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Christian Meier:

Caesar

dtv wissenschaft
Das Buch

Der römische Diktator Gaius Julius Caesar, zu seiner Zeit wie


in späteren Jahrhunderten umstritten, übt heute noch eine
große Faszination aus. Er birgt viele Widersprüche in sich:
ruchloser Demagoge und Mann von Ehre, verwöhnter Dandy
und Spartaner, Literat und Welteroberer, Frauenheld und sol-
datisches Vorbild seiner Legionen, rachsüchtig bis zur Grau-
samkeit und gerühmt wegen seiner »clementia« (Milde); bei
allen solchen Tugenden und Untugenden egozentrisch über
alle Beschreibung – er überschreitet den Rubicon und beginnt
den Bürgerkrieg, nicht um die Krankheiten Roms zu heilen,
die er auch gar nicht sieht, sondern um seiner »dignita«, seiner
Ehre und Würde willen.
Dieses Buch ist weit mehr als bloß die Biographie eines bedeu-
tenden Mannes. Der Autor sieht in dem Phänomen Caesar
»eine eigentümliche Ausformung des Allgemeinen im Beson-
deren... und zudem eine durchaus aktuelle Problematik«. Es
geht nicht nur um Caesar, sondern um die Bedeutung, die
Technik und die Grenzen politischer Macht; um die Einsam-
keit eines Außenseiters in den besonderen Umständen seiner
Zeit – und um ein gerade in seiner Außerordentlichkeit, in
seiner Bewegung an den Grenzen des Möglichen bemerkens-
wertes Exemplum menschlichen Lebens.

Der Autor

Christian Meier, einer der bekanntesten Historiker Deutsch-


lands, wurde 1929 in Stolp in Pommern geboren. Er habili-
tierte sich in Frankfurt und lehrt heute – nach Stationen in
Freiburg i. Br., Basel, Köln und Bochum – in München Alte
Geschichte. Er trat mit einer Reihe von Publikationen an die
Öffentlichkeit, darunter: ›Res Publica Amissa‹ (1966,2. Auflage
1980), ›Entstehung des Begriffs Demokratie‹ (1970), ›Die Ent-
stehung des Politischem (1980), ›Politik und Anmut‹ (1985)
Christian Meier:
Caesar

Mit 69 Abbildungen

Deutscher
Taschenbuch
Verlag

D
Ungekürzte Ausgabe
Januar 1986
3. Auflage März 1993: 17. bis 20. Tausend
Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München
© 1982 Wolf Jobst Siedler Verlag GmbH, Berlin
ISBN 3-88680-027-X
Umschlaggestaltung: Celestino Piatti
Umschlagfoto Titelseite: Archäologisches Museum Neapel
(Kolossaler Bildniskopf des 2. Jahrhunderts n. Chr.)
Satz: Bonge + Partner, Berlin
Druck und Bindung: C. H. Beck’sche Buchdruckerei,
Nördlingen
Printed in Germany • ISBN 3-423-04596-5
Christian Meier – Caesar 5

Caesar und Rom –


zwei Wirklichkeiten
Der Senat ruft gegen Caesar den Notstand
aus • Caesar am Rubicon • Ungeheuerlich-
keit des Kriegsgrunds • Standpunkte der
Parteien im Zusammenhang der Konstella-
tion • Zwei Wirklichkeiten

Am 1. Januar 49 v. Chr. hatten die Consuln begonnen, mit aller


Macht die Absetzung Caesars von seiner Statthalterschaft zu
betreiben. Fast neun Jahre hatte er sie innegehabt; ihre Frist
war abgelaufen. Nun beabsichtigte Caesar, sich um das Con-
sulat des Jahres 48 zu bewerben und in die römische Innen-
politik zurückzukehren. Eben das aber wollten seine Gegner
vereiteln. Noch bevor er überhaupt kandidieren konnte, sollte
er sein Kommando niederlegen und als Privatmann nach Rom
kommen. Dort sollte ihm der Prozeß wegen verschiedener
Verfassungsbrüche gemacht werden, die er sich in seinem Con-
sulat (59 v. Chr.) hatte zuschulden kommen lassen. Und das
sollte offenbar unter militärischem Schutz geschehen, damit er
das Gericht nicht unter Druck setzen, und wohl auch, damit
das Gericht nicht ganz frei von Druck entscheiden konnte. Auf
diese Weise, so scheint man gehofft zu haben, ließen sich Cae-
sars politische Existenz vernichten und das Senatsregime voll
wieder in Kraft setzen. Gleichgültig ob Caesar wirklich ein
Gegner der herkömmlichen Ordnung war oder nicht: Er hatte
deren Funktionieren früher nachhaltig gestört. Und es war
zu befürchten, daß er verschiedene Forderungen gegen den
Willen des Senats durchsetzen und damit so mächtig werden
könnte, daß immer neue Konflikte und Niederlagen des Senats
vorherzusehen waren. Wenn es ihm jetzt gelang, erneut Consul
zu werden.
Schon seit nahezu zwei Jahren hatten Caesars entschiedene
Gegner versucht, Roms zentrales Regierungsorgan, den Senat,
dazu zu bewegen, ihn abzusetzen. Immer wieder waren sie
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damit gescheitert, denn Caesar hatte einige Volkstribunen auf


seine Seite gezogen, die durch ihr Vetorecht jeden Beschluß
gegen ihn vereiteln konnten. Zeitweise ergriffen sie sogar die
Offensive und vermochten der Senatsmehrheit Beschlüsse in
Caesars Sinn abzuringen. Denn diese Mehrheit war zwar gegen
den Proconsul und wünschte durchaus, daß dessen Statthal-
terschaft bald ein Ende finde. Aber noch mehr als gegen ihn
war sie gegen einen Bürgerkrieg. Und daß mit Caesar nicht zu
spaßen war, wußte sie, also war sie eher geneigt, ihm nachzu-
geben.
Anfang Januar setzen dann die entschiedenen Gegner Cae-
sars alle Hebel in Bewegung, um den Senat zu einem Beschluß
zu bringen. Anhänger werden aufgeboten, Alarm geschlagen,
eine mächtige, mitreißende Stimmung erzeugt. Man beschließt,
wenn Caesar nicht bis zu einem bestimmten Tag sein Kom-
mando niedergelegt habe, handle er gegen die Republik.
Die Volkstribunen legen dagegen ihr Veto ein. Da sie nicht
bereit sind, einzulenken, wird am 7. Januar der »äußerste
Senatsbeschluß« gefaßt, das senatus consultum ultimum; grob
gesagt: Es wird der Notstand ausgerufen.
Die caesarianischen Volkstribunen verlassen daraufhin, als
Sklaven verkleidet, die Stadt in einem der Mietwagen, die an
den Stadttoren zu stehen pflegten (das war damals das nor-
male Beförderungsmittel für längere Reisen – neben Pferd und
Sänfte –, das Gespann konnte unterwegs gewechselt werden).
So gefährdet war die Freiheit des römischen Volkes, wollten
sie damit sagen, daß nicht einmal deren eigentliche Wächter,
zu deren Schutz sich das Volk einst eidlich verpflichtet hatte,
ihres Lebens mehr sicher sein konnten.

Caesar befand sich zu dieser Zeit im äußersten Südosten seiner


Provinz Gallia Cisalpina, in Ravenna. Dort erhielt er am Morgen
des 10. Januar 49 – nach unserem Kalender Mitte November –
durch einen Kurier die Nachricht von dem Senatsbeschluß und
der Flucht der Volkstribunen. Sofort setzte er ohne viel Aufhe-
bens eine Truppe in Richtung Ariminum (Rimini) in Marsch.
Das war die erste größere Stadt im eigentlichen Bürgergebiet
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Italien, jenseits des Rubicon, der Grenze seiner Statthalter-


schaft. Der Entschluß war unerhört kühn. Denn Caesar hatte
nur eine Legion bei sich, fünftausend Mann und dreihundert
Reiter. Das Gros seiner Armee stand noch in Gallien. Aber
er wollte das Überraschungsmoment nützen und die gegneri-
schen Vorbereitungen durchkreuzen. Caesar widmete sich in
Ravenna zunächst Routinegeschäften.
Er inspizierte eine Gladiatorenschule. Danach begab er
sich ins Bad – sei es bei einem Gastfreund, sei es in einem
öffentlichen Badehaus: Es hatte sich damals schon eine gewisse
Badekultur ausgebildet, und Caesar pflegte sich sehr sorgfältig.
Schließlich legte er sich im Kreise einer größeren Gesellschaft
zu Tisch. Als die Dunkelheit einbrach, beurlaubte er sich – man
möge sich nicht stören lassen, er käme demnächst zurück –
und fuhr davon. Nicht auf direktem Wege. Eine unserer Quel-
len berichtet, er habe sich in der Dunkelheit verfahren. Einer
anderen zufolge hat er absichtlich erst eine andere Richtung
gewählt, um dann unbeachtet den Weg nach Süden einzuschla-
gen. Einigen Freunden hatte er insgeheim aufgetragen, sie
möchten ihm folgen, jeder für sich. Spätestens am Rubicon traf
man zusammen.
Dort hielt Caesar inne. Er zögerte. Noch einmal ließ er
– angesichts des kleinen, damals nach starken Regengüssen
reißend dahinströmenden Flüßchens – dem Hin und Her der
Argumente freien Lauf, setzte sich ihm aus und wiederholte
seine Entscheidung. Für einen Moment erschien ihm das Vor-
haben, in dem er schon mittendrin steckte, noch einmal von
außen; und was er Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen
begonnen hatte, distanzierte und verdichtete sich ihm zu einem
einzigen großen Schreckbild. Alle möglichen Konsequenzen
seines Beginnens traten ihm in ihrer ganzen Ungeheuerlich-
keit vor Augen; es könnte ihn durchaus geschwindelt haben.
Er stand lange schweigend. Dann bezog er die Freunde
in sein Abwägen ein. Einer von ihnen, Asinius Pollio, hat in
seinen Historien darüber berichtet. Sie sind nicht überliefert;
aber durch zwei antike Autoren ist Pollios Bericht in leicht
unterschiedlicher Brechung auf uns gekommen. Ihm zufolge
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kreisten Caesars Gedanken um das Unglück, das er allen


Menschen zumutete, wenn er jetzt den Schritt zum Kriege
tat. Er überschlug, »wieviel Unglück der Übergang allen
Menschen verursachen wird«. Er suchte, sich und seinen
Entschluß im Urteil der Nachwelt zu sehen. Der eine unserer
Gewährsmänner läßt Caesars Überlegungen klar sich zuspitzen
auf die fatale Alternative: »Der Verzicht auf diesen Übergang
wird mir Unglück verursachen, der Übergang aber allen Men-
schen.«
Offenbar also sprach Pollios Bericht vom Unglück aller Men-
schen. Und es besteht kein Grund daran zu zweifeln, daß auch
Caesar damals davon gesprochen hat. Die militärischen Res-
sourcen der Gegner erstreckten sich über den ganzen Mittel-
meerraum. Es war zu befürchten, daß sie sie mobilisierten.
Folglich konnte er sich kaum darüber täuschen, daß der Krieg,
den er gerade beginnen wollte, potentiell den ganzen Mittel-
meerraum – und das hieß nach damaligem Verständnis die
ganze Menschheit – in Mitleidenschaft ziehen konnte. Wohl
mochte er hoffen, daß man billiger davonkam. Eben deswe-
gen lag ihm ja daran, die Entscheidung so rasch herbeizuzwin-
gen. Wenn jedoch damals am Rubicon die ganze Tragweite
des Unternehmens in so gespenstisch überscharfer Klarheit
plötzlich vor Caesars Augen trat, dann mußte die Gravitation
dieses Eindrucks wohl auf das Schlimmste stehen.
Nur, wenn das Unglück aller Menschen auf der einen Waag-
schale lag, lag dann auf der anderen bloß dasjenige Caesars?
War die zweite Seite der Alternative so eindeutig klar, so fatal,
wie sie bei unserem Gewährsmann erscheint? Wurde der Krieg
nur geführt, weil sich Caesar nicht absetzen, nicht in Rom vor
Gericht ziehen lassen wollte? War er also allein gegen alle und
so sehr auf sich gestellt? Und falls es sich wirklich so verhielt,
konnte er das ohne alle Selbsttäuschung so sehen und vor den
Freunden am Rubicon so unumwunden aussprechen?
»Schließlich aber raffte er sich mit Leidenschaft aus dem
zweifelvollen Abwägen auf und wandte sich dem Bevorstehen-
den zu.« Mit den Worten: »Der Würfel soll geworfen werden«
setzte er über den Rubicon, um nach rascher Fahrt noch vor
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Morgengrauen mit seinen Soldaten in Ariminum einzumar-


schieren. Der Ausspruch war ein Zitat aus einer Komödie des
Menander. Die Version: »Der Würfel ist gefallen« ist eine fal-
sche Wiedergabe. Denn hier war nicht gewürfelt worden, son-
dern das Würfeln begann erst, das mit höchsten Einsätzen ver-
bundene Spiel eines Krieges, in dem Fortuna ein gewichtiges
Wort mitzusprechen hatte. Das war Caesar so deutlich bewußt
wie wenigen anderen; er meinte aber auch, in der Gunst der
Göttin zu stehen.
In Ariminum stießen dann die aus Rom gewichenen Volks-
tribunen zu Caesar. Er führte sie vor seine Soldaten. In einer
Ansprache erklärte er – nach eigenem Bericht –, der Senat
habe den rechtmäßigen Einspruch der Tribunen mit Waffen-
gewalt unterdrückt. Ganz unberechtigterweise habe er das
senatus consultum ultimum beschlossen. Caesar legte »alle
Rechtsbrüche dar, die seine Gegner die ganze Zeit über gegen
ihn begangen hatten«. Und jetzt wollten sie ihm sogar das
Kommando nehmen. Er rief daher die Soldaten auf, »Ansehen
und Ehre ihres Feldherrn, unter dessen Führung sie neun
Jahre lang so glücklich für das Gemeinwesen gefochten, so
viele Schlachten erfolgreich geschlagen und ganz Gallien und
Germanien befriedet hatten, gegen seine Gegner in Schutz zu
nehmen«. So begann der Bürgerkrieg, der Caesar dann – mit
kurzen Unterbrechungen – an die fünf Jahre lang in Anspruch
nahm, der sehr viel Blut kostete und die ganze römische Welt
tief und nachhaltig erschütterte.
Wenn also nach Caesars eigenen Worten die Soldaten Anse-
hen und Ehre ihres Feldherrn in Schutz nehmen sollten, hieß
das nicht, daß er den Krieg, der schlimmstenfalls die ganze
Menschheit in Mitleidenschaft ziehen sollte, um seiner Person
willen riskierte? Sieht man die nicht geringe Zahl einschlägiger
Quellen daraufhin durch, so kann kein Zweifel daran bestehen,
daß es so war. Unglück, Gefahr für die eigene politische Exi-
stenz wollte er von sich abwenden. Wenn er sich zum Anwalt
der Volkstribunen und auch der Freiheit des römischen Volkes
aufwarf, so nur um zu verhüllen, worum es ihm eigentlich ging.
Die Hülle war durchaus durchsichtig, und Caesar gab sich gar
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keine Mühe, das durch geschickte Drapierung wettzumachen.


Er wollte gar nicht leugnen, daß die Gefährdung der Tribunen,
die er übrigens grob übertrieb, einzig daraus resultierte, daß
sie sich für ihn einsetzten. Er hat auch sehr bald von diesem
Vorwand keinen Gebrauch mehr gemacht. In seinen eigenen
Verlautbarungen wie in Reden, mit denen andere seine Gunst
gewinnen wollten, war dann in aller Schlichtheit nurmehr
davon die Rede, daß der Krieg um die Wahrung der Ehre
(dignitas) Caesars geführt wurde. »Was wollten deine Armeen
anderes als beleidigendes Unrecht von dir abwenden?« fragte
Cicero. »Das haben sie gewollt; nach so großen Taten wäre
ich, Gaius Caesar, verurteilt worden, wenn ich nicht bei meiner
Armee Hilfe gesucht hätte«, hat Caesar selbst am Abend der
Entscheidungsschlacht vor Pharsalos angesichts des mit Lei-
chen und Verwundeten übersäten Feldes festgestellt. Die Zitate
ließen sich vermehren. Caesar hatte keine Sache außer sich
selbst. »An allen Dingen hat diese Sache genug«, schrieb
Cicero, »nur eine Sache hat sie nicht.«
Insofern ist es durchaus richtig: Das Unglück, das Caesar
durch die Eröffnung des Krieges abwenden wollte, war allein
seines. Und nichts spricht dafür, daß ihm das nicht klar gewe-
sen wäre.

Ungeheuerlich mutet das an, kaum glaubhaft. Wie kann ein


Einzelner sich entschließen, lieber allen Menschen Unglück
zu verursachen als sich selbst? Wie war das zu denken, aus-
zusprechen, zu wagen und durchzuhalten? Wie zu rechtferti-
gen? Muß nicht, wer sich so entscheidet, ein Desperado sein
oder ein Kranker, nicht nur unendlich einsam, sondern auch
abgespalten von der Tuchfühlung, der »Gleichsinnigkeit« mit
seiner Welt? Oder soll darin Größe liegen? Aber was ist dann
Größe?
Doch sollte man das Problem nicht zu abstrakt, nicht nur
als persönliches nehmen, vielmehr zunächst nach der Konstel-
lation fragen, nach dem »Ensemble«, in dem Caesar sich ent-
schied. Politiker handeln ja nicht nur angesichts von Situatio-
nen, sondern in Situationen. Sie sind dann nicht nur sie selbst,
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1 Caesar. Bildnis aus Tusculum in Turin:


das einzige plastische Porträt Caesars, das
noch zu dessen Lebzeiten entstanden sein
dürfte.

sondern in einem gewissen Ausmaß auch Teil einer Konstella-


tion, und das ist wohl in extremen Lagen in besonderem Maße
der Fall. Es gilt also nicht nur, nach den Persönlichkeiten, ihren
allgemeinen und je besonderen Interessen und Meinungen zu
forschen, sondern auch nach ihren Positionen innerhalb der
Konstellation, welchselbe sie zwar miteinander ausmachen,
von der sie aber auch ausgemacht werden. Von daher bestim-
men sich nicht nur Spielräume, sondern auch Perspektiven
und Distanzen. Auch in Situationen gibt es eine Ortsgebun-
denheit, und der Ort bestimmt sich im Rahmen der Umge-
bung. Es sind also nicht nur die Beteiligten zu beachten, son-
dern auch die Situation im ganzen, die mehr ist als die Summe
ihrer Teile. Das erschwert zwar das eindimensionale Urteilen
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aus akademischer Distanz, aber es kommt der Sache näher.


Bisher ist nur deutlich, wer damals bei einem Krieg hätte in
Mitleidenschaft gezogen werden können; noch nicht, wer da
gegen wen stand und auf welche Weise.
Caesar erhob sich gegen Rom; so mußte es sich darstellen
für den Senat und für alle, die gemäß der römischen Ordnung
ihm die Regierungsgewalt und die Verantwortung für das
Gemeinwesen zusprachen, das heißt für die römische Gesell-
schaft. Einhellig ist Caesars bewaffneter Einfall in Rom und
Italien verurteilt worden, auch von einigen seiner prominenten
Freunde, Verwandten und Verbündeten.
Die bisherige Forschung hat dagegen verschiedentlich ver-
sucht, der fatalen Alternative zu entkommen. Man hat Caesar
überlegene staatsmännische Einsicht und eine Sache unter-
stellt, um annehmen zu können, er habe in Wirklichkeit in
einem höheren Interesse gehandelt. Danach sei er für Rom und
Italien und für die Völker im weiteren Herrschaftsbereich der
Stadt aufgestanden gegen einen bornierten, eigensüchtigen
Senat, dessen Zeit abgelaufen gewesen sei. Er habe ein
gerechtes, handlungsfähiges Regierungssystem schaffen und
die Struktur des römischen Reiches grundlegend erneuern
wollen.
Wenn dem aber so gewesen sein sollte, so hat Caesar es
jedenfalls nicht gesagt, nicht am Rubicon und nicht später, und
auch sonst läßt sich kein Zeuge dafür aufrufen. Im Gegenteil:
Offensichtlich hat keiner davon gewußt. Es gab auch keine Par-
teiungen im Bürgerkrieg, die sich an solchen sachlichen Dif-
ferenzen orientiert hätten. Es fehlte vielmehr an einer Spal-
tung der römischen Gesellschaft, die dem Gegensatz zwischen
Caesar und seinen Gegnern korrespondiert hätte. Wer sich
später zu Caesar schlug, tat es, weil er der Erfolgverspre-
chende, der Eroberer und schließlich der Sieger war. Wirklich
auf seiner Seite standen nur seine unmittelbaren Anhänger,
die ihm bei aller Faszination und Freundschaft zumeist in dem
Maße treu ergeben waren, wie sie von seinem Sieg eine Verbes-
serung ihrer eigenen Verhältnisse erhofften, und seine Solda-
ten, bei denen es sich ähnlich verhielt. Da war keine Sache, die
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über den Kreis der Caesarianer hinausgewiesen hätte. Insofern


kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Caesar isoliert war
und mit seiner Gefolgschaft allein stand und, wie es scheint,
gegen Rom.
Er selbst sah das allerdings nicht so. Nicht gegen Rom wollte
er nämlich antreten, sondern nur gegen seine Widersacher.
Und nicht einen Bürgerkrieg, sondern »bürgerliche Streitigkei-
ten« (civiles controversiae) wollte er austragen. Den Senat ver-
mochte er als eigenständige Größe gar nicht wahrzunehmen.
In dessen Beschluß gegen ihn sah er nicht die Willensäußerung
der römischen Republik, sondern nur eine Machenschaft seiner
Gegner, und in denen konnte er keinerlei staatsmännische,
vielmehr ausschließlich höchst eigennützige Motive am Werk
sehen.
Entsprechend zog er die Trennlinien. Diese »bürgerlichen
Streitigkeiten« sollten das Gros der Bürgerschaft gar nichts
angehen. »Was steht einem anständigen Mann (vir bonus) und
ruhigen, anständigen Bürger mehr an, als bürgerlichen Strei-
tigkeiten fernzubleiben?« schrieb er damals an Cicero, wie
wenn, wo die feindlichen Parteien ihre Bataillen schlugen, Ruhe
die erste Bürgerpflicht in einem republikanischen Gemeinwe-
sen gewesen wäre. Wer nicht gegen ihn sei, meinte er, sei sein
Freund. Was die Bürger nichts angeht, daran haben sie sich
nicht zu beteiligen. Die Gegner urteilten genau umgekehrt:
Sie sahen jeden als Feind an, der sich ihnen nicht anschloß.
Sie hatten eben die Sache der res publica auf ihrer Seite;
da durfte keiner unbeteiligt sein. Das beste Zeugnis für die
Unterschiedlichkeit der beiden Positionen war ihre Einigkeit
darüber, wohin die Neutralen gehörten. Caesar hatte von deren
aktiver Parteinahme nichts zu erhoffen – sie wäre für die
res publica und somit gegen ihn erfolgt. So waren sie seine
Freunde, wenn sie nicht seine Feinde waren. Praktisch erkann-
ten sie dann an, daß der Krieg nur zwischen ihm und der
Gruppe seiner senatorischen Gegner ausgetragen wurde.

Cicero hat in diesen ersten Wochen des Jahres 49 an das


Gesetz Solons erinnert, wonach zu bestrafen sei, wer in
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einem Bürgerkrieg nicht Partei ergreife. Das war ein Versuch


gewesen, zwischen den verfeindeten Gruppen das Ganze der
Bürgerschaft zur Geltung zu bringen. Er hatte am Anfang
der antiken Gemeindestaaten gestanden, die auf dem Ganzen
der Bürgerschaft beruhten. Dieses Ganze war für Caesar im
Moment seiner äußersten Gefährdung offenbar gar nicht im
Spiel, es war – bewußt oder unbewußt – ausgeklammert.
Man schwankt, ob Caesar hier spitzfindig war oder ob er
es nicht besser wußte. Sollte er spitzfindig gewesen sein,
dann hätte er allerdings entschieden zu kurz gedacht. Wer
sollte ihm das abnehmen, daß ein Senatsbeschluß nichts wert,
ein Bürgerkrieg nichts als eine Auseinandersetzung zwischen
wenigen Herren war? Vermutlich also hat Caesar es wirklich
so gesehen, wie er es darstellt. Dann aber erhebt sich die Frage,
ob er so befangen, so verblendet gewesen sei, daß er die –
immer noch ganz von der res publica geprägte – römische
Realität nicht wahrnehmen konnte.
Allein, er kam von seinen Voraussetzungen her zu praktisch
richtigen Ergebnissen. Man dachte in Rom zwar anders, aber
man handelte im allgemeinen durchaus so, wie wenn einen der
Krieg nichts anginge. Man arrangierte sich vielmehr schnell
und leicht mit Caesar. Selbst viele Senatoren taten das. Von
den Consularen schlug sich die knappe Hälfte zu Caesars Geg-
nern, die andere blieb neutral. Und es war auch nicht das Gros,
sondern nur ein guter Teil des Gesamtsenats, der gegen Caesar
Stellung bezog. Die römische Gesellschaft litt also unter dem
Krieg, aber sie ließ sich nicht bekriegen. Die Republik war
gegen den Aggressor, aber sie wehrte sich nicht gegen ihn.
Bei diesen Kräfte- und Meinungsverhältnissen gab es in Wirk-
lichkeit keine Partei der Republik, sondern nur eine, die die
Republik auf ihre Fahnen schrieb. Die »gute Gesellschaft«
Roms war, indem sie den Frieden erhalten wollte, aber nicht
konnte, indem sie sich also nicht engagierte, faktisch im ande-
ren Lager.
Folglich spielte auch bei Caesars Gegnern persönliche
Anhängerschaft die zentrale Rolle: die Gefolgschaft des Pom-
peius, des führenden Feldherrn. Auch er war vom Senat lange
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bekämpft worden, als Einzelgänger, der sich der Disziplin des


Standes nicht fügte, der so viel Macht in seiner Hand vereinte,
daß er der senatorischen Gleichheit gefährlich zu werden
schien. Schließlich hatte man sich aber vertragen und Pom-
peius in die Koalition gegen Caesar hineinzuziehen vermocht.
Er kommandierte schon mehrere Legionen und zog nun aus
dem Osten, von den Städten und Fürsten, die ihm verpflichtet
waren, eine zusätzliche große Streitmacht zusammen, ein pom-
peianisches Heer. Die führenden Senatoren waren zwar eben-
falls in seinem Lager oder kommandierten andere Teile der
gemeinsamen Armee und Flotte, aber sie hatten nicht viel
eigene Macht: Sie verfügten kaum über eigene Truppen, denn
die römische Bürgerschaft, die der Senat führte und deren
Sache er verfocht, war ihnen ja nicht in den Krieg gefolgt. So
war die republikanische Seite wesentlich diejenige des Pom-
peius, und entsprechend wurde auch befürchtet, daß er im Fall
des Sieges eine Alleinherrschaft aufrichte.
Es stand also im wesentlichen Caesar gegen Pompeius. Das
Gemeinwesen war präsent nur als Maßstab einer allgemei-
nen, selbstgewissen, aber praktisch kaum verpflichtenden Mei-
nung. Die res publica hatte keine Legionen. Indem Caesars
Blick durch sie hindurch ging – ob er sie nun durchschaute
oder nicht –, um nur die Kräfte wahrzunehmen, die zählten,
erkannte er die Realität des Krieges gewiß besser als seine
Gegner, wenn auch mitnichten ganz.
Die Gegner hatten auch insofern nur ein bedingtes Vermögen,
Realität wahrzunehmen, als sie offenbar nicht wußten, mit
wem sie es zu tun hatten. Neun Jahre lang hatte der Pro-
consul eine sehr große Armee befehligt. Er hatte einen unge-
mein erfolgreichen Krieg geführt, Eroberungen gemacht wie
kein Feldherr vor ihm in der an Siegen so reichen römischen
Geschichte. Und jetzt sollte er nicht nur nicht die nach altem
Maßstab fällige Ehre, den Triumph ernten, sondern sogar
Strafe, ja den Verlust seiner politischen Existenz erleiden.
Wohl hatte er sich zehn Jahre zuvor verschiedener
Gesetzesbrüche schuldig gemacht – übrigens bei der Durchset-
zung wichtiger Forderungen des Pompeius gegen den Senat.
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Wohl war sein gallisches Kommando gegen den Willen der


Senatsmehrheit zustande gekommen, die weder den Krieg
noch Caesars Eroberungen gewollt hatte. Aber nachdem sie
das alles hatte hinnehmen müssen, war es da noch berechtigt,
tunlich, praktisch, über das Geschehene, Geduldete, inzwi-
schen Wirklichkeit Gewordene einfach hinwegzusehen und
auf die Ereignisse von 59 zurückzugreifen, um Caesars politi-
sche Existenz zu bedrohen? War von dem siegreichen Herrn
über neun Legionen und zweiundzwanzig Cohorten wirklich
zu erwarten, daß er sich ihnen einfach auslieferte? Konnte
man Caesars Absetzung realistischerweise als Sache der res
publica ausgeben, nachdem die Senatsmehrheit sich so lange
geweigert hatte, gegen den Proconsul zu beschließen? Konnte
man sich die res publica überhaupt noch abzüglich Caesars
denken?
Andererseits mußten sich Caesars Gegner gerade angesichts
einer solchen Senatsmehrheit fragen, ob sie nicht alles nur
Mögliche gegen Caesar zu unternehmen hatten. Nach alter
Auffassung waren die führenden Kreise im Senat verantwort-
lich für dessen Politik. Und es war längst selbstverständliches
Gebot geworden, Männer, die zu mächtig waren, um sich der
Standesdisziplin zu fügen, aufs schärfste zu bekämpfen. Man
hatte gewiß allen Anlaß, sich vor Caesars Rückkehr in die
Innenpolitik zu fürchten, je mächtiger er wurde, um so mehr.
Selbst ein Bürgerkrieg konnte dabei in Erwägung gezogen
werden. Er mußte keineswegs mit einem Sieg Caesars enden.
Freilich war es andererseits kaum wahrscheinlich, daß er auf
einen Sieg der res publica hinauslief. Die Erschütterungen,
die er auslösen, und die militärische Machtzusammenballung,
die er mit sich bringen mußte, mußten so bedeutend sein,
daß auch ein Sieg des Pompeius mindestens eine fühlbare
Einschränkung und Schwächung des Senatsregimes zur Folge
gehabt hätte.
Nur, wie sollten Caesars Gegner das erkennen? Wie hätten
sie die Distanz gewinnen können, aus der ihnen die Forte-
xistenz der überkommenen Ordnung hätte fraglich werden
können? Alles, was wir von der damaligen Gesellschaft wissen,
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weist darauf, daß man diese Ordnung für die einzig legitime
hielt. Mit ihr hatte Rom die Welt erobert. In ihr hatte die
römische Bürgerschaft nicht nur eine politische Form, son-
dern geradezu ihre gesellschaftliche Identität gefunden. Keiner
wußte es anders, allenfalls aus Resignation konnte man Kon-
zessionen machen. Doch Caesars Gegner meinten, wie es
immer wieder die führenden Senatoren gemeint hatten, daß
man die rechte Ordnung kraftvoll verfechten mußte, gerade
angesichts vielfältiger Kleinmütigkeit. Jetzt stand man an einer
Schwelle: Ließ man Caesar herüber, so war das Schlimmste zu
gewärtigen.
Von heute her fragt es sich, ob Caesars Gegner nicht schon
von einer nur noch postulierten, gar nicht mehr tatsächlichen
Wirklichkeit ausgingen. Damals aber machte die gesamte
Gesellschaft diese Wirklichkeit noch aus, sie sah sie so und bil-
dete sie entsprechend zwischen sich. Nur wollte sie sie nicht
verteidigen.
Um es auf eine Formel zu bringen: Caesars Gegner sahen
die römische Wirklichkeit von innen, und sie waren sich ihrer
gewiß. Caesar hingegen sah sie von außen. Deswegen konnte
er die Machtverhältnisse so zutreffend einschätzen, ohne aller-
dings zu wissen, wie stark die Sache des Senats noch im all-
gemeinen Denken verwurzelt war. Seine Gegner aber wußten
zwar dies, täuschten sich jedoch über ihre Schwäche.
Wenn aber ein Mann mit solchen Leistungen für Rom und
einer so großen Armee die römische Wirklichkeit von außen
sehen, also derart außerhalb dieser Wirklichkeit stehen konnte,
so mußte diese Wirklichkeit irgendwie partikular geworden
sein. Ihre Selbstverständlichkeiten, ihr Komment, ihre fun-
damentalen Gebote griffen bei Caesar nicht mehr; und sie
wurden auch nicht mehr unmißverständlich gehandhabt. Das
aber bedeutete, daß seine Position nicht einfach zufällig und
der römischen Struktur äußerlich war. Sonst hätte doch wohl
ein Außenseiter nicht so machtvoll werden können.
Eben deswegen kann Caesar auch nicht einfach ein auf
sich gestellter Desperado gewesen sein. Er hatte offenbar so
kräftig und so unangefochten einen eigenen Bereich ausbilden
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können, daß er gleichsam in einer Welt für sich lebte, unter


seinen Soldaten, in seinen Provinzen, im Bewußtsein seiner
ungeheuren Fähigkeiten und Leistungen. Damit hatte sein
persönlicher Anspruch gleichsam Raum genommen, hatte
sich zu einer mächtigen eigenen Position befestigt, welche
übrigens auch in einem achtbaren, wenn auch einseitigen
Ethos gründete: das alte aristokratische Leistungsideal ver-
wirklichte er wie kein anderer. Nur Pompeius kam ihm darin
nahe. Diese Position gewann eine gewisse Eigenständigkeit.
Sie wurde gleichsam so weit und so mächtig, daß er sich ihr
gegenüber verpflichtet fühlen konnte. Das ersetzte in gewissem
Maße die überpersönliche Legitimität, also jene Verdichtung
zahlreicher Meinungen und Bestrebungen zur Objektivität und
zum Recht einer Sache. Sie stellte ihm einen Panzer gegenüber
seinen Gegnern dar. So jedenfalls lassen sich am ehesten die
Selbstverständlichkeit und Offenheit erklären, in der Caesar
um seiner selbst willen einen Krieg begann, der alle Menschen
in Mitleidenschaft ziehen konnte. Er wäre sich das dann schul-
dig gewesen, auch nach intensiver Selbstprüfung. Bewußte
oder unbewußte Täuschung seiner selbst oder auch anderer
scheint freilich insoweit im Spiel gewesen zu sein, als er nicht
zugeben oder nicht sehen konnte, daß die römische Gesell-
schaft gegen ihn war. Vielleicht hat er gemeint, daß das gar
nicht sein konnte, nachdem er solche Taten für Rom vollbracht
hatte. Und tatsächlich war es ja auch nur bedingt der Fall.
Wenn einer allerdings durch Roms Institutionen und durch
die res publica so hindurch sah wie Caesar – um nur noch
seine eigenen Gegner wahrzunehmen –, so hatte er wohl nicht
nur eine andere Auffassung von der römischen Wirklichkeit als
die anderen, sondern dann scheint er diese Wirklichkeit mit
ihnen nicht mehr geteilt zu haben. Denn zu Roms Wirklichkeit
gehörte die Homogenität des Wissens über die rechte Ordnung.
Sie ließ da keine Wahl: Man konnte den Senat in irgendeinem
Punkt bekämpfen, aber man konnte ihn nicht übersehen.
So standen sich in Caesar und seinen Gegnern offenbar zwei
verschiedene Wirklichkeiten gegenüber; die alte, die plötzlich
vom Ganzen zum Teil geworden, und eine neue, die aus ihr her-
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ausgetreten war und die sich ihr auch dann nur schwer wieder
hätte einfügen können, falls der Krieg vermieden worden wäre.
So weit war man voneinander entfernt und gegeneinander
fremd. Das, und nicht nur Interessengegensätze, Mißtrauen,
Furcht und Haß oder pathologische Überziehung persönlicher
Ansprüche, kennzeichnete die Situation.

Indem man hier das Gegeneinander zweier Wirklichkeiten


feststellt, braucht man nicht darauf zu verzichten, Caesars
Übergang über den Rubicon als ungeheuerliche Anmaßung
eines Einzelnen gegenüber Rom und seinem gesamten Herr-
schaftsbereich zu verurteilen. Man braucht sich auch nicht
zu scheuen, die Borniertheit zu charakterisieren, mit der die
Gegner ihre Möglichkeiten überschätzten. Aber man wird die
Eigenkräfte der Positionen, in die die Parteien gegeneinander
geraten waren, nicht mehr übersehen.
Es wird deutlich, wo die römische Republik damals ange-
langt war. Denn nicht nur Caesar und seine Gegner, sondern
die ganze Gesellschaft fand sich ja vor einer Aporie. Da sie
in sich nicht gespalten war – vielmehr einig in der Notwen-
digkeit, die res publica fortzusetzen –, war ihre Wirklichkeit
gespalten. Ein Außenseiter konnte das Ganze mächtig heraus-
fordern, weil er sich eine eigene Welt hatte aufbauen können.
Was war das für eine Gesellschaft? Wenn in ihr Außenseiter
gegen den Willen der leitenden Organe so viel Macht sammeln
konnten, so kann sie nicht mehr recht integriert gewesen
sein und muß sich in einer Krise befunden haben. In der Tat
waren die alten, immer noch auf den Gemeindestaat zuge-
schnittenen Institutionen Roms längst überfordert angesichts
des weltweiten Herrschaftsbereichs, über den die Stadt gebot.
Wie aber konnte die Bürgerschaft dann noch einhellig an der
überkommenen Ordnung festhalten? Wie kam es, daß sie sich
nicht angesichts der Krise um große sachliche Gegensätze
spaltete? Warum erhoben sich die Notleidenden nicht? Was
für eine Spannweite gab es in dieser Gesellschaft und was
für Oppositionsmöglichkeiten? Haben wir es in diesem Punkt
mit etwas spezifisch Antikem zu tun? »Das Altertum... stellte
Christian Meier – Caesar 20

seine Sachen« – nach Jacob Burckhardt – »nicht aufs Biegen,


sondern aufs Brechen«, und das kann sehr wohl damit
zusammenhängen, daß man eine Ordnung eher war als hatte,
daß hier nicht eine Gesellschaft einen Staat sich gegenüber
hatte, sondern eine Bürgerschaft zur politischen Einheit gewor-
den war. Folglich konnte sie wenig Abstand zu sich selbst
haben.
Was war das für eine Krise, in der statt der Gesellschaft die
römische Wirklichkeit, die Selbstverständlichkeit des gemeinsa-
men Aufgehobenseins in einer im Kern unangezweifelten Ord-
nung zerbrach? Eine Krise offenbar, die statt grundsätzlicher
Opponenten Außenseiter produzierte. Eine Krise, die – bei der
Einhelligkeit, in der man dem Alten anhing – offenbar eher aus
der Summierung unbeabsichtigter Nebenwirkungen des Han-
delns resultierte, also in der Form des Prozesses vor sich ging
– was wieder recht modern anmutet. Was bedeutete das für die
Gesellschaft im ganzen und für die Einzelnen, die in ihr auf-
wuchsen und lebten? Wie konnte man sich darin zurechtfin-
den – und zu Recht sich finden? Was war das für eine Wirklich-
keit, die noch stimmte und offensichtlich nicht mehr stimmte?
Rom bot in dieser Zeit anscheinend besondere Möglichkeiten
zur Entfaltung von Persönlichkeit. »Was Wettkampf großer
Persönlichkeiten betrifft«, schrieb Jacob Burckhardt, »so ist
diese Zeit die erste in der Weltgeschichte. Was nicht groß war,
das war doch charakteristisch, energisch, wenn auch ruchlos,
nach großem Maßstab zugeschnitzt... Alles Große aber sam-
melt sich in der wunderbaren Gestalt Caesars.«
Resultierte das aus besonderen Handlungsspielräumen?
Wenn das aber der Fall gewesen sein sollte, so scheint es keinen
Spielraum zur Änderung der Struktur gegeben zu haben.
Sonst hätte man doch das Bestehende in Frage stellen und
ändern müssen. Dann hätten also Macht zum Handeln und
Ohnmacht zum Verändern nebeneinandergestanden, Macht in
den Verhältnissen und Ohnmacht über die Verhältnisse. Jeden-
falls bot die Sicherheit über das Herkömmliche soviel Halt wie
dessen Versagen zu besonderer Bewährung herausforderte. Es
gab mächtige Notwendigkeiten, kräftige Erwartungen, unge-
Christian Meier – Caesar 21

ahnte Möglichkeiten. Es kam sichtbar sehr viel auf den Ein-


zelnen an in dieser überschaubaren, grundsätzlich beherrsch-
baren Welt. Und er hatte oft genug mit seinem Scheitern fer-
tigzuwerden. Das mochte zu charakteristischen Ausprägungen
führen.
Doch wie dem auch sei, wie kam Caesar in die Position, von
der aus er am Rubicon den Krieg eröffnete? Wie wurde er zum
Außenseiter? War das schon von Jugend her angelegt? Und
war er so groß, wie gern behauptet wird, und was heißt das?
Und wenn er es, in welchem Sinn auch immer, gewesen ist,
koinzidierten dann in ihm vielleicht – wie Burckhardt von den
großen Individuen sagt – das Allgemeine und das Besondere?
Hat er dann, wie Hegel meint, indem er am Rubicon nur dem
»Interesse, sich, seine Stellung, Ehre und Sicherheit zu erhal-
ten«, folgte, das vollbracht, was an der Zeit war? Weil eben bei
großen Menschen »deren eigene partikuläre Zwecke das Sub-
stanzielle enthalten, welches der Wille des Weltgeistes ist«?
Oder ist das ein historistisches Märchen?
Kann es nicht sein, daß Caesars Größe nur ein besonderer
persönlicher Zuschnitt war, ohne alle Vorbestimmung und
höhere Wirksamkeit? Hat er vielleicht nicht nur nichts ande-
res gewußt, sondern auch nichts anderes vollbracht als seine
persönlichen Möglichkeiten besonders großartig – übrigens
auch liebenswürdig, geistvoll und ganz auf der Höhe seiner
Zeit – wahrzunehmen, indem er sich herumschlug mit all den
Schwierigkeiten und Unbilden, die ihm begegneten, machtvoll
für sich, rücksichtslos gegen das Ganze, das sich ihm nicht
aufzwang, zumal er sich von seiner Wirklichkeit so gründlich
gelöst hatte? Und das alles in einer Zeit, in der ein Außenseiter
so mächtig zu werden vermochte, daß er um seiner selbst
willen einen Bürgerkrieg entfesseln konnte?
Christian Meier – Caesar 22

Caesars Faszination
Europäische Tradition • Zweifel an Größe
und staatsmännischer Leistung • Faszina-
tion und Scheitern • Quellen möglicher
Täuschung • Unabhängigkeit und Macht in
»niederträchtiger Zeit» • Es geht um unsere
Sache

Burckhardts Satz, daß alles Große sich in der wunderbaren


Gestalt Caesars sammle, ist nur die besondere Formulierung
eines Urteils, das jahrhundertelang in Europa allgemein war.
Die Geschichte von Caesars Ruhm, die Friedrich Gundolf
geschrieben hat, ist lang, und sie ist voll von Zeugnissen der
Faszination durch ihn. Wie kaum ein zweiter hat Caesar auf die
Nachwelt fortgewirkt.

Das Mittelalter verehrt ihn als den ersten Kaiser, den Gründer
der Monarchie, von dem die höchste weltliche Macht im Abend-
land ihren Namen hat. Caesar, Rom, das Reich, das schien eins
zu sein, und es reichte in die Dimensionen des Mythischen.
Dann fand man seit der Renaissance hinter dem Namen die
große Persönlichkeit mit all ihren Facetten, den Feldherrn,
den Eroberer Galliens und des ganzen weiten römischen Herr-
schaftsbereichs, den bedeutenden Schriftsteller, den großen
Organisator, dem man auch die gründliche Neuordnung Roms
nach langer Krise zusprach; Stratege, Soldatenführer, Politi-
ker, Diplomat und Herzensbrecher in einem; Sieger nicht nur,
sondern mild gegenüber den Geschlagenen; unbeirrbar und
von verwegener Unbekümmertheit; ein Mann, der ununter-
brochen tätig war und anscheinend nirgendwo gescheitert ist;
der noch aus Rückschlägen zum Erfolg ausholte; rasch zupak-
kend und glanzvoll dabei – bis ganz zuletzt die Verschwörer um
Brutus seinem Leben ein, wie es schien, tragisches Ende setz-
ten.
Christian Meier – Caesar 23

2 Caesar. Kolossaler Bildniskopf des 2. Jahr-


hunderts n. Chr. Neapel, Archäologisches
Museum.
Im Jahrhundert der Aufklärung und der französischen Revo-
lution mehrten sich freilich die Zweifel, und zwar aus poli-
tischen Gründen. Man schlug sich mehr und entschiedener
als zuvor auf die Seite der Freiheit, die Caesar den Römern
genommen, der Republik, die er zerstört hatte. Auch der Feld-
herr erlitt Einbußen an Ansehen: »Wir sind zu human gewor-
den«, soll Goethe gesagt haben, »als daß uns die Triumphe des
Caesar nicht widerstehen sollten.«
Doch gegen all diese Zweifel wurde eine neue Form der
Größe konzipiert: die historische. Hegel sah in Caesar den
Geschäftsführer des Weltgeistes. In ihm vereinten sich All-
gemeines und Besonderes: Denn, »was ihm die Ausführung
seines zunächst negativen Zwecks erwarb, die Alleinherrschaft
Roms, war... zugleich an sich notwendige Bestimmung in Roms
und der Welt Geschichte, so daß sie nicht nur sein partikulärer
Christian Meier – Caesar 24

Gewinn, sondern seine Arbeit ein Instinkt war, der das voll-
brachte, was an und für sich an der Zeit war.«
Theodor Mommsen hat die römische Geschichte dann so
gedeutet, wie wenn sie auf Caesar zugelaufen sei. Man hat
gesagt, nie sei er mit solcher Kraft geschildert worden, weil
er nie sehnlicher erwartet wurde. Mommsen inszeniert sein
Auftreten, nachdem er Rom so lange im Dunkeln hat tappen
lassen, als Epiphanie. In Caesar sei das geschichtlich Notwen-
dige endlich zum Ereignis geworden. Er habe noch, »wo er
zerstörend auftrat,... den ausgefällten Spruch der geschichtli-
chen Entwicklung vollzogen«. Die römische Gesellschaft hatte
die Kontrolle über sich verloren, alles ging drunter und drüber,
sie trieb im Prozeß ihres Niedergangs dahin, ohne Halt zu
finden, wehrlos, nur mehr Objekt eines Geschehens, in dem
sie befangen war. Dann kam Caesar. Er gewann – so Momm-
sen – einen Punkt außerhalb dieser Befangenheit und ver-
mochte Macht über das Ganze zu gewinnen. Durch ihn wurde
Roms Ordnung wieder Gegenstand bewußten Handelns, errang
wieder ein Mensch die Herrschaft über die Dinge.
Wenn Mommsen davon ausgeht, daß jede Lage für menschli-
ches Handeln bezwingbar ist, so bietet ihm Caesar das schönste
Beispiel dafür. Er habe »die Geschicke der Welt für die Gegen-
wart und die Zukunft« geordnet. »So wirkte und schaffte er wie
nie ein Sterblicher vor und nach ihm.« Mommsen führt eine
»Wiedergeburt« Roms und des Griechentums auf ihn zurück;
er findet, Caesar habe die Germanen davon abgehalten, Rom
zu überrennen, und nur das habe der griechischen Zivilisation
die Frist verschafft, die sie brauchte, um die westliche Hälfte
des Mittelmeers zu durchdringen. Sonst hätten dort die Fun-
damente »zu dem stolzeren Bau der neueren Weltgeschichte«
nicht gelegt werden können.
Der aber derart eine historische Mission erfüllte, war für
Mommsen zugleich menschlich ein Vollkommener. Er findet:
»Menschlich wie geschichtlich steht Caesar in dem Gleichungs-
punkt, in welchem die großen Gegensätze des Daseins sich
ineinander aufheben. Von gewaltiger Schöpferkraft und doch
zugleich von durchdringendem Verstande;... vom höchsten
Christian Meier – Caesar 25

Wollen und vom höchsten Vollbringen; erfüllt von republikani-


schen Idealen und zugleich geboren zum König; ein Römer im
tiefsten Kern seines Wesens und wieder berufen, die römische
und die hellenische Entwicklung in sich wie nach außen hin
zu versöhnen und zu vermählen, ist Caesar der ganze und
vollständige Mann.«
Jacob Burckhardt, der ungleich nüchterner war und Momm-
sen im ganzen recht kritisch gegenüberstand, macht in Hin-
sicht auf Caesar keinen Unterschied: »In Betreff der Begabung
vielleicht der größte Sterbliche. Alle die sonst groß heißen in
der Geschichte, sind einseitig neben ihm.« Und Burckhardt
sagt auch: »Die großen Individuen sind die Koinzidenz des All-
gemeinen und des Besonderen«. In den Krisen kulminiere in
ihnen das Bestehende und das Neue. Sie gehören in »schreck-
liche Zeiten, welche den einzigen höchsten Maßstab der Größe
geben, und auch allein nur das Bedürfnis nach der Größe
haben«.
In seiner eigenen Zeit sieht er eher »eine allgemeine Verfla-
chung«. Er fügt allerdings hinzu: »Wir dürften das Aufkommen
großer Individuen für unmöglich erklären, wenn uns nicht die
Ahnung sagte, daß die Krisis einmal von ihrem miserablen
Terrain »Besitz und Erwerb‹ plötzlich auf ein anderes gera-
ten, und daß dann der ›Rechte‹ einmal über Nacht kommen
könnte, – worauf dann alles hinterdrein läuft.«
Eben davon spricht dann 1924 Gundolf in den ersten Sätzen
seines Buches über Caesars Ruhm: »Heute, da das Bedürfnis
nach dem starken Mann laut wird, da man, der Mäkler und
Schwätzer müd’, sich mit Feldwebeln begnügt statt der Führer,
da man zumal in Deutschland jedem auffallenden militärischen,
wirtschaftlichen, beamtlichen oder schriftstellerischen Sonder-
talent die Lenkung des Volkes zutraut und bald soziale Pfar-
rer, bald unsoziale Generäle, bald Erwerbs- und Betriebsrie-
sen, bald rabiate Kleinbürger für Staatsmänner hält, möchten
wir die Voreiligen an den großen Menschen erinnern, dem die
oberste Macht ihren Namen und Jahrhunderte hindurch ihre
Idee verdankt: Caesar.« Solche Beschwörung könne keinen
Caesar zeitigen, Geschichte wiederhole sich nicht. »Wie der
Christian Meier – Caesar 26

künftige Herr oder Heiland aussieht, weiß man erst, wenn


er waltet.«... »Doch wie er nicht aussieht, das kann Kenntnis
lehren.« Der Historiker »kann die Luft regen helfen, worin ein-
sichtige Taten gedeihen, und Geister werben für kommende
Helden«. Das war die gleiche Erwartung, der schon Mommsen
angehangen und die sein suggestives Bild von Caesar so sehr
genährt hatte.

Heute dagegen erscheint Größe unglaubwürdig. Nicht mehr


einfach, ob sie segensreich sei, sondern ob es sie überhaupt
geben kann, ist die Frage. Die »verhunzte Größe«, von der
Thomas Mann im Blick auf Hitler spricht, hat, so scheint es,
ihrerseits die Vorstellung von Größe verhunzt. Wenn da eine
Faszination über die Jahrhunderte wirken sollte, so träfe sie
einstweilen vornehmlich auf Abwehr, wenn nicht auf Unemp-
findlichkeit. Zudem ist vieles, was Caesar früher zugesprochen
worden war, inzwischen höchst fragwürdig geworden. Die ger-
manische Gefahr zum Beispiel, die er nach Mommsen gebannt
hat, hat gar nicht bestanden. Vor allem aber sind gerade Cae-
sars staatsmännische Fähigkeiten oder besser: Möglichkeiten
zunehmend in Zweifel gezogen worden. So großartig viele
der organisatorischen Werke waren, die er als Herrscher
vollbrachte, so unsicher, wenn nicht unwahrscheinlich ist es
doch, daß er wirklich einen Ausweg aus der tiefen Krise der
römischen Republik gewußt hat.
Denn es ist durchaus möglich, daß die Vorstellung von Krisen-
lösung, die man so gern mit Caesar verbindet, auf einer Illusion
beruht; die Vorstellung nämlich, daß ein wirklich überragender
Mann durch Macht, Einsicht und Organisationsfähigkeit jede
Krise zu jedem beliebigen Zeitpunkt meistern könne. Es muß
doch zu allererst gefragt werden, ob sich in der damaligen
römischen Gesellschaft überhaupt Anhaltspunkte für eine
Lösung fanden. Schließlich handelte es sich um eine Repu-
blik, für deren maßgebende Schichten Freiheit das zentrale
Element ihres Lebens war. Da stellten sich nicht nur Organisa-
tionsaufgaben, sondern auch solche der gründlichen Umorien-
tierung und der Integration. Nicht jeder Gesellschaft ist primär
Christian Meier – Caesar 27

an Ruhe und Ordnung gelegen, auch um den Preis der Mon-


archie. Es müßte also irgendeine Bereitschaft, eine Disposi-
tion, eine neue Ordnung zu tragen, in nennenswerten Teilen
der Gesellschaft vorhanden gewesen sein. Nur dann wäre es
möglich gewesen, der Krise durch bewußtes Handeln von einer
politischen Zentrale her beizukommen, also Macht über die
Verhältnisse zu erhalten.
Caesar jedoch hatte vermutlich nur Macht in den
Verhältnissen. Denn die Verfügung über eine Armee, der Sieg
in einem Bürgerkrieg, umfassende Vollmachten, die Liebe
der Massen, die er zeitweilig genoß, die große Zahl von
Freunden, Reichtum und die Möglichkeit, viele Wünsche zu
erfüllen, können einen Politiker zwar instand setzen, unge-
heuer viel auszurichten und unwiderstehlich zu werden. Um
die Verhältnisse, die er vorfindet, aber nachhaltig und dauerhaft
zu verändern, braucht er möglicherweise ganz andere Formen
von Macht. Sein Wille muß einrasten können in Bedürfnisse,
Interessen, Meinungen, muß sie formieren können, nicht nur,
damit in diesem und jenem Fall geschieht, was er will, sondern
damit sich die Gesellschaft insgesamt neu einrichtet und die
neue Ordnung eine gewisse Selbsttätigkeit annimmt. Macht
und Gewalt können dazu verhelfen, aber Legitimität läßt sich
weder anordnen noch sonstwie erzwingen.
Gelegentlich steht zwar der Stoff zur neuen Legitimität
schon bereit, wenn nämlich viele Wünsche, Sehnsüchte und
Interessen da sind, die man nur aufrufen und bündeln muß.
Dann liegt das Problem der Macht über die Verhältnisse primär
bei dem Politiker, dem das aufgegeben ist. Das war etwa bei
Augustus der Fall. Doch wie es zur Zeit Caesars damit stand, ist
sehr die Frage.
Jedenfalls spricht vieles dafür, daß er in den Verhältnissen
der damaligen römischen Republik als Einzelner um so
mächtiger wurde, je weniger Anknüpfungspunkte für eine
direkte Überwindung des kritischen Zustands der damaligen
Gesellschaft es gab.
Allein, wäre damit Caesars Faszination schon erledigt – oder
wären es vielmehr nur einige Erwartungen, die man zumal im
Christian Meier – Caesar 28

neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert an ihn rich-


tete? Erwartungen, die mindestens ebensoviel mit dem Glau-
ben an einen Sinn der Geschichte wie mit dem an die sinn-
volle Rolle großer Männer zu tun haben; Erwartungen aber
auch an die außerordentliche menschliche Fähigkeit, politisch
Herr über die Probleme zu werden, und sei diese Fähigkeit
auch nur versammelt in einem einzigen Mann, einem politi-
schen Retter oder Messias also zu haben? Und Erwartungen
schließlich auch, denen spezifisch neuzeitliche – allmählich
veraltende – Ansprüche an das geordnete Arbeiten politischer
Systeme zu Grunde liegen?

Vielleicht wirkt Caesar trotz oder gerade wegen seines Schei-


terns vor der Aufgabe einer Neuordnung Roms großartig. Viel-
leicht waren die gleichen Umstände, die sein Scheitern beding-
ten, auch die Voraussetzungen der so besonderen Ausbildung
seiner Persönlichkeit sowie seiner Erfolge. Diese Erfolge errang
er, weil er Außenseiter war und blieb. Glanz und Souveränität,
Heiterkeit und Charme Caesars hingen eng mit der großen
Distanz zusammen, in die er zur kleinlichen, ohnmächtigen
und stumpfen politischen Welt des damaligen Rom geriet und
die er dann mutwillig immer weiter steigerte. Die Freiheit und
Sicherheit seines Willens und die volle Entfaltung seiner Gaben
wurden erst in der innerlichen und dann auch äußerlichen
Ablösung von der römischen Welt möglich, einer Ablösung, die
zu einem Gegensatz führte, der so groß war, daß er nur mehr
mit Waffen ausgetragen werden konnte. So hat Caesar, was
seine Größe ausmachte, vielleicht nur auf Kosten eines letzten
Scheiterns gehabt. Die Tatsache, daß es in Rom keine Kraft,
keine Sache gab, an der er seinen Willen hätte objektivieren
können, hat vielleicht nicht nur die Möglichkeit beschnitten,
eine neue Ordnung zu gründen, sondern ihn auch dazu her-
ausgefordert, dann wenigstens sich und seine Welt großartig
und imponierend, aber eben neben der etablierten Gesellschaft
zu entfalten.
Schließlich hätten zum ernsthaften Versuch einer Neu-
ordnung – wenn Caesar sie denn gewollt hätte – viel
Christian Meier – Caesar 29

Geduld, Einfühlung, zahlreiche Konzessionen sowie große


Zurückhaltung gehört; viel Taktik, Berechnung, Überzeu-
gungsarbeit, viel stilles, beharrliches Wirken. Und wenn er das
alles hätte aufbringen können, wäre er dann noch der gewe-
sen, der mit seiner Persönlichkeit viele Jahrhunderte lang die
Geister Europas bezaubert hat?

Doch kann diese Bezauberung, wovon immer sie ausgegan-


gen sein mag, noch uns berühren? Können wir nach Hitler
noch im Sinne der alten europäischen Tradition mit großen
Männern rechnen? Und können wir es vor allem auch dann
noch, wenn ihre Domäne die Politik und der Krieg waren?
Kann uns ein Mann noch faszinieren, der um seiner selbst
willen einen Bürgerkrieg – und vorher den Krieg zur Erobe-
rung ganz Galliens – eröffnete?
Doch fragt sich hinwiederum auch, ob wir so viel besser –
und nicht nur anders – belehrt sind als die lange Reihe großer
Geister seit der Renaissance, die Caesar, bei aller möglichen
Kritik an seinen Taten, eine unvergleichliche Größe zuerkann-
ten.
»Schließlich beginnen wir zu ahnen«, schreibt Jacob Burck-
hardt, »daß das Ganze der Persönlichkeit, die uns groß
erscheint, über Völker und Jahrhunderte hinaus magisch auf
uns nachwirkt, weit über die Grenzen der bloßen Überlieferung
hinaus.« Sollte also das Urteil der Neuzeit durch eine
mysteriöse, magische Kraft der Nachwirkung bedingt sein, die
erst uns heute aus ihrem Bann entließ? Wenn sie es denn tat.
Ohne daß man magische Wirkungen ganz ausschließen
wollte, liegt es näher, an eine andere Erklärung für die hohe
Schätzung Caesars durch so viele Generationen hindurch zu
denken. Burckhardt beobachtet selbst ein »Gefühl der unech-
testen Art, nämlich ein Bedürfnis der Unterwürfigkeit und des
Staunens, ein Verlangen, uns an einem für groß gehaltenen
Eindruck zu berauschen und darüber zu phantasieren«. Er
denkt dabei vor allem an gegenwärtige Eindrücke. Aber sollte
es nicht überhaupt ein Bedürfnis nach Größe geben, das nach
Vorbildern suchen muß, nach einem Maßstab für die eigenen
Christian Meier – Caesar 30

3 Caesar. Bildniskopf aus grünem Schiefer.


Aus Aegypten, frühes 1. Jahrhundert n. Chr.
Berlin, Pergamonmuseum.
Ansprüche, als Beleg für deren Recht und die Möglichkeit ihrer
Verwirklichung? So könnte Caesar eine Stelle besetzt haben,
die gewissermaßen im geistigen Haushalt der Neuzeit vorge-
sehen war und gebraucht wurde, so daß er zwar vielfältiger
Interpretation ausgesetzt, zugleich aber sicher war vor der
Entlassung aus seiner Rolle als wichtigstes Vorbild menschli-
cher Größe.
Er war zeitlich weit entfernt, ein Römer, hatte als erster
der Kaiser gegolten. Relativ viel war von ihm bekannt, so
daß man sich eine Vorstellung von ihm machen konnte. Auch
hat er nicht nur erobert, sondern auch politisch viel bewirkt.
Er war nicht an eine bestimmte Nation gebunden, war nicht
von gegenwärtigen Feindschaften tangiert. Und vielleicht war
er ja wirklich auch unter denen, die die Weltgeschichte des
öffentlichen Wirkens zu den Großen zählt, unvergleichlich;
Christian Meier – Caesar 31

durch die Vielseitigkeit seiner Leistungen, seines Wesens,


durch die, wie es scheint, nahezu klassische Ausbildung seiner
Persönlichkeit. Und alles, was seinem Werk fehlen mochte,
konnte man frei zu Plänen ergänzen, deren Ausführung nur
die Verschwörer vereitelt hätten. »Sie ... sollten den Tod Cae-
sars auf eine vollwürdige Weise, großartiger als Voltaire, schrei-
ben«, forderte Napoleon Goethe auf. »Das könnte die schönste
Aufgabe ihres Lebens werden. Man müßte der Welt zeigen,
wie Caesar sie beglückt haben würde, wie alles ganz anders
geworden wäre, wenn man ihm Zeit gelassen hätte, seine
hochsinnigen Pläne auszuführen.« So konnte sich der Glaube
an die menschliche Größe, der Traum von der menschlichen
Fähigkeit, über alles zu triumphieren, in Caesar geradezu
institutionalisieren, also befestigen gegen viele Zweifel, die
gegen andere wohl angebracht schienen. Vielleicht ließ das
eine besondere Faszinationswilligkeit entstehen.
Und doch: Könnte es nicht sein, daß gleichwohl von Caesar,
von all dem, was uns von ihm und über ihn verläßlich
überliefert ist – etwas Faszinierendes ausgeht? Etwas, was
sogar heute noch den Betrachter in seinen Bann schlagen
kann? Und ist dies nicht die Wirkung einer besonderen Größe,
die auch durch alle Erfahrungen unseres Jahrhunderts nicht
dementiert werden kann?
Die Erfolge Caesars sind jedenfalls imposant. Und die Weise,
in der, die Summe der Fähigkeiten, mit denen Caesar sie
errang, ist es nicht minder. Cicero rühmt seinen Geist, seine
Vernunft, sein Gedächtnis, seine literarische und wissenschaft-
liche Bildung, seine fürsorgliche Umsicht, Entschlußkraft und
Sorgfalt. Drei Generationen später fand der alte Plinius, Caesar
sei »mit Geisteskraft am hervorragendsten begabt« gewesen.
»Ich will hier nicht von seiner Tatkraft und Festigkeit spre-
chen, nicht von seiner erhabenen Fähigkeit, alles zu umfas-
sen, was unter dem Himmel ist, sondern von der ihm eigenen
Lebenskraft und der durch ein Feuer beflügelten Schnelligkeit
seiner Gedanken.«
Burckhardt nennt ihn »einen wundervoll organisierten
Geist von unglaublicher Vielseitigkeit, Spannkraft, Schärfe, die
Christian Meier – Caesar 32

größte Kühnheit und Entschlossenheit, verbunden mit Klug-


heit und Verschlagenheit«, und dafür gibt es Zeugnisse genug.
Eine reiche Phantasie, eine enorme technisch-taktische Fin-
digkeit sticht ins Auge. Eine erstaunliche Fähigkeit, Situatio-
nen frühzeitig und bis auf den Grund zu erkennen, Schein-
wirklichkeit als Schein und verkannte Wirklichkeit als Wirk-
lichkeit zu durchschauen, Möglichkeiten zu sehen, die nor-
malerweise nicht wahrgenommen wurden, und umsichtig
auf nahezu alles gefaßt zu sein. Denn er kannte auch die
Macht des Zufalls und wollte ihr nicht ausgeliefert sein.
Berühmt ist seine Schnelligkeit, die Celeritas Caesaris. Bemer-
kenswert die Elastizität, mit der er sich auf alles Neue einstellt,
das Lernvermögen. In allem, was er tut, wirkt er durchaus
männlich, teilweise hart und fest, doch ist zugleich ein spieleri-
sches Element, eine fast jugendliche Fülle der Möglichkeiten an
ihm zu beobachten. Offenkundig ist weiter die »Seelenstärke,
welche es allein vermag und daher auch allein liebt, im Sturm
zu fahren« (Burckhardt), und eine ungeheure Konzentration
des Willens, eine starke, rücksichtslose Unbedingtheit, mit der
er auch seine Soldaten zu beseelen wußte. Dahinter stehen
Erfolgsgewohnheit, Selbstvertrauen und letztlich die maßlose
Selbstbezogenheit, in der er um seiner Sicherheit willen sogar
den Bürgerkrieg eröffnen konnte. Dem allen gesellte sich seine
vielgerühmte Clementia, die Milde gegenüber den Gegnern
im Bürgerkrieg. Nicht zu vergessen schließlich das wunder-
volle Latein, das er schrieb, von großer Einfachheit, Klarheit
und Eleganz, von genauester Regelmäßigkeit und dabei höchst
individuell – in seiner Brillianz offenbar ein Niederschlag
seiner Art zu sehen und zu handeln.

Es gibt Epochen, in denen man – nach Musil – nur die Wahl


hat: »diese niederträchtige Zeit mitzumachen (mit den Wölfen
zu heulen) oder Neurotiker zu werden«. Die späte römische
Republik gehörte auf ihre Weise dazu. Da gab es zwar höchst
achtbare, verantwortungsvolle Senatoren, aber ihre Politik war
verzweifelt und schwach. In der Regel versank alles in unend-
licher Eigensucht und rücksichtsloser Ausnutzung aller Posi-
Christian Meier – Caesar 33

tionen: Ein Bild der Korruption und des Versagens. Die Regel
war, daß man mitmachte. Der Historiker Sallust, ein moralisch
sehr anspruchsvoller Mann, gibt der Gesellschaft die Schuld,
wenn er selbst sich nicht verhalten konnte, wie er es eigent-
lich wollte: »Anstelle von Anstand, Selbstdisziplin, Tüchtigkeit
herrschten Frechheit, Bestechung, Habgier. Wenn ich das auch,
ganz unberührt von schlechter Art, verachtete, wurde zwi-
schen so großen Lastern meine ungefestigte Jugend doch von
der Sucht nach Ehren und Gewinn verdorben und darin fest-
gehalten.« Relativ wenige wurden, soweit wir sehen, zwar nicht
unbedingt zu Neurotikern, aber doch einem Zwang zur Nega-
tion ausgesetzt. Und viele schwankten dazwischen.
Caesar hingegen wußte einerseits alle Hebel der Gesell-
schaft mit Bravour zu betätigen, wußte sich in allem sein Teil
zu holen und gewann doch eine innere Unabhängigkeit und
damit zugleich eine heitere und leicht arrogante Souveränität
über allem. Er blieb Außenseiter und sammelte zugleich eine
Macht, die es ihm am Ende ermöglichte, es mit ganz Rom auf-
zunehmen. Er hielt seinen Kurs, konnte sich nirgends wirklich
anschließen, blieb auf sich gestellt. Das gab ihm die unerhörte
Freiheit. Er konnte in seiner Gesellschaft keinen Grund für sich
finden, war insofern zufällig. Die Bindung, welcher die Freiheit
bedarf, die ja nach Sartre »die Wahl eines Ziels im Dienste der
Vergangenheit« ist, kam ihm aus dem altrömischen Leistungs-
ethos. Das gab ihm eine Richtschnur, freilich außerhalb seiner
Gesellschaft, die ja nicht mehr die alte war. Er entwickelte
hohe Ansprüche, an denen er seine Standesgenossen maß, um
ihr Versagen desto deutlicher zu erfahren. Er selbst dagegen
erfüllte sie in umfassendster Weise, allein, wie er war, stärkster
Bedrohung und höchsten Anforderungen ausgesetzt. Er lebte
ganz seiner Tatkraft. Die Einfügung in die Standesdisziplin, die
das alte Leistungsethos fruchtbar ergänzt hatte, verschmähte
er in einer ästhetisch vielleicht imposanten, ethisch höchst pro-
blematischen Unbekümmertheit. Gleichzeitig verabsolutierte
er seine Persönlichkeit. Denn da er allein war in seiner Gesell-
schaft, da es da keine Sache gab, der er sich hätte verbinden
und in deren Namen er hätte handeln und sein können, blieb
Christian Meier – Caesar 34

4 Caesar. Bildnis in Pisa. Der Kopf ent-


spricht einem in augusteischer Zeit entstan-
denen und in mehreren Kopien überlieferten
Typus, der sich von dem früheren Porträt
(Abbildung 1) deutlich unterscheidet: die als
unschön empfundene Glatze ist durch rei-
cheren Haarwuchs verdeckt; stärker betont
sind die hohe, gefurchte Stirn und der
angespannte, Entschlossenheit markierende
Kiefer.
ihm nichts, als sich selbst in diesem Raum gleichsam immer
weiter auszuspannen. Und er konnte sich unter den Gege-
benheiten der weltbeherrschenden Republik, des mächtigsten
Adels der Weltgeschichte eine eigene Welt aufbauen, in der
er sich wahrhaft selbst zu verwirklichen und alles auszuleben
vermochte, was in ihm war: Um den Preis, daß er sich in
Rom nicht mehr einfügen konnte. Die Dynamik, mit der er
seiner Gesellschaft begegnete, nahm zunehmend etwas Unge-
Christian Meier – Caesar 35

heures, Ungeheuerliches, Dämonisches an. Wie Caesar seine


Rolle spielte, wie hier ein Mann sein Ich wagte, dann aufs
äußerste steigerte, seine reichen Möglichkeiten suchte, erfuhr
und auskostete, das ist in der Tat ein erregendes Schauspiel. Die
Kostüme sind historisch. Immerhin gehören sie der römischen
Geschichte an. Und das Stück spielt zu einem Zeitpunkt, da
die Klammern sich lösen, die in der Spannung von Kräften
und Gegenkräften Roms Ordnung bis dahin zusammengehal-
ten haben: Eine Fülle von Kraft, auf deren Hervorbringung
Rom sich in Jahrhunderten in einer dumpfen Geschlossenheit
diszipliniert hatte, wird freigesetzt. Und gleichzeitig öffnet sich
die Stadt mehr und mehr für die Feinheiten der griechischen
Kultur. Ungebärdig trifft alles aufeinander, in so unterschied-
lichen Figuren wie Marius und Sulla, Cato und Caesar, Pom-
peius, Crassus und Lucullus, Cicero und Brutus; nicht zu ver-
gessen die glänzend leichtsinnigen Erscheinungen der Gene-
ration, die dazwischen aufwächst, nachmacht, was ihr vorge-
macht wird, ohne die Skrupel zu kennen, die in denen, nach
denen sie sich richten, gelegentlich doch noch wirksam sind;
nicht zu vergessen auch die Damen des römischen Adels,
die die Freiheit, die Kultur und zuweilen auch die Macht zu
schätzen lernen, die sich ihnen eröffnen. Wo sonst haben sich
Macht und persönlicher – nicht institutioneller – Glanz so ein-
drucksvoll verbunden?

Wenn diese Zeit und ihr bedeutendster Protagonist noch heute


faszinieren können, so liegt es daran, daß es im Grunde unsere
Sache ist, die dort aufgeführt wurde und deren Ernst man
dort begegnet. Neben und in der historischen liegt ja stets die
anthropologische Dimension.
Caesars Größe nämlich, »soferne man das pathetische Wort
überhaupt ins Spiel zu bringen wagt«, liegt »weder in der
Schlackenlosigkeit eines leuchtenden Genius noch in der
Lizenz eines freigesetzten Immoralismus ..., sondern gerade
in seiner auf extreme Weise problematischen Menschlichkeit
samt möglichem Glanz und unentrinnbarem Elend, Unheil
und Schuldigwerden und vor allem... in seiner historischen
Christian Meier – Caesar 36

Effizienz«, in der er so vieles bewirkt, aber auch zerstört hat.


Otto Seel, dessen Caesar-Studien dieses Zitat entnommen
ist, spricht von einem »Wechselspiel von zwingender Faszina-
tion und verstörter Betroffenheit, die von diesem Menschen
ausgegangen sein muß als Charisma und Dämonie und dem
sich außer wenigen... kaum jemand entziehen konnte, vom ein-
fachen Legionär bis in die Oberschicht der Nobilität«. Aber ist
nicht beides in der Faszination enthalten, daß sie einen aus
Entzücken und Grauen gemischten, zugleich anziehenden und
abstoßenden, nur jedenfalls bezaubernden Eindruck hervor-
ruft?
»Nicht jede Zeit findet«, wie Burckhardt bemerkt, »ihren
großen Mann, und nicht jede große Fähigkeit findet ihre
Zeit. Vielleicht sind jetzt sehr große Männer vorhanden für
Dinge, die nicht vorhanden sind.« Wenn er weiter schreibt,
daß große Männer – jedenfalls vor unserer Zeit, welche eine
»zermürbende Kraft« hat – in Krisen gehören, so fragt es sich,
was für eine Krise das war, in der Caesar heranwuchs, in der
es keine Sache gab, der Außenseiter sich hätten verknüpfen
können, in der die Gesellschaft nicht in politische Gegensätze
zerfiel, sondern nur – oder sogar – neben der alten eine neue
Wirklichkeit entstehen ließ.
Christian Meier – Caesar 37

Krise und Außenseiter


Eine widerwillige Krise • Die Probleme
der späten Republik • Roms gewachsene
Verfassung • Überforderung der Ordnung
• Populäre Methode • Wenige Außenseiter
• Tödlichkeit des aktiven Außenseitertums
vor Caesar

Die Krise der späten Republik war in vieler Hinsicht höchst


eigenartig. In ihr verbanden sich schwere, zum Teil blutige
Störungen mit großer Stabilität der Ordnung. Es verband sich
auch ein vielfaches Versagen der Ordnung mit der allgemei-
nen Überzeugung, daß sie die einzig richtige sei. Im Wissen,
im Empfinden der verpflichtenden Kraft des Überkommenen
war man einmütig. Dadurch war nicht unbedingt das Han-
deln, aber doch das Denken bestimmt. Und über das normale
Mißverhältnis zwischen dem, was man tut, und dem, was man
tun sollte, hinaus lag in all dem nicht einmal ein Widerspruch.
Denn das Versagen der Ordnung nahm keiner als solches wahr.
Man gewahrte vielmehr nur die Angriffe auf das Bestehende,
als die die Reformversuche im Senat gern verstanden wurden,
und vielleicht noch das eigene Zurückbleiben hinter dem, was
zu tun sei. Eins wie das andere deutete man moralisch. So
wurde man am Überkommenen nicht irre.
Alle wollten es erhalten, die Reformer so gut wie die,
die sie bekämpften, und obwohl, ja sogar indem sie das woll-
ten, zerstörten sie allmählich seine Grundlagen. Freilich, das
Überkommene erhalten – das scheint uns höchst bemerkens-
wert, weil wir aus der Neuzeit gewohnt sind, daß Intellektu-
elle und unter Umständen Politiker sowie Teile der Gesell-
schaft etwas ganz Anderes, Neues anstreben. Daran gemessen
waren jene Reformer konservativ, erscheint, was sie wollten,
als gering. In Rom dagegen war der Gedanke an eine andere
Ordnung nicht denkbar. Da konnten denn Differenzen, die
uns klein anmuten, riesig erscheinen. Die Form der Republik
Christian Meier – Caesar 38

war in ihren Grundzügen nie in Frage gestellt. Aber nicht


zuletzt deswegen fühlten sich die führenden Senatoren so sehr
mit der Republik identisch, daß sie Pläne, die ihre Macht
einschränkten, als Angriffe auf die Republik empfanden. So
verteidigten sie diese, ohne daß sie angegriffen worden wäre.
Und das hat sie dann doch stark gefährdet.
Es gibt Krisen, die dadurch entstehen, daß sich eine neue
Kraft bildet, die zum Sturm auf das Bestehende ansetzt. Und es
gibt auch Krisen, die entstehen dadurch oder bestehen darin,
daß man sie dafür hält. Wobei es sich nicht nur um Krisen-
psychologie handelt. Vielmehr brauchen nur die Ansprüche
an das System so groß zu sein, daß dieses sich ihnen bei nor-
maler Handhabung durch Menschen, beim normalen Wech-
selgang des Systemgeschicks versagen muß; und schon sind
viele versucht, mit einem Systemversagen zu rechnen. Solche
Ansprüche können sich derart stabilisieren, daß sie in der Tat
zu krisentreibenden Faktoren werden. Sie richten sich dann
auf ein Anderes, Besseres; und Enttäuschungen müssen folg-
lich am System, nicht an den Ansprüchen irre werden lassen.
Roms Krise aber war gerade dadurch gekennzeichnet, daß
sich die Ansprüche höchstens darauf richteten, nicht hinter
den Geboten der rechten Praktizierung des Überkommenen
zurückzubleiben. Und so groß die Zahl der Notleidenden war,
so zahlreich die Versuche, diesem oder jenem Mißstand durch
Gesetzgebung abzuhelfen, niemals bildete sich über einzelne
Situationen hinaus eine geschlossene Opposition, eine Reform-
partei, ein umfassendes Programm, in dem die Unzufrieden-
heiten vieler zusammengeschossen wären zu einer gemeinsa-
men Politik. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme
ließen sich gelegentlich, aber nicht auf Dauer in die Politik
einbringen. Die römische Gesellschaft spaltete sich über ihren
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen nicht. So
konnte es dann in der Politik nur um begrenzte, kleinere
oder größere Einzelfragen gehen. Das Ganze war weiterhin so
umfassend, daß alle darin befangen blieben. Deswegen konn-
ten, ja mußten diejenigen, die sich der Einzelprobleme in
größerem Stil annahmen, Außenseiter sein. Zunächst waren es
Christian Meier – Caesar 39

die großen Volkstribunen, die gestützt auf die Volksversamm-


lung gegen den Senat Reformen durchzusetzen versuchten; an
erster Stelle die Gracchen, Tiberius (133) und Gaius (123/2). Sie
konnten zeitweilig große Anhängerschaften mobilisieren. Aber
daraus ergaben sich keine neuen Parteiungen und Gegensätze
über die Situation hinaus.
Eben daher waren die politischen Positionen bestimmt,
welche damals neuerdings möglich wurden. So kam es aber
auch, daß nur sehr wenige zu Außenseitern werden konnten,
starke, phantasievolle, meist erst durch bittere Erfahrungen
ihrem Stand entfremdete Männer, die sich Einiges schuldig, die
bereit waren, aus ihren Einsichten Konsequenzen zu ziehen.
Daneben gab es noch eine Reihe von anderen, welche eine
Weile mit der Außenseiterrolle spielten, daran sich ein wenig
erwärmten, aber nicht festmachen konnten. Es gab da keine
Sache, mit der man sich hätte identifizieren können. Man
mußte vielmehr schon persönlich eine ganz außerordentliche
Eigenständigkeit entwickeln, wenn man Forderungen gegen
das Hergebrachte betreiben wollte. Sache in diesem Sinne war,
was einer sich dazu erkor. Die Anlässe lagen bereit, es gab auch
Parolen. Aber eine vorgegebene, in den Meinungen eines wei-
teren Kreises objektivierte Sache gegen den Senat, an der man
hätte Kraft und Orientierung gewinnen können, gab es nicht.
Und der Senat konnte so viel Macht und Entschiedenheit auf-
bieten, daß Außenseitertum meist extrem und tödlich war –
jedenfalls, bevor Caesar in die Politik eintrat.

Dieser Befund ist einigermaßen erstaunlich. Denn es gab vieles


in Roms Ordnung, was anscheinend nicht mehr stimmte. Nicht
nur, daß mit den Institutionen und Denkweisen, die die Römer
für die begrenzten kantonalen Verhältnisse ihrer Frühzeit
entwickelt hatten, inzwischen fast die ganze Mittelmeerwelt
regiert wurde. Auch die Bürgerschaft war stark angewachsen,
viele Städte über ganz Italien hin – seit den achtziger Jahren
alle südlich der Poebene – besaßen das römische Recht;
trotzdem fanden sämtliche Volksversammlungen weiterhin
ausschließlich in Rom statt. Es hatte sich eine nach Zehntau-
Christian Meier – Caesar 40

senden zählende wohlhabende Schicht gebildet; gleichwohl


blieb die Politik in der Hand einer kleinen Aristokratie. Bis in
die achtziger Jahre hinein waren es dreihundert Senatoren.
Die Struktur der römischen Bürgerschaft veränderte sich. Es
ergaben sich wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische
Probleme, die der Stadt mit der Zeit schwer zu schaffen mach-
ten.
Den Kern der römischen Bürgerschaft hatten die Bauern
gebildet. Sie hatten Roms Kriege gerührt; Militärdienst durfte
nur leisten, wer Grundbesitz hatte – respektive einer Familie
mit Grundbesitz entstammte; und ein bestimmtes Mindestein-
kommen war Voraussetzung. Durch die Einfuhr billigen Getrei-
des aus dem Herrschaftsbereich und die teilweise Umstellung
der italienischen Landwirtschaft auf andere Produktionswei-
sen waren aber die wirtschaftlichen Bedingungen für die
Bauern ungünstiger geworden. Als die Kriege in immer ferne-
ren Gegenden zu führen waren und vor allem länger andau-
erten, gerieten viele Familien in große Schwierigkeiten; die
Frauen und Kinder wurden mit der Wirtschaft nicht fertig.
Zahlreiche Höfe mußten verpfändet werden, gingen verloren.
Gerade in den Jahren vor 133 war ein sehr langer und noch
dazu verlustreicher Krieg in Spanien zu führen gewesen. Der
Volkstribun Tiberius Gracchus erklärte dann: »Die wilden
Tiere, welche in Italien hausen, haben ihre Höhle. Jedes weiß,
wo es sich verkriechen kann. Die Männer aber, die für Italien
kämpfen und sterben, die haben nichts außer Luft und Licht.
Heimatlos, gehetzt irren sie mit Weib und Kind durch das
Land.« Unabhängig davon stellte sich bei schwindendem Bau-
ernstand das Problem, wo Rom künftig seine Soldaten herneh-
men sollte. Es hatte bereits einige Rekrutierungsschwierigkei-
ten gegeben.
Dann schuf der Consul Gaius Marius, indem er 107 bei den
Aushebungen jeden, der sich meldete, nahm, ein neues Pro-
blem: denn er weckte in den besitzlosen Soldaten, die übrigens
zumeist vom Lande kamen, die Erwartung, daß sie nach dem
Ende ihres – zeitlich meist kurz bemessenen – Dienstes Äcker
zugeteilt bekämen. Er dachte primär an Land in den neu
Christian Meier – Caesar 41

5 Bildnisstatue eines römischen Feldherrn.


Rom, Thermenmuseum, um 70.

gewonnenen Provinzen. Dies aber stieß im Senat auf den hef-


tigsten Widerstand. Denn bei der hergebrachten aristokrati-
schen Denkweise mußten solche Veteranen dem, der sie mit
Christian Meier – Caesar 42

Land versorgte, sehr verpflichtet sein. Er gewann dadurch eine


so große Macht, daß man befürchtete, er werde sich der oligar-
chischen Gleichheit nicht mehr einfügen. Deswegen bekämpfte
der Senat solche Ackergesetze, gleichgültig wo die Ansied-
lung stattfinden sollte. Das wiederum ließ die Soldaten auf
ihren Feldherrn angewiesen sein. Mehrfach erwuchsen daraus
schwere innenpolitische Streitfragen und Auseinandersetzun-
gen. Vor allem aber entstand, indem die Soldaten sich nun dem
Feldherrn enger verbunden fühlen konnten als dem Senat,
eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit für Bürgerkriege.
Gewiß mußte viel zusammenkommen, damit sie auch genutzt
werden konnte. Aber nicht erst 49 war das geschehen, sondern
schon in den achtziger Jahren. Die mangelhafte Integration
der römischen Armeen in die Republik stellte jedenfalls das
virulenteste Problem der Epoche dar.
Zudem wuchs in Rom während des zweiten Jahrhunderts
eine nach Hunderttausenden zählende städtische Menge heran.
Es gab zahlreiche Zuwanderer vom Lande, aus dem gesamten
Mittelmeerraum, vor allem aber wurden alle Sklaven, die ein
Römer freiließ, automatisch römische Bürger. Sehr viele Hand-
werker, Schreiber, Händler, Geldwechsler – oft die geschick-
testen – waren Sklaven, wurden als solche nach Rom geholt
und, wenn sie Erfolg hatten, nach einiger Zeit gern freigelas-
sen. Zahlreiche dienstbare Geister kamen hinzu, denen ihre
Herren etwa durch testamentarische Verfügung die Freiheit
schenkten. Das Los der Sklaven war in der antiken Welt ja
höchst unterschiedlich.
Für die große städtische Menge aber gab es kaum genügend
Beschäftigung, Wohnungen waren knapp, teuer und schlecht;
es gab viel Elend, öfter auch Versorgungsschwierigkeiten. Gaius
Gracchus suchte im Jahr 123 ihre Lage zu erleichtern, indem er
ein Getreidegesetz durchbrachte, das ihnen verbilligte Ratio-
nen garantierte. Übrigens ließ er zugleich große Silos anlegen,
in denen viel Getreide eingelagert werden konnte, damit auch
bei Teuerung eine ausreichende Menge zur Verfügung stehe.
Das Gesetz soll den Zustrom nach Rom und den Anreiz zur
Freilassung noch vergrößert haben. So bildete sich hier ein
Christian Meier – Caesar 43

Unruheherd, von dem dann in der späten Republik schwere


Störungen des politischen Lebens ausgehen konnten.
Sehr viel wohlhabender, einflußreicher und problematischer
war die breite Schicht der Ritter. Ihren Namen verdankten sie
der Tatsache, daß sie den Ritter-Census erfüllten, also fähig
waren, mit eigenem Pferd zu Felde zu ziehen. Die Angehörigen
dieser Schicht besaßen durchweg großen Grundbesitz. Zu
ihnen gehörten die Adligen der italischen Städte. Ein Teil des
senatorischen Nachwuchses rekrutierte sich aus ihnen; denn
in jeder Generation schlugen einige Ritter die politische Lauf-
bahn ein. Viele von ihnen befaßten sich mit Geschäften, als
Großkaufleute, Bankiers oder Publicanen, Pächter öffentlicher
Einkünfte und Aufträge.
Die Publicanen bildeten eine bedeutende politische Kraft.
Denn die römische Republik betrieb den größten Teil ihrer wirt-
schaftlichen und finanziellen Aufgaben nicht durch Beamte,
sondern eben mit Hilfe von Pächtern – ob es nun um die
Ausführung öffentlicher Aufträge, die Ausbeutung von Berg-
werken, die Erhebung von Zöllen und vor allem um die Ein-
ziehung der Steuern in den Provinzen ging. Diese Geschäfte
waren außerordentlich einträglich, entsprechend groß war
der Reichtum dieser innerhalb des Ritterstands führenden
Gruppe. Während alle anderen Ritter nur als Einzelne – wenn
sie betroffen waren – oder als Teile der gesamten Öffentlichkeit
in Politik verwickelt werden konnten, hatten die Publicanen
gelegentlich gemeinsame Interessen; sie waren auch orga-
nisiert. Senat und Magistrate werden sie nach Möglichkeit
berücksichtigt haben. Doch lange Zeit sind sie den Publica-
nen in einer selbstverständlichen Überlegenheit begegnet, und
erst als Gaius Gracchus sie im Jahr 123 gegen den Senat stark
aufwertete, begann sich daran etwas zu ändern. Zwar haben
sie dem Senat auch dann niemals die Führung der Republik
bestritten. Aber sie versuchten doch verschiedentlich, Einfluß
darauf zu nehmen und scheuten sich nicht, es darüber zum
Konflikt kommen zu lassen. Da sie, wenn sie politisch geschlos-
sen handelten, die mächtigste Gegenkraft gegen den Senat
darstellten, haben römische Volkstribunen mehrfach versucht,
Christian Meier – Caesar 44

sich mit ihnen zu verbinden. So haben sie bei manchen Gele-


genheiten zur Durchkreuzung und, aufs Ganze gesehen, zur
Schwächung der senatorischen Führung beigetragen. Nur in
scheinbarem Widerspruch dazu steht die Tatsache, daß sie den
Senat in schwierigen Situationen zu stützen pflegten: dann
befanden sie sich zumeist in einer Interessengemeinschaft mit
ihm. Und in der Regel handelten sie ihm dabei Konzessionen
ab. Sie waren zwar für die Bewahrung der politischen Ord-
nung, aber sie waren im allgemeinen nicht dafür, daß sie ener-
gisch gehandhabt wurde. Gerade deren Schwäche machte sie
ihnen beliebt.
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme der
späten Republik – also der Zeit seit 133, seit dem Volkstribunat
des Tiberius Gracchus – ließen sich zwar fast alle im Rahmen
der bisherigen Ordnung erledigen; jedenfalls solange es nicht
zum Bürgerkrieg kam. Aber auf vielfältige Weise wirkten sie
doch darauf hin, daß diese Ordnung zerschlissen wurde. Die
grundlegende aristokratische Solidarität, auf der sie beruhte,
lockerte sich. Es entspannen sich heftige Auseinandersetzun-
gen, in deren Verlauf wichtige Institutionen an verpflichten-
der Kraft einbüßten. In Reaktion darauf zerbrach die wohl
einzigartige Kombination von Vielfalt und Geschlossenheit,
Elastizität und Härte, von Bewegungsfreiheit und Solidität der
Ordnung, die die klassische Republik gekennzeichnet hatte.
Die Praxis des Regierens, aber auch des öffentlichen Urteilens
versteifte sich. Eben daraus erwuchsen dann wieder Folgepro-
bleme, etwa in der Außenpolitik, welche ihrerseits die Bela-
stung der Aristokratie und der Republik im ganzen stark
vergrößerten.
Die Krise der republikanischen Ordnung nährte sich aus
vielen Wurzeln. Aber ihre Dynamik erhielt sie im politischen
Bereich. Dadurch war sie in ihrem Zentrum eine Krise eben
der Ordnung selbst und der Aristokratie, die sie trug.
Rom hatte keine gestiftete, sondern eine »gewachsene« Ver-
fassung. Das hieß vor allem: Es war dort niemals ein Bruch
zwischen gesellschaftlicher und politischer Verfassung erfolgt.
Nie hatten sich etwa die mittleren und unteren Schichten
Christian Meier – Caesar 45

derart aus dem Gesamtzusammenhang entfernt, daß sie eine


rein politische Ordnung hätten konzipieren und gegen die
gesellschaftliche aufbauen können. Immer sind ja die breiten
Schichten potentiell mächtiger als die Aristokratie. Aber nur,
wo es ihnen gelingt, diese Macht in politische Institutionen
einzufassen, kann sie über Augenblicke der Empörung hinaus
geltend gemacht werden. Es muß dann also im Politischen
etwas organisiert werden, was gegen die gesellschaftlichen
Verhältnisse gesetzt werden kann, wie es bei den Griechen
geschah, als sie in einer aristokratischen Gesellschaft die
Demokratie schufen. Eben dies aber war in Rom nicht erfolgt.
Nie hatte aber auch eine Monarchie eine besondere staatliche
Ordnung gegen die gesellschaftliche aufgebaut wie in der Neu-
zeit, als der Staat gleichsam die Gesellschaft transzendierte.
Die politische Ordnung war in Rom vielmehr aus der gesell-
schaftlichen heraus entwickelt worden und dieser trotz ver-
schiedener Veränderungen im Kern immer kongruent geblie-
ben. Die römische Republik war in ihrer inneren Struktur
nur die Summe der Organe, Konventionen, Präzedenzfälle
und Gesetze, durch die man die Gesellschaft politisch in Form
gebracht, handlungsfähig gemacht und praktiziert hatte, und
sie war dann durch weitere Präzedenzfalle und Gesetze, durch
die Entwicklung neuer Prinzipien und auf Grund einer gewis-
sen Verschiebung der Machtverhältnisse und Veränderung der
politischen Moral zum Teil modifiziert worden. Da war vieles
offengelassen und das Ganze zugleich von großer Geschlossen-
heit.
Denn die gesamten Verhältnisse waren sehr stabil. Es
herrschte weitgehende Einigkeit darüber, was recht war und
was nicht. Und so einig man war, so kräftig war das allgemeine
Urteil, das daraus entstand. Ohne daß viel verboten gewesen
wäre, wurde das Gemeinwesen in seiner Bahn gehalten. Als
Richtschnur galt im allgemeinen das Herkommen, der Brauch
der Väter (mos maiorum); aber der war nicht starr. Weil
man sich der überkommenen Ordnung gewiß war, weil man
sich zutraute, notfalls mit allen Störungen fertig zu werden,
brauchte man etwa keine strikten Eingrenzungen von Kompe-
Christian Meier – Caesar 46

tenzen vorzunehmen. Auf diese Weise konnte sehr vieles sich


vertragen, was sich abstrakt genommen widersprochen hätte.
Das betrifft vor allem die Institutionen, die Rom aus den
Ständekämpfen bewahrt hatte. Damals hatte sich die Plebs,
also die große Gruppe derer, die den Patriciern gegenüber
in den politischen und Freiheitsrechten sowie wirtschaftlich
benachteiligt waren, einige Kampfinstrumente geschaffen. Das
waren die Volkstribunen, die die plebeischen Interessen ständig
vertreten sollten, und die plebeischen Versammlungen, die
durch Resolutionen ihrem Willen Nachdruck verliehen. Die
Tribunen ertrotzten sich allmählich eine Reihe von Rechten,
zumal das des Vetos. Endlich konzedierten die Patricier im
Jahr 287, daß die Resolutionen der Plebs Gesetzeskraft erhiel-
ten. Weder das Gesetzgebungs- noch das Veto-Recht war
eingeschränkt. Der Gedanke, daß sie im größeren Stil hätten
mißbraucht werden können, lag offenbar fern. Und wenn er
zu denken gewesen wäre, hätte man die Lösung jedenfalls
nur darin suchen können, daß man sich dagegen gemeinsam
zur Wehr setzen müsse. Denn man lebte in außerordentlicher
Gegenwärtigkeit.
Die Politik vollzog sich weitgehend in der Öffentlichkeit,
zwar zwischen Adligen, aber zugleich unter den Augen all
derer, die auf dem Forum anwesend waren oder herbeigeholt
werden konnten. Dadurch war sie vielerlei Kontrollen ausge-
setzt, der Spielraum für geheime Intrigen verringert. Sehr viele
verfolgten sie jeweils mit Interesse, waren involviert, hatten
Zeit dafür. Der räumlichen Gegenwärtigkeit korrespondierte
die zeitliche: Die Römer waren mit den Köpfen kaum auf Ver-
gangenheit und Zukunft abgelenkt, spezialisiert, zerstreut, son-
dern allesamt präsent in dem breiten Streifen einer als gleich-
bleibend verstandenen Gegenwart. Man kannte nicht viele
Unterschiede in der zeitlichen Dimension. In der alten Zeit
war vieles besser, in der Zukunft war vieles in Gefahr, schlech-
ter zu werden. Das meinte man zu wissen. Trotzdem oder
eher: deswegen waren die Richtschnuren immer die gleichen.
Man war nicht in der Zeit relativiert, konnte nicht die Alten
als überlebt und die Jungen als modern ansehen. Die Jungen
Christian Meier – Caesar 47

6 Die geheime Abstimmung zählte zu den


wichtigsten Freiheitsrechten der Römer. Der
Nachfahre eines der Gesetzgeber, die sie
einführten, zitiert diese Tat stolz auf einer
Münze. Auf der Vorderseite Roma, hinter ihr
die Abstimmungsurne. Auf der Rückseite:
in einem Viergespann vorwärtsstürmende
Libertas; die Personifizierung der Freiheit
ist am Pileus (vgl. unten zu Abbildung 23)
kenntlich, den sie in der ausgestreckten
Rechten schwingt. Münze des Gaius Cas-
sius Longinus, um 126.

waren höchstens leichtfertig, die Alten jedenfalls maßgebend


und mächtig. Man kam nicht aus einem Anderen, ging nicht
in ein Anderes. Es gab kein Noch und kein Schon in Hinsicht
auf die Ordnung, sondern nur deren immer gleiche Gegen-
wart, die es weiterhin zu bewahren, vielleicht zu befestigen
galt. Das aber hing bedingt-bedingend mit der psychologischen
Gegenwärtigkeit der Gesellschaft in den Sinnen ihrer Teil-
haber zusammen. Man war in den Anschauungen über die
gemeinsame Ordnung so wenig differenziert wie in der zeitli-
chen Orientierung. Und so einmütig die Anschauungen waren,
so sehr bestimmten sie innerlich und äußerlich die Handeln-
Christian Meier – Caesar 48

den. So lebte man in engster Tuchfühlung miteinander. Das


führte dazu, daß bei jeder Institution der Sinn, in dem sie
gemeint war, mitgedacht oder gefühlt wurde. Je weniger ihre
Grenzen formuliert waren, um so deutlicher waren sie im
Bewußtsein der einzelnen Bürger gezogen, jedenfalls während
der klassischen Zeit. Hätte ein Grieche damals einen Römer
gefragt, worüber die Volksversammlung beschließen dürfte,
wäre ihm vermutlich arglos geantwortet worden: über alles.
Hätte er dann verwundert nachgefragt, ob sie also auch Magi-
strate absetzen dürfe, hätte der Römer vermutlich ebenso ver-
wundert erwidert: natürlich nicht. Er hätte kaum verstanden,
wie der Grieche auf solche Fragen kam. Und wo einer nicht von
selbst wußte, was sich gehörte und was nicht, tat sich die Mehr-
heit regelmäßig gegen ihn zusammen, und ihr Erfolg bildete
dann ein neues Präzedens. So kam es dazu, daß sich für das
Gesetzgebungs- und das Veto-Recht der Volkstribunen nach
und nach bestimmte Spielräume herausbildeten, deren Gren-
zen elastisch waren, aber letztlich stets hielten.
Auf Grund der konkreten Geschlossenheit der römischen
Aristokratie kann der Gedanke an abstrakte Regelungen,
der Gedanke, sich in entscheidenden Fragen auf gesetztes
Recht zu verlassen, kaum nahegelegen haben. Denn weder
überschnitten sich die Ansprüche in Hinsicht auf die Ordnung,
noch lebte man in einer spezialisierten Gesellschaft, deren
Zusammenhang relativ so wenig greifbar gewesen wäre, daß er
abstrakte Regelungen erforderlich gemacht hätte. Folglich war
die Stiftung einer Verfassung unmöglich. Man nahm die Dinge
konkret, von der Bürgerschaft her, die rechtlich geordnet war,
nicht von einem Recht, das man über die Bürgerschaft hätte
setzen können.
Bei all dem spielte, bewußt oder unbewußt, eine große Rolle,
daß alle Macht und Autorität in Rom in erstaunlicher Weise
an einer Stelle konzentriert war: im Senat und bei dessen
Häuptern, den Principes. Der Senat war die oberste Instanz.
In ihm ballte sich das allgemeine Urteil zusammen, ließ es
sich wirksam formulieren und vertreten. Der Senat hatte
die Verantwortung für das Gemeinwesen. Vor ihm wurde die
Christian Meier – Caesar 49

Außenpolitik ausgetragen, er empfing die Gesandtschaften,


beschloß über Bündnisse, über Krieg und Frieden – wenn auch
formell die Volksversammlung darüber zu befinden hatte. Er
veranlaßte die Aushebungen, stattete Feldherrn und Provin-
zialstatthalter aus, gab die Richtlinien für die Kriegführung.
Er entschied über Streitigkeiten zwischen Städten, über alle
wichtigen und unzählige unwichtige Angelegenheiten der Poli-
tik und Verwaltung.
Die Magistrate handelten weitgehend im Auftrag des Senats,
obwohl sie immer wieder versucht waren, ihren Spielraum
auszuweiten. Mindestens die Obermagistrate, die beiden Con-
suln und Praetoren – in der späten Republik zunächst sechs,
später acht – waren zwar grundsätzlich frei, aus eigener Ver-
antwortung zu handeln. Aber in der Praxis kam es regelmäßig
dazu, daß sie mit dem Senat zusammen ihre Politik festlegten;
notfalls im Wege eines Kompromisses.
Freilich konnte der Senat nicht immer einig sein. Da die
größeren Streitigkeiten – welche die überkommenen Regeln in
Mitleidenschaft ziehen mochten – zumeist um außerordentliche
Ansprüche einzelner Adliger oder ganzer Adelsgeschlechter
entbrannten, waren jeweils zahlreiche Senatoren durch Ver-
wandtschaft oder Freundschaft in die einzelnen Affären ver-
wickelt. Außerdem konnte es durchaus sein, daß jene Adligen
das Volk als Wahlversammlung oder Gesetzgebungsorgan auf
ihre Seite brachten – unter Umständen auch bestimmte Inter-
essen von breiteren Kreisen vertraten. Dann war es schwierig,
ihnen zu widerstehen. Schließlich konnte die Volksversamm-
lung beschließen, was immer ein Magistrat beantragte. Und
die Magistrate mochten ihren Freiraum großzügig ausnützen,
um ihren Freunden und Verwandten zu helfen.
Solchen Konflikten gegenüber hat sich in Rom eine äußerst
praktische Politik durchgesetzt. In der Regel ließ der Senat
die verschiedenen Initiativen sich zunächst entfalten. Dabei
stießen sie freilich auf manche Gegnerschaft, unter Umständen
auch auf das Veto von Volkstribunen. Notfalls scheinen die
Senatshäupter auch Tribunen veranlaßt zu haben, mit ihrem
Veto mindestens zu drohen. Denn seit dem 3. Jahrhundert fun-
Christian Meier – Caesar 50

gierten die Volkstribunen nur mehr in Einzelfällen als Ver-


fechter plebeischer Interessen gegen Senat und Magistrate. Im
ganzen handelten sie im Rahmen der Parteiungen innerhalb
des Adels.
Im Endeffekt kam es jedenfalls in den schwierigen Fällen
dazu, daß die Gegner sich einigten, die Angelegenheit dem
Senat zu übergeben. Der konnte dann die Machtverhältnisse
aus dem Austrag der Gegensätze schon ungefähr abschätzen.
Und er ließ es nach altem Brauch nicht aufs Äußerste ankom-
men. Das hätte dem starken Wirklichkeitssinn, der geistigen
Verhaftung an das Konkrete, an das Mögliche widersprochen.
Waren diejenigen, von denen die Initiative ausging, stark, so
neigte die Senatsmehrheit also in der Sache zu Konzessionen
oder Kompromissen. Sie erreichte damit, daß die Entschei-
dung beim Senat blieb und daß nicht im Laufe des Streits
Präzedenzfälle zu Gunsten einer Stärkung der Magistrate oder
der Volksversammlung geschaffen wurden. Mitunter strebte
man mit dem sachlichen Ausgleich auch eine Einigung darüber
an, daß künftig ähnliche Ansprüche nicht mehr erhoben
werden sollten. Insoweit war sich die Mehrheit allemal einig.
Elastizität in der Sache und die schließlich erreichte Geschlos-
senheit einer »Verfassungspolitik« sorgten zusammen dafür,
daß die Senatsautorität nicht überstrapaziert und daß sie stets
bewahrt und überliefert wurde.
Man mag in diesem Zusammenhang von »Staatsklugheit«
oder von »Herrschaftsinstinkt« des Standes sprechen. Jeden-
falls fassen wir hier, was die Bewahrung der Ordnung anlangt,
ein erstaunliches Einigungsvermögen. Offenbar waren ange-
sichts von Konflikten und Regelwidrigkeiten durch eine Reihe
glücklicher Entscheidungen klare Regeln eingeschliffen und
kräftige Positionen geschaffen worden, die es ermöglichten,
die Mehrheit immer neu solidarisch ins Spiel zu bringen. Ins-
besondere hatte es sich so herausgebildet, daß die führenden
Senatoren, die ehemaligen Consuln – der lateinische Fachaus-
druck war: Consulare –, eine besondere Zuständigkeit für das
Interesse des Ganzen erhielten – des Gemeinwesens wie des
Adels. Nicht zuletzt darauf beruhte ihre Autorität. Und minde-
Christian Meier – Caesar 51

stens eine Mehrheit unter ihnen hat sich dieser Aufgabe wohl
regelmäßig angenommen. So konnte man einerseits vieles dem
freien Spiel der Kräfte, Einzelner wie der Familien überlassen
und war andererseits doch sicher, daß dies in engen Grenzen
blieb. Das Gros der maßgebenden Politiker handelte in wichti-
gen Fragen nicht parteilich.
Dahinter stand dann aber die außerordentliche Macht des
Senats, die zugleich die Überlegenheit Roms über wachsende
Gebiete war, zuletzt über die ganze Welt. Die Welt fügte sich
dem Spruch und also auch dem Urteil der Väter, der patres,
wie sie genannt wurden. Deren Urteil war nicht unbedingt
mächtig, weil es richtig, aber es war jedenfalls richtig, weil
es mächtig war. Dabei sprach mit, daß Roms Oligarchie nicht
den Anspruch erhob, daß alles nach Plan, sondern nur den,
daß es einigermaßen reibungslos abliefe. So war ihr Regime
enttäuschungsfest und sicher. Entsprechend blieb der Senat
Herr des Geschehens in der Stadt. Magistrate und Volksver-
sammlungen konnten sich dem um so eher fügen, als auf ihre
– gelegentlichen – Ansprüche und Beschwerden Rücksicht
genommen wurde. Übrigens trat das Volk gegen den Adel
politisch seit den Ständekämpfen nur ausnahmsweise in
Erscheinung. Die römischen Bürger waren durch mannigfa-
che Bindungen an Adlige und Geschlechter attachiert, und die
bestimmten in der Regel ihr Handeln. Es ging um Einzelhei-
ten, man gruppierte sich, wie man gebunden war. Das freilich
konnte nur solange gut gehen, wie die Streitpunkte begrenzt
blieben.

