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ePflege

Informations- und
Kommunikationstechnologie
für die Pflege

Studie im Auftrag des


Bundesministeriums für Gesundheit
Durchgeführt von:

Roland Berger GmbH


Bertolt-Brecht-Platz 3
10117 Berlin

Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V.


Hülchrather Str. 15
50670 Köln

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar


Pflegewissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für Gemeindenahe Pflege
Pallottistr. 3
56179 Vallendar

Berlin, Vallendar, Köln, 28. Juni 2017


Titel Foto: Squaredpixels/GettyImages
ePflege
Informations- und
Kommunikationstechnologie
für die Pflege

Studie im Auftrag des


Bundesministeriums für Gesundheit

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 3


Inhalt

Zusammenfassung der Kernergebnisse S. 6

1. Einleitung S. 10

2. Ergebnisse der empirischen Analysen zu IKT in der Pflege S. 14


2.1 IKT ist ein zentrales Entwicklungsthema für die Akteurinnen
und Akteure der Pflege S. 15
2.2 Die IKT-Projektlandschaft ist auf die direkte Unterstützung der
Leistungsempfängerinnen und -empfänger fokussiert S. 18
2.3 Es gibt mehr IKT-Lösungen für die ambulante Pflege als für die
stationäre Pflege S. 21
2.4 Die Technikentwicklung dominiert IKT-Projekte in der Pflege S. 23
2.5 IKT ermöglicht Flexibilisierung und Qualitätsverbesserung in bestehenden
Prozessen und Abläufen in der ambulanten und stationären Pflege S. 25
2.6 Fehlende Technikkompetenz hemmt die Digitalisierung in der Pflege S. 28
2.7 Der IKT-basierte Informationsaustausch zwischen den
Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitssektor ist unzureichend S. 30
2.8 IKT-Pflegelösungen stoßen auf mangelnde Akzeptanz S. 32
2.9 Die Akteurinnen und Akteure haben zu wenig Informationen
zu IKT-Lösungen in in der Pflege S. 34
2.10 Abrechenbarkeit und Refinanzierbarkeit von IKT-Lösungen
stellen Herausforderungen dar S. 36
2.11 Die Förderpolitik für IKT-Lösungen im Pflegesektor muss
sich weiterentwickeln S. 38
2.12 Evaluationsmethoden und -ergebnisse für IKT-Lösungen
sind derzeit unzureichend S. 40
2.13 Sicherheit und Schutz persönlicher Daten sind maßgeblich
für die Akzeptanz von IKT-Lösungen in der Pflege S. 40
2.14 Die Forschung adressiert IKT in der Pflege noch nicht umfänglich genug S. 41
2.15 Im IKT-Pflegesektor herrscht großes Innovationspotenzial –
trotzdem gibt es nur wenige Start-ups S. 42
2.16 Leistungsempfängerinnen und -empfänger fordern eine verstärkte
Einbindung in die Technikentwicklung und bessere Informationen S. 44
2.17 Pflegende fordern eine bessere Vernetzung der Akteursgruppen
sowie mehr Unterstützung bei der Nutzung von IKT-Lösungen S. 45
2.18 Die Technikentwicklung fordert eine bessere technische Infrastruktur S. 46

4 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


3. Handlungsbedarfe S. 48
3.1 Verstärkte Nutzer- und Alltagsorientierung S. 49
3.2 Verbesserte Vernetzung und digitalisierte Informationsflüsse
zwischen den Akteurinnen und Akteuren S. 49
3.3 Prozessoptimierung und -entwicklung durch IKT-gestützte
Vernetzung in der Versorgung S. 52
3.4 Weiterentwicklung von Förderpolitik und Forschung S. 53
3.5 Verbesserung der Marktbedingungen für IKT-Lösungen S. 54

4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen zu IKT in der Pflege S. 56


4.1 Rahmenbedingungen zur Etablierung von IKT in der Pflege S. 57
4.2 Handlungsfelder zur Etablierung von IKT in der Pflege S. 59
4.3 Handlungsempfehlungen zur Etablierung von IKT in der Pflege S. 63

5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben zur Förderung des


Einsatzes von IKT in der Pflege S. 72
5.1 Schaffung einer "Initiative ePflege" als Plattform
zum Austausch der Akteurinnen und Akteure S. 74
5.2 Aufbau einer "Geschäftsstelle ePflege" S. 77
5.3 Aufsetzen einer "Bildungsoffensive Digitalisierung in der Pflege" S. 82
5.4 Integration der Pflege in die Telematikinfrastruktur S. 85

Abbildungsverzeichnis S. 88

Literatur- und Quellenverzeichnis S. 89

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 5


Zusammenfassung
der Kernergebnisse

6 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


Zusammenfassung der Kernergebnisse

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat ein chen Motiven mit dem Thema. Bisherige Projekte fo-
Konsortium bestehend aus der Roland Berger GmbH kussieren in den meisten Fällen die direkte Unterstüt-
(RB), dem Deutschen Institut für angewandte Pflegefor- zung der Leistungsempfängerinnen und -empfänger
schung e. V. (DIP) und der Pflegewissenschaftlichen Fa- sowie die ambulante Pflege, schöpfen die Potenziale
kultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule in einer vernetzten Versorgung dabei jedoch noch wenig
Vallendar gGmbH (PTHV) beauftragt, eine Studie zu In- aus. Häufig werden bestehende Projekte von Techni-
formations- und Kommunikationstechnologien (IKT)1 kentwicklerinnen und -entwicklern geleitet. Die Befra-
im Pflegebereich, kurz "ePflege", zu erstellen. Im Fokus gungen und Diskussionen in den Workshops zeigen die
sollten dabei die Ist-Situation, die Identifikation von Be- Erwartung der Akteurinnen und Akteure, dass IKT Fle-
darfen und Hemmnissen sowie Ableitung von Hand- xibilisierung und Qualitätsverbesserung in bestehen-
lungsbedarfen und Handlungsvorschlägen stehen. den Prozessen und Abläufen in der Pflege ermöglicht
und Impulse für Prozessentwicklungen liefert. Die Ak-
Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel teurinnen und Akteure erwarten nicht nur, dass knappe
bei Pflegekräften forcieren aktuell die Diskussion um Ressourcen effizienter eingesetzt werden, sondern ins-
den Einsatz von digitalen Lösungen im Pflegebereich. besondere auch, dass über den Einsatz von IKT in der
IKT-Lösungen werden in diesem Zusammenhang große Pflege die Vernetzung von Leistungsanbieterinnen und
Potenziale bei der Verbesserung der Qualität der medi- -anbietern sowie weiteren Akteurinnen und Akteuren
zinischen und pflegerischen Versorgung, dem Abbau verbessert werden kann.
von Bürokratie und der Steigerung der Effizienz im Ge-
sundheitswesen zugesprochen. Im Rahmen dieser Stu- Die Studie identifiziert zudem zentrale Hemmnisse zur
die wurden der Status quo sowie Entwicklungsperspek- Verbreitung von IKT in der Pflege. Die Ergebnisse der
tiven für digitale Lösungen in der Pflege empirisch Akteursbefragungen verweisen darauf, dass insbeson-
analysiert. Dazu wurde eine Onlinebefragung bei rele- dere mangelnde Technikkompetenzen aufseiten der
vanten Akteurinnen und Akteuren im Pflegebereich (63 professionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister
Teilnehmer), eine Analyse von 217 Projekten im Umfeld sowie der pflegenden Angehörigen die Etablierung von
der Entwicklung und Erprobung von IKT im Pflegebe- digitalen Lösungen in der Pflege erschwert. Auch ist der
reich, eine qualitative Expertenbefragung (insgesamt 16 IKT-basierte Informationsaustausch zwischen den Ak-
Expertinnen und Experten) sowie eine Workshopreihe teurinnen und Akteuren im Pflegesektor verbesse-
(vier Expertenworkshops) durchgeführt. Die Zwische- rungswürdig. Bestehende IKT-Pflegelösungen stoßen
nergebnisse der Onlinebefragung sowie der Projektana- zudem auf mangelnde Akzeptanz, da die Nutzerbedürf-
lysen wurden in den Expertenworkshops sowie in den nisse häufig nicht in den Mittelpunkt gestellt werden.
Experteninterviews validiert und diskutiert. Die Studie Weiterhin wird darauf verwiesen, dass die Refinanzie-
ePflege betrachtet dabei insbesondere Standpunkte der rung von IKT-Lösungen in der Pflege derzeit oftmals
Leistungsempfängerinnen und -empfänger, der profes- noch ungeklärt ist. Überdies liegen bislang noch weni-
sionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und pfle- ge Erkenntnisse zu Mehrwerten und Wirtschaftlichkeit
genden Angehörigen sowie der Technikentwicklung. von IKT-Lösungen in der Pflege vor. In diesem Zusam-
menhang wird auch betont, dass die verfügbaren
Die Ergebnisse der empirischen Analysen zeigen, dass Evaluationsmethoden zur Erhebung von ggf. komplexe-
IKT ein zentrales Entwicklungsthema für die Akteurin- ren Effekten des IKT-Einsatzes in der Pflege noch unzu-
nen und Akteure der Pflege ist. Allerdings beschäftigen reichend entwickelt sind. Die Fördermöglichkeiten für
sich die einzelnen Akteursgruppen aus unterschiedli- die Entwicklung für IKT-Lösungen im Pflegesektor wer-

1
Der Begriff "Informations- und Kommunikationstechnologie" bezieht sich im Kontext der Studie auf IT-Systeme für die
Pflegeplanung und -dokumentation, technische Assistenzsysteme, computergestützte Pflegehilfsmittel, Smart-Home-Systeme,
Robotersysteme, E-Learning-Systeme und weitere technische Systeme, die die Informations- und Kommunikationsverarbei-
tung in der Pflege und/oder ihre Rahmenbedingungen verbessern können.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 7


Zusammenfassung der Kernergebnisse

den derzeit als noch nicht ausreichend zielgenau be- für die Dissemination von IKT in der Pflege sowie eine
schrieben. Auch die Forschung adressiert IKT in der Verbesserung der IKT-Infrastruktur für die Pflege be-
Pflege, insbesondere mit Blick auf Aspekte der Imple- schrieben. Wirksame Impulse im Rahmen dieser Hand-
mentierung sowie der Nutzenbewertung, noch nicht lungsfelder bilden die Grundlage dafür, die spezifi-
umfänglich genug. Neben diesen hemmenden Fakto- schen Herausforderungen der Digitalisierung im
ren verweisen die Studienergebnisse aber auch darauf, Pflegesektor zu bewältigen.
dass im IKT-Einsatz in der Pflege ein großes Innovati-
onspotenzial gesehen wird, das derzeit noch selten ge- Zur Förderung der Verankerung von Pflege-IKT im Ge-
hoben wird. sundheitssystem empfiehlt die Studie die Etablierung
eines "Netzwerk IKT in der Pflege", die Schaffung von
Im Rahmen der Workshops wurden zudem die spezifi- Anreizen zur flächendeckenden Nutzung von elektroni-
schen Perspektiven einzelner Akteursgruppen beleuch- schen Pflegedokumentationen sowie die Stärkung der
tet. Leistungsempfängerinnen und -empfänger fordern Transparenz über den Nutzen von IKT-Lösungen zur
demnach eine verstärkte Einbindung in die Techni- Verankerung im ersten Pflegemarkt. Impulse für die
kentwicklung und bessere Informationen zum Thema. Dissemination von IKT in der Pflege sollen durch nied-
Die Pflegenden wünschen sich eine bessere Vernetzung rigschwellige Kommunikationsmaßnahmen und Dis-
der Akteursgruppen sowie mehr Unterstützung bei der kussionsmöglichkeiten gegeben werden. Die Förde-
Implementierung und Nutzung von IKT-Lösungen. Ver- rung der IKT-Infrastruktur soll durch die Anpassung
treterinnen und Vertreter aus der Technikentwicklung der Förderkriterien hin zu sozio-technologischen Krite-
fordern eine Verbesserung der technischen Infrastruk- rien, die Förderung von Interoperabilität durch die
tur und bessere Möglichkeiten zur Einbindung der ver- Stärkung entsprechender Verzeichnisse sowie die Ein-
schiedenen Nutzergruppen in den Entwicklungs- und bindung der Pflege in die Telematikinfrastruktur (TI)
Implementierungsprozess von IKT-Lösungen. gelingen. Zusätzlich kann eine Förderinitiative mit
Schwerpunkt "IKT-Anwendungen in der Pflege" den
Zusammenfassend verweisen die empirischen Analysen Einsatz von konkreten IKT-Anwendungen in der Pflege
auf Handlungsbedarfe im Bereich einer verstärkten in ihren Effekten und Wirksamkeiten messbar machen.
Nutzer- und Alltagsorientierung, einer verbesserten Ver-
netzung und Information der Akteurinnen und Akteure, Impulse zum konkreten und zeitnahen Aufbau eines
der Prozessoptimierung in der professionellen Pflege Netzwerkes IKT in der Pflege sollten in Form einer "In-
durch IKT-gestützte Vernetzung, der Weiterentwicklung itiative ePflege" gegeben werden, die die systematische
von Förderpolitik und Forschung sowie der Verbesse- Vernetzung der Akteurinnen und Akteure im Bereich
rung der Marktbedingungen durch erhöhte Transpa- IKT in der Pflege fördert. Eine "Geschäftsstelle ePflege"
renz über den Nutzen von IKT-Lösungen. Zudem muss soll durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen die In-
die fehlende Einbindung der Akteurinnen und Akteure formationslage für alle Akteurinnen und Akteure im
der Pflege in IKT-relevante Entscheidungen der gesund- Pflegemarkt verbessern. In diesem Rahmen sollte ein
heitlichen Selbstverwaltung als ein hemmender Faktor Leuchtturmvorhaben "Dissemination von IKT-Anwen-
für Etablierung von IKT in der Pflege gelten. Auf Basis dungen im Kontext von Alter und Pflege" (DIKT-Pflege)
der Ergebnisse der empirischen Analysen entwickelt angestoßen werden, das konkret darauf abzielt, die
die Studie Handlungsfelder und -empfehlungen. Als Möglichkeiten der quartiersnahen Vernetzung von
zentrale Handlungsfelder werden die stärkere Veranke- Leistungsempfängerinnen und -empfängern und pro-
rung von Pflege-IKT im Gesundheitssystem, Impulse fessionellen Dienstleisterinnen und Dienstleistern im

8 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


Zusammenfassung der Kernergebnisse

Gesundheits- und Pflegewesen öffentlichkeitswirksam


aufzuzeigen und erfolgreiche Beispiele technikgestütz-
ter regionaler bzw. quartiersbezogener Vernetzungen
breitenwirksam zur Geltung zu bringen.

Im Handlungsfeld "Dissemination" wird das Pilotpro-


jekt "Bildungsoffensive Digitalisierung in der Pflege"
vorgeschlagen, das über verschiedene bildungsrelevan-
te Maßnahmen breit in die Fachöffentlichkeit hinein-
wirken, sensibilisieren, qualifizieren und damit IKT in
der Pflege breiter implementieren helfen soll. Ein mög-
liches Leuchtturmvorhaben der Bildungsoffensive ist
das Projekt "Digitalisierungsorientiertes Qualifikati-
onsmodell in der Pflege" (Digit-QP), in dem es um die
wissenschaftlich fundierte Entwicklung, Erprobung
und Evaluation eines modularisierten Qualifikations-
modells zur Einführung und Anwendung von Informa-
tions- und Kommunikationstechnologien in verschie-
denen Bildungsbereichen und -stufen der Pflege gehen
soll.

Im Handlungsfeld "Technik- und Infrastrukturentwick-


lung" sollte als Pilotprojekt die Integration der Pflege in
die TI durch die Einsetzung einer Ombudsperson vor-
angetrieben werden, durch die ein konkreter Umset-
zungsplan zur Einbindung der Pflege in die TI erarbeitet
und gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der
gematik ein Zeitplan entwickelt werden soll, der eine
realistische Einbindung der Pflege in die TI ermöglicht.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 9


Einleitung
1
10 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege
1. Einleitung

Als Folge der demografischen Entwicklung steigt die Ziele der Studie
Anzahl der unterstützungs- und versorgungsbedürfti- Die Studie ePflege verfolgt das Ziel, Potenziale und Um-
gen Menschen in Deutschland kontinuierlich. Gleich- setzungshemmnisse von digitalen Pflegelösungen und
zeitig stellt der wachsende Bedarf an informellen und -dienstleistungen sowie von Versorgungsprozessen mit
professionellen Helfern eine große Herausforderung IT-Einsatz in der Pflege und in der sektorenübergrei-
dar. Informations- und Kommunikationstechnologie fenden Versorgung zu identifizieren. Digitale Pflege-
(IKT) wird das Potenzial zugeschrieben, die Qualität lösungen und Dienstleistungen sind Lösungen, bei de-
der medizinischen und pflegerischen Versorgung im nen Informations- oder Kommunikationstechnologien
Gesundheitswesen zu verbessern, zum Abbau von Bü- sowie die optimierte Nutzung von relevanten Daten
rokratie beizutragen und Kosteneinsparungen erzielen maßgeblich dazu beitragen, dass sich die Qualität der
zu können. Pflege, die Wirtschaftlichkeit der Pflege oder die Kom-
munikation zwischen den Akteurinnen und Akteuren
Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium verbessert. Ausgehend davon sollen Handlungsvor-
für Gesundheit (BMG) ein Konsortium bestehend aus schläge für die Politik und relevante Akteursgruppen
der Roland Berger GmbH (RB), dem Deutschen Institut abgeleitet, zukünftige Pilotprojekte sowie mögliche
für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP) und der Pfle- Leutturmvorhaben benannt werden, mit deren Hilfe
gewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theo- die Handlungsvorschläge konkretisiert und umgesetzt
logischen Hochschule in Vallendar gGmbH (PTHV) be- werden können.
auftragt, eine Studie zur Nutzung von IKT in der Pflege,
kurz "ePflege", zu erstellen. Vorgehensweise und Methoden
Die Studie wurde von Dezember 2015 bis Dezember
2016 in drei aufeinander aufbauenden Phasen mit je-
weils spezifischen Arbeitsschritten durchgeführt. Auf
der Grundlage einer Ist-Analyse (erste Phase) wurden
in der zweiten Phase eine Anforderungsanalyse und
schließlich in der dritten Phase Handlungsvorschläge
und Lösungsansätze erarbeitet.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 11


1. Einleitung

1. Ist-Analyse • Parallel wurden über alle drei Phasen insgesamt 217


In der ersten Phase ging es um eine strukturierte Aufar- einschlägige Forschungsprojekte zu IKT in der Pflege
beitung, Darstellung und Kategorisierung von Akteu- in Deutschland bzw. mit Beteiligung deutscher Pro-
rinnen und Akteuren, Projekten und Konzepten mit jektpartner identifiziert, analysiert und kategorisiert
Bezug zu IKT in der Pflege. (Projektanalysen).

• Es wurde eine Onlineerhebung durchgeführt, für die 2. Anforderungsanalyse


deutschlandweit rund 500 relevante Akteurinnen und Auf der Grundlage der Ergebnisse der Ist-Analyse ging
Akteure zu IKT in der Pflege identifiziert wurden. An es bei der Anforderungsanalyse um die Ermittlung
der standardisierten Onlineerhebung haben sich 63 von Vorstellungen, Erfahrungen und Bedarfen unter-
Akteurinnen und Akteure (13 Prozent) aus folgenden schiedlicher relevanter Akteurinnen und Akteure. Der
Bereichen beteiligt: Fokus dieser Arbeiten lag auf der Identifizierung von
– Anbieterinnen und Anbieter von Faktoren, die für einen breiteren Einsatz von IKT-Lö-
Pflegedienstleistungen sungen in der Pflege relevant sind bzw. deren Umset-
– Kostenträgerinnen und -träger zung ggf. hemmen.
– Berufsverbände
– Arbeitgeberverbände • Von April bis September 2016 wurden insgesamt vier
– Freigemeinnützige Wohlfahrtsverbände Workshops mit jeweils rund 20 Expertinnen und Ex-
– Forschungs- und Entwicklungsinstitute perten aus dem gesamten Bundesgebiet durchgeführt
– Pflegewissenschaft und -forschung (Expertenworkshops). Die ersten drei Workshops fo-
– Pflegesachverständige kussierten jeweils unterschiedliche Perspektiven:
– Pflegebildung Leistungsempfängerinnen und -empfänger, Leis-
– Patienten- und Angehörigen- sowie Selbsthilfe- tungsanbieterinnen und -anbieter sowie Technikent-
und Seniorenorganisationen wicklerinnen und -entwickler. Im vierten Workshop
– Stiftungen ging es übergreifend um Handlungsempfehlungen
– Gewerkschaftliche Vertretungen für die Politik.
– Fachverlage
– Technikentwicklerinnen und -entwickler
– Weitere Akteurinnen und Akteure

• Im Anschluss an die Onlineerhebung fanden 12 vertie-


fende qualitative Experteninterviews mit Vertreterin-
nen und Vertretern der Leistungsempfänger, der pro-
fessionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und
pflegenden Angehörigen sowie der Technikentwick-
lung statt. Aus jeder Akteursperspektive wurden min-
destens zwei Expertinnen bzw. Experten interviewt.

12 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


1. Einleitung

3. Erarbeitung von Lösungsansätzen


und Vorschlägen
Auf der Basis der empirischen Ergebnisse sowie der
Rückmeldungen aus den Expertengesprächen wurden
Handlungsfelder und Best Practices identifiziert,
Handlungsempfehlungen erarbeitet und Pilotprojekte
zur Implementierung und Etablierung von IKT in der
Pflege entwickelt.

Zur Erarbeitung der Studie kamen im Wesentlichen fol-


gende Methoden zum Einsatz:
– Literatur- und Internetrecherchen
– Dokumentenanalyse
– Clusteranalyse
– Stakeholderanalyse
– Standardisierte Onlineerhebung
– Telefoninterviews
– Standardisierte Produktsteckbriefe
– Qualitatives Data-Mining
– Workshops mit unterschiedlichen
Anwendergruppen

Der vorliegende Bericht fasst die Ergebnisse der Studie


"Informations- und Kommunikationstechnologie in
der Pflege (ePflege)" zusammen. Kapitel 2 stellt die Er-
gebnisse der empirischen Erhebungen in Form von 18
analytisch unterlegten Kernaussagen zusammen. Aus
den Analyseergebnissen werden in Kapitel 3 fünf zent-
rale Handlungsbedarfe abgeleitet, die übergreifende
Herausforderungen zum Einsatz von IKT in der Pflege
benennen und strukturieren. Kapitel 4 definiert vier
Handlungsfelder zur Implementierung und Etablie-
rung von IKT in der Pflege und leitet daraus Hand-
lungsempfehlungen ab. Kapitel 5 präsentiert vier Vor-
schläge für zukünftige Pilotprojekte sowie zwei
Vorschläge für Leuchtturmvorhaben, die einen Rah-
men für die Umsetzung der Handlungsempfehlungen
bilden können.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 13


Ergebnisse der
empirischen Analysen
zu IKT in der Pflege
2
14 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege
2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Die im Rahmen dieser Studie gewonnenen Ergebnisse 2.1 IKT ist ein zentrales Entwicklungsthema
sind vielfältig und decken das breite Feld von IKT in der für die Akteurinnen und Akteure der Pflege
Pflege ab. Im Folgenden werden die Ergebnisse in Form
von 18 Kernaussagen zusammengefasst, strukturiert Die Pflegelandschaft in Deutschland steht vor gro-
und eingeordnet. Diese Darstellung ermöglicht es, die ßen Herausforderungen. Digitalisierung ist dabei
Ergebnisse aus den qualitativen Analysen (Expertenin- ein zentrales Entwicklungsthema für alle Akteurs-
terviews und Workshops), den standardisierten Erhe- gruppen im Pflegemarkt und wird von diesen zu-
bungen (Onlineerhebung) sowie den Projektanalysen nehmend auch konzeptionell angegangen. Die Ak-
und -kategorisierungen zusammenzuführen.2 Diese teursgruppen haben unterschiedliche Motive für
Kernaussagen stellen die Grundlage für die Ableitung die Herangehensweise an die Digitalisierung ihrer
der Handlungsbedarfe dar. Die ersten 15 Kernaussagen Arbeitsprozesse bzw. Rahmenbedingungen.
beschäftigen sich mit dem Status quo im Pflegemarkt.
Die Kernaussagen 16 bis 18 fassen die Hauptargumente Der demografische Wandel wird den Pflegemarkt in
und Sichtweisen der für diese Studie befragten Akteurs- Deutschland verändern. Nach Angaben des Statisti-
gruppen zusammen. schen Bundesamtes wird die Altersgruppe der 65-Jähri-
gen und Älteren um rund ein Drittel (33 Prozent) von
Bei den Projekten in den Informationsblöcken dieses Ka- 16,7 Millionen im Jahr 2008 auf 22,3 Millionen Perso-
pitels handelt es sich um Beispiele für Best-Practice-Pro- nen im Jahr 2030 ansteigen. Im Jahr 2015 galten in
jekte im Bereich IKT in der Pflege. Sie wurden auf Basis Deutschland ca. 2,9 Mio. Menschen als pflegebedürftig
von Hinweisen der Expertinnen und Experten im Rah- im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes3. Bis zum
men der Onlinebefragung, der Experteninterviews sowie Jahr 2050, so die Prognose, wird sich die Anzahl der
der Workshops ausgewählt. Die Projekte zeigen jeweils Pflegebedürftigen bei einer jährlichen Steigerungsrate
vorbildlich, wie zentrale Aspekte zur Förderung von IKT von 1,6 Prozent auf rund 4,7 Mio. erhöhen und damit
in der Pflege, z. B. Kooperation mit anderen Akteurinnen nahezu verdoppeln; mehr als verdoppeln wird sich so-
und Akteuren oder Fokussierung auf die Bedarfe der gar der Anteil der Pflegefälle an der Erwerbsbevölke-
Nutzerinnen und Nutzer, umgesetzt werden. rung. Alle für diese Studie befragten Vertreterinnen
und Vertreter der Akteursgruppen waren sich dieser
Herausforderung bewusst.

2
Grundsätzlich spiegeln die dargestellten Ergebnisse aus den Expertengesprächen und Workshops übereinstimmende
Äußerungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wider. Im Einzelfall gab es Abweichungen von den hier dargestellten
Meinungen. Dies ist explizit gekennzeichnet.
3
Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2015, Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung – Deutschlandergebnisse – 2017.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 15


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Anzahl Pflegebedürftiger und Anteil an der jeweiligen Erwerbsbevölkerung,


2005–2050 [Mio.]

Pflegefälle/
5 6 7 9 12
Erwerbsbevölkerung [%]

4,7
1,6% p.a.

4,0

3,5
2,7% p.a.
3,0
2,6
2,3
2,1

2005 2009 2013 2020e 2030e 2040e 2050e

Mit der Anzahl der Pflegebedürftigen wird auch der Be- Bereits heute fehlen in den Pflegeberufen Fachkräfte.
darf an qualifizierten Pflegefachkräften steigen. Berück- Dieser Trend zeichnet sich mit deutlich steigender Ten-
sichtigt man ausschließlich die Dynamik des demogra- denz bereits seit Jahren ab, wie eine Analyse der Vakanz-
fischen Wandels, könnte der Bedarf an Pflegefachkräften zeiten für die Jahre 2009 bis 2014 zeigt. In der Altenpfle-
im Jahr 2025 rund 27 Prozent höher sein als noch im ge vergrößerte sich der Zeitraum, in dem eine Stelle
Jahr 2005. Somit würden im Jahr 2025 rund 200.000 unbesetzt blieb, um 62 Prozent, in der Gesundheits-
ausgebildete Pflegefachkräfte fehlen.4 und Krankenpflege um 42 Prozent.5 Insbesondere die
professionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister
und pflegenden Angehörigen identifizierten den Fach-
kräftemangel als eine große Herausforderung.

4
Bundesministerium für Gesundheit, Pflegefachkräftemangel:
http://www.bundesgesundheitsministerium.de/index.php?id=646
5
Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung – Deutschlandergebnisse – 2013.

16 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Die ambulante Pflege gewinnt seit Jahren an Bedeu- Grad der Beschäftigung der Akteurinnen
tung. Der Pflegemarkt wächst kontinuierlich, im Durch- und Akteure mit IKT in der Pflege
schnitt um 4,5 Prozent pro Jahr, wobei der ambulante [in %], n=63
Pflegemarkt mit 7,2 Prozent pro Jahr überdurchschnitt-
lich wächst.6 Das Pflegestärkungsgesetz II wird diesen Setzen sich mit dem Thema IKT
Trend aller Expertenmeinung nach noch verstärken. Ab auseinander
Januar 2017 wurden die Pflegesätze für die ambulante 68
Versorgung abermals erhöht. Mit dem Pflegegrad 1
Haben bereits ein Projekt im Bereich IKT
wird zudem ein vor allem ambulant relevanter Pflege- in der Pflege durchgeführt
grad für Menschen mit geringen Beeinträchtigungen
49
der Selbstständigkeit geschaffen, die damit frühzeitig
Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch neh- Haben bereits ein Konzept zum Umgang
men können.7 mit IKT in der Pflege
40
Die überwiegende Mehrheit der für diese Studie befrag-
ten Vertreterinnen und Vertreter der Akteursgruppen
sehen in der Digitalisierung das Potenzial, die Heraus- Die Bedeutung von IKT in der Pflege wird nach Ein-
forderungen, vor denen die Pflege steht, zumindest teil- schätzung der Befragten weiter zunehmen. 90 Prozent
weise bewältigen zu können. IKT kann diesen Auffas- der Befragten, und damit 20 Prozentpunkte mehr als
sungen zufolge die Qualität und Erreichbarkeit von derzeit, planen, sich zukünftig verstärkt mit IKT in der
Pflegeleistungen erheblich verbessern. Bei der im Rah- Pflege auseinanderzusetzen. Die meisten Befragten
men dieser Studie durchgeführten Onlinebefragung wollen dazu in Zukunft Forschungsarbeiten erstellen
gaben 68 Prozent der Akteurinnen und Akteure an, sich und Konzepte erarbeiten. Allerdings betonen alle im
mit IKT zu befassen. 49 Prozent der Befragten haben Rahmen der vorliegenden Studie befragten Akteurin-
mindestens ein einschlägiges Projekt realisiert und 40 nen und Akteure, dass IKT-Lösungen den Menschen im
Prozent verfügen nach eigenen Angaben über ein Kon- Pflegeprozess nur schwer ersetzen können und daher
zept zum Einsatz von IKT in der Pflege. zumeist unterstützend eingesetzt werden sollten – ein
Befund, der über weitere Forschungen bestätigt wird.8

6
Statistisches Bundesamt.
7
Bundesgesundheitsministerium (2015), Pflegestärkungsgesetz II:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/pflegestaerkungsgesetze/faq-psg.html#c8586
8
Substituierbarkeitspotenziale nach Berufssegmenten, Dengler/Matthes (2015a, b).

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 17


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Zukünftige Aktivitäten von Akteurinnen und derzeitige Projektförderpraxis. Aus Sicht der (Pflege-)
Akteuren aus der Pflege im Bereich IKT Wissenschaft wird die Digitalisierung in der Pflege vor
[in %], n=63 allem durch Akteurinnen und Akteure der Technikent-
wicklung getrieben. Die Befragten aus der Technikent-
… wollen Öffentlichkeitsarbeit verstärken wicklung dagegen sehen umgekehrt die Wissenschaft
25 als treibende Kraft. Die Kostenträgerinnen und -träger
schließlich werten die Fördermittelgeberinnen und -ge-
… wollen Arbeitsgruppen für ePflege schaffen
ber, ausgewiesene Entwicklungsinstitute, die Wissen-
32 schaft und (mit Einschränkungen) auch die Techni-
… wollen relevante Konzepte entwickeln kentwicklung als Treiber.
40
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Treiber des
… wollen Forschungsarbeit intensivieren
Themas IKT in der Pflege zeigt, dass sich noch keine
42 Institution oder Akteursgruppe als Treiber der Digitali-
sierung etabliert hat und unterschiedliche Impulse die
Entwicklung von IKT in der Pflege bestimmen.
Die Motive zur Auseinandersetzung mit IKT in der Pfle-
ge sind bei den befragten Akteursgruppen recht unter- 2.2 Die IKT-Projektlandschaft ist auf die
schiedlich. Die Onlinebefragung zeigt: Anbieterinnen direkte Unterstützung der Leistungsempfänge-
und Anbieter von Pflegeleistungen befassen sich mit rinnen und -empfänger fokussiert
IKT aufgrund externer Impulse, die etwa über finanziel-
le oder rechtliche Anforderungen und/oder Anreizsyste- Ein Großteil der für diese Studie analysierten
me gesetzt werden. Auch der zunehmende (fach-)öffent- IKT-Projekte in der Pflege adressiert die direkte
liche Diskurs zur Relevanz von IKT in der Pflege erhöht Unterstützung von Leistungsempfängerinnen und
die Beschäftigung damit. Benannt werden aber auch -empfängern. Die Vernetzung der professionell
innerbetriebliche Diskussionen über die zunehmende Pflegenden spielt in der bestehenden Projektland-
Relevanz der Digitalisierung in der Pflege sowie konkre- schaft noch eine nachgeordnete Rolle.
te Anfragen nach Zusammenarbeit in multidisziplinä-
ren Projekten zum IKT-Einsatz in der Pflege. Im Rahmen dieser Studie wurden 217 Projekte identifi-
ziert und analysiert, die IKT im Pflegesektor anwenden,
Aufseiten von Wissenschaft, Technikentwicklung, Ver- erproben oder erforschen.9 Viele Projekte zielen primär
bänden sowie Kostenträgerinnen und -trägern sind ein- auf die direkte Unterstützung der Leistungsempfänge-
schlägige Projektarbeiten das zentrale Motiv zur Ausei- rinnen und -empfänger. Knapp die Hälfte der IKT-Pro-
nandersetzung mit IKT in der Pflege. Den Befragten jekte in der Pflege (105 von insgesamt 217) lassen sich
geht es insbesondere darum, Aspekte der interdiszipli- entlang der Kriterien des neuen Begutachtungsinstru-
nären und intersektoralen Vernetzung voranzutreiben. ments zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit (NBA)
Vertreterinnen und Vertreter der Verbände und der aus dem Pflegestärkungsgesetz II kategorisieren. Die
Technikentwicklung sehen an IKT interessierte Pflege- Kriterien des neuen Begutachtungsinstruments zur
bedürftige und deren Angehörige als Treiber der Ent- Einschätzung der Pflegebedürftigkeit orientieren sich
wicklung, des Weiteren auch Einrichtungen der Alten- dabei an den Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit
hilfe, Telekommunikationsunternehmen sowie die und Fähigkeiten von Leistungsberechtigten.10

Die Analyse der Projekte basiert auf öffentlich zugänglichen Projektbeschreibungen (z. B. Publikationen, Internetprä-
9

senzen der Projekte bzw. Projektverbünde). IKT-Projekte bzw. Projektverbünde weisen in der Regel eine hohe Komplexi-
tät auf. Vor diesem Hintergrund wurden bei der Systematisierung Mehrfachzuordnungen vorgenommen.
10
Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS), GKV-Spitzenverband; Richtlinien des
GKV-Spitzenverbandes zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit nach dem XI. Buch des Sozialgesetzbuches, 2016.

