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Ergänzungsfach Religion | Interview durch Nadine Hager | KSWE 2020

„Jesus war der beste Sozialist“


Brigitte Dickerhof wohnt auf dem Friedlisberg, ist seit Brigitte, wie erlebst du deinen Glauben? Wie
55 Jahren mit demselben Mann glücklich verheiratet begleitet und prägt er dich?
und hat mit ihm drei Töchter. Zu der Zeit, als diese Also ich denke, er gibt mir eine Art Grundgerüst, das
noch Kinder waren, wurde Brigitte von einem Pfarrer mir zeigt, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehen
geprägt, welcher in Rudolfstetten arbeitete und sie soll – auch wenn es nicht immer so gelingt, wie ich es
durch seine Offenheit beeindruckte. Er brachte neue gerne hätte. Das Christentum gibt gute Voraussetzun-
Impulse in den Religionsunterricht und machte Bri- gen, um sich sozial zu verhalten und sozial zu reagie-
gitte aufmerksam auf Kurse, welche eine Ausbildung ren.
zur Katechetin (Religionslehrerin) anboten. Das ist einfach eine Grundregel dieser Religion, darin
Sie machte kurzerhand Gebrauch von diesem Angebot unterscheidet sich der Glaube der Katholischen nicht
und legte somit den Grundstein für ihre 31 Jahre lang von jenem der Reformierten: Man ist für einander da
andauernde Tätigkeit als begeisterte Religionslehrerin und schaut einander.
an der Unterstufe in Rudolfstetten. Sie brachte den
dortigen Kindern das katholische Christentum näher Ist dies aus deiner Sicht der markanteste
und setzte sich mit dem Aufkommen des reformierten Grundwert des Christentums, welcher uns be-
Glaubens in ihrer Gemeinde auch dafür ein, diese bei- gleitet?
den Ausprägungen dieser Religion miteinander über- Ja. Was mir am meisten Eindruck gemacht hat, ist,
einzubringen. dass Jesus gesagt hat, dass man seinen Nächsten lie-
ben soll wie sich selber. Wenn du dir selber nichts

