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PROPHYLAXEN  2.

TEIL PFLEGE PRAXIS 33

Dekubitus
Prophylaxen in der Pflege F Das Dekubitalgeschwür gilt als Generalindikator für die
Pflegequalität, denn sein Auftreten ist zu über 90% schlechter pflegerischer Versorgung
zuzuschreiben. Ein Dekubitus gefährdet nicht nur den Patienten, seine Heilung verursacht
hohe Kosten. Unsere kurze Übersicht gibt Tipps für die richtige Pflege.

Verantwortlich für ein Druckge- produktion nimmt ab, das Hautmilieu Immobilität: Ein Positionswechsel kann
D schwür ist eine lang anhaltende verändert sich und wird anfälliger für nicht rechtzeitig ausgeführt werden. Bei
Druckeinwirkung; besonders gefährdet Keimbesiedelung. schlechter Beweglichkeit treten vermehrt
sind Stellen, an denen der Knochen nur Schlechte Hautdurchblutung: Nach Scherkräfte auf und das Schleifen über
wenig durch eine Fettschicht abgepol- Druckeinwirkung tritt die Rötung erst das Bettlaken von Fersen oder Gesäß
stert wird. Der Blutstrom wird durch spät auf und kann kaum zu erkennen führt zur Abschürfung der obersten
Druckeinwirkung von außen unterbro- sein. Mögliche Gründe: Hautschicht. Mögliche Gründe:
chen: Venolen werden bereits bei einem z Erkrankungen (Diabetes mellitus, z Schwere Erkrankung, große körper-
Druck ab 8 mmHg abgeklemmt, Arteri- Anämie) liche Schwäche
olen über 30 mmHg. Der Abfluss wird z Degeneration der Kapillaren z Lähmungen
blockiert und im Gewebe sammeln sich z Scherkräfte (gegenläufige Gewebever- z Geistige Beeinträchtigung, Depressi-
Stoffwechselprodukte an. Die Blockade schiebungen), die beim Herunterrut- onen
des Zuflusses führt zur Ischämie (weiß- schen im Sessel oder Bett auftreten
liche Hautfärbung), wobei der noch vor- können, klemmen Gefäße ab Die richtige Pflege
handene Sauerstoff verbraucht wird. Die Feuchte Haut und Mazeration: Feuchtig- Trockene Haut: Schon der Kontakt mit
geschädigten Zellen setzen Gewebsfak- keit führt zum Aufweichen der obersten Wasser kann bei sehr empfindlicher Haut
toren frei, die einen Schmerzreiz auslö- Hautschicht, die anfälliger für chemische zur Rötung sowie trockenen, juckenden
sen. Mögliche Reaktionen sind: und physikalische Reize wird. Mögliche Stellen führen. Deshalb: Kurzer Kontakt
z Der Reiz wird wahrgenommen: Es Gründe: mit Wasser (besser Duschen als Baden)
erfolgt ein Positionswechsel mit recht- z Starkes Schwitzen bei Fieber und eine lauwarme Wassertemperatur
zeitiger Druckentlastung. Jetzt ist eine z Inkontinenz bringt die Haut ständig wählen, um den Hydrolipidfilm nicht zu
reaktive Hyperämie zu beobachten. in Kontakt mit alkalischen Ausschei- schädigen. Sanfte, pH-neutrale Waschlo-
Die reversible Rötung klingt nach 10– dungen, sodass der Säureschutzfilm tion verwenden, keine Seife. Als Badezu-
15 Minuten ab. gestört wird. satz ein Ölbad verwenden. Die Haut
z Der Reiz wird nicht empfunden oder Mangel-, Fehlernährung und Kachexie danach nur abtupfen, um den Ölfilm
ein selbstständiger Positionswechsel führen dazu, dass dem Körper „Bau- nicht abzureiben. Anschließend die Haut
ist nicht möglich: Der Druck hält an, stoffe“, wie Eiweiß, Vitamin C und Zink, mit einer fetten Wasser-in-Öl-Lotion ein-
das Gewebe stirbt ab, Plasma tritt aus für eine widerstandsfähige Haut fehlen. cremen. An besonders gefährdeten
den Kapillaren ins Interstitium über. Mögliche Gründe:
Eine irreversible Rötung durch z Maligne Erkrankungen
mikrovaskuläre Hämorrhagie (Stadi- z Kau- und Schluckstörungen
um I), Ödem- und Blasenbildung z Demenz und Nahrungsverweigerung
4 SERIE
(Stadium II) treten auf. Verminderte Schmerzempfindung:
Das Signal zum Positionswechsel wird Prophylaxen in der Pflege
DOI 10.1007/s00058-008-0029-7

