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Schwerpunkt: Aortenerkrankungen

Internist 2013 · 54:535–542 F. Baumann1 · V. Makaloski2 · N. Diehm1


DOI 10.1007/s00108-012-3217-0 1 Schweizerisches Herz- und Gefässzentrum, Abteilung für Klinische und
Online publiziert: 5. April 2013 Interventionelle Angiologie, Inselspital, Universität Bern
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013 2 Schweizerisches Herz- und Gefässzentrum, Abteilung für Gefässchirurgie, Inselspital, Universität Bern

Aortenaneurysma
Schwerpunktherausgeber
S.M. Schellong, Dresden 
C. Nienaber, Rostock

und -dissektion
Epidemiologie, Pathophysiologie
und Diagnostik

Das Aortenaneurysma und die Aor- ta (. Abb. 1) ist am häufigsten von di- abdominale Aorta sind in 40% bzw. 10%
tendissektion stellen aufgrund der latativen Gefäßveränderungen betroffen. betroffen [8]. Bei vielen Patienten kommt
demografischen Entwicklung und des Bis zu 7,7% der >65-jährigen Männer ha- es zu einem Befall mehrerer Segmente.
heutigen Lebensstils ein signifikantes ben ein abdominales Aortenaneurysma
Gesundheitsrisiko dar. Der klinische (AAA; [2]). Risiko und Prävalenz steigen Am häufigsten ist die abdominale Aorta
Verlauf und die Symptomatik die- mit zunehmendem Alter. Entsprechend von dilatativen Veränderungen betrof-
ser beiden Aortenpathologien unter- wurde aufgrund der vorherrschenden de- fen. Entgegen der allgemeinen Annah-
schiedlichster Entitäten sind nicht im- mografischen Entwicklung eine Zunah- me gibt es Hinweise auf eine rückläufi-
mer wegweisend für die Diagnostik. me der aneurysmatischen Aortenerkran- ge Prävalenz des AAA.
Das Aortenaneurysma manifestiert kungen postuliert [3]. Eine kürzlich ver-
sich häufig erst durch das akute Ein- öffentlichte groß angelegte Studie wider- Aortendissektion
treten lebensbedrohlicher Komplika- spricht dieser Annahme jedoch. Sie zeigt,
tionen (Ruptur, Dissektion). Die Aor- dass lediglich 2,2% der kaukasischen Be- Die Aortendissektion ist die häufigste
tendissektion wird initial oft diagnos- völkerung an einem AAA leiden [4]. Die- akute Aortenerkrankung, der Ausgang
tisch fehlgedeutet. Dies kann in An- se Beobachtung wird auf die ausgeweite- ist oftmals letal. Das Krankheitsbild wur-
betracht der zeitabhängigen Morta- ten und verbesserten sekundärprophylak- de erstmalig vor >200 Jahren beschrie-
lität von schicksalsträchtiger Bedeu- tischen Maßnahmen zurückgeführt. ben und gilt als Todesursache von König
tung sein. Entgegen dieses Trends nimmt die In- George II. Aufgrund der hohen Mortali-
zidenz des thorakalen Aortenaneurys- tätsrate ist von einer hohen Dunkelziffer
Epidemiologie mas (TAA) zu, was auf die gesellschaft- und entsprechend von einer Unterschät-
liche Überalterung und die verbesserten zung der Inzidenz auszugehen. Die Inzi-
Aortenaneurysma und häufiger angewandten Schnittbild- denz von Aortendissektionen wird mit
gebungsverfahren zurückgeführt wird. bis zu 4,7/100.000 Personenjahre beziffert
Das Aortenaneurysma ist in der westli- Heute beträgt die Prävalenz des asympto- [9] und weist eine steigende Tendenz auf.
chen Welt ein gefürchtetes Erkrankungs- matischen thorakalen Aneurysmas 0,16– Auch für die Aortendissektion stellt das
bild. Die Mortalität des rupturierten Aor- 0,34% [5, 6]. Hierbei wird jedoch ein männliche Geschlecht einen erheblichen
tenaneurysmas beträgt bis zu 80%. Ent- Aortendurchmesser >5 cm als Definition Risikofaktor dar: Die Inzidenzrate liegt
sprechend verwundert nicht, dass es an für ein manifestes Aneurysma verwen- bei 6,9/100.000 gegenüber 2,9/100.000 bei
Position 15 der häufigsten Todesursachen det. Die jährliche Inzidenz des TAA be- Frauen [9].
bei Patienten im Alter >55 Jahren und an trägt 6–10/100.000 Patientenjahre [7]. Die Es ist davon auszugehen, dass 3 von
19. Stelle in der Gesamtbevölkerung ran- Mehrzahl der thorakalen Aneurysmen 1000 Patienten, die sich mit akut aufge-
giert [1]. befällt die Aortenwurzel und/oder den tretenen Thorax- oder Rückenschmer-
Die Prävalenz des Aortenaneurys- aszendierenden Aortenabschnitt (60%). zen auf einer Notfallstation vorstellen, an
mas variiert in Abhängigkeit der anato- Eine Beteiligung des Aortenbogens ist einer Aortendissektion leiden. Entspre-
mischen Lokalisation (thorakal vs. ab- dagegen nur in 10% der Fälle zu verzeich- chend ergaben Autopsiestudien deutlich
dominal): Die infrarenale Bauchaor- nen. Die deszendierende und die thorako- höhere Prävalenzwerte von 0,2–0,8% [10],

