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Diplomarbeit im Studiengang Stadtplanung

HafenCity Universität Hamburg


Hamburg, Mai 2012

Autoren:
Johanna Fink [Matr.-Nr. 32005]
Nikolas Klostermann [Matr.-Nr. 32158]

Betreuung:
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Dickhaut
Dipl.-Ing. Thomas Zimmermann
Dipl.-Ing. Elke Kruse
Stadt im (Klima-) Wandel

Anpassungsmöglichkeiten städtischer Strukturtypen


an die Folgen des Klimawandels
Abstract de

Mit Fortschreiten des anthropogenen Klimawan- turelle Charakteristika unterscheidet. Über diese
dels ist in Deutschland mit einer Zunahme der Strukturtypen ist eine Abschätzung der Intensität
Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen und der zu erwartenden Klimafolgen für verschiedene
Starkregenereignissen sowie Dürreperioden zu Quartiere möglich.
rechnen. In den Städten ist diese Entwicklung be-
sonders prekär, da der hohe Versiegelungsgrad, der Die Anpassung an Klimafolgen erfolgt perspekti-
geringe Grünflächenanteil und die hohe thermi- visch für Ereignisse, deren Eintreten vor allem in
sche Speicherfähigkeit der Materialien die Entste- der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts erwartet
hung städtischer Wärmeinseln befördern und den wird. Bei einem Zeithorizont bis 2050 müssen al-
natürlichen Wasserkreislauf stark modifizieren. lerdings auch die bis dahin möglicherweise ein-
Hohe nächtliche Temperaturen und eine steigende tretenden Veränderungen im Siedlungsraum be-
Gefahr von Hochwasser und Überschwemmungen rücksichtigt werden. Eine Möglichkeit, derartigen
infolge von Starkregenereignissen sind die Folgen. Unsicherheiten Rechnung zu tragen, bietet die Ar-
Während sich im Rahmen von Neubauvorhaben beit mit Szenarien.
Anpassungsmaßnahmen vergleichsweise leicht in-
tegrieren lassen, stehen die Städte vor der Heraus- Durch die Projektion sozioökonomischer Szenari-
forderung, die Baubestände, welche den Großteil en für die Entwicklung der Stadt Hamburg bis 2050
des Siedlungsraums darstellen, für die Folgen des auf fünf bestehende Baublöcke der unterschied-
Klimawandels zu rüsten. lichen Strukturtypen ist es möglich, ein Spektrum
potentieller Entwicklungen dieser Realblöcke auf-
Wie stark die Betroffenheit durch die Folgen des zuzeigen.
Klimawandels ausgeprägt ist, hängt von der Struk-
tur der Bebauung ab. Für das baulich geprägte Um die erwarteten Klimafolgen zu mindern und
Hamburger Stadtgebiet lassen sich 18 Strukturty- auch zukünftig eine hohe Lebensqualität in der
pen definieren, die bestimmte bauliche und struk- Stadt zu sichern, können bestimmte Maßnahmen

IV
getroffen werden. Zwei bedeutsame Handlungsfel- Die Anwendung von Anpassungsmaßnahmen
der sind die dezentrale naturnahe Regenwasserbe- muss von der Stadt begleitet und gefördert werden.
wirtschaftung mit Flächen zur Retention, Versicke- Ein wichtiger Baustein ist die Kommunikation der
rung und Verdunstung von Niederschlagswasser zukünftigen Problemlage und der Lösungsansätze.
und die Erhöhung des Vegetationsanteils durch die Im Hinblick auf die Unsicherheiten der Klimapro-
Anlage neuer Grünflächen und die Realisierung gnosen, sowie der gesellschaftlichen Entwicklung
von Gebäudebegrünungen. Diese Maßnahmen tra- sollten insbesondere so genannte no-regret-Maß-
gen dazu bei, die Temperaturen in der Stadt zu sen- nahmen in den Fokus rücken. Diese führen auch
ken sowie Abflussspitzen bei starken Regenfällen zu bei einem Nicht- oder geringer Eintreten der Kli-
mindern und Überschwemmungen vorzubeugen. mafolgen zu einem Mehrwert, der über den Nut-
zen der Klimaanpassung hinausgeht. Insbesondere
Die verschiedenen möglichen Entwicklungen bis großflächige, aber auch gebäudebezogene Anpas-
2050 wirken sich auf das Vorgehen bei der Anpas- sungsmaßnahmen können zu einer Umfeldverbes-
sung an die Folgen des Klimawandels aus. In wel- serung beitragen. Auch im öffentlichen Raum kön-
chem Umfang und mit welchen Maßnahmen eine nen no-regret-Maßnahmen zu einer Aufwertung
Anpassung an Klimafolgen durchgeführt wird oder des Stadtbildes führen.
durchgeführt werden kann, ist direkt abhängig von
den sozioökonomischen Rahmenbedingungen. Die Flächenpotentiale für eine klimaangepasste
Stadt sind nicht nur ebenerdig zu suchen. Beson-
Bestimmte ökonomische und gesellschaftliche Ent- ders zukünftig hoch belastete Strukturtypen wie
wicklungen können eine umfassende Umsetzung Zentrum oder Innerstädtisches Wohn- und Misch-
von Anpassungsmaßnahmen befördern. Dies ge- gebiet offerieren ihre Flächenpotentiale insbeson-
schieht durch die Entstehung positiver Rahmenbe- dere in Form ihrer Dach- und Fassadenflächen.
dingungen durch die Stadtplanung und die daraus
resultierenden Veränderungen in den Strukturty- Mit einer frühzeitigen und strategischen Aufnahme
pen und eine Bewusstseinsbildung in der Bevölke- von Klimaanpassung in die Stadtentwicklung kann
rung und Administration mit der Folge einer ho- nicht nur den prognostizierten Klimafolgen begeg-
hen Bereitschaft, Klimaanpassung zu betreiben. In net werden, sondern es können auch Mehrwerte
anderen sozioökonomischen Entwicklungen führt geschaffen werden, die einen wichtigen Beitrag zur
eine andere Prioritätensetzung zu abweichenden lebenswerten Stadt leisten können.
Charakteristika der Strukturtypen und dem Stadt-
bild, sowie erschwerten Bedingungen für eine An-
passung an Klimafolgen.

Sowohl die Anfälligkeit der Strukturtypen gegen-


über den Folgen des Klimawandels als auch die
Möglichkeiten der Anwendung von Anpassungs-
maßnahmen ist eng gekoppelt an die vorhandenen
Flächenpotentiale in den Strukturtypen. Die Vor-
aussetzungen für eine erfolgreiche Anpassung wer-
den somit von den Prämissen der Stadtplanung im
Umgang mit Nachverdichtung und Neuausweisung
im Stadtgebiet geschaffen.

V
Abstract en

As a result of anthropogenic climate change, Ger- Adaptation is proactive, concerning events that are
many should expect an increase in the intensity predicted to happen in the second half of the 21st
and frequency of heavy rainfall on the one hand, century. With a time horizon until 2050, not only
and drought periods on the other. In cities with a climatic changes, but also changes in the building
large proportion of impervious surface, a lack of structure of the city have to be considered when de-
vegetation and the high thermal capacity of buil- ciding which measures should be taken towards ad-
ding materials, these developments are especially aptation. One way of dealing with the uncertainty
problematic and bound to result in the urban heat of future events is the use of scenarios.
island effect and in a strong modification of the na-
tural water cycle. High nocturnal temperatures as By projecting different socio-economic scenarios
well as a rising risk of flooding as a result of heavy for the development of the city of Hamburg until
rainfalls are the immediate consequences. While in 2050 on five existing blocks of different city struc-
newly constructed areas adaptation measures can ture types, a range of possible developments of the-
be integrated relatively easily, cities are facing the se blocks can be demonstrated.
challenge of adapting the existing building stock,
which constitutes by far the largest part of German There is a variety of measures that can be taken to
and European cities. minimize the impact of the expected climatic ef-
fects and also to preserve the high quality of urban
The building structure of an urban area has a direct life. Two main fields of action are introducing de-
impact on how strong the effects of climate change centralized rainwater management including areas
will be. For the city of Hamburg 18 different buil- for retention, infiltration and evaporation, and in-
ding structures can be identified. Using these city creasing the proportion of green space in the city.
structure types, it is possible to assess the intensity This can be achieved by creating new green areas
of the expected climate effects for different neigh- like parks, but also by greening buildings, for ex-
bourhoods. ample roofs and facades. Vegetation helps to lower

VI
the temperature in the city, reduce peak rainwater scale development measures, building-scale measu-
run-off, and thereby reduce the risk of flooding. res can contribute considerably to an improvement
in environmental quality. An attractive design of
The different socio-economic scenarios for 2050 public or private open space or better ecological
also have a direct effect on the approach to climate conditions can increase the quality of urban life.
adaptation. The choice of adaptation measures and
the chance to implement them depends directly on Space capacities for climate adaptation measures
the respective socio-economic conditions. are not only found at ground level. Those city struc-
ture types that will be highly affected in the future,
Some economic and social developments may pro- such as densely built urban cores or inner city dis-
mote the implementation of adaptation measures. tricts, offer a big space capacity at roof level and on
An essential prerequisite, however, is a positive the buildings‘ facades.
framework set by urban planning, resulting in
changes in the city structure types as well as in a By integrating climate adaptation measures into
rising awareness and willingness among administ- urban development at an early stage, it is not only
ration and population to take measures towards cli- possible to cope with the predicted climate effects,
mate adaptation. In other scenarios, the conditions but also to create additional value and contribute to
for the implementation of adaptive measures are a liveable city.
more complicated, due to different priorities and to
divergent characteristics of the city structure types
and the cityscape, which, as a result, is not being
adapted to the ocurring climatic changes.

Furthermore, city structures vary in their capacity


regarding adaptation measures, depending mainly
on the space available. This, again, can be influ-
enced by external conditions, mainly in the field of
urban planning, concerning for example the alloca-
tion of new construction areas or redensification of
urban neighbourhoods

The implementation of adaptational measures


needs steering by politics and the administration.
By raising awareness for the expected problems
and communicating possible solutions, the city of
Hamburg can play a major part in the success of cli-
mate adaptation. With regard to the uncertainties
of climate change scenarios, as well as future deve-
lopments in the social sector, a special focus should
lie on so called no-regret measures. These not only
prevent damage, but also create additional value,
even if the predicted climate events should not oc-
cur as massively as predicted. In addition to large-

VII
Inhaltsverzeichnis

Prolog
Einführung 1
Zielsetzung, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 2
Aufbau der Arbeit 3
Methodik 3

Teil 1 - Stadtklima und Klimawandel 3


1. Einleitung: Die Lage Hamburgs zum GroSSklima 7

2. Klimaentwicklung in Hamburg 9
2.1 Beobachtete Klimaänderungen bis 2007 9
2.2 Erwartete Klimafolgen für die Metropolregion Hamburg bis 2050 12

3. Charakteristika der Stadt und ihre Auswirkungen auf das
Stadtklima 15
3.1 Die städtische Wärmeinsel 16
3.2 Wind in der Stadt 24
3.3 Der städtische Wasserkreislauf 25
3.4 Das Hamburger Stadtklima: Geografische und stadtstrukturelle
Einflussfaktoren 30

VIII
Teil 2 - Strukturtypen
4. Strukturtypen 35
4.1 Bewertungskriterien 35
4.2 Indikatoren 36
4.3 Lagebedingte Einflussfaktoren 39

5. Auswahl der Strukturtypen 41
5.1a Einfamilienhäuser 43
5.1b Villen 45
5.1c Reihenhäuser 47
5.1d Ehemalige Arbeitersiedlungen 49
5.1e Blockrandbebauung 51
5.1f Zeile 53
5.1g Hochhäuser 
/ GroSSwohnsiedlung 55
5.2a Stadt-/ Stadtteilzentrum 57
5.2b Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete 59
5.3a Gewerbe 61
5.3b Büro 63
5.4a Verkehrsfläche 65
5.4b Flächen der Ver- und Entworgung 67
5.4c Gemeinbedarf und Sondernutzungen 69
5.4d Kleingartenvereine 
/ Wochenendhäuser 71
5.5a Parkanlagen 73
5.5b Gewässer 75
5.5c Stadtplatz 
/ 
Promenade 76
5.6 Verteilung der Strukturtypen im Hamburger Stadtgebiet 78
5.7 Betroffenheit der Strukturtypen in Hamburg 80
5.9 Auswahl der Strukturtypen für die vertiefende Betrachtung 82

Teil 3 - Realblöcke
6. Einleitung 89
6.2 Mögliche Entwicklung der Realblöcke 93
6.3 Vorgehen 95
6.4 Aufbau der Szenarien- und MaSSnahmenbeschreibungen 97

IX
7a Strukturtyp Einfamilienhäuser - Realblock Tonndorf 99
7a.1 Szenarioentwicklung 101
7a.2 Gebäudebezogene MaSSnahmen 105
7a.3 Flächenbezogene MaSSnahmen 109
7a.4 Zwischenbetrachtung 111

7b Strukturtyp Zeile - Realblock Eilbek 115
7b.1 Szenarioentwicklung 117
7b.2 Gebäudebezogene MaSSnahmen 119
7b.3 Flächenbezogene MaSSnahmen 121
7b.4 Zwischenbetrachtung 127

7c Strukturtyp Hochhäuser/ GroSSwohnsiedlung
Realblock Farmsen 131
7c.1 Szenarioentwicklung 133
7c.2 Gebäudebezogene MaSSnahmen 139
7c.3 Flächenbezogene MaSSnahmen 141
7c.4 Zwischenbetrachtung 146

7d Strukturtyp Wohn- und Mischgebiet - Realblock St. Georg 149
7d.1 Szenarioentwicklung 151
7d.2 Gebäudebezogene MaSSnahmen 153
7d.3 Flächenbezogene MaSSnahmen 157
7d.4 Zwischenbetrachtung 159

7e Strukturtyp Gewerb - Realblock Billbrook 165
7e.1 Szenarioentwicklung 167
7e.2 Gebäudebezogene MaSSnahmen 171
7e.3 Flächenbezogene MaSSnahmen 173
7e.4 Zwischenbetrachtung 177

Teil 4 - Auswertung
8. Auswertung: Szenarien – Realblöcke –
AnpassungsmaSSnahmen 183
8.1 Auswertung Szenarioentwicklung 185
8.2 Auswertung der AnpassungsmaSSnahmen 189
8.3 Stärken und Schwächen der Strukturtypen in Bezug auf Bioklima
und KlImafolgen 194

X
8.4 Konfliktpotential: Mitigation und Adaption 197
8.5 Mehrwert von MaSSnahmen 199
8.6 Schlussbetrachtung Szenarienentwicklung 202

9. Zusammenfassung und Ausblick 203
9.1 Ergebnisse 204
9.2 Handlungsempfehlungen 205
9.3 Aktuelle Tendenzen 206
9.2 Schlussbetrachtung 207

Anhang
Anhang 1: Auswahl der MaSSnahmen der dezentralen
Regenwasserbewirtschaftung 211
Anhang 2: Exposee 213
Anhang 3: Szenarien 215
Abkürzungsverzeichnis 223
Literaturverzeichnis 225
Internetquellen 229
Abbildungen 231
Tabellen 23

XI
PROLOG
Einleitung

Der anthropogene Klimawandel, in diesem Punkt nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawan-
herrscht heute weitgehend Einigkeit, stellt eine dels wird in der Literatur vielfach hingewiesen.
Entwicklung dar, die nicht mehr vollständig auf- Die Bundesregierung hat hierzu als Leitfaden die
zuhalten ist. Die Veränderungen des Klimas sind Deutsche Anpassungsstrategie verabschiedet (vgl.
abzusehen und in unterschiedlichen Ausprägungen BMU, 2008), in Hamburg wurde 2011 im Auftrag
bereits heute spürbar (vgl. IPCC, 2007b, S. 2ff, UN- der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
Habitat, 2011, S. 5). das Gutachten Fachlicher Orientierungsrahmen für
Klimaänderung und Klimafolgen in Hamburg (vgl.
Städte sind besonders vulnerabel gegenüber klima- BSU, 2009) erstellt, das die Grundlage der Hambur-
tischen Extremereignissen, welche schon heute zu ger Anpassungsstrategie bilden soll.
beobachten und durch globale Klimaänderungen
in erhöhtem Maße in der Zukunft zu erwarten sind. In der vorliegenden Diplomarbeit wird heraus-
Aufgrund der hohen Einwohnerdichte und der gestellt, welche Gefährdungen in verschiedenen
Akkumulation von ökonomischen Werten in den Stadtstrukturtypen durch die Folgen des Klima-
Städten können diese extremen Wetterereignisse wandels entstehen und welche Möglichkeiten zur
hier besonders gravierende Schäden verursachen Klimaanpassung unter verschiedenen sozioökono-
(vgl. UN-Habitat, 2011, S. 1f, Rosenzweig, Solecki mischen Rahmenbedingungen gegeben sind. Dabei
et al., 2011, S. 16). werden die Stadtstrukturtypen als idealtypische,
abstrakte Baublöcke definiert. Ziel ist aufzuzeigen,
Neben der Mitigation mit den Zielen der Vermei- wie sich die Betroffenheit durch Klimafolgen in
dung von Treibhausgasemissionen, Energieeinspa- den verschiedene Stadtstrukturtypen unterscheidet
rung und der vermehrten Nutzung erneuerbarer und welche Möglichkeiten es in den verschiedenen
Energien müssen auch Maßnahmen zur Adaption Strukturtypen gibt, die negativen Folgen des Klima-
fokussiert werden, um den nicht mehr zu verhin- wandels abzumildern. Auch wird aufgezeigt, wel-
dernden Klimafolgen zu begegnen (vgl. Rosen- che Maßnahmen hierzu konkret getroffen werden
zweig, Solecki et al., 2011, S. 4f). können. Das städtische Kleinklima und die Was-
Auf die Notwendigkeit einer Anpassung an die serwirtschaft stehen als Handlungsfelder im Fokus.

1
Zielsetzung, Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Die vielfältigen Stadtstrukturen, aus denen sich ur- Welche baulich-strukturellen Veränderungen
bane Räume zusammensetzen, sind nicht gleicher- sind in den Strukturtypen zukünftig unter ver-
maßen von den Folgen des Klimawandels betroffen schiedenen sozioökonomischen Bedingungen zu
und in unterschiedlichem Maße verwundbar durch erwarten?
die Klimafolgen. Außerdem beeinflussen sozioöko-
nomische Rahmenbedingungen die Optionen und Welche Auswirkungen haben die verschiedenen
Möglichkeiten zur Anpassung an die Klimaverän- durch Entwicklungsszenarien definierte Rah-
derungen. Diese Thesen sollen in der Arbeit belegt menbedingungen auf die Anwendung von Maß-
werden. nahmen zur Anpassung an Klimafolgen?

Die städtischen Strukturtypen stellen am Beispiel Wie kann eine sinnvolle und umfassende Anpas-
der Stadt Hamburg den Untersuchungsgegenstand sung an die Folgen des Klimawandels aussehen
der Arbeit dar. Es wird herausgestellt, nach welchen und welche Konfliktfelder ergeben sich?
Strukturtypen sich die Stadt im Hinblick auf stadt-
klimatische Charakteristika unterteilen lässt und Die Arbeit ist eingebettet in das Forschungspro-
welche Unterschiede bzgl. der Betroffenheit durch jekt KLIMZUG-NORD. Dieses beschäftigt sich mit
und der Anfälligkeit gegenüber Klimafolgen zwi- Maßnahmen und Methoden zur Minderung der
schen den einzelnen Strukturtypen bestehen. Klimafolgen und der Anpassung an die Risiken des
Klimawandels. Die Arbeit leistet insbesondere ei-
Eine Auswahl für Hamburg besonders relevanter nen Beitrag zum Aufgabenbereich „Erstellung des
Strukturtypen soll im Kern der Arbeit auf die Mög- Masterplans Klimafolgen-Management in der Me-
lichkeit der Umsetzung von Anpassungsmaßnah- tropolregion Hamburg für den Zeithorizont 2050“.
men untersucht werden. Zugrunde gelegt werden
drei sozioökonomische Entwicklungsszenarien bis Turnusgemäße Treffen zum Modellgebiet Wand-
zum Jahr 2050, an welchen sich die Wahl der Maß- se konnten genutzt werden, um Zwischenergeb-
nahmen orientiert. nisse mit den Projektpartnern abzustimmen und
Rückmeldungen als Input zu berücksichtigen. Des
Die zentralen vier Fragestellungen lauten folglich: Weiteren konnten vorhandene Arbeiten der KLIM-
ZUG-Partner für diese Arbeit genutzt werden (sie-
Welche Strukturtypen lassen sich für den Sied- he Kapitel Methodik).
lungsbereich der Stadt Hamburg identifizieren
und wie stellt sich die Betroffenheit der Struktur-
typen im Klimawandel dar?

2
Aufbau der Arbeit Methodik
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Teile. Als Grundlage für die Diplomarbeit wird das Stadt-
Einführend werden in Teil eins die Klimaentwick- klima Hamburgs in einer zeitlichen Rückschau und
lung in Hamburg von 1891 bis heute und die Kli- in Prognosen für die Zukunft bis ins Jahr 2050 ein-
maprognosen bis 2050 dargelegt. Zudem wird eine gehend dargelegt. Für diesen Teil der Arbeit wur-
Übersicht über stadtklimatische Faktoren gegeben. den überwiegend aktuelle Studien und Berichte
In Teil zwei wird aufgezeigt, in welche Stadtstruk- zum Klima in Hamburg und zu den zu erwartenden
turtypen der Hamburger Siedlungsraum gegliedert Klimaänderungen ausgewertet. Zu diesen zählen
werden kann. Die definierten Strukturtypen werden der fachliche Orientierungsrahmen der Behörde
im Anschluss charakterisiert und bezüglich ihrer für Stadtentwicklung und Umwelt Hamburg (BSU)
spezifischen stadtklimatischen Problemfelder ana- Klimaänderungen und Klimafolgen in Hamburg und
lysiert und bewertet. Eine fokussierte Betrachtung der Klimabericht für die Metropolregion Hamburg,
von fünf ausgewählten Strukturtypen erfolgt in von Hans von Storch und Martin Claussen, sowie
Teil drei. Für diese Typen werden real existierende der vom DWD herausgegebene Bericht Das Klima
Baublöcke im Hamburger Stadtgebiet benannt, in Hamburg – Entwicklung in Hamburg und der
die möglichst gut die typischen Charakteristika Metropolregion von Wolfgang Riecke und Gudrun
des Strukturtyps widerspiegeln. Im Konzeptteil Rosenhagen. Im Kontext Stadtklima wurde unter
der Arbeit werden die Strukturtypen mit drei anderem auf die Publikationen von Rohinton, Oke
sozioökonomischen Entwicklungsszenarien für und Fezer zurückgegriffen.
Hamburg bis 2050 überlagert. Herausgestellt wer-
den die Auswirkungen, welche die Entwicklungs- Im zweiten Teil der Arbeit wurden in einer Analyse
szenarien bedingen. Zudem werden, spezifisch für des Hamburger Siedlungsraums verschiedene bau-
jeden Strukturtyp in jedem Szenario, Anpassungs- liche Strukturen identifiziert. Um diese in einem
optionen an und -maßnahmen gegen die Klimafol- Katalog Hamburger Strukturtypen zusammenfas-
gen dargestellt. Diese orientieren sich an der vor- sen zu können wurde auf bestehende Definitionen
gegebenen gesellschaftlichen und ökonomischen städtischer Strukturtypen zurückgegriffen. Dies
Entwicklung der Szenarien und setzen diese kon- waren insbesondere die Kartieranleitung und Bio-
kret auf der Maßnahmenebene um. Abschließend topenschlüssel für die Biotopkartierung in Hamburg
erfolgt in Teil vier eine Auswertung der Ergebnisse. und die im Informationssystem Stadt und Umwelt
(ISU) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
Der vorliegende Hauptteil dieser Arbeit wird durch erfassten Struktur- und Flächennutzungskategori-
einen Katalog von Anpassungsmaßnahmen er- en von Berlin, die eine umfangreiche Beschreibung
gänzt. Die in Teil drei dieser Arbeit verwendeten der verschiedenen Strukturtypen beinhaltet. Wei-
Maßnahmen werden in diesem Maßnahmenkata- terhin wurde auf die Kategorisierung von Sukopp
log eingehend beschrieben. Auf eine ausführliche und Wittig und die Masterarbeit Climate Sensitiv
Erläuterung der Maßnahmen wird in diesem Teil Urban Design in Moderate Climate Zones von Jana
der Arbeit dementsprechend weitestgehend ver- Milošovičová zurückgegriffen. Nach einer Aus-
zichtet. wertung der verschiedenen Kategorisierungen der
Strukturtypen wurde eine Strukturtypenübersicht,
welche von der HCU im Rahmen von KLIMZUG-
NORD erstellt wurde, ergänzt und weiter ausge-
arbeitet. Um Hamburg-spezifische Daten für die
Strukturtypen zu erhalten, wurde auf Grundlage
eines Diplomandenvertrages bei der BSU die inter-
ne ArchGIS-Datenbank genutzt. Aufbauend auf die
hier verwendete Kategorisierung konnten so An-

3
teile der Strukturtypen am Hamburger Stadtgebiet aber auch mögliche Problematiken aufgezeigt wer-
und zu den entsprechenden Versiegelungsgraden den, welche unter Berücksichtigung unterschied-
ermittelt werden. Ergänzend wurden GRZ-Werte licher sozioökonomischer Rahmenbedingungen
aus den ISU-Flächentypen und den in Hamburg auftreten können.
allgemein gültigen Werten (vgl. Behörde für Stadt-
entwicklung und Hamburg, www.hamburg.de, Abschließend wurden die verschiedenen Entwick-
2011) sowie aus der Strukturtypenübersicht der lungen und die jeweils zum Einsatz kommenden
HCU hinzugezogen. Für einige Strukturtypen lie- Anpassungsmaßnahmen bewertet. Im abschlie-
gen GFZ-Werte vor, diese entstammen der noch ßenden Teil der Arbeit werden die eingangs auf-
unveröffentlichten Dissertation Landnutzungsmo- geworfenen Forschungsfragen beantwortet und
dellierung in der Stadtklimaforschung am Beispiel Empfehlungen für die Klimaanpassung in der Stadt
Metropolregion Hamburg von Christian Daneke Hamburg gegeben.
(Klimacampus, Universität Hamburg)1. Durch eine
SWOT-Analyse und die Anwendung verschiedener
Bewertungskriterien wurde die Betroffenheit der
einzelnen Strukturtypen ermittelt und eine Aus-
wahl für die weitere Arbeit getroffen.

Für den Maßnahmenkatalog wurden bestehende


Kataloge von Bundesländern und Städten ausge-
wertet. Hierzu zählen der Stadtentwicklungsplan
Klima Berlin und das Handbuch Stadtklima Nord-
rhein-Westfalens. Zudem wurde Fachliteratur ins-
besondere zu den Themengebieten Regenwasser-
bewirtschaftung, Stadtvegetation und Stadtklima
ausgewertet.

Schließlich wurden anhand von digitalen Stadt-


grundkarten sowie Satellitenbildern von On-
line-Karten-Informationssystemen und eigenen
Stadtkenntnissen idealtypische Realblöcke im
Hamburger Stadtgebiet ausgewählt. Diese wurden
mit den drei im Rahmen von KLIMZUG-NORD
erstellten Entwicklungsszenarien überlagert. Die
Entwicklungsszenarien zeigen die Spannbreite so-
zioökonomischer Entwicklungen in Hamburg bis
2050 auf. Dadurch bieten sie die Möglichkeit, Lö-
sungen für den flexiblen Umgang mit zukünftigen
Unsicherheiten zu finden.

Die verschiedenen Zukunftsbilder der Realblöcke


bilden die Grundlage für die Anwendung der Maß-
nahmen aus dem Maßnahmenkatalog. Somit kön-
nen die Optionen zur Anpassung an Klimafolgen,
1 Sämtliche hier nur in Kurzform genannte
Literatur ist vollständig im Literaturverzeichnis
aufgeführt

4
In Teil Eins erfolgt zu-
nächst eine klimatische
Einordnung der Stadt Ham-
burg. Es werden bisherige
klimatische Veränderun-
gen seit 1891 sowie aktuel-
le Prognosen der bis 2050
zu erwartenden Klimaän-
derungen dargestellt. Der
anschlieSSende Abschnitt
befasst sich mit den beson-
deren baustrukturellen
Charakteristika der Stadt
und ihren kleinklimatischen
Auswirkungen. Abschlie-
SSend wird auf die stadtkli-
matischen Besonderheiten
in Hamburg eingegangen.
TEIL 1
Stadtklima und Klimawandel
1.Einführung:
Die Lage Hamburgs im Bezug zum Großklima

Hamburg liegt in der gemäßigten Klimazone Mittel-


europa (vgl. Abbildung 1-1) und wird den Klimabe-
zirken schleswig-holsteinisches bzw. niedersächsisches
Flachland zugeordnet. Die klimatischen Verhältnis-
se in Hamburg werden maßgeblich bestimmt durch
die Lage in der Norddeutschen Tiefebene sowie
durch die Nähe zur Nord- und Ostsee. Es herrschen
überwiegend westliche Wetterlagen mit Winden aus
Südwest und Nordwest. Der maritime Einfluss sorgt
für gemäßigte Temperaturen mit einem relativ aus-
geglichenen Jahresgang und für wechselhafte Wit-
terungsverhältnisse. Von der Nordsee her und ent-
lang der Elbe ergeben sich aufgrund der geringen
Bodenrauhigkeit hohe Windgeschwindigkeiten, die
sich aber vor allem auf die Elbniederung und ihre
angrenzenden Bereiche konzentrieren (vgl. Riecke,
Rosenhagen, 2010, S. 32).

7
1-1: Kaltgemäßigtes Klima (pink) und warmgemäßigtes Klima (grün)

8
2. Klimaentwicklung
in Hamburg
2.1 Beobachtete Klimaänderungen bis 2007

Bereits seit über einhundert Jahren sind dauerhafte Temperatur


Änderungen des Klimas zu beobachten. Der Treib-
hausgasausstoß hat sich seit Beginn der Industria- Aus den Daten der Messstation Hamburg-Fuhls-
lisierung Ende des 18. Jahrhunderts kontinuierlich büttel zwischen 1891 und 2007 wird eine Erhöhung
gesteigert und bereits deutliche Klimaänderungen der jährlichen Durchschnittstemperatur um 0,8 °C
bewirkt. Bevor die Klimaprojektionen für Hamburg deutlich. Betrachtet man die einzelnen Dekaden, so
dargestellt werden, wird daher auf die bis heute be- fällt auf, dass der Trend in jüngerer Vergangenheit
reits beobachteten Klimaänderungen eingegangen. deutlich ansteigend ist. So liegt er in den letzten 60
Diese beziehen sich in der Regel auf den Zeitraum Jahren bei 0,19 °C pro Dekade und in den letzten
von 1891 bis 2007. Betrachtet werden die Indikato- 30 Jahren bei sogar 0,6 °C pro Dekade. Dies macht
ren Temperatur, Wind und Niederschlag, die das deutlich, dass sich das Klima mit zunehmender Ge-
städtische Kleinklima am stärksten beeinflussen. schwindigkeit erwärmt (vgl. BSU, 2009, S. 6). Durch
Die Veränderungen der Tideelbe und sturmflutbe- diese Erwärmung hat sich der Blühbeginn in den
dingte Hochwasser werden in dieser Arbeit ausge- vergangenen drei Jahrzehnten bereits um zwei bis
klammert. Diese stellen ein eigenes umfangreiches vier Wochen nach vorn verschoben (vgl. Albert et
Handlungsfeld dar und die Auswirkungen sind vor al., 2011, S. 105). Auch gibt es Hinweise auf eine
allem in den elbnahen Teilen der Stadt spürbar. Zunahme der Extremtemperaturen. So waren der
Juli 1994 und der Juli 2003 die wärmsten Monate
im gesamten Betrachtungszeitraum (vgl. v. Storch,
2011, S. 40).

9
Prognosen und Szenarien
Um Aussagen über die Entwicklung des Klimas und die daran geknüpften Folgen treffen zu können,
werden bei der Berechnung von Klimaprognosen üblicherweise mehrere Szenarien verfasst. Häufig
werden drei Szenarien erarbeitet, ein günstiges, ein mittleres und ein ungünstiges. Dabei kommt
es im günstigen Szenario zu den geringsten klimatischen Änderungen, im ungünstigen Szenario
zu den stärksten. Prognosen zeigen allgemein tendenzielle Entwicklungen auf, können aber keine
absolut sichere Entwicklung vorhersagen. Aussagen zu Klimaänderungen und darauf aufbauend zu
Klimafolgen sind ebenfalls immer „Aussagen unter Unsicherheit“. Grundsätzliches Problem ist die
Komplexität des Klimasystems und der Einflussgrößen. Auch sehr umfangreiche, komplexe Compu-
termodelle zur Berechnung basieren noch immer auf vereinfachten Annahmen der Funktionsweise
des Klimasystems. Auch unterliegt das Klima einer Schwankungsbreite. Diese natürliche Variabili-
tät ist heute immer noch schwer in Klimamodellen abzubilden. Auch die Entwicklung des globalen
Ausstoßes klimawirksamer Gase lässt sich schlecht kalkulieren, wird jedoch als Eingangsinformation
zur Berechnung der Klimamodelle benötigt. Der Kenntnisstand in diesen Bereichen entwickelt sich
in einer hohen Geschwindigkeit fort und die Aussagen werden dementsprechend immer genauer.
Eine gewisse „Unsicherheit“ wird bei Klimaprognosen, wie auch bei anderen Prognosen, aber vor-
aussichtlich immer bleiben (vgl. BSU, 2009, S. 17).

Niederschlag mit einem Niederschlag von ≥ 10 mm/Tag definiert


und sind häufig mit Hochwasser an den Binnenge-
Der Niederschlag hat sich im Betrachtungszeitraum wässern verbunden (vgl. BSU, 2009, S. 13). Im Ver-
(1891–2007) deutlich erhöht. Im 20. Jahrhundert gleich zum Zeitraum 1948 bis 1977 haben Starkre-
ist ein Anstieg von 8,5 % festzustellen. Noch ein- genereignisse mit ≥ 10 mm/Tag in den Jahren 1978
deutiger fällt die Betrachtung nach Zeitintervallen bis 2007 um 20 % zugenommen. Auch Tage mit
aus. Hier wird deutlich, dass sich der Niederschlag noch stärkeren Regenfällen von ≥ 20 mm/Tag nah-
ähnlich wie die Temperatur in Hamburg mit einer men zwischen 1891 und 2007 leicht zu (vgl. BSU,
deutlichen Trendverstärkung entwickelt. Besonders 2009, S. 7).
der Erwärmungstrend in den Wintermonaten spie-
gelt sich in einem gravierenden Anstieg der Nieder-
schläge wider (vgl. v. Storch, 2011, S. 43). Wind

In den Jahren 1971–2000 wird der Niederschlags- Bei der Betrachtung der Windgeschwindigkeiten
anstieg im Winter mit +34 % (+23 % im 20. Jhd.) lassen sich in den letzten einhundert Jahren keine
beziffert. Die Niederschläge in den Sommermo- signifikanten Veränderungen feststellen (vgl. BSU,
naten hingegen entwickeln sich leicht rückläufig 2009, S. 8).
(–5,75 %), die Niederschlagsrate im Herbst erhöht
sich moderat (+12,75 %) (vgl. v. Storch, 2011, S. 43). Im Hamburger Raum überwiegen Südwest- und
Westwinde, die etwa 40 % der jährlichen Windstun-
Begründet wird die Änderung der Niederschlags- den ausmachen, die häufigsten Windgeschwindig-
mengen mit einer Zunahme der Hochdruckwetter- keiten liegen zwischen 2,5 und 4,9 m/s. Sturmtage
lagen in den Sommermonaten zwischen 1951 und mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 17,2 m/s
2003 und einer Abnahme der Tiefdruckwetterlage oder Windstärke 8 und höher treten vor allem im
in den Wintermonaten im selben Zeitraum (vgl. Winterhalbjahr zwischen November und März auf
BSU, 2009, S. 7). (vgl. Ricke, Rosenhagen, 2010, S. 62). Da es in Ham-
burg selten windstill ist, funktioniert der Frisch-
Signifikant ist auch die Zunahme der Starknie- und Kaltlufttransport in die Stadt im Vergleich zu
derschläge. Diese werden im Fachlichen Orientie-
rungsrahmen für Klimaänderungen und Klima-
anderen Großstädten gut.
10
folgen als so genannte „nasse Tage“ (vgl. Tab. 1-2)
aktuelle Position

Oslo Position entsprechend der Jahresdurch-


schnittstemperatur entsprechende des
Helsinki Szenariozeitraum

London Hamburg Warschau

Paris

Madrid
1-2: Projizierte Jahresdurchschnitts-
temperatur und der Temperatur
Rom
entsprechende geografische Lage
nach heutigen Durchschnittstempe-
raturen für den Zeitraum 2070 - 2100
nach dem IPCC-Szenario A2

Tage/Jahr 1981 - 1990 mittleres Szenario ungünstiges


bis 2050 Szenario
Sommertage 22,2 d/a +4,5 bis 9 Tage +9,1 bis 13 Tage
Heiße Tage 3,6 d/a +3 bis 6 Tage +6,1 bis 9 Tage
Tropische Nächte 0,4 d/a +0,6 bis 1,2 Tage +1,3 bis 1,8 Tage
bis 2040
Frosttage 75,4 d/a -12,1 bis -16,8 Tage -16,9 bis -21,5 Tage
Eistage 15 d/a -5,2 bis -8,7 Tage -8,8 bis -12,2 Tage

Tabelle 1-1: Änderung der Temperaturkenntage bis 2050. Der angegebene Beobachtungszeitraum 1981-1990 stellt nur ein
Jahrzehnt des Referenzzeitraumes (1961-1990) dar, auf den sich die künftigen Veränderungen beziehen. Für den gesamten
Referenzzeitraum waren keine Daten verfügbar. Bei den Frost- und Eistagen konnte auf die Ergebnisse des Norddeutschen
Klimaatlas (Norddeutsches Klimabüro 2009) zurückgegriffen werden, der die Veränderungen bis 2040 und nicht bis 2050
darstellt.

11
2.2 Erwartete Klimafolgen für die Metropolregion
Hamburg bis 2050

In diesem Kapitel werden die prognostizierten Kli- Temperatur


mafolgen für Hamburg bis zum Jahr 2050 darge-
stellt. Wieder werden die Indikatoren Temperatur, Ausgehend vom mittleren Szenario hat sich Ham-
Niederschlag und Wind betrachtet. burg bis 2050 auf einen Anstieg der Jahresmittel-
temperatur von 1,0–1,4 °C zum Referenzzeitraum
In Hamburg wurden in den letzten 20 Jahren CO2 1961–1990 einzustellen. Nach dem ungünstigen
-Emissionen erfasst, die vornehmlich an der Ober- Szenario ist mit einem Temperaturanstieg von
grenze der Emissionsszenarien des Weltklimarates 1,8 °C zu rechnen. Die Temperaturerhöhung wirkt
(IPCC) lagen. Dementsprechend wird die folgende sich in beiden Szenarien gleichermaßen auf das
Darstellung auf ein „mittleres“ und ein „ungünsti- Sommer- wie das Winterhalbjahr aus (vgl. BSU,
ges“ Szenario beschränkt, da ein „günstiges“ Szena- 2009, S. 11).
rio aus heutiger Sicht als eher unrealistisch angese-
hen werden kann (vgl. BSU, 2009, S. 4). Einhergehend mit der Temperaturänderung wird
der erste Herbsttag (siehe Tabelle 1-2), welcher
Als Basis dient auch hier der Fachliche Orientie- ein Temperaturminimum von < 5 °C hat, im Ver-
rungsrahmen für Klimaänderung und Klimafolgen gleich zum Referenzzeitraum 14 bis 24 Tage spä-
in Hamburg. In seine Auswertung fließen ver- ter auftreten. Im September und Oktober könnten
schiedene regionale Klimamodelle ein (REMO, demgegenüber drei zusätzliche Sommertage mit
COSMO-CLM, RCAO, WettReg und STAR). Auf- Maximaltemperaturen von ≥ 20 °C auftreten. Folg-
grund der unterschiedlichen Modelle und weil die lich werden sich der Hamburger Sommer und die
zukünftige Emissionsentwicklung in Hamburg nur Vegetationsperiode verlängern. Nach dem ungüns-
sehr ungenau kalkuliert werden kann, werden für tigen Szenario wird es bis Mitte des Jahrhunderts
die Entwicklungen Wertespannen angegeben. Sommertage Tmax ≥ 25 °C
Tabelle 1-2:
Temperatur-
heiße Tage Tmax ≥ 30 °C kennwerte
Der Betrachtungsraum bezieht sich, wenn möglich,
auf das Jahr 2050, in Ausnahmen auch auf das Jahr
Frosttage Tmin ≤ 0 °C 12
2100. Eistage Tmax ≤ 0 °C
Jahresmittel Sommer Winter
mittleres Szenario +1 bis +1,4 °C +1 bis +1,5 °C +1,1 bis +1,5 °C
ungünstiges Szenario +1,5 bis +1,8 °C +1,6 bis +2 °C +1,6 bis +2 °C

Tabelle 1-3: Temperaturänderung bis 2050

9 bis 24 zusätzliche Sommertage im Vergleich zum Wind


Referenzzeitraum geben (vgl. Tab. 1-1). Um einen
Vergleich herzustellen: Von 1981 bis 1990 wurden Auch bezüglich der Windverhältnisse werden sich
22 Sommertage gemessen (vgl. BSU, 2009, S. 11). besonders die Extremereignisse verändern und es
Hinzu kommt eine Zunahme der so genannten Tro- ist eine saisonale Verschiebung zu erwarten. Die
pennächte, in denen die Minimaltemperatur nicht mittleren Windgeschwindigkeiten hingegen blei-
unter 20 °C fällt. Diese stellen eine Belastung für ben bis zum Ende des 21. Jahrhunderts mit einer
den Menschen dar, da die Erholung im Schlaf durch maximalen Zunahme von 4 % nahezu konstant
hohe nächtliche Temperaturen beeinträchtigt ist. (vgl. Abb. 1-4 und Tab. 1-5).
Die Windgeschwindigkeit im Winter wird sich
nach dem ungünstigen Szenario bis 2100 um 15 %
Niederschlag erhöhen, in den Sommermonaten hingegen tritt ein
Rückgang ein. Dadurch wird auch der Transport
Die Jahresniederschlagssumme wird sich bis zum frischer und kühler Luft in die Innenstadtbereiche
Ende des 21. Jahrhunderts um nicht mehr als 10 % verringert, was bei hohen sommerlichen Tempe-
erhöhen. Allerdings werden sich die Niederschläge raturen ein Aufheizen bestimmter Bereiche in der
in Hamburg nach dem ungünstigen Szenario sehr Stadt nach sich zieht.
stark saisonal verschieben. Demnach wird die Nie-
derschlagsrate in den Wintermonaten um 13 bis Abb. 1-4
20 % steigen und in den Sommermonaten um 15 bis
25 % abnehmen (vgl. Abb. 1-3 und Tab. 1-4).

Da sich die Anzahl regenfreier Tage erhöhen wird,


konzentriert sich die Jahresniederschlagssumme
auf weniger Tage, was in der Konsequenz zu einer Eine ähnliche Tendenz zeigt sich bei der Sturmin-
erhöhten Zahl von Starkregenereignissen führt (vgl. tensität, die im Winter um bis zu 12 % steigt und im
BSU, 2009, S. 14). Die Zunahme extremer Regener- Sommer um bis zu –8 % sinkt. Auch Sturmtage, die
eignisse beeinträchtigt die Verkehrsinfrastruktur mit der Überschreitung einer maximalen Windge-
sowie den Verkehrsfluss und kann zu Überlastun- schwindigkeit von 62 km/h definiert werden, neh-
gen des Siels führen. Insbesondere in stark versie- men in den Wintermonaten um bis zu 2,8 Tage pro
gelten Arealen kann es vermehrt zu Überschwem- Jahr zu, verändern sich im Sommer aber kaum. Es
Abb. 1-3 muss also vermehrt mit Winterstürmen gerechnet
werden, die mit Schlagregen auf Hauswände und
Schäden an Gebäuden oder Störungen der Ver-
kehrsinfrastruktur, bspw. durch umgestürzte Bäu-
me, einhergehen können.
mungen kommen. Stärkere Schwankungen der

13 Pegelstände der Flüsse beeinträchtigen außerdem


die Schifffahrt (vgl. Albert et al., 2011, S. 105).
Jahresmittel Sommer Winter
mittleres Szenario 0 bis +5 % -3 bis -14 % +4 bis +12 %
ungünstiges Szenario +6 bis +10 % -15 bis -25 % +13 bis +21 %

Tabelle 1-4, Abbildung 1-3: Niederschlagsänderung bis 2050

Jahresmittel Sommer Winter


mittleres Szenario +2 bis +3 % -3 bis -8 % +5 bis +10 %
ungünstiges Szenario +3,1 bis +4 % -9 bis -12 % +11 bis +15 %

Tabelle 1-5, Abbildung 1-4: Änderung der mittleren Windgeschwindigkeiten bis 2100 (Jahresmittel Referenzperiode: 3,9 m/s)

Starkregen
Eine allgemeingültige Definition des Begriffs
Starkregen ist problematisch, da die Nieder-
schlagsverhältnisse regional sehr unterschied-
lich sind und daher auch der Maßstab dafür,
was als Starkregen einzustufen ist, variiert. Der
Deutsche Wetterdienst gibt für Wetterwarnun-
gen Werte von 10 bis 25 l/m2 in einer Stunde
oder 20 bis 35 l/m2 in sechs Stunden als Schwel-
lenwert für Starkregen an (vgl. DWD, www.dwd.
de, 2011). Eine weitere Methode ist die Angabe
von Perzentilen (z.B. 90., 95. oder 99. Perzentil)
der spezifischen Tagesniederschläge an einem
Ort, woraus sich ortsspezifische Schwellenwer-
te ergeben (vgl. Haylock, Nicholls, 2000, S. 1534
und Suppiah, Hennessy, 1995, S. 2). Außerdem
gibt es die Methode der Wiederkehrraten, wo-
bei sich die Definition eines Starkregens daran
orientiert, wie oft das entsprechende Ereignis
auftritt (z.B. alle fünf Jahre). Diese Methode
wird häufig als Grundlage für Bauvorschriften
gewählt, nach denen sich die Dimensionierung
von bspw. Pumpwerken richtet. Mit Fortschrei-
ten des Klimawandels stellt sich allerdings das
Problem, dass die statistischen Werte, die auf
historischen Beobachtungen beruhen, zuneh-
mend weniger zutreffen, wenn das Auftreten
von Ereignissen mit immer größeren Unsicher-
heiten behaftet ist. 14
3. Charakteristika der Stadt
und ihre Auswirkungen auf das Stadtklima

Unabhängig von den beschriebenen Einflüssen aus, wobei eine Durchlüftung und die Zufuhr von
des Klimawandels in Hamburg unterscheidet sich frischer Luft durch das Fehlen von Kaltluftschnei-
das Klima in Städten grundsätzlich vom Klima im sen beeinträchtigt werden (vgl. Buttschardt, 2001,
ländlichen Raum. Die spezifischen Charakteristika S. 14f).
urbaner Räume, insbesondere der hohe Versiege-
lungsgrad und die Geometrie der städtischen Be- Im Folgenden wird auf die Charakteristika der städ-
bauung, beeinflussen das Stadtklima maßgeblich. tischen Wärmeinsel, des städtischen Windfelds und
Durch die Häufung von Baumassen verändert sich des Niederschlags in der Stadt genauer eingegan-
das Kleinklima. Wärmekapazität und Wärmelei- gen: Wie entstehen diese Besonderheiten und wo-
tung werden erhöht, was zum Entstehen städtischer rin liegt die Problematik?
Wärmeinseln beiträgt. Schadstoffe können durch
den Mangel an Vegetation nicht mehr aus der At-
mosphäre gefiltert werden und reichern sich in der
Luft an. Der hohe Versiegelungsgrad führt zum
Verlust von Flächen, die zur Verdunstung und Ver-
sickerung von Niederschlägen geeignet sind.

Die Folgen sind eine Erhöhung der Temperatur in


der Stadt gegenüber dem ländlichen Umland und
eine Erhöhung des Niederschlags bei gleichzeitiger
Abnahme der Luftfeuchte. Weiter steigt das Risi-
ko von Überschwemmungen, wobei die Belastung

15 von Gewässern zunimmt. Außerdem prägen sich


spezifische, besonders böige Winde in den Städten
Gefährdungspotential der Hitze für den Menschen
Durch ein häufigeres Auftreten und längeres Anhalten von Hitzewellen wird die menschliche Ge-
sundheit zunehmend gefährdet. Durch das Aufheizen vor allem stark versiegelter und dicht bebau-
ter Bereiche kommt es zu einer Belastung der Bewohner, da auch nachts die Temperaturen relativ
hoch bleiben. Eine erhöhte Sterberate kann die Folge sein, wie schon die Hitzewellen der Jahre 2003
und 2012 gezeigt haben (vgl. Kuttler, 2011a, S. 8). Auch das Infektionsrisiko und das Risiko vektorü-
bertragener Krankheiten erhöhen sich. Außerdem steigt die Ozonkonzentration mit einer Zunahme
von Hitzewellen an und stellt eine weitere gesundheitliche Beeinträchtigung der Stadtbevölkerung
dar (vgl. Kuttler, 2011a, S. 10f ).

3.1 Die städtische Wärmeinsel

Die städtische Wärmeinsel beschreibt das Phä- In den mittleren Breiten ergibt sich vor allem in
nomen der Stadt-Umland-Temperaturdifferenz. Sommernächten eine Beeinträchtigung durch den
Demnach treten in Städten Temperaturen auf, die Wärmeinseleffekt, da sich die Belastung der Men-
zu bestimmten Zeiten mehrere Grad höher sind schen nicht nur auf den Aufenthalt im Freien tags-
als im ländlichen Umland. Bildlich beschreiben über beschränkt, sondern sich nachts in den aufge-
lässt sich die städtische Wärmeinsel als eine Kuppel heizten Häusern fortsetzt (vgl. Kuttler, 2011a, S. 8).
warmer Luft, die sich über einem städtischen Raum
ausdehnt. Bezeichnend sind ein starker Anstieg der Besonders ausgeprägt ist der Effekt meist in Gebie-
nächtlichen Minimaltemperatur und eine im Ver- ten mit einer hohen Bebauungsdichte. An diesen
gleich dazu leichte Erhöhung der Höchsttemperatur Orten sind die spezifischen Charakteristika, durch
am Tag. Dies führt zu einer Minderung der Tempe- die sich urbane Räume vom ländlichen Umland un-
raturunterschiede im Tagesverlauf. Am stärksten ist terscheiden, besonders ausgeprägt.
der Effekt nachts, kurz nach Sonnenuntergang. Die
Stadt kühlt sich nachts im Vergleich zum Umland Der Hitzeinseleffekt entsteht also zusammenfas-
weniger ab und heizt sich somit am Tag schneller send durch einen hohen Versiegelungsgrad und die
wieder auf (vgl. Emmanuel, 2005, S. 22). Städtische unterschiedlichen energetischen Eigenschaften von
Wärmeinseln finden sich außer in extrem kaltem Materialien, einen Mangel an Vegetation, vermin-
Klima in allen Klimazonen und sind somit ein glo- derte Windgeschwindigkeiten mit einer erhöhten
bales Problem, insbesondere bei ohnehin hohen Wirbelbildung und Abwärme von Verkehr, Indus-
Temperaturen im Sommer und bei Windstille. trie etc. (vgl. Tab. 1-6 und 1-7).

16
Abbildung 1-5: Albedowerte
verschiedener städtischer
Materialien und Vegetation

stark reflektierendes Dach


0,6 – 0,7 Kies- oder Teerdach Dachziegel
0,03 – 0,18 0,1 – 0,35
bunte Farbe Weiße Farbe
0,15 – 0,35 0,5 – 0,9
Wellblechdach
0,1 – 0,15

Baum
0,15 – 0,18

Backstein
0,2 – 0,4

Rasen
0,25 – 0,3 Beton
Asphalt 0,1 – 0,35
0,05 – 0,2

Albedo Möglichkeit, dass reflektierte Strahlung auf dunk-


le Oberflächen trifft, welche die Strahlung dann
Die meisten anthropogenen Materialien wie Beton absorbieren (vgl. Abb. 1-6). Auf diese Weise wird
oder Stahl haben gemeinsam, dass sie einen großen durch den Einsatz heller Materialien die Erwär-
Anteil der einfallenden Sonnenstrahlung speichern mung folglich zum Teil lediglich verschoben.
und sukzessive in Form von Wärme wieder abge-
ben (vgl. Oke, 1982, S. 11; siehe Abb. 1-5). Natürliche Materialien, insbesondere Vegetation,
sind von dieser Problematik meist ausgenommen.
Die Albedo gibt die Rückstrahlwirkung von Mate- Sie wirken sich trotz dunkler Oberfläche kühlend
rialien an, also das Verhältnis von reflektierter zu auf das städtische Klima aus. Die Gründe hierfür
einfallender Strahlung, wobei Albedowerte nahe 1 werden genauer in Kapitel Auswirkungen von Ve-
bedeuten, dass ein Großteil der einfallenden Strah- getation auf die Temperatur erläutert.
lung reflektiert wird, Albedowerte nahe 0 bedeu-
ten, dass die einfallende Strahlung fast vollständig
absorbiert und gespeichert wird. Helle Materialien Geometrie
haben meist hohe Albedowerte, sie speichern weni-
ger Wärme als dunkle Materialien und heizen sich Besonders in dicht bebauten städtischen Bereichen
daher weniger auf. Eine Erhöhung der Albedo kann lässt sich eine typische städtische Geometrie fest-
die Temperatur dementsprechend deutlich senken stellen, die geprägt ist von den Bauvolumina, den
(vgl. Oke, 2002, S. 229f). Allerdings ist zu beachten, Bauhöhen, den Straßen und Freiflächen.
dass nicht jede einfallende Strahlung von hellen

17 Materialen in Richtung Himmel reflektiert wird.


Vor allem in dicht bebauten Gebieten besteht die
Zwar wird üblicherweise angenommen, dass in ers-
ter Linie die thermischen Eigenschaften von in der
1-6: Entstehungsgründe der
städtischen Wärmeinsel
langwellige Rückstrahlung
von verschmutzter Luft 1-7: Straßenschlucht

SO2, CO,
CO2, NOX, PM10

Mehrfach-
reflexion der
einfallenden
Strahlung

Abwärme

Wärmeauf-
nahme
städtischer
Materialien

Stadt genutzten Baumaterialien, beispielsweise für Straßenschlucht


die Oberflächen von Wänden, Dächern und Stra-
ßen, in Verbindung mit einem geringen Anteil an Eine Straßenschlucht bezeichnet einen von lücken-
Vegetation Hauptverursacher von Wärmeinseln losen Gebäudereihen eingefassten Straßenraum
sind. Emmanuel stellt jedoch heraus, dass auf Quar- (Abb. 1-7). Die Straßenschlucht ist somit vor allem
tiers- und Nachbarschaftsebene die Geometrie der im innerstädtischen Raum ein prägendes Element.
baulichen Struktur maßgeblich für das Entstehen Straßenschluchten beschränken die Luftzirkulation
einer Wärmeinsel verantwortlich ist (vgl. Emmanu- und führen zur Mehrfachreflexion von kurzwelliger
el, 2005, S. 23). Strahlung. Die Strahlung kann somit nicht wieder
Richtung Himmel reflektiert werden und wird in
Die Form und Anordnung der Gebäude zueinander den Oberflächenmaterialien gespeichert. Durch
bestimmt maßgeblich die Menge der Sonnenstrah- die Verminderung des Luftaustausches kann sich
len, die auf die Straßenebene trifft, und hat somit die Luft schlechter wieder abkühlen. In Bezug auf
durch die Verschattung Einfluss auf das Kleinkli- das Entstehen und die Intensität einer Wärmeinsel
ma. Dies gilt insbesondere auf Quartiersebene und ist vor allem das Verhältnis der Höhe der Randbe-
in einzelnen Straßenzügen (vgl. Emmanuel, 2005, bauung von Straßenschluchten zu ihrer Breite aus-
S. 42f). Aus diesem Grund wird der Geometrie in schlaggebend (vgl. Matzarakis, 2001, S. 56f).
Bezug auf das Entstehen städtischer Wärmeinseln
von einigen Autoren eine größere Bedeutung bei-
gemessen als der Materialbeschaffenheit.

18
1-8: Städtische Flurwinde. Warme
Luft steigt in der Stadt auf und kühle
Luft strömt aus dem Umland in die
Stadt, wenn keine Hindernisse den
Strom behinden.

kühles Umland städtische Wärmeinsel kühles Umland

Straßenverlauf Sky-View-Faktor

Von Bedeutung ist auch der Verlauf der Straßen, Eine Kenngröße zur Bewertung der Geometrie der
vor allem in dicht bebauten Bereichen. Dabei sind Stadt unter Berücksichtigung der Straßenschlucht
Straßen mit Nord-Süd-Verlauf gegenüber Stra- als bestimmendes Element ist der Sky-View-Faktor.
ßen mit Ost-West-Verlauf kühler, da eine höhere In verschiedenen Studien wird er als Kenngröße
Verschattung durch die angrenzenden Gebäude für das Entstehen einer Wärmeinsel genannt (z.B.
gegeben ist (vgl. Kuttler, 2011b, S. 7). Die Verschat- Oke, 1979; Emmanuel, 2005). Der Sky-View-Faktor
tung der Straßen durch die angrenzende Bebauung (SVF) beschreibt die Horizonteinengung in einer
macht sich auch die traditionelle Architektur vieler Straßenschlucht. Erfasst wird also der sichtbare An-
Altstädte in heißen Regionen zunutze. Hier finden teil des Himmels, der nicht von Gebäuden verdeckt
sich häufig enge Straßen, die durch die anliegenden ist (vgl. Abb. 1-9).
Gebäude beschattet werden und sich daher weniger
stark aufheizen. Die Auswirkungen der durch den Sky-View-Faktor
bemessenen Horizonteinengung kommen beson-
ders nach Sonnenuntergang zum Tragen, wenn die
tagsüber absorbierte Strahlung wieder an die Um-
gebung abgegeben wird. Das Resultat richtet sich
nach der Tiefe der Straßenschlucht. Je stärker diese
ausgeprägt ist, desto stärker wird die Wärmerück-
strahlung in die Atmosphäre behindert und umso
langsamer kann sich die Stadt nachts wieder abküh-
len (vgl. Oke, 1981, Emmanuel, 2005, S. 24).

19 1-9: Sky-View-Faktor – Je dichter die Gebäude stehen, und


je höher sie sind, umso mehr ist die Sicht auf den Himmel
eingeschränkt – dies wirkt sich auch auf die Temperatur in
der Stadt aus, da Strahlung nicht mehr uneingeschränkt
Richtung Himmel reflektiert werden kann.
Stadtmerkmal Modifikation gegenüber dem ländlichen
Umland
Typische Anordnung urbaner Baustrukturen größere absorbierende und emittierende Fläche für
(Hochbauweise mit zahlreichen vertikalen Flächen Strahlungsflüsse
verschiedener Exposition; weitgehend versiegelter Mehrfachreflexion der solaren Strahlung
Untergrund) Abschattungseffekte
Verminderung vegetationsbedeckter bzw. offener
Flächen
Wasserableitung in die Kanalisation
Reduzierte Verdunstung
Größere aerodynamische Oberflächenrauigkeit
Erhöhte Turbulenz
Düseneffekte

Eigenschaften der vorwiegenden Materialien veränderte Reflexion der solaren Strahlung


(Ziegel, Beton, Asphalt, Kies, Granit, Glas, Metall, etc.) veränderte Emission der terrestrischen Strahlung
größere Wärmekapazität
größere Wärmeleitfähigkeit
Wasserundurchlässigkeit

Verbrennungsprozesse Freisetzung von Wärme


(Verkehr, Industrie, Kraftwerke, Gewerbe, etc.) Freisetzung von Wasserdampf
Freisetzung von Luftverunreinigungen
Geringe Durchlässigkeit der Stadtatmosphäre für
solare Strahlung
Stärkere Absorption und Emission von langwelliger
Strahlung in der Stadtatmosphäre
Erhöhte photochemische Aktivität
Tabelle 1-6: Stadtmerkmale und ihre Wirkungen

Durchlüftung der Gebäude, ihre Anordnung zueinander sowie


die vorherrschende Windrichtung (vgl. Erell, Pearl-
Auch die Durchlüftung hat einen großen Einfluss mutter et al., 2011, S. 73). Um den Luftaustausch
darauf, ob eine Wärmeinsel entsteht und wie stark zwischen dicht bebauten städtischen Flächen und
diese ausgeprägt ist. Kühle Luftströme, die aus dem Freiflächen (Wasser- oder Grünflächen) sicherzu-
Umland ins Stadtinnere fließen, können einen stellen, sollten also Frischluftschneisen geschaffen
Großteil der dort entstehenden Wärme ableiten bzw. erhalten werden.
und einer Überhitzung der Stadt entgegenwirken
(vgl. Abb. 1-8). Auch die kühlende Wirkung von
Grünflächen oder Wasserflächen kann sich nur voll
entfalten, wenn die kühle Luft ungehindert in die
angrenzenden Quartiere strömen kann. Einfluss-
faktoren bei der Durchlüftung eines Quartiers sind
die Dichte und Geometrie der Bebauung, die Höhe 20
Element Bezugsgröße Änderung gegenüber dem
Umland
Strahlung Globalstrahlung Bis 20 % weniger
UV-Strahlung Sommer: bis -5 %, Winter: bis -30 %
bis 15 % weniger
Sonnenscheindauer
Temperatur Jahresmittel Bis 1,5 °C höher
Nächtliches Minimum Bis 12 °C höher
Heiztage Bis 10 % weniger
Dauer Frostperiode Bis 25 % kürzer
Bodeninversion Kaum im Stadtbereich

Feuchte Jahresmittel rel. Feuchte Winter bis -2 %, Sommer bis -10 %
Verdunstung Mittelwert Bis 60 % weniger
Windgeschwindigkeit Jahresmittel Bis 30 % niedriger
Böen Bis 20 % niedriger
Wildstille Bis 20 % häufiger

Bewölkung Bedeckungsgrad Bis 10 % höher


Sichtweite Nebelhäufigkeit Etwas geringer
Sichtweite bis 5km Deutlich schlechter

Niederschlag Niederschlagshöhe Bis 10 % größer


Tage mit mehr als 5mm Bis 10 % häufiger
Tage mit Schneefall Bis 5 % weniger
Tau Bis 65 % weniger

Luftbeimengungen Stark erhöht

Tabelle 1-7: Vergleich Stadt-Umland: Klimaunterschiede

Park Cool Island (PCI)


Eine Tages-PCI entsteht oft in baumbestandenen Grünflächen mit einer hohen Bodenfeuchte. Die
Bäume spenden Schatten, so dass sich die darunterliegenden Flächen nicht aufheizen und durch
Evaporation zur Kühlung beitragen. Diese PCI ist in waldartigen Flächen nachmittags am stärksten
ausgeprägt, in gartenartigen Anlagen oder Rasenflächen mit einzelnen Bäumen am frühen Abend.
Eine Nacht-PCI entsteht hingegen vor allem in trockenen Parks mit geringem Baumbestand durch
Rückstrahlung und einen hohen Sky-View-Faktor. Diese tritt einige Stunden nach Sonnenuntergang
ein. Bezeichnend ist, dass solche Parkflächen tagsüber sogar wärmer als die umgebende Bebauung
sein können (vgl. Erell, Pearlmutter et al., 2011, S. 168f ).

21
Für und Wider einer hohen baulichen Dichte
Eine hohe Bebauungsdichte ist ein Indikator für eine hohe bioklimatische Belastung. Dichte Bebau-
ung kann in Kombination mit der Gebäudehöhe als Anzeiger für eine eingeschränkte Belüftung ge-
wertet werden. Dadurch kommt es zu einer Erwärmung. Des Weiteren steht eine dichte Bebauung
meist auch im Zusammenhang mit einer geringen Zahl von Frei- und Grünflächen. Dies führt zu
einer reduzierten Retentions- und Versickerungsleistung für das Regenwasser. Eine aufgelockerte
Bebauung ermöglicht demgegenüber i.d.R. einen Luftaustausch in allen Himmelsrichtungen und
ein Freiflächenpotential, welches für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung genutzt werden
kann. Andererseits wird eine hohe Bebauungsdichte beim Leitbild der kompakten Stadt meist als
das nachhaltigste Modell der Stadtentwicklung diskutiert, da Wege verkürzt oder vermieden wer-
den können und sich auch Stoffströme effizient nutzen lassen (vgl. Greiving, Fleischhauer, 2009,
S. 13). Die Nutzungsmischung, die im Leitbild der kompakten Stadt ebenfalls angestrebt wird, ist ein
weiterer Indikator für die Resilienz dicht bebauter Stadtstrukturen. Allerdings bedarf es einer Reihe
von Maßnahmen, um die negativen stadtklimatischen Aspekte einer hohen Bebauungsdichte zu
relativieren. An dieser Stelle sei auf Teil drei der Arbeit verwiesen, wo Möglichkeiten der Anpassung
dicht bebauter Quartiere aufgezeigt werden.

Abwärme Ein Großteil der einfallenden Globalstrahlung wird


bereits durch die Baumkrone bzw. die Blätter und
Ein weiterer Faktor, der zum Entstehen einer Wär- Äste absorbiert, dadurch gelangt weniger Strahlung
meinsel beiträgt, ist die Abwärme, die vor allem an auf den Boden, der sich in der Folge weniger auf-
Orten entsteht, an denen viele elektrische Geräte heizt (vgl. Sukopp, Wittig, 1998, S. 158).
(wie z.B. Klimaanlagen) betrieben werden, oder an
solchen mit einem hohen Verkehrsaufkommen. Im Die Umwandlung von Strahlung in Verdunstungs-
Winter stellt die Abwärme durch die Beheizung der kälte bewirkt auch, dass der Schattenwurf eines
Gebäude einen beträchtlichen Anteil dar. Abwärme Baumes deutlich kühler ist, als der eines Gebäudes
wird vor allem dort emittiert, wo auch andere Fak- oder einer anderen baulichen Anlage. Zudem er-
toren zum Entstehen einer Wärmeinsel beitragen; höht Vegetation die Luftfeuchte, die in Städten im
diese verstärken den Effekt weiter (vgl. Matzarakis, Jahresmittel etwa 6 % geringer ist als im Umland
2001, S. 50; Tab. 1-6)). (vgl. Franke, 1977, S. 13).

Bei strahlungsintensiven Wetterlagen mit wenig


Auswirkungen von Vegetation auf die Wind ist die Temperaturdifferenz zwischen Grün-
Temperatur flächen und bebauten Flächen besonders ausge-
prägt. Wenn Luftströme zwischen den bebauten
Die positive Wirkung von Grünflächen auf das Gebieten und Grünflächen zirkulieren können und
Stadtklima ist abhängig von deren Größe, Aufbau nicht durch Hecken, Mauern oder die angrenzen-
und der Zusammensetzung. Bereits Rasenflächen de Bebauung behindert werden, können sie effek-
haben eine günstigere Strahlungsbilanz als ver- tiv zur Abkühlung der bebauten Gebiete beitragen.
siegelte Flächen. Bäume und Sträucher verstärken Der kühlende Effekt der Vegetation wird auch als
die positiven Wirkungen, der latente Wärmestrom „Park Cool Island“ (PCI), gewissermaßen als Ge-
nimmt gegenüber dem sensiblen Wärmestrom zu. genstück zur „Urban Heat Island“ bezeichnet (vgl.
22
1-10: Strömungsbilder von einem
solitären, zwei niedrigen sowie
einem niedrigen und einem hohen
Gebäude. Deutlich zu erkennen
sind die Wirbel, die durch die An-
sammlung von Gebäuden erzeugt
werden.

Erell, Pearlmutter et al., 2011, S. 168f). Die ge- In der Summe sollte mindestens ein Viertel der
nauen Ausprägungen der Temperaturdifferenzen Stadtfläche als Grünfläche ausgestaltet sein, um
zwischen Parkanlagen oder Grünflächen und der dem Entstehen städtischer Wärmeinseln effektiv
umgebenden Bebauung sind stark abhängig von entgegenzuwirken (vgl. Stiftung „Die Grüne Stadt“,
der Beschaffenheit, Größe und Ausgestaltung der 2009, S. 15). In Hamburg ist dieser Anteil, vor al-
Vegetation. lem durch die landwirtschaftlichen Flächen in den
Vier- und Marschlanden und die Obstbauflächen
Schon kleinere Parks können das städtische Stadt- im Alten Land, sogar höher. Allerdings befinden
klima positiv beeinflussen. Grundvoraussetzung sich diese Flächen an den Stadträndern, während
hierfür ist eine Windgeschwindigkeit von über die Überhitzungsgefahr vor allem im Innenstadtbe-
1 m/s. Generell lässt sich als Trend festhalten, dass reich besteht. Hier ist ein Mangel an Grünflächen
die Kühlwirkung von Grünflächen proportional zu verzeichnen. Wichtig ist deshalb eine Verteilung
mit ihrer Größe zunimmt. Ebenso verhält es sich von Grünflächen über das gesamte Stadtgebiet (vgl.
mit der räumlichen Ausweitung des kühlenden Stiftung „Die Grüne Stadt“, 2009, S. 15). Vor allem
Effektes auf die umliegenden Quartiere. Die grafi- die Versorgung innerstädtischer Gebiete ist wichtig.
sche Darstellung von Fezer zeigt jedoch, dass dies Ein Netz grüner Inseln verhindert auch das Zusam-
besonders für eine Parkgröße von bis zu 17 ha gilt. menwachsen von überhitzungsgefährdeten Berei-
Ab dieser Marke flachen die vorher steilen Kurven chen und ermöglicht es den Bewohnern, in kurzer
ab. Folglich ist es sinnvoller, eine gewisse Anzahl Zeit eine Grünfläche zu erreichen (vgl. Stiftung
mittelgroßer Parkflächen auf die Stadt zu verteilen „Die Grüne Stadt“, 2009, S. 15).
anstatt eine kleinere Zahl große Parks zu realisieren
(Fezer, 1995, S. 141).

23
1-11: Profil der städtischen Wär-
meinsel; Einfluss der Stadt auf das Temperaturunterschiede
Entstehen von Niederschlägen und zwischen Stadt und
der städtische Wasserkreislauf Umland an einem
Sommernachmittag
33°

32°

31°
gute
Evapotranspiration

LUV Zunahme der LEE 30°


schlechte Niederschläge
Versickerungsleistung im Lee der Stadt

gute
Kondensierung 29°
(Regen)

GEWERBE

Land Suburbane Gewerbe Innenstadt Urbane Park Suburbane Land-


gute Wohngebiete Wohngebiete Wohngebiete wirtschaft
Versickerungsleistung

3.2 Wind in der Stadt


In der Stadt verhindert vor allem die dichte, hohe der Straßenschluchten, welches eine Erwärmung
Bebauung ein Durchströmen von frischer kühler zusätzlich begünstigt. Zudem sind Gebiete, die au-
Luft aus dem Umland in die innere Stadt und den ßerhalb von Kalt- oder Frischluftschneisen liegen,
Abtransport von warmer Luft und Schadstoffen besonders betroffen.
(Abb. 1-8). Die Problematik des städtischen Wind-
feldes besteht darin, dass in urbanen Räumen so-
wohl die thermische, als auch die lufthygienische
Belastung für die Bevölkerung sehr hoch ist, wenn
überwärmte und schadstoffbelastete Luft nicht ab-
transportiert werden kann. Durch die Rauigkeit der
städtischen Bebauung entstehen vermehrt böige
Winde mit Wirbelbildung. Vor allem hohe Gebäu-
de fördern das Entstehen von Windböen, wie Ab-
bildung 1-10 verdeutlicht..

