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Der vier Reiter (Apk 6,1-8): Die Apokalypse des Johannes und ihre

Rezeption

MARKUS ÖHLER1

Der Umstand, dass der Verfasser der Johannesapokalypse von Bildern geleitet
Bilder beschrieb, gehört zu den grundlegenden Einsichten der Auslegung die-
ses Buches des Neuen Testaments. Dabei ist klar, dass mit „Bildern“ selbst-
verständlich nicht nur gegenständliche Kunstwerke gemeint sind, sondern
auch bildliche Vorstellungen.2 Johannes provoziert aber auch dazu, sich die
Visionen anschaulich vor- bzw. sie darzustellen. Zu beachten ist dabei aber,
dass es dem Propheten nicht um eine 1:1 Beschreibung der himmlischen Welt
und der in den letzten Tagen sich vollziehenden Ereignisse ging. Er macht
vielmehr wiederholt deutlich, dass es sich um Vergleiche handelt, um Annähe-
rungen an die „Wirklichkeit“.3 Dies bewahrt einerseits die Distanz zwischen
irdischer und himmlischer Welt, öffnet aber andererseits den Raum zur Inter-
pretation.
Im Folgenden wird exemplarisch das Bild der vier Reiter aus Apk 6,1-8
genauer untersucht. Dabei wird deutlich werden, wie der Verfasser Bilder auf-
griff (und zwar durchaus auch gegenständliche) und wie Bilder daraus ent-
standen, die sich in der künstlerischen Wirkungsgeschichte der Apokalypse
finden. In dieser Rezeptionsgeschichte stehen schließlich auch heutige Leser
und Leserinnen, die im Bezug auf ihren kulturellen Hintergrund die Bilder der
Apokalypse neu gestalten.

1
In Zusammenarbeit mit Simon Konttas, Erich Kranl, Przemyslav Michalik, Friedrich
Schwächter und Monika Zetik.
2
O. Böcher hat sie übersichtlich zusammengefasst: Die Bildwelt der Apokalypse des Jo-
hannes, JBTh 13, 1998, 77-105; vgl. auch G. Glonner, Zur Bildsprache des Johannes
von Patmos, NTA 34, Münster 1999; J. Frey, Die Bildersprache der Johannesapokalyp-
se, ZThK 98, 2001, 161-185; K. Backhaus, Apokalyptische Bilder? Die Vernunft der
Vision in der Johannes-Offenbarung, EvTh 64, 2004, 421-437; allgemein A. Weissen-
rieder / F. Wendt, Phänomenologie des Bildes. Ikonographische Zugänge zum Neuen
Testament, ZNT 8/16, 2005, 3-12.
3
So findet sich sehr häufig die Partikel w`j, mit der angezeigt werden soll, dass es sich nicht
um genau dieses Bild bzw. Geräusch handelt, sondern nur um etwas das aussah oder
klang wie ein bekanntes Phänomen (Apk 1,10.14-16; 2,18 u.v.m.); vgl. O. Böcher,
Bildwelt 80f. Ähnliches gilt für o[moioj (1,13.15; 2,18 u.ö.).
194 Markus Öhler

1. Die apokalyptischen Reiter – exegetische Vorbemerkungen

Bei dem Abschnitt in Apk 6,1-8 handelt es sich um einen ersten, knappen Vi-
sionsbericht: Vier Reiter treten nacheinander auf, die jeweils von einem der
vier Thronwesen aus 4,6-8 angekündigt werden. Der Text bildet den Beginn
der Reihe der sieben Siegel, die vom Lamm geöffnet werden (5,1-8,1).
Das Auftreten der vier Pferde mit ihren Reitern ist formal parallel gestaltet:
Nach der Öffnung des Siegels hört der Prophet eine Stimme mit dem Befehl
"Komm".4 Dem formelhaften kai. ei;don kai. ivdou, (vgl. noch 14,1.14)5 folgen
Angaben über das Pferd und seinen Reiter. Eine synoptische Tabelle gewährt
einen aufschlussreichen Überblick:
1. Reiter 2. Reiter 3. Reiter 4. Reiter
Öffnung des Siegels Öffnung des Siegels Öffnung des Siegels Öffnung des Siegels
Stimme eines Tieres Stimme eines Tieres Stimme eines Tieres Stimme eines Tieres
"Komm!" "Komm!" "Komm!" "Komm!"
"und ich sah, und siehe" - "und ich sah, und siehe" "und ich sah, und siehe"
weißes Pferd rotes Pferd schwarzes Pferd fahles Pferd
Reiter Reiter Reiter Reiter
Besitz (Bogen) - Besitz (Waage) -
- - - Name (Tod)
- - - Begleiter (Hades)
Gabe (Kranz) Gabe (Schwert) - -
Eigenschaft (siegreich) - - -
Aufgabe (Sieg) Aufgabe (Bürgerkrieg) - Aufgabe (Tod)
- - Deutung durch Stimme -
(Hunger)