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Schwerpunkt: Aortenerkrankungen

Abb. 1 8 3-D-Rekonstruktion eines infrarenalen abdominalen Bauchaor- Abb. 2 8 3-D-Rekonstruktion einer Typ-B-Dissektion. Befall der Viszeralarte-
tenaneurysmas rienabgänge (Truncus coeliacus und A. mesenterica superior) und retrogra-
de Füllung des falschen Lumens

wobei es sich auch bei diesen Zahlen auf- Pathopyhsiologie satz dazu findet sich beim TAA die (zys-
grund von nicht konsequent durchge- tische) Mediadegeneration, ein nicht-in-
führten Autopsien um Unterschätzungen Aortenaneurysma flammatorischer Verlust glatter Muskel-
handeln kann. Die akute Aortendissek- zellen in der Media.
tion ist mit einer hohen Mortalität asso- Die Pathogenese des Aortenaneurysmas

»
ziiert. Unbehandelt beträgt die Mortalität ist vielfältig und basiert auf einem Zusam-
33% nach 24 h und 50% nach 48 h [11, 12]. menspiel degenerativer, enzymatisch-pro- Das Bauchaortenaneurysma
teolytischer und entzündlicher pathophy- ist einem kardiovaskulären

»
siologischer Vorgänge. Metalloproteina-
Risikoäquivalent gleichzusetzen
Bei positiver sen sind für den enzymatischen Abbau
Familienanamnese ist das Risiko glatter Muskelzellen der Gefäßwand ver-
antwortlich. Parallel begünstigen chro- Kardiovaskuläre Risikofaktoren, insbe-
einer Aortendissektion erhöht
nisch-entzündliche Prozesse mit Infiltra- sondere der Nikotinabusus, sind für die
tion durch Entzündungszellen die Schwä- Entstehung von Aneurysmen von großer
Obwohl die genauen pathophysiologi- chung der Aortenwand [14]. Durch spezi- Bedeutung, weswegen aggressive sekun-
schen Mechanismen der Entstehung di- fische Interleukine (IL) und Chemotaxine därprophylaktische Maßnahmen zur Re-
latativer Arterienveränderungen und der wird die Rekrutierung der Entzündungs- duktion des kardiovaskulären Risikopro-
Aortendissektion nicht gänzlich verstan- zellen ausgelöst und unterhalten. fils wichtig sind, insbesondere weil das
den sind, ist von familiären und geneti- Bemerkenswerterweise wurden patho- Bauchaortenaneurysma einem kardio-
schen Assoziationen auszugehen. Ent- genetische Unterschiede für verschiedene vaskulären Risikoäquivalent gleichzuset-
sprechend beziehen sich die o. g. Angaben aortale Segmente beobachtet. Diese Beob- zen ist. Hierfür gelten der Nikotinabusus,
auf die Gesamtbevölkerung. Bei positiver achtung trifft v. a. auf das TAA und AAA die arterielle Hypertonie und das Alter als
Familienanamnese beträgt für Familien- zu. Im Falle des Bauchaortenaneurysmas Hauptrisikofaktoren.
mitglieder das Risiko, ebenfalls an einer imponieren histologisch eine schwere in-
dilatativen Arterienveränderungen zu timale Atherosklerose, ein transmurales Aortendissektion
erkranken, >21% [13]. Konsekutiv steigt Entzündungsgeschehen, Neovaskularisa-
auch das Risiko für eine Aortendissektion. tion und die Zerstörung medialer glatter Der pathophysiologische Mechanismus
Muskelzellen. Dieser Entzündungspro- der Aortendissektion beinhaltet einen
Die Aortendissektion ist die häufigste zess wird durch Aktivierung der pro-in- Einriss der aortalen Intima und resultiert
akute Aortenerkrankung. Es ist dennoch flammatorischen Transkriptionsfaktoren in einer Aufspaltung der Aortenwand-
von einer Unterschätzung der tatsächli- NF-κB und AP-1 sowie Hyperexpression schichten mit Einblutung, was seinerseits
chen Prävalenzzahlen auszugehen. von IL-6 und IL-8 unterhalten. Im Gegen- zur Ausbildung eines falschen Lumens