In der Tabelle 1-7 sind die typischen Merkmale der


Stadt im Vergleich zum Umland zusammengefasst.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass städti-


sche Wärmeinseln vor allem dort entstehen, wo es
einen hohen Versiegelungsgrad mit geringen Albe-
dowerten, gleichzeitig wenig Vegetation und Was-
serflächen gibt, und ein Höhe-zu-Breite-Verhältnis 24
große Pflanzen- und
Bodenverdunstung

hohe
Grundwasser- geringer
neubildung Oberflächen-
abfluss

3.3 Der städtische Wasserkreislauf

In einer natürlichen oder naturnahen Umgebung das Verhältnis der drei Komponenten Verduns-
werden Vegetation und Boden von Regen oder an- tung, Versickerung und Oberflächenabfluss eine
deren Niederschlägen benetzt, Wasser wird vom gravierende Veränderung. Während auf mit Vege-
Boden aufgenommen oder sammelt sich in Mul- tation bedeckten Flächen in einer überschlägigen
den, wo es steht, bis es entweder sukzessive ver- Betrachtung etwa 0–20 % der Niederschläge ab-
dunstet oder versickert. Je nach Gefälle kommt es fließen, sind es auf betonierten oder asphaltierten
auch zum Abfluss und das Regenwasser gelangt in Flächen zwischen 90 und 100 % (vgl. Abb. 1-12 und
die Oberflächengewässer. Der Abfluss findet dabei 1-13) . Verdunstung und Versickerung spielen nur
fast immer verzögert statt. noch eine untergeordnete Rolle. Der Großteil des
Wassers wird direkt über die Kanalisation abgelei-
Die Verdunstung von Niederschlägen nimmt in ei- tet. Bei der Entwässerung über ein Mischsystem
ner solchen naturnahen Umgebung einen großen werden Regenwasser und Schmutzwasser gemein-
Stellenwert ein. Nur ein relativ geringer Anteil läuft sam abgeleitet und zum Klärwerk transportiert. Im
in Oberflächengewässer ab. Das übrige Wasser ver- Trennsystem (vgl. Maßnahmenkatalog 2.8) wird
sickert, wird im Boden von Pflanzen aufgenommen das Schmutzwasser zum Klärwerk transportiert,
oder gelangt ins Grundwasser. Bei geringeren Nie- während das Regenwasser in einem separaten Ka-
derschlägen entfällt der Ablauf in Gewässer gänz- nal direkt einem Gewässer zugeführt wird. Bei Star-
lich (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 2). kregen oder lang andauernden Regenereignissen

25 In Gebieten mit hohem Versiegelungsgrad erfährt


kommt es so zu einer großen stoßweisen Belastung
der städtischen Entwässerungssysteme und der vor-
1-12, 1-13: Der natürliche
und der städtische Wasser-
kreislauf im Vergleich

geringe
Verdunstung

verstärkter und rascher


Oberflächenabfluss
Abfluss aus
Baugebieten
über die
Kanalisation
geringe
Grundwasser-
neubildung

flutenden Gewässer. Im Trennsystem kommt zu der Vegetation und Wasserhaushalt


hydrologischen Belastung durch die Abflussspitzen
häufig eine stoffliche Belastung hinzu, da das Was- Während in städtischen Gebieten ein Großteil der
ser von Verkehrsflächen etc. den Gewässern meist anfallenden Niederschläge über die Kanalisation
unbehandelt zugeführt wird. Besonders problema- abgeleitet wird, wird in ländlichen Gebieten mehr
tisch stellt sich eine Überlastung der Kanalisation als die Hälfte des Niederschlags über die Verduns-
aber in Gebieten mit Mischsystem dar, da bei einer tung wieder an die Atmosphäre abgegeben (siehe
Überlastung das Gemisch aus Schmutzwasser und S.23 Kap. Auswirkungen der Vegetation auf die
Regenwasser ungeklärt in die vorflutenden Gewäs- Temperatur). Verdunstung lässt sich aufteilen in die
ser eingeleitet wird (vgl. Sieker, 2006, S. 14f). Verdunstung von freien Flächen (Evaporation) und
die Verdunstung durch Pflanzen (Transpiration).
Durch einen hohen Versiegelungsgrad wird zudem Mit einem Anteil von ca. 75 % stellt die Transpira-
die Grundwasserneubildung verringert, da nur tion über Landflächen die bedeutendste Größe der
wenig Wasser versickern kann. Dies führt zu einer Wasserabgabe an die Atmosphäre dar. Durch den
Verschlechterung der Grundwasserqualität und geringen Vegetationsanteil in der Stadt liegen die
des Bodenwasserhaushalts (Geiger, Dreiseitl, 1995, Werte hier deutlich niedriger. Bei der Transpiration
S. 7). wird das Wasser zunächst von den Pflanzen auf-
genommen und später über die Blattflächen oder
Mit der zunehmenden Wahrscheinlichkeit von ex- über Spaltöffnungen (Stomata) an die Luft abgege-
tremen Regenereignissen bei einem weiter steigen- ben. Durch die Spaltöffnungen können die Pflanzen
den Grad der Versiegelung ist davon auszugehen, ihre Transpiration regulieren. So kann die Verduns-
dass die städtischen Entwässerungsanlagen immer tung so stark wie bei einer freien Wasserfläche sein,
öfter an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen wer-
den und die Gefahr von Hochwassern steigt (vgl.
bei Trockenheit aber auch stark reduziert werden.
Bei dürreresistenten Pflanzen wie z.B. Sedum- 26
Sieker, 2006, S. 15; Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 3f).
Stadtmerkmal Energetische Auswirkungen
Straßenschluchtgeometrie
größere Oberfläche, hoher Anteil vertikale Flächen Mehrfachreflexion von kurzwelliger Strahlung →
größere Absorption von kurzwelliger Strahlung
größere Horizonteinengung (geringerer Sky-View- Geringere effektive Ausstrahlung
Faktor)
verminderte Windgeschwindigkeit Geringerer turbulenter Wärmetransport
Luftverunreinigung Größere atmosphärische Gegenstrahlung
Wärmeemissionen von Gebäuden und aus Anthropogen erzeugte Wärme
Verbrennungsprozessen (Abwärme, Ver-
brennung)
Baumaterialien
größere Wärmeleitfähigkeit und Wärmekapazität Erhöhte Wärmespeicherung
(Albedo)
geringere Wasserdurchlässigkeit Geringere Verdunstung (geringerer turbulenter
Strom latenter Wärme)

Tabelle 1-8: Energetische Ursachen der urbanen Wärmeinsel im Urban Canopy Layer. Jedes Merkmal
alleine kann schon eine Wärmeinsel verursachen

Gewächsen ist diese Steuerung besonders stark ländlichen Bereich, die Zahl von Sommergewitter-
ausgebildet. Zusätzlich wird über die Interzeption tagen sogar 15 bis 20% größer (vgl. Franke, 1977,
Wasser direkt auf der Oberfläche der Pflanzen zu- S. 14; siehe Abb. 1-11). Besonders im Lee der Stadt
rückgehalten und kann von dort verdunsten (vgl. ist eine Zunahme der Niederschläge zu verzeichnen
Köppel, 1995, S. 19). Diese Verdunstungsform von (vgl. Shepherd, 2005, S. 7ff). Eine mögliche Erklä-
Oberflächen ohne Zutun eines Lebewesens wird als rung für dieses Phänomen ergibt sich aus der Ver-
Evaporation bezeichnet. Im Zusammenhang mit knüpfung einer Reihe von Faktoren, die zum Ent-
der Transpiration von Pflanzen spricht man hier stehen von Niederschlägen notwendig sind und die
von Evapotranspiration (vgl. Schrödter, 1985, S. 15; in Städten begünstigt werden (vgl. Shepherd, 2005,
DIN 4047). Durch die Eigenschaft der Pflanzen, die S. 7ff). Durch das Aufeinandertreffen von warmen
Sonnenstrahlung zu absorbieren und über Evapo- und kalten Luftschichten steigt die warme Luft auf.
transpiration und Fotosynthese umzuwandeln, stel- Die Stadt wirkt dabei durch die Höhe der Bebauung
len sie einen großen Wert für die Verbesserung des als Hindernis für die vom Umland einströmende
Stadtklimas dar. Insbesondere in der Vegetations- Luft. Die warme Luft steigt über der Stadt auf und
periode, also im Sommer entfaltet die Transpirati- die in der Luft vorhandene Feuchtigkeit konden-
on ihre volle Wirkung und korreliert somit mit dem siert an Schwebeteilchen in der Luft zu Tropfen. Die
Hitzestress der Stadt. in der Stadt durch Verbrennungsprozesse erzeugten
Aerosole führen dazu, dass über Städten besonders
günstige Bedingungen für die Wolkenentstehung
Niederschlag in der Stadt gegeben sind. Dieses Zusammenspiel verschiede-
ner Faktoren bewirkt die Niederschlagszunahme
Urbane Ballungsräume wirken sich auf das Entste- im Lee der Stadt (vgl. Shepherd, 2005, S. 7ff).

27 hen von Niederschlägen aus. Die Niederschlags-


menge ist in Städten etwa 5 bis 10 % größer als im
Forschungen und Beobachtungen zum Windgeschwindigkeit gemessen, die geringste
Hamburger Stadtklima Temperaturdifferenz fällt auf die Mittagsstun-
den mit hohen Windgeschwindigkeiten um
5 m/s (vgl. v. Storch 2011, S. 55).
Die stadtklimatischen Effekte der Stadt Ham-
burg wurden bisher vergleichsweise wenig er- Diese Ergebnisse für das Hamburger Stadtkli-
forscht. Grundsätzlich profitiert die Stadt von ma werden auch durch die Untersuchungen
einem verhältnismäßig hohen Grünflächenan- von Prof. Dr. Heinke Schlünzen gestützt. Sie
teil, den Wasserflächen und bedingt durch die vergleichen auf der Grundlage von Daten aus
Meeresnähe einer recht guten Durchlüftung, da den Jahren 1988 bis 1997 die Messwerte von
Winde sich über die Norddeutsche Tieflandebe- sechs innerstädtisch gelegenen Messstationen
ne relativ frei ausbreiten können. mit einer Station in Grambek (400 Einwohner,
37 km östlich von Hamburg). Der Vergleich der
Einige Erkenntnisse lassen sich aus einer Studie innerstädtischen Station St. Pauli mit der Refe-
von Rudolf Reidat vom Deutschen Wetterdienst renzstation in Grambek ergibt eine Differenz
ziehen. Er wertete Daten der Messpunkte St. der Jahresmitteltemperatur von 1,1 °C und zwi-
Pauli und Fuhlsbüttel aus den Jahren 1931– schen Mai und Oktober Spitzen von 3 °C. Das
1960 aus. Demnach betrug die Differenz der entspricht dem Wert der Megacity London und
Tagesmitteltemperatur der beiden Messpunkte zeigt, dass Hamburg einen Wärmeinseleffekt
im Januar 0,6 °C, im Juli 1,0 °C, wobei die wär- aufweist, wie er auch in anderen Großstädten
meren Temperaturen an der innerstädtischen beobachtet werden kann. Einen besonderen
Station St. Pauli gemessen wurden. Zusammen- Einfluss auf den Wärmeinseleffekt in Hamburg
fassend ergab die Auswertung der Messdaten schreibt Dr. Schlünzen den herrschenden Wind-
eine langsame Erwärmung der Stadt in den verhältnissen zu. So traten die beobachteten
Morgen- und Vormittagsstunden (Temperatur- Wärmeinseln immer in Korrelation mit niedri-
differenz: Januar: 0,3 °C, Juni: 0,3 °C) sowie eine gen Windgeschwindigkeiten auf (vgl. Schlün-
höhere Speicherung der Wärme und die höchs- zen et al. 2009, S. 3).
te Temperaturdifferenz nach Sonnenuntergang
(Temperaturdifferenz: Januar: 0,8 °C, Juni: 2 °C) Niederschlagsereignisse in Hamburg werden
(vgl. v. Storch, 2011, S. 54). Das entspricht der nach Forschungen von Peter Hoffmann (Uni-
Definition des Wärmeinseleffektes in Großstäd- versität Hamburg) stark durch Luv und Lee
ten, der somit auch in Hamburg beobachtet beeinflusst. Die Auswertung von 46 Nieder-
werden kann. schlagsstationen Hamburgs und der Windrich-
tungsdaten der Station Hamburg-Fuhlsbüttel
Den Einfluss des Windes auf das hamburgische legte nahe, dass sich an Orten im Lee der Stadt
Stadtklima macht Abbildung 1-14 deutlich. Die (Nordwesten und Südosten Hamburgs) die Nie-
höchste Temperaturdifferenz der beiden Mess- derschlagshäufigkeit erhöht (vgl. Hoffmann,
stationen St. Pauli und Fuhlsbüttel wird gegen 2009, S. 94). Die Zunahme der Niederschläge in
Mitternacht zum Zeitpunkt der geringsten diesen Bereichen ist mit 6–20 % der Tagessum-
men des Niederschlages durchaus signifikant
2°C (vgl. Hoffmann, 2009, S. 45). 5m/s

4m/s

3m/s
1°C
2m/s

1m/s

0°C 0m/s

0h 6h 12h 18h 24h

Windgeschwindigkeit
Abbildung 1-14: Tagesgang der Temperaturunterschiede zwischen St.
Pauli und Fuhlsbüttel sowie der Windgeschwindigkeit in Fuhlsbüttel im
28
Temperaturdifferenz St.Pauli - Fuhlsbüttel
Juli
0-10%
10-20%
20-30%
30-40%
40-50%
Abbildung 1-15: Autochtones Strömungsfeld
50-60%
Kaltluftvolumenstrom und Kaltluftvolumenstrom während einer
60-70% austauscharmen Strahlungswetternacht
sehr gering sehr hoch
(4 Uhr)
70-80%
Windvektoren (Größe gibt
80-90%
Aufschluss über Intensität)
90-100%

¯
0 1 2 4 6 8
Kilometer

Starkniederschlag

Im städtischen Raum stellen insbesondere so ge- als Luftmassengewitter auf, die in sommerlichen
nannte Starkniederschläge die bestehenden In- Hochdruckwetterlagen entstehen. Im Sommer
frastrukturen vor Herausforderungen und füh- 2011 waren verschiedene solcher Gewitter zu be-
ren immer wieder zu Schäden in Form von obachten, welche die Stadtentwässerung vor gro-
Überschwemmungen, wenn die Kanalisation die ße Herausforderungen stellten. Vielerorts liefen in
in kurzer Zeit auftretenden großen Wassermengen der Folge Keller voll. Die Kanalisation konnte die
nicht bewältigen kann. In Gebieten mit Mischkana- großen Wassermengen, welche in sehr kurzer Zeit
lisation gelangt in einem solchen Fall ungeklärtes auftraten, nicht bewältigen (vgl. www.hamburg.de,
Schmutzwasser in die Vorfluter und führt zu einer 2011).
Verunreinigung der Gewässer.

29 Starkniederschläge können auf verschiedene Wei-


In Tabelle 1-8 (vorige Seite) sind die klimatischen
Unterschiede zwischen Stadt und Umland noch
se entstehen. In der Region Hamburg treten sie oft einmal zusammenfassend dargestellt.
3.4 Das Hamburger Stadtklima: Geografische und
stadtstrukturelle Einflussfaktoren

Das Hamburger Stadtgebiet ist geprägt von den tung für das Landschaftsprogramm Hamburg mo-
zwei Landschaftstypen Geest und Marsch. Wäh- delliert. Es ist deutlich zu erkennen, dass an den
rend sich die Besiedlung lange Zeit auf die etwa Geesthängen (vor allem Elbberg und Harburger
zehn bis fünfzehn Meter höher gelegenen Geestge- Berge) Kaltluftvolumenströme vorhanden sind, die
biete konzentrierte, wurde die Marsch erst im 12. bei Windstille für einen Frischlufttransport in die
Jahrhundert durch Eindeichung und Entwässerung tiefer gelegenen Marschgebiete sorgen (vgl. GeoNet
nutzbar gemacht (Falkenhof, 2007, S. 9). Heute Umweltconsulting GmbH, 2011, S. 29; Abb. 1-15).
überwiegen in den Marschgebieten vor allem die
landwirtschaftliche Nutzung sowie die Hafennut- Auch bei Betrachtung der Versiegelungsgrade zei-
zung, dichte Wohnbebauung auf Marschland gibt gen sich deutliche Unterschiede zwischen Geest
es vor allem in Wilhelmsburg und auf der Veddel und Marsch. Wie man Abb. 1-16 entnehmen kann,
(vgl. Studio urbane Landschaften / IBA Hamburg finden sich die Flächen mit den geringsten Versie-
GmbH, 2008, S. 23f). Die Wasserstände in der gelungsgraden (weniger als 10 % Versiegelung, in
Marsch werden durch ein Entwässerungssystem der Karte dunkelgrün dargestellt) überwiegend in
aus Gräben, Wettern und Pumpanlagen reguliert, den Marschbereichen, eine Ausnahme stellt das
der Grundwasserspiegel liegt oft nur 10 bis 40 cm Hafengebiet mit sehr hohen Versiegelungsgraden
tief. Ohne eine kontinuierliche Entwässerung wä- dar. In den höher gelegenen Geestbereichen fin-
ren die Marschgebiete der Stadt nicht nutzbar und den sich überwiegend höhere Versiegelungsgrade.
häufig überflutet (vgl. BSU, 2000, S. 8ff). Mit Ausnahme der Parkanlagen gibt es hier kaum
zusammenhängende unversiegelte Flächen. Diese
Die Höhenunterschiede zwischen Marsch und sind als grüne Bereiche in der Karte zu erkennen
Geest wirken sich auch auf die stadtklimatischen und heben sich deutlich von den in gelb, orange
Gegebenheiten in Hamburg aus. Dies wurde in der
Stadtklimatischen Bestandsaufnahme und Bewer-
und rot dargestellten, bebauten und versiegelten
Bereichen ab. Deutlich wird auch, dass sich der 30
Legende Abbildung 1-15: Versiege-
lungsgrade im Hamburger
Versiegelungsgrad Stadtgebiet. Die am stärksten
Wasser versiegelten Bereiche finden
sich im Innenstadtbereich und
0-10% im Hafen.
10-20%
20-30%
30-40%
40-50%
50-60%
60-70%
70-80%
80-90%
90-100%

Wasser
0-10 %
10-20 %
20-30 %
30-40 %
40-50 %
50-60 %
60-70 %
70-80 %

¯
80-90 %
90-100 %
Marschgebiet

31 0 1 2 4 6 8
Kilometer
Legende
Versiegelungsgrad
Wasser
0-10%
10-20%
20-30%
30-40%
40-50%
50-60%
60-70%
70-80%
80-90%
90-100%

Grad der Versiegelung je nach vorherrschendem Zusammenfassung Stadtklima


Siedlungsstrukturtyp unterscheidet (vgl. Teil zwei:
Strukturtypen). Durch die besonderen Charakteristika des städti-
schen Klimas lassen sich in Städten bereits heute
Zustände ablesen, die sich vielfach mit den Trends
Die Bedeutung der größeren Grünflächen als Kalt- der Klimaprognosen für die kommenden Jahrzehn-
luftentstehungsgebiete wird ebenfalls im Gutachten te decken. Steigende Temperaturen, veränderte
Stadtklimatische Bestandsaufnahme und Bewertung Niederschlagsmuster und Austrocknung der Böden
für das Landschaftsprogramm Hamburg deutlich, sind schon heute in städtischen Räumen mess- und
ebenso die Wirkung hoch versiegelter und dicht wahrnehmbar. Ähnliche Auswirkungen werden im
bebauter Flächen auf die Wärmeentwicklung und Zuge des fortschreitenden Klimawandels auch für
die Entstehung von lokalen Wärmeinseln (vgl. ländliche Gebiete vorhergesagt, in Städten werden
GeoNet-Umweltconsulting GmbH, 2011, S. 23f). diese jedoch mit stärkeren und extremeren Ausprä-
Beim Vergleich der Karten zeigt sich, dass die am gungen erwartet (vgl. Jensen, 2011, S. 176). Von den
deutlichsten von Überhitzung betroffenen Bereiche Folgen werden in städtischen Räumen aufgrund
gleichzeitig auch einen hohen Versiegelungsgrad der hohen Einwohnerdichte sehr viele Menschen
und dichte Baustrukturen aufweisen und abseits betroffen sein. Um in Zukunft die Lebensqualität in

¯
der Grünflächen oder strömungsbegünstigter Ge- den Städten zu sichern, müssen demzufolge Maß-
biete liegen. Insbesondere bei sommerlichen Hoch- nahmen ergriffen werden, welche auf die negativen
druckwetterlagen mit hohen Temperaturen und Auswirkungen des Klimawandels, wie die verstärk-
geringen Windgeschwindigkeiten oder Windstille te, vor allem nächtliche Überwärmung von Wohn-
0 1 2
sind die Problematiken in 4diesen Gebieten
6 8
beson-
Kilometer gebieten oder Starkregenereignisse mit der Folge
ders ausgeprägt, da kein Luftaustausch durch Wind einer Überlastung der Kanalisation, Hochwasser
stattfindet und sich die erwärmten Baustrukturen und Überschwemmungen, auf die Stadt und die
kaum abkühlen können. Diese Situation wurde im Menschen reagieren und mögliche Schäden mini-
Gutachten simuliert und ist in den Karten darge-
stellt.
mieren.
32
TEIL 2
Stadtstrukturtypen
4. Strukturtypen

Ziel dieser Arbeit ist es, in Bezug auf die verschie- 4.1 Bewertungskriterien
denen baulichen Strukturen immanente Vulnerabi-
litäten und Gefährdungen sowie die Chancen und
Potentiale zur Anpassung an Klimafolgen heraus- Zur Bewertung der Strukturtypen bezüglich ihrer
zustellen. Nachdem in Teil eins die zu erwartenden bioklimatischen Belastung und Betroffenheit ge-
Folgen des Klimawandels und die klimatischen genüber zukünftigen Klimafolgen wird eine Aus-
Charakteristika der Stadt beschrieben wurden, wer- wahl von Indikatoren herangezogen (vgl. Abb. 2-1).
den in diesem zweiten Teil die unterschiedlichen Die Bewertung dient einerseits der Vergleichbarkeit
städtischen Strukturtypen für den Fokus auf das der betrachteten Typologien, andererseits soll sie
Hamburger Stadtgebiet vorgestellt. In Teil drei wird eine engere Auswahl für die weitere Arbeit ermög-
eine für Hamburg besonders relevante Auswahl lichen.
dieser Strukturtypen vertiefend betrachtet.
Für die Auswahl der Bewertungskriterien werden
Eingangs werden die Bewertungskriterien vorge- die in Teil eins beschriebenen stadtklimatischen
stellt, anhand derer die Auswahl der Strukturtypen Charakteristika aufgegriffen, welche für die im Ver-
für die vertiefende Betrachtung erfolgt. gleich zum Umland hohe bioklimatische Belastung
städtischer Räume verantwortlich sind. Anhand
dieser Kriterien kann die Betroffenheit gegenüber
den prognostizierten Klimafolgen abgeschätzt
werden. Zudem wird die räumliche Verteilung im
Hamburger Stadtgebiet als Indikator herangezogen,
so dass auch der Mengenanteil und die sich darauf
ergebende Bedeutung für die Stadt berücksichtigt

35 wird.
S.19

S.22 Durchlüftung S.19

Abwärme-
S.22 produktion Sky view Faktor
S.37

Grünflächen Bewertungskriterien Intensive Nutzung


EG / UG

Versiegelungsgrad Mengenverteilung
in Hamburg
S.31 S.77

Abbildung 2-1: Bewertungskriterien für die Abschätzung der Belastung der einzelnen Strukturtypen

In den folgenden Abschnitten wird auf die Bewer- Der Indikator Durchlüftung lässt sich anhand der
tungskriterien näher eingegangen. Erläutert wird Kubatur und baulichen Dichte der Strukturtypen
insbesondere, welche Bewertungsgrundlage hinter bewerten. Eine lockere, niedrige Bauweise weist
den einzelnen Kriterien steht. demnach eine bessere Durchlüftung auf als eine
geschlossene Blockbebauung. Der Sky-View-Fak-
tor wird aus der Bebauungsdichte (bemessen an
GRZ und GFZ) und der Gebäudehöhe sowie der
Straßenbreite abgeleitet. Dicht bebaute Struktur-
4.2 Indikatoren typen mit hohen Gebäuden haben einen geringen
Sky-View-Faktor, was eine verzögerte Auskühlung
in der Nacht zur Folge haben kann. Der Versie-
Stadtklima gelungsgrad ist als Teil dieser Arbeit spezifisch
für die jeweiligen Strukturtypen erhoben worden.
Für die Bewertung des Gefährdungspotentials Eine hohe Versiegelung begünstigt das Entstehen
Stadtklima werden die fünf Bewertungskriterien einer Wärmeinsel und erhöht das Risiko starkre-
Durchlüftung, Sky-View-Faktor, Versiegelungs- genbedingter Überflutungen und Binnenhoch-
grad, Produktion von Abwärme sowie Grünflä- wasser. Auf einer fünfstufigen Skala wird ein Ver-
chenanteil herangezogen. Die in den Kriterien siegelungsgrad von unter 20 % als gering bewertet,
beinhalteten Gegebenheiten bedingen maßgeblich ein Versiegelungsgrad von über 80 % als hoch. Ein
das Entstehen einer städtischen Wärmeinsel, die weiterer Indikator ist die anthropogen erzeugte
Gefährdung von Überschwemmungen infolge von Abwärme, die in den Sommermonaten vor allem
Starkregenereignissen und wirken sich auf den an Orten zum Tragen kommt, an denen ein hoher
städtischen Wasserhaushalt aus (vgl. Teil eins, Ka- Kühlbedarf besteht oder viele elektrische Geräte
pitel Stadtklima). betrieben werden. Dies ist vor allem in Bereichen
36
mit hohem Anteil an Büros oder gewerblicher oder nerstädtische Mischgebiete), sind daher besonders
industrieller Nutzung der Fall. Auch ein hohes empfindlich gegenüber Überschwemmungen, wäh-
Verkehrsaufkommen sorgt durch den Einsatz von rend bei anderen Gebieten leichter eine Resilienz
Verbrennungsmotoren für eine erhöhte Abwärme- gegenüber Überschwemmungen erreicht werden
produktion. Wohnnutzung hingegen erzeugt in den kann, wenn die Kellerbereiche z.B. lediglich als Ab-
mittleren Breiten bislang wenig Abwärme. Bei ei- stellflächen genutzt werden.
nem flächigen Einsatz von Klimaanlagen, wie in vie-
len südeuropäischen Ländern verbreitet, wird auch Mengenverteilung im Hamburger
in Wohngebieten Abwärme erzeugt. Der Indikator Stadtgebiet
Grünflächen wurde gewählt, da sich diese vielfach
auf die stadtklimatischen Aspekte auswirken. Nie- Zusätzlich zu den Faktoren, die sich aus den abstra-
derschlagswasser kann besser versickern und wird hierten, städtischen Strukturen ergeben, wurde er-
außerdem von den Pflanzen aufgenommen und mittelt, mit welcher Mengenverteilung die Struktur-
über die Blätter durch Transpiration abgegeben. typen im Hamburger Stadtgebiet repräsentiert sind
Zusätzlich wird auch Wasser auf der Oberfläche der bzw. welche Flächenanteile sie haben. Ein Struktur-
Vegetation zurückgehalten, von wo es verdunsten typ mit einem hohen Anteil am Hamburger Stadt-
kann. Ein hoher Anteil an Grünflächen mindert da- gebiet gewinnt an Relevanz, da dieser eine hohe
her die Gefahr von Überschwemmungen und trägt Zahl potentiell betroffener Nutzer mit sich bringt,
zum Erhalt oder zur Wiederherstellung des natürli- welche unter den negativen Folgen des Stadtklimas
chen Wasserkreislaufs bei (vgl. Köppel, 1995, S. 19). leiden. Demnach ist eine Anpassung in diesen Be-
Zudem mindern Grünflächen durch die Verduns- reichen von besonderem Interesse und wird dem-
tung und die Absorption von Sonnenstrahlung den entsprechend in dieser Arbeit, mit dem Fokus auf
Wärmeinseleffekt. Bäume verhindern durch ihren Hamburg, bei der Auswahl berücksichtigt.
Schattenwurf das Aufheizen der darunterliegenden
Flächen. Die Bewertung beruht auf einer Abschät- Neben der Untersuchung, welche bioklimatische
zung der Grünflächen in den jeweiligen Strukturty- Belastung aus den baustrukturellen Eigenschaften
pen auf Grundlage von Aussagen aus der Literatur. der Strukturtypen hervorgeht, werden auch lagebe-
Ein geringer Grünflächenanteil verstärkt die klima- dingte Faktoren betrachtet, denn oftmals entschei-
tische Belastung, ein hoher Anteil kann zu einer den die standörtlichen Bedingungen maßgeblich
Verbesserung führen. über die Vulnerabilität eines Raumes. Diese lage-
bedingten Faktoren gelten für alle Strukturtypen.
Sie sind also zusätzlich zu den strukturtypenspezi-
Intensive Nutzung der Erdgeschoss- oder fischen Faktoren zu betrachten.
Souterrain- bzw. Kellergeschosse

Als weiteres Bewertungskriterium wird die intensi-


ve Nutzung der Erdgeschoss- oder Souterrain- bzw.
Kellergeschosse herangezogen. Diese erhöht die
Vulnerabilität gegenüber Überschwemmungen, da
eindringendes Wasser hier besonders großen wirt-
schaftlichen Schaden verursachen kann. Gebiete,
die durch intensive Nutzung der unteren Geschosse

37 geprägt sind (wie z.B. Zentrumsbereiche oder in-


38
4.3 Lagebedingte Einflussfaktoren

Im Folgenden werden die identifizierten lagebe- bedingtes Hochwasser und Überflutungen im


dingten Einflussfaktoren vorgestellt. Insbesondere Stadtgebiet weisen vor allem Gebiete auf, die in
soll darauf eingegangen werden, wie die Faktoren Gewässernähe oder in einem Überschwemmungs-
sich auf die Strukturtypen und im Stadtgefüge aus- gebiet liegen. Auch Gebiete, die in Senken liegen,
wirken. sind gefährdet, wenn Niederschläge aus höher gele-
genen Arealen in das Gebiet ablaufen und sich das
Als erster lagebedingter Faktor wird die Gefähr- Wasser in der Senke staut. Hier ist auch kleinräumi-
dung durch Überhitzung betrachtet. Neben den ge Topografie von Bedeutung.
oben beschriebenen Gegebenheiten, die zum Ent-
stehen der städtischen Wärmeinsel beitragen, ist Die Vulnerabilität eines Gebiets bezüglich Hoch-
auch die Lage innerhalb des Stadtgebietes von Be- wasser- und Überflutungsereignissen ist auch ab-
deutung. Eine Gefährdung durch Überhitzung be- hängig von der Bebauung. Beispielsweise weisen
steht besonders in solchen Gebieten, die abseits von Gebiete mit kleinteiliger Bebauung und Gebäude-
Kaltluftentstehungsgebieten wie Grünanlagen oder höhen von ein bis zwei Geschossen in aufgelocker-
Wäldern liegen und auch selbst nur über einen ge- ter Struktur größere Vulnerabilität auf als mehrstö-
ringen Grünflächenanteil verfügen. Selbst wenn ein ckige Gebäude, da es weniger Möglichkeiten zur
Kaltluftentstehungsgebiet in der Nähe liegt, aber Evakuierung oder Sicherung in höher gelegenen
keine Möglichkeit des Frischlufttransports besteht, Geschossen gibt (vgl. Wurm, Taubenböck et al.,
ist die Gefahr der Überhitzung hoch. Durch die 2011, S. 357).
unterschiedliche Verortung im Stadtgebiet kann
sich so die Wärmebelastung baulich sehr ähnlicher Hamburg hat im Allgemeinen einen hohen Grund-
Quartiere deutlich unterscheiden. wasserstand. Das Grundwasser steht vielerorts be-
reits in 1–2 Metern Tiefe an, wobei es zu jahreszeit-

39 Eine besondere Gefährdung durch niederschlags- lichen Schwankungen kommen kann. Diese werden
sich mit Fortschreiten des Klimawandels und einer sen die Aufnahmekapazität des Siels nicht ausreicht
Verlagerung von Niederschlägen ins Winterhalb- und es zum Rückstau kommt. In diesem Fall kann
jahr vermutlich weiter verschärfen. In den ver- ungeklärtes Abwasser über die Vorfluter direkt in
gangenen Jahren wurden bereits an verschiedenen die Gewässer gelangen (siehe Kapitel Der städtische
Stellen das Auftreten von Stauwasserkörpern sowie Wasserkreislauf).
ein längerfristiger Anstieg des Grundwasserpegels
beobachtet. Gründe hierfür können in mangeln- Eine besondere Vulnerabilität kann auch bedingt
der Pflege der bestehenden Entwässerungssyste- sein durch die demografischen Faktoren eines Ge-
me (Gräben etc.), Häufung von Niederschlägen bietes. So sind Menschen der Altersklassen über
und einem Rückgang der Grundwasserförderung 65 Jahre und unter fünf Jahre besonders vulnera-
liegen. Somit können auch Bestandsgebäude von bel gegenüber Hitze (vgl. UN-Habitat, 2011, S. 78f,
Vernässung im Kellerbereich betroffen sein (vgl. 82f). Gebiete, die geprägt sind von einer sozial
BSU, 2007, S. 10). Durch die Verschiebung der Nie- schwachen Einwohnerstruktur, fallen ebenfalls un-
derschläge ins Winterhalbjahr kann es zu stärkeren ter die besonders vulnerablen Gebiete. Hier fehlen
Änderungen der Grundwasserspiegel kommen, auf auf der einen Seite die ökonomischen Mittel für die
die der Gebäudebestand nicht ausgelegt ist. Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen auch sei-
tens der Vermieter durch geringe Mieteinnahmen,
Hamburgs Stadtentwässerung verfügt über drei un- auf der anderen Seite ist die Aufklärung über und
terschiedliche Entwässerungssysteme. Im Misch- Sensibilität für das Thema Klimawandel als gering
system werden Schmutz- und Niederschlagswas- zu bewerten. Diese Gebiete sind im Gutachten
ser gemeinsam abgeleitet. Das Mischwassersiel hat Stadtklimatische Bestandsaufnahme und Bewer-
eine Länge von 1.200 km. Im Trennsiel gibt es ge- tung für das Landschaftsprogramm Hamburg als
trennte Rohre für Schmutzwasser (2.200 km) und Siedlungsflächen mit prioritärem Handlungsbedarf
Niederschlagswasser (1.700 km). Hinzu kommt in dargestellt und machen einen Großteil des inner-
den tiefliegenden Gebieten der Stadt, vor allem in städtischen Hamburger Siedlungsraums aus (vgl.
den Vier- und Marschlanden, in Francop und in Geo-Net Umweltconsulting GmbH, 2011, S. 50f).
Neuenfelde die Druckentwässerung. Hierbei wird Vorgehen bei der Bewertung
das Schmutzwasser über ein etwa 450 km langes
Druckentwässerungssystem mithilfe von Pumpen Anhand der vorgestellten Bewertungskriterien
abgeleitet. Eine Regenwasserkanalisation existiert kann für die Strukturtypen eine Aussage über die
in diesen Gebieten nicht, Niederschläge werden an stadtklimatische Betroffenheit abgelesen werden.
der Oberfläche über Gräben und Wettern abgelei- Jede Strukturtypenbeschreibung wird von einem
tet. Diagramm ergänzt, welches den Einfluss der ein-
zelnen Kriterien darstellt. Die Skala wird nicht mit
Das Mischsiel macht in Hamburg etwa ein Viertel Ziffern quantifiziert, sondern aufgrund der quali-
der insgesamt 5.500 km Sielnetz aus. Um Überläu- tativen Erhebung mit einem Spektrum „geringer
fe der Mischwassersiele bei starken Regenfällen zu Einfluss“ bis „starker Einfluss“ angegeben. Beson-
vermeiden, gibt es Transportsiele und Sammler mit ders betroffen von den Folgen des Klimawandels
Durchmessern von bis zu 4 Metern, sowie unter- sind demnach vor allem diejenigen Strukturtypen,
irdische Mischwasser-Rückhaltebecken, aus denen denen in vielen Bereichen ein „starker Einfluss“ at-
das Wasser, wenn das Siel wieder Wasser aufneh- testiert wird.
men kann, durch automatische Pumpen oder Ge-
fälle abgeleitet wird (vgl. Hamburg Wasser, www.
hamburgwasser.de, 2011a).

Eine Problematik entsteht insbesondere in misch-


besielten Bereichen, wenn bei Starkregenereignis-
40
5. Auswahl der
Strukturtypen
Aufbauend auf Definitionen der HCU, der BSU, tersuchung mit ein; ökologische Aspekte, wie z.B.
der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin Veränderungen der Lebensgemeinschaften, werden
u.a. wurde für diese Arbeit eine Eingrenzung auf allerdings nur marginal betrachtet. Vornehmlich
18 Strukturtypen des Hamburger Siedlungsraumes liegt der Fokus bei diesen Strukturtypen auf der
vorgenommen. Funktion als Ausgleichsflächen im Stadtraum. Ihre
spezifischen Vulnerabilitäten werden hier nicht im
Aufgrund der sehr kleinteiligen Aufschlüsselung Detail herausgestellt. Auch eignen sich die gewähl-
der Strukturtypen in der Kartieranleitung und Bio- ten Bewertungskriterien nicht zur Bewertung von
topenschlüssel für die Biotopkartierung in Hamburg Freiräumen, bzw. werden deren spezifische Vulne-
und der gegensätzlich sehr groben Aufteilung der rabilitäten durch die gewählten Bewertungskriteri-
Stadtklimatischen Bestandsaufnahme und Bewer- en nicht ausreichend erfasst.
tung für das Landschaftsprogramm Hamburg wurde
ein Kompromiss gewählt, welcher die Vorarbeiten Die untersuchten Strukturtypen lassen sich, wie
der HCU im Rahmen von KLIMZUG-NORD mit auch im HCU-Arbeitspapier, in die fünf Oberka-
einbezieht und die 18 für den Siedlungsraum iden- tegorien Wohnbebauung, Kern- und Mischgebie-
tifizierten Strukturtypen zusammenfasst. te, Gewerbe und Einzelhandel, städtische Sonder-
flächen und Freiflächen unterteilen (vgl. Gruss et.
Die Fokussierung auf den städtischen Siedlungs- al, 2010). Um einen Überblick über die Charakte-
raum erfolgt vordergründig aufgrund der stadt- ristika der zur Untersuchung stehenden Struktur-
klimatischen Folgen des Klimawandels, die in den typen zu erhalten, werden diese im Folgenden in
baulich geprägten Bereichen besonders stark in Steckbriefen vorgestellt. In einer kurzen Zusam-
Erscheinung treten. Nicht Inhalt dieser Betrach- menschau werden die Bau- und Freiraumstruktur
tung sind dementsprechend ländlich oder land- zusammengefasst. Den zugeordneten Übersich-
wirtschaftlich geprägte Strukturen sowie Waldflä- ten können Rahmendaten der Strukturtypen, wie
chen außerhalb des inneren Stadtbereiches. Die Versiegelungsgrad, Grundflächenzahl (GRZ), Ge-

41 Strukturtypen Parkanlage und Freiflächen fließen


als innerstädtische Flächentypologien in die Un-
schossflächenzahl (GFZ) und der Anteil am Ham-
burger Stadtgebiet entnommen werden.
Grundflächenzahl
Die Grundflächenzahl gibt den Anteil eines Grundstücks an, der bebaut werden darf. Dabei wird die
Grundfläche des Gebäudes durch die Grundstücksfläche dividiert. GRZ = 1 bedeutet also, dass das
Gebäude exakt die Grundfläche des Grundstücks hat (BSU, www.hamburg.de).

Geschossflächenzahl
Die Geschossflächenzahl gibt an, wie viele Quadratmeter Geschossfläche je Quadratmeter Grund-
stücksfläche gebaut werden dürfen. Bei einer GFZ von 1,5 und einem 100 qm großen Grundstück
wären 1,5 * 100 qm = 150 qm Geschossfläche zulässig. Diese könnten beispielsweise in drei Ge-
schossen mit je 50 qm Fläche realisiert werden (BSU, www.hamburg.de).

Einfamilienhaus
Villa
Freistehende Wohngebäude
Wohngebiete Reihen- und Mehrfamilienhäuser
Reihenhaus
Ehem. Arbeitersiedlung

Geschosswohnungsbau Blockrand
Zeile
Großwohnsiedlung

Kern- und Stadt- und Stadtteilzentren


Mischgebiete Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet

Gewerbe und Gewerbegebiete


Einzelhandel Bürostandort

Verkehrsfläche
Städtische Flächen der Ver- und Entsorgung
Sonderflächen Gemeinbedarf
Wochenendhäuser

Parkanlage
Freiräume Gewässer
Stadtplatz/ Promenade
2-2: Einteilung der 18 Strukturtypen in die fünf Oberkategorien Wohngebiete, Kern- und Mischgebiete, Gewerbe und
Einzelhandel, Städtische Sonderflächen und Freiräume. Die Wohngebiete bilden die größte Gruppe und lassen sich weiter
unterteilen in Gebiete mit freistehenden Einzelhäusern, Reihen- und Mehrfamilienhäusern sowie Geschosswohnungsbau.
42
5.1a EINFAMILIENHäUSer

2-3

28%
Versiegelungsgrad 30-50 %
GRZ 0,1-0,2
GFZ 0,1
Geschosse 1-3
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung kleinteilig, offen
typische Besitzver- heterogene Eigentü- 2-4

43 hältnisse
Tabelle 2-1
merstruktur
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-5

Unter diesem Strukturtyp werden verhältnis- Die stadtklimatische Belastung in diesem Struk-
mäßig kleine, einzeln stehende Wohngebäude turtyp ist als gering einzustufen. Keiner der Be-
mit entsprechendem Gartengrundstück zu- wertungskriterien zeigt einen eklatanten Aus-
sammengefasst. Die Gebäude orientieren sich schlag. Im Hinblick auf die Flächenverteilung
vorwiegend mit einem Vorgarten entlang einer im Hamburger Stadtgebiet zeigt sich eine hohe
Erschließungsstraße. Im Innenbereich des Bau- Relevanz. Mit 28 % Flächenanteil am bebauten
blocks mit außen liegenden Einfamilienhäusern Hamburger Stadtgebiet ist dieser Strukturtyp
entsteht ein großer Freiraum, der aber durch in Hamburg am meisten repräsentiert. Der An-
Hecken und Zäune stark in einzelne Gartenbe- teil an allen betrachteten Strukturtypen beträgt
reiche segmentiert ist. Die Grünflächen sind oft 13 %.
intensiv gepflegt und es ist wenig Spontanvegeta-
tion vorhanden. Neben dem Wohngebäude sind Die nebenstehende Karte zeigt die Verteilung
auf den Grundstücken oft weitere kleinere Ge- des Strukturtyps Einfamilienhäuser im Ham-
bäude wie Schuppen und Garagen vorhanden. burger Stadtgebiet. Auffällig ist der große Anteil
Häufigste Dachform ist das Satteldach. dieses Strukturtyps sowie die Konzentration in
den äußeren Stadtbereichen.
Seit den 50er Jahren werden die Blockinnenräu-
me vermehrt durch Nachverdichtung bebaut.
Die Gebäude verfügen meist über zwei Geschos-
se, wobei das Obergeschoss häufig schon teil-
weise dem Dach zuzuordnen ist (vgl. BSU, 2011,
S. 306; Hanschke, Beddig, 2005, S. 17f; Sukopp,
Wittig, 1998, S. 331, Milošovičová, 2010, S. 78).

44
5.1b VILLen

2-6

2%
Versiegelungsgrad 10-20 %, Stadtvillen
40-50 %
GRZ 0,1-0,2
Geschosse 2-4
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung offen
typische Besitzver- heterogene Eigentü-

45 hältnisse
Tabelle 2-2
merstruktur 2-7
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-8

Der Strukturtyp Villa umfasst Siedlungsbereiche aufgrund der Gebäudegröße kleiner und wird
mit Villen und Mietvillen, häufig aus der Grün- optisch offen gehalten. Im Garten finden sich
derzeit. In Baulücken finden sich oft Gebäude z.T. Gemüse- und Blumenbeete, es dominieren
späterer Baustile. Häufige Dachformen sind Sat- aber baumbestandene Rasenflächen mit oft al-
teldach oder Mischformen aus Sattel- und Flach- ten Beständen. Die Bebauung ist häufig zwei- bis
dach. viergeschossig und mit hohen Deckenhöhen
ausgestaltet (vgl. BSU, 2011, S. 306; Hansch-
Villen verfügen im Vergleich zu Einfamilien- ke, Beddig, 2005, S. 17f; Sukopp, Wittig, 1998,
hausgebieten über größere Grundstücke und S. 329f; Milošovičová, 2010, S. 77).
Gebäudevolumen. Die Gärten werden für Frei-
zeitaktivitäten genutzt, z.T. werden Ziergärten Die stadtklimatische Belastung ist auf einem Ni-
oder Obst- und Gemüseanbau kultiviert. Die veau mit dem Strukturtyp Einfamilienhäuser als
Häuser sind häufig mit einheitlich breiten Vor- gering einzustufen. Mit einem Anteil von 2 % am
gärten in einer Bauflucht angeordnet. Teilweise baulich geprägten Hamburger Stadtgebiet (1 %
ist der Villa auch ein parkartiges Gelände vor- Anteilan den betrachteten Strukturtypen) weist
gelagert. Im Blockinnenraum befindet sich wie er auch bei diesem Bewertungskriterium eine
beim Einfamilienhaus ein großer Freiraum, der niedrige Relevanz auf.
durch Gebüsch, altes Mauerwerk, z.T. auch alte
Backsteingebäude (ehem. Schuppen oder auch Die Karte zeigt die Verteilung von Villen in
Waschhäuser) unterteilt ist. Alte Gebäude sind Hamburg. Auffallend ist Konzentration entlang
oft mit Wein oder Efeu bewachsen. der Alster und am Elbhang, sowie südlich der
Elbe.
Bei Mietvillengebieten ist der Blockinnenraum

46
5.1c REIHENHäUSer

2-9

Versiegelungsgrad 50-60 %
6%
GRZ 0,2-0,4
GFZ 0,4
Geschosse 1-3
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung kleinteilig, zeilenförmig
typische heterogene Eigentü-
Besitzverhältnisse merstruktur, private Ei-
gentümer oder Genos-
47 Tabelle 2-3
senschaften 2-10
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-11

Der Strukturtyp Reihenhaus umfasst, oft ho- tung festzustellen. Die Baustruktur kann eine
mogen gestaltete, Reihenhaussiedlungen mit Durchlüftung stören und der Versiegelungsgrad
verhältnismäßig geringer Bauhöhe. Den Ge- von 50 bis 60 % wirkt sich negativ auf das Ab-
bäuden zugeordnet sind relativ kleine, schmale flussverhalten aus. Der Anteil am baulich ge-
Grundstücke, die von den Bewohnern genutzt prägten Hamburger Stadtgebiet beträgt 6 % (3 %
und gestaltet werden. Bei alten Beständen gibt Anteil an allen untersuchten Strukturtypen) und
es teilweise auch lange schmale Grundstücks- hat somit eine niedrige Mengenrelevanz.
zuschnitte, die eine Selbstversorgung der Be-
wohner mit Obst und Gemüse ermöglichten. Die in der nebenstehenden Karte dargestellte
Abhängig vom Baualter finden sich in diesem Verteilung in Hamburg ähnelt der der Einfami-
Strukturtyp Flach- oder Satteldächer. lienhäuser und bezieht sich meist ebenfalls auf
die äußeren Stadtbereiche.
Die Gebäude stehen entweder in einer Bauflucht
oder gestaffelt an Stichstraßen oder Zufahrtswe-
gen. Durch die Ausrichtung am Blockrand ent-
stehen auch hier zusammenhängende Freiräu-
me im Blockinnern. Die Gebäude sind meist in
ein- bis dreigeschossiger Bauweise errichtet (vgl.
BSU, 2011, S. 306; Hanschke, Beddig, 2005, S. 13;
Sukopp, Wittig, 1998, S. 318–358).

Bei dem betrachteten Strukturtyp ist in einigen


Bereichen eine mittlere stadtklimatische Belas-

48
5.1d EHEMALIGE ARBEITERSIEDLUNG

2-12

weniger als

Versiegelungsgrad 50-60 %
1%
GRZ 0,4-0,6
Geschosse 2-4
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung zeilenförmig, offen
typische Besitzver- heterogene Eigen-
hältnisse tümerstruktur, Woh-
nungsgesellschaften
oder -genossenschaf-

49 Tabelle 2-4
ten 2-13
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-14

Als Strukturtyp ehemalige Arbeitersiedlungen es abschließende Querbauten mit Nahversor-


werden hier vor allem Quartiere in Zeilenbau- gungseinrichtungen. Vorherrschende Dachform
weise der 1910er bis 1940er Jahre betrachtet. In ist das Satteldach bei einer durchschnittlichen
Hamburg ist Backstein das dominante Material. Höhe von etwa drei Geschossen (vgl. BSU, 2011,
Viele Schumachersiedlungen1 können diesem S. 307; Hanschke, Beddig, 2005, S. 307; Sukopp,
Strukturtyp zugeordnet werden. Die Gebäude Wittig, 1998, S. 318–358).
sind parallel, oft streng geometrisch angeordnet,
der Freiraum zwischen den Gebäuden ist lang Eine mittlere stadtklimatische Belastung ist in
und schmal und zur Seite hin geöffnet. Oft gibt diesem Strukturtyp bei der Grünflächenversor-
es private Gärten, die von den Bewohnern ge- gung, dem Versiegelungsgrad und aufgrund der
staltet und gepflegt werden, sowie halböffentli- Baustruktur auch bei der Belüftung abzulesen.
che, gepflegte Grünräume zwischen den Gebäu- Mit einem Anteil von 1 % ist dieser Strukturtyp
den mit teilweise altem Baumbestand. Leitmotiv nur gering im Hamburger Stadtgebiet reprä-
ist Licht – Luft – Sonne. Die Erschließung erfolgt sentiert.
von der sonnenabgewandten Seite, so dass die
sonnenzugewandte Seite ganz für Wohnberei- In der Karte wird der geringe flächenmäßige
che genutzt werden kann. Oft gibt es Balkone Anteil am Stadtgebiet deutich. Zudem ist eine
oder Loggien, diese sind teilweise auch begrünt ringförmige Konzentration entlang des Ring 2
oder mit Efeu und anderen Kletterpflanzen be- ablesbar.
wachsen. Die Übergänge zur Blockbebauung
sind teilweise fließend, an einigen Stellen gibt
1 von Fritz Schumacher (Baudirektor in
Hamburg von 1909 – 1933) entworfene/  erbaute
Siedlungen
50
5.1e BLOCKRANDBEBAUUNG

2-15

6%
Versiegelungsgrad 50-80 %
GRZ 0,4-0,6
GFZ 1
Geschosse 3-6
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung geschlossen
typische Besitzver- heterogene Eigen-
hältnisse tümerstruktur, Woh-
nungsgesellschaften
oder -genossenschaf-

51 Tabelle 2-5
ten 2-16
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-17

Dieser Strukturtyp wird definiert durch diesen Typus, wenn sie von ihrer Blockstruktur
Blockrandbebauungen unterschiedlicher Bau- einem geschlossenen Block nahekommen (vgl.
altersklassen. Diese finden sich meist im inner- BSU, 2011, S. 307f; Hanschke, Beddig, 2005 [Sei-
städtischen Bereich und zeichnen sich durch tenzahl?]; Sukopp, Wittig, 1998, S. 325).
eine hohe bauliche Dichte aus. Häufig sind
kleinere Vorgärten vorhanden, welche meist Bezüglich der stadtklimatischen Belastung zei-
von der Hausverwaltung gepflegt werden. Die gen einige Bewertungskriterien einen hohen
Primärnutzung Wohnen wird durch kleinere Wert. Demnach verursacht die Gebäudehö-
Einzelhandelsgewerbe mit Gütern für den täg- he einen niedrigen Sky-View-Faktor und eine
lichen Bedarf ergänzt. Bewohner können In- eingeschränkte Belüftung. Des Weiteren ist ein
nenhöfe (meist gemeinsam) nutzen. Häufig sind hoher Versiegelungsgrad von 50 bis 80 % und
die Innenhöfe als Gärten gestaltet und begrünt. eine niedrige Grünraumversorgung festzustel-
Ebenso können die Innenhofbereiche aber auch len. Der Strukturtyp ist mit 6 % im Hamburger
stark versiegelten Charakter haben, z.B. wenn sie Stadtgebiet recht gering repräsentiert. Der Anteil
als Stellplatzfläche genutzt werden. Häufig sind an allen betrachteten Strukturtypen beträgt 3 %.
Straßenbäume und bepflanzte Baumscheiben
vorhanden. Die Blockrandbebauung entstand Die nebenstehende Karte zeigt die Verteilung in
vielfach in der Gründerzeit ab Ende des 19. Jahr- Hamburg. Auffällig ist die Konzantration im in-
hunderts und wurde seitdem kontinuierlich wei- neren Stadtbereich nördlich der Elbe.
ter umgesetzt. Vorherrschend sind Dachmisch-
formen mit Flachdachanteil, die Geschosshöhen
liegen, abhängig vom Baualter, bei drei bis etwa
sechs Geschossen. Auch Stadthäuser fallen unter

52
5.1f ZEILE

2-18

10%
Ve r s i e g e l u n g s - 60-70 %
grad
GRZ 0,2-0,3
Geschosse 4-6
Nutzung Wohnnutzung
Art der Bebauung zeilenförmig, offen
typische Besitz- heterogene Eigentü-
verhältnisse merstruktur, Wohnungs-
geselschaften und -ge-
nossenschaften, häufig

53 Grundstücksübergreifend 2-19
Tabelle 2-6
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-20

Mit 10 % ist dieser Strukturtyp recht stark im


baulich geprägten Hamburger Stadtgebiet reprä-
sentiert, der Anteil an allen betrachteten Struk-
turtypen beträgt 5 %.

In der Karte zeigt sich deutlich, wie sich die Be-


bauung auf große Teile der Stadt verteilt. Dies
liegt in der Bauzeit begründet, da die Zeilenbe-
bauung ein dominanter Bautyp des Wiederauf-
baus nach dem 2. Weltkrieg war.

54
5.1g HOCHHÄUSER/
GROSSWOHNSIEDLUNGEN

2-21

Versiegelungsgrad 60-70 %
GRZ 0,3
GFZ 0,8
Geschosse 4-1ß+
Nutzung Wohnnutzung (teilwei-
se Elemente mit Zent-

1%
renfunktion)
Art der Bebauung Blockrand, Solitäre,
teils offen, teils ge-
schlossen
typische Besitzver- teils heterogene, teils
hältnisse homogene Eigentü-
merstruktur; (städ-
tische) Wohnungs-
gesellschaften und
-genossenschaf ten,
häufig Grundstücks-

55 Tabelle 2-7
übergreifend 2-22
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-23

Die Siedlungskomplexe wurden vornehmlich in S. 309; Hanschke, Beddig, 2005, S. 12f; Sukopp,
den 60ern und 70er Jahren errichtet und lassen Wittig, 1998, S. 325ff).
sich durch Punkthochhäuser, Hochhausketten Die stadtklimatische Belastung dieses Struktur-
oder Zeilenketten charakterisieren. Zwischen typs liegt gemäß den Bewertungskriterien im
den Gebäuden finden sich meist offene, ausge- mittleren bis hohen Bereich. Insbesondere in
dehnte Abstandsfreiflächen. Diese sind teilweise den Bereichen Sky-View-Faktor, Belüftung und
pflegeextensiv mit Rasenflächen und einzelnen Grünflächenversorgung können Belastungen
Bäumen gestaltet, teilweise auch intensiver und angenommen werden. Aber auch der Versiege-
attraktiver ausgestaltet. Insbesondere bei der lungsgrad ist mit 60 bis 70 % hoch. Mit einem
intensiveren Ausgestaltung ergeben sich unter Anteil von 1 % ist dieser Strukturtyp nur gering
Einbeziehung von z.B. Spielflächen und raum- im Hamburger Stadtgebiet repräsentiert.
bildenden Gehölzpflanzungen unterschiedliche
Aufenthaltsräume. Die Stellplatzflächen sind Wie in der nebenstehenden Karte zu erkennen
meist zentral organisiert. Die Gebäude weisen ist, konzentriert sich der Strukturtyp Hochhäu-
nicht unbedingt einen Bezug zur Straßenfüh- ser/ Großwohnsiedlung auf einige Standorte, die
rung auf. In größeren Siedlungen gibt es häufig teilweise große Flächen einnehmen.
einen Zentrumsbereich mit Nahversorgungsein-
richtungen und sozialer Infrastruktur wie Schu-
len und Kindergärten. Besonders charakteris-
tisch sind die großen Gebäudehöhen von mehr
als acht Geschossen. Meist finden sich zur Inte-
gration in die umgebende Bebauung niedrigere
Gebäude an den Gebietsrändern (vgl. BSU, 2011,

56
5.2a Stadt-/StadtteilZentrum

2-24
Versiegelungsgrad 80-90 %
GRZ
GFZ
0,8-1
3,4 1%
Geschosse 5-7
Nutzung vielfältig: Dienstleis-
tungen, Einzelhandel,
Büro etc.
Art der Bebauung geschlossen, stark ver-
dichtet, fast vollstän-
dig überbaut
typische Besitzver- heterogene Eigentü-

57
hältnisse merstruktur 2-25
Tabelle 2-8
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-26

Der Strukturtyp Stadtteilzentren wird als dich- Der Strukturtyp weist in allen betrachteten Be-
te, geschlossene Bebauung im Innenstadtbereich wertungskriterien eine hohe stadtklimatische
und in den Stadtteilzentren, mit einem hohen Belastung auf. Der hohe Versiegelungsgrad, die
Anteil an Büro-, Verwaltungs- und Einzelhan- hohe Geschosszahl und die gemischte Nutzung
delsnutzungen, Kaufhäusern und Passagen defi- lassen auf eine hohe Vulnerabilität schließen.
niert. In vereinzelter Form tritt auch Wohnnut- Im Siedlungsraum ist in diesem Strukturtyp die
zung auf. Die Blöcke sind meist zum Großteil höchste klimatische Belastung anzunehmen. Mit
überbaut, es gibt nur einen sehr geringen Anteil einem Anteil von 1 % am Hamburger Stadtgebiet
an Grünflächen, meist in Form von Straßenbäu- ist er jedoch nur sehr gering repräsentiert.
men oder Kübelpflanzungen. Die meisten Frei-
flächen sind weitestgehend versiegelt und werden Wie der Name besagt findet sich der Struktur-
als Stellplatzflächen für Mitarbeiter, Kunden und typ Stadt-/ Stadtteilzentrum auf das Hamburger
Anlieferung oder als Fußgängerzonen genutzt. Stadtzentrum, sowie auf die Zentren einzelner
Die Bebauung umfasst historische Bausubstanz, Stadtteile.
gründerzeitliche Bebauung, Kontorhäuser, Spei-
chergebäude bis hin zu Bürohochhäusern, mit
mindestens drei Geschossen. Die Dachform
wird von Flachdächern und Kombinationen von
Flach- und Satteldächern dominiert (vgl. BSU,
2011, S. 309; Hanschke, Beddig, 2005, S. 22; Su-
kopp, Wittig, 1998, S. 318, 323f; Milošovičová,
2010, S. 77).

58
5.2b Innerstädtische Wohn- und
Mischgebiete

2-27

Versiegelungsgrad 70-90 %
GRZ 0,6
GFZ
Geschosse
1,5
4-6 3%
Nutzung vielfältig: Wohnnut-
zung, Gewerbe, Einzel-
handel, Dienstleistun-
gen
Art der Bebauung geschlossen, hohe
Dichte
typische Besitzver- heterogene Eigentü-
hältnisse merstruktur, kleinteilig,

59 meist je Grundstück 2-28


Tabelle 2-9
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-29

Dieser Strukturtyp umfasst Gebiete mit ge- S. 309; Hanschke, Beddig, 2005, S. 22f; Sukopp,
schlossener Blockrandbebauung und gemisch- Wittig, 1998, S. 318; Milošovičová, 2010, S. 77).
ter Nutzung. In den Obergeschossen befinden Im Hinblick auf die stadtklimatische Belas-
sich meist Wohnungen, das Straßenbild ist aber tung spiegelt sich die dichte Bebauungsform
geprägt von der gewerblichen Nutzung in den dieses Strukturtyps deutlich in der Darstellung
Erdgeschoss- bzw. Souterrainbereichen. Die der Bewertungskriterien wider. Demnach sind
Gebäude wurden mehrheitlich in der Gründer- insbesondere in den Bereichen Durchlüftung,
zeit erbaut. Durch Zerstörungen der Weltkriege Grünflächenversorgung, Sky-View-Faktor und
kann das Baualter der Gebäude in einigen Quar- Versiegelung klimatische Probleme zu erwarten.
tieren aber auch stärker variieren. Meist handelt Des Weiteren führt die intensive Nutzung des
es sich um drei- bis fünfgeschossige Gebäude mit EG bzw. Souterrainnutzung zu einer erhöhten
häufigen Kombinationen von Sattel- und Flach- Vulnerabilität. Mit 3 % ist dieser Strukturtyp ge-
dach. Eine Ausnahme bildet die kleinteiligere, ring im baulich geprägten Hamburger Stadtge-
gemischt genutzte Altstadtbebauung, die häufig biet repräsentiert (1 % aller betrachteten Struk-
vor 1880 entstand und ebenfalls diesem Struk- turtypen).
turtyp zugeordnet wird. Häufig sind auch die
Blockinnenräume bebaut, teilweise mit Wohn- Wie die Karte zeigt konzentrieren sich die Inner-
gebäuden, vielfach aber auch mit Schuppen, städtischen Wohn- und Mischgebiete vor allem
Garagen und gewerblich genutzten Gebäuden. auf den Bereich nördlich der Elbe und westlich
Charakteristisch für diesen Strukturtyp sind der Alster. Auch südlich der Elbe, im Bereich
auch die stark ausgeprägten Straßenschluchten Bergedorfs sowie östlich der Elbe gibt es verein-
durch die hohe Bebauung und die vergleichswei- zelze Bereiche dieses Strukturtyps.
se engen Straßen. Vereinzelt finden sich kleinere
Grünanlagen und Stadtteilplätze (vgl. BSU, 2011,

60
5.3a Gewerbe

2-30

Versiegelungsgrad 80-100 %
GRZ
GFZ
0,6-0,8
1,5 15%
Geschosse -
Nutzung Gewerbe, Industrie,
Lager, Logistik, Einzel-
handel
Art der Bebauung große Bauvolumina,
relativ offen
typische Besitzver- heterogene Eigentü-
2-31
61 hältnisse
Tabelle 2-10
merstruktur
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-32

Im Strukturtyp Gewerbegebiet sind sämtliche In- Gewerbe kann es zu spezifischen Belastungen


dustrie- und Gewerbegebiete zusammengefasst. des Bodens kommen (vgl. BSU, 2011, S. 309f;
Hierzu zählen Gebäude- und Flächenkomplexe, Hanschke, Beddig, 2005, S. 23f; Sukopp, Wittig,
die als Produktions-, Lager-, Verkaufs- oder Um- 1998, S. 318, 333f; Milošovičová, 2010, S. 78).
schlagfläche genutzt werden, aber auch Fabrika-
reale mit häufig großen und miteinander wenig Im Bezug auf die stadtklimatische Belastung
verträglichen Nutzungen wie Raffinerien oder sind der geringe Grünflächenanteil sowie die in-
Ölmühlen. Außerdem werden auch großmaß- tensive Erdgeschossnutzung besonders auffällige
stäbliche Einzelhandelsflächen, wie Möbelhäuser Problemfelder. Aber auch der hohe Versiege-
oder Baumärkte und Tankstellen, diesem Struk- lungsgrad sowie die Abwärmeproduktion lassen
turtyp zugeordnet. Charakteristisch für die Bau- in diesem Strukturtyp auf eine hohe Belastung
struktur sind die großen Hallenbauwerke und schließen. Mit einem Anteil von 15 % ist dieser
Spezialbauwerke des verarbeitenden Gewerbes. Strukturtyp des Weiteren stark im baulich ge-
Ergänzt werden diese durch Verwaltungs- und prägten Hamburger Stadtgebiet repräsentiert.
Bürobauten. Flachdächer dominieren die Dach- Der Anteil an allen betrachteten Strukturtypen,
form dieses Strukturtyps. Wohnnutzungen kom- inkl. Parkanlagen und Gewässern, beträgt 7 %.
men lediglich in Einzelfällen in alten Gewerbe-
gebieten vor. Die Freiflächen sind überwiegend Auffällig ist die Konzentration der Gewerbege-
in hohem Grade versiegelt. Ausnahmen bilden biete im Bereich des Hafens, wie der nebenste-
häufig kleine, intensiv gepflegte Grünanlagen henden Karte zu entnehmen ist.
und Gehölzpflanzungen. Auf Brachflächen und
in Straßenrandbereichen kommt auch naturna-
he Vegetation vor. Abhängig von dem ansässigen

62
5.3b Büro

2-33

Versiegelungsgrad 70-90 %
GRZ 0,5-0,8 weniger als

1%
GFZ 1,8
Geschosse 5-10+
Nutzung Büro
Art der Bebauung häufig hohe Bebau-
ung, ausdifferenzierte
Baukörper, uneinheit-
lich
typische Besitzver- heterogene Eigentü-
2-34
63 hältnisse
Tabelle 2-11
merstruktur
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-35

Kennzeichnend für diesen Strukturtyp sind mo-


nostrukturelle Büro- und Verwaltungsstandorte Die stadtklimatische Belastung dieses Struk-
mit großen Bauvolumina und großen versiegel- turtyps liegt gemäß den Bewertungskriterien
ten Stellplatzflächen. Meist beschränkt sich die im mittleren bis hohen Bereich. Insbesondere
Nutzung der Gebäude und umgebenden Flä- in den Problemfeldern Versiegelungsgrad, Sky-
chen auf die Geschäftszeiten. Neben der sehr View-Faktor und Anteil an Grünflächen sind
dominanten Büro- und Verwaltungsnutzung hohe Belastungen abzusehen. In den Bereichen
finden sich in diesem Strukturtyp üblicherweise Durchlüftung, Abwärmeproduktion und EG-
auch begleitende Nutzungen wie Gastronomie, bzw. Souterrainnutzung liegen die Werte im
Dienstleistung (Friseur, Schneiderei, Wäscherei mittleren Bereich. Der Strukturtyp ist mit unter
etc.), Sport u.Ä. Das Angebot beschränkt sich 1 % nur sehr gering im Hamburger Stadtgebiet
jedoch meist auf die Geschäftszeiten der Büros. repräsentiert.
Zwischen den Gebäuden erstrecken sich häufig
intensiv gepflegte Grünanlagen unterschied- Die nebenstehende Karte zeigt die Konzent-
licher Ausdehnung. Die Gebäude sind archi- ration des Strukturtyps Büro auf einige weni-
tektonisch sehr vielfältig gestaltet und meist ab ge Standorte, z. B. City Nord oder Hammer-
den 70er Jahren entstanden. Die Geschosshö- brook/ City Süd.
hen bewegen sich mehrheitlich im Bereich von
fünf bis mehr als zehn Geschossen. Die Dach-
landschaft ist geprägt von häufig großen Flach-
dächern (vgl. BSU, 2011, S. 311; Hanschke, Bed-
dig, 2005, S. 22,26; Sukopp, Wittig, 1998, S. 318;
Milošovičová, 2010, S. 78).

64
5.4a VERKEHRSFLÄCHE

2-36

Versiegelungsgrad Straße: 80-100 %


Bahnanlagen: 50-60 %
Flughafen: 40-50 %
11%
Geschosse - (hohe Hallenbauwer-
ke oder kleine 1-2-ge-
schossige Gebäude)
Nutzung Verkehrsflächen und
dazugehörige Bebau-
ung
Art der Bebauung Terminalgebäude
typische Besitzver- öffentlich 2-37

65 hältnisse
Tabelle 2-12
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-38

Unter dem Strukturtyp Verkehrsflächen sind die turen. Da die Versorgung der Stadt und ihre wirt-
großen Verkehrsinfrastrukturen zusammenge- schaftliche Leistung vom Funktionieren dieses
fasst. Dazu zählen Hauptstraßen, Bundesstraßen, Strukturtyps abhängig ist, muss er vor Schäden
Autobahnen, Gleisanlagen des Nah- und Fernver- durch bspw. Starkregenereignisse besonders ge-
kehrs, Flughäfen und Hubschrauberlandeplätze. schützt werden. Teilweise sind diese Flächen den
Außerdem Stellplätze und Rastplätze, Bahnhof- so genannten kritischen Infrastrukturen1 (vgl.
sareale und die dazugehörige Bebauung, Flug- Krings, 2011, S. 38f).
hafenterminals, Hangars und Depots. Bei Straßen
ist die Unterscheidung in Haupt- und Nebenstra- Stadtklimatische Belastungen sind bei diesem
ßen wichtig. Die großen, unter das Hamburger Strukturtyp insbesondere aufgrund der inten-
Hauptstraßennetz fallenden Straßen mit vier oder siven EG- bzw. Souterrainnutzung, des hohen
mehr Spuren werden dem Strukturtyp Verkehrs- Versiegelungsgrades und dem geringen Grünflä-
fläche zugeordnet, während Quartiers- und An- chenanteil zu erwarten. Aber auch die Belastung
liegerstraßen in dem jeweiligen Strukturtyp der aufgrund von Abwärmeproduktion rangiert im
Bebauung untergeordnet sind. Das gleiche gilt mittleren Bereich. Geringere Einschränkungen
auch für die Fuß- und Radwege. sind in den Bereichen Durchlüftung und Sky-
View-Faktor abzusehen. Der Strukturtyp hat ei-
Charakteristisch für Verkehrsflächen ist meist ein nen Flächenanteil von 11 % am baulich geprägten
sehr hoher Anteil versiegelter Flächen. Unter den Hamburger Stadtgebiet (5 % aller betrachteten
einzelnen Verkehrsträgern gibt es allerdings deut- Strukturtypen).
liche Unterschiede. Innerhalb des Strukturtyps
gibt es sowohl angelegte und intensiv gepflegte als Die Karte zeigt die Verkehrsflächen in der Stadt,
auch extensivierte Flächen mit spontaner Vegeta- besonders auffällig ist das Gelände des Flughafens
tion und wenig bis keiner Pflege. Im letzteren Fall im Norden der Stadt.
erfolgt ein Eingriff oftmals ausschließlich, wenn
die Funktion des Verkehrsträgers beeinflusst oder
gefährdet wird (vgl. BSU, 2011, S. 312ff; Hansch- 1 Kritische Infrastruktur (KRITIS): Definition
nach BMI: „Organisationen und Einrichtungen mit
ke, Beddig, 2005, S. 31ff; Sukopp, Wittig, 1998,
wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen,
S. 318, 334ff; Milošovičová, 2010, S. 78). bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig
wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen
Hervorzuheben ist die Bedeutung der Verkehrs- der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische
Folgen eintreten würden“ (BMI 2009, S. 3)
flächen für das Funktionieren städtischer Struk-
66
5.4b Flächen der Ver- und
Entsorgung

2-39

Versiegelungsgrad variierend, meist 40-


70 %
3%
Geschosse -
Nutzung Verkehrsflächen und
dazugehörige Bebau-
ung
Art der Bebauung kleinteilig, offen
typische Besitzver- öffentlich und privat
hältnisse (städtische Unterneh-

67 men) 2-40
Tabelle 2-13
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-41

Der Strukturtyp städtische Sonderflächen um- 344f). Auch diese Flächen zählen häufig zur kri-
fasst Standorte der Abfall-, Wasser- und Ener- tischen Infrastruktur (vgl. Krings, 2011, S. 38f).
giewirtschaft sowie Hafenanlagen. Dazu zählen Im Hinblick auf die stadtklimatischen Bewer-
unter anderem Deponien, Müllverbrennungs- tungskriterien weisen insbesondere der geringe
und Recyclinganlagen, Kompostieranlagen, Grünflächenanteil, die Abwärmeproduktion, der
Sondermüllverwertungsanlagen, Kläranlagen, Versiegelungsgrad sowie die intensive EG- bzw.
Wasserwerke, Kraftwerke, Umspannwerke, Souterrainnutzung auf eine hohe Belastung hin.
Strommasten und Windräder. Außerdem zählen Mit einem Anteil von 3 % am baulich geprägten
zu diesem Strukturtyp Hafen- und Schleusenan- Hamburger Stadtgebiet ist dieser Strukturtyp
lagen, Hebe- und Sperrwerke, Anleger, Kai- und nur gering repräsentiert. Der Anteil an allen be-
Umschlagflächen sowie Lagerhallen, Zollgebäu- trachteten Strukturtypen beträgt 1 %.
de, Gebäude der Hafenverwaltung und sonstige
Büro- und Verwaltungsgebäude, die zu den Ver- Die Flächen der Ver- und Entsorgung verteilen
und Entsorgungseinrichtungen gehören. Der sich über verschiedene Standorte, eine Konzent-
Versiegelungsgrad ist, abhängig von der konkre- ration ist im Bereich des Hafens erkennbar (sie-
ten Nutzung, sehr unterschiedlich. Häufig gibt he nebenstehende Karte).
es intensiv gepflegte Grünflächen mit Gehölzen,
aber auch naturnahe Grünflächen und Spon-
tanvegetation. Oft ist weniger als die Hälfte der
Fläche bebaut. Viele Bauwerke und Anlagen sind
sehr spezifisch für die entsprechende Nutzung
konzipiert (vgl. BSU, 2011, S. 310ff; Hanschke,
Beddig, 2005, S. 24; Sukopp, Wittig, 1998, S. 318,

68
5.4c Gemeinbedarfsflächen

2-42

8%
Versiegelungsgrad 60-70 % (starke Variati-
onen im Einzelfall)
Geschosse variierend, meist etwa
4 Geschosse
Nutzung öffentliche Einrichtun-
gen, soziale Infrastruk-
tur
Art der Bebauung Große Bauvolumina,
hoher Anteil an Er-
schließungsflächen
typische Besitzver- öffentliche und private 2-43

69 hältnisse
Tabelle 2-14
Träger
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-44

Zu diesem Strukturtyp zählen Bildungs- und Die stadtklimatische Belastung dieses Struktur-
Forschungseinrichtungen, Krankenhäuser, Pfle- typs liegt gemäß den Bewertungskriterien im
geheime, Kasernen, Kirchen und Gemeindehäu- mittleren Bereich. Lediglich die intensive EG-
ser, Schwimmbäder und ähnliche Nutzungen. bzw. Souterrainnutzung weist auf eine hohe Be-
Charakteristisch ist eine heterogene Bebauung lastung hin. Der Strukturtyp ist mit 8 % im bau-
mit meist großen Bauvolumina, die meist dem lich geprägten Hamburger Stadtgebiet vertreten.
Stil der jeweiligen Bauepoche entspricht. Die Der Anteil an allen betrachteten Strukturtypen
Gebäude sind oft in parkartige, intensiv gepfleg- beträgt 4 %.
te Grünanlagen eingebettet. Der Versiegelungs-
grad variiert mit der genauen Nutzung, in den Die Gemeinbedarfsflächen finden sich verteilt
meisten Fällen gibt es relativ große Erschlie- über das gesamte Stadtgebiet, wie die Karte ver-
ßungswege und Stellplatzanlagen. Nicht selten deutlicht.
finden sich Kleingewässer auf dem Gelände. Der
Grünflächenanteil ist neben der Nutzung auch
abhängig von der Lage im Stadtgebiet. In Stadt-
randlage sind die Grünflächen meist größer als
in innenstadtnaher Lage. Hier werden häufig
befestigte, platzartige Freiflächen angelegt (vgl.
BSU, 2011, S. 311; Hanschke, Beddig, 2005, S. 31;
Sukopp, Wittig, 1998, S. 318–358; Milošovičová,
2010, S. 78).

70
5.4d Kleingartenvereine/
Wochenendhäuser

2-45

6%
Versiegelungsgrad max. 30 %
Geschosse 1
Nutzung Freizeitnutzung, gärt-
nerische Nutzung
Art der Bebauung kleinteilig, offen
typische Besitzver- privat/ halböffentlich; 2-46

71 hältnisse
Tabelle 2-15
Vereine
DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss
2-47

Dieser Strukturtyp ist geprägt von intensiver tensive EG- bzw. Souterrainnutzung als Hand-
Begrünung, worunter auch ein hoher Anteil an lungsfeld identifizieren. Der Strukturtyp hat 6 %
Nutzpflanzen fällt. Der Versiegelungsgrad ist ge- Flächenanteil am baulich geprägten Hamburger
ring, Wege sind oft mit wassergebundenen De- Stadtgebiet (3 % aller betrachteten Strukturty-
cken oder Plattenbelägen befestigt. Neben den pen).
Lauben gibt es teilweise auch kleine Gewächs-
häuser oder Schuppen. Zwischen den Erschlie- Wie die Karte zeigt finden sich Kleingartenver-
ßungswegen ergibt sich meist ein zusammen- eine und Wochenendhäuser außerhalb der in-
hängender Freiraum, der durch Hecken, Zäune neren Stadt in größeren, zusammenhängenden
und Ähnliches stark segregiert ist. Flächen.

Zu dem Strukturtyp Wochenendhäuser/Klein-


gartenvereine zählen auch Campingplätze. Die
Bebauung ist hier nur sehr gering und umfasst
vordergründig die Wirtschaftsgebäude, sanitäre
Einrichtungen, Küchen u.Ä. Die einzelnen Stell-
plätze werden häufig durch Gehölzpflanzungen
getrennt (vgl. BSU, 2011, S. 303; Hanschke, Bed-
dig, 2005, S. 38f; Sukopp, Wittig, 1998, S. 318,
347; Milošovičová, 2010, S. 78).

