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Bundesregierung
Ost-Politiker fordern
mehr Nähe zu Moskau
für Sparer
Neue EZB-Führung
Düstere Aussichten
WOODSTOCK

Neun Tage,
veränderten
UND DIE MANSON-MORDE

die unsere Welt

Astronomie

enden wird
Wie die Milchstraße
Nr. 31 / 27.7.2019
Deutschland € 5,30
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SPIEGEL-Gespräch
Das deutsche Nachrichten-Magazin
live im Bucerius
Hausmitteilung
Kunst Forum
Betr.: Titel, Ruanda, Notre-Dame, SPIEGEL GESCHICHTE
Jüdisches
Vor 50 Jahren feierte die Hippiebewegung beim Leben in Deutschland
legendären Woodstock-Festival den Höhepunkt
einer bunten, wilden Zeit – in der sie, die Blumen-
kinder, die Gesellschaft verändert hatten. Philipp

© Georg Wamhof
Oehmke, Korrespondent in New York, hat für die
Titelgeschichte Männer und Frauen getroffen, die
damals dabei waren: Organisatoren, Musiker wie
Carlos Santana, Menschen, die den irren Mörder
Charles Manson und seine Jünger kannten, bis hin
zum Regisseur Quentin Tarantino, dessen neuer
Film von den Manson-Morden handelt. In einer
Oehmke, Santana in Kalifornien kalifornischen Kommune sprach Oehmke mit
Bewohnern, die überzeugt sind, dass nicht Wood-
stock, sondern die Manson-Psychose das wahre Vermächtnis der Hippies ist. »Bis
heute herrscht ein erbitterter Kampf um die Deutung dieser Ereignisse«, sagt Oehmke,
»war Woodstock ein Absturz ins Chaos oder die dreitägige Verwirklichung einer Uto-
pie?« Das Titelbild zeigt links die Schauspielerin Sharon Tate, prominentes Opfer
der Manson-Family, in der Mitte das berühmte Woodstock-Paar Bobbi und Nick Miriam Rürup
Ercoline und rechts die Musiker Janis Joplin und Jimi Hendrix. Seite 96

Fast 75 Jahre nach dem Horror des Holocaust


tritt Antisemitismus wieder verstärkt zutage.
Immer wenn Afrikakorrespondent Bartholomäus Grill nach Ruanda fährt, begleiten Wie kann das sein – wo wir doch so viel zu
ihn Schuldgefühle. Denn vor 25 Jahren hat er wie so viele Journalisten über den wissen meinen über die Verfolgungen der
Traum Afrikas berichtet – aber den furchtbarsten Albtraum in der postkolonialen Juden, zu denen es seit dem Mittelalter
Geschichte des Kontinents weitgehend ignoriert: den Völkermord, der in dem kleinen immer wieder kam, über Ausgrenzung und
zentralafrikanischen Land geschah, während in Südafrika Nelson Mandela und das ihre schrecklichen Folgen? Helfen tiefere
Ende der Apartheid gefeiert wurden. »Es war das größte Versagen in meinen 30 Jahren
Einblicke in die deutsch-jüdische Vergangen-
in Afrika«, sagt Grill. In diesem Heft beschreibt er, wie deutsche Restauratorinnen in
heit gegen Vorurteile? Antworten gibt die
der Genozid-Gedenkstätte Murambi mit modernen Methoden die Überreste
Historikerin Prof. Dr. Miriam Rürup,
damaliger Opfer konservieren. Seite 83
Direktorin des Instituts für die Geschichte
der deutschen Juden in Hamburg, im
Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteuren
Als bislang einzige deutsche Journalistin durfte Frank- Joachim Mohr und Eva-Maria Schnurr.
reichkorrespondentin Britta Sandberg die Baustelle
von Notre-Dame besuchen – in Sicherheitsschuhen Mittwoch, 31. Juli 2019, 20 Uhr
und einem wasserfesten Overall, der vor Blei schüt-
zen soll, das durch den Brand des Kirchendachs frei- Bucerius Kunst Forum
gesetzt wurde. Um den Wiederaufbau der Kathedrale Alter Wall 12, 20457 Hamburg
ist inzwischen eine heftige Diskussion entstanden.
Insbesondere um die Rekonstruktion des eingestürz- Tickets sind im Bucerius Kunst Forum und an allen
bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.
ten neugotischen Vierungsturms auf dem Dach – soll-
Die Eintrittskarte (10 Euro/8 Euro zzgl. Gebühren)
te man ihn aus Glas wiederauferstehen lassen oder berechtigt am Veranstaltungstag zum Besuch der
dem historischen Vorbild entsprechend? Sandberg, Ausstellung »Here We Are Today. Das Bild der Welt in
der Moderne sonst nicht abgeneigt, ist für Letzteres: Foto- & Videokunst« (7. Juni bis 29. September 2019).
»Es gibt genügend andere Optionen beim Wiederauf-
bau, wo zeitgenössische Architektur einen Platz be- Die Ausstellung ist am Veranstaltungsabend von
kommen könnte.« Seite 108 Sandberg in Paris 19 bis 19.45 Uhr exklusiv für Veranstaltungsgäste
geöffnet. Änderungen vorbehalten.

Seit mehr als 1500 Jahren prägen Juden die deutsche Geschichte.
Doch Hass und Gewalt zerstörten immer wieder das Miteinander,
vom Mittelalter bis zum Holocaust. SPIEGEL GESCHICHTE be-
schreibt in seiner neuen Ausgabe »Jüdisches Leben« die wechsel-
hafte Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland,
erklärt, wie Jiddisch zur Weltsprache wurde, und lässt Holocaust-
Überlebende erzählen, die Deutschland – trotz allem – nie verlas-
sen haben. Das Heft erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 3


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 31 | 27. Juli 2019

Titel Adel Die Justiz muss klären,


welche Rolle die Hohenzollern
Zeitgeist Der Sommer von im »Dritten Reich« spielten 28
Woodstock veränderte
die Welt – und prägt sie bis Bayern Grenzregion
heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 zu Österreich ächzt unter
dem Verkehrschaos . . . . . . . . . 30

Deutschland Schicksale Warum ein Vater


nicht zur Beerdigung seines
Leitartikel Deutschland Sohns in die USA reisen darf 32

MIKHAIL KLIMENTYEV / TASS / SIPA USA / DDP IMAGES


sollte den Briten in der Straße
von Hormus helfen . . . . . . . . . . 6 Behörden Die Polizei tut sich
schwer damit, Fehler ihrer
Meinung Der gesunde Beamten aufzuarbeiten . . . . . 33
Menschenverstand / So
gesehen: Warum Scham eine Internet Ein Staatsanwalt
gute Sache ist . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 ermittelt gegen Menschen,
die im Netz hetzen . . . . . . . . . . 34
Stoltenberg sieht INF vor dem
Aus / Grüner will Verkehrs- Gastronomie Wirte versuchen
minister Scheuer verklagen / zu verhindern, dass Berichte
GroKo-Kurs der SPD . . . . . . . . 10 der Lebensmittelkontrolleure
verbreitet werden . . . . . . . . . . . 37
Außenpolitik Im ostdeutschen
Wahlkampf entdecken
Wettlauf nach Moskau
CDU-Politiker ihre Liebe zu Kanzlerin Merkels kritische Haltung gegenüber Gesellschaft
Russland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Russlands Präsident Putin ist vor allem in Früher war alles schlechter:
Finanzen Der künftigen EU- Ostdeutschland nicht populär. Im Wahlkampf Masernimpfung bei Kindern
Kommissionschefin Ursula fordern dort jetzt immer mehr Politiker weltweit / Wer braucht öffent-
von der Leyen fehlt das Geld ein Ende der Sanktionen gegen Moskau – auch liche Trauerfeiern? . . . . . . . . . . 38
für ihre Projekte . . . . . . . . . . . . 15
aus Angst vor der AfD. Seite 12 Eine Meldung und ihre
Parteien Die Jungen Liberalen Geschichte Weshalb ein Vogel-
wenden sich gegen FDP-Chef stimmenimitator nicht mehr das
Christian Lindner . . . . . . . . . . . 16 Gespräch mit Vögeln sucht 39

Rente Sozialminister Hubertus Ideologien In Russland werden


Heil will Selbstständige landesweit Stalin-Denkmäler
vor Altersarmut schützen . . . 17 enthüllt – warum sehnen
NICOLÓ LANFRANCHI / DER SPIEGEL

sich Menschen nach einem


Arbeitswelt Vor Gericht – sind Diktator? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Crowdworker Selbstständige
oder Angestellte? . . . . . . . . . . . 18 Homestory Über ein Leben
als Lärmblockwart . . . . . . . . . . 45
Europa Der einzige Abge-
ordnete der Volt-Partei lernt
die Realpolitik kennen . . . . . . 20 Wirtschaft

Rassismus Täter von Wächters- Fluch des Goldes Ikea nimmt Bambusbecher aus
bach bewegte sich in einer dem Sortiment / Verbraucher
rechten Parallelwelt . . . . . . . . . 22 Venezuelas Regime kann wegen der Sanktionen unterschätzen Risiken beim
kaum noch Öl verkaufen – deshalb braucht Goldkauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Bewegungen Wie die »Fridays
for Future«-Aktivisten sich
es zum Überleben das Gold, das in den Siedlungs- Zinsen Die EZB setzt unter
organisieren – und vor welchen gebieten der Ureinwohner liegt. Die Folge sind Christine Lagarde die Politik
Problemen sie stehen . . . . . . . 24 Kämpfe, Gemetzel und Vertreibungen. Seite 72 des billigen Geldes fort . . . . . 48

4 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Marken Ben Cohen, Gründer Weltall Astronomen
von Ben & Jerry’s, über ergründen die Geschichte
Anti-Trump-Eis und seine Rolle der Galaxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
als linker Unternehmer . . . . . 52
Archäologie Deutsche Mumien-
Konzerne Gegen Ende seiner expertinnen konservieren
Amtszeit wird Siemens-Chef die Körper von Opfern des
Kaeser auf Twitter mutig . . . 54 Genozids in Ruanda . . . . . . . . 83

Nachhaltig leben (III) Max Medizin In Gießen eröffnen


Deml ist der Pionier Ärzte ein einzigartiges
der grünen Geldanlage . . . . . 56 Zentrum für Kinder mit
seltenen Erkrankungen . . . . . 86
Dating Tinder will nicht mehr
bloß eine Kuppel-App sein 58 Geschichte War der Alte Fritz
viel hässlicher, als ihn
Start-ups Deutschlands jüngster Porträtisten damals malten? 88

JOHN THYS / AFP


Gründer führt seine Firma
zusammen mit seiner Oma 59
Sport

Ausland Todesfälle im Boxen /


Erbin der Notenpresse Magische Momente: Volley-
Spaniens Premier Pedro ballerin Lenka Dürr über
Sánchez scheitert bei Koalitions-
Die Europäische Zentralbank will die Geldpolitik ihr emotionalstes Erlebnis
bildung / Homophobe weiter lockern. Selbst Kleinsparer müssen viel- mit ihrem Team . . . . . . . . . . . . . 89
Gewalt in Polen . . . . . . . . . . . . . 62 leicht bald Strafgebühren zahlen. Mit Christine
Lagarde rückt nun eine Ex-Politikerin an Fußball Wie Stuttgart, Ham-
Terrorismus Zehn Jahre burg und Hannover zurück in
die Spitze der EZB. Ist die Unabhängigkeit der
nach Beginn der Rebellion von die Bundesliga wollen . . . . . . 90
Boko Haram in Nigeria Notenbank in Gefahr? Seite 48
sind die Regierungen der Sommermärchen Staatsanwälte
Region hilflos . . . . . . . . . . . . . . . 64 sehen Franz Beckenbauer als
möglichen Anstifter . . . . . . . . 92
USA Warum Trump nach Notre-Dame ganz modern?
einem Auftritt von
Sonderermittler Mueller Drei Monate nach dem verheerenden Brand der Kultur
noch fester im Sattel sitzt . . . 68 Kathedrale streiten die Franzosen über den
Benjamin Blümchen im Kino /
Analyse Der neue britische
Wiederaufbau. Präsident Macron wünscht sich Goncourt-Preisträger
Premier Boris Johnson bereitet eine neue Architektur – doch viele andere Nicolas Mathieu / Kolumne:
die nächste Wahl vor . . . . . . . . 70 wollen, dass alles so wird, wie es war. Seite 108 Zur Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

Türkei Ankara schiebt Literatur Brigitte Kronauer


syrische Flüchtlinge ins hinterlässt ein schillerndes
Kriegsgebiet ab . . . . . . . . . . . . . . 71 Erzählkunstwerk . . . . . . . . . . 106

Venezuela Wie das Kulturerbe Die Franzosen strei-


Maduro-Regime auf ten sich: Wie soll Notre-Dame
der Jagd nach Gold wiederaufgebaut werden? 108
gegen Indigene vorgeht . . . . . 72
Hip-Hop Der Wiener Rapper
NASA / JPL-CALTECH

Irak Junge Menschen nehmen Money Boy treibt die


den Wiederaufbau von Klischees auf die Spitze . . . 112
Mossul selbst in die Hand . . . 76
Literaturkritik Ocean Vuong
erzählt von einer Jugend als
Wissenschaft schwuler Außenseiter . . . . . . 115
Auf Kollisionskurs
Neue Fotosoftware verpasst
schwarzen und asiatischen Sternenwanderungen und Galaxien-Crashs: Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
Gesichtern die Züge Weißer / Astronomen erforschen die wilde Geschichte Impressum, Leserservice . . . 116
Wie der Mensch Tiere und sich Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
selbst zähmte / Einwurf: Boris
der Milchstraße. Aus Daten des Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Johnson als Modellorganismus Weltraumteleskops »Gaia« können sie auch Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
der Mobbingforschung . . . . . . 78 schließen, wie alles enden wird. Seite 80 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 122

Titelbild Fotos: Michael Ochs Archives / Getty Images (2); Henry Diltz / Corbis / Getty Images; Archive Photos / Getty Images 5
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Wann, wenn nicht jetzt?


Leitartikel Deutschland sollte sich an einer europäischen Militärmission im Persischen Golf beteiligen.

A
m 31. Mai 2010 trat, vollkommen überraschend, davon, international nicht mehr nur an der Seitenlinie
ein deutscher Bundespräsident zurück. Er hatte stehen zu wollen. Worauf wartet Berlin noch? Wann,
sich über mögliche Einsätze der Bundeswehr geäu- wenn nicht jetzt?
ßert und dem Sturm der Entrüstung daraufhin Schließlich ginge es bei diesem Einsatz nicht darum,
nicht standgehalten. »Im Notfall«, hatte Horst Köhler unter irgendeinem Vorwand ein missliebiges Regime
damals gesagt, könne auch ein militärischer Einsatz not- zu stürzen, es ginge nicht um Nation-Building oder ein ähn-
wendig sein, »um unsere Interessen zu wahren, zum Bei- liches Jahrhundertprojekt. Hier sollen Geleitschiffe in inter-
spiel freie Handelswege«. nationalen Gewässern internationales Recht schützen.
Mehr als neun Jahre später erscheinen Köhlers Über- Denn Iran benutzt das weltwirtschaftlich wichtige Nadel-
legungen fast prophetisch. Denn seit Anfang der Woche öhr der Straße von Hormus für seine asymmetrische Krieg-
liegt in Berlin die Bitte der britischen Regierung vor, zum führung. Der Vorteil der britischen Initiative liegt nun gera-
Schutz von Handelsschiffen im Persischen Golf eine euro- de darin, dass sie sich an die Europäer richtet.
päische Marinemission zu Es wäre nämlich falsch,
entsenden. Ein Militärein- jetzt gemeinsam mit den
satz der Bundeswehr im USA zu agieren, die den
Zentrum des gefährlichsten Konflikt mit Iran seit Mai
Konflikts der Welt, ausge- 2018 mutwillig eskaliert ha-
rechnet in jener waffenstar- ben. Man muss es schon
renden Region zwischen noch einmal sagen: Im Atom-
Syrien und dem Jemen, in streit ist Iran im Recht, Tehe-
der gerade der Streit zwi- ran hat sich nach Trumps
schen Iran und den USA Ausstieg mehr als ein Jahr
eskaliert? So ist es. Genau lang weiterhin an alle Verein-
dort wird Europa jetzt barungen des Atomvertrags
MORTEZA AKHOUNDI / XINHUA / DPA

gebraucht. Frankreich und gehalten, und die Europäer


einige weitere europäische haben viel zu wenig getan,
Staaten haben signalisiert, um Iran zu unterstützen. Die
dass sie bereit sind, sich an Iraner erheben zu Recht
einem Einsatz zu beteiligen. Anspruch auf die wirtschaft-
Wenn die Mission zustande lichen Vorteile, die sie sich
kommt, sollte Berlin eben- Festgesetzter britischer Tanker in der Straße von Hormus vom Verzicht auf ihr Atom-
falls mitmachen. programm erhofft haben.
Sicher, die Gefahren eines Das rechtfertigt aber
solchen Einsatzes wären nicht ein völkerrechtswidri-
beträchtlich: Schlimmstenfalls könnten Europa und damit ges Vorgehen gegen die freie Seeschifffahrt. Zwar hat Lon-
die Bundeswehr in einen militärischen Konflikt mit Iran don die iranische Aktion provoziert, indem es, möglicher-
hineingezogen werden. Schließlich müsste die Mission, weise ebenfalls völkerrechtswidrig, einen iranischen Tan-
wenn sie glaubhaft sein soll, als letztes Mittel Gewalt an- ker in der Straße von Gibraltar stoppte. Trotzdem ist das
wenden, um die Schifffahrt in der Straße von Hormus britische Anliegen legitim, zumal London sich zugleich
zu sichern. Zudem kommt der Vorschlag von einem Verbün- explizit gegen die amerikanische Politik des »maximalen
deten, der sich gerade anschickt, notfalls im Streit aus der Drucks« und hinter das Atomabkommen gestellt hat. Bes-
EU auszutreten, angeführt von dem Politscharlatan Boris ser, die Europäer übernehmen diese heikle Mission als die
Johnson, der ein sehr fragwürdiges Verständnis von Wahr- USA. Und: Der Geleitschutz wäre ein Signal an die Briten,
heit pflegt, der noch dazu darauf setzt, sich mit Donald dass man trotz Brexit zum Vereinigten Königreich steht
Trump gegen den Rest Europas zu verbünden. All das und nicht die erste Chance für eine Retourkutsche nutzt.
macht die Sache nicht gerade einfacher. Gefährlich wäre es allerdings, wenn Iran sich noch mehr
Trotzdem wäre es ein Fehler, wenn Deutschland sich in die Enge getrieben sähe. Deshalb müsste eine Marine-
ein weiteres Mal hinter der Kultur der militärischen mission von einer massiven diplomatischen Initiative be-
Zurückhaltung verschanzen würde. Mehr als ein Viertel- gleitet sein, von Ministerbesuchen, Telefonaten der Kanzle-
jahrhundert nach dem ersten bewaffneten Einsatz der rin mit Irans Präsident Hassan Rohani, Einladungen.
Bundeswehr kann Deutschland sich nicht mehr aus der Und Europa müsste es endlich schaffen, spürbare wirt-
Verantwortung stehlen. Die Bundesrepublik, zurzeit nicht schaftliche Entlastung für Iran zu bewerkstelligen.
ständiges Mitglied im Uno-Sicherheitsrat, redet seit Jahren Christiane Hoffmann

6 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Meinung So gesehen

Schämt
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
euch!
Nationale Mettwurstpflicht … und redet drüber. Das
entlastet das Gewissen.
In zwei Leipziger Kinder- gewissermaßen die Zigarette unter den G Als ich gestern ein Päckchen aus
tagesstätten soll in Zu- Grundnahrungsmitteln. meinem Briefkasten nahm, war
kunft kein Schweine- Dummerweise leben die Rechts- zufällig ein Freund zu Besuch. Er sah
fleisch mehr serviert populisten in Deutschland ernährungs- mich vorwurfsvoll an: Was, du
werden. »Aus Respekt technisch hinter dem Mond. Sollte bestellst bei Amazon? Sofort erlitt
gegenüber einer sich verän- die AfD eines Tages das Sagen haben, ich einen schweren Anfall von
dernden Welt«, schrieb die droht uns eine bundesweite Leber-, Amazon-Scham (die Arbeitsbedin-
Kitaleitung. Gemeint war vermutlich, Tee- und Mettwurstpflicht. Damit wäre gungen), verstärkt durch Bestell-
dass es heutzutage selbst in sächsi- das Überleben deutscher Fressgewohn- scham (die CO -Bilanz). Beim
²
schen Kitas den einen oder anderen heiten zwar fürs Erste gesichert. Lang- Abendessen kämpfte ich – meine
Muslim gibt. Die Änderung im Speise- fristig würde sich das deutsche Volk Tochter ist Veganerin, der Freund
plan (bei 2 von knapp 60 000 Kitas in aber ums Überleben futtern. Oder, um bestellte Tofu – gegen akute Fleisch-
Deutschland) war der »Bild«-Zeitung es mit den Worten eines besonders scham, beim Frühstück leide ich neu-
eine intensive Berichterstattung wert. besorgten Bürgers und früheren Berli- erdings unter Milchscham. Verstärkt
Vertreter der AfD und andere besorgte ner Finanzsenators zu sagen: sich
Rumpelwichte gerieten darüber in abschaffen.
Erregung. Nach dem Motto: Wer heute In Sachen Volksgesundheit waren
nicht fürs Schwein kämpft, genießt die Nazis übrigens weiter. Also die
schon bald Scharia statt Schnitzel. Die echten. Die von früher. Sie starteten
Verbotsentscheidung wurde wegen schon damals Kampagnen gegen das
der Empörung vorübergehend »aus- Rauchen. Und Adolf Hitler posierte
gesetzt«. mit Joseph Goebbels auf einem Foto,
Lässt man den Gottes- und Kultur- mit dem das »Tausendjährige Reich«
kram mal beiseite und betrachtet die für den bratenfreien Sonntag warb. An
Sache ökotrophologisch, hatten die dem sollte das Volk einen guten deut-
Kitas natürlich das Richtige vor. Ernäh- schen Eintopf essen. treten zudem Tankscham und
rungswissenschaftlich zählt Schweine- Hätte es damals schon die FDP oder Schreibscham (die CO -Bilanz mei-
²
fleisch nicht gerade zu den gesündes- »Bild« gegeben, wäre die NSDAP früh nes Computers) auf, dazu Kinder-
ten Lebensmitteln – imagemäßig ran- als Verbotspartei entlarvt worden. Und scham (CO -Bilanz meiner Töchter).
²
giert es fast schon auf dem Niveau von der Welt wäre einiges erspart geblieben. In der Summe kann man inzwischen
Kartoffelchips und Gummibärchen schon fast von einer allgemeinen
(die die Kita wegen der Gelatine auch An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen Lebensscham sprechen (wenn es
streichen wollte). Das Schwein ist und Alexander Neubacher im Wechsel. mich nicht gäbe, wäre das besser für
Deutschlands CO -Bilanz).
²
Das hört sich schlimm an, ist
aber eigentlich ganz komfortabel.
Scham ist ja nichts Negatives, im
Gegenteil: Scham zeigt, dass man
ein Gewissen hat. Wer sich schämt,
hat moralische Maßstäbe, weiß,
was gut und böse, was klimafreund-
lich und was klimaschädlich ist.
Das wirklich Angenehme an
Scham ist, dass man über sie spre-
chen kann. Das entlastet total.
Während man lauter Dinge tut, die
man nicht tun sollte – und das auch
weiß –, kann man die ganze Zeit
darüber reden, wie sehr man sich
schämt. Das verbindet mit allen
anderen, die diese Dinge auch tun
und sich ebenfalls schämen. Seitdem
wir über unsere Scham sprechen,
haben wir das Gefühl, schon einiges
für das Klima getan zu haben.
Christiane Hoffmann

8 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


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JONATHAN NACKSTRAND / AFP


Stoltenberg mit Scharfschützengewehr bei einer Nato-Übung in Norwegen

Russische Raketen

In wenigen Minuten bis Berlin


Der Generalsekretär der Nato mahnt zur Vorbereitung auf das Ende des INF-Vertrags.
 Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg fordert von den Eine Einschätzung, die von allen 29 Nato-Ländern geteilt
Mitgliedern der Allianz, sich auf ein Ende des INF-Vertrags werde, wie der Generalsekretär sagt: »Mehrere Verbündete
zum Verbot landgestützter Mittelstreckenwaffen vorzuberei- haben die Untersuchungsergebnisse der Vereinigten Staaten
ten. »Leider haben wir keine Signale dafür gesehen, dass unabhängig bestätigt.« Die neuen russischen Waffen seien
Russland gewillt ist, seine internationalen Verpflichtungen »mobil, schwer zu finden und könnten europäische Städte
im Rahmen des INF-Vertrags zu erfüllen«, sagt Stoltenberg. wie Berlin binnen Minuten erreichen«. Die USA hatten
»Wenn Russland dies nicht bis zum 2. August tut, stirbt der den Vertrag Anfang Februar mit Blick auf die russischen
Vertrag«, prophezeit der Norweger. Der 1987 von Michail Verstöße gekündigt. Stoltenberg sagt, die Nato werde auf
Gorbatschow und Ronald Reagan unterzeichnete Vertrag ist das Ende des Vertrags »angemessen« reagieren. Eine
eines der wichtigsten Abrüstungsabkommen. Auf seiner Stationierung neuer landgestützter nuklearer Mittelstrecken-
Grundlage sind fast 3000 Raketen und Marschflugkörper systeme in Europa sei nicht geplant. Stattdessen diskutierten
zerstört worden. Die USA bemängeln seit geraumer Zeit, die Nato-Verteidigungsminister bei ihrem Treffen im
dass Russland durch die Produktion und Stationierung des Juni beispielsweise über verbesserte Raketenabwehrsysteme
Marschflugkörpers SSC-8 gegen das Abkommen verstoße. und mehr Aufklärung. MP

Sicherheit aufbaut, indem sie Europol weiterentwi- lysen. Bei der Strafverfolgung ist sie auf die
Europäisches FBI? ckelt«, so Fiedler. »Das ist für die Sicherheit
der Bürgerinnen und Bürger von essen-
Polizei und Staatsanwaltschaften der Mit-
gliedstaaten der EU angewiesen. Auf eine
 Der Vorsitzende des Bundes Deutscher zieller Bedeutung.« Europol müsse als Ausweitung der Kompetenzen konnten
Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, fordert Polizeibehörde der EU mehr Kompetenzen sich die EU-Staaten bislang nicht verständi-
von der neuen EU-Kommissionspräsiden- erhalten, etwa um Cyberkriminelle nach gen. Fiedler warnt zudem davor, dass bei
tin die Stärkung der europäischen Sicher- Absprache mit einzelnen Ländern selbst zu Europol »etwa 10 Prozent der Stellen« weg-
heitsbehörden. »Ich erwarte, dass Ursula verhaften. Bislang sammelt die Behörde fallen sollen. Angesichts der Terrorismus-
von der Leyen jetzt ein europäisches FBI primär Daten und erstellt Bedrohungsana- gefahr sei dies nicht zu verantworten. TIK

10
Maut Regierung
Grünenpolitiker will Schicksalstag der GroKo?
Scheuer verklagen  Eine Entscheidung über die Zukunft
der Großen Koalition rückt näher. Die
 Verkehrsminister Andreas Scheuer SPD-Führung will am 19. August ihren
(CSU) droht weiterer Rechtsstreit. Der Kurs bei der sogenannten Revisions-

JAN WOITAS / DPA


verkehrspolitische Sprecher der Grünen, klausel festlegen, die als Sollbruchstelle
Stephan Kühn, will den Minister ver- der Regierung gilt. Um die Kritiker von
klagen, wenn er die Verträge zu den Schwarz-Rot zu besänftigen, hatten
geplatzten Mautplänen nicht vollständig Union und SPD im Koalitionsvertrag
und frei einsehen darf. Vergangene Woche Mautbrücke auf der A 9 in Sachsen-Anhalt vereinbart, ihre Arbeit zur Halbzeit zu
hatte das Ministerium Kühns Antrag auf evaluieren. Viele Sozialdemokraten
Einsicht nach dem Informationsfreiheits- der juristisch hochkomplexen Verträge interpretieren die Klausel inzwischen
gesetz nach sechs Monaten abgelehnt. hinzuziehen und nach der Lektüre mit nie- weiter: Die einen wollen die Zwischen-
Kühn hat Widerspruch gegen die Entschei- mandem über die geheimen Verträge spre- bilanz für einen Neustart der GroKo
dung des Ministeriums eingelegt. Bislang chen«, klagt Kühn. Scheuers PR-Aktion nutzen, die anderen möglicherweise für
kann der Grüne nur den Teil der Verträge im Verkehrsausschuss vergangenen Mitt- deren Ende. »Das kann keine rein buch-
einsehen, den die Behörde vergangene woch, als er 21 Aktenordner auf einem halterische Bilanzierung werden«,
Woche plötzlich online gestellt hatte. Wägelchen mitbrachte, helfe nicht weiter. mahnt SPD-Vize Ralf Stegner: »Wir
Zudem ist ihm gestattet, die Verträge in Schließlich seien Teile dieser Akten noch müssen die für uns wesentlichen Punkte
der Geheimschutzstelle des Bundestags unter Verschluss, zudem habe das Ministe- identifizieren und klären, ob sie in die-
einzusehen. »Tatsächlich kann ich die Ver- rium die Unterlagen zuvor ausgewählt, so ser Koalition noch durchsetzbar sind
träge im Umfang von zehn Aktenordnern der Grüne. Das zeige einmal mehr, »dass oder nicht.« Nachdem die SPD-Spitze
zwar lesen, darf mir aber keinerlei Noti- ohne politischen Druck keine Aufklärung das Thema zuletzt vertagt hatte, soll nun
zen machen, keine Experten zur Analyse des Mautdesasters zu erwarten ist«. AKM Tempo gemacht werden. Man werde
das Verfahren mit dem Koalitionspart-
ner in den nächsten Wochen besprechen,
sagt der Interimsvorsitzende Thorsten
Humanitäre Hilfe den übernimmt ein kirchlicher Träger die Schäfer-Gümbel: »Klar ist, dass eine sol-
»Resettlement lernen« Kosten und stellt uns damit von finanziel- che Bilanz auch dem Parteitag vorgelegt
len Risiken frei. Wir kümmern uns allein wird.« Ein zweites Mitgliedervotum
Rüdiger Höcker, 68, Pfar- um die Integrationsarbeit. über die GroKo, wie es etwa der Genos-
rer im Ruhestand und SPIEGEL: Ist Integration nicht Aufgabe se Karl Lauterbach favorisiert, scheint
Koordinator einer Mento- des Staates? vom Tisch. Dafür fehle das Geld. VME
CORNELIA FISCHER

rengruppe in Minden, Höcker: Der Staat kann ohne Zivilgesell-


über das Pilotprojekt schaft keine Integration leisten. Beide Sei-
»Neustart im Team«, ten müssen Verantwortung übernehmen.
das 500 besonders schutz- Der Staat kann Rahmenbedingungen AfD
bedürftige Flüchtlinge nach Deutschland schaffen, etwa indem er die Menschen, Mann mit Vergangenheit
holen will die zu uns kommen, krankenversichert.
Aber zum Arzt begleiten wir sie. Wir wol-  Der nordrhein-westfälische Land-
SPIEGEL: Für Deutschlands neues staat- len im Pilotprojekt Erfahrungen sammeln, tagsabgeordnete Roger Beckamp (AfD)
lich-zivilgesellschaftliches Aufnahme- die wissenschaftlich ausgewertet werden. verteidigt seine Entscheidung, einen
programm haben sich seit Mai 25 Unter- SPIEGEL: Wie viele Geflüchtete wird Ihre persönlichen Referenten mit rechts-
stützergruppen gefunden. Sind Sie mit Gruppe aufnehmen? extremer Vergangenheit angestellt zu
dem Start zufrieden? Höcker: Wir haben uns bereit erklärt, haben. Sein neuer Mitarbeiter Markus
Höcker: Ja. 25 Unterstützergruppen eine Drei-Generationen-Familie zu über- Wiener war früher Vizechef der Bürger-
bedeuten deutlich mehr als 25 Flüchtlin- nehmen, bis zu neun Personen. Um diese bewegung »Pro Köln« und Vorsitzen-
ge. Eine Gruppe besteht aus fünf oder würden wir uns mit einem erweiterten der des nordrhein-westfälischen Lan-
mehr Helfern, die meist mehr als einen Unterstützerkreis von mehr als 25 Leuten desverbands von »Pro Deutschland«.
Flüchtling betreuen wollen. Wir müssen kümmern, darunter Dolmetscher, Kran- In einem Verfassungsschutzbericht von
alle erst lernen, was Resettlement bedeu- kenpfleger, Ärzte. Das Programm richtet 2016 heißt es, die Organisation würde
tet: Menschen aufnehmen, die bleiben sich ja an Geflüchtete, die besonders »rechtsextremistische Positionen«
werden. Das Bamf wählt aus der vom schutzbedürftig sind – etwa alleinerzie- vertreten und Migranten diffamieren.
UNHCR erstellten Liste die Menschen, hende Mütter oder Diabetiker. Laut »Pro Deutschland« löste sich 2017 auf,
die möglichst zu uns als Unterstützer pas- UNHCR trifft das momentan auf 1,4 Mil- »Pro Köln« ein Jahr später. Wieners
sen. Wir in Minden haben beispielsweise lionen Menschen in Flüchtlingslagern zu. Engagement dort sei »Vergangenheit«,
schon eine syrische Community, da bie- SPIEGEL: Soll das Projekt ein Gegenent- sagt Beckamp: »Das hat für mich keine
ten sich Bürgerkriegsflüchtlinge an. wurf zur Flüchtlingspolitik in Europa sein? Relevanz.« Dass die Pro-Bewegungen
SPIEGEL: Die Mentoren müssen eine Höcker: So manches, was in den vergange- auf der Unvereinbarkeitsliste der Bun-
Wohnung finden und zwei Jahreskalt- nen zwei Jahren passiert ist, hat mir schwer despartei für eine AfD-Mitgliedschaft
mieten vorfinanzieren. Überfordert das zu schaffen gemacht. Dass sich Grenzen stehen, ficht ihn nicht an. Wiener sei
nicht viele potenzielle Helfer? schließen, dass Menschen im Mittelmeer kein AfD-Mitglied, seine Mitarbeit für
Höcker: Da stimme ich Ihnen zu. Es müs- ertrinken, dass Europa nicht eine gemeinsa- einen Abgeordneten daher »kein Ver-
sen Lösungen gefunden werden, um die me Antwort auf diese Katastrophe findet – stoß gegen die Unvereinbarkeitsliste«,
Unterstützer zu entlasten. Bei uns in Min- ja, das müssen wir besser können. RED so Beckamp. LE

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 11


ALEXEY NIKOLSKY / AFP
Sachse Kretschmer, Gesprächspartner Putin in Sankt Petersburg: »Das Foto war für Kretschmer ein Coup«

Die Trophäe
Außenpolitik Beim Landtagswahlkampf im Osten wird Russland ein Schlüsselthema.
Führende Politiker verlangen mehr Milde gegenüber
Moskau. Das bringt sie auf Kollisionskurs mit der Regierung in Berlin.

12 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

A
m Dienstagabend haben sich Kommissionspräsidentin Ursula von der ändert.« Als Amthor vor einem Monat mit
etwa 300 Zuschauer im Ver- Leyen ihre harte Haltung gegenüber Russ- dem Ostbeauftragten der Bundesregierung,
anstaltungssaal der »Leipziger land sogar noch bekräftigt. dem Bundestagsabgeordneten Christian
Volkszeitung« versammelt. Es ist Doch für die Wahlkämpfer im Osten steht Hirte aus Thüringen, über die Insel Use-
brüllend heiß unter dem Glasdach des der Machterhalt auf dem Spiel. Sie wollen dom tourte, hätten die Bürger bei fast jeder
Verlagshauses, wo Sachsens Ministerprä- das Thema nicht der AfD und der Linkspar- Begegnung die Russlandpolitik angespro-
sident Michael Kretschmer (CDU) auf tei überlassen, die mit russlandfreundlichem chen, erzählt Amthor. Für einen CDU-
dem Podium einen Wahlkampftermin ab- Kurs auf Stimmenfang gehen. Der Auftritt Mann ist das keine leichte Situation.
solviert. Auf eine Wand im Saal ist die mit Putin ist für den sächsischen Minister- Russland ist das Thema, bei dem Amthor
Titelseite der Regionalzeitung vom 8. Juni präsidenten deshalb eine echte Trophäe. sich am weitesten von seinen Wählern ent-
projiziert, das Titelfoto zeigt den sächsi- »Das Foto war für Kretschmer ein Coup, der fernt fühlt. »So heimatverbunden ich auch
schen Regierungschef im Gespräch mit ihm möglicherweise entscheidende Prozent- bin, so schwer fällt es mir doch gelegentlich,
Russlands Präsidenten Wladimir Putin. punkte für die Landtagswahl bringen könn- mich mit der Stimmung meines Wahlkrei-
Gut einen Monat vor der sächsischen te«, sagt Matthias Platzeck, Vorsitzender ses in Sachen Russland zu identifizieren«,
Landtagswahl blickt der Ministerpräsident des Deutsch-Russischen Forums. sagt er. »Ich habe sicherheitspolitisch und
zufrieden auf das Treffen zurück. »Es kam Ohne viel eigenes Zutun spaltet Russ- emotional oft eine andere Position.«
dann sehr viel in Bewegung«, sagt er stolz. land damit die deutsche Politik. Mehr als Amthor kann das Problem entspannt
Putin empfing Kretschmer am Rande des einmal empfing Putin deutsche Minister- angehen: Derzeit muss er keine Wahlen
internationalen Wirtschaftsforums in präsidenten im Kreml, zu dem Bayern Ed- gewinnen, anders als die Parteifreunde in
Sankt Petersburg. Zuvor hatte der sächsi- mund Stoiber pflegt er ein freundschaft- Sachsen oder Thüringen. Allerdings gibt
sche CDU-Politiker gefordert, die EU- liches Verhältnis. Es dürften willkommene es in den ostdeutschen CDU-Landesver-
Wirtschaftssanktionen gegen Russland auf- Gelegenheiten für Moskau sein, der Kanz- bänden auch keine einheitliche Linie, wie
zuheben. Die anderen ostdeutschen Mi- lerin zu zeigen, dass ihr harter Kurs gegen man sich im Wahlkampf zu Russland stellt.
nisterpräsidenten hätten sich angeschlos- den Kreml sogar in Unionsreihen ernst zu Kretschmer hat sich offensichtlich für
sen, erinnert sich Kretschmer, »auch der nehmende Gegner hat. einen klaren Konfrontationskurs mit der
Kollege Weil aus Niedersachsen, die deut- Tatsächlich stellt Merkels Russland- Bundesregierung und der eigenen Partei-
sche Wirtschaft, viele Initiativen«. Und: politik ihre Partei in allen ostdeutschen spitze entschlossen. »Als deutscher Politi-
»Der Europarat hat Russland mittlerweile Ländern vor das gleiche Problem: Die kri- ker denke ich an die vielen Unternehmen
das Stimmrecht zurückgegeben.« Die Zu- tische Haltung der Kanzlerin gegenüber gerade in den neuen Bundesländern, die
hörer applaudieren. Moskau ist nicht populär. »Russland ist ein besonders hart von den Folgen der Sank-
Es ist ein leicht verdienter Applaus für Dauerthema in meinem Wahlkreis«, sagt tionspolitik getroffen werden«, sagt er. Ein
Kretschmer. Wenn im Landtagswahlkampf der mecklenburg-vorpommersche Bundes- bisschen »Germany first« schwingt zwi-
in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg tagsabgeordnete Philipp Amthor. »Daran schen seinen Zeilen mit. Schließlich sind
die Rede auf Russland kommt, hat die For- hat sich seit der Bundestagswahl nichts ge- für viele Ostdeutsche die Sanktionen nur
derung nach einem milderen Kurs ge- ein verkapptes Konjunkturpro-
genüber Moskau viele Befürworter. gramm für die US-Wirtschaft.
Das Verhältnis zu Russland be- Dass der Sachse gegen die Kanzle-
wegt die Deutschen. In Umfragen rin und die eigene Parteivorsitzende
spricht sich seit Jahren schon eine argumentiert, nimmt er in Kauf. »Ich
Mehrheit für eine Annäherung an weiß einen großen Teil der Deutschen
Wladimir Putins Reich aus, im Osten auf meiner Seite«, sagt er. »Dies ist
sind es drei Viertel. Dort will auch kein spezifisch ostdeutsches Thema.«
eine Mehrheit der Bürger ein Ende Doch Kretschmers Strategie ist
der Sanktionen, die 2014 nach der auch in der ostdeutschen CDU um-
völkerrechtswidrigen Annexion der stritten. Der thüringische Landeschef
Krim erlassen worden waren. Mike Mohring, der seine Partei im
Kein Wunder, dass sich die Minis- Oktober zum Sieg bei der Landtags-
terpräsidenten Bodo Ramelow in wahl führen will, verfolgt eine etwas
Thüringen (Linke) und Dietmar andere Linie. Zwar kann auch Moh-
Woidke in Brandenburg (SPD) beeil- ring nicht ignorieren, dass die Thü-
CUNEYT KARADAG / ANADOLU AGENCY / ABACAPRESS / DDP IMAGES

ten, sich Kretschmers Forderung an- ringer sich ein besseres Verhältnis zu
zuschließen. Auch ihre ostdeutschen Russland wünschen: »Ich spüre bei
Kollegen, die nicht im Wahlkampf den Bürgern eine große Erwartung«,
sind, Manuela Schwesig in Mecklen- sagt er. »Die Leute wollen, dass wei-
burg-Vorpommern (SPD) und Reiner ter mit Russland geredet wird.«
Haseloff in Sachsen-Anhalt (CDU), Doch einen öffentlichen Rich-
pflichteten Kretschmer bei. tungsstreit in der eigenen Parteispit-
Damit stellen sich die Ostregie- ze hält Mohring nicht für hilfreich.
rungschefs offen gegen die Russland- Seine Fraktion brachte schon 2017 ei-
politik der Großen Koalition unter nen Antrag in den Landtag ein, der
Kanzlerin Angela Merkel. Die Bun- Unterstützung und Kritik zugleich
desregierung ist entschlossen, die an der Bundesregierung wagte. In
Sanktionen erst zu lockern, wenn dem Text wird ein Ende der Sanktio-
die Vereinbarungen von Minsk er- nen gefordert – aber nur, wenn Russ-
füllt sind. In jüngster Zeit haben land die Bedingungen des Minsker
CDU-Parteichefin Annegret Kramp- Kanzlerin Merkel Abkommens erfüllt. Mit dieser Posi-
Karrenbauer und die neue EU- Richtungsstreit in den eigenen Reihen tion hatte es Mohring bislang ge-

13
schafft, die Russlandfrage politisch zu neu- tionen: »Das ist die klare Erwartung der
tralisieren. Dann kam Kretschmer. »Das Wirtschaft«, sagt er. Aber auch er macht
Thema ›Russland‹ spielt bei uns im Wahl- die Forderung davon abhängig, dass es
kampf bislang keine Rolle«, sagt Mohring. Fortschritte bei der Umsetzung des Mins-
Außer »wenn wir es dazu machen. Davon ker Abkommens gibt.
profitieren würden aber nur andere«. Im Gegensatz zu SPD und Union ist es
Auch Mohrings Parteifreund Amthor für die Grünen vergleichsweise einfach, sich
hält Russland für kein Gewinnerthema, zu positionieren. Weil sie im Bund seit Jah-
weder für die CDU noch für die Politik ren nicht regieren, lässt sich leicht eine klare
insgesamt. Trotzdem beobachtet er: »Die Haltung gegenüber Russland einnehmen,
SPD versucht im Osten massiv, mit dem die bisher nie einen Praxistest erdulden
Thema zu punkten.« musste. Außenpolitiker wie Cem Özdemir
Die Sozialdemokraten und Russland oder Marieluise Beck gehören zu den russ-
pflegen ein ganz eigenes Verhältnis, schon landkritischen Falken: gegen Putin, gegen

GENE GLOVER / AGENTUR FOCUS


aus historischen Gründen. Willy Brandt, die neue Ostseepipeline Nord Stream 2, für
die Ostpolitik, Wandel durch Annäherung Sanktionen. Einzig der Altgrüne Jürgen
– kaum etwas bestimmt das Selbstver- Trittin schlägt andere Töne an.
ständnis der Partei mehr als diese außen- Auch Parteichef Robert Habeck sieht kei-
politische Tradition. Das bekam Außen- nen Grund für Milde gegenüber Moskau.
minister Heiko Maas gleich zu Anfang »Die Sanktionen sind an die Umsetzung des
seiner Amtszeit zu spüren, als er sich mit Minsker Abkommens gebunden, und solan-
russlandkritischen Tönen von seinen Vor- CDU-Politiker Amthor ge das nicht erfolgt, müssen sie bleiben«,
gängern abzusetzen versuchte. »Emotional oft eine andere Position« sagt Habeck. »Es gibt mehr als Indizien, dass
Der Widerstand, angeführt von Schwe- Russland sich in die inneren Angelegenhei-
sig und Weil, war heftig. Der Außenminis- gibt sich für viele eine emotionale Bindung.« ten von Staaten einmischt. Da braucht es
ter musste einlenken. Doch der Spagat zwi- Ständig werde er auf Terminen darauf ange- auch eine klare Linie und klare Kante.«
schen der russlandkritischen Linie der Bun- sprochen, wie sich die Beziehungen zu Mos- Dass ein solcher Kurs den Grünen in
desregierung und der Russlandnähe vieler kau verbessen ließen. Meistens forderten Ostdeutschland schaden könnte, glaubt
Deutscher bleibt für die Sozialdemokraten die Leute, die Politik solle endlich westliche Habeck nicht. »Die Bündnis-90-Tradition
besonders anstrengend. Scheuklappen ablegen: »Bei einer Abstim- der ostdeutschen Grünen ist eine antiso-
Kaum jemand weiß das so gut wie der mung gäbe es zumeist wohl eine klare Mehr- zialistische. Da gibt es keine Russlandver-
SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese. heit für einen Stopp der Sanktionen.« klärung«, sagt er, »stattdessen ein feines
Seit knapp anderthalb Jahren ist der 36- Auch Woidke selbst findet, die Politik Gespür für Angriffe auf Freiheitsrechte
Jährige Russlandbeauftragter der Bundes- müsse sich mehr um Russland bemühen. und Populismus.«
regierung. Am Mittwoch dieser Woche Die harte Haltung, die EU-Kommissions- Noch macht die Bundesregierung keine
sitzt Wiese in seinem Büro, hinter ihm an chefin Ursula von der Leyen kürzlich for- Anstalten, dem Druck aus den Ländern
der Wand hängt ein Brandt-Plakat. Der derte, lehnt er ab. »Wir brauchen eine klare nachzugeben. Allerdings gab es zuletzt
Posten ist ein Balanceakt. Viele seiner Äu- Haltung, aber keine Härte. Und wir brau- erstmals wieder positive Signale im ver-
ßerungen würden danach beurteilt, ob er chen vor allem kein Öl im Feuer.« härteten Verhältnis zwischen Berlin und
nun Russlandversteher oder außenpoliti- Wenn Politiker in Brandenburg, Sachsen Moskau. Dass Wirtschaftsminister Peter
scher Falke sei. Dabei habe sich Wiese vor oder Thüringen ein Ende der Sanktionen Altmaier im Juni zum Wirtschaftsforum
seinem Amtsantritt noch nie auf dieses fordern, hat das auch ganz handfeste wirt- nach Sankt Petersburg anreiste, wurde als
außenpolitische Minenfeld begeben. Ihn schaftliche Gründe. Seit die EU diese Maß- Zeichen verstanden, dass die Isolation
nerve das »Schubladendenken« in der De- nahmen im Jahr 2014 verhängte, sind die Russlands seit der Ukrainekrise abnimmt.
batte: »Wenn man versucht, Russland zu Ausfuhren nach Russland in den drei Ost- Zuvor hatte sich Deutschland dafür ein-
verstehen, bedeutet das nicht, dass man ländern, in denen im Herbst gewählt wird, gesetzt, dass Russland wieder ein Stimm-
gleich einverstanden ist.« massiv zurückgegangen. 2013 war noch ein recht in der Parlamentarischen Versamm-
Der Sauerländer erlebt bun- gutes Jahr für die deutsch-russi- lung des Europarats erhält. Auch bei den
desweit ein großes Interesse an schen Wirtschaftsbeziehungen. Plänen für Visumserleichterungen für jun-
Russland. Aber natürlich sei im Erwünschter Danach brach der Export in ge Russen gibt es offenbar Fortschritte.
Osten Deutschlands die Nähe Partner Brandenburg bis 2018 um 24,3 Und am jährlich stattfindenden Peters-
zu Moskau historisch bedingt »Sollte Deutschland in Prozent ein, in Thüringen um burger Dialog nahmen Mitte Juli erstmals
stärker ausgeprägt. Dort hätten Zukunft mit Russland 21,5 Prozent – am heftigsten wieder die Außenminister beider Länder,
die Deutschen auch ein viel dif- mehr zusammen- aber traf es Sachsen. Zahlen der Maas und Lawrow, teil. Teilnehmer berich-
ferenzierteres Bild von Russ- arbeiten oder weniger?« Handelskammer Dresden zufol- ten von einer verbesserten Stimmung in
land als »manche knallharten ge exportierten sächsische Un- vielen Arbeitsgruppen, es habe wieder ein
Westlinken«. »mehr« ternehmen 2018 knapp 60 Pro- echter Dialog stattgefunden.
So sieht es auch sein Partei-
kollege Dietmar Woidke, der in 69% zent weniger als 2013.
Für die schwächere Wirt-
Auch der anfangs so kritische Außen-
minister Maas bemühte sich, das Treffen
diesen Tagen um den Erhalt sei- schaft in Ostdeutschland sind mit dem »lieben Sergej« möglichst harmo-
nes Ministerpräsidentenpostens die Sanktionen ein zusätzlicher nisch zu gestalten. »Ohne Moskau«,
in Brandenburg kämpft. »Viele Dämpfer, der die Region wert- schmeichelte Maas dem Russen, »werden
Menschen in Ostdeutschland ha- »weniger« volle Industriearbeitsplätze kos- wir die dringenden Fragen der Weltpolitik
ben eine persönliche Beziehung 23 % tet. Michael Harms, Geschäfts- nicht beantworten.«
zu Russland, pflegen Freund- Kantar Public für die führer des Ost-Ausschusses der Christiane Hoffmann, Timo Lehmann,
schaften und können die Spra- Körber-Stiftung deutschen Wirtschaft, fordert ei-
im September 2018; Veit Medick, Ralf Neukirch
che«, sagt Woidke, »daraus er- 1002 Befragte nen baldigen Abbau der Sank-

14 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

Aufbruch
Doch anders als bei der künftigen Kom- schen 2014 und 2020 rund 264 Milliarden
missionschefin ist das erste Ziel der Staats- Euro, also etwa 40 Prozent der Gelder der
und Regierungschefs nicht ein sozial ver- Europäischen Struktur- und Investitions-

ohne Kohle
träglicher Klimaschutz, mehr Erasmus-Sti- fonds, in Projekte fließen, die unter ande-
pendien oder die Garantie einer Kindheit rem den Ausstoß von CO senken sollen.
²
ohne Armut. Diese Versprechen können Die Vorhaben reichen von der Anschaf-
sich rasch auf mehr als 30 Milliarden Euro fung von 130 Elektrobussen in Warschau
Finanzen Die künftige EU- summieren, wie Experten von Haushalts- bis zum Ausbau der U-Bahn in Sofia.
Kommissionschefin Ursula von kommissar Günther Oettinger überschla- »Der Kampf gegen den Klimawandel
der Leyen verspricht viel – gen haben. Stattdessen wollen die Regie- wird in unseren Städten und Regionen ge-
rungschefs ihren Bürgern zeigen, dass wonnen und verloren«, sagt der Chef des
doch für ihre wichtigsten Projekte Brüssel auch mal sparen kann. Ausschusses der Regionen, Karl-Heinz
fehlt ihr bislang das Geld. Zahlen, die die finnische Ratspräsident- Lambertz. »Die Regionalfonds der EU
schaft derzeit in vertraulichen Gesprächen müssen daher gestärkt und nicht ge-
ventiliert, legen nahe, dass die EU künftig schwächt werden.«

N ein, an Ehrgeiz mangelt es Ursula


von der Leyen nicht. Schon in den
ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit
wolle sie ein Klimaschutzgesetz vorlegen,
nur noch 1,06 Prozent des EU-Brutto-
inlandsprodukts ausgeben kann. Das wä-
ren 1179 Milliarden Euro in sieben Jahren.
EU-Diplomaten gehen davon aus, dass der
Wichtiger noch: Von der Leyen muss
auch um ihren »Fonds für einen fairen
Übergang« bangen, nach Vorstellungen
des Europaparlaments etwa fünf Milliar-
sagte die künftige Kommissionspräsiden-
tin bei ihrer Bewerbungsrede in Straßburg.
In ihrem Programm verspricht sie nicht
weniger als einen »Grünen Deal für
Europa« im Kampf gegen den Klimawan-
del. Europa, so von der Leyens Verhei-
ßung, solle der »erste klimaneutrale Kon-
tinent« werden.
Das Problem ist nur, dass sich das Geld
für die hochfliegenden Pläne gar nicht so
einfach finden lässt. Für von der Leyens
Aufbruch ohne Kohle fehlt bislang das
Geld. Während sie selbst derzeit Antritts-
besuche in Paris, Warschau, Zagreb und

ULRICH HUFNAGEL / PICTURE ALLIANCE


Rom absolviert, machen die EU-Mitglied-
staaten bei einem Vorhaben Tempo, das
von der Leyens Bewegungsspielraum als
Kommissionschefin deutlich einengen
könnte – dem Budget für die Jahre 2021
bis 2027. »Deutschland wünschte eine kon-
krete Planung bis zum Europäischen Rat
im Oktober«, heißt es in dem internen Pro-
tokoll der Diskussion der zuständigen Mi-
nister und Staatssekretäre Mitte Juli. Im Europapolitikerin von der Leyen: Auch mal sparen
Oktober – dann ist von der Leyen offiziell
noch nicht mal im Amt.
Für von der Leyen ist das Ringen um erste Vorschlag fürs Budget nach der den Euro, die in Oettingers Entwürfen bis-
das künftige Budget einerseits heikel, denn Sommerpause noch geringer ausfallen lang überhaupt nicht enthalten sind. Mit
es droht ein Konflikt mit jenen Staats- und wird. Zum Vergleich: Der Entwurf von diesem neuen Geldtopf will von der Leyen
Regierungschefs, die sie soeben erst ein- Haushaltskommissar Oettinger sah noch nach Vorbild des deutschen Kohlekompro-
stimmig für den Posten nominiert haben. 1,11 Prozent vor. Finnische Diplomaten misses jenen Regionen vor allem Osteuro-
Andererseits kann sie dem Europaparla- wollen auf Anfrage keine Zahlen bestäti- pas helfen, die ein Ausstieg aus der Kohle-
ment zeigen, wie sehr sie für dessen Anlie- gen, betonen aber, Ziel sei es, einen Vor- verstromung hart treffen würde.
gen wie den Klimaschutz kämpft. schlag zu machen, der den Interessen aller Doch woher das Geld dafür kommen
Erwünschter Nebeneffekt: Die Grünen, EU-Länder gerecht werde. soll, ist, mal wieder, völlig offen. Selbst
die bei ihrer Wahl noch gegen von der Problematisch für von der Leyen ist da- Frankreichs Präsident Emmanuel Macron,
Leyen stimmten, könnten die Seite wech- bei, dass es vor allem bei den sogenannten sonst ein Fan von der Leyens, ist in diesem
seln und der künftigen Kommissions- Kohäsionsmitteln zu Kürzungen kommen Fall keine Hilfe. Bei der Visite der künfti-
chefin eine komfortablere Mehrheit ver- könnte, mit denen unter anderem Projekte gen Kommissionschefin im Élysée-Palast
schaffen. zum Klimaschutz finanziert werden. Be- lobte er am Dienstag die ambitionierten
Es geht um insgesamt mehr als eine Bil- reits Oettingers Vorschlag sieht hier Ein- Klimaprojekte der künftigen Kommissions-
lion Euro, mit der die EU ihren Bürger schnitte vor. In ihrer »Agenda für Europa« chefin zwar in den höchsten Tönen. Frank-
zeigen will, dass die Gemeinschaft bei der setzt von der Leyen indes genau auf diese reichs Vertreter im Rat hingegen machte
Beantwortung großer Fragen tatsächlich Mittel, »um den Regionen dabei zu helfen, ganz in der Tradition der Grande Nation
einen Mehrwert bietet. Mit dem Geld soll mit Wandel und Veränderung in unserer schon mal klar, wo auf keinen Fall gespart
etwa die Migrationskrise bewältigt werden, Welt mitzuhalten«. werden dürfe – bei den Agrarausgaben.
auch sollen die Europäer besser auf die Falsch ist das nicht. Berechnungen der Peter Müller
Digitalisierung vorbereitet werden. EU-Kommission zeigen, dass bereits zwi-

15
Deutschland

Mehr Öko
den aus drei Sitzen fünf. »Die Parteibasis und dumm geäußert zu den ›Fridays for
und die Gremien wurden nicht ausrei- Future‹-Protesten«, sagte er der ARD.
chend über Strategie und Kampagne in- »Ich hab es ganz leicht gemacht, unsere

wagen
formiert«, kritisieren die Jungen Libera- Position quasi ins Gegenteil zu ver-
len. In zukünftigen Europawahlkämpfen drehen.«
müsse es der FDP besser gelingen, eine Doch aus Sicht der Julis ist es mit einer
konsistente Vision für Europa zu zeichnen Entschuldigung nicht getan. Sie sehen bei
Parteien Die Jungen Liberalen und eigene Kernthemen im Wahlkampf der FDP nicht nur ein Kommunikations-
kritisieren den Umgang zu setzen. problem, sondern auch ein programmati-
von FDP-Chef Lindner mit der Zentraler Kritikpunkt ist der Umgang sches. Zwar finden sie es richtig, dass die
der Parteiführung mit der Klimabewegung. FDP-Führung die CO -Steuer der Grünen
Klimabewegung. ²
Lindner hatte die »Fridays for Future«-De- ablehnt und stattdessen das bestehende
monstranten mit dem Satz brüskiert, Kli- System des Emissionszertifikatehandels

W enn Christian Lindner in den ver-


gangenen Monaten parteiinterne
Kritik über sich las, kam sie fast
ausschließlich von einem Liberalen, der
mapolitik solle man »Profis« überlassen.
»Die gemeinsame politische Verantwor-
tung steht über persönlichen Geltungs-
ansprüchen und unabgestimmten Allein-
auf andere Sektoren wie Verkehr auswei-
ten will. Die Beschlüsse des FDP-Partei-
tags vom April gehen den Julis aber nicht
weit genug.
seine Karriere schon lange hinter sich hat. gängen«, kritisieren die Julis. Damit mag Sie fordern in ihrem Papier ein »Treib-
»Undeutlich, lebensfremd und kühl« sei nicht nur Lindner gemeint sein, sondern hauslimit«, also eine Grenze für den Aus-
die FDP geworden, so Gerhart Baum, auch manche Äußerung seines Stellvertre- stoß aller klimaschädlichen Treibhausgase.
86 Jahre alt, Bundesinnenminister von ters Wolfgang Kubicki. Aber das Lindner- Neben CO wären zum Beispiel Lachgas
²
1978 bis 1982. Dass sich außer Baum kaum Zitat hat der FDP nach Auffassung vieler und Methan betroffen. Das würde auto-
jemand mit Kritik an Lindners Kurs vor- Junger Liberaler sehr geschadet. matisch die Landwirtschaft einschließen.
wagte, machte es für den Parteichef ein- »Wir erwarten von Freien Demokraten Die Erlaubnis zum Ausstoß der Treibhaus-
fach, die Wortmeldungen als gestrig abzu- auf allen Ebenen einen empathischen Um- gase wollen die Jungliberalen über »han-
tun. »Das Urteil von Herrn Baum kennen gang mit gesellschaftlichen Bewegungen«, delbare Klimascheine« regeln. Zudem sol-
wir schon länger«, spottete Lindner im heißt es in dem Papier. Junge Menschen len, wenn es nach der FDP-Jugendorgani-
ARD-»Sommerinterview«, »er vertritt die- seien eine Kernzielgruppe der FDP und sation geht, nicht nur alle Sektoren und
se Meinung seit fast 40 Jahren.« verdienten eine andere Ansprache. Gera- Branchen einbezogen werden, sondern
Doch jetzt melden sich die Jungen zu de sie erwarteten »einen politischen Stil, auch sämtliche Importe.
Wort. Zwei Monate nach der Europawahl der auf persönliche Angriffe und Negative In der Parteispitze stößt das Papier auf
hat der Bundesvorstand der Jungen Libe- Campaigning verzichtet«, so die Autoren. ein geteiltes Echo. »Jeder konstruktive Bei-
ralen (Juli) zusammen mit den Landesvor- Zwar habe die FDP bei der Europawahl trag ist erst einmal wertvoll«, sagt FDP-
sitzenden eine schonungslose Analyse unter Jungwählern mit acht Prozent besser Generalsekretärin Linda Teuteberg. »In
vorgelegt. »Dem Anspruch einer empathi- abgeschnitten als beim Rest der Bevölke- der Sache teile ich jedoch nicht alle Bewer-
schen Zukunftspartei sind die Freien rung, sagt Juli-Chefin Ria Schröder. »Aber tungen der Jungen Liberalen.« Trotzdem
Demokraten im Europawahlkampf 2019 wenn die FDP in der Klimapolitik souve- gebe sich die Partei mit dem Ergebnis der
nicht gerecht geworden«, heißt es in dem räner und optimistischer aufgetreten wäre, EU-Wahl nicht zufrieden. »Wir haben Ver-
Papier, das dem SPIEGEL vorliegt. hätten wir bei den jungen Wählern noch besserungspotenzial ausgemacht und wer-
Eine umfassende parteiinterne Auf- mehr gepunktet.« den weiter daran arbeiten«, so Teuteberg.
arbeitung des Wahlergebnisses hat es bis- Lindner betrachtet sein verunglücktes Der FDP gehe es darum zu zeigen, dass
lang nicht gegeben. »Mindestens verdrei- »Profi«-Zitat mittlerweile selbst als größ- sich Klimaschutz und Wirtschaftswachs-
fachen« wollte FDP-Chef Lindner die ten Fehler der vergangenen Monate. »Ich tum nicht ausschlössen.
Zahl der Sitze in Straßburg. Am Ende wur- hab mich leider sehr missverständlich Der klimapolitische Sprecher der FDP-
Bundestagsfraktion, Lukas Köhler, be-
grüßt das Papier. »Es ist gut, dass die Julis
mit ihren Ideen vorangehen«, sagt Köhler.
»Wir brauchen diese Diskussion, um die
FDP in der Öffentlichkeit als Klimaschutz-
partei zu profilieren.«
Die Forderung von CDU-Chefin Anne-
gret Kramp-Karrenbauer nach einem Kli-
makonsens unterstützt die FDP-Jugend-
organisation. »Natürlich sind wir davon
überzeugt, dass wir die besten Ideen für
den Klimaschutz haben«, sagt Juli-Chefin
Schröder. »Aber wenn in einem Klima-
konsens mit den anderen Parteien am
Ende ein Kompromiss herauskommt, der
auf andere Weise die Erreichung der Kli-
maziele sicherstellt, wäre es nicht klug,
MICHAEL KAPPELER / DPA

ideologisch auf die Maximalforderung un-


serer Instrumente zu beharren.«
Das Wichtigste sei, so Schröder, »dass
überhaupt endlich etwas passiert«.
Christoph Schult
Vorsitzender Lindner: »Missverständlich und dumm«

16 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


seit Jahren dafür werben, alle Selbststän-
digen zur Vorsorge zu verdonnern.
Tatsächlich lässt sich im Alterssiche-
rungsbericht der Bundesregierung Bedrü-
ckendes nachlesen. Demnach sind knapp
vier Prozent der zuletzt Selbstständigen
im Alter auf das Sozialamt angewiesen.
Von den einst Beschäftigten mit 35 und
mehr Beitragsjahren muss dagegen nur ein
Prozent staatliche Stütze beantragen –

AMIN AKHTAR / BERLINER MORGENPOST / FUNKE FOTO SERVICES


und diese Senioren will Hubertus Heil mit
einer neuen Grundrente beglücken.
Doch während die Grundrente für
Schlagzeilen sorgt und besonders in der
SPD populär ist, gilt das für die Vorsorge-
pflicht für Selbstständige nicht, im Gegen-
teil. In Berlin laufen die Vorbereitungen
leise, auch weil es sich um ein Projekt han-

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL


delt, mit dem die Koalition in der Wähler-
gunst wenig gewinnen, aber viel verlieren
kann. Vor allem bei den Betroffenen.
Der Widerstand speist sich aus zwei
sehr unterschiedlichen Lagern. Da gibt es
jene Existenzgründer, die sich in den ers-
Arbeitsminister Heil, Übersetzerin Müller: »Lohnt es sich für mich dann noch zu arbeiten?« ten Jahren schwer genug tun, ihre Miete
zu zahlen, und sich keine Vorsorge leisten
können oder wollen. Und dann wären da
die etablierten Unternehmer wie Gram-

Tückisches Projekt berg, die seit Jahren sparen, ganz ohne


Zwang – und sich nun gegängelt fühlen.
»Natürlich sorge ich vor, ich bin ja nicht
Rente Sozialminister Hubertus Heil (SPD) will Selbstständige naiv«, sagt Gramberg. Durchschnittlich
fast 20 Prozent seines Umsatzes stecke er,
per Gesetz verpflichten, für ihren Ruhestand vorzusorgen. Damit soll so erzählt er, in eine Basisrente und in ei-
Altersarmut bekämpft werden – Betroffene aber fürchten Nachteile. nen Fondssparplan. Mit einem Finanzbe-
rater hat er errechnet, wie viel er anlegen
muss, um im Alter inflationsbereinigt min-