18 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Inhalte von IKT-Projekten zur Unterstützung Mit 66 Zuordnungen fallen 30 Prozent der analysierten
von Leis­tungs­empfängerinnen und -empfängern IKT-Projekte in die Kategorie "Bewältigung von und
entlang pflegerelevanter Kriterien gemäß NBA selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapie-
[in %], n=217, Mehrfachnennung möglich bedingten Anforderungen oder Belastungen", gefolgt
von den Kategorien "Gestaltung des Alltagslebens und
Bewältigung von und selbstständiger sozialer Kontakte" (n = 35, 16 Prozent) und "Mobilität" (n
Umgang mit krankheits-oder therapiebedingten = 24, 11 Prozent). 18 der Projekte (8 Prozent) haben die
Anforderungen und Belastungen Unterstützung der selbstständigen Haushaltsführung
30 zum Thema, in 8 Projekten (4 Prozent) bilden außer-
Gestaltung des Alltagslebens häusliche Aktivitäten den (Teil-)Fokus der Projekte. Wäh-
und sozialer Kontakte rend kognitive und kommunikative Fähigkeiten in 16
16 Projekten (7 Prozent) adressiert werden, sind Verhaltens-
weisen und psychische Problemlagen etwa halb so oft (n
Mobilität
= 8, 4 Prozent) Gegenstand der analysierten Projekte. 6
11 Nennungen (3 Prozent) beziehen sich auf die körperbe-
Haushaltsführung zogenen Pflegemaßnahmen wie Selbstversorgung (po-
8 tenzieller) Leistungsempfängerinnen und -empfänger.

Kognitive und
112 der 217 Projekte lassen sich nicht entlang der Krite-
Kommunikative Fähigkeiten
rien des neuen Begutachtungsinstruments zur Ein-
7 schätzung der Pflegebedürftigkeit (NBA) zuordnen. 31
Außerhäusliche Projekte (14 Prozent aller berücksichtigten Projekte)
Aktivitäten adressieren IKT-Lösungen zur Unterstützung professio-
4 nell Pflegender.
Verhaltensweisen und
psychische Problemlagen
4
Selbstversorgung
3

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 19


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Inhalte von IKT-Projekten außerhalb Themen von IKT-Projekten für


der Themenbereiche des NBA die professionelle Pflege
[in %], n=217, Mehrfachnennung möglich [in %], n=112

IKT für die professionelle Pflege 48


14
3
(Weiter-) Entwicklung/Evaluation
7 3

Sonstige Themen
6 10
Ökonomische Aspekte
6
Grundlagenforschung
5
Bildung/Beratung/Information für 13
Leistungsempfänger und Angehörige
5 23
Technikgestütztes Quartiersmanagement
5  Dokumentation  Erfassung von
 Bildungs-, Beratungs-, Technologienutzung
Bildung/Beratung/ Informations­angebote bzw. -akzeptanz
Information sonstiger Akteure für Pflegende  Körperliche Entlastung
4  Prozessmanagement  Medikamentensicherheit

Knapp die Hälfte der 31 IKT-Projekte, die Unterstützung


für die professionelle Pflege bieten, konzentrieren sich
auf die Dokumentation der Pflegearbeit und vereinzelt
auch auf die Vernetzung der professionell Pflegenden.

20 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Der größte Teil der Projekte im Bereich Dokumentation Handlungsfelder von IKT-Projekten in der Pflege11
beschäftigt sich mit der (Weiter-)Entwicklung von Pflege- [in %], n=217
dokumentationssystemen, der Förderung einer intersek-
toral durchgängigen Pflege- und Betreuungsdokumenta- 49
tion, teilweise auch mit interdisziplinärer Vernetzung
oder der Vernetzung mit Abrechnungssystemen. Auch
automatisierte, dynamische Personal- und Tourenpla- 36
nung für den ambulanten Bereich und Software zur Be-
gutachtung von Pflegebedürftigkeit für Angehörige oder
potenziell Pflegebedürftige werden entwickelt.

2.3 Es gibt mehr IKT-Lösungen für die ambulan-


te Pflege als für die stationäre Pflege 7 6

Bisherige IKT-Projekte aus dem Pflegebereich sind


größtenteils auf die Unterstützung der ambulan- Ambulante Stationäre Beide Kein
ten bzw. häuslichen Pflege fokussiert. Die meisten Pflege Pflege Pflege- spezifisches
IKT-Projekte adressieren dabei die direkte Unter- bereiche Handlungs-
stützung der Leistungsempfängerinnen und -emp- feld
fänger. Tourenplanung ist zudem ein relevantes
Projektfeld.
Projekte im Bereich der ambulanten Pflege fokussie-
Bisherige Projekte im Bereich IKT in der Pflege konzen- ren sich häufig (41 Prozent) auf Aspekte von Sicherheit
trieren sich auf den ambulanten Bereich. 49 Prozent und Autonomie im häuslichen Umfeld und auf die Ver-
der identifizierten IKT-Projekte haben die ambulante besserung der kognitiven und physischen Fähigkeiten
Pflege im Fokus, nur 7 Prozent adressieren die stationä- (15 Prozent). Zu den Projekten zur Förderung von Si-
re Pflege und 6 Prozent beide Pflegebereiche. cherheit und Autonomie gehören insbesondere
AAL12-Lösungen wie Fußmatten oder Matratzen mit
integrierten digitalen Sensoren. Auch Forschung und
Evaluation ist in diesem Bereich mit 14 Prozent der
Projekte häufig vertreten.

Im Hinblick auf die Entwicklung der ambulanten Pfle-


ge (siehe Kernaussage 2.1) werden Projekte der ambu-
lanten Pflege weiter an Bedeutung gewinnen.

Beispiele für "Kein spezifisches Handlungsfeld" sind z. B. Projekte aus der Grundlagenforschung oder der allgemeinen
11

Bildung der Leistungserbringerinnen und -erbringer.


Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben; BMBF (2016).
12

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 21


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Das Verbundprojekt "KoLeGe" digitalisiert die ambulante Pflege


durch die Entwicklung einer geeigneten Software

• Beteiligte: Institut Arbeit und Wirtschaft an > Nutzung der bisher im Vergleich zur
der Universität Bremen, Bremer Pflegedienst stationären Pflege nur unzureichend genutz-
GmbH, Johanniter Unfall-Hilfe e. V., Qualitus ten Potenziale der Digitalisierung
GmbH & Wirtschafts- und Sozialakademie > Stärkung der Akzeptanz der Software
der Arbeitnehmerkammer Bremen gGmbH bei den Pflegekräften durch eine verstärkte
• Projektdauer: 3 Jahre (Start: Ende 2016) Berücksichtigung von Arbeitsqualität als
• Projektansatz: Entwicklung eines organisato- Maßstab anstatt der reinen Beschränkung
rischen Gestaltungskonzeptes für die auf den Faktor Wirtschaftlichkeit
Digitalisierung der Arbeit in der ambulanten > verbesserten Einbindung der Technik
Pflege und eine auf Praxistauglichkeit in die Beziehung zwischen Pflegenden und
ausgerichtete Kommunikations-, Koordina- Pflegebedürftigen
tions- und Lernsoftware • Projektergebnis: Noch nicht messbar
• Projektziel: Verbesserung der Software und • Herausforderungen: Akzeptanzgewinnung bei
vermehrte Nutzung digitaler Einsatzgeräte den Beschäftigten in der ambulanten Pflege
in der ambulanten Pflege beispielsweise als (https://www.gi.de/fileadmin/redaktion/Download/
"digitaler Tourenbegleiter" zur: Pflege_40/04_Bleses_Breuer_KoLeGe_Pflege40_
2017-05-05.pdf Stand 4.1.2017)

Verbundprojekt "QuartiersNETZ" – Zusammenbringen von


engagierten älteren Menschen mit Forschung und Dienst-
leistung, um ein zukunftsweisendes Konzept für die Gestaltung
des demografischen Wandels im Ruhrgebiet zu erarbeiten

• Beteiligte: Fachhochschule Dortmund, Stadt und bestehender Verbünde Quartiersnetz-


Gelsenkirchen, Universität Vechta, Caritas- werke im Ruhrgebiet entwickelt werden.
verband Gelsenkirchen, Forschungsinstitut Darauf aufbauend sollen diese mit einer
Geragogik e. V. in Witten, Seniorennetz digitalen Quartiersplattform und modernen
Gelsenkirchen e. V, 5 IT-Unternehmenspartner nutzerorientierten Interaktions- und Kommu-
und weitere assoziierte Partner nikationsmedien vernetzt werden. Eine
• Projektdauer: 4 Jahre (Start: Oktober 2014) begleitende Evaluation soll garantieren, dass
• Projektansatz: Intensivere Vernetzung der alle Ziele in hoher Qualität erreicht werden.
Akteurinnen und Akteure in ausgewählten • Projektergebnis: Noch nicht verfügbar
Wohnquartieren, auch mithilfe technischer • Herausforderungen: Quartiersvernetzung
Unterstützung
• Projektziel: Im Rahmen des Verbundprojektes
sollen mit und für ältere Menschen unter
Einbezug von Dienstleistungsanbieterinnen
und -anbietern, kommunaler Organisationen (http://www.quartiersnetz.de; Stand, 04.01.2017)

22 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.4 Die Technikentwicklung dominiert analysierten IKT-Projekte werden von Vertreterinnen


IKT-Projekte in der Pflege und Vertretern der Pflegepraxis koordiniert.

IKT-Projekte in der Pflege werden größtenteils über Vertreterinnen und Vertreter sowohl aufseiten der pro-
technische bzw. techniknahe Disziplinen und Ak- fessionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und
teurinnen und Akteure koordiniert und geleitet. Die pflegenden Angehörigen als auch aufseiten der Leis-
professionellen Dienstleisterinnen und Dienstleis- tungsempfängerinnen und -empfänger sind, so die Er-
ter und pflegenden Angehörigen sowie Leistungs- gebnisse der Workshops, nur begrenzt in die Entwick-
empfängerinnen und -empfänger fühlen sich dabei lungsprozesse von IKT in der Pflege eingebunden.
häufig nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei gilt die Einbindung der Leistungsanbieterinnen
und -anbieter für 65 Prozent der Befragten als ein we-
Mehr als die Hälfte der analysierten IKT-Projekte in der sentlicher Faktor zur Förderung von IKT in der Pflege.
Pflege werden hauptverantwortlich von Vertreterinnen Hier zeigt sich eine deutliche Differenz zwischen
und Vertretern der Technikentwicklung geleitet. Akteu- Wunsch und der tatsächlichen Einbindung in die Ent-
rinnen und Akteure aus der Wissenschaft verantworten wicklungsprozesse.
immerhin ein Viertel der Projekte. Nur 8 Prozent der

Verantwortliche Akteurinnen und Akteure


von IKT-Projekten in der Pflege
[in %], n=217
3
6

8 51

20

 Technik  Gesundheits- und


 Sonstige Pflegewissenschaften
 Gerontologie  Pflexepraxis
 Sozialwissenschaften  Unklar

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 23


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Faktoren, die die Etablierung von Auch aus diesem Grund geht aus Sicht der Leistungs-
IKT in der Pflege begünstigen empfängerinnen und -empfänger die Entwicklung von
[in %], n=63 IKT-Anwendungen für die ambulante und stationäre
Pflege aktuell an den Bedarfen der Nutzerinnen und
Einbindung der Leistungsanbieter Nutzer13 vorbei. Zukünftig sollten diese Bedarfe in den
in die Technikentwicklung Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses rücken, fordert
65 ein großer Teil der Teilnehmenden. Aktuell würden zur
Förderung der Implementations­ Vorbereitung von Technikentwicklungsprozessen häu-
forschung fig lediglich vordergründige, technisch orientierte An-
forderungsanalysen durchgeführt, die demnach zu-
63
künftig durch systematische Bedarfsanalysen ersetzt
Information und Beratung zu werden sollten. Im Sinne einer partizipativen Pro-
IKT in der Pflege
duktentwicklung gelte es, die Nutzerinnen und Nutzer
62 zudem stärker in den Prozess der Technikentwicklung
Verankerung von Technikkompetenzen einzubeziehen, z. B. durch kontinuierliche Nutzbar-
in der Pflegebildung keit-Tests. Dabei müsse die Sinnhaftigkeit der Lösungen
62 für die konkrete Pflegesituation im Vordergrund stehen.

Einbindung der Pflegeforschung


Die Vernetzung mit internationalen Projektpartnern,
in die Technikentwicklung
gerade in Projekten aus der Wissenschaft, kann die
58
Reichweite von Wissenschafts- und Praxisprojekten er-
Einbindung von Leistungsempfängern höhen und Synergieeffekte zwischen Anbieterinnen
in die Technikentwicklung und Anbietern offenlegen. Bislang werden die poten-
57 ziellen Chancen einer Internationalisierung nicht um-
Berücksichtigung von IKT im fassend genutzt. 86 Prozent der Pflegeprojekte werden
Pflegehilfsmittelverzeichnis auf rein nationaler Ebene durchgeführt.
52
Einbindung von informell Pflegenden
in die Technikentwicklung
49
Einbindung von Pflegedaten in
Gesundheitskommunikation
43
Öffentlichkeitsarbeit zu IKT
in der Pflege
42

Mit Nutzerinnen und Nutzern sind aktuelle und potenzielle Pflegebedürftige, Angehörige sowie Pflegende gemeint, die
13

IKT-Anwendungen und Lösungen für die Pflege aktiv verwenden.

24 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Anteil national und international 2.5 IKT ermöglicht Flexibilisierung und


vernetzter Projekte Qualitätsverbesserung in bestehenden Prozes-
[in %], n=217 sen und Abläufen in der ambulanten und
stationären Pflege
86

IKT-Lösungen – insbesondere aus dem Dokumen-


tations- und Planungsbereich – haben das Potenzi-
al, den Pflegeprozess zu vereinfachen und die Kom-
munikation im Prozess zu verbessern. Bisherige
Projekte adressieren jedoch meistens isolierte Tä-
tigkeitsfelder.

IKT-Lösungen haben, laut den Aussagen der professio-


nellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und pfle-
genden Angehörigen, das Potenzial, jeden Schritt in der
Prozesskette der Pflege zu optimieren. Der Fokus von
IKT-Einsatz muss dabei immer die Verbesserung der auf
die Nutzerinnen und Nutzer bezogenen Ergebnisse sein.

14 IKT-Lösungen werden demnach zukünftig in jeder Pha-


se des Pflegeprozesses die verfügbaren Methoden und
Informationen erweitern oder bestehende ergänzen. So
können beispielsweise Sensoren an neuralgischen
Punkten im Haushalt, z. B. einer Matratze im Falle der
National International
Bettlägerigkeit oder auch an Türen im Falle von Wande-
rungsdrang bei demenziell erkrankten Menschen,
frühzeitig pflegerelevante Informationen an professio-
nelle Dienstleisterinnen und Dienstleister und pflegen-
de Angehörige weitergeben.

Mit IKT-Lösungen lassen sich zudem, so die Befragten,


die unterschiedlichen Phasen im Pflegeprozess besser
aufeinander abstimmen, etwa indem die Informatio-
nen aus dem Pflege-Assessment direkt in den Pflege-
plan einfließen. Hier können IKT-Lösungen die gegen-
seitige Erreichbarkeit, den fachlichen Austausch und
die Verfügbarkeit von Informationen für alle Akteurin-
nen und Akteure im Pflegeprozess verbessern.

43 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an


der Onlinebefragung halten daher auch die Vernet-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 25


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Kernthemen von IKT-Projekten in der Pflege Adressierung von Handlungsfeldern durch


[in %], n=63 IKT-Projekte in der Pflege
[in %], n=217
Vernetzung von professionellen Versorgern
43 8
Planung und Dokumentation
29
Entlastungssysteme für körperliche Pflegetätigkeiten
24
Systeme zur Unterstützung der Patientensicherheit
22
Notfallerkennung/Hausnotruf
21
Administration von Pflegeleistungen
17
Entlastung bei psychischen Belastungen
16
Telenursing/Telemonitoring 92
13
  Einzelnes Handlungsfeld
Beantragung und Abruf von Pflegeleistungen   Mehrere Handlungsfelder
13
Aktivitätsmonitoring
11 zung von professionellen Versorgern und 29 Prozent
die Digitalisierung von Planung und Dokumentation
Alltagsunterstützende Dienstleistungen
für die wesentlichsten Kernthemen von IKT in der Pfle-
11 ge. Tatsächlich werden Projekte dieser Art aber derzeit
Pflegeberatung noch nicht häufig umgesetzt.
10
Bislang konzentrieren sich IKT-Projekte zudem haupt-
Einbindung und Kontaktpflege in
sächlich auf ein Handlungsfeld. Nur 8 Prozent der unter-
sozialen Netzwerken
suchten Projekte umfassen mehrere Handlungsfelder.
10
Lokalisierungs-, Ortungs-, Trackingsysteme
8
Serious Games
6
Emotionsrobotik
2

26 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

IKT-Lösungen ermöglichen es zudem, Abläufe und Pro- müssen – mit Zustimmung des Patienten – Zugriff auf
zesse in der Pflege neu zu definieren. Die professionel- die Daten der Pflegedokumentation erhalten, umge-
len Dienstleisterinnen und Dienstleister und pflegen- kehrt muss die Pflege auf die Daten von Ärzten und wei-
den Angehörigen formulierten dabei das Ziel, eine teren Heilmittelerbringern zugreifen können. In vielen
zusammenhängende, digitale Pflege-Prozesskette über Fällen würde erst hierdurch eine sachgerechte medizi-
die einzelnen Phasen des Pflegeprozesses hinweg zu nische Behandlung und Pflege ermöglicht. Durch die
etablieren. Dieser Aspekt wird aus Sicht der Akteurin- derzeitigen Medienbrüche und Kommunikationshin-
nen und Akteure derzeit im Zuge der Technikentwick- dernisse ginge in der Pflege oft wertvolle Zeit verloren,
lung noch nicht hinreichend mitbedacht und systema- weil digitalisierte Daten z. B. im Rahmen des Entlas-
tisch gestaltet. sungs- und Überleitungsmanagements nicht ausge-
tauscht werden können (siehe Kernaussage 2.7).
Die Entwicklung einer digitalen Prozesskette oder ei-
nes vernetzten Case-Managements – also die Einrich- Zudem können IKT-Lösungen, so die Vertreterinnen
tung einer digitalen Schnittstellenkoordination aller an und Vertreter der professionellen Dienstleisterinnen
konkreten Versorgungsprozessen beteiligten Stakehol- und Dienstleister und pflegenden Angehörigen, Ab-
der – wird nach Aussagen der Vertreterinnen und Ver- rechnungsbetrug durch verbesserte Transparenz der
treter der Technikentwicklung derzeit von folgenden Prozessschritte verhindern und so die Aufwände der
Rahmenbedingungen behindert: Qualitäts- und Abrechnungsprüfungen durch den Me-
dizinischen Dienst der Krankenversicherung reduzie-
Zum einen werden IKT-gestützte Pflegedokumentatio- ren. Dies gelte sowohl für die ambulante als auch für
nen nicht durchgängig für die Übermittlung von Ab- die stationäre Pflege.
rechnungsdaten genutzt, sodass der Mehrwert eines
IKT-gestützten Datenflusses damit aktuell nur begrenzt
ausgeschöpft wird. Durch die vorgesehenen Änderun-
gen des § 105 SGB XI soll hier ein bundesweit einheitli-
cher Standard etabliert werden. Zum anderen sehen die
rechtlichen Rahmenbedingungen für die Einführung
der elektronischen Gesundheitskarte nach § 291a SGB
V aktuell nicht vor, dass Pflegefachpersonal die Patien-
tendaten bearbeiten kann. Die Vorschriften zur elektro-
nischen Kommunikation, hier insbesondere in § 67
SGB V, sollten daher erweitert werden und auch die
Kommunikation mit professionellen Pflegedienstleis-
terinnen und -dienstleister und pflegenden Angehöri-
gen aufnehmen. Da Pflegebedürftigkeit im Sinne des
SGB XI regelmäßig mit multiplen Erkrankungen und
hohem medizinischem Versorgungsbedarf einhergehe,
müsse für die Versorgung dieser Patienten insbesonde-
re der Informationsfluss zwischen Akteurinnen und
Akteuren aus der Medizin und der Pflege verbessert
werden. Behandelnde Ärzte und Heilmittelerbringer

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 27


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.6 Fehlende Technikkompetenz hemmt die tensicherheit beim Einsatz von IKT (siehe Kernaussage
Digitalisierung in der Pflege 2.13). Durch diese Faktoren entstehen bei den Leis-
tungsempfängerinnen und -empfängern häufig Unsi-
Vielen Akteurinnen und Akteuren, insbesondere cherheiten in Bezug auf Wirkungen von IKT, mögliche
den professionellen Dienstleisterinnen und Dienst- Abhängigkeiten von den IKT-Anwendungen und die
leistern und pflegenden Angehörigen sowie den Furcht vor Datenmissbrauch.
Pflegebedürftigen, fehlt die notwendige Technik-
kompetenz zur Anwendung IKT-gestützter Lösun- Die professionellen Dienstleisterinnen und Dienstleis-
gen und Anwendungen. ter und pflegenden Angehörigen werten insbesondere
fehlendes IKT-spezifisches Wissen der Pflegefachkräfte
Mehr als 60 Prozent der befragten Akteurinnen und Ak- als hemmenden Faktor beim Einsatz von IKT in der
teure denken, dass eine stärkere Verankerung von Pflege. Allerdings sei eine steigende IKT-Affinität in der
Technikkompetenz in der Pflegebildung die Verbrei- Bevölkerung zu beobachten, die sich nach Auffassung
tung von IKT in der Pflege begünstigen würde. Auch die der Expertinnen und Experten sukzessive auch bei den
Akteursgruppen aus den Workshops sehen in mangeln- Pflegefachkräften niederschlagen wird.
der Technikkompetenz von Leistungsempfängerinnen
und -empfängern sowie aufseiten der Leistungserbrin- Laut den Vertreterinnen und Vertretern der professio-
gung ein großes Hindernis bei der Etablierung von IKT nellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und pfle-
in der Pflege. genden Angehörigen haben die Pflegefachkräfte kaum
Zeit, den Umgang mit IKT-Anwendungen und -Lösun-
Aufseiten der Leistungsempfängerinnen und -empfän- gen im Pflegealltag zu erlernen, wenn dies nicht explizit
ger, die häufig physisch und/oder psychisch nicht mehr durch den Arbeitgeber gefördert wird. Hier bedarf es
in der Lage sind, IKT-Anwendungen zu nutzen, ist Tech- aus Sicht der professionellen Dienstleisterinnen und
nikwissen weder vorauszusetzen noch zu erwarten. Dienstleister und pflegenden Angehörigen neuer Stra-
Den Leistungsempfängerinnen und -empfängern fehlt tegien in den meisten Pflegeeinrichtungen und für die
aber insbesondere Kenntnis über die Angebotspalette, ambulant Pflegenden, die Lernprozesse in den Ar-
Verlässlichkeit, Bedienbarkeit und Wirkung von IKT-Lö- beitsalltag zu integrieren. Dabei müsse beachtet wer-
sungen. Das liegt aus Sicht der Teilnehmerinnen und den, dass die Pflegenden in erster Linie auf den Um-
Teilnehmer der Workshops daran, dass intuitive De- gang mit Menschen und weniger auf den Umgang mit
signs und einfach verstehbare Nutzungsanleitungen Technik spezialisiert sind.14
bislang oft fehlen. Der Mehrwert von IKT-Anwendun-
gen und -Lösungen in der Pflege ist für die Leistungs- Der bislang noch beklagte Mangel an Digitalkompetenz
empfängerinnen und -empfänger, aber auch für die und IKT-Affinität der Pflegefachkräfte ist nicht zuletzt
professionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister auch eine Folge fehlender technikorientierter Schwer-
und pflegenden Angehörigen selten quantifizierbar punkte in den Pflegeaus-, -fort- und -weiterbildungen.
und kaum sichtbar (siehe Kernaussage 2.12). Mögliche Aus Sicht aller Akteurinnen und Akteure besteht hier
schlechte Erfahrungen – oder Berichte über solche Er- noch ein erheblicher Weiterentwicklungsbedarf.
fahrungen – mit Technikprodukten in der Vergangen-
heit können potenzielle Nutzerinnen und Nutzer zu- Aus Sicht der Technikentwicklung wird sich der syste-
dem irritieren. Hinzu kommen immer wieder matische Aufbau von IKT-Know-how über die Pflege-
vorgetragene Sorgen um den Datenschutz und die Da- ausbildung positiv auf die interdisziplinäre Zusam-

Müller/Hellweg (2013), Hentrich (2011).


14

28 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

menarbeit von Pflege und Technik auswirken und darfe an IKT-gestützte Anwendungen und -Lösungen
somit die Entwicklung digitaler Innovationen nachhal- adäquat zu formulieren.
tig unterstützen. Die Zusammenarbeit zwischen Tech-
nikentwicklung und Leistungsempfängerinnen und
-empfängern stößt nach Meinung der Expertinnen und
Experten aus der Technikentwicklung derzeit an Gren-
zen, da die Betroffenen selten in der Lage sind, ihre Be-

Projekt "SELBSTBESTIMMT UND SICHER" – Integriertes und


quartiersbezogenes Vernetzungskonzept für alle an der Pflege beteiligten
Akteurinnen und Akteure

• Beteiligte: Caritasverband Kinzigtal e. V., Informations- und Kommunikationsdienste


Discovergy GmbH, FZI Forschungszentrum > IT-Unterstützung für die Organisation
Informatik, Gesundes Kinzigtal GmbH, GS und Koordination kooperativer Pflege unter
electronic GmbH, Hochschule Furtwangen, Einbeziehung von Angehörigen, freiwillig
Vitakt Hausnotruf GmbH, vitapublic GmbH Engagierten, professionellen Pflegedienst-
• Projektdauer: 3 Jahre (Start: Februar 2013) leisterinnen und -dienstleistern sowie kom-
• Projektansatz: Das Projekt SELBSTBE- munalen Strukturen im Pflegenetzwerk
STIMMT UND SICHER verfolgt einen Ansatz, > Die Integration innovativer häuslicher
der die Begleitung von pflegebedürftigen Monitoringsysteme mit Anbindung an eine
Menschen nicht mehr als alleinige Aufgabe Service-Zentrale, welche die Sicherheitsbe-
von Institutionen begreift, sondern zivilgesell- dürfnisse von Pflegebedürftigen vor Ort
schaftliche und kommunale Akteurinnen erfüllen helfen
und Akteure in der Verantwortung sieht, den > Die IT-basierte Unterstützung von struktu-
Pflegebedarf aufzufangen. rierter Fallsteuerung (Case Management)
• Projektziel: Mithilfe technischer Assistenz- zur Optimierung der Versorgung durch die
systeme soll ein Modell entwickelt werden, Akteurinnen und Akteure des Pflegenetzwer-
das nicht nur räumliche Entfernungen kes (z. B. bei der Pflegeüberleitung oder in
überbrückt und Pflegekräfte entlastet, der Pflegeberatung)
sondern das Potenzial zivilgesellschaftlicher • Projektergebnis: Noch nicht bekannt
Hilfe ausschöpft und so eine bedarfsgerechte • Herausforderungen: Vernetzung aller
ambulante Versorgung sicherstellt und beteiligten Akteurinnen und Akteure in der
die Lebensqualität der Betroffenen erhöht. Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf
Konkret sind vorgesehen:
> Die IT-gestützte Vernetzung der Beteiligten
über ein regionales Internetportal und ein (http://www.projekt.selbstbestimmt-und-sicher.de/;
soziales Netzwerk sowie über Cloud-gestützte Stand 04.01.2017)

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 29


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.7 Der IKT-basierte Informationsaustausch Um den digitalen Informationsaustausch in der Pflege


zwischen den Akteurinnen und Akteuren im zu verbessern, ist der niedrigschwellige Zugang zu
Gesundheitssektor ist unzureichend IKT-Anwendungen für Pflegepersonal bzw. pflegende
Angehörige sowohl ambulant als auch stationär not-
Informationen digital zwischen den Akteurinnen wendig. Eines der zentralen Ziele ist es dabei, den pa-
und Akteuren in der Pflege und zwischen Pflege und piergestützten Informationsaustausch aufzuheben und
anderen Akteurinnen und Akteuren im Gesund- durch digitale Kommunikation – sowohl in Abrech-
heitssystem auszutauschen ist derzeit schwer nung als auch im Informationstransfer – zu ersetzen. In
möglich. Es fehlen die technischen Schnittstellen. diesem Zusammenhang favorisiert die Mehrzahl der
Hierbei spielen der fehlende Zugang zur Telematik- Akteurinnen und Akteure der Pflege eine fach- und sek-
infrastruktur (TI) sowie fehlende Regelungen zur torenübergreifende Gesamtlösung anstelle von Teillö-
Interoperabilität von Anwendungslösungen eine sungen. Andere Akteurinnen und Akteure sprachen
wichtige Rolle. sich für die bevorzugte Förderung von Teillösungen in
den einzelnen Fachrichtungen und Sektoren aus, um
Aus Sicht vieler Akteurinnen und Akteure ist die verbes- zeitnahe Lösungen zu ermöglichen und Probleme bei
serte Koordination im Pflegesektor eines der Hauptpo- der Vernetzung der Sektoren z. B. im Bereich Daten-
tenziale von IKT. 42 Prozent der Teilnehmerinnen und schutz zu umgehen.
Teilnehmer an der Onlinebefragung halten die Vernet-
zung von professionellen Versorgern für den relevan- Um technische Vernetzung innerhalb der Pflege mög-
testen Aspekt von IKT in der Pflege. lich zu machen, bedarf es der Vernetzung unterschied-
licher Systeme. Hierbei ist Interoperabilität, also die
Leistungsempfängerinnen und -empfänger sehen in Vernetzung von unterschiedlichen Systemen auf Basis
fehlenden technischen Schnittstellen im Gesundheits- gemeinsamer Schnittstellen, relevant und sollte insbe-
system ein großes Hemmnis für die Verbreitung und sondere aus Sicht der professionellen Dienstleisterin-
optimale Nutzung von IKT in der Pflege. Die Akteurin- nen und Dienstleister und pflegenden Angehörigen
nen und Akteure im Pflegesektor haben selten die Mög- befördert werden. Ein entsprechendes Interoperabili-
lichkeit, Informationen digital auszutauschen. Aber tätsverzeichnis für Standards, Profile und Leitfäden für
auch fehlende technische Schnittstellen zwischen den informationstechnische Systeme im Gesundheitswesen
IKT-Systemen der unterschiedlichen Sektoren und Ins- besteht bereits und adressiert auch E-Health-Produkte.16
titutionen im gesamten Gesundheitssektor, insbeson-
dere der Kassen, Pflegedienste und des Medizinischen Als ein grundlegendes technisches Hindernis vor Ort
Dienstes der Krankenversicherung (MDK), werden als für die Verbreitung von IKT in der Pflege identifizieren
Hemmnis identifiziert. Erste Best-Practice-Lösungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Workshop
deuten an, welche Potenziale technische Schnittstellen die Defizite in der IKT-Infrastruktur in Pflegeheimen
zwischen den beteiligten Akteurinnen und Akteuren und zu Hause bei den ambulant Pflegebedürftigen. Ei-
haben.15 46 Prozent der Befragten bewerten die man- nige Teilnehmer verwiesen hierbei explizit auf die man-
gelnde Vernetzbarkeit verschiedener Systeme als hem- gelhafte IKT-Infrastruktur im ländlichen Raum, andere
menden Faktor bei der Verbreitung von IKT in der Pfle- Teilnehmerinnen und Teilnehmer sahen grundsätzlich
ge. 40 Prozent der Befragten identifizierten fehlende eine unzureichende IKT-Infrastruktur. Hier sei der Aus-
Standards für den Einsatz von IKT in der Pflege als bau der Breitbandversorgung notwendig, der über ent-
hemmenden Faktor. sprechende Anreizsysteme gefördert werden sollte.

Projekt: "Vernetzte ärztliche Pflegeheimversorgung" (Pflegeheim Bethanien Sophienhaus und Dr. Irmgard Landgraf, Berlin).
15

SGB V § 291e Interoperabilitätsverzeichnis.


16

30 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Zudem kritisierten die Expertinnen und Experten feh- tronische Gesundheitsberuferegister (eGBR) und alter-
lende technische Schnittstellen zur Kommunikation nativ die nicht mögliche Ausgabe von HBAs durch den
zwischen den Akteurinnen und Akteuren der Pflege derzeit noch begrenzten Ausbau von Pflegekammern in
und anderen Akteurinnen und Akteuren im Gesund- den Bundesländern eingeplant und von allen Stakehol-
heitswesen, z. B. den Medizinerinnen und Medizinern. dern berücksichtigt werden. Hierfür sei der Dialog mit
Eine konkrete Anforderung der professionellen Dienst- anderen Akteurinnen und Akteuren, z. B. der gematik
leisterinnen und Dienstleister und pflegenden Angehö- und den Bundesländern, unerlässlich.
rigen ist die sukzessive Öffnung der TI für die Akteurin-
nen und Akteure der Pflege sowie die Einführung der Die Einführung von elektronischen Patientenakten ist
elektronischen Patientenakte in der Pflege bzw. den derzeit vorrangig für den Leistungsbereich von SGB V
schreibenden Zugriff auf die bereits geplante ePA. vorgesehen, Leistungen aus dem SGB XI können nicht
berücksichtigt werden. Der Zugriff der Pflegedienste
Derzeit ist der Zugriff auf Anwendungen der TI, z. B. der auf die ePA, bei der Erbringung von Leistungen der
Zugriff auf das Notfalldatenmanagement (NFDM), für häuslichen Krankenpflege nach SGB V, wird zudem po-
Akteurinnen und Akteure aus der Pflege theoretisch tenziell durch die fehlende Ausgabe von HBA und man-
vorgesehen, jedoch noch nicht konkret geplant. Da so- gels Anbindung an das sichere Netz der TI nicht mög-
wohl Pflege- als auch Wundbericht in vielen Fällen be- lich gemacht. Auch dieser Umstand stellt nach
reits elektronisch zur Verfügung stehen können, könn- Auffassung vieler Teilnehmenden am Workshop eine
ten diese problemlos integriert werden. Bei der erhebliche Begrenzung der zukünftigen IKT-Potenziale
phasenweisen Erprobung der TI sind die Akteurinnen in der Pflege dar. Andere Teilnehmende am Workshop
und Akteure der Pflege aktuell noch nicht vorgesehen. sahen die Digitalisierung der Pflege unabhängig von
Sie werden in den Online-Rollout-Stufen 1 und 2 bis- der Entwicklung und Anbindung an die TI.
lang nicht inkludiert. Dies ist jedoch aus Sicht der Ex-
pertinnen und Experten notwendig, um eine frühest-
mögliche Einbindung der Pflege nach Inbetriebnahme
der TI zu gewährleisten. In den Bundesländern, in de-
nen Landespflegekammern inzwischen gesetzlich auf
den Weg gebracht worden sind (derzeit in Rhein-
land-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein),
werden diese gemäß ihrer gesetzlich verbürgten Aufga-
ben zuständig sein für die Ausgabe von Heilberufeaus-
weisen. In den übrigen Bundesländern ohne Landes-
pflegekammern kann dies vom elektronischen
Gesundheitsberuferegister (eGBR) übernommen wer-
den. Ein Dialog zwischen den Beteiligten zur Abstim-
mung der Prozesse auch unter Einbezug der gematik
wird als unerlässlich angesehen.

