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MITTWOCH

DIE SEITE DREI 3


14. AUGUST 2019 SÄCHSISCHE ZEITUNG ||||||||||||||||||||||||||||||||

Das stinkt uns an


Ein Unternehmer
aus Holland kauftft die
Schweinemastanlage
in Stolpen. Statt der bisher
4 000 Schweine plant er
mehr als dreimal so viele.
Eine Bürgerinitiative will
das allerdings verhindern.
Von Beate Erler

E
in blondgezopft ftes Mädchen im
Blaumann steht lächelnd zwi-
schen rosa Schweinchen. Neben
ihr ein grüner Schrift
ftzug: „Passion
for Farming“ – Leidenschaft ft ffü
ür Landwirt-
schaftft. Direkt hinter den Gleisen am Bahn-
hof Stolpen steht die ehemalige Schweine-
mastanlage, an der das Plakat hängt.
Seit über zwei Jahren sind hier keine
Tiere mehr untergebracht. Das Gelände be-
fi
findet sich im Umbau, doch gerade ist es
still, denn die Arbeiter haben Feierabend.
Hohes Gras wächst um den Bauzaun, da-
hinter eine riesige Apfelplantage, links da-
von ist die Burg Stolpen zu erkennen, die
Straße bergab mit Blick auf Felder, Bäume
und Häuschen.
Eine Gegend wie aus dem Bilderbuch
an einem heißen Julinachmittag. Wenn da
nicht die zwölf Menschen stehen w wüürden,
die auch Plakate dabeihaben. Sie zeichnen
ein anderes Bild als das der Schweinemast- Langenwolmsdorfs alte Schweinemastanlage wird jetzt modernisiert und soll erweitert werden. Anwohner wehren sich. Foto: Dirk Zschiedrich
anlage: „Ernährung ist eine Frage der Hal-
tung“, steht auf einem. „Diese 0,5 Quadrat-
meter Lebensraum sind der gesetzliche An- standsschutz. Derzeit dürft ften hier 4 840 nachhaltigere Erzeugu gung und auf Tierw rwohl nen Imageverlust ffü ür Stolpen als ruhigen
spruch eines Ferkels. Zum Glück bin ich Mastschweine gehalten werden, so die setzt, produziert Deutschland seit Jahren Wohnort bedeuten. Andere sind vor allem
kein Schwein“, steht auf dem anderen. Das stellvertretende Amtsleiterin des zuständi- das billigste Schweinefl fleisch in ganz Euro- gegen diese Art der Tierhaltung mit wenig
dritte Plakat stellt die Gruppe vor: Sie sind gen Umweltamtes in Pirna, Marion Rast. pa. Deutschland ist mittlerw rweile Selbstv
tver- Platz fü
für die Schweine, harten Spaltenbö-
die Bürgerinitiative, die sich im April ge- Für den holländischen Schweinemäs- sorger und das größte europäische Export- den, häufi figem Antibiotikaeinsatz und den
gründet hat, um die Wiederinbetriebnah- ter, der in Pappendorf und Stroga zwei wei- land von Schweinefl fleisch. Kleinere und daraus resultierenden Leiden und Schäden
me der Schweinemastanlage zu verhin- tere Schweinemastanlagen ffü ührt, war die mittlere Betriebe mussten schließen, weil der Tiere. Viele direkt Betroffffene, die nur
dern. Dafü für haben sie mit einer Petition vorliegende Genehmigu gung entscheidend 90 Prozent aller Schweine in Deutschland 140 Meter von der Mastanlage entfernt
über 2 100 Stimmen gesammelt. für den Standort Stolpen: „Im Interesse al-
fü in Massenanlagen stehen. „Das hat uns an- wohnen, verw rweisen auf Hunderte Schwer-
Gunter Michel ist von Anfang an in der ler hätten wir es bevorzugt, auf einer ande- gestunken“, sagt Jane Grass, Mitgründerin transporte, die dann pro Jahr durch den Ort
Initiative aktiv und gehört mit drei weite- ren Fläche neu zu bauen, doch in diesen Be- der Bürgerinitiative, „in Holland werden rollen, auf den Gestank und die Umwelt-
ren Mitgliedern zum harten Kern der Grup- reichen gibt es leider keine Flächen fü
für die solche Anlagen geschlossen, und hier wer- verschmutzung durch die Gülle.
pe. Seit 49 Jahren lebt er in Langenwolms- wir eine Genehmigu gung erhalten wü
würden“, den sie einfach wieder aufgemacht und mit Bisher gab es bereits ein Treff ffen zwi-
dorf nur wenige Meter unterhalb der Mast- sagt Marten Tigchelaar. Fördergeldern unterstützt.“ schen dem Schweinewirt und der Initiati-