S einen ersten Auftrag nahm Ludwig


Gramberg an, als er noch auf das
Gymnasium ging. Schon als 18-Jäh-
riger programmierte er Websites, für einen
Es geht dabei um Grundsätzliches: Bis-
lang umfasst die unternehmerische Frei-
heit auch die Altersvorsorge. Von den
rund vier Millionen Selbstständigen in
destens 2000 Euro im Monat zur Verfü-
gung zu haben und die private Kranken-
versicherung bezahlen zu können.
Was für Gramberg entscheidend ist:
Sachbuchautor bastelte er einen professio- Deutschland fällt derzeit nur eine Million »Ich brauche Flexibilität. Selbstständige
nellen Internetauftritt. Fünf Euro pro Stun- unter eine Versicherungspflicht – weil sie müssen ihre Beiträge variabel rauf- und
de bekam er damals, kurz nach der Jahr- entweder wie einige Handwerker oder runterfahren können – je nach Auftragsla-
tausendwende. Es war sein erstes Einkom- freiberufliche Lehrer in die gesetzliche ge.« Ein Graus wäre es für ihn, wenn die-
men als Selbstständiger. Rentenkasse einzahlen müssen oder wie ser Spielraum durch ein Gesetz verloren
Heute ist Gramberg 36 Jahre alt. Als Ein- Ärzte und Anwälte über ein berufsständi- ginge. Genau das ist die Befürchtung vieler
Mann-Unternehmer arbeitet er noch immer, sches Versorgungswerk abgesichert sind. Selbstständiger, seitdem die Debatte um
nur dass sein Stundensatz sich vervielfacht Die restlichen drei Millionen Selbststän- die Vorsorgepflicht schwelt.
hat. An seinem Schreibtisch in Potsdam ent- digen sind in ihrer Altersvorsorge völlig Schon über Ursula von der Leyen war
wickelt der Informatiker Onlineshops und frei. eine Wutwelle hinweggerollt, als die da-
betreut Websites mehrerer Unternehmen. Allerdings stößt die Freiheit der Unter- malige Arbeitsministerin im Jahr 2012 ers-
Das Geschäft läuft gut, Gramberg ist zufrie- nehmer an Grenzen, wenn sie zu wenig te Pläne vorlegte. Um die CDU-Politikerin
den. Er schätzt die Freiheit der Selbststän- zurücklegen und am Ende ihres Lebens zu stoppen, schufen empörte Unterneh-
digkeit, die Arbeit im Homeoffice und das auf die staatliche Grundsicherung ange- mer damals den Verband der Gründer und
Leben ohne Chefs. »Das kann ich mir gar wiesen sind, also: auf Steuergelder. Das Selbstständigen Deutschland (VGSD).
nicht anders vorstellen«, sagt Gramberg. Risiko der Altersarmut sei unter Solo- Mehr als 80 000 Menschen unterzeich-
»Ich habe das immer so gewollt.« selbstständigen und Gründern besonders neten eine Onlinepetition gegen von der
Doch die Große Koalition hat Solounter- hoch, argumentiert die Koalition. Sie kann Leyens Vorstoß – und schubsten ihn von
nehmer wie ihn zum potenziellen Pro- sich dabei auf Rentenexperten berufen, die der politischen Agenda.
blemfall erklärt. In Zukunft will Bundes- Vor zwei Jahren versuchte sich auch die
arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) alle damalige Ressortchefin Andrea Nahles
Selbstständigen verpflichten, für ihr Alter »Wir suchen Instrumente, (SPD) an einer Neuauflage des Projekts,
vorzusorgen. Und Gramberg fürchtet wie Crowdworker aus der zum Abschluss kam es nie. Ihr Nachfolger
nichts Gutes: »Wer sich heute schon küm- Hubertus Heil ist also gewarnt.
mert und vernünftig vorsorgt, darf nicht
digitalen Welt abgesichert Frühestens am Jahresende könnte sein
bestraft werden«, sagt er. werden können.« Gesetzentwurf vorliegen. Der Weg dahin

17
Deutschland

Was bin
ist steinig, denn der Koalitionsvertrag gibt sorge ausgeben müssen. Das Problem: Bei
nur Eckpunkte vor: Selbstständige sollen abhängig Beschäftigten übernimmt der Ar-
in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen – beitgeber die Hälfte des Rentenbeitrags.

ich?
es sei denn, sie verfügen über eine andere Selbstständige müssten die gesamte Sum-
»insolvenzsichere« Absicherung. Dass das me in der Regel allein stemmen. Im Minis-
Vorhaben im Jahr 2019 noch immer kom- terium diskutieren die Beamten daher, ob
plex, aber realistischer ist als je zuvor, hat es möglich sein könnte, auch die Vermittler
auch mit der anhaltenden Niedrigzins- aus der digitalen Welt zu beteiligen. Arbeitswelt Selbstständig oder
phase zu tun: Im Vergleich zu schwächeln- So könnten Plattformen, die Aufträge angestellt – erstmals klagt ein
den Anlageprodukten erscheint ein Bei- an Selbstständige weitergeben, einen Teil Crowdworker vor einem
trag in die Rentenkasse heute als solide der Rentenbeiträge übernehmen und so
Investition. Auch für viele Unternehmer. die Freelancer entlasten. Auf diese Weise Landesarbeitsgericht darauf, ein
Seit Mai tagt im Ministerium eine Run- ließe sich die Vorsorgepflicht als modernes Arbeitnehmer zu sein.
de von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Projekt vermarkten. »Wir suchen nach In-
Selbstständigen und Gründern, um über strumenten, wie Crowdworker und Selbst-
die Vorsorgepflicht zu beraten. Das nächs-
te Treffen findet Anfang September statt.
Und dieses Mal gestehen die Unternehmer
zu, sich »konstruktiv« an den Fachgesprä-
ständige aus der digitalen Welt mit gerin-
gen Einkünften besser abgesichert werden
können«, sagt Staatssekretär Björn Böh-
ning, der die digitale Denkfabrik im Ar-
P eter Schmidt lebt in einer kleinen
Dreizimmerwohnung eines Reihen-
hauses am Niederrhein. Schmidt,
Anfang fünfzig, möchte seinen wahren Na-
chen zu beteiligen, wie VGSD-Gründer beitsministerium leitet. men nicht in der Zeitung lesen. Er hat
Andreas Lutz sagt. »Mit völliger Ableh- Bislang allerdings verheddern sich die Angst, dass er sonst Aufträge verlieren
nung kommen wir nicht weiter, auch wenn Fachgespräche im Ministerium noch in könnte, die Grundlage seiner Existenz.
viele unserer Mitglieder die Vorsorge- anderen Details. So besagt die geplante Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch
pflicht kritisch sehen.« »Opt-out-Regelung«, dass niemand in die liegt sein Handy, darauf eine App, die er
Wie tückisch das Projekt ist, zeigt sich gesetzliche Rentenkasse einzahlen muss, nicht mehr nutzen kann. Es war einmal
schon daran, dass es den typischen Selbst- der belegen kann, dass er eine andere ver- sein wichtigstes Arbeitsmittel, die einzige
ständigen nicht gibt. Das Feld reicht vom lässliche Vorsorge hat. Sicher ist, dass be- Verbindung zu seinem Auftraggeber.
mittelständischen Bauunternehmer über rufsständische Versorgungswerke oder die Schmidt war ein sogenannter Crowd-
die Zahntechnikermeisterin mit Team bis Rürup-Rente in diese Kategorie fallen. Ob worker. Gut ein Jahr lang hat er für die
zum Yogalehrer in Teilzeit. Dazu gesellt auch andere Anlagen anerkannt werden, Firma Roamler gearbeitet. Im Auftrag der
sich ein wachsendes Heer von Selbststän- bleibt noch offen. Für viele Selbstständige Internetplattform ist er mit seinem Handy
digen, die ihre Aufträge als »Crowdworker« ist diese Frage aber heikel. durch Tankstellen und Supermärkte gezo-
über digitale Plattformen finden. Sie texten Kristin Müller arbeitet in Leipzig als be- gen, hat dort Werbebildschirme und Pro-
Produktbeschreibungen für Onlinehändler, eidigte Diplom-Übersetzerin für Englisch dukte fotografiert und in der Roamler-App
testen Apps und Websites – oder liefern und Spanisch. Die 37-Jährige übersetzt für Fragen beantwortet.
als sogenannte Delivery-Radler Pizza aus. Unternehmen Studien, Präsentationen Das Geschäftsmodell von Roamler be-
Vor allem auf diese neuen Soloselbststän- oder Urkunden. Schon 2012 hat sie die steht darin, die Aufträge großer Firmen –
digen blickt man im Arbeitsministerium. Proteste gegen die Vorsorgepflicht mitor- Lebensmittelhersteller oder Elektronik-
Entscheidend ist dabei, wie viel diese ganisiert. »Ich ärgere mich über die Unter- konzerne etwa – in Kleinstaufträge zu zer-
Kleinverdiener künftig für ihre Altersvor- stellung, Selbstständige drückten sich vor legen und via App an eine Vielzahl von
einer Vorsorge«, sagt sie. Mikrojobbern, die Crowd, zu verteilen.
Vor 13 Jahren hat sie sich mit ihrem An Menschen wie Schmidt.
Unternehmerische Freiheit Büro selbstständig gemacht, seit 10 Jahren Im Frühjahr 2018 war plötzlich Schluss.
Altersvorsorge bei Selbstständigen spart sie für ihr Alter. Monatlich zahlt Roamler deaktivierte die App auf
sie in eine Fondsrente ein, außerdem hat Schmidts Handy und gab ihm keine Auf-
sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung träge mehr. Es hatte Unstimmigkeiten ge-
abgeschlossen. Nun sorgt sich Müller, geben. Er beschloss, gegen die Kündigung
2017 gab es was geschehen würde, wenn ihre Anlage vor Gericht zu ziehen. Am kommenden
in Deutschland nicht als sichere Vorsorge anerkannt Mittwoch wird sein Fall vor dem Landes-
würde: »Lohnt es sich für mich dann an- arbeitsgericht München verhandelt. Erst-
4,1 Mio. gesichts der Gesamtabgaben überhaupt
noch zu arbeiten, wenn ich zusätzlich in
mals klagt ein Crowdworker in Deutsch-
land darauf, Arbeitnehmer zu sein und
Selbstständige
die gesetzliche Rentenkasse einzahlen nicht ein Solo-Selbstständiger.
Quelle: Statistisches
Bundesamt muss?« Hinter der Klage steht eine Grundsatz-
Die Koalition könnte dieses Problem frage: Passen die alten Regeln des Indus-
Selbstständige Solo- auf eine ganz einfache Weise lösen: indem triezeitalters noch in die neue Arbeitswelt
mit Beschäftigten selbstständige sie die neue Vorsorgepflicht nur für künf- der digitalen Plattformökonomie? Crowd-
1,82 Millionen 2,28 Millionen tige Selbstständige einführt, nicht aber für worker sind Unternehmer in eigener Sa-
die Unternehmer und Gründer von heute. che, die alle Risiken selbst tragen müssen,
Von den Selbstständigen ohne Im Ministerium haben sie das schon in einer Arbeitswelt, für die es bislang
gesetzliche Rentenversicherung haben … einmal hochgerechnet. Es könnte dann kaum Regeln gibt. Für Solo-Selbstständige
bis zum Jahr 2050 dauern, etwa eine halbe gibt es keinen Kündigungsschutz und kei-
… 48% eine Lebensversicherung
Million Selbstständige mit der gesetzlichen nen Mindestlohn. Sie kennen keine Rege-
Rente zu beglücken. Der Widerstand wäre lungen zur Arbeitszeit und keinen Sozial-
… 31% eine private Rentenversicherung damit gering. Der Effekt allerdings auch. versicherungsschutz.
Quelle:
DIW, 2016;
Cornelia Schmergal Die Unsicherheit fängt schon bei der
… 40% keines von beidem auf Haus-
Frage nach Schmidts Handy an: Ist es sein
haltsbasis

18 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Arbeitswerkzeug, das ihn zu einem orts- Merchandiser wie ihn aufnimmt, hatte
unabhängigen Selbstständigen macht, oder Schmidt Monate vor seiner Kündigung
wird er durch die App darauf zum Beschäf- herausgefunden.
tigten von Roamler im virtuellen Raum? Seit 2015 kümmert sich die IG Metall
Crowdworking ist noch ein Nischenphä- um das Phänomen Crowdworking. Seit
nomen, es gibt keine repräsentativen Zah- drei Jahren können auch Solo-Selbststän-
len über das Ausmaß. Die Hochschule dige Mitglied werden. »Auch wenn
Rhein-Waal erhebt einen »Crowdworking Crowdworker nicht auf den Plattformen
Monitor«, der auf der Befragung von der- angestellt sind, verdienen sie doch eine fai-
zeit fast 500 000 Internetnutzern beruht. re Behandlung«, sagt Robert Fuß, »jeman-
Vorläufiges Ergebnis: Bis zu 4 Prozent der den wie Peter Schmidt einfach abzuschal-
über 18-Jährigen Deutschen arbeiten für ten geht nicht.« Fuß arbeitet im Projekt
solche Plattformen. Knapp 10 Prozent der Crowdsourcing beim IG-Metall-Vorstand.

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL


Befragten waren »Crowdworking-affin«. Zwar glaubt er nicht, dass ein positives
Für mehr als 25 Prozent der Crowdworker Urteil für Schmidt als Präzedenzfall für
ist die Arbeit auf den Plattformen das alle Crowdworker taugen würde. »Aber
Haupteinkommen. Für gut 50 Prozent das Gericht könnte feststellen, dass
macht es mindestens die Hälfte der Mo- Crowdworker nicht prinzipiell als Selbst-
natseinnahmen aus. ständige einzustufen sind«, sagt Fuß, »son-
Schmidt hat Bankkaufmann gelernt, dern dass es Fallkonstellationen gibt, in
1992 stieg er um. Seither machte er, aus- Mikrojobber Schmidt denen sie sehr wohl einen Arbeitnehmer-
gestattet mit einem Gewerbeschein, was Handy als wichtigstes Arbeitsmittel status haben müssen.«
er »selbstständige Projekte, vor allem Mer- In der ersten Instanz hat Schmidt ver-
chandising«, nennt. Für Zigarettenherstel- loren. Das Münchner Arbeitsgericht folgte
ler etwa baut und bestückt er Regale in der Argumentation von Roamler, er habe
Tankstellen. Dafür erhält er einen Tages- Umfrage unter Crowdworkern als Selbstständiger gearbeitet. Unter ande-
satz und Kilometergeld. Seine Aufträge Angaben in Prozent; Quelle: »Crowdworking Monitor«, 2019 rem führte es aus, dass er bei seiner Arbeit
bekommt er von Vertriebsagenturen und nicht an zeitliche oder inhaltliche Weisun-
»Wie viele Stunden pro Woche verbringen
findet er auf einschlägigen Internetseiten. Sie mit Crowdworking?« 2872 Befragte gen der Firma gebunden gewesen sei.
Dort stieß Schmidt Ende 2016 auch auf Auch sei Schmidt nicht in die »betriebliche
mehr als
die Roamler. Die Crowdworkingfirma wur- 40 Stunden
31 % Organisation« eingebunden gewesen.
de 2011 in den Niederlanden gegründet, Schmidts Anwalt Rüdiger Helm kann der
mittlerweile ist sie in zwölf Ländern aktiv. 30 bis 40 8 Argumentation nicht folgen: »Die Arbeit
In der deutschen Dependance in München meines Mandaten war in jeder Beziehung
arbeiten zwölf festangestellte Mitarbeiter. 20 bis 30 6 fremdbestimmt und weisungsgebunden.«
Draußen sind bundesweit rund 15 000 Mi- Jeder Auftrag sei nur ein unselbstständiger
10 bis 20 15
krojobber für die Firma unterwegs. Produktionsschritt gewesen, einer von vie-
Schmidt lud die Roamler-App auf sein 5 bis 10 18 len, die am Ende das Gesamtprodukt für
Handy. Im Februar 2017 übernahm er sei- den Roamler-Kunden ergeben.
ne erste Aufgabe. Er musste in zwei Aldi- weniger als 5 22 »In der digitalen Welt sind das Smart-
Läden seines Wohnorts bestimmte Tee- phone und die App mehr als nur ein Kom-
sorten fotografieren. Dafür erhielt er seine munikationsmittel«, sagt Helm. Über das
ersten Punkte. Bei Roamler ist es wie bei »Welches Einkommen erzielen Sie auf Online- Handy und personalisierte Apps würden
einem Computerspiel: Für jede erfolgreich plattformen in einer Woche?« 2731 Befragte Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einen di-
erfüllte Aufgabe gibt es unterschiedlich mehr als gitalen Ort für ihre Arbeit zuweisen, so
viele Punkte, je nach Aufwand und An- 1000 €
44 % wie sie in der analogen Welt Arbeitnehmer
spruch. Je mehr Punkte, desto höher das in ein Büro schicken.
500 bis 1000 17
Level, desto mehr und besser bezahlte Auf- Roamler will sich zu dem Verfahren
gaben werden freigeschaltet. Die Preise 200 bis 500 8 nicht äußern. Allerdings ist das Unterneh-
reichen von 1,25 bis über 15 Euro. men »absolut sicher«, dass auch das Lan-
Zunächst bekam Schmidt nur wenige, 50 bis 200 10 desarbeitsgericht der Entscheidung der ers-
kleinere Aufträge im Umkreis von 20 Ki- ten Instanz folgen werde.
lometern auf der Roamler-App angezeigt. bis zu 50 21 Schmidt hat seit seinem Rauswurf bei
Verhandeln geht nicht. Alle Aufgaben sind Roamler nicht mehr als Crowdworker ge-
bis ins Detail festgelegt. Alles wird in Echt- arbeitet. Aber er will für seine Zeit auf der
zeit über die App an Roamler übertragen. Arbeit nicht an, die Firma war mit den Fo- Plattform als Arbeitnehmer anerkannt
Schmidt war schnell auf Level 3, nun tos nicht zufrieden. Schmidt beschwerte werden, auch wenn er nun verlieren sollte.
bekam er Aufträge im Umkreis von 50 Ki- sich. Kurz darauf schickte Roamler eine »Dann ziehe ich eben vor das Bundesar-
lometern. Ende 2017 hatte er in elf Mona- Mail. Man zahle zwar den Check, werde beitsgericht«, sagt er. Markus Dettmer
ten 2978 Aufträge abgeschlossen, im inter- ihm aber keine Aufträge mehr anbieten Mail: markus.dettmer@spiegel.de
nen Ranking war er damit der erfolgreichs- und seinen Account deaktivieren.
te Roamler. »Ich habe in der Woche 15 bis Schmidt widersprach sofort schriftlich.
20 Stunden für Roamler gearbeitet und im Er fühlt sich als Arbeitnehmer von Roam- Animation
Crowdworking –
Schnitt rund 1700 Euro im Monat ver- ler. Gegen die Firma zu klagen kann er endlich verständlich
dient«, sagt er. Das Geld machte mehr als sich nur leisten, weil er Mitglied der IG spiegel.de/sp312019crowdworker
die Hälfte seines Einkommens aus. Bis Metall ist, die ihm Rechtsschutz gewährt. oder in der App DER SPIEGEL
zum April 2018. Da nahm Roamler eine Dass die Metallergewerkschaft auch

19
Revolte für Anfänger
beschlossene Sache, und die nächste Prä-
sidentin Frankreichs könnte die Rechte
Marine Le Pen werden.
Boeselager ist ein Kind der Europä-
ischen Union und der Globalisierung. Ge-
Europa Damian Boeselager ist der erste Abgeordnete der Partei Volt boren in Frankfurt am Main, reiste er nach
im Europaparlament. Er wollte die EU für junge Menschen seinem Studium durch diverse Haupt-
reformieren – stattdessen lernt er nun die Grundlagen der Politik. städte Europas, lernte den Kontinent ken-
nen, jobbte zuvor für verschiedene NGOs
und arbeitete drei Jahre für die

V ier Tage nach der Europa-


wahl stellt sich Damian
Boeselager vor das EU-Par-
lament in Brüssel und nimmt mit
Unternehmensberatung McKinsey.
Er war unentschlossen, was er be-
ruflich machen wollte.
An diesem Abend in New York
dem Handy ein Video für seine fürchtet Boeselager, die EU könn-
55 000 Parteifreunde auf. Der te zerbrechen. Später wird er sa-
Gründer der Volt-Partei, der ge- gen: »Ich musste aktiv werden,
rade als ihr einziger Vertreter ins damit unsere Generation nicht
EU-Parlament gewählt wurde, in einer Welt sich immer stärker
muss der Basis erklären, dass abschottender Nationalstaaten
nun alles anders laufen soll als leben muss.«
geplant, dass es Zeit für seinen Im Nationalismus sieht Boese-
Notfallplan ist. lager auch einen persönlichen
»Wir sollten uns einer Fraktion Gegner, denn sein Großvater,
anschließen«, sagt Boeselager auf Philipp Freiherr von Boeselager,
Englisch, denn die Anhänger sei- gehörte zur Widerstandsgruppe
ner Bewegung sitzen in 27 EU- vom 20. Juli 1944. Das Attentat
Staaten. Nur in einer Fraktion auf Adolf Hitler scheiterte, der
könne er »überhaupt etwas errei- Großvater überlebte nur, weil ihn
chen«. Boeselager weiß, dass vie- seine Mitverschwörer auch unter
le Mitstreiter das anders sehen: Folter nicht verrieten. Nach dem
entweder eine eigene Fraktion Krieg erzählte er seine Lebens-
bilden oder Einzelkämpfer blei- geschichte in Schulen, oft nahm
ben, sagen sie. Bloß nicht er Enkel Damian mit, und mehr-
an eine fremde Parlamentarier- mals schärfte er ihm ein: Schau
gruppe ketten und die eigene nicht zu, wenn die Nationalisten
Identität aufgeben. mächtig werden, sondern tu et-
HENRI VOGT / DER SPIEGEL

Vier Minuten lang wirbt der was dagegen. Damian Boeselager


frisch gewählte Abgeordnete für sagt, er habe sich das zu Herzen
seine Position, nennt als Negativ- genommen.
beispiel Martin Sonneborn. Sati- Von New York aus rufen die
riker könnten Einzelkämpfer sein, beiden Studenten eine Freundin
findet Boeselager, aber Volt gehe an, die Französin Colombe Cahen-
es um Inhalte. Ohne Fraktion Parlamentarier Boeselager Salvador. Die drei beschließen,
könne er die Jahre als EU-Parla- »Bei uns gewinnt stets das bessere Argument« eine paneuropäische Partei zu
mentarier sinnvoller am Strand gründen: Volt. Der Name solle
von Spanien absitzen. Der Clip ist online wie Volt zu tun: Hunderttausende Men- Energie ausdrücken und sei international
für Parteimitglieder abrufbar. schen demonstrieren bei »Fridays for Fu- verständlich, sagt Boeselager. Andere
In den Tagen nach dem Video bearbeiten ture« oder gegen die EU-Urheberrechts- Ideen, wie eine Bürgerbewegung oder ei-
Boeselagers Vertraute europaweit die Par- reform, ein einzelner YouTuber bringt nen Blog ins Leben zu rufen, verwirft er
teibasis in Telefonkonferenzen. Am Ende die Volkspartei CDU unter Druck. Der und beschließt: Die EU kann man nur von
stimmen die Volt-Mitglieder zu über 80 Pro- Triumph von Volt ist ein Symbol für den innen, mit einer neuen Partei reformieren.
zent für seinen Beitritt zur Grünen/EFA- politischen Umbruch. Der hagere Parteigründer setzt eine Home-
Fraktion, als ein Abgeordneter von 75. Aber der Erfolg der Partei hat auch viel page mit den groben Inhalten der Partei
Der 31-jährige Damian Boeselager, der mit der Person Boeselager zu tun. Er hat auf. Er will mehr Bürgerbeteiligung, eine
über sich selbst sagt, dass er Menschen lie- jede wichtige Entscheidung geduldig aus- nachhaltigere Wirtschaftspolitik und eine
ber umarme, als ihnen die Hand zu geben, diskutiert. Am Ende stimmte die Basis Stärkung des EU-Parlaments. Er positio-
hat seine politische Karriere als Idealist dann meistens so ab, wie er wollte. niert die Bewegung als Gegenmodell zur
begonnen. Jetzt ist er auf dem Boden der Der Tag, an dem Boeselager beschließt, grassierenden EU-Skepsis. Binnen 24 Stun-
politischen Realität angekommen. Politiker zu werden, ist der 24. Januar 2017. den melden sich hundert Interessenten.
Mit ihm als Spitzenkandidaten hat Volt Er ist 28 Jahre alt und Student der Verwal- An einem heißen Berliner Junitag 2018,
aus dem Stand 249 098 Stimmen in tungswissenschaften, am Abend trifft er 17 Monate nach dem Treffen in New York
Deutschland geholt, das sind 0,7 Prozent sich mit einem Freund, dem Italiener An- und ein knappes Jahr vor der Europawahl,
und damit mehr, als die meisten politischen drea Venzon in einem New Yorker China- trifft sich Boeselager abends mit Partei-
Neugründungen schaffen. Dass sich die jun- restaurant. Bei asiatischen Nudeln disku- freunden auf ein Bier – 13 sind gekommen.
ge Partei unterwegs nicht zerfleischte, hat tieren sie die politische Lage: Trump ist Aber Volt wächst täglich, an die 4000 Mit-
mit den günstigen Zeiten für Bewegungen gerade US-Präsident geworden, der Brexit glieder europaweit hat die Bewegung nun.

20 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

Am Tisch wird debattiert, wann man Nicht immer lassen sich politische Rea- Parlament erreichen und eine eigene Frak-
in welche EU-Länder fahren könne, um lität und die parteiinterne Basisdemokratie tion gründen.
für Volt zu werben. Boeselager übertönt vereinbaren. Trotzdem spricht sich nie- In Deutschland sorgt Volt kurz vor der
die anderen nicht, doch wenn er spricht, mand bei Volt gegen Boeselager aus. Was Wahl für Aufregung, als die Aktivisten er-
feuert er seine Gedanken rasend schnell er und die Mitgründer Venzon und Cohen- zwingen, dass der »Wahl-O-Mat« einige
ab – und alle hören zu. Der Gründer Salvador entscheiden, wird umgesetzt. Tage offline gehen muss: Sie hatten das On-
will erläutern, wofür Volt steht, er ist Boeselager behauptet: »Bei uns gewinnt line-Tool gerichtlich angegriffen, weil es gro-
weiter in der Programmplanung: »Wir stets das bessere Argument.« ße Parteien bevorzugt anzeigen würde. Das
wollen ein europäisches Einwanderungs- Im Oktober 2018 verabschiedet Volt ein Gericht gibt Volt recht. Plötzlich berichten
gesetz, eine echte europäische Regierung, Europaprogramm, die »Amsterdam Decla- die großen Medien über die kleine Partei,
eine europäische Arbeitsagentur.« Viele ration«. Boeselager unterstützte »die fina- von der viele Wähler erstmals hören.
am Tisch nicken. le Redaktion des Programms«, wie er es Boeselager versucht auf verschiedene
Boeselager will die Revolution, alles in ausdrückt. In Wahrheit schreibt er es in Art, die Bekanntheit weiter zu steigern.
der EU soll neu und anders werden. Parla- wesentlichen Punkten mit. Alle drei Mo- Als YouTuber Rezo die CDU mit einem
mentsentscheidungen sollen über denen nate reist er nach Mailand, Paris oder Video »zerstören« will, nehmen Partei-
der Nationalstaaten stehen, findet er, die Bukarest und wirbt an der Basis für die freunde des Volt-Chefs ein eigenes Video
Regel der Einstimmigkeit bei Ratsbeschlüs- neuen Standpunkte. auf. Bei den Demos von »Fridays for Fu-
sen soll abgeschafft werden: »Die EU darf ture« laufen nun manchmal Volt-Mitglie-
sich nicht in der Konsensfindung zerreiben der in ihren lilafarbenen Parteishirts mit.
lassen«, sagt Boeselager. Wenn Boeselager spricht, Boeselager zielt auf junge Wähler, das
Als er fertig gesprochen hat, springen feuert er seine Durchschnittsalter der Volt-Mitglieder liegt
einige Mitstreiter auf, zücken ihre bei etwa 35 Jahren. Jetzt sind in der Bewe-
Smartphones und fragen Bürger auf der Gedanken rasend schnell gung über 50 000 Menschen aktiv.
Straße nach ihrer Meinung zur EU. Auch ab – und alle hören zu. Bei der Europawahl erhält Volt rund
das ist eine Idee ihres Anführers, der sich 450 000 Stimmen europaweit, und Boese-
die Methode bei Barack Obama abge- lager hat zumindest sein persönliches Ziel
schaut hat. Die Antworten der Passanten Die Volt-Ableger treten mit einem eines Parlamentssitzes erreicht.
werden bis in die Nacht in Google-Doku- eigens auf ihre Länder abgestimmten Für die Grünen sitzt der Volt-Mann nun
mente eingetragen. Boeselager fällt es oft Programm an, das gemeinsame Wahl- in den Ausschüssen für Verfassungsfragen,
zu, die Ideen zu bündeln. programm bildet den ideologischen Über- Industriepolitik, Asyl und Migration sowie
Die Energie der Mitglieder ist groß, doch bau. Darin fordert Volt eine CO -Steuer Budget und Haushaltsplanung. »Wir ste-
²
bisweilen wirken einzelne Aktionen unko- wie die Grünen, leichtere Unternehmens- hen nicht hinter allen Ideen der Grünen«,
ordiniert, Boeselager muss die Bewegung gründungen für Start-ups wie die FDP und sagt er. Aber die Kooperation sei doch bes-
häufig zur Räson rufen. Die Europawahl die Bündelung der militärischen Kraft der ser als einsame Kämpfe. Und gebe es nicht
wird für ihn, der wie fast alle Volt-Mitglie- einzelnen EU-Länder wie die CDU. Man in jedem Ausschuss mindestens einen Ab-
der ehrenamtlich für die Partei arbeitet, kann die neue Partei als Mini-Jamaika- geordneten, der sich mit eigenen Geset-
zum Vollzeitprojekt. Seine Arbeitstage ha- Bündnis betrachten. zesvorschlägen profiliere, fragt Boeselager.
ben oft über 14 Stunden, nebenher beendet Zur Europawahl hat Volt Ableger in Er will einer von diesen sein.
er sein Masterstudium. Er lebt von der über hundert Städten, die Partei tritt »Da drüben kommt Berlusconi«, sagt der
Unterstützung seiner Familie und nimmt außer in Deutschland unter anderem in Volt-Politiker. Es ist 9.48 Uhr an diesem
einen Kredit auf. den Niederlanden, Spanien und Bulgarien Mittwochmorgen, dem 3. Juli, der erste
Boeselager mag ein Idealist sein, aber zur Wahl an. In der Euphorie des Partei- Tag, an dem Abstimmungen im neu ge-
er muss auch Geld verdienen und be- tags von Amsterdam verkündet Boese- wählten EU-Parlament stattfinden. Boese-
schließt, von der Politik zu leben. Er hat lager, er wolle mindestens 25 Sitze im lager sitzt auf seinem neuen Platz, Sitz
seine Bestimmung gefunden: Seine Partei Nummer 137. Um den Volt-Mann herum
ST E FA N B O N E S S / I P O N / U L L ST E I N

ist nun so erfolgreich, dass er darin eine tragen viele Abgeordneten Anzug, wäh-
ernsthafte berufliche Perspektive erkennt. rend sein helles Hemd aus der Hose hängt.
Im November 2018 kürt der Parteitag die Am Abend sitzt Boeselager in der Lob-
Kandidaten für die deutsche Volt-Liste, by des Parlaments und trinkt ein Bier. Er
und während andere wochenlang an ihren erzählt vom Groll der Volt-Basis über die
Plädoyers gefeilt haben, schreibt Boese- Nominierung Ursula von der Leyens zur
lager seine Rede in der Nacht vor dem EU-Kommissionspräsidentin, das empfin-
Parteitag. In seiner Bewegung, die ganz den viele Parteimitglieder als Hinterzim-
auf ihn ausgerichtet ist, kann er sich das merkungelei der Staatschefs. Zwei Wo-
Improvisieren leisten. Die deutschen Mit- chen später wird er nicht für sie stimmen.
glieder wählen ihn mit überwältigender Trotzdem applaudiert er bei von der
Mehrheit auf Platz eins. Leyens Bewerbungsrede vor dem EU-Par-
Boeselager hat Volt aufgebaut wie ein lament. Und erklärt danach: »Wo es mög-
Start-up, die Hierarchien sollen flach sein. lich ist, will ich gern mit ihr zusammen-
Doch wenn es drauf ankommt, ist er der Volt erhielt arbeiten.«
Boss. Denn er spürt immer wieder die bei der Europawahl Der Mann, der antrat, um alles radikal
Reibungen mit der Parteibasis, wo die in Deutschland anders zu machen, und zwar sofort, merkt
vielen Europabegeisterten so viele un-
terschiedliche Ideen haben. »Es erfor- 0,7% nun, dass Politik auch Kompromiss bedeu-
tet. Vielleicht, sagt Boeselager, gehe eine
dert Zeit und Anstrengung, die Ideen der Stimmen. Revolution doch nicht so schnell wie ge-
zusammenzuführen und Kompromisse zu dacht. Tim Kummert
finden«, sagt er.

21
Deutschland

Wie dringlich die Lage ist, das offenba-

Sechs Schüsse ren nicht nur die Schüsse von Wächters-


bach, sondern womöglich auch ein An-
schlag auf die Wohnung einer Linkenpoli-
tikerin im sächsischen Zittau. Durch die
Rassismus Wenn Roland K. schwadronierte, einen Flüchtling Wucht des Sprengkörpers zerbarsten meh-
zu töten, hielt man das in seinem Umfeld für »Kneipengebabbel«. rere Scheiben, die »Soko Rex« ermittelt.
Dann nahm er eine Pistole und stieg in sein Auto. Der Anschlag auf den Eritreer in Wäch-
tersbach zeigt auch, dass rechtsextreme
Gewalt kein ostdeutsches Phänomen ist –

D er Tag, an dem Roland K. einen


Schwarzen erschießen wollte und
danach sich selbst tötete, begann
mit einem Besuch in seiner Stammkneipe,
Auto, fuhr einige Kilometer und wählte
den Notruf. In dem Telefonat, das auto-
matisch aufgezeichnet wurde, erzählte er
von den Schüssen auf den Eritreer, ehe er
und im Kinzigtal lässt sich beobachten,
dass zwischen Weltoffenheit und aggressi-
ver Abschottung manchmal nur wenige
Kilometer liegen.
einer schummrigen Pinte im hessischen sich mit einem Revolver tötete. Am Tag nach den Schüssen sind am Tat-
Biebergemünd. Dort war der 55-Jährige Der Mordanschlag auf den Flüchtling ort etwa 400 Menschen zu einer Mahn-
bekannt für seine gehässigen Sprüche über in Wächtersbach ist das zweite mutmaß- wache zusammengekommen. In der Wand
Asylbewerber. Am Montagmittag, nach lich rechtsextreme Attentat innerhalb kur- der angrenzenden Lagerhalle ist noch ein
zwei oder drei Bier, schritt K. zur Tat. zer Zeit. Wieder liegt der Tatort in Hessen, Einschussloch zu sehen. Landrat Thorsten
Damit seine Botschaft unmissverständ- wieder hatten die Sicherheitsbehörden Stolz, ein SPD-Mann, ruft den Versammel-
lich ankam, hatte der Hartz-IV-Empfän- den Schützen nicht auf dem Schirm. ten zu: »Wir stehen entschlossen gegen
ger zu Hause noch einen Abschiedsbrief In der Nacht auf den 2. Juni war der jede Form der Menschenfeindlichkeit.«
hinterlassen. Er zog darin eine düstere Kasseler Regierungspräsident Walter Lüb- Am Rand der Veranstaltung zeigt er sich
Lebensbilanz, klagte über sein Rücken- cke (CDU) an seinem Haus mit einem etwas ratlos: Den Leuten im Kreis gehe es
leiden. Wenn er schon gehen müsse, soll Kopfschuss getötet worden, wohl wegen eigentlich gut, sagt er, die Gegend sei struk-
er sinngemäß geschrieben haben, nehme seiner klaren Haltung zur Flüchtlingspoli- turstark, die Arbeitslosenquote niedrig.
er noch jemanden mit in den Tod – und tik. Der Mann, der ihn erschossen haben Während der Flüchtlingshochphase 2015
erweise damit dem Steuerzahler einen soll, könnte sogar noch an einem weiteren hätten sie hier etwa 8000 Migranten auf-
Dienst. Beschwert war das Schreiben mit Gewaltdelikt beteiligt gewesen sein: Nach genommen, das sei bei 400 000 Einwoh-
einem Koppelschloss mit Hakenkreuz und SPIEGEL-Informationen verdächtigen ihn nern in 29 Städten und Gemeinden in der
dem Motto der SS: »Meine Ehre heißt die Ermittler, schon im Januar 2016 in der Region eine gut integrierbare Anzahl.
Treue«. Nähe seines Hauses einen irakischen Asyl- In Wächtersbach haben staatliche Stel-
Roland K.s Opfer, der 26 Jahre alte len, Kirchen und Ehrenamtler eng koope-
Flüchtling Bilal M. aus Eritrea, saß an je- riert. Die Stadt entschied sich bewusst ge-
nem Tag in einem Ausbildungszentrum »Schwerste Gewalttaten gen eine zentrale Unterbringung der Ge-
im sieben Kilometer entfernten Wächters- und Bildung von flüchteten und mietete Privatunterkünfte
bach, einer 12 000-Einwohner-Stadt. Er an. Die Integration laufe gut, bislang habe
nahm dort an einem Lehrgang teil, der Terrorgruppen müssen in es keine großen Probleme gegeben, berich-
ihn fit für den Arbeitsmarkt machen und Betracht gezogen werden.« ten Helfer.
gleichzeitig sein Deutsch verbessern soll. Das Opfer des Mordversuchs, Bilal M.,
Beide Männer lebten rund 55 Kilometer lebt seit fünf Jahren in der Kleinstadt. Er
östlich von Frankfurt im Main-Kinzig- bewerber hinterrücks mit einem Messer gehört zu einer Gruppe von Eritreern, die
Kreis. Aber sie hätten genauso gut auf ver- verletzt zu haben. hier untergekommen sind. Um sie küm-
schiedenen Planeten leben können. In der Bereits bei einer Sondersitzung Ende mert sich das katholische Kolpingwerk,
hessischen Provinz liegen Gut und Böse, Juni zum Attentat auf Lübcke zeigten sich das Bilal M., seiner Partnerin und ihrem
Menschenhass und Solidarität offenkundig die Präsidenten der Sicherheitsbehörden kleinen Kind eine Wohnung vermittelte.
nah beieinander. tief besorgt, wie ein vertrauliches Proto- Bilal M. ist Muslim, beteiligt sich aber
An dem Tag, den er fast nicht überlebt koll des Bundestag-Innenausschusses be- auch an Bräuchen seiner christlichen Un-
hätte, machte der Eritreer Bilal M. gegen legt. Der Chef des Bundesamts für Verfas- terstützer. Im April bemalte er zusammen
13 Uhr Pause, so erzählt es der Chef seiner sungsschutz, Thomas Haldenwang, sprach mit Kindern Ostereier, mit weiteren Eri-
Ausbildungsstätte, und ging wohl in Rich- demnach von einer »neuen Dynamik im treern packte er auch bei der Altklei-
tung einer Imbissbude, wie es die Geflüch- Bereich Rechtsextremismus«, die sein dersammlung an oder half, das Holz für
teten dort mittags häufig machen. Roland Dienst beobachte. »Es geschieht unheim- das Johannisfeuer zusammenzutragen.
K. muss geahnt haben, dass er in der an- lich viel an Emotionalisierung, an Aufhei- Auch im Fußballverein SV Melitia Auf-
sonsten eher leeren Gegend im Industrie- zung der Situation im Netz durch Hass- enau spielte M. zwischenzeitlich und
gebiet zu dieser Uhrzeit dort ein Opfer fin- Postings«, warnte er. »Wir brauchen mehr lief mit dem roten Klubtrikot durch die
den würde. Personal.« Stadt, wie der Vorsitzende berichtet. Ein
Er fuhr langsam mit seinem Toyota Co- Holger Münch, der Chef des Bundeskri- anderer Eritreer sei ein »Superstar« seiner
rolla die Straße entlang, öffnete das Fens- minalamts, sprach von einer angespannten Mannschaft.
ter – und schoss sechsmal mit einer Pistole Lage: »Schwerste Gewaltstraftaten durch Im benachbarten Biebergemünd offen-
aus dem Auto. Eine der Kugeln, Kaliber Einzeltäter oder Kleinstgruppen, auch die bart sich derweil eine erschreckende Pa-
9 Millimeter, durchschlug Bilal M.s Bauch, Bildung terroristischer Gruppen innerhalb rallelwelt. Hier lebte der arbeitslose Lkw-
er überlebte nur durch eine Notoperation. des rechten Spektrums, müssen in Be- Fahrer Roland K. in einer Doppelhaushälf-
Roland K. kehrte derweil in die Kneipe tracht gezogen werden«. Die Gefahr sei te. Er sei eigentlich ein guter Bewohner
zurück, bestellte noch ein Bier und prahlte nicht nur in Deutschland gewachsen – son- gewesen, sagt sein Vermieterehepaar, habe
mit der Tat, so haben es die Ermittler re- dern europaweit. Es gebe »eine Dringlich- das Geld pünktlich überwiesen und die
konstruiert. Anschließend stieg er in sein keit« zu handeln, so Münch. Mülltonnen rausgestellt. Aktivitäten in der

22 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


rechtsextremen Szene waren der Polizei
und dem Verfassungsschutz keine bekannt.
Nachbarn berichten aber, wie Roland
K. auf einem Straßenfest im Suff gegen
Flüchtlinge gehetzt habe. Zu Hause horte-
te K. fünf Waffen, die er als Sportschütze
legal besaß, sowie 1000 Schuss Munition,
eine weitere Waffe soll er aus Geldnot
verkauft haben.
Auch in seiner Stammkneipe, dem Mar-
tinseck, in der Fußballschals und Poster
von Pin-up-Girls an der Wand hängen,
machte er kein Geheimnis aus seiner ab-
grundtiefen Abneigung gegen Flüchtlinge.
»Wenn ich gehe, nehme ich einen oder
mehrere mit«, soll er mal gesagt haben,
erzählte der Wirt dem Fernsehmagazin

JÜRGEN MAHNKE / BILD


»Hessenschau«. Man habe das aber für
»Kneipengebabbel« gehalten.
Wie der Wirt inzwischen gegenüber der
Kriminalpolizei eingeräumt hat, habe Ro-
land K. schon länger von Gewalttaten ge-
gen Asylbewerber schwadroniert, man
habe ihn aber nicht ernst genommen. Dem
Kneipenbetreiber droht nun ein Verfahren
wegen Nichtanzeigen einer geplanten
Straftat. Er selbst teilte auf Facebook in
der Vergangenheit Sprüche gegen »Wirt-
schaftsflüchtlinge« und den vermeintlichen
Niedergang der deutschen Identität.
Der Bielefelder Gewaltforscher Wil-
helm Heitmeyer warnt vor einer »gefähr-
lichen Normalisierung«: Übergriffe oder
Drohungen, etwa gegen Migranten und
Politiker, würden wöchentlich gemeldet.
Dadurch entstehe eine Art negativer »Ge-
wöhnungseffekt« – und zugleich ein sti-
mulierendes Erfolgserlebnis für die Rechts-
extremen.
ARNE DEDERT / DPA

Derweil setzten sich menschenfeindliche


Haltungen fest, beobachtet Heitmeyer, und
das nicht nur am extremen Rand. Schuld
daran seien auch Anti-Flüchtlings-Bewegun-
gen wie Pegida und der Aufstieg der AfD.
»Das Fenster des Sagbaren ist weit aufgeris-
sen worden«, sagt Heitmeyer. »Die entschei-
dende Frage wird sein: Kann unsere Gesell-
schaft diese Eskalationsspirale beenden, in-
dem wir in unserem Alltag intervenieren?«
Zu den Fragen der hessischen Ermittler
zählt nun: Schlug Roland K. nur zufällig
am 22. Juli zu, dem Jahrestag des rechts-
extremen Attentats des Norwegers Anders
Breivik mit 77 Toten? Und vor allem: Gibt
es weitere Männer wie ihn?
Nach bisherigem Stand gehen die 20 Be-
amten der Soko »Bieber« von einem frus-
trierten, isolierten Einzeltäter aus, der aus
rassistischen Motiven einen Menschen er-
morden wollte. Bis Donnerstag allerdings
konnte die Polizei das Handy des Schützen
ARNE DEDERT / DPA

noch nicht auswerten. Es ist mit einem


Fingerabdrucksensor gesichert.
Maik Baumgärtner, Felix Bohr,
Jörg Diehl, Sven Röbel,
Polizeieinsatz in Biebergemünd, Einschussloch, Tatortmarkierungen in Wächtersbach Wolf Wiedmann-Schmidt, Steffen Winter
»Kann unsere Gesellschaft diese Eskalationsspirale beenden?«

23
Deutschland

MARCEL KUSCH / PICTURE ALLIANCE / DPA


Demonstrierende am 21. Juni in Aachen: Chillen ist keine Option, wenn die Tundra brennt

Mal kurz die Welt retten


Bewegungen Vor knapp einem Jahr begann Greta Thunberg mit Aktionen für den Klimaschutz.
»Fridays for Future« wächst und wächst – aber stößt jetzt an organisatorische Grenzen.

A
uf dem Weg zur Dortmunder Zehntausend im Publikum jubeln, die auch Arbeitnehmer die Arbeit niederlegen.
Westfalenhalle werden hektisch jungen Aktivisten wirken zufrieden. Ihre Ein Generalstreik der Menschheit, damit
Telefonate geführt. »Mama, ich Botschaft hat an diesem Abend auch die die Politiker wirkungsvolle Maßnahmen
treff gleich Udo!« Kurz darauf sit- Älteren erreicht, die ergrauten Lindenberg- gegen die Erderwärmung ergreifen.
zen sieben »Fridays for Future«-Aktivisten Fans. Noch vor dem Ende des Konzerts Vor knapp einem Jahr weigerte sich ein
auf dem verschlissenen Sofa in der Künst- verlassen die Jungen die Halle und gehen damals 15-jähriges Mädchen, am Unter-
lergarderobe neben dem Idol ihrer Eltern: zurück an die Arbeit. Sie müssen den Som- richt teilzunehmen. Die Schwedin Greta
Udo Lindenberg. Panikmacher treffen merkongress vorbereiten, der hier in Dort- Thunberg setzte sich über Wochen täglich
Panikrocker. mund am Mittwoch beginnt. Mehr als tau- vor den Reichstag in Stockholm und zeigte
Eine Stunde später stehen die Jugend- send junge Menschen werden erwartet. ein Plakat: »Skolstrejk för klimatet« –
lichen vorn im VIP-Bereich. Oben rockt Die Bewegung »Fridays for Future« hat Schulstreik fürs Klima. Daraus wurde eine
Lindenberg nimmermüde, dahinter, auf sich Großes vorgenommen: die Welt zu weltweite Bewegung. Wer sie heute be-
einer riesigen Leinwand, schaufeln Koh- retten. trachtet und mit vielen Beteiligten und ei-
lebagger vor rotem Himmel. Das Stück Der Sommerkongress soll fünf Tage nigen Beobachtern spricht, kann erkennen,
»Ratten« ist von 1982 und beklagt die dauern und wird trotz der ehrenamtlichen wie viele junge Leute mit Enthusiasmus
Umweltzerstörung. Mit seiner näselnden Vorbereitung wohl weit mehr als 200 000 ihr Ziel verfolgen. Und wie sie zugleich da-
Stimme hatte der Alt-Sponti zuvor den Euro kosten. Später, zum Ende des Som- mit ringen, sich zu organisieren, dass ihre
Song Greta Thunberg gewidmet. Dem mers, wollen die Aktivisten höher hinaus. Bewegung so nachhaltig ist wie ihr Ziel.
Mädchen, das die Welt in Panik verset- Am 20. September sollen nicht nur Schü- Bislang ist der Erfolg ungebrochen. Ju-
zen will. ler den Unterricht schwänzen, sondern gendliche weltweit schwänzen freitags die

24
Schule, in London wie in New Sie sind allerdings wie so
York, im brasilianischen Lon- vieles bei der rasch wachsen-
drina wie in Brunsbüttel an den Bewegung noch nicht ver-
der Elbe. In Deutschland tre- bindlich, weil über sie noch
ten sie in der Aktionärshaupt- diskutiert wird.
versammlung von RWE auf, In der Theorie ist das beein-
mischen sich im Römer in druckend, und viele Schüler
Frankfurt am Main ein, vertei- und Studierende befolgen die
digen ihr Anliegen bei »Anne eigenen Regeln streng. Bis
Will« oder »Hart aber fair«. eine Frage von der Bewegung
Längst sind die Jugendli- entschieden ist, dauert es elf
chen nicht mehr allein. 26800 Tage; über Eilanträge kann
Wissenschaftler bekannten dagegen in vier Tagen ent-
sich zu ihren Zielen. Die For- schieden werden, stets lauert
derungen nach schnellem Han- aber die Gefahr eines Vetos.
deln, so steht es im Manifest So wurde Mitte Juni die Fra-
der »Scientists for Future«, ge diskutiert, ob die Bewegung
»können wir als Wissenschaft- sich mit den Aktivisten von
lerinnen und Wissenschaftler »Ende Gelände« im rheini-
nur nachdrücklich unterstrei- schen Braunkohlerevier soli-
chen«. Mehr als 900 Biobau- darisieren wolle. Ergebnis: ja.
ern, vor allem aus Deutsch- Die »Frankfurter Allgemeine«
land, nennen sich »Farmers kommentierte spitz: »Die Füh-
for Future«, außerdem gibt rung von ›Fridays for Future‹
es »Parents for Future« und hat sich für die gemeinsame Sa-
»Grandparents for Future«. che mit den radikalen Braun-
Auch an finanzieller Un- kohlegegnern entschieden.«
terstützung mangelt es nicht. Doch es war keine Führung,

FREDERIKE WETZELS / DER SPIEGEL


Auf dem Hauptspendenkonto die da tagelang mit sich ge-
haben sich internen Angaben rungen hatte. Es war das Ab-
zufolge inzwischen 300 000 stimmungsprozedere der Ba-
Euro angesammelt. Und die sis, das gedauert hatte – per
Kriegskasse bei der GLS- Multiple-Choice-Formularen
Bank für Rechtshilfekosten auf »Google Docs«.
soll mit mehr als 60 000 Euro Neben Greta Thunberg, die
gefüllt sein. Aktivistin Reemtsma: »Am Personenkult sind die Medien schuld« irgendwie über allem schwebt,
Nachdem die Stadt Mann- gibt es auch in Deutschland
heim jüngst Bußgelder gegen ein paar bekanntere Köpfe bei
schwänzende Schüler verhängt hatte, ver- kurz »FFF«, ist eine Graswurzelbewegung, »Fridays for Future«, allen voran die Göt-
sicherten die Aktivisten sofort in einer juristisch nicht verfasst. Kein gewähltes tinger Studentin Luisa Neubauer. Intern är-
Pressemitteilung: »Mit unserem bundes- Gremium haftet für die Aktionen, es gibt gert viele, dass Neubauer quasi das deutsche
weiten Rechtshilfekonto und weiteren weder einen Vorstand noch eine Satzung. Gesicht der Bewegung geworden ist, ohne
Strukturen unterstützen wir Betroffene bei Die Bewegung besteht aus digital verbun- in diese Position gewählt worden zu sein –
rechtlichen Einsprüchen und eventuellen denen Gleichgesinnten. die Gruppe »Strukturkritik« will über sol-
Bußgeldzahlungen.« Die Sache erledigte Das Impressum der deutschen Website che Posten künftig abstimmen lassen.
sich dann schnell, die Stadt zog die Buß- nennt als Verantwortlichen einen Kieler Andere wichtige Akteure sind hingegen
geldbescheide zurück. Studenten, der an der angegebenen Adres- deutlich weniger bekannt, zum Beispiel
Doch nicht alle Probleme werden sich se nicht wohnt. Die Aktivisten der Ostsee- Louis Motaal, 20, angehender Witten/Her-
von selbst lösen. Auf Dauer wird es nicht stadt haben dort zwar ihren örtlichen Treff- decke-Student, der Markenrechte an »Fri-
genügen, dass sich die Bewegung an sich punkt, aber keinen Briefkasten. days for Future« beim Deutschen Patent-
selbst und ihrem wachsenden Erfolg be- Die Bewegung übt sich in Basisdemo- und Markenamt angemeldet hat und über
rauscht. Im Hintergrund geht es längst kratie. Die Kieler Aktivisten sind genauso den das Hauptspendenkonto läuft.
auch um die Verteilung von Macht, Geld unabhängig darin, was sie für FFF tun und »Am Personenkult sind die Medien
und Einfluss. lassen, wie die anderen rund 600 Ortsgrup- schuld«, sagt Carla Reemtsma, eine der eh-
Von links hat die Marxistisch-Leninisti- pen in Deutschland. Jede Gruppe wählt renamtlichen Pressesprecherinnen. »In der
sche Partei Deutschlands angeblich ver- Delegierte. Diese stimmen alle Anliegen Woche, als Luisa bei ›Anne Will‹ war, hat-
sucht, ganze Ortsgruppen zu übernehmen; in der wöchentlichen Telefonkonferenz ten vier Talkshows nach ihr gefragt.« Einen
die Bewegung wehrte sich erfolgreich. Von (»Deli-TK«) ab und holen dafür vorher die ganzen Tag habe es gedauert, bis eine an-
rechts mischen sich Trolle in die Chats. In Meinung ihrer Ortsgruppen ein. Wenn min- dere Redaktion dann Reemtsma statt Neu-
Mülheim an der Ruhr ermittelt der Staats- destens 70 Gruppen abgestimmt haben, ist bauer als Gast akzeptiert habe. Bei zwei
schutz wegen des Verdachts auf Volksver- das Votum gültig. Darüber hinaus gibt es weiteren Talkshows habe es geheißen: Neu-
hetzung, nachdem anonyme Absender die rund 20 bundesweite Expertenteams: die bauer oder keine. Sie seien hart geblieben,
Mitglieder der örtlichen Aktivisten-Whats- Forderungen-AG, die Kampagnen-AG, die sagen die »Fridays«-Aktivisten, am Ende
App-Gruppe mit rassistischen Bildern und Grafik-AG oder die Finanz-AG. sei dann eben keiner von ihnen im Fernse-
AfD-Bannern verstört hatten. Das Strukturkonzept ist 21 Seiten lang, hen gewesen.
Hinzu kommen organisatorische He- umfasst Hunderte Paragrafen, legt Abstim- Das alles klingt sympathisch und hierar-
rausforderungen. »Fridays for Future«, mungshürden und Protokollpflichten fest. chiefrei. In der Praxis aber hat das System

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 25


seine Tücken. Das zeigt die Großdemons- Und wenn sich die jungen Bei den Finanzen bedient sich »Fridays
tration in Aachen am 21. Juni. Genauer: for Future« überdies der Hilfe einer Stif-
der Transport dahin – ein Fiasko, das die Vorkämpfer an tung: Plant-for-the-Planet, gegründet von
Bewegung noch länger beschäftigen dürfte. der Mammutaufgabe Frithjof Finkbeiner und seinem Sohn Felix,
Jannik Schestag, 24, war einer der einem Studenten, der mal so etwas wie das
Hauptorganisatoren der Demo. Vorher verheben? deutsche Gegenstück zu Greta war. Als 13-
machte der Student eine Infotour, um El- Jähriger klagte er vor der Uno-Versamm-
tern zu beruhigen, in Prag, Wien, War- ben die Macher das Rechtliche häufig in lung in New York, die Welt tue zu wenig
schau, München, Leipzig. Fast im Allein- die Zukunft, bis es irgendwann knallt. Im gegen die Klimakrise. Seine Stiftung hat
gang kümmerte sich der Mathecrack auch Schadensfall kratzen sich beste Freunde seither Millionen Bäume gepflanzt und Tau-
um die Logistik, damit Tausende Jugend- dann die Augen aus.« sende junge Klimabotschafter ausgebildet.
liche zu fairen Tarifen anreisen konnten. Der Jurist rät der Bewegung, sich als Die Stiftung führt nach eigenen Anga-
Dafür wollte er nicht nur Busse, sondern Verein zu verfassen. »Ein Verein ist etwas ben ein Treuhandkonto für »Fridays for
auch Züge einsetzen. Vorbild war ein Son- Urdemokratisches und sehr passend für Future«, Louis Motaal, der das Marken-
derzug von »Ende Gelände« ins Rheini- solche Initiativen.« recht für die Bewegung angemeldet hat,
sche Kohlerevier. Zumindest im Umfeld der Bewegung ist danach ihr Vertragspartner. Nur gegen
Ab hier gibt es unterschiedliche Darstel- sind mittlerweile mehrere Vereine aktiv. Im Vorlage von Rechnungen, heißt es, zahle
lungen. Die einen sagen, die Finanz-AG Frühjahr wurde in Hamburg »Donate for man davon Gelder aus. Teuerster Posten
habe Schestag abgeraten. Andere sagen, Future« gegründet. Der Verein unterstützt bisher: die Bühne in Aachen für gut 27 000
viele Ortsgruppen hätten die Sonderzüge laut Satzung Umweltschutzbewegungen, Euro. Alles korrekt, sagt Plant-for-the-Pla-
»cool« gefunden. Wer weisungsberechtigt »z.B. Fridays for Future«. Einer der beiden net: Die Schenkungen an FFF würden
ist, ob »viele Ortsgruppen« oder »die Fi- Vorsitzenden ist ein Mann, der fast jeden nicht als gemeinnützig quittiert und nicht
nanz-AG«, weiß keiner. Schestag jeden- Freitag in Hamburg dabei ist, die Bühne als Stiftungsmittel verbucht.
falls buchte Züge. herankarrt und gern oben den Takt vorgibt. Die Konstruktion birgt allerdings eine
Doch in Tschechien, woher angeblich Mit der Presse spreche er ungern, sagt Rene Gefahr für »Fridays for Future«: Die Be-
1000 Aktivisten kommen sollten, hatten Grassau, nur per Ausnahmegenehmigung wegung hängt damit an einer Stiftung,
offenbar nur 150 Interesse. Auch auf der dürfe er bei den Schülern mitmachen, weil deren Image sie nicht beeinflussen kann;
FFF-Website haperte es mit den Buchun- er »Ü 30« sei. Sein Alter ist im Vereins- die »Zeit« berichtete, Felix Finkbeiner
gen. Zwei Züge wurden storniert, allein register einsehbar: Grassau ist 46. habe es mit den Zahlen über Baumpflan-
eine Stornogebühr belief sich auf 17 058 Das Finanzamt hat dem »Donate«-Ver- zungen übertrieben.
Euro. Insgesamt bezahlte der junge Mann, ein bescheinigt, gemeinnützig zu sein – ob- Gegner der Bewegung nutzen diesen
der das Erbe seines verstorbenen Vaters wohl er einer Bewegung helfen will, die Zusammenhang längst. Die Rechten beob-
im Rücken hat, fast 73 000 Euro. steuerrechtlich nicht gemeinnützig ist und achten die Geldströme an die jungen Leute
Wie es aussieht, könnte er auf einem wohl auch nicht sein kann. Denn Schwän- mit demselben Argwohn wie andere die
Teil der Kosten sitzen bleiben. Intern wird zen verstößt gegen das Gesetz; in Deutsch- Geldströme gen AfD. Die AfD-Politikerin
noch hart verhandelt, wie viel Schestag land herrscht Schulpflicht. Beatrix von Storch twitterte Mitte April:
erstattet werden soll. Soll er nur die Ein- »Vorne stehen Kinder mit Plakaten, dahin-
nahmen aus den Tickets bekommen? Sie Prinzip Hoffnung ter sammelt die organisierte #Klimalobby
würden nicht einmal die Hälfte seiner »Hast du schon einmal an einer ›Fridays for die Spendengelder ein.«
Kosten decken. »Ich bin fertig mit ›Fridays Future‹-Veranstaltung teilgenommen?« Das Geraune solcher Leute scheint die
for Future‹«, sagt der Student, der seit »Kinder« nicht zu stören. Auf dem Ham-
ja, einmal nein, nie
der Demo krankgeschrieben ist. »Das burger Rathausmarkt sitzen drei junge
Schlimmste ist gar nicht das Geld. Das 14% 67% Frauen, 16, 19 und 20 Jahre alt, nach der
Schlimmste ist, dass ich mich nie wieder Freitagsdemo am zweiten Ferientag und
auf andere werde verlassen können.« ja, wirken erschöpft. »Unsere Ortsgruppe ku-
mehrmals 10%
Auch für die Schweizer hatte er einen schelt viel, um den Stress zu bewältigen«,
Sonderzug organisiert, auch hier deckten sagt Friederike Leppert, die vergangenes
die Ticketeinnahmen nicht die Kosten. 9% Jahr ihr Abitur gemacht hat und dem-
Die dortige Bewegung buchte den Zug, Ich habe nächst in Maastricht studieren will.
für die Einnahmelücke setzte sie Spenden noch nie von Sie habe vor der Aachen-Aktion 70 Stun-
ein. Die deutschen »Fridays« diskutieren »Fridays for den pro Woche gearbeitet. Chillen im »Gap
Future« gehört
dagegen noch – nachdem sie noch Wo- Year« zwischen Abi und Studium ist keine
chen nach der Demo mit Schestags Son- Zusatzfrage unter denen, die »Fridays for Future« kennen: Option, wenn die Tundra brennt. Großflä-
derzug geworben hatten: Zentrales Bild »Glaubst du, dass die Bewegung etwas verändert?« chige Brände wüten derzeit zahlreicher
auf der Website war ein Zug, aus dessen denn je in Grönland, Sibirien und Kanada.
Fenster eine Aktivistin die grüne FFF- ja »Wir brauchen jetzt Veränderung«, sagt
Fahne schwenkte. eine andere Aktivistin. »Wenn Deutsch-
Stefan Winheller, Experte für Vereins- 51% land nicht dieses Jahr unseren Forderun-
und Steuerrecht in Frankfurt am Main, hat- gen nachkommt, ist es zu spät.«
te früh Ärger kommen sehen. Im Frühjahr Die Forderungen können die drei pro-
habe ein besorgter Vater bei seiner Kanzlei blemlos aufzählen: eine CO -Steuer von 180
²
angefragt, wie man die Bewegung recht- 1002 Befragte Euro pro Tonne Treibhausgase zu erheben,
lich organisieren könne. »Die Aktivisten 23% 26% ein Viertel aller Kohlekraftwerke abzuschal-
ließen dann ausrichten, dazu hätten sie kei- Kann ich nicht nein ten und Kohle, Gas und Öl nicht länger zu
ne Zeit, sie müssten sich um ihre Kam- einschätzen subventionieren – und das alles noch 2019.
pagnen kümmern«, sagt Winheller. »Be- Quelle: Sinus Markt- und Sozialforschung; Onlinebefragung
Einige Tage später sitzt Friederike Lep-
seelt von der inhaltlichen Arbeit, verschie- vom 3. bis 19. Juni; 1102 Befragte zwischen 14 und 24 Jahren pert an ihrem Arbeitsplatz im Wohnzim-

26 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

FREDERIKE WETZELS / DER SPIEGEL

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


Organisationstafel für den »Fridays for Future«-Sommerkongress in Dortmund, Aktivistin Leppert: »Jeder hat mitgeholfen«

mer ihrer Eltern, der Blick fällt auf den cken nacheinander – um den Küchentisch kosten. Das Bundesumweltministerium ist
Hintergarten des Reihenhauses. Auf dem in der Dortmunder Planungs-WG gibt es mit 10 000 Euro dabei. Die Stadt Dort-
Bildschirm läuft »Trello«, ein digitaler Or- nicht genügend Stühle für alle. Müde sehen mund unterstützt mit Logistik: Die WG
ganizer, in dem man »To dos« einstellen sie aus, etwas stiller als sonst. Es ist so viel tagt in einer leer stehenden Flüchtlings-
und kommentieren kann, gemeinsam von zu tun. Bald müssen die rund 150 Work- wohnung.
verschiedenen Computern aus. Sie hat Auf- shops und ihre Verteilung auf die Klassen- Die Idee zur Konferenz hatte einer jener
gaben an jedem Tag der Woche: Plenum, räume stehen, die Nachtwachen in den älteren Mitstreiter, die inzwischen unter
Telefonkonferenz, ein Treffen, Mails, De- Turnhallen bei den Jüngsten, die mobile den jungen Leuten zu finden sind: der
mo. Aktuelles Problem: Für ein Festival im »Volx«-Küche. Die Auflagen vom Gesund- Journalist Uli Hauser, 57, der dafür den
Millerntorstadion fehlt ein Podiumsgast. heitsamt seien »megastreng«. Das Jugend- »Stern« verlassen hat. Er will die Genera-
»Morgen früh habe ich mir freigenom- amt frage nach der Security, der Sicherheits- tionen miteinander verknüpfen und hat
men«, sagt die 19-Jährige, »dann treffe ich dienst allein wird wohl 25 000 Euro kosten. auch das Treffen mit Udo Lindenberg or-
mal alte Freunde.« Auf einem Stuhl kippelt Jakob Blasel. Er ganisiert. In Dortmund möchte er Michael
Vor Aachen hatte Leppert sich mit der war schon bei der Grünen Jugend und bei Succow auf die Bühne holen, den großen
Organisation viel Arbeit gemacht. Wer Greenpeace aktiv, bevor er im Dezember alten Naturschützer der DDR und den
kann an welchem Tag wo helfen? »Vor Ort in Kiel die erste deutsche Großdemo orga- Fernsehmoderator Joko Winterscheidt.
war das dann unwichtig. Da kamen am nisiert hat; in der neuen Bewegung genießt Was, wenn sich die jungen Vorkämpfer
Sonntag Tausende Brötchen als Spende der 18-Jährige Veteranenstatus. Auch Bla- an der Mammutaufgabe verheben?
einer Bäckerei. Bei der Verteilung als sel hat kürzlich einen Future-Verein mitge- »Der Klimawandel überfordert die gan-
Vesper für die Heimreise hat jeder mitge- gründet, »Organize Future«. Die Satzung ze Welt«, sagt Hauser. Alle säßen da wie
holfen.« Sie lächelt bei der Erinnerung. sei von einer Großkanzlei in Berlin auf- Raucher, zu denen erst ein Arzt sagen
Man braucht bei den »Fridays« nur »Park- gesetzt worden, erzählt der Juristensohn muss, dass sie sterben werden, bevor sie
hotel« zu sagen, dann lächeln viele: So ha- stolz, die Gemeinnützigkeit sei garantiert. endlich aufhörten. »Mit 18 etwas tun zu
ben sie das Parkhaus getauft, in dem sie Tatsächlich unterstützt der Verein nicht können, was einen überfordert, ist doch
ihre Schlafsäcke ausrollen durften. direkt »Fridays for Future«, sondern tritt wunderbar.«
Eine ähnliche Stimmung soll auf dem als Träger des Kongresses auf. Die Spon- Annette Bruhns, Heike Klovert,
Sommerkongress in Dortmund aufkom- soren können an diesen Verein spenden. Franca Quecke, Andreas Wassermann
men. Es ist ein Samstag im Juli, halb neun Die Stiftung Mercator übernimmt 35000 Mail: annette.bruhns@spiegel.de
Uhr morgens, etwa 20 Aktivisten frühstü- Euro für Veranstaltungs- und Transport-

27
Deutschland

Nazihelfer zu gelten, muss man sich »mit

Unbezahlbare Hilfe einer gewissen Stetigkeit« sowie »wissent-


lich und willentlich« engagiert haben. Der
Nutzen der Nazis daraus darf »nicht ganz
Adel Der Streit um das Erbe der Hohenzollern geht weiter. Ein unbedeutend« gewesen sein.
Trifft das auf den ehemaligen Kronprin-
Gericht muss klären, wie sehr die Familie die Nazis unterstützte. zen Wilhelm zu, bis 1951 Chef des Hauses
Hohenzollern?