Im Hinblick auf die stadtklimatische Belastung


lässt sich in diesem Strukturtyp lediglich die in-

72
5.5a Parkanlagen

2-48

5%

2-49

73
Der Strukturtyp Parkanlagen umfasst sämtliche Versiegelungsgrad dadurch aber dennoch bis zu
öffentliche, begrünte Freiflächen. Dazu zäh- 50 % erreichen; die Flächen können aber auch
len Volksparks, Landschaftsparks, botanische völlig unversiegelt sein. (vgl. BSU, 2011, S. 299ff;
Gärten, Freizeitparks, waldartige Parkanlagen, Hanschke, Beddig, 2005, S. 33ff; Sukopp, Wittig,
Friedhöfe und teilweise auch Obst- und Gemü- 1998, S. 318f, 346f; Milošovičová, 2010, S. 79).
segärten, Zier- und Schmuckgärten sowie Sport-
anlagen und Golfplätze. Parkanlagen sind weit- Der Strukturtyp Parkanlage nimmt 5 
% des
gehend unversiegelte Flächen mit einem hohen Hamburger Stadtgebietes ein.
Anteil an Vegetation. Sie dienen in erster Linie
der Erholung. Je nach Größe und Art der Anla- Die Karte zeigt die gleichmäßige Verteilung der
ge kann die Vegetation stark variieren. Sowohl Parkanlagen über das Stadtgebiet, insbedondere
ausgedehnte Rasenflächen als auch waldartige die baulich geprägten Bereiche. Gerade im inne-
Gehölzbestände können dominieren. Kleine An- ren Stadtbereich zeigen sich aber auch Lücken,
lagen sind häufig intensiv und ornamental aus- hier ist die Grünraumversorgung teilweise ver-
gestaltet und können repräsentative Funktionen besserungswürdig (vgl. auch S. 80–81, Vertei-
übernehmen. Bei Friedhöfen nehmen die Er- lung der Strukturtypen im Stadtgebiet).
schließungsflächen einen höheren Anteil ein. Bei
großen Anlagen kann es auch weniger intensiv
gepflegte Bereiche geben, in denen sich Habitate
entwickeln können. Die Versiegelung beschränkt
sich auf die Erschließungsflächen sowie auf klei-
nere Gebäude wie Kioske oder gastronomische
Einrichtungen. Bei kleineren Flächen kann der

74
5.5b Gewässer

2-50

Zu diesem Strukturtyp zählen sämtliche Gewäs-


ser wie Flüsse, Seen, Kanäle, Fleete und Teiche

9%
sowie die dazugehörigen Auen- und Uferberei-
che sowie natürliche und künstlich angelegte
Gewässer (vgl. BSU, 2011, S. 142ff; Hanschke,
Beddig, 2005, S. 42)

Im Hamburger Stadtgebiet beträgt der Anteil


dieses Strukturtyps 9 %.

Die Karte zeigt das Gewässernetz im Hamburger 2-51

75 Stadtgebiet.
5.5c Stadtplatz/Promenade

DURCHLÜFTUNG

SKY VIEW FAKTOR

ABWÄRME

VERSIEGELUNG

GRÜNFLÄCHEN

EG-/UG-NUTZUNG

geringer starker
stadtklimatischer stadtklimatischer
Einfluss Einfluss

2-52

Befestigte, öffentliche Freiflächen mit überloka-


ler Bedeutung werden unter dem Strukturtyp
Stadtplatz/Promenade zusammengefasst. Der
Versiegelungsgrad dieser Flächen ist im Durch-
schnitt sehr hoch. Genutzt werden die Flächen
z.B. als Veranstaltungs- oder Versammlungsplatz
für Freizeitnutzungen und Gastronomie, durch
ihre Größe können sie außerdem Aufgaben des
Frischlufttransports und Luftaustausches über-
nehmen. Teilweise sind gebaute Wasserflächen,
Wasserspiele oder Springbrunnen sowie Baum-
reihen vorhanden. Nicht zu diesem Strukturtyp
zählen Quartiersplätze und kleinere Freiflächen.
Diese werden dem umgebenden Strukturtyp
zugeordnet (vgl. Hanschke, Beddig, 2005, S. 36;
Milošovičová, 2010, S. 79).

76
Legende
efh
Einfamilienhäuser Abbildung 2-53: Verteilung
Villen der Strukturtypen im
Strukturtypen
villa
Hamburger Stadtgebiet
Reihenhäuser
reihe
Wald- und Landwirtschaftliche
ehemalige
arbeitersiedlung ArbeitersiedlungenFlächen
Blockrandbebauung
Wasserflächen und Uferbereiche
bloxkrand
Zeile
zeule
Dorf
Hochhäuser/Großwohnsiedlungen
großwohn
Freistehende Einfamilienhäuser - kleinteilig
Stadt-/Stadtteilzentren
zentrum
Innerstädtische
Freistehende Wohn- und Mischgebiete
Einfamilienhäuser - Villen
misch
Gewerbegebiete
gewerbe
Reihenhausgebiete
Bürostandorte
büro
Innerstädtische Wohngebiete - Zeile
Verkehrsflächen
verkehr
Flächen der Ver-
Innerstädtische
ver- und ent
und Entsorgung
Wohngebiete - Blockrand
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
gemeinbedarf
Zeilenbebauung
Wochenendhäuser/Kleingartenvereine
kleingarten
Hochhäuser,
ParkanlagenGroßwohnsiedlungen
Parkanlage

Stadt- und Stadtteilzentrum


Gewässer
Gewässer
Stadtplatz
Dörfliche Bebauung
Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete
sonstige Grünflächen
Gewerbegebiete
Bürostandort
Nutzung als Verkehrsfläche
sonstige Fläche
Flächen der Ver- und Entsorgung
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
Wochenendhäuser, KGV
Parkanlage, öffentliche Grünflächen

0
¯ 1 2 4 6 8
Kilometer

77
Abbildung 2-54, 2-55: Anteile der Strukturty-
pen am Hamburger Stadtgebiet, links mit Frei-
räumen, rechts ausschließlich baulich geprägte
Legende
Typologien (ohne Parkanlagen, Gewässer)

Strukturtypen
Wald- und Landwirtschaftliche Flächen Kleingartenvereine/
Wochenendhäuser
Parkanlagen Wasserflächen und Uferbereiche
Gemeinbedarf und
Einfamilienhäuser Sondernutzungen
Dorf Einfamilienhäuser

Freistehende Einfamilienhäuser - kleinteilig Flächen der Ver-


und Entsorgung
Gewässer Freistehende Einfamilienhäuser - Villen
Reihenhausgebiete Villen
Verkehrsflächen
Kleingartenvereine/ Innerstädtische WohngebieteReihenhäuser
- Zeile
Wochenendhäuser
ehemalige
Innerstädtische Wohngebiete Arbeitersiedlungen
- Blockrand
Bürostandort Villen
Gemeinbedarf und
Sondernutzungen Zeilenbebauung Blockrandbebauung
Reihenhäuser
Flächen der Ver- Hochhäuser, Großwohnsiedlungen
und Entsorgung
Stadt- und Stadtteilzentrum
Zeile
Gewerbegebiete ehemalige
Verkehrsflächen Arbeitersiedlungen
Blockrandbebauung
Innerstädtische Wohn-Hochhäuser/
und Mischgebiete
Bürostandort Großwohnsiedlung Wohn- und
Gewerbegebiete Stadt-/Stadtteilzentrum
Gewerbegebiete
Mischgebiet Zeile
Wohn- und Stadt-/Stadtteilzentrum Hochhäuser/
BürostandortMischgebiet Großwohnsiedlung

Nutzung als Verkehrsfläche


sonstige Fläche
Flächen der Ver- und Entsorgung
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
Wochenendhäuser, KGV

5.6 Verteilung der Strukturtypen im


Parkanlage, öffentliche Grünflächen

Hamburger Stadtgebiet

Die Karte (Abbildung 2-53) zeigt die Verteilung der


beschriebenen Strukturtypen im Hamburger Stadt-
gebiet. Deutlich zu erkennen sind die in Kapitel Das
Hamburger Stadtklima: Geografische und stadtstruk-
turelle Einflussfaktoren beschriebene Konzentration
der Siedlungsbereiche entlang der Geesthänge, die
dünn besiedelten Marschbereiche (hellgrün, sonsti-
ge Grünflächen) und die Konzentration von Hafen-
und Gewerbeflächen entlang der Elbe und auf den
Elbinseln. Erkennbar ist auch der große Anteil an
Einfamilienhausgebieten, die 28 % des baulich ge-
prägten Hamburger Stadtgebiets ausmachen (vgl.
Abb. 2-55, oben rechts). Auch ist erkennbar, dass
einige Strukturtypen zwar keinen flächenmäßig

¯
großen Anteil am Siedlungsraum bilden, sich aber
ausschließlich in den innerstädtischen Bereichen
befinden. Deutlich wird auch, dass im Innenstadt-
bereich mit den sehr dicht bebauten Strukturtypen
keine großen0 Grünflächen
1 2 4 vorhanden
6 sind,
8 die die
Kilometer
Bewohner als Erholungsfläche nutzen können.

78
4 4

5.7 Betroffenheit der Strukturtypen

3 3
Aufgrund der baulichen und strukturellen Eigen- Bewertungsgrafik (Abbildung 2-56) in mehreren
schaften sowie der Nutzung der Strukturtypen be- Bereichen eine sehr hohe Einstufung. Darauf folgen
stehen zwischen den einzelnen Strukturtypen deut- die Zeilenbebauung, ehemalige Arbeitersiedlungen
liche Unterschiede hinsichtlich ihrer Betroffenheit und innerstädtische Wohngebiete mit Blockrandbe-
gegenüber Klimafolgen. Durch die Anwendung der bauung, sowie Hochhäuser/Großwohnsiedlungen,
eingangs definierten Bewertungskriterien
2 2 auf die die ebenfalls hohe Werte in Bezug auf bestimmte
Strukturtypen lässt sich die Betroffenheit der ein- Kriterien erreichen. Der Strukturtyp Einfamili-
zelnen Strukturtypen abschätzen. enhäuser mit großzügigen privaten Freiflächen ist
zwar aktuell nicht besonders hoch belastet, macht
Die am stärksten betroffenen Strukturtypen sind aber mit 28 % der bebauten Bereiche einen sehr
die Stadt- bzw. Stadtteilzentren, die
1
innerstädti-
1
großen Anteil am Hamburger Stadtgebiet aus, und
schen Wohn- und Mischgebiete und die Gewer- stellt daher einen für Hamburg relevanten und
Einfamilienhäuser
Einfamilienhäuser
VillenVillen
Reihenhäuser
Zeile
Reihenhäuser
(ehemalige
Zeile (ehemalige
Arbeitersiedlungen)
Blockrandbebauung
Arbeitersiedlungen)
Blockrandbebauung
Hochhäuser/Großwohnsiedlungen
ZeileHochhäuser/Großwohnsiedlungen
Zeile Stadt-/Stadtteilzentrum
Stadt-/Stadtteilzen
Wohn-Wohn
und
begebiete. Diese erreichen in der unten stehenden stark nachgefragten Siedlungstyp dar.
2-56
starker
starker stadtklimatischer
stadtklimatischer
Einfluss
Einfluss 5 5
Durchlüftung
Durchlüftung

Sky-View-Faktor
Sky-View-Faktor

Abwärme
Abwärme

Versiegelungsgrad
Versiegelungsgrad
Grünflächenanteil
Grünflächenanteil
intensive
intensive
4 4 EG-/UG-Nutzung
EG-/UG-Nutzung

3 3

2 2

1 1

geringer
geringer
stadtklimatischer 0
stadtklimatischer 0
Einfluss
Einfluss VillenVillen ehemalige
ehemalige Zeile Zeile
Arbeitersiedlungen
Arbeitersiedlungen Stad
Einfamilienhäuser
Einfamilienhäuser Reihenhäuser
Reihenhäuser Blockrandbebauung
Blockrandbebauung Hochhäuser/
Hochhäuser/
Großwohnsiedlungen
Großwohnsiedlungen
5.8 Gegenwärtige Belastung der Strukturtypen
in Hamburg
Es zeigt sich, dass diese Bewertung der Betroffen- Die bioklimatisch belasteten Gebiete liegen vor al-
heit der einzelnen Strukturtypen mit den Ergeb- lem im Stadtzentrum, in den Stadtteilzentren sowie
nissen des Klimagutachtens zur bioklimatischen in den dicht bebauten Wohngebieten in Innenstadt-
Belastung in der Stadt Hamburg übereinstimmt. nähe und in Industrie- und Gewerbegebieten. Im
Die Ergebnisse des Gutachtens basieren auf Model- Gutachten zeigt sich aber auch, dass die Lage in Ge-
lierungen, die unter Anwendung des Klimamodells bieten mit ausgeprägten Kaltluftvolumenströmen
FITNAH in Kombination mit einem 3-D-Modell (z.B. am Elbberg oder an den Harburger Bergen)
des Siedlungsraums und einem Geländemodell oder angrenzend an Grünanlagen die bioklimati-
erstellt wurden (vgl. GeoNet Umweltconsulting sche Belastung deutlich mindern kann. Auch die
GmbH, 2011, S.  3ff). Allerdings beinhaltet das Ergebnisse des StEP-Klima Berlin zeigen, dass vor
Gutachten keine Aussagen zur Belastung einzelner allem innerstädtische gründerzeitliche Blockbebau-
Strukturtypen. ungen, Kerngebiete mit viel Handel und Dienst-
gen
n-
ntrum
Wohn-
eilzentrum
und Mischgebiete
und Mischgebiete
Gewerbegebiete
Gewerbegebiete
Bürostandorte
Bürostandorte
Verkehrsflächen
Verkehrsflächen
Ver- und
Ver-Entsorgung
und
Gemeinbedarfsflächen
Entsorgung
Gemeinbedarfsflächen
Kleingartenvereine
Kleingartenvereine

Stadt-/
Stadt-/ Gewerbegebiete
Gewerbegebiete Verkehrsflächen
Verkehrsflächen Gemeinbedarfsflächen
Gemeinbedarfsflächen
Stadtteilzentrum
Stadtteilzentrum und Sondernutzungen
und Sondernutzungen
innerstädtische
innerstädtische Bürostandorte
Bürostandorte Flächen der der
Flächen Kleingartenvereine/
Kleingartenvereine/
ngen Wohn- und Mischgebiete
Wohn- und Mischgebiete Ver- und
Ver-Entsorgung
und Entsorgung Wochenendhäuser
Wochenendhäuser
2-57: aktuell bioklimatisch be-
lasteter Anteil des Hamburger
Stadtgebiets, Nachtsituation

2-58: Anteil durch belastetes


8% Bioklima betroffener Einwoh-
ner Hamburgs 2005 und 2050
sehr 16% (Tagsituation)

hoch gering 2005


28%
25%
hoch
51%
mäßig
2050
84% +56%

leistungen sowie Gewerbe- und Industriegebiete


aktuell bereits durch die Bildung städtischer Wär-
meinseln betroffen sind (vgl. SenStadt, 2011, S. 34f). Stärken und Schwächen der Strukturty-
pen in Bezug auf Bioklima und Klima-
In Hamburg weisen heute bereits 8 % der Siedlungs- folgen
fläche eine sehr hohe nächtliche bioklimatische Be-
lastung auf, weitere 25 % eine hohe Belastung. 51 % Die geringste Betroffenheit weisen diejenigen Struk-
der Siedlungsfläche weisen eine mäßige Belastung turtypen mit großem Grünflächenanteil und locke-
auf, lediglich 16 % sind nur gering belastet (vgl. rer Bauweise auf. Im Gegenzug sind dicht bebaute
Abb. 2-57). Bereiche mit einem hohen Versiegelungsgrad und
wenig Vegetation stark bioklimatisch belastet und
Die Folgen des Klimawandels werden bereits beste- verfügen über geringere Kapazitäten die erwarteten
hende Problematiken weiter verschärfen. Bereiche, Klimafolgen zu bewältigen. Abbildung 2-56 auf der
in denen schon heute Probleme durch Starkre- vorigen Seite zeigt die Betroffenheit aller baulichen
genfälle und durch Überhitzung bestehen, werden Strukturtypen im Vergleich. Prägnant ist die hohe
zukünftig noch stärker betroffen sein, wenn keine Belastung der innerstädtischen Strukturtypen im
Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Der Anteil Vergleich zu den eher in den äußeren Stadtberei-
des bioklimatisch belasteten Hamburger Stadtge- chen angesiedelten Strukturtypen mit lockererer
biets kann sich bis 2050 von derzeit 28 % auf 84 % Bebauung und höherem Grünflächenanteil. Über
erhöhen, wie Abbildung 2-58 zeigt (vgl. GeoNet den Flächenanteil am Hamburger Stadtgebiet gibt
Umweltconsulting GmbH, 2011, S. 52). diesem Diagramm allerdings keine Auskunft. Diese
zeigen die Abbildungen 2-54 und 2-55. Die frap-
Der Vorteil einer strukturtypenbezogenen Bewer- pierenden Unterschiede in der Mengenverteilung
tung besteht darin, dass sie einen Überblick über sind signifikant. Besonders auffällig ist, das einige
die Belastung gibt, ohne dabei positive Wirkungen Strukturtypen, die eine hohe Belastung aufweisen,
der Umgebung einzubeziehen. Gerade bei einer nur einen minimalen Anteil am Stadtgebiet ausma-
perspektivischen Betrachtung, die auch eine zu- chen. Das stark belastete Zentrum beispielsweise
künftige Nachverdichtung mit einbeziehen muss, hat einen Anteil von nur etwas 1 % am gesamten
ist es sinnvoll, einen Überblick über die struktur- Hamburger Siedlungsraum. Die hohe Betroffenheit
typenimmanente Betroffenheit zu erhalten (siehe beschränkt sich damit auf einen sehr kleinen Anteil

81 hierzu auch Kapitel Lagebedingte Einflussfaktoren). des Stadtraums.


2-59: Flächenanteil der
fokussierten Strukturtypen
am baulich geprägten
Hamburger Stadtgebiet

Einfamilienhaus

Wohn- und
Mischgebiet

Gewerbegebiete

Hochhäuser/
Zeile
Großwohnsiedlung

5.9 Auswahl der Strukturtypen für die vertiefende


Betrachtung

Resultierend aus den Bewertungen der Strukturty- Die zur fokussierten Betrachtung ausgewählten
pen und den herausgestellten Betroffenheiten ge- fünf Strukturtypen sind folglich:
genüber den Folgen des Klimawandels, werden im
Folgenden fünf Strukturtypen für eine fokussierte •Einfamilienhausgebiet
Betrachtung ausgewählt und in Teil drei vertiefend •Zeilenbebauung
auf ihre Optionen zur Anpassung an Klimafolgen •Hochhaus/Großwohnsiedlung
untersucht. Die Auswahl erfolgt anhand der Betrof- •Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet
fenheit gegenüber den Folgen des Klimawandels •Gewerbegebiet
bedingt durch baustrukturelle Eigenschaften der
Betroffenheit und der flächenmäßigen Relevanz im Das Einfamilienhausgebiet wird vor allem aufgrund
Hamburger Stadtgebiet. Die Auswahl soll des Wei- seines hohen Anteils von 28 % am Stadtgebiet aus-
teren möglichst weitgehende Rückschlüsse auf die gewählt, wodurch es eine flächenmäßig hohe Re-
restlichen 13 Strukturtypen ermöglichen, so dass levanz erhält. Bioklimatisch ist der Strukturtyp
eine Übertragbarkeit der Ergebnisse im Anschluss bislang eher gering belastet (vgl. Abb. 2-56). Auch
an die Thesis begünstigt wird. Überschwemmungen infolge von Starkregen sind
aufgrund des hohen Grünflächenanteils aktuell
noch weniger problematisch als in anderen Struk-
turtypen. Im Gegensatz zu Reihenhausgebieten
und zu Villengebieten bestehen größere Potentiale
für Nachverdichtung oder Umbauten.

82
Legende
Legende
Strukturtypen
Wasser
Wald- und Landwirtschaftliche Flächen
0-10 % 2-60: Versiegelungs-
Versiegelungsgrad
10-20 %
Wasserflächen und Uferbereiche grade in Hamburg
20-30 %
Dorf
Wasser überlagert mit den
30-40 % 0-10%
Freistehende Einfamilienhäuser - kleinteilig fünf fokussierten
40-50 %
Freistehende Einfamilienhäuser - Villen
Strukturtypen
50-60 %10-20%
Reihenhausgebiete
60-70 %20-30%
Innerstädtische Wohngebiete - Zeile
70-80 %
80-90 %
30-40%
Innerstädtische Wohngebiete - Blockrand

40-50%
Zeilenbebauung
90-100 %
Einfamilienhäuser
Freistehende
Hochhäuser, Einfamilienhäuser
Großwohnsiedlungen
50-60%
Zeilenbebauung
Zeile und Stadtteilzentrum
Stadt-
60-70%
Hochhäuser/Großwohnsiedlung
Hochhäuser, Großwohnsiedlungen
Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete
Innerstädt ische Mischge
Innerstädtisches Wohn- bietund Mischgebiet
70-80%
Gewerbegebiete
Gewerbe
Gewerbegebiete
Bürostandort
80-90%
Nutzung als Verkehrsfläche
90-100%
sonstige Fläche
Flächen der Ver- und Entsorgung
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
Wochenendhäuser, KGV
Parkanlage, öffentliche Grünflächen

0
¯¯ 1 2 4 6 8
Kilometer
0 1 2 4 6 8
Kilometer

Der Strukturtyp Zeile ist in Hamburg ebenfalls hier aus der hohen Bevölkerungsdichte, die zudem
stark vertreten und weist bisher eine mittlere bio- besonders vulnerable Bewohnergruppen umfasst.
klimatische Belastung auf. Eine verhältnismäßig Ein Potential stellt die homogene Eigentümerstruk-
hohe Einwohnerdichte führt auch hier zu erhöhter tur dar, welche die Umsetzung von Gesamtkonzep-
Vulnerabilität gegenüber Hitze. Die Belastung ist ten erleichtern kann.
höher als in den strukturell ähnlichen Typologien
Reihenhaus und Zeile: ehemalige Arbeitersiedlung. Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete sind be-
reits heute stark bioklimatisch belastet und durch
Der Strukturtyp Hochhäuser/Großwohnsiedlun- den hohen Versiegelungsgrad durch von Starkre-
gen ist ebenfalls bereits heute relativ stark bioklima- genereignissen ausgelöste Überschwemmungen

83 tisch belastet. Eine hohe Vulnerabilität ergibt sich besonders gefährdet (vgl. Abb. 2-60, 2-61). Im Ge-
Legende
Legende
Legende
Strukturtypen
Legende
Strukturtypen
2-61:Wald-
Temperatur
und Landwirtschaftliche Flächen
Versiegelungsgrad
in 2 m Wald-
Höhe undüber
Landwirtschaftliche Flächen
Versiegelungsgrad
Wasserflächen und Uferbereiche
GrundWasserflächen
umWasser
22 Uhr undbeiUferbereiche
Dorf
einer Dorf Wasser
austauscharmen
0-10%
Freistehende
StrahlungswetterlageEinfamilienhäuser - kleinteilig
0-10%
Freistehende Einfamilienhäuser - kleinteilig
Freistehende
überlagert mitEinfamilienhäuser
den - Villen
10-20%
Freistehende Einfamilienhäuser - Villen
10-20%
fünfReihenhausgebiete
fokussierten
20-30%
Reihenhausgebiete
Strukturtypen 20-30%
Innerstädtische Wohngebiete - Zeile
Innerstädtische Wohngebiete - Zeile
30-40%
Innerstädtische Wohngebiete - Blockrand
30-40%
Innerstädtische Wohngebiete - Blockrand
40-50%
Zeilenbebauung
40-50%
Zeilenbebauung
Hochhäuser, Großwohnsiedlungen
50-60%
Hochhäuser, Großwohnsiedlungen
Stadt- und50-60%
Stadtteilzentrum
Stadt- und Stadtteilzentrum
60-70%
60-70%
Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete
Innerstädtische Wohn- und Mischgebiete
70-80%
Gewerbegebiete
70-80%
Gewerbegebiete
Bürostandort
80-90%
Bürostandort
80-90%
Nutzung als Verkehrsfläche
90-100%
Nutzung als Verkehrsfläche
90-100%
sonstige Fläche
sonstige Fläche
Flächen der Ver- und Entsorgung
Flächen der Ver- und Entsorgung
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
Gemeinbedarf und Sondernutzungen
Wochenendhäuser, KGV
Wochenendhäuser, KGV
Parkanlage, öffentliche Grünflächen
Parkanlage, öffentliche Grünflächen

> 22 °C

< 17 °C
Einfamilienhäuser
Freistehende Einfamilienhäuser
Zeilenbebauung
Zeile
Hochhäuser, Großwohnsiedlungen

¯¯¯
Hochhäuser/Großwohnsiedlung
Innerstädtische Mischgebiet
Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet
Gewerbegebiete
Gewerbe

0 1 2 4 6 8
0 1 2 4 6 8
Kilometer
0 1 2 4 6 Kilometer
8
0 1 2 4 6 8
Kilometer
Kilometer

gensatz zum Strukturtyp Stadt-/ Stadtteilzentrum Gewerbegebiete weisen aktuell bereits eine hohe
weisen sie eine höhere Nutzungsvielfalt auf, was bioklimatische Belastung auf. Die Vulnerabilitäten
zu einer erhöhten Vulnerabilität vor allem durch sind in Gewerbegebieten vor allem ökonomischer
die Wohnnutzung führt. Durch diese Nutzungsart Natur. Durch den meist sehr hohen Versiegelungs-
ergibt sich insbesondere eine höhere Vulnerabili- grad ist die Gefahr von Überschwemmungen durch
tät gegenüber Hitze. Die oft im Erdgeschoss oder starke Regenfälle in diesem Strukturtyp besonders
Souterrain ansässigen Gewerbe haben zudem eine hoch (vgl. Abb. 2-60, 2-61). Es lassen sich gewis-
hohe Anfälligkeit gegenüber starkregenbedingten se Ähnlichkeiten zum Strukturtyp Bürostandort
Überschwemmungen. feststellen, vor allem in Bezug auf hohe Wärme-
belastungen am Tag, welche die Mitarbeiter beein-
trächtigen, und eine weitgehende Abwesenheit von
Nutzungen in den Nachtstunden. 84
Da die ausgewählten fünf Strukturtypen verschie- Im weiteren Vorgehen wird zu jedem der ausge-
denen übergeordneten Baustrukturkategorien (of- wählten Strukturtypen ein Baublock (Realblock)
fene Bebauung, Zeilenbauweise, Blockbebauung aus dem Hamburger Stadtgebiet ausgewählt, wel-
und große Bauvolumina, vgl. Strukturtypenbe- cher möglichst gut die Eigenschaften des Struk-
schreibungen) zuzuordnen sind, lassen ihre Ent- turtyps repräsentiert. Neben den baustrukturellen
wicklungen Rückschlüsse auf andere, strukturell Eigenschaften wird auch auf die Lage des Realb-
ähnliche Strukturtypen zu. Diese Beziehungen sind locks im Stadtgebiet eingegangen, so dass auch la-
in der nebenstehenden Abbildung dargestellt. Un- gebedingte Einflussfaktoren berücksichtigt werden
terschieden werden baustrukturelle Charakteristi- können.
ka, die Eigentümerstruktur, und die Maßnahmen-
wahl betreffende Besonderheiten. Dies kann z.B. In welchen Bereichen Rückschlüsse von den fokus-
eine potentielle Verschmutzung der Regenwasser- sierten Strukturtypen auf die übrigen Strukturty-
abflüsse sein, die bei der Wahl von Maßnahmen der pen gezogen werden können zeigt die nebenstehen-
dezentralen Regenwasserbewirtschaftung beachtet de Grafik 2-62.
werden müssen (siehe hierzu die Erläuterungen im
Maßnahmenkatalog). Dieses Beispiel trifft auf den
fokussierten Strukturtyp Gewerbegebiet sowie auf
die Strukturtypen Verkehrsflächen und Flächen
der Ver- und Entsorgung zu. Der fokussierte Struk-
turtyp Zeile hat eine ähnliche übergeordnete Bau-
struktur wie die ehemaligen Arbeitersiedlungen
und das Reihenhaus. Demnach können hier An-
nahmen zur stadtklimatischen Belastung teilweise
übertragen werden.

85
Villa
Einfamilienhaus

Reihenhaus

ehemalige
Arbeitersiedlung
Zeile

Blockrand-
bebauung

Großwohn-
siedlung Zentrum

Bürostandort

Wohn- und
Mischgebiet Verkehrsfläche

Gemeinbedarf

Ver- und
Gewerbe
Entsorgung

Kleingarten
Kriterien:
Baustrukturelle Charakteristika
Besonderheiten bei Maßnahmenwahl
Eigentümerstruktur

2-62 zeigt die Gemeinsamkeiten verschiedener Struk-


turtypen und gibt Aufschluss über die Übertragbarkeit
bestimmter Faktoren der fokussierten Strukturtypen mit
der Gesamtheit der definierten Strukturtypen.

86
TEIL 3
Szenarien und Realblöcke
6. EINLEITUNG

Nachdem in Teil eins beschrieben wurde, mit wel- Auswirkungen unterschiedlicher Handlungsoptio-
chen Klimaänderungen in Hamburg bis 2050 ge- nen der Gegenwart in der Zukunft aufzuzeigen (vgl.
rechnet werden muss und welchen Einfluss die Bau- Albers et al., 2011, S. 106). In dieser Arbeit werden
struktur auf das Stadtklima hat, und in Teil zwei die drei sozioökonomische Entwicklungsszenarien zu-
unterschiedlichen Strukturtypen, die sich in Ham- grunde gelegt, die unterschiedliche, teils kontrastie-
burg finden, definiert und bewertet wurden, wer- rende Entwicklungstendenzen für Hamburg aufzei-
den in Teil drei der Arbeit konkrete Möglichkeiten gen.
der Klimaanpassung auf der Ebene des Baublocks
aufgezeigt. Hierbei wird der beiliegende Maßnah- Für diese Überprüfung der Praxistauglichkeit wird
menkatalog auf die fünf zur Fokussierung gewähl- die Entwicklung anhand realer Baublöcke der fo-
ten Strukturtypen angewendet. Da es sich um eine kussierten Strukturtypen aus dem Hamburger
Betrachtung der Situation im Jahr 2050 handelt Stadtgebiet veranschaulicht. Nach der Beschreibung
werden mögliche zukünftige Entwicklungen der der drei zugrunde liegenden sozioökonomischen
Strukturtypen aufgezeigt. Hierbei wird mit Szena- Szenarien werden an diesen fünf Realblöcken zu-
rien gearbeitet, da diese bei in die Zukunft reichen- erst die baulich-strukturellen Entwicklungen, die
den Betrachtungen eine Möglichkeit bieten, mit sich aus diesen Szenarien ergeben, dargestellt. Dar-
den unvermeidlichen Unsicherheiten umzugehen. auf aufbauend wird gezeigt, wie eine Anpassung an
Die Szenarien werden so formuliert, dass sie eine Klimafolgen in den fünf Realblöcken innerhalb der
Spannbreite möglicher zukünftiger Entwicklungen verschiedenen Szenarien aussehen kann, und wel-
abdecken. Bei der Arbeit im Bereich der Klima- che Maßnahmen nach der Logik der Szenarien zum
anpassung und des Klimaschutzes sind Szenarien Einsatz kommen.
ein vielgenutztes Instrument. Beispielsweise stützt
sich das Handeln im Bereich des Klimaschutzes auf Abschließend findet eine Bewertung der Anpas-
vielen Ebenen auf die Szenarien des IPCC, die das sungsstrategien in den unterschiedlichen Szenarien
Ausmaß der Klimaänderungen unter verschiedenen statt und es werden Konfliktfelder und Synergien
Rahmenbedingungen beschreiben. Die Entwick- bei der Maßnahmenanwendung thematisiert.
lung mehrerer Szenarien bietet die Möglichkeit, die
89
Szenarien
Szenarien sind viel genutztes Instrument im Rahmen der Klimaanpassung und auch des Klimaschut-
zes. Das Handeln im Bereich des Klimawandels stützt sich zu großen Teilen auf die Szenarien des
IPCC, welche die Änderungen des Klimas unter verschiedenen Rahmenbedingungen beschreiben.

Szenarien basieren auf Annahmen über zukünftige Entwicklungen, deren Eintreten bestimmte Aus-
wirkungen haben. Im Szenario sind diese Auswirkungen und Zusammenhänge anschaulich darge-
stellt. Sie sind verständliche und logisch zusammenhängende Beschreibungen eines zukünftigen
Zustands. Da sie aber auf dem gegenwärtigen Wissensstand basieren sind Unsicherheiten immer
ein Bestandteil von Szenarien. Oftmals werden auch mehrere Szenarien entwickelt, die die Auswir-
kungen verschiedener gegenwärtiger Handlungsoptionen in der Zukunft aufzeigen.

6.1 Vorstellung der drei sozio-ökonomischen


Entwicklungsszenarien bis 2050

Im Folgenden werden drei sozioökonomische Sze- Szenario 1: Rück- und Umbau der Stadt
narien vorgestellt, welche drei mögliche Entwick- in privater Verantwortung
lungstendenzen der Hansestadt Hamburg bis zum
Jahr 2050 aufzeigen. Erarbeitet wurden die Szena- Im Jahr 2050 ist der demografische Wandel in
rien im Rahmen des Projekts KLIMZUG-NORD Hamburg deutlich spürbar. Die Bevölkerung altert
für das Modellgebiet Wandse (unveröffentlichtes und schrumpft. Um den veränderten Ansprüchen
Arbeitspapier: Kunert, Rottgardt, Schötter). an Wohnimmobilien gerecht zu werden, sind ver-
mehrt Umbauten und Sanierungen erforderlich.
An dieser Stelle werden gekürzte Versionen der Allerdings führt gleichzeitig der anhaltende Sub-
drei Szenarien vorgestellt, die sich auf die für diese urbanisierungstrend zu einer Abnahme der Nach-
Arbeit wichtigen Entwicklungen beschränken. Die frage nach Wohnraum in der Stadt und es werden
vollständigen Szenarien können im Abschlussbe- weiterhin suburbane Neubaugebiete im Umland
richt zum KLIMZUG-NORD Modellgebiet Wandse ausgewiesen. Dies hat eine Zerschneidung von
eingesehen werden. Der hier zugrunde gelegte Ent- Grünräumen und einen Anstieg des MIV zur Fol-
wurf findet sich außerdem im Anhang dieser Arbeit. ge. In der Innenstadt stehen vermehrt Gebäude leer
und Grundstücke fallen brach. Aufgrund fehlender
Die Szenarien bilden die Grundlage für Teil drei finanzieller Mittel verläuft der Umbau von Bestand-
der Arbeit. An ihnen orientiert sich die Entwick- simmobilien schleppend. Andererseits werden Im-
lung real existierender Baublöcke, im Folgenden als mobilien, die den veränderten Ansprüchen nicht
Realblöcke bezeichnet, die im nächsten Kapitel be- mehr gerecht werden können, schwerlich neu ver-
schrieben wird. mietet, was für die Vermieterseite einen Anreiz zur
Modernisierung darstellt. Von Leerstand bedroht
sind auch solche Gebäude, die den mittlerweile
deutlich spürbaren Auswirkungen des Klimawan-
dels nicht angepasst sind. Dies betrifft vor allem be-
sonders von Überwärmung betroffene Lagen, sowie
die Lage in Überschwemmungsgebieten o.Ä. Durch
90
die Verlagerung der Siedlungstätigkeit in den sub- tungsgefährdete Bereiche bebaut. In diesen Berei-
urbanen Raum nimmt die Auslastung des ÖPNV chen werden vermehrt Hochwasserschutzmaßnah-
ab und es kommt in diesem Bereich zu einem Rück- men getroffen. In von Überwärmung betroffenen
bau. Dies führt zu einer Zunahme des MIV auch Bereichen werden Maßnahmen zur Gebäudeküh-
in innerstädtischen Bereichen. Die Auswirkungen lung und Verschattung eingesetzt. Neubauten wer-
des Klimawandels werden soweit möglich von den den häufig im Passivhausstandard errichtet, wobei
Hamburgern toleriert, nur vereinzelt kommt es zur dies keine verpflichtende Richtlinie darstellt. Die
Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen. Diese Energiestandards im Bau sind noch auf dem Stand
werden vor allem dann umgesetzt, wenn Folgen des von 2010. Die starke Innenverdichtung belastet die
Klimawandels direkte gesundheitliche oder wirt- städtische Vegetation und die Grünflächen. Der Er-
schaftliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen. holungs- und Nutzungsdruck auf die Grünflächen
Meist werden die Maßnahmen umgesetzt, die für steigt, der Verlust von Lebensgemeinschaften und
die Anwohner oder Eigentümer am einfachsten, Lebensräumen für Flora und Fauna ist die Folge.
günstigsten oder effektivsten zu realisieren sind. Politische Anreize für Investitionen in den Umwelt-
Finanzielle Förderungen, übergeordnete Strategien bereich werden zurückgeschraubt. Nur wenige Um-
oder Konzepte seitens der öffentlichen Hand gibt es weltprojekte sind ausreichend finanziert.
nicht.

Szenario 3: Kompakte Stadt als Zentrum


Szenario 2: Florierender Wirtschafts- für Innovationen im Bereich Umwelt
standort und Anstieg des anthropogenen
Flächenbedarfs Im Jahr 2050 ist Hamburg geprägt von wirtschaft-
lichem Wachstum und, durch eine Fokussierung
Hamburg ist 2050 ein bedeutender Wirtschafts- auf erneuerbare Energien, einem hohen Umwelt-
standort. Die Unterstützung des Finanz- und bewusstsein. Dieses Bewusstsein in Kombination
Wirtschaftssektors wird von der Bundes- und mit dem Vorhandensein öffentlicher Gelder hat zu
Landespolitik fokussiert, Umweltbelange und Kli- einem verbesserten Umwelt- und Klimaschutz ge-
maanpassung werden als zweitrangig eingestuft. führt. Der demografische Wandel ist durch die Al-
Die Bevölkerung ist leicht rückläufig, allerdings terung der Gesellschaft deutlich zu spüren, jedoch
bleibt die Nachfrage nach Wohnraum durch die führt die Zuwanderung insgesamt zu einem Bevöl-
gestiegene Pro-Kopf-Wohnfläche hoch, es werden kerungswachstum. Dies hat einen gestiegenen Flä-
etwa 3.000 neue Wohnungen jährlich gebaut. Die chenbedarf zur Folge. Die Pro-Kopf-Wohnfläche
Überalterung der Bevölkerung führt zu einer Ab- ist gegenüber 2010 angestiegen und es werden ver-
nahme der Nachfrage nach sozialen Einrichtungen mehrt Singlewohnungen und altersgerechte Woh-
für Kinder, Jugendliche und Familien. Der erhöhte nungen nachgefragt. Durch den Ausbau des Hafens
Flächenbedarf im städtischen Raum äußert sich im besteht vor allem im Hafengebiet ein großer Bedarf
Schließen von Baulücken, der Bebauung von Blo- nach Industrie- und Gewerbeflächen. Da die Ham-
ckinnenbereichen, dem Abriss von Bestandgebäu- burger Politik in den vergangenen Jahrzehnten eine
den und Ersatz durch Neubauten und der Auswei- konsequente Politik der Innenverdichtung verfolgt
sung neuer Wohngebiete an den Stadträndern. Die hat, befinden sich sämtliche öffentliche und soziale
Flächenversiegelung nimmt zu. Anpassungsmaß- Einrichtungen nah an den Wohnungen der Nutzer.
nahmen werden bei Bedarf unter Abwägung finan- Durch einen gleichzeitigen Ausbau des ÖPNVs und
zieller Aspekte integriert. Durch Preissteigerungen Preissteigerungen im MIV ist der PKW-Bestand
im MIV und die Förderung des ÖPNV nimmt der trotz Einwohnerzuwachs gesunken und Verkehrs-
PKW-Verkehr ab und es werden Stellplatzflächen flächen wurden für andere Nutzungen frei. Durch
für neue Nutzungen frei. Durch den Druck auf den die große Nachfrage nach Wohnraum wird das
Wohnungsmarkt werden zunehmend auch überflu- Modernisierungspotential durch die Vermieter

91
Einflussfaktor Szenario „Rück- Szenario „Florie- Szenario „Kompakte
und Umbau“ render Wirtschafts- Stadt und Umweltin-
standort“ novationen“
Bevölkerungsentwicklung Abnahme gleichbleibend Zunahme
Flächenbedarf Innenstadt Abnahme Zunahme Zunahme
Flächenbedarf Stadtrand und Zunahme Zunahme gleichbleibend
Umland
ÖPNV Abnahme Zunahme Zunahme
MIV Zunahme Abnahme Abnahme
Finanzielle Mittel öffentliche geringer zunehmend vorhanden zunehmend vorhanden
Hand
Investitionen in Umwelt und nur privat nur privat privat und öffentlich
Erneuerbare Energien
Sensibilisierung für Klimaan- niedrig niedrig hoch
passung
Umsetzung von Klimaschutz- nur private nur private private und öffentliche
und Anpassungsmaßnahmen
Steuerung durch Anreize von nur negative Anreize nur negative Anreize positive und negative
Stellen der öffentlichen Hand Anreize
Tabelle 3-1

nicht ausgeschöpft und viele Gebäude sind nicht


energetisch modernisiert. Gesellschaftlich genie-
ßen die Themen Umweltschutz und Klimaanpas-
sung bei den Hamburgern einen hohen Stellenwert.
Durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit weiß die
überwiegende Mehrheit der Hauseigentümer über
die Möglichkeiten der Klimaanpassung und die
vorhandenen Förderprogramme Bescheid, welche
zahlreich beantragt werden. Maßnahmen werden
durch Private wie auch die öffentliche Hand umge-
setzt. Die öffentliche Hand finanziert als Ausgleich
zur Innenverdichtung Umweltschutzprojekte und
weist Schutzgebiete in den Außenbereichen aus.
Die Neuversiegelung von Flächen ist stark ein-
geschränkt. Während in den Randbereichen die
Schadstoffbelastung und Flächenversiegelung ab-
nehmen, führt die Nachverdichtung im innerstäd-
tischen Bereich zu einer Belastung der Grünflächen
durch den gestiegenen Erholungsdruck und Verlus-
te im Baumbestand und bestehender Lebensräume.
Das rechtsverbindliche Biotopverbundsystem wird
ausgeweitet und konkretisiert.

92
6.2 Mögliche Entwicklung der Realblöcke

Im folgenden Kapitel werden die sozioökonomi- dere in Bezug auf die Möglichkeiten der dezent-
schen Veränderungen der drei Szenarien auf fünf ralen Regenwasserbewirtschaftung in der Arbeit
reale Baublöcke aus dem Hamburger Stadtgebiet zu berücksichtigen. Das Hauptauswahlkriterium
projiziert. stellte jedoch die den Strukturtypen entsprechende
(Bau-)Struktur dar.
Jedem der fünf Realblöcke ist ein Kapitel gewid-
met, das jeweils dem gleichen Aufbau folgt. Ein- Für die räumliche Auswahl der Gebiete wur-
gangs erfolgt eine Verortung im Hamburger Stadt- den Luftbilder, die digitale Stadtgrundkarte und
gebiet sowie eine Charakterisierung des Gebiets. Schwarzpläne ausgewertet. Die folgenden fünf Ge-
Anschließend wird eine aktuelle stadtklimatische biete wurdn als Realblöcke ausgewählt:
Einordnung vorgenommen. Schließlich werden
mögliche Entwicklungen des jeweiligen Realb- 1. Einfamilienhausgebiet: Söderblomstraße / 
locks unter den verschiedenen sozioökonomischen Stemmeshey, Wandsbek
Bedingungen der drei Entwicklungsszenarien bis
2050 vergleichend dargestellt. Abschließend wird 2. Zeilengebiet: Uferstraße / Wagnerstraße / Gluck-
aufgezeigt, wie sich diese unterschiedlichen Ent- straße / Heinskamp; Eilbek
wicklungen auf die Wahl von Maßnahmen zur An-
passung an den Klimawandel auswirken. Es wird 3. Hochhäuser / Großwohnsiedlung: Weissenhof,
vergleichend dargestellt, wie eine Anpassung an die Wandsbek
Folgen des Klimawandels unter den verschiedenen
sozioökonomischen Bedingungen aussehen kann. 4. Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet: Lange
Reihe / Gurlittstraße / Koppel, St. Georg
Zusammenführend wird ein Vergleich der Ent-
wicklung der fünf Strukturtypen unter den unter- 5. Gewerbegebiet: Porgesring / Pinkertweg,
schiedlichen Rahmenbedingungen der Szenarien Billbrook
angestellt und eine Auswertung der in den ver-
schiedenen Szenarien zum Einsatz kommenden
Maßnahmen vorgenommen. Dabei wird auch auf Analyse der Realblöcke
Optimierungsmöglichkeiten und Konflikte bei der
Maßnahmenwahl eingegangen. Die einzelnen Realblöcke wurden durch Begehun-
gen und das Auswerten von Karten- und Bildmate-
rial analysiert. Genutzt wurden neben der DK5 auch
Auswahl der Realblöcke die Onlinekartenmaterialien von Google Maps und
Bing Maps. Darüber hinaus wurden die Informa-
Zur exemplarischen Veranschaulichung der Szena- tionen aus dem Hamburger Klimagutachten, dem
rien wurden für fünf der abstrakten Strukturtypen Landschaftsprogramm und verschiedener Karten
Realblöcke in Hamburg ausgewählt. Im Hinblick zu Hochwassergefahr und Versickerungspotentia-
auf die Integration der Diplomarbeit in das Modell- len, die im Rahmen von KLIMZUG-NORD erstellt
gebiet Wandse im Projekt KLIMZUG-NORD wur- wurden, mit den Realblöcken überlagert und die
de bei der Auswahl eine Lage im Einzugsbereich darin enthaltenen Informationen berücksichtigt.
der Wandse präferiert. Darüber hinaus wurde ein Informationen zur Eigentümerstruktur und zu den
Realblock im Bereich der Marsch gewählt, um auch Baualtersklassen bzw. zu Sanierungszeiten wurden
die Bedingungen dieses Landschaftstyps insbeson- u.a. vor Ort durch Befragungen und Besichtigun-
gen erhoben.
93
3-1: Verortung der fünf Strukturtypen
im Hamburger Stadtgebiet

Zeile

Hochhäuser/ Groß-
wohnsiedlung

Innerstädtisches
Wohn- und Misch-
gebiet

Einfamilienhäuser

Gewerbegebiet

94
6.3 Vorgehen

Realblöcke in den drei Szenarien Generell orientiert sich die beschriebene Entwick-
bis 2050 lung an den Vorgaben der Szenarien und stellt nicht
unbedingt eine unter klimatischen Gesichtspunk-
In der aktuellen Entwicklung Hamburgs wird deut- ten erstrebenswerte Entwicklung dar.
lich, dass sich das Wachstum nicht gleichmäßig
über die Stadt verteilt, sondern dass einige Stadttei-
le besonders stark wachsen, während andere leichte Anpassungsmaßnahmen in den drei
Schrumpfungsprozesse verzeichnen (vgl. Hambur- Szenarien
ger Sparkasse AG, 2011, S. 3f). Auch in den Szena-
rien kann davon ausgegangen werden, dass es auch Bei den Entwicklungen in den Realblöcken wird
bei schrumpfender Bevölkerung Stadtteile gibt, die der Logik der drei Entwicklungsszenarien gefolgt.
nur sehr geringen Wohnungsleerstand verzeichnen. Die Voraussetzungen zur Anwendung von Anpas-
Gleichzeitig werden bei wachsenden Bevölkerungs- sungsmaßnahmen sind somit sehr unterschiedlich,
zahlen einige Stadtteile mit Schrumpfungsprozes- denn aus den Rahmenbedingungen der Szenarien
sen zu kämpfen haben. sowie den Unterschieden in der baulichen Entwick-
lung folgt ein verschiedener Umgang mit den Fol-
Bei der Anwendung der Szenarien auf die Realb- gen des Klimawandels.
löcke werden die beschriebenen Entwicklungen in
den verschiedenen Szenarien mit starker Ausprä- Daraus ergibt sich, dass im Szenario „Rück und
gung dargestellt. Dieses Vorgehen ermöglicht es Umbau der Stadt in privater Verantwortung“ (im
zum einen, polarisierende Ergebnisse zu erhalten. Folgenden „Rück- und Umbau“ genannt) haupt-
An diesen werden mögliche Konflikte deutlicher sächlich reaktive Maßnahmen angewendet werden.
ablesbar. Zudem wird so der heterogenen Entwick- Gehandelt wird erst, wenn ein hohes Schadensrisiko
lung in der Stadt, die auch innerhalb eines jeden besteht oder wenn bereits ein Schaden eingetreten
Szenarios deutliche Unterschiede zwischen den ist. Außerdem beschränken sich die Maßnahmen
einzelnen Stadtteilen mit sich bringt, Rechnung ge- auf kostengünstige Lösungen und kommen vor
tragen. allem im privaten Bereich und auf Gebäudeebene

95
Themenfeld Szenario „Rück- und Szenario „florie- Szenario „kompakte
Umbau“ render Wirtschafts- Stadt“
standort“
Gebäudebezogen Reaktiv, schadensbe- Ökonomisch gewinn- Nachhaltig, ökologisch
grenzend bringend
Flächenbezogen Sich selbst überlassen, Ästhetisch, wohnwert- Koordiniert, flächende-
minimale Eingriffe steigernd ckend
Tabelle 3-2: Charakter der gewählten Maßnahmen in den drei Szenarien, unterteilt nach gebäudebezogenen und flächen-
bezogenen Maßnahmen.

zum Einsatz. Der Außenraum wird weitgehend sich erfolgt exemplarisch und orientiert sich an den
selbst überlassen. Von städtischer Seite werden kei- Vorgaben der drei Szenarien. Die Pläne sollen ei-
ne Vorkehrungen getroffen, sondern lediglich auf- nen Eindruck vermitteln, wie sich eine mögliche
getretene Schäden im öffentlichen Raum beseitigt. räumliche Verteilung der Maßnahmen darstellen,
und wie diese das Stadtbild beeinflussen könnte
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort (soweit dieser Eindruck durch einen Plan möglich
und Anstieg des anthropogenen Flächenbedarfs“ ist). Sie enthalten jedoch keine genauen Bemessun-
(im Folgenden „Florierender Wirtschaftsstandort“ gen oder Verortungen der einzelnen Maßnahmen.
genannt) erfolgt eine umfassendere Anpassung an Für die Maßnahmen der dezentralen Regenwasser-
Klimafolgen. Allerdings beschränkt sich die Anpas- bewirtschaftung fand eine grobe Abschätzung des
sung auch hier weitgehend auf den privaten Bereich. Flächenbedarfs und der Versickerungsfähigkeit des
Maßnahmen kommen vereinzelt zum Einsatz, je jeweiligen Realblocks statt (siehe Exkurs). Eine ge-
nach individueller Prioritätensetzung, eine flächen- naue Quantifizierung der klimatischen Wirkungen
deckende Strategie besteht nicht. Zudem steht eine der angewendeten Maßnahmen findet im Rahmen
Optimierung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses im dieser Arbeit jedoch nicht statt. Die nachfolgende
Fokus der Investitionsentscheidung. Maßnahmen Abschätzung, ob eine Anpassung möglich ist oder
im Außenraum sollen möglichst einen ästhetischen nicht (vgl. Kapitel Ergebnisse der Arbeit), orientiert
Wert haben und eine Aufwertung von Gebäuden sich an der bestehenden Problematik in den einzel-
oder Grünanlagen bewirken. nen Strukturtypen, sowie an in der Literatur ange-
gebenen Wirkungen der Maßnahmen (vgl. Maß-
Im Szenario „Kompakte Stadt als Zentrum für In- nahmenkatalog).
novationen im Bereich Umwelt“ (im Folgenden
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ ge-
nannt) kommt es zu einer konsequenten, flächende-
ckenden Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen.
Da sowohl auf öffentlicher als auch auf privater Sei-
te ein hohes Bewusstsein für Umweltbelange und
die Thematik des Klimawandels gegeben ist und
zudem finanzielle Mittel vorhanden sind, können
Maßnahmen koordiniert umgesetzt werden. Au-
ßerdem wird versucht durch ein Zusammendenken
von Mitigation und Adaption Konflikte zwischen
den beiden Feldern zu vermeiden.
Die Auswahl und Verortung der Maßnahmen

96
6.4 Aufbau der Szenarien- und Maßnahmenbe-
schreibungen

In den anschließenden Kapiteln erfolgt einerseits Als nächster Abschnitt folgt die Szenarioentwick-
die Beschreibung der baulich-strukturellen Aus- lung. In diesem Teil wird betrachtet, wie sich die
wirkungen der vorgestellten drei Szenarien auf Baustruktur des Realblocks auf Grundlage der Ent-
die gewählten Realblöcke (Einfamilienhausgebiet, wicklungsszenarien verändert. Der Abschnitt ist in
Zeilengebiet, Großwohnsiedlung, Innerstädtisches vier Unterpunkte unterteilt:
Wohn- und Mischgebiet, Gewerbegebiet). Ande-
rerseits wird untersucht, welche Maßnahmen zur Beginnend wird die Bauliche Entwicklung des
Anpassung an die Klimafolgen in welchem Umfang Realblocks in den drei Szenarien betrachtet. Im
in den drei Szenarien zur Anwendung kommen. nächsten Kapitel wird auf die Verkehrsentwicklung
und die damit verbundenen Flächenpotentiale ein-
Der Aufbau der Kapitel ist dementsprechend gegangen. Die Grünraumversorgung in den drei
grundsätzlich untergliedert in die szenariobezoge- Szenarien wird im folgenden Kapitel Freiraum dar-
ne Strukturentwicklung sowie in die maßnahmen- gelegt. Abschließend erfolgt eine Betrachtung der
bezogene Anpassungsentwicklung des Realblocks Stadtklimatischen Veränderungen.
und eine zusammenfassende Zwischenbetrachtung
des Strukturtyps. Vorangestellt wird jeweilig ein Im Anschluss werden die Maßnahmen aus dem
einführender Abschnitt. beiliegenden Katalog in den drei Szenarien auf den
Realblock angewendet. Dabei wird in zwei Kapiteln
Der Abschnitt Einführung wird in zwei Kapitel ge- zwischen gebäude- und flächenbezogenen Maß-
gliedert. nahmen unterschieden. Die Maßnahmen sind mit
In dem Kapitel: Verortung und Charakterisierung einer Nummerierung ergänzt, die einen Verweis
wird der Realblock einleitend beschrieben. Ange- auf den beiliegenden Maßnahmenkatalog darstellt.
schlossen wird mit dem Kapitel Stadtklimatische Anhand dieser Nummer kann jede Maßnahme mit
Einordnung. zusammenfassender Beschreibung im beiliegenden
Katalog nachgeschlagen werden.
97
Erläuterung zur Berechnung der zu entwässernden Grundstücksfläche
Die zu entwässernde Grundstücksfläche setzt sich aus den bebauten Flächen und den unbebauten
versiegelten Flächen zusammen. Grünflächen zählen nicht zu der zu entwässernden Grundstücksflä-
che. Hier kann eine Versickerung oder anderweitige Bewirtschaftung der Niederschläge stattfinden.

Dachbegrünungen werden nur anteilig der zu entwässernden Grundstücksfläche zugerechnet. Wie


viel Wasser ein Gründach zurückhalten kann, hängt von der Dicke der Substratschicht ab. In Ham-
burg werden Dachbegrünungen mit einer Substratdicke von >5 cm zu 50 % als zu entwässernde
Fläche gewertet (vgl. Hamburg Wasser GmbH, 2011b, www.hamburgwasser.de). Diese Gewichtung
wird für die im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ realisierten Gründächer angewandt. Im
Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ werden konsequent dickere Substratschich-
ten realisiert, weshalb die Gründächer in diesem Szenario nur zu 30 % als zu entwässernde Fläche
gezählt werden.

Flächen, die mit wasserdurchlässigen Materialien befestigt sind, werden zu 50 % als zu entwässern-
de Fläche berücksichtigt (vgl. Hamburg Wasser GmbH, 2011b, www.hamburgwasser.de).

Zu berücksichtigen ist auch die potentielle Belastung des Regenwassers durch die ableitende Flä-
che. Von begrünten Dächern ablaufendes Wasser ist demnach i.d.R. als unbedenklich einzustufen,
wobei bspw. bei PKW-Parkplätzen mit häufigen Fahrzeugwechseln vor der Bewirtschaftung eine
Vorbehandlung notwendig sein kann (vgl. DWA 2005, S. 14).

Einführung
Abschließend folgt zu jedem Realblock eine Zwi-
schenbetrachtung. Verortung und Charakterisierung Stadtklimatische Einordnung

In diesem Kapitel wird resümiert, zu welchem Er-


gebnis die Anwendung der Maßnahmen führt.
Szenarioentwicklung
Dieser Abschnitt beginnt mit der Szenarioentwick-
Bauliche Entwicklung Verkehrsentwicklung Freiraum Stadtklimatische
lung und einer Abschätzung des Anteils neu entste- Veränderungen

hender Wohneinheiten, der anhand der Ergebnisse


einer vorangegangenen Erhebung erfolgt. Aufbau- Maßnahmen
end erfolgt eine Einschätzung der bioklimatischen
gebäudebezogen flächenbezogen
Entwicklung, welche sich aus der Szenarioentwick-
lung ergibt.
Zwischenbetrachtung
Anschließend wird die Anwendung der Maßnah-
men in den drei Szenarien betrachtet. 3-2: Aufbau Szenarien- und
Auf Grundlage der berechneten Flächenanteile der Maßnahmenbeschreibung
zu entwässernden Fläche und der für Versickerung
zur Verfügung stehenden Fläche kann eine Aussa-
ge getroffen werden, ob die angewendeten Maß-
nahmen zu einer dezentralen Bewirtschaftung der
Niederschläge führen oder ergänzende städtische
Maßnahmen notwendig sind. Diese können den
ergänzenden Angaben im Maßnahmenkatalog ent-
nommen werden.

98
3-3: Kaltluftvolumenströme, 4 Uhr ; 3-4, 3-5: Lufttemperatur um 4 Uhr und 22 Uhr

7a Strukturtyp
Einfamilienhäuser
Realblock Tonndorf

Verortung und Charakterisierung nicht zu erkennen.

Der Realblock des Strukturtyps Einfamilienhaus Die individuell gestalteten Grundstücke und das
liegt im Stadtteil Tonndorf in unmittelbarer Nähe inhomogene architektonische Bild lassen auf eine
der Wandse. Das Gebiet hat eine Fläche von etwa Vielzahl an Einzeleigentümern schließen. Da Einfa-
3,3 Hektar. Eingefasst wird es durch die Straßen milienhäuser häufig vom Eigentümer selbst genutzt
Wichelwisch, Stemmeshay, Mushörn und Söder- werden, wird dies auch für den Realblock in Tonn-
blomstraße – Anwohnerstraßen mit einer geringen dorf angenommen.
Breite und einem niedrigen Verkehrsaufkommen.
Die Fußwege sind überwiegend mit wassergebun- Das Gelände des betrachteten Realblocks weist eine
denem Deckmaterial belegt. Die Grundstücke sind leichte Neigung Richtung Nord-Osten auf. Vom
länglich geschnitten. Eine Bebauung in zweiter höchsten Punkt im Süd-Westen mit einer Höhe von
Reihe gibt es bislang nicht. Die Nutzung des Realb- 20,2 m ü. NN ist es aber lediglich ein Meter Höhen-
locks beschränkt sich auf Wohnen. Es wurden etwa unterschied bis zum niedrigsten Punkt im Nord-
47 WE erhoben. Die Bebauung beschränkt sich auf Osten mit 19,1 m ü. NN.
ein- und zweigeschossige Einfamilienhäuser, mit
Ausnahme einiger zum Teil dreigeschossiger Mehr-
familienhäuser, die sich architektonisch aber dem Stadtklimatische Einordnung
Einfamilienhaus anpassen (vgl. Abbildung 3-6). Die
Gebäude stammen aus unterschiedlichen Baual- Der Realblock ist aktuell nur gering klimatisch be-
tersklassen, einige sind bereits mehrere Jahrzehnte lastet (vgl. Abbildung 3-3, 3-4, 3-5). Die großzügi-
alt, während andere erst vor wenigen Jahren errich- gen Grünflächen wirken einer Überhitzung entge-
tet wurden. Die vorherrschende Dachform ist das gen und sorgen für eine hohe Verdunstungs- und
Sattel- oder Walmdach, es gibt nur vereinzelt Flach- Versickerungsrate. Allerdings grenzt an das Gebiet
dächer. Ein einheitliches architektonisches Bild ist
99
Abbildung 3-6
Realblock Tonndorf
Vogelperspektive, Blick von Süden

eine Fläche an, in der die Wandse über die Ufer tre- für das Untersuchungsgebiet überwiegend gute
ten könnte, was bei zunehmenden Starkregenereig- Versickerungsmöglichkeiten (vgl. Hamburg Was-
nissen möglicherweise auch zu Überschwemmun- ser, 2011, unveröffentlichter Entwurf „Versicke-
gen im Untersuchungsgebiet führen kann. Dies gilt rungstiefen und Maßnahmen“). Im Nord-Westen
insbesondere, wenn die Versiegelung zunimmt, sind die Versickerungspotentiale aufgrund der
beispielsweise durch starke Nachverdichtung. Auch Nähe zur Wandse niedriger einzuschätzen.
kann ein steigender Grundwasserspiegel mögli-
cherweise zu feuchten Kellern und Gebäudeschä-
den führen, wenn das Wasser vor Ort versickert.
Die heterogene Eigentümerstruktur erschwert die
koordinierte Umsetzung von Anpassungsmaßnah-
men. Wahrscheinlich ist eine kleinteilige Umset-
zung auf dem eigenen Grundstück.

Das Gebiet grenzt an die im LaPro festgelegte


Wandse-Achse. Diese naturnahe Grünfläche soll in
diesem Abschnitt als Auenbereich entwickelt wer-
den. Im bebauten Bereich soll laut LaPro die Grün-
qualität gesichert werden (vgl. BSU, 2006b, S.139,
148f).

Aktuell wird das Regenwasser oberflächlich über


ein Grabensystem entlang der Straßen abgeleitet.
Aus der Versickerungspotentialkarte ergeben sich

100
7a.1 Szenarioentwicklung

Bauliche Entwicklung ken Nachverdichtung in der Fläche. Dies drückt


sich in einer konsequenten Bebauung der hinteren
Im Szenario „Rück- und Umbau“ ergibt sich aus Grundstücksbereiche aus, wie in Abbildung 3-8 auf
einer steigenden Pro-Kopf-Wohnfläche und einer der folgenden Seite dargestellt ist. Die Neubauten
wachsenden Zahl an Ein-Personen-Haushalten, entstehen in Fortsetzung der vorhandenen Gebäu-
dass eine kleinere Anzahl an Bewohnern für die destruktur, zum Teil mit Satteldach, teilweise aber
Instandhaltung der Bausubstanz, die Pflege der auch mit Flachdächern. Es handelt sich um keine
Grünflächen und für die Anpassung an die Folgen koordinierte Erschließung, vielmehr werden nach
des Klimawandels verantwortlich ist, wodurch die und nach die hinteren Grundstücksbereiche als
finanzielle Belastung des Einzelnen steigt. Daher Bauland verkauft.
werden nur Maßnahmen umgesetzt, die unbedingt
erforderlich sind. Maßnahmen ohne einen unmit- Parallel zum allgemeinen Druck auf dem Woh-
telbaren Nutzen werden kaum realisiert. nungsmarkt ist im Szenario „Florierender Wirt-
schaftsstandort“ ein deutlicher Trend zu senioren-
Somit ergibt sich auch hier eine Ausdifferenzierung. gerechten Wohnungen zu beobachten. Andererseits
Ein Teil der Gebäude wird saniert, der andere ver- werden im betrachteten Realblock viele großflä-
fällt. Im Vergleich zu dichter bebauten Bereichen chige Einfamilienhäuser von nur noch wenigen
der Stadt sind Einfamilienhausgebiete jedoch noch Menschen, oftmals Senioren, bewohnt. Als eine
relativ stark nachgefragt, auch aufgrund der relativ mögliche Lösung dieses Problemgefüges engagiert
geringen Hitzebelastung und des hohen Grünflä- sich eine Stiftung oder eine Projektentwicklungs-
chenanteils (vgl. Abbildung 3-7, rechts). gesellschaft in dem Realblock mit einem Woh-
nungsprojekt. Nach individuellen Gesprächen mit
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ den Eigentümern und der Einholung von Interes-
führt der hohe Wohnflächenbedarf zu einer star- sensbekundungen wird ein Konzept für den nord-

101
3-7
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

II II
II
II
II
III II
II
II

II

II
II

III
II

II II

II
II

II
II
II

II
III

II
I

I
II
II
II

II

II

Nutzungsmischung
Leerstand
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg 10 20 30 40 50 60m N
I II III IV Geschosszahl
östlichen Bereich des Gebietes erarbeitet. Dieses und so zu einer Nutzungsmischung (1.1) im Quar-
sieht einen Abriss der Gebäudesubstanz und den tier, die in allen drei Szenarien zu beobachten ist.
Neubau seniorengerechter Reihenhäuser mit einem Auch in Einfamilienhausgebieten findet sich immer
integrierten Pflegekonzept vor. Die pensionierten häufiger die Integration von Büroräumen. Diese
Hauseigentümer verkaufen ihre Grundstücke und Entwicklung erhöht die Vulnerabilität gegenüber
sichern sich somit ihre finanzielle Zukunft. Anstel- Überschwemmungen, vor allem wenn das Büro im
le der sieben Einfamilienhäuser entstehen auf die- EG oder sogar im Keller untergebracht ist. Wasser-
sem Weg 18 Reihenhäuser mit einer Grundfläche schäden an den Gebäuden betreffen dann nicht nur
von 70 m2. In einigen Fällen kehren die Anwohner den Wohn-, sondern auch den Arbeitsbereich und
nach der einjährigen Bauphase ins Quartier zurück können hohe ökonomische Schäden mit sich brin-
und beziehen selbst eines der Häuser (vgl. Abb. 3-8 gen.
oben).
Die Vulnerabilität gegenüber Hitzewellen nimmt
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- aufgrund des hohen Anteils älterer Menschen in
tionen“ muss die hohe Nachfrage nach Wohnraum, allen drei Szenarien zu.
bedingt durch das Versiegelungsverbot, im Bestand
gedeckt werden. Eine Nachverdichtung durch Rei- Im Szenario „Rück- und Umbau“ bietet sich den
henhäuser, wie im Szenario „Florierender Wirt- Bewohnern in vielen Fällen die Möglichkeit, bei
schaftsstandort“, ist aufgrund der guten Durchlüf- Hitze auf kühle Räume innerhalb des Hauses aus-
tungssituation an diesem Standort nicht möglich. zuweichen, da sie häufig ein Haus allein bewohnen.
Mit einer geschlossenen Gebäudereihe würde die
Frischluftversorgung der angrenzenden Bereiche
eingeschränkt (vgl. Abb. 3-3). Aus diesem Grund Verkehrsentwicklung
finden in diesem Szenario vermehrt Umbauten
wie Wohnungsteilungen, Dachgeschossausbauten In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand-
und Aufstockungen statt (vgl. Abb. 3-9, rechts). ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovatio-
Durch den allgemein hohen Stellenwert eines effi- nen“ nimmt der PKW-Bestand leicht ab und somit
zienten Umgangs mit Ressourcen entscheiden sich auch der Bedarf an Stellplatzflächen. Im Szenario
vermehrt Eigentümer von Mehrfamilienhäusern „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ wer-
für diesen Schritt, auch wenn sie dafür einen Teil den diese Flächen konsequent rückgebaut und kön-
ihres Wohnumfeld mit den neuen Bewohnern tei- nen für die Umsetzung von Anpassungsmaßnah-
len müssen. Nach allgemeinem Grundverständnis men genutzt werden.
wird der Umbau von Bestandgebäuden dem Abriss
vorgezogen. Bei baulichen Änderungen werden
Anpassungsmaßnahmen an die Folgen des Klima- Freiraumentwicklung
wandels sowie Klimaschutzmaßnahmen integriert.
Im betrachteten Gebäudeblock beschließen viele Im Szenario „Rück- und Umbau“ wird die nah ge-
ältere Menschen, die allein ein Haus bewohnen, legene Wandse weniger gepflegt, entlang der Ufer-
Umbauten vorzunehmen, um eine Teilung in zwei zone nimmt die spontane Vegetation zu und abge-
oder mehr Wohnungen vorzunehmen. Auch Barri- brochene Äste oder umgestürzte Bäume bleiben im
erefreiheit erlangt einen hohen Stellenwert, so dass Wasser liegen und bereichern die Lebensräume für
mit einem Umbau mehrere Ziele verknüpft werden Fauna und Flora. Allerdings kann die Folge dieser
können. Entwicklung auch sein, dass die Wandse bei star-
ken Regenereignissen häufiger über die Ufer tritt,
Die ausdifferenzierten Lebensstile und die techno- was zu einer Gefahr für die angrenzende Bebauung
logische Entwicklung führen immer häufiger zu werden kann.
einer Kombination von Büro- und Wohnräumen

103
3-8
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

II
II
II
II
II II
II II

II
II II

II
II
II
III II
II II

II II II
II

II
II II
II
II II

II II
II II

II II
II
III
II
II
II I

I
II
II
II
II

II

II

Nutzungsmischung
Neubau / Abriss und Naubau
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
10 20 30 40 50 60m N
I II III IV Geschosszahl
Durch die Bebauung der zweiten Reihe und die Rei- 7a.2 Gebäudebezogene
henhausbebauung im Szenario „Florierender Wirt-
schaftsstandort“ erhöht sich der Anteil der reinen
Maßnahmen
bebauten Fläche von GRZ 0,14 um 10 % auf GRZ
0,24. Nicht berücksichtigt sind hier versiegelte und
teilversiegelte Flächen wie Erschließungen, Terras- Aufgrund der gestiegenen Hitzebelastung in den
sen und Stellplätze, es wird ein Durchschnitt der Sommermonaten kommt es in allen drei Szenarien
Grundstücke betrachtet. Neben der neuen Bebau- zu einer Anpassung auf diesem Handlungsfeld.
ung entstehen auch dazugehörige Erschließungsflä-
chen neu, wie z.B. Einfahrten und Stellplätze sowie Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden vor allem
Terrassen. Dementsprechend reduziert sich der niedrigschwellige bauliche Verschattungselemente
Grünflächenanteil stark und der Erholungsdruck (4.10) wie Jalousien angebracht oder Sonnensegel
auf die übrigen Grünflächen steigt (vgl. Abb. 3-13 und Markisen installiert, um bei akuter Hitzebelas-
im Kapitel 7a.4 Zwischenbetrachtung). Die Fläche, tung Schatten zu spenden.
auf der sich spontane Vegetation ausbreiten kann,
geht zurück und die Trittverdichtung steigt. Auch Bei Gebäuden, die sich besonders stark aufheizen,
der Gehölzbestand in den hinteren Grundstücks- werden vereinzelt auch Klimaanlagen installiert.
bereichen wird durch die Neubebauung deutlich Eine Erhöhung der Albedo (4.13) findet verein-
reduziert. zelt auf preisgünstigem Niveau statt, hauptsächlich
durch Anstriche mit heller Farbe (vgl. Abb. 3-10).
Auch im Szenario „Kompakte Stadt und Umwel-
tinnovationen“ sind die bestehenden Grünflächen Durch den Rückgang der Pflegeintensität werden
durch die steigende Einwohnerzahl einem erhöhten Kletterpflanzen seltener zurückgeschnitten und
Nutzungsdruck ausgesetzt, durch die geringe Neu- Spontanvegetation von Dachflächen, z.B. Moose,
versiegelung ist aber immer noch ein hoher Anteil wird nicht mehr entfernt. So entstehen kleinteilige
an Grünflächen vorhanden. Allerdings mindert die ungeplante Gebäudebegrünungen (4.1), die sich in
Trittverdichtung das Versickerungspotential des eingeschränktem Maße auch positiv auf das Klein-
Bodens. klima auswirken.
In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand-
ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovatio-
Stadtklimatische Entwicklung nen“ hingegen wird der Überhitzung der Gebäude
bei hohen sommerlichen Temperaturen durch pas-
Eine deutliche Änderung der stadtklimatischen Ge- sive Klimatisierungsmaßnahmen (4.12) begegnet.
gebenheiten ergibt sich durch die Nachverdichtung Die Gebäudetechnik ist in der Regel modern und
im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“. arbeitet sehr effizient. Zusätzliche werden auch hier
Der deutlich gestiegene Versiegelungsgrad hat eine Verschattungselemente (4.10) an den Südfassaden
Abnahme des Grünflächenanteils bei gleichzeitiger der Gebäude nachgerüstet. Neubauten werden im
Erhöhung der Rauigkeit zur Folge. Dadurch werden Passivhausstandard errichtet (vgl. Abb. 3-11).
die Bildung einer städtischen Wärmeinsel und star-
kregenbedingte Überschwemmungen befördert. Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
vationen“ werden vor allem Fassadenbegrünun-
gen (4.3) an den Südfassaden realisiert, welche
das Kleinklima verbessern, an den Straßen die
Schadstoffbelastung reduzieren, die Dämmung
des Gebäudes unterstützen und als kleine Habita-
te fungieren (vgl. Abb. 3-12).Zur Unterstützung

105
3-9
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
bauliche Entwicklung

III II
III
III
II II
I
II III I II
II
II

II
II
III
II

III III

II II
II
I

II
II I

II
II II
II II

I
II
III

III
I
I
III
I II
II
II

II

I
III

Nutzungsmischung
Neubau/ Umbau
Aufstockung
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg 10 20 30 40 50 60m N
I II III IV Geschosszahl
der Dämmung der Obergeschosse werden in den Angepasste Grundrisse schützen in den Szenarien
Szenarien „Florierender Wirtschaftsstandort“ und „Florierender Wirtschaftsstandort“ und „Kom-
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ ex- pakte Stadt und Umweltinnovationen“ sensible
tensive Dachbegrünungen (4.1) realisiert oder es Nutzungen zusätzlich vor der (nächtlichen) Hitze-
kommen helle Materialien (4.13) zum Einsatz. Im belastung. Insbesondere bei Wohnungsneubauten,
Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ wer- -umbauten oder -teilungen werden die Grundrisse
den im Neubaubereich vielfach Dachbegrünungen den klimatischen Bedingungen angepasst und flexi-
(4.1) realisiert, wie in Abbildung 3-11 und 3-12 zu bel gestaltet (4.11). Sensible Nutzungen werden da-
erkennen ist.. her in die geschützten Gebäudebereiche verlagert.

