnissen.”
320
So klar und überzeugend wurde unsere Rolle eigentlich
noch nie ausgesprochen. Prompt hakte Herr Rosoto ein, ob
ich das auch so verstünde und ob es stimme, dass ich gar
kein Mitglied der Partei wäre, wie er gehört hätte.
“Sie, Herr Rosoto, und alle Futuraner können sicher sein,
dass wir von der ersten Information an über ein sich nähern-
des Raumschiff der Erde alles unternehmen werden, um eine
unkontrollierte Landung zu verhindern. Seit Futuras 2 wissen
wir schließlich auch von der verheerenden Wirkung der ge-
genseitigen Infizierung mit Krankheitskeimen. Die Futuraner
kennen den Weg der allmählichen Anpassung und haben ihn
erfolgreich an uns erprobt. Landende Erdenmenschen wissen
noch nichts davon und würden auch ohne einen Kampf elend
zugrunde gehen. Eine frühzeitige Sprechverbindung dient
also dem Schutze beider Seiten.
Im Übrigen haben sie richtig gehört. Ich bin nicht Mitglied
der Partei für Freundschaft mit der Erde. Meine Gefährtin
und ich repräsentieren gewissermaßen die andere Seite, die
Partei der Freundschaft mit Futuras.”
Ich wurde durch das Lachen der Zuhörer unterbrochen.
Doch ich fuhr unbeirrt fort: “Unsere beiden Parteien arbeiten
aber hervorragend zusammen. Ein kleines erstes Ergebnis ist
schließlich das Fahrrad.”
Es war, als hätte ich der Moderatorin ein Stichwort ge-
geben. Sie griff es nur allzu gern auf, denn sie konnte sicher
sein, auf diese Weise das Interesse der Zuschauer zu ge-
winnen, wenn es schon mit der ursprünglich beabsichtigten
dramatischen Konfrontation nicht geklappt hatte.
Das war nun der große Auftritt des jungen Technologen,
der sehr anschaulich die Möglichkeiten des Radfahrens be-
schrieb und mit viel Fantasie das Bild vieler in naher Zukunft
321
Rad fahrender Planetenbewohner in den Raum malte. Dabei
hob er meinen Anteil an der Entwicklung des Rades so in die
Höhe, dass es mir beinahe peinlich wurde.
Der Parteimann aus der Nebenzentrale ließ geschickt alle
Einzelheiten unserer Werbefahrt einfließen, so dass letztlich
die Talkshow alle unsere Wünsche befriedigte.
Als ich am Schluss von der Moderatorin einen Blumen-
strauß überreicht bekam, ging ich zu Frau Rusila: “Nehmen
Sie den Strauß, Sie haben das größte Opfer gebracht. Ohne
die damals bitteren Erfahrungen hätten meine Gefährtin und
ich Futuras nicht lebend erreicht.”
Frau Rusila war überrascht und gerührt. Sie zögerte ein
wenig unschlüssig, dann umarmte sie mich und legte ihren
Kopf an meine Schulter, um ihre Tränen zu verbergen.
Im Saal rauschte der Beifall. Die Kameras liefen und für
Millionen Zuschauer mochte in diesem Augenblick der
Bann gebrochen sein, der seit den Ereignissen um Futuras
2 gegenüber einer Freundschaft mit der Erde noch bestand.
Am nächsten Tage wurde auch in Orika, der Hauptstadt
des Staates Or, ein Vorstand der dritten Ebene gewählt. Dazu
hatten wir die beiden anderen entsprechenden Vorstände aus
Orisulom und Orisulite eingeladen, um hier gleich anschlie-
ßend einen Parteivorstand der vierten Ebene zu wählen, der
die erste provisorische Parteiführung eines Staates wurde.
Als das die Nebenzentrale dem Zentrum meldete, kam um-
gehend ein betont herzlich gehaltener Glückwunsch von
Lali und Maria, und an mich persönlich die Bemerkung,
ich könne sicher noch gar nicht richtig einschätzen, welcher
entscheidende Durchbruch mit meinem Fernseherfolg erzielt
worden sei. Das tat gut, auch wenn ich tatsächlich erst später
die Tragweite der Fernsehshow voll erfassen sollte.
322
Die Radwerbefahrt

Meine Arbeit in der Nebenzentrale war vorerst beendet. Nun


konnte ich mich ganz auf die bevorstehende Radwerbefahrt
konzentrieren.
Sie wurde mit einer Feier auf dem Werkhof gestartet.
Der Vorsitzende des Werkvorstandes würdigte den Einsatz
aller Beteiligten und schenkte etwa fünfzig Fahrräder als
Auszeichnung an verdiente Betriebsangehörige. Die beiden
ersten aber wurden mir für Maria und mich übergeben, natür-
lich mit viel Lob und großen Worten über die Freundschaft
unserer Planeten. Ich konnte nicht verhindern, dass meine
Gedanken zur Erde schweiften, auf der zur Zeit wohl nicht
ein einziger Mensch an diese Freundschaft denken würde. Im
Gegenteil, Millionen, die etwas über den Flug der Raumschif-
fe Futuras 2 und 3 mitbekommen hatten, würden vielleicht
Wut und Hass für diesen Planeten empfinden. Wer weiß, wie
die Sensationspresse die spärlichen Informationen, die auch
noch völlig falsch waren, ausgeschlachtet haben mochte.
Meine Überlegungen wurden unterbrochen, als man
mich aufforderte, ein weißes Band zu zerschneiden, um
den hundert Radfahrern des Betriebes den Start zur ersten
Etappe freizugeben. Statt einer langen Rede wünschte ich
der Freundschaftspartei, der die Werbung galt, dem Werk,
das in so kurzer Zeit meine Idee realisiert hatte und allen
Radfahrern auf Futuras Glück und Erfolg.
Der für die Futuraner so ungewöhnliche Zug setzte sich
unter dem Beifall hunderter Orisulomer in Bewegung. An der
Spitze fuhr ein kleiner Radargleiter der Polizei, kaum einen
Meter über dem schmalen Weg, um über Lautsprecher die
vielen Zuschauer aufzufordern, die Fahrspur zu räumen. In
einigem Abstand folgte ein ähnlicher Gleiter, der zwischen
323
Walzerklängen immer wieder mit markigen Sätzen zur akti-
ven Unterstützung der Freundschaft mit der Erde aufforderte,
für den Eintritt in die Partei warb und die Ziele der Partei er-
läuterte. Kurz dahinter dann die Radfahrer. Über dem Ganzen
schwebte lautlos ein Tross von Gleitern: Das Fernsehen, die
Zeitungen, ärztliche Hilfsgleiter und schließlich Herr Fakeno
mit Ersatzrädern und einigen Monteuren.
Es war kein Rennen. Die untrainierten Fahrer sollten bis
Mittag nur die etwa dreißig Kilometer bis zur nächsten Stadt
fahren. Die Strecke ging mitten durch Orisulom. Es schien,
dass die ganze Stadt auf den Beinen war. Überall jubelnde
Menschen. Auf den engen, verwinkelten Wegen, die nur für
Fußgänger vorgesehen waren, gab es manchmal einen Stau.
Die Fahrer mussten absteigen und ihr Rad mühsam durch
die drängelnden Neugierigen schieben. Als Herr Fakeno am
Stadtrand seine Truppe wieder sammelte, waren viele Fahrer
und die Räder blumengeschmückt. In zügiger Fahrt ging es
dann durch herbstliche Wälder bis die sich häufenden Zu-
schauer die Nähe des ersten Zielortes ankündigten.
Brausender Beifall kam im Stadion der Stadt auf, als die
lange Kette der Radfahrer einfuhr und sich auf der Aschen-
bahn aufstellte. Nach einer freundlichen Begrüßung durch
den Vorstand der Stadt dankte einer der Fahrer spontan und
außerhalb des Programms für den überwältigenden Empfang
durch die Einwohner. Danach folgte eine temperamentvolle
Werbeansprache durch einen Vertreter der örtlichen Partei-
zelle.
Danach hatten sich die Organisatoren etwas Großartiges
einfallen lassen. Sie boten alle hundert Fahrräder zum Ver-
kauf an. Dazu übernahmen die Fahrer selbst für die Käufer
ihres Rades die ersten Trainingsrunden. Der Verkaufsdirektor
324
des Fahrradwerkes hatte einen Zahlautomaten im Stadion ins-
talliert und sofort nach der Lautsprecheransage stürmten viele
Zuschauer zum Automaten, um mit ihren Daumen den Preis
von 300 Eku zu entrichten. Während die schnellsten Käufer
bereits ihre ersten Runden, unterstützt von den bisherigen
Fahrern, auf dem Sportfeld absolvierten, standen weit mehr
als hundert Kaufinteressenten am Zahlautomaten Schlange.
Plötzlich erschien ein strahlender Herr Fakeno neben mir
und drückte kräftig meinen Oberarm: “Hätten sie gedacht,
dass das Rad so einschlägt?”
“Abwarten, was die Käufer nach einem Monat sagen.
Aber haben sie denn genug für alle?”
“Leider nicht. Wir haben für jeden der zehn Etappenorte
nur 100 Stück vorgesehen. Viele müssen wir enttäuschen,
wenn das Interesse so bleibt.”
“Mann, dann nehmen sie doch Bestellungen an.”
Herr Fakeno schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, als
wollte er sagen, du meine Güte, brauche ich denn selbst für
solche naheliegenden Einfälle die Hilfe fremder Planetenbe-
wohner. Aber dann flitzte er geschwind durch die kreiselnden
und krabbelnden Menschen zu seinem Kassierer.
Nach der Veranstaltung befanden sich die doppelte An-
zahl der bisher verkauften Räder auf der Bestellliste, und
geschäftstüchtig wie der Kaufmann war, hatte er gleich von
den Bestellern das Geld kassiert.
Es war noch keine Stunde vergangen, da hatte auch der
unbeholfenste Erwerber das Radeln gelernt.
Das Werk hatte hundert neue Fahrer mit ebenso vielen
neuen Rädern bereitgestellt. Der Start löste erneut Jubel aus
und wohl die Hälfte der eben verkauften Fahrräder schloss
sich eine Zeit lang dem Tross an. Am Abend wiederholte sich
325
alles im neuen Etappenort, diesmal allerdings nicht in einem
Stadion, sondern auf einem ungewöhnlich weiten Platz im
Zentrum der Stadt.
Zweimal fuhr ich eine Etappe mit, die nach Orisulite und
die letzte nach Orika, der Hauptstadt. Viermal musste ich
eine Rede halten, dreimal, weil mich eine örtliche Parteizelle
darum bat und einmal am Schluss in Orika, noch ganz außer
Atem, weil das Fernsehen großen Wert darauf legte.
Die Bilanz war außerordentlich gut. Über tausend ver-
kaufte und fast viertausend weitere bestellte und bereits
bezahlte Fahrräder, Hunderte Bestellungen des Handels aus
allen Staaten unseres Kontinents und auch von allen anderen
Kontinenten. Orisulom hatte wieder eine Zukunft.