In jüngerer Zeit ist eine erneute Diskussion über die Frage entbrannt, ob der
erste Reiter, wie dies bis ins Mittelalter geschah, positiv zu verstehen sei, oder,
wie es in der historisch-kritischen Forschung zumeist vertreten wurde, ge-
meinsam mit den anderen drei Reitern negativ zu deuten wäre.6 Der Text legt

4
In v.1 wird die Stimme des ersten Tieres näher beschrieben w`j fwnh. bronth/j, was aber
doch für die anderen Tiere ebenfalls gelten dürfte; anders M. Bachmann, Noch ein Blick
auf den ersten apokalyptischen Reiter (von Apk 6,1-6), NTS 44, 1998, 257-278: 263f.;
vgl. dagegen J.-W. Taeger, Hell oder dunkel? Zur neueren Debatte um die Auslegung
des ersten apokalyptischen Reiters, in: Das Urchristentum in seiner literarischen Ge-
schichte, FS J. Becker, U. Mell / U. B. Müller (Hg.), BZNW 100, Berlin / New York
1999, 369-389.
5
Dies fehlt beim zweiten Pferd, ohne dass dies auf seinen besonderen Charakter verweisen
dürfte. Insgesamt sollten die kleinen Variationen des Schemas nicht überbewertet wer-
den; so aber bei M. Bachmann, Blick 262-265, der einseitig die Differenzen zwischen
dem ersten und den anderen Pferden betont.
6
Vgl. zur Auslegungs- und Forschungsgeschichte O. Böcher, Die Johannesapokalypse,
EdF 41, Darmstadt 4. Aufl. 1998, 47-56; M. Bachmann, Die apokalyptischen Reiter.
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 195

Wege für beide Möglichkeiten: Für eine positive Deutung sprechen Elemente
wie die Farbe weiß, die in der Apk stets mit guten himmlischen Mächten ver-
bunden ist (v.a. die Christusvision 19,11), oder die Aussage, dass der Reiter
bereits siegreich ist (evxh/lqen nikw/n).7 In dieser Perspektive wird der Reiter
zumeist als Christus selbst verstanden8, dessen alles überwältigende Wirkung
bereits am Anfang der drei Siebener-Reihen erschütternder Eingriffe in das
Weltgeschehen festgemacht werden sollte.
Für die negative Deutung wird zumeist auf die Parallelen zu den anderen
Reitern verwiesen sowie auf den Umstand, dass der Sieg Christi erst im 19.
Kapitel zur Sprache kommt.9 Für die Frage nach der Autorintention scheint
mir letzteres doch die zutreffende Antwort zu sein. Diesem Weg wollen wir
daher auch im Weiteren folgen.

2. Das Bild des siegreichen Reiters mit dem Bogen

Woher stammen nun aber die Bilder der vier Reiter, vor allem aber das des
ersten? Der literarische Hintergrund für die Vision ist vor allem in zwei Tex-
ten des Sacharjabuches zu finden: In Sach 1,7-17 ist von Pferden und Reitern
zu lesen, in 6,1-8 von Pferdewagen, die jeweils über die Erde reiten bzw. fah-
ren, wobei an beiden Stellen auch die verschiedene Färbung der Pferde von
Bedeutung ist.10 Dabei kommen in Kap. 1 die Farben rot, hellrot und weiß
(LXX: rot, grau, gefleckt und weiß), in Kap. 6 rot, schwarz, weiß und scheckig
vor. Daraus wird deutlich, dass der Apokalyptiker Johannes zwar die Zahl
(nach LXX) und Färbung der Pferde übernahm, letztere aber zum einen um-
stellte und variierte, zum anderen aber auch die Reiter völlig neu beschrieb.
Die Schilderung des ersten Reiters auf dem weißen Pferd in Apk 6,2 nennt
zunächst nur ein Detail, den Bogen (to,xon). Später wird ihm ein (Sieges-