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“


tionen“ führen die forcierten Gebäudeaufstockun- wird bei einigen der Neubauten eine Nutzung des
gen dazu, dass häufig Satteldächer durch Flachdä- Regenwassers (4.7) in die Haustechnik integriert.
cher ersetzt werden. Im Einfamilienhausbereich Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
zahlt sich die umfangreiche Öffentlichkeits- und tionen“ erfolgt dies vor allem im Rahmen von Aus-
Aufklärungsarbeit zum Thema Klimaanpassung be- und Umbaumaßnahmen und wird flächendeckend
sonders aus. Da auch die Privateigentümer mit den umgesetzt.
Risiken vertraut sind und die Vorteile der verschie-
denen Anpassungsmaßnahmen kennen, werden Als Schutz gegen Überschwemmungen des Erd-
diese vielerorts umgesetzt. Durch individuelle Be- und Untergeschosses werden im Szenario „Rück-
ratungen ist es möglich, auch Bereiche mit kleintei- und Umbau“ vor allem reaktive Maßnahmen ge-
liger Eigentümerstruktur in ein Gesamtkonzept zu troffen, und solche, die sich ohne große finanzielle
integrieren. Aufgrund des geringen ökonomischen Mittel und mit verhältnismäßig geringem Aufwand
Mehraufwandes und des vielfältigen Mehrwertes realisieren lassen. Hierzu gehören das Fliesen der
ist es daher beim Neu- und Umbau zum Standard Kellerräume und eine Verlagerung sensibler Nut-
geworden, Flachdächer zu begrünen. Neben ex- zungen in höhere Lagen oder in die oberen Ge-
tensiven Begrünungen (4.1) werden insbesondere schosse oder Aufkantungen (4.6) im Bereich nied-
bei Wohnungsteilungen auch intensive Dachbe- rig gelegener Eingänge.
grünungen (4.2) realisiert, um zusätzliche begrün-
te Nutzflächen zu erhalten. Auch geneigte Dächer Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
werden z.T. begrünt. Dies geschieht insbesondere wird insbesondere bei den Neubauten im Nord-
bei Gebäuden mit ausgebauten Dachgeschossen Westen des betrachteten Gebietes aufgrund des
in exponierter Südlage. Neben den Wohngebäu- hohen Grundwasserspiegels und der räumlichen
den werden auch Carports, Garagen, Schuppen Nähe zur Wandse auf eine Unterkellerung verzich-
und Gartenpavillons extensiv begrünt. Die Begrü- tet. In einigen Fällen erfolgen bei der Bebauung der
nungen haben eine Substratdicke von mindestens zweiten Reihe aber auch kostenintensivere Unter-
12 cm, um eine merkliche Retentionsfunktion in kellerungen als „Weiße Wannen“ (4.6).
Bezug auf Niederschläge aufweisen und vermehrt
ökologische Funktionen erfüllen zu können (siehe Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
Abb. 3-8 und 3-12). tionen“ kann durch die umfangreichen Maßnah-
men zur dezentralen Regenwasserbewirtschaftung
Ist keine Dachbegrünung möglich, kommen auch (vgl. Kapitel 7a.3) auf Schutzmaßnahmen weitge-
Latentwärmespeichermaterialien (4.12) zum Ein- hend verzichtet werden. Wenn doch der Einbau
satz, welche besonders geeignet sind, auftretende von wasserdichten Türen und Fenstern erfolgt, so
Temperaturspitzen zu mindern, indem das Tempe- ist dies eher auf die besondere Vorsicht des Eigen-
raturmaximum zwischengespeichert und sukzessi- tümers als auf die tatsächliche Gefahr einer Über-
ve wieder abgeben wird. Außerdem wird die Albe- schwemmung zurückzuführen.
do (4.13) erhöht.
107
3-10
Szenario Rück- und Umbau
Maßnahmen

Versickerung
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünflächen, Spontanvegetation
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
10 20 30 40 50 60m
N
bauliches Verschattungselement
7a.3 Flächenbezogene Maßnahmen

Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden zum ser zur Bewässerung im Garten (3.1) genutzt (vgl.
Umgang mit erhöhten Niederschlagsmengen nur Abb. 3-11).
in geringem Umfang und auf niedrigschwelligem
Niveau Maßnahmen ergriffen. Auf den Grundstü- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
cken der bewohnten Gebäude wird häufig ein Teil vationen“ stehen aufgrund der Reglementierung
des Regenwassers gesammelt (3.1) und zur Bewäs- der Neuversiegelung große Flächenpotentiale für
serung im Garten eingesetzt. Die übrigen Nieder- dezentrale Regenwasserbewirtschaftung zur Ver-
schläge werden auf die Grünflächen in den Gärten fügung. Dieses Potential wird konsequent genutzt
und in die bestehenden straßenbegleitenden Mul- und auf Teilen der größeren, schlauchförmigen
den geleitet und verdunsten oder versickern dort Grundstücke werden die Niederschläge durch Flä-
(siehe Abb. 3-10). chenversickerung (3.3) bewirtschaftet. Insbesonde-
re im nördlichen Teil des Gebäudeblocks kommen
Durch die knappen finanziellen Ressourcen werden diese Maßnahmen aufgrund der hohen Grundwas-
besonders bei Anliegerstraßen nicht mehr intakte serstände zum Einsatz. Hier werden auch einzelne
Straßenbeläge seltener und später repariert, so dass Teiche mit Retentionspotential (3.9) angelegt. Auf
sich in diesen Bereichen die Versickerungsfähigkeit den kleineren Grundstücken kommen Mulden
verbessert. (3.4) zum Einsatz, um das Regenwasser auf dem
Grundstück zu bewirtschaften. Eine Nutzung des
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ be- Regenwassers im Garten findet auch in diesem Sze-
steht durch die starke Nachverdichtung Handlungs- nario statt, wie in Abbildung 3-12 dargestellt ist.
druck im Bereich der Regenwasserbewirtschaftung.
Die bestehenden oberirdischen Kapazitäten des Darüber hinaus wird die Versickerung des Regen-
Grabensystems reichen bei starken Regenfällen wassers im Szenario „Kompakte Stadt und Umwel-
nicht mehr aus. Da das vorhandene Siel lediglich für tinnovationen“ durch den Einsatz von durchlässi-
den Schmutzwassertransport ausgelegt ist, ist eine gen Bodenbelägen (3.11) verbessert. Für befestigte
zusätzliche Regenwassereinleitung ausgeschlossen. Flächen werden vermehrt Holzpflasterungen, Ra-
Ein neues Siel für Niederschläge wird ebenfalls senfugenpflasterungen oder Schotterrasen verwen-
nicht realisiert, da Hamburg Wasser bereits seit det. Für Terrassen werden auch häufig Holzroste
Anfang des Jahrhunderts die Grundstückseigen- verwendet, unter denen das Wasser in den Boden
tümer für die Entwässerung ihres Grundstücks in versickern kann. Auch für die Anwohnerstraßen
die Pflicht nimmt. Daher müssen Maßnahmen der werden durchlässige Materialien wie wasserdurch-
dezentralen Regenwasserbewirtschaftung von den lässiger Asphalt genutzt. Durch gute Pflege bleibt
Hauseigentümern umgesetzt werden. Dies erfolgt die Versickerungsfähigkeit der Materialien lange
allerdings nicht koordiniert, sondern kleinteilig auf erhalten.
dem eigenen Grundstück. Kollektive Maßnahmen
bleiben aufgrund der heterogenen Eigentümer- Vormals versiegelte, nicht mehr benötigte Stell-
struktur generell die Ausnahme. Durch den gleich- platzflächen auf den Grundstücken werden entsie-
zeitigen Bau der Reihenhäuser kann im Norden gelt und begrünt (3.11), allerdings ist dieser Anteil
des Realblocks aber eine gemeinsame Bewirtschaf- durch die steigenden Haushaltszahlen vergleichs-
tungsmaßnahme mit einer Versickerungsmulde weise gering. Die verbleibenden Stellplätze werden
(3.4) realisiert werden. Auf den anderen Grund- ebenfalls mit durchlässigen Materialien (3.11) be-
stücken werden Mulden (3.4) zur Versickerung an- festigt. Straßenbegleitend werden Bäume gepflanzt
gelegt. Eine Flächenversickerung ist aufgrund der und die bestehenden Mulden (3.4) ausgestaltet und
großen Neuversiegelung nicht mehr problemlos ihre Aufnahmekapazität wird erhöht.
möglich. Auch in diesem Szenario wird Regenwas-
109
3-11
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
Maßnahmen

Versickerung
Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünflächen
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Dachbegrünung
hohe Albedo
bauliches Verschattungselement
10 20 30 40 50 60m N
Regenwassernutzung im Gebäude
7a.4 Zwischenbetrach-
tung

Die Straßenbäume (2.3) mindern durch ihre Schat- Das hervorzuhebende Potential des Strukturtyps
ten im Sommer das Aufheizen der Böden. Es wer- Einfamilienhausgebiet ist der hohe Grünflächenan-
den vornehmlich gut angepasste Arten gewählt, die teil. Auch die lockere Baustruktur kann aus stadt-
mit Hitze und Trockenheit, aber auch mit kurz- klimatischer Sicht als charakteristischer Vorzug
fristiger Nässe gut zurechtkommen sowie keine dieses Strukturtyps gewertet werden. Daher besteht
Ozon-Vorgängerstoffe emittieren. Außerdem wer- in diesem Strukturtyp vergleichsweise wenig Druck
den auch im Straßenraum helle Belagsmaterialien für die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen
(3.12) verwendet, um die Hitzebelastung zu redu- am Gebäude. Je nach Szenario findet diese somit in
zieren (vgl. Abb. 3-12). unterschiedlichem Maße statt.

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- Der Realblock in Tonndorf weist im Ausgangs-
tionen“ wird die Verschattung und Kühlung durch zustand eine Bebauung von nicht einmal einem
Vegetation – durch Gebäudebegrünung (4.1, 4.2, Sechstel der Fläche auf. Im Szenario „Florierender
4.3) und durch strategische Baumpflanzungen (4.4) Wirtschaftsstandort“ können dem Quartier durch
– anderen Möglichkeiten vorgezogen. Dadurch die konsequente Bebauung der zweiten Reihe ca.
entstehen viele, kleinräumige Habitate, die Lebens- 27 Wohneinheiten (WE) hinzugefügt werden. Der
raum für Flora und Fauna darstellen. Allerdings Ausgangszustand von ca. 47 WE im Realblock kann
gibt es keinen durchgeplanten Verbund an Grünflä- so um 57 % erhöht werden. Durch die Aufstockun-
chen im Realblock, sondern eine Vielzahl einzelner, gen im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltin-
kleinteiliger und unvernetzter Maßnahmen, welche novationen“ werden 19 Wohneinheiten geschaffen.
von den einzelnen Eigentümern auf ihrem Grund-
stück umgesetzt werden. Die großen Freiflächenanteile begünstigen die Re-
alisierung von Anpassungsmaßnahmen; diesem
Im Szenario „Rück- und Umbau“ verfallen die leer- Vorteil steht die heterogene Eigentumsstruktur als
stehenden Gebäude über die Jahre. Auf den Grund- Hemmnis gegenüber. Eine flächendeckende und
stücken entwickeln sich Sukzessionsflächen mit koordinierte Umsetzung von Maßnahmen ist durch
Spontanvegetation (2.5), welche ggf. zu einem Netz die divergierenden Interessen der Einzeleigentümer
von Trittsteinbiotopen beitragen können (vgl. Abb. kaum möglich.
3-10).
Im Szenario „Rück- und Umbau“ bleiben die Flä-
Die übrigen Bewohner eignen sich brachfallende chenverhältnisse des Ausgangszustandes erhalten.
Flächen und Gebäude auch teilweise auf niedrig- Mit 26 % zu entwässernder Fläche und einem Ver-
schwelligem Niveau an. Abhängig vom Engage- hältnis von 1 : 1,7 (zu entwässernde Fläche : poten-
ment der Anwohner könnten auf diesen Flächen tielle Versickerungsfläche) reicht etwa die Hälfte
temporäre landwirtschaftliche oder gärtnerische der Fläche, um den Realblock mit einer Flächenver-
Nutzungen ebenso wie temporäre Sport- oder Frei- sickerung dezentral zu bewirtschaften. Auch wenn
zeitflächen entstehen. Folglich kann die Aneignung einige Grundstücke sich topografisch nicht ohne
einen sinkenden Oberflächenabfluss durch die Ent- Weiteres eignen, ist eine Bewirtschaftung der anfal-
siegelung (3.11) und Durchwurzelung (2.4) des Bo- lenden Niederschläge auf der Ebene des Realblocks
dens zur Folge haben, dieser aber auch durch die in diesem Szenario möglich.
Trittverdichtung des Bodens leicht ansteigen.
111
3-12
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
Maßnahmen

Versickerung
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
entsiegelte Fläche
Dachbegrünung
Fassadenbegrünung
Verschattungselement (Sonnensegel)
10 20 30 40 50 60m
N
Regenwassernutzung im Gebäude
Gesamtfläche: 29.973
Szenario Szenario “Florierender Szenario “Kompakte Stadt
“Rück- und Umbau” Wirtschaftsstandort” und Umweltinnovationen”
Zu entwässernde Gebiets- 7.892qm 9.885qm 5.635qm
fläche
Anteil an der Gesamtfläche 26 % 33 % 19 %
Für Versickerung zur Verfü- 13.200qm 7.300qm 11.400qm
gung stehende Fläche
Verhältnis (ca.) zu entwäs- 1:1,7 1,2:1 1:2
sernde Fläche : potentielle
Versickerungsfläche
Tabelle 3-3

100%

80%

Legende
60%
Anteil an Dachbegrünung
Gesamt- (Anteil an Bebauung)
fläche
40% Bebauung

Befestigte Fläche
20%

Grünfläche
0%

Heute & Szenario Szenario Szenario


Rück- und Umbau Florierender Kompakte Stadt
3-13 Wirtschaftsstandort und Umweltinnovationen

Aufgrund der ohnehin niedrigen Hitzebelastung noch einmal gegenüber der Ausgangssituation
in diesem Strukturtyp reichen die angewendeten zu einem Verhältnis von 1 : 2. Zur Entwässerung
Maßnahmen, um die Symptome zu reduzieren. reicht in der Konsequenz eine Flächenversickerung
Eine Durchlüftung ist weitgehend uneingeschränkt auf der Hälfte der zur Verfügung stehenden Fläche,
möglich. welche konsequent angewendet wird. Folglich fin-
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ det in diesem Realblock eine vollständig dezentrale
erhöht sich die zu entwässernde Fläche durch die Bewirtschaftung der Niederschläge in diesem Sze-
Bebauung in der zweiten Reihe auf 33 %. Gleich- nario statt.
zeitig verringert sich die für die Versickerung zur
Verfügung stehende Fläche um fast die Hälfte. Der leicht erhöhten Hitzebelastung wird auch in
Aufgrund dieser Entwicklung kann eine dezentra- diesem Szenario mit unterschiedlichen Maßnah-
le Bewirtschaftung nicht mehr ausschließlich über men begegnet, so dass das Kleinklima verbessert
eine Flächenversickerung stattfinden. Die vermehrt werden kann.
eingesetzten Mulden reichen für die Entwässrung
der Neubauten. Der Bestand muss weiterhin in die Allgemein werden im Strukturtyp Einfamilienhaus
Mulden an der Erschließungsstraße entwässern. Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirt-
schaftung in größerem Maße angewendet als Maß-
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovati- nahmen zur Mitigation der Hitzebelastung. Diese
onen“ verringert sich der Anteil der zu entwässern- ist auf Grund der offenen Bauweise und dem gro-
den Fläche durch die realisierte Dachbegrünung ßen Grünflächenanteil vergleichsweise gering. Nur

113
Szenario „Rück- und Szenario „Florierender Wirt- Szenario „Kompakte Stadt
Umbau“ schaftsstandort“ und Umweltinnovationen“
Gebäudebezogene Maßnahmen
4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.1 Dachbegrünung extensiv 4.1 Dachbegrünung extensiv
durch Überschwemmungen (Scha-
densbegrenzung durch Nutzungsver- 4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.2 Dachbegrünung intensiv
lagerung in Überschwemmungsge- durch Überschwemmungen (Neu-
fährdeten Bereichen) beu: Verzicht auf Unterkellerung) 4.3 Fassadenbegrünung
4.10 Bauliche Verschattungsele- 4.7 Regenwassernutzung im 4.12 Einsatz passiver Kühlsysteme
mente Gebäude (Einsatz von intelligenten Materialien,
z.B. Latentwärmespeicher)
4.13 Erhöhung der Albedo an 4.9 Weiße Wannen
Dächern und Fassaden 4.7 Regenwassernutzung im
4.10 Bauliche Verschattungsele- Gebäude
4.3 Fassadenbegrünung mente
(Spontane Vegetation an Gebäu- 4.11 Gebäudeausrichung und
den) 4.13 Erhöhung der Albedo an flexible Grundrissgestaltung
Dächern und Fassaden
4.1 Dachbegrünung extensiv 4.4 Strategische Gebäudever-
(Spontane Vegetation an Gebäu- schattung durch Gehölze
den)

Einbau von Klimaanlagen

Flächenbezogene Maßnahmen
2.5 Extensivierte Grünflächen und 3.6 Muldenversickerung 3.1 Regenwassernutzung im
Spontanvegetation Außenraum
3.9 Retentionsraumversickerung
3.3 Flächenversickerung (Teiche) 3.3 Flächenversickerung

3.1 Regenwassernutzung im 3.1 Regenwassernutzung im 3.6 Muldenversickerung


Außenraum Außenraum
3.11 Rückbau versiegelter Flächen
(Kleinteilig verringerter Versiegelungs-
grad durch nicht behobene Schäden
3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz
an Straßen)
heller Bodenbeläge

Tabelle 3-4
2.3 Straßenbäume

im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstandort“


nimmt die Hitzebelastung durch die starke Nach- und „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“
verdichtung zu und Maßnahmen gegen Überhit- ist das Ausmaß dieser Unterschiede ablesbar. Da-
zung erhalten eine größere Bedeutung. mit gehen auch unterschiedliche Prioritäten in der
Bezeichnend ist, dass in diesem Strukturtyp auf- Maßnahmenwahl einher.
grund des hohen Freiflächenanteils und des hohen
Nachverdichtungspotentials je nach Szenario sehr
starke Änderungen in Bezug auf die Bebauungs-
dichte und den Versiegelungsgrad zu erwarten sind.
Bei vergleichender Betrachtung der Baustruktur in

114
3-14: Kaltluftvolumenströme, 4 Uhr ; 3-15, 3-16: Lufttemperatur um 4 Uhr und 22 Uhr

7b Strukturtyp Zeile
Realblock Eilbek

Verortung und Charakterisierung kamp leicht abschüssig. Dieser bildet mit 7 m ü. NN
den niedrigsten Punkt im Gebiet.
Der Realblock Zeilenbebauung liegt im Stadtteil
Eilbek in zentraler Lage. Er wird begrenzt durch
die Straßen Uferstraße, Wagnerstraße, Gluckstraße Stadtklimatische Einordnung
und Von-Essen-Straße. Er hat eine Fläche von etwa
3,8 Hektar. Das Areal liegt im Einzugsgebiet der Der Realblock befindet sich in einer aktuell be-
Wandse, direkt am Eilbekkanal. Die Gebäudehö- reits stark bioklimatisch belasteten Zone (vgl. Abb.
hen betragen vier bis fünf Geschosse. Die Nutzung 3-14, 3-15, 3-16), wobei die gute Erreichbarkeit von
des Realblocks ist Wohnen, es wurden etwa 492 WE Grünräumen und die Nähe zum Eilbekkanal die
erhoben. Die Gebäude im östlichen Bereich des Ge- Belastung geringer ausfallen lassen als im Struk-
biets wurden vor Kurzem energetisch saniert und turtyp Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet
mit einem Wärmedämmverbundsystem ausgestat- mit dem Realblock St. Georg (Kapitel 7d). Auch die
tet. Alle Gebäude verfügen über Balkone. Teilweise Durchlüftung ist durch die nach Norden und Süden
gibt es Satteldächer, die Dachgeschosse sind nicht offenen Zeilen besser als bei einer Blockrandbebau-
ausgebaut (siehe Vogelperspektive, Abb. 3-17). ung, allerdings stehen die Gebäude nicht offen zur
Hauptwindrichtung, wodurch die Belüftung wiede-
Während der östliche Teil des Gebiets zum Bestand rum eingeschränkt wird.
der Baugenossenschaft Bergedorf-Bille gehört, sind
die Eigentumsverhältnisse im westlichen Bereich Die verhältnismäßig großen Grünflächen stellen
heterogen. Die Gebäude werden von unterschiedli- hinsichtlich der Anpassung an Klimafolgen eine
chen Wohnungsunternehmen verwaltet. Stärke des Gebiets dar. Die Flachdächer im west-
lichen Bereich vereinfachen eine Aufstockung und
Im Gebiet sind nur geringe Höhenunterschiede von Dachbegrünung.
weniger als einem Meter zu verzeichnen. Das Ge- Die homogene Eigentümerstruktur im östlichen
lände ist vom Osten und Westen her zum Heins- Bereich des Gebiets bietet Potentiale für semi-zen-

115
3-17
Realblock Eilbek
Vogelperspektive, Blick von Norden

trale Maßnahmen, während die kleinteilige Eigen-


tümerstruktur im Westen kollektive Lösungen eher
behindert.

Die Entwässerung erfolgt über ein Mischsiel. Die


Bodenverhältnisse und der Grundwasserspiegel
ermöglichen eine Versickerung der Niederschläge
(vgl. Hamburg Wasser, 2011, Karte „Versickerungs-
fähige Tiefen und Maßnahmen“ – unveröffentlich-
ter Entwurf). Durch die im Vergleich zur Umge-
bung tiefe Lage könnten Niederschläge in Richtung
des Realblocks abfließen und sich dort stauen. Um
dieses Gefährdungspotential abschätzen zu kön-
nen, wäre allerdings eine kleinteilige Betrachtung
der topografischen Gegebenheiten notwendig.

Das Gebiet liegt direkt an der Wandse-Achse, die


in diesem Bereich allerdings nicht sehr naturnah
ausgebildet ist. Im LaPro sind Flächen in diesem
Bereich als städtisches Naherholungsgebiet ge-
kennzeichnet. Das Landschaftsbild soll hier weiter
entwickelt werden (vgl. BSU, 2006 b, S. 135f).

116
7b.1 Szenarioentwicklung

Bauliche Entwicklung Im Rest des Quartiers ist vereinzelt der Abriss und
Neubau von Gebäuden zu beobachten. Die Neu-
Im Szenario „Rück- und Umbau der Stadt in priva- bauten werden entsprechend den Nutzeransprü-
ter Verantwortung“ ist durch die Verlagerung der chen und der demografischen Entwicklung aus-
Nachfrage nach Wohnraum an den Stadtrand und gestaltet. Im Vergleich zum umliegenden Bestand
ins Umland eine hohe Leerstandrate zu verzeich- wird außerdem etwas höher gebaut, um zusätzliche
nen, wie Abbildung 3-18 (rechts) zeigt. Wohnfläche zu schaffen.

Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
wird dem Druck auf den Wohnungsmarkt vor al- tionen“ werden aufgrund der starken Reglementie-
lem durch Nachverdichtung in der Fläche begegnet. rung von Neuversiegelungen vermehrt Gebäude
Aufgrund der ohnehin dichten Bebauung dieser aufgestockt und Dachgeschosse ausgebaut (siehe
Typologie ist eine Nachverdichtung allerdings nur Abb. 3-20), um der hohen Nachfrage nach Wohn-
sehr begrenzt möglich (siehe Karte 3-19, nächste raum nachkommen zu können. Für die Aufsto-
Seite). Im nördlichen Bereich des Gebietes werden ckungen werden regenerative Baustoffe eingesetzt.
einige Zeilen durch zweigeschossige Kopfbauten Im Strukturtyp Zeile sind die Bedingungen für die
verbunden. In diesen Verbindungsgebäuden finden Aufstockung von Gebäuden durch die relativ gro-
sich in den Erdgeschossen Einzelhandel oder Gas- ßen Abstandsflächen und einen hohen Anteil an
tronomie, was zu einer Durchmischung der Nut- Flachdächern gut.
zungen (1.1) und einer Verbesserung der Nahver-
sorgungssituation im Quartier führt. Die erhöhte In allen drei Szenarien führt der Verlagerungstrend
Nachfrage nach diesen Angeboten begründet sich von Arbeitsräumen in die Wohnung zur Nachfrage
in der steigenden Anzahl an Wohn-Büros. nach neuen Wohnungsgrundrissen, die den An-

117
3-18
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

IV

IV

IV

IV

IV
IV

IV IV

IV IV

IV IV

IV IV
V

IV

IV

Nutzungsmischung
Leerstand
partieller Leerstand
Bestandsgebäude
Straße

10 20 30 40 50 60m N I II III IV
Fußweg
Geschosszahl
sprüchen als Wohnung und als Büro gerecht wer- 7b.2 Gebäudebezogene
den. Auch müssen die Bedürfnisse einer alternden
Gesellschaft sowie die Zunahme an Single-Haushal- Maßnahmen
ten berücksichtigt werden. Zeilenbauten mit relativ
kleinen Wohnungsgrößen können von diesen Ent-
wicklungen auf dem Wohnungsmarkt profitieren. Durch den hohen Anteil Über-65-Jähriger an der
Bevölkerung ist die Vulnerabilität gegenüber Hitze
hoch und in allen drei Szenarien wird durch Anpas-
Verkehrsentwicklung sungsmaßnahmen darauf reagiert.

Durch den Rückgang des PKW-Bestands in den Im Szenario „Rück- und Umbau“ erfolgt an be-
Szenarien „Florierender Wirtschaftsstandort“ und sonders belasteten Orten, vor allem an den Süd-
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ wer- fassaden, der Anbau von Verschattungselementen
den Flächen im Straßenraum sowie Kapazitäten in (4.10). Allerdings beschränken sich die Maßnah-
den Tiefgaragen frei. men auf die besonders exponierten Gebäude (vgl.
Abb. 3-21). Den Balkonen kommt eine erhöhte Be-
deutung als Teil der Wohnung zu. Zum Teil wer-
Freiraumentwicklung den auch Klimaanlagen eingebaut, vor allem in den
oberen Geschossen, die von Überhitzung beson-
Da die Pflege der Grünflächen im Szenario „Rück- ders betroffen sind. Teilweise wird auch die Albedo
und Umbau“ reduziert wird, werden die Gehölze, erhöht, um einem Aufheizen entgegenzuwirken.
Bäume und Hecken im Außenraum raumgreifen- Dies geschieht in der Regel durch helle Anstriche.
der und bieten in wachsendem Maße Lebensraum Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
für Tiere, besonders für Vogelarten. wird der erhöhten Hitzebelastung durch eine effizi-
ente Bauweise mit passiven Kühlungsmaßnahmen
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ (4.12) begegnet. Bereits zu Beginn des 21. Jahrhun-
gehen durch die erhöhte Versiegelung Grünflächen derts wurden viele Gebäude des Strukturtyps Zeile
verloren und durch die zunehmend geschlossene energetisch modernisiert und auch um 2050 verfü-
Baustruktur werden zudem Grünverbindungen un- gen die Gebäude über eine moderne Gebäudetech-
terbrochen. Biotopverbünde können somit beein- nik. Zusätzlich kommen auch hier Verschattungs-
trächtigt werden. Sowohl hier als auch im Szenario elemente (4.10) zum Einsatz.
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ führen
zudem die gestiegenen Bewohnerzahlen zu einem Um den Wohnwert der Immobilien zu steigern,
erhöhten Nutzungsdruck auf die Grünflächen. werden auf den Neubauten Dachterrassen und
Trittverdichtung führt zudem zu einer Einschrän- Dachgärten (4.2) angelegt, wie in Abb. 3-22 zu se-
kung der Versickerungsfähigkeit. hen ist. Allerdings wird kein Fokus auf die ökologi-
schen Funktionen der Grünflächen oder eine hohe
Retentionskapazität für Niederschläge gelegt, die
Stadtklimatische Entwicklung Gestaltung orientiert sich vor allem an der Nutz-
barkeit als Erholungsraum für den Menschen.
Durch die Nachverdichtungsmaßnahmen im Sze- Auch im Szenario „Kompakte Stadt und Umwel-
nario „Florierender Wirtschaftsstandort“ nähert tinnovationen“ wird durch passive Kühlung (4.12)
sich der Strukturtyp Zeile hier dem Blockrand an. auf die erhöhte Vulnerabilität in diesem Bereich
Durch das Schließen der Blockränder wird so die reagiert, wobei der Gebäudebegrünung besonde-
Belüftung eingeschränkt. re Bedeutung zukommt. Gebäude, die durch eine
Aufstockung oder einen Dachgeschossausbau bau-
lich verändert werden, erhalten eine Dachbegrü-

119
3-19
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

II

V
II
V
II
V

V
IV

V V

II IV V

IV IV

IV IV
V

IV

V V

Nutzungsmischung
Dachgeschossausbau
Neubau/Abriss und Neubau
Bestandsgebäude
Straße

10 20 30 40 50 60m
N I II III IV
Fußweg
Geschosszahl
nung (4.1). Diese hat eine ausreichend dicke Sub- die Haustechnik integriert. Hierzu werden Zister-
stratschicht, um reguläre Niederschläge vollständig nen angelegt. Eine Zisterne wird beispielsweise in
aufzunehmen und Lebensraum für eine Reihe von der Tiefgarage aufgestellt, die wegen des rückläufi-
Arten zu bieten (vgl. Abb. 3-20 und 3-23). gen MIV nicht mehr vollständig ausgelastet ist. In
dieser Zisterne wird das Wasser für den Neubau im
Insbesondere entlang der Straßen kommen auch Nord-Westen des Gebiets gespeichert.
Fassadenbegrünungen (4.3) zum Einsatz (siehe
Abb. 3-23). Diese werden aber auch an anderen
Stellen, besonders an Südfassaden, umgesetzt, um
das Aufheizen der Gebäude zu verhindern und das
Kleinklima zu verbessern. 7b.3 Flächenbezogene
Bei Bestandsgebäuden ohne substanzielle bauliche
Maßnahmen
Veränderungen werden helle Oberflächen an den
Fassaden und Dächern (4.13) forciert.

Aufgrund der Zunahme von Starkregenereignissen Das Verhältnis der zu entwässernden Fläche und
werden in allen drei Szenarien Rückstauklappen der für die Bewirtschaftung von Niederschlägen zur
(4.6) installiert, um ein Eindringen von Schmutz- Verfügung stehenden Fläche verändert sich in den
wasser durch das überlastete Siel zu verhindern. verschiedenen Szenarien nur marginal (vgl. Tabel-
le 3-4). Zur Bewirtschaftung des erhöhten Nieder-
Im Szenario „Rück- und Umbau“ erfolgt weiterhin schlagsaufkommens werden in den drei Szenarien
eine Verlagerung sensibler Bestandteile (4.6) wie unterschiedliche Maßnahmen und Strategien ange-
der Haustechnik in höhere Geschosse und Wände wendet.
und Böden werden gefliest (4.6). Auch informieren
Vermieter über die Gefahr eines Wassereintritts, Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden die Nie-
die Nutzung der Keller erfolgt auf eigene Verant- derschläge weiterhin über das Siel abgeleitet. Um
wortung. So soll das Schadenspotential durch ein- Schäden infolge von Starkregen zu vermeiden, wird
tretendes Wasser minimiert werden. im östlichen Teilbereich das Wasser über die Er-
schließungswege in den Eilbekkanal geleitet (2.10).
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ Hierzu macht man sich die Topografie zunutze, das
hingegen werden die Neubauten direkt an die stei- Gelände ist in Richtung Kanal leicht abschüssig.
gende Gefahr von Hochwasser durch Starkregen
angepasst. Dies geschieht durch den Verzicht auf Auf den Grünflächen bilden sich in Senken zudem
Kellergeschosse und eine Erhöhung der Erdge- Bereiche heraus, auf denen sich nach starken Re-
schosse. Der Sockel des Gebäudes wird flutsicher genfällen das Wasser sammelt und sukzessive versi-
(4.6, 4.9) gestaltet, kann aber im Einzelfall auch zur ckert und verdunstet. Gezielt angelegt werden Ver-
Speicherung von Regenwasser (4.7) genutzt wer- sickerungsanlagen allerdings nicht.
den.
Verkehrsflächen und Zuwegungen zu den Gebäu-
Die Bestandsgebäude werden hier und im Szenario deeingängen werden aufgrund der finanziellen
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ durch Lage weniger intensiv gewartet und Schäden nur
den Einbau wasserdichter Türen und Fenster (4.6) bei entstehenden Nutzungseinschränkungen be-
gegen eindringendes Wasser geschützt. hoben. Durch Aufbrüche in den Belägen kann sich
die Versickerung in Teilbereichen leicht verbessern,
Bei Neu- und Umbauten wird in diesen beiden eine koordinierte Entsiegelung erfolgt im Szenario
Szenarien eine Nutzung des Regenwassers (4.7) in „Rück- und Umbau“ jedoch nicht.

121
3-20
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
bauliche Entwicklung

V
V
V
V
V

V V

V V
VI
V

VI

VI

Nutzungsmischung
Dachgeschossausbau
Aufstockung
Bestandsgebäude
Straße
10 20 30 40 50 60m N I II III IV
Fußweg
Geschosszahl
Gesamtfläche: 216.360qm
Szenario “Rück- und Szenario “Florieren- Szenario “Kompakte
Umbau” der Wirtschaftsstand- Stadt und Umweltin-
ort” novationen”
Zu entwässernde 10.503qm 10.516qm 7.363qm
Gebietsfläche
Anteil an der Ge- 57% 57% 40%
samtfläche
Zu entwässernde 7.000qm 7.000qm 7.000qm
Gebietsfläche
Verhältnis (ca.) 1:0,7 1:0,7 1:1
zu entwässernde
Fläche : potentielle
Versickerungsflä-
che

Tabelle 3-4

Freiflächen zwischen den Gebäuden werden von tümerstrukturen zurückgeführt werden kann. Im
den Eigentümern zunehmend weniger gepflegt östlichen Bereich entstehen im Rahmen einer Um-
und es entstehen Bereiche, in denen sich spontane gestaltung der Außenanlagen zwei Teiche, die Re-
Vegetation (2.5) ausbreitet. Dies ist in der neben- tentionsraum (3.9) für Niederschläge bieten.
stehenden Karte (3-21) vor allem im mittleren Be-
reich des Realblocks zu sehen. Teilweise eignen sich Im westlichen Teil des Gebietes erfolgt die Versicke-
die Bewohner Freiräume an und pflegen sie, auch rung von Niederschlägen vor allem über Mulden
Nutzpflanzen werden angebaut. (3.4) und Mulden-Rigolen-Elemente (3.6). Außer-
dem sorgen in diesem Bereich die Dachbegrünun-
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ gen für den Rückhalt eines Großteils der Nieder-
werden aufgrund einer immer häufiger auftreten- schläge.
den Überlastung des Siels Niederschläge auf den
Grundstücken über Mulden oder Mulden-Rigolen In allen drei Szenarien wird das von den Dachflä-
(3.4, 3.6) versickert. Diese Maßnahmen werden an- chen abfließende Regenwasser gesammelt und für
sprechend gestaltet, um gleichzeitig den Außenbe- die Bewässerung der Vegetation (3.1) genutzt. Ins-
reich aufzuwerten. Im östlichen Bereich des Gebiets besondere bei Trockenheit wird auf das gesammelte
wird auch in diesem Szenario das Regenwasser bei Regenwasser zur Bewässerung zurückgegriffen. So
starken Regenfällen über die Erschließungswege in wird die öffentliche Trinkwasserversorgung nicht
den Eilbekkanal (2.10) geleitet (siehe Karte 3-22). zusätzlich belastet, die Vegetation kann dennoch
ausreichend bewässert werden und ihre klima-
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- wirksamen Funktionen bleiben bestehen. In den
tionen“ werden auf den Grundstücken umfangrei- Szenarien „Florierender Wirtschaftsstandort“ und
che Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbe- „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ wird
wirtschaftung umgesetzt, wie in Abbildung 3-23 zu konstant auf eine ausreichende Bewässerung der
sehen ist. Die konkrete Umsetzung gestaltet sich im Vegetation geachtet.
östlichen und westlichen Bereich sehr unterschied-
lich, was auf die Unterschiede bei der Verteilung Durch den Rückgang des MIV in diesen Szenarien
von Zuständigkeiten bei den verschiedenen Eigen- kann die Straße entlang des Eilbekkanals zurück-

123
3-21
Szenario Rück- und Umbau
Maßnahmen

Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünflächen
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Klimaanlage
bauliches Verschattungselement
Objektschutz

N
erhöhte Albedo
10 20 30 40 50 60m Notwasserwege
gebaut und durch eine Promenade ersetzt werden um bei hohen Temperaturen den Schatten nutzen
(in der nebenstehenden Karte sowie auf der vorigen zu können. In besonders betroffenen Bereichen
Seite im unteren Bereich zu sehen). werden Verschattungselemente (4.10) installiert,
um die Aufenthaltsqualität im Freien zu steigern.
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
tionen“ wird diese mit einer wasserdurchlässigen Um die Grünverbindung (1.3) entlang der Wandse-
Pflasterung (3.11) befestigt, wodurch der Versiege- Achse zu stärken, werden die Flächen im südlichen
lungsgrad abnimmt. Die übrigen Straßen werden Bereich des Gebiets der Begrünung vorbehalten. So
im Rahmen von Instandhaltungsarbeiten mit hel- kann in Kombination mit der Neugestaltung der
len Belägen (3.12) versehen, um einer Aufheizung Uferpromenade die Ausgestaltung der Wandse-
entgegenzuwirken. Für die Fußwege werden Beläge Achse zu einem städtischen Naherholungsgebiet
verwendet, durch die ein Teil der Niederschläge vorangebracht werden. In der Karte 3-23 ist nur
versickern kann, z.B. kleinteilige Natursteinpflaste- der an den Realblock angrenzende Abschnitt dar-
rungen (siehe Karte 3-22 rechts). gestellt, die dort gezeigten Maßnahmen sollen sich
jedoch entlang des Eilbek-Kanals weiter erstrecken.
Die Entwässerung der Straßenflächen erfolgt durch
Versickerung und Rückhalt von Niederschlägen. Die Freiflächen bleiben durch den Verzicht auf
Hierbei kommen Tiefbeete (3.7) zum Einsatz. In Nachverdichtung in der Fläche großteils erhalten.
ihnen wird das Wasser zurückgehalten und ver- Teile der Grünräume werden bewusst sich selbst
sickert. Nicht mehr benötigte Stellplatzflächen überlassen (2.5), so dass Flächen für Sukzession
werden begrünt und zur Speicherung und Versi- vorhanden sind und sich kleinere Biotope entfalten
ckerung von Niederschlägen umgebaut (3.11, 3.4). können.
Um das Gebiet herum werden Straßenbäume (2.3)
gepflanzt. Auf den Baumscheiben wird bodennahe
Vegetation (2.4) angepflanzt, die ein Aufheizen und
Austrocknen des Bodens verhindert und durch die
Wurzelbildung den Boden auflockert und die Ver-
sickerungsfähigkeit verbessert.

Auch zur Kühlung der Gebäude werden, wo es mög-


lich ist, Bäume zur Verschattung (4.4) angepflanzt.
Angesichts der hohen sommerlichen Temperaturen
wird von der Bevölkerung in Kauf genommen, auf
einen Teil der Sonneneinstrahlung zu verzichten,

125
3-22
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
Maßnahmen

Versickerung
Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Klimaanlage
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
bauliches Verschattungselement

N
Objektschutz
10 20 30 40 50 60m erhöhte Albedo
Notwasserwege
Abbildung 3-24

100%

80% Legende
Dachbegrünung
(Anteil an Bebauung)
60%
Anteil an Bebauung
Gesamt-
fläche 40%

Befestigte Fläche
20%

Grünfläche
0%

Heute & Szenario Szenario Szenario


Rück- und Umbau Florierender Wirtschaftsstandort Kompakte Stadt
und Umweltinnovationen

7b.4 Zwischenbetrachtung

Im Szenario „Rück- und Umbau“ ist das Regen-


Als wesentliche Potentiale des Strukturtyps Zeile wasser von 57 % der Gebietsfläche zu bewirtschaf-
können die kollektiv genutzten Freiflächen zwi- ten, bei einem Flächenverhältnis von 1 : 0,7 der zu
schen den Gebäuden sowie die homogene Eigen- entwässernden Fläche zur für die Versickerung
tumsstruktur im östlichen Bereich des Gebietes geeigneten Fläche und in Anbetracht der Boden-
genannt werden. Das Nachverdichtungspotential beschaffenheit ist hier eine Muldenversickerung zu
ist eher gering, Anbauten an Bestandsgebäude be- empfehlen (vgl. Tabelle 3-4). Da in diesem Szenario
dürfen kreativer architektonischer Lösungen. Auf- keine Maßnahmen zum Regenwasserrückhalt und
stockungen hingegen sind aufgrund der großen der Versickerung der Niederschläge zur Anwen-
Abstandsflächen gut möglich. dung kommen, kann eine vollständige dezentrale
Regenwasserbewirtschaftung nicht erreicht wer-
Im Realblock in Eilbek ist nahezu die Hälfte der den. Folglich sind Überschwemmungen zu erwar-
Fläche bebaut. Eine Nachverdichtung ist in diesem ten, wenn die vorhandene Kanalisation überlastet
Strukturtyp folglich nur begrenzt möglich. Durch ist. Das potentielle Schadenspotential wird jedoch
die bauliche Schließung der nördlichen Kopfenden durch die große Zahl der Grünflächen und die In-
sowie den Abriss und Neubau von Gebäuden kön- stallation von Objektschutzmaßnahmen reduziert.
nen im Szenario „Florierender Wirtschaftsstand- Der Hitzebelastung wird durch bauliche Verschat-
ort“ ca. 53 Wohneinheiten geschaffen werden. Der tungselemente und Klimaanlagen begegnet. Maß-
Ausgangszustand von ca. 492 WE erhöht sich so in nahmen zur Verbesserung des Kleinklimas werden
diesem Szenario um 11 % (vgl. Abbildung 3-24). nicht getroffen.
Die Aufstockungsmaßnahmen im Szenario „Kom-
pakte Stadt und Umweltinnovationen“ führen zu 74 Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
zusätzlichen Wohneinheiten. bleibt der Anteil der zu entwässernden Fläche
gleich. An einigen Stellen finden Muldenversicke-

127
3-23
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
Maßnahmen

Versickerung
Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
entsiegelte Fläche
Grünfläche
Bestandsgebäude
10 20 30 40 50 60m N Straße
Fußweg
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
Fassadenbegrünung
Objektschutz
erhöhte Albedo
Notwasserwege
Szenario „Rück- und Szenario „Florierender Wirt- Szenario „Kompakte Stadt
Umbau“ schaftsstandort“ und Umweltinnovationen“
Gebäudebezogene Maßnahmen
4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.1 Dachbegrünung extensiv 4.1 Dachbegrünung extensiv
durch Überschwemmungen
(Einbau von Rückstauklappen, 4.7 Regenwassernutzung im Ge- 4.2 Dachbegrünung intensiv
Schadensbegrenzung durch Nut- bäude (Neubau)
zungsverlagerung in überschwem-
mungsgefährdeten Bereichen 4.3 Fassadenbegrünungen
Einfassen der Bereiche mit Kantstei- 4.10 Bauliche Verschattungsele-
nen ) mente 4.7 Regenwassernutzung im
(Arkaden) Gebäude
4.10 Bauliche Verschattungsele-
mente 4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.6 Objektschutz gegen Schäden
durch Überschwemmungen durch Überschwemmungen (Über-
4.13 Erhöhen der Albedo an (Einbau von Rückstauklappen; Neubeu: schwemmungsschutz durch wasser-
Dächern und Fassaden Hochwasserschutz durch erhöhte dichte Türen und Fenster, Einbau von
Erdgeschosse und Verzicht auf Unter- Rückstauklappen)
kellerung)
4.10 Bauliche Verschattungsele-
(Einbau von Klimaanlagen) 4.13 Erhöhen der Albedo an Dä- mente (Sonnensegel)
chern und Fassaden
4.13 Erhöhen der Albedo an Dä-
4.9 Weiße Wanne chern und Fassaden

4.12 Passive Kühlsysteme 4.12 Passive Kühlsysteme


Flächenbezogene Maßnahmen
2..5 Extensivierte Grünflächen 2.6 Intensive Bewässerung urbaner 2.3 Straßenbäume
und Spontanvegetation Vegetation
2.4 Bedeckung des Bodens und
3.1 Regenwassernutzung im 3.1 Regenwassernutzung im Au- Durchwurzelung urbaner Flächen
Außenraum ßenraum
2.5 Extensivierte Grünflächen und
2.10 Risikozonierungen und 3.4 Muldenversickerung Spontanvegetation
Notwasserwege
3.9 Retentionsraumversickerung

Ungeplante Versickerung und Ver- 3.1 Regenwassernutzung im


dunstung von Niederschlägen
Außenraum

3.4 Muldenversickerung

3.6 Mulden-Rigolen-Versickerung

3.7 Tiefbeete

3.11 Rückbau versiegelter Flächen

3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz


heller Bodenbeläge

Tabelle 3-5
rungen statt. Insgesamt ist das Engagement der
Grundstückseigentümer jedoch zu gering, um das
anfallende Regenwasser dezentral zu bewirtschaf-
ten. Die Folgen können auch hier Überschwem-
mungen sein, die jedoch durch den recht hohen
Grünflächenanteil und die abfallende Topografie in
Richtung Gewässer keine hohen Schäden verursa-
chen.

Unterschiedliche Maßnahmen im Außenraum, die


von den Baugenossenschaften initiiert werden, sind
in der Lage, die Hitzebelastung zu reduzieren und
das Kleinklima positiv zu beeinflussen.

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-


vationen“ kann der Anteil der zu entwässernden
Fläche auf 40 % reduziert werden. Auf Grundlage
des Flächenverhältnisses von 1 : 1 kann mit den an-
gewendeten Maßnahmen das anfallende Nieder-
schlagswasser vollständig bewirtschaftet werden.
Auch der Hitzebelastung kann durch flächen- und
gebäudebezogene Maßnahmen begegnet werden,
so dass in diesem Szenario eine deutliche Verbes-
serung des Kleinklimas zu erwarten ist (vgl. Tabelle
3-4).

Im Strukturtyp Zeile ist die Hitzebelastung durch


die großen Grünflächen abgemildert, steigt aber
besonders im Szenario „Florierender Wirtschafts-
standort“ durch die eingeschränkte Durchlüf-
tung an. Durch die überwiegende Ost-West-Ori-
entierung der Bebauung gibt es kaum sehr stark
von Wärmeeinstrahlung betroffene Südfassaden,
dennoch kommen Verschattungselemente zum
Einsatz. Durch die vergleichsweise homogene Ei-
gentümerstruktur können im Bereich der dezent-
ralen Regenwasserbewirtschaftung semi-zentrale
Maßnahmen realisiert werden. In gewissem Maß
ist eine koordinierte Umsetzung von Maßnahmen
zu erwarten. In der Tabelle 3-5 sind die in den ver-
schiedenen Szenarien angewendeten Maßnahmen
noch einmal zusammengestellt.
3-25: Kaltluftvolumenströme, 4 Uhr ; 3-26, 3-27: Lufttemperatur um 4 Uhr und 22 Uhr

7c Strukturtyp hochhäuser/
groSSwohnsiedlung
Realblock Farmsen

Verortung/Charakterisierung vor Ort, wobei relativ kleinräumig Flächen aufeinan-


dertreffen, die unterschiedlich gut zur Versickerung
Der betrachtete Realblock liegt im Stadtteil Farmsen geeignet sind. Eine Flächenversickerung ist aber auf
und hat eine Fläche von etwa vier Hektar. Begrenzt dem gesamten Gebiet möglich.
wird er von den Straßen Rahlstedter Weg, Kupfer-
damm, Weissenhof und Steg sowie der Berner Au Das Gelände des betrachteten Realblocks fällt Rich-
und einer angrenzenden Reihenhaussiedlung. Die tung Westen zur Berner Au konstant ab. Der west-
Nutzung des Realblocks beschränkt sich auf Woh- liche Bereich liegt mit durchschnittlich 21 m ü. NN
nen. Es wurden etwa 256 WE erhoben. Die Gebäude rund vier Meter über dem Geländeniveau des west-
der Großwohnsiedlung bilden mit drei ansteigenden lichen Bereichs mit durchschnittlich 16,5 m ü. NN.
Zeilen von drei bis neun Geschossen einen zentralen
Raum, welcher zur Erschließung sowie für Stellplät-
ze und vereinzelte Grünflächen genutzt wird (siehe Stadtklimatische Einordnung
Vogelperspektive oben rechts). Im süd-östlichen
Rand des Realblocks befinden sich am Kupferdamm Die Grünflächen und die Lage am Gewässer sorgen
zudem zwei zweigeschossige Reihenhäuser, auch aktuell für einen relativ guten Luftaustausch und eine
im Süd-Osten wird der Realblock zum Rahlstedter nur gering ausgeprägte Erwärmung. Allerdings wirkt
Weg von dreigeschossigen Gebäuden begrenzt. Die der massive Baukörper im östlichen Bereich als Bar-
Großwohnsiedlung befindet sich im Besitz des städ- riere für den Luftaustausch. Die bioklimatische Be-
tischen Wohnungsunternehmens SAGA-GWG. Die lastung liegt im mittelhohen Bereich. Negativ wirkt
Erschließung erfolgt über die Straße Weissenhof, an sich der Rahlstedter Weg mit einer hohen Schadstoff-
die größere Parkplatzflächen angrenzen. Die Gebäu- belastung aus. Auch im sehr kleinräumigen Bereich
de liegen in großzügigen Grünflächen, die im Norden ist ein Unterschied der Temperatur zwischen der be-
an die Berner Au grenzen. Die Bodenbedingungen bauten Fläche und dem angrenzenden Freiraum zu
ermöglichen eine Versickerung der Niederschläge erkennen (vgl. Abb. 3-25, 3-26, 3-27).
131
3-28
Realblock Farmsen
Vogelperspektive, Blick von Osten

Der Realblock liegt in der Berner-Au-Achse, einer der


im Grünen Netz Hamburg (vgl. BBV, 2002) festgeleg-
ten Grünachsen im Hamburger Stadtgebiet. Diese
beinhaltet schützenwerte Bereiche des Naturhaus-
halts und soll nach dem Hamburger Landschafts-
programm (LaPro) weiter entwickelt und langfristig
aufgewertet werden (vgl. BSU, 2006b, S. 139f).

132
7c.1 Szenarioentwicklung

Bauliche Entwicklung und des aufgewerteten Umfeldes später als Wett-


bewerbsvorteil für den betrachteten Realblock in
Da viele der bestehenden Hochhausgebiete und Farmsen auswirken.
Großwohnsiedlungen aus dem sozialen Wohnungs-
bau der 60er bis 80er Jahre stammen, ist die Eigen- Im Szenario „Rück- und Umbau“ kann bei sinken-
tümerstruktur noch immer vergleichsweise homo- den Einwohnerzahlen in diesem Strukturtyp auf
gen. Die meisten Gebäude dieses Strukturtyps sind Maßnahmen zurückgegriffen werden, die bereits
im Besitz von Genossenschaften oder städtischen im Stadtumbau Ost erprobt wurden. Denkbar ist
Wohnungsunternehmen wie in dem betrachteten ein partieller Rückbau in den Siedlungen, wenn
Fall der SAGA-GWG (vgl. Schnur, 2008, S. 287). hierdurch eine Steigerung der Standortattraktivi-
Dies ermöglicht einen strategischen Umgang mit tät und eine verbesserte Vermietbarkeit erreicht
Wachstums- und Schrumpfungsprozessen, was in werden kann. Auch Umbauten zu barrierefreien
den meisten anderen Strukturtypen mit ihren he- Wohnungen oder die Erprobung neuer Wohnfor-
terogenen Eigentümerstrukturen und vielen Ein- men wie Gemeinschaftswohnen, Kombination von
zeleigentümern nur erschwert möglich ist. Wohnen und Arbeiten, spezielle Wohnangebote für
Senioren, Singles oder Alleinerziehende sind in die-
Aufgrund der Imageprobleme des Strukturtyps sem Strukturtyp vergleichsweise leicht umsetzbar.
Großwohnsiedlung Anfang des 21. Jahrhunderts
wurden bereits vielerorts umfangreiche Sanie- Im Realblock in Farmsen wird im Szenario „Rück-
rungs- und Umgestaltungsmaßnahmen durchge- und Umbau“ ein Gebäudeteil des westlichen Bau-
führt. Auch die Siedlung am Weissenhof wurde zu blocks rückgebaut, wie in Abb. 3-29 (rechts) zu
dieser Zeit energetisch saniert und die Außenanla- sehen ist. Hierdurch ergibt sich eine kleinteiligere
gen wurden umgestaltet. Diese Investitionen kön- Struktur und die Baukörper wirken weniger do-
nen sich aufgrund der niedrigeren Energiekosten minant. Außerdem wird durch eine verbesserte

133
3-29
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

III III

IV
III
VI

VII III

VIII

VIII
IX
IV III
IV

VIII IV

IV IV

III III
IV

III
III
III

partieller Leerstand
Abriss
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
10 20 30 40 50 60m N
I II III IV
Geschosszahl
Außenraumgestaltung innerhalb des Wohnge- täglichen Bedarf siedeln sich an. Diese gruppieren
biets und eine Wegeverbindung zur Berner Au die sich vor allem um einen neu gestalteten Quartiers-
Standortattraktivität gesteigert. platz im zentralen Bereich der Siedlung.

Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“


kommt es aufgrund des hohen Wohnflächenbe- Verkehrsentwicklung
darfs zu Nachverdichtungen. Trotz des hohen
Grünflächenanteils sind Nachverdichtungen vor Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
allem in den Randbereichen möglich, wo die Struk- und im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltin-
tur aufgelockerter und kleinteiliger ist. Am Weis- novationen“ können durch den Rückgang im MIV
senhof betrifft dies in erster Linie die Flächen an Stellplatzflächen und Teile des Straßenraums ande-
der Berner Au und entlang des Rahlstedter Wegs. ren Nutzungen zugeführt werden.
Hier entstehen neue Reihenhäuser (siehe Abb. 3-30,
rechts). Diese ergänzen durch ihren kleineren Maß- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
stab das Angebot und bringen mehr Vielfalt in die vationen“ wird das Quartier autofrei gestaltet und
städtebauliche Struktur des Quartiers. Die Neubau- der ruhende Verkehr in ein Parkhaus im südlichen
ten werden als energieeffiziente Gebäude, im Pas- Bereich des Quartiers verlagert (Abb. 3-33, nächste
sivhausstandard oder als Passivhaus+ errichtet und Seite). Dieses entsteht auf einer vorhandenen Park-
sind durch höher gelegene Erdgeschosse und den platzfläche. Auch hier kommen überwiegend rege-
Verzicht auf eine Unterkellerung gegen verstärkt nerative Baumaterialien zum Einsatz.
auftretende Hochwasser geschützt.

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- Freiraumentwicklung


tionen“ ist die Wohnungsnachfrage durch die stei-
genden Einwohnerzahlen sehr hoch. Da die Neu- Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden die Grün-
versiegelung rechtlich stark eingeschränkt ist und flächen entlang der Berner Au weitgehend sich
in den Großwohnsiedlungen auch kaum Potentiale selbst überlassen. Spontane Vegetation nimmt zu
für Dachgeschossausbauten vorhanden sind, wer- (vgl. Abb. 3-29). Durch umgestürzte Gehölze könn-
den vielfach die bestehenden Gebäude, insbeson- te sich das Strömungsverhalten im Gewässer verän-
dere die niedrigen, aufgestockt. Am Weissenhof dern. Hierdurch könnte die Gefahr steigen, dass die
findet eine gestaffelte Aufstockung statt, wodurch Berner Au infolge von Starkregenereignissen über
sich die maximale Gebäudehöhe auf zehn Geschos- das Ufer tritt.
se erhöht (siehe Abb. 3-31 und 3-32, nächste Seite).
Durch das hohe Umweltbewusstsein in diesem Sze- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
nario werden adaptive und mitigative Maßnahmen kann der Rückgang von Grünflächen durch die
bewusst umgesetzt. Auch die relativ homogene Ei- Neubebauung nicht durch Entsiegelungsmaßnah-
gentümerstruktur begünstigt die Realisierung kol- men von Verkehrsflächen ausgeglichen werden.
lektiver Maßnahmen. Gebäude werden umfassend Die verbleibenden Grünflächen sind einem hohen
energetisch saniert, jedoch selten abgerissen. Für Erholungs- und Nutzungsdruck durch die Bevöl-
die Aufstockungen werden bevorzugt regenerative kerung ausgesetzt. Dies führt zu Trittverdichtung
Baumaterialien verwendet. und in der Folge zu einer Reduzierung der Versi-
ckerungsfähigkeit des Bodens. Der Lebensraum für
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- Flora und Fauna wird eingeschränkt und Biotope
tionen“ entstehen durch die Nutzungsmischung im werden zerstört oder zurückgedrängt. Durch die
Quartier und die Zunahme an Heimarbeit zudem Nachverdichtung nimmt der Gehölzbestand ab,
einige Gewerbeflächen in den Erdgeschossen. Vor wodurch weitere Lebensräume zerstört werden und
allem Gastronomie und kleinere Geschäfte für den die Bodenqualität weiter abnimmt. Die verbleiben-

135
3-30
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

III

III III
II
IV
III
VI
II
VII III

VIII

II VIII
IX
IV III
IV

IX
II
VIII IV
III

III
IV IV

III III
IV

III
III
III
III

III

Neubau/Abriss und Neubau


Bestandsgebäude
Straße
Fußweg 10 20 30 40 50 60m N
I II III IV Geschosszahl
den Grünflächen erfahren aber ausreichende Pfle- sert, da frische Luft von den Grünflächen entlang
ge. der Berner Au in das Quartier strömen kann (siehe
Abb. 3-29).
Auch im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltin- Durch die Erhöhung des Versiegelungsgrads er-
novationen“ stehen die Grün- und Freiflächen, be- höht sich im Szenario „Florierender Wirtschafts-
dingt durch die steigenden Einwohnerzahlen, unter standort“ die Wassermenge, die bei Niederschlägen
einem hohen Nutzungsdruck. Trittverdichtung be- bewirtschaftet werden muss. Durch den höheren
hindert die Versickerung von Niederschlägen, wo- Oberflächenabfluss steigt auch der hydraulische
durch die zu bewirtschaftende Regenwassermenge Stress für die Berner Au und somit die Gefahr, dass
steigt. Die ökologischen Funktionen werden einge- diese über die Ufer tritt. Auch die Belüftung wird
schränkt. durch die neue Bebauung eingeschränkt. Die stadt-
klimatische Belastung insgesamt nimmt in diesem
Szenario zu.
Stadtklimatische Entwicklung
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovati-
Im Szenario „Rück- und Umbau“ wird durch den onen“ kommt es durch die größeren Gebäudehöhen
Rückbau die Belüftung (1.2) im Quartier verbes- zu einer Einschränkung der Belüftung, veränderten
Windverhältnissen und stärkerem Schattenwurf.

3-31: Perforierte Fassade zum Luftaustausch, im Szenario


„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“

3-32: Aufstockung und Dachbegrünungen, im Szenario


„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“

137
3-33
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
bauliche Entwicklung

V IV
V

VI IV
VI

VII
IV
VIII
IX

X
X
VIII VII VI V IV III

X
X
VIII
IX
III
III
VI VIII
V VII

V IV VI III

IV IV
III III
III

Nutzungsmischung
Neubau
Dachgeschossausbau
Aufstockung
neue Gebäudehülle
Bestandsgebäude
Straße

I II III IV
Fußweg
Geschosszahl
10 20 30 40 50 60m N
7c.2 Gebäudebezogene Maßnahmen

Die größeren Gebäude am Weissenhof verfügen be- Um die Durchlüftung des Quartiers zu verbessern
reits über eine gute Dämmung der Gebäudehülle. (1.2), werden im Szenario „Kompakte Stadt und
Dies kann die Anpassung erleichtern. Ergänzend Umweltinnovationen“ Lüftungsöffnungen in Form
kommt es in allen drei Szenarien zu weiteren Maß- von Durchbrüchen in den westlichen Gebäuderiegel
nahmen, die eine Überhitzung verhindern sollen. eingearbeitet. Diese sind in Abbildung 3-31 darge-
Diese können durch die homogene Eigentümer- stellt. Mit Ausnahme tragender Wände werden die
struktur koordiniert umgesetzt werden. vormaligen Wohnungen zu diesem Zweck gänzlich
entkernt. Die entstehenden Freiräume im Gebäude
In den Szenarien „Rück- und Umbau“ und „Florie- können den Anwohnern als gemeinschaftliche Gär-
render Wirtschaftsstandort“ werden niedrigschwel- ten oder Terrassen zur Verfügung gestellt werden,
lige bauliche Verschattungselemente (4.10) an den oder mithilfe von Klimaschutzmaßnahmen wie
Südfassaden angebracht (siehe Abb. 3-34, 3-35). urbanen Windkraftanlagen zur Energieversorgung
Im Rahmen von Instandhaltungs- und Moderni- und Minderung des Treibhausgasausstoß beitragen.
sierungsarbeiten wird auch die Gebäudealbedo er-
höht. An den Seitenwänden der Gebäude werden Fas-
sadenbegrünungen (4.3) realisiert. Aufgrund der
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno- luftreinigenden Wirkung und der Schallschutz-
vationen“ werden umfangreichere bauliche Ände- funktion liegt dabei ein Fokus besonders entlang
rungen vorgenommen (siehe Abbildung 3-31 und des Rahlstedter Wegs. Gewählt werden vor allem
3-36). Besondere Attraktivität entsteht durch den immergrüne Arten, die im Sommer wie im Winter
Anbau von Balkonen oder Loggien, durch welche Witterungsschutz bieten. Wo keine Fassadenbegrü-
die Wohnfläche vergrößert und die Wohnqualität nung zum Einsatz kommt, werden helle Oberflä-
gesteigert werden kann. Durch die hohen sommer- chenbeläge (4.13) gewählt. Das neue Parkhaus wird
lichen Temperaturen werden die Balkone zu einem ebenfalls vollständig mit einer Fassadenbegrünung
wichtigen Teil des Wohnraums, soweit eine ausrei- (4.3) versehen (vgl. Abb. 3-36).
chende Verschattung (4.10) gewährleistet ist. Im
Sommer können sie als Balkone private Freiflächen Besonders um den gesunkenen Freiflächenanteil
bieten, im Winter sorgen die dann geschlossenen auszugleichen, werden im Szenario „Florierender
Glastüren für eine gute Wärmedämmung bei gerin- Wirtschaftsstandort“ extensive und intensive Dach-
gem Materialeinsatz. Integrierte Verschattungsele- begrünungen (4.1, 4.2) vorgenommen, welche das
mente (4.10) sorgen für Sonnenschutz (vgl. Lacaton Kleinklima positiv beeinflussen und eine dämmen-
& Vasal, 2011). Die neue Gebäudehülle besteht an de Wirkung auf die Dachgeschosse ausüben. Da die
sehr exponierten Lagen aus besonderer Verglasung, ästhetischen und ökonomischen Aspekte in diesem
die nur das Licht, nicht aber die Wärmestrahlung Szenario jedoch im Vordergrund stehen, werden
in die Wohnungen lässt (vgl. baunetzwissen.de und geringe Aufbaustärken der Substratschicht verwen-
Luxa Solar, www.luxasolar.eu). det oder die Gestaltung erfolgt als Dachterrasse, mit
einzelnen Grünelementen. Die potentielle Retenti-
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- onswirkung einer Dachbegrünung wird daher nicht
tionen“ sind die Grundrisse nach den Umbauten an voll ausgeschöpft.
den Gebäuden flexibel gestaltbar (4.11), so dass die
Nutzungen den individuellen Bedürfnissen der Be- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
wohner entsprechend verteilt werden können und vationen“ werden Dachbegrünungen in großem
einer Hitzebelastung so vorgebeugt werden kann. Umfang realisiert (vgl. Abb. 3-31 und 3-36). Die

139
3-34
Szenario Rück- und Umbau
Maßnahmen

Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
Mitbenutzung von Flächen
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
bauliches Verschattungselement
Objektschutz 10 20 30 40 50 60m N
Klimaanlage
terrassierten Aufstockungen der Gebäude werden Bereiche können durch die Leerstandsrate zur
teilweise durch intensive Begrünung (4.2) als Gar- Verfügung gestellt werden. Reaktiv kommen auch
ten für die Bewohner nutzbar gemacht. In anderen mobile Hochwasserschutzelemente, der Einbau von
Teilen wird eine Extensivbegrünung angelegt, die wasserdichten Türen und Fenstern, Wet-Proofing
auch mit Fotovoltaikmodulen und für den Einsatz durch z.B. geflieste Wände und Böden oder Pum-
im urbanen Raum optimierten Windkraftanlagen pen (4.6) zum Einsatz.
kombiniert wird. Aufgrund des hohen Umweltbe-
wusstseins in diesem Szenario, werden die Dachbe- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
grünungen (4.1) mittels einer Substratschicht von werden die Erdgeschosse der ufernahen Neubauten
mindestens 12 cm auch auf den Wasserrückhalt hin erhöht errichtet und es wird auf eine Unterkelle-
optimiert. Zudem wird ein Verbund der Gebäu- rung verzichtet. Im östlichen Gebäudeblock wer-
debegrünungen angestrebt, um die ökologischen den in gefährdeten Bereichen wasserdichte Keller-
Funktionen der Begrünungen, vor allem als Le- fenster und -türen (4.6) verbaut.
bensraum, zu stärken.
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand- tionen“ kann auf Maßnahmen zum Schutz gegen
ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovati- Überschwemmungen weitgehend verzichtet wer-
onen“ wird die Nutzung von Regenwasser (4.7) in den, da durch die umfassenden Maßnahmen der
die Haustechnik integriert. Im Szenario „Florie- dezentralen Regenwasserbewirtschaftung sowie
render Wirtschaftsstandort“ wird dies vor allem in die Nutzung von Regenwasser in den Gärten und
den Neubauten integriert. Im Szenario „Kompakte Haushalten (4.7) die Überschwemmungsgefahr mi-
Stadt und Umweltinnovationen“ wird das Nieder- nimiert ist.
schlagswasser mithilfe eines Retentionskörpers in
einem Wasserdach (4.8) und in Zisternen gespei- Im Szenario „Rück- und Umbau“ wird auf die Zu-
chert. Die Nutzung des Regenwassers erfolgt hier nahme starker Regenereignisse nur in geringem
flächendeckender als im Szenario „Florierender Maße durch die in Abbildung 3-34 dargestellten
Wirtschaftsstandort“. gebäudebezogenen Maßnahmen reagiert. Bei Star-
kregenereignissen sammelt sich Regenwasser auf
Wegen, Parkplätzen oder Straßen, wobei dies un-
kontrolliert und bedingt durch die Topografie ge-
schieht. Eine gezielte Anlage von Notwasserwegen
7c.3 Flächenbezogene und Mitbenutzung von Flächen findet nicht statt.
Maßnahmen Kommt es durch Wassereinstau zu Schäden oder
Nutzungseinschränkungen, werden einfache Mittel
der Umleitung des Wassers angewendet, wie bspw.
Aufschüttungen oder Bordsteinerhöhungen. Aller-
Durch das häufigere Auftreten von Starkregen und dings ist aufgrund des hohen Grünflächenanteils
einer damit einhergehenden Überschwemmungs- (siehe Abb. 3-41) die Gefahr solcher Überschwem-
gefahr werden auch hier in allen drei Szenarien mungen eher gering und durch die Topografie be-
Schutzmaßnahmen (4.6) ergriffen. Diese fokussie- dingt. Die Flächenkapazitäten würden prinzipiell
ren sich vor allem auf den östlichen Gebäuderiegel, auch eine Flächenversickerung der anfallenden
welcher der Berner Au am nächsten liegt. Niederschläge ermöglichen, allerdings finden in
diesem Szenario keine entsprechenden Umbauten
Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden anstel- der Flächen statt.
le eines baulichen Objektschutzes gegen Über-
schwemmungen sensible Anlagen aus den Kel- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
lerbereichen in höhere Geschosse verlagert. Diese wird der zentrale Parkplatz im Quartier rückgebaut

141
3-35
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
Maßnahmen

Versickerung
Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Klimaanlage
Dachbegrünung
bauliches Verschattungselement
Objektschutz 10 20 30 40 50 60m N
Wasserfläche
100%

80%

Legende
60%
Anteil an Dachbegrünung
Gesamt- (Anteil an Bebauung)
fläche
40% Bebauung

Befestigte Fläche
20%

Grünfläche
0%
Heute Szenario Szenario Szenario
Rück- und Umbau Florierender Wirtschaftsstandort Kompakte Stadt
und Umweltinnovationen
Abbildung 3-37

und zu einer Wasserfläche (2.7) als Quartierstreff- ihre Habitatfunktion forciert. In den Randberei-
punkt umgewandelt, wie in der nebenstehenden chen erfolgt die Entwässerung der Reihenhäuser als
Karte zu sehen ist. Durch die Nachverdichtung und Muldenversickerung (3.4).
den damit einhergehenden Freiflächenverlust steigt
die Gefahr einer Überlastung des Siels. Für diesen Der neue Quartiersplatz ist so ausgestaltet, dass er
Fall kann diese Fläche zur Mitbenutzung für die bei Starkregenereignissen als Mitbenutzungsfläche
temporäre Speicherung von Regenwasser (2.8) ge- (2.8) zur Verfügung stehen kann und so als Wasser-
nutzt werden. Auf der anderen Seite der Erschlie- platz im Bedarfsfall einen Zwischenspeicher für das
ßungsstraße wird ein naturnah gestalteter Teich an- Regenwasser darstellt (vgl. Abb. 3-36). So können
gelegt, der ebenfalls die Aufenthaltsqualität erhöht Abflussspitzen gesenkt und Überschwemmungen
und gleichzeitig als Retentionsraum (3.9) bei star- vorgebeugt werden. Die Gefahr eines Rückstaus
ken Regenereignissen dient. Für die neu errichteten von Regenwasser ist aufgrund des hohen Grünflä-
Reihenhäuser ist eine Muldenversickerung (3.4) chenanteils und des Einsatzes von wasserdurchläs-
vorgesehen (vgl. Abb. 3-35). sigen Bodenbelägen im Quartier allerdings ohne-
hin gering.
Entlang der Erschließungsstraße im Quartier wer-
den im Szenario „Florierender Wirtschaftsstand- Durch die autofreie Gestaltung des Quartiers im
ort“ begrünte Verkehrsinseln (3.11) angelegt, die Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovati-
den Abfluss von Regenwasser erleichtern und zu onen“ werden die Außenanlagen komplett umge-
einer optischen Aufwertung des Straßenraums bei- staltet, wie beim Vergleich des Luftbilds 3-28 mit
tragen. Außerdem gliedern sie den Straßenraum der Karte 3-36 deutlich wird. Die Wegeflächen im
und wirken verkehrsberuhigend. Quartier werden entsiegelt (3.11), mit wasserge-
bundenen Decken oder grobfugiger Pflasterung
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- befestigt und mit wegbegleitenden Ablaufrinnen
tionen“ werden umfassende Maßnahmen zur de- ausgestattet. Diese leiten das Regenwasser zum Re-
zentralen Regenwasserbewirtschaftung umgesetzt. tentionsbecken und dem Wasserplatz. Der neu ent-
An verschiedenen Stellen im Realblock werden standene Weg im Zentrum des Gebietes wird mit
Teiche angelegt, die für eine attraktive Außenraum- einer begrünten Überdachung (4.10) ergänzt, wel-
gestaltung sorgen, vor allem aber Retentionsraum che vor Hitze schützt und den grünen Charakter
(3.9) bieten (siehe nebenstehende Karte). Sie stellen des Quartiers stärkt. In Abständen sind der Über-
das Kernstück einer Vielzahl an Maßnahmen dar, dachung Sonnensegel (4.10) zugeordnet, unter de-
die eine naturnahe Bewirtschaftung des Regenwas- nen sich Verweilmöglichkeiten für die Bewohner
sers gewährleisten sollen. Gleichzeitig wird auch bieten.

143
3-36
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
Maßnahmen

Versickerung
Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
entsiegelte Fläche
Mitbenutzung von Flächen
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Klimaanlage
Dachbegrünung
Fassadenbegrünung
Wasserfläche
Notwasserwege
10 20 30 40 50 60m N
Die das Quartier umgebenden Straßen werden ver- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
kleinert und der Oberflächenbelag wird aufgehellt tionen“ kommt es zu einer gezielten Umgestaltung
(3.12). Die Entwässerung erfolgt hier über Tiefbee- der Grünflächen unter klimatischen Gesichtspunk-
te (3.7) entlang der Straßen. Diese dienen zudem ten. Die Grünflächen werden strategisch in ver-
der Verkehrsberuhigung. schiedene Zonen unterteilt (1.1). Freiflächen und
baumbestandene Flächen wechseln sich ab. In be-
In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand- stimmten Bereichen wird bewusst auf eine Pflege
ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovati- der Vegetation verzichtet und Biotope können sich
onen“ werden die vorhandenen Grünflächen gut frei ausbilden (2.5). An der Berner Au werden Flä-
gepflegt und auch in den Sommermonaten ausrei- chen für die temporäre Überschwemmung und Re-
chend bewässert (2.6). So ist auch bei Hitze und tention (2.8) im Fall von sehr hohen Wasserständen
Trockenheit ihre klimatische Funktionsfähigkeit angelegt.
gewährleistet. Für die Bewässerung der Grünflä-
chen wird gesammeltes Regenwasser (3.1) genutzt. Für Straßenbäume (2.3) werden besonders resis-
Da das Wasser auch über längere Zeiträume hinweg tente Arten gewählt, die den extremen Wetterlagen
gespeichert wird, ist auch in Dürreperioden eine standhalten können.
ausreichende Bewässerung der Vegetation (2.6) ge-
währleistet. Entsprechend der neu geschaffenen Öffnungen im
Gebäude werden die Baumgruppen an der Berner
Durch den Rückgang der Pflege (2.5) der Außen- Au neu arrangiert, um die Frischluftzufuhr aus dem
anlagen im Szenario „Rück- und Umbau“ können Grünraum (1.2) zu optimieren. Dementsprechend
sich kleine Habitate mit spontaner Vegetation he- werden der bestehenden, geschlossenen Baumreihe
rausbilden, in denen sich Flora und Fauna ohne in Abständen Bäume entnommen. Anschließend
große anthropogene Einflussnahme entwickeln werden die entstehenden Fragmente der Baumreihe
können. Unter Umständen können diese auch als durch neue Setzungen zu Baumgruppen verdichtet.
potentielle Trittsteinbiotope fungieren. Dies ist je-
doch von der stadträumlichen Vernetzung dieser Das grüne Netz wird gestärkt, indem die Fläche
Flächen abhängig. entlang der Berner Au im Grünverbund weiter aus-
gestaltet und der Grünverbund (1.3) in der Berner-
In diesem Szenario werden auch durch den partiel- Au-Achse geschlossen wird. Dabei wird Wert auf
len Rückbau im Quartier Flächen frei, die als Grün- ökologische Faktoren gelegt, beispielsweise findet
räume klimatische Ausgleichsfunktionen überneh- eine Renaturierung des Gewässers statt. Diese Ent-
men können. Die Pflege der Außenanlagen und wicklungen finden in Kooperation mit den Bewoh-
Grünflächen wird wegen der knappen finanziellen nern statt. So wird die Sensibilität für die Themen
Mittel stark eingeschränkt. In diesen Bereichen, Naturschutz und Anpassung an Klimafolgen gestei-
in denen keine oder kaum Pflege mehr stattfindet, gert.
entsteht als Folge spontane sowie bodenbedecken-
de Vegetation in Form von Stauden und Sträuchern
(2.4). Diese sorgt für eine Durchwurzelung des
Bodens (2.4) und schützt ihn vor dem Austrock-
nen und starker Erwärmung in Trockenperioden.
So bleiben die Wasseraufnahmefähigkeit sowie die
Versickerungs- und Verdunstungsfähigkeit des Bo-
dens erhalten.

