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Gedichtanalyse

Anständiges Sonett
Ulla Hahn

Name: Carlota Gómez Ortega


Fach: Literaturwissenschaft
Professorin: Jennifer Löcher
I.E.S. en Lenguas Vivas “Juan Ramón Fernández”
Das Gedicht Anständiges Sonett erschien zum ersten Mal 1981 in Ulla Hahns
Debütgedichtband Herz über Kopf, in dem die Liebe in mehreren ihrer vielfältigen
Formen thematisiert wird. Wie schon der Titel des Gedichtes verdeutlicht, handelt es
sich um ein Sonett, und zwar ein Metasonett1. Diese hochangesehene Gedichtform
widmete sich vorwiegend ernstzunehmenden Themen wie Krisen und Kriegen und
wurde zu Beginn ihrer Einführung in Deutschland auch mit religiösen Zielen vereint
(vgl. Vogt, 2002, S. 140)2

Die deutsche Schriftstellerin eignet sich die Gedichtform an, um ohne Vorbehalte über
ein in Sonetten üblicherweise nicht behandeltes Thema zu schreiben – nämlich über
eine intime Begegnung zweier Menschen.

In dieser Untersuchung wird der Frage nachgegangen, wie Ulla Hahn die
Zweideutigkeit des Wortes anständig zu ihrem Vorteil nutzt und dementsprechend ein
provokatives Kunstwerk verfasst, das sowohl das Unanständige an Sex als auch das
Seriöse an Sonetten in Frage stellt. Die Autorin lädt zu einem Ganzkörper-Erlebnis ein,
das in den folgenden Zeilen beschrieben werden wird.

Alle Aspekte des Gedichts tragen dazu bei, mehrmals Spannung auf- und abzubauen als
Anspielung auf die An- und Entspannung des Körpers beim Sex. Es ist also schwer alle
Elemente isoliert zu analysieren, denn sie alle stehen in enger Verbindung zueinander
und erst durch ihre Kombination wird die Wirkung erreicht.

Direkt ins Auge springt die Imperativform, die das ganze Gedicht prägt und ein
besonderes lyrisches Ich ausmacht. Dieses spricht eine*n andere*n hingebend und
auffordernd an, was eine atemberaubend dringliche Atmosphäre schafft und die
Vorstellungskraft der Leser*innen beflügelt. Das schlägt sich auch in der lautlichen
Ebene nieder: durch den am häufigsten vorkommenden Vokal “i” überträgt sich die
Anspannung, die durch seine Artikulation in der Zungenmuskulatur entsteht, auf die
semantische Ebene, d.h. es wird eine mit dem Inhalt des Werkes kohärente Spannung
aufgebaut und beibehalten.

Es sind allerdings zwei von einem Höhepunkt getrennte Momente zu unterscheiden: In


den zwei Quartetten wird eine Vehemenz spürbar, die in den Terzetten durch eine
zärtliche Ruhe ersetzt wird.

Die Dringlichkeit des ersten Momentes erkennt man an unterschiedlichen Elementen.


Einerseits erzeugt die Anhäufung von starken Enjambements einen abgehackten
Rhythmus, der auf heftiges Atmen anspielt. Die Sätze werden aufgebrochen, als wäre
die Hauptfigur des Gedichts außer Atem:

Komm beiß dich fest ich halte nichts

1 Unter Metasonett versteht man ein Sonett, das explizit auf seine Eigenschaft als Sonett hinweist.
2 “Auffällig ist, von Gryphius bis Brecht, dass die Sonettform immer wieder herangezogen wird, wenn
persönliche oder historische Krisen, Umbrüche und Katastrophen zu bewältigen sind.” (Vogt, 2002, S.
140)
vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo's gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um


und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie's drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

Durch die Einführung mehrerer Antithesen und Allterationen wird auch eine pendelnde
Bewegung erreicht, die die Leser*innen tief in die Lektüre hineinwiegen und sie auch
an die kreisende Hin und Herbewegung beim sexuellen Kontakt erinnern.

von Mund zu Mund


unter der Hand in deine
wie's drunter geht und drüber
Ich schreie ich bin stumm
zu mir zu dir
ein und allemal
Die Lider halt mir offen. Die Lippen auch.