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Schwerpunkt: Aortenerkrankungen Zusammenfassung · Abstract

führt. In der Regel basiert der pathophy- Internist 2013 · 54:535–542  DOI 10.1007/s00108-012-3217-0


siologische Mechanismus auf dem Einrei- © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
ßen einer atherosklerotischen Plaque oder
F. Baumann · V. Makaloski · N. Diehm
einem atherosklerotischen Ulkus. Dieses
Ulkus kann unmittelbar oder im Ver- Aortenaneurysma und -dissektion.
lauf sekundär penetrieren, wodurch es zu Epidemiologie, Pathophysiologie und Diagnostik
einem vollständigen Intimadefekt im Sin- Zusammenfassung
ne eines „Entry“ mit konsekutiver Einblu- Das Aortenaneurysma und die Aortendis- degewebserkrankungen begünstigen die
tung in die Media kommt [15]. Begünstigt sektion stellen aufgrund der demografi- aortale Mediadegeneration, zuforderst das
schen Entwicklung und des heutigen Lebens- Marfan-Syndrom. Risikofaktoren für das Aor-
wird dieses Geschehen durch einen fort-
stils ein signifikantes Gesundheitsrisiko dar. tenaneurysma und die Aortendissektion sind
geschrittenen atherosklerotischen Befall Die Mortalität des rupturierten Aortenan- Nikotinabusus, arterielle Hypertonie, Alter
der Aorta, hohes Alter und Nikotinab- eurysmas beträgt bis zu 80%. Die Prävalenz und männliches Geschlecht. Das Aortenaneu-
usus. Zusätzlich beeinflussen die vorherr- von Aneurysmen variiert je nach Lokalisation rysma nimmt zunächst einen stummen Ver-
schenden Druckverhältnisse bzw. Scher- (thorakal vs. abdominal). Am häufigsten ist lauf. Entsprechend wird es meist inzidentell
krakftbelastungen an der Aorta das Dis- die infrarenale Bauchaorta betroffen. Es gibt entdeckt. Klinik und Symptomatik der Aor-
aber Hinweise für eine rückläufige Prävalenz tendissektion hängen stark vom betroffenen
sektionsgeschehen. Entsprechend neh-
des infrarenalen Bauchaortenaneurysmas, Aortenabschnitt ab, die Manifestationen sind
men 65% der Dissektionen ihren Ur- wohingegen die Inzidenz des thorakalen Aor- vielfältig. Eine akute Aortendissektion äu-
sprung unmittelbar oberhalb der Aorten- tenaneurysmas zunimmt. Die oft letal verlau- ßert sich in >80% der Fälle durch plötzliche
klappe, da dort aufgrund der Fließeigen- fende Aortendissektion ist die häufigste aku- massivste Schmerzen. Für die Diagnostik und
schaften des Bluts die Aortenwand einer te Aortenerkrankung. Dennoch wird die Inzi- nachfolgende Verlaufskontrollen bieten sich
hohen Belastung ausgesetzt ist. In die- denz vermutlich unterschätzt. Die Pathoge- verschiedene bildgebende Verfahren an. Als
nese des Aortenaneurysmas ist vielfältig und Untersuchungsmodalität der Wahl gilt aber
sem Zusammenhang stellt die arteriel- basiert auf einem Zusammenspiel degenera- die Computertomographie.
le Hypertonie einen weiteren Risikofak- tiver, proteolytischer und entzündlicher Vor-
tor dar. gänge. Die Aortendissektion geht auf einen Schlüsselwörter
Nach der initialen Ausbildung des fal- Einriss der Intima zurück, der in einer Aufspal- Abdominales Aoortenaneurysma ·  
schen Lumens kann sich dieses im Ver- tung der Aortenwandschichten mit Einblu- Thorakales Aoortenaneurysma · Prävalenz ·
tung resultiert. Es besteht die Gefahr einer Inizidenz · Computertomographie
lauf in Längsrichtung der Aorta ausbrei-
Aortenruptur. Verschiedene genetische Bin-
ten und als Folge einer Kompression der
aus der Aorta entspringenden Viszeralar-
terien zu einer Minderdurchblutung füh-
Aortic aneurysms and aortic dissection.
ren (. Abb. 2). Außerdem besteht das Ri-
Epidemiology, pathophysiology and diagnostics
siko einer Aortenruptur, insbesondere bei
einer dilatativen Vorschädigung der Aorta. Abstract
Die dilatative Arteriopathie führt zu einer Aortic aneurysms and aortic dissection rep- degeneration of the aortic media, most no-
resent a significant health risk due to the de- tably Marfan syndrome. Risk factors for aor-
Schwächung der Arterienwand, ist somit
mographic developments and current life tic aneurysms and aortic dissection are nic-
prädisponierend für ein Dissektionsge- styles. The mortality of ruptured aortic aneu- otine abuse, arterial hypertension, age and
schehen und erhöht das Risiko für Kom- rysms is up to 80 % and the prevalence of an- male gender. Aortic aneurysms initially have
plikationen basierend auf einer Ruptur. eurysms varies depending on the localization an uneventful course and as a consequence
Dennoch bleibt zu unterstreichen, dass bis (thoracic or abdominal). Most commonly af- are mostly discovered incidentally. The clini-
zu einem Fünftel der Patienten mit einer fected is the infrarenal abdominal aorta; how- cal course and symptoms of aortic dissection
ever, there is evidence that the prevalence is are very much dependent on the section of
akuten Aortendissektion einen Aorten-
diminishing but in contrast the incidence of the aorta affected and the manifestations are
durchmesser <3,5 cm aufweisen [16]. thoracic aortic aneurysms is increasing. Aortic manifold. Acute aortic dissection is in 80 % of
Ein weiterer pathophysiologischer dissection is often fatal and is the most com- cases first manifested as sudden extremely
Vorgang, der mit der Entstehung der Aor- mon acute aortic disease but the incidence is severe pain. The diagnostics and subsequent
tendissektion in Zusammenhang steht, ist presumed to be underestimated. The patho- course control can be achieved by a variety
die zystische Mediageneration. Hierbei genesis of aortic aneurysms is manifold and of imaging procedures but the modality of
is based on an interplay between degenera- choice is computed tomography.
besteht eine Dysbalance zwischen Ma- tive, proteolytic and inflammatory process-
trixproteasen und deren Inhibitoren, die es. An aortic dissection arises from a tear in Keywords
ihrerseits zur Zerstörung der extrazellulä- the intima which results in a separation of the Aortic aneurysm, abdominal · Aortic  
ren Matrix mit konsekutiver Destruktion aortic wall layers with infiltration of bleeding aneurysm, thoracic · Prevalence · Incidence ·
der glatten Gefäßmuskulatur führt [17]. and the danger of aortic rupture. Various ge- Computed tomography
netic disorders of connective tissue promote
Verschiedene genetische Bindegewebs-
erkrankungen und kongenitale Erkran-
kungen sind beschrieben, welche die aor-
tale Mediadegeneration begünstigen. Die
Liste der genetischen Erkrankungen wird