Wohl hat man die römische Republik immer wieder bewundert:


die Weisheit des Senats und ihre innere Ordnung haben den
Römern den Ruf eines politisch besonders begabten Volkes ein-
gebracht. Aber jede Verfassung hat eine bestimmte Kapazität;
keine ist auf Gegensätze jeder Art und Heftigkeit eingestellt. Die
römische lebte davon, daß die Eroberungen lange Zeit Gele-
genheit gaben, zahlreiche Interessen – etwa das der Bauern an
Land – zu befriedigen und so von der Politik abzulenken. Was
an Konflikten übrigblieb, war unter Umständen heftig, doch
Christian Meier – Caesar 52

jedenfalls partikular. Als dann aber die großen Probleme der


späten Republik aufkamen, war dieses System überfordert.
Es hatte nur arbeiten können bei begrenzten Gegensätzen.
Das wurde erstmals im Jahre 133 deutlich. Die Not der ver-
armten und enteigneten Bauernsoldaten hatte Tiberius Grac-
chus damals veranlaßt, ein Ackergesetz zu beantragen. Im Volk
entstand eine mächtige Bewegung zu dessen Gunsten. Die
Senatsmehrheit antwortete mit unversöhnlichem Widerstand.
Ein anderer Volkstribun legte sein Veto ein. Das widersprach
offenkundig dem Sinn seines Amtes und des Veto-Rechts. Man
mochte gegen vieles intercedieren, aber niemals war das gegen
ein mächtiges Interesse der Plebs geschehen. Und Ackerge-
setze gehörten traditionell zu den wichtigsten Gegenständen
tribunicischer Gesetzgebung. Jener Volkstribun nahm sein
Veto-Recht also absolut und verließ damit die Grundlagen
der bisherigen Ordnung. Darauf ging Tiberius Gracchus noch
einen Schritt weiter: Er beantragte, ihn abzusetzen. Damit war
nicht nur das Veto-Recht, sondern auch der wichtige Grund-
satz der Unabsetzbarkeit von Magistraten durchbrochen. Als
Gracchus nach weiteren Regelwidrigkeiten sich gegen die Dro-
hungen seiner Gegner nur mehr dadurch retten zu können
meinte, daß er sich um ein zweites Volkstribunat bewarb,
sah die Senatsmehrheit die Ordnung der Republik in Gefahr.
Der Volkstribun wurde in einem Akt der Lynchjustiz erschla-
gen. Daß sich ein amtierender Magistrat unmittelbar um ein
neues Amt bewarb, war verpönt. Nach Ablauf seines Amts-
jahrs mußte es möglich sein, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
Andererseits besaßen die Volkstribunen seit ältester Zeit die
sacrosanctitas, die Unverletzlichkeit: Die Plebs hatte sich ver-
schworen, daß jeder, der einem von ihnen etwas antäte, dem
Tod verfallen sein sollte. Dagegen hatten die Senatoren jetzt
verstoßen. Sobald die Solidarität des Adels nicht mehr aus-
reichte, um alle Gegensätze zu überbrücken – oder sobald
diese zu stark waren, um noch innerhalb jener Solidarität
aufgefangen werden zu können –, waren die überkommenen
Institutionen für jeden Mißbrauch offen; man begann, sie zu
verschleißen.
Christian Meier – Caesar 53

Zehn Jahre nach Tiberius Gracchus ließ sich dann sein


Bruder Gaius zum Volkstribunen wählen. Er hatte ein großes
Reformprogramm, das umfassendste, das in der römischen
Republik je entworfen worden war. Neben der Fortsetzung der
Ackergesetzgebung, neben dem ersten Getreidegesetz und ver-
schiedenen Maßnahmen zur Befestigung der Freiheitsrechte
und zur Versachlichung der senatorischen Politik versuchte er,
die Ritter als Stand aufzuwerten und stärker an der Politik
zu beteiligen. Er gab ein Gesetz, wonach künftig sie – und
nicht mehr die Senatoren – die Geschworenengerichte zu
besetzen hätten, die in den sogenannten Repetundenprozes-
sen zu entscheiden hatten. Dort ging es um die Rückerstattung
unrechtmäßig angeeigneten Guts aus den Provinzen. Grac-
chus wollte damit der zum Teil skandalösen Ausbeutung der
dortigen Städte durch die senatorischen Statthalter einen
Riegel vorschieben. Aber die Wirkung seines Gesetzes ging
weit darüber hinaus: Der zweite Stand sollte eine Kontrolle
über den ersten üben. In gewissem Sinn rückte er damit in eine
Funktion ein, die früher die Volksgerichtsbarkeit gehabt hatte,
die sie aber längst nicht mehr ausüben konnte. Der unbestrit-
tenen Führung und Verantwortung des Senats wurde damit
ein Ende gesetzt, der Ritterstand politisiert, zu vielen Ausein-
andersetzungen Stoff geschaffen.
Gegen Gaius Gracchus hat keiner ein Veto eingelegt: Er
hatte sehr starke Kräfte auf seiner Seite; zudem war man wohl
vorsichtiger geworden. Es wurde auch nicht verhindert, daß er,
anscheinend durch geschickte Ausnützung einer alten Bestim-
mung, an sein erstes Tribunat ein zweites anschloß. Im zwei-
ten Jahr setzte man aber einen Rivalen gegen ihn an, der
noch volkstümlichere Gesetze gab. Der Senat zog außerdem
die Ritter zu sich herüber, indem er ihnen die Gerichte kon-
zedierte. Er handelte gemäß der alten Devise seiner »Verfas-
sungspolitik«, lieber sachliche Konzessionen zu machen, als
gefährliche Präzedentien zu dulden. Denn Gaius Gracchus
hatte insofern gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen,
als er unabhängig vom Senat, ja gegen ihn, große Reformen
ins Werk gesetzt hatte. Das durfte sich keinesfalls wiederholen.
Christian Meier – Caesar 54

Und die Ritter fanden, daß der Senat auf lange Sicht mächtiger
und wohl auch, daß er die rechte Regierung der Republik war.
Schließlich machte Gracchus einige Fehler; 121 ließ man ihn
bei den Tribunenwahlen durchfallen. Im Jahr darauf wurde die
Aufhebung eines seiner Gesetze beantragt. Die Reformer waren
entschlossen, die entscheidende Volksversammlung zu spren-
gen. Die Atmosphäre war aufs äußerste gespannt. Nervosität,
Aufregung, Verdächtigungen; Furcht vor Gewalt, das Verlan-
gen, sich gegen Gewalt zu schützen, ihr möglichst zuvorzu-
kommen, trieben sich gegenseitig hoch. Beide Seiten wurden
zunehmend von den radikaleren unter ihren Verfechtern
bestimmt. Es war die Stunde der Eifrigen, der Hitzigen, aber
auch der Entschlossenen, die ihre Sache jedenfalls durchset-
zen wollten. Wenig war nötig, daß Gewalt provoziert wurde. Sie
scheint zuerst von den Anhängern des Gracchus angewandt
worden zu sein. Da schlug der Senat zu.
Nach den Erfahrungen von 133 hatte man sich auf eine
solche Situation vorbereitet. Man faßte also erstmals den
»Senatsbeschluß über die Verteidigung der Republik«, der dann
kurz senatus consultum ultimum genannt wurde: Die Consuln
sollten zusehen, daß die res publica keinen Schaden nehme.
Das bedeutete die Anwendung unbegrenzter Polizeigewalt,
notfalls unter Mißachtung der Freiheitsrechte der römischen
Bürger. Dieser Beschluß wurde künftig zum äußersten Instru-
ment senatorischer Politik, gleichsam zur ultima ratio des
Senats. Erfolgreich anzuwenden freilich nur, wenn man auf
breitere Unterstützung seitens der guten Gesellschaft rechnen
konnte, insofern fußend auf der alten Legitimität senatorischer
Führerschaft; zugleich aber doch ein Ausdruck auch der kras-
sen senatorischen Parteilichkeit: Der Stand vertrug es nicht,
daß ein Einzelner zu mächtig wurde.
»Zufällig« war ein Kontingent kretischer Bogenschützen,
der Scharfschützen der Antike, zur Stelle. Aber vor allem
stützte der Consul sich auf die Ritter. Als seine Streitmacht
heranrückte, wollte Gracchus sich das Leben nehmen; wie
es heißt, unter Verfluchung des undankbaren römischen
Volkes. Die meisten seiner letzten Anhänger waren schon
Christian Meier – Caesar 55

übergelaufen, gegen Zusicherung der Straflosigkeit. Freunde


veranlaßten ihn zur Flucht. Als die Gegner ihn einholten,
ließ er sich von einem treuen Sklaven töten. Nach einer ande-
ren Version haben ihn die Verfolger erschlagen. Seinen Kopf
schnitt jemand ab, um ihn dem Consul zu überbringen. Aber
ein Freund des Consuls entwandt ihn ihm. Als er ihn ablieferte,
holte man eine Waage. Es war ausgerufen worden, daß der
Kopf des Gracchus in Gold aufgewogen werden sollte. Sieb-
zehn und ein halbes Pfund soll er gewogen haben, da man das
Gehirn herausgenommen und Blei hineingegossen hatte. Die
Leichen des Gracchus und seiner Anhänger – angeblich drei-
tausend – wurden in den Tiber geworfen.
Diese zweite blutige Austilgung einer großen Reform hat
in Rom vieles verändert. Einerseits durch die brutale Härte,
mit der der Consul vorging, und dann durch das erfolgreiche
Zusammenstehen des Senats zu dessen Verteidigung gegen alle
Angriffe. Denn die Gegner machten den Bruch des Freiheits-
rechts, wonach kein Magistrat einen Bürger ohne Gerichtsur-
teil töten durfte, zum Gegenstand einer Anklage vor dem Volks-
gericht. Dieses sprach ihn aber frei und legitimierte insofern
den Anspruch, daß der Consul im Notfall unter Mißachtung
dieses Rechts Schaden von der Republik abzuwenden habe.
Mindestens ebenso bedeutsam war aber andererseits die Erfah-
rung der Unzuverlässigkeit der Ritter und der Schwäche der
breiten Menge in der Stadt: Es gab offenbar keine Kraft, auf
die man gegen den Senat, zu dessen Einschränkung, hätte
bauen, zu deren Gunsten die Republik wirksam hätte refor-
miert werden können. So hat Gracchus’ kühne, phantasievolle
Konzeption keine Nachfolger gefunden. Umfassendere Refor-
men sind künftig nur noch zweimal versucht worden, und
zwar zu Gunsten des Senats. Gerade die Gründlichkeit und die
Konsequenz der gracchischen Einsichten haben die Eitelkeit
stärkerer Modifikationen des Überkommenen erwiesen, und
die Unzuverlässigkeit der Ritter hat alle potentiellen Nachfol-
ger entmutigt.
Christian Meier – Caesar 56

Allerdings ist infolge der gracchischen Reformen eine Locke-


rung der Standesdisziplin und Bereicherung des politischen
Instrumentariums erfolgt. Es bildete sich die neue Rolle des
Popularen. Dieser Terminus bezeichnete eine besondere politi-
sche Methode, das populariter agere – auf populare Weise Poli-
tik machen –, sowie den, der sich ihrer bediente.
Die Methode bestand darin, daß einzelne Politiker, in der
Regel Volkstribunen, vor dem Volk gegen den Senat und
eventuell gegen Magistrate agitierten und bei den Comitien
Anträge durchzusetzen versuchten, die im Senat keine Chance
hatten. Das war möglich, weil die Volksversammlung über
alles Beschluß fassen konnte. Gesetze galten als die obersten
Willensäußerungen der Gemeinde; die Senatsautorität zählte
ihnen gegenüber nichts. Vor 133 war man gar nicht auf den
Gedanken gekommen, viele Anträge gegen den Senat an
das Volk zu richten. Und die wenigen, die doch vorgebracht
wurden, sind zumeist vereitelt worden. Insofern hatte sich die
potentielle Konkurrenz zwischen Senat und Volksversamm-
lung kaum ausgewirkt. Seit den Gracchen dagegen wurde mit
ziemlicher Regelmäßigkeit versucht, mit der Volksversamm-
lung gegen den Senat Politik zu machen.
Dazu gehörte das Vorbringen bestimmter, stets wiederhol-
ter Vorwürfe gegen die vermeintliche Willkür, Eigennützigkeit,
Verantwortungslosigkeit und den Hochmut der hohen Herren,
von denen es hieß, daß sie als kleine Clique durch vielfältige
Machenschaften das Gemeinwesen eher als Beute denn als
Aufgabe nahmen, dem Volk das Recht beschnitten oder gar
vollends zu rauben drohten. Dagegen behauptete man, die alte
Freiheit wiederherstellen zu wollen, rief die Bürger auf, ihre
Trägheit zu überwinden, sich der Republik anzunehmen, also
das zu tun, was der jeweilige Populare gerade wollte. Das fügte
sich in der Summe zu einer bestimmten Tradition zusammen:
Man berief sich auf die Gracchen als Märtyrer, auf andere
Vorgänger, es schien ganz so, als hätte sich hier über die Jahre
eine eigene politische Richtung ausgebildet. Zu dieser Methode
gehörten ferner verschiedene Verfahrensweisen, wie sie sich
empfahlen, wenn man eine Menge von Anhängern mobilisie-
Christian Meier – Caesar 57

7 Münze des Lucius Cassius Longinus (63 v.


Chr.). Die Abkürzung III V[ir] kennzeichnet
Longinus als einen der drei jährlich wech-
selnden Münzmeister (nach der offiziellen
Bezeichnung: tres viri aere argento auro
flando feriundo). Dargestellt ist ein Bürger,
der seine Stimmtafel in die Urne wirft.
Auf der Tafel steht ein U, Abkürzung für
»uti rogas«: eine feste Formel, mit der man
einem Antrag zustimmte. Das Bild spielt auf
das von einem Vorfahren des Münzmeisters
beantragte Gesetz an, durch welches die
geheime Abstimmung bei den meisten Volks-
gerichtsverfahren eingeführt worden war.

ren und Gesetze gegen Widerstand durchbringen wollte. Nicht


zuletzt bildeten sich bestimmte Gruppen in der Menge, die
als Claqueurs und Stimmvieh die populare Politik regelmäßig
unterstützten – und an ihr verdienten –, die gleichsam auf
Abruf bereitstanden. Über diesen Kern hinaus muß es einen
für uns nicht mehr bestimmbaren weiteren Kreis gegeben
Christian Meier – Caesar 58

haben, in dem populare Agitation potentiell Resonanz fand,


der aber zum großen Teil nur mühsam und bei besonderen
Gelegenheiten zu mobilisieren war.
Gleichwohl gab es offenbar genügend Menschen in der
städtischen Menge, die dazu neigten, die Opposition gegen
den Senat zu unterstützen. Sie waren nicht unbedingt gegen
dessen Regime; das ist sogar eher unwahrscheinlich; auch
die Volkstribunen waren es nicht. Aber sie konnten sich
über die Modalitäten dieses Regimes ereifern; darüber, daß
die gegenwärtigen Senatoren so weit hinter den früheren
zurückzubleiben schienen. Das stolze, großartige Auftreten der
führenden Nobiles konnte die städtische Menge ebenso ver-
letzen, wie es ihr bei anderer Gelegenheit imponierte – und
wie sie es im Grunde erwartete. Die Atmosphäre der Stadt
war geladen mit Politik. Die Menge selbst lebte beengt und in
Armut, wenn sie auch immer aufs neue mit Spielen und Spen-
den bei Laune gehalten wurde. Aber in den Volksversammlun-
gen sprach man sie als die Herren der Welt an. Denn der kleine
Haufe derer, die sich dort zumeist nur versammelten, galt rhe-
torisch für das römische Volk. Da konnten die Tagelöhner,
Händler und Handwerker Roms denn dem Aufruf oft nicht
widerstehen, sich aktiv in der Politik einzusetzen, nach dem
Rechten zu sehen, anscheinend überfällige Gesetze zu geben
und eine Verantwortung wahrzunehmen, die im Grunde weit
über ihr Niveau hinausging. Auch wußten sie ihre Freiheits-
rechte zu schätzen, das Recht auf körperliche Unverletzlich-
keit, auf geheime Abstimmung und anderes; Rechte, die von
Seiten der Adligen nicht immer ganz respektiert wurden.
Die führenden Senatoren mochten ihnen zwar gelegentlich
schmeicheln, wenn sie sie nämlich offensichtlich brauchten.
Die Popularen dagegen bemühten sich ständig um sie. Sie
standen in Opposition, hatten weit weniger Macht. Nur von
ihnen konnten sie erwarten, daß sie sich für sie einsetzten.
So gab es im Zweifelsfall eine starke Neigung in der Plebs zu
denen, die die populare Rolle spielten. So wenig sich daraus
eine konsistente Politik ergab, für die führenden Senatoren
war die städtische Menge nicht käuflich; oder sie mußten schon
Christian Meier – Caesar 59

sehr viel aufwenden, und es durfte dann nicht um eine Sache


gehen, die den gewöhnlichen Ansprüchen popularer Politik
widersprach. Insoweit gab es durchaus einen Gegensatz zwi-
schen Senat und Volk.
Aber es bildete sich auf popularer Seite kein politisches
Lager, in dem ehrgeizige Adlige ihren Ort hätten finden können.
Sie konnten sich höchstens partiell und vorübergehend hier
aufhalten, Station machen auf ihrem politischen Weg.
Immer andere haben sich dieses Instruments bedient. Und
so sehr sie dem Text der Rolle nach zusammengehörten, so
wenig bildeten sie nach ihren politischen Zielen eine Gruppe.
Sie hatten als Populare keine gemeinsame Sache – wenn
man davon absieht, daß sie alle die populare Apparatur ölen
mußten, damit sie sie benutzen konnten.
Das erscheint aus heutiger Sicht – und aus der Gewöhnung
an moderne Parteien – betrachtet sehr merkwürdig. Lag hier
nicht ein Potential bereit, mit dem man höchst erfolgreich
gegen den Senat hätte Politik machen können? Die Menge
in der Stadt zählte damals nach vielen Zehntausenden. Wenn
sie zum guten Teil in recht bescheidenen oder gar notvollen
Verhältnissen lebten, hätte man auf sie gestützt nicht jeden
Volksbeschluß erwirken können?
Allein, größere Erfolge hatte die populare Politik nur selten.
Immer waren dann kräftige Minderheiten außerhalb der
städtischen Menge interessiert und beteiligt. Und fast nie sollte
etwas zu Gunsten dieser Menge ins Werk gesetzt werden. Man
suchte sie höchstens gelegentlich, bei großen Vorhaben, durch
Gesetze zur Verbilligung des Getreides zu ködern. Es mutet
erstaunlich an, und man sucht es mit zum Teil erstaunlichen
Argumenten zu erklären. Etwa durch den Hinweis, die Armen
in der Stadt seien vielfach auf Grund von Zuwendungen ver-
schiedener Art in die Clientel von Senatoren geraten. Nur war
diese Clientel, aufs Ganze gesehen, offenbar bei allen beson-
deren Anlässen politisch wenig wirksam. Und welchen Appa-
rat hätten die Senatoren gebraucht, wenn sie unter vielen
Tausenden oder gar Zehntausenden das Wahlverhalten ihrer
Clienten hätten kontrollieren wollen? Nein, entscheidend für
Christian Meier – Caesar 60

jene Schwäche der städtischen Menge war zunächst, daß ihre


Stimme in der Volksversammlung nicht viel wog. Das Gros
der städtischen Bürgerschaft war auf vier von fünfunddreißig
Stimmabteilungen beschränkt; und das Gesamtergebnis wurde
nicht aus der Summe der individuellen, sondern aus der
der Abteilungsstimmen ermittelt. Darüber hinaus waren die
Machtverhältnisse innerhalb der römischen Bürgerschaft
wesentlich durch die wohlhabenden Schichten bestimmt. An
ihnen hing – auf Grund des nach Census gestaffelten Wahl-
rechts – die weitere politische Laufbahn der Volkstribunen.
Teile von ihnen mochten die eine oder andere populare Aktion
gutheißen, eine Aufwertung der städtischen Menge aber, eine
Politik, die deren – insbesondere wirtschaftlichen – Interessen
kontinuierlich hätte dienen wollen, hätten sie nie geduldet.
Schließlich: Wie hätte man sich über Einzelfälle hinaus auf
eine unberechenbare, breite Menge stützen sollen? Wie wollte
man auf diese Weise einen den ganzen Mittelmeerraum umfas-
senden Herrschaftsbereich regieren? Ohne bürokratischen
Apparat, zwar bei weitgehender Selbstverwaltung, aber ange-
sichts der Notwendigkeit, in unendlich vielen Angelegenheiten
von der Zentrale her Stellung zu nehmen. Es wäre nur auf dem
Weg einer demagogischen oder plebiszitären Tyrannis gegan-
gen. Alles in allem genommen wäre vermutlich der Gedanke
an eine auf das Volk alternativ zum Senat gestützte Politik über
die Kapazität des Denkbaren hinaus gegangen. Die Armut der
städtischen Menge war also in der Regel nicht Gegenstand und
war wohl niemals Anlaß der popularen Politik. So konnte diese
im Ganzen nur Mittel sein zu Zwecken, die nicht die der brei-
ten Menge waren.
Diese Art der Politik ist nur zu verstehen, wenn man sich
vor Augen hält, daß die Parteiungen der römischen Republik
gegenstandsabhängig waren: Sie wechselten von einer zur
anderen Gelegenheit. Jene Nötigungen hatte es nicht gege-
ben, die in der Neuzeit zur Formierung von Parteien führten,
welche sich auf den verschiedensten Gebieten geschlossen zur
Geltung bringen, so daß fast alle politischen Auseinanderset-
zungen zwischen ihnen ausgetragen werden. Eine entspre-
Christian Meier – Caesar 61

chende Kristallisation von Interessen war im Gegenteil gar


nicht möglich gewesen. Das politische Leben war dadurch
bestimmt, daß in aller Regel nur sehr vereinzelte Interessen
auf die Tagesordnung kamen, sei dies nun bei einer Wahl,
wo es von Jahr zu Jahr um andere Kandidaten ging, sei es
bei Senatsverhandlungen oder vor Gericht; ganz selten nur
standen größere Gruppen geschlossen zusammen, um gemein-
same Angelegenheiten zu verfechten. Und dies wiederum war
dadurch bedingt, daß die Gegenstände des politischen Lebens
beschränkt waren: Es gab keine Steuern, folglich auch keinen
Streit darum, die Wirtschaft war nicht Gegenstand von Politik,
soziale Probleme kamen nur selten auf die Tagesordnung, auch
Bildung und Religion haben die Politik nicht beschäftigt. Selbst
die Außenpolitik und das Militärwesen haben in der späten
Republik nur ausnahmsweise bedeutende Probleme aufgewor-
fen. Da aber die Stellungnahmen der Senatoren innerhalb der
Unzahl einzelner Fragen, die sich auftaten, von persönlichen
Bindungen bestimmt waren, gruppierten sie sich je nach
Gegenstand immer wieder neu. Und entscheidend waren der
Einfluß und die Macht, über die sie im Senat verfügten. Die
aber hingen zum guten Teil von der Laufbahn ab, also davon,
daß sie möglichst hohe Magistrate erreichten.
Da nun die städtische Menge bei den Wahlen zu den höheren
Magistraten keinen großen Einfluß hatte und da zudem nur in
Ausnahmefällen größere Gruppen – etwa der Ritter oder der
Veteranen – veranlaßt waren, sich mit Hilfe der Volksversamm-
lung durchzusetzen, stellte diese in der Regel also nur einen
Faktor unter vielen anderen dar. Dieser oder jener mochte sich
darum bemühen, aber nur gelegentlich lagen bei ihr wirklich
wichtige Entscheidungen. Der Gegensatz zwischen Senat und
Volk kehrte also zwar immer wieder, aber in der Regel stand
er am Rande der Politik. Wohl mochten einige Politiker ständig
die populare Agitation unterstützen, aber die ehrgeizigeren
waren das nicht; dazu brachte es zu wenig Einfluß. Erst in der
Zeit Caesars hat sich daran etwas geändert.
Christian Meier – Caesar 62

In einer Krise nun, in der zwar vieles nicht mehr stimmt, in


der aber die Notleidenden zu schwach sind, um sich politisch
zu formieren, in der folglich in Hinsicht auf die Ordnung die
Unzufriedenen macht- und übrigens auch gedankenlos und
alle auch nur potentiell Mächtigen zufrieden sind – in einer sol-
chen Krise können Außenseiter nicht auf das Bergende einer
in sich konformen Opposition rechnen. Sie können zwar vor-
kommen, sogar Macht gewinnen, aber der Raum, in dem sie
sich entfalten können, ist beschränkt, und nur wenige können
die Schranken überspringen. Tiberius Gracchus, der aus einem
der ersten Häuser der römischen Nobilität stammte, war dem
Senat durch einen Zufall entfremdet worden: Er hatte als
junger Magistrat in Roms spanischer Armee gedient, als diese
in einem Hinterhalt eingeschlossen wurde. Die Spanier waren
bereit, den dreißigtausend Soldaten Leben und Freiheit zu
schenken, wenn Rom ihnen dafür ihre Unabhängigkeit zuge-
stehe. Mit dem Consul aber wollten sie nicht verhandeln; denn
schon einmal hatten sie ein römisches Heer gegen einen ent-
sprechenden Vertrag mit einem Consul freigelassen, und der
Senat hatte sich geweigert, die Abmachung anzuerkennen.
Doch zu Tiberius Gracchus hatten sie Vertrauen, weil dessen
Vater einst einen gerechten Vertrag mit ihnen geschlossen und
für dessen Einhaltung gesorgt hatte. Daraus hatte sich ein Cli-
entel-Verhältnis zur Familie der Gracchen ergeben. Tiberius
vereinbarte dann einen Frieden, den er zusammen mit dem
Consul und sämtlichen hohen Offizieren beschwor. So wurde
die Armee gerettet. Aber im Senat fand sich wiederum keine
Mehrheit, so daß der Vertrag vereitelt wurde.
Tiberius war in seiner Ehre und wohl auch in seinem
Anstand tief verletzt. Er war anspruchsvoll, stolz, etwa dreißig
Jahre alt, und da er einmal an der Weisheit, an der Verant-
wortlichkeit des Senats zweifelte, war er bereit, jenes Problem
ganz ernst zu nehmen, das der Senat schon länger vor sich her-
schob: das Elend der landlosen Bauernsoldaten und die Rekru-
tierungsschwierigkeiten, die daraus in den letzten Jahren ent-
standen waren. So kam er zu seinem Ackergesetz und war
dann entschlossen, es gegen jeden Widerstand durchzusetzen.
Christian Meier – Caesar 63

Er entfaltete also eine ganz neue Art politischen Anspruchs,


die in Rom ganz ungewohnte Überzeugung, daß ein Einzelner
den Senat herausfordern dürfe. Es war dies ein für römische
Verhältnisse geradezu unheimliches Bewußtsein, recht zu
haben gegen die Anderen, das noch dazu nicht aus eigener Lei-
stung entsprang, sondern aus Kritik am Senat und aus Reform-
willen, aus dem Stolz und Überlegenheitsgefühl dessen, der
sich, im Unterschied zu seinem ganzen Stand, wahrhaft verant-
wortlich für die Republik wußte. Der senatorische Widerstand
konnte ihn darin nur bestärken, konnte die Ungeduld wecken,
daß nur durch ihn und jetzt das Problem zu lösen war; und sei
es unter Rechtsbrüchen. Daß Tiberius’ Absichten eigentlich
konservativ waren, daraufgerichtet, den Bauernstand, die alte
Grundlage der römischen Armee und Bürgerschaft wieder auf-
zurichten, war dagegen ganz gleichgültig. Er war längst zum
Außenseiter geworden; und damit solch ein Handeln wider das
Recht und die Verantwortung des Senats nicht Schule machte,
wurde er beseitigt.
Da der Angriff auf Tiberius Gracchus aber vom Senat ausge-
gangen war und viele der maßgebenden Senatoren ihn minde-
stens nachträglich guthießen, wurde dessen jüngerer Bruder
Gaius zum erbitterten Gegner des Senats. Etwa zwanzig Jahre
war er damals alt, ein hochbefähigter Mann voller Energie, von
einem leidenschaftlichen Willen beseelt, den Bruder zu rächen.
Aber stärker noch wurde dann sein Wunsch, mächtig zu werden
und dessen Werk fortzusetzen. Seine außerordentlichen und
vielfältigen Talente sammelten sich auf die Aufgabe, die Repu-
blik zu reformieren. Denn er begnügte sich nicht mehr wie
sein Bruder mit einer Einzelheit, sondern er zielte auf das
Ganze, insbesondere auf die politische Reform. Er war auch
nicht konservativ, sondern ein Neuerer, freilich in den Gren-
zen, die Roms Verhältnisse jeder Veränderung setzten. Keiner
hat das römische Gemeinwesen so unabhängig und sorgfältig
durchdacht wie er. Von daher kam er zu dem Wunsch, in den
Rittern eine neue Kraft gegen den Senat aufzubauen. Doch
ging seine Gesetzgebung weit darüber hinaus; es gab kaum ein
Gebiet des römischen Gemeinwesens, das sie nicht berührte.
Christian Meier – Caesar 64

8 Marius als Triumphator im Viergespann,


in den Händen ein Szepter und einen Zweig;
auf dem äußersten Pferd – dem Brauch ent-
sprechend, wonach die Kinder des Trium-
phators auf den Pferden des Gespanns mit-
reiten durften – sein 109 geborener Sohn
Gaius. Münze des Gaius Fundanius, um
100; das Q über dem Bild bezeichnet das
Quästorenamt des Münzmeisters.

Nur setzte sein Tod dann allen Hoffnungen auf eine Reformier-
barkeit der römischen Republik ein Ende.
Im Jahrzehnt zwischen 111 und 100 entstand eine opposi-
tionelle Strömung gegen den Senat, die offenbar letztlich von
dem Wunsch der Ritter nach einer geachteteren Stellung in
der Republik getragen wurde. Damals haben sich eine Reihe
der begabtesten Söhne des römischen Adels als Volkstribunen
gegen den Senat gestellt; doch nur vorübergehend, es ging
um begrenzte Materien; allesamt haben sie eine sehr erfolgrei-
che Laufbahn gemacht. Damals scheinen also die Grenzen des
politischen Komments weiter gezogen gewesen zu sein. Die
Christian Meier – Caesar 65

Väter ließen es sich gefallen, daß ihre Söhne die neuen politi-
schen Möglichkeiten nutzten.
Nur einer geriet damals fast in die Rolle des Außenseiters,
Gaius Marius. Er stammte nicht aus einer senatorischen Fami-
lie, war also ein homo novus. Er hatte sich als Soldat sehr
bewährt, und er vermochte dann die politische Strömung
jener Jahre zu nutzen, um mehrfach nacheinander Consul zu
werden. Das war ein einmaliger Erfolg.
Marius war eine einfache Natur, doch bauernschlau, ein tap-
ferer Offizier, der sich nie geschont hatte. Er liebte es, seine
Narben zu zeigen. Sein Selbstvertrauen lag im Streit mit einer
empfindlichen Reizbarkeit gegenüber den hochmütigen Adli-
gen und ihren teilweise verweichlichten, jedenfalls recht feinen
Söhnen. Wie es erfolgreiche Neulinge wohl regelmäßig taten,
erklärte er gern und laut, daß er die alte Väterart viel besser
verkörpere als jene. Nur kam bei ihm hinzu, daß er wirklich
der einzige bedeutende und glückliche Feldherr seiner Zeit
war. Die Gunst der politischen Verhältnisse erlaubte es ihm,
seinen Ressentiments freieren Lauf zu lassen. Er kostete die
Schwächen der Senatoren aus, tat ungehemmt, was er für rich-
tig hielt, verfolgte rücksichtslos seinen Weg, zu wenig berührt
von der assimilierenden Kraft des Standes. So steigerte er sich
in eine gewisse Sonderstellung hinein. Ohnehin hatte er in
seinem Trotz, angesichts der Enttäuschungen und Beleidigun-
gen, gleichsam Zuflucht bei seinen Soldaten gesucht. Er teilte
alles mit ihnen, ging darin auf, für sie zu sorgen. Wohl ver-
langte er viel, aber er setzte sich deutlich von den anderen
hohen Offizieren ab, indem er sich den Soldaten besonders
zugehörig fühlte. Deswegen erhob er, nachdem er auch Besitz-
lose angeworben hatte, für sie den Anspruch auf eine Acker-
versorgung.
Der Volkstribun, der diesen Anspruch im Jahre 100 durch
ein Ackergesetz verwirklichte, Lucius Appuleius Saturninus
wurde, nachdem sich die Auseinandersetzung zugespitzt hatte,
umgebracht. Danach formierte sich der Senatsadel neu. Man
rückte zusammen, trieb künftig eine entschiedenere, konse-
quentere Politik; gegenüber popularen Aktionen wurde fürs
Christian Meier – Caesar 66

erste keine Toleranz mehr aufgebracht.


Der letzte große Reformversuch vor der Bürgerkriegsperiode
der achtziger Jahre wurde dann auch im Sinne des Senats
unternommen. Er ging aus von Marcus Livius Drusus, der
sich für das Jahr 91 zum Volkstribunen hatte wählen lassen.
Ähnlich wie Gaius Gracchus, setzte er sehr umfassend an, nur
hatte er die Stärkung des Senatsregimes im Auge. Er nahm
zum Beispiel den Rittern die Geschworenengerichte wieder
weg, wozu besonderer Anlaß bestand, nachdem sie 92 auf
skandalöse Weise Standesjustiz geübt hatten: Sie verurteilten
einen Consular, weil er sie an der hemmungslosen Ausbeu-
tung der Provinz Asia hatte hindern wollen. Livius Drusus
vergrößerte auch den Senat. Für das niedere Volk gab er ein
Getreide- und ein Coloniegründungsgesetz. Vor allem aber
wollte er ein Problem lösen, das damals brennend geworden
war: Er wollte die Forderungen der italischen Bundesgenossen
auf Aufnahme ins römische Bürgerrecht ganz oder teilweise
erfüllen.
Rom hatte bei der allmählichen Ausdehnung seiner Herr-
schaft über ganz Italien sogleich oder nachträglich verschiede-
nen Städten sein Bürgerrecht verliehen. Es hatte im übrigen
einige Colonien eigener Bürger ausgesandt, zumeist an stra-
tegisch wichtige Punkte. So war wohl ein gutes Drittel der
Städte Italiens südlich der Poebene, abgesehen von Sizilien,
römisch. Die anderen waren formell selbständig, aber mit Rom
verbündet. Sie konnten sich selbst verwalten, waren jedoch
gegen willkürliche Einwirkungen römischer Magistrate nicht
unbedingt sicher, waren außerdem zur Stellung militärischer
Kontingente verpflichtet. Den weiten römischen Herrschafts-
bereich hatten sie Seite an Seite mit den Römern für Rom
erobert. Einzelne Familien oder Städte konnten durch das
römische Bürgerrecht ausgezeichnet werden. Aber das war
inzwischen seit Jahrzehnten nur mehr selten geschehen. Frei-
lich hätten viele Städte dieses Recht gar nicht als ein reines
Geschenk empfunden. Es hätte ihnen die Selbständigkeit und
manche Eigenheiten genommen, an denen sie oder die bei
ihnen herrschenden Schichten hingen. Aber ein wachsender
Christian Meier – Caesar 67

Kreis von Männern und Städten fand dies nicht so wichtig


wie die Benachteiligung, die sie gegenüber den Römern erfuh-
ren. Aushebungsprobleme und anderes kamen hinzu, um min-
destens den Wunsch nach Aufnahme in das Bürgerrecht bei
vielen zu erwecken. Als Rom sich dem nicht nur nicht erschloß,
sondern seit 95 sogar juristisch konsequent diejenigen aus
dem Bürgerrecht verwies, die auf irgendeinem Umweg dazu
gekommen waren, als Bürger angesehen zu werden, scheint
vielen die Geduld gerissen, die Hoffnung vergangen zu sein;
und aus dem Wunsch wurde eine Forderung, die sich unter
Teilen der Bundesgenossenschaft rasch und mächtig verbrei-
tete.
Es ist unverkennbar, daß dieser Vorgang samt seiner Vor-
geschichte in engem Zusammenhang stand mit den sozialen
und politischen Veränderungen, die in Rom seit etwa der Grac-
chenzeit virulent geworden waren. Die Aushebungsreform, die
Getreidegesetze – die die Stadt anziehend machten –, der Auf-
stieg der Ritter, die Schwächung des Senats, wohl auch zuneh-
mende Willkür einiger seiner Mitglieder, trugen je auf ihre
Weise dazu bei. Auch hatte schon Gaius Gracchus ein Bundes-
genossengesetz geben wollen. So ist diese Problematik, die so
sehr zum Niedergang der Republik beitrug, wesentlich auch
ein Produkt der Krise, kein von außen kommender Zufall
gewesen.
Es gab mächtige Einwände gegen Livius Drusus’ Antrag.
Wäre er durchgekommen, so hätte er dem Tribunen eine
ungewöhnlich große Anhängerschaft eingebracht. Denn die
Neubürger wären ihm nach herrschender Anschauung zu poli-
tischer Unterstützung verpflichtet gewesen. Obwohl er ange-
treten war, alle anstehenden Fragen im Sinne des Senats zu
lösen und obwohl er die Autorität einiger führender Senato-
ren für sich hatte, gewährte ihm die Mehrheit des Hauses bei
diesem Antrag keine Unterstützung. Ja sie ging sogar soweit,
die schon verabschiedeten Gesetze wegen eines Formfehlers zu
annullieren. Oligarchische Eifersucht, wachsender Widerstand
und die Bemühungen verschiedener senatorischer Gegner des
Drusus trafen dabei zusammen. Aber der Tribun scheint der
Christian Meier – Caesar 68

Abneigung und den Befürchtungen durch seine Art zusätzliche


Nahrung gegeben zu haben.
Denn Marcus Livius Drusus war ein besonders selbst-
bewußter, eigenwilliger, ambitionierter Aristokrat; streng gegen
sich und andere, von großer Klugheit und Weitsicht. Sonst
hätte er das große Reformwerk wohl auch gar nicht unternom-
men. Er war gewöhnt, äußerst hart zu arbeiten – schon als
Junge soll er sich nie Ferien gegönnt haben. Als ihm der Archi-
tekt auf dem Palatin sein Haus so bauen wollte, daß keiner
hereinschauen konnte, befahl er, er solle es im Gegenteil so
einrichten, daß alle sehen könnten, was er täte. Jetzt hatte er
erkannt, daß das Senatsregime befestigt werden müsse, und
er wußte wohl auch, wie dringend den Bundesgenossen die
Aufnahme ins Bürgerrecht war; daß sie entschlossen waren,
einen Krieg zu beginnen, wenn Rom sie ihnen nicht gewährte.
Man durfte keine Zeit verlieren. Alles hing an ihm, er hatte das
Ganze durchzusetzen, und zwar schnell. Da konnte er nicht viel
Rücksicht nehmen. Angesichts der Dringlichkeit der Aufgaben
können ihn die Empfindlichkeiten, Wünsche und Bedenken
der Senatoren nur abgestoßen haben. Er ließ sie daher fühlen,
daß er zu beschäftigt war, um sich alles anzuhören. Als ihn der
Senat einmal in eine Sitzung holen ließ, antwortete er, wenn
die Senatoren etwas von ihm wollten, sollten sie doch zu ihm
kommen. Auch sonst mag er in seiner energisch-stolzen Art
weiter als nötig gegangen sein. Noch auf dem Totenbett fragte
er die Freunde, wann wohl die römische Republik wieder einen
Bürger hervorbringen werde, der ihm gleiche.
Es waltete da eine Dialektik. Ganz gleichgültig, ob für
oder gegen den Senat: Wirklich umfassende Reformen packte
nur an, wer besonders eigenwillig, mutig, entschlossen und
natürlich auch in großem Stil auf Wirkungsmöglichkeit und
Macht aus war; wer über die anderen hinausragte. Und gerade
wenn er jung war, insofern von der Welt der Väter noch nicht
voll vereinnahmt, und ein wenig außenseiterisch dazu, zog er
fast notwendig früher oder später das Mißtrauen und die Geg-
nerschaft des Senats auf sich. Die Sache, das Programm wogen
leicht gegenüber diesem Auseinanderdriften eines entschlos-
Christian Meier – Caesar 69

senen, hochangespannten Einzelnen und einer bedenklichen,


verletzlichen, auf Gleichheit, Berücksichtigung und Beharrung
ausgerichteten Oligarchie. Dadurch wurde eine Reform im
Sinne des Senats fast unmöglich; es sei denn, einer wäre stark
genug gewesen, um sie gegen dessen Mehrheit durchzusetzen.
So stand auch der »Gracchus der Aristokratie« (Mommsen) am
Ende allein.
Der Kampf um das Bundesgenossengesetz war äußerst
heftig. Zahlreiche Italiker waren nach Rom gekommen. Es
gab mächtige Demonstrationen, Einschüchterung und Angst.
Gerüchte über Mordabsichten kursierten. Und so war es dann
wohl nicht nur einzelnen Plänen, sondern zugleich der auf-
geheizten Atmosphäre zuzuschreiben, wenn auf Drusus ein
Anschlag verübt wurde: Im dichten Gedränge der Anhänger,
die ihn jeweils nach Hause begleiteten, wurde ihm eines Tages
ein Dolch in die Seite gestoßen; wenige Stunden später starb
er. Gleich darauf begannen Roms Bundesgenossen den Krieg.

Noch einmal also endete ein großer Reformversuch mit dem


Tod des Volkstribunen. In jedem dieser Fälle hatten zuletzt
Senatoren und Ritter ihren Widerstand gegen die Reformer
massiert, wenn auch die Gewichte zwischen ihnen jeweils ver-
schieden verteilt waren. Die Trägheit, die Schwerkraft der
Beharrung, die die »gute Gesellschaft« Roms – die »Guten«,
wie sie sich nannten – zu Gunsten der überkommenen Ord-
nung ausübte, war außerordentlich groß. Da mochten sich ver-
schiedene Reformgesetze durchbringen lassen und sogar den
Tod des Gesetzgebers überdauern; aber daß einer gegen den
Senat, ja sogar im Sinne des Senats Großes ins Werk setzte, mit
der Selbständigkeit eines gewissen Außenseitertums, schien
unerträglich. Es wurde als Bedrohung der politischen Ordnung
empfunden, die in der gegenseitigen Bindung aller bestand.
Marius war der einzige bedeutende Außenseiter, der
überlebte. Aber er war ja auch kein Volkstribun, sondern
ein Kriegsheld, hatte vollbracht, was seit alters den höchsten
Ruhm in der römischen Geschichte eintrug.
Christian Meier – Caesar 70

Die Tödlichkeit des aktiven Außenseitertums konnte es nicht


verhindern, daß immer wieder Einzelne verschiedene große
Probleme aufgriffen und zu lösen versuchten. Schon im Jahr
88 werden wieder bedeutende Reformvorhaben sowohl für wie
gegen den Senat ins Werk gesetzt, von dem jungen Volkstri-
bunen Sulpicius Rufus und dem schon älteren Consul Sulla.
Der Volkstribun fand dabei den Tod; denn der Consul hatte –
erstmals in der römischen Geschichte – eine Armee auf Rom
geführt. Aber was immer an Reformen angepackt wurde, das
politische Problem des damaligen Rom wurde weder erkannt
noch gelöst: das Problem, das darin bestand, daß der Senat mit
den Schwierigkeiten des weltweiten Herrschaftsbereichs nicht
mehr fertig wurde und daß er jeden bekämpfte, der dies ver-
suchte; weil eben aus jedem solchen Versuch zuviel Macht zu
erwachsen schien und weil er politische Selbständigkeit teils
voraussetzte, teils zur Folge hatte.
Die drängendsten sachlichen Aufgaben sind dann gleich-
wohl erledigt worden; gegen den Senat. Und seit den achtzi-
ger Jahren zumeist von einem neuen Typ des Außenseiters:
dem des bewährten Feldherrn; Männern in der Tradition des
Marius. Aber es trat dann jene spezifische Kombination von
Problemlösung und Problemstau ein, die man stets findet,
wenn eine Gesellschaft gleichsam auf falschem Wege ist: wo
denn mit jeder Lösung das eigentliche Problem, das der Weg
selber darstellt, wächst. In diesem Fall wurden die Einzelgänger
dabei immer mächtiger und infolge davon verschärften sich
die Gegensätze, wurde die politische Ordnung immer weiter
aufgerieben.
Insgesamt gab es in der späten Republik, was die politische
Ordnung anlangt, wenig neue Gedanken. Wenn es richtig ist,
daß es bei politischen Gedanken darauf abgesehen ist, daß sie
Hebel sind in der Wirklichkeit, dann brauchen sie Punkte, an
denen sie ansetzen können. Seit dem Ende des Gaius Grac-
chus war damit im Großen nicht mehr zu rechnen. Daher
trat das Neue, sofern es einiges Format hatte, nicht in der
Form von Gedanken, sondern in der Art von Menschen auf: in
einer neuen Selbständigkeit, in neuen politischen Positionen,
Christian Meier – Caesar 71

neuen Weisen, Macht zu sammeln; auch in einer neuen Ein-


samkeit. Insgesamt war die alte Gesellschaft auch dann noch
stark genug, daß diese Möglichkeiten kaum genutzt wurden.
Aber daß sie bestanden, zeigt die Geschichte Caesars und
seiner Zeit.
Christian Meier – Caesar 72

Geburt und Familie


Patricisches Geschlecht • Abstammung von
Venus • Der angeheiratete homo novus
Gaius Marius

Gaius Julius Caesar ist, als Gaius Marius zum sechsten Mal
und Lucius Valerius Flaccus Consuln waren, am dritten Tag
vor den Iden des Quintilis geboren worden. Nach unserem
Kalender war das der 13. Juli 100 v. Chr. Aber damals datierte
man noch nach Consuln, und der einstmals fünfte Monat des
Jahres (Quintilis) hieß noch nicht nach dem großen Sohn des
julischen Hauses. Ob das Datum dem 13. Juli unseres Sonnen-
jahres genau entsprach, ist auch nicht erwiesen. Denn man
hatte damals in Rom noch ein Mondjahr. Erst Caesar hat den
Kalender reformiert. Übrigens könnte es auch sein, daß die
Geburt im Jahre 102 stattfand. Doch mag das die Astrologen
– oder die Althistoriker – beschäftigen. Wichtiger als das bare
Datum sind die Familie und die Konstellation, in denen Caesar
aufwuchs.
Der Vater, der gleichfalls Gaius Julius Caesar hieß, hatte
im Jahre 100 wohl gerade die Quaestur, das unterste Amt der
römischen Ämterstaffel, hinter sich. Die Mutter war Aurelia,
Tochter des Lucius Aurelius Cotta, des Consuls von 119 v. Chr.

Die Familie der Julier gehörte zum Patriciat, dem Uradel Roms,
also zu jenem kleinen Kreis vornehmster Geschlechter, die
ursprünglich allein die römische Bürgerschaft gebildet hatten,
man kann auch sagen: die anfangs Rom gewesen waren. Das
wußten sie noch sehr genau. Und das hatte sich auch aus dem
allgemeinen Wissen noch keineswegs verloren. Es war sogar
in einigen Institutionen noch fast mit Händen zu greifen. Das
wohl interessanteste Beispiel dafür ist die des Interrex.
Dieser Magistrat wurde im Interregnum bestellt, wenn
nämlich aus irgendeinem Grund keine Consuln vorhanden
waren, sei es daß die Wahl nicht zustande gekommen, sei es daß
Christian Meier – Caesar 73

9 »Von Venus stammen die Julii ab, deren


Geschlecht unsere Familie angehört«
(Caesar). Auf diesen stolzen genealogischen
Anspruch verweist auch eine Münzprägung
aus dem caesarischen Heer (47-46). Auf der
Vorderseite: Venus. Rückseite: Aeneas, Sohn
der Venus und Ahnherr der Julier, trägt
seinen Vater Anchises aus dem brennenden
Troja: in seiner Hand das Athena-Kultbild
(Palladium), das eines der heiligsten Zime-
lien Roms werden sollte. Aeneas galt als
Stammvater Roms, seine Rettung des Vaters
und des Palladiums wurde außerdem als
Urbild römischer Pietas (der Frömmigkeit
gegen Eltern und Götter) verstanden.

beide gestorben waren. Dann brach gleichsam die Kontinuität


ab. Normalerweise konnte nur ein Consul die neuen Consuln
»schaffen« (creare). Denn diese waren nicht nur zu wählen,
sondern in irgendeiner Weise war für sie der göttliche Beistand
zu sichern. Eben dafür konnte nur der Consul, unter dessen
Auspicien die Wahl geschah, aufkommen. Die Auspicien, also
Christian Meier – Caesar 74

das Recht, im Namen der Gemeinde mit den Göttern zu ver-


handeln, mußten, falls die Kontinuität abbrach, »zu den Vätern
(den Patriciern) zurückkehren«. Diese hatten dann, jeweils
für fünf Tage, aus ihren Reihen Interreges (Zwischenkönige)
zu bestellen. Frühestens der zweite konnte wieder Consuln
»schaffen«.
Es war, wie wenn man das Gemeinwesen zwar norma-
lerweise sich selbst überlassen konnte, im Notfall aber nur
jene Geschlechter, die es einst ausgemacht hatten, die Kraft
besaßen, aus der es sich regenerieren konnte. Weil diese
nämlich letztlich enger mit den Göttern verbunden waren.
Das mochte man bezweifeln, auch belächeln. Man mochte
die Gründe dafür vergessen haben. Die römische Oberschicht
hatte sich von der alten Religion ja schon recht weit entfernt,
auch wenn sie nach außen noch an ihr festhielt. Die aufgeklärte
griechische Philosophie, die »philosophische Theologie«, die
man von der mythischen und der politischen unterschied,
hatte im Adel weite Resonanz gefunden. Allein, das wichtigste
Argument gegen eine völlige Abwendung vom überkommenen
Glauben, nämlich daß man nie wissen kann, ob nicht doch
etwas daran sei, riet zur Vorsicht. Außerdem hing in Rom alles
mit allem zusammen, und je mehr Vieles bedroht wurde, um
so weniger ließ man an das Überkommene rühren: Man mußte
an ihm festhalten, es praktizieren und diese Überzeugung war
so stark und so tief verwurzelt, daß es sich fragt, ob die Sena-
toren Nützlichkeit und Richtigkeit auch der religiösen Vor-
stellungen noch klar voneinander scheiden konnten. Sie konn-
ten nach außen wie im Innern nicht zuviel in Frage geraten
lassen. So blieb es auch beim Sonderverhältnis der Patricier
zu den Göttern. Auch war der Stolz der Patricier ungebro-
chen. Schließlich lebte man in einer aristokratischen Gesell-
schaft, war also gezwungen, Ränge auch innerhalb des Adels
zu achten. Daher blieb stets ein Rest besonderen Respekts für
die ersten Geschlechter Roms.
Der Rang eines Geschlechts bestimmte sich um 100 v. Chr.
freilich schon lange nicht mehr allein von seinem Alter und
seiner eventuellen Abstammung aus dem Patriciat her. Dane-
Christian Meier – Caesar 75

ben galt, was an Ansehen und Macht aus politischer und


militärischer Leistung für das Gemeinwesen folgte. Denn längst
schon waren neben den Patriciern mehrere plebeische Fami-
lien groß und mächtig geworden.
Als oberste Schicht des Senatsadels galt die Nobilität. Und
dazu gehörten neben den patricischen diejenigen Familien aus
der Plebs, die einen Consul gestellt hatten. Den Begriff Plebs
darf man nicht mißverstehen. Er umfaßte alle, die nicht Patri-
cier, also ursprüngliche Zugehörige des Gemeinwesens, waren,
Reiche wie Arme, Großgrundbesitzer wie Bauern, Handwerker
und Tagelöhner. Sie hatten sich in den Ständekämpfen zusam-
mengetan, die einen um der politischen Gleichberechtigung,
die anderen primär um wirtschaftlicher Forderungen willen.
Seitdem war eine Reihe führender plebeischer Geschlechter in
die Magistrate eingedrungen.
Nach diesem Kriterium hatte sich der neue Adel der Nobilität
gebildet. In ihm vererbten sich politisches Ansehen, Anhang
und Ehrgeiz. Nichts außer Politik und Kriegführung bildete
den Gegenstand adliger Bewährung. Regelmäßig war Politi-
ker, wer dem Senatsadel entstammte; und umgekehrt – um
von den jeweils wenigen Aufsteigern abzusehen, die sich rasch
zu assimilieren pflegten. Das wiederum bewirkte, daß in der
Regel in denselben Geschlechtern politischer Rang (Magi-
strate), Abstammung, Einfluß und übrigens auch besonderer
Reichtum konzentriert waren.
Aber die Regel kannte Ausnahmen. Nicht jedes Geschlecht
hielt die einmal erreichte Höhe. Und die Julier gehörten zu
denen, denen das nicht gelang. Sie hatten zwar das Privileg,
Patricier zu sein, aber dem politischen Rang nach standen
sie schon lange im zweiten oder dritten Glied. In den beiden
letzten Jahrhunderten hatten sie überhaupt nur zwei Consuln
gestellt (267 und 157 v. Chr.). Sonst waren ihre Angehörigen
bestenfalls in das zweithöchste Amt, die Praetur, gelangt. Ent-
sprechend kann es mit ihrem Vermögen auch nicht weit her
gewesen sein.
Christian Meier – Caesar 76

Gleichwohl mochten sie sich einen mehr oder minder schlich-


ten Stolz bewahren. Was solch eine Abstammung bieten konnte,
läßt sich am besten durch ein Zitat aus der Rede wiedergeben,
die Caesar als Dreißigjähriger anläßlich des Todes der Schwe-
ster seines Vaters hielt: »Das Geschlecht ihrer Mutter stammt
von den Königen ab, das väterliche ist mit den unsterblichen
Göttern verbunden. Denn von Ancus Marcius kommen die
Marcii Reges her, deren Namen die Mutter trug, von Venus
die Julii, deren Geschlecht unsere Familie angehört. In ihrer
Herkunft ist also sowohl die Ehrwürdigkeit der Könige enthal-
ten, welche am meisten vermögen bei den Menschen, wie auch
die Heiligkeit der Götter, in deren Gewalt die Könige selbst
stehen.« Die Verbindung zu Venus lief über einen angenom-
menen mythischen Helden, dem unter anderem der Name
Julius beigelegt worden war. Er galt als Gründer von Alba
Longa, dem alten Vorort des latinischen Stammes, dem Rom
zugehörte. Verschiedene patricische Geschlechter, darunter die
Julii, sollten von dort stammen; sie seien in früher Zeit nach
Rom übergesiedelt. Julius aber war, einem Mythos zufolge,
Sohn des Aeneas, der seinerseits Venus zur Mutter gehabt
hatte. Er war aus dem zerstörten Troja in den Westen gekom-
men, auf ihn führte man die Abstammung der Mutter der
Stadtgründer Romulus und Remus zurück – als deren Vater der
Gott Mars galt. Aeneas verbürgte den Römern den Anschluß
an den kulturell überlegenen Osten; war außerdem Vorbild
ihrer Pietas, des Respekts gegen Götter und Vorfahren; denn
er hatte seinen Vater auf den Schultern aus dem brennenden
Troja gerettet.
Moderne Forschung mag Caesars Behauptungen bezwei-
feln. Doch gleichgültig, ob Venus die Stammutter des julischen
Geschlechts und der Beiname König (Rex) nicht eher von
einem »Opferkönig« des 3. Jahrhunderts abgeleitet war, im
Patriciat glaubte und dichtete man solche Geschichten. Und
für den jungen Caesar mußten sie obendrein die Tatsache kom-
pensieren, daß er nicht, wie so viele seiner vornehmen Stan-
desgenossen, große republikanische Ahnen hatte. Sie werden
wenigstens seine Phantasie beschäftigt, vielleicht auch einen
Christian Meier – Caesar 77

geheimen Stolz genährt haben, und wie sehr ihm später auch
Zweifel an dieser Abstammung gekommen sein könnten, so
war sie doch zu schön, um nicht wenigstens im Kern glaub-
haft zu sein. Sie verwies ihn noch keineswegs auf die Bahn zur
Monarchie. Aber daß er etwas Besonderes und vorzugsweise
begünstigt war, konnte er sich gewiß vorstellen.
In den 80er Jahren verstand Roms erfolgreichster Feldherr
und Bürgerkriegsführer Sulla seine fortune als besondere
Gunst der Venus, in seiner Münzprägung und auf einem
großen Siegesdenkmal verknüpfte er Eros mit der Sieges-
palme. Spätestens damit geriet die Liebesgöttin in enge Ver-
bindung mit Sieg und Glück. Erfolg und Erfüllung wurden von
ihr erwartet. Und wer durfte das so sehr wie ihr später Nach-
komme – der dann ein Bild der bewaffneten Venus auf seinem
Ring trug und ihren Namen in gefährlichen militärischen
Situationen als Parole ausgab?
Die Familie der Mutter dagegen, die Aurelii Cottae, war
plebeischen Ursprungs und war, soweit wir sehen können,
erst vor anderthalb Jahrhunderten zum obersten Adel der
Nobilität aufgerückt. Kein Vergleich insoweit mit den Juliern.
Dafür hatten sie in dieser Zeit vier Consuln hervorgebracht;
der letzte davon war Caesars Großvater. Andere Zweige ihres
Geschlechts hatten vier weitere Consuln gestellt. Die Verwandt-
schaft der Mutter sollte Caesar dann auch politisch sehr wich-
tige Dienste erweisen.

Von besonderem Interesse wurde für ihn die Verbindung, die


durch die Hochzeit der eben genannten Schwester seines
Vaters geknüpft worden war. Die hatte nämlich einen homo
novus geheiratet, Gaius Marius. Das war nicht gerade das
beste, was einer Patriciertochter passieren konnte. Aber dann
war Marius der Sprung ins Consulat gelungen, und weil er ein
tapferer Soldat war und sich des Wohlwollens breiter Kreise
erfreute, hatte man ihn bald darauf gegen das Gesetz von
neuem gewählt und mit dem Krieg gegen die Cimbern und
Teutonen betraut, welche damals Rom in Schrecken setzten.
Da er die Gefahr meisterte und da damals eine breite opposi-
Christian Meier – Caesar 78

tionelle Strömung gegen den alten Adel und dessen Praktiken


aufgekommen war, wählte man ihn insgesamt fünf Mal nach-
einander zum Consul, eine in der ganzen Geschichte der Repu-
blik einmalige Erfolgsserie. Caesars Familie hat nicht nur
den Glanz, der vom überraschenden Aufstieg des angeheira-
teten Neulings auf sie fiel, genossen, sondern sie scheint sich
irgendwann auch mit ihm enger verbunden zu haben. Das hat
die Jugend und die Laufbahn des Jungen dann wesentlich
bestimmt.
Christian Meier – Caesar 79

Jugend in Rom
Erziehung
Frühe körperliche und geistige Bildung •
Prinzipien römischer Erziehung • Welt der
Väter • Ordnung des Lernens • Alte Erzie-
hung unter neuen Bedingungen

Über Caesars Kindheit und Jugend ist uns fast nichts über-
liefert. Die Erziehung der jungen Adligen pflegte in diesem
Alter wesentlich in der Hand der Familie zu liegen. Caesars
Mutter, so hören wir, soll sie besonders besorgt und beaufsich-
tigt haben. Daneben hat ihm gewiß der Vater sehr vieles beige-
bracht, auch wenn er sich nicht so intensiv um ihn kümmerte,
wie einst der alte Cato um seinen Sohn. Der soll nämlich
selbst den Lehrer im Lesen und Schreiben, im Recht und in
den Leibesübungen abgegeben und seinen Sohn »nicht nur
im Speerwerfen, im Nahkampf und im Reiten« unterwiesen
haben, »sondern auch im Boxen, im Ertragen von Hitze und
Kälte und im kräftigen Durchschwimmen der Wirbel und der
reißendsten Stellen des Flusses«.
Vieles lag in der Hand eines Lehrers: die Vermittlung von
Lesen und Schreiben, der Grammatik, der Anfangsgründe der
Rhetorik und natürlich auch des Griechischen. Oft war der
Lehrer ein Sklave. Der Unterricht fand im eigenen Hause,
bei Verwandten oder Freunden statt. Jedenfalls haben die
Kinder vornehmer Häuser kaum eine der Schulen besucht,
welche damals privatim unterhalten wurden. Später kam unter
Umständen eine umfassende Rhetorikausbildung dazu. Es
empfahl sich auch, sich die Kenntnis des römischen Rechts
anzueignen: dessen Grundlage, die zwölf Tafeln, lernte man
auswendig. Aber man brauchte auch die Kenntnis der Verfah-
ren und vieler Präzedenzfälle. Von Caesar wissen wir, daß er
mindestens für die Rhetorik einen ausgezeichneten, in Alexan-
dria ausgebildeten und in griechischer wie lateinischer Rheto-
rik geschulten Freigelassenen zum Hauslehrer hatte.
Christian Meier – Caesar 80

Reiten und Schwimmen mochte man, wenn nicht vom Vater,


so von anderen Lehrern beigebracht bekommen, nahe der
Stadt oder auf dem Lande, wohin sich die Familien während
der Senatsferien, Anfang April bis Mitte Mai, oder im Sommer
zurückzuziehen pflegten. Man legte in Rom großen Wert auf
körperliche Ertüchtigung. Die Jungen gaben sich dem vielfach
im Wettstreit hin, zumeist auf dem Marsfeld, vor den Toren der
Stadt (beiderseits der heutigen Via del Corso). »Bewunderns-
wert«, so berichtet der Geograph Strabo, »ist schon die Größe
des Feldes, auf dem eine so gewaltige Menge von Wagen und
Pferden ungehindert um die Wette rennen und fahren können
und welches einer Menge von Menschen erlaubt, sich dort
täglich in Ballspiel, Diskuswerfen und Ringkampf zu üben.«
Besonderer Beliebtheit erfreuten sich auch das Auf- und Wie-
derabspringen vom Pferd und das Fechten. Caesar soll schon
als Junge ein guter Reiter gewesen sein. »Er hatte sich daran
gewöhnt, die Hände auf dem Rücken zu verschränken und das
Pferd dabei in raschem Trab laufen zu lassen.« Zum Schwim-
men ging man ein paar Steinwürfe weiter in den Tiber.
Dies alles geschah unter den kritischen Blicken interessier-
ter Zuschauer, wurde meist sportlich betrieben, hatte aber
gleichwohl eine direkte Beziehung zu dem, was man im Krieg
gebrauchen konnte. Alle römische Erziehung war stark auf das
Nützliche ausgerichtet. Von griechischer Athletik hielt man
dagegen nicht viel; man sah in ihr einen nutzlosen Zeitvertreib,
der die Jugend verweichlichte; nur als Zuschauer ließ man sie
sich gefallen.
Indem man dies und anderes aus unserer Kenntnis der
damaligen Sitten rekonstruiert, gewinnt man freilich für Caesar
noch nicht viel; man kann sich ausmalen, wie er eine strenge
geistige Schulung erhielt, sein Gedächtnis trainierte – viel Aus-
wendiglernen verstand sich von selbst; und man kann sich klar
machen, daß er seinen Körper damals zu der Leistungsfähigkeit
ausbildete, die er dann in den folgenden Jahren bewies. Sein
Biograph Sueton schreibt: »Er führte die Waffen mit großem
Geschick, war ein ausgezeichneter Reiter und erstaunlich aus-
dauernd. Bei Märschen zog er manchmal zu Pferd, öfter
Christian Meier – Caesar 81

zu Fuß voran, barhaupt bei Sonnenschein oder Regen. Die


längsten Strecken legte er mit unglaublicher Geschwindigkeit
zurück, ohne Gepäck, in einem Mietwagen, pro Tag hundert
Meilen (einhundertfünfzig Kilometer); Flußläufe hielten ihn
nicht auf, er durchquerte sie schwimmend oder auf aufgebla-
senen Schläuchen, so daß er sehr oft schneller ankam als die
Nachrichten über seine Bewegungen.«
Viele Märsche legte er bei Nacht zurück. Durch Schwimmen
hat sich der Zweiundfünfzigjährige im Jahre 47 vor Alexandria
das Leben gerettet.

Mehr als dies lernt man aber, wenn man sich die Prinzipien
vor Augen hält, nach denen im damaligen Rom die Erziehung
der Jungen erfolgte. Sie ergaben sich im Grunde aus der Tra-
dition, nämlich aus der Weise, wie der Sohn des Landmanns
und Gutsbesitzers in dessen Lebensbereich allmählich hinein-
wuchs, ihn begleitete, ihm alles mögliche abguckte und dann
unter seiner Aufsicht begann, dies und jenes selber zu machen.
Es war im Kern ein Lernen durch Beobachten der Praxis; ein
Lernen vom Vorbild durch Anschauung; ein allmähliches Hin-
einwachsen eben. Ganz ähnlich wurde das auch in der Stadt
praktiziert und fortgesetzt, das heißt zumal: in der Politik, die
den vornehmsten Lebensbereich der Adelsgesellschaft abgab.
Daneben nahm die theoretische Ausbildung zwar zunehmend
Zeit in Anspruch, aber sie scheint in der Regel eher am Rande
verblieben zu sein.
Es wurde Wert darauf gelegt, daß der Junge frühzeitig auch
am Leben des Vaters teilnahm. Er ging mit ihm aus, wenigstens
gelegentlich, wurde auch zu Einladungen in fremde Häuser
mitgenommen. Er beobachtete, wie der Vater mit Freunden
und Clienten verkehrte, konnte bei dieser oder jener Bera-
tung zuhören, auf dem Forum und vor Gericht dabeisein,
wenn der Vater das öffentliche Leben verfolgte und kommen-
tierte. Ein Teil dieses Geschehens vollzog sich auch im eigenen
Haus, wenn etwa hochmögende Gastfreunde von außerhalb
dort abstiegen oder wenn Gesandtschaften aus den Provinzen
Christian Meier – Caesar 82

ihre Patrone aufsuchten, sie untertänigst verehrten und ihnen


große Geschenke überreichten.
Diese Erziehung in der Familie und damit in der Praxis war
historisch gleichsam das natürliche Ergebnis eines gleitenden
Übergangs von den agrarischen Verhältnissen der Frühzeit in
die politische Existenzform einer weltbeherrschenden Ari-
stokratie. Aber es kam anderes hinzu. Im frühen Ausgleich
zwischen Geschlechtern und Gemeinwesen waren der Anteil
der Geschlechter, der Bereich ihrer Zuständigkeit, der Rang
der Zugehörigkeit zu ihnen außerordentlich hoch gewesen.
Sie hatten sich selbst ganz in den Dienst des Gemeinwesens
gestellt und darin diszipliniert. In der Leistung für die Stadt
fanden sie ihre Erfüllung, ihren Ruhm, ihre Tradition. So war
ihr Zusammenhalt durch die gemeinsame politische Orientie-
rung noch gestärkt worden. Daran hatte sich in der Zwischen-
zeit Einiges verschoben, die Gegenstände der Politik waren zu
vielfältig geworden, die Machtgrundlagen zu stark zersplittert,
als daß die Solidarität der Geschlechter noch im alten Maße
hätte behauptet werden können. Aber ein starkes Eigenleben,
eine »Eifersucht« im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs, ein
besonderer Stolz hatten sich gleichwohl bewahrt. Da wurde
man gleichsam viel stärker als der Sohn des eigenen Hauses
denn als Angehöriger der römischen Jugend genommen – und
entsprechend geprägt. Catos Meinung, daß es nichts Wich-
tigeres gäbe als den eigenen Sohn zu erziehen, wurde in
abgeschwächter Form von den anderen geteilt.
Schließlich gab es nichts auf der Welt, was der römischen Ari-
stokratie vergleichbar gewesen wäre. Und diese verstand ihre
Herrschaft, ihr Wesen vornehmlich als Bewährung bestimmter
Tugenden. Moribus antiquis res stat Romana virisque, hatte
schon der alte Ennius gedichtet: Auf den alten Sitten und den
(sie vollziehenden) Männern ruht das römische Gemeinwe-
sen. Diese Sitten aber konnte keine Schule vermitteln. Für
die Ausbildung so mancher Kenntnisse und Methoden mochte
man Lehrer brauchen. Die Art des römischen Adels aber,
seine Maximen, Erfahrungen, Beziehungen waren in ihrer
Selbstverständlichkeit und unendlichen Vielfalt nur von denen
Christian Meier – Caesar 83

weiterzugeben, die sie so unvergleichlich beherrschten. Sie


waren gar nicht zu lehren, sondern vielmehr vorzuleben und
dadurch nachhaltig einzuprägen. Die Söhne des Adels hatten
nicht so sehr Wissen und Methoden als vielmehr in erster Linie
eine Welt zu übernehmen, von ihren Vätern.
Daß der römische Adel sich sehr wohl auch Rechenschaft
darüber ablegte, wie wichtig die so weitgehend praktische,
väterliche Erziehung war, zeigt das im Jahr 92 v. Chr. von den
Censoren erlassene Edikt zum Verbot der damals neueröffneten
Schulen derer, die programmatisch als »lateinische Redner«
firmierten: »Uns ist gemeldet worden, es seien da Personen,
die eine neue Art der Ausbildung eingerichtet hätten und zu
denen die Jugend in die Schule gehe; diese haben sich den
Namen Lateinische Redner beigelegt; dort verbrächten die
Heranwachsenden müßigerweise ganze Tage. Unsere Vorfah-
ren haben bestimmt, was ihre Kinder lernen und in welche
Schulen sie gehen sollten. Dies Neue, was gegen die Sitte und
den Brauch der Vorfahren geschieht, gefällt uns weder noch
erscheint es uns richtig. Deswegen scheint es angebracht, daß
wir sowohl denen, die diese Schulen unterhalten, wie denen,
die sie besuchen, unsere Meinung kundtun, daß dies uns nicht
gefällt.«
Cicero erklärte später, es sei dort der Geist abgestumpft und
Unverschämtheit gezüchtet worden. Man habe die Bildung
und Gelehrsamkeit, die zur griechischen Rhetorik gehörten,
beiseite gelassen. Offenbar konzentrierte man sich darauf, die
Methoden zu vermitteln, mit denen die Schüler möglichst wirk-
sam – und unter Umständen auch demagogisch – Interessen
verfechten konnten. Das mag wohl zutreffen. Aber man sollte
darüber die anderen Motive nicht geringschätzen: Durch tage-
langen Aufenthalt in der Schule wurden die jungen Adligen zu
Schülern gemacht. Sie wurden der Lebenspraxis entfremdet
und in Muße versetzt. Sie hatten nicht jeder für sich mit Vorbil-
dern, sondern alle zusammen mit ihresgleichen und mit Leh-
rern zu tun. An diesem Ort war für die jungen Herren wenig
Respektgebietendes. Vielleicht wurden gar kritische Gedan-
ken gegen die etablierte Adelsgesellschaft genährt. Aber die
Christian Meier – Caesar 84

Hauptsache war wohl, daß diese Schulen die Jungen zu


ihren Selbstverständlichkeiten in Distanz brachten, jugendli-
che Gemeinsamkeiten schufen, wo doch Gemeinsamkeit inner-
halb des Geschlechts und mit den Alten vorherrschen sollte.
Die praktische Erziehung der jungen Adligen führte dagegen
dazu, daß ihnen die Welt der Väter im gleichen Zuge zur eige-
nen wurde, in dem sie sie kennenlernten. Um in die römische
Adelswelt hineinzuwachsen, war eine unendliche Addition von
Lernakten notwendig. So wie das öffentliche Leben in Rom
keiner systematischen Verfassung gehorchte, sondern weithin
gemäß einer Unzahl von Beispielen, Präzedenzfällen, Usancen
und Regeln sich vollzog, mußte man lange Ketten von Kennt-
nissen erwerben, um sich in ihm zurechtzufinden. Und wie
die politische Macht nicht in Gruppen organisiert war, sondern
sich aus einer Unsumme von Beziehungen in der Hand der ein-
zelnen Senatoren und zwischen ihnen aufbaute, so mußte man
außerordentlich viele Menschen kennenlernen, um sich zu
behaupten. Wohl gab es zur Not Hilfskräfte, Sklaven mit Spe-
zialgehirnen etwa, die alle Welt beim Namen kannten (nomen-
clatores), und gebildete Sklaven, die einem zur Not Beispiele
aus der Geschichte Roms, wie man sie ständig als Argumente
brauchte, verschaffen konnten. Aber vieles mußte man doch
selber gelernt haben; man konnte etwa im Senat nicht mit
einem Sekretär auftreten; und die Nomenclatores kannten
nicht nur, sie wurden auch gekannt, und so war die persönliche
Aufmerksamkeit, die der von ihnen Beratene dem Begeg-
nenden erwies, nur halb soviel wert. Die Vorbereitung auf
das Erwachsensein ließ dem Jungen wenig Gelegenheit, seine
eigene Kindheit und Jugend als Moratorium zu erleben. Er
wurde stark in Anspruch, eben damit aber auch frühzeitig
ernst genommen. Das mußte ihn stolz machen, zumal die große
Welt der Väter ungemein imponierte: Umworben, respektiert,
hochverehrt, wie man war, nüchtern und überlegen, sicher
und herrscherlich, stolz und leutselig, wie man sich gab, voller
gravitas, also von ruhigem, wohl leicht prätentiösem Ernst,
unerschütterlich, verantwortlich, wenn auch zugleich rührig;
und gelegentlich wohl auch von urbaner Eleganz.
Christian Meier – Caesar 85

10 Man kennt die beeindruckt-beeindruk-


kende Schilderung des Polybios, wie in den
Häusern der Nobiles die Masken der großen
Ahnen hingen. Solche Ahnengalerien galten
als Wahrzeichen von Adel und wurden in der
Öffentlichkeit auch gerne zur Schau getra-
gen. Bildnisstatue eines römischen Bürgers
mit zwei Ahnenbüsten, frühe Kaiserzeit.
Rom, Konservatorenpalast.
Christian Meier – Caesar 86

Roms Herrschaft über den damaligen Erdkreis und die


Führung seiner Aristokratie lagen geradezu in der Luft, die der
Heranwachsende atmete. Er sah nicht nur die fremden, unter
Umständen exotischen Gesandten, die nach Rom kamen, um
dies oder jenes zu erbitten, sondern auch die Statthalter, die
aufbrachen, um ferne Provinzen zu verwalten. Mit Freunden
und Verwandten mochte er ihnen ein Stück Geleit geben oder
er mochte ihnen entgegengehen, wenn sie zurückkehrten.
Er konnte den Auszug der Legionen beobachten oder am
Straßenrand stehen, wenn ein Feldherr im Triumph zum
Tempel des Juppiter Optimus Maximus auf das Capitol zog,
mitsamt der Beute und den Gefangenen aus fernen Gegenden
und wohl auch mit großen Darstellungen von seinen Schlach-
ten, die das römische Publikum informieren und beeindruk-
ken sollten. In der Stadt befanden sich überall Standbilder
großer Feldherren und Politiker, Beutewaffen waren ausge-
stellt, öffentlich oder in den Häusern der Sieger, große Land-
karten zeigten die eroberten Gebiete oder die ganze Welt, wie
man sie damals kannte. Reichtümer flossen von überall her
in Rom zusammen. Man übertraf sich in großartigen Dar-
bietungen. Um das Jahr 95 ließ sich der Praetor Lucius Cor-
nelius Sulla, der spätere Dictator, von seinem afrikanischen
Gastfreund Bocchus, dem König von Mauretanien, einhundert
Löwen sowie gutausgebildete Speerwerfer schicken: Er ver-
anstaltete einen großartigen Kampf im Circus; es war um so
imposanter, als damals zum ersten Mal in solchem Kampf die
Löwen ohne Fesseln auftraten. Man wird den siebenjährigen
Caesar dorthin kaum mitgenommen haben, obwohl es nicht
ausgeschlossen ist. Daß er zumindest durch Erzählungen etwas
davon mitbekam, ist aber zu vermuten. Und zu der Atmosphäre
der Weltherrschaft, die die Welt der Väter so eindrucksvoll
machte, gehörte es allemal. Dabei war es nicht unbedingt wich-
tig, wie geachtet der eigene Vater darin war: Man mochte sich
gegebenenfalls vornehmen, den Rang des Geschlechts künftig
zu erhöhen.
Der römische Vater hatte eine Macht wie kaum ein anderer.
Das reichte bis zum Recht auf Züchtigung und Tötung der
Christian Meier – Caesar 87

Mitglieder seines Hauses. Und solange er lebte, waren Söhne,


Schwiegertöchter und Enkel in seiner Gewalt, der patria pote-
stas. Freilich hatte sich dies aus ältester Zeit nur erhalten
können, weil Mißbräuche, die den Eingriff des Gemeinwesens
hätten provozieren müssen, kaum vorkamen. Man konnte
dem Vater rechtlich diese Macht lassen, weil es genügend
außerrechtliche Möglichkeiten zu ihrer Beschränkung gab. So
hatte sich ein praktikabler Ausgleich eingestellt zwischen dem
Anspruch des Gemeinwesens auf rechtliche Ordnung und dem
der Geschlechter, sich nicht in ihre Angelegenheiten dreinreden
zu lassen. Die Größe der Macht ging in der Größe der Verpflich-
tung auf. Man lebte patriarchalisch. Wenn somit der Willkür
enge Grenzen gesetzt waren, so hatte es zugleich den Vorzug
einer beachtlichen Ungebrochenheit und Selbständigkeit, wie
sie doch wohl entstehen, wenn man freiwillig und unter
Selbsteinschränkung das tut und läßt, was man unter anderen
Umständen genötigt tun oder lassen muß. Diesem Vater und
der Gesellschaft der »Väter«, als die der Senat aufgefaßt und
angeredet wurde, schuldete man Gehorsam (obsequium) und
Respekt (pietas, wie den Göttern). Hinter ihnen stand nahezu
greifbar der Kreis der Vorfahren. Man kennt die beeindruckt-
beeindruckende Schilderung des Polybios, wie in den Häusern
der Nobiles die Masken der großen Ahnen hingen, den Leben-
den stets gegenwärtige Mahnung; wie diese dann beim Lei-
chenzug jeweils mitgeführt wurden, von Dienern getragen,
welche – jeder von den dazugehörigen Liktoren begleitet –
dazu die Amtstracht des höchsten Magistrats anlegten, den
der Dargestellte innegehabt hatte, vielleicht gar den Purpur
des Triumphators – ein langer, imposanter Zug, in dem sich
die Einheit, die Größe, die politische Leistung und der Rang
des Geschlechts dokumentierten. Wie dann all die Ahnen
auf den elfenbeinverzierten Amtssesseln der Magistrate um
die Rednertribüne auf dem Forum Platz nahmen, wobei sie
sich fast unter die dort aufgestellten Ehrenbildnisse einreih-
ten; die wundervolle Kundgebung der gemeinsamen Präsenz
vieler Generationen römischer Vergangenheit. Dann bestieg
der Sohn – oder ein anderer naher Verwandter – die Tribüne,
Christian Meier – Caesar 88

um Tugenden und Leistungen des Verstorbenen zu rühmen


und anschließend auf die großen Taten seiner Altvordern zu
sprechen zu kommen. So wurde deren Ruhm ständig erneu-
ert, schreibt Polybios, und es sei nicht leicht, ein großartigeres
Schauspiel zum Ansporn für die Jugend zu ersinnen: Sie
würden alles auf sich nehmen, um solchen Ruhm zu ernten.
Die Frage, ob dies Ganze, der Vater wie die Vorfahren, nur
als Ansporn und Vorbild und nicht auch oder gar eher als Last
oder als erdrückend empfunden werden konnte, mag noch
einen Moment zurückstehen. Zunächst ist einiges zur Eigenart
des Aufwachsens in Rom nachzutragen.

Was die Jungen in Rom zu lernen hatten, war kaum totes


und allgemeines, mit dem Verdacht der Beliebigkeit behaf-
tetes Wissen. Vielmehr war fast alles praktisch und individu-
ell. Indem man wesentlich beim Vater und bei Verwandten in
die Schule ging, reduzierte sich das Didaktische, das Lehrer-
haft-Beigebrachte auf das eher Technische. Auch das aber war
offenkundig unentbehrlich.
Dem griechischen Rhetorikunterricht schließlich war zwar
ein gewisses Maß von Gelehrsamkeit und Philosophie beige-
mischt. Aber er war freiwillig. Gelehrsamkeit und Philosophie
hatten damals zudem den Reiz des Neuen, neuer Einsichten –
die man im übrigen wohl eher äußerlich denn ganz ernst nahm
–, neuer Weisen sich auszudrücken und sich zu bewegen, neuer
Möglichkeiten, eines neuen Stils in gewisser Opposition zum
Herkömmlich-Römischen. Und die Welt, die man als Heran-
wachsender begreifen mußte, war statisch, fest, überschaubar.
Die strukturellen Schwierigkeiten, die Krise des damaligen
Rom wurden zwar gespürt, aber zu denken gaben sie nicht.
Problematisch erschien nur der Zustand der Oligarchie. Heil-
mittel dagegen waren gutes Vorbild und Bewahrung guter
alter Sitte. Schließlich konnte man diese Welt kaum von außen
sehen. Man war schon vielfältig in sie involviert, bevor man
vielleicht das Bedürfnis entwickelte, sie zu verstehen. Und das
meiste an ihr mußte gar nicht verstanden werden, weil es sich
nämlich von selbst verstand.
Christian Meier – Caesar 89

Das Lernen verteilte sich in einer uns nicht näher bekann-


ten Weise auf die verschiedenen Altersstufen. Ein Bruch zwi-
schen dem, was man im Hause, und dem, was man dann
außerhalb davon erfuhr, tat sich kaum auf. Einen Einschnitt
gab es, wenn der Junge mit etwa fünfzehn Jahren erstmals
die Männertoga anlegte. Als Kind hatte er die mit einem Pur-
purstreifen geschmückte Praetexta getragen, die sonst nur
Magistraten zukam. Jetzt wurde es gleichsam ernst, und man
trug das schlichte Gewand, sooft man nicht etwas Einfacheres
vorzog. Es gab eine Feier im Haus. Dann führte der Vater den
Jungen auf das Forum, um ihn der römischen Öffentlichkeit
zu präsentieren. Er brachte dem capitolinischen Juppiter
ein Opfer dar. Daran schloß sich ein Lehrjahr in Politik an,
währenddessen zentral und intensiv betrieben wurde, was
man bis dahin eher nebenbei getan hatte. Der Vater führte
den Jungen bei einem bedeutenden Politiker ein, damit er in
dessen Gefolge lerne. Nun durften die Jungen auch mit zum
Senat und an den – in der Regel offenen – Türen des Hauses
dessen Debatten zuhören. Irgendwann wurden sie vom Censor
in eine Centurie aufgenommen, eine der Abteilungen der wich-
tigsten römischen Wahlversammlung. Diese war nach Census
gegliedert. Die vornehmsten Einheiten waren die Rittercentu-
rien; Söhne adliger Häuser gelangten regelmäßig in die ersten
sechs (von achtzehn), die bei den römischen Wahlen eine
besondere Rolle spielten und entsprechend begehrt waren.
Da die Censuren in der Bürgerkriegszeit unregelmäßig waren,
können wir nicht sagen, wann Caesar dieser Vorzug zuteil
wurde.

Danach leistete man gewöhnlich für ein Jahr Militärdienst und


mochte anschließend im Stab eines Statthalters dienen. Caesar
jedenfalls tat dies in den Jahren von 80 bis 78 im Osten. Als er
zum Bithyner-König Nikomedes gesandt wurde, um ein Flot-
tengeschwader zu übernehmen, soll er dessen Geliebter gewor-
den sein. Es hat seinen Gegnern und Soldaten sein Leben lang
Stoff zu Spott gegeben. Denn die Knabenliebe genoß in Rom
keinerlei Ansehen. Sie war verbreitet (wenn auch bei weitem
Christian Meier – Caesar 90

nicht so wie unter den Griechen), aber noch verbreiteter waren


die Vorwürfe oder mindestens die Anzüglichkeiten, die einem
ihretwegen gemacht wurden. Bei Caesars gallischem Triumph
etwa wurde gesungen:
Caesar unterwarf Gallien, Nikomedes Caesar.
Seht: Triumph feiert Caesar, der ganz Gallien unterwarf, Niko-
medes triumphiert nicht, der Caesar unterwarf.
Ganz anders, als das bei den Söhnen hoher Familien damals
üblich war, blieb Caesar nicht nur im Stab, sondern kämpfte
in vorderster Linie mit. Bei der Erstürmung von Mytilene
zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Er wurde
für die Rettung eines Kameraden in der Schlacht mit der
hohen, seltenen Auszeichnung der »Bürgerkrone« bedacht.
Das war ein Eichenkranz, den er fortan bei allen feierlichen
Anlässen tragen konnte. Wenn ein so Ausgezeichneter bei den
öffentlichen Spielen erschien, pflegte sich die ganze Zuschau-
erschaft einschließlich der Senatoren von den Plätzen zu
erheben. Eine beeindruckende, stolze Erfahrung. Nachdem
Caesar dann noch an einem Feldzug in die Schlupfwinkel der
Seeräuber an der Südküste Kleinasiens teilgenommen hatte,
kehrte er nach Rom zurück.
Nach dem Militärdienst begannen gewöhnlich die ersten
politischen Aktivitäten des etwa Zwanzigjährigen. Caesar tat
sich als Ankläger vor Gericht hervor. Das war eine beliebte
Methode, um bekannt zu werden und erstes Ansehen sowie
Anhang zu erwerben. Opfer fanden sich bei den üblichen,
gesetzwidrigen Praktiken in den Provinzen wie in Rom genug.
Nur wurden sie bei noch so großer Schuld selten verurteilt.
Aber das machte nichts: Die Anklage mochte gleichwohl
bravourös sein. Im Jahre 75 begab sich Caesar dann nochmals
nach Griechenland, um in Rhodos zu studieren.
Wenn eine solche Erziehung ihr Ziel erreichte, mußte der
junge Sohn aus adligem Hause am Ende das Leben und die
Regeln, die Bräuche, das Denken und Fühlen der römischen
Aristokratie ganz in sich aufgenommen haben. Er war dann
ihresgleichen. Und er mußte es mit allen Fasern werden. Denn
er wurde hineingenommen in das Tun und Treiben eines Stan-
Christian Meier – Caesar 91

des, der nicht nur herrschte, sondern auf die vielfältigste Weise
für alles zuständig und mit allem befaßt war, sich also mitten
in allem bewegte. Man hatte keine Bürokratie, keine Speziali-
sten, sondern nur ganz wenige Magistrate aus den Reihen des
Adels, und der Senat war grundsätzlich für alles da, wenn sich
auch gewisse Sonderzuständigkeiten einzelner Männer und
Geschlechter aus Erbe, Tätigkeit und Erfahrung ergaben. Das
setzte eine weitgehende ständische Homogenität voraus, und
das Komplement dazu muß ein Homogenitätsdruck gewesen
sein. Da mochte Raum für eine gewisse persönliche Entfaltung
sowie für Eigenheiten der Geschlechter bleiben; da konnte
der eine für dies, der andere für das besser geeignet sein und
überhaupt dieser eher als jener das Ideal erfüllen; im Ganzen
und vor allem sollten sie nichts als die überkommene Art
verkörpern, einer wie der andere.

Es fragt sich, ob diese Erziehung ihr Ziel erreichte. Mit dem


Lernen in und an der Praxis ist ja noch nicht sichergestellt,
daß auch an der alten Strenge und Disziplin, an der Forde-
rung nach Selbstbeherrschung, Ausdauer, Sparsamkeit, nach
Ernst und Verantwortlichkeit, kurz: an der vollen Weitergabe
der alten Römertugenden, festgehalten werden konnte. Schon
in der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts berich-
tet Polybios, die Neigungen der meisten jungen Leute in
Rom hätten eine schlimme Richtung genommen. Die einen
seien wie besessen hinter schönen Jungen, die anderen hinter
Dirnen her, viele dächten nur an Tingeltangel, Saufgelage und
andere kostspielige Vergnügungen: Sie hätten sich die griechi-
sche Leichtlebigkeit nur allzu schnell zu eigen gemacht. Auch
mochte die Begegnung mit griechischer Philosophie und Bil-
dung an der Selbstverständlichkeit der römischen Ordnung
zehren. Das neue Ideal der humanitas stand in gewisser Oppo-
sition gegen altrömische Werte des gewichtigen Ernsts, der
Strenge und der Würde. Mußte nicht der Erfolg der Erziehung
von da her mit größerer Ungewißheit behaftet werden?
Auch könnte der Generationenkonflikt unter den damaligen
Verhältnissen sich zugespitzt haben. Die Ansprüche gerade
Christian Meier – Caesar 92

auch der Jugend waren stark gewachsen. Wenn etwa der Vater,
der die Hand auf dem gesamten Vermögen hatte, sparsam
war, konnte man in Schwierigkeiten geraten. Wohl wurde den
Söhnen normalerweise ein Sondergut zur eigenen Bewirt-
schaftung überlassen, und es wird keine große Rolle gespielt
haben, daß dies rechtlich Teil des Hausvermögens blieb. Aber
ob seine Bemessung den Ansprüchen genügte, war doch frag-
lich. Man konnte sich mit Darlehen behelfen – und tat es oft
in großem Stil –, aber das hatte seine Grenzen; es mochte zu
heftigen Auseinandersetzungen führen.
Und wenn die Väter als äußerst machtvoll und groß und
ihre Welt als ungemein imposant erscheinen mußten, konnte
dieser Eindruck bestehenbleiben, wenn man dahinterkam, daß
doch ein beachtlicher Abstand klaffte zwischen dem, was sie
als Römertugend und Autorität hochhielten, und dem, wie sie
tatsächlich lebten und was sie ausrichteten? Man fragt sich,
ob nicht Opposition erwachsen mußte, der Wunsch, die Macht
des Vaters zurückzuweisen und es besser zu machen, vielleicht
gar das Gemeinwesen besser einzurichten. Mußten die Heran-
wachsenden nicht, so untheoretisch sie erzogen, so sehr sie auf
das üblicherweise Mögliche – und das möglicherweise Übliche
– gelenkt worden waren, mußten sie nicht doch in kritische
Distanz zu den Vätern und zum Überkommenen geraten?
Schließlich lebte Rom, als Caesar jung war, schon mehr als
eine Generation lang in einer Krise, von der mindestens einige
Auswirkungen offenkundig waren: vielfache Durchbrechun-
gen der senatorischen Standesdisziplin, schwere Auseinander-
setzungen, Niederlagen des Senats, Versagen vor drängenden
Problemen, zuletzt, in den achtziger Jahren, der Bürgerkrieg.
Wie konnten die Heranwachsenden Zugang zu dieser Gesell-
schaft gewinnen, einen Platz in ihr finden, sie als die ihre anzu-
sehen lernen? Letztlich mußten sie wohl selbst dafür aufkom-
men, wer sie sein und wo sie stehen wollten. Es fragt sich,
welche Möglichkeiten sie hatten, ihre Identität hervorzubrin-
gen.
Christian Meier – Caesar 93

Spielräume des Erwachsenwerdens

Adoleszenz • Umwege zum Erwachsensein


• Unausweichlichkeit der Politik

In der römischen Erziehung war einerseits alles auf das


Erwachsenwerden ausgerichtet. Schon das Kind war weithin
ein kleiner Erwachsener und wurde stark an dem beteiligt,
was die Erwachsenen beschäftigte. Es sieht so aus, wie wenn
man da nicht lange alles offenlassen konnte, schwelgend in
Möglichkeiten. Der Adlige hatte sich der Politik zu widmen,
und die Variationsbreite möglicher Rollen war begrenzt.
Andererseits dauerte nach römischem Verständnis »Jugend«
vergleichsweise lange. Das ist freilich nur ein Ausdruck für
etwas in Wirklichkeit recht Kompliziertes. Es gab verschiedene
Alterseinteilungen. Erstens war da ein großer Einschnitt nach
dem Kriterium der Mannbarkeit und der Wehrpflicht: Danach
wurde der Junge etwa mit siebzehn Jahren ein Mann. Inso-
fern, so könnte man sagen, war er dann erwachsen. Zweitens
gab es aber noch einen anderen Maßstab, gemäß der Vielfalt
der Lebensalter. Danach war man etwa vom fünfzehnten bis
über das dreißigste Lebensjahr hinaus adulescens, also Heran-
wachsender. Das sollte offenbar ausdrücken, daß man in gei-
stigem und charakterlichem Sinne in dieser Zeit erst noch zu
reifen hatte. Erst danach war man dann wohl richtig erwach-
sen. Diese lange Ausdehnung des »Heranwachsens« – das nur
ungefähr mit unserem Begriff Jugend zu übersetzen ist – ent-
sprach der allgemeinen Einschätzung von Reife und Alter, wie
sie herkömmlich und im Laufe der Republik noch verstärkt
worden war. Man hatte erst seine Hörner abzustoßen und
einige Erfahrungen zu sammeln, bevor man wirklich herange-
reift war. Alter zählte, und da ließ sich nichts überspringen.
Dementsprechend konnte man erst mit dreißig die magistrati-
sche Laufbahn beginnen; und für jeden weiteren Magistrat gab
es höhere Altersgrenzen, bis man mit dreiundvierzig das Con-
sulat erlangen konnte. Dann endlich waren die Erfolgreichsten
reif genug, um in die Reihe der Ersten des Senats aufzurücken.
Christian Meier – Caesar 94

Die römische Anschauung einer langen Adoleszenz weist also


nicht auf die Prätention eines möglichst langen Jungseins, son-
dern im Gegenteil auf die Erkenntnis der Notwendigkeit einer
langen Reifung, und auf die lebte man hin.

Dieser Prozeß verlief freilich keineswegs unbedingt geradlinig.


Jedenfalls hatten die jungen Adligen während der späten Repu-
blik in ihrer Adoleszenz einige Freiräume und eine gewisse
Narrenfreiheit, die ihnen entweder zugebilligt wurde oder die
sie sich nahmen. Wie streng man sie auch erzogen haben
mochte – und auch das wird damals nachgelassen haben –,
in diesen Jahren wirkte sich das nicht immer mäßigend aus,
zumal privat, unter Umständen aber auch politisch.
Die ungeheuren Reichtümer, die Größe der Stadt und der
Bürgerschaft, die Vielfalt der Aufgaben können es im ganzen
kaum zugelassen haben, daß man die »Heranwachsenden«
allzu genau unter den Augen hatte. Und die Alten waren ver-
mutlich auch nicht immer so, wie sie es von den Vorfahren
erzählten. Eine gewisse Freizügigkeit war ganz unausweich-
lich. Damit zugleich öffneten sich die Poren, durch die grie-
chische Formen und Raffinement in den römischen Adel hin-
einwirken konnten. Vielerlei Eskapaden und Extravaganzen
wurden üblich, Feste und zahllose amouröse Abenteuer. Dabei
brauchte man sich wohl schon damals nicht mit einfachen
Dirnen oder den – freilich kaum reizlosen – höheren Hetären
zu begnügen, sondern die Damen der römischen Gesellschaft
fanden auch selber Geschmack an etwas mehr Freiheit und
Auswahl. So war es jedenfalls zwanzig Jahre später; und es
spricht wenig dafür, daß es nicht, als Caesar heranwuchs, schon
wenigstens ähnlich gewesen sein sollte. Dem Reiz, den jede
Liebe und zumal die verbotene hat, scheint sich zuweilen die
geistvoll-musische Atmosphäre verbunden zu haben, welche
aus der frischen Übernahme griechischer Formen resultierte.
Von Sempronia, der Frau eines der Consuln von 77, heißt es
etwa: »Diese Frau war nach Herkunft und Schönheit und auch
was Ehe und Kinder anging vom Glück recht begünstigt, war in
griechischer und lateinischer Literatur gebildet, spielte Zither
Christian Meier – Caesar 95

und tanzte besser, als es für eine anständige Frau nötig ist; und
sie beherrschte noch vieles sonst, was üppigen Genuß bewerk-
stelligt. Aber ihr war immer alles andere lieber als Ansehen und
Keuschheit.« Es wurde ihr alles mögliche Schlimme nachge-
sagt; sie war offenbar auch in die catilinarische Verschwörung
verwickelt. »Aber ihr Geist war nicht unbegabt; sie konnte
Verse machen, scherzen, sich bald zurückhaltend, bald sanft,
bald frech unterhalten; kurz: Sie besaß viel Witz und Anmut.«
Um die gleiche – etwas spätere – Zeit war eine andere Dame
aus höchstem Adel, die Gattin eines der Consuln von 60, Clodia,
ebenfalls hochgebildet, interessant, großzügig, lebenslustig und
offenbar voller Charme, die Geliebte Catulls, seine Lesbia.
»Laß uns, Lesbia, leben und uns lieben und der grämlichen
Alten Reden alle eines Pfifferlings gerade wert erachten.« Sie
vermochte bei keiner Konvention etwas zu finden – außer dem
Reiz, sie zu übertreten – und scheute keinen Skandal. Man
munkelte von intimen Beziehungen zu ihrem Bruder Publius,
der dann ein anarchischer Volkstribun wurde. Jedenfalls war
sie nicht engherzig, liebte vielmehr die Abwechslung, und so
traf sie später der bitterste Groll des verschmähten Dichters.
Man kann sich das noch weiter ausmalen. Hier sei es mit
einer kurzen Notiz genug. Sie stammt von Caesars nüchternem
Biographen Sueton und bezieht sich nicht nur, aber gewiß
auch auf dessen Jugend: »Alle sind sich darin einig, daß er
sehr vergnügungslustig war, zur Befriedigung seiner Leiden-
schaften viel Geld ausgab und sehr viele hochgestellte Frauen
verführte.« Es folgen mehrere Namen bis hin zur Mutter seines
Mörders Marcus Brutus, die er »vor allen andern geliebt hat«.
Vergnügungen dieser Art konnten für die Heranwachsen-
den zugleich Fluchtpunkte und Formen des Protests sein. Es
mochte durchaus zusätzlichen Reiz bieten, wenn man einen
der hochmögenden Väter mit einem Hörnerschmuck beehrte.
Daneben mochte man sie politisch ärgern, unter anderem als
Volkstribun, wobei sich Reformabsichten und Oppositionsgeist
mischen konnten. All dies war vielleicht um so nötiger, je weiter
die Republik in ihrer Krise voranschritt. Je desillusionieren-
der die Adelsgesellschaft sich darbot, um so mehr Umwege
Christian Meier – Caesar 96

brauchte man, um sich in sie hineinzufinden. Daneben standen


normalerweise die Vorbereitungen auf die politische Laufbahn.
Das eine schloß das andere nicht aus. Jedenfalls waren solche
Umwege in Richtung auf das Erwachsensein zwar Durchbre-
chungen guter alter Art, vielleicht auch Bereicherungen; aber
positive neue Möglichkeiten eröffneten sie nicht. Sie waren
höchstens Ausweichmanöver, nicht Wege zu einer anderen
Identität. Sie werden – zusammen mit den Umständen, aus
denen sie erwuchsen – nur dazu geführt haben, daß die Ein-
zelnen in den neu heranwachsenden Generationen im Schnitt
etwas lockerer, weicher und bunter ausgeprägt wurden.
Wahrscheinlich ist aber das Ziel der geistigen Einbürgerung,
des Hineinwachsens in die römische Adelsgesellschaft, sei
es nun mehr oder weniger geradlinig angestrebt worden, im
ganzen kaum verfehlbar gewesen. Nur die Streubreite, in der
es erreicht wurde, wird zugenommen haben. Es gab mehr
Spielräume, in gewissem Umfang mochten auch Rollen pro-
biert werden, für Caesar ist das wahrscheinlich. Aber im
ganzen blieb den Adligen kaum etwas anderes übrig, als zu
werden wie ihresgleichen und in deren Reihen aufzugehen.