Dürers Holzschnitt und die Auslegungsgeschichte von Apk 6,1-8, ZThK 86, 1989, 38-
52.
7
Eine ausführliche Darstellung der positiven Argumentation findet sich bei M. Bachmann,
Blick 262-277.
8
M. Bachmann, Blick 278: „Hypostasierung der Erscheinung Gottes“, die in 14,14 und
19,11-13 deutlicher wird.
9
Vgl. dazu und zu weiteren Punkten J.W. Taeger, Hell 370-385.
10
Für einen Überblick der Deutungen der Sacharjatexte vgl. R. Hanhart, Sacharja 1-8,
BK.AT XIV/7.1, Neukirchen-Vluyn 1998, 53-82. 383-404; H. Derkurt, Sacharjas
Nachtgesichte. Zur Aufnahme und Abwandlung prophetischer Traditionen, BZAW 302,
Berlin / New York 2000.
196 Markus Öhler

)Kranz (stefano,j) gegeben, da er siegreich (nikw/n) ist. Folgt man der negati-
ven Deutung des ersten, weißen Reiters, dann ist zu fragen, was sich hinter
diesem Bild verbirgt. Dabei ist vor allem nach zeitgenössischen Erscheinun-
gen zu suchen. Die drei anderen Reiter liefern nämlich selbst einen Hinweis
darauf, was ihr Auftreten bedeuten könnte, und dabei zeigt sich, dass es sich
durchwegs um konkrete Befürchtungen der Menschen der Antike handelt: Der
zweite Reiter mit dem Schwert nimmt den Frieden von der Erde, die Pax Ro-
mana, sodass sich die Menschen gegenseitig abschlachten (avllh,louj
sfa,xousin). Damit spielt Johannes wohl auf die Erfahrung und Gefahr des
Bürgerkrieges an, den Augustus, der erste Repräsentant des Tieres (Apk 13),
beendet hatte. Der dritte Reiter wird eine 1000prozentige Inflation auf das
Grundnahrungsmittel Getreide bringen und damit Hunger verursachen. Und
der vierte Reiter, unter dessen Wirken ein Drittel der Menschheit dahingerafft
wird, bringt Tod durch das Schwert, durch Hunger, Seuchen und wilde Tiere.
Es liegt also nahe, auch den Reiter auf dem weißen Pferd mit einer konkreten
Bedrohungssituation im ersten Jahrhundert zu verbinden. Dazu müssen die
einzelnen Elemente gesondert betrachtet werden:
Zunächst ist vor allem auffallend, dass der Reiter als Sieger beschrieben
wird. Es handelt sich also um eine Figur, die bereits erfolgreich gehandelt hat.
Diesen Sieg hat er gewiss, dies zeigt das Symbol des Bogens, im Krieg errun-
gen. Die Erwartung, die sich an den Reiter knüpft, ist der erneute Sieg, denn er
erhält (von Gott) den Kranz als Siegeszeichen. Da der Apokalyptiker sicher-
lich nicht das römische Reich als Sieger präsentieren wollte, der von Gott au-
torisiert ist, kann es sich nur um eine Macht handeln, die gegen die römische
Herrschaft aufgetreten war. Nahe liegend ist hier eine Verbindung mit den
Parthern, die während der römischen Herrschaft im östlichen Mittelmeerraum
die feindliche Macht an sich darstellten.11
In literarischen Zeugnissen ist öfters von den Partherkriegen bzw. der stän-
digen Bedrohung durch die Parther die Rede. Zu einer ersten – weithin be-