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Schwerpunkt: Aortenerkrankungen

Tab. 1  Empfohlene Zeitintervalle für die klinischen Alltag weitgehend durchge- messers in Längs- und Queraufnahmen
sonographische Verlaufskontrolle abdomi- setzt. Die Typ-A-Dissektion ist definiert lässt sich die Wachstumsdynamik des An-
naler Aortenaneurysmen als ein Dissektionsgeschehen mit „Entry“ eurysmas bei den meisten Patienten sehr
Aortendurch- Intervalle der Verlaufs- im proximalen Aortenteil (proximal der gut abschätzen. In Anlehnung an Brady
messer (mm) kontrolle (Monate) linken A. subclavia), wohingegen bei der et al. [24] und entsprechend unseren eige-
<40 24 Typ-B-Dissektion (. Abb. 2) das „En- nen Erfahrungen empfehlen wir systema-
41–45 12 try“ distal der linken A. subclavia zu lie- tische sonographische Verlaufskon­trollen
≥45–50 6 gen kommt. Diese Einteilung ist auch von in Abhängigkeit vom Aortendurchmes-
>50 3 großer therapeutischer Bedeutung. ser (. Tab. 1; [25]). Sobald die thoraka-
le Aorta ascendens einen Durchmesser
vom Marfan-Syndrom angeführt, gefolgt Risikofaktoren für das Aortenaneurys- von 5 cm, die thorakale Aorta descendens
vom Ehlers-Danlos-Syndrom, dem Noo- ma und die Aortendissektion sind Niko- einen Durchmesser von 6 cm oder die ab-
nan-Syndrom und dem Turner-Syndrom. tinabusus, arterielle Hypertonie, Alter dominale Aorta einen Durchmesser von
Auch Erkrankungen wie die Homo- und männliches Geschlecht. 5,5 cm erreicht hat, ist die Indikation für
cysteinurie, die polyzystische Nieren- eine endovaskuläre oder offen chirurgi-
erkrankung oder aber Aorten(klappen) Diagnostik sche Therapie gegeben. Im Vorfeld emp-
anomalien wie die Koarktation oder die fiehlt sich die computer- (CT) oder ma-
bikuspide Aortenklappe stellen Risiko- Aortenaneurysma gnetresonanztomographische (MRT)
faktoren dar. Unabhängig von der Klap- Schnittbildgebung mit Kontrastmittel.
penfunktion kommt es bei der bikuspi- Klinik Zu beachten ist, dass heute aussagekräfti-
den Aortenklappe zu Veränderungen der Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko ge CT-Bilder der Aorta bereits mit 50 ml
Hämodynamik mit exzentrischen Fluss- für die Entwicklung eines Aortenaneurys- Kontrastmittel angefertigt werden können
beschleunigungen, wodurch die Aorten- mas. Zu Beginn nimmt dieses einen stum- [26]. Aufgrund der untersuchungsspezifi-
wand einer größeren Belastung ausgesetzt men Verlauf. Die meisten Aortenaneurys- schen Vorteile, die im Abschnitt zur Aor-
ist [18]. Als Folge weisen 5–7% aller Pa- men werden dementsprechend inziden- tendissektion erläutert werden, empfiehlt
tienten mit Aortendissektion eine biku- tell im Rahmen einer Abdomensonogra- sich hierfür die Durchführung einer An-
spide Aortenklappe auf und 5% der Pa- phie, Echokardiographie, Thoraxröntgen- gio-CT.
tienten leiden am Marfan-Syndrom. Ins- untersuchung o. Ä. entdeckt. Es kann zu