Dieselbe Wirkung üben die Vokale auf der Ebene der Lautung aus: Alle Verse des ersten
Quartetts enden auf Wörter, die ein “i” enthalten und alle Verse des zweiten auf Wörter,
die ein “u” enthalten. Während der Vokal “i” im Mundraum hoch und vorne artikuliert
wird, wird das “u” hoch und hinten gebildet. Die Bewegung der Zungenmuskulatur von
vorne nach hinten alludiert ebenfalls auf das Verhalten der Körper beim Sex.

Auffällig ist auch, wie die auf dem Buchstaben “s” endenden Endsilben der ersten vier
Verse auf ein Sehnen nach Mehr verweisen, und wie die auf “-um” und “-er” endenden
Endsilben der nächsten vier Versen auf Genuss hinweisen.

Komm beiß dich fest ich halte nichts


vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo's gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

der Augen mir Ringe um


und lass mich springen unter
der Hand in deine. Zeig mir wie's drunter
geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

In der ersten Strophe überwiegen die Wörter, die Teil des Wortfelds ‘essen’ sind (beiß,
Nippen, küss, Mund), was zusammen mit der Dominanz nasaler Konsonanten dazu
führt, dass den Leser*innen beim Lesen fast das Wasser im Mund zusammenläuft.

Komm beiß dich fest ich halte nichts


vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
mich wo's gut tut. Miss
mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

Das lyrische Ich bittet am Anfang darum, der Leidenschaft ohne Zurückhaltung freien
Lauf zu lassen.

Komm beiß dich fest ich halte nichts


vom Nippen.

‘Sich festbeißen’ wird vom Duden als “sich so intensiv mit etwas beschäftigen, dass
man davon nicht mehr loskommt”3 definiert und diese Besessenheit wird unverzüglich
spürbar. Die metaphorische Verwendung des Wortes “Nippen” verstärkt die Idee. Es
gibt keinen Raum für Behutsamkeit.

Im vierten Vers wird das Wort Mund auch metaphorisch gebraucht und symbolisiert im
übertragenen Sinne den Muttermund, was eine Bewegung von Oben nach unten
andeutet. Die Körperbewegung wird noch einmal in den Versen sieben und acht
hervorgerufen:
Zeig mir wie’s drunter
geht und drüber.

Am Ende des zweiten Quartetts erreicht die Gespanntheit ihre Klimax – und so erreicht
die Hauptfigur sie auch - und wird ab dem neunten Vers aufgelöst, indem das Tempo
durch die Einführung zweier Punkte verlangsamt wird. Es kommt also zu einer Pause.

Ich schreie ich bin stumm.

Bleib bei mir. Warte.

Ein Versprechen nach Wiederaufnahme wird aber expliziert

Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder


zu mir zu dir dann auch
»ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder«

Das Verhalten wird zärtlicher, ruhiger (Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch), einen
Wunsch nach Fortdauer wird geäußert (mir ein und allemal) und gleich danach setzt
sich die Bewegung wieder in Gang.

Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.

Weder Augen noch Lippen sollen sie zumachen, schlafen kommt nicht in Frage.
Auffällig ist, dass sich das Wort Lippen nur durch einen Buchstaben vom Wort Nippen
unterscheidet:

3 https://www.duden.de/rechtschreibung/festbeiszen
Die Lider
halt mir offen. Die Lippen auch.
---
Komm beiß dich fest ich halte nichts
vom Nippen.

Der Kreis schließt sich und es wird angedeutet, dass alles wieder von vorne anfängt.