So war dem Adligen die Politik unausweichlich. Konkurrie-


rende Berufe oder Lebenskreise gab es nicht. Und das Ziel der
politischen Laufbahn war so hoch geschätzt, daß man schon
krank oder schwach oder allzusehr aus der Art geschlagen
sein mußte, um sich ihm entziehen zu können. Die politische
Laufbahn stand nicht nur als Möglichkeit bereit, sie belegte
den jungen Adligen einfach mit Beschlag. Das machte das
Geschlecht, das machten die Altersgenossen – der Wettbewerb
mit ihnen –, das machte der Stand; das machten aber auch
die sicheren Erwartungen der Anhänger und Freunde, die den
römischen Geschlechtern verbunden waren und auf Hilfe rech-
neten, ja die ganze Bürgerschaft.
Damit war eine sehr weitgehende ständische Homogenität
gegeben. Und die prägte jeden Einzelnen ungemein stark.
Wohl ließ sich die Rolle besser oder schlechter spielen. Tem-
perament, Natur, Geist, Erfahrung, auch einige besondere
Christian Meier – Caesar 97

Überlieferungen der Geschlechter bedingten manche Unter-


schiede. Originelle Seitenwege waren nicht ganz ausgeschlos-
sen. Aber im ganzen war die bewährte Adelsart verpflichtend
und suggestiv. Das war die Basis für alles andere. Erst auf
dieser gemeinsamen Basis formten sich die Charaktere, auch
in der späten Republik mit ihrer menschlichen Vielfältigkeit.
Die gesellschaftliche Realität begegnete den jungen Adligen
mithin gebieterisch und nicht beliebig, sie erschien eindeutig
und nicht aus einer Fülle von Perspektiven je verschieden, sie
gab für sie nur einen Weg vor, öffnete sich also nicht wie ein
weites Feld voll irritierender Optionen, und sie lud überall zu
Aktivität ein, ließ keinen so leicht draußen vor.
Diese Realität bot der Identitätsbildung wenig Spielraum
und folglich vergleichsweise wenig Probleme. Chancen und
Lasten, Möglichkeiten und Gefahren, Freiheit und Risiko
waren im republikanischen Rom bei weitem schmaler zuge-
schnitten als in der Moderne. Die römischen Adligen müssen
frühzeitig und in hohem Maße sie selbst gewesen sein, nicht
anonym, nicht unter Unbekannten. Alle ihre Rollen lagen dicht
beieinander. In jeder waren sie mit ihrer Person gefordert und
engagiert. Überall waren sie auf praktische Verantwortung,
auf Leistungen verwiesen, die zu erbringen grundsätzlich als
möglich erscheinen mußte. Mit ihresgleichen versammelt in
dem Bezirk, der sich ihrer aller Tätigkeit erschloß und darin
bestand. Darin gingen sie auf wie in einem gemeinsamen Eige-
nen, ohne unbefriedigt einem Anderen zustreben zu müssen
oder auch nur zu können. Indem sie derart ihre Realität aus-
machten, also prägten, sahen und waren, konnten sie sich nicht
der Realität gegenüberfinden, konnten sie sich auch nicht als
Partikel oder Funktion eines übermächtigen, sie vielleicht gar
fremd anmutenden Ganzen vorkommen. Es war ihr Ganzes,
dem sie zugehörten, und sie taten es als Teilhaber. Es hatte
nicht die neuzeitliche Form eines höheren Ganzen, das die
ungemeine Vielzahl seiner sehr vereinzelten, höchst speziali-
sierten Mitglieder weit überwölbt – und aus dem man anderer-
seits, wenn es nicht mehr recht hält, herausfallen kann. Ent-
sprechend gab es nicht jenes ungeheuer weite Ausgespannt-
Christian Meier – Caesar 98

sein zwischen der eigenen Kleinheit – »unserm Knirpstum«,


um mit Jacob Burckhardt zu sprechen – und der Zugehörigkeit
zu unverhältnismäßig großen abstrakten Ganzheiten, das
moderne Identität, zumal nach dem Heraustreten aus der rela-
tiven Geschlossenheit kleiner Lebenskreise, neben anderem
so oft kennzeichnet und schwierig macht. Die jungen Adligen
in Rom hatten gewiß ihre Probleme, Nöte und Konflikte, aber
offenkundig nicht mit der Frage, wer sie waren und sein woll-
ten.

In dieser Gesellschaft war es gar nicht leicht, Außenseiter


zu werden. Auch nicht in der Krise mit ihren großen Proble-
men und schweren, zum Teil blutigen Auseinandersetzungen.
Gewiß wirkte die römische Aristokratie mindestens gelegent-
lich und auf einige ihrer jungen Angehörigen, zumeist nicht
die schlechtesten, abstoßend. Aber nie im Ganzen, sondern
immer nur in Einzelnem. Wenn einer dann freilich in wichti-
geren Punkten von der Kritik zur Reform übergehen wollte,
dann hatte er plötzlich die Senatsmehrheit und sehr viele
andere gegen sich. Dann stand er unter Umständen draußen.
Er mußte im Grunde schon vorher in bemerkenswerte Distanz
zum Senat geraten sein. Sonst wäre er kaum dazu gekommen,
sich in so wichtigen Punkten gegen die Senatsmehrheit eine
eigene Meinung zu bilden und ihr dann auch noch zu folgen.
Aber vollends zum Außenseiter wurde er erst, indem er den
offenen Konflikt aufnahm und austrug. Das war nur bei sehr
wenigen der Fall. Für die meisten waren, sofern sie überhaupt
in eine derartige Versuchung gerieten, die Aristokratie umfas-
send, ihr Leben verlockend und die Gewöhnlichkeit stark
genug, um sie wieder einzufangen. Denn für Außenseiter
gab es keine Gewöhnlichkeit, keine Konformität im Nicht-
konformen. Vor Sulla hatte man als Außenseiter kaum die
Chance, zu überleben. Wenn es nach Sulla, das heißt nach
den Bürgerkriegen der achtziger Jahre, anders damit stand,
so war das – mindestens im krassesten Fall, demjenigen Cae-
sars – vermutlich weniger einer neuen Lage als der Person des
Außenseiters zuzuschreiben.
Christian Meier – Caesar 99

Im zweiten Jahrzehnt:
Bürgerkriegserlebnis und
erste Festlegung
Konflikte des Jahres 88 • Sulla • Marsch
auf Rom, Sieg der Cinnaner • Hochzeit und
erste Ehren: die Konnexion mit Cinna •
Sullas Rückkehr • Opfer des Dictators und
Begnadigung • Sullas Ende • Vorbild für
Caesar?

Es hängt von vielerlei Umständen ab, ob und wann Heran-


wachsende entscheidend geprägt werden. Von Caesar kann
man mindestens soviel mit einiger Gewißheit sagen: Für die
Ausprägung seiner Persönlichkeit waren die Bürgerkriege der
achtziger Jahre sehr bestimmend.
Er geriet damals mit fünfzehn oder sechzehn Jahren in den
innersten Kern der einen der beiden Parteien. Und das hat
ihn, da er sich trotzig-treuerweise auch nach ihrer Niederlage
von ihr nicht wirklich lossagen wollte, auf eine sehr bestimmte,
sehr besondere Position innerhalb der römischen Aristokratie
festgelegt. Daher hat er die für seine ganze Generation so tiefe
Erfahrung des Bürgerkriegs in ganz spezifischer Weise durch-
gemacht. Und soviel damit in ihm erschüttert wurde, er hat
dort einen Punkt gefunden, von dem aus er dann allmählich
seine Identität ausbilden konnte, wohl tastend, unsicher, pro-
bierend, aber im Kern mit einer ungemeinen Treue zu jenem
Selbst, das dann so kräftig wurde, daß es diese Treue zuneh-
mend erzwang. Besonders prägend scheint dabei der Einfluß
der kräftigsten Persönlichkeit dieser Jahre gewesen zu sein,
des Lucius Cornelius Sulla.

Der hatte im Jahre 88 den Bürgerkrieg eröffnet. Dessen Vor-


geschichte lag in den innen- und außenpolitischen Verwick-
lungen, die sich in der Stadt seit 92 abgespielt hatten, zumal
im Bundesgenossenkrieg und den daraus folgenden inneren
Christian Meier – Caesar 100

11 Die antirömischen Ressentiments der ita-


lischen Bundesgenossen kommen auch in
deren Münzprägung zum Ausdruck.
Münze der italischen Konföderation (90-88):
der italische Stier zertrampelt und durch-
bohrt die römische Wölfin. Darunter, in
rückläufiger, oskischer Schrift, der Name
eines der italischen Oberbefehlshaber:
G[aius] Paapi[us Mutilis].
Problemen. Sie lag allerdings auch, soweit sie sich nämlich
in Sulla und seinem Lager abspielte, in der neuen Beschaf-
fenheit der römischen Armee und im vorerst letzten Kapitel
der römischen Außenseitertradition, dem Scheitern des Livius
Drusus.
Der Bundesgenossenkrieg hatte Rom sehr große Schwierig-
keiten bereitet. Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrhun-
dert hatte man es mit einem militärisch sehr ernst zu nehmen-
den Feind zu tun, mit Legionen, die bisher an der Seite der
römischen gekämpft hatten, die ganz ähnlich wie diese aus-
gebildet, aufgebaut und diszipliniert waren. Seine Armeen
waren stark, und er stand im eigenen Land. Man konnte sich
Christian Meier – Caesar 101

12 Münze der italischen Konföderation


(90-88). Auf der Vorderseite Italia, von
einer Victoria bekränzt. Auf der Rückseite:
Begrüßung eines eben an Land gekomme-
nen Bundesgenossen. Es handelt sich wahr-
scheinlich um eine Anspielung auf – in
Wirklichkeit nie eingetroffene – Hilfstrup-
pen, die von Mithridates VI. in Aussicht
gestellt worden waren.
seiner nur erwehren, indem man neben den Kampfhandlun-
gen versuchte, die Gegenseite durch politische Angebote zu
schwächen: zunächst an die Treugebliebenen, dann an diejeni-
gen, die sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in Rom mel-
deten. Aber wenn man dadurch einerseits immer mehr Kräfte
von der Gegenseite abschmolz, so drängten sich dort anderer-
seits antirömische Ressentiments in den Vordergrund. Unter
den Samniten und Lucanern etwa waren viele, die gar nicht ins
Bürgerrecht aufgenommen werden, sondern Roms Herrschaft
stürzen wollten. Sie waren, einmal zum Kampf entbrannt, so
leicht nicht zu befrieden.
Größere Kontingente waren noch unter den Waffen, als eine
neue Katastrophe eintrat: Der König von Pontos, einem klei-
Christian Meier – Caesar 102

nen Reich an der Südküste des Schwarzen Meeres, Mithridates


Eupator, fiel in die römische Provinz Asia ein, lebhaft begrüßt
von den dortigen Griechen. Er ließ die verhaßten Römer,
Kaufleute, Steuerpächter, Touristen und andere umbringen
– achtzigtausend sollen es gewesen sein; die Zahl ist weit
übertrieben, die Sache bleibt schlimm genug. Darauf machte er
Miene, nach Griechenland überzusetzen. Offensichtlich wollte
er Roms Schwierigkeiten ausnutzen, um neuerdings ein helle-
nistisches Großreich im Osten aufzubauen. Es bestanden auch
einige Querverbindungen zu den aufständischen Italikern, die
bloß nicht schneller aktiviert worden waren. Möglicherweise
waren auch die Seeräuber einbezogen, die von der kleinasiati-
schen Südküste her die Verbindungswege im Mittelmeer unsi-
cher machten. Das Problem, wem das Kommando gegen Mit-
hridates anvertraut werden sollte, verwickelte sich dann mit
der Innenpolitik.
Denn in Rom war es im Jahr 88 erneut zu äußerst heftigen
Auseinandersetzungen gekommen. Es ging vor allem um
die Verteilung der Neubürger auf die Unterabteilungen der
Bürgerschaft, die Tribus. Der Senat hatte für sie zunächst
einige zusätzliche Tribus eingerichtet. Ihr Stimmrecht sollte
nicht soviel wiegen wie das der meisten Altbürger. Sie hätten
zwar künftig etwa vierzig Prozent der Bürgerschaft ausge-
macht, wären aber in acht bis zehn Tribus eingeschrieben
worden, während die Altbürger sich auf fünfunddreißig ver-
teilten. Und für das Gesamtergebnis der Wahlversammlungen
war in Rom nicht die Zahl der Individual-, sondern die der
Abteilungsstimmen maßgebend.
Die Senatoren, die diese Politik durchgesetzt hatten, brauch-
ten wohl nicht zu befürchten, daß die Neubürger ganz andere
Kandidaten wählten als die alten. Vielmehr hätten sie und
die Ihren auch bei deren gleichmäßiger Verteilung auf die
Tribus weiterhin gute Chancen gehabt. Aber die Wahlen hätten
anders organisiert werden müssen; neue Rücksichten wären
zu nehmen gewesen; und man wäre wohl auch nicht umhin
gekommen, Angehörige der politisch führenden Schichten der
neuaufgenommenen Gemeinden zu fördern, damit auch sie an
Christian Meier – Caesar 103

den Magistraten ihren Anteil hätten. Eben dies hätte manche


Umstellung, der Entschluß dazu also eine Großzügigkeit und
Weitsicht vorausgesetzt, die die Senatsmehrheit nicht aufbrin-
gen konnte oder wollte.
Dafür nahm sich der Volkstribun Publius Sulpicius Rufus
der Neubürger an, einer aus dem Kreis der jungen Freunde
des Livius Drusus. Er beantragte, sie gleichmäßig auf alle
Tribus zu verteilen. Dabei stützte er sich auf eine Koalition
mit wenigen Senatoren und einem weiten Kreis von Rittern.
Zum einzigen Mal in der römischen Geschichte haben damals
die Steuerpächter in größerem Stil, mit stetigem Engagement
und auf längere Zeit in die Politik eingegriffen. Nachdem in
den letzten Jahren mehrere Versuche unternommen worden
waren, ihren politischen Einfluß zu beschneiden und sie vor
allem daran zu hindern, so rechtswidrig wie straflos ihre erpres-
serischen Geschäftspraktiken in den Provinzen auszuüben,
scheinen sie damals daran gegangen zu sein, ihre politische
Position tiefer und fester zu fundieren. Als es um die Aufnahme
der Bundesgenossen ins Bürgerrecht ging, waren sie dagegen
gewesen; nicht zuletzt, weil sie deren Konkurrenz fürchteten.
Nachdem diese Frage erledigt war, konnten sie sich mit den
Interessen der Neubürger verbinden: Von der Verteilung auf
die Tribus waren sie wenig betroffen. Im Gegenteil, sie sahen
in den Neubürgern natürliche Verbündete im Kampf gegen
den Senatsadel. Denn darauf sollte es jetzt offenbar hinaus-
laufen: Sie wollten die Senatoren nicht mehr nur unter Druck
setzen können – wozu die Geschworenengerichte dienen konn-
ten, die sie übrigens im Jahre 89 wieder verloren hatten –,
sondern sie wollten im Senat selbst und unter den Magistra-
ten stärker vertreten sein. Ritter und Neubürger wollten bei
den Wahlen zusammenarbeiten, um mit überlegener Macht
ihnen geneigte Politiker zu fördern und andere zu behindern
und nicht zuletzt Neubürgern zum Aufstieg in Magistrate und
Senat zu verhelfen.
Der neue Anspruch manifestierte sich in einer aus sechs-
hundert jungen Rittern gebildeten Leibgarde, die Sulpicius
seinen Gegensenat nannte. Später trug die gleiche Koalition
Christian Meier – Caesar 104

13
Fragmente von der Basis des Monuments,
das König Bocchus von Mauretanien zu
Sullas Ehren 91 auf dem Kapital errichten
ließ. Rom, Konservatorenpalast. Sämtliche
Motive der Basis verweisen chiffrenartig
auf zentrale Inhalte der sullanischen Pro-
paganda: Waffen, Trophäen und Victorien
versinnbildlichen den militärischen Sieg;
die Eroten und der Adler erinnern an
die Götter Juppiter und Venus, denen der
Sieg verdankt wird; durch den behelmten
Kopf der Roma wird der persönliche Erfolg
schließlich in den Dienst des Gemeinwesens
gestellt.
das Bürgerkriegsregime Cinnas, von dem es hieß, daß es durch
den Aufstieg neuer Männer und »ritterlichen Glanz« gekenn-
zeichnet sei. Es war kein Angriff auf die Institutionen der
Republik, aber auf die herrschenden Kreise und Familien, der
Christian Meier – Caesar 105

14 Eine von Sullas Sohn Faustus im Jahre


56 geprägte Münze zeigt den Vater des
Münzmeisters sitzend, wie er von dem knie-
enden Bocchus einen Ölzweig in Empfang
nimmt; daneben – ebenfalls knieend – der
gefesselte Jugurtha. Die gleiche Szene war
auch auf dem von Bocchus gestifteten Sie-
gesdenkmal (vgl. Abbildung 13) und – nach
einer literarischen Überlieferung – auf
Sullas persönlichem Siegelring dargestellt.

hier vorbereitet wurde. Es ging auch nicht direkt um deren


Ablösung, aber um die Verschiebung der Gewichte zu Gun-
sten jener Schicht, die sich bei den Wahlen bisher geschlossen
kaum geltend gemacht hatte und die dort nun zusammen
mit den Neubürgern ihren ganzen Einfluß, vielleicht gar ihre
Überlegenheit ins Spiel bringen wollte.
Die Senatsmehrheit leistete heftigen Widerstand. Sulpicius
ging rücksichtslos und gewaltsam vor. Da er alles nur mögliche
aufzubieten suchte, verband er sich auch mit dem immer noch
populären Kriegshelden Gaius Marius. Er bot ihm das Kom-
Christian Meier – Caesar 106

mando gegen Mithridates, einen, wie es schien, leichten, beute-


und ruhmvollen Feldzug, der dem ehrgeizigen, vielenttäuschten
alten Mann sehr zustatten gekommen wäre. Mit diesem Kom-
mando war aber schon einer der Consuln, nämlich Sulla
betraut. Zwischen beiden bestand seit längerem ein Verhältnis
gegenseitiger Eifersucht. Sulla hatte als Quaestor in Marius’
Armee während des Feldzuges gegen Jugurtha (107-105), den
König der Numider in Nordafrika, gedient. Marius war damals
gut fünfzig Jahre alt, Sulla Anfang dreißig. Jugurtha hatte
sie vor große Probleme gestellt. Er war militärisch bei allem
Geschick kaum zu besiegen gewesen, weil er sich nach kühnen
Attacken immer wieder in die Wüste zurückgezogen und dort
neue Kräfte gesammelt hatte. Sulla hatte ihn schließlich gefaßt;
auf Grund geschickter Verhandlungen mit Jugurthas Schwie-
gervater, dem mauretanischen König Bocchus. Dieser haßte
und fürchtete den Mann seiner Tochter, der sich gerade in
seinen Schutz geflüchtet hatte. Er empfand ihn als Belastung.
Ob er ihn aber verraten würde, war ungewiß. So war das
Unternehmen einigermaßen riskant, auf das Sulla sich einließ,
als er Bocchus’ Einladung in Begleitung weniger Soldaten
folgte, um dann an dessen Sitz gleichzeitig mit Jugurtha – einer
gegen den anderen verborgen – einige Zeit zuzubringen. Nach
anstrengenden, spannenden, intrigenreichen Verhandlungen
hat Bocchus den Schwiegersohn ausgeliefert. Erst damit war
der afrikanische Krieg beendet. Marius feierte den Triumph,
doch den entscheidenden Erfolg schrieb sich Sulla zu. Er
benutzte künftig ein Bild der Auslieferungsszene als Siegel,
und Bocchus ließ sie später zum großen Ärger des Marius
auf einem Denkmal auf dem Capitol verewigen – um damit
zugleich dem römischen Volk seine Verdienste vor Augen zu
führen. Nun also wollte der mittlerweile siebzigjährige Marius
– Mommsen nennt ihn einen abgestandenen Helden – das
große Kommando im Osten dem fünfzigjährigen Consul ent-
winden. Die Volksversammlung beschloß auf Antrag des Tri-
bunen, es auf ihn zu übertragen.
Doch das ließ sich Sulla nicht gefallen. Vor der bundes-
genössischen Stadt Nola in Campanien, die noch belagert
Christian Meier – Caesar 107

wurde, hatte er schon den Oberbefehl über seine Legionen


übernommen. Jetzt trat er vor sie und legte ihnen dar, daß
Marius nicht sie, sondern andere Soldaten in den beutereichen
Krieg führen werde. Die Soldaten waren so empört, daß sie
ihn aufforderten, ja scheinbar nötigten, sie auf Rom zu führen,
um den Volksbeschluß rückgängig zu machen. Kein Zweifel,
daß es wesentlich um den Oberbefehl im Osten ging. Aber man
täte Sulla vermutlich Unrecht, wenn man übersähe, daß er
zugleich die Sache des Senats verfechten wollte.

Lucius Cornelius Sulla war eine sehr kräftige, farbige Per-


sönlichkeit. Seine Familie gehörte zum ältesten patricischen
Adel, sie war einst wohlhabend gewesen. Einer seiner Vorfah-
ren, zweifacher Consul und erfolgreicher Feldherr, war Anfang
des dritten Jahrhunderts, als die Zeiten noch streng waren,
aus der Senatsliste gestrichen worden, weil er mehr als zehn
römische Pfund (gut drei Kilogramm) Silber besaß. Aber inzwi-
schen war die Familie so sehr verarmt, daß Sulla anfangs in
einem Mietshaus eine Etage bewohnen mußte – was in Roms
Aristokratie etwas heißen wollte. Er lebte unkonventionell, mit
Vorliebe in Gesellschaft von Schauspielern und von Halbwelt;
Liebschaften, vielfältigen Genüssen, hoch hergehender, geist-
voller Geselligkeit hingegeben; recht respektlos, lebenslustig
und spöttisch. Und merkwürdigerweise kam er auf diesem Weg
sogar zu Vermögen. Denn als er sich in eine reiche Kurtisane
verliebte, wurde er durch den Charme seines Umgangs, den
Reiz seines unbekümmert-jugendlichen Wesens vom Liebha-
ber zum Geliebten; und sie setzte den seltenen Vogel unter
Roms Aristokraten zu ihrem Erben ein. In diesem Milieu hat
er manches gelernt. Er war mit vielen Wassern gewaschen.
Und indem er so weitgehend darin aufging, hat er zugleich
immer eine beachtliche Überlegenheit gegenüber dem politi-
schen Alltagsgeschäft bewahrt. Er war zu distanziert, um die
Dinge normalerweise ganz ernst zu nehmen. Er drängte sich
auch nicht auf.
Aber wenn er irgendwo hingestellt, irgendwo engagiert
war, dann war es ihm ernst genug, daß er sich energisch
Christian Meier – Caesar 108

um die Erledigung des Aufgetragenen bemühte. Nicht immer


bis zum Letzten – seine Gleichgültigkeit konnte ihn wieder
übermannen –, aber doch bis zum Vorletzten. Und wenn es
wirklich wichtig war – und er wußte Wichtig von Unwichtig
sehr genau zu unterscheiden –, ließ er auch nicht locker. Er
hatte also etwas Spielerisches, recht Ironisches und konnte
doch zugleich einen ungemein starken Durchsetzungswillen
mobilisieren. Es kam ganz darauf an.
Sallust schreibt: »Er war in den griechischen und lateini-
schen Schriften so gebildet wie die ersten Geister. Er besaß
ungeheure Seelenkraft, war begierig nach Genüssen, aber noch
begieriger nach Ruhm; lebte in luxuriöser Muße; gleichwohl
hat ihn niemals ein Genuß von seinen Aufgaben abgehalten ...
Er war beredt, raffiniert und in der Freundschaft nachsichtig;
um über seine Pläne zu täuschen, besaß er eine unglaubliche
Unergründlichkeit des Geistes.«
Es mischten sich in ihm das römische Standeserbe und die
griechische Zivilisation, der Rom sich damals öffnete. Und es
ist, als hätten die Aufgeschlossenheit und das Interesse, das
sich unter griechischem Einfluß erschloß, das Römische nicht
in Sullas Gesinnung, wohl aber in seinem Können noch gestei-
gert. Seine vielfältige Begabung wurde auch in dieser Hinsicht
freigesetzt. In dieser Mischung und in den daraus resultieren-
den Entfaltungsmöglichkeiten lag wohl ein Teil des Rätsels der
»nach großem Maßstab zugeschnitzten« Gestalten der späten
Republik. Übrigens war diese Mischung bei Sulla in vielen
Hinsichten sehr ähnlich wie bei Caesar – ähnlich reich, nur
nicht so geschlossen.
Sulla konnte sich rasch in jeder Materie zurechtfinden und
es bald mit jedem Fachmann aufnehmen. Er scheint eine
bemerkenswerte Konzentrationsfähigkeit gehabt zu haben.
Dazu trafen sich Verstand, Energie und Mut. Zwei Tiere steck-
ten in ihm, hat einer seiner Feinde gesagt, ein Fuchs und ein
Löwe; aber der Fuchs sei das gefährlichere.
Launisch sei er auch gewesen. Und dafür werden viele Bei-
spiele zitiert. Aber vor allem war er nicht richtig eingespannt in
die Gesellschaft, innerlich zu frei, zu vielseitig interessiert, ver-
Christian Meier – Caesar 109

15 In den 80er Jahren verstand Sulla seine


fortune als besondere Gunst der Venus; in
seiner Münzprägung und auf einem großen
Siegesdenkmal verknüpfte er Eros mit der
Siegespalme.
L[ucius] Sulla Imper[ator] iterum (zum
zweiten Mal als Sieger in einer Schlacht
ausgerufen). Münzprägung des sullanischen
Heeres (84-83). Vorderseite: Kopf der Venus,
daneben Amor mit der Siegespalme. Die
Verknüpfung zwischen Göttergunst und Sieg
wird auch auf der Rückseite deutlich:
links und rechts zwei Trophäen; dazwischen
Opferkanne und Krummstab (lituus), die
als priesterliche Attribute auf die sakralen
Aspekte des Oberbefehls verweisen: gehörte
es doch zu den vornehmsten Pflichten des
Feldherrn, vor Kriegsbeginn in einer feier-
lichen Zeremonie (auspicium) die Zustim-
mung und den Segen der Götter einzuholen.

mochte die Dinge von zu vielen Seiten zu sehen, war zu sehr


abgelenkt, deswegen wohl auch zu anspruchsvoll und folglich
Christian Meier – Caesar 110

zu leicht enttäuscht; zu abgestoßen von vielem. So war er im


Ganzen großzügig – außer wenn er sich auf Hochwichtiges
konzentrierte; so war er inkonsequent. Je weniger er eingebet-
tet war in die Aristokratie, um so weniger ruhte er sicher in
deren Regeln und Grundsätzen.
Andererseits war er nicht willens und auch nicht distan-
ziert – und war die römische Gesellschaft vor allem noch nicht
schwach – genug, daß er sich wie später Caesar neue, eigene
Regeln und Grundsätze und sich selbst als Beziehungspunkt
seines Handelns hätte aufbauen können.
Das mag auch mit seinem Glauben an sein Glück zusam-
mengehangen haben. Er hielt sich für den Liebling der Aphro-
dite. Und in seinen Erinnerungen hat er behauptet, seine kühn
im rechten Augenblick gewagten Unternehmungen hätten bes-
sere Erfolge gezeitigt als die sorgfältig geplanten. Mommsen
spricht vom »Glauben an das Absurde, wie er bei jedem von
dem Vertrauen auf eine zusammenhängende Ordnung der
Dinge durch und durch zurückgekommenen Menschen not-
wendig sich einstellt, dem Aberglauben des glücklichen Spie-
lers, der sich vom Schicksal privilegiert erachtet, jedes Mal und
überall die rechte Nummer zu werfen«. Auch Caesar hat an
sein Glück geglaubt, und er hatte seine spezielle Beziehung
zu Venus. Aber wenn ihm Fortuna auf seinem sehr bewußt
gewählten Weg zu helfen schien, so scheint sie Sulla davor
bewahrt zu haben, solch einen Weg einzuschlagen, jedenfalls
langfristig.
Da Sulla sein Leben voll ausschöpfte, mußte er aus seiner
Zeit etwas machen. So war er zupackend, draufgängerisch,
ein Mann des kurzen Prozesses, neigte nicht zum Fackeln.
Bedenklichkeiten und langes Hin und Her scheinen ihn unge-
duldig gemacht zu haben. Die Dinge stellten sich ihm relativ
einfach und klar dar; was natürlich hieß, daß er ein Fremdling
in der Oligarchie war.
Heute wird meistens behauptet, Sulla sei konservativ gewe-
sen. Das besagt entweder nichts, oder es ist falsch. Denn einer-
seits waren alle Römer konservativ, gerade auch die Reformer.
Andererseits war Sulla zu rücksichtslos gegen den Senat und
Christian Meier – Caesar 111

gegen die überkommenen Regeln, um sich darin besonders


auszuzeichnen. Er war nur höchst realistisch und sah nicht,
wie Rom anders als in der überkommenen Struktur hätte
regiert werden können. Das wird ihn schwerlich begeistert
haben; aber es bestimmte sein Handeln. Er plante keine Neue-
rungen, sondern erledigte nur, was ihm nach seiner Meinung
aufgegeben war; dies freilich zum Teil recht unkonventionell.
Auch daß sein Wille, das Notwendige zu verwirklichen, mit ihm
durchgehen konnte bis zu schlimmer, blutiger Konsequenz,
will sich nicht recht zu seiner vermeintlichen Konservativität
reimen.
Weil er aber voller Energie war, ein ausgezeichneter, bravo-
uröser Offizier, glänzender Organisator, erfolgreicher Feldherr
und mitreißender Soldatenführer, konnte er im Bundesgenos-
senkrieg mehr als alle anderen dazu beitragen, daß Rom mit
seinen militärischen Schwierigkeiten fertig wurde. Deswegen,
aber wohl auch weil er gerade in eines der ersten Geschlech-
ter Roms, die Meteller, geheiratet hatte, war er 88 – mit fünfzig
Jahren, also relativ alt – zum Consul gewählt worden. Möglich,
daß die hohe Aristokratie in dieser Situation besondere Erwar-
tungen in ihn setzte und daß daher auch jene Heirat sich
erklärt. Jedenfalls suchte Sulla, seiner Art gemäß, seine Auf-
gabe als Consul verantwortungsvoll zu erfüllen, und das hieß,
daß er es mit dem popularen Volkstribunen aufnahm. Daß man
derart gegen den Senat Politik betrieb, und noch dazu in enger
Verbindung und zu Gunsten des zweiten Standes der Ritter,
sah er gar nicht ein. Da hatte er denn doch seinen Adelsstolz.
Und daß er und der Senat sich eine Niederlage bieten lassen
sollten, ging ihm vollends wider den Strich. Er fand, daß es mit
solchen Störungen und Ansprüchen ein Ende haben müsse.
Der so jäh gestoppte Reformimpuls des Livius Drusus war
noch nicht am Ende, die Notwendigkeit dafür drängender als
je. Auch aus dieser Legitimation heraus schlug Sulla zu, wie
nur je ein Consul beim senatus consultum ultimum. Der sehr
erhebliche Unterschied war nur, daß er es mit Legionen und
ohne senatorischen Auftrag tat.
Aber hier dominierte, ja verabsolutierte sich Sullas Durch-
Christian Meier – Caesar 112

16 »Er besaß ungeheure Seelenkraft, war


begierig nach Genüssen, aber noch begieri-
ger nach Ruhm; lebte in luxuriöser Muße;
gleichwohl hat ihn niemals ein Genuß von
seinen Aufgaben abgehalten« (Sallust). Bild-
nis des Sulla. Münze des Quintus Pompeius
Rufus, um 54.
setzungswille. Er wollte seine Sache recht machen, im Sinne
des Senats, notfalls auch gegen die Senatoren. Nachdem die
Senatsmehrheit Drusus so schmählich hatte aufsitzen lassen,
konnten ihre bedächtigen – und berechtigten – Einwände Sulla
wohl kaum sehr imponieren. Er sah nicht, wie der Senat dies-
mal nach einer großen Reform am Ende stärker sein wollte.
Auf die Frage, warum er auf seine Vaterstadt mit Waffenge-
walt ziehe, hat er geantwortet: um sie von den Tyrannen zu
befreien.

Erstmals also marschierte im Jahr 88 eine römische Armee in


feindlicher Absicht auf die eigene Stadt. Die höheren Offiziere
Christian Meier – Caesar 113

hatten so viele Bedenken dagegen, daß sie bis auf einen Quae-
stor sich weigerten, mitzuziehen. Dafür schloß sich der zweite
Consul an. Der Senat schickte Gesandte, um Sulla zur Umkehr
zu bewegen, offenbar nicht nur unter dem Druck der Gegner.
Aber das fruchtete nicht.
An drei Stellen besetzten Sullas Truppen die Zugänge zur
Stadt. Zwei Legionen strebten in geschlossener Formation,
Feldzeichen und Trompeten voran, vom Esquilinischen Tor
her auf das Zentrum zu. Sie wurden aus den Häusern beschos-
sen und beworfen. Erst als Sulla befahl, Feuer anzulegen und
brennende Pfeile zu schießen, erschlaffte die Kampfeswut. Die
Soldaten kämpften sich bis zum Esquilinischen Markt durch
(nahe der heutigen Kirche Sta. Maria Maggiore). Dort traten
ihnen Marius und Sulpicius mit einer rasch zusammengeraff-
ten Mannschaft entgegen. Der Vormarsch kam zum Stehen.
Aber dann führte Sulla Reserven heran und ließ andere Trup-
pen über die Subura vordringen, um Marius zu umgehen.
Darauf zerstreuten sich die Verteidiger, viele verließen eilig die
Stadt. In der Nacht lagerten Sullas Legionen auf dem Forum.
Die beiden Consuln waren ständig unterwegs, um die Disziplin
zu überwachen. Plünderungen wurden schärfstens bestraft,
die Zahl der Opfer blieb begrenzt.
Caesar war damals zwölf Jahre alt. Ob er das Geschehen
in Rom erlebt hat, wissen wir nicht. Aber mindestens in Form
von Erzählungen, Befürchtungen, Vermutungen muß es seine
Familie damals heftig umgetrieben haben.
Sulla veranlaßte danach unter Demonstrationen seiner
militärischen Macht den Senat, Marius, Sulpicius und zehn
andere zu Feinden zu erklären. Insbesondere im Fall des
Marius, des Retters Roms, stieß das auf großen Widerwillen
im Senat. Sulpicius wurde gefaßt, getötet, sein Haupt an Sulla
gesandt; der ließ es auf der Rednertribüne aufstellen. Die
anderen konnten entkommen, Marius floh nach Afrika, zu
seinen dort angesiedelten Veteranen. Dann hob Sulla Sulpi-
cius’ Gesetze auf und führte in aller Eile einige Reformen
im Sinne des Senats durch. Vor allem sollten Gesetzesinitiati-
ven der Volkstribunen künftig nur mehr mit Zustimmung des
Christian Meier – Caesar 114

Senats unternommen werden dürfen. Besonders wichtig


für Sulla war, daß er energische Männer seines Vertrauens
als Consuln des Folgejahres in Rom zurücklassen konnte.
Doch regte sich ein mächtiger Unwille gegen seine selbstherr-
liche Gewalttätigkeit, gegen die beispielhafte Durchbrechung
aller Barrieren, die die innerrömischen Auseinandersetzungen
bisher vom Bürgerkrieg getrennt hatten. Er tat es gerade auch
beim Senat, der sich nicht klarmachte, daß er längst mit Sulla
in einem Boot saß. So fielen dessen Kandidaten durch, und es
wurde auf die eine Stelle einer seiner Gegner, Lucius Cornelius
Cinna, gewählt, auf die andere ein etwas sonderlicher, wenig
energischer und für die Verwaltung der Erbschaft, die Sulla
dem Senat einstweilen hinterließ, offenbar denkbar ungeeig-
neter Mann. Sulla zögerte, Cinna als Consul auszurufen. Hätte
er stärkere Unterstützung von den Senatoren erfahren, hätte er
wahrscheinlich die Wahl wiederholt und durch Massagen der
Wählerschaft ein günstigeres Ergebnis herbeizuführen gesucht.
Dergleichen war schon öfter geschehen und bewegte sich
in Ausnahmesituationen durchaus im Rahmen des Üblichen.
Mangels jener Deckung begnügte Sulla sich zur allgemeinen
Überraschung damit, Cinna einen heiligen Eid schwören zu
lassen, daß er seine Gesetze nicht antasten werde. Ob er wirk-
lich geglaubt hat, daß der sich daran halten würde, ist unklar.
Aber es lag ihm daran, es zu glauben, zumal er es eilig hatte,
endlich dem im Osten vorrückenden Mithridates entgegenzu-
ziehen.
Cinna jedoch hatte nach Antritt des Consulats nichts Drin-
genderes zu tun, als zu beantragen, Sulla möge zum Feind
erklärt und seine Gesetze mögen annulliert werden. Insbeson-
dere ging es um die Verteilung der Neubürger auf die Tribus.
Jetzt setzte sich der Senat zur Wehr, vom anderen Consul
unterstützt, welcher an dieser Aufgabe wuchs. Es ging um
die Sache, nicht um Sulla. Heftige Straßenkämpfe entbrann-
ten. Der Senat erkannte Cinna schließlich sogar das Consulat
und auch das Bürgerrecht ab – was beispiellos war. Allerdings
reichte die Konsequenz nicht so weit, daß man den Fliehen-
den auch verfolgt hätte. So konnte er sich – wie Sulla ein Jahr
Christian Meier – Caesar 115

zuvor – eine Armee sammeln, beginnend bei der Legion, die


Sulla nicht mit in den Osten genommen hatte, weil die Belage-
rung der Stadt Nola in Campanien noch nicht abgeschlossen
war. Nicht zuletzt strömten ihm die Neubürger zu, deren Inter-
essen er verfocht. Marius kehrte von Afrika zurück und stellte
in der Toscana ein Heer auf, Sklaven wurden mit dem Verspre-
chen der Freiheit zu den Waffen gerufen. Gemeinsam zog man
auf Rom. Marius eroberte Ostia und schnitt die Zufuhren von
der See ab.
Die Stadt war zwar durch reguläre Armeen geschützt, diese
scheinen sogar in der Überzahl gewesen zu sein, ganz abge-
sehen davon, daß sie kriegserfahren waren. Aber es haperte
an der Führung: Der eine der Kommandeure, Quintus Metel-
lus Pius, war dem Senat ergeben. Als jedoch zwischen seinen
Soldaten und den Bekannten im Lager Cinnas Grüße ausge-
tauscht wurden, hielt er sein Heer ängstlich zurück; um das
Überlaufen zu verhindern, tat er lieber nichts. Der andere
Kommandeur war Pompeius Strabo, der Vater des »Großen
Pompeius«, Consul von 89. Der war sich seiner Armee zwar
sicher, aber er wollte nicht kämpfen. Er suchte vielmehr die
Gelegenheit dazu zu nutzen, um für sich selbst eine politische
Vorzugsstellung zu erreichen, als Retter der Stadt. Da der
Senat ihm aber offenbar nicht entgegenkam, wartete er ab. Er
hat auch mit Cinna verhandelt. So gerieten die senatorischen
Armeen in die Defensive. Eine erste Abwehrschlacht wurde
zwar erfolgreich geschlagen, aber im wesentlichen verharrte
man in Untätigkeit. Während Cinnas und Marius’ Soldaten
sehr genau wußten, was sie wollten, war denen ihrer Gegner
nicht so recht klar, wozu sie da waren. Als Pompeius schließlich
an einer Epidemie starb, wollten seine Soldaten zwar kämpfen,
aber nicht unter dem Consul, von dem sie sagten, er habe
kein Glück. Und den Eindruck scheint er, steif wie er war,
wohl auch gemacht zu haben. Metellus aber, den die Legionen
zum Feldherrn wollten, versagte sich aus verfassungsmäßigen
Gründen.
Von Seiten des Senats wollte man die außerordentliche
Situation mit ordentlichen Mitteln meistern. In der Innenpoli-
Christian Meier – Caesar 116

tik wußte man längst, daß das nicht ging, daher hatte man das
senatus consultum ultimum erdacht. Bei den Soldaten aber
rechnete man weiterhin mit selbstverständlichem Gehorsam,
obwohl man doch bei Sullas Marsch auf Rom gerade erfahren
hatte, daß die Bindung an den Feldherrn, dessen persönliche
Überzeugungskraft, sein Soldatenführertum und die Erwar-
tung, daß er sich wirksam für seine Soldaten einsetzte, stärker
sein konnten als die Senatsautorität. Aber vielleicht hatte
man das nicht recht begriffen. Es wäre ja auch eine unan-
genehme Wahrheit gewesen, schwer vereinbar mit dem Stolz
der Väter, die die ganze Welt regierten. Zudem war der
Äußerste Senatsbeschluß eine Demonstration der Macht, die
Rücksichtnahme auf die Soldaten wäre dagegen eine der Ohn-
macht gewesen. Wieweit man sich bewußt war, daß sich hier
zugleich das Problem des Verhältnisses zwischen großem Ein-
zelnen und Senat auftat, mag offenbleiben. Jedenfalls sollte
der Senat über allen Kräften stehen. Folglich unterlag er. Es
begann das große Überlaufen. Unter der Bedingung, daß das
Leben aller Bürger geschont werde, lud der Senat Marius und
Cinna ein, nach Rom zurückzukehren.
Sogleich nach dem Einmarsch begann das Morden. In gren-
zenloser Wut rechnete Marius mit seinen Gegnern ab. Alle
Enttäuschungen und Ressentiments des ehrgeizigen, verletz-
lichen, rauhen homo novus, dem man so übel mitgespielt
hatte, brachen auf. Wer sein Gegner gewesen war, einst oder
kürzlich, und wohl auch manch einer, dessen Vornehmheit und
Hochmut den so wenig feinen Neuling erbost hatten, wurde
rücksichtslos umgebracht, der eine Consul – der andere nahm
sich selbst das Leben –, vier Consulare und mehrere sehr pro-
minente Senatoren unter anderen. Marius vergalt, wie Momm-
sen schreibt, jeden Nadelstich mit einem Dolchstich. Sulla
wurde geächtet, zum öffentlichen Feind erklärt, sein Haus
zerstört, seine Landgüter ließ man verwüsten. Marius’ Leib-
garde aus entlaufenen Sklaven trieb ein solches Unwesen, daß
Cinna sie schließlich im Schlaf überfallen und bis auf den letz-
ten Mann niederhauen ließ. Dann richteten die Cinnaner ihre
Herrschaft in Rom ein, die von Ende 87 bis 82 dauerte. Marius
Christian Meier – Caesar 117

wurde noch zum Consul von 86 gewählt, starb aber bald nach
Amtsantritt.
Über die Persönlichkeit Cinnas hören wir überhaupt nichts.
Vielleicht weil sie blaß war, jedenfalls strich man nach seinem
Ende diese Periode der römischen Geschichte fast ganz aus
dem Gedächtnis. Tüchtig muß er gewesen sein, das kann man
aus seinen Taten schließen. Ob er mehr war als ein Opportu-
nist, läßt sich beim Mangel an Quellen nicht mehr feststellen.
Seine politische Planung war eher reaktiv. Ob er über seinen
Sieg hinaus gedacht hat, ist ganz unklar. Er wollte – oder sollte
– das Neubürgergesetz wiederherstellen und ausführen. Inso-
fern beseelte ihn auch Energie. Ob er weiter wußte, ist schlech-
terdings nicht auszumachen. Was er tat, war ungefähr das,
was man notgedrungen in solch einer Situation tun muß: Er
ließ sich stets aufs neue zum Consul wählen, bemühte sich,
die durch die Kriege gestörten wirtschaftlichen Verhältnisse
wieder zu ordnen, suchte leidliche Beziehungen zum Senat zu
gewinnen.
Beiden konnte an einer Wiederaufnahme des Bürgerkriegs
nicht gelegen sein. So strebte der Senat eine Aussöhnung
mit Sulla an, und Cinna scheint dem nicht widersprochen zu
haben. Offenbar wollte man Sullas Rechte wiederherstellen
und ihm sein Kommando lassen – was nach Marius’ Tod leicht-
fiel und angesichts seiner Feldherrnbegabung auch Sinn hatte.
Dafür sollte er alle Ansprüche auf Rache für das ihm und
anderen hohen Adligen zugefügte Unrecht aufgeben. Wenn
Cinna allerdings gemeint hätte, Sulla auf diese Weise befriedi-
gen zu können, hätte er ihn gründlich verkannt. Wenn nicht,
wäre seine Taktik geschickt gewesen: Er bot die Hand zur
Aussöhnung, zum friedlichen Ausgleich. Erst als der Krieg
unausweichlich erschien, im Jahre 85, begann er jedenfalls
gegen Sulla zu rüsten. Im folgenden Jahr wollte er dann mit
einer Armee über die Adria setzen, doch wurde er bei einer
Meuterei erschlagen.

Während dieser Jahre endete Caesars Kindheit. Er legte die


Männertoga an und begann die Lehrzeit auf dem Forum. Im
Christian Meier – Caesar 118

17 Wer der Priesterschaft der Flamines


angehörte, mußte stets (jedenfalls im Freien)
den Apex tragen, eine Pelzmütze mit Bak-
kenlappen, die unter dem Kinn zusammen-
gebunden wurden, und einer besonderen
Verzierung an der Spitze.
Darstellung zweier Flamines: Ausschnitt
vom Südfries des unter Augustus errichte-
ten Friedensaltares, der Ara Pacis.

sechzehnten Lebensjahr verlor er den Vater. Vor allem aber


rückte er – im Jahr darauf, offenbar 84 v. Chr. – in den Mit-
telpunkt der damaligen Gesellschaft. Cinna gab ihm nämlich
seine Tochter Cornelia zur Frau; das Verlöbnis mit Cossutia,
die aus einer sehr wohlhabenden ritterlichen Familie stammte,
wurde gelöst. Die Verbindung mit Cinna stellte eine erstaun-
liche Auszeichnung dar. Der siegreiche Bürgerkriegsführer
konnte sein Kind kaum an einen beliebigen jungen Mann
geben, und sei er aus noch so guter Familie. Die andere
Tochter war mit Gnaeus Domitius Ahenobarbus verheiratet
Christian Meier – Caesar 119

worden, einem tapferen jungen Adligen aus hervorragendem


Geschlecht. Ob es eine Rolle spielte, daß Caesar der Neffe des
Marius war? Oder gilt die Bemerkung, mit der Jacob Burck-
hardt den Eindruck des jungen Caesar auf Sulla kommentiert:
»Irgendetwas von dem außerordentlichen Wesen des Betref-
fenden pflegt nämlich doch schon frühe durchzublitzen«, so
daß für den Großen besondere »Gefahren der Anfänge« beste-
hen? Aber war Caesar groß? Hatte er schon etwas von dem
Charisma, dem Glanz, der vielseitigen Überlegenheit und
Erfolgssicherheit, die er später ausstrahlte? War wenigstens
von seinen großartigen Anlagen schon etwas zu spüren?
Cinna hat Caesar etwa gleichzeitig zu dem sehr vornehmen
Amt des Juppiter-Priesters bestimmt, das gerade frei gewor-
den war. Es ist nicht deutlich, ob Caesar auch schon inaugu-
riert wurde. Dieses Amt war mit besonderen Ehrenrechten
ausgestattet und nur Patriciern zugänglich. Andererseits legte
es seinem Inhaber vielfältige Pflichten, den Vollzug von Opfern
und Zeremonien auf, und vor allem unterlag es zahlreichen
einengenden Vorschriften.
Der »Flamen Dialis« wurde als Träger einer magischen
Kraft aufgefaßt, die sorgfältig zu hegen war. Er mußte stets
– jedenfalls im Freien – den Apex tragen, eine Pelzmütze
mit Backenklappen, die unter dem Kinn zusammengebunden
wurden, und einer besonderen Verzierung an der Spitze. Er
durfte kein Pferd besteigen, ein bewaffnetes Heer durfte ihm
nicht vor die Augen kommen; an Feiertagen durfte er nicht
wahrnehmen, daß jemand arbeitete. Sein Haar durfte nur von
einem Freien mit einem Bronzemesser geschnitten und mußte,
wie die abgeschnittenen Fingernägel, an bestimmter Stelle
vergraben werden. Es durfte sich auch in seinem Haus kein
Knoten befinden. Nie durfte ihm ein Tisch ohne Speise vor-
gesetzt werden, damit selbst der Eindruck eines Mangels
ihm fernblieb. Ursprünglich hatte der Juppiter-Priester auch
keinen Magistrat bekleiden dürfen. Er durfte ja den dazu erfor-
derlichen Eid auf die Gesetze nicht leisten, da darin eine
potentielle Selbstverfluchung enthalten war. Doch waren Wege
gefunden worden, um diesen Mangel aufzuwiegen, der letzte
Christian Meier – Caesar 120

Inhaber war sogar Consul geworden. Aber eine reine Freude


kann diese Priesterschaft, mindestens für einen ehrgeizigen
jungen Adligen, nicht gewesen sein. Man hat sie gerne an Patri-
cier gegeben, deren Gesundheit ihnen keine politische Lauf-
bahn gestattete.
Für Caesar wie für Cinna mochte sich das anders ausneh-
men. Wenn einem Hause, das politisch lange nicht mehr viel
bedeutet hatte, eine solche Ehre widerfuhr, so mochte ihm
das als höchst erstrebenswert erscheinen, vielleicht ebenfalls
die Aussicht auf das Consulat eröffnen. Und für Cinna war es
offenbar wichtig, daß ein ihm nahestehender Mann sie erhielt.
Denn im aristokratischen Gemeinwesen der Römer spielten
Ehren eine außerordentliche Rolle, und für einen Usurpator
mehr als für jeden anderen. Übrigens mußte der Juppiter-Prie-
ster auch mit einer Patricierin verheiratet sein, und Cornelia
erfüllte offensichtlich diese Bedingung.
Damit war Caesar fürs erste politisch festgelegt; nicht auf
eine Sache – die hatte Cinna, nachdem das Neubürger-Problem
gelöst war, nicht mehr –, aber auf bestimmte Verbündete und
vor allem gegen die alte Nobilität. Cinnas Herrschaft bewegte
sich zwar äußerlich genau in den Formen der alten Republik
– wenn man davon absieht, daß die führenden Männer sich
immer wieder zu Consuln wählen ließen. Er wollte offenbar
nur für sich und seine Verbündeten innerhalb dieser Formen
eine breite, solide Machtbasis schaffen. Das mutet in mancher-
lei Hinsicht erstaunlich an. Wenn es wirklich galt, eine neue
Gruppe von Politikern hochzubringen, so waren die Vorschrif-
ten über die Ämterlaufbahn sehr hinderlich. Insbesondere die
Neulinge mußten erst langsam über die unteren Magistrate
aufsteigen und konnten nicht so bald großen Einfluß im Senat
erlangen, da dessen Sitze lebenslänglich waren und dessen
Rangklassen der Ämterfolge entsprachen. Man kann freilich
damit gerechnet haben, daß die geschlossene Politik eines sol-
chen Wählerblocks – und der Druck Cinnas – zugleich die
Bewerber um die höheren Ämter und alle, die jemanden bei
der Kandidatur fördern wollten, zu erhöhter Rücksichtnahme
nötigte. Doch waren all diese Absichten weit davon entfernt,
Christian Meier – Caesar 121

auf eine andere Form der Republik zu zielen.


Wenn Cinna sich jedoch getreu an die Regeln hielt, so
hatte er gleichwohl einen tiefen Legitimitätsbruch verursacht.
Einmal durch seine Usurpation, zum andern durch die Morde
und Selbstmorde im Gefolge seines Einmarschs in Rom. Die
Republik bestand nach römischer Auffassung keineswegs nur
in ihren Formen und Überlieferungen, sondern auch in der
Kontinuität der Aristokratie. Die war versammelt im Kreis der
führenden Senatoren. Das waren die Consulare, diejenigen,
die das Consulat bekleidet hatten. Man nannte sie die »Ersten
der Bürgerschaft«, principes civitatis. Sie bildeten das Zen-
trum der Verantwortung. Sie hatten die Aufgabe, die Sache
des Senats und des Ganzen der res publica zu verfechten, und
da die Senatoren entschieden darauf eingeschworen waren,
erwuchs ihnen daraus sehr hohe Autorität. In der Gemeinsam-
keit der Aufgabe entstand aber auch eine politische Solidarität
mindestens innerhalb des Gros der Consulare. In ihrer Sache
und in ihnen war die römische Aristokratie verkörpert; deren
Traditionskette war in ihnen präsent und wurde von ihnen sehr
bewußt fortgesetzt. Ob sie einen Consulatskandidaten aner-
kannten, war zum Beispiel höchst wichtig für dessen Erfolgs-
aussichten. So stellten sie auch eine Quelle der Legitimität dar.
Wer sie vernichtete – oder stark dezimierte –, traf ins Herz des
Adels, auch wenn er die aristokratischen Formen am Leben
ließ. Dieses Odium war nicht so leicht loszuwerden. Im ein-
zelnen mochte manch ein Nobilis seinen Frieden mit Cinna
schließen, der Stand als Ganzes konnte das so leicht nicht.
»Ohne Recht und ohne jede Ehre« – sine iure et sine ulla digni-
tate – sei die Republik damals gewesen, hat Cicero geschrie-
ben.
Es ist hier genau zu unterscheiden: Im Senat herrschte eine
mittlere Linie vor. Man war im allgemeinen gegen Cinna, aber
man war keineswegs für Sulla. Denn der Senat konnte sich mit
Sullas Marsch auf Rom trotz allem, was inzwischen geschehen
war, auch weiterhin nicht befreunden. Und man konnte von
einer Wiedereröffnung des Bürgerkriegs nur das Schlimmste
fürchten, gerade auch von seiten des so hart durchgreifenden
Christian Meier – Caesar 122

Sulla. Andererseits schrieb der die Sache der Nobilität auf


seine Fahnen – nicht die des Senats! Ehre und Rang der
althergebrachten führenden Schicht sollten wiederhergestellt
werden. Viele Nobiles mußten also doch mit Hoffnungen auf
Sulla blicken; und mit Cinna konnten sie sich kaum aussöhnen.
So wiesen die Überlegungen der Senatspolitik und die Hoff-
nungen der alten Führungsschicht in verschiedene Richtun-
gen. Einstweilen waren nur jene maßgebend, später traten
diese in den Vordergrund, bis schließlich unter Sulla Senat
und Nobilität wieder eins wurden.
So sehr aber der Senat unter Führung der letzten
überlebenden alten Principes mit Geschick den ihm verblei-
benden Spielraum nutzte, die vorherrschende Stimmung war
Verzweiflung, das Gefühl der Ohnmacht. Letztlich bestimm-
ten die Bürgerkriegsführer, was geschah. Und aus der Perspek-
tive der einen Partei lernte Caesar zwischen dem sechzehnten
und dem neunzehnten Lebensjahr diesen schwachen Senat
kennen. Jugendlich und anspruchsvoll, wie er war, mag er ihn
auch gleich verachten gelernt haben. Er hatte, im Gegensatz
zu zahlreichen Generationsgenossen, keine Anhaltspunkte für
schmerzlich-trotzige Identifizierung mit den Vätern – oder für
Hoffnung auf die Armeen im Osten. Daß es freilich bei solch
kritischer, ablehnender, verachtender Haltung bliebe, dafür
sorgte vermutlich erst Sulla; durch die Weise, in der er seinen
Sieg ausbeutete, und dadurch, wie er Caesar begegnete, indem
er ihn bedrohte und in Gefahr brachte.
Sulla hatte sich zunächst mit Energie und Kampfesmut, auch
mit Erfolg dem Krieg gegen Mithridates hingegeben. Da er von
Rom keinen Nachschub bekam, requirierte er rücksichtslos
alle Schätze, auch die herrlichsten Kunstwerke, die Griechen-
land herzugeben hatte, und machte sie zu Geld. Er führte seine
Soldaten hart und streng, wo es nottat. Aber er ließ ihnen im
übrigen verführerische Freiheit und bestach sie. Sie sollten
kämpfen, und sie sollten ihm treu sein. Im übrigen war ihm
alles recht, konnte er selbst Meutereien vergessen. Da war er so
großzügig wie er ausschweifend sein konnte. »Damals zuerst
gewöhnte sich das Heer des römischen Volkes ans Huren und
Christian Meier – Caesar 123

18 Offensichtlich wollte er Roms Schwierig-


keiten ausnutzen, um neuerdings ein helle-
nistisches Großreich im Osten aufzubauen.
Mithridates VI. Münze des Königreichs
Pontos, um 79.
Saufen, lernte Statuen, Gemälde und Gefäße von getriebener
Arbeit bewundern, sie auf eigene Faust oder offiziell rauben,
die Heiligtümer plündern, Heiliges und Profanes besudeln«, so
beschreibt Sallust das Etappenleben dieser Armee.
Aber Sulla war, wie gesagt, eben auch ein faszinierender
Soldatenführer, der den rechten Ton für seine Männer fand,
sich unter Umständen in vorderster Linie einsetzte, ein Kame-
rad, der ihnen von gleich zu gleich begegnen konnte – und der
ihnen um so mehr imponierte, als er so gar nicht ihresgleichen
war; ein Draufgänger, der anscheinend die Spuren seiner Pla-
nung gut zu verwischen vermochte. Und die Soldaten vertrau-
ten der fortune ihres Feldherrn.
In vergleichsweise kurzer Zeit wurde Mithridates besiegt
und zum Frieden genötigt. Er hatte erst noch handeln und
Sullas schlechte Lage ausnützen wollen. Als beide im westli-
chen Kleinasien zusammentrafen und der König ihm mit aus-
gestreckter Hand entgegen kam, fragte Sulla ihn unbewegt,
Christian Meier – Caesar 124

ob er den Krieg zu seinen Bedingungen beenden wolle; als er


schwieg, sagte er: »Sache der Bittenden ist es, zuerst zu reden;
der Sieger kann schweigen.« Und als Mithridates sich dann
umständlich zu rechtfertigen begann, schnitt er ihm das Wort
ab, indem er meinte, nun habe auch er erfahren, welch Meister
in der Redekunst der König sei, da er selbst nach solch ruchlo-
sen Taten um schöne Worte nicht verlegen sei. Er wiederholte
seine Bedingungen, und erst als Mithridates eingewilligt hatte,
begrüßte er ihn. Mithridates mußte seine Eroberungen aufge-
ben, ging aber im übrigen straflos aus.
Das widersprach römischem Brauch, die Soldaten protestier-
ten. Aber Sulla mußte schnellstens nach Italien zurückkehren.
Den Gesandten aus Rom hatte er geantwortet, er sei bereit,
die Verteilung der Neubürger auf alle Tribus anzuerkennen,
aber er könne seinen Anspruch auf Bestrafung der Schuldigen
unter den Cinnanern nicht fahrenlassen. Er war persönlich
und auch im Namen der ermordeten oder verjagten Nobiles
zutiefst beleidigt. Denn er war eine archaische Persönlichkeit.
Noch auf seinem Grabstein ließ er einmeißeln, daß er im
Erweisen von Gutem alle Freunde, von Bösem alle Feinde
übertroffen habe. Im Kleinen mochte er großzügig sein, im
Großen verstand er keinen Spaß. Er fand aber wohl auch
aus Herrschaftsraison, daß man über das, was die Cinnaner
angerichtet hatten, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen
konnte.

Sulla scheint zuletzt, kurz vor der Landung in Italien, noch


eingelenkt zu haben. Da bestand er lediglich auf Wiederein-
setzung seiner selbst und aller, die zu ihm geflohen waren, in
ihre alten Rechte. Der Senat war bereit, darauf einzugehen.
Der neue Führer der cinnanischen Partei, Papirius Carbo, hat
es vereitelt. Keiner wußte, was Sulla tun würde, wenn er erst
einmal seine Armee nach Italien geführt hätte, wo er gewiß
einen Triumph, also den feierlichen Einzug der Legionen in
Rom, hätte beanspruchen können. Hatte er seinen Rachean-
spruch wirklich aufgegeben? Konnte er sich mit den Cinn-
anern noch vertragen? In der Tat sprach vieles dafür, daß der
Christian Meier – Caesar 125

Bürgerkrieg nur durch den Sieg der einen Partei zu beenden


war.
Die Cinnaner waren zahlenmäßig weit überlegen. Mehr als
fünfzehn Legionen, die zum Teil ausgezeichnet und zu hohem
Einsatz bereit waren, vielfach aus Neubürgern rekrutiert, stan-
den gegen fünf, alle Hilfstruppen eingerechnet, gut hundert-
tausend gegen knapp vierzigtausend Mann. Sulla war sich vor
der Überfahrt nicht sicher, ob sich sein Heer in Italien nicht
rasch auflösen werde. Aber die Soldaten schworen ihm Treue
und verpflichteten sich zu größter Disziplin, damit der Krieg
in Italien keinen unnötigen Schaden anrichte. Sie sammelten
sogar, um ihm finanziell beizustehen – so sehr empfanden sie
den Krieg als gemeinsame Sache. Doch wies Sulla dieses Opfer
zurück. Nach der Landung stießen verschiedene Nobiles zu
ihm. Sobald feststand, daß der Krieg unvermeidlich war, war
ihr Platz an seiner Seite – sofern sie nicht lieber untergingen
als bewaffnet auf die Stadt zu marschieren. Zwei von ihnen
brachten einige tausend Mann mit. Einer kam mit einer regel-
rechten Armee: der damals dreiundzwanzigjährige Pompeius.
Unter den großen Clientelen, die er in Picenum besaß, nicht
zuletzt unter den Veteranen seines Vaters hatte er auf eigene
Faust drei Legionen ausgehoben. Pompeius hatte begriffen,
was Bürgerkrieg war. Und in einer Kühnheit, zu der ihn nur
seine Jugend, kaum nämlich sein Temperament befähigt haben
kann, suchte er die Situation für sich auszuweiden. Sulla
begegnete ihm mit großem Respekt, begrüßte ihn wider alles
Herkommen als Imperator, also als im eigenen Namen kom-
mandierenden General. Die übrigen Nobiles, »die zum Heile
des Gemeinwesens sich wollten retten lassen und nicht einmal
dazu zu bringen waren, ihre Sklaven zu bewaffnen« (Momm-
sen), behandelte Sulla eher mit Geringschätzung, und das je
mehr, je näher er dem Sieg kam und je selbstherrlicher sie
wurden. Mit Vorliebe hat er sich auf Offiziere gestützt, die nicht
dem hohen Adel entstammten.
Nach ziemlicher Ungewißheit ging die erste Schlacht
überraschend gut zu Gunsten Sullas aus. Seine Soldaten
begannen die Feinde zu verachten. Es schloß sich eine lange
Christian Meier – Caesar 126

19 Prägung eines Münzmeisters Cordus aus


dem Jahr 70. Italia und Roma sind im Hand-
schlag verbunden. Dabei hat Roma aber
eindeutig die Oberhand: sie trägt Diadem
und Fasces (Rutenbündel), der Globus unter
ihrem Fuß verweist auf Weltherrschaft. Die
glücklichen Folgen des Friedens werden
versinnbildlicht durch das Füllhorn zwi-
schen den zwei Gestalten und den caduceus
(Heroldsstab) – ein Zeichen des merkanti-
len Wohlstands – im Rücken der Italia.
Kette von zum Teil schwierigen militärischen und etwas leich-
teren, aber folgenreichen psychologischen Erfolgen an. Große
Teile der gegnerischen Armee liefen mit der Zeit über. Wenn
die feindlichen Legionen nahe beieinander lagen, wenn sich
irgendwelche Kontakte anbahnten, überzeugten die Sullaner
regelmäßig von ihrer Überlegenheit und von der Güte und
Großzügigkeit ihres Feldherrn. Sullas Armee verdreifachte
sich auf diese Weise. Nie hören wir davon, daß Soldaten von
ihm übergelaufen wären.
Nur wenige Kontingente, darunter allerdings die Samniten
und Lucaner, blieben bis zuletzt der gegnerischen Sache treu.
Christian Meier – Caesar 127

Der alte Drang zur Freiheit von Rom erwachte unter ihnen
aufs neue. Man könne die Wölfe, die Italien die Freiheit geraubt
hätten, nicht beseitigen, wenn man nicht den Wald vernichte, in
dem sie hausten, erklärte einer ihrer Feldherren. Als seine Nie-
derlage schon besiegelt schien, führte er seine Truppen in letz-
ter Verzweiflung auf Rom. Am 2. November 82 langte die sulla-
nische Armee in Eilmärschen gerade noch rechtzeitig vor der
Stadt an, um sie nach einer harten Schlacht am (nordöstlichen)
Collinischen Tor vor der Vernichtung zu bewahren. Als Retter
Roms vor höchster Gefahr konnte Sulla dann in die Stadt
einziehen. Anderthalb Jahre hatte der Bürgerkrieg gedauert.
Kurz vorher hatte Marius’ Sohn noch befohlen, die letzten in
der Stadt verbliebenen Senatshäupter umzubringen.
Unmittelbar darauf begann Sulla, mit den Gegnern blutig
aufzuräumen. Mehrere tausend gefangene Samniten und Luca-
ner ließ er auf dem Marsfeld, im Flaminischen Circus oder in
der Villa Publica, einem öffentlichen Arsenal, niedermetzeln.
Nicht weit davon, in den Bellona-Tempel, hatte er den Senat
berufen lassen. Es war dessen erste Sitzung nach seiner Heim-
kehr. Als die Väter sich durch das Geschrei und Wehklagen der
Opfer beunruhigt zeigten, erwiderte er in aller Gelassenheit,
sie möchten darauf nicht achten, ihm vielmehr aufmerksam
zuhören; es würden auf seinen Befehl nur einige Verbrecher
bestraft. Er wollte ein in jeder Richtung, insbesondere auch
zum Senat hin, schreckliches Exempel statuieren.
Übrigens schrieb Sulla an den auf seine Empfehlung einge-
setzten Interrex, er meine, man müsse einen Dictator ernen-
nen, um Gesetze zu geben und die Republik neu zu ordnen,
und zwar nicht auf eine bestimmte Zeit, sondern bis die Stadt,
Italien und die Provinzen wieder völlig befriedet seien. Bisher
waren Dictatoren zumeist für sehr begrenzte Aufträge oder für
die Kriegführung auf ein halbes Jahr ernannt worden. Jetzt
fand sich Rom in einer inneren Notlage, und vieles sprach
in der Tat dafür, die alte Ausnahme-Magistratur mit ihren
unbeschränkten Vollmachten einzusetzen. Sulla vergaß nicht
zu erwähnen, daß er selbst der Stadt auch bei der Lösung
dieses Problems glaube nützlich sein zu können. In dem Gesetz,
Christian Meier – Caesar 128

20 Mehrere tausend gefangene Samniten


und Lucaner ließ Sulla auf dem Marsfeld,
im Flaminischen Circus oder in der Villa
Publica, einem öffentlichen Arsenal, nieder-
metzeln. Darstellung der Villa Publica auf
einer 55 geprägten Münze des Publius Fon-
teius Capito. Die Inschrift erinnert an die
Erneuerung des Gebäudes durch einen –
wahrscheinlich mit dem Münzmeister ver-
wandten – T[itus] Didi[us].

das daraufhin erlassen wurde, war ausdrücklich festgelegt, daß


alle seine Anordnungen rechtsgültig sein sollten und daß er
jeden Bürger nach Belieben straflos töten lassen könne.
Als die Reihe der Morde nicht enden wollte, wurde im Senat
interpelliert. Man wolle ja nicht für die um Gnade bitten, die
er zu töten für gut befunden habe; aber ob er nicht vielleicht
diejenigen, die er am Leben lassen wollte, von der Ungewißheit
befreien könne. Er nahm den Vorschlag wörtlich und ließ
nacheinander Listen öffentlich anschlagen (proscribere): Wer
dort aufgeführt war, war bis zum 1. Juli 81 vogelfrei, auf
Christian Meier – Caesar 129

seine Ermordung stand eine Prämie, sein Vermögen verfiel


der res publica, seinen Nachkommen wurde verboten, sich um
öffentliche Ämter zu bewerben.
Grausamkeit lag in Rom allmählich in der Luft. Aber so
systematisch war sie noch nie ausgeübt worden. Vieles spricht
dafür, daß erst die Härte und Unversöhnlichkeit des langen
Bürgerkriegs Sulla davon überzeugt hatten, daß er die ganze
führende Schicht des cinnanischen Regimes vernichten müsse.
Daß zugleich andere auf die Liste kamen, die führende Sul-
laner gerne beseitigt sahen, kann man sich ausmalen. Aber
im ganzen bildeten die Proscriptionen den Auftakt der sullani-
schen Reformen und belasteten zugleich dieses Werk mit einer
schweren Hypothek. Vierzig Senatoren, eintausendsechshun-
dert Ritter und zahlreiche andere fielen ihnen zum Opfer.
Sullas besonderer Haß galt dabei offensichtlich den reichen
»Pfeffersäcken« (saccularii), die sich unter Cinna eine Position
angemaßt hatten, die ihnen nicht zukam; um von den geschef-
felten Reichtümern abzusehen. Rom sollte wieder von der Ari-
stokratie und dem Senat regiert werden.
Wenn mit den Gegnern, die seit 95 jede Reform vereitelt
hatten, anders nicht fertig zu werden war, so mußte man sie
eben beseitigen. Und ihren Kindern sollte jede Möglichkeit
genommen werden, die Väter zu rächen. Hier war der sonst
eher zu Großzügigkeit und Milde neigende Sulla von uner-
bittlicher, von mörderischer Gewaltsamkeit und Konsequenz.
Endlich, so fand er, mußte wieder Ordnung in Rom einkeh-
ren. Und da der Senat das nicht bewerkstelligen konnte –
im Gegenteil gerade gegen das Morden große Bedenken und
Abscheu hatte –, mußte er selbst sich dessen annehmen.

In den Kreis der Opfer gehörte auch Caesar. Der Neffe des
Marius, der Schwiegersohn Cinnas war ein sehr wichtiger
Mann; wohl im Moment ungefährlich, aber er mußte mit der Zeit
die Loyalität zahlreicher alter Anhänger Cinnas und Marius’
auf sich vereinen. Solche Verwandtschaft konnte viel bedeu-
ten. Als die Vettern der Mutter sich für den Achtzehnjährigen
einsetzten, verlangte Sulla – wie er es ähnlich auch bei ande-
Christian Meier – Caesar 130

ren, etwa Pompeius, tat –, er solle sich von seiner Frau trennen,
sich von den Seinen lossagen. Doch Caesar weigerte sich, als
einziger von den Betroffenen, soweit wir wissen. Dafür wurden
ihm die Priesterschaft – oder Anwartschaft auf sie –, die Mit-
gift Cornelias und sein ererbtes Vermögen genommen. Er war
nicht mehr sicher. Krank mußte er sich auf die Flucht begeben,
mehrfach das Versteck wechseln, einmal auch durch Zahlung
einer hohen Summe sich freikaufen. Als die Fürsprecher seine
Begnadigung erreichten, soll Sulla zu ihnen bemerkt haben,
man solle sich in acht nehmen vor dem schlechtgegürteten
Jüngling; in ihm stecke mehr als ein Marius. Das hört sich
wie eine nachträglich erfundene Prophezeiung an. Allein, es
muß nicht falsch sein. Warum soll nicht etwas von dem, was in
Caesar steckte, für Sulla – wie für Cinna – sichtbar geworden
sein? Weshalb soll Sulla nicht gar eine gewisse Verwandtschaft
gespürt haben?
Sueton berichtet, Caesar sei »von stattlicher Statur gewe-
sen« – »weiße Haut, schlanke Gliedmaßen, ein etwas zu volles
Gesicht, dunkle, lebhafte Augen«. Um sein Äußeres sei er
höchst besorgt gewesen. »So ließ er sich nicht nur sorgfältig
das Haupthaar schneiden und sich rasieren, sondern auch die
Körperbehaarung entfernen, was ihm von gewissen Leuten
vorgehalten wurde.« Auch seine Kleidung sei bemerkenswert
gewesen. Er habe den Gürtel besonders locker getragen. Ein
zarter, sensibler, jugendlicher Stolz, irgendein – gewiß noch
wenig verläßliches – Gefühl der eigenen Besonderheit, viel-
leicht auch der Einsamkeit, scheint sich darin auszudrücken.
Einige Feinheit und Kultiviertheit zugleich. Dinge, die Sulla
nicht ganz fremd gewesen sein dürften. Und wenn er in dem
schlechtgegürteten Jüngling nichts Eigenes erkannte, könnte
er es sehr wohl durch seine Warnung hervorgerufen haben.
Die beiden waren von einem Schlag.
Doch wie dem auch gewesen sein mag, warum soll Sulla
nicht etwa die zudringlichen Bitten seiner hochmögenden
Freunde gleichsam mit einem: »Bitte, wenn ihr unbedingt
wollt, aber seht euch vor!« quittiert haben? Dazu braucht
er kein Prophet, sondern nur einen Moment lang verärgert-
Christian Meier – Caesar 131

großzügig gewesen zu sein. Für sein Denken lag gewiß eine


Gefahr darin, daß ein Mann mit diesem familiären Hinter-
grund in Rom überlebte – falls er sich davon nicht soweit, wie
es möglich war, lossagte. Und daß Caesar dies nicht tat, mußte
Sulla als Ungeheuerlichkeit erscheinen. Nicht zuletzt, weil er
es anders gewohnt war. Vielleicht hatte er Caesar auch durch
eine andere Heirat zu sich herüberziehen wollen.
Gleichgültig ob Caesar mehr durch das Ansinnen, sich von
seiner Frau zu trennen, verletzt war oder ob er sich mehr an
seine Frau und deren Familie gebunden fühlte, durch seinen
trotzigen Entschluß legte er sich nun selber fest, mindestens
fürs erste und auf eine verlorene Sache. Denn viel mehr als
gewisse Beziehungen zu den Söhnen der Proscribierten – die
er immer gepflegt hat –, zu einigen anderen Familien, eine
gewisse Anhänglichkeit an Marius im Volk – viel mehr kann
sich ihm von dieser Seite nicht geboten haben. Das muß ihm
freilich nicht gleich klar gewesen sein. Kurz vorher hatte sich
die cinnanische Partei noch auf starke Kräfte in ganz Italien
gestützt. Sulla war nicht beliebt, stieß selbst im Senat auf
viel Ablehnung. Warum sollten sich die Dinge nicht wieder
wenden? Aber selbst wenn Caesar sich dergleichen einge-
bildet haben sollte, handelte er hier vermutlich weniger aus
Kalkül als aus dem Willen, sich treu zu bleiben. Er fühlte sich
abgestoßen von der Weise, in der sich die anderen dem Dicta-
tor fügten. Er wollte sich nicht aus einer Bahn werfen lassen,
die er einmal eingeschlagen hatte. Er wußte – oder lernte jetzt
–, was er sich schuldig war, und das war ungemein viel. So
hat Caesar für seine Person, anders als ganz Rom, den Zumu-
tungen des mächtigen, anspruchsvollen Dictators mit Erfolg
widerstanden.
Das bedeutete um so mehr, als Sullas Macht damals allge-
mein als unumschränkte Herrschaft verstanden wurde. Er war
der Sieger, zwar für die Nobilität, aber kaum mit ihrer Hilfe.
Die Armeen hatten den Ausschlag gegeben, und die Nobiles
hatten keine gehabt. Sulla konnte sich weiterhin außer auf
seine Amtsgewalt auf die hundertzwanzigtausend Veteranen,
seine alten Soldaten sowie die Überläufer, stützen, die er jetzt,
Christian Meier – Caesar 132

wahrscheinlich in geschlossener Formation, an verschiedenen


Schlüsselpunkten in Italien anzusiedeln begann, außerdem auf
die zehntausend von ihm freigelassenen Sklaven der Proscri-
bierten.
Zum Zeichen seiner Macht trat er wider das Herkommen
in der Stadt mit vierundzwanzig Liktoren auf. Liktoren
waren die Amtsdiener der Magistrate, die diese überall beglei-
teten, Platz und Respekt verschaffend, ausgestattet mit dem
Symbol der exekutiven Gewalt, dem Rutenbündel in der Stadt,
Rutenbündel und Beil im Feld. Der Consul hatte zwölf, der
Praetor sechs, der Dictator im Feld vierundzwanzig. Doch
hatten sich die Dictatoren vor Sulla in der Stadt mit zwölf
begnügt.
Nach allem, was geschehen war, wollte Sulla eine große,
zusammenhängende Reform. Dabei setzte er nicht viel Ver-
trauen in die Mitwirkung des Senats. Dagegen sprachen die
Erfahrungen von 91, von 88, vermutlich auch das Erlebnis der
damaligen Senatsgesellschaft. Nein, zur Wiederherstellung der
Oligarchie waren die Oligarchen nicht zu gebrauchen, man
mußte sie ihnen aufzwingen. So hat Sulla die Zusammenar-
beit mit dem Senat nicht oder nur bedingt gesucht, die Väter
vielleicht gelegentlich zu Rate gezogen, aber die Entscheidung
ihnen nicht überlassen. Allerdings legte er der Volksversamm-
lung die Anträge zur Bestätigung vor.
Erstens wollte er das Senatsregime konsequent einrichten,
zweitens die – zumal durch ihn – aufgerissenen neuen Dimen-
sionen und Möglichkeiten des Handelns wieder eingrenzen auf
das alte Maß und schließlich noch einiges anordnen, was ihm
unabhängig von all dem als praktisch erschien.
Wohl das Wichtigste war ihm, daß das Gesetzgebungsrecht
der Volkstribunen unter die Kontrolle des Senats kam. Nichts
durften sie mehr beantragen, was nicht vorher von diesem
genehmigt worden war. Sie verloren damit ein Recht, das sie
seit 287 v. Chr. besessen hatten. Ja, sie verloren sogar die
Möglichkeit, Resolutionen der Plebs fassen zu lassen, welche
sie sich schon zu Anfang des fünften Jahrhunderts ertrotzt
hatten. Um ihr Amt zusätzlich zu entwerten, verfügte Sulla,
Christian Meier – Caesar 133

daß, wer das Tribunat bekleidet hatte, sich um keinen weite-


ren Magistrat bewerben dürfe. Im übrigen respektierte er die
Rechte des Volkes, auch das der geheimen Abstimmung. Er
schaffte allerdings die Verteilung verbilligten Getreides ab.
Die Ritter verloren nicht nur die Gerichte, sondern auch die
besonderen Sitze im Theater, durch die sie wohl seit Gaius
Gracchus neben den Senatoren als zweiter Stand öffentlich
herausgehoben worden waren. Andererseits erhöhte Sulla
endgültig die Stärke des Senats von dreihundert auf sechshun-
dert. Das hatte wohl primär praktische Gründe. Dreihundert
Senatoren waren den Belastungen nicht mehr gewachsen, die
die Regierung des Herrschaftsbereichs sowie die Besetzung
der durch Sulla stark vermehrten Geschworenengerichte mit
sich brachte. Es diente aber auch dazu, die Basis des Senats
zu verbreitern. Neu aufgenommen wurden Angehörige ritterli-
cher und gewiß auch mehrerer neubürgerlicher Familien, die
Sulla und der Nobilität treu geblieben waren und wichtige
Dienste geleistet hatten. Ob ein sechshundertköpfiges Gre-
mium die Führungsaufgaben noch wahrnehmen konnte, die
dem Senat oblagen, ist zu fragen.
Ebenfalls aus praktischen Gründen vermehrte Sulla die
Zahl der Quaestoren und der Praetoren. So sorgte er dafür,
daß die römische Magistratur den gestiegenen Anforderungen
des Herrschaftsbereichs und der Strafgerichtsbarkeit besser
gerecht wurde. Damit aber die Zahl der Magistrate gleichwohl
klein gehalten werden konnte, machte er es zur Regel, daß alle
Consuln und Praetoren nach dem Amtsjahr in der Stadt für ein
weiteres Jahr die Verwaltung einer Provinz übernahmen.
Durch ein besonderes Gesetz suchte Sulla die magistratische
Tätigkeit, insbesondere in den Statthalterschaften, genauer zu
normieren. Es scheint darin auch das Verbot enthalten gewe-
sen zu sein, künftig eine Armee nach Italien hineinzuführen,
auch zum Triumph nicht. Das Militär sollte sich nicht mehr in
die Innenpolitik einmischen.
Die Wahlen zu den höheren Magistraten wurden vom Ende
des Jahres auf den Juli verlegt, wo sie gleichzeitig mit denen
zum Volkstribunat stattfinden sollten. Dadurch wuchs der
Christian Meier – Caesar 134

Einfluß der wohlhabenden Schichten im außerrömischen Ita-


lien bei beiden, und die neuen Magistrate hatten mehr Zeit zur
Einarbeitung, die Kontinuität der Magistratur wurde erleich-
tert. Sulla erließ ein Gesetz über das Mindestalter bei der
Bewerbung um die einzelnen Magistrate und verbot die Wie-
derholung der Bekleidung des Consulats vor Ablauf von zehn
Jahren. Das gesamte Strafrecht wurde neu geordnet und so
gut, daß die entsprechenden Gesetze zumeist bis weit in die
Kaiserzeit in Kraft blieben.
Unter Anwendung aller Mittel also, gerechter wie verbreche-
rischer, tat Sulla, was irgend getan werden konnte, um ein kon-
sequentes, arbeits- und regierungsfähiges Senatsregime wie-
derherzustellen. Das Beispiel seines Marsches auf Rom freilich
konnte er nicht ungeschehen machen. Die neuen Dimensionen
der Politik, die er eröffnet hatte, ließen sich durch kein Gesetz
wieder eingrenzen. Der Möglichkeitshorizont war erheblich
erweitert und ragte künftig weit über das hinaus, was im her-
gebrachten Gefüge von Erwartungen, Erfüllungen und Erwar-
tungserwartungen einzufangen war. Die Spur einer neuen,
potentiell monarchischen Wirklichkeit war sichtbar geworden.

Im Jahre 80 hatte Sulla neben der Dictatur das Consulat


übernommen. Vermutlich bald darauf legte er die Dictatur
nieder. Caesar hat später dazu bemerkt, Sulla habe das politi-
sche ABC nicht beherrscht. Aber sein Rücktritt lag ganz in der
Konsequenz seiner Politik. Er hatte unter gewaltigen Anstren-
gungen getan, was ihm möglich war. Den unzähligen Einzel-
problemen politischer Alltäglichkeit dagegen wollte er sich
nicht aussetzen. Es mag sein, daß zahlreiche Reibungen und
Widerstände ihn stark mitgenommen hatten. Vielleicht fehlte
es ihm inzwischen auch an Ausdauer und Spannkraft. Und
dergleichen hatte ihn ja nie interessiert. Jedenfalls war er nie
in der Politik aufgegangen. In Rom war man überrascht, daß
der Mann, der so viele Menschen umgebracht hatte, sich unbe-
wacht in der Stadt bewegte. Überrascht auch, als er es bei den
Wahlen für 78 geschehen ließ, daß ein Gegner gewählt wurde.
Aber dies und anderes wollte er dem freien Spiel der Kräfte
Christian Meier – Caesar 135

21 Sulla als Triumphator, von einer ihm


entgegenfliegenden Victoria bekränzt.
Münzprägung des sullanischen Heeres auf
dem Asienfeldzug (82).

überlassen. Der Senat sollte sehen, wie er mit allem fertig


wurde. Er selbst widmete sich seinen privaten Vergnügungen,
gab sich wieder ganz dem Leben unter Schauspielerinnen
und anderen geistvollen Leuten hin, das er vorher hatte
vernachlässigen müssen. Im Jahr 78 ist er in Puteoli (dem heu-
tigen Pozzuoli) gestorben.
Um sein Leichenbegängnis entspann sich eine Auseinander-
setzung. Der gegnerische Consul wollte keine öffentliche Feier.
Aber sein College setzte sich gegen ihn durch. Pompeius holte
den Leichnam auf goldgetriebener Bahre mit königlichem
Prunk nach Rom. Zahlreiche Trompeter machten die Musik
dazu, Senatoren, Ritter und eine große Zahl seiner alten Sol-
daten, angetan mit ihren Waffen, schlossen sich an. Sulla hatte
verfügt, daß er begraben werden wolle. Allein man bedachte,
wie nach Sullas Sieg die Gebeine des Marius aus dem Grab
gerissen und geschändet worden waren, und verbrannte ihn
Christian Meier – Caesar 136

auf dem Marsfeld. Die Frauen der Nobilität trugen ein Jahr
lang Trauer.
Inzwischen wußten der hohe Adel und der Senat, daß sie, ob
sie wollten oder nicht, mit der Sache Sullas verknüpft waren
und identifiziert wurden. So waren »die angesehensten und
einflußreichsten Bürger« auch in dessen Triumph bekränzt,
wie es sich gehörte, mitgezogen. Das sei das Glänzendste und
Schönste an dem ganzen prächtigen Zuge gewesen, heißt es.
Sie wurden von Frauen und Kindern begleitet und priesen
Sulla als »Retter und Vater« – was nicht ganz ohne ironischen
Beigeschmack war, da er die Situation, aus der er sie rettete, im
Grunde selbst herbeigeführt hatte. Bald nach seiner Rückkehr
war L. Cornelius Sulla Felix Imperator auf dem Forum vor
der Rednertribüne, den Rostra, auf Senatsbeschluß eine ver-
goldete Reiterstatue aufgestellt worden. Es war das erste und
blieb für lange Zeit das einzige Mal, daß einem Lebenden eine
solche Ehre erwiesen wurde. Übrigens hatte Sulla auch erst-
mals seit der Königszeit die geheiligte Stadtgrenze Roms vor-
verlegt. Nach alter Auffassung durfte das nur, wer größere
Eroberungen gemacht hatte, was bei ihm eigentlich nicht der
Fall gewesen war. Aber er wollte offenbar dokumentieren, daß
er Rom neu gegründet hatte, und wohl auch, daß die neueinge-
furchte Stadtgrenze künftig besser halten solle, als die alte es
88 gegen ihn getan hatte. So wiederholte er denn den rituellen
Gründungsakt des Romulus.
Es war eine besondere Ironie, daß das Senatsregime seine
Wiederherstellung einem so anspruchsvollen Außenseiter und
Einzelgänger verdankte, einem Mann vom Typ derer, die der
Senat sonst immer so heftig bekämpfte. Und eine Ironie war es
auch, daß das Regime, das in Rom allgemein als legitim galt,
sich einem Bürgerkriegsführer zu verdanken hatte. Und die
Ehrungen, die Sulla als Retter der Republik erhielt, hoben ihn
so weit über alle hinaus, wie es eigentlich mit der republika-
nischen Gleichheit nicht vereinbar war. Aber nachdem einmal
im Neuling Marius und im ganzen Kreis derer, die sich an die
Stelle der seit alters führenden Kreise setzen wollten, alle Wut
und aller Ärger, die die Macht und der Hochmut der Nobilität
Christian Meier – Caesar 137

erwecken konnten, ausgebrochen waren, bedurfte mindestens


die Nobilität einer Wiedereinsetzung. Das war eine Rückkehr
zur Normalität, und als solche ist sie allgemein akzeptiert
worden, es war aber auch ein Akt parteilicher Gewaltsamkeit.
Das aber hieß, daß die Nobiles und alle ihnen anhängenden
Senatoren, grob gesagt, der ganze Senat, künftig Sullaner
waren. Sie mußten, wie Cicero sagt, alle Einrichtungen des
Dictators nicht nur erhalten, sondern mit öffentlicher Autorität
verteidigen, aus Furcht vor größeren Nachteilen und Katastro-
phen.
Kaum einer aber hat das Senatsregime so sehr als Partei-
herrschaft empfunden wie Caesar. Wenn er später so wenig
Sinn für den objektiven Gehalt von Institutionen bewies, so
wird dieses Erlebnis dazu entscheidend beigetragen haben.
Kaum einer ist so wie er damals in Distanz zum Senat gera-
ten. Aus der Außenseiterposition, in die er sich durch Sulla
hatte drängen lassen, hatte er alles erlebt, Bürgerkrieg und
Mord, Macht und vor allem Ohnmacht des Senats, Willkür und
äußerste Parteilichkeit. Dreimal hatte er römische Legionen
willig unter ihren Führern auf Rom marschieren sehen.
Alles war offenbar möglich. Zuletzt schien dann zwar die Ord-
nung wieder einzukehren. Doch konnte das Dauer haben?
Konnte die ohne eigenes Zutun wieder eingesetzte Aristokra-
tie die Republik wirklich weiterhin fuhren, wie wenn nichts
gewesen wäre? Und wenn sie es konnte, konnte sie Caesar
überzeugen?
Kaum einer hatte damals einen solchen Willen wie er, sich in
der Opposition zu behaupten. Von da her entwickelte er seine
Ansprüche und seine Kritik. Sullas Nachfolger konnten ihnen
kaum genügen. So schraubte er die Ansprüche höher, um
desto mehr zu erfahren, wie sehr sie dahinter zurückblieben.
Außerdem ließ er an ihnen immer wieder die Wut sich aus-
toben, mit der er Sulla nicht mehr hatte treffen können. Das
bestimmte seinen Weg.
Man fragt sich, ob Caesar in dieser Zeit nicht nach einem
Vorbild gesucht und wo er es gefunden hat. So wie er sich
damals festlegte, konnte er es wohl nur in Außenseitern finden.
Christian Meier – Caesar 138

22 Bald nach seiner Rückkehr war L. Cor-


nelius Sulla Felix Imperator auf dem Forum
vor der Rednertribüne, den Rostra, auf
Senatsbeschluß eine vergoldete Reiterstatue
aufgestellt worden. Das Denkmal ist abge-
bildet auf einer Goldmünze des Aulus Man-
lius aus dem Jahr 80: L[ucius] Sull[a] Feli[x]
Dic[tator].

Aber konnte es Marius sein, der doch wohl wenig mehr war
als ein tapferer Soldat und tüchtiger Heerführer – vielleicht
ein liebenswerter Onkel? Oder der erfolglose Cinna? Oder die
Gracchen, die Caesar vielleicht bewunderte, an denen er sich
aber im Zeitalter der Bürgerkriege kaum mehr orientieren
konnte?

Nur einer hatte sich glanzvoll bewährt: Das war Sulla. Gegen
ihn war Caesar zwar von Abscheu und Widerwillen erfüllt,
aber es fragt sich, ob das schon alles war. In irgendeiner
Schicht seines Bewußtseins muß Sulla ihn auch tief beein-
druckt haben, schrecklich und faszinierend wie er war. Weniger
prägend als entbindend, freisetzend zu neuen Möglichkeiten.
Christian Meier – Caesar 139

Mit der Kraft, mit der Eigenmächtigkeit, Unbekümmertheit


und Rücksichtslosigkeit, in der Sulla dem Senat begegnete,
konnte Caesar sich vielleicht gar identifizieren. Er hatte sich
an ihm gemessen, er konnte auch künftig Maß nehmen an
ihm. Ein fürchterliches, ein verhaßtes Beispiel und wohl um so
verhaßter, je mehr im Stillen bewundert. Der ganzen Wirklich-
keit, die dieser Aristokrat verkörperte, dem Willen nach mehr
konservativ, der Art nach schon jenseits der Senatsgesellschaft
stehend; Staatsmann aus Pflicht, Bonvivant aus übermütiger
Lebenslust; auf neue Weise aufgeschlossen gegen viele prakti-
sche Notwendigkeiten, ja gegen alle Möglichkeiten der Zeit und
dennoch im politischen Anspruch, auch im Dignitas-Anspruch
auf neue Weise archaisch – dieser persönlichen Wirklichkeit, in
der exemplarisch alle einst gut verbundenen Fäden im Gewebe
der römischen Gesellschaft auseinanderstrebten, hat sich wohl
keiner so ausgesetzt wie der um achtunddreißig Jahre jüngere
Gaius Julius Caesar.
Christian Meier – Caesar 140

Erste Bewährung
und die Erfahrung Roms
im Restaurations-Jahrzehnt
(78 bis 70 v. Chr.)
Die Farce, die auf den Bürgerkrieg folgte
• Auftreten auf dem Forum • Freiwilliges
Exil im Osten • Ernennung zum Pontifex
• Rom in den 70er Jahren • Spartacus-Auf-
stand • Nicht Leistung, sondern Gefügigkeit
wird erwartet Pompeius’ Heimkehr • Pom-
peius

Politik ist nicht nur Politik, wenn sie das zentrale Lebensele-
ment eines Standes ist. Für die Weise, in der sie betrieben wird,
mag das gleichgültig sein – für den Lebensweg des Einzelnen
ist es entscheidend. Versagen in der Politik wird dann Versagen
überhaupt, politischer Rang ist nicht bloß ein Ziel neben ande-
ren.
Solche Unausweichlichkeit schränkt nicht nur die Möglich-
keiten, sondern auch die Erwartungen ein. Es stellt sich
nicht die Frage, was das Leben sei, welche seiner ungeahnten
Möglichkeiten man verwirklichen wolle: das Leben ist in sol-
cher Welt nicht zu wählen, sondern zu fuhren – auf dem vorge-
zeichneten Wege. Man erwartet von ihm, was von einem selbst
erwartet wird.
Aber man kann es sich leichter oder schwerer damit machen,
in der politischen Welt aufzugehen. Und wenn die Einfrie-
dungen des vorgegebenen Feldes unscharf werden und man
sie irgendwo durchbricht, läßt sich meinen, weite Räume
erschlössen sich. Auch wenn man das Nötige tut, muß man
nicht gleich das Nötige denken. Man kann sich Vieles vorneh-
men, kann es so intensiv tun, daß man sein Handeln mehr auf
das Vorgenommene als auf die Zustimmung der Anderen aus-
richtet. Dann weitet sich einem die Welt. Das Eingebundensein
Christian Meier – Caesar 141

in die Umgebung lockert sich, die Resonanz im Innern nimmt


zu; man spannt sich auf fernere Ziele. Zukunftsgewißheit
hebt über die Gegenwart hinaus, bringt in größeren Abstand
zur Zeit, läßt einen anders, in längeren Fristen sich denken.
Persönliche Eigenständigkeit ist wohl immer eine bestimmte
Anlage in der Zeit. Das scheint der Fall des jungen Caesar
gewesen zu sein.

