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09.01.2020 - Aktualisiert: 12.01.2020, 11:04 Uhr


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Zehn Jahre nach dem Beben

Von Rettern ist Haiti nicht zu retten


Vor zehn Jahren verwüstete ein Erdbeben Haiti. Es war nicht die erste Katastrophe, die das
Land heimsuchte. Und nicht die letzte. Droht nun ein Bürgerkrieg?

Von MARTIN FRANKE

© AP
Demonstranten tragen einen Getöteten aus ihren Reihen im Sarg zum Friedhof von Port-
au-Prince. (Archivbild von November 2019)

Haiti war einmal Weltmarktführer für Kaffee, Baumwolle und Rohrzucker. Heute ist es das ärmste
Land der westlichen Hemisphäre und gilt als gescheiterter Staat. Zwar ging es Haiti schon vor dem
schweren Erdbeben vom 12. Januar 2010 schlecht. Die Naturkatastrophe, die sich nun zum zehnten
Mal jährt, brachte den Karibikstaat aber noch weiter an den Abgrund: Mehr als 200.000 Menschen
kamen ums Leben, mindestens 300.000 wurden verletzt.

Das gesamte öffentliche Leben brach innerhalb weniger Sekunden zusammen; 1,3 Million Haitianer
wurden obdachlos. Zwar rollte die internationale Hilfe am Tag des Unglücks an. Doch selbst das
größte Spendenprogramm in der Geschichte der Vereinten Nationen – elf Milliarden Dollar wurden
Haiti von ausländischen Gebern versprochen – konnte keinen Aufschwung herbeiführen.

Im Gegenteil: Kritiker wie der Filmemacher Raoul Peck beklagen, dass die ausländische Hilfe
„tödlich“ gewesen sei. Sie habe die Korruption beflügelt und die grundsätzlichen Probleme ignoriert.
So hatten Hilfsorganisationen zwar in großem Stil zweckgebundene Spenden gesammelt, die für den
Wiederaufbau bestimmt waren. Doch für die Beseitigung des Schutts hatten sie nichts eingeplant.
Haiti blieb über Jahre auf seinen Trümmern sitzen, obwohl es zeitweise die höchste Dichte an
Hilfsorganisationen aufwies. Heute weiß man auch: Achtzig Prozent der Spenden sind zunächst in die
Geberländer zurückgeflossen. Deutschland beispielsweise hat vor allem deutsche
Nichtregierungsorganisationen gefördert.

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Gangs haben das Sagen

Bald nach dem Erdbeben brach die Cholera aus. UN-Soldaten hatten das Virus ins Land gebracht.
2016 suchte Hurrikan „Matthew“ das Land heim. Seit mehr als einem Jahr ist auch die politische
Unruhe wieder groß. Proteste, bei denen der Sturz des Präsidenten und Gerichtsverfahren für korrupte
Politiker gefordert werden, münden regelmäßig in Gewalt.

© AFP
Die meisten Geschäfte in Port-au-Prince sind derzeit geschlossen.

Katja Maurer von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico international hat Haiti vor
kurzem besucht. Sie berichtet, dass die sichtbaren Schäden des Erdbebens beseitigt seien. „Wenn nicht
gerade Barrikaden brennen, sind die Märkte geöffnet und die Plätze wieder für Verliebte da.“
Einerseits. Andererseits strömen bisweilen Hunderttausende wütende Haitianer auf die Straßen.
Maurer sagt: „Der Anschein von Normalität ist weg, und der wird nicht wiederkommen.“

Seit Jahrzehnten unter korruptesten Staaten der Welt

Zu den Protesten ruft unter anderen die katholische Kirche im Land auf. Die Diaspora in den
Vereinigten Staaten, in Kanada, Frankreich und Lateinamerika, die sich vor allem aus der in Haiti
fehlenden Mittelschicht zusammensetzt, steht hinter den Demonstranten. Angefacht wurden die
Unruhen zuletzt durch einen Senator, der vor dem Parlament in der Hauptstadt Port-au-Prince zwei
Menschen angeschossen hat. Oder durch einen Bericht des haitianischen Rechnungshofs über den
Umgang mit Geldern aus dem venezolanischen Hilfsfonds Petrocaribe. Darin werden zahlreiche Fälle
von Korruption angeprangert.