Hierbei müssten professionsspezifische Zugangshin-


dernisse wie z. B. noch nicht festgelegte Prozesse zur
Ausgabe der HBA durch das länderübergreifende elek-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 31


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.8 IKT-Pflegelösungen stoßen auf Forschungs- und Entwicklungsbedarfe


mangelnde Akzeptanz für begleitende Studien im Kontext von IKT
in der Pflege
Bestehende IKT-Lösungen werden von Menschen [in %], n=63
mit Pflegebedarf und Anwenderinnen wie Anwen-
dern aus dem Bereich der Gesundheitsprofessio- 71
nen bisher zu wenig akzeptiert und angenommen. 66 65
Gründe hierfür sind defizitäre Designs, unzurei-
chende Nutzungs-Anleitungen sowie die fehlende
Einbindung von Nutzerinnen und Nutzern in die
Technologieentwicklung im Pflegesektor.

Den bestehenden Projekten im IKT-Bereich fehlt die


Akzeptanz durch Nutzerinnen und Nutzer. 37 Prozent
der Befragten in der Onlineerhebung sehen in fehlen-
der Akzeptanz bei Leistungsempfängerinnen und
-empfängern von IKT-Lösungen ein wesentliches
Hemmnis für deren Verbreitung. Bei den professionel-
len Dienstleisterinnen und Dienstleistern und pflegen-
den Angehörigen sind es 31 Prozent.

Die fehlende Akzeptanz spiegelt sich auch in Angaben


Ökonomische Nutzer- Anwender-
zum Forschungs- und Entwicklungsbedarf aufseiten
Aspekte kompetenz kompetenz
der Wissenschaft wie der Unternehmen wider. Aus Sicht
und und
von zwei Dritteln der befragten Expertinnen und Exper- -akzeptanz -akzeptanz
ten ist die Nutzerkompetenz und -akzeptanz ein wichti-
ges Forschungs- und Entwicklungsthema für IKT in der
Pflege. Es brauche auch mehr Begeisterung für IKT in
der Pflege, um die Akzeptanz bei den professionellen
Dienstleisterinnen und Dienstleistern und pflegenden
Angehörigen sowie Leistungsempfängerinnen und
-empfängern zu fördern. Pflegepersonal, Angehörige
und Pflegebedürftige müssen für den Gebrauch der
Produkte gewonnen werden. Sowohl Akteurinnen und
Akteure der Technikentwicklung als auch weitere wie
Kostenträgerinnen und -träger, Arbeitgeberinnen und
Arbeitgeber sowie Behörden sollten hierbei als Treiber
fungieren und durch attraktive Angebote und gute In-
formation für Akzeptanz sorgen.

32 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Angaben zu Hemmnissen für die Entwicklung von IKT in der Pflege


[in %], n=63

Mangelndes Wissen über Wirkungen des Technikeinsatzes


63
Unklare Geschäftsmodelle
55
Mangelnde Informations- und Beratungsangebote
46
Mangelnde Vernetzbarkeit verschiedener Systeme
46
Unklare Entscheidungsstruktur bei der Anschaffung von IKT
45
Mangelnde Bekanntheit verfügbarer technischer Lösungen
42
Fehlende Standards für den Einsatz von IKT in der Pflege
40
Aspekte der Datensicherheit
38
Fehlende Erfolgsbeispiele des IKT-Einsatzes in der Pflege
38
Interessenkonflikte in Organisationen bei IKT-Anschaffung
37
Fehlende Technikkompetenz von Leistungsempfängern
37
Fehlende Technikakzeptanz bei Leistungsempfängern
37
Mangelnde Verfügbarkeit technischer Lösungen
34
Juristische Aspekte
34
Fehlende Technikakzeptanz bei den Leistungserbringern
31
Mangelnde Robustheit und Verlässlichkeit der Systeme
28
Fehlende Technikkompetenz bei den Leistungserbringern
28
Fehlende Pflegedaten für das Gesundheitswesen
28
Ethische Aspekte
26
Fehlentwicklungen von technischen Innovationen
25

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 33


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Die Stärkung der Rolle der Kommunen in der Pflege die Akzeptanz der Nutzerinnen und Nutzer aus (siehe
durch das verabschiedete Pflegestärkungsgesetz III Kernaussage 2.10).
wird von den Akteurinnen und Akteuren hier als wich-
tiger Impuls gewertet. Gerade jetzt sollten aber diese 2.9 Die Akteurinnen und Akteure haben
Impulse durch gezielte Wissensvermittlung zum Ein- zu wenig Informationen zu IKT-Lösungen
satz von IKT in der Pflege bei den zuständigen Einrich- in der Pflege
tungen in den Kommunen unterstützt werden. Dazu
wäre es von Vorteil, wenn Bund und Länder weitere An- Marktteilnehmerinnen und -teilnehmern fehlt es
reize leisten könnten, um die Akzeptanz von IKT-Lö- an Transparenz und an Informationen hinsichtlich
sungen in Kommunen, bei Behörden, aber auch bei den bestehender Projekte, Akteurinnen und Akteure so-
Arbeitgebern und weiteren Multiplikatoren zu fördern. wie Lösungen auf dem IKT-Pflegemarkt. Existie-
rende gute Praxis zum IKT-Einsatz in der Pflege
Aus Sicht der Leistungsempfängerinnen und -empfän- wird heute selten zentral aufbereitet und selten
ger hängt die Akzeptanz der Nutzerinnen und Nutzer niedrigschwellig zur Verfügung gestellt.
von verfügbaren Informationen zum Nutzen und Ge-
brauch von IKT ab. Betroffene wissen derzeit oftmals zu Grundsätzlich gibt es nach Auffassung vieler Expertin-
wenig über den Einsatz und die Handhabung von digi- nen und Experten heute bereits gute Lösungen oder
talen Produkten und erkennen den persönlichen Nut- Technologien für IKT in der Pflege. Allerdings bleiben
zen nicht, den sie daraus ziehen können (siehe Kern- diese häufig unbekannt. So konnten lediglich 41 Pro-
aussage 2.8). zent der befragten Akteurinnen und Akteure mindes-
tens ein Produktbeispiel und 30 Prozent mindestens
Zudem hängt die Akzeptanz der Nutzerinnen und Nut- ein Projektbeispiel als Best Practice nennen (Online-
zer, laut der Expertinnen und Experten, davon ab, wie befragung). Nur weniger als 20 Prozent konnten jeweils
handhabbar und bedarfsgerecht IKT-Lösungen und zwei Beispiele für Best-Practice-Produkte bzw. -Projekte
-Anwendungen in der Pflegepraxis sind. Bedienungs- nennen. Dabei stammten ca. 60 Prozent der genannten
freundlichkeit und Servicequalität sind essenziell, soll- Beispiele aus der jeweils eigenen Organisation, ein Zei-
ten aber der jeweiligen Technikkompetenz der Nutze- chen dafür, dass die Transparenz in der Projektland-
rinnen und Nutzer entsprechen. Produkte, die sich bei schaft insgesamt noch gering ist. 42 Prozent erkennen
zugleich unaufdringlicher und wartungsarmer Technik mangelnde Bekanntheit verfügbarer technischer Lö-
intuitiv bedienen lassen, entlasten und überzeugen sungen als Hemmnis von IKT in der Pflege.
Nutzerinnen und Nutzer eher. Erkenntnisse zur Bedien-
barkeit, wie sie beispielsweise in Projekten wie UCARE
oder "Senioren-Technik-Botschafter" zusammengetra-
gen worden sind, müssten vermehrt in der Entwicklung
berücksichtigt werden.17

Unklare rechtliche Rahmenbedingungen oder Un-


kenntnis über diese sowie unklare oder erschwerte Ab-
rechnungsmöglichkeiten von IKT-Lösungen über die
Hilfsmittelkataloge SGB V und SGB XI wirken sich den
Aussagen im Workshop zufolge ebenfalls negativ auf

UCARE e. V., https://www.ucare-usability.de; Projekt "Senioren-Technik-Botschafter – Wissensvermittlung von Älteren für


17

Ältere", http://projekte.bagso.de/senioren-technik-botschafter/startseite/

34 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Angaben zu Kenntnissen über Best-Practice- auf die eigene Pflegesituation und den individuellen
Produkte und -Projekte Nutzen von IKT einschätzen zu können. Unabhängig-
[in %], n=63 keit der Beratung und ein regionaler Kontext der Ver-
mittlung oder Beratung werden für Informationsange-
41 bote von den Expertinnen und Experten in den
Workshops als besonders wichtig angesehen.
30
Um diesem Informationsbedürfnis gerecht zu werden,
muss nach Ansicht der Workshop-Teilnehmenden das
18 17 Know-how der kommunalen, freigemeinnützigen und
privaten Beratungsdienstleisterinnen und -dienstleis-
ter sowie in den Pflegestützpunkten (sofern vorhanden)
verbessert werden. In Ausstellungen, Portalen oder so-
genannten Living Labs im Sinne von nutzergerechten,
mind. 1 mind. 1 mind. 2 mind. 2 realweltlichen Forschungsumgebungen kann zudem
Produkt- Projekt- Produkt- Projekt- spielerisch der Nutzen demonstriert und so die Akzep-
beispiel beispiel beispiele beispiele tanz der Anwendungen erhöht werden. Schließlich
können innovative Pflegesettings wie reale ambulante
oder stationäre Praxisbeispiele als Leuchttürme dienen
Existierende gute Praxis zum IKT-Einsatz in der Pflege und impulsgebend auf andere Nutzerinnen und Nutzer
wird heute selten aufbereitet und niedrigschwellig zur wirken, beispielsweise über Medienberichte.
Verfügung gestellt. Das als Best-Practice-Projekt ausge-
zeichnete Projekt "Vernetzte ärztliche Pflegeheimver- Des Weiteren wünschen sich die Teilnehmerinnen und
sorgung" am Agaplesion Bethanien Sophienhaus wurde Teilnehmer der Workshops eine verbesserte Anleitung
beispielsweise erst einmal repliziert (mit dem Projekt bei der Verwendung von IKT-Produkten in der Praxis,
SPeed – "Sektorenübergreifende Pflegeakte zur effizien- z. B. während der Betreuung, Beratung und anderer
ten und effektiven Pflegedokumentation und Versor- Services. Dies impliziert außerdem die Verbesserung
gung" in Ingolstadt). des IKT-Know-hows des Pflegepersonals und die Ver-
ankerung entsprechender Themen in Lehrprogram-
Informationen zu Produkten, Anbieterinnen und An- men für Schule, Ausbildung, Fort- und Weiterbildung
bietern, Dienstleistungen und Kostenmodellen sind, verbunden mit einer überzeugenden Nutzenkommu-
laut der Vertreterinnen und Vertreter aller Akteursgrup- nikation (siehe Kernaussage 2.6).
pen, obwohl vorhanden, oft schwer zugänglich. So
wundert es nicht, dass 46 Prozent der Befragten man-
gelnde Informations- und Beratungsangebote als einen
hemmenden Faktor für eine verstärkte Verbreitung von
IKT in der Pflege sehen.

Leistungsempfängerinnen und -empfänger benötigen,


so wurde in den Workshops wiederholt formuliert, ziel-
gruppenspezifische Informationen, um die Wirkung

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 35


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.10 Abrechenbarkeit und Geschäftsmodelle bei IKT-Pflegelösungen. Unklare Ge-


Refinanzierbarkeit von IKT-Lösungen stellen schäftsmodelle werden auch von 55 Prozent der Befrag-
Herausforderungen dar ten (Onlinebefragung) als ein hemmender Faktor für
IKT in der Pflege angesehen. Zudem gelingt es Techni-
Abrechenbarkeit und Refinanzierungsmöglichkei- kentwicklerinnen und -entwicklern noch unzurei-
ten von IKT-Lösungen sind derzeit intransparent chend, den pflegerischen Mehrwert und die Wirtschaft-
oder nicht gegeben. Nutzerinnen und Nutzer lichkeit der IKT-Lösungen so gut darzustellen, zu
schrecken vor hohen privat zu tragenden Kosten belegen oder bekannt zu machen, dass auf dem zweiten
bei bestehender Unklarheit über Mehrwerte zu- Gesundheitsmarkt eine hohe Nachfrage entsteht.
rück. Akteurinnen und Akteure der Leistungser- Durch mangelnde Nachfrage werden außerdem private
bringung und Technikentwicklung konstatieren Investitionen in Innovationen für neue IKT-Lösungen
fehlende Abrechnungsmöglichkeiten aufgrund für die Pflege gebremst. Derzeit bestehen insgesamt
fehlender Evaluationsergebnisse. nur 12 Prozent aller IKT-Projekte im Pflegesektor ohne
externe Förderung am Markt.
IKT-Lösungen für die Pflege können über den ersten
Gesundheitsmarkt, d. h. durch die Erstattung über das Der Einsatz von IKT-Lösungen oder IKT-Teillösungen
Finanzierungssystem bzw. Krankenkassen oder öffent- im Rahmen sozialrechtlicher Leistungsansprüche kann
liche Einrichtungen, oder durch private Mittel finan- nur dann regelhaft erfolgen, wenn die technischen Sys-
ziert werden. Abrechenbarkeit durch Krankenkassen teme oder integrierte Teilsysteme in die Hilfsmittel-
setzt dabei einen nachgewiesenen Mehrwert sowie bzw. Pflegehilfsmittelverzeichnisse aufgenommen sind
Wirtschaftlichkeit voraus. Die Bereitschaft zur Über- bzw. explizit Erwähnung finden. Die fehlende Berück-
nahme von Kosten durch Nutzerinnen und Nutzer er- sichtigung von IKT-Lösungen im gesetzlichen Abrech-
gibt sich in der Regel durch Einsicht in den persönli- nungsrahmen, wie sie von den Expertinnen und Exper-
chen Mehrwert. 71 Prozent der Teilnehmerinnen und ten bemängelt wurde, wird größtenteils mit den noch
-teilnehmer der Onlinebefragung werten ökonomische fehlenden Evaluationsergebnissen zu Wirtschaftlich-
Aspekte noch als zentrales Entwicklungsthema im Be- keit und pflegerischem Nutzen der IKT-Anwendungen
reich IKT in der Pflege. begründet (Siehe Kernaussage 2.12). Die Evaluation des
Nutzens sollte dabei immer auch im Hinblick auf die
Die Diskussionsrunden in den Workshops verweisen da- begrenzten Ressourcen der Sozialversicherungen und
rauf, dass unzureichende Informationen über Kosten im Vergleich mit nachweislich wirtschaftlichen und
und Nutzen bei den Leistungsempfängerinnen und nützlichen Lösungen, z. B. häuslichen Pflegehilfen,
-empfängern und fehlende Transparenz im Anbieter- geschehen. Aus sozialrechtlicher Sicht gehen mit der
markt dazu führen, dass IKT-Lösungen noch selten an- Forderung, IKT-(Teil-)Lösungen in das Hilfs- bzw. Pfle-
geschafft werden. Es entstehe bei den Betroffenen der gehilfsmittelverzeichnis aufzunehmen, auch Heraus-
Eindruck, dass IKT ausschließlich mit hohen, privat zu forderungen einher, so beispielsweise hinsichtlich der
tragenden Kosten verbunden ist und wenig passgenaue, Definition des Begriffes Hilfsmittel, hinsichtlich der
nützliche und wirtschaftliche Lösungen vorhanden Kriterien zur Aufnahme in die Verzeichnisse und der
sind, die einen privaten Mehraufwand lohnenswert ma- Struktur der Verzeichnisse. Eine Prüfung dieser und
chen. Dies gelte insbesondere für Lösungen für die weiterer noch offener Fragen stellt den ersten Schritt
häusliche Umgebung. Gerade die Technikentwicklerin- einer Analyse dar, inwiefern eine Vergütung im Rah-
nen und -entwickler beklagten aber auch Unklarheit der men des Sozialrechts möglich ist.

36 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Das Projekt "Vernetzte ärztliche Versorgung im Pflegeheim" schafft eine


verbesserte Kommunikation zwischen Arzt und Pflegeeinrichtung

• Beteiligte: Bethanien Sophienhaus und • Projektergebnis: Verbesserung der pharma-


Dr. Irmgard Landgraf kologischen und stationären Versorgung der
• Projektdauer: Start 1999 im Rahmen des Bewohner durch die elektronische Vernetzung
"Berliner Projektes" von Arzt und Pflegeheim, u. a.:
• Projektansatz: Etablierung einer sicheren > Verringerung der Anzahl der Krankenhaus-
Zugriffsmöglichkeit auf das Dokumentati- tage je Bewohner bei den Patienten mit
onssystem eines Pflegeheims für den vernetzter Versorgung auf 4,2 Tage von
betreuenden Hausarzt 11,6 Tagen bei der Vergleichsgruppe (2013)
• Projektziel: Verbesserung der Kommunikation > Senkung der Zahl der Krankenhausfälle
zwischen Arzt und Pflegepersonal und je Bewohner auf 0,4 Tage gegenüber
optimierte Patientenüberwachung zur: 0,9 Tagen bei der Vergleichsgruppe (2013)
> Optimierung der Austauschmöglichkeiten • Herausforderungen: Schwierigkeiten beim
zwischen Arzt und Pflegepersonal sowohl Einsatz mehrerer Hausärzte im Pflegeheim
über den Zustand und Veränderungen der (Prinzip der freien Arztwahl) und mangelnde
Gesundheit der Pflegebedürftigen als auch Vergütung telemedizinischer Versorgung
über Anpassungen der Behandlung
> stärkeren Einbindung der Pflegekräfte in
Diagnostik und Therapie

UCare e. V. unterstützt kleine und mittlere Softwareunternehmen in der


Sozialwirtschaft bei der Verbesserung der Softwareusability

• Beteiligte: UCARE e. V. > Entwicklung technologischer Bausteine und


Gründungsmitglieder: FINSOZ e. V., Guidelines für die Usability-Bewertung
TARGIS GmbH, embeteco GmbH & Co. KG, während der Entwicklung unter Einbeziehung
euregon AG, ConsultSocial GbR, multimodaler Interaktionsformen
OFFIS e. V. & Alexander Jüptner > Mediation zwischen Herstellerinnen
• Projektdauer: Entstanden aus dem und Herstellern sowie Anwenderinnen und
Forschungsprojekt UCARE (November 2013 Anwendern
– Oktober 2016) • Projektziel: Verbesserung der Usability von
• Projektansatz: Unterstützung der Herstelle- Software in der Sozialwirtschaft zur:
rinnen und Hersteller sowie Anwenderinnen > Verbesserung der Arbeitsabläufe in der
und Anwender von Branchensoftware bei der Pflege durch effizientere Software
Bewertung, Implementierung und Standardi- > Schaffung einer intuitiven Bedienbarkeit
sierung von Usability durch: jeglicher digitaler Arbeitsmittel
> Unterstützung kleiner und mittlerer • Projektergebnis: Mündung des befristeten
Herstellerinnen und Hersteller von Branchen- Forschungsvorhabens in den Verein
software sowie Anwenderinnen und Anwen- • Herausforderungen: Sensibilisierung von
der mittels Integration nutzerzentrierter kleinen und mittleren Softwareunternehmen
Methoden für die Softwareentwicklung für das Thema Usability

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 37


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.11 Die Förderpolitik für IKT-Lösungen im Besonders mangelt es den Expertinnen und Experten
Pflegesektor muss sich weiterentwickeln zufolge an Möglichkeiten der Anschlussfinanzierung,
die eine Weiterentwicklung von technischen Innovatio-
Die aktuelle Förderpolitik fokussiert technische nen bis zur Praxisreife unterstützen und entsprechende
Innovationen in der Pflege. Größter Förderer ist Wirksamkeits- und Nutzennachweise ermöglichen
dabei der Bund. Eine bedarfsgerechte Weiterent- können (siehe Kernaussage 2.12).
wicklung der Förderpolitik ist erkennbar, die be-
stehenden Förderbedingungen sind allerdings Die jüngst aufgelegten Fördermöglichkeiten über den
noch nicht optimal geeignet, um IKT-Projekte im Innovationsfonds der GKV bieten Spielräume für die Er-
Pflegesektor nachhaltig zur Marktreife zu führen. probung von Versorgungskonzepten an der Schnittstel-
le von Gesundheitsversorgung und Pflege, zum Beispiel
Aktuell werden IKT-Projekte in der Pflege häufig vom zur gesundheitlichen Versorgung Pflegebedürftiger
Bund gefördert. Zweitgrößter Förderer ist nach Analyse oder zur besseren Vernetzung von Gesundheitsversor-
von 217 identifizierten Projekten die EU. Doppelförde- gung und Pflege. Ziel des von 2016 bis Ende 2019 lau-
rungen sind selten. fenden Fonds ist es, mit jährlich 300 Mio. Euro die Ver-
sorgung in der Gesetzlichen Krankenversicherung
Der derzeitigen Förderpolitik gelingt es noch nicht hin- nachhaltig weiterzuentwickeln und zu verbessern. Mit
reichend, IKT-Lösungen für die Pflege nachhaltig und innovativen Versorgungsansätzen sollen Lösungen er-
zur Markreife hin zu fördern. Die Förderbedingungen probt werden, die dazu dienen, Sektorengrenzen zu
begünstigen bislang vorzugsweise die Entwicklung überwinden, die Zusammenarbeit zu stärken und Ver-
technischer Innovationen. Erst jüngst adressieren ent- sorgungsprozesse patientenorientiert zu verbessern.
sprechende Förderlinien18 vermehrt auch die Bedarfsla- Von der Förderung ausgenommen sind Vorhaben zur
gen der Pflegepraxis und entsprechender Dienstleis- Produktentwicklung und Projekte, die dazu dienen sol-
tungen. Häufig reichen die Fördermittel und -zeiträume len, produktbezogene Erkenntnisse oder grundlegende
dabei jedoch lediglich zur Entwicklung von Prototypen Nutzenerkenntnisse für die Anwendung eines Produkts
aus. Deshalb, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu gewinnen. Eine Verbreiterung der Fördermöglich-
der Workshops, gelangen viele Produkte nicht zur keiten für Projekte aus dem Pflegebereich wird in Anbe-
Marktreife und finden folglich auch keinen Eingang in tracht der Anzahl und zunehmender Wichtigkeit des
die Regelversorgung. Um diesen Kreislauf zu durchbre- Themengebiets als wünschenswert betrachtet. Insbe-
chen, sollte die Förderung noch stärker entlang der tat- sondere die Verknüpfung von IKT-Lösungen und Pflege
sächlichen, zum Teil sozialen und kommunikativen wird hierbei gefordert.
Kontexte in der Pflege ausgerichtet und die Marktgän-
gigkeit evaluiert werden. Es wird in diesem Zusammen-
hang von sogenannten sozio-technischen Herausforde-
rungen gesprochen. So könnten mehr Projekte in die
Regelversorgung aufgenommen werden oder sich über
den zweiten Pflegemarkt verbreiten lassen.

Vgl. BMBF (2016): Richtlinien zur Durchführung des Wettbewerbs "Zukunft der Pflege: Mensch-Technik-Interaktion für die
18

Praxis" vom 19. August 2016, oder BMWi (2016): Bekanntmachung zur Förderinitiative "Mittelstand 4.0" – weitere Kompetenz-
zentren für "Innovative Lösungen für die Digitalisierung und Vernetzung der Wirtschaft" vom 22. August 2016.

38 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Fördergeber von IKT-Projekten in der Pflege und Förderungsstruktur


[in %], n=217

59  Einzelförderung
  Mehrere Förderer

11 12
9
7
2

Bund EU Länder Stiftung & Forschung Keine 95


Verbände Förderung

Projekt "Besser leben im Alter durch Technik" – Wissenstransfer zu


technischen Assistenzsystemen und Hilfsmitteln für ein selbstständiges
Leben im Alter auf kommunaler Ebene

• Beteiligte: BMBF, FZI Karlsruhe, deutschen Markt vorhandenen Assistenzsys-


22 Kommunen teme abzubilden, nach praxisorientierten
• Projektdauer: 2 Jahre (Start: Anfang 2014) Suchmustern zu strukturieren und mit
• Projektansatz: Das Wissen und die Bera- Preis- und Installationshinweisen zu versehen.
tungskompetenz zu bereits auf dem Markt • Projektergebnis: Anlegen einer Referenzda-
existierenden, aber häufig wenig bekannten, tenbank zu technischen Assistenzsystemen
technischen Hilfen und Assistenzsystemen und Erstellung eine Broschüre mit der
wird aufbereitet und über eine Referenzda- Beschreibung von 22 Wegen zur Umsetzung
tenbank verfügbar gemacht (www.wegwei- einschlägiger Projekte auf kommunaler
seralterundtechnik.de). Ebene
• Projektziel: Ziel ist es, ältere oder einge- • Herausforderungen: Die Integration assistiver
schränkte Menschen zu unterstützen, Technologien in den Alltag alter Menschen
möglichst lange und selbstständig zu Hause
leben können. Mit der Datenbank verfolgt das (https://www.bmbf.de/pub/Besser_leben_im_Alter_
BMBF das Ziel, langfristig alle auf dem durch_Technik.pdf; Stand 04.01.2017)

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 39


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.12 Evaluationsmethoden und -ergebnisse für Alle befragten Akteurinnen und Akteure betonten die
IKT-Lösungen sind derzeit unzureichend Potenziale, die durch Evaluation für die Verbreitung
von IKT-Lösungen entstehen könnten. Die Evaluation
Es mangelt an geeigneten Evaluationsmethoden von IKT-Lösungen solle daher verstärkt und gezielt ge-
und an substanziellen evidenzbasierten Erkennt- fördert werden. In Bezug auf geeignete Evaluationsme-
nissen zu den Wirkungen und zum Nutzen von IKT thoden wird einerseits die Anlehnung an Standards zur
in der Pflege. Dies erschwert die Marktgängigkeit Forschung im Gesundheitswesen (z. B. Gesetz über Me-
von Produkten. dizinprodukte, MPG, oder Arzneimittel) empfohlen,
andererseits müssten aber auch spezifische Bedingun-
63 Prozent der Befragten der Onlinebefragung sehen gen von Prozessen und Strukturen in der Pflege berück-
fehlendes Wissen über die Wirkungen technischer sichtigt werden. Entsprechende Untersuchungen soll-
Hilfsmittel in der Pflege als größten hemmenden Fak- ten auch als Längsschnittstudien angelegt sein.
tor für den IKT-Einsatz in der Pflege. Dies wird auch mit
mangelnden Evaluationsstudien zum IKT-Einsatz in 2.13 Sicherheit und Schutz persönlicher
der Pflege begründet. Herausforderungen ergeben sich Daten sind maßgeblich für die Akzeptanz von
demnach in Bezug auf die Messbarkeit von Verbesse- IKT-Lösungen in der Pflege
rung der Lebens- und Pflegequalität und von Effizienz-
steigerung. Mehr und zielgenaue Evaluation wird als Sicherheit und Schutz persönlicher Daten sind
zentraler Faktor zur Etablierung von IKT in der Pflege wichtige Themen bei IKT in der Pflege. Akzeptanz
gesehen. Hier wären nach Auffassung der Expertinnen und Nutzung von IKT-Lösungen im Pflegesektor
und Experten methodische Weiterentwicklungen vor- hängen maßgeblich vom Vertrauen darauf ab, dass
anzutreiben. die Daten verantwortungsbewusst und nur auf den
individuellen Fall bezogen eingesetzt werden und
Kostenträgerinnen und -träger sowie Wissenschaft beto- nur Berechtigte Zugriff haben.
nen die Notwendigkeit einer methodisch kontrollierten
IKT-Entwicklung, -Erprobung und -Evaluation in der Die Entwicklung von datenschutzkonformen Lösungen
Pflege (Experteninterviews). Neben der Überprüfung und die Einhaltung datenschutzrechtlicher Standards
des Innovationsgehaltes von IKT-Lösungen müsse bei der Anwendung von IKT-Lösungen in der Pflege ist
gleichzeitig sichergestellt sein, dass die Produkte einen eine der zentralen Anforderungen. Gerade in denjeni-
erkennbaren Nutzen/Mehrwert für die Nutzerinnen und gen Bereichen, in denen hochsensible persönliche Da-
Nutzer haben. Dieser Mehrwert muss, so die Befragten, ten gewonnen und verarbeitet werden, muss die Privat-
möglichst zu quantifizieren und transparent kommuni- sphäre jederzeit gewahrt sein. Aus Sicht der befragten
zierbar sein. Mit Blick auf Wirksamkeit und Nützlich- Akteurinnen und Akteure (Onlinebefragung) zählt Da-
keit/Mehrwert sind dabei verschiedene Nutzergruppen tenschutz neben der Nutzer- und Bedarfsorientierung
zu differenzieren, z. B. Menschen mit demenziellen Er- mit 67 Prozent zu den wichtigen Faktoren bestehender
krankungen, Menschen am Lebensende, pflegende An- IKT-Konzepte in der Pflege. Diese These wurde mehr-
gehörige, professionell Pflegende etc. Die Ergebnisse fach in den Expertenworkshops unterstrichen.
der Wirksamkeits- und Nutzenbewertungen müssten
auch in der Förderpolitik berücksichtigt werden. Zugleich werten 38 Prozent der Befragten Akteurinnen
und Akteure (Onlinebefragung) die Sorge um die Da-
tensicherheit als wesentliches Hemmnis für den Ein-

40 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Inhalte bestehender IKT-Konzepte in der Pflege


[in %], n=25

85

74 74
67

59
52

Nutzer- Nutzer- Bedarfs- und Datenschutz Ethische Inter-


einbindung akzeptanz Anforderungs- Herausforde- professionelle
analysen rungen Kommunikation

satz von IKT in der Pflege. Auch in den verschiedenen 2.14 Die Forschung adressiert IKT in der
Workshops ist das Thema der Datensicherheit wieder- Pflege noch nicht umfänglich genug
holt diskutiert worden. Demnach befürchten die Nutze-
rinnen und Nutzer von IKT-Lösungen und -Anwendun- Die Forschung muss das Thema IKT in sozialen
gen in erster Linie den Verlust der Kontrolle und der Kontexten zukünftig stärker fokussieren, der Pfle-
Steuerungshoheit über ihre gesundheits- und pflegebe- geforschung muss dabei eine größere Rolle einge-
zogenen Daten. Gepaart mit fehlendem Wissen über räumt werden. Aber auch interdisziplinäre Ansätze
Datenverarbeitung und Datensicherheit entsteht bei sind weiterhin gefragt.
Leistungsempfängerinnen und -empfängern schnell
das Gefühl der Unsicherheit und Abhängigkeit und da- Wissenschaft und Forschung spielen eine zentrale Rol-
durch die Furcht vor Datenmissbrauch. Unzureichende le beim Thema IKT in der Pflege – zusammen 12 Pro-
Information etwa durch bekannte Beratungsstellen ver- zent der bisherigen IKT-Projekte in der Pflege, die nicht
schärfen aus Sicht der Betroffenen die Situation. nach dem neuen Begutachtungsinstrument zugeord-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 41


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

net werden können, adressieren die Themen Forschung ne Forschungsergebnisse transparent und somit auf
und Evaluation. Weiterhin wird von den Teilnehmen- breiter Basis verwertbar gemacht werden.
den an der Onlinebefragung ein großer Bedarf an For-
schung gesehen: 89 Prozent der Befragten konnten Nicht zuletzt wirkt sich, so die Expertinnen und Exper-
heute schon mindestens ein inhaltliches Thema benen- ten in den Workshops, das Fehlen von Langzeitevalua-
nen, das sie als relevant für die zukünftige Bearbeitung tionen hemmend auf die Verbreitung von IKT in der
durch Wissenschaft und Forschung erachten. 43 Pro- Pflege aus. Derzeit seien Bedienbarkeit-Tests von ledig-
zent der Akteurinnen und Akteure sehen dabei in der lich vier bis sechs Monaten die Regel, aus denen die
Vernetzung von professionellen Leistungsanbieterin- Effekte und möglichen Mehrwerte von IKT im Praxis-
nen und -anbietern ein wesentliches Forschungsfeld. einsatz jedoch nicht ablesbar seien.