Bei Sullas Tod war Caesar im Osten. Seit 80 hatte er zunächst


in der Provinz Asia, dann in der Cilicia Militärdienst geleistet.
Damals war er beim König Nikomedes von Bithynien gewe-
sen. Damals hatte er sich auch als Soldat ausgezeichnet. Auf
die Nachricht von Sullas Tod kehrte er nach Italien zurück.
Sueton schreibt, er habe es eilig und »in der Hoffnung auf neue
Wirren, deren Urheber Marcus Lepidus war«, getan. »Obwohl
Lepidus ihn durch glänzende Angebote lockte, schloß er sich
ihm nicht an, da er sowohl dessen ingenium – das ist: Charak-
ter, Mut, Einsicht, Fähigkeit – mißtraute wie der Situation, die
er schlechter als erwartet fand.«
M. Aemilius Lepidus war der Consul von 78, der Sullas Werk
angegriffen, dann dessen öffentliche Bestattung auf dem Mars-
feld zu verhindern versucht hatte. Er scheint ein ambitionier-
ter, besonders ehrgeiziger Opportunist gewesen zu sein, eine
schwache, eitle Person, durch den Bürgerkrieg herausgelöst
aus den Bindungen des aristokratischen Komments, aber nicht
zur Entfaltung großer Gaben, sondern nur zur Betätigung der
schmalen Schlauheit, auf die er sich etwas zugute hielt. Bei
Sullas Proscriptionen hatte er sich bereichert, als Statthalter
Siziliens hatte er große Gelder erpreßt. Davon soll er sich das
schönste Haus seiner Zeit erbaut haben. Für die Türschwellen,
so ist überliefert, hat er als erster numidischen Marmor impor-
tiert, ein kostspieliges Material für einen geringen Zweck, eine
Protzerei; und es sei in Rom auch höchst kritisch aufgenom-
men worden. Lepidus stellte auch die große Basilica Aemilia,
die sein Großvater auf dem Forum errichtet hatte, prächtig
wieder her. Nun ersah er sich die Chance, die politisch herren-
losen Anhänger des unterlegenen Regimes zu sammeln und
Christian Meier – Caesar 142

sich an ihrer Spitze die führende Stellung in Rom zu gewin-


nen.
Nach Sullas Tod betrieb er, wir wissen nur nicht, wie ener-
gisch und wie offen, die Aufhebung von dessen Gesetzen, insbe-
sondere die volle Wiederherstellung der tribunicischen Gewalt,
der Verteilung verbilligten Getreides an das Stadtvolk, die Wie-
dereinsetzung der Proscribierten-Söhne in deren Rechte sowie
die Rückgabe des von Sulla zur Ansiedlung seiner Veteranen
konfiszierten Landes an die alten Eigentümer, zumeist itali-
sche Neubürger aus dem Kreis der Anhänger Cinnas.
Es gab genügend Opfer Sullas in Italien, Besiegte, Ent-
rechtete, Verarmte. Und die Cinnaner hatten eine sehr breite
Gefolgschaft gehabt. Umwälzung und Empörung waren noch
frisch. So konnte man immerhin hoffen, daß der Tod Sullas
wie ein Signal zur Erhebung wirkte. Die Gegner besaßen
auch in Spanien noch starke Kräfte, denen der dortige sullani-
sche Kommandeur nicht gewachsen war. Sowohl in Rom wie
insbesondere in Etrurien (der heutigen Toscana) sammelten
sich denn auch Unzufriedene. In Faesulae (Fiesole) hatten die
Voreigentümer schon die Veteranen von ihren Ländereien ver-
trieben.
Aber es war kein neuer Bürgerkrieg, der sich anbahnte, son-
dern nur die Farce, die auf den alten folgte. Sowohl Lepidus
wie die Senatsmehrheit ließen sich darauf ein, sie aufzuführen.
Es war eins der traurigsten Kapitel der römischen Geschichte.
Im Senat hatte es schon verschiedene Klagen über Lepidus
gegeben, insbesondere deswegen, weil der aus eigener Initia-
tive Mannschaften aufgestellt und bewaffnet hatte, um seiner
Politik mehr Nachdruck zu verleihen. Einige energische Sul-
laner forderten, man solle ihn in seine Schranken weisen.
Aber man scheute sich zunächst, die privaten Rüstungen des
zum Umsturz der sullanischen Ordnung blasenden Consuls
als schlimm zu empfinden. Lepidus’ Freunde und alle die,
die noch nicht recht beurteilen konnten, worauf er hinaus-
wolle – und das war die Senatsmehrheit –, argumentierten
ständisch, nicht politisch, rühmten alle großen Taten des patri-
cischen Geschlechts der Aemilier, dessen Sohn, wie sie mein-
Christian Meier – Caesar 143

ten, nicht aus der Art geschlagen sein konnte. So entsprach


es der Restaurationsgesinnung, nachdem Sulla die Nobilität
in Rom neu etabliert hatte. Man berief sich auch darauf,
daß Roms Größe stets durch Verzeihen und Versöhnlichkeit
befördert worden sei. Daher war der Antrag, ihn zu bekämpfen,
weit in der Minderheit geblieben. Lepidus scheint seine Forde-
rungen auch eine Zeitlang zurückgesteckt zu haben.
Als es darum ging, den Aufruhr in der Toscana niederzu-
schlagen, war der Senat wieder nicht einmütig oder nicht stark
genug, um gegen Lepidus oder an ihm vorbei die notwendi-
gen Maßnahmen zu treffen. Was konnte man schon wissen?
Vielleicht stimmte es gar nicht, was über Lepidus zu vermuten
war – was jeder, der Augen im Kopf hatte, sehen konnte, wenn
er nur hinsah. Oder es war wenigstens nur halb so schlimm.
Man beauftragte also die beiden Consuln mit Aushebungen
und sandte sie gegen die Aufrührer. Der eine, Quintus Lutatius
Catulus, war ein entschiedener Verfechter sullanischer Poli-
tik; er wurde bald zur führenden Persönlichkeit des Senats.
Daß der andere dem Aufruhr mit soviel Sympathie begegnete,
sogar im Verdacht stand, enge Beziehungen zu den Aufrührern
zu unterhalten, störte die Senatoren nicht. Vielleicht glaubten
sie, den einen Fehler – daß sie den Bock zum Gärtner mach-
ten – durch den anderen – daß sie den Anhänger und den
Gegner der sullanischen Ordnung zusammenspannten – auf-
zuwiegen. Für alle Fälle ließen sie die beiden Consuln einen
heiligen, durch besondere Verwünschungen abgesicherten Eid
schwören, daß sie die Waffen nicht gegeneinander führten.
Nachdem dann aller Argwohn durch diese arglose Auskunft
besänftigt war, verlegten sich die Erben der altrömischen poli-
tischen Weisheit aufs Abwarten, begaben sich gleichsam auf
die Zuschauertribüne der Politik. Sie hatten verdrängt, was sie
wußten, um zu tun, was sie konnten; jenes war viel, während
dieses nichts war.
Lepidus’ Treiben war zunächst zwielichtig. Er wollte offen-
sichtlich seinerseits abwarten. Zunächst tat er, was ihm auf-
getragen: er hob Truppen aus. Wie er mit denen operierte,
war seine Sache. Wohl mochte es merkwürdig sein, daß er die
Christian Meier – Caesar 144

Aufrührer nicht offen angriff. Aber wer wußte schon, was er


vorhatte? Und Catulus konnte einstweilen anscheinend auch
nichts ausrichten, zumal er sich wohl vorsah, nicht zwischen
den Collegen und die Aufrührer zu geraten. Auffälliger war
schon, daß Lepidus nicht nach Rom kam, um die Wahlen abzu-
halten. Aber daran mochten ihn seine Pflichten hindern. Die
Wahlen wurden verschoben, über sechs Monate bis ins Jahr
77 hinein. Und die Senatoren mochten den Consul auch nicht
bedrängen.
Anfang 77 hatte Lepidus die Toscana weitgehend in der
Hand. Eine reguläre Armee stand unter seinem Kommando,
er hatte in zahlreichen Städten seine Besatzungen, erpreßte
Gelder und nahm auch die Poebene in Besitz. Genaugenom-
men war er – nach Beendigung seines Consulats – nur mehr
Statthalter der ihm zugefallenen Provinz Gallia Transalpina,
der heutigen Provence. Aber so genau nahm er es nicht. Und
der Senat tat es ihm darin gleich, zumal die Senatoren wohl
immer noch darauf warteten, zu erfahren, ob er sich am Ende
als der Stärkere erwiese.
Es war alles zum Aufstand bereit, aber Lepidus wollte offen-
bar so wenig losschlagen, wie die Senatsmehrheit erkennen
wollte, daß sie es längst mit offener Insubordination zu tun
hatte. Einer scheint auf den Anderen wie das Kaninchen auf
die Schlange gestarrt zu haben; nur war keine Schlange im
Spiel.
Lepidus fehlte es am gehörigen Zulauf. Es scheint sich die
Macht nicht gebildet zu haben, auf die er gehofft hatte. Vermut-
lich hätte er durch entschiedenes Auftreten manche Anhänger
gewinnen können. Aber eben dazu konnte er sich nicht aufraf-
fen. Wenn er einstweilen durch die Furcht des Senats stark war,
so konnte er diese Stärke nicht nützen, da er sich seinerseits
fürchtete – jedenfalls abwartete bis sich genügend Anhänger
für seinen Aufstand gefunden hätten. Daher schwankte er hin
und her. »Er fürchtete den Frieden, aber er haßte auch den
Krieg« (Sallust). Noch standen ihm, so meinte er wohl, alle
Wege offen. So versuchte er es noch einmal auf dem legalen: Er
forderte ein zweites Consulat, so als hätten alle Vorbereitungen
Christian Meier – Caesar 145

auf nichts anderes hinauslaufen sollen, so als wollte er damit


dann zufrieden sein und im Sinne des Senats wirken. Doch
weckte das dann endlich kräftigen Widerstand. Man begann,
die Insubordination zu realisieren.
Im Senat gewannen die Verfechter einer entschiedenen Poli-
tik eine Chance. Der alte Consular Lucius Marcius Philippus
hielt eine große Rede, die Sallust – wie getreu nun auch – in
seinem Geschichtswerk wiedergibt. Er fragt sich, ob es Furcht,
Feigheit oder Unverstand sei, was die Senatoren bestimme. Sie
wollten den Frieden. Aber sie könnten ihn nicht haben. Man
müsse zu Krieg und Waffen greifen, so verhaßt sie seien, weil
es Lepidus nämlich so gefalle, »es sei denn, jemand beabsich-
tige, Frieden zu bieten und Krieg zu bekommen«. Diejenigen,
die bis zuletzt für Verhandlungen und Bewahrung der (längst
zerstörten) Eintracht und des Friedens gesprochen hatten,
hätten unrecht behalten, seien zu Spielbällen des Geschehens
geworden, »verständlicherweise, da sie ja durch eben die
Furcht den Frieden zurückgewinnen wollten, durch die sie
ihn, als sie ihn hatten, verloren« – quippe metu pacem repe-
tentes, quo habitam amiserant. »Beim Herkules, je begieriger
ihr den Frieden erstrebt habt, um so bitterer wird der Krieg
sein, wenn er (Lepidus) erst merkt, daß er mehr durch eure
Furcht als durch eure Billigkeit und Güte gestützt ist.« Philip-
pus beschwört die versammelten Väter, »ein wachsames Auge
zu haben und nicht zuzulassen, daß die Zügellosigkeit der Ver-
brechen wie die Tollwut bis zu denen vordringt, die davon
noch unberührt sind. Wo den Schlechten Prämien zufallen, ist
nicht leicht einer umsonst gut. Oder wollt ihr warten, bis er
sein Heer erneut heranführt und dann mit Feuer und Schwert
in die Stadt eindringt?« Von jenem ersten Zug auf Rom, auf
den Philippus hier anspielt, hören wir nichts Näheres. Er mag
im Zusammenhang der privaten Rüstungen des Lepidus statt-
gefunden haben, die er veranstaltete, bevor er den Auftrag
bekam, die Aufrührer in Etrurien zu bekämpfen.
Philippus’ Rede mündete in den Antrag, den Äußersten
Senatsbeschluß zu fassen, und zwar »weil M. Lepidus ein Heer,
das er aus privatem Entschluß gerüstet hatte, im Bunde mit
Christian Meier – Caesar 146

den Verworfensten und den Feinden des Gemeinwesens gegen


den Beschluß dieses Standes auf die Stadt führte«. Damit war
die Sache des Lepidus schon eindeutiger bezeichnet, als sie
war. Denn der schob den eigentlichen Aufstand – wie Philippus
in der gleichen Rede gesagt hatte – noch immer auf, war wei-
terhin unentschieden, wenn er sich inzwischen auch vielleicht
näherte. Und er hatte zugleich eine Armee, deren Kommando
ihm der Senat verliehen. Aber in irgendeiner Weise mußte
man mit dem zaghaften Aufständischen fertig werden. So ver-
suchte es Philippus damit, daß er den Krieg zwar noch nicht
als begonnen, aber den Frieden schon als verloren darstellte.
Er hatte gewiß recht damit, daß das ewige Warten und Finas-
sieren die Stadt in Unruhe halten, die senatorische Position
zunehmend paralysieren mußte, daß das furchtsame Konser-
vieren des Friedens die Kriegsgefahr vergrößere. Die Sache
war inzwischen offenbar weit genug gediehen; daher konnte
Philippus den Senat überzeugen.
Endlich also gelang es, Lepidus zum Kampf zu bringen,
indem man ihn zu bekämpfen sich aufraffte. Catulus rüstete
gegen ihn, zahlreiche sullanische Veteranen stellten sich zur
Verfügung. Pompeius wurde beauftragt, mit einem eigenen Auf-
gebot aus Veteranen und Clienten Oberitalien zurückzuerobern.
Lepidus marschierte zwar noch auf Rom, wurde aber auf dem
Marsfeld oder doch nahebei besiegt. Vereint drängten ihn die
senatorischen Kontingente an die etrurische Küste. Von dort
floh er nach Sardinien, wo er bald darauf starb; nicht aus
Verzweiflung über seine Lage, wie Plutarch versichert, son-
dern »weil ihm ein Brief in die Hand fiel, aus dem er die
Überzeugung gewann, daß seine Frau ihn betrog«. Wenn es
nicht wahr ist, dürfte es gut erfunden sein.
Er hatte offenbar nicht erkannt, daß die meisten damals den
Bürgerkrieg satt hatten; aus Überdruß an den dazugehörigen
Grausamkeiten wollten auch die Besiegten und die Opfer den
Frieden. So sehr hatte Sulla alle abgeschreckt. Nur Verzwei-
felte und unentwegte Gegner des Senats fanden sich unter den
Fahnen des Aufruhrs. Philippus behauptet, es seien die, die
schon seit 100 immer wieder gegen den Senat agitiert hätten.
Christian Meier – Caesar 147

Und vermutlich hatte Lepidus auch verkannt, daß die politi-


sche Kraft, die Sulpicius und Cinna getragen hatte, in einer
ganz besonderen Lage herangewachsen war, wohl auch einer
ganz besonderen Generation zugehörte und daß sie nicht ein-
fach aus den Nachkommen der politisch aufbegehrenden Ritter
und der gerade ins Bürgerrecht aufgenommenen Neubürger
neu zu mobilisieren war.
Die ganze Situation hatte etwas Unwirkliches. Einer war-
tete auf den anderen, keiner wollte recht etwas tun. Daß ein
Mann wie Lepidus, der offenbar nur handeln wollte, wenn ihm
die Voraussetzungen dazu in den Schoß fielen, der aus Furcht
nicht einmal erkannte, wie stark er durch die Furcht der ande-
ren war, Rom etwa ein Jahr lang in Atem halten konnte, war
ein schlimmes Symptom. Als freilich die Farce gespielt war,
waren die Verhältnisse klarer. Die sullanische Verfassung hatte
ihre erste wichtige, wenn auch leichte Probe bestanden, wie
mühsam auch immer. Es war einstweilen mit ihr zu rechnen.
Angesichts der Schwäche ihrer Verfechter hatte zwar man-
ches dafür gesprochen, daß alles möglich war. Aber es schien
nur so. In Wirklichkeit gab es eine mächtige Kraft, die nur so
einfach nicht zu spüren gewesen war: das starke Bedürfnis
nach Ruhe, also nach Restauration.
Sollte Caesar Lepidus gleich durchschaut haben, so mag
das für seine Menschenkenntnis sprechen, vielleicht für seinen
Instinkt oder aber für die Unbedingtheit, mit der er damals
Ansprüche an Personen stellte. Jedenfalls gab er sich nicht
blindlings dem Kampf gegen die sullanische Ordnung hin, trotz
anfänglicher Hoffnungen und Wünsche, nicht zuletzt trotz der
offenkundigen Handlungsschwäche des Senats und der ver-
breiteten Unzufriedenheit. Vielleicht wußte er auch besser
über die Stimmung unter Cinnas Anhängern Bescheid. Immer-
hin war er vermutlich bei der Rückkehr aus dem Osten durch
weite Teile Süditaliens gereist, war bei Gastfreunden ein-
gekehrt, vielen Menschen begegnet. So mochte er die all-
gemeine Lage und das Ruhebedürfnis erkannt, mochte gese-
hen haben, daß für Lepidus nicht genügend Soldaten sich
fanden, während die Gegenseite stark daran war. Auf jeden
Christian Meier – Caesar 148

Fall hat der Zweiundzwanzigjährige damals ein nicht geringes


Urteilsvermögen bewiesen.
In diesen Jahren wurde Caesar von Cornelia seine Tochter
Julia geboren, die ihm später nachweislich durch ihren Lieb-
reiz, ihr Geschick und ihre Treue sehr geholfen hat.

Im Jahr 77 klagte Caesar den Consul von 81, Gnaeus Corne-


lius Dolabella, der gerade im Triumph aus der Provinz Mace-
donia zurückgekehrt war, vor dem Repetundengericht an. Er
war ein alter Sullaner, ein treuer Gefolgsmann des Dictators.
Caesar beschuldigte ihn, die Einwohner seiner Provinz erpreßt
und unrechtmäßig ausgebeutet zu haben.
Solche Anklagen hoher Herren waren für junge, ehrgeizige
Adlige ein beliebtes Mittel, um bekannt zu werden. Caesar hatte
zahlreiche prominente Vorläufer darin, und die Praxis setzte
sich auch weiterhin fort. Einige der berühmtesten römischen
Redner haben sich mit Anfang zwanzig auf diese Weise hervor-
getan. »Schon zum allerfrühesten Zeitpunkt bin ich in Straf-
prozessen aufgetreten, mit einundzwanzig zog ich den hoch-
vornehmen beredtesten Redner seiner Zeit vor Gericht«, läßt
Cicero in einem fingierten Dialog den großen Lucius Crassus
sagen. »Mir war das Forum die Schule.« Man lernte auch das
Reden und Auftreten zumal in der Praxis, in der rhetorischen
Auseinandersetzung. »Große Übung, unerschrockene Schlag-
fertigkeit und ein sehr hohes Maß an Urteilskraft eigneten sich
die jungen Männer auf diese Weise rasch an, da sie sich in
aller Öffentlichkeit und unter Redeschlachten weiterbildeten,
wo keiner ungestraft etwas Törichtes oder Widersprüchliches
sagt, ohne daß der Richter es zurückgewiesen, der Gegner
es angegriffen oder schließlich selbst die ihm Beistehenden
es verurteilt hätten.« Sie lernten die andern Redner kennen,
»ja, sie lernten auch von der Fülle der höchst verschiedenen
Zuhörerschaft des Volkes, aus der sie leicht entnehmen konn-
ten, was bei einem jeden Beifall oder Ablehnung fand« (Taci-
tus).
Die Verhandlungen fanden auf dem Forum statt. Dort
gab es zwei ständige Tribunale – Plattformen für Praetor
Christian Meier – Caesar 149

und Geschworene –, weitere konnten nach Bedarf aufgeschla-


gen werden. Auch in den bedeckten, allgemein zugänglichen
Räumen der großen Basiliken wurde Gericht gehalten. Man
konnte, wenn man seine Sache gut machte, mit starker Auf-
merksamkeit rechnen.
Vor Gericht wurden zahlreiche politische Kämpfe ausgetra-
gen, und in den Plädoyers konnte die Politik breiten Raum ein-
nehmen. Wenn die Materie nicht interessant war, so waren es
doch vielfach die Beteiligten. Der Angeklagte bot als Vertei-
diger, Leumundszeugen und als sonstigen Beistand alle seine
Freunde auf. Es gehörte zu den vornehmsten Freundespflich-
ten, seinem Hilferuf zu folgen, unter Umständen sich dafür
einzusetzen, daß ein erfolgreicher Redner den Fall übernahm.
So sah man immer wieder die bedeutendsten Rhetoren sich
großartige Gefechte liefern, sah die höchsten Persönlichkeiten
des Adels auftreten. Entsprechend waren die Prozesse vielbe-
achtete Ereignisse. Es bildeten sich dichte Kreise von Men-
schen um sie, von solchen, die durch bestimmte Verhandlun-
gen angezogen wurden, und von solchen, die sich ohnehin
auf dem Forum aufhielten, um zu lernen, um sich umzusehen
und sich am geistigen Schlagabtausch zu erfreuen. Übrigens
gehörte Cicero beim Dolabella-Prozeß zu den interessierten
Zuhörern. Wie im Hyde-Park konnte die Menge fluktuieren,
»eine große Zuhörerschar, die, immer sich erneuernd, aus Geg-
nern und Freunden sich zusammensetzte, so daß weder Gut-
noch Schlechtgesagtes überhört wurde«. Von einem Redner,
dem späteren Caesar-Mörder Brutus, heißt es, er sei ins
Stocken geraten, wenn die »Corona« ihn verließ. Was dort
erlebt und gesehen wurde, wurde weitergetragen. Reden
und Auftreten auf dem Forum bildeten einen vielbeachteten
Gesprächsgegenstand in dieser Gesellschaft.
Bei der Wichtigkeit politischer und anderer Prozesse, der
Verfechtung zahlreicher Angelegenheiten vor Senat, Volksver-
sammlung oder Magistraten, mußten alle sich darüber orien-
tieren, wer eine Sache gut vertrat, gut vorbereitet war, seine
Zuhörer für sich einzunehmen vermochte. Daher kam es sehr
darauf an, daß man sich dort bewährte und auffiel, je eher, um
Christian Meier – Caesar 150

so besser. Und man tauchte dabei tief in die Materie ein, die
einen als Politiker zu beschäftigen hatte.
Ankläger konnte jeder sein, der sich einer Sache annahm.
Rom kannte keinen Staatsanwalt. Wie in allem anderen, so
waren auch hier die öffentlichen Funktionen gleichsam auf die
Bürgerschaft verteilt, nicht bei einem »Staat« konzentriert.
Gleichwohl gab es natürlich eine Reihe von Männern, die sich
auf das Anklagen spezialisierten, die nicht sehr hochgeachtete,
aber notwendige Gruppe der accusatores. Dazu stießen dann
von Fall zu Fall die jungen, ehrgeizigen Angehörigen des Adels,
um sich ihre Sporen zu verdienen. Falls sich mehrere Ankläger
um eine Sache bemühten, wurde zunächst darüber entschie-
den, wem die Anklage zuzuschlagen war.
Wie die Griechen, die den Statthalter Dolabella verklagen
und Wiedergutmachung von ihm erlangen wollten, an Caesar
kamen, wissen wir nicht. Vielleicht hat er sich besonders um
sie bemüht, sie gar ermuntert, vielleicht war er ihnen emp-
fohlen worden. Jedenfalls muß er sich der Sache mit großem
Eifer angenommen haben; und er war ein guter Redner. Cicero
rühmt ihm später nach, daß er ein sehr korrektes, genaues,
elegantes Latein in vollendeter Weise gesprochen habe. Es sei
gewesen, wie wenn gutgemalte Bilder in gutem Licht aufge-
stellt seien.
Gleichwohl hat er keinen Erfolg gehabt. Ohnehin sprachen
römische Gerichte, und zumal wenn sie mit Senatoren besetzt
waren, Personen von Stand lieber frei. Die Ausbeutung von
Provinzialen galt, wenn es nicht zu schlimm kam, eher als
Kavaliersdelikt. Außerdem wurde Dolabella durch die beiden
bedeutendsten Redner der Zeit verteidigt, durch Caesars Onkel
Gaius Aurelius Cotta und durch Quintus Hortensius. So war
die Niederlage wohl vorauszusehen, jedenfalls zu verwinden.
Den Hauptzweck der Anklage hat Caesar sicher erreicht: Er
wurde als glänzender Redner bekannt.
Im Jahr darauf baten die Griechen ihn, die Anklage gegen
Gaius Antonius zu übernehmen, einen sullanischen Offizier,
der sich während des mithridatischen Kriegs schamlos berei-
chert hatte. Hier hätte Caesar fast Erfolg gehabt. Aber Anto-
Christian Meier – Caesar 151

nius appellierte an die Volkstribunen, und die griffen zu seinen


Gunsten ein. Übrigens haben dann im Jahr 70 die Censoren
Antonius aus dem Senat geworfen; er kehrte aber 68 dorthin
zurück und ist 63 sogar Consul geworden, zusammen mit
Cicero.
Bald danach ging Caesar nach Rhodos, um bei dem
berühmten Apollonios Molon Rhetorik zu studieren. Es heißt,
er habe es nicht nur um des Studiums willen getan, sondern
auch um Anschuldigungen aus dem Weg zu gehen, die er
sich durch die Anklage Dolabellas zugezogen habe. Studien
in Griechenland waren damals noch selten. Aber Caesar legte
auf Rhetorik, Bildung, Stil besonderen Wert. Apollonios Molon
stand in hohem Ansehen. Als er 81 als Gesandter von Rhodos
nach Rom gekommen war, hatte man ihm als erstem erlaubt,
im Senat griechisch zu reden. Cicero hatte 78/77 bei ihm stu-
diert und verdankte seiner Schule Wesentliches. Aber ob das
alles wirklich ausgereicht hätte, um Caesar von der mit so
hohem Einsatz begonnenen politischen Laufbahn für länger
abzuhalten, ist fraglich. Und weiter, wenn solche Anklagen
auch üblich waren, mußten die maßgebenden Senatoren und
folglich die öffentliche Meinung nicht in der Enge der Restau-
ration Caesars Anklage prominenter Sullaner gleichwohl als
Akt antisullanischer Politik verstehen? Und sollte er sich viel
Mühe gegeben haben, diese Seite seiner Attacke gegen die
korrupten Herren wirklich zu verbergen? Es gibt noch einen
anderen Grund, weshalb es wahrscheinlich ist, daß Caesar sich
damals fürs erste in ein freiwilliges Exil begab. Der zeigt sich in
seiner weiteren Biographie.

Auf der Fahrt nach Rhodos geriet Caesar bei der Insel Phar-
makussa, zehn Kilometer südlich von Milet, in die Hand von
Seeräubern. Als sie zwanzig Talente Lösegeld verlangten, soll
er ihnen hochmütig entgegnet haben, sie wüßten offenbar nicht,
wen sie gefangen hätten, er böte ihnen fünfzig. Das mag eine
anekdotische Ausschmückung sein, sicher ist, daß sich seine
Begleiter und Sklaven in die naheliegenden Küstenstädte bega-
ben, um das Geld aufzutreiben – wobei sie diese offenbar haft-
Christian Meier – Caesar 152

bar machten wegen mangelnder Aufsicht über die Gewässer;


ein Angehöriger der römischen Herrenschicht mußte auch für
kleinasiatische Griechen sehr viel wert sein. Caesar selbst habe
sich fast vierzig Tage lang, so heißt es, in aristokratischer
Gelassenheit und Souveränität unter seinen Wächtern bewegt,
habe sie etwa auffordern lassen, Ruhe zu halten, wenn er schla-
fen wollte, habe Gedichte verfaßt, die er ihnen vorlas, Reden
gehalten und ihnen lachend gedroht, er werde sie allesamt
aufknüpfen lassen, wenn er erst frei sei. Als das Geld gesammelt
war, ließ er die Seeräuber den Städten Geiseln stellen, damit
seine Auslieferung gesichert sei. Nach der Freilassung char-
terte er sofort in Milet einige Schiffe, setzte den Seeräubern
nach und nahm sie gefangen. Ihre Beute strich er ein; ob er
den kleinasiatischen Städten das Lösegeld zurückgab, wissen
wir nicht. Als der Statthalter von Asien zögerte, die Gefange-
nen zu bestrafen – er rechnete seinerseits auf ein Lösegeld –,
ließ Caesar sie kurzerhand auf eigene Faust ans Kreuz schla-
gen. Auf Grund ihrer alten Bekanntschaft hatte er sie aber
vorher erdrosseln lassen.
All dies war, wie sich zeigt, möglich. Die Verhältnisse ließen
es zu. Aber zweifellos war es höchst ungewöhnlich: solche
Selbständigkeit, Selbstherrlichkeit, solch entschiedenes Han-
deln im Namen, jedenfalls im Sinne der römischen Herrschaft,
im Sinne durchschlagender Effizienz, einer Demonstration der
Macht; und mit solcher Energie!
Dann widmete Caesar sich dem Studium. Aber er unter-
brach es sogleich, als Mithridates im Jahre 74 von neuem den
Krieg eröffnete. Da setzte er nach Kleinasien über. Der eigent-
liche Angriff des Königs fand im Norden der Halbinsel statt.
Er marschierte in Bithynien ein, das die Römer gerade damals
durch Testament des letzten Königs, Caesars Freund Nikome-
des, gewonnen hatten. Aber er versuchte zugleich, auch die
Provinz Asia zum Abfall von Rom zu bewegen.
Die Truppen, die das an der südlichen Flanke besorgen soll-
ten, suchte Caesar aufzuhalten. Er verlangte von den dortigen
Städten die Stellung von Soldaten. Mit denen zog er dem geg-
nerischen Kommandeur entgegen und nötigte ihn, die Provinz
Christian Meier – Caesar 153

zu räumen. Wie bedeutend seine militärische Leistung dabei


war, ist unklar. Mithridates kann kaum mit großem Wider-
stand gerechnet haben. Es werden bestenfalls kleine römische
Abteilungen dort gelegen haben. Entsprechend klein dürfte die
Truppe gewesen sein, die der König dorthin entsandte. Jeden-
falls aber war es wichtig, daß Caesar durch seine entschiedene
und energische Initiative die Städte davon abhielt, zum König
abzufallen. Die römischen Kaufleute und Steuerpächter, die
sich dort niedergelassen hatten, werden eher geneigt gewesen
sein, das Feld zu räumen; sie hatten die Ermordung vieler Tau-
sender von Römern beim letzten mithridatischen Krieg noch
gut in Erinnerung.
Wie der sechsundzwanzigjährige Aristokrat mit gewiß nur
wenigen Freunden aus eigenem Antrieb, ohne Amt, ohne Auf-
trag in schwieriger Situation die Befehlsgewalt an sich riß, war
ganz außergewöhnlich; wir kennen nichts Vergleichbares. Nor-
malerweise kämpfte Rom mit regulären Truppen. Wenn ein-
zelne seiner Bürger auf eigene Faust etwas unternahmen, so
vermutlich in Gegenden, in denen sie zuhause waren und Cli-
entelen hatten. Aber selbst wenn Caesar dort einige Clienten
besessen haben sollte, bleibt sein Eingreifen erstaunlich, eine
Anmaßung. Immerhin gab es das Vorbild der Initiative des
Pompeius im sullanischen Bürgerkrieg. Und es fehlte Caesar
nicht an Selbstbewußtsein, nicht an Kühnheit; oder soll man
es Frechheit nennen? So konnte er die Provinzialen-Städte
überrumpeln und mitreißen, konnte glaubhaft machen, daß
das mächtige Rom hinter ihm stand. Er nahm außerdem eine
Verantwortung für dessen Herrschaft wahr, und das wird ihm
auch bewußt gewesen sein, zumal er eben damit den Stan-
desgenossen zeigte, wie gut er – im Unterschied zu ihnen –
den Pflichten eines römischen Aristokraten genügte. Jeden-
falls scheint in seinem Handeln ein anspruchsvoller Maßstab
der Verantwortung für das Gemeinwesen auf. Übrigens mag
er auch aktuellen Anlaß gehabt haben, in einer Notsituation
Unerhörtes zu riskieren. Denn es wird jetzt deutlich, warum er
sich im Jahr 76 aus Rom entfernte.
Ende 74 oder Anfang 73 erhielt Caesar die Nachricht, daß
Christian Meier – Caesar 154

er in das Priestercollegium der Pontifices kooptiert worden sei.


Daraufhin brach er sofort nach Rom auf. Bei der Überfahrt
über die Adria mußte er sich sorgfältig vor den Seeräubern
hüten. Er wählte mit nur zwei Freunden und zehn Sklaven ein
kleines Fischerboot und kam auch glücklich in Italien an.
Man fragt sich, woher er das Geld für ein solches Gefolge
und für solche Reisen nahm, nachdem Sulla seine Erbschaft
kassiert hatte. Vielleicht hatte er diese nach der Begnadigung
erstattet bekommen, und wahrscheinlich ist, daß seine Mutter
und seine Verwandten ihm notfalls aushalfen. Irgendwo war
in dieser Aristokratie immer Geld vorhanden, und es wurde
auch immer etwas bewegt. Zum Beispiel pflegte man im Testa-
ment neben den Nachkommen auch Freunde und Wohltäter zu
bedenken, als Ausgleich innerhalb einer Gesellschaft, in der so
vieles nicht konnte bezahlt und doch sollte vergolten werden.
Dies letztere traf auf Caesar noch nicht zu, aber es war sympto-
matisch für den Umgang mit, den Umlauf von Geld. Schließlich
hatte Caesar auch noch die Beute von den Seeräubern und
außerdem konnte er sich immer etwas leihen. Ohne Diener,
auch ohne Sänfte, jedenfalls konnte er sich kaum bewegen.
Was hätte man von ihm gehalten? Indem sie ihm aufwarteten,
wurde deutlich, wer er war. Und wer wäre er sonst schon gewe-
sen, wie hätte er unter den damaligen Umständen sonst schon
etwas ausrichten können?
Die Eile des Aufbruchs aber war von der Sache her nicht
geboten. Es warteten keine Pflichten, die so dringend gewesen
wären, daß sie einen Aufschub nicht geduldet hätten. Vielmehr
war der tiefere Zweck von Caesars Abwesenheit nun unver-
kennbar erreicht. Er hatte in der Tat darin bestanden, über die
Verstimmung anläßlich des Dolabella-Prozesses Gras wachsen
zu lassen. Nun aber war Caesar voll rehabilitiert, und mehr als
das.

Denn die Ernennung zum Pontifex war eine große Auszeich-


nung und Ehre. Sie brachte einigen Einfluß mit sich. Die
fünfzehn Pontifices waren die oberste römische Sakralinstanz.
Sie hatten darauf zu sehen, daß alle Riten peinlich genau ein-
Christian Meier – Caesar 155

gehalten würden, hatten gegebenenfalls auch Gutachten in


allen sakralen Fragen abzugeben. Insbesondere hatten sie den
römischen Kalender zu überwachen und zu regulieren. Da
Rom damals noch – bis zu Caesars Reform im Jahr 45 – ein
Mondjahr hatte, mußte in der Regel alle zwei Jahre nach
dem Februar ein Schaltmonat eingelegt werden. Wann das
geschah, verfügten die Pontifices, und dabei sprachen durch-
aus politische Gesichtspunkte mit, ob etwa das Jahr bestimmter
Magistrate verlängert werden sollte oder nicht. Aber auch sonst,
etwa bei Gutachten oder bei der Feststellung von Übertretungen
der rechten Formen und bei der Bestimmung der Entsühnung
von Übertretungen und eventuellen Vorzeichen, gab es man-
nigfache politische Einwirkungsmöglichkeiten. Das Collegium
war früher auch für das römische Recht zuständig gewesen,
bewahrte die Magistratslisten auf. Es hatte eine hohe, alters-
geheiligte Autorität. Aus ihm ging der oberste Priester, der
Pontifex Maximus, hervor, den seit dem 3. Jahrhundert eine
bestimmte Volksversammlung aus dem Kreis der Pontifices
wählte.
Neben den fünfzehn Auguren waren die Pontifices das
bedeutendste Priestercollegium. Beide waren übrigens nicht
für den Vollzug des Zeremoniells da; das machten einerseits
bestimmte Priester wie etwa die Flamines, andererseits die
Magistrate, die die Gemeinde gegenüber den Göttern vertra-
ten. Sie waren vielmehr Sachverständige und Aufsichtsinstan-
zen. Die Sitze in den beiden Collegien waren im römischen
Adel hochbegehrt. Dreißig Herren – bei sechshundert Senato-
ren! – konnten sie einnehmen. Und sie waren zur Zeit ihrer
Wahl noch nicht einmal alle Senatoren.
Denn die Priester kooptierten vielfach – wie im Fall Caesars
– auch recht junge Adlige. Man sah darauf, daß das Collegium
sich über viele Jahrgänge erstreckte. Es gab sehr vieles zu
lernen und zu tradieren. Da war es gut, wenn wenigstens ein
Teil der Mitglieder sehr lange Zeit über dabei war. Man wird
entsprechend auch, wenn nicht politische Gründe dagegen
sprachen, darauf gesehen haben, besonders intelligenten Nach-
wuchs zu bekommen. Gleichwohl war die Auswahl gewiß nicht
Christian Meier – Caesar 156

leicht. Nicht zuletzt daher hatte es sich wohl eingebürgert, daß


man gern einen Verwandten des Mannes, dessen Stelle nach
seinem Tod neu zu besetzen war, hinzuwählte. Das erleich-
terte die Entscheidung. Es war aber nicht unbedingt die Regel.
Daneben gab es etwa den Wunsch, besonders angesehene Con-
sulare mit dem Priestertum auszuzeichnen sowie die Autorität
des Collegiums durch sie zu stärken. Und es konnte natürlich
auch Einwände gegen die Verwandten des verstorbenen Colle-
gen geben.
Der Platz, auf den Caesar kooptiert worden war, war der
eines Vetters seiner Mutter, des Gaius Aurelius Cotta, Consul
von 75. Das kam ihm sicher zugute, auch daß er dem Patriciat
angehörte. Gleichwohl verstand sich die Bestellung des Schwie-
gersohns Cinnas, des Anklägers hoher Sullaner für das von der
herrschenden Aristokratie dominierte Collegium keineswegs
von selbst. Caesars Freunde müssen sich für ihn sehr stark
gemacht haben. Einer der Pontifices wird schon unter seinen
Fürsprechern vor Sulla genannt. Ein zweiter war Befehlsha-
ber in Cilicia gewesen, als Caesar dort diente. Ein dritter, Quin-
tus Catulus, könnte durch seine Cousine Servilia, die Mutter
des Brutus, gewonnen worden sein, wenn sie denn damals
schon Caesars Geliebte war oder wenigstens ein Auge auf ihn
geworfen hatte. Auch wird dessen ungewöhnliche Bewährung
in Kleinasien manches wiedergutgemacht haben. Schließlich
konnte man hoffen, den vielversprechenden jungen Adligen an
sich zu ziehen.
Es war gewiß nützlich, daß er – vermutlich auf Rat väterlicher
Freunde – eine Weile von Rom abwesend gewesen war. Die Stu-
dienreise nach Rhodos erklärt sich damit. Er selbst mag es vor-
gezogen haben sich zu entfernen – um nicht entweder so sein
zu müssen, wie es von allen erwartet wurde, oder es mit der
Aristokratie zu verderben. Seine Besonderheit sollte sich nicht
auf die Kleidung und private Extravaganzen beschränken, son-
dern er wollte sich im ganzen so geben, wie er sich sah, wollte
ganz er selbst sein. Damit mochte es auch zusammenhängen,
daß er nicht zu neuem Militärdienst, sondern eben zum Stu-
dium fortging. So wuchs dann allerdings seine Distanz, wählte
Christian Meier – Caesar 157

er höchst bewußt eine Rolle, die erst noch auszubauen war.


Ob er angesichts der Chance, die ihm die hohe Aristokratie
eröffnen wollte, bereit war umzudenken, ob er die – zu ver-
mutenden – Ermahnungen seiner Gönner, sich im Rahmen zu
halten, beherzigen wollte, wissen wir nicht. Vielleicht sollte
man es nicht ausschließen. Es war seit Sulla einige Zeit verstri-
chen, er hatte seine Jugend ausgekostet, hatte sich bewährt,
war sehr großzügig aufgenommen worden. Allein, wir wissen
einigermaßen, wie Rom und besonders die römische Aristo-
kratie sich damals präsentierte. Und das kann Caesar solche
Umkehr, wenn er sie denn vollziehen wollte, nicht leicht
gemacht haben.

Das Bild, das der Senat ihm bot, war alles andere als imposant.
Die außerordentlichen Einbußen an biologischer und mora-
lischer Substanz machten sich inzwischen allzu bemerkbar.
Es gab fast keine Principes. Normalerweise lag die Führung
des Hauses in den Händen einer Gruppe von zwanzig Consu-
laren. Aus der Zeit vor Sulla hatten aber nur zwei überlebt,
von denen der eine, Lucius Philippus (Consul 91) bald nach
75 gestorben war. Der andere (Consul 92) wurde zwar acht-
undneunzig Jahre alt, aber wir wissen nicht, wie hilfreich er
damals noch sein konnte. Die Consuln von 81 waren reine
Geschöpfe Sullas gewesen, gewählt offenbar, weil sie treue
Gefolgsmänner und politisch ganz unbedeutend waren. Von
den Consuln von 80, 79 und 78 waren nur noch drei am Leben,
einer davon in Spanien. Die Consuln von 77 waren notorisch
so unfähig, daß der alte Philippus, als es darum ging, einen
guten Feldherrn nach Spanien zu schicken, vorgeschlagen
hatte, Pompeius »an Stelle der Consuln« (pro consulibus) zu
nehmen. Ein Kommandeur, der kein Magistrat war, konnte das
Kommando »an Stelle eines Consuls« pro consule, also als Pro-
consul führen. Das war dann auch der Titel des Pompeius.
Philippus aber wollte sagen, daß man ihn an Stelle der beiden
Consuln, die dazu offenbar nicht in der Lage waren, entsenden
sollte. Unter den Consuln von 76 war der eine tatkräftig: Gaius
Scribonius Curio. Daher gehörte er später zu den bedeutend-
Christian Meier – Caesar 158

23 Politische Parolen, die im nachsullani-


schen Rom aktuell waren, finden sich auf
einer um 75 auf Senatsbeschluß (S[enatus]
C[onsulto]) geprägten Münze des Lucius
Farsuleius Mensor. Vorderseite: Darstellung
der Freiheitsgöttin Liberias, gekennzeich-
net durch den Pileus – die Kopfbedeckung
des freien römischen Bürgers – links im
Bild. Auf der Rückseite: Handschlag zwi-
schen einem Gepanzerten und einem Toga-
tus als Wahrzeichen der Eintracht (concor-
dia) zwischen militärischen und politischen
Kräften.
sten Principes. Zunächst aber mußte er für drei bis vier Jahre
nach Macedonia, um dort gegen thrakische Völkerschaften, die
die Grenze der Provinz bedrohten, Krieg zu führen. Der andere
Consul war durch starke Gliederschmerzen in seinem Wirken
beeinträchtigt. Das folgende Jahr sah neben dem aufmerksa-
men und ehrgeizigen Consul Gaius Cotta, Caesars gerade ver-
storbenem Onkel, einen Collegen, der als nachlässig und träge
bezeichnet wird.
Im Grunde hatten zwei Männer, Quintus Lutatius Catulus
(Consul 78) und Publius Servilius Isauricus (Consul 79) das zu
tun, wofür sonst die ganze Gruppe der Principes aufkam, in
Christian Meier – Caesar 159

der Lenkung der Geschäfte sowohl wie in der maßgebenden


und autoritativen Prägung senatorischer Art, senatorischen
Stils und Komments. Und sie hatten das zu tun nach der
tiefen Erschütterung der alten Disziplin durch Bürgerkriege
und Proscriptionen, angesichts überwiegend neuer, nicht in
der Zucht der Principes allmählich hochgekommener Senato-
ren, vielfach Günstlinge Sullas, und angesichts der von drei-
hundert auf sechshundert Mitglieder vermehrten Stärke des
Senats.
Die Senatorensitze waren lebenslänglich, und die Senato-
ren unterlagen keiner Kontrolle, da die Gerichte von ihnen
selber besetzt waren. Die Verantwortung, die Macht waren
umfassend. Wenn es nicht gelang, von einem Kreis führender
Männer her Auswüchse zu beschneiden, Vorbilder zu geben,
die neu Hinzukommenden nach und nach entsprechend dem
überkommenen Bilde des Senators zu formen und den Ton
anzugeben, konnte die Versammlung der Väter kaum leisten,
was ihr aufgetragen war. Aber wie sollte das geschehen, wenn
die führende Schicht selber erst allmählich heranzuwachsen
hatte? Wenn außerdem alle zusätzlich mit der Fülle der Aufga-
ben konfrontiert waren, die sich aus den Nachwirkungen der
Bürgerkriege in Rom, in seinem Herrschaftsbereich und an
dessen Peripherie stellten?
In Spanien hatte sich Quintus Sertorius, einer der befähigt-
sten Offiziere der Cinnaner eine Machtbasis geschaffen. Er
war dort Statthalter gewesen, 81 dann von seinem von Sulla
entsandten Nachfolger verjagt worden. Darauf riefen ihn die
Lusitaner – Einwohner des heutigen Portugal –, um sich unter
seiner Führung von Rom zu befreien. Er erwies sich als Mei-
ster der Guerilla-Taktik und hatte zunächst große Erfolge. Der
Consul von 80, Metellus Pius, der den Krieg gegen ihn zu
führen hatte, war ihm mit seinen regulären Methoden gar nicht
gewachsen. Von Rom her richteten sich die Hoffnungen Unzu-
friedener auf ihn; Persönlichkeiten aus dem hohen Adel baten
ihn, auf die Stadt zu marschieren. Offensichtlich ließ sich von
ihm mehr erwarten als vom Nicht-Aufstand des Lepidus. So
hielt der Senat es 77 für notwendig, Pompeius mit einer zwei-
Christian Meier – Caesar 160

ten Armee nach Spanien zu senden. Aber es brauchte noch


fünf Jahre, bis der spanische Aufstand niedergeworfen werden
konnte. Im Lager der Besiegten fanden sich die aus Rom an
Sertorius gesandten Briefe. Pompeius ließ sie alle ungelesen
verbrennen; es hätte sonst, so habe er befürchtet, zu inneren
Konflikten kommen müssen, die schlimmer gewesen wären als
die, die er gerade beendet hatte.
Während dieser Jahre hatte sich Sertorius mit den
Seeräubern und vor allem mit König Mithridates verbündet.
Die Seeräuber hatten seit Jahrzehnten von der Unsicherheit
der römischen Herrschaft profitiert. Von ihren Stützpunkten
in Kleinasien und an der adriatischen Küste durchstreiften
sie das ganze Mittelmeer, überfielen und beraubten nicht nur
Schiffe, sondern auch Landschaften und Städte, bedrohten und
unterbanden zeitweise sogar die Zufuhr nach Rom. Sie hatten
so große Erfolge, daß sich auch vornehme und vermögende
Männer ihnen anschlossen. Ganze Küstenstriche hatten sie
in ihren Besitz gebracht und durch Beobachtungstürme gesi-
chert.
Die Piratenschiffe waren nicht nur hervorragend seetüchtig.
Sie waren auch, wie es hieß, in hochfahrendem Stolz mit
vergoldeten Flaggenstangen, purpurnen Tüchern und silber-
beschlagenen Rudern geschmückt. Flöten- und Saitenspiel,
Gesänge und Trinkgelage an jedem Strand, Entführungen,
Brandschatzungen waren im ganzen Mittelmeer an der Tages-
ordnung. Tausend Schiffe sollen sie zuletzt gehabt haben, vier-
hundert überfallene Städte wurden gezählt.
Im Jahr 74 hatte der Senat unter dem Einfluß des einen
Consuls, eines anderen Onkels Caesars, Marcus Aurelius Cotta,
und auf Grund der Manipulationen des Cethegus, eines damals
mächtigen Intriganten, den Praetor Marcus Antonius mit einem
umfassenden Kommando über alle Küsten des Mittelmeeres
ausgestattet. Aber er soll die Küsten schlimmer geplündert
haben als die Seeräuber; begreiflicherweise, denn umsonst
war die Hilfe des Cethegus gewiß nicht, und es sollte auch für
ihn selbst etwas abfallen. Von seiner Aufgabe verstand er ohne-
hin nichts. Hätte er durchschlagenden Erfolg haben wollen,
Christian Meier – Caesar 161

so hätte er großräumig denken, organisieren und operieren


müssen. So aber hatte er nicht einmal geringe Erfolge, biß sich
vielmehr in einen Krieg auf Kreta fest, in dessen Verlauf er
unverrichteter Dinge starb. Man ehrte ihn posthum ironisch
mit dem Siegerbeinamen Creticus.
In dieser Situation hat Mithridates neuerdings den Krieg
eröffnet; vermutlich in der Annahme, daß die Römer nicht in
der Lage seien, den verschiedenen Gegnern, mit denen sie
es zu tun hatten, gleichzeitig zu begegnen. Tatsächlich waren
sie nahezu überfordert. Die Consuln von 74 wurden in den
Osten gesandt, der eine von ihnen, Lucius Licinius Lucullus,
der große Genießer, nur dank einer Intrige, durch die er
das Wohlwollen der Mätresse des Cethegus erlangt hatte.
Er hatte unter Sulla Kriegführen gelernt, nahm aber Fach-
leute und viele Bücher mit aufs Schiff und soll dank seiner
außerordentlichen Auffassungsgabe bei der Landung auf der
Höhe des militärischen Wissens gewesen sein. Er hat den Krieg
dann gut sieben Jahre lang geführt, als Feldherr geschickt
und mit Erfolg, als Soldatenführer bald versagend. Bei aller
glänzenden Intelligenz war er wohl zu adelsstolz, zu epigo-
nenhaft, nahm seine Kommandogewalt zu selbstverständlich;
das führte zu Meutereien und Rückschlägen. Die Eroberungen
gingen verloren.
Mit den auswärtigen Problemen waren innere verknüpft.
Es kamen nicht genügend Einnahmen. Der Nachschub für
die Armeen war teuer. Wegen der schlechten Getreideversor-
gung entstanden Unruhen in Rom. Volkstribunen nützten das
zu heftiger Agitation gegen den Senat aus. Sie forderten die
Wiederherstellung der Rechte ihres Amtes. Gegen den Wider-
stand führender Sullaner fand sich einer der Consuln bereit,
ein Gesetz einzubringen, nach dem den Tribunen die Bewer-
bung um andere Ämter und damit weiterer politischer Aufstieg
wieder erlaubt wurde. Der Senat muß zugestimmt haben. Man
wich langsam zurück.
Aber um Entscheidendes zu bewirken, waren die Volkstri-
bunen und der Kreis derer, denen an der vollen Wiederherstel-
lung ihrer Vollmacht lag, zunächst zu schwach. Und die Sena-
Christian Meier – Caesar 162

24 Münze des Marcus Lollius Palicanus,


um 45. Der Vater des Münzmeisters war im
Jahr 71 ein popularer Volkstribun gewesen,
einer der wichtigsten Vorkämpfer für die
volle Wiederherstellung der von Sulla stark
eingeschränkten tribunicischen Rechte. Auf
der Vorderseite der Münze: das Bild der
Libertas. Rückseite: die gebogene
Rednertribüne (rostra) mit den erbeuteten
Schiffsschnäbeln; darauf die Sitzbank der
Volkstribunen.

toren leisteten hinhaltenden Widerstand, indem sie vorgaben,


man müsse auf Pompeius warten.
Seit Mitte der 70er Jahre lebte Rom im Schatten von dessen
Rückkehr. Seine Absichten waren unklar. Wenn er wollte,
konnte er seine Soldaten gewiß nach Italien führen, trotz des
gesetzlichen Verbots. Wohl nicht, um die Herrschaft über Rom
zu erlangen; das wäre angesichts des riesigen Bereichs, über
den die Stadt herrschte, wohl doch zu schwierig gewesen. Aber
um in dieser oder jener Frage seinen Willen durchzusetzen.
Die Soldaten, welche seit Marius und Sulla ihren Feldherren
im Zweifel mehr verpflichtet waren als dem Senat, wären Pom-
peius gewiß gefolgt. So war es nicht geraten, ihm einen Vor-
Christian Meier – Caesar 163

wand zum Marsch auf Rom zu geben, sei es indem man die
Wiederherstellung des Volkstribunats konzedierte – worüber
er in Sullas Namen empört sein konnte –, sei es daß man sie
entschieden verweigerte, so daß er sie – im Namen der alten
Rechte des Volkes und im Sinne all derer, die auch einmal
etwas gegen den Senat durchsetzen wollten – auf seine Fahnen
schreiben konnte. Vielleicht konnte man ihn auch als Bundes-
genossen gegen die popularen Tribunen gewinnen. Das alles
war offen.
Pompeius selbst beschied die Römer nur, wenn sich Senat
und Volk nicht vor seiner Ankunft geeinigt hätten, werde er
sich darum bemühen. Letztlich ging es nicht nur um das
Geschick der sullanischen Ordnung, sondern auch darum, wie
man sich mit dem mächtigen Außenseiter arrangieren sollte.
Darüber geriet Rom in ein Machtvakuum. Der Senat war
ratlos. Er bot für aufmerksame, kritische Betrachter ein eher
klägliches Bild.
Eben das ließ aber auch sonst das Gefühl aufkommen, daß
die Ordnung in Rom aus dem Ruder gelaufen war. Es war
spürbar, daß es an der Führung fehlte, an der Geschlossenheit,
der Sicherheit darüber, daß die Verhältnisse, wie sie waren,
zu gelten hatten. Man wußte nicht, woran man war. Und so
konnte denn eine an sich gleichgültige Begebenheit sich so
auswachsen, daß ganz Italien neuerdings erschüttert wurde.

Im Jahre 73 brachen in Capua rund siebzig Gladiatoren aus


ihrer Kaserne aus. Sie waren bei ihrer – ohnehin sehr harten –
Ausbildung derart schikaniert worden, daß sie gemeinsam ihre
Flucht geplant und ausgeführt hatten. Sie entfernten sich nach
Süden, suchten sich zunächst einen Schlupfwinkel am Vesuv.
Vermutlich wollten sie sich als Räuberbande weiter durch-
schlagen.
Gladiatoren, »Schwertkämpfer«, waren dazu da, Gefechte
auf Leben und Tod vor Zuschauern aufzuführen. Seit 264
sind solche Spiele in Rom bezeugt. Sie gehörten ursprünglich
zur Leichenfeier prominenter Adliger, später wurden sie auch
unabhängig davon gegeben, seit 105 v. Chr. auch von Magistra-
Christian Meier – Caesar 164

ten. Ursprünglich scheint diese aus Etrurien oder Campanien


stammende Institution mit Totenkult und Menschenopfern
zu tun gehabt zu haben; vermutlich war sie an die Stelle
bedingungsloser Menschenopfer getreten, indem man den
Opfern gestattete, darum zu kämpfen, wer am Ende das Opfer
war. Dann wurde sie zur Unterhaltung. Denn das römische
Volk, oder jedenfalls Teile davon, fand Geschmack an dem
fürchterlichen, grausamen Schauspiel – wie andere Völker zu
anderen Zeiten an öffentlichen Hinrichtungen oder an Sex and
Crime. In Rom war zwar immer etwas los, aber die gelang-
weilte, abgestumpfte Menge brauchte auch den Kitzel; und
das Faszinosum des Mordens, die sadistische Identifikation mit
einem tödlichen Sport taten ihr wohl, auch sofern und indem
sie sie vielleicht abstießen. Sie beschäftigten sie bis in ihre
Träume. Als Herren der Welt unter jämmerlichen Verhältnissen
lebend, müssen sie solche Spiele wohl als etwas Großes emp-
funden haben. Sie verfolgten sie mit leidenschaftlicher Anteil-
nahme. Und die Aristokraten übertrafen sich gegenseitig in
der Ausrichtung, bis schließlich in der späten Republik Hun-
derte von Kämpfern sich gegenüberstanden. Ort des Austrags
war zumeist das Forum Romanum, auf dem man Holzgestelle
für die Zuschauer aufbaute, vielleicht auch der Circus Maxi-
mus. Später errichtete man dafür Amphitheater, in Rom und –
zum Teil vorher schon – in zahlreichen anderen Städten; das
älteste, von dem wir wissen, ist das in Pompeji aus den Jahren
um 80 v. Chr.
Die Gladiatoren waren zumeist Sklaven, die man besonders
gern aus Thrakien, Gallien oder Germanien importierte. Aber
es gab auch Freie darunter, die durch das Geld, die Gefahr,
die öffentliche Aufmerksamkeit angelockt wurden und die sich
darin gefielen, des Todes zu spotten. Im folgenden Jahrhun-
dert sollten sich sogar Frauen dazu drängen. Kaiser Domitian
ließ sie abends bei Fackelschein gegeneinander antreten.
Die Gladiatoren mußten sich durch einen feierlichen Eid bei
Todesstrafe verpflichten, sich widerspruchslos der härtesten
Ausbildung und jedem Kampf zu stellen, »sich mit Ruten
peitschen, mit Feuer brennen und mit Eisen töten lassen«.
Christian Meier – Caesar 165

So wurden sie zu hochqualifizierten Fechtern ausgebildet,


vielfältig umsorgt durch Massagen, Bäder, durch gute – von
speziellen Ärzten zusammengestellte – Ernährung, in ihrer
Gesundheit stets überwacht. So teuer waren sie ihren Herren –
und den Konsumenten der »Spiele«. Ihre Zahl wuchs ständig,
dem Bedarf entsprechend. Die wichtigsten Gladiatorenschu-
len lagen in Campanien.
Großartig zogen sie bei den »Spielen« in die Arena ein.
Es folgte eine Waffenprüfung, ein Scheingefecht mit stumpfen
Waffen. Dann trafen sie nach einem Trompetenstoß ernsthaft
aufeinander. Nähere Details sind erst aus der Kaiserzeit
überliefert, aber in der Republik kann es nicht viel anders gewe-
sen sein. Da wurden Furchtsame mit Peitschen und glühenden
Eisen in den Kampf getrieben. Die Zuschauer erhitzten sich
wie in modernen Spielen, um anzufeuern, zu beschämen, zu
beschimpfen; um aus ihrer Erregung herauszuschreien, was
sie erwarteten. »Warum haut er so zaghaft drein?« »Warum
will er nicht sterben?« »Warum führt er den Todesstreich so
wenig beherzt?« Über das Schicksal der Niedergeschlagenen –
Tod oder Leben – entschied der Spielgeber durch Daumenzei-
chen. Die Zuschauer ereiferten sich pro und contra, und dieses
zumal gegen die eher Furchtsamen. Aufmerksame Veranstal-
ter von Gladiatorenspielen ließen für ihre Gefallenen schöne
Massengräber anlegen.
Mit solchen Männern war natürlich nicht leicht umzugehen;
sie mußten in eiserner Disziplin gehalten werden. Sie hatten
ihre eigenen, kräftigen Ehrbegriffe. Der Ausbruch von 73 wird
kaum der erste gewesen sein und war nicht der letzte. Kenn-
zeichnend für ihn war nur, daß er außerordentlich weite Kreise
zog. Denn die siebzig Männer blieben nicht allein. Zumal nach-
dem sie die gegen sie ausgesandten römischen Truppen besiegt
hatten, erhielten sie viel Zulauf, von Sklaven und Freien; Land-
arbeitern, Hirten, kleinen Bauern und nicht zuletzt von manch
beutelustigen Gesellen. Denn der Ertrag der Plünderungszüge
wurde immer gleichmäßig verteilt.
Die Sklaven auf den großen Gütern hatten zum Teil ein
erbärmliches Leben. Schwere Arbeit war zu leisten, unter
Christian Meier – Caesar 166

strengen Aufsehern; das Essen wird kaum reichhaltig, sicher-


lich nicht immer ausreichend gewesen sein; und sie hausten
allesamt in großen Räumen, waren nachts vielfach gefesselt.
Anderen mag es besser gegangen sein. Gleichwohl waren
Not, Entbehrung und Rechtlosigkeit unter den ländlichen Skla-
ven wie unter Landarbeitern, Pächtern und kleinen Bauern
weitverbreitet. Das war vermutlich keine Besonderheit dieser
Jahre. Höchstens mit einer gewissen Steigerung des Elends,
unter anderem angesichts schlechter Ernten und mangelnder
Zufuhren könnte gerechnet werden. Aber der Zeit eigentümlich
war jedenfalls, daß viele das Gefühl bekamen, sie könnten dem
entkommen, indem sie sich den Gladiatoren anschlössen. Denn
die bestehende Ordnung wurde damals ja nicht ernst genom-
men, weil sie als unwirklich erschien, nicht zuletzt auf Grund
des Bürgerkriegs, und weil ihre Verfechter sie selbst nicht
streng übten. Wohl dachten sie an keine andere. Es dachte auch
übrigens keiner an die Abschaffung der Sklaverei oder der-
gleichen: Das lag außerhalb der Denkbarkeit. Aber sie dach-
ten, sie könnten machen, was sie wollten. Die Unfestigkeit der
Verhältnisse ließ irreale Hoffnungen keimen, nicht weil Anlaß
bestanden hätte, mit dem zu rechnen, was sie erhofften, son-
dern weil Anlaß zur Hoffnung bestand, und sei es zu der, Rache
zu nehmen an der Gesellschaft. Gewisse Anzeichen sprechen
dafür, daß damals auch einige – freilich wohl nicht sehr viele –
alte italische Ressentiments gegen Rom wieder wach wurden.
Daher ist die Zahl der Aufrührer bald zu Tausenden und
Zehntausenden angeschwollen. Mit siebzigtausend soll der
Höhepunkt erreicht gewesen sein; eine Quelle spricht sogar
von hundertzwanzigtausend, aber da sind wohl die Sympathi-
santen mitgerechnet. Drei Führer standen an der Spitze, der
bekannteste und bedeutendste war Spartacus.
In wenige Menschen ist so viel nachträglich hineingesehen
worden wie in Spartacus. Karl Marx hielt ihn für den »famo-
sesten Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen
hatte. Großer General (kein Garibaldi), nobler Charakter, real
representative des antiken Proletariats.« Das ist natürlich
alles Unsinn. In Wirklichkeit scheint Spartacus vor allem ein
Christian Meier – Caesar 167

Räuberhauptmann sehr großen Stils gewesen zu sein. Wenn


seine Fähigkeiten und Absichten darüber hinausgegangen sein
sollten, so ist uns dies wenigstens nicht zuverlässig überliefert.
Er hatte eine schwere, zu schwere Aufgabe zu meistern: eine
große, zusammengewürfelte, disziplinlose Menge von Männern
ohne Land, ohne Stützpunkte, ohne ausreichende Bewaffnung,
ohne gemeinsame Zwecke – außer demjenigen, zu plündern
und Beute zu machen – so zu führen, daß sie sich gegen Rom
behaupten konnte. Es ging ums Leben und Überleben als weit
überproportionierte Räuberbande, wo auch immer, wie auch
immer.
Dieser Aufgabe hat sich Spartacus lange Zeit mit Bravour
entledigt. Es kam ihm zugute, daß unter jener Menge hervorra-
gende Kämpfer waren, die Gladiatoren mit ihrer Schulung und
Todesverachtung, und daß der Großteil seines Heeres wußte,
daß entlaufene, plündernde Sklaven bei ihren Herren kein
Pardon zu erwarten hatten. Außerdem kam ihm zugute, daß
die Römer den Aufruhr zunächst unterschätzten und dann
mit den Mitteln ihrer regulären, braven Kriegführung hilflos
waren angesichts dieses Gegners. Spartacus hatte lange Zeit
in den eigenen Reihen viel mehr Schwierigkeiten als mit den
Römern. Er war ein großer Taktiker, ob er aber eine Strategie
hatte, wissen wir nicht.
Die Aufrührer wandten sich zunächst nach Süden, auf Meta-
pont zu. Dann zogen sie durch die ganze italienische Halbinsel
nach Norden. Eine ihrer Abteilungen wurde zwar vernichtet,
das Gros aber siegte in verschiedenen Gefechten. Nachdem sie
in der Poebene bei Mutina (Modena) eine römische Armee ver-
nichtet hatten, stand ihnen ganz Norditalien offen. Wenn sie
gewollt hätten, hätten sie von dort über die Alpen nach Gal-
lien, Germanien und zum Balkan hin ausbrechen können und
wären frei gewesen.
Vielleicht hatte Spartacus auch beabsichtigt, sie in die Frei-
heit zu führen, möglicherweise hatten sie es sogar selber von
ihm gewollt. Dann hätte sie erst dieser Sieg auf den Gedanken
gebracht, sie seien nun stark genug, um ein höheres Spiel zu
wagen, ganz aus der inneren Logik eines siegreichen Hau-
Christian Meier – Caesar 168

fens, der kein klares, letztlich aus Politik resultierendes Ziel


hat und sich auf Grund kurzfristiger, toller Erwartungen weit
überschätzt. Es spricht viel dafür, daß die Lagebeurteilung des
aufrührerischen Heeres ähnlich irreal war wie seine Hoffnung.
Jedenfalls kehrten die Männer um, zogen wieder nach Süden
auf Metapont zu, von dort nach Bruttium.
Inzwischen hatten die Römer Ende 72 den Marcus Licinius
Crassus, der gerade Praetor gewesen war, mit dem Kommando
gegen Spartacus betraut. Crassus hatte unter Sulla gedient. Er
war der reichste Mann Roms, und das war es wohl auch, wes-
halb ihn die Senatoren beauftragt hatten. Denn er brannte vor
Ehrgeiz. Sechs bis acht Legionen stellte Rom ins Feld. Cras-
sus schloß Spartacus an der Südspitze des italienischen Stie-
fels mit einem langen Graben ein. Spartacus soll darauf mit
den Seeräubern verhandelt haben, um nach Sizilien auszubre-
chen. Da das nicht gelang, ließ er den Graben an einer Stelle
zuschütten und brach in Richtung Brundisium (Brindisi) aus.
In dieser Lage bat Crassus den Senat, ihm den gerade aus
Macedonia heimkehrenden Statthalter Marcus Lucullus und
Pompeius, der sich auf dem Rückmarsch aus Spanien befand,
zu Hilfe zu senden. Bevor das noch geschehen war, besiegte er
aber die Aufrührer.
Spartacus scheint gefallen zu sein, die versprengten Reste
seines Heeres wurden überall aufgespürt. Sechstausend gefan-
gene Sklaven – und wenn Freie darunter waren, wurden sie
diesen gleichgestellt – ließ Crassus der Via Appia entlang
ans Kreuz schlagen, zur Strafe und zur Mahnung für alle
Vorüberziehenden. Eine Truppe von etwa fünftausend Skla-
ven, die nach Norden durchgebrochen war, wurde von Pom-
peius vernichtet. Er ließ alle Gefangenen niedermachen, was
seiner sonstigen Milde widersprach. Aber entlaufene Sklaven
verdienten es damals nicht anders. Damit war der »Spartacus-
Krieg« endlich, im Frühsommer 71, nach zwei Jahren beendet.
Er hatte nie eine ernsthafte Gefahr für Rom bedeutet. Aber
er war ein Symptom für das Erschlaffen der römischen Ord-
nung; und ein neuer Beleg für die Schwäche und das Versa-
gen der senatorischen Führung. Die ganze Halbinsel hatte den
Christian Meier – Caesar 169

Sklaven offengestanden; drei große Armeen waren notwendig


gewesen, sie zu bezwingen.

Offenbar war der Senat am Ende der siebziger Jahre noch


immer so schlecht dran wie an deren Anfang. Jedenfalls hatte
er weiterhin größte Schwierigkeiten, seinen Aufgaben gerecht
zu werden, und es kam immer wieder vor, daß die Befehlsha-
ber, die als Magistrate zur Verfügung standen oder die er aus
seinen Reihen entsandte, keine fortune hatten. Will man es bei
solchen Formeln nicht bewenden lassen, so fragt es sich, woran
es Senat und Senatoren fehlte. War ihre Substanz verbraucht?
Waren die damaligen Senatoren anders als ihre Väter und
Ahnen? Mommsen hat einmal, im Hinblick auf eine frühere
Zeit, geschrieben: »Es waren weniger andere Menschen, die
jetzt im Senat saßen, als eine andere Zeit.«
Das scheint die Erklärung zu sein: Die damaligen Zeitgenos-
sen machten miteinander andere Umstände aus, andere Aufga-
ben, andere Erwartungen, andere Konstellationen. Von daher
waren sie anders als ihre Väter und Ahnen, ohne daß ihre
individuellen Begabungen im Schnitt geringer oder schlechter
oder auch nur anders gewesen sein müssen. Es geht hier
um die Frage, welche spezifischen Möglichkeiten eine Epoche
hat, Begabungen zu aktualisieren, zu entfalten oder ungenutzt
zu lassen; an Aufgaben zu wachsen oder vor ihnen zu ver-
zweifeln, zu erstarren; sich, und das heißt: das, was man von
sich unter den gegebenen Formen der Beanspruchung, der
Identität erwarten kann, voll zu verwirklichen oder sich durch
Vergeblichkeit einschnüren zu lassen, sich gar in Selbstmit-
leid zurückzuziehen. Vielleicht kann gerade eine lebendige
Elite nicht das Gefühl haben, zu können, was sie muß.
Aber es gehört doch wohl zu ihrer Leistungsfähigkeit, daß
Können und Müssen nicht so weit voneinander sind, daß sie
nicht mehr getrieben wären, sich auf die volle Wahrnehmung
ihrer Aufgaben, ihrer Pflichten zu spannen und darin ihre
Möglichkeiten zu entfalten. Hier dagegen scheint vielleicht
nicht das Bewußtsein, vielleicht nicht einmal das Gefühl, aber
doch eine Angst wirksam gewesen zu sein, daß man müsse, was
Christian Meier – Caesar 170

man nicht könne. Das führte zu Ablenkungen, Betäubungen,


Verengungen. Da mochten sich individuell andere Begabun-
gen entfalten. Im ganzen, im Blick auf die vorgegebenen –
und weiterhin anerkannten – Aufgaben blieb die Aristokratie
hinter ihren Vätern zurück, hatte sie nicht mehr die Geschlos-
senheit und Wucht, mit der diese, über viele Schwächen und
Versagensfälle hinweg, in ihren Institutionen, im Leben der res
publica aufgingen.
Die Ursache des vielfältigen senatorischen Versagens in
diesen Jahren war also gar nicht, daß – von Pompeius abgese-
hen – die falschen statt der richtigen Männer für die größeren
Aufgaben gewählt worden wären. So könnte es allerdings
scheinen, wenn man die Berichte über den großen Einfluß liest,
den der Intrigant Publius Cornelius Cethegus damals ausübte.
Das war ein höchst geschickter, geriebener Senator aus patri-
cischem Adel. Einstmals Anhänger des Marius, 88 einer der
zwölf von Sulla Geächteten, später zu ihm übergegangen; 78
wirkte er dann im Sinne des Lepidus, ohne daß dessen Nieder-
lage seine Macht geschmälert hätte.
Cethegus kannte die Republik wie kaum einer, genauer
gesagt, er kannte alle, die am politischen Spiel beteiligt waren,
wußte, was sie anzubieten und was sie nachzufragen hatten,
kannte ihre Stärken und ihre Schwächen. Er verstand zu reden
und scheint ein höchst einnehmendes Wesen gehabt zu haben;
bestechend in jedem Sinne des Wortes. Er konnte vermitteln,
im Senat wie insbesondere auch bei den Wahlen, und eine
Zeitlang hat er offenbar vermocht, sich unentbehrlich zu
machen. Für ihn war die Politik wie ein großer Basar. Die
wichtigsten Händel liefen gleichsam über seinen Tisch, und
von allem blieb etwas bei ihm hängen, an Geld, Beziehungen,
Abhängigkeit. Dadurch erreichte er, wie Cicero schreibt, im
Senat die Autorität von Consularen, obwohl er im Rang nie
so hoch gestiegen ist. Der wichtigste Zugang zu ihm lief über
Praecia, von der Plutarch berichtet, sie sei berühmt gewesen
»wegen ihrer Schönheit und ihres kecken Mutwillens«, aber
»im übrigen wohl nicht besser als eine gewöhnliche Dirne.
Doch dadurch, daß sie die Männer, die sie besuchten und mit
Christian Meier – Caesar 171

25 Und so wählten sie damals zunehmend


bedeutende Vorfahren oder deren Taten
zum Motiv: Das Geld der Republik wurde
zum Material, in dem sie den Ruhm ihrer
Geschlechter verkündeten. Münze des
Numerius Fabius Pictor (126 v. Chr.). Darge-
stellt ist der Großvater des Münzmei-sters,
welcher gegen die geltenden Bestimmungen
– und übrigens vergeblich – versucht hatte,
sein Amt als Flamen Quirinalis (Priester
des Quirinus) beizubehalten, auch nach-
dem ihm als Praetor ein militärisches Kom-
mando außerhalb Roms zugewiesen worden
war. Das Münzbild zeigt ihn als Feldherrn in
militärischer Rüstung, gleichzeitig aber mit
der charakteristischen Priesterkappe der
Flamines, dem Apex, in der ausgestreckten
Rechten sowie dem schriftlichen Hinweis
auf Quirinus auf dem Schild. Deutlich zur
Schau getragen wird das doppelte Prestige,
das sich aus dem priesterlichen und dem
militärischen Amt ergibt.
Christian Meier – Caesar 172

ihr verkehrten, für ihre Freunde einzuspannen wußte..., hatte


sie zu dem Ruf ihrer sonstigen Reize auch den erworben, eine
treue Freundin und eine energische Frau zu sein, und dadurch
bedeutenden Einfluß.« Auch Cethegus sei ihr äußerst zugetan,
wenn nicht Untertan gewesen.
Mit Hilfe des Cethegus war nicht nur Antonius gegen die
Seeräuber eingesetzt worden. Auch der kluge, fähige, übrigens
sehr stolze und in Liebesdingen wohl jeder Ausschweifung
abholde Lucullus hatte sich die beiden verbunden, um den
Feldzug gegen Mithridates übertragen zu bekommen. Ihre
Wahl traf also bald die richtigen, bald die falschen. Eben des-
wegen waren sie auch nicht verantwortlich für die mangelnden
Erfolge der römischen Kommandeure.
Die eigentliche Ursache dafür scheint vielmehr darin gele-
gen zu haben, daß die falschen Grundsätze innerhalb der
römischen Aristokratie herrschten, oder noch genauer: daß die
falsche Art in ihr großgezogen und gefördert wurde.
Man lebte in der Angst, daß sich wieder ehrgeizige Einzelne
dem senatorischen Komment entzögen, das heißt der grund-
legenden Gleichheit unter den Senatoren – wenigstens unter
den Principes –, der Solidarität im Rahmen des Herkommens
und der Bereitschaft, letztlich das Urteil des Senats anzuer-
kennen. Keiner sollte wieder so sein wie die Gracchen, keiner
vor allem wie Marius und Sulla. Eine solche Tendenz gab es
schon länger. Doch wurde sie jetzt im Sinne und unter dem
Gewicht des verbreiteten Restaurationsbedürfnisses besonders
inbrünstig betrieben. Alles drängte auf Gefügigkeit, schwor
sich gegenseitig darauf ein, schärfte sie ein, verlangte, förderte,
prämierte sie.
Es war seit alters in Rom großer Wert darauf gelegt worden,
daß die Sitte der Väter bewahrt und weitergegeben würde.
Und da keiner wußte oder auch nur denken konnte, daß die
römische Ordnung in ihrer ganzen Zurichtung den veränderten
Anforderungen der Zeit nicht mehr genügte, konnten alle
angesichts von Krisen und Notlagen nur die eine Erklärung
finden, daß die alte Sitte nicht mehr recht praktiziert würde.
Daher war es notwendig, sie um so genauer zu üben.
Christian Meier – Caesar 173

26 Zum Teil waren die Darstellungen und


Legenden so verschlüsselt, daß sie nur von
Eingeweihten entziffert werden konnten; Es
war ein Gesellschaftsspiel, das vornehmlich
innerhalb der führenden Familien betrie-
ben wurde. Münze des Marcus Aemilius
Lepidus (61 v. Chr.). Dargestellt ist die
Reiterstatue eines Vorfahren. Diesem war
auf Senatsbeschluß ein Denkmal auf dem
Kapitol errichtet worden, weil er – erst
fünfzehnjährig – im Krieg einen Feind
getötet und einem römischen Bürger das
Leben gerettet hatte. Darauf spielt auch
die – vom nichteingeweihten Betrachter,
und folglich von der großen Mehrzahl der
Bürger – kaum zu verstehende Beischrift
der Münze an: An[norum] XV pr[ogressus)
– oder: pr[aetextus] – h[ostem] o[ccidit]
c[ivem] s[ervavit] (15 Jahre alt – oder: noch
als Kind – tötete er einen Feind, rettete
einen Bürger).
Christian Meier – Caesar 174

So kam es dazu, daß der Senat und mit ihm große Teile
der Gesellschaft sich im Hergebrachten verschanzten. Sie
befolgten ihre Regeln, sandten die Consuln gegen die Skla-
ven, weil sie Consuln waren, und die wieder führten Krieg,
wie es überliefert war, obwohl sie ganz andere Gegner hatten;
kein Mensch kam anscheinend auf die Idee, daß man den
Seeräubern nicht mit konventionellen, also punktuellen See-
und Landmanövern beikommen konnte, und Lucullus behan-
delte seine Soldaten so, wie wenn es ganz selbstverständlich
wäre, daß sie auch bei hohen Anforderungen einfach auf Befehl
gehorchten, so daß sie schließlich meuterten. Gerade weil die
Probleme oder jedenfalls die Anforderungen so groß waren,
hielt man sich an das Hergebrachte. So bedingte Starrheit
Versagen und Versagen Starrheit. Man verschloß sich offen-
bar gegen die sich aufdrängende Wirklichkeit, verengte sich.
Gebanntes An-Sich-Halten, angstvolle Bewegungslosigkeit.
Früher hatte man bei aller Verehrung für das Alte doch, sofern
es sich empfahl, auch neue Wege beschritten, hatte auf neue
Lagen neue Maßregeln bemessen. Jetzt wurde die Beachtung
des Alten von der Regel zum Gesetz. Oft waren es gar nicht
mehr die Regeln der Alten, was man zum Dogma erhob, son-
dern gleichsam das, was in den Geschichtsbüchern darüber
stand.
Indem sich aber alle Mühen darauf konzentrierten, daß alle
sich an die alten Regeln hielten, daß keiner zu groß würde, ging
die Elastizität verloren, den außerordentlichen Aufgaben ange-
messen zu begegnen. Es begann sich eine Schere aufzutun zwi-
schen der Verteidigung der herkömmlichen Art und Ordnung,
auf die man sich konzentrierte, und der Erledigung drängender
sachlicher Probleme, die man darüber vernachlässigte. Es kam
dazu, daß nur mehr dies oder jenes getan werden konnte.
Was zusammengehörte, wurde zur Alternative. Nicht Leistung
wurde erwartet, sondern eben Gefügigkeit.
Das aber bedeutete, daß auch die Gefügigkeit eingeschränkt
verstanden werden mußte. Denn wenn Können und Müssen so
weit auseinanderklaffen, kann man zwar Neues verfemen, aber
deswegen doch das Alte nicht vor Entartung schützen. Wenn
Christian Meier – Caesar 175

Pflicht so wenig zu erfüllen ist, wird es schwierig, sie zu prak-


tizieren. Man war also kleinlich, insofern man erwartete, daß
keiner politisch etwas in größerem Format Außerordentliches
riskierte. Aber man war – notgedrungen – großzügig in der Dul-
dung zahlreicher kleiner oder jedenfalls eher privater Abwei-
chungen von der alten Vätersitte. Die Korruption wucherte.
Politik wurde vornehmlich als Gerangel um Ämter und Posi-
tionen verstanden. Von den Herren Söhnen wurde nicht viel
verlangt. Die alte Härte der Erziehung konnte nur noch aus-
nahmsweise praktiziert werden. Man lebte im Luxus.
Was die Zeit politisch nicht sollte, tat sie auf anderem Gebiet:
Man übertraf sich gegenseitig in immer neuen Weisen des
Genießens, des Häuserbaus, der Feste. Roms Adlige ließen sich
porträtieren in der Art hellenistischer Monarchen, sie liebten
es, wenn die Provinzialen sie wie Götter verehrten.
Ein besonders schönes Beispiel des Ausweichens in eher pri-
vate, unschädliche Freiheiten stellte die Münzprägung dar. Sie
lag in der Hand von drei jährlich wechselnden Münzmeistern;
vielfach bekleideten die jungen Söhne der Nobilität dieses Amt.
Sie waren frei in der Gestaltung der Stempel und so wählten sie
damals zunehmend bedeutende Vorfahren oder deren Taten
zum Motiv: Das Geld der Republik wurde zum Material, in dem
sie den Ruhm ihrer Geschlechter verkündeten: ein Symbol
dafür, wie das Gemeinwesen von seinem Adel mehr als Besitz
denn als Aufgabe verstanden wurde. Zum Teil waren die Dar-
stellungen und Legenden so verschlüsselt, daß sie nur von
Eingeweihten entziffert werden konnten; es war ein Gesell-
schaftsspiel, das vornehmlich innerhalb der führenden Fami-
lien betrieben wurde. Auch wo Programme der großen Politik
auf Münzen erscheinen, stellen sie oft den Ruhm des eigenen
oder eines Geschlechts dar, dem der Münzmeister anzugehören
behauptete. So erinnerte der spätere Caesar-Mörder Marcus
Brutus an die Begründung der republikanischen Freiheit Roms
durch den alten Brutus, den ersten Consul, den er offenbar als
seinen Vorfahren ansah.
Diese und andere Randerscheinungen wären für sich nicht
interessant. Sie sind es als Symptome für die Verengung der
Christian Meier – Caesar 176

senatorischen Normen innerhalb der Politik: Der Ruhm, den


die jungen Münzmeister ihren Vorfahren attestierten, war
in der Gegenwart nicht mehr zu gewinnen; jedenfalls nicht,
sofern sie sich nicht gegen den Senat stellten. Ähnlich wie ihre
Münzen verzierten sie auch ihre Siegelringe.
Von Metellus Pius, Sullas Collegen im Consulat von 80, der
dann Roms Streitkräfte gegen Sertorius in Spanien komman-
dierte, heißt es, er habe seine Ankunft in den spanischen
Städten von den Gastfreunden wie die eines Gottes mit
Altären und Weihrauch feiern lassen, habe in einem mit einge-
stickten Palmzweigen verzierten Gewande – dem Triumphal-
gewand, wie es auch der Juppiter auf dem Capitol trug – seine
Gastmähler gefeiert, es seien dabei von der Decke mittels eines
kunstvollen Seilwerks Victorien herniedergeschwebt, die ihm
goldene Kränze aufs Haupt setzten. Und das alles im kargen
Spanien, angesichts eines schwierigen Krieges. Später soll die
Leidenschaft der vornehmen Senatoren sich auf die Fisch-
zucht geworfen haben. Das waren Ablenkungen oder Ersatz-
befriedigungen eines Ehrgeizes, der im Politischen nur bedingt
sich ausleben konnte.
Was sich da abspielte, war vermutlich eine Gesetzmäßigkeit:
Es wirkte sich auf vielfältige Weise die Schwerkraft eines stark
überforderten, aber nicht in Frage gestellten herrschenden
Standes aus, der überwältigende Druck seiner Normalität.
Die führenden Persönlichkeiten – und auch manche anderen
– wollten es zum Teil sicherlich anders, mochten sich auch
ehrenhaft verhalten und sich dem Luxus versagen. Doch wenn
sie Einfluß üben wollten, mußten sie sich vermutlich gleich-
wohl in der Richtung bewegen, in die der ganze Stand ten-
dierte. Wer aus der Enge ausbrechen, wer politisch selbständig
denken wollte, mußte sich schon in einer Distanz zum Gros
halten oder in diese Distanz geraten. Und das konnten offen-
bar nur wenige. Denn für die, die das versuchten, gab es zwar
manchen Anlaß, aber wenige Anhaltspunkte. Mommsens sar-
kastisches Urteil über die Senatoren ist zwar objektiv richtig:
»Ihre politische Weisheit beschränkte sich darauf, aufrichtig
zu glauben an die allein seligmachende Oligarchie, dagegen
Christian Meier – Caesar 177

die Demagogie ebenso wie jede sich emanzipierende Einzel-


gewalt herzlich zu hassen und mutig zu verwünschen.« Nur
sollte man nicht annehmen, daß sie als Stand damals auch eine
andere Weisheit hätten aufbringen können. Das könnten nur
Außenseiter. Es war keine Frage abstrakten Denkvermögens,
sondern eine des Ortes, von dem aus man dachte, von dem aus
sich einem die Dinge darstellten, eben der Position. Und für
die Senatoren konnte es kaum zweifelhaft sein, ob sie vor den
Außenseitern hätten kapitulieren können oder dürfen.

Der bedeutendste Außenseiter war Pompeius. Das Problem, ob


er nach Beendigung des spanischen Feldzugs gegen das Gesetz
mit der Armee nach Italien einmarschieren würde, hatte sich
inzwischen gelöst: Der Senat hatte ihn sogar darum gebeten.
Nach dem Sieg über die letzten Reste der aufständischen Skla-
ven rückte er vor die Stadt. Aber er gab die beruhigende
Erklärung ab, er täte es nur, um dort den Triumph zu feiern;
danach werde er das Heer sogleich entlassen.
Senatoren, Ritter und andere gingen vor die Stadt, um ihm
einen ehrenvollen Empfang zu bereiten. Dann wurde verhan-
delt. Das Ergebnis war einerseits, daß der Senat Pompeius
außer dem Triumph das Recht verlieh, sich schon jetzt und
ohne daß er Quaestur und Praetur bekleidet hätte, um das Con-
sulat zu bewerben. Es war sieben Jahre vor der Zeit, aber nach-
dem er inzwischen dreizehn Jahre lang fast ohne Unterbre-
chung römische Armeen kommandiert hatte, konnte man von
ihm kaum verlangen, daß er die Laufbahn von unten begänne.
Und man konnte ihn schlecht auf das Consulat warten lassen.
Die führenden Senatoren haben Pompeius auch zugesagt, daß
sie ein Ackergesetz zur Versorgung seiner Veteranen ohne
Widerstand durchgehen lassen würden. Es sollte das einzige
Ackerverteilungsgesetz der späten Republik – außer dem des
Livius Drusus – bleiben, das den Segen des Senats fand. Aus
Mangel an Mitteln wurde seine Ausführung aber aufgescho-
ben, um sich schließlich zu erübrigen.
Einiges spricht dafür, daß diese Zugeständnisse dem Senat
nicht einmal schwer gefallen sind. Pompeius war ein alter
Christian Meier – Caesar 178

Sullaner. Er hatte zwar manch einen Senator, übrigens auch


Sulla vor den Kopf gestoßen. Zuerst hatte Sulla die Standes-
genossen tief verletzt, als er einst im Bürgerkrieg den jugend-
lichen Anführer einer Privatarmee als Imperator begrüßte.
Dann hatte er ihn nach Sizilien und Afrika gesandt, um die
Gegner dort zu besiegen. Nachdem Pompeius diese Aufgabe
rasch und gründlich – und vergleichsweise milde – erledigt
hatte, wurde ihm befohlen, den größten Teil seines Heeres zu
entlassen und mit einer Legion die Ankunft des neuen Statt-
halters abzuwarten. Da empörten sich die Soldaten, sie wollten
unter seiner Führung zurückkehren. Unter vielen Bekundun-
gen des Widerwillens ließ er sich wohl unschwer dazu treiben,
wurde von Sulla vor der Stadt Rom begrüßt und als Magnus
tituliert. Es heißt, eine gewisse Ähnlichkeit mit Alexander habe
dazu geführt, daß man auch ihn den Großen nannte, ironisch,
gefällig, überzeugt, schließlich weil alle es taten. So schloß sich
auch Sulla dem entstehenden Brauch an. Er wollte wohl Pom-
peius’ Forderung auf einen Triumph zuvorkommen. Denn nur
Magistrate durften triumphieren; Pompeius aber war keiner;
und künftig sollte das Recht konsequent gelten. Doch Pom-
peius bestand darauf: Er trat vor Sulla hin, wies zum Himmel
und erklärte, die aufgehende Sonne genieße mehr Verehrung
als die untergehende. Und Sulla war es die Auseinanderset-
zung nicht wert; er ließ sich einen weiteren Schritt zum Auf-
stieg des jungen Mannes abtrotzen. Wenn Pompeius gegen
Lepidus und Sertorius gesandt wurde, geschah es auch nicht
nur, weil der Senat ihn brauchte. Er drängte sich vielmehr auf:
Man war ihn schließlich auch ganz gern aus Italien los. Inzwi-
schen hatte er dem Senat gut gedient. Nun konnte man viel-
leicht hoffen, ihn durch entsprechendes Entgegenkommen für
sich einzunehmen.
Aber auch alle diejenigen kamen zu Pompeius, denen an
einer Wiederherstellung der Rechte des Volkstribunats gelegen
war, die Ritter, verschiedene Senatoren und andere, darunter
vielleicht Caesar. Bald nach seiner Consulwahl erklärte Pom-
peius, er wolle sich der Sache annehmen. Er fand auch, daß
eine Gerichtsreform notwendig sei, nach skandalösen Urtei-
Christian Meier – Caesar 179

27 »Biederen Gesichts, unverfrorenen


Gemüts«, so hat Sallust ihn charakterisiert.
Mit jenem versuchte er seiner senatstreuen
Gesinnung gerecht zu werden, mit diesem
seinem Ehrgeiz. Bildniskopf des Pompeius.
Augusteische Kopie nach einem öffentlichen
Ehrenportrait aus den 50er Jahren des
ersten Jahrhunderts v. Chr.
len der senatorischen Geschworenen, und befürwortete die
Wahl von Censoren. Auch mit diesem Programm stieß er im
Senat nicht unbedingt auf Widerspruch. Die Mißstände, die
er bekämpfte, ließen sich kaum leugnen. Manche Senatoren
scheinen sogar das Gefühl gehabt zu haben, daß er sie von
einer Last befreite, indem er die inzwischen kaum mehr halt-
baren Positionen der sullanischen Ordnung auflöste. Der Senat
scheint dann das Gesetz zur vollen Wiederherstellung des
Volkstribunats auch genehmigt zu haben.
Dabei kann es ihm kaum entgangen sein, daß auf diese
Weise neue schwere Konflikte angelegt wurden und gerade mit
Pompeius selbst, der offenbar Wert darauf legte, auch künftig
mit größeren Feldzügen betraut zu werden. Und Pompeius
muß gewußt haben, daß der Senat nicht unbedingt leichten
Christian Meier – Caesar 180

Herzens sich dazu bereit finden konnte, daß er also das Instru-
ment der Volksversammlung für alle Fälle brauchte.

Gnaeus Pompeius Magnus war im Grunde nicht auf Konflikt


angelegt. Er war nicht der Mann, der sich durchsetzen wollte;
eher wollte er allen gefallen. Alfred Heuß hat ihn eine Primus-
Natur genannt; er habe seine unbestreitbaren Leistungen vor
sich hergetragen wie ein Schulzeugnis. Eitel war er, auf Beifall
bedacht. Voll Respekt für die überkommene Ordnung, auch für
den Senat. Seine Ziele waren weniger Macht und Einfluß als
Ansehen und Ruhm. In der Politik hielt er sich gern im Hinter-
grund, melierte er sich ungern in das Geschehen. Er setzte sich
nicht für andere ein, er kämpfte nicht, sondern repräsentierte
lieber. Auf dem Forum trat er am liebsten nur gelegentlich und
dann mit großem Gefolge auf, »indem er damit seinem Auftre-
ten Hoheit und Gewicht verlieh und meinte, er müsse dadurch,
daß er die Berührung und den Umgang mit der großen Menge
mied, seine Würde bewahren«. Aber sein Ehrgeiz war, auch
weiterhin mit allen wichtigen Aufgaben betraut zu werden.
Das war die Grundlage seiner Stellung, seines Ruhms. Darin
konnte er seine Fähigkeiten bewähren. Er war vor allem ein
großer Organisator, auf militärischem wie auf administrativem
Gebiet. Seine Feldzüge waren Glanzleistungen der Organisa-
tion. Die Truppen führte er überlegen, und das muß sich
ihnen auch mitgeteilt haben. Doch beherrschte er auch Strate-
gie und Taktik, und dank der Schule des Bürgerkriegs wußte
er, wie man mit Soldaten umzugehen hatte. Es lag ihm, in
großem Stil zu befehlen und zu walten, den Anspruch Roms
auf die Weltherrschaft glanzvoll zu vertreten. Als er – für antike
Verhältnisse – tief in Afrika bis an die Grenzen des numidi-
schen Reichs vorgedrungen war, begab er sich zum Beispiel
auf Löwen- und Elefantenjagd, weil es nötig sei, »daß auch die
wilden Tiere, die Afrika bewohnten, die Macht und den Mut der
Römer erführen«. Solche imperialen Gebärden waren kenn-
zeichnend für Pompeius. Was sollte ihm dagegen der Klein-
kram alltäglicher Politik mit all ihrer Geschäftigkeit, ihren
Eitelkeiten und Intrigen?
Christian Meier – Caesar 181

Eben dadurch stand er am Rand der Aristokratie, ohne daß


er etwas gegen Roms Ordnung einzuwenden gehabt hätte. Es
ging ihm nur um eine besondere Rolle, eine besondere Stel-
lung für sich selbst und eben um die Erledigung zahlreicher
Aufgaben, die er besser und klarer erkannte als die anderen –
gerade weil sein Blick nicht von Alltäglichkeiten okkupiert war,
weil er von der allmählich zu einer neuen Qualität umschla-
genden Wirklichkeit des Herrschaftsbereichs her zu denken
wußte.
Schon in der Jugend hatte Pompeius sich abgesondert, als
Sohn eines Mannes, der seinerseits schon eine Sonderrolle
zu spielen versucht, der dabei die Niederlage des Senats
gegen Cinna verschuldet hatte, der daraufhin der Nobilität
»recht verhaßt« wurde. Unter Cinna hatte sich Pompeius
zurückgehalten. Aber er hatte auch gemeint, in der Nobilität
keinen leichten Stand zu haben, wenn erst deren Herrschaft
wieder begründet wäre. Und da er vom Vater her die Dinge
relativ unvoreingenommen zu betrachten gelernt, da er sich
mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, daß einer so viel
galt, wie er Soldaten hatte, hatte er auf eigene Faust eine
Armee aufgestellt. Im Sinne Sullas, im Sinne der Nobilität;
das wird ihm auch wichtig gewesen sein. Damit aber unter-
schied er sich zugleich von den Nobiles, die auf solche prakti-
schen, der Situation angemessenen Handlungsweisen fast gar
nicht gekommen sind. Er war von Anfang an wesentlich aufge-
schlossener und energischer als sie. Aber er wird kaum gewußt
haben, daß er sich dadurch nicht nur im Verdienst von ihnen
unterschied, sondern zugleich in eine Außenseiterposition
geriet, für die er eigentlich gar nicht geschaffen war. Das gab
zunächst nichts zu denken, das Besondere daran gefiel ihm.
Dann jedoch kamen zunehmend die Schwierigkeiten zum Vor-
schein. Eben weil er auf Neid, Eifersucht, Mißtrauen stieß –
und nicht nur aus Ehrgeiz –, wollte er dann auf dem einmal
eingeschlagenen Weg fortschreiten, um durch neue Leistun-
gen zu überzeugen und sich unentbehrlich zu machen. Er wird
kaum gewußt haben, daß es der Senatsmehrheit auf solche
Leistungen gar nicht ankam. Für ihn lag eine Legitimation
Christian Meier – Caesar 182

darin, übrigens ohne daß er den Leistungsanspruch überzogen


hätte.
Außerdem hatte Pompeius stets die Situation seiner Anfänge
im sullanischen Bürgerkrieg im Sinn; er wußte, daß sie sich
ähnlich wiederholen konnte. Darauf hat er sich stets vorberei-
tet: Wo er das Kommando führte, legte er großen Wert darauf,
Clientelbeziehungen zu knüpfen, um Machtreserven innerhalb
des Herrschaftsbereichs zu haben, und die wollte er gewiß, wie
Sulla es getan, gegebenenfalls für den Senat einsetzen.
Insofern war Pompeius bei aller Vorsicht bereit, sich mit
dem Senat zu verständigen. Nichts war ihm lieber, als weiter-
hin der erste und wichtigste Senatsfeldherr und Krisenlöser
zu sein und das entsprechende Ansehen dafür zu ernten. Er
wollte eine Vorzugsstellung innerhalb des Senats, nicht gegen
ihn.
Das ließ sich im Moment auch bewerkstelligen: Man gönnte
ihm seinen Ruhm, ließ ihn sich auf seinen Lorbeeren ausru-
hen; war froh, daß er sich kaum in die Politik einmischte – und
davon auch nicht viel verstand –, daß er sich so gemäßigt gab.
Aber auf die Dauer waren, wie sich dann zeigte, die Zielsetzun-
gen des Pompeius und der Senatsmehrheit unvereinbar.
Am letzten Tag des Jahres 71 zog Pompeius im Triumph in
Rom ein; danach entließ er seine Soldaten. Das Consulat führte
er zusammen mit Marcus Licinius Crassus. Er setzte sein Pro-
gramm durch. Die Gerichtsreform war sogar, entgegen den
ursprünglichen Parolen, ausgesprochen rücksichtsvoll. Sena-
toren und Ritter stellten künftig je ein Drittel der Geschwo-
renen. Das dritte stellten die »Aerartribunen«, eine Gruppe,
deren Angehörige dem Census nach zu den Rittern gehörten,
unter denen aber nicht wie in der Gruppe der Ritter die
Pächter der öffentlichen Einkünfte stark waren, welche durch
Standesjustiz Druck auf den Senat ausüben mochten. Die Cen-
soren strichen vierundsechzig unwürdige Senatoren aus
der Senatsliste. Berühmt war die Musterung der Ritter,
die sie durchführten. Sie saßen mit ihren Herolden und
Listenführern auf ihrem Tribunal auf dem Forum. Einer nach
dem anderen hatten die Angehörigen der Rittercenturien mit
Christian Meier – Caesar 183

28 Darstellung einer Bürgerzählung (cen-


sus). Alle fünf Jahre wurden zwecks Ver-
mögensschätzung und Soldatenmusterung
neue Bürgerlisten aufgestellt. Dazu hatte
jeder erwachsene Bürger auf dem Marsfeld
zu erscheinen und den zuständigen Beam-
ten unter Eid Auskunft zu geben. Links zwei
sitzende Magistrate mit den Bürgerlisten,
vor ihnen ein schwörender Bürger, rechts
gemusterte Soldaten. Ausschnitt aus dem
Fries einer Denkmal-Basis aus dem frühen
1. Jahrhundert v. Chr. Paris, Louvre.
ihren Pferden an ihnen vorüberzuziehen. Das waren zum Teil
Senatorensöhne, die noch nicht in den Senat aufgenommen
waren, im übrigen die Prominentesten des Ritterstandes. »Da
sah man Pompeius von oben auf das Forum herabkommen, mit
allen Abzeichen seiner consularischen Würde angetan, aber
sein Pferd mit eigener Hand am Zügel führend. Als er nahebei
und für alle sichtbar war, befahl er seinen Liktoren beiseite
zu treten und führte sein Pferd vor das Tribunal. Das Volk
staunte und war ganz still, und die Censoren erfüllte ein
gewisses Schamgefühl und Freude zugleich bei dem Anblick.
Darauf stellte der Ältere der beiden die Frage: ›Ich frage
dich, Pompeius Magnus, ob du alle vom Gesetz vorgeschriebe-
nen Feldzüge mitgemacht hast‹, und Pompeius antwortete mit
lauter Stimme: ›Ich habe sie alle mitgemacht, und alle unter
meinem Kommando.‹ Als das Volk das hörte, gab es lauten Bei-
fall und es konnte sich vor Freude kaum beruhigen. Die Censo-
ren standen auf und geleiteten Pompeius nach Hause, um sich
so den Bürgern gefällig zu erweisen, die mitliefen und Beifall
Christian Meier – Caesar 184

klatschten« (Plutarch). Vom 16. August bis 1. September feierte


Pompeius große Spiele, die er in Spanien gelobt hatte. Der-
weil stand, wie immer bei öffentlichen Spielen, das gesamte
Geschäftsleben still. Crassus wollte ihm nicht nachstehen
und opferte dem Herkules ein Zehntel seines Vermögens.
Nach erfolgreichen Unternehmungen – sei es privater, sei es
militärischer Art – wurde dem Gott gern der Zehnte dar-
gebracht, aber normalerweise vom Ertrag oder der Beute.
Doch hatte ihm schon Sulla nach seinem Sieg ein Zehntel des
Vermögens gespendet; ihm stellte Crassus sich jetzt gleich.
Die Gaben, die allesamt eßbar sein mußten, wurden auf der
Ara Maxima (dem »Größten Altar«) auf dem Forum Boarium
(dem Rindermarkt) dargebracht. Nichts durfte wieder mit nach
Hause genommen werden: Crassus bewirtete also das römische
Volk an zehntausend Tischen, auf dem Markt, in Straßen und
auf Plätzen ringsum: es muß bis tief in die Nacht gegangen
sein; die Leute müssen sich abgelöst haben.
Außerdem ließ Crassus Getreide für drei Monate an jeden
verteilen. So wetteiferten die beiden ehrgeizigsten Römer der
Zeit. Die städtische Menge sollte Geschmack an ihnen finden.

Caesar wurde in jenem Jahr dreißig Jahre alt. In einem wesent-


lichen Punkt konnte Pompeius ihm Vorbild und Ermunterung
sein: In der Weise, wie er sachliche Probleme anpackte, als
Feldherr Macht und Ansehen gewann – und wohl auch, wie er
sich in einer gewissen Distanz zum Senat hielt. Vor Pompeius’
Leistungen hat Caesar immer Respekt gehabt, und damals
war dessen Ansehen und Glanz noch unverbraucht, vor allem:
ungetrübt. Pompeius’ eigenmächtige Initiative hatte Caesar
möglicherweise schon auf Rhodos angeregt, als er beschloß,
auf eigene Faust in den mithridatischen Krieg einzugreifen.
Vielleicht war er ja auch schon in persönliche Berührung zu
dem großen Mann gekommen, als er sich für die Wiederher-
stellung der Rechte des Volkstribunats eingesetzt hatte. 73 oder
72 war er zum ersten Mal zu einem Amt gewählt worden, zum
Militärtribunat. Die Volksversammlung bestellte jährlich
vierundzwanzig Militärtribunen, die, falls nötig, bei den Aus-
Christian Meier – Caesar 185

hebungen mitwirkten und als Offiziere mit kleinen Komman-


dos betraut werden konnten. Möglicherweise hat Caesar in
dieser Position am Sklavenkrieg teilgenommen. Im Jahr 70 hat
er sich für einen Gesetzesantrag eingesetzt, durch den den
überlebenden Anhängern des Lepidus und des Sertorius die
Rückkehr nach Rom gestattet wurde. Das lag im Sinne der
versöhnlichen Politik des Pompeius. Der Antragsteller könnte
der gleiche gewesen sein, der das Ackergesetz für dessen Vete-
ranen durchsetzte. Caesars Schwager Cinna war unter den
Begünstigten. In diesen Jahren zeigte sich also, daß er sich
mindestens für die Anhänger der cinnanischen Sache einset-
zen wollte und großen Wert auf populare Politik legte.
Man sollte weiter gehen und annehmen, daß Caesar in
seinem dritten Jahrzehnt kaum anders konnte, als sich in inne-
rer Opposition zu den herrschenden Kreisen zu halten; seine
Offenheit darin zu suchen – und zu begrenzen –, daß er sich
nicht auf ihre Ordnung festlegen ließ. Selbst wenn er das so
nicht immer gewollt hat. Denn es spricht Vieles dafür, eine
relativ gerade Linie zwischen Caesars Anfängen unter Sulla
und dem Weg, den er später nahm, zu ziehen. Solche Linien
können in ein Leben einen Sinn legen, den es ursprünglich
nicht hatte; können sinnvoll machen, was – von vorne gesehen
– eher einer Reihe von Zufällen zuzuschreiben ist.
Aber was oberflächlich wie Zufall aussieht, kann mitunter
doch durch eine Anlage gelenkt sein, der sich die Zufälle fügen;
die nämlich die einen Zufälle als beliebig und die anderen als
sinnvoll, als ernst zu nehmen vermag, so daß sie am Ende
gar notwendig zu sein scheinen. Hofmannsthal spricht vom
Schicksal, das einen nicht anfällt wie ein bissiger Köter ein
ahnungsloses Bauernkind, das einen Korb mit Eiern auf dem
Kopf trägt.
Diese Anlage müßte bei Caesar ihr Zentrum, ihre Schwer-
kraft, ihre Spitze in dem Drang gehabt haben, sich abzuheben
von den Anderen. Ein Schuß Eitelkeit, ein Schuß Verspielt-
heit, ein Schuß verwegener Rechthaberei wird darin enthal-
ten, ein besonderer Anspruch darin gehegt gewesen sein. Viel-
leicht auch ein halb träumerisches Gefühl des Venus-Enkels,
Christian Meier – Caesar 186

die besondere Aufmerksamkeit der Göttin zu erfahren. Und es


wird sich daran Vieles angelagert haben, je mehr Caesar sich
innerlich aus seiner Gesellschaft aussonderte. Wo sonst Bezie-
hungen und Bindungen nach außen laufen, den Einzelnen in
seine Umwelt einbetten, scheint sich hier ein besonderer Stolz
abgekappt zu haben, der schließlich im Willen, Besonderes zu
leisten, eine Dynamik entfaltete: Die besondere Anlage in der
Zeit, die der kräftigen Eigenständigkeit zu Grunde liegt.
Eine solche Aussonderung setzt Empfindlichkeit und
Unempfindlichkeit voraus: Die Empfindlichkeit des eigenen
Anspruchs und die Unempfindlichkeit gegen die Forderungen
von Außen. So, wie Caesar den Bürgerkrieg erlebt hatte, so wie
sich ihm die Republik in den 70er Jahren präsentierte, mochte
er dazu neigen, die bestehende Ordnung für ein Provisorium
zu halten, die Institutionen für äußerlich; die Führenden nicht
nach ihrem Rang zu beurteilen, sondern nach dem, was sie
waren – in den einerseits engen, andererseits viel zu weit
gewordenen institutionellen Gewändern, die sie trugen. Welche
ungeheuren Belastungen ihnen aufgegeben waren, konnte er
gewiß nicht sehen, nicht würdigen. Er kann mit ihnen kein
Mitleid gehabt haben. Sein Anspruch lief darauf hinaus, sie
nicht an dem Maß des Möglichen, sondern an dem des Not-
wendigen zu messen.
Wenn es so war, so muß er in diesem – wie im folgenden
– Jahrzehnt recht unruhig gewesen sein, sicher und unsicher
zugleich; muß sich ihm die Realität, die die Republik doch
noch darstellte, erst allmählich aufgenötigt haben. Das ist alles
nicht mehr auszumachen. Nur daß er durch alle Schwankun-
gen hindurch stets dazu neigte, diese Realität zu insultieren
und Außenseiter zu bleiben, scheint klar zu sein.
Christian Meier – Caesar 187

Der politische Aufstieg


des Außenseiters
(69 bis 60 v. Chr.)
Außenseiter und Mutwille • Anforderun-
gen der Laufbahn • Pompeius’ große Kom-
mandos • Kostspieligkeiten und Schulden •
Die römische Plebs • Crassus • Das Jahr 63
• Wahl zum Pontifex Maximus • Catilina
• Caesars Besonderheit • Catilinarische
Verschwörung • Rede am 5. Dezember 63 •
Caesar und Cato • Pompeius’ Rückkehr aus
dem Osten • Wahl zum Consul • Dreibund

Außenseitertum hat – bei allen Schwierigkeiten, die es mit


sich bringen kann – den großen Vorzug, daß man sich eine
bestimmte Reinheit bewahrt. Es ist ja in der Tat auch eine
Form der Unberührtheit, des Nicht-Tangiertseins – der Bewah-
rung jugendlicher Offenheit und hoher Erwartungen.
Alle Teilnahme an gewöhnlicher Lebenspraxis hat dagegen
von außen betrachtet leicht etwas Komplizenhaftes. Erwach-
senwerden erscheint dann wie die Einwilligung in ein Geflecht
von Schwächen, Zumutungen, Halbheiten und Anrüchigkeiten.
Allemal scheint es Konzessionsbereitschaft vorauszusetzen. So
hat es seinen Reiz, sich da herauszuhalten.
Doch wenn man dieser Praxis nicht nur mit Skepsis oder gar
Verachtung begegnet, sondern innerhalb ihrer etwas werden
will, wenn man in ihr gar mit dem hohen Anspruch einer
Besonderheit antritt, so darf man andererseits nicht zu emp-
findlich sein; muß man sich in Manches fügen, was vorgege-
ben ist. Die Erfahrung lehrt, daß dies um so bedenkenloser
geschehen kann, je reiner man sich von den Bedenklichkei-
ten, den Begrenzungen und Verstrickungen der bestehenden
Gesellschaft wähnt; man kann sich ja sogar um so besser und
überlegener vorkommen, je weniger man eine brüchig gewor-
dene Moral respektiert; das erschließt viele Möglichkeiten.
Christian Meier – Caesar 188

Caesar hat sie alle genutzt, hat sich auf den vorgesehenen
Bahnen bewegt, durchaus auch Kompromisse geschlossen und
scheint sich gleichzeitig mit einem gewissen Mutwillen in einer
zwischen Kritik und Feindseligkeit schwebenden Distanz zum
Bestehenden gehalten zu haben.

Jenes Belieben, es darauf ankommen zu lassen, wohin die Dinge


tragen, in dem sich blindes Vertrauen und Gleichgültigkeit zu
der Lust verbinden, ohne viel um sich zu schauen dem eige-
nen Impuls sich hinzugeben; jenes Gemisch von Wagemut und
williger Ergebenheit, das wir Mutwillen nennen, muß ja nicht
in ein – mitunter geradezu verheerendes – Sich-Ausleben der
Gewöhnlichkeit münden. Wenn einer vielmehr zu kalkulieren
und Grenzen zu respektieren, wenn er im Äußersten noch
zurückzuweichen versteht und vor allem: wenn er eine große
Partie spielt und etwas einzusetzen hat – derart gezügelt also,
derart gesammelt, gepaart mit Strenge gegen und mit hohen
Erwartungen an sich, kann Mutwille vielmehr in einem Men-
schen nicht nur ein gesteigertes Erleben seiner selbst, son-
dern, wenn er Erfolg hat, auch ein besonderes Vertrauen in das
eigene Glück erzeugen. Zwar hat sich der Erfolg bei Caesar
so rasch nicht eingestellt, aber Caesar hat es gleichwohl nicht
so bald aufgegeben, sich zu wagen und lieber draußen zu
stehen als in der Gesellschaft aufzugehen. So ist ihm seine poli-
tische Laufbahn nicht nur gut gelungen, sondern sie wurde am
Ende zugleich zu einem besonderen Kapitel der eigenartigen
Geschichte von Caesar und seinem Glück.