Die Partei konnte während dieser fünf Tage ihre Mitgliederzahl


im Staate Or mehr als verdoppeln. Überall mussten Zellen
geteilt werden, neue Zellverbände entstanden. In den Städten
und Kreisen waren neue Vorstände der dritten Ebene zu
wählen. Bald war ein zweiter Vorstand der vierten Ebene
notwendig, so dass sich für die Parteiführung im Staate Or
über kurz oder lang auch eine fünfte Ebene ergeben musste.
Die Ergebnisse in den anderen Staaten waren ähnlich.
Die Wahlversammlungen festigten nicht nur die schnell
gewachsenen Strukturen, sondern boten auch eine Basis für
heiße Diskussionen um den Entwurf der programmatischen
Parteiziele.
Von der ungewohnten Fahrt körperlich erschöpft erreichte
ich Orika und war wegen der nervlichen Konzentration bei
der kurzen Fernsehansprache auch geistig ziemlich erschlafft.
Ich wollte nur noch, wie meine 99 Begleiter, mein verkauftes
Fahrrad einem Käufer übergeben und mich dann endlich
zurückziehen. Da stand, wie aus dem Boden gestampft,
326
plötzlich Maria vor mir. Vor Überraschung war ich unfähig,
irgend etwas Vernünftiges zu sagen. Wir fielen uns wortlos
in die Arme. Man hatte sich wieder und alles, alles war gut.
Inmitten all der radelnden und quirlenden Freundschaftler
pressten wir uns stumm aneinander bis sich Maria sanft löste:
“Nun gib mir aber endlich mein Fahrrad. Hab‘s ja schließlich
ordentlich bezahlt.”
Auch sie war gewiss benommen wie ich, wollte aber, wie
üblich, davon ablenken. Bei mir reichte es noch nicht zu
offener Freude. Wie abwesend hob ich das Rad vom Boden
auf und wir schoben es gemeinsam aus der Menschenmen-
ge. Als wir ein wenig abseits waren und uns unbeobachtet
fühlten, hielten wir an und gaben uns endlich einen langen
innigen Kuss. Allmählich fand ich wieder einige Worte, Be-
langlosigkeiten, wie zwischen Jungverliebten. Wir schoben
das Rad weiter. Die Richtung wurde nicht von mir bestimmt.
Schließlich standen wir vor Lalis Radargleiter.
Lalis dunkle Augen kamen näher. Sie sprühten vor Freude:
“Es ist unglaublich, wie gut alles läuft! Der Gedanke der
Freundschaft mit der Erde breitet sich wie eine Lawine auf
allen fünf Kontinenten aus. Dein Fernsehauftritt mit Frau
Rusila hat selbst im globalen Vorstand Wirkung gezeigt.
Die hohen Politiker haben nunmehr anscheinend ihre Angst
verloren, es mit den Opfern von Futuras 2 zu verderben,
wenn sie mit euch zusammenkommen. Sie werden euch in
der nächsten Zeit einladen.”
Wir hatten eine solche Zusammenkunft nie in Erwägung
gezogen. Aber nun wurde uns bewusst, dass wir eigentlich
schon längst damit hätten rechnen müssen. Doch ebenso
waren uns nunmehr auch die Gründe einleuchtend, die den
Vorstand des Planeten und sogar den unseres Kontinents
327
bisher daran gehindert hatten, mit uns Kontakt aufzunehmen.
Sie alle waren vom Vertrauen ihrer Wähler abhängig, das
so schnell verloren gehen konnte, wenn man sich mit denen
einlässt, die so großes Leid auf den Planeten gebracht hatten.
Erst jetzt, im Nachhinein, begriffen wir, welchen Mut das
Staatsvorstandsmitglied von Ot damals bewiesen hatte, als
er uns bereits so kurz nach der Landung besuchte.
In unseren lebhaften Gedankenaustausch darüber startete
Lali den Gleiter.
“Wohin fliegen wir jetzt?”, fragte Maria.
“Erst einmal nach Hause”, antwortete Lali, “und dann
machen wir ein paar Tage Urlaub. Das hattest du doch neulich
angeregt. Wie wär’s wieder mit Maputo?”
Unsere Freude kam unmittelbar und laut. Aber dann gab
es auch Bedenken: “Können wir uns in dieser Zeit höchster
Belastungen einfach ausblenden?”
„Ach, solange ich denken kann, war jede Zeit eine Zeit
höchster Belastungen. Ihr werdet sehen, die Belastungen
werden weiter wachsen. Da muss man vorher ausspannen,
um dem gewachsen zu sein.”
Ich sah Marias Fahrrad in der Kabine stehen. Da kam mir
noch ein Gedanke: “Lali, ich muss noch einmal ins Werk
Orisulom. Ist es ein großer Umweg?”
“Es geht.”
Lali fragte nicht nach dem Grund meines Wunsches. Sie
änderte einfach den Kurs um mehr als neunzig Grad und nach
etwa einer Stunde landeten wir auf dem Werkhof.
“Vertretet euch etwas die Beine. Ich komme gleich wie-
der.”
Maria blickte mich fragend an: “Können wir helfen?”
“Nicht nötig.” Man hatte mir doch beim Start der Werbefahrt
328
zwei Fahrräder geschenkt, die ich im Werk aufbewahren ließ.
Nun holte ich sie in den Gleiter.
“Damit wir im Urlaub beweglicher sind.”
Die Frauen freuten sich und Lali überlegte, ob Maputo
unter diesen Umständen noch der richtige Urlaubsort wäre.
Sie dachte nunmehr an einen Kurort mit vielen Wanderwegen
durch Wälder, an Bächen und Seen entlang.
Der Flug zog sich lange hin. Als die Sonne glutrot über
einem fernen Gebirge unterging, verstummten eine Zeit lang
unsere angeregten Gespräche. Danach, in der Dunkelheit,
lebten sie zwar wieder etwas auf, denn uns fielen immer
wieder berichtenswerte Erlebnisse ein, aber die zunehmende
Müdigkeit lähmte schließlich auch unsere Unterhaltung.
Erst lange nach Mitternacht landeten wir. Im Hause wa-
ren längst alle Lichter verloschen. Wir wollten niemanden
wecken, fanden aber nichts zu essen. So gingen wir hungrig
und todmüde, aber dennoch mit dem frohen Gefühl des Er-
folges, in die Betten.

Vom anderen Denken, Fühlen und Empfinden

Meta und Meto, Lapo und seine Familie begrüßten uns zum
Frühstück, das eigentlich bereits ein Mittagessen war, mit
großem Hallo. Sie waren durch das Fernsehen recht gut
über unser Tun in der letzten Zeit informiert und hatten uns
begeistert die Daumen gedrückt. Schnell hatte sich unsere
Heimkehr herumgesprochen und so stellten sich über Mittag
viele Besucher ein, die das Geschehene aus erster Hand
erfahren wollten. Wir hatten eine Menge zu erzählen und
mussten unendlich viele Fragen beantworten. Als die Rede
auf die Werbetour der Radfahrer zu sprechen kam, schlug
329
ich eine Vorführung unserer Räder vor. Wir holten sie aus
dem Gleiter und ließen sie von allen Seiten bestaunen. Dann
fuhren wir zu dritt einige Runden ums Haus, verständigten
uns kurz, verabschiedeten uns winkend und machten uns auf
den Weg durch den Wald zur Schlosserei.
Der Meister und seine Mitarbeiter stellten überrascht ihre
Arbeiten ein und betrachteten sachkundig unsere Fahrzeuge.
Sie waren mit Recht stolz darauf, anfangs an der Entwicklung
mitgewirkt zu haben und man entließ uns nicht, bevor nicht
jeder Schlosser ein Stückchen gefahren war.
Am Badesee war wenig Betrieb. Aber auch hier liefen die
Gäste zusammen, um unsere Räder zu bewundern, während
wir uns ins ziemlich kalte Wasser stürzten.
Maria sinnierte: “Es ist nicht zu glauben, hier haben Be-
wohner eines fremden Planeten gebadet und das hat weniger
Aufsehen erregt als diese Fahrräder.”
“Woran hätte man euch damals schon erkennen sollen?
Noch dazu nackt? Man hatte euch aus verständlichen Grün-
den wenig popularisiert. Heute ist das alles anders. Schaut
nur, wie viele der Badegäste euch mit ihren Blicken verfol-
gen. Wir könnten wohl nicht noch einmal unerkannt durch
ein Warenhaus gehen.”

Wieder zu Hause, fand Lali neue Nachrichten vor, die sie uns
gleich mitteilte: “Stellt euch vor, Beauftragte des globalen
Vorstandes haben ihren Besuch im Institut angesagt, um
den aktuellen Stand der Verbindungen mit der Erde zu
untersuchen. Und noch etwas: Bereits nächste Woche werden
die ersten beiden Kontinente ihre Parteivorstände wählen.”
Lali war sichtbar stolz auf ihren unbestritten großen An-
teil an diesen Erfolgen und wir teilten ihre Freude. Aber die
330
Sache hatte für mich auch einen Haken: “Unsere Ferien sind
allerdings wieder im Eimer, schade.”
“Das wollen wir doch erst einmal sehen”, opponierte Lali
vehement. “Die Wahlen laufen sicher auch ohne uns, und ob
mich die Beauftragten im Institut brauchen, ist noch fraglich.
Ich werde mich noch heute um ein Ferienhotel kümmern.”
Sprach’s und ließ uns mit gemischten Gefühlen allein.
Maria fuhr mich verärgert an: “Musstest du denn gleich
einen Wermutstropfen in den Becher voller Freude gießen?”
Das hatte ich überhaupt nicht gewollt. Im Grunde hatte
ich mich sofort damit abgefunden, dass es keinen Urlaub
gab. Durch Lalis spontane Reaktion erst wurde mir mein
Fehler bewusst. Wir mussten nun befürchten, dass Lali in
ihrer Sorge um uns ihre eigenen Ziele vernachlässigte, die
doch auch so sehr in unserem Interesse lagen.
Nach einem kurzen Gedankenaustausch zwischen Maria
und mir gingen wir in Lalis Zimmer.
“Entschuldige Lali, das mit den Ferien ...”
“... ist schon geregelt”, unterbrach mich Lali energisch.
“Macht euch keine Sorgen, wir kriegen alles unter einen Hut.
Wir haben eine Unterkunft in Tasine. Das liegt auf dem Kon-
tinent A. Schon morgen fliegen wir hin. Von dort aus könnt ihr
nächste Woche sogar ohne große Umstände an der Wahl des
Parteivorstandes des Kontinentes A teilnehmen. In unserem
Kontinent O kennt man euch schon zur Genüge. Und ich lasse
euch ein paar Tage allein in Tasine, wenn die Beauftragten
im Institut aufkreuzen. Es ist schon besser, wenn man seine
eigenen Forschungsergebnisse selbst vorbringt.”
Maria und ich waren überrumpelt.
“Wir wollten eigentlich sagen, dass wir uns selbstver-
ständlich gleich damit abgefunden hatten, dass die anderen
331
Dinge wichtiger sind und...” Ich hatte den Faden verloren
und war ungewohnt verlegen. Es war so schwer, schnell die
richtigen Worte zu finden, wenn man einmal die falschen
Worte gefunden hatte.
“Ach Lali, du bringst so großartige Neuigkeiten und ich
komme dir so kleinlich mit unseren Ferien. Und nun hast du
auch noch beides so elegant gelöst.”
Ich hatte wohl mit einem verzeihenden Lächeln gerechnet,
aber Lali sah mich mit großen erstaunten Augen an. “Setzen
wir uns doch!”
Und als wir zu dritt, Lali in der Mitte, auf ihrem Sofa Platz
genommen hatten, legte sie ihre Arme um unsere Schultern
und sagte mit leiser Stimme: “Wir kennen uns doch so gut.
Wir lieben uns sogar. Jeder kann sich fest darauf verlassen,
dass keiner dem anderen etwas Böses tut oder auch nur
sagen will. Wir sind wirklich wie eine gute Familie. Aber
manchmal bin ich sehr traurig, weil ich irgend etwas an euch
nicht verstehe. Meist sind es irgendwelche Gefühle oder
Empfindungen, die ich bei euch beobachte, die mir aber völlig
fremd sind, zu denen ich keinen Zugang finde. Es ist schwer,
darüber zu sprechen, weil es immer Belanglosigkeiten sind.
So wie jetzt wieder. Ihr kommt zu mir in einer Haltung, die
ich schuldbewusst nennen würde. Du entschuldigst dich und
ich sehe keine Schuld. Die Bemerkung, dass der Besuch der
Beauftragten und die Wahlen mit unseren Ferienplänen kol-
lidieren, zeigt doch ein echtes Problem auf, das eine Lösung
herausfordert. Ihr aber unterstellt mir, dass ich gekränkt bin
und wollt, lieb wie ihr seid, alles wiedergutmachen. Aber es
ist doch alles immer gut gewesen. Sind denn die Empfindun-
gen der Erdenmenschen so sehr viel anders?”