I
anlage. Schon unter den alten Besitzern Dann kam Anfang April die Abwasser- ve: „Grundsätzlich verstehe ich das Anlie-
war sie die größte im Landkreis, und er und n Seiner Familie hat der Beruf des einleitung der Schweinemastanlage in den gen der Bürger, und ich stehe jederzeit fü für
seine Familie hatten mit den Auswirkun- Schweinemästers Tradition: „Ich ffü ühre fbach, und das war der Tropfen zu v
Dorfb viiel. weitere Gespräche zur Verfü függu
ung“, sagt
gen Probleme: „Wir mussten oft ft die Fens- den Beruf in der dritten Generation Die Bürgerinitiative stellt Fotos von der Marten Tigchelaar. Für die von ihm geplan-
ter schließen, weil es stark nach Schweine- aus“, sagt er, „gemeinsam mit meinem Schweinegü gülle, wie sie den Hang Ri Richtung te Ferkelzucht mit 14 500 Tieren habe er
mast gestunken hat“, sagt er, „am Bruder bin ich in Nordholland auch noch fbach hinunterläuft
Dorfb ft, auf ihre Internet- das Bebauungsplanverfahren eingereicht,
schlimmsten war das laute Quieken der an der Anlage unserer Familie beteiligt.“ seite und beschließt: Davon müssen alle er- das bereits durch den Gemeinderat bestä-
Schweine beim Abtransport.“ Vor elf Jahren ist Marten Tigchelaar der Lie- fahren. „Uns war klar, dass wir viele Unter- tigt w
wuurde, so Tigchelaar. Das w
wüürde bedeu-
Auch Heiko und Markus Jost, Vater und be wegen nach Sachsen gezogen. Hier lebt stützer brauchen, wenn wir unser Ziel er- ten, dass in der Anlage pro Jahr 84 000 Fer-
Sohn, die gleich nebenan wohnen, erin-
nern sich an die extreme Geruchsbelästi-
In Holland werden er mit seiner Frau und seinen Kindern. In
seiner holländischen Heimat werden seit
reichen wollen“, sagen sie.
Allso starten sie die Petition „Keine
A
kel gezüchtet w wüürden, da die Tiere immer
nur zwei Monate in der Schweinemast ver-
gu
g ung. Und an die Berichte anderer Anwoh-
ner, die von schwarzen Tellern beim Gril-
solche Anlagen einigen Jahren strengere Anforderungen
an Schweinemastbetriebe gestellt. Die Su-
Schweinemast in Stolpen“ und sammeln so
über 2 000 Unterschrift ften. Die meisten
bleiben. Bei einer Erwrweiteru
rung der Anlage
wäre ein immissionsschutzrechtliches Ge-
len erzählten, weil diese voll von Fliegen
waren. „Wir mussten unsere Wäsche oft ft
geschlossen, und permarktketten bieten seitdem ausschließ-
lich Schweinefl fleisch aus nachhaltiger Er-
kommen aus dem Landkreis Sächsische
Schweiz-Osterzgebirge und davon allein
nehmigu gungsverfahren notw
ffentlichkeit w
Öff wü
twendig und die
ürde am Verfahren betei-
zweimal waschen, weil sie nach dem Auf-
hier werden sie gung an, das die strengeren Anforde-
zeugu 518 aus dem Postleitzahlenbereich Stol- ligt, so das Umweltamt.