Probleme nicht oder zu spät verspürt. Mögliche Teil 1: Mundpflege


Trockene Haut: Im Alter verliert die Haut Gründe: Teil 2: Dekubitus
ihre Elastizität und wird empfindlicher, z Lähmungen Teil 3: Thrombose
denn Kollagen und Elastin reduzieren z Verminderte Schmerzempfindlichkeit Teil 4. Kontrakturen
ihre Elastizität und die Fähigkeit, Flüssig- im Alter Teil 5: Sturz
keit zu binden. Die Schweiß- und Talg- z Geistige Beeinträchtigung

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Hautstellen kann ein Hautfunktionsöl Feuchte Haut und Mazeration: Die Haut unterlagen vermeiden, weil sie zu ver-
(z.B. Sanyrène®) oder ein ölfreies Produkt nur mit Wasser sanft abwischen, denn zu mehrter Schweißsekretion und Allergien
zur Förderung der Gewebetoleranz (z.B. häufiges Waschen mit waschaktiven Sub- führen können. Inkontinenzmaterial
PC 30 V) eingesetzt werden. Generell soll- stanzen schädigt die Haut. Sehr empfind- auswählen, dass gut aufsaugt und die
ten keine reinen Öle verwendet werden. liche Haut abölen. Plastik- und Gummi- Feuchtigkeit hält, sodass die Haut tro-
cken bleibt. Schutzfilme wie Cavilon® las-
sen die Haut atmen. Eine zwei- bis drei-
stündliche Kontrolle des Inkontinenz-
materials durchführen, um stauende
4 B I T T E B E AC HTE N! Nässe rechtzeitig zu erkennen.
Immobilität: Weichlagerungssysteme wie
4 Grundregeln Dekubitusprophylaxe
Wechseldruckmatratzen /-kissen, Gelkis-
Risikoeinschätzung: Um die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten, wird bei jedem Patienten sen oder mehrschichtige Schaumstoff-
zunächst das individuelle Dekubitusrisikos anhand einer Skala eingeschätzt. Es existieren mehr als matratzen müssen den Auflagedruck
30 verschiedene Skalen. Am bekanntesten sind die Norten- und die Braden-Skala. Bei der Braden- unter den arteriellen Druck von 30
Skala sind die Bewertungskriterien genau definiert, dadurch ist die Beobachtungsübereinstim- mmHg reduzieren. Um den Abfluss im
mung gut. Aber leider sind Validität (Güte) und Reliabilität (Zuverlässigkeit) bisher bei keiner Skala Gewebe zu ermöglichen, ist der Patient
ausreichend belegt. Den Punktwerten sollte man deshalb nicht uneingeschränkt trauen. Zur
regelmäßig umzulagern. Nur wenn die
richtigen Interpretation der Beobachtungen ist immer pflegerische Expertise erforderlich.
Matratze den Auflagedruck unter den
venösen Druck von 8 mmHg senkt, ist
ein Umlagern nicht notwendig. Die Anti-
dekubitusmatratze auf das Patientenge-
wicht einstellen, damit der Patient tief
genug einsinkt und entlastet wird. Das
Einsinken nicht durch festgezogene
Stecklaken oder Laken vermindern.
Soweit als möglich den Patienten auf
„normalen“ Matratzen lagern, denn bei
einer permanenten Superweichlagerung
Druckentlastung: Je größer die Auflagefläche, desto kleiner ist der Druck auf eine einzelne Stelle.
gibt es keinen Bewegungsreiz und der
Je flacher der Patient also liegt, desto geringer ist die Druckbelastung am Steiß. Halb aufgerichtet