332
Es war eine Weile still. Wir versuchten Lali zu verstehen,
wie sie uns verstehen wollte.
Dann überlegte Maria laut: “Wir sind wohl doch von
einem anderen Stern. Millionen Dinge sind anders, sind
ungewohnt. Fremde Bäume und technische Einrichtun-
gen lernt man kennen, wie man das auf der Erde in einem
fremden Land auch tun würde. Die Menschen hier sind uns
glücklicherweise nicht fremder als es auf der Erde für uns
Menschen eines anderen Kontinents sind. Ihre Sprache, ihre
Arbeit, ihre Gewohnheiten, ihre gesellschaftlichen Struktu-
ren kann man erlernen. Aber sie haben ihre Art zu leben seit
Jahrhunderten entwickelt und damit auch ihre besondere
Art zu denken, zu fühlen und zu empfinden. Das kann man
wohl nicht in wenigen Monaten übernehmen. Ebensowenig
ist die mitgebrachte irdische Art zu denken, zu fühlen und
zu empfinden einfach abzuschütteln. Wir kennen auch sol-
che Probleme auf der Erde. Wenn sich zwei Menschen aus
unterschiedlichen Kulturkreisen ineinander verlieben und
heiraten, dann ist eine übergroße Toleranz erforderlich, um
die Unterschiedlichkeiten der mitgebrachten Mentalitäten auf
Dauer zu ertragen. Diese Unterschiedlichkeiten, besonders
eben im Denken, Fühlen und Empfinden, aber auch in den
daraus erwachsenen Traditionen, führen oft zum Nichtmehr-
verstehen, zu Zerwürfnissen, zu Trennungen, leider auch zu
Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass. Wenn ich mir das
so durch den Kopf gehen lasse, Lali, ist es wohl ein großes
Wunder, dass wir uns fast immer gut verstanden haben und
Missverständnisse wie heute so selten sind.”
Mich hatten Marias Gedanken sehr beeindruckt und wohl
auch Lali. Sie gab Maria mit ernstem Gesicht einen Kuss,
als wollte sie damit unser gutes Einvernehmen bestätigen.
333
Ich wollte noch einmal auf den Anlass dieser Überlegungen
zurückkommen: “Mir scheint, unser Verhalten war durchaus
erdengemäß. Meine Bedenken wegen der geplatzten Ferien
hätte man dort eben nicht als sachlichen Einwand, sondern
als kleinliche, eigensüchtige Miesmacherei gegenüber wich-
tigen Interessen der Allgemeinheit betrachtet. Vielleicht ist
überhaupt auf der Erde die Bereitschaft sehr gering, selbst
rein sachliche Einwände als Denkanstoß entgegenzunehmen.
Kritik wird nur allzu oft als persönlicher Angriff empfunden.
Auf Futuras hat sich in der langen Zeit der futuranischen
Demokratie gewiss eine ganz andere Streitkultur entwickelt,
in der die Menschen daran gewöhnt wurden, in den Zellen
und den Vorständen alles Für und Wider zu erörtern, ohne
sich gleich bei abweichenden Meinungen angegriffen zu
fühlen. Ich glaube, ich kann jetzt verstehen, warum du für
unser Schuldbewusstsein kein Verständnis hattest. Es wäre
für mich wohl erdengemäßer gewesen, still auf den erhofften
Urlaub zu verzichten und mich der großen Sache zu fügen.
Mit irdischen Augen gesehen war mein Einwand ein pein-
licher Ausrutscher, den man möglichst schnell wieder aus
der Welt schafft, wenn man es nicht auf eine Konfrontation
ankommen lassen will.”
“Aber warum lässt man es dann nicht auf eine Konfronta-
tion ankommen? Nur aus der Konfrontation der Meinungen
kann doch eine optimale Lösung erwachsen. Ohne Konfron-
tation unterschiedlicher Meinungen gibt es überhaupt keine
Kreativität.”
Maria half mir: “Meist besteht die Konfrontation der Mei-
nungen auf der Erde in einem Kampf bis sich eine Meinung
durchsetzt. Individuelle Ferien hätten da gegen gesellschaft-
lich wichtige Aufgaben keine Chance. Dieser Kampf der
334
Meinungen wird zudem oft zu einer Prestigefrage. Dann ist
an eine sachliche Lösung schon gar nicht zu denken.”

Urlaub in Tasine

Unsere Ferien in Tasine schienen unter keinem günstigen


Stern zu stehen. Der Vorstand unserer Zelle hatte die so
selten gewordene Anwesenheit von uns Dreien gleich
ausgenutzt, um die längst fällige Rechenschaftslegung über
die Finanzlage kurzfristig für den nächsten Tag anzusetzen.
Wenn uns diese Fragen auch nicht gerade brennend
bewegten, gab es natürlich keinerlei Einwand von unserer
Seite und wir verschoben den Beginn der Ferien ohne Murren
um einen Tag.
Als sich fast alle Mitglieder der Zelle am nächsten Tag
nach dem Abendessen zur Versammlung eingefunden hatten,
verteilte Lapo, der Wirt, eine schriftlich vorbereitete Abrech-
nung und gab zu den wichtigsten Posten einige ergänzende
Erläuterungen. Wir zwei Erdenbürger hatten kaum einen
Maßstab für Werte und Preise und waren auch nicht direkt
am Reichtum der Zelle interessiert, da wir bisher jeden
unserer Wünsche erfüllt bekamen, ohne dass wir nach den
Kosten dafür zu fragen brauchten. Es ging uns ähnlich wie
den Zuschauern daheim auf der Erde, wenn sich im Parla-
ment bei einer Haushaltsdebatte die Vertreter der Parteien
gegenseitig Milliardenposten um die Ohren schlugen, von
denen man sich kaum die Dimensionen, geschweige denn
ihre praktische Bedeutung vorstellen konnte. Trotzdem war
such für den finanztechnischen Laien der gesamte Streitpro-
zess recht interessant.

335
So auch hier. Die Zelle hatte neben der einheitlichen Mit-
telzuführung pro Kopf über die höheren Ebenen an eigenen
Einnahmen nur den Anteil am Gewinn von Lapos Gaststätte.
Dazu kam eine Sonderzuführung für uns zwei Gäste aus dem
Weltraum. Das zu wissen, beruhigte uns ein wenig, denn wir
lebten also nicht direkt auf Kosten unserer Zellmitglieder.
Den Einnahmen standen im Berichtszeitraum auf der
Ausgabenseite neben einer ganzen Anzahl kleiner Positionen
die Kosten für die Reparatur des Brandschadens am Haus
der Arztfamilie gegenüber. Fast die gesamten Einnahmen
waren dafür verwendet worden, so dass geplante Investi-
tionen zur Verbesserung der Gaststätte verschoben werden
sollten. Mehrere der Anwesenden forderten nun recht heftig
eine Beteiligung der höheren Ebenen an den Aufwendungen
für die Beseitigung des Brandschadens, gewissermaßen als
‘Feuerversicherung’, um es einmal mit unseren irdischen
Begriffen auszudrücken. Doch Herr Ralato wies ruhig und
überzeugend nach, dass der Zelle trotz allem noch der gesetz-
liche Mindestbetrag verbleibe, bei dessen Unterschreitung
erst der Zellverband helfend einspringen müsse. Man hätte
sich beinahe damit abgefunden, wenn nicht Lali im letzten
Augenblick bemerkt hätte, dass der gesetzliche Mindest-
betrag nur deshalb nicht unterschritten wurde, weil man
ungerechterweise die Sonderzuführung für Maria und mich
darauf angerechnet hatte. Dies würde dem Sinn der Son-
dergelder widersprechen, da ja bei einer Anrechnung dieser
Mittel unsere Anwesenheit zu einer finanziellen Belastung für
die Zelle würde, was doch gerade vermieden werden sollte.
Das überzeugte auch Herrn Ralato und so beschloss man,
vom Zellverband einen Ausgleich in entsprechender Höhe
zu beantragen. Danach wurde über die Rechenschaftslegung
336
in der gewohnt geheimen Form abgestimmt und diese mit
absoluter Mehrheit bestätigt. Nunmehr konnte Herr Lapo
die eine Hälfte des Gewinns der Gaststätte auf das Konto
seiner Familie überweisen. Die andere Hälfte ging auf das
Konto der Zelle.
Ich erkundigte mich, was eigentlich passieren würde,
wenn der beantragte Ausgleich vom Zellverband abgelehnt
werden sollte. Aber niemand teilte meine Bedenken. Unsere
drei Vertreter im Zellverband würden das schon durchsetzen.
Notfalls gäbe es ein Beschwerdeverfahren beim Gemeinde-
vorstand.
Inzwischen stand auch fest, dass Lali uns bereits an un-
serem zweiten Ferientag in Tasine wieder verlassen musste,
um den Beauftragten des Globalen Vorstandes für eine
unbestimmte Anzahl von Tagen im Institut zur Verfügung
zu stehen. Damit wir aber dort nicht allein gelassen waren,
wurden zu meiner ehrlichen Freude auch Meta und Meto
eingeladen, die natürlich über die unerwartete Abwechslung
sehr glücklich waren.
So flogen wir gutgelaunt nach Otoki, unserer Gebiets-
hauptstadt, stiegen dort in einen den schnellen Liniengleiter
um, der uns mit etwa hundert anderen Fluggästen nach Ataro,
einer größeren Stadt unweit von Tasine brachte. Dort mietete
Lali einen kleineren Gleiter, der uns am späten Nachmittag in
unserer Feriensiedlung absetzte. Wir bezogen eines von etwa
einem Dutzend kleiner Häuschen, die in einem Halbkreis um
einen reizvollen Badesee gelegen waren. Von einem größeren
Gemeinschaftsraum aus ging man in mehrere Schlafzimmer.
Eine kleine Küche gab es auch, obwohl wir das Essen in
einer zentral gelegenen Kantine gebucht hatten. Doch wir
ließen uns kaum Zeit zum Umschauen und Wegpacken un-
337
serer wenigen mitgebrachten Sachen, sondern stürmten wie
ausgelassene Kinder ins Wasser, um den Staub der langen
Tagesreise abzuspülen und vielleicht noch mehr, um die
Anspannung der letzten Wochen von der Seele zu spülen.
Es wäre der seit langem fröhlichste Abend geworden, hätte
sich nicht Meta an einem scharfkantigen Stein eine hässliche
Fußwunde zugezogen. So fand unsere Ausgelassenheit ein
jähes Ende. Maria musste einen dicken Verband anlegen
und als Meta in ihrem Bett war, saßen wir anderen recht
unschlüssig herum, bis auch wir uns entschlossen, in die
Betten zu steigen. Müde waren wir ohnehin.
Der nächste Morgen bestätigte den flüchtigen Eindruck
vom Vortage, dass nur wenige Häuschen der Siedlung
belegt waren. Ein größeres Gebäude auf einer Anhöhe im
Wald, kaum hundert Meter oberhalb der Siedlung, war die
Gaststätte, die uns die Frühstückszubereitung ersparte. Meta
setzten wir auf eines unserer drei mitgenommenen Fahrräder
und schoben sie mit vereinten Kräften den Berg hinauf. Das
Restaurant machte im Inneren einen düsteren Eindruck, was
gewiss mit ein Grund war, dass wir die einzigen Gäste waren.
Immerhin schmeckte uns das Frühstück, und von der
Terrasse aus hatte man einen herrlichen Überblick über eine
abwechslungsreiche hügelige Landschaft mit weiten Wäl-
dern. Von den Ortschaften, die nach der Landkarte in den
Flusstälern liegen mussten, war von hier oben aus nichts zu
sehen. Das reizte unsere Neugier. Und so setzten sich Maria,
Lali und ich, sobald wir Meto und seine verletzte Frau wieder
in die Hütte gebracht hatten, auf unsere Räder und fuhren
einen wunderschönen, sanft geschwungenen, asphaltierten
Wanderweg viele Kilometer lang durch die frischen grünen
Wälder. Es ging fast ständig leicht abwärts, bis wir in einem
338
Bachgrund ein langgezogenes Dorf erreichten. Ein Zentrum
schien es nicht zu geben. Der Sportplatz mit einer Schule, die
Polizeistation und ein kleines Warenhaus lagen ziemlich weit
auseinander. Einige Einwohner blieben überrascht stehen
und schauten dem ungewohnten Peloton verwundert nach.
Als wir das Dorf durchfahren hatten, gabelte sich der Weg.
Einer ging weiter flussabwärts, der andere zweigte aufwärts
in das Tal eines einmündenden Bächleins ab. Jeden Radfahrer
verlockt es, bergab zu fahren, aber Maria und ich konnten Lali
davon überzeugen, dass durch jeden weiteren Höhenverlust
die Rückfahrt zu einer anstrengenden Angelegenheit werden
würde, zumal unsere Räder noch keine Gangschaltung hat-
ten. Das bekamen wir ohnehin bald zu spüren. Denn nach
knapp einem Kilometer kaum merklichen Anstiegs standen
wir vor der hohen Betonmauer eines Stauwerks. Nun ging
der Weg in steilen Serpentinen aufwärts und wir mussten
die Fahrräder längere Zeit schieben. Von der Dammkrone
aus sah man einen Stausee, der sich wie ein Fjord zwischen
steilen Ufern erstreckte. Lali erklärte uns, dass man früher
auf diese Weise Elektroenergie gewonnen habe, bis man das
mit Schwerkraftmaschinen billiger konnte. Der See blieb aber
zur Trinkwasserversorgung und als Erholungsgebiet erhal-
ten. Wir fuhren lange an seinem Ufer entlang, hatten nach
jeder Biegung neue herrliche Ausblicke in die Landschaft,
bis der See allmählich breiter und die Ufer flacher wurden.
Wir entdeckten im fernen Dunst eine größere Ortschaft, die
aber für uns heute nicht mehr erreichbar war. An der Stelle,
wo der See aus den Bergen in die Ebene überging, waren
oberhalb des Uferweges an beiden Ufern Ferienhäuschen
und am See ein Yachthafen. Lali studierte eifrig die Karte