Nach Ansicht eines Teils der Workshop-Teilnehmenden, 2.15 Im IKT-Pflegesektor herrscht großes
zu denen auch Pflegewissenschaftler zählten, beschäf- Innovationspotenzial – trotzdem gibt es nur
tigt sich die Pflegewissenschaft bislang noch nicht aus- wenige Start-ups
reichend mit Fragen der Technikentwicklung, -nutzung
und -evaluation in der Pflege. Ein Grund hierfür sei die Obwohl große Innovationspotenziale vorhanden
im internationalen Vergleich ungenügende Ausstattung sind, weist der Pflegesektor, anders als im
der Pflegewissenschaft in Deutschland, insbesondere E-Health-Bereich, nur wenige Start-up-Aktivitäten
im Bereich der Forschung. Andere Teilnehmer wollten auf. Vorhandene Start-ups bieten zumeist Platt-
die Rolle der Pflegewissenschaften bei der Verbreitung form-Lösungen an. Strukturierte Unterstützungs-
von Wissen über IKT in der Pflege nicht bewerten. leistungen, um IKT-Start-ups in der Pflege zu för-
dern, existieren noch nicht.
Mehrere Akteursgruppen in den Workshops verweisen
auf die mangelnde Interdisziplinarität in der Forschung Innovationspotenzial für IKT in der Pflege ist vorhan-
und Entwicklung von IKT in der Pflege. Die Zusammen- den. So haben 45 Prozent der Teilnehmenden an der
arbeit mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Diszi- Onlinebefragung Ideen für Lösungen im Bereich IKT in
plinen oder Fachgebieten, etwa der Medizin, Soziologie der Pflege, die sie gerne realisieren würden. Rund 21
oder Ethik, setze hier, wenn überhaupt, zu spät ein. In- Prozent der Projektideen betreffen die digitale Vernet-
terdisziplinarität sollte dabei auch verstanden werden zung von Akteurinnen und Akteuren im Gesundheits-
als Aufforderung zur Zusammenarbeit aller relevanten und Pflegewesen sowohl untereinander als auch mit
Akteurinnen und Akteure auf Augenhöhe. den Leistungsempfängerinnen und -empfängern.
Knapp 17 Prozent der Innovationsvorschläge fokussie-
Konkret werden in den Workshops Forschungen zur ren Smart-Home-Systeme in der Pflege und gut 10 Pro-
Evaluation des Pflegeprozessmodells mit Blick auf zent planen IKT-fokussierte Forschungsprojekte.
mögliche Schnittstellen zu technischen Innovationen
und der technisch gestützten Kommunikation mit den Bislang gibt es nach Einschätzungen von Teilnehmen-
Leistungsempfängerinnen und -empfängern ange- den an den Experteninterviews im Pflegesektor jedoch
mahnt. In diesem Bereich sehen insbesondere die pro- nur wenig dynamische Start-up-Aktivität. Bestehende
fessionellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und Start-ups halten häufig Plattform-Angebote vor, die be-
pflegenden Angehörigen Verbesserungspotenziale stehende Dienstleistungen lediglich bündeln und ver-
durch IKT-Lösungen. Zudem sollten bereits vorhande- mitteln. So sind in den vergangenen Jahren diverse

42 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

Plattformen entstanden, die Leistungserbringer für die Leistungsempfängerinnen und -empfänger, professio-
ambulante Pflege vermitteln.19 Anders als z. B. im Be- nelle Dienstleisterinnen und Dienstleister und pflegen-
reich der Medizintechnik, wo aktuell viele Start-ups ent- de Angehörige, zusammengefasst als "Nutzerinnen und
stehen, existieren im Pflegesektor in Deutschland noch Nutzer" von IKT-Lösungen in der Pflege, sind diejeni-
wenig innovative Technik- oder Dienstleistungsproduk- gen Akteursgruppen, die maßgeblich über eine entste-
te. Zudem gibt es in Deutschland nach Einschätzung hende Nachfrage, passende Angebotsentwicklungen
der Expertinnen und Experten keine relevanten Inku- und nachhaltige Verbreitung von IKT-Lösungen in der
batoren oder Akzeleratoren, die das Thema IKT in der Pflege mitentscheiden werden. Deshalb wurden in den
Pflege gezielt adressieren und somit Pflege-IT-Start-ups durchgeführten Workshops insbesondere die konkre-
fördern. Die Einrichtung solcher Institutionen wird als ten Bedürfnisse und Bedarfe der Nutzerinnen und Nut-
wünschenswert betrachtet (Siehe Kapitel 5.2). Zudem zer auf der einen Seite sowie die Barrieren und Hemm-
können spezifische Fördermöglichkeiten für Start-ups nisse von IKT-Lösungen in der Pflege auf der anderen
mit dem Fokus auf IKT in der Pflege weitere Potenziale Seite aus Sicht dieser Akteursgruppen diskutiert. Die
für Firmengründungen und innovative Projekte im folgenden drei Kernaussagen synthetisieren die Ker-
Start-up-Bereich heben. nergebnisse dieser Diskussionen.

"InterMem – Interactive Memories" – Technikgestützte Biografiearbeit


und Erinnerungspflege mithilfe von Mixed-Reality-Systemen

• Beteiligte: Demenz-Support Stuttgart auch Einsatzpotenziale großer interaktiver


gGmbH, Julius-Maximilians-Universität Oberflächen (Surface Computing) und
Würzburg, Hochschule Furtwangen, Vertigo interaktiver Objekte (Smart Objects, Mixed
Systems GmbH, User Interface Design Reality) untersucht werden.
GmbH, Fürstlich Fürstenbergischer Landes- > Optimierte Interfaces: Es soll untersucht
spitalfond, Marienhaus St. Johann e. V. werden, wie Systeme zur technikgestützten
• Projektdauer: 3 Jahre (Start: Juli 2015) Erinnerungspflege gestaltet sein müssen,
• Projektansatz: Das Projekt "Interactive damit sie von Menschen mit Demenz selbst
Memories" befasst sich mit dem Thema genutzt werden können. Dazu wird die
Biografiearbeit und Erinnerungspflege bei Entwicklung und Evaluation von "minimalen"
Menschen mit Demenz im stationären und Interfaces und die Untersuchung von Ansät-
häuslichen Kontext. Im Zentrum steht dabei zen zur impliziten Steuerung auf Basis der
insbesondere die Erprobung neuer techni- Beobachtung der Nutzerin und des Nutzers
scher Möglichkeiten in der Erinnerungspflege. (z. B. Erkennung der Aufmerksamkeit)
• Projektziel: vorgesehen.
> Neue Interaktionsformen: Es soll untersucht • Projektergebnis: Noch nicht bekannt
werden, wie digitale Medien und neue • Herausforderungen: Einsatz neuer Technolo-
Interaktionsformen genutzt werden können, gien bei Menschen mit Demenz
um Biografiearbeit und Erinnerungspflege
zu unterstützen. Dabei sollen insbesondere (http://intermem.org/; Stand: 04.01.2017)

Z. B. Pflege.de, Pflegetiger.de, Pflegix.de.


19

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 43


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.16 Leistungsempfängerinnen und -empfänger chen sich für eine "radikale Nutzerorientierung" in der
fordern eine verstärkte Einbindung in die technischen Entwicklung aus, wobei die Heterogenität
Technikentwicklung und bessere Informationen der Nutzergruppen berücksichtigt werden müsse. Dies
spreche auch für einen deutlichen Ausbau des intersek-
Leistungsempfängerinnen und -empfänger sehen toralen Dialogs, besonders der Zusammenarbeit zwi-
in ihrer mangelnden Einbindung in die Technikent- schen Pflegepraxis, Pflegeforschung und Technikent-
wicklung einen Hinderungsgrund für die Verbrei- wicklung. Der Ausbau der Wissensvermittlung zu den
tung von IKT in der Pflege. Zudem herrscht aus ih- Themen "Alter" und "Pflege" in den technischen Fä-
rer Sicht mangelnde Transparenz über vorhandene chern könnte diesen Dialog befördern. Die Forderung
Lösungen, Anbieterinnen und Anbieter sowie Fi- dieser Expertinnen und Experten, Betroffene mehr in
nanzierungsmodelle. Technikentwicklung einzubeziehen, korrespondiert
mit den Ergebnissen der Onlinebefragung, wonach 65
Expertinnen und Expertinnen, die insbesondere die Prozent der Akteursgruppen die Nutzereinbindung als
Perspektive von Leistungsempfängerinnen und -emp- zentrales Entwicklungsthema für die IKT-Forschung in
fängern einnehmen, bemängeln, dass die Nutzerinnen der Pflege ansehen.
und Nutzer – ob als Pflegebedürftige und pflegende An-
gehörige oder als professionell Pflegende – bislang Aus Sicht der Leistungsempfängerinnen und -empfän-
noch nicht ausreichend in die Entwicklung von IKT-Lö- ger seien zudem Vor- und Nachteile digitaler Lösungen
sungen einbezogen werden. Deshalb geht die Techni- und Anwendungen nicht ausreichend transparent. Es
kentwicklung aus ihrer Sicht oft an den Bedürfnissen gebe keinen hinreichenden Marktüberblick über die
der Betroffenen vorbei. Allerdings sei es nicht immer vorhandenen Produkte und Anbieterinnen und Anbie-
leicht, beispielsweise Pflegebedürftige einzubinden: ter, ebenso wenig gezielte Informationen darüber, wel-
IKT-Entwicklungsprojekte haben häufig eine lange Vor- che Lösungen in welchem Maße für bestimmte Anwen-
laufzeit, für die eine Nutzereinbindung nur schwer zu dungsfälle geeignet sind. Unzureichende rechtliche
realisieren ist. Die in die Technikentwicklung einge- Rahmenbedingungen, z. B. schwer lesbare und kaum
bundenen Nutzerinnen und Nutzer müssten durchge- verständliche allgemeine Geschäftsbedingungen und
hend begleitet werden, was zu erhöhten Ressourcen- Bedienungsanleitungen, verunsicherten zusätzlich.
aufwendungen führen kann. Zudem seien vulnerable Hinzu komme, dass der Pflegemarkt im ambulanten
Nutzergruppen (z. B. Menschen mit demenziellen Er- Bereich hochfragmentiert ist. Entsprechend heterogen
krankungen, Menschen am Lebensende) nur schwer sei das Angebot an verbraucherorientierten Produkten,
für entsprechende Prozesse zu gewinnen. Ebenfalls weshalb die Nutzerinnen und Nutzer die Bedienung je-
stellen sich dann auch weitergehende forschungsethi- des Produkts neu erlernen müssten, anstatt auf einheit-
sche Fragen. lichen Standards aufbauen zu können.

Im Ergebnis, so die Einschätzung der Teilnehmenden Nicht zuletzt schreckten hohe Kosten sowie unzurei-
an den Workshops, adressieren IKT-Lösungen aktuell chende Informationen über Finanzierungskonzepte
nur "Bedürfnisinseln" in der Pflege und werden bislang die Leistungsempfängerinnen und -empfänger davon
noch nicht als sinnvolle Ergänzung der bestehenden ab, IKT-Lösungen zu nutzen oder anzufragen.
Dienstleistungen angeboten und vermarktet. Die Ver-
treterinnen und Vertreter der Leistungsempfänger plä-
dieren daher für einen Paradigmenwechsel und spre-

44 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.17 Pflegende fordern eine bessere Vernetzung bedienende und zu verstehende IKT-Lösungen für die
der Akteursgruppen sowie mehr Unterstützung Fachkräfte sowie auch für die pflegenden Angehörigen
bei der Nutzung von IKT-Lösungen angeboten werden.

Pflegende fordern insbesondere die verstärkte Ein- Auch mit Blick auf einzelne Dienstleistergruppen wur-
bindung von digitalen Lösungen, um die Vernet- de frühzeitige und wirksame Unterstützung im Um-
zung im Pflegeprozess sowie die Kommunikation gang mit IKT wiederholt angemahnt. An erster Stelle
und Zusammenarbeit mit anderen Akteurinnen sei dazu die Technikkompetenz von Pflegefachpersonal
und Akteuren im Pflegesektor voranbringen zu schon mit der Ausbildung zu fördern. Fachkräfte müss-
können. Zudem fühlen sie sich nicht gut auf IKT-Lö- ten demnach in die Lage versetzt werden, die Vor- und
sungen vorbereitet. Nachteile von IKT-Lösungen zu erkennen und ihren
Einsatz im Einzelfall abzuwägen. Dies ist ein zentraler
Die Expertinnen und Experten, die in den Workshops Faktor, um langfristig Akzeptanz bei den professionel-
die Perspektive der Leistungserbringung eingenom- len Dienstleisterinnen und Dienstleistern und pflegen-
men haben, erhoffen sich durch IKT die Optimierung den Angehörigen herzustellen. Die gezielte Auseinan-
und Vereinfachung des Pflegeprozesses, also der Vor- dersetzung mit IKT-Kompetenzen sei dann auch zum
bereitung, Durchführung und Evaluation professionel- Thema in den Fort- und Weiterbildungen der Pflege zu
ler Pflege. Vor dem Hintergrund der Diversität der Ak- machen (siehe Kapitel 3.1).
teurinnen und Akteure im Pflege- und insbesondere
im Gesundheitswesen müsse den Einschätzungen zu- Um die Verbreitung von IKT-Lösungen in der Pflege zu
folge ein Prozessmuster-Wandel hin zur stärkeren Ver- fördern, ist es aus Sicht der Vertreterinnen und Vertre-
netzung und besseren Kommunikation im interdiszip- ter der Pflegenden zudem wichtig, die Pflege als gleich-
linären Kontext vollzogen werden. Hierbei soll IKT die berechtigte Profession im Gesundheitssystem zu profi-
verschiedenen Dienstleisterinnen und Dienstleister lieren, institutionalisierte Interessenvertretungen seien
mit dem Ziel untereinander vernetzen, redundante In- von besonderer Bedeutung, um die Belange der Pfle-
formationsbestandteile zu verhindern sowie die Kom- genden im Bereich der IKT konzentriert und kompe-
munikation mit weiteren Personengruppen, z. B. den tent zu vertreten.
Angehörigen, zu verbessern. Wenn ein solcher Prozess-
muster-Wandel gelinge, könnten IKT-Lösungen mehr
Zeit für eine personenzentrierte Pflege schaffen und
damit auch die Akzeptanz unter den professionellen
Dienstleisterinnen und Dienstleistern und pflegenden
Angehörigen erhöhen. Dabei müsse jederzeit rechtli-
che Sicherheit zu den Folgen des IKT-Einsatzes herr-
schen. Die Verwendung einer einheitlichen Fachspra-
che der Pflege ist nach Einschätzung der Vertreterinnen
und Vertreter der professionellen Dienstleisterinnen
und Dienstleister und pflegenden Angehörigen bei der
Vernetzung der Akteurinnen und Akteure und Systeme
förderlich. Für den Ausbau der Zusammenarbeit im
Pflegealltag sollen aus Sicht der Pflegenden leicht zu

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 45


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

2.18 Die Technikentwicklung fordert eine bessere Anwendungen und Lösungen, auch die Einbin-
bessere technische Infrastruktur dung der Nutzerinnen und Nutzer würde sich intensi-
vieren, was wiederum die Akzeptanz von IKT in der
Vertreterinnen und Vertreter aus der Technikent- Pflege erhöhen könne.
wicklung fordern eine Verbesserung der techni-
schen Infrastruktur und bessere Möglichkeiten zur Dass IKT in der Pflege bislang nur wenig genutzt wird,
Einbindung der verschiedenen Nutzergruppen in liegt nach Ansicht der Vertreterinnen und Vertreter der
den Entwicklungs- und Implementierungsprozess Technikentwicklung auch daran, dass es vorhandenen
von IKT-Lösungen. Weiterentwicklungen im Be- Produkten oft an Ästhetik mangelt oder sie sogar Stig-
reich der Förderpolitik, Klärungen im Bereich des matisierungen forcieren und Pflegebedürftigen oder
Datenschutzes und sowie eine Verbesserung der ihren Angehörigen die Nutzung infolgedessen unange-
Technikakzeptanz bei den potenziellen Nutzerin- nehm ist. Auch gibt es häufig einen Widerspruch zwi-
nen und Nutzern stellen Voraussetzungen zur Ver- schen dem Anspruch nach guter und intuitiver Bedien-
breitung von IKT in der Pflege dar. barkeit und dem Funktionsumfang von IKT-Lösungen.
Derzeit gibt es aus Sicht der Workshopteilnehmenden
Als zentrale Voraussetzung für die Verbreitung von IKT noch zu wenig Produkte, die gleichzeitig hilfreich und
in der Pflege wertet die Technikentwicklung den Auf- intuitiv bedienbar sind und signifikante Zeitersparnis
bau einer technischen Infrastruktur für IKT-Lösungen bzw. Erleichterungen für die Nutzerinnen und Nutzer
in der Pflege sowie bundesweit gültige Interoperabili- mit sich bringen.
tätsstandards für IKT-Lösungen im Pflegesektor. Um
eine fach- und sektorenübergreifende Vernetzung zu Kosten- und Finanzierungsstrukturen für den Einsatz
ermöglichen, müssen die Akteurinnen und Akteure der von IKT sind aus Sicht der Vertreterinnen und Vertreter
Pflege baldmöglichst Zugang zur TI erhalten. der Technikentwicklung ebenfalls ein hemmender Fak-
tor. Entwicklung und Nutzung von technischen Innova-
Für die gezielte Ausrichtung der Technikentwicklung tionen in der Pflege sind häufig zu kostspielig für Pfle-
auf die Bedarfe der Akteurinnen und Akteure in der geeinrichtungen und die private Nutzung. Auch
Pflege sei eine engere, interdisziplinäre Zusammenar- beinhalten der Pflegehilfsmittelkatalog und die derzeit
beit zwischen Technikentwicklung und Pflege bzw. abrechenbaren Pflegehilfsmittel noch zu selten
Pflegewissenschaft erforderlich. Die Pflegewissenschaft IKT-Komponenten – wobei hierbei diverse Herausfor-
könne den Technikentwicklerinnen und -entwicklern derungen aus sozialrechtlicher Sicht zu beachten sind
fundierte Einblicke in die Handlungslogiken der Pflege (siehe Kernaussage 2.10). Zudem werden Besonderhei-
verschaffen und Evaluationen unter pflegerelevanten ten von IKT-Lösungen wie z. B. hohe Beschaffungskos-
Gesichtspunkten vorbereiten. Zur Einpassung von ten nicht bei Wohnumfeldverbesserungen nach § 40
IKT-Lösungen in konkrete Arbeitsprozesse sollten SGB XI berücksichtigt, weshalb nur wenig neue Produk-
überdies Vertreterinnen und Vertreter der Pflegepraxis tideen eine Chance auf eine regelhafte Förderung er-
stärker in die Technikentwicklung eingebunden wer- halten.
den. In den Workshops wurde mehrfach vorgeschla-
gen, dass auch die Projektleitung von entsprechenden Die Workshopteilnehmenden fordern eine Reform der
Forschungsvorhaben bei Pflegepraktikerinnen und Förderkriterien und einen stärkeren Fokus auf IKT. Als
-praktikern liegen könnte. Werden Projekte von vornhe- ein Beispiel für einen Förderansatz für eine schnellere
rein interdisziplinär angegangen, entstünden nicht nur Aufnahme von IKT-Anwendungen in die Regelversor-

46 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


2. Ergebnisse der empirischen Analysen

gung kann die Ausschreibung zur Förderung neuer Ver- Als hemmenden Faktor für den Einsatz von IKT in Pfle-
sorgungsformen in der GKV beim Innovationsfonds ge werten Vertreterinnen und Vertreter der Technikent-
des Gemeinsamen Bundesausschusses gelten. Voraus- wicklung ferner das sensible Thema Transparenz/Da-
setzung für eine Förderung durch den Innovations- tennutzung versus Datenschutz (siehe Kernaussage
fonds ist, dass eine wissenschaftliche Begleitung und 2.13). Schließlich gilt die mangelnde Technikakzeptanz
Auswertung der Vorhaben erfolgt. Es muss daher be- vieler potenzieller Nutzerinnen und Nutzer im Pflege-
reits mit dem Antrag auf Förderung ein tragfähiges und sektor als ein Hindernis (siehe Kernaussage 2.8).
ergebnisorientiertes Evaluationskonzept eingereicht
werden. Möglich ist auch eine Zusammenarbeit mit In-
stitutionen außerhalb der Gesetzlichen Krankenversi-
cherung, sofern sich diese im Rahmen ihrer Zuständig-
keiten finanziell beteiligen.

Das "AAL-Netzwerk Saar" unterstützt den Aufbau einer grundständigen


undnachhaltigen Ambient-Assisted-Living(AAL)-Infrastruktur im Saarland

• Beteiligte: Netzwerk aus ca. 120 institutionel- > Verbesserung bestehender Prozesse im
len Mitgliedern aus allen Bereichen der Sozial- und Gesundheitswesen
Gesellschaft (Pflegeeinrichtungen, Kommu- > Ermöglichung des selbstständigen Lebens
nen, IHK u. a.) für auf Unterstützung angewiesene Men-
Gründungsmitglieder: Sozialministerium schen durch die Erfüllung der Grundbedarfe
Saarland, Wirtschaftsministerium Saarland, Sicherheit, Gesundheit und Kommunikation
Hochschule für Technik und Wirtschaft, beim autonomen Wohnen zu Hause
Handwerkskammer des Saarlands, VDK Saar • Projektergebnis: Schaffung eines breiten
• Projektdauer: Gründung Mai 2015 Netzwerkes zur Förderung von AAL-Infra-
• Projektansatz: Schaffung eines breiten struktur im Saarland, Aufbau einer Struktur
gesellschaftlichen Netzwerkes mit von Arbeitskreisen, Erstellung von Unterlagen
starker Einbettung in die gesellschaftliche und Informationsmaterialien zu AAL sowie
Entwicklung Durchführung von diversen Veranstaltungen
• Projektziel: Aufbau einer AAL-Infrastruktur mit externen Partnern
und Integration von AAL-Lösungen in das • Herausforderungen: Sicherstellung der
bestehende Sozial- und Gesundheitswesen Nachhaltigkeit der entwickelten Lösungen
im Saarland zur: und Akzeptanzgewinnung für diese bei
> Erarbeitung neuer Lösungen hinsichtlich verschiedenen gesellschaftlichen Akteurinnen
des demografischen Wandels für das Sozial- und Akteuren
und Gesundheitssystem

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 47


Handlungsbedarfe
3
48 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege
3. Handlungsbedarfe

Aus den 18 Kernaussagen der empirischen Ergebnisse projekten als auch in späteren Anwendungen müssen
lassen sich fünf zentrale Handlungsbedarfe ableiten, potenzielle Nutzerinnen und Nutzer intensiver einge-
die übergreifende Herausforderungen zum Einsatz von bunden, informiert, befragt und bei der Implementati-
IKT in der Pflege benennen und strukturieren. In die- on begleitet werden. Die Anforderungen an IKT-Lösun-
sen Bereichen besteht Handlungsbedarf, der in Kapitel gen in der Pflege variieren in Abhängigkeit vom
4 konkretisiert und in Handlungsempfehlungen über- Einsatzkontext (z. B. häusliche Pflege, langzeitstationä-
setzt wird. re Pflege), Lebenslage der Betroffenen oder auch Hand-
lungsroutinen in der Leistungserbringung. Diese As-
3.1 Verstärkte Nutzer- und Alltagsorientierung pekte sind in der Entwicklung der Systeme systematisch
Projekte und Lösungen müssen sich zukünftig ver- zu berücksichtigen. Es wird insbesondere bemängelt,
stärkt an den Bedarfen der Leistungsempfängerinnen dass ein strukturierter Austausch zu Bedarfen und Nut-
und -empfänger sowie den professionellen Dienstleis- zen zwischen den Akteursgruppen bisher noch zu sel-
terinnen und Dienstleistern und pflegenden Angehöri- ten stattfindet. Betroffene und Dienstleisterinnen und
gen orientieren. Bedarfe müssen zielgruppenspezifisch Dienstleister klagen über eine unzureichende struktu-
identifiziert und strukturiert in den Entwicklungspro- rierte Einbindung in den Entwicklungsprozess. Die
zess eingebracht und verarbeitet werden. mangelnde Einbindung von Nutzerinnen und Nutzern
wird auch durch die Dominanz der technischen Diszip-
Die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der Stu- linen bei der Entwicklung und Umsetzung von Lösun-
die zeigen, dass viele bestehende Produkte und Dienst- gen im IKT-Bereich mitbestimmt.
leistungen im Bereich IKT in der Pflege die Perspekti-
ven, Fragen und Probleme potenzieller Nutzerinnen 3.2 Verbesserte Vernetzung und digitalisierte
und Nutzer noch nicht gut genug ansprechen. Der Iden- Informationsflüsse zwischen den Akteurinnen
tifikation von Bedarfen, Voraussetzungen und Anforde- und Akteuren
rungen von Leistungsempfängerinnen und -empfän- Die relevanten Akteurinnen und Akteure im Bereich
gern sowie professionellen Dienstleisterinnen und von IKT in der Pflege müssen eine stärkere technische
Dienstleistern und pflegenden Angehörigen wird bis- und kommunikative Vernetzung untereinander errei-
lang in Förderlinien und Projekten noch nicht genü- chen und dabei insbesondere auch die Kommunikati-
gend Aufmerksamkeit geschenkt. Unterschiedliche An- on mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, aber
forderungen, aber auch die Vielfalt der Lebenslagen der auch potenziell Pflegebedürftigen noch verstärken. Nur
Betroffenen werden häufig nicht ausreichend adres- durch einen angemessenen Wissens- und Informati-
siert. Spezifische, z. B. pflegebedingte Herausforderun- onstransfer zwischen Personen, Einrichtungen und In-
gen des Alltags, aber auch die Einbindung von weiteren stitutionen können Erfahrungen und gute Beispiele
Akteurinnen und Akteuren, z. B. (pflegenden) Angehö- ausgetauscht und weiterentwickelt werden. Dabei soll-
rigen, müssen ebenfalls mitgedacht und in technische te dieser Wissens- und Informationstransfer sowohl
Lösungen integriert werden. Dies gilt für die Ziele, die zwischen als auch innerhalb der Akteursgruppen statt-
mittels IKT-Lösungen erreicht werden sollen, wie z. B. finden. Als Zielgruppen für die unterschiedlichen Dis-
Verbesserung der Mobilität bei Pflegebedürftigen oder seminationsformate können folgende Akteursgruppen
die Weiterentwicklung von Arbeitsprozessen bei den identifiziert werden:
Dienstleisterinnen und Dienstleistern. Das gilt aber • Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen
auch für deren Bedienbarkeit durch die Nutzerinnen und Vertreter der Selbstverwaltung
und Nutzer. Sowohl in Forschungs- und Entwicklungs- • Vertreterinnen und Vertreter aus der

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 49


3. Handlungsbedarfe

Technikentwicklung mit einem Bezug zur Pflege Allerdings sind pflegefachspezifische Austauschmög-
• Vertreterinnen und Vertreter von lichkeiten der Interessenvertreter zum Thema IKT in
Pflegeorganisationen und -unternehmen der Pflege in diesen Foren und Plattformen selten. Zu-
• Pflegende (professionell und Angehörige) dem werden die bestehenden Foren und Plattformen
• Leistungsempfängerinnen und Empfänger durch zwei Akteursgruppen dominiert. In vielen sind
• Vertreterinnen und Vertreter der entweder vorrangig die Selbstverwaltung (Beirat der ge-
Pflegewissenschaften matik; Fachbeirat des eGBR; E-Health-Initiative) oder
Vertreterinnen und Vertreter aus der Technikentwick-
Die Ergebnisse dieser Studie, insbesondere der Exper- lung mit Bezug zur Pflege (Bundesverband Gesund-
tenworkshops und Experteninterviews, zeigen ein Ver- heits-IT; BITKOM; Initiative D21; Spitzenverband
netzungsdefizit zwischen den Akteurinnen und Akteu- IT-Standards im Gesundheitswesen) vertreten. Wenn
ren. Bei den Fachkräften wird der Mangel an sich verschiedene Akteursgruppen, z. B. Pflegende und
IKT-bezogener Kommunikation zwischen den Akteurs- Leistungserbringerinnen und -erbringer, heute in Initi-
gruppen auch mit der noch fehlenden Institutionalisie- ativen zusammenfinden, werden dort überwiegend
rung der Akteurinnen und Akteure der Pflegeselbstver- Themen zur Digitalisierung im Gesundheitsbereich ad-
waltung im IKT-Kontext erklärt. Heute existieren ressiert, ohne jedoch die Spezifika und besonderen He-
diverse Foren und Plattformen zum Austausch der Inte- rausforderungen der Pflege miteinzubeziehen. Es be-
ressenvertreter zur Digitalisierung im Gesundheitsbe- steht somit derzeit keine Institution unter Einbindung
reich oder für soziale Berufe. Hierzu gehören: aller Zielgruppen, bei der das Thema IKT in der Pflege
• der Beirat der gematik als Hauptthema und mit einem entsprechenden Fokus
• der Bundesverband Gesundheits-IT (bvgit) bearbeitet wird. Der Bereich IKT in der Pflege wird da-
• Der Fachverband für Dokumentation und bei nur auf einzelnen Veranstaltungen, in temporären
Informationsmanagement in der Medizin (DVMD) oder wechselnden Arbeitsgruppen oder durch einzelne
• der Fachbeirat des eGBR Interessengruppen erfasst. Längerfristige, mit allen re-
• der Fachverband für Informationstechnologie levanten Akteursgruppen besetzte und konstruktive
in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung (FINSOZ) Austauschmöglichkeiten bestehen für die Interessen-
mit AG-Treffen und Veranstaltungen zum Thema vertreterinnen und -vertreter aus dem Bereich IKT in
IKT in der Pflege der Pflege nicht.
• der Spitzenverband IT-Standards im
Gesundheitswesen (SITiG) Auch professionelle Dienstleister und pflegende Ange-
• der Verband BITKOM mit diversen Arbeitskreisen hörige sowie potenzielle Nutzerinnen und Nutzer mit
und Gremien zum Thema E-Health Interesse an IKT-Lösungen in der Pflege können sich
• der Verband digitale Gesundheit e. V. (VdigG) derzeit nur schwer systematisch vernetzen. Bestehende
• die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin e. V. Messen und Veranstaltungen wie:
• die E-Health-Initiative • der deutsche Pflegetag
• die Initiative D21 mit der Lenkungsgruppe "IT im • der Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit
Gesundheitswesen" • die Messe Altenpflege
• die ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin • die Messe conhIT – Connecting Healthcare IT
GmbH • die Messe Zukunft Pflege
• die Messe Pflege Plus
• die Messe Rehab Karlsruhe

50 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


3. Handlungsbedarfe

adressieren das Thema Digitalisierung in der Pflege in ge. Zudem sind die bestehenden Plattformen weder
regelmäßigen Abständen. Allerdings wechseln der Fo- prominent auffindbar noch über die wichtigsten Bran-
kus, die Zielgruppen und Formate der Veranstaltungen. chenverbände und Akteurinnen und Akteure zu fin-
Ein längerfristiger Dialog oder Austausch unter profes- den. Dabei zeigen andere Branchen, dass Informati-
sionellen Dienstleisterinnen und Dienstleistern und onsplattformen oder andere Disseminationsformate
pflegenden Angehörigen sowie den potenziellen Nutze- das Potenzial haben, die unterschiedlichen Akteurs-
rinnen und Nutzern zu Best-Practice-Projekten sowie gruppen stärker zu vernetzen und eine gemeinsame
Chancen und Risiken von IKT-Lösungen in der Pflege Diskussionsgrundlage zu schaffen.
ist auf diesem Wege nicht möglich.
Bestehende Beispiele hierfür sind die Plattform Indus-
Eine stärkere Vernetzung der Akteurinnen und Akteure trie 4.0, die durch die Bundesministerien für Wirtschaft
ist dabei bereits in der Projekt- und Lösungsentwick- und Energie (BMWi) und sowie für Bildung und For-
lung anzuwenden, um Fach- oder sektorenübergreifen- schung (BMBF) und weitere führende Vertreterinnen
de Lösungen zu fördern und Vernetzungspotenziale und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Ge-
frühestmöglich in die Projektentwicklung einzubrin- werkschaften koordiniert wird. Sie hat es sich zur Auf-
gen. Die Integration von Vertreterinnen und Vertretern gabe gesetzt, die Chancen und Hindernisse der Digita-
aller Akteursgruppen in den Entwicklungsprozess för- lisierung für die deutsche Industrie zu identifizieren
dert diese Entwicklung. Die technischen, aber auch und Unternehmen zu informieren z. B. durch eine
fachlichen Anstrengungen müssen auf eine bessere Übersicht von Anwendungsbeispielen und Onlineland-
Verständigung der Disziplinen und eine optimierte In- karten.20 Ein ähnlicher Zusammenschluss von Akteu-
teroperabilität der Systeme abzielen. rinnen und Akteuren aus der Pflege kann den Diskurs
zu IKT-Lösungen institutionalisieren und in Arbeits-
Aktuelle und potenzielle Leistungsempfängerinnen gruppen Raum für Diskussion schaffen.
und -empfänger müssen zudem stärker in den Informa-
tionsfluss zu IKT in der Pflege eingebunden werden. Ein weiteres Beispiel ist die Initiative Intelligente Ver-
Informationen, Beratungen und der Austausch zu be- netzung des BMWi, die über unterschiedliche Dissemi-
stehenden Pflegeangeboten, Leistungsansprüchen der nationsformate wie Roadshows, Konferenzen, Studien
Pflegebedürftigen und potenziell Pflegebedürftigen und eine Open-Innovation-Plattform mit bislang knapp
und zum Nutzen von IKT in der Pflege finden aktuell 400 Projekten und Beiträgen Informationen über die
noch nicht ausreichend in strukturierter Form statt. Be- Digitalisierung der Anwendungssektoren Bildung,
stehende Plattformen oder Informationsangebote wie: Energie, Gesundheit, Verkehr und Verwaltung aufberei-
• das deutsche Telemedizinportal bzw. das sich tet und verfügbar macht21. Auch für IKT-Lösungen in
im Aufbau befindende Informationsportal nach der Pflege können solche Disseminationsformate dazu
§ 291e (11) SGB V dienen, bestehende Lösungen bekannter zu machen
• die Broschüre "Intelligente Technik in der berufli- und den Diskurs über deren Nutzen zu bündeln.
chen Pflege" der Initiative Neue Qualität der Arbeit
• die Innovationspartnerschaft AAL des VDE Auch das Unternehmensprogramm Erfolgsfaktor Fami-
• das AAL-Netzwerk Saar lie des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
bieten ebenfalls noch keine umfassenden pflegespezifi- Frauen und Jugend (BMFSFJ) fördert das Bewusstsein
schen Informationen oder Hinweise zu Ansprechpart- über die Effekte von Vereinbarkeit von Familie und Be-
nerinnen und -partnern für den Bereich IKT in der Pfle- ruf im Rahmen von Wettbewerben, Studien, Leitfäden

Webseite der Plattform Industrie 4.0: www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Home/home.html


20

https://www.bmwi.de/Navigation/DE/Themen/initiative-intelligente-vernetzung.html
21