11
So etwa auch W. Bousset, Die Offenbarung Johannis, KEK 16, 6. Aufl. Göttingen 1906,
266; E. Lohmeyer, Die Offenbarung des Johannes, HNT 16, 3. Aufl. Tübingen 1970,
60; J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes, ZBK.NT 18, 3. Aufl. Zürich 2001, 80f.; U.
B. Müller, Die Offenbarung des Johannes, ÖTK 19, 2. Aufl. Gütersloh / Würzburg
1995, 167. B. J. Malina / J. J. Pilch, Social-Science Commentary on the Book of Reve-
lation, Minneapolis 2000, 99-114, interpretieren die vier Reiter dagegen auf dem Hin-
tergrund kosmologischer Traditionen.
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 197

kannten und immer wieder aufgegriffenen – kriegerischen Auseinanderset-


zung kam es 54 v.Chr., als der Triumvir M. Licinius Crassus die Parther an-
griff, um 53 v.Chr. vollständig zu scheitern. „Der Sieg der Parther, der Tod
des Feldherrn und der Verlust der Feldzeichen waren die größte Schmach, die
Rom je von einem Feind erlitten hatte. Das Ausmaß der Niederlage und der
Prestigeverlust für die Weltmacht Rom erhoben den Gegner im Orient zu ei-
nem bedrohlichen Feind.“12 38-36 v.Chr. kam es zu erneuten Auseinanderset-
zungen, bei denen M. Antonius nach anfänglichen Erfolgen ebenfalls eine
schmähliche Niederlage einstecken musste. 20 v. Chr. schlossen Römer und
Parther unter Augustus Frieden. Dabei wurden die Heerzeichen zurückgege-
ben, was sich auch lange Zeit später noch auf Münzbildern findet (Abb. 1).13
Unter Nero bestanden durchaus freundschaftliche Beziehungen, sodass Nero
die Parther als besiegt ansah.14 114-117 n. Chr. führte Trajan einen mäßig er-
folgreichen Feldzug gegen die Parther, doch wurden die gewonnenen Provin-
zen unter Hadrian wieder aufgegeben.
Diese kriegerischen Auseinandersetzungen vollzogen sich zwar nicht in der
Provinz Asia, in der Johannes wirkte, sondern weit davon entfernt in Arme-
nien bzw. am Euphrat. Im kollektiven Bewusstsein war aber die Bedrohung
des Friedens durch die Parther verhaftet. Sowohl römische Münzbilder als
auch künstlerische Darstellungen riefen die angebliche römische Überlegen-
heit über die Barbaren aus dem Orient immer wieder in Erinnerung. Für Ephe-
sus lässt sich dies am Beispiel etwa des Domitianstempels konkret an den Ori-
entalenabbildungen zeigen, die an der Außenseite des Temenos angebracht
waren (Abb. 3). Diese Figuren sollten die Unterwerfung demonstrieren, wenn-
gleich die geschichtliche Erfahrung eine andere gewesen war.
Lässt sich so das siegreiche Auftreten des Reiters auf dem weißen Pferd in
Vergangenheit und Zukunft auf dem Hintergrund der Parther gut verstehen, so

12
A. Landskron, Parther und Sasaniden. Das Bild der Orientalen in der römischen Kaiser-
zeit, Wiener Forschungen zur Archäologie 8, Wien 2005, 37f. Fr. Dr. Landskron danke
ich ausdrücklich für weiterführende Hinweise.
13
Bekannt ist auch die Darstellung auf dem Panzerrelief der Augustusstatue von Prima Por-
ta, auf der ein Parther die römischen Feldzeichen zurückgibt sowie Köcher und Bogen
trägt (Abb. 2); vgl. A. Landskron¸ Parther 103-106.
14
Dies führte dazu, dass der in den 80er Jahren auftretende Pseudo-Nero bei den Parthern
lange Zeit als wiedergekehrter Nero angesehen wurde; vgl. Sueton, Nero 57. Auf die
Furcht vor einer Wiederkunft Neros, der traditionell von Osten her erwartet wurde (Or-
Sib 4,119ff.), spielt wohl Apk 13,3 an.
198 Markus Öhler

weisen sowohl das Reiten an sich als auch der Bogen ebenfalls in diese Rich-
tung.15
Die Parther waren sowohl im Mittelmeerraum als auch in China als Reiter-
volk bekannt, das sowohl in der Pferdezucht als auch bei der Verwendung von
Pferden in kriegerischen Auseinandersetzungen besondere Leistungen voll-
brachte.16 Auf Münzen der Parther finden sich daher auch Bilder von Pferden
(Abb. 3) ebenso wie auf chinesischen Darstellungen.17 Die Parther setzten auf
zwei verschiedene Einsatzmöglichkeiten der Kavallerie, auf gepanzerte Pferde
und Reiter (kata,fraktoi) sowie auf berittene Bogenschützen (Abb. 5). Letzte-
re waren besonders berühmt, da sie zum einen besonders schnelle und wendi-
ge Pferde besaßen, vor allem aber auch rückwärts gewandt Pfeile abschos-
sen.18 Gerade der Bogen stellt wohl den entscheidenden Hinweis darauf dar,
dass es sich bei der ersten Bedrohung der Menschheit um die Parther handeln
soll.19
Die wahrscheinliche Aussageabsicht des Apokalyptikers ist daher wohl,
dass am Anfang der Endereignisse ein Angriff aus dem Osten des Reiches er-
folgt, ein Angriff, der von Gott selbst gegeben ist (wie auch die anderen Rei-
ter), ähnlich jenem, den Gott zur Rettung Israels veranlasste. So heißt es in Jes
41,2 über die Erwartung des Kyros: "Wer hat vom Sonnenaufgang her den
erweckt, dessen Fuß Gerechtigkeit begegnet? Wer gibt Völker vor ihm dahin
und stürzt Könige hinab? Sein Schwert macht sie wie Staub, sein Bogen wie
verwehte Strohstoppeln."20 Ebenso wird im Endeffekt auch der Partherangriff,

15
Die Farbe Weiß spielt auch im Zusammenhang der Himmelsrichtungen eine Rolle, frei-
lich bestehen hier keine einheitlichen Zuordnungen; vgl. E. Lohmeyer, Offenbarung 59;
D. E. Aune, Revelation 6-16, WBC 52B, Nashville 1998, 390. In 6,2 ist Weiß wie sonst
in Apk die Farbe des Siegers.
16
Im römischen Heer stellten zumeist Auxiliareinheiten die Kavallerie, die Römer selbst
setzten auf Fuußtruppen. Neben den Parthern waren vor allem die Germanen für ihre
Reitkünste bekannt.
17
Vgl. dazu B. Burris-Davis, Parthian Horses – Parthian Archers
(http://www.parthia.com/parthia_horses_burris.htm [28.12.2005]).
18
Der so genannte „parthische Schuss“, der etwa bei Plutarch, Crassus 24,5, beschrieben
wird; vgl. dazu auch A. Landskron, Parther 98f.
19
Siehe auch Anm. 13. Ganz anders sieht die Deutung aus, wenn der erste Reiter positiv
gedeutet wird, da der Bogen im Alten Testament auch – aber nicht nur (!) – als Gottes-
werkzeug begegnet (etwa Hab 3,9; Sach 9,13); vgl. O. Keel, Der Bogen als Herrschafts-
symbol, ZDPV 93, 1977, 141-177: 172-175.
20
So nach dem hebr. Wortlaut, die LXX-Version schreibt von der Zerstörung der Schwerter
und Bögen der Gegner des Kyros.
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 199

den Johannes ankündigt, Teil der Befreiung der Glaubenden sein, die Gottes
Eingreifen erflehen (Apk 6,10).21

3. Die Deutung des Reiters in der mittelalterlichen Kunst

Am Vorabend der Reformation legte Albrecht Dürer 1498 seine berühmte


Darstellung der Apokalypse des Johannes vor. In ihr wird der Text der Johan-
nesoffenbarung mit 15 Holzschnitten verbunden, die einzelne Szenen illustrie-
ren.22 Eine der bekanntesten Darstellungen daraus ist jene der vier Reiter
(Abb. 6).
Dürer hat offenbar die negative Deutung des ersten Reiters aufgenom-
men.23 Er ist mit dem zweiten Reiter parallel dargestellt und hat den Bogen
zum Schuss gespannt. Die Kleidung des Reiters mit dem Bogen mutet orienta-
lisch an, zudem trägt er bereits die Krone. Dominiert wird die Szene, in der die
Reiter alle gleichzeitig unterwegs sind, vom dritten Reiter mit der Waage, der
das Zentrum bildet. Der wahre Schrecken geht aber vom vierten Reiter aus,
der den Tod über die Menschen bringt. Der ihm folgende Hades verschlingt
einen König/Bischof, die anderen liegen am Boden oder sehen sich nach dem
heranstürmenden Tod um. Dürer schaffte es, die ganze Dynamik dieser Unheil
bringenden Reiterschar einzufangen.
Die Bildtradition Dürers findet sich dann auch in der Lutherbibel, vor allem
im Septembertestament von 1522.24 Die Ausgabe von 1534 wurde von einem
unbekannten Meister mit dem Monogramm MS vor allem in der Johannesof-
fenbarung mit zahlreichen Bildern ausgestattet wurde (Abb. 7). In der Darstel-
21
Zu verweisen ist neben Apk 6,2 auch auf drei weitere Texte, die wahrscheinlich Anspie-
lungen auf das Wirken der Parther enthalten: Die Beschreibung der Heuschrecken in
9,3-10 erinnert an die Schlachtrosse der Parther. In 9,13-21 ist von gepanzerten Reiter-
heeren die Rede, die am Euphrat, der Grenze zu den Parthern, losgelassen werden und
ein Drittel der Menschheit töten. 16,12 schließlich schreibt Johannes von der Erwartung
der Könige aus dem Osten, die über den Euphrat gen Westen ziehen.
22
Über die breite Forschungsdiskussion zu Herkunft und Gestaltung der "Dürer-
Apokalypse" informieren u.a. E. Panofsky, Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers,
4. Aufl. München 1955 (Nachdr. 1977), 68-80; G. Schiller, Ikonographie der christli-
chen Kunst, Bd. 5: Die Apokalypse des Johannes, Gütersloh 1990, 329-343; P. Krüger,
Dürers „Apokalypse“. Zur poetischen Struktur einer Bilderzählung aus der Renaissance,
Gratia 28, Wiesbaden 1996; M. Bachmann, Reiter 33-38.
23
Sie ist erstmals belegt Mitte des 13. Jhd. bei Alexander v. Bremen; vgl. M. Bachmann,
Reiter 48.
24
Die Darstellungen zur Apokalypse stammen aus der Werksatt Lucas Cranachs d. Ä. und
sind deutlich an die Dürers angelehnt; die Abbildung findet sich WA.DB 7, 487.
200 Markus Öhler

lung der vier Reiter bildet neben dem Tod, der mit einer Sense die Menschen
in den Rachen des Hades schaufelt, der erste Reiter einen zweiten Bild-
schwerpunkt. Auch er reitet mit gespanntem Bogen, hat aber auch ein
Krummschwert und trägt einen Kaftan, wird also als Türke dargestellt.25 In
seiner Vorrede meinte Luther allgemeiner (ähnlich schon 1530), dass sich die-
ser weiße Reiter auf die "Verfolgung von der weltlichen Öberkeit" bezöge.26
Die bildliche Darstellung konkretisiert die Bedrohung also deutlicher als Lu-
ther.27

4. Beispiele moderner Rezeption

Aus der breiten Rezeption der vier Reiter der Apokalypse in der Gegenwart
seien abschließend vier Beispiele angeführt, die aus ganz verschiedenen Be-
reichen herkommen.
Salvador Dalí ließ sich von Apk 6 zu zumindest zwei Darstellungen inspi-
rieren: Das Gemälde „Cavaliers de l’apocalypse“ aus dem Jahr 1970 zeigt drei
Pferde mit Reitern, die im vollen Galopp unter einer roten Sonne reiten (Abb.
8). Die Pferde sind nur durch den Hintergrund als weiß, fahl und braun zu er-
kennen, und haben die Mäuler weit aufgerissen. Die flüchtigen Figuren – die
teilweise wie Gerippe aussehen – sind nicht eindeutig zu identifizieren, ledig-
lich eine – die auf dem weißen Pferd – hält einen länglichen Gegenstand in der
Hand.28 Eine negative oder positive Wertung ist nicht erkennbar. Deutlicher
als apokalyptische Reiterin – sie hat langes Haar29 – ist der Tod in einer frühen

25
Die Kolorierung wurde nachträglich hinzugefügt: Das Pferd ist weiß (mit einer grünen
Decke), der Reiter aber vor allem rot gekleidet; vgl. dazu v.a. P. Martin, Martin Luther
und die Bilder zur Apokalypse, Vestigia Bibliae 5, Hamburg 1983, 178-180.
26
Vorrede in: Biblia. das ist die ganze Heilige Schrift Deudsch, Wittenberg 1534 (vollstän-
diger Nachdruck Köln 2002). In der Bemerkung zum Text heißt es: „die verfolgunge
der Tyrannen“; vgl. zu den Darstellungen der Lutherbibel auch M. Bachmann, Reiter
53-56.
27
Luther bezog seit 1529 Gog und Magog (Ez 38f.; Apk 20,7-9) auf die Türkenbedrohung,
später Apk 13,7; vgl. H.-U. Hofmann, Luther und die Johannes-Apokalypse, BGBE 24,
Tübingen 1982, 573-578; anders P. Martin, Luther 179f., der in die tyrannische Obrig-
keit auch die Türken einschließt.
28
Der Bogen aus Apk 6,2 ist allerdings nicht zu erkennen. Die Dreizahl zeigt zudem, dass
Dalí nicht auf eine genaue Entsprechung abzielte.
29
Das spanische Wort für Tod ist muerte und ein Femininum. Der Tod (mors) wird bereits
in der Gotik als Reiterin dargestellt; vgl. M. Bachmann, Reiter 74 Anm.95.
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 201

Radierung aus den 30er Jahren dargestellt.30 Ein Gerippe sitzt auf einem ga-
loppierenden Pferd und hält eine Lanze, begleitet von anderen Reitern und
Reiterinnen, denen Knochen aus dem Leib ragen. Unten flieht eine kleine Fi-
gur vor dieser Reiterschar. In beiden Darstellungen dominiert wie schon bei
Dürer das Element der Dynamik, wenngleich sie bei Dalí vor allem durch die
Pferdedarstellungen erreicht wird. Eine Differenzierung oder gar Deutung ist
nicht beabsichtigt.
Völlig anders geartet ist eine Verarbeitung desselben Themas im Bereich
von Science Fiction und Fantasy. So findet sich im Internet etwa ein Beitrag
von Rupert Schwarz31, in dem er die vier apokalyptischen Reiter um eine Dar-
stellung von Apk 13 platziert (Abb. 9). Die vier Reiter werden mit Figuren
eines japanischen Animationsfilms identifiziert, in dem von vier Profikillern
erzählt wird. Obwohl der Bibeltext expliziert angeführt wird, wird abgesehen
von den Farben der Pferde, die auch die Kleidung der Reiter bestimmt, jeder
weitere bildliche Bezug zur Apokalypse weggelassen.32 Es war anscheinend
vor allem die Parallelität von vier negativen Gestalten in der Apokalypse und
in dem japanischen Film, die den Künstler zu seiner Darstellung anregten.
In dem Roman „Thief of Time“ des überaus erfolgreichen britischen Au-
tors Terry Pratchett33, der zu der Reihe der fantastisch-humoristischen „Schei-
benwelt-Romane“ gehört, werden zahlreiche kulturelle Mythen verarbeitet,
u.a. eben auch die vier apokalyptischen Reiter. Die Reiter (bei Pratchett
kommt ein fünfter namens Kaos alias Ronnie Soak hinzu) werden als Tod,
Krieg, Pestilenz und Hunger bezeichnet. In der Apokalypse, dem Ende der
Welt, treten die Fünf zum Teil widerwillig gegen jene an, die die Zeit anhalten
wollen. Denn die Prophezeiung in dem eisernen Buch, das ein Engel in wei-
ßem Gewand hält, sagt nicht aus, gegen wen sich die Gewalt der Reiter richten
soll. Sie entscheiden sich für die Seite der Menschen gegen die Revisoren.
Dabei wird u.a. deutlich, dass die Menschen immer schon mit den Reitern zu
tun hatten, das Leiden aber nicht von Dauer war. Neben all den religions- und
30
Vgl. auch die aus demselben Zeitraum stammenden Bilder „Todesritter“ bzw. „Todesrei-
ter“; R. Descharnes / G. Néret, Salvdor Dalí 1904-1989. Die Gemälde I: 1904-1946,
Köln u.a. 2004, Abb. 541. 546. 547.
31
http://www.fictionfantasy.de/article1649.html [29.12.2005].
32
So wird etwa der Bogen dem grauen Reiter zugeordnet
(http://www.fictionfantasy.de/modules.php?name=News&file=article&sid=1644
[29.12.2005]).
202 Markus Öhler