339
und schlug vor zu versuchen, dass uns einer der Segler auf
das andere Ufer bringen würde. So fuhren wir zum Hafen.
Dort gab es zu unserer Überraschung sogar eine Fähre.
Doch das war kein Schiff, sondern eine als Fluggleiter betrie-
bene offene Plattform, auf der sich etwa zwanzig Personen
befanden, die uns sofort erkannten und einen Kreis um uns
und die Räder bildeten. Sie bestürmten uns mit Fragen zu
den Rädern, zur Raumfahrt, zur Entwicklung der Partei und
zum Leben auf der Erde. Wir gaben bereitwillig und so gut
Auskunft wie es in diesem Durcheinander nur möglich war,
auch noch als unsere Fähre bereits lautlos das andere Ufer
erreicht hatte. Dann traten wir fröhlich winkend wieder in die
Pedale. Es ging zurück in Richtung Staumauer. Zu unserem
Glück brauchten wir nicht wieder ins Dorf hinunter, sondern
konnten, fast immer auf gleicher Höhe bleibend, direkt in
unsere Feriensiedlung zurückfahren.
Noch am gleichen Tage brachte Meto mit dem Mietgleiter
Lali nach Ataro, von wo aus sie in ihr Institut zurückflog.
Obwohl wir drei Fahrräder zur Verfügung hatten, konnten
in Zukunft immer nur zwei auf Tour gehen, da wir Meta nicht
allein lassen wollten. Schließlich war sie nicht nur durch ihre
Fußverletzung behindert, sondern ihre Schwangerschaft wur-
de auch zunehmend sichtbar. So blieb am ersten Tag Maria
bei ihr, am nächsten ich. Dann war Meto an der Reihe. Aber er
hatte die große Sorge, dass er seine Pflichten verletzt, wenn er
uns allein fahren lässt. Nur mit viel Mühe konnten wir seine
Bedenken wenigstens soweit abschwächen, dass er uns mit
vielen Ermahnungen zur Vorsicht ziehen ließ. Wir fühlten uns
schon fast als Futuraner, hatten so viele Begegnungen mit den
verschiedensten Bewohnern hinter uns und sahen auch beim

340
Gedanken an die fanatischen Gegner einer Freundschaft mit
der Erde keine ernsthafte Gefahr mehr für uns.
Maria und ich wählten den leichten, uns bereits bekannten
Weg zum Stausee, fuhren zügig um den flachen Teil des Sees
herum bis in die kleine Stadt, die wir am ersten Tag bereits
aus der Ferne gesehen hatten. Je näher wir ihr jedoch kamen,
umso weniger war von ihr zwischen den Bäumen zu erken-
nen. Schließlich war es eine ebenso zersiedelte Ortschaft wie
unsere Heimatstadt. Das Zentrum, wenn es überhaupt eines
gab, hatten wir verfehlt. Über eine hübsche alte Steinbrücke
überquerten wir den hier noch recht schmalen Fluss und
erreichten auf einem leicht ansteigenden Weg wieder Tasine.
Wir wollten trotz Metas Missgeschick den Urlaub weiter
zur aktiven Erholung und Entspannung nutzen. So ergab es
sich am nächsten Tag, dass Maria in Begleitung von Meto mit
dem Fahrrad eine längere Tour zu einem tief in den Felsen
eingeschnittenen romantischen Flusstal vorhatte, während
ich bei der durch ihre Fußverletzung noch immer am Gehen
gehinderten Meta bleiben sollte.
Zum ersten Male seit längerer Zeit waren wir allein. Von
dem Augenblicke an, an dem wir wussten, dass Meta schwan-
ger geworden war, hatte es kein Gespräch mehr zwischen uns
über unsere so erfolgreichen wie angenehmen Bemühungen,
ein interplanetares Kind zu zeugen, gegeben. Jetzt hatten wir
beide den Wunsch, dieses stillschweigende Tabu zu durch-
brechen und uns gegenseitig zu versichern, dass wir gern
und oft an unsere Liebesmühen zurückdachten. Jedenfalls
fanden wir schnell zärtliche Worte füreinander, und wenn
wir auch glaubten, dass wir auf gar keinen Fall nochmals
ganz zusammen kommen durften, um das keimende Leben
nicht zu gefährden, so entwickelten sich doch recht bald
341
aus ersten zurückhaltenden Liebkosungen immer längere
innige Küsse. Schließlich führte Meta meine Hand auf ihren
doch schon deutlich gewölbten Bauch und ließ mich durch
ihre warme Haut mein Kind spüren. Doch so schwer es mir
auch fiel, nach einigen wenigen Streichelbewegungen zog
ich meine Hand wieder zurück, gab ihr einen schüchternen
Kuss auf die leicht zwischen den Härchen hervorquellenden
rosa Lippen und suchte dann wieder ihren Mund, um lange
mit ihr darum zu kämpfen, wer wessen Zunge mit seiner
umspielen durfte. Metas Hand nestelte indessen an der Ver-
schlussklappe meiner Gespinstkleidung bis sie meine ganze
Erregung in ihren Fingern hielt. Ich fürchtete, dass ihr diese
Anspannung vielleicht nicht gut bekommen würde und zog
mich ein wenig zurück.
Doch Meta lachte mich mit ihren großen Augen an: “Du
musst dich wohl auch schonen, so als werdender Vater?”
Da überließ ich mich ganz ihren spielenden Händen und
ihren saugenden Lippen, hielt mich an ihren prallen Brüsten
fest, bis ich schließlich zuckend meine Erfüllung fand.
Wir saßen noch lange eng zusammen auf dem Sofa. Ich
bemühte mich, ihr zu glauben, dass sie keine Entspannung
benötige und auch so glücklich darüber sei, dass wir uns
nicht nur im Rahmen eines biologischen Experiments liebten.
In die anheimelnde Ruhe kam unvermutet Bewegung,
als ein langgestreckter Fluggleiter wie ein Schatten dicht
am Fenster vorbeihuschte. Minuten später trat Lali ins Zim-
mer. Nach einer stürmischen Begrüßung erkundigte sie sich
nach den anderen und nach Metas Verletzung. Sie ließ sich
die Wunde zeigen und bestand darauf, energisch wie ich sie
lange nicht erlebt hatte, dass Meta noch heute mit ihr nach
Hause und in ein Krankenhaus fliegen sollte.
342
“Musst du denn heute schon wieder fort?”, fragte ich
überrascht.
“Ja, leider. Der Globale Vorstand hat mich in eine Ar-
beitsgruppe berufen, die kurzfristig Entwürfe für die ersten
Beschlüsse über die Beziehungen zur Erde ausarbeiten soll.
Kannst du verstehen, welche Chance das ist, die Ziele unserer
Partei dabei einzubringen?”
Ich verstand, auch ohne Kommentar.
“Aber du hast doch nicht den langen Weg auf dich ge-
nommen, nur um uns das zu sagen. Das wäre doch auch per
Telefon gegangen. Worum geht es dir wirklich?”
“Du vermutest leider richtig. Ich muss euch bitten, so
leid es mir tut, den Rest des Urlaubs zu verschieben. Es gibt
dafür zwei Gründe. Einmal müsst ihr in Kürze mit einer
Einladung zum Globalen Vorstand rechnen, wozu vielleicht
einige Vorbereitungen nötig werden. Zum anderen habe ich
eine sehr persönliche Bitte, die ich euch im Auftrage der
Partei antragen muss. Übermorgen sollte ich in eurem Bei-
sein eine Rede bei der Wahl des Vorstandes des Kontinents
A unserer Partei halten. Alles wird groß aufgezogen. Etwa
600 Vorstandsmitglieder der verschiedenen Ebenen sind
zu einer Versammlung geladen, an deren Ende dann die 15
Mitglieder der fünf Staatsvorstände aus ihren Reihen den
obersten Parteivorstand des Kontinents wählen. Meine Rede
über Ziele und Aufgaben einer Partei für die Freundschaft
mit der Erde sollte etwa vierzig Minuten dauern. Nur - ich
kann nicht weg vom Globalen Vorstand. Und nun kommt’s:
Kann das einer von euch übernehmen? Die Parteiführung
traut euch das zu.”
“Sagtest du übermorgen?”

343
“Ja. Die Leute holen euch rechtzeitig ab und bringen euch
auch anschließend mit dem Radargleiter nach Hause. Dann
sehen wir weiter.”
Da kam eine mittlere Katastrophe auf uns zu und Lali trug
uns das so sachlich vor, dass man fast befürchten musste,
ein ganzes System bräche zusammen, wenn man Einwände
gegen den geplanten Ablauf geltend machte. Was blieb mir
da schon anderes übrig: “Maria kommt erst spät abends
müde und ahnungslos zurück. Da komme wohl nur ich da-
für in Frage. Ich müsste mich gleich an die Arbeit machen.
Hast du schon irgendwelche Ausarbeitungen, die du mir zur
Verfügung stellen kannst?”
“Oh je, du triffst mich hart. Ich kam in diesen Tagen zu
nichts. Lediglich eine Menge statistischer Angaben über die
Entwicklung der Partei kann ich dir da lassen.”
Lali schaute mich fast ein wenig ängstlich an, dabei hat-
te ich mich doch bereits in das Unvermeidliche gefügt. Ja,
ich spürte sogar so etwas wie ein Bedürfnis, dem gehetzten
lieben Wesen ein wenig innere Ruhe zu vermitteln: “Mach
dir keine Gedanken, Lali, das geht übermorgen schon in
Ordnung. Sieh nur zu, dass du deine Arbeit für den Globalen
Vorstand schaffst und dabei gesund bleibst, für dich, für mich
und für uns alle.”
Sie umarmte mich glücklich. Dann besprachen wir noch
einige notwendige Einzelheiten. Meta schrieb inzwischen ein
paar Zeilen an ihren Mann und stopfte ihre wenigen Sachen
in eine Tasche. Ich half ihr auf dem Weg aus dem Haus. Der
Führer des Radargleiters schaute bereits drängelnd auf seine
Uhr. Ich drückte jede der beiden Frauen noch einmal fest an
mich und als Lali fragte: “Wann haben wir endlich wieder

344
einmal ein wenig Zeit füreinander?”, schien es mir, als ob
über Metas Gesicht ein zufriedenes Lächeln huschte.
Dann stieg der Gleiter auf und verschwand bald über den
Bergen weit jenseits des Sees.

