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23/9/2019 Aufklärung: Was nun, Herr Kant?

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Aufklärung

Was nun, Herr Kant?


Er war der Philosoph der Vernunft und des Friedens. Warum er gerade in
Kriegszeiten aktuell ist.

Von Thomas Assheuer


3. Dezember 2015 / DIE ZEIT Nr. 49/2015, 3. Dezember 2015

AUS DER ZEIT NR. 49/2015

Immanuel Kant, so steht es in jedem anständigen Schulbuch, war ein Gigant.


Kein anderer Denker seiner Zeit war so einflussreich, und kein anderer hat die
Philosophie so erschüttert wie der "Weise aus Königsberg". Kant war der
einsame Prophet der Aufklärung, und Aufklärung heißt: seinen Verstand
selbstständig gebrauchen. Kant dachte bereits über die Globalisierung nach, als
es diese noch gar nicht gab; er sprach vom Weltbürger, als die Menschen noch
zwischen Armenhaus und Misthaufen ihr Dasein fristeten. Kant forderte eine
weltweite Friedensordnung [https://www.zeit.de/politik/2015-
09/fluechtlingskrise-fuenf-punkte-plan] in Zeiten, als die "Staatsoberhäupter
des Krieges nie satt" wurden. Für den Mann, der nie weit über Königsberg
hinausgelangte, war die Weltgesellschaft längst Realität – die eine Welt, das eine
Menschengeschlecht. Kant in seinem Traktat Zum ewigen Frieden: Es sei "unter
den Völkern der Erde" so weit gekommen, "daß die Rechtsverletzung an einem
Platz der Erde an allen gefühlt wird". Ein Wahnsinnssatz, niedergeschrieben im
Jahr 1795.

Aufklärung, Mündigkeit, Kritik, Menschenrechte, kategorischer Imperativ: Das


kennt jeder, selbst wenn er noch nie eine Zeile von Kant gelesen hat. Die
Wirkung seiner Gedanken war ungeheuer, und wer die Augen aufmacht, findet
ihre Spuren überall: zum Beispiel in der Charta der Vereinten Nationen
[http://www.unric.org/de/charta]. Oder in den Gründungsdokumenten der
Europäischen Union [https://www.lpb-bw.de/50_jahre-
roemische_vertraege.html], selbstverständlich auch im deutschen Grundgesetz
[https://www.bundestag.de/grundgesetz]. Unsere Vorstellungen von Freiheit
und Gleichheit, von Autonomie und Verantwortung – Immanuel Kant hat sie
geprägt. "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde." Mit einem Wort: Kants Ideen

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lieferten dem Projekt der Moderne die leuchtenden Stichworte und


imprägnierten es mit Hoffnung und Zuversicht. "Die Natur will
unwiderstehlich, daß das Recht zuletzt die Obergewalt behalte." Noch so ein
unglaublicher Satz.

Wie konnte jemand so kühn denken? Woher stammten sein epochaler


Scharfsinn, seine antizipierende Fantasie und Einbildungskraft?
Leidenschaftlich interessierte sich der junge Kant für die Entstehung des
Kosmos, schon mit 22 Jahren veröffentlichte er sein Erstlingswerk Gedanken
von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte
[http://www.korpora.org/kant/aa01/]. Später, so scheint es im Rückblick, zog er
seine spekulative Fantasie vom Universum ab und richtete sie auf die "Zukunft
des Menschengeschlechts". Seine Denkerstube verließ er nur für seine
Lehrtätigkeit, für ausgedehnte Spaziergänge und gesellige Zusammenkünfte.
Kant war ein überpünktlicher Junggeselle, der abends um zehn die Kerze
ausblies und sich morgens um Viertel vor fünf von seinem Diener Martin
Lampe wecken ließ. "Es ist Zeit."

Kant, am 22. April 1724 in Königsberg geboren [http://www.immanuel-


kant.net/biografie/], war das vierte der neun Kinder des Sattler- und
Riemermeisters Johann Georg Kant und seiner Frau Anna Regina. Er besuchte
das städtische Friedrichsgymnasium, war von auffallender Wissbegierde, lernte
klassische Sprachen und begeisterte sich für Philosophie, Mathematik und
Naturwissenschaften. Als sein Vater starb, musste er die Familie ernähren und
verdingte sich sechs Jahre lang als Hauslehrer. Dann schrieb er seine
Habilitation und wurde ein überqualifizierter, aber ärmlich lebender
Privatdozent in Königsberg. Die Vorlesungen des Herrn Magisters waren
ausgesprochen beliebt, der Dichter Johann Gottfried Herder lobte sie in
höchsten Tönen.