Die Organisation Transparency International führt Haiti auf Rang 161 von 180 auf ihrem
Korruptionsperzeptionsindex. Frühere Präsidenten sind angeklagt, Millionenbeträge veruntreut zu
haben. Eingefrorene Gelder auf ausländischen Bankkonten wurden zum Teil an neu gewählte
Regierungen in Haiti rückerstattet. Schon seit Jahrzehnten gehört Haiti zu den korruptesten Staaten der
Welt.

Maurer ist nicht allein mit ihrer Einschätzung, dass es in Haiti keinen funktionierenden Staat mehr
gebe. An seine Stelle seien Gang- und Clan-Strukturen getreten, die eng mit den führenden Politikern
verknüpft sein sollen, auch mit dem Präsidenten Jovenel Moïse. Als Beispiel für Korruption der
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politischen Eliten führt Maurer einen Vorfall aus dem vorigen November an. Da wurde in dem Slum
La Saline ein Massaker mit zahlreichen Toten begangen. Kurz zuvor soll die Gattin des Präsidenten
dorthin gefahren sein, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre Proteste zu beenden. „Ihr
bekommt von mir eine Schule und ein Krankenhaus“, soll die First Lady den Bewohnern des
Elendsviertels angeboten haben. Diese aber lehnten ab. Wenige Tage später kamen Todesschwadronen,
die sich aus Paramilitärs und Polizisten zusammensetzen sollen, welche dem Präsidenten gehorchen.
Darauf deuten zumindest die Erkenntnisse haitianischer Ermittler hin.

Maurer sagt, dass die Gangs Teil des Machtgefüges seien, finanziert durch Drogengelder und
venezolanische Petrodollar. Die internationale Gemeinschaft aber schaue weg und begnüge sich mit
der Feststellung, dass der Präsident vom Volk gewählt worden sei, meint Maurer.

Gibt es einen Ausweg?

Die Gründe für Haitis Scheitern sind vielfältig. Die Zivilgesellschaft ist nur schwach ausgebildet, fast
jeder Zweite ist arbeitslos, viele können nicht schreiben und lesen. Seit 2018 herrscht in dem
Karibikland zudem eine Dürre, etwa 35 Prozent der rund elf Millionen Menschen sind auf
Nahrungsmittelhilfe angewiesen, berichten Hilfsorganisationen. Die Ernteerträge reichen nicht zum
Leben aus. Das Trinkwasser ist knapp und die Menschen haben keine Rücklagen, um Notsituationen
zu bewältigen. Die schätzungsweise rund zehn Millionen Haitianer im Ausland senden kaum Geld in
die Heimat, denn die meisten leben selbst in prekären Situationen.

Verwundbar ist das Land auch ökologisch. Mittlerweile sind nur noch knapp zwei Prozent der Fläche
des Landes bewaldet. In ihrer Not holzen die Haitianer weiterhin Bäume ab, um Holzkohle zum
Kochen herzustellen – auf die Stromversorgung ist kein Verlass. Mit der Entwaldung steigt das
Erosions- und Flutrisiko, insbesondere in der Metropolregion Port-au-Prince.

Gibt es einen Ausweg? Katja Maurer von Medico spricht von einem langwierigen Prozess. „Es geht
nicht, indem man die Armen ausgrenzt.“ Auch müsse die internationale Staatengemeinschaft wieder
Notiz nehmen von dem Land und seiner Lage, fordert sie. Seit diesem Januar regiert der Präsident per
Dekret, weil es de facto kein Parlament mehr gibt. Etliche Beobachter hegen schlimme
Befürchtungen: Die Situation könnte in einen Bürgerkrieg münden.

Erfolg einer Sklavenrevolution


In der Geschichte des Landes liegen viele Ursachen der heutigen Krise verwurzelt – begonnen mit der Eroberung
der Insel Hispaniola durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492. In jenem Jahr kam die gesamte Insel unter
spanische Krone. Später, bedingt durch den Krieg zwischen Spanien, Preußen und Frankreich, wurde Hispaniola
aufgeteilt: in einen spanischsprachigen Osten, die heutige Dominikanische Republik; im Osten entstand die
französische Kolonie, das heutige Haiti. Die Kolonie in den Antillen bildete das Rückgrat des französischen
Außenhandels und versorgte Europa mit Zucker, Kaffee und Baumwolle. 1804 folgte die einzige erfolgreiche
Sklavenrevolution der Welt. Haiti, das damals noch Saint-Domingue hieß, sagte sich vom französischen Staat los
und wurde unabhängig. In den Folgejahrzehnten litt das Land unter der hohen Auslandsverschuldung und dem
Zerfall der Plantagengesellschaft.

Quelle: FAZ.NET

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