Die große Versammlung in Afir

Da saß ich nun mit meiner neuen Aufgabe hinter dem kleinen
Tisch in meinen Zimmer und schaute aus dem Fenster den
Wolken am fernen Horizont nach. Ich versuchte meine
Gedanken zu dem Vortrag zu ordnen und vermisste Maria
als Gesprächspartnerin sehr. Aber ich durfte keine Stunde
ungenutzt verstreichen lassen. Aus Erfahrung wusste ich,
dass man wenigstens den Anfang einer Rede wörtlich
aufgeschrieben haben sollte. Erst wenn man sich in eine
gewisse Sicherheit geredet hatte, konnte man vom Manuskript
abweichen und frei sprechen. Dann genügte es auch, wenn
man sich nur noch Stichworte und einzelne Daten, Zahlen,
markante Begriffe und Redewendungen notierte.
Aber wie anfangen? Es sollte natürlich etwas Besonderes
sein. Ich grübelte eine Zeit lang, dann schrieb ich: ‘Liebe
Bewohner von Futuras!’
Nein, das klang zu distanziert. Da saßen doch nur Mitglie-
der unserer Partei im Saal. Also: ‘Liebe Freunde!’
Dabei kam mir die Erleuchtung, dass das Besondere, was
ich suchte, nur aus der Sicht des Erdenmenschen kommen
konnte: ‘Unter den Milliarden von Himmelskörpern gibt es
nach unserer gegenwärtigen gemeinsamen Erkenntnis nur
zwei, auf denen vernunftbegabte Lebewesen existieren, die
Erde und Futuras. Alle Futuraner wissen das, aber nur zwei
lebende Erdenmenschen wissen, dass es Futuraner gibt. Und
345
diese beiden haben das Glück, unter euch zu leben und zu
erkennen, wie großartig ein harmonisches Zusammengehen
dieser beiden verwandten und doch so entfernten Kulturen
sein könnte. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzu-
stellen, dass ein Austausch der wissenschaftlichen Erkennt-
nisse zum Beispiel in der Weltraumforschung, der Medizin
oder allgemein der Technik und der Naturwissenschaften
das Leben auf jedem der beiden Planeten verbessern könnte.
Wir alle können uns das vorstellen und setzen uns auch aus
diesem Grunde für die Freundschaft mit den Menschen auf
der Erde ein, mit Menschen also, die infolge des Fehlens
jeglicher Informationen über die Existenz einer so hoch
entwickelten Zivilisation auf Futuras noch keine Ahnung
von ihrem möglichen Glück haben.
Diese Menschen beobachten auf der Erde merkwürdige
Erscheinungen, die auf den Besuch von Außerirdischen
schließen lassen. Solche Besuche setzen die Kenntnis unbe-
kannter Energien und Fähigkeiten voraus. Das Unbekannte
verursacht Ängste und bei allem, geradezu triebhaften Su-
chen nach Kontakten mit den Außerirdischen besteht doch
immer eine hohe Abwehrbereitschaft. Es ist daher eigentlich
kein Wunder, dass unsere ersten Berührungen mit den Fu-
turanern von Gewalt begleitet waren. Die vielen Toten auf
beiden Seiten hätten vermieden werden können, wenn es eine
Möglichkeit der Verständigung gegeben hätte.
Heute gibt es diese Möglichkeit. Noch kann man die
große Entfernung nicht mit Signalen überbrücken, aber ei-
nem sich nähernden Raumschiff der Erde können wir heute
durch die rechtzeitige Verständigung in deren Sprache die
Angst, die Ungewissheit und damit wohl auch die sinnlose
Aggressivität nehmen.
346
Wenn sich die Verbindungen festigen, werden die Erden-
menschen unendlich viel von den Futuranern lernen kön-
nen. Ich denke dabei weniger an solche revolutionierenden
Techniken wie die Fluggleiter oder die Speicherung großer
Elektrokräfte in winzigen Batterien, sondern mehr an die
sozialen Errungenschaften der futuranischen Demokratie
mit all ihren guten Auswirkungen.
Die Erdenmenschen werden klug genug sein, bald zu
erkennen, dass eine politische Führung durch einen Drei-
Personen-Vorstand optimal ist, dass Probleme nicht in großen
Parlamenten, sondern nur in kleineren Kreisen demokratisch
ausdiskutiert werden können. Sie werden auch erkennen, dass
in jeder Kandidatenaufstellung bereits eine Einschränkung
des aktiven und des passiven Wahlrechts, also ein Betrug am
Wähler vorliegt. Bereits heute gibt es auf der Erde eine weit
verbreitete Unzufriedenheit mit den bestehenden Parteien-
systemen. Man wird schnell von den Futuranern lernen, dass
nicht jede Partei zu allen Fragen des Lebens einheitlich eine
bestimmte Position zu beziehen hat, sondern dass es für jede
einzelne, politisch wichtige Entscheidung eigene Parteien
für die Gleichgesinnten geben muss und deshalb auch jeder
Bürger in mehreren Parteien Mitglied sein kann, soweit deren
Ziele nicht gegensätzlich sind. Wenn auch auf der Erde in
allen Ebenen nur die vertrauenswürdigsten Personen gewählt
werden und so alle Vorstandsmitglieder einer ständigen und
unmittelbaren Kontrolle von unten unterliegen, wird es auch
möglich sein, das Zusammenleben der Völker friedlich zu
gestalten und allmählich Kriege und überhaupt Gewalt und
Kriminalität zurückzudrängen. Gerechtigkeit und soziale
Sicherheit werden dann auch auf der Erde zu selbstverständ-
lichen Lebensgrundlagen wie auf Futuras.
347
Die von unserer Partei angestrebte Freundschaft mit der
Erde wird uns Erdenmenschen nicht nur eitel Freude, son-
dern auch viel Arbeit und Mühen bringen. Es wird unendlich
schwer sein und Geduld erfordern, alle Beschäftigten eines
Betriebes zu Miteigentümern zu machen. Die Schaffung einer
gemeinsamen Hauptsprache, die allmähliche Lockerung und
Überwindung aller territorialen Grenzen, die Einführung
bargeldloser Zahlungssysteme und manch andere sinnvolle
Veränderung werden viel Zeit und viel Überzeugungsarbeit
kosten. Alle diese Aufgaben können nur in verständnisvoller
Zusammenarbeit gelöst werden, ohne dass einer versucht,
dem anderen sein System aufzuzwingen, weil er von dessen
Überlegenheit überzeugt ist.’
Gerade als ich das geschrieben hatte, kamen Maria und
Meto fröhlich lachend von ihrer Tour zurück. Meto war
sichtlich enttäuscht, dass er seine Frau nicht mehr antraf,
musste sich aber wohl oder übel in sein Schicksal fügen.
Auch Maria war über die neue Situation sehr überrascht. Es
gab viele Fragen und vieles zu erzählen.
Als das Wichtigste besprochen war, gingen wir erst einmal
zum Abendessen. Danach gab ich Maria das, was ich mir als
Redeentwurf von der Seele geschrieben hatte. Sie las ihn in
aller Ruhe. Dann sagte sie: “So viele kluge Gedanken. Man
könnte dazu sicher noch mehr ausarbeiten. Aber wohl mehr
zu unserer eigenen Verständigung. Manches wird unsere lie-
ben Futuraner wohl überfordern. Was wissen die schon über
den bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus? Oder über
die traurige Rolle unserer Parteien, mit ihren Listenwahlen
und ihrem Fraktionszwang? Ob die überhaupt eine Vorstel-
lung von Kriegen oder unserer irdischen Alltagskriminalität

348
haben können? Vielleicht musst du manches weglassen und
dafür einiges anschaulicher darlegen.”
Maria mochte damit echt haben. Ich wollte aber erst
eine Nacht darüber schlafen und morgen den Text gemäß
ihren Hinweisen überarbeiten. Sie hatte noch einen anderen
Gedanken: Diese irdischen Aspekte sollten besser nicht am
Anfang der Rede stehen. Geeigneter schienen ihr, einige
Darstellungen zu den Vorteilen, die eine Freundschaft mit der
Erde den Futuranern bringen würde. Auch das überzeugte,
doch so lange wir auch darüber nachdachten, viel war es
nicht, was uns dazu in den Sinn kam. Da waren gerade mal
das Transphotonenprinzip und der Atomisator. Schließlich
noch unsere hochentwickelte Gentechnik. Fahrrad und
Walzer eigneten sich wohl bestenfalls als humorige Einlage.
Blieben also letztlich wieder nur allgemeine Hinweise auf
den Nutzen eines Erfahrungsaustausches. Irgendeinen mögli-
chen Vorteil für die Futuraner auf politischem oder sozialem
Gebiet konnten wir dagegen beim besten Willen nicht finden.
Müde von der langen Fahrt ging Maria zeitig schlafen.
Ich vertiefte mich noch ein Stündchen in Lalis statistisches
Material. Das war recht aussagekräftig zum Wachsen der
Partei. So fand ich bald die notwendige innere Ruhe, notierte
mir noch einige konzeptionelle Gedanken und konnte dann
gelassen der morgigen Überarbeitung entgegensehen.
Ich schlief traumlos und fest bis mich Meto zum Früh-
stück weckte.

Es war gar nicht so einfach, einen neuen Anfang der Rede


zu finden und zu formulieren. Aber mit jedem Satz arbeitete
ich mich mehr in die Thematik ein. Schließlich hatte ich
im Verlauf des Vormittags doch eine ganz passable Kette
von Vorteilen aufgeschrieben, die auch die Futuraner durch
349
eine Verbindung mit der Erde nutzen konnten. Maria wollte
nicht tatenlos zuschauen und hatte es übernommen, Lalis
statistisches Material redegerecht aufzubereiten. So blieb für
den Nachmittag nur noch eine Überarbeitung meines Textes
von gestern über den Nutzen, den die Erde aus der Verbindung
mit Futuras ziehen könnte. Das sollte der abschließende Teil
werden. Diese Überarbeitung ging bedeutend rascher als
eine Neuformulierung, so dass wir noch viel Zeit hatten, das
Ganze gemeinsam durchzusprechen. Da und dort kam es zu
kleinen Veränderungen, und nachdem wir auch noch lange
an einen rhetorisch wirksamen Schlusssatz gefeilt hatten,
legten wir zufrieden das Manuskript beiseite.
Wir wollten uns auf einem kurzen Abendspaziergang
entspannen, aber als wir das Haus verließen, landete gerade
ein dunkler Radargleiter. Zwei Männer stiegen aus. Der eine
stellte sich als Vorsitzender des Parteivorstandes des Staates
Al vor. Der andere war der Pilot des Gleiters. Sie wollten
den Hin- und den Rückflug nicht unmittelbar nacheinander
durchführen, sondern eine Nacht dazwischen ausruhen. Das
schien uns nicht ganz begründet, denn die Flugzeit zu unse-
rem Versammlungsort betrug nur knappe drei Stunden. So
vermuteten wir wohl nicht zu unrecht, dass Herr Latoso von
den Organisatoren den Auftrag hatte, zu prüfen, ob unsere
Vorbereitungen zufriedenstellend abgeschlossen waren. Man
wollte gewiss keine Panne riskieren. Wohl deshalb erkun-
digte er sich auch ohne lange Umschweife, wer von uns die
Rede halten, wie lange sie etwa dauern würde und ob eine
Ausarbeitung vorläge oder ein freier Vortrag beabsichtigt
wäre. Wir konnten ihn schnell zufriedenstellen. Als ich ihm
jedoch anbot, das Manuskript durchzulesen, ob uns nicht
irgendeine ungeschickte oder gar verletzende Formulierung
350
unterlaufen sei, lehnte er dies brüsk ab. Es dürfe unter kei-
nen Umständen, weder bei uns, noch bei den Zuhörern der
Eindruck aufkommen, die Rede sei so etwas wie eine offi-
zielle Parteimeinung. Ungeschickte Ausdrücke würden die
persönliche Note des Vortrags nur unterstreichen. Niemand
unter den Zuhörern würde es übelnehmen, wenn einmal ‘ins
Unreine’ gesprochen würde, uns als Fremden schon gar nicht.
Maria und ich waren uns nicht sicher, ob das die ehrliche
Meinung des Herrn Latoso war oder ob er uns aus irgendei-
nem Grunde ‘ins Messer laufen’ lassen wollte. Doch warum
sollte er das wollen? Er musste doch an einem störungsfreien
Ablauf der Versammlung interessiert sein. Vielleicht dachten
wir wieder einmal allzu irdisch. Wo gibt es auf der Erde schon
einmal eine herzerfrischende politische Rede, der man den
ganz persönlichen Charakter des Vortragenden anmerkt? Be-
müht sich nicht fast jeder Redner um eine Anpassung an den
üblichen Umgangston, an die herrschende Meinung, wenn er
nicht überhaupt nur eine sterile Stimme seiner Partei, seiner
Firma, seines Amtes ist?
Herr Latoso klärte uns ausgiebig und freundlich über
den Versammlungsort, die Organisatoren und den geplanten
Ablauf der Veranstaltung auf.
Als Meto unsere beiden Gäste in einem der benachbarten
Häuschen untergebracht hatte, dämmerte es bereits. Maria
und ich unternahmen in der warmen Luft nun doch noch
unseren Spaziergang. Wir kamen aber nicht weit, setzten
uns am kleinen See auf eine Bank und genossen innerlich
ausgeglichen den in vielen Farbtönen nachleuchtenden
Abendhimmel bis zur völligen Dunkelheit.

Früher als notwendig flogen wir nach Afir, einer ziemlich


großen Stadt, die im Zentrum des Kontinentes A lag, aber
351
weder die Hauptstadt eines Staates, noch eines Landes war.
Hier war der Sitz des gesellschaftlichen Kontinentalvorstandes
und hier sollte auch der Parteivorstand des Kontinents
seinen Sitz haben. Bei einem Bummel durch die Innenstadt
sahen wir viele leuchtend orange Plakate, die auf unsere
Versammlung hinwiesen. Nach dem Mittagessen konnten wir
auch einen Blick in die Veranstaltungshalle werfen. Es war
ein riesiger Saal, in dem weit mehr Personen als die von Lali
erwähnten 600 Delegierten Platz finden konnten. Herr Latoso
klärte uns auf, dass alle Versammlungen, nicht nur die der
Parteien und Vereine, sondern auch aller gesellschaftlichen
Vorstände, öffentlich seien und immer neben den regulären
Teilnehmern bis zur gleichen Anzahl auch Außenstehende
teilnehmen dürften. In unserem Falle wären das neben den
600 Delegierten der Partei noch bis zu 600 Zuschauer. Wir
waren überrascht, dass auch bei einer Beratung der Zelle mit
zum Beispiel 12 Zellmitgliedern bis zu 12 Gäste teilnehmen
konnten. Meist wurde davon wenig Gebrauch gemacht,
aber das Mitbringen von interessierten Freunden sei eine
Hauptquelle für das Wachsen der Partei gewesen. Und bei
derartigen öffentlichen Großveranstaltungen wie unserer sei
das natürlich besonders wichtig.
In der Halle wirkten noch Dekorateure und Techniker, aber
in einem Nebenraum, in den uns Herr Latoso führte, saßen
14 Frauen und Männer, die bei unserem Eintreten eine recht
lebhafte Diskussion unterbrachen und sich von den Plätzen
erhoben. Herr Latoso stellte sie uns als die Vorsitzenden und
Mitglieder der fünf Parteivorstände der Staaten des Konti-
nents A vor, aus deren Reihen heute der Vorstand des ganzen
Kontinents gewählt werden sollte. Da sich die meisten dieser
Kandidaten - einschließlich Herrn Latoso waren es 15 - infol-
352
ge des raschen Wachsens der Partei bisher persönlich kaum
kannten, saßen sie hier den zweiten Tag zusammen, um über
die verschiedenen Probleme des Parteiprogramms zu beraten
und sich dabei wenigstens einigermaßen näherzukommen,
um dann die Vertrauenswürdigsten wählen zu können. Mir
schien das sehr klug zu sein. Denn wenn auch die Gewählten
nach der Wahl ständig in der Kontrolle durch ihre Wähler
standen und jederzeit wieder abgewählt werden konnten,
falls sich andere als geeigneter erwiesen, so war es doch von
einem erheblichem Vorteil, wenn man schon anfangs eine
möglichst optimale Wahl treffen konnte.
Wir wurden gleich mit in die Diskussion einbezogen.
Unsere Meinung nach der Möglichkeit der Annäherung
weiterer Raumschiffe von der Erde war gefragt. Wir konnten
das nicht ausschließen, hielten aber Vorkommnisse wie bei
der Landung von Futuras 2 für unmöglich, wenn es gelän-
ge, uns zwei Erdenmenschen rechtzeitig mit der Besatzung
des Raumschiffes in Gesprächskontakt zu bringen. In der
sachlichen Unterhaltung darüber wurde allen Beteiligten
klar, wie wichtig es war, dass wir uns auf diese Gespräche
vorbereiteten, und dass auch die Landung danach mit großer
Sorgfalt und einem erheblichen materiellen Aufwand vor-
bereitet werden musste. Es traf uns etwas hart, als einer der
Teilnehmer es für notwendig hielt, dass wir sogar für den Fall
einer Raumschiffslandung nach unserem Tode rechtzeitig
Sorge tragen sollten. Aber wir mussten erkennen, dass der
Mann recht hatte.
Es blieb noch ausreichend Zeit zur Entspannung in ei-
nem geräumigen Appartement eines Hotels gleich neben
der Stadthalle. Doch meine innere Erregung wollte nicht
nachlassen. Ich blätterte immer wieder im Manuskript und
353
zählte die Minuten bis wir damit rechnen konnten, abgeholt
zu werden.
Endlich war es soweit. Herr Latoso kam selbst mit einigen
Begleitern. Der vorher so leere Platz vor der Stadthalle war
voller Menschen, die keinen Einlass mehr bekommen hatten.
Unsere Begleiter hatten es nicht leicht, uns einen Weg durch
die Menge zu bahnen. Die Leute riefen uns freundliche Worte
zu und wir mussten viele Hände schütteln. Doch die Dränge-
lei nahm beängstigende Ausmaße an, so dass wir sehr froh
waren, als wir die Absperrung am Eingang passiert hatten.
Uns klangen aus der Halle fröhliche Walzerklänge entgegen
und man bat uns, den langen Mittelgang auf bereitstehenden
Fahrrädern zurückzulegen. Wir fanden das irgendwie albern,
aber wir ließen uns doch dazu breitschlagen. Als im Saal
aber unser Kommen bekanntgegeben wurde, schlug uns ein
nie erwarteter Jubel entgegen. Im Handumdrehen war der
Mittelgang von Versammlungsteilnehmern blockiert. An ein
Radfahren war nicht mehr zu denken. Erneut mussten uns die
Begleiter eine Gasse freikämpfen und es dauerte seine Zeit,
bis wir auf einer Bühne neben etwa 20 anderen Personen
Platz nehmen konnten.
Einer der Organisatoren eröffnete die Versammlung und
begrüßte die Teilnehmer. Als er seine Freude über unsere
Anwesenheit zum Ausdruck brachte, brandete uns erneu-
ter Jubel entgegen, der uns recht verlegen, aber auch sehr
glücklich machte.
Danach sprach ein Redner über die Entwicklung der Partei
auf dem Kontinent A und ich musste darauf achten, ob er
Angaben vorwegnahm, die auch ich im Manuskript hatte.
Doch das war nicht der Fall.

354
Nach kaum zehn Minuten wurde er von einem anderen
Redner abgelöst, offenbar einem Physiker oder Ingenieur,
der gleichfalls sehr konzentriert, aber überaus anschaulich
darlegte, welchen Nutzen die Futuraner allein aus der Über-
nahme der Transphotonentechnik und aus dem Einsatz des
Atomisators für friedliche Zwecke ziehen konnten.
Schließlich sprach als dritter Redner, eine Ärztin oder
Biologin, die in brillanter Weise unsere Bordliteratur hin-
sichtlich aller Darlegungen über die Gentechnik ausgewertet
hatte. Auch hierbei erschlossen sich eine Fülle neuer Erkennt-
nisse für die Futuraner.
Danach wurde angekündigt, dass nach einer kurzen Pause
meine Rede folgen würde. Doch lautstarke Proteste aus dem
Saal erzwangen den Wegfall der Pause. So ging ich ziemlich
aufgeregt zum Rednerpult. Erneut brauste langer Beifall auf.
Mehrmals setzte ich an: “Liebe Freunde!”
Doch es dauerte geraume Zeit, bis ich damit rechnen
konnte, dass meine Worte verstanden wurden. Sowie im Saal
allmählich Ruhe eintrat, fand auch ich mehr und mehr meine
innere Sicherheit. Während ich mich anfangs strikt an meinen
Text hielt, merkte ich doch bald, dass die gesprochenen Sätze
oft eine andere Formulierung erforderten als die geschrie-
benen. Erst die vom Geschriebenen abweichende Stellung
der Wörter erlaubte eine gestaltende Betonung in der Rede.
Doch das geschah automatisch, ohne besondere Überlegung
während des Vortrags. Mit der gewachsenen Sicherheit be-
kam ich sogar Freude daran, die nüchterne Formulierung im
Text in eine rhetorische Frage umzuwandeln, um sie nach
einer kurzen Pause selbst mit einer solchen Betonung zu
beantworten, dass prompt der provozierte Beifall einsetzte.

355
Meine etwas mageren Beispiele bezüglich dem Nutzen
der Freundschaft mit der Erde für die Futuraner konnte ich
leicht mit einer dankbaren Verbeugung vor meinen Vorred-
nern erheblich aufwerten und auch dafür Beifall einheimsen.
Als ich im letzten Teil meiner Rede über den möglichen
Nutzen der futuranischen Errungenschaften für die Erde
sprach, war ich so engagiert, dass ich mich geradezu in einen
fanatisierten Rausch hineinredete: “Was gibt es Wertvolleres
als den Menschen das Vertrauen in ihre politische Führung
wiederzugeben, indem man ihnen die Möglichkeit verschafft,
jeweils die Vertrauenswürdigsten unter ihren Bekannten zu
wählen?
Kann es eine größere ökonomische Triebkraft geben als
die unmittelbare Beteiligung jedes Betriebsangehörigen am
Gewinn des Betriebes?
Ist die auf Futuras erreichte soziale Sicherheit nicht die
wichtigste Grundlage der persönlichen Freiheit?
Aber wem sage ich das alles? Sie wissen das und wissen
das zu schätzen. Den Menschen auf der Erde müssen wir es
aber erst sagen. Wir alle! Allen Menschen! Bis es auch der
Letzte begriffen hat: Das ist unser gemeinsamer Weg zum
Glück!”
Erschöpft ließ ich die Arme sinken. Einen Herzschlag
lang herrschte atemlose Stille. Dann brach ein Sturm der
Begeisterung aus. Meine Leidenschaftlichkeit hatte sich wohl
auf die Zuhörer übertragen. Der Versammlungsleiter ergriff
meine Hand und versuchte einige Worte an die Teilnehmer
zu richten, doch die Technik kam nicht gegen den Sturm
im Saal an. So ließ er schulterzuckend wieder einen Walzer
einspielen als Zeichen für eine Pause.

356
Wie auch bei uns kaum zu vermeiden, war die geplante
Pausenzeit weit überschritten, als die Teilnehmer endlich
wieder ihre Plätze eingenommen hatten. Verständlich, dass
die 600 Parteidelegierten gespannt der Wahl entgegenfie-
berten. Denn vom Wahlausgang hing auch eine Reihe von
Nachwahlen auf den unteren Ebenen ab, je nachdem in
welchen Vorständen ein Nachrücken von neuen Mitgliedern
erforderlich wurde. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass
sich die Delegierten nach der Pause wieder vollzählig auf
ihren Plätzen einfanden. Aber auch von den übrigen Gästen
schienen kaum welche die Veranstaltung verlassen zu haben.
Das Interesse daran, wer wohl von den ihnen bekannten
Persönlichkeiten in ein so bedeutendes Gremium gewählt
würde, war offensichtlich sehr groß.
Der Versammlungsleiter trug Maria die Leitung der Wahl
an, sicher ein kluger Vorschlag in Anbetracht der Tatsache,
dass es noch keine übergeordnete Stelle gab. Wir hatten schon
genügend Erfahrungen mit Wahlen gesammelt und so nahm
Maria mit dankbaren Worten diese Ehrung an. Sie kontrol-
lierte die Namen auf den 15 Wahlscheinen, gab die Scheine
aus und die Vorstandsmitglieder gingen in mehrere in der
Pause vorbereitete Kabinen, um ihre drei Wunschkandida-
ten anzukreuzen. Danach sammelte Maria mit einer kleinen
Wahlurne die Scheine wieder ein. In wenigen Minuten war
auch die Auswertung erfolgt. Der Versammlungsleiter hatte
ein Protokoll vorbereitet, das Maria nach kurzer Prüfung
unterzeichnete und gab dann laut das Ergebnis bekannt.
Die meisten Stimmen hatte der bisherige Vorstandsvor-
sitzende des Staates Ar erhalten, die zweitmeisten der des
Staates Ak und an dritter Stelle lag unser Herr Latoso. Da
er gerade neben mir saß, gratulierte ich ihm sehr herzlich zu
357
seiner Wahl. Er aber lächelte mich an: “Sie können mir zu
dem guten Ergebnis gratulieren. In den Vorstand gewählt bin
ich aber leider nicht. Ich wäre der dritte Mann. Das jedoch
verstößt gegen den Grundsatz, dass in jedem Vorstand jedes
Geschlecht vertreten sein muss.”
So wurde denn eine junge, aber recht energisch aussehen-
de Frau drittes Vorstandsmitglied, obwohl sie eine Stimme
weniger erhalten hatte als Herr Latoso.
Der neue Vorsitzende, dem Maria auch in meinem Namen
Glück und Erfolg wünschte, bedankte sich bei seinen Wäh-
lern für das Vertrauen und versicherte ihnen und allen Teil-
nehmern im Saal, dass er mit all seiner Kraft - na ja, da hatten
sich wohl auch auf Futuras bestimmte Formulierungen einge-
schliffen, von denen man kaum abweichen konnte. Immerhin
waren es nur wenige kurze Sätze. Dann erklangen wieder
Walzerklänge und die Massen drängten zu den Ausgängen.
Wir blieben noch eine Weile mit den Vorstandsmitgliedern
in dem kleinen Raum neben dem Bühne. Alle schienen mit
dem Ablauf der Veranstaltung recht zufrieden zu sein.
Als man glaubte, dass sich die Menschen draußen etwas
verlaufen hatten, wurden wir in unser Hotel begleitet. Doch
erneut musste man uns eine Gasse durch eine Traube von
Schaulustigen bahnen. Viele Futuraner wurden von Freun-
den fotografiert, während sie uns die Hand gaben. Glückli-
cherweise war das Sammeln von Autogrammen auf Futuras
anscheinend unbekannt.
Wir blieben nicht lange auf unseren Zimmern. Kaum
hatten wir uns ein wenig erfrischt und ein paar Happen ge-
gessen, wartete ein Radargleiter auf uns, der uns in bequemen
Betten schlafend im Nachtflug heimbrachte. Gegen Morgen
landeten wir wohlbehalten vor Lapas Gaststätte
358
Ein paar ruhige Tage