Erst 1770, da war er bereits 46 Jahre alt, erhielt Kant einen Ruf auf die Stelle
eines Professors für Logik und Metaphysik. In dieser Zeit setzte das ein, was
Forscher die "kritische" Phase seiner Philosophie nennen (im Gegensatz zur
"vorkritischen"). Kant arbeitete an einer "kopernikanischen Wende" der
Erkenntnistheorie. Er war davon überzeugt, dass Philosophen, die
ausschließlich nach dem "Ding an sich" suchen, keine Erkenntnis gewinnen.
Statt immer nur die Gegenstände anzustarren, täten sie besser daran, sich mit
dem Menschen zu beschäftigen, mit seinen Erkenntnisarten und seinem
Wahrnehmungsapparat. So provozierte Kant seine Zeitgenossen mit der
Behauptung, es seien die Subjekte, die die Objektivität eines Gegenstandes
begründen. In der Kritik der reinen Vernunft
[http://www.wissensnavigator.com/documents/kritikderreinenvernunft.pdf]
(1781) schreibt er: "Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den
Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein."

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Das Buch verkaufte sich miserabel, der erste Verleger hatte den erratischen
Brocken gar nicht erst drucken wollen. Wer das Buch las, verstand es nicht oder
ärgerte sich über die Anmaßungen der Kantschen Vernunft. "Unser Zeitalter ist
das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion
durch Ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch Ihre Majestät wollen sich
gemeiniglich derselben entziehen."

Tatsächlich hatte Kant die Philosophie von der Religion emanzipiert, sie diente
nicht länger als Magd der Theologie, die "Frau Madame" brav die Schleppe
hinterherträgt. Mit der kopernikanischen Wende musste alles vor den
Richtstuhl der Vernunft, auch die Vernunft selbst. Nun waren auch Gott, Welt
und Seele nichts Objektives mehr, sie waren nur noch regulative und
einheitsstiftende Ideen. Das war natürlich eine Frechheit, und so bekam der
"Alleszermalmer" bald Ärger mit der preußischen Zensurbehörde, die ihm
Beleidigung des Christentums vorwarf. Zuerst drohte sie ihm "bei fortgesetzter
Renitenz" mit "unfehlbar unangenehmen Verfügungen", dann durfte er über
"Religionsdinge" gar nichts mehr veröffentlichen. Mit einer Mischung aus
Beklemmung und Bewunderung wird Heinrich Heine 1834 schreiben, Kant
habe "den Himmel gestürmt" und die "ganze Besatzung über die Klinge
springen lassen". Seitdem schwimme "der Oberherr der Welt unbewiesen in
seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine
jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der
Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt –, und der alte (Diener)
Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter
Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte".

Kant war Aufklärer, aber kein Träumer


Kants kopernikanische Wende war eine Revolution, die Kritik der reinen
Vernunft wurde zum einflussreichsten philosophischen Buch deutscher
Sprache. Es trug Kant unvergänglichen Ruhm ein – und zugleich den ebenfalls
unsterblichen Vorwurf, sein Denken sei angekränkelt von des abstrakten
Gedankens fahler Blässe, es sei protestantisch und blutleer, körperlos und
weltfern dazu, kurzum: der Horror der reinen, kalten Vernunft. Kant verstehe
von Rationalität alles, doch vom Leben und von der Geschichte verstehe er
nichts.

Was den Vorwurf der Weltfremdheit angeht, muss man sagen: Er ist falsch.
Schon der Leseeifer des jungen Kant war legendär, er saugte Nachrichten über
das Weltgeschehen auf wie ein Schwamm, hielt nebenbei noch Vorlesungen
über Geografie und besaß genaue Kenntnisse von Handelswegen und
Handelsströmen, sein engster Freund in Königsberg war der englische
Kaufmann Joseph Green. In Manfred Geiers schöner Biografie
[https://www.perlentaucher.de/buch/manfred-geier/kants-welt.html] kann man
nachlesen, dass gerade in den Jahren der Französischen Revolution Kants

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Heißhunger auf "neueste Zeitschriften" so groß war, dass er – wie Zeitgenossen


bemerkten – "der Post wohl meilenweit entgegengegangen wäre". Mit
Schaudern beobachtete Kant das mörderische Treiben der Kolonialmächte und
klagte, die Herrschaften in Übersee tränken "Unrecht wie Wasser". Kurz gesagt:
Was man in Königsberg vom Weltlauf wissen konnte – Kant wusste es.

Kant war Aufklärer, aber kein Träumer. Schwärmer mochte er nicht. "Aus so
krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz
Gerades gezimmert werden." Torheit, Eitelkeit, Herrschsucht und
Zerstörungslust gehörten zum Menschen dazu, dieser habe nun einmal einen
"Hang zum Bösen", später sprach Kant gar vom "radikal Bösen". Eine tiefe
"Unvertragsamkeit" präge den Menschen, eine "ungesellige Geselligkeit".