gesamt ist davon auszugehen, dass jeder diffusen Brust-, Bauch- oder Rückenbe- Aortendissektion
fünfte Patient mit Aortenaneurysma oder schwerden, Schwindelgefühl, einer pulsie-
Aortendissektion eine familiäre Vorge- renden Aussackung im Bauchraum oder Klinik
schichte aufweist [19]. schlecht tastbaren bzw. seitendifferenten Die Klinik und Symptomatik der Aor-
Leistenpulsen kommen. Im Falle der An- tendissektion hängen stark vom betrof-

»
eurysmaruptur verspürt der Patient meist fenen Aortenabschnitt ab. Die Manifes-
Insbesondere nach kardialen einen akuten Vernichtungsschmerz im tationen sind vielfältig. In >80% der Fäl-
Eingriffen können sich iatrogene Brust-, Rücken- oder Abdominalbereich. le präsentiert sich ein Patient mit akuter
Des Weiteren kann sich die Aortenaneu- Aortendissektion mit plötzlich aufgetrete-
Aortendissektionen entwickeln
rysmaruptur mit Blutdruckabfall, Schock- nen massivsten Schmerzen als Leitsymp-
symptomatik, Atemnot und Todesangst tom, die beim Patienten starke Angst aus-
Neben den o. g. Mechanismen ist die Aor- manifestieren. Aufgrund der retroperito- lösen können. Im Falle einer proxima-
tendissektion mit weiteren Auslösern und nealen Lage der abdominalen Aorta kann len Aortendissektion haben die Schmer-
Risikofaktoren assoziiert. Iatrogen verur- die Blutung u. U. durch das Peritoneum zen häufig ihren Ursprung im Thorax-
sachte Aortendissektionen werden ins- zurückgehalten werden und ohne klare bereich, wohingegen Rückenschmerzen
besondere nach kardialen Eingriffen be- Symptome vonstattengehen. Differenzi- bzw. Schmerzen zwischen den Schulter-
obachtet. Mit einer Inzidenz von 0,03– aldiagnostisch sollte allen voran ein kar- blättern bei einem distalen Dissektionsge-
0,1% werden iatrogene Aortendissektio- diales, viszerales oder peripheres ischämi- schehen vorherrschen. Häufig bekunden
nen nach großen Herzeingriffen (Typ- sches Geschehen bedacht werden. die Patienten das Gefühl eines im Verlauf
A-Dissektion) detektiert; im Anschluss wandernden Schmerzes als Zeichen für
an kathetertechnische Aortenklappen- Bildgebung ein Voranschreiten der Dissektion. In sel-
ersatzverfahren (Typ-B-Dissektion) liegt Die Sonographie besitzt einen hohen Stel- tenen Fällen kann eine Aortendissektion
die Rate bei bis zu 0,5–1,0% [20, 21]. Aber lenwert als Screeninguntersuchung und jedoch auch stumm verlaufen.
auch eine Schwangerschaft oder der Kon- in der Verlaufsbeobachtung aneurysma- Andere Symptome können zur Dif-
sum von Kokain begünstigen die Ausbil- tischer Veränderungen der abdominalen ferenzierung des betroffenen Aorten-
dung einer Aortendissektion [22, 23]. Aorta, vorausgesetzt die Untersuchungs- abschnitts dienen. Bei Befall der Aor-
Die Stanford-Klassifikation nach dem bedingungen lassen dies zu. Mithilfe einer ta ascendens stehen kardiale Komplika-
„Entry“ der Aortendissektion hat sich im guten Dokumentation des Aortendurch- tionen im Vordergrund. Der akute Ver-