A
hängen im Garten nach Gülle gestunken rungen an Tierschutz, Medikamentenein- pen. Aber auch aus anderen Bundeslän-
hat“, erzählt Markus Jost. Andere wären so-
gar weggezogen. An die zwei Jahre ohne
einfach wieder satz und Umweltschutz erfü füllt.
Die Zahl der schweinehaltenden Betrie-
dern, die nicht direkt betroff
Unterschrift
ffen sind, gehen
ften ein. Die meisten aus Berlin,
ls nächsten Schritt will die Bür-
gerinitiative die Petition mit den
Schweinemastanlage hätten sich alle
schnell gewöhnt, aber das soll sich nun
aufgemacht. be in Holland sinkt. Eine aktuelle Umfrage
des Fachmagazins Nieuwe Oogst unter 450
Nordrhein-Westfalen, Baden-Württem-
berg, Niedersachsen und Bayern.
gesammelten Unterschrift ften an
das Landratsamt übergeben. Ei-
wieder ändern. Betriebsleitern hat ergeben, dass fast 40 Im Mai hatte die Bürgerinitiative im Ho- nen Termin haben sie sich dafü für auch

D
Jane Grass, Bürgerinitiative Prozent der Schweinehalter bis zum Jahr tel „Goldener Löwe“ in Stolpen eine Infor- schon ausgesucht: Wenn alles klappt, wol-
ie Anlage w wuurde in den 1950er- 2025 aus der Produktion aussteigen wollen. mationsveranstaltung organisiert. Ü Übber len die Grünen-Abgeordneten Anton Hof-
Jahren erbaut mit Platz ffü ür bis zu Vor allem die Anlagen in Anwohnernähe 140 Bürger und der Bürgermeister, Uwe reiter und Stephan Kühn im Augu gust nach
6 000 Schweine. Zuletzt wu wurde sind bereit, ihren Betrieb aufzugeben, weil Steglich, hatten sich versammelt. So viele Stolpen kommen, um mit ihnen über die
sie von 1997 bis 2017 erst von Pe- sie über ein Regierungsprogramm fi finan- Leute sollen hier seit 1989 nicht mehr zu- Schweinemastanlage zu sprechen. „Das
tra Schindler und dann von ihrem Sohn zielle Unterstützung zur Abstockung oder sammengekommen sein, steht auf der In- wäre natürlich ein besonderes Zeichen,
Dirk Schindler gefüführt. Im Juni 2017 kauftfte Betriebsaufgabe erhalten sollen. Mit dem ternetseite der Initiative. Die Gründe, die wenn das Landratsamt in Anwesenheit der
der holländische Unternehmer und Erlös investieren viele holländische gegen die Wiederinbetriebnahme der Bundestagsmitglieder unsere Petition ent-
Schweinemäster Marten Tigchelaar die An- Schweinehalter dann in ostdeutsche Groß- Schweinemastanlage sprechen, gehen gegennehmen wü würde“, sagt Gerd Bau-
lage und will sie nun modernisieren, erw rwei- anlagen. auch unter den engagierten Bürgern ausei- mann, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitia-
tern und zur Aufzucht von Ferkeln nutzen. Genau das kritisiert auch die Bürgerini- nander. tive. Dann wären sie ihrem Ziel, keine
Sie beruht auf einer sogenannten A Alltanla- tiative: Während in Holland v viiele Massen- Es wäre die erste industrielle Massen- Schweinemast in Stolpen zuzulassen, v viiel-
genanzeige und hat somit dauerhaft ften Be- tieranlagen schließen und die Politik auf tierhaltung im Landkreis, und es könnte ei- leicht einen kleinen Schritt näher.