A m Tag vor den Verhandlungen gab


es gute Nachrichten für Georg Fried-
rich Prinz von Preußen, endlich ein-
mal. »Wir schätzen ihn in seiner Unterstüt-
sozialistischen System erheblichen Vor-
schub« geleistet haben: Bedeutende Nazi-
helfer und deren Nachfahren sollen keine
Steuermittel bekommen.
Finanzminister Görke stützt sich auf
zwei umfangreiche Gutachten. Das eine
hat der führende Adelshistoriker Stephan
Malinoswki verfasst, das andere der Ge-
zung«, sagte die Sprecherin der Deutschen Vor Jahren hatten Brandenburg und die schichtsprofessor Peter Brandt.
Stiftung Denkmalschutz. Hohenzollern begonnen, darüber vor Ge- Die Hohenzollern fahren den Cam-
Prinz von Preußen gehört dem Stif- richt zu streiten. Aufgrund der Vergleichs- bridge-Professor und Bestsellerautor
tungsrat an, auf der Website der Stiftung verhandlungen ruhte der Prozess; die Christopher Clark (»Die Schlafwandler«)
wird der Ururenkel des letzten deutschen 1,2 Millionen Euro wurden zum Teil der auf. Clark beginnt seine schmale Ausarbei-
Kaisers nach altem Brauch noch als großen Verhandlungsmasse. Doch jetzt ist tung allerdings mit dem salvatorischen
»S.K.H.« bezeichnet, Seine Königliche Ho-
heit. Er habe sich sehr engagiert gezeigt,
sagte die Sprecherin, und wie jedem an-
deren Bürger stehe es ihm zu, Rechtsmittel
zu nutzen, um offene Fragen zu klären.
Prinz von Preußen werden diese Worte
gutgetan haben. Die Kritik reißt nicht ab,
seit bekannt geworden ist, dass er und seine
Familie viele Kunstwerke wiederhaben wol-
len, die einst der Krone zugerechnet wur-
den, und in Verhandlungen mit dem Staat
weitere Forderungen stellen. Die Hohen-
zollern, die knapp tausend Jahre deutsche
Geschichte mitgeprägt haben, stehen da
wie ein gieriger Clan (SPIEGEL 29/2019).
Am Mittwoch ging es in die nächste Ver-
handlungsrunde. Knapp vier Stunden lang
konferierten beide Seiten in einem klimati-
sierten Konferenzsaal am Potsdamer Platz
1 in Berlin, einem Dienstsitz von Kultur-
staatsministerin Monika Grütters (CDU).
Die Atmosphäre war angespannt, wie Teil-
nehmer berichten. Am Tisch saßen vier Ver-

BUNDESARCHIV KOBLENZ
treter der Hohenzollern, drei Staatssekre-
täre aus Berlin und Brandenburg, ein Spit-
zenbeamter des Kanzleramts sowie Muse-
ums- und Stiftungsvertreter.
Am Ende waren immerhin einige Streit-
punkte abgeräumt. Im Herbst sollen die Kanzler Hitler, Ex-Kronprinz Wilhelm am 21. März 1933: Gemeinsam Macht ergreifen
Verhandlungen weitergehen. Eine interes-
sante Frage wird dann auf der Tagesord-
nung fehlen: War das Haus Hohenzollern es mit dem Burgfrieden vorbei. Görke ver- Hinweis, diese beruhe nur auf einer aus-
mitschuldig am Aufstieg Adolf Hitlers? langt von den Hohenzollern, die Entschä- gewählten Dokumentensammlung, und er
Das werde er vom Verwaltungsgericht digungsklage zurückzuziehen; diese leh- erhebe »keinerlei Anspruch, alle mögli-
Potsdam klären lassen, kündigte Branden- nen ab. Erst nach einer »umfassenden güt- cherweise existierenden Quellen berück-
burgs Finanzminister Christian Görke (Die lichen Einigung« sei man dazu bereit. So sichtigt zu haben, die in anderen Archiven
Linke) noch am Mittwochabend an. lange will Görke nicht warten. aufbewahrt sein könnten«. Entsprechend
Vordergründig geht es um 1,2 Millionen Die Eskalation birgt Risiken für beide lückenhaft ist seine Analyse.
Euro. Die Sowjets hatten nach dem Zweiten Seiten. Der Name der ehemals kaiserlichen Noch sind die Arbeiten nicht öffentlich,
Weltkrieg in ihrer Besatzungszone, der spä- Familie ist bereits mit dem Ersten Weltkrieg aber dem SPIEGEL liegen Kopien vor. Zu-
teren DDR, die Hohenzollern wie auch an- verbunden: Zu dessen Ausbruch hat Kaiser dem hat die Historikerin Karina Urbach,
dere Großgrundbesitzer enteignet. Eine Wilhelm II. in beträchtlichem Ausmaß bei- die in Princeton forscht, eine Studie über
Rückgabe der Liegenschaften ist ausge- getragen. Das Gericht könnte den Hohen- das Verhältnis zwischen den Hohenzollern
schlossen, wohl aber steht Georg Friedrich zollern nun auch eine Mitverantwortung und Hitler verfasst*.
Prinz von Preußen als heutigem Oberhaupt für den Zweiten Weltkrieg zuschreiben.
der Familie die Millionenentschädigung in Allerdings kann auch Brandenburg sich * Karina Urbach: »Nützliche Idioten. Die Hohen-
zollern und Hitler«, in: Thomas Biskup / Jürgen Luh /
Brandenburg grundsätzlich zu. Allerdings seiner Sache nicht sicher sein. Das Bun- Truc Vu Minh (Hg.): »Die Abdankung der Hohen-
schließt die Rechtslage eine Zahlung aus, desverwaltungsgericht hat einige Hürden zollern und das Ende Preußens.« Erscheint bei
falls die Hohenzollern einst dem »national- für solche Fälle errichtet. Um als wichtiger perspectivia.net.

28
In Einzelfragen kommen die Experten sein Held sei Italiens Diktator Benito Mus- bei, dass das Verbot fiel. Vor der Reichs-
zu unterschiedlichen Ergebnissen, das Ur- solini gewesen, den er mehrmals besuchte präsidentenwahl 1932 veröffentlichte er
teil über Wilhelm fällt hingegen gleicher- und dessen Foto auf seinem Schreibtisch einen Wahlaufruf für Hitler und behaup-
maßen vernichtend aus. Sie attestieren stand. Den italienischen Faschismus fand tete später, »rund 2 Millionen Stimmen«
dem Lebemann eine »pro-nationalsozia- Wilhelm laut Dokumenten »fabelhaft«, für den Nazi gewonnen zu haben, was sich
listische Grundhaltung« (Brandt), sehen weil dort »Sozialismus, Kommunismus, De- nicht überprüfen lässt. Hitler jedenfalls be-
in ihm ein »Sprachrohr« der NS-Propa- mokratie mit Stumpf und Stil« ausgerottet fand, der ehemalige Kronprinz sei ein
ganda (Malinowski) oder einen »nützli- seien –  und weil ein König präsidierte. »Lichtblick«.
chen Idioten« Hitlers (Urbach). Selbst Historikerin Urbach kommt zu dem Ur- Wilhelm blieb ihm verbunden, als Hitler
der Hohenzollern-Gutachter Clark be- teil, die Hohenzollern hätten die Nazis in die Reichskanzlei eingezogen war, und
zeichnet den Adeligen als »schrecklichen nicht nur deshalb unterstützt, weil sie auf verteidigte das Terrorregime in den inter-
Reaktionär«. den Thron hofften, sondern weil es »viele nationalen Medien. Als Repräsentant der
Im Gegensatz zu den anderen Wissen- ideologische Gemeinsamkeiten« gab: An- alten Elite sei er »für die NS-Auslandspro-
schaftlern glaubt Christopher Clark aller- tisemitismus, Antiparlamentarismus, Anti- paganda unbezahlbar« gewesen, schreibt
dings, Wilhelm sei unfähig gewesen, »in kommunismus, später die Freude über Hit- Urbach. Der Ex-Kronprinz machte auch
einem komplexen und sich schnell ver- lers Eroberungskriege. beim sogenannten Tag von Potsdam mit,
ändernden politischen Umfeld effektiv Viele von Wilhelms Verwandten teilten jener zentralen Propagandaveranstaltung
zu handeln«, und deshalb eine »Rand- das Faible für die Nazis. Gutachter Mali- am 21. März 1933, die demonstrieren soll-
te, dass die Nazis in der Kontinuität einer
ruhmreichen preußischen Vergangenheit
standen. Das ging nur mit den Hohen-
zollern.
Das Urteil des Verwaltungsgerichts wird
auch davon abhängen, wie die Richter die
Situation 1932/33 bewerten. Unter den vie-
len Feinden der Demokratie auf der Rech-
ten war Hitler nicht der einzige Kandidat,
der Chancen auf die Macht hatte. Aus die-
ser Perspektive urteilt Gutachter Brandt,
der Hohenzoller habe dazu beigetragen,
dass »aus einer potenziellen konservativen
Alternative zum Nationalsozialismus kei-
ne reale Alternative wurde«.
Sicher ist: Hitler schätzte das Macht-
potenzial des Ex-Kronprinzen so hoch
ein, dass er fürchtete, bei Wahlen gegen
ihn zu verlieren. Wilhelm wiederum be-
BRITTA PEDERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA

hauptete gegenüber einem glaubwürdi-


gen Zeugen am Tag nach Hitlers Macht-
antritt, er sei glücklich, dass »in Deutsch-
land jetzt eine nationale Regierung ge-
bildet sei, für die er seit einem Jahr gear-
beitet habe«.
Für die Richter am Potsdamer Verwal-
tungsgericht dürfte die schwierigste Frage
sein, ob Wilhelms Nutzen für die Nazis
Familienoberhaupt Prinz von Preußen, Ehefrau Sophie: Wie jeder andere Bürger mehr als »nicht ganz unbedeutend« war.
Die Hohenzollern könnten zu ihrer Ent-
lastung auch anführen, dass sie zuneh-
figur« geblieben. Ein Freispruch zweiter nowski schreibt von einem familieninter- mend auf Distanz zu Hitler gingen – und
Klasse? nen »Wettbewerb um die Gunst Hitlers«, Wilhelms Sohn Louis Ferdinand sogar
Bereits in den Zwanzigerjahren, als die der »intensiv, emotional und intrigant« ge- Kontakt zum Widerstand hatte. Doch da-
Nazis noch eine Splitterpartei waren, sym- führt worden sei. Wilhelm II. – ein Anti- mit werden sie wohl nicht weit kommen.
pathisierte Wilhelm, geboren 1882, mit semit mit prophetischen Mordfantasien Weil sein Vater die Zustimmung verwei-
dem sieben Jahre jüngeren Hitler. Er duzte (»Ich glaube, das Beste wäre Gas«) – zeigte gerte, lehnte Louis Ferdinand eine symbo-
sich mit dessen Adlatus Hermann Göring; sich von Hitlers Machtantritt 1933 begeis- lisch tragende Rolle ab; nur in dieser aber
nach Angaben eines Dieners telefonierten tert. Seine zweite Frau Hermine schwärm- wäre er für Hitlers Gegner interessant ge-
sie zeitweise täglich miteinander. 1932 te von der braunen Bewegung. Ein Bruder wesen.
wollte Wilhelm sogar gemeinsam mit Hit- Wilhelms stieg zum SA-Obergruppenfüh- Prozesse vor Verwaltungsgerichten dau-
ler die Macht ergreifen – er als Reichsprä- rer auf, eine Schwester warb in Großbri- ern oft lange, ein Urteil ist erst in Jahren
sident, Hitler als Kanzler. Der oberste Nazi tannien für die Nazis. zu erwarten. Bei den Gemälden immerhin
hatte schon zugestimmt, das Projekt schei- Wilhelm selbst trat in Wahlkämpfen können die Hohenzollern auf eine schnel-
terte dann an einem Veto von Wilhelms und bei Propagandaveranstaltungen für lere Klärung hoffen. In den Verhandlun-
Vater, dem Ex-Kaiser. die Nazis mit Hakenkreuzbinde auf. Als gen zeichnet sich ab, dass die Familie wohl
Wilhelm junior träumte von einem »auto- 1932 die braunen Terrororganisationen SA zahlreiche Kunstwerke zurückerhalten
ritären ordo-faschistischen Regime neuen und SS verboten wurden, intervenierte wird. Klaus Wiegrefe
Typs«, wie der Historiker Brandt schreibt; Wilhelm und trug laut Malanowski dazu

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 29


niert, die Gespanne reihen sich auf deut-

Am Samstag dicht scher Seite. Laut Bayerischem Verkehrs-


ministerium stauten sich die Lkw kurz
nach Pfingsten auf einer Strecke von mehr
als 40 Kilometern.
Bayern Die österreichischen Fahrverbote empören Urlauber In Bayern stößt man sich zudem an dem
und Politiker. Im Grenzgebiet aber haben viele Menschen Fahrverbot, das die österreichischen Bun-
Verständnis – und kritisieren die deutsche Verkehrspolitik. desländer Tirol und Salzburg beschlossen
haben. Wenn am Wochenende viel Ver-
kehr ist, dürfen durchreisende Autofahrer

C hristian König legt einen Brief auf


den Besprechungstisch im Rathaus.
Es ist ein grenzübergreifender Hilfe-
ruf, verfasst von den Vorstehern mehrerer
gegen und drückten aus Protest sämtliche
Fußgängerampeln, um sie für die Autofah-
rer auf Rot zu schalten.
Andere Orte haben ähnliche Probleme,
nicht mehr auf Nebenstrecken auswei-
chen – sie müssen auf der Autobahn blei-
ben. Scheuer hat die Regelung als »zutiefst
diskriminierend« kritisiert und behält sich
Kommunen in Bayern und Österreich, die Region leidet unter den Folgen einer eine Klage vor dem Europäischen Ge-
adressiert an die Regierenden in den autofixierten Verkehrspolitik. Am Donners- richtshof vor.
Hauptstädten. König ist stellvertretender tag traf Bundesverkehrsminister Andreas Der Tiroler Landeshauptmann Platter
Bürgermeister der deutschen Gemeinde Scheuer (CSU) seine Amtskollegen aus wiederum hält an den Fahrverboten fest,
Kiefersfelden. Österreich und Bayern sowie den Tiroler auch nach dem Gipfel in Berlin: Allein die
»Aktuell ist unsere Grenzregion vom Landeshauptmann Günther Platter in Ber- Entlastung der Bevölkerung auf beiden
Mautausweich- und vom Grenzkontrollen- lin zu einem Krisengipfel. Sie vereinbarten Seiten der Grenze sei für ihn der Maßstab,
ausweichverkehr an den Ferien- und Ski- mehrere Maßnahmen, um den Verkehr bes- so Platter. Sein Bundesland mache das
wochenenden völlig überlastet«, heißt es ser zu steuern, doch die zentralen Konflikte »nicht aus Jux und Tollerei«, es handle sich
in dem Brief. »Wir haben stehenden Ver- bleiben ungelöst. um »Notmaßnahmen«, die »für Inländer
kehr mitten in den Orten. Unsere Bürger Die Österreicher ärgern sich, dass gleichermaßen gelten«. Der ÖVP-Politiker,
können innerorts die Hauptstraßen weder Deutschland bei den Planungen rund um ehemaliger Innenminister im Bund, geht
kreuzen noch in diese einfahren.« den Brenner-Basistunnel für die Bahn hin- davon aus, die Deutschen im Grenzgebiet
König, von Beruf Polizist und in seiner terherhinkt. Er wird wohl 2028 eröffnet, auf seiner Seite zu haben. Die »Bevölke-
Freizeit Skitourengänger, drückt es präg- aber die Zuwege auf deutscher Seite wer- rung Bayerns« beweise »viel Verständnis
nanter aus. »Kiefersfelden ist am Samstag den erst viel später fertig sein. für unsere Maßnahmen und wünscht sich
dicht«, sagt er. »Wir kaufen das Brot lieber Deutsche Politiker kritisieren hingegen Ähnliches für Bayern«.
unter der Woche.« die sogenannten Blockabfertigungen: In Zumindest für Kiefersfelden dürfte er
Seine Gemeinde leidet unter dem stark Stoßzeiten lässt Österreich nur 100 bis 300 recht haben. CSU-Kommunalpolitiker
gestiegenen Verkehr in der Alpenregion Lkw pro Stunde über die Grenze. So wird König liegt nicht auf der Linie der Partei-
(siehe Grafik). Zwar sind die Menschen in der Verkehr über den Brennerpass portio- oberen in München oder gar im fernen
dem Landstrich mit den grünen Berlin, wenn er über die österrei-
Weiden und den nahen Bergen vie- chischen Maßnahmen spricht. Die
le Transitreisende gewohnt. Doch Verkehrsinfarkt 20 km neuen Fahrverbote in Tirol? »Dafür
München
die laufende Hauptreisesaison sorgt habe ich Verständnis«, sagt er. »We-
für besonders großen Frust – und nigstens rührt sich etwas, auch bei
besonders lange Staus. BAYERN uns gehört etwas gemacht.«
Eigentlich soll der Verkehr hier DEUTSCHLAND Rosenheim Dann lädt König zu einem Kurz-
auf der Autobahn 93 über die Gren- A 93 trip mit dem Auto, um die Unter-
ze fließen. Das klappt allerdings nur Kiefersfelden
schiede zwischen den Nachbarn zu
selten. zeigen. Auf der A 93 geht es Rich-
Autofahrer aus Österreich stehen Kufstein tung Süden, vorbei an den Balda-
vor der Grenze oft im Stau, weil die A 12 chinen der Bundespolizei am ehe-
deutsche Bundespolizei die Einrei- TIROL maligen Zollamt. Dahinter staut
Innsbruck
senden kontrolliert, um illegale Mi- ÖSTERREICH sich der Verkehr auf der Gegenfahr-
Brenner-
granten zu finden. Manche Reisen- Tunnelprojekt bahn. König fährt weiter und
de weichen deshalb aus und wählen Landeck A 13 (Bahnverbindung) nimmt die Ausfahrt Kufstein-Süd.
eine Nebenstrecke – die Ortsdurch- Brennerpass Dort steht seit Kurzem ein Schild
fahrt von Kiefersfelden. am Kreisverkehr. Es untersagt die
Manche Autofahrer aus Deutsch- Durchfahrt auf der Gemeindestraße
land wiederum wollen der österrei- am Bezirkskrankenhaus vorbei.
chischen Maut entgehen, die auf Einige Kilometer weiter weist Kö-
Autobahnen und Schnellstraßen Verkehrsentwicklung in Tirol nig linker Hand auf die »Dosieram-
erhoben wird; moderne Navis er- Kfz-Aufkommen an den Autobahnen, Schnell- pel«: Sie schaltet automatisch auf
leichtern solche Abwege. Sie wäh- und Landesstraßen +225 % Rot, wenn der Verkehr zu viel wird.
len deshalb ebenfalls eine Neben- Eine solche Ampel forderte auch
strecke – häufig die Ortsdurchfahrt ein deutscher Gemeinderat jenseits
von Kiefersfelden. der Grenze, doch man beschied
Dort herrscht deshalb an Wo- ihm, sie sei nicht rechtmäßig.
chenenden dichtester Verkehr. Die König fährt auf der Landstraße
Einheimischen hielten den durch- zurück nach Deutschland, passiert
reisenden Automobilisten schon 1981 2017 das stillgelegte Grenzhäuschen, in
selbst gemalte Transparente ent- Quelle: Verkehrsbericht 2017 der Tiroler Landesregierung dem er früher Dienst tat, die Rund-

30 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

KRISTEN-IMAGES.COM / IMAGO
JAN FRIEDMANN / DER SPIEGEL

Lokalpolitiker König, Stau auf der Inntal-Autobahn: »Wir haben keinen Platz mehr«

fahrt endet an seinem schmucken Wohn- der Studie käme das Inntal ohne Neubau- folge eine Politik, die vor allem den Spedi-
haus aus Holz mit Garten, unter dem die strecke aus, diese Erkenntnis soll Vieregg tionen nutze. »Die Österreicher werden
Transalpine Ölleitung und eine Gasleitung nun in die Region tragen. von der Politik besser geschützt als die
verlaufen. König zeigt auf die Bahntrasse, Die Stimmung erinnert bisweilen an Bayern von der ihrigen.«
den Inn und die große Stromtrasse über die Frühphase der Konfrontation um Für die CSU ist das Kräftemessen mit
ihm. Er sagt: »Wir haben einfach keinen Stuttgart 21. Auch im eigentlich konser- Österreich bedrohlich, gehört es doch zum
Platz mehr.« vativ geprägten Inntal haben sich mehrere Selbstbild der Partei, Schutz und Schild
Umso wichtiger ist der geplante Bren- Bürgerinitiativen gegründet und zum für Bayern zu sein. Die Christsozialen stel-
ner-Basistunnel, mit 64 Kilometern der Bündnis »Brennerdialog Rosenheimer len seit zehn Jahren den Bundesverkehrs-
längste Eisenbahntunnel der Welt. Perso- Land« mit rund 15 000 Mitgliedern minister und seit mehr als sechs Jahrzehn-
nen- und Güterzüge sollen unter dem Al- zusammengeschlossen. Kommen Scheuer ten die Landesregierung – da lässt sich die
penhauptkamm durchfahren und die Stra- und andere Verkehrspolitiker in die Region, Schuld nicht so leicht auf andere schieben.
ßen vom Verkehr entlasten. Während werden sie bisweilen mit Trillerpfeifen Die Partei scheint zu merken, dass die
Österreich seine Teilstrecke zum Tunnel empfangen. Verkehrsprobleme in der Alpenregion ihr
seit 2012 fertig gebaut hat, zum großen »Mein Wunsch ist, dass man uns ernst schaden könnten. Ministerpräsident Mar-
Teil unterirdisch, laufen im bayerischen nimmt«, sagt Rainer Auer, der Bürgermeis- kus Söder kündigte an, eine Mauterhö-
Inntal die Planungen erst an. ter von Stephanskirchen, wo das Bündnis hung für Lkw im Inntal prüfen zu lassen,
Der Zulauf zum Tunnel ist ein Dauer- entstanden ist. Der parteilose Auer, der um die Strecke unattraktiver zu machen.
thema vor Ort. Vertreter der Deutschen einer freien Wählervereinigung angehört, Sein Verkehrsminister Hans Reichhart
Bahn präsentieren in den betroffenen baye- will im kommenden Jahr als Landrat kan- sagt: »Wir in Bayern haben ein Interesse,
rischen Gemeinden fünf Trassenvarianten didieren und der CSU den Posten abjagen. den Verkehr von der Straße auf die Schie-
für eine viergleisige Neubaustrecke. Vor Überall im Freistaat werden 2020 neue ne zu verlagern.«
2040 wäre wohl keine Variante fertig. »Der Bürgermeister, Landräte und Kommunal- Wie ernst die CSU den Unmut im Inntal
Berliner Politik muss man vorwerfen, dass parlamente gewählt, vielerorts könnte da- nimmt, zeigen Gedankenspiele in der Par-
sie viel zu spät mit den Planungen ange- bei die Verkehrspolitik entscheiden. tei: Man könne ja die Grenzkontrollen ab-
fangen hat«, sagt Hubert Wildgruber, der »Die Interessen unserer Region werden mildern, im Gegenzug für Zusagen der
Bürgermeister von Oberaudorf, nur fünf von den übergeordneten Politikern nicht Österreicher. Für den Kiefersfeldener Vize-
Zugminuten von der Grenze entfernt. Die vertreten«, kritisiert Auer. Der Bundes- bürgermeister liegt ein solcher Deal nahe.
Versäumnisse reichten 20 bis 30 Jahre zu- verkehrsminister reduziere das Inntal auf »Die Grenzkontrollen aufheben und Maut-
rück, so der CSU-Kommunalpolitiker. »Da einen reinen Verkehrsweg. Die CSU ver- freiheit bis Kufstein einführen«, sagt Chris-
läuft man jetzt hinterher.« tian König. »Mit diesen beiden Maßnah-
Der Widerstand in der Region ist groß, men wäre uns geholfen.«
neuer Streit abzusehen. Vier Gemeinden Der Verkehr in Kiefersfelden würde
haben das Münchner Büro für Verkehrs- Die CSU scheint zu dann vermutlich prompt abnehmen – und
beratung Vieregg-Rössler mit einer Studie merken, dass die Proble- König könnte auch samstags wieder pro-
beauftragt. Das Büro hat schon den Geg- blemlos Brot holen gehen. Jan Friedmann
nern des umstrittenen Tiefbahnhofs Stutt- me in der Alpenregion Mail: jan.friedmann@spiegel.de
gart 21 treffende Prognosen geliefert. Laut ihr schaden könnten.
31
Deutschland

Einreise
Beerdigung seines Sohnes reisen darf, er- mehr gültig sei. Ein Mann vom US-Gene-
hielt er kein Visum. ralkonsulat strich das Dokument durch
Die »Washington Post« berichtete da- und notierte darauf »revoked«, wider-

verboten
rüber und zitierte den Anwalt: »Ich bin rufen. Angeblich spielte eine Rolle, dass
Humanist, kein Terrorist.« Vor dem Hin- er in einer Anfrage einen unzutreffenden
tergrund internationaler Konflikte aber, Visumtyp genannt habe.
das zeigt offenbar der Fall, kann beide das Iranbomy kann das nicht nachvoll-
Schicksale Ein Vater darf gleiche Schicksal treffen. ziehen: Die unkorrekte Angabe sei als
nicht an der Beerdigung seines Auf der Feier für seinen Sohn sprechen Tippfehler erkennbar gewesen. Er vermu-
ein Imam, ein evangelischer Pastor und tete schon damals, dass diese Entschei-
Sohnes in den USA ein Vertreter der jüdischen Gemeinde. Die dung mit dem Willen des US-Präsidenten
teilnehmen – wohl auch weil Trauerredner erzählen vom Leben des Donald Trump zu tun habe, Menschen aus
er in Iran geboren wurde. Sohnes: Er war Kommandant der Jugend- Iran und anderen muslimischen Ländern
feuerwehr und jüngster Schulsprecher sei- die Einreise zu verbieten.
ner Schule, organisierte den Besuch einer Als Iranbomy nun nach dem Tod seines

F rankfurt am Main, in einem Saal in


der Nähe des Römers. Auf einem
hohen Tisch mit einer Decke aus
rotem Samt steht das Foto eines jungen
jüdischen Holocaust-Überlebenden an der
Schule, hielt für »Jugend und Parlament«
zwei Reden im Reichstagsgebäude – die
zweite wenige Tage vor seinem Tod.
Sohnes beim Generalkonsulat vorstellig
wurde, sei er gefragt worden, was er über-
haupt in den USA wolle – seine Frau sei
doch da, um den Sohn zu Grabe zu tragen.
Mannes, er trägt eine Uniformmütze der Seit einigen Jahren lebte er mit seiner Er wolle sich vielmehr in den USA nieder-
Freiwilligen Feuerwehr Frankfurt. Der jun- Mutter in den Vereinigten Staaten, stu- lassen, habe ihm der Mitarbeiter unter-
ge Mann ist tot, gestorben vier Wochen dierte Psychologie und Politik und grün- stellt. Sein Visumantrag wurde abgelehnt,
zuvor, im Alter von 20 Jahren, bei einem dete einen Verein, der Studienaufenthalte weil er »durch Betrug oder willentliche
Verkehrsunfall in Virginia, USA. von US-Amerikanern in Deutschland för- Falschdarstellung von Tatsachen« ein Vi-
Auf Einladung seines Vaters sind an die dern sollte. sum habe erschleichen wollen.
hundert Verwandte, Freunde und Weg- Auch sein Vater hat vielfältige Kontak- Immerhin wurde ihm nahegelegt, einen
gefährten zusammengekommen. Es ist te in die USA. Er gehört verschiedenen außerordentlichen Antrag auf Einreise
eine Abschiedsfeier – und eine politische deutsch-amerikanischen Gesellschaften aus humanitären Gründen zu stellen.
Demonstration. An die Wand über dem an, war jahrelang regelmäßig in den Ver- Etliche Fürsprecher setzten sich für ihn
Gedenkbild ist ein Foto des amerikani- einigten Staaten. Weil er neben der deut- ein, darunter ein demokratisches Mitglied
schen Präsidenten Donald Trump proji- schen die iranische Staatsangehörigkeit des US-Kongresses und der Frankfurter
ziert, darüber steht: »US-Menschenrechts- besitzt, benötigt er ein Visum. Ein solches Oberbürgermeister, die Vizepräsidentin
verletzung«. sei ihm in der Vergangenheit mehrfach des EU-Parlaments Nicola Beer und
Der Vater ist der Frankfurter Anwalt für längere Zeiträume erteilt worden, sagt Ingeborg Cleve, Präsidentin des Ameri-
Shahram Iranbomy. Er wurde 1967 in Iran er. 2013 erhielt er sogar ein Visum für can German Business Club Wiesbaden-
geboren und lebt seit gut 40 Jahren in zehn Jahre. Mainz. »Wir haben es durch die Vorder-
Deutschland. Regelmäßig vertritt er Men- Im Mai 2017 wollte Iranbomy erneut und die Hintertür versucht«, sagt Cleve,
schen, die wie er aus dem Nahen Osten in die USA reisen, ein republikanischer also in Deutschland und den USA. Das
stammen, vor allem in Diskriminierungs- Abgeordneter des Repräsentantenhauses Einzige, was sie erfahren habe: Die An-
fragen. Nun ist er selbst zum Fall gewor- hatte ihn zu einer Konferenz eingeladen. gelegenheit sei »zur Chefsache« erklärt
den: Obwohl sich Politiker aus den USA Doch am Frankfurter Flughafen sei ihm worden.
und Europa dafür einsetzten, dass er zur bedeutet worden, dass sein Visum nicht Doch eine Entscheidung blieb aus. So
wurde sein Sohn bestattet, ohne dass Iran-
bomy dabei sein konnte. Das Unverständ-
nis dafür zog sich auf der Abschiedsfeier
durch alle Reden. »Hier im Raum sind
mehrere Personen, denen es ähnlich er-
ging«, sagte Iranbomy. Ein Freund der Fa-
milie aus dem Irak erzählte, dass er nicht
einmal zur Beerdigung seiner Mutter in
die USA habe reisen dürfen.
Wenige Tage nach der Abschiedsfeier
erhielt Iranbomy endlich einen Bescheid
auf den weiteren Antrag – abgelehnt, ohne
Angabe von Gründen. Aus dem General-
konsulat heißt es auf Anfrage lediglich, je-
der Antrag werde individuell beschieden:
»Es geht nicht darum, ob jemand aus
PETER-JUELICH.COM / DER SPIEGEL

einem bestimmten Land kommt, es geht


um die Person.«
Das Generalkonsulat hält für Rechts-
suchende eine Liste von Anwälten bereit,
die bei Einwanderungsfragen konsultiert
werden könnten. Darauf steht auch Shah-
ram Iranbomy. Dietmar Hipp
Mail: dietmar.hipp@spiegel.de
Trauernder Iranbomy (r.) auf Abschiedsfeier in Frankfurt am Main: »Ich bin kein Terrorist«

32
Messer in
der Hand?
Behörden Übertriebene Gewalt,
tödliche Schüsse – immer

DTS / AKITOGO
wieder begehen Polizisten im
Einsatz Fehler. Doch selten
hat das für sie Konsequenzen. Polizeibeamte bei Demonstration
»Großes Dunkelfeld«

E s ist der Abend des 27. September


2016. Die Berliner Polizei wird in
eine Flüchtlingsunterkunft im Stadt-
teil Moabit gerufen. Die Beamten sollen
weil er mit der Faust zuschlug, nachdem
die Aufnahme eines Verkehrsunfalls eska-
liert war.
Oft stehe das Wort der Bürger gegen
einen Mann festnehmen, der ein Mädchen das der Beamten, sagt der Wissenschaftler
missbraucht hat. Die Stimmung ist aufge- Singelnstein, weshalb die Staatsanwalt-
heizt. Als der Verdächtige in Handschellen schaft bei Anzeigen wegen Körperverlet-
abgeführt wird, stürmt der Vater der Sechs- zung im Amt selten Anklage erhebe.
jährigen auf den Mann zu, zwei Polizisten Doch es gibt auch Fälle mit Todesfolge,
versuchen, ihn zu stoppen. Plötzlich sei zwei von ihnen dokumentiert ein Film der
ein Warnruf wie »Messer, Messer!« zu hö- ARD. So starb in Jever in Friesland ein
ren gewesen, erinnern sich Zeugen. Kurz 63-jähriger Rechtsanwalt nach einer an-
danach fallen Schüsse, einer trifft den Va- geblichen Störung einer Polizeiaktion vor
ter in den Oberkörper. Er stirbt. einer Kneipe. Und in Berlin ermittelt die
Ein erstes Ermittlungsverfahren gegen Staatsanwaltschaft wegen des tödlichen
die Polizeibeamten stellte die Staatsanwalt- Schusses an der Flüchtlingsunterkunft vor
schaft nach sieben Monaten ein: Die Schüs- knapp drei Jahren.
se seien aus Nothilfe oder Notwehr ab- Laut Akten, die das ARD-Politikmaga-
gegeben worden und somit gerechtfertigt zin »Kontraste« und der SPIEGEL auswer-
gewesen. Damit wollte der Anwalt der Wit- ten konnten, hat zwar einer der Polizisten
we sich nicht abfinden: Zu viele Fragen angegeben, ein Messer in der Hand des
seien offen geblieben. aufgebrachten Vaters gesehen zu haben,
Im April 2018 ordnete das Kammer- bevor Schüsse fielen: der Beamte, aus des-
gericht Nachermittlungen an. Die Frage, sen Dienstwaffe die tödliche Kugel stamm-
ob der Vater tatsächlich mit einem Messer te. Ein anderer Polizist, der in unmittelba-
bewaffnet war, als er auf den Peiniger sei- rer Nähe stand, bestritt hingegen, ein Mes-
ner Tochter zustürmte, hielten die Richter ser bemerkt zu haben. Das Verfahren läuft
für ungeklärt. Das Verfahren musste neu bis heute, wie die Generalstaatsanwalt-
aufgerollt werden, ein seltener Vorgang. schaft auf Anfrage bestätigt. Dass der Fall
Der Fall könnte exemplarisch für den noch aufgeklärt wird, ist fraglich. Manche
oft schwierigen Umgang staatlicher Stellen Zeugen sind für die Ermittler nicht mehr
mit Fehlverhalten stehen. Der Bochumer greifbar, andere Beteiligte lehnen weiter-
Kriminologe Tobias Singelnstein sagt: »Oft gehende Vernehmungen inzwischen ab.
herrscht das Verständnis vor: Die Polizei »Eine echte Fehlerkultur ist in der deut-
macht keine Fehler. Und wenn doch, dann schen Polizei immer noch nicht verankert«,
klärt man das besser leise intern.« sagt der Bochumer Kriminologe Singeln-
Singelnstein arbeitet an einer großen stein. Er geht davon aus, dass die Zahl der
Befragung zum Einsatz von Polizeigewalt. Fälle widerrechtlicher Polizeigewalt deut-
An ihr beteiligten sich bundesweit weit lich höher liegt als bekannt: »Nach unse-
mehr als tausend Betroffene – aber auch ren bisherigen Befunden kann man davon
Polizisten, die davon berichteten, im ausgehen, dass das Dunkelfeld mehr als
Dienst Grenzen überschritten zu haben, fünfmal so groß ist wie das Hellfeld, das
meldeten sich bei seinem Team. wir in der Statistik sehen.«
Anlass für die Studie ist auch eine Auf- Im September wollen Singelnstein und
fälligkeit in der Statistik. Demnach leiten sein Team ein Zwischenergebnis präsen-
die Staatsanwaltschaften jährlich mehr als tieren, die ganze Untersuchung soll im
2000 Verfahren gegen Beamte ein. Frühjahr vorliegen.
Strafrechtlich geahndet werden die Vor- Felix Bohr, Wolf Wiedmann-Schmidt
fälle aber selten: Weniger als zwei Prozent
der Verfahren enden vor Gericht, wie im ‣ Sendehinweis »Staatsgewalt«,
Fall eines Stuttgarter Polizisten, der im Montag, 29. Juli, 21.55 Uhr, ARD
März in erster Instanz verurteilt wurde,

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 33


Deutschland

Die Sprache des Gesetzes


Internet Ein Staatsanwalt aus Nordrhein-Westfalen bringt Menschen vor Gericht, die im Netz hetzen.
Facebook und Twitter könnten ihm mehr helfen, doch sie lassen ihn allein.

D
er Zugriff erfolgt um sechs Uhr Anschlagsfantasien aus, ähnlich wie Isla- gut auf einem Youtube-Kanal verbreitet
morgens. Die Polizisten treten vor misten. Das hat kürzlich der Verfassungs- hatte. Wie gefährlich sind Hasstiraden im
die Wohnungstür eines Mehr- schutz in Nordrhein-Westfalen in seinem Netz? Und was kann der Staat den Radi-
familienhauses in Bielefeld, einer Bericht festgehalten. kalen aus der virtuellen Welt entgegen-
klingelt, so erzählen sie es später. Sie sind Das Problem ist nicht neu, die soge- setzen?
zu sechst angerückt, weil sie glauben, dass nannten Hater sind schon lange eine Plage Einen Mann wie Christoph Hebbecker
es ungemütlich werden könnte. Der Mann, im Internet. Doch die Fragen sind noch vielleicht. Hebbecker, 34, blonde Haare
der hinter der Tür wohnt, ist schon mit drängender geworden, seitdem bekannt und Fünftagebart, sitzt an seinem Schreib-
Gewaltdelikten aufgefallen. wurde, dass der Rechtsextremist Stephan tisch in der Staatsanwaltschaft Köln, neben
Er ist kein Clanmitglied, kein Drogen- Ernst, mutmaßlicher Mörder des CDU- ihm das Strafgesetzbuch und schmutzige
dealer oder Waffenhändler. Aber er ist Politikers Walter Lübcke, sein Gedanken- Kaffeetassen. Auf seinem Computerbild-
trotzdem gefährlich, er hat im Internet Sät-
ze von sich gegeben und mit seiner Hetze
vermutlich gegen das Gesetz verstoßen.
Zumindest sieht Christoph Hebbecker
das so, der Staatsanwalt hat die Durch-
suchung beantragt. Er wirft dem 55-Jäh-
rigen aus Bielefeld vor, auf Portalen wie
Facebook, Instagram und Ok.ru davon
geschwärmt zu haben, »mit einem Panzer
über 20 Nafris zu fahren«. »Nafri« ist eine
umstrittene Abkürzung für Nordafrikaner,
die von der Polizei verwendet wird. In
einem Post soll der Mann geschrieben
haben: »Ich bin kein Jude, kein Christ,
ich bin Nationalsozialist.«
Die Polizei hat Kriminalbeamte vom
Staatsschutz und IT-Spezialisten geschickt,
sie stellen die Wohnung auf den Kopf, su-
chen nach allen Geräten, mit denen man
aufs Internet zugreifen kann. Zu den Vor-
würfen will der Mann nichts sagen, nur so
viel: Er werde sich einen Anwalt besorgen.
Nach 30 Minuten ist die Razzia vorbei,
die Polizisten nehmen nur ein Beweis-
mittel mit: das Smartphone des Mannes.
»Was wir tun, ist vielleicht nicht spekta-
kulär, wir zerren die Leute nicht an Hand-
schellen über den Boden«, sagt Staats-
anwalt Hebbecker, »aber wir zeigen, dass
die Justiz handlungsfähig ist.« Und das
ist nötig. Während sich radikale Ideologien
früher über Infostände in Fußgängerzonen
oder in Vereinsheimen verbreiteten, sind
heute soziale Medien und Chatrooms die
wichtigsten Instrumente für Extremisten.
Mit ein paar Klicks tragen sie Hass und
Hetze in die Welt, finden Gleichgesinnte
oder locken Neulinge für ihre Szene an.
MATTHIAS JUNG / DER SPIEGEL

Der politische Extremismus im Jahr


2019 ist digital und individuell, jeder kann
jederzeit im Netz agitieren und hat gute
Chancen, anonym zu bleiben. Rechte Ex-
tremisten nutzen Internetportale auffällig
effizient und erfolgreich für ihre Zwecke.
Die einen pöbeln gegen Juden, Migranten
oder den Islam, andere tauschen sich über Strafverfolger Hebbecker: »Wir zeigen, dass die Justiz handlungsfähig ist«

34
schirm öffnet er eine PDF-Datei, darin ein Vk.com schrieb im April: Tatmotive keinen Respekt, aber ich
paar Fälle, mit denen er zu tun hat. »Mahler hatte recht, was 1472 Hasspostings wurden 2018 muss damit klarkom-
Er scrollt durch das Dokument. Es ent- den Holocaust anbelang- als Straftat registriert: men.« Er habe mit seinen
hält Bilder, die in Portalen gepostet wur- te.« Hebbecker sagt, Posts jedenfalls »nieman-
den, darauf sind Hakenkreuze oder SS-Ru- dass ihm das reiche, um 1130 mit rechtsextremem den angreifen« wollen.
nen zu sehen. In den Kommentaren dazu ein Verfahren einzulei- Hintergrund »Das macht überhaupt
finden sich Sätze wie »Dieser Abschaum, ten. Horst Mahler ist ein keinen Sinn«, ruft Heb-
Flüchtlinge müsste man erschießen.« Man- mehrfach verurteilter becker durch den Saal.
ches wurde bei Facebook und Twitter ge- Holocaust-Leugner; wer »Das mit dem Ofen soll
postet, vieles kommt von Vk.com, einem diesen Ansichten öffent- keine Hetze sein?«
sozialen Netzwerk aus Russland. lich zustimmt, macht »Nein«, sagt S.
»Kein Mensch«, sagt Hebbecker, »würde sich eventuell ebenfalls »Welchen Ofen haben
sich auf den Marktplatz stellen mit einem strafbar. Hebbecker Sie denn gemeint?«, will
Schild um den Hals, auf dem ›Heil Hitler‹ sieht, dass der Nutzer in 126 mit linksextremen Hintergrund Hebbecker wissen.
steht. Aber im Netz, so denken manche, seinem Profil Namen, »Weiß ich nicht«, ant-
kann man so was schreiben.« Hebbecker Geburtstag und Wohn- wortet S.
klickt sich durch Kommentarspalten und ort angegeben hat. Heb-
49 religiöse Ideologie »Das wissen Sie also
Timelines, sucht Wörter und Sätze, die ge- becker lächelt und sagt: nicht, soso. ›Lasst die
gen das Gesetz verstoßen. »Eine Monster- »Der macht es uns ziem- 45 ausländische Ideologie Räder rollen‹, ›macht
aufgabe«, sagt er. lich einfach.« den Ofen an‹ – und Sie
Seit anderthalb Jahren gibt es bei der Nicht immer geht es 122 nicht zuzuordnen haben sich nichts dabei
Kölner Staatsanwaltschaft das Dezernat so schnell. Mitunter grü- gedacht?«, fragt Heb-
»Hate Speech«, in dem Hebbecker und belt Hebbecker mehrere Quelle: BMI becker noch mal.
eine Kollegin arbeiten. Die beiden waren Wochen lang über einen »Nö«, sagt S.
die ersten Staatsanwälte Deutschlands, die Fall. Volksverhetzung etwa muss sich ge- Dann spricht der Richter das Urteil:
sich ausschließlich um Anfeindungen im gen eine abgrenzbare Gruppe in Deutsch- Acht Monate auf Bewährung, dazu muss
Netz kümmerten. Inzwischen landen fast land richten, um strafrechtlich relevant zu Detlef S. 1500 Euro an die Menschen-
täglich Anzeigen in ihren Mail-Postfä- sein. Verboten sind Posts wie: »Alle Syrer rechtsorganisation Amnesty Internatio-
chern, sie stammen vom Bundesamt für gehören erhängt.« Nicht verboten ist: nal zahlen.
Justiz, von der nordrhein-westfälischen »Alle Neger in Afrika gehören erhängt.« Nach der Verhandlung legt Hebbecker
Landesanstalt für Medien oder von Fern- Hinzu kommt, dass Gerichte oft unter- seine Robe ab, er ist zufrieden. Im Op-
sehsendern und Tageszeitungen, mit de- schiedlich entscheiden. Wo liegt die Gren- timalfall, sagt er, laufe es so wie heute:
nen das Dezernat zusammenarbeitet. ze zwischen freier Meinungsäußerung und Der Täter wurde ermittelt, eindeutige Be-
Hebbecker kam eher zufällig zu seiner Straftat? Die Antwort ist nicht immer ein- weise, hartes Urteil. Die meisten jedoch,
Aufgabe. Niemand sonst habe sie machen fach zu finden. die wie Detlef S. denken und texten,
wollen, erzählt er. Pöbler im Netz zu ver- Manchmal, sagt Hebbecker, gehe er mit kommen davon.
folgen gilt unter Staatsanwälten nicht als seinen Verfahren »böse baden«. Manch- Seit 2017 gilt in Deutschland das Netz-
Anschubhilfe für die eigene Karriere. Und mal gewinnt er, wie kürzlich vor dem Amts- werkdurchsetzungsgesetz, das Firmen wie
es ist auch nicht ungefährlich. Hebbecker gericht Dinslaken. Facebook, YouTube und Twitter dazu
sagt, er werde in den Kommentarspalten Im Saal 107 des Gerichts hat Detlef S. zwingt, rechtswidrige Hasskommentare
einschlägiger Portale beschimpft. Andern- Platz genommen, Chef einer Elektroinstal- nach einer Beschwerde zu sperren oder
orts ist er dagegen begehrt, Hebbecker lationsfirma. S., 66, hat die Arme vor sei- zu löschen. Die meisten dieser Posts leiten
reist durch die Republik und hält in Justiz- ner Lederjacke verschränkt, als Staats- die Unternehmen nicht an die Ermittlungs-
akademien Vorträge über seine Arbeit. anwalt Hebbecker die Anklage gegen ihn behörden weiter. Deshalb landet auf
Rund 600 Anzeigen hat Hebbecker bis- verliest. Es geht um Volksverhetzung in Hebbeckers Schreibtisch nur ein Bruchteil
lang aufgenommen, in mehr als der Hälfte fünf Fällen. Im Februar 2018 soll S. ein Fo- dessen, was im Netz kursiert.
der Fälle hat er Ermittlungen eingeleitet. to eines Maschinengewehrs auf Facebook Hebbecker sagt, dass er seit Langem ver-
Kommt es zur Anklage, dann meistens gepostet haben, darunter der Text: »Das suche, die Firmen zu einer engeren Koope-
wegen Volksverhetzung, manchmal auch schnellste deutsche Asylverfahren, lehnt ration mit seinem Dezernat zu bewegen:
wegen der öffentlichen Aufforderung zu bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!« weil sie nicht nur über die Postings, son-
Straftaten oder der Beschimpfung von Be- S. soll dazugeschrieben haben: »Sowas dern auch über die Daten der Verdächtigen
kenntnissen, Religionsgesellschaften und wie die Merkel kann sich kein Land er- verfügten. Doch ohne Erfolg. Hebbecker
Weltanschauungsvereinigungen. lauben und Deutschland schon gar nicht, ärgert das: »Die Firmen könnten uns die
In rund hundert Fällen konnte Heb- lasst die Räder wieder rollen und macht Fälle auf dem Silbertablett liefern, aber das
becker die Verdächtigen hinter den Posts den Ofen an!« ist keine Werbung für sie, und es gibt auch
ermitteln: Sie sind eher männlich als weib- Der Verteidiger von S. hat das Wort. kein Gesetz, das sie dazu verpflichtet.«
lich, eher älter als jünger. Die meisten Ver- Die Tochter seines Mandanten habe den Auf Anfrage bestätigt Facebook, dass
fahren leitet Hebbecker an Staatsanwalt- Account eingerichtet, sagt er. S. selbst ken- das Unternehmen entsprechende Inhalte
schaften in anderen Bundesländern weiter. ne die Feinheiten von Facebook gar nicht, »nicht proaktiv« an Behörden weiterleite.
Viele Ermittlungen, sagt er, gebe er nach er wisse nicht, wann wer was sehen könne. Eine Sprecherin sagt: »Ob Unternehmen
Brandenburg und Sachsen ab. Er habe die Kommentierungen »nur für bei Verdacht auf mutmaßliche Straftaten
Die Fallzahlen sind lächerlich gering, sich persönlich« vorgenommen. Anzeigen gegen ihre Nutzer erstatten
gemessen an dem, was täglich an verbalem Dann darf S. sich äußern: »Ich bin nicht sollten, wirft zahlreiche rechtliche, poli-
Müll im Netz ausgekippt wird. Hebbecker rassistisch«, sagt er. Als Elektromeister wer- tische sowie ethische Fragen auf.« Falls
weiß das, doch er sagt: »Besser als nichts.« de er oft in Asylunterkünfte gerufen. auf Facebook Hinweise auf schwere Straf-
In seinem Büro öffnet er eine Anzeige, »Wenn dort der Strom ausfällt, komme ich taten auftauchten, auf Terroranschläge
die ihn gerade beschäftigt. Ein User von und helfe denen. Ich kriege keinen Dank, oder Kindesmissbrauch etwa, würden die

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 35


Strafverfolgungsbehörden sehr wohl kon-
taktiert.
Ist Volksverhetzung also zu unwichtig?
Ist der Aufruf, Asylbewerber zu lynchen,
nicht schwerwiegend genug, um konse-
quent verfolgt zu werden? Hebbecker sieht
es anders. Zurzeit beschäftigt er sich mit
dem Profil eines Rechtsradikalen, dessen
Postings bei ihm angezeigt wurden. Bei
den Ermittlungen stieß Hebbecker auf pri-
vate Fotos des Mannes, auf denen er mit
automatischen Gewehren posiert. Die
Polizeibehörde vor Ort befasst sich inzwi-
schen mit dem Fall. Es stellt sich die Frage,
was mit Leuten passiert, denen es nicht
mehr reicht, ihrer Wut auf sozialen Medien
freien Lauf zu lassen. Schmieden sie Pläne,
gehen sie irgendwann auf die Straße?
Für eine Studie der britischen Universität
Warwick haben zwei deutsche Ökonomen
Posts und Kommentare auf der Facebook-
Seite der AfD ausgewertet. Die Beiträge
haben sie mit rund 3000 Straftaten gegen
Flüchtlinge in Zusammenhang gesetzt. Ihr

Das Nachrichten-Magazin
Ergebnis: Wo viele Facebook-Nutzer aktiv
waren, kam es zu überproportional vielen
flüchtlingsfeindlichen Vorfällen, wenn es
gleichzeitig auf der AfD-Seite besonders
viele Posts gab, in denen eine Anti-Migran-

für Kinder. ten-Haltung vertreten wurde.


Es liege nahe, schreiben die Forscher,
dass soziale Medien »ein fruchtbarer Bo-
den« für Hasspropaganda seien und das
Verhalten der Nutzer im realen Leben
beeinflussten. Andere Wissenschaftler be-
mängelten, dass die Studie einen kausalen
Jetzt Zusammenhang zwischen Hasspostings

testen:
und Gewalt nicht beweise. Doch auch Heb-
becker hält es für »gut möglich, dass diese
Art der Kommunikation bei manchen Leu-
www.deinspiegel.de ten das Handeln bestimmt«.
Die User, gegen die er ermittelt, halten
sich oft für gesetzestreue Bürger. Vielen
ist vielleicht nicht mal klar, dass sie gegen
Gesetze verstoßen. Durch die Algorith-
men der sozialen Netzwerke sind Nutzer
in der digitalen Welt vor allem von Men-
schen umgeben, die ihre eigenen Ansich-
ten teilen. Man bestätigt sich wechselseitig,
fühlt sich auf der richtigen Seite.
Es sei schwierig, aus so einem Umfeld
herauszukommen, sagt Hebbecker. Eine
Frau, die er vor Gericht gebracht hatte, habe
es aber geschafft. Sie wurde angeklagt, weil
sie auf Facebook eine TV-Dokumentation
über Zwangsehen kommentiert hatte: »Der
Islam sollte ausgerottet werden.« Die Frau
erklärte in der Verhandlung unter Tränen,
dass sie sich in den Hass habe hineinziehen
lassen. Sie musste 300 Euro zahlen, das Ver-
fahren wurde eingestellt.
»Die wird das nie wieder machen«, sagt
Hebbecker. Bei anderen ist er sich nicht so
sicher: »Nur weil wir die Leute bestrafen,
werden sie ja nicht schlauer.« Lukas Eberle
Mail: lukas.eberle@spiegel.de

36 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Deutschland

Dreckiges
Geheimnis
Gastronomie Jeder darf Berichte
von Lebensmittelkontrolleuren
anfordern. Eine Onlineplattform
veröffentlicht sie –
Gastwirte gehen dagegen vor.

PETER-JUELICH.COM / DER SPIEGEL


A n einem Mittwoch Ende Juni erhielt
Stefan Becker ein Einschreiben einer
Anwaltskanzlei aus Paderborn, es
umfasste zwei Seiten. Sollte er sein Anlie-
gen fortführen, werde man »gerichtlich so-
fort« gegen ihn vorgehen, so stand es in
dem Brief. Und: »Für etwaig entstehende
Schäden würden wir Sie haftbar machen.« Restaurantbesucher Becker: Ein Pub mit 18 Mängeln
Wenige Wochen zuvor hatte Stefan Be-
cker beim Kreis Paderborn, Amt für Ver-
braucherschutz und Veterinärwesen, eine schätzen, dass die Zahl der Anfragen in üben. »Wir wollen zeigen, dass es Gäste
Anfrage gestellt. Er wollte den Bericht über den vergangenen Jahren jeweils nur einige interessiert, wie sauber ein Lokal ist«, sagt
die jüngste Hygienekontrolle eines Pader- Hundert betrug. Oliver Huizinga, Kampagnenleiter bei
borner Restaurants erhalten. Rein aus In- Mit »Topf Secret« änderte sich das: Foodwatch.
teresse, sagt Becker heute. Es habe keinen Mehr als 33 000 Anfragen gingen dort ein, Das scheint zu wirken. Die Verbrau-
konkreten Anlass gegeben. Er möge das in sechs Monaten. cherschutzminister der Länder forderten
Restaurant in der Paderborner Innenstadt, Vielen Gastwirten missfällt das Portal. auf ihrem jüngsten Treffen im Mai den
gehe hin und wieder abends auf einen Drink Inzwischen gibt es Dutzende Klagen ge- Bund auf, eine einheitliche Regelung für
hin, treffe sich dort zum Burger-Essen. gen die Behörden, die den Kontrollbericht mehr Transparenz zu schaffen. Und die
Die Anfrage kann verwundern. Stefan herausgeben. Die Gerichte entschieden Regierung Schleswig-Holsteins bringt
Becker, 50, ist kein Gastronom und kein bislang unterschiedlich; mal im Sinne des schon jetzt ein Gesetz auf den Weg, das
Hygienespezialist. Er arbeitet als IT-Ex- Betriebs, mal im Sinne der Behörde. Der Betriebe verpflichtet, Kontrollberichte
perte, sein Schwerpunkt: Datenschutz. Er Deutsche Hotel- und Gaststättenverband offenzulegen – das sogenannte Pottkie-
sagt, ihn habe interessiert, welche Details wandte sich schon im Januar an Bundeser- kergesetz.
Kontrolleure erfassten und wie so etwas nährungsministerin Julia Klöckner (CDU): Gastwirte sollen ihren Gästen auf Nach-
überhaupt aussehe – ein Kontrollbericht. Sie solle das Portal überprüfen und die frage die Berichte zeigen müssen, aber nur
Becker hat mehrere Anfragen gestellt, »rechtswidrigen« Veröffentlichungen ge- persönlich vor Ort. Die Gäste dürfen den
für Pubs, Restaurants, Imbisse. Dafür nutz- gebenenfalls unterbinden. Klöckner hin- Bericht ohne Zustimmung des Betriebs we-
te er eine Plattform der Verbraucherorga- gegen lobte das Gesetz als »wichtiges In- der fotografieren noch veröffentlichen.
nisation Foodwatch und der Initiative Frag- strument«. »Auch wenn es altmodisch klingt: Wir
DenStaat, sie heißt »Topf Secret«. Seit Ja- Behörden veröffentlichen die Kontroll- wollen, dass die Menschen ins Gespräch
nuar kann jeder mit einer vorformulierten berichte bislang nur bei Verstößen von er- kommen«, sagt die Verbraucherschutz-
Anfrage bei der zuständigen Behörde die heblichem Ausmaß und wenn ein Bußgeld ministerin Schleswig-Holsteins, Sabine
jüngsten Kontrollberichte eines Cafés oder von mindestens 350 Euro gegen den Be- Sütterlin-Waack (CDU). Ein Gastwirt solle
Restaurants erbitten. In der Regel erhält treiber zu erwarten ist. Nach sechs Mona- die Möglichkeit haben zu erklären, woher
man nach wenigen Wochen eine Antwort. ten werden sie wieder gelöscht. ein Mangel gekommen sei – und ob er
Die kann auf »Topf Secret« dann auch Verbraucherschützern geht das nicht inzwischen behoben sei. Ein Portal wie
hochgeladen werden; die Berichte sind so weit genug. Sie verweisen gern auf Däne- »Topf Secret« lasse keinen Raum für solche
für jeden einsehbar. mark: Dort führte die Regierung im Jahr Zwischentöne und gleiche einem »digita-
Grundlage für die Anfragen ist das Ver- 2001 ein Smiley-System ein. Restaurants len Pranger«.
braucherinformationsgesetz. Es trat vor sind verpflichtet, die Kontrollberichte aus- Stefan Becker hat kürzlich vier weitere
über zehn Jahren in Kraft, im Mai 2008. zuhängen. Gab es nichts zu beanstanden Anfragen beim Paderborner Amt gestellt.
Jeder hat seitdem das Recht, Informatio- oder nur eine Ermahnung, wird ein Sym- Einige Berichte hat er schon erhalten. Ein
nen zur Qualität von Lebensmitteln und bol angebracht: ein lachendes Gesicht. Je Dönerimbiss war ohne Mängel. Eine Fast-
Alltagsprodukten zu bekommen. Zudem gravierender die Verstöße sind, umso stär- Food-Filiale hatte beschädigte Bodenflie-
können Privatpersonen einfordern, die ker senken sich die Mundwinkel. Die Quo- sen im Spülbereich. Und ein Pub wies
Kontrollberichte von Restaurants, Imbis- te der beanstandeten Betriebe verkleinerte gleich 18 Mängel auf.
sen oder Bäckereien einzusehen. Ein Mit- sich seitdem von 30 auf 16 Prozent. Auf den Bericht über das Restaurant
tel zur größtmöglichen Transparenz, so Foodwatch sieht die Plattform »Topf wartet er noch. Sobald er ihn hat, will er
klingt es. Doch nur wenige nutzten bislang Secret« nur als Notlösung, solange in ihn hochladen. Christopher Piltz
diesen Anspruch. Viele Menschen wissen Deutschland kein anderes System gilt, und Mail: christopher.piltz@spiegel.de
wohl nichts von ihrem Recht. Experten möchte damit Druck auf die Politik aus-

37
Gesellschaft
»Stalin kann nicht auf Müll blicken.« ‣ S.40

Früher war alles schlechter


Nº 186: Masernimpfung bei Kindern

1980 hatten 83 Prozent der einjährigen Kinder 2017 waren 15 Prozent


weltweit keinen Impfschutz gegen Masern. Quelle: WHO der Kinder ohne Impfung.