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 51


3. Handlungsbedarfe

sowie einer Servicestelle.22 Die Servicestelle ist an fünf chenden Rahmenbedingungen und die Infrastruk-
Tagen in der Woche erreichbar und unterstützt Unter- turentwicklungen müssen mehr Kooperationen über
nehmen in Deutschland z. B. in Form diverser Leitfä- Professions-, Institutions- und Sektorengrenzen hinweg
den mit Maßnahmen zur Förderung von Familien- entstehen, auch unter Einbezug der Kostenträgerinnen
freundlichkeit bei der Förderung von Vereinbarkeit von und -träger. Sollen bisherige Insellösungen überwun-
Familie und Beruf. den werden, müssen IKT-Lösungen in der Pflege mit
Blick auf die gesamte Versorgungsprozesskette entwi-
Die Vernetzung über Sektor- und Prozessgrenzen hin- ckelt werden. Dies bezieht sich sowohl auf die professi-
weg sollte ebenso wie die technische Verknüpfung von onellen wie auch die technischen Standards. Entspre-
Prozessen, z. B. über die Telematikinfrastruktur und chende Modellprojekte für eine integrierte und
die Festlegung zur Interoperabilität bestehender Lö- IKT-gestützte Prozessoptimierung und -entwicklung
sungen, durch IKT vorangetrieben werden. Grundlage haben besonderen Vorbildcharakter. Insbesondere die
der Prozessvernetzung ist die Verfügbarkeit einer Dokumentation von Pflegeleistungen, die aktuell viele
IKT-Infrastruktur. So entstehen Synergien und Verein- Ressourcen der Leistungserbringung in Anspruch
fachungen im Pflegeprozess, z. B. durch automatische nimmt, bietet Potenziale für Pflegephasen übergreifen-
Übernahme von Daten und das Wegfallen von Doppel- de Prozessoptimierung. Intuitiveres und schnelleres Er-
dokumentation. Bei der Anbindung der Pflege an die TI stellen und Bearbeiten von Dokumenten im Kontext der
sind die spezifischen Belange eines pflegefachlichen Pflegedokumentation, z. B. dem Pflegebericht, oder me-
Daten- und Informationsflusses konsequent mit dem dienbruchfreie Übermittlung von Berichten, Diagnosen
Ziel zu verfolgen, die interdisziplinäre Zusammenar- und Abrechnungen tragen maßgeblich dazu bei, dass
beit im Gesundheits- und Pflegewesen weiter zu verbes- professionelle Dienstleisterinnen und Dienstleister und
sern. Da jedoch gerade die technischen Vernetzungs- pflegende Angehörige mehr Zeit für Pflegebedürftige
möglichkeiten einheitliche Prozessbezeichnungen und einsetzen können. Im Projekt "Einführung des Struktur-
Fachsprachen fordern, ist auch hier zusätzlicher Hand- modells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumenta-
lungsbedarf gegeben. tion" des Pflegebevollmächtigten, an dem sich mittler-
weile über 44 Prozent der Pflegeeinrichtungen in
3.3 Prozessoptimierung und -entwicklung durch Deutschland beteiligen, wurde seit Anfang 2015 flä-
IKT-gestützte Vernetzung in der Versorgung chendeckend das Konzept einer vereinfachten Pflegedo-
Die Akteurinnen und Akteure des Gesundheits- und kumentation in der Altenpflege eingeführt. In Zusam-
Pflegesektors müssen die Potenziale, die durch Opti- menarbeit mit Branchenverbänden der IKT wurden ein
mierung von Prozessen bestehen, beispielsweise durch Anforderungsprofil mit Empfehlungen für die Herstel-
Verknüpfung der professionellen Pflege sowie der Un- ler von Dokumentationssystemen erstellt, um die ver-
terstützung durch pflegende Angehörige mittels einfachte Dokumentation fachgemäß und anwenderori-
IKT-Lösungen, gemeinsam identifizieren und unter entiert in bestehende Produkte integrieren zu können.23
Wahrung der zielgruppenspezifischen Bedarfe nutzen.
Darüber hinaus ist bei der Einführung von IKT in der
Die IKT-relevanten (Versorgungs-)Prozesse erstrecken Pflege vorzugsweise auf die Entwicklung und Gestal-
sich mit Blick auf den Einzelfall (Case Management) tung innovativer Arbeitsprozesse im Vor- und Umfeld
entlang einer Schrittfolge aus Beratung und Förderung, sowie in der Pflege hinzuwirken. Beispielsweise wird
Prävention, Diagnostik, Therapie/Maßnahmen, Evalua- die An- und Abfahrt bei der ambulanten Pflege als Ar-
tion und Dokumentation. Mit Blick auf die entspre- beitszeit bezahlt, jedoch von den Kostenträgerinnen

https://www.erfolgsfaktor-familie.de/
22

Webseite des Projekts "Einführung des Strukturmodells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation":
23

www.ein-step.de/hersteller

52 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


3. Handlungsbedarfe

und -trägern nur über die Zahlung von Wegepauscha- 3.4 Weiterentwicklung von Förderpolitik
len abgegolten.24 IKT-Lösungen können hier Anfahrts- und Forschung
wege optimieren und somit die Zeit, die Dienstleiste- Die Rahmenbedingungen rund um technische Innovati-
rinnen und Dienstleister für Pflege einsetzen können, onen im Pflegesektor sollten verbessert werden, um eine
erhöhen. Eine Fokussierung auf die Unterstützung und zielgruppengerechte und nachhaltige Unterstützung von
Optimierung von bereits etablierten Prozessen greift zu Lösungen aus dem IKT-Pflegebereich zu ermöglichen.
kurz. Der IKT-Einsatz in der Pflege kann erhebliche Im-
pulse für eine Weiterentwicklung etwa der sektoren- Die bestehende Projektlandschaft ist auch ein Ergebnis
übergreifenden Zusammenarbeit oder der Entwicklung der bisherigen Förderpolitik. Dabei wurden in der Ver-
von tragfähigen Konzepten eines "Hilfe-Mix" in quar- gangenheit Schwerpunkte auf technologische und
tiersnahen Kontexten liefern. Die Arbeitsprozessgestal- technische Innovationen gelegt. Sozio-technische In-
tung ist dabei primär pflegefachlich und pflegewissen- novationen im Sinne einer Transformation bestehen-
schaftlich zu begründen, denn über objektivierbare der Technologien und Techniken in Pflegeumfeldern
und rationalisierbare Technisierungsprozesse hinaus mit einem besonderen Fokus auf soziale Interaktion
müssen IKT-Lösungen auch das Typische und Originä- wurden hingegen vernachlässigt bzw. waren nicht för-
re sozialpflegerischer Beziehungs- und Interaktionsar- derfähig. Die Folge dieser Ausrichtung ist, dass ein För-
beit unterstützen können. derantrag im Feld IKT in der Pflege üblicherweise pri-
mär nach der Güte der technischen Innovation
bewertet worden ist und nicht primär mit Blick auf das
Innovationspotenzial bereits bestehender Techniken
und Technologien zur Weiterentwicklung von Pflege-
prozessen im Pflegealltag. So ist nach diesem Verständ-
nis die erstmalige Erprobung einer innovativen Daten-
brille im pflegespezifischen Kontext z. B. einer
Intensivstation im Rahmen eines Projektes nur dann
förderfähig, wenn zugleich eine technische Weiterent-
wicklung dieser Technologie erfolgen würde. Vorha-
ben, die auf Arbeitsprozessinnovationen in der Pflege
durch ggf. fachspezifische Adaptionen von Technologi-
en setzen, fehlte bislang die Durchsetzungskraft in den
Begutachtungsverfahren. Auch deshalb gelingt häufig
der Brückenschlag zwischen der Technologieentwick-
lung auf der einen Seite und praktischer, alltagstaugli-
cher Anwendung auf der anderen, zu selten. Allerdings
sind jüngst Weiterentwicklungen der Förderpolitik er-
kennbar: So weist die aktuelle Ausschreibung des
BMBF "Zukunft der Pflege: Mensch-Technik-Interakti-
on für die Praxis" vom August 2016 ausdrücklich auf
die Förderfähigkeit der Übertragung bestehender
Technologien in soziale Handlungsfelder wie der häus-
lichen oder der stationären Pflege hin. Dies ist ein gu-

Bundesarbeitsgericht Urteil vom 12.12.2012, 5 AZR 355/12; Vergütung von Fahrzeiten – auswärtige Arbeitsstelle –
24

Auslösung; 2012.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 53


3. Handlungsbedarfe

tes Beispiel von Förderpolitik zu IKT in der Pflege im 3.5 Verbesserung der Marktbedingungen
soziotechnischen Sinne, womit sich ein Paradigmen- für IKT-Lösungen
wechsel von einer überwiegenden Technikorientierung Die Rahmenbedingungen, gesetzlich und marktseitig,
hin zu einer überwiegenden Nutzer-, Alltags- und Pro- müssen es den Projekten aus dem Bereich IKT in der
zessorientierung vollzieht. Hierbei ist auch die Förde- Pflege ermöglichen, nachhaltig und effizient zu wirt-
rung der Integration bestehender Einzellösungen in schaften. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch der
größere Anwendungsplattformen als auch die Vernet- Nachweis von Nutzen und Mehrwert bestehender Ange-
zung der Akteurinnen und Akteure ein wichtiges Ziel. bote von IKT-Lösungen durch Evaluation. Insbesonde-
re Technikentwicklerinnen und -entwickler sowie An-
Auch der Innovationsfonds ermöglicht neue Formen bieterinnen und Anbieter müssen sicherstellen, dass
der Erprobung von Konzepten an der Schnittstelle von Lösungen nachhaltigen und evaluierbaren Mehrwert
Gesundheitsversorgung und Pflege (siehe auch Kern- generieren. Ist der Mehrwert von IKT-Lösungen erwie-
aussage 2.11). sen, muss der Nutzen gegenüber den professionell Pfle-
genden und pflegenden Angehörigen sowie den Leis-
Forschung und die entsprechende Forschungsförde- tungsempfängerinnen und -empfängern transparent
rung zu IKT-Lösungen in der Pflege sind ebenfalls im und verständlich kommuniziert werden. Dies ermög-
Kontext einer intersektoralen Nutzer-, Alltags- und Pro- licht den Akteurinnen und Akteuren, die tatsächlichen
zessorientierung zu überdenken. Hierbei ist eine konse- Chancen und Hemmnisse von IKT-Lösungen in Ihre
quentere Einbindung und Berücksichtigung der Nutzer- Kaufentscheidung miteinzubeziehen.
perspektive in Forschungsmethodik und -themenwahl
notwendig. Veränderungen in der Bildungs- und For- Projekte aus dem Bereich IKT in der Pflege werden häu-
schungslandschaft, wie z. B. durch die Perspektiven ei- fig nicht zur Marktreife gebracht und können sich oft
ner generalistischen Ausbildung, müssen aktiv beglei- nicht wirtschaftlich eigenständig behaupten. Dies führt
tet werden. zu einem ungenügend breiten Angebot und einem
Mangel an Best Practice für IKT in der Pflege. Diesbe-
züglich sind insbesondere die Modalitäten für den Ver-
trieb von IKT-Lösungen im zweiten Gesundheitsmarkt
stark verbesserungswürdig. Grund hierfür ist die man-
gelnde Transparenz an Angeboten und Anbietenden
sowie fehlende Kommunikation der Vorteile an den
Kunden. Insbesondere vermittelbare Evaluationsergeb-
nisse zu Mehrwerten und Wirtschaftlichkeit fehlen –
für IKT-Lösungen für die Pflege, aber auch für unter-
stützende Lösungen z. B. im Bereich der Dokumentation.
Für eine verbesserte Kommunikation und Argumenta-
tion gegenüber Kostenträgerinnen und -trägern sowie
Kunden im verschreibungsfreien Verkauf ist eine nach-
haltige und bedarfsorientierte Evaluation notwendig.
Nur so lassen sich die Optimierung des Kosten-Nut-
zen-Verhältnisses und die Verbesserung in der Qualität
der Pflege durch IKT in der Pflege transparent und

54 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


3. Handlungsbedarfe

nachvollziehbar für die unterschiedlichen Anwender-


gruppen darstellen. Hier fehlt es aktuell an Evaluati-
onsmethoden und an Evaluationsergebnissen, die gut
an Leistungsempfängerinnen und -empfänger, profes-
sionelle Dienstleisterinnen und Dienstleister sowie
pflegende Angehörige kommunizierbar sind.

Anders als die anderen Bereiche des Gesundheitssek-


tors weist der Pflegemarkt kaum relevante neue bzw.
innovative Lösungen oder Projekte auf. Start-ups fin-
den in der unklaren Finanzierungslage keine geeigne-
ten Marktbedingungen. Aktuell liegt ein Fokus der
Start-up-Aktivitäten auf Plattformlösungen, ohne dass
substanzielle technologische oder sozio-technologi-
sche Neuerungen auf den Pflegemarkt drängen.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 55


Handlungsfelder und
Handlungsempfehlungen
zu IKT in der Pflege
4
56 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege
4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

In diesem Kapitel werden angeleitet aus den Hand- bedürftiger sowie der Angehörigen ist mit entsprechen-
lungsbedarfen übergreifende Rahmenbedingungen, den Angeboten aufseiten der professionellen Pflege zu
drei Handlungsfelder und 15 Handlungsempfehlungen begegnen. Um die Dissemination von IKT-Anwendun-
zur Etablierung von IKT in der Pflege beschrieben. gen für Leistungsempfängerinnen und -empfänger so-
wie ihre Angehörigen zu unterstützen, benötigen beruf-
4.1 Rahmenbedingungen zur Etablierung lich Pflegende spezifische Kompetenzen.
von IKT in der Pflege
Die Analyse bestehender Ansätze und Erfahrungen so- Über "Leuchtturmvorhaben" lässt sich der Mehrwert,
wie die Diskussion um relevante Handlungsbedarfe zur den IKT-Anwendungen für die unmittelbaren Lebens-
Etablierung von IKT in der Pflege zeigen, dass einschlä- bedingungen und die soziale Teilhabe der Leistungs-
gige Maßnahmen und Projekte nur dann erfolgreich empfängerinnen und -empfänger haben, aufzeigen
sein können, wenn sie sensibel in den Kontext der kom- (siehe Kapitel 5.2 und 5.3). Der Mehrwert von IKT in der
plexen Akteurs- und Interessenlagen im Gesundheits- Pflege muss zukünftig auch über eine verstärkte Einbin-
und Pflegewesen eingepasst werden, Anschlussstellen dung der potenziellen Nutzerinnen und Nutzer in die
im System also sorgsam identifiziert und genutzt wer- Entwicklung von IKT-Produkten und Dienstleistungen
den. Die Aufgabe, IKT-Anwendungen für die Pflege in kommuniziert werden. Damit kann auch eine Verbesse-
den ersten Gesundheitsmarkt einzupassen, ist interdis- rung der Gebrauchstauglichkeit und Benutzerfreund-
ziplinär und interprofessionell zu bearbeiten und hat lichkeit (Usability) von IKT-Lösungen erreicht werden.
insbesondere auch die Schnittstellen im System zu be-
achten. Weiterhin ist dafür zu sorgen, dass IKT-gestütz- IKT-Anwendungen für die Pflege basieren bislang vor-
te Lösungen für die Pflege die verschiedenen Sektoren zugsweise auf einem technisch begründeten Innovati-
und Institutionalisierungen der Pflege (akutstationäre onsverständnis. Die Verbreitung von IKT in der Pflege
Pflege, langzeitstationäre Pflege, ambulante Pflege) ge- wird allerdings wesentlich davon abhängen, inwieweit
zielt adressieren und Anwendungen für alle Aufgaben- es gelingt, Technikentwicklung zukünftig in nutzerzen-
felder (präventive, kurative, rehabilitative, palliative trierter Perspektive voranzutreiben. Der Ausgangspunkt
Pflege und sozialpflegerische Herausforderungen) be- der Technikentwicklung muss damit im alltagsweltli-
reitstellen. Dabei sind insbesondere auch die spezifi- chen (Leistungsempfängerinnen und -empfänger) und
schen sozialrechtlichen Rahmenbedingungen (z. B. prozessorientierten (Leistungserbringung) Nutzen der
SGB V, SGB XI) zu berücksichtigen. Systeme sowie im niedrigschwelligen Zugang (im Sinne
der erwarteten Bedienbarkeit/Usability) liegen.
Die Etablierung von IKT in der Pflege setzt, so die Ex-
pertinnen und Experten, eine verbesserte Information Auf einer weiteren Ebene betonen die Expertinnen und
zu den Zielstellungen und Möglichkeiten sowie zur Experten die Notwendigkeit, dass die berufliche Pflege
zeitnahen und bedarfsgerechten Verfügbarkeit von mittelfristig Anschluss an Vernetzungen verschiedener
IKT-Lösungen und Dienstleistungen in der Pflege vor- IT-Systeme im Gesundheitswesen erhalten muss, um
aus. Die Auswahl und ggf. auch Installation und versorgungsrelevante Informationen aus unterschiedli-
Wartung der Systeme sind durch entsprechende Ser- chen Quellen systematisch kommunizieren, verknüp-
viceleistungen zu unterstützen, um einen niedrig- fen und verarbeiten zu können. Diese Debatte verweist
schwelligen Zugang auch für den zweiten Gesund- auf die Bedeutung der derzeit im Aufbau befindlichen
heitsmarkt zu ermöglichen. Dem derzeitigen Informa- Telematikinfrastruktur für die Pflege.
tions- und Beratungsdefizit älterer Menschen, Pflege-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 57


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

Zur Anbindung an diese IT-Infrastruktur liegen Vorar- ser Anschluss wird über die Anwendung der elektroni-
beiten zur syntaktischen Integration von ePflegeberich- schen Patientenakte gemäß § 291a SGB V gesucht. Die
ten auf der Basis der HL7 Clinical Document Architec- elektronische Patientenakte kann alle Patientendaten
ture Release 2 vor25.26 Damit ist ein Standard für (Diagnosen, Therapieempfehlungen, unverträgliche
ePflegeberichte in Deutschland definiert, bis heute aber Medikamente, Pflege- und Therapiedaten etc.) in elekt-
nicht flächendeckend umgesetzt. Probleme werden der- ronischer Form erfassen und stellt eine für Bürgerin-
zeit weiterhin darin gesehen, dass die Anbindung von nen und Bürger freiwillig nutzbare Anwendung der
ePflegeberichten an übergreifende Architekturen (z. B. elektronischen Gesundheitskarte dar. Das Potenzial der
Krankenhausinformationssysteme, KIS, oder elektroni- elektronischen Patientenakte kann aber erst entfaltet
sche Gesundheitskarte, eGK) zwar technisch möglich werden, wenn alle an der Versorgung beteiligten Profes-
ist, faktisch aber noch nicht (bzw. kaum) realisiert wird. sionen systematisch über dieses elektronische Netz-
werk verbunden sind. Mit dem HL7-CDA-ePflegebericht
Auf der Ebene der semantischen Interoperabilität ste- wurden erste strukturgebende Elemente für eine mehr-
hen mit Blick auf die internationale Entwicklung ver- schichtige (interprofessionell nutzbare) elektronische
schiedene standardisierte Terminologiesysteme der Patientenakte aus Sicht der Pflege entwickelt, die (nach
Pflege bereit (z. B. ENP®, NANDA®, ICNP®, apenio®, inhaltlicher Aktualisierung etwa in Bezug auf das Pfle-
NIC®), die über den HL7-CDA-ePflegebericht zwar ver- gestärkungsgesetz II) an die im Aufbau befindliche TI
arbeitet werden könnten, aber in der beruflichen Pflege in Deutschland angebunden werden könnte. Erste
in Deutschland bislang insgesamt noch kaum verbrei- Evaluationen weisen die technisch-organisatorische
tet sind. In Deutschland arbeiten derzeit lediglich ca. Machbarkeit sowie die Gebrauchstauglichkeit und
ein Drittel aller Krankenhäuser mit computergestütz- Nützlichkeit dieser Anwendung in der Praxis nach.28
ten Pflegedokumentationssystemen, dies aber überwie-
gend auf der Basis von Hauskatalogen und damit nicht Grundsätzlich, so die Empfehlung dieser Expertenrun-
über (pflege-)wissenschaftlich fundierte standardisier- de, sind konkrete Initiativen zur Etablierung von IKT in
te Terminologiesysteme.27 Zur Verbreitung im Bereich der Pflege mit klar konturierten und konsensfähigen
der Langzeitpflege liegen keine belastbaren Daten vor. Zielstellungen zu versehen. Die aktuellen gesellschaftli-
chen Herausforderungen verweisen demnach auf zwei
Für Deutschland wurden entsprechende Aspekte am zentrale Zielstellungen: IKT-Lösungen in der Pflege
Beispiel des Entlassungsmanagements und verbesser- sind primär darauf auszurichten, dass Leistungsemp-
ter Überleitungsprozesse untersucht (siehe z. B. fängerinnen und -empfänger auch bei ggf. fortschrei-
BMG-Projekt "Elektronische Patientenakte – ePA II: tender Beeinträchtigung so lange wie möglich zu Hause
Mehrwerte demonstrieren!", 2012–2014) und mit Blick leben können – eine Institutionalisierung (z. B. Pflege-
auf einen Anschluss pflegerischer Daten an die elektro- heim) also möglichst vermieden oder lange hinausge-
nische Gesundheitskarte (eGK) weiterentwickelt. Die- zögert werden kann. IKT-Lösungen in der Pflege sollen

Anschluss wurde gesucht an der HL7-Version 3 und der Clinical Document Architecture nach dem Vorbild des "eArztbrief"
25

(vgl. Heitmann K. U./Kassner A./Gehlen E./Görke H. J./Heidenreich G. (2006): Implementierungsleitfaden Arztbrief – Auf
Basis der HL7 Clinical Document Architecture Release 2 für das Deutsche Gesundheitswesen. Berlin, S. 149).
Flemming, D./Hübner, U./Heitmann, K./Oemig, F./Thun, S. (2011): Implementierungsleitfaden "ePflegebericht" auf Basis
26

der HL7 Clinical Document Architecture Release 2. Köln, http://wiki.hl7.de/index.php/IG:Pflegebericht (Stand 12.10.2016).
Hübner, U./Liebe, J. D./Hüsers, J./Thye, J./Egbert, N./Hackl, W./Ammenwerth, E. (2015): IT-Report Gesundheitswesen
27

– Schwerpunkt Pflege im Informationszeitalter. Forschungsgruppe Informatik im Gesundheitswesen (IGW), Hochschule


Osnabrück, Osnabrück, http://l4asrv-1.wi.hs-osnabrueck.de/joomla2/phocadownload/it_report_2015_pflege_im_informati-
onszeitalter_web.pdf
Flemming, D./Schulte, G./Hübner, U. (2013): Evaluation des Deutschen HL7 CDA basierten elektronischen Pflegeberichts.
28

In: Ammenwerth, E./Hörbst, A./Hayn, D./Schreier, G. (Hgg.): Proc eHealth2013. Wien.

58 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

weiterhin Beiträge zur Bewältigung des Fachkräfteman- gung" des Pflegeheims Bethanien Sophienhaus und Dr.
gels in der Pflege leisten. Irmgard Landgraf zeigt den konkreten Nutzen von elek-
tronischen Pflegedaten auf der Mikroebene. Auch die
4.2 Handlungsfelder zur Etablierung Kommunikation zwischen professionellen Dienstleiste-
von IKT in der Pflege rinnen und Dienstleistern und pflegenden Angehörigen
Das Potenzial für IKT in der Pflege liegt in einer verbes- kann durch IKT-Lösungen transparenter, medienbruch-
serten Vernetzung im Versorgungssystem und im opti- frei und schneller werden.
mierten Informationsfluss zwischen den beteiligten
Akteurinnen und Akteuren im Gesundheits- und Pfle- Die Nutzung von Pflegedaten auf der Mikroebene ge-
gewesen. Eine gelungene Vernetzung birgt erheblichen hört dabei, laut der Ergebnisse der Onlinebefragung
Mehrwert für die Qualität, die Organisation und Koor- dieser Studie, zu den wesentlichen Anwendungsfeldern
dination der unmittelbaren Versorgung (in ambulanten von IKT in der Pflege. Planung und Dokumentation
wie in stationären Kontexten) sowie für die institutio- wird von 29 Prozent der Akteurinnen und Akteure als
nelle und administrative Rahmung der Prozesse. eine wesentliche Anwendung angesehen. Auf der insti-
tutionellen Mesoebene können diese Daten für ein auf-
IKT-Anwendungen kommen heute in verschiedensten wandgerechtes Personalmanagement samt -vernet-
sektoralen und institutionellen Zusammenhängen der zung, für das Risiko- und Qualitätsmanagement, für
Pflege zum Einsatz. Von übergreifender Bedeutung das Marketing, die Outcomebewertung sowie für die
sind dabei Systeme zur IT-gestützten Pflegedokumenta- Fallkostenkalkulation im Rahmen von Budgetverhand-
tion, die im akutstationären Pflegesektor derzeit in ca. lungen verwendet werden. Auf der politischen Makro-
ein Drittel aller deutschen Krankenhäuser systematisch ebene können durch IKT gewonnene Daten wichtige
verwendet werden29 und in der langzeitstationären und Grundlagen für politische Entscheidungen zur Anpas-
ambulanten Pflege zunehmende Verbreitung finden, sung des Leistungsspektrums im Kontext von Pflegebe-
wobei belastbare Zahlen zur Verbreitung von Pflegedo- darf /-bedürftigkeit sowie zur Outcomeforschung in der
kumentationssystemen für diese Versorgungsbereiche Pflege liefern. Entsprechende Initiativen sind in Belgien
derzeit nicht vorliegen.30 und der Schweiz (Minimum Data Set zur Steuerung der
Gesundheitspolitik und der Mittelzuteilung) erprobt.31
Das Potenzial von IKT in der Pflege wird an diesem Bei-
spiel besonders deutlich. So können Pflegedaten auf der Darüber hinaus ist aber auch zu beachten, dass die ver-
Mikroebene der Pflegepraxis zur vereinfachten und ggf. schiedenen Sektoren der Pflegearbeit ggf. auch spezifi-
auch interprofessionellen Prozessplanung und -doku- sche Herausforderungen zu bearbeiten haben. In Kon-
mentation, zur Unterstützung der Entscheidungsfin- texten der ambulanten Pflege geht es etwa darum,
dung, zur systematischen Verlaufsdarstellung und zum Pflegeleistungen über räumliche Distanzen hinweg zu
sektorenübergreifenden Datentransfer (z. B. zum Ent- unterstützen, wie dies derzeit über verschiedenste sen-
lassungsmanagement) genutzt werden. Das Best- sorgestützte Systeme geschieht, z. B. Telemonitoring
Practice-Projekt "Vernetzte ärztliche Pflegeheimversor- von Vitalzeichen, Sturzerkennung und Aktivitätsmoni-

Vgl. Hübner et al. (2015).


29

Hielscher, V. (2014): Technikeinsatz und Arbeit in der Altenpflege. Ergebnisse einer internationalen Literaturrecherche,
30

http://www.iso-institut.de/download/iso-Report_Nr.1_Hielscher_Technikeinsatz_2014.pdf (Stand 04.05.2015);


Althammer, T./Sehlbach, O. (2012): Mehr schlecht als Recht. Zum aktuellen Stand von Datenschutz und Datensicherheit
in der Pflege und im Sozialwesen 2012. Ergebnisse einer Befragung von 295 Leitungskräften in stationären
Einrichtungen in Deutschland. Burgwedel.
31
Hübner, U. (2011): European Health Telematics. In: Ball, M. J./Douglas, J. V./Hinton Walker, P./DuLong, D./Gugerty,
B./Hannah, K. J./Kiel, J./Newbold, S. K./Sensmeier, J./Skiba, D. J./Troseth, M. (Hgg.): Nursing Informatics: Where Caring
and Technology Meet. 4th edition. London, New York, S. 375–400.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 59


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

toring. Ferner geht es darum, unmittelbare Serviceleis- nen und -vertreter, von Leistungsempfängerinnen und
tungen in der häuslichen Umgebung zu erbringen, z. B. -empfängern, Dienstleisterinnen und Dienstleistern,
durch Haushalts- und Pflegeroboter. Und schließlich freigemeinnützigen Wohlfahrtsverbänden, Arbeitge-
geht es auch noch darum, außerhäusliche Mobilität zu berverbänden, einschlägigen Forschungs- und Entwick-
unterstützen bzw. zu monitoren, Vernetzung im Sozial- lungsinstituten, Sachverständigen, Technikanbieterin-
raum zu unterstützen oder auch die Koordination und nen und -anbietern, Kostenträgerinnen und -trägern,
Organisation dezentral erbrachter Pflegeleistungen zu Prüfinstanzen sowie weiteren einschlägigen Akteurs-
verbessern, z. B. durch elektronische Tourenplanung in gruppen ab.
der Pflege. Die Vielschichtigkeit der spezifischen Her-
ausforderungen zeigt sich z. B. daran, dass 16 unter- Dabei geht es insbesondere um eine enge, kontinuierli-
schiedliche Anwendungen von den Akteurinnen und che und nachhaltige Vernetzung und Kommunikation
Akteuren als relevant angesehen werden. In akut- oder betrieblicher, verbandlicher und politischer Akteurin-
langzeitstationären Pflegeeinrichtungen geht es primär nen und Akteure mit dem konkreten Fokus auf der Ver-
darum, technische Innovationen dafür einzusetzen, besserung der bestehenden Produkte. Die Aufgabe be-
Freiräume für die personengebundene Pflegearbeit zu steht darin, die verschiedenen Positionen der
schaffen und Entlastung auf der physischen und psychi- Interessengruppen auszutauschen, gemeinsame Ziel-
schen Ebene zu ermöglichen, z. B. durch den Einsatz stellungen zu identifizieren und zu priorisieren und
von IKT-Anwendungen, die die Material- und Medika- schließlich sektorenübergreifende bzw. wo notwendig
mentenversorgung unterstützen, oder durch Kommuni- auch sektorenspezifische Umsetzungen anzustreben.
kations- und Unterhaltungs-Technologien. Dazu sind die aktuellen Rahmungen des Gesundheits-
und Pflegewesens auf geeignete Anschlussstellen zur
Vor dem Hintergrund der identifizierten Rahmenbe- nachhaltigen Etablierung von IKT-Innovationen in der
dingungen zur Implementierung von IKT in der Pflege Pflege zu untersuchen, z. B. mit Blick auf Verantwort-
(siehe Kapitel 4.1) werden im Folgenden drei Hand- lichkeiten, Kompetenzen und Finanzierung etc. Ferner
lungsfelder skizziert, die den empirisch basierten Emp- müssen bestehende Handlungsspielräume genutzt so-
fehlungen und Hinweisen aus der vorliegenden Studie wie Empfehlungen zur Weiterentwicklung etwa von be-
einen politisch handhabbaren Fokus geben. rufs- oder sozial- und leistungsrechtlichen Rahmungen
eingebracht werden. Relevante Voraussetzungen aufsei-
4.2.1 Stärkere Verankerung von Pflege-IKT ten der Trägerinnen und Träger der Leistungserbrin-
im Gesundheitssystem gung sind ebenfalls abzustimmen und entsprechende
Ein zentraler Anschlusspunkt für die Etablierung von Impulse in den Diskurs einzubringen.
IKT in der Pflege ist die systematische und nachhaltige
Evaluation und Kommunikation der Mehrwerte sowie Der Fokus dieses Handlungsfeldes liegt darauf, IKT-ge-
der Vergleich von Nutzen und Wirtschaftlichkeit mit be- stützte Versorgungsprozesse entlang des gesamten In-
reits bestehenden Produkten und Dienstleistungen im terventionsspektrums von Beratung und Förderung,
Pflegebereich. Nur so kann die Verankerung im ersten Prävention, Diagnostik, Therapie/Maßnahmen, Evalua-
Gesundheitsmarkt gelingen. Der dafür notwendige Dis- tion und Dokumentation zu gestalten. Mit Blick auf die
kurs zu Bedarfen und Mehrwerten hängt wesentlich entsprechenden Rahmenbedingungen und die Infra-
von einer gelungenen interdisziplinären, interprofessi- strukturentwicklungen (z. B. Care Management) sind
onellen und sektorenübergreifenden Verständigung dazu die Kooperationen über Professions-, Institutions-
und Zusammenarbeit relevanter Interessenvertreterin- und Sektorengrenzen hinweg auch unter Einbezug der

60 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

Kostenträgerinnen und -träger zu verbessern. Sollen nikanwendung in der Pflege. Die kontinuierliche Nut-
bisherige IKT-Einzellösungen überwunden werden, zereinbindung ist von besonderer Bedeutung, um eine
müssen innovative Anwendungen und Dienstleistun- bedarfs- und prozessgerechte und bedienungsfreundli-
gen mit Blick auf die gesamten Versorgungsprozesse che Technologieentwicklung zu ermöglichen.
und messbare Mehrwerte entwickelt werden.
Die Einbeziehung von potenziellen und tatsächlichen
4.2.2 Impulse für die Dissemination von IKT Nutzerinnen und Nutzern dient darüber hinaus der
in der Pflege Entwicklung von tragfähigen, glaubwürdigen und kom-
Ein weiteres Handlungsfeld zur Etablierung von IKT in munizierbaren Konzepten für die sensiblen Herausfor-
den Versorgungskontexten der Pflege besteht in der derungen des IKT-Einsatzes in der Pflege. Öffentlich
Notwendigkeit der Dissemination von IKT-Anwendun- wie fachöffentlich relevante Fragen und Einwände, z. B.
gen und entsprechender Dienstleistungen. Die Aufgabe an die ethischen (z. B. in Bezug auf soziale Kontrolle),
besteht in diesem Zusammenhang primär darin, ange- ökonomischen (z. B. in Bezug auf Geschäftsmodelle)
messene und niedrigschwellige Informations- und Be- oder datenschutzrechtlichen (z. B. in Bezug auf Eigen-
ratungsangebote für die verschiedenen Zielgruppen zu tumsrechte an den Daten) Implikationen des Technolo-
entwickeln und bereitzustellen. Ebenso müssen gieeinsatzes sind dabei ernst zu nehmen. Das gilt auch
"Leuchtturmentwicklungen" sichtbar und erfahrbar für jene Befürchtungen, dass technische Vernetzungen
platziert werden und die potenziellen Nutzergruppen soziale Beziehungen und zwischenmenschliche Kom-
aufseiten der Leistungsempfängerinnen und -empfän- munikationen zukünftig ggf. zunehmend verdrängen
ger sowie der Dienstleisterinnen und Dienstleister in könnten. Diese und weitere sensible Aspekte müssen in
der Verwendung der Systeme angemessen unterstützt die öffentlichen und fachöffentlichen Diskurse einbezo-
und informiert oder diese ggf. auch mit notwendigen gen werden, auch um einen grundsätzlichen und mög-
Kompetenzen zur Nutzung der Systeme ausgestattet lichst niedrigschwelligen Zugang für den zweiten Ge-
werden. Dabei ist insbesondere deutlich zu machen, sundheitsmarkt zu ermöglichen.
dass und inwieweit IKT-Anwendungen in der Pflege an
die Bedürfnisse, Bedarfe und Anforderungen der späte- Das Handlungsfeld "Impulse für die Dissemination von
ren Nutzerinnen und Nutzer in ihren konkreten Lebens- IKT in der Pflege" umfasst damit vorzugsweise Aspekte
und Arbeitskontexten anschließen und diese positiv der Öffentlichkeits- und Fachöffentlichkeitsarbeit. Vor-
unterstützen. Es bedarf einer breit getragenen Transpa- stellbar ist etwa eine konzertierte Transparenz- und
renz- und Kommunikationsoffensive, die zum einen Kommunikationsoffensive von relevanten Akteurinnen
eventuelle Bedenken und Vorbehalte aufseiten der Leis- und Akteuren zur Verstärkung der Sichtbarkeit und Er-
tungsempfängerinnen und -empfänger wie ggf. auch fahrbarkeit von IKT-Entwicklungen in der Pflege und
aufseiten der Leistungserbringung aufgreifen und zum ihren Möglichkeiten und Mehrwerten auch heute
anderen Informations- und Überzeugungsarbeit zu schon. Dies würde dann auch einer intensiven Ausein-
dem leisten kann, was heute bereits möglich ist. andersetzung mit den sensiblen Herausforderungen
des Technologieeinsatzes in der Pflege, der partizipati-
Dieses Handlungsfeld betrifft auch die Einbeziehung ven Nutzereinbindung, der Bereitstellung von angemes-
von potenziellen Nutzerinnen und Nutzern, wie Pflege- senen Service- und Beratungsangeboten, der Kompe-
bedürftigen und Angehörigen, Kostenträgerinnen und tenzentwicklung bei Fachkräften sowie der Einpassung
-trägern, Betreibern, Pflegekräften, den Vertreterinnen der technischen Systeme in eine breitere sozio-techni-
und Vertretern des MDK etc. in allen Phasen der Tech- sche Entwicklung Vorschub leisten können.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 61