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schluss einer Koronararterie kann zum thorakale Aortendissektion [27, 28]. Au- Fazit für die Praxis
plötzlichen Herztod führen. Durch das ßerdem liefert sie weitere Informationen
Einreißen des Perikards kommt es häufig über das Vorliegen einer Herztamponade F Das Aortenaneurysma und die Aor-
zu einer Perikardtamponade. Die valvu- oder rechtsventrikulären Dilatation und tendissektion sind relevante, lebens-
läre Destruktion kann zu einer Herzklap- ist hilfreich bei der Beurteilung der Herz- bedrohliche aortale Krankheitsbilder.
pendysfunktion führen. Manifestiert sich klappenfunktion. Die Echokardiographie F Die unspezifischen klinischen Charak-
eine Aortendissektion in Veränderungen erweist sich somit als geeignete Modalität teristika erschweren eine rasche und
des Bewusstseins oder der Sensomotorik für die Abklärung der thorakalen Aorta, akkurate Diagnostik.
bzw. im Befall der Arme, der Viszeralgefä- d. h. der Aorta ascendens und des Aorten- F Bei Verdacht auf eine akute Aortenpa-
ße, der Nieren, des Rückenmarks oder der bogens, wohingegen die deszendierende thologie sollte daher frühzeitig eine
unteren Extremitäten, so müssen der Aor- Aorta aufgrund technischer Limitationen CT durchgeführt werden.
tenbogen oder weiter distale Aortenab- nur eingeschränkt beurteilt werden kann. F Die CT gilt als bildgebendes Verfah-
schnitte vom Dissektionsgeschehen mit- Ein weiterer Nachteil ist, dass die Echo- ren der ersten Wahl zur Therapiepla-
betroffen sein. kardiographie ein untersucherabhängiges nung, aber auch zur Prüfung differen-
Verfahren darstellt. zialdiagnostischer Überlegungen.

» Die akute Aortendissektion


wird meist von plötzlichen
D Schnittbildgebende Verfahren
haben somit in der Diagnostik
Korrespondenzadresse
der Aortendissektion einen
massiven Schmerzen begleitet Prof. Dr. N. Diehm
berechtigt hohen Stellenwert. Schweizerisches Herz- und  
Gefässzentrum, Abteilung für
Typische klinische Anzeichen für das Die Magnetresonanzangiographie Klinische und Interventionelle
Angiologie, Inselspital,  
Vorliegen einer Aortendissektion gibt es (MRA) weist in diesem Zusammenhang
Universität Bern
nicht. In Abhängigkeit von Lokalisation eine Sensitivität und Spezifität von 91– Freiburgstr., 3010 Bern
und Arterienbefall können sich die klini- 100% und 94–100% auf [27]. Für eine Schweiz
schen Manifestationsformen unterschei- adäquate MR-Bildgebung empfiehlt sich nicolas.diehm@insel.ch
den: die Verwendung von Geräten mit ≥1,5 T.
F Pulsus paradoxus bei Perikardtampo- Nachteilig wirkt sich einerseits aus, dass Interessenkonflikt.  Der korrespondierende Autor
nade MR-Geräte nicht überall zur Verfügung gibt für sich und seine Koautoren an, dass kein Interes-
F Blutdruckabfall und Tachykardie bis stehen, v. a. aber, dass die Bildakquisi- senkonflikt besteht.