21 Millionen: So viele Menschenleben, Kinderleben vor allem, breitungsgrad von Impfungen von der Öffentlichkeit unter-
hat die Masernimpfung seit der Jahrtausendwende weltweit schätzt wird: Laut einer internationalen Erhebung des Marktfor-
gerettet, glaubt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Der schungsinstituts Ipsos schätzten die Befragten die globale Impf-
Kampf gegen die Masern gehört, ebenso wie die Eindämmung quote einjähriger Kinder im Schnitt auf lediglich 38 Prozent;
anderer durch Impfungen verhinderbarer Krankheiten, zu den Deutsche glaubten sogar, nur 31 Prozent wären geimpft, Japaner
spektakulärsten Erfolgen der Medizin-, ja der Menschheits- vermuteten, die Zahl liege bei 18 Prozent. Diese pessimistischen
geschichte. Wenig mehr als eine Generation ist es her, 1980, dass Fehleinschätzungen mögen mitbegründet sein durch mediale
die globale Quote aller Kinder, die bis zu ihrem ersten Geburts- Debatten, die sich vor allem um eine Minderheit kümmert: Impf-
tag gegen Masern geimpft waren, noch bei erschreckend niedri- gegner. Eltern, die ihren Kindern eine Immunisierung vorenthal-
gen 17 Prozent lag. Diese Zahl liegt in der Gegenwart bei 85 Pro- ten und damit sowohl ihre Liebsten wie die Allgemeinheit einem
zent. Vor 1963, als die Impfung eingeführt wurde, forderten die erheblichen Risiko aussetzen. Impfgegnerschaft ist kulturelle
Masern 2,6 Millionen Todesopfer jährlich, heute sind es global Wohlstandsverwahrlosung, eine Dummheit, die man sich nur in
noch rund 100 000. Bemerkenswert ist auch, wie stark der Ver- den reichsten Ländern der Welt leisten kann. guido.mingels@spiegel.de

Abschiede Mitte. Die Urnen liegen dicht an dicht, Höcker: In meinem Bezirk stellen wir die
Wer braucht öffentliche nur Zentimeter voneinander ent-
fernt. Die Kosten übernimmt der
größte Kirche zur Verfügung, St. Marien.
Der Bezirksbürgermeister verliest die
Trauerfeiern, Herr Höcker? Staat. Namen der Toten. Dazu werden Texte aus
SPIEGEL: Gibt es einen Gedenkstein? der religiösen und der säkularen Welt
Bertold Höcker, 60, Superintendent im Evan- Höcker: Nein. Nur eine kleine Blechplaket- vorgetragen. Zum Beispiel »Wandrers
gelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, te. Da steht der Name des Verstorbenen Nachtlied« von Goethe. Es ist eine Trauer-
über Trauerfeiern für mittellos Verstorbene drauf. Sonst nichts. feier ganz bewusst auch für Konfessions-
SPIEGEL: Wie soll eine Trauerfeier für lose. Kein Gottesdienst.
SPIEGEL: Herr Höcker, ab dem Herbst »Unbedachte« konkret aussehen? SPIEGEL: Gibt es Musik?
wollen Sie öffentliche Trauerfeiern für Höcker: Natürlich! Jemand wird auf der
»Unbedachte« veranstalten. Warum? Orgel spielen. Wir haben auch überlegt:
Höcker: In Berlin sterben jedes Jahr Urnenfeld auf Berliner Friedhof Was wäre ein schönes, würdiges Lied für
rund 2000 Menschen, die mittellos sind die Konfessionslosen? Ein Vorschlag ist
und keine auffindbaren Angehörigen jetzt »You’ll never walk alone«. Finde ich
haben, die sich um eine Beerdigung küm- gar nicht schlecht.
mern. Es gibt also keine Trauerfeier, SPIEGEL: Und wenn zu den öffentlichen
SABINE GUDATH / IMAGO IMAGES

keine letzten Worte, nichts. Ich finde das Trauerfeiern nun niemand kommt? Wirkt
würdelos. Jeder Mensch, ob arm oder das nicht erst recht deprimierend?
reich, verdient eine Trauerfeier. Höcker: Ach, eine Trauerfeier ist unab-
SPIEGEL: Wie werden diese Menschen in hängig von der Zahl der Teilnehmer eine
Berlin bestattet? große Verheißung. Und wenn nur ein
Höcker: In einem anonymen Massengrab. Einziger kommt, der Abschied nehmen
Ein Urnenfeld auf einem Friedhof in kann – dann hat es sich schon gelohnt. JMG

38 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


die sich auf seinen Fahrradlenker verirrt hat, in deren Spra-
Eine Meldung und ihre Geschichte
che unterhält.
Es ist ein Menschheitstraum, dem dieser Junge näher-

Bodenfeindalarm kommt: Kommunikation zwischen Mensch und Tier. »Er re-


dete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen« heißt ein
Buch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz, das Genera-
tionen von Tierfreunden beeindruckte. Dr. Dolittle ist die
Warum ein Mann, der mit Singvögeln Version für Kinder, Franz von Assisi die für Katholiken.
kommunizieren kann, dies ungern tut Für Uwe Westphal war es nicht von vornherein der Plan,
mit diesem Traum sein Geld zu verdienen. Er studierte Bio-
logie, arbeitete als Referent für den Naturschutzbund

E in wunderbar perlender Vogelgesang, wie Flötentöne,


ein volltönender Sopran erschallt im Crescendo über
wucherndem norddeutschen Grün. Am Fuß des Grün-
zeugs steht ein Herr mit Fernglas um den Hals und flötet sei-
Deutschland, erst dann machte er sich selbstständig, mit Bü-
chern, CDs, Vorträgen, Seminaren. Mit Fakten, Anekdoten,
Imitationen. Übte, wurde immer besser. Wagte sich an kom-
plizierte Vögel heran. Wie an den Sumpfrohrsänger, einen
nerseits, ganz sacht. schwierigen Vogel, »der eigentlich nur Imitationen anderer
Er könnte antworten und tut es nur leise. Vögel macht. Das aber meisterhaft«.
Er könnte versuchen, sich mit einer Mönchsgrasmücke zu Und dann, erzählt er, »eines Abends, wie ich beim Fern-
unterhalten, und lässt es sein. sehen saß, da floss es aus meinem Mund«. Der Sumpfrohr-
Durch den Harburger Stadtpark geleitet Uwe Westphal, sänger. Am nächsten Abend stellte er das Aufnahmegerät
Biologe aus Seevetal bei Hamburg, Vogelbeobachter, Tier- neben den Fernseher, falls es noch mal fließen würde. Es
stimmenimitator: 200 Tierstimmen kann er, sagt er, darunter floss. »Und es war: perfekt.«
130 Vogelarten. Er kann sich Vögeln Eine Probe. Bitte, Herr Westphal.
zu verstehen geben und weigert sich, Er zwitschert. Es gibt keine Wörter
er spricht von »Respekt« vor dem Tier. dafür. Es sind Laute. Vogellaute.
Vogelbeobachter. Das Wort hat einen Es ist ein technischer Vorgang, einer-
anderen Sound als früher, es klingt für seits, der den Kehlkopf braucht, die
Außenstehende nicht mehr so sehr wie Wangen, die Lippen, die Zunge, die
ernsthaft betriebene, doch skurrile Frei- ihre Position hinter den Zähnen sucht,
zeitbeschäftigung. Es klingt nach Klima- das Gaumenzäpfchen, das flattert oder
wandel und Sorge um die Artenvielfalt; auch nicht. Es braucht aber auch, so
was einer wie Westphal draußen vor- sagt es Westphal, »Empathie. Die Leu-
findet, beschäftigt Wähler, beschäftigt te sagen immer: Wenn du es nach-
die Politik. machst, dann bist du dieses Tier«. Die
Er bittet durchs Gebüsch in den Er- Leute haben recht. Im Fernsehen war
lenbruch, der Harburger Stadtpark ist er schon öfters, viermal allein bei Ste-
an vielen Stellen erfreulich wild. fan Raab zu Gast, und dem Gastgeber
BARBARA SUPP / DER SPIEGEL

Da zetert etwas. Es ist der Zaun- merkte man die Begeisterung an.
könig. Irgendwo hinter Brennnesseln Vielleicht erreicht Westphals Kunst-
in der Erlengruppe nah am Wasser fertigkeit so viele, weil sich so vieles än-
muss er sein, er liebt es feucht. Ein dert. Arten, die früher Allerweltsvögel
kleiner Vogel, nicht einmal zehn Zen- waren, sind jetzt gefährdet: Schwalben,
timeter groß, er warnt, beruhigt sich Stare, mancherorts auch Spatzen.
wieder, die zwei Menschen zwischen Westphal, Kanadagänse Er kann vielerlei Vogelsprachen,
den Bäumen bewegen sich ja kaum. kann Warnungen verstehen. Er kann
Westphal erzählt, dass es der Zaun- zirpen, zwitschern, schnarren, schnat-
könig, bei zehn Gramm Körperge- tern, pfeifen, flöten, trällern, tirilieren.
wicht, auf 90 Dezibel bringt, so laut Er kann das alles, aber warum will er
wie Hauptstraßenverkehr. Dann Vögel damit nicht anlocken, damit man
lauscht Westphal in den Wald. Etwas sie beobachten kann? Was spricht da-
ist da, etwas stört den Zaunkönig, stört Aus der »Süddeutschen Zeitung« gegen, mit einer Mönchsgrasmücke zu
die Amsel, die jetzt auch rufend warnt. kommunizieren?
Eine Katze? »Bodenfeindalarm.« Sagt Westphal. Er lauscht, Weil das anstrengend für die Tiere sei, sagt Westphal. Weil
als könne er Gefahren orten wie ein Tier. sie auf die Idee kommen könnten, sie müssten ihr Revier
Dabei ist er doch nur ein Mensch. Wie lernt man das? Wie verteidigen. Das koste »Zeit und Energie und vielleicht sogar
wird man so? das Leben«, wenn der Vogel in der Erregung unachtsam
Es ist ja nichts Besonderes, dass ein Kind das Gespräch wird und den Räuber ignoriert. Die Mönchsgrasmücken,
sucht mit Kühen, Hühnern und Schweinen, so wie er es auf sagt Westphal, »die kennen sich in ihrer Nachbarschaft.
dem Bauernhof der Großeltern getan hat. Besonders viel- Die wissen: Da ist der Fritz, da der Horst, da der Karl-
leicht schon eher, wenn das Kind schon in den ersten Schul- Heinz«.
jahren beschließt, Tierforscher zu werden, und wissenschaft- Er aber ist der Uwe, der Biologe. Ein Fremder, der nicht
liche Namen lernt. will, dass die Tiere meinen, es wäre Stress im Revier.
Es ist ein schüchternes Kind, von dem Uwe Westphal rück- Vielleicht kann man ihn als Dolmetscher sehen, zwischen
blickend erzählt, eines mit schlechten Augen und Problemen Tieren und Menschen. Und zwar als einen, der weiß, dass
in der Schule, bis endlich die Brille kommt. Ein Ohren- das Zuhören manchmal der wichtigste Part ist beim Kommu-
mensch. Ein Junge, der sich mit einer kleinen Rauchschwalbe, nizieren. Barbara Supp

39
Gesellschaft

Seid bereit
Ideologien In Russland werden wieder Stalin-Denkmäler enthüllt. Warum sehnen sich Menschen
nach einem Diktator? Eine Begegnung mit Alexej Denisjuk, der von der Sowjetunion
träumt, Geld für eine Statue in Sibirien sammelt und Nachwuchs heranzieht. Von Timofey Neshitov

A
m 9. Mai versammeln sich in No- in den Händen, die US-amerikanische die zweitstärkste Partei, bei der jüngsten
wosibirsk, der drittgrößten Stadt Zeitschrift »The Atlantic« zeigt das Bild Präsidentschaftswahl kam ihr Kandidat
Russlands, etwa 200 Menschen und fragt: »Is Stalin Making a Comeback auf Platz zwei, nach Wladimir Putin.
auf einem Parkplatz. Sie wollen in Russia?« Ist Stalin wieder da? Der Mann hinter der Statue, Alexej De-
ein Denkmal einweihen, einige schwenken Bei einer landesweiten Umfrage sagten nisjuk, ist kein KPRF-Politiker, er gehört
Fahnen aus dem Zweiten Weltkrieg, da- im März 70 Prozent der Russen, sie beur- einer stalinistischen Splitterpartei an, der
runter die Fahne einer Schützendivision, teilten Stalins Rolle in der Geschichte sogar die KPRF nicht stalinistisch genug
die 1945 den Reichstag in Berlin eroberte. positiv. Ein historisches Hoch. ist. »Wir sind die wahren Bolschewiki«,
In der ersten Reihe sitzen Veteranen, die Ihm zu Ehren werden landesweit wie- sagt Denisjuk. Er verachtet die russischen
Brust mit Kriegsorden geschmückt. der Denkmäler errichtet, laut einer Erhe- Politiker, auch den kommunistischen Bür-
Neben dem Denkmal wartet ein Mann, bung wurden in den vergangenen 20 Jah- germeister von Nowosibirsk, mit dem er
in seiner Jackentasche steckt ein Zettel, ren mehr als 130 Statuen und Gedenk- das Denkmal enthüllte. »Alle anderen wol-
auf dem er eine Rede notiert hat, 20 Jahre tafeln aufgestellt. len Reförmchen innerhalb des Systems.
lang hat er auf diesen Moment hingearbei- Die meisten stehen in kleineren Orten Wir wollen den Sturz des Systems.« De-
tet. Beethovens Fünfte ertönt vom Band, wie Beslan, Ischim oder Pensa, viele wur- nisjuk ist Leiter der »Initiativgruppe Sta-
Dadada-Daaa. Der Mann lin-Denkmal« in Nowosi-
tritt vor, löst gemeinsam mit birsk, er brauchte den Bür-
dem Bürgermeister das rote germeister auf seinem Weg.
Band, zieht das weiße Tuch Stalin-Verehrer wie Denis-
von der Statue, die Menge juk gab es schon immer in
jubelt. In der Sonne glänzt Russland, aber jahrzehnte-
Stalin, auf einem Podest. lang versteckten sie ihre Sta-
Josef Wissarionowitsch lin-Büsten und Stalin-Por-
Dschugaschwili, der sich träts hinter Vorhängen und
Stalin nannte, der Stählerne, Gardinen. Die Stimmung än-
Sohn eines Schuhmachers, derte sich, als Wladimir Pu-
Priesterschüler, Diktator der tin an die Macht kam.
Sowjetunion bis zu seinem Putin ist kein Stalinist,
Tod im März 1953. Einer eher ein Techniker der
MAX SHER / DER SPIEGEL

der größten Verbrecher des Macht. Er hat, einerseits,


20. Jahrhunderts. mitten in Moskau ein Denk-
Der Mann, der Stalin an mal für die Opfer des Sta-
diesem Nachmittag im Mai linismus eingeweiht. Ande-
auf dem Parkplatz der Regio- rerseits hat er den aktuellen
nalzentrale der Kommunisti- Mentor Denisjuk, Zögling Ruslan*: Fast 8000 Euro für ein Denkmal Stalin-Kult mitbefördert,
schen Partei enthüllt, heißt indem er die jährliche Mili-
Alexej Denisjuk. Er ist 41 Jah- tärparade am 9. Mai zu ei-
re alt, Rechtsanwalt, Chefredakteur einer den nach der Annexion der Krim im Jahr nem Markenzeichen seiner Herrschaft
Zeitung mit dem Namen »Hammer und 2014 errichtet, als wieder Großrussland- machte.
Sichel« und der festen Überzeugung, er Gefühle hochkamen. Aber auch in Mos- Menschen wie Denisjuk verehren nicht
werde eine Rückkehr der Sowjetunion kau gibt es seit zwei Jahren ein Stalin- jenen Stalin, der Millionen Menschen in
erleben. Denkmal, als Teil einer »Herrscherallee«, Straflager steckte, sie bewundern den ent-
Für Alexej Denisjuk ist Stalin kein Dik- in einer Reihe mit Iwan dem Schrecklichen schlossenen Feldherrn, der die sowjetische
tator, für ihn ist er die »Fahne unserer Sie- und Peter dem Großen. Heimat vor dem Faschismus bewahrte. In
ge«, der große Woschd. Das ist das russi- Nowosibirsk liegt vier Flugstunden öst- ihren Augen besiegte damals nicht ein
sche Wort für Führer. lich von Moskau, eine Stadt, in der so viele Massenmörder den anderen. Das Gute
Im Publikum halten die Menschen ihre Menschen leben wie in München. Seit fünf siegte über das Böse.
Handykameras in die Luft, Denisjuk Jahren stellt hier die Kommunistische Par- Stalins Verbrechen verblassen im Land,
spricht zu ihnen: »Liebe Genossen, der tei der Russischen Föderation, KPRF, den die russische Medienaufsichtsbehörde hat
lange Kampf, den guten Namen unseres Bürgermeister. vor vier Jahren ein Handbuch für Lehrer
Woschd wiederherzustellen, ist endlich Die Partei, die sich zu Stalins Erbe be- über den Großen Terror zensiert, weil es
von Erfolg gekrönt.« kennt, hält 43 von 450 Sitzen in der Duma, »die psychische Gesundheit von Kindern
Es gibt ein Bild von ihm an diesem dem russischen Parlament, damit ist sie gefährdet«. Laut einer Umfrage im vergan-
Nachmittag, darauf steht Denisjuk neben genen Herbst hat fast die Hälfte der Rus-
der Büste und hält den weißen Vorhang * Vor einem Stalin-Porträt in Nowosibirsk. sen zwischen 18 und 24 Jahren noch nie

40 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


MAX SHER / DER SPIEGEL

Stalin-Büste in Atelier in Nowosibirsk: Aus Kunststoff gefertigt, angemalt wie Bronze – für mehr hat das Geld nicht gereicht

41
Gesellschaft

MAX SHER / DER SPIEGEL


Stalin-Souvenirs in einer Kioskauslage in Nowosibirsk: »Unter mir gab’s so ’n Scheiß nicht«

vom Großen Terror des Diktators gehört. tion«, Stalins »Fragen des Leninismus«, »Der allgemeine Glaube an die Revolution
Kinder, die heute in Nowosibirsk aufwach- für Denisjuk hatte Stalin den gerechtesten, ist bereits der Beginn der Revolution.« Ein
sen, können Stalin kaum entkommen. fortschrittlichsten Staat aufgebaut. Er Lenin-Zitat. Er hielt das Banner gemein-
Männer wie Denisjuk tragen seine Porträts sehnt sich nach dieser Zeit, die er nur aus sam mit ein paar Rentnern. Der Junge habe
auf Demonstrationen, Stalin-Bilder hän- den Büchern kennt. sich genähert und gefragt, ob er das Banner
gen an Zäunen, Stalin mit Pfeife, Stalin Denisjuk weiß: Wer ein System stürzen mithalten dürfe.
mit Sturmgewehr AK-47, Stalin in Kampf- will, braucht Verbündete, braucht Anhän- Auf dem Foto, das Denisjuk im sozialen
pose, im Winter werden Stalins aus Schnee ger, und vor allem braucht er Nachwuchs. Netzwerk VK postete, sieht man Ruslan
gebaut, Gläubige lassen sich Stalin-Ikonen Deshalb veranstaltet er landesweite Skype- Laptew in der Mitte des Banners, die dich-
malen. Auf dem Weg vom Flughafen ins Konferenzen mit Studenten, bei denen die ten Augenbrauen zusammengezogen, den
Zentrum von Nowosibirsk fährt man an Grundlagen von Leninismus und Stalinis- Mund halb geöffnet. In der Hand hält er
einem Ort namens Slawjanka vorbei; mus diskutiert werden. Sein Lieblingsschü- eine rote Nelke.
25 Gassen, die alle nach Stalin benannt ler und Helfer lebt in Nowosibirsk und ist »Ruslan hat ein gutes Herz«, sagt De-
sind, jede einzelne: 1. Stalin-Gasse, 2. Sta- erst 15 Jahre alt. nisjuk. »Er kann reden, im richtigen Mo-
lin-Gasse, 25. Stalin-Gasse. Ruslan Laptew, so heißt der Junge, fährt ment schweigen. Er hat Führungsqua-
Alexej Denisjuk wohnt in einem spät- Motorrad ohne Führerschein, spielt litäten.«
sowjetischen Plattenbau im Norden No- »Grand Theft Auto V«, brät Spiegeleier Am Tag des Sieges über Nazi-Deutsch-
wosibirsks, die Wohnung ist dunkel, der und filmt sich dabei, hat einen YouTube- land, dem 9. Mai 2018, verkleidete sich
Teppichboden abgewetzt, im Bad blättert Kanal und noch keine Freundin, auf seiner Ruslan als Rotarmist und schloss sich einer
die Farbe von der Wand. Im Wohnzim- Oberlippe wächst der erste Flaum. weiteren Denisjuk-Demonstration an. Dies-
mer steht ein leeres Terrarium, in Denis- Ein Junge, der sich nach Helden sehnt, mal postete Denisjuk ein Foto von Ruslan
juks Schlafzimmer hängen sechs Stalin- die man sich nach seiner eigenen Fantasie mit der sowjetischen Feldmütze auf den
Porträts. ausmalen kann, wenn man es mit den Ge- braunen Locken.
Denisjuk hat keine Frau und keine Kin- schichtsbüchern nicht so ernst nimmt. Sei- »Stalins Adlerküken«, schrieb er darun-
der. Er lebt hier mit seinem geistig behin- ne Begeisterung, ein Beweis dafür, dass ter. Er schenkte Ruslan eine rote Fahne
derten Bruder zusammen. Seine Eltern, der Massenmörder Stalin noch lange Jahre und ein Buch von Stalin: »Über den Gro-
Ingenieure, bewunderten Stalins Großbau- Anhänger haben wird. ßen Vaterländischen Krieg der Sowjet-
projekte, sein Vater fand sich im neuen Denisjuk lernte Ruslan an Lenins Ge- union«. Wenige Tage danach postete Rus-
Russland nie zurecht und starb an einem burtstag kennen, am 22. April 2018. Er er- lan ein sowjetisches Propagandaplakat:
Herzinfarkt. Denisjuk las mit 18 Jahren innert sich gut an jenen Tag. Denisjuk hatte »Zum Kampf für die Sache Lenins und Sta-
»Das Kapital«, Lenins »Staat und Revolu- am Lenin-Platz ein rotes Banner ausgerollt: lins seid bereit!« Er postete überhaupt sehr

42 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


viel in jener Zeit: Ruslan im Gespräch mit Die Jugendlichen Genossinnen und Genossen, die seinen
einer Frau auf einer Demonstration, dazu Führungsanspruch infrage gestellt hätten,
den Kommentar: »Politische Gespräche werden Stalin malen mussten gehen.
mit dem Volk«. Ruslan im Gespräch mit und Stalin kneten. »Sehr gut«, sagt Denisjuk. »Jugendar-
einem Teenager, Ruslan im Interview mit beit ist nicht leicht.«
dem Lokalfernsehen. Um die Wette. Wenige Tage später versammelt Ruslan
Denisjuks neuer Schüler kann bald die seine Zelle, er sitzt am Kopfende eines
Grundübel des Kapitalismus herunterrat- Denisjuk lächelt stolz. Sperrholztisches, hinter ihm eine weiße
tern: die Ausbeutung der Arbeiterklasse Ruslan ordnet Zeitungen, links von der Lenin-Statue. Sein Stellvertreter, auch er
durch die Bourgeoisie, die Akkumulierung Spendenbox »Hammer und Sichel«, rechts ist erst 15, darf die Tagesordnung vortra-
des Kapitals. Er wünscht sich ein anderes »Die Revolution«. gen, er liest sie vom Handy ab: »Punkt
Russland. Er will, dass im Hafen von No- »Stalin ist scheiße!«, ruft im Vorbeilau- eins: die Kaderfrage. Zwei: Organisatori-
wosibirsk wieder Schiffe fahren, dass keine fen ein tätowiertes Mädchen. »Lasst ihn sches. Drei: Militärpatriotisches. Vier: Di-
Alten vor den Kirchen betteln müssen, endlich unter der Erde rotten!« Ihr lilafar- verses.«
dass die Jungen sich nach der Schule auf bener Zopf verschwindet im Metro-Ein- Links von Ruslan sitzt Natalja, eine
einen Job freuen, statt sich zu besaufen. gang. Ruslan nimmt seine Sonnenbrille ab, Rentnerin. Sie ist hier, um Ruslans Jugend-
Die Welt soll übersichtlich sein, die Hel- blickt dem Zopf hinterher. arbeit zu beaufsichtigen, so ist es üblich
den sortiert, so wie auf den russischen Pro- Kurz nachdem er Denisjuk kennenge- bei Kommunisten, Vertrauen ist gut, Auf-
pagandaplakaten, die Ruslan im Netz liked lernt hatte, trat Ruslan der Jugendorgani- sicht besser. Natalja hat ein kräftiges
und teilt. sation der Kommunistischen Partei bei, Kreuz, gerade hat sie eine Seniorenmeis-
Er zeigt auf sein Samsung-Handy und Mitgliedsnummer 92834580. Eine takti- terschaft in Powerlifting gewonnen. Vor
sagt: »Warum haben wir keine russischen sche Entscheidung – es ist die Partei des ihr liegt ein graues Buch, Stalins Reden
Handys, keine russischen Autos? Putin ist Bürgermeisters. Die Mitgliedszahl bei der und Befehle, eine Ausgabe von 1947.
schuld. Putin hat Russland in eine Kolonie KPRF-Jugend steigt nach eigenen Angaben Punkt eins, die Kaderfrage. Ein Junge
verwandelt.« von Jahr zu Jahr, derzeit ist von 25 000 möchte der Zelle beitreten, Ruslan bittet
Viele Stalinisten hassen Putin. Je mehr Mitgliedern die Rede, aktiv in 80 Städten. den Kandidaten, sein Plädoyer zu halten.
Stalin erstrahlt, desto korrupter und unfä- Ruslan bewies schnell Führungsqualitä- »Ich bin Alexander«, sagt der Junge. »14
higer erscheint der jetzige Präsident. Ein ten. Er stieg zum Leiter einer Jugendzelle Jahre alt.« Er verstummt. Ihm läuft die Nase.
Autoaufkleber zeigt Stalin mit Pfeife und auf. Auf seinem Profil im Sozialnetzwerk »Was machst du so, in welche Schule
Spruch: »Unter mir gab’s so ’n Scheiß VK hat er ein Foto von sich gepostet – gehst du?«, fragt Ruslan. Der Junge sagt,
nicht.« Ohrenmütze, Blick in die Ferne –, darun- er suche Freunde, er wolle sich engagieren.
»Man sollte Putin erschießen«, sagt Rus- ter hat er geschrieben: »Europa zittert, seit Keine Gegenstimmen, keine Enthaltungen.
lan. »Öffentlich. Am roten Platz.« es weiß, wer Putins Nachfolger wird.« Ruslan lehnt sich zurück, spielt mit dem
Denisjuk erzählte seinem neuen Schüler »Wie läuft es?«, fragt ihn Denisjuk vor Stift, nickt seinem Stellvertreter zu.
auch bald von seinem Plan, dass in ihrer dem roten Zelt. Organisatorisches. Es wird ein Mal- und
Stadt eine Stalin-Statue stehen soll. Ruslan »Ich habe eine Säuberung durchge- ein Knetwettbewerb anberaumt. Ruslan
schloss sich der Initiativgruppe Stalin- führt«, sagt Ruslan, heiser und stolz, als und seine Genossen werden Stalin malen
Denkmal an, begleitete Denisjuk in den hätte er sein Kinderzimmer aufgeräumt. und Stalin kneten. Um die Wette.
Monaten danach auf Demonstrationen, Seine Stimme kippt mitten im Satz, er Militärpatriotisches. Natalja erzählt von
sammelte mit ihm Geld. steckt im Stimmbruch. ihrer Tante, die eine Zeitungsausgabe vom
An einem sonnigen Nachmittag, An- 5. März 1953 aufbewahrt habe, Stalins To-
fang April 2019, wenige Wochen vor der destag: »Wir rahmen die Seite ein, ihr wer-
Einweihung des Denkmals auf dem Park- det sie anfassen können.«
platz der Kommunistischen Partei, treffen Die Versammlung an diesem Nachmit-
sich Denisjuk und sein Zögling am Lenin- tag wirkt wie ein Kinderspiel, aber es ist
Platz, gegenüber der Oper. Sie bauen ein ernst. Und wer als Reporter versucht, De-
kleines rotes Zelt auf, rollen ein Stalin- nisjuks Zögling näherzukommen, stößt an
Porträt aus, ein Banner: »Spenden für das Grenzen. Es gibt Regeln, die Ruslan, der
Stalin-Denkmal«. Achtklässler, setzt: keine Besuche zu Hau-
Es ist windig in Nowosibirsk. Stalin lä- se, keine Treffen mit seinen Eltern, keine
chelt sein Stalin-Lächeln, Staub wirbelt Interviews in der Schule.
auf, das Banner kracht zu Boden. Ein hal- Dafür schickt er unaufgefordert per
bes Dutzend Rentner helfen mit beim Zelt- WhatsApp ein Foto: Es zeigt ihn im Alter
aufbau. »Jede Spende zählt!« rufen sie, es von sechs Jahren, er stemmt die Hände in
ist ein wenig wie auf dem Wochenmarkt. die Hüften, reckt das Kinn nach oben, un-
»Die Zeitungen sind gratis, lesen Sie über ter seiner Nase klebt ein Stalin-Schnauzer.
unseren Generalissimus.« Einer der Rent- Wer hat das Bild gemacht?
ner trägt einen roten Sowjetstern an seiner »Meine Mutter«, sagt Ruslan. Seine El-
Puma-Mütze. Eine Mitstreiterin stößt ihn tern sind getrennt, Ruslan lebt bei ihr.
MAX SHER / DER SPIEGEL

an: »Dein Rücken!« Es ist seine Mutter. Er lädt zu einem Spaziergang in den
Ruslan trägt eine verspiegelte Sonnen- Garten der Opfer des Bürgerkriegs ein,
brille von Ray Ban, einen Hut, eine sowje- hinter der Philharmonie.
tische Offizierstasche aus braunem Leder. »Ist deine Mutter eine Stalinistin?«
»Ihr Stern sitzt schief«, sagt er zu dem »Im Gegenteil«, sagt Ruslan, »sie will
Rentner mit der Puma-Mütze. Der Mann ein Parlament, Demokratie und so weiter.«
streckt ihm den Kopf entgegen, Ruslan Schüler Laptew Ein Anruf bei Ruslans Mutter. Ruslan
rückt den Stern zurecht. »Warum haben wir keine russischen Autos?« gibt die Nummer nicht heraus, er ruft sie

43
»Der bleibt«, sagt der Stellvertreter.
»Der muss weg«, sagt Denisjuk, »Stalin
kann nicht auf Müll blicken.«
»Der Container bleibt.«
Sie laufen zur Metro, Denisjuk, Ruslan,
der Rentner mit der Puma-Mütze, im
Abendlicht. »Ich wäre ihn härter angegan-
gen«, sagt Ruslan. Er ballt im Laufen eine
Hand zur Faust.
Am 9. Mai, dem Tag, an dem ganz Russ-

ALEXANDR KRYAZHEV / DPA PICTURE-ALLIANCE


land mit Paraden, Feuerwerk und Tränen
den Sieg über Hitler feiert, wird in Nowo-
sibirsk das Stalin-Denkmal eingeweiht.
Der Müllcontainer ist weg, links und rechts
von der Statue wachsen Tannen. Aus dem
Lautsprecher ertönen Lieder aus der Sta-
lin-Zeit: »Lasst uns auf das Vaterland trin-
ken, lasst uns auf Stalin trinken!«
Denisjuk schüttelt Hände. Stalin be-
kommt Rosen und Nelken, aus dem Laut-
Stalinist Denisjuk, Nowosibirsker Bürgermeister*: Beethoven zur Einweihung sprecher ertönt Mozarts Requiem. Lacri-
mosa. Es gibt einen Empfang, Denisjuk
isst und trinkt mit den Granden der Kom-
von seinem Handy an, reicht es weiter. »Zerstört«, sagt der Bildhauer. munistischen Partei. Am Abend steigt
Wie sehen Sie Ruslans Zukunft? Ruslan seufzt. über Nowosibirsk ein Feuerwerk, weiße,
»Ich weiß es nicht«, sagt eine müde Stim- Der Bürgermeister von Nowosibirsk hat rote, gelbe Lichtblüten, die am Himmel
me. »Er sucht sich noch, er hört ja nicht lange gezögert, die Statue an einem pro- platzen.
auf mich.« minenten Ort aufzustellen. Unter Stalin Zwei Tage später trinkt Denisjuk zum
Wer ist Stalin für Sie? wurden in dieser Gegend Arbeitslager er- Frühstück eine Flasche Portwein, fährt mit
»Ein Alleinherrscher wie Hitler, aber richtet, die berüchtigten Gulags. Kinder dem Taxi zur Parteizentrale, fotografiert
Ruslan liebt ihn. Er weiß nicht, wie man und Enkelkinder der Opfer leben noch. das Stalin-Denkmal aus unterschiedlichen
damals gelebt hat.« Der Bürgermeister hat entschieden, die Blickwinkeln, raucht und bittet den Repor-
Ruslan sagte, Sie wollen nicht reden? Büste erst mal auf dem Parteigelände in ter um ein Foto: Alexej Denisjuk mit Stalin,
»Wahrscheinlich schämt er sich für mich.« der Bolschewikenstraße aufzustellen, et- Querformat bitte.
Ruslans Mutter schlägt ein Treffen vor. was entfernt vom Stadtzentrum. Der Park- Ein paar Wochen später postet auch
Sie will über Stalin reden, über den Sta- platz ist videoüberwacht. Ruslan Laptew ein Bild von sich vor der
lin-Schnauzer, über Denisjuk, über ihren Denisjuk und Ruslan haben zugestimmt, Statue. Auf der Aufnahme steht Denisjuks
Sohn. Ruslan greift ein: »Mama, wir lassen auch wenn Letzterer die Vorsicht des Bür- Schüler stramm vor Stalin, kneift die Au-
das jetzt, wir sind hier in Eile.« germeisters feige findet. »Er ist eine Ma- gen zusammen, trägt ein T-Shirt, darauf
Über eine halbe Million Rubel haben rionette Putins«, sagt er. »Er hat Stalins zwei gekreuzte Gewehre, ein Bärenkopf,
Ruslan und Denisjuk für ihr Stalin-Denk- Erbe verraten.« ein Patronengurt, ein Aufdruck: »The har-
mal gesammelt, fast 8000 Euro, sagt »Wir brauchen ihn, Ruslan«, sagt Denis- der the hunt, the sweeter the prize.« Je
Denisjuk. Er will noch zwei Gedenkplat- juk. härter die Jagd, desto süßer der Preis.
ten in Auftrag geben, er fährt zum Stein- Der Bürgermeister bittet die Initiativ- Seit der Einweihung der Statue sind
metz am Friedhof. Ruslan will die Statue gruppe Stalin-Denkmal in die Parteizen- bald drei Monate vergangen. Denisjuk ist
sehen, er schwänzt die Schule, fährt zum trale, die Männer wollen letzte Fragen klä- zufrieden, Stalin ist wieder da, endlich
Atelier des Bildhauers, es liegt in einer still- ren. Ruslan kommt von der Schule. Er hat auch in seiner Stadt. Aber sein Kampf geht
gelegten Fabrik im Norden der Stadt. Rus- sich geprügelt, seine Offizierstasche ist ge- weiter.
lan zwängt sich durch ein Drehkreuz, rissen. Denisjuk raucht vor der Tür. Ein Denisjuk hat die Initiativgruppe Stalin-
steigt eine Treppe hinauf, überquert einen Bagger reißt den morschen Zaun ab, ent- Denkmal für das erste Augustwochenende
dunklen Korridor. wurzelt Bäume, macht Platz für die Statue. wieder zusammengerufen, die Tagesord-
Der Woschd trägt die Generalissimus- Der Bürgermeister schickt einen Stellver- nung ist lang. Er möchte, dass die Statue
uniform, die rechte Augenbraue ist ange- treter. Wo der morsche Zaun stand, ist eine als Kulturdenkmal anerkannt wird, dass
hoben, die Büste steht auf einem Schemel windschiefe Scheune zum Vorschein ge- Scheinwerfer sie nachts beleuchten und
am Fenster. Ruslan kann Stalin in die Au- kommen. Was mit der Scheune geschehen dass in Zukunft eine Treppe die Besucher
gen blicken. Er tritt an ihn heran, legt ihm solle, will Denisjuk wissen. runter zu Stalin führt.
vorsichtig eine Hand auf die Schulter, Wird nicht zu sehen sein, versichert der Alexej Denisjuk will wieder Geld sam-
streicht erst über das faltige Gesicht, be- Stellvertreter. Hier wird eine Ziegelwand meln, Ruslan soll wieder helfen, für ein
rührt den Schnauzer, sieht sich um, wischt gebaut, da werden Bäume gepflanzt. neues Denkmal, diesmal ein echtes, aus
dem Generalissimus Staub von der Nase Auf der Anhöhe, wo Bäume wachsen Bronze.
und klopft ihm dann, fast schon fachmän- sollen, sitzen zwei Männer in Gummistie-
nisch, mit dem Knöchel gegen die Brust. feln, sie trinken Alkohol aus Plastikfla-
Stalin klingt hohl-stumpf. Die Büste ist aus schen und schunkeln. Video
Stalins Statthalter
Kunststoff, angemalt wie Bronze. Für »Was ist mit dem Müllcontainer?«, fragt im Netz
mehr hat das Geld nicht gereicht. Denisjuk. spiegel.de/sp312019stalin
»Was haben Sie mit der Lehmvorlage oder in der App DER SPIEGEL
gemacht?«, fragt Ruslan. * Bei der Enthüllung der Stalin-Büste am 9. Mai.

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Gesellschaft

Lärmblockwart
mer auf seinen Flügel einhämmerte, während meine Mutter
und ich im Wohnzimmer vor dem Fernseher saßen, die
Zimmer nur getrennt durch eine gläserne Schiebetür. Wir
drehten den Lautstärkeregler bis zum Anschlag, hörten
gleichzeitig Mozart und »Derrick« und verständigten uns
Homestory Wie ich zum Spaßverderber aus mit Gesten.
dem vierten Stock geworden bin Später bezog ich dann eine kleine Wohnung im Prenzlauer
Berg. Sie lag direkt an den S-Bahn-Gleisen, ich konnte den
Fahrgästen vom Balkon aus zuwinken, die Züge kreischten

V or gut einem Jahr bekamen wir neue Nachbarn. Sie


wohnen direkt unter uns, dritter Stock, ein kinder-
loses Paar, geschätzt Mitte dreißig. Manchmal treffe
ich die neuen Nachbarn im Treppenhaus, ansonsten sehe ich
durch mein jugendliches Leben. Na und? Ich fand, die Woh-
nung war schön hell und hatte eine echt gute Verkehrs-
anbindung.
Und heute? Bin ich 47 Jahre alt und geräuschgequält. Ein
sie selten. Mann, der jetzt zuweilen nachts durch das Treppenhaus
Dafür höre ich sie. Meine Frau und ich wohnen im vierten schleicht auf der Suche nach der Lärmquelle, die meinen
Stock, und wenn in der Wohnung unter uns jemand ein Ge- Schlaf stört.
spräch in normaler Lautstärke führt, könnten wir problemlos Irgendwo in dem großen Wohnhaus wird eigentlich immer
jeden zweiten Satz mitschreiben und das Abhörprotokoll un- gefeiert. Gern tun dies auch Airbnb-Touristen, die im
serem Geheimdienstführungsoffizier überreichen. Unsere Sommer in einigen Wohnungen sitzen. Oder auf den Bal-
Altbauwohnung ist leider sehr hellhörig. konen im engen, schallenden Hof.
Die neuen Nachbarn sind Ich klingle dann an der
sicher total nett. Ich meine, Wohnungstür, Feiergesichter
ich kenne sie ja im Grunde schauen mich irritiert an,
gar nicht. Nur die Geräusche, womöglich kriecht mir auch
die sie machen. Die Frau ver- das strenge deutsche Wort
treibt beruflich veganen Na- »Nachtruhe« über die Lippen.
gellack, lacht exaltiert, in Und dann stehe ich da und
einer schrillen Tonlage, und fühle mich alt und klein-
liebt es, Türen und Fenster kariert. Ich, der öde Spaßver-
nicht zu schließen, sondern derber aus dem vierten Stock.
zuzuknallen. Immer. Aber be- Manchmal, wenn gar nichts
sonders nachts. Jedes Mal hilft, rufe ich nachts die
schrecke ich eine Etage höher Polizei, und noch während
aus dem Schlaf hoch, als hätte ich die Nummer in mein
man auf mich geschossen. Handy tippe, denke ich: O
Der Mann wiederum trinkt Gott, tu das nicht. So jemand
gern morgens um 5.30 Uhr wolltest du doch nie werden!
einen Kaffee, weshalb er in Ein: Jetzt-rufe-ich-aber-die-
der Küche erst mal das laut- Polizei-Typ.
starke Mahlwerk des Kaffee- Natürlich könnte ich ein-
vollautomaten anschaltet. fach fortziehen. Irgendwohin
Wir schlafen genau darü- an den ruhigen Stadtrand.
ber. Es ist, als würde plötzlich Meine Sehnsucht danach
ein Betonmischer durch un- wird größer, und vermutlich
ser Schlafzimmer rollen. Un- wäre ein solcher Schritt wirk-
sere Nächte sind kurz gewor- lich klug. Aber ich bin nicht
den, und es gibt nun durchaus klug. Ich bin bockig und den-
Momente, in denen ich den- ke: Ich lasse mich nicht ver-
ke, dass es doch nicht scha- treiben. Aus MEINER Stadt.
den könnte, kämen die neuen ICH war zuerst hier. ICH bin
Nachbarn bei einem Auto- der Eingeborene! Das ist an-
unfall ums Leben. Für diesen Gedanken schäme ich mich, scheinend auch so eine Sache, die in den mittleren Lebens-
kann ihn aber nur schwer kontrollieren. Nicht um 5.30 Uhr. jahren zuweilen beginnt: Altersstarrsinn.
Selbstverständlich ist man unter uns auch sexuell aktiv. Vor ein paar Wochen machte mir dann meine Frau, die
Eine schöne Sache, eigentlich. Aber aufgrund der dünnen mein Lärmblockwart-Dasein sehr peinlich findet, ein wunder-
Zimmerdecke ist es, als wären wir direkt dabei. Ich finde bares Geschenk: geräuschunterdrückende Kopfhörer. Im Fach-
diese Intimität irritierend. Vor allem, wenn man die Nachbarn geschäft auch »Noise-Cancelling Headphones« genannt. In
eine halbe Stunde später im Treppenhaus trifft, die frischen der Geschichte der Menschheit wurden schon viele große Din-
Bumsgeräusche noch im Ohr. ge erfunden, aber diese Zauberkopfhörer gehören in meine
Zur Wahrheit gehört natürlich, dass ich geräuschempfind- Top Ten. Setzt man sie auf, bleibt von der lauten, nervenden
lich bin. Oder besser: geworden bin. Es scheint irgendwie Welt da draußen nicht mehr als ein sanftes Rauschen übrig.
ein Altersding zu sein. Vielleicht verändern sich die Ohren Und Friede zieht durch mein Gemüt.
ab Mitte vierzig, oder meine Nerven liegen nach Jahrzehnten Ich trage die Kopfhörer jetzt fast täglich. In der Bahn, im
in der Großstadt einfach blank. Schwer zu sagen. Flugzeug, im Café, in der Wohnung am Schreibtisch sitzend.
Ich habe immer in Berlin gewohnt, ich war stolz auf meine Oder, bei Bedarf, nachts im Bett. Mittlerweile denke ich: So
Urbanität, und als Kind machte es mir zum Beispiel über- könnte es vielleicht doch noch klappen.
haupt nichts aus, wenn mein Vater jeden Abend im Esszim- Mit mir und der lauten Großstadt. Jochen-Martin Gutsch

Illustration: Thilo Rothacker für den Spiegel 45


Wirtschaft
»Darf ein Reicher nicht protestieren?« ‣ S. 52

ALL MAURITIUS IMAGES


Konsum

EU prüft Regeln für Bambusgeschirr


Nach Kritik von »Stiftung Warentest« stoppt auch Ikea den Verkauf von Bechern.
 Europaweit häufen sich Warnungen vor Schadstoffen in Bam- zu hohe Schadstoffe festgestellt. Das Möbelhaus Ikea Deutsch-
busbechern. Die Europäische Kommission überprüft deshalb land, dessen Becher in dem Test schlecht abschnitt, will ihn
nun die Regeln für Geschirr aus Bambusfasern. Sie hat die Euro- vorübergehend aus dem Verkauf nehmen und das Produkt er-
päische Behörde für Lebensmittelsicherheit beauftragt zu testen, neut testen. Der Konzern verweist aber darauf, dass es in eigenen
wie hoch das Gesundheitsrisiko von Bambusgeschirr mit seinem Tests bisher keinerlei Auffälligkeiten gegeben habe. Der Dis-
Kunststoffanteil tatsächlich ist. In einer Expertengruppe der counter Aldi Nord hält an seinem schlecht bewerteten Bambus-
Kommission werden derzeit konkretere Vorgaben für das Mate- becher fest, weil in eigenen Untersuchungen keine Grenzwerte
rial vor allem bei der Verwendung von heißen Nahrungsmitteln überschritten worden seien; man prüfe aber Alternativen, teilte
diskutiert. Es sei in mehreren Fällen festgestellt worden, dass Aldi mit. Dem Bambus wird zumeist Kunststoff als Klebemasse
schädliches Formaldehyd und Melamin über die zulässigen beigemischt. Nach Angaben der EU-Kommission erlauben es die
Grenzwerte hinaus ausgetreten und in die heißen Lebensmittel EU-Regeln für Kunststoffgeschirr bisher jedoch nicht, Bambus
übergegangen seien, warnten die Experten in einem Schreiben und ähnliche Zusatzstoffe in Plastikbechern oder -tellern zu
Ende Juni. Einzelne Produkte mussten aus diesem Grund bereits verwenden. Explizit gestattet ist dort zum Beispiel Holz. Einige
vom Markt genommen werden. Bei mehreren Bambusbechern Becherhersteller würden zudem ignorieren, dass sie sich an die
für heiße Getränke hatte auch die »Stiftung Warentest« zuletzt Grenzwerte und Regeln für Kunststoffgeschirr halten müssten. KIG

Innovationen sieben Plätze vorgerückt und liegt nun an Organisation erhoben; sie untersuchen
Deutsche Konzerne dritter Stelle weltweit. Dass Deutschland
hier deutlich besser abschneidet als im
129 Länder in sieben Kategorien. Gesamt-
sieger ist die Schweiz, wie in den acht
steigen auf vorigen Jahr liegt unter anderem an der Jahren zuvor, es folgen Schweden und die
Qualität der Ausbildung von Naturwissen- USA. Deutschland belegt insgesamt nur
 Die gute Ausbildung in Deutschland schaftlern und Ingenieuren. Auch geben den neunten Platz, zum dritten Mal hin-
und der hohe Stellenwert der Forschung die hiesigen Konzerne deutlich mehr für tereinander. In den anderen sechs Katego-
tragen maßgeblich zur Innovationsstärke Forschung und Entwicklung aus als die rien hat die Studie nämlich einige Schwä-
des Standorts im internationalen Ver- meisten Wettbewerber. Das Ranking wird chen ausgemacht, die Innovationen brem-
gleich bei. Laut dem Global Innovation jährlich von den Elitehochschulen Insead sen. So fällt es Unternehmern hierzulande
Index 2019 ist Deutschland in der Katego- in Frankreich und Cornell in den USA besonders schwer, eine Firma zu gründen.
rie »Arbeitskräfte und Forschung« um sowie der World Intellectual Property Hier belegt Deutschland nur Platz 88. AJU

46
Wirtschaftswissenschaften Syska: Mag sein. Aber jeder muss lernen, Rentenkasse
»Unfähig zu kreativ zu denken und kritisch zu hinter- Wohin mit dem Geld?
fragen. Ich beobachte, dass Studierende er-
eigenständigem Denken« schreckend unfähig zu eigenständigem  Die gesetzliche Rentenkasse verfügt
Denken sind, auch im Masterstudium. Es zur Mitte des Jahres über üppige
Andreas Syska, 61, Professor für Betriebs- werden Musterlösungen auswendig gelernt, Reserven. Wie aus Daten der Renten-
wirtschaftslehre (BWL) an der Hochschule formale Dinge wie Schriftart und Seiten- versicherung Bund hervorgeht, lag die
Niederrhein in Mönchengladbach, zahl sind wichtiger als das Bewerten von In- sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage
kritisiert die Managementausbildung in halten. Es wird reproduziert, nicht gestaltet. Ende Juni bei 37,97 Milliarden Euro.
Deutschland. SPIEGEL: Wer ist dafür verantwortlich? Im Vergleich zum Juni 2018 stieg die
Syska: Zum einen ist der Staat Reserve damit um fast vier Milliarden
SPIEGEL: Wie gut bereiten die mit seiner Regulierungsfreude Euro. Seit dem Jahreswechsel ist der
Hochschulen BWL-Studenten nicht unschuldig daran. Außer- Wert annähernd stabil. Erste Anzei-
auf die Praxis vor? dem wird eine BWL gelehrt, die chen eines langsameren Wachstums
Syska: Das Wirtschaftswissen, heute nicht mehr funktioniert. zeichnen sich noch nicht in den Renten-
das die Hochschulen vermit- Sie basiert auf Modellen des finanzen ab, die Beitragseinnahmen
teln, ist ebenso wenig zeit- 19. Jahrhunderts, in denen Unter- sprudeln. Die niedrigen Zinsen stellen
KRIS FINN
gemäß wie die Art, in der dies nehmen als Maschinen verstan- die Rentenkasse allerdings vor ein Pro-
geschieht. Die Studierenden, den werden und die Menschen blem: Sie darf einen Großteil der Mittel
immerhin die künftige Wirt- die Rolle von Bedienern einneh- nur in Termingeldern mit einer Lauf-
schaftselite, lernen nicht, Unternehmen men. Die Hochschulen züchten eine Fülle zeit von maximal zwölf Monaten anle-
zu führen, sondern nur, sie zu verwalten. von unkritischen Maschinisten des gen. Dafür bieten ihr die Kreditinstitute
SPIEGEL: Woran machen Sie das fest? betriebswirtschaftlichen Systems heran. fast ausschließlich negative Zinsen an.
Syska: Schauen Sie sich das Angebot an SPIEGEL: Was sollte geschehen? Bereits im vergangenen Jahr verlor
Studiengängen und die Lehrpläne an. Syska: Die Wissenschaft muss sich der die Rentenkasse auf diese Weise mehr
Handels- und Steuerrecht sowie Wirt- Realität anpassen, die gekennzeichnet ist als 55 Millionen Euro. COS
schaftsprüfung nehmen breiten Raum durch Netzwerke, in denen Mitarbeiter
ein, die Themen »Leadership« oder mit hohem Freiheitsgrad tätig sind.
»Entrepreneurship« finden nur am Ran- Darauf sind unsere Absolventen nicht
de statt. Das gilt auch für viele private vorbereitet, denn das Bildungssystem hat
Hochschulen. den jungen Menschen die Fähigkeiten,
SPIEGEL: Nicht jeder Studierende will die hierfür nötig sind, systematisch aus-

PAUL SCHIRNHOFER / AGENTUR FOCUS


ein Unternehmen führen oder gründen. getrieben. AJU

Gold se groß. Unter den interessierten Verbrau-


Gefährlicher Irrglaube chern halten 87 Prozent Gold »in unsi-
cheren Zeiten« für »eine sichere Anlage-
 Viele Verbraucher können sich in Zei- form«. 79 Prozent geben zur Begründung
ten niedriger Zinsen vorstellen, Gold zu an, »weil ich mit Gold einen echten Weber
kaufen, unterschätzen aber die damit ver- Gegenwert habe«. »Diese Menschen
bundenen Risiken. Zu diesem Ergebnis haben oft die Vorstellung, dass so ein Gerry Weber
kommt eine repräsentative Umfrage im Sachwert sicherer ist als andere Anlagen, Gründer bietet Hilfe an
Auftrag der Verbraucherzentrale Hessen, weil man ihn physisch in der Hand halten
die kommende Woche veröffentlicht kann. Das ist ein Irrglaube«, warnt Wolf  Gerhard Weber, 78, hadert mit der
wird. Demnach können sich 28 Prozent Brandes. Er ist einer der Teamleiter beim Übernahme der von ihm gegründeten
der Befragten vorstellen, in Goldbarren »Marktwächter Finanzen«, über den die Modemarke Gerry Weber durch zwei
oder Goldmünzen zu investieren. Vor Verbraucherzentralen den Finanzmarkt Investoren. »Es ist ein harter Schlag,
allem bei jüngeren Menschen und in analysieren und beobachten. »Tatsächlich dass mein Unternehmen in fremde
Haushalten mit einem Nettoeinkommen unterliegt der Goldpreis starken Schwan- Hände übergegangen ist«, sagt der lang-
von 3000 Euro oder mehr ist das Interes- kungen«, sagt Brandes. Gold gehöre zu- jährige Patriarch. Gerry Weber mel-
dem zu den Produkten aus dem sogenann- dete im Januar Insolvenz in Eigenver-
ten Grauen Kapitalmarkt: »Es gibt keine waltung an, Weber hielt zuletzt fast
Anlegerschutzgesetze, die diesen Bereich 30 Prozent der Anteile. Wie Mitte Juli
wirklich regulieren.« Außerdem gebe bekannt wurde, übernehmen die bri-
es auf dem Markt viele zweifelhafte tischen Finanzinvestoren Whitebox
Anbieter. Bei einem Frühwarnnetzwerk Advisors und Robus Capital Manage-
der Marktwächter gingen immer wieder ment die Firma vollständig. Wenn das
Beschwerden über Betrug oder Vertriebs- Unternehmen »die Kurve kriegen wür-
firmen ein, die überhöhte Provisionen de«, wäre es für ihn »eine Erleichte-
MATTHIAS SCHRADER / AP

beim Goldverkauf verlangen. Insgesamt rung«, so Weber. Er wolle das Gespräch


hat jeder zehnte Verbraucher schon ein- mit der neuen Leitung suchen. Wenn
mal Gold gekauft, wie es in der Umfrage er helfen könne, etwa bei den Kollek-
heißt. In Haushalten mit einem Ein- tionen, tue er das – »selbstverständlich
kommen von 3000 Euro netto oder mehr ohne Bezahlung«, wie er sagt. »Gerry
Goldbarren waren es 16 Prozent. ASE Weber ist immer noch mein Kind.« AKÜ

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 47


Wirtschaft

Im Taubenschlag
Zinsen Mit Christine Lagarde rückt eine Ex-Politikerin an die Spitze der EZB.
Kritiker fürchten, dass sie den Geldhahn weiter aufdreht,
um Staaten zu helfen. Auch Kleinsparern drohen bald Strafgebühren auf ihre Guthaben.

MIKHAIL METZEL / TASS / ACTION PRESS

Künftige Zentralbankchefin Lagarde: Entschuldung über die Notenpresse?

48
Ü
ber mangelnde Fürsorge ihres kassen und Finanzinstitute leiden schon Staatsschuldenkrise die Eurozone zu
Vorgängers wird sich Christine jetzt darunter, dass sich Geld kaum mehr sprengen drohte.
Lagarde, die künftige Präsidentin irgendwo rentabel anlegen lässt. Allerdings verzichtete der Italiener auch
der Europäischen Zentralbank Lagarde dürfte Draghis Kurs auf abseh- darauf, den Leitzins von null wieder an-
(EZB), nicht beklagen können, wenn sie bare Zeit weiterführen. Als IWF-Chefin in zuheben, als sich die Wirtschaft in der Zwi-
am 1. November ihr neues Amt antritt. Washington hat sich die Französin den Ruf schenzeit erholte. Die vor Monaten ange-
Drei Monate noch, dann räumt Mario erworben, die Notenbanken als Allzweck- kündigte Zinswende blieb aus. Auch den
Draghi sein Büro in dem imposanten Dop- waffe für Probleme jeder Art zu sehen. Anleihekauf setzte er fort. Für den nun
pelturm im Frankfurter Ostend. Bis dahin, Unter ihrer Ägide forderte der IWF die drohenden wirtschaftlichen Abschwung
das hat sich der Noch-EZB-Chef zum Ziel Notenbanker regelmäßig auf, die Märkte ist die EZB deshalb schlecht gerüstet.
gesetzt, will er seiner Nachfolgerin einen mit Geld zu fluten. Als Chefin der EZB Ausgerechnet in dieser Phase hat das
möglichst unbelasteten Start garantieren. wird sie ihre Rhetorik zügeln, doch ihre Direktorium der Notenbank, das Gre-
Und so tat Draghi am vergange- mium also, das die EZB führt und
nen Donnerstag nach der Sitzung die Entscheidungen des Zentral-
des Zentralbankrats denn auch al- bankrats vorbereitet, mit einem
les, um die europäische Öffentlich- Aderlass an Kompetenz zu kämp-
keit auf eine weitere Lockerung der fen. Im Mai verließ Chefvolkswirt
Geldpolitik einzuschwören. Es Peter Praet die Notenbank. Vize-
brauche »signifikante monetäre Im- präsident Vítor Constâncio ging
pulse« verkündete Draghi. Zwar vor einem Jahr von Bord. Noch
nannte die EZB keine konkreten dieses Jahr scheidet auch Direkto-
Maßnahmen. Angesichts der trü- riumsmitglied Benoît Cœuré aus.
ben Konjunkturaussichten aber An die Stelle der erfahrenen
deutete Draghi an, im Herbst noch Geldpolitiker und gestandenen
einmal die Zinsen senken zu wol- Ökonomen rücken nun immer
len. Auch das vor allem in Deutsch- mehr ehemalige Minister ohne
land beargwöhnte Ankaufpro- geldpolitische Erfahrung. Lagardes
gramm für Staatsanleihen will er Vize Luis de Guindos wechselte
neu auflegen. Kurzum: Draghi direkt aus der spanischen Regie-
stellt die Weichen für ein konse- rung ins EZB-Direktorium. Lagar-
quentes Weiter-so. de selbst war französische Finanz-
Die jüngsten Zahlen liefern ihm ministerin. Der neue Chefvolkswirt
gute Argumente: Der Internatio- Philip Lane, zuvor Chef der iri-
nale Währungsfonds (IWF) erwartet schen Notenbank und Universitäts-
für die Eurozone in diesem Jahr nur professor, ist der einzige Ökonom
noch ein Wachstum von 1,3 Pro- mit akademischen Meriten in dem
GEORG STELZNER / IMAGEBROKER / IMAGO

zent, besonders schwach entwickeln Gremium.


sich Italien und Deutschland. Zu- »Die Gefahr einer Politisierung
gleich klebt die Inflation im Wäh- der Geldpolitik ist eindeutig gege-
rungsraum bei 1,3 Prozent, weit un- ben«, warnt Clemens Fuest, Chef
ter der Zielmarke der EZB. des Münchner Ifo-Instituts. Die
Mit billigem Geld das Wachstum niedrige Inflation erwecke bei Poli-
anzukurbeln erscheint angesichts tikern offenbar den Eindruck, als
der schlappen Prognosen angemes- könne die Geldpolitik alle wirt-
sen. Doch Draghis radikaler Locke- schaftlichen Probleme lösen, ohne
rungskurs birgt Risiken und Neben- EZB-Zentrale in Frankfurt am Main dass dies Kosten oder Risiken mit
wirkungen. Zugleich wächst die »Verführerisch und gefährlich« sich bringe. »Das ist verführerisch,
Sorge, dass die EZB unter der Lei- bringt die Zentralbanken unter
tung der Ex-Politikerin Lagarde versucht Wahl ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Rechtfertigungsdruck und ist zugleich sehr
sein könnte, dem wachsenden Druck der Bundesbank als Vorbild für die EZB gefährlich.«
Regierungen nachzugeben, dauerhaft für ausgedient hat. Als diese vor 20 Jahren ge- Die Berufung Lagardes sehe er positiv,
billiges Geld zu sorgen und ihnen so den gründet wurde, stand die deutsche Zen- »aber sie sollte möglichst bald öffentlich
Schuldendienst zu erleichtern. Wie schwer tralbank organisatorisch wie konzeptionell klar Stellung beziehen, dass sie für eine
das ist, erlebt gerade die US-Notenbank Pate. So sollten vor allem die skeptischen unabhängige Geldpolitik steht und für eine
Fed. Dem Dauerdruck von Präsident Do- Deutschen von der Stabilität des Euro EZB, die sich auf ihr Mandat beschränkt«.
nald Trump wird sie wohl nachgeben und überzeugt werden. Die Bundesbank gilt Ansgar Belke, Ökonomie-Professor an
die Zinsen schon bald senken. bis heute als Sitz geldpolitischer Falken, der Universität Duisburg-Essen, interpre-
Banken und Sparer in Deutschland be- wie die Verfechter eines strikten, auf Preis- tiert die Rekrutierung von Ex-Politikern
kommen die Kehrseite der EZB-Niedrig- stabilität ausgerichteten Kurses genannt als Versuch der Mitgliedstaaten, einen
zinspolitik schon jetzt zu spüren. Ihre Gut- werden. Konstruktionsfehler der Währungsunion
haben auf Fest- und Tagesgeldkonten wer- Doch unter der Leitung Draghis gewan- durch die Hintertür zu beheben. Der zen-
fen praktisch keine Zinsen mehr ab. Das nen in der EZB die Anhänger eines locke- tralen Geldpolitik in der Eurozone fehlt
wird nicht nur auf Jahre so bleiben. Nun ren Kurses, im Zentralbanksprech als Tau- ein finanzpolitischer Gegenpart. »Durch
droht ihnen auch, was bisher vor allem ben bezeichnet, die Oberhand. Draghi ist die Berufung ehemaliger Finanzminister
Kreditinstitute oder große Unternehmen der erste EZB-Präsident, der in seiner in das EZB-Direktorium werden die fis-
traf: Strafzahlungen für zu viel Geld auf Amtszeit nicht wenigstens einmal die Zin- kalpolitischen Interessen auf zentraler
dem Konto. Lebensversicherer, Pensions- sen anhob, freilich auch deshalb, weil die europäischer Ebene indirekt ins Boot

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 49


geholt.« Vielen Finanzministern in den
Mitgliedsländern scheint das recht zu sein
in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen
Geld- und Finanzpolitik verwischen, in
der die EZB an Rettungspaketen für klam-
me Staaten beteiligt ist, sich um die Ban-
kenaufsicht kümmert und mit dem Ankauf
von Staatsanleihen dafür sorgt, dass Re-
gierungen billig an Geld kommen.
Wenn die EZB Staatsanleihen kauft,

ANDREAS ARNOLD / BLOOMBERG / GETTY IMAGES


steigen deren Kurse und sinken im Gegen-
zug die Zinsen. Auch eine höhere Inflation
würde vor allem die Länder der Eurozone
entlasten, die unter hohen Schulden leiden,
etwa Griechenland und Italien, aber auch
Lagardes Heimatland Frankreich.
Seit 2008 fiel die durchschnittliche Ver-
zinsung der italienischen Staatsschuld von
4,9 auf 2,8 Prozent, eine Zinsersparnis von
260 Milliarden Euro. Für alle Staaten des
Euroraums, hat die Bundesbank errechnet,
lag die Zinsersparnis in den vergangenen Währungshüter Draghi: Billiges Geld für Regierungen
zehn Jahren bei 1,4 Billionen Euro. Auch
Deutschland profitierte: Bund, Länder
und Gemeinden sparten von 2008 bis Die EZB wird für ihre Mitgliedstaaten aber Schwierigkeiten, es wie früher zu hö-
2018 fast 370 Milliarden Euro an Zinsen. zunehmend zu einem Gläubiger. In ihrer heren Zinsen als Kredit zu verleihen.
Bilanz liegen Anleihen in einem Gesamt- Obwohl Magerzinsen ein globales Phä-
volumen von gut 2,6 Billionen Euro. Das nomen sind, das viele Gründe hat, ist der
Am Nullpunkt angelangt entspricht 22 Prozent der Wirtschaftsleis- Zorn darüber in Deutschland besonders
Entwicklung der Leitzinsen tung der Eurozone. Die Falken im EZB- groß. »Mit ihrer Geldschwemme legt die
20 %
Rat fürchten, Lagarde könne nun eine Ent- EZB die Basis für eine neue Finanzkrise«,
schuldung hoch verschuldeter Staaten wie sagt Florian Toncar, finanzpolitischer Spre-
US-Leitzins
Italien über die Notenpresse anstreben. cher der FDP-Bundestagsfraktion. »Je
Mit Widerstand innerhalb der Noten- mehr unkonventionelle Maßnahmen die
bank ist kaum zu rechnen. Zwar dürfte EZB in Angriff nimmt, desto geringer fällt
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der Anreiz für Reformen aus«, glaubt er
der im Rennen um den EZB-Chefposten mit Blick auf Europas Südländer.
leer ausging, seine zuletzt geübte Zurück- »Wenn die EZB zur ewigen Zinsbremse
haltung bald wieder ablegen. Doch ansons- mutiert, riskiert sie die nächste Krise«, sagt
15 % ten trifft Lagarde nach Ansicht von EZB- Unionsfraktionsvize Andreas Jung. »Bil-
Insidern den Nerv im Zentralbankrat. »Es liges Geld verursacht Strohfeuer – und
gibt eine breite Mehrheit im Tauben- nach Strohfeuer bleibt nur Asche.« Hinter
schlag«, sagt ein deutscher Notenbanker. der heftigen Kritik aus dem bürgerlichen
Für die Sparer in Deutschland verheißt Lager steckt neben der Sorge um die Er-
das nichts Gutes. Und auch für den Finanz- sparnisse der Deutschen auch die Furcht,
sektor sieht die Zukunft finster aus. Ge- die Billigpolitik der EZB könnte der euro-
schäftsbanken können zwar am Kapital- skeptischen AfD neue Wähler zutreiben.
markt billig Geld aufnehmen, sie haben Helmut Schleweis, Präsident des Deut-
10 %
schen Sparkassen- und Giroverbands,
warnt vor dem abschreckenden Beispiel
Bundesbank-Leitzins Japan, wo die Zinsen seit mehr als 20 Jah-
bis Ende 1998 ren auf extrem niedrigem Niveau verhar-
ren, was zu einer Bankenkrise in dem
Land beitrug, ohne dass die Wirtschaft
EZB-
Leitzins
5%

2,4

Quelle: Thomson Reuters Datastream

0,0
0%
1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2019

50
Wirtschaft

wieder in Schwung gekommen wäre. Geldvermögen der Deutschen wofür die Banken Provisionen kassieren.
»Wenn die Negativzinsphase weiter anhält Privathaushalte, in Billionen Euro Die notorisch wertpapierskeptischen
oder gar noch weiter verschärft wird, wird Deutschen aber pflegen seit jeher ein bi-
Bargeld Wertpapiere**
das für die Wirtschaft und für jeden in die- und Einlagen 1,35 zarres Anlageverhalten: Lieber halten sie
sem Land deutlich spürbar werden. An- 2,49 davon Aktien: Bargeld und verschmähen Renditechan-
gesichts der Erfahrungen in Japan können 6,17 0,63 cen, etwa am Aktienmarkt.
wir nur davor warnen, diese langfristig insgesamt Was also tun? Dass die Geldhäuser auch
negativen Effekte zu unterschätzen.« Versicherungen* für Kleinsparer Strafzinsen einführen, ist
In erster Linie aber fürchtet Schleweis 2,33 unwahrscheinlich – eine Klagewelle wäre
um das eigene Geschäftsmodell. Denn zu Quelle: Deutsche Bundesbank, 1. Quartal 2019;
die Folge, sagt Niels Nauhauser von der
den Andeutungen Draghis am Donners- *inkl. sonstiger Forderungen; ** inkl. sonstiger Beteiligungen Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
tag gehörte auch, dass er den Einlagenzins, Nur Kreditnehmer müssen Zinsen zahlen.
den Banken entrichten müssen, wenn sie nis in den nächsten drei Folgejahren um »Das Bürgerliche Gesetzbuch kennt kei-
überschüssiges Geld bei der EZB parken, 20 oder mehr Prozent drücken – schon nen Minuszins für Geldanlagen«, sagt er.
von minus 0,4 Prozent in Zukunft weiter bei dem aktuellen Zinsniveau.« Das klingt beruhigend. Doch in die De-
senken könnte. Würde die EZB den Einlagenzins weiter batte schleicht sich gerade ein Begriff ein,
Draghis Strafzins soll dafür sorgen, dass senken, fiele der Effekt noch heftiger aus, der noch enorme Brisanz entwickeln könn-
die Banken lieber Kredite vergeben, um rechnet Mihm vor. Viele Institute hätten te: Verwahrentgelt. Bislang kassieren Ban-
die Wirtschaft anzukurbeln, als ihr Geld in ihren Kalkulationen bisher darauf ge- ken Depot- und Lagergebühren, wenn sie
teuer zu bunkern. Das klingt schlüssig, ist setzt, dass die Zinsen bald wieder leicht Wertpapiere, Schmuck oder Gold aufbe-
aber bis heute selbst in der EZB umstritten. steigen. Diese Illusion zerschlage sich jetzt. wahren, künftig könnte die gleiche Masche
In einem Arbeitspapier der Notenbank Hinzu kommt, dass viele Banken in auch auf Einlagen angewendet werden.
vom August 2018 schlussfolgern die Auto- dem seit zehn Jahren andauernden Auf- Bei Firmenkunden und institutionellen
ren, dass Banken sogar weniger Kredite schwung ihre Risikovorsorge für Kredit- Sparern, etwa Versorgungswerken, verlan-
vergeben und überschüssige Einlagen lie- ausfälle drastisch gesenkt haben, um ihren gen zumindest die größeren Sparkassen
ber verstärkt riskant anlegen, also dort, Gewinn zu steigern. Kippt die Konjunktur, und Banken schon seit einiger Zeit derar-
wo eben doch potenziell höhere Renditen könnte sich auch das schlagartig ändern. tige Verwahrgebühren. Die Stadtsparkasse
zu holen sind. Die positive Wirkung für Klar scheint, dass sich die Institute die München beispielsweise nimmt 0,4 Pro-
die Konjunktur sei daher begrenzt, viel- Strafzinsen dort zurückholen wollen, wo zent für Guthaben ab 250 000 Euro und
mehr nehme die Unsicherheit an den Fi- es am einfachsten erscheint: bei den Kun- rechtfertigt sich damit, das sei heute Markt-
nanzmärkten zu. Eine erstaunliche Er- den. So steigen die Kontoführungsgebüh- standard. Rechtlich könnten derartige Ent-
kenntnis, die die Begründung für die Straf- ren seit einiger Zeit fast flächendeckend. gelte auch im Privatkundenbereich verein-
zinsen ad absurdum führt. Mancherorts haben Banken Strafzinsen bart werden, allerdings nur individuell und
Sie erfährt prominente Unterstützung. für besonders Vermögende eingeführt, ein nicht einfach mit neuen Geschäftsbedin-
»Ich glaube nicht, dass Banken wegen der rechtlich heikler Schritt. Die Nassauische gungen, meint Nauhauser.
höheren Strafzinsen mehr Kredite ausrei- Sparkasse (Naspa) aus dem wohlhabenden Peter Schneider, Präsident des baden-
chen. Die Banken könnten Investitionen Wiesbaden kassiert von Privatkunden, die württembergischen Sparkassenverbands,
tätigen, die ihnen später auf die Füße fallen mehr als 500 000 Euro auf Giro- und Ta- machte jüngst deutlich, wohin die Reise
und das System destabilisieren«, sagt auch gesgeldkonten geparkt haben, 0,4 Prozent gehen könnte. Sollte die EZB die Zinsen
Ifo-Chef Fuest. der angelegten Summe als Negativzins. noch weiter senken und nicht gegensteu-
Vor allem deutsche Banken leiden unter Alternativ führt die Naspa, wie viele an- ern, führe an breiter Front kein Weg daran
Draghis Strafzins. Sie mussten 2018 rund dere Institute auch, vermehrt Gespräche vorbei, Geld für das Aufbewahren von
2,4 Milliarden Euro dafür aufbringen. Alle mit Kunden, um sie zu überzeugen, ihr Guthaben zu verlangen. Presche die Kon-
Banken im Euroraum kamen auf zusam- Geld in Aktien oder Fonds zu investieren, kurrenz vor, bleibe den Sparkassen nichts
men 7,5 Milliarden Euro. Zwar wirkt der anderes übrig, als nachzuziehen.
deutsche Strafzins-Obolus überschaubar Doch selbst wenn es gelänge, zumindest
angesichts jener 85,5 Milliarden Euro, die die Strafzinslasten voll auf die Kunden ab-
heimische Banken und Sparkassen allein zuwälzen, bleibt die Lage prekär. »Die Ne-
2017 als Zinsüberschuss, ihrer Hauptein- gativzinsen der EZB sind wie ein Bazillus,
nahmequelle, verdienten. der bei immer mehr Banken das Immun-
Doch das Problem wird größer, denn wäh- system angreift«, sagt Bankenberater
rend die Strafzinsen steigen, schrumpft der Mihm. In Brüssel dürften die Klagen der
Zinsüberschuss der Banken seit Jahren un- deutschen Banken und Sparkassen verhal-
aufhörlich. Das ist vor allem für Institute len. »Die EU-Kommission würde in dem
problematisch, denen die Kunden beson- zersplitterten Bankenmarkt ohnehin gern
ders viel Geld anvertrauen: Sparkassen eine Marktbereinigung sehen.«
und Volksbanken. Angesichts der wachsenden Nebenwir-
»Noch profitieren sie davon, dass sie kungen der EZB-Politik stellt sich erst
Geld in hoch verzinsten Anlagen angelegt recht die Frage, ob sie damit ihre Ziele er-
und langfristige Kredite zu höheren Zinsen reicht. Ifo-Präsident Fuest bezweifelt das.
KURT HUHLE / SZ PHOTO

vergeben haben«, sagt Oliver Mihm, Grün- »Die EZB-Politik hat die Grenzen ihrer
der und Chef der Beratungsfirma Investors Wirksamkeit erreicht.« Für Christine La-
Marketing. Aber schon bald liefen viele garde ist das keine gute Botschaft.
dieser Wertpapiere und Kredite aus. Tim Bartz, Martin Hesse,
»2020 und 2021 wird die gefährliche Zins- Christian Reiermann
konstellation voll auf die Ergebnisse der Werbung fürs Sparen, 1960 Mail: tim.bartz@spiegel.de
Banken durchschlagen und das Zinsergeb- Bizarres Anlageverhalten

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 51


Wirtschaft

im Angebot, 2017, nachdem so viele Men-

»Auch ein Milliardär schen nach Deutschland gekommen waren.


