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Max Weber im Lichte


neuer Biographen
Dirk Kaesler: Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn. Wissenschaft lieferte er à la mode das jeweilige Me-
Eine Biographie. München: C.H. Beck 2014, 1007 S. thodenbesteck. Mit Weber als Giganten der Sozial-
wissenschaft ließ sich Wirklichkeit durchdringen,
Jürgen Kaube: Max Weber. Ein Leben zwischen den Objektivität und Rationalität sichern, das galt vom
Epochen. Berlin: Rowohlt Berlin 2014, 495 S. Proseminar bis zur Doktorarbeit. Der Rationalitäts-
pionier moderner Wissenschaftlichkeit konnte säu-
Joachim Radkau. Max Weber. Die Leidenschaft des berlich vom leidenschaftlich-nationalen Publizisten
Denkens. Überarbeitete, aktualisierte, leicht gekürzte getrennt werden, für die Einsicht in den okziden-
Ausgabe. München: dtv 2013, 927 S. talen Rationalismus waren Kenntnisse der labilen
psychischen Konstitution des Theoretikers nicht
­erforderlich, zumal dessen Lebensumstände in den
Grundzügen aus dem von seiner Gattin Marianne
verfassten heroisierenden «Lebensbild» (1926) be-
kannt waren. Weber war einerseits der unbestrit-
tene Fixpunkt in einer postgeschichtsphilosophi-
schen Epoche des Theorie- und Methodenglaubens,
als die Historische Sozialwissenschaft Bielefelder
Prägung reüssierte. Andererseits eignete sich sein
«Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in politisches Denken, wie spätestens Wolfgang J.
den Ablauf des Fortschritts», wusste Max Weber, Mommsens großartige Studie zu Max Weber und die
denn jede Forschung warte auf Revision, werde deutsche Politik (1959) zeigte, zur umfassenden Aus-
überholt und mache neuen Einsichten Platz. Diesen einandersetzung mit dem Sonderweg des deut-
ungebrochenen Glauben an die Perfektibilität wis- schen Liberalismus. War Weber doch ein militanter
senschaftlicher Erkenntnis wird man im Hinblick Spätliberaler, der die Bahn für den plebiszitären
auf die Geisteswissenschaften oder gar für das Gen- Führerstaat ebnete? Oder hätte – wie nicht wenige
re der Biographik nur schwer aufrechterhalten wol- meinten – seine intellektuelle Autorität den Ver-
len. Die Verbreiterung der Quellenlage und des Fak- nunftrepublikanismus der Weimarer Republik ent-
tenwissens bietet noch keine Garantie dafür, dass scheidend gestärkt?
eine neue Interpretation überzeugender gelingt. Kurz: Die Kampfplätze, auf denen Webers Werk
Ganz davon abgesehen, dass das Narrativ eines Le- zum Einsatz kam, waren so divers, das Material so
bens der Dramatisierung, Wendepunkte und Leit- überwältigend, dass das Vorhaben einer Biographie
motive bedarf, bleibt auch die werkbiographische des Meisterdenkers mit Fortgang der alles in den
Deutung von der Perspektive und den Fragen der Schatten stellenden kritischen Gesamtausgabe im-
eigenen Zeit geprägt. Maßstäbe verschieben sich. mer weniger realisierbar erschien. Es waren zwei
Klassiker absolvieren verschiedene Rezeptionswel- kritische Bewunderer Webers, Wilhelm Hennis und
len und Neuentdeckungen; für wenige moderne Ralf Dahrendorf, die sich in den 1980er Jahren ge-
­Autoren gilt dies so sehr wie für Max Weber. Als gen den Trend der Spezialisierung wandten: Hen-
Theoretiker der Rationalisierung und Bürokratisie- nis’ Beschäftigung mit Weber bedeutete eine Revisi-
rung, Schöpfer soziologischer Grundbegriffe, Herr- on der eigenen Haltung, denn noch zwanzig Jahre
schafts- und Religionssoziologe, Künder des poli­ zuvor hatte er den durch Parsons reimportierten
tischen Charismas, Erfinder des Idealtypus und Rationalisierungs-Weber vehement vom Stand-
Streiter für die Offenlegung der Werturteile in der punkt einer praktischen Politikwissenschaft aus