145
7c.4 Zwischenbetrachtung

Der große Freiflächenanteil im Verhältnis zur be- eine verbesserte Durchlüftung des Quartiers mit
bauten Fläche kann als zentrales Potential des sich bringen. Allerdings ist die Entscheidung für
Strukturtyps Großwohnsiedlung bewertet werden. eine Investition und Umbauten in den Beständen
Auch die oftmals homogene Eigentümerstruktur in von der Prioritätensetzung des Wohnungsunter-
diesem Strukturtyp ist hervorzuheben. nehmens abhängig. Im Szenario „Rück- und Um-
bau“ wäre an anderer Stelle auch eine Entscheidung
Im Realblock des Strukturtyps Großwohnsied- gegen die Aufwertung der Anlage denkbar, was
lung ist im Bestand nicht einmal ein Sechstel der weiteren Verfall und vermutlich die Zunahme kli-
Fläche bebaut. Im Szenario „Florierender Wirt- matischer Problematiken zur Folge haben könnte.
schaftsstandort“ wird dieser Wert durch eine
Nachverdichtung in der Fläche auf ein Viertel er- Der Anteil der zu entwässernden Flächen liegt in
höht (vgl. Abbildung 3-41). Des Weiteren werden dem Realblock bei 48 % der Gesamtfläche des be-
ca. 43 Wohneinheiten geschaffen und der Bestand trachteten Gebiets (siehe Tabelle 3-7). Empfeh-
von etwa 256 WE so um fast ein Fünftel erhöht. Im lenswert wäre dementsprechend eine Flächen- und
Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovatio- Muldenversickerung, welche auch mit einer Frei-
nen“ kommt es durch die Aufstockungen und die zeitnutzung der Flächen verbunden werden kann.
bauliche Nutzung eines Parkplatzes zur Schaffung In diesem Szenario finden derartige Maßnahmen
von ca. 76 zusätzlichen Wohneinheiten und somit jedoch keine Anwendung, so dass das anfallende
zur Erhöhung der Wohneinheitenanzahl um fast Regenwasser, insbesondere bei Starkregenereig-
ein Drittel. Der Anteil der befestigten Fläche erhöht nissen, nicht auf dem Grundstück dezentral be-
sich in diesem Szenario nur unwesentlich. Dadurch wirtschaftet werden kann. In der Folge können in
bleiben die klimatischen Ausgleichsfunktionen der diesem Szenario Überschwemmungen nicht ausge-
Grünflächen in Bezug auf den Temperaturausgleich schlossen werden, welche jedoch aufgrund der gro-
sowie auf die Pufferung von Regenwasser weitge- ßen Grünräume und angewendeten Objektschutz-
hend erhalten. maßnahmen keine großen Schäden verursachen
dürften.
Die großen Freiflächen und die homogenen Eigen-
tümerstruktur begünstigen eine koordinierte Um- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
setzung von Maßnahmen in diesem Strukturtyp. Im bleibt die zu entwässernde Fläche trotz Nachver-
Szenario „Rück- und Umbau“ wird dies deutlich. dichtung in der Fläche konstant. Dies liegt an dem
Neben kleineren Anpassungsmaßnahmen, welche geringeren Parkplatzbedarf sowie Dachbegrü-
die Symptome der Hitzebelastung und Schäden nungen auf den Neubauten (siehe Abb. 3-41 und
durch Überschwemmungen reduzieren sollen, wird Tabelle 3-7). Bei dem Verhältnis von 3 : 1 der zu
in diesem Strukturtyp ein Rückbau vorgenommen. entwässernden Fläche zur potenziellen Versicke-
Dieser verbindet den Quartiersinnenraum mit der rungs- oder Retentionsfläche ist eine dezentrale
Grünfläche, welche bis an die Berner Au reicht. Bewirtschaftung der Niederschläge auf der Fläche
Derartige Maßnahmen sind nur bei einem starken denkbar. Aufgrund des homogenen Eigentums-
Bevölkerungsrückgang und einer homogenen Ei- verhältnisses kann ein koordiniertes Konzept mit
gentumsstruktur anzunehmen. Der „Stadtumbau Mulden und Retentionsteichen realisiert werden.
Ost“ zeigt ähnliche Beispiele mit Bundesförderun- Dieses hält einen Großteil des anfallenden Regen-
gen. Durch die Öffnung des Gebäuderiegels zur wassers zurück.
Hauptwindrichtung sowie zur Grünfläche und zum
Gewässer kann diese Entwicklung als Nebeneffekt

146
Gesamtfläche: 41.199qm
Szenario “Rück- und Umbau” Szenario “Florierender Wirt- Szenario “Kompakte Stadt und
schaftsstandort” Umweltinnovationen”
Zu entwässernde Gebietsfläche 20.212qm 20.628qm 8.329qm
Anteil an der Gesamtfläche 48% 49% 20%
Für Versickerung zur Verfü- 10.700qm 6.600qm 27.400qm
gung stehende Fläche
Verhältnis (ca.) zu entwäs- 2:1 3:1 1:3
sernde Fläche : potentielle
Versickerungsfläche

Tabelle 3-7

Hinsichtlich der Hitzebelastung werden nur klein- schosswohnungen und Südfassaden. Zudem bietet
teilige Maßnahmen getroffen. Die Durchlüftung der Strukturtyp Großwohnsiedlung durch die he-
des Quartiers könnte durch die Barrierewirkung terogene Eigentümerstruktur und die oft modulare
des Gebäuderiegels im Westen des Realblocks ge- Bauweise Möglichkeiten für umfassende und koor-
stört werden. dinierte Maßnahmen. Dies zeigt sich im Szenario
„Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“, in
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- dem ein umfangreiches Modernisierungskonzept
tionen“ kann das große Flächenpotential des Struk- realisiert wird. Bedingung hierfür ist aber die hohe
turtyps durch die günstigen Rahmenbedingungen Motivation und die vorhandenen Förderprogram-
voll genutzt werden. Der Anteil der zu entwässern- me sowie die hohe Nachfrage nach Wohnraum in
den Fläche sinkt in der Folge auf 20 % und der der diesem Szenario.
befestigten Fläche um etwa die Hälfte im Vergleich
zum Ausgangszustand. Mit dem Flächenverhältnis Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirt-
von 1 : 3 kann jede Versickerungstechnik angewen- schaftung können mit einer Umgestaltung und
det werden. Mit den angewendeten Maßnahmen Aufwertung des Außenraums kombiniert werden.
kann das anfallende Regenwasser vollständig de- Dies findet in den Szenarien „Florierender Wirt-
zentral in dem Realblock bewirtschaftet werden. schaftsstandort“ und „Kompakte Stadt und Umwel-
tinnovationen“ statt.
Der Strukturtyp Großwohnsiedlung ist von einer
sehr hohen Einwohnerdichte geprägt, die oft einen Tabelle 3-6 zeigt eine Übersicht über alle im Real-
hohen Anteil besonders vulnerabler Nutzergrup- block Farmsen zur Anwendung kommenden Maß-
pen umfasst. Aktuell ist die Belastung noch nicht nahmen. Sehr deutlich wird bei dieser Gegenüber-
sehr hoch, im Klimagutachten der FHH wird aber stellung, dass im Szenario „Kompakte Stadt und
erwartet dass die Belastung bis 2050 zunimmt. Da- Umweltinnovationen bei weitem die meisten Maß-
raus ergibt sich das prioritäre Handlungsfeld des nahmen umgesetzt werden.
Hitzeschutz. Insbesondere betrifft dies Dachge-

147
Szenario „Rück- und Szenario „Florierender Wirt- Szenario „Kompakte Stadt und Umweltin-
Umbau“ schaftsstandort“ novationen“
Gebäudebezogene Maßnahmen
4.6 Objektschutz gegen Schäden durch 4.1 Dachbegrünung extensiv 1.2 Luftleitbahnen (Verbesserte Durchlüftung durch
Überschwemmungen (Schadensbe- Perforierung des Gebäuderiegels)
grenzung durch Nutzungsverlagerung in 4.2 Dachbegrünung intensiv
Überschwemmungsgefährdeten Bereichen, 4.1 Dachbegrünung extensiv (mit hoher Substrat-
Einsatz von Pumpen, Einbau von wasserdich- 4.6 Objektschutz gegen Schäden durch dicke)
ten Türen und Fenstern, Mobile Hochwasser- Überschwemmungen (Wasserundurchläs-
schutzelemente) sige Fenster und Türen) 4.2 Dachbegrünung intensiv
4.10 Bauliche Verschattungselemente
4.7 Regenwassernutzung im Gebäude 4.3 Fassadenbegrünung
4.13 Erhöhung der Albedo an Dächern
4.10 Bauliche Verschattungselemente 4.7 Regenwassernutzung im Gebäude
und Fassaden
4.13 Erhöhung der Albedo an Dächern 4.10 Bauliche Verschattungselemente
und Fassaden
Durchlüftungsverbesserung in den Woh-
4.11 Gebäudeausrichtung und flexible Grundriss-
nungen
gestaltung

4.13 Erhöhung der Albedo an Dächern und


Fassaden

Flächensparende Wohnraumerweiterung

Flächenbezogene Maßnahmen
2.4 Bedeckung des Bodens und Durch- 2.6 Intensive Bewässerung urbaner 1.3 Grünverbindungen (konsequente Gebäude- und
wurzelung urbaner Flächen Vegetation Flächenbegrünung)

2.5 Extensivierung von Grünflächen 2.7 Wasserflächen 1.4 Klimaangepasste Parkanlagen


und Spontanvegetation Arkaden
3.1 Regenwassernutzung im Außen-
1.2 Luftleitbahnen (Verbesserte Durchlüf- raum 2.3 Straßenbäume
tung durch Rückbau)
3.9 Retentionsraumversickerung 2.4 Bedeckung des Bodens und Durchwurzelung
urbaner Flächen
Ungeplanter Einstau von Wasser auf Flächen, 3.11 Rückbau versiegelter Flächen (Be-
reaktive Umleitung des Wassers, z.B. durch grünungen im Straßenraum) 2.5 Extensivierte Grünflächen und Spontanvege-
Aufschüttungen tation

2.6 Intensive Bewässerung urbaner Vegetation

3.2 Mitbenutzung von Flächen (Quartiersplatz)

3.1 Regenwassernutzung im Außenraum

3.4 Muldenversickerung

3.7 Tiefbeete

3.9 Retentionsraumversickerung

3.11 Rückbau versiegelter Flächen

4.10 Bauliche Verschattungselemente (Sonnen-


segel)

3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz heller Boden-


Tabelle 3-6 beläge

148
3-38: Kaltluftvolumenströme, 4 Uhr ;  3-39, 3-40: Lufttemperatur um 4 Uhr und 22 Uhr

7d Strukturtyp Wohn- und


Mischgebiet
Realblock St. Georg

Verortung und Charakterisierung Genossenschaften und Einzeleigentümern schlie-


ßen, wie sie in Mischgebieten häufig vorkommt.
Der exemplarisch ausgewählte Realblock aus dem
Strukturtyp Mischgebiet liegt im Stadtteil St. Georg Die Lange Reihe ist eine belebte und viel befahrene
und wird begrenzt von den Straßen Lange Reihe, Straße, neben dem MIV verkehrt auch eine Metro-
Schmilinskystraße, Koppel und Gurlittstraße. Das buslinie. Die Lage im Stadtgebiet kann als äußerst
Gebiet hat eine Fläche von etwa 1,6 Hektar und ist verkehrsgünstig beschrieben werden, der Haupt-
geprägt von dichter, überwiegend gründerzeitlicher bahnhof sowie die U-Bahn-Station Lohmühlen-
Bebauung, wie in der Vogelperspektive rechts zu er- straße sind fußläufig in wenigen Minuten erreich-
kennen ist. Die Gebäude sind mehrheitlich vier bis bar.
sechsgeschossig und verfügen zum Teil über ausge-
baute Dachgeschosse. Die Gebäude haben sowohl Das Gelände des betrachteten Gebietes fällt Rich-
Flach- als auch Satteldächer. In den Erdgeschoss- tung Norden konstant ab. Der nord-östliche Be-
und Souterrainbereichen sind, besonders in der reich des Realblocks liegt mit durchschnittlich 5,10
Langen Reihe, verschiedene gastronomische und m ü. NN rund zwei Meter unter dem Geländeni-
gewerbliche Einrichtungen sowie Einzelhandel an- veau des süd-westlichen Bereichs mit 7,10 m ü. NN.
gesiedelt. Die Obergeschosse werden überwiegend
als Wohnraum genutzt. Der betrachtete Realblock
umfasst etwa 356 Wohneinheiten. Vereinzelt haben Stadtklimatische Einordnung
sich in den Obergeschossen auch Büros oder Pra-
xen etabliert, ein Gebäude wird komplett als Gale- Die sehr kompakte Bebauung befördert zwar die
rie- und Kulturhaus genutzt. effiziente Nutzung von Infrastruktur und Energie,
führt allerdings auch zu einer eingeschränkten Be-
Die vielfältige Bebauung und die unterschiedlichen lüftung. Der hohe Versiegelungsgrad hat eine star-
Zustände der Gebäude lassen auf eine heterogene ke Erwärmung des Gebiets in den Sommermona-
Eigentümerstruktur aus Verwaltungsgesellschaften, ten zur Folge. Das Gebiet weist bereits heute eine

149
3-41
Realblock St. Georg
Vogelperspektive, Blick von Nord-Ost

hohe Wärmebelastung auf, wie Abbildung 3-39 und kregenereignissen führen. Diese treten aufgrund
3-40 zeigen. Wie aus dem Gutachten Stadtklima- der Topografie in den nord-östlichen Bereichen des
tische Bestandsaufnahme und Bewertung für das Realblocks auf. Da das Gebiet über eine Mischka-
Landschaftsprogramm Hamburg hervorgeht, ist nalisation entwässert wird, führt ein Überlaufen
die Lufttemperatur hier deutlich höher als in den der Siele zu starken Verschmutzungen.
Stadtrandbereichen (vgl. GeoNet, 2011, S. 23). Es
gibt kaum Frisch- und Kaltluftschneisen, durch die Die Bodenbeschaffenheit lässt eine Versickerung
Luftströme in das Gebiet fließen und die Wärme von Regenwasser zu, allerdings sind durch die dich-
abtragen könnten. Aus der Karte 3-41 ist zu erken- te Bebauung nur wenige geeignete Flächen vorhan-
nen, dass das Gebiet nur über sehr geringe Kaltluft- den. Außerdem kann die Verdichtung des Bodens
volumenströme verfügt (vgl. GeoNet, 2011, S. 29). die Versickerung erschweren.
Die nächstgelegenen Freiflächen sind die Alster mit
den sie umgebenden Grünflächen und der Loh- Im Klimagutachten der FHH wird das Gebiet auf-
mühlenpark. Da Gewässer sich aber nur langsam grund der vulnerablen Bevölkerungsstruktur als
wieder abkühlen, ist die Alster nur eingeschränkt prioritärer Handlungsraum eingestuft1. Mit dem
als Kaltluftproduzent geeignet und kann nur in be- zukünftig zunehmenden Anteil Über-65-Jähriger
grenztem Maß zur Abkühlung des Gebiets beitra- wird sich diese Problematik weiter verschärfen.
gen, wie in Abbildung 3-39 und 3-40 zu sehen ist. Da das Angebot an wohnungsnahen Grünräumen
Die Temperatur der Alster ist vergleichsweise hoch eingeschränkt ist, besteht in diesem Bereich Hand-
und es bestehen nur geringe Kaltluftvolumenströ- lungsbedarf.
me (vgl. Abbildung 3-38, 3-39, 3-40).
1 diese Gebiete haben entweder einen hohen
Durch die erhöhte Lage auf der Geest ist die Gefahr Anteil unter-5-jähriger, über-65-jähriger Bewohner oder
eine hohe Bevölkerungsdichte. Ausgegangen wird vom
von Überschwemmungen durch Sturmfluten und Status quo (vgl. Geo-Net Umweltconsulting GmbH,
Elbehochwasser gering, jedoch kann der hohe Ver- 2011, S. 50)
siegelungsgrad zu Überschwemmungen bei Star-
150
7d.1 Szenarioentwicklung

Bauliche Entwicklung Nachfrage nach Wohnraum zu begegnen (vgl. Abb.


3-44). Eingesetzt werden in diesem Szenario be-
Im Szenario „Rück- und Umbau“ nimmt die wusst natürliche, nachwachsende Baustoffe. Die
Nachfrage nach Wohnraum in den innerstädti- Baulücke im westlichen Bereich des Realblocks
schen Wohn- und Mischgebieten aufgrund des bleibt als Freifläche erhalten. Als Pocket Park (2.1)
anhaltenden Suburbanisierungstrends insgesamt markiert sie einen Eingang zum Hofbereich und
ab. Obwohl St. Georg durch die äußerst zentrale verbessert kleinräumig die Freiraumversorgung im
Lage begünstigt ist, kommt es dennoch vermehrt Quartier.
zu Leerständen, sowohl im Wohnungs- als auch
im gewerblichen Bereich. Häufig stehen einzelne Durch den hohen Anteil älterer Menschen (Über-
Wohn- und Gewerbeeinheiten leer, während ande- 65-Jährige) an der Bevölkerung besteht in allen drei
re im selben Gebäude noch bewohnt sind. Zu ei- Szenarien eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber
nem Rückbau kommt es nicht, so dass aufgegebene Hitze. Gut gedämmte Gebäude mit einer barriere-
Immobilien langsam verfallen (siehe nebenstehen- freien oder -armen Ausstattung werden besonders
de Karte). stark nachgefragt. Auch ist durch die weitere Aus-
differenzierung der Lebensstile eine sehr vielfältige
Da der Realblock in St. Georg bereits sehr dicht be- Nachfrage nach unterschiedlichen Wohnungsty-
baut ist, bestehen im Szenario „Florierender Wirt- pen, wie Single-Wohnungen, Zweitwohnungen
schaftsstandort“ und im Szenario „Kompakte Stadt oder Wohn-Büros zu verzeichnen.
und Umweltinnovationen“ trotz eines wachsenden
Wohnraumbedarfs nur eingeschränkte Möglichkei-
ten der Nachverdichtung. Verkehrsentwicklung

Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“


wird die Baulücke im Nord-Westen geschlossen, und im Szenario „Kompakte Stadt und Umwel-
einige Bestandsgebäude werden durch höhere und tinnovationen“ werden durch einen Rückgang des
den Bedürfnissen besser angepasste Gebäude er- MIV Flächen im Straßenraum sowie Stellplatzflä-
setzt und Dachgeschosse werden ausgebaut (siehe chen in den Hinterhöfen frei.
Karte 3-43 auf der Folgeseite).
Ein Umbau findet aber hauptsächlich im Szenario
Wegen des effizienten Umgangs mit Ressourcen „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ statt,
im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- in dem Maßnahmen der dezentralen Regenwasser-
tionen“ wird hier neben dem Dachgeschossausbau bewirtschaftung mit einer Umgestaltung des Stra-
vor allem auf Aufstockung gesetzt, um der hohen ßenraums einhergehen (siehe Abb. 3-47).

151
3-42
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

V
III
III
IV III
IV
III
V IV
VI
V
IV VI
V

II IV V
V
IV

V
IV
VI

V
VI
IV III IV
IV VI
IV V
VI
VI
IV IV
VI
II
IV
III
III
III III
IV
IV
VI

Nutzungsmischung
partieller Leerstand
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
I II III IV Geschosszahl
Vordach/ Durchgang
5 10 15 20 25 30m
N
7d.2 Gebäudebezogene
Maßnahmen

Freiraum In allen drei Szenarien finden als Reaktion auf die


hohe Hitzebelastung im dichten Strukturtyp Inner-
Während sich im Szenario „Rück- und Umbau“ städtisches Wohn und Mischgebiet in St. Georg An-
die Grünraumversorgung für die Bevölkerung auf- passungen statt. Diese unterscheiden sich im Ein-
grund der sinkenden Einwohnerzahlen verbessert, zelnen allerdings deutlich voneinander.
stehen die Grünräume im Szenario „Florierender
Wirtschaftsstandort“ durch den erhöhten Versiege- In Szenario „Rück- und Umbau“ werden vor allem
lungsgrad und im Szenario „Kompakte Stadt und die Südfassaden mit Rollläden oder ähnlichen bau-
Umweltinnovationen“ durch die steigenden Bevöl- lichen Verschattungselementen (4.10) ausgestattet.
kerungszahlen unter erhöhtem Nutzungsdruck. In Bei hoher Hitzebelastung werden, insbesondere in
der Folge verschlechtert Trittverdichtung die Versi- den oberen Geschossen und in Büro- bzw. Wohn-
ckerungsfähigkeit der Böden. Büro-Räumen auch Klimaanlagen installiert. In
Einzelfällen kommt es zu einer kostengünstigen Er-
Durch den erhöhten Versiegelungsgrad im Szena- höhung der Albedo (4.13) an Dach- und Fassaden-
rio „Florierender Wirtschaftsstandort“ vergrößert flächen, wie in Abbildung 3-45 zu sehen ist.
sich außerdem die Überschwemmungsproblematik
in Folge von Starkregenereignissen. Zudem werden Im Vergleich dazu erfolgt im Szenario „Florie-
durch die Neubauaktivitäten Biotope zerstört. render Wirtschaftsstandort“ eine umfassendere
Anpassung, die jedoch nicht koordiniert über das
In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand- gesamte Gebiet abläuft. Der Einsatz von Klimaan-
ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovati- lagen wird durch die moderne Haustechnik mit
onen“ werden aus unterschiedlicher Motivation passiven Kühlsystemen (4.12) obsolet. Es werden
Flächen im Innenhof begrünt, wodurch die Frei- auch Verschattungselemente (4.10) an Gebäuden
raumversorgung der Bewohner verbessert wird. realisiert, allerdings hat die einmalige Investiti-
on in bauliche Anlagen Priorität vor einer Begrü-
nung, die regelmäßige Pflege erfordert. Bei Neu-
Stadtklimatische Veränderungen bauten werden dennoch Dachbegrünungen (4.1,
4.2) realisiert (vgl. Abb. 3-46). Ausschlaggebend
Aus stadtklimatischer Sicht ergibt sich die stärks- für diese Entscheidung ist die Dämmwirkung der
te Veränderung in Folge der Szenarioentwicklung Dachbegrünungen, aber auch der verminderte
durch anvisierte Eingriffe im Szenario „Kompakte Regenwasserabfluss, dem ein geringer finanzieller
Stadt und Umweltinnovationen“. Durch die hohe Mehraufwand gegenübersteht, den die Anlage einer
Zahl der Aufstockungen kommt es hier zu einer Dachbegrünung im Neubau mit sich bringt und der
Verringerung des Sky-View-Faktors. Dadurch kann sich nach einigen Jahren amortisiert. Die im Szena-
die bestehende Wärmeinselproblematik zusätzlich rio „Florierender Wirtschaftsstandort“ realisierten
verstärkt werden. Dachbegrünungen sind entweder pflegeleichte Ex-
tensivbegrünungen (4.1) mit einer geringen Subst-
ratdicke oder Dachterrassen, die über einen Anteil
bepflanzter Fläche verfügen, gleichzeitig aber den
Bewohnern als Erholungsraum dienen.

153
3-43
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

V
III
III
IV
IV IV
III
VI IV
VI
VI
V VI
V

VI V VI
V
IV

VI
IV
VI

V
VI
IV IV IV
IV VII
IV V
VI
VI
IV IV
VI
II

VI III
III
IV
IV
V

Nutzungsmischung
Dachgeschossausbau
Neubau/ Abriss und Neubau
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
I II III IV Geschosszahl
Vordach/ Durchgang 5 10 15 20 25 30m N
Durch die vorhandenen finanziellen Mittel sowie schosses über eine wassersicherere Ausgestaltung
ein hohes Bewusstsein für die Themen Klimaschutz durch z.B. das Fliesen der Wände oder das Einfas-
und Klimaanpassung kommt es im Szenario „Kom- sen der gefährdeten Bereiche durch Aufkantungen
pakte Stadt und Umweltinnovationen“ zu einer (4.6).
flächendeckenden Umsetzung von Anpassungs-
maßnahmen. Dachbegrünungen (4.1, 4.2) mit ei- Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
ner Substratschicht von mindestens 12 cm Dicke werden vielfach wasserdichte Türen und Fenster
sind auf allen Flachdächern vorhanden (siehe Abb. (4.6) eingebaut, im Neubau werden die Kellerge-
3-47). Schutz vor der Sonneneinstrahlung bieten schosse von vornherein überschwemmungssicher
auch Fassadenbegrünungen (4.3). Durch die kon- gestaltet. Eine Nutzung des Regenwassers im Haus-
sequente Umsetzung von Gebäudebegrünungen halt (4.7) findet im Szenario „Florierender Wirt-
können diese einen Beitrag zur Grünraumvernet- schaftsstandort“ nur im Zuge von Neubauten statt.
zung leisten. Ein begrünter Arkadengang entlang
der Langen Reihe bietet den Anwohnern und Pas- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
santen Schutz vor Sonne und Regen und hält bei tionen“ kann auf Schutzmaßnahmen weitgehend
Regenereignissen einen Teil des Wassers zurück verzichtet werden, da durch die umfassenden Maß-
(siehe Abb. 3-47). nahmen der dezentralen Regenwasserbewirtschaf-
tung sowie die Nutzung von Regenwasser in den
Auch im Szenario „Florierender Wirtschaftsstand- Gärten und Haushalten (3.1, 4.7) und die damit
ort“ (Abbildung 3-46) gibt es einen Arkadengang einhergehende Verminderung von Abflussspitzen,
entlang der Langen Reihe, dieser ist aber baulich die Überschwemmungsgefahr äußerst gering ist.
geprägt und nicht begrünt. An sich stark aufheizen-
den Gebäuden wird sowohl im Szenario „Florieren-
der Wirtschaftsstandort“ wie im Szenario „Kom-
pakte Stadt und Umweltinnovationen“ die Albedo
(4.13) erhöht. Hierzu kommen auch innovative
Baustoffe, die bestimmte Strahlungen reflektieren,
zum Einsatz.

Da trotz erhöhter Niederschlagsmengen im Winter


und häufigeren Auftretens von Starkniederschlä-
gen aus Kostengründen keine Vergrößerung des
Siels vorgenommen wird, kommt es vermehrt zu
Überschwemmungen. Um Schäden durch starkre-
genbedingte Hochwasser vorzubeugen, werden,
wie auch heute schon üblich, in allen drei Szenarien
Rückstauklappen (4.6) installiert, die ein Eindrin-
gen von Schmutzwasser aus dem Siel in die Gebäu-
de verhindern. Davon abgesehen, gibt es deutliche
Unterschiede zwischen den Szenarien im Bezug
auf den Umgang mit häufiger auftretenden Über-
schwemmungen.

Im Szenario „Rück- und Umbau“ reicht das Spek-


trum von einem bloßen Ausräumen des Kellerge-

155
3-44
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
bauliche Entwicklung

VI
V
V
IV V
V
V
VI IV
VI

VI
V VI
VI

VI V VI
V
VI

VI
VI
VI

VI
VI
IV IV V
VI VII
VI V
VI
IV VII
VI
VI
II
IV
V
V
V V
IV
IV
VII

Nutzungsmischung
Dachgeschossausbau
Aufstockung
Bestandsgebäude
Straße

N
Fußweg
I II III IV Geschosszahl
Vordach/ Durchgang 5 10 15 20 25 30m
Gesamtfläche: 14.341qm
Szenario “Rück- und Szenario “florie- Szenario “kompakte
Umbau” render Wirtschafts- Stadt und Umweltin-
standort” novationen”
Zu entwässernde Ge- 12.289qm 11.657qm 6.897qm
bietsfläche
Anteil an der Gesamt- 86% 81% 48%
fläche
Für Versickerung zur Ver- 470qm Grünfläche 700qm Grünfläche 1.500qm Hoffläche
fügung stehende Fläche (Grünfläche und wasser-
durchlässige Beläge)
Verhältnis (ca.)zu entwäs- 30:1 15:1 4:1
sernde Fläche : potentiel-
le Versickerungsfläche

Tabelle 3-8

7d.3 Flächenbezogene Maßnahmen

Im dicht bebauten und stark versiegelten St. Georg Biodiversität. Auf Sukzessionsflächen (2.5) kann
sind für Maßnahmen der dezentralen Regenwas- sich Spontanvegetation entfalten (vgl. Abb. 3-45), es
serbewirtschaftung nur sehr begrenzte Flächenpo- können sich kleinräumige Biotope ausbilden. Eine
tentiale vorhanden. Funktion als Trittsteinbiotop ist aber aufgrund der
hohen baulichen Dichte eingeschränkt.
Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden keine ge-
zielten Maßnahmen zur Bewirtschaftung getroffen. Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
Einzig die in Folge einer nachlassenden Instandhal- hingegen werden Niederschläge nur vereinzelt de-
tung von Flächen auftretenden Schäden, wie Risse zentral bewirtschaftet und die Anlagen beschrän-
in Asphalt- oder Plattenbelägen, können eine Ver- ken sich auf die privaten Grundstücke. Zum Ein-
sickerung in kleinem Maßstab ermöglichen. Auch satz kommen Versickerungsmulden (3.4) und
kann es bedingt durch die Topografie zu Ansamm- Mulden-Rigolen-Elemente (3.6). Einen Beitrag zur
lungen von Wasser kommen, die nicht über das Siel Retention (3.9) leistet auch ein Teich, der in einem
ablaufen, sondern vor Ort verdunsten. Das Wasser Hof primär zur Steigerung der Aufenthaltsqualität
staut sich jedoch, ohne eine eingreifende Maßnah- angelegt wird.
me, an den Gebäuden im nord-östlichen Bereich
des Realblocks und kann dort zu Schäden führen. Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
tionen“ werden die Potentiale in hohem Maße ge-
Durch den verminderten anthropogenen Einfluss nutzt und es kommt eine Vielzahl an Maßnahmen
kommt es zu positiven Entwicklungen im Bereich sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Raum

157
3-45
Szenario Rück- und Umbau
Maßnahmen

Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Klimaanlage
bauliches Verschattungselement
Objektschutz
Vordach, Durchgang
erhöhte Albedo

5 10 15 20 25 30m
N
zum Einsatz, wie in Abbildung 3-47 zu sehen ist. lüftung des Realblocks. Die Erhöhung der Einwoh-
Aufgrund der Boden- und Grundwasserverhält- nerzahl lässt zudem auf eine höhere Nutzung der
nisse wird vor allem auf Versickerung gesetzt. In Freiflächen schließen, welche in der Folge durch die
den Innenhöfen werden platzsparende Mulden- Trittverdichtung einen höheren Oberflächenabfluss
Rigolen-Elemente (3.6) und ein Versickerungs- aufweisen.
schacht (3.8) angelegt. Im Straßenraum werden
die nicht mehr benötigten Stellplätze sowie Teile Für Anpassungsmaßnahmen stehen in diesem
der Fahrbahnen für die Regenwasserbewirtschaf- Strukturtyp durch die bestehende Bebauung sowie
tung genutzt. Zum Einsatz kommen Tiefbeete (3.7), die Erhöhung der Wohneinheitenzahl, in allen Sze-
über die das Wasser von Straßen und Fußwegen narien demzufolge nur geringe Flächen zur Verfü-
versickert, aber auch große, intensiv bepflanzte gung, welche gleichzeitig einem hohen Nutzungs-
Baumscheiben (2.4), die den Oberflächenabfluss druck als Erholungsfläche unterliegen.
verringern und einen Versickerungsraum darstel-
len. Zudem vermindern wasserdurchlässige Beläge Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden aufgrund
(3.11) auf Rad- und Fußwegen sowie auf den be- der begrenzten finanziellen Mittel, aber auch der
festigten Flächen in den Innenhöfen und der hohe heterogenen Eigentümerstruktur und geringen
Anteil an Gründächern (4.1 und 4.2) den Regen- Aufklärung keine Maßnahmen zur dezentralen Be-
abfluss. wirtschaftung von Niederschlägen getroffen. Der
Anteil der zu entwässernden Flächen beträgt 86 %
(siehe Tabelle 3-8) und die Ableitung erfolgt weiter-
hin über die Kanalisation. Möglicherweise können
Sukzessionsflächen und kleinteilige Aufbrüche der
7d.4 Zwischenbetrach- versiegelten Flächen die Abflüsse mindern, da aber
tung keine Entsiegelung stattfindet ist dennoch anzu-
nehmen, dass es in diesem Szenario häufig zu einer
Überlastung der Kanalisation und infolgedessen zu
Überschwemmungen kommt. Diese würden in der
Als zentrales Element des Strukturtyps Innerstädti- Folge in diesem Strukturtyp insbesondere Schäden
sches Wohn- und Mischgebiet wird die dichte Bau- an den gewerblich genutzten EG- und Souterrain-
struktur und hohe Bevölkerungsdichte betrachtet. bereichen sowie den Kellern anrichten. Weitere Ge-
fährdungen entstehen durch eine eingeschränkte
Im Realblock in St. Georg sind im Bestand bereits Nutzbarkeit der Erschließung, welche dieser Zeit
fast zwei Drittel der Fläche bebaut (siehe Abbildung nur eingeschränkt nutzbar wäre.
3-48). Damit ist das Potential zur Nachverdichtung
nahezu ausgeschöpft. Zur Erhöhung der Wohnflä- Den akuten Symptomen der erhöhten Hitzebelas-
chen kommt es im Szenario „Florierender Wirt- tung kann mit baulichen Verschattungselementen
schaftsstandort“ u.a. durch Abriss und Neubau zu und Klimaanlagen sowie der Erhöhung der Albedo
ca. 109 zusätzlichen Wohneinheiten. Der Ausgangs- und Nutzungsverlagerungen z.T. begegnet werden.
  

zustand von ca. 356 WE kann so um fast ein Drittel Das Kleinklima wird durch diese Maßnahmen je-
erhöht werden. Im Szenario „Kompakte Stadt und doch nicht verbessert und die bioklimatische Belas-
Umweltinnovationen“ werden hauptsächlich Auf- tung bleibt dementsprechend hoch. Für die Umset-
stockungen vorgenommen. Es entstehen 96 neue zung ökologisch sinnvollerer Maßnahmen fehlen
Wohneinheiten, eine Erhöhung gegenüber dem die Aufklärung sowie die finanziellen Mittel.
Ausgangszustand um etwa ein Viertel.
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
Generell entsteht durch die Aufstockung der Ge- kann die zu entwässernde Fläche trotz Neuversiege-
bäude eine weitere Verschlechterung der Durch- lung durch Dachbegrünungen um einen geringen

159
3-46
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
Maßnahmen

Versickerung
Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
entsiegelte Fläche
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
bauliches Verschattungselement
Objektschutz
Vordach, Durchgang

5 10 15 20 25 30m N
Wert auf 81 % gesenkt werden, wie Tabelle 3-8 zu möglich, bei Starkregenereignissen oder lang an-
entnehmen ist. Anpassungsmaßnahmen zur dezen- dauernden Regenfällen muss jedoch über die Ka-
tralen Regenwasserbewirtschaftung werden verein- nalisation entwässert werden.
zelt von Grundstückseigentümern vorgenommen.
Durch die Anwendung von Mulden oder Mulden- Der Hitzebelastung wird durch umfangreiche Be-
Rigolen kann das anfallende Regenwasser komplett grünungsmaßnahmen im privaten und öffentlichen
auf den betreffenden Grundstücken bewirtschaftet Raum begegnet. Das Kleinklima kann auf diesem
werden. Um eine komplette Bewirtschaftung der Weg deutlich verbessert werden. Möglich ist diese
Niederschläge im Realblock zu ermöglichen, müss- Entwicklung aufgrund der Aufklärung der Bewoh-
ten bei einem Verhältnis von 15 : 1 (zu entwässernde ner und den Prioritäten seitens der öffentlichen
Fläche : für Versickerung geeignete Fläche) jedoch Hand, die ökologisch sinnvolle Maßnahmen gezielt
sämtliche Freiflächen im Realblock für eine Versi- fördert und für umfassende Aufklärung sorgt.
ckerung mit Mulden-Rigolen-Elementen genutzt Im Strukturtyp Innerstädtisches Wohn- und Misch-
oder Schachtversickerungen eingesetzt werden. gebiet sind die Wirkfolgen der Klimaänderungen
Da die Erholungsnutzung der Freiräume im Vor- besonders deutlich zu spüren. Die Hitzebelastung
dergrund steht, ist von diesem Engagement jedoch ist gegenüber dem Beginn des 21. Jahrhunderts
nicht auszugehen. Eine dezentrale Bewirtschaftung weiter angestiegen. Die baulichen Entwicklungen in
des anfallenden Regens auf der Ebene des Realb- den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstandort“
locks ist somit in diesem Szenario nicht möglich. und „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“
befördern das Entstehen einer städtischen Wär-
Die Hitzebelastung kann durch den Einsatz un- meinsel zusätzlich. Demnach kommt den Maßnah-
terschiedlicher Maßnahmen reduziert werden. men zur Mitigation der Wärmeinsel, insbesondere
Maßnahmen zur Verbesserung des Kleinklimas der Gebäudebegrünung, in diesem Strukturtyp
kommen jedoch nur vereinzelt, z.B. im Zuge der eine besondere Bedeutung zu. Die nebenstehende
Innenhofbegrünung, zum Einsatz. Im Fokus steht Tabelle 3-8 zeigt, dass insbesondere im Szenario
dann meist die Aufwertung des Wohnumfelds. „Kompakte Stadt und Umweltinnovationen“ eine
Vielzahl an Maßnahmen aus diesem Bereich zum
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno- Einsatz kommen.
vationen“ kann die zu entwässernde Fläche durch
den konsequenten Einsatz von Anpassungsmaß- Aber auch der Umgang mit Niederschlägen ist in
nahmen mit 48 % nahezu halbiert und der Grünflä- Anbetracht der zunehmenden Häufigkeit von Star-
chenanteil verdoppelt werden (vgl. Abb. 3-48 und kregenereignissen von zunehmender Bedeutung.
Tabelle 3-8). Das Flächenverhältnis ermöglicht den Durch die dichte Baustruktur ist die dezentrale Re-
Einsatz von Muldenversickerungen. Es werden aber genwasserbewirtschaftung nur schwer zu realisie-
auch Mulden-Rigolen-Elemente eingesetzt, um den ren und mit hohem Aufwand verbunden. Im Ver-
Flächenbedarf der Maßnahmen zu reduzieren. Eine gleich mit den anderen betrachteten Strukturtypen
vollständige dezentrale Bewirtschaftung des anfal- ist eine Anpassung im Innerstädtischen Wohn- und
lenden Regenwassers ist somit in diesem Szenario Mischgebiet aufwendiger und Resilienz schwerer
zu erreichen.

100%

80% Legende
Dachbegrünung
(Anteil an Bebauung)
60%
Anteil an Bebauung
Gesamt-
fläche 40%

Befestigte Fläche
20%

Grünfläche
0%

161 3-48
Heute & Szenario
Rück- und Umbau
Szenario
Florierender Wirtschaftsstandort
Szenario
Kompakte Stadt
und Umweltinnovationen
3-47
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
Maßnahmen

Versickerung
Regenwassernutzung im Außenraum
Verschattungselement (Sonnensegel)
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
entsiegelte Fläche
Mitbenutzung
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
Fassadenbegrünung
Objektschutz
Vordach, Durchgang

5 10 15 20 25 30m
N
Szenario „Rück- und Szenario „Florierender Wirt- Szenario „Kompakte Stadt
Umbau“ schaftsstandort“ und Umweltinnovationen“
Gebäudebezogene Maßnahmen
4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.1 Dachbegrünung extensiv 1.3 Grünverbindungen
durch Überschwemmungen (Grünraumvernetzung durch konse-
(Einbau von Rückstauklappen, 4.7 Regenwassernutzung im Ge- quente Begrünung)
Schadensbegrenzung durch Nut- bäude (Neubau)
zungsverlagerung in überschwem- 4.1 Dachbegrünung extensiv (mit
mungsgefährdeten Bereichen
Einfassen der Bereiche mit Kantstei- 4.10 Bauliche Verschattungsele- dicker Substratschicht)
nen ) mente
(Arkaden) 4.2 Dachbegrünung intensiv
4.10 Bauliche Verschattungsele-
mente 4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.3 Fassadenbegrünungen
durch Überschwemmungen
4.13 Erhöhen der Albedo an Dä- (Einbau von wasserdichten Türen und 4.7 Regenwassernutzung im
chern und Fassaden Fenstern, Rückstauklappen, Neubau: Gebäude
überschwemmungssichere Erd- und
Untergeschosse)
4.10 Bauliche Verschattungsele-
(Einbau von Klimaanlagen) mente (begrünte Arkaden)
4.12 Passive Kühlsysteme

4.4 Strategische Gebäudever-


4.13 Erhöhen der Albedo an Dä-
schattung durch Gehölze (Baum-
chern und Fassaden pflanzungen im Hofbereich)

4.13 Erhöhte Albedo an Dächern


und Fassaden
Flächenbezogene Maßnahmen
2.5 Extensivierte Grünflächen und 2.1 Pocket Parks 2.1 Pocket Parks
Spontanvegetation
3.2 Mitbenutzung von Flächen 2.3 Straßenbäume
3.2 Mitbenutzung von Flächen
3.4 Muldenversickerung 2.4 Bodenbedeckende Maß-
(Kleinteilig verbesserte Versicke- nahmen und Durchwurzelung
rung durch Schäden an versiegelten
3.6 Mulden-Rigolen-Versickerung urbaner Flächen
Flächen)

3.9 Retentionsraumversickerung 2.7 Wasserflächen (mit Retentions-


raum)
3.11 Rückbau versiegelter Flächen
3.6 Mulden-Rigolen-Versickerung
4.10 Bauliche Verschattungsele-
mente (Sonnensegel im Hof ) 3.7 Tiefbeete

3.8 Schachtversickerung
(vereinzelte Baumpflanzungen)
3.11 Rückbau versiegelter Flächen
(im Hof und auf Rad und Fußwegen)

3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz


heller Bodenbeläge
Tabelle 3-9

163
164
3-49: Kaltluftvolumenströme, 4 Uhr ;  3-50, 3-51: Lufttemperatur um 4 Uhr und 22 Uhr

7e Strukturtyp Gewerbe
Realblock Billbrook

Verortung und Charakterisierung Die Grundstücke sind unterschiedlich gestaltet und


die ansässigen Betriebe weisen eine relativ hohe
Das Gewerbegebiet in Hamburg Billbrook liegt im Vielfalt auf. Daher ist nicht erkennbar, ob es sich
Bereich des Landschaftstypus Marsch, in der Nähe um Eigentum oder um Pachtverhältnisse handelt
der Bille. Der gewählte Bereich wird begrenzt durch und wer im Fall einer Verpachtung der Eigentümer
die Moorfleeter Straße, den Porgesring und den ist.
Pinkertweg und hat eine Fläche von ca. 23 Hektar.
Ein Schienenanschluss ist vorhanden (in der Vogel- Der Porgesring ist eine Allee mit relativ jungen
perspektive 3-52 oben zu sehen), außerdem ist die Straßenbäumen. Außer dieser Baumreihe gibt es
Lage günstig für den LKW-Verkehr durch die Nähe entlang des Porgesrings Büsche und Hecken, die
zu den Bundesautobahnen A1 und A25. meist der Begrenzung der einzelnen Parzellen die-
nen. Am Pinkertweg finden sich entlang der Bahn-
Es sind eine Reihe Logistikunternehmen ansässig, gleise Sukzessionsflächen. Insgesamt ist wenig Ve-
die über große Parkplatzflächen sowie über große getation im Gebiet vorhanden.
Hallenbauwerke verfügen. Außerdem finden sich
in dem Gebiet verschiedene Büro- und Verwal- Das Gelände ist zur Mitte hin abschüssig, so dass
tungsgebäude. Einige der Gebäude sind, wie für sich im zentralen Bereich eine leichte Senke bildet.
Gewerbegebiete üblich, baulich spezifisch den vor- Der östliche und der westliche Bereich des Realb-
handenen Nutzungen angepasst. locks liegen mit 6,4 bzw. 5,6 m ü. NN höher als der
zentrale Bereich mit 4,9 m ü. NN.
Im süd-östlichen Bereich sind vor allem kleinere
Betriebe ansässig. Hier finden sich auch Brachflä-
chen, von denen einige stark von Vegetation be-
wachsen sind (siehe Vogelperspektive 3-52 rechts
unten).
165
3-52
Realblock Billbrook
Vogelperspektive, Blick von Süden

Stadtklimatische Einordnung umgebenden Gewässer. Eine Belastung durch die


ansässigen Nutzungen muss allerdings ausgeschlos-
Das Gebiet ist durch den hohen Versiegelungsgrad sen sein.
stark von Erwärmung betroffen, wie Abbildung
3-50 und 3-51 zeigen. Besonders auffällig ist der Das Gebiet liegt in der Bille-Landschaftsachse, die
Temperaturunterschied zu den benachbarten land- in diesem Bereich durch die gewerbliche Prägung
wirtschaftlich genutzten Flächen süd-östlich des stark in ihren naturräumlichen Funktionen einge-
Realblocks. Da die Nutzung sich aber überwiegend schränkt ist. Eine Verbesserung der Situation im
auf den Tag beschränkt, ist die Belastung durch das westlichen Bereich der Bille-Achse wird angestrebt
nächtliche Ausbilden einer Wärmeinsel deutlich (vgl. BSU, 2006b, S. 157ff).
geringer als in den Wohngebieten.

Die großen Freiflächen sowie die vergleichsweise


kurzen Lebenszyklen von Gebäuden im gewerbli-
chen Bereich bieten vielfältige Möglichkeiten, die
stadtklimatische Situation in diesem Gebiet zu ver-
bessern.

Der starke Versiegelungsgrad führt zu hohen Re-


genabflüssen, eine Versickerung ist aufgrund der
Lage in der Marsch jedoch ohnehin nur äußerst
eingeschränkt möglich. Potentiale bestehen aber
hinsichtlich einer Retention der anfallenden Nie-
derschläge und der sukzessiven Einleitung in die

166
7e.1 Szenarioentwicklung

Bauliche Entwicklung Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“


zieht die starke Wirtschaft die Ausweisung neuer
Gewerbegebiete sind in Bezug auf die bauliche Ent- Gewerbegebiete sowie die dichtere Bebauung und
wicklung ein Sonderfall unter den Strukturtypen, stärkere Versiegelung bestehender Gewerbegebiete
da die Lebensdauer der Gebäude hier deutlich kür- nach sich, wie im Vergleich der drei Karten der bau-
zer ist als in Wohngebieten oder in mischgenutzten strukturellen Entwicklung (3-53, 3-54, 3-55) deut-
Gebieten. Während Wohngebäude eine Lebensdau- lich wird. Während in den Karten 3-53 und 3-55
er von 50 bis 100 Jahren oder sogar darüber hinaus noch einige unbebaute Grundstücke vorhanden
haben, erneuern sich Gewerbegebiete in deutlich sind, sind die Flächenkapazitäten für Bebauung in
kürzeren Zyklen von teilweise nur 20 Jahren. Abbildung 3-54 (nächste Seite) weitgehend ausge-
schöpft.
Im Szenario „Rück- und Umbau“ ist die Flächen-
nutzung rückläufig. Es sind weniger Unternehmen Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
im Beispielgebiet ansässig und Flächen fallen brach. vationen“ führt das hohe Umweltbewusstsein in
Wenn es sich dabei um Leichtbauhallen handelt, ist Kombination mit Subventionen und Fördergeldern
der Rückbau zwar relativ einfach und weniger kos- zur Anlage ökologisch sinnvoller und energetisch
tenintensiv als bei massiven Bauwerken, dennoch effizienter Gewerbegebiete. Nachhaltiges Wirt-
findet kaum Rückbau statt. Die Gebäude bleiben schaften und umweltbewusstes Verhalten sind in
meist stehen und verfallen (siehe nebenstehende den Unternehmen zu Marketingfaktoren gewor-
KArte 3-53). Es bilden sich Flächen für potentiel- den, denen hohe Priorität beigemessen wird. Be-
le Trittsteinbiotope heraus. Problematisch können sonders die Branche der erneuerbaren Energien ist
mögliche Bodenbelastungen sein. erstarkt und zu einem bedeutenden Wirtschafts-
faktor in der Hansestadt geworden. Durch Cluster-
bildung werden Vorbildgebiete geschaffen, die eine

167
3-53
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

Leerstand
Neubau/ Abriss und Neubau
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Vordach/ Durchgang 10 30 50m
N
Optimierung auch anderer Gewerbegebiete nach Flächen verloren. Der Versiegelungsgrad nimmt zu,
sich ziehen. was den Oberflächenabfluss weiter erhöht und in
der Konsequenz zu häufigeren Überschwemmun-
Wegen der starken Reglementierung der Neu- gen durch Starkregenereignisse führt.
versiegelung werden kaum neue Gewerbegebiete In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand-
ausgewiesen. Diese entstehen auf Industriebra- ort“ und „Kompakte Stadt und Umweltinnovatio-
chen oder anderen bereits versiegelten Flächen. nen“ werden Parkplatzflächen frei, da Mitarbeiter
In den meisten Fällen werden bestehende Gebie- vermehrt den ÖPNV nutzen. Diese Flächen wer-
te ausgebaut, kompakter gestaltet und optimiert. den von den Unternehmen entweder für Erweite-
Hierzu werden insbesondere Transportwege und rungen ihrer Betriebsgebäude genutzt oder aber als
Stellplatzflächen untersucht sowie Unternehmens- Grünraum zur Steigerung der Standortattraktivität
verbünde geschlossen, die eine effiziente Flächen- ausgestaltet.
nutzung ermöglichen. Aber auch stadtklimatische
Aspekte werden berücksichtigt. So wird beispiels- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
weise darauf geachtet, dass eine Durchlüftung des vationen“ ergibt sich ein Wettbewerbsvorteil für
Gebiets stattfinden kann. Im Realblock werden in schienennah gelegene Gewerbegebiete, da ein An-
Ost-West-Richtung Räume zwischen den Gebäu- schluss an das Schienennetz in vielen Fällen die
den freigelassen, um die Durchlüftung zu gewähr- wirtschaftlichere Alternative ist. Die Gleisanlage in
leisten (siehe Abb. 3-55). Billbrook ist in Betrieb und stellt einen Standort-
vorteil dar. Aber auch der Transport per LKW ist
nach wie vor von großer Bedeutung.
Verkehrsentwicklung

Im Szenario „Rück- und Umbau“ hat der LKW- Freiraumentwicklung


Transport nach wie vor eine große Bedeutung im
gewerblichen Bereich. Am Standort Billbrook wer- Durch die Verdichtung im Szenario „Florierender
den die Gleisanlagen aufgrund zu geringer Auslas- Wirtschaftsstandort“ reduziert sich der ohnehin ge-
tung stillgelegt. Eine strategische Anordnung von ringe Grünflächenanteil im Realblock Billbrook zu-
Betrieben an schienengünstig gelegenen Standor- sätzlich. Die Anlage von kleineren repräsentativen
ten findet nicht statt. Vielmehr werden weiterhin Grünflächen kann dies nicht kompensieren.
neue Gewerbegebiete in LKW-verkehrsgünstigen
Lagen ausgewiesen. In den Szenarien „Rück- und Umbau“ und „Kom-
pakte Stadt und Umweltinnovationen“ bleiben die
Zudem nimmt in diesem Szenario der Stellplatzbe- vorhandenen Grünflächen bestehen, in letzterem
darf für den MIV der Mitarbeiter zu. Eine Neuver- werden zudem weitere Grünflächen geschaffen. Der
siegelung wird in der Folge aber nicht verursacht. Grünraumanteil erhöht sich in diesem Szenario.
Es können häufig bereits vorhandene Stellplätze
und Brachflächen genutzt werden, die aufgrund der
Abwanderung entstanden sind. Stadtklimatische Entwicklung

Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ Durch die Verdichtung der Bebauung im Szenario


werden aufgrund der starken Preissteigerungen im „Florierender Wirtschaftsstandort“ werden stadt-
MIV und LKW-Verkehr Flächen mit Schienenan- klimatisch problematische Faktoren verstärkt. So
schluss bevorzugt. Aufgrund seiner verkehrsgünsti- nimmt der Sky-View-Faktor ab und die Durchlüf-
gen Lage wird der Standort Billbrook erweitert, die tung wird zunehmend behindert. Trotz effizienter
Bahnstrecke ist in Betrieb. Dadurch gehen auch Tei- Nutzung der vorhandenen Wärmeströme nimmt
le der benachbarten landwirtschaftlich geprägten die Abwärmeproduktion zu, was die Erwärmung
des Gebietes zusätzlich verstärkt.
169
3-54
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

Neubau/ Abriss und Neubau


Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Vordach/ Durchgang 10 30 50m
N
7e.2 Gebäudebezogene Maßnahmen

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- Insbesondere im Neubaubereich werden auch ex-
tionen“ vermindert sich die bioklimatische Belas- tensive Dachbegrünungen (4.1) realisiert (siehe
tung durch die verbesserte Durchlüftung und die Abb. 3-57).
Erhöhung des Grünflächenanteils.
In allen drei Szenarien werden Maßnahmen ergrif- Bedingt durch die Lage in der Marsch bietet die
fen, um die Hitzebelastung der Mitarbeiter zu re- Retentionskapazität der Dachbegrünung den Vor-
duzieren. teil, dass die Oberflächenabflüsse vom Grundstück
verringert werden. Jedoch werden meist eher gerin-
Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden an den ge Substratdicken verwendet, die einen geringeren
Büro- und Verwaltungsgebäuden Verschattungs- statischen Aufwand mit sich bringen.
elemente (4.10) wie außen liegende Rollläden an-
gebracht. Teilweise werden auch Klimaanlagen Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinno-
eingebaut. In einigen Fällen wird die Albedo (4.13) vationen“ wird stark auf die isolierende Wirkung
der Gebäude, insbesondere im Dachbereich, durch von extensiven Dachbegrünungen (4.1) gesetzt.
Anstriche mit hellen Farben erhöht, um die Aufhei- Diese werden auf fast jedem Flachdach realisiert,
zung der Gebäude zu verringern. wie in Abbildung 3-58 zu sehen ist. Durch eine ver-
gleichsweise dicke Substratschicht kann zudem ein
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ Großteil der Niederschläge auf den Gründächern
sind die Büro- und Verwaltungsgebäude gut ge- zurückgehalten werden und von dort verdunsten.
dämmt und mit passiven Kühlsystemen (4.12) wie
Wärmetauschern oder Betonkernaktivierung aus- Auch in diesem Szenario verfügen die Büro- und
gestattet. Zusätzlich werden auch in diesem Sze- Verwaltungsbauten über passive Kühlsysteme. Um
nario außen an der Fassade Verschattungselemen- den Kühlbedarf weiter zu verringern, werden die
te (4.10) wie z.B. Rollläden angebracht (vgl. Abb. Fassaden begrünt (4.3) und Bäume an strategisch
3-56). Diese können individuell oder automatisch für die Verschattung (4.4) gewählten Stellen ange-
gesteuert werden. Nachts werden sie eingefahren, pflanzt (vgl. Abb. 3-58). Diese schützen die Bebau-
um die Auskühlung der Gebäude nicht zu behin- ung vor der einfallenden Strahlung.
dern.
Fassadenbegrünungen (4.3) werden auch an Hal-
Damit sich Hallen sowie Büro- und Verwaltungsge- lengebäuden realisiert, soweit die Nutzung dies zu-
bäude weniger stark erhitzen, werden zudem helle lässt. Neben der kühlenden Wirkung filtern diese
Oberflächenmaterialien (4.13) für Dächer und Fas- Begrünungen auch Schadstoffe aus der Luft.
saden gewählt.

171
3-55
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
bauliche Entwicklung

Neubau/ Abriss und Neubau


Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
Vordach/ Durchgang
10 30 50m
N
Wo eine Verschattung durch Vegetation sowie eine alblock beschränken sich die gewählten Maßnah-
Dachbegrünung nicht möglich sind, wird der Er- men der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung
wärmung auch hier durch den Einsatz heller Ober- allgemein auf Maßnahmen zur Retention (3.10,
flächenbeläge (4.13) entgegengewirkt (siehe Abb. 2.12; siehe Abb. 3-56, 3-57, 3-58). Dies hat zwei
3-58). Gründe: Zum einen ist eine Versickerung aufgrund
Um Schäden durch Überschwemmungen infolge der lokalen Gegebenheiten, der Lage in der Marsch,
von Starkregenereignissen vorzubeugen, werden wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt möglich.
von den Unternehmen verschiedene Schutzmaß- Zum anderen ist die Versickerung in Gewerbege-
nahmen (4.6) ergriffen. Diese konzentrieren sich bieten aufgrund der Verschmutzungsgefahr gene-
aufgrund der Topografie des Gebiets auf den zent- rell bedenklich (vgl. BSU, 2006a, S. 9f und Anhang
ralen Bereich, der in einer leichten Senke liegt. 1). Ob eine Versickerung stattfinden kann, ist im
Einzelfall zu prüfen.
Im Szenario „Rück- und Umbau“ beschränken sich
die Maßnahmen auf die Verlagerung von Technik Im Szenario „Rück- und Umbau“ werden im zen-
und Lagerung auf eine hochwassersichere Höhe tralen Bereich des Gebietes Parkplatzflächen für
(4.6). die Mitbenutzung (2.8) zur Speicherung von Nie-
derschlägen umgebaut, wie in der nebenstehenden
In den Szenarien „Florierender Wirtschaftsstand- Karte zu sehen ist. Dieses Vorgehen wurde mitt-
ort“ und “Kompakte Stadt und Umweltinnovatio- lerweile vielfach erprobt und stellt eine vergleichs-
nen” wird bei Neubauten das Erdgeschoss häufig weise kostengünstige Alternative zum Schutz vor
leicht erhöht (4.6), so dass Überschwemmungs- unkontrollierten Überschwemmungen durch Star-
schäden weniger leicht auftreten. Im Bestand wer- kregenereignisse dar.
den wasserfeste Türen und Fenster eingebaut. La-
gerhallen werden mit wasserundurchlässigen Toren Eine solche Mitbenutzung (2.8) findet auch im
(4.6) versehen und Waren sowie sensible Technik Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ statt.
werden in einem Sicherheitsabstand zum Boden Auch ein Teil des Porgesringes wird für die Mitbe-
installiert bzw. aufbewahrt. Bei Neu- und Umbau- nutzung zur Speicherung von Niederschlägen aus-
ten wird die Nutzung von Regenwasser in die Haus- gestaltet (siehe Abbildung 3-57). Außerdem werden
technik (4.7) integriert, vor allem bei den Büro- und an verschiedenen Stellen im Gebiet Maßnahmen
Verwaltungsbauten. zur Retention von Regenwasser getroffen. Da eine
Belastung des von den befestigten Flächen ablau-
fenden Regenwassers nicht ausgeschlossen werden
kann, werden z.T. Maßnahmen gewählt, die eine
Reinigung des Wassers leisten können, wie z.B. ve-
getationsgeprägte Retentions-Filterbecken (3.10).
7e.3 Flächenbezogene An anderer Stelle wird aber auch ein Rückhaltebe-
Maßnahmen cken (2.12) ohne zusätzliche Filterleistung angelegt.

Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-


tionen“ werden umfangreiche Maßnahmen der de-
zentralen Regenwasserbewirtschaftung umgesetzt.
Da das Siel immer häufiger die Niederschlagsmen- Neben der Retention durch die Gründächer (4.1)
gen nicht mehr komplett aufnehmen kann, werden werden auch am Boden Retentions-Filterbecken
von den Unternehmen Maßnahmen zur Bewirt- (3.10) angelegt (siehe Abb. 3-58). Hier kommt es
schaftung und zum Rückhalt von Niederschlägen durch die Kooperation verschiedener Betriebe auch
getroffen. Diese unterscheiden sich allerdings deut- zu semi-zentralen Lösungen (in der Karte 3-58
lich in den verschiedenen Szenarien. In diesem Re- links zu sehen). Diese werden naturnah gestaltet,

173
3-56
Szenario Rück- und Umbau
bauliche Entwicklung

Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
Mitbenutzung
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
bauliches Verschattungselement
Objektschutz
Klimaanlage
Vordach, Durchgang 10 30 50m
N
Gesamtfläche 216.360qm
Szenario “Rück- Szenario “Florie- Szenario “Kompakte
und Umbau” render Wirtschafts- Stadt und Umweltin-
standort” novationen”
Zu entwässernde Ge- 197.383qm 183.306qm 159.459qm
bietsfläche
Anteil an der Gesamt- 91% 85% 74%
fläche

Tabelle 3-10

tragen optisch zur Attraktivität des Gebietes bei Entlang der Straßen werden die Baumscheiben bo-
und gewährleisten gleichzeitig eine Reinigung des dennah bepflanzt (2.4), wodurch sich die Wasser-
Regenwassers. Auf den öffentlichen Flächen anfal- aufnahmekapazität des Bodens verbessert und der
lendes Regenwasser wird in straßenbegleitenden Abfluss von den ausgetrockneten Böden vermin-
Mulden (3.4) gesammelt. dert wird. Entlang des Pinkertwegs werden weitere
Bäume (2.3) gepflanzt (siehe nebenstehende Karte
In allen drei Szenarien wird Regenwasser gesam- 3-57).
melt und besonders in Trockenperioden für die
Bewässerung der Vegetation (3.1) und weitere be- Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
triebliche Zwecke verwendet. tionen“ werden die bestehenden Grünflächen nicht
bebaut (2.5), sondern entweder zur Retention von
In hochversiegelten Gewerbegebieten kommt der Niederschlägen genutzt oder sie werden nicht ge-
klimatischen Ausgleichsfunktion der Grünflächen pflegt und es können sich Biotope ausbilden. Durch
besondere Bedeutung zu. die konsequente Umsetzung von Gebäudebegrü-
nungen sowie die Begrünungen im Straßenraum
Im Szenario „Rück- und Umbau“ betreibt ein Teil wird der Grünraumverbund gestärkt (1.3).
der ansässigen Unternehmen intensive Pflege ihrer
Grünanlagen, vor allem, wenn es zu Kundenkon- Entlang der Erschließungsstraßen werden in die-
takt auf dem Betriebsgelände kommt (siehe Abb. sem Szenario außerdem Straßenbäume (2.3) ge-
3-56, im westlichen und zentralen Bereich im Real- pflanzt. Diese spenden Schatten und verhindern
block). Die ökologischen Funktionen dieser Begrü- so zusätzlich die Erwärmung des Bodens. Auf den
nungen sind zwar nicht sehr ausgeprägt, sie können Baumscheiben wird bodennahe Vegetation (2.4)
aber als Wanderwege für die Fauna zwischen ein- angepflanzt, die das Austrocknen des Bodens ver-
zelnen kleinen Biotopen fungieren. Auf den Brach- hindert und seine Wasseraufnahmekapazität er-
flächen und den leerstehenden Gebäuden kommt höht (vgl. Abb. 3-58).
es vermehrt zu Sukzession (2.5) und es bilden sich
Habitate heraus, die als Trittsteinbiotope fungieren Im öffentlichen Raum wird einer Erwärmung im
können. Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnovatio-
nen“ außerdem durch die Verwendung heller Stra-
Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ ist ßenbeläge (3.12) entgegengewirkt.
durch die hohe Nachverdichtung ein Rückgang des
Grünflächenanteils zu verzeichnen. Überdies er-
folgt der Erhalt oder Ausbau von Grünflächen nur
zu repräsentativen Zwecken, im Empfangsbereich
oder entlang der Grundstücksgrenzen.

175
3-57
Szenario Florierender Wirtschaftsstandort
bauliche Entwicklung

Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
Mitbenutzung
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
bauliches Verschattungselement
Objektschutz
Vordach, Durchgang 10 30 50m
N
7e.4 Zwischenbetrachtung

Als ein zentrales Potential von Gewerbegebieten flächenanteil im Bestand leicht erhöht werden. Die
kann insbesondere die hohe Zahl von Flachdächern Bebauung der derzeit grünen Brachflächen hebt
gewertet werden. Durch eine flächendeckende Be- diese positive Entwicklung allerdings wieder auf.
grünung der Flachdächer kann die bioklimatisch
und ökologische Situation im Gewerbegebiet ver- Der Anteil der zu entwässernden Flächen ist mit
bessert werden, außerdem werden Abflussspitzen 91 % in diesem Realblock gravierend (siehe Tabel-
vermindert. Dies geschieht im Szenario „Kompak- le 3-10). Aufgrund der Lage im Marschgebiet liegt
te Stadt un Umweltinnovationen, wie in der Karte das Augenmerk bei der Umsetzung von Maßnah-
3-58 zu sehen ist. men der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung
vordergründig auf Retentionsmaßnahmen. Im Sze-
Ein großes Problem in diesem Realblock stellt der nario „Rück- und Umbau“ werden einige Teichen
hohe Versiegelungsgrad dar, wodurch Niederschlä- mit Retentionskapazität angelegt. Eine vollständige
ge beinah komplett abfließen. Dadurch steigt bei dezentrale Bewirtschaftung des Regenwassers kann
Starkregenereignissen die Gefahr einer Überlas- dennoch in diesem Szenario nicht stattfinden. Es ist
tung des Siels und es kann zu Überschwemmungen infolgedessen ein hoher Oberflächenabfluss zu er-
kommen. Eine Umstellung auf Versickerungsanla- warten, welcher zu einer Überlastung der Kanalisa-
gen ist im Gewerbegebiet jedoch problematisch, da tion und Schäden an und insbesondere in den vor-
die Gefahr eines Schadstoffeintrags besteht (siehe handenen Lagerhallen führen kann. Um derartige
Anhang 1). In diesem Realblock muss zusätzlich Schäden zu verhindern werden Parkplatzflächen
der standortspezifische Faktor der Lage im Marsch- baulich für eine Mitbenutzung ausgestaltet.
gebiet berücksichtigt werden. Eine Versickerung ist
demzufolge aufgrund der Bodenverhältnisse ohne- Einer Hitzebelastung innerhalb der Lagerhallen
hin nahezu auszuschließen. Bei der Bewirtschaf- wird durch einige gebäudebezogene Maßnahmen
tung des Regenwassers muss der Fokus daher auf begegnet. Da diese aber nicht auf Vegetation fokus-
Retentionsmaßnahmen liegen. sieren kann das Kleinklima kaum verbessert wer-
den.
In dem Realblock des Strukturtyps Gewerbegebiet
ist etwa ein Drittel der Fläche bebaut (siehe Abb. Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
3-59). Der Anteil der befestigten Fläche ist mit 56 % wird die bebaute Fläche von 35 % auf 42 % erhöht.
sehr hoch. Entsprechend dem hohen Flächenbe- Durch den vermehrten Einsatz von Retentions-
darf des Lieferverkehrs bleiben diese Verhältnisse maßnahmen kann ein entsprechend höherer Teil
in den Szenarien weitgehend konstant. Durch die des Regenabflusses zurückgehalten und sukzessive
Anlage repräsentativer Grünflächen im Szenario abgeleitet werden. Eine vollständige dezentrale Be-
„Florierender Wirtschaftsstandort“ kann der Grün- wirtschaftung des Regenwassers wird jedoch auch
in diesem Szenario nicht erreicht.
177
3-58
Szenario Kompakte Stadt und Umweltinnovationen
Maßnahmen

Retention
Regenwassernutzung im Außenraum
Bestandsbaum
Baum Neupflanzung
Busch
extensivierte Grünfläche
Grünfläche
Bestandsgebäude
Straße
Fußweg
erhöhte Albedo
Regenwassernutzung im Gebäude
Dachbegrünung
Fassadenbegrünung
Vordach, Durchgang
10 30 50m
N
Szenario „Rück- und Szenario „Florierender Wirt- Szenario „Kompakte Stadt
Umbau“ schaftsstandort“ und Umweltinnovationen“
Gebäudebezogene Maßnahmen
4.6 Objektschutz gegen Schäden 4.1 Dachbegrünung extensiv 4.1 Dachbegrünung extensiv
durch Überschwemmungen (hohe Substratdicke)
(Nutzungsverlagerung 4.6 Objektschutz gegen Schäden
durch Überschwemmungen (Ein- 4.3 Fassadenbegrünung
4.10 Bauliche Verschattungsele- bau wasserdichter Türen und Fenster,
mente erhöhte Erdgeschosse )
4.4 Strategische Gebäudever-
schattung durch Gehölze
4.13 Erhöhen der Albedo an Dä- 4.7 Regenwassernutzung im
chern und Fassaden Gebäude 4.6 Objektschutz gegen Schäden
durch Überschwemmungen (Ein-
4.10 Bauliche Verschattungsele- bau wasserdichter Türen und Fenster,
(Einbau von Klimaanlagen) mente erhöhte Erdgeschosse )

4.13 Erhöhung der Albedo an 4.7 Regenwassernutzung im


Dächern und Fassaden Gebäude

4.12 Einsatz passiver Kühlsysteme 4.13 Erhöhung der Albedo an


Dächern und Fassaden

4.12 Einsatz passiver Kühlsysteme

4.11 Gebäudeausrichtung und


Flexible Grundrissgestaltung
Flächenbezogene Maßnahmen
2.4 Bedeckung des Bodens und 2.3 Straßenbäume 1.2 Luftleitbahnen
Durchwurzelung urbaner Flächen
2.4 Bedeckung des Bodens und 1.3 Grünverbindungen (durch Zu-
2.5 Extensivierte Grünflächen und Durchwurzelung urbaner Flächen lassen von Sukzession, Schutz beste-
Spontanvegetation hender Grünflächen und konsequente
Begrünung der Gebäude)
3.2 Mitbenutzung von Flächen
3.2 Mitbenutzung von Flächen
2.3 Straßenbäume
3.1 Regenwassernutzung im
3.1 Regenwassernutzung im Außenraum
2.4 Bedeckung des Bodens und
Außenraum
Durchwurzelung urbaner Flächen
3.10 Retentions-Filterbecken
3.1 Regenwassernutzung im
2.12 Regenrückhaltebecken
Außenraum

3.10 Retentions-Filterbecken

3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz


heller Bodenbeläge
Tabelle 3-11

179
100%

80% Legende
Dachbegrünung
(Anteil an Bebauung)
60%
Anteil an Bebauung
Gesamt-
fläche 40%

Befestigte Fläche
20%

Grünfläche
0%

Heute & Szenario Szenario Szenario


Rück- und Umbau Florierender Wirtschaftsstandort Kompakte Stadt
und Umweltinnovationen
Abbildung 3-59

Durch den höheren Einsatz von Begrünungsmaß- Das Kleinklima und die Hitzebelastung innerhalb
nahmen auf den Flachdächern kann die Hitzebel- der Gebäude kann durch die gebäude- sowie flä-
astung insbesondere in den Gebäuden reduziert chenbezogenen Maßnahmen jedoch deutlich ver-
werden. Auch das Kleinklima kann in geringem bessert werden. Die Fassadenbegrünungen führen
Maße verbessert werden, wobei die Wirkung der zu einer Verbesserung des Kleinklimas im für Men-
Dachbegrünungen auf das bodennahe Kleinklima schen relevanten Bereich bis 2 m über dem Boden.
nur als gering einzustufen sind. Durch die anspre- Insgesamt ist das Gewerbegebiet stark belastet, so-
chend gestalteten Retentions-Filterbecken und die wohl eine starke Wärmespeicherung mit der Fol-
neu geschaffenen Grünflächen auf den Werksge- ge der Herausbildung einer Wärmeinsel, als auch
länden entstehen aber Erholungsräume für Mitar- hohe Oberflächenabflüsse und damit einhergehend
beiter, wie auch für Flora und Fauna. Die intensive die Gefahr von Überschwemmungen stellen große
Pflege der Grünflächen schränkt deren ökologische Herausforderungen an die Anpassung in diesem
Wirksamkeit allerdings ein. Strukturtyp. Allerdings hat die Wärmebelastung
in diesem Gebiet weniger starke negative Folgen,
Im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova- da sich die Nutzung vornehmlich auf den Tag be-
tionen“ kann die zu entwässernde Fläche auf den schränkt. Die nächtliche Belastung durch hohe
beachtlichen Wert von 74 % reduziert werden (sie- Temperaturen kommt an diesem Standort durch
he Abb. 3-59). Durch den konsequenten Einsatz die Abwesenheit der Wohnnutzung nur wenig zum
von Dachbegrünungen und Rückhalte- bzw. Re- Tragen. Priorität haben Maßnahmen im Bereich
tentionsfilterbecken kann ein großer Teil des anfal- der Retention von Regenwasser. Außerdem sollte
lenden Regenwassers zurückgehalten werden und eine Verbesserung der ökologischen Situation und
verdunstet oder läuft sukzessive ins Siel. eine Erhöhung des Vegetationsanteils im Fokus
stehen. Für die Büro- und Verwaltungsgebäude ist
Durch die eingesetzten Retentions-Filterbecken auch der Sonnenschutz und die Klimatisierung ein
und die flächendeckend eingesetzte Dachbegrü- wichtiges Handlungsfeld. Eine Anpassung erfordert
nung kann das Wasser bereits vorgereinigt und im neue Denkweisen im Umgang mit Gewerbegebie-
Anschluss bedenkenlos in die Trennkanalisation ten, die eine Maximierung des Grünflächenanteils
abgeführt werden. Aufgrund des hohen Grund- forciert. Sie ist mit höherem Aufwand verbunden,
wasserstandes in der Marsch ist es auch in diesem als in bereits durchgrünten und locker bebauten
Szenario nicht möglich, Niederschläge dezentral Bereichen.
innerhalb des Realblocks durch Versickerung zu
bewirtschaften. Eine Übersicht aller im Realblock Billbrook ange-
wendeten Maßnahmen gibt Tabelle 3-11.

180
181
Teil 4
Auswertung

182
8. Auswertung
Szenarien – Realblöcke – Anpassungsmaßnahmen

Die Umsetzung der Maßnahmen bewegt sich im


Spannungsfeld von Möglichkeiten, die von Flä-
chenpotentialen, den lagebedingten Gegebenheiten
und der Bereitschaft der relevanten Akteure abhän-
gig sind.

Während sich die Flächenpotentiale von einem


Strukturtyp zum anderen deutlich unterscheiden,
ist die Umsetzungsbereitschaft vor allem an die
Rahmenbedingungen des jeweiligen Szenarios ge-
knüpft. Doch auch die Flächenpotentiale erfahren
je nach Szenario gravierende Unterschiede. In die-
sem Kapitel soll nun darauf eingegangen werden,
welche baulich-strukturellen Veränderungen in
den Szenarien zu erwarten sind. Im Anschluss wird
auf die Rolle der lagebedingten Faktoren eingegan-
gen und es wird diskutiert, welche Auswirkung die
Szenarien auf die Maßnahmenwahl haben.

183
Auswertung der Szenarioentwicklung

Auswertung der Anpassungsmaßnahmen

8.1 Auswertung
Szenarioentwicklung
A U S W E R T U N G

In diesem Abschnitt werden die für die biokli-


matische Situation und für die Möglichkeiten der
Anpassung an Klimafolgen entscheidenden Ent-
wicklungen in den Strukturtypen noch einmal ver-
gleichend zusammengefasst. Dabei werden die drei
Szenarien nacheinander betrachtet.