hin zum Schock bei Blutverlust durch tion deutlich länger dauert als beispiels-
eine Ruptur weise bei der CT-Untersuchung und dass Literatur
F Anzeichen eines akuten Abdomens die Wandqualität der Aorta nur einge-
bei Mesenterialinfarkt schränkt bezüglich atherosklerotischer   1. Centers for Disease Control and Prevention (CDC),
National Center for Injury Prevention and Control
F akute Beinischämie mit häufig einsei- Veränderungen oder des Grads der Kal- (2007) WISQARS leading causes of death reports.
tig pulsloser Extremität. zifikation beurteilt werden kann. Da- CDC, Atlanta
durch hat die Angio-CT in der Diag-   2. Scott RA, Vardulaki KA, Walker NM et al (2001) The
long-term benefits of a single scan for abdominal
Bildgebung nostik der Aortendissektion die Vorrei- aortic aneurysm (AAA) at age 65. Eur J Vasc Endo-
Für die Diagnostik und nachfolgende Ver- terrolle inne. Mit einer Sensitivität von vasc Surg 21:535–540
laufskontrollen stehen verschiedene Bild- 100% und Spezifität von 98–100% [27]   3. Murray CJ, Rosenfeld LC, Lim SS et al (o J) Global
malaria mortality between 1980 and 2010: a sys-
gebungsverfahren zur Verfügung. Häufig erweist sich die CT als ein sehr akkurates tematic analysis. Lancet 379:413–431
ist die Anwendung verschiedener bildge- und schnelles diagnostisches Verfahren.   4. Svensjo S, Bjorck M, Gurtelschmid M et al (2011)
bender Verfahren notwendig, um ein Ma- Von Vorteil ist weiterhin, dass die Unter- Low prevalence of abdominal aortic aneurysm
among 65-year-old Swedish men indicates a chan-
ximum an Informationen über das Dis- suchungsmodalität dank ähnlicher Pro- ge in the epidemiology of the disease. Circulation
sektionsgeschehen zu akquirieren und tokolle reproduzierbar ist und die Bild- 124:1118–1123
dem Patienten eine optimale Therapie an- akquisition sehr schnell durchgeführt   5. Itani Y, Watanabe S, Masuda Y et al (2002) Measu-
rement of aortic diameters and detection of asym-
bieten zu können. werden kann. Weiterhin liefert die CT in ptomatic aortic aneurysms in a mass screening
Der Ultraschall und die transthoraka- bis zu 21% der Fälle [29] Informationen program using a mobile helical computed tomo-
le Echokardiographie (TTE) bieten den zu anderweitigen Ursachen für die Tho- graphy unit. Heart Vessels 16:42–45
  6. Kalsch H, Lehmann N, Mohlenkamp S et al (2013)
Vorteil, dass die Untersuchung rasch und raxschmerzen. Im Vergleich zur MRA ist Body-surface adjusted aortic reference diameters
am Patientenbett stattfinden kann, nicht die CT-Technologie weiter verbreitet. for improved identification of patients with tho-
invasiv ist und häufig zur weiteren Ab- racic aortic aneurysms: results from the populati-
on-based Heinz Nixdorf Recall study. Int J Cardiol
klärung bei akuten Thoraxschmerzen Die Klinik des Aortenaneurysmas und 163:72–78
zur Verfügung steht. Die Echokardiogra- der Aortendissektion ist diffus und oft-   7. Booher AM, Eagle KA (2011) Diagnosis and ma-
phie besitzt eine Sensitivität und Spezi- mals unklar. Die CT gilt als Untersu- nagement issues in thoracic aortic aneurysm. Am
Heart J 162:38–46.e1
fität von 86–100% bzw. 75–100% für die chungsmodalität der Wahl.