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Konzept & Kritik

­ ekämpft, die sich gegen dessen vermeintlichen Po-


b zuletzt deshalb so frisch, weil der Bielefelder Histo-
sitivismus respektive dessen Verzicht auf Normen riker Webers Leben originell beleuchtet und ihn ge-
und Zwecksetzungen richtete. In seinen späten Stu- rade nicht als einsamen Solitär, sondern als kom-
dien identifizierte Hennis indes Max Webers Frage- munizierenden, streitenden und in Debatten
stellung nach der conditio humana in der Moderne, eingebundenen Gelehrten präsentiert. Wenn Rad-
nach der Lebensführung und nach politischer Ver- kau die spannungsreichen intellektuellen Freund-
antwortung als Zentrum des Werkes. Webers Ant- schaften zu Friedrich Naumann, Werner Sombart,
worten mussten dazu aus den Debatten seiner Zeit Ernst Troeltsch oder Robert Michels schildert, läuft
decodiert und historisch vergegenwärtigt werden. er zu Höchstform auf.
Auch Dahrendorf plädierte – mit deutlicher Stoß- Webers Vielseitigkeit, sein fast maßloser Erkennt-
richtung gegen die geschichtsvergessene Zeitdia- nishunger und sein Ringen um Erklärungen, um
gnostik der Soziologie – für den Versuch, «Webers das So-Geworden-Sein der modernen Welt zu de-
Leben, sein Werk und seine Zeit zu einem Gesamt- chiffrieren, zeigen uns einen Komplexitätsdenker,
bild» zusammenzufügen, um «damit auch der ste- der keine vereinseitigenden Thesen zuließ. Radkaus
rilen Landschaft der modernen Sozialwissenschaft Biographie offenbart, dass Webers häufig geprie-
etwas von ihrem einstigen Zauber» zurückzugeben. sener Realismus am ehesten in seinem viel­
Diese Wiederverzauberung gelang im Jahr 2005 dimensionalen Problembewusstsein, in der dau-
einem Seiteneinsteiger. Der Kultur- und Umwelt­ ernden Anstrengung um Selbstkontrolle und im
historiker Joachim Radkau verblüffte die Fachwelt Aushaltenmüssen von Widersprüchen zu orten ist.
und faszinierte eine breite Leserschaft mit einer ful- Radkau wählt mit Bedacht den Leitbegriff der «Lei-
minanten Biographie, die jeden postmodernen denschaft», um ­Webers Motivationsgründe zu be-
Zweifel am Genre souverän ignorierte: Familie, schreiben: «Die Leidenschaft zur modernen Wissen-
Epochenprägung, Sexualität, Krankheitsgeschichte, schaft läßt sich aus keinem großen Ziel, keinem
Sucht und Leidenschaft verwob Radkau zu einer höheren Sinn herleiten. Weber schwieg, wenn man
Lebenserzählung, die Webers intellektuellen Denk- ihn nach einem Lebenssinn der Wissenschaft
weg umso faszinierender machten, je klarer die Ab- fragte», man könne sich seinen Drang zur Wissen-
gründe erkennbar wurden, die Webers Psyche of- schaft eben nur «als einen naturhaften Trieb» vor-
fenbarte. Dass der von der Natur «vergewaltigte» stellen. Das mag aus philologisch-hermeneutischer
und später von Depressionen heimgesuchte Weber Sicht unbefriedigend bleiben, macht aber deutlich,
schließlich im Tunnel von Bruchsal mit Else Jaffé- dass sich besondere Begabung und wissenschaft-
Richthofen die erotische Erlösung fand, ist nur eine liche Leistungen – Verirrungen inklusive – eben
Pointe, auf welche die Weber-Orthodoxie Radkaus nicht auf rationale Gründe oder gute Absichten
Enthüllungsbuch zu reduzieren suchte. Zu Unrecht, ­zurückführen lassen. Erst recht nicht bei jeman-
denn Radkaus charakterologische Studie bietet weit dem, dessen «heroischer Skeptizismus» (so Ernst
mehr als Freudianismus und Psychohistorie. Man Troeltsch in seinem Nachruf) ihn dazu brachte, der
mag darüber streiten, ob das Ausleben masochisti- «Forderung des Tages» gerecht zu werden, die für
scher Phantasien zur finalen sexuellen Befreiung Weber bekanntlich lautete, dass «jeder den Dämon
Webers geführt hat, ob die Diagnose einer Schizo- findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden
phrenie wirklich stichhaltig oder ob der versteckte hält».
Naturalismus die geheime Triebfeder Weberschen Weil es Radkau gelang, Weber zu historisieren,
Denkens war. Die nur leicht überarbeitete Neuauf- sein psychisches Martyrium zu schildern, seine po-
lage von Radkaus Werk präsentiert sich aber nicht litischen Irrungen und Lernprozesse offenzulegen,