Die Quaestur war der unterste, der erste der Magistrate, mit
dem man die römische Ämterlaufbahn begann. Caesar erhielt
sie wohl im Jahre 70. Damals war er gerade dreißig Jahre alt. Es
war der normalerweise früheste Zeitpunkt für die Bewerbung.
Freilich kann es sein, daß Caesar als Träger der »Bürgerkrone«
das Privileg zu vorzeitiger Bewerbung besaß. Praetur und Con-
sulat bekleidete er jedenfalls zwei Jahre vor dem dafür vorge-
sehenen Alter.
Christian Meier – Caesar 189

Um diese Zeit starb Caesars Tante Julia, Marius’ Witwe. Er


hielt ihr auf dem Forum die Totenrede. Breite Aufmerksamkeit
war ihm sicher. War man doch gespannt, was der junge,
extravagante Neffe über Sullas alten Feind, den Cimbern-
Besieger, sagen würde. Über den Inhalt der Rede wird uns
nichts berichtet. Wir hören nur, daß Caesar vor versammelter
Menge die Abstammung seiner Familie von Venus und den
römischen Königen pries und daß er Marius’ Bild im Leichen-
zug mitfühlte. Das soll allerhand Unwillen ausgelöst haben.
Aber auch der Beifall war groß, er war gewiß nicht durchweg,
nicht unbedingt politisch gemeint; galt zugleich dem bedeu-
tenden Feldherrn, dem auch Cicero gerade Lob gezollt hatte.
Die Sullaner allerdings mußten darin eine politische Kundge-
bung sehen. Das war ein großer Erfolg, denn Caesar wurde
bekannt; und es war wichtig, daß sich sein Name den Römern
einprägte.
Als wenig später Caesars junge Frau Cornelia starb, die
Tochter Cinnas, hielt er auch ihr eine Leichenrede auf dem
Forum. Das widersprach der Sitte, die diese Ehre nur Matro-
nen zubilligte. Doch Caesar kehrte sich nicht daran. Er hatte
das Bedürfnis, sie in aller Öffentlichkeit zu rühmen und seine
Mitbürger an der Trauer teilnehmen zu lassen. Der leiden-
schaftliche Schmerz des gut aussehenden, eleganten jungen
Mannes soll den Menschen ans Herz gegangen sein. Ob Caesar
auf seinen Schwiegervater zu sprechen kam, ob er gar sein Bild
im Leichenzug mitführte, ist nicht überliefert. Es wäre viel-
leicht doch eine zu starke Herausforderung gewesen – wenn
man denn annehmen darf, daß Caesar seine Schritte genau
kalkulierte.
Vieles spricht dafür, daß Caesar um diese Zeit in Rom
auch in anderer Weise bereits aufzufallen begann, beileibe
nicht als künftiger Herrscher oder auch nur als besonders
zukunftsträchtiger, hoffnungsvoller Politiker. Aber er wurde
bekannt als extravaganter, kühn bis frecher junger Mann,
sicher nicht ohne Arroganz, aber vielleicht doch in der
liebenswürdigen Variante davon – wenigstens für den Kreis
derer, die es nicht unmittelbar betraf: unbekümmert, mehr
Christian Meier – Caesar 190

hochgemut als hochmütig. Er lebte vergleichsweise ungeniert.


Freilich taten das viele andere auch. Aber Gaius Julius Caesar
könnte ihnen etwas vorausgehabt haben.
Als er nach der Quaestur in den Senat aufgenommen wurde,
durfte er den breiten Purpurstreifen am Untergewand, der
Tunica, tragen. Denn in Rom gab es eine genaue Kleiderord-
nung. Wie die Toga dem römischen Bürger vorbehalten war,
hatten innerhalb der Bürgerschaft erst die Patricier, dann die
Senatoren und auch die Ritter bestimmte Standesabzeichen.
Höhere Magistrate trugen eine purpurgesäumte Toga, Sena-
toren einen breiten Purpurstreifen am Untergewand. Es gab
auch besondere Senatoren- und bis zuletzt besondere Patri-
cierschuhe, welchselbe Caesar ohnehin anlegen durfte. Nur
Senatoren und Ritter durften einen silbernen Ring tragen.
Caesar nun soll die mit dem Streifen besetzte Tunica wider
die Regel mit einem Gürtel getragen haben, der allerdings nur
locker, wie ein Schmuckstück darüber hing; und den Streifen
hatte er an bestimmten Stellen in Fransen auslaufen lassen. Er
legte offenbar Wert darauf, in sorgfältig gepflegter Lässigkeit
aufzutreten, unverwechselbar.

Ebenso unverwechselbar und von großer Kunst war seine Rhe-


torik. Cicero rühmt nicht nur die Korrektheit und Genauig-
keit, sondern auch die ganz unprätentiöse Sauberkeit seines
Lateins. Caesar selbst hat das nachher in einer eigenen Schrift
gerechtfertigt: Man müsse ein ungewohntes Wort meiden wie
das Schiff die Klippe. Aber in dieser Schlichtheit des Aus-
drucks lag offenbar eine besondere Eleganz und etwas unge-
mein Sympathisches. Ein späterer Autor schreibt, es seien eine
solche Kraft, Schärfe und solch ein Feuer in Caesar gewesen,
daß er offensichtlich in dem gleichen Geist geredet habe, mit
dem er später Krieg führte. Hinter keinem anderen hat er nach
Ciceros Urteil zurückgestanden. Eine glänzende und ganz und
gar nicht routinierte Art zu sprechen habe er gehabt, durch
Stimme, Bewegung und Gestalt in gewissem Sinne edel und
prachtvoll. Diese Attribute gehören nicht eigentlich in die Rhe-
torik. Sie kennzeichnen eher den ganzen Menschen. Ciceros
Christian Meier – Caesar 191

Charakterisierung des Redners Caesar zielt also zugleich auf


dessen ganzes Auftreten.
Da Caesar nicht viel Geld hatte, lebte er zwar keineswegs
sparsam, aber die Mittel, über die er verfügte – sie waren
zumeist geliehen – wußte er gezielt und wirkungsvoll einzuset-
zen. So wohnte er wenigstens billig, und zwar in der Subura,
einem dichtbevölkerten Viertel, das sich an den Abhängen von
Quirinal, Viminal und Esquilin kurz oberhalb des Forums hin-
streckte. Es ging dort, wo es mehr Tavernen als anderswo gab,
besonders laut und geschäftig zu. Neben kleinen Handwerkern
und Händlern wohnten und wirkten da zahlreiche Dirnen.
Die Hauptstraße des Viertels ging in das Argiletum über; man
erreichte dann rechterhand der Basilica Aemilia das Forum.
Dort trat Caesar immer häufiger auf. Zur politischen Lauf-
bahn gehörten vor allem viele gute Beziehungen, und die
mußte er sich erst schaffen. Quaestor zu werden, war nicht
allzu schwer: zwanzig Stellen waren pro Jahr zu vergeben. Als
nächstes bewarb man sich in der Regel entweder um eine der
zehn Volkstribunen- oder um eine der insgesamt vier Aedilen-
Stellen. Mit vierzig konnte man danach Praetor werden. Da
gab es acht Stellen; nicht einmal jeder zweite Senator konnte
eine erlangen. Und nur jeder vierte Praetor, jeder zehnte Sena-
tor schaffte es bis zum Consulat. Das war das eigentliche Ziel
jedes ehrgeizigen Nobilis, entsprechend groß und hart war
die Konkurrenz. Obendrein legten die prominentesten Adligen
ihren Stolz darein, die Ämter zum frühest möglichen Zeitpunkt
– suo anno – zu erreichen: Das aber war besonders schwierig,
zumal wenn einer wenig Einfluß geerbt und keine mächtigen,
angesehenen Geschlechter hinter sich hatte.
Da mußte man dann normalerweise lange Zeit darauf ver-
wenden, sich den nötigen Anhang zu sammeln. Denn jeder
hatte sich seine Wählerschaft selbst zu bilden. Es gab keine
Parteien, keine großen Gruppen, die ihm gleichsam von vorn-
herein einen beträchtlichen Grundstock an Wahleinfluß zur
Verfügung gestellt hätten.
Christian Meier – Caesar 192

Das Wahlverhalten der Römer war weitgehend – wenn auch kei-


neswegs ausschließlich – durch das Bindungswesen bestimmt,
eine Modifikation des alten Clientelwesens. In früher Zeit war
die römische Bürgerschaft mehr oder weniger in Adelsge-
folgschaften zerfallen. Die Adligen vertraten die Clienten vor
Gericht, vor Magistraten, Senat und Volksversammlung, waren
ihre mächtigen Fürsprecher. Umgekehrt waren die Clienten
dazu verpflichtet, sie zu unterstützen, insbesondere bei den
Wahlen. Je größer dann die Bürgerschaft wurde und je mehr
sich aus alten und neu hinzutretenden Bürgern eine breite und
wohlhabende Schicht unterhalb des Senatsadels bildete, desto
zahlreicher waren neben den Clientelbindungen »Freundschaf-
ten« fast von gleich zu gleich getreten. Und die Angehörigen
der wohlhabenden Schicht unterhielten meistens mehrere Bin-
dungen nebeneinander. Jedes Jahr hatten sie in Rom mit ande-
ren Magistraten, fast jedes Jahr in den Provinzen mit anderen
Statthaltern zu tun. Auch im Senat waren nicht immer diesel-
ben Herren zu hofieren.
So hatte man viele Beziehungen zu knüpfen. Denn auch sonst
war man darauf angewiesen. Die besten Redner vor Gericht,
meist hohe Adlige, konnte man nicht wie Rechtsanwälte enga-
gieren, nicht bezahlen, sie wurden vielmehr durch Fürsprache
anderer gewonnen – oder sie ließen sich gewinnen, weil sie
auf die Dankbarkeit und den Einfluß der zu Vertretenden
bauten und hofften. War einem ein Sklave entlaufen, so konnte
man keine Polizei bemühen, sondern nur die Statthalter in
den Provinzen, in denen er vielleicht aufzugreifen war. Wieder
brauchte man Beziehungen. Und so war es, wenn eine Stadt
sich mit der anderen stritt und die Sache kam vor den Senat,
wenn ein Pächter öffentlicher Einnahmen die Aufmerksam-
keit eines Mächtigen brauchte – oder gerade nicht brauchte –,
wenn einer Hilfe beim Eintreiben von Schulden, Schutz oder
vielerlei anderes nötig hatte.
Immer wieder kam es vor, daß einzelne Bürger, Vereine,
Städte mächtige Senatoren in Anspruch nehmen mußten, die
ihnen halfen, die politischen Instanzen – oder auch Gerichte –
für sie einzunehmen. Da ging es überwiegend um vereinzelte
Christian Meier – Caesar 193

Interessen, waren zumeist nur wenige Politiker und kleine


Teile der Bürgerschaft betroffen. Doch mußte man jeweils die
Entscheidenden gewinnen. Daher waren vielfältige Beziehun-
gen so wichtig, wurde auch Erkenntlichkeit so groß geschrie-
ben, blieb man sich verpflichtet, vererbten sich die Verpflich-
tungen sogar.
Als Caesar nach dem Tod des Nikomedes im Interesse einiger
Bithyner Anklage gegen Marcus Juncus erhob, suchte er sich
zu rechtfertigen: »Sei es aus Gastfreundschaft für den König
Nikomedes, sei es auf Grund der Verpflichtungsverhältnisse
gegen die, um deren Sache es hier geht, ich konnte mich
dieser Aufgabe nicht entziehen, Marcus Juncus, denn weder
darf das Andenken der Menschen durch deren Tod vernichtet
werden, so daß es von den Nächsten nicht mehr bewahrt wird,
noch dürfen Clienten im Stich gelassen werden, ohne daß
man größte Schande erführe; pflegen wir doch sogar unsere
Freunde für sie um Hilfe zu bitten.«
Das lief alles recht zwanglos und selbstverständlich. Für
größere Gruppen war da gar kein Platz, es gab gar keine
großen Interessen, um die sie sich hätten bilden können. Daher
blieben die Interessen in der Regel vereinzelt, mußten von
Fall zu Fall in anderen Kombinationen zur Geltung gebracht
werden, je nachdem wer gerade gegen wen seine Verbindun-
gen anzog.
Entsprechend suchten die Bürger als Wähler ihren Ver-
pflichtungen gerecht zu werden. Sie hatten zu kommen, wenn
ihre Patrone und Freunde kandidierten oder wenn sich diese
bei der Wahl sehr stark für einen engen Freund einsetzten.
Da sehr viele mehrere Verbindungen nebeneinander unter-
hielten, war freilich die Mobilisierung von Einfluß schwierig.
Etwa war nicht zu erwarten, daß einer einem Freund zuliebe
eine längere Reise tat, nur um dessen Freund zu wählen, es sei
denn er war ihm ungewöhnlich stark verbunden. Die Ferner-
wohnenden brauchten vermutlich nur zu kommen, wenn
ihre eigenen Freunde zur Wahl standen und manchmal viel-
leicht nur bei Wahlen zu den höheren Magistraten. Weil die
Verpflichtungsverhältnisse die Situation so weit überdauerten,
Christian Meier – Caesar 194

konnten sie dann gleichwohl im Senat auf die Unterstützung


rechnen, die sie gelegentlich brauchten.

Es waren vor allem persönliche, keine sachlichen Beziehun-


gen, in denen die Römer zueinander standen. Überall waren
die Adligen beteiligt, als Fürsprecher, Vermittler, Entschei-
dende. Sie hatten dadurch eine beachtliche Präsenz in allen
Angelegenheiten. Voraussetzung war, daß große Themen nur
ausnahmsweise auf die Tagesordnung kamen. Sonst hätte Rom
das alte System kaum beibehalten können, nach dem Wahlen
nur dazu da waren, Magistrate zu bestellen und nach dem
die Zusammensetzung der höchsten Körperschaft sowie die
Gewichte in ihr nur indirekt und pro Jahr nur etwa zu einem
Dreißigstel durch Wahlen beeinflußt wurden (indem die jeweils
gewählten zwanzig Quaestoren in den Senat aufgenommen
wurden, die anderen Magistrate im Rang aufrückten). Ein
sachlicher »Wille der Wählerschaft« konnte sich da nicht her-
ausbilden, vielmehr waren die Interessen der Summe Einzel-
ner an der Förderung ihrer Kandidaten bestimmend.
So war man in der eigenen Laufbahn zumindest insofern
auf sich gestellt, als man nicht zu festen Gruppen gehörte. Man
stand allerdings im Zusammenhang mit vielen Freunden und
Anhängern, aber jeder hatte dabei seine eigenen Kombinatio-
nen und mußte sehr darauf bedacht sein, sie zu pflegen.
Trat nun jemand wie Caesar relativ neu, ohne viele Verbin-
dungen geerbt zu haben, in diese Welt ein, so mußte er danach
trachten, sich besonders viele Herren zu verpflichten, etwa als
Redner oder Vermittler für sie vor Gericht und im Senat. Er
hatte sich für viele bereitzuhalten. Wir wissen auch, daß Caesar
das vielfältig getan hat.
Ein Teil des Wahleinflusses organisierte sich ferner über die
Tribus, die fünfunddreißig Unterabteilungen der Bürgerschaft.
Es hatte sich so eingebürgert, daß die jungen Adligen in ihrer
eigenen Tribus sich besonders intensiv für die Wähler einsetz-
ten.
Jede Art der Gemeinsamkeit war in einer solchen Welt
natürlich ein Argument, andere in Anspruch zu nehmen.
Christian Meier – Caesar 195

Daraus entwickelte sich ein gewisser Zusammenhalt unter den


Tribus-Genossen, diese waren folglich stolz, wenn einer der
Ihren gewählt wurde. Und die jungen Herren, die ihre Lauf-
bahn aufzubauen hatten, versuchten daraufhin, ihre Genos-
sen zu überreden, bestimmten Kandidaten ihre Stimme zu
geben, auf daß diese bei passenden Gelegenheiten entspre-
chende Gegenleistungen boten. So konnte in etwas größerem
Stil Wahleinfluß organisiert werden. Solchem Muster folgte
auch der Weg des jungen Caesar.
»Tage und Nächte sich mühen in nicht nachlassendem Stre-
ben«, so beschreibt der Dichter und Philosoph Lucrez den Auf-
stieg zu den höchsten Ehren. Die jüngeren Adligen hatten viele
Anstrengungen und Beschwerlichkeiten auf sich zu nehmen.
Es durfte freilich nicht in ordinären Fleiß oder gar in die vor-
wurfsvolle Tüchtigkeit eines homo novus – wie Cicero – aus-
arten. Keineswegs alles nämlich erschloß sich der mühevollen
Arbeit, wie wenn es nur um die Addition guter Beziehungen
gegangen wäre.
Denn es gab noch einen weiteren Komplex von Wahlmoti-
ven, das war die existimatio, der Ruf, das Prestige. Darin schoß
vieles zusammen, was insbesondere die dem Kandidaten nicht
direkt Verpflichteten unter den Wählern von seiner Würdigkeit
überzeugen mußte. Dazu gehörten Ansehen und Alter der
Familien, das Gedenken an Leistungen des Vaters und der Vor-
fahren, die Erinnerung an prächtige Spiele, die der Kandidat
gegeben, an öffentliche Bauten, die er errichtet, an Getreide-
spenden, die er verteilt hatte, vielleicht auch an militärische
Erfolge oder mehr oder weniger spektakuläre politische Aktio-
nen. Dazu gehörten ferner die Weise, in der er sich aufführte,
sein Stil, sein Auftreten. Auch die Art, in der er Clienten und
Hilfesuchenden begegnete und ihnen beistand, trug zur exi-
stimatio bei, zudem die Größe des Gefolges, das ihn umgab,
der Grad seiner Bekanntheit, die Anzahl der Hände, die er
schüttelte. Es wurde darauf geachtet, wem die führenden Nobi-
les ihre Unterstützung liehen.
Der Kandidat hatte dabei wohl eine Mitte zwischen Vor-
nehmheit und Beflissenheit zu finden und einzuhalten, durfte
Christian Meier – Caesar 196

nicht plebejisch sein, mußte aber mancherlei Unwürdiges tun,


wenn er am Ende zu Rang, Ehre, Würde des Consuls aufstei-
gen und damit in die Reihe der Principes einrücken wollte.
Nur für homines novi galten besondere Bedingungen.
Die existimatio war immer wichtig. In ihr erst verdichtete
sich die Summe der Beziehungen zur Wahlchance, so daß
sich die Suggestion des Erfolgversprechens einstellte. Da jeder
Wähler bei der Consulwahl zwei Stimmen hatte, oft aber nur
mit einer gebunden war, waren in der Regel viele Stimmen frei,
um einem besonders ansprechenden, besonders erfolgverspre-
chenden Kandidaten den Zuschlag zu geben.

Wie Caesar da seinen Kurs bestimmte, ist unklar. Wollte er


sich wirklich durch Fleiß und Arbeit auszeichnen? Oder wollte
er es eher nicht? Oder wollte er nur, daß es nicht so aussah?
War es ihm ganz ernst mit dem regelrechten Bestrebtsein nach
immer mehr guten Beziehungen oder wirkte auch etwas vom
Spieler in ihm, der größere Sprünge auf einmal riskieren will?
Und wenn er zum Außenseiter mindestens tendierte, ließ er
das offensichtlich werden? Förderte oder hemmte es ihn? Und
nicht zuletzt: Wenn das Gros gleichsam eher im Schutz des
Ufers ruderte und er wirklich weiter draußen seine Bahnen
gezogen haben sollte, brauchte sein Schiff da nicht ein entspre-
chendes Schwert, um sich zu stabilisieren? Reichte dafür eine
abstrakt verstandene Pflicht für das Gemeinwesen? Konnte
Caesar wie Cicero jenes Schwert etwa in der Theorie finden,
im – primär theoretischen – Willen, das Ganze des Gemeinwe-
sens gegen die auseinanderstrebenden Teile zur Geltung zu
bringen? Aber vielleicht trug ihn einstweilen noch jugendli-
che Unbekümmertheit über alle Schwierigkeiten hinweg und
erlaubte ihm, sich zunächst noch alles offenzuhalten. Wenig-
stens einige dieser Fragen lassen sich aus dem, was kommen
sollte, annähernd beantworten.
Seine Quaestur im Jahre 69 leistete Caesar in der Provinz
Hispania Ulterior (in Südspanien) ab. Er hatte die Aufgabe, in
Teilen der Provinz den Gerichtsverhandlungen vorzusitzen. In
Gades, dem heutigen Cadiz, soll es ihn, so berichtet Sueton,
Christian Meier – Caesar 197

beim Anblick des Alexander-Denkmals, das dort nahe dem


Herkules-Tempel aufgestellt war, überkommen haben: Er war
einunddreißig, hatte bisher noch nichts Bemerkenswertes
geleistet; und Alexander hatte in diesem Alter schon die Welt
erobert. Unglaubhaft ist das gewiß nicht; aber einzigartig ist es
auch nicht. Alexander-Vergleiche lagen im damaligen Rom in
der Luft.
Sueton setzt in diese Zeit auch den Traum, in dem Caesar
seine Mutter vergewaltigt; da die Mutter für die Erde stehe,
sahen Traumdeuter darin die Verheißung der Weltherrschaft.
Aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Plutarch, der
diesen Traum in die Nacht vor dem Rubicon-Übertritt legt,
die besseren Gewährsmänner hatte; mindestens dafür, daß
Caesar von einem solchen Traum erzählte. Gleichwohl könnte
es richtig sein, daß er es beim Gedanken an Alexander nicht
beließ, daß ihn vielmehr drängende Ungeduld überfiel, daß
er die Befürchtung hatte, seine Zeit zu versäumen, und vor-
zeitig nach Rom zurückfuhr. In dieser Entschiedenheit mag
dann doch etwas Caesarisches stecken. Ebensogut ist es aber
möglich, daß die Nachricht von seinem übereilten Aufbruch
falsch ist. Denn die Berichte über Caesars Frühzeit sind nicht
unbedingt verläßlich. Hier könnte eine Verwechslung vorliegen
mit seinem später, im Jahre 60, nachweislich vorzeitig erfolg-
ten Aufbruch aus der spanischen Statthalterschaft.
Caesar reiste auf dem Landweg durch Gallien und hielt sich
dabei eine Weile in der (oberitalienischen) Provinz Gallia Cisal-
pina auf. Die dortigen Städte waren weitgehend romanisiert,
sie besaßen aber noch nicht das volle römische Bürgerrecht.
Viele waren unzufrieden deswegen, und Caesar scheint sie auf-
gestachelt zu haben. Kaum wahrscheinlich, daß er sie zum
Aufstand überreden wollte; es wäre jedenfalls höchst leicht-
fertig gewesen. Eher hat er gehofft, daß sie massiven Druck
ausüben würden und daß er sie darin unterstützen könnte. Er
wollte sich als ihr Fürsprecher stark machen, um so mit einem
Schlag eine große Clientel zu erwerben. – Wir wissen, daß von
den Bürgern dieser Provinz, deren prominente Familien alle-
samt schon voll ins Bürgerrecht aufgenommen waren, sehr viel
Christian Meier – Caesar 198

Wahleinfluß in Rom ausgeübt wurde. Aber wenn überhaupt


ein Antrag zu Gunsten der Gallier gestellt worden ist, hat der
Senat ihn vereitelt.
In Rom hat Caesar dann von neuem geheiratet, und zwar
Pompeia, die Enkelin der beiden Consuln von 88, des Sulla
und seines Verbündeten Quintus Pompeius Rufus. Diese
merkwürdige Verbindung kann kaum als Versuch gedeutet
werden, mit den Sullanern anzubinden; vielleicht war wirklich
Liebe das Motiv. Denn von einer Veränderung der politischen
Haltung Caesars ist nichts zu spüren. Oder hatte er zwischen
Sulla und den Sullanern unterscheiden gelernt – so daß er sich
dem grausamen Reiz des Dictators voller ausgesetzt sah?
Im Jahre 67 unterstützte Caesar Pompeius, als es darum
ging, daß der durch Volksgesetz ein umfassendes Kommando
gegen die Seeräuber erhielt. Die beherrschten inzwischen wei-
teste Teile des Mittelmeers. Mit ganzen Flotten waren sie
unterwegs. Sie hatten sogar in Roms Hafen Ostia einzufahren
gewagt, um dort zu plündern. Die Städte an den Küsten, Han-
delsgesellschaften, Reeder und Schiffsherren waren um ihrer
Sicherheit willen gezwungen, ihnen Tribut zu entrichten. Es
herrschte da also schon eine neue, von den Piraten bestimmte
Ordnung. Die Gier nach Beute und die stille Sehnsucht nach
Anarchie, nach freiem, abenteuerndem Sich-Ausleben griff um
sich, und so strömten den Piraten immer neue Kräfte zu.
In Rom aber breitete sich spürbar Mangel aus, und er
scheint durch Zurückhalten der vorhandenen Vorräte absicht-
lich noch gesteigert worden zu sein. Der Senat ergriff höchstens
Gegenmaßnahmen, wenn es wirklich ganz schlimm kam. Doch
war seine Abwehr dann fahrig und unangemessen. Die Piraten
waren zudem so schnell und wendig, daß man sie kaum fassen
konnte. Und vor allem: Keiner glaubte mehr recht, daß man
ihrer so bald Herr zu werden vermöchte.

Das war die Stunde des Pompeius. Er war in der Tat der ein-
zige, der sich auf eine Kriegführung großen Stils verstand, auch
zur See, wie sich dann herausstellte. Der Volkstribun Aulus
Christian Meier – Caesar 199

29 Er war in der Tat der einzige, der sich auf


eine Kriegführung großen Stils verstand,
auch zur See, wie sich dann herausstellte.
Pompeius. Münze aus einer Prägung der
pompeianischen Flotte unter dem Kom-
mando von Pompeius’ Sohn Sextus (44-43 v.
Chr.).
Gabinius beantragte also, zunächst ohne den Namen seines
Meisters zu nennen, ein großes proconsularisches Kommando
einzurichten, das einer der Consulare übernehmen sollte.
Ihm sollte eine große Flotte zur Verfügung gestellt werden,
über die Aushebung von Soldaten und Rudermannschaften
sollte er nach eigenem Ermessen verfügen. Eine ungeheure
Menge Geldes wurde ihm bewilligt, darüber hinaus Kredit
bei allen öffentlichen Kassen eingeräumt. Fünfzig Meilen,
also fünfundsiebzig Kilometer landeinwärts sollte er an allen
Küsten des Mittelmeers eine Befehlsgewalt haben, die derje-
nigen des jeweiligen Statthalters gleich war. Fünfzehn Legaten
– hohe Offiziere aus dem Senat – mit der Vollmacht eines
Praetors sollte er berufen können, dazu zwei Quaestoren
erhalten, und dies Kommando sollte für drei Jahre gelten.
Christian Meier – Caesar 200

In der Bemessung dieser Vollmacht äußerten sich die Vor-


stellungen des Pompeius. Er liebte es nämlich, durch Einsatz
von Übermacht seine Schlachten zu schlagen und so den
Sieg von vornherein zu sichern. Er war ja auch fähig, diese
Überlegenheit zu organisieren, mit ihr zu arbeiten.
Jeder wußte, daß Pompeius cupientissimus legis, wie Sal-
lust formuliert, also höchst begierig auf das Gesetz war, was
er freilich weit von sich wies. Seine Ruhe, so ließ er verlauten,
wolle er haben, ganz und gar kein Kommando. So ist er immer
verfahren seit diesem Jahre: Er ließ sich, was er an Aufträgen
und Vollmachten wünschte, stets nur unter heftigem Sträuben
aufdrängen. Das habe mit seinem Charakter zusammengehan-
gen, wird gesagt; aber es war auch Klugheit. Auf reguläre Ämter
behauptete ein römischer Adliger einen Anspruch zu haben.
In aller Offenheit bekundete er, daß er etwa Consul werden
wolle, daß ihm das angesichts seiner Ahnen, angesichts seines
Leistungsvermögens zukomme. Bei außerordentlichen Kom-
mandos war das anders. Man kam, wenn man sie anstrebte,
in den Geruch, Außerordentliches zu wollen. Pompeius
stieß deshalb auch sogleich auf heftigsten Widerstand. Seine
Gegner erklärten, hier solle die Herrschaft fast über die
ganze Erde einem einzigen Manne übergeben werden. Eine
außerordentliche Streitmacht konnte er aufstellen, über das
ganze Mittelmeer gebieten. Schlimmste Befürchtungen wurden
wach. Wer konnte wissen, ob er das Kommando wieder so
leicht hergeben würde wie im Jahre 71? Ohnehin war Pom-
peius den im Senat ausschlaggebenden Kreisen unheimlich.
Seine Stellung war zuletzt auch für ihn unbefriedigend gewe-
sen, da man ihn einfach links liegengelassen hatte in seiner
etwas aufgeblähten Würde. Sollte er nach dem Kommando auf
diesen Stand zurückkehren wollen? Man verdächtigte ihn also,
nach dem Königtum zu streben. Wenn er Romulus werden
wollte, warf ihm der Consul Piso vor, sollte er auch dessen
Ende bedenken. Denn Roms erster König war nach einer
Überlieferung von den Senatoren ermordet und zerstückelt
worden. Damit tat man Pompeius gewiß Unrecht. Aber es war
für die Senatoren etwas so Seltsames in seiner Natur, in seinem
Christian Meier – Caesar 201

Ehrgeiz, daß sie ihn für höchst widersprüchlich halten mußten:


die Angst vor ihm war so verständlich wie unbegründet.
In Wirklichkeit lag diese Widersprüchlichkeit freilich nicht
primär in Pompeius’ Natur, sondern in der Distanz, in die er
zu den anderen Senatoren geraten war. Er erkannte wirklich
die Probleme des Herrschaftsbereichs und wollte sie lösen; sie
aber sahen nur sein Machtstreben. Er wollte zwar glänzen und
in einer Vorzugsstellung anerkannt werden, aber das alles sollte
im Sinne des Senats geschehen; sie dagegen erblickten darin
eine Bedrohung der grundlegenden oligarchischen Gleichheit,
eine Gefahr für die Wahrnehmung ihrer zentralen Verantwor-
tung. Solch ein Mann konnte sich dem Senatsregime nicht
einfügen.
Damit hatten die Gegner des Pompeius recht, es war so.
Nur konnte Pompeius das nicht verstehen, weil er es anders
meinte. Er betrachtete Senat und res publica eher von außen,
von den sachlichen Aufgaben, sie dagegen von innen, von der
bedrohten Ordnung her. Beide hatten recht. Nur schlossen
eben inzwischen die Wahrung der Ordnung und die Erledigung
ungewöhnlicher Aufgaben einander aus, weil mit der Erledi-
gung dieser Aufgaben zu viel Machtgewinn verbunden war;
weil der Senat zu ängstlich und folglich zu eng und zu schwach
über seiner Verantwortung wachte. Darin bestand der Wider-
spruch. Senat und Pompeius vertraten im Grunde zwei Wirk-
lichkeiten, die immer weiter auseinanderklafften. Aber sie
wußten das nicht. Und Pompeius wollte obendrein sowohl die
sachlichen Aufgaben lösen als auch dem Senat und der ganzen
Gesellschaft gefallen. So bestimmte jener Widerspruch mit der
Zeit seine Haltung und drang in sein Inneres ein. »Biederen
Gesichts, unverfrorenen Gemüts«, so hat Sallust ihn charakte-
risiert. Mit jenem versuchte er seiner senatstreuen Gesinnung
gerecht zu werden, mit diesem seinem Ehrgeiz, auch gegen
den Willen des Senats alle wichtigen Aufgaben zu lösen – und
mit der Zeit allerdings dann auch seine Position gegen den
Senat zu festigen.
Hier im Jahre 67 begann der Gegensatz zwischen Pompeius
und dem Senat. An seinem Anfang stand der feste Wille des
Christian Meier – Caesar 202

Senats, nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte keinem


Mann mehr überragende Macht zuzubilligen. Der Grundsatz,
nach dem das geschah, lautete: Es soll nichts Neues geschehen
gegen das Beispiel, gegen die Einrichtungen der Väter! Der
Hunger des Volkes, das erbärmliche Versagen der römischen
Herrschaft, das Wuchern anarchischer Piraterie interessierten
dagegen nicht. Die Wahrung der Ordnung, der Freiheit war
wichtiger.
Die Senatoren veranlaßten zwei Volkstribunen, ihr Veto
gegen Gabinius’ Antrag einzulegen. Nicht nur die breite
Masse war empört, auch die Ritter, die unter der Unsicherheit
der Meere besonders zu leiden hatten. Gabinius und dessen
Verbündete waren entschlossen, ihre gute Sache zum Sieg zu
führen. Es kam zu tumultuarischen Auseinandersetzungen,
in deren Verlauf Gabinius aus dem Senat und der Senat vor
einem Volkshaufen fliehen mußte; der Consul wurde festge-
halten und fast erschlagen. Das tribunicische Veto fegte der
Antragsteller nach dem Muster des Tiberius Gracchus beiseite:
Er bedrohte den intercedierenden Tribunen mit Absetzung
und hätte sie wohl vorgenommen, wenn der nicht in letzter
Minute nachgegeben hätte. Der andere wagte daraufhin nur
vorzuschlagen, daß ein College mit gleicher Vollmacht dem
Pompeius beigegeben werden sollte, und auch das konnte er
bei dem allgemeinen Lärm nicht sagen, sondern nur durch
Fingerzeichen andeuten. Darauf soll die Volksmenge vor Wut
so laut aufgeschrien haben, daß ein Rabe, der über das Forum
flog, das Gleichgewicht verloren habe und zur Erde gestürzt
sei. Cicero berichtet, das Forum sei damals voll von Menschen
gewesen, alle Tempel besetzt, von denen aus man auf die
Rednertribüne sehen konnte. Dann wurde das Gesetz ange-
nommen. Als darauf in einem weiteren Gesetz das eingerich-
tete Kommando an Pompeius gegeben wurde, erhöhte man die
Zahl der Legaten auf vierundzwanzig und beschloß zusätzliche
Aushebungen. Sofort begann Pompeius mit den Rüstungen,
und schlagartig stürzten die Getreidepreise, der Markt füllte
sich mit Gütern. Man hatte wieder Vertrauen in die Ordnung
und in Roms Macht. Alle Spekulation auf seine Schwäche fiel
Christian Meier – Caesar 203

in sich zusammen. Das alles konnte die Entschiedenheit eines


einzigen Mannes bewirken.
Dann machte Pompeius systematisch Jagd auf die Piraten.
Innerhalb von vierzig Tagen war das westliche Mittelmeer
durchgekämmt, sie flüchteten in Richtung Cilicia (an die
Südostküste Kleinasiens). Nach weiteren neunundvierzig
Tagen war auch das östliche Mittelmeer von der Plage befreit.
Pompeius hatte die Seeräuber in ihren Schlupfwinkeln besiegt.
Danach aber verfuhr er mit großer Milde, indem er die Gefan-
genen nicht hinrichtete oder verkaufte, sondern in verödeten
oder zerstörten Städten ansiedelte. Einer davon gab er den
Namen Pompeiopolis.
Caesar, so heißt es, sei der einzige Senator gewesen, der den
Antrag unterstützt hat. Das könnte sich auf eine bestimmte
Debatte beziehen, die sich dann in Abwesenheit des Gabinius
und seiner Verbündeten abgespielt hätte. Und es würde für
Caesars großen Mut sprechen, denn die Stimmung war äußerst
gereizt. Später waren es allein vierundzwanzig Senatoren,
darunter zwei Consulare, die sich Pompeius als Legaten zur
Verfügung stellten, allerdings nachdem das Gesetz schon ange-
nommen worden war.
Im Jahre 66 wurde auf ähnliche Weise ein umfassendes Kom-
mando gegen Mithridates geschaffen und wiederum an Pom-
peius verliehen. Alle Truppen östlich Italiens sollten ihm unter-
stehen, er sollte nach Ermessen Kriege führen und Verträge
schließen können. Wieder meldete sich heftiger Widerstand,
doch bekannten sich jetzt vier Consulare offen zu dem Antrag,
Cicero und Caesar befürworteten ihn und auch die Ritter setz-
ten sich stark dafür ein, zumal der bisherige Kommandeur,
Lucullus, indem er die Schulden der Provinzialen herabsetzte,
sie in ihrer Ausbeutung stark beeinträchtigt hatte.
Was die Seeräuber anlangte, mag Caesar auch an der Sache
selber interessiert gewesen sein; auf jeden Fall war es ihm
wichtig, Pompeius für sich einzunehmen. Wenn er sich je gegen
die Senatsmehrheit stellen wollte, war der sein natürlicher
Verbündeter. Pompeius war aber zugleich der Patron der Popu-
laren, also derjenigen, die jeweils die populare Rolle spielten,
Christian Meier – Caesar 204

und der Menge, an die sie sich dabei wandten. Er hatte die
tribunicische Gewalt wiederhergestellt. Jetzt hatten sie ihn
auf den Schild gehoben, und seine raschen, großen Erfolge
hatten die populare Agitation und Gesetzgebung voll gerecht-
fertigt. Wenn es zu ihrer Rolle gehörte, daß es da eine ideelle
Kontinuität gab, so mußte Pompeius auch weiterhin im Zen-
trum der popularen Propaganda stehen. Und das um so mehr,
als führende Senatoren die Tribunen, die sich für ihn einge-
setzt hatten – mit Ausnahme des Gabinius, der sein Legat
geworden war –, vor Gericht zogen. Sie wollten nicht zulassen,
daß Verletzungen des tribunicischen Vetos, auf das sie seit 70
gegen Gesetzesanträge wieder angewiesen waren, ungeahndet
blieben. Die Verteidiger beriefen sich auf Pompeius, teilweise
mit Erfolg, zumal bei den ritterlichen Richtern. So gewann
Caesar denn auch, indem er sich für Pompeius einsetzte, die
Gunst der Popularen und eines Teils der städtischen Menge.
Das wird ihm ebenfalls höchst erwünscht gewesen sein.

Wohl ein Jahr später wurde Caesar zum Verwalter (curator) der
Via Appia gewählt, der alten nach Süden führenden Straße,
die Rom mit Brindisi verband. Diese Verwalter hatten den
Straßenzustand zu kontrollieren und allfällige Reparaturen,
gelegentlich wohl auch Verbesserungen vorzunehmen. Die
römischen Straßen boten damals noch nicht den imposanten
Anblick, den wir heute etwa an der Via Appia bei Rom bewun-
dern. Zumeist sind sie erst in augusteischer Zeit mit großen
Steinen gepflastert worden. Der frühe Straßenbau hatte darin
bestanden, das Areal zu erwerben, die gerade durch die
Landschaft sich ziehenden Wege zu bahnen, Unebenheiten
möglichst auszugleichen, mit Kies und Sand die Oberflächen zu
befestigen, hier Brücken zu bauen, dort Fähren einzurichten,
wenn man sich nicht mit Furten behalf. Stets gab es da vieles
auszubessern, etwa Strecken zu pflastern, neue Brücken, Pfer-
dewechsel-Stationen, Absteigen oder auch Anschlußstraßen
zu errichten.
Das Amt war beliebt; es gab Gelegenheit, sich allen Rei-
senden zu empfehlen. Entsprechende Inschriften auf den Mei-
Christian Meier – Caesar 205

lensteinen wiesen auf die Verdienste der Curatoren hin. Weni-


ges machte so guten Eindruck auf die zu den Wahlen nach
Rom Reisenden. Das war auch ein Grund dafür, daß man
vom Gemeinwesen her keine nachhaltige Verbesserung des
gesamten Straßenbaus, etwa eine umfassende Steinbepflaste-
rung, vornahm: Es hätte dem, der ein solches Gesetz gab und
ausführte, zuviel Macht verschafft. So blieb es den einzelnen
Curatoren überlassen, das Wenige zu tun, was sie konnten und
für richtig hielten.
Die Verwaltung des Amtes war im großen Ganzen ein Or-
ganisationsproblem. Anscheinend konnte man die Anlieger-
Gemeinden zu den Reparaturen heranziehen; es standen wohl
auch gewisse öffentliche Mittel bereit. Außerdem waren ent-
lang den Straßen Männer zu besonders günstigen Bedingun-
gen mit öffentlichem Land versehen worden, die zu deren
Unterhaltung beizutragen hatten und die man also dazu anzu-
halten hatte, daß sie es auch wirklich taten. Darüber hinaus
griffen ehrgeizige Curatoren gern in die eigene Tasche, um
sich in irgendwelchen Bauten zu verewigen. Von Caesar wird
berichtet, daß er das ausgiebig getan habe.
In dieser Zeit begann er, sich in großem Umfang zu verschul-
den. In gewissem Maße gehörte das zur politischen Laufbahn.
Die jungen Adligen übertrafen sich immer mehr in kostspieli-
gen Unternehmungen, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken
und die breite Masse für sich einzunehmen. Ihre Einkünfte
reichten oft bei weitem nicht an ihre Bedürfnisse heran. Daher
mußten sie große Darlehen aufnehmen, die ihnen auch bereit-
willig gewährt wurden, sofern sie nur Aussicht auf eine gute
Laufbahn hatten. Denn mit der Zeit mußten ihre Einnahmen
wachsen, auf die Praetur folgte ihre erste Statthalterschaft,
dort konnten sie größere Beträge in ihrer Verwaltung sparen
und vor allem von den Provinzialen erpressen.
Caesar allerdings scheint weit über das übliche Maß hin-
ausgegangen zu sein. Er hatte gar keinen Sinn für die Debet-
Seite seines Budgets. Mit derart kleinlichen Rücksichten sollte
ihm keiner kommen. In dieser Hinsicht war er frühzeitig –
spätestens in der Mitte der sechziger Jahre – ein großer Herr.
Christian Meier – Caesar 206

Schon sein privater Verbrauch war hoch; er sammelte mit Lei-


denschaft Edelsteine, kunstvolle Vasen und alte Bilder. »Gut
gewachsene Sklaven«, berichtet Sueton, »soll er zu ungeheu-
ren Preisen gekauft haben, so daß er sich dessen selbst schämte
und verbot, die Summen in die Rechnungsbücher einzutra-
gen.« Er umgab sich eben gern mit Schönem, mit Luxus und
Eleganz.
Sueton berichtet auch, er habe Weisung gegeben, eine Villa
nahe dem Nemisee, die er mit großem Aufwand hatte erstel-
len lassen, einzureißen, da er sie doch nicht ganz nach seinem
Geschmack fand, »obwohl er damals noch in bescheidenen
Verhältnissen und sehr verschuldet lebte«. Nicht billig können
ferner seine galanten Abenteuer gewesen sein, zumal er sich
auch den Damen gegenüber gern großzügig erwies; selbst
wenn er nicht immer so große Geschenke machte wie seiner
besonders teuren Freundin Servilia – der Mutter des Brutus –
im Jahre 59, als er ihr eine Perle im Wert von anderthalb Millio-
nen Denaren kaufte. Ein Großteil seiner Aufwendungen kam
aber auch seiner Laufbahn zugute.
Im Jahre 66 wurde er für 65 zum Aedilen gewählt. Dieser
römische Magistrat war für die Polizeifunktionen der Stadt
zuständig, für die öffentliche Ordnung – sofern sie nicht in
größerem Stile bedroht war –, die Marktpolizei, die Aufsicht
über Bäder, Bordelle, die Getreideversorgung und -verteilung,
auch über die Wasserzufuhr. Zu diesem Zweck hatte er eine
gewisse Jurisdiktion.
Daneben oblag diesem Amt die Ausrichtung der regulären
Spiele, daher war es bei den ehrgeizigen Adligen so beliebt.
Hier konnten sie sich großartig hervortun, wenn sie – über
das hinaus, was das Ärar ihnen anwies – entsprechend viel
aufwenden wollten. Caesar hat sich da nicht lumpen lassen.
Er veranstaltete zudem große Tierhetzen, teils gemeinsam mit
seinem Collegen Marcus Calpurnius Bibulus, teils auch ganz
auf eigene Rechnung. Eben dadurch erreichte er, daß er es vor
allem war, der den Dank erntete.
Zu Ehren seines im Jahre 85 verstorbenen Vaters richtete er
überdies Gladiatorenspiele aus. Etwas spät zwar, aber so hatte
Christian Meier – Caesar 207

es den Vorteil, daß sie bei den Wahlen zu Praetur und Con-
sulat noch frischer im Gedächtnis waren. Dabei entfaltete er
einen beispiellosen Luxus. Dreihundertzwanzig Paare sollten
gegeneinander antreten; ob das auch wirklich geschehen ist,
wissen wir nicht. Entweder vorher oder gleich darauf faßte der
Senat nämlich einen Beschluß, der die Zahl der Gladiatoren
beschränkte. Glaubhaft bezeugt ist aber, daß Caesar als erster
alle beteiligten Kämpfer in silberner Rüstung auftreten ließ.
Und das war ein großes Ereignis, das sich einprägen mußte:
Dieser junge Mann kleckerte nicht, er klotzte. Es erscheint
wie Angeberei, wie Großmannssucht, und dieser Eindruck
kann kaum ganz trügen. Caesar wollte auch in dieser Hinsicht
etwas offensichtlich Besonderes sein. Darin mochte sich die
Unsicherheit des jungen Außenseiters spiegeln, wahrschein-
lich auch der Wunsch, seine künftige Wahlmacht in großem Stil
aufzubauen, nicht in den mühsamen Schritten täglicher Klein-
arbeit. Diese Arbeit verschmähte er zwar nicht, aber er wollte
darin auch nicht aufgehen.
Aus seiner aedilicischen Amtsführung ist weiterhin bekannt,
daß Caesar damals außer auf dem Comitium – dem Versamm-
lungsplatz am Forum –, dem Forum und in den Basiliken auch
auf dem Capitol provisorische Säulenhallen aufbauen ließ, um
wenigstens einen Teil seiner Sammlungen darin auszustellen.
In dieser Zeit tritt zugleich ein zweiter, enger angelegter Zug
seiner Politik immer deutlicher hervor: Das ist der Wunsch,
auf der popularis via, dem popularen Wege, voranzuschreiten.
Als für Straßen und Plätze zuständiger Magistrat ließ er eines
Nachts die Siegeszeichen wieder aufstellen, die von Marius
anläßlich seiner Siege über Jugurtha und die Cimbern und
Teutonen errichtet worden waren und die Sulla dann hatte
niederreißen lassen. Im Senat herrschte helle Aufregung und
Empörung; Quintus Lutatius Catulus, der nach allgemeinem
Urteil angesehenste Mann im Senat, klagte ihn an. Er soll
gesagt haben, Caesar greife die Republik nicht mehr mit
Minengängen, sondern schon mit Sturmböcken an.
Caesar verteidigte sich dagegen erfolgreich. Vermutlich hat
er sich, wie bei anderen Gelegenheiten, ungerührt gezeigt,
Christian Meier – Caesar 208

unschuldig und erstaunt, wohl wissend, was die Gegner mein-


ten, doch aus seiner Außenseiterperspektive heraus es nicht
wirklich verstehend, so daß er mit einer an Hochmut gren-
zenden Überlegenheit auftreten konnte. Er hatte längst her-
ausgefunden, wie sehr man die würdigen Herren durch eine
souveräne Argumentation, ohne sie anzugreifen, an den Rand
ihrer Fassung bringen konnte. Vermutlich hat er dargelegt, es
sei an der Zeit, die alte Feindschaft zu begraben und die Ver-
dienste des Kriegshelden wieder anzuerkennen. So entsprach
es römischem Großmut; die Römer taten sich etwas darauf
zugute, verzeihen zu können. Und das konnte so leicht nicht
widerlegt werden; so bitter es war, er hatte recht. Die Menge
aber, oder was auf die Kunde hin zusammenlief, brach in
Begeisterung aus.
Im folgenden Jahr präsidierte Caesar einem Geschworenen-
gericht, als zwei Männer angeklagt wurden, von denen der
eine in Sullas Auftrag einen Mord verübt, der andere einige
der seinerzeit durch Proscriptionen legal geächteten Bürger
erschlagen und gegen deren Köpfe eine Belohnung aus der
öffentlichen Kasse bezogen hatte. Caesar nahm die Anklagen
an, und das Gericht verurteilte den einen, den anderen sprach
es frei; das war der nachmalige Verschwörer Catilina. Übrigens
hat damals Marcus Porcius Cato, später einer der entschieden-
sten Verfechter der Senatspolitik, als Quaestor den Beteiligten
an den Proscriptionen die Geldprämien wieder abgenommen.
Beide nahmen sie gegenüber den Einverständnissen der
herrschenden sullanischen Aristokratie eine extreme Position
ein; der eine, weil er gegen Sulla, der andere, weil er für das
Recht war. Beide waren sie Außenseiter, beide hatten sie von
daher eine besondere Klarheit des Blicks. Nur bewegte sich
der eine recht frei – was seinen Glanz ausmachte –, während
der andere sich starr auf das Herkömmliche verpflichtet sah. In
ihrer Unzufriedenheit mit dem Bestehenden ähnelten sie sich.
Doch waren die Konsequenzen, die sie daraus zogen, grund-
verschieden. Deswegen finden wir sie hier auf einer Linie und
markieren sie später, als sie mächtig waren, die äußersten
Gegensätze in Rom.
Christian Meier – Caesar 209

Wenn man soweit im Zweifel sein kann, ob Caesars Politik


primär antisullanisch oder popular war, so folgte dann im Jahre
63 eine ganze Reihe von eindeutig popularen Stellungnahmen.
Sie sind schwer zu verstehen. Denn wenn Caesar, wie man
annehmen muß, daran lag, Consul zu werden, so mußte er
innerhalb der Centuriatcomitien starken Anhang haben. Denn
die Wahlen zu den höheren Magistraten wurden ja in der alten
Heeresversammlung vorgenommen.
Alle beschließenden römischen Volksversammlungen waren
gegliedert, und wenn auch in verschiedener Weise, so galt doch
überall das Prinzip, daß die Stimmen der Wähler nur inner-
halb der Stimmkörper zählten. Das Gesamtergebnis war das-
jenige, für das die absolute Mehrheit der Stimmkörper sich
entschied. In jedem von ihnen wurde, etwa bei der Consul-
wahl, ermittelt, wer die meisten und wer die zweitmeisten
Stimmen erhalten hatte, das Ergebnis wurde der Wahlleitung
gemeldet. Die Centuriatcomitien aber waren nach Vermögen
in sehr ungleiche Stimmkörper aufgeteilt; es entschieden dort
die wohlhabenden Teile der Bürgerschaft. Die breite Menge
hatte dagegen fast nichts zu sagen – sie mochte höchstens
die wahlvorbereitende Stimmung beeinflussen. Soweit Caesar
seine Politik auf sie berechnete, konnte er direkt also wenig
gewinnen, andererseits bei den oberen Schichten Einiges ver-
lieren. Vielleicht aber ging es ihm auf seiner popularis via um
einen indirekten Gewinn? Oder um eine Position, die über das
Consulat hinausging?

Die römische Plebs lebte schon lange in großem Elend. Und


sie neigte, wie Sallust schreibt, zum Umsturz. Er nennt ihren
Sinn (mens) aliena, fremd, wie wenn er ihr nicht gehörte, wie
wenn sie sich selbst entfremdet gewesen wäre und fremd in
ihrem Gemeinwesen, seelisch nicht einverleibt, nicht »einver-
sinnt«. Sallust spricht von der Gewalt einer Krankheit, die
wie Schwindsucht die Bürger befallen habe. »Immer sehen in
einer Bürgerschaft die, die keine Mittel haben, auf die Guten
(die Tüchtigen und Wohlhabenden) mit Neid, heben sie die
Schlechten empor, hassen sie das Alte, begehren sie das Neue;
Christian Meier – Caesar 210

aus Verdruß über die eigene Lage sind sie dafür, alles zu
ändern. Durch Wirren und Aufruhr werden sie ohne Sorgen
genährt, da ja die Armut leicht ohne Schaden unterhalten wird.
Allein, die stadtrömische Masse, die befand sich aus vielen
Gründen auf einer besonders abschüssigen Bahn.« Alle nichts-
nutzigen Elemente strömten dort wie die Abwässer im Kiel-
raum eines Schiffs zusammen. Schiffsjauche der Stadt (sentina
urbis) nannte Roms Aristokratie deswegen auch die Menge.
»Außerdem hatte die Jugend, die auf dem Lande bei harter
Arbeit ein armes Leben ausgehalten hatte, durch private und
öffentliche Großzügigkeit angeregt, das städtische Nichtstun
einer undankbaren Arbeit vorgezogen ... Kein Wunder, daß
diese Leute für die Republik nicht anders aufkamen als für
sich selbst.«
Soweit wir es durch andere Quellen und durch das, was uns
die Überlieferung an Argumenten bietet, kontrollieren können,
ist das Bild der Armut, das hier durchschaut, richtig gezeich-
net. Die Einkommen der meisten waren gering, oft lagen sie an
der Grenze des Existenzminimums. Die Arbeit konnte knapp
werden, das Auf und Ab der Geldzuflüsse, der Bautätigkeit,
der Ernten, der Zufuhren über See war beträchtlich, die
Verdienstmöglichkeiten waren entsprechend starken Schwan-
kungen unterworfen. Gleichwohl mochte es mit der Ernährung
wenigstens weithin und in der Regel hinkommen, nicht zuletzt
dank öffentlicher und auch zahlreicher privater Getreidever-
teilungen und anderer Zuwendungen. Und darüber hinaus
konnte man alle Kitzel des hauptstädtischen Lebens, die vielen
Spiele, Neuigkeiten, Ereignisse genießen. Ein ernsthaftes Pro-
blem stellte jedoch seit langem schon das Wohnen dar.

Die Stadt war stark übervölkert. Sie reichte in der späten


Republik noch kaum über die »Servianische Mauer« (aus der
Zeit nach 387) hinaus, aber die Zahl ihrer Einwohner hatte sich
durch starke Zuwanderung, zumal von Sklaven und verarmten
Bauern, inzwischen vervielfacht. Mit etwa 750 000 Einwohnern
ist für die Zeit Caesars zu rechnen. Während die wohlhaben-
den Bürger große Komplexe für ihre luxuriösen Häuser, Wan-
Christian Meier – Caesar 211

delhallen und kleinen Gärten brauchten – das Haus des Lepi-


dus, um 78 das schönste in Rom, galt schon eine Generation
später als relativ bescheiden –, wohnte man in anderen Teilen
der Stadt in großen, dichtgedrängten Wohnblöcken (insulae).
Man baute immer mehr in die Höhe, wobei auf die bestehen-
den Häuser oft einfach neue Stockwerke aufgesetzt wurden.
Augustus bestimmte später als Höchstmaß die respektable
Höhe von siebzig Fuß, das sind nahezu einundzwanzig Meter.
Die Wände durften bei gemeinsamen Mauern eine Dicke von
eineinhalb Fuß (0,444 Meter) nicht überschreiten, die übrigen
Wände waren ähnlich dünn, um Raum zu gewinnen. Die
oberen Geschosse ließ man gerne vorkragen. Dadurch waren
die Straßen eng und dunkel, im Sommer allerdings auch kühl.
Die Bauherren bauten möglichst billig. Jeder konnte Bau-
meister sein, der sich dafür ausgab; neben ausgezeichneten
gab es nach dem Zeugnis des gelehrten Architekten Vitruv
viele, »die nicht nur nichts von Baukunst, sondern überhaupt
nicht einmal vom Handwerklichen etwas verstehen«. Um die
Grundmauern nicht zu sehr zu belasten, baute man gern mit
Holz, außerdem ging es schneller und war billiger. Ständig
lebten die Mieter in der Gefahr, daß die Häuser einstürzten
oder daß Feuer entstand, vor allem wenn im Winter mit
glühender Holzkohle in breiten Becken geheizt wurde. Und
die Mieten waren nicht gering.
Es gab geradezu einen Circulus vitiosus: Die Bevölkerung
wuchs, folglich stiegen die Grundstückspreise, wurde das
Bauen teurer. Also sparte man am Baumaterial, dadurch
stürzten die Häuser leicht ein oder brannten ab – und das
Feuer war jeweils nicht leicht einzudämmen. Tausende wurden
obdachlos, und damit wieder wuchs das Bedürfnis nach neuen
Häusern. Catull preist damals in einem Gedicht einen Bettler,
der nichts zu fürchten habe, keinen Brand, keinen Einsturz
und natürlich auch keinen Diebstahl. Der reiche Marcus
Crassus verdankte einen großen Teil seines Vermögens der
Häuserspekulation. Er schaffte zunächst in großem Stil Skla-
ven an, etwa fünfhundert an der Zahl, die sich auf die ver-
schiedensten Teile des Bauhandwerks verstanden. Brannte
Christian Meier – Caesar 212

es irgendwo, so eilten seine Agenten hinzu und kauften das


brennende und die benachbarten Häuser nach Möglichkeit zu
geringen Preisen auf. So kamen große Teile Roms in Crassus’
Besitz, er baute in kürzester Zeit mit den eigenen Leuten neue
große Mietshäuser, an denen sich dann gut verdienen ließ.
An der Hinfälligkeit und Armseligkeit der Wohnungen ließ
sich nichts ändern. Gegen den Mietzins aber wurde verschie-
dentlich agitiert. Wenn jemand tabulae novae, Schuldenerlaß,
betrieb, so verstanden die Ärmeren darunter vornehmlich
einen Erlaß ihrer Mietschulden. Doch sind wirklich ernsthafte
Forderungen darauf fast nur in ungewöhnlichen wirtschaft-
lichen Situationen – auf Grund von Krieg und Bürgerkrieg
– erhoben worden. Andernfalls gab es kaum Aussicht auf
Erfüllung, und wer es trotzdem versuchte, mußte sich mit den
mächtigen Rittern anlegen; denn die verstanden in diesem
Punkt keinen Spaß; er verlor also den Kredit und gefährdete
seine Laufbahn. Es ist offenkundig, daß die stadtrömische
Plebs politisch und geistig von der Hand in den Mund lebte.
In ihrer Unzufriedenheit konnte sie als Potential für Unruhen
dienen, aber eine gründliche Änderung ihrer Lage hat sie nicht
ins Auge fassen können. Dagegen spricht alles, was wir wissen.
Hier lag zwar sozial viel Pulver, aber es war regelmäßig zu
feucht, um politisch gezündet werden zu können. Politik ist ja,
wie man weiß, keine Funktion der sozialen Verhältnisse, und
Armut war der normale Hintergrund weiter Teile der alten
Geschichte. Explosiv wird eine Notlage nur, wenn man sie als
unerträglich empfindet. Die damalige Menge in Rom scheint
aber ihre Not als normal angesehen, scheint sich eher an die
Linderungen und Palliative, die das tägliche Leben bereit-
hielt, gehalten zu haben, als daß sie wirklich bereit und fähig
gewesen wäre, einen Angriff auf irgend zentrale Punkte der
römischen Ordnung zu tragen und zu lohnen. Sonst hätte
sich die Stadt nicht fast ohne Polizeikontingente regieren
lassen, selbst in der schwierigen, spannungsgeladenen Situa-
tion der catilinarischen Verschwörung. Sallust übertreibt folg-
lich – übrigens aus persönlichen Gründen – die Bereitschaft
zum Aufruhr in der Plebs.
Christian Meier – Caesar 213

Nur, wenn man mitten in der Politik steckt und ihr zugleich aus
einer gewissen Distanz begegnet, ist man wohl immer leicht
versucht, mehr für möglich zu halten, als realistisch ist. Und
man hatte es damals mit einer ausgesprochen weichen Realität
zu tun. Keiner wußte genau, woran er war. Vielleicht konnte
man also hoffen, daß die Spielräume größer waren, als sie
schienen, daß man mit der stadtrömischen Plebs in größerem
Stile Politik machen konnte, so daß es die eigene Laufbahn
förderte.
Rom lebte in großer Unsicherheit, da sein mächtigster Poli-
tiker abwesend war. Es war nicht abzusehen, wann Pompeius
aus dem Osten zurückkehren würde. In der Zwischenzeit
konnte, was immer man tat oder unterließ, für ihn ein Grund
sein, bewaffnet auf die Stadt zu marschieren. In dieser Lage
wucherten dort alle möglichen ganz oder halb dunklen Pläne
und Machenschaften, Verdächtigungen und Befürchtungen.
Wir hören Ende 66 von einer Verschwörung. Die für 65
gewählten Consuln waren wegen Wahlbestechung verurteilt
worden, hatten das Amt verloren, noch bevor sie es angetre-
ten hatten; neue Consuln waren gewählt worden. Da sollen
die beiden Abgesetzten geplant haben, die Nachgewählten und
einige andere Senatoren zu ermorden und selbst das Amt zu
übernehmen. Sie führten ihre Pläne aber, wenn sie sie denn
ernsthaft betrieben haben, nicht aus. Crassus soll mit ihnen
engen Kontakt unterhalten haben. Später wurde auch auf
Caesar Verdacht gelenkt, aber wohl fälschlich. Das Interessan-
teste an der Affäre, die in offiziellem Schweigen und inoffi-
ziellem Gemunkel verblieb, ist offenbar, mit welch verwege-
nen Plänen sich einige prominente Herren getragen zu haben
scheinen, was ihnen zugetraut, mit welchen Verdächtigungen
ihnen begegnet wurde und wie dann das Ganze schlicht in
sich zusammenfiel und man weiter miteinander lebte, als wäre
nichts gewesen.
Beunruhigende Vorzeichen waren zu notieren: Blitze schlu-
gen auf dem Capitol ein, ein Juppiterbild stürzte vom Sockel,
Standbilder von Altvordern zerbrachen; Gesetzestafeln wurden
so erhitzt, daß die Schrift unleserlich wurde, auch das Bild
Christian Meier – Caesar 214

30 Im Grunde gutartig, um nicht zu sagen:


gut gemeint. In beschränkteren Verhältnis-
sen hätte man ihn für rechtschaffen gehal-
ten, und vielleicht wäre er es gewesen.
Mutmaßliches Bildnis des Marcus Licinius
Crassus. Rom, Sammlung Torlonia. Spätere
Kopie nach einem zeitgenössischen Porträt.
des saugenden Stadtgründers unter der capitolinischen Wölfin
wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Senat ließ aus allen
Teilen Etruriens Zeichendeuter herbeiholen. Die prophezei-
ten Mord, Brand, Vernichtung der Gesetze, Bürgerkrieg und
Untergang von Stadt und Herrschaft, wenn man die Unsterb-
lichen nicht versöhne. Sie rieten, zehntägige Spiele für die
Götter zu feiern und sonst noch alles mögliche zu tun. Eine
Juppiterstatue solle gefertigt werden, größer als die zerstörte,
auf der Höhe des Capitols aufzustellen, und sie sollte künftig –
im Unterschied zu ihrer Vorgängerin – nach Osten, auf Forum
und Senatsgebäude blicken. Dann bestünde Hoffnung, daß
Christian Meier – Caesar 215

die Machenschaften, welche im Geheimen gegen das Heil von


Stadt und Herrschaft begangen würden, von Senat und Volk
aufgedeckt werden könnten.
Es ist durchaus unklar, ob nicht das Gros der Senatoren bei
aller Aufgeklärtheit von solchen Zeichen wirklich Schlimmstes
befürchtete. Man kann ja nie wissen. Das Zusammentreffen
mit verschwörerischen Plänen war in der Tat beängstigend.
Die Weichheit der Realität förderte die Beeindruckbarkeit. Es
mußte jedenfalls etwas geschehen und man versuchte, das
Beste zu machen. Künftig sollte sich die Politik also direkt
unter den Augen des höchsten Gottes vollziehen. In einer
Gesellschaft, in der sie sich so weitgehend im Freien, auf dem
Forum abspielte, konnte man sich davon vielleicht etwas erhof-
fen.
Im Jahre 65 war Crassus Censor, zusammen mit Catulus. Da
versuchte er selbstherrlich, die Einwohner der Gallia Cisalpina
in die Bürgerlisten einzuschreiben. Er wollte auch Ägypten
tributpflichtig machen. Eins wie das andere reichte über die
übliche censorische Kompetenz weit hinaus. Und so verhin-
derte es Catulus; die Censur endete ohne Ergebnis. Nicht einmal
die Senatsliste wurde revidiert, nicht die Bürgerschätzung
oder die Musterung der Ritter durchgeführt.
Caesar hat damals mit Crassus in Verbindung gestanden.
Näheres ist nicht bekannt. Deswegen muß auch unklar bleiben,
ob er wirklich, wie Crassus es offenbar tat, ernsthaft gemeint
hat, man könnte im Fluge zu hohen Zielen gelangen – wie
wenn Rom keine Institutionen mehr gehabt hätte; ganz so als
hätte man da alles tun können, was einem gerade einfiel oder
was Neunmalkluge einem ins Ohr setzten; so als hätte man,
statt zu fragen, ob sich die eigenen Wünsche erfüllen ließen,
immer gleich die Gegenfrage gestellt, warum es denn eigent-
lich nicht möglich sein sollte.
Gewiß können solche Umkehrungen den bedeutenden Poli-
tiker auszeichnen: daß er Scheinwirklichkeit als Schein und
verkannte Wirklichkeit als Wirklichkeit erkennt und Wege
findet, die andere gar nicht sehen, Ziele verfolgt, auf die andere
nicht kommen. Allein, hier ging es nicht um eine neue Erkennt-
Christian Meier – Caesar 216

nis von Wirklichem und Möglichem, nicht um ein neues, auf-


wendiges politisches Sich-Messen mit alter Realität, sondern
um den Versuch, sich in eben dieser, gar nicht besser erkann-
ten, sondern bloß nicht recht wahrgenommenen Realität zu
hohen Zielen durchzumogeln, ohne besondere politische Intel-
ligenz und Energie.

Marcus Licinius Crassus war einer der merkwürdigsten Poli-


tiker des damaligen Rom, höchst charakteristisch – um nach
Burckhardts Kriterien zu urteilen –, allerdings kaum ener-
gisch, nicht einmal wirklich ruchlos, vom »großen Maßstab«
ganz zu schweigen, dafür in einer Weise in die Situation dieser
mittleren sechziger Jahre hineingewachsen, daß er sie nahezu
verkörpern konnte. Roms reichster Mann außer Pompeius, der
ihn später dank großer Beutegewinne übertraf. Mit der Zeit
dann Pompeius’ Rivale und genau wie der widersprüchlich
nicht aus Natur, sondern aus dem Widerspiel seiner Natur
mit der Situation, was denn allerdings auch schon die einzige
Gemeinsamkeit war – außer dem Ehrgeiz.
Crassus lebte in bescheidenen Verhältnissen, so wie es, min-
destens der Ideologie zufolge, alte römische Art war. Er hatte
auch darin eine fast außer Gebrauch gekommene alte Sitte
befolgt, daß er nach dem Tod seines Bruders dessen Frau hei-
ratete und mit ihr seine Kinder zeugte. Aber er war in Wirklich-
keit nur geizig. Zudem war er außerordentlich fleißig, betrieb-
sam, stets hilfsbereit, aber eben nicht energisch. Er diente
jedem, verteidigte vor Gericht selbst die, deren sich Cicero und
Caesar nicht mehr annehmen mochten, bereitete sich eifrig
und sorgfältig vor, nahm alles in Kauf, wenn er dabei nur an
Beziehungen, an Macht gewann. Auch seinen immensen Reich-
tum setzte er politisch ein, nahm nicht einmal Zinsen, wenn er
etwas auslieh, verlangte aber pünktliche Rückzahlung.
Das war freilich für die meisten Schuldner viel schlimmer,
als Zinsen es gewesen wären, denn da die Ausgaben der
römischen Adligen so hoch wie ihre Einnahmen unregelmäßig
waren, machte Crassus sie dadurch viel abhängiger von sich.
Auch stieß er nach Möglichkeit nirgends an, war wie geboren
Christian Meier – Caesar 217

für das Gefälligkeitsklima, das sich damals in Rom breit-


machte. Im Grunde gutartig, um nicht zu sagen gut gemeint. In
beschränkteren Verhältnissen hätte man ihn für rechtschaffen
gehalten, und vielleicht wäre er es gewesen.
Crassus’ ganze Schwierigkeit erwuchs daraus, daß er zu
hoch hinaus wollte. Daß ihn die Habsucht plagte, war schon
bemühend, aber er war ja rührig und die anderen Römer waren
auch keine Waisenknaben. Bedenklich war jedoch, daß Cras-
sus der erste Mann in Rom werden wollte, denn was immer er
dazu aufbringen mochte, den mittelmäßigen Zuschnitt seiner
Natur balancierte das nicht aus.
Unter Sulla hatte Crassus sich enorm bereichert. Und er
hatte eine Einsicht gewonnen, die ihm wichtig war: Für den, der
der Erste im Gemeinwesen sein wolle, sei keine Summe Geldes
ausreichend, von deren Zinsen er nicht eine Armee unterhal-
ten könne. Das war unter den Auspicien der Bürgerkriegszeit
nicht ganz falsch gedacht, nur ließ sich der Satz nicht umkeh-
ren, daß nämlich der, der soviel Geld hatte, schon deswegen
Erster in der Republik hätte sein können. Crassus aber lebte
in dem Irrtum, daß er, wenn er nur Unsummen von Geld und
Gefälligkeiten anhäufte, hoch genug käme, um als erster Mann
Roms anerkannt zu werden. Macht war für ihn gleichsam eine
bloße Addition von Machtmitteln, wie Reichtum eine Addition
von Geld. Weil unendlich viele ihm verpflichtet waren, glaubte
er ein großer Mann zu sein. Und weil er vieles kaufen konnte,
meinte er alles kaufen zu können.
Kein beachtlicher politischer Gedanke ist von Crassus
überliefert, und es spricht nichts dafür, daß das am Quellen-
mangel liegt. Er reagierte immer nur oder machte nach, was
andere vorgemacht hatten, oder versuchte es mit ganz verstie-
genen Plänen. Stets blieb er Taktiker, nie war er Stratege. In
allen entscheidenden Situationen war er ratlos und pflegte sich
durch Halbheiten aus der Affäre zu ziehen. Vermutlich wäre er
gern ruchlos gewesen, wenn er nur gewußt hätte, wie. So ver-
legte er sich aufs Durchmogeln. Vermutlich hätte er auch gern
etwas gewagt, wenn nur kein Wagnis damit verbunden gewe-
sen wäre. Sein Ehrgeiz lag von seiner kleinlichen Natur so weit
Christian Meier – Caesar 218

entfernt, daß er ihn nicht mit Spannung lud, sondern nur zu


diffuser Betriebsamkeit aufputschte.
Dieser Mann konnte es erreichen, daß alle politisch
fragwürdigen Elemente in ihm ihren Rückhalt suchten. So war
er über die finstersten Geschichten orientiert, schoß Geld zu
und hielt dann seinen Einfluß für maßgeblich. Er hatte um sich
einen Schutzring, gebildet aus all denen, die ihm verpflichtet
waren. Als etwa Ende 63 im Senat berichtet wurde, daß er
Catilina habe ermuntern lassen, recht schnell auf Rom zu mar-
schieren, gab es lauten Protest. Sallust kommentiert: Als der
Name des Crassus fiel, eines Mannes von hohem Adel, von
größtem Reichtum und außerordentlicher Macht, »fanden die
einen die Sache unglaubwürdig, anderen schien es, wenngleich
sie sie für wahr hielten, als opportun, in solch einem Moment
die gewaltige Macht dieses Mannes eher zu besänftigen als auf-
zureizen, die meisten aber waren Crassus auf Grund privater
Geschäfte verpflichtet«. Man beschloß dann, die Anzeige für
falsch zu erklären. Senat und Principes waren zu schwach, ihm
seine Grenzen zu zeigen, so daß er sie nie wirklich erfahren zu
haben scheint.
Deswegen versuchte er stets Neues. Die Verstiegenheit
seiner Pläne korrespondierte der Uneindeutigkeit der Realität.
Die Maßstäbe, die er nicht in sich hatte, konnten ihm von
außen also nicht auferlegt werden. Die Raison, die er von
außen erhielt, war eher, daß unendlich vieles möglich war. Und
das war ebenso richtig wie falsch.
Crassus wird sich bei manchen dunklen Plänen gedacht
haben, daß ihm verschiedene Wege offenstünden; sei es, sich an
die Spitze der Sache zu setzen, sei es, sich in ihrer Bekämpfung
hervorzutun. Bei den Wahlen für 63 unterstützte er Lucius
Sergius Catilina, einen etwas derangierten Patricier, der über
einen filouhaften Reiz geboten zu haben scheint. Der hatte
sich mit Gaius Antonius, dem korrupten alten Sullaner, den
Caesar einst vor Gericht gezogen hatte, zu einem Wahlbündnis
zusammengetan. Crassus schoß ihnen große Mittel vor. Caesar
scheint ebenfalls für diese beiden geworben zu haben. Solche
Bündnisse waren in Rom verpönt. In diesem Fall hat die Hem-
Christian Meier – Caesar 219

mungslosigkeit des Stimmenkaufs solche Erregung bewirkt,


daß die einschlägigen Gesetze verschärft wurden. Da weite
Kreise im Senat sich vor einem gemeinsamen Consulat der
beiden dunklen Ehrenmänner fürchteten, konzentrierte sich so
viel Unterstützung auf den homo novus Cicero, daß er erstaun-
licherweise an erster Stelle und von allen Centurien gewählt
wurde; Antonius wurde sein College; Catilina fiel durch.

Das Jahr 63 sollte dann besonders ereignisreich werden. Ver-


schiedene Initiativen des Crassus, Pompeius und anderer hiel-
ten die Politik in Atem, am Ende konzentrierte sich das
Geschehen auf die catilinarische Verschwörung, schließlich
auf den dramatischen Kampf um die Hinrichtung von fünf
ihrer Anführer; Pompeius’ bevorstehende Rückkehr warf ihre
Schatten. Das Ergebnis der Auseinandersetzungen bestimmte
dann die Ausgangslage für die weitere Politik in so folgen-
reicher Weise, daß nur wenige Jahre der späten Republik so
entscheidungsträchtig gewesen sind wie dieses. Damals spielte
Caesar eine gewichtige Rolle, und es gelang ihm der Durch-
bruch in die erste Reihe der römischen Politiker. Erstmals
kämpfte er gegen seinen bald wichtigsten Gegner Marcus Por-
cius Cato, der gleichfalls in diesem Jahr seine führende Stel-
lung begründete. Geradezu schicksalhaft war es für den Consul
Cicero.
Gleich zu Anfang des Jahres brachte der Volkstribun Publius
Servilius Rullus ein Ackergesetz ein. Ungewöhnlich war daran
zweierlei: Erstens waren Ansiedlungen in größtem Stil in
Italien und in den Provinzen vorgesehen, zweitens sollte
eine Zehnmänner-Kommission eingesetzt werden, die für fünf
Jahre mit außerordentlichen Vollmachten, ja mit militärischer
Befehlsgewalt ausgestattet sein sollte, um Land aufzukaufen
und anzuweisen. Diese Gewalt ging in ihrem Zuschnitt ähnlich
über die Vollmachten der früheren Ackerkommissionen hinaus
wie Pompeius’ große Kommandos über die bisherigen. Die
Zehn sollten aufs großzügigste mit ganzen Stäben von Mit-
arbeitern versehen sein, Amtsdienern, Schreibern, Buchhal-
tern, Herolden, Architekten; mit zweihundert Feldmessern aus
Christian Meier – Caesar 220

dem Ritterstand; mit Leibwächtern und zahlreichem Gerät.


Außerdem sollten sie über enorme Geldmittel verfügen, und es
oblag ihnen das Urteil darüber, was privat und was öffentliches
Eigentum war. Die Vollmacht war so weitgehend formuliert,
daß sogar die Einziehung Ägyptens – auf Grund eines zweifel-
haften Testaments des im Jahre 80 ermordeten Königs – für
Rom darin impliziert zu sein schien.
Das Gesetz enthielt ein großartiges soziales Programm:
Weite Teile der verarmten Plebs in den Landstädten, Teile wohl
auch der städtischen sollten mit Land versorgt werden. Dieser
Reform-Impuls könnte von Caesar ausgegangen sein. Zugleich
sollte der Kommission auch die Versorgung der Soldaten des
Pompeius überantwortet werden, was ein außerordentlicher
Affront gegen den Feldherrn gewesen wäre. Denn der konnte
ihr nicht angehören. Das Ganze war offenbar dazu bestimmt,
ein machtvolles Gegengewicht gegen ihn zu schaffen, für Cras-
sus, auch für Caesar, aber daneben noch für acht andere.
Da es aber zwar viele gab, die solch ein Gesetz zu schätzen
wußten, nicht jedoch eine machtvolle, geschlossene Gefolg-
schaft und wohl auch nicht einen entschlossenen Willen, es
wirklich durchzusetzen, gelang es dem Consul Cicero, es zu
vereiteln. Hinter ihm stand eine Koalition von Verfechtern
der Senatspolitik und von Pompeius-Anhängern. Vielleicht ist
Caesar erst damals deutlich geworden, wie wenig er mit Cras-
sus ins Werk setzen konnte. Jedenfalls bemühte er sich von
jetzt ab stärker um Pompeius und um die Popularen.
Ein zweiter Antrag wurde zu Gunsten der alten Marianer
gestellt: Ihre politischen Rechte sollten wiederhergestellt
werden. Caesar machte sich dafür stark, Cicero dagegen ver-
hinderte auch dies, weil er fand, daß damit die gesamte von
Sulla neu befestigte Ordnung des Gemeinwesens umgeworfen
worden wäre. Und ebenfalls vereitelt wurde ein Antrag auf
einen Schuldenerlaß und einer auf eine Amnestie für verur-
teilte Politiker.
Dann setzte der Volkstribun Titus Labienus mit Caesars
Hilfe durch, daß die Priester wieder, wie schon in den letzten
Jahrzehnten vor Sulla, gewählt statt kooptiert wurden.
Christian Meier – Caesar 221

Außerdem zog er – wiederum von Caesar unterstützt, viel-


leicht sogar angestiftet – den alten Senator Gaius Rabirius
vor Gericht, weil er siebenunddreißig Jahre zuvor, im Jahre
100, den berühmten Volkstribunen Saturninus ermordet hatte.
Damals hatte Marius gerade ein senatus consultum ultimum
ausgeführt. Saturninus und seine Gefolgsleute hatten sich ihm
ergeben, und er hatte sie im Senatsgebäude gefangengesetzt.
Danach war eine Gruppe junger Männer mit Leitern herange-
kommen, hatte das Dach bestiegen, es abgedeckt und von oben
her die Gefangenen niedergemetzelt. Das war zwar außerhalb
der consularischen Polizeiaktion geschehen, hatte aber offen-
sichtlich im Sinne führender Senatoren gelegen. Jedenfalls
müssen die dafür gesorgt haben, daß der Mord nicht geahndet
wurde. Wenn Labienus die Sache jetzt, nach fast vier Jahrzehn-
ten, aufgriff, so kann das damit zusammengehangen haben,
daß damals ein Onkel von ihm umgekommen war; doch ist
nicht zu übersehen, daß es im Grunde um höchst gegenwärtige
politische Interessen ging.
Denn wenn der Mord auch nicht durch den Äußersten
Senatsbeschluß gedeckt war, so stellte er doch die Ausführung
dessen dar, was für den Senat in der Konsequenz dieses
Beschlusses lag: Es bestand offenkundig ein Interesse daran,
Gesetzgeber, die gegen den Senat Bedeutendes durchgesetzt
hatten, gewaltsam aus dem Weg zu räumen. Dies aber setzte
voraus, daß Bürger bereit waren, sich für einen solchen Ein-
satz zur Verfügung zu stellen. Eben diese Bereitschaft mußte
schwinden, wenn ein Mann wie Rabirius verurteilt oder min-
destens einer Verurteilung gefährlich nahegebracht wurde.
Wenn Labienus und Caesar einen solchen Schlag gegen den
Senat zu führen und dessen letzte Waffe zu entschärfen such-
ten, so taten sie es vermutlich im Hinblick auf die bevorste-
hende Rückkehr des Pompeius. Denn da mochte es wieder zu
einem großen Gesetzgebungsprogramm kommen, bei dessen
Durchsetzung jene Waffe wichtig werden konnte. Überdies
brachte ihnen das Eintreten für das zentrale Freiheitsrecht des
Volkes, das bei der Ausführung des Äußersten Beschlusses ver-
letzt zu werden pflegte, große Popularität.
Christian Meier – Caesar 222

31 Bürgerkriegsmünze aus einer Prägung


des caesarischen Heeres aus den frühen
40er Jahren. In scharfem Gegensatz zu
Kriegssituationen wird durch priesterliche
Requisiten auf Caesars Amt als Pontifex
Maximus verwiesen. Von rechts nach links:
Apex (die Mütze der Flamines; vgl. Abbil-
dung 17,25 und 63), Opferaxt, Weihwedel
und Schöpfbecher.

Sie wählten ein besonders altertümliches Verfahren, das-


jenige vor einem Zwei-Männer-Gericht. Die beiden wurden
durch das Los bestimmt, einer von ihnen war Caesar. Ihm kam
es zu, das Urteil zu sprechen. Es lautete auf Hinrichtung wegen
Hochverrats; sie sollte durch Kreuzigung auf dem Marsfeld
erfolgen. Der Consul Cicero aber hob das Urteil auf, worauf
man Rabirius vor dem Volksgericht anklagte, und zwar vor den
Centuriatcomitien. Die aber wurden daran gehindert, eine Ent-
scheidung zu fällen, indem nämlich auf höchst moderne Weise
eine altertümliche, aber immer noch geübte Sitte ins Spiel
gebracht wurde: Seit den frühen Zeiten, in denen Rom mit
Christian Meier – Caesar 223

feindlichen Überfällen aus der nächsten Umgebung zu rechnen


hatte, konnte die alte Heeresversammlung nur tagen, wenn
eine Wache auf dem Janiculum postiert war. Zum Zeichen der
Gefahrlosigkeit wehte eine Fahne. Wurde sie eingezogen, war
die Versammlung abzubrechen – und eben dies veranlaßte
damals der Praetor. Man streitet sich, ob er eine Verurteilung
oder einen Freispruch verhindern wollte. Seine politische Stel-
lung aber, der Umstand, daß die Centuriatcomitien im allge-
meinen eher die Sache des Senats vertraten, schließlich die
Tatsache, daß der Prozeß nicht wieder aufgenommen wurde,
sprechen dafür, daß die Versammlung zum Freispruch geneigt
und daß es somit die offene Niederlage des Anklägers war, die
vereitelt werden sollte.
Die Belebung der uralten, längst außer Gebrauch gekom-
menen Form von Prozeß und Strafe – in einer Zeit, in der in
Rom die Todesstrafe de facto abgeschafft war – und vor allem
das Einziehen der Fahne auf dem Janiculum könnten Caesars
Phantasie entsprossen sein.
Er unterstützte weiter einen Antrag des Labienus, nach
dem es Pompeius künftig erlaubt sein sollte, bei
Theateraufführungen die magistratische Toga und bei Circus-
spielen den Triumphalornat anzulegen, beides zusammen mit
dem Lorbeerkranz. Anknüpfend an die Unterstützung, die er
67 und 66 Pompeius geliehen hatte, wird er sich auch mit Quin-
tus Metellus Nepos in Verbindung gesetzt haben, der damals
vom östlichen Kriegsschauplatz nach Rom entsandt wurde,
um die Rückkehr des Pompeius in die Innenpolitik vorzuberei-
ten. Mithridates war tot, in auswegloser Lage hatte er sich,
da er sich vernünftigerweise gegen die einschlägigen Gifte syste-
matisch immunisiert hatte, erstechen lassen. So war der
Krieg gegen den verschlagenen, immer neu seine Kräfte sam-
melnden, immer wieder ausgreifenden hellenistischen Poten-
taten zum Ende gekommen. Die eigentliche Vorbereitung der
Rückkehr des Pompeius, der Versuch, soviel wie möglich von
seiner Macht in die Innenpolitik zu transferieren, fiel mit der
Aufdeckung der catilinarischen Verschwörung zusammen.
Christian Meier – Caesar 224

Noch vorher aber, vermutlich in der Mitte des Jahres, war


Caesar ein außerordentlicher Erfolg gelungen. Er war zum
Pontifex Maximus gewählt worden, zum obersten Priester
Roms. Dessen Wahl wurde seit dem 3. Jahrhundert in
einer Volksversammlung von siebzehn Tribus vollzogen. Dort
waren die Stimmen geographisch ungleich und zu Ungunsten
der Stadt-Plebs verteilt. Vermögensunterschiede galten nicht
– wenn man davon absieht, daß die Wohlhabenden eher
abkömmlich waren, um zu den Wahlen nach Rom zu kommen.
Wählbar waren alle Pontifices. Aber in der Regel wurde es
einer der ältesten und würdigsten. Die anderen werden dazu
geneigt haben – oder dazu gebracht worden sein –, das zu
respektieren. So traten jetzt Catulus (Consul 78) und Servilius
Isauricus (Consul 79) gegeneinander an; einer von beiden hätte
das Amt erhalten müssen. Aber Caesar sah nicht ein, daß es
auch diesmal wieder so sein müsse wie zumeist.
Für ihn sprachen sein Ansehen bei der Plebs und auch seine
Unterstützung des Gesetzes zur Wiedereinführung der Wahl
für alle anderen Priesterstellen. Im Jahr 102 war der Antrag-
steller des Gesetzes, das diese Wahl erstmals verfügt hatte, sei-
nerseits in jungen Jahren sogleich zum Pontifex und Pontifex
Maximus gewählt worden. Gewiß traten auch viele Freunde
und Gefolgsleute für Caesar ein. Aber das hätte bei weitem
nicht genügt, um die Autorität und den Einfluß seiner beiden
hochangesehenen Mitbewerber aufzuwiegen. So hat er in ganz
unerhörtem Maße Geld aufgenommen und die Wähler besto-
chen. Seine finanzielle Lage war so angespannt, daß Catulus
sich der Hoffnung hingab, ihn durch eine hohe Summe zur Auf-
gabe der Kandidatur bewegen zu können. Aber Caesar erhöhte
statt dessen den Einsatz bis an die äußerste Grenze seines Kre-
dits. Als er am Morgen der Wahl das Haus verließ, sagte er zu
seiner Mutter, er könne nur als Pontifex Maximus heimkehren
oder gar nicht – und wurde dann mit überwältigender Mehr-
heit gewählt.
Er hatte nach normalen Maßstäben mit viel zu hohem Ein-
satz gespielt. Was kaum denkbar war, hatte er erreicht. Alles
hatte er auf eine Karte gesetzt, nicht nur viel Geld, das ihm
Christian Meier – Caesar 225

gar nicht gehörte, sondern auch seine politische Existenz. Das


mutet nicht nur tollkühn an, sondern man fragt sich, ob es
nicht ein Akt der Verzweiflung war; jedenfalls war es einer des
Mutwillens.
So ungewöhnlich Caesar angesetzt hatte, so gut hatte er die
reguläre Ämterlaufbahn bisher zurückgelegt; Mitte 63 wurde
er für das kommende Jahr zum Praetor gewählt. Aber wenn
er Außerordentliches gewollt hatte, so war daraus wenig oder
nichts geworden. Er hatte die Sullaner anklagen und reizen
können, doch seine Versuche, besondere Macht oder Vollmach-
ten zu gewinnen – wie ernst oder spielerisch er sie auch betrie-
ben hatte – waren allesamt gescheitert. Das Bündnis mit Cras-
sus hatte sich politisch kaum gelohnt; Caesar scheint nicht
einmal viel Geld von ihm genommen zu haben – was sich
wohl auch nicht empfohlen hätte, da er es kaum so bald hätte
zurückzahlen können. Jetzt hatte er erstmals einen großen
Erfolg.
Als Pontifex Maximus konnte er unter Umständen politisch
eine wichtige Rolle spielen. Aber wichtiger noch waren das
Ansehen, das er erwarb, der hohe Anspruch, den er geradezu
sinnfällig machen konnte: Denn er zog jetzt aus der Subura
in das dem obersten Priester zustehende Wohngebäude an der
Via Sacra, wo er künftig residieren sollte. Mit siebenunddreißig
Jahren stand er in der ersten Reihe der römischen Senatsari-
stokratie.
Spätestens hier wird deutlich, wie sehr sich Caesar von
seinen Generationsgenossen unterschied. Unter denen gab es
gewiß viel Unzufriedenheit, Auflehnung gegen das Bestehende.
Das Senatsregime war alles andere als überzeugend. Endlose
Beratungen, Unschlüssigkeiten, tausend Gefälligkeiten und
Rücksichten, viel Schlendrian und Umstandskrämerei; um
alles in der Welt sollte nichts Neues geschehen. Die politische
Ordnung steckte voller Absurditäten, welche nur noch Sinn
hatten, weil die Gesellschaft daran glaubte. Aber gerade
deren sich versteifende Rückwärtsgewandtheit war aufreizend.
Selbst bei den für unser Gefühl vergleichsweise bescheidenen
Ansprüchen, die die Römer an die Wirksamkeit von Regierung
Christian Meier – Caesar 226

und Verwaltung stellten, mußte ihnen Manches als schwer


erträglich erscheinen.
Caesars nachmaliger großer Gegenspieler, der etwa fünf
Jahre jüngere Marcus Cato, der ihm an Intensität des Wesens
und an Charakterstärke noch am verwandtesten war, scheint
es ganz ähnlich empfunden zu haben. Nur zog er die entgegen-
gesetzte Folgerung: Er wollte, daß das Senatsregime ganz ent-
schieden, konsequent und kräftig praktiziert wurde. Statt nur
rückwärtsgewandt zu sein, sollte man wirklich auf die Art der
Väter zurückkommen. Doch war Cato aus ganz anderem Holz
geschnitzt und mitten im Schoß der herrschenden Oligarchie
aufgewachsen.
Und wenn der sechs Jahre ältere Consul Cicero in die
Senatspolitik Festigkeit und Linie zu bringen versuchte, so
offenbarten sich auch darin Kritik und Unzufriedenheit. Aller-
dings war Cicero als homo novus zugleich so voller Bewun-
derung für den alten Senat, daß er zunächst ganz damit
beschäftigt war, es selber besser – statt den zeitgenössischen
Senat schlecht – zu machen. Bei den meisten jüngeren Adligen
aber erschöpften sich Respektlosigkeit und Aufbegehren gegen
die Väter in der Gebärde, in jugendlichem Hochmut, Leicht-
sinn oder Zynismus. Sie wußten nicht recht, was das Beson-
dere war, das sie tun wollten, und es fehlte an einer oppositio-
nellen gesellschaftlichen Kraft, der sie sich hätten anschließen
können. So verlegten sie ihren Ehrgeiz gern auf das Feiern
rauschender Feste und auf private Abenteuer. Die »reichen
Alten«, wie der freche Marcus Caelius sie einmal nannte, ver-
langten nicht, daß sie in Respekt vor ihnen erstarben; sie durf-
ten sich auch Schulden, Luxus und Amouren leisten. Sie konn-
ten sogar manchen politischen Seitensprung riskieren – wenn
sie nur den Anschein erweckten, schließlich bereit zu sein, in
die alten engen Kleider der Hüter des Überkommenen hinein-
zusteigen und sie für die prächtigsten von der Welt zu halten.
Und das war beim Gros der nachwachsenden Adligen gewiß
der Fall.
»Jedes Lebendige kann – nach Nietzsche – nur innerhalb
eines Horizonts gesund, stark und fruchtbar werden.« Dieser
Christian Meier – Caesar 227

Horizont war hier für viele durchlöchert – oder allzuweit gezo-


gen –, sie konnten so und auch anders, waren ohne Bezie-
hungspunkt, ohne Richtung, letztlich beliebig und fügten sich
dann also endlich dem Konventionellen. Selten brach einer
aus wie Catilina und seine Mitverschworenen, aus Trotz und
Empörung, Verschuldung und dem Gefühl der Ausweglosig-
keit. Manch einer der Jüngeren fand das faszinierend, ließ sich
zunächst davon in Bann ziehen.

Lucius Sergius Catilina »besaß ja«, so erklärt Cicero später, »wie


ihr euch erinnern werdet, vielerlei Spuren ... von vorzüglichen
Eigenschaften... Nie hat es, glaube ich, auf Erden ein so son-
derbares Wesen gegeben, eine derartige Mischung von ver-
schiedenen, auseinanderstrebenden, einander widersprechen-
den Bedürfnissen und Leidenschaften. Wer hätte – eine Zeit-
lang – den angesehensten Männern besser gefallen, wer sich
enger mit den ärgsten Gesellen verbunden? ... Wer zeigte sich
schmutziger in seinen Listen, wer ausdauernder in seinen
Mühen? Wer war gieriger im Raffen, wer großzügiger im Ver-
schenken? Und vor allem dies war erstaunlich an dem Mann:
Er wußte viele zu Freunden zu gewinnen und durch seine
Ergebenheit an sich zu binden; er teilte mit jedermann, was
er besaß, und stand seinen Leuten in allen Nöten bei – mit
seinem Geld, seinem Einfluß, seinem persönlichen Einsatz, ja,
wenn es sein mußte, mit Verbrechen und tolldreisten Strei-
chen; er änderte sein Wesen und paßte es den Umständen an
und drehte und wendete es nach allen Seiten; unter Älteren
war er gesetzt, unter Jüngeren umgänglich, unter Skrupello-
sen verwegen, unter Lüstlingen ausschweifend.«
Dieser wie Caesar aus altem, aber längst unbedeutend
gewordenem patricischen Geschlecht stammende Mann war
reich begabt und besaß einen ganz außerordentlich starken
Willen. In ihm mischte sich die Selbstverständlichkeit altadli-
gen Anspruchs mit der Robustheit des Self-Made-Man. Unter
Sulla hatte er einige Schergendienste geleistet. Stets war er
rücksichtslos gewesen, hatte die bei Außenseitern nicht seltene
»plebejische« Konsequenz, daß er ziemlich offen und hem-
Christian Meier – Caesar 228

mungslos so war – in diesem Falle: so korrupt war –, wie es die


übrige Gesellschaft zu sein schien, aber am Ende eben doch
nicht war. Sein kraft- und lebensvolles Wesen stach erfreulich
ab von der Enge und Verkrampftheit, der Bedenklichkeit und
Vorsicht seiner Standesgenossen. Nur konnte er, was in ihm
war, nicht ins Positive umsetzen. Er war zu anarchisch veran-
lagt.

Caesar also ragt unter all denen, die sich damals in das
Überkommene nicht so leicht fügten, hervor durch den unbe-
dingten, wagemutigen Durchsetzungswillen, den er bei der
Kandidatur zum Pontifex Maximus bewies. Wenn dem viel-
leicht auch Verzweiflung beigemischt war, er fand in diesem
Erfolg eine bedeutende Bestätigung. Daher fiel vielleicht erst
hier die Entscheidung, die ihn vor Desperado-Unternehmun-
gen wie derjenigen der Catilinarier bewahrte. Dann hätte
sich ihm damals erst ein eigener Weg zu eröffnen begonnen,
auf dem er einerseits sich bewahrte vor den Suggestionen
dieser Gesellschaft, vor dem Sich-Ergeben in das Normale und
Bequeme, und andererseits sich nicht in Opposition und Pro-
test oder gewagten Ausbrüchen verlor. Jenem konnte er kaum
zuneigen; aber daß für ihn die Gefahr bestand, in welcher
Weise auch immer, eine »catilinarische Existenz« zu werden –
wie Bismarck das nannte –, läßt sich nicht ausschließen.
Spätestens von hier ab straffte sich sein Wille. Tatkraft,
Wagemut, Phantasie und Verstand spannten sich auf das Con-
sulat, vermutlich auch schon auf außerordentliche Leistun-
gen, die er dabei und danach zu vollbringen hoffte – wenn
er auch natürlich mit einer Provinz wie Gallien damals noch
nicht rechnen konnte. Wir finden künftig keine Handlungen
oder Pläne mehr bezeugt oder auch nur behauptet, die sich als
Anzeichen für einen gewissen Unernst, eine gewisse Verspielt-
heit deuten lassen. Zwar bleibt sein Oppositionsgeist gegen die
Häupter der durch Sulla wieder eingesetzten Aristokratie wach,
ein gewisses Ressentiment schlägt immer wieder durch. Dane-
ben aber und darin tritt immer mehr ein bestimmtes Leistungs-
ethos in den Vordergrund. Die jugendliche Unbekümmertheit,
Christian Meier – Caesar 229

in der er zunächst gelebt haben mochte, trug nicht mehr. Er


brauchte einen neuen Halt und fand ihn zunehmend in seiner
Tätigkeit für die res publica. Je besser er leistete, was Roms
Adlige alle hätten leisten müssen, um so überlegener war er
ihnen; wie auf andere Weise Pompeius.
So konnte, was zunächst wohl eher negativ in ihm angelegt
war, sich auf eigene Ziele wenden. Gewiß läßt sich solch eine
Wendung nicht einfach auf ein einzelnes Ereignis zurückführen.
63 kann sich in ihm höchstens ein Umschlag von der Quantität
zur Qualität vollzogen haben, eine Befestigung, Bekräftigung,
eine neue Schwungkraft von Motiven, die in Caesar schon
wirkten; aber damit fiel auch die Entscheidung darüber, daß er
so und nicht anders seinen Weg gehen wollte und konnte.
Caesar hatte ungeheure Energien in sich. Zudem verfügte
er über die Kraft und das Geschick, sie zu organisieren. Kaum
ein Römer ist so rastlos tätig gewesen wie er, kaum einer hat
so viel Verstand darauf verwandt, zu wirken. Als markante Ein-
zelheit wird dafür immer angeführt, daß er gleichzeitig vier
Briefe wichtigen Inhalts und sonst sogar sieben gleichzeitig
seinen Schreibern diktieren konnte.
Es ist auch bezeugt, daß er der erste war, der auch innerhalb
Roms brieflich mit seinen Freunden verkehrt habe; denn bei
der Größe der Stadt sei es oft schwierig gewesen, sie rechtzei-
tig zu treffen.
Wir wissen nicht, auf welche Zeit sich dies bezieht. Aber
es weist jedenfalls auf Caesars Fähigkeit zur Wirkungsent-
faltung, zur umfassenden Vergegenwärtigung, gleichsam zur
Vervielfältigung seiner selbst. Alle seine Fähigkeiten begann
er jetzt zunehmend zu mobilisieren. Es war im Grunde eine
unerhörte Bewährung des alten römischen Adelsideals, die er
vorhatte. Darin fand er nun seine eigene Rolle, damit zog er
sich einen Horizont, den er ausfüllen, in dem er sich voll entfal-
ten konnte.
Zugleich klärte sich sein Ort im politischen Feld: Offenbar
ist ihm bewußt geworden, daß er sich künftig vor allem an
Pompeius halten mußte. Das bedeutete allerdings nicht, daß er
die Verbindungen zu Crassus ganz aufgeben wollte; sonst hätte
Christian Meier – Caesar 230

er ein Stück Selbständigkeit eingebüßt. Doch wenn Caesar für


Pompeius wichtig sein sollte, so war die Voraussetzung dafür,
daß der auf das Volk angewiesen war. Denn im Senat konnte
er ihm kaum etwas vermitteln. Durch sein großes Ansehen
bei der städtischen Menge aber, vermutlich auch durch seine
guten Verbindungen zu den Männern, die die Werkzeuge der
popularen Politik organisierten, konnte er ihm zu Diensten
sein. Die Frage war also jetzt, wie sich die verschiedenen Kräfte
in Rom zu Pompeius und wie Pompeius sich zu ihnen stellte.
Sein Abgesandter Nepos hatte den Auftrag, für Pompeius
das Recht auf die Bewerbung um das Consulat von 61 zu erwir-
ken. Das setzte insofern eine Befreiung von den Laufbahn-
vorschriften voraus, als Pompeius erst zehn Jahre nach dem
ersten Consulat, also 59, wieder Consul hätte werden können.
Außerdem wollte er in absentia kandidieren dürfen. Wie bei
der Rückkehr aus dem spanischen Krieg hatte er vor, sogleich
vom Heereskommando in das Consulat überzuwechseln, um
dann die Forderungen durchzusetzen, die sich aus seiner
Kriegführung ergaben: die Landversorgung seiner Veteranen
und die Ratifikation seiner Anordnungen im Osten. Vermutlich
sollte sein Wunsch im Senat als Antrag eingebracht und, falls
er dort scheiterte, dann beim Volk durchgesetzt werden. Nepos
bewarb sich daher um das Volkstribunat für 62. Pompeius
muß aber auch eine andere Eventualität bedacht haben: Falls
sich – wiederum wie 71 – ein Anlaß oder Vorwand für einen
bewaffneten Einmarsch in Italien ergab, sollte der genutzt
werden. Alle Einzelheiten mußte er wohl der Beurteilung am
Ort überlassen. Er selbst hielt sich damals noch in Kleinasien
auf, um die dortigen Verhältnisse neu zu ordnen.
Vom Erfolg des Nepos hing Entscheidendes für die Zukunft
ab. Ob der Senat Konzessionen machte, konnte ausschlagge-
bend dafür sein, ob Pompeius sich veranlaßt sah, nach Italien
einzumarschieren, und auch dafür, ob nach seiner Rückkehr,
wie immer sie geschah, die Zeichen auf Verständigung oder
Konflikt stehen sollten.
Das Verhalten des Senats aber konnte durch Pompeius’
Anhänger in Rom stark beeinflußt werden. Sie konnten eher
Christian Meier – Caesar 231

diplomatisch oder eher unverschämt auftreten, mehr auf Ent-


gegenkommen oder mehr auf Ablehnung setzen. Selbst wenn
Pompeius eher für eine Lösung im guten Einvernehmen war,
so werden doch mindestens einige seiner Freunde dahin ten-
diert haben, lieber viel zu fordern und damit zu scheitern als
Kompromisse zu schließen. Dabei mochten sie das Interesse
ihres Auftraggebers und Verbündeten, so wie sie es verstan-
den, im Auge gehabt haben, vor allem aber konnten sie selbst
gewinnen, wenn er, notfalls gestützt auf seine Legionen, in
Konflikt mit dem Senat geriet. In dessen Verlauf mußte er auf
sie angewiesen sein, sie konnten sich dann Zugeständnisse ein-
handeln. So lag es jedenfalls im Interesse Caesars, und es ist
damit zu rechnen, daß er im Kreis der Pompeianer Einfluß zu
nehmen suchte; Näheres wissen wir nicht.
Der Antrag wegen der Consulatskandidatur ist im Jahr 63
offenbar gar nicht gestellt worden; sei es, weil es dafür noch
zu früh war, sei es, weil Caesar und andere ihn verzögerten.
Seit der zweiten Hälfte des Jahres aber schob sich die zweite
Möglichkeit in den Vordergrund: daß Pompeius mitsamt dem
Heer gegen eine akute Gefahr geholt werden konnte. Die Pro-
blematik seiner Rückkehr verquickte sich mit der catilinari-
schen Verschwörung.
In Hinblick auf die ganze Reihe schwierigster Konsequen-
zen, die aus dieser Verknüpfung für Rom erwuchsen, scheint
hier einmal das Wort »schicksalhaft« am Platz zu sein. Frei-
lich trifft das nur die Nachwirkung. Denn man darf die simple
Zufälligkeit des Zusammentreffens nicht übersehen, insbeson-
dere nicht den Anteil, den eine Reihe von Protagonisten – und
darunter nicht zuletzt Caesar selbst – daran hatten. Er hat
damals eine höchst bedeutsame Rolle gespielt.