Der Internist 5 · 2013  | 541


Schwerpunkt: Aortenerkrankungen Fachnachrichten

  8.  Isselbacher EM (2005) Thoracic and abdominal  29.  Thoongsuwan N, Stern EJ (2002) Chest CT scan- Schmerz-Appell


aortic aneurysms. Circulation 111:816–828 ning for clinical suspected thoracic aortic dissecti-
  9.  Pacini D, Di Marco L, Fortuna D et al (2012) Acute  on: beware the alternate diagnosis. Emerg Radiol 
aortic dissection: epidemiology and outcomes. Int  9:257–261 Mit einem Appell an die Gesundheitspolitik 
J Cardiol (im Druck) möchte die Deutsche Schmerzgesell-
10.  Erb BD, Tullis IF (1960) Dissecting aneurysm of the 
aorta. The clinical features of thirty autopsied ca- schaft bessere Rahmenbedingungen für 
ses. Circulation 22:315–325 Versorgungsforschung sowie den Ausbau 
11.  Tsai TT, Trimarchi S, Nienaber CA (2009) Acute aor- von Schmerzregistern in Deutschland errei-
tic dissection: perspectives from the Internatio-
nal Registry of Acute Aortic Dissection (IRAD). Eur J  chen. Sie setzt sich damit nicht nur für eine 
Vasc Endovasc Surg 37:149–159 verbesserte Patientenversorgung ein, auch 
12.  Moon MR (2009) Approach to the treatment of  gute Verträge und eine faire Honorierung 
aortic dissection. Surg Clin North Am 89:869–893, 
ix werden angestrebt. Zu diesem Zwecke ruft 
13.  Albornoz G, Coady MA, Roberts M et al (2006) Fa- die Schmerzgesellschaft zu einer großen 
milial thoracic aortic aneurysms and dissections –  Unterschriftenaktion auf. Sie als Schmerz-
incidence, modes of inheritance, and phenotypic 
patterns. Ann Thorac Surg 82:1400–1405 therapeut oder Schmerzforscher sind nun 
14.  Abdul-Hussien H, Hanemaaijer R, Kleemann R et al  gefragt. Es zählen Ihre Meinung und Ihre 
(2010) The pathophysiology of abdominal aortic  Unterschrift. Auch Ihre Kollegen können 
aneurysm growth: corresponding and discordant 
inflammatory and proteolytic processes in abdo- den Aufruf gerne verteilen und unterschrei-
minal aortic and popliteal artery aneurysms. J Vasc  ben. Die Unterschriften werden bis Herbst/
Surg 51:1479–1487 Winter 2013 gesammelt. Nach der nächs-
15.  Vilacosta I, Roman JA (2001) Acute aortic syndro-
me. Heart 85:365–368 ten Bundestagswahl soll der Appell der 
16.  Trimarchi S, Jonker FH, Froehlich JB et al (2012)  Bundesregierung übergeben werden. 
Acute type B aortic dissection in the absence of 
aortic dilatation. J Vasc Surg 56:311–316
17.  Allaire E, Schneider F, Saucy F et al (2009) New in- Den vollständigen Appell sowie das Unter-
sight in aetiopathogenesis of aortic diseases. Eur J  schriftenformular finden Sie Internet unter 
Vasc Endovasc Surg 37:531–537 www.dgss.org/versorgung/schmerz-appell.
18.  Hope MD, Hope TA, Meadows AK et al (2010) Bicu-
spid aortic valve: four-dimensional MR evaluation 
of ascending aortic systolic flow patterns. Radiolo-
gy 255:53–61
19.  Elefteriades JA (2007) Acute aortic dissection. Fun-
damentals and clinical cardiology. Informa Health-
care USA, New York
20.  Collins JS, Evangelista A, Nienaber CA et al (2004) 
Differences in clinical presentation, management, 
and outcomes of acute type a aortic dissection in 
patients with and without previous cardiac surge-
ry. Circulation 110(11 Suppl 1):II237–II242
21.  Januzzi JL, Sabatine MS, Eagle KA et al (2002) Iatro-
genic aortic dissection. Am J Cardiol 89:623–626 Ihre ausgefüllte Unterschriftenliste senden 
22.  Daniel JC, Huynh TT, Zhou W et al (2007) Acute  Sie bitte an die:
aortic dissection associated with use of cocaine.  Bundesgeschäftsstelle der Deutschen 
J Vasc Surg 46:427–433
23.  Eagle KA, Isselbacher EM, DeSanctis RW (2002) Co- Schmerzgesellschaft e. V., 
caine-related aortic dissection in perspective. Cir- Alt-Moabit 101b, 
culation 105:1529–1530 10559 Berlin, 
24.  Brady AR, Thompson SG, Fowkes FG et al (2004) 
Abdominal aortic aneurysm expansion: risk fac- per Fax: 030-39409689-9 
tors and time intervals for surveillance. Circulation  oder per Mail an 
110:16–21 info@dgss.org.
25.  Baumann F, Diehm N (2012) Abdominal aortic an-
eurysm. Dtsch Med Wochenschr 137:1150–1152
26.  Diehm N, Pena C, Benenati JF et al (2008) Adequa-
cy of an early arterial phase low-volume contrast  Quelle:
protocol in 64-detector computed tomography 
angiography for aortoiliac aneurysms. J Vasc Surg  Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.,
47:492–498 www.dgss.org
27.  Shiga T, Wajima Z, Apfel CC et al (2006) Diagnostic 
accuracy of transesophageal echocardiography, 
helical computed tomography, and magnetic re-
sonance imaging for suspected thoracic aortic dis-
section: systematic review and meta-analysis. Arch 
Intern Med 166:1350–1356
28.  Armstrong WF, Bach DS, Carey LM et al (1998) Cli-
nical and echocardiographic findings in patients 
with suspected acute aortic dissection. Am Heart J 
136:1051–1060

542 |  Der Internist 5 · 2013