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Bruder Schimpanse

Schwester Bonobo

re c h te fü r M e n s chena ff en !
Gru n d

www.giordano-bruno-stiftung.de
M a x (1974 - 2009) K a m i t i (*1987)

Bruder Schimpanse, Schwester Bonobo


Als sich der deutsche Aktionskünstler Homo sapiens im Freigehege beob­ re Vorfahren Affen waren, biologisch Menschen. Doch diese Vorstellung ist
Bazon Brock 1963 in den Frankfurter achten. Die Zooverantwortlichen sind wir Affen geblieben. Die Zoologie seit Jahrzehnten schon widerlegt: Der
Zoo aufnehmen lassen wollte, stieß er woll­ten mit der Aktion auf die Stellung beschreibt den Menschen als Mitglied nächste Verwandte der Schimpansen
nicht nur auf großes Unverständ­ nis, des Menschen in der Natur hinweisen der Ordnung der Primaten, der Unter­ und Bonobos ist nicht der Gorilla,
sondern auch auf Widerstand: Der und Vergleiche mit anderen Tierarten ordnung der Trockennasenaffen, der sondern der Mensch! Innerhalb der
damalige Zoodirektor, Professor ermöglichen. Zwischenordnung der Altwelt- oder Menschenartigen (Hominoidea) sind
Grzimek, woll­te den Künstler partout Schmal­ nasenaffen, der Überfamilie – bildlich ausgedrückt – Men­s chen,
nicht in die Primatenabteilung inte­ Noch immer gibt es Menschen, die der Menschenartigen und der Familie Schimpansen und Bonobos Ge­
grieren, ob­gleich Brocks Bedingungen sich durch derartige Aktionen in ihrer der Großen Menschenaffen und Men­ schwis­ter, Gorillas ihre gemeinsa­men
(„3 x täg­lich Futter rein – Exkremente „Würde“ verletzt sehen – statt es als schen. Cousins, Orang-Utans etwas wei­ ter
raus. Wärter(in), Schreibmaschine, beglückend zu empfinden, dass wir mit Dabei ist sogar die familiäre Unter­ entfernte Großcousins. Es ist an der
Papier, zehn Zigaretten“) recht be­ anderen Lebensformen durch einen schei­dung zwischen Menschenaffen Zeit, diese biologischen Tatsachen
scheiden waren. Rund vierzig Jahre äonenlangen Strom der Evolution und Menschen irreführend. Denn sie nicht nur anzuerkennen, sondern
später wurde Bazon Brocks Idee dann ver­
bunden sind. Es macht unsere nährt die Vorstellung, dass die Großen auch Konsequenzen daraus zu ziehen,
doch realisiert: Im Londoner Zoo Existenz nicht ärmer, sondern reicher, Menschenaffen (Schimpansen, Bono­ denn die Rede von „unseren nächsten
konnte man im August 2005 gleich dass wir von Affen abstammen. Mehr bos, Gorillas, Orang-Utans) unter­ein­ Verwandten“ sollte keine Plattitüde
mehrere Exemplare der Primatenart noch: Es ist nicht bloß so, dass unse­ ander enger verwandt seien als mit uns bleiben.

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Überfamilie Hominoidea Überfamilie Hominoidea

Familie Hylobatidae Pongidae Hominidae Familie Hylobatidae Hominidae


Kleine Menschenaffen Große Menschenaffen Menschen

Subfamilie Ponginae Gorillinae Subfamilie Ponginae Homininae

Gattung /Art Gibbons Orang-Utan Gorilla Pan troglodytes Homo sapiens Tribus Gorillini Hominini
Schimpanse
Pan paniscus
Bonobo
Gattung /Art Gibbons Orang-Utan Gorilla Homo troglodytes Homo sapiens
Schimpanse
Homo paniscus
Bonobo

Früher galten Gorillas als nächste Verwandte von Schimpansen und Bonobos, wie die oben Heute ist klar, dass Schimpansen und Bonobos mit Menschen am nächsten verwandt sind.
abgebildete Grafik zur zoologischen Einteilung der Menschenartigen zeigt. Manche Wissenschaftler fordern daher, für die drei Arten den gemeinsamen Gattungs­
namen Homo zu verwenden – was in dieser Grafik bereits verwirklicht ist.

Warum Pan zu Homo werden sollte


Genetischen Untersuchungen zufolge etwa 200.000 Jahren der moderne Pan ist wohl nicht zuletzt unserem Diese „neue alte Klassifikation“ wäre
trennten sich die Stammlinien von Mensch – Homo sapiens. Wunsch nach einer „Sonderstellung nicht nur wissenschaftlich konse­
Orang-Utans und Menschen vor etwa in der Natur“ zuzuschreiben. Gene­ quen­ter. Sie dürfte auch psycho­lo­gi­
11 Millionen Jahren, während die Dabei kreuzten sich die Linien der tiker und Verhaltensbiologen for­ sche Wirkungen entfalten – indem sie
Gorillas vor 6 Millionen Jahren ihre Vorfahren heutiger Schimpansen und dern deshalb zunehmend, den Gat­ unserer Überheblichkeit Wind aus den
eigene Entwicklung einschlugen. Die Menschen noch über Millionen Jah­ tungs­namen von Schimpansen und Segeln nimmt und uns dazu motiviert,
heutige Gattung Homo – zu der wir re hinweg ziemlich regelmäßig, und Bonobos anzugleichen. Aus Pan gegenüber unseren nächsten Ver­
Menschen zählen – und die Gattung vermutlich bis in die jüngste Zeit trog­lo­dytes (Schimpanse) würde da­ wandten den Respekt zu zeigen, der
Pan – mit Schimpansen und Bonobos – hinein – was wiederum genetische mit Homo troglodytes, aus Pan panis­ ihnen zukommt.
teilten weiterhin einen gemeinsamen Daten nahelegen. Hinsichtlich Men­ cus (Bonobo) Homo paniscus. Hier­
Vorfahren, ihre Linien begannen sich schen, Schimpansen und Bonobos durch wäre interessanterweise die
erst vor etwa 5 Millionen Jahren zu sollte man sich daher klar machen: originale Einteilung des Begründers
trennen. Die Stammbäume von Schim­ Differierte das Erbgut von Käfern, der zoologischen Taxonomie wieder
pansen und Bonobos teilten sich Huftieren oder Katzen um solche hergestellt, denn Carl von Linné rech­
noch einmal vor etwa 1,5 Millionen Bruchteile, würden sie gewiss nicht ne­te vor gut 250 Jahren die ihm da­mals
Jahren. Auf verschiedene Formen von unterschiedlichen Gattungen zu­ ge­ bekannten Menschenaffenformen wie
Urmenschen folgte schließlich vor rechnet. Die Trennung in Homo und selbstverständlich zu Homo.