SWOT-Analyse der Strukturtypen


Szenario „Rück- und Umbau der Stadt in
privater Verantwortung“
Konfliktpotential: Mitigation und Adaption
Im Szenario „Rück- und Umbau“ sind aufgrund der
Szenariobezogen

Maßnahmenbezogen

rückläufigen Bevölkerungsentwicklung und dem


eingeschränkten Vorhandensein finanzieller Mittel
generell keine wesentlichen baulichen Veränderun-
gen zu erwarten. Die in dem Szenario dargestellte
Entwicklung beeinflusst insbesondere durch die
Unterlassung von Maßnahmen die Freiflächen in
den Strukturtypen. Eine bedeutsame Veränderung
ist die Abnahme des Nutzungsdrucks auf die vor-
handenen Freiflächen. Diese Entwicklung führt zu
einer Zunahme von Spontanvegetation und einer
Abnahme von Trittverdichtungen. In der Folge
kann der Boden auch ohne die Anwendung von
Maßnahmen Regenwasser wieder besser speichern
und versickern. Des Weiteren können sich, bei ei-

184
ner gesamtstädtischen Betrachtung, Trittsteinbioto- Im Strukturtyp Innerstädtisches Wohn- und Misch-
pe ausbilden und so kann die Biodiversität positiv gebiet sind nur äußerst begrenzte Grünflächen
beeinflusst werden. Allerdings bleiben nicht mehr vorhanden, welche auch im Szenario „Rück und
genutzte versiegelte Flächen bestehen und werden Umbau“ im Vergleich zu anderen Strukturtypen
nicht entsiegelt. Daher können diese Flächen ihre unter einem hohen Nutzungsdruck stehen. Sukzes-
ökologischen Funktionen nur sehr begrenzt wie- sionsflächen können sich in diesem Strukturtyp nur
dergewinnen. sehr begrenzt ausbilden. Anpassungsmaßnahmen
werden in diesem Szenario sowohl von privater als
Die dargestellten Veränderungen sind folglich be- auch von städtischer Seite nur sehr zurückhaltend
sonders in Strukturtypen zu erwarten, welche keine und reaktiv vorgenommen, so dass in der Folge
dichte Bebauung aufweisen und über einen hohen von einer Überlastung der Kanalisation und folg-
Frei- und Grünflächenanteil verfügen, sowie bei lich von Überschwemmungen ausgegangen werden
solchen, bei denen eine möglichst geringe Nut- muss. Insbesondere bei gemischt genutzten Struk-
zungsdichte auf den vorhandenen Freiflächen liegt. turtypen sind von diesen vornehmlich die intensiv
Auch bebaute und versiegelte Flächen können sich genutzten Erd- und Souterraingeschosse betroffen,
durch entstehende Vegetation und zeitbedingtes in welchen durch das Vorhandensein gewerblicher
Materialversagen positiv bezüglich Versickerung Nutzungen besonders hohes Schadenspotential be-
und Verdunstung sowie Biodiversität entwickeln, steht.
jedoch nur eingeschränkt und nach langer Zeit des
Brachliegens. Auch im Strukturtyp Gewerbegebiet besteht eine
besondere Vulnerabilität durch bodennah gelager-
Hervorzuheben ist der Strukturtyp Einfamilien- te Waren. Es besteht in diesem Strukturtyp durch
haus. Dieser verfügt über eine lockere Bebauungs- große Freiflächen jedoch ein großes Potential für
struktur und einen hohen Freiflächenanteil. Des Retentionsmaßnahmen, welche Überschwemmun-
Weiteren liegt ein geringer Nutzungsduck auf den gen vorbeugen können. Brachfallende Flächen im
Flächen. Das bedeutet, dass im Szenario „Rück- Strukturtyp Gewerbegebiet können durch den ho-
und Umbau“ Freiflächen um leer stehende Gebäu- hen Versiegelungsgrad ihre stadtklimatisch ausglei-
de diesen Strukturtyps vollständig sich selbst über- chende Funktion nur schwer wiedergewinnen.
lassen sind und sich in der Folge gut regenerieren
können. Ähnliche Auswirkungen lassen sich auch Durch geringere Wartungsmaßnahmen im Szena-
in den vergleichbaren Strukturtypen Villa und Rei- rio „Rück- und Umbau“ kann als Teil aller Struk-
henhaus erwarten. turtypen auch die öffentliche Infrastruktur, ins-
besondere gering genutzte Anliegerstraßen und
Ebenfalls einen hohen Anteil an Grünflächen haben begleitende Fußwege, als Potentialfläche betrachtet
die Strukturtypen Zeilengebiet und Großwohn- werden. Auch diese kann durch das leichte Absin-
siedlung. Bei dem im Szenario „Rück- und Umbau“ ken von Gehwegplatten, Rissen im Beton u.Ä. einen
auftretenden Leerstand einzelner Wohneinheiten geringen Beitrag zur Versickerung und Retention
besteht jedoch noch immer eine Nutzung der Frei- von Niederschlägen leisten.
und Grünflächen. In diesen Strukturtypen besteht
dementsprechend weiterhin eine, wenngleich nach-
lassende, Trittverdichtung. Des Weiteren wird eine Szenario „Florierender Wirtschafts-
Transformation der versiegelten Flächen durch das standort und Anstieg des anthropogenen
Materialversagen von Bodenplatten, Schuppenan- Flächenbedarfs“
lagen, betonierten Flächen usw. durch ausbessernde
Reparaturen verhindert. Diese Erkenntnisse lassen Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“ ist
sich auch auf den Strukturtyp ehemalige Arbeiter- die bauliche Entwicklung geprägt durch Nachver-
siedlung beziehen. dichtungen in der Fläche. Gesamtstädtisch werden

185
zunehmend Flächen versiegelt, um Bauland auszu- re bioklimatische Situation wird durch eine weitere
weisen. In bereits bebauten Quartieren werden vor- Nachverdichtung und den Bau möglicherweise hö-
handene Flächenpotentiale zur Nachverdichtung herer Gebäude weiter beeinträchtigt.
genutzt. Das Maß der Änderungen in den Struk-
turtypen ist folglich besonders dadurch bestimmt, Im Strukturtyp Gewerbegebiet ist in diesem Szena-
wie groß das vorhandene Flächenpotential ist. rio von der Ausweisung neuer Gebiete und damit
Durch die starke bauliche Nutzung der vorhande- einhergehend mit der Zunahme der städtischen
nen Freiflächen können sich in diesem Szenario die Versiegelung auszugehen. Zudem werden die noch
Charakteristika einiger Strukturtypen in der Folge vorhandenen Freiflächen in bestehenden Gewer-
verändern. begebieten erschlossen, so dass sich die bioklima-
tische Situation in diesem Strukturtyp ebenfalls
Insbesondere bei Strukturtypen mit charakteristisch verschlechtert und der Anteil des Strukturtyps am
großem Freiflächenanteil verändert sich das Ver- Hamburger Siedlungsraum möglicherweise zu-
hältnis von bebauter und unbebauter Fläche durch nimmt.
die Nachverdichtung stark und in der Folge steigt
die Betroffenheit des Strukturtyps. Besonders kann
dies für den Strukturtyp Einfamilienhaus und als Szenario „Kompakte Stadt als Zentrum
vergleichbarer Strukturtyp teilweise für den Struk- für Innovationen im Umweltbereich“
turtyp Villa festgestellt werden. Durch eine kon-
sequente Bebauung der zweiten Reihe erhöht sich Die bauliche Entwicklung im Szenario „Kompak-
die Bebauungsdichte immens. Damit einhergehend te Stadt und Umweltinnovationen“ ist maßgeblich
verringern sich die Grünflächen nicht nur durch durch die Einschränkung der Neuversiegelung mit
die größere bebaute Fläche, sondern auch durch gleichzeitig hohem Wohnraumbedarf durch die
neue Erschließungswege und versiegelte Terrassen- wachsende Bevölkerung geprägt. Die Nachver-
bereiche, Stellplatzflächen u.Ä. Diese Entwicklung dichtung findet dementsprechend insbesondere in
ist schon heute in deutlicher Form zu beobachten. Form von Dachgeschossausbauten, Aufstockungen
Zur Deckung eines gesteigerten Wohnraumbedarfs und Anbauten statt. Das Potential zur Aufstockung
kann in diesem Strukturtyp ein großer Beitrag ge- wird hier maßgeblich durch die vorhandenen Ge-
leistet werden. Allerdings geht dies mit verminder- bäudeabstände bestimmt.
ten Anpassungskapazitäten einher.
Die größten Nachverdichtungspotentiale bestehen
In den dicht bebauten Strukturtypen Innerstädti- in diesem Szenario im Strukturtyp Großwohnsied-
sches Wohn- und Mischgebiet und Zeilenbebauung lung. Aufgrund der großen Gebäudeabstände ist oft
sowie den vergleichbaren Strukturtypen (vgl. Abb. eine Aufstockung um mehrere Geschosse möglich.
3-19 und 3-43 bzw. Kapitel 7b und 7d) hingegen Durch die i.d.R. homogenen Eigentumsverhältnisse
sind nur geringe Nachverdichtungspotentiale vor- werden hier abgestimmte Aufstockungen in einem
handen. Dort ist in diesem Szenario vermehrt von Gesamtkonzept begünstigt. Die modulare Bauwei-
Abriss und Neubau auszugehen. Im Strukturtyp se ermöglicht Eingriffe in den Gebäudebestand mit
Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet kann vergleichsweise geringem Aufwand.
die Zahl der Wohnungen bspw. durch den Abriss
großräumig gewerblich genutzter Gebäude wie Auch im Strukturtyp Zeile ist eine Aufstockung
Autowerkstätten o.Ä. und dem Neubau von Wohn- relativ einfach möglich, ähnlich wie in der Groß-
gebäuden erhöht werden. Vereinzelt können auch wohnsiedlung reichen hier die Abstandsflächen für
Innenhofflächen zur Nachverdichtung genutzt wer- eine Aufstockung um ein oder mehrere Geschosse
den. Insgesamt ist das Potential zur Deckung des aus, ohne die Belichtung der benachbarten Ge-
Wohnraumbedarfs in diesen Strukturtypen eher bäude einzuschränken. Allerdings ist die Eigen-
gering. Die ohnehin in diesen Strukturtypen prekä- tümerstruktur in diesem Strukturtyp heterogener,

186
wodurch häufiger kleinteiligere Änderungen vorge- im Szenario „Kompakte Stadt und Umweltinnova-
nommen werden. tionen“ unterstützen kann. Die in den Realblöcken
aufgezeigten Potentiale deuten aber darauf hin, dass
Im Strukturtyp Innerstädtisches Wohn- und Misch- es möglich wäre, bei einer Forcierung auf Dachge-
gebiet bieten vor allem die noch nicht ausgebauten schossausbeuten und Aufstockungen einen Teil des
Dachgeschosse ein Nachverdichtungspotential. Wohnungsbedarfs decken zu können. Allerdings
Flächen für Neubauten sind kaum vorhanden und können im Einzelfall eine Vielzahl an Hindernissen
beschränken sich auf vereinzelte Baulücken oder einer Nachverdichtung, wie sie in diesem Szenario
Konversionsflächen. Als weiteres großes Potential forciert wird, entgegenstehen. Dazu zählen stati-
in diesem Strukturtyp können Aufstockungen vor- sche Probleme bei Aufstockungen, baurechtliche
genommen werden. Einschränkungen und der Denkmalschutz.

Im Strukturtyp Einfamilienhaus bestehen ver-


gleichsweise schwache Nachverdichtungspotentiale.
Durch die geringen Gebäudegrößen und die i.d.R.
heterogene, kleinteilige Einzeleigentümerstruktur
sind Umbauten und Aufstockungen mit hohem fi-
nanziellen und organisatorischen Aufwand für die
Eigentümer verbunden, bei denen es sich meist um
Privatpersonen handelt. Auch können zu geringe
Abstandsflächen zum Nachbargrundstück einer
Aufstockung im Wege stehen. Zudem ist fraglich,
ob viele der Einfamilienhausbesitzer einen Teil ih-
res Hauses untervermieten möchten. Dem Wohn-
prinzip Einfamilienhaus liegt die individuelle Ent-
faltungsmöglichkeit des Eigentümers in Haus und
Grundstück zugrunde, welche so eingeschränkt
wird. Die zu erzielenden Mieteinnahmen stehen
diesen Hemmnissen als Anreiz gegenüber.

Eine Ausnahme in diesem Szenario bildet der


Strukturtyp Gewerbe. Hier bleiben zwar die vor-
handenen Freiflächen erhalten, aufgrund des im
Gegensatz zur Wohnbebauung relativ kurzen Le-
benszyklus gewerblicher Bebauung kann jedoch ein
hoher Anteil an Neubebauung auf den heute bereits
bebauten Flächen angenommen werden.

Hinsichtlich der konsequenten Vermeidung von


Neuversiegelungen in den Realblöcken stellt sich die
Frage, wie stark Dachgeschossausbauten und Auf-
stockungen bei einer gesamtstädtischen Betrach-
tung die Deckung der hohen Wohnungsnachfrage

187
8.2 Auswertung der Anpassungsmaßnahmen

Einsatz kommen können. Dies gilt auch für Berei-


Rolle lagebedingter Faktoren che, die in einem hochwassergefährdeten Gebiet
liegen, und z.B. durch Sturmfluten gefährdet sind.
Nicht nur die bauliche Struktur ist von Bedeutung Auf diese Problematik wird in dieser Arbeit aller-
für die Betroffenheit durch die Folgen des Klima- dings nicht weiter eingegangen.
wandels. Auch die geografische Lage kann eine
Betroffenheit bedingen, wie in Kapitel 3.4 und 4.3 Im Bereich der dezentralen Regenwasserbewirt-
dargestellt. Diese lagebedingten Faktoren können schaftung müssen die Bodenverhältnisse im kon-
gewichtiger sein als die strukturimmanenten Fak- kreten Fall auf die Möglichkeiten einer Versicke-
toren, wie der Grünflächenanteil oder der Versie- rung untersucht werden. Bei der weiterführenden
gelungsgrad. Bei der Betrachtung der untersuchten Planung bilden die vorgefundenen Gegebenheiten
Realblöcke ist jedoch festzustellen, dass die lagebe- ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Aus-
dingten Faktoren eine eher untergeordnete Rolle wahl und Dimensionierung der Maßnahmen. Eine
spielen. Die Handlungsfelder bleiben unabhän- dezentrale naturnahe Bewirtschaftung der Nieder-
gig von der Lage und den sich daraus ergebenden schläge sollte allerdings in jedem Fall angestrebt
einflussnehmenden Faktoren weitgehend gleich. werden. Je nach lokalen Gegebenheiten können
Je nachdem, wie sich die Besonderheiten vor Ort die Methoden gewählt werden, welche die besten
gestalten, können zusätzliche Maßnahmen in be- Ergebnisse versprechen. An Standorten, an denen
stimmten Handlungsfeldern notwendig werden. keine Versickerung möglich ist, kann der Fokus auf
Dies betrifft insbesondere die Schutzmaßnahmen Retentionsmaßnahmen liegen, die einen verzöger-
gegen Überschwemmungen. Hier muss vor Ort im ten Abfluss und eine erhöhte Verdunstung ermög-
Einzelfall auf Grundlage der topografischen Gege- lichen.
benheiten geprüft werden, in welchen Bereichen
Schutzmaßnahmen gegen das Eindringen von Was- Dies wird am untersuchten Strukturtyp Gewerbe
ser in die Gebäude sinnvollerweise ergriffen werden im Hamburger Marschgebiet deutlich. Da keine
sollten. Jedoch spielen auch hier die Strukturtypen Versickerung möglich ist, wird hier auf Retention
eine Rolle. So sind Bereiche mit intensiver (gewerb- zurückgegriffen. Durch den Einsatz von Filterbe-
licher) Nutzung der Erdgeschosse, z.B. innerstädti- cken wird die Qualität des abfließenden Wassers
sche Wohn- und Mischgebiete, besonders vulnera- verbessert und Abflussspitzen werden gemindert.
bel gegenüber Überschwemmungen. Insbesondere An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Versi-
in Bereichen mit einem solch hohen Gefährdungs- ckerung von Niederschlägen in Gewerbegebieten
potential sollten genaue Informationen über das generell kritisch zu betrachten ist, da die Gefahr
kleinräumige Geländeprofil erstellt werden, damit eines Schadstoffeintrags ins Grundwasser hoch ist
Schutzmaßnahmen an den richtigen Stellen zum (siehe Anhang 1). Der flächendeckende Einsatz von

188
Dachbegrünungen in Kombination mit Retentions- identifizieren. Auch kleinere Grünflächen zeigen
Filterbecken ermöglicht in diesem Zusammenhang bereits deutliche Effekte. Im Hamburger Stadtteil St.
eine Reduzierung der Abflussspitzen und verbes- Pauli lässt sich bspw. bei der angrenzenden Bebau-
sert die Qualität des Regenabflusses. Insbesondere ung des etwa ½ ha großen, mit Bäumen und Freiflä-
im Strukturtyp Gewerbe kann ein großer Wasser- chen ausgestalteten Quartiersparks Florapark (sie-
bedarf vorhanden sein, der keine Trinkwasserquali- he Abbildung 4-3) eine geringere Wärmebelastung
tät erfordert. Dort ist auch eine Nutzung des gerei- erkennen als bei vergleichbaren Gebäuden abseits
nigten Regenwassers sinnvoll. der Grünfläche (vgl. GEO-NET Umweltconsul-
ting GmbH, 2011, S. 23). Deutlich ausgeprägter ist
Die Ergebnisse für das in der Marsch liegende dieses Phänomen im Bereich um den etwa 150 ha
Billbrook haben zudem allgemein für den Umgang großen Hamburger Stadtpark (Abbildung 4-2). Der
mit Niederschlägen in den Marschgebieten Bedeu- Ansatz, dass Grünflächen die strukturtypenimma-
tung, in denen die Bodenverhältnisse Versickerung nenten Gegebenheiten als externer Faktor positiv
nur sehr begrenzt zulassen oder eine Versickerung beeinflussen, ermöglicht es, strukturtypenbedingte
ausgeschlossen ist. Die dezentrale Regenwasserbe- Handlungsbedarfe zu identifizieren1. Bei Neupla-
wirtschaftung kann hier vorrangig über Retention nungen sollte von vornherein mit einem hohen
erfolgen. Es zeigt sich anhand der untersuchten Grünflächenanteil und Gehölzen gearbeitet wer-
Realblöcke, dass bei genügend Flächenpotential den, um die Wärmebelastung gering zu halten. In
eine dezentrale Bewirtschaftung der Niederschläge Bestandsgebieten sollten die Möglichkeiten einer
möglich ist. Problematisch ist eine Bewirtschaftung nachträglichen Begrünung ausgeschöpft werden.
auf dem eigenen Grundstück im Strukturtyp Inner- In gewissem Maß kann hier das Baurecht wirken
städtisches Wohn- und Mischgebiet und ähnlich und bei der Aufstellung neuer Bebauungspläne z.B.
dicht bebauten Bereichen wie Stadt- und Stadtteil- Grünflächen oder Dachbegrünungen festsetzen.
zentren oder Bürostandorten, in denen die Flächen Aber auch Informationen und Aufklärung über die
für Versickerungs- und Retentionsmaßnahmen positiven Wirkungen von Vegetation (Steigerung
fehlen. Gerade in Bereichen, in denen eine dezen- der Energieeffizienz durch Gebäudebegrünung,
trale Bewirtschaftung schwieriger zu realisieren ist, Steigerung des Grundstückswerts durch attraktive
sollten die Möglichkeiten des Baurechts und an- Grünanlagen) können zu einer vermehrten Be- und
derer Instrumente der Stadtplanung ausgeschöpft Durchgrünung der Stadt beitragen.
werden, um Abflussspitzen zu mindern. Dies kann
auch durch die Sammlung von Regenwasser oder Die lagebedingten Faktoren stellen also entweder
den Einsatz von Dachbegrünungen erfolgen. bestimmte Gefährdungspotentiale dar, denen ge-
zielt durch Anpassungs- und Schutzmaßnahmen
Lagebedingte Faktoren können sich aber auch po- begegnet werden muss (Überschwemmungen),
sitiv auf die bioklimatischen Bedingungen in den sie haben Einfluss auf die Maßnahmenwahl (z.B.
Strukturtypen auswirken. Angrenzende Grünflä- beeinflussen die Bodenverhältnisse die Wahl der
chen können die Temperatur in dicht bebauten Ge- Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirt-
bieten senken und die Luftfeuchte erhöhen. In die-
sem Fall führen die lagebedingten Faktoren dazu, 1 anders als es im SteP-Klima Berlin getan wird,
dort wird der Lage ein großer Stellenwert eingeräumt
dass der Anpassungsbedarf geringer ausfällt als in (vgl. SenStadt, 2011, S.  35f). Dieses Vorgehen kann
vergleichbaren Strukturtypen abseits von Grünräu- dazu führen, dass jeder Gebäudeblock erst einmal als
men und Kaltluftvolumenströmen. Solche klima- nicht belastet angesehen wird. Nach dem Vorgehen in
tisch bevorteilten Gebiete lassen sich in den Karten dieser Arbeit hingegen wird für jeden Gebäudeblock
der Stadtklimatischen Bestandsaufnahme und Be- zuerst ein eher hoher Handlungsbedarf angenommen,
der im Einzelfall durch den Einfluss von lagebedingten
wertung für das Landschaftsprogramm Hamburg
Gegebenheiten geringer ausfallen kann

189
4-2: Stadtpark 4-3: Florapark

schaftung) oder können durch ihre positive Wir- Aufklärung über die Thematik der Klimaanpas-
kung auf die bioklimatischen Verhältnisse einen sung. Bemerkenswert ist, dass in diesem Szena-
geringeren Anpassungsbedarf bewirken als für den rio eine Reihe von Prozessen und Veränderungen
Strukturtyp generell notwendig ist. Dadurch kön- stattfinden, die sich in Bezug auf die Bewältigung
nen dicht bebaute Quartiere, die an eine Grünflä- von Klimafolgen positiv auswirken. Hierzu zählt
che angrenzen, auf einige Anpassungsmaßnahmen vor allem das Brachfallen von Flächen, die infol-
verzichten. ge von Sukzessionsprozessen und nachlassender
Trittverdichtung zum Teil ihre klimatischen Aus-
Nichtsdestotrotz weisen die Strukturtypen be- gleichsfunktionen wiedergewinnen. Überwiegend
stimmte, lageunabhängige Problematiken und Ge- sind diese Prozesse jedoch keine gezielten Maß-
fährdungen auf, denen durch bestimmte Maßnah- nahmen der beteiligten Akteure, sondern vielmehr
men begegnet werden kann. Wirkfolgen des Bevölkerungsrückgangs und der
daraus resultierenden Nutzungsextensivierung des
Siedlungsraums (vgl. Kapitel Auswertung Szenario-
Szenarioabhängige Unterschiede in der entwicklung).
Maßnahmenwahl
Anpassungsmaßnahmen finden in diesem Szenario
Bei der Betrachtung der in den Realblöcken an- nur statt, wenn ein essenzieller Mehrwert mit ihnen
gewendeten Maßnahmen wird deutlich, dass die verbunden ist. Dies kann beispielsweise der Ver-
sozioökonomischen Rahmenbedingungen des je- such sein, durch eine attraktive Gestaltung des Au-
weiligen Szenarios einen erheblichen Einfluss dar- ßenraums die Chancen einer Vermietung zu erhö-
auf haben, in welchem Umfang und unter Einsatz hen. Voraussetzung für umfassende Maßnahmen
welcher Maßnahmen eine Anpassung an die Folgen ist oftmals eine homogene Eigentumsstruktur, wie
des Klimawandels erfolgt. sie im Strukturtyp Großwohnsiedlung häufig auf-
tritt. Im Übrigen finden Anpassungsmaßnahmen
Im Szenario „Rück- und Umbau“ stehen sowohl auf nur vereinzelt und auf reaktive Weise Anwendung.
privater als auch auf städtischer Seite nur geringe Dies liegt nicht nur an der prekären finanziellen
finanzielle Mittel zur Verfügung, um Anpassungs- Situation, sondern auch an der gesellschaftlichen
maßnahmen umzusetzen. Zudem besteht wenig Grundhaltung. Zur Gebäudekühlung werden in

190
diesem Szenario keine innovativen und energieef- Verschattungselemente werden als moderne ar-
fizienten Maßnahmen angewendet. Stattdessen er- chitektonische Elemente in die Gebäudegestaltung
folgt vielfach der Einsatz von Klimaanlagen. Dieser integriert. Maßnahmen der dezentralen Regenwas-
findet in unterschiedlichem Maße in allen Struk- serbewirtschaftung werden umgesetzt, wenn das
turtypen statt. Diese Maßnahme ist bedenklich, da benötigte Flächenpotential vorhanden ist und die
Klimaanlagen den Klimaschutzzielen durch ihren Notwendigkeit durch starke Niederschläge gegeben
hohen Energieverbrauch entgegenstehen. Zudem ist. Dabei werden vor allem erprobte Maßnahmen
verstärkt die erzeugte Abwärme die Erwärmung wie Muldenversickerungen umgesetzt. Auch wer-
des Quartiers. Schäden durch starkregenbedingte den diese in die Außenraumgestaltung integriert,
Überschwemmungen wird nicht durch Maßnah- um die Standortattraktivität zu steigern.
men der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung
vorgebeugt, sondern durch reaktive Schutzmaß- Daraus resultiert, dass eine Reihe von Maßnahmen
nahmen im Falle von vermehrten Schäden. lediglich im Szenario „Kompakte Stadt und Um-
weltinnovationen“ angewandt werden. Dies betrifft
Dementsprechend sind in diesem Szenario durch insbesondere diejenigen Maßnahmen, die einen
die geringe Anwendung von Maßnahmen insbe- hohen technischen oder finanziellen Aufwand er-
sondere Strukturtypen mit einem niedrigen Frei- fordern, jedoch nicht unmittelbar einen ökonomi-
flächenanteil und einer dichten Baustruktur zuneh- schen Mehrwert generieren. Dies gilt zum Beispiel
mend von den Folgen des Klimawandels betroffen. für ökologisch hochwertige intensive Dachbegrü-
In diesen wirken sich die Klimafolgen besonders nungen oder Renaturierungsmaßnahmen an Ge-
stark aus. Strukturtypen mit einem hohen Freiflä- wässern. Von städtischer Seite oder durch einen
chenanteil und einer lockeren Bebauung hinge- Business Improvement District (BID) können dies
gen weisen eine geringere Anfälligkeit gegenüber in dicht bebauten und gemischt genutzten Struk-
Klimafolgen auf. Für die Stadtplanung gilt es, in turtypen im öffentlichen Raum bspw. begrünte Ar-
diesem Szenario Lösungen zu finden, welche eine kadengänge sein, welche Schatten spenden und das
klimaangepasste Gestaltung auch mit geringen fi- Stadtbild aufwerten, jedoch keinen direkt messba-
nanziellen Mitteln möglich machen, ohne dabei ren ökonomischen Vorteil bieten.
den Klimaschutzzielen entgegenzustehen.
Auch die sehr umfangreiche Umgestaltung der
Im Gegensatz dazu ist der Gebäudebestand im Sze- Großwohnsiedlung erfolgt in diesem Maße ver-
nario „Florierender Wirtschaftsstandort“ effizient mutlich nur, wenn finanzielle Anreize, z.B. in Form
gestaltet. Die integrierte Gebäudetechnik ermög- von Förderungen, zur Verfügung stehen. Auffällig
licht eine Klimatisierung bei geringem Energieein- ist auch, dass im Szenario „Kompakte Stadt und
satz. Durch die vielfach umgesetzten energetischen Umweltinnovationen“ in den Strukturtypen mit
Sanierungen können Maßnahmen im Rahmen hohem Freiflächenanteil sehr viele Maßnahmen zur
der Modernisierungsarbeiten realisiert werden, Bewirtschaftung des Regenwassers umgesetzt wer-
wie z.B. eine Erhöhung der Albedo. Darüber hin- den. Dies kann auf den Anreiz durch die gesplitte-
aus kommen in diesem Szenario vor allem solche te Abwassergebühr zurückgeführt werden. Sicher
Maßnahmen zum Einsatz, die einen messbaren spielt aber auch das hohe Umweltbewusstsein eine
Mehrwert generieren und sich in relativ kurzer Zeit Rolle, was zu einer breiten Akzeptanz und vielleicht
amortisieren können. Zu diesen gehören Dach- sogar der „Mode“ ökologisch sinnvoller Maßnah-
begrünungen, die entweder gezielt zur Wärme- men führt.
dämmung beitragen oder aber als Dachgarten die
Standortattraktivität steigern. Maßnahmen werden Wenn auch einige Maßnahmen in allen drei Sze-
jedoch nur bei konkreter Gefährdung oder zum Er- narien angewendet werden, so zeigt sich doch eine
reichen ökonomischer Vorteile umgesetzt. Bauliche deutliche Tendenz in der Quantität sowie der Qua-

191
lität der umgesetzten Maßnahmen. Es zeigt sich, über einen hohen Freiflächenanteil verfügen. Hier
dass die Rahmenbedingungen einen wesentlichen können einfache Bewirtschaftungsmaßnahmen
Einfluss auf die Wahl der Maßnahmen haben. So wie Mulden- oder Flächenversickerungen gewählt
kommen die ökologisch sinnvollen Maßnahmen werden. In den dichter bebauten Gebieten hingegen
beinah ausschließlich im Szenario „Kompakte Stadt muss eine Retention oder Versickerung mit einem
und Umweltinnovationen“ zur Anwendung, in dem höheren technischen Aufwand und damit einher-
ein hohes Umweltbewusstsein in Kombination gehend mit höheren Investitionen erfolgen. Eine
mit den finanziellen Mitteln zur Umsetzung von Möglichkeit ist hier die Schachtversickerung. Dies
Maßnahmen einhergeht. Auch ist dies das einzige wird zudem komplizierter, wenn die Bodenbeschaf-
Szenario, in dem die öffentliche Hand ihrer Verant- fenheiten den Einsatz dezentraler Regenwasser-
wortung gerecht wird und Maßnahmen im öffent- bewirtschaftungsmaßnahmen einschränken. Dies
lichen Raum umsetzt. Durch eine Modifikation der ist in Hamburg besonders in den Marschgebieten
Rahmenbedingungen, z.B. eine motivierte öffentli- der Fall (vgl. Kapitel Rolle der lagebedingten Fak-
che Hand und gute Aufklärungsarbeit, könnten in toren). Auch die Anlage von Grünflächen oder das
den beiden anderen Szenarien deutlich mehr An- Pflanzen von Gehölzen oder Straßenbäumen ist in
passungsmaßnahmen realisiert werden. Allerdings Strukturtypen mit genügend Freiflächen einfacher
dürfte es schwierig bleiben, im Szenario „Rück- zu realisieren als in dicht bebauten Strukturtypen,
und Umbau“ eine wirklich hochwertige Anpassung da weniger Nutzungskonflikte vorhanden sind.
zu erreichen, wenn die finanziellen Mittel sowohl
auf privater wie auch auf öffentlicher Seite fehlen. Das größte Flächenpotential in den stark versie-
gelten Strukturtypen Innerstädtisches Wohn- und
Mischgebiet und Gewerbegebiet bergen Fassaden-
Übertragbarkeit und strukturtypenbezo- und Dachflächen. Eine Begrünung dieser Flächen
gene Maßnahmenwahl kann die hohe Anfälligkeit für Überhitzung und die
Gefährdung durch Überschwemmungen bei Stark-
Die unterschiedlichen Charakteristika der betrach- regenereignissen deutlich reduzieren.
teten Strukturtypen bedingen eine Unterscheidung
in der Maßnahmenwahl. Ausschlaggebender Fak- Die Umsetzung von Dachbegrünungen ist für
tor ist vielfach das zur Verfügung stehende Flächen- Strukturtypen, in denen nur wenige Flachdächer
potential. zu finden sind, deutlich aufwendiger zu realisieren.
Somit sollte eine Umsetzung von Dachbegrünun-
Somit ergibt sich eine Tendenz von der bevorzugten gen insbesondere in Gewerbegebieten, Bürostand-
Nutzung flächenbezogener Maßnahmen mit einem orten Stadt-/Stadtteilzentren und innerstädtischen
hohen Raumbedarf bei locker bebauten Strukturty- Wohn- und Mischgebieten forciert werden. In die-
pen, z.B. Einfamilienhausgebieten, hin zu technisch sen Strukturtypen stellen Flachdächer zudem die
aufwendigeren Lösungen oder dem vermehrten maßgebliche Dachform dar. Die Umsetzung von
Einsatz gebäudebezogener Maßnahmen bei dicht Dachbegrünungen ist für Strukturtypen, in denen
bebauten Strukturtypen, wie innerstädtischen nur wenige Flachdächer zu finden sind, z.B. Villen,
Wohn- und Mischgebieten. In diesen Bereichen ehemalige Arbeitersiedlungen, Reihen- und Einfa-
ist eine umfassende Anpassung meist nur unter milienhausgebiete, deutlich aufwendiger zu realisie-
Anwendung technisch und finanziell aufwendiger ren. In diesem Zusammenhang sind insbesondere
Maßnahmen möglich. die Sanierungszyklen der Dächer hervorzuheben,
welche einen Aus- oder Umbau zum Gründach
Bei der Umsetzung von Maßnahmen der dezen- begünstigen können. Wird in diesem Zuge, oder
tralen Regenwasserbewirtschaftung lässt sich ein bei einer turnusmäßigen Dachsanierung, eine
Vorteil derjenigen Strukturtypen feststellen, die Dachbegrünung realisiert, können auch Gebäude

192
mit vormals ungeeigneten Dachformen begrünt nerstädtisches Wohn- und Mischgebiet, Stadt-/
werden. Außerdem sind die Mehrkosten zu einem Stadtteilzentrum, Bürostandort und Gewerbegebiet
konventionellen Dach gering und die Maßnahme zum Tragen. In Letzterem kann es durch die kon-
amortisiert sich durch die Energieeinsparung und krete Nutzung, vor allem in Industriegebieten (die
die Schutzwirkung auf die Gebäudesubstanz. auch zum Strukturtyp Gewerbegebiet zählen) zu
Einschränkungen in der Anwendbarkeit von Fassa-
In Neubaugebieten kann eine Dachbegrünung denbegrünungen kommen. Das gleiche gilt für die
planungsrechtlich festgelegt werden. Auch durch Flächen der Ver- und Entsorgung oder für manche
Festlegen von Flachdächern kann eine Begrünung Gemeinbedarfsflächen und Sondernutzungen. Hier
begünstigt werden. Zudem kann über Information kann Aufklärung über die Vorteile der Maßnahme
und Anreizprogramme die Umsetzung dieser Maß- helfen, bestehende Vorbehalte auszuräumen. Vor-
nahme forciert werden. Beispiele sind die gesplit- behalte betreffen mögliche Schäden an der Fassade
tete Abwassergebühr, bei der begrünte Dächer nur oder die Ansiedlung unerwünschter Insekten.
teilweise als zu entwässernde Fläche angerechnet
werden, sowie die Anerkennung der Dämmwir- Allgemein fällt auf, dass viele Maßnahmen in den
kung von Dachbegrünungen und damit eine Integ- unterschiedlichen Strukturtypen wiederholt An-
ration in Förderungen der energetischen Sanierung. wendung finden. Dies betrifft insbesondere die
Bei den frappierenden Vorteilen dieser Maßnahme gebäudebezogenen Maßnahmen (vgl. Maßnah-
und dem gegenüber kaum vorhandenen Nachteilen menkatalog Abschnitt 4). Bei den flächenbezoge-
ist es verwunderlich, dass das enorme Flächenpo- nen Maßnahmen ist eine Übertragbarkeit der Maß-
tential der Hamburger Dachlandschaft nicht schon nahmen je nach Flächenpotential der jeweiligen
viel intensiver genutzt wird. Zurückzuführen ist Strukturtypen gegeben. Zwar finden sich eine hohe
dies unter anderem auf die unzureichende Förde- Anzahl an Maßnahmen in allen oder den meisten
rung und Aufklärung von behördlicher Seite. Diese Strukturtypen, jedoch ist die Umsetzung vieler
müsste Vorteile deutlicher und prägnanter kom- Maßnahmen in einigen Strukturtypen einfacher
munizieren und die bestehenden Vorbehalte gegen- und weniger konfliktträchtig als in anderen.
über Dachbegrünung und die Kombinationsmög-
lichkeiten mit erneuerbaren Energien ausräumen.
Des Weiteren müssen auch baurechtliche Instru-
mente eingesetzt werden, welche eine Begrünung
fordern bzw. vorschreiben. Interessant wäre dies
auch besonders für den Strukturtyp Gewerbegebiet.
Dieser wird von Hallenstrukturen mit Flachdach
dominiert, welche ein großes Potential für Begrü-
nungen aufweisen.

In den dicht bebauten Bereichen erfährt auch die


Fassadenbegrünung einen hohen Stellenwert, de-
ren Wirkung in der für Menschen besonders re-
levanten Höhe von bis zu 2 m über dem Boden
spürbar ist. Diese kann aufgrund ihres geringen
Flächenbedarfs in den dicht bebauten Strukturty-
pen mit einer hohen bioklimatischen Belastung zu
einer Verbesserung des Kleinklimas führen. Zwar
kann die Fassadenbegrünung in nahezu jedem
Strukturtyp angewendet werden, jedoch kommen
die Vorteile vor allem in den Strukturtypen In-

193
8.3 Stärken und Schwächen der Strukturtypen in
Bezug auf Bioklima und Klimafolgen

Die Betrachtung der Strukturtypen unter Berück- die beste Durchlüftung bietet. Dies steht im Kon-
sichtigung der Baustruktur und dem Frei- und flikt mit der Ausnutzung solarer Wärme durch
Grünflächenanteil, sowie eine Einschätzung der eine West-Ost-Orientierung der Gebäude, sodass
Eigentümerstruktur macht eine vergleichende Ein- im Einzelfall anhand des baulichen Umfeldes und
schätzung der Stärken, Schwächen, Hemmnisse der lagebedingten Einflussfaktoren eine Abwägung
und Potentiale (SWOT-Analyse) in Bezug auf das stattfinden muss. Dicht bebaute Strukturtypen wie
Bioklima und die Klimafolgen, sowie die Anwen- Zentrum, Mischgebiet und Blockrandbebauung
dung von Anpassungsmaßnahmen möglich. weisen die schlechtesten Voraussetzungen bezüg-
lich einer uneingeschränkten Durchlüftung auf.
Gute Voraussetzungen gegenüber dem Auftreten Hier muss eine strategische Stadt- und Grünpla-
von Hitzeanstauungen in Form einer Wärmeinsel nung dazu beitragen, einen Kaltlufttransport zu
bieten Strukturtypen mit einer lockeren Bebauung. gewährleisten. Insbesondere bei dem Strukturtyp
In diesen kann die Durchlüftung ungehindert statt- Gemeinbedarf muss in der Planung auf die indivi-
finden, sodass eine Abkühlung in den Abend- und duellen Nutzergruppen Rücksicht genommen wer-
Nachtstunden befördert wird. Diese Voraussetzun- den. In diesem Strukturtyp kann die Ausbildung ei-
gen bieten besonders die Strukturtypen Einfamili- ner Wärmeinsel bspw. im Falle eines Altersheimes,
enhaus, Villa, Kleingarten und ggf. Gewerbegebiet. Krankenhauses o.ä. eine ernst zu nehmende Gefahr
In den durch lineare Gebäude charakterisierten darstellen.
Strukturtypen wie Zeilenbebauung, Arbeitersied-
lung und Reihenhaus kann die Durchlüftung durch Zur Anwendung von Maßnahmen zur Klimaanpas-
eine ungünstige Ausrichtung der Gebäude einge- sung aber auch im Bezug auf die gegebene Betrof-
schränkt werden. In Hamburg herrschen West- fenheit gegenüber Klimafolgen sind besonders die
winde vor, sodass eine Nord-Süd-Ausrichtung (mit Flächenpotentiale von Bedeutung. Im städtischen
einer Ost-West-Orienteirung der Wohneinheiten) Bereich können insbesondere Grün-, Frei- und

194
Dachflächen betrachtet werden. Charakteristisch Kriterium als Hemmnis gewertet werden muss.
für einen hohen Grün- und Freiflächenanteil sind
besonders die locker bebauten Strukturtypen wel- Auf gesamtstädtischer Sicht muss auch der geringe
che bereits beschrieben wurden. Aber auch andere Flächenverbrauch der dicht bebauten Strukturty-
Strukturtypen haben einen großen Freiflächen- pen positiv hervorgehoben werden, welcher einer
anteil, welcher allerdings von einer höheren Zahl Neuversiegelung entgegenwirkt und so den Erhalt
von Menschen genutzt wird. Zu diesen zählen von Ausgleichsflächen ermöglicht.
die Strukturtypen Großwohnsiedlung, Zeilenbe-
bauung, Arbeitersiedlung und u.U. Bürostandort. Deutlich wird, dass locker bebaute Strukturtypen
Dieses große Flächenpotential kann zu einer gu- mit einem großen Freiflächenanteil und einer ho-
ten Retentions- und Versickerungsleistung führen mogenen Eigentümerstruktur die meisten Stärken
und lässt die Anwendung von flächenbezogenen im Bezug auf das Bioklima und Klimafolgen, so-
Anpassungsmaßnahmen zu. In Strukturtypen mit wie die Anwendung von Anpassungsmaßnahmen
einer charakteristisch dichteren Bebauungsstruk- aufweisen. In jedem Strukturtyp lassen sich aber
tur gewinnen die Dach- und Fassadenflächen an Stärken im Umgang mit den Klimafolgen identifi-
Bedeutung. Diese stellen ein vielfach ungenutztes zieren, sodass in einer heterogenen Stadtstruktur
Potential dar, welches die eingeschränkten Freiflä- Anpassungspotentiale in allen Strukturtypen ge-
chenpotentiale auf dem Boden zum Teil kompen- nutzt werden können.
sieren könnte. In diesem Zusammenhang ist auf die
im vorherigen Absatz beschriebenen dicht bebau-
ten Strukturtypen zu verweisen. Der Strukturtyp
Gewerbegebiet offeriert große Flächenpotentiale,
welche jedoch u.U. nicht als Stärke gewertet werden
können. Bei Gewerbegebieten kann es durch die
Nutzung zu Verunreinigungen kommen, welche ei-
ner Versickerung im Wege stehen.

Im Bezug auf die Eigentümerstruktur kann ein


homogener Aufbau die Umsetzung von Anpas-
sungsmaßnahmen erleichtern. Diese kann insbe-
sondere den Strukturtypen Großwohnsiedlung u.ä.
zugeschrieben werden. In Strukturtypen mit einer
charakteristisch kleinteiligen Eigentümerstruktur
ist eine abgestimmte Anwendung von Anpassungs-
maßnahmen seltener zu erwarten, sodass dieses

195
Potentiale in Bezug Hemmnisse in Bezug
Stärken Schwächen
auf Klimaanpassung auf Klimaanpassung
Einfamilien- hoher Grünflächenanteil, hoher Flächenbedarf Flächenpotential kleinteilige Eigentümer-
häuser lockere Baustruktur struktur
hoher Grünflächenanteil, hoher Flächenbedarf Flächenpotential kleinteilige Eigentümer-
Villen
lockere Baustruktur struktur, Denkmalschutz
hoher Grünflächenanteil ggf. eingeschränkte Flächenpotential (ggf. meist kleinteilige Eigen-
Reihenhäuser
Durchlüftung Flachdächer) tümerstruktur
ehemalige relativ hoher Grünflä- ggf. eingeschränkte Flächenpotential Denkmalschutz
Arbeitersiedlung chenanteil Durchlüftung
geringer Flächenver- eingeschränkte Durch- häufig Flachdächer, häufig heterogene
Blockrand-
brauch durch kompakte lüftung (Flächenpotential) Eigentümerstruktur
bebauung
Baustruktur
relativ hoher Grünflä- ggf. eingeschränkte Flächenpotential, ggf. teils heterogene Eigen-
chenanteil, ggf. Flach- Durchlüftung Flachdächer, häufig tümerstruktur
Zeilenbebauung
dächer homogene Eigentümer-
struktur
relativ hoher Grün- ggf. eingeschränkte homogene Eigetü- ggf. Eigentümer ab-
Hochhäuser/ flächenanteil, i.d.R. Durchlüftung merstruktur, häufig hängig von politischer
Großwohn- homogene Eigentümer- Flachdächer Prioritätensetzung
siedlungen struktur (städtische Wohnungs-
unternehmen)
geringer Flächenver- hoher Versiegelungs- häufig Flachdächer heterogene Eigentümer-
Stadt-/ Stadtteil-
brauch durch kompakte grad, eingeschränkte struktur, kaum Flächen-
zentrum
Baustruktur, Flachdächer Durchlüftung potential
geringer Flächenver- eingeschränkte Durch- häufig Flachdächer heterogene Eigentümer-
innerstädtische
brauch durch kompakte lüftung struktur, wenig Flächen-
Wohn- und
Baustruktur, Nutzungs- potential
Mischgebiete
mischung, Flachdächer
hoher Freiflächenanteil hoher Versiegelungs- ggf. Flächenpotential Vorrang ökonomischer
Gewerbegebiete (ggf. kontaminiert) grad kurze Lebensdauer der Interessen
Gebäude
geringer Flächenver- hoher Versiegelungs- häufig Flachdächer, heterogene Eigentümer-
brauch durch kompakte grad Fassaden struktur
Bürostandorte
Baustruktur, ggf. hoher
Freiflächenanteil
ggf. Funktion als Kaltluft- Schadstoffbelastung, ggf. Funktion als Kalt- abhängig von politischer
Verkehrsflächen
schneise kritische Infrastruktur luftschneise Prioritätensetzung
hoher Freiflächenanteil kritische Infrastruktur Flächenpotential Ver- und Entsorgungs-
Flächen der Ver- funktion hat Vorrang,
und Entsorgung abhängig von politischer
Prioritätensetzung
Gemeinbedarf häufig hoher Grünflä- häufig vulnerable Nut- Flächenpotential abhängig von politischer
und Sonder- chenanteil zergruppen Prioritätensetzung
nutzungen
Wochenend- hoher Grünflächenanteil, hoher Flächenbedarf Flächenpotential kleinteilige Eigentümer-
häuser/ Klein- lockere Baustruktur struktur
gartenvereine

Tabelle 4-1
196
8.4 Konfliktpotential: Mitigation und Adaption

Szenariobezogen bäudebereich führen, da Einsparmaßnahmen wie


energetische Sanierungen nicht flächendeckend
Die einzelnen Szenarien bieten unterschiedliche umgesetzt werden.
Voraussetzungen für die Umsetzung von Anpas-
sungsmaßnahmen. Aber auch Maßnahmen aus Im Szenario „Florierender Wirtschaftsstandort“
dem Bereich des Klimaschutzes werden in den hingegen kommt es im Gebäudebereich zu hohen
beiden Szenarien in unterschiedlichem Maße an- Emissionseinsparungen, da die Kombination aus
gewendet. Dabei bergen die drei Szenarien jeweils finanzieller Handlungsfähigkeit bei moderatem
sowohl Potentiale für die beiden Handlungsfelder Druck auf dem Wohnungsmarkt, sowie ein ökono-
als auch Hemmnisse oder Konfliktpotential. misches Denken die Umsetzung von Maßnahmen
zur Energieeinsparung befördert. Für Anpassungs-
Im Szenario „Rück- und Umbau“ kann es aufgrund maßnahmen fehlen oftmals die Flächen, da der
des abnehmenden Nutzungsdrucks auf städtischen Wohnungsbau diese in Anspruch nimmt. In gewis-
Freiflächen sowie des wachsenden Anteils an Brach- sem Maß kann hier eine Kompensation stattfinden,
flächen zu positiven Entwicklungen im Bereich der da durch den rückläufigen MIV Verkehrsflächen
Biodiversität kommen. Auch stehen vermehrt Flä- frei werden. Befinden sich diese jedoch in öffentli-
chen für Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung cher Hand, ist die Nutzung dieser Flächen für An-
(vgl. Kapitel Auswertung Szenarioentwicklung). passungsmaßnahmen eher unwahrscheinlich, da
Allerdings geht die flächige Dezentralisierung und sich Investitionen vor allem auf den privaten Sektor
Suburbanisierung der Stadt einher mit einem er- beschränken. Daher sind auch Anpassungsmaß-
höhten Verkehrsaufkommen, was durch den Zu- nahmen auf dem Grundstück oder am Gebäude
wachs im MIV zu erhöhten Emissionen führt. Die an eine ökonomische Komponente geknüpft, sie
fehlenden finanziellen Mittel können außerdem zu werden vor allem dann umgesetzt, wenn sie einen
einem weiterhin hohen Energieverbrauch im Ge-

197
wirtschaftlichen Vorteil bringen. Dies kann die un- auf, da Dächer und Fassaden insbesondere in dicht
mittelbare Schadensvermeidung sein, aber auch die bebauten Bereichen ein großes Flächenpotential
Aufwertung des Außenraums einer Wohnanlage darstellen, das zunehmend in den Fokus verschie-
durch neue, klimaangepasste Gestaltung. dener Interessen rückt. Während die Begrünung
von Dächern und Fassaden ein verbessertes Klein-
Im Szenario „Kompakte Stadt“ bestehen Förderun- klima, Lebens- und Verbreitungsräume für Flora
gen seitens der öffentlichen Hand. Dies führt im und Fauna sowie eine verbesserte Energiebilanz der
Vergleich zu den anderen Szenarien zu einer erhöh- Gebäude bewirken, kann eine Nutzung eben dieser
ten Umsetzung von Maßnahmen im Bereich der Flächen für die Erzeugung erneuerbarer Energien
Adaption und der Mitigation. Die kompakte Nach- einen Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele
verdichtung der Stadt ermöglicht effiziente Struktu- und zu einer unabhängigen Energieversorgung leis-
ren, die einen verminderten Energieverbrauch zur ten.
Folge haben. Dies betrifft insbesondere den Ver-
kehrssektor. Versorgungseinrichtungen befinden Mit der Begrünung von Dächern können Abfluss-
sich nah der Wohnungen, wodurch Wege vermie- spitzen beträchtlich vermindert und durch die Re-
den oder reduziert werden können. Die Förderung tentionswirkung kann ein großer Beitrag zur Wie-
des ÖPNV führt zu einer Emissionseinsparung in derherstellung eines natürlichen Wasserkreislaufs
diesem Bereich. Außerdem werden Flächen für an- geleistet werden. Zudem wirkt sich eine Begrünung
dere Nutzungen frei, wie z.B. Anpassungsmaßnah- isolierend auf das darunter liegende Geschoss aus,
men. Konflikte bestehen, wenn Flächen sowohl für was den Energiebedarf zur Kühlung senkt. Außer-
Klimaschutz wie auch für Anpassungsmaßnahmen dem werden, bei entsprechender Gestaltung, neue
genutzt werden können (dieser Konflikt wird spä- Lebensräume für eine Vielzahl an Tieren, vor allem
ter am Beispiel der Gebäudebegrünung dargestellt). Vögel und Insekten, geschaffen. Bei einer flächigen
Durch den hohen Druck auf den Wohnungsmarkt, Umsetzung von Dachbegrünungen können diese
bedingt durch die starke Zuwanderung, besteht für sogar zu einer Vernetzung von Grünräumen bei-
Gebäudeeigentümer nur geringer Anreiz zur Mo- tragen.
dernisierung, und Einsparpotentiale werden nicht
voll ausgeschöpft. Sanierungen finden vor allem Andererseits stellen die Dachflächen auch für die
aufgrund der umfangreichen Anreize statt. Erzeugung erneuerbarer Energien, insbesondere
Photovoltaik oder Solarthermie, ein großes Flä-
chenpotential in den Städten dar. Vielfach wird die
Maßnahmenbezogen Fläche dabei einer Nutzung zugeschrieben, obwohl
gerade im beschriebenen Beispiel Synergieeffek-
Neben den szenarienbedingten Unterschieden gibt te geschaffen werden können. Für die Installation
es auch maßnahmenbedingte Konfikte, die in allen von Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) auf Flach-
drei Szenarien auftreten können. dächern gibt es eigens Module, die eine Integrati-
on in ein Gründach vorsehen. Die aufgeständerten
Ein solches Beispiel ist die Dach- und Fassadenbe- Module bieten Schutz für die darunterliegende Be-
grünung. Dach- und Fassadenflächen sowie städti- grünung und schützen sie vor dem Austrocknen,
sche Freiräume stehen seit einiger Zeit im Fokus, während die Begrünung für eine optimale Betrieb-
wenn es um Flächenpotentiale für die Integration stemperatur der PV-Anlage sorgt, und so den Wir-
von erneuerbaren Energien in den Stadtraum geht. kungsgrad der Anlage steigert, der bei den hohen
Hierzu wurde vom Bundesministerium für Ver- Temperaturen von 60–80 °C , die auf Flachdächern
kehr, Bau und Stadtentwicklung im Jahr 2009 die keine Seltenheit sind, deutlich abnimmt. Gründä-
Studie Nutzung städtischer Freiflächen für erneu- cher erwärmen sich hingegen selten auf über 35 °C,
erbare Energien herausgegeben. An dieser Stelle tut womit ein hoher Wirkungsgrad auch an heißen Ta-
sich ein Konflikt zwischen Mitigation und Adaption gen gewährleistet ist (vgl. Ansel, Baumgarten et al.,
2011, S. 72).

198
Eine strategische Förderung zur Ausnutzung dieser sowie weiteren Handlungsfeldern auszuräumen,
Synergien sollte daher fokussiert werden. Durch sollten integrierte Ansätze forciert werden, die die
koordiniertes Eingreifen der öffentlichen Hand unterschiedlichen Themenfelder zusammendenken
können die entstehenden Konflikte von vornherein und Synergien in den Vordergrund stellen. Anstel-
begrenzt werden. Eine Möglichkeit, die jeweilige le der getrennten Betrachtung der verschiedenen
Nutzung der Fläche (Mitigation oder Adaption) zu Thematiken sollten diese zunehmend zusammen
bestimmen, kann eine Kartierung besonders geeig- bearbeitet werden. Synergien, wie sie bei Dachbe-
neter Flächen oder besonders betroffener Bereiche grünung und Photovoltaik bestehen, müssen brei-
bieten. Für die Gewinnung erneuerbarer Energien ter kommuniziert werden, damit die vorhandenen
kann der Fokus auf besonders ergiebigen Flächen, Synergien auch in der öffentlichen Wahrnehmung
z.B. Südfassaden mit einer hohen Sonneneinstrah- ankommen.
lung oder nicht verschattete Dachflächen liegen,
während die weniger ergiebigen Flächen einer
Fassadenbegrünung vorbehalten bleiben können.
In Bereichen mit einer hohen bioklimatischen Be-
lastung und einer ausgeprägten städtischen Wär- 8.5 Mehrwert von Maß-
meinsel sollten Begrünungsmaßnahmen favorisiert
werden.
nahmen
Konflikte bestehen aber nicht nur zwischen den
beiden Themenfeldern Klimaschutz und Klimaan- Bei der Implementierung von Maßnahmen aus dem
passung, sondern auch in anderen Bereichen. Eine Bereich der Klimaanpassung sind solche Maßnah-
Maßnahme, die Konflikte birgt, ist die Erhöhung men von Vorteil, die über ihre Funktion zur Min-
der Albedo. Die Erhöhung der Albedo stellt ins- derung des negativen Einflusses von Klimafolgen
besondere an Fassaden eine vergleichsweise wenig hinaus einen Mehrwert generieren. Diese Maßnah-
kostenintensive Maßnahme dar. Im Gegensatz zu men werden auch als „no-regret“-Maßnahmen be-
einer Fassadenbegrünung kann eine Aufhellung zeichnet, da die Umsetzung Vorteile mit sich bringt,
der Fassade im Zuge einer ohnehin anstehenden unabhängig davon, ob die prognostizierten Klima-
Instandhaltung vorgenommen werden. Die Fassade folgen in vollem Ausmaß eintreten oder nicht. Die
bedarf dann keiner ständigen Pflege, wie es bei ei- Entscheidung für die entsprechende Maßnahme
ner Fassadenbegrünung der Fall ist. Dennoch birgt wird also in keinem Fall „zu bereuen sein“. Dieser
diese Maßnahme auch Konfliktpotential. Eine flä- Mehrwert kann in Form von direkten finanziellen
chendeckende Aufhellung der Fassaden bringt eine Vorteilen, beispielsweise Einsparungen im Bereich
beträchtliche Änderung des Stadtbildes mit sich. der Gebäudekühlung oder der Beheizung, auf-
Auch können Konflikte mit dem Denkmalschutz treten. Es kann sich dabei aber auch um weiche
entstehen. Dieser Aspekt ist in Hamburg vor allem Faktoren handeln. In diesem Fall bewirken die
für die, von roten Klinkerfassaden geprägten, Schu- Maßnahmen eine Aufwertung von privaten oder
machersiedlungen relevant. In diesen Bereichen öffentlichen Flächen. In diesem Kapitel wird der
würde eine Albedoerhöhung der Fassaden starken Mehrwert einiger Maßnahmen genauer betrachtet.
Einfluss auf die Charakteristik der Quartiere haben.
Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirt-
Um Konflikte zu vermeiden, könnte eine Erhöhung schaftung können bspw. in Form von Tiefbeeten in
der Albedo gezielt dort zum Einsatz kommen, wo Verkehrsberuhigungsmaßnahmen integriert wer-
eine Verschattung oder Begrünung nur schwer zu den. Neben einer visuellen und stadtklimatischen
realisieren ist. Aufwertung des Straßenraums kann diese Maßnah-
me zur Unterstützung der Kanalisation beitragen
Um Konflikte zwischen Mitigation und Adaption und diese bei einer unterirdischen Vernetzung der

199
Tiefbeete ggf. sogar ersetzen. Eine naturnahe de- chem Weg ein Mehrwert, bspw. in Form weicher
zentrale Regenwasserbewirtschaftung kann nahezu Standortfaktoren, geschaffen werden kann und wie
immer so ausgestaltet werden, dass die Maßnahme Nutzungseinschränkungen durch die Maßnahmen
einen Mehrwert bezüglich der Aufenthaltsquali- vermieden werden können.
tät oder eine Aufwertung des Stadtbildes mit sich
bringt. Des Weiteren kann durch eine naturnahe Teilweise kann mit einer „no-regret“-Maßnahme
Ausgestaltung Lebensraum für Tiere entstehen, bei auch Klimaschutz und Klimaanpassung erreicht
einer strategischen Planung können diese als Tritt- werden. Das beste Beispiel ist die Dachbegrünung
steinbiotope oder Verbundsysteme wirken. (vgl. Kapitel Konfliktpotential: Mitigation und Ad-
Die Realisierung von Straßenbäumen als Anpas- aption in den drei Szenarien). Die Vorstellung einer
sungsmaßnahme bringt als Mehrwert eine Gliede- grünen Dachlandschaft macht deutlich, welche äs-
rung und Aufwertung des Straßenraums mit sich. thetische Aufwertung des Stadtbildes zudem hinter
Diese Maßnahme wird in der Stadt- und Verkehrs- einer flächendeckenden Umsetzung von Dachbe-
planung häufig genutzt, um den Charakter einer grünungen steht. Als kleines Inselbiotop können
Straße positiv zu beeinflussen. Bei der Realisierung begrünte Dächer auch in hoch verdichteten Stadt-
einer geschlossene Baumreihe oder Allee werden quartieren Lebensräume für Tiere schaffen.
außerdem Lebensräume für Vögel und Kleinstlebe-
wesen in der Stadt geschaffen und das Mikroklima Eine Nutzung von Regenwasser im Außenraum
des Straßenraums verbessert. Zudem werden durch wird schon heute häufig vorgenommen. Das Was-
die Bäume Schadstoffe auf der Luft gefiltert, durch ser wird hierzu in Regentonnen gesammelt und für
Evapotranspiration wird die Luftfeuchte erhöht und die Bewässerung der Vegetation genutzt. Der Mehr-
durch Schattenwurf der Boden vor Erwärmung ge- wert im Sparen von Trinkwasser ist offensichtlich.
schützt. In Bezug auf das Anpflanzen von Bäumen Weniger weit verbreitet ist die Nutzung des Regen-
entlang viel befahrener Straßen sollte aber geprüft wassers im Gebäude für die Toilettenspülung oder
werden, ob ein geschlossenes Blätterdach den Luft- die Waschmaschine. Hierzu werden größere, i.d.R.
austausch behindert und in der Konsequenz bei ei- unterirdische Zisternen oder Wasserdächer instal-
ner hohen Emissionsrate zu einer erhöhten Schad- liert, in welchen das Regenwasser gesammelt wird
stoffkonzentration in Bodennähe führt. und anschließend für einige Nutzungen im Gebäu-
de verwendet werden kann. Auch hier kann der
Auf der Gebäudeebene müssen insbesondere priva- ökonomische Nutzen überzeugen und die Kanali-
te Akteure zum Einsatz von Anpassungsmaßnah- sation durch die verringerte Einleitung von Regen-
men motiviert werden. Hier ist es besonders wich- wasser entlastet werden.
tig, den Mehrwert einer Anpassungsmaßnahme zu
kommunizieren. Schon bei der breiten Implemen- Deutlich wird, dass insbesondere der Mehrwert ei-
tierung von Klimaschutzmaßnahmen im privaten ner Maßnahme eine Realisierung ermöglichen oder
Bereich wurde deutlich, dass eine Realisierung aus erleichtern kann. Dieser kann ökonomischer Natur,
gesellschaftlicher Verantwortung allein kaum zu aber auch andersgeartet sein. Neben einer finanzi-
erwarten ist. Massive Förderprogramme, günsti- ellen Förderung von Anpassungsmaßnahmen soll-
ge Kredite und gesetzliche Verordnungen führten ten dementsprechend immer die Möglichkeiten der
schließlich zu einer flächigen Umsetzung der Kli- Schaffung eines Mehrwerts durch eine Maßnahme
maschutzmaßnahmen. kommuniziert werden. „no-regret“-Maßnahmen
können folglich durch das Schaffen von Mehrwer-
Anpassungsmaßnahmen hingegen können vielfach ten zu einer Integration von Anpassungsmaßnah-
zu einer deutlichen Aufwertung des Wohnumfeldes men in die Stadtentwicklung beitragen.
genutzt werden. Somit muss sich eine solche Maß-
nahme nicht unbedingt ökonomisch amortisieren.
Es muss aber deutlich gemacht werden, auf wel-

200
Zeitlicher Umsetzungsrahmen und die
Rolle von „no-regret“-Maßnahmen

Besonders Maßnahmen, die erst über einen be-


stimmten Zeitraum ihre volle Wirkung entfalten,
müssen zeitnah umgesetzt werden. Insbesondere
sind hier Bäume zur Verschattung und entlang von
Straßen zu nennen. Diese brauchen Jahrzehnte, bis
sich ihre klimawirksamen und ökologischen Wir-
kungen voll entfalten.

Aber auch mit einer Anpassung von Infrastruktu-


ren, wie dem Einsatz heller oder wasserdurchlässi-
ger Beläge, muss bereits heute begonnen werden,
damit die Umsetzung im Rahmen ohnehin anste-
hender Baumaßnahmen im Rahmen der regelmä-
ßigen Erneuerungszyklen stattfinden kann.

In Anbetracht der langen Lebensdauer von Immo-


bilien, insbesondere von Wohngebäuden, müssen
Neubauvorhaben schon heute klimaangepasst ge-
staltet sein, wenn sie auch in einigen Jahrzehnten
noch attraktiv sein sollen.

Der in dieser Arbeit bereits beschriebene Fokus auf


„no-regret“-Maßnahmen erleichtert die Argumen-
tation für eine Investition in die Anpassungsmaß-
nahme. Trotzdem ist eine Umsetzung auch hier von
der politischen oder privaten Prioritätensetzung
abhängig. Beispielsweise kann nur dann mit dem
Mehrwert der Verkehrsberuhigung, den dezent-
rale Regenwasserbewirtschaftung im Straßenraum
erzeugen kann, argumentiert werden, wenn diese
auch gewollt und Investitionsbereitschaft in diesem
Bereich vorhanden ist.

Die relevanten Akteure müssen diese Notwendig-


keit erkennen und die Klimaanpassung bereits bei
aktuellen Projekten fokussieren, damit diese auch
in Zukunft attraktiv und funktionsfähig bleiben.
Abschließend können einige Feststellungen zu den
betrachteten Realblöcken getroffen werden.

201
8.6 Schlussbetrachtung Szenarienentwicklung

Bei der Untersuchung der Realblöcke wurden la- samtstädtischen Rahmen in die Überlegungen
gebedingte Faktoren zwar so weit wie möglich be- nicht einbezogen werden, obwohl sie von Bedeu-
rücksichtigt, eine detaillierte Untersuchung sowohl tung sein können. Die Neuausweisungen von Bau-
der bioklimatischen Belastung vor Ort als auch der gebieten z.B. führen auf gesamtstädtischer Ebene zu
Gefährdung durch Überschwemmungen als Folge einer Erhöhung des Versiegelungsgrads und einer
von Starkregen geht jedoch über den Rahmen die- Abnahme des Grünflächenanteils, wodurch die
ser Arbeit hinaus. Hierzu wäre unter anderem eine Kaltluftbildung reduziert und der Oberflächenab-
kleinräumige Analyse der Topografie notwendig, fluss erhöht wird.
um das Abflussverhalten bei Niederschlägen aus-
werten zu können. Die Maßnahmenwahl, die sich aus den Rahmen-
bedingungen des Szenarios ergibt, stellt nicht
Neben den Maßnahmen auf Grundstücks- und Ge- zwangsläufig eine erstrebenswerte Strategie der
bäudeebene können gesamtstädtische Strategien Anpassung dar. Deutlich wird dies bspw. im Szena-
einen erheblichen Beitrag zu einem ausgeglichenen rio „Rück- und Umbau“, wo es durch den Einbau
Stadtklima leisten. Hervorzuheben sind der Erhalt von Klimaanlagen als Reaktion auf die gestiegenen
und die Schaffung von Frisch- und Kaltluftschnei- Temperaturen zu einer Konfliktsituation zwischen
sen sowie Kaltluftentstehungsgebieten. Die tatsäch- Mitigation und Adaption kommt. Die gewählte An-
liche bioklimatische Belastung eines Gebietes hängt passungsmaßnahme steht hier dem Klimaschutz
neben der baulichen Struktur maßgeblich davon ab, entgegen. Hier müsste von städtischer Seite steu-
ob eine ausreichende Frischluftzufuhr gegeben ist ernd eingegriffen werden, um diese Konflikte zu
oder ob sich die warme Luft im Gebiet staut. vermeiden. Jedoch bietet der Rahmen dieses Szena-
rios hierfür keine Möglichkeit, da auch die öffentli-
Durch die Begrenzung des Betrachtungsraums che Hand eine passive Rolle einnimmt.
auf den Realblock konnten Entwicklungen im ge-

202
9. Zusammenfassung und
Ausblick
9.1 Ergebnisse

In der Arbeit wurden für den Hamburger Siedlungs- Weiterhin wurde aufgezeigt, mit welchen baulich-
raum 18 Strukturtypen identifiziert, die sich hin- strukturellen Änderungen unter möglichen zukünf-
sichtlich ihrer baulichen und strukturellen Charak- tigen sozioökonomischen Rahmenbedingungen
teristika deutlich voneinander unterscheiden. Diese gerechnet werden kann. Als Ergebnis lässt sich ins-
Kategorisierung macht es möglich, einen schnellen besondere ein unterschiedlicher Umgang mit vor-
Überblick über die klimatischen Problematiken in handenen Flächenpotentialen festhalten. Abhängig
einem bestimmten Gebiet zu erlangen und poten- von dem Szenario werden die für Anpassungsmaß-
tielle Handlungsfelder zu identifizieren. Durch die nahmen zur Verfügung stehenden Flächen bspw.
Kategorisierung des gesamten Hamburger Stadtge- vornehmlich zur baulichen Nachverdichtung ge-
biets ist eine solche Abschätzung für alle Bereiche nutzt. Allerdings fand im Rahmen der Arbeit keine
der Stadt möglich. Anhand von Bewertungskrite- Quantifizierung der Entwicklungen statt. Vielmehr
rien, welche verschiedene Merkmale der Struktur- wird eine exemplarische, im Rahmen des Szenarios
typen aufgreifen, konnte das Maß der jeweiligen stark ausgeprägte Entwicklung genommen. Diese
Anfälligkeit für die Folgen des Klimawandels fest- kann nicht auf den gesamten Bestand des jeweili-
gestellt werden. Demzufolge weisen insbesondere gen Strukturtyps in Hamburg übertragen werden.
dicht bebaute und hoch versiegelte Strukturtypen Darauf aufbauend wurde untersucht, wie die Sze-
eine hohe Betroffenheit gegenüber den zu erwar- narien den Umgang mit den Folgen des Klimawan-
tenden Klimafolgen auf, wohingegen eine lockere dels beeinflussen. Hierbei wurde deutlich, dass die
Bebauung und ein hoher Grünflächenanteil Indi- Realisierungschancen einer nachhaltigen Klimaan-
katoren für geringe Betroffenheit darstellen. Durch passung eng mit den sozioökonomischen Rahmen-
die Auswahl unterschiedlicher Strukturtypen für bedingungen verknüpft sind. Demzufolge ist in
die Fokussierung ist eine teilweise Übertragung der einigen, vor allem stark betroffenen Strukturtypen
Ergebnisse auf andere Strukturtypen mit ähnlichen (z.B. Innerstädtisches Wohn- und Mischgebiet),
Charakteristika möglich. eine umfassende Anpassung unter bestimmten

203
Rahmenbedingungen (Szenario „Rück- und Um- 9.2 Handlungs-
bau“ und „Florierender Wirtschaftsstandort“) nicht empfehlungen
zu erwarten.

Die verursachenden Rahmenbedingungen ergeben Bei Anwendung der drei Szenarien auf die betrach-
sich aus fehlenden finanziellen Ressourcen zur Um- teten Realblöcke war insbesondere die passive Hal-
setzung von Maßnahmen, einer unzureichenden tung der öffentlichen Hand hinderlich in Bezug
Information und Sensibilisierung der relevanten auf die Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen.
Akteure und einer passiven Haltung der öffent- Damit eine umfangreiche Anpassung stattfinden
lichen Hand. Diese Hindernisse sind im Szenario kann, müssen daher die notwendigen Rahmenbe-
„Rück- und Umbau“ zu beobachten und führen dingungen vonseiten der Politik und der Verwal-
zu einem minimalen und vermehrt reaktiven Ein- tung geschaffen werden.
satz von Anpassungsmaßnahmen. Aber auch bei
ausreichendem finanziellen Handlungsspielraum Für den gesetzlichen und richtungsweisenden Rah-
können die fehlende Sensibilisierung und Aufklä- men ist die Politik gefordert. Ähnlich wie bei der
rung in der Bevölkerung und eine zurückhaltende Etablierung der erneuerbaren Energien im gesell-
Steuerung durch die öffentliche Hand dazu führen, schaftlichen Bild müssen Leitbilder und Prioritä-
dass die Potentiale einer Klimaanpassung nicht aus- tensetzungen die allgemeine Richtung vorgeben,
geschöpft werden. Diese Situation ist im Szenario welche zu einer klimaangepassten Stadtentwicklung
„Florierender Wirtschaftsstandort“ zu beobachten. führt. Als nächster Schritt müssen ortsspezifische
Lediglich im Szenario „Kompakte Stadt und Um- Strategien entwickelt werden. Die Verwaltung ist
weltinnovationen“ sind die Voraussetzungen für gefordert, die Strategie mit möglichen Maßnahmen
eine umfassende und nachhaltige Anpassung an die auszugestalten und zu kommunizieren. An diesem
Folgen des Klimawandels erfüllt. Punkt kann die Integration von „no-regret“-Maß-
nahmen einen wichtigen Beitrag leisten.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es
grundsätzlich möglich ist, in allen der in Teil zwei Sollen Anpassungsmaßnahmen bei bestimmten
definierten städtischen Strukturtypen die negativen Bau- oder Sanierungsmaßnahmen verpflichtend
Auswirkungen des Klimawandels deutlich abzumil- gefordert werden, kann dies in der Bauleitplanung
dern. Je nach Ausprägung der in Teil eins beschrie- durch Festsetzungen im Bebauungsplan geschehen.
benen baulichen Charakteristika und dem Einfluss Insbesondere bei Neuausweisungen von Bauland
der lagebedingten Faktoren gibt es aber Unterschie- ist eine verpflichtende Anpassung im Bereich der
de bei der Art der geeigneten Maßnahmen und dem dezentralen Regenwasserbewirtschaftung sinnvoll,
technischen, finanziellen etc. Aufwand, den eine da die Kanalisation in der Folge geringer dimen-
Anpassung erfordert. Demnach kann unter den in sioniert oder vollständig auf eine herkömmliche
den Szenarien „Rück- und Umbau“ und „Florieren- Entwässerung verzichtet werden kann. Aber auch
der Wirtschaftsstandort“ gegebenen Rahmenbe- hinsichtlich einer strategischen Verschattung kön-
dingungen keine umfassende Anpassung erfolgen. nen die Grundsätze in die Abwägung einbezogen
werden.

Festsetzungen in Bebauungsplänen sind ein relativ


starkes rechtliches Instrument, welches insbeson-
dere dann eingesetzt werden sollte, wenn überge-
ordnete Entscheidungsträger und -mechanismen
eine langfristige Planung verhindern. Solche Ent-
scheidungsträger können Aktiengesellschaften sein,
welche einer langfristigen Planung einen positiven

204
Jahresabschluss vorziehen oder Projektentwickler 9.3 Aktuelle Tendenzen
und Investoren, welche an strikte Planungs- und
Amortisationszeiträume gebunden sind, die der
Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen im Wege
stehen. Durch eine verpflichtende Festsetzung im Bundesweit ist zu beobachten, dass das Thema der
B-Plan wird eine längerfristige Planung mit dem Klimaanpassung in den Fokus der Politik rückt.
Gebäude und dem Gebäudeumfeld befördert, so Während in Städten wie Stuttgart, in denen die
dass sich Unternehmen ggf. langfristiger an einen Wärmebelastung bereits heute hoch ist, die Mitiga-
Standort binden. tion der Wärmeinselproblematik bereits seit Länge-
rem fokussiert wird und in Hamburg das Themen-
Gesamtstädtische Anpassungsmaßnahmen, wie das feld der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung
Freihalten von Frischluftachsen sollten im Flächen- bereits seit mehreren Jahren praktiziert wird, ist
nutzungsplan oder dem Landschaftsprogramm die Klimaanpassung als integriertes Handlungsfeld
verankert werden. noch relativ jung.

Förderprogramme können einen Beitrag zur Um- Die Hamburger Politik misst der Klimaanpassung
setzung von Maßnahmen leisten, da sie die Brücke als Handlungsfeld mit dem Fachlichen Orientie-
zur Umsetzung schlagen können, wo ein unmittel- rungsrahmen und dem Gutachten zu Klimafolgen
barer finanzieller Nutzen einer Maßnahme nicht in Hamburg nun explizit eine Bedeutung bei und
sofort erkennbar ist. setzt die Anpassung mit der Überführung des Ori-
entierungsrahmens in eine Anpassungsstrategie
Das Eintreten drastischer Klimaänderungen kann auf die Agenda von Politik und Verwaltung. Der
den Handlungsdruck erhöhen und das Thema Fachliche Orientierungsrahmen soll als Grund-
Klimaanpassung verstärkt in den Fokus rücken. lage für eine Anpassungsstrategie dienen, welche
Ein Beispiel aus jüngster Zeit aus dem Bereich der der Anpassung an Klimafolgen einen rechtlichen
Energieerzeugung ist die Reaktorkatastrophe in Rahmen gibt. Auf Basis der Ergebnisse des Gutach-
Fukushima. Hier reichte ein einzelnes Katastrophe- tens Stadtklimatische Bestandsaufnahme und Be-
nereignis, um eine politische Kehrtwende einzulei- wertung für das Landschaftsprogramm Hamburg
ten. und Klimaszenario 2050 wurden Planungshinweise
und Maßnahmen für die Bauleitplanung und die
Im Bereich der Klimafolgen besteht allerdings die Landschaftsplanung formuliert. Zusätzlich wird ein
Problematik, dass einzelne Ereignisse wie Hitze- neuer Layer „Klima“ erstellt, so dass auch Entwick-
wellen, extreme Starkregenereignisse oder Über- lungen bis 2050 bei Planungen und Genehmigun-
schwemmungen nicht unmittelbar belegen können, gen berücksichtigt und prioritäre Handlungsräume
dass sie Teil einer Entwicklung sind und eine Ten- identifiziert werden können.
denz darstellen, die ein verändertes Handeln erfor-
dert. Jedoch bedingen die in Teil eins dargestell- Durch die vorgesehene Aufnahme der wesentli-
ten, bereits beobachteten Klimaänderungen schon chen Aussagen zu bioklimatischen Be- und Entlas-
heute einen Handlungsbedarf, der zunehmend ins tungsräumen, Kaltluftvolumenströmen u.Ä. in das
öffentliche Bewusstsein und die politische Agenda Landschaftsprogramm können diese Faktoren bei
rückt.