Catilina war bei der Wahl für 62 zum zweiten Mal durchge-
fallen. Darauf tat er sich mit anderen zusammen und plante
einen Staatsstreich. Sie wollten den Consul Cicero ermorden,
die Macht in der Stadt an sich reißen und nach der Beseitigung
einiger Gegner die Magistrate besetzen. Außerdem planten die
Verschwörer einen Schuldenerlaß, der sowohl den hochver-
Christian Meier – Caesar 232

schuldeten, teilweise am Rande des Bankrotts stehenden Adli-


gen als auch den kleinen Leuten zugute kommen sollte.
Die Sache hatte keinen großen Hintergrund. In der Anlage
war der Plan der Verschwörung von 66 verwandt, auch dem
Lepidus-Aufstand von 78/77: Wieder rotteten sich Unzufrie-
dene aus ganz Italien in Etrurien und anderswo zusammen.
Beauftragte Catilinas suchten überall bewaffnete Kontingente
aufzustellen; bei Faesulae (Fiesole) kamen gut zehntausend
Mann zusammen. Waffenlager – die am Ende nicht ausreichten
– wurden angelegt, Abteilungen eingeteilt und gedrillt.
Letztlich steckte wohl die Idee dahinter, man könne, wie einst
Sulla, auf Rom marschieren und es erobern. Wie Catilina sich
gegen den rückkehrenden Pompeius zu verteidigen gedachte,
bleibt dunkel. Vermutlich tut man den Plänen unrecht, wenn
man sie sich allzu genau ausmalt. Im ganzen hat man es
noch einmal mit einem Produkt der »Unwirklichkeit« dieser
Situation zu tun, in der sich der Ernst der Regeln nicht mit
Selbstverständlichkeit aufzwang, in der die Verschwörer sich
sowohl durch imaginäre Möglichkeiten verlockt wie durch
große Not, durch drängende Bedürfnisse getrieben sahen.
Auch war das Ausmaß, in dem sie sich allesamt verschuldet
hatten, schon symptomatisch dafür, daß in Rom damals alles
für möglich gehalten wurde. Wohl nicht zu Unrecht wird Cras-
sus mit der Verschwörung in Verbindung gebracht; allerdings
hat er sich, als es ernst wurde, davon distanziert.
Auch Caesar geriet mindestens in Verdacht. Es ist keines-
wegs ausgeschlossen, daß er den Verschwörern Mut machte,
schon damit das römische Leben nachhaltiger gestört und so
ein Anlaß erwachsen würde für eine bewaffnete Heimkehr
des Pompeius. Sallust schreibt: »Alle, die nicht die Sache
des Senats verfochten, wollten lieber, daß das Gemeinwesen
in Unordnung geriete, als daß sie selbst weniger Gewicht
hätten.«
Das Unglück der Verschwörer war aber, daß einer von ihnen
seine Geliebte ins Vertrauen zog und diese dem Consul ihre
Informationen weitergab. Es handelte sich um eine verheira-
tete Dame aus hohem Adel, deren Leidenschaft nicht mehr
Christian Meier – Caesar 233

32
Dann eröffnete der Consul – wie üblich
nachdem er geopfert und die Zustimmung
der Götter eingeholt hatte – von seinem
Podium aus die Sitzung. Man hatte sich
zu seiner Begrüßung erhoben; danach Platz
genommen auf den langen Bänken, deren
mehrere parallel zu den Längswänden stan-
den. Mutmaßliche Anordnung der Senato-
rensitze in der Curie.
Christian Meier – Caesar 234

so lebhaft war wie die ihres Liebhabers, welcher obendrein


so hohe Schulden hatte, daß sein Geld nicht einmal mehr
für üppige Geschenke reichte. Als sie darauf Miene machte,
ihn zu verschmähen, erging er sich in dunklen Andeutungen
über künftige Reichtümer und rückte dann auf Nachfrage mit
näheren Angaben über die Pläne der Verschwörer heraus.
»Diese so große Gefahr für die Republik«, schreibt Sallust,
»wollte sie nicht verborgen halten.« Vermutlich hatte sie auch
ein nüchternes Urteil über die Aussichten der Verschwörer.
Cicero beobachtete das Geschehen mit aller gebotenen Auf-
merksamkeit und entfaltete wohl mehr noch als den gebote-
nen Eifer. Als Neuling war er sorgfältig darauf bedacht, keine
Pflicht zu versäumen, sah aber trotz seiner Nervosität und
Aufregung zugleich eine Chance, Großes zu leisten. Am 21.
Oktober konnte er den Senat dazu bewegen, den Äußersten
Beschluß zu fassen, der ihn mit quasidictatorischen Vollmach-
ten ausstattete.
Am 27. Oktober brach in Etrurien der Aufruhr los. Der Senat
verfügte Aushebungen und setzte in verschiedene Gegenden
Italiens Militär in Bewegung. Die Verschwörer beschlossen,
Catilina solle sich zur Armee nach Etrurien begeben, die ande-
ren sollten den Aufruhr in der Stadt vorbereiten. Beginnen
sollte es mit der Beseitigung Ciceros. Doch als am 7. Novem-
ber frühmorgens die Attentäter mit ihrem Gefolge zu seiner
Visite kamen, fanden sie sein Haus scharf bewacht und mußten
unverrichteterdinge abziehen. Catilina erschien dennoch im
Senat; er war in Rom geblieben, um zu demonstrieren, daß
er mit dem Aufruhr in Etrurien nichts zu tun hätte. Vielleicht
auch hatte er sich alles offenhalten und abwarten wollen, wie
die Sache sich entwickelte. Aber die Senatoren empfingen ihn
abweisend, keiner wollte neben ihm sitzen, und Cicero attak-
kierte ihn so scharf, daß er beschloß, die Stadt zu verlassen.
In Etrurien legte er dann die Insignien des Consuls an und
übernahm den Oberbefehl über die Aufrührer-Armee. Er orga-
nisierte sie in zwei Legionen.
Aber noch immer konnten die Verschwörer in der Stadt
so leicht nicht überführt werden. Im Senat spottete man
Christian Meier – Caesar 235

schon über den großen Eifer, mit dem Cicero ständig die dro-
henden Gefahren beschwor, von denen er gehört habe. Endlich
gelang es, Briefe abzufangen, in denen sie einem gallischen
Volksstamm Konzessionen machten gegen die Zusage, Catilina
militärisch zu unterstützen. Außerdem hatten sie Boten abge-
sandt, die Catilina auffordern sollten, auch die Sklaven zu den
Waffen zu rufen – gedacht hatten sie wohl nicht zuletzt an die
Gladiatoren – und so rasch wie möglich auf Rom zu marschie-
ren. Man wollte die Stadt an verschiedenen Enden in Brand
setzen und in der um sich greifenden Verwirrung zahlreiche
Bürger ermorden. Catilina aber sollte bereit stehen, um sich
mit den Verschwörern in der Stadt zu vereinen.
Darauf wurden, es war am 3. Dezember, die fünf führenden
Verschwörer in den Senat geladen, überführt und bei verschie-
denen Senatoren in Haft gegeben. Am 4. Dezember wurden die
Beratungen fortgesetzt. Damals trat ein Mann auf, der erklärte,
Crassus habe ihn zu Catilina geschickt. Vermutlich in der
gleichen Sitzung beschuldigte Catulus zusammen mit einem
anderen Consular Caesar der Teilnahme. Es dürfte ein Rache-
akt für die Wahl zum Oberpriester gewesen sein, aber auch
ein Versuch, den unbequemen Mann bei dieser Gelegenheit
bloßzustellen, möglichst sogar aus dem Weg zu räumen. Die
führenden Senatoren trauten Caesar sehr vieles zu. Er war
unheimlich, nicht wie alle anderen; schien sich nicht in der
normalen, wenn auch aufgeweichten Wirklichkeit sein Teil zu
suchen, sondern allen möglichen Dingen nachzujagen und war
obendrein – im Unterschied etwa zu Catilina – nicht zu fassen.
Doch Cicero und die Senatsmehrheit wollten den Kreis der
Verschwörer isolieren; Cicero könnte auch gewußt haben, daß
Caesar nicht beteiligt war.
Am 5. Dezember trat der Senat zusammen, um zu
beschließen, was mit den fünf Gefangenen zu geschehen
habe. Die Sitzung fand im Concordia-Tempel statt, zu Füßen
des Capitols. Er stand – und seine Ruinen stehen noch –
gleich rechts der Treppe, die heute wie damals von dort aufs
Forum führt. Der Tempel war gut zu sichern und befand sich
außerdem gleich neben dem Mamertinum, dem Gefängnis, wo
Christian Meier – Caesar 236

die Gefangenen, falls ihr Tod beschlossen werden sollte, hätten


hingerichtet werden müssen. Und es sollte auch etwas von der
gnädigen Macht der vergöttlichten Eintracht auf die Sitzung
und von ihr auf das Volk ausgehen. Senatssitzungen mußten
in einem geweihten Raum stattfinden, sei es im Senatshaus,
der Curie, oder in einem Tempel. Und man wählte das Lokal
oft nach Maßgabe der praktischen und symbolischen Erforder-
nisse.
Cicero hatte eine große Mannschaft aus Rittern gesammelt
und aufgestellt, um Forum und Capitol zu bewachen. Was über
Catilinas Umsturzpläne bekannt geworden war, hatte die –
durch Ciceros reichen Freund Atticus gut unterrichtete – Rit-
terschaft alarmiert.
Diese Sicherungen waren um so mehr erforderlich, als
Freigelassene und Clienten der Verhafteten unter der Plebs
Männer zu werben begannen, um diese gewaltsam zu befreien.
Eine höchst angespannte Atmosphäre herrschte in der Stadt.
Gerüchte schwirrten durch die Luft, aufgeregte Meldungen,
richtige und falsche, jagten sich, Boten liefen hin und her. Hier
wurde dies, dort das gewußt, gemutmaßt, gesehen, gehört.
Neugierige, Interessierte, Mißtrauische, potentielle Unruhe-
stifter fanden sich zusammen, wohl in einiger Entfernung vom
gut bewachten Concordia-Tempel. Doch konnten sich daraus
leicht Demonstrationen des Unwillens zusammenbrauen.
Die Senatoren mußten sich, als sie dorthin kamen, schon
durch die Menge drängen und waren Fragen und Zurufen aus-
gesetzt. Dann eröffnete der Consul – wie üblich, nachdem er
geopfert und die Zustimmung der Götter eingeholt hatte –
von seinem Podium aus die Sitzung. Man hatte sich zu seiner
Begrüßung erhoben, danach Platz genommen auf den langen
Bänken, deren mehrere parallel zu den Längswänden stan-
den – in der Mitte blieb ein Gang frei; die Senatoren saßen
üblicherweise ohne feste Ordnung. Nachdem der Consul seinen
Bericht gegeben hatte, fragte er die versammelten Väter nach
der Reihenfolge von Rang und Anciennität, was sie über das
Geschick der Catilinarier beschließen wollten. Der Antrag des
ersten, eines der designierten Consuln, lautete: ultima poena,
Christian Meier – Caesar 237

die äußerste Strafe. Jeder mußte darunter die Todesstrafe ver-


stehen. Der andere designatus und die Consulare schlossen
sich dem an. So war es vermutlich in den Vorbesprechungen
verabredet worden. Man wollte kurzen Prozeß machen, ein
Exempel statuieren, wie es in Zeiten innerer Not noch immer
und mit Erfolg geschehen war. So konnte man am ehesten ver-
hindern, daß die Catilinarier weiteren Zulauf erhielten, daß
Unruhen in der Stadt um sich griffen, daß versucht wurde,
die Gefangenen zu befreien. So auch konnte man hoffen, den
Aufruhr allein zu meistern, bevor Pompeius aus dem Osten
zurückkam. Die Sache schien insoweit klar zu sein; aber es
sprachen nicht nur die rationalen Argumente mit, sondern
auch die Erregung, die Anspannung, die Empörung über die
ruchbar gewordenen Pläne. Das alles scheint sich zu einer
gewissen Leidenschaftlichkeit der Stellungnahmen gebündelt
zu haben. Man versicherte sich seiner Sache gegenseitig durch
Entschiedenheit.

Dann kommt die Umfrage an Caesar, den designierten Prae-


tor. Er erhebt sich und hält eine längere Rede, souverän und
mit äußerster Konzentration – wie berichtet wird –, mit seiner
hellen Stimme und der ihm eigenen Lebhaftigkeit der Gesten,
vielleicht auch mit der Anmut, die seinen Reden nachgerühmt
wird. Er muß Ruhe, vielleicht gar Kühle ausgestrahlt haben.
Caesar ist mit seinen Vorrednern weitgehend einig. Er ver-
urteilt Catilina und die Seinen scharf. Er spricht von der Not-
wendigkeit, sie schwer zu bestrafen, erklärt sogar, daß es keine
Strafe gebe, die so schwer, daß sie deren Verbrechen angemes-
sen sei. Er findet auch, daß der Senat das Recht habe, jede
Strafe, die ihm richtig erscheine, zu verhängen. Kein Einwand
gegen den Anspruch, zur Not alles beschließen zu können, was
die res publica rettet.
Aber nachdem er soweit – und wohl zur zunehmenden
Überraschung seiner Hörer – Übereinstimmung mit den Con-
sularen bekundet hat, bringt Caesar Zweifel vor. Er ergeht sich
in philosophischen Erörterungen über den Sinn des Todes, den
die unsterblichen Götter doch wohl, sei es als Naturnotwendig-
Christian Meier – Caesar 238

keit, sei es als Erlösung von Mühen und Nöten, nicht aber als
Strafe eingerichtet hätten. Und außerdem: Mit dem Tode sei
alles auf einmal vorbei. Seitdem man nicht mehr glaube, daß
Verbrecher nach dem Tod in der Unterwelt schwer zu leiden
hätten, sei das Ende nicht mehr zu fürchten. Caesar gibt zu
bedenken, wenn es ohnehin keine angemessene Strafe gebe,
wäre es doch besser, sich an die Gesetze zu halten, welche
es verböten, jemanden ohne ordentliches Gerichtsurteil mit
dem Tod zu bestrafen – und ihm übrigens auch dann noch
die Möglichkeit ließen, ins Exil zu gehen. Er weist darauf hin,
wie unbeliebt harte Strafen im Volk seien, wie sehr dieses an
seinem wichtigsten Freiheitsrecht hänge, und läßt durchblik-
ken, was alles Consul und Senat an Agitation, vielleicht auch
an Anklagen zu befürchten hätten, wenn sie den Beschluß
faßten und ausführten. Es müsse nur einer kommen, der sich
der so populären Sache wirkungsvoll annähme – wobei dann
auch der Gedanke an den noch unter Waffen stehenden Pom-
peius sich nahelegte. Nach Sallust hat er sich auch auf die
Altvorderen berufen, die die Todesstrafe abgeschafft hätten.
Und sie seien doch an Tüchtigkeit und Weisheit ihnen allen,
die sie hier säßen, überlegen. »Denn sie haben aus kleinen
Anfängen einen so großen Herrschaftsbereich geschaffen, den
wir, nachdem er mit soviel Tatkraft erworben, nur mehr mit
Mühe behaupten.« Außerdem diene die Todesstrafe, die in
diesem Fall zweifellos berechtigt sei, später als Präzedenz für
andere, die nicht einer solchen Notsituation konfrontiert seien.
Er schlage seinerseits eine Maßnahme vor, die viel schwerer
sei als die Todesstrafe: lebenslängliche Haft nämlich in den
verschiedenen Städten Italiens.
Haftstrafen kannte das römische Recht nicht; öffentliche
Gefängnisse hatte man höchstens für vorübergehende Festnah-
men gefährlicher Personen. Caesars Vorschlag läuft insofern
auf eine Sicherungsverwahrung hinaus. Er setzt auch schwere
Strafen für die Städte fest, falls deren Gefängnis etwa aufge-
brochen werden sollte. Cicero sagt nachher, Caesar umgebe
die Gefangenen mit schreckenerregenden Wachen. Er nähme
ihnen alle Hoffnung. Nie soll auch ein Antrag auf Erleichte-
Christian Meier – Caesar 239

rung oder Begnadigung der Gefangenen eingebracht werden


dürfen. Schließlich soll ihr Vermögen eingezogen werden.
Die Rede ist nicht überliefert, aber wir haben Anhalts-
punkte, um wenigstens die Argumente, wenn auch nicht deren
Reihenfolge zu rekonstruieren. Bedenkt man die Situation, die
auf den Beschluß der Todesstrafe gesammelte Erregung im
Senat, Caesars große Schwierigkeit und den Erfolg, den er
hatte, so erscheint es wohl als das wahrscheinlichste, daß er
zunächst, gedeckt durch die behauptete grundlegende Einig-
keit, einen ersten Angriff vortrug, um die Sicherheit der Gegner
zu erschüttern, dann die Angst freilegte, die hinter ihrer Ent-
schiedenheit lag, schließlich die Strenge und Härte seines Vor-
schlags scharf herausstellte, um zu zeigen, daß er ganz in
ihrem Sinne war: Die Todesstrafe war milde im Vergleich zur
lebenslänglichen Haft, sie setzte Consul und Senat größten
Gefahren aus, sie brachte nichts.
Caesar argumentierte, nachdem er der Teilnahme an der
Verschwörung verdächtigt worden war, aus schwieriger Situa-
tion heraus. Andere, die sich in ähnlicher Lage befanden,
waren gar nicht erst gekommen, wie zum Beispiel Crassus.
Jetzt distanzierte sich der Pontifex Maximus von den Catilina-
riern und tat zugleich alles zu ihrer Rettung, was im Moment
möglich war. Denn das Verbot späterer Begnadigung war
natürlich nicht viel wert. Er bekannte sich zu allen Rechten, die
der Senat mit dem senatus consultum ultimum beanspruchte,
versuchte aber zugleich, deren Wahrnehmung zu verhindern.
Er schlug harte Strafen vor und hielt sich doch streng an die
Gesetze, die eine Dauerhaft nicht verboten. Dabei war er ver-
gleichsweise milde und trat für das Freiheitsrecht der Provo-
cation ein, ganz wie es die populare Agitation wollte und wie
es seiner bisherigen Politik entsprach. Er vereitelte den Effekt
des statuierten Exempels und half damit, die Verschwörung zu
verlängern, so daß auch die Chancen für eine Rückberufung
des Pompeius samt seiner Armee stiegen. Er widersprach dem
Consul und der Senatsmehrheit und schien doch deren Inter-
essen besonders klug zu verfechten. Und je mehr er sie ver-
focht, um so betroffener machte er sie, indem er in ihnen die
Christian Meier – Caesar 240

Angst keimen ließ, daß sie unnötigerweise den Consul und sich
gefährdeten. Eine Angst, die sie ohnehin hatten, vergrößert um
den Schrecken, daß sie fast das Falsche getan hätten.
Was Caesar sagte, klang also überzeugend. Was er vorschlug,
war verführerisch. Und dabei lief es darauf hinaus, daß ein
schwerer Schlag gegen das vom Senat bis dahin behauptete
Recht geführt wurde, in Notfällen mit letzter Härte und not-
falls auch gegen die Gesetze zu verfahren. Ein Schlag auch
gegen den Versuch, endlich und in einer überzeugenden Sache
wieder einmal senatorische Entschiedenheit und Härte zu
demonstrieren.

Kein Zweifel, Caesar muß es genossen haben, daß er dem Senat


mit staatsmännischer Gebärde etwas empfehlen konnte, was
nach bisherigen Maßstäben und nach Ansicht seiner Führer so
gar nicht seinem Interesse entsprach. Und das in einer einzi-
gen Bekundung großer Verantwortung und mit unschuldiger
Miene. Entgegen den Meinungen, die die maßgebenden Sena-
toren bisher von ihm gehegt und über ihn geäußert hatten.
Irritierend also und um so ärgerlicher, je besser, je dichter
die Argumentation, je unangreifbarer die zur Schau getragene
Gesinnung. Cicero bemerkt, man sehe hier, welch Unterschied
bestehe zwischen der Leichtfertigkeit der Volksredner und
einem wirklich popularen Geist, der für das Wohl des Volkes
sorge. Gleichgültig, ob er das damals gesagt oder erst später
geschrieben hat, es bezeichnet die erregende, erwartungswid-
rige, aufreizende Kombination von popularis und Staatsmann,
welche Caesar damals so stark machte. Denn die Gesichts-
punkte des Gros der Senatoren waren nicht unbedingt die der
Führenden. Dieses Gros mochte sich durch ihn beeindrucken
lassen. Und Caesar muß ein erstaunliches Maß an Virtuosität
an den Tag gelegt haben.
Die Wirkung der Rede war ungeheuer. Die nach Caesar
Befragten stimmten fast ausnahmslos für seinen Antrag,
gegen die geschlossene Autorität der Consulare. Ein wohl ein-
maliger Vorgang. Man war froh, nichts Endgültiges beschließen,
Christian Meier – Caesar 241

keine Entschiedenheit in so schwieriger Frage aufbringen zu


müssen.
Darauf unterbricht der Consul die Debatte. In einer Rede
– der vierten catilinarischen – antwortet er auf Caesars
fürsorgliche Bedenken, auf die ängstlichen, verstohlenen Blicke
vieler Senatoren, die ihn trafen. Er erklärt, man möge auf ihn
keine Rücksicht nehmen, sich vielmehr allein vom Gemein-
wohl leiten lassen. Denn er bezieht natürlich alles auf sich und
seine Gefährdung. Aber die Angst und Unsicherheit hat auch
ihn schon gepackt, selbst sein Bruder ist sich nicht im klaren,
ob er wirklich meint, was er sagt. Zwischenrufe unterbrechen
ihn, es breitet sich der Zweifel aus, ob er überhaupt in der
Lage sei, solch einen Beschluß am gleichen Tag in die Tat
umzusetzen; ob es überhaupt tunlich sei, angesichts so unsi-
cherer Verhältnisse eine Entscheidung zu fällen. Unter diesen
Umständen beginnt Cicero eine neue Umfrage. Gleich der
erste bekundet, mit ultima poena habe er natürlich auch die
lebenslängliche Haft gemeint. Und trotz des Widerspruchs eini-
ger der Principes stimmt deren Mehrheit wie die der Praeto-
rier – Ciceros Bruder eingeschlossen – für Caesars Vorschlag.
Die Verfechter der Todesstrafe erweisen sich als so schwach,
daß es einer der Praetorier, Tiberius Claudius Nero, wagt, noch
einen Schritt weiterzugehen. Er beantragt: Man möge die Ent-
scheidung aufschieben, bis Catilina geschlagen sei. Dann solle
der Consul unter bewaffnetem Schutz aufs Neue berichten.
Damit wäre der Eindruck der Unschlüssigkeit, der Schwäche,
der Führungsunfähigkeit des Senats auf die Spitze getrieben
worden, wäre alles getan gewesen, um die Verschwörung am
Leben zu erhalten und zu ermutigen. Nero hat kurz vorher als
Legat unter Pompeius gedient, jetzt vertritt er ganz offenkun-
dig dessen Interessen. Auch dieser Vorschlag findet Zustim-
mung, der Consul ist machtlos. Die Anhänger der Todesstrafe
scheinen endgültig unterlegen zu sein.
Erst das Votum eines der Jüngsten, eines Hinterbänklers, des
zweiunddreißigjährigen designierten Volkstribunen Marcus
Cato wendet die Lage. Nochmal gibt es eine große Rede. Sie
geht mit Caesar, geht mit dem ganzen Haus hart ins Gericht.
Christian Meier – Caesar 242

33 Einfallsreich und durchaus unkonven-


tionell in seiner Taktik, in der Wahl seiner
Mittel; kein Stratege; unbeweglich und
äußerlich wie innerlich unangefochten in
seiner Zielsetzung. Marcus Porcius Cato.
Inschriftlich bezeichnete Bildnisbüste des
1. Jahrhunderts n. Chr. nach dem Vorbild
eines zeitgenössischen Porträts. Rabat,
Archäologisches Museum.

Rücksichtslos werden die Väter beschämt. Für Cato ist die


Sache ganz klar. Und entsprechend verficht er sie: Einen solch
unerhörten Anschlag darf man sich nicht bieten lassen, man
muß ihn aufs schärfste ahnden, muß ein Beispiel setzen. Mit
der falschen Rücksicht muß es ein Ende haben. Er redet den
Senatoren derart ins Gewissen, daß sie sich umstimmen lassen.
Nach senatorischer Sitte erhebt sich der eine und der andere
und stellt sich zu ihm, auf seine Seite. Die Zahl der Beitre-
tenden schlägt zur Mehrheit um. Es wird beschlossen, die
Christian Meier – Caesar 243

fünf Catilinarier hinzurichten. Übrigens ist eine pikante kleine


Szene am Rande zu vermerken. Während Cato sprach und
Caesar der Komplizenschaft mit den Catilinariern verdächtigte,
wurde diesem ein Brief zugesteckt. Sogleich schöpfte Cato Ver-
dacht und warf ihm vor, Caesar lasse sich selbst in den Senat
von den Feinden des Gemeinwesens Botschaften zusenden. Er
verlangte, daß der Brief verlesen werde. Da reichte ihm Caesar
mit einem amüsierten Lächeln das anzügliche Billet d’amour
von Catos Halbschwester Servilia.
Caesar scheint mit Cato in einen heftigen Wortwechsel gera-
ten zu sein – es soll eine solche Erregung entstanden sein, daß
einige junge Ritter von der Wachmannschaft eingriffen und
Caesar fast erschlagen hätten. Einige Quellen berichten, diese
Szene habe sich beim Ausgang abgespielt. Mit knapper Not
und besonders, weil Cicero dazwischentrat, sei Caesar geret-
tet worden. Später haben manche der alten Senatoren Cicero
einen Vorwurf daraus gemacht.
Zum ersten Mal, soweit wir wissen, standen damals die
beiden stärksten Charaktere der späten Republik gegeneinan-
der, der seit dieser Rede entschiedenste Verfechter der Senats-
politik und ihr bald gefährlichster Gegner. Es war – mit einer
Ausnahme im Jahre 59 – das einzige Mal, daß Caesar, bevor
er im Bürgerkrieg Herr über Rom wurde, gute Aussicht hatte,
den ganzen Senat zu überzeugen; und dazu in einer sehr zen-
tralen Frage. Man sollte aber nicht verkennen, was es bedeu-
tete, daß hier die Dinge auf Messers Schneide standen. Daß
hier nicht nur zwischen Caesar und Cato, sondern wohl auch
zwischen zwei ganz verschiedenen Möglichkeiten senatori-
scher Politik die Entscheidung offen war. Das ergibt sich, wenn
man bedenkt, wie folgenreich Catos Sieg war, wie folgenreich
Caesars Eingreifen, das diesen Sieg erst ermöglichte. Wieviel
hier gar nicht schicksalhaft war, sondern durch den großen
Auftritt dieses außerordentlichen Mannes bestimmt wurde
am Gang der Ereignisse, an den Ausgangspositionen für die
Rückkehr des Pompeius und für die Zukunft der Republik in
dem Jahrzehnt, das sie noch zu bestehen hatte. Es sollte sehr
rasch deutlich werden.
Christian Meier – Caesar 244

Sallust hat Caesar und Cato bei dieser Gelegenheit neben-


und gegeneinander gewürdigt. In vielem waren sie einander
fast ebenbürtig, in Herkunft, Alter, Beredsamkeit, »Großge-
sinntheit« (magnitudo animi) und Ruhm. »Caesar galt als
groß durch Spenden und Freigiebigkeit, Cato durch die Unbe-
scholtenheit seines Lebens. Jener wurde durch Milde und Mit-
leid berühmt, diesem hatte die Strenge seinen Rang verlie-
hen. Caesar erlangte Ruhm durch Geben, Helfen, Verzeihen,
Cato, indem er nichts verschwendete. In dem einen fanden
die Armen ihre Zuflucht, in dem anderen die Bösen ihr
Verderben. An jenem wurde die elastische Leichtigkeit, an
diesem die unerschütterlich feste Haltung gelobt.« Man könnte
auch von Caesars Sinn für das Angebrachte und von Catos
unerschütterlichem Festhalten am Hergebrachten sprechen.
»Endlich hatte Caesar es sich zum Grundsatz gemacht, tätig
und wachsam zu sein, um die Angelegenheiten der Freunde
bemüht die eigenen zu vernachlässigen, nichts abzuschlagen,
was eines Geschenks würdig wäre; für sich wünschte er ein
großes Kommando, ein Heer, einen neuen Krieg, wo seine Tat-
kraft glänzen konnte. Cato richtete sein Streben auf Maßhalten,
Anständigkeit, vor allem aber auf Strenge; er wetteiferte nicht
um Reichtum mit dem Reichen und nicht um Einfluß mit dem
Intriganten, sondern mit dem Tüchtigen um Manneswert, mit
dem Maßvollen um Zucht, mit dem Unbescholtenen um Selbst-
losigkeit; er wollte lieber gut sein als scheinen. So folgte ihm
der Ruhm, je weniger er ihn suchte.«
Es ist römisch und sallustisch, wie sehr hier das Moralische
im Vordergrund der Würdigung, zumal bei Cato steht; aber es
ist nicht ganz unangemessen. Cato machte nämlich aus der
Moral ein Programm. Da alle den Grund für den Niedergang
der Zeit im moralischen Versagen sahen, zog er die Folgerung,
daß man sich eben nach alter Römerart zu benehmen und die
anderen zu veranlassen habe, das gleiche zu tun. Er war eine
starke, unerschütterliche Natur, wurzelnd in der stoischen
Philosophie, die er bis zur Lächerlichkeit konsequent prakti-
zierte, felsenfest von der Richtigkeit seiner Politik überzeugt.
Einfallsreich und durchaus unkonventionell in seiner Taktik,
Christian Meier – Caesar 245

in der Wahl seiner Mittel; kein Stratege; unbeweglich und


äußerlich wie innerlich unangefochten in seiner Zielsetzung:
Nichts dürfe geneuert werden; jeden Zentimeter der alten Ord-
nung müsse man behaupten und verteidigen.
So waren Caesar und Cato zwei grundverschiedene Expo-
nenten der römischen Aristokratie. Jeder von ihnen vereinsei-
tigte bestimmte Züge, die eher zusammengehörten; und sie
vereinseitigten sie auf die Dauer bis ins Perverse hinein. Catos
Position verbindet sich für uns mit der senatorischen; schon
weil er zum Vorkämpfer des Senats wurde und weil er am
Alten hing und festhielt. Aber Caesar neigte keineswegs dem
Neuen zu; er verschloß sich nur nicht dagegen. Wenn Cato für
die Republik war, so war Caesar nicht gegen sie; er handelte
nur viel freier, und das hatte zuletzt Konsequenzen für deren
Bestand. Cato dachte von innen, Caesar eher von außen. Cato
wollte die Republik bewahren, Caesar sich in ihr entfalten. Er
nahm sie als Gegebenheit, während sie für Cato etwas zu Ver-
teidigendes und Wiederherzustellendes war.
Vermutlich hätte Cato ohnehin in der späten Republik
eine wichtige Rolle gespielt. Aber es ist doch sehr die Frage,
ob er dies ohne Caesar damals schon begonnen hätte. Erst
Caesars so ungemein erfolgreiches Eingreifen, durch das die
Autoritätsverhältnisse im Senat umgestürzt wurden, bot ihm
die Möglichkeit zu dem Sieg, der ihm sofort so große Autorität
verschaffte. Und darauf folgte gleich ein zweiter großer Erfolg.
Auch dabei hatte Caesar mitgewirkt, und eben das hatte weit-
reichende Konsequenzen.
Hätte sich die durch Caesar verfochtene Möglichkeit senato-
rischer Politik am 5. Dezember 63 durchgesetzt, so hätte sich
der Senat in der Folgezeit den Forderungen des Pompeius ver-
mutlich nicht so entschieden verweigert. Dann aber wäre die
Chance für Caesars großen Aufstieg vermutlich gar nicht erst
entstanden. Und die Schwäche des Senats war jedenfalls die
beste Voraussetzung für das Andauern seines Regimes. Caesar
handelte also objektiv viel mehr in dessen Sinne als Cato.
Beide wußten freilich nicht, was sie taten. Die allgemeine Auf-
fassung war, daß der Senat stark zu sein hatte, um regieren
Christian Meier – Caesar 246

zu können. Vom weiteren Ablauf her gesehen, liegt eine tiefe


Ironie in dem Geschehen: Indem Caesar mit seiner wohl eher
auf den Augenblick, auf die Forderungen popularer Politik und
Pompeius’ Interessen gerichteten glanzvollen Bemühung nicht
nur scheiterte, sondern auch Cato mächtig machte, schuf er die
Voraussetzung für den Konflikt, aus dem heraus sein Aufstieg
möglich wurde. Da man kaum annehmen kann, daß er so weit
in die Zukunft plante, läuft es darauf hinaus, daß Caesar wie
Cato im Endeffekt genau das erreichten, was sie nicht wollten.

Die Catilinarier wurden gleich nach dem Senatsbeschluß aus


den Häusern, in denen sie, jeder für sich, festgesetzt worden
waren, geholt. Durch die schweigende Menge auf dem Forum
steuerten die fünf Gruppen auf das Gefängnis zu. Dort ließ
Cicero die Gefangenen erdrosseln. Draußen teilte er dem Volk
mit: »Sie haben gelebt.« Als Held des Tages wurde er feierlich
nach Hause geleitet, überall waren Lampen und Fackeln ange-
bracht, die Spannung hatte sich gelöst. Was an Sympathie für
Catilina und seine Pläne vorhanden gewesen war, war gewi-
chen, seit deutlich wurde, daß die Catilinarier Feuer in der
Stadt hatten legen wollen. Dann hatte man voll Schaudern die
Demonstration senatorischer Macht erlebt. Jetzt öffnete man
sich befreit der Suggestion des Geschehens.
Das Todesurteil hat auf die in Etrurien stehenden
Aufständischen eine verheerende Wirkung geübt. Viele ent-
fernten sich; nur ein harter Kern versuchte, geschlossen nach
Norden auszubrechen. Im Januar wurde er besiegt und aufge-
rieben. Catilina fiel nach tapferem Kampf.
Dies war zwar am 10. Dezember, als die neuen Volkstribu-
nen ihr Amt antraten, noch nicht abzusehen, zumal die wichtig-
ste Armee dem Consul Antonius, Catilinas altem Verbündeten
unterstellt war. Gleichwohl konnte es kaum für wahrscheinlich
gehalten werden, daß Catilina sich noch bis zur Rückkunft des
Pompeius hätte halten können.
Aber Nepos stellte sogleich den Antrag, den Feldherrn
zur Wiederherstellung der Ordnung mit der Armee nach Ita-
lien zu holen. Zur Vorbereitung richtete er massive Angriffe
Christian Meier – Caesar 247

gegen Cicero, dem er vorwarf, gegen die Provocationsgesetze


verstoßen zu haben. Er scheint angekündigt zu haben, daß
Pompeius für die Bestrafung der Schuldigen sorgen werde. So
meinte er wohl am ehesten, die neubegründete starke Macht
des Senats erschüttern zu können. Doch Cicero ließ eine Hee-
resabteilung vor Rom legen. Der Senat beschloß, daß, wer die
an der Hinrichtung der Catilinarier Beteiligten zur Rechen-
schaft ziehe, als ein Feind der Republik anzusehen sei. Die
Ritter unterstützten diese Politik. Überdies veranlaßte Cato
den Senat, eine erhebliche Verbesserung der Getreideversor-
gung für die Plebs vorzunehmen. Daher versuchte Nepos,
seinen Antrag mit Gewalt durchzubringen. Seine Anhänger
besetzten das Forum, verdrängten die Gegner. Die Aufgänge
zum Castor-Tempel, wo er, von Caesar unterstützt, der Ver-
sammlung präsidierte und wo die Abstimmung stattfinden
sollte, waren von Gladiatoren besetzt. Cato konnte sich nur
mühsam dorthin durchkämpfen. Als er gegen die Verlesung
des Antrags durch den Herold intercedierte, trug Nepos den
Antrag selber vor; Cato riß ihm das Schriftstück aus der Hand;
als Nepos dann auswendig fortfuhr, hielt ihm ein anderer
Tribun den Mund zu. Darauf begannen Bewaffnete die Tribüne
zu stürmen. Doch Cato hielt stand. Seine Anhänger wurden
in die Flucht geschlagen, kehrten aber – durch sein Beispiel
ermutigt – wieder zurück. Schließlich gab Nepos nach einigen
weiteren Auseinandersetzungen und, nachdem der Senat den
Äußersten Beschluß gefaßt hatte, auf, hielt eine drohende
Rede, in der er sich über die Tyrannei in Rom beklagte, und
floh zu Pompeius. Wir wissen nicht, ob das von vornherein vor-
gesehen war, um Pompeius den Vorwand zu liefern, sich gege-
benenfalls zum Vorkämpfer der Volkstribunen zu machen und
auf Rom marschieren zu können.
Nepos’ Mission war also gescheitert, Cato hatte seinen zwei-
ten großen Sieg errungen. Eben damit war der künftige Gegen-
satz zwischen Pompeius und dem Senat schon nahezu instal-
liert. Mag sein, daß der Senat ohnehin, nachdem Pompeius
sich die beiden großen Kommandos ertrotzt hatte, nicht mehr
so einfach bereit gewesen wäre, ihm entgegenzukommen. Aber
Christian Meier – Caesar 248

34 Teil eines Triumphzuges. Auf einer Trag-


bahre (ferculum) werden zwei gefesselte
Barbaren vorgeführt, zwischen ihnen eine
Trophäe; rechts im Bild bläst ein Trom-
peter zum Aufbruch. Fragment vom Fries
des frühaugusteischen Apollo-Tempels beim
Marcellus-Theater. Rom, Konservatorenpa-
last.

seine Schwäche und die Furcht vor Pompeius hätten ihn viel-
leicht doch zu einigen Zugeständnissen gebracht. Jetzt aber,
nachdem ihn Nepos so sehr herausgefordert, nachdem der
Senat so sehr an Stärke und Zuversicht und der junge Cato
so sehr an Autorität gewonnen hatte, war an Ausgleich kaum
mehr zu denken. Dadurch vor allem ging die Episode der catili-
narischen Verschwörung, gingen aber auch Caesars vielfältige,
kräftige Einwirkungen in die Politik der folgenden Monate und
Jahre ein.
Pompeius ließ im Frühjahr verlauten, daß er friedlich,
also ohne Legionen heimkehren wolle. Er wollte allen
Verdächtigungen, wie sie zum Teil absichtlich ausgestreut
wurden, entgegentreten, wollte sich auch von Nepos’ Drohun-
gen distanzieren. Als er den Senat bat, die Wahlen bis zu seiner
Ankunft zu verschieben – angeblich wollte er dabei für einen
Freund eintreten, in Wirklichkeit wohl selber kandidieren –,
war die Mehrheit dafür. Aber Cato hat es verhindert. Man kam
Pompeius nur ein Stück weit entgegen: indem man die Wahlen
bis zum Eintreffen seines Freundes verschob.

Ende Dezember 62 landete Pompeius in Brundisium, dem heu-


Christian Meier – Caesar 249

tigen Brindisi. Er entließ seine Truppen; später, so sagte er


ihnen, wolle er sie zum Triumph nach Rom holen. Zu Zeiten
Mommsens hat man die Entlassung nicht verstanden, weil man
es für selbstverständlich hielt, daß Pompeius nach der Krone
hätte greifen müssen. Inzwischen weiß man, daß eine Mon-
archie damals nur auf roher Gewalt hätte errichtet werden
und wenig dauerhaft sein können; wahrscheinlich war daran
nicht einmal zu denken. Ein Einmarsch konnte sich höchstens
empfehlen, um im Sinne bestimmter Forderungen Druck
auszuüben. Pompeius mußte jetzt ja die Versorgung seiner
Veteranen mit Land und die Bestätigung seiner Neuordnung
im Osten erreichen. Er scheint es nicht für möglich gehalten
zu haben, daß man ihm die Erfüllung dieser Forderungen ver-
sagte, oder genauer vielleicht: er hielt es nicht für so wahr-
scheinlich, daß er darüber die Kritik, Ablehnung und Feind-
schaft hätte riskieren wollen, mit der man in Italien einem
gewaltsamen Zug auf Rom begegnet wäre. Überall wurde er
darauf großzügig geehrt und empfangen. Dann aber geriet er
in den politischen Alltag, fand sich kaum zurecht, bewegte sich
höchst ungeschickt und erlitt eine Schlappe nach der ande-
ren.
Um so glanzvoller war sein Triumph Ende September 61,
der dritte, gefeiert über die Seeräuber und die östlichen Reiche.
Nach Afrika und Spanien hatte er nun auch Asien besiegt. Der
Zug wurde auf zwei Tage verteilt, so viel war zu zeigen. Und
es war dennoch nicht möglich, die ganze Beute vorzuführen.
Auf großen Tafeln waren die besiegten Länder und Völker
verzeichnet: Pontos, Armenien, Paphlagonien, Kappadokien,
Medien, Kolchis, die Iberer, die Albaner, Syrien, Kilikien,
Mesopotamien, Phoenikien und Palaestina, Judaea, Arabien
und die Gesamtheit der Seeräuber, die er zu Wasser und zu
Lande niedergekämpft hatte. Auf anderen Tafeln wurde mit-
geteilt, daß die öffentlichen Einnahmen sich durch Pompeius’
Eroberungen von fünfzig auf fünfundachtzig Millionen Denare
jährlich erhöht hätten; daß Pompeius zwanzig Talente an Gold
und Silber an das Aerar abliefere, nicht gerechnet die Beutean-
teile der Soldaten. Auf großen Schaubildern waren seine Siege
Christian Meier – Caesar 250

dargestellt, auch der Tod des Mithridates. Mehrere besiegte


Könige und Mitglieder ihrer Familien gingen vor Pompeius’
Triumphalwagen einher. Er selbst trug einen Mantel Alexan-
ders des Großen, den er im Schatz des Mithridates erbeutet
hatte. Darin dokumentierte sich der Übergang der Weltherr-
schaft von den Makedonen auf die Römer. Es folgten die hohen
Senatoren, die unter Pompeius als Legaten gedient hatten.
Aus den Beutegeldern hatte Pompeius einen Minerva-Tem-
pel zu bauen gelobt. Dort erklärte er später stolz auf einer
Inschrift: »Cn. Pompeius der Imperator hat, nachdem der
dreißigjährige Krieg beendet, 12.183.000 Menschen geschlagen,
getötet, zur Unterwerfung angenommen, 846 Schiffe versenkt
oder erbeutet, 1.538 Städte und Burgen ins Treueverhältnis
aufgenommen, die Länder vom Asowschen bis zum Roten
Meer unterworfen, sein Gelübde der Minerva nach Verdienst
erfüllt.« Cicero hatte schon 63 erklärt, daß jetzt die Grenzen
der römischen Herrschaft nicht mehr auf der Erde zu finden,
sondern durch den Himmel bestimmt seien.
Großartig also erschien Pompeius’ Leistung, sein Rang. Das
war die Wirklichkeit, in der er etwas geleistet hatte, in der er
lebte. Dem hatte es entsprochen, wenn ihm bewilligt worden
war, daß er bei den öffentlichen Spielen das Triumphalkleid
anlegen, sich also stets neu als der große Sieger präsentieren
dürfte. Man kann gewiß annehmen, daß der imperiale Stolz,
der sich darin zeigte, auch vom römischen Volk geteilt wurde,
in diesen schlechten Zeiten der Republik, im Elend seines
täglichen Lebens.
Aber in Rom wurde die Wirklichkeit primär von der Aristo-
kratie geprägt, und die war durch Pompeius’ Leistung wenig
beeindruckt. Als er zum ersten Mal bei den Spielen das Tri-
umphalkleid trug, erregte das soviel Kritik, daß er in Zukunft
darauf verzichtete; zum Triumph hat er nicht einmal seine Sol-
daten einberufen. Möglicherweise fürchtete er deren Unwillen,
weil noch nichts für ihre Versorgung geschehen war.
In dieser Aristokratie gab es mehr und weniger Bewährte,
mehr und weniger Einflußreiche. Aber es sollte keiner eine
Vorzugsstellung bekleiden, geschweige denn manifestieren, die
Christian Meier – Caesar 251

über die des primus inter pares hinausging. Der Senat wei-
gerte sich auch, Pompeius’ Anordnungen im Osten in Bausch
und Bogen zu bestätigen, er bestand darauf, sie eine nach der
anderen zu prüfen. Dem wollte sich Pompeius nicht aussetzen,
da er einen endlosen Kampf voraussah, in dem ihm die Gegner
zermürbend hätten zusetzen können. Lucullus brannte darauf,
mit ihm abzurechnen, Crassus befehdete ihn heftig.
Der Widerstand gegen den Gesetzesantrag zur Ansiedlung
der Veteranen war nicht weniger heftig. Man hätte ihn brechen
können; der Antragsteller war auch schon im Begriff dazu.
Aber Pompeius schreckte zurück und wagte es auch jetzt nicht,
die Veteranen herbeizurufen. Er wollte nicht als Rechtsbrecher
dastehen. So war er mit seinen beiden dringenden Forderun-
gen gescheitert, als Caesar Mitte 60 aus Spanien zurückkam
und sich um das Consulat bewerben wollte.
Caesar hatte im Jahre 62 seine Praetur in Rom verwaltet.
Gleich am 1. Januar hatte er wieder für Aufregung, ja Empörung
gesorgt. Er beantragte nämlich, daß Catulus, der Erste der
Senatoren, Rechenschaft ablege über den Wiederaufbau des
capitolinischen Tempels und daß man den Auftrag an jemand
anderen – gemeint war offenbar Pompeius – weitergebe. Er
verwehrte es ihm, sich von der Rednertribüne aus dazu zu
äußern. Es war eine unerhörte Demütigung, daß der würdige
alte Herr zu Caesars Füßen zu sprechen hatte. Der Antrag
stellte offenbar die Rache für die Verdächtigungen dar, die
Catulus gegen ihn anläßlich der catilinarischen Verschwörung
vorgebracht hatte. Der Pontifex Maximus und Praetor ließ sich
nichts bieten. Er vergalt Auge um Auge, Zahn um Zahn, ganz
kleinlich. Er fiel zurück aus der ruhigen Überlegenheit der
Rede vom 5. Dezember 63 in seine agitatorischen Anfänge.
Auf den starken Widerstand der Senatoren hin gab er seine
Attacke auf, sie hatte ihren Zweck erfüllt. Catulus hatte mit
seinen Verdächtigungen ja auch keinen Erfolg gehabt.
Nach den bewaffneten Auseinandersetzungen um den
Antrag des Nepos hatte man Caesar, wie Nepos selbst, von
seinem Amt suspendiert. Das mag Teil der sehr entschiede-
nen Politik Catos gewesen sein, vielleicht aber auch Ausdruck
Christian Meier – Caesar 252

des Ärgers der Senatsmehrheit über seine zunehmend her-


ausfordernden Angriffe. Er erachtete es für rechtswidrig und
fuhr fort, Gericht zu halten. Als er aber hörte, daß der Senat
seinen Willen mit Gewalt durchsetzen wollte, legte er seine
Toga Praetexta ab und begab sich nach Hause. Zwei Tage
später versammelte sich dort »spontan« eine Volksmenge, um
gegen seine Suspendierung zu protestieren. Er aber beschwich-
tigte sie, und das wiederum nahm der Senat zum willkomme-
nen Anlaß, ihm zu danken und in seinen Magistrat wieder ein-
zusetzen. Als er neuerdings von Denunzianten der Teilnahme
an der catilinarischen Verschwörung beschuldigt wurde, schritt
er energisch gegen sie ein, warf den einen ins Gefängnis und
veranlaßte, daß die dem anderen verheißenen Prämien nicht
ausgezahlt wurden. Im übrigen ist aus seinem Amtsjahr nur
bekannt, daß er einen Afrikaner gegen die Ansprüche seines
Königs so vehement verteidigte, daß er den Königssohn, der
die Sache vertrat, am Bart zog. Sein Client wurde zwar für
tributpflichtig erklärt, aber als der Gegner seine Hand auf
ihn legen wollte, versteckte Caesar ihn und ließ ihn dann in
der eigenen Sänfte nach Spanien bringen. Solche Geschichten
wurden gern erzählt. Man merkte daran, wie sehr Caesar sich
für die Seinen einsetzte. Und der Eindruck war nicht falsch: Er
war wirklich ein sehr verläßlicher Freund.
Am Ende des Jahres 62 kam es in seinem Hause zu einem
intimen Skandal. Während dort das nur für Frauen zugängliche
Bona-Dea-Fest gefeiert wurde, schlich sich Publius Clodius
verkleidet ein, angeblich um so mit Caesars Frau ungestört
Zusammensein zu können. Es wurde versucht, den Vorfall zu
vertuschen oder herunterzuspielen; als das nicht gelang, weil
Cicero und andere darauf bestanden, den unerhörten Religi-
onsfrevel zu ahnden, gab es Auseinandersetzungen darüber,
wie das Gericht zu bilden sei, vor das Clodius gestellt werden
sollte. Aber dessen Freunde verhinderten zuerst ein Gesetz,
das für ein zuverlässiges Gericht gesorgt hätte, dann besta-
chen sie den Geschworenenhof, der danach zustande gekom-
men war, so daß er Clodius freisprach. Das Geld kam von Cras-
sus, welcher hoffte, in dem recht verwegenen, rücksichtslosen
Christian Meier – Caesar 253

Mann einen wertvollen Helfer zu finden. Caesar behauptete,


von der ganzen Geschichte nichts zu wissen, ließ sich aber
von seiner Frau scheiden. Auf Fragen erwiderte er, seine
Angehörigen müßten auch von Verdacht frei sein.
Im Jahre 61 übernahm er die Statthalterschaft Hispania
Ulterior, die ihr Zentrum im südlichen Spanien hatte. In aller
Eile wollte er aufbrechen, noch bevor ihm die Gelder dafür
angewiesen waren. Seine Abreise wurde jedoch durch seine
Gläubiger verzögert, die ihn festhielten. Es blieb ihm nichts
anderes übrig, als Crassus um Hilfe zu bitten. Der verbürgte
sich für 830 Talente, eine riesige Summe: es war etwa der achte
Teil dessen, was Crassus selbst besaß, und Crassus war der
reichste Mann Roms.
Beim Übergang über die Alpen kam Caesar in einem arm-
seligen kleinen Nest mit seinen Begleitern in ein Gespräch
darüber, ob man sich dort wohl auch um Ämter streite. Da soll
er in vollem Ernst erklärt haben: »Ich wenigstens wollte lieber
hier der Erste als in Rom der Zweite sein.«
Bald nach der Ankunft in der Provinz zog er gegen einige
Völkerstämme im heutigen Portugal und in Nordwestspanien
zu Felde. Zum Teil hatte er dazu neue Truppen aufgestellt. Er
ging mit großer Energie und Geschick vor, machte sehr viel
Beute und Eroberungen. Älterem Herkommen folgend akkla-
mierten ihm die Soldaten nach einem Gefecht als Imperator.
Das war der Titel, den jeder römische Feldherr trug, aber die
Akklamation stellte die eigentliche Ehrung des Siegers in einer
Schlacht dar. Auf Caesars Bericht hin beschloß der Senat ihm
einen Triumph.
Während sich Caesar um die Verwaltung und Rechtspre-
chung in der Provinz kümmerte, fand er für einen alten Kon-
flikt zwischen Gläubigern und Schuldnern die Lösung: Die
Schuldner sollten pro Jahr nicht mehr – aber auch nicht weni-
ger – als zwei Drittel ihrer Einkünfte zahlen, bis die Schuld
getilgt sei. Caesar erwirkte auch die Kassation einer in den
siebziger Jahren der Provinz auferlegten Sondersteuer beim
Senat und begründete damit ein Patronat über sie. Während
der Statthalterschaft muß er viel Geld zusammengebracht,
Christian Meier – Caesar 254

eine Quelle berichtet sogar: »zusammengebettelt«, auch soll


er einige Siedlungen geplündert haben. Bei seiner Rückkehr
waren seine finanziellen Verhältnisse jedenfalls wesentlich
besser als vorher.
Ohne noch einen Nachfolger abzuwarten, brach er schließlich
im Frühjahr 60 in aller Eile nach Rom auf. Er wußte inzwi-
schen, daß Pompeius mit seinen beiden, für ihn so wichtigen
Forderungen immer noch nicht durchgekommen war, und er
sah die Chance, sich ihrer gegen eine hohe Prämie anzuneh-
men. Denn für 59 konnte er sich um das Consulat bewerben.
Die Gegner, Cato und seine Verbündeten, sahen es mit großer
Sorge.

Durch die Bewilligung des Triumphes war Caesar in eine


schwierige Lage gekommen. Wenn er ihn feiern wollte – und
er begann gleich nach der Rückkehr im Frühsommer mit
den Vorbereitungen –, mußte er zunächst vor der geheiligten
Stadtgrenze bleiben. Erst am Tag des Triumphes durfte er sie
überschreiten. Seine Bewerbung um das Consulat aber mußte
er Anfang Juli in der Stadt anmelden. Bis dahin konnte er
nicht triumphiert haben. Sollte er darauf verzichten? Um
die Kandidatur für ihn weniger anziehend zu machen, hatte der
Senat die »Wälder und Triften Italiens« als Provinzen für die
Consuln des nächsten Jahres festgesetzt, ‘zwei Sinekuren, bei
denen nichts zu holen war, beleidigend gleichgültig. Wir kennen
keinen auch nur entfernt ähnlichen Provinzen-Beschluß des
Senats. Am ehesten vergleichbar war es, als man einmal einen
Consul in eine Provinz sandte, um ihn davon abzuhalten, ein
unbequemes Gesetz, das er beantragt hatte, durchzusetzen.
Aber das war ein ehrenvoller Auftrag, und der Senat reagierte
nur. Hier dagegen handelte er präventiv, abschreckend, er
verhängte gleichsam eine Strafe für die Kandidatur zum Con-
sulat.
Doch ließ sich Caesar dadurch nicht abhalten. Er bat den
Senat um die Erlaubnis, sich in Abwesenheit bewerben zu
dürfen. Eine Mehrheit von Senatoren scheint bereit gewesen
zu sein, ihm entgegenzukommen. Daraufhin hielt Cato eine
Christian Meier – Caesar 255

Dauerrede, er filibusterte und war nicht fertig, bevor die Sonne


unterging. Es konnte also kein Beschluß gefaßt werden. Am
nächsten Morgen gab Caesar den Triumph auf und meldete
beim Wahlleiter seine Kandidatur an. Merkwürdig, daß die
Senatsmehrheit zwar bereit war, die »Wälder und Triften«
als Provinzen zu beschließen, nicht jedoch Caesars Antrag
auf Dispens abzulehnen. Hatte sich inzwischen die Situation
geändert, so daß man jetzt besser als vorher sah, wie aus-
sichtsreich Caesars Kandidatur war – so daß viele es mit ihm
nicht verderben wollten? Oder hatten Caesars Freunde sich
jetzt stärker ins Mittel gelegt? Pompeius hatte vielleicht nichts
gegen den Provinzenbeschluß, weil er Caesar eher von ihm
abhängig machte, aber er hatte viel gegen eine Verzögerung
seiner Bewerbung.
Es ist jedenfalls schwer zu verstehen, wie man meinen
konnte, Caesar werde sich durch so kleinliche Schikanen von
so großen Aussichten abhalten lassen. Denn es war die Chance
seines Lebens, die sich ihm hier bot. Pompeius war auf ihn
angewiesen. Er mußte – nach so vielen Niederlagen – dazu
zu bringen sein, alles an Unterstützung zu mobilisieren, um
mit Caesars Hilfe bei der Volksversammlung zum Erfolg zu
kommen. Er mußte bereit sein, ihm eine Gegenleistung zu
bieten. Caesar aber wollte, wie sich dann zeigte, eine Provinz
bekommen, von der aus er große Eroberungen machen konnte.
Es gab keine andere Möglichkeit, außerordentlichen Machtge-
winn zu erzielen; Ruhm, Reichtum, eine große Gefolgschaft
an Veteranen; keine andere Möglichkeit, sich so zu bewähren,
fern von allen aufreizenden Beengungen der Oligarchie, von
allen Kleinlichkeiten stadtrömischer Politik. Wenn Pompeius’
Forderungen durchgesetzt wurden, mußte auch ein entspre-
chendes Provinzen-Gesetz durchzusetzen sein.
Konnten Cato und seine Verbündeten diese Pläne Caesars
damals nicht wenigstens vermuten? Zwar wäre es etwas ganz
Neues gewesen, daß ein großes Sonderkommando eingerichtet
würde, wo gar kein Krieg war. Vorher waren immer die Kriege
vor den Sonderkommandos dagewesen. Aber der Gedanke
an eine solche Möglichkeit kann doch wohl die Phantasie
Christian Meier – Caesar 256

der Gegner nicht überstiegen haben. Jedenfalls hat Cato,


was immer er über Caesars Pläne dachte, auf die vielfältigen
Obstruktionsmittel und die Überlegenheit des Senats gebaut,
die sich bis dahin noch fast immer letztlich bewährt hatten.
Er wollte, getreu seinem Programm, jeden Zentimeter der
alten Ordnung verteidigen. Und er wollte die Dinge nicht an
sich herankommen lassen, sondern vorbeugen. Er konnte von
Caesar nichts Gutes erwarten. Daher bekämpfte er ihn schon
jetzt systematisch. Seinerseits und von Senats wegen legte er
ihn auf seine Außenseiterrolle fest. Roms Aristokraten haben
sich zu allen Zeiten nach Kräften gegenseitig ausgestochen.
Aber sie hatten dabei in aller Regel bestimmte Grenzen einge-
halten. Es gab einen Wettbewerb um jede Position. Doch hatte
jeder grundsätzlich die gleichen Chancen, dahin zu gelangen.
Es war nicht die Sache des Standes gewesen, die Positionen
selbst um eines Einzelnen willen zu entwerten. Hier dagegen
wurde in der Verteidigung des Senatsregimes eine der Vor-
aussetzungen der grundlegenden ständischen Solidarität zu
Schanden gebracht. Vielleicht wurde sogar durch Verteidigung
der Angriff auf das Senatsregime erst recht provoziert?
Die Realität härtete sich, die Auseinandersetzungen nahmen
einen neuen Ernst an. Mindestens von Cato her wurde bewußt
gemacht, daß das Geschick der res publica auf dem Spiel
stünde; gegen Caesar wie gegen Pompeius.

Caesar hatte, wie Cicero damals schrieb, sehr guten Wind in


den Segeln. Er schloß ein Wahlbündnis mit Pompeius’ wohlha-
bendem Freund Lucceius, der sich bereitfand, in beider Namen
Geldverteilungen an die Centurien zu versprechen. Crassus
und Pompeius traten für ihn ein. Daß Männer, welche unterein-
ander schlecht standen oder sich gar befehdeten, bei Wahlen
die gleichen Kandidaten unterstützten, geschah damals öfter.
Es ergab sich daraus, daß jeweils nur eine begrenzte Zahl von
Kandidaten vorhanden war, mehr oder weniger nach Maßgabe
der Geburtsjahrgänge. Aussichtsreich war nur, wer über eine
Menge eigenen Wahleinflusses gebot. Die Unterstützung durch
solche Rivalen war dann durch deren Verpflichtungen bedingt,
Christian Meier – Caesar 257

außerdem mochten sie um die Gunst des Kandidaten wett-


eifern. Crassus wird auch größere Teile der Ritterschaft für
Caesar mobilisiert haben. Weiter hatte Caesar den Stamm
seiner Clienten und Freunde für sich sowie seinen Ruf. Er
war mindestens sehr bekannt, hatte glanzvolle Spiele gege-
ben, Gladiatoren in silberner Rüstung; hatte sich für viele ein-
gesetzt. Er war Pontifex Maximus, und ein Triumph war ihm
bewilligt worden. Für das Gros der guten Gesellschaft scheint
er ein extravaganter, unruhiger, besonders eindrucksvoller und
kluger, aber keineswegs bedrohlicher Aristokrat gewesen zu
sein. Ein enfant terrible. Wenn er zuweilen eigene Wege abseits
des Üblichen ging und die hohen Herren einmal aufs Korn
nahm, machte ihn das nur interessant. Wohl wird die Fremd-
heit, mit der er den anderen gegenüberstand, spürbar gewe-
sen sein. Er war schwer zu verstehen, paßte in keine Scha-
blone. Aber den Einwand, der darin liegen mochte, entschärfte
er offenbar, indem er sich mit Bravour in der damaligen Gesell-
schaft bewegte und alle Instrumente virtuos und mit Erfolg
zu betätigen verstand. Er war auch kein einfacher popularis,
sondern spielte selbst diese Rolle überlegen, bestechend, mit
glänzenden Argumenten, also, so mußte es scheinen, verant-
wortungsvoll. Er begegnete den Männern im zweiten Glied
vermutlich um so freundlicher, je weniger er sich mit denen
im ersten verstand. Indem er die Mächtigsten vor den Kopf
stieß, mochte ihm die Rücksicht auf die Anderen nicht
mehr als Rücksicht, sondern als Klugheit erscheinen. Und
er könnte sie dazu gebracht haben, daß sie sich dadurch
geehrt fühlten. Seine hervorragende, vielbewährte Redekunst,
seine Unbekümmertheit, sein Charme, seine aristokratische
Gebärde; Souveränität, Glanz des Auftretens und vielleicht
sogar seine Arroganz mußten das Gros beeindrucken und für
ihn einnehmen. Und die breite Menge hatte er ohnehin für
sich, was jedoch nicht viel bedeutete.
Die Gegner unterstützten mit aller Macht den dritten Kan-
didaten Marcus Calpurnius Bibulus, Catos Schwiegersohn. Er
war ein ernster, strenger, ein wenig beschränkter Mann, fähig,
einen geraden Kurs zu steuern. Seit der Aedilität befand er
Christian Meier – Caesar 258

35 Abstimmungsszene. Der linke Wähler


erhält von einem Wahlassistenten sein
Stimmtäfelchen ausgehändigt. Im Hin-
tergrund bezeichnen waagerechte Linien
die Abgrenzung, durch die jede Stimmabtei-
lung von den anderen getrennt war. Beide
Wähler gehen über erhöhte, schmale Stege
(pontes): dadurch sollte eine übersichtliche,
unbeeinflußte Stimmabgabe garantiert
werden. Münze des Publius Nerva, um 112.

sich in Konkurrenz zu Caesar. Die führenden Senatoren han-


delten in einer bei Wahlen ganz seltenen Einmütigkeit. Damals
ging es für sie um große Politik – während sie normalerweise
bei den Wahlen jeder entsprechend seinen Verpflichtungen
handelten. Sie legten zusammen und veranlaßten Bibulus, den
Wählern die gleichen Summen zuzusagen wie Lucceius und
Caesar. Selbst der sittenstrenge Cato hat das gebilligt, da die
Sache der Republik auf dem Spiel stünde.
Christian Meier – Caesar 259

Wohl Anfang Juli fand der Wahlakt auf dem Marsfeld statt
– etwa in der Gegend, wo heute das Pantheon steht. Die
Stadt ist voll von Menschen. Von überall aus Italien sind zahl-
reiche Bürger mit ihren Dienern nach Rom gekommen und
bei ihren Gastfreunden eingekehrt. Beim Morgengrauen wird
dann die Versammlung der Centurien durch Herolde und
durch Trompetenstöße angekündigt. Der wahlleitende Consul
holt in einem zeltartigen Tabernaculum nahe dem Marsfeld die
Auspicien ein.
Die Zustimmung der Götter durch entsprechende Zeichen
ist von größter Bedeutung, damit die Gewählten die lange Kette
römischer Magistrate würdig fortsetzen können. Mindestens
die Formalitäten werden auch damals genau beachtet worden
sein. Danach begibt sich der Wahlleiter auf den Abstimmungs-
platz. In kleineren und größeren Gruppen strömen die Bürger
dorthin, viele holen die Kandidaten ab, denen sie besonders ver-
pflichtet sind, oder schließen sich deren wachsendem Gefolge
an. Mit mehreren tausend Anwesenden ist wohl mindestens zu
rechnen.
Auf dem freien Feld, wo sonst Sport getrieben und geübt
wird, ist eine Tribüne aufgeschlagen. Von dort eröffnet der
Wahlleiter den Akt mit einer Contio, also einer ungeordneten
Volksversammlung. Er spricht zunächst das feierliche Gebet,
in dem er die unsterblichen Götter bittet, »daß diese Sache mir,
meiner Gewissenhaftigkeit, meinem Amt, dem Volk und der
Plebs von Rom gut und glücklich ausgehe«. Dann teilt er die
Namen der Kandidaten mit. Diese haben sich, zusammen mit
anderen Magistraten, in ihren geweißten Togen neben ihm auf
der Tribüne postiert. Möglicherweise waren ihre Namen auch
irgendwo groß angeschrieben. Wahlreden werden nicht gehal-
ten, bestenfalls gibt es allgemein gehaltene Ermahnungen des
Wahlleiters. Dann schickt er die Bürger zur Abstimmung.
Sie müssen sich dazu in die Schranken (saepta) oder Pferche
(oviles) begeben, Abzäunungen aus Holzgerüsten und Seilen,
die zur Wahl aufgestellt werden, schmal und langgestreckt
nebeneinander, groß genug, um die Mitglieder einer einzelnen
Stimmabteilung, und zahlreich genug, um die Abteilungen eines
Christian Meier – Caesar 260

Wahlgangs zu fassen. Am Eingang wird die Zugehörigkeit zur


Abteilung überprüft, werden vielleicht auch die Stimmtäfelchen
ausgegeben, denn die Abstimmung ist schriftlich. Am Ausgang
geht jeder einzeln über einen schmalen Steg, um unbeeinflußt
das Täfelchen abgeben zu können. Die Stimmabgabe wird
durch die Beauftragten überwacht, die der Wahlleiter und die
Kandidaten einsetzen. An diesem Ende muß ebenfalls eine
Tribüne gestanden haben, von der aus der Wahlleiter den Vor-
gang verfolgt. Dort halten sich dann auch die Kandidaten auf.
Die Wähler müssen beim Abgang an ihnen vorbeigehen.
Zunächst wird eine Centurie der ersten Classe ausgelost, die
als praerogativa fungieren soll: Sie stimmt vor allen anderen,
das Ergebnis wird dann durch den Herold öffentlich ausgeru-
fen. Es soll suggestiv auf die Versammlung wirken. Derjenige,
den die praerogativa an erster Stelle wählte, wurde Cicero
zufolge immer gewählt. Ihm fielen also zahlreiche freie zweite
Stimmen der Versammelten zu – denn jeder Wähler hatte
so viele Stimmen, wie Stellen zu besetzen waren. Insofern
wirkte dieser Vorwegaufruf einer Centurie vereinheitlichend.
Als nächstes werden dann die übrigen neunundsechzig Centu-
rien der ersten Classe sowie zwölf Rittercenturien und einige
Sonderabteilungen aufgerufen. Wenn ihre Stimmen gezählt
sind, wird das Ergebnis vorgelesen. Danach folgt ein geson-
derter Wahlgang der sechs vornehmsten und ältesten Ritter-
centurien, in denen auch die Senatorensöhne stimmen. Offen-
sichtlich war er eingerichtet worden, damit diese Centurien
auf Grund der Ergebnisse der ersten Classe die erfolgreich-
sten Kandidaten geschlossen wählen konnten, so daß für die
anschließenden wiederum die Suggestion eines einheitlichen,
mit besonderer Autorität ausgestatteten Votums entstünde.
Das war ein beachtlicher Ausdruck senatorischer Solidarität;
wir wissen nicht, ob die Institution noch in Caesars Zeit in
alter Weise funktionierte. Jedenfalls ging die Absicht dahin, im
ersten Wahlgang die Kräfte sich messen zu lassen und in den
folgenden Geschlossenheit zu demonstrieren. Anschließend
kommen die zweite bis fünfte Klasse nacheinander an die
Reihe. Sobald die erforderliche Zahl von Kandidaten die abso-
Christian Meier – Caesar 261

lute Mehrheit erreicht hat, wird der Wahlakt aber abgebrochen.


Zahlenmäßig ist das, bei einer Gesamtzahl von einhundertdrei-
undneunzig Centurien, in der zweiten Klasse möglich. Man
legte Wert darauf, daß die Entscheidung nicht erst von den
untersten Schichten getroffen wurde, auch darauf, daß diese
nicht einem Kandidaten eine besonders beachtliche Mehrheit
verschaffen konnten. Auszeichnen konnte sich der Kandidat
nur dadurch, daß er bis zum Erreichen der Mehrheit alle oder
doch die meisten Centurien für sich hatte. Der zuerst Ausgeru-
fene hatte auch bestimmte Vorrechte vor dem anderen.
Die Versammlung dauerte viele Stunden, spätestens wenn
die zweite Classe antrat, muß es schon sehr heiß gewesen sein.
Wir wissen nicht, ob die Schranken durch Planen gegen die
Sonne geschützt waren. Man kann sich denken, daß Kandida-
ten sich dazu versucht fühlten, solche Planen zu stiften. Wer
gewählt hatte, konnte unter den anderen Wahlwerbung trei-
ben oder er suchte Schatten in nahegelegenen Gebäuden.
Am Ende wurden die gewählten Kandidaten in einer
Contio vom Wahlleiter »renuntiiert«. Erst damit war ihre Wahl
gültig. Denn formell ernannte, wörtlich »schuf« (creare), der
Vorgänger den Nachfolger. Im Jahre 60 hat Caesar als erster
die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht, nach einer Quelle
hat er sogar alle Centurien erhalten. Als zweiter ging Bibulus
durchs Ziel. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß zahl-
reiche Bürger Caesar und Bibulus zugleich wählten. Weil sie
beiden verpflichtet und weil für sie die politischen Gegensätze
nicht verbindlich waren, weil sie diese auch nicht so scharf
wie Cato und die Seinen sehen und empfinden konnten. Das
Phänomen des Außenseiters nahmen sie wohl eher gesell-
schaftlich.

In den nächsten Wochen hat Caesar dann in langen Verhand-


lungen ein Bündnis mit Pompeius und Crassus hergestellt.
Ziel dieses »Dreibunds« war die gemeinsame Durchsetzung
von Absichten, mit denen sie einzeln gescheitert waren. Pom-
peius sollte seine beiden Forderungen, Crassus einen von ihm
schon länger verfochtenen Pachtnachlaß für die Steuerpächter
Christian Meier – Caesar 262

Asiens, Caesar eine Provinz bekommen. Für die weitere


Zukunft war nur die vage Formel vorgesehen, daß nichts im
Gemeinwesen geschehen sollte, was einem der drei mißfiele.
Da jeder von ihnen der Erste in Rom sein wollte, war über den
Moment hinaus auch schwerlich Einigkeit zu erzielen.
Das Bündnis war ungemein folgenreich. Eine Generation
später begann Asinius Pollio seine Geschichte der Umwälzung
der Republik mit dem Jahre 60. Cato erklärte später, nicht die
Uneinigkeit, sondern die Einigkeit der drei habe die Republik
zugrunde gerichtet. Aber es ist zu fragen, ob wirklich die Ver-
einigung der drei Herren und nicht eher die Art, in der Caesar
ihre Politik ausführte, das eigentlich Gravierende war.
Damals ging ein großes Unwetter über dem Land nieder.
Zahlreiche Bäume wurden entwurzelt, viele Häuser zum Ein-
sturz gebracht, Schiffe im Tiber und an dessen Mündung ver-
senkt, die hölzerne Tiberbrücke zerstört, ein anläßlich eines
Festes aus Holz errichtetes Theater brach zusammen. Eine
größere Anzahl von Menschen kam um. So berichtet es die
römische Geschichtsschreibung: Große Ereignisse schlagen
sich nach damals verbreitetem Glauben auch in der Natur
nieder. Hier konnte man das nachträglich bestätigt sehen.
Cicero hatte sich eine Weile lang der Illusion hingegeben,
er könne Pompeius auf die Seite des Senats ziehen. Im Jahre
60 schrieb er an seinen zweifelnden Freund Atticus, er denke
daran, auch Caesar zur Vernunft zu bringen – wörtlich: »besser
zu machen«. Und er sprach von einer »Medizin, die die kran-
ken Teile des Gemeinwesens heilt statt herausschneidet«. Es
stellt sich damit, wie immer, wenn man große Entscheidungen
nachträglich betrachtet, die Frage, ob es auch anders hätte
gemacht werden können, die Frage nach den Möglichkeiten
und Wahrscheinlichkeiten, die in jener Situation bestanden,
welche nur die andere Seite derjenigen ist, wie es zu dem kam,
was dann eintrat.

»Wohl dem, der sagen kann ›als‹, ›ehe‹ und ›nachdem‹! Es mag
ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmer-
zen gewunden haben: Sobald er imstande ist, die Ereignisse
Christian Meier – Caesar 263

in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben,


wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen.«
Darin äußert sich nach Musil »das Gesetz der erzählerischen
Ordnung«, die »bewährteste perspektivische Verkürzung des
Verstandes«.
Man muß ihm widerstehen, wenn man die ganze Schwierig-
keit gewahren will, die das hier erzählte Geschehen unserem
Verständnis bietet. So gut man nachvollziehen kann, daß der
Senat sich damals gegen Pompeius stellte: War das nicht unge-
heuer kurzsichtig? Denn der wollte sich doch mit dem Senat
vertragen, hatte sogar allen Respekt vor ihm. Brauchte man
nicht bei der Schwäche des Senats jede Hilfe, die sich bot?
Legte nicht gerade die Gefahr für die res publica ein Bündnis
mit ihm nahe? Tat man also nicht sehr unklug daran, Pom-
peius zu bekämpfen? Und war die kleinliche Politik gegenüber
Caesar wirklich angebracht?
Aber auch sonst stellen sich viele Fragen: Wie kam es, daß
der einst so mächtige Pompeius nach den inzwischen errun-
genen großen Erfolgen so schwach war? Wie kam es, daß der
junge Cato mit seinen fünfunddreißig Jahren die Versamm-
lung der Väter, teilweise gegen deren Neigung, daran hindern
konnte, Pompeius und vor allem Caesar entgegenzukommen,
so daß sich zwischen ihnen Gegensätze herausbildeten, die
offenbar für das Gros der wohlhabenden Bürgerschaft schon
nicht mehr verbindlich waren? Cato hat übrigens wochenlang
auch den Pachtnachlaß für die Steuerpächter durch Filibu-
stern hintertrieben.
Was bestimmte damals über Macht und Ohnmacht? Was
war maßgebend für die Gegensätze? Da mit den Gegensätzen
der Spielraum möglicher Positionen, möglicher
Anknüpfungspunkte gegeben ist, ist damit zugleich die Frage
nach Caesars Möglichkeiten in der damaligen römischen
Gesellschaft aufgeworfen.
Christian Meier – Caesar 264

Krise und Gegensätze:


Catos Autorität,
Pompeius’ Schwierigkeit,
Caesars Problem
Mißverhältnis zwischen Alltags- und Ver-
fassungspolitik • Cato in der Stellung des
Vorkämpfers des Senats • Warum Pompeius
bekämpft wurde • Verantwortlichkeit der
senatorischen Führungsschicht • Desinte-
gration, nicht Legitimitätskrise • Fehlen des
Anknüpfungspunktes für Außenseiter

In der Politik dieser Jahre ist eine Schizophrenie zu beob-


achten. Einerseits galten wie eh und je die Verpflichtungs-
verhältnisse und die sonstigen hergebrachten Motive aller Art,
wonach etwa glanzvolle Spiele die Wähler für einen Kandi-
daten einnahmen. Es galt die gegenseitige Respektierung von
Ansprüchen. All dies machte zusammen die Alltagspolitik mit
ihren stets wechselnden Gruppierungen aus. Pompeius und
Caesar waren in die vielfältigen Mechanismen der gesellschaft-
lichen Beziehungen selbstverständlich eingeschlossen.
Andererseits gab es den Gesichtspunkt der Verfassungspo-
litik, unter dem der Senat im Endeffekt relativ geschlossen
handelte, wie immer das jeweils bewirkt wurde. Auch dies
hatte eine alte Tradition. In einer Ordnung, die so wenig fest-
gelegt war wie die römische, die so weitgehend auf Beispielen,
Präzedentien beruhte und in der die Machtverhältnisse aufs
Ganze gesehen als Teil der »Verfassung« verstanden wurden,
legte es sich nahe, daß das herrschende Organ der Aristokratie
stets besonders sorgfältig darauf achtete, wie diese Ordnung
durch neue politische Fakten je betroffen wurde. Man machte
im Zweifel lieber sachliche Zugeständnisse, als daß man »neue
unerhörte Beispiele« hingenommen hätte. Außerdem tat man
alles, damit kein Einzelner so mächtig würde, daß er sich not-
Christian Meier – Caesar 265

falls über den Senat hätte hinwegsetzen können. Darin hatte


die Senatsoligarchie zuletzt immer ihre Einigkeit gewonnen.
Hier war sie, bei aller sonstigen Elastizität, stets hart geblie-
ben. Diese Solidarität hatte ihr die Führung gesichert.
Die Alltagspolitik und die ausnahmsweise aktuell werdende
Verfassungspolitik hatten sich stets gegenseitig ergänzt.
Ähnliches galt übrigens von ihrem Verhältnis zur Behandlung
der großen Fragen von Außenpolitik und Kriegführung. Neu
war in den späten sechziger Jahren die Schwäche, aus der
heraus die Verfassungspolitik betrieben wurde, deren Klein-
lichkeit und Krampfhaftigkeit sowie ihr Mißverhältnis zur All-
tagspolitik, das wie eine Schizophrenie wirkt.
Seit alters war die Verfassungspolitik primär Sache der Prin-
cipes. Sie hatten jeweils für die Wahrung der überkommenen
Ordnung und für einen Ausgleich in deren Rahmen zu sorgen.
Das war ihrer Rolle tief eingeprägt, und es entsprach ihrem
Interesse. Ihre Autorität beruhte nämlich zum guten Teil
darauf, daß sie die Sache des gesamten Hauses verfochten.
Alte, tief in die Empfindungs- und Gedankenwelt eingerastete
Erfahrungen hatten gelehrt, daß die anspruchsvolle, weltweit
herrschende römische Aristokratie einer strengen Kontrolle
und Grenzsetzung bedurfte. Das konnte kein Magistrat lei-
sten. Die Principes aber waren verschiedentlich dazu imstande
gewesen, und mit der Praxis bürgerte sich das Vermögen dazu
bei ihnen ein. So gelang das welthistorisch äußerst seltene
»Kunststück«, innerhalb einer von kräftigen Gegensätzen und
Partikularinteressen durchzogenen Schicht eine Gruppe zu
finden, in der das überparteiliche Interesse des Ganzen sich
institutionalisierte; wenn man denn als Kunststück bezeich-
nen darf, was aus einer langen Reihe geschickter Ansätze
schließlich resultierte. Übrigens konnten die einzelnen Princi-
pes natürlich immer wieder höchst parteilich sein. Nur aufs
Ganze gesehen und in ihrer gemeinsamen Rolle – und dank
eines geschickten Ausgleichs von Streitfreiheit und -begren-
zung – übten sie jene Funktion aus, wobei die Macht ihrer
Patronage ihnen zugute kam.
Diese Praxis wurde auch in der späten Republik fortgesetzt
Christian Meier – Caesar 266

– wenn sie dann auch, angesichts der tiefer und bestimmen-


der gewordenen Gegensätze nicht mehr so überparteilich,
überzeugend und nicht immer mehr letztlich entscheidend
geübt werden konnte.
Es hatte sich allerdings schon seit einiger Zeit herausgestellt,
daß jeweils eine einzelne Persönlichkeit von hoher Autorität
sich der Sache des Hauses besonders annahm. Da brauchte es
eine tägliche, aufmerksame Mühewaltung, einen großen Auf-
wand an Zeit und Kraft, an Verantwortung und das heißt auch
an Zuversicht und Unverdrossenheit. Seit den siebziger Jahren
hatte Catulus das aufgebracht. Dafür war er auch allgemein als
der Erste der Senatoren respektiert worden. Als er 61 starb,
soll Crassus versucht haben, seine Rolle zu übernehmen. Unter
den Principes gab es keinen, der ihm Konkurrenz gemacht
hätte. Aber der junge Cato tat es. Und er ist dann der engagier-
teste, entschiedenste kontinuierliche Verfechter der senatori-
schen Politik geworden.
Die Schwierigkeit war nur, daß er von den Principes nicht
genügend unterstützt wurde oder daß diese zu schwach waren,
um das Gros der Senatoren auf eine kontinuierliche Verfol-
gung der gemeinsamen Linie einzuschwören. Innerhalb der
führenden Schicht entstand vielmehr eine Bewegung gegensei-
tiger Abstoßung und Verfestigung zwischen der Nachlässigkeit
und Resignation der Alten und der orthodoxen, trotzigen
Strenge der Jungen. Wahrscheinlich kam hier vieles zusam-
men: Relative Machtlosigkeit erzeugte Resignation und Resi-
gnation relative Machtlosigkeit. Man zog sich gern ins Private
zurück: Damals charakterisierte Cicero die hohen Herren als
»Fischteichler«; nichts habe ihnen so am Herzen gelegen wie
ihre Fische; nichts Schöneres, als die Meerbarben in ihren Tei-
chen, die ihnen aus der Hand fräßen.
Der Senat war schwer zu regieren: Erstmals stand die seit
Sulla verdoppelte Zahl von Mitgliedern vor dem Problem, eine
entschiedene, im Sinne des Senats parteiliche, starke Politik zu
tragen. Dabei hatte sich die Gefälligkeitsgesinnung schon recht
tief eingefressen. Schließlich hatten Pompeius’ Forderungen
nach Landversorgung seiner Veteranen einige Berechtigung.
Christian Meier – Caesar 267

Und warum sollte Caesars Triumph am Verbot der Bewerbung


in absentia scheitern? Vieles stand einer entschiedenen senato-
rischen Politik im Wege. Nur gehörte irgendeine neue Einsicht,
daß man sich Pompeius eher verbinden als ihn bekämpfen
müsse, nicht dazu.

Um so stärker war Cato, um so größer seine Autorität. Denn


er konnte dasselbe, was Principes und Senat nur halbherzig
und schwächlich vertraten, aus voller Überzeugung und mit
aller Kraft verfechten: Die senatorische Verantwortung für das
Gemeinwesen und den Grundsatz, daß jeder sich der Standes-
disziplin zu fügen habe und keiner zu mächtig werden dürfe.
Catos Sache entsprach der alten Tradition senatorischer Ver-
fassungspolitik, der allgemeinen Meinung der Senatoren. Was
also hätte man gegen ihn einwenden sollen?
An zweierlei Einwände wäre zu denken: an Pompeius’ guten
Willen und an die damalige Lage der Republik. Aber wie
freundlich auch immer Pompeius über die herkömmliche Ord-
nung denken, wie sehr er beabsichtigen mochte, dem Senats-
regime zu dienen, er war Einzelgänger, konnte, wenn es darauf
ankam, viel Macht aufbieten; durch die Erfüllung seiner Forde-
rungen wäre er wesentlich mächtiger geworden; immer wieder
mußte er in Konflikt mit der Senatsmehrheit geraten. Hatte
Pompeius doch etwa die Interessen unzähliger Clienten zu ver-
treten, mußte doch sein Ruf als Patron leiden, wenn er sich
nicht durchsetzte. Was immer er vorhatte, den Anforderungen
einer Vorzugsstellung konnte er sich also nicht entziehen.
Außerdem war er unzuverlässig. Man mußte von ihm
gewärtigen, daß er sich bei nächster Gelegenheit wieder mit
Hilfe der Volksversammlung holte, was er wollte. »Nichts
Großartiges, nichts Hervorragendes, nichts, was nicht niedrig
und popular ist,« habe er an sich, schrieb Cicero damals; und
der stand ihm noch am freundlichsten gegenüber. Bei Licht
besehen hieß das: Pompeius hielt sich für alle offen und wollte
es vor allem mit den unruhigen und dem Senat potentiell so
ungemütlichen Popularen nicht verderben. Was sollte er in
seiner Lage, bei seinen durch Leistungen befestigten Ambi-
Christian Meier – Caesar 268

tionen, auch sonst tun? mag man einwenden. Aber eben das
war es ja, was Cato und andere in Aufregung versetzte. Und
es war ja auch letztlich kein Unterschied, ob man nun Pom-
peius’ besondere Interessen oder die politischen Methoden, mit
denen er sie verfolgte, zum Anlaß für die Gegnerschaft nahm.
Nur mochte bei der starken moralischen Komponente poli-
tischen Urteilens in Rom der Vorwurf der Unzuverlässigkeit
in den Vordergrund geraten. Man unterschied Politiker gern
nach gut und schlecht. Wichtigstes Kriterium war, ob einer
sein Handeln eher nach dem Senat oder nach der Menge aus-
richtete. »Gut ist, was den Guten gefällt«, formuliert Cicero
später diese Auffassung. Dabei kamen Moral und Politik für die
Senatsmehrheit zur Deckung.
Je mächtiger Pompeius wurde, um so nötiger, so konnte man
sagen, war es, ihn zu bekämpfen. Und je träger die Senats-
mehrheit sich zeigte, um so weniger war im Ernstfall Verlaß
auf sie, um so notwendiger mochte es sein, um jeden Zentime-
ter der Ordnung zu kämpfen. Daher konnte es denn als gebo-
ten erscheinen, Caesar schon präventiv zu bekämpfen, was
übrigens nur der Besonderheit seiner eigenen Pläne auf ein
großes Kommando entsprochen hätte, welches einem Krieg
nicht folgen, sondern vorausgehen sollte. Diese Pläne gehörten
in Machtverhältnisse, in denen ein Mann wie Caesar meinen
konnte, auf den Senat nicht angewiesen zu sein. Und es waren
die gleichen Machtverhältnisse, in welchen die Senatsmehr-
heit unsicher war und welche Cato zu seiner Politik bestimm-
ten. Seine Autorität war also zwar ungemein groß, aber kei-
neswegs durchschlagend. Sie war umso größer, je schwerer
er zu arbeiten hatte. Denn andernfalls hätte er sich nicht
durchsetzen können. So ist die Kleinlichkeit und Krampfhaf-
tigkeit seiner Politik Symptom sowohl für die Macht dieses
Einzelgängers im Namen des Senats wie für seine Schwäche,
die wesentlich diejenige des Senats war.
Über der Schwäche des Senats darf aber nicht die Stärke
seiner Sache übersehen werden. Sie war es, die in die Rolle ein-
ging, welche Cato dank seiner philosophischen Überzeugung
und seiner Hartnäckigkeit so unvergleichlich zu spielen wußte.
Christian Meier – Caesar 269

Diese Stärke beruhte darauf, daß die damalige Gesellschaft


noch allgemein der überkommenen Ordnung anhing. Der
Senat aber war deren Herz, Kraftzentrum und Ort des Aus-
gleichs zwischen allen Kräften. Von daher erledigt sich der
zweite Einwand, der von heute her gegen Catos Politik immer
wieder gemacht wird: Er habe nicht erkannt, daß Roms Adels-
regime überlebt war, daß die Republik in einer tiefen Krise
steckte, daß Pompeius’ Macht doch nur eine Auswirkung
der Unfähigkeit des Senats war, die sachlichen Probleme des
Gemeinwesens angemessen zu erledigen; eine Auswirkung des
Versagens der alten Institutionen gegenüber den neuen Wirk-
lichkeiten des weltweiten Herrschaftsbereichs.

Es ist wohl schlechterdings von der führenden Schicht eines


Gemeinwesens nicht zu verlangen, daß sie ihre Macht einfach
aufgibt. Insoweit zur Macht das Bewußtsein einer Verantwor-
tung gehört, wäre das verantwortungslos. Sie stehen nicht
außerhalb, sondern innerhalb ihrer Welt; ihre Perspektiven
sind also begrenzt. Wenn sie an sich nicht nur gelegentlich
zweifeln, sondern irre werden sollen, so müssen sie schon
durch Gegenkräfte dazu genötigt werden. Vermutlich tut man
gut daran, die Mächtigen nicht so weit zu überschätzen, daß
man ihnen auch noch das Fehlen oder die Schwächen einer
Opposition zuschreibt. Die Macht der Mächtigen sollte nicht
gleich als Alibi für die Ohnmacht der Schwachen dienen. Sie
sind nur Teile der Gesellschaft, die insgesamt für den Zustand
eines Gemeinwesens aufzukommen hat, durch Macht und
Schwäche, durch Handeln und Sich-Enthalten.
Ganz abgesehen von dieser allgemeinen Erwägung wäre
im damaligen Rom, also in der Zurichtung, in den Befangen-
heiten der damaligen römischen Gesellschaft der Gedanke
an ein freiwilliges Aufgeben oder Zurückweichen des Adels
besonders schwierig gewesen. Einerseits gab es noch nicht
die Unsicherheiten der Neuzeit: Das potentiell alles rela-
tivierende Bewußtsein von der Geschichte als großem
Veränderungsprozeß, in dem alles Alte einmal »überholt« ist.
Die Antike dachte im Strukturellen statisch. Daß Gegenwärtiges
Christian Meier – Caesar 270

out of date, Gleichzeitiges ungleichzeitig sein könnte, wäre


ihr undenkbar gewesen. Zudem war ihr das Gefühl fremd,
daß alles auch ganz anders sein könnte, das Bestehende bloß
willkürlich, beliebig.
Andererseits konnte der jahrhundertelang regierende
römische Adel nicht die Unschuld bloßer Funktionäre anneh-
men. Er war vielmehr existentiell mit der Republik verbun-
den. Und er konnte keinen Sinn für staatliche Schwäche ent-
wickeln, weil es nämlich noch keine Scheidung von Staat
und Gesellschaft gab. Das Gemeinwesen waren die römischen
Bürger ja selbst, wenn auch in erheblichen Abstufungen.
Schließlich unterlag die Verantwortung der römischen
Führungsschicht für das Gemeinwesen, soweit wir sehen und
schließen können, auch von außen keinem Zweifel. Es gab
keine Konkurrenz für sie. Und es gab keinen Gedanken an eine
andere Ordnung.
Das klingt merkwürdig, wenn man an all die Mißstände in
der damaligen Republik denkt. Es ist denn auch kaum gesehen,
jedenfalls in seiner Eigenartigkeit kaum bedacht und betont
worden. Man rechnet im Gegenteil neuerdings sogar mit einer
Legitimitätskrise, erschließt sie aus dem Elend und der Unzu-
friedenheit der breiten Masse nicht nur in Rom, sondern auch
in den übrigen Städten Italiens und auf dem Lande. Aus ihnen
rekrutierten sich Roms Soldaten. So wird denn auch auf die
Bereitwilligkeit verwiesen, mit der sie seit Sullas Marsch auf
Rom ihren Feldherrn auch gegen den Senat gefolgt sind.
Allein, mit einer Legitimitätskrise kann man für die römische
Republik um 60 v. Chr. nur rechnen, sofern man bestimmte
Besonderheiten der neuzeitlichen und modernen Staatlichkeit
unreflektiert und fälschlich dorthin überträgt.
Eine eigenständige Staatlichkeit aber hatte das römische
Gemeinwesen gerade nicht ausgebildet. Unendlich viel, was
bei uns der Staat an sich riß oder entwickelte und was
ohne ihn gar nicht mehr geht, erledigten die Mitglieder der
römischen Gesellschaft unter sich: So brauchten sie keine
Bürokratie, keinen Staatsanwalt, keine Kriminalpolizei, kein
öffentliches Schulwesen, keine Post. Selbst für das Bedürfnis
Christian Meier – Caesar 271

nach öffentlicher Ordnung kamen in der Regel die Einzelnen


mit Hilfe von Nachbarn, Clienten oder Sklaven auf. Unendlich
viel weniger als heute war man auf öffentliche Dienste ange-
wiesen. Es wurden also viel geringere Erwartungen an das
Gemeinwesen gerichtet. Umgekehrt zahlte man keine direk-
ten Steuern. Nur bis 167 v. Chr. hatte es bei Bedarf, zumal
in Kriegszeiten, Umlagen nach Maßgabe des Vermögens gege-
ben, die nach Möglichkeit wieder zurückgezahlt wurden.
Damit fehlte auch ein gut Teil des Legitimierungsdrucks, der
der Ausbildung der Staatlichkeit entspricht. Wo in der Neuzeit
die Einzelnen wesentliche Rechte und Fähigkeiten zur Selbst-
hilfe aufgaben, viele Steuern zahlten und dienten, korrespon-
dierten dieser Entmächtigung Zusagen oder gar Verheißungen
von Schutz, Fürsorge, Wohlfahrt, zuletzt Daseinsvorsorge.
Man brauchte sie auch. Max Weber spricht vom »steigenden
Bedürfnis einer an feste absolute Befriedung gewöhnten Gesell-
schaft nach Ordnung und Schutz (›Polizei‹)« auf allen Gebie-
ten. Dazu gesellte sich all das, was die zunehmend sich spezia-
lisierende Wirtschaftsgesellschaft an Organisation benötigt.
Wo sich der Staat so machtvoll aus dem Ganzen heraushebt,
wird es möglich, ihn von der Kirche und dann von der Gesell-
schaft her als Gegenüber zu empfinden. Das schafft völlig neue
Distanzen, Betrachtungsweisen, Ansprüche. Und wo vom Staat
her Gesellschaft gestaltet, verändert werden kann, entsteht die
Auffassung von einer weitgehenden Verfügbarkeit der eigenen
Ordnung. Nimmt man noch den modernen Fortschrittsglauben
hinzu, so wird deutlich, daß wir heute so ungeheure Erwartun-
gen herausgebildet haben, daß von ihnen her die Legitimität
von Systemen durchaus zum Problem werden kann. Das ist
welthistorisch einmalig. Es scheint gewisse entfernte Parallelen
in den monarchischen Hochkulturen der außereuropäischen
Geschichte gegeben zu haben.
In der klassischen Antike aber standen freie Gemeinden
anstelle von Staaten und monarchischen Herrschaftssyste-
men. Da waren die Zugehörigen in weit höherem Ausmaß als
irgendwo sonst Bürger. Zugespitzt gesagt, hatten sie nicht Ver-
fassungen, sondern waren sie Verfassungen. Das wird ganz
Christian Meier – Caesar 272

deutlich im griechischen Wort politeia, das auf Deutsch zugleich


Verfassung und Bürgerschaft bedeutet. Genauer wäre zu for-
mulieren: Man war Teil der Ordnung, in der man lebte. Und
wenn bei den Griechen noch Demokratie und Oligarchie ein-
ander ablösen konnten, in Rom hatte diese Ordnung etwas
Unausweichliches. Wie sie überkommen war, so mußte sie sein
oder sie war keine Ordnung. Das Gegenteil von res publica war
damals nicht Monarchie, sondern Nicht-Republik (nulla res
publica) oder verlorene Republik (res publica amissa), Unord-
nung. Eine Ordnung aber, deren Teil die Bürger sind, stellt ein
Stück von deren Identität dar. Sie brauchte nicht gerechtfertigt
zu werden, konnte kaum von außen gesehen werden.
Innerhalb eines solchen Gemeinwesens kann man zwar die
herrschenden Kreise als Gegenüber empfinden, kann der Mei-
nung sein, daß sie schlecht und eigennützig regieren, daß
Senat und Magistrate versagen, dem Vergleich mit den Vorfah-
ren nicht mehr standhalten, daß überhaupt die Republik nicht
mehr die alte sei. Das aber war politische und – vor allem –
moralische Kritik, nicht eine In-Frage-Stellung des Systems.
Übrigens hat mindestens Cato diese Kritik geteilt.
In einem solchen Gemeinwesen mochten auch Unruhen,
Aufruhr, Bürgerkriege entstehen und darin wirkten sich zwei-
fellos soziales Elend und Unzufriedenheit aus. Es zeigte sich,
daß der Senat nicht mehr unbedingt die Macht über das
Gemeinwesen hatte. Es zeigte sich auch, daß die Republik unter
Umständen schweren Störungen, ja inneren Gefährdungen
ihrer Existenz ausgesetzt sein konnte. Aber all das war Zeichen
zwar der Desintegration, nicht jedoch einer Legitimitätskrise.

Bei der Unterscheidung von Desintegration und Legitimi-


tätskrise geht es nicht um bloße Begriffe. Vielmehr ist mit dieser
Entgegensetzung ein hochbedeutender Unterschied gemeint.
Er liegt im Fehlen einer Verallgemeinerung der Unzufrieden-
heit zur Systemkritik. Es kam nicht dazu, daß Meinungen
und Interessen der Notleidenden sich zu einer Sache objek-
tiviert, daß sich in deren Kreise Einwände und neue Ideen
im Wechselverhältnis mit Bedürfnissen zu einer politischen
Christian Meier – Caesar 273

Alternative materialisiert hätten. Die Unterschichten mögen


der bestehenden Ordnung weithin relativ gleichgültig gegen-
übergestanden haben. Aber sie bezweifelten sie nicht, so sehr
sie bei einzelnen Anlässen aufbegehren mochten.
Das war für die Machtverhältnisse wie für die gesamte Poli-
tik entscheidend. Damit fehlte es an einer Umsetzung der sozi-
alen Unzufriedenheit in eine eigene, Politiker gebieterisch in
ihren Dienst nehmende Kraft. Dadurch blieb es dabei, daß das
Stadtvolk oder auch die Soldaten und Veteranen nur von Fall
zu Fall, wenn es einem Politiker gerade als günstig und möglich
erschien, politisch mobilisiert und bestenfalls am Gewinn der
Republik beteiligt wurden; daß es allen nur darum ging, inner-
halb des Bestehenden ihre eigenen Anteile zu verbessern.
Daher blieb die politische Auseinandersetzung im wesentli-
chen ein Kampf zwischen den Aristokraten. Wenn sich Anlässe
und Gegenstände dieses Spiels von außen aufdrängten, gingen
sie in aller Regel von Problemen des Herrschaftsbereichs –
anfänglich auch der Italiker – aus. Was an sozialen Fragen auf
die Tagesordnung kam, waren nach der Gracchenzeit zumeist
Folgeprobleme der Kriege oder Bürgerkriege: Es ging um die
Ansiedlung der Veteranen. Die übrigen Streitpunkte wurden
nur aufgenommen, weil dies einzelnen Adligen als opportun
erschien oder weil mächtige Gruppen wie die Ritter danach
drängten. Auch Bürgerkriege waren Ergebnis der Entschei-
dungen einzelner Aristokraten. Die Truppen folgten, aber
gedrängt haben sie danach – mindestens vor den vierziger
Jahren – nie.
Deshalb konnten Cato und die Senatsmehrheit die Krise
wesentlich als eine Krise im Adel auffassen. Wenn Cicero zu
einem anderen Urteil kam, so weil er wesentlich empfindli-
cher war und die Republik aus persönlichen Gründen ständig
in Gefahr sah. Als homo novus hatte er ein wacheres Gewis-
sen für die Aufgaben der Republik als die Standesgenossen,
die diese zumeist eher darstellen wollten. Wichtiger war aber
etwas anderes: Da er die Catilinarier hatte hinrichten lassen,
drohten ihm Attacken von seiten der Popularen; in seiner
Person wurden der Äußerste Senatsbeschluß und damit die
Christian Meier – Caesar 274

Republik angegriffen und verteidigt. Deswegen wollte er, daß


alle in ihrem täglichen Handeln um die Republik so besorgt
waren, wie er es zugleich um sich selber war. Es schien ihm
ständig das Ganze auf der Tagesordnung zu stehen, folglich
sollten alle, denen am Senatsregime und an der Republik gele-
gen war, eine einzige Front bilden. Unter diesem Gesichts-
punkt gehörte für ihn Pompeius auf die Seite der Senatsmehr-
heit. Cicero zog also die Trennlinien anders; an die sozialen
Mißstände aber oder an die Probleme des Herrschaftsbereichs
hat er dabei so wenig gedacht wie alle anderen, geschweige
denn, daß er gewußt hätte, daß das Senatsregime von den
Verhältnissen überholt war. Er bezog nur als guter Intellektu-
eller die Dinge primär auf sich und beurteilte Pompeius nach
dessen Meinungen, nicht nach dessen Interessen.
Wenn es aber nichts anderes gab als die alte res publica, dann
mußte man sie wieder funktionstüchtig zu machen suchen.
Und dazu mußte zu allererst der Senat wieder die Zügel des
Gemeinwesens in die Hand bekommen. Daher tat Cato das
Notwendige. Wie wenige andere war er sich des senatorischen
Versagens bewußt.
Cato unterschied sich von den anderen nur in der Entschie-
denheit seines persönlichen Einsatzes, in der Konsequenz und
im Ernst der Sorge für das Ganze. Daß er dabei, wie Mommsen
schrieb, zu den Konservativen gehörte, »die die Republik prin-
zipiell zu Tode konserviert haben«, ist objektiv richtig; jeden-
falls wenn man davon absieht, daß wo es keine »Fortschritt-
lichen« gibt, der Ausdruck »konservativ« nur bedingt ange-
bracht ist. Nicht an Pompeius, sondern am Kampf gegen ihn
ist die Republik so rasch zugrunde gegangen. Aber das ist
erst unser Wissen. Damals war die Krise unerklärbar. Man
konnte nachgeben, aber keine Argumente vorbringen, warum
das mehr als bloße Resignation gewesen wäre.