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

4.2.3 Vorantreiben der Technik- und Infrastruk- In Bezug auf die strukturelle Vernetzung und systema-
turentwicklung für IKT in der Pflege tische Kommunikation von pflegerelevanten Daten be-
Ein drittes zentrales Handlungsfeld zur Etablierung stehen die Herausforderungen darin, Interoperabilität
von IKT in der Pflege fokussiert auf Fragen der Techni- auf der Ebene der technischen Anwendungen (syntakti-
kentwicklung sowie auf Aspekte der infrastrukturellen sche Interoperabilität), auf der des Informationsaus-
Vernetzung und die Möglichkeiten, die sich daraus für tauschs (semantische Interoperabilität) und auf Ebene
eine systematische Weiterleitung und Bearbeitung der rechtlichen Voraussetzungen herzustellen. Auch
pflegerelevanter Daten im Gesundheits- und Pflegesys- organisatorische Interoperabilität sollte angestrebt wer-
tem ergeben. den, wenngleich die Vielzahl und Verschiedenartigkeit
der Akteurinnen und Akteure dies erschwert.
Technikentwicklung sollte zukünftig grundsätzlich als
sozio-technische Entwicklung verstanden werden. Des Weiteren ist die Dissemination der entsprechenden
IKT-Anwendungen für die Pflege müssen im Sinne ei- technischen Voraussetzungen (Hardware und Software)
ner partizipativen Technikentwicklung, d. h. strikt aus sowie die Etablierung von IT-kompatiblen Instrumen-
der Nutzerperspektive heraus und stets mit Blick auf ten und Verfahren (Terminologiesysteme) voranzutrei-
eine praktische, alltagstaugliche Anwendung und auf ben. Ziel sollte sein, die derzeit bereits gegebenen Mög-
Mehrwerte entwickelt werden. Gleichzeitig gilt es Im- lichkeiten des Technologieeinsatzes in der Pflege (z. B.
pulse für eine Weiterentwicklung von Routinen und im Kontext der Entbürokratisierung der Pflegedoku-
Verfahren in der Pflege zu liefern. Bezogen auf IKT-An- mentation oder des E-Health-Gesetzes) durch angemes-
wendungen für Leistungsempfängerinnen und -emp- sene technische Vernetzung sowie die Entwicklung und
fänger ist die Technikentwicklung gefordert, ein breites Nutzung inner- wie interdisziplinär einsetzbarer Model-
Verständnis der Lebenslagen und Bedarfe der Nutzerin- le der Diagnostik und Therapie auszuschöpfen.
nen und Nutzer zugrunde zu legen.
Derzeit werden in Deutschland weder für den akutstati-
IKT-Anwendungen für die Leistungserbringung müssen onären noch für den langzeitstationären oder ambulan-
sich eng an den Pflegeprozessen und den damit zusam- ten Bereich genügend Anreize gesetzt, pflegediagnosen-
menhängenden relevanten Pflegephänomenen orien- bezogene Dokumentationssysteme oder entsprechende
tieren. Hier sind Initiativen zur Verbesserung der Daten- standardisierte Terminologiesysteme einzusetzen. Für
lage gefragt, zum einen in Bezug auf die Lebenssituation Österreich konnte aufgezeigt werden, dass eine gesetz-
älterer Menschen, zum anderen hinsichtlich der Struk- lich fixierte Anforderung zur Dokumentation von Pfle-
turierung von Pflegeprozessen mit Blick auf die beson- gediagnosen zu einer guten Durchdringung der Kran-
dere Komplexität der Anforderungen etwa im Fall de- kenhäuser mit Pflegedokumentationssystemen (67
menzieller Erkrankungen oder der pflegerischen Prozent) und zum erweiterten Einsatz von Pflegeklassi-
Unterstützung am Lebensende. Ebenso gilt es die aktu- fikationssystemen (44 Prozent) geführt hat.32
ellen technischen Voraussetzungen in der Pflege zu ver-
bessern, etwa durch die Verbreitung von Hard- und Soft- Für die Pflege ist der Zugang zu spezifischen Anwendun-
ware in Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten, gen der Gesundheitstelematik derzeit weitgehend unge-
und belastbare Wirksamkeitsnachweise zu IKT in der klärt. Der Zugriff auf viele pflegerelevante Daten der
Pflege zu erbringen. elektronischen Patientenakte ist damit (bis auf den Not-
fallzugriff) ebenso wenig gesichert wie die Möglichkeit,
pflegerelevante Daten einzuspeisen. Weiterhin fokus-

Vgl. Hübner et al. (2015).


32

62 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

siert diese Anwendung bislang ausschließlich auf Ver- ben kommerziellen Angeboten (z. B. Pflegefachsprache
sorgungsprozesse im Rahmen von SGB-V-Leistungen, der Firma apenio, European Nursing Pathways (ENP)
inklusive der häuslichen Krankenpflege. Pflegerelevan- des RECOM-Verlages) vielerorts standardisierte "Haus-
te Daten aus dem Kontext der Leistungserbringung kataloge" etabliert.37 Alternativ könnte auch der Einsatz
über SGB XI bleiben damit noch unberücksichtigt. einer Referenzterminologie der Pflege zum Einsatz
kommen, die in der Lage ist, verschiedene Terminolo-
Eine systematische Interaktion zwischen medizini- giesysteme der Pflege auf einer Metaebene zusammen-
scher und pflegerischer Versorgung über die TI konnte zuführen (Mapping) und damit übergreifende Daten-
daher bislang nicht realisiert werden – die angekündig- auswertungen zu ermöglichen. So hat die
ten Weiterentwicklungen (§ 291b(1b) SGB V) verbleiben Weltgesundheitsorganisation bereits 2009 die Interna-
auf einer technischen Ebene und enthalten mit Blick tional Classification of Nursing Practice (ICNP®) als
auf die angesprochene Problematik keine verbindli- Referenzterminologie für die Pflege vorgeschlagen. Von
chen Aussagen (vgl. auch GMDS 2015).33 entscheidender Bedeutung wird es sein, zukünftig die
Verwendung von verbindlich vereinbarten Terminolo-
Weiterhin ist zu klären, ob ein sektor- und ggf. auch län- giesystemen in allen Bereichen der Pflege vorzusehen.
derübergreifender pflegerischer Informationsaustausch
auf der Basis eines einheitlichen, standardisierten Ter- Schließlich wäre zu klären, welche Anreize zu setzen
minologiesystems erfolgen sollte. Dazu liegen aus dem sind, um über eine bislang freiwillige Nutzung der elek-
Bereich von Pflegewissenschaft und Pflegeinformatik tronischen Patientenakte systematische und nachhalti-
zahlreiche Entwürfe vor, die international auch hohe ge Informationsflüsse in der Pflege sicherzustellen.
Verbreitung gefunden haben. Eine einheitliche standar-
disierte Fachsprache der Pflege konnte zwar auch inter- 4.3 Handlungsempfehlungen zur Etablierung
national nicht etabliert werden, durchgesetzt haben von IKT in der Pflege
sich aber verschiedene übergreifende und domänenspe- Im Folgenden werden in den Handlungsfeldern insge-
zifische Systeme, die einzelne oder auch alle Aspekte samt 15 Empfehlungen zur stärkeren Etablierung von
des Pflegeprozesses abdecken.34 International verbreitet IKT in der Pflege vorgestellt.
ist etwa die NNN-Systematik (Zusammenschluss von
Klassifikationssystemen für Pflegediagnosen (NANDA), 4.3.1 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
Pflegeinterventionen (NIC) und Pflegeergebnisse "Verankerung im Gesundheitssystem"
(NOC)35, die multiprofessionelle internationale Klassifi-
kation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Ge- 1. "Netzwerk IKT in der Pflege" etablieren
sundheit (ICF)36 oder die Internationale Klassifikation Da es bislang nur punktuell gelungen ist, einen interdis-
der Pflegepraxis (ICNP). In Deutschland haben sich ne- ziplinären und interprofessionellen Austausch zu den

Vgl. Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V., GMDS (2015): Stellungnahme
33

der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS) zum Referentenentwurf
eines Gesetzes für digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen, GMDS-Präsidiumskommission
"Gesundheitstelematikinfrastruktur" vom 10. Februar 2015, http://www.gmds.de/pdf/publikationen/stellungnahmen/150210_
Stellungnahme_GMDS_2015_02_10_final.pdf
Vgl. Müller-Staub, M./Schalek, K./König, P. (2016): Pflegeklassifikationen. Anwendung in Praxis, Bildung und elektronischer
34

Pflegedokumentation. Hogrefe.
Vgl. McCloskey-Dochterman J. C./Jones D. A. (Hgg.) (2003). Unifying Nursing Languages: The Harmonization of NANDA, NIC,
35

and NOC. Washington, D.C.: American Nurses Publishing.


Vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (Hg.) (2005): Internationale Klassifikation
36

der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). WHO, Genf.


Vgl. Hübner et al. (2015).
37

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 63


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

spezifischen Herausforderungen der Etablierung von spielsweise durch die Kranken- und Pflegeversicherun-
IKT in der Pflege in bereits bestehenden Diskursen und gen. Dazu muss insbesondere der elektronische Daten-
Netzwerken zu etablieren, wird empfohlen, ein "Netz- fluss zwischen den verschiedenen professionellen
werk IKT in der Pflege" neu zu begründen. Die systema- Dienstleisterinnen und Dienstleistern, pflegenden An-
tische und nachhaltige Vernetzung von praktischen, gehörigen und Kostenträgerinnen und -trägern recht-
verbandlichen, wissenschaftlichen, administrativen lich legitimiert und praktisch formalisiert sowie die
und politischen Akteurs- und Interessengruppen aus Entwicklung anschlussfähiger Schnittstellen vorange-
dem Bereich IKT für die Pflege ist darauf auszurichten, trieben werden.
die Positionen und Interessen auszutauschen, gemein-
same Zielstellungen zu identifizieren und zu priorisie- 3. Prüfung der Voraussetzungen und Möglich-
ren und schließlich Impulse für sektorenübergreifende, keiten zur Aufnahme von IKT-Anwendungen in die
ggf. auch sektorenspezifische Umsetzungen im Gesund- Hilfs- und Pflegehilfsmittelverzeichnisse sowie
heitssystem zu geben. Mit Blick auf die Potenziale von Förderung von Nutzenstudien
IKT in der Pflege für Entwicklungen außerhalb des Ge- Unter Berücksichtigung der grundsätzlichen sozial-
sundheitssystems (z. B. im Rahmen der kommunalen rechtlichen Anforderungen an Hilfs- und Pflegehilfsmit-
Entwicklung und Vernetzung) sind auch weitere Ak- tel zur Aufnahme in die Hilfs- und Pflegehilfsmittel-
teursgruppen in das Netzwerk einzubinden (siehe auch verzeichnisse der gesetzlichen Kranken- und Pflegever-
Kapitel 5, Pilotprojekt 1). sicherung nach § 33 SGB V (Hilfsmittel) und nach § 40
SGB XI (Pflegehilfsmittel) ist zu prüfen, ob und welche
2. Anreize zur flächendeckenden Nutzung von Bestandteile von IKT-Anwendungen diese Anforderun-
elektronischen Pflegedokumentationen schaffen gen erfüllen. Beispielsweise kommen dafür technische
Elektronische Pflegedokumentationssysteme sind in Orientierungshilfen oder GPS-gestützte Sicherheitssys-
der beruflichen Pflege nach wie vor nicht flächende- teme für den Erhalt oder die Förderung der Mobilität
ckend verbreitet. Insbesondere im Bereich der Lang- von pflegebedürftigen Menschen infrage. Gleiches gilt
zeitpflege erfolgen Leistungsabbildung und Qualitäts- für die Anforderungen an die Bewilligung von IKT-Ins-
sicherung häufig noch papiergestützt. Der durch tallationen als wohnumfeldverbessernde Maßnahme
Digitalisierung mögliche Abbau von Bürokratie und gem. § 40 SGB XI. Sie müssen das Kriterium erfüllen,
die Steigerung der Effizienz in der Pflegedokumentati- dass dadurch nachweislich die häusliche Pflege ermög-
on kann somit nicht realisiert werden. Der Stand der licht oder erheblich erleichtert oder eine möglichst
Verbreitung von elektronischen Pflegedokumentatio- selbstständige Lebensführung des Pflegebedürftigen
nen und zur Verwendung von standardisierten Termi- wiederhergestellt werden kann. Beispielsweise könnten
nologiesystemen in der ambulanten und stationären dies Einbauten zur Bewegungssensorik, zur audiovisu-
Langzeitpflege muss in einer tragfähigen und umfas- ellen Kommunikation und zur automatisierten Hilflo-
senden Bestandsaufnahme dringlich erhoben und sigkeitserkennung und damit zur Verbesserung der Si-
durch regelmäßige Verlaufserhebungen kontinuierlich cherheit und selbstständigen Lebensführung von allein
aktualisiert werden. lebenden Pflegebedürftigen sein. In jedem Einzelfall
sind dazu aber gezielte Wirksamkeitsstudien zu relevan-
Auf dieser Basis können Anreize für Pflegeeinrichtun- ten IKT-Anwendungen in der Pflege auf den Weg zu
gen geschaffen werden, die Leistungsabbildung und bringen, die die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit und
Qualitätssicherung konsequenter über elektronische Evidenz und die sozialrechtlichen Anforderungen und
Pflegedokumentationssysteme zu realisieren, bei- Kriterien erfüllen.

64 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

Als Grundlage zur Verankerung von IKT-Anwendungen Bestehende Informations- und Angebotsplattformen
in der Pflege im ersten Gesundheitsmarkt sind zudem wie z. B. das Informationsportal für Arbeitgeber zur So-
vermehrt gezielte Wirksamkeitsstudien zu ausgesuch- zialversicherung38 haben gezeigt, dass sich mit einer
ten IKT-Anwendungen in der Pflege auf den Weg zu differenzierten Aufbereitung und Darstellung von In-
bringen, wobei sichergestellt werden muss, dass diese formationen große Akteursgruppen zielgenau anspre-
auf objektiven Kriterien beruhen und tatsächliche Be- chen lassen. Durch Eingrenzung der Produktauswahl
darfe der Leistungsempfängerinnen und -empfänger über entsprechende Suchfilter oder im Rahmen zu-
abfragen. Wenn ein nachhaltiger und evaluierbarer gangsgeschützter Bereiche ist es möglich, die Informa-
Mehrwert generiert werden kann, muss der Nutzen ge- tionen noch präziser auf die jeweilige Zielgruppe zuzu-
genüber den Pflegenden, sowohl professionell als auch schneiden. Das deutsche Telemedizinportal kann als
pflegenden Angehörigen, sowie Leistungsempfängerin- Grundlage für eine Marktübersicht dienen, müsste je-
nen und -empfängern transparent und verständlich doch hinsichtlich Nutzerorientierung und -design so-
kommuniziert werden. wie Struktur überarbeitet werden.

4.3.2 Handlungsempfehlungen im Handlungs- 5. Wohnortnahe Informations- und


feld"Dissemination" Beratungsangebote und Weiterentwicklung
Dissemination beschreibt die zielgruppenspezifische von lokalen Netzwerken fördern
Verbreitung und Kommunikation von Inhalten mit Es wird empfohlen, weitere niedrigschwellige, persön-
dem Ziel, das Thema IKT in der Pflege positiv zu beset- liche Informations- und Beratungsangebote möglichst
zen und Anwendungen bekannter zu machen. wohnortnah einzurichten bzw. bestehende Angebote
wie Pflegestützpunkte auszubauen. Sie können interes-
4. Internetgestützte Informationsangebote zu sierte Bürgerinnen und Bürger und insbesondere Pfle-
IKT-Angeboten in der Pflege aufbauen gebedürftige und potenziell Pflegebedürftige ggf. ein-
Bis heute ist eine kontinuierlich aktualisierte Markt- zelfallorientiert mit Blick auf die Auswahl von
übersicht zu IKT-Angeboten für den ersten und zweiten konkreten bestehenden und bereits erprobten IKT-An-
Gesundheitsmarkt nicht verfügbar. Es wird empfohlen, wendungen informieren, beraten und unterstützen.
eine niedrigschwellige, internetgestützte und fortlau- Voraussetzung für diese Beratungsarbeit ist die Ausstat-
fend aktualisierte Produkt- und Dienstleistungsüber- tung der Beraterinnen und Berater mit einer hohen
sicht einzurichten, die Angaben zu IKT-Angeboten für Feld- und Pflegekompetenz und relevanten Erfahrun-
konkrete Unterstützungs- und Pflegebedarfe, zu Anbie- gen im Bereich IKT in der Pflege. Diese Beratungsarbei-
terinnen und Anbietern, Kosten und Finanzierungs- ten könnten auch in das Tätigkeitsfeld von Pflegestütz-
möglichkeiten, ggf. zu Wirksamkeitsnachweisen und punkten integriert werden. Die Pflegestützpunkte
Nutzererfahrungen enthalten und auf Best-Practice-Bei- müssen hierfür mit fundierten Informationen zu Chan-
spiele verweisen (siehe auch Kapitel 5, Pilotprojekt 2). cen und Risiken, guten Beispielen und bestehenden
Die Marktübersicht kann durch einen Branchenver- Anwendungsfällen aus dem Bereich IKT in der Pflege
band oder auch durch eine mögliche Geschäftsstelle ausgestattet werden.
oder andere bestehende Strukturen betreut werden.
Gegliedert nach unterschiedlichen Kategorien, z. B. 6. Transparenz- und Kommunikations-
Zielgruppen, technische Lösungen oder Anwendungs- offensiven starten
bereiche, kann sie größtmögliche Transparenz für die Die Mehrwerte und Möglichkeiten des IKT-Einsatzes in
einzelne Nutzerin und den einzelnen Nutzer schaffen. der Pflege sind öffentlich wie fachöffentlich noch kaum

38
https://www.informationsportal.de/

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 65


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

bekannt. Im Rahmen von konzertierten Transparenz- lichen Lebens zur Ansprache einzelner Akteursgruppen
und Kommunikationsoffensiven sollten Öffentlichkeit kann hilfreich sein. Dabei sind die Möglichkeiten des
und Fachöffentlichkeit sensibilisiert und auf die Breite Technologieeinsatzes zur Unterstützung von Betreuung
der Angebote aufmerksam gemacht werden. Um alle und Pflege im Einzelfall ebenso hervorzuheben wie das
Akteursgruppen auf dem Pflegemarkt angemessen ad- Potenzial digital vernetzter Pflegeprozesse im Gesund-
ressieren zu können, empfiehlt es sich, die Transpa- heitssystem und digital unterstützter Pflege- und Ver-
renz- und Kommunikationsoffensiven nach Zielgrup- sorgungsnetzwerke in den Kommunen (siehe auch Ka-
pen differenziert zu planen und umzusetzen und sich pitel 5, Pilotprojekt 2).
der Medien zu bedienen, die die jeweilige Zielgruppe
selbst häufig nutzt. Pflegende sollten eine Übersicht der 7. Offensive Diskurse zu Möglichkeiten und
möglichen Anwendungslösungen erhalten und über Herausforderungen der Technikverwendung in
den konkreten Nutzen für Pflegende informiert werden. der Pflege führen
Zudem gilt es Schulungsangebote, Weiterbildungsmaß- Bis heute ist die Unterstützung älterer und pflegebe-
nahmen und Austauschformate zu IKT-Lösungen für dürftiger Menschen, pflegender Angehöriger oder auch
Pflegende aufzuzeigen. Leistungsempfängerinnen und der professionellen Pflege durch neue Technologien in
-empfänger sollten fokussiert über die Chancen und Ri- der (Fach-)Öffentlichkeit umstritten. Neben pragmati-
siken der Verwendung von IKT-Lösungen im eigenen schen Einwänden (z. B. Finanzierungsfragen) kommen
Haushalt aufgeklärt werden sowie darüber, wo sie wei- auch grundsätzliche Bedenken (z. B. ethische Abwä-
tere Information zur Verwendung von IKT-Lösungen gungen) zum Tragen. Daher wird empfohlen, die arti-
erhalten können. Im Rahmen der gezielten Ansprache kulierten Vorbehalte im Rahmen von Transparenz- und
von Akteurinnen und Akteuren aus der Technikent- Kommunikationsoffensiven aufzugreifen und die Mög-
wicklung sollten Informationen über die Bedarfe von lichkeiten und Herausforderungen des IKT-Einsatzes
Pflegenden und Leistungsempfängerinnen und -emp- in der Pflege gesellschaftlich zur Diskussion zu stellen.
fängern im Vordergrund stehen. Darüber hinaus wird In diesem Zusammenhang ist auch die Durchführung
eine Kommunikationsoffensive empfohlen mit dem von aussagekräftigen Studien zu sensiblen Fragestel-
Ziel, die Akteurinnen und Akteure der Technikentwick- lungen im Umfeld des IKT-Einsatzes in der Pflege (z. B.
lung zum direkten Kontakt mit Pflegenden anzuhalten. Ethik, Datenschutz, Substitution der personellen Pfle-
ge, systemische Rationalisierung im Gesundheits- und
Die Ansprache der Zielgruppen sollte über unterschied- Pflegewesen) angeraten, um relevante Argumentations-
liche Formate und Kommunikationsmittel erfolgen. linien in den öffentlichen Diskurs einzubringen.
Um Pflegende anzusprechen, empfiehlt es sich, ziel-
gruppenspezifische Internetseiten zu nutzen, etwa Al- 8. (Internationalen) Fachdiskurs in der
tenpflege-Online.de, oder auch die Magazine großer Pflege unterstützen
Leistungserbringer, z. B. der AWO und der Caritas. Leis- Der Einsatz von IKT-Technologien in der Pflege ist, ins-
tungsempfängerinnen und -empfänger könnten mit besondere vor dem Hintergrund des demografischen
zielgruppenspezifischen Artikeln z. B. in der Apotheken Wandels und eines sich verschärfenden Fachkräfte-
Umschau informiert werden. Akteurinnen und Akteure mangels, auch global gesehen ein relevantes Themen-
der Technikentwicklung könnten entweder über die In- feld. Der deutschsprachige Diskurs ist vor diesem Hin-
ternetseiten der Branchenverbände oder auch auf Kon- tergrund stärker als bisher an internationale Debatten
gressen und Tagungen informiert und angesprochen und Erfahrungen anzuschließen. Die Vernetzung von
werden. Auch die Einbindung von Personen des öffent- relevanten Akteurinnen und Akteuren auf der nationa-

66 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

len und internationalen Ebene ist offensiv zu unterstüt- bildung, berufsqualifizierendes Pflegestudium) abhän-
zen, etwa durch die Etablierung einer internationalen gig zu machen (siehe auch Kapitel 5, Pilotprojekt 3).
"Pflege-Technik-Community". Dazu ist z. B. die regel-
mäßige Ausrichtung von einschlägigen internationalen 10. IKT in der Pflege in kommunale oder
Fachtagungen und Kongressen in Deutschland zu för- quartiersbezogene Vernetzung einbinden
dern (siehe auch Kapitel 5, Pilotprojekt 2). Der Einsatz von IKT-Anwendungen im Umfeld von Pfle-
ge und Betreuung sollte immer auch daraufhin über-
9. IKT-Kompetenzen in der Aus-, Fort- und prüft werden, ob und ggf. welche generierten Daten,
Weiterbildung der Pflege ausbauen stets unter der Beachtung von Aspekten der Privatheit
Die Akteurinnen und Akteure im Pflegesektor gelten und des Datenschutzes, sinnvoll in Initiativen zur regi-
grundsätzlich als wichtige Multiplikatoren zur Vermitt- onalen, kommunalen oder wohnortnahen bzw. quar-
lung von IKT-Anwendungen in den ersten und zweiten tiersbezogenen Vernetzung eingebunden werden kön-
Gesundheitsmarkt, etwa mittels gezielter Informa- nen. In diesem Sinne kann die technisch realisierte
tions- und Beratungsarbeit etc. Sie selbst aber sind auf Einbindung einer Seniorenwohnung in ein Netzwerk
diese neue Aufgabe bislang nur unzureichend vorberei- Gesundheit und Pflege ggf. der Ausgangspunkt für eine
tet. Bei einer zukünftigen Weiterentwicklung der Pfle- erweiterte Anbindung an nachbarschaftliche oder auch
geberufegesetze sollte auch darauf hingewirkt werden, regionale Versorgungs- und Betreuungsnetzwerke sein.
dass in den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen Anzuschließen ist dazu etwa an die aktuellen Vorschlä-
bundesweit gültige Anforderungen an die Technik- und ge zur Weiterentwicklung der kommunalen Infrastruk-
Digitalisierungskompetenzen von Pflegefachpersonen turen zum Aufbau und zur Sicherung von Gemeinschaf-
formuliert und für die curriculare Umsetzung in der ten in einer Gesellschaft des langen Lebens.39 Vor
Aus-, Fort- und Weiterbildung der Pflege konkretisiert diesem Hintergrund sind derzeit noch vereinzelte Mo-
werden. Auf Länderebene wären entsprechende Ent- dellprojekte für eine vernetzte kommunale Infrastruk-
wicklungen in den Landesrahmenlehrplänen nötig. Ne- tur- und Quartiersentwicklung zu forcieren und mit
ben technisch-instrumentellen Kompetenzen zum Blick auf die Umsetzung des Pflegestärkungsgesetzes
sachgerechten Einsatz von IKT-Anwendungen in der III auch nachhaltige und regionsspezifische Weiterent-
Pflege sind dazu auch Kompetenzen der Einordnung wicklungen und Verbreitungen zu unterstützen.
des Datenflusses in größere Gesamtzusammenhänge,
wie z. B. beim Pflegeprozess, zu sehen. Hinzu kommen 4.3.3 Handlungsempfehlungen im Handlungsfeld
sozialkommunikative Kompetenzen etwa zur Vermitt- "Technik- und Infrastrukturentwicklung"
lung der Vorteile von IKT-Lösungen an Pflegebedürftige
sowie emotionale Kompetenzen, z. B. im Zusammen- 11. Innovation in der Pflege als sozio-technische
hang mit emotionsstimulierenden Technologien (Emo- Entwicklung fördern
tionsrobotik) oder auch im professionellen Umgang Innovationen in der Pflege sind konsequent auf die
mit Störungen der IKT-Produkte. Letztlich gehören Weiterentwicklung sozio-technischer Pflegearrange-
dazu auch reflexive Kompetenzen zur situationsgerech- ments auszurichten. Innovation in der Pflege ist damit
ten Verwendung von technischen Innovationen in der als Weiterentwicklung komplexer Pflegeprozesse zu
Pflege. In welcher Differenziertheit und über welche verstehen. Vor diesem Hintergrund sollte die Drittmit-
Bildungsangebote (Aus-, Fort-, und/oder Weiterbil- telförderung für Technikentwicklung in der Pflege
dung) Kompetenzen dieser Art anzulegen sind, ist vom durch Bundesmittel, vorrangig durch das BMBF, konse-
anvisierten Qualifikationsniveau (z. B. berufliche Aus- quent an Kriterien der Bedarfs- und Prozessorientie-

39
Vgl. Deutscher Bundestag (2016): Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Sorge
und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften und Stellungnahme der
Bundesregierung. Drucksache 18/10210 vom 02.11.2016.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 67


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

rung sowie der partizipativen Technologieentwicklung von Technikentwicklerinnen und -entwicklern einge-
ausgerichtet sein. Dazu sollten die Förderausschrei- bunden werden, etwa durch Module zu den Lebensla-
bungen des Bundes neben der substanziellen Berück- gen älterer Menschen in den Ausbildungs- und Studien-
sichtigung von ethischen, rechtlichen und sozialen programmen der Technikentwicklung. Weiterhin
Implikationen (ELSI-Aspekte) zukünftig auch konzep- könnte die Technikkompetenz in der beruflichen Pflege
tionelle Überlegungen zur sozio-technischen Entwick- verbessert werden, um einen angemessenen Austausch
lung in der Pflege zur verbindlichen Voraussetzung der zwischen Technikentwicklung und Pflege in partizipa-
Drittmittelförderung durch Bundesmittel machen. tiven Entwicklungsprozessen zu ermöglichen. Neben
IKT-Entwicklung in der Pflege muss sich zukünftig ver- der Vermittlung von grundlegenden Technikkompeten-
stärkt auch auf die Herausforderungen der Leistungs- zen wie dem sachgerechten Umgang mit Computern,
erbringung sowie auf eine Vernetzung der professio- Tablets und grundlegenden Anwendungen wie MS-
nellen Dienstleisterinnen und Dienstleister und Word in der Pflegeausbildung sollten dazu auch spezia-
pflegenden Angehörigen im Versorgungssystem kon- lisierte (und ggf. auch interprofessionelle) Fort- und
zentrieren. Dabei fällt auch den Projektverantwortli- Weiterbildungen entwickelt werden. Die Erprobung in-
chen die Verantwortung zu, in der Konzeption, der Ent- novativer Technologien im Rahmen drittmittelgeför-
wicklung und Erprobung von IKT in der Pflege die derter Projekte muss über Laborstudien hinausreichen
jeweils konkreten Zielgruppen zukünftig konkreter zu und Erfahrungen im Praxisfeld einbeziehen.
identifizieren und zu benennen. Die Vergabe von För-
dermitteln des Bundes sollte dazu über die derzeit be- 13. Transfer von Daten in pflegerelevante
reits etablierten Kriterien (z. B. ELSI-Aspekte) hinaus Informationen vorantreiben
an systematische Analysen des jeweils anvisierten Bislang wurde der Frage, wie aus IKT-gestützten Daten,
Handlungsfeldes einerseits und an systematische z. B. über sensorgestützte Systeme in der häuslichen
Evaluationen (Wirksamkeit, Nutzen, Rückwirkungen Umgebung von Leistungsempfängerinnen und -emp-
im Handlungsfeld) gebunden sein. Entsprechende Pro- fängern, pflegerelevante Informationen abgeleitet wer-
jekte sollten stärker in die Verantwortung von Pflege den können (Mapping) und wie diese nutzertauglich
und Pflegewissenschaft gelegt werden. kommuniziert oder direkt in bereits verwendete elekt-
ronische Pflegedokumentationssysteme integriert wer-
12. Nützlichkeit und Bedienbarkeit von den können, noch unzureichend Aufmerksamkeit ge-
Produkten für die Leistungsempfängerinnen schenkt. Für viele IKT-Lösungen insbesondere aus dem
und -empfänger stärken Bereich der assistiven Technologien bleibt unklar, wel-
IKT-Technologien in der Pflege, die primär die Leis- che Zielgruppe konkret adressiert wird, z. B. die Pflege-
tungsempfängerinnen und -empfänger adressieren, bedürftigen, die helfenden und/oder pflegenden Ange-
sollten in einer Weise realisiert werden, dass eine einfa- hörigen oder die professionelle Pflege. Die erhobenen
che und intuitive Nutzung der Systeme möglich ist Daten sind oft zielgruppenunspezifisch aufbereitet, der
(Usability) und der Mehrwert für die Betroffenen in ih- Informationsgehalt damit bisweilen diffus. Daher wird
ren jeweils konkreten Lebensumständen deutlich er- empfohlen, auch die generierten Daten zielgruppenge-
kennbar wird. Der Technikentwicklung wird empfoh- recht aufzubereiten und zu kommunizieren. Entspre-
len, sich dazu verstärkt mit den Lebenslagen und chende Aspekte sollten im Bereich der Technikentwick-
Handlungsketten der (potenziellen) Nutzerinnen und lung, aber auch in der Bewerbung der Systeme
Nutzer auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung deutlicher pointiert werden. Zudem sollten Informati-
sollte zudem in die (ggf. auch spezialisierte) Ausbildung onen über die Interoperabilität auf semantischer Ebene

68 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

verfügbar gemacht werden, um im Rahmen von offenen berücksichtigt werden. Entsprechende Pilotprojekte
Schnittstellen die Kooperation mit anderen Projekten müssen darauf abzielen, sich sowohl innerhalb dieser
aus dem Bereich von IKT in der Pflege zu ermöglichen. spezifischen Handlungsfelder der Pflege als auch an
den Schnittstellen dieser Handlungsfelder der Pflege
14. Interoperabilität in der Pflege verankern zu bewähren.
Nach allem, was im Kontext dieser Studie empirisch
und auf der Grundlage von Expertenmeinungen resü- Auf der Ebene der syntaktischen Interoperabilität kön-
miert werden kann, sollten die syntaktische und se- nen Vorarbeiten (ePflegebericht) aufgegriffen werden,
mantische Standardisierung und Interoperabilität in für den Anschluss an die elektronische Patientenakte
der Pflege zukünftig stärker gefördert werden. Damit (gemäß § 291a SGB V) weiterentwickelt und nach
bestätigen sich die Ergebnisse der Analysen im Rah- gründlicher Evaluation auch gesetzlich abgesichert
men der Studie "Anforderungen an E-Healthanwen- werden. Es empfiehlt sich ferner, dass die elektronische
dungen für eine vernetzte und intersektorale Versor- Patientenakte für die berufliche Pflege zeitnah und ver-
gung aus der Perspektive der Pflege", die FINSOZ, bvitg bindlich geöffnet wird (etwa auch im Rahmen der fort-
und VDAB im Rahmen der E-Health-Initiative des BMG schreitenden Verkammerung der Pflege auf der Bun-
vorgelegt haben. desländerebene). Die relevanten Schnittstellen sollten
dabei durch pflegenahe Akteurinnen und Akteure fest-
Referenzprojekte zur Interoperabilität in der Pflege gelegt werden. Da langfristig der Anschluss an medizi-
(siehe z. B. BMG-Projekt "Elektronische Patientenakte nische Anwendungen inklusive der TI angedacht ist,
– ePA II: Mehrwerte demonstrieren!", 2012–2014) soll- empfiehlt sich hierfür die gematik. Zuvor sollten die
ten daher systematisch weiterentwickelt und zur Orien- Vertreter der unterschiedlichen Akteursgruppen Vor-
tierung für eine breitere Nutzung fachöffentlich kom- aussetzungen definieren und konsentiert an die gema-
muniziert werden (siehe dazu Kapitel 4.3.2, tik herantragen (siehe Kapitel 5.1). Dabei könnten auch
Handlungsempfehlung 8). Entscheidend ist in diesem Leistungen von telemedizinischen Lösungen für den
Zusammenhang, dass die sektorenübergreifende Etab- Pflegebereich vorangebracht und anerkannt werden.
lierung einheitlicher Dokumentationsbasisdaten (mi- Um die spezifischen Belange der professionellen Pflege
nimum record) und technischer Schnittstellen Hand in angemessen zu berücksichtigen, sollte § 291a SGB V
Hand geht mit der sektorenübergreifenden Etablie- überdies um inhaltliche Aussagen zu pflegefachlichen
rung von standardisierten Fachsprachen und einheitli- Inhalten der elektronischen Patientenakte erweitert
chen Qualitätsindikatoren sowie mit der Einbindung werden. Die Nutzung der elektronischen Patientenakte
der Pflege in die Analyse und Reorganisation von (sek- sollte perspektivisch weit über Dokumentationszwecke
torenübergreifenden) Versorgungsprozessen. Entschei- hinausgehen und disziplinäre und interdisziplinäre
dend ist überdies, dass diese Initiativen prozessorien- Kommunikationen im Versorgungsprozess (z. B. auch
tiert erfolgen und dabei insbesondere auch die internetgestützte Pflegevisiten oder Fallkonferenzen
Mehrwerte des IKT-Einsatzes aus Perspektive der Pflege im Live-Betrieb) ermöglichen und fördern. Weiterhin
im Blick behalten. Fragen der Standardisierung, der sollte dann darauf hingewirkt werden, dass spezifiziert
Klassifikation, der Prozessorientierung sowie der wird, welcher Datenaustausch aus dem Kontext der
Mehrwerte durch IKT-Einsatz sind dabei so zu bearbei- Leistungserbringung über SGB XI über die elektroni-
ten und zu beantworten, dass sowohl die Rahmenbe- sche Patientenakte erfolgen soll.
dingungen der akutstationären, der langzeitstationä-
ren und der ambulanten Versorgung angemessen

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 69


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

Auf der Ebene der semantischen Interoperabilität wird 15. Förderinitiative mit Schwerpunkt
empfohlen, Klärungen dazu voranzutreiben, welche "IKT-Anwendungen in der Pflege" aufsetzen
Pflegephänomene und -prozesse erhoben und formali- Eine zentrale Erkenntnis des vorliegenden Gutachtens
siert beschrieben werden sollten, um relevante Pflege- ist, dass kaum belastbare Daten zu den Wirkungen und
daten und -informationen an standardisierte Kommu- Effekten von innovativen IKT-Anwendungen in der Pfle-
nikationen im Gesundheitswesen anschließen zu ge vorliegen und diese darüber hinaus häufig als "In-
können. Dazu wurde bereits von der GMDS (2013) emp- sellösungen" entwickelt wurden. Das wesentliche Po-
fohlen, die ICNP (ggf. über SNOMED) als gesetzlich ver- tenzial von innovativen IKT-Anwendungen in der Pflege
bindliche Klassifikation zu etablieren.40 Dabei ist zu wird dagegen gerade darin gesehen, Arbeitsprozesse,
beachten, dass Handlungsspielräume auf der Ebene Kommunikationsabläufe und Dokumentationsverfah-
der pflegerischen Entscheidungsfindung und Pflege- ren in der Pflege und im Gesundheitswesen über die
handlungen erhalten bleiben müssen. Vernetzung von Systemen und Akteurinnen und Akteu-
ren weiterzuentwickeln. Vor diesem Hintergrund wird
Es liegen international verfügbare und erprobte stan- die Etablierung einer Förderinitiative mit dem Schwer-
dardisierte Terminologiesysteme der Pflege vor, die mit punkt "IKT-Anwendungen in der Pflege" empfohlen.
Blick auf ihre Tauglichkeit und Adaptionsfähigkeit für
die Verwendung im deutschen Gesundheitssystem und Die Förderung von Vorhaben im Rahmen von "IKT-An-
für die praktische Verwendung im Handlungsfeld Pfle- wendungen in der Pflege" zielt insbesondere darauf ab,
ge geprüft werden sollten.41 Vorarbeiten aus Pflegewis- den Einsatz von konkreten IKT-Anwendungen in der
senschaft und Pflegeinformatik liegen ebenfalls vor, Pflege in seinen Effekten hinsichtlich einer Verbesse-
finden derzeit aber kaum angemessene Beachtung in rung der inner- und interprofessionellen Vernetzung
der Pflegepraxis und der Pflegepolitik. Sofern Mehr- sowie der Qualität der pflegerischen Versorgung mess-
werte mit der Einführung dieser Systeme nachgewie- bar zu machen.
sen wurden, sollten Anreize für Pflegeeinrichtungen
gesetzt werden, entsprechende Terminologiesysteme Eine wissenschaftlich gestützte Weiterentwicklung und
modellhaft in der Pflegepraxis zu verwenden (z. B. Förderung von IKT-Anwendungen in der Pflege könnte
durch die Erprobung eines elektronischen Datenaus- folgende Zielsetzungen verfolgen:
tauschs durch die Prüfinstanzen der Pflege). Schließ- • Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation
lich sollte eine bundesweit verbindliche Referenztermi- von innovativen Weiterentwicklungen der Versor-
nologie gesetzlich etabliert werden, die in der Lage gungsprozesse in der Pflege durch Einsatz von
wäre, verschiedene standardisierte Terminologiesyste- IKT-Anwendungen
me auch unterschiedlicher Professionen zu integrieren • Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation von
und einen einheitlichen institutionsübergreifenden Ansätzen zur Verbesserung der Kommunikation in
Datenaustausch zu gewährleisten.42 Dazu sollte ein in- der Pflege durch Einsatz von IKT-Anwendungen (ein-
tensiver Aushandlungsprozess zwischen Pflegewissen- schließlich der Relevanz von standardisierten Taxono-
schaft, Pflegeinformatik, Gesundheits- und Pflegead- mien der Pflege)
ministration sowie Gesundheits- und Pflegepolitik • Nachweise von Effekten und Wirksamkeiten einer ver-
angestoßen werden. besserten professionellen IKT-gestützten Vernetzung

40
GMDS (2013): Stellungnahme zu dem Papier des bvitg: E-Health in der Pflege – Ergebnisse des Workshops des bvitg
in Kooperation mit FINSOZ und VDAB, http://www.gmds.de/pdf/publikationen/stellungnahmen/Stellungnahme_Papier_
bvitg_131009.pdf
41
Zur Übersicht Hübner U. (2012): Pflegerische Fachsprachen richtig einsetzen. Heilberufe – Pflegedossier:
IT in der Pflege, S 8–11.
42
GMDS (2013).

70 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


4. Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen

auf die Qualität der pflegerischen Versorgung Für eine entsprechende Förderinitiative wäre die Be-
• Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation der reitstellung von Finanzmitteln zu gegebener Zeit von
quartiersnahen Vernetzung durch Einsatz von den Beteiligten zu prüfen.
IKT-Anwendungen
• Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation zur
Unterstützung von Pflegexpertinnen und -experten
ANP durch Einsatz von IKT-Anwendungen
• Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation von
neuen Versorgungsformen im Hilfemix unter Berück-
sichtigung von IKT-Anwendungen in der Pflege
• Konzeptentwicklung, Erprobung und Evaluation von
Ansätzen eines angemessenen Daten- und Informati-
onsflusses in geschützten (Datenfluss im Rahmen der
Versorgung SGB V u. XI) und ungeschützten pflegere-
levanten Bezügen (Datenfluss im Rahmen zivilgesell-
schaftlich getragener Pflege)
• Potenziale von IKT-Anwendungen für pflegerische Ge-
sundheitsförderung und Prävention (mit Blick auf po-
tenzielle Leistungsempfängerinnen und -empfänger
und mit Blick auf professionelle Dienstleisterinnen
und Dienstleister)

Die Umsetzung einer entsprechenden Fördermaßnah-


me hat insbesondere auch methodische Expertise zur
Erreichung der Schwerpunktziele vorzusehen. In Bezug
auf komplexe Veränderungen im Versorgungsfeld durch
den Einsatz von IKT-Anwendungen (z. B. systemische
Rationalisierungseffekte, Lebensqualitätsforschung im
Kontext Demenz-Robotik) sind ggf. auch Impulse zur
Weiterentwicklung des Methodenrepertoires zu setzen.
Wirksamkeitsstudien sind immer in Bezug auf Aspekte
der pflegetherapeutischen Wirksamkeit der Systeme an-
zustellen. Mit Blick auf die Wirksamkeit invasiver Pfle-
getechnologien (im Sinne von z. B. ethisch sensiblen
Problemstellungen) sind ggf. auch Langzeitstudien auf
den Weg zu bringen.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 71


Vorschläge für Pilotprojekte
und Leuchtturmvorhaben
zur Förderung des Einsatzes
von IKT in der Pflege
5
72 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege
5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

Um die beschriebenen Handlungsfelder und Hand- zung der Dissemination von Anwendungslösungen
lungsempfehlungen zu konkretisieren, werden im Fol- von IKT-Anwendungen in der Pflege. Die "Geschäfts-
genden vier mögliche Pilotprojekte inklusive zweier stelle ePflege" adressiert das Informations- und Trans-
Leuchtturmvorhaben vorgeschlagen und näher be- parenzdefizit auf dem IKT-Pflegemarkt und bringt mit
schrieben. Diese können bei ihrer Umsetzung einen Austausch- und Informationsformaten Stakeholder
substanziellen Beitrag zu einem breiteren Einsatz von zusammen. Hierbei liegt ein Fokus auf der Informati-
IKT in der Pflege leisten, indem sie den strategisch-po- on von und Kommunikation mit aktuellen und poten-
litischen Dialog fördern und Barrieren für den Einsatz ziellen Leistungsempfängerinnen und -empfängern
von IKT in der Pflege abbauen. sowie der relevanten Dienstleistungsbranche. Aufbau-
end darauf wird das Leuchtturmvorhaben "Dissemi-
Die vier im Kontext dieser Studie entwickelten und nation von IKT-Anwendungen im Kontext von Alter
hier vorgeschlagenen Pilotprojekte und Leuchtturm- und Pflege" (DIKT-Pflege) vorgeschlagen.
vorhaben sind: • Umsetzung einer "Bildungsoffensive Digitalisierung
• Schaffung einer "Initiative ePflege" zur Etablierung in der Pflege" zur Zusammenführung von relevanten
eines Dialogs und zur Stärkung der Vernetzung wich- Akteurinnen und Akteuren von Bund, Ländern, Wis-
tiger Akteurinnen und Akteure im Thema IKT in der senschaft, Praxis, Verbänden und IT-Branche in einer
Pflege. Die "Initiative ePflege" soll einen politischen Expertengruppe zur Entwicklung und Begleitung der
und strategischen Dialog etablieren, Empfehlungen Bildungsoffensive. Die Bildungsoffensive wird vom
entwickeln und weitere Modell-vorhaben initiieren. BMG im Benehmen mit dem BMFSFJ angeführt. Be-
• Aufbau einer "Geschäftsstelle ePflege" zur Unterstüt- standteile der Offensive sollen auch geförderte

Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben zur Förderung von IKT in der Pflege

1
Initiative ePflege
Strategische
Förderung
Pilotprojekte von IKT 2
in der Pflege Leuchtturmvorhaben
zur Geschäftsstelle ePflege
"DIKT-Pflege"
Förderung
von
3
IKT Bildungsoffensive Leuchtturmvorhaben
in der Abbau und Digitalisierung in der Pflege "Digit-QP"
Pflege Überwindung
von 4
Barrieren Integration der Pflege
in die Telematikinfrastruktur

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 73


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

Leuchtturmvorhaben sein, in denen die Experten- sion mit dem Fokus auf Digitalisierung in der Pflege mit
gruppe eine Beiratsfunktion einnimmt. Ein Leucht- allen relevanten Akteursgruppen erlauben.
turmvorhaben kann "Digit-QP – Digitalisierungsori-
entierte Qualifizierung in der Pflege" sein. Ziel ist Eine "Initiative ePflege" als Forum der relevanten Ak-
dabei die Entwicklung, Erprobung und Evaluation ei- teurinnen und Akteure für die Fortsetzung des Dialogs
nes modularisierten Qualifizierungsmodells für die zum Thema IKT in der Pflege soll die Konsolidierung
Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Pflege sowie für der Erfahrungen und Positionen zur Digitalisierung im
die akademische Pflegebildung. Pflegesektor ermöglichen und zugleich die Akteurs-
• Integration der Pflege in die Telematikinfrastruktur gruppen befähigen, strategische wie auch operative
(TI). In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Empfehlungen abzustimmen und umzusetzen. Koordi-
Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH nierte Positionen sowie ein klar definiertes Diskussi-
(gematik) und möglichen weiteren Partnern sollen onsforum verbessern auch die Chancen, zukünftige
konkrete Schritte unternommen werden, die eine Entwicklungen im IKT-Pflegesektor zu identifizieren.
sukzessive Integration der Pflege in die TI vorbereiten Die Kooperation und der strukturierte Austausch der
und verbindlich umsetzen. Ergebnisse mit der E-Health-Initiative fördern den Aus-
tausch über Professionsgrenzen hinweg. Dabei sollen
5.1 Schaffung einer "Initiative ePflege" die Ergebnisse der Workshops der Unterarbeitsgruppe
als Plattform zum Austausch der Akteurinnen der E-Health-Initiative auf Aktualität überprüft und ge-
und Akteure gebenenfalls in die Maßnahmen der "Initiative ePflege"
eingebunden werden.
5.1.1 Begründung und Zielstellung
Im Rahmen dieser Studie wurden signifikante Kommu- Konkret sind folgende Ziele zu verfolgen:
nikations-, und Vernetzungsdefizite zwischen den Ak- • Die "Initiative ePflege" soll als Plattform geschaffen
teurinnen und Akteuren des Pflegesektors zum Thema werden. Ziel ist, die verschiedenen Akteurinnen und
ePflege festgestellt. Die im Rahmen dieser Studie durch- Akteure, die sich mit IKT in der Pflege auseinanderset-
geführten Workshops wurden von vielen Teilnehmen- zen und einen strukturierten, systematischen Aus-
den als Möglichkeit wahrgenommen, sich erstmalig zum tausch zu Fachthemen, Erkenntnissen, Erfahrungen,
Thema IKT in der Pflege mit anderen Vertreterinnen und konkreten Ideen und Vorgehensweisen zu ermögli-
Vertretern der unterschiedlichen Akteursgruppen auszu- chen und anzuregen.
tauschen. Der Wunsch, diesen begonnenen Diskurs zu • An der "Initiative ePflege" sollen alle relevanten Stake-
verstetigen, wurde wiederholt geäußert. Bestehende Ini- holder (z. B. Pflegebedürftige, Angehörige, professio-
tiativen, wie die E-Health-Initiative, adressieren, auf- nelle Dienstleisterinnen und Dienstleister, Technikent-
grund von Zusammensetzung und spezifischem Auftrag, wicklung, (Pflege)Wissenschaft, Kostenträgerinnen
nicht in erster Linie Pflegeaspekte (siehe Kapitel 3.2). Die und -träger, Politik) angemessen teilhaben können.
Unterarbeitsgruppe der E-Health-Initiative vom bvitg • Die "Initiative ePflege" soll Lösungsansätze voranbrin-
und FINSOZ hat 2013 bereits Vorarbeiten zu Anforderun- gen und bestehende Barrieren identifizieren, die
gen an E-Health-Anwendungen für eine vernetzte und schrittweise und konzertiert angegangen werden kön-
intersektorale Versorgung aus der Perspektive der Pflege nen. Die Etablierung einer "Initiative ePflege" ermög-
erstellt. Allerdings gibt es keine bestehenden Foren, die licht einen fortlaufenden und nachhaltigen Diskurs,
das Thema Digitalisierung in der Pflege über einen län- der bei hoher Dynamik im Bereich von Digitalisierung
geren Zeitraum strukturiert bearbeiten und die Diskus- und Technologieentwicklung Vorschläge zu weiteren

74 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

möglichen Modellvorhaben, aber auch Anstöße für • Anbieter Verband qualitätsorientierter Gesundheits-
Gesetzesinitiativen und Regelungsmaßnahmen entwi- pflegeeinrichtungen e. V. (AVG)
ckeln kann. • Evangelischer Bundesverband Evangelisches
Werk für Diakonie und Entwicklung e. V.
5.1.2 Struktur und Arbeitsweise • Pflegekammern (Rheinland-Pfalz, Niedersachsen,
Die Initiative ist dazu geeignet, auf bereits bestehende Schleswig-Holstein)
Aktivitäten aufzusetzen, etwa dem Symposium zur Di- • Diakonie Deutschland
gitalisierung der Sozialwirtschaft vom FINSOZ e. V. Zur • BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der
Mitarbeit an der "Initiative ePflege" sollen Vertreterin- Senioren-Organisationen
nen und Vertreter der wesentlichen relevanten Stake- • Sozialverband VdK Deutschland e. V.
holder zum Thema IKT in der Pflege eingeladen wer- • SoVD – Sozialverband Deutschland e. V.
den. Je nach behandeltem Thema soll es möglich sein, • Aktionsbündnis Patientensicherheit
weitere Experten temporär mit einzubeziehen bzw. ein-
zuladen. Unter anderem kommen folgende Organisati- Die Initiative sollte regelmäßig etwa alle 4 Monate zu
onen (Geschäftsführungs- und Abteilungsleiterebene) Arbeitssitzungen zusammentreten. Die eingeladenen
zur Teilnahme infrage: Organisationen benennen jeweils eine Vertreterin bzw.
• Bundesministerium für Gesundheit inkl. des einen Vertreter nebst Stellvertretung, die im Lenkungs-
Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung (BMG) kreis der Initiative die Erfahrungen und Anliegen der
• Deutscher Pflegerat Organisation vertreten. Der Lenkungskreis legt zu Be-
• Arbeitgeberverband Pflege ginn eines jeden Sitzungsjahres einen Arbeitsplan vor,
• Gewerkschaft ver.di der definiert, welche Themen im laufenden Jahr disku-
• GKV-Spitzenverband (für die Pflegversicherungen) tiert werden sollen. Die Beschlussfassung über The-
• Verband der privaten Krankenversicherung men, Arbeitsmodus, Zeitplan und Geschäftsordnung
(für die Pflegeversicherungen) der Initiative findet in der ersten Sitzung der Initiative
• Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes – statt. Vorschläge zur Agenda und den zu behandelnden
Bund der Krankenkassen e. V. (MDS) Themen werden durch eine Projektstelle oder (bei Um-
• Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) setzung) die "Geschäftsstelle ePflege" (siehe Kapitel
• Bundesverband Informationswirtschaft 5.2) erarbeitet.
• BITKOM
• FINSOZ e. V. Fachverband Informationstechnologie In der ersten Sitzung sollten auf Basis dieser Studie der
in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung Status quo, akute Hindernisse und Handlungsnotwen-
• Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. digkeiten aufgezeigt werden. Hierbei sind auch weitere
• Deutsche Gesellschaft für vorliegende Impulse zum Thema miteinzubeziehen,
Pflegewissenschaft e.V. (DGP) u. a. die Ergebnisse der Unterarbeitsgruppe der E-He-
• Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, alth-Initiative vom bvitg und FINSOZ aus dem Jahr
Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS, 2013. Darauf aufbauend werden Handlungsfelder für
AG "Informationsverarbeitung in der Pflege") die Initiative abgeleitet. Die identifizierten Handlungs-
• Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe felder werden dann in ein Arbeitsprogramm der Initia-
• Bundesverband Pflegemanagement e. V. tive übersetzt und in einzelnen Sitzungen durch Impuls-
• Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrts- referate aus der Gruppe der Beteiligten vorgestellt und
pflege e. V. (BAGFW) unter Miteinbeziehung von relevanten Partnern disku-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 75


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

tiert. Die Ergebnisse werden in Diskussionspapieren 3. Welche Fördervoraussetzungen, Förderzeiträume,


zusammengefasst. Es ist der "Initiative ePflege" eben- Förderhöhen und Spezifizierung förderfähiger An-
falls möglich, zu spezifischen Themen Arbeitsgruppen wendungen sollen Fördergeber beachten, damit
zu bilden. Die Initiative veröffentlicht regelmäßig (zu- IKT-Produkte und -Projekte in der Pflege nachhaltig
mindest jährlich) Statusberichte und ermöglicht so ein und marktfähig gefördert werden können?
hohes Maß an Transparenz. Die "Initiative ePflege" be-
nötigt administrative Unterstützung zur Vor- und Nach- 4. Wie sollen die Aus-, Weiterbildungs- und Prüfungs-
bereitung sowie zur Begleitung der Arbeiten. Wird un- verordnungen auf Bundes- wie auch auf Länderebene
abhängig von diesem Projektvorschlag auch das zweite sowie die entsprechenden Rahmenlehrpläne ange-
Pilotprojekt ("Geschäftsstelle ePflege") umgesetzt, kann passt werden, sodass IKT-spezifische Kompetenzen
diese solche Aufgaben mit übernehmen. Andernfalls angehender und bereits tätiger Pflegefachkräfte ver-
können bestehende Geschäftsstellen oder Verbände bessert werden können?
diese Aufgaben übernehmen.
5. Welche Aktivitäten oder Maßnahmen können vor-
Die Trägerschaft für die "Initiative ePflege" könnte von angebracht werden, um die Auseinandersetzung mit
einem Zusammenschluss von Verbänden und Vertre- den Möglichkeiten der Refinanzierung für IKT-Pro-
tungsorganen der genannten Akteurinnen und Akteure dukte zu unterstützen?
in Kooperation mit dem BMG übernommen werden.
Die administrative Trägerschaft kann durch ein Mit- 6. Welche IKT-Lösungen können insbesondere die
glied der Initiative, z. B. einen Verband, erfolgen und Versorgung im ländlichen Raum unterstützen und
sollte konzeptionell und finanziell durch Mittel des die Pflegebedarfe in der Fläche abgedeckt werden?
BMG unterstützt werden. Unabhängig davon sollten
alle Mitglieder einen finanziellen Beitrag zur Deckung
der administrativen Kosten leisten.

5.1.3 Vorschläge zur Agenda


Als mögliche erste Diskussionsthemen und Fragestel-
lungen der "Initiative ePflege" werden folgende The-
men vorgeschlagen:

1. Inwiefern sind die Ergebnisse und Empfehlungen


aus der Studie "Informations- und Kommunikations-
technologie für die Pflege (ePflege)" umzusetzen?

2. Inwiefern können bereits identifizierte Maßnah-


men der Unterarbeitsgruppe der E-Health-Initiative
vom bvitg und FINSOZ aus dem Jahr 2013 zu Anforde-
rungen an E-Health-Anwendungen für eine vernetzte
und intersektorale Versorgung aus der Perspektive
der Pflege aktualisiert und umgesetzt werden?

76 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

5.2 Aufbau einer "Geschäftsstelle ePflege" mit Nutzerinnen und Nutzern in der Fläche verbes-
sern. Zudem ermöglicht die Geschäftsstelle durch un-
5.2.1 Begründung und Zielstellung terschiedliche Angebote, z. B. durch Trainings zur Ge-
Mangelndes Wissen und mangelnde Transparenz zu schäftsplanung, dass der Pflegesektor attraktiver für
IKT-Lösungen und Nutzen dieser Lösungen wurden im Start-up-Aktivitäten wird.
Rahmen dieser Studie wiederholt als Hindernisse für • Die Geschäftsstelle soll ggf. die "Initiative ePflege"
IKT in der Pflege genannt – insbesondere bei Leistungs- operativ bei deren Arbeit unterstützen, etwa durch
empfängerinnen und -empfängern sowie den Pflegen- Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von
den. Bestehende Best-Practice-Ansätze sind nur selten Sitzungen oder bei der Umsetzung von Empfehlungen
bekannt. Über anerkannte Lösungen wird nur selten und Beschlüssen.
niedrigschwellig informiert und zu wenig beraten. Dies
führen die Akteurinnen und Akteure auch auf mangeln- 5.2.2 Struktur
de Transparenz und fehlende Kommunikation in Rich- Die Geschäftsstelle übernimmt die operativen Aufga-
tung verschiedener Stakeholdergruppen zurück. ben der verstärkten Kommunikation von Nutzen und
Best Practice von IKT-Lösungen in der Pflege. Die Ge-
Zur Förderung der Transparenz und Verbesserung der schäftsstelle wird gemeinsam vom BMG und von einer
Kommunikation kann eine "Geschäftsstelle ePflege" Koalition derjenigen getragen, die IKT in der Pflege vo-
gegründet werden oder bestehende Institutionen mit ranbringen wollen. Die Kosten für den Aufbau und Be-
entsprechenden Aufgaben betraut werden. Zweck einer trieb der "Geschäftsstelle ePflege" werden nach einer
solchen aufzubauenden Geschäftsstelle sollte es daher dreijährigen Anschubphase mit Mitteln des Bundes an-
sein, die bestehenden Informationslücken zu schlie- schließend weitgehend durch die teilnehmenden Trä-
ßen, Transparenz zu erhöhen und die Vernetzung der gerorganisationen getragen. Die Geschäftsstelle greift
Akteurinnen und Akteure in der Fläche voranzutreiben, auf das Netzwerk und die Kontakte der Träger zurück.
indem konkrete niedrigschwellige Angebote zur Infor- Die Leitung der Geschäftsstelle wird durch das BMG im
mation erarbeitet und verbreitet werden. Benehmen mit den weiteren Trägerorganisationen be-
nannt und übernimmt die ihr zugeteilten Aufgaben ge-
Konkret sind folgende Ziele zu verfolgen: meinsam mit einem Team. Die Leitungskraft der Ge-
• Die Geschäftsstelle soll mit konkreten Angeboten die schäftsstelle sollte über Erfahrung im Bereich von IKT
Vorbereitung und Verbreitung einer niedrigschwelli- in der Pflege verfügen. Die Arbeitsgrundlage der Ge-
gen Informations- und Beratungsarbeit zum Thema schäftsstelle wird durch eine konsentierte Geschäfts-
IKT in der Pflege ermöglichen und dient als erste Kon- ordnung festgelegt. Die Geschäftsstelle kann auch von
taktstelle bei entsprechenden Anfragen. der "Initiative ePflege" (siehe Kapitel 5, Pilotprojekt 1)
• Die Geschäftsstelle soll dazu beitragen, bestehende ins Werk gesetzt werden und kann Aufgaben für diese
Informationslücken zu Lösungen und Anwendungen übernehmen, ist aber auch unabhängig von der "Initia-
von IKT in der Pflege bei den professionellen Akteu- tive ePflege" sinnvoll.
rinnen und Akteuren sowie bei Pflegebedürftigen
und Angehörigen und allen weiteren Interessierten
zu schließen.
• Die Geschäftsstelle soll durch Kommunikationsmaß-
nahmen und unterschiedliche Formate die Vernet-
zung zwischen den Akteurinnen und Akteuren und

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 77


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

5.2.3 Aufgaben der "Geschäftsstelle ePflege" Pflege informiert werden können.


• Newsletter: Über die Website der Geschäftsstelle kön-
Schließen bestehender Informationslücken nen Interessierte einen Newsletter und RSS-Feed
Obwohl es im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl abonnieren. Der Newsletter bietet einen thematischen
von Informationsmedien (Zeitschriften, Internetseiten) Überblick über Entwicklungen im Bereich der ePflege
zum Thema Pflege und Medizintechnik gibt und Mes- und informiert über Projekte und Entwicklungen im
sen (wie z. B. die conhIT) auch Informationen zur Digi- IKT-Pflegemarkt.
talisierung im Pflegesektor aufzeigen, vermissen die •O  nline-Kommunikation: Für die Kommunikation der
Akteursgruppen gebündelte und zielgruppenspezifi- Inhalte der Geschäftsstelle ist die Entwicklung eines
sche Informationen zum Thema ePflege und zu beste- Konzeptes notwendig, dass zielgruppenspezifisch auf
henden Lösungen, Projekten und Nutzenbewertungen. die Bedürfnisse von Nutzerinnen und Nutzern ausge-
Dabei gilt es insbesondere auch Akteurinnen und Ak- richtet ist. Ein Fokus soll auf Praxisbeispiele gelegt
teure zu adressieren, die bislang nur wenige Vorkennt- werden, die das Potenzial von ePflege aufzeigen und
nisse zu digitalen Themen haben und auch kaum tech- Lösungen für Herausforderungen bei der Implemen-
nikaffin sind. Niedrigschwellige Angebote sollen diese tierung bieten.
Personenkreise ansprechen und zu Projekten und Lö- •P  roaktive Fachpressearbeit: Zusätzlich zur Zusam-
sungen im Bereich ePflege sensibilisieren und beraten. menarbeit mit Leitmedien sind Veröffentlichungen in
Eine zentrale Geschäftsstelle kann, im Gegensatz zu der Fachpresse relevant, um Praxisvertreterinnen und
einzelnen Geschäftsstellen für die jeweiligen Akteurs- -vertreter sowie Expertinnen und Experten zu errei-
gruppen oder Verbände, als zentraler Ansprechpartner chen. In diesen Artikeln sollen die Potenziale von
positioniert werden. Dies ermöglicht den Aufbau einer ePflege, gute Beispielprojekte und neue Entwicklun-
breit angelegten Wissens- und Informationsbasis zum gen aufgezeigt werden.
Thema IKT in der Pflege. Informationen, die von den •A  nlaufstelle und erste Kontaktstelle rund um alle Fra-
unterschiedlichen Akteursgruppen gleichermaßen be- gen zur Digitalisierung in der Pflege: Die Geschäfts-
nötigt werden, z. B. Informationen zu Ansprechpart- stelle betreibt eine Anlaufstelle (telefonisch und per
nern, Best-Practice-Projekten und Anwendungsbeispie- Email erreichbar), an den sich Interessierte und Ak-
len, sowie rechtliche Hilfestellungen werden hier teurinnen und Akteure aus der Pflege mit Fragen zum
gebündelt und für alle abrufbar. Zudem schafft eine Thema Digitalisierung in der Pflege wenden können.
Geschäftsstelle Synergien, da kostenintensive Investiti- Die Geschäftsstelle vermittelt Anfragen weiter, z. B. an
onen wie z. B. der Aufbau der Online- und Offline-Infra- Best-Practice-Projekte und die Fachverbände, oder er-
struktur nur einmalig getätigt werden müssen. teilt selber Auskunft. Dabei sollte die Kontaktstelle die
Informationsbedarfe unterschiedlicher Akteursgrup-
Folgende Aufgabenpakete der Geschäftsstelle können pen bedienen. Pflegende können auf Übersichten
bestehende Informationslücken schließen: existierender IKT-Lösungen hingewiesen und beraten
• Informationsmaterialien: Zur allgemeinen Darstel- werden, wie und ob der Einsatz von IKT in ihrem Ar-
lung der Potenziale im Bereich ePflege erstellt die Ge- beitsumfeld generell sinnvoll sein kann und welche
schäftsstelle sowohl generelle und zielgruppenspezifi- Lösungen (anbieterunabhängig) grundsätzlich in Be-
sche Informationsmaterialien zu Anwendungsfällen, tracht kommen. Leistungsempfängerinnen und -emp-
mit denen Leistungsempfängerinnen und -empfän- fänger können sich informieren, wo sie Informatio-
ger sowie Dienstleisterinnen und Dienstleister über nen zu den Chancen und Risiken des Einsatzes von
die Nutzen und bestehende Lösungen von IKT in der IKT in der Pflege erhalten. Akteurinnen und Akteure

78 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

der Technikentwicklung können beispielsweise auf Organisation des Dialogs der


bestehende Forschungsergebnisse zum Thema Nut- Akteurinnen und Akteure
zerakzeptanz hingewiesen oder auch über Veranstal- Neben Workshops zum Thema Digitalisierung in der
tungen und Austauschformate informiert werden. Pflege, die beispielsweise vom bvitg ausgerichtet wer-
Verbände und Hersteller können auf Veranstaltungen den und nur einem beschränkten Kreis von Personen
oder Möglichkeiten zur Partizipation an Initiativen zugänglich sind, gibt es im deutschsprachigen Raum
und Projekten aufmerksam gemacht werden. wenig niedrigschwellige Dialogforen oder Formate für
• Regionale Angebote: Eine weitere Aufgabe der Ge- einen strukturierten Austausch zwischen den Akteu-
schäftsstelle ist es, bundesweit Informationsveranstal- rinnen und Akteuren (siehe Kapitel 3.2). Die Ge-
tungen durchzuführen. Dabei sollen beispielsweise schäftsstelle soll mit ihren Angeboten dafür sorgen,
eintägige, kostenlose Veranstaltungen in verschiede- dass sich weitere Akteursgruppen auf der Arbeitsebe-
nen Regionen Deutschlands angeboten, beworben ne, d. h. Pflegerinnen und Pfleger und Technikerinnen
und durchgeführt werden. und Techniker, austauschen und miteinander in den
Dialog kommen:
Verbesserung der Transparenz • Eigene Veranstaltungen der Geschäftsstelle in einem
Es gibt aktuell im deutschsprachigen Raum kein Portal, größeren, öffentlichkeitswirksamen Rahmen: Größe-
das sich gezielt und unabhängig mit dem Thema Digita- re Veranstaltungen eignen sich für die Geschäftsstel-
lisierung in der Pflege auseinandersetzt und dabei ne- le, um die Herausforderungen bei der Förderung von
ben Projekten und Produkten aus der häuslichen Pflege Akzeptanz von ePflege-Lösungen mit wichtigen Stake-
auch Projekte aus dem ambulanten Bereich betrachtet. holdern zu diskutieren. Hierzu kann sich die Organi-
• Best-Practice-Übersicht: Die Geschäftsstelle sammelt, sation einer zentralen Tagung oder Konferenz durch
auch auf Basis der Ergebnisse dieser Studie, die Geschäftsstelle unter Einbeziehung aller relevan-
Best-Practice-Lösungen und Anwendungsfälle, um ten Stakeholder zum Thema ePflege eignen.
diese zentral auf einer Webseite zu sammeln und In- • Veranstaltungen im Themenumfeld "ePflege" mit Be-
teressierten themenspezifisch über Suchmasken an- teiligung der Geschäftsstelle: Im Rahmen von größe-
sprechend zu präsentieren. Die Best Practices sollen ren, themennahen Veranstaltungen (Messen und
mit Fokus auf ihren Nutzen für Pflegebedürftige, anderen Ausstellungsaktivitäten) kann sich die "Ge-
professionelle Dienstleisterinnen und Dienstleister schäftsstelle ePflege" aktiv einbringen. Kleinere For-
sowie pflegende Angehörige dargestellt werden. mate wie Fachforen bieten die Möglichkeit, Ergebnis-
Best-Practice-Projekte müssen dabei nachgewiesene se der Geschäftsstelle zu präsentieren und in den
Erleichterung für die professionellen Dienstleisterin- Dialog mit Interessierten zu treten.
nen und Dienstleister sowie die pflegenden Angehö-
rigen und einen Zuwachs an Pflegequalität für die 5.2.4 Vorschlag für ein Leuchtturmvorhaben
Pflegebedürftigen ermöglichen. "Dissemination von IKT-Anwendungen im Kontext
• Plattform zum Austausch über IKT-Lösungen: Die Ge- von Alter und Pflege" (DIKT-Pflege)
schäftsstelle bietet z. B. über eine online verfügbare Als konkretes Vorhaben mit Leuchtturmcharakter kann
Best-Practice-Liste und durch die Organisation von die "Geschäftsstelle ePflege" das Projekt "Disseminati-
Workshops eine Plattform, auf der sich Akteurinnen on von IKT-Anwendungen im Kontext von Alter und
und Akteuren aus dem Pflegesektor zu IKT-Anwen- Pflege" (DIKT-Pflege) durchführen. Mit Blick auf die Ver-
dungen im Pflegebereich austauschen. breitung von Informationen zu technischen Hilfsmit-
teln und Assistenzsystemen im Kontext von Alter, Ge-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 79