Als wir zum Frühstück gingen, kam mir die Wirtin, Frau
Lapa, freudestrahlend entgegen und umarmte mich. So
stürmisch hatten wir die ruhige Frau noch nie erlebt. Sie
hatte am Vorabend mit ihrem Mann und zahlreichen Gästen
erregt unseren Auftritt in Afir im Fernsehen verfolgt und war
glücklich über den gelungenen Ablauf.
Ihr strahlendes Gesicht wurde nur noch von dem unseres
lieben Meto übertroffen, der wieder mit seiner immer noch
humpelnden Meta vereint war. Maria erkundigte sich sofort,
ob man im Krankenhaus ihre Behandlung beanstandet hätte
und freute sich, als Meta mitteilte, dass man dort auch nichts
anderes getan hatte als Maria.
Noch während des Essens kündigte Lali telefonisch an,
dass sie abends für eine Nacht heimkäme. Diese eine Nacht
sollte allerdings recht kurz werden, denn wir saßen mit
Lali bis in die Morgenstunden zusammen. Es gab soviel
zu erzählen. Wir berichteten über unsere so bewegten ‘Ur-
laubstage’, und sie informierte uns über ihre Arbeit in einer
Arbeitsgruppe des Globalen Vorstandes, in der grundsätz-
liche Festlegungen über die weiteren Forschungsziele zur
Verbindung mit der Erde vorbereitet wurden.
Eines dieser Ziele erforderte in hohem Maße unsere
Mitwirkung. Wie wir schon selbst mehrfach überlegt hat-
ten, sollten wir uns konzentriert auf eine Funkverbindung
mit einem eventuell anfliegenden Raumschiff der Erde
einstellen. Nun bot uns Lali die Zusammenarbeit mit einer
Technikergruppe an, die sich eingehend mit den Funkaus-
rüstungen von Futuras 2 und 4 befasst hatte und nun eine
entsprechend ausgerüstete stationäre Funkstation, aber auch
eine mobile entwickeln sollte, die gegebenenfalls in einem
359
entgegenfliegenden Raumgleiter zum Einsatz kommen sollte.
Natürlich sagten wir mit Freuden zu. Dabei gab es besonders
zwei Probleme zu durchdenken. Eine Erarbeitung der für die
ankommenden Erdenmenschen wichtigen Informationen und
deren unmissverständliche und überzeugende Formulierung
und die Entwicklung eines Systems, das gewährleistete,
dass jederzeit kurzfristig einer von uns beiden direkt in den
Funkverkehr eintreten konnte.
“Nun macht euch mal Gedanken”, sagte Lali und fügte
sehr ernst hinzu: “Keiner von uns kann euch diese Arbeit ab-
nehmen. Sobald der Globale Vorstand die Ergebnisse unserer
Arbeitsgruppe beraten und die notwendigen sachbezogenen,
finanziellen und personellen Entscheidungen getroffen hat,
kann es losgehen. Das könnte allerdings in wenigen Tagen
bereits der Fall sein.”
“Von uns aus kann es morgen bereits losgehen. Wir haben
doch nichts anderes vor.”
“Schlaft euch erst einmal richtig aus und dann wird es
wohl auch höchste Zeit für eure Fluggleiterprüfung.”
“Wie bitte?”
Wir schauten uns überrascht und erfreut an.
“Ja, morgen Nachmittag kommt ein Fluglehrer. Es ist nicht
nur zu eurem Vergnügen. Notfalls müsst ihr doch schnell zur
Funkstation oder zum Raumgleiter können.”
Wir hatten wieder ein Ziel, ein angenehmes sogar.
“Es wird nicht schwer für euch sein. Versucht diese Tage,
so gut es geht, auch zur Erholung zu nutzen. Denn die nächste
Zeit wird sicher weiter anstrengend bleiben. Da ist die Arbeit
mit der Funktruppe, der Empfang beim Globalen Vorstand
steht auch noch auf dem Programm und schließlich wird die

360
Wahl des globalen Parteivorstandes wohl auch nicht ohne
euch durchgeführt.”
Vielleicht hatte der Erfolg von Afir unser Lebensgefühl
gehoben, vielleicht war es auch nur die Freude über das Zu-
sammensein mit Lali, wir sahen jedenfalls den kommenden
Aufgaben mit fröhlicher Gelassenheit entgegen. Dieser in-
neren Leichtigkeit konnte sich auch Lali nicht verschließen.
Allmählich wich die Strenge aus ihren Gesichtszügen. Nach
den langen Tagen harter Arbeit löste sich ihre Fraulichkeit
aus den Fesseln des Pflichtbewusstseins und öffnete sich für
Zärtlichkeiten. Wir suchten uns und fanden uns in Liebe wie
in alten Zeiten.

Das Führen eines Fluggleiters erwies sich tatsächlich als


Kinderspiel. Es war unvergleichlich einfacher als das
Fahren eines Autos auf der Erde. Aber wie man auf der
Erde zur Prüfung meist überflüssigerweise die exakte
Wirkungsweise eines Viertaktmotors oder die Einzelteile
der Lenkung herunterbeten muss, so wurden uns auf Futuras
die mathematischen Prinzipien des Anstellwinkels und die
technischen Grundlagen des Radars abverlangt. Da dies
alles der Bordcomputer ohne Zutun des Führers erledigte,
war das für die Steuerung zwar ohne jede Bedeutung,
für uns aber dennoch von Interesse. Die Ausweichregeln
in der Luft waren einfacher als die Vorfahrtsregeln im
Straßenverkehr, da man nicht nur seitwärts, sondern auch
nach oben und unten ausweichen konnte. Schwieriger waren
dagegen die Vorschriften über einzuhaltende Flughöhen,
Geschwindigkeitsbegrenzungen sowie das Landeverhalten
in Wohngebieten.
Unser Fluglehrer, ein kleiner, etwas fülliger Mann, der
immer irgendwie gemütlich wirkte, überraschte uns im
361
theoretischen Unterricht mit einer geradezu unerbittlichen
Forderung nach Exaktheit unserer Antworten. Dafür sorgte
er in den angenehmeren praktischen Flugstunden dafür, dass
unsere Landeübungen immer vor einer der vielen uns bisher
nicht bekannten hübschen kleinen Gaststätten in unserer
Umgebung stattfanden, in denen es einen wohlschmeckenden
Imbiss gab.
Schließlich legten wir nach knapp einer Woche bereits
vor einer - wie könnte es anders sein - dreiköpfigen Kom-
mission in unserer Kreisstadt die Prüfung ab und erhielten
die Flugausweise für die Klassen A und B, letzteren also
auch für Radargleiter. Wir waren dabei nicht sonderlich
aufgeregt. Irgendwie hatten wir doch ein gewisses Wohl-
wollen eingeplant, das uns schon so häufig begegnet war.
Für Aufregung sorgte dagegen nach unserer Heimkehr eine
von Lali für uns hinterlassene Nachricht, dass wir uns auf
einen in drei Tagen stattfindenden Empfang beim Globalen
Vorstand vorbereiten sollten.
Wie aber vorbereiten? Frack und Abendkleid waren
auf Futuras nicht gefragt. Meto musste uns wenigstens die
Namen der drei obersten Führer des Planeten besorgen.
Wir hatten diese Namen noch nie gehört und schämten uns
ein wenig dafür, kannte doch auf der Erde jedes Kind die
Namen der Landesherren. Hier schien das jedoch nicht so
wichtig zu sein. Weder Meto noch unser Zellvorsitzender
waren sich sicher, wer bei den letzten Wahlen erfolgreich
war. Dennoch genossen die obersten Vorstandsmitglieder
die uneingeschränkte Hochachtung aller, die sich allerdings
mehr auf deren verantwortungsvolle Funktion, als auf die
individuelle Persönlichkeit bezog. Uns wurde dabei bewusst,
wie oft doch auf der Erde der lautlose Zwang durch den
362
Respekt vor der Autorität eine kreative Entfaltung kluger
Menschen verhinderte.
Inzwischen hatte Meto nicht nur die gesuchten Namen er-
fahren, sondern auch, dass an dem uns von Lali angekündig-
ten Tag die planmäßige monatliche Vorstandsversammlung
stattfinden würde. Auf unsere neugierigen Fragen hin erklärte
er uns, dass an diesem Tag die 15 Vorstandsmitglieder der
fünf Kontinente mit den Mitgliedern des Globalen Vorstandes
zusammenkämen, um die wichtigsten Gesetze abschließend
zu beraten, bevor sie endgültig verabschiedet würden.
“Die 14. Ebene gewissermaßen”, fragte ich etwas unsi-
cher und Meto bejahte. Nun musste er uns auch noch die
wichtigsten Angaben über die restlichen Mitglieder dieser
Ebene beschaffen und wir wollten versuchen, uns einiges
davon einzuprägen. Mehr fiel uns für die Vorbereitung vor-
erst nicht ein.
Glücklicherweise kam am Abend Lali. Die Tätigkeit
ihrer Arbeitsgruppe war abgeschlossen und sie hatte einige
Tage frei. Es stellte sich heraus, dass unsere Teilnahme an
dieser Beratung nur eine Vermutung war. Sie wollte mit ihrer
Nachricht nur verhindern, dass wir uns für diesen Tag etwas
anderes vornahmen. Wir hatten trotzdem tausend Fragen an
Lali und hätten so gern wie früher den Abend mit ihr bei einer
Schale Wein verbracht, aber sie war völlig überarbeitet und
bat uns um Verständnis dafür, dass sie sich zeitig zurückzie-
hen müsse. Sie sei zum Umfallen müde.
Was konnten wir Besseres für sie tun, als sie gehen zu
lassen. Doch als sie gegangen war, spürten wir, dass der
Abschied ohne einen Bruch mit den dienstlichen Problemen,
ohne die gewohnte familiäre Wärme erfolgt war. Uns war
nicht sehr wohl dabei. So sagte schließlich Maria zu mir:
363
“Geh doch wenigstens und gib ihr noch einen lieben Gute-
Nacht-Kuss.”
Das wollte ich nur zu gern tun. Aber als ich leise in Lalis
Zimmer kam, schlief sie bereits fest. So wagte ich nicht, sie
zu berühren und schlich mich wieder zur Tür hinaus.

Sie schlief auch den nächsten Morgen durch bis zum


Mittagessen. Da war sie zwar noch immer müde, wollte aber
nicht ins Bett zurück. Deshalb fuhren wir mit unseren Rädern
an den nahen Badesee. Wir entdeckten ein schönes Plätzchen
unter einem Gebüsch, etwas abseits vom allgemeinen
Badebetrieb. Lali hatte keine Lust, ins Wasser zu gehen,
duldete aber nicht, dass wir ihr zuliebe auch auf das Baden
verzichteten. So zogen Maria und ich allein los, schwammen
eine erfrischende Runde und gingen dann rasch wieder zu
unserem Strauch zurück. Lali war erneut fest eingeschlafen.
Wir blieben ganz still bei ihr. Als sie aber auch nach einigen
Stunden noch schlief und mit der sinkenden Sonne ein kühles
Lüftchen aufkam, mussten wir sie wohl oder übel wecken.
Maria streichelte zart Lalis Schulter und ihren Oberarm, gab
ihr einen Kuss auf die Stirn. Vergebens. Erst als wir immer
lauter ihren Namen riefen, räkelte sie sich ein wenig, und so
ganz langsam wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand.
Sie zog unsere besorgten Köpfe an ihre Wangen, und mit
dem allmählichen Wachwerden kehrte auch die alte Wärme
wieder in unser Verhältnis zurück. Lali hatte ihr frauliches
Lächeln wiedergefunden, einfach so aus reiner Freude am
Glücklichsein. Nun rannte sie uns voran in den See hinein,
und wir planschten und bespritzten uns wie damals, als wir
zum ersten Mal den See gefunden hatten.
Als die Dämmerung kam, ging es heimwärts. Nach dem
Abendessen gab es das ersehnte Schälchen Wein. Wir hatten
364
uns viel zu erzählen, doch als hätten wir es ausdrücklich
vereinbart, fiel kein Wort über die Partei, das Institut oder
die Arbeitsgruppe des Globalen Vorstandes. Wir erzählten
Erlebnisse aus unserer Jugend auf der Erde, Lali von ihrer
Familie. Wir erzählten auch von unserer Begegnung, von
unseren Gefühlen für einander. Das Erzählen wurde zu-
nehmend von kleinen Zärtlichkeiten begleitet, die wie ein
leichter Abendwind das Feuer unserer Liebe entfachten. Der
Wind wurde zum Sturm, den wir alle so sehr herbeigesehnt
hatten. Unsere Körper verschmolzen miteinander wie in
einem Rausch. Lange währte das Aufbäumen von Kraft und
Hingebung bis auch unsere letzte Energie verzuckte. Doch
gerade so geschwächt fühlten wir uns stark: Wir waren wieder
wir! Gemeinsam würden wir schon alle Aufgaben meistern.