Auch die Außenseiter Pompeius und Caesar konnten Cato


keines Besseren belehren. Ihre Schwierigkeit, ihre große
Schwäche bestand darin, daß sie zwar sich, aber nicht das
Gemeinwesen neu entwerfen konnten.
Christian Meier – Caesar 275

Wenn Pompeius gebraucht wurde, hatte er viele Verbündete,


wie etwa die Ritter in den Jahren 67 und 66. Umgekehrt lag
denen aber nichts daran, daß er zu mächtig würde. Sie hingen
ihrerseits dem Senatsregime an, sofern sie nicht gerade in Ein-
zelfragen mit ihm in Konflikt lagen. Zwar fanden sie nicht, daß
die Senatoren in der Regel stark sein sollten. Vielmehr machte
gerade deren Schwäche ihnen das Regime beliebt. Aber im
äußersten Fall waren sie immer für den Senat – zumal der
ihnen dann entgegenkam. Und auch sonst gab es keine Sache,
der Pompeius sich hätte verknüpfen können.
Daher konnte er sich von der inneren Bindung an die alte
Republik nie lösen. Er wollte dem Senatsregime dienen, mußte
aber, wenn er sich durchsetzen wollte, den Senat bekämpfen.
Dieser Widerspruch hat ihn überfordert. Was er war und was
er sein mußte in der damaligen Welt, das paßte nicht.
So war der Gegensatz zwischen Cato und Pompeius unsym-
metrisch. Cato konnte die Republik verteidigen, Pompeius
konnte sie nicht angreifen. Der Senat war Partei und stand
zugleich über den Parteien. Pompeius war nur Partei. Der Senat
hatte eine Sache, Pompeius konnte nur auf sein persönliches
Können und seine persönlichen Leistungen verweisen. Es gab
Möglichkeiten des Aufstiegs für ihn, aber kein Platz war vorge-
sehen, den er dann hätte einnehmen können.
Er hat einen auf seine Weise kennzeichnenden Versuch
gemacht, diesen unerquicklichen Zustand zu überwinden: Im
Jahr 61 trug er Cato an, er und sein Sohn wollten zwei von
Catos Nichten, Töchter von Caesars Freundin Servilia, heira-
ten. Mutter und Töchter waren entzückt, der Onkel wies den
Antrag schroff zurück.
Der Gegensatz war wohl unvermeidlich. Und ebenso unver-
meidlich war, daß beide Seiten darin so unerfreulich wirkten;
Cato kleinlich, verkrampft, dogmatisch; Pompeius halbherzig,
angstvoll, heuchlerisch. Wenn Cato darauf bestand, daß nichts
geneuert werden dürfe, so artete damit eine alte Neuerungs-
skepsis zum Prinzip aus – wie immer, wenn man in kritischen
Situationen sei es an der Vergangenheit, sei es an einer Zukunft
Maß nimmt. Es legte sich damit gleichsam ein ideologischer
Christian Meier – Caesar 276

Panzer um sein Denken. Wenn Pompeius ehrlich beteuerte,


daß er die Angriffe, die seine Helfer gegen den Senat rich-
teten, nicht gutheiße, so wurde er zum Verräter an seinen
Freunden. Und sein »rechtschaffenes Gesicht« wollte trotz-
dem nicht recht überzeugen. Aber indem er eine so schwan-
kende, dunkle, unzuverlässige und feige Politik trieb, konnte
er wenigstens ein Minimum an Vertrauen bewahren, an das
später anzuknüpfen war. Er brach die Brücken nicht ab. Er
blieb auf die Zustimmung der Guten angewiesen. So erhielt er
sich am ehesten die Möglichkeit, eine Macht wie die seine viel-
leicht einmal in Rom zu etablieren; wenn die Stadt ihn einmal
brauchte, also wenn die Situation schwierig genug geworden
war – nicht ohne sein Zutun, aber möglichst ohne daß dies
offenkundig geworden wäre.
Nur wenn die Probleme des Herrschaftsbereichs, auf die
Pompeius sich so gut verstand, und die Krise selbst direkt –
und nicht nur in einzelnen Auswirkungen – auf die Tagesord-
nung der Politik gekommen wären, wenn sich darum eine kon-
tinuierliche Gruppierung gebildet hätte, hätte es anders sein,
hätte Pompeius überpersönliche Kraft und Richtung gewinnen
können.
Doch derart politisch war die Krise gerade nicht einzufan-
gen. Die Parteiungen bewegten sich an den großen Problemen
der Republik vorbei. Der Widerspruch zwischen den beiden
auseinanderklaffenden Wirklichkeiten Roms wurde nicht zum
Gegensatz – zumal die Notleidenden nicht mitsprechen konn-
ten. Das mutet den heutigen Betrachter wiederum erstaunlich
an. Wir denken bei einer Krise immer zugleich an Lösung
durch politisches Handeln – sei es daß die Regierenden sie
bewerkstelligen, sei es daß sie im Austrag zwischen den großen
Parteien gefunden wird. Das kann eine Weile dauern, aber
dann muß es geschehen. Die gleichen Erwartungen wie an den
Staat richten wir an die Regierenden. Und wir haben uns an
die große Kapazität des modernen Parteiensystems gewöhnt.
Parteien dieser Art sind aber ebenfalls ein Produkt der Neu-
zeit. Ihr Vater ist der gefestigte, seine Bürger mediatisierende
Staat. Erst mit dem ist auch die Auffassung möglich, Parteien
Christian Meier – Caesar 277

seien etwas Positives. Erst in ihm kann es Parteiprogramme


geben, wobei der Gedanke der Repräsentation und der der
Gesellschaftsveränderung vom Staat her mitsprechen. Gleich-
wohl ist es auch heute nicht sicher, wie weit die moderne
Gegensatzkapazität den Problemen unserer Welt noch gewach-
sen ist. Inwieweit die Krisen, die wir unter uns erzeugen, von
uns noch zu lösen sind.
Jedenfalls war die römische Republik damals an einem
Punkt angelangt, wo sie mit ihren Problemen nur unter
größerem Verlust an Freiheit und Entfaltungsraum hätte fertig
werden können. Denn letztlich liefen die Dinge, ohne daß man
das hätte wissen können, auf die Monarchie hinaus. Doch wann
sieht eine Gesellschaft solch einen politischen Preis schon als
unumgänglich an – zumindest wenn sie so politisch, so existen-
tiell mit ihrer Ordnung verbunden und so wenig auf Effizienz
bedacht ist wie die römische? Das war erst nach der ungemei-
nen Zermürbung in den anhaltenden Bürgerkriegen der vier-
ziger und dreißiger Jahre möglich.
Wenn sich nun aber keine Kraft bildete, die es mit dem Beste-
henden aufnahm, wenn es folglich keine Anhaltspunkte gab,
an denen Außenseiter sich verknüpfen und ihre Ansprüche
in einem größeren Rahmen hätten versachlichen können, so
waren auch Caesars Möglichkeiten und Grenzen dadurch aufs
Stärkste bestimmt.

Er befand sich in der gleichen Lage wie Pompeius, nur auf


andere Weise. Auch er konnte für seine außergewöhnlichen
Ansprüche nur sein eigenes Können vorweisen. Und es lag
ihm nahe, unter den althergebrachten Idealen des römischen
Adels das der Leistung für das Gemeinwesen stark auszubil-
den und herauszukehren. Nur mußte – und vermochte – er das
viel stärker und reiner, viel einseitiger als Pompeius. Denn der
war von dem Bewußtsein gehalten, dem Senatsregime dienen
zu wollen; er hätte kaum die Kraft gehabt, eine Vorzugsstel-
lung anzustreben, wäre er nicht überzeugt gewesen, daß sie in
den Maßen des Herkömmlichen notwendig, ja sinnvoll wäre.
Caesar scheint darauf nicht angewiesen gewesen zu sein. Er
Christian Meier – Caesar 278

dachte nicht unbedingt anders, doch war sein Respekt vor der
Republik schwächer. Die Zustimmung der sogenannten Guten
konnte ihm nicht so leicht zur Richtschnur werden.
Beide waren stark durch Sulla bestimmt. Während aber
Pompeius von ihm angenommen worden war, hatte sich
Caesar von ihm abgestoßen gefühlt. Pompeius wollte wie er
Außerordentliches für Senat und Republik ins Werk setzen.
Caesar war primär durch das Außerordentliche in Sullas
Persönlichkeit fasziniert, die Kühnheit und den Willen, die
Dinge in die Hand zu nehmen, wenn sie nicht liefen, wie
sie sollten. Und ganz abgesehen davon, daß er kaum Gelegen-
heit hatte, sich besonders für den Senat zu engagieren, war
persönliche Faszination für ihn ungemein wichtig. Weil er nicht
sein wollte wie die Anderen, und weil er so anspruchsvoll war.
Wenn Pompeius eher eitel, war Caesar eher stolz. Von
Jugend an. Daher rührt die frühe Opposition gegen die herr-
schenden Kreise. Daher auch der Widerspruchsgeist. Und weil
er den schon früh und demonstrativ gezeigt hatte, brachte
er auf seinen popularen Weg genügend Verdienste mit, um
das Stadtvolk nicht umwerben zu müssen. Der Ärger mit den
führenden Senatoren war ihm lieber als Vorteile, die er sich
durch Gefügigkeit hätte erwerben können.
Es hatte bei Pompeius viel ausgemacht, daß er schon in
jungen Jahren zu Ruhm gelangt war. Caesar dagegen mußte
den Anspruch, den er erhob, erst noch einlösen. Wenn er in
der Gewißheit zukünftiger großer Taten lebte, so trug ihm
das einige Unabhängigkeit von seiner Umgebung ein. Aber er
geriet dadurch zugleich in eine Pflicht sich selbst gegenüber.
Und vielleicht erwuchs daraus mit der Zeit ein um so stärkeres
Bedürfnis, am Ende die Anerkennung zu finden, um die es ihm
zunächst nicht ging?
Vieles auf seinem frühen Weg mutet an, wie wenn Caesar
seinen Aufstieg mit Sicherheit Schritt für Schritt vollzogen
hätte. Es war aber wohl eher Bedenkenlosigkeit. Und oft
genug wird er nicht weit von der Gefahr entfernt gewesen
sein, sich wie Catilina ins Abschüssige zu verlieren. Doch
konnte er kalkulieren; und vor allem hatte er seine wunder-
Christian Meier – Caesar 279

volle Überlegenheit; ein Genie, anderen die Köpfe zu verdre-


hen, nicht nur Frauen. Wenn die maßgebenden Senatoren ihn
recht genau durchschauten und bekämpften, wenn sie sahen,
daß er im Grunde viel gefährlicher war als Catilina, so ver-
mochte er sich in aller Unschuld so darzustellen, wie wenn ihm
große Ungerechtigkeit widerführe. Er vermochte die Gegner
aufs Blut zu reizen und zugleich ins Unrecht zu setzen. Vermut-
lich hat das das Gros für ihn geradezu eingenommen. Um der
Gerechtigkeit willen und weil es ohnehin mehr der Gefälligkeit
zuneigte. Caesars Großzügigkeit stach wohltuend ab von Catos
Rigidität, sein Mut von dessen Bedenklichkeit, sein unterneh-
mendes Wesen von dessen Unbeweglichkeit. Cato war anstren-
gend, Caesar erfrischend – wenn er auch des Guten manchmal
zuviel tat.
So ist ihm sein großes Spiel bis hin zur Consulwahl gelun-
gen. Die Frage war, wie es weiterginge, wenn er sich jetzt der
Forderungen des Pompeius annahm. Ob es auch dann glückte,
die Senatsmehrheit gegen die Sache des Senats einzunehmen?
Man kann wohl kaum sagen, daß die Sache schon völlig ent-
schieden gewesen wäre.
Entschieden war einstweilen nur, daß Caesar seinen eige-
nen, ganz persönlichen Weg, den er gesucht, auch gefunden
hatte. Da sich dem Außenseiter in der Gegensatzkonstellation
der Zeit nichts bot, was ihn zu fester, sachlicher Stellung-
nahme eingeladen hätte, mußte er seinen Beziehungspunkt,
sein Maß in sich selber finden. Wo keine Sache war, mußte
er seine Persönlichkeit frei und ungebunden ausbilden. Seine
virtus, den Manneswert römischer Vorstellung, wollte er in
Taten erweisen. Sein Stolz, sein Superioritätsbewußtsein, sein
mit den Erfolgen wachsendes Selbstvertrauen gaben ihm die
Gewißheit, daß er schaffen würde, was er sich vorgenommen
hatte.
Aus seiner persönlichen Distanz zu allen anderen, aus der
bewußten und freien Absetzung von seinen Standesgenossen
heraus vermochte er Glanz zu entfalten, den großen Stil dessen,
der sich frei weiß, alle seine reichen Gaben und damit sich
selbst ohne viel Rücksicht zu verwirklichen; der überzeugt
Christian Meier – Caesar 280

ist, unvergleichlich viel mehr Kraft, Geschick und Einsicht zu


besitzen als alle anderen; der auch Grund dazu hat. Das berei-
tet ästhetisches Vergnügen. Doch ist offen, ob es auch zum
Segen der römischen Gesellschaft sein sollte. Und es bereitete
Caesar das Problem, daß sich eine weite Kluft zwischen ihm
und ihr auftun konnte. Vielleicht gar kam er aus dieser Position
heraus dazu, sein Leistungsethos zu verabsolutieren?
Christian Meier – Caesar 281

Das Consulat (59 v. Chr.)


Der Amtsantritt • Senatsdebatte über das
Ackergesetz: Verhaftung Catos • Neue
Taktik der fahrenden Senatoren • Zweites
Bündnis mit Pompeius Ende April • Oppo-
sition • Kompromiß-Angebot an Caesar:
Sein Verhältnis zur politischen Ordnung •
Ungeheuerliche Veränderung in Rom

Die Consuln begannen ihr Amtsjahr mit der Einholung der


Auspicien: Kurz vor Anbruch des Tages bezogen sie, jeder für
sich, Posten, um den Himmel zu beobachten. Tauchte dann
im Morgengrauen linker Hand ein Lichtzeichen auf, das sich
als Blitz deuten ließ, so war ihnen und der Stadt für die Zeit
ihrer Amtsführung Glück verheißen. Aber es reichte auch,
wenn ihnen einer der dafür zuständigen Amtsdiener – der
»Hühnerwart« (pullarius) – den Blitz meldete. Sagte er, was
die Regel war, etwas Unwahres, so traf die Verantwortung ihn.
Die Magistrate dagegen durften es guten Glaubens für wahr
halten. Und das Gemeinwesen war ebenfalls salviert.
Man brauchte in Rom glückliche Vorzeichen, sonst durfte
man viele wichtige Handlungen nicht vollziehen. Andererseits
konnten aus praktischen Gründen gerade wichtige Handlun-
gen oft nicht aufgeschoben werden. So war man dazu gekom-
men, bei den Vorzeichen etwas nachzuhelfen. Aber auf deren
Einholung konnte nicht verzichtet werden. Mindestens mußte
festgestellt worden sein, daß es geblitzt habe. Wir mögen das
für eine bloße Formalie ansehen; aber es war ein Stück Her-
kommen. Indem man die Form beachtete, handelte man, wie
seit Gründung der Stadt schon immer gehandelt worden war.
So hatte es seine Ordnung; und wenn die Dinge nicht mehr
ihre Ordnung hatten, war alles dahin. Gerade im Religiösen
war jede Sorgfalt geboten. Keiner hatte hier mit dem Herkom-
men brechen wollen. Und Caesar wird es genauso gehalten
haben. Vielleicht hat der Pontifex Maximus die Szene sogar
Christian Meier – Caesar 282

in besonderer Bewußtheit gespielt, mit dem Sinn für Parodie,


den man ihm zusprechen möchte; wie hätte er sich sonst inner-
lich gegen viele Zumutungen behaupten können? Außerdem
wollte Caesar sich keinerlei Blöße geben. Die Gegner sahen
scharf zu, sie sollten in diesen Dingen nichts an ihm auszuset-
zen haben.

Das für Rom so schicksalhafte Jahr der Consuln Gaius Julius


Caesar und Marcus Calpurnius Bibulus hat also, was diesen
Consul anging, wie jedes andere und vermutlich korrekter
noch als jedes andere begonnen. Doch die Vorzeichen trogen.
Caesars Helfer, der Volkstribun Publius Vatinius, hatte schon
drei Wochen zuvor erklärt, um die Gutachten der Auguren und
die ganze Anmaßung dieses Collegiums werde er sich nicht
scheren. Das hieß: Das ganze Auspicienwesen war ihm herz-
lich gleichgültig. Da hatte sich die andere Seite der Medaille
gezeigt: die offene Drohung. Es ging dabei um Auspicien, die
die Gesetzgebung behindern konnten. Denn wenn ein Magi-
strat am Morgen eines Tages den Himmel beobachtete und
folglich einen Blitz sah – respektive gemeldet bekam –, durfte
an diesem Tag keine Volksversammlung einen Beschluß fassen.
Blitze galten als glücklich für jede Unternehmung außer für
die Comitien. Allein, was immer Vatinius sagen mochte, er war
nicht Caesar, nicht der Pontifex Maximus, nicht der Consul, der
verantwortungsvolle Leiter der römischen Politik im gerade
anbrechenden Jahr.
Nach Einholung der Auspicien legte Caesar in dem Haus
an der Via Sacra, das er als Pontifex Maximus bewohnte, die
mit dem Purpurstreifen gesäumte Amtstracht an, die Toga
Praetexta. Vermutlich war sie neu angefertigt, glänzend und
chic. Die Liktoren fanden sich ein, außerdem ungezählte
Freunde und Bekannte. In festlicher Stimmung brach Caesar
mit großem Gefolge auf, um die kurze Strecke über das Forum
aufs Capitol zu gehen. Auf einem Podest stand sein Amtsstuhl,
die Sella Curulis. Dort nahm er Platz, vermutlich neben
seinem Collegen. Dann wurde Juppiter dafür gedankt, daß
er das Gemeinwesen im vergangenen Jahr beschirmt hatte;
Christian Meier – Caesar 283

weiße Rinder wurden ihm zum Opfer dargebracht, wie es die


Vorgänger ein Jahr zuvor gelobt hatten; und es wurde ihm das
gleiche Opfer für das anbrechende Jahr zugesagt.
Anschließend begaben sich die Senatoren in den Tempel
des Capitolinischen Juppiter, des Besten und Höchsten (Opti-
mus Maximus). Die neuen Consuln hielten ihre erste Sitzung.
Caesar hatte die Leitung, weil er als erster gewählt worden war.
Er hatte über das Gemeinwesen – de re publica – zu referie-
ren, zunächst über die religiösen Angelegenheiten, dann über
die irdischen Dinge, wohl auch über die Grundsätze seiner
Amtsführung und seine Vorhaben. Er könnte hier schon das
vom Dreibund ausgehandelte Programm vorgetragen haben,
dann aber jedenfalls mit aller Rücksicht. Denn er wollte alles im
Senat zur Debatte stellen, wollte alle Einwände und Vorschläge
berücksichtigen. Außerdem appellierte er an seinen Collegen
Bibulus, daß sie ihr Consulat in Eintracht führen wollten, um
des Gemeinwesens, um der gemeinen Sache willen. Wieder
gab er sich überlegen. An ihm sollte es nicht liegen, wenn
Streit ausbrach. Und da die Gegner die Dinge grundsätzlich
nahmen, genau, kleinlich, trennend statt versöhnend, lag ihm
der Part der Großzügigkeit bereit, der Verantwortung, den er
so gern und vollendet spielte.
Dann begann die Umfrage. Sie wurde mit Spannung erwar-
tet. Denn die Consuln hatten die Angewohnheit, einige Consu-
lare unabhängig vom Grundsatz der Anciennität vor allen ande-
ren zu befragen. Diese Reihenfolge behielten sie üblicherweise
das ganze Jahr hindurch bei. Sie besagte, daß sie mit den
betreffenden Herren, die nach Ansehen und persönlicher
Freundschaft ausgesucht waren, besonders eng zusammenar-
beiten wollten. Caesar rief als ersten Marcus Crassus auf, nicht
Pompeius. Er richtete sich nach den alten Beziehungen und
berücksichtigte vielleicht auch, daß Crassus bei dem Gesetzge-
bungsprogramm, das er vorhatte, am schlechtesten abschnitt.
Noch am gleichen Tag oder an einem der folgenden hielt der
Consul gewöhnlich seine erste Rede an das Volk, in der er sich
für die Wahl bedankte, zugleich über sich und seine Leistun-
gen sowie über seine Vorfahren sprach, damit deutlich würde,
Christian Meier – Caesar 284

wer er sei. Caesar wird auch über seine Weise, die Geschäfte zu
führen, und über seine Pläne eine programmatische Erklärung
abgegeben haben. Gewiß sehr staatsmännisch, im Rahmen des
Herkömmlichen sich haltend, aber so, daß auch hier – wie
sonst – seine eigene persönliche Note, sein Glanz zum Aus-
druck kamen. Den »wahren Popularen«, der das Wohl des
ganzen Gemeinwesens im Auge hatte, kann er kaum verleug-
net haben.
Er führte auch gleich eine Neuerung ein, daß nämlich über
die Verhandlungen von Senat und Volksversammlung täglich
Berichte verfaßt und veröffentlicht werden sollten. Ein Beitrag
zur Versachlichung des politischen Lebens, praktisch gedacht,
im Sinne einer alten Tendenz popularer Politik, nicht unbe-
dingt bequem für die Senatoren, aber zu rechtfertigen: Es
schützte auch gegen Fehldarstellungen von Senatsdebatten.
Vermutlich äußerte sich darin zugleich, wie später in Caesars
Kriegsberichten, ein Sinn für Dokumentation. Er hatte stets
auch die Nachwelt im Sinn. Sie bildete den weiteren Horizont,
in dem sich sein Leistungsethos bewegte.
Wohl in den ersten Tagen des Jahres brachte Caesar dann
sein Ackergesetz ein. Daß er es plante, war längst bekannt. Es
sah zwei Formen der Landbeschaffung vor. Einerseits sollten
alle noch im Gemeindeeigentum befindlichen Äcker – außer
dem campanischen – aufgeteilt, andererseits sollte mit einem
Teil der Beutegelder des Pompeius Land angekauft werden.
Der Verkauf sollte freiwillig sein, als Preis galt der Wert, mit
dem das Land in den censorischen Schätzungslisten einge-
tragen war. Bei der Ansiedlung wurden in erster Linie die
Veteranen des Pompeius bedacht. Was übrig blieb, sollte an
andere gegeben werden. Caesar scheint darauf hingewiesen
zu haben, daß in der Stadt viel zu viele Menschen wohnten,
denen es guttäte, eigenes Land zu erhalten. Damit würde auch
die Wurzel vieler Unruhen bekämpft. Die Ansiedlungskommis-
sion sollte recht groß sein, zwanzig Personen umfassen. Caesar
selbst erklärte, er wolle durch sein eigenes Gesetz in keiner
Weise begünstigt sein; eine Bestimmung schloß aus, daß der
Antragsteller an der Kommission teilhatte.
Christian Meier – Caesar 285

Er legte den Text dem Senat vor, erklärte sich bereit,


auf jeden Änderungswunsch einzugehen. Daß die Soldaten
nach den Feldzügen Land bekamen, war inzwischen mehrfach
geschehen. Sie stammten übrigens zumeist aus der verarmten
Landbevölkerung. Sulla selbst konnte für die Ansiedlungspoli-
tik als Vorbild dienen. Aber wieviel milder war Caesars Gesetz,
da es keinem etwas wegnahm! Im Grunde gab es nur einen
Einwand. Der richtete sich nicht gegen einzelne Formulie-
rungen des meisterhaft abgefaßten Textes, sondern gegen die
ganze Sache: Pompeius wurde wesentlich mächtiger dadurch.
Eben das mochte aber kaum einer offen aussprechen. Gewiß
gab es entschiedenen Widerspruch, nicht zuletzt von Caesars
Collegen Bibulus. Im ganzen aber scheinen sich die Väter in
der Debatte schwergetan zu haben. Sie werden das Gesetz
in ihrer Mehrheit nicht gewollt haben, aber sie hatten auch
nicht viel dagegen vorzubringen. Manche haben sich positiv
ausgesprochen, andere nicht negativ. Sie suchten die Debatte
hinauszuzögern. Das Ende war offen. Vermutlich bestand wirk-
lich eine gewisse Aussicht, daß Caesar mit seiner großen
Beredsamkeit, seinen glänzenden Argumenten und angesichts
des Fehlens durchschlagender Gegenargumente die Mehrheit
zu sich hinübergezogen hätte. Da trat ihm wieder, wie einst
bei der Debatte um die Catilinarier, Cato entgegen. Er machte
keine langen Umschweife, ging auf keine Einzelheit ein, son-
dern versteifte sich bündig auf den Grundsatz, es in allem beim
Bestehenden zu belassen und in nichts darüber hinauszuge-
hen. Und über dieses Thema setzte er zu einer großen Rede an.
Der Tag war kurz – bei Sonnenuntergang war die Sitzung, wie
üblich, abzubrechen –, ein Ende nicht absehbar. Cato wollte
offenkundig wieder die restliche Redezeit verbrauchen. Eine
gute Weile lang scheint Caesar zugehört zu haben. Dann riß
ihm die Geduld. Er beauftragte einen Amtsdiener, Cato festzu-
nehmen und ins Gefängnis abzuführen. Ob er gehofft hat, in
dessen Abwesenheit einen Senatsbeschluß zu seinen Gunsten
zu erwirken? Oder ob ihm mit einem Schlag deutlich gewor-
den war, daß er mit seiner überlegen-rücksichtsvollen Politik
nicht zum Zuge kommen konnte? Oder hatte er nur einen Vor-
Christian Meier – Caesar 286

wand gesucht, um ein nicht ehrlich gemeintes Spiel abzubre-


chen? Ließ er jetzt also gleichsam die Maske fallen?

Man sollte die Dinge nicht vom Ausgang her für eindeutiger
halten, als sie vermutlich waren. Vieles sprach dafür, das
Mögliche zu tun, um die Zustimmung des Senats zum Acker-
gesetz zu erreichen. Wenn Cato filibusterte, so scheint er damit
gerechnet zu haben, daß sich die Mehrheit für das Gesetz
aussprach. Manche werden es für gut gehalten, viele ange-
sichts der Entschlossenheit Caesars und der Drohungen seiner
Helfer eine Niederlage befürchtet haben, die sie vermeiden
wollten. Wieder andere mochte es drängen, sich auf die Seite
der Stärkeren zu stellen. Es mußte auffallen, daß Pompeius’
Rivale Crassus sich für das Gesetz aussprach – was zwar nicht
bezeugt, womit aber zu rechnen ist. Und unabhängig davon,
was der Senat endlich beschloß: Es war für Caesar jedenfalls
gut, die sachliche Berechtigung des Gesetzes, die Überlegenheit
der eigenen Argumente und den Wunsch, mit dem Senat
zusammenzuarbeiten, möglichst deutlich zu machen. Auch
Pompeius sollte – und wollte vielleicht – sehen, wie sehr
Caesar um eine versöhnliche Lösung rang. Er hatte dann
wenigstens alles versucht. Wenigstens war so die Starrheit und
Unversöhnlichkeit der Gegner offenbar geworden.
Ob Caesar freilich wirklich auf die Zustimmung des Hauses
gehofft hat, ist unklar. Wenn ja, so hätte er sich vermutlich mit
einer bescheideneren Provinz, mit einer im wesentlichen nor-
malen Fortsetzung seiner Laufbahn zufriedengeben müssen.
Denn nur, wenn es galt, sich mit Gewalt und Rechtsbruch
gegen den Senat durchzusetzen, hatte er Aussicht, auch das
für ihn vorgesehene außerordentliche Kommando zu erhalten.
Es gibt für uns kein Mittel, um zu ergründen, welche dieser
beiden Möglichkeiten ihm lieber war. Wir wissen nicht einmal,
ob die Frage sich ihm so stellte; vielleicht ließ er es darauf
ankommen, wie die Dinge liefen. Vielleicht sprach ihm durch-
aus die Vernunft dafür, die einvernehmliche, aber bescheide-
nere Lösung zu versuchen. Dann hätte er gar keine Maske
getragen, sich freilich anstrengen müssen, um sich in aller
Christian Meier – Caesar 287

Freundlichkeit auf lange, wenig ersprießliche Erörterungen


einzulassen. Denn rasch entschlossenes Handeln lag ihm viel
mehr, und sein ganzes Consulat war auf Handeln angelegt.
So kann er denn, was immer seine Präferenz war, mindestens
vom Temperament her nicht unglücklich gewesen sein, als
Cato seine Diplomatie vereitelte. Sein Wille, sein Zorn brachen
durch, und er ließ sie sich in aller Ungebärdigkeit austoben.

Cicero, so berichtet Plutarch, habe der Freundlichkeit Caesars


so mißtraut wie der Stille des Meeres. Er empfand sie
als trügerisch und fürchtete »die in der freundlich-heiteren
Art verborgene Ungeheuerlichkeit des caesarischen Wesens«.
Deinótes ist das griechische Wort dafür, das bedeutet das
Ungeheure, Unheimliche, Gewaltige. Sophokles gebraucht das
zugrunde liegende Adjektiv im berühmten Chorlied der Anti-
gone, um die ganze Spannweite des Menschen, seine im Posi-
tiven wie im Negativen ungeheuren Möglichkeiten zu bezeich-
nen. Ein fürchterlicher Wille also muß nicht hinter, sondern in
Caesars arrogant-souveräner Heiterkeit spürbar gewesen sein;
weithin zwingend in seiner gebändigten Kraft. Da war nicht
einfach eine Maske aufgesetzt, sondern es hatte sich einer aus
seinem distanzierten, verachtungsvollen Innern heraus eine
tätig-überlegene Heiterkeit anerzogen, hatte die Abgründe
seiner Seele sorgfältig überdeckt. Konzentration lag darin,
Disziplinierung, äußerste Anstrengung. Der Stil des großen
Staatsmanns. Der Glanz persönlicher Souveränität. An dieser
entscheidenden Stelle aber, als es galt, die Voraussetzungen für
den weiteren, außerordentlichen Weg zu schaffen, als er da in
diesem Stil nicht weiterkam, brach sein ungeheurer Wille wohl
zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit durch.
Zahlreiche Senatoren erhoben sich und verließen mit Cato
den Saal. Als der Consul einen von ihnen darauf hinwies, daß
die Sitzung noch nicht zu Ende sei, antwortete der, er sitze
lieber mit Cato im Gefängnis als mit ihm im Senat. Darauf
ließ Caesar Cato frei, vermutlich indem er einen Tribunen bat,
Einspruch gegen dessen Verhaftung zu erheben. Er löste die
Senatssitzung auf, wobei er bemerkte, wenn sie den Antrag
Christian Meier – Caesar 288

nicht mit ihm beraten wollten, werde er ihn so, wie er sei, zur
Abstimmung stellen. Er war jetzt nicht mehr gewillt, weiter um
die Senatsmehrheit zu werben.
Was als Alternative längst geplant war, ging nun in rascher
Folge über die Bühne: Pompeius hatte seine Veteranen zur
Abstimmung über das Ackergesetz nach Rom kommen lassen.
Aus ihnen und anderen wurden Mannschaften gebildet, die
das öffentliche Leben der Stadt terrorisieren konnten. Vatinius
war ihr Anführer. Bald beherrschten sie die Straße.
In einer der Versammlungen setzte Caesar Bibulus mit insi-
stierenden Fragen zu. Ob er gegen einzelne Bestimmungen
des Gesetzes etwas einzuwenden habe? Als der nichts zu erwi-
dern wußte, als daß während seines Amtsjahres nichts geneu-
ert werden sollte, verlegte sich Caesar aufs Bitten und rief der
Menge zu, sie solle sich anschließen. Sie bekämen das Gesetz,
wenn nur Bibulus einwillige. Doch der antwortete bloß: »Ihr
werdet das Gesetz in diesem Jahr nicht bekommen, auch wenn
ihr es allesamt wollt.«
Bei einer anderen Auseinandersetzung, die nicht genau zu
datieren ist, ließ Vatinius den Consul verhaften. Rechte dieser
Art hatten sich auch frühere Volkstribunen angemaßt. Sie
gehörten zum Kräftemessen zwischen Senat und Volkstri-
bunen. Vatinius hatte die Sache schon vorbereitet. Seine
Helfer hatten Holzbänke von den Gerichtstribunalen anein-
andergereiht, so daß ein langer schmaler Gang von der
Rednertribüne zum Gefängnis entstand. Bibulus mußte ihn
in einer Art Spießrutenlaufen allein unter dem Gejohle der
Menge zurücklegen. Endlich griffen andere Volkstribunen ein
und befreiten ihn. Caesar aber hatte mit dem ganzen Treiben
seines wichtigsten Helfers natürlich gar nichts zu tun. Er war
ja ein milder, großzügiger Mann.
Dann berief Caesar eine Volksversammlung auf das Forum,
auf der er Pompeius und Crassus sprechen ließ. In gesetzten
Worten erläuterte Pompeius, was alles für das Gesetz, für die
wohlverdiente Landversorgung seiner Soldaten spräche. Er
ging Bestimmung für Bestimmung durch. Schließlich fragte ihn
Caesar, ob er ihn auch unterstützen werde, wenn die Gegner
Christian Meier – Caesar 289

das Gesetz mit Gewalt bekämpften. Dabei blickte er zugleich


auf die Menge und vergewisserte sich ihrer Unterstützung.
Pompeius erwiderte: »Wenn einer mit dem Schwert kommt,
werde ich zum Schwert auch den Schild mitbringen.« Das
wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der vorsichtige,
zurückhaltende, seinen eigenen Helfern gegenüber stets
ängstlich distanzierte und so sehr auf sein Prestige bedachte
große Herr war bereit, sich im vorhinein mit offener Gewalt-
anwendung zu identifizieren! Caesar dürfte Pompeius schwer
zugesetzt haben. Aber er war ja auch kein kleiner Tribun, der
mit seinem Antrag durchkommen oder auch scheitern konnte.
Wenn er sich dazu bereit fand, die gemeinsamen Interessen
durchzusetzen, mußte er Erfolg haben, dann konnte er keine
Rücksicht nehmen; nur mußte dann klar sein, daß Pompeius
ihn deckte.
In der Nacht vor der Abstimmung besetzten Caesars
Anhänger das Forum. Als die Gegner, der Consul Bibulus und
drei Volkstribunen mit ihrem Gefolge dort anlangten, konnten
sie sich nur mit Mühe durchkämpfen. Die Quellen sind nicht
eindeutig. Aber es scheint, daß die Herren den Castortempel
erreichten, von dessen Podium aus Caesar die Abstimmung
leiten wollte. Aber ihre Intercession konnten sie jedenfalls
nicht vorbringen, da sie die Stufen hinuntergestoßen wurden.
Den Liktoren wurden die Rutenbündel zerbrochen, die Sym-
bole der consularischen Gewalt. Für Bibulus hatte man einen
Korb voll Mist bereitgestellt, der über seinem Kopf geleert
wurde. Der Lächerlichkeit sollte er preisgegeben sein. Zwei
Volkstribunen und mehrere andere Personen wurden verwun-
det. Im Laufe des Handgemenges wurde die Gruppe über die
Via Sacra nach Osten abgedrängt. Bibulus soll dabei seinen
Hals entblößt haben. Sterbend wollte er auf Caesar den Fluch
des Mordes herabziehen. Aber seine Freunde retteten ihn in
das Heiligtum des Juppiter Stator (gleich neben der Stelle, an
der heute der Titusbogen steht).
Caesar hat sich durch diese Vorgänge nicht stören lassen.
Anscheinend hielt er gerade eine Ansprache, als sein Consu-
latscollege von den Stufen zum Tempel gestoßen wurde. Mag
Christian Meier – Caesar 290

sein, daß er sich kurz unterbrach oder seine Stimme hob.


Die Versammlung nahm jedenfalls ihren vorgesehenen Ablauf;
alles war aufs Beste organisiert; das Gesetz wurde ratifiziert.
Am folgenden Tag versammelte Bibulus den Senat. Er
beklagte sich über die unerhörten Gewalttätigkeiten. Aber bei
der Umfrage wollte keiner einen Antrag stellen. Was sollte
man auch beschließen? An ein senatus consultum ultimum
war nicht zu denken. Nur wenn Aussicht auf Überlegenheit
bestand, konnten die Bürger zu einer Polizeiaktion versam-
melt werden. Die Empörung war groß, aber der Schrecken, die
Lähmung waren es auch. Und für eine Kassation des Gesetzes
fehlten die Rechtsgrundlagen. Daß Caesar die Intercession ver-
eitelt hatte, mochte Gegenstand einer Anklage gegen ihn sein.
Doch war das Gesetz, nachdem die Intercession nicht hatte
erfolgen können, gültig. So diente die Senatssitzung offenbar
nur dazu, das Unrecht, die Niederlage der res publica wie ein
Menetekel an die Wand zu schreiben und eine zweite Phase
der Opposition gegen Caesar einzuleiten.

Man hatte eine ganz neue Taktik entworfen: den Boykott der
Politik. Bibulus zog sich in sein Haus zurück und verließ es
nicht mehr. Übrigens hatte ihn Vatinius dort zeitweise auch
mit seinen Banden belagert, hat ihn einmal durch seinen
Amtsdiener auch herauszerren lassen wollen. Aber er war gut
bewacht, und zum Äußersten wollte – oder durfte – es Vati-
nius nicht kommen lassen. Auch drei Volkstribunen gaben ihre
Amtsgeschäfte auf. Wohl die Mehrheit der Senatoren, darunter
ein so regelmäßiger, pflichtbewußter Besucher aller Sitzungen
wie Cato, blieb künftig dem Senat fern.
Sie demonstrierten, daß in Rom das Recht nicht mehr
herrschte; daß man sich nicht mehr sicher fühlen konnte; daß
es keine Freiheit mehr gab. Angesichts des Schreckens, den
Caesar verbreitete, war das ja nicht ganz falsch. So meinten
sie, mit der eigenen Niederlage werben zu können. Schon bei
den Überlegungen darüber, ob Bibulus gegen das Ackergesetz
intercedieren sollte, war ihm der Rat gegeben worden, es lieber
auf den Ruf der Niederlage anzulegen als auf den der man-
Christian Meier – Caesar 291

gelnden Aufmerksamkeit und Pflichttreue. Wenn man jetzt die


eigene Handlungsunfähigkeit geradezu inszenierte, so verließ
man sich auf die Verwurzelung der alten Ordnung in der
Bürgerschaft, auf ihre Kraft und Selbstverständlichkeit. Man
rechnete damit, daß sich so am ehesten und raschesten die
allgemeine Empörung nähren ließ. Früher hatte man nach
ähnlichen Niederlagen – etwa zur Gracchenzeit – zunächst nur
abgewartet; jetzt nutzte man die Zeit für eine so stille wie wirk-
same Werbung.
Noch etwas anderes war neu: Bibulus beobachtete an jedem
Tag, an dem ein Gesetz zur Abstimmung stand, den Himmel
und ließ dem Abstimmungsleiter melden, daß er einen Blitz
gesehen habe. Anders als die Intercession blieben religiöse
Einsprüche dieser Art wirksam, auch wenn sie mißachtet
wurden. Hier hatte man es mit den Göttern zu tun. Es
gab Präzedenzfälle, in denen der Senat Gesetze aufgehoben
hatte, weil sie unter Mißachtung von Himmelszeichen gege-
ben worden waren. Man arbeitete also auf die Annullierung
der gesamten Gesetzgebung hin. Früher hatte man bei großen
Gesetzgebungsprogrammen vielleicht einmal intercediert, und
wenn man damit nicht durchkam, weiter nichts unternom-
men, um das Instrument des Vetos nicht zu verschleißen. Jetzt
verfuhr man, offenbar unter Catos Einfluß, genau umgekehrt:
Man legte Obstruktion ein, obwohl man genau wußte, daß
Caesar und Vatinius sie mißachten würden. Man wagte bewußt
ein hohes Risiko. So sicher war man sich seiner Sache. Und
früher hatte man meistens intercediert, nicht »obnuntiiert« –
also Himmelsbeobachtung gemeldet. Nur mußte die Inter-
cession persönlich vorgebracht werden, während Obnuntiation
durch Amtsdiener zu erledigen war. Das war ein zweiter Vorteil.
Dafür war in Kauf zu nehmen, daß die Verabsolutierung dieses
Mittels zur kontinuierlichen Verhinderung von Gesetzen, die
Vermeidung der offenen Konfrontation zwischen Gesetzgeber
und Himmelsbeobachter die Sache einigermaßen lächerlich
machte.
Bibulus gab außerdem ständig neue Bekanntmachungen
heraus, höchst polemische Kommentare zu den Taten seines
Christian Meier – Caesar 292

Collegen. Im übrigen wurde fast keine Opposition mehr gelei-


stet. Das war zu gefährlich, und eben dies sollte demonstriert
werden.
Caesar ließ sich dadurch allerdings einstweilen nicht beein-
drucken. Er wäre lieber legal ans Ziel gelangt. Da das aber
nicht ging, wird es ihm um die geheiligten Institutionen nicht
leid gewesen sein. Wenn die Gegner die Verfassung gebrochen
haben wollten, sollten sie sie gebrochen haben. Er machte
künftig alles allein. Man lebte, wie Spötter bemerkten, unter
den Consuln Julius und Caesar.
In sein Ackergesetz hatte Caesar nach schon älterem Muster
eine Klausel eingefügt, wonach alle Senatoren einen Eid auf
dessen Einhaltung und Bewahrung schwören, andernfalls ins
Exil gehen mußten. Cato und andere zögerten lange, beugten
sich aber am Ende der bitteren Notwendigkeit. Die Mitglieder
der Ackerkommission wurden bestellt, in erster Linie Pom-
peius und Crassus.
Bis Anfang April wurde das verabredete Gesetzgebungs-
programm erledigt. Pompeius’ Verfügungen im Osten wurden
ratifiziert. An dieser Stelle wagte es der alte Lucullus noch
einmal, Widerspruch einzulegen. Aber der Consul Caesar fuhr
ihn so herrisch an und drohte ihm mit Anklage vor Gericht, daß
Lucullus sich ihm erschrocken zu Füßen warf und um Gnade
bat. Die Steuerpächter Asiens erhielten einen Pachtnachlaß um
ein Drittel, wurden bei der Gelegenheit allerdings vom Consul
ernsthaft vermahnt, sich nicht wieder zu hoch zu steigern.
Auf Wunsch des Pompeius und gegen hohe Zahlungen wurde
Ptolemaios XIII. als ägyptischer König anerkannt. Zahlreiche
einzelne Vergünstigungen wurden vorgenommen. Schließlich
erhielt Caesar durch ein Gesetz des Vatinius die Provinz Gallia
Cisalpina mit Illyrien (dem dalmatinischen Küstenstreifen) für
fünf Jahre zugesprochen. Dieses Kommando war inzwischen
notwendiger, als es vielleicht am Anfang hatte scheinen wollen.
Nachdem er so vielfach gegen das Recht verstoßen hatte,
mußte man ihm Sicherheit bieten, daß er in nächster Zeit nicht
belangt werden könnte; und die Gelegenheit zu Eroberungen,
damit er anschließend nach Möglichkeit unangefochten nach
Christian Meier – Caesar 293

Rom zurückkehren könnte. In Illyrien hätte es vieles zu holen


gegeben. Aber den Krieg mußte Caesar vom Zaune brechen.
Dort herrschte nämlich Frieden.
Als Cicero sich im März bei einer Prozeßrede offen über die
politischen Zustände beklagte, ließ Caesar drei Stunden später
dessen Feind Clodius vom Patriciat zur Plebs überführen.
Angehörige des alten patricischen Adels durften nicht Volkstri-
bunen (tribuni plebis) werden. Eben dies aber wollte Clodius
seit dem Bona-Dea-Skandal von 62/61. Er verband damit viele
Absichten, unter anderem die Rache an Cicero. Der hatte ihm
seinerzeit das Alibi bestritten und noch einigen Spott oben-
drein gegeben. Es hatte zwar nichts gefruchtet, aber Clodius
zürnte ihm.

Publius Clodius Pulcher hatte zwar besonders wenig Respekt


vor den Idealen der Republik und den stolzen, doch häufig
schwachen alten Herren, die sie repräsentierten. Er scheute so
wenig wie seine besonders großzügigen, vielgeliebten Schwe-
stern Skandale. Aber das heißt zugleich: Er war höchst emp-
findlich. Was immer er andern antat, er mochte es gar nicht,
wenn man ihm unfreundlich begegnete.
Gewiß war er hochbegabt, aufgeschlossen, von starker Ener-
gie und höchst anspruchsvoll; aber ohne Stetigkeit, ohne
Bereitschaft, sich konsequent anzustrengen, ohne wirklichen
Willen, ohne ein Ethos. Ein anarchisches Temperament, frei
sich entfaltend, da kaum Widerstand es hielt, da es bewundert
wurde; faszinierend für Roms Jugend, zumal es wagte, was die
meisten sich nur zu gern getraut hätten – schließlich zuneh-
mend sich selbst verzehrend. Seine wichtigste Antriebskraft
neben dem Ehrgeiz scheint der Haß oder doch eine maßlose
Aggressivität gewesen zu sein. Er suchte die Auffälligkeit und
das Anstößige. Clodius hatte irgendein Bedürfnis, um sich zu
schlagen. Die Ziele waren sekundär, sie konnten wechseln.
Darauf kam es nicht an. Da war er frei. Aber Aktivität und
Aggression mußte er entfalten. Insoweit war er nicht frei. Er
lebte aus Verneinungen. Und er hatte ein Gespür dafür, wo
Potenzen des Protests bereitlagen. Schon 68 hatte er als Offizier
Christian Meier – Caesar 294

im Heer seines Schwagers Lucullus, weil er sich zurückgesetzt


fühlte, Hetzreden gehalten und eine Meuterei entfesselt. 58
sollte er dann ganz neue, ungeahnte Möglichkeiten popularer
Politik entdecken, wieder aus der Negation heraus; indem er
starke Ressentiments der stadtrömischen Masse aufspürte und
geradezu in sich sog, welche bis dahin eher latent geblieben
waren. Er war popular, aber alles andere als wohlmeinend. Ein
abgründiger Charakter.
Bezeichnend die Schilderung, die Cicero im Juni 59 von ihm
gibt: »Er rennt umher, gebärdet sich wie ein Rasender; noch
weiß er nicht, was er will, droht vielen, scheint zupacken zu
wollen, wenn ihm der Zufall eine Gelegenheit bietet. Sieht
er die Erbitterung über die jetzigen Zustände, so tut er so,
als wolle er auf die losgehen, die sie verursacht haben. Hält
er sich dann wiederum deren Stärke, ihre finanziellen und
militärischen Machtmittel vor Augen, wendet er sich gegen die
Guten.«
Die Überführung zur Plebs mußte in einem besonderen
Akt der Adoption geschehen, der die Form eines Gesetzes
hatte. Der Antrag mußte vom Collegium der Pontifices geprüft,
danach ausgehängt werden. Drei Wochen später konnte dann
eine altertümliche, rein formal gewordene Form der Volks-
versammlung stattfinden, vor der der Betreffende sich an
Sohnes Statt einem Plebeier unterwarf, worauf die Versamm-
lung zustimmte. In diesem Fall ist mit einer Prüfung durch die
Pontifices nicht zu rechnen, mit der Einhaltung der Antragsfrist
schon gar nicht. Der Pontifex Maximus handelte aus eigener
Machtvollkommenheit, und er inszenierte das Ganze als einen
Akt des Hohns auf die alten Bräuche. Kein anderer »Vater«
fand sich für den gut dreißigjährigen Sohn aus höchstem patri-
cischen Adel als ein gleichgültiger Mann von zwanzig Jahren
– der den »Sohn« dann natürlich gleich wieder emanzipierte.
Pompeius mußte bei der Posse den Augur spielen.
Die Eile des Verfahrens deutet darauf, daß man die Adop-
tion ursprünglich nicht vorgehabt hatte. Vielleicht waren alle
drei Machthaber, mindestens aber Pompeius und Caesar, dage-
gen gewesen. Vielleicht war der Widerstand aber doch nur
Christian Meier – Caesar 295

von Pompeius ausgegangen, der in seiner eher braven Art den


unberechenbaren, ungebärdigen jungen Mann offenbar nicht
mochte, überdies nicht wollte, daß er gegen Cicero vorginge.
Rechnet man mit dieser Möglichkeit, so ist die Erklärung ein-
fach. Caesar hätte dann Ciceros Klagen zum Anlaß genommen,
um Pompeius zu überrumpeln. Jetzt war es doch ganz deut-
lich, daß sie einen tüchtigen Mann im Volkstribunat brauch-
ten, der nach Caesars Consulat dessen Gesetze verteidigte.
Andernfalls müßte man annehmen, daß schon die Tatsache
der offenen Kritik Caesar zu viel war. Dann hätte ihn eine
wilde Entschlossenheit beseelt, die Gegner nicht nur niederzu-
werfen, sondern auch niederzuhalten. Die unverhältnismäßige
Wut dessen, der mit aller Gewalt und Verbissenheit etwas
schaffen wollte, was nicht zu schaffen war. Möglicherweise ist
von beidem etwas in Caesars Handeln enthalten; zumal es ihn
auch wütend machen konnte, wie vorsichtig Pompeius trotz
allem immer noch war. Übrigens ließ Pompeius sich von Clo-
dius die Zusage geben, daß er gegen Cicero nichts unterneh-
men werde.

Anfang April schienen die Machtverhältnisse umgestülpt zu


sein. »Glaub mir, sacht und mit weniger Geräusch, als ich
dachte, hat sich das Rad im Gemeinwesen gedreht, schneller
jedenfalls, als es hätte sein dürfen«, schrieb Cicero damals an
Atticus.
Anschließend waren Ferien. Zwischen dem 4. und 24. April
konnten keine Gesetze verabschiedet werden. Die Veteranen
des Pompeius scheinen Rom zum guten Teil verlassen zu
haben. Man atmete auf und kam zum Nachdenken. Der Ärger
über das Geschehene war groß und verbreitet. Auch Pom-
peius scheint bemerkt zu haben, wie sehr er an Ansehen
eingebüßt hatte. Wahrscheinlich begann es ihn zu gereuen.
Clodius, der zunächst damit geliebäugelt hatte, eine lukrative
Gesandtschaftsreise zu unternehmen, dachte daran, sofort
für das Volkstribunat zu kandidieren: Er hatte die Absicht,
die Gesetze Caesars zu bekämpfen. Das schien politisch den
größeren Gewinn zu versprechen.
Christian Meier – Caesar 296

Ende April aber wurde auf einmal alles durch die Nachricht
erschüttert, es sei ein neues Ackergesetz geplant. Jetzt sollten
auch die campanischen Ländereien, gleichsam der Augapfel
des römischen Gemeindeeigentums, verteilt werden. Bürger
mit drei und mehr Kindern sollten dort siedeln. Unmittelbar
darauf wurde bekannt, daß Pompeius Caesars Tochter Julia
heiraten wollte – sie war etwa dreißig Jahre jünger als er.
Offensichtlich hatten die beiden Herren neue Abmachungen
getroffen. Caesar scheint Pompeius davon überzeugt zu haben,
daß er nicht mehr zurückkonnte. Jedenfalls vollzog Pompeius
eine scharfe Wendung. Was er in den ersten Monaten getan
hatte, war aus Not geschehen. Er mußte seine Gesetze durch-
bringen; Caesar hatte ihn in der Hand. Gleichwohl hatte er noch
eine gewisse Distanz zu seinem gewalttätigen Verbündeten
gehalten. Und inzwischen scheint er dazu geneigt zu haben,
mehr davon zu gewinnen. Nun langte er freiwillig zu, ging
ungenötigt und wesentlich offener auf das Ziel einer neuen
erheblichen Mehrung seiner Macht los. Bei der Ackervertei-
lung sind vor allem seine Veteranen bedacht worden. Er selbst
war führend beteiligt, vor allem aber identifizierte er sich nun
vollends mit Caesar.
Daß er es dazu gebracht hatte, muß eine diplomatische Mei-
sterleistung Caesars gewesen sein. Vielleicht hatte er Clodius
angestachelt, sich gegen seine Gesetze zu stellen, um in Pom-
peius Sorgen wegen deren Zukunft zu erwecken; jedenfalls hat
er ihm klargemacht, daß ihm die Verständigung mit dem Senat
so leicht nicht mehr möglich war. Caesars anmutige Tochter
könnte das Ihre dazu beigetragen haben.
Caesar selbst handelte sich bei den neuen Abmachungen
die Provinz Gallia Transalpina heraus, die geographisch
ungefähr Provence und Languedoc entspricht. Sie bot ver-
mutlich wesentlich größere Möglichkeiten zur Eroberung als
Illyrien. Angesichts einiger Unruhe und Völkerbewegungen
in den angrenzenden Gebieten konnte es auch nicht schwer
sein, einen Anlaß zur Kriegführung zu finden. Außerdem
wurden zahlreiche kleinere Gesetze beschlossen, durch die
die Verbündeten nach vielen Seiten Geschenke austeilten, für
Christian Meier – Caesar 297

ihre Freunde, um sich neue Freunde zu schaffen und um die


eigenen Mittel zu vergrößern. Schließlich und vor allem baute
Caesar der Gefahr einer Verständigung zwischen dem Senat
und Pompeius vor, die wohl trotz allem nicht auszuschließen
war.
Daß Crassus an den neuen Abmachungen beteiligt gewesen
wäre, hört man nicht. Man sieht auch nicht, was ihm dabei
hätte zufallen können. Wider alle Sitte änderte Caesar im Mai
auch die Reihenfolge des Aufrufs im Senat: Künftig fragte er
Pompeius zuerst. Im Juli begegnen wir Crassus unter dessen
Gegnern. Wahrscheinlich hatte er schon die Schwenkung von
Ende April nicht mitgemacht.
Die neue Provinz ließ Caesar sich vom Senat verleihen, von
jenem Restgremium derer, die noch die Sitzungen besuchten.
Sie meinten, so sei die Entscheidung wenigstens bei ihnen,
nicht wieder beim Volk. Pompeius selbst stellte den Antrag.
Gaius Calpurnius Piso, dessen Tochter Caesar kurz zuvor
geheiratet hatte, unterstützte ihn. Cato fluchte über den Kuh-
handel mit Töchtern und Provinzen. Der Senat setze sich
den Tyrannen selber in die Burg. Wenige Tage später hat
Caesar sich gebrüstet, er habe gegen den Willen und unter
dem Stöhnen seiner Gegner erreicht, was er gewünscht habe;
jetzt könne er ihnen allen auf den Köpfen herumtanzen. Es soll
dann einer der Senatoren, unter Anspielung auf das behaup-
tete Verhältnis zu Nikomedes dazwischengerufen haben, das
sei aber für eine Frau nicht einfach. Caesar habe es schlagfer-
tig aufgenommen, indem er erklärte, auch in Syrien habe einst
Semiramis geherrscht und die Amazonen hätten einen großen
Teil Asiens besessen. Das war etwa im Juni.
Um diese Zeit mehrten sich die Kundgebungen gegen
die neuen Machthaber, deren Gesetze in Rom nur wenigen
zugute kamen. Der Rückzug und die stille Opposition so vieler
führender Senatoren machten zunehmend Eindruck. Trau-
ben von Menschen umringten die Anschläge des Bibulus. Der
Terror, die Einschüchterungen, die Willkür der Machthaber
hatten nun auch bei der breiten Masse zu einem Stimmungs-
umschwung geführt. »Nichts ist so popular wie der Haß auf
Christian Meier – Caesar 298

die Popularen«, schrieb Cicero. Tatsächlich war die Fähigkeit,


den Machtgewinn oder gar die Tyrannis einer Oligarchie im
Namen des Volkes zu genießen, in der Antike kaum ausgebil-
det. Damals hatten nicht nur Lügen, sondern auch Ideologien
kurze Beine. Man konnte im konkreten römischen Alltag sehr
rasch merken, wer nun die Macht hatte und mit ihr machte,
was er wollte. Und man konnte sich von ungreifbaren Vortei-
len nichts erhoffen. Caesar hatte nichts veranstaltet, was der
Menge zugute gekommen wäre; kein neues Getreidegesetz,
keine Spiele. Nur Reden; und im übrigen der Druck der Vete-
ranen, der Banden des Vatinius.
Cicero schildert weiter, »niemand ist einverstanden mit dem,
was vorgegangen ist, alles jammert, ist empört; man ist sich
völlig einig, spricht es offen aus und schimpft schon ganz unge-
niert; aber zu raten weiß keiner. Setzen wir uns zur Wehr, so
kommt es wahrscheinlich zu Mord und Totschlag; aber dies
ewige Nachgeben, das sieht jeder, kann schließlich doch auch
nur zum Untergang führen.« Die Machthaber wurden, wo
sie auftraten, mit Pfeifkonzerten empfangen. Im Juli kamen
auch viele Bürger von außerhalb zu den großen Spielen. Als
Caesar das Theater betrat, blieb alles still. Als der junge
Curio aber hereinkam, der einzige leidenschaftliche, offene
Opponent, erntete er so emphatischen Beifall wie einst Pom-
peius in seiner guten Zeit. Caesar fühlte sich aufs äußerste
brüskiert, beschwerte sich, drohte den Rittern, die in ihren
gesonderten Sitzreihen stehend geklatscht hatten, drohte in
seiner ohnmächtigen Wut auch dem Volk, er werde die Getrei-
deverteilung abschaffen. Gleichwohl erntete ein Schauspieler
für den auf Pompeius den Großen anwendbaren Vers »durch
unser Elend bist du groß« solchen Beifall, daß er ihn mehrfach
wiederholte. Als Pompeius auf Vorwürfe des Bibulus offen ant-
worten wollte, war er so hilflos, daß er fast Mitleid erregt hätte.
Langsam schien sich das Rad wieder zu wenden. Doch noch
lag alle Macht bei Pompeius und Caesar.
Die Gegner hofften einerseits, bei den Wahlen geeignete
Männer durchzubringen, die im folgenden Jahr die Sache des
Senats energisch vertreten konnten. Um Zeit zu gewinnen,
Christian Meier – Caesar 299

verschob Bibulus die Wahlen vom Juli in den Oktober.


Aber andererseits scheinen sie sich klargemacht zu haben,
daß es nicht mehr möglich war, alle Ergebnisse des caesa-
rischen Consulats einfach zu annullieren, etwa auf Grund
eines senatus consultum ultimum. So kamen sie darauf, Caesar
ein Kompromiß-Angebot zu unterbreiten: er solle alle seine
Gesetze noch einmal einbringen, und zwar so, wie es rechtens
war: unter Respektierung der Auspicien. Sie waren offenbar
bereit, dabei von jeder Obstruktion abzusehen. Alle Gesetze
wollten sie hinnehmen, wenn Caesar nur durch deren neuerli-
che Einbringung praktisch anerkannte, daß er unrechtmäßig
gehandelt habe, daß derart eingebrachte Gesetze ungültig,
daß also die überkommenen Institutionen unbedingt zu beach-
ten seien. Gegen Wiedergutmachung der Rechtsbrüche boten
sie Sicherheit für die Gesetze und selbstverständlich auch
Indemnität für Caesar.

Die führenden Senatoren waren damals also bemerkenswert


elastisch und entgegen ihrer sonstigen Starrheit bereit, über
ihren Schatten zu springen. Sie sahen ein, daß sie ihre Oppo-
sition überzogen hatten. Es wird dabei hilfreich gewesen sein,
daß ihr Angebot die Fortsetzung alter senatorischer Politik
unter neuen Umständen darstellte: inhaltliche Konzessionen
gegen Wahrung oder Wiederherstellung, gegen Bekräftigung
der überkommenen Regeln und Beispiele. Der Vorschlag muß
für alle Nutznießer der caesarischen Gesetzgebung verlockend
gewesen sein, insbesondere für Pompeius, der sich in seiner
Haut zunehmend unwohl fühlte. Ganz fraglos bot er auch für
Caesar große Vorteile: Er behielt, was er gewollt hatte; und
alles, was er angerichtet, wodurch er sich strafbar gemacht
hatte, war erledigt.
Freilich hätte er dafür zu Kreuze kriechen und zugeben
müssen, daß er unrechtmäßig gehandelt hatte. Außerdem hätte
er Bibulus mit seinen lächerlichen täglichen Himmelsbeob-
achtungen recht gegeben. Nicht, daß sonst einer in Rom an
die Blitze geglaubt hätte, die Bibulus sich melden ließ. Das
ist kaum wahrscheinlich. Die Geltung dieses Obstruktionsmit-
Christian Meier – Caesar 300

tels beruhte nicht auf religiöser Überzeugung, sondern auf der


senatorischen Sanktion, die dahinterstand; darauf nämlich daß
eine Macht bereitstand, um seine Verletzung zu ahnden. Und
eben diese Macht sollte Caesar anerkennen und stärken, sollte
dazu beitragen, daß künftig die Möglichkeiten zur Verhinde-
rung von Gesetzen besser und sicherer funktionierten. Man
sollte sich künftig nicht mehr so einfach gegen den Senat
durchsetzen können.
Schon aus diesen beiden Gründen wird Caesar das Ange-
bot zurückgewiesen haben, obwohl es ihm mehrmals unter-
breitet wurde. Vermutlich hat er auch den Gegnern nicht genug
Vertrauen entgegengebracht. Was geschah, wenn er Miene
machte, alles neu einzubringen, und sie hielten sich nicht an
die Zusage? Es wäre interessant zu wissen, was Caesar mehr
von einem Einlenken abhielt, sein Mißtrauen, sein Stolz oder
die Abneigung gegen eine Stärkung der Senatsautorität. Ins-
besondere fragt es sich bei dieser Gelegenheit, wie er zu Roms
Ordnung stand. Einerseits grundsätzlich: Ob er etwa meinte,
mit seiner Mißachtung, seinem Hohn gegen geheiligte Institu-
tionen eine wichtige Bresche in deren Mauern geschlagen zu
haben. Und andererseits pragmatisch: wie er sie in Gedanken
an seine eigene Zukunft beurteilte, wie er sich überhaupt seine
Zukunft in der römischen Republik dachte.
Soweit wir urteilen können, ist nicht zu sehen, daß Caesar
ein grundsätzlicher Gegner der römischen Ordnung gewesen
wäre. Wenn er dagegen verstieß, so stellte er nur die eigene
Sache über die Beachtung ihrer Regeln. Es mag Zorn ange-
sichts hinderlicher Beengungen hinzugekommen sein. Daß so
geheiligte Rechte wie das der Intercession und der Obnun-
tiation, wie es ihm scheinen mußte, so willkürlich gebraucht
werden konnten und daß sie, wie er dann fand, sowohl galten
wie nicht galten, war seinem Respekt gegen sie abträglich.
Überhaupt hatte er nicht viel Sinn für Institutionen. Da müssen
ihm auch tiefe Jugendeindrücke im Wege gewesen sein; jene
Eindrücke, die ihn dazu brachten, die Institutionen nicht ohne
diejenigen denken zu können, die sie vertraten. Durchsetzung
der eigenen Ansprüche, Freundschaft und Gegnerschaft sowie
Christian Meier – Caesar 301

sachliche Bewährung – das waren die Kategorien, in denen er


dachte. Was zwischen allen Bürgern war, die rechtliche Ord-
nung, der sie sich verpflichtet fühlten, das Lebenselement der
Republik, eben die Institutionen, konnte sich ihm nicht in
seiner Eigenständigkeit, in seiner Realität darstellen. Da ging
sein scharfer Blick hindurch. Entsprechend hat Caesar auch
die senatorische Verfassungspolitik nicht verstanden, zumal sie
sich auch gegen ihn richtete; was er wohl ebenfalls nicht ver-
stand. Die Obstruktionsmittel und die Politik Catos und seiner
Verbündeten, das war ihm gleich viel. Catos Stärke war seine
Schwäche; und umgekehrt. Darum ging es ihm. Wenn er sich
künftig mit irgendetwas durchsetzen wollte, wären ihm die
Gegner wieder im Weg gewesen.
Kurz, er hatte vermutlich nichts gegen Roms herkömmliche
Ordnung. Zwar war er Außenseiter, aber nicht im
grundsätzlichen Sinn. Es gab ja auch keine Sache, der er
sich im Streben nach einer neuen Ordnung hätte verknüpfen
können. Nur sollten seine Gegner nicht die Macht haben, ihn
beliebig zu behindern, noch dazu bei sachlich so evidenten
Forderungen und auf so lächerliche Weise. Insoweit muß er
sich an den Auswirkungen seines Sieges auf die römische Ord-
nung gefreut haben.
Insofern muß ihm auch der Gedanke an ein Zurück ferngele-
gen haben. Nachdem er die Gegner einmal so schwer geschla-
gen hatte, sollte er da alles wiedergutmachen? Manch anderer
hätte es wohl getan. Pompeius wäre glücklich gewesen, wenn
man ihm so goldene Brücken gebaut hätte – vermutlich
hat er Caesar gedrängt, sie zu begehen. Caesar aber dachte
anders. Zwar muß man sich sehr hüten, von den weiteren
Phasen seiner Laufbahn auf diese Zeit der Weichenstellung
zurückzuschließen. Allein, die Art, wie er seinen Kurs wählte
– unbeirrbar und unversuchbar, mit höchstem Einsatz,
zielbewußt und mutwillig der ihm aufgezwungenen Rolle sich
fügend –, das alles spricht doch sehr dafür, daß er entschlossen
war, seinen eigenen Weg zu gehen, zunächst für sich, in seiner
Provinz; und dann mußte man weiter sehen. Er war bereit,
viel zu leisten, und er muß gehofft haben, daß sich das aus-
Christian Meier – Caesar 302

zahlte. Sowenig wie die Institutionen verstand er die Macht,


die die Gegner im Rahmen der Republik und im Kampf um
deren Recht noch aufbieten konnten. Und zunächst hatte er sie
ja auch schwer geschlagen.
Eine besondere Probe seines Leistungsvermögens für die
Republik hat Caesar auch 59 abgelegt. Das war die Formu-
lierung des Repetundengesetzes, das er etwa im August ein-
brachte. Es regelte die gesamte Materie der Provinzialverwal-
tung nicht grundsätzlich neu, aber schärfer und strenger, als
das bis dahin geschehen war. Offenbar war es ein Glanzstück
römischer Gesetzgebung, es blieb die ganze Kaiserzeit hin-
durch in Kraft.
Bald nach der Mitte des Jahres war Caesar politisch so sehr
in die Enge geraten, daß er auf einen höchst fragwürdigen
Weg verfiel, um sich daraus zu befreien. Lucius Vettius, ein
notorischer Denunziant, spann in seinem Auftrag eine Intrige.
Er schlich sich in das Vertrauen von Caesars leidenschaftli-
chem jungen Opponenten Curio ein und eröffnete ihm eines
Tages, er wolle mit seinen Sklaven ein Attentat auf Pompeius
verüben. Offenbar hatte er wirklich vor, sich bei solch einem
Angriff ergreifen zu lassen. Doch Curio meldete es seinem
Vater, und der warnte Pompeius. Die Sache kam vor den Senat.
Vettius wurde vorgeladen und beschuldigte einen ganzen Kreis
von jungen Adligen, ein Komplott angestiftet zu haben. Unter
anderem Servilias Sohn Brutus. Bibulus habe ihm durch
seinen Privatsekretär einen Dolch gesandt. Das war alles recht
unwahrscheinlich, zumal Bibulus selbst Pompeius vor einem
Anschlag gewarnt hatte. Einige Aussagen waren auch offen-
kundig falsch und widersprüchlich. Der Senat ließ Vettius des-
wegen verhaften. Tags darauf führte Caesar ihn dem Volk vor,
damit er ihm ausführlich berichte. Nun nannte er zum Teil
andere Namen. Brutus, den er zunächst stark belastet hatte,
überging er. Cicero kommentiert: »Es lag eben eine Nacht
dazwischen, in der sich jemand für ihn verwandt hatte.« Er
befürchtete eine ganze Reihe von politischen Prozessen. Allein,
die Sache war so fadenscheinig, daß Caesar sie aufgab und Vet-
tius im Gefängnis umbringen ließ – natürlich war es Selbst-
Christian Meier – Caesar 303

mord. Auf eine uns nicht bekannte Weise hat Caesar es dann
im Oktober geschafft, bei den Wahlen zum Consulat zwei
befreundete Kandidaten durchzusetzen, Lucius Calpurnius
Piso, seinen Schwiegervater, und Aulus Gabinius, Pompeius’
alten Gefolgsmann. Damit war ein senatus consultum ultimum
gegen ihn nach Beendigung seines Consulats schon so gut wie
ausgeschlossen. Wer nämlich hätte es ausführen sollen? Clo-
dius war schon vorher zum Volkstribunen gewählt worden. Bei
den Praetorwahlen aber hatten zwei sehr engagierte Gegner
Caesars Erfolg, Lucius Domitius Ahenobarbus und Gaius Mem-
mius.
Vermutlich hat Caesar damals neuerdings alle Hebel poli-
tischer Pression in Bewegung gesetzt. Dafür spricht, daß
gleich nachher keiner der Praetoren bereit war, eine Anklage
gegen Gabinius wegen Wahlbestechung anzunehmen. Als der
Ankläger in einer Volksversammlung Pompeius einen »unbe-
stallten Dictator« nannte, wäre er fast gelyncht worden.

In seinem Consulat habe Caesar, schreibt Plutarch, sich wie


der frechste Volkstribun aufgeführt. Vielleicht war es schlim-
mer noch als bei den Gracchen und bei Saturninus. Jedenfalls
hatte er, anders als alle Volkstribunen, die Sicherheit eines
Provinzialkommandos. Und er konnte auch schon fast gewiß
sein, daß er es ungestraft erreichte.
Damit hatte Caesar etwas geschafft, was es bis dahin in Rom
noch nie gegeben hatte: Ein großes Gesetzgebungsprogramm
durchsetzen – unter Mißachtung der Obstruktion – und sich
der senatorischen Strafaktion entziehen. Er hatte den Senat
schwerer und nachhaltiger geschlagen als alle anderen. Der
Senat war nicht mehr die Macht, die letzten Endes die stärkste
war, die im Zweifel für Ordnung sorgen konnte. Das bedeutete
eine ungeheuerliche Veränderung in Rom.
Caesar hatte sie herbeiführen können, weil er mit unge-
ahnter Rücksichtslosigkeit verfuhr, weil er im Gegensatz zu
allen anderen schon zu Anfang keinen sonderlichen Respekt
gegenüber der römischen Ordnung hegte. Voraussetzung für
sein Wirken war aber auch gewesen, daß die führenden Kreise
Christian Meier – Caesar 304

des Senats alles aufboten, um ihn zu bekämpfen – und nicht


das »Vorüberziehen des Unwetters abwarten« wollten, wie
Cicero das alte Rezept formulierte.
Die Situation war neu, und ebenso war es Caesars Verfah-
ren. Nicht daß er in unserem Sinne ein Neuerer gewesen wäre.
Aber alles, was er tat und vor allem: wie er es tat, war anders
als bis dahin üblich. Und das Handeln der Gegner war es ent-
sprechend. Die Krise der Republik hatte die Möglichkeiten
produziert, die Caesar nutzte. Daß Pompeius für die Erledi-
gung auswärtiger Probleme gebraucht, daß er mächtig, daß
er vor allem je mehr er gebraucht und mächtig, um so mehr
bekämpft wurde, gab Caesar die Sache, gab seinem Sieg den
Sinn. Die Weise, in der er sich aus der Krise heraus ausgebildet
hatte, bestimmte sein Vorgehen. So produzierte – und steigerte
– die Krise sich selbst.
Daher bildete dieses Jahr einen außerordentlich tiefen Ein-
schnitt in der römischen Geschichte; aber auch in Caesars
Biographie. Jetzt hatte er alle Chancen zu ungewöhnlichem
Machtgewinn. Andererseits hatte er es mit der römischen
Gesellschaft verdorben. Inzwischen waren auch die Senats-
mehrheit und große Teile der Ritterschaft gegen ihn. Cato
hatte Recht behalten: Jedermann sah, wie Caesar bis dahin so
viele getäuscht hatte und wer er in Wirklichkeit war. So mußte
es scheinen, auch wenn er der, der er war, erst im Jahre 59
recht geworden war.
Doch was eine Gesellschaft sieht und was sie tut, ist zweier-
lei, vor allem wenn sie schwer angeschlagen ist. Vielleicht war
es doch erst eine Frage der künftigen Politik, wie Caesar auf
die Dauer von den Römern wahrgenommen wurde; wie er sich
ihnen präsentierte, wie er sich wieder unter sie fand.
Jedenfalls mußte er von nun an darauf hinarbeiten, in Rom
wieder angenommen zu werden; mit aller Kraft gewiß, aber
nicht unbedingt mit Zugeständnissen, die seinem Stolz zu
teuer gekommen wären. Es konnte ihm kaum aussichtslos
erscheinen, und vielleicht war es auch nicht unmöglich. Noch
mußte sich die Frage: »Caesar oder die Republik?« nicht stel-
len, obwohl sich für die Gegner beides bereits ausschloß. Doch
Christian Meier – Caesar 305

bestand Rom ja nicht nur aus Caesar und seinen Widersa-


chern.
Wir wissen nicht, wie viele Sorgen sich Caesar um seine
Zukunft machte. Aber die Problematik, vor der er sich fand,
muß ihm bewußt gewesen sein; wenn ihn auch eine gewisse
Nonchalance und seine Verachtung für die Gegner dagegen
gewappnet haben mögen, sie gleich in ihrer ganzen Schwere
wahrzunehmen.
Christian Meier – Caesar 306

Bewährung in Gallien
Caesars Statthalterschaft sollte keineswegs nur Mittel sein
für innenpolitische Zwecke. Im Gegenteil: Nirgends konnte
Caesar seine Leidenschaft, Großes zu leisten, so gut bewähren.
Übrigens hat er sich, scheint es, dann nirgends so wohl gefühlt
wie unter seinen Soldaten, auf seinen Feldzügen. Das wurde
zunehmend zu seinem Element.
Gleichwohl konnte Caesar von der Innenpolitik keinen
Augenblick lang absehen. Seine Zukunft hing daran, daß er
das Geschehen in Rom mitformte; daß er sich den Rücken frei-
hielt, alles tat, um seinen politischen Kredit wiederherzustel-
len, und darauf hinwirkte, seine Gegner nicht so leicht wieder
erstarken, sie vor allem nicht mit Pompeius sich aussöhnen zu
lassen.
Caesar hat also immer zugleich Krieg geführt und an der
Innenpolitik teilgenommen. Seine strategischen Entscheidun-
gen hatten folglich vielfach einen innenpolitischen Aspekt. Und
was er in Rom bewirkte, war oft Funktion seiner militärischen
Lage. Vor allem war er in außerordentlichem Maße gegenwärtig
in der Stadt.
Überhaupt äußert sich Caesars politisches Volumen nicht
zuletzt darin, daß er sich vielerorts gleichzeitig präsent zu
machen wußte. Er multiplizierte seine Wirkungen. Er unter-
hielt ein wohlorganisiertes, dichtes Botensystem, das es ihm
ermöglichte, in kurzer Zeit von allen Wendungen der römischen
Politik zu erfahren und seine eigenen Direktiven dort wissen
zu lassen. Er schrieb unzählige Briefe, auf seinen Märschen
in der Sänfte, im Lager. Dadurch war er ständig mit zahlrei-
chen Römern – auch Römerinnen – in Verbindung, kannte ihre
Nöte, bot Hilfen, großzügige Darlehen, sandte exotische Auf-
merksamkeiten, knüpfte und befestigte vielerart Beziehungen.
Übrigens verwandte er für besonders vertrauliche Mitteilun-
gen eine Geheimschrift, in der die Buchstaben in bestimmter
Weise vertauscht waren; sie war mit seinen Sekretären Oppius
und Balbus verabredet.
Christian Meier – Caesar 307

Caesar sah darauf, daß er unter den Magistraten jeweils


Freunde hatte; und dafür war ihm keine Summe zu hoch.
Zugleich vertrat eine hervorragend organisierte Kanzlei in der
Stadt seine Interessen.
Ständig war Caesar mit seinen Gedanken, seinen Befehlen
und Ratschlägen, seinen Geschenken und Wünschen in Rom
anwesend. Kein Vergleich zu anderen Statthaltern, die zwar
auch brennend an allem interessiert waren, was dort geschah,
doch eher Zuschauer blieben. Er dagegen wollte – und mußte –
eingreifen. Er legte größten Wert darauf, daß er zu allem Wich-
tigen befragt wurde, erklären konnte, was er jeweils meinte
und wollte, daß seine Verbündeten nichts ins Werk setzten,
worüber sie sich nicht vorher mit ihm verständigt hatten. Sie
sollten keinen Vorteil haben, den sie ihm nicht kompensier-
ten. Sie sandten denn auch mehrfach Unterhändler zu ihm,
und er wird mit seinen genauen Wünschen und Forderungen
nicht hinter dem Berg gehalten haben. Weil er so vieles im
voraus berechnen und Stellung nehmen konnte und alles tat,
um rasch unterrichtet zu werden, konnte er beanspruchen,
daß man ihn hörte. Er ließ ihnen nicht die Ausrede, sie hätten
seine Meinung nicht einholen können. Es kam ihm zugute,
daß er größere Teile seiner Zeit in der Gallia Cisalpina in rela-
tiver Nähe zu Rom verbringen konnte. Übrigens hatte er es
zunächst keineswegs eilig, in seine Provinz aufzubrechen.

Bis zum Abgang in die Provinz

Kampf um Caesars Gesetze • Cicero und


Cato werden aus Rom entfernt • Cicero
• Clodius’ populare Politik • Angriffe auf
Caesars Gesetze

Bald nach Beginn des Jahres 58 referierten die beiden caesar-


feindlichen Praetoren über seine Gesetze. Es sei zu untersu-
chen, ob sie rechtmäßig eingebracht worden seien; andern-
falls sollten sie für ungültig erklärt werden. Caesar stellte sich
Christian Meier – Caesar 308

der Debatte und erklärte, der Senat solle darüber entschei-


den. Aber die Väter verloren sich in endloses Gerede. Nach-
dem sich das drei Tage hingezogen hatte, verließ der Procon-
sul die Stadt. Das heißt, er holte die Auszugs-Auspicien ein,
legte mitsamt seinen Liktoren das Kriegskleid an, die Hörner
bliesen zum Abmarsch, Freunde und Schaulustige gaben das
Geleit, er überschritt die geheiligte Stadtgrenze und trat damit
sein Proconsulat förmlich an. Weiter aber tat er nichts. Er
blieb vielmehr vor Rom oder besser gesagt: in Rom, nur eben
außerhalb des Pomeriums.
Man kann kaum annehmen, daß Caesar die Senatsdebatten
gefürchtet hätte, sie gingen ihm nur auf die Nerven. Vor allem
fand er es damals schon unter seiner Würde, sich auf die
Dauer geduldig mit all den unsäglichen Bedenklichkeiten und
Einwänden, mit all dem Mißtrauen auseinanderzusetzen. Nach
den drei Tagen mußte ihm klar sein, daß er die Senatoren nicht
hätte überzeugen können – oder jedenfalls nur um einen Preis,
den sein Stolz nicht zahlen wollte. Er hätte sie am Ende doch
nur angeherrscht. Auf die Reden der Praetoren antwortete er
schriftlich, in aller Heftigkeit.
Als darauf ein Tribun Caesar vor das Volksgericht zitierte,
appellierte er an das Tribunen-Collegium und erwirkte den
Beschluß, solange er im öffentlichen Interesse abwesend sei,
könne er nicht angeklagt werden. Man möchte annehmen, diese
ohnmächtigen Angriffe seien um des Prinzips willen vorgetra-
gen worden. Aber die Situation könnte mehr Möglichkeiten
enthalten haben, als es den Anschein hat. Caesar wenigstens
war nicht der Ansicht, daß man die Dinge schon sich selbst
überlassen könnte. Sonst wäre er nicht monatelang vor der
Stadt stehengeblieben.
Clodius hatte bereits am 3. Januar eine Reihe von Gesetzen
durchgebracht. Zunächst ließ er beschließen, daß die Getrei-
deverteilung an das Stadtvolk künftig ganz unentgeltlich sein
sollte. Auch den Kreis der Berechtigten zog er sehr weit. Die
Plebs Urbana nahm daraufhin sehr zu, teils durch Zuwan-
derung, teils durch Freilassung von Sklaven; die Freigelasse-
nen gelangten ja unmittelbar ins römische Bürgerrecht. 56 soll
Christian Meier – Caesar 309

schon ein Fünftel der öffentlichen Einkünfte in die Getreide-


verteilungen gegangen sein. Ein zweites Gesetz ließ die Bil-
dung städtischer Vereine wieder zu. Da diese oft Instrumente
der Unruhe und Korruption gewesen waren, hatte der Senat
sie 64 verboten. Die neuen Vereine, die Clodius organisierte,
setzte er denn auch in großem Stil als Knüttelgarden ein, um
die Stadt Rom immer wieder zu terrorisieren. In einem drit-
ten Gesetz beschränkte er die Möglichkeiten der religiösen
Obstruktion durch Himmelsbeobachtung. Vermutlich schrieb
er vor, daß diese nicht mehr durch einen Amtsdiener, sondern
nur mehr durch den betreffenden Magistrat gemeldet werden
konnte. Der hätte sich dann wie jeder Intercessor dem Druck
der am Gesetz interessierten Volksversammlung direkt ausset-
zen müssen. Das erschwerte die Obstruktion, mindestens in
Fällen leidenschaftlich unterstützter Anträge. Interessant, daß
selbst Clodius die Obnuntiation als solche nicht antastete! Ein
viertes Gesetz erschwerte den Censoren die Streichung von
Senatoren aus der Senatsliste, was einigen eher umstrittenen
Senatoren zugute kam.
Kein Widerspruch erfolgte, obwohl ein Volkstribun sich
dazu angeboten hatte. Aber man wollte Clodius offenbar nicht
reizen. Cicero überzeugte sich zum Beispiel, es sei nützlich
für ihn, daß das Gesetz über die Vereine durchginge. Ob die
Hoffnung bestand, daß Clodius gegen statt für Caesars Gesetze
Stellung bezog? Ausgeschlossen ist es keineswegs. Aber es
kann auch sein, daß man befürchtete, die Obstruktionsmittel
erneut zu verschleißen.
Die vier Gesetze muten an wie die Einleitung zu einem
großen Gesetzgebungswerk, als seien die Waffen geschmiedet
worden, um Bedeutenderes durchzusetzen. Noch nie war ja
ein großzügiges Getreidegesetz aus anderen Gründen erlassen
worden.
Noch im Januar, wohl gegen dessen Ende, folgte dann die
Veröffentlichung eines Antrags, wonach derjenige der Ächtung
verfallen sollte, der einen römischen Bürger ohne Gerichtsur-
teil töte oder getötet habe. Der Grundsatz nulla poena sine lege
ist nicht römisch. Außerdem gab es ein entsprechendes Gesetz
Christian Meier – Caesar 310

schon seit Gaius Gracchus. Ob Clodius mehr tat, als es neu zu


formulieren, ist unbekannt. Vielleicht sorgte er dafür, daß er
einen willfährigen Gerichtshof bekam. Am gleichen Tag wurde
ein weiterer Gesetzesantrag ausgehängt, wonach die beiden
Consuln mit besonders günstigen Provinzen aufs großzügigste
ausgestattet werden sollten. Gelder, die an sich für die Acke-
ransiedlung nach Caesars Gesetzen bestimmt waren, wurden
ihnen gegeben, und mindestens der eine soll sie gar nicht mit-
genommen, sondern zinsgünstig angelegt haben. So brach Clo-
dius im voraus deren möglichen Widerstand. Denn der Consul
Piso hatte Cicero am 1. Januar im Senat ehrenvollerweise an
dritter Stelle, nach Pompeius und Crassus, aufgerufen, und
Gabinius war Pompeius’ Anhänger.
Nun tat sich Gabinius hervor, indem er erklärte, endlich
müsse die Hinrichtung der Catilinarier geahndet werden. Man
solle nicht glauben, der Senat habe noch etwas zu sagen. Piso
zog sich darauf zurück, daß er kein tapferer Mann sei. Cicero
möge weichen; man werde ihn schon bald zurückholen.
Das Gesetz stellte, für sich genommen, keine neue Gefahr
für Cicero dar. Nur ein Gericht konnte ihn verurteilen. Doch
er legte sofort Trauerkleidung an und veranlaßte Senatoren
und Ritter, für ihn einzutreten. Clodius’ Banden verfolgten ihn,
sie pöbelten ihn an und warfen auf ihn mit Dreck und Stei-
nen; und der Consul Gabinius bedrohte die Ritter, die sich für
ihn einsetzten. Clodius berief sich auf das Einverständnis mit
Caesar, Pompeius und Crassus.
Pompeius hatte sich in sein Landhaus zurückgezogen. Einer
Gesandtschaft erklärte er, als Privatmann könne er gegen einen
bewaffneten Tribunen nichts unternehmen. Gäbe es ein sena-
tus consultum ultimum, so würde er zu den Waffen greifen. Das
war offenbar ein Wink, daß sich der Senat ja mit ihm vertra-
gen könne. Er kostete nicht viel, da an einen solchen Beschluß
kaum zu denken war. Cicero gegenüber gab Pompeius zu, daß
er gegen Caesars Willen machtlos sei. Seine Schutzverspre-
chen waren vergessen. Er mußte sie vergessen, sonst hätte er
sich entweder als Schwächling oder als Verräter erscheinen
müssen. Crassus versprach privat Hilfe und identifizierte sich
Christian Meier – Caesar 311

öffentlich mit Clodius. Caesar aber äußerte sich in einer Volks-


versammlung, die der Tribun auf dem Marsfeld im Circus
Flaminius abhielt. Er verwies darauf, daß er sich von vorn-
herein gegen die Hinrichtung der Catilinarier ausgesprochen
habe. Aber, fügte er hinzu, er sei kein Freund von Gesetzen,
die vergangene Taten nachträglich unter Strafe stellten. Wie
fast immer, war er staatsmännisch, edel und großzügig, voller
Unschuld; ganz anders als seine Gegner ihn hinstellten. Manch
einen wird er wieder irritiert haben.
Anfang März verließ Cicero freiwillig die Stadt, um sich ins
Exil zu begeben. Kurz darauf brach Caesar eilends in seine
Provinz auf. Er hatte Meldungen von einem geplanten Durch-
marsch der Helvetier erhalten. Dieser keltische Stamm wollte
seine Wohnsitze in der heutigen Schweiz verlassen und
im Westen Galliens neue suchen. Caesars Anwesenheit war
dringend erforderlich. Er gebot die Legion, die in der Trans-
alpina stand, an den Genfer See, ließ zudem in aller Eile
bundesgenössische Truppen aufbieten. Aber seine Hauptstreit-
macht, drei Legionen, die in der Cisalpina, und zwar bei Aqui-
leia standen, nahm er zunächst nicht in Anspruch. Die sollten
weiterhin in Italien bleiben, gleichsam ante portas, um auf
Rom Druck auszuüben. Erst Ende April wurden sie in Marsch
gesetzt, um schleunigst den Helvetiern entgegengeworfen zu
werden.
Um diese Zeit war wohl schon ein zweiter gefährlicher Mann
aus Rom entfernt worden, Marcus Cato. Den Anlaß schuf man
sich in Form einer außenpolitischen Affäre. Clodius beschloß
nämlich, das Königreich Cypern einzuziehen. Diese Insel hatte
an sich zu Ägypten gehört und wurde damals – aufgrund eines
umstrittenen Testaments – von einem Angehörigen der Ptole-
maier-Dynastie regiert. Gegen den hegte der Tribun einen alten
Groll, da er, als Clodius einmal in die Hand von Seeräubern
gefallen war, am Lösegeld geknausert, zwar eine hohe, aber
keine genügend hohe Summe gesandt hatte. Die Seeräuber
sollen sich verhöhnt gefühlt, die Summe zurückgewiesen und
Clodius großzügig freigelassen haben. Aber die Herausfor-
derung, die er von Ptolemaios erfahren zu haben meinte,
Christian Meier – Caesar 312

konnte er gleichwohl nicht verwinden. Außerdem brauchte die


Gemeindekasse neue Einnahmen, nachdem Clodius den Con-
suln so viel hatte anweisen lassen. Er ließ also kurzerhand
durch ein Gesetz Cypern einziehen und durch ein weiteres
Cato mit der Exekution des Beschlusses betrauen. Cato folgte,
weil er ein gesetzestreuer Mann war. Caesar gratulierte brief-
lich – Clodius teilte das der Volksversammlung mit –, daß er
sein Tribunat von Cato befreit und diesem zugleich den Mund
gestopft habe: Denn da er einen außerordentlichen Auftrag
angenommen hätte, könnte er nun nicht mehr gegen die Ein-
richtung außerordentlicher Kommandos polemisieren.
Es ist durchaus fraglich, ob die Entfernung Catos und Cice-
ros wirklich nötig war, um Caesars Gesetze von 59 zu sichern.
Zwar wurde behauptet, die drei Machthaber könnten es mit
einem so populären Tribunen nicht verscherzen, wo die eigene
Sache so sehr in Gefahr sei. Doch was hätten die Gegner tun
wollen? In Wirklichkeit sieht alles danach aus, daß Caesar dem
Senat vor allem weitere schwere Schläge erteilen und zugleich
Pompeius schwächen wollte. Er betrieb langfristigere Pläne:
Die Gegner durften nicht wieder stark werden; es durfte nicht
dazu kommen, daß Pompeius und sie sich verbündeten. Jede
Stabilisierung der Lage in Rom mußte verhindert werden.

Marcus Tullius Cicero bildete für Caesar eine gewisse Gefahr.


Er war nicht eigentlich mächtig, aber ein bedeutender,
mitreißender Redner von großer Überzeugungskraft. Zwar
stand er eher am Rande der führenden Senatskreise, aber
er genoß bei der Mehrheit hohes Ansehen; seine Leistungen
gegen Catilina waren unvergessen. Er war nicht mutig, aber
er konnte sich im Eifer des Gefechts durch sein Pflichtgefühl
oder auch durch seinen Unwillen hinreißen lassen zu leiden-
schaftlichen Protesten. Er war unberechenbar. Und er war
ein überaus treuer Anhänger des Senats. Ein homo novus,
aus ritterlicher Familie vom Lande stammend – also in einem
inzwischen schon altmodischen Sinne den Idealen der Repu-
blik anhängend –, außerordentlich fleißig, tüchtig, geschickt.
Glücklich, was die Bewerkstelligung seines Aufstiegs anging;
Christian Meier – Caesar 313

36 Er war nicht mutig, aber er konnte sich im


Eifer des Gefechts durch sein Pflichtgefühl
oder seinen Unwillen hinreißen lassen zu lei-
denschaftlichen Protesten. Marcus Tullius
Cicero. Rom, Kapitolinisches Museum. Kai-
serzeitliche Kopie nach einem Ehrenporträt
des mittleren 1. Jahrhunderts v. Chr.

bis hin zum Consulat, das er an erster Stelle, von allen Cen-
turien und so früh wie möglich verliehen bekam. Im Consulat
dann war er genau an der rechten Stelle. Selten hat das, was
einer ist, und das, was von ihm verlangt wird, so gut inein-
ander gepaßt. Senatsanhänger und in einer recht gemäßigten
Weise auch der stadtrömischen Menge verbunden, Rittersohn
und Consul: Gerade diese Kombination war damals gefragt.
Ob es der Kampf gegen populare Gesetze oder der gegen Cati-
lina war, überall konnte er sich für große Koalitionen einset-
zen. Das war ihm wichtig, denn er liebte es nicht, parteiisch
zu sein, es sei denn, es habe gegolten, Männer zu bekämpfen,
die er für die Feinde der ganzen Republik hielt. So trat er für
Christian Meier – Caesar 314

die Eintracht ein, diejenige der Stände – Senat, Ritter und alle
»Guten« – und diejenige zwischen Senat und Pompeius. Das
ergab sich aus seiner Situation und aus der politischen Theo-
rie. Als Neuling legte er großen Wert darauf, gegen die großen
Herren, die ihn nur ungern als ihresgleichen annahmen, sich
auf andere Kräfte stützen zu können. Gerade zu Pompeius
fühlte er sich als Außenseiter hingezogen. Und da er die Philo-
sophie nicht nur – neben der Rhetorik – studiert hatte, sondern
sie auch zur Legitimation und zur Balance seiner Identität
brauchte, hielt er sich gern an die politischen Lehren der Theo-
retiker. Während die übrigen Principes die Republik eher dar-
stellten, standen für ihn deren Aufgaben im Vordergrund, die
zu lösen waren. Während jene aus dem Zentrum der Macht
die bisherige Form der Machtausübung bedroht sahen, sah er,
eher von außen, die ganze Republik in Gefahr. Um so notwen-
diger schien ihm denn auch eine Philosophie zu sein, die das
Gemeinwesen im Ganzen im Blick hatte. Und das verstärkte
sich, je mehr er sich seit der Hinrichtung der Catilinarier mit
der Republik identifizierte.
Es wurde unterstützt durch seine Eitelkeit – oder das, was
normalerweise so firmiert. Diese Eigenschaft ist ja keine abso-
lute Größe, sondern das Empfinden einer Knappheit. Damit
sie sich bei Cicero so stark ausbildete, mußte große persönliche
Empfindlichkeit mit tatsächlicher Knappheit sich treffen, mit
dem Fehlen nämlich eines respektierten Aufgehobenseins in
einem politischen Zusammenhang. Das Bedürfnis nach Lob
und die Einsamkeit, welche daraus folgte, daß er faktisch mit
der Sache der Republik oft alleinstand, verhakten sich bei
Cicero also zu einem Syndrom, das wir als Eitelkeit empfinden
und das um so mächtiger war, als es dann immer wieder politi-
sche Bestätigung fand.
Da sich daraus eine recht abstrakte politische Position ergab,
war Cicero sicher und unsicher zugleich. Er traf die falschen
Scheidungen. Ein Bürgerschreck wie Catilina stand für ihn
ganz außerhalb der Gesellschaft. Ein Nobilitätsschreck wie
Caesar konnte vielleicht »gebessert« werden. In dem Moment
aber, da Caesar im Begriff war, die Pläne des Dreibunds in
Christian Meier – Caesar 315

die Tat umzusetzen, gab es für Cicero nur mehr seine Ehre,
er mußte sich selbst treu bleiben. Es durfte nicht als Zufall
erscheinen, daß er der Sieger über Catilina war. Folglich mußte
er Caesar bekämpfen; freilich nur so weit, wie es vernünftig
schien. Weil er aber sensibel, nervös und schwankend war, weil
er meinte, er vertrete die Republik besser als alle anderen und
weil er das den anderen auch zu zeigen neigte, mußte Caesar
trotzdem darauf gefaßt sein, daß Cicero ihn irgendwann in vor-
derster Front bekämpfte.
Außerdem unterhielt Cicero eine nie ganz abgerissene Bin-
dung zu Pompeius. Er konnte ihn, wenn sich die Gelegenheit
gab, bestärken, sich mit dem Senat wieder zu vertragen.
Schickte man ihn jetzt in die Verbannung, war das zudem für
Pompeius eine rechte Blamage. Es wurde nur allzu deutlich,
wie wenig verläßlich, wie schwach er war.
Schließlich, und das war das Wichtigste, wurde auf diese
Weise gezeigt, daß der Senat denjenigen nicht zu schützen ver-
mochte, der den Äußersten Senatsbeschluß in seinem Sinne
ausgeführt hatte. Das fügte den schweren senatorischen Nie-
derlagen von 59 eine weitere hinzu.
Caesar hat sich nach außen hin ganz zurückgehalten. Er
nahm keinen Einfluß; begegnete Cicero sogar freundlich,
bot ihm eine Legatenstellung in seiner Statthalterschaft an,
gab sich verzweifelt über Clodius, der sich freilich nicht
zurückhalten ließ. Merkwürdig ist, daß er den Antrag erst Ende
Januar einbrachte. Vielleicht brauchte man erst noch einen
Anlaß, um Pompeius zu zeigen, wie nötig Cicero und Cato ent-
fernt werden mußten. Vielleicht auch war Clodius selbst sich
zunächst nicht im klaren darüber, gegen wen er sich wenden
sollte. Dann hat ihn Caesar, in dem die Gegner den »Helfer und
Anstifter« sahen, erst drängen müssen. Jedenfalls wird sich
Caesar auch Pompeius gegenüber als den Getriebenen darge-
stellt haben, der Cicero so gerne verschont hätte. Es war ein
schamloses, ein arges Stück Politik, das er in diesen Wochen
trieb.
Danach konnte er Rom ruhig sich selbst überlassen. Clodius
beherrschte mit seinen Banden die Straße. Er war der Held des
Christian Meier – Caesar 316

Pöbels und vielleicht der breiten Menge überhaupt. Sie genos-


sen die unentgeltlichen Getreideverteilungen und überdies
die Weise, in der Clodius den Mächtigen zusetzte. Er entwik-
kelte ganz neue Formen der Artikulation eines »Volkswillens«.
Wo früher Gewalt in der Regel angewendet worden war, um
Gesetze in der Volksversammlung durchzubringen, diente sie
jetzt dazu, eine Art »Volksjustiz« zu praktizieren. Zunächst
gegen Cicero, also für die Freiheitsrechte, die er verletzt hatte,
dann auch gegen andere. Immer neue Aktionen, Angriffe,
Besetzungen des Forums, Vereitlungen magistratischen Han-
delns wurden in Szene gesetzt. Die »Freiheit« des Volkes
wurde in Gewalttätigkeit erfahren. Und die Weisen, in denen
das geschah, deuten darauf hin, daß hier nicht nur der Aktio-
nismus des Clodius am Werk war, sondern daß zugleich
gewisse Bedürfnisse der stadtrömischen Menge dabei befrie-
digt wurden. Wo Clodius den Skandal brauchte, wollte sie die
Unzufriedenheit mit ihren Lebensumständen in Taten – und
nicht in Beschlüsse – umgesetzt sehen.

Immer hatten Volkstribunen in ihrer Agitation die Macht des


römischen Volkes beschworen: Es war Herr über den ganzen
Mittelmeerraum. Und Teile der städtischen Menge hatten sich
stets in politischen Kundgebungen engagiert: Die Politik voll-
zog sich unter ihren Augen, sie war interessant, sie nahmen
daran teil. Aber zugleich war spürbar, daß sie vielfach in
Armut lebten und vor allem, daß die eigentlichen Herren der
römischen Welt Senat und Magistrate waren. Damit konnte
man sich abfinden, man war längst daran gewöhnt; es war
ja auch herkömmlich und also natürlich; nur ausnahmsweise
gab es Auflehnung dagegen. Allein, diese Verteilung von Regel
und Ausnahme setzte voraus, daß Senat und Magistrate ihre
Autorität und Überlegenheit regelmäßig zur Geltung bringen
konnten.
Neu war jetzt, daß Protest und »Volkszorn«, die Clodius so
unvergleichlich inszenierte, ungestraft geübt werden konnten.
Die Kräfte, die Widerstand hätten leisten können, waren zu
schwach oder sie hielten sich gegenseitig in Schach. Caesars
Christian Meier – Caesar 317

Consulat wirkte vielfältig nach. Der Senat war geschlagen, den


Magistraten waren die Hände gebunden, eine Polizei gab es
nicht. Zwar hatte man gewisse Ordnungskräfte, aber die waren
nur dazu gedacht, die Straßen der Stadt gegen Landstreicher
und Diebe zu sichern. Was darüber hinaus ging, war gleich-
sam der steten Fürsorge der Magistrate anheimgestellt, und
die suchten sich ihre Helfer bei Freunden und Clienten; im
äußersten Fall stellten sie aus diesen eine Art Hilfspolizei auf.
Dieses System setzte aber die Energie und Sicherheit voraus,
mit der man Anfängen wehren kann, damit Weiterungen gar
nicht erst eintreten.
Da diese einstweilen verbraucht waren, hatte Clodius freie
Bahn: Er konnte seine ganze Leidenschaft austoben. Und die
städtische Menge genoß ihre – scheinbare – Macht, manche,
indem sie sie übten, andere, indem sie sich damit identifizier-
ten. Die Desintegration der römischen Gesellschaft schritt fort.
Den Banden war einstweilen nur durch Aufstellung anderer
Banden zu begegnen; das geschah im Jahre 57. Und bis 52,
als Clodius ermordet, sein wichtigster Gegenspieler verbannt
und die Senatsautorität mit Pompeius’ Hilfe wiederhergestellt
wurde, sind immer von neuem Straßenkämpfe in Rom aufge-
flammt.
Nicht lange nach Caesars Abgang in die Provinz geriet Clo-
dius mit Pompeius aneinander. Als er auch noch einen Atten-
tatsversuch oder etwas, was danach aussah, veranstaltete, zog
der sich, wie im Jahr zuvor Bibulus, aus dem öffentlichen
Leben zurück. Am 1. Juni nahm der Senat, wohl mit Pom-
peius’ Einverständnis, einen Antrag auf Rückberufung Ciceros
an. Ein Volkstribun intercedierte. Wenig später vollzog Clodius
eine kühne Wendung und begann, die Gesetze Caesars anzu-
greifen. Er führte Bibulus vor das Volk und ließ ihn bezeugen,
daß er jeweils den Himmel beobachtet habe. Hortensius und
andere Principes verbanden sich mit ihm in der Hoffnung, von
der Straße her zu erreichen, was der Senat nicht riskierte.
Es war eine eigenartige Verkehrung der Fronten; und eine
seltsame Allianz, die die führenden Senatoren auf einmal mit
dem terroristischen Volksführer verband. Aber es stellten sich
Christian Meier – Caesar 318

ihnen zwei wichtige Aufgaben: Ciceros Rückberufung und die


Wiedergutmachung der Niederlage durch Caesar. Zu jener gab
es, gegen Clodius, einstweilen keine Möglichkeit. Diese konn-
ten sie, mit Clodius, betreiben. Vermutlich lief der Plan darauf
hinaus, daß Clodius nach einer Annullierung der caesarischen
Gesetze deren Inhalt neu auf legale Weise ratifizieren lassen
sollte. Das hätte ihm sehr großen Machtgewinn eingebracht.
Er erklärte sogar, wenn der Senat die Gesetze Caesars aufhebe,
werde er Cicero auf seinen Schultern nach Rom zurückbringen.
Es wäre ein neuer, diesmal für den Senat angenehmer Skan-
dal gewesen. Aber die Senatsmehrheit wollte nicht darauf
eingehen. Eine solche Art der Verfassungspolitik mit dem
Bandenführer gegen Caesars Rechtsbrüche war wohl zu kühn,
ihre Konsequenzen zu wenig absehbar, um die Senatoren aus
der Reserve zu locken. Vielleicht waren sie wegen der Verban-
nung Ciceros auch wirklich zu stark gegen Clodius eingenom-
men.
Pompeius drehte den Spieß dann um: Am 1. Januar 57 trat
er im Senat offen für die Rückberufung Ciceros ein. Kaum
einer außer Clodius konnte ihm widersprechen. So hatte er
erstmals wieder die Senatsmehrheit auf seiner Seite, konnte
vielleicht sogar hoffen, sie dauerhaft für sich zu gewinnen.
Das hätte die römische Innenpolitik grundlegend verwandelt.
Caesar hatte nach einigem Sträuben in Ciceros Rückberufung
eingewilligt – freilich gegen das Versprechen, daß der sich
gegen ihn loyal verhielte.
Christian Meier – Caesar 319

Die ersten gallischen Feldzüge (58/57 v. Chr.)

