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Karl Loewenstein

Author(s): Klaus von Beyme


Source: Archiv des öffentlichen Rechts, Vol. 98, No. 4 (1973), pp. 617-619
Published by: Mohr Siebeck GmbH & Co. KG
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/44305447
Accessed: 06-02-2020 11:14 UTC

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NACHRUFE

Karl Loewenstein f
Mit Karl Loewenstein ist einer der Bezugsgruppe der deutsche Sprach-
originellsten und eigenwilligsten For-raum. Einige seiner umfangreichsten
scherpersönlichkeiten verstorben, die Werke über „Staatsrecht und Staats-
Deutschland im Bereich des Verfas- praxis der Vereinigten Staaten" (1959)
sungsrechts und der vergleichenden und „Staatsrecht und Staatspraxis von
Großbritannien" (1967, 2 Bände) hat
Politikwissenschaft hervorgebracht hat.
Rastlos pendelte sein Intellekt zwischen
er auf deutsch geschrieben, obwohl sie
den beiden Kontinenten Europa und
keineswegs vom Informationsgefälle
Amerika hin und her, denen er ver-
zwischen den Sprachräumen lebten,
bunden war. 1933 mußte Loewenstein sondern auch an angelsächsischen Stan-
Deutschland verlassen, aber er blieb dards gemessen durch Gediegenheit
seinem Geburtsland in einer Art leiden- und Souveränität des Urteils über die
schaftlicher Haßliebe verbunden. Mit Dutzende von Einführungen auf dem
großer Unnachsichtigkeit hat er die An-Markt weit herausragten. Die beiden
fänge des westdeutschen StaatswesensWerke zeigen wie wenige das Dilem-
kommentiert. In einer Zeit der Bewun- ma seines Lebenswerks. Seit Gneist,
derung für Stabilität und Sicherheit derHatschek und Jellinek hat es keinen
Adenauer- Ära hat er mit seinen Kas- so umfassenden Kenner ausländischen
sandrarufen autoritäre und quietisti- Verfassungsrechts mehr gegeben wie
sche Züge unseres Staatswesens in Loewenstein. Durch einen Ausdifferie-
scharfen Worten gegeißelt. Das erste rungsprozeß der früheren „Staats Wis-
Lob, das der Verfasser aus Loewen- senschaften" hatte Loewenstein jedoch
steins Munde über die Bundesrepublik nicht mehr so klar wie die älteren Ge-
zu hören bekam, war in einem Brief lehrten auch die Staatsrechtler als
nach der Wahl 1969, als Loewenstein Adressaten, da sich die Staatsrechts-
das Paradoxon konstatierte, daß aus- lehre - von einigen rechtsvergleichen-
gerechnet die Bundesrepublik seinen den Arbeiten abgesehen - zunehmend
stark geschrumpften Glauben an die in das nationale Schneckenhaus zurück-
Reformfähigkeit des Parlamentarismus zog und die Publizistik auf dem Feld
und die Möglichkeit der innovatorischen dem „comparative government" der
alternierenden Regierung noch einmal Politikwissenschaftler überließ. Nur
gestärkt habe. mit der „Verfassungslehre" (1959) ge-
Obwohl Loewenstein sich nach 1945 lang es Loewenstein wohl noch einmal,
um die Gründung der Politikwissen-Staatslehre und Sozialwissenschaften zu
schaft in Deutschland verdient machte, integrieren und von Staatsrechtlern wie
kam er nicht, wie viele andere - C. ]. Politikwissenschaftlern für ein Jahr-
Friedrich , E. Fraenkel, O. K. Flecht-zehnt gleich intensiv rezipiert zu wer-
heim , F. A. Hermens , E. Voegelin -, den. Auch dieses wohl bekannteste
nach Deutschland zurück. Werk Loewensteins zeigt seine eigent-
Gleichwohl blieb publizistisch seine liche Begabung: eine faßliche Einfüh-