SPIEGEL: Ben & Jerry’s hilft Flüchtlingen,
in Deutschland ins Berufsleben zurückzu-

darf links sein« finden. In PR-Videos erzählen einige von


ihnen begeistert davon. Man kann das
auch kritisch sehen: Sie machen Flüchtlin-
ge zu Werbefiguren für Ihr Unternehmen.
Marken Ben Cohen, Mitgründer des US-Speiseeisherstellers Cohen: Offen gesagt: Ich kenne diese Vi-
Ben & Jerry’s, findet: Firmen sollten lieber öffentlich deos nicht. Deshalb will ich Ihnen allge-
Politik machen als heimlich. Etwa mit einem Anti-Donald-Trump-Eis. meiner antworten. In den ersten Jahren
von Ben & Jerry’s hatten wir eine große
Diskussion: Wäre es nicht ehrenwerter,
Cohen, 68, und sein Schulfreund Jerry Cohen: Es ging uns von Anfang an nicht wenn wir das, was wir gute Werke nennen,
Greenfield gründeten Ben & Jerry’s 1978 in ums Image, wir wollten Flagge zeigen. Aber anonym tun würden? Ich war damals strikt
Burlington, Vermont. 2000 verkauften sie je stärker wir Position bezogen – für Na- dagegen. Die Leute sollen wissen, was wir
ihr Unternehmen an den britisch-nieder- turschutz, für soziale Gerechtigkeit oder tun. Danach sollen sie entscheiden, ob sie
ländischen Konzern Unilever, arbeiten aber gegen Rassismus –, desto besser verkaufte unsere Produkte kaufen.
bis heute als Markenbotschafter. Anfang Juli sich unser Eis. Wenn man der Gesellschaft SPIEGEL: Klingt nach einer cleveren
ist Cohen nach Berlin gereist, um das erste etwas gibt, bekommt man etwas zurück. Strategie.
deutsche Café von Ben & Jerry’s zu eröffnen. SPIEGEL: In Australien warben Sie mit Cohen: Sie nennen es clever, ich nenne es
Bislang ist nur dort auch die neue Kreation dem Spruch »Löffelt Eis, nicht das Riff« ehrlich.
zu kaufen: ein Eis, das aussieht wie ein für den Erhalt des weltgrößten Korallen- SPIEGEL: 2016 wurden Sie und Ihr Mit-
Döner Kebab. riffs, des Great Barrier Reefs. Darf man gründer Jerry Greenfield vor dem Kapitol
das Greenwashing nennen? in Washington verhaftet, weil Sie an einer
SPIEGEL: Herr Cohen, Ben & Jerry’s hat im Cohen: Wenn wir 50 000 Dollar für eine Demonstration teilgenommen hatten. Hat-
vergangenen Jahr ein Anti-Donald-Trump- Organisation spenden würden, die das ten Sie damit gerechnet?
Eis auf den Markt gebracht. Das war ein Great Barrier Reef rettet, und das mit Cohen: Ja. Der Protest war angemeldet,
Affront, nicht nur gegen den US-Präsiden- 500 000 Dollar teuren TV-Spots bewer- aber viele sind von der genehmigten Route
ten, sondern auch gegen jene gut 40 Pro- ben würden – das wäre Greenwashing. So abgewichen, darunter wir. Ungefähr tau-
zent der Amerikaner, die mit seiner Amts- kommunizieren wir einfach nur mit unse- send Leute wurden festgenommen.
führung zufrieden sind. War das klug? ren Kunden. SPIEGEL: Ben & Jerry’s hat Ihre Verhaf-
Cohen: Ich hoffe, dass es weniger als SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass die tung damals in den sozialen Netzwerken
40 Prozent sind, die Trump gut finden. sich bevormundet fühlen könnten, wenn gepostet. War Ihr kurzzeitiger Arrest gut
Meine Vermutung ist: Ein Drittel der Leute Sie ihnen ständig eine Haltung vorgeben? für die Marke?
kauft bei uns wegen unserer politischen Cohen: Das glaube ich nicht. Aber es Cohen: Mag sein. Jerry und ich wollten
Überzeugungen, ein Drittel tut es aus kommt schon mal vor, dass wir Wider- aber vor allem der »Democracy Awake-
demselben Grund nicht, und einem Drittel stand spüren. In den USA haben wir uns ning«-Bewegung nutzen. Wir haben für
ist es egal. gegen Polizeigewalt ausgesprochen, nach- mehr Demokratie demonstriert und gegen
SPIEGEL: Die Botschaft auf dem Eisbecher dem mehrmals Beamte junge schwarze un- die Macht des Geldes. Das politische Sys-
war deutlich: Er zeigte amerikanische Ur- bewaffnete Männer getötet hatten. Da- tem darf nicht nur von Reichen zugunsten
einwohner mit einem Schild, auf dem »Wi- nach kamen Leute in unsere Läden und von Reichen beeinflusst werden.
derstand« stand. beschwerten sich bei den Verkäufern, weil SPIEGEL: Vermutlich sind Sie selbst ein
Cohen: Wir wollten ein Zeichen setzen. sie dachten, wir hätten etwas gegen die reicher Mann.
Trumps Rassismus und sein Hass sind mit Polizei. Das müssen wir aushalten. Cohen: Ja, ja. Ich weiß, worauf Sie hinaus-
den Werten unseres Unternehmens nicht SPIEGEL: Was treibt Sie an? wollen. Einmal habe ich Eis verteilt bei ei-
vereinbar. Er ist der schlechteste Präsident, Cohen: Die Liebe zur Gerechtigkeit. Wenn ner Veranstaltung von Occupy Wall Street.
den ich je erlebt habe, und der unehrlichs- Ihnen Unrecht begegnet, haben Sie drei Die haben gegen die ungleiche Verteilung
te. Trump redet den Leuten nach dem Möglichkeiten. Sie können es ignorieren. des Wohlstands demonstriert, dagegen,
Mund, er gibt vor, für die Arbeiter da sein Sie können sich damit arrangieren. Oder, dass ein Prozent der Weltbevölkerung den
zu wollen, senkt aber die Steuern für Rei- und damit fühle ich mich am wohlsten: Sie Großteil des Vermögens besitzt. Da kamen
che und Unternehmen. Und er verteufelt können etwas dagegen tun. Leute an meinen Stand und sagten: »Was,
Minderheiten und Arme. SPIEGEL: Sie haben ein T-Shirt von Sea- verdammt, haben Sie denn hier zu suchen?
SPIEGEL: Ist es gut, wenn Firmen Geschäft Watch an, dem Berliner Verein für Seenot- Sie gehören doch zu diesem einen Pro-
und Politik vermischen? rettung. Tragen Sie das für unseren Foto- zent!« Ich habe das nicht verstanden. Darf
Cohen: Viele Unternehmen sind politisch, grafen? ein Reicher nicht protestieren? Darf er sich
die meisten aber hinter den Kulissen, wo Cohen: Ich trage es, weil ich die Mission nicht um Menschen kümmern, die für eine
es niemand sehen kann. Sie machen Lob- von Sea-Watch für wichtig halte. Man bessere Verteilung der Finanzen auf die
byarbeit oder spenden große Summen an muss Leuten helfen, die vom Tod bedroht Straße gehen?
Politiker. Ben & Jerry’s ist anders: Wir be- sind. SPIEGEL: Offenbar bezweifelten diese Leu-
ziehen öffentlich Stellung, zum Wohle der SPIEGEL: Würde ein Anti-AfD-Eis in te Ihre Glaubwürdigkeit als Aktivist.
Allgemeinheit. Deutschland funktionieren? Cohen: Ich glaube, es ging ihnen um etwas
SPIEGEL: Ben & Jerry’s hat Obdachlosen Cohen: Ben & Jerry’s engagiert sich nicht anderes. Was sie meinten, ist: Nur Betrof-
geholfen, zur Rettung des Regenwalds auf- für oder gegen Parteien. Aber wir könnten fene sollten sich einsetzen. Ich fände es
gerufen und die Ehe für alle propagiert. sagen: Die AfD mag keine Flüchtlinge, also schrecklich, wenn es mit unserer Gesell-
Fürs Firmenimage war das alles sicherlich machen wir ein Eis pro Flüchtlinge. Wir schaft so weit gekommen wäre, dass jeder
hilfreich. hatten ja bereits ein Refugees-welcome-Eis nur für seine Interessen kämpfen darf.

52
SPIEGEL: Wie reich kann ein linker Akti-
vist sein?
Cohen: Auch ein Milliardär darf links sein.
Wenn sich jemand für eine gerechte Sache
einsetzt, macht es da einen Unterschied,
wie viel er auf dem Konto hat?
SPIEGEL: Wie viel Geld haben Sie mit dem
Verkauf Ihrer Firma verdient?
Cohen: 30 Millionen Dollar. Die Hälfte da-
von habe ich gespendet.
SPIEGEL: Wie viel geben Sie im Jahr aus?
Cohen: 200 000 Dollar.
SPIEGEL: Was ist Ihr größter Luxus?
Cohen: Ich habe ein schönes Haus. Ein Se-
gelboot. Und eine Wohnung, in der meine
Schwester wohnt.
SPIEGEL: Verdirbt Geld den Charakter?
Cohen: Nicht zwangsläufig.
SPIEGEL: Die BMW-Erben Susanne Klat-
ten und Stefan Quandt beklagten neulich
in einem Interview, wie hart das Milliar-
därsleben sei: »Wer würde denn mit uns
tauschen wollen?« Stimmen Sie zu?
Cohen: Ich stimme nicht zu!
SPIEGEL: Sie lachen gerade laut auf …
Cohen: Es gibt viele Leute, die mit den
beiden tauschen würden, ganz gewiss!
SPIEGEL: Das Thema hat die deutsche
Presse tagelang beschäftigt.
Cohen: Dass das Leben der beiden so hart
und schrecklich ist, weil sie so viel Geld
haben? Dass niemand ihre Probleme ha-
ben möchte? Ich kann es nicht nachvoll-
ziehen. Richtig ist aber: Jeder Mensch hat
Probleme, unabhängig vom Kontostand.
SPIEGEL: Wie viel haben Sie bei Ben & Jer-
ry’s eigentlich noch zu sagen?
Cohen: Nichts. Ich habe keine Verantwor-
tung, ich habe keine Macht.
SPIEGEL: Was sind Sie für das Unterneh-
men: ein Feigenblatt?
Cohen: Dazu würde ich mich niemals miss-
brauchen lassen.
SPIEGEL: Ein Alibi-Hippie?
Cohen: Ich glaube an Love and Peace. Ich
rauche Gras. Aber meine Haare sind ver-
mutlich nicht lang genug, um als Hippie
durchzugehen.
SPIEGEL: Ben & Jerry’s arbeitet an einem
Cannabis-Eis. Bringen Sie Ihre Erfahrung
ein?
Cohen: Wenn die Sorte tatsächlich auf den
Markt kommen sollte, dann wird sie aus
CBD sein, dem nicht psychedelischen Teil
des Cannabis. Ich habe mit der Eisproduk-
tion aber nichts mehr zu tun.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie in der Firma
nur das machen müssen, worauf Sie Lust
haben?
JENS GYARMATY / DER SPIEGEL

Cohen: Das ist richtig.


SPIEGEL: Was für ein grandioser Arbeits-
vertrag!
Cohen: Wenn Ihr Gesicht einmal auf Mil-
lionen Eisbechern zu sehen sein wird, be-
kommen Sie bestimmt auch so einen.
Interview: Alexander Kühn
Unternehmer Cohen in Berlin mit Döner-Eis: »Die Leute sollen wissen, was wir tun«

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 53


Wirtschaft

Angriff via
und die hängt mit dem Ende von Kaesers schaftsdiplomatie und Handelspolitik ko-
Amtszeit als Siemens-Chef zusammen. ordiniert«. In einem weiteren Beitrag for-
Im Januar 2021 läuft sein Vertrag aus. derte er ein Freihandelsabkommen mit

Twitter
Spätestens zur Hauptversammlung im Ja- China. Und schon Anfang des Jahres hatte
nuar 2020 dürfte klar sein, wer Kaeser Kaeser vor einer Spaltung der Gesellschaft
an der Siemens-Spitze beerbt. Als Favo- in Arm und Reich gewarnt und einen »in-
riten gelten Technologievorstand Roland klusiven Kapitalismus« angemahnt: »Die
Konzerne Siemens-Chef Joe Kaeser Busch und der frühere E.on-Manager Mi- Ungleichgewichte haben ein Maß erreicht,
attackierte US-Präsident chael Sen. das nicht mehr hingenommen wird.«
Donald Trump. Bereitet er eine Nur: Was wird dann aus Kaeser? Soll So auffällig ist sein politisches Engage-
er – wie gesetzlich vorgeschrieben – zwei ment, dass der Eindruck entsteht, der Sie-
politische Karriere vor? Jahre pausieren und dann mit 65 den acht mens-Chef bereite sich auf eine politische
Jahre jüngeren ehemaligen SAP-Manager Karriere vor, etwa als Berater der Bundes-
Jim Hagemann Snabe als Aufsichtsratschef regierung in Technologiefragen oder als

J oe Kaeser ist unbestritten der Twitter-


Star unter Deutschlands Dax-Vorstän-
den. Ob gegen die AfD oder für die
Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittel-
ablösen? Womöglich keine gute Idee in ei-
nem Unternehmen, das künftig statt klas-
sischer Betriebswirte und Ingenieure vor
allem IT-Expertise benötigen wird.
politischer Quereinsteiger.
Offenbar sieht Kaeser seine Mission bei
Siemens als weitgehend erfüllt an. Als der
ehemalige Finanzchef vor sechs Jahren an
meer – der Siemens-Chef zeigt in seinen Seit einigen Monaten jedenfalls ist ein die Siemens-Spitze rückte, schwächelten
Tweets gern klare Kante. neuer Kaeser zu besichtigen. Ein politi- Gewinn und Umsatz, die Belegschaft war
Doch auch Kaeser hielt sich bis- zutiefst verunsichert. Kaeser hatte
lang zurück, wenn es um Kritik an reichlich zu tun, um den Konzern
amtierenden Staatschefs ging, noch neu auszurichten.
dazu von Ländern, in denen Sie- Aus seiner Sicht hat er das selbst
mens gute Geschäfte macht. Vergan- gesteckte Ziel erreicht. Anfang Mai
gene Woche aber war Schluss mit verkündete er nach der Abspaltung
Kaesers Contenance. der Windkraft, Medizin- und Bahn-
»Es bedrückt mich, dass das wich- techniksparte die letzte Phase des
tigste politische Amt der Welt das jahrelangen Umbaus, die geplante
Gesicht von Rassismus und Ausgren- Verselbstständigung des traditions-
zung wird«, schrieb Kaeser auf Twit- reichen Energiegeschäfts mit an-
ter. Gerichtet war die Attacke gegen schließendem Börsengang. Aus dem
US-Präsident Donald Trump. Der früheren Gemischtwarenladen mit
hatte zuvor vier Politikerinnen der Kraftwerken, Zügen oder Compu-
Demokraten rassistisch beleidigt. tertomografen soll ein Spezialist
Es war Kaesers bislang mutigster, für Digitale Industrie und smarte
aber auch riskantester Eintrag bei Infrastruktur werden.
dem Kurznachrichtendienst. Immer- Analysten feiern Kaesers Stra-
hin beschäftigt der Konzern über tegie. Nur die Börse zieht nicht so
50 000 Mitarbeiter in den USA und recht mit. In den vergangenen zwölf
erzielt dort rund ein Fünftel seines Monaten fielen die Siemens-Anteil-
Umsatzes. scheine um fast 20 Prozent. Kritik
Noch Anfang 2018 hatte Kaeser an seinem Kurs konterte Kaeser
Trump auf dem Weltwirtschafts- zuletzt betont gelassen: Wem der
forum umschmeichelt und ihn für nicht passe, der könne seine Sie-
DIRK BRUNIECKI / LAIF

seine Steuerreform ausdrücklich ge- mens-Aktien ja verkaufen. »Dies ist


lobt. Selbst dem russischen Präsiden- kein Gefängnis«, erklärte er bei
ten Wladimir Putin machte er im einer Pressekonferenz Anfang Mai.
März 2014 seine Aufwartung, ob- Der Siemens-Chef, das ließ sich
wohl der erst wenige Tage zuvor die auch daraus hören, hat auf den letz-
Krim annektiert hatte. Und seinen Siemens-Vorstandsvorsitzender Kaeser ten Metern keine Sorge mehr an-
Besuch auf einer Investorenkonfe- Vom obersten Verkäufer zum Welterklärer zuecken.
renz in Saudi-Arabien sagte der Sie- Schon vor der Hauptversamm-
mens-Boss erst nach tagelangem Zö- lung Ende Januar war Kaeser vom
gern ab, als die öffentliche Empörung über scher Kopf war der Mechanikersohn aus »Handelsblatt« gefragt worden, ob er sich
den Mord an dem Journalisten Jamal Kha- dem Bayerischen Wald schon immer. Doch einen Wechsel in die Politik vorstellen kön-
shoggi ihm keine andere Wahl mehr ließ. seit einiger Zeit wandelt sich Kaeser vom ne. Der Siemens-Chef verzichtete darauf,
Was also mag Kaeser zu dem plötz- obersten Verkäufer zum Mahner, Welt- die Idee weit von sich zu weisen, etwa mit
lichen Frontalangriff auf den US-Präsiden- erklärer und Anwalt der sozial Schwachen. der – durchaus zutreffenden – Bemerkung,
ten motiviert haben? Er selbst will sich zu Eine der schlimmsten Unsitten, predigt dafür mangele es ihm an Geduld. Stattdes-
seinem Kursschwenk nicht äußern. der Siemens-Chef, seien unerbetene Rat- sen antwortete er: »Ich bin mit meinem
Dass es dem Siemens-Chef eben ernst schläge. Er selbst aber erteilt solche in Job (bei Siemens) sehr gut ausgelastet.«
ist mit seinen Beteuerungen, sich für eine jüngster Vergangenheit nur allzu gern. So Was im Umkehrschluss heißt: Nach seiner
weltoffene, tolerante Gesellschaft einzuset- legte Kaeser unlängst via »Handelsblatt« Amtszeit ist er offen für Neues.
zen und Trump mit seinen rassistischen An- konkrete Vorschläge für eine »zentrale An- Dinah Deckstein
griffen eine Grenze überschritten habe, ist laufstelle« auf EU-Ebene vor, »die bis Mail: dinah.deckstein@spiegel.de
eine Lesart. Aber es gibt noch eine andere, Ende 2020 die europäische Außenwirt-

54 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


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Nachhaltig leben (III) Der Klimawandel ist zur sumenten ihr Verhalten ändern können, welche
entscheidenden politischen und ökonomischen Unternehmen wirklich umdenken und was die
Frage geworden. Der SPIEGEL widmet dem Thema Politik tun muss. Welche Ideen gibt es, Ökologie
deshalb eine Sommerserie: Wir fragen, wie Kon- und Ökonomie zusammenzudenken?

Grün blüht A lles fing damit an, dass Max Deml


sich Anfang der Achtzigerjahre mit
dem österreichischen Establishment
anlegte. Und das kam so: Deml studierte
Finanzmärkte Max Deml, Gründer des Öko-Invest-Verlags, gehört damals Philosophie und Psychologie in
Wien. Die dortige Regierung hatte gerade
zu den Pionieren der nachhaltigen Geldanlage. Aus dem einen Panzerexport an den chilenischen
Nischenthema für Öko-Freaks ist ein Milliardenmarkt geworden. Diktator Augusto Pinochet genehmigt.
Erst nach heftigen Protesten, an denen sich
auch Deml beteiligte, kippte der Deal.
Um weitere Rüstungsgeschäfte zu ver-
hindern, kaufte Deml mit Kommilitonen
Aktien des Rüstungskonzerns Steyr-Daim-
ler-Puch, gründete die »Initiative Steyr-
Aktionäre für Umrüstung« und enterte
1982 die Hauptversammlung. Später be-
schlossen die Studenten, Banken wie die
Credit-Anstalt zu meiden, damals Haus-
bank und Großaktionärin bei Steyr. »Die
Studenten wollten ihr erstes selbst verdien-
tes Geld ethisch-ökologisch korrekt anle-
gen«, sagt Deml. Nur wo und wie?
Traditionelle Banken hatten keine ent-
sprechenden Fonds oder Aktien zu bieten.
Der Rebell Deml gründete ein Institut, um
den überschaubaren Markt für ethisch-
ökologische Geldanlagen zu erforschen.
1991 hob er den Öko-Invest-Verlag aus der
Taufe und wurde Chefredakteur des ersten
ökologischen Börsenbriefs im deutschspra-
chigen Raum. Der alle 14 Tage erscheinen-
de Newsletter gab erstmals Tipps für öko-
logische Anlagemöglichkeiten.
Während Investoren in den USA bereits
1990 rund 400 Milliarden Dollar nach
ethischen Kriterien anlegten, wurden in
Deutschland dazu noch nicht einmal Zah-
len erfasst. Grüne Geldanlage, das war et-
was für Freaks und Müsliesser.
Heute ist die nachhaltige Geldanlage
ein Konzept für den Mainstream. Von der
Deutschen Bank bis zu Goldman Sachs
schmückt sich jede Bank mit Nachhaltig-
keitsfonds, -zertifikaten und Öko-Betei-
ligungen aller Art. Der Verband Forum
Nachhaltige Geldanlage schätzt, dass al-
lein in Deutschland inzwischen knapp
220 Milliarden Euro nachhaltig angelegt
werden, also nach sogenannten ESG-Kri-
INGO PERTRAMER / DER SPIEGEL

terien. Das Kürzel steht für »environ-


ment«, »social« und »governance«, also
Umwelt, Soziales und eine ethisch kor-
rekte Unternehmensführung. Weltweit –
so die Global Sustainable Investment
Alliance – werden allein in den fünf wich-
tigsten Märkten 31 Billionen Dollar nach-
Umweltinvestmentexperte Deml: »Wir haben jetzt gewonnen« haltig investiert.

56
Wirtschaft

Die Bandbreite ist groß: Es gibt Fonds, die Decke. Asbeck ließ sich als Sonnen- ber, Chef des Onlineportals Ecoreporter.de
die ausschließlich in Umwelttechnologie- könig feiern. Doch er machte Fehler, die und wie Deml ein langjähriger Beobachter
firmen investieren, Fonds, die bestimmte Konkurrenz aus China trieb seine Firma der Branche. Der billionenschwere fran-
Branchen wie Rüstung ausschließen, schließlich in die Pleite. zösische Vermögensverwalter Amundi
Fonds, die aus jeder an sich noch so Deml nahm solche Rückschläge für die etwa will künftig bei jedem seiner Invest-
schmutzigen Branche die am wenigsten Branche mit Humor. 2008 lernte er den ments auf Nachhaltigkeit achten. »Die
schmutzigen Firmen herausfiltern. österreichischen Kabarettisten Georg Bau- ESG-Analyse wird innerhalb von drei
Als Deml anfing, in seinem Börsenbrief ernfeind kennen, sie heckten die Idee aus, Jahren in alle Amundi-Fonds integriert«,
Tipps für die grüne Geldanlage zu geben, ein Programm zum Thema »Geldanlage« sagt Stanislas Pottier, Chief Responsible
war all das weit weg. »Der Spruch ›Mit auf die Bühne zu bringen. Mit »Grünes Investment Officer bei Amundi. »Jedes
Umweltinvestments ist doch kein Blumen- Geld und frische Blüten« sind die beiden Unternehmen erkennt heute an, dass nach-
topf zu gewinnen‹ war viele Jahre lang seitdem zwei Dutzend Mal aufgetreten. haltiges Management auch die wirtschaft-
weitverbreitet, nicht nur bei Banken und Mit der wachsenden Bedeutung erneu- liche Performance langfristig verbessert«,
Beratern, die ihre konventionellen Produk- erbarer Energien hat sich auch die nach- glaubt Pottier.
te verkaufen wollten«, sagt Deml am Ess- haltige Geldanlage weiterentwickelt und Wie sehr sich der Markt ändert, zeigt
tisch seiner Eigentumswohnung im 13. professionalisiert. Spezialisierte Rating- sich auch daran, dass die Öko-Ratingagen-
Wiener Bezirk Hietzing. Seine Frau – ne- agenturen wie Oekom, Eiris oder Imug turen nach und nach ihre Unabhängigkeit
ben ihrem Mann 50-Prozent-Eigentüme- bewerten heute die ethisch-ökologische verlieren. Die Münchner Oekom Research
rin des Verlags – serviert vegetarische Brat- Bilanz von Unternehmen – eine Voraus- etwa wurde vergangenes Jahr an die Firma
linge, Kartoffeln und Salat. setzung dafür, dass Vermögensverwalter Institutional Shareholder Services ver-
Um das Vorurteil zu entkräften, gutes bereit sind, auch große Summen nachhal- kauft. Die US-Beratungsfirma wird von
Gewissen bei der Geldanlage bezahle man tig zu investieren. Deren Kunden wieder- Vermögensverwaltern, Hedgefonds und
mit schlechter Rendite, entwickelte Deml um – etwa Pensionskassen und Kirchen – anderen Investoren beauftragt, um für sie
1997 den Natur-Aktien-Index. Er nannte verlangen immer häufiger, dass ihr Geld auf Hauptversammlungen abzustimmen.
ihn Nax, musste ihn jedoch umtaufen, nach ESG-Kriterien angelegt wird. Sie wacht nun auch darüber, dass Konzer-
nachdem die Deutsche Börse gerichtlich »Privatanleger haben einst mit Risiko- ne ökologisch und ethisch korrekt agieren.
interveniert hatte – sie fürchtete, der exo- kapital den Markt für nachhaltige Geldan- »Der Risikomanager eines Unternehmens,
tische Index könnte mit dem Deutschen lagen angeschoben, jetzt übernehmen ihn der Klima-, Umwelt- und Reputationsrisi-
Aktienindex Dax verwechselt werden. institutionelle Investoren«, sagt Jörg We- ken nicht berücksichtigt, hat seinen Beruf
Deml freut sich noch heute diebisch, heute verfehlt«, sagt Deml.
wenn er solche Geschichten erzählt. Vor Doch obwohl oder gerade weil das Ge-
allem aber ist er stolz, weil sein in NX-25 Gutes Geld schäft mit grünen Investments boomt, klaf-
umgetaufter Index von Anfang an besser Nachhaltige Geldanlagen* in Deutschland fen bei vielen Anbietern nachhaltiger An-
gelaufen sei als der Dax. Zwar lassen sich in Milliarden Euro lageprodukte Anspruch und Wirklichkeit
die beiden Indizes nur sehr bedingt ver- * Finanzprodukte, die ausdrücklich ökologische auseinander. Viele Banken verfügen selbst
und soziale Kriterien berücksichtigen sowie 219
gleichen. Doch mittlerweile kommen di- Regeln für gute Unternehmensführung noch nicht einmal über eine Leitlinie zu
verse Studien zu dem Schluss, dass es dem ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. »Es gibt
Aktienkurs zumindest nicht schadet, wenn vielleicht ein Dutzend Banken in Deutsch-
ein Unternehmen Sozialstandards hoch- 171 land, die es wirklich ernst meinen«, sagt
hält und Umweltrisiken begrenzt. 157 auch Branchenbeobachter Weber. Dazu
Die New Economy Ende der Neunzi- 137 zählten etwa Pioniere wie die GLS-Bank,
127
gerjahre verhalf der nachhaltigen Geld- die Umwelt- und Ethikbank sowie die Kir-
anlage in Deutschland erstmals aus der chenbanken.
Nische: Damals strebten auch zahlreiche Nach Jahren der Ignoranz hat sich auch
Windpark- und Solarfirmen an die Börse, die Politik des Themas angenommen. Die
umweltbewusste Anleger bekamen mehr EU-Kommission hat vor einem Jahr einen
Investitionsmöglichkeiten. Das Erneuer- Aktionsplan für ein grüneres Finanzsys-
bare-Energien-Gesetz (EEG), das im Jahr tem vorgelegt. Unter anderem will sie ge-
2000 verabschiedet wurde, lieferte finan- 2014 2015 2016 2017 2018 nau festlegen, welche Begriffe für welche
zielle Anreize und Planungssicherheit für Art der nachhaltigen Geldanlage stehen.
Firmen und Investoren in dem Sektor. Außerdem werden Bankberater ihre Kun-
Doch der erste Boom währte nicht lan- Windenergie grüne den künftig fragen müssen, ob sie Nach-
ge, etliche Öko-Börsenstars stürzten ab. Immobilien haltigkeitskriterien bei der Geldanlage be-
Foto- 10%
Anlage- und Betrugsskandale wie bei der voltaik rücksichtigen wollen, und müssen ihnen
Münchner Wabag schadeten der nachhal- entsprechende Produkte auch anbieten.
tigen Geldbranche. Exemplarisch für diese »Die EU-Richtlinie wird dem Markt
Phase waren Aufstieg und Niedergang von 19% 48% noch einmal einen ordentlichen Schub ge-
Solarworld. Als Frank Asbeck den Solar- Wo investiert wird ben«, glaubt Deml. Der 61-Jährige findet,
modulhersteller 1998 gründete, war Deml Themenauswertung 75 dass dies ein guter Moment sei, um aufzu-
ausgewählter nachhaltiger
in gewisser Weise Geburtshelfer: Abon- Fonds (Gesamtvolumen hören. »In gewisser Weise habe ich und ha-
nenten seines Börsenbriefs wussten früh 5,2 Mrd. €) ben alle anderen, die sich früh für das The-
von Asbecks Plänen und zeichneten schon ma starkgemacht haben, jetzt gewonnen.«
vorbörslich im großen Stil Aktien, auch Deml will seinen Verlag im nächsten Jahr
Deml selbst war dabei. 23% verkaufen und in »Halbpension« gehen.
Nach dem Börsengang, als Bill Gates Netz- Martin Hesse
Quelle: Forum
einstieg und Solarworld das Solargeschäft infrastruktur, Nachhaltige Mail: martin.hesse@spiegel.de
von Bayer übernahm, ging der Kurs durch Bildung, Mobilität u. a. Geldanlagen

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 57


Match vor
der Hütte
Dating Die Onlineplattform
Tinder will nicht mehr bloß eine
Kuppel-App sein, sie veranstaltet
nun auch Events. Sie möchte
damit ihr Image aufpolieren.

I n einem Wald nahe Zürich prallten am

ANNE GABRIEL-JUERGENS / 13 PHOTO / DER SPIEGEL


Mittwochabend dieser Woche Kultu-
ren aufeinander. Gegen 20 Uhr fuhr
eine weiße Stretchlimousine vor. Die Gäs-
te stiegen aus: Schweizer Teenagermäd-
chen im Ballkleid und mit hochhackigen
Schuhen. Es war ein großes Hallo.
Ihre Gastgeber waren auch schon da:
acht deutsche YouTuber, laut, aufgedreht
und leicht narzisstisch – wie eine echte
Boygroup eben. Sie veranstalteten in einer
Jagdhütte einen Ball, wie man ihn aus ame-
rikanischen Highschool-Schnulzen kennt. YouTuber-Gruppe Why Nils*: Laut, aufgedreht und leicht narzisstisch
Dresscode: Festkleidung.
Why Nils, so heißen die YouTube-Ko-
miker, hatten dafür alle jungen Frauen in Bremen. Vergangenen September wählte am Mittwoch etwa 50. Die Anzahl der
und um Zürich angeschrieben, die sie über Tinder 16 deutsche Influencer aus, die ihre Gäste ist zweitrangig. Hauptsache, die Vi-
Facebook, Instagram und Tinder kennen. Match-Partner zu einem Segelwochen- deos, die Why Nils von den Feten dreht,
Die virtuellen Freundinnen luden sie zum ende nach Ibiza mitnehmen durften. Tin- sehen gut aus. Denn am Ende zählt auch
Ball im Wald ein, verbunden mit der Auf- der drehte vom Event ein Werbevideo. bei den realen Events, was sich daraus im
forderung, sich eine Begleitung zu organi- Die Idee von Why Nils kam dem Un- Netz machen lässt.
sieren – und das ausschließlich über die ternehmen deshalb gerade recht. Im Juni Im Wald bei Zürich eröffneten die jun-
Datingplattform Tinder. Denn die steckte hatten die YouTuber auf eigene Faust alle gen Komiker mit ein paar launigen Worten
hinter dem ganzen Zauber. ihre bisherigen Match-Partner – beträcht- das Fest. Für die Gäste gab es ungekühltes
Tinder ist der Marktführer unter den liche 3000 sollen es gewesen sein – in ei- Dosenbier und lauwarme Bowle, später
Dating-Apps. Seit der Einführung vor sie- nen Berliner Park zum »größten Tinder wurde in der Hütte getanzt.
ben Jahren nutzen 50 Millio- Date jemals« eingeladen. 85 Doch das Konzept ging nicht so ganz
nen Menschen die App. Laut Frauen und Männer schauten auf: Die meisten der jungen Frauen kamen
Unternehmensangaben gibt vorbei. Das Video, das Why nicht in Begleitung eines Tinder-Tanzpart-
es weltweit jeden Tag 26 Mil- Nils davon drehte, wurde ners, sondern mit ihrer besten Freundin.
lionen Matches. Das heißt: Mehr als mittlerweile knapp 700 000- Weil sie nicht fremde Jungs daten, sondern
26 Millionen Menschen fin-
den auf Tinder jemanden gut, 50 Mio. mal angeklickt, so oft wie
kein anderes ihrer Filmchen.
Why Nils kennenlernen wollten.
Im August folgt die nächste Live-Aktion
der sie auch gut findet. Menschen nutzen die »Danach war uns klar, dass von Tinder: #SingleNotSorry. In Berlin,
Nur das Image könnte bes- Dating-App weltweit, wir da eine super kostenlose München, Hamburg und Köln hängen
ser sein: Tinder gilt als Markt- darunter 4,7 Mio. Werbekampagne für Tinder dazu schon Plakate mit mehr oder weniger
zahlende Kunden.
platz für One-Night-Stands gemacht haben«, sagt Nils, prominenten Tinder-Nutzern, darunter
Quelle: TechCrunch
und Seitensprünge. Lennart 23, der Namensgeber der die frühere »Germany’s Next Topmodel«-
Schirmer, Europachef des Un- Truppe. Why Nils fragte an, Kandidatin Trixi Giese.
ternehmens, widerspricht: »Tinder ist keine ob das Unternehmen nicht eine Tinder- Durch einen Link auf dem Plakat
reine Dating-App. Auf Tinder geht es da- Live-Tour durch Deutschland sponsern können Interessierte auf deren Tinder-
rum, neue Leute kennenzulernen – daraus wolle. »Zwei Tage später saßen wir mit Profil gelangen, verbunden mit der Hoff-
entstehen mitunter echte Freundschaften.« den Leuten von Tinder Deutschland zu- nung auf ein Treffen. Ein echtes.
Trotzdem arbeitet das Unternehmen in sammen«, sagt Nils. »Nach einer Woche Sebastian Späth
Deutschland jetzt daran, seinen Ruf als hatten wir 15 000 Euro auf dem Konto.« Mail: sebastian.spaeth@spiegel.de
oberflächliche Kuppel-App loszuwerden. Nun reist das Oktett in einem gemiete-
Geplant ist aber nicht etwa die Eröffnung ten Bus in deutschsprachige Metropolen
von realen Partnervermittlungsagenturen. und lädt Tinder-Paare zu Musik und Frei- Video
Match-Treff
Tinder probiert sich eher als Eventveran- getränken ein. In Köln und Hamburg ka- auf analog
stalter. Im Juli 2018 finanzierte das Unter- men rund 150 Leute, in Zürich waren es spiegel.de/sp312019tinder
nehmen die Ausstellung »What is Love? oder in der App DER SPIEGEL
Von Amor bis Tinder« in der Kunsthalle * Vor Beginn der Tinder-Party bei Zürich.

58 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Wirtschaft

Der Oma-
Wer ihn anruft, glaubt, einen Ende Zwan- Oeler sagt, er habe bereits als Kind das
zigjährigen am Ohr zu haben, mindestens. Internet ausgelotet. Mit acht legte er sei-
Die Stimme sonor, die Sprache elaboriert, nen Facebook-Account an, was nur mög-

Enkel-Trick
die Art generös. Weil er zwar erwachsen lich war, weil er sein Alter um fünf Jahre
wirkt, es aber nicht ist und somit nur be- nach oben mogelte. Mit zwölf baute er
schränkt geschäftsfähig, hat er seine Firma seine erste Website. Wie das geht, habe er
mit einer Partnerin gegründet: seiner durch Google herausgefunden. Manchmal
Start-ups Michel Oeler ist Großmutter Heidrun. rief er bei Firmen oder Experten an und
15 Jahre alt und leitet sein Die Deutschen und das Gründen, das bat um Hilfe. Sein erster Kunde war 2017
eigenes Unternehmen – gemein- ist eine schwierige Sache. Es mag an der der örtliche Turnverein. Wenige Monate
Bürokratie liegen, vielleicht auch an einer später gründete er Creatica, auch auf Be-
sam mit seiner Großmutter. Scheu vor dem Risiko. Die Zahl der Un- treiben seiner Großmutter, wie sie berich-
ternehmensgründungen jedenfalls ist seit tet: »Ich hab gesagt: Michel, da müssen

D er Juli begann für den Unternehmer


Michel Oeler durchwachsen. Mit
einer Zwei in Kunst und in Musik,
das waren seine besten Zensuren, aber
Jahren rückläufig.
Nur zwei Prozent der Hochschulabsol-
venten gaben bei Umfragen an, sie wollten
sich selbstständig machen. Oeler ist nicht
wir was tun.«
Heidrun Oeler, 68, hat in einer Apo-
theke gearbeitet und in der Zahnarzt-
praxis ihres Mannes. Vom Internet ver-
auch mit einer Vier in Physik und einer nur deshalb eine Ausnahmeerscheinung. steht sie nur insofern etwas, als sie von
Fünf in Spanisch, die er so begründet: Er ist zudem Deutschlands jüngster Grün- ihrem iPad gelegentlich Mails verschickt
»Mein Interesse für die Sprache hielt sich der, zumindest aktuell. oder Videos schaut. Mehr Wissen ist nicht
in Grenzen.« Geschäftstüchtig war er schon immer. erforderlich. Es geht im Wesentlichen
Wenige Stunden nach der Zeugnisausga- Als Siebenjähriger verdingte er sich als Tä- darum, dass jemand da ist, der Verträge
be am Campe-Gymnasium Holzminden towierer, die Tattoos malte er seinen Kun- unterzeichnet: »Michel arbeitet, ich stehe
fuhr Oeler erst mal in den Urlaub. Zwei Wo- den mit Filzstift auf den Arm. Mit neun zur Verfügung, rechtlich und teils be-
chen Gardasee, mit Mama und deren Mann. Jahren drehte er einen Kurzfilm über den ratend.«
Seine Geschäfte hielt er auch von dort aus Zustand der örtlichen Spielplätze, stellte Genau genommen lässt Oeler arbeiten.
»stetig am Laufen«, wie er sich ausdrückt. ihn im Stadtrat vor und gewann beim 24 Entwickler und Webdesigner sind für
Oeler, 15, hat zwei Jobs: Er ist Gymna- regionalen Filmklappe-Wettbewerb. Grö- ihn tätig. Er hat sie über Projektplatt-
siast, bisweilen nur mit halber Energie – ßere Summen verdiente er, indem er die formen im Netz gefunden, sie sind selbst-
und Chef von Creatica Design, einer Agen- Erstklässler seiner Grundschule bei der ständig und sitzen in Russland, Spanien,
tur für Webdesign, die er Anfang vorigen Einschulung filmte und das Werk an deren Polen, Indien, Armenien und der Ukraine,
Jahres gegründet hat. »Managing Direc- Eltern verkaufte, da war er elf. manche auch in Deutschland.
tor« steht auf seiner Visitenkarte, weiße Bodenwerder im Weserbergland, knapp Zu Oelers Kunden zählen: ein Un-
Schrift auf blauem Grund. 6000 Einwohner: Oelers Jugendzimmer ternehmen, das Maschinen und Bau-
Oeler versucht, die Welten zu trennen. im Dachgeschoss seines Elternhauses ist arbeiter vermittelt, eine Stylistin, ein
Ans Telefon geht er gewöhnlich erst ab zugleich sein Büro. Auf dem ungemach- Kosmetikstudio, ein griechisches Res-
13 Uhr. »Wenn ich Schule hab, hab ich ten Bett liegt ein Plüschhund von Ikea. taurant. Das erste Geschäftsjahr brachte
Schule. Wenn ich Business hab, hab ich Auf dem Schreibtisch steht ein 27-Zoll- 18 000 Euro Umsatz und 3500 Gewinn.
Business.« Monitor. Mal bekommt er 70 Prozent der Einnah-
men, mal 90, mal machen Oma und Enkel
halbe-halbe.
Kleine Summen sind das, aber Oeler
hat schon eine neue Idee: Er will eine Soft-
ware auf den Markt bringen, mit der Un-
ternehmen Finanzen, Vertrieb und Mar-
keting verwalten können. Es soll ein grö-
ßeres Ding werden. Er überlegt deshalb,
Creatica zu veräußern.
Um zu ermitteln, was er dafür verlan-
gen könnte, hat Oeler den Jahresgewinn
in einen Onlinerechner eingegeben. Der
Seite zufolge ist Creatica »15 750 bis
21 350 Euro wert«. Oeler schlug noch etli-
che Tausend Euro drauf und bot seine Fir-
ma online zum Kauf an. Eine Agentur mel-
dete sich und teilte mit, das sei vielleicht
etwas teuer. Aber man wolle ihm einen
Job anbieten, aus dem mit Beginn der
JOANNA NOTTEBROCK / DER SPIEGEL

Volljährigkeit eine Führungsposition wer-


den könne.
Michel Oeler sagt: »Das möchte ich
nicht. Ich will mein eigenes Ding machen.«
Er sei nur noch nicht dazu gekommen,
der Marketingagentur abzusagen.
Alexander Kühn
Mail: alexander.kuehn@spiegel.de
Geschäftspartner Oeler: »Wenn ich Business hab, hab ich Business«

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Ausland
»Die Hyperinflation frisst das Geld auf. Lebensmittel und Medikamente werden nur in Gold gehandelt.« ‣ S. 72

THAIS LLORCA / EPA-EFE / REX


Demonstrantinnen protestieren vor der Residenz des Gouverneurs von Puerto Rico. Ricardo Rosselló kündigte
am vergangenen Mittwoch nach zwölf Tagen der Proteste seinen Rücktritt für den 2. August an. Zuvor waren
interne Chatnachrichten öffentlich geworden, in denen der Gouverneur und elf Vertraute über Frauen und Ho-
mosexuelle herzogen – und sogar über Opfer von Hurrikan »Maria«, der die Insel 2017 schwer verwüstet hatte.

Analyse

Die nächste Krise


Das Scheitern der Koalitionsverhandlungen in Spanien bedroht die Stabilität Europas.

Der Sozialist Pedro Sánchez und Pablo Iglesias, der Vorsitzende Sánchez muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, nicht genug
der linkspopulistischen Partei Unidas Podemos (UP), hatten die für eine Einigung getan – und damit nicht nur sein Land, sondern
Chance, Geschichte zu schreiben. Sie hätten die erste Koalitions- ganz Europa in Unruhe versetzt – zu haben. Die EU ächzt unter
regierung seit Ende der Franco-Diktatur 1975 bilden können; zum dem Brexit-Drama und den Kapriolen der populistischen Regie-
ersten Mal seit den Dreißigerjahren wäre eine Partei links von rung in Italien. Die vierte Wahl seit 2015 in Spanien ist das Letzte,
der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) im Kabinett vertreten was sie gebrauchen kann. Zumal Umfragen darauf hindeuten, dass
gewesen. Doch Sánchez und Iglesias konnten sich nicht auf einen im November keine eindeutigen Mehrheitsverhältnisse zu erwar-
Kompromiss verständigen. Der PSOE-Chef hätte neben den Stim- ten wären. Der Sozialist hat nun bis zum 23. September Zeit, doch
men seiner eigenen Leute das Ja der 42 Abgeordneten von UP noch eine Lösung zu finden.
benötigt, um sich am Donnerstag im Parlament zum Ministerprä- Leicht wird das nicht. Denn er muss nicht nur UP auf seine Seite
sidenten wählen zu lassen. Iglesias wollte sich das teuer bezahlen ziehen, sondern er braucht auch die Unterstützung einiger bas-
lassen. Er forderte nicht nur einen der Stellvertreterposten des kischer und katalanischer Nationalisten. Nach der Sommerpause
Premiers, sondern weitere Schlüsselressorts der Sozialpolitik, wie wird im Prozess gegen katalanische Spitzenpolitiker wegen des
das Arbeitsministerium, für seine Parteikollegen. Sánchez wollte Unabhängigkeitsreferendums von 2017 ein Urteil erwartet. Sollten
ihm diese nicht geben. Drei Monate nach der Wahl im April steht sie zu hohen Haftstrafen verurteilt werden, dürfte das die Un-
Spanien damit immer noch ohne neue Regierung da. abhängigkeitsparteien gegen Sánchez mobilisieren. Helene Zuber

62 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Afghanistan Präsident Ashraf Ghani
in Kabul zu sprechen.
Frieden im Eilverfahren Kritiker bemängeln
 Die US-Regierung und die Talibanmiliz die Eile, mit der die USA
in Afghanistan stehen offenbar kurz da- nun zu einem Vertrag
vor, Frieden zu schließen. Das sagten Per- kommen wollen. Die

EVGENIA NOVOZHENINA / REUTERS


sonen, die an den Verhandlungen zwischen Bedingungen für einen
beiden Seiten beteiligt sind, gegenüber Waffenstillstand und die
dem SPIEGEL. Die Taliban wollen sich in Absicherung eines fried-
dem Abkommen demnach dazu verpflich- lichen innerafghani-
ten, Terroristen aus Afghanistan fernzu- schen Dialogs seien
halten. Die USA würden dann sukzessive längst nicht ausreichend
ihre Truppen aus dem Land abziehen. besprochen. Es sei kei-
US-Präsident Donald Trump hat Talibanverhandlungsführer Mullah Baradar (M.) neswegs klar, wie demo-
bekräftigt, dass er amerikanische Soldaten kratische Institutionen,
am liebsten so schnell wie möglich aus langsamen, geordneten Rückzug. Friedens- die seit der US-geführten Invasion 2001
Afghanistan zurückholen möchte. Pakis- verhandlungen werden auch dadurch entstanden sind, und in der Verfassung
tan, ein wichtiger Verbündeter Amerikas erschwert, dass sich die Taliban nach wie bisher garantierte Bürgerrechte geschützt
in der Region, besteht hingegen auf einem vor weigern, direkt mit der Regierung von werden können. SUK

Italien Polen Beschützer katholischer Werte und der


Allein gegen die Mafia Position der Kirche. Man könnte den Ein-
»Zynisches Kalkül« druck gewinnen, Kaczyński sei der wah-
 Fünf Jahre lang war er Italiens obers- re Primas Polens.
ter Korruptionsbekämpfer, jetzt hat Schwulen und Lesben in Polen sind SPIEGEL: Hat Kaczyński persönlich
Raffaele Cantone entnervt aufgegeben. immer öfter Anfeindungen ausgesetzt. etwas gegen Schwule und Lesben?
Im Ausland gelte die unter ihm gegrün- Am vergangenen Wochenende überfielen Gużyński: Er ist eine vieldeutige, kom-
dete Nationale Antikorruptionsbehör- in Białystok, im Nordosten, Rechtsextre- plizierte Person. Ich würde sagen, das
de als »Modell«, schreibt Cantone in misten und Hooligans eine LGBT-Parade. Verhältnis ist 50 Prozent Überzeugung,
seinem Abschiedsbrief. Italien habe Der Dominikanerpater und Soziologe 50 Prozent zynisches Wahlkalkül.
also eigentlich Grund zum »Stolz«. Paweł Gużyński, 51, spricht über Homo- SPIEGEL: Die PiS macht Politik offenbar
Doch das sieht die vor einem Jahr phobie in seinem Land. zum Kulturkampf. Hier die guten, die
angetretene Populistenregierung anders. katholischen Polen, dort die werteverges-
In seltener Eintracht haben Luigi Di SPIEGEL: Nimmt die Gewalt gegen sexu- senen Liberalen, die die polnische Fami-
Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung elle Minderheiten in Polen zu? lie abschaffen wollen.
und Lega-Chef Matteo Salvini die öffent- Gużyński: Der Ton gegen Schwule und Gużyński: Tief in der polnischen politi-
liche Auftragsvergabe vereinfacht und Lesben in der Öffentlichkeit verschärft schen Kultur ist eine religiöse Ethik ver-
Kontrollen auf Großbaustellen per sich. Wir haben in Polen in den vergange- wurzelt. Grundsätzliches Element dieser
Dekret entschärft; den Straftatbestand nen Jahren ein zunehmend liberales Kli- Weltsicht ist es, auch in der Politik zwi-
des Amtsmissbrauchs will der Innenmi- ma genossen, aber das ändert sich gerade. schen Gut und Böse, Himmel und Hölle,
nister am liebsten abschaffen. »Aus SPIEGEL: Woran liegt das? Engeln und Teufeln zu unterscheiden.
Angst, dass jemand was klaut, blockie- Gużyński: Dazu tragen Äußerungen aus SPIEGEL: Können Sie als Geistlicher
ren wir alles«, kritisierte Salvini. Künftig der regierenden PiS-Partei und von Tei- verstehen, dass Konservative gegen die
kann die Regierung bei Großprojekten len der Kirchenhierarchie bei. Betreiber gleichgeschlechtliche Ehe und Sexual-
einen Kommissar einsetzen, der relativ und Publikum des katholischen Senders erziehung in der Schule demonstrieren?
freihändig agieren darf. »Buddeln, arbei- »Radio Maryja« und die Gużyński: Ich betrach-
ten, bauen, seit Jahren brachliegende PiS bilden ein politi- te mich als gemäßigten
Projekte fertigstellen«, lautet Salvinis sches Bündnis, sie spre- Kritiker gesellschaft-
Devise. Cantone wurde weitgehend ent- chen inzwischen mit licher Modernisierung,
machtet – er blieb schließlich mehr oder einer Stimme gegen die wenn es um die Fami-
weniger allein gegen die Mafia. Lesben- und Schwulen- lie und die Sexualmo-
Die Opposition warnt, dass die Gemeinde. ral geht. Das heißt aber
Regierung den Kampf gegen die Kor- SPIEGEL: Ist das schon noch lange nicht, dass
ruption aufgebe: »Ein gefährlicher Wahlkampf? Im Herbst ich dafür bin, sexuelle
Plan, der das Land zurückwirft«, sagt wird gewählt. Minderheiten zu dis-
der Chef der bis 2018 regierenden Gużyński: Die PiS will kriminieren. Der Staat
Demokratischen Partei, Nicola Zinga- sich die Stimmen der muss dafür sorgen,
retti. Ein großer Traum sei faktisch traditionell eingestell- dass alle Gruppen fried-
»geplatzt«, urteilt die Zeitung »La ten Wähler sichern. PiS- lich zusammenleben
Repubblica«. Korruptionsbekämpfung Chef Jarosław können. Die Kirche
sei »eine Revolution oder vielleicht Kaczyński gibt den Ton sollte über diese Fra-
eine Utopie in einer Nation, in der vor. Einige Bischöfe gen der Ethik eine
Schmiergelder, Empfehlungen und stimmen mit ein. Viele gesellschaftliche Debat-
FORUM

Günstlingswirtschaft ein weitverzweig- in der Kirche sehen in te anstoßen, aber bitte


tes System bilden«. HOR der PiS den einzigen Gużyński keine politische. JPU

63
Ausland

In Afrikanistan
Terrorismus Vor zehn Jahren begann in Nigeria der Aufstand der Dschihadisten von Boko Haram.
Inzwischen tyrannisieren islamistische Milizen auch Nachbarstaaten, Regierungen sind hilflos.
Die Folge: immer mehr unschuldige Opfer, immer mehr Flüchtlinge. Von Bartholomäus Grill

A
n einem glutheißen Tag fährt Nachbarstaaten Kamerun, Tschad und Militär gehalten oder zurückerobert wur-
Anna Hidayat zu einem Camp un- Niger aus. den, gelten als halbwegs sicher. An der
weit der nigrischen Grenze. Sie Das war noch bevor der »Islamische Strecke nach Nguru liegen Kasernen, MG-
schaut aus dem Fenster auf das Staat« (IS) in Syrien und im Irak vorüber- Stellungen mit Schützengräben, ein Stütz-
weite, ausgedorrte Land, über dem sich gehend eine ähnliche Vision verwirklichte. punkt der Luftwaffe, ein Panzerbataillon.
ein zementgrauer Himmel wölbt. Hidayat Aber im Gegensatz zum IS ist Boko Ha- Irgendwann hört man auf, Straßensperren
weiß, dass die Gegend gefährlich ist, sie ist ram bis heute unbesiegt. und Schwerbewaffnete zu zählen.
häufig unterwegs im »deep field«, im Ter- Das südafrikanische Institut für Sicher- Im Flüchtlingslager umringen Frauen
rorgebiet. Dort liegen die Flüchtlingslager, heitsstudien (ISS) stufte die Bande als »töd- und Mädchen in bunten Hidschabs Anna
die ihre Hilfsorganisation betreut. lichste Terrorgruppe der Welt« ein. Die Hidayat, sie klatschen, tanzen, singen.
»Sieht alles so friedlich aus«, sagt Anna Vereinten Nationen zogen 2018 eine ver- Unter einer Zeltplane werden Oberarme
Hidayat, »kein Vergleich zu den Schlacht- heerende Bilanz: mehr als 20 000 Tote, von Kleinkindern vermessen, viele sehen
feldern, die ich im Irak, in Syrien oder im rund 1,8 Millionen Binnenvertriebene, unterernährt aus. 5000 Binnenvertriebene
Jemen gesehen habe.« Die 44-jährige Mus- 1400 zerstörte Schulen, 2295 getötete Leh- werden hier notdürftig versorgt. Die Müt-
limin aus Indonesien leitet seit Oktober rer, Hunger, Seuchen, Elend. ter stehen für Nahrungsmittel an, Getreide,
das Büro von Care in Maiduguri. Ein Ex- Ein Sandsturm zieht auf, in wenigen Soja, Speiseöl. »In vielen Gegenden hun-
Offizier der Armee begleitet sie, er son- Minuten verschluckt eine riesige braune gern die Menschen. Unsere Hilfe hat bis-
diert per Handy die Sicherheitslage vor Staubwolke die Straße, auf der Anna Hida- lang rund 350 000 Bedürftige erreicht«,
jedem Ort, der passiert werden muss. Er sagt Hidayat. »Wir werden sie noch lange
besteht darauf, dass sein Name und Rang versorgen müssen, in ihre Heimat können
nicht erwähnt werden. sie nicht zurück.«
»Die Ruhe ist trügerisch«, sagt er, »die Unter einem Niembaum sitzt Aisha Us-
Terroristen halten sich im Busch verbor- man, sie wartet mit ihrem jüngsten Sohn
gen, sie können jederzeit zuschlagen.« auf die Essenausgabe. Sie ist 45 Jahre alt,
Für die Mitarbeiter internationaler Or- Muslimin, sie ist mit sieben Kindern hier-
ganisationen im Nordosten Nigerias ist die her geflohen. Das letzte Bild, das sie von
Gefahr Alltag; vorvergangenen Donners- ihrem Mann Ado hat, ist sein abgerissener
tag verschwanden in der Region sechs Mit- Kopf. Der Sprengsatz eines Selbstmordat-
arbeiter von Action Against Hunger auf tentäters war 2015 in einer Moschee ex-
HANDOUT / AFP

dem Rückweg von einer Krankenstation, plodiert und hatte Ados Körper zerfetzt.
sie wurden vermutlich entführt. Sie sagt: »Sie wollen Christen töten, aber
Ende Juli ist es zehn Jahre her, dass die meisten Opfer sind Muslime.«
islamische Fundamentalisten in dieser Gerade jetzt, im Fastenmonat Ramadan,
Gegend ihren Aufstand begannen. Er war Islamistenführer Shekau gebe es vermehrt Anschläge, sagt der Ex-
der Ausgangspunkt der mittlerweile seit »Tödlichste Terrorgruppe der Welt« Offizier auf der Rückfahrt. Im Autoradio
einem Jahrzehnt andauernden Gewalt- wird über einen Überfall auf eine Militär-
exzesse islamistischer Milizen in den nörd- basis in Gubio berichtet; angeblich wurden
lichen Bundesstaaten Borno, Yobe und yat Richtung Flüchtlingslager unterwegs 20 Soldaten getötet.
Adamawa. ist. Der Sicherheitsoffizier wirkt nervös. Als Boko Haram seinen Feldzug im Jahr
Die militante Erweckungsbewegung Nur noch ein paar Kilometer bis zum Ziel. 2009 begann, attackierten die Terroristen
wurde unter dem Namen Boko Haram Auf einer Karte, die der Nachrichten- zunächst vor allem Polizeiwachen, Mili-
bekannt, frei übersetzt: »Westliche Er- dienst der Vereinten Nationen an Not- tärstützpunkte, Amtsgebäude, dann aber
ziehung ist Sünde«. 2009 ging sie aus helfer verteilt, sind alle Verkehrswege der immer häufiger zivile Ziele, Busbahnhöfe,
einer extremistischen Sekte hervor, deren Region farbig markiert. Gelb heißt: nur Mobilfunktürme, Kirchen und Moscheen.
Führer zum heiligen Krieg gegen alle mit Militäreskorte befahrbar, rot bedeutet: Sie töteten Fußballfans, die sich in Video-
Ungläubigen aufrief. Seine Vision: ein No-Go, Lebensgefahr. Grün ist nur eine hallen Spiele der Champions League an-
»Kalifat«, in dem ein ursprünglicher Islam Hauptstraße, sie führt von Maiduguri nach schauten. Warfen Brandsätze in Bierloka-
gelten sollte. Gashua, an den Rand der Sahara, weiter le. Entführten und versklavten Schulmäd-
Den radikalislamischen Milizen schlos- bis Nguru, dem Tagesziel von Anna Hida- chen. Bestraften Liebespaare, die öffent-
sen sich bis zu 20 000 Kämpfer an, über- yat. 457 Kilometer, tadellos geteert, stel- lich flirteten. Peitschten Frauen aus, die
wiegend junge, arbeitslose Männer. Sie er- lenweise vierspurig, eine Autobahn in er- sich nicht verschleierten und »unzüchtige«
oberten im Nordosten Nigerias innerhalb staunlich gutem Zustand. Kleider trugen.
weniger Jahre ein Territorium von der Doch weite Teile der nordöstlichen Bun- Auf belebten Märkten jagten sich Selbst-
Größe Portugals und dehnten ihr Opera- desstaaten Nigerias sind von der Außen- mordattentäter in die Luft, jede Woche
tionsgebiet auf die Grenzregionen der welt abgeschnitten – nur Orte, die vom werden in den Bundesstaaten Yobe, Borno

64 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


LUIS TATO / AFP

Vertriebene im Nordosten Nigerias: »Wir werden sie noch lange versorgen müssen, in ihre Heimat können sie nicht zurück«

65
Ausland

und Adamawa Städte und Dörfer überfal- Die Ibn-Taimija-Moschee existiert nicht die Vertriebenen nicht sicher. Sie haben
len, geplündert, niedergebrannt und zahl- mehr, im Bahnhofsviertel ist nur noch ein Angst, dass die Terroristen wiederkommen.
reiche Bewohner umgebracht. Schuttfeld zu sehen. Doch aus dem Trüm- So wie im Januar 2015, als Boko-Ha-
Man nannte die Kämpfer von Boko Ha- merhaufen in Maiduguri stieg eine mörde- ram-Verbände eine Großoffensive gegen
ram auch »nigerianische Taliban«. Welt- rische Bewegung auf, geführt von Yusufs Maiduguri starteten. Sie wollten das Han-
weite Schlagzeilen machten sie im April Nachfolger Abubakar Shekau. Nach be- delszentrum zurückerobern, in dem ihre
2014, als sie 276 Schülerinnen aus einem scheidenen Anfängen sei »ein unkontrol- Bewegung geboren wurde. Die Armee
Internat im Marktflecken Chibok kidnapp- lierbares Monster« entstanden, schreibt setzte schwere Waffen ein, Kampfjets flo-
ten und die globale Hashtag-Kampagne der ISS-Terrorexperte Martin Ewi. gen Luftangriffe gegen die Stellungen der
#BringBackOurGirls auslösten. Für die Den Tag im September 2014, an dem Belagerer. Deren Attacke konnte abge-
Nigerianer war der Raub der Mädchen nur die Mörder kamen, weiß Aisha Moham- wehrt werden, aber weil die Militärs äu-
eines von unzähligen Verbrechen der Ter- med nicht mehr, aber an die Tageszeit ßert brutal vorgingen und viele Unschul-
rormilizen. Überlebende berichteten von kann sie sich noch genau erinnern. Es war dige töteten, sind sie in der Bevölkerung
Massenexekutionen, Enthauptungen, Stei- früh am Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, ähnlich verhasst wie die Terroristen.
nigungen, Amputationen. als Pulks von Motorrädern und weißen Berüchtigt ist die Militärkaserne im Sü-
Ab 16 Uhr sind sämtliche Zufahrten Geländewagen mit aufmontierten Maschi- den der Stadt, die Giwa Barracks, wo laut
nach Maiduguri gesperrt, Anna Hidayat nengewehren auf der Ladefläche in Bama Amnesty International in der Vergangen-
und ihr Team erreichen kurz vorher die einfielen und den Tod über die Provinz- heit Hunderte Gefangene an den Folgen
Stadtgrenze. Ihre Mission ist gut verlaufen, stadt brachten. von Folterungen, Krankheiten und Hun-
sie wirkt jetzt erleichtert. Aisha Mohammed musste mit ansehen, ger starben. 640 Häftlinge sollen nach ei-
Die Millionenstadt Maiduguri, Kapitale wie zwei ihrer Brüder mit dem Messer ab- nem Ausbruchsversuch im März 2014 mas-
des Bundesstaats Borno, ist der Ort, in des- geschlachtet wurden, insgesamt hat sie an sakriert worden sein. Heimlich gedrehte
sen Bahnhofsviertel der Albtraum Videos zeigen, wie Soldaten ihren
begann. Die Schalterhalle des Opfern die Kehle durchschneiden.
Bahnhofs ist leer, auf den Gleisen Vor Kurzem wurde der neue Ker-
verrotten Waggons. Vor dem Ein- kertrakt der Kaserne eingeweiht;
gang hängen ein paar Bahnarbeiter die Freiluftzellen gleichen den
herum, sie haben vergessen, wann Käfigen im US-Gefangenenlager
der letzte Zug eingefahren ist. »Es Guantanamo.
muss vor zehn Jahren gewesen Auf einer Verkehrsinsel im Zen-
sein«, sagt einer. trum Maiduguris prangt das Motto
Der Mann trägt ein hellblaues des Bundesstaats Borno: »Heimat
Shirt der Eisenbahnergewerkschaft. des Friedens«. In der wie eine Fes-
Er will anonym bleiben, denn er er- tung gesicherten Stadt herrscht
hebt schwere Vorwürfe gegen die zwar tatsächlich eine Art Frieden,
nigerianische Armee. Er erzählt, aber sobald die Bewohner Maidu-
wie Ende Juli 2009 Panzer in sein guri verlassen, betreten sie die
Viertel rollten und gleich neben Kriegszone, in der inzwischen meh-
REY BYHRE / DER SPIEGEL

dem Bahnhof die Ibn-Taimija-Mo- rere islamistische Milizen wüten.


schee des Predigers Mohammed Die Kerntruppe von Boko Ha-
Yusuf dem Erdboden gleichmach- ram hat sich »internationalisiert«
ten. Und wie die Soldaten ein Blut- und dem IS die Treue geschworen.
bad anrichteten. »Sie massakrier- Eine Splittergruppe namens Ansaru
ten Yusufs Anhänger, zwischen den Geflohene Mohammed trennte sich von der Hauptbewe-
Gleisen lagen unzählige Leichen.« Acht Familienmitglieder an einem Tag verloren gung; sie soll mit Aqmi kooperieren,
Mohammed Yusuf, damals um einem Ableger von al-Qaida im
die 40 Jahre alt, war zum Staats- Maghreb. Mitte 2016 sagte sich der
feind Nummer eins geworden. Der Imam diesem Tag acht Familienmitglieder und »Islamische Staat in Westafrika« (Iswap)
hatte seine schnell wachsende Anhänger- Verwandte verloren. Sie und ihr Mann von Boko Haram los, er lehnte die wahl-
schar gegen die Regierung aufgewiegelt: schafften es mit Glück, mit ihren sechs Kin- lose Tötung von Zivilisten ab und verstärk-
Die »Christenmafia« und die korrupte dern aus Bama zu fliehen und nach drei- te die Angriffe auf staatliche Institutionen.
Machtelite im Süden Nigerias, die die Öl- tägigem Fußmarsch die 70 Kilometer ent- Die Netzwerke der verschiedenen Frak-
milliarden unter sich aufteile, war in seinen fernte Großstadt Maiduguri zu erreichen. tionen reichen weit über Nordnigeria hi-
Augen verantwortlich für die Armut und Die Frau ist 38, sie trägt einen goldgel- naus, sie sollen Verbindungen pflegen zu
Hoffnungslosigkeit im überwiegend mus- ben Hidschab. Sie starrt immer wieder ge- islamistischen Terrorbewegungen in Mali,
limischen Norden des Landes. dankenverloren auf den Boden, wenn sie Burkina Faso, Togo, Benin, Ghana, Elfen-
Als sich immer mehr zornige junge Män- erzählt. Mit ihrer Familie haust sie in Mai- beinküste und sogar zu al-Schabab in So-
ner seiner Sekte anschlossen, schlug die duguri in einer engen Kammer, die ein Be- malia. Die Islamisten sind so zu einer Be-
Regierung zu. Bei der Militäroperation kannter ihr angeboten hat. »Wir waren drohung für den gesamten Sahelgürtel ge-
Ende Juli 2009 wurden laut Menschen- einmal wohlhabend, wir hatten gutes Land worden. Der französische Soziologe Serge
rechtsorganisationen mindestens 800 Men- und viel Vieh«, sagt Aisha Mohammed. Michailof nennt die Region »Afrikanis-
schen getötet. »Es waren viel mehr«, sagt Mit ihrem Ehemann konnte sie sogar eine tan«. Er warnt davor, dass Anarchie und
der Bahnarbeiter und deutet auf die Brache Pilgerreise nach Mekka machen. Chaos weiter um sich greifen könnten. Die
jenseits der Gleise: »Dort liegen die Mas- Jetzt sind sie Flüchtlinge im eigenen möglichen Folgen: noch mehr unschuldige
sengräber, in denen die Toten verscharrt Land. Ein Schicksal, das sie mit mehr als Opfer, noch mehr Not, noch mehr Flücht-
wurden.« Auch der charismatische Sekten- 250 000 Menschen teilen, die nach Maidu- linge, die irgendwann Richtung Europa
führer Yusuf wurde seinerzeit hingerichtet. guri geflohen sind. Auch hier fühlen sich aufbrechen könnten.