Diese "ungesellige Geselligkeit" bedeutete: Die Menschen können einander


nicht leiden und mögen doch nicht voneinander lassen. Sie ziehen sich in die
"Vereinzelung" zurück – und spüren zugleich ein Ungenügen an ihr. Deshalb
suchen sie Gesellschaft und geben sich eine gemeinsame Ordnung, genauer:
eine Rechtsordnung, in der alle Mitglieder ihre schöpferischen Anlagen in
Freiheit entfalten können. Die dialektische Pointe lautete also: Es ist die soziale
"Unvertragsamkeit", die die Menschen dazu bringt, sich eine republikanische
Verfassung zu geben. Dabei sind die Bürger der Kantschen Republik zugleich
Urheber wie auch Adressaten ihrer Gesetze, einen König von Gottes Gnaden
brauchte es nun nicht mehr. Der König konnte gehen, die Bürger machten das
jetzt selbst. "Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die
Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz
der Freiheit vereinigt werden kann."

Das war Kants berühmte republikanische Verfassung, seine genial einfache


demokratische Idee. 1795 schießt ihm dann dieser atemberaubende Gedanke
durch den Kopf: Wenn sich die einzelnen Bürger durch den freien Gebrauch
ihrer Vernunft eine rechtliche Ordnung geben können – warum soll das den
"unvertragsamen" Nationen untereinander nicht auch gelingen? Gewiss, noch
befänden sich die Völker im wilden Naturzustand und führten Krieg
gegeneinander, doch das dürfe nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Eines Tages, so prophezeit er in seiner Altersschrift unter dem ironisch


gemeinten Titel Zum ewigen Frieden [http://oxnzeam.de/wp-
content/uploads/2015/11/kant-zum_ewigen_frieden.pdf], würden die Völker ihres
Leides überdrüssig, gäben "ihre wilde (gesetzlose) Freiheit auf " und fänden
weltweit zu einem "Föderalismus freier Staaten" zusammen. Und wieder
befördert der Antagonismus der Menschen den Frieden des Rechts: "Die Natur
hat also die Unvertragsamkeit des Menschen, selbst der großen Gesellschaften
und Staatskörper (...), wieder zu einem Mittel gebraucht, um in dem
unvermeidlichen Antagonismus derselben einen Zustand der Ruhe und

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Sicherheit auszufinden (...): aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus
zu gehen, und in einen Völkerbund zu treten; wo jeder, auch der kleinste, Staat
seine Sicherheit und Rechte (...) erwarten könnte."

Frieden als eine Absicht der Natur?


Frieden als eine Absicht der Natur? Wer daran zweifelte, dem hatte Kant schon
in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
[http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3506/1] (1784) einen Blick ins
Geschichtsbuch empfohlen. Seit dem antiken Griechenland sei die stetige
"Verbesserung der Staatsverfassung in unserem Weltteile" zu erkennen, wobei
dieser Weltteil – also Europa – "wahrscheinlicher Weise allen anderen dereinst
Gesetze geben" werde. Für Kant war Europa das Musterland des Fortschritts,
und an diesem Kontinent werde sich nach und nach die ganze Welt orientieren.
Heute, nach den Erfahrungen zweier Jahrhunderte, nennt man das
Eurozentrismus.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, als nach der blutigsten Epoche der
Weltgeschichte der Kommunismus von der Bühne verschwand, sah alles
danach aus, als sei dies der großartige Triumph der Kantschen Philosophie. War
der Untergang eines totalitären Systems nicht ein Geschichtszeichen – ein
Beweis dafür, dass die Welt doch kein Irrenhaus ist, verunstaltet von
Freiheitsfeinden, Zensoren, Rechtsverletzern und Menschenschindern? Ein
Beweis dafür, dass sich hinter den Dingen und Ereignissen doch eine
"Vernunft" zeigt, ein Fortschritt zum Besseren? War die Welt mit dem
Zusammenbruch des Kommunismus dem "ewigen Frieden" nicht einen großen
Schritt näher gekommen?

Es kam anders. Der Jugoslawienkrieg und der Terrorangriff auf das World Trade
Center, der völkerrechtswidrige Irakkrieg, die Annexion der Krim und die
wiederkehrende Barbarei nicht nur im Nahen Osten haben die Kantschen
Friedenshoffnungen erst einmal wieder zur Illusion gemacht. Die halbe Welt ist
in Aufruhr geraten, ganze Regionen brechen unter den Wellen einer
entfesselten Gewalt zusammen, während islamistische Killer den Tod in die
Metropolen tragen. Auch der wieder erwachte autoritäre Nationalismus und
diabolisch perfekte Überwachungstechniken verdüstern Kants Idee der
Aufklärung.

Angesichts dieser Lage haben wir elf Philosophinnen und Philosophen in aller
Welt gefragt, was aus Kants Ideen geworden ist. Was bedeutