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Rassismus, Biologie und Rassenlehre. Vortrag zum Symposion „Rassenwahn


– Vom (Un)Wert des Menschen“ Nürnberg, Dokumentationszentrum
Reichsparteitagsgelände. 2006. (Präsentation).

Data · March 2006

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1 author:

Ulrich Kattmann
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
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Ulrich Kattmann

Rassismus, Biologie und


Rassenlehre
Warum und mit welchen Folgen
Wissenschaftler Menschen klassifizieren

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Was heißt hier „Rasse“?
Gliederung

1. Menschen: Was heißt hier „Rasse“?


2. Vielfalt und Verwandtschaft der Menschen
3. Sozialpsychologie der Rassenkunde
4. Nationalsozialismus: „Rasse“ als Lebensgesetz
5. Offener und versteckter Rassismus heute
6. Fazit: Jenseits von Rasse

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Vielfalt und Verwandtschaft

-d e « o n g o li-
»M
» E u ro p
id e «

»N
eg
rid

sogenannte Großrassen

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Vielfalt und Verwandtschaft

„Züchtungsräume der
Großrassen“
Großrassen“
(E. von Eickstedt,
Eickstedt, 1934)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Vielfalt und Verwandtschaft

konstante Gene (nach Angaben von


Lewontin 1972; Nei,
Nei , Roychoudhury.
Roychoudhury. 1982;
Relethford 2002)

variable Gene

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Vielfalt und Verwandtschaft

(nach Templeton 1998)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Vielfalt und Verwandtschaft

(nach Hedges 2001)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Mbuti (Pygmäen)
Bantu
Afrikaner
Migranten San (Buschleute)
Äthiopier
Europäer
Inder
Mongolen
Eurasier
Japaner
Ainu
Amerikaner (Indianer)
Südchinesen
Malayen
Pazifische Insulaner
Australasier
Neuguineer (Papuas)

Ulrich Kattmann, Referat zum Triangel-Kolloquium »Archäologie der Globalität


Australier
II«, Berlin, 22. Oktober 2005

(nach Cavalli-Sforza
Cavalli -Sforza et al. 1988)
globales genetisches
Netzwerk

(nach Pääbo 2001)


Lokal-globale Verwandtschaft

Mensch

(nach Gagneux et al. 1999)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Lokal-globale Verwandtschaft

! Mindestens 3/4 aller Gene sind bei allen Menschen gleich.


Einige wenige Merkmale überbewerten wir – nur weil sie uns
besonders auffallen.
! 90 % der genetischen Unterschiede zwischen Menschen befinden
sich nicht zwischen, sondern innerhalb der Bevölkerungen.
! Die genetische Verschiedenheit ändert sich nicht abrupt. Es gibt
keine durchgehenden scharfen Grenzen, sondern in der Regel
gleitende Übergänge.
! Die genetischen Muster sind nicht zwischen den Kontinenten,
sondern über die Kontinente verteilt.
! Die genetischen Unterschiede sind sehr gering („Flaschenbürste“).
! Die Unterschiede wurden nicht in getrennten Räumen
herausgebildet, sondern durch Wanderschübe und Entfernung.

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Lokal-globale Verwandtschaft

„Die neuen
wissenschaftlichen
Befunde stützen nicht die
frühere Auffassung, dass
menschliche Populationen
in getrennte ‚Rassen‘ oder
irgendeine größere Anzahl
von Untergruppen
klassifiziert werden
könnten. ...
Es gibt keinen
wissenschaftlichen Grund,
den Begriff ‚Rasse‘
weiterhin zu verwenden.“
UNESCO-Workshop, 1995

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Sozialpsychologie der Rassenkunde

Ulrich Kattmann, Referat zum Triangel-Kolloquium »Archäologie der Globalität II«,


Berlin, 22. Oktober 2005

(nach Lewontin 1986)


Sozialpsychologie der Rassenkunde
Idealbild um 1900

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Sozialpsychologie der Rassenkunde
Idealbild um 1900

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Sozialpsychologie der Rassenkunde
Idealbild um 1900

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Sozialpsychologie der Rassenkunde
Rasse und Kultur

Rassentafel
aus einem
Heimatmuseum
(19./20. Jh.)
Jh.)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Sozialpsychologie der Rassenkunde
Rasse und Kultur

Erste deutsche
Ostindienexpedition
Holzschnitt Hans
Burkmair d. Ä., 1508

Januskopf, altgriechische Vase


4. Jh.
Jh. v. Chr.
Chr.
Sozialpsychologie der Rassenkunde

Sozialpsychologie Rassenkunde
Wahrnehmung der Auswahl von „typischen“
Gruppenzugehörigkeit Rassenmerkmalen
Kulturell unterschiedliche Divergierende
Gruppenbildungen Rassenklassifikationen
Gruppenabgrenzung und - Begriffliche Abgrenzungen
distanzierung Wesensaussagen zur Existenz und
Verwandtschaft von Rassen
Bewertende Diskriminierung Verknüpfung von Rasse, Psyche
Eigenbild bestimmt Fremdbild und Kulturfähigkeit
Minderwertigkeit der „Fremdrassen“
Gruppenideologie aufgrund von Konstruktion von Rassen
von sozialen Gegensätzen und Dichotome Gegensätze, z. B.
Interessen „Schwarze/Weiße“; „Arier/Juden“
Die Rassen Europas
(aus Venzmer, 1938)
Rassenformeln
von Eickstedt, 1934
Rasse als Lebensgesetz

Preisausschreiben 1934: Nordische Rasse, 2. Preise

1930

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Rasse als Lebensgesetz

Biologie-Schulbuch 1940
SS-Heft 1942
Rasse als Lebensgesetz

„Das Leben“,
Biologie-Schulbuch, 1940
Graf: Biologie. Schulbuch, 1940

»Vorbeimarsch deutscher Soldaten« »Ausschnitt aus dem Rassenchaos in der Sowjetunion«

SS-Einheit während des Russlandfeldzuges


Rasse als Lebensgesetz

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Rasse als Lebensgesetz

Rassegutachten:
aus der Akte von Leopold W.

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Rasse als Lebensgesetz

Rassegutachten:
aus der Akte von Leopold W.

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Rasse als Lebensgesetz

„Expertenurteil“:
Selektion an der
Rampe in Ausschwitz

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Rasse als Lebensgesetz

Ebenen des Rassismus Folgen

Reinhalterassismus Trennung, Isolation


Überlegenheitsrassismus Zurücksetzung, Unterdrückung

Züchtungsrassismus Selektion, Eugenik

Säuberungsrassismus Vertreibung, Mord, Völkermord

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Aktueller Rassismus
Stereotypen
Aktueller Rassismus
»Austoßreaktionen?«
Aktueller Rassismus
Stereotypen
Aktueller Rassismus
Rasse und Kultur

Herder Lexikon der Biologie, 1985 „Ein markantes Beispiel für


Rassenketten ist die armenid-dinaride
Rassenkette, die sich geographisch
von zentral-asiatischen Regionen bis
nach Schottland und Irland verfolgen
läßt. Ihren Populationen verdankt die
Menschheit die wiederholte
Ausbildung von Hochkulturen, etwa
die der Hethiter, vielleicht auch der
Sumerer.
Temperament, Kreativität und
Eigensinn der Kelten und ihrer
heutigen Enkel, der Gallier,
Schwaben und mancher Bayern, sind
wohl dinarides Erbe.“

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Aktueller Rassismus
Rasse und Kultur

HÖRZU
1985

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Aktueller Rassismus
Rasse und Kultur

„Vor etwa 300 000 „Viele


Jahren trennten sich Entwicklungsformen
die Rassen: In (wie der ‚stumme‘
Äquatornähe Neandertaler) waren
entwickelte sich ein dem Kampf uns
dunkler Typ. Er gilt als Dasein nicht
Ahnherr der heutigen gewachsen, Sie
Ureinwohner starben aus. Erst
Australiens (Astralide) der Cromagnon-
und Afrikas (Negride)“ Mensch lernte
sprechen – und
überlebte“
HÖRZU
1985

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Aktueller Rassismus
»Überfremdung?«

»Deutsche und Ausländer – eine Nation?« DIE ZEIT 1989

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
Parallelen
SS: »Sieg der »Der
Waffen – Stoßtrupp«,
Sieg des Kindes«, Wien,
1942 1980
Jenseits von Rasse

»Die glücklichen Völker ... sind die Träger und


Förderer der menschlichen Kultur geworden, nicht
durch sich selbst allein,
allein, sondern durch jene von
Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk, von
Weltteil zu Weltteil fortgepflanzte Erbschaft von
Geistesschätzen,
Geistesschätzen, ... weil die menschliche Kultur
einen um so höheren Aufschwung nimmt, je mehr
sie Gemeingut aller Völker der Erde wird. Wenn
man die Rassen als im Wesen verschiedene
Menschenstämme ansieht, so zerfällt die ganze
Geschichte in eine Reihe unzusammenhängender,
nacheinander ablaufender Schauspiele.«
(Schaaffhausen, 1885)

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006
„Im Grunde genommen sind wir alle
Afrikaner“
Kurzgefasst

! Das Konzept der „Menschenrassen“ ist wissenschaftlich


überholt: Es trägt zum Verstehen der Vielfalt der Menschen
nichts bei.

! Rassismus ist damit nicht erledigt: Rassisten erzeugen


„Rassen“ aufgrund ihrer Interessen selber.

! Rassenwahn ist nicht nur von gestern: Wer von „Rassen“ redet, ist
auch für das Denken verantwortlich, das er damit anstiftet.

Ulrich Kattmann, Vortrag zum Symposion „Rassenwahn -– Vom (Un)Wert des


Menschen“
Nürnberg, 11. März 2006

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