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

sundheit und Pflege wurde über das Bundesministerium von hochwertig aufbereitetem Filmmaterial. Zur Ver-
für Bildung und Forschung (BMBF) in den Jahren breitung sind weiterhin themenbezogene Tagungsfor-
2014/2015 bereits eine Förderinitiative "Besser leben im mate zu entwickeln.
Alter durch Technik" initiiert, über die 22 kommunale
Beratungsstellen zum Thema technische Hilfsmittel Das Leuchtturmvorhaben DIKT-Pflege ist mit einer
und Assistenzsysteme eingerichtet und erprobt werden Laufzeit von 36 Monaten zu veranschlagen.
konnten. Weiterhin wurde in diesem Zusammenhang
eine nationale Referenzdatenbank "Wegweiser Alter Das Vorhaben soll einerseits Bürgerinnen und Bürger
und Technik" etabliert, die aktuell Informationen zu ca. sowie Kommunen zu erfolgreichen Initiativen der regi-
200 Produkten für ein selbstständiges Wohnen vorhält onalen und quartiersbezogenen Vernetzung im Kontext
(Kosten, Installationshinweise, Testergebnisse, Anbie- von Alter, Gesundheit und Pflege informieren und darü-
terdaten, Beratungsstellen)43. ber die Mehrwerte einer vernetzten regionalen Beglei-
tung, Betreuung und Versorgung im Hilfemix aufzeigen.
Mit dem Leuchtturmvorhaben "Dissemination von Andererseits sollen mit dem Vorhaben öffentlichkeits-
IKT-Anwendungen im Kontext von Alter und Pflege" wirksame Debatten um die Bedeutung innovativer Tech-
soll diese Initiative aufgegriffen und ausgebaut werden. nologien im Kontext von Alter, Gesundheit und Pflege
Das Vorhaben zielt konkret darauf ab, die Möglichkei- angeregt werden.
ten der quartiersnahen Vernetzung von Leistungsemp-
fängerinnen und -empfängern und professionellen Die Koordination des Leuchtturmvorhabens kann
Dienstleisterinnen und Dienstleistern im Gesundheits- durch die "Geschäftsstelle ePflege" erfolgen. Zur Siche-
und Pflegewesen öffentlichkeitswirksam aufzuzeigen rung der Nachhaltigkeit der anvisierten Transparenz-
und erfolgreiche Beispiele technikgestützter regionaler und Kommunikationsoffensive sind ggf. neutrale (z. B.
bzw. quartiersbezogener Vernetzungen an der Schnitt- KDA, Bertelsmann Stiftung, Robert Bosch Stiftung) so-
stelle von Lebensraum (Region, Kommune, Quartier) wie auch pflegespezifische Partner (z. B. DBfK, DPR)
und gesundheitlicher bzw. pflegerischer Versorgung einzubinden. Es ist zu prüfen, ob das Vorhaben
breitenwirksam zur Geltung zu bringen. Fokussiert DIKT-Pflege nach einer Laufzeit von drei Jahren an die-
wird damit auf die Unterstützung von politisch aktuell se Partner zum nachhaltigen Betrieb zu übergeben ist.
diskutierten Ansätzen eines Hilfemix von zivilgesell-
schaftlichen Helfern (pflegende Angehörige, Nachbar- Erste Projektphase: Sichtung und Aufarbeitung
schaft, Bürgerschaft im Quartier) und professionellen einschlägiger Projekte und Projekterfahrungen
Helfern durch innovative technikgestützte Vernetzun- Projekte und Initiativen zur regionalen und quar-
gen. Kommuniziert werden sollen konkrete tiersbezogenen Vernetzung im Kontext von Alter, Ge-
Best-Practice-Beispiele der vernetzten kommunalen sundheit und Pflege sind mit Blick auf die jeweils ent-
Entwicklung im Kontext von Alter, Gesundheit und wickelten Vernetzungsstrukturen sowie die je zum
Pflege sowie Erfahrungen und Hinweise für die betei- Einsatz gebrachten IKT-Anwendungen zu analysieren.
ligten Akteurinnen und Akteure (z. B. Bürgerinnen und Die jeweiligen Projekterfahrungen sind empirisch zu
Bürger, Kommunen, Vereine, professionelle Dienstleis- erheben. Eine Bewertung erfolgt insbesondere mit
terinnen und Dienstleister etc.). Entsprechende Materi- Blick auf Kriterien der Verbesserung der pflegerischen
alien sind öffentlichkeitswirksam aufzubereiten (siehe Betreuungs- und Versorgungsqualität der Hilfeempfän-
auch Kapitel 5.2.4), insbesondere über Informations- gerinnen und -empfänger sowie in Bezug auf die Etab-
broschüren, über eine Internetpräsenz sowie in Form lierung von neuen Arbeitsprozessen und Aufgabenver-

43
Siehe www.wegweiseralterundtechnik.de

80 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

teilungen zwischen informellen Helferinnen und Kontext von Alter, Gesundheit und Pflege sind darauf-
Helfern, professionellen Helferinnen und Helfern und hin zu evaluieren, inwieweit es gelingt, Öffentlichkeit
der Rolle von innovativen Technologien im Hilfemix. und Fachöffentlichkeit in die Debatte einzubinden. Vor
Berücksichtigt werden in diesem Zusammenhang auch diesem Hintergrund sind ggf. Anpassungen der Initia-
öffentlich wie fachöffentlich diskutierte Fragen und tive vorzunehmen. Gegebenenfalls sind in dieser Pro-
Einwände, z. B. an die ethischen, ökonomischen oder jektphase Vorarbeiten für eine Übergabe der Initiative
datenschutzrechtlichen Implikationen technisch ver- DIKT-Pflege an eine Partnerorganisation zum nachhal-
netzter Betreuungs- und Versorgungsszenarien. Das tigen Betrieb zu treffen.
gilt auch für jene Befürchtungen, dass technische Ver-
netzungen soziale Beziehungen und zwischenmensch-
liche Kommunikationen zukünftig ggf. zunehmend
verdrängen könnten.

Zweite Projektphase: Vorbereitung öffentlicher


und fachöffentlicher Diskurse
Die gewonnen Erkenntnisse zu erfolgreichen Projekten
und Initiativen zur regionalen und quartiersbezogenen
Vernetzung im Kontext von Alter, Gesundheit und Pflege
werden zielgruppenspezifisch (Informationen für inter-
essierte Bürgerinnen und Bürger, pflegebedürftige Men-
schen, pflegende Angehörige, professionell Pflegende,
Kommunen, Vereine etc.) zur Verbreitung über verschie-
dene Formate aufbereitet. Auf dieser Basis werden Infor-
mationsflyer, eine Webseite, Newsletter, Tagungs- und
Kongressbeiträge sowie Filmmaterialen etc. ausgearbei-
tet, die Grundlage für eine verbesserte Öffentlichkeits-
und Fachöffentlichkeitsarbeit sind. Zur Etablierung von
öffentlichen und fachöffentlichen Diskursen zu den
Möglichkeiten und Begrenzungen einer regionalen und
quartiersbezogenen Vernetzung im Kontext von Alter,
Gesundheit und Pflege sind einschlägige Informations-,
Tagungs- und Kongressformate sowie internetgestützte
Dialogmöglichkeiten (themenspezifische Foren über
die themenspezifische Internetplattform) einzurichten
und publik zu machen.

Dritte Projektphase: Evaluation


und Nachhaltigkeit
Die gewählten Informations- und Partizipationsforma-
te zum Thema Möglichkeiten und Begrenzungen einer
regionalen und quartiersbezogenen Vernetzung im

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 81


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

5.3 Aufsetzen einer "Bildungsoffensive er noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird


Digitalisierung in der Pflege" und wie hoch der Anteil moderner Technologien in den
ordnungspolitischen Grundlagen zur Ausgestaltung von
5.3.1 Begründung und Zielstellung Lehr- und Lernprozessen sein wird.
Im Rahmen der Analysen dieser Studie wurden unzu-
reichendes Wissen und fehlende Kompetenzen sowie Vor diesem Hintergrund soll eine "Bildungsoffensive
mangelnde Akzeptanz bei vielen nicht professionellen, Digitalisierung in der Pflege" über verschiedene bil-
aber auch bei professionellen Akteurinnen und Akteu- dungsrelevante Maßnahmen breit in die Fachöffent-
ren als ein Kernhindernis für die Verbreitung und Nut- lichkeit hineinwirken, sensibilisieren, qualifizieren
zung von IKT in der Pflege identifiziert. Vielfach wur- und damit IKT in der Pflege breiter implementieren
den Defizite im Bereich der beruflichen Aus-, Fort- und helfen. Damit einhergehen soll auch eine kritische Be-
Weiterbildung zur Digitalisierung in der Pflege be- leuchtung über Grenzen und Risiken in der Anwen-
schrieben. Eine IKT-orientierte Pflegebildung ist daher dung neuer Technologien. Mit der Bildungsoffensive
ein zentraler Schlüssel zur Sensibilisierung und Förde- sollen insbesondere die relevanten Akteurinnen und
rung der Akzeptanz von neuen Informations- und Akteure des Pflegebildungssektors erreicht und ange-
Kommunikationstechnologien und von entsprechen- sprochen werden, wie berufliche Bildungseinrichtun-
den Kompetenzen bei den professionell Pflegenden. gen, Hochschulen, Lehrerverbände, aber auch Träger
Diese ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für eine von Einrichtungen der praktischen Ausbildungen.
verbesserte Kommunikation über den Nutzen von IKT
mit Leistungsempfängerinnen und -empfängern. 5.3.2 Ausgestaltung
Fachkräfte mit Sachverstand und Kompetenzen im • Es soll unter Beteiligung des Bundes, der Länder, von
Technologiefeld können ihre Bedarfe außerdem klarer Wissenschaft, Praxis, Verbänden und den Landespfle-
an die Hersteller von Techniklösungen kommunizie- gekammern sowie von Vertreterinnen und Vertretern
ren und damit einen besseren Austausch von Know- der IT-Branche eine Expertengruppe zur Förderung
how zwischen den unterschiedlichen Akteursgruppen von IKT in der Pflegebildung und zur Begleitung von
bewirken. entsprechenden Maßnahmen eingerichtet werden.
• Es sollen gemeinsame Anforderungen an grundsätzli-
In den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen der che Digitalisierungsthemen in der Pflegebildung erar-
heutigen Pflegeausbildungen (Alten-, Kinderkranken- beitet und an die Vertreterinnen und Vertreter der
und Krankenpflege) sowie in den Rahmenlehr- sowie Länder und Träger von Bildungseinrichtungen sowie
Ausbildungsplänen zu den Pflegeausbildungen der Bun- einschlägige Verbände kommuniziert werden.
desländer spielen Wissens- und Kompetenzerwerb zu • Es sollen Bildungsmaßnahmen wissenschaftlich be-
Informations- und Kommunikationstechnologien sowie gleitet, entwickelt, erprobt und evaluiert werden, die
zu assistierenden Techniken bislang nur eine unterge- auf Sensibilisierung, Akzeptanz und Kompetenzen in
ordnete Rolle. Auch existieren bislang keine nach Lan- der Pflege im Hinblick auf die Förderung und Imple-
desrecht geregelten Fort- und Weiterbildungen mit spe- mentierung neuer digitaler Technologien abzielen.
zieller Ausrichtung auf die Vorbereitung und den Einsatz • Es sollen bundeseinheitlich anwendbare Maßgaben
von digitalen Technologien. Auf Bundesebene befindet für Rahmenlehrpläne zu IKT in der Pflege erstellt wer-
sich der Entwurf des Pflegeberufereformgesetzes zurzeit den, auf deren Grundlage länderspezifische Lehran-
in der parlamentarischen Abstimmung. Es ist zum Zeit- gebote entwickelt und implementiert werden können.
punkt dieser Berichterstellung noch nicht absehbar, ob • Es sollen gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertre-

82 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

tern der Länder und der Pflegekammern Vorschläge nen Qualifikationsgängen und ggf. Revision der Mo-
zur Berücksichtigung von IKT in der Pflege in den dule und des modularisierten Qualifikationsmodells
Weiterbildungsordnungen gemacht werden. • Vorbereitung einer Nachhaltigkeits- und Disseminati-
onsstrategie unter Nutzung von digitalisierten und
5.3.3 Vorschlag für ein Leuchtturmvorhaben internetbasierten Lehr- und Lernangebotsformen
"Digit-QP"
Vor dem Hintergrund etablierter Strukturen in der Pfle- Konkrete Bildungsziele zur Kompetenzentwicklung
geausbildung, den Fort- und Weiterbildungen in der bei Pflegefachpersonal
Pflege wie auch in den Pflegestudiengängen sollen in • Förderung von inhaltlich-kognitiven Kompetenzen:
der Bildungsoffensive Vorschläge und Empfehlungen Sensibilisierung für den Umgang mit neuen Techno-
für die entsprechenden ordnungspolitischen Grundla- logien in der Pflege, Wissen und Kompetenzen zur
gen und Konzepte auf Bundes- und Länderebene bzw. Einordnung von IKT-gestützten Kommunikationen
für die Umsetzung durch einzelne Bildungsträger erar- in größere Gesamtzusammenhänge des Pflege- und
beitet werden. Ein mögliches Leuchtturmvorhaben der Gesundheitswesens
Bildungsoffensive ist "Digit-QP". Der Kurztitel steht für • Förderung von technisch-instrumentellen Kompeten-
ein "Digitalisierungsorientiertes Qualifikationsmodell zen: Erwerb von Wissen und Kompetenzen zum sach-
in der Pflege". Im Kern soll es um die wissenschaftlich gerechten Einsatz von IKT-Anwendungen in der Pflege
fundierte Entwicklung, Erprobung und Evaluation eines • sozial-kommunikative Kompetenzen: Erwerb von Wis-
modularisierten Qualifikationsmodells zur Einführung sen und Kompetenzen zur kommunikativen Vermitt-
und Anwendung von Informations- und Kommunikati- lung von Technologien in die sozio-technischen Arran-
onstechnologien in verschiedenen Bildungsbereichen gements der Pflege, z. B. zur Beratung und Anleitung
und -stufen der Pflege gehen. von Leistungsempfängerinnen und -empfängern
• emotionale Kompetenzen: Vertiefung von Wissen und
Intention des Leuchtturmvorhabens ist die Aufwertung Kompetenzen zur Emotionssteuerung im Umgang
des Themas IKT in der Pflegebildung, die systemati- mit technischen Innovationen (z. B. Emotionsrobotik,
sche Schaffung von Grundlagen zur Umsetzung der Bil- humanoide Robotik)
dungsstrategie in beruflichen und akademischen Pfle- • reflexiv-kritische Kompetenzen: Auseinandersetzung
gebildungsgängen sowie die nachhaltige Verbreitung mit Wissen und Kompetenzen zur kritischen Abwä-
von modularisierten Angeboten im Nachgang des Vor- gung von Möglichkeiten, Grenzen und Risiken der An-
habens. In Digit-QP sollen für die berufliche Aus-, Fort- wendung von technischen Innovationen in der Pflege
und Weiterbildung sowie für die akademische Pflege-
bildung folgende Aspekte ausgearbeitet werden:

Allgemeine Projektziele
• Entwicklung eines Begründungsrahmens für die Qua-
lifizierung von Pflegefachpersonal im Bereich IKT in
der Pflege
• Entwicklung eines modularisierten und durchlässi-
gen Qualifikationsmodells für die beruflichen und
akademischen Pflegebildungsangebote
• Erprobung und Evaluation von Modulen in verschiede-

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 83


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

Digit-QP stellt ein mehrphasiges Projektvorhaben dar, Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie für Pflegestudien-
in dem sowohl die bildungstheoretischen Grundlagen gänge vor. Diese Phase wird etwa 24 Monate benötigen.
als auch die qualifikationspraktischen Umsetzungen zur
Förderung und Implementierung von IKT in der Pflege Dritte Projektphase: Erprobung und Evaluation
einerseits für die berufliche und andererseits auch für In der dritten Projektphase schließlich sollen die Mo-
die akademische Pflegebildung entwickelt, erprobt und dule mit einzelnen Bildungsträgern und -einrichtungen
evaluiert werden sollen. Das Modell soll eine größtmög- der verschiedenen Bereiche erprobt, evaluiert und bei
liche vertikale und horizontale Durchlässigkeit ermögli- Bedarf revidiert werden. Um zu aussagekräftigen Ergeb-
chen. Die Gesamtlaufzeit wird etwa 48 Monate betragen, nissen zu kommen, sollten die Erprobungen in ver-
wobei sich die im Folgenden beschriebenen Projektpha- schiedenen Bildungs- und Hochschuleinrichtungen in
sen zeitlich in Teilen überlappen können. mehreren Bundesländern erfolgen. Für sinnvoll wird
erachtet, mindestens sechs Einrichtungen der Pflege-
Erste Projektphase: Anforderungs- ausbildungen ( je zwei für die Alten-, Kinderkranken-
und Angebotsanalyse und Krankenpflegeausbildung), mindestens sechs Ein-
In einer ersten Projektphase soll im Kontext eines pä- richtungen der betrieblichen und überbetrieblichen
dagogischen Begründungsrahmens eine Anforderungs- Fort- und Weiterbildung sowie mindestens vier Hoch-
und Angebotsanalyse erfolgen. In der Anforderungs- schulen (zwei mit grundständigen und zwei mit weiter-
analyse geht es um die aktuellen und zukünftigen bildenden Studiengangsangeboten) über ein Ausschrei-
wissens- und kompetenzbezogenen Anforderungen an bungsverfahren zur Mitarbeit zu gewinnen. Das
beruflich Pflegende im Kontext der Nutzung und Im- bedeutet, dass am Modellvorhaben zur Umsetzung des
plementierung von IKT in der Pflege. In der Angebots- Leuchtturmvorhabens sollten mindestens 16 Bildungs-
analyse geht es um die Erfassung und Aufbereitung und Hochschuleinrichtungen aus mindestens acht
bestehender bzw. sich entwickelnder, möglichst markt- Bundesländern beteiligt werden. Zur Vorbereitung,
reifer und pflegerelevanter IKT-Angebote. Diese Phase Umsetzung und Evaluation der modularisierten Ange-
wird etwa 12 Monate benötigen. bote werden etwa 36 Monate benötigt.

Zweite Projektphase: Erarbeitung Die Umsetzung des Modellvorhabens Digit-QP soll im


Qualifikationsmodell Rahmen einer Projektförderung vom BMG gemeinsam
In einer zweiten Projektphase soll ein modularisier- mit dem BMFSFJ, von beteiligten Bundesländern und
tes und durchlässiges Qualifikationsmodell zur Einfüh- mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds europaweit
rung und Anwendung von IKT in der Pflege unter Be- ausgeschrieben werden. Für die Umsetzung des Modell-
rücksichtigung curriculumtheoretischer Ansätze und vorhabens kommt nur ein Konsortium aus erfahrenen,
nationaler wie internationaler Referenzmodelle wie wissenschaftlichen Einrichtungen aus dem pflege- und
etwa den deutschen und europäischen Qualifikations- berufspädagogischen sowie pflegewissenschaftlichen
rahmen, Ausbildungsordnungen, Rahmenlehrpläne Bereich unter Einbezug von Akteurinnen und Akteuren
sowie Akkreditierungsbedingungen entwickelt werden. aus der IKT-Branche infrage. Möglich ist es, die Projekt-
Ausdrücklich sollen in der Entwicklung von pflegedi- phasen eins und zwei (Begründung und Entwicklung)
daktischen Konzepten und Instrumenten moderne, di- von der dritten Projektphase (Erprobung und Evaluati-
gitalisierte und internetbasierte Lehr- und Lernformen on) ausschreibungsformal zu trennen. Die vorgeschla-
zur Anwendung kommen. Zum Ende dieser Entwick- gene Initiative ePflege kann dabei als begleitender Bei-
lungsphase liegen Grund- und Aufbaumodule für die rat zum Modellvorhaben fungieren.

84 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

5.4 Integration der Pflege in die 5.4.2 Konkrete Umsetzungsschritte


Telematikinfrastruktur Folgende konkrete Umsetzungsschritte sollten zur In-
tegration der Pflege in die TI angegangen werden:
5.4.1 Begründung und Zielstellung
Mangelnde technische Vernetzung von Akteurinnen Einsetzung einer Ombudsperson zur Förderung der
und Akteuren aus der Pflege sowie zwischen der Pflege Digitalisierung in der Pflege sowie zur Ermittlung
und dem Gesundheitsbereich wurden im Rahmen die- und Koordination der Bedarfe der unterschiedlichen
ser Studie als wesentliche Hemmnisse für die Verbrei- Stakeholder, der Ermittlung von Zeitpunkt, Beschaffen-
tung von IKT-Lösungen in der Pflege identifiziert. Hier- heit und rechtlichen Bedingungen der Integration in
bei ist die Telematikinfrastruktur (TI) eine zentrale die TI und als Interessenvertretung gegenüber der ge-
technologische Grundlage für die intra- und interpro- matik und der Selbstverwaltung. Die Ombudsperson
fessionelle Vernetzung. sollte durch ein Projektbüro unterstützt werden. Die
Komplexität der Herausforderung rechtfertigt die Ein-
Für eine bessere Vernetzung von professionellen An- richtung einer Ombudsstelle, ggf. kann aber auch die
wendern mittels IKT ist es notwendig, die TI für die Ak- "Geschäftsstelle ePflege" oder eine andere beauftragte
teurinnen und Akteure der Pflege weiter zu öffnen. Da- Geschäftsstelle diese Aufgabe mit übernehmen. Sie soll
bei ist zu beachten, dass die An- und Einbindung der einen zunächst intraprofessionellen Konsultationspro-
Pflege den bestehenden Roll-out-Prozess der Telema- zess zur Klarstellung der Interessen und Standpunkte
tik-Infrastruktur nicht verzögert. Es ist genau zu prüfen, einzelner Gruppen in der Pflege zur Öffnung der TI ini-
inwieweit die Pflege an bereits geplante Anwendungslö- tiieren. Hierbei kann, wie bereits bei Vorgängerprojek-
sungen angeschlossen werden kann und wo ggf. noch ten geschehen, der Diskurs innerhalb der Pflege zu die-
Weiterentwicklungen in der Pflege als Voraussetzung sem Thema angestoßen und strukturiert werden. Dabei
für die weitere Anbindung notwendig sind. Beim Zugriff ist die Ombudsperson in ihren Entscheidungen und
auf die gesundheitsbezogenen Datensätze muss geklärt Vorschlägen weitgehend unabhängig tätig. Diese Positi-
werden, welche spezifischen Belange eines pflegefachli- on sollte durch eine in Branchenkreisen bekannte und
chen Daten- und Informationsflusses zu welchem Zeit- respektierte Person ausgefüllt werden. Das Ergebnis
punkt in die TI aufgenommen werden können. Auch ist der Arbeit der Ombudsperson sollte ein Vorschlagskata-
festzulegen, wann pflegespezifische Voraussetzungen log sein, der die konkreten Schritte zur Integration der
Eingang z. B. in die technischen Standards innerhalb Pflege in die TI aus Sicht der Pflege darstellt. In einer
der TI finden. Konkrete Ziele sind hierbei: zweiten Phase soll die Ombudsperson den Diskurs mit
• Es soll ein konkreter Umsetzungsplan zur Einbindung der gematik anstoßen, um die erarbeiteten Vorschläge
der Pflege in die TI durch eine Ombudsperson oder in den Entwicklungs- und Einführungsprozess der TI zu
eine Geschäftsstelle erarbeitet werden. integrieren. Die Ombudsperson sollte im BMG angesie-
• Es soll, gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern delt sein, jedoch die fachliche Unterstützung durch wei-
der gematik, ein Zeitplan entwickelt werden, der eine tere Stakeholder nutzen können. Die Ombudsperson
realistische Einbindung der Pflege in die TI ermöglicht. initiiert einen Dialogprozess mit Vertreterinnen und
Vertretern aus Pflege, Technik und Medizin, wie bei-
spielsweise der gematik und dem Fachbeirat des lände-
rübergreifenden elektronischen Gesundheitsberufere-
gisters eGBR.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 85


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

Aufbau und Unterstützung von Strukturen, die ei- Dienstleister der Pflege wird derzeit dadurch erschwert,
nen Roll-out von TI-Lösungen möglich machen. Es sol- dass die berufliche Pflege nicht explizit zu den Berufs-
len die Voraussetzungen geschaffen werden, die die gruppen zählt, die, mit Ausnahme der Notfalldaten,
zukünftige Ausstattung von berechtigten Akteurinnen Zugriff auf die Erhebung und Verarbeitung entspre-
und Akteuren der Pflege mit der Komponente zur si- chender Daten erhält (§ 291a SGB V). Damit sind insbe-
cheren Anbindung der Leistungserbringung in der sondere beruflich Pflegende, die Pflegeleistungen in
Pflege an die TI gewährleisten. Dabei geht es um Schaf- ambulanten und langzeitstationären Kontexten im
fung und Einführung von Grundvoraussetzungen wie Rahmen der Pflegeversicherung erbringen, von wesent-
den Heilberufsausweisen (HBA), der Institutionskar- lichen Teilen der Kommunikation im Rahmen der TI
ten (SMC-B) sowie mobilen und stationären Kartenter- ausgeschlossen. Pflegedienstleistungen im Rahmen
minals und Konnektoren. Die Verabschiedung des des SGB V können somit über die elektronische Ge-
Staatsvertrags zwischen den Ländern zur Erstellung sundheitskarte dokumentiert werden. Pflegedienstleis-
des länderübergreifenden elektronischen Gesund- tungen nach SGB XI können aber nicht über die elekt-
heitsberuferegisters sollte hier nach Möglichkeit be- ronische Gesundheitskarte aufgenommen werden. So
schleunigt werden. Diesbezüglich kann auch die Om- existiert ein Medienbruch in der Dokumentation von
budsperson auf die Länder zugehen. Pflegeleistungen, da sich diese Pflegedienstleistungen
häufig abwechseln, den es aufzuheben gilt. In diesem
Mittelfristig kann auch durch die Einrichtung einer Zusammenhang ist eine Änderung des § 291a SGB V
Bundespflegekammer, wie vom DPR und den drei be- hinsichtlich einer der Öffnung der Berufsgruppen in
reits bestehenden Landespflegekammern angekün- der Weise anzustreben, dass auch Pflegefachkräfte ex-
digt, eine förderliche Struktur für die vollwertige Ein- plizit Zugang zu den Daten erhalten.
bindung der Pflege in die TI etabliert werden. Eine
Bundespflegekammer würde dabei insbesondere den Dieser Zugriff sollte mittelfristig folgende Funktionali-
Aufbau des Kammersystems für die Pflege in weiteren täten erlauben (dies beinhaltet Funktionalitäten,
Bundesländern unterstützen. Berufsangehörige der die bereits vorgesehen, jedoch noch nicht konkret ge-
Pflege können, wie auch bei den Ärztinnen und Ärzten plant sind):
geplant, im Einvernehmen mit dem BMG über ihre • Versichertenstammdatenmanagement (VSDM): Lesen-
Selbstverwaltung (Pflegekammern) HBAs erhalten. Bis der Zugriff für Pflegefachkräfte
dahin sollte die Ausgabe der HBAs über die eGBR ge- • Qualifizierte elektronische Signatur (QES): Autorisier-
schehen, die sich allerdings noch im Aufbau befindet, te elektronische Signatur durch Pflegefachkräfte, da
da hier bereits Vorarbeiten für ein umfängliches Regis- die QES die Voraussetzung für sichere Kommunikati-
ter der Akteurinnen und Akteure bestehen. Allerdings on mit weiteren professionellen Dienstleisterinnen
setzt dies die Bereitschaft der Akteurinnen und Akteure und Dienstleistern sowie den weiteren Akteurinnen
der eGBR zur baldmöglichsten Integration in den Test- und Akteuren der Pflege darstellt
betrieb der TI voraus. • Gesundheitsdatendienste/elektronische Fallakte
(GDD/eFA): Schreibender Zugriff zur Bearbeitung von
Identifikation und Weiterentwicklung von Projek- ePflegeberichten
ten der TI, auf die professionelle Dienstleisterinnen • Datenmanagement zur Arzneimitteltherapiesicher-
und Dienstleister aus dem Pflegesektor Zugriff be- heit (AMTS): Lesender Zugriff für Pflegefachkräfte
nötigen. Die Nutzung der elektronischen Gesundheits-
karte durch professionelle Dienstleisterinnen und

86 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


5. Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben

Integration von Akteursgruppen der Pflege in den Erstellung eines Umsetzungsplans für die Erpro-
Gesetzesrahmen. Der Gesetzgeber sollte Akteursgrup- bung und Einführung von pflegerelevanten Zugängen
pen der Pflege (Pflegekassen, Pflegeeinrichtungen) bei und Anwendungen durch eine möglicherweise einge-
einer folgenden Novellierung des § 291 ff SGB V. und setzte Ombudsperson oder Geschäftsstelle. Die Er-
der Verordnung über Testmaßnahmen für die Einfüh- stellung muss in Abstimmung mit den Vertreterinnen
rung der elektronischen Gesundheitskarte in der Fas- und Vertretern der Selbstverwaltung im Gesundheits-
sung der Bekanntmachung vom 23. September 2009 wesen erfolgen.
(BGBl. I S. 3162) berücksichtigen. Diese Akteursgrup-
pen der Pflege sollten bei der Novellierung der Verord-
nung über Testmaßnahmen für die Einführung der
elektronischen Gesundheitskarte explizit im Gesetzes-
text erwähnt werden. Es sollen Sanktionen gegen die
Gesellschafter der gematik möglich sein, wenn die Inte-
gration dieser Akteursgruppen der Pflege nicht entspre-
chend umgesetzt wird. Die Integration von Pflegeein-
richtungen in den Testbetrieb kann terminlich ab der
Beendigung von ORB-2 geschehen.

Förderung von standardisierten Begriffen und Ar-


beitsabläufen, um eine einheitliche Kommunikation
zwischen den Akteursgruppen der Pflege sowie zwi-
schen Akteurinnen und Akteuren der Pflege und weite-
ren Teilnehmergruppen an der TI zu ermöglichen.
Hierbei ist die Erstellung eines Interoperabilitätsver-
zeichnisses für Anwendungen aus der Pflege analog zu
§ 291e SGB V oder die Erweiterung des bestehenden
Interoperabilitätsverzeichnisses (IOP) um Anwendun-
gen und Schnittstellen aus dem Bereich der Pflege sinn-
voll (siehe Kapitel 4.1). Die Förderung einer einheitli-
chen Fachsprache für technische Begriffe und
Anwendungen innerhalb der Pflege ist ebenfalls förder-
lich für die einheitliche Kommunikation.

Festlegung der Rolle der Pflegekassen. Die Rolle


der Pflegekassen in der TI sollte genauer definiert wer-
den. Die aktuelle Struktur der TI setzt auf den Aus-
tausch der Daten zwischen der jeweiligen Krankenkas-
se und den professionellen Dienstleisterinnen und
Dienstleistern bzw. Leistungsempfängerinnen und
-empfängern. Der vollständige Stammdatensatz liegt
dabei den Krankenkassen und auf der eGK vor.

Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege 87


Abbildungsverzeichnis

Anzahl Pflegebedürftiger und Anteil an der jeweiligen


Erwerbsbevölkerung, 2005–2050 [Mio.] S. 16

Grad der Beschäftigung der Akteurinnen und Akteure mit IKT in der Pflege S. 17

Zukünftige Aktivitäten von Akteurinnen und Akteuren aus


der Pflege im Bereich IKT S. 18

Inhalte von IKT-Projekten zur Unterstützung von Leistungsempfängerinnen


und -empfängern entlang pflegerelevanter Kriterien gemäß NBA S. 19

Inhalte von IKT-Projekten außerhalb der Themenbereiche des NBA S. 20

Themen von IKT-Projekten für die professionelle Pflege S. 20

Handlungsfelder von IKT-Projekten in der Pflege S. 21

Verantwortliche Akteurinnen und Akteure von IKT-Projekten in der Pflege S. 23

Faktoren, die die Etablierung von IKT in der Pflege begünstigen S. 24

Anteil national und international vernetzter Projekte S. 25

Kernthemen von IKT-Projekten in der Pflege S. 26

Adressierung von Handlungsfeldern durch IKT-Projekte in der Pflege S. 26

Forschungs- und Entwicklungsbedarfe für begleitende Studien im


Kontext von IKT in der Pflege S. 32

Angaben zu Hemmnissen für die Entwicklung von IKT in der Pflege S. 33

Angaben zu Kenntnissen über Best-Practice-Produkte und -Projekte S. 35

Fördergeber von IKT-Projekten in der Pflege und Förderungsstruktur S. 39

Inhalte bestehender IKT-Konzepte in der Pflege S. 41

Vorschläge für Pilotprojekte und Leuchtturmvorhaben zur Förderung


von IKT in der Pflege S. 73

88 Informations- und Kommunikationstechnologie für die Pflege


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