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zuleide tust, tust du auch deinem Nächsten nichts Bö- Gedankengut sehr gut gefördert. Gott ist für
ses. Wer sich selber gernhaben kann, kann auch einen einen da, unabhängig davon, dass wir nicht
anderen mögen. Aber wenn du mit dir selber nicht im perfekt sind und die Erbsünde auf uns tragen.
Reinen bist, ist es schwierig, jemand anderes an dich Wir haben keinen strafenden Gott, der uns
ranzulassen und zu lieben. Also ich denke, das ist ei-
nur liebt, wenn wir in einer bestimmten Weise
ner der Grundpfeiler für mich. Und auch, dass es
handeln.
wichtig ist, in einer Gemeinschaft sein zu dürfen, von
Früher hatte ich auch immer das Gefühl, dass Gott mir
der man getragen wird. Die kleinste Zelle einer sol-
auf die Finger schaut. Das hat mich unfrei gemacht.
chen Gemeinschaft ist die Familie, und dann geht es
Dann aber habe ich mich begonnen, mit der Religion
weiter zu Verwandten und dann zum Freundeskreis.
zu befassen, und bin zum Schluss gelangt, dass das
Wenn alle dieses Verantwortungsbewusstsein einan-
Christentum eigentlich eine Frohbotschaft mit sich
der gegenüber hätten, glaube ich, würde es auch nicht
bringt, und keine Drohbotschaft. Und das habe ich als
mehr zu Krieg kommen.
Religionslehrerin versucht, den Kindern zu vermit-
Aber sobald in der Hierarchie eine gewisse Stufe er-
teln: Dass Gott uns bedingungslos liebt, auch wenn
reicht ist, kommt diese Machtgier und das Verlangen,
wir Fehler machen.
der oder die Grösste sein zu wollen. Das ist etwas un-
Dadurch muss man auch selber grosszügig werden -
glaublich Heikles und wahrscheinlich das, was zu
wenn man weiss, dass Gott auch diesen einen unsym-
Konflikten führt.
pathischen Kerl liebt. Und daran kann man selber
Ich denke, das grosse Problem ist, dass wir wachsen. Auch dieser Knilch ist ein Kind Gottes. Und
verlernt haben, mit uns selber im Reinen zu auch dieser darf sein und bestehen. Wir wissen nicht,
sein. was sich hinter ihm verbirgt und weshalb er ist, wie er
Ja, ich glaube, das ist der Punkt. Wir stellen an uns ist. Dass man dem offen begegnen kann, ist aber eine
selber manchmal so hohe Anforderungen, dass wir im- lebenslange Herausforderung.
mer das Gefühl haben, nicht zu genügen. Und wenn Es ist wirklich ein genauso wichtiger wie schö-
du diesen Anspruch so hoch hältst, dass du immer von
ner Wert, der im Christentum verankert ist:
diesem Gefühl begleitet wirst, dann hast du dich selber
Wir alle sind Kinder Gottes, wir strahlen
mit der Zeit nicht mehr lieb und verzweifelst an dir
selber. Das ist etwas sehr, sehr Trauriges. gleich hell, egal wie unterschiedlich wir schei-
nen. Dieser Grundpfeiler des Christentums
Und dass wir nicht mit uns im Reinen sind, er- umfasst genau diese Selbst- und Nächstenliebe,
klärt viele Konflikte, welche die Menschen über die wir schon zuvor gesprochen haben.
miteinander haben: Doch es ist auch sehr Genau.
schwer, unsere Gesellschaft wirkt manchmal
Und wenn man dies nun vergleicht mit dem
eher entfremdend von uns selbst.
Das ist diese Leistungsgesellschaft. Du bist nur je- Judentum, scheint dies dort anders zu sein.
mand, wenn du wahnsinnig leisten kannst – aber das Wenn man das Alte Testament liest, bekommt
kannst du nicht immer gleich, manchmal musst du man den Eindruck, dass Gott extrem zornig
dich zurücklehnen und kannst einfach nicht mehr. und strafend sein kann, sogar eifersüchtig.
Ja schon, aber es waren natürlich auch verschiedenste
Und dann muss man auch wissen, dass man Menschen, die das aufgeschrieben haben, und nicht
unabhängig von seiner Leistung etwas wert ist, Gott hat das geschrieben. Es ist schon klar, dass es im-
dass man eine Leistung zwar erbringt, sie aber mer wieder Momente gibt, in denen man an diesem
nicht verkörpert. Mit jeder schlechten Bewer- Gott verzweifelt, doch man muss sich bewusst sein,
tung sinkt bei uns aber das Selbstwertgefühl. dass nicht Gott das macht. Ich kenne keinen Gott, der
Ja, sobald du irgendwo arbeitest, wirst du aufgrund den einen vor einem anderen bevorzugt und sich un-
deiner Leistung bewertet und nicht aufgrund dessen, terschiedlich stark um die Menschen sorgt. Wir selber
wie du mit den anderen umgehst. sind diejenigen, die uns immer wieder selber in die
Irre führen. Jeder Mensch wird ja in ein Schicksal hin-
Kürzlich habe ich gelesen: Wenn wir uns im- eingeboren, und Gott hilft uns dabei, gewisse Dinge
mer bedingungslos geliebt fühlen würden, besser zu verstehen.
könnten wir uns auch selber bedingungslos lie-
ben. Ich denke, im Christentum wird dieses
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Gott gibt uns also jedes Mal, wenn wir uns ver- Demzufolge ist der „Garten Eden“ eine Meta-
irren durch unser Schicksal, wieder die Inspi- pher für unseren Zustand, bevor wir sesshaft
ration, zu unserer Mitte zurück zu gelangen? geworden sind. Das ist wirklich eine span-
Genau das meine ich. Ich weiss es nicht, aber ich nende Überlegung.
denke: Wenn du in Gott ein Urvertrauen hast, kannst Ja, das Buch hat mich extrem fasziniert. Ich habe sehr
du gewisse Situationen, die dir widerfahren, besser viel daraus gelernt.
tragen. Irgendwann und irgendwo wird man immer
auf eine Weise wieder geprüft. Was du sagst bezüglich des Besitzenwollens er-
innert mich an die Lehre, welche der Buddha
Und jede Prüfung birgt dann wieder die Gele- gepredigt hat. Er hat dabei das Anhaften ganz
genheit, seine Lebensführung zu reflektieren allgemein als die Wurzel des Übels bezeichnet,
und sich neu zu orientieren. also beispielsweise auch das Anhaften an der
Absolut. eigenen Meinung durch das Rechthabenwollen
Also durchlaufen wir ein gegebenes Schicksal, und das Verlangen, vor anderen zu brillieren.
und durch Gott und dessen Prüfungen können Aus meiner Sicht hat er damit Recht: Hätten
wir zu unserer Mitte finden? wir die von ihm beschriebenen Eigenschaften
Ja. Wenn ich mich selber ernstnehme (obwohl dabei nicht, wären wir auf eine Art vollkommen.
auch der Humor nicht zu vergessen ist). Und dann Ja, aber unser ganzes Leben lang streben wir nach ei-
muss ich auch mein Gegenüber ernstnehmen. Dabei nem Ideal. Das unterscheidet sich je nach Altersstufe,
werden wir von gewissen Eigenschaften daran gehin- man entwickelt sich immer weiter. Du bleibst nie ste-
dert, harmonisch mit anderen zusammenzuleben. hen. Ich finde es sehr spannend, zu schauen, ob man
Ich denke, der ganze Schlamassel des Besitzenwol- dies beim Altwerden auch noch schafft – sich weiter-
lens und des Stärkerseinwollens hat begonnen mit zuentwickeln. Oder ob man dann, zum Beispiel durch
dem Verstoss aus dem Paradies. Ich habe ein unver- eine Krankheit, stehen bleibt. Dann müsste man das
schämt gutes Buch gelesen, „Die Entwicklungsge- auch hinnehmen und damit umgehen können.
schichte der Menschheit“, und darin erklären zwei Re-
Das wäre auch wieder eine Prüfung.
ligionswissenschaftler, dass diese erschwerte Nächs-
Ja, genau.
tenliebe begonnen hat mit dem Sesshaftwerden der
Menschen. Und in diesem Fall kann Gott auch wieder hel-
Der paradiesische Zustand war, als die Menschen als fen: Man kann die Last an ihn abgeben, denn
Gruppe umhergezogen sind, sich Essen gesucht und über eine solche Krankheit hat man keine
immer in der Gruppe geteilt haben. Alle haben auf ei-
Kontrolle. Durch dieses „Urvertrauen“, wie du
nander Acht gegeben. Dann haben sie begonnen, sich
es genannt hast, bietet sich einem die Möglich-
niederzulassen und Land urbar zu machen. Jeder hat
plötzlich gesehen, dass der andere noch mehr Land keit, eben nicht stehen zu bleiben, sondern mit
hat, wollte daraufhin ebenfalls mehr, und somit began- der Situation mitfliessen zu können.
nen die Konflikte. Genau. Und es zuzulassen.