205
zukünftigen Bauvorhaben in die Abwägung einbe-
zogen werden. Es bleibt abzuwarten, wie stark sich
die klimatischen Belange bei Abwägungen in der
Praxis niederschlagen und ob sie gegen kurzfristige
ökonomische Interessen überwiegen können.

Allerdings wird gerade in Hamburg deutlich, wie


sehr das Thema Klimaanpassung (und auch der
Klimaschutz) abhängig sind von den Prioritäten
der jeweils regierenden Parteien. So scheint es, als
hätten beide Themenfelder seit den Wahlen 2011
an Bedeutung verloren. Gegenüber dem Woh-
nungsbau wird ihnen nur ein untergeordneter Stel-
lenwert beigemessen. Gerade der Wohnungsbau
jedoch erfordert langfristiges Denken. Mit einer
Lebensdauer von weit über 50 Jahren müssen die
heute gebauten Gebäude auch noch den klimati-
schen Bedingungen am Ende des 21. Jahrhunderts
gewachsen sein. Ein langfristiges Denken mit der
Integration strenger Klimaschutzauflagen und ei-
ner integrierten Anpassungsstrategie bei aktuellen
Projekten ist aktuell in Hamburg nicht erkennbar.
Dabei besteht die Gefahr, dass bestehende Chancen
einer klimaangepassten Nachverdichtung verpasst
werden.

Konfliktpotentiale bestimmter Maßnahmen mit


anderen Zielfeldern der Stadtentwicklung, wie z.B.
der Erzeugung erneuerbarer Energien, müssen
frühzeitig erkannt werden, damit Lösungen zur
Vermeidung von Zielkonflikten und zur Nutzung
von Synergiepotentialen gefunden werden können.
Beispiele für solche Synergien sind die Kombinati-
on der vorgestellten Anpassungsmaßnahmen mit
erneuerbaren Energien oder mit Maßnahmen der
Verkehrsberuhigung (vgl. Kapitel 8.4).

206
9.2 Schlussbetrachtung

Durch eine Kombination von positiven und nega- den, die Neuversiegelung gering zu halten und den
tiven Anreizsystemen können Politik und Verwal- stadtklimatischen Problematiken, die eine dichte
tung die zeitnahe Umsetzung von Anpassungsmaß- Bebauung mit sich bringen, zu begegnen. Wie eine
nahmen vorantreiben und für eine Ausschöpfung solche Entwicklung zu erreichen ist, sollte im Zu-
möglicher Synergiepotentiale sorgen. sammenhang mit der Formulierung eines neuen
städtebaulichen Leitbildes (wie der „Resilienten
Frühzeitiges Agieren ermöglicht eine Verteilung Stadt“) diskutiert werden.
der Investitionen über einen großen Zeitraum. Zu-
dem können eine Reihe von Maßnahmen bei ohne- Um die Städte als lebenswerte Räume zu erhalten,
hin anstehenden Baumaßnahmen wie Sanierungen muss auf klimatische Veränderungen frühzeitig re-
oder Modernisierungen mit einem geringen Mehr- agiert werden. Andernfalls sind wichtige Maßnah-
aufwand realisiert werden. men wirkungslos und es kommen vermehrt reak-
tive Maßnahmen zum Einsatz, die vordergründig
Der Fokus auf „no-regret“-Maßnahmen ermög- ökonomische und materielle Schäden abwenden.
licht dabei eine Klimaanpassung auch unter den Bei frühzeitiger Integration von Anpassungsmaß-
unvermeidbaren Unsicherheiten, die mit den Kli- nahmen können jedoch nicht nur zukünftige Schä-
maprognosen einhergehen. Die relevanten Akteure den vermieden, sondern kann bereits heute die Le-
(Grundstückseigentümer, Immobiliengesellschaf- bensqualität in den Städten gesteigert werden.
ten, Projektentwickler, Wohnungsbaugenossen-
schaften etc.) müssen über den Nutzen dieser „no-
regret“-Maßnahmen informiert sein.

Die flächendeckende Umsetzung von Anpassungs-


maßnahmen wird sich unvermeidlich in einem
veränderten Stadtbild niederschlagen. Dies ist ein
Aspekt, der im Zuge der Integration von erneuerba-
ren Energien in den Stadtraum, z.B. der Installation
von PV-Anlagen, bereits viel diskutiert wird und
der auch für die Klimaanpassung diskutiert werden
sollte, um mögliche Konflikte zu vermeiden.

Aus den Ergebnissen dieser Arbeit ist erkennbar,


dass eine klimaangepasste Stadt eine grüne Stadt ist.
Zudem nimmt in allen betrachteten Szenarien die
Nutzungsmischung zu, was auf der einen Seite die
Resilienz, z.B. durch die bessere Verfügbarkeit von
Versorgungseinrichtungen, auf der anderen Seite
aber auch die Vulnerabilität, z.B. durch intensive-
re Nutzungen von Erdgeschossen in überschwem-
mungsgefährdeten Bereichen, erhöhen kann. Eine
Verdichtung der bestehenden Strukturen ist einem
Wachstum in der Fläche generell vorzuziehen, je-
doch muss gleichzeitig nach Wegen gesucht wer-

207
208
ANHANG
Anhang 1

Auswahl der Maßnahmen der dezentralen Regen-


wasserbewirtschaftung

Welche Art der Bewirtschaftung in den Struktur- Maßnahme gewählt wird, die den geringsten tech-
typen möglich ist, wird anhand der Versickerungs- nischen und finanziellen Aufwand bedeutet. Dem-
potentialkarte (Entwurf) von dem städtischen nach hat eine Flächenversickerung den Vorrang,
Wasserversorgungsunternehmen Hamburg Wasser danach würde eine Muldenversickerung gewählt
abgeschätzt. Anschließend erfolgt eine Bemessung und erst, wenn diese nicht zu realisieren ist, würde
der für Bewirtschaftungsanlagen zur Verfügung auf aufwendigere Maßnahmen wie Mulden-Rigo-
stehenden Grundstücksflächen. Einbezogen wer- len-Elemente zurückgegriffen.
den die Freiräume abzüglich eines Sicherheitsab-
standes zu den Gebäuden. Schließlich wird anhand
der Flächenbedarfe, die im Maßnahmenkatalog
aufgeführt sind, abgeschätzt, inwieweit eine Be-
wirtschaftung der Niederschläge mit diesen Maß-
nahmen möglich ist. In der oberen Tabelle sind
durchschnittliche Flächenbedarfe der unterschied-
lichen Bewirtschaftungsmethoden in Form von
Anschlussverhältnissen dargestellt. Die Abbildung
unten zeigt die Eignung unterschiedlicher Flächen-
nutzungen für die Versickerung von Niederschlä-
gen. Neben der Bodenbeschaffenheit ist die Gefahr
eines Schadstoffeintrags in das Grundwasser ein
Ausschlusskriterium für Versickerungsanlagen.

Bei der Wahl der Bewirtschaftungsmaßnahmen


in den drei Szenarien wird angenommen, dass die

211
Spezifischer Flächenbedarf
Bewirtschaftungsart mittleres spezifischer mittlere verschiedener Techniken der
Anschluss- As-Bedarf je Aushub- dezentralen Regenwasserbe-
verhältnis ha Au tiefe wirtschaftung.
Au:As Au = zu entwässernde Fläche
As = Fläche für die
Flächenversickerung 1 : 1 10.000 m2 0,30 m Versickerungsanlage
Muldenversickerung 7,5 : 1 1.3000 m 2
0,30 m
Mulden-Rigolen-Element 10 : 1 1.000 m 2
0,90 m
Mulden-Rigolen-System 12 : 1 800 m 2
1,20 m

Mulden-Rigolen-Elemente

zentrale Versickerungsbe-

zentrale Versickerungsbe-
Muldenversickerung und

Schacht-, Rohr-, Rigolen-


in der Regen zulässig

sche Versickerungsanla-
versickerung (unterirdi-
Flächenversickerung
in der Regen zulässig, mit der Möglichkeit,

cken Au : As < 15 : 1

cken Au : As > 15 : 1
eingetragene Stoffe zu entfernen

nur in Ausnahmefällen zulässig

gen)
nicht zulässig

Fläche qualitative Art der Versickerungsanlage


Bewertung
nichtmetallische Dachflächen in Wohn- unbedenk-
und vergleichbaren Gewerbegebieten lich
Rad- und Gehwege in Wohngebieten, tolerierbar
Spielstraßen
Hofflächen in Wohn- und vergleichba-
ren Gewerbegebeiten, nciht ständig
frequentierte Parkierungsflächen
Straßen mit DTV* <2.000 Kfz, Rollbah-
nen von Flugplätzen
Dachflächen mit sonstigen Geerbe-/
Industriegebieten
Straßen mit DTV* <2.000 bis 15.000 Kfz,
Schadstoffzunahme

Start- und Landebahnen von Flugplät-


zen
stark frequentierte Parkierungsflächen

Straßen mit DTV* > 15.000 Kfz

metallische Dachflächen, landwirt-


schaftliche Hofflächen
Hofflächen und Straßen in sonstigen nicht tole-
Gewerbe-/Industriegebieten rierbar

abnehmende Effizienz der Reinigungsleistung

212
Anhang 2

EXPOSEE:
Optionen der Klimaanpassung verschiedener Stadtstrukturtypen unter möglichen
zukünftigen sozioökonomischen Rahmenbedingungen

Die Auswirkungen des anthropogenen Klimawan-


dels werden besonders in städtischen Räumen und Die vielfältigen Stadtstrukturen, die sich in urba-
folglich auch in Hamburg deutlich zu spüren sein. nen Räumen finden, sind nicht gleichermaßen von
In der Metropolregion Hamburg sind insbesondere den Folgen des Klimawandels betroffen und in un-
eine saisonale Verschiebung der Niederschläge vom terschiedlichem Maße verwundbar durch die Kli-
Sommer- in das Winterhalbjahr und eine Zunahme mafolgen. Außerdem beeinflussen auch sozioöko-
von Starkregenereignissen und Binnenhochwas- nomische Rahmenbedingungen die Optionen zur
sern, wärmere und trockenere Sommer, erhebliche Anpassung an die Klimaveränderungen.
saisonale Änderungen der Grundwasserstände so-
wie die steigende Gefahr von Elbehochwassern und Wie kann eine Anpassung an die Folgen des Klima-
Sturmfluten zu erwarten. wandels in den unterschiedlichen Stadtstrukturty-
pen und unter verschiedenen sozioökonomischen
Neben der Mitigation mit den Zielen Vermeidung Bedingungen konkret aussehen?
von Treibhausgasemissionen, Energieeinsparung
und vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien Im Rahmen der Diplomarbeit sollen Anpassungs-
müssen auch Maßnahmen zur Adaption fokussiert optionen für verschiedene räumliche Typologien
werden, um den nicht mehr zu verhindernden Kli- unter Berücksichtigung möglicher Entwicklungs-
mafolgen zu begegnen. Ein zeitnahes Agieren er- szenarien für die Metropolregion Hamburg bis
möglicht es, kreative Wege der Anpassung zu gehen 2050 entwickelt werden. Als Basis für die städti-
und den finanziellen Aufwand auf einen längeren schen Raumtypen und die Entwicklungsszenarien
Zeitraum zu verteilen. Wird die Anpassung her- werden vorliegende Zwischenergebnisse aus dem
ausgezögert, bleibt möglicherweise nur das passive Projekt KLIMZUG-NORD sowie eigene Recher-
Agieren aus einer bereits eingetretenen Notlage he- cheergebnisse zugrunde gelegt.
raus.

213
Anpassung an Klimafolgen im urbanen Raum ge-
Fokussierend wird eine Auswahl städtischer Bau- sammelt und bewertet. Die Maßnahmen werden in
bzw. Raumtypologien (im Folgenden Stadtstruk- einem Katalog beschrieben und ihre Wirksamkeit
turtypen genannt) untersucht. Gegenstand sollen wird für die Anpassung an die verschiedenen zu
insbesondere die baulich-strukturellen Charakte- erwartenden Klimafolgen herausgestellt. Im be-
ristika der betrachteten Räume sein. Im Hinblick sonderen Fokus stehen Maßnahmen, die auch bei
auf die zukünftige Entwicklung werden außerdem Nicht- oder geringerem Eintreten der projizierten
die zu erwartenden klimatischen Veränderungen Klimafolgen einen Mehrwert für das betrachtete
im Zuge des Klimawandels betrachtet und die in- Gebiet liefern können (No-Regret-Maßnahmen).
dividuellen Betroffenheiten der Strukturtypen her-
ausgestellt. Eine Auswahl von fünf besonders durch Die Wirksamkeit der verschiedenen Maßnahmen
die Folgen des Klimawandels betroffenen und für wird anschließend anhand der idealtypischen Bau-
die Stadt Hamburg besonders bedeutsamen Struk- blöcke überprüft, indem der Maßnahmenkatalog
turtypen wird genauer untersucht. Hierzu werden unter Berücksichtigung der verschiedenen sozio-
exemplarische Baublöcke, Realblöcke genannt, der ökonomischen Szenarien auf die untersuchten Bau-
entsprechenden Strukturtypen ausgewählt. Diese blöcke angewendet wird. So wird zum einen eine
sollen möglichst genau den vorher definierten, ab- übertragbare Auswertung der Praktikabilität be-
strakten Strukturtypen entsprechen. Bei der Aus- stimmter Maßnahmen erreicht. Zum anderen kön-
wahl spielt zum einen ihre Betroffenheit aufgrund nen so auch die ortsspezifischen Einflussfaktoren,
ihrer räumlichen Struktur eine Rolle, zum anderen die von großer Bedeutung für die Vulnerabilität im
ist zu prüfen, ob durch die räumliche Lage und Stadtraum sind, berücksichtigt werden.
ortsspezifische Einflussfaktoren weitere Belastun-
gen entstehen. Schließlich erfolgt eine Auswertung der Praktika-
bilität der verschiedenen Maßnahmen und eine
Die idealtypischen Blöcke werden mit drei unter- Auswertung der Entwicklung in den verschiedenen
schiedlichen Entwicklungsszenarien überlagert, die Strukturtypen.
wirtschaftliche und demografische Trends bis 2050
darstellen. Dies lässt eine Interpretation der Chan- Abschließend werden Empfehlungen zum Umgang
cen und Risiken für die verschiedenen Strukturty- mit Klimafolgen in städtischen Räumen formuliert.
pen zu.

Um die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen


zur Klimaanpassung bezüglich dieser Stadtraum-
typen zu untersuchen, werden Maßnahmen zur

214
Anhang 3

Sozio-ökonomische Entwicklungsszenarien, Ent-


wurf für den KLIMZUG-NORD-Abschlussbericht
Modellgebiet Wandse, Stand April 2012
Lisa Kuner, Elena Rottgardt, Robert Schoetter

SZENARIO 1: RÜCK- UND UMBAU IN PRIVATER


VERANTWORTUNG

Im Jahr 2050 sind die städtischen und sozialen entstehen immer noch suburbane Wohngebiete mit
Strukturen der Hansestadt Hamburg entscheidend geringer infrastruktureller Ausstattung und Dichte,
von den Auswirkungen des demographischen Wan- wenn auch im geringeren Umfang als noch 2010.
dels beeinflusst. Die Schrumpfung und Alterung Auch wenn sich die Suburbanisierungsprozesse
der Bevölkerung hat zur Folge, dass die Stadt seit und die Siedlungsentwicklung an den Stadträndern
2025 Jahr für Jahr Einwohner verliert. Dies ist auch aufgrund des generellen Bevölkerungsrückgangs
im Bezirk Wandsbek der Fall, wo seit 2010 ein Be- abgeschwächt haben, dominieren sie bis heute die
völkerungsrückgang von 17,2% zu beobachten war. Siedlungsentwicklung. Reurbanisierungstrends
Gleichzeitig zeigt sich die Alterung der Bevölke- konnten nur sehr kleinräumig und in Einzelfällen
rung unter anderem durch den deutlichen Anstieg beobachtet werden. In innerstädtischen Stadtteilen
des Bevölkerungsanteils der über 65-jährigen von kommt es deshalb vermehrt zu Gebäudeleerstand
18,7% in 2010 auf 32,3% in 2050. und dem Brachfallen von Grundstücken, während
Diese Entwicklung hat in der Stadt unter anderem an den Stadträndern immer noch Siedlungswachs-
zu einer veränderten Nachfrage nach Wohnimmo- tum und steigender Flächenverbrauch zu beobach-
bilien geführt. Die große Anzahl an Ein-Personen- ten ist.
Haushalten und die Pluralisierung von Lebenssti- Dies führt dazu, dass es an den Stadträndern durch
len und Lebensformen haben zur Folge, dass der die Ausweitung des Siedlungsraums weiterhin
Umbau und die Sanierung von Wohnimmobilien zur Zerschneidung von Freiräumen und zusam-
vermehrt erforderlich waren, um auf die veränder- menhängenden Habitaten durch die neuen Infra-
te Nachfrage zu reagieren. Gleichzeitig ist es trotz strukturen kommt. In Innenstadtgebieten konnten
sinkender Bevölkerungszahlen nicht gelungen, den hingegen natürliche Sukzessionsprozesse auf unge-
Prozess der Siedlungsexpansion verbunden mit nutzten Grundstücken einsetzen, so dass hier neue
der Flächeninanspruchnahme von bisher unversie- Habitate entstanden sind, die teilweise eine hohe
gelten Flächen im Außenbereich umzukehren. Es Artenvielfalt aufweisen.

215
Der erforderliche Rück- und Umbau von Gebäu- insbesondere in den Rand- und suburbanen Wohn-
den im Stadtgebiet aufgrund der sinkenden und gebieten immer noch das wichtigste Verkehrsmit-
veränderten Nachfrage nach Wohnraum verläuft tel. Steigender Führerscheinbesitz und eine höhere
allerdings schleppend und überwiegend in privater Seniorenmobilität haben darüber hinaus zu einem
Verantwortung. Wohnungen, die den geänderten höheren PKW-Bestand beigetragen. Damit ver-
Wohnansprüchen nicht mehr entsprechen oder bunden ist ein relativ hoher Flächenbedarf für Ver-
in einem schlechten baulichen Zustand sind, ste- kehrs- und Parkplatzflächen in Stadt und Umland
hen schnell leer und können nur schwer neu ver- sowie eine trotz technischer Weiterentwicklungen
mietet werden. Daher ist insbesondere in weniger relativ hohe Emissionsbelastung durch den MIV.
nachgefragten Stadtteilen und auch in Gegenden, Umweltbelange, wie die Umsetzung von natürli-
die aufgrund des Klimawandels bereits stark durch chen Anpassungsmaßnahmen wie Renaturierung
Überflutungen (tiefliegende Wohngebiete in Fluss- der Krückau, werden aufgrund knapper öffentli-
nähe und/oder in Gebieten mit hohem Versiege- cher Kassen und überschuldeter Haushalte nicht
lungsgrad) oder den städtischen Wärmeinsel-Effekt mehr finanziell unterstützt. Anpassungsmaßnah-
(kompakte Wohngegenden mit unzureichenden men werden nur unkoordiniert und vereinzelt
Grünstrukturen sowie einem hohen Versiegelungs- durch private Akteure durchgeführt. Es fehlen
grad) betroffen sind, ein höherer Gebäudeleerstand übergeordnete Konzepte oder Impulse durch die
von Wohn- und Gewerbeobjekten zu beobachten. Stadt. Investitionen in erneuerbare Energien wer-
Um dies zu vermeiden, wird von Seiten der Ver- den lediglich von privater Seite getätigt. Großräu-
mieter in die energetische Gebäudesanierung und mige Maßnahmen werden dementsprechend nicht
Anpassungsmaßnahmen investiert. umgesetzt. Die Auswirkungen des Klimawandels
Durch die Entstehung von suburbanen Siedlun- werden durch die Hamburger überwiegend tole-
gen mit geringer Bevölkerungsdichte und infra- riert. Effekte des Klimawandels, die die Anwohner
struktureller Ausstattung und den allgemeinen gesundheitlich oder wirtschaftlich direkt beein-
Bevölkerungsrückgang nimmt die Auslastung des trächtigen, führen dazu, dass eine Abwägung mög-
ÖPNV-Netzes ab, was auch dazu führt, dass dieser licher Anpassungsmaßnahmen unter finanziellen
in Teilräumen reduziert wird. Damit ist der PKW Gesichtspunkten stattfindet. Umgesetzt werden die

SZENARIO 2: FLORIERENDER WIRTSCHAFTS-


STANDORT UND ANSTIEG DES ANTHROPOGE-
NEN FLÄCHENBEDARFS
Maßnahmen, welche für den Anwohner / Eigentü- ist zentrales Anliegen der Landes- sowie Bundespo-
mer am einfachsten, günstigsten und effektivsten zu litik – regionale Umweltbelange wie Klimaanpas-
realisieren sind. sungskonzepte werden als zweitrangig eingestuft.
Im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen Die Bevölkerungsentwicklung in Hamburg, insbe-
gilt Hamburg 2050 als wirtschaftlich prosperieren- sondere im Bezirk Wandsbek, ist 2050 durch ei-
de Stadt. Investitionen in den weiteren Ausbau von nen moderaten Rückgang gekennzeichnet – 2010
herkömmlicher Energiegewinnung und die zuneh- lebten insgesamt 412.000 Menschen im Bezirk
mende globale Bedeutung des Hamburger Hafens Wandsbek, 2050 beträgt die Bevölkerungszahl nur
aufgrund der von Postpanamax-Schiffen passierba- noch ca. 407.000 und ist somit um -1,2% gesun-
ren Elbe, sind kennzeichnend. Eine weitreichende ken. Die Geburtenhäufigkeit liegt bei 1,4 und die
Unterstützung des Finanz- und Wirtschaftssektors Lebenserwartung ist höher als 2010 (Männer 85

216
Jahre und Frauen 89,2 Jahre). Der Außenwande- einheiten pro Jahr zu erfüllen. Dazu werden Hoch-
rungssaldo von plus 100.000 Einwohnern jährlich wasserschutz-Maßnahmen ergriffen, wie bspw. der
für Gesamtdeutschland gleicht die niedrige Fertili- Bau von Deichen, Einbau von flutsicheren Toren
tätsrate jedoch langfristig auch in Hamburg nicht und Fenstern und der Bau von Häusern auf Stel-
aus. Deutliche Änderungen zeigen sich auch in der zen. In Bereichen, die bereits erhöhte Temperaturen
Zusammensetzung der Altersgruppen. Der Anteil aufgrund des städtischen Wärmeinseleffektes ver-
der Personen unter 20 Jahren sinkt von 17,0 % (im zeichnen, werden entsprechende Maßnahmen zur
Jahr 2010) auf 14,6 % im Jahr 2050. Dagegen ist eine Senkung der Temperatur eingesetzt (z.B. Klimaan-
Zunahme der Personen über 65 Jahre zu verzeich- lagen, externer Sonnenschutz).
nen: von 18,7 % im Jahr 2010 steigt die Zahl um Es werden zunehmend Passivhäuser gebaut, je-
31,3 % im Jahr 2050. Dies führt zu einer sinkenden doch sind diese Maßnahmen nicht verpflichtend.
Nachfrage nach sozialen Einrichtungen für Kinder, Die Standards des Wohnungsbaus haben sich seit
Jugendliche und Familien. Die Nachfrage nach se- 2010 kaum verändert. Die Energiegewinnung ist
niorengerechtem Wohnen nimmt zu: die Bedürf- herkömmlich bzw. konservativ: sowohl das Koh-
nisse der Bevölkerung in Hamburg sind im Jahr lekraftwerk Moorburg ist 2050 noch in Betrieb, als
2050 durch den Wunsch nach größerem Wohn- auch flexible Gaskraftwerke. Kernkraftwerke sind
raum geprägt – trotz des leichten Rückgangs der in der Metropolregion Hamburg dagegen nicht
Bevölkerungszahlen wird es somit zu einem An- mehr in Betrieb. Die Nutzung von Windenergie
stieg des Flächenverbrauchs im städtischen Bereich spielt 2050 keine zentrale Rolle, da der Ausbau bis
durch den Neubau von ca. 3.000 Wohneinheiten im dahin mangelhaft vorangeschritten ist. Grund hier-
Jahr kommen. Es werden Baulücken geschlossen, für sind unter anderem fehlende Subventionen und
innerstädtische Blockinnenbereiche bebaut und Investitionen in Folge energiepolitischer Entschei-
neue Siedlungsgebiete an den Stadträndern entwi- dungen der Landes- und Bundespolitik zuguns-
ckelt. Dies führt insgesamt zu einer Erhöhung der ten konservativer Energiegewinnung in Form von
Flächenversiegelung. Alte Gebäude werden z.T. ab- Großkraftwerken.
gerissen und neue Gebäude gebaut. Maßnahmen Der Naturhaushalt steht 2050 in Hamburg unter
zur Klimaanpassung werden in den Neubauten nur deutlich höherem Druck als es heute bereits der Fall
vorgesehen, wenn sich dieses finanziell rechnet. ist. Aufgrund des Neubaus von 3.000 Wohneinhei-
Aufgrund der niedrigen Bevölkerungszahlen sind ten pro Jahr, des starken anthropogenen Erholungs-
auch ein Rückgang der PKW-Zahlen und des drucks auf städtischen Grün- und Freiflächen und
Flächenbedarfs für Parkplätze insgesamt zu ver- den hohen bei der Energiegewinnung entstehenden
zeichnen. Gründe hierfür sind außerdem die zu Schadstoffemissionen, kommt es zu negativen Aus-
erwartende Preissteigerung des motorisierten Indi- wirkungen auf die Natur und Umwelt. Insbesonde-
vidualverkehrs (MIV) und die verstärkte Subventi- re der Verlust bestehender Lebensgemeinschaften
onierung des ÖPNV – sowohl im urbanen als auch und Lebensräume für Flora und Fauna ist für das
im suburbanen Raum. Die bestehende City-Maut Jahr 2050 nicht zuletzt durch die gezielte Innenver-
trägt ebenfalls zu einem Rückgang des MIV bei. dichtung kennzeichnend. Solche städtebaulichen
Die Effizienzsteigerung von PKWs, die Zunahme Maßnahmen beeinflussen die Biotope sowie den
von Elektromotoren sowie das gesteigerte Bedürf- städtischen Baumbestand nachhaltig negativ. Auch
nis nach arbeitsnahem Wohnen führen zu einem politische und sich daraus entwickelnde ökonomi-
Rückgang des Energiebedarfs im Verkehrsbereich sche Anreize für die Investition in Umweltbelange
um ca. 60%. Die Produktion von Kraftstoffen wird treten immer weiter in den Hintergrund. Nur we-
2050 auch zu einem hohen Anteil durch die Land- nige, ausgewählte Umweltprojekte sind ausreichend
wirtschaft bzw. durch die Biotreibstoffgenerierung finanziert. Die Produktion von Biokraftstoffen im
in der MRH unterstützt werden. Hamburger Umland wird subventioniert, trägt je-
Auch Bereiche, die überflutungsgefährdet sind, doch zu einer negativen Entwicklung der Biodiver-
werden zunehmend bebaut, um die 3.000 Wohn- sität in den Kulturlandschaften bei.

217
SZENARIO 3: KOMPAKTE STADT ALS ZENTRUM
FÜR INNOVATIONEN IM BEREICH UMWELT

Die Metropolregion Hamburg hat im Jahr 2050 in den Hafengebieten zu einem hohen Flächenbe-
durch Ansiedlung von Produktionsstätten und darf für Industrie und Gewerbegebiete. Um eine
Dienstleistungen rund um die erneuerbaren Ener- Zersiedlung zu verhindern, sowie das Verkehrsauf-
gien und eines Ausbaus des Hamburger Hafens eine kommen zu verringern, hat die Hamburger Politik
starke wirtschaftliche Stellung in Deutschland und über die vergangenen Jahrzehnte eine Strategie der
Europa. Ein hohes Umweltbewusstsein sowie die Innenverdichtung verfolgt. Vor allem in den inner-
Verfügbarkeit öffentlicher Gelder zur Förderung städtischen Bereichen Hamburgs wurden zwischen
von Anpassungsmaßnahmen haben zu einem ver- 2010 und 2050 etwa 6.000 neue Wohneinheiten
besserten Klima- und Umweltschutz geführt. pro Jahr geschaffen. Dank der Innenentwicklung
Die Bevölkerung in Hamburg ist im Jahr 2050 ge- durch Nachverdichtung befinden sich öffentliche
genüber 2010 leicht angestiegen. Die höhere Le- Einrichtungen (Bildung, Verwaltung, Verkehr, ...)
benserwartung sowie ein deutlicher positiver Saldo möglichst nahe an den Wohnungen der Nutzer. Die
der Außenwanderung (+200.000 Personen pro Jahr Strategie der Innenverdichtung und des Ausbaus
für Gesamtdeutschland) gleichen die niedrige Fer- des ÖPNVs führt zu einem gegenüber 2010 gesun-
tilitätsrate von 1,4 Geburten pro Frau mehr als aus. kenen PKW Bestand. Der Flächenbedarf für Park-
Auf Grund hoher wirtschaftlicher Aktivität in der plätze sinkt.
Metropolregion bleiben die Stadt Hamburg und Die konsequente Förderung des Ausbaus der er-
auch der Bezirk Wandsbek als Wohnort attraktiv, neuerbaren Energien auf Bundesebene ist in den
so dass die niedrigen Geburtenzahlen durch Zu- vergangenen Jahrzehnten von Politik und Gesell-
wanderungen überkompensiert werden. Die Be- schaft in Hamburg und Metropolregion unterstützt
völkerung im Bezirk Wandsbek ist gegenüber dem worden. Auf Grund der Eignung von Standorten in
Jahr 2010 (412.000 Personen) im Jahr 2050 um 6 Norddeutschland gibt es einen massiven Ausbau
% auf 437.000 Personen angestiegen. Deutliche der Windkraft in der Metropolregion Hamburg
Verschiebungen zeigen sich beim Anteil verschie- sowie off-shore in Nord- und Ostsee. An windrei-
dener Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung. chen Tagen exportiert die Metropolregion durch
Der Anteil der Personen unter 20 Jahren sinkt von Windkraft erzeugten Strom, da der lokale Bedarf
17,0 % auf 14,8 % welches eine sinkende Nachfrage mehr als gedeckt ist. Wegen des im Vergleich zu
nach Infrastruktur im Basis-Bildungsbereich (z.B. Süddeutschland und Südeuropa geringeren Po-
Grundschulen) sowie Flächen für Freizeitaktivi- tenzials für Photovoltaik gibt es dagegen lediglich
täten für Familien nach sich zieht. Der Anteil der einen moderaten Ausbau der Photovoltaik in der
Personen über 65 Jahre steigt von 18,7 % auf 29,8 %. Metropolregion Hamburg. Wegen des erfolgrei-
Dies erhöht die Nachfrage nach seniorengerechtem chen Ausbaus der erneuerbaren Energien werden
Wohnen. in der Metropolregion Hamburg im Jahr 2050 kei-
Die gestiegene Bevölkerung sowie die positive wirt- ne Großkraftwerke betrieben. Die mit den früher
schaftliche Entwicklung führen zu einem Anstieg bestehenden Großkraftwerken einhergehenden
des Flächenbedarfs. Der Wohnraumbedarf pro Warmwassereinleitungen in die Elbe sowie die von
Person hat gegenüber dem Jahr 2010 auf Grund konventionellen Kraftwerken verursachten CO2-
kleinerer Haushalte zugenommen. Durch die ins- Emissionen entfallen. Zum Ausgleich der unver-
gesamt höhere Bevölkerung ist eine deutlich gestei- meidbaren Schwankungen der Stromproduktion
gerte Nachfrage nach Wohnraum zu verzeichnen. durch erneuerbare Energien werden im Hambur-
Der Ausbau des Hafens sowie der an den Hafen ger Stadtgebiet mehrere kleine flexible Kraftwerke
grenzenden Industriegebiete führt insbesondere betrieben, welche mit erneuerbaren Brennstoffen

218
befeuert werden. Die Abwärme aus diesen Kraft- Erfolge. Bei der Aufstellung von B-Plänen werden
werken wird zur Nutzwärmebereitstellung verwen- sämtliche Festsetzungsmöglichkeiten zur Klimaan-
det (z.B. Kraft-Wärme-Kopplung). passung ausgeschöpft.
Wegen der hohen Nachfrage nach Wohnraum und Die hohe Zahl an neuen Wohneinheiten im Ham-
einem damit einhergehenden geringeren Anreiz burger Stadtgebiet führt zu einem deutlich redu-
für Vermieter eine energetische Gebäudesanie- zierten Wohnbedarf in den an Hamburg angren-
rung voranzutreiben, ist der Nutzwärmebedarf zenden Landkreisen. Dort werden kaum neue
gegenüber 2010 nur um ca. 20 % gesunken. Ein Flächen versiegelt. Lärm und Schadstoffbelastung
tendenziell höherer Bedarf durch gestiegene Be- durch Verkehr nehmen ab. In den Innerstädtischen
völkerung und wirtschaftliche Aktivität wird durch Bereichen und im Hafengebiet ist dagegen aufgrund
Effizienzsteigerungen und energetische Gebäudes- der Verdichtung ein Verlust an Baumbestand und
anierung zwar überkompensiert, das vorhandene Lebensräumen nicht vermeidbar. Der Verlust von
Einsparungspotenzial wird jedoch nicht voll aus- Freiflächen und Bäumen wird nach Möglichkeit
genutzt. Der Nutzwärmebedarf wird durch Wär- durch die Schaffung naturschutzfachlich höherwer-
mepumpen, solarthermische Anlagen und durch tiger Biotope für den Arten- und Biotopschutz in
Kraft-Wärme-Kopplung gedeckt. Im motorisierten nahe gelegenen Bereichen ausgeglichen. Das mitt-
Individualverkehr ist der Energiebedarf pro Perso- lerweile rechtsverbindliche Biotopverbundsystem
nenkilometer durch Einführung effizienterer Ver- wird ausgeweitet und zu konkretisieren.
brennungsmotoren und eines teilweisen Umstiegs
auf Elektromotoren um 20 % reduziert. Zudem
haben die Verdichtung der Stadt, die Einführung
einer Autobahngebühr sowie der Ausbau des öf-
fentlichen Personennahverkehrs das Verkehrsauf-
kommen im Personen-Individualverkehr deutlich
reduziert. Der Energiebedarf für Verkehr ist somit
40 % niedriger als im Jahr 2010.
In der Hamburger Gesellschaft genießt im Jahr
2050 Umweltschutz einen hohen Stellenwert. Gute
Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Klimaanpassung
wurde und wird durchgeführt. Die Hamburger
wissen um die Möglichkeiten, die ihnen zur An-
passung zur Verfügung stehen und setzen diese ein.
Fördermaßnahmen sind bei allen Bevölkerungs-
gruppen bekannt und werden zahlreich beantragt.
Dabei werden sowohl öffentliche als auch private
Maßnahmen umgesetzt.
Als Ausgleich für die Verdichtung der Innenstadt
und den Ausbau des Hafens werden Umweltschutz-
projekte von der öffentlichen Hand finanziert. In
den Außenbereichen der Stadt werden neue Flä-
chen als Schutzgebiete ausgewiesen und das Ver-
siegeln neuer Flächen stark eingeschränkt. Die
Renaturierungspotenziale an der Wandse werden
weitestgehend ausgeschöpft. Weiterhin zeigen lang-
fristig angelegte Förderprogramme der Stadt zur
Abkopplung und Entsiegelung von Flächen sowie
die in 2012 eingeführte gesplittete Abwassergebühr

219
220
Abkürzungsverzeichnis

al. alii
B-Plan Bebauungsplan
BBK Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
BID Business Improvement District
BBSR Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
BMVBS Bundesministerium für Verkehr Bau und Stadtentwicklung
BNatSchG Bundesnaturschutzgesetz
bspw. beispielsweise
BSU Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
BUWAL Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
ca. cirka
COSMO-CLM COnsortium for Small scale MOdelling - CLimate Mode
DIN Deutsche Industrie-Norm
DK5 Deutsche Grundkarte (1 : 5000)
DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V.
DWD Deutscher Wetterdienst
EG Erdgeschoss / Europäische Gemeinschaft
ehem. ehemalige
etc. etcetera
f die folgende Seite
ff die folgenden Seiten
FHH Freie und Hansestadt Hamburg
FITNAH Flow over Irregular Terrain with Natural and Anthropogenic Heat-
Sources
GFZ Geschossflächenzahl
ggf. gegebenenfalls
GRZ Grundflächenzahl
HCU HafenCity Universität Hamburg
i.d.R. in der Regel
IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change
ISU Informationssystem Stadt und Umwelt

221
Jhd. Jahrhundert
LaPro Landschaftsprogramm
LKW Lastkraftwagen
m Meter
MIV motorisierter Individualverkehr
MKULNV-NRW Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbrau-
cherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
NN Normalnull
o.Ä. oder Ähnlichen
ÖPNV öffentlicher Personennahverkehr
PCI Park Cool Island
PKW Personenkraftwagen
PV Photovoltaik
RCAO Rossby Centre Atmosphere-Ocean model
REAP Resource Efficiency in Architecture and Planning
REMO Regionales Klimamodell

s. siehe
S Szenario
S. Seite
SAGA-GWG SAGA: Siedlungs-Aktiengesellschaft Altona
GWG: Gesellschaft für Wohnen und Bauen mbH
STAR Statistisches Regionalisierungsmodell
StEP-Klima Stadtentwicklungsplan-Klima
SVF Sky-View-Faktor
SWOT Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen), Th
reats (Bedrohungen)
ü. über
u.a. und anderer und unter anderem
u.Ä. und Ähnliches
UN United Nations
vgl. vergleiche
WE Wohneinheit(en)
WettReg WETTerlagenbasierte REGionalisierungsmethode
z.B. zum Beispiel
z.T. zum Teil

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world map of the Köppen-Geiger climate clas- me und Bewertung für das Landschaftsprogramm
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gem%C3%A4%C3%9Figte-zone.png?uselang=de;
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1-2: eigene Darstellung nach EEA; http://www. 1-10: eigene Darstellung nach Schmalz, Joachim:
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(Hrsg.): Klimaänderung und Klimafolgen in Ham- 1-12, 1-13: eigene Darstellung nach Wasserwirt-
burg – Fachlicher Orientierungsrahmen, Ham- schaftsamt Ingolstadt, URL: http://www.wwa-in.
burg, 2009, S.13 bayern.de/umwelttipps/hausbesitzer/index.htm,
Zugriff 10.04.2012
1-4: Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
(Hrsg.): Klimaänderung und Klimafolgen in Ham- 1-14: eigene Darstellung nach Haubner, Karl
burg – Fachlicher Orientierungsrahmen, Ham- (Red.); Reidat, Rudolf: Temperatur, Niederschlag,
burg, 2009, S.14 Staub; in: Akademie für Raumforschung und
Landesplanung: Deutscher Planungsatlas. Teil 8:
1-5: eigene Darstellung nach Wikipedia The Free Hamburg, Hannover, 1971
Encyclopedia, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/
File:Roof-albedo.gif und Huang, Taha, 1990, URL: 1-15: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
http://www.bitsofscience.org/urban-heat-island- ma- und immissionsökologische Funktionen der
rooftop-albedo-geoengineering-3966/ Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones
Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh-
1-6: eigene Darstellung nach Emmanuel, M. rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht;
Rohinton: An urban approach to climate-sensitive im Auftrag der Behörde für Stadtentwicklung und
design, strategies for the tropics, Abington, 2005, Umwelt, Hannover, Mai 2011
S.25
1-16: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
1-7: eigene Aufnahme der BSU

229
2-1: eigene Darstellung 2-21: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU
2-2: eigene Darstellung
2-22, 2-23: eigene Darstellung
Kapitel 5.1a Hintergrundbild: mueritz/flickr.com
Kapitel 5.2a Hintergrundbild: URS/Pixelio.de
2-3: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU 2-24: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU
2-4, 2-5: eigene Darstellung
2-25, 2-26: eigene Darstellung
Kapitel 5.1b Hintergrundbild: eigene Aufnahme
Kapitel 5.2b Hintergrundbild: eigene Aufnahme
2-6: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU 2-27: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU
2-7, 2-8: eigene Darstellung
2-28, 2-29: eigene Darstellung
Kapitel 5.1c Hintergrundbild: Torben*/flickr.com
Kapitel 5.3a Hintergrundbild: spiegelneuronen/
2-9: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten flickr.com
der BSU
2-30: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
2-10, 2-11: eigene Darstellung der BSU

Kapitel 5.1d Hintergrundbild: eigene Aufnahme 2-31, 2-32: eigene Darstellung

2-12: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten Kapitel 5.3b Hintergrundbild: eigene Aufnahme
der BSU
2-33: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
2-13, 2-14: eigene Darstellung der BSU

Kapitel 5.1e Hintergrundbild: eigene Aufnahme 2-34, 2-35: eigene Darstellung

2-15: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten Kapitel 5.4a Hintergrundbild: Fabi DE/flickr.com
der BSU
2-36: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
2-16, 2-17: eigene Darstellung der BSU

Kapitel 5.1f Hintergrundbild: eigene Aufnahme 2-37, 2-38: eigene Darstellung

2-18: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten Kapitel 5.4b Hintergrundbild: Stadtreinigung
der BSU Hamburg

2-19, 2-20: eigene Darstellung 2-39: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU
Kapitel 5.1g Hintergrundbild: eigene Aufnahme

230
2-40, 2-41: eigene Darstellung wurf, Stand August 2011, S. 53

Kapitel 5.4c Hintergrundbild: pilot_micha/flickr. 2-58: eigene Darstellung nach Geo-Net Umwelt-
com consulting GmbH: Stadtklimatische Bestandsauf-
nahme und Bewertung für das Landschaftspro-
2-42: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten gramm Hamburg, im Auftrag der Behörde für
der BSU Stadtentwicklung und Umwelt, Hannover, Ent-
wurf, Stand August 2011, S. 52
2-43, 2-44: eigene Darstellung
2-59, 2-60: eigene Darstellung
Kapitel 5.4d Hintergrundbild: Deborah L./flickr.
com 2-61: eigene Darstellung auf Grundlage von
Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Klima- und
2-45: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten immissionsökologische Funktionen der Frei-
der BSU en- und Hansestadt Hamburg: Oberflächennahe
Lufttemperatur während einer austauscharmen
2-46, 2-47: eigene Darstellung Strahlungswetternacht; im Auftrag der Behörde
für Stadtentwicklung und Umwelt, Hannover, Mai
Kapitel 5.5a Hintergrundbild: eigene Aufnahme 2011

2-48: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten 2-62: eigene Darstellung


der BSU
3-1, 3-2: eigene Darstellung
2-49: eigene Darstellung
3-3: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
Kapitel 5.5b Hintergrundbild: eigene Aufnahme ma- und immissionsökologische Funktionen der
Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones
2-50: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh-
der BSU rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht,
4Uhr; im Auftrag der Behörde für Stadtentwick-
2-51: eigene Darstellung lung und Umwelt, Hannover, Mai 2011

Kapitel 5.5c Hintergrundbild: eigene Aufnahme 3-4: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
ma- und immissionsökologische Funktionen der
2-52: eigene Darstellung Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
nahe Lufttemperatur während einer austausch-
2-53 – 2-55: eigene Darstellung, basierend auf GIS- armen Strahlungswetternacht, 4Uhr; im Auftrag
Daten der BSU der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
Hannover, März 2010
2-56: eigene Darstellung, basierend auf GIS-Daten
der BSU 3-5: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
ma- und immissionsökologische Funktionen der
2-57: eigene Darstellung nach Geo-Net Umwelt- Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
consulting GmbH: Stadtklimatische Bestandsauf- nahe Lufttempe¬ratur während einer austausch-
nahme und Bewertung für das Landschaftspro- armen Strahlungswetternacht, 22Uhr; im Auftrag
gramm Hamburg, im Auftrag der Behörde für der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
Stadtentwicklung und Umwelt, Hannover, Ent- Hannover, März 2010

231
3-6: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s 3-25: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010; ma- und immissionsökologische Funktionen der
NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www. Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones
bing.com/maps Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh-
rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht,
3-7 bis 3-12: Eigene Darstellung, basierend auf 4Uhr; im Auftrag der Behörde für Stadtentwick-
GIS-Daten der BSU lung und Umwelt, Hannover, Mai 2011

3-13: eigene Darstellung 3-26: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-


ma- und immissionsökologische Funktionen der
3-13: Eigene Darstellung, Eigene Berechnung, Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
basierend auf GIS-Daten der BSU nahe Lufttemperatur während einer austausch-
armen Strahlungswetternacht, 4Uhr; im Auftrag
3-14: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli- der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
ma- und immissionsökologische Funktionen der Hannover, März 2010
Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones
Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh- 3-27: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht, ma- und immissionsökologische Funktionen der
4Uhr; im Auftrag der Behörde für Stadtentwick- Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
lung und Umwelt, Hannover, Mai 2011 nahe Lufttempe¬ratur während einer austausch-
armen Strahlungswetternacht, 22Uhr; im Auftrag
3-15: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli- der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
ma- und immissionsökologische Funktionen der Hannover, März 2010
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
nahe Lufttemperatur während einer austausch- 3-28: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s
armen Strahlungswetternacht, 4Uhr; im Auftrag Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010;
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www.
Hannover, März 2010 bing.com/maps

3-16: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli- 3-31, 3-32: Eigene Darstellung


ma- und immissionsökologische Funktionen der
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen- 3-29, 3-30, 3-33 bis 3-36: Eigene Darstellung,
nahe Lufttempe¬ratur während einer austausch- basierend auf GIS-Daten der BSU
armen Strahlungswetternacht, 22Uhr; im Auftrag
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, 3-37: eigene Darstellung
Hannover, März 2010
3-38: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
3-17: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s ma- und immissionsökologische Funktionen der
Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010; Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones
NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www. Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh-
bing.com/maps rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht,
4 Uhr; im Auftrag der Behörde für Stadtentwick-
3-18 bis 3-23: Eigene Darstellung, basierend auf lung und Umwelt, Hannover, Mai 2011
GIS-Daten der BSU
3-39: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-
3-24: eigene Darstellung ma- und immissionsökologische Funktionen der
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-

232
nahe Lufttemperatur während einer austausch- 3-52: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s
armen Strahlungswetternacht, 4Uhr; im Auftrag Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010;
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www.
Hannover, März 2010 bing.com/maps

3-40: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli- 3-53 bis 3-58: Eigene Darstellung, basierend auf
ma- und immissionsökologische Funktionen der GIS-Daten der BSU
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
nahe Lufttempe¬ratur während einer austausch- 3-59: eigene Darstellung
armen Strahlungswetternacht, 22Uhr; im Auftrag
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, 4-1: eigene Darstellung
Hannover, März 2010
4-2, 4-3: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s
3-41: Microsoft Corporation, Pictometry Bird‘s Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010;
Eye, 2012; Pictometry International Corp., 2010; NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www.
NAVTEQ, 2010: Bing Maps, URL: http://www. bing.com/maps
bing.com/maps
A-1: eigene Darstellung nach Behörde für Stadt-
3-42 bis 3-47: Eigene Darstellung, basierend auf entwicklung und Umwelt (2006a): Dezentrale
GIS-Daten der BSU naturnahe Regenwasserbewirtschaftung, ein
Leitfaden für Planer, Architekten, Ingenieure und
3-48: eigene Darstellung Bauunternehmer, Hamburg, 2006, S. 9

3-49: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli- Vektorgrafiken (Bäume): freevectors; http://


ma- und immissionsökologische Funktionen der de.freepik.com/vektoren-kostenlos/30-gratis-tree-
Freien- und Hansestadt Hamburg: Autochtones silhouette_387748.htm; Copyright © 2010-2011
Strömungsfeld und Kaltluftvolumenstrom wäh- Freepik.com
rend einer austauscharmen Strahlungswetternacht,
4Uhr; im Auftrag der Behörde für Stadtentwick-
lung und Umwelt, Hannover, Mai 2011

3-50: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-


ma- und immissionsökologische Funktionen der
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
nahe Lufttemperatur während einer austausch-
armen Strahlungswetternacht, 4 Uhr; im Auftrag
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
Hannover, März 2010

3-51: Geo-Net Umweltconsulting GmbH: Kli-


ma- und immissionsökologische Funktionen der
Freien- und Hansestadt Hamburg: Oberflächen-
nahe Lufttempe¬ratur während einer austausch-
armen Strahlungswetternacht, 22Uhr; im Auftrag
der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt,
Hannover, März 2010

233
Tabellen:
Tabelle 1-1: eigene Darstellung nach: Norddeut- mische Entwicklungsszenarien, Entwurf für den
sches Klimabüro (2009), Daschkeit (2009); basie- KLIMZUG-NORD-Abschlussbericht Modellgebiet
rend auf REMO, COSMO-CLM, RCAO, STAR und Wandse, Stand April 2012
WettReg für die Szenarien A1B, A2, B1, B2.
Tabelle 3-2 bis 3-11: eigene Darstellung
Tabelle 1-2: eigene Darstellung
Tabelle 4-1: eigene Darstellung
Tabelle 1-3, 1-4, 1-5: eigene Darstellung, nach:
Norddeutsches Klimabüro (2009) in: Storch, Hans
von (Hrsg.): Klimabericht für die Metropolregion
Hamburg, Berlin, Heidelberg, 2011, basierend u.
a. auf: REMO, COSMO-CLM und RCAO für A1B,
A2, B1, B2.

Tabelle 1-6: eigene Darstellung nach: Matzarakis,


Andreas: Die thermische Komponente des Stadtkli-
mas. Berichte des Meteorologischen Institutes der
Universität Freiburg, Nr. 6, Freiburg, 2001, S. 50,
S. 16

Tabelle 1-7: eigene Darstellung nach: Verband Re-


gion Stuttgart (Hrsg.): Klimaatlas Region Stuttgart,
Stuttgart, 2008, S. 20

Tabelle 1-8: eigene Darstellung nach: Matzarakis,


Andreas: Die thermische Komponente des Stadtkli-
mas. Berichte des Meteorologischen Institutes der
Universität Freiburg, Nr. 6, Freiburg, 2001, S. 50

Tabelle 2-1 bis 2-15: eigene Erhebungen anhand


von GIS-Daten der BSU; Daneke, Christian: Land-
nutzungsmodellierung in der Stadtklimaforschung
am Beispiel Metropolregion Hamburg. Unveröf-
fentlichte Dissertation, Stand 2012

Tabelle 2-16: eigene Darstellung

Anhang 1: eigene Darstellung nach Sieker, Fried-


helm; Sieker, Heiko; Kaiser, Mathias: Dezentrale
Regenwasserbewirtschaftung im privaten, gewerb-
lichen und kommunalen Bereich – Grundlagen
und Ausführungsbeispiele, Stuttgart, 2006, S. 195

Tabelle 3-1: eigene Darstellung nach: Kunert, Lisa,


Rottgardt, Elena, Schoetter, Robert: Sozio-ökono

234
Herzlichen Dank
Am Ende des Studiums angelangt gilt unser Dank
an erster Stelle unseren Eltern, die uns immer un-
terstützend zur Seite stehen.

Für eine intensive und fortwährende Betreuung


während der Diplomarbeit danken wir Prof. Wolf-
gang Dickhaut, Thomas Zimmermann und Elke
Kruse sowie dem KLIMZUG-NORD-Team aus
dem Modellgebiet Wandse für die fachliche Unter-
stützung und das Feedback

Durch einen Diplomandenvertrag bei der BSU


wurde uns von Martina Bötticher (Abteilung Lan-
des- und Landschaftsplanung) die Möglichkeit
gegeben, für uns relevante Informationen aus den
GIS-Datensätzen zu extrahieren. Vielen Dank.

In diesem Zusammenhang danken wir auch Stella


Schröder für den privaten GIS-Workshop.

Für Hilfe, Diskussionen und Korrekturen möchten


wir uns außerdem bei Antje Markmann, Caroline
König, Thies Straehler-Pohl und Rudolf Klöckner
bedanken.

Am Ende noch ein letzter Gruß an den Arbeits-


raum HCU AV 364, der für ein halbes Jahr unseren
Alltag geprägt hat.

235
Eidesstattliche Erklärung

„Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig


und ohne Benutzung anderer als der angegebenen
Hilfsmittel angefertigt habe. Alle Stellen, die wört-
lich oder sinngemäß aus Veröffentlichungen oder
anderen Quellen, auch dem Internet, entnommen
sind, sind als solche eindeutig kenntlich gemacht.
Die Arbeit ist noch nicht veröffentlicht und noch
nicht als Studienleistung zur Anerkennung oder
Bewertung vorgelegt worden.“

Hamburg den

Johanna Fink

Nikolas Klostermann-Rohleder

236
Autoren:
Johanna Fink [Matr.-Nr. 32005]
Nikolas Klostermann [Matr.-Nr. 32158]

Betreuung:
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Dickhaut
Dipl. Ing. Thomas Zimmermann
Dipl. Ing. Elke Kruse
Begleitender Maßnahmenkatalog zur Diplomarbeit

Stadt im (Klima-) Wandel

(Hamburg, 2012)
Inhaltsverzeichnis

Bausteine für eine klimaangepasste Stadt 1


Exkurs: Dezentrale (naturnahe) Regenwasserbewirtschaftung 2

1. Gesamtstädtische Maßnahmen 4
1.1 Nutzungsmischung 5
1.2 Luftleitbahnen 6
1.3 Grünverbindungen 7
1.4 Speicherung von Überschusswasser aus der örtlichen Grundwasserbewirtschaftung 8
1.5 Klimaangepasste Parkanlagen 9

2 Flächenbezogene Maßnahmen Stadtteil- und Quartiersebene 12


2.1 Pocket Parks 13
2.2 Begrünte Gleisanlagen 14
2.3 Straßenbäume 15
2.4 Bedecken des Bodens und Durchwurzelung urbaner Flächen 17
2.5 Extensivierte Grünflächen und Spontanvegetation 19
2.6 Intensive Bewässerung urbaner vegetation 20
2.7 Wasserflächen 21
2.8 Kanalisation: vom Misch- zum Trennsystem 23
2.9 Stauraumkanäle 25
2.10 Risikozonierung und Notwasserwege 26
2.11 Hochwasserschutz an Unterführungen 27
2.12 Regenrückhaltebecken 28
2.13 Beckenversickerung 29
2.14 Renaturierung von Gewässerkanten 30
2.15 Retentionsflächen am Gewässer 31

3 Flächenbezogene Maßnahmen Grundstücksebene 34


3.1 Regenwassernutzung im Aussenraum 35
3.2 Mitbenutzung von Flächen 37
3.3 Flächenversickerung 39
3.4 Muldenversickerung 41
3.5 Rigolenversickerung 43
3.6 Mulden-Rigolen-Versickerung 45
3.7 Tiefbeet 47
3.8 Schachtversickerung 48
3.9 Retentionsraumversickerung 49
3.10 Retentions-Filterbecken 50
3.11 Rückbau versiegelter Flächen 51
3.12 Erhöhung der Albedo: Einsatz heller Bodenbeläge 52

4 Gebäudebezogene Maßnahmen 54
4.1 Dachbegrünung extensiv 55
4.2 Dachbegrünung intensiv 57
4.3 Fassadenbegrünung 59
4.4 Strategische Gebäudeverschattung durch Gehölze 61
4.5 Amphibisch angepasste Gebäude 63
4.6 Objektschutz vor Überschwemmungen 65
4.7 Regenwassernutzung im Gebäude 66
4.8 Wasserdach 67
4.9 Weiße Wanne 68
4.10 Bauliche Verschattungselemente 69
4.11 Gebäudeausrichtung und flexible Grundrissgestaltung 71
4.12 Einsatz passiver Kühlsysteme 72
4.13 Erhöhung der Albedo an Dächern und Fassaden 73

Quellenverzeichnis 75
Abbildungsverzeichnis 77
Bausteine für eine Klimaangepasste Stadt

Für den vorliegenden Katalog wurden Maßnahmen Maßnahmen zur Anwendung auf der Stadtteil- und
zusammengetragen, die zur Anpassung städtischer Quertiersebene werden im ersten Teil des zweiten
Räume an die Folgen des Klimawandels beitragen Kapitels „Flächenbezogenen Maßnahmen“ vorge-
können. Der Katalog ist begleitend zu der Diplom- stellt. Im zweiten Teil des Kapitels wird auf grund-
arbeit: „Stadt im (Klima-) Wandel - Anpassungs- stücksbezogene Maßnahmen eingegangen.
möglichkeiten städtischer Strukturtypen an die
Folgen des Klimawandels“ an der HafenCity Uni- Im letzten Teil des Katalogs werden Maßnahmen
versität Hamburg, im Studiengang Stadtplanung aufgeführt, die auf der Gebäudeebene angewendet
entstanden. Bei dem Katalog handelt es sich um eine werden. Der Fokus liegt folglich auf Fassaden und
Auswahl an Beispielen, die einen Überblick über die Dächern, dem Innenraum, aber auch auf der Aus-
große Spanne möglicher Anpassungsmaßnahmen richtung oder Bauart ganzer Gebäude.
geben kann. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann
mit den 45, hier vorgestellten Maßnahmen fraglos Die Maßnahmen sind textlich beschrieben und
nicht erhoben werden. werden von Fotos, Diagrammen und Prinzipskiz-
zen begleitet. Zudem geben nebenstehende Tabellen
Der Katalog ist in drei Abschnitte und vier Betrach- einen Überblick über die zentralen Informationen.
tungsebenen gegliedert. Der Katalog beginnt auf
einem gesamtstädtischen Maßstab, wird auf der Für jede Maßnahme werden in den Tabellen anfangs
Stadtteil- und Quartiersebene, sowie der Grund- die Ziele, die mit der Anwendung der Maßnahme
stücksebene fortgesetzt und endet schließlich auf verfolgt werden, beschrieben sowie die potienti-
der Gebäudeebene. ellen Flächen zur Anwendung, der Flächenbedarf
der Maßnahme und die Umsetzungsebene genannt.
Im ersten Abschnitt „Gesamtstädtische Maßnah- Desweiteren wird dargestellt, welcher Mehrwert mit
men“ werden Strategien und Maßnahmen be- der entsprechenden Maßnahme erreicht werden
schrieben, die einer großräumigen Umsetzung oder kann, sowie welche Kosten bei der Umsetzung ent-
Planung bedürfen. Maßnahmen aus diesem Teil stehen. Abschließend wird der Wartungs- bzw Pfle-
können bspw. in die Stadtentwicklungsplanung ein- geaufwand dargelegt und auf potentielle Hemmnis-
gebunden werden. se und Nachteile eingegangen.

1
Exkurs: Dezentrale (naturnahe) Regenwasserbewirtschaftung
Um der steigenden Gefahr von Überschwemmungen und einem vermehrten Schadstoffeintrag in die Gewässer
in Folge von Starkregenereignissen entgegenzuwirken, ist ein Umdenken im Bereich der Siedlungsentwässerung
notwendig (vgl. Sieker, Kaiser, 2006, S. 23f). Es müssen Maßnahmen getroffen werden, die dazu beitragen, den
natürlichen Wasserkreislauf auch in verdichteten Siedlungsräumen soweit wie möglich wieder herzustellen.

Dies soll gemeinhin durch Systeme der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung geschehen, die eine möglichst
vollständige Versickerung und Verdunstung der Niederschläge zum Ziel haben. Die Stadt Hamburg hat hierzu
im Jahr 2000 (überarbeitete Auflage 2006) die Broschüre Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung veröffentlicht.
Diese soll Planern, Architekten, Ingenieuren und Bauunternehmern einen Überblick über die Möglichkeiten
dezentraler Regenwasserbewirtschaftungssysteme geben. Im Jahr 2012 ist in Hamburg zudem die Einführung
einer geteilten Abwassergebühr geplant. Diese ermöglicht, dass die dezentrale Bewirtschaftung anfallender Nie-
derschläge auf dem eigenen Grundstück mit einer verminderten Abwassergebühr honoriert wird (vgl. Hamburger
Wasserwerke GmbH, www.hamburgwasser.de).

2
3
1
Gesamtstädtische
Maßnahmen

4
1.1 Nutzungsmischung

Durch eine Nutzungsmischung kann die Resilienz der geschieht insbesondere durch einen Ausbau des städti-
Stadt, bzw. des Stadtteils erhöht werden. Durch die de- schen ÖPNV und die Förderung des Radverkehrs (vgl.
zentrale Organisation von Versorgungsangeboten redu- ARGEBAU, 2008, S. 21). Durch den Rückgang des MIV
ziert sich im Fall z.B. einer Überschwemmung die Abhän- entstehen Flächenpotentiale für weitere Anpassungsmaß-
gigkeit von möglicherweise abgeschnittenen Bereichen namen. Desweiteren werden Immissionen reduziert, wel-
und die Versorgung ist weiterhin gewährleistet. Zudem che besonders im dicht bebauten, städtischen Raum einer
bietet die Fokussierung auf eine Nutzungsmischung mit geschlosenen Bepflanzung mit Straßenbäumen im Wege
dem dahinter stehenden Leitbild „Stadt der kurzen Wege“ stehen können (vgl Maßnahme 2.3).
die Chance einer sukzessiven Verdrängung des PKW-
Verkehrs aus den Innenstädten und Stadtteilzentren. Dies

Ziele Erhöhung der Resilienz eines Stadtteils

Potentielle Flächen Vor allem monostrukturelle Gebiete (reine Wohn-, Büro- oder Innenstadtflächen)

Flächenbedarf Verlagerung von Nutzungen innerhalb des Stadtgebiets

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil


Erhöhung der Angebotsvielfalt im Stadtteil, effiziente Flächennutzung, soziale
Mehrwert (No-Regret)
Durchmischung

Kosten Abhängig von der Konfliktträchtigkeit

Wartungs-/ Pflegeauf-
-
wand

Hemmnisse und Nachteile B-Pläne und weiteres Planungsrecht, Nutzungskonflikte, Erschließung

5
1.2 Luftleitbahnen

Luftleitbahnen und Frischluftschneisen tragen zum Luft- Häufig wird der Luftaustausch über die Luftleitbahnen
austausch zwischen der inneren Stadt und dem Umland durch Bebauung oder höhere Vegetation eingeschränkt.
bei. Durch die Verbindung von Frischluftflächen und Tallagen hingegen können Kanalisierungseffekte bewir-
Kaltluftentstehungsgebieten mit der Innenstadt sind sie ken, wodurch frische, kühle Luft aus dem Umland weit
ein wichtiger Bestandteil des städtischen Luftaustausches. in den Stadtkörper hineingeführt werden kann. Aller-
Unterschieden wird zwischen drei Kategorien: Ventila- dings werden auch Luftschadstoffe über solche Ströme
tionsbahnen gewährleisten einen Transport von Luft- transportiert, was ggf. zu einer erhöhten Belastung füh-
massen, wobei Lufthygiene oder Temperatur unbeachtet ren kann. Die Realisierung von Luftleitbahnen hängt
bleiben. Kaltluftbahnen transportieren kühle Luft, wobei von einer langfristigen und beständigen Stadtplanung
die lufthygienischen Eigenschaften außen vor bleiben. ab. Prioritätsflächen müssen erkannt und konsequent
Frischluftleitbahnen leiten unbelastete Luftmassen, deren durch Baurestriktionen geschützt werden (vgl. Greiving,
thermische Eigenschaften nicht weiter bestimmt sind. Fleischhauer, 2009, S. 29; MKULNV, 2011, S. 41).

Ziele Luftaustausch zwischen Kaltluftentstehungsgebieten und Innenstadt

Potentielle Flächen Straßen, Bahntrassen, Flüsse, Kanäle

Flächenbedarf Hoch

Umsetzungsebene Stadt
Möglichkeit von Grünraum-Verbund-System, ggf. begrünte Wegeverbindungen für
Mehrwert (No-Regret)
Fahrradfahrer und Fußgänger

Kosten Abhängig von der Strategie und den lokalen Gegebenheiten

Wartungs-/ Pflegeauf-
-
wand

Hemmnisse und Nachteile Flächenkonkurrenz, bestehende Bebauung, langfristige Planung

6
1.3 Grünverbindungen

Um Verbindungen zwischen verschiedenen Grünräumen, gramm „Grünes Netz Hamburg“ (siehe Abbildung oben)
Biotopen und Schutzgebieten zu schaffen sollten gezielt sieht für die Hansestadt eine Verbindung der Grünräu-
Flächen begrünt werden, die für das Erreichen eines Bio- me vor, die einen Biotopverbund ermöglichen soll. Aber
topverbunds wichtig sind. Hierbei kann es sich um Brach- auch auf kleinteiliger Ebene kann ein Beitrag zu einem
flächen, städtische Freiräume, Verkehrsflächen oder auch Biotopverbund geschaffen werden. Hierzu kann jeder
Gebäude handeln (vgl. BBV, 2002). Erreicht werden kann Gebäude- und Grundstückseigentümer durch entspre-
ein Verbund über die Anlage von Parks und Gärten, Grün- chende Begrünungen einen Beitrag leisten. Sinnvoll sind
dächern, Fassadenbegrünungen Grünstreifen im Straßen- auch Informationsmaterialien z.B. zur Auswahl beson-
raum oder auf städtischen Freiflächen. Wichtig sind eine ders geeigneter Pflanzenarten und besonders relevanter
gezielte Information und Aufklärung, sowie die gezielte Standorte und die Ausgestaltung der Grünräume.
Ansprache der relevanten Akteure. Das Landschaftspro-

Ziele Schließen des Biotopverbunds

Potentielle Flächen Brachen, Freiräume, Gebäude

Flächenbedarf moderat

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Verbesserung der Grünraumversorgung

Kosten moderat bis hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand moderat bis hoch

7 Hemmnisse und Nachteile Kosten, Flächenkonkurrenz


1.4 Speicherung von überschuss-
wasser aus der örtlichen
grundwasserbewirtschaftung

Durch den Anstieg der Winterniederschläge wird sich hoch. An diesen Stellen kann diese Maßnahme dazu bei-
auch die Grundwasserneubildung im Winterhalbjahr tragen, durch sehr hohe Grundwasserstände verursachte
erhöhen. Wird dieses Wasser koordiniert bewirtschaftet Schäden an Gebäuden zu verhindern.
und gespeichert kann es während Dürreperioden in den
Sommermonaten z.B. zur Bewässerung der urbanen Ve- Da die Variation der Grundwasserstände und die spezi-
getation, zum Auffüllen von neu angelegten Wasserflä- fischen Höchststände örtlich sehr stark differieren, muss
chen oder zum Spülen von Rohrleitungen genutzt wer- im Einzelfall geprüft werden, ob diese Maßnahme durch-
den und so die Trinkwasserversorgung entlasten (vgl. führbar ist. Auch ist eine stadtweite oder sogar regionale
MKULNV, 2011, S. 45). Besonders in den Marschgebieten Koordination sinnvoll, um Grundwasserhochstände mit
Hamburgs steht das Grundwasser ohnehin vielerorts sehr Niedrigständen zusammen zu bringen.

Ziele Zwischenspeicherung und Nutzung jahreszeitlicher Grundwasserhochstände

Potentielle Flächen Zwischenspeicherung und Nutzung jahreszeitlicher Grundwasserhochstände

Flächenbedarf Bedarfsabhängig

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil


Nutzung des Wassers z.B. zur Bewässerung der urbanen Vegetation während
Mehrwert (No-Regret)
Dürreperioden, zum Spülen von Rohrleitungen o.ä.

Kosten Hoch

Wartungs-/Pflegeaufwand Je nach Anlage moderat bis hoch

Hemmnisse und Nachteile Realisierungs- und Betriebskosten, Infrastrukturkosten, Abstimmung 8


1.5 klimaangepasste
Parkanlagen

Abbildung 1.5: Der Lohsepark in der HafenCity, Modell


Parkanlagen wirken durch die Evapotranspiration als lufttransport weiterreichende Wirkung (vgl. Maßnahme:
thermischer Ausgleich zur bebauten Umgebung, wobei Schaffen von Luftleitbahnen)(vgl. Tyrväinen, Pauleit, et
sich die Wirkung von Grünflächen je nach Art der Ve- al., 2005, S.94). Wie weit die kühlende Wirkung von Park-
getation und nach Tageszeit unterscheidet. Tagsüber anlagen reicht ist in der Literatur sehr unterschiedlich
spenden Baumbestandene Flächen Schatten und dienen benannt. Die meisten Quellen gehen in Abhängigkeit der
als Rückzugsort bei Hitze. Nachts hingegen können freie Parkausgestaltung von einer kühlenden Wirkung von 100
Grünflächen wie Wiesen durch Kaltluftbildung und Luft- bis 500m aus (vgl. Tyrväinen, Pauleit, et al., 2005, S. 94,
austausch kühlend auf die Umgebung wirken. Fezer, 1995, S. 141).

Bei der Anlage oder der Umgestaltung ist dementspre- Außerdem sollten in Parkanlagen gezielt Flächen für die
chend darauf zu achten, welche Funktion am spezifischen Versickerung und den Rückhalt von Regenwasser bereit-
Standort zu befördern ist. Bei großen Grünanlagen kann gestellt werden. Insbesondere für die Flächenversicke-
sich auch eine Kombination aus abwechselnd freien und rung findet sich in großflächigen Parkanlagen reichlich
baumbestandenen Flächen positiv auswirken (vgl. Sen- Potential (vgl. Maßnahme 3.3: Flächenversickerung). Ein
Stadt, 2011, S. 57). Meist reicht der kühlende Effekt einige gutes Praxisbeispiel ist die Planung des Lohseparks, der
Hundert Meter weit, wobei große Parkanlagen auch als voraussichtlich im Jahr 2019 im Hamburger Stadtteil Ha-
Kaltluftproduzenten dienen können. Sie haben aber nur fen City fertiggestellt sein wird. Viele der hier beschriebe-
bei einer guten Durchlüftung und einem guten Frisch- nen Aspekte der klimaangepassten Gestaltung von Park-
anlagen sollen im Lohsepark umgesetzt werden.

Reduzierung von Überhitzung, Überschwemmung durch Starkregen, Dürre, Schadstoffbelas-


Ziele
tung, Verbesserung der Artenvielfalt und Grünraumversorgung

Potentielle Flächen Bestehende Parkanlagen, Parkneuplanungen

Flächenbedarf Hoch

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Öffentliche Aufenthaltsflächen, Rückzugsort für Fauna und Verbreitungsraum für Flora

Kosten Hoch (Abhängig von der Ausgestaltung)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Hoch (Abhängig von der Ausgestaltung)

9 Hemmnisse und Nachteile Wenig Flächenpotential im städtischen Raum, Flächenkonkurrenz


10
11
2
Flächenbezogene
Maßnahmen
Stadtteil- und Quartiersebene

12
2.1 Pocket Parks

Der Begriff Pocket Park (Taschenpark) stammt aus dem Auch die grüne, naturnahe Gestaltung von Spiel- und
englischsprachigen Raum und bezeichnet sehr kleine Sportplätzen kann den Grünflächenanteil in der Stadt
Parkanlagen, oft in dicht bebauten Innenstadtbereichen erhöhen. Viele bestehende Spielplätze sind wenig anspre-
(vgl. Farlex Inc., 2012). Neben dem Erhalt und der Pflege chend gestaltet und weisen kaum Vegetation auf. Sie stel-
der bestehenden (großen) Parkanlagen in der Stadt soll- len ein Flächenpotential dar, das zur Schaffung kleinerer
ten auch Flächen wie kleinere Brachflächen oder Spiel- Grünflächen in der Stadt genutzt werden sollte. Die Stif-
und Sportplätze zu Pocket Parks umgestaltet werden. So tung „Die Grüne Stadt“ hat aus diesem Grund im Jahr
kann die wohnungsnahe Grünraumversorgung verbes- 2009 zu einem Wettbewerb „Grüne Spielplätze“ aufgeru-
sert, und der Überhitzung vor allem in innerstädtischen fen, bei dem die Grünplanung ausdrücklicher Bestandteil
Bereichen punktuell entgegengewirkt werden. Dass auch der Gestaltung sein sollte. Vor allem in der Stadt, wo viele
Pocket Parks eine Wirkung auf das Stadtklima haben ist Kinder nur noch wenig Bezug zur Natur haben, kann so
auf den Karten zu den „Klima- und immissionsökologi- ein Beitrag dazu geleistet werden, dass Kinder die Natur
sche Funktionen in der Freien und Hansestadt Hamburg“ wieder intensiver wahrnehmen (vgl. Stiftung „Die Grüne
(GEO-NET Umweltconsulting GmbH, 2011) deutlich zu Stadt“, 2009, S. 28f).
erkennen.

Ziele Verbesserung des Kleinklimas (Wärmeinsel, Dürre), Rückhalt von Niederschlagswasser

Potentielle Flächen Brachflächen, Baulücken, Spielplätze, Freiflächen

Flächenbedarf Moderat

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier


Öffentliche Aufenthaltsflächen, Nachbarschaftsmittelpunkte, Reduzierung der Schadstoffbe-
Mehrwert (No-Regret)
lastung, Rückzugsort für Fauna, Verbreitungsraum für Flora

Kosten Moderat (abhängig von der Ausgestaltung)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat (abhängig von der Ausgestaltung)

Hemmnisse und Nachteile Flächenkonkurrenz in der Innenstadt, Pflegeaufwand

13
2.2 begrünte
gleisanlagen

Gleisanlagen, insbesondere von Straßenbahnen, stellen in der Dachbegrünung bewährt. Auch aufgrund der niedri-
einigen Städten ein großes Flächenpotential dar, welches gen Wuchshöhe ist so nur eine geringe Pflege erforderlich.
durch eine Begrünung zur Reduzierung stadtklimatischer Ein großer Aufwand entsteht jedoch beim Einsetzen der
Problemfelder genutzt werden kann. Beispielsweise ent- Gewächse mittels Kleinballenpflanzung, wohingegen die
steht bei der Begrünung einer Doppelgleisanlage auf 2km wesentlich weniger aufwendige Anspritzbegrünung erst
Länge, 1ha neue Vegetationsfläche in der Stadt. nach Monaten einen zufriedenstellenden Deckungsgrad
Bei der Bepflanzung finden verschiedene Vegetations- erreicht hat (vgl. Gorbachevskaya, Kappis, Mählmann,
schichten Anwendung, welche sich durch unterschiedli- 2009, S. 58f.).
che Qualitäten auszeichnen. Rasengleise wurden bereits Ein großer Nachteil der konventionellen Begrünungs-
Anfang des 20. Jhd. vielfach in Deutschland eingesetzt. arten von Gleisanlagen entsteht durch die regelmäßig
Zugrunde liegt diesem System eine mindestens 10 cm erforderlichen Instandhaltungsmaßnahmen, welche die
hohe, erdige Substratschicht, die mit Rasen bepflanzt ist. Kleineisen (Befestigungen der Gleisanlage) betreffen. In
Das notwendige Mähen, Bewässern und Düngen verur- diesem Fall muss die Vegetationsschicht abgetragen wer-
sacht jedoch einen sehr hohen Pflegeaufwand und Kos- den und wird so Großteils zerstört. Um dieses Problem
ten. Oftmals werden daher besser angepasste Gewächse zu beheben wurden mobile Vegetationsmatten entwickelt
eingesetzt. Als sehr resistent gegen Hitze und Wasser, so- und bereits im Rahmen eines Pilotprojekts auf einer Test-
wie mit einem geringen Nährstoffbedarf haben sich Sed- strecke in Chemnitz mit positivem Ergebnis erprobt (vgl.
umgewächse wie Mauerpfeffer oder Fetthenne bereits in Gorbachevskaya, Kappis, Mählmann, 2009, S. 60f.).