mythenkritischen Elementen dieser Neu- und Umgestaltung der Apokalypse


spielen so auch zeitkritische Elemente eine Rolle.34
Auch die musikalische Verarbeitung der vier Reiter aus Apk 6 war vielfäl-
tig und zahlreich. Besonders beliebt ist dieses Motiv in (apokalyptisch ge-
stimmten) Metal-Bands.35 So veröffentlichte Metallica, die sich auch selbst als
„The Four Horsemen“ bezeichnen, in ihrem ersten Album „Kill ’em All“
(1983) den Song „The Four Horsemen“ (Hetfield/Mustaine/Ulrich), in dem
vom bevorstehenden Kommen der apokalyptischen Reiter gesungen wird. Sie
werden als Angreifer erwartet, denen man sich entweder anschließt oder stirbt.
Gedeutet werden sie als Zeit, Hunger, Pestilenz und Tod.
Insgesamt zeigen diese wenigen Beispiele aus verschiedenen Bereichen der
Rezeption von Apk 6, dass die vier Reiter, wo sie gemeinsam begegnen, als
negative Gestalten verstanden werden. Sie gelten als Symbole für Gewalt.

Abbildungen:

Abb. 1

33
London 2001 (deutsche Übersetzung: Der Zeitdieb, München 2002).
34
Auch in dem Roman „Good Omens“ (gemeinsam mit Neil Gaiman, 2. Aufl. London
1998, deutsch: „Ein gutes Omen“, München 2005), einer Persiflage auf die Apokalypse
und die Filmreihe „Omen“, spielen die vier Reiter auf ihren Motorrädern eine wichtige
Rolle.
35
Zu verweisen ist etwa auf die 1987 gegründete Band „The Four Horsemen“ aus den USA
oder „Die apokalyptischen Reiter“ (Deutschland 1995, http://www.reitermania.de/
[29.12.2005]).
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 203

Abb. 2

Abb. 3

Abb. 4
204 Markus Öhler

Abb. 5

Abb. 6

Abb. 7
Die vier Reiter (Apk 6,1-8) 205

Abb. 8

Abb. 9
1) SIGNIS RECEPTIS, Aureus des Vespasian, 77/78 n. Chr., Rv. (A. Landskron, Parther Abb. 100)
2) Bronze-Tetrachalkon des Mithradates II., c. 123 - 88 v.Chr. (http://dougsmith.ancients.info/parthae.html)
[29.12.2005]
3) Panzerrelief der Augustusstatue von Prima Porta, Vatikan, Rom, Detail (A. Landskron, Parther Abb. 84)
4) Stützfigur eines Orientalen, Domitiansterasse, Ephesus (A. Landskron, Parther Abb. 40)
5) Parthischer Reiter, Terrakotta, Berlin (A. Landskron, Parther Abb. 76)
6) Albrecht Dürer, Die vier Reiter, 1498 (P. Krüger, Apokalypse III)
7) Die vier Reiter, Bibel 1534 (P. Martin, Luther Abb. 68)
8) Salvador Dalí, Cavaliers de l’apocalypse, 1970 (R. Descharnes / G. Néret, Salvdor Dalí 1904-1989. Die
Gemälde II: 1946-1989, Köln u.a. 2004, Abb. 1335).
9) http://www.fictionfantasy.de/modules.php?name=News&file=article&sid=1642 [29.12.2005]