Die zerstörerische Kraft des Gedichts beruht in erster Linie auf seiner Form. Auf der
ersten Blick scheint sie der Form eines anständigen Sonetts zu entsprechen. Diese
besteht aus vierzehn Versen, zwei Quartetten (Vierzeilern) und zwei Terzetten
(Dreizeilern). Das Reimschema der Quartette folgt in der Regel dem Muster des
umarmenden Reims (abba), wohingegen die Terzette meist dem Schema cdc/dcd,
cde/cde und ccd/eed folgen. Beide Eigenschaften lassen sich in Ulla Hahns Gedicht
wiederfinden.

A Komm beiß dich fest ich halte nichts


B vom Nippen. Dreimal am Anfang küss
Quartett
B mich wo's gut tut. Miss
A mich von Mund zu Mund. Mal angesichts

C der Augen mir Ringe um


Quartett D und lass mich springen unter
D der Hand in deine. Zeig mir wie's drunter
C geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm.

E Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder


Terzett F zu mir zu dir dann auch
E »ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder«

F Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch


Terzett E mir ein und allemal. Die Lider
F halt mir offen. Die Lippen auch.

Bei einer tieferen Betrachtung werden jedoch die Abweichungen ersichtlich. In


traditionellen Sonetten ist das Metrum (Versmaß) größtenteils ein fünf- oder
sechshebiger Jambus (Elfsilbler oder Alexandriner) und jeder Vers besteht in der Regel
aus zehn bis dreizehn Silben. Das untersuchte Sonett hat aber kein regelmäßiges
Metrum und die Silbenanzahl und Kadenz variiert von Vers zu Vers.

-x-x-x-x Komm beiß dich fest ich halte nichts (8)


-x-|x--x-x vom Nippen. Dreimal am Anfang küss (9)
--x-|x mich wo's gut tut. Miss (5)
--x-x|x–x-- mich von Mund zu Mund. Mal angesichts (9)

- x - - x – x der Augen mir Ringe um (7)


- x – x - - und lass mich springen unter (7)
- x - x - | x - - x - der Hand in deine. Zeig mir wie's drunter (10)
- - x - | - x - - - x geht und drüber. Ich schreie ich bin stumm. (10)

x - - | x - | - - x - Bleib bei mir. Warte. Ich komm wieder (9)


- x - x - x zu mir zu dir dann auch (6)
x - - x – x - x - x - »ganz wie ein Kehrreim schöner alter Lieder« (11)

- x - x - x - x - x Verreib die Sonnenkringel auf dem Bauch (10)


- x - x - x - x - mir ein und allemal. Die Lider (9)
x - x - | - x - x halt mir offen. Die Lippen auch. (8)

Die Sonetten folgen einem strengen Aufbau, den es einzuhalten gilt. Wenige
Gedichtformen beanspruchen so eine strikte Struktur. Da die Art des Aufbaus ebenso ein
Symbol für den Inhalt des Gedichts ist, ist es kein Zufall, dass sich die Autorin für diese
Gedichtart entschieden hat, und aber gleichzeitig der Norm zuwidergehandelt hat. Das
aufwühlende Gefühl beim Sex, das sich in keiner Weise strukturieren lässt, wird somit,
trotz der oberflächlich scheinbaren Ordnung, in der tieferen Formebene
niedergeschlagen und verschleiert übermittelt.

Ulla Hahn hat aus einer Herausforderung (Schreib doch mal ein anständiges Sonett)
einen Akt der Rebellion gemacht, der in jeder Hinsicht gelungen ist. Vor dieser Art
Chaos, auf die die Verse ihres Gedichts anspielen, gibt es glücklicherweise keine
Rettung – nicht einmal ein Sonett.4

4 Vgl. Becher, J. R. (1956): Das Sonett. Aus: Johannes R. Becher. Sonett-Werk 1913–1955. Berlin: Aufbau
Verlag, S.13.
Quellenangabe

Vogt, J. (2002): Einladung zur Literaturwissenschaft. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag,


5. Aufl.

Burdorf, D. (1995): Einführung in die Gedichtanalyse. Stuttgart: J.B. Metzlersche


Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH.

Duden: https://www.duden.de/rechtschreibung/festbeiszen

Becher, J. R. (1956): Sonett-Werk 1913–1955. Berlin: Aufbau Verlag, S.13