Ziele Reduzierung der Wärmeinsel, Retentionsraum für Starkregen

Potentielle Flächen Gleisanlagen

Flächenbedarf Gering (keine Nutzfläche)

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Aufwertung des Stadtbildes, Reduktion der Schallimmissionen

Kosten Moderat bis Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Kollisionsgefahr mit Tieren steigt, Hindernis bei Wartungsarbeiten am Gleisbett, Kosten

14
2.3 straSSenbäume

Bäume eignen sich besonders gut, um Schadstoffe aus Rückstrahlung der Oberflächen absinkt (vgl. Erell, Pearl-
der Luft zu binden. Dies ist vor allem entlang von Stra- mutter et al., 2011, S.178f).
ßen erstrebenswert, wo durch den motorisierten Verkehr
eine hohe Schadstoffbelastung vorherrscht. Des Weiteren Das Anpflanzen von Straßenbäumen bringt jedoch auch
kann die Begrünung von Straßenzügen durch den Schat- einige Probleme mit sich. Im Straßenraum behindern
tenwurf und die entstehende Verdunstungskälte durch Versorgungskanäle unter der Fahrbahn und dem Fuß-
Evapotranspiration der Vegetation einer Überhitzung gängerweg das Wachstum der Straßenbäume. Bei Straßen
entgegenwirken. mit hoher Verkehrs- und Schadstoffbelastung kann ein
geschlossenes Baumkronendach auch zu einer Anreiche-
Eine gesunde Buche oder Linde verdunstet an einem rung von Luftschadstoffen im Straßenraum führen, da
Sommertag bis zu 500 Liter Wasser. Damit kann bei der vertikale Luftaustausch behindert wird. Als Faustregel
100.000m3 Luft die relative Luftfeuchte von 30 auf 60% gilt hier, dass die Bäume nicht höher als die angrenzen-
angehoben werden (vgl. Andritzky, Spitzer, 1981, S. 138). den Gebäude sein und gleichzeitig nicht zu nah an den
Durch die Verdunstungskälte und den Schatten kann bei Gebäuden stehen sollten. Auch muss beachtet werden,
günstigen Verhältnissen die umgebende Temperatur in dass Baumpflanzungen keine ungewollt starke Verschat-
der Folge um 3 °C oder mehr sinken (vgl. Erell, Pearlmut- tung von Wohn- und Arbeitsräumen verursachen. Groß-
ter, Williamson, 2011, S. 172). maßstäblich sollten sie keine Hindernisse für Frischluft-
leitbahnen aus dem Umland darstellen. In Straßen ohne
Menschen sind besonders empfindlich gegenüber Son- hohe Schadstoffbelastung können Bäume die Gebäude
neneinstrahlung und Hitze. Eine Verschattung von Stra- problemlos überragen und wirken so auch dem Aufhei-
ßenzügen durch das Anpflanzen von Straßenbäumen zen der Dachflächen durch Verschattung entgegen (vgl.
erwirkt eine bioklimatische Entlastung, da nicht nur die Erell, Pearlmutter et al., 2011, S.178).
direkte Einstrahlung vermindert wird, sondern auch die

15
Ziele Verhindern von Überhitzung, Reduzierung der Schadstoffbelastung

Potentielle Flächen Straßenbegleitende Flächen, Abstandsgrün, Promenaden

Flächenbedarf Moderat

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil, Quartier


Aufwertung des Stadtbildes, Absorption von Lärmimmissionen, Verschattung von Parkplät-
Mehrwert (No-Regret)
zen, Cafés u.ä., Schadstoffabsorption, Lebensraum für Flora und Fauna

Kosten Moderat bis Hoch

Pflegeaufwand Moderat bis Hoch


Flächenkonkurrenz mit Stellplätzen, Fahrradwegen, Fußwegen, Anfangsinvestition,
Pflegekosten und ggf. Wartungskosten der umgebenden Flächen (z.B. durch Wurzelschäden),
Hemmnisse und Nachteile
ggf. Konkurrenz zu Frischluftleitbahnen, Gefahr abknickender Äste oder umstürzender
Bäume bei Sturm

16
2.4 bedecken des
Bodens und durch-
wurzelung urbaner
flächen

Durch die zunehmende Trockenheit werden besonders Rasen, wie Versuche der Bayerischen Landesanstalt für
im innerstädtischen Bereich unversiegelte Bodenflächen Weinbau und Gartenbau Veitshöchheim zeigten (vgl. Ep-
während der Dürreperioden austrocknen. Dies vermin- pel, 2006, S. 4ff). Zurückzuführen ist dies auf die inten-
dert das Versickerungspotential der Böden und erhöht sive und tiefe Durchwurzelung der Stauden, welche den
somit erheblich den Oberflächenabfluss bei Regenfällen. Boden auflockert und so den Wasserrückhalt und die
Eine bodennahe Bepflanzung dieser Flächen vermindert Versickerungsaktivität erhöht. Als positiven Nebeneffekt
das Risiko der Austrocknung, da die direkte Einstrahlung verfügen viele Stauden über große Blattflächen, welche
vermieden und der Boden durch die Wurzeln der Pflan- über die Evapotranspiration das Mikroklima positiv be-
zen aufgelockert wird. So wird der Problematik begegnet, einflussen können (vgl. Eppel, 2006, S. 4ff).
dass die ersten Niederschläge, die auf ausgetrockneten
Boden fallen, zu überwiegenden Teilen abfließen, da das Für eine Verbesserung der Grün- und Freiraumversor-
Versickerungsvermögen verbessert wird (vgl. MKULNV, gung können auch kleine Freiflächen einen großen Bei-
2011, S. 46). Ist eine Bepflanzung nicht möglich, vermin- trag leisten. Wenn keine Grünfläche angelegt werden
dert auch das Abdecken der Flächen z.B. mit Mulch die kann, sollten städtische Freiflächen mit Bäumen bepflanzt
Austrocknung (vgl. MKULNV, 2011, S. 43). werden, so dass auch ein städtischer Platz bei Hitze als
schattiger Rückzugsraum dienen kann. Auch Brachflä-
Auch die Pflanzenwahl beeinflusst das Versickerungs- chen können begrünt werden, und damit einen Beitrag
vermögen des Bodens. Der Einsatz von bspw. Stauden- zur wohnungsnahen Grünraumversorgung und zur Ver-
gewächsen bewirkt einen etwa um ein Drittel höheren besserung des Stadtklimas leisten (vgl. SenStadt, 2011,
Wasserrückhalt des Bodens als bei der Bepflanzung mit S.58).

17
Verhindern des Austrocknens während Dürreperioden und Erhalt/
Ziele Erhöhung des Versickerungspotentials urbaner Flächen, Auflockerung der
oberen Bodenschicht

Potentielle Flächen (Teil-) Versiegelte Flächen, Brachflächen, städtische Plätze, Baumscheiben

Flächenbedarf Flexibel

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück


Schaffung von städtischen Aufenthaltsflächen bzw. begrünter Areale, Auf-
wertung des Stadtbildes und Wohnumfeldes, wohnortnahe Grünraumver-
Mehrwert (No-Regret)
sorgung, Verbesserung des Mikroklimas durch Verdunstung und Evapotran-
spiration

Kosten Moderat

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering bis hoch

Hemmnisse und Nachteile erhöhter Pflegeaufwand gegenüber unbepflanzten Flächen

18
2.5 extensivierte grünflächen
und Spontanvegetation

Unter der Extensivierung einer Grünfläche wird gemein- Eine Extensivierung kann insbesondere auf un- oder we-
hin eine naturnähere Gestaltung, sowie eine reduzierte nig genutzten Flächen umgesetzt werden. Aber auch städ-
Pflege der Fläche verstanden. Dies kann bspw. durch eine tische Parkflächen, Kleingartenanlagen und private Gär-
reduzierte Mahd geschehen. Durch die Herabsetzung der ten bieten ein sehr großes Potential zur Extensivierung.
Pflege und anthropogene Segregation der Pflanzenarten Nach Sukopp und Wittig betrifft dieses Potential mindes-
können sich gut angepasste, und somit auch bei klima- tens 50 % der städtischen Grünflächen (vgl. Sukopp, Wit-
tischen Extremen vitale Pflanzenarten etablieren. Diese tig, 1993, S. 420).
werden als Spontanvegetation bezeichnet und tragen auf-
grund ihrer Resistenz zur Verbesserung des Kleinklimas Nachteilig wirkt sich die eingeschränkte Nutzbarkeit der
bei, fördern durch die intensive Durchwurzelung des Bo- Flächen durch hohen Bewuchs, sowie verschiedenartige
dens die Versickerungsfähigkeit, und bieten Lebensräume z.T. gefährliche Pflanzen, wie Brennnesseln, Disteln oder
für Insekten und Vögel (vgl. Sukopp, 1990, S. 298). Bärenklau aus.

Ziele Klimatische Funktion von Flächen herstellen/ erhalten (Versickerungsfähigkeit, Verdunstung)

Potentielle Flächen Parks, Pocket Parks, Grünflächen, Abstandsgrün, Brachflächen, Baulücken, Freiflächen

Flächenbedarf niedrig bis hoch

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück


Entlastung des städtischen Haushaltes, Wiederherstellen eines städtischen Naturerlebnisses,
Mehrwert (No-Regret)
pädagogischer Wert

Kosten gering

Wartungs-/ Pflegeaufwand gering

Hemmnisse und Nachteile Flächen nicht mehr uneingeschränkt nutzbar, Nutzungskonflikte, ästhetische Vorbehalte

19
2.6 intensive
bewässerung
urbaner vegetation

Bei zunehmenden Hitze- und Dürreperioden ist die ur- te Arten zu pflanzen (vgl. MKULNV, 2011, S. 42). Zu die-
bane Vegetation starken Belastungen ausgesetzt. Ist sie sem Zweck werden Testreihen mit Stadtbäumen durchge-
nicht ausreichend mit Wasser versorgt, lassen die klimati- führt, um vor dem Hintergrund des Klimawandels und
schen Ausgleichfunktionen, insbesondere die Evapotran- der ohnehin hohen städtischen Belastung resistente Bau-
spiration nach. Außerdem können ausgetrocknete Böden marten aus dem In- und Ausland zu finden (vgl. Arbeits-
schlechter Wasser aufnehmen, was bei starken Regenfäl- kreis Stadtbäume, galk.de). Gleichzeitig wird versucht
len nach längerer Trockenheit zu erhöhtem Oberflächen- Resistenzen durch genetische Manipulation des Erbgutes
abfluss führt (vgl. Roloff et al, 2010, S. 68). der Bäume zu erzielen. Dieser Ansatz wird aufgrund der
erwarteten negativen Folgen, wie dem Entstehen von Mo-
Eine Maßnahme ist die verstärkte Bewässerung urbaner nokulturen und der nahezu unvermeidbaren Verbreitung
Vegetation. Dies steht allerdings während Dürreperioden des genmanipulierten Erbguts, in Deutschland überwie-
in Konflikt mit der Trinkwasserversorgung. Eine andere gend kritisch betrachtet (vgl. umweltinstitut.org).
Möglichkeit besteht darin, vermehrt trockenheitsresisten-

Erhalt und Optimierung der Leistungsfähigkeit der Vegetation, Brandschutz während Dürre-
Ziele
perioden

Potentielle Flächen Vegetationsbestandene Flächen

Flächenbedarf -

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Vitales Stadtgrün während Hitze- und Dürreperioden

Kosten Moderat

Wartungs-/ Pflegeaufwand Hoch

Hemmnisse und Nachteile Wartungs-/ Pflegeaufwand, ggf. Konkurrenz zu Trinkwasser bei Dürreperioden

20
2.7 wasserflächen

Bei dem Umgang mit Hitze und Dürre können offene ten einen Beitrag zur dezentralen Regenwasserbewirt-
Wasserflächen eine wichtige Rolle spielen. Ein Teil der schaftung, können gleichzeitig einen hohen gestalteri-
Sonneneinstrahlung wird direkt an der Wasseroberflä- schen Wert haben und die Aufenthaltsqualität erhöhen.
che zurückgestrahlt, der Großteil jedoch dringt in das Besonders in Regionen mit deutlich wärmerem Klima ha-
Wasser ein und gibt seine Energie dort ab. Das Wasser ist ben sich Wasserflächen traditionell gegen die Mittagshitze
überdies einer der besten Energiespeicher im städtischen und als Gestaltungselement im privaten und öffentlichen
Raum, welcher die Umgebungsluft nur gering erwärmt. Raum bewährt und etabliert. Aufgrund ihrer geringen
Beachtet werden muss jedoch eine gewisse Tiefe des Was- Reibungswiderstände eignen sich Wasserflächen sehr
serbeckens. Demnach sind nach Fezer bspw. noch keine gut zum Kaltlufttransport im Zusammenhang mit Luft-
klimatischen Effekte durch eine 1m tiefe Wasserfläche zu leitbahnen. Des Weiteren können sich in dicht bebauten
erwarten, da sich diese schnell stark erwärmt (vgl. Fezer, Stadtgebieten öffentliche Wasserflächen auch als wichti-
1995, S. 43). ge Platzhalter auswirken, da die Fläche nicht für weitere
stadträumliche Verdichtungen zur Verfügung steht (vgl.
Wasserflächen in Form von Fontänen, (Spring-)Brunnen Sukopp, Wittig, 1993, S. 161).
und Wasserspielen bieten insbesondere auf städtischen
Plätzen eine Möglichkeit die kleinklimatischen Bedin- Als besonderes Hindernis bei der Realisierung von öffent-
gungen zu verbessern, das bewegte Wasser erhöht die lichen Wasserflächen kann das entstehende Gefahrenpo-
Luftfeuchte besonders stark (vgl. MKULNV, 2011, S. 38). tential und die Haftung bei Unfällen genannt werden.
In Gärten und Parks sowie in Innenhöfen bietet sich auch Fällt ein Kind in einen Parkteich, sollte es ihm möglich
die Möglichkeit Teiche anzulegen, die bei starken Regen- sein, den Kopf selbstständig aus dem Wasser zu strecken.
fällen zusätzlich als Puffer für das Regenwasser dienen Bei Wasserflächen mit einer Tiefe von über 1m müssen
können und bei naturnaher Gestaltung Lebensraum für folglich entsprechende Schutzmaßnahmen bedacht wer-
verschiedene Tier- und Pflanzenarten bieten. Diese leis- den (vgl. Fezer, 1995, S. 43).

21
Ziele Reduzierung des Wärmeinseleffektes, Erhöhung der Luftfeuchte

Potentielle Flächen Parks, Plätze, Innenhöfe, Gärten

Flächenbedarf Moderat bis hoch

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Aufwertung des Wohnumfeldes, Lebensraum für Fauna und Flora

Kosten Moderat bis Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Kosten, Flächenkonkurrenz, Pflege, Haftung

22
2.8 Kanalisation: vom
Misch- zum Trennsystem
Entlüftung Abfluss vom Dach

Einleitung Haus- Straßeneinlauf


haltsabwasser Regenwasser
Rückstausicherung

Abwasserkanal
Schmutzwasser
und Regen-wasser
Revisionsschacht (Ableitung zum
Klärwerk, bei
Überlastung
Notüberlauf in
Gewässer)

Bei einem Trennsystem (Abb. rechts) wird die Kanali- allem wenn auch die Möglichkeiten einer dezentralen Re-
sation mit zwei Netzen versehen. Eines befördert das genwasserbewirtschaftung nur eingeschränkt vorhanden
Schmutzwasser zur Kläranlage, das andere führt das Re- sind.
genwasser einem Gewässer oder einer dezentralen Regen-
wasserbewirtschaftungsanlage zu. Bei einem Um- bzw. Neubau einer Trennkanalisation
kann davon profitiert werden, dass die Rohrleitung für die
Viele städtische Bereiche werden über ein Mischsystem Regenwasserabführung in geringerer Tiefe als die Misch-
(Abb. links) entwässert. Dies trifft insbesondere für die wasserleitung installiert wird, da das Wasser nicht, wie bei
Innenstädte zu, in denen meist noch alte Kanalisations- dem Schmutzwasser, aus den Kellern abgeführt werden
systeme vorhanden sind. In diesen Systemen werden muss. Dies erspart u.U. auch die Installation von Pump-
Schmutzwasser und Niederschlagswasser gemeinsam ab- systemen im Leitungsnetz. Auch muss das Regenwasser
geleitet. Das vornehmlich saubere Niederschlagswasser i.d.R. vor der Einleitung in das Gewässer nicht behandelt
wird durch diese Vermischung verunreinigt und muss werden (vgl. Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 26).
im Klärwerk wieder aufbereitet werden. Im Fall starker
Regenfälle werden die Kapazitäten der Rohrleitungen Nach Sieker lag der Anteil der Trennkanalisation in
oftmals überschritten und es kommt zu Überläufen. So Deutschland 2006 bei 45 % und dürfte heute deutlich hö-
geraten auch stark verschmutzte Abwässer ungeklärt in her liegen. Im Neubau ist die Realisierung einer Trenn-
die Oberflächengewässer. Der prognostizierte Anstieg kanalisation kein unzumutbarer Kostenfaktor und wird
von Starkregenereignissen wird sich auch in der steigen- häufig realisiert. Die Umwandlung eines Misch- zu einem
den Zahl der Überläufe äußern. In der Folge werden die Trennsystem jedoch ist sehr kostenintensiv und wird
Gewässer immer häufiger mit Schmutzwasser belastet. In dementsprechend selten umgesetzt (vgl. Sieker, Kaiser,
besonders betroffenen Bereichen sollte folglich ein Um- Sieker, 2006, S. 16ff.).
bau der Kanalisation in Erwägung gezogen werden, vor
23
Entlüftung Abfluss vom Dach

Einleitung Haus- Straßeneinlauf


haltsabwasser Regenwasser
Rückstausicherung
Revisions- Regenwasser-
schacht kanal (Ableitung
in Gewässer)

Schmutzwasser-
kanal (Ableitung
zum Klärwerk)

Ziele Verunreinigungen der Gewässer durch Überlastung der Kanalisation vermeiden

Potentielle Flächen Mischentwässerte Bereiche

Flächenbedarf Gering (da unterirdisch)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier

Mehrwert (No-Regret) -

Kosten Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat
Hoher finanzieller Aufwand, wenig unmittelbarer Nutzen (kein direkt messbarer,
Hemmnisse und Nachteile
ökonomischer Mehrwert)

24
2.9 Stauraumkanäle

Durch die Anlage von Stauraumkanälen können inner- Da bei der unterirdischen Speicherung von Nieder-
halb des Kanalisationssystems unterirdische Retentions- schlagswasser der natürliche Wasserkreislauf nicht wie-
möglichkeiten geschaffen werden. Besonders bei Starkre- derhergestellt wird sollten zuerst die Möglichkeiten der
genereignissen kann das Regenwasser mit diesem System, dezentralen, naturnahen Regenwasserbewirtschaftung
an dessen Ende ein gedrosselter Abfluss erfolgt, zurück- ausgeschöpft werden. Eine Kombination eines unterir-
gehalten werden. Stauraumkanäle sind insbesondere für dischen Stauraumkanals mit der Sammlung von Wasser
dicht bebaute Bereiche sinnvoll, an welchen wenig ober- für bspw. die Bewässerung urbaner Vegetation hingegen
irdischer Platz zur Verfügung steht, im Untergrund aber kann durchaus sinnvoll sein (siehe Maßnahme 3.1 Regen-
noch Raumpotentiale vorhanden sind. Stauraumkanäle wassernutzung im Außenraum).
sind eine sehr investitions- und unterhaltsintensive Lö-
sung zum Regenrückhalt (vgl. MKULNV, 2011, S. 50).

Ziele Regenwasserrückhalt und Zwischenspeicherung

Potentielle Flächen Innerstädtische/ dicht bebaute Flächen (unterirdisch)

Kein Oberflächenbedarf, aber in Innenstadtbereichen Konflikte mit Infrastruktur (U-Bahn,


Flächenbedarf
Versorgungsleitungen) möglich

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier

Mehrwert (No-Regret) Kein Flächenverbrauch an der Oberfläche

Kosten Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat bis hoch


25 Hemmnisse und Nachteile Hohe Kosten, nur Wasserrückhalt (keine Reinigung o.ä.)
2.10 Risikozonierung und
Notwasserwege

Um Schäden im Fall von Überschwemmungen zu mini- den, dass sich das Wasser unkontrolliert ausbreitet und
mieren, können für besonders gefährdete Straßen, Plätze Schäden verursacht.
u.ä. Risikozonierungen vorgenommen werden. Um diese
Bereiche zu schützen, können spezifische Notwasserwege Mögliche Flächen sind insbesondere Straßen und Wege.
konzipiert werden. Notwasserwege stellen eine besondere Diese müssen gezielt ausgestaltet werden, um das Nie-
Form der Mitbenutzung von Flächen dar. Bei besonders derschlagswasser im Bedarfsfall lenken zu können. Die
starken Regenfällen und einer Überlastung der Kanalisa- Bordsteine müssen i.d.R. erhöht werden, und die Topo-
tion kann das Regenwasser über Notwasserwege gezielt grafie muss gewährleisten, dass das Wasser auch bei star-
z.B. in ein Gewässer oder auf eine Retentions- bzw. Ver- ken Niederschlägen innerhalb der Notwasserwege bleibt
sickerungsfläche abgeleitet werden. So können besonders (vgl. Kruse, Dickhaut, Waldhoff, 2009, S. 21f.).
gefährdete Bereiche entlastet werden und es wird vermie-

Risiken im Falle von Starkregenereignissen minimieren, kontrollierte Ableitung von


Ziele
Niederschlägen, Vermeidung von Schäden bei Starkregen

Potentielle Flächen Straßen, Wege, Plätze

Flächenbedarf Gering (Nutzung bestehender Flächen)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier

Mehrwert (No-Regret) Flächen können optisch aufgewertet werden

Kosten Moderat bis hoch

Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Vorbehalte, Mehrkosten 26


2.11 Hochwasser-
schutz an
Unterführungen

Tief liegende Bereiche des Stadtgebietes sind besonders Eine Möglichkeit bieten von der Kanalisation entkoppelte
von Starkregenereignissen betroffen, da sich das Wasser Entwässerungsgräben oder Sammelbecken. Diese kön-
an diesen Stellen sammelt und die Entwässerung den nen bei der Retention und Ableitung des Regenwassers
Wassermengen oftmals nicht gewachsen ist. Gerade Tun- unterstützen. Grundsätzlich muss schon bei der Entwäs-
nel und Unterführungen sind besonders gefährdet. Dies serungsplanung dafür Sorge getragen werden, dass Nie-
stellt vor allem dann ein Problem dar, wenn Wege für derschläge möglichst nicht in Unterführungen oder Tun-
Rettungskräfte unpassierbar werden. An solchen Stellen nel ablaufen, sondern bspw. über Notwasserwege schon
sollten oberirdische Anlagen zur Unterstützung der Ka- vorher in andere Bereiche gelenkt werden.
nalisation errichtet werden (vgl. MKULNV, 2011, S. 53).

Ziele Anpassung an Überflutungen durch Starkregen, Passierbarkeit der Wege erhalten

Potentielle Flächen Unterführungen und angrenzende Flächen

Flächenbedarf Gering

Umsetzungsebene Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Optische Aufwertung bei entsprechender Gestaltung

Kosten Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat bis hoch

Hemmnisse und Nachteile Kosten, Flächenproblematik in dicht bebauten Quartieren, rechtliche Vorgaben

27
2.12 Regenrückhaltebecken

Regenrückhaltebecken zielen vordergründig auf die Re- gedrosselten Abfluss weitergeleitet. Eine Reinigung findet
tention des Niederschlagswassers ab, eine Versickerung nur sehr begrenzt durch Sedimentsetzung während des
findet nicht statt. Bei dieser Maßnahme handelt es sich Stauvorgangs statt (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 151).
um eine konventionelle Lösung zum Rückhalt des Nie-
derschlagswassers, welche üblicherweise innerhalb oder Nachteilig wirken sich der hohe Flächenbedarf und die
am Ende eines Kanalnetzes positioniert werden. Auf- geringe Reinigungsleistung der Regenrückhaltebecken
grund der guten Retentionsleistung sind sie besonders im aus, sodass eine Realisierung im dicht bebauten Raum
Hinblick auf Starkregenereignisse hervorzuheben. Das nur begrenzt praktikabel ist. Der Wartungs-/ Pflegeauf-
Niederschlagswasser wird entsprechend des Speicher- wand kann erheblich sein und ergibt sich maßgeblich
volumens zurückgehalten und zeitverzögert über einen durch die Pflege der Böschungen sowie die Entschlam-
mung der Becken (vgl. Sieker 2005 e).

Ziele Regenrückhalt und Zwischenspeicherung

Potentielle Flächen Grünflächen, Parkanlagen, Brachflächen

Flächenbedarf Hoch

Umsetzungsebene Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Anlage kann als Biotop den Stadtteil bereichern

Kosten Moderat bis hoch (ca. 9€/m2 zu entwässernde Fläche) (vgl. Sieker 2005 e)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering bis moderat

Hemmnisse und Nachteile Flächenbedarf, ggf. Gefahr für spielende Kinder, keine Versickerung

28
2.13 Beckenversickerung
maximale Einstauhöhe

Einlaufrohr
Dauerstaulinie

Sickerfläche im Randbe-
reich zwischen Dauer-
staulinie und maximaler
Foliendichtung für Dauerstau Einstauhöhe

Anstatt einer dezentralen Versickerung über Mulden und Als Vorteil dieser Maßnahme kann das große Fassungs-
Rigolen etc. kann ein größeres, zentrales Sickerbecken an- vermögen genannt werden. Beckenversickerung wird
gelegt werden. Im Vergleich kann der Retentionskörper auch zur Entwässerung von Einzugsgebieten von mindes-
bei einer Beckenversickerung tiefer angelegt werden und tens 1 ha empfohlen. Die gute Reinigungsleistung macht
folglich auf gleicher Fläche eine größere Menge Wasser des Weiteren auch die Entwässerung von Straßen- und
aufnehmen. Aufgrund der tieferen Ausgestaltung und der insbesondere Autobahnen möglich (vgl. Forschungs-
damit verbundenen Gefahrenquelle in gefülltem Zustand, gesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V., 2002,
muss jedoch eine Einfriedung in Betracht gezogen wer- S. 15 f, Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 94).
den.

Bereitstellung von Retentionsflächen, Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen des natürli-


Ziele
chen Wasserkreislaufes

Potentielle Flächen Freiflächen, Parkanlagen, Grünflächen, Brachen

Flächenbedarf Moderat (abhängig von Beckentiefe ca. 10 % der zu entwässernden Fläche) (vgl. Glücklich 2004)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier (ab 1 ha zu entwässernde Fläche)

Mehrwert (No-Regret) Anlage kann als Biotop den Stadtteil bereichern

Kosten Niedrig bis moderat (ca. 5 €/m² zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 93)

Wartungs-/ Pflegeauf-
Moderat
wand

Hemmnisse und Nach- Wasser muss vorgereinigt werden wenn das Becken gleichzeitig als Wasserfläche fungiert. Reini-
teile gung erfolgt aber auch durch Bodenschichten

29
2.14 Renaturierung
von
Gewässerkanten

Eine naturnähere Gestaltung von Fließgewässern (Rena- Steinen. In der Folge sinkt der hydraulische Stress des Ge-
turierung) mit einer Initiierung von Überschwemmungs- wässers bei Starkniederschlägen. Durch diese Maßnah-
flächen kann die Fließgeschwindigkeit des Gewässers men können auch die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie
herabsetzen und somit gleichzeitig den Wasserrückhalt erfüllt werden (vgl. Patt, 2001, S. 232ff.).
erhöhen. Insbesondere die Verbreiterung des Fließquer-
schnittes und die Reduzierung des Sohlgefälles können Einer naturnäheren Gestaltung von Fließgewässern ist in
die Retentionswirkung des Fließgewässers erhöhen. Aber intensiv genutzten Bereichen jedoch oft Grenzen gesetzt.
auch durch ein gezieltes Einbringen von Fließwiderstän- Besonders in Siedlungsbereichen wird deshalb oftmals
den in das Gewässer können positive Effekte erzielt wer- schrittweise versucht, die Gewässerökologie zu verbes-
den. Möglichkeiten sind das Einbringen von Totholz oder sern (vgl. Patt, 2001, S. 422).

Sicherung der städtischen Artenvielfalt, Reduzierung von Überschwemmungen durch


Ziele
Starkregen, Überhitzung verhindern

Potentielle Flächen Uferzonen von Kanälen, Flüssen, Bächen, Seen

Flächenbedarf Gering

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil


Aufenthaltsflächen, Grünverbindungen, Biotopverbund, Erfüllen von Zielen der Europäischen
Mehrwert (No-Regret)
Wasserrahmenrichtlinie

Kosten Moderat bis hoch

Wartungs-/ Pflegeauf-
Gering
wand
Kosten, Nutzungskonflikt mit bestehender und geplanter Bebauung, Nutzungskonflikt mit
Hemmnisse und Nach-
Nutzung als Wasserstraße, Nutzungskonflikte mit Freizeitaktivitäten und Sport am und auf dem
teile
Wasser

30
2.15 Retentionsflächen
am Gewässer

Retentionsflächen entlang der Gewässer können helfen, Peripherer Lage können an größeren Flüssen Retentions-
Schäden durch Überschwemmungen zu vermeiden, da flächen durch eine Vergrößerung des Deichvorlandes ge-
das Wasser gezielt an bestimmten Orten gesammelt wird schaffen werden. Im städtischen Raum sind solche Räu-
und nicht unkontrolliert über die Ufer tritt. Diese Berei- me nur begrenzt vorstellbar, da auf den Flächen ein hoher
che können naturnah gestaltet werden und zu Lebens- Nutzungsdruck und Flächenkonkurrenz durch potentiel-
raum für Flora und Fauna werden oder als Freizeitflächen les Bauland lastet. Vorstellbar ist eine Ausgestaltung als
gesteltet werden. Die Flächen sind jedoch konsequent grüne, städtische Aufenthaltsfläche, welche im Bedarfsfall
von Bebauung freizuhalten (vgl. Patt, 2001, S. 235). In als Retentionsfläche für das Gewässer zur Verfügung ste-
hen kann.

Ziele Gezielter Schutz vor Überschwemmungen

Potentielle Flächen Uferzonen

Flächenbedarf Moderat

Umsetzungsebene Stadt, Stadtteil

Mehrwert (No-Regret) Aufenthaltsflächen, Biotopverbünde

Kosten Moderat bis hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering

Hemmnisse und Nachteile Flächenkonkurrenz in innerstädtischen Bereichen

31
32
33
3
Flächenbezogene
Maßnahmen
Grundstücksebene

34
3.1 Regenwasser-
nutzung
im aussenraum

Die Nutzung von Regenwasser verbindet mehrere Ziele: Außenraum des Gebäudes aufgestellt werden und das Re-
Durch das Sammeln des Wassers wird der Abfluss ver- genwasser direkt über ein Regenrohr beziehen. Für eine
mindert, zugleich wird weniger aufbereitetes Trinkwasser höhere Speicherfähigkeit, bspw. zur Bewässerung größe-
für Zwecke genutzt, für die auch eine geringere Wasser- rer Flächen, kann auch eine Zisternen installiert werden,
qualität ausreicht. wie in den Abbildung rechts dargestellt. Dies kann so-
wohl ober- wie auch unterirdisch geschehen. Das Wasser
Die Nutzung des Regenwassers zur Bewässerung von aus der Regenrinne wird direkt in den Retentionsbehälter
Pflanzen u.ä. kann als durchweg sinnvolle, kostengünstige gelenkt und das Niederschlagswasser so vom Dach ohne
und relativ einfach zu realisierende Maßnahme gewertet Bodenkontakt aufgefangen.
werden. Aufgrund der leichten Umsetzbarkeit und dem
geringen Kostenaufwand handelt es sich um eine nied- Durch die Bewässerung der Vegetation fließt das Regen-
rigschwelligen Maßnahme. Das Regenwasser wird meist wasser wieder in den örtlichen Wasserhaushalt ein und
im kleinen Maßstab in Regentonnen gesammelt, die im verbessert das Mikroklima durch die erhöhte Verduns-
tung auf den Flächen und die Transpiration der Pflanzen
(vgl. Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 40).

35
Reduzierung des Wasserabflusses, geringerer Trinkwasserverbrauch, Entlastung der Kanali-
Ziele
sation

Potentielle Flächen Parks, Plätze, Gärten, Dächer, Höfe, etc.

Flächenbedarf Gering

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück, Gebäude

Mehrwert (No-Regret) Bei gesplitteter Abwassergebühr: finanzielle Anreize, verminderter Wasserverbrauch

Kosten Gering bis moderat

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering

Hemmnisse und Nachteile Installation der Anlagen

36
3.2 mitbenutzung von flächen

Insbesondere im hoch versiegelten Innenstadtbereich ist müssen diese Flächen baulich modifiziert werden, indem
das Flächenpotential zur Versickerung und zum Rückhalt bspw. die Randbereiche erhöht werden, um die Fläche als
von Niederschlagswasser sehr begrenzt. Hier und an- Retentionsraum während eines Starkregenereignisses ver-
dernorts bietet die Mitbenutzung von Flächen zur kurz- wenden zu können. In diesem Zuge können auch Mehr-
fristigen Speicherung von Wasser bei extremen Nieder- werte geschaffen werden, indem bspw. Sitzgelegenheiten
schlagsereignissen eine Option Schäden durch Starkregen an den Rändern der mitbenutzten Flächen so konstruiert
zu verhindern. Flächen mit einer anderen Primärnutzung werden, dass sie das Niederschlagswasser im Bedarfsfall
(z.B. Fußball auf einem Sportplatz) werden demzufolge aufstauen. Ein Beispiel für eine solche Umgestaltung eines
so ausgestaltet, dass sie im Bedarfsfall als Retentionsraum Platzes ist der „Waterplein“ (Wasserplatz) in Rotterdam,
mitbenutzt werden können. Der Bedarf besteht nur bei ein Quartiersplatz mit Spiel- und Sportflächen, der bei
intensiven Regenereignissen, wie sie nur alle 5-10 Jahre starken Regenfällen zum Zwischenspeichern des Nieder-
stattfinden. Die Einstauhöhe des Wassers beträgt zudem schlagswassers genutzt werden kann (siehe Abbildungen
nur wenige Zentimeter, sodass keine Gefahrensituationen oben).
entstehen. Nach der zeitlich verzögerten Ableitung des
Niederschlagswassers (z.B. innerhalb 12 bis 24 Stunden)
kann die Primärnutzung wieder ungehindert stattfinden
(vgl. Dickhaut, Kruse 2009, S. 6).

Im Vorfeld müssen Flächen definiert werden, die eine


Mitbenutzung zum Rückhalt des Niederschlagswassers
erlauben, ohne das Sicherheitsbedenken oder ein unver-
hältnismäßiger Nachteil für die Nutzer im Wege stehen.
Denkbare Flächen sind Straßen, Parkplätze, Teile von
Schulhöfen, Sportflächen, Grünflächen u.ä. Im Anschluss

37
Abbildungen oben:
Waterplein Rotterdam, Entwurf von
DE URBANISTEN: Je nach vorhandener
Wassermenge nimmt der Platz eine andere
Gestalt an.
Abbildungen unten:
Schnitt einer Straße, deren Profil für den
Wassereinstau auf einer Seite ausgelegt ist.
Anstelle des üblichen gewölbten Profils fällt
diese Straße in eine Richtung leicht ab. So
bleib die höher gelegene Seite auch bei Was-
sereinstau zugänglich und befahrbar

Ziele Regenwasserrückhalt und Zwischenspeicherung bei Starkregenereignissen


Flächen mit einer anderen Primärnutzung, nicht permanent genutzte Flächen (Spiel-, Sport-,
Potentielle Flächen
Park-, Vor- und öffentliche Plätze, Schulhöfe, Innenhöfe, Halfpipes u.ä.)

Flächenbedarf Gering (da Nutzung vorhandener Flächen)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Attraktive Neu- und Umgestaltung der mitbenutzten Flächen

Kosten Moderat bis hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat
Kosten, Informationsdefizit, Vorbehalte, Sicherheitsbedenken, Pflege, Verschmutzung der
Hemmnisse und Nachteile
Flächen

38
3.3 flächen-
versickerung

Die Flächenversickerung gehört zu den technisch ein- fünf Jahren ausgelegt. Abhängig ist dies von der Vulnera-
fachsten Methoden Regenwasserabflüsse zu bewirtschaf- bilität der umliegenden Flächen. Des Weiteren muss sich
ten. Das Regenwasser wird bei dieser Maßnahme einer der Boden zur Versickerung eignen. Am besten eignen
Fläche zugeführt und kann dort selbstständig versickern. sich sandige Böden mit einer Durchlässigkeit von min-
Die vorgesehene Fläche kann mit Rasen oder anderer Ve- destens 10-4 m/s. Auch die Tiefe des Grundwassers ist
getation begrünt sein aber auch mit wassergebundenen entscheidend und sollte bei mindestens 1m liegen (Sieker,
Materialen geplant werden. Kaiser, Sieker, 2006, S. 40f.).

Durch die Entsiegelung der Flächen wird der Oberflä- Ein großer Vorteil dieser Maßnahme ist, dass die quali-
chenabfluss verringert, da ein Teil des Wassers direkt tativen Anforderungen an das zu versickernde Wasser
vor Ort versickern kann. Dabei muss gewährleistet sein, bei dieser Maßnahme vergleichsweise gering sind, da die
dass Verschmutzungen wenn nötig vor der Einleitung ins Reinigungsleistung durch die bewachsene Oberboden-
Grundwasser oder in ein Oberflächengewässer aus dem schicht i.d.R. als sehr gut eingestuft werden kann. Auch
Niederschlagswasser gefiltert werden. Besonders bei Ver- der Beitrag zur Verbesserung des Kleinklimas ist durch
kehrsflächen muss dafür Sorge getragen werden, dass auf- die hohe Verdunstungsleistung hervorzuheben. Die Maß-
tretende Schadstoffe entfernt werden (vgl. Forschungs- nahme lässt sich des Weiteren ohne großen technischen
gesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, 2002, S. 7). Aufwand realisieren und leicht pflegen (vgl. Geiger, Drei-
Verschmutzungen des Niederschlagswassers entstehen seitl, 1995, S. 84).
bspw. durch den Abrieb von Autoreifen aber auch durch
Öl, Benzin und eingesetztes Streusalz. Im Einzelfall muss
geprüft werden, ob die Reinigung durch die Bodenschich-
ten selbst geschehen kann, oder ob Anlagen zur Vorreini-
gung vorgeschaltet werden müssen (vgl. MKULNV, 2011,
S. 46).
Voraussetzung ist eine verhältnismäßig groß dimensio-
nierte Freifläche, welche das zugeleitete Regenwasser bis
zu einem selbst bestimmten Grad aufnehmen kann. Die-
ser wird meist auf Wiederkehrzeiten zwischen drei und

39
Zulauf

humoser Oberboden mit Rasen

Versickerung

Ziele Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellung einer naturnahen Wasserbilanz

Potentielle Flächen Parkanlagen, Freiflächen, Außenanlagen, Gärten

Flächenbedarf Hoch (ca. 70 % der zu entwässernden Fläche (kf=10-4 m/s) ) (vgl. Sieker 2005 b)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück


Gestalterische Aufwertung von Grün- und Aufenthaltsflächen mit wasserdurchlässigen Mate-
Mehrwert (No-Regret)
rialen, Wasserfilterung durch Bodenschicht

Kosten Niedrig bis hoch (einfache Ausführung: ca. 2,50-5 €/m²) (vgl. Sieker 2005 b)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Flächenkonkurrenz, Informationsdefizit

40
3.4 Mulden-
versickerung

Bei der Muldenversickerung wird das Regenwasser aus Muldenversickerung nur bei guten Bodenverhältnissen
einem Gebiet über Regenwasserleitungen einer zentralen, einsetzbar, und bei unsachgemäßer Wartung besteht die
flach geböschten und begrünten Mulde zugeführt. Bei Gefahr einer Selbstverdichtung der Versickerungsschicht.
entsprechender Ausgestaltung können solche Anlagen Dementsprechend muss bei der Dimensionierung darauf
auch größere Mengen an Niederschlagswasser zurück- geachtet werden, dass das Niederschlagswasser nur kurze
halten, wenn Fläche und Volumen vorhanden sind. Der Zeit (im Stundenbereich) in der Mulde steht. Allerdings
Flächenbedarf ist aufgrund der Sammlung von Nieder- können die Böden auch weniger durchlässig sein als für
schlagswasser geringer als bei der Flächenversickerung, eine Flächenversickerung (Durchlässigkeitsbeiwert Mul-
mit 10 – 15% Flächenbedarf von der versiegelten, zu denversickerung: kf ≤ 1,0 × 10-5 m/s). Der Abstand der
entwässernden Fläche aber immer noch vergleichsweise Mulde zum Gebäude sollte 5m nicht unterschreiten (vgl.
hoch (vgl. Sieker 2005 a). MKULNV, 2011, S. 48, Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 41).

Vorteile dieser Versickerungsart bestehen darin, dass die


Anlage biologisch aktiv ist, und die entstehenden Bioto-
pe gleichzeitig als gestalterisches Element in den Stadtteil
oder auf dem Grundstück integriert werden können. Zu-
dem ist die Anlage bei gleichzeitig hoher Retentionsleis-
tung leicht zu pflegen und die Verdunstung kann zur Ver-
besserung des Kleinklimas beitragen. Allerdings ist eine

41
Zulauf Zulauf

Wassereinstau (max. 30 cm)

humoser Oberboden mit Rasen


durchlässige
Bodenschicht

Versickerung

Retentionsflächen schaffen, Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen bzw. Erhalt einer


Ziele
naturnahen Wasserbilanz

Potentielle Flächen Höfe, Straßenrandbereiche, Grün- und Freiflächen

Flächenbedarf Moderat (ca. 15 – 20 % der zu entwässernden Fläche (kf=10-5 m/s) ) (vgl. Sieker 2005 a)

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück


Anlage kann als Biotop den Stadtteil bereichern, bei gesplitteter Abwassergebühr
Mehrwert (No-Regret)
Kostenersparnis

Kosten Moderat (ca. 3,50  €/m2 zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 97)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat
Wartungs-/ Pflegeaufwand, Flächenkonkurrenz, Bodenbeschaffenheit, Wasserreinigung
Hemmnisse und Nachteile
durch Bodenschicht

42
3.5 Rigolenversickerung

Rigolen sind unterirdische Gräben, die mit Kies, Schotter anfallende Wasser kann schnell aufgenommen und ver-
oder Lavagranulat gefüllt sind und mit einer Einbautiefe teilt werden. Nachteilig wirkt sich die geringe Reinigungs-
von 1,10m bis 1,40m realisiert werden. Sie können auch leistung dieses Systems aus. Der Wartungs-/ Pflegeauf-
aus Hohlkörpern aus Kunststoff bestehen. Besonders die- wand dieser Maßnahme ist moderat. Halbjährlich sollten
se Gitterwerke aus Kunststoff haben sich als sehr effektiv die Schächte auf Verunreinigung und Verstopfung ge-
erwiesen. Mit diesen Füllmaterialen kann über 90% des prüft werden. Der Abstand zum Gebäude sollte auch bei
Hohlraumes für die Retention des Niederschlagswassers dieser Maßnahme 5m nicht unterschreiten (vgl. Geiger,
effektiv genutzt werden. Das Regenwasser wird über ei- Dreiseitl, 1995, S. 104, Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 42).
nen Schacht in die Rigolen eingeleitet und dort zwischen-
gespeichert und sukzessive in den Boden abgegeben (vgl.
MKULNV, 2011, S. 48; Sieker, Kaiser, Sieker, 2006, S. 42).

Der Vorteil einer Rigolenversickerung liegt darin, dass


auch in schlechter geeigneten Böden versickert werden
kann, indem die schlechte Sickerschicht umgangen wird,
und eine Verbindung zu tieferen Schichten hergestellt
wird. Des Weiteren ist der Flächenbedarf gering und das

43
Schacht

schlecht durchlässige Bodenschicht


Zulauf

Sickerrohr Überlauf Rigole

gut durchlässige Versickerung


Bodenschicht

Bereitstellung von Retentionsflächen, Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen bzw.


Ziele
Erhalt einer naturnahen Wasserbilanz

Potentielle Flächen Flächen mit geringer Versickerungseignung: Höfe, Straßenrandbereiche, Parkplätze

Flächenbedarf Keiner (nur unterirdischer Retentionsraum erforderlich)

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Kostenersparnis bei gesplitteter Abwassergebühr

Kosten Moderat (ca. 3,50 m² zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 107)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering
Geringe Reinigungsleistung der Rigole, eingeleitet werden kann ausschließlich unbelastetes
Hemmnisse und Nachteile Niederschlagswasser, geringe Wartungs- und Kontrollmöglichkeiten, keine Verdunstung (vgl.
Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 108f)

44
3.6 mulden-Rigolen-
Versickerung

In diesem System werden die Mulden- und die Rigolen- Die Kombination aus Mulden- und Rigolensystem erhöht
versickerung kombiniert, indem an der Oberfläche der den Realisierungsaufwand. Die Resultate aus Reinigung
Rigole eine begrünte Mulde ausgebildet wird. Das Wasser des Niederschlagswassers, sowie der hohen Speicherka-
wird in der Mulde gesammelt und sickert in die darunter- pazität, der vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, des re-
liegende Rigole, aus der die Versickerung in den Unter- lativ geringen Flächenbedarfes und des moderaten Prei-
grund erfolgt. So wird eine gute Reinigungswirkung bei ses, machen dieses System jedoch besonders bei schlecht
gleichzeitig hoher Speicherkapazität erreicht. Vor allem durchlässigen Böden und ausreichenden Flächenka-
bei weniger durchlässigen Böden ist diese Systemkombi- pazitäten attraktiv. (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 121).
nation geeignet. Ist die Bodendurchlässigkeit so gering, Mulden-Rigolen-Systeme sollten insbesondere dann in
dass nicht alles Wasser in den Boden abgeleitet werden Betracht gezogen werden, wenn die Durchlässigkeitswer-
kann, wird die Rigole mit einem zusätzlichen Sicker- te des Bodens kleiner als 5 x 10-6 m/s sind oder sich die
rohr versehen, durch welches das überschüssige Wasser Durchlässigkeitswerte kleinräumlich so stark unterschei-
gedrosselt abgeleitet wird. (vgl. MKULNV, 2011, S. 48). den, dass eine vollständige oberflächliche Bewirtschaf-
Im Gegensatz zur reinen Versickerungsmulde verfügt tung nicht oder nur eingeschränkt möglich ist (Sieker,
die Mulde in Kombination mit einer Rigole über einen Kaiser, Sieker, 2006, S. 43).
Überlauf. Beim Einstau der Mulde kann das Wasser über
diesen direkt der Rigole zugeführt werden (Sieker, Kaiser, Zur Pflege der Anlage ist die Reinigung und Kontrolle der
Sieker, 2006, S. 50). Mulden sowie der Schächte und die übliche Grünflächen-
wartung der Mulde erforderlich.
Der Flächenbedarf für die Sickermulde liegt bei ca. 10 %
der zu entwässernden befestigten Fläche. Durch Notüber-
läufe zu den Rigolen kann der Flächenbedarf verringert
werden. Außerdem sind diese für den Fall, dass Böden
gefroren sind, notwendig (vgl. Forschungsgesellschaft für
Straßen- und Verkehrswesen e.V., 2002, S. 15).

45
Schacht Zulauf
Wassereinstau (max. 30 cm)

humoser Oberboden mit Rasen


Versickerung schlecht
durchlässige
Bodenschicht
Sickerrohr
Überlauf Rigole

gut durchlässige Bo- Versickerung


denschicht

Bereitstellung von Retentionsflächen, Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen bzw.


Ziele
Erhalt einer naturnahen Wasserbilanz
Flächen mit geringer Versickerungseignung: Höfe, Straßenrandbereiche, Grün- und
Potentielle Flächen
Freiflächen

Flächenbedarf Moderat (ca. 10 % der zu entwässernden Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 121)

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück


Ansprechende Gestaltung, Lebensraum für Flora und Fauna, Kostenersparnis durch
Mehrwert (No-Regret)
gesplittete Abwassergebühr
Moderat (ca. 18  €/m² oder 3,50  €/m² zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995,
Kosten
S. 120)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Wartung der Rigolen nur begrenzt möglich (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 121)

46
3.7 Tiefbeet

Bei Tiefbeeten handelt es sich um eine Maßnahme der Vorteile gegenüber straßenbegleitenden Sickermulden
Dezentralen Regenwasserbewirtschaftung, welche bspw. finden sich insbesondere in dem deutlich reduzierten
straßenbegleitend angewendet wird. Tiefbeete können Flächenbedarf. Da der Flächenverbrauch für öffentliche
als eine Form der Mulden-Rigolen-Systeme beschrieben Flächen, besonders im Neubau, einen wesentlichen Kos-
werden. Im Gegensatz zur Muldenversickerung werden tenfaktor darstellt, ist ein Tiefbeet-System eine interessan-
Tiefbeete mit einer Betoneinfassung ummantelt. In die- te Alternative zur Trennkanalisation. Die Kosten können
sem Becken wird das Niederschlagswasser zurückgehal- in einem ähnlichem Bereich angenommen werden (vgl.
ten. Unter dem Aufbau des Tiefbeetes befindet sich eine Sieker 2005 f).
Rigole, durch welche das Regenwasser versickern kann.
Über Rohrleitungen können die Tiefbeete unterirdisch
miteinander vernetzt werden. Auch Regenabflüsse von
Grundstücken können bei Bedarf an das Tiefbeet-System
angeschlossen werden (vgl. Sieker, Kaiser, Sieker, 2006,
S. 99).

Regenwasserrückhalt und Zwischenspeicherung, biologische Reinigung des


Ziele
Regenwassers

Potentielle Flächen Straßenbegleitende Flächen

Flächenbedarf Moderat (3-5 % der zu entwässernden Fläche) (vgl. Sieker 2005 f)

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Gestalterische Aufwertung des Umfeldes, Verkehrsberuhigung

Kosten Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat (vgl. Maßnahme: Rigolenversickerung

Hemmnisse und Nachteile Kostenintensive Maßnahme, aufwendig in den Bestand zu integrieren

47
3.8 Schachtversickerung

schlecht durchlässige
Bodenschicht
Zulauf

Sickerschacht
gut durchlässige
Bodenschicht Kies

Versickerung

Die Schachtversickerung ist eine Versickerungsmaßnah- Vorteil der Schachtversickerung ist der geringe Flächen-
me, bei der das Niederschlagswasser über einen punkt- bedarf, sodass die Nutzung der Fläche nur marginal ein-
förmigen Schacht direkt in sickerfähige Bodenschichten schränkt wird. Daraus ergibt sich auch, dass diese Maß-
gebracht werden kann. Das eingeleitete Wasser kann an- nahme auch bei wasserundurchlässigen Bodenschichten
schließend über die Schachtsohle versickern. Wegen des angewendet werden kann. Nachteilig wirkt sich hingegen
geringen Flächenbedarfs ist die Schachtversickerung be- die geringe Reinigungsleistung dieser Maßnahme aus, die
sonders für den innerstädtischen Bereich, mit geringem im Fall einer Verschmutzung des einzuleitenden Wassers
Freiflächenanteil geeignet. Aufgrund der fehlenden Rei- das Vorschalten einer Reinigungsanlage voraussetzt. Die
nigungsleistung dieses Systems darf das Niederschlags- Pflege dieser Maßnahme umfasst die halbjährliche Kon-
wasser jedoch nicht belastet sein, oder muss durch das trolle der Filter, Schächte sowie der Zu- und Ableitungen
Vorschalten einer Reinigungsanlage entsprechend vorbe- auf Verunreinigung und Verstopfung. Lässt die Sickerleis-
handelt werden. tung nach muss die Kiesschicht an der Sickersohle ausge-
tauscht werden (vgl. MKULNV, 2011, S. 49, vgl. Geiger,
Dreiseitl, 1995, S. 100f).

Ziele Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen bzw. Erhalt einer naturnahen Wasser-bilanz
Innerstädtische Flächen ohne Schadstoffbelastung, Flächen mit schlecht durchlässigen
Potentielle Flächen
Belägen

Flächenbedarf Gering

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Retentionsleistung des Schachts, bei gesplitteter Abwassergebühr Kostenersparnis

Kosten Hoch (ca. 12,50  €/m² zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 100 f)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Hoch
Eingeleitet werden kann ausschließlich unbelastetes Niederschlagswasser, keine
Hemmnisse und Nachteile
Verdunstung

48
3.9 Retentionsraum-
versickerung

Eine kombinierte Möglichkeit des Regenwasserrückhalts Retentionsbecken können sowohl die Aufenthaltsqualität
stellt die Retentionsraumversickerung dar. Bei diesem in einem Quartier, einschließlich des Mikroklimas, posi-
System wird das Niederschlagswasser in einem, gegen das tiv verändern als auch auf privaten Flächen wie Gärten
Erdreich abgedichteten, Teich zurückgehalten. Den Teich realisiert werden. Durch die gute Reinigungsleistung ist
umgebend schließt ein Versickerungsstreifen an. In der bei entsprechender Kapazität auch eine Parkplatz- oder
belebten Bodenschicht der Muldenversickerung werden Straßenentwässerung denkbar. Geprüft werden muss in
partikuläre und gelöste Stoffe zurückgehalten und es fin- diesem Fall jedoch die Notwendigkeit eines vorgeschalte-
det eine biologische Reinigung statt (vgl. MKULNV, 2011, ten Benzinabscheiders (vgl. Pirmasens 2011).
S. 49, Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 114f).

Bereitstellung von Retentionsflächen, Entlastung der Kanalisation, Wiederherstellen des


Ziele
natürlichen Wasserkreislaufs

Potentielle Flächen Grünflächen, Parkanlagen, Brachflächen

Flächenbedarf Moderat (ca. 10 % der zu entwässernden Fläche (kf=10-4 m/s)) (vgl. Glücklich 2004)

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Lebensraum für Flora und Fauna, Aufwertung des Wohnumfeldes

Kosten Moderat bis hoch (6,50 €/m2 zu entwässernde Fläche) (vgl. Geiger, Dreiseitl, 1995, S. 114)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Eingeleitet werden kann nur vorgereinigtes Regenwasser

49
3.10 Retentions-
Filterbecken

Ein Retentions-Filterbecken zeichnet sich besonders da- Das vorgestellte System eignet sich besonders für große
durch aus, abgeleitetes Niederschlagswasser von potenti- Einzugsgebiete von mindestens 1 ha. Aufgrund der Ab-
ell hoch verschmutzten Flächen aufnehmen zu können. dichtung zum Erdreich, der Vorreinigungsmöglichkeiten
Es handelt sich um ein gegenüber dem Untergrund abge- vor der Versickerungsmaßnahme sowie der kontrollier-
dichtetes, dräniertes Retentionsbecken mit Humusanrei- ten Einleitung in den Kontrollschacht, lässt sich potenti-
cherung. Das Niederschlagswasser wird einem Kontroll- ell belastetes Niederschlagswasser sicher bewirtschaften.
schacht zugeführt und kann anschließend in ein offenes Das Becken kann naturnah gestaltet werden und so die
Gewässer oder eine unterirdische Versickerungsanalage Umgebung positiv prägen. Aufgrund der hohen Einstau-
eingeleitet werden. Aufgrund der vorzugsweisen An- tiefe muss jedoch eine Einfriedung in Betracht gezogen
wendung bei belastetem Niederschlagswasser von bspw. werden, um das Gefahrenpotential zu reduzieren (Geiger,
Autobahnabflüssen oder Flächen mit erhöhtem Störfall- Dreiseitl, 1995, S. 140).
risiko, wird ein Ölabscheider nachgeschaltet. Außerdem
lässt sich der Abfluss in den Kontrollschacht durch eine
Schiebevorrichtung kontrollieren (Geiger, Dreiseitl, 1995,
S. 133).

Ziele Regenwasserrückhalt und Zwischenspeicherung, biologische Reinigung des Regenwassers

Potentielle Flächen Grünflächen, Parkanlagen, Brachflächen

Flächenbedarf Moderat bis Hoch

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Anlage kann als Biotop den Stadtteil bereichern

Kosten Moderat bis hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering bis moderat

Hemmnisse und Nachteile Kosten, Flächenbedarf, ggf. Gefahr für spielende Kinder, keine Versickerung

50
3.11 Rückbau ver-
siegelter Flächen

Versiegelte Flächen verhindern die Verdunstung von Entsiegelungsmaßnahmen können besonders bei Flächen
Wasser und die damit verbundene Abkühlung, behin- angewendet werden, die keine hochresistenten Beläge be-
dern die Grundwasserneubildung und haben meist einen nötigen. Dies sind bspw. Hofflächen, Terrassen, Fußwege,
niedrigen Albedowert, erwärmen sich also stark. Eine Stellplätze oder wenig befahrene Straßen. Die Entsiege-
Entsiegelung wirkt diesen Aspekten entgegen. In den Un- lung von Böden erfolgt durch den Einsatz von wasser-
tersuchungen zum StEP-Klima Berlin stellte sich die Ent- durchlässigen Oberflächenmaterialien oder auch durch
siegelung als hochwirksames Instrument zur Absenkung einen vollständigen Rückbau von wasserundurchlässigen
der Temperatur über den entsprechenden Flächen heraus. Flächen. Um die Versickerungsfähigkeit der Fläche auf-
Die Temperatur sank in den betrachteten Bereichen um recht zu erhalten müssen im Rahmen der Pflege die auf-
teilweise mehr als 10 °C (vgl. SenStadt, 2011, S.52). gebrachten Materialen regelmäßig von Sedimenten gerei-
nigt werden, welche die Öffnungen zusetzen.

Reduzierung der Erhitzung von Oberflächen, Förderung der Versickerungsfähigkeit des


Ziele
Bodens, Wiederherstellen einer naturnahen Wasserbilanz

Potentielle Flächen Terrassen, Fußwege, Stellplätze, gering befahrene Straßen, Brachflächen

Flächenbedarf Hoch

Umsetzungsebene Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Verbesserung des Mikroklimas, optische Aufwertung

Kosten Moderat bis hoch (ca. 25 € bis 40  €/m2) (vgl. Sieker 2005 d)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering bis moderat

Hemmnisse und Nachteile Kosten, Nutzungskonflikte, Gefahr von Schadstoffeinträgen

51
3.12 Erhöhung der Albedo:
Einsatz heller Bodenbeläge

Die Albedo bezeichnet das Reflexionsvermögen von Besonders in hitzegefährdeten, dicht bebauten Räumen
Oberflächen. Helle Oberflächen reflektieren einen Groß- mit wenig Flächenpotential für Maßnahmen gegen die
teil der einfallenden Strahlung, während dunkle Oberflä- Ausbildung einer Wärmeinsel gewinnt die Erhöhung der
chen meist einen großen Anteil der Strahlung speichern Albedo an Relevanz.
und in Form von Wärmeenergie langsam wieder an die
Umgebung abgeben. Demnach heizen sich helle Ober- Bodenbeläge haben häufig einen geringen Albedowert
flächen im Allgemeinen weniger auf als dunkle. Der und heizen sich stark auf (insbesondere asphaltierte Flä-
großflächige Einsatz heller Oberflächen kann also zu ei- chen wie Straßen und Fußwege). Die Aufheizung von
ner Senkung der Temperatur in der Stadt beitragen. Der Verkehrsflächen ist nicht nur wegen ihres Beitrags zum
Albedowert liegt zwischen null und eins, wobei Eins das Wärmeinseleffekt problematisch. Aufgrund der meist un-
höchste Reflexionsvermögen bezeichnet. ter den Verkehrsflächen verlaufenden Versorgungsleitun-
gen kann es durch die Hitzebalastung auch zu einer Be-
einträchtigung der Trinkwasserqualität kommen. Daher
sollten wenn möglich helle Belagsmaterialien verwendet
werden (vgl. MKULNV, 2011, S. 44).

Ziele Reduktion der Wärmespeicherung von Materialien

Potentielle Flächen Alle befestigten städtischen Oberflächen (Verkehrsflächen, Plätze)

Flächenbedarf Flexibel (kein zusätzlicher Flächenbedarf, Umgestaltung bestehender Flächen)

Umsetzungsebene Stadtteil, Quartier, Grundstück

Mehrwert (No-Regret) Schutz der Trinkwasserinfrastruktur vor Überwärmung, gestalterischer Wert

Kosten Moderat bis Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Gering
Informationsdefizit, u. U. starke Beeinflussung des Stadtbildes, bei Bodenbelägen vor allem
Hemmnisse und Nachteile
im Neubau oder bei anstehender Sanierung anwendbar, teurer als herkömmliche Methoden

52
53
4
Gebäudebezogene
Maßnahmen

54
4.1 Dachbegrünung
extensiv

Die extensive Begrünung ist eine gezielte, naturnah an- chen heizen sich gegenüber der Lufttemperatur nur um
gelegte Begrünung von Dachflächen. Soweit keine bau- etwa 2 °-3 °C auf. Bei harten Baustoffen ist eine Aufhei-
technischen Gründe dagegen sprechen, ist eine Begrü- zung von 50°C keine Seltenheit. Außerdem wird die Luft-
nung auf fast jeder Dachfläche möglich. Sie beschränkt feuchtigkeit erhöht und die Staubbindung verbessert.
sich nicht auf Flachdächer oder flach geneigte Dächer, Relevanz hat aber auch der Wasserrückhalt, welcher in
auch auf steileren Dächern mit einer Neigung von über Abhängigkeit zur Substrathöhe und der Dachneigung
20° können Begrünungen realisiert werden (vgl. FLL, variiert. Bei Einer Dachneigung von 0-9 °C und einer
1989, S. 20). Das Spektrum reicht von Garagendächern Substratschicht von 12 cm wird von dem Hersteller Opti-
über Dächer von Wohn- und Bürogebäuden bis hin zu grün bspw. eine Speicherleistung von 32 l/m2 angegeben.
großflächigen Industrie- und Gewerbedächern. Da die Der Wasserrückhalt liegt demnach bei ≥ 80 % (vgl. Op-
für Extensivbegrünungen gewählten Pflanzen nur einer tigrün a). Es werden aber auch Dachbegrünungssysteme
dünnen Substratschicht bedürfen, sind extensive Begrü- angeboten, die speziell auf einen optimierten Rückhalt
nungen auch auf Dächern mit geringer Lastannahme zu und gedrosselten Abfluss optimiert sind. Hier kann bei
realisieren. Bei der Pflanzenwahl werden überwiegend einer horizontalen Dachfläche ein Wasserrückhalt von bis
Arten natürlicher Trockenstandorte verwendet, die dem zu 90 % erreicht werden (vgl. Optigrün b).
Extremstandort Dach am besten angepasst sind. Wichtig
Die Attraktivität extensiver Dachbegrünungen liegt vor
ist vor allem, dass sie sowohl Frost und Trockenheit als
allem in der sehr geringen Wartungs-/ Pflegeaufwand. Bei
auch Vernässung ertragen können.
fachlich richtiger Anlage beschränkt sich dieser auf eine
Dachbegrünungen führen zu einer Verbesserung des Anfangswässerung sowie ein bis zwei Kontrollgänge jähr-
Kleinklimas in Städten. Ein wichtiger Faktor dabei ist die lich. Extensiv begrünte Dächer sind jedoch in der Regel
Verminderung der Rückstrahlung von Flächen und der nicht nutzbar, da die dürreresistenten Pflanzen trittemp-
Ausgleich von Temperaturextremen. Dadurch wird der findlich sind und durch Begehen nachhaltig geschädigt
städtische Hitzeinseleffekt verringert. Begrünte Dachflä- werden können. Dennoch bieten auch diese Dachflächen
großes gestalterisches Potential (vgl. FLL, 1989, S. 20).

55
Überhitzung verhindern, Minderung von Abflussspitzen und Retention, insbesondere bei
Ziele
Starkregen

Potentielle Flächen Bevorzugt Flachdächer und leicht geneigte Dachflächen

Flächenbedarf Flexibel (Nutzung von „Restflächen“)

Umsetzungsebene Gebäude
Verbessertes Mikroklima, Aufwertung des Stadtbildes, Isolationswirkung, Absorption von
Mehrwert (No-Regret)
Schadstoffen, Lebensraumbildung für Flora und Fauna

Kosten Moderat (bei Umsetzung im Rahmen anstehender Sanierung oder Umbauten)

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat

Hemmnisse und Nachteile Vorbehalte, Kosten, Kopplung an Sanierungszyklus, Pflege

56
4.2 Dachbegrünung
intensiv

Hinter der Anlage von Intensivbegrünungen steht meist wie ein gewöhnlicher Garten. Die Flächen sind oft als
der Wunsch nach nutzbaren und erlebbaren Grün- und aufwendige Gärten oder Repräsentationsflächen gestaltet,
Freiräumen, der funktional-gestalterische Aspekt steht z.B. auf Kongresszentren. Sie können aber auch wichtige
meist im Vordergrund. Das Spektrum umfasst sowohl Freiraumfunktionen im Wohnungsbau übernehmen, vor
kleinere punktuelle Begrünungen als auch größere, flächi- allem in hochverdichteten Gebieten mit einem Mangel an
ge Anlagen wie Gärten oder Parks auf privaten, gewerb- Grün- und Freiflächen zur Naherholung. Bei den intensi-
lich genutzten und öffentlichen Gebäuden, aber auch auf ven Dachbegrünungen kommt es sehr stark auf individu-
Tiefgaragen, Einkaufszentren oder Bahnanlagen. Ein- elle Lösungen an, die den Dachaufbau, die Gebäudestatik
fache Intensivbegrünungen unterscheiden sich von den und bei exponierten Lagen vor allem die Witterungsein-
extensiven Begrünungen vor allem durch die deutlich flüsse berücksichtigen (vgl. FLL, 1989, S. 26).
verstärkte Schichthöhe und die Notwendigkeit der Pfle-
gemaßnahmen. So sind Wässerung, Düngung, Schnitt Der Klimatische Effekt solcher Dach- oder Landschafts-
oder ähnliche Maßnahmen meist notwendig, um das gärten ist entsprechend der Bepflanzung deutlich höher
gewünschte Pflanzenbild zu erhalten. Hier werden vor- als bei extensiven Dachbegrünungen. Abhängig von den
zugsweise krautige oder holzige Pflanzen verwendet oder Präferenzen kann durch Staudengewächse der Verduns-
solche Arten, die gezielt für Extremstandorte gezüchtet tungs- oder durch Bäume der Verschattungsanteil erhöht
wurden (vgl. FLL, 1989, S. 21f). werden. Aufgrund der Substrathöhe ist bei einem „Land-
schaftsdach“ ein Wasserrückhalt von 99 % und eine Was-
Aufwendige Intensivbegrünungen oder „Dachgärten“ serspeicherung von über 300 l/m2 möglich (vgl. Optigrün
haben eine Substrathöhe von mindestens 30 bis 50 cm c).
und ermöglichen so auch das Wachstum von größeren
Pflanzen und sogar Gehölzpflanzungen. Sie benötigen
allerdings auch den gleichen Wartungs-/ Pflegeaufwand

57
Überhitzung verhindern, Minderung von Abflussspitzen und Retention, insbesondere bei
Ziele
Starkregen

Potentielle Flächen Flache Dachflächen

Flächenbedarf Flexibel

Umsetzungsebene Gebäude
Schaffung von Aufenthalts- und Nutzflächen, deutlich verbessertes Mikroklima, Aufwer-
Mehrwert (No-Regret) tung des Stadtbildes, Absorption von Schadstoffen, Isolationswirkung, Lebensraumbildung
für Flora und Fauna

Kosten Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat bis hoch

Hemmnisse und Nachteile Kosten, Statik, Vorbehalte, Pflege

58
4.3 Fassaden-
begrünung

Auch die Begrünung von Fassaden wirkt sich positiv auf Westfassaden zu beobachten. Wird eine Bepflanzung ge-
das Mikroklima aus, und verbessert das energetische, wählt, die im Winter ihr Laub verliert, so kann die Wär-
thermische und lufthygienische Potential eines Gebäu- me im Winter genutzt werden. Aufgrund des geringen
des. Die Begrünung filtert Staub aus der Luft, vermin- Raumbedarfs und der guten Wirkung auf die Luftquali-
dert den Strahlungseinfall und mindert so auch Wärme- tät (Filterung von Feinstaub) sowie die Minderung von
schwankungen (vgl. Schmidt, 1980, S. 41). Schallreflexionen und damit von Lärm stellen Fassaden-
begrünungen insbesondere in dicht bebauten Gebieten
Vor allem in direkter Umgebung des Gebäudes sind die eine attraktive Maßnahme dar (vgl. MKULNV, 2011,
Wirkungen spürbar, für eine weiterreichende Wirkung S. 37).
braucht es, wie auch bei der Dachbegrünung, eine flä-
chendeckende Anwendung. Fassadenbegrünungen min- Fassadenbegrünungen können zu einer Aufwertung des
dern Temperaturextreme, durch die Evapotranspiration Stadtraums führen. Es existieren allerdings Vorbehalte in
und die Verschattung wird das Aufheizen der Wände im der Bevölkerung, die Schäden an der Fassade oder Prob-
Sommer vermieden, dies ist insbesondere an Süd- und leme mit Spinnen oder Insekten befürchtet (vgl. SenStadt,
2011, S.53).

59
Ziele Überhitzung verhindern

Potentielle Flächen Hausfassaden

Flächenbedarf Flexibel (keine Nutzflächen)

Umsetzungsebene Gebäude
Verbessertes Mikroklima, Absorption von Lärmimmissionen, Isolationswirkung,
Mehrwert (No-Regret)
Absorption von Schadstoffen, Lebensraum für Vögel und Insekten

Kosten Abhängig von der Ausgestaltung: Gering bis hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Abhängig von der Ausgestaltung: Gering bis hoch

Hemmnisse und Nachteile Vorbehalte bzgl. Schäden an der Fassade, Insekten, Kosten, Pflegeaufwand

60
4.4 Strategische Ge-
bäudeverschaTTUNG
DURCH GEHÖLZE

Bei strategischer Anpflanzung von Gehölzen kann der Für eine strategische Baumsetzung empfiehlt es sich in
positive Effekt des Schattenwurfes voll ausgenutzt, und den mittleren Breiten immergrüne Bäume im Nord-Os-
die Energiebilanz des Gebäudes positiv beeinflusst wer- ten und im Westen zu pflanzen, so dass sie Schutz vor der
den. Der wohl größte Vorteil bei der Verschattung durch untergehenden Sommersonne, sowie vor kalten Winter-
Bäume besteht darin, dass Laubbäume im Sommer, wenn winden bieten. Laubbäume auf der Ost- und Westseite
die Wärmebelastung vorhanden ist, Schatten spenden spenden im Sommer Schatten, im Winter, wenn sie ihr
und so die Aufenthaltsqualität im Freien erhöhen, wäh- Laub abgeworfen haben, lassen sie jedoch die Wärme-
rend die solare Strahlung im Winter beinahe ungehindert strahlung der tiefstehenden Sonne durch, sodass sie als
genutzt werden kann. Durch gezielte Verschattung von passive Wärme im Gebäude genutzt werden kann. Hohe
bestimmten Bereichen der Gebäude kann der Kühlbedarf Bäume mit großer Krone können im Sommer von Sü-
gesenkt werden. Der Kühlbedarf wird dabei auf dreierlei den aus Schatten spenden. Für eine Verschattung gegen
Weise beeinflusst. Die Verschattung von Fenstern min- die tiefstehende sommerliche Abendsonne sind kleine-
dert den direkten Sonneneinfall. Die Verschattung von re Laubbäume und andere Gehölze geeignet (vgl. Misni
Wänden und Dach verhindern ein Aufheizen des Materi- et al., 2010, S. 5).
als, und der Schatten um das Gebäude herum verhindert
ein Aufheizen des umliegenden Bodens.

61
Ziele Überhitzung verhindern, Kühlbedarf reduzieren

Potentielle Flächen Gebäudeumgebende Flächen

Flächenbedarf Gering bis moderat

Umsetzungsebene Grundstück, Gebäude

Mehrwert (No-Regret) Verschattung umliegender Bereiche, Aufwertung des Stadtbildes

Kosten Moderat bis Hoch

Wartungs-/ Pflegeaufwand Moderat
Mangelnde Aufklärung, Vorbehalte bzgl. ungewollter Verschattung, Nutzungskonflikte
Hemmnisse und Nachteile durch Verschattung und Flächeninanspruchnahme, Schäden bei Sturm durch
abknickende Äste etc.

62
4.5 Amphibisch angepasste
Gebäude

In besonders überschwemmungsgefährdeten Gebieten Weitere Möglichkeiten stellen schwimmende Gebäude


kann die Bebauung den Gegebenheiten angepasst werden, dar, die von vornherein auf dem Wasser errichtet werden
indem überflutungssichere Gebäude wie bspw. Stelzen- und bei einem Anstieg des Wasserspiegels mit der Flut
häuser oder auch amphibische Gebäude gebaut werden, aufschwimmen. Beispiele hierfür gibt es auch in Ham-
welche im Falle einer Überschwemmung aufschwimmen. burg. Im Eilbekkanal gibt es bereits eine Reihe schwim-
Beispiele für amphibische Gebäude werden seit längerer mender Wohnhäuser, auch das „IBA Dock“, das zentrale
Zeit in den Niederlanden als Reaktion auf die Auswirkun- Büro- und Ausstellungsgebäude der Internationalen Bau-
gen der verheerenden Überschwemmungen im Jahr 2005 ausstellung Hamburg im Müggenburger Zollhafen ist ein
realisiert. In vielen Ländern hat die Anpassung schon schwimmendes Gebäude, das mehrmals täglich mit der
lange dazu geführt, dass in gefährdeten Arealen Gebäu- Tide auf- und absinkt (vgl. IBA Hamburg GmbH, 2010,
de auf „Stelzen“ errichtet werden. Insbesondere nach der S. 238).
verheerenden Flutkatastrophe in New Orleans ist auch in
den USA die Debatte über amphibische Gebäudekonzep-
te intensiviert worden (vgl. Munk, Blackburn, 2009).

63
schwimmendes
flexible Befestigung ermög- Ponton
licht Auftrieb und Absinken
je nach Wasserstand

Verankerung
im Boden

Ziele