Absicht, ganz Gallien zu erobern • Helve-


tier-Krieg • Feldzug gegen Ariovist • Panik
im römischen Heer: die römischen Soldaten
und ihre Affekte • Selbstverständlichkeit
und Rechtfertigung des Krieges • Feldzug
gegen die Belger • »Ganz Gallien ist befrie-
det« • Ehrenvolle Senatsbeschlüsse

Caesars Commentarien, in denen er im Jahr 51 Rechenschaft


ablegte über seine gallischen Feldzüge, beginnen mit dem Satz:
Gallia est omnis divisa in partes tres;... »Gallien, im umfassen-
den Sinne genommen, zerfällt in drei Teile; davon bewohnen
einen die Belger, den zweiten die Aquitaner, den dritten aber
die Völker, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer
Gallier heißen.« Damit ist das gesamte Land bezeichnet, um
dessen Unterwerfung es in Caesars Commentarien geht. Und
diese Unterwerfung hat Caesar von Anfang an vorgehabt.
Bezeichnend übrigens, daß er mit dem Raum beginnt statt mit
der Zeit, mit der unsere Geschichtswerke eher einsetzen. Aber
er beschreibt »Zeitgeschichte«. Und der Raum stellt ihm die
Aufgabe.
Einen Auftrag zur Eroberung hatte er nicht; er hatte nicht
einmal die Vollmacht dazu. Denn es gab Gesetze – und sein
eigenes Repetundengesetz von 59 gehörte dazu –, die es einem
Statthalter verboten, aus eigenem Antrieb Krieg zu führen.
Wohl kann Caesars Auftrag miteingeschlossen haben, daß er,
sofern Roms Interesse das gebot, jenseits der Grenzen seiner
Provinz bewaffnet eingriff. Dergleichen mußte römischen Statt-
haltern wohl zugestanden werden. Das konnte sich aber nur
auf einzelne Gefahrenherde beziehen, nicht auf die Eroberung
ganzer Länder oder gar eines Territoriums von der Größe Gal-
liens.
Wie also kam Caesar dazu, wie war es möglich, daß er
ohne Auftrag und Erlaubnis, ja ohne jede Not entgegen den
Grundsätzen römischer Außenpolitik und trotz der Tatsache,
Christian Meier – Caesar 320

37 Gallien zur Zeit Caesars. Die ursprüng-


liche römische Provinz Gallia Transalpina
(oder Narbonnensis), die sich zwischen
Pyrenäen und Alpen erstreckte, ist nicht
eigens mit ihrem Namen versehen, das
selbständige Gebiet der Stadt Massilia nicht
aus ihr ausgegrenzt. Östlich der Alpen lag
Caesars Provinz Gallia Cisalpina.

daß Rom damals längst an der Größe seines Herrschaftsbe-


reichs litt, eine Eroberung ins Werk setzte, wie sie in solchem
Ausmaß kein römischer Feldherr vor ihm gemacht hatte? Die
die Grenze Roms bis an den Atlantik, an die Nordsee, an den
Rhein verschob und sie erheblich verlängerte; die es mit zahl-
reichen tapferen Stämmen aufzunehmen hatte; die Rom zum
Nachbarn der Germanen machte und eine riesige, nicht
Christian Meier – Caesar 321

mehr dem Mittelmeer zugewandte Landmasse für die antike


Kultur erschloß, vergleichbar etwa der Erschließung von Teilen
Asiens für die griechische Kultur durch Alexander. Wie kommt
ein römischer Proconsul dazu, vier, dann sechs, dann acht,
schließlich zehn Legionen, deren erste ihm die Gemeinde
übergab, deren weitere er selbstherrlich aushob, samt Hilfs-
truppen in einen solchen aus eigenem Antrieb unternomme-
nen Krieg zu engagieren?
Aussagen darüber hat man am ehesten aus Caesars eige-
nem Werk de bello Gallico zu entnehmen. Denn die sonstige
Überlieferung enthält zwar Urteile über seinen Krieg, aber
nichts über dessen Zustandekommen. Cicero preist Caesar in
einer Rede aus dem Jahre 56. Er hat damals gerade die politi-
sche Seite gewechselt, mit schlechtem Gewissen zwar, aber mit
dem ganz entschiedenen Willen, ein gutes zu haben, also das
Gute an Caesars Werk zu sehen. Und da erklärt er nun vor
dem Senat: »Der gallische Krieg, versammelte Väter, ist erst
unter dem Kommando Gaius Caesars wirklich geführt, vorher
ist er bloß zurückgedämmt worden. Unsere Feldherren haben
nämlich die dort beheimateten Völker stets nur in die Schran-
ken weisen, nicht aber herausfordern zu müssen geglaubt...
Gaius Caesar hat sich, wie ich feststelle, von ganz anderen
Grundsätzen leiten lassen. Er glaubte nämlich, nicht nur die-
jenigen, die er schon in Waffen gegen das römische Volk sah,
bekämpfen, sondern ganz Gallien in unsere Gewalt bringen zu
sollen. So hat er die verschiedenen Stämme der Germanen
und der Helvetier in gewaltigen Schlachten aufs glücklichste
besiegt und die übrigen eingeschüchtert, zurückgedrängt,
niedergezwungen und daran gewöhnt, die Herrschaft des
römischen Volkes zu ertragen. Gegenden und Stämme, von
denen wir bisher durch kein Literaturwerk, keine Nachricht,
kein Hörensagen etwas wußten, haben unser Feldherr, unser
Heer und die Waffen des römischen Volkes nach allen Richtun-
gen durchzogen. Wir haben bisher nur einen Saum von Gal-
lien besessen, versammelte Väter, die übrigen Gebiete waren
in der Hand von Stämmen, die Feinde unserer Herrschaft oder
unzuverlässig oder unbekannt oder jedenfalls furchtbare krie-
Christian Meier – Caesar 322

gerische Barbaren waren. Nie kam es jemandem in den Sinn,


diese Völkerschaften zu bezwingen und zu unterwerfen. Seit
Bestehen unserer Herrschaft hat jeder, der klug über unser
Gemeinwesen nachdachte, geglaubt, daß kein Land unserer
Herrschaft so gefährlich sei wie Gallien. Doch wegen der Stärke
und der Zahl der dort beheimateten Stämme haben wir nie
zuvor gegen alle Krieg geführt; wir haben nur stets Widerstand
geleistet, wenn wir angegriffen wurden. Jetzt endlich haben
wir erreicht, daß sich unsere Herrschaft ebenso weit erstreckt
wie die dort liegenden Landstriche.«
Kein Wort verliert Cicero über den Kriegsgrund Caesars.
Dabei hat er zwei Jahre später in seiner Schrift Über das
Gemeinwesen die Grundsätze formuliert, die in Rom für die
Eröffnung von Kriegen galten: »Das sind ungerechte Kriege,
die ohne Grund unternommen worden sind. Denn nur dann
kann ein Krieg als gerecht gelten, wenn es sich darum handelt,
Rache an den Feinden zu üben und diese abzuwehren; sonst
nicht.« Hier dagegen setzt er einen lang anhaltenden »galli-
schen Krieg« voraus, den es gar nicht gab. Er tut so, als hätte
die Frage nur gelautet, wie man den Krieg gegen verfeindete
Stämme fortsetzen sollte.
Cato hingegen übte offen Kritik an Caesar. Spuren davon
finden wir bei Sueton, wo es heißt, Caesar habe keine Gelegen-
heit zu einem Krieg, und sei er ungerecht und gefahrenreich,
vorübergelassen, habe verbündete wie feindliche Stämme von
sich aus herausgefordert. Im Unterschied zu Cicero vermoch-
ten Caesars Gegner keinen einheitlichen langandauernden gal-
lischen Krieg zu sehen, sondern nur eine neu eröffnete Reihe
von Feldzügen. Und mindestens für mehrere davon galt frag-
los, daß sie nach herkömmlichen Begriffen ungerecht, gegen
die Regel des Völkerrechts eröffnet worden waren.
Caesars eigene Version setzte bei einzelnen Ereignissen an,
durch die er Schritt für Schritt in einen großen Krieg ver-
wickelt wurde; und zwar in gewissenhafter Wahrnehmung
seiner Aufgaben als Statthalter Roms. Das Zustandekommen
der ersten Kriegshandlungen legt er sehr ausführlich dar. Den
äußeren Anlaß und die Legitimation dafür leitete er aus eini-
Christian Meier – Caesar 323

gen Machtverschiebungen und Völkerbewegungen ab, die zum


Teil in den Jahren 61/60 Aufregung in Rom verursacht hatten.
Allerdings hatte sich in der Zwischenzeit alles beruhigt.

Westlich der Alpen hatte Rom seit dem Ende des 2. Jahr-
hunderts einen »Amtsbezirk« eingerichtet, die Provinz Gallia
Transalpina – auch Narbonnensis. Sie stand unter direkter
Verwaltung. Von ihr aus beobachtete und beeinflußte man
zugleich das nähere und weitere Vorfeld. Die Gallier waren
nach Stämmen organisiert. Unter diesen gab es anscheinend
ein lockeres Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf gemein-
samer Sprache und Religion beruhte. Ein enger Zusammen-
hang bestand offensichtlich unter den Priestern, den Druiden,
welche sich einmal im Jahr an einem geweihten Ort im Zen-
trum Galliens trafen. Dort wurden auch zahlreiche Streitigkei-
ten geschlichtet.
Die politische und gesellschaftliche Ordnung war aristokra-
tisch; das Machtgefüge anscheinend labil. Kriege zwischen
den Stämmen und Bündnisse zwischen Adligen verschie-
dener Stämme sorgten weithin für Unruhen. Aber die schei-
nen zumeist nur lokale Bedeutung gehabt zu haben. Von
außen wurde das System gelegentlich gestört durch die Folgen
von Stammesbewegungen jenseits des Rheins: Druck von
Norden und Osten veranlaßte zum Beispiel die Helvetier,
aus Südwestdeutschland in das Gebiet der heutigen Schweiz
auszuweichen. Mehrfach kamen kleinere oder größere Grup-
pen von Germanen, gerufen oder nicht, ins Land, um dort
Eroberungen oder auch nur Beute zu machen. Doch auch das
hatte nur selten Konsequenzen für größere Teile Galliens. Das
Geschehen in diesem Teil der Welt brauchte die Römer also
in der Regel nicht zu interessieren, auch wenn die Gallier sie
zuweilen in ihre Angelegenheiten hineinzuziehen suchten.
Rom unterhielt allerdings zahlreiche Freundschaftsver-
hältnisse zu gallischen Stämmen, Beziehungen auch zu pro-
minenten Adligen in ihnen. Besonders enge Freundschaft –
und, nach der gallischen Formulierung, Blutsbrüderschaft –
verband Rom mit den Haeduern, die eine gewisse Vormacht-
Christian Meier – Caesar 324

stellung unter den Stämmen in den der Provinz angrenzen-


den Teilen und darüber hinaus besaßen. Diese Stellung wurde
ihnen von den benachbarten Sequanern streitig gemacht.
Die Sequaner hatten, da sie die Haeduer ausstechen wollten,
einen germanischen Fürsten aus dem Stamm der Sueben über
den Rhein zu Hilfe geholt, der sich eine große Gefolgschaft
sammelte und dafür Gebiete im Elsaß angewiesen bekam. Er
hieß Ariovist. Er hatte die Haeduer besiegt; im Jahre 61 hatte
man in Rom überlegt, ob man zu Gunsten der Freunde eingrei-
fen sollte. Aber der Senat konnte sich nicht recht entschließen
und einigte sich auf eine dilatorische Formel: Dem Statthalter
der Transalpina wurde aufgegeben, »die Haeduer und die
anderen Freunde des römischen Volkes zu schützen, soweit es
ohne Nachteil für die Republik möglich ist«. Damit konnte er
alles oder nichts machen. Überdies hatte man den siegreichen
Ariovist in Caesars Consulat als »König und Freund« aner-
kannt. Wenn, wie anzunehmen, Caesar dabei entscheidend
mitgewirkt hatte, so wollte er dadurch möglicherweise schon
einen Konflikt zwischen den Haeduern und Ariovist vorberei-
ten, der sich später nutzen ließ. Jedenfalls waren solche Aner-
kennungen regelmäßig mit Geschenken verknüpft.

Doch zunächst drängte sich ein anderer Anlaß zum Eingrei-


fen auf. Ende März wollten die Helvetier ja durch die römische
Provinz marschieren. Sie wollten sich im Westen Galliens (am
Golf von Biscaya) neues Land erobern. Zwei Jahre lang hatten
sie das diplomatisch und militärisch vorbereitet. Jetzt vernich-
teten sie ihre Siedlungen und machten sich zum Aufbruch
bereit. Der bequemste Weg führte durch die römische Provinz,
in die sie bei Genf eintreten wollten.
Als Caesar dort rechtzeitig nach langen Eilmärschen ange-
langt war, ersuchten sie ihn um Erlaubnis zum Durchzug. Er
erbat sich Bedenkzeit, Mitte April sollten sie wiederkommen.
Die Rhône-Brücke hatte er schon abreißen lassen. Jetzt
mußten die eilig herankommandierten Soldaten zwischen See
und Berg einen knapp dreißig Kilometer langen, nahezu fünf
Meter hohen Wall mit Graben und Wachtürmen anlegen. Als die
Christian Meier – Caesar 325

Gesandten zurückkamen, erklärte Caesar, nach Recht und Her-


kommen des römischen Volkes könne er keinem den Durchzug
durch die Provinz gewähren. Jeden Versuch werde er gewalt-
sam vereiteln.
Die Helvetier suchten daraufhin durch das Gebiet der Sequa-
ner und das der Haeduer an ihr Ziel zu gelangen. Caesar
befand, daß ihr Vorhaben außerordentlich gefährlich für Rom
sei, und begann eilends mit neuen Rüstungen. Jetzt setzte er
endlich die drei Legionen von Aquileia in Marsch. Außerdem
hob er auf eigene Faust zwei weitere in der Provinz Cisalpina
aus, vermutlich nicht nur aus römischen Bürgern, wie es sich
gehörte. Doch hatte er ja schon 65 den dortigen Einwohnern
das römische Bürgerrecht verschaffen wollen. Zwar setzte
die Aushebung von Legionen eigentlich einen Senatsbeschluß
voraus, aber die Dinge drängten. Schon waren die Gebiete
der Haeduer von den Helvetiern verwüstet worden. Caesar
sah sich genötigt, ihnen wirksame Hilfe zu bringen. Denn den
Senatsbeschluß, der den Statthalter der Transalpina dazu auf-
forderte, wollte er sehr ernst nehmen.
In einem Gewaltmarsch führte er sein Heer über die Alpen.
Er überraschte die Helvetier beim Übergang über die Saône.
Das letzte Viertel des Stammes, das sich noch auf der linken
Seite des Flusses befand, rieb er auf. Darauf ließ er eine Brücke
schlagen. Innerhalb eines Tages überschritt seine Armee den
Fluß. Die Helvetier, die zwanzig Tage damit verbracht hatten,
sahen es mit Schrecken und versuchten, sich mit ihm ins
Benehmen zu setzen. Sie sandten einen Unterhändler: Wenn
Rom bereit sei, mit ihnen Frieden zu schließen, wollten sie
dort wohnen, wo Caesar es ihnen anweise. Andernfalls würden
sie sich zur Wehr setzen. Und stolz wies der Unterhändler
darauf hin, daß sie die Römer früher schon besiegt hätten. Der
Überraschungserfolg am Fluß solle Caesar nicht verleiten, sie
zu unterschätzen. Er möge verhüten, daß der Name des Ortes,
an dem sie sich befänden, den traurigen Ruhm einer erneuten
römischen Niederlage annähme.
Caesar aber rechnete den Helvetiern ältere und neueste
Rechtsbrüche vor. Er fand es unverschämt, wie sie sich ihres
Christian Meier – Caesar 326

früheren Sieges brüsteten, wie sie sich sicher fühlten. »Die


unsterblichen Götter nämlich«, so führte er nach eigener
Aussage aus, »pflegten den Menschen, die sie für ihre Verbre-
chen strafen wollten, zuweilen günstige Umstände und längere
Straffreiheit zu gewähren, damit sie durch die Wendung der
Dinge dann um so schmerzlicher litten«. Gleichwohl war er
zum Frieden bereit, aber nicht von gleich zu gleich, sondern
nur, wenn sie Geiseln stellten und eine Wiedergutmachung für
den angerichteten Schaden leisteten.
Das war gut römisch argumentiert. Die anderen waren
immer im Unrecht, mindestens hatten sie Roms Freunden
immer etwas angetan. Denn Rom hatte weit über seine Grenzen
hinweg überall Freunde. »Unser Volk hat sich«, schrieb Cicero,
»indem es seine Verbündeten verteidigte, schon aller Länder
bemächtigt.« Caesar legte auch, hier wie sonst in seinem
Bericht, Wert darauf, sich als den Proconsul zu präsentieren,
der ganz nach herkömmlicher Art Roms Interessen wahrnahm,
übrigens getreu den Richtlinien senatorischer Politik. Dabei
ließ er beiseite, daß der Krieg, den er führen wollte, nicht dem
Willen der Senatsmehrheit entsprach.
Der helvetische Unterhändler antwortete, bei ihnen sei es
von den Vorfahren her überliefert, Geiseln zu nehmen, nicht
zu geben. Zeuge dafür sei das römische Volk. Dann entfernte
er sich, anderntags zog der Stamm weiter nach Westen. Caesar
folgte etwa fünfzehn Tage lang mit seinen Soldaten in kurzem
Abstand. Auf einen Kampf ließ er sich nicht ein, bis er eine
günstige Gelegenheit fand, die Helvetier zu schlagen. Ein
ausgeklügelter Schlachtplan scheiterte an einer Fehlmeldung.
Aber wenig später kam es dann doch nahe der Stadt Bibracte
zum Kampf. »Caesar ließ zunächst sein eigenes Pferd, dann alle
anderen außer Sichtweite bringen, damit die Gefahr für alle
gleich sei und niemand an Flucht denken könne. Nach anfeu-
ernden Worten an seine Soldaten eröffnete er den Kampf.« Die
Helvetier leisteten erbitterten Widerstand. Als sie sich auf eine
Anhöhe zurückzogen und die Römer nachrückten, griffen wei-
tere Teile des Stammes ein und versuchten, die Römer einzu-
kreisen. Kein einziger Helvetier sei in dem Gefecht, das einen
Christian Meier – Caesar 327

halben Tag lang tobte, bei der Flucht gefunden worden; selbst
der Troß habe sich mutig verteidigt. Nach Ende des Kampfes
zogen die Helvetier ab. Sie marschierten ohne Pause drei Tage
und Nächte hindurch nach Norden in das Gebiet der Lin-
gonen. Die Römer konnten nicht folgen, weil sie ebenso lange
brauchten, um die Verwundeten zu versorgen und die Toten
zu bestatten. Als Caesar die Lingonen unter Kriegsdrohung
anwies, die Helvetier weder mit Getreide noch mit irgendet-
was anderem zu versorgen, kapitulierten diese schließlich. Sie
mußten die Geiseln – die sie von gallischen Stämmen erhalten
hatten –, Waffen und Überläufer ausliefern, wurden angewie-
sen, in ihr Gebiet zurückzukehren und ihre Siedlungen wieder
aufzubauen. Den benachbarten Stamm der Allobroger beauf-
tragte Caesar, sie mit Getreide zu versorgen. Denn sie hatten
ja alle Vorräte vernichtet. Er fügte an, er habe verhindern
wollen, daß die verlassenen, fruchtbaren Gebiete die Germanen
angezogen und zu Nachbarn der römischen Provinz gemacht
hätten. Die Helvetier sollten also außerhalb des Bereichs direk-
ter römischer Herrschaft verbleiben.
In ihrem Lager habe man genaue Aufstellungen gefunden,
wonach insgesamt 368.000 Menschen am Wanderzug teilgehabt
hätten. Nach einer neuerlichen Zählung, die Caesar anordnete,
seien 110.000 Menschen an die alten Sitze heimgekehrt. Ver-
mutlich waren diese Zahlen weit übertrieben, wie üblich in
römischen Feldherrnberichten. Aber es kann durchaus sein,
daß das römische Heer, das sechs Legionen samt Hilfstruppen,
also höchstens 35.000 Mann, umfaßte, zahlenmäßig unterlegen
war. Für die eigenen Verluste gibt Caesar keine Zahlen. Doch
daß sie hoch waren, macht er hinreichend deutlich.
Zugleich gibt er zu verstehen, daß mit dem Sieg die Nie-
derlage, die die Helvetier den Römern im Jahre 107 beige-
bracht hatten, wettgemacht sei. Als Hintergrund ist hinzuzu-
halten, daß Rom die Völker aus dem keltisch-germanischen
Raum stets als besonders gefährliche Gegner empfunden hat.
Nur Galliern war es – im Jahr 387 – gelungen, Rom zu
erobern, die Stadt zu verbrennen. Das »vae victis«, mit dem ihr
Anführer damals römische Klagen abgeschmettert hatte, war
Christian Meier – Caesar 328

den Römern noch gut im Ohr. Dann hatten ihnen im letzten


Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts die Cimbern und Teuto-
nen schwere Niederlagen zugefügt und die Stadt in Schrek-
ken versetzt, bis Marius sie rettete. Jetzt hatte Caesar eines
ihrer tapfersten Völker, von dem Teile am Cimbernzug beteiligt
gewesen waren, besiegt, trotz zahlenmäßiger Überlegenheit.
Das sprach für seinen Feldzug. Die Frage nach dem Kriegs-
grund mochte dahinter zurückbleiben.
Der Sieg über die Helvetier nötigte die übrigen Gallier, sich
mit dem Proconsul zu arrangieren. Die führenden Männer der
meisten Stämme kamen, um ihm zu gratulieren. Sie wüßten,
so legten sie ihm dar, daß er in erster Linie die früheren
Rechtsbrüche der Helvetier habe bestrafen wollen. Aber sie
fänden, er habe zugleich in ihrem Interesse gehandelt. Denn
die Helvetier hätten ganz Gallien unter ihre Herrschaft brin-
gen wollen. Dann baten sie um die Einberufung einer Ver-
sammlung aus den Vertretern ganz Galliens. Es ging ihnen
wohl darum, durch eine Art von Huldigung Caesar davon zu
überzeugen, daß er die Gallier sich selbst überlassen könnte.
Diese Versammlung fand auch statt, aber Caesar berichtet
nichts darüber. Vermutlich brachte sie nicht das für ihn
erwünschte Ergebnis. Er schreibt nur, daß sich anschließend
die gleichen Männer insgeheim mit ihm trafen, um ihn zu
bitten, sie gegen Ariovist zu schützen.
Denn der hole immer mehr Germanen über den Rhein, for-
dere immer mehr Land für sich. Es drohe die Gefahr einer
großen Invasion. Außerdem sei der König ein jähzorniger,
unberechenbarer Barbar, seine Herrschaft unerträglich. Und
er habe viele Gallier, insbesondere Haeduer zu Geiseln. Wenn
Caesar ihnen nicht helfe, bliebe ihnen allen nichts anderes
übrig, als gleich den Helvetiern auszuwandern und sich neue
Sitze fern von den Germanen zu suchen. Caesar versprach, sich
der Sache anzunehmen und gab sich zuversichtlich, Ariovist
werde sich von weiteren Übergriffen abhalten lassen. Während
die Gallier das Schlimmste befürchten, baut er auf die Ver-
nunft des Königs, daß er Caesars Autorität und die Freundlich-
keit, die Rom ihm erwiesen habe, respektiere.
Christian Meier – Caesar 329

Caesar berichtet dann, was ihn bewogen habe, Ariovist in


die Schranken zu weisen. Die alte Freundschaft Roms zu den
Haeduern habe es ihm als unerträglich erscheinen lassen, daß
diese unter die Gewalt von Germanen geraten waren. Ange-
sichts der Größe der römischen Herrschaft sei dies höchst
schmählich für ihn wie für die Republik. In dieser Überlegung
steckte zugleich Kritik am Senat, der jene Freundschaft so oft
besiegelt und es nun so weit hatte kommen lassen. Außerdem
habe er gefunden, daß der Zustrom der Germanen über den
Rhein nicht enden wolle: Diese wilden und barbarischen Men-
schen würden, wenn sie erst Gallien besetzt hätten, wie die
Cimbern und Teutonen in seine Provinz und nach Italien ein-
fallen. Daher habe man ihnen so schnell wie möglich entgegen-
treten müssen. Schließlich sei Ariovist unerträglich anmaßend
gewesen.
Die Lokalaffäre einiger gallischer Stämme mit einem Germa-
nenfürsten wurde damit in den Zusammenhang einer großen
Gefährdung Roms gerückt. Ob Caesar wirklich daran geglaubt
hat, ist unklar. Und vollends unklar ist, woher er seine Kennt-
nis von Ariovists Anmaßung bezog. Denn außer im vorange-
henden Jahr, als er ihn zum Freund und König hatte ernennen
lassen, hatte er keinen Kontakt mit ihm gehabt.
Jetzt ließ Caesar ihn durch Gesandte um eine Unterredung
bitten. Den Ort sollte er selbst bestimmen, irgendwo in der
Mitte des Weges. Ariovist antwortete, wenn er etwas von Caesar
wollte, würde er ihn aufsuchen, entsprechend solle Caesar
es halten; schließlich frage er sich, was Caesar oder gar das
römische Volk in »seinem Gallien«, das er im Krieg besiegt
habe, zu schaffen hätten. Stolz und von gleich zu gleich also
tritt er dem römischen Proconsul entgegen. Darin eben lag
die unerhörte Anmaßung. Caesar schickte darauf nochmals
Gesandte. Wenn Ariovist für den Titel des Freundes und Königs
nicht einmal so viel Dankbarkeit aufbringe, daß er seiner Ein-
ladung zum Gespräch folge, so müsse er ihm Forderungen
übermitteln: Er solle keine weiteren Germanen ins Land holen,
die Geiseln herausgeben, die Haeduer und deren Bundesge-
nossen nicht abermals herausfordern. Unter Berufung auf den
Christian Meier – Caesar 330

Senatsbeschluß zum Schutz der Haeduer schloß er damit,


Ariovist habe es in der Hand, ob er Roms Freund oder Feind
sein wolle.
Der König berief sich auf das Recht des Siegers gegenüber
den Haeduern und fügte drohend hinzu, wenn Caesar ihn
angreife, werde er sehen, »was die unbesiegten, in höchstem
Maße waffenerprobten Germanen, die vierzehn Jahre lang
kein Dach über dem Kopf gehabt hätten, durch ihre Tapferkeit
vermöchten«.
Wenig später wird Caesar gemeldet, neue germanische
Haufen schickten sich an, den Rhein zu überschreiten. Darauf-
hin bricht er das Lager ab und zieht gegen Ariovist. Nach drei
Tagen erhält er Nachricht, daß der sich seinerseits gegen ihn
in Marsch gesetzt habe. Kurz vor ihm besetzt er Vesontio (das
heutige Besancon).
Dort kommt es zu einer Panik im römischen Heer. Caesar
schreibt, sie sei von jungen Offizieren ausgegangen. Nach
allem, was sie inzwischen durch Reisende von der ungeheuren
Körpergröße, Tapferkeit und Ausbildung der Germanen gehört
hätten – nicht einmal die Mienen und den scharfen Blick ihrer
Augen könne man aushalten –, hätte sie eine schreckliche
Angst erfaßt. Einige hätten die Armee verlassen, die anderen
seien verzweifelt gewesen. Im ganzen Lager habe man Testa-
mente verfaßt. Die jungen Herren seien zu Caesar gelaufen,
um ihm die Unsicherheit der weiten Wälder, die Schwierigkeit
der Getreideversorgung vor Augen zu stellen; eine Meuterei
sei zu befürchten. Und in der Tat scheint die Verwirrung auf
die Soldaten übergegriffen zu haben.
Caesar berief daraufhin einen Kriegsrat ein. Alle Offiziere,
auch die Centurionen, die aus dem Mannschaftsstand hoch-
gedienten Subalternen, wurden geladen. Er machte ihnen
schwere Vorwürfe, weil sie glaubten, es sei ihre Sache, darüber
nachzudenken, wohin und nach welchem strategischen Plan sie
geführt würden. Es bestünde kein Grund zur Furcht. Selbst die
Helvetier hätten ja die Germanen besiegt. »Wer dagegen seine
Furcht unter dem Vorwand der Sorge um den Getreidenach-
schub oder die schlechten Wegverhältnisse verberge, handle
Christian Meier – Caesar 331

anmaßend, denn er mißtraue entweder der pflichtgemäßen


Amtsführung seines Feldherrn oder wage es, ihm Vorschriften
zu machen.« Hinweise auf eine drohende Meuterei rührten
Caesar nicht. So etwas käme nur gegen einen glücklosen
oder habsüchtigen Feldherrn vor. Seine Uneigennützigkeit sei
jedoch an seinem ganzen Leben, sein Glück am Sieg über die
Helvetier abzulesen. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht
werde er noch in dieser Nacht abmarschieren, um zu sehen,
ob Pflicht und Schuldigkeit oder Furcht bei ihnen überwögen.
Notfalls breche er nur mit der zehnten Legion auf, die er zu
seiner persönlichen Schutztruppe machen werde. Denn auf die
könne er sich verlassen. Nach dieser Rede sind seine Offiziere
wie umgewandelt: Kampfeseifer beseelt sogleich die ganze
Armee.
Caesars Schilderungen seines Umgangs mit den Soldaten
muten zuweilen auffällig an. Oft lobt er ihre Tapferkeit, ihren
Mut, auch ihre Erfahrung und ihre Standfestigkeit. Daneben
jedoch begegnet es immer wieder, daß sie sich fürchten und erst
durch sein Dazwischentreten wieder Mut fassen. Er erwähnt
verschiedene Heeresversammlungen, in denen er sie wieder
aufgerichtet hat. Nach solchen Reden pflegen sie gleich einen
bemerkenswerten Kampfeseifer an den Tag zu legen. Wie
Caesar sie behandelt, erscheinen sie ein wenig wie große
Kinder. Diese Berichte dienen der Darstellung seiner eigenen
distanziert-beherrschten Souveränität. Aber sie spiegeln wohl
zugleich die viel offenere Weise, Affekte zu äußern, richtig
wider, die den römischen Soldaten, wie den Römern überhaupt,
eigen war.

Gemütsbewegungen haben, wie man seit Elias weiß, eine


Geschichte. Jene besondere Affektkontrolle, die uns aus der
Neuzeit überkommen ist, die gleichsam einen Instanzenweg
zwischen der – guten wie schlimmen – Emotion und ihrer
Äußerung einschaltet, ist erst mit dem neuzeitlichen Staat
und seiner besonderen Zivilisation entstanden. Da ist dann
wohl auch die Furcht auf den »inneren Schweinehund«
zurückgeschnitten worden. In den römischen Soldaten dage-
Christian Meier – Caesar 332

gen wird Mut wie Furcht unvermittelter hervorgetreten


sein; sie brauchten diese Gemütsbewegungen nicht zu dra-
pieren; reagierten insoweit natürlicher. So konnte man sie
darauf auch offener ansprechen. Das gehörte vermutlich zur
Gegenwärtigkeit der antiken Bürgerschaft, wie sie sich zugleich
in der öffentlichen Ordnung und der Erledigung unzähliger
öffentlicher Funktionen zeigt. Schließlich fühlt eine größere
Menge von Soldaten, die auf engem Raum gemeinsam Mann
gegen Mann zu kämpfen hat, anders als eine moderne Armee.
Daß aber Caesars Darstellung der jungen adligen Offiziere
so gehässig ist, hängt damit zusammen, daß sie offenbar politi-
sche Zweifel gegen seine Kriegsabsicht geäußert hatten. Caesar
führte den Krieg allein aus persönlichem Ehrgeiz, haben sie
nämlich nach dem Bericht anderer Quellen eingewandt.
Ariovist schickte angesichts des heranrückenden Gegners
nochmals Gesandte. Endlich war er zu einer Unterredung
bereit, Termin und Ort wurden festgelegt. Man befand sich
im oberen Elsaß. Er bestand darauf, daß beide nur in Beglei-
tung von Berittenen kommen sollten. Caesar betont, er habe
das Gespräch an dieser Bedingung nicht scheitern lassen, sein
Geschick aber auch nicht den gallischen Hilfstruppen anheim-
geben wollen. Daher ließ er die zehnte Legion auf deren Pferde
aufsitzen.
Dann treffen der römische Proconsul und der germanische
König zusammen. Je zweihundert Schritt entfernt postieren
sich die Berittenen. An den Vorhaltungen, die Caesar dem
Germanen macht, ist interessant, daß er wieder von den
großzügigen Ehrungen spricht, die ihm zuteil geworden seien.
Das Nachsuchen um den Titel eines Freundes und Königs
sowie dessen Verleihung hatte nach römischer Auffassung
seine Abhängigkeit begründet. Das wiederum hatte Ariovist
nicht verstanden. Denn er fand, die Freundschaft mit Rom
müsse ihm Ehre und Schutz bringen; wenn sie ihm zum Nach-
teil sei, verzichte er lieber darauf. Außerdem hätten ihn die
Gallier in ihr Land gerufen, die germanischen Verstärkungen
brauche er zu seiner Verteidigung. Er sei früher gekommen
als Caesar: dieses Gallien sei deswegen seine Provinz wie die
Christian Meier – Caesar 333

Transalpina die der Römer. Schließlich hätten die Haeduer in


den letzten Kriegen weder von Rom Hilfe erlangt noch hätten
sie ihrerseits der Stadt geholfen. Daher nähme Caesar das
Freundschaftsverhältnis zu ihnen wohl nur zum Vorwand, um
ihn, Ariovist, zu vernichten. Der König schließt, wenn Caesar
sein Gebiet nicht verlasse, werde er ihn als Feind ansehen. Und
er fügt hinzu, er wisse von führenden Römern, daß es denen
sehr gelegen käme, wenn er ihn beseitige. Überlasse Caesar
ihm aber Gallien, so werde er in ihm einen treuen Bundesge-
nossen finden.
Caesar bringt noch vor, daß Rom schon früher auf die Unter-
werfung Galliens verzichtet, also ältere Rechte auf das Land
habe. Nach dem Willen des Senats sollten die Gallier frei
sein. Da sollen Ariovists Reiter Caesars Gefolge unter Beschuß
genommen haben, das Gespräch wurde also abgebrochen.
Bald darauf begannen die militärischen Operationen.
Zunächst Reitergefechte. Ariovist versucht, Caesar vom Nach-
schub abzuschneiden. Der sichert sich, indem er ein zweites,
kleineres Lager in dessen Rücken anlegt, das Ariovist erfolg-
los zu stürmen versucht. Da Ariovist eine Schlacht verweigert,
führt Caesar seine Truppen bis vor das feindliche Lager. End-
lich rücken die Germanen ins Feld; ihr König umsäumt die
Schlachtordnung mit Karren und Wagen, auf denen die Frauen
stehen, die die Kämpfer beim Aufbruch mit ausgebreiteten
Armen unter Tränen anflehen, sie nicht in die Knechtschaft
geraten zu lassen.
Beide Heere prallen so heftig und schnell aufeinander, daß
die Wurfspieße nicht mehr geschleudert werden können. Man
ist sofort im Handgemenge begriffen. Unter Caesars Führung
wird der linke Flügel der Germanen geschlagen, der rechte
dagegen bedrängt die Römer. Der Einsatz der römischen Reser-
ven bringt die Wendung. Das germanische Aufgebot flieht und
macht erst halt am Rhein, der etwa siebeneinhalb Kilometer
vom Schlachtort entfernt war. Wenige entkommen über den
Fluß, darunter der König. »Die übrigen«, berichtet Caesar
lakonisch, »holten unsere Reiter ein und töteten sie.«
»Nachdem er zwei so große Kriege siegreich beendet hatte«,
Christian Meier – Caesar 334

ließ Caesar noch im Spätsommer die Legionen in die Winter-


lager abrücken, die er ihnen im Gebiet der Sequaner anwies.
Er selbst begab sich in die Gallia Cisalpina, um Gericht zu
halten – und wieder engeren Kontakt zur römischen Innenpo-
litik zu gewinnen. Er empfing zahlreiche Besucher aus Rom
und gab oder versprach jedem, was er verlangte. Die Beutegel-
der ermöglichten ihm schon damals einige Großzügigkeit.

Die Darstellung des Kampfes gegen Ariovist ist bei Caesar


nicht ganz so kurz, wie sie hier gegeben wurde. Aber sie steht
in einem auffallenden Mißverhältnis zur Wiedergabe der Ver-
handlungen, die etwa doppelt so lang ist.
Dabei ist es eigenartig, wie Ariovist in Caesars Darstellung
dessen Argumente entkräftet. Die vielbeschworene Freund-
schaft zu den Haeduern hatte in der Tat bis dahin keine große
Rolle gespielt, und es war recht willkürlich, wie Caesar nur
sie – und nicht auch die zu Ariovist – respektierte. Nur das
wohl stärkste mögliche Argument, das der germanische Fürst
gewiß auch gebraucht hat, versagte er ihm in seiner Darstel-
lung: daß Rom bei Ariovists Krieg gegen die Haeduer nichts
für diese unternommen und bald nach deren Niederlage ihn,
den Sieger, durch den Freundestitel geehrt, also seinen Sieg
doch wohl anerkannt hatte.
Wahrscheinlich hat Caesar in seiner Darstellung die Gefahr,
die von den Germanen drohte, absichtlich stark übertrieben.
Die Weise, in der er die Meldungen darüber in seinen Bericht
einflicht, deutet auf ein höchst geschicktes Arrangement.
Besonders rätselhaft mutet auf den ersten Blick an, wie
Caesar einerseits die Auseinandersetzung um die Legitimität
seiner Forderungen an Ariovist und des Krieges gegen ihn
ausführlich mit allem Für und Wider darlegt und wie anderer-
seits nach den Kriterien, die er zugrunde legt, ohnehin klar zu
sein scheint, daß er im Recht ist. Aber die Art, wie er seine Auf-
fassung vom gallischen Kriege darstellt, wie er uns überhaupt
in seinem Bericht entgegentritt, verdient im Zusammenhang
behandelt zu werden.
Anfang 57 hat Caesar dann Meldung von einem Bündnis
Christian Meier – Caesar 335

aller belgischen Stämme erhalten. »Erstens fürchteten sie,


daß nach der Befriedung ganz Galliens unser Heer gegen sie
geführt würde; zweitens wurden sie von einigen Galliern dazu
angespornt.« Die seien nämlich darüber empört gewesen, daß
die Römer im Lande überwinterten und sich dort auf Dauer
festsetzten. Damit wäre ihnen, wie Caesar hinzufügt, auch die
Möglichkeit genommen worden, in ihrem Gemeinwesen die
Macht an sich zu reißen. Gegen diesen Ehrgeiz, wie überhaupt
gegen die Politik einzelner ambitionierter Adliger, die sich auf
das Volk stützten, hatte der Populare Caesar große Einwände.
Erstmals spricht er bei dieser Gelegenheit von der Befrie-
dung und das heißt zugleich Unterwerfung ganz Galliens
(Gallia omni pacata); freilich noch nicht in eigener Aussage,
und es ist nicht klar, ob diese Befriedung schon erreicht oder
erst zu erwarten ist.
Für den drohenden Krieg hob er neuerdings zwei Legionen
aus, womit er die ihm von Senat und Volk übergebenen ver-
doppelt hatte. In Gallien befahl er dann den an der Grenze zu
den Belgern wohnenden Stämmen, auszukundschaften, was
dort geschähe. Nachdem er Vorsorge für die Fourage getroffen
hatte, setzte er seine Armee gegen die Belger in Bewegung.
Der erste der Stämme, auf den er stieß, die Remer, ergab sich
ihm friedlich. Da die belgischen Stämme sehr stark und tapfer,
überdies durch Germanen verstärkt waren, veranlaßte er die
Haeduer zu einem Entlastungsangriff, um einen Teil des rie-
sigen Aufgebots abzulenken. Wenig später scheint er selbst
Feindberührung bekommen zu haben. Eine Schlacht suchte er
allerdings zunächst zu vermeiden, um erst einmal in kleinen
Scharmützeln die Tapferkeit der Feinde und den Mut der eige-
nen Soldaten zu erproben. Dann ließ er sein Heer ausrücken.
Die Flanken sicherte er durch Schleudermaschinen – große
Geschütze, deren Kraft auf der Elastizität zusammengedreh-
ter Tiersehnen beruhte. Aber es kam nicht zur Schlacht. Die
Römer zogen sich ins Lager zurück, und nachdem die Belger
vergeblich versucht hatten, sie von ihren Zufuhren abzuschnei-
den, löste sich deren Armee auf, da ihnen das Getreide knapp
wurde. Ihre Stämme beschlossen, jeder in sein Gebiet heim-
Christian Meier – Caesar 336

zukehren, um sich dort neu zu versorgen und dann wieder zu


vereinen, wenn Caesar sich gegen einen von ihnen wende.
Als er daraufhin in das belgische Gebiet einrückte, ergaben
sich ihm mehrere Stämme. Die Nervier aber waren gewillt,
ihm zu trotzen. Das war ein wilder und verwegener Stamm.
Sie lebten für sich, ließen keine Kaufleute in ihr Gebiet; Wein
und Luxusgüter waren bei ihnen verpönt, weil sie fürchteten,
davon verweichlicht zu werden.
Das Aufgebot der Nervier, verstärkt durch einige andere
Stämme, lagerte jenseits des Sabis (Sambre) in großen Wäldern.
Sie hatten von Belgern, die sich in Caesars Gefolge befanden,
gehört, die römische Armee marschiere jeweils Legion für
Legion, und jeder Legion folge zunächst ein langer Troß mit
Gepäck und Kriegsgerät (es waren schätzungsweise 1000 Last-
tiere, dazu einige Wagen). Die Nervier wollten die erste Legion
überfallen und den Troß plündern. Die anderen, hofften sie,
würden dann keinen Widerstand mehr leisten.
In der Nähe des Feindes marschierte das römische Heer
jedoch stets in anderer Ordnung. Caesar ließ, nach der Rei-
terei, sechs Legionen kampfbereit vorausmarschieren, dann
folgte der gesamte Troß unter Bedeckung der zuletzt ausge-
hobenen zwei Legionen. Die Reiter überschritten die Sambre
und verwickelten sich in Gefechte mit der feindlichen Reiterei,
die sie aber immer nur bis an den Rand der großen Wälder
verfolgten. Derweil setzte eine Legion nach der anderen über
den Fluß, und sie begannen, auf einer schon vorher ausgesuch-
ten Anhöhe ihr Lager zu errichten. Die Abschnitte für den Bau
wurden vermessen, die Soldaten schwärmten aus, um Mate-
rial für den Wall zu sammeln. Als der Troß herankam – diesen
Zeitpunkt hatten sie verabredet – brachen die Belger plötzlich
in breiter Front aus dem Wald hervor, wo ihr Heer bereits
in Schlachtordnung formiert gewesen war. In unglaublicher
Geschwindigkeit seien sie herangerannt gekommen. Ehe man
es sich versah, stürmten sie schon den Hügel herauf, auf
dem die Römer mit der Befestigung ihres Lagers beschäftigt
waren.
In diesem Moment, berichtet Caesar, hätte er alles auf einmal
Christian Meier – Caesar 337

tun müssen: die Fahne hissen, die Tuba blasen, das Heer in
Schlachtordnung aufstellen, die Soldaten anfeuern und das
Zeichen zum Angriff geben. Aber das sei bei der Kürze der
Zeit nur zum geringsten Teil möglich gewesen. Er mußte – und
konnte – sich darauf verlassen, daß seine kampferfahrenen
Soldaten das Notwendige auch von sich aus taten. Immerhin
war er vorsichtig genug gewesen, den Legionskommandeuren
zu verbieten, sich vom Lager zu entfernen, solange die Befesti-
gungsarbeiten nicht abgeschlossen waren.
Noch in dem späteren Bericht Caesars wird die Verwirrung
greifbar, die unter dem unerwarteten Ansturm der Feinde über
das römische Heer gekommen sein muß. Die Soldaten hatten
nicht einmal Zeit, ihre Helme aufzusetzen, die Lederbezüge
von den Schilden zu lösen, geschweige denn, daß sie die beson-
deren Kampfabzeichen – etwa den Helmbusch – hätten anle-
gen können. Caesar selbst konnte nur die dringendsten Anwei-
sungen geben und dann nach vorne eilen, um die Männer, wo
er gerade hinkam, anzufeuern, die Weichenden aufzuhalten
und die Reihen notdürftig zu ordnen.
Das Gelände war unübersichtlich, die Legionen weit ausein-
andergezogen. Der Kampf verlief wechselhaft. Einigen Einhei-
ten war es gelungen, die Feinde zum Fluß hinabzudrängen,
teilweise über ihn hinweg zu verfolgen; andere hatten Mühe,
die Stellung zu halten. Das Lager war nach zwei Seiten ganz
ungedeckt, und dorthin konzentrierte sich jetzt der Angriff der
Nervier. Einige drangen direkt auf das Lager zu, andere such-
ten es von der Flanke zu umgehen. Bei der römischen Reiterei
und den Troßknechten brach eine Panik aus.
Die Soldaten der zwölften Legion hatten sich so eng um ihre
Feldzeichen gedrängt, daß sie sich gegenseitig beim Kampf
behinderten. Zahlreiche Offiziere waren gefallen oder verwun-
det. Der Widerstand begann abzubröckeln, während die Ner-
vier unermüdlich heranstürmten und die Soldaten schon von
zwei Seiten bedrohten. »Caesar sah, daß die Lage dort höchst
gefährlich war, er hatte jedoch keine Reserven zur Verfügung,
die er zu Hilfe hätte schicken können. Da nahm er einem Sol-
daten aus den hinteren Reihen den Schild weg – er selbst war
Christian Meier – Caesar 338

ohne Schild gekommen –, drang bis zur vordersten Linie vor,


rief die Centurionen bei Namen, feuerte die übrigen Soldaten
an und befahl, zum Angriff überzugehen und die Einheiten
auseinanderzuziehen.« Die Soldaten hätten darauf neuen Mut
gefaßt; dem Angriff sei etwas von seiner Stoßkraft genommen
worden.
So konnte Caesar zur siebten Legion hinübereilen, die neben
der zwölften kämpfte und ebenfalls von beiden Seiten zugleich
angegriffen wurde. Er ließ die beiden Legionen sich allmählich
zusammenziehen, danach befahl er ihnen zu schwenken, um
Rücken an Rücken zu kämpfen. Als schließlich die zwei Legio-
nen in Sicht kamen, die den Troß gedeckt hatten, und gleich-
zeitig eine der erfolgreichen Legionen an den bedrohten Stel-
len Hilfe brachte, wandte sich endlich die Schlacht. Viele,
die den Kampf schon aufgegeben hatten, begannen ihn von
neuem. Die Lage der Nervier war ausweglos. Caesar rühmt
ihnen nach, sie hätten auch, als kaum noch Hoffnung auf Ret-
tung bestand, »solche Tapferkeit bewiesen, daß sich, wenn
die erste Reihe gefallen war, die folgende auf die am Boden
liegenden Soldaten stellte und auf deren Leichen stehend
weiterkämpfte. Als auch diese Soldaten fielen und die Leichen
sich türmten, warfen die Überlebenden gleichsam von einem
Grabhügel aus Wurfgeschosse auf unsere Soldaten und schleu-
derten die Speere zurück, die sie von uns auffingen.«
In dieser Schlacht, berichtet Caesar, sei fast der ganze
Stamm der Nervier vernichtet worden, nur die Alten hätten
überlebt; sie ergaben sich. »Damit deutlich würde, daß er gegen
Unglückliche und Demütige Barmherzigkeit walten lasse«,
habe Caesar nicht nur Anordnung gegeben, sie zu schonen,
sondern auch die Nachbarstämme angewiesen, ihr Gebiet zu
respektieren. Wenige Jahre später aber finden wir die Nervier
schon wieder einen Aufstand gegen ihn unternehmen. Ihre
Verluste können also bei weitem nicht so hoch gewesen sein,
wie Caesar hier behauptet.
Offenbar konnte er sich der alten römischen Feldherrnsitte
nicht entziehen, die Verluste des Gegners weit zu übertreiben.
Es war ein seltsamer Ehrgeiz, aber er gehörte wohl in diese
Christian Meier – Caesar 339

Zeit, in der kriegerischer Ruhm noch so viel und Menschenle-


ben vergleichsweise viel weniger galt.
Anschließend besiegte Caesar die Atuatucer, die Reste der
Cimbern und Teutonen, die Anstalten gemacht hatten, den
Nerviern zu Hilfe zu kommen. Sie wohnten an der Eifel. Hier
kam es zu keiner Feldschlacht. Der Stamm hatte sich in einer
gut befestigten Stadt verschanzt. Caesar trieb, nachdem er sie
eingeschlossen hatte, nach oben geschützte Gänge vor, soge-
nannte Weinlauben, und ließ einen Damm zur Mauer hin auf-
werfen. Außerdem befahl er, einen Belagerungsturm zu bauen,
eine auf Walzen fahrbare, mehrere Stockwerke hohe Holzkon-
struktion. Unten befand sich ein schwerer Mauerbrecher, oben
waren Geschütze aufgestellt und wohl auch Stege zum Entern
der Mauer vorbereitet. Die Belagerten verfolgten diese Anstal-
ten mit offenem Hohn, da sie sich nicht vorstellen konnten, wie
die – im Vergleich zu ihnen – kleinwüchsigen Römer solch ein
gewaltiges Bauwerk an ihre Mauer bringen wollten.
Als es jedoch wider Erwarten und relativ schnell auf dem
Damm vorgerollt wurde, schien ihnen die Kunstfertigkeit der
Apparatur ein Beweis dafür zu sein, daß die Römer mit den
Göttern im Bunde stünden. Daher wollten sie sich und ihre
Habe ausliefern. Caesar war bereit, ihre Kapitulation anzu-
nehmen, obwohl sie es nicht verdient hätten. Aber ihre Bitte,
der kriegerischen Nachbarn wegen ihre Waffen behalten zu
dürfen, schlug er ab. Er werde jedoch, erklärte er, »das tun,
was er auch bei den Nerviern getan habe, nämlich den Nach-
barn befehlen, Menschen, die sich Rom unterworfen hätten,
kein Unrecht zu tun«. Daraufhin warfen sie Unmengen von
Waffen von der Mauer in den Graben. Während der Nacht
aber versuchten sie einen Ausfall. Die Römer drängten sie in
die Stadt zurück und brachen am nächsten Morgen die Tore
auf. Caesar überließ die Stadt seinen Soldaten und verkaufte
die gesamte Beute. »Die Käufer gaben ihm eine Zahl von 53
000 Menschen an.« Offenbar kam die Hinterlist der Atuatucer
Caesar sehr gelegen.
Christian Meier – Caesar 340

Um die gleiche Zeit erhielt er von Publius Crassus, dem Sohn


seines Freundes, die Nachricht, daß alle Stämme in der Bre-
tagne und der nördlichen Normandie sich den Römern unter-
worfen hatten.
Ganz Gallien, erklärt Caesar, war befriedet. Die Formel
klingt merkwürdig. Noch gab es weiteste Teile des Landes, die
nie ein römischer Soldat betreten hatte. Wir hören auch nicht,
daß sie unfriedlich gewesen wären, und wenn doch, so fragt
sich immer noch, was Caesar damit zu schaffen hatte. »Befrie-
det« waren nur die Stämme, die sich gegen Caesar gestellt
hatten. Sie erscheinen in seiner Formel als die Störer eines all-
gemeinen Friedens. Und Caesar erscheint als derjenige, dem
der Frieden des ganzen Gallien aufgegeben war. Eine unerhörte
Anmaßung, ein Anspruch auf das Ganze, demgegenüber
jede Regung der hergebrachten Selbständigkeit als Aufruhr,
als Friedensbruch dastehen mußte. Der Eroberer stellt sich
nachträglich hin, wie wenn er nur um des Friedens willen Krieg
geführt hätte! Er nimmt in seinem Anspruch etwas vorweg,
was es gar nicht gab: die pax Romana – oder Caesariana – in
ganz Gallien.
Denn Caesars Feldzüge von 58 und 57 hatten ja – um von
allem anderen abzusehen – nicht zur Unterwerfung Galliens
geführt. Sie stellten im Wesentlichen eine kurze Serie von
Überraschungsschlägen dar: Caesar drang plötzlich viele Hun-
derte von Kilometern ins gallische Land vor; sandte einen
Unterfeldherrn noch darüber hinaus. Er demonstrierte die
Macht Roms, die Tapferkeit und die Leistungsfähigkeit seiner
Armee. Viele Stämme ergaben sich ihm; die wenigen, die
sich zur Wehr setzten, wurden besiegt. Er vollbrachte große
militärische Taten, meisterte die beachtlichen Nachschubpro-
bleme, die damit verbunden waren, siegte auch in mehreren
Schlachten. Sicher hatte er mit all dem auch seine Erobe-
rungsabsicht hinreichend deutlich gemacht. Aber weder 58, als
viele Gallier meinten, mit seiner Hilfe ihre eigenen Ziele zu
erreichen, noch 57, als die meisten Belger und die gallischen
Stämme an der Nordküste sich Caesar ergaben, war wirklich
erkennbar für sie, was hier im Gange war. Ein so großes Land
Christian Meier – Caesar 341

mit so stolzen Einwohnern war nicht erobert, solange die weit


überwiegende Mehrzahl der Stämme sich mit Caesar gar nicht
gemessen hatte, solange sie bloß überrumpelt worden waren;
solange sie nicht für wahr nehmen konnten, was ihnen wider-
fuhr und bevorstand. Alle bisherigen Unternehmen waren
punktuell gewesen. Wo Caesar hinkam, war er überlegen. Aber
in die meisten Gegenden war er ja noch nie gekommen oder
er war nur rasch durchgezogen. Vom Aufbau eines neuen poli-
tischen Systems war schon gar keine Rede.
Freilich könnte es durchaus sein, daß Caesar meinte, der
militärische Teil seiner Unterwerfung Galliens sei erledigt. Er
hätte sich dann vom Überraschungserfolg seines kühnen Vor-
dringens täuschen lassen. Und jedenfalls war der Erfolg so
eindrucksvoll, daß selbst einige Germanenstämme jenseits des
Rheins sich der römischen Herrschaft unterstellen wollten.
Allein, im Herbst 57 hatte Caesar dafür keine Zeit. Er beschied
die Gesandten auf den nächsten Sommer.

Auf Caesars Bericht hin beschloß der Senat ihm eine Supplica-
tio von fünfzehn Tagen. Supplicatio war sowohl Bitt- wie Dank-
fest. Sie stellte ursprünglich eine besonders intensive Weise
dar, die Götter anzuflehen oder ihnen Dank zu sagen. Alle
Tempel waren geöffnet. Männer wie Frauen waren aufgefor-
dert, dort zu beten und zu opfern; die Männer mit Kränzen und
Lorbeerzweigen in der Hand, die Frauen mit gelösten Haaren.
Mit der Zeit hatte sich das abgeschliffen. Die Supplicatio hatte
sich zu einer Art Siegerehrung entleert. Und speziell in der
nachsullanischen Zeit war die Zahl der Tage zum Indikator
von Erfolg und Ansehen des Feldherrn geworden.
Im zweiten Jahrhundert hatte man höchstens fünf Tage
gewährt, so zuletzt noch bei Marius. Pompeius hatte im Jahre
63 zehn zugebilligt bekommen. Nun ehrte man Caesar mit
fünfzehn. Cicero nannte das später einen Tribut an dessen
Dignitas, seine Ehre, sein Ansehen.
Der Senat zollte Respekt für die Eroberung ganz Galliens.
Er bestätigte zugleich indirekt Caesars Kommando und die
Rechtmäßigkeit seiner Kriege. Er ehrte ihn in einer Weise,
Christian Meier – Caesar 342

daß dahinter die Rechtsbrüche von 59 verblassen mußten. Der


Beschluß stellt also, so wenig er materiell besagte, einen ganz
außerordentlichen Erfolg Caesars dar. Rasch, vielleicht rascher
als vermutet, schien seine Hoffnung in Erfüllung zu gehen, daß
er durch große kriegerische Erfolge alle Einbußen an Anse-
hen wieder gutmachen, alle Einwände gegen ihn widerlegen
könnte.
Die früher führenden Senatskreise werden Widerstand gelei-
stet haben. Aber sie litten noch immer an der schweren Nie-
derlage ihrer Politik gegen Caesar; es konnte nicht unbedingt
als vorteilhaft erscheinen, sie fortzusetzen. Zahlreiche Senato-
ren waren dem Proconsul persönlich verpflichtet; von seinen
ganz ungewöhnlich großen Erfolgen ging eine starke Sugge-
stion aus; Crassus wird ihn unterstützt haben; Pompeius tat
alles, um ihm entgegenzukommen.
Darin wiederum muß ein Erfolg der caesarischen Diploma-
tie gesehen werden. Da Pompeius sich in letzter Zeit einige
Vorteile verschafft hatte, muß Caesar ihm klargemacht haben,
daß er dafür eine Kompensation schuldig sei. Aber es mag
auch sein, daß Pompeius durch neue Pläne, die er hegte, dazu
bestimmt wurde, Caesar bei der Supplicatio mehr Tage zu
bewilligen, als ihm selbst zuteil geworden waren. Denn Pom-
peius versuchte seinerseits, vom Odium des Jahres 59 loszu-
kommen und war dabei, im Senat wieder an Terrain zu gewin-
nen.
Caesar mag zu seinem Erfolg aber auch durch die Weise bei-
getragen haben, in der er seine Berichte an den Senat abfaßte.
Einen ungefähren Eindruck davon vermittelt sein Buch ›Über
den gallischen Krieg‹, das er zwar erst 51 verfaßte, in sehr
viel schwierigerer Situation. Doch ist anzunehmen, daß er
sich, seine Probleme und Leistungen in diesem Buch nicht
grundsätzlich anders darstellte als in seinen Berichten.
Dieses Buch – neben dem noch ein weiteres über größere
Teile des Bürgerkriegs erhalten ist – ist für uns als Selbstdar-
stellung Caesars von größtem Interesse.
Christian Meier – Caesar 343

Caesar und der Krieg


im Spiegel seiner Commentarii

Absicht und Stil • Besondere Wahrheit der


Darstellung • Ungerechter Krieg • Maßstab
des Handelns • Begriff vom Zustandekom-
men von Ereignissen • Die Souveränität
des Feldherrn

Caesars Schrift über den gallischen Krieg stand zwar in der


Tradition von Feldherrn-Berichten, aber sie war durchaus
ungewöhnlich, indem sie in einem Stil abgefaßt war, der
höchsten literarischen Ansprüchen genügte. Sie gab sich als
Feldzugsbericht, aber sie war auch ein eigenwilliger Ausdruck
der gründlichen Besonderheit ihres Autors.
Natürlich hat solch eine Selbstdarstellung eine apologeti-
sche Tendenz. Entsprechend hat Caesars Erinnerung – und
haben die bewußten und unbewußten Wünsche, die sie lenk-
ten – manches nicht richtig wiedergegeben, ist anderes ver-
schwiegen oder verkürzt und alles irgendwie einseitig darge-
stellt. Das läßt sich oft schwer kontrollieren, weil Caesar über
weiteste Strecken unsere einzige Quelle ist. Wo es sich aus-
machen läßt, bietet er fast immer selbst die Anhaltspunkte zu
seiner Entlarvung. Denn er hat vieles Widersprüchliche ste-
henlassen; ganz anders, als das ein kleinlicher, also konsequen-
ter Betrüger getan hätte. Und er hat überdies vieles berichtet,
was heute – und wohl auch damals schon – gegen ihn zu spre-
chen scheint. Gerade der Nachweis, wie gut Caesar die Fakten
zu seinen Gunsten wenden konnte, wenn er wollte, läßt es als
bemerkenswert erscheinen, daß er vielfach darauf verzichtet
hat; übrigens gerade auch an Stellen, an denen er nach ethi-
schen Motiven angreifbar war. Das scheint kein Zufall zu sein.
Strasburger spricht von der »Immoralität«, die sich in Caesars
Aufzeichnungen niedergeschlagen habe.
Neben der propagandistischen Absicht steht die dokumen-
tarische. Caesar präsentiert seine Taten zugleich der Nach-
welt. Ruhm war für die römischen Adligen ein gewichtiger
Christian Meier – Caesar 344

Beweggrund, für Caesar eher mehr als für die anderen. Der
Vergänglichkeit wollte er sich entgegenstemmen. Und wenn
andere dafür schreiben lassen mußten, so konnte er es selber
tun. Und er wollte kein falsches Bild von sich zeichnen. Er war
sicher, das Urteil der Nachwelt nicht scheuen zu müssen.
Caesars Darstellung erweckt den Anschein vollkommener
Objektivität. Er spricht von sich selbst stets in der dritten
Person, außer wenn er sich als Schriftsteller äußert – daß er
etwas nicht wisse oder wie er etwas beurteile. Seine Sprache
fand die Bewunderung Ciceros, des Kompetentesten unter den
Zeitgenossen, und das besagt um so mehr, als der stilistisch
einer ganz anderen Richtung zuneigte. Danach waren die Com-
mentarii »schmucklos, geradeheraus und anmutig, wobei alles
rednerische Beiwerk wie ein Kleid abgelegt ist. Aber während
er nur das Material bereitstellen wollte, aus dem andere dann
für ihre historische Darstellung schöpfen sollten, hat er viel-
leicht den Dummköpfen einen Gefallen getan, die daran ihre
Haarkräuslerkünste praktizieren möchten, die Vernünftigen
aber hat er vom Schreiben abgeschreckt. Nichts nämlich ist in
der Historie angenehmer als reine, lichtvolle Kürze.« Caesars
Anhänger Aulus Hirtius, der das achte Buch des Bellum Galli-
cum nachträglich schrieb, beruft sich auf dieses Urteil und fügt
hinzu: »Unsere Bewunderung ist allerdings noch größer als die
der übrigen; die wissen nämlich nur, wie gut und fehlerfrei, wir
auch, wie leicht und rasch er sie schrieb.«
Wie die Schlichtheit dieser Berichte in Wirklichkeit ihre
Vollkommenheit ist, in der Kunstlosigkeit ihre Kunst besteht,
so verbinden sich in ihnen, wie Otto Seel bemerkt hat, Einfalt
und Raffinesse der Diktion; distanzierte Spröde und vibrie-
rende Intensität; Eleganz und Trockenheit, die keine Wieder-
holung scheut; gleitende Übergänge und scharfe Brüche. Kein
lateinischer Autor hält sich so genau wie Caesar an die Regeln
der Grammatik. »Und doch, trotzdem und erst recht, hat kaum
ein lateinischer Stil soviel eigene Physiognomie, soviel Indivi-
dualcharakter wie der seine.«
Die Sprache ist stark rationalisiert. Caesar benutzt weniger
als dreizehnhundert Wörter – wenn man von den gelegentlich
Christian Meier – Caesar 345

gebrauchten technischen Termini absieht. Alle sind sie aus


der Umgangssprache. »In gewöhnliche und fast dürftige Spra-
che sind die ungewöhnlichen Taten eingefangen, deren Größe
nicht in einer Art von Originalität liegt, sondern in dem instink-
tiv sicheren Ergreifen des einfach Richtigen, in der Kühnheit
des vollen Einsatzes, in der blitzartigen Schnelligkeit des Han-
delns und der unablässig drängenden Stetigkeit« (Fränkel).
Was eigentlich interessiert, ist, wie Caesar die Ereignisse
und Zustände schildert und wie er sich selbst darstellt. Mit
dem kunstvoll-kunstlosen Charakter des Berichts ist schon
eine bestimmte Stilisierung gegeben, eine Stilisierung freilich,
der er sich zugleich selber unterwarf. Denn zu dem, was wir als
seine Größe empfinden, gehört vermutlich, daß er der war, der
er sein wollte. Weil er sich aus seinem Willen heraus formte,
weil er das Feld fand, in dem er ausleben konnte, was er dann
war. Wille und Schicksal griffen bei ihm in höchst besonderer
Weise ineinander, wobei der Wille der Stärkere von beiden
gewesen zu sein scheint.

Indem er nicht nur sich und seine Taten, sondern auch seinen
Bericht formt, eigenwillig und herrisch, liegt in diesem Bericht
eine besondere Wahrheit. Caesar tritt uns im Bellum Galli-
cum, um es auf eine Formel zu bringen, in aller Unschuld ent-
gegen als der Statthalter Roms, der seine vielfältigen Aufgaben
nach hergebrachter Weise gewissenhaft, umsichtig, vorbildlich
erfüllt, wie es seine Pflicht ist. Zu verteidigen scheint er sich
nicht. Im Gegenteil.
Natürlich verlautet nichts davon, daß Caesar, wie Sallust
schreibt, »sich sehnlichst ein großes Kommando, eine Armee,
einen neuen Krieg wünschte, wo seine Tatkraft sich glänzend
bewähren konnte«. Aber man liest auch nichts von den vom
bisherigen Verfahren völlig abweichenden Grundsätzen, die
Cicero ihm nachrühmt: Nicht nur auf Angriffe zu reagieren
und die römische Provinz zu verteidigen, sondern ganz Gal-
lien in Roms Gewalt zu bringen, um einen dauerhaften Frie-
den zu sichern. Caesar läßt zwar mehrfach den Zusammen-
hang ganz Galliens in seinem Bericht durchblicken, daß er
Christian Meier – Caesar 346

aber daraus die Konsequenz einer so ungeheuren Eroberung


abgeleitet hätte, sagt er nicht.
Vielmehr ließ er es ja eben anfangs so scheinen, als habe er
von Fall zu Fall ganz entsprechend der defensiven Grundhal-
tung und den sonstigen Maximen der römischen Außenpolitik
gehandelt. Die Bundesgenossen waren zu schützen, gefährliche
Nachbarn zu bekämpfen. Jenes tat er selektiv, sofern es nämlich
seinem Interesse entsprach. Dieses tat er vorbeugend gegen
die Helvetier – und setzte die mangelnden Geographie-Kennt-
nisse seiner Leser voraus, denn das Gebiet, das diese erobern
wollten, grenzte gar nicht an Roms Provinz. Auf den ersten
Blick also scheint es, als sei er durch lauter Verteidigung im
einzelnen zur Eroberung des Ganzen gekommen – wie es nach
Cicero mit dem römischen Herrschaftsbereich überhaupt der
Fall gewesen ist. Man kann sagen, daß Caesar seine Erobe-
rungsabsicht verhüllt habe. Richtig wäre: Er hat sie nicht
ausdrücklich erklärt.
Er machte nämlich kein Hehl daraus, daß er sie hatte. Wie
auch immer es sich mit den Helvetiern und Ariovist verhalten
haben mag, spätestens im ersten Winter, als er die Legionen im
eroberten Gebiet ihr Lager beziehen ließ, machte Caesar deut-
lich, daß er es behaupten wollte. Er läßt dies die Belger auch
erklären. Weiterhin bestand zur Unterwerfung der Bretagne
und der Normandie überhaupt kein Anlaß. Unverhüllt zeigt
sich Caesars Absicht im Jahr 56: Dort schreibt er, in seiner typi-
schen Satzfugung, mit dem Verbum am Ende: »Um die glei-
che Zeit hat Caesar, obwohl der Sommer fast zu Ende war,
weil nach der Befriedung ganz Galliens die Moriner und
Menapier als letzte unter Waffen standen und noch nie an
ihn Gesandte wegen eines Friedens geschickt hatten, in der
Meinung, daß er diesen Krieg rasch vollenden könnte, sein
Heer dorthin geführt.« Charakteristisch, wie die Umstände als
Motive eingeführt werden, in die Dynamik der Handlung ein-
gehen, wie der Leser durch die Spannung des Satzes in die
Bewegung mit hineingenommen wird, bis sich alles löst im
Beginn der Aktion. Doch das betrifft den Stil. Weder Moriner
noch Menapier hatten vorher an einem Krieg teilgenommen.
Christian Meier – Caesar 347

Daß sie noch unter Waffen standen, war nur die bedrohliche
Formulierung dafür, daß sie noch frei waren, sich nämlich
Caesar noch nicht ergeben hatten.
Daß alle Gallier dies tun sollten, tritt in Caesars Darstellung
offen zutage. Er sandte allen Befehle, alle hatten zu gehorchen.
Jeder Stamm, dem er begegnete, hatte sich ihm zu unterwer-
fen. Eine Ausnahme machten nur die alten Freunde Roms.
Jeder hatte dann Geiseln zu stellen. Dafür gewährte Caesar
in der Regel Schonung. Darin zeigte sich seine Gnade. Lehnte
ein Fürst oder Stamm das ab, war er schon im Unrecht, und
Caesar hatte einen Grund, ihn zu bekriegen.
Das alles widersprach den römischen Maximen, nach denen
nur gerechte Kriege geführt werden durften. Und gerecht war
ein Krieg nur, wenn es um Wiedergutmachung von Unrecht
ging. Unrecht aber konnte es kaum sein, wenn eine auswärtige
Macht nicht tat, was Caesar von ihr verlangte. Auch war die
römische Außenpolitik aus gutem Grund defensiv. Schließlich
enthielt der Senatsbeschluß, der den Statthalter anwies, den
Haeduern zu helfen, die Bedingung: falls dies nicht gegen
Roms Interesse sei.
Allerdings waren Ansprüche, wie Caesar sie stellte,
gegenüber Grenzvölkern in Rom nicht unbedingt selten. Aber
außerhalb großer Kriege wurden sie nur gelegentlich, hier
oder dort gestellt, und höchstens kleine Kriege folgten daraus.
Keiner bewegte sich wie Caesar im großen Stil außerhalb
seiner Provinz und beanspruchte überall Gehorsam und Unter-
werfung.
Caesar läßt jedoch nicht nur diesen Anspruch ganz deut-
lich werden. Er berichtet auch mehrfach, daß die Gallier frei
sein wollten. Einmal schreibt er, daß »allgemein die menschli-
che Natur von Freiheitsdrang erfüllt ist und Sklaverei haßt«.
Er zeigt auch Verständnis für den Stolz, mit dem sich die
so oft siegreichen, tapferen Stämme gegen ihre Niederlage
aufbäumten. Seine im ganzen faire Schilderung erweckt beim
Leser, wenigstens dem heutigen, viel Sympathie für die Gallier.
Aber offenbar waren Stolz und Freiheitsdrang nur ein Grund
mehr zur Härte. Die Notwendigkeit, sie zu unterjochen, setzt
Christian Meier – Caesar 348

Caesar allemal voraus, obwohl es der Wille des Senats war, daß
die Gallier frei bleiben sollten.
Da er seine Eroberungsabsicht deutlich macht, aber nicht
erklärt, kann er auch keine Gründe dafür vorbringen, son-
dern höchstens welche andeuten. Gelegentlich läßt er durch-
blicken, daß es in Gallien vor seinem Eingreifen recht ungeord-
net zuging. Außerdem spricht er von der Gefahr, die von den
Helvetiern und den Germanen droht, und davon, daß er ihr
vorbeugt oder sie pflichtbewußt eindämmt. Aber es bleibt bei
Andeutungen.
Natürlich darf man Caesars Eroberungswillen nicht unter
modernen Gesichtspunkten sehen. Er war ganz und gar
Römer, unangefochten, ohne viele Zweifel und Legitimations-
bedürfnisse, was Roms Expansion anging. Und darin unter-
schied er sich nicht von seinen Zeitgenossen. Aber er fühlte
sich andererseits auch nicht durch die Auffassungen gebunden,
die Roms Expansion stets gehemmt oder doch von besonderen
Gründen abhängig gemacht hatten. Und vor allem: Wenn man
sich vielleicht nicht um der Unterworfenen willen zu rechtfer-
tigen hatte, so verstand sich doch die Abweichung von den
Regeln römischer Statthalterschaft keineswegs von selbst.

In Caesars Schrift tritt also doch, auch für damalige


Verhältnisse, eine Ungeheuerlichkeit fast unverblümt zutage:
Daß ein Mann ganz Gallien eroberte, ohne Auftrag, nur weil er
fand, daß es erobert werden sollte. Mit einer Armee, die ihm
nur zur Hälfte von Senat und Volk übergeben war, die er zur
anderen Hälfte willkürlich ausgehoben hatte. Später fügte er
noch eine neunte und zehnte Legion dazu.
Aber was sollte er tun? Zugeben, daß dies alles seiner
Willkür entsprang, und begründen, warum er meinte, daß es
richtig sei? Hätte das nicht geheißen, sich gänzlich freizuma-
chen von allen Bindungen an Senat und Volk? So erschien
es ihm wohl als das Beste, seinen Eroberungswillen weder
zuzugeben noch zu leugnen, sondern als selbstverständlich zu
implizieren. Selbstverständlich wenigstens von dem Moment
an, in dem Caesar durch die Kämpfe gegen die Helvetier und
Christian Meier – Caesar 349

Ariovist tiefer in die gallischen Angelegenheiten verwickelt


worden war. Wenn einer nach weiteren Begründungen fragt,
verweist Caesar ihn indirekt in die gleiche Lage wie die Offi-
ziere in Vesontio: So wenig wie sie an seiner Umsicht und Sorg-
falt als Feldherr zu zweifeln hatten, durfte es sonst einer an
seiner Pflichttreue und rechten Aufgabenerfüllung.
Gegen alle Fragen und Einwände setzt Caesar also sich
selbst in seinem Handeln und Wirken. Eben darin will er
überzeugen. Eben davon ist die Rede. Darauf bezieht sich seine
Werbung. Dies ist letztlich sein Thema. Und indem er auf seine
Weise davon spricht, zwingt er dem Leser seine Perspektive
auf. Übrigens hat er gewiß nicht daran gedacht, seine Gegner
zu überzeugen. Die Leser, an die er sich richtete, waren die
noch nicht festgelegten, vergleichsweise offenen, beeindruck-
baren Senatoren und Ritter.
Nicht indem er sein Handeln rechtfertigt also, sondern
indem er es vorführt, verteidigt er sich. Das aber heißt: Er greift
an. Er zeigt, wie ein umsichtiger, verantwortungsvoller Statt-
halter zu handeln hat. Fern von der Beschränkung in Kleinlich-
keit, vom Durchwursteln, das vieles hinnimmt, vieles übersieht
und nur gelegentlich eingreift. Fern von jener Haltung, die gar
nicht imposant war, dafür den römischen Verhältnissen ange-
messen. Mangels eines Verwaltungsapparats, mangels größerer
Truppenkontingente und einfach auf Grund der Tatsache, daß
mit Zwang nicht viel auszurichten war, war Roms Admini-
stration ja in der Regel auf vielfache Rücksichtnahmen, vielsei-
tige Kontakte und ein allmähliches Sich-Annähern an die Pro-
bleme angewiesen. Freilich wurde auch das oft nachlässiger
und eigennütziger betrieben als nötig. Gerade dagegen hebt
Caesar sich äußerst entschieden ab: Er praktiziert eine zupak-
kende, umfassende Aufgabenerledigung; und zwar anschei-
nend von Fall zu Fall, wie sich die Dinge gerade bieten, ganz
konzentriert auf die Gegenwart, aber nicht einfach reagierend,
sondern vorbeugend, im Blick auf größere Zusammenhänge.
Aufmerksam auf jedes Problem, überall, wo es nottat, durch-
greifend, er richtete also neue, hohe Ansprüche auf, um sich
an ihnen zu bewähren und dadurch über alle anderen weit hin-
Christian Meier – Caesar 350

auszuragen. So, meinte er, mußte man es machen, rücksichtslos


und ganz auf durchschlagenden Erfolg ausgerichtet. Übrigens
wenn es anging, auch großzügig und schonend. Aber daneben
mitunter auch von erschreckender Härte und Grausamkeit,
vor allem in den späteren Feldzügen. Auch das aber muß
ihm als pflichtgemäß erschienen sein. Im äußersten Fall war
jedes Mittel recht. Caesar konnte sich gewiß nicht vorstellen,
daß diese Amtsführung unvoreingenommenen Römern nicht
als richtig erscheinen konnte. Sonst hätte er an sich zweifeln
müssen. Sein hoher Maßstab hätte dann nicht gestimmt. Stolz
betont er immer wieder, daß dies oder jenes für ihn und das
römische Volk unerträglich sei oder seiner und des römischen
Volkes Gewohnheit widerspreche. Da werden keine Kompro-
misse geschlossen, da wird nicht zurückgesteckt; da gilt, was
die Ehre gebietet. Ein griechischer Historiker legt Caesar den
Ausspruch in den Mund, daß so auch die Vorfahren gehandelt
hätten, wagemutig, kühn planend und alles riskierend, um die
Pläne auszuführen. Als Glück sei ihnen nichts anderes erschie-
nen, denn das Notwendige zu tun, als Unglück hätten sie die
Untätigkeit betrachtet.
Durch diese Art der Amtsführung also, die ebenso erschrek-
kend von vielen gutbegründeten Regeln wie wohltuend von der
damals vorherrschenden Nachlässigkeit und Indolenz abstach,
rechtfertigte Caesar sich in einer Weise, daß jeder, der ihm
Vorwürfe machen wollte, schon fast beschämt sein mußte.
Wieder und von Neuem, wie in so mancher Rede, doch diesmal
für uns nachlesbar, zeigte er sich in voller Überlegenheit.
Übrigens erscheint er in seinen Berichten stets souverän.
Er ist umsichtig, ein guter Organisator. Immer wieder hören
wir davon, daß er rechtzeitig für den Nachschub sorgt. Nichts
bringt ihn aus der Ruhe, immer weiß er Rat. Zwar kann er
vieles nicht voraussehen; aber er ist sich dessen bewußt und
rechnet mit verschiedensten Möglichkeiten, daher ist er vor-
sichtig, gegen vieles gewappnet und kann auf alles überlegen
reagieren. Natürlich ist er zugleich auf seine Unterführer und
Soldaten angewiesen, rühmt sie auch; sie erfüllen durchaus
und vorbildlich ihre Pflicht und gelegentlich müssen sie ja
Christian Meier – Caesar 351

auch eine Schlacht wesentlich von sich aus schlagen. Caesar


und seine Soldaten – das sind besondere Aktivposten in Roms
Bilanz. Dabei ist Caesar bei der Schilderung seines eigenen
Anteils am Kriegsgeschehen nie aufdringlich.
Es ist gewiß nicht falsch, wenn man in seiner Selbstdarstel-
lung die Behauptung impliziert findet, daß Rom gerade deswe-
gen, weil seine Statthalter normalerweise anders handelten als
Caesar, einen Puffer brauchte gegen den gefährlichsten und
nächsten Gegner im Norden, die Germanen.
Die politische Isolation also, aus der er zu seinen Erobe-
rungen gedrängt wurde, und das Ungenügen am normalen
Gang der Dinge trafen sich. Beidem lag Caesars ungemeiner
Durchsetzungswille zu Grunde. Die These vom Ungenügen
gab der höchst subjektiven Eroberungsabsicht einen objekti-
ven Gehalt. Seine Schwäche wurde zur Stärke.

Die Weise, in der Caesar das Geschehen wiedergab, und das


heißt doch wohl wesentlich: in der er es auffaßte, entsprach
vermutlich seinem Begriff vom Zustandekommen politischer
und militärischer Ereignisse. In extremer Konzentration – und
Beschränkung – ist fast ausschließlich vom Handeln verschie-
dener Subjekte die Rede. Der ganze Zwischenraum, der sich
normalerweise zwischen Handelnden spannt und ihr Handeln
bedingt, ist ausgespart. Selten nur gibt Caesar eine allgemeine
Orientierung über die Lage, über die Aufgaben, Möglichkeiten,
Schwierigkeiten, Aporien, bevor er sich den Aktionen der
Subjekte zuwendet. Gegebenheiten, Zustände, Situationen
kommen zumeist nur als handlungsbedingende Modalitäten
vor: Caesar sieht, daß es so und so ist, und tut das und
das. Selbst die Schilderungen der Landschaft sind als Hand-
lungen gegeben: man folgt dem Auge Caesars, der ein Terrain
mustert und es dabei immer mehr in den Griff bekommt, bis
er schließlich seine Maßnahmen trifft: Das Gebiet wird in die
Aktion einbezogen. Schwierigkeiten begegnen als Aufgaben.
Die Handelnden erscheinen umso größer, je weniger sie ein-
gelassen sind in die Verhältnisse. Sie werden so klar und
Christian Meier – Caesar 352

scharf auf die Leinwand der caesarischen Commentarii pro-


jiziert, daß sie dort fast allein sind, daß alles andere hinter
ihnen bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Da ist kaum eine
Gesamtheit vielfältig verursachten und höchst kontingent sich
zusammenfügenden Geschehens, sondern eben vor allem die
Begegnung weniger Subjekte gezeichnet.
Jeder Satz ist auf ein Ziel gespannt, auf eine Handlung, die
alles Voraufgehende anzieht. Von Zeiten der Ruhe ist kaum
die Rede. Alles ist Bewegung. Die ungeheure Dynamik dieser
raschen, wagemutigen, weiträumigen Feldzüge ist unmittel-
bar im Bericht widergespiegelt. Aber so sehr das Handeln
vordergründig erscheint, kaum anschaulich, kaum plastisch,
so übersichtlich ist es zugleich. Die Konstellationen sind in
ihrem Kern klar erfaßt; in jener besonderen »Anschaulichkeit,
die etwa eine Schachpartie für das innere Gesicht eines Ken-
ners, ein klar gesehenes Problem, eine elegante Verfahrens-
weise für den Mathematiker hat« (Klingner). Man spürt nicht
den Betrachter, sondern den Täter, von Schritt zu Schritt, von
Situation zu Situation. Auch die Gegner sind nach seinem Bild
gezeichnet, sie haben vernünftige, verständliche Motive, es
werden bei ihnen die klügsten Absichten vorausgesetzt. Und in
hohem Maße wird auch auf der Gegenseite das Handeln Ein-
zelner beachtet und als Motor des Geschehens angesehen.
Übrigens ist auch das Herrschaftssystem, das Caesar auf-
baut, eine Summe personaler Beziehungen. Wie Person sich zu
Person verhält, das zählt. Institutionen, Überzeugungsversuche,
die nicht ein Handeln, sondern nur ein Meinen, eine Bemühung
um Versöhnung etwa zum Ziel gehabt hätten, administrative
Probleme, der Aufbau einer Herrschaftsstruktur – von all dem
ist nicht die Rede. Der Zustand, auf den die Eroberungen hin-
auslaufen, wird nur ganz allgemein als imperium in Gallia
bezeichnet, Befehlsgewalt in Gallien. Allgemeine Tendenzen,
prozessuale Abläufe, die sich gleichsam in der Tiefe vollziehen,
fehlen. Es wird marschiert, Lager werden gebaut, dann wird
gefordert oder gekämpft, erobert. Es wird befohlen; auch die
Fürsorge für Sicherheit und Ernährung begegnet als Befehl an
die, die dafür aufzukommen haben.
Christian Meier – Caesar 353

Klingner spricht von einem »rücksichtslos vereinfachten,


aber in seiner Art auf das Höchste gesteigerten Verhältnis
zu den Dingen. Was nicht zum Planen und Handeln des
Heerführers, des Politikers gehört, ist ausgeschieden.« So
kommt es zu der ungemeinen Klarheit und Durchsichtigkeit
der Darstellung. »Da ragen keine halbdeutlichen Hintergründe
hinein. Immer ist nur die Sache im Blick, die Caesar jeweils in
der Hand hat.«
Und indem alles so ganz aufs Handeln hindrängt, darin
besteht, tritt die Tatsache, daß die Aufgabe, die er da so
mustergültig meistert, sich Caesar an sich gar nicht stellte, daß
keiner sie ihm übertragen hatte, ganz in den Hintergrund. Wie
seine Soldaten, so hat Caesar auch seine Leser gleich in den
Vollzug dessen, was er sich vorgenommen hatte, engagiert.
Nur an einer Stelle durchbricht er die engen Grenzen seines
Kriegsberichts: im sechsten Buch, wo er eine vergleichende
Völkerkunde der Gallier und der Germanen gibt. Diese Kapitel
scheinen auf den ersten Blick keine Funktion zu haben. Aber
ohne daß Caesar das sagte, erklären sie, warum er seinen Feld-
zug nach Germanien abbrach, ohne die Germanen unterwor-
fen zu haben: Im Gegensatz zu den geläufigen Auffassungen
nämlich, so liest man da, ist Germanien etwas völlig anderes
als Gallien. Es ist zu schwierig – und lohnt auch nicht –, es zu
unterwerfen. Wiederum impliziert Caesar. Aber hätte er sagen
sollen, daß er eigentlich auch Germanien erobern wollte? Auch
hier wird weder zugegeben noch geleugnet.
Ein besonderer Aspekt der caesarischen Darstellung ist das
weitgehende Ausschließen aller Affekte. Nur bei den Soldaten
darf Angst aufkommen. Caesar selbst ist davon, soweit man
sieht, nie berührt. Man hat gesagt, die Commentarien verdank-
ten die unfehlbare Sicherheit ihrer Form den gleichen Kräften,
aus denen Caesars Taten hervorgingen. Daran ist gewiß viel
Wahres, wenn auch diese Kräfte in der Wirklichkeit kaum so
weit gereicht haben wie in deren Darstellung. Da kann er
nicht so übermenschlich-souverän gewesen sein, wie er sich
hier präsentiert. Der quellenkundige Historiker kann auf eine
schwierige Situation im Bürgerkrieg hinweisen, für die wir,
Christian Meier – Caesar 354

38 Bildniskopf Caesars. Detail der kolossa-


len Panzerstatue von Abbildung 45.

wohl auf Grund des Berichts eines Mannes aus Caesars Stab,
eine Parallelüberlieferung besitzen. Dort hören wir, daß Caesar
nach einer Niederlage eine schlaflose Nacht verbrachte, von
düsteren Gedanken gequält, von der Einsicht, daß er den Feld-
zug falsch angelegt hatte. Er fand sich vor einer Aporie, bis er
sich schließlich zu einem Entschluß durchrang. In seiner eige-
nen Darstellung heißt es dagegen nur: »Caesar gab seine bishe-
rigen Pläne auf und meinte, daß er seine gesamte Kriegführung
ändern müsse.« Er scheint sich nur auf eine neue Lage ein-
zustellen. Ähnlich erfährt man beim Übertritt über den Rubi-
con von den Zweifeln und Skrupeln, denen in seinem eigenen
Bericht kein Platz eingeräumt ist.

Aber es widerspricht wohl auch jeder menschlichen Erfah-


rung, eine solche Form der Selbstdarstellung in all ihren
Verkürzungen ernst zu nehmen. Dafür, daß solcher Zweifel
Christian Meier – Caesar 355

auch Großen der Geschichte gegenüber angebracht ist, ließe


sich anführen, was wir über verschiedene Situationen Fried-
richs des Großen oder Napoleons wissen.
Wohl kann man annehmen, daß Caesar sich nach außen mit
dem Mantel der Heiterkeit und Souveränität umgab. Einmal
beschreibt einer seiner Offiziere zum Beispiel, wie die Solda-
ten in einer fast ausweglosen Lage Ermutigung »am Gesichts-
ausdruck, an der Frische und an der wundervollen Heiterkeit
ihres Feldherrn fanden. Er zeigte sich nämlich voller Selbst-
vertrauen und Zuversicht.« Und das war gewiß nicht die Aus-
nahme, sondern die Regel. Diese überlegene Heiterkeit machte
ihn für einfachere Gemüter so faszinierend, wie sie ihn anderen
als undurchdringlich und daher auch als unheimlich erschei-
nen ließ, zumal sie mit großer Konzentration gepaart war. Und
was er nach außen darbot, wird auch seinen inneren Gestus
ein gutes Stück weit bestimmt haben. Eine im letzten Sinne
spielerische Gesinnung, ein Schuß Mutwille und der Glaube
an sein von Venus bestimmtes Glück mögen daran mitgewirkt
haben.
Aber dahinter sollte doch auch oder vielleicht gerade bei ihm
einige Sensibilität gesteckt haben, Unsicherheiten, Zweifel,
Schwanken; Strecken der Ratlosigkeit, des gebannten Wahr-
nehmens von Aporien und Nöten. Im 7. Buch, in dem er die
große Krise des gallischen Krieges schildert, läßt er sogar selber
durchblicken, daß er gelegentlich nahe daran war, alles aufzu-
geben, weil er fürchtete, sonst könnte selbst die alte römische
Provinz dem Ansturm der Gallier erliegen. Überhaupt gibt er
gegen Ende seines Berichts mehr Einblick. Er schreibt mit
mehr innerer Bewegung und Freiheit.
Die Frage nach dem Sinn seiner rastlosen Tätigkeit, seiner
Unterwerfung Galliens und vielleicht auch der Opfer, die seine
Soldaten dafür zu bringen hatten, konnte er schlecht ganz
unterdrücken.
Nur konnte sie kaum je aufkommen gegen die Freude so
voller Bewährung, die ihn ausfüllte: seine Kraft und seine
Möglichkeiten waren der ungeheuren Materie, der er sich
hingab, letztlich gewachsen. Über alle denkbaren Kompliziert-
Christian Meier – Caesar 356

heiten des Charakters hinweg fand er sich stets in die Aktion


zurück und gewann darin Konzentration und eine Wirkung,
die ihm zunehmend eine eigene Wirklichkeit schuf. Eine Wirk-
lichkeit, in der er eine Fülle von Möglichkeiten genießen, von
großen Leistungen vollbringen konnte – die ihn aber auf die
Dauer vielleicht auch abschirmte gegen andere Wirklichkeiten,
gegen diejenige insbesondere, in der seine Standesgenossen
lebten, die führende Schicht Roms, einschließlich Pompeius.
Doch wie es damit werden sollte, mußte man sehen. 57 stand
die eigentliche Probe politisch und militärisch noch bevor.
»Ich verwundere mich oft«, so heißt es einmal bei Stifter,
»wenn ich in der Lage bin, zu entscheiden, welchem von
beiden ich den Preis geben soll, Caesars Taten oder Caesars
Schriften, wie sehr ich im Schwanken begriffen bin und wie
wenig ich es weiß. Beides ist so klar, so stark, so unbeirrt, daß
wir wenig dergleichen haben dürften.« Und beides tritt uns
in den Commentarii in einer Selbstverständlichkeit entgegen,
die bei genauerem Zusehen geradezu unwirklich anmutet; und
das in einem Stil, der ein äußerstes Maß an Objektivität sugge-
riert.
Christian Meier – Caesar 357

Innenpolitische Erfolge,
spektakuläre Feldzüge, erste Rückschläge
(56 bis Anfang 52 v. Chr.)

Neue Vollmachten für Pompeius • Milo


• Wendung der senatorischen Politik •
Bündnis in Luca • Krieg im Westen Galli-
ens • Verlängerung des caesarischen Kom-
mandos • Rheinübergang • Landung in Bri-
tannien • Theater in Rom: Demonstrative
Politik • Zum zweiten Mal in Britannien •
Gallischer Aufstand • Clodius’ Ermordung:
Der Senat verbindet sich mit Pompeius •
Zusammenbruch der Hoffnungen

Die römische Innenpolitik, der sich Caesar seit dem Herbst


57 von Oberitalien aus wieder ganz zuwenden konnte, war
bestimmt durch den Versuch des Pompeius, seine heraus-
gehobene Stellung auszubauen, durch den Widerstand einer
immer breiter werdenden Phalanx von Gegnern und durch
die allmähliche Wiederbelebung und Erstarkung senatorischer
Politik. Caesars Anteil daran bleibt zunächst im Dunkeln – bis
er dann plötzlich eine gründliche Wende herbeiführt.
Pompeius meinte offenbar, nach seinem großen Erfolg bei
der Rückberufung Ciceros freie Bahn zu haben für eine weiter
ausgreifende Politik. Er hatte gesiegt, hatte den Senat auf
seiner Seite, die Gegner waren geschwächt. Und er verspürte
vermutlich um so stärkeren Antrieb dazu, diese Lage auszu-
nutzen, als Caesar durch seine unverhofft großen Erfolge in
der Bilanz von Leistung, Macht und Volksgunst einen beacht-
lichen Anstieg verzeichnen konnte. Für Pompeius war er im
Grunde der – außerordentlich befähigte – »junge Mann« gewe-
sen und sollte es noch lange bleiben. Aber wenn er aufzuholen
schien, war es allemal gut, die eigene Position zu verbessern.
Pompeius war der Erste. Das sollte klar sein und immer klarer
werden.
Christian Meier – Caesar 358

39 Der eminent politische, propagandi-


stische und polemische Charakter der
römischen Münzprägung zeigt sich beson-
ders deutlich in Prägungen aus den 50er
Jahren, die für oder gegen Pompeius Partei
ergreifen. Unmittelbar im Dienst der pom-
peianischen Propaganda stehen zwei Mün-
zen des Faustus Sulla aus dem Jahr 56.
Die erste Münze zeigt auf der Vorderseite
einen Herculeskopf im Löwenhelm. Auf der
Rückseite: in der Mitte der Globus als Zei-
chen der Weltherrschaft; daneben und dar-
unter: drei Kränze als Zeichen der drei
Triumphe des Pompeius; der vierte, etwas
anders gestaltete Kranz oben im Bild meint
den goldenen Kranz (corona aurea), den
der Senat einige Jahre zuvor Pompeius
als besonderes Ehrenzeichen zugesprochen
hatte; neben dem untersten Kranz sind
schließlich noch rechts und links der
Heckaufsatz eines Schiffes (aplustre) und
eine Kornähre zu sehen: damit wird auf die
Getreideversorgung der Stadt angespielt, die
seit 57 von Pompeius organisiert wurde; das
entsprechende Amt kam in seiner Wichtig-
keit einem militärischen Kommando gleich.
Christian Meier – Caesar 359

Als es zur Zeit der Rückkehr Ciceros eine Getreideknapp-


heit gab – die wohl durch interessierte Kreise, nicht zuletzt
durch Pompeius selbst, heraufgeführt worden war –, als Clo-
dius die entstehende Unruhe zu großen Demonstrationen des
Volkszorns entfaltete, ließ Pompeius sich mit einer Cura Anno-
nae betrauen, das heißt, mit außerordentlichen Vollmachten
auf fünf Jahre, um im ganzen Herrschaftsbereich Getreide
zu organisieren und nach Rom zu schaffen. Die Senatsmehr-
heit stimmte zu. Pompeius’ frisches Ansehen, der Wunsch, in
schwieriger Situation ein Ärgernis zu beseitigen, und die Dro-
hung, daß man, wenn der Senat nicht wollte, ein viel weiter-
gehendes Volksgesetz erwirken konnte, kamen zusammen, um
sie willfährig zu machen. Die führenden Senatoren konzen-
trierten sich darauf, die Vollmachten eng zu halten. So gewann
Pompeius die Möglichkeit, seine Macht in den Provinzen auch
in Rom geltend zu machen. Er dokumentierte seine Wichtig-
keit. Es bot sich ihm die Chance, sich dem römischen Volk neu-
erdings durch Leistung zu empfehlen, möglicherweise auch:
Druck auf Rom auszuüben.
Wahrscheinlich war es wegen dieser Vorteile, daß Pompeius
dann dazu neigte, oder besser: gebracht werden konnte, eine
so großzügige Supplicatio für Caesar zu befürworten. Die
Cura Annonae war rasch und ohne Verständigung mit Caesar
beschlossen worden. Caesar durfte sich überrumpelt fühlen
und hat das sicher wissen lassen. Pompeius wird froh gewe-
sen sein, als sich ein Vorschlag zur Güte fand. Cicero mußte
den Antrag einbringen, seine Dankbarkeit beweisen gegenüber
Caesar, der seiner Rückberufung schließlich zugestimmt, und
vor allem gegenüber Pompeius, der sie bewirkt hatte. Er
hatte auch schon in der Getreidefrage die Initiative ergreifen
müssen.
In der ganzen Zeit von September 57 bis April 56 wurde Pom-
peius immer wieder durch Clodius und dessen Spießgesellen
angegriffen. Lebhafte Agitation wurde entfaltet, Sprechchöre,
Schmähungen, Pfeifkonzerte, die Pompeius teilweise – als er
etwa in einem Prozeß für einen seiner Anhänger Stellung
nehmen wollte – kaum zu Worte kommen ließen. Aber er war ja
Christian Meier – Caesar 360

mutig und schlachterprobt und ließ sich so leicht nicht unter-


kriegen. Außerdem genoß er die Unterstützung eines anderen
Bandenführers.

Titus Annius Milo war ein sehr energischer, ehrgeiziger Mann


von einer bornierten, kühnen Entschlossenheit. Da Clodius die
Straße beherrschte, hatte er erkannt, daß es nützlich, ja not-
wendig war, seinerseits eine Truppe aufzustellen.’ Er hatte sich
Gladiatoren gekauft und wußte sie vortrefflich einzusetzen. Wo
Clodius mit seinen Mannschaften einem – von ihm entfalteten
und geweckten – Volkszorn gewaltsam und demonstrativ Aus-
druck gab, war für Milo die Gewalt nur ein Instrument. Wo Clo-
dius aus einem anarchischen Temperament, in eher dumpfer
Wut handelte, nahm Milo die Sache eher technisch. Er isolierte
die Gewalt zum reinen Mittel der Durchsetzung. Wie so viele
damals war er rücksichtslos, nur auf seinen Vorteil bedacht,
weithin losgelöst von den selbstverständlichen Voraussetzun-
gen des republikanischen Lebens. Aber wie wenige sonst war
er darin konsequent, sah er nicht links noch rechts, sondern
nur darauf, daß man mit offener Gewalt die Straße beherrschen
konnte, und damit wollte er seinen Weg machen, als Gewaltspe-
zialist und Gewalthaber. Milos ausgezeichnet geschulte Truppe
war der des Clodius verschiedentlich überlegen, aber ihr fehl-
ten die Reserven und der Rückhalt in der breiten Masse, auf
die jener sich stets stützte. So hielten die beiden sich die
Waage; waren sie übrigens auch aufeinander fixiert, befestig-
ten sie sich gegenseitig in ihren Rollen.
Milo also focht auf Seiten des Pompeius. Er hatte entschei-
dend zu Ciceros Rückberufung aus dem Exil beigetragen. Jetzt
suchte er Clodius vor Gericht zu ziehen. Ohne Erfolg, weil der
sich auf eine breite Koalition von Freunden und Verwandten,
Crassus und jenen führenden Senatoren stützte, die schon 58
mit ihm verbündet gewesen waren. Schließlich, Anfang Januar
56, konnte er sich durch die Wahl zum Aedilen gegen alle
Anklagen sichern. Er versuchte dann umgekehrt, Milos Verur-
teilung zu erreichen.
Es entstand damals ein ganzer Prozeßkrieg, einerseits gegen
Christian Meier – Caesar 361

Clodius’ Helfer, andererseits gegen Pompeius’ Anhänger. Die


Pompeianer hatten in der Verteidigung durchweg, in der
Anklage mehrfach Erfolg. Das hing damit zusammen, daß in
den Gerichten, in denen die Ritter eine wichtige Rolle spiel-
ten, die Erinnerung an den Kampf um Ciceros Heimkehr noch
wach war. Immerhin wurde Clodius’ wichtigster Helfer freige-
sprochen, wie es heißt aus Ärger über Pompeius. Unbeschadet
seiner Erfolge wurde dessen Situation in den ersten Monaten
des Jahres 56 überhaupt immer schwieriger.
Er hatte gleich Anfang 56 neuerdings versucht, ein Kom-
mando zu erlangen; und zwar sollte der von seinen Unterta-
nen vertriebene ägyptische König in sein Reich zurückgeführt
werden. Pompeius wollte das ins Werk setzen, wollte seine
Clientelen im Osten vermehren und seine Einnahmen auch.
Dagegen formierte sich eine breite Front der Ablehnung. Die
Sache zog sich lange hin. Im Senat wurde erfolgreich Wider-
stand geleistet. Dessen Mehrheit schlug sich damals zum ersten
Mal wieder zu Pompeius’ Gegnern.
Schon vorher, nämlich im Dezember 57, hatte Pompeius ver-
sucht, im Senat dadurch an Boden zu gewinnen, daß er durch
einen Volkstribunen eines der Gesetze Caesars zur Debatte
stellen ließ: die Lex Campana, durch die die campanischen
Äcker zur Verteilung bestimmt worden waren. Bislang war
nur ein Teil davon aufgesiedelt worden. Daran sollte nichts
geändert werden. Aber der Rest sollte offenbar, darin bestand
das Angebot, von der Verteilung ausgenommen werden. Der
Senat hatte stets großen Wert darauf gelegt, daß die dortigen
Ländereien im öffentlichen • Eigentum blieben. Pompeius
dachte also daran, ihm entgegenzukommen. Er hätte sich damit
nicht direkt gegen Caesar gewandt. An der Rechtsgültigkeit
von dessen Gesetzen hätte er nicht gerüttelt. Aber er hätte
doch einige inhaltliche Ärgernisse abgebaut, wäre vorsichtig
gegenüber seinem Verbündeten auf Distanz gegangen. Der
Vortrag des Tribunen enthielt deutliche Spitzen gegen Caesar.
Es kann sogar sein, daß die noch nicht aufgesiedelten Stücke
für dessen Soldaten bestimmt gewesen waren.
Als die Sache im Senat vorgetragen wurde, war Pompeius
Christian Meier – Caesar 362

nicht da. Die Senatoren nahmen es schweigend auf. Sie woll-


ten sich auf ein so vages Angebot hin nicht engagieren. Anfang
April 56 stellte Cicero dann in einer äußerst erregten Sitzung
den Antrag, am 15. Mai über die campanischen Äcker zu ver-
handeln. Der Senat sollte wegen der Wichtigkeit der Materie
möglichst vollzählig erscheinen. Alles spricht dafür, daß Cicero
das Einverständnis des Pompeius voraussetzen durfte. Er han-
delte freilich auch im eigenen Interesse, denn es lag ihm daran,
Pompeius mit der Senatsmehrheit auszusöhnen. Aber dazu
war es schon zu spät oder noch zu früh.
Die Senatsmehrheit war für Pompeius nämlich um diese
Zeit verloren. Es kam Verschiedenes zusammen. Zuvörderst
war es die Widersprüchlichkeit seiner Politik. Einerseits wollte
er Distanz zu Caesar gewinnen und sich dem Senat annähern,
andererseits seine Sonderstellung nach Kräften weiter befesti-
gen, sich also dessen Autorität immer mehr entziehen. Was er
mit jenem vielleicht erreichte, machte er mit diesem wieder
zunichte. Das war eine Schwierigkeit, die seiner ganzen Lauf-
bahn anhaftete. Das Ziel, eine Sonderstellung zu gewinnen,
und dasjenige, bei Senat und guter Gesellschaft beliebt, ange-
sehen, einflußreich zu sein, lagen ja unvereinbar weit ausein-
ander. Vielleicht meinte er allerdings, sie hätten sich inzwi-
schen angenähert, weil die Senatoren eingesehen hätten, daß
sie ihn brauchten. Aber Mißtrauen, Furcht und Ablehnung
gegen ihn waren im Senat noch recht stark. Ob Pompeius bei
der Lösung der großen inneren Probleme helfen konnte, war
durchaus unklar. Gegen die Anarchie auf Roms Straßen etwa
konnte er nicht nur nichts ausrichten, sondern er verschlim-
merte sie sogar. Denn seine alte Popularität bei der städtischen
Menge hatte er zum guten Teil eingebüßt. Und gegen Clodius
konnte er nur Milo setzen, Gewalt gegen Gewalt. Das war kon-
sequent, solange man nicht mit Legionen Ordnung schaffen
wollte. Es gab keine Polizei. Kein politisches Zentrum war
mehr stark genug, um Gewalttätigkeit zu verhüten. So wurde
sie zur Sache streitender Parteien. Sie war eine Funktion der
Gegensätze, die inzwischen so intensiv geworden waren, daß
keine Instanz mehr wirksam das