40 AöR 98, Heft 4

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rung zu scheinen mit


verbinden seiner Festschrift
einer (1971) originellen
noch
These. Die Lehre von
zwei Werke den Gelehr-
von erstaunlicher „Kontrol-
len" hat der insamkeit
Gewaltenteilungsdog-
geschrieben, die Beachtung ver-
matik erstarrten Parlamentarismus- dienen. Es war ihm nicht mehr ver-
debatte der Nachkriegszeit entschei-
gönnt, das in Vorahnung seines Todes
dende Impulse gegeben. ungeduldig erwartete Erscheinen des
Loewenstein ist für immer durch die
monumentalen Werkes über die Regie-
Begegnung mit Max Weber geprägt rung des antiken Rom zu erleben. Vor
worden. Ihm war er auch durch ein wenigen Monaten ist jedoch eine an-
ähnlich vulkanisches Temperament dere Schrift erschienen, in der die gei-
und die Fähigkeit leidenschaftlichen stigen Bemühungen um den Verfas-
politischen Engagements eng verbun- sungsstaat und die Diktatur gleichsam
den. Auf der rastlosen Suche nach derzur Synthese gebracht werden: „Koop-
„intellektuellen fons et origo malorum tation und Zuwahl. Über die autono-
Germanicorum" - wie er einmal selbst me Bildung privilegierter Gruppen".
formulierte - hat er Max Weber im- Vom antiken Rom und mittelalterli-
mer verteidigt und gegen jeden Ver- chen Zunftregimenten bis zum bürger-
such abzuschirmen versucht, Verbin- lichen Verfassungsstaat und der sozia-
dungslinien von Max Weber zu Carl listischen Diktatur werden elitäre For-
Schmitt zu ziehen. Loewensteins Bei- men von Kooptation als das elitenbil-
träge zur Debatte um den plebiszitären dende Grundmotiv aller Staaten aufge-
Führerstaat sind neben der Verfas- spürt. Dabei kommt er für kapitalisti-
sungs- und Parlamentarismusforschung sche und sozialistische Systeme auf sei-
das zweite Hauptgebiet seines Lebens- ne Weise zu einer Art „negativer Kon-
werks. Zunächst haben ihn Notstands- vergenztheorie".
recht und Diktatur auf Zeit beschäftigt. Die Entdeckung der „elitären Koop-
Später widmete er Monographien den tation als universelle Erscheinung des
verschiedensten Ausprägungen der staatlichen Lebens" trägt resignative
Diktatur: von Napoleon III. bis zum Züge. Sie widersprach seinem liberal-
Dritten Reich und zur Diktatur Wargas radikalen Demokratieverständnis, das
in Brasilien. „Brazil under Vargas" starke Beimischungen von einem bür-
(1942) gilt unter Lateinamerikaspezia- gerlichen Radikaldemokratismus hatte,
listen noch immer nicht als „überholtes" der in Deutschland selten gewesen ist,
Buch. Sein letztes Alterswerk, das im und der Loewenstein - trotz seiner
Erscheinen begriffen ist, „The gover- lebenslänglichen Bewunderung für
nance of Rome" (2 Bände), verfolgt das Großbritannien - eher in die Tradition
zweite Hauptthema bis zurück in die der „Jeffersonian Democracy" stellt.
Antike. Der Principát des Augustus hat Er blieb ein unbestechlicher Mahner,
von Carl Schmitt bis Bertrand de ]ou - und war vielen immer wieder unbe-
venel auch andere Publizisten immer quem. Seine große Gabe war die Be-
wieder zu originellen Betrachtungen wältigung gigantischer Stoffmassen, die
inspiriert. jedoch nirgends zu unpolitischer Lan-
Karl Loewenstein ist trotz seiner geweile gerannen. Schon sein Stil ließ
zahlreichen Enttäuschungen wohl der dieses nicht zu. Oft war er aggressiv,
ideale Lebensabend eines Gelehrten be- und das Bild vom alttestamentarischen
schieden gewesen. Der über Achtzig- Propheten, der noch im methusalemi-
jährige nahm noch immer an den pu- schen Alter als Mahner auftritt, läßt
blizistischen Fehden der Gegenwart teil. sich auch auf das Sprachliche ausdeh-
Obwohl er kaum noch sehen konnte, nen. Trotz aller Gelehrsamkeit hat er
hat er in den letzten Jahren nach Er- immer wieder dem „Volk aufs Maul

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