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R o s a (Orang - Utan) M at z e (Gorilla) M a c o u r i (Schimpanse) U k e l a (Bonobo)

Grundrechte für Menschenaffen!


1993 initiierten die Philosophen Peter unter unwürdigen Bedin­ gungen zu hier haltmachen und die Interessen Menschenaffen durch Sachwalter
Singer und Paola Cavalieri das Great halten, zu Tode zu richten oder ihren leidens- und freudefähiger Primaten ver ­t reten werden. In Neu­s ee­land
Ape Project, das für Orang-Utans, Lebensraum zu zerstören. Da Men­ ignorieren, bloß weil sie keine Men­ und Spanien wurden dazu be­ r eits
Gorillas, Bonobos und Schimpansen schen­ affen über ein Bewusstsein schen sind? Wir meinen, dass der Ge ­s e­t zes­e nt ­w ürfe erarbeitet. Die
einige jener Privilegien einfordert, ver­fü­gen, sich mental in andere We­ historische Moment gekommen ist, Giordano-Bruno-Stiftung unterstützt
die bisher nur für Menschen gelten: sen hineinversetzen und in die Zu­ um nach Nationalismus, Rassismus derartige Bestrebungen, da sie sich
Recht auf Leben, Recht auf Freiheit kunft denken können, sollen sie als und Sexismus auch die Schranke des folgerichtig aus den Prämissen des
und ein Verbot der Folter. Augenmaß Personen anerkannt und als Indi­ „Speziesismus“ zu überwinden, der evolutionären Humanismus ergeben:
ist also gewahrt, denn niemand viduen respektiert werden. die Diskriminierung von Lebewesen Wir Menschen sind eben nicht die
for­
dert ein Recht auf Bildung für Die Forderung nach elementarer aufgrund ihrer Artzugehörigkeit „Krone der Schöpfung“, sondern
Bonobos, ein Wahlrecht für Gorillas, Gleich­ s tellung der Menschenaffen recht­fertigt. (Selbstverständlich ist evolutionär entstandene Organismen
Datenschutzregeln für Schimpansen setzt einen Trend fort, der allgemein dabei die Grenzziehung zwischen wie andere auch. Wir sind „Leben, das
oder ein Mindestalter für Sex unter in der Menschheitsgeschichte er­ Menschen und Menschenaffen auf leben will, inmitten von Leben, das
Orang-Utans. Unterstützt von re­nom­ kenn­b ar ist: Anfangs bezogen sich der einen und dem Rest der Tierwelt leben will“ (A. Schweitzer). Das sollte
mierten Primatologen macht sich ethische Empfindungen fast aus­ auf der anderen Seite künstlich: Auch sich in einem verantwortungsvolleren
das Great Ape Project da­für stark, schließ­ lich auf die eigene Sippe, die Inte­ressen anderer Tiere müssen Um­ gang mit der nichtmenschlichen
die „Gemeinschaft der Glei­ chen“ danach auf gesellschaftliche Teil­ in einer fairen ethischen Güterabwä­ Tier­ welt niederschlagen – und spe­
zu erweitern. Es würde somit als grup­p en, später auf die Mitglieder gung be­rücksichtigt werden.) zi­ell in unserem Verhältnis zu jenen
strafbares Unrecht gelten, Menschen­ einer Gesellschaft, schließlich (mit Wie im Falle „unmündiger“ Menschen, Lebewesen, mit denen wir unsere
affen in medizinischen Experimenten der UN-Menschenrechtserklärung) die nicht für sich selbst sprechen Evolutionsgeschichte seit Jahr­ millio­
zu schädigen, sie in Gefangenschaft auf alle Menschen. Warum sollten wir können, sollten Rechtsansprüche von nen teilen.

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Impressum:

Texte: Prof. Dr. Volker Sommer, Dr. Michael Schmidt-Salomon

Fotos: Jutta Hof


(Die Aufnahmen entstanden in den Zoos Frankfurt/Main, Heidelberg und Beauval)

Gestaltung: www.er-de.com

© Giordano-Bruno-Stiftung 2011 · www.giordano-bruno-stiftung.de

Das Buch zur Kampagne:

Jutta Hof & Volker Sommer:

Menschenaffen wie wir.


Portraits einer Verwandtschaft

Apes Like Us.


Portraits of a Kinship.

Edition Panorama 2010


ISBN -10: 3 - 89823 - 435 - 5

Die Giordano-Bruno-Stiftung ist eine Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung,


der sich viele renommierte Wissenschaftler, Philosophen und Künstler angeschlossen
haben. Preisträger der Stiftung sind der Evolutionsbiologe Richard Dawkins sowie die
Initiatoren des „Great Ape Projekts“, Paola Cavalieri und Peter Singer.