Wohlstandsdreck am Strand
schaft
ft periodisch an die Küste der beiden In Yucatan sind es vor allem Hoteliers
Umweltnotstand in der wurde vor vi
Länder. Die Müllinsel wu vier Jahren und Freiwillige, die aktiv werden. „Wir
Karibik: schwimmende erstmals gesichtet. müssen uns doch um unsere Touristen
Guatemala und Honduras geben dem Mexiko, Playa del kümmern“, sagt der Fischer und Touristen-
Müllberge, schwindende jeweils anderen die Schuld daran. In beiden Carmen: Kinder ffü
ührer Zacarias, der zur örtlichen Reini-
Ländern ffuunktioniert die Müllentsorgu gung spielen in Playa del gguungsbrigade gehört. Doch weil die Men-
Strände und jetzt auch miserabel, Recycling ist inexistent. Viele Carmen zwischen gen A Allgen so riesig sind, können die Frei-
noch eine AAllgenplage. Dörfer entsorgen den Müll, indem sie ihn
in Flüsse werfen, die in die Karibik mün-
Braunalgen im Meer.
Einige Strände Mexi-
willigen nur kleine Schneisen und Ab-
schnitte freilegen. Der Tourismus ist ein
den. Verschärftft wird die Krise Umwelt- kos und der Karibik wichtiges wirtschaft ftliches Standbein, Gera-
Von Sandra Weiss, Puebla schützern zufolge von den Abfä fällen der sind von einer Al- de der arme, kaum industrialisierte Süd-

A
Kreuzfahrtschiffffe und Fischfangfl flotten. genplage betroffen. westen Mexikos hängt von ihm ab. Einzi-
n den einst paradiesischen Strän- Die Regierungen wollen nun vor interna- Foto: dpa/Manuel Ortiz ger Trost ffüür die Unternehmer: Die Regen-
den der Karibik sind die Folgen tionalen Gerichten klären, was zu tun ist – und Hurrikansaison von Mai bis September
der modernen Konsumgesell- und legen derwrweil die Hände in den Schoß. ist schwach besuchte Nebensaison.
schaft
ft diesen Sommer geballt zu Allarmiert organisieren sich die Anwohner.
A lang der Badeorte der Halbinsel Yucatan. Barbados verhängte deshalb im Juni so- Kuba kämpft ft derw
rweil mit einem stei-
beobachten. Während in Mexiko Freiwilli- „Ich weiß nicht, ob der Müll aus Hondu- Grund: die von Staatschef Andres Manuel gar den Notstand. Satellitenbildern zufolge genden Meeresspiegel und der Erosion sei-
ge die Strände von Tonnen stinkender A All- ras oder Guatemala stammt, aber das ist Lopez Obrador verhängte Ausgabensperre. ist der AAllgenteppich diesen Sommer drei- ner Strände. Durchschnittlich 1,2 Meter
gen befreien, lässt Kubas Regierung ein widerlicher Infektionsherd“, sagt Car- Hier wwu
urde die Seegras- Plage vor rund fü
fünf mal so groß wie im Vorjahr. „Wenn das Pro- Sand gehen pro Jahr den Stränden verlo-
schwindenden Sandstrand aufschütten. los Fonseca aus der Hafenstadt Omoa, Er Jahren zum ersten Mal gesichtet. Eine blem nicht rasch angegangen wird, droht ren. In Varadero sollen nun bis Oktober 1,5
Derw
rweil streiten sich Honduras und und seine Nachbarn säubern jeden Morgen Kombination aus Klimawandel, dem Ein- eine ökologische Katastrophe“, warnt die Millionen Kubikmeter Sand aufgefü füllt wer-
Guatemala, wer fü für die Beseitigu
gung der den Strand. „Aber am Abend haben wir die satz von Düngemitteln sowie eine Ände- Forscherin Brigitta Ine Van Tussenbroek. den – rechtzeitig zur Hochsaison. Der Tou-
schwimmenden Müllinsel in der Südkari- gleiche Sauerei wieder“. rung der Meeresströmungen gelten als „Sargasso entzieht dem Meer den Sauer- rismus ist mit den Üb Überw
rweisungen von
bik zuständig ist. Strömungen schwem- Auch in Mexiko fü fühlt sich die Regie- Auslöser. Seither wiederholt die Situation ff, und dies verursacht Veränderungen
stoff Exilkubanern die wichtigste Devi visenquelle
men die ÜbÜberreste der Wohlstandsgesell- rung nicht zuständig füfür die A
Allgenpest ent- sich in immer kürzeren Abständen. im Ökosystem“, so die Wissenschaftftlerin. des sozialistischen Eilandes.