Wir lagen noch verschlafen zusammen, als Meta am nächsten


Morgen ins Zimmer kam. Sie zögerte lächelnd, stand mit
einem telegrafischen Schreiben in der Hand an der Tür.
Wir waren noch zu müde, um die Situation als peinlich zu
empfinden. Und Meta war einfühlsam genug, sich nicht
pikiert zurückzuziehen. Sie kam auf uns zu, gab jedem einen
lieben Kuss, legte das Schreiben auf den Tisch und verließ
uns mit einem fröhlichen Gesicht.
Das Schreiben war die Einladung zur globalen Versamm-
lung. Die Wirklichkeit hatte uns eingeholt. Es blieb uns nur
noch dieser eine Tag, mit Lali die Ergebnisse ihrer Arbeits-
gruppe und auch die Tätigkeit der Beauftragten des Globalen
Vorstandes zu besprechen. Wir erfuhren eine Menge über
die diskutierten Probleme und auch über die Vorstellungen
ihres Instituts. Aber alles waren nur Wünsche und Hoffnun-
gen. Niemand konnte wissen, wie die Weisen der 14. Ebene
ihre Meinung dazu bilden würden. Eines war uns jedoch
365
klar: Jede ernsthafte Bemühung um eine Verbindung mit
der Erde kostete bereits in der Vorbereitung einen riesigen
finanziellen und arbeitsmäßigen Aufwand. Lali hoffte, dass
man wenigstens eine unbemannte Sonde zur Erde schicken
würde, mit vielen Informationen, an denen wir intensiv
mitarbeiten müssten. Vielleicht blieb es aber auch nur bei
einer Förderung der Forschungen auf dem Gebiet der irdi-
schen Transphotonentechnik. Erste Untersuchungen einiger
Wissenschaftler bestärkten die Auffassung, dass mit dieser
Technik nicht nur Raumkörper, sondern auch Funksignale
mit der vielfachen Lichtgeschwindigkeit durch den Welt-
raum befördert werden könnten. Diese Mitteilung hatte mich
sehr verblüfft. Unseres Wissens gab es auf der Erde keine
Forschung in diese Richtung, obwohl der Gedanke an eine
supraschnelle Funkverbindung eigentlich näher lag, als der
eines entsprechenden Flugantriebs.
Mit jeder neuen Erörterung wuchs unsere Spannung. Doch
was blieb uns letztlich anderes als abzuwarten.
Gegen Abend sollten wir abgeholt werden.

Der Empfang beim Globalen Vorstand

Wir saßen noch beim Abendessen, als uns zwei Gleiterpiloten


beinahe militärisch kurz mitteilten, dass ihr Gleiter
abflugbereit vor dem Haus stünde. Lapo ließ es sich nicht
nehmen, diese beiden vor dem Abflug zu bewirten und ihnen
noch einige Leckerbissen für uns mitzugeben. Wir packten
einige wenige Unterlagen zusammen, von denen wir glaubten,
dass wir sie vielleicht benötigten. Dann wurden wir vom Wirt
und seiner Frau mit vielen guten Worten verabschiedet. Ihre
kleine Tochter gab Maria einen Blumenstrauß und auch der
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alte Herr Ralato sowie die Arztfrau, die mit in der Gaststube
saßen, wünschten uns einen guten Flug und viel Erfolg.
So viel Anteilnahme rührte auch Menschen mit starken
Nerven. Als wir dann am Gleiter uns auch noch von Meta
und Meto verabschieden mussten, die leider nicht mitflogen,
standen sowohl Maria als auch Meta Tränen in den Augen. Es
war fast wie damals beim Start von Futuras 4 auf der Erde.
Der Gleiter hatte schon längst volle Fahrt aufgenommen,
da waren wir noch immer stumm mit unseren eigenen Ge-
danken beschäftigt. Dabei konnten wir doch damit rechnen,
bereits übermorgen wieder in unserem uns liebgewonnenen
Zuhause zu sein.
Es war ein Gleiter vom gleichen Typ wie der, der uns zur
Versammlung nach Afir gebracht hatte. Jeder Gast hatte ein
bequemes Bett. Trotz aller Aufgeregtheit siegte nach einiger
Zeit doch die Müdigkeit, die wir als Folge der turbulenten
Nacht noch in uns trugen. Wir schliefen bis kurz vor der
Landung.
Die Landung erfolgte auf dem Dach eines sehr langen
Gebäudes. Wir waren avisiert und konnten gleich durch ein
sich öffnendes hohes Tor in einen Hangar schweben. Ein
Beamter führte uns ohne die erwartete Daumenkontrolle
zum Aufzug. In einem Appartement der unteren Etagen
konnten wir uns ausgiebig erfrischen, uns neu einkleiden
und ein reichhaltiges Frühstück einnehmen. Der Bedienstete
erläuterte uns, dass wir als Ehrengäste neben etwa zwanzig
anderen Personen an der Verkündung der neuen Erlasse des
Globalen Vorstandes teilnehmen durften. Er begleitete uns
durch einen langen Gang und über eine verglaste Brücke in
ein anderes Gebäude. Hier mussten wir durch einen Raum,
in dem wohl ein halbes Hundert Journalisten auf Einlass
367
warteten. Sie nutzten natürlich die Gelegenheit, uns zu filmen
und einige versuchten auch, unsere Erwartungen zu erfragen.
Leider konnten wir sie kaum zufriedenstellen.
Dann kamen auch wir in einen Warteraum, in dem bereits
andere Ehrengäste waren. Lali kannte fast alle. Auch uns
waren einige bekannt. Der Leiter von Lalis Institut war da-
bei und einige andere, uns schon früher einmal vorgestellte
Wissenschaftler. Mehrere hatten mit uns gemeinsam am
Aufbau der Partei gearbeitet. Bevor wir uns aber auch mit den
Übrigen bekannt machen konnten, wurde eine Tür geöffnet
und man führte uns in einen kleinen Saal. Die ersten beiden
Sitzreihen waren uns Ehrengästen vorbehalten. Dort saßen
aber bereits fünfzehn Personen, Mitglieder der Vorstände der
Kontinente, die nach der gemeinsamen Beratung in der 14.
Ebene nun wieder nur noch wie wir als Gäste an der Ver-
kündung teilnahmen. Hinter unseren Plätzen war eine kleine
Brüstung, die die Ehrengäste von den inzwischen gleichfalls
eingelassenen Journalisten trennte.
Als die drei Mitglieder des Globalen Vorstandes eintraten,
erhoben sich alle von ihren Plätzen. Die drei obersten Gebie-
ter des Planeten setzten sich an einen kleinen Tisch, einige
Meter vor den Sitzreihen der Gäste. Sie trugen Gespinstklei-
der der gleichen Art wie alle anderen auch. Ich vermisste
irgendwelche Kennzeichen ihrer Würde, eine Schärpe oder
einen Orden wenigstens. Thron, Krone, Hermelinmantel
oder Perücken hatten wir schon gar nicht erwartet. Aber so
völlig ohne Insignien, das war schon sehr überraschend. Es
waren zwei Männer und eine Frau, aber gerade sie war die
Vorstandsvorsitzende. Sie eröffnete auch die Verkündungs-
veranstaltung, begrüßte die Gäste und hob hervor, dass zum
ersten Mal Bewohner eines anderen Planeten daran teilnah-
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men. Unsere Anwesenheit auf Futuras sei auch einer der
wichtigsten Anlässe für die zu verkündenden Erlasse. Dann
bat sie einen Sprecher, diese Erlasse vorzutragen. Der erhob
sich an einem abseits stehenden Protokollantentisch, nahm
mit einer feierlichen Verbeugung eine rote Mappe aus den
Händen der Vorsitzenden und trat hinter ein schmales Pult.
Im Saal herrschte atemlose Stille. Die Journalisten hielten
ihre Aufnahmegeräte bereit und auch wir waren aufs Äu-
ßerste gespannt. Die Erlasse des Vorstandes waren offenbar
jährlich laufend durchnummeriert.
Der Sprecher begann mit Erlass Nr. 23: “Erstens. Der
Globale Vorstand beschließt die sofortige Bildung eines
Ministeriums für die Verbindung mit der Erde.
Zweitens. Als Ministerin wird Frau Otokalimeralali beru-
fen.” Ich stutzte einen Augenblick, aber Lali griff ganz fest
nach meiner Hand, so dass es keinen Zweifel geben konnte:
Lali war Ministerin geworden. Sie schien ebenso überrascht
wie wir. Mir schossen Fragen durch den Kopf: ‘Was hatte
das für Folgen? Warum hatte man sie nicht vorher gefragt?
Konnte sie diese Berufung ablehnen?’
Ein Gespräch ließ die feierliche Stille und die allgemeine
Spannung jetzt nicht zu. Ohnehin hatte ich das ‘Drittens’ und
‘Viertens’ verpasst, in denen Finanz- und Personalregelungen
getroffen wurden.
Dann kam Erlass Nr. 24: “Aus zwei bestehenden Einrich-
tungen wird ein Institut für die Schaffung einer Funkverbin-
dung mit der Erde gegründet. Es erhält die ausdrückliche
Weisung, die Transphotonentechnologie für diesen Zweck
weiterzuentwickeln.”
Ich nickte Lali zu. Sie hatte so etwas gestern schon ver-
mutet.
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Schließlich Erlass Nr. 25: Darin wurde die Ministerin
für die Verbindung mit der Erde, also Lali, beauftragt, das
Raumschiff Futuras 2 zu rekonstruieren, zusätzlich mit ei-
ner Gleitflugausrüstung auszustatten und einen bemannten
Raumflug zur Erde in etwa drei Jahren vorzubereiten.
Was danach über Finanzrahmen und Durchführungs-
bestimmungen kam entging meiner Aufmerksamkeit. Ein
Singen in meinen Ohren wurde beängstigend laut. Das Bild
vor meinen Augen kam ins Schwimmen und ich musste
mich an Marias Arm festhalten, um meiner realen Situation
bewusst zu bleiben. Dann kamen Zweifel auf: Hieß das für
uns wirklich Heimkehr in drei Jahren? Oder sollten andere
erst von einer Umlaufbahn aus die Erde erforschen?
Die Verkündungen waren beendet. Die Ehrengäste wurden
vom Vorstand zu einem Imbiss in einen Nebenraum gebeten.
Wir wurden vor den Journalisten verschont. Was hätte ich
auch schon sagen können? Ich war noch ganz benommen.
Maria hatte sich bei mir eingehakt.
Lali stand vor uns: “Was macht ihr nur für dumme Ge-
sichter? Freut ihr euch nicht auf die Heimkehr zur Erde?”
“Wir können es noch gar nicht fassen”, stammelte Maria.
“Ich auch noch nicht”, flüsterte uns Lali schelmisch zu,
“aber ich habe nun alle Möglichkeiten, diesen Traum wahr
werden zu lassen.”
Richtig, wir hatten Lali noch nicht zu ihrer ehrenvollen
Berufung gratuliert. Sie schien doch ganz froh über ihr neues
Amt zu sein.
Mit unseren von Herzen kommenden Glückwünschen
brachten wir uns auch endgültig wieder in die Gegenwart
zurück. Lali sprühte voller Ideen und brannte darauf, ihre
Pläne mit uns zu beraten. Erst aber führte sie uns zu den
370
Vorstandsmitgliedern, bedankte sich für ihre Berufung und
stellte uns formell vor. Die Vorsitzende winkte gütig ab: “Wir
kennen Sie besser als Sie uns. Seit langem haben wir Ihren
Weg mit Interesse und Anteilnahme verfolgt. Es muss schon
schwer gewesen sein, sich auf Futuras einzuleben. Aber Sie
haben es sogar geschafft, die unangenehmen Erfahrungen
der Futuraner mit Erdenbewohnern zurückzudrängen und
eine breite Zustimmung zur Freundschaft zwischen den
Planeten zu erreichen. Das ist der einzig mögliche Weg in
eine gemeinsame friedliche Zukunft. Sie haben einen großen
Anteil daran und wir danken Ihnen dafür. Dennoch stehen
Ihnen die größeren Aufgaben noch bevor. Viel Arbeit wartet
auf Sie bei der Vorbereitung Ihrer Heimreise. Und sollten Sie
einmal glücklich auf der Erde landen, legen wir die ganze
Verantwortung für die Entwicklung einer freundschaftlichen
Atmosphäre auf der Erde auf Ihre Schultern. Wer sonst könn-
te das, wenn nicht Sie?”
Die alte Dame umarmte und küsste Maria und hatte auch
keine Scheu, mir als Mann einen Kuss auf den Mund zu
geben.
Da stand es nun fest: Wir sollten zur Erde zurück. Viel-
leicht ahnte die weise Vorsitzende nicht einmal, wie schwer
es werden würde, auf der Erde alle Gedanken an eine Er-
oberung des fremden Planeten auszulöschen. Aber darüber
nachzusinnen, hatten wir noch genügend Zeit.
Jetzt bedankten wir uns erst einmal für alles Gute, das
wir auf Futuras erfahren hatten, hoben Lalis Anteil daran
gebührend hervor und ernteten ein fröhliches Lächeln, als wir
ernsthaft erklärten, dass der Abschied von Futuras und seinen
lieben Menschen uns durchaus nicht leicht fallen würde.

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Viele der Gäste zogen uns in einen kleinen Plausch mit
ein. Wir hatten uns längst im Trubel aus den Augen verloren
und es war schon ein Zufall, dass ich Maria am Rande der
Gesellschaft, ein wenig abseits in eine Fensternische zie-
hen konnte. Wir gaben uns einen langen Kuss, atmeten tief
durch und blickten durchs Fenster in den noch hellen blauen
Himmel hinter dem irgendwo die Erde liegen musste, unsere
Erde! Wir waren sehr glücklich. Die Hoffnung hatte unserem
Leben wieder ein Ziel gegeben.

ENDE

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