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Jens Hacke: Max Weber im Lichte neuer Biographen

ohne dass dieser Ausnahmegelehrte an Faszination ­ aesler selbst mit weit größerer Berechtigung zu.
K
einbüßte, durfte man gespannt sein, welche neuen Extensiv wird über alles Mögliche spekuliert. Sogar
Akzente die Biographien des Jubiläumsjahres von Webers Ableben wird mythisch gedeutet: «Es dürf-
Dirk Kaesler und Jürgen Kaube setzen würden. te kein Zufall sein, dass Max Weber gerade mal
­K aesler weckte besondere Erwartungen: Zum einen fünf Monate nach dem Tod seiner Mutter stirbt.»
hatte er sich seit Jahrzehnten mit Weber beschäf- Beckmesserisch könnte man Kaesler vorhalten,
tigt, zum anderen widmete er dem Konkurrenten dass es acht Monate waren, aber das ist dann auch
Radkau seinerzeit einen harschen doppelseitigen egal, denn insgesamt «gewinnt man den Eindruck,
Verriss im Spiegel. Kein kluger Schachzug. Dadurch dass er innerlich an sein Ende gekommen war». Zu-
senkt sich für jeden Rezensenten nun die Hemm- gleich realisierte Weber, «dass Else Jaffé die Liebe
schwelle, das Urteil über Kaeslers desaströs missra- seines Lebens war». Der «Muttersohn» folgte trotz-
tene Darstellung mit höflichen Floskeln zu kaschie- dem lebenssatt der Mama in den Tod? Solche auf
ren. Geschrieben sei das Buch, so Friedrich Wilhelm vielen Seiten ausgebreiteten Trivialitäten sind des-
Graf völlig zutreffend in der Süddeutschen Zeitung, wegen erwähnenswert, weil Kaeslers Buch den Le-
«in einem teils grausam unbeholfenen, teils pein- ser zwar mit Fakten erschlägt, aber vor allem in den
lich pathetischen Deutsch, das die Lektüre zu einer Werkdeutungen langatmig und oberflächlich bleibt.
Qual macht». Was Graf damit meint, wird schnell Die Identifikation mit dem Gegenstand führt bei
klar, wenn man das Buch an einer beliebigen Stelle Kaesler zur hagiographischen Umkreisung seines
aufschlägt. Gravitätisch und verschmockt ist stets Helden.
vom «Herrn Studiosus», «Herrn Doktor» oder Distanzlosigkeit ist Jürgen Kaubes abgeklärter,
«Herrn Professor» und fast durchgängig von «Max souverän komponierter Weber-Biographie gewiss
Weber jun.» die Rede; dauernd wird eine «Bühne nicht vorzuhalten. Mit der Könnerschaft eines pro-
bereitet», auf der vermeintlich bürgerliche Formen funden Wissenschaftsjournalisten arrangiert der
nachgespielt werden. Die Hälfte des Textes besteht FAZ-Redakteur Kaube Werk und Werdegang in fein
aus seitenlangen Zitaten, die zumeist Mariannes gearbeiteten, pointensicheren Kurzkapiteln. Als
«Lebensbild» entnommen sind. All dies geschieht, «Leben zwischen den Epochen» macht Kaube We-
weil der Autor keinen eigenen Erzählfaden außer- bers Erfahrungen von Ungleichzeitigkeiten und
halb der Chronologie, keine Leitmotive und keine Bruchlinien plausibel. Privat ging für Weber «alles
eigene Sprache findet, auf über 930 Textseiten aber zu langsam, gesellschaftlich alles zu schnell». Kau-
auf jeden Quellenbeleg verzichtet. Es ist in der Tat be arbeitet Webers epigonales Selbstverständnis he-
kaum ein Leser vorstellbar, der sich durch diese An- raus: Obwohl er sich emphatisch als Mitglied der
häufung von Fakten wühlt, ohne an der Unfähig- «bürgerlichen Klassen» bekannte, kam er nicht um-
keit des Autors zu verzweifeln, Wichtiges vom Irre- hin, «den Geist liberalen Bürgertums fast nur noch
levanten zu trennen. «Max Weber ist nicht unser in Erinnerungen an seine vergangene Größe reprä-
Zeitgenosse», für sein Leben gibt es «keinen Regis- sentiert» zu sehen. Eine vergangene Größe, von der
seur, aber viele Mitwirkende» – diese pompös ser- Weber materiell profitierte, aber an deren Maßstab
vierten Banalitäten sind enervierend. Zudem ist es seine eigene bürgerliche Existenz zu Lebzeiten un-
ein Ärgernis, dass Kaesler sich allzu häufig hinter heroisch wirkte: «kein Buch, keine Kinder, kein
dem Urteil anderer Weber-Interpreten verschanzt, Krieg, kein Vermögen, kein Einfluss».
anstatt zu eigenen Schlüssen zu kommen. In Webers Art, historisch zu denken, werden so-
Der gegen Radkau geäußerte Vorwurf, ein indis- ziale, wirtschaftliche und religiöse Ursprünge um-
kreter Schlüssellochhistoriker zu sein, trifft für so fremder, je besser man sie versteht. Das bedeutet

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Konzept & Kritik

für ihn, dass sich Gewissheit und «der unmittelbare ianismus, der alles in seine Systembeschreibungen
Glaube mittels Wissenschaft nicht zurückgewin- einbaut, ohne den Einfluss von Ideen und Hand-
nen» lassen. Weltanschauung kann weder letzte lungsoptionen noch berücksichtigen zu müssen.
Gründe noch normative Orientierung liefern, das Webers eher ereignisarmes Leben scheint – übri-
politische Urteil bleibt zweckgebunden, Interessen gens ohne tiefergehende Interpretationsdifferenzen
und Machtverhältnisse kalkulierend. Max Weber, – nach diesen drei umfassenden biographischen Ar-
das zeigt Kaube anschaulich, war ein okkasioneller beiten erschöpfend ausgeleuchtet. Alle Details zum
und reaktiver Denker, der anlassbezogen zu seinen Stammbaum und zur Inneneinrichtung findet man
wissenschaftlichen Arbeiten kam: die Struktur der bei Kaesler ohnehin. Radkau und Kaube blicken da-
ostelbischen Landwirtschaft, das Börsenwesen, die rüber hinaus zumindest kursorisch auf die Wir-
Lage der bürgerlichen Demokratie in Russland – kungsgeschichte – und es gibt wenig Anzeichen da-
kein Thema war vor ihm sicher. Die Dynamik der für, dass mit der Historisierung von Leben und
Moderne schlug sich in Ambivalenzerfahrungen Werk das Eigen- und Fortleben von Webers Ideen
nieder – «im Wachstum von Organisationen lauert erledigt wäre. Ein besonderer Reiz läge darin, bei-
seiner Meinung nach die Gefahr, dass die befrei- spielsweise entlang der Linien einer politiktheo­
ende Rationalität in ‹Versteinerung› umschlägt. retischen Rezeption Webers eine bundesrepubli­
Wie immer bei Weber: Das Gute ist zugleich das kanische Ideengeschichte zu entwerfen, zwischen
Schlechte.» Entscheidungstheorien und Sachzwanglogiken,
Dass ausgerechnet der systemtheoretisch ge- Kon­sens- und Konflikttheorien. Ähnliches gilt für
schulte Soziologe Kaube zum Biographen wird, die Anverwandlung einer Weberschen Diagnose der
setzt produktive Energien frei. Sein skeptischer Moderne innerhalb der posthistorisch orientierten
Blick auf Weber, der erst einmal respektlose Zu- und wirklichkeitsversessenen Soziologie, wie sie
griff, mit dem Kaube die Eigentümlichkeiten des vor allem in den Reihen der Leipziger Schule
Weberschen Denkens auseinanderfaltet, scheinen (Freyer, Gehlen, Schelsky) vertreten wurde. Auch
dem Autor seinen Protagonisten am Ende überra- die Debatte um Industriegesellschaft oder Spätka­
schend nahe zu bringen. Im Verzicht auf Geniekult pitalismus stand noch im Schatten Webers. Viele
und Pathos gerät auch Kaube in den Sog eines Denk- andere religionssoziologische oder wirtschaftsge-
stils, der als Reflexion in Permanenz das Wesen der schichtliche Nachgeschichten um Weber böten sich
modernen Welt zu entschlüsseln sucht – nicht mit an. Während für den privaten Weber im Geflecht
einer Großtheorie, sondern mit unermüdlichem Er- seiner Frauen, Krankheiten und Neurosen kaum
kenntniseifer, historisch und kulturell verglei- noch sensationelle Neuigkeiten zu erwarten sind,
chendem Blick, Entwicklung von Begriffen und Ka- lehren uns die Auseinandersetzungen mit und über
tegorien, mit der Bereitschaft zur Modifikation Weber bis heute, ob und wie weit wir uns von ihm
früherer Positionen. Womöglich ist Webers hero- entfernt haben. Das muss nicht immer Fortschritt
isches Scheitern bei dem Versuch, die moderne Ge- sein, schult aber nach wie vor die Bereitschaft, nach
sellschaft als Ganzes zu verstehen, intellektuell Weberschem Vorbild wissenschaftlich Rechen-
doch faszinierender als ein ausgekühlter Luhmann­ schaft abzulegen.

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