66 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Boko-Haram-Kämpfer (Szene aus Propagandavideo): »Sie wollen Christen töten, aber die meisten Opfer sind Muslime«

Im Frühjahr 2015 haben Nigeria, bereichern sich. Die überwältigende Mehr- Der Islam wird dabei nur instrumentali-
Tschad, Kamerun, Niger und Benin eine heit der Bevölkerung glaube nicht mehr, siert, die Islamisten halten westliche Ein-
Taskforce gebildet, um den Terror mit ver- dass Demokratie, Menschenrechte und flüsse für die Ursache aller Übel. Auf ihren
einten Kräften einzudämmen. Das Militär- Marktwirtschaft ihre Probleme lösten, Raubzügen aber vertrauen sie auf die tech-
bündnis konnte seither ein paar Gefechte stellte der Afrikanist Johannes Harnisch- nischen Hilfsmittel aus dem Rest der Welt:
gewinnen, aber durch die schlechte Koor- feger schon vor Jahren fest. Geländewagen, GPS, Drohnen, Mobil-
dination fehlt es ihm an Schlagkraft. Das liegt sicher auch an den harschen telefone, Schnellfeuerwaffen, Raketen.
Der Krieg gegen den Terror ist auch des- Bedingungen, unter denen die Menschen »Diese Teufel sind noch lange nicht be-
wegen so schwierig, weil die Dschihadisten seit Jahrhunderten leben: staubtrockene siegt«, sagt Hidayats Begleiter, der ehema-
eine Kriegsökonomie aufgebaut haben, an Strauchsavanne, Gluthitze, Wassermangel, lige Offizier. Das liege an der miserablen
der Kollaborateure und Sponsoren mitver- Böden, die nicht viel hergeben. Hinzu Ausrüstung der Regierungstruppe, an ihrer
dienen: bestechliche Politiker, Emire und kommen die Folgen des Klimawandels, schlechten Kampfmoral, an der Korrup-
Imame, lokale Gewaltherrscher, Geschäf- das Vordringen der Wüste, die periodi- tion. »Es gibt sogar Generale, die Waffen
temacher. Reiche ausländische Salafisten schen Dürren. Und ein extrem hohes Be- an Boko Haram verkaufen.«
leisten heimlich Finanzhilfe, und an Waf- völkerungswachstum, das ethnische Kon- Das Zentrum von Maiduguri wirkt
fen herrscht in Westafrika seit dem Zusam- flikte und den Verteilungskampf um knap- heute gepflegter als das vieler anderer
menbruch Libyens ohnehin kein Mangel. pe Ressourcen verschärft. Metropolen Nigerias, die Hauptverkehrs-
Die mächtige Splittergruppe Iswap hat All diese Faktoren bilden einen idealen achsen sind begrünt, die Ampeln funktio-
im äußersten Norden von Borno sogar Nährboden für terroristische Bewegungen. nieren, es gibt sogar gusseiserne Straßen-
staatsähnliche Strukturen aufgebaut: Sie lampen im altenglischen Stil. An den
erhebt Zölle und Steuern, fördert Agrar- Ausnahmezustand erinnern nur gepanzer-
Operationsgebiet NIGER
projekte, bohrt Brunnen und gewinnt so von Boko Haram te Fahrzeuge an den Straßenkreuzungen,
die Loyalität der Bevölkerung. Die Terror- TSCHAD Alpha-Jet-Kampfflugzeuge, die im Tief-
organisation wurde zum Ersatzarbeitgeber, Nguru flug über die Dächer donnern – und die
viele junge, perspektivlose und meist un- YOBE BORNO Flüchtlingslager.
gebildete Männer schließen sich ihr frei- Damaturu Maiduguri Im Offizierskasino der Luftwaffe wird
willig an: Sie bietet nicht nur Lohn und BENIN Bier ausgeschenkt, obwohl Alkohol nach
NIGERIA
Brot, sondern auch Macht. Nig der Scharia, die in zwölf Bundesstaaten
er ADAMAWA
Im Bundesstaat Borno leben 70 Prozent Abuja gilt, eigentlich verboten ist. Es ist einer der
der Bevölkerung in absoluter Armut, 85 Pro- wenigen Orte, an dem junge Nigerianer
zent sind Analphabeten. Die Region wird und Nigerianerinnen ihre Sorgen betäu-
seit der Unabhängigkeit Nigerias 1960 KAMERUN ben können. Den Glauben, dass die Zeit
von der Zentralregierung vernachlässigt, des Terrors irgendwie vorbeigeht, haben
AFRIK A
500 km
Lokalpolitiker und traditionelle Religions- die meisten schon lange verloren.
führer kungeln mit der Machtelite und

67
Ausland

Im Frühjahr 2017 ernannte der stellver-

Der Entzauberte tretende US-Justizminister Rod Rosenstein


Mueller zum Sonderermittler in der Russ-
landaffäre, einen Mann, den Präsident
George W. Bush 2001 zum FBI-Chef ge-
USA Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump rückt in weite macht hatte und der zwölf Jahre im Amt
Ferne. Der fahrige Auftritt des ehemaligen Sonderermittlers Robert geblieben war. In dieser Zeit erschienen
Mueller vor dem Kongress nutzt vor allem einem: dem Präsidenten. Artikel, die Mueller als amerikanischen Hel-
den porträtierten, geformt aus Rechtschaf-
fenheit und Pflichtgefühl. Sie schilderten

I m Film »American Gangster« spielt


Denzel Washington den Drogenbaron
Frank Lucas, der im New York der frü-
hen Siebzigerjahren ein Vermögen machte.
»Welcher Senator?«, fragte Mueller.
»Welcher Präsident?«, wiederholte
Stanton.
»Ich denke, es war Präsident Bush«, er-
einen gerechten, unerbittlichen Chef, der
spät am Abend über die Flure geht, um zu
kontrollieren, wer von seinen Leuten es ge-
wagt hat, pünktlich Feierabend zu machen.
Der Film beruht auf einer wahren Ge- widerte Mueller. Was aber nicht stimmte. Nichts schmückt in den USA mehr als
schichte, und zu den eindrücklichsten Sze- Es war Ronald Reagan. die Aura einer unverwüstlichen Arbeits-
nen gehört, als Lucas in einem Café in Har- Für die Demokraten war es ein Trauer- moral. Dazu kommt, dass Mueller, der bei
lem sitzt und zufällig sieht, wie ein säumi- spiel. Sie hatten Mueller zur Aussage vor den Marines gedient und in Vietnam ge-
ger Schuldner die Straße entlangläuft. dem Kongress gedrängt, obwohl dieser kämpft hat, seit Jahrzehnten zu den Repu-
»Entschuldigt mich bitte«, sagt Lucas zu sich gesträubt hatte. blikanern gehört, aber nie durch parteipo-
seinen Leuten, steht auf und stellt den Muellers Bericht ist eigentlich vernich- litischen Eifer aufgefallen ist. All das mach-
Mann im Gewusel der Straße zur Rede. tend genug. In dem über 400-seitigen Pa- te ihn im Mai 2017 zum idealen Kandida-
Als dieser keine Anstalten macht, Geld he- pier wird detailliert geschildert, wie Russ- ten für den Posten des Sonderermittlers.
rauszurücken, hält Lucas ihm eine Waffe land die Präsidentschaftswahl im Jahr Im Laufe der Monate keimte bei den De-
an die Stirn. 2016 beeinflusste und wie Trump versuch- mokraten die Hoffnung auf, dass der Son-
»Was willst du machen? Mich auf offe- te, der Justiz Knüppel zwischen die Beine derermittler der Präsidentschaft Trumps
ner Straße erschießen?«, fragt der Schuld- zu werfen. Er machte deutlich, dass Trump ein vorzeitiges Ende bereiten könnte. Tat-
ner, woraufhin Lucas ihm eine Kugel durch auch deshalb nicht angeklagt wurde, weil sächlich glaubte der Präsident selbst, dass
den Kopf jagt, seelenruhig zurück in das ein amtierender Präsident laut den Richt- die Berufung Muellers sein Schicksal be-
Café schlendert und sagt: »Wo waren wir linien des Justizministeriums nicht ange- siegeln würde, wie man heute weiß. »Oh,
stehen geblieben?« klagt werden kann. mein Gott, das ist furchtbar. Das ist das
Im Januar 2016 sagte Donald Trump Ende meiner Präsidentschaft«, sagte er zu
auf einer Wahlkampfveranstaltung in Justizminister Jeff Sessions, als der ihm
Iowa: »Ich könnte mitten auf der Fifth Ave- Mueller wirkte bisweilen im Mai 2017 die Nachricht von Muellers
nue stehen und jemanden erschießen und so, als hätte er seinen Berufung überbrachte: »I’m fucked.«
keinen einzigen Wähler verlieren. Okay?« Aber im November 2018 enthob der
Der Spruch kommt einem unwillkürlich Bericht auf der Fahrt Präsident Sessions seines Amtes und er-
in den Sinn, als am Mittwoch Robert Muel- zum Kapitol überflogen. setzte ihn später durch William Barr. Der
ler vor dem Kongress in Washington aus- neue Justizminister kennt sich in den Fein-
sagt. Die Demokraten haben den ehemali- heiten des amerikanischen Rechtssystems
gen Sonderermittler vorgeladen. Der Auf- Nur leider hat kaum ein Amerikaner ebenso aus wie Mueller. Im Gegensatz
tritt soll ein Wendepunkt im Kampf gegen den Bericht gelesen. Der Auftritt sollte zum Sonderermittler kennt Barr aber kei-
den Präsidenten werden, dem die Russland- der »Film zum Buch« werden, das war ne Skrupel, den Geist des Gesetzes den
affäre bisher wenig anhaben konnte. Ins- der Plan der Demokraten. Er ging schief. politischen Notwendigkeiten anzupassen.
geheim hoffen manche sogar darauf, dass Mueller weigerte sich, Passagen aus dem Als Mueller im März seinen Bericht bei
ihnen Mueller das entscheidende Argument Bericht vorzulesen, was im Fernsehen Barr abgab, verweigerte der Antipolitiker
für ein Amtsenthebungsverfahren liefert. durchaus Wirkung erzielt hätte. Die einzig Mueller ein eindeutiges Urteil: »Wenn wir
Nach sieben Stunden Befragung müssen starke Szene war, als Mueller auf die Fra- nach sorgfältigen Ermittlungen zu dem
die Demokraten sich fragen lassen, ob es ge, ob die von Trump vielfach hinaus- Schluss gekommen wären, dass der Präsi-
eine gute Idee war, den Mann vor die Ka- posaunte Behauptung stimme, sein Be- dent sich nicht der Behinderung der Justiz
meras zu zerren, der aus guten Gründen richt habe den Präsidenten vollständig schuldig gemacht hat, hätten wir das deut-
lieber im Hintergrund geblieben wäre. Der entlastet. Mit aller Klarheit antwortete lich gemacht«, heißt es in dem Report.
fahrige, unkonzentrierte Auftritt Muellers Mueller: »Nein.« Es ist ein so verschlungener Satz, dass
wirft nun einen Schatten auf die gesamte Dabei hatten sich mit Mueller geradezu ein Profi wie Barr daraus mühelos einen
zweijährige Arbeit des Sonderermittlers. übermenschliche Hoffnungen verbunden. Freispruch dengeln kann. In der vierseiti-
Muellers Einsilbigkeit wirkte anfangs wie Als der Sonderermittler am Mittwochmor- gen Zusammenfassung des Mueller-Re-
die Strategie eines alten Haudegens, der gen um 8.30 Uhr vor dem Justizausschuss ports, die Barr am 24. März veröffentlich-
schon Dutzende Male auf dem heißen Stuhl erschien, wirkte er wie mit einer Zeitma- te, stehen alle entlastenden Fakten gleich
einer Kongressanhörung saß. Aber bald schine aus der Vergangenheit geholt. Muel- zu Beginn. Sie bestimmen über Tage die
zeigte sich, dass Mueller selbst Fragen nicht lers Scheitel sah aus, als sei er mit einem Schlagzeilen. »Vollständige Entlastung«,
verstand, die ihn gut aussehen lassen soll- Lineal gezogen, er trug wie so oft ein wei- twitterte Trump beinahe im Stundentakt.
ten. Zu den merkwürdigsten Szenen der ßes Button-down-Hemd und eine Krawat- Sechs Wochen später wurde ein Brief öf-
Anhörung gehörte, als der demokratische te in gedeckten Farben. Lange hatte es fentlich, in dem sich Mueller über die ein-
Abgeordnete Greg Stanton die Verdienste geschienen, als wäre es gerade Muellers seitige Zusammenfassung des Justizminis-
Muellers herausstellen wollte. Er fragte, beamtenhafte Akkuratesse, mit der man ters beklagt. Aber da hatte sich die Öffent-
welcher Präsident ihn zum Bundesstaats- Trump, diesem Frank Lucas der Politik, lichkeit schon längst eine Meinung gebil-
anwalt von Massachusetts ernannt habe. beikommen könnte. det. Nur etwa ein Drittel der Amerikaner

68 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


ist derzeit der Meinung, dass gegen Trump
ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet
werden sollte.
Es spricht wenig dafür, dass die Anhö-
rung Muellers daran etwas geändert hat,
im Gegenteil: Der ehemalige FBI-Chef,
der angeblich so streng mit sich selbst ist,
stolperte durch die Anhörung, als hätte er
seinen 448-seitigen Bericht im Auto auf
dem Weg ins Kapitol zum ersten Mal kurz
überflogen. Jeder Kongressabgeordnete
wirkte konzentrierter als Mueller.
Die Substanz von Muellers Aussagen
war für Trump genauso verheerend wie
sein Bericht: Mueller bejahte, dass Trump
seine Arbeit erschwert habe, er bestätigte,
dass der Präsident nicht immer die Wahr-
heit gesagt habe. Doch der Mann, der da
vor der Kamera saß, sah nicht gut aus. Er
stolperte über seine eigenen Worte, er ant-
wortete immer wieder einsilbig mit »ja«
und »nein«, er nannte den Präsidenten ein-
mal »Trimp«. Mehrfach verstand Mueller
nicht, was die Abgeordneten von ihm wis-
sen wollten und sagte: »Könnten Sie die
Frage wiederholen?«
Und weil Optik in der Ära Trump wich-
tiger ist als Inhalt, war die Anhörung am
Ende ein Sieg für den Präsidenten. In der
alten Welt, vor Trump, wären die Ergebnis-
se eines respektierten Patrioten wie Mueller
von Demokraten und Republikanern wahr-
scheinlich anerkannt worden. In Zeiten
Trumps, unter dem es nur noch verfeindete
Lager gibt, hat ein Mann wie Mueller seine
überparteiliche Wirkung verloren.
Die Demokraten stehen nun vor der
schwierigen Frage, ob sie trotzdem ein
Amtsenthebungsverfahren einleiten sol-
len. Angesichts der aktuellen Stimmungs-
lage der US-Bürger käme es einer Kami-
kazeaktion gleich, zumal das letzte Wort
der Senat hat, in dem die Republikaner
die Mehrheit haben.
Nach dem fahrigen Auftritt säen man-
che Republikaner nun Zweifel, ob Mueller
überhaupt der Kopf des Ermittlungsteams
war oder ob nicht andere die Fäden gezo-
gen haben. »Wenn Mueller den Report
nicht geschrieben hat, wie seine katastro-
phale Aussage klargemacht hat, wer hat
es dann getan?«, fragte Trumps Rechtsbe-
rater Rudy Giuliani.
Der republikanische Senator Lindsey
Graham vergoss auf Trumps Lieblingssen-
der Fox News Krokodilstränen für Mueller,
den die Demokraten aus kleinlichen par-
teipolitischen Gründen in das Licht der Öf-
fentlichkeit gezerrt hätten: »Dieser Mann
hat in Vietnam gedient, er hat Großes für
JONATHAN ERNST / REUTERS

das Land geleistet. Er hätte niemals vor-


geladen werden dürfen«, sagte Graham,
einer der engsten Vertrauten des Präsiden-
ten. Mitleid ist wohl das Letzte, was sich
Mueller von Trumps Leuten gewünscht hat.
René Pfister
Ex-Sonderermittler Mueller im Kongress: »Könnten Sie die Frage wiederholen?«

69
Ausland

Boris und die Brexit-Brothers


Analyse Der neue britische Premier Johnson und sein Hardliner-Kabinett steuern auf einen
Showdown mit Brüssel zu. Tatsächlich erhöht der Zocker damit die Chancen für Neuwahlen.

J
etzt hat Boris die alte Band wieder beisammen. Michael der EU massiv, aber ihrem eigenen Land kaum schaden wird.
Gove ist zurückgekehrt, mit dem Johnson 2016 den lan- Diese Regierung repräsentiert nicht mal mehr die 52 Prozent
gen Marsch aus der EU begann. Als Minister für beson- der Briten, die 2016 für »Leave« stimmten – sondern nur
dere Aufgaben plant Gove ab sofort den vertraglosen noch jenen Bruchteil der EU-Skeptiker, denen jeder Preis für
Bruch mit dem Staatenbund. Priti Patel ist da, die einst das den Brexit recht ist. Und sei es der Zerfall des Königreichs.
Comeback der Todesstrafe forderte und zu den Brexit-Hard- Sogar Jacob Rees-Mogg, Anführer der Anti-EU-Ultras,
linern zählt. Sie darf die Innenministerin geben. Sogar Dominic wird am Kabinettstisch Platz nehmen. Der hatte zuletzt
Cummings kehrt an den Ort seines größten Vergnügens zurück. den Schatzkanzler verhöhnt, weil er das No-Deal-Risiko
Der aufbrausende, genialische Polit-Irrwisch, der einst den auf 90 Milliarden Pfund geschätzt hatte. Umgekehrt werde
Brexit-Slogan »Take back control« erfand, wird Boris Johnson ein Schuh draus, versprach Rees-Mogg: No Deal werde dem
fortan in politischen Scheidungsfragen mit der EU beraten. Land 80 Milliarden bescheren. Diese Ansicht hat er nahezu
Und dann ist da noch Nigel Farage. Er hat – mutmaßlich exklusiv.
zum Verdruss seines großen Freundes Donald Trump – kei- Stellvertretend für viele kommentierte der Kolumnist und
nen Regierungsposten abbekommen. Aber der Chef der frühere Tory-Abgeordnete Matthew Parris ungläubig John-
Ein-Zweck-Truppe Brexit Party lauert im Hintergrund und sons Vorgehen: »Ich sehe einen kleinen Jungen, allein in
wird wie ein Anstandsrott- einem Zimmer mit Buntstif-
weiler darüber wachen, dass ten und einem weißen Blatt
die Liaison zwischen London Papier, der den Leuten, die
und Brüssel nun endlich un- er nicht mag, Hörner malt
widerrufbar zu Ende geht. und seinen Kumpeln ein Lä-
Boris Johnson, so viel ist cheln verpasst.«
in den ersten 24 Stunden Johnsons aggressives En-
seiner Amtszeit deutlich ge- tree könnte jedoch durchaus
worden, gedenkt zumindest einem zu Ende gedachten
gegenüber jenen Wort zu Kalkül folgen. Mit der Droh-
halten, für die die Zeit der kulisse, die er aufgebaut hat,
VICTORIA JONES / GETTY IMAGES
Kompromisse mit der EU hofft er offenkundig, die neue
vorbei ist. Sie frohlockten, Brüsseler Führungsriege der-
als der neue Regierungschef art einzuschüchtern, dass
sich am Mittwoch erstmals sie klein beigibt und das Un-
an sein Volk wandte. Nichts verhandelbare für verhan-
war da mehr zu hören von delbar erklärt. Dazu zählt
seinem Versprechen, ein Pre- der Notfallplan für eine offe-
mier für alle Menschen und Politiker Johnson bei Ernennung durch Queen Elizabeth II. ne irisch-nordirische Gren-
alle vier Nationen des König- ze (»Backstop«), der in John-
reichs sein zu wollen. sons Worten »tot« ist. Es ist
Stattdessen war diese Rede eine kalkulierte Kampfansage eine Alles-oder-nichts-Taktik, und Johnson weiß, dass sie
an all jene – von der Bank of England über den Verband der scheitern könnte. Den dann drohenden No Deal wird jedoch
britischen Industrie bis hin zu Millionen Arbeitnehmern –, das Parlament mit allen Mitteln zu verhindern suchen.
die nicht glauben wollen, dass das Land, auf sich selbst ge- Das aber könnte Johnson, allen Dementis zum Trotz,
stellt, spätestens am 31. Oktober wieder ganz groß rauskom- hineinzwingen in Neuwahlen im Herbst. Die zurückliegenden
men wird in der Welt. Und es war eine Drohung an Brüssel: Europawahlen haben gezeigt, wie desaströs ein solcher
Verhandelt mit uns zu unseren Bedingungen, tönte Johnson, Urnengang für die Tories enden könnte. Sollte Johnson das
tut ihr es nicht, werdet ihr schuld sein an den Eruptionen, britische Volk jedoch davon überzeugen, dass ihn allein Brüs-
die ein vertragloser Bruch mit sich bringen wird. Im Übrigen seler Sturheit zu Wahlen gezwungen habe, könnte die Wut
könne er jederzeit die 39 Milliarden Pfund zurückhalten, auf der Menschen ihm die nötigen Stimmen sichern und nicht
die sich London und Brüssel 2017 als Austrittsrechnung ver- der Brexit-Partei von Nigel Farage. Ein Kabinett, das so wild
ständigt haben. »Unterschätzt nicht dieses Land«, rief er. entschlossen EU-feindlich zu sein scheint wie Johnsons, wür-
Sprach’s und machte sich daran auszumisten. In einer der de womöglich konservative Zweifler bei der Stange halten
rücksichtslosesten Kabinettsumbildungen der jüngeren briti- und den Konservativen doch noch einmal die Macht sichern.
schen Geschichte schmiss er all jene Männer und Frauen raus, Ein Showdown in Brüssel, gefolgt von einem Showdown
die ihn zuletzt beleidigt oder an seiner simplen messianischen daheim: Vieles spricht dafür, dass Johnson sich darauf vor-
Agenda – »Believe!« – Zweifel geübt hatten. bereitet. Dass er damit sein aufgewühltes Land noch tiefer
Das neue Kabinett besteht fast ausschließlich aus Brexit- spalten würde, scheint ihm egal zu sein.
Frömmlern, die für rationale Mahnungen vor einem unabge- Für Johnson ist Politik ein Spiel, und er ist gewohnt zu ge-
federten Bruch nicht mehr zugänglich sind. Mehrere neue winnen. Niemand wird sagen können, er habe das vorher
Minister glauben ernsthaft, dass ein sogenannter No Deal nicht gewusst. Jörg Schindler

70
genen Jahr acht von zehn Befragten, die
Regierung gebe zu viel Geld für Geflüch-
tete aus. Immer häufiger kommt es zu
Übergriffen. Im Istanbuler Stadtteil Kü-
çükçekmece machte im Juli ein Mob von
rund 60 Männern Jagd auf Migranten.
Der türkische Präsident Recep Tayyip
Erdoğan hat längst eine Kehrtwende in
der Migrationspolitik vollzogen. Er hat

KAYHAN OZER / PRESIDENCY PRESS SERVICE / PICTURE ALLIANCE / AP


2017 an der Grenze zu Syrien eine Mauer
errichten lassen, die es Flüchtlingen in-
zwischen fast unmöglich macht, dem
Krieg zu entkommen. Menschenrechts-
organisationen berichten, türkische Sol-
daten würden regelmäßig auf Menschen
schießen, die versuchten, den Wall zu
überwinden.
Nun verschärft Ankara offenbar auch
die Repressionen gegen Syrer, die bereits
in der Türkei leben. Im Internet kursieren
Videos, die zeigen, wie Flüchtlinge mit Ka-
belbindern gefesselt abgeführt werden. In-
nenminister Süleyman Soylu kündigte an,
bis Jahresende 80 000 Syrer abschieben
Präsident Erdoğan, Ehefrau Emine, syrische Kinder: Stimmung gekippt zu wollen.
Dabei eskaliert der Krieg in Idlib gerade.
Syriens Diktator Baschar al-Assad ver-
er freiwillig in seine Heimat zurückkehre. sucht seit Monaten gemeinsam mit Russ-
Jagd auf Dann setzten sie ihn in einen Bus und karr-
ten ihn einmal quer durchs Land bis über
land, seinem engsten Verbündeten, die
Provinz Idlib von zumeist islamistischen
die Grenze nach Syrien. Rebellen zurückzuerobern. In den vergan-
Migranten Nun sitzt Amar in Idlib, Nordsyrien,
fest – im Kriegsgebiet. Aus Angst vor Re-
genen Tagen sind die Gefechte noch hefti-
ger geworden. Syrische und russische Jets
pressionen will er seinen echten Namen nehmen offenbar gezielt zivile Einrichtun-
Türkei Die Erdoğan-Regierung nicht nennen. Er ist verzweifelt. Er sagt gen wie Krankenhäuser oder Schulen un-
schiebt Syrer ins Kriegsgebiet am Telefon: »Ich will einfach nur in Frie- ter Beschuss, um die Bevölkerung zu zer-
ab – und untergräbt damit den den leben.« mürben.
Amar ist nicht der einzige Syrer, der aus Allein am Montag starben nach An-
Flüchtlingsdeal mit der EU. der Türkei abgeschoben wurde. Laut An- gaben der Vereinten Nationen 59 Zivilis-
gaben syrischer Oppositioneller wurden ten bei Bombenangriffen. Uno-Nothilfe-
allein in der vergangenen Woche etwa koordinator Mark Lowcock warnte bereits

M azen Amar glaubte, all das hinter


sich gelassen zu haben: das Dröh-
nen der Kampfjets am Himmel,
das Beben, wenn Bomben einschlagen, die
1000 syrische Flüchtlinge nach Idlib de-
portiert, 5000 sollen wegen ungültiger Pa-
piere verhaftet worden sein. In Istanbuler
Bezirken wie Esenyurt mit einem hohen
im vergangenen Jahr vor der »schlimms-
ten humanitären Katastrophe des Jahr-
hunderts«.
Mit den Abschiebungen nach Idlib ge-
Angst, jede Minute sterben zu können. Anteil an Syrern soll es laut Bewohnern fährdet die Türkei nicht nur Menschen-
Nun ist er wieder mittendrin. zu mehreren Razzien gekommen sein. leben – sie untergräbt auch das Abkom-
Amar, 25 Jahre alt, war 2017 aus Syrien »Ich will nur noch weg von hier«, sagt ein men, das sie 2016 mit der EU geschlossen
in die Türkei geflohen. Er hatte auf dem Syrer, der sich seit Tagen aus Angst vor hat. Die Europäer und Ankara verstän-
Basar in Istanbul Arbeit als Verkäufer in der Polizei in seiner Istanbuler Wohnung digten sich damals darauf, dass die Türkei
einem Taschengeschäft gefunden. Er mie- versteckt hält. unter anderem finanzielle Hilfe erhält,
tete eine Wohnung im Stadtteil Esenyurt, Die Türkei hat seit Beginn des Bürger- wenn sie im Gegenzug Flüchtlinge an der
in dem sich etliche seiner Landsleute nie- kriegs rund 3,5 Millionen Syrer aufge- Weiterreise nach Europa hindert. Der
dergelassen haben. Er stellte sich auf eine nommen – mehr als jeder andere Staat. Deal beruht auf der Annahme, dass es
Zukunft in der Türkei ein. Das Zusammenleben zwischen Türken sich bei der Türkei um einen sicheren
Anfang Juli jedoch wurde er auf dem und Syrern verlief lange Zeit weitgehend Drittstaat handle, in den Flüchtlinge etwa
Heimweg vom Basar von Polizisten fest- harmonisch. Zwar kam es auch in der Tür- aus Griechenland zurückgeschickt wer-
genommen. Amar ist in Bolu, einer Stadt kei zu Auseinandersetzungen zwischen den könnten.
im Norden der Türkei, als Flüchtling regis- der Mehrheitsgesellschaft und den Neu- Menschenrechtler kritisieren nun: Die
triert, wohnt aber in Istanbul, da es nur ankömmlingen, aber viel seltener als etwa Abschiebungen demonstrierten, dass dem
dort Arbeit für ihn gibt. in Deutschland. nicht so sei. In einer Erklärung der Initia-
In der Vergangenheit wurde diese Pra- Inzwischen ist die Stimmung gekippt. tive »Adopt a Revolution«, die sich für
xis von den türkischen Behörden geduldet Die Türkei steckt in einer Wirtschaftskrise. ein Ende des Bürgerkriegs in Syrien ein-
oder mit geringen Geldstrafen geahndet. Viele Türken betrachten Migranten als setzt, heißt es: »Der EU-Türkei-Deal ist
Nun sperrten die Beamten Amar für meh- Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Ge- gescheitert.« Maximilian Popp
rere Tage in eine Haftanstalt. Sie nötigten genüber der US-Denkfabrik Center for Twitter: @Maximilian_Popp
ihn, ein Papier zu unterschreiben, wonach American Progress kritisierten im vergan-

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 71


Ausland

Waise Sorelis mit Schwester (l.) im brasilianischen Pacaraima: »Drei Schüsse hatten sie in die Brust getroffen«

Krieg ums Gold


Venezuela Das Regime von Machthaber Maduro braucht zum Überleben die Bodenschätze der
Ureinwohner. Deshalb kämpft es gegen sie – und schreckt vor Massakern nicht zurück.

A
ls sie die Schüsse hörte, sagt So- ben sie den Vater begraben. Ein namen- Land verteidigen, auf der einen Seite und
relis García Rodríguez, ein 16-jäh- loser Erdhügel liegt in der gleißenden Mit- der venezolanischen Armee sowie bewaff-
riges Mädchen vom indigenen tagssonne, die Blumen auf dem Grab sind neten Gruppen, die mit ihr zusammen-
Volk der Pemonen, habe ihre vertrocknet. Eigentlich wollten seine arbeiten und das Gold der Region ausbeu-
Mutter gerade Maispasteten gebacken. Kinder ihn an der Seite ihrer Mutter im ten wollen, auf der anderen Seite. Im Pe-
»Soldaten fuhren die Straße herunter, sie Heimatdorf bestatten. Aber Venezuelas monenland führen Indigene, Militärs und
feuerten auf die Leute am Wegesrand.« Machthaber Nicolás Maduro hatte die bewaffnete Gruppen wie die kolumbiani-
Als sie nachschaute, fand sie ihre Mutter Grenze geschlossen. sche Guerilla ELN einen Krieg um Gold,
Zoraida tot auf dem Boden ihres Hauses Sorelis legt den Arm um ihre 13-jährige Diamanten und seltene Erden.
in dem Dorf Kumarakapay. »Drei Schüsse Schwester, die neben ihr in der Hängemat- Der Konflikt spielt sich in einer der ab-
hatten sie in die Brust getroffen.« te liegt. Sie schluchzt leise, die Erinnerung gelegensten Gegenden Venezuelas ab: der
Wenige Schritte entfernt fand Sorelis ih- an die Morde ist noch frisch. Die Mutter Gran Sabana. Sie ist eine der spektakulärs-
ren schwer verletzten Vater. »Er war Mut- der Waisen von Kumarakapay war keine ten Landschaften der Welt, eine hoch ge-
ter zu Hilfe geeilt, da haben die ihn auch politische Aktivistin, sie lebte vom Ver- legene Savanne, 10 000 Quadratkilometer
beschossen«, sagt sie. Angehörige brachten kauf der Maispasteten. groß, geprägt von bis zu 1000 Meter ho-
ihn über die nahe Grenze nach Brasilien. Die Familie geriet in einen Konflikt, bei hen Tafelbergen, zerklüfteten Schluchten
Dort starb er Tage später im Krankenhaus. dem es um das Überleben ihres Volkes und gewaltigen Wasserfällen, darunter der
Sorelis hat vier Geschwister. Drei der geht, aber auch um das Überleben des höchste der Erde. Sie inspirierte den Aben-
Waisen leben seit März in einem Indige- Maduro-Regimes. teuerklassiker »Die vergessene Welt« von
nendorf auf der anderen Seite der Grenze, Die Schießerei, der Sorelis’ Mutter zum Arthur Conan Doyle. Es ist die Heimat
in Pacaraima, Brasilien. Hinter der Sied- Opfer gefallen ist, war ein Höhepunkt im des Volkes der Pemonen, früher zogen
lung, am Rande eines Fußballplatzes, ha- Konflikt zwischen den Pemonen, die ihr hier Abenteurer und Touristen durch. Die

72 Fotos: NICOLO LANFRANCHI für den SPIEGEL


Brasilianische Soldaten an der Grenze zu Venezuela: Ein Konflikt um Gold, Diamanten und seltene Erden

Unesco erklärte den Nationalpark Canai- jetzt in den Schutzgebieten ihrer brasiliani- Er warf der Menschenrechtskommissarin
ma, in dem die Gran Sabana liegt, im Jahr schen Stammesgenossen nahe der Grenz- Bachelet vor, sich »dem Druck aus den
1994 zum Weltnaturerbe. stadt Pacaraima. Die Vereinten Nationen USA« gebeugt zu haben. Das Dokument
Die Gegend beherbergt außerdem Gold- haben dort ein Durchgangslager errichtet, sei voll von »falschen Behauptungen«.
vorkommen, die vermutlich zu den größ- sie verteilen Essen und versorgen die Flücht- Bachelet, zweimalige Präsidentin Chiles,
ten der Erde gehören. Und um dieses Gold linge mit Matratzen und Zeltplanen. ist allerdings Sozialistin und pflegte wäh-
dreht sich nun alles. Venezuela befindet Die Schüsse auf die Indigenen, die auch rend ihrer Regierungszeit gute Beziehun-
sich in einer existenziellen Krise. Das Sorelis’ Mutter töteten, fielen im Morgen- gen zu Maduros Vorgänger Hugo Chávez.
Land, das über die größten bekannten Erd- grauen des 22. Februar – einen Tag bevor Indigene Autoritäten seien »oft Drohun-
ölvorkommen der Welt verfügt, befindet Venezuelas Parlamentspräsident Juan gen und Angriffen durch staatliche Akteu-
sich am Rand des Bankrotts. Die Bevölke- Guaidó, der sich im Januar unter Berufung re ausgesetzt«, hält der Bachelet-Report
rung hungert, es gibt keine Medikamente, auf die Verfassung zum Interimsstaatschef fest. Speziell unter den Pemonen seien An-
keine bezahlbaren Lebensmittel in den Ge- ausgerufen hatte, Konvois mit Hilfsgütern führer im Visier »gezielter Repression von-
schäften, es fehlt an Klopapier und sogar ins Land bringen wollte. Die Sicherheits- seiten staatlicher Akteure«.
an Benzin. Die Ölförderung, bislang die kräfte töteten bei den Zusammenstößen 30 000 Pemonen lebten vor der Eska-
Haupteinkommensquelle, geht seit Jahren laut Uno-Angaben sieben Menschen, un- lation in Venezuela, etwa 800 siedelten
zurück. Korruption und Misswirtschaft ha- ter ihnen vier Indigene. Die Anzahl der damals schon in Brasilien, dort nennen sie
ben dazu geführt, dass die Förderanlagen Toten ist womöglich weitaus höher: sich Taurepan. Sie sprechen dieselbe Spra-
der staatlichen Ölgesellschaft verfallen. Michelle Bachelet, die Uno-Hochkom- che und sehen sich als eine große Familie:
Das Regime von Präsident Maduro missarin für Menschenrechte, veröffent- »Wir sind immer zwischen den beiden Län-
stützt sich auf Benzinschmuggel und Dro- lichte Anfang Juli einen Report zur Lage dern gependelt«, sagt Ivanete de Souza
genhandel, das Militär hält zu ihm, weil die in Venezuela und schrieb, sie sei »be- Affonso, die Frau eines brasilianischen
Generäle an illegalen Geschäften beteiligt sorgt über Berichte von einem möglichen Kaziken. So heißen die Anführer der Indi-
sind. Doch seit den Sanktionen der USA Massengrab«. genen. »Die Grenze hat für uns nicht exis-
und der EU kann die Regierung kaum noch Anführer der Pemonen, die nach Brasi- tiert.« Tausende Ureinwohner sind in die
Öl verkaufen und kommt nicht an die De- lien geflüchtet sind, sagen, dass Angehöri- Nachbarstaaten geflüchtet. In ihrer Hei-
visen, die sie zum Überleben braucht. ge ihrer Gemeinschaft von den Militärs ab- mat leiden sie Hunger; Kinder und Alte
Deshalb braucht das Regime das Gold, geführt worden und seither verschwunden sterben an Grippe oder Malaria, weil es
das im Siedlungsgebiet der Pemonen lagert. seien. Der für die Region zuständige Gou- keine Medikamente gibt.
Nach Uno-Angaben sind knapp 1000 Pe- verneur bezichtigte die Indigenen »terro- In Venezuela lebten die Pemonen früher
monen vor den Auseinandersetzungen ristischer Akte«. Maduro hat sich bislang vor allem vom Tourismus: Sie verdingten
nach Brasilien geflüchtet. Die meisten leben nicht konkret zu den Vorwürfen geäußert. sich als Führer, betrieben Restaurants und

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 73


Ausland

verkauften Kunsthandwerk. Als sich die nie so viel Macht besessen wie in anderen feuerten um sich«, so Pulido. »Sie kamen,
wirtschaftliche und politische Krise zu- Regionen. Maduros Vorgänger Chávez um zu töten.« Die Indigenen hätten keine
spitzte, blieben die Besucher weg. »Was hatte den Indigenen weitgehende Rechte Chance gehabt, sich zu wehren: »Unsere
wir anbauen, reicht nicht zum Überleben«, zugestanden. Die Pemonen durften eigene einzigen Waffen sind Pfeil und Bogen, und
sagt René González, ein geflüchteter Ka- Wachpatrouillen aufstellen und kontrol- die benutzen wir nur zur Jagd.«
zike aus dem Dorf Kumarakapay. lierten den Flughafen der Regionalhaupt- Die Indigenen hatten zuvor einen Jeep
Die Indigenen erschlossen sich eine stadt Santa Elena. »Die meisten Indigenen des Militärkonvois gestoppt und die vier
neue Einkommensquelle, die mit zu ihren waren Chávez-Anhänger«, sagt der Kazi- Insassen gefangen genommen. »Berichten
heutigen Problemen führte: »Wir eröffne- ke Alexis Romero, der von 1999 bis 2004 zufolge wurden sie misshandelt«, heißt es
ten kleine Gold- und Diamantminen«, sagt den nationalen Indigenenverband leitete. im Report der Uno-Menschenrechtskom-
González. Mit Pickel, Sieb und Schaufel Nach Chávez’ Tod 2013 verschlechterte mission. In Santa Elena gingen die Militärs
durchwühlten seine Leute Flüsse und sich ihr Verhältnis zur Zentralmacht. »Ma- brutal gegen alle vor, die sie für Regie-
Schluchten. Gold und Edelsteine verkauf- duro fürchtet, dass ihm die Kontrolle über rungsgegner hielten. Die Uno berichtet
ten sie an Zwischenhändler in der Provinz- die Region entgleitet«, sagt Romero. von »exzessiver Gewalt« gegen Indigene
hauptstadt Santa Elena de Uairén, die wie- Ernesto Pulido, ein Häuptling aus und Nichtindigene und zitiert Augenzeu-
derum schmuggelten die Ware ins Ausland. Kumarakapay, sagt: »Die Politik hat uns gen: »Die Nationalgarde feuerte wahllos
Heute sei Gold die einzige Währung in gespalten.« Er fügt hinzu: »Viele Kaziken und aus nächster Nähe aus gepanzerten
den Indigenengebieten, sagt González. unterstützen Maduro; die Regierung be- Fahrzeugen«, sogar auf das Krankenhaus.
»Die Landeswährung Bolívar ist nichts sticht sie mit Gold und Autos.« Soldaten, regierungstreue Milizen und
wert, die Hyperinflation frisst das Gangsterbanden seien mit Panzer-
Geld auf. Lebensmittel und Medi- wagen und Tränengas in die Stadt
300 km
kamente werden nur in Gold ge- eingerückt, berichtet Pulido.
handelt.« Allein im Nationalpark Neun Indigene wurden laut der
Canaima gibt es Dutzende illegale Caracas venezolanischen Menschenrechts-
Minen. Satellitenbilder zeigen wei- organisation Foro Penal vom Ge-
te Gebiete, die Mondlandschaften heimdienst festgenommen. Unter
Siedlungsgebiet
gleichen. Flüsse sind mit Quecksil- ihnen war auch der Kazike Pulido.
VENEZUELA der Pemonen
ber verseucht; die Minenarbeiter Er sagt, sie seien in einer Kaserne
verwenden es, um Gold vom Ge- gefoltert worden. »Zwei Tage lang
Arco
stein zu trennen. Minero
waren wir an Händen und Füßen
Die Umweltorganisation SOS Kumara- gefesselt. Sie beleidigten uns als
Orinoco, die das Drama dokumen- KOLUMBIEN Nationalpark kapay ›verdammte Indios‹ und schlugen
tiert, informierte im vergangenen Or Canaima uns.« Nach seiner Freilassung habe
ino
Jahr die Unesco über den Raubbau er sich in den Bergen versteckt,
co

in Canaima. Die bat die Regierung SÜD- Pacaraima eine Woche später sei er mit Frau
um eine Stellungnahme. Maduro AMERIKA und Kind nach Brasilien geflohen.
reagierte nicht. Auch die Indigenen waren nicht
Santa
Die Bodenschätze hatten da Elena de zimperlich: Sie hätten 42 Angehö-
schon die Begehrlichkeiten der Re- Uairén rige der Nationalgarde auf dem
gierung geweckt. Maduro will den Flughafen von Santa Elena festge-
BRASILIEN
Einkommensverlust wegen des Öls nommen und anschließend gefol-
durch den Verkauf von Gold und tert, berichteten zwei Anwohner
anderen Bodenschätzen ausglei- gegenüber der Nachrichtenagentur
chen – acht Tonnen des Goldes, das in der Im vergangenen Jahr wurde aber ein in- Reuters. Die Soldaten wurden angeblich
Zentralbank lagert, sollen im April laut ei- digener Oppositionspolitiker zum Bürger- gezwungen, sich halb nackt auf Haufen
nem Bericht von Reuters verkauft worden meister des Verwaltungsbezirks gewählt, von Feuerameisen zu setzen, die ihnen
sein. Die Türkei, berichtete ein spanisches zu dem das Pemonenland gehört – die Re- schmerzhafte Stiche zufügten.
Nachrichtenportal, sei in der Vergangen- gierung erkannte ihn nicht an. In Kumara- Bei den Auseinandersetzungen seien
heit beim Verkauf behilflich gewesen sein. kapay, wo sich die Schießerei ereignete, mindestens 14 Indigene verletzt worden,
Der größte Teil des Goldes stammt aus hätten Anwohner ein Transparent mit der berichten Augenzeugen. Weil es im Kran-
dem Arco Minero, einer Bergbauregion, Aufschrift »Guaidó ist Präsident« aufge- kenhaus der Provinzhauptstadt Santa Ele-
die sich quer durchs Land zieht. Dort kon- spannt, berichten Flüchtlinge. na weder Verbandsmaterial noch Medika-
trollieren verschiedene bewaffnete Grup- Als der Oppositionsführer ankündigte, mente gab, schickten die Ärzte die Kran-
pen und Verbrechersyndikate die Minen. dass Hilfsgüter aus Brasilien am 23. Febru- ken laut Pulido weiter über die Grenze.
»Sie zwingen die Indigenen, in den Mi- ar ins Land kämen, hätten Pemonen sich Die meisten Flüchtlinge in Brasilien
nen zu arbeiten«, sagt Bram Ebus, Co-Au- zur Grenze aufgemacht, um die Lastwagen glauben, dass der Streit um die humanitäre
tor einer Studie der International Crisis zu eskortieren. Sie seien von Maduro- Hilfe im Februar nur ein Vorwand war für
Group. Ein Teil des Goldes werde vom Anhängern blockiert worden. »Es war eine eine groß angelegte Säuberungsaktion.
Staat aufgekauft, der Rest geschmuggelt. Konfrontation unter Indigenen«, sagt der »Maduro sieht jetzt die Chance gekom-
Die Streitkräfte kassierten ab: »Sie erleich- Kazike Pulido über die Auseinanderset- men, unser Land endgültig zurückzuer-
tern den illegalen Gruppen das Geschäft.« zung an der Grenze. obern«, sagt Alexis Romero, der ehemali-
Soldaten würden von Schmugglern Wege- Einen Tag vor der geplanten Übergabe ge Indigenenfunktionär.
zoll verlangen, berichten indigene Flücht- der Lebensmittel habe das Militär einge- Hinter dem Uno-Containerdorf im bra-
linge. »Die Regierung wollte die Hälfte un- griffen, so Pulido: »Um drei Uhr morgens silianischen Pacaraima liegt eine der Sied-
serer Einkünfte«, sagt Kazike González. rückten Soldaten in unser Dorf ein.« Drei lungen, in denen die Flüchtlinge leben. Hier
Das Land der Pemonen grenzt an den Stunden später seien sie zurückgekehrt. beginnt militärisches Sperrgebiet. Die Ur-
Arco Minero, doch die Regierung hat hier »Sie fuhren im Konvoi durch das Dorf und einwohner haben Wachen aufgestellt. Die

74 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Grenze ist nur einen Steinwurf entfernt.
Täglich treffen neue Indigene aus Venezue-
la ein. Die meisten fliehen, weil Lebensmit-
tel und Medikamente fehlen. »Wir haben
die brasilianischen Kaziken zusammenge-
trommelt und gebeten, die Flüchtlinge auf-
zunehmen«, sagt Rafael Levy vom Uno-
Flüchtlingshilfswerk UNHCR.
Die geflüchteten Pemonen leben in Zel-
ten und Hütten, die ihnen von ihren brasi-
lianischen Verwandten überlassen wurden.
Einige haben Campingzelte mitgebracht,
die sie früher an Touristen vermieteten. In
einem Holzverschlag, der als Hühnerstall
geplant war, haben sich drei Familien ein-
quartiert. Zwei Flinten lehnen an der Wand,
vor zwei Tagen habe er einen Jaguar er-
legt, erzählt einer der Männer.
Über der ganzen Gegend liegt beißen-
der Brandgeruch, viele Hügel sind schwarz
und kahl, an einigen Stellen steht die Vege-
tation noch in Flammen. Die Flüchtlinge
fackeln den Urwald ab, um auf dem Ge-
lände Maniok und Mais zu pflanzen. Bei
brasilianischen Umweltschützern sorgt das
für Entsetzen. Die Kaziken der venezo-
lanischen Pemonen versichern, in ihrer
Heimat seien Brandrodungen üblich. Die
brasilianische Umweltbehörde drückt of-
fenbar beide Augen zu.
Auf der venezolanischen Seite ist das
Grenzgebiet militarisiert, der Flughafen
von Santa Elena wurde den Streitkräften
unterstellt. »Maduros Soldaten haben un-
sere Dörfer besetzt«, sagt Kazike Pulido.
Santa Elena sei in der Hand von Verbre-
cherbanden, die sich mit den Streitkräften
verbündet hätten.
Internationale Menschenrechtsorganisa-
tionen wollen den Flüchtlingen helfen, Ma-
duro wegen des Massakers zu verklagen.
Ende März war die US-Menschenrechts-
aktivistin Kerry Kennedy in Pacaraima, eine
Tochter des ermordeten US-Politikers Ro-
bert Kennedy. Sie will den Pemonen helfen,
den Fall vor die Interamerikanische Kom-
mission für Menschenrechte zu bringen.
Die meisten Flüchtlinge machen sich
keine Illusionen über die Erfolgsaussich-
ten. »Maduro sitzt fest im Sattel«, sagt
Kazike Pulido. An eine baldige Rückkehr
glaubt er nicht: »In Venezuela haben wir
keine Zukunft.«
Für die Waisen des ermordeten Indige-
nenehepaars von Kumarakapay hat die
Odyssee erst begonnen. Der Kazike Pulido
möchte sie in ein anderes Flüchtlingslager
umsiedeln, sie sollen Portugiesisch lernen,
auf eine brasilianische Schule gehen.
Der 16-jährigen Sorelis und ihren Ge-
schwistern fällt diese Vorstellung schwer.
»Ich habe schreckliches Heimweh«, sagt
das Mädchen. »Eigentlich will ich nur ei-
nes: so schnell wie möglich nach Hause.«
Jens Glüsing
Geflohene Pemonen im Aufnahmelager nahe dem brasilianischen Pacaraima Mail: jens.gluesing@spiegel.de
»Maduros Soldaten haben unsere Dörfer besetzt«

75
YOUNES MOHAMMAD / DER SPIEGEL
Zerstörtes Zentrum von Mossul: »Eine konservative Stadt mit vielen Beschränkungen«

Rückkehr nach Mossul


hen: Religion, Politik und Sex«, sagt Saeed.
»In einer konservativen Stadt wie Mossul
gibt es viele Beschränkungen. Wir wollen
irgendwann frei berichten und reden kön-
nen – das ist mein Traum.«
Irak Der Wiederaufbau des Landes stockt. Das Projekt ist eine der seltenen Erfolgs-
Also nehmen junge Menschen die Zukunft selbst in die Hand. geschichten in einer Region, die lange Zeit
von Schrecken beherrscht wurde: Drei Jah-

I
re lang hatte die Terrormiliz »Islamischer
m Zentrum von Mossul, im dritten des Cafés befindet. Zusammen mit fünf Staat« Mossul kontrolliert, ehe die iraki-
Stock eines Einkaufszentrums, ent- Freunden, die alle in etwa so alt sind wie schen Sicherheitskräfte und Milizen ge-
wirft Ghadeer Ahmad Saeed, 33 Jah- er, hat er vor rund anderthalb Jahren meinsam mit ihren internationalen Ver-
re alt, einen neuen Irak – so wie er einen Radiosender gegründet und im Fe- bündeten die Stadt im Norden des Iraks
und seine Freunde ihn sich vorstellen. Er bruar das Radiocafé eröffnet. »Wir sind nach monatelangen Häuserkämpfen im
führt durch sein Café, in dem junge Män- das erste Medium, das aus Mossul sen- Juli 2017 zurückeroberten. Nun wagen jun-
ner und Frauen gemeinsam bei Tee und det«, sagt er. »Deshalb haben wir uns ge Menschen wie Saeed den Neubeginn.
Waffeln sitzen. Eine Frau zieht an einer ›OneFM‹ genannt.« Saeed hat in Mossul BWL studiert. 2007
Wasserpfeife, lächelnd verfolgt sie, wie OneFM bietet eine Mischung aus arabi- fing er an, als Journalist zu arbeiten. Schon
ihre Freunde mit ausschweifenden Gesten scher Popmusik und Journalismus. Saeed damals sprengten sich immer wieder Isla-
das Erzählte unterstreichen. So vertieft ist und seine Kollegen haben ihre gesamten misten in die Luft. Trotzdem blieb Saeed
die Gruppe in das Gespräch, dass keiner Ersparnisse in den Sender gesteckt. Sie in der Stadt, bis 2014 der »Islamische
von ihnen aufschaut, als Saeed an ihnen wollen, anders als die meisten irakischen Staat« die Macht an sich riss. »Da dachte
vorbeiläuft. Medien, nicht von politischen Parteien fi- ich: Das war’s«, erzählt er.
Saeed bleibt vor einem Tonstudio ste- nanziert werden. »Wir versuchen, die drei Saeed flüchtete vor den Dschihadisten
hen, das sich hinter Glaswänden inmitten Tabus des Journalismus im Irak anzuge- in die Türkei. Im Sommer 2015 reiste er

76
Ausland

weiter über den Balkan nach Europa. Er Südirak stehen, die sich verschiedene Auf- Er weiß, dass er den Job nicht allein stem-
träumte von Italien, zog dann doch nach näher mit Totenköpfen auf die Brust- men kann. Der Markt in der Altstadt etwa
Belgien, weil er unterwegs von anderen tasche geheftet haben, einer davon das habe nur dank des Engagements der Bür-
Geflüchteten gehört hatte, dass Belgien ein Symbol des »Punisher« aus den Marvel- ger wiedereröffnet, bekennt er. »Unsere
multikulturelles, offenes Land sei, in dem Comics, der einen brutalen Rachefeldzug eigenen Möglichkeiten als Stadtverwal-
man unterschiedliche Sprachen spreche. gegen Verbrecher führt. Die irakische Re- tung sind begrenzt angesichts des Aus-
Fast zwei Jahre lang lebte Ahmad Saeed gierung will die Milizen bis zum 31. Juli maßes des Desasters.«
in Antwerpen. Es gefiel ihm. Er arbeitete in die nationalen Sicherheitskräfte ein- Bis die Stadt wieder halbwegs intakt ist,
als Producer für einen arabischsprachigen gliedern. Doch kaum jemand glaubt, dass wird es Jahre dauern. Allein die Kosten
Radiosender. Doch als im Sommer 2017 das tatsächlich gelingt. Dafür sind die für Infrastrukturmaßnahmen schätzt die
die Dschihadisten aus Mossul vertrieben Paramilitärs viel zu mächtig, und die Re- Uno auf mehr als eine Milliarde Dollar.
waren, wusste er sofort: Er musste zurück gierung ist zu schwach. Auch unterge- Und dann ist da noch ein undurchsichtiges
– obwohl ihm seine Eltern und seine Freun- tauchte IS-Anhänger werden weiter in Geflecht aus Politikern und Unterneh-
de davon abrieten. Mossul vermutet. Zuletzt wurde im Mai mern, das Mossul durchdringt: Die Kor-
»In Europa, so schön es dort ist, wer bin ein Bombenanschlag verübt. Mitarbei- ruption sei der wichtigste Grund, warum
ich dort? Eine Zahl? Ein Durchreisender?«, tern internationaler Hilfsorganisationen der Wiederaufbau stocke, sagen Uno-
fragt Saeed. »Ich will etwas erreichen in wird empfohlen, vor Einbruch der Dun- Mitarbeiter. So ist das auch im Rest des
meinem Leben. Ich wusste, wenn ich zu- kelheit Mossul zu verlassen, um nicht ent- Landes.
rückkomme, dann will ich in Mossul etwas führt zu werden. Aber überall im Irak trifft man junge
aufbauen.« In den ersten Monaten nach Der Bürgermeister von Mossul, Zuhair Menschen wie den Journalisten Ghadeer
seiner Rückkehr half er, die Trümmer weg- Mohsen Al Araji, ein rundlicher Mann mit Ahmad Saeed, die an eine bessere Zu-
zuräumen. Dann fing er an, kunft für sich und ihr Land
Neues zu schaffen. glauben. Safwan Hadid, Inge-
OneFM sendet von sechs nieur, 29 Jahre alt, in Mossul
Uhr morgens bis ein Uhr bekannt unter seinem Face-
nachts. Rund 25 Journalisten book-Pseudonym Safwan al-
arbeiten für das Start-up, Madani, hat vor Kurzem da-
etwa die Hälfte von ihnen für gesorgt, dass in Teilen der
sind Frauen, die jüngste ist zerstörten Altstadt wieder
16 Jahre alt und geht noch Wasser fließt. »Ich habe ein-
zur Schule. Niemand ver- fach einen Klempner ange-
dient bislang Geld. Saeed stellt und zusammen mit ihm
hofft, dass sich das durch die Leitungen verlegt«, sagt
Werbung bald ändert. er. Als Nächstes will er er-

YOUNES MOHAMMAD / DER SPIEGEL


Schon jetzt verfolgen Tau- reichen, dass die unter dem
sende Iraker das Programm IS heruntergewirtschafteten
übers Radio oder im Inter- Krankenhäuser Mossuls, die
net. Im Frühjahr war der einst im ganzen Irak für ihre
Bürgermeister von Mossul Herzchirurgen und Internis-
zu Gast bei OneFM, um mit ten berühmt waren, besser
Anrufern über den Wieder- ausgestattet werden. Das
aufbau von Brücken, die Re- Kapital dafür treibt er durch
paratur der Straßen oder die Radiogründer Saeed: »Religion, Politik und Sex« Crowdfunding über seine
Stromversorgung zu spre- Facebook-Seite ein. »Vor al-
chen. Ein solches Format ist lem die Bürger von Mossul
geradezu revolutionär für den Irak, wo dichtem hellgrauem Haar, hat immer einen geben mir Geld. Aber ich bekomme auch
sich viele Politiker wie Fürsten aufführen, Bodyguard bei sich. In seinem Gelände- Überweisungen von Irakern aus aller Welt,
die niemandem Rechenschaft schuldig wagen steuert er ein Café am Tigris an, wo auch aus Deutschland«, erzählt er. Wo die
sind. ihn die Kellner sofort erkennen. Er setzt Politik den Bürgern kaum hilft, helfen sie
Mossul steht stellvertretend für die Pro- sich an einen der leeren Tische am Fenster. sich selbst – gezwungenermaßen.
bleme des Irak: Der Wiederaufbau kommt Sein Bodyguard bleibt an der Eingangstür Trotz all der Schwierigkeiten hat Jour-
nur sehr langsam voran. Auch zwei Jahre stehen. Draußen fließt der türkisfarbene nalist Saeed es bisher noch nicht bereut,
nach dem Rückzug des IS ist es noch im- Tigris vorbei. Am gegenüberliegenden nach Mossul zurückgekehrt zu sein. Gera-
mer kein Ort, der zum Träumen einlädt. Ufer dreht sich das bunte Riesenrad eines de seine Zeit in Europa gibt ihm Hoffnung:
Der Tigris spaltet die Stadt in »aisar« und wiedereröffneten Vergnügungsparks. Der Dort habe er viel über den Zweiten Welt-
»aiman«, links und rechts, wie die Bewoh- Bürgermeister lehnt sich demonstrativ ent- krieg gelernt – die Barbarei der Nazis, das
ner die Uferseiten nennen. Während im spannt auf seinem Stuhl zurück. »Ich könn- Ausmaß der Zerstörung – und die Versöh-
Osten der Stadt der Alltag weitgehend zu- te hier nicht sitzen, wenn Mossul nicht nung der vermeintlichen Erzfeinde Frank-
rückgekehrt ist, gleichen manche Viertel sicher wäre«, sagt er. reich und Deutschland. »Wenn Europa das
im Westen noch immer einer Mondland- Dreieinhalb Jahre lang hatte Mohsen geschafft hat, dann können wir das auch«,
schaft aus grauem Schutt. Tausende Be- Al Araji die Stadtverwaltung vom Exil sagt Saeed. »Ich hoffe, dass wir eine neue
wohner sind nicht wieder zurückgekehrt, in Arbil aus geführt, bevor er nach der Generation hervorbringen, die offener
nicht nur weil viele Häuser zerstört sind, Befreiung Mossuls mit seinen Beamten und toleranter ist. Die Ideen der Alten
sondern vor allem weil Jobs und Perspek- zurückkehrte. Seine Familie wohnt aus haben uns doch nur Unheil gebracht.«
tiven fehlen. Sicherheitsgründen weiter in Arbil. »Der Raniah Salloum
Nach wie vor gibt es Checkpoints, an Wiederaufbau Mossuls ist meine größte Mail: raniah.salloum@spiegel.de
denen Milizionäre aus Bagdad und dem Herausforderung«, sagt Mohsen Al Araji.

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 77


Wissenschaft+Technik
Da war dieser gequälte Körper, registriert als MAR09-05: männlich, 8 bis 12 Jahre alt, 107 Zentimeter groß. ‣ S. 83

MICHAEL KÖRNER / ACTION PRESS


Wie ein Blitz aus heiterem Himmel – das ist ein geflügeltes Wort, es beschreibt etwas Überraschendes. Doch
Gewitterblitze (wie hier in Berlin) kommen stets aus Wolken und deshalb selten unerwartet. In manchen
Gegenden knallt es öfter als anderswo; laut aktueller Jahresauswertung des Blitz-Informationsdienstes von
Siemens lag Kroatien 2018 europaweit vorn. Deutsche Blitzhauptstadt wurde das fränkische Schweinfurt.
Die derzeitige Hitzewelle ist ideal, um elektrostatische Entladungen am Himmel ordentlich krachen zu lassen.

Computer liege dies einfach an den vornehmlich wei- Fußnote

73
Künstliche Ignoranz ßen Vorbildern auf den 45 000 Gemälden,
mit denen der Algorithmus trainiert wur-
 Die Website Aiportraits.com versprach de, so der KI-Spezialist Klaus-Robert Mül-
vergangene Woche ihren Nutzern, aus ler von der TU Berlin. »Es ist die Realität
einem banalen Selfie ein malerisches des damaligen Malstils, nicht der Algorith-
Kunstwerk zu zaubern. Mit einem Klick mus«, heißt es bei IBM; Aiportraits sei Millionen wissenschaftliche Artikel
lasse sich das eigene Konterfei in einen nur ein »Experiment« gewesen. HIL umfasst eine neue Datenbank, die der
fast täuschend echten Rembrandt oder Datenspezialist Carl Malamud in
van Gogh verwandeln, generiert von ei- Indien aufbaut, berichtet die Wissen-
ner Software des Konzerns IBM, die mit- schaftszeitschrift »Nature«. Das Archiv,
hilfe künstlicher Intelligenz die Bilddaten dessen Inhalte bis zum Jahr 1847
mit Stilelementen aus der Kunstgeschich- zurückreichen, speichert mehr als
te mixt. Doch die IBM-Algorithmen sind 500 Terabyte Daten. Unklar ist, wie
GETTY IMAGES

eigenwillig: Sie verleihen Menschen mit die Sammlung – ohne Einwilligung der
dunkler Haut oder asiatischen Zügen oft Verlage – genutzt werden darf. Daher
ein europäisch wirkendes Gesicht mit hel- kann man sie bislang nur vor Ort
ler Haut und schmaler Nase. Womöglich Schauspielerin Tessa Thompson, KI-Porträt einsehen; eine Internetanbindung fehlt.

78 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Evolution mit ihren wölfischen Vorfahren ver- syndroms zeigt: weniger massive Kno-
wandt. Und die hatten vieles mit dem chen, weniger ausgeprägte Augenwülste.
»Das Artensterben Homo sapiens gemeinsam: Sie sind SPIEGEL: Wer hat den Mensch domes-
kooperativ und verspielt, sogar über tiziert?
ist lebensbedrohlich die Artgrenzen hinweg. Schauen Sie ein- Roberts: Möglicherweise haben wir das
fach mal, mit welcher Begeisterung selbst getan, aber natürlich nicht bewusst
für uns« Kleinkinder und Hundewelpen mit-
einander herumtollen.
oder geplant. Eine Hypothese ist, dass
kooperativere, verspieltere Menschen ein-
Alice Roberts, 46, Anthro- SPIEGEL: Vor allem, weil der Mensch fach erfolgreicher bei der Nahrungssuche
pologin an der University systematisch nur Tiere mit freundlichem, und Fortpflanzung waren. Aggressive
of Birmingham, über ihr erwünschtem Verhalten züchtete? und grobschlächtige Exemplare schnitten
Buch »Spiel des Lebens«, Roberts: Die künstliche Zuchtwahl konn- dabei vielleicht häufiger nicht so gut ab.
das sich mit der Frage te nur beschleunigen, was ohnehin an- SPIEGEL: Untergräbt die These von der
befasst, wie der Homo gelegt ist. Es gibt ja ähnliche Entwicklun-Selbstdomestizierung des Menschen nicht
DAVE STEVENS

sapiens, als er Tiere domes- gen auch ohne Einfluss des Menschen. Moral und Ethik?
tizierte, ganz nebenbei Denken Sie zum Beispiel an Bonobos, Roberts: Im Gegenteil. Der Mensch ist
auch sich selbst zähmte auch diese Affen zeigen Domestizierungs- Teil der Natur. Das Artensterben ist nicht
syndrome: Verglichen mit den Schimpan- nur moralisch verwerflich, sondern es ist
SPIEGEL: Frau Roberts, der moderne sen, sind Bonobos friedlicher und haben lebensbedrohlich für uns. Wir brauchen
Mensch sieht sich gern als Krone der einen zierlicheren Körperbau. den gesamten Genpool der Erde. Wenn
Schöpfung, die sich die Tierwelt untertan SPIEGEL: Lässt sich Ähnliches auch beim der Mensch sich selbst schützen will, muss
gemacht hat. Stimmt unser Selbstbild? Menschen beobachten? er nicht nur die Arten bewahren, mit
Roberts: Nein, es ist falsch, auch wenn tat- Roberts: Ja, wir erkennen an Urmenschen- denen er sich umgeben hat, die Pferde,
sächlich viele Menschen davon überzeugt fossilien, dass auch der Mensch viele Hunde und Hühner, den Weizen und
sind. Jede Art existiert in einem Ökosys- Anzeichen dieses Domestizierungs- Mais. Sondern auch die wilden Spezies,
tem, so auch wir. Nehmen Sie den denn vielleicht bilden wir in
besten Freund des Menschen, den Zukunft neue Allianzen mit Arten,
Hund. Irgendwann bildete sich eine die wir heute noch gar nicht ken-
Allianz zwischen uns und besonders nen. Wir sind der Evolution unter-
geselligen Wölfen heraus. Aber worfen, daher müssen wir das
das hat niemand bewusst so geplant. Schwinden der Vielfalt stoppen,
Mensch und Hund sind einfach ein schon aus Eigennutz.
perfektes Team für die Jagd, und so SPIEGEL: Haben Sie Haustiere?
profitierten beide Arten davon. Roberts: (lacht) Nein, aber ich
Dahinter steckt weniger der Mensch pflege meine Apfelbäumchen im
als die Evolution. Garten. Die Blüten locken Wild-
SPIEGEL: Bis der Mensch Chihua- bienen an, auch ein Buntspecht ist
SHUTTERSTOCK

huas züchtete, die in freier Wildbahn manchmal unterwegs. Das ist


kaum überleben würden. ein wunderbares Durcheinander
Roberts: Mag sein, aber genetisch zwischen Wildnis und Domes-
sind auch Chihuahuas noch eng Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo tizierung. Wie beim Menschen. HIL

Einwurf

Ein Fest für Mobbologen


Wie der neue britische Premier Boris Johnson die Sozialpsychologie voranbringen könnte

Ladies and gentlemen, congratulations. Boris Johnson ist seit Mitt- wie kann es sein, dass es sich trotzdem so ungebremst verbreitet?
woch der Premierminister Großbritanniens, euphorisch wurde er Eine Hypothese: Mobbing ist »ansteckend«, es überträgt sich wie
als »Britain Trump« begrüßt von seinem transatlantischen Vorbild eine Seuche. Die Piesackerei macht krank; es gibt Hinweise auf
in der hohen Kunst des Mobbings gegen Muslime, Frauen und erhöhte Risiken für psychische Probleme und für Diabetes. Und
andere Ziele seiner Missgunst. Well done, Boris. Endlich zwar nicht nur bei den Gemobbten, sondern auch bei den Tätern.
zieht Europa gleich mit den USA und verfügt nun über ein eigenes Früher untersuchte man vor allem diese beiden Gruppen. Heu-
Freiluftlabor, um die Mechanismen der Hetze gegen Schwächere te wird Mobbing als soziales Drama verstanden, das weitere Rol-
zu studieren. Zwar hat fast jeder eigene Erfahrungen mit dem The- len vorsieht, etwa Wegseher, Ermöglicher und eingeschüchterte
ma, egal ob auf dem Schulhof oder im Büro, doch mit Studien- Zuschauer. So schaffen es »Wounded Leaders«, emotional ver-
objekten wie Trump und Johnson eröffnet sich die Chance, der krüppelte Meinungsführer, ganze Länder in »Bully Nations« zu
Angewandten Mobbologie zum Durchbruch zu verhelfen. verwandeln (beide Begriffe sind Buchtiteln entlehnt). Es ist wie
Nein, dieses Fach gibt es bislang nicht, aber die Zeit wäre reif bei der Grippe, es gibt kein Allheilmittel. Aber Hoffnung: Der wis-
dafür, denn die Fragestellungen sind fundamental und faszinierend. senschaftlich-distanzierte Blick auf Mobber als Modellorganismen
Zum Beispiel diese: Die Kosten durch Mobbing sind gigantisch, kann wie eine Schutzimpfung wirken, in Schule, Büro oder Bun-
Sozialsysteme verlieren dadurch zig Milliarden Euro pro Jahr – destag. Thank you, Boris! Hilmar Schmundt

79
Im Sternendickicht
Weltall Mithilfe der Forschungssonde »Gaia« blicken Astronomen in die Tiefen der Milchstraße und
enthüllen dramatische Details ihrer Geschichte. Galaxien stürzten in sie hinein, Flüsse von
Sternen durchströmten und Sonnen querten sie. Ihre Jugend war wild – ihr Ende wird es wieder.

F
alls es vor zehn Milliarden Jahren verschiedene Sternpopulationen identifi- Himmel. Bis zum Start von »Gaia« aber
schon Leben in der Galaxis gab, ziert. Das Licht der einen sei eher rötlich war das Studium dieser großen Sternen-
dann stand ihm eine schwere Zeit eingefärbt. Sie entstamme der Ur-Galaxis, straße arg erschwert. Denn die Erde resi-
bevor. Damals rauschte eine ande- wie sie vor der Kollision bestand. Die an- diert in einem Außenbezirk der Galaxis,
re Galaxie direkt ins Sternenmeer der dere Population leuchte eher blau. Sie rund 27 000 Lichtjahre vom Zentrum ent-
Milchstraße. Manch eine Sonne wurde mit- habe einst der in die Milchstraße hinein- fernt. Von dort außen fällt der Blick auf
samt ihrer Planetenschar ins All hinauskata- stürzenden Galaxie angehört. Astrono- ein Gewimmel hintereinanderliegender
pultiert. men haben diese »Gaia-Enceladus« ge- Sterne, deren Entfernungen und Bewegun-
Das Drehbuch dieses galaktischen Spek- tauft. gen sich kaum entwirren lassen.
takels hat jetzt das Team der spanischen Zusammen mit Kollegen auf der ganzen Das hat »Gaia« nun radikal geändert.
Astrophysikerin Carme Gallart nachge- Welt hat sich Gallart darangemacht, die Mit bisher unerreichter Sehschärfe kann
zeichnet. »Wir haben die Abfolge der Er- Entwicklungsgeschichte der Galaxis zu dieses Weltraumteleskop bis tief ins galak-
eignisse rekonstruiert«, sagt sie. Ihr viel- schreiben. Möglich werden solche him- tische Sternendickicht blicken. Bahndaten
leicht überraschendster Befund: Die Zer- melshistorische Studien dank eines Satel- von insgesamt knapp 1,7 Milliarden Ob-
störung ging mit Schöpferkraft einher. liten namens »Gaia«. Vor gut fünf Jahren jekten hat das »Gaia«-Team veröffentlicht.
Dem Crash folgte eine Ära der Stern- setzte die Europäische Weltraumagentur Eine Sternenkarte von unvergleichlicher
entstehung – die Milchstraße erlebte einen Esa die Sonde 1,5 Millionen Kilometer von Präzision entstand.
Babyboom. der Erde entfernt aus. Seither revolutio- Sehnsüchtig hatte die Gemeinde der
Im Fachblatt »Nature Astronomy« be- niert sie das Verständnis der Milchstraße. Milchstraßenforscher darauf gewartet, die-
schreibt die spanische Forscherin, wie sie Lange war diese erstaunlich schlecht se Karte einsehen zu können. Im April vo-
vorgegangen ist. Im kugelförmigen Halo, kartiert. Zwar beherrscht sie als helles, Ehr- rigen Jahres war es dann endlich so weit:
der die Milchstraße umhüllt, hat sie zwei furcht gebietendes Band den nächtlichen »Ein Traum ging für mich in Erfüllung«,

80 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


ESA / GAIA / DPAC
»Gaia«-Karte der Milchstraße

erinnert sich die niederländische Astrono- Die Sonne, so das Ergebnis einer wei- erfüllt, für Teleskope aber unsichtbar ist.
min Amina Helmi, die als Erste die Spuren teren Studie, ist im Laufe ihres Lebens »Dies ist das erste Indiz dafür, dass es diese
des großen Crashs mit Gaia-Enceladus in weit gewandert. Geboren wurde sie viel theoretisch vorhergesagten Klumpen wirk-
den Daten des Weltraumteleskops nach- näher am galaktischen Zentrum. Seither lich gibt«, begeistert sich der Galaxienfor-
gewiesen hat. ist sie, beschleunigt von der Gravitations- scher Hans-Walter Rix vom Heidelberger
Als das »Gaia«-Team den Blick auf sei- kraft eines Spiralarms der Galaxis, um Max-Planck-Institut für Astronomie.
nen Datenschatz öffnete, war es, als wäre rund 10 000 Lichtjahre nach außen ge- »Gaias« Himmelskarte offenbart, dass
eine galaktische Stufe von Google Earth trudelt. die Milchstraße keineswegs der starre
freigeschaltet. Weltweit stürzten sich die Den vielleicht faszinierendsten Fund Monolith ist, als der sie lange galt. Je ge-
Forscher darauf. Erbittert wetteiferten sie veröffentlichte eine Forscherin der Har- nauer das Weltraumteleskop die Bewegun-
darum, dem Datenkonvolut seine Geheim- vard-Universität: Sie hat einen mächtigen gen einzelner Sterne erfasst, desto mehr
nisse zu entreißen. Strom aus Sternen untersucht, der sich entwickeln diese ein Eigenleben. Und je-
Ganze neun Stunden dauerte es, da mel- durch den galaktischen Halo bewegt. Da- der trägt seine eigene Geschichte mit sich
dete sich bereits der erste von ihnen zu rin, so stellte sie fest, klafft ein Loch. Ge- herum, die sich anhand seines Lichts ent-
Wort: Er hatte dank »Gaia« soeben die rissen wurde es vermutlich von einem schlüsseln lässt. Rix vergleicht es mit be-
Rotationsbewegungen in einer die Milch- Klumpen der mysteriösen Dunklen Mate- völkerungsgeschichtlichen Studien: Ähn-
straße begleitenden Zwerggalaxie vermes- rie, die zwar große Teile des Universums lich wie sich anhand von Erbgutanalysen
sen können. die Abstammung von Menschen ermitteln
Nun ging es Schlag auf Schlag. Viele lässt, erlaube es die Spektralanalyse des
Hundert Arbeiten sind inzwischen publi- Lichts, den Geburtsort eines Sterns zu be-
ziert, sie enthalten immer neue Details stimmen.
über Struktur, Entwicklung und Dynamik Die Galaxis erweist sich so als dynami-
der Milchstraße. Die einen entdeckten sches, pulsierendes Gebilde, das von Ster-
Querschläger, die aus dem Zentralbereich nen durchströmt und durchwandert wird.
anderer Galaxien herauskatapultiert wur- Selbst die prächtigen Spiralarme sind über-
den und nun mit überhöhter Geschwindig- raschend flüchtig: Unvermittelt lösen sie
REYER BOXEM / HH / LAIF

keit durchs Sternenmeer der Galaxis rasen. sich manchmal auf, um an anderer Stelle
Andere spürten Zombie-Sonnen auf, die wieder zu entstehen.
auf rätselhafte Weise Supernova-Explosio- Hinzu kommt: Die Milchstraße ist nicht
nen überlebt zu haben scheinen. Wieder allein. Wie Straßenlampen von Insekten
andere schätzten den Staubgehalt verschie- wird sie umschwärmt von vielen Dutzend
dener Milchstraßenbezirke ab, um daraus kleineren Begleitern. Und all diese Zwerg-
zu schließen, wie wahrscheinlich dort die Wissenschaftlerin Helmi galaxien wirken auf den Koloss in ihrer
Entstehung von Planeten ist. »Ein Traum ging für mich in Erfüllung« Mitte ein. »Wir dürfen die Galaxis nicht

81
Wissenschaft

länger isoliert betrachten«, erklärt »Gaia«- 30 Grad, die Rotationsbewegung beider erspart. Langeweile herrschte trotzdem
Forscherin Helmi. »Zusammen mit ihren Galaxien war gegenläufig. Der ganze Vor- nicht.
Satelliten bildet sie ein Gesamtsystem, in gang dauerte Helmi zufolge ein bis zwei Derzeit zum Beispiel kracht es wieder.
dem jedes Teil Einfluss auf die anderen Milliarden Jahre. »Für eine galaktische Diesmal stößt die Milchstraße mit der
Teile ausübt.« Kollision dieser Größenordnung ist das Zwerggalaxie Sagittarius zusammen –
Manchmal bleibt es nicht bei Fernwir- schnell«, sagt sie. auch wenn hier von Crash nicht die Rede
kungen. Dann kommt ein Trabant der Für Gaia-Enceladus war es das Ende. sein kann. Dazu ist der Vorgang zu gutmü-
Milchstraße so nahe, dass er von ihr ver- Die Wucht des Aufpralls zerfetzte die Ga- tig. Sagittarius ist ein Begleiter der Galaxis,
schlungen wird. Diese Kollisionen prägen laxie. Viele der Splitter wurden in den seine Bahn schrammt an einer Stelle an
den Charakter einer Galaxie. Denn jeder Halo der Milchstraße geschleudert, wo sie der Ebene der Milchstraße vorbei. Jedes
Crash hinterlässt Wunden, die selbst nach bis heute ihre Bahnen ziehen. Die jüngsten Mal, wenn das passiert, wird ein Stück
Milliarden Jahren nicht ganz ausheilen. dieser Überbleibsel sind zehn Milliarden herausgerissen.
Grob, meint Max-Planck-Forscher Jahre alt – woraus sich auf den Zeitpunkt Vier Milliarden Jahre lang geht das
Rix, lasse sich die Geschichte der Milch- der Kollision schließen lässt. schon so. 90 Prozent seiner Masse und
straße in zwei Phasen unterteilen: Die Für die Milchstraße war der Crash rund die Hälfte seiner Sterne hat Sagitta-
Kindheit war wild und turbulent, dann schicksalhaft. Bis heute ist ihr Halo davon rius auf diese Weise bereits an die Milch-
folgte eine ruhigere Zeit der Reife, in der beherrscht: Zwei Drittel aller Sterne, die straße verloren. Bald wird der Trabant
die Galaxis ihre symmetrische Spiral- dort umherschwirren, sind Splitter von ganz in ihr aufgeschmolzen sein.
gestalt annahm. Gaia-Enceladus. Und auch die Scheibe, in Der Hunger der Galaxis nach mehr Ster-
Für Galaxien ist eine solche Biografie der die Mehrzahl der Sterne kreist, wurde nen ist mit den Sagittarius-Snacks noch
typisch. Denn in der Anfangszeit des Uni- infolge der Kollision umgeformt. Es ent- nicht gestillt. Schon bahnt sich an, dass sie
versums war die Dichte hoch, viele kleine stand eine Sternenverteilung, die bis heute bald einen noch weitaus größeren Happen
Sterneninseln drängten sich auf engem fortbesteht. Sie erinnert an die Gestalt von verschlingen wird. In gut zwei Milliarden
Raum. In rascher Abfolge krachten sie in- Oreo-Keksen: in der Mitte eine aktive Jahren wird es den Hochrechnungen von
einander, verschmolzen und wuchsen so Schicht, in der fortwährend neue Sterne Astronomen zufolge zur Verschmelzung
schnell zu immer größeren Gebilden he- zünden; oben und unten eine breit aufge- der Milchstraße mit ihrem größten Satelli-
ran. Meist blieben diese Junggalaxien quollene Umhüllung, in der alte Sterne ten kommen: der Großen Magellanschen
ohne innere Struktur, denn die Zeit, wohl- vorherrschen. Wolke.
gestalte Spiralarme auszubilden, fehlte Auch in der Demografie der Milchstra- Das Finale folgt ungefähr zwei weitere
ihnen. Immer neu in sie hineinstürzende ße hinterließ die Kollision Spuren. Denn Milliarden Jahre später. Dann kommt es
Projektile setzten jeder keimenden Spiral- der Zusammenstoß regte die Sternent- zum Supercrash: Unsere Heimatgalaxie
bildung ein Ende. stehung an. Gas von Gaia-Enceladus wur- wird mit ihrer großen Schwester Andro-
Die bewegte Jugend der Milchstraße en- de in die galaktische Ebene der Milchstra- meda zusammenprallen.
dete mit einem Fanal: Mit großer Wucht ße injiziert, die außerdem von Druckwel- An Gewicht und Sternenzahl sind sich
sauste Gaia-Enceladus mitten ins Sternen- len erschüttert wurde. All das beförderte Milchstraße und Andromeda ungefähr
meer der Ur-Galaxis. Es war die bis heute den Kollaps großer Gaswolken zu neuen ebenbürtig. Aus ihrer Fusion wird deshalb
heftigste Kollision der Milchstraßen- Sternen. Manch eines der heutigen Milch- eine völlig neue Galaxie hervorgehen. Sie
geschichte. straßengestirne ist aus dem nachfolgenden kann weder als direkte Nachfolgerin der
Anhand der »Gaia«-Daten konnte As- Geburtenboom hervorgegangen. einen noch der anderen betrachtet werden.
tronomin Helmi den Einschlag präzise re- Nach jenem turbulenten Zusammentref- Und so wird der Crash das Ende der Milch-
konstruieren: Gaia-Enceladus wog dem- fen mit Gaia-Enceladus ist es ruhiger um straße sein, wie wir sie kennen.
nach etwa ein Viertel des Gewichts der unsere Galaxie geworden. Ein ähnlich Johann Grolle
Milchstraße. Der Einschlagswinkel lag bei gewaltsames Spektakel blieb ihr seither

Supercrash am Ende Kollisionen unserer Milchstraße


vor rund 10 Milliarden Jahren
Kollision mit der Zwerggalaxie
Gaia-Enceladus
Die noch junge Milchstraße ver- Die Struktur
schluckt die kleinere Sterneninsel. der Milchstraße
Zwei bis vor Kurzem noch rätsel- zeigt durch das Ereignis eine Zweiteilung:
hafte Merkmale unserer Galaxie Im kugelförmigen Halo, welcher die Milch- Eine relativ dünne Scheibe mit überwie-
deuten Astronomen mittlerweile straße umgibt, finden sich, gleichsam als gend jüngeren Sternen, Gas und Staub
als Hinterlassenschaft Splitter der Kollision, zahllose sehr alte Sterne. ist umgeben von einer Schicht, die eher
von Gaia-Enceladus. ältere Sterne enthält.

vor rund 4 Milliarden Jahren in gut 4 Milliarden Jahren


Kollision mit der Sagittarius-Zwerggalaxie Kollision mit Andromeda
Etwa zur Zeit, in der sich die Erde und unser Der gegenwärtig rund 2,5 Millionen
Sonnensystem bilden, fängt die Milch- Lichtjahre entfernte Andromeda-
straße eine weitere Zwerggalaxie nebel – eine Galaxie, ähnlich
ein: Sagittarius durchquert seit- unserer Milchstraße – bewegt
dem auf einer weiten Bahn sich auf uns zu. Berechnungen
die äußeren Spiralarme zufolge werden beide kolli-
und büßt bei jedem dieser dieren und sich zu einer
Durchgänge Masse ein. Supergalaxie vereinigen.

82
CHRISTIAN BURKERT / DER SPIEGEL
Ausgestellte Opfer im ruandischen Murambi: »Geköpfte Kinder, vergewaltigte Frauen, Männer mit abgetrennten Gliedmaßen«

Im Sommer 1994 ermordeten das Hutu-

Spuren der Hölle Regime und seine Helfer binnen 100 Tagen
schätzungsweise 800 000 Menschen, über-
wiegend Angehörige der Tutsi-Minderheit,
Archäologie Deutsche Restauratorinnen helfen bei der aber auch gemäßigte Hutu. Mehr als fünf
Tote pro Minute. Die Welt sah damals un-
Konservierung von Leichen in Ruanda. Die Toten tätig zu, die Vereinten Nationen reduzier-
sollen das Gedenken an die Opfer des Völkermords wachhalten. ten sogar ihre Friedensmission und zogen
Blauhelme ab.
Niemand versuchte zu verhindern, was

W ieder eine dieser grauenvollen


Geschichten aus Afrika, dachte
Monika Lehmann, als sie im
April 1994 zum ersten Mal vom Völker-
sagte spontan zu – ohne zu ahnen, worauf
sie sich einließ.
Monika Lehmann, 60, von Beruf ar-
chäologische Restauratorin, leitet das Re-
sich später als der furchtbarste Massen-
mord seit dem Holocaust und den »Killing
Fields« von Kambodscha erweisen sollte.
Auf dem Schulgelände in Murambi hat-
mord in Ruanda hörte. Sie wusste nicht ferat F3 des Niedersächsischen Landes- ten in den ersten Aprilwochen 1994 Zehn-
viel über das kleine Land im Herzen Afri- amts für Denkmalpflege in Hannover. Sie tausende Schutz vor den Hutu gesucht. Sie
kas, aber sie kann sich noch gut daran er- ist eine Expertin für Moorleichen und an- seien dort sicher, hatten ihnen lokale Be-
innern, dass damals empfohlen wurde, dere Menschenfunde aus der Vor- und hörden und das Militär versprochen. Doch
keine Barsche aus dem Victoriasee zu es- Frühzeit. Das Amtshilfeersuchen aus Ham- nach ein paar Tagen wurden Strom und
sen. Das Wasser sei verseucht mit den burg sollte sie vor die größte Herausforde- Wasser abgedreht, die Versorgung mit
Leichen der Ermordeten, die über Zuflüs- rung ihres Berufslebens stellen. Nahrungsmitteln wurde eingestellt. Dann,
se aus Ruanda in den See geschwemmt Ein Jahr später landeten Lehmann und am 21. April um drei Uhr nachts, brach
würden, hieß es. ihre Kollegin Dorte Schaarschmidt, 40, in das Inferno aus.
Erst Jahre später habe sie das Ausmaß Ruandas Hauptstadt Kigali und fuhren Soldaten feuerten wahllos in die Menge
des Genozids begriffen, sagt Lehmann. Es weiter nach Murambi, einer Siedlung im und warfen Handgranaten, berichtete einer
begann mit einem Anruf, den sie Ende Süden des Landes. Dort, in den Rohbauten der wenigen Augenzeugen, die das Mas-
Juni 2016 aus dem Institut für Rechts- einer technischen Schule, befindet sich eine saker überlebt haben (SPIEGEL 14/2014).
medizin am Universitätsklinikum Ham- der sechs großen Gedenkstätten des Völ- Eine Stunde später drangen Milizen von
burg-Eppendorf erhielt. Ob sie wohl bei kermords, die von der ruandischen Natio- den umliegenden Hügeln in das Lager ein
der Konservierung von Überresten der nalen Kommission für den Kampf gegen und begannen, die wehrlosen Flüchtlinge
Opfer des Massenmords helfen könne? Sie den Genozid (CNLG) betreut werden. abzuschlachten, mit Macheten, Messern,

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 83


Wissenschaft

Speeren, Sicheln, Knüppeln. Nach amt-


lichen Schätzungen starben allein in Mu-
rambi 43 000 Männer, Frauen und Kinder.
Lehmann und Schaarschmidt hatten
sich gründlich auf den Besuch vorbereitet,
sie hatten Berichte gelesen und Bilder
gesehen. Aber sie waren schockiert, als sie
zum ersten Mal durch die offenen Türen
der 18 Klassenzimmer traten, in denen
Hunderte kreideweiße Leichen auf Holz-
gestellen lagen. Noch 20 Jahre nachdem
die menschlichen Überreste aus Massen-
gräbern geborgen worden waren, lag
ein unerträglicher Verwesungsgestank in
der Luft.
»Was in Murambi geschehen ist, über-

CHRISTIAN BURKERT / DER SPIEGEL


steigt unsere Vorstellungskraft«, sagt
Schaarschmidt, »man kann es nicht mit
Worten beschreiben.«
Die Toten waren mit Kalkpulver kon-
serviert worden: hochgewachsene Männer
mit abgetrennten Gliedmaßen, geköpfte
Kinder, zertrümmerte Schädel, aus denen
Speerspitzen ragen, vergewaltigte Frauen Restauratorin Lehmann: »Der Anonymität der Massengräber entrissen«
mit auseinandergerissenen Beinen. Es gibt
vermutlich kein Mahnmal auf der Welt, in
dem die menschliche Bestialität so unver- stellte sich heraus, dass Korkpulver am nötigte Materialien trafen verspätet in
hohlen und brutal veranschaulicht wird. besten funktioniert: Die Behandlung mit Murambi ein.
Dieser gespenstische Ort sollte für dem weichkörnigen Material, das mit ge- »Es waren harte Arbeitsbedingungen,
33 Tage der Arbeitsplatz der deutschen ringem Druck aus einem Sandstrahler ge- staubig, laut und verdammt heiß«, sagt Dor-
Spezialistinnen und ihrer ruandischen Kol- pustet wird, schont das Gewebe. te Schaarschmidt. Die Expertinnen und ihre
legen sein. Mit den Feinstrahlgeräten wurden vor ruandischen Kollegen arbeiteten in mit Plas-
»Ich war beim ersten Anblick überwäl- Ort zunächst die Kalkschichten von der tikplanen abgedichteten Strahlkabinen, sie
tigt und fassungslos«, erzählt Lehmann. Haut der Opfer abgetragen. Darunter trugen Handschuhe, Staubmasken und
Aber dann habe sie schnell auf einen »pro- hatten sich in manchen Fällen sogenann- Schutzanzüge. Zu den Saunatemperaturen
fessionellen Modus« geschaltet, um Ab- te Fettwachspolster gebildet. Lehmann kamen der Gestank und der Lärm der Ab-
stand zu gewinnen. und Schaarschmidt schabten diese Schich- sauggeräte. Und je weiter sie zur Haut der
In den Schulräumen waren 849 Leichen ten mit zahntechnischen Instrumenten Opfer vordrangen, desto deutlicher ließen
aufgebahrt; seit zwei Jahrzehnten der vorsichtig ab, um die Haut nicht zu ver- sich die tödlichen Verwundungen erkennen.
Witterung, dem Pilzbefall und Insekten- letzen. Da war zum Beispiel dieser gequälte
fraß ausgesetzt. Nun wurden 20 ausge- Während der Arbeit mussten die Res- Körper, der unter der Bezeichnung
wählt, um sie besser vor der Verwesung tauratorinnen oft improvisieren; der MAR09-05 registriert ist: männlich, 8 bis
zu schützen – und die Erinnerung an die- Strom fiel regelmäßig aus, dringend be- 12 Jahre alt, 107 Zentimeter groß. Ein Jun-
ses Menschheitsverbrechen zu be- ge, dem der halbe Hinterkopf ab-
wahren. geschlagen worden war.
Archäologische Restauratoren Der Völkermord in Ruanda »Die Verletzungen wurden mit
wissen, wie man mit ägyptischen äußerstem Vernichtungswillen
Dem Genozid fielen zwischen April und Juli 1994
Mumien umgeht oder mit Leichen rund 800000 Tutsi und moderate Hutu zum Opfer. durchgeführt«, sagt Lehmann. Für
aus dem Permafrost. In Murambi sie sei es besonders erschreckend
aber sahen sich die Expertinnen Betroffene Gebiete gewesen, wie ihre Präparation
vor eine völlig neue Situation ge- wenig stark mehr und mehr entsetzliche De-
stellt. »Denn hier sind die mensch- UGANDA TA N SA N I A tails aus den letzten Lebenssekun-
lichen Überreste nicht Hunderte den der Ermordeten enthüllte. Die
oder gar Tausende Jahre alt, son- D E M . R E P. Restauratorinnen entdeckten an
KONGO
dern vergleichsweise frisch«, sagt den Opfern durchschnittene Achil-
Monika Lehmann. »Wir haben lessehnen, die eine Flucht verhin-
konservatorisches Neuland betre- dern sollten. Sie sahen ihre
ten.« schmerzverzerrte Mimik, die in To-
Schon vor dem Beginn der Ar- Kigali desangst aufgerissenen Münder
beit in Ruanda waren in Hamburg RUANDA und Augen, die zur Abwehr von
und Hannover Gewebeproben von Mordgerät hochgerissenen Arme.
Leichenteilen mikroskopisch unter- »Die Toten waren plötzlich der
sucht worden, zudem testeten Ex- Anonymität der Massengräber ent-
perten verschiedene Reinigungs- Murambi rissen, sie wurden wieder zu Indi-
techniken: mit Silikon, Ethanol, BURUNDI viduen, zu Menschen, deren
25 km
Rotierbürsten, Schaumradierern, furchtbares Leid wir nachvollzie-
Quelle: bpb
Schwämmen, Ultraschall. Am Ende hen können«, sagt Schaarschmidt.

84 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


IN DER SPIEGEL-APP

CHRISTIAN BURKERT / DER SPIEGEL


Mitarbeiter Muhoza, Mumien: Mit Kalkpulver konserviert

NICOLÓ LANFRANCHI / DER SPIEGEL


Im Abschlussbericht des Projekts mit Messgeräten die Luftfeuchtigkeit und Tem-
dem Titel »Niemals vergessen« heißt es, peratur im Innern der Särge ab, tragen
dass die Verwundungsmuster zur Rekon- mögliche Veränderungen akribisch auf
struktion des Tathergangs beitragen kön- Datenblättern ein: Haben sich Gewicht,
nen. Und dass diese Erkenntnisse zusam- Farbe oder Körperstellung verändert?
men mit weiteren forensischen Ermittlun- Tritt Schimmel auf? Gibt es Zeichen des
gen Augenzeugenberichte stützen und Verfalls?
zur Verurteilung der Täter führen könn- »Dieses Projekt wäre ohne das Know-
ten – manche Angehörige der Opfer war- how und die finanzielle Unterstützung aus
teten seit zweieinhalb Jahrzehnten auf
Gerechtigkeit.
Deutschland nicht möglich gewesen«, sagt
Martin Muhoza, ein Biologielehrer, der im
Exodus aus der
Zur Gedächtnisfeier 25 Jahre nach dem Auftrag der ruandischen Genozid-Kom-
Völkermord am 21. April wurden die prä- mission von Anfang an daran mitgearbei- Gran Sabana
parierten Leichen in der Conservation tet hat. »Es ist eine Maßnahme gegen das
Hall von Murambi ausgestellt, in einem Vergessen. Denn es gibt viele Leute in un- Venezuelas Präsident Nicolás Maduro
Ziegelbau, der als Speisesaal der Schule serem Land, vor allem unter den Tätern, kämpft seit Monaten gegen seinen
geplant war. Sie ruhen in transparenten die den Völkermord bis heute nicht wahr- Herausforderer Juan Guaidó um die Macht
Acrylröhren, die wie Inkubatoren aus ei- haben wollen.« an der Spitze des Ölstaates. Die Indigenen
nem Science-Fiction-Film aussehen. Monika Lehmann steht an einem der des Landes leiden besonders unter
Auch für diese Spezialbehälter haben Acrylsärge und notiert ihre Beobachtun- dem Konflikt: Zu Tausenden verlassen
die Expertinnen neue Methoden entwi- gen. Sie macht das mit wissenschaftlicher die Pemonen ihre Heimat, die Gran Sabana
ckelt, um die menschlichen Überreste vor Nüchternheit. Aber manchmal, wenn sie (»Große Savanne«), und fliehen vor Madu-
klimatischen Schwankungen, Schimmel in die Gesichter der Geschundenen schaut, ros Häschern ins benachbarte Brasilien.
und Ungeziefer zu schützen. »Wir mussten spürt sie den Unterschied zu ihrer üblichen
Auch wenn die Regierung versucht, die
einfache Lösungen finden, denn das orga- Arbeit daheim in Niedersachsen. »Es ist,
nische Material arbeitet«, sagt Lehmann. als wären die Verbrechen erst gestern ver- Grenzen zu schließen, finden sie immer
Wie folgenschwer Fehler sein können, übt worden«, sagt sie. Das Schicksal der wieder Wege, zu ihren Verwandten auf der
zeigte sich, als einer der Acrylsärge implo- Toten rage in die Gegenwart hinein. »Es anderen Seite zu gelangen. Ein Netzwerk
dierte und scharfkantige Kunststoffteile berührt uns.« der Solidarität entsteht.
durch die Halle flogen. Eine Scherbe Die Ausstellungshalle in Murambi ist
durchschlug die Plane der Strahlkabine, in noch nicht öffentlich zugänglich, aber es Sehen Sie die Visual Story im digitalen
dem Schaarschmidt gerade arbeitete. wurde bereits Kritik an der Präsentation SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
Durch die beidseitige Versiegelung der der gereinigten Leichen laut: Es sei pietät-
Röhre mit Aluminiumplatten war ein Va- los, wie sie zur Schau gestellt würden. Leh-
kuum entstanden. Lehmann und ihr Team mann hält dagegen: »Die ermordeten
haben sie durch luftdurchlässige Zellulose- Menschen können jetzt ihre Leidensge-
vliese und feinmaschige Fliegengitter aus schichte erzählen. Und sie mahnen uns,
Edelstahl ersetzt. dass ein solches Menschheitsverbrechen
Der Zustand der Leichen wird genau nie wieder geschehen darf.«
dokumentiert, Mitarbeiter fotografieren Bartholomäus Grill
sie in regelmäßigen Abständen, lesen auf JETZT DIGITAL LESEN

85
Wissenschaft

dreas Hahn, »mit 18 Monaten wäre sie

Länger leben wahrscheinlich gestorben.« Dass sich das


kleine Mädchen aber nun genauso rasch
entwickelt wie gesunde Gleichaltrige, liegt
Medizin Kinderärzte können seltene Erkrankungen besser behandeln an dem Medikament, das Alina jeden
Dienstag in Gießen verabreicht wird. Es
denn je – heilen können sie die meisten nicht. In Gießen öffnet ersetzt eine Substanz, die ihr Körper auf-
nun ein Zentrum, das sich auf die kleinen Patienten spezialisiert. grund eines Gendefekts nicht ausreichend
bilden kann. Ohne diese »alpha-1,4-Gluko-
sidase« werden gespeicherte Kohlenhy-

D er schlimmste Tag im Leben der Fa-


milie B. aus Rheinland-Pfalz beginnt
voller Zuversicht: Anfang März fah-
ren die Eltern mit ihrer Tochter Alina, da-
Sie lesen ein Todesurteil für ihr Kind.
Vier Monate später stehen die Eltern in
Gießen am Gitterbettchen ihrer Tochter.
Alina ist ein neugieriges Baby, große blaue
drate nicht vom Stoffwechsel abgebaut.
Sie sammeln sich in den Zellen an und
schwächen Muskeln und Organe.
Morbus Pompe ist eine von rund
mals drei Monate alt, in die Gießener Kin- Augen, blonder Flaum auf dem Kopf. Sie 6000 seltenen Erkrankungen (SE). Leiden
derklinik. Alina ist ein Frühchen, klein, aber strampelt, spielt mit ihrer Schnullerkette. sind das, von denen in der Europäischen
fit, hieß es kurz nach der Geburt im Novem- Gelegentlich verheddert sich eins ihrer Union jeweils nicht mehr als 5 von 10 000
ber 2018. Jetzt hat sie zwei Wochen lang Füßchen in Schläuchen und Kabeln, die Menschen betroffen sind. Die meisten SE
nicht zugenommen, ein Blutwert ist erhöht, vom Fußende zu ihrem Körper führen. Ein sind genetisch bedingt, viele brechen früh
das Baby wirkt schlaff. »Wir wollten nur ab- Monitor überwacht Herzschlag und At- im Leben aus. Die wichtigste Instanz, um
klären lassen, dass alles in Ordnung ist«, mung, während vier Stunden lang jene In- sie zu erkennen, ist der Kinderarzt.
sagt Alinas Vater. »Mit schlechten Nachrich- fusion läuft, die Alinas Leben retten soll. Bis zur richtigen Diagnose vergeht oft
ten haben wir überhaupt nicht gerechnet.« An ihrem Wohnort, wo die Mutter als viel Zeit. Kein Wunder, denn mancher Pä-
Ein paar Stunden später sitzen die B.s Lehrerin arbeitet und der Vater als Perso- diater bekommt zeit seines Berufslebens
im Auto und starren auf ihre Smartphones. nalfachkaufmann, wissen noch nicht alle keine einzige der Krankheiten zu Gesicht.
Eigentlich wollten sie nicht googeln, was Freunde, Bekannten und Kollegen von der Dabei leiden, in Summe, eben doch recht
das für ein Leiden ist, das die Ärzte er- Krankheit. Die Eltern möchten selbst ent- viele Menschen an einer SE: in Deutsch-
wähnt hatten: »Morbus Pompe«. Aber scheiden, wem sie davon erzählen. Ihre land sind es rund vier Millionen.
jetzt lesen sie doch von Muskelschwäche, Namen werden hier deshalb nicht genannt. Pädiater Hahn möchte das Bewusstsein
Schäden am Herzen, von Kindern, die nie- Auch Alina heißt in Wirklichkeit anders. der niedergelassenen Kollegen für diese
mals sitzen und laufen, die nicht schlucken »In diesem Alter wäre Alina schon sehr Patienten schärfen. Für den 24. August hat
können, von Beatmung. schwer krank«, sagt Kinderneurologe An- er Kinderärzte aus der Region eingeladen,

BERT BOSTELMANN / DER SPIEGEL

Pädiater Hahn, Neubauer: »Wir erleben einen epochalen Wandel in unserem Fach«

86
um einige dieser Erkrankungen und ihre Seltene Erkrankungen beruhen oft
Behandlungsmöglichkeiten vorzustellen. auf einer winzigen Veränderung im Erb- SPIEGEL TV
Es ist zugleich der Startschuss für das neue gut, und wie bei Alina führt das Fehlen MONTAG, 29. 7., 23.25 – 0.00 UHR | RTL
Zentrum für Seltene Erkrankungen in Gie- eines einzigen Stoffs zu den Sympto-
ßen, an dem spezialisierte Mediziner und men. Das macht SE zu aussichtsreichen Gefährliches Kiffen – Steigender
Pflegekräfte sich um Kinder wie Alina Kandidaten für große Erfolge, anders Cannabiskonsum unter Jugendlichen
kümmern werden. als Krebs, Diabetes und Alzheimer, die erhöht die Gefahr von Psychosen;
Morbus Pompe erkennt Hahn auf den durch ein komplexes Zusammenspiel ge- Selfmade-Millionär durch nackte
ersten Blick, weil solche Leiden Alltag sind netischer und Umweltfaktoren erst im Haut – Das Haarentfernungsimpe-
in Gießen – rund ein Fünftel seiner Patien- Lauf eines Lebens entstehen. Und es rium des Jens Hilbert.
ten hat eine seltene Erkrankung. Vielen macht sie zu Angriffsflächen für neu-
von ihnen, und das ist eine Revolution, artige Gentherapien, bei denen ein ziel-
können er und seine Kollegen seit einiger genauer Eingriff ins Erbgut die Krankheit SPIEGEL GESCHICHTE
Zeit helfen. beseitigen könnte. DIENSTAG, 30. 7., 20.15 – 22.30 UHR | SKY
»Wir erleben einen epochalen Kaum noch müsse er sagen, »für
Wandel in unserem Fach«, sagt Ihr Kind gibt es keine Hoff- Die Hamburg-Story
Bernd Neubauer, Leiter der Rund 6000 nung«, so Pädiater Hahn. Das Hamburg hat im 20. Jahrhundert
Gießener Kinderneurologie. seltene sei die wohl glücklichste Er- erfolgreiche und katastrophale
Noch vor wenigen Jahren Erkrankungen (SE) fahrung in seiner Laufbahn. Zeiten erlebt. Dank des Hafens galt
sind derzeit bekannt.
konnte der Mediziner ver- Doch noch ist es ein bitte- die Stadt schon zur Kaiserzeit als
zweifelten Eltern für ihre Etwa res Glück, denn: »In vielen ein Zentrum des Welthandels und
Söhne und Töchter weder 4 Millionen Menschen Fällen verwandeln wir eine beeindruckte durch großbürgerliches
Heilung noch irgendeine The- in Deutschland leiden tödliche Erkrankung in eine Flair. Im Zweiten Weltkrieg wurde
rapie jenseits der Linderung an einer SE. chronische.« Die Eltern, sagt sie Ziel von Bombenflugzeugen der
von Symptomen in Aussicht stel- er, hörten Behandlung und ver- Alliierten, die große Teile der Metro-
len. »Jetzt«, sagt er, »sind etwa 400 stünden Heilung, dabei wird die pole zerstörten. Die Hamburger
seltene Erkrankungen behandelbar, und Krankheit viele trotz aller Fortschritte für machten sich an den Wiederaufbau.
selbst konservativ geschätzt, dürfte sich immer begleiten. Doch die verheerende Sturmflut von
diese Zahl in den nächsten fünf Jahren Zum Teil liegt das daran, dass manche 1962 brachte neues Unheil.
verdoppeln.« Krankheiten schon vor ihrer Entdeckung
Ausgerechnet für die Stiefkinder der irreversible Schäden anrichten. Bei SMA
Medizin, Krankheiten nämlich, mit denen etwa gehen Nervenzellen zugrunde, lange SPIEGEL TV WISSEN
sich wegen ihrer Rarheit lange Zeit nichts bevor ein Kinderarzt auch nur eine Chance MITTWOCH, 31. 7., 0.05 – 1.05 UHR | SKY UND
verdienen ließ, verzeichnet die Medika- hat, das Leiden zu diagnostizieren. BEI ALLEN FÜHRENDEN KABELNETZBETREIBERN
mentenentwicklung gegenwärtig große Er- Und so bringt der Umstand, dass es jetzt
folge. Während trotz emsigster Forschung ein Medikament gibt, mit dem sich dieser Mein Leben mit einem Roboter
bei Volkskrankheiten wie Alzheimer der Prozess verlangsamen ließe, neue Fragen Ingenieurin Angelica Lim hat sich
große Durchbruch auf sich warten lässt, mit sich: Sollen behandelbare seltene gemeinsam mit ihrem Lebens-
steigen die Zulassungszahlen für Mittel ge- Erkrankungen Teil von Neugeborenen- gefährten auf das Experiment ein-
gen SE wie Morbus Pompe, verschiedene screenings werden, damit jedes Kind die gelassen, sechs Monate lang rund
Formen der Muskelschwäche oder die so- Chance auf die wirksamste Therapie hat? um die Uhr mit einem Roboter
genannte Kinderdemenz NCL. Manche Medikamente wiederum erfor-
Dass ihr Gebiet boomt, verdanken dern besondere Erfahrung bei der Anwen-
Hahn und Neubauer einer politischen Ent- dung. So gibt es Patienten, die die Enzym-
scheidung, die Pharmafirmen einen Grund ersatztherapie nicht vertragen. »Das Me-
gibt, Medikamente gegen SE zu entwi- dikament muss aber unbedingt gegeben
ckeln: Vor beinahe 20 Jahren schuf das werden«, sagt Neubauer. Es gilt dann, mit
Europäische Parlament mit einer Verord- weiteren Medikamenten die Immunab-
nung Anreize für die Entwicklung von wehr der Kinder zu bremsen. Auch für
Wirkstoffen, deren Zielgruppe oft kaum solch kompliziertere Fälle wird das neue
mehr als ein paar Tausend Patienten um- Zentrum gerüstet sein.
fasst. Firmen, die solche Medikamente fin- Bei Morbus Pompe führt das fehlende
den, gewährt die EU Schutz vor Nach- Enzym auch zu Kohlenhydrat-Ansamm-
ahmer- und Konkurrenzprodukten. lungen im Gehirn. Dorthin kann der En-
So lassen sich auch mit Nischenproduk- zymersatz nicht vordringen, das verhin-
ten Gewinne erzielen. Bis zu 17 000 Euro dert eine physiologische Barriere zwischen
im Monat kostet die Enzymersatztherapie Blut und Hirn. Pädiater Neubauer hofft,
bei Morbus Pompe; eine Arznei, die spi- dass auch dieses Problem bald durch neu-
nale Muskelatrophie (SMA) mildern kann, artige Wirkstoffe gelöst wird.
kostet pro Patient jährlich etwa eine halbe »Wir denken nicht mehr in so langen Zeit- Ingenieurin Lim mit Roboter
Million Euro. Seit Mai in den USA zuge- räumen wie früher«, sagt Alinas Vater. »Un-
lassen ist ein weiteres Medikament gegen ser Ziel ist jetzt, dass sie laufen lernt.« Seit zusammenzuleben. Mit seinem
SMA. Zolgensma, eine Entwicklung des jenem Tag im März, so fühle es sich an, lie- Hightechanhang hat sich das
Schweizer Konzerns Novartis, gilt als ge ein Schatten auf ihrem Leben. »Die meis- in Paris lebende Paar auf eine Reise
das teuerste Medikament der Welt: Die te Kraft gibt uns Alina«, sagt die Mutter. um die Welt begeben, um die
Behandlung eines Kindes kostet 2,1 Mil- »Wenn sie lacht, ist alles gut.« Julia Koch Fortschritte auf dem Gebiet der
lionen Dollar. Robotertechnologie zu erkunden.

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 87


Wissenschaft

Fritzens
bilder zu inszenieren. Kunstkenner Krys- steif aussieht und daher geht, als ob er
manski ist sogar überzeugt, dass Hogarth schon viele Campagnen gethan hätte«.
den preußischen Monarchen in seiner Bil- Einen triftigen Grund für einen vorzei-

Fratze
derserie »Marriage A-la-Mode« bewusst tigen Verfallsprozess im Gesicht des noch
als Homosexuellen outete. relativ jungen Regenten hatte der hanno-
Der Flötenspieler von der traurigen Ge- verische Minister August Wilhelm von
stalt befindet sich auf einem der Gemälde Schwicheldt ausgemacht: Weil der König
Geschichte War Friedrich der in Gesellschaft eines Lords mit Locken- sich bei »allem Ungemache der Luft und
Große viel hässlicher, als ihn wicklern und eines mit Ohrschmuck und Witterung bloß stellet, ist im Gesichte die
zeitgenössische Maler darstellten? etlichen Ringen ausstaffierten Perücken- Farbe ganz braun und verbrannt und die
trägers; zudem hat Hogarth die Szenerie Haut verhärtet worden«.
Ein Kunsthistoriker glaubt, mit einem anzüglichen Bild angereichert, Auch Henriette Gräfin von Egloffstein
dies beweisen zu können. das hinter dem angeblichen Friedrich an lieferte einen erschreckenden Zeitzeugen-
der Wand hängt. bericht über das Äußere des Preußenkö-
Warum aber zeigen Maler wie etwa der nigs: Sie sah einen »mumienartigen alten

D ie Haut des Mannes ist merkwürdig


gegerbt, seine Gesichtszüge sind ge-
radezu koboldhaft verzerrt; seinen
Kopf bedeckt eine schäbig graue Perücke.
Friedrich-Kenner Adolph von Menzel
oder der preußische Hofporträtist Antoine
Pesne den Alten Fritz durchweg als wohl-
gestalteten Regenten und Schöngeist – und
Mann … den großen Federhut schräg ins
Gesicht gedrückt, das durch eine ungeheu-
re Nase, kleinen eingekniffenen Mund und
große Farrenaugen entstellt wurde«.
Das wahre Unglück dieser Elendsgestalt mit symmetrischem Riechorgan? Tatsächlich offenbare auch die Totenmas-
besteht jedoch in einer veritablen Adler- In vorauseilendem Gehorsam und dem ke Friedrichs II., ein Gipsabdruck des Bild-
nase, die ihr Antlitz verunstaltet. Ein we- klassisch-griechischen Schönheitsideal ge- hauers Johannes Eckstein, »eine stark ge-
nig Anmut verleiht allenfalls die Querflöte, horchend, hätten die Künstler den Zinken bogene Nase und auch sonst keine attrakti-
ven Gesichtszüge«, befindet Krysmanski.
Und doch scheint die These des Hogarth-
Spezialisten einen Haken zu haben. Die
»Marriage A-la-Mode« entstand um 1743.
Damals war Friedrich II. gerade erst drei
Jahre im Amt. Gewiss weckte das reale Er-
scheinungsbild des Monarchen aus Preußen
auch in Großbritannien Interesse. Doch wo-
her sollte ausgerechnet der malende Spöt-
ter Hogarth zu dieser Zeit Kenntnis von
Fritz’ ausladender Nase gehabt haben –
und überdies noch mit dessen homoero-
AKG-IMAGES / WORLD HISTORY ARCHIVE

tischen Neigungen vertraut gewesen sein?


Auch für dieses Problem bietet Krys-
manski eine Erklärung an. So war es da-
mals durchaus üblich, dass Maler von Kup-
ferstechern Reproduktionen ihrer Werke
anfertigen ließen, um zusätzliche Einkünf-
te zu erzielen. Einen solchen Meister sei-
nes Fachs glaubte Hogarth wohl in dem in
Paris tätigen Preußen Georg Friedrich
Ausschnitt aus Hogarth-Gemälde »The Toilette«*: »Mumienartiger alter Mann« Schmidt gefunden zu haben.
Schmidt hauste in einer Männer-WG und
war wegen diverser Stiche auch bei Hofe
die der Unbekannte an seinen schnabel- des Herrschers aus Sanssouci begradigt in Sanssouci bestens bekannt. Womöglich
artig vorstehenden Mund führt. und dem Monarchen ein gefälliges Antlitz trafen sich die Männer, und der Exilant ver-
Der Entstellte findet sich auf einem verpasst, behauptet Krysmanski. Zudem sorgte seinen Gast aus England mit Details
Gemälde des englischen Malers William erschwerte Friedrich II. mutwillig eine über das wahre Aussehen und die sexuellen
Hogarth (1697 bis 1764), eines im 18. Jahr- wahrheitsgetreue Darstellung seiner selbst: Vorlieben des preußischen Herrschers.
hundert für seine satirischen Darstellungen In realistischer Einschätzung seines Äuße- Arbeiten mochte Schmidt allerdings
bekannten Künstlers. Und so könnte man ren weigerte sich der Hohenzoller, Porträt nicht für William Hogarth; er war zum
den Blick rasch wieder abwenden von der zu sitzen; Künstler mussten ihn aus der Er- Zeitpunkt von dessen Besuch in Paris näm-
Vogelscheuche mit Flöte – wenn nicht der innerung heraus malen – oder sogar aus lich soeben erst vom damals noch jungen
deutsche Kunsthistoriker Bernd Krysmans- der Fantasie. Fritz angeworben worden und auf dem
ki behaupten würde, bei diesem an eine Etliche Indizien weisen darauf hin, dass Sprung zurück nach Preußen.
Karikatur erinnernden Geschöpf handle es der Alte Fritz selbst in seiner Jugend wenig Gut denkbar also, folgert Krysmanski,
sich um die einzige realistische Darstellung Liebreiz entfaltete. Über den erst 14-jäh- dass der enttäuschte englische Maler mit
einer der markantesten Figuren der deut- rigen Kronprinzen urteilte der österrei- seinen Mitteln Rache am König nahm;
schen Geschichte: des Preußenkönigs chische Gesandte General Friedrich Hein- indem er ihn mittels seiner frisch erwor-
Friedrich der Große (1712 bis 1786). rich Freiherr von Seckendorff, dass er »bei- benen Kenntnisse auf eine abstoßende
Krysmanski hat sich in den vergangenen seinen jungen Jahren so ältlich und so Weise darstellte, wie ihn die Welt weder
Jahren intensiv mit dem Werk Hogarths zuvor noch danach je auf einem Gemälde
beschäftigt. Der Maler war bekannt dafür, * Aus der Serie »Marriage A-la-Mode«, um 1743; mit zu Gesicht bekam. Frank Thadeusz
seine Werke mit viel Raffinesse als Such- Flöte: angeblich König Friedrich II.

88 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Sport
Wie sich das für Untertanen ziemt, sollen sie für Kaiser Beckenbauer den Kopf hinhalten. ‣ S. 92

Boxer, die durch den Sport starben

Profis
Maxim Hugo
240 Dadaschew 1039 Santillán
Russland Argentinien
227

5
157 keine
151 Angaben

M IRKO HAN N E MAN N / I N T E RTO P I C S


128
119 117 Amateure
99 104
85 541
81 77
JOHN LO CHE R / DPA

1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
bis bis bis bis bis bis bis bis bis bis bis bis Quelle: Manuel Velazquez
09 19 29 39 49 59 69 79 89 99 09 18 Collection/Joseph Svinth

Nach 260 schweren Treffern, die er im Ring einstecken musste, ständige Dokumentation der in Kampf und Training gestorbe-
starb am Dienstag der russische Profiboxer Maxim Dadaschew, nen Boxer. Laut der sogenannten Manuel Velazquez Collection,
28, nur zwei Tage später der Argentinier Hugo Santillán, 23. Die die sich mit Todesfällen im Boxring beschäftigt, starben die
beiden jungen Männer gehörten zu den vielen Boxern, die für meisten Kämpfer in den Zwanzigerjahren. Im laufenden Jahr-
ihren Sport mit dem Leben bezahlt haben. Es existiert keine voll- zehnt kamen weltweit bisher rund 80 Boxer zu Tode.

Magische Momente Dürr: Ja, ich habe es ihnen am ersten Tag


erzählt, schließlich musste ich während
»Alle haben geweint und sich umarmt« der Vorbereitung noch einmal abreisen
für die Beerdigung. Unsere Gruppe war
Volleyballerin Lenka Dürr, 28, über eine emotionale Teambesprechung außergewöhnlich, wir waren über die
Jahre unglaublich zusammengewachsen.
SPIEGEL: Frau Dürr, aber ein Moment, der nichts mit Sport Wir mussten nicht abliefern wie Maschi-
nach 217 Länderspielen zu tun hat. nen. Jeder durfte Mensch sein.
haben Sie diese Woche SPIEGEL: Erzählen Sie. SPIEGEL: Was war der intensivste
Ihren Rücktritt Dürr: 2012 starb mein Papa wenige Wo- Moment für Sie in dieser Zeit?
aus der Volleyball- chen vor dem Olympiaqualifikationstur- Dürr: Wir haben in der Türkei als Team
nationalmannschaft nier in Ankara. Mir war danach, alles hin- zusammen gekämpft, gewonnen und ver-
erklärt. Warum? zuschmeißen, schließlich hatte ich wegen loren, am Ende die Olympiaqualifikation
Dürr: Weil es sich richtig anfühlt. Die Ent- des Sports so viel Zeit mit ihm verpasst. knapp verpasst. Nach dem letzten Spiel
CONNY KURTH / IMAGO SPORT

scheidung hat nur sehr wenig mit äußeren SPIEGEL: Wussten Ihre Teamkolleginnen holte ich die Mädels im Hotel zusammen,
Umständen zu tun, viel mehr mit meiner von Ihrer Situation? wir saßen alle auf einem der Zimmer.
persönlichen Entwicklung. Im Und dann habe ich mich ein-
Verlauf des letzten Jahres habe fach bedankt. Dafür, dass sie
ich mich viel mit dem Rücktritts- mich aufgefangen haben. Dafür,
thema auseinandergesetzt und dass ich das alles mit ihnen
schlussendlich gemerkt, dass für gemeinsam durchleben durfte.
mich der Zeitpunkt gekommen SPIEGEL: Wie waren die Reak-
ist zu gehen. tionen?
SPIEGEL: Sie wurden Junioren- Dürr: Alle haben geweint und
KURTH / NORDPHOTO / PICTURE ALLIANCE

weltmeisterin und standen zwei- sich umarmt, es wurde nicht


mal im Finale der Europameis- viel gesprochen. Wir haben es
terschaft. Was ist Ihre schönste einfach nur genossen, zusam-
Erinnerung? men zu sein. Dieser Moment
Dürr: Die Heim-EM 2013 war hatte nichts mit sportlichem
schon besonders, im Halbfinale Erfolg oder Misserfolg zu tun –
in Berlin schlugen wir Belgien dieser Moment war ein Lebens-
nach 0:2-Satzrückstand noch moment. In diesem Moment
mit 3:2 – ein krasses Ding. Am war die Mannschaft meine
emotionalsten war für mich Dürr (r.) 2018 in Münster Familie. TNE

89
LARS KALETTA
Hannover-Stürmer Sebastian Soto (l.) in Vorbereitungsspiel gegen Groningen am 20. Juli: »Positiver Geist«

Neue Bescheidenheit
Fußball Ehemals ruhmreiche Vereine spielen in der zweiten Liga: Hannover 96 will mit einstigen
Vereinshelden den Wiederaufstieg schaffen, namhafte Konkurrenten wie der
Hamburger SV und der VfB Stuttgart haben sich frisch aufgestellt. Kann das funktionieren?

F
ür seine sentimentale Seite war als Trainer, Ron-Robert Zieler im Tor, Jan Hannover 96, der Hamburger SV und der
Martin Kind bislang eigentlich Schlaudraff im Angriff. Gute Zeiten waren VfB Stuttgart stehen für Misswirtschaft,
nicht bekannt. Der Hörgeräteunter- das, so dachte wohl auch Kind – und holte Führungschaos und Großmannssucht. In
nehmer, 75, führt seit Jahrzehnten die drei deshalb zurück: Slomka als Trai- die Saison gehen nun alle drei Klubs mit
den Verein Hannover 96 und ist dabei öf- ner, Zieler im Tor, Schlaudraff als Sport- neuen Trainern und Sportchefs. Ein Neu-
fentlich kaum nahbar, eher ungeduldig, direktor. Parole Stallgeruch – die Europa- start in Demut soll her. Diesmal wirklich!
manchmal unwirsch. Kind ließ sich stets helden vergangener Tage sollen dem Ver- »Wir müssen wieder einen positiven
von dem Motto leiten, das sein ehemaliger ein wieder auf die Beine helfen. Geist in die Truppe bekommen«, sagt Jan
Aufsichtsratsvorsitzender, der Ex-Bundes- An diesem Wochenende beginnt die Sai- Schlaudraff, 36, an einem Nachmittag Mit-
kanzler Gerhard Schröder, einmal über son der Zweiten Bundesliga. Teams aus te Juli, zwei Wochen vor Saisonbeginn, in
das Fußballgeschäft formulierte: »Roman- Wiesbaden und Osnabrück können froh der hannoverschen Geschäftsstelle. Der
tik schießt keine Tore.« sein, mitspielen zu dürfen. Heidenheimer ehemalige Profi mit hoher Stirn und mar-
Doch nach einer komplett unromanti- und Bochumer haben sich im Fußball- kantem Kinn ließ in seiner Zeit als Profi
schen Saison, geprägt von vereinsinternen unterhaus eingerichtet und wollen sich em- den Spaß am Fußballjob nicht zu kurz
Streitigkeiten und sportlichen Misserfol- porarbeiten. kommen. Er liebte Lupfertore, schnelle
gen, stand im Mai der zweite Hannovera- Doch für einige Vereine ist der Liga- Autos und unverblümte Aussagen.
ner Bundesligaabstieg innerhalb von drei aufenthalt ein millionenschwerer Betriebs- »Ich war als Typ nicht immer ganz ein-
Jahren fest. Lang vorbei sind die Zeiten, unfall. Es einen sie große Namen, die sport- fach, weil ich gesagt habe, was ich dachte«,
in denen der Verein im Viertelfinale der liche Bedeutung – und die Tatsache, dass sagt Schlaudraff. Nun muss er selbst Spie-
Europa League spielte, mit Mirko Slomka ihre ruhmvollen Zeiten Geschichte sind. ler einschätzen, wenn er den Kader zu-

90 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Sport

sammenstellt: »Die richtige Mischung zu Schritt sein, damit der Verein im Wettstreit hinter verschlossenen Türen über die Zu-
finden ist nicht nur eine sportliche, son- mit den Großen des Fußballs mithalten kunft des Vereins. Kramer und Kind wol-
dern auch eine charakterliche Frage, das könne. len sich zum Stand der Gespräche nicht
macht diese Aufgabe so spannend.« Gegen Kinds Antrag machte die Fansze- äußern. Dass die Verhandlungen tatsäch-
Eigentlich hätte das noch der Job seines ne mobil, es kam zu Schmähgesängen, Ge- lich geheim bleiben und so geräuschlos ab-
Vorgängers Horst Heldt sein sollen, der richtsprozessen und einem Stimmungsboy- laufen wie die ersten Spielertransfers unter
Schlaudraff als Asisstent anlernen sollte. kott bei Heimspielen. Die Liga lehnte den der Federführung Schlaudraffs, hat bei
Doch der ehemalige Manager verlor Kinds Antrag schließlich ab. Im Frühjahr erober- Hannovers Fans Eindruck hinterlassen.
Vertrauen. Kind setzt stattdessen auf den te zudem die vereinsinterne Opposition Alle Seiten sehnen sich nach einem Ende
Lehrling Schlaudraff, der Hannover seine bei der Mitgliederversammlung den Auf- der vereinsinternen Machtkämpfe. Der
Heimat nennt und mit dem Verein große sichtsrat und stellt nun den Vorstandschef. Abstieg hat alle schon genug zermürbt.
Erfolge gefeiert hat. Der neue 96-Boss gerät ins Schwärmen, Im Vergleich zum VfB Stuttgart leben
Der Fußballer hat seit dem Ende seiner wenn er über den Abstimmungserfolg re- die Niedersachsen ohnehin noch in einem
Spielerkarriere nicht nur einen Trainer- det: Sebastian Kramer, 42, sitzt im T-Shirt Hort der Ruhe und Besonnenheit. Stutt-
schein gemacht, sondern auch bei einer und mit Baseballcap auf dem Balkon eines gart stieg mit einem Etat ab, der für das
Managementfirma, einer Vermögensver- Neubaus in Wedemark, im Speckgürtel internationale Geschäft hätte reichen kön-
waltung und einer Spielerberatungsagen- von Hannover. Vor Glück geheult habe er, nen. Der Autobauer Daimler hatte vor
tur gearbeitet. Dass diese Ausbildung als das Wahlergebnis feststand. »Wir ha- zwei Jahren 41,5 Millionen Euro in den
reicht, um unter erschwerten Bedingungen ben unseren Verein behalten«, sagt er. Kra- Verein gepumpt und damit im Ländle gro-
die Bausteine für den Erfolg aufeinander- mer entstammt jener Fanszene, mit der ße Träume entfacht.
zusetzen, glaubt Kind, aber niemand weiß die Logenbesucher um Kind kaum in Be- Doch der Erfolg blieb aus. Klubpräsi-
es. Die finanzielle Lage nennt Schlaudraff rührung kommen. Seit 28 Jahren habe er dent Wolfgang Dietrich brachte mit groß-
selbst »mit Sicherheit deutlich schwieriger kein Heimspiel verpasst, erzählt er. spurigen Auftritten und seiner Verbindung
als in vorherigen Jahren«. Der Angestellte beim 96-Sponsor Con- zu einem Unternehmen, das in Fußball-
Hannover stapelt deshalb bewusst tief, tinental hat mit dem Führungsposten im vereine investiert, viele Anhänger gegen
obwohl der Klub immer noch zu den wohl- Verein einen ehrenamtlichen Vollzeitjob sich auf. Bei einer emotionalen Mitglieder-
habendsten der zweiten Liga zählt. Doch dazubekommen. Nun ist er der Chef von versammlung Mitte Juli stand er kurz
selbst Geschäftsführer Kind räumt mittler- 15 Sportarten aus dem Breitensport, der vor der Abwahl. Weil das WLAN in der
weile ein, dass ein Neustart länger als eine Profifußball ist in eine Gesellschaft ausge- Mercedes-Benz-Arena nicht funktionierte,
Saison dauern könnte. Es sind neue Töne lagert. fiel die Abstimmung über die Zukunft
aus einem Verein, der sich seines WM-Sta- Kramer und seine Vertrauten aus dem des Präsidenten aus. Es war eine Peinlich-
dions rühmt, in dessen VIP-Logen sich Mil- Aufsichtsrat könnten Martin Kind von ei- keit zu viel, am folgenden Tag trat Dietrich
liardäre und ein ehemaliger Kanzler ver- nem Geschäftsführerposten abberufen. zurück.
sammeln, und immerhin in der ewigen Doch das hätten sie nicht vor, beteuert Kra- Wenigstens sportlich muss sich der VfB
Bundesligatabelle einen Platz unter den mer. »Wir wollen, dass die Struktur so voraussichtlich weniger Sorgen machen
ersten 18 hat (siehe Grafik Seite 80). bleibt, wie sie ist«, sagt er. Kind habe große als die 96er. Während sich die wahre Qua-
Der neuen sportlichen Leitung gewährt Verdienste um den Verein und solle Ge- lität des hannoverschen Kaders noch er-
Kind einen Vertrauensvorschuss, nachdem schäftsführer bleiben, nur solle eben keine weisen muss, besteht bei Beobachtern des
er zum Ende der vorigen Saison alle Ver- Einzelperson die Geschicke des Klubs steu- VfB kein Zweifel. »Die werden mit dieser
antwortlichen mit scharfen Worten öffent- ern. Mit diesem Konflikt geht Hannover Mannschaft und dieser Ausrichtung auf-
lich demontiert hat. War das wirklich not- in die neue Spielzeit. steigen«, prognostizierte Freiburgs Trainer
wendig? »Martin Kind ist der Chef«, sagt Seit Wochen verhandelt die neue Ver- Christian Streich nach einer 2:4-Testspiel-
Schlaudraff, »und wenn der Chef etwas sa- einsführung mit dem Profifußball-Chef Niederlage gegen Stuttgart. »Und zwar
gen will, hat er immer und überall das eher als Erster.«
Recht dazu.« Auch Schlaudraff nennt den VfB als
Er selbst war in seiner aktiven Zeit zwi- Top-Favoriten für den direkten Wieder-
schenzeitlich auch bei Kind in Ungnade aufstieg. Stuttgart hat mit etwa 40 Millio-
gefallen. »Schlaudraff spielt nie mehr für nen Euro einen doppelt so hohen Per-
uns«, verkündete der 96-Boss 2010 öffent- sonaletat wie Hannover. Auch aus den
lich, als ihm das Auftreten des Stürmers Einnahmen von Fußballübertragungen
nicht gefallen hatte. Darauf angesprochen, kassieren die Stuttgarter, die in der Rele-
grinst Schlaudraff. »Ist ja nicht gesagt, dass gation gegen Union Berlin scheiterten und
der Chef immer recht hat.« deshalb abstiegen, das meiste Geld in der
Die eigene Fanszene zweifelt die Un- zweiten Liga.
fehlbarkeit ihres obersten Vereinsmana- Von einigen verdienten Kräften wie den
gers schon seit geraumer Zeit an. Kind ehemaligen Nationalspielern Christian
hatte bei der Deutschen Fußball Liga Gentner, Andreas Beck und Dennis Aogo
eine Ausnahme von der 50+1-Regel be- trennte sich der Verein, während interna-
antragt. Die Vorschrift soll verhindern, tional erfahrene Ü-30-Spieler wie Mario
dass einzelne Investoren den Kurs von Gomez, Gonzalo Castro und Emiliano
Fußballklubs zu sehr beeinflussen. Die Insúa blieben. Mit dem neuen Trainer Tim
Vereine sollen weiterhin über den Fußball Walter zeigten die Stuttgarter in Vorberei-
LARS KALETTA

bestimmen. Deshalb müssen sie bei Aus- tungsspielen einen sehr offensiv ausgerich-
gliederungen mehr als die Hälfte der teten Fußball.
Stimmrechte in der Kapitalgesellschaft Der VfB scheint mit Anlauf zurück
behalten. Kind wollte indes alleiniger Ent- Sportdirektor Schlaudraff, Trainer Slomka in die Bundesliga sprinten zu wollen, ähn-
scheider des Klubs werden. Es sollte ein »Der Chef hat nicht immer recht« lich wie der 1. FC Köln in der vorigen

91
Saison. Stuttgart wolle aufsteigen, müsse Hamburger Cheftrainer im Durchschnitt
aber nicht, meint dennoch der Sportvor-
stand Thomas Hitzlsperger und verblüfft
nur für ein Dreivierteljahr. Heckings Vor-
gänger Hannes Wolf hatte bei seinem
Kaiser und
damit viele Beobachter. Doch der 37-Jäh- Amtsantritt noch gescherzt, das Willkom-
rige, selbst früher Spieler beim VfB, erhielt
bei der Mitgliederversammlung schon to-
men beim HSV klinge fast wie eine Dro-
hung. Acht Monate später war auch Wolf
Untertanen
senden Applaus, bevor er überhaupt etwas gefeuert. In der vergangenen Saison be-
gesagt hatte. Demonstrative Bescheiden- zahlte der Verein zeitgleich vier Trainer- Sommermärchen Die Schweizer
heit kommt derzeit auch bei den Schwa- teams. Bundesanwaltschaft hat
ben gut an. Nach Jahren der Fehlkäufe und Perso- die Ermittlungen in der Affäre
Offenbar haben die beiden Absteiger nalrochaden ist der HSV – im Gegensatz
Hannover und Stuttgart vom Hamburger zu Hannover und Stuttgart – hoch ver- abgeschlossen. Nun will sie
SV gelernt. Nach Jahren der Qualen stieg schuldet. Der Verein hat sich neues Geld Ex-DFB-Funktionäre anklagen.
der HSV 2018 erstmals in seiner Geschich- von seinem leidensfähigen Anhang gelie-
te ab. Das Entsetzen wich irgendwann hen, um eine alte Fan-Anleihe zurückzah-
der Hoffnung, dass dem schwerfälligen
Klub ein Neuanfang sogar guttun könnte.
Doch der dringend notwendige Umbruch
blieb aus. Für den HSV war die zweite
len zu können. Immerhin hat der Trikot-
sponsor Emirates den Vertrag mit dem
Klub verlängert.
Doch in Hamburg nimmt die Nervosität
F rüher war Franz Beckenbauer be-
rühmt für sein perfektes Stellungs-
spiel – einer, der wusste, wo auf dem
Platz er stehen muss und wo besser nicht.
Liga unwürdig, und so spielte die Mann- traditionell besonders schnell zu, wenn die Daran hat sich offenbar auch im Alter
schaft auch. Stürmer nicht treffen. Der neue Sportvor- nichts geändert: Wenn nicht alles täuscht,
wird er auch künftig nicht an der falschen
Ewige Tabelle Stelle stehen müssen. Als Angeklagter in
einem Schweizer Gericht.
Erspielte Punkte in der ersten Fußballbundesliga* und Ligazugehörigkeit der Vereine in der Saison 2019/20
Der deutsche Fußballkaiser, 73, gilt
1. Liga 2. Liga 3. Liga nach zwei Herzoperationen als verneh-
mungsunfähig. Seit April habe sich sein
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. Zustand massiv verschlechtert; jede Auf-
regung könne lebensgefährlich sein, attes-
tieren ihm seine Ärzte. Auch sein Urteils-
vermögen und Gedächtnis seien sehr stark
Bayern Werder Borussia Hamburger VfB Bor. Mönchen- Schalke 1. FC Eintracht getrübt. Die Aussichten? Mit Besserung
München Bremen Dortmund SV Stuttgart gladbach 04 Köln Frankfurt
sei nicht zu rechnen.
3687 2824 2806 2733 2654 2560 2477 2294 2291 Das geht aus einem Schreiben der
10.
Schweizer Bundesanwaltschaft hervor.
11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18.
Zwar fordern die Ermittler Extrabelege,
aber groß scheint ihre Hoffnung nicht zu
sein, Beckenbauer noch mal in einen Ge-
Bayer 1. FC Hertha VfL 1. FC Hannover MSV VfL Fortuna
richtssaal zu bekommen.
Leverkusen Kaiserslautern BSC Bochum Nürnberg 96 Duisburg Wolfsburg Düsseldorf Damit dürfte sich das Schweizer Ver-
2122 2094 1633 1374 1318 1174 1147 1040 994 fahren gegen ihn in der Affäre um die
mutmaßlich gekaufte Weltmeisterschaft
*seit Bestehen der Bundesliga 1963, nach der Drei-Punkte-Regel (Sieg: drei Punkte, Unentschieden: ein Punkt)
2006 nach knapp vier Jahren faktisch er-
ledigt haben. Die Bundesanwaltschaft will
Erst jetzt, nach der misslungenen Mis- stand Jonas Boldt, der vorher in Lever- seinen Fall abtrennen; wahrscheinlich
sion Wiederaufstieg, vollzieht sich ein kusen gearbeitet hatte, wollte mit dem kommt er damit in den Genuss der Ver-
Wandel. Nach zehn Verpflichtungen, größ- SPIEGEL nicht über seine ersten Wochen jährung, die im nächsten April eintritt. Da-
tenteils bei Zweitligakonkurrenten einge- beim HSV sprechen – keine Zeit, hieß es. bei waren die Ermittler doch gerade so
kauft, hat der Kader nicht mehr viel mit Über die Medien meldete sich bereits weit, Beckenbauer anzuklagen.
dem Vorjahr zu tun. Gutes Mittelmaß statt wieder der meinungsstarke Gönner Klaus- Treffen wird es voraussichtlich drei
großer Namen war offenbar die Einkaufs- Michael Kühne zu Wort, der Milliardär andere DFB-Pensionäre: Wolfgang Niers-
politik. hält mittlerweile gut 20 Prozent Anteile bach, Theo Zwanziger und Horst
Der anhaltende Misserfolg hat das am Verein: »Noch scheint mir die Mann- R. Schmidt. Dazu noch den früheren
Selbstbewusstsein der Hamburger berührt. schaft kunterbunt zusammengewürfelt Schweizer Fifa-Generalsekretär Urs Linsi.
Als besonders symbolträchtig gilt der Ab- zu sein.« Männer mit schlechtem Stellungsspiel, die
bau der berüchtigten Stadionuhr, die erst Ob die Bescheidenheit der drei Tradi- für den Kaiser, wie sich das für Untertanen
die Erstligazugehörigkeit und dann das tionsklubs lange Zeit anhält und die neuen ziemt, vermutlich den Kopf hinhalten sol-
Vereinsalter zählte. Auch die stets live vor- Vereinsmanager dem Druck standhalten len. Denn zu den zentralen Ergebnissen
getragene Hymne »Hamburg, meine Per- werden, wird sich schnell zeigen. Sie sind der Schweizer Ankläger gehört, dass sie
le«, in der sich ein lokaler Gesangsstar nun mal in der zweiten Liga gelandet – Beckenbauer für die entscheidende Figur
über Konkurrenten lustig macht, wird zur mit einiger Sicherheit werden nicht alle in der ganzen Affäre halten: »eventualiter
kommenden Saison abgeschafft. drei in der nächsten Saison in die Bundes- als Anstifter und Gehilfe«. So taucht er in
»Ein wenig Demut tut uns gut«, sagte liga zurückkehren. Und in Hamburg, Han- dem Entwurf einer Anklageschrift auf, die
der neue Coach Dieter Hecking bei seiner nover und Stuttgart kann Zweitklassigkeit dem SPIEGEL und dem Schweizer »Tages-
Vorstellung. Der erfahrene Bundesliga- niemand lange ertragen. Anzeiger« vorliegt.
coach soll Ruhe in den Klub bringen. In Christoph Ruf, Christoph Winterbach Auf 89 Seiten hat Cédric Remund,
den vergangenen zehn Jahren blieben Schweizer Bundesstaatsanwalt, die Er-

92
Sport

kenntnisse »in der Strafsache SV.15.1462- erst 2004 oder 2005 von dem Darlehen mer getrieben von der Angst, dass dessen
REC« zusammengefasst. Der Vorwurf: gehört zu haben. Danach habe er den da- »Rücktritt als Präsident des OK WM 2006
»Betrug zum Nachteil des gemeinnützigen maligen DFB-Generalsekretär Schmidt an verheerende Wirkung haben könnte«.
Deutschen Fußball-Bund e.V.« (DFB). die Rückzahlung erinnert. Genau zweimal. Alle Beschuldigten, auch Beckenbauer,
Es geht um die ominösen 6,7 Millionen Dagegen heißt es in dem Papier, Louis- hätten daher den DFB hintergangen. Sie
Euro aus der Sommermärchen-Affäre. Das Dreyfus habe schon »ab Sommer 2003 bis hätten gewusst, dass das Geld nicht wie
Geld hatte der DFB im April 2005 über zur Tilgung der Schuld Ende April 2005« offiziell begründet einer Fifa-Gala zum
den Weltverband Fifa auf ein Konto des insbesondere »über regelmäßige Anrufe WM-Auftakt 2006 dienen sollte, sondern
Milliardärs Robert Louis-Dreyfus gelenkt. von Netzer bei Horst R. Schmidt« Druck dazu, dem Kaiser aus seiner Kreditklem-
Der DFB zahlte damit heimlich einen auf das OK-Präsidium ausgeübt. me zu helfen.
Kredit zurück, den sich Beckenbauer, Chef Die zur Schau getragene Ahnungslosig- Beckenbauers Anwalt meldete sich
des WM-Organisationskomitees (OK), keit des früheren DFB-Chefs Niersbach ist nicht auf eine SPIEGEL-Anfrage dazu; für
drei Jahre vorher privat bei dem Franzo- aus Sicht der Fahnder ähnlich zweifelhaft. seinen Mandanten gilt aber wie für alle
sen besorgt hatte (SPIEGEL 43/2015). Er behauptet, um das Jahr 2004 allenfalls Beschuldigten die Unschuldsvermutung.
Seit November 2015 haben Niersbach, Schmidt und Linsi
die Schweizer ermittelt, weil ließen ausrichten, sie äußerten
das Geld durch ihr Land zu sich wegen des laufenden Ver-
Louis-Dreyfus zurücklief. Und fahrens nicht detailliert zu den
das Ergebnis ist beeindru- Fragen. Allerdings wiesen sie
ckend, selbst wenn eine Kern- alle Vorwürfe »mit Nach-
frage offen bleibt: wofür Be- druck« (Niersbach) oder als
ckenbauer die Millionen 2002 »abwegig« (Schmidt) zurück.
so dringend brauchte. Fest Der ehemalige Fifa-Mann Lin-
steht: Das Geld ging damals an si gab sich überzeugt, immer
den notorisch korrupten Fifa- nach Recht und Gesetz gehan-
Funktionär Mohamed Bin delt zu haben.
Hammam. Als mögliche Moti- Auch Zwanziger bestritt je-
ve des Kaisers nennen die An- des Fehlverhalten. Er habe
kläger einen ganzen Strauß: nicht gewusst, dass mit den
Wollte Beckenbauer damit 6,7 Millionen Euro Becken-
einen Fifa-Zuschuss für die bauers Kredit getilgt werden
deutsche WM an Land ziehen sollte. Er habe daher auch
oder Stimmen für die Wieder- nicht, wie behauptet, unter
wahl von Fifa-Chef Sepp Blat- Druck von Beckenbauer an
ter kaufen? Oder doch eher TV- einer Verschleierung teilge-
Rechte? Infrage kommt für die nommen. Dass Beckenbauer
Ermittler auch ausdrücklich vernehmungsunfähig sein soll,
eine »finanzielle Gefälligkeit bezweifelt Zwanziger im Übri-
von Franz Beckenbauer im Zu- gen. Er will das durch ein Gut-
sammenhang mit der Wahl achten prüfen lassen. Schließ-
von Deutschland als Gast- lich habe der Kaiser »in den
geberland der WM 2006«. letzten Monaten mehrere öf-
Absolut sicher sind sich die fentlichkeitswirksame Auftrit-
Staatsanwälte jedoch, dass der te« gehabt. So begrüßte Be-
damalige Organisationschef ckenbauer noch am 12. Juli die
Beckenbauer kein Recht hatte, Gäste des nach ihm benannten
GETTY IMAGES

seinen Kredit aus der DFB- Golfturniers »Kaiser-Cup« mit


Kasse tilgen zu lassen. Trotz- einer launigen Rede.
dem habe er »ab Sommer Gut möglich, dass das
2003« immer wieder auf »eine Fußballlegende Beckenbauer im Mai in München Schicksal aber auch den übri-
rasche Abwicklung der Darle- Gedächtnis sehr stark getrübt gen Altfunktionären noch gnä-
hensrückzahlung« durch den dig ist. Weil sich Chef-Bundes-
DFB gedrängt und wohl auch anwalt Michael Lauber in an-
gedroht: »Für den Fall eines Scheiterns nebulös von dem Kredit gehört zu haben deren Ermittlungen etwas zu diskret mit
stellte Franz Beckenbauer dabei implizit und dann bis 2015 nichts mehr. Die Ermitt- Fifa-Boss Gianni Infantino getroffen hat,
und/oder explizit seinen Rücktritt als Prä- ler sehen es als erwiesen an, dass er spä- droht seinen Leuten, die in Sachen Fußball
sident des OK WM 2006 in Aussicht.« Im testens 2004 »vollumfänglich ins Bild ge- ermitteln, der sogenannte Ausstand. Im
Wissen »um seine Unverzichtbarkeit als setzt« wurde. Mit Schmidt und Zwanziger Klartext: Alle Schritte in den von ihnen
Gesicht der WM 2006«, so die Bundesan- habe er dann »entschieden«, dass »die betreuten Verfahren wären wegen Befan-
waltschaft, habe Beckenbauer darauf ge- Rückzahlung des Darlehens (zzgl. Zins) an genheit nichtig und müssten wiederholt
setzt, dass seine erpresserischen Forderun- Robert Louis-Dreyfus über die Fifa erfol- werden. Wenn es gut läuft für die Beschul-
gen erfüllt würden. gen sollte«. digten, rutschen ihre Verfahren also auch
Auch dem Kaisergefährten Günter Net- Doch der ehemalige DFB-Präsident und in die Verjährung, und die dunklen Dinge
zer messen die Ermittler eine größere Be- die anderen waren in den Augen der Fahn- im Sommermärchen bleiben ungesühnt.
deutung zu als Netzer sich selbst: Der ehe- der nur willige Vollstrecker des Kaisers. Sie Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch,
malige Nationalspieler, der nicht zu den hätten »kein anderes Motiv« gehabt, »als Jörg Schmitt
Beschuldigten gehört, hatte früher erklärt, Franz Beckenbauer zufriedenzustellen«; im-

DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019 93


Kultur
Waren damals nicht alle auf Drogen? Nein, aber fast alle. ‣ S. 96

STUDIOCANAL
Szene aus »Benjamin Blümchen«

Kino der und ihre Probleme immer offene Ohren hat, und zwar
ziemlich große. Heute ist Benjamin Blümchen ein Idol. Nach
Unter Trampeltieren mehr als 65 Millionen verkauften Hörspielen, einer TV-Serie
und Merchandising-Artikeln wie Heftpflastern oder Puzzles
 Seit mehr als 40 Jahren trampelt Benjamin Blümchen nicht kommt jetzt die deutsche Produktion »Benjamin Blümchen«
wenigen deutschen Eltern auf den Nerven herum. Geduld ins Kino. Regisseur Tim Trachte und sein Team tun so, als
ist gefordert, wenn sie auf dem Weg in den Urlaub im Stau wären Kinder minderbemittelt, und beleidigen ihr Publikum
stehen und dabei immer wieder die schlichten Einlassungen mit denkbar schlichter Handlung und extrem flachen Witzen.
oder das triumphierende »Törööö!« des sehr menschlichen Schauspieler wie Heike Makatsch, Friedrich von Thun oder
Elefanten hören müssen, weil die lieben Kleinen von Ben- Dieter Hallervorden chargieren so hemmungslos drauflos,
jamin Blümchen nicht genug bekommen können. 1977 veröf- dass es schmerzt. Unter diesen Trampeltieren wirkt der com-
fentlichte die britisch-österreichische Autorin Elfie Donnelly puteranimierte Benjamin Blümchen auf einmal nicht mehr
ihr erstes Hörspiel mit dem dickhäutigen Helden, der für Kin- plump, sondern fast grazil. Diesmal nerven die anderen. LOB

Literatur die die Nöte, aber auch den eher nach sozialgeschichtlichem
Auswege und Irrwege Stolz dieser Menschen mitten Proseminar klingen als nach
im Strukturwandel greifbar Alltagsbeobachtung. Häufiger
 Ein Tal in Lothringen in den Neunziger- machen, die Geschichte von aber schafft er starke Szenen,
jahren: Der Sommer ist heiß, die Hochöfen Anthony, Hacine und Steph. in denen sich die Konflikte
qualmen nicht mehr, die Jugendlichen Einem wird das Motorrad verdichten, deren Folgen in der
schmeißen Steine auf leere Fabrikgebäude. gestohlen, einer bekommt die französischen Provinz noch
Präzise beschreibt Nicolas Mathieu in Zähne ausgeschlagen, eine hat heute sichtbar sind: Jugendar-
»Wie später ihre Kinder« das Aufwachsen Sex auf dem Sitz eines Klein- beitslosigkeit, rechtspopulistische
in einer deindustrialisierten Stahlstadt im wagens. Was halt so vorkommt Bürgermeister, Gelbwesten-
Nordosten Frankreichs. Über ähnliche beim Erwachsenwerden, man proteste. Leser im Ruhrgebiet
Milieus gab es zuletzt schon Biografisches fiebert mit. Doch um die jungen Leute oder in den ostdeutschen Braunkohleregio-
oder Soziologisches zu lesen, von Autoren herum zerbricht eine Welt aus Lohnarbeit, nen werden vieles wiedererkennen. FEB
wie Édouard Louis oder Didier Eribon. Solidarität, Vertrautheit; sie suchen nach
In seinem Roman, der 2018 mit dem Prix neuen Wegen, nach Auswegen, landen auf Nicolas Mathieu: »Wie später ihre Kinder«. Aus dem
Goncourt ausgezeichnet wurde, erfindet Irrwegen. Manchmal legt Mathieu, 41, Französischen von Lena Müller und André Hansen.
Mathieu nun exemplarische Lebensläufe, seinen Figuren Gedanken in den Sinn, die Hanser Berlin; 448 Seiten; 24 Euro.

94 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Filmwirtschaft geschäft sorgen. Wird der Rest des Kinos Nils Minkmar Zur Zeit
nicht mehr und mehr verdrängt?
»Die Luft wird Moszkowicz: Die Luft wird dünner. Es Lässiger Landarzt
wird immer schwieriger, die Menschen
dünner« dazu zu bewegen, ins Kino zu gehen. In den Ferien haben Schulkin-
Die Streamingdienste haben ein sehr der mal Zeit und Muße für all
Martin Moszkowicz, 61, Vorstand der breites Angebot, aus dem man auf jene Krankheiten, die der All-
Münchner Constantin Film AG, dem heimischen Sofa bequem aus- tag verdrängt, und wo soll
über den Siegeszug des Superheldenepos wählen kann. Wer im Kino Erfolg man sich sonst auch eine Oh-
»Avengers: Endgame« und den haben will, muss es schaffen, Events renentzündung durch zu viel
Konkurrenzkampf in Hollywood zu kreieren. Tauchen einfangen? Wenn man
SPIEGEL: Droht nicht eine Monokultur sich zufällig in Frankreich aufhält, ergibt
SPIEGEL: Herr Moszkowicz, vor ein von Spektakeln auf Kosten der Vielfalt? sich für Eltern eine Lektion in den feinen
paar Tagen hat die Marvel-Produktion Moszkowicz: Viele Projekte, die vor Unterschieden, die Europa medizinisch
»Avengers: Endgame« das Fantasy- 20 Jahren noch für die Leinwand herge- und kulturell so interessant machen.
spektakel »Avatar« als erfolgreichsten stellt wurden, hätten heute kaum noch Der französische Landarzt nähert sich
Film der Kinogeschichte abgelöst. Was eine Chance, als Kinofilme realisiert zu dem Fall betont lässig. Der Job bringt
sind die Gründe für diesen Erfolg? werden. Aber die Streamingdienste su- nicht viel ein, und das sieht man den
Moszkowicz: »Endgame« ist in meinen chen händeringend nach Stoffen und stel- Praxen an. Unser Arzt empfing in Jeans
Augen einer der wichtigsten und stärks- len sehr viele Serien und Filme her. Das und Polohemd, bediente das Telefon,
ten Filme der vergangenen zehn Jahre. ist gut für die Zuschauer und gut für uns machte die Termine und kassierte selbst.
So viele verschiedene Charaktere in einer Produzenten. Nimmt man das Kino, klas- Jede Konsultation macht 25 Euro, viel
packenden und bewegenden Story zu ver- sisches Fernsehen und die Plattformen Personal kann man davon nicht beschäf-
einen, das ist eine ganz große Leistung. zusammen, herrscht eine große Vielfalt. tigen, und dafür geht es natürlich
Komplexes Erzählen findet eben keines- SPIEGEL: Die Constantin besitzt die schnell. Kind gewogen, beleuchtet, be-
wegs nur im Fernsehen statt. »Endgame« Verfilmungsrechte an Marvels »Fantastic fühlt, kurz nickend nachgedacht, schon
zeigt, dass es auch im Kino geht. Four«-Comics. Gerade haben Sie be- war ein kalligrafisch eindrucksvolles
SPIEGEL: Hollywood setzt immer stärker kannt gegeben, dass die Reihe fortgesetzt handgeschriebenes Rezept verfertigt.
auf Serien und Fortsetzungen, mit der werden soll. Was planen Sie? Cortison, Antibiotika und noch mehr,
Folge, dass ein paar Blockbuster für den Moszkowicz: Die bisherigen »Fantastic das ganze Arsenal der medizinischen
Großteil der Einnahmen aus dem Film- Four«-Filme haben wir zusammen mit Wunderwaffen, alle Speerspitzen von
20th Century Fox produziert. Wissenschaft und Aufklärung wurden in
Seit ein paar Monaten gehört Stellung gebracht, damit das Kind wie-
Fox zum Disney-Konzern – der fit für die Ferien ist. Es gab keine
wie die Marvel Studios. Wir Hinweise auf Kräutertee und Kügelchen
als Constantin Film können und keinen Folgetermin – als sollte mit
davon nur profitieren. Dis- diesem einen Patienten gleich die ganze
ney und Marvel spielen in Menschheit sofort und ein für alle Mal
einer eigenen Liga, was Ta- kuriert werden. Als moderner Vater hat-
lent und Professionalität an- te man es mit Hausmitteln versucht und
IMAGO IMAGES

geht. Niemand in Hollywood Zwiebelsäckchen angefertigt – was dem


kommt da ran. Mit ihnen Arzt ein herzliches Lachen entlockte.
zusammenzuarbeiten wird Ebenso gut hätte man von Heiltänzen
»Avengers: Endgame«-Plakat enorm lehrreich sein. LOB im Mondlicht erzählen können.
Wenige Stunden später war das Kind
vergnügt wie zuvor, die französische
Medizin hatte wieder mal Wunder
Kunst delt es sich um eine einzige, ewige Empfin- gewirkt. In der kleinen Episode wurde
Verwundete Waldmaus dung: Aeisthesis, wie das zarte Wortspiel eine ganze Weltanschauung deutlich.
Hölderlins lautet«, so der Philosoph. Schon der Philosoph Jean-Paul Sartre tat
 Vielleicht möchte Peter Handke dem Erstaunlich unprätentiös wirken dagegen Warnungen vor seinem heftigen Konsum
Publikum mit der Veröffentlichung seiner die Titel der Zeichnungen: Ein lustiges von Aufputschmitteln als romantischen
Zeichnungen die Scheu vor seinem Werk Pünktchenbild nennt Handke »Spatzen- Fehlschluss ab, schließlich sei es wichti-
insgesamt nehmen. Das Schreiben des badekuhlen im Sand am Quai, Bahnhof ger, dass er die Nächte hindurch philoso-
österreichischen Dichters (»Mein Jahr in ›Niemandsbucht‹«, leider ohne Spatzen. phieren könne. In Zeiten der Klimakrise
der Niemandsbucht«) ist ja mitunter von Und seine Skizze einer »verwundeten führt das zu spannenden Fragen.
© 2019 BY PETER HANDKE / SOPHIE SEMIN HANDKE

einer stark gewollten Heilig- Waldmaus« sieht aus, als Die in Paris lehrende Philosophin
keit umweht. Dieses Gefühl hätte sich kurz vorher Cynthia Fleury gibt zu bedenken, dass
lässt sich beim Betrachten sei- jemand auf sie draufgesetzt. der Planet selbst keine Rettung benötigt.
nes Bildbands »Zeichnun- Ob der Dichter sie in Ruhe Was gerettet werden muss, ist vielmehr
gen«, den der Verlag Schir- zeichnen wollte? Die größte die menschliche Lebenswelt, der Huma-
mer / Mosel jetzt herausge- Sehnsucht erzeugt das Krit- nismus. So prägt die Begeisterung über
bracht hat, wirklich nicht zelbild »Regen am Zugfens- die Aufklärung das Denken in Frank-
erzwingen. Da hilft auch das ter Friaul Dezember 2010«. reich, vom Lehrstuhl bis zum Landarzt.
Vorwort von Giorgio Agam- Diese hölderlinsche »Aeis-
ben nicht: »Auch wenn in thesis« hat irgendwie abküh- An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und
Fragmente zerkleinert, han- Handke-Zeichnung lende Wirkung. VW Elke Schmitter im Wechsel.

95
Titel

Der große Sommer


Zeitgeist Erst die Morde der Manson-Family, dann das Festival von Woodstock –
innerhalb einer guten Woche setzte sich im August 1969 die Gegenkultur
vollends durch. Ihre hellen und ihre dunklen Seiten prägen bis heute unsere Welt.

M
itte Juli 2019 und noch ein
knapper Monat, bis das Fes-
tival beginnen soll. Michael
Lang steht allein da. Sein
japanischer Investor hat abgesagt. Zwei
Ortschaften, in denen das Ereignis statt-
finden sollte, haben ihm die Genehmigung
verweigert. Und jetzt ist ihm noch die Pro-
duktionsfirma abgesprungen.
Lang könnte nervös werden. Aber
warum sollte er? Er kennt das. Lang sagt:
»An diesem Punkt waren wir schon einmal.
Auch 1969 hatten wir einen Monat vorher
keinen Ort für unser Festival.«
Unser Festival. Wer Lang reden hört,
könnte meinen, dass er von einem Privat-
vergnügen spricht, einem mittelgroßen
Ding vielleicht – und nicht von einem
Weltereignis. Von einem Konzert, das zum
Mythos geworden ist, zu einem Schlag-
wort, das eine ganze Generation be-
schreibt. Mindestens. Wenn nicht noch
viel mehr.
Michael Lang war damals, 1969, 24
Jahre alt. Zusammen mit ein paar ande-
ren Hippies stellte er das Woodstock-Fes-
tival auf die Beine – mit Chuzpe, Ge-
schick und einem ordentlichen Maß an
Naivität. Heute ist er 74. Er werde es
auch diesmal hinbekommen, sagt er. Da
sind es noch 26 Tage bis zum geplanten
Festivalbeginn.
Woodstock 2019 soll direkt an Wood-
stock 1969 anknüpfen, an den Spirit von
damals. Die Zeit sei wieder reif für ein sol-
ches Ereignis angesichts »von Trump und
alldem«, findet Lang. »Woodstock 50« soll
fast auf den Tag genau ein halbes Jahrhun-
dert nach dem Originalfestival stattfinden.
Und sofern sie noch leben und irgendwie
können, sollen auch manche der Musiker
von damals wieder auftreten.
Carlos Santana, David Crosby, John Fo-
gerty, auch diejenigen, die von Grateful
Dead noch übrig geblieben sind. Die gro-
ßen Namen der Hippiegeneration. Man-
che sind zu Weltstars geworden. Andere
zehren bis heute von einem Status als Ve-
teranen: »Er war in Woodstock« – so ähn-
lich hat man in früheren Jahrhunderten
über die Überlebenden der großen Feld-
schlachten gesprochen.
Bei der Wiederauflage sollen jene Stars
von heute dazukommen, von denen Lang Woodstock-Festival: Der Moment, in dem

96 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


glaubt, dass sie den Woodstock-Spirit Waren damals nicht alle auf Drogen? Und sind nicht sogar Menschen gestor-
haben: Der Rapper Jay-Z ist gebucht Nein, aber fast alle. ben? Ja, ein junger Mann, der vom Traktor
und die junge Popsängerin Miley Cyrus, Kam es damals nicht zu einem totalen überfahren wurde, und dann gab es noch
die Rockband The Killers und rund 70 an- Chaos mit tagelang zugeparkten High- einen insulinbedingten Todesfall.
dere. ways? Das schon, aber am Ende hat sich Ausschreitungen? Nein, es blieb voll-
Aber es hilft nicht gerade, dass es nicht alles wie durch ein Wunder gefügt. kommen friedlich.
um irgendein Festival geht, sondern um Und die Männer, trugen sie nicht Aber Woodstock war doch der kommer-
Woodstock. alle lange Haare und Sandalen, und zielle Ausverkauf der Hippiebewegung?
Die Mutter aller Festivals, das Symbol liefen die Frauen nicht alle oben ohne Nein, der Eintritt zum Festival war ab
einer Generation. So viel Ballast, so viele rum? In beiden Fällen: nicht alle, aber einem bestimmten Zeitpunkt kostenlos,
Geschichten. viele. auch wenn das eigentlich nicht so geplant
war.
Die »Woodstock Aquarian Music & Art
Fair«, wie Lang sein Festival genannt hatte,
fand vom 15. bis 18. August 1969 auf einer
Kuhwiese gut zwei Stunden nordwestlich
von New York City statt. Es kamen etwa
eine halbe Million Menschen. Das Festival
war damit gewissermaßen für drei Tage
die zweitgrößte Stadt im Staat New York.
Eine große Kommune, mit kostenloser
Unterkunft und mit zeitweilig freiem Es-
sen und eigener medizinischer Versor-
gung, ebenfalls kostenlos. Mit den soge-
nannten Bad-Trip-Zelten, in denen vor al-
lem Besucher aufliefen, die zu viel oder
schlechtes LSD genommen hatten (das
braune LSD soll besonders schlecht gewe-
sen sein). Morgens gab es Yoga-Klassen.
Und drei Tage lang einen meist großarti-
gen Soundtrack.
Es war ein gigantisches Experiment, es
ging auch um die Frage, ob der Gedanke
von Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz,
freier Liebe, Naturverbundenheit über-
haupt in der Praxis funktionieren kann
oder ob man sich eher die Köpfe einschla-
gen würde.

Die meisten der Hunderttausenden Zu-


schauer konnten in diesen drei Tagen auf
dem Festival allenfalls eine Ahnung davon
haben, in welch prägenden Zeiten sie leb-
ten. Davon, dass sich in dieser zweiten
Hälfte des Jahres 1969, den letzten Mona-
ten der Sixties, nach Jahren des Aufruhrs
und der Experimente die Welt vollends
neu zurechtruckelte.
Heute gelten die Sechzigerjahre als Jahr-
zehnt des Umbruchs, als Zeit der Emanzi-
pation und der Kulturrevolution. Das hat
viel damit zu tun, dass sie 1969 in Wood-
stock ihren finalen Höhepunkt erreichten.
Erst Woodstock war der entscheidende
Kulminationspunkt. Der Moment, an dem
klar war, dass sich die Dinge fundamental
CHARLES HARBUTT / GAMMA / RAPHO / LAIF

geändert hatten. Innerhalb weniger Wo-


chen begann sich zu konstituieren, was wir
heute die moderne Welt nennen. Die Re-
volution der Sechziger sollte alle Bereiche
der Gesellschaft erfassen. Und nach einem
fürchterlichen Beginn sollte das 20. Jahr-
hundert auch dank der Woodstock-Gene-
ration ein vergleichsweise entspanntes
Ende nehmen.
Diese Generation konnte nicht ahnen,
klar war, dass sich die Dinge geändert hatten dass vieles, was bei Woodstock erstmals

97
Titel

massenwirksam zu sehen war (und noch


allgemein als skandalös empfunden wur-
de), 50 Jahre später Teil der Mehrheits-
gesellschaft sein würde: In der westlichen
Welt ist der Konsum von Cannabis heute
teilweise legalisiert, ein blanker Busen regt
kaum noch jemanden auf, Yoga ist Teil
des Vorortlebens. Das basisdemokratische
Politikverständnis mit ewigen Diskus-
sionen in Gruppen und Gremien, die fla-
chen Hierarchien, der ganze, heute post-
heroisch genannte Führungsansatz – all
das wurde bei Woodstock erprobt und an-
gewandt und hat sich, wie Michael Lang
anmerkt, damals unter maximalem Stress

BARRY Z LEVINE / GETTY IMAGES


bewährt.

Alldem war der Aufbruch der Jugend vo-


rausgegangen. Und der hatte ganz viel mit
Musik zu tun: Bob Dylan, die Beatles, die
Stones; der Siegeszug wilder junger Män-
ner mit ihren elektrischen Gitarren, die
erst die bürgerliche Musiktradition beisei-
tefegten und schließlich das ganze bisheri-
ge klassische Verständnis von Hochkultur
infrage stellten.
Dann, im Kalifornien des Jahres 1967,
begann der »Summer of Love«, »Let the
Sunshine In« heißt der Hit des Hippiemu-
sicals »Hair«. Und die Sonne ging auf. Zu-
vor, so könnte man heute sagen, war die
Welt schwarz-weiß. Nun wurde sie bunt.
Und sie wurde vielfältiger. Dieser Pro-
zess dauert bis heute an, denn der gesell-
schaftliche Fortschritt ist bekanntlich eine
Schnecke: Dass »Diversität« einer der prä-
genden Begriffe des Jahres 2019 ist, hat
auch mit dem Geist der späten Sechziger-
jahre zu tun, dem Geist von Woodstock.
Die große gesellschaftliche Liberalisie-
rung setzte damals ein. Dazu kam die Ein-
führung der Antibabypille. Plötzlich war
von freier Liebe die Rede, undenkbar noch
ein paar Jahre zuvor.
Im Jahr vor Woodstock, 1968, hatten in
Teilen Westeuropas die Studenten rebel-
liert. Und der Krieg, den die Vereinigten
Staaten in Vietnam führten, empörte die
Jugend der ganzen westlichen Welt. Dazu
kamen in den USA die Morde an den Hoff-
nungsträgern des Landes, an dem Schwar-
zenführer Martin Luther King Jr. und an
Robert F. Kennedy, dem jüngeren Bruder
von John F. Kennedy, einem charismati-
schen linken Kandidaten für das Präsiden-
tenamt.
Aber »Achtundsechzig«, das ist, weil es
so viel mit dem Kampf gegen die Nazi-
Elterngeneration zu tun hatte, im Rück-
blick vor allem ein bundesdeutsches
BARRY Z LEVINE / GETTY IMAGES

Datum. Sehr ernsthaft ging es damals zur


Sache. Politisch dogmatisch, theorielastig,
manche trugen Schlips.
Der Geist von Woodstock war lässiger.
Das Festival mag politische Auswirkungen
gehabt haben. Eigentlich aber war es kein
genuin politisches Ereignis. Hier ging es

98 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Musiker Joplin, Hendrix, Slick, Cocker
Kunstwerk von historischem Rang

um ein Leben jener neuen Utopie, die die


geschlossenen, vorherbestimmten Lebens-
entwürfe der Nachkriegsjahre ersetzen
sollte. Darum, Spaß zu haben, frei zu sein.
Und auch darum, jung zu sein. Zuvor war
die Jugend eine bloße Lebensphase. Jetzt
wurde sie zum Ideal, das bis ins hohe Alter
gepflegt wird, wie an Großeltern in Röh-
renjeans zu sehen ist, die man heute in
westlichen Großstädten sehen kann. Das
kalifornische Lebensmodell, das die Hip-
pies aus San Francisco in die Welt getragen
hatten, wurde zum Modell für alle.
Erst recht, nachdem 1977 im kaliforni-
schen Cupertino drei Männer ein Unter-
nehmen gegründet hatten, dem sie einen
merkwürdigen Namen gaben: Apple. Eine
Computerfirma namens Apfel, was soll
das denn, dürften sich die Manager der da-
mals dominierenden und sehr ernsthaften
Firma IBM gedacht haben. Einer der drei
Apple-Gründer, Steve Jobs, war später mit
Joan Baez zusammen, der großen Protest-
sängerin der Sechzigerjahre. In Woodstock
hatte sie die Hymne der US-amerikani-
schen Bürgerrechtsbewegung gesungen:
»We Shall Overcome«.
Heute ist Apple das kulturell prägende
Technologieunternehmen weltweit, und
mancher kalifornische Ex-Hippie ist IT-
Millionär. Auch eine Spätfolge des Som-
mers 1969. Der Geist der Hippies ist dabei
vielfach mutiert und doch irgendwie erhal-
BARRY Z LEVINE / GETTY IMAGES

ten geblieben.

Der Tag, an dem der Sommer 1969 sei-


nen Anfang nahm, lässt sich genau datie-
ren. Es war der 28. Juni. In der Christo-
pher Street, einer kleinen Straße in Green-
wich Village, hatten sich in einer heißen
Frühsommernacht die Besucher einer
Schwulen- und Lesbenbar erstmals gewalt-
sam gegen ungerechtfertigte Polizeikon-
trollen gewehrt. Es kam zu den Stonewall
Riots, benannt nach dem Namen der Bar.
Es war der Beginn dessen, was heute
LGBTQ-Bewegung genannt wird.
Ein Kampf, der schließlich dazu geführt
hat, dass Schwule und Lesben zumindest
in der westlichen Welt nicht mehr krimi-
nalisiert werden. In Deutschland und den
USA führte dieser Kampf auch zur Ehe
für alle. Christopher-Street-Day-Paraden,
benannt nach ebenjener Christopher
Street in Manhattan, sind heute selbstver-
ständlicher Teil großstädtischer Eventkul-
tur, auch konservative Politiker nehmen
daran teil.
Drei Wochen später, am 16. Juli 1969,
fanden sich ungefähr eine Million Men-
DDP IMAGES

schen auf einem Feld in Florida ein, um


den Start von »Apollo 11« Richtung Mond
live zu beobachten, der Rest der Welt saß

99
SONY PICTURES ENTERTAINMENT
Szene aus Tarantino-Film »Once Upon a Time in Hollywood«: Überfordert von der neuen Freizügigkeit

vor dem Fernseher und konnte fünf Tage Festival selbst. Hier die Guten, dort der Mischung aus Wohngemeinschaft und
später Neil Armstrong dabei zusehen, wie Böse. Der Mann, der dafür gesorgt hat, Harem, die er »The Family« nannte und
er als erster Mensch den Mond betrat. dass die Woche von Woodstock nicht fried- die größtenteils aus jungen Frauen aus
Das Historische an diesem Ereignis lich begann, sondern mit sechs Morden. oft wohlhabenden Familien bestand,
waren möglicherweise gar nicht so sehr Sechs Tage vor dem Festival, am 9. Au- lebte er in den Hügeln bei Los Angeles.
die Bilder vom Mond und den Astro- gust 1969, einem Samstag, schockte eine Für die Beach Boys, deren Schlagzeuger
nauten, die etwas ratlos auf ihm herum- blutrünstige Tat die US-amerikanische Öf- Dennis Wilson er kannte, hatte er einen
tapsten. Es waren vielmehr die Bilder, die fentlichkeit. Die Mitglieder von Mansons Song geschrieben. Manson wollte Popstar
man von dort oben von der Erde schießen Hippiekommune hatten auf der anderen werden, wie so viele Ende der Sech-
konnte. Sie zeigten den blau schimmern- Seite des Kontinents, in Los Angeles, die zigerjahre. Manson aber wollte der
den Planeten Erde von weit draußen, wie Schauspielerin Sharon Tate, deren unge- größte aller Popstars sein. Größer als die
er über dem Mond aufgeht. Die Bilder lie- borenes Kind und vier weitere Menschen Beatles.
ferten den Beweis für die Schönheit der regelrecht abgeschlachtet. Charles Man- Terry Melcher, Sohn der Schauspielerin
Erde, aber auch für ihre Fragilität. son, damals 34, war ein Berufskrimineller Doris Day, der saubersten aller Leinwand-
Es bildete sich ein neues Bewusstsein und hatte, verstoßen von einer ebenfalls heldinnen des konservativen Amerika,
für die Verletzlichkeit dieses Himmelskör- kriminellen Mutter, die meiste Zeit seiner sollte ihm dabei helfen. Melcher war ein
pers, das ein ökologisches Bewusstsein Jugend in Heimen und im Strafvollzug ver- einflussreicher Musikproduzent, der mit
nach sich zog. In Deutschland gründeten bracht, Körperverletzung, Autodiebstähle, den Byrds und den Beach Boys gearbeitet
sich bald die Grünen, und auch wer 2019 Betrug. hatte. Manson besuchte Melcher in seinem
an den »Fridays for Future« teilnimmt, ge- Quentin Tarantino, Experte für Freaks Haus in den Hollywood Hills, 10050 Cielo
hört einer Bewegung an, deren ideelle und andere Außenseiter, hat aus Mansons Drive. Kurz nach dem Treffen mit Manson
Wurzeln in den späten Sechzigern liegen. Geschichte einen Film gemacht, »Once zog Melcher dort aus.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Upon a Time in Hollywood« heißt er und Im Cielo Drive wohnten fortan der Re-
die Hippies Greta Thunberg willkommen läuft ab 15. August in den deutschen Kinos. gisseur Roman Polanski und die Schauspie-
geheißen hätten. Manson war charismatisch. In einer lerin Sharon Tate, damals das coolste Paar
von Hollywood. Polanski, damals 35, hatte
Gewiss hatte die Hippiebewegung auch gerade Aufsehen erregt mit »Rosemary’s
ihre Schattenseiten, ihre finsteren Züge. Baby«, einem Film, in dem er das Böse so
Ihren Ausdruck finden sie in der Figur des Mansons Verbrechen subtil und beunruhigend auf die Leinwand
durchgeknallten Freaks, des Psychokillers. war die erste popkul- gebracht hatte wie kaum jemand zuvor in
Diese Figur verkörperte 1969 niemand so Hollywood. Es ging um ein vom Teufel ge-
sehr wie Charles Manson. Auch er ist eine
turell inspirierte Bluttat. zeugtes Baby. Sharon Tate, 26, eine strah-
Chiffre der Popkultur, wie das Woodstock- Viele sollten folgen. lende blonde Schönheit, hatte in Polanskis

100 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


Titel

»Tanz der Vampire« die weibliche Haupt- Land gereist. In Pennsylvania wurden sie gewissen Bekanntheit in der Szene ge-
rolle gespielt. von der Polizei, die einen Drogentransport bracht, weil Bob Dylan Mitte der Sechzi-
Im März 1969 tauchte Manson auf dem vermutete, gestoppt und durchsucht. Die gerjahre dort hingezogen war. Andere Mu-
Anwesen am Cielo Drive auf und traf dort ganze Truppe strandete schließlich in siker folgten ihm in die Gegend, so die
auf Sharon Tate und einen Freund von ihr. New York. Bluesrockerin Janis Joplin oder John Se-
Eine unheimliche Begegnung, wie Tates Dort kamen Lang und seine Mitstreiter bastian, der mit seiner Band The Lovin’
Besucher später berichtete. mit Wavy Gravy in Kontakt. Die Hog Spoonful den Hit »Summer in the City«
Was in Mansons Kopf vor sich ging, Farm war einerseits Teil der Hippiekultur, gehabt hatte.
darüber hat er die Welt bis zu seinem Tod ihre Leute hatten andererseits als Mitglie- Lang versuchte es zuerst in Wallkill,
im Jahr 2017 im Unklaren gelassen. Der der einer Farmkommune alle möglichen einer anderen Gemeinde in der Nähe
Staatsanwalt Vincent Bugliosi, der Man- Überlebenstechniken drauf – und einige Woodstocks. Dort aber wurden er und die
son und einige Family-Mitglieder 1970 für der Kommunarden hatten Ken Kesey bei anderen Hippies rausgeschmissen, als die
die Morde in Los Angeles vor Gericht der Durchführung seiner legendären »Acid Einheimischen begriffen, was auf sie zu-
brachte, hat in seiner Anklage und in kommen würde – beim Vertragsabschluss
einem späteren Buch für Mansons Denken war von einem »Kunstfestival mit ein biss-
die Formel »Helter Skelter«-Szenario ver- chen Musik« die Rede gewesen.
wendet, angelehnt an einen Song der Das ist der Moment, an den Michael
Beatles. Lang sich 50 Jahre später noch erinnert:
Demnach waren Mansons Gewaltfan- Er hatte noch einen Monat bis zum Fes-
tasien als Reaktion auf den gesellschaft- tival, aber keinen Ort, wo es stattfinden
lichen Umbruch der späten Sechzigerjahre könnte.
zu verstehen. Manson war überzeugt, dass Schließlich aber lernte er Max Yasgur
die Beatles ihm in den Songs auf dem 1968 kennen, den größten Milchbauern der Ge-

AP PHOTO / PICTURE ALLIANCE


erschienenen White Album, auf dem auch gend. Yasgur war nicht gerade ein Hippie
»Helter Skelter« ist, Anweisungen für oder wenigstens Sympathisant der Hippie-
einen bevorstehenden Rassenkrieg gege- kultur, sondern Republikaner – und für
ben hätten. Mansons zweite Inspirations- den Krieg in Vietnam.
quelle neben den Beatles waren satanische Yasgur gehörte eine 240 Hektar große
Interpretationen der Offenbarung des Farm mit einer Wiese, die geformt war wie
Johannes, des letzten Buchs des Neuen eine Schüssel. Michael Lang wusste auf
Testaments, der Apokalypse. Anhieb, dass dies die richtige Wiese war,
und bot umgehend 50 000 Dollar, um sie
Für diese ganze Düsternis, den Wahn- für ein paar Wochen zu mieten. Das war
sinn, war beim Festival von Woodstock viel Geld im Jahr 1969. Lang konnte es
kein Platz. Hier sollte es um die helle Seite nur dank zweier Investoren aufbringen,
der Hippiekultur gehen. »3 Days of Peace die er über eine Zeitungsanzeige kennen-
& Music« lautete das Motto, auf dem Fes- gelernt hatte. Und auch die waren keines-
tivallogo war ein stilisiertes Vögelchen auf wegs Hippies, sondern eher junge Busi-
einem Gitarrenhals zu sehen. nessmänner auf der Suche nach einer
Zu Beginn des Sommers waren 80 000 Geldanlage.
Tickets verkauft. Die Organisatoren stell- Heute würde man sie als Yuppies be-
ten sich erstmals die Frage, wie sie mit zeichnen. Sozialer Wandel, auch das zeigt
REX FEATURES

dem zu erwartenden Massenansturm ei- der Erfolg von Woodstock, kann eben nur
gentlich umgehen sollten. dann stattfinden, wenn man Koalitionen
Es war davon auszugehen, dass es viele bildet.
Drogen geben würde und dementspre- Täter Manson, Schauspielerin Tate 1969 Der konservative Farmer Yasgur wurde
chend auch viele Besucher, die damit viel- Unheimliche Begegnung zum Verbündeten der Hippies und für ein
leicht nicht so gut klarkämen. Für dieses paar Tage ihre Verbindung zum anderen
Problem brauchte es eine Lösung, und die Teil der amerikanischen Gesellschaft: Er
bestand, so war man sich einig, nicht aus Tests« geholfen, die nichts anderes als war, wenn man so will, der einzige beim
Ärzten. LSD-Massenspeisungen waren. Festival zugelassene Repräsentant der El-
Hier nun kommt Wavy Gravy ins Spiel, Und so kam praktisch die ganze Hog terngeneration.
der Mann, der die Geschichte von Charles Farm mit hundert Frauen und Männern. Einmal während des Festivals kam er
Manson und die von Woodstock ver- Sie waren die Mädchen für alles, sie sollten auf die Bühne, als Gastgeber wollte er die
bindet. Feuerschneisen bauen, Fluchtwege errich- knappe halbe Million Menschen begrüßen,
Er ist heute 83 Jahre alt und leitet zu- ten, den Kontakt zum Publikum halten, die sich auf seiner Wiese eingefunden hat-
sammen mit seiner Frau noch immer die Bad-Trip-Zelte für Besucher mit Drogen- te. Da stand er mit Hornbrille und kurzär-
Hog Farm, eine Kommune nördlich von problemen bemannen und eine kostenlose meligem weißem Hemd, die Hose ordent-
San Francisco. In Los Angeles hatte er da- Volksküche betreiben. lich hochgezogen, und lobte die »kids« da-
mals Charles Manson kennengelernt. für, wie friedlich und zivilisiert sie das alles
Im April 1969 dann traf Wavy Gravy Doch Woodstock fand nicht in Wood- hinbekämen.
sich mit einem Abgesandten der Wood- stock statt. Sondern in Bethel, einem Ort Bereits ab Mittwoch, den 13. August,
stock-Organisatoren in New York. Zuvor in den Catskills, einem Mittelgebirge in vier Tage nach dem Mord an Sharon Tate,
waren er und seine Mitkommunarden von der Nähe von New York. In Woodstock, hatten sich die ersten Besucherströme auf
der Hog Farm zusammen mit Ken Keseys dem Ort, gab es keinen geeigneten Platz seine Wiese ergossen. 25 000 Menschen,
Band Merry Pranksters mit einer Karawa- für Woodstock, das Festival. Der Ort selbst ohne zu zahlen. Die Zäune, die das Ge-
ne aus acht bemalten Bussen durch das hatte es in den Sechzigerjahren zu einer lände eingrenzen sollten, waren nur teil-

101
Titel

weise fertig geworden. Da es keinen Weg Im Film kann man Santana dabei zu- Cocker dafür, dass die Beatles zumindest
gab, die Leute wieder rauszuschmeißen, schauen, wie er beim Gitarrespielen of- indirekt anwesend waren. Denn wenn Mi-
erklärten die Organisatoren später Wood- fenbar gegen irgendetwas Unsichtbares chael Lang sie auch angefragt hatte, die
stock »ab jetzt zu einem freien Konzert«, kämpfte, heute meint er, es sei wohl eine ganz großen Bands der Sechziger, die
was umgehend den finanziellen Ruin be- Schlange gewesen. Auch andere Musiker Beatles, die Stones, die Doors waren bei
deutete. waren sichtbar derangiert. seinem Festival nicht dabei.
Das eigentliche Ereignis begann dann Michael Lang hatte im Vorfeld ausführ- Das Unwetter sorgte für die Bilder von
am Freitag, den 15. August 1969, um fünf lich mit den linksradikalen Gruppierungen völlig verdreckten, schreiend durch den
Uhr nachmittags. Auf Yasgurs Wiese in aus New Yorks Lower East Side wie Up Schlamm rutschenden Hippies. In den ers-
Bethel ging Richie Havens auf die Bühne. Against the Wall Motherfucker diskutiert, ten Tagen nach dem Festival gingen die
Es musste endlich losgehen. Havens sollte um sie ins Festival einzubinden. Er wusste, Fotos durch die Zeitungen und hatten den
eigentlich nicht als Erster raus, aber kein er konnte sie nicht gegen sich haben, woll- Effekt, dass das Festival von der zeitgenös-
anderer Musiker traute sich. Zudem steck- te sie aber auch nicht auf der Bühne. Mit sischen amerikanischen Öffentlichkeit an-
ten einige noch im Stau. Am Tag zuvor ein bisschen Geld und dem Versprechen, fangs negativ beurteilt wurde.
wurde noch jeder Hubschrauber, der im Flugblätter verteilen zu dürfen, hatte er Die »New York Times« beschrieb in
Umkreis von 500 Kilometern ausleihbar sich mit ihnen geeinigt. Doch dann, am ihrem ersten Bericht Szenen aus der Apo-
war, gechartert. Am Ende waren es wohl Sonntagmorgen zwischen fünf und sechs, kalypse: »Mindestens 80 000 junge Men-
17 Helikopter, die für das Festival flogen. als die britische Rockband The Who spiel- schen saßen oder standen vor der Bühne
Als Ritchie Havens mit seinem Auftritt te, saß der Politaktivist Abbie Hoffman, und brüllten Obszönitäten in den sich ver-
fertig war, schickten ihn die Organisatoren dunkelnden Himmel, während der Müll
sofort zurück auf die Bühne, weil noch vom Regen die schlammigen Hügel run-
immer kein anderer Musiker da war, der tergespült wurde. Viele Jungen und Mäd-
sich traute aufzutreten. Havens hatte kei- chen wanderten durch den Sturm, nackt,
ne Songs mehr und erfand in seiner Not mit rotem Schlamm, der von ihren Kör-
ein Lied namens »Freedom«, eine Impro- pern hing.«
visation über einen Gospelstandard, die Viele Eltern mussten glauben, dass ihre
seit 1970, als der Woodstockfilm heraus- Kinder dort auf der Wiese stürben, denn
kam, als einer der Höhepunkte des Festi- außerhalb des Festivals sah man ja nur die
vals gilt. Luftbilder der Massen, Armeehubschrau-
Der Gitarrist und Sänger Havens war ber, die Verpflegung abwarfen, die endlo-
neben der Soulband Sly and the Family sen Staus auf den Straßen und kreuz und
Stone und dem Superstar Jimi Hendrix quer abgestellte Autos. Gerüchte vom Dro-
einer der ganz wenigen Schwarzen, die es genwahnsinn, Orgien und Todesfällen
auf das von weißen Musikern dominierte machten die Runde.
Festival geschafft hatten – doch dass er Reporter kamen ja nicht hin und auch
überhaupt auftrat, war im damals noch nicht weg, es gab also keinerlei Infor-
immer ziemlich fein säuberlich nach Ras- mationen von vor Ort. Das Festival war
PAUL SAKUMA / AP

sen getrennten US-Musikgeschäft durch- ein von der Außenwelt abgeschlossener


aus ein Signal. Orbit, aus der kein Kommunikationska-
nal raus- oder reinführte. Die »New York
Im Mai 2019 sitzt Carlos Santana in sei- Times« veröffentlichte am Tag nach
nem Büro an einem Highway nördlich von Apple-Gründer Jobs 2007 dem Festival einen Bericht, »Nightmare
San Francisco. Er hat mal wieder ein Al- Ex-Hippies als IT-Millionäre in the Catskills«, in dem sie fragte, was
bum aufgenommen, für das er Werbung für eine Kultur das sei, die eine solche
machen will. Er ist einer derjenigen, für Katastrophe veranstalte. Doch schon ei-
die Woodstock der Auslöser für eine Welt- damals eine prominente Figur, neben Lang nen Tag später revidierte das Blatt seine
karriere war. »Oye como va«, »Samba pa hinter der Bühne und sagte, er müsse jetzt Einschätzung.
ti« heißen die Hits, mit denen der in Me- leider doch eine Ansage machen. Hoffman Angestachelt von den Gerüchten, über-
xiko geborene Santana die Rhythmen der unterbrach den Auftritt von The Who und legte der Gouverneur des Staates New
lateinamerikanischen Musik in den Rock erinnert das Publikum an einen seine Haft- York, Nelson Rockefeller, die Nationalgar-
gebracht hat. Auch das ein Ausdruck von strafe verbüßenden anderen Aktivisten: de nach Bethel zu entsenden, die in den
Diversität, von Regenbogenkultur. »Ich finde, das hier ist ein Haufen Scheiße, vorherigen Jahren ausgerückt war, wenn
Am Samstagmorgen, dem 16. August, während John Sinclair im Gefängnis ver- es zu Rassenunruhen kam. Langs Investo-
hatte der damals 22-jährige Santana mit rottet!« Pete Townshend, Gitarrist von ren, die zwei Kilometer entfernt vom Fes-
seiner Band einen frühen Hubschrauber The Who, drehte sich um, nahm seine Gi- tivalgelände in einem Büro saßen, gelang
erwischt und kam gegen Mittag hinter der tarre und stieß Hoffman in den Rücken. es im letzten Moment, den Gouverneur
Bühne an. »Da traf ich gleich Jerry Garcia Dann kamen Jefferson Airplane mit ihrer umzustimmen.
von Grateful Dead, wir kannten uns aus Sängerin Grace Slick, einem der großen In einem berühmten Vortrag vom No-
San Francisco«, erinnert er sich. »Garcia weiblichen Stars dieser Generation. vember 1969 stellte die Philosophin Ayn
sagte, ›Hey, wir gehen um Mitternacht auf Rand die zeitgenössischen Medienberichte
die Bühne, ihr seid nach uns dran. Willst Am Sonntag kam der Regen, gleich nach vom Woodstock-Festival der Mondlan-
du einen Meskalin?‹ Ich nahm dankend Joe Cockers Auftritt. Seinen ersten großen dung gegenüber: »Apollo«, so schrieb
an, es waren ja noch zwölf Stunden bis Hit hatte der frühere Klempner aus Shef- sie, stehe für die Vernunft. In Woodstock
zum Auftritt. Zwei Stunden später kam ei- field Ende 1968 gehabt. »With a Little Help hingegen erkannte sie das Triebhafte des
ner der Organisatoren und sagte, ich müs- from My Friends«. Die Coverversion eines Menschen gemäß Nietzsches Unterschei-
se auf die Bühne, es gebe gerade niemand Beatles-Songs sollte einer der Höhepunkte dung vom Apollinischen und dem Diony-
anderen, der spielen könne.« des Woodstock-Festivals werden. So sorgte sischen.

102 DER SPIEGEL Nr. 31 / 27. 7. 2019


B. UZZLE / WOODFIN CAMP / AGENTUR FOCUS
Coverfoto der Woodstock-Liveplatte, 1970: Das Festival vollends berühmt gemacht

Mit der Zeit aber setzte sich immer stär- kalisches Sinnbild einer zerrissenen Nation wenn auch nicht im Geiste von Wood-
ker die Erkenntnis durch, dass Woodstock gedeutet worden. Als Kunstwerk von his- stock statt.
gesellschaftlich und kulturell einen größe- torischem Rang. Im Jahr 2019 sind Festivals ein wesent-
ren Einfluss auf die folgenden Jahrzehnte Jetzt, 50 Jahre später, unter Trump und licher Bestandteil des Musikgeschäfts, in
hatte als die Mondlandung. Während das der sich beständig verschärfenden innen- dem die Stars durch Streaming mittlerwei-
Festival in vielerlei Hinsicht einen Beginn politischen Auseinandersetzung, sind die le viel weniger einnehmen als früher mit
darstellte, war die große Zeit der Raum- USA wieder genauso zerrissen, wie sie es den Verkäufen von Schallplatten.
fahrt mit »Apollo 11« schon wieder been- damals waren. Jimi Hendrix’ dissonante Liveevents wie Lollapalooza oder Coa-
det. Es war ganz nett, auf dem Mond ge- Version der Hymne ist wieder ziemlich chella sind Weltereignisse, mit denen sehr
wesen zu sein, aber man muss da auch aktuell. viel Geld verdient wird. Spontan oder gar
nicht wieder hin. So sieht es zumindest Michael Lang. Er ungeplant, wie damals 1969, ist hier nur
ist aus Woodstock nicht mehr weggekom- noch ziemlich wenig.
Woodstock endete schließlich einen men. In Woodstock, das bis heute ein klei- Aus dem spektakulären Auftritt der US-
halben Tag später als geplant, am Vor- nes Künstlerdorf ist, heißt es, er bewohne amerikanischen R ’n’ B-Königin Beyoncé
mittag des 18. August, einem Montag. das größte Anwesen in der Umgebung. beim kalifornischen Megafestival Coachel-
Wie schon tags zuvor hatten die Bands Und tatsächlich sieht Langs Haus nicht ge- la wurde ein viel beachteter Konzertfilm
die ganze Nacht hindurch gespielt, als rade klein aus. auf Netflix.
Jimi Hendrix schließlich gegen elf Uhr Viele der Musiker, die damals auftraten, Er hat sein Vorbild in der medialen Ver-
morgens vor einem nach den Regen- wurden zu Superstars. Andere, wie Janis wertung von Woodstock. Denn erst der
fällen merklich dezimierten Publikum zu Joplin oder Jimi Hendrix, die beide schon Dokumentarfilm und das Dreifach-Live-
seiner Version der US-Nationalhymne an- im Herbst 1970 starben, gelten als Ikonen Album, die beide 1970 auf den Markt ka-
setzte. der Woodstock-Generation. men, haben das Festival weltberühmt ge-
Nicht, dass er sie einfach nachgespielt Seitdem findet in jedem Sommer macht. Internet gab es damals schließlich
oder ein bisschen über die Melodie impro- an fast jedem Wochenende irgendwo noch nicht und auch keine Konzertvideos
visiert hätte, Hendrix zerfetzte die Hymne ein Open-Air-Rockfestival im Stil, auf YouTube.
regelrecht. Angesichts des Vietnamkriegs, Im Film sah man Michael Lang in brau-
der damaligen innenpolitischen Krise der ner Lederweste über dem nackten Ober-
USA, der beginnenden Nixon-Ära, die körper auf einem BSA-Motorrad über das
schließlich im Debakel von Watergate en- Festivals sind wichtiger Festivalgelände fahren. Beides, Motorrad
den sollte, dem einzigen Rücktritt eines Teil des Geschäfts, weil und Weste, sind inzwischen in einem eige-
Präsidenten in der gesamten US-Geschich- nen Woodstock-Museum ausgestellt. Er
te, ist Hendrix’ Schlussauftritt beim Wood- Stars durch Streaming selbst hat sich nicht sehr verändert. Sein
stock-Festival später als hellsichtiges musi- weniger einnehmen. Gesicht ist noch immer umrahmt von die-

103
Titel

BARRY Z LEVINE / GETTY IMAGES


Woodstock-Festivalgelände: Spaß haben, frei sein, jung sein

sen Locken, in die sich das halbe Land ver- dem Manson verhaftet worden war und Zu Beginn der Mordnacht am 9. August
liebt hatte, als der Woodstock-Film in den dessen Name durch die Zeitungen ging, fahren im Film vier von Mansons Jüngern
Kinos lief. habe er mit sieben oder acht Jahren seinen mit einem zehn Jahre alten Ford die
Stiefvater gefragt: »Wer ist dieser Man- kleinen ruhigen Straßen der Hollywood
Ein anderer Film, der die Geschichte des son?« – »Mach dir doch darüber keine Ge- Hills hoch. Der Ford ist viel zu laut, er
Jahres 1969 erzählen will, kommt am danken«, habe sein Stiefvater geantwortet. erregt Aufmerksamkeit. Die Insassen schei-
15. August ins Kino: Quentin Tarantinos Es hat offenbar nichts gebracht. nen voller Drogen und versuchen he-
»Once Upon a Time in Hollywood« heißt In seinem Film zeigt Tarantino die Man- rauszufinden, was noch mal genau Charlies
er. Der Regisseur pflegt schon lange ein ob- son-Mädchen zunächst nicht als die Mons- Auftrag war. Einer vergisst etwas im Auto,
sessives Verhältnis zur dunklen Seite der ter, als die sie sonst oft porträtiert wurden, es muss zurückgegangen werden.
Popkultur, zum Monströsen, zu Freaks. Es sondern als das, was sie eigentlich auch Dann biegt Tarantinos Handlung in die
erscheint geradezu zwangsläufig, dass er waren: große Kinder. Manche gerade 17- Fiktion ab. Wer genau wissen will, was
nun bei der Manson-Family gelandet ist. jährig. Manche 20 oder 21. Von der neuen dann in Wirklichkeit passierte, soweit man
Der Film spielt von Februar bis August Freiheit der Sixties, von körperlicher Frei- es nach jahrelangen Polizeiermittlungen
1969. Im Mittelpunkt stehen ein bekannter zügigkeit, offener Sexualität scheinen sie und Gerichtsverhandlungen weiß, kann
Fernsehschauspieler (gespielt von Leonar- ziemlich überfordert. das bei Ed Sanders nachlesen.
do DiCaprio) und dessen Stunt-Double Der Manson-Fall erschütterte sein Welt-
(Brad Pitt). Die Geschichte der beiden ist bild, und so ist er im Herbst 1969 kurz
erfunden, aber sie ist eingebettet in die nach der Verhaftung Mansons von Wood-
realen Ereignisse des Jahres 1969. Der stock, wo er lebte, nach Los Angeles ge-
Schauspieler wohnt im Cielo Drive neben zogen, um zwei Jahre lang, Tag für Tag,
Polanski und Sharon Tate. Der Stuntman den Manson-Fall zu recherchieren.
LAUREN LANCASTER / NYT / REDUX / LAIF

nimmt im Februar 1969 eine Anhalterin Herausgekommen ist ein 500-seitiges


mit, sie gehört zur Manson-Truppe. Buch, das minutiös in das Herz der Finster-
Am nächsten Donnerstag wird Taranti- nis vordringt. Hier muss eine Kurzversion
no nach Berlin kommen, zur Deutschland- reichen: Kurz nach Mitternacht erreichten
premiere seines Films. Im Juli hatte er in Tex Watson, Susan Atkins, Patricia Kren-
Los Angeles schon mit ein paar Journa- winkel und die spätere Kronzeugin Linda
listen über den Film gesprochen, auch Kasabian das Anwesen Polanskis, brachen
mit dem SPIEGEL. Die Geschichte von in das Hauptgebäude des Anwesens ein
Charles Manson sei für ihn mit einer ent- und töteten die schwangere Sharon Tate
scheidenden Kindheitserinnerung ver- Organisator Lang samt ihres ungeborenen Kindes, um des-
knüpft, sagte er da. 1969 oder 70, nach- Nicht nervös werden sen Leben sie noch gefleht hatte. Außer-

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COURTESY OF PARKWOOD ENTERTAINMENT
R-’n’-B-Star Beyoncé beim Musikfestival Coachella 2018: Liveevents als Weltereignisse

dem Tates Ex-Freund, den Friseur Jay Christchurch in Neuseeland ergibt sich eine Es kam ihm vor, als hätte es die vergan-
Sebring; einen polnischen Freund Polan- Reihe von Verbrechern, die Mansons Rolle genen 50 Jahre, den Siegeszug von Wood-
skis namens Wojciech Frykowski und des- als Popstar des Bösen medienwirksam fort- stock niemals gegeben. »Da waren Leute
sen Freundin Abigail Folger, die Erbin ei- geschrieben haben. Und auch die RAF, die im Ort, die mochten uns einfach nicht«,
ner Kaffeedynastie, sowie Steven Parent, sich kurz nach den Manson-Morden in der sagt Lang. »Sie hatten Paranoia vor so vie-
einen Freund des Hausmeisters, der die Bundesrepublik gründete, wies erstaunliche len Menschen.«
Mörder bei ihrer Ankunft zufällig über- strukturelle Parallelen auf, mit einem charis- Der Sheriff von Oneida County ließ
raschte. Susan Atkins, genannt Sadie Mae matischen Machoanführer und einer Gruppe Lang in einem Brief wissen, dass ein Festi-
Glutz, schreibt zum Abschied mit Blut von Frauen, die bereit waren, ihm zu folgen. val mit 65 000 Menschen zu »Chaos, un-
»Pig« an die Haustür. Die Popmusik selbst wurde nach Man- befugtem Betreten, Hausbesetzungen,
Die US-amerikanische Schriftstellerin son zunehmend finsterer, ebenso das Kino Sachbeschädigungen und, mehr als wahr-
Joan Didion, eine der Chronistinnen der und die Literatur. In den Sechzigern war scheinlich, zu Verletzungen von Men-
Sechziger, wird später in ihrem ausgerechnet die Popkultur noch ein relativ unschuldiges schen« führen würde.
»The White Album« genannten Essayband Vergnügen. Woodstock fand statt, bevor Michael Lang und seine Leute haben
über diese Nacht schreiben: »Viele Leute, die Düsternis sich verbreiten konnte. Heu- die Entscheidung wiederholt angefochten.
die ich in Los Angeles kenne, glauben, dass te aber hätte ein Freak wie Charlie womög- »Aber das ist alles Nonsens«, sagt Lang.
die Sixties am 9. August abrupt beendet wa- lich Chancen, es zum Popstar zu bringen – Einen Tag später wurde auch der letzte
ren, beendet in exakt jenem Moment, als ganz wie Manson es sich gewünscht hatte. Einspruch abgelehnt. Drei Wochen noch.
die Nachricht von den Morden am Ciel