In diesem Fall wurde das Gemeinschaftsgefühl Brigitte, hast du noch etwas anzufügen zum
plötzlich abrupt abgeschwächt und auf einmal Schluss?
stand das Ego mit dem Besitztum im Zentrum. Ich glaube einfach, dass es schön und wichtig ist, dass
Ja, ganz genau! Plötzlich war nur noch das Besitztum man immer wieder auf Menschen zugehen kann und
da. Diese Überlegung hat mir wahnsinnig imponiert, sich nicht aus Selbstschutz von Beginn an verschliesst,
und ich glaube, das ist der richtige Ansatzpunkt. Wir aus Angst, verletzt zu werden.
haben uns selber vertrieben aus dem Paradies. Wir sel- Und dass man auch von dem Besitzenwollen einer
ber haben unsere Erbsünde erschaffen: Person loskommt.
Wir haben es zwar insofern einfacher gehabt, dass wir Wie gesagt, noch einmal zusammenfassend: Ich
nicht mehr umherziehen mussten, doch das Gemein- glaube, Jesus war der beste Sozialist. Das soziale Den-
schaftsgefühl ging grösstenteils verloren und die ego- ken kommt schon ein Bisschen von ihm her. Er behan-
istischen Triebe sind entstanden. delte jeden gut, auch Ehebrecherinnen. Anstatt eine zu
steinigen, hat er dem Volk gesagt, wer ohne Schuld
sei, solle den ersten Stein werfen. Und so hat niemand
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ihr geschadet. Jesus hat unglaublich klug reagiert und
der Ehebrecherin einfach geraten, besser mit ihrer
Umwelt umzugehen.
Im neuen Testament gibt es einige solche faszinieren-
den Stellen, in denen er weise reagiert.

Und am Ende ist Jesus seinem Leben auch


nicht angehaftet, im Gegenteil. Er wusste, dass
er verraten werden würde, und wehrte sich
trotzdem nicht.
Genau, und er ahnte auch, dass er Menschen durch das
Gehen dieses Weges überzeugen würde. Und das ist
auch so gewesen. Durch das wurde das Christentum
stark verbreitet.

Vielen Dank für dieses Interview.


Gern geschehen, ich hoffe, du kannst etwas von
diesem Gespräch mitnehmen.

Interview geführt am: 04.02.2020