ist die 30°/10°-Lagerung am günstigsten. Der Körper muss in eine weiche Unterlage einsinken
Patient verliert das Gefühl für seinen
können, deshalb dürfen Laken über Antidekubitusmatratzen nicht gespannt werden. Bei abseh- Körper. Matratzen mit Feststellfunktion
barer Schädigung sollte der Patient innerhalb von zwölf Stunden auf druckreduzierenden Hilfs- ermöglichen, den eigenen Körper zu spü-
mitteln gelagert werden. ren und erleichtern das Umlagern (auch
Umlagern: Orientiert am individuellen Auftreten der reversiblen Rötung wird ein immobiler für den Fall einer Reanimation sinnvoll).
Patient regelmäßig gelagert. Nie auf einem Dekubitus lagern. Nur eine vollständige Druckentlastung Außerdem ist auf ein leises Aggregat und
ermöglicht eine schnelle Heilung. Die Umlagerungen mit Uhrzeit, Position und Hautzustand in einem
einen hautfreundlichen Bezug zu achten,
Lagerungsplan dokumentieren. Achtung: Die Richtwerte – eine Stunde (sitzend) bis zwei Stunden
(liegend) – können bei Patienten mit Durchblutungsstörungen oder Ernährungsdefiziten falsch sein. der keinen Wärmestau erzeugt.
Mobilisation: Den Patienten zum selbstständigen Positionswechsel anleiten und Hilfen zum Felle und Fersenschoner sind umstrit-
selbstständigen Umlagern anbieten (z. B. Bettseil, -leiter). Kontrolle, ob die Bewegungen ausrei- ten. Wenn das Fell nicht verklumpt ist,
chend sind. Die Mobilisation in den Tagesablauf integrieren, beispielsweise zum Waschen und zu reduziert es zwar nicht den Druck, ver-
den Mahlzeiten an die Bettkante oder auf den Stuhl setzen. Im Sitzen müssen die Beine des Pati- mindert aber durch das Gleiten über
enten gut auf dem Boden stehen (eventuell Bänkchen bereitstellen). Die Beine nicht hochlegen, die Haare Scherkräfte und Reibung.
es fördert das Herunterrutschen, wobei Scherkräfte und Hautabrieb auftreten können.
Echtes Schaffell nimmt Feuchtigkeit gut
Hautpflege und -kontrolle: Für jeden Patienten ist ein Hautstatus zu erheben und die Pflege dem
auf, Kunststofffelle führen eher zum
Hauttyp anzupassen, denn eine geschmeidige, intakte Haut ist weniger anfällig. Bei jeder Körper-
pflege und jedem Umlagern muss eine Hautkontrolle erfolgen, um stauende Nässe und Hautver- Schwitzen. z
änderung rechtzeitig zu bemerken.
Zeichnungen: C. Hasucha

Ernährung: Ernährungsgewohnheiten erfragen. Kontrolle von Essen und Trinken. Der Patient sollte
täglich vier Eiweißportionen (Quark, Käse, Joghurt, Milch, Ei etc.) und ausreichend Vitamin C (1g) zu
sich nehmen. Eventuell Substitution von Eiweiß und Vitaminen durch Ergänzungskost. Täglich zwei E Dipl. Psych. Sabine Philbert-Hasucha
Liter trinken. Die Angehörigen einbeziehen. E Lehrerin für Krankenpflege, Schulung
und Beratung in der Pflege
Die Richtschnur für alle Pflegemaßnahmen bildet der Nationale Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe“ des DNQP.
Kirchhofstr. 6, 12055 Berlin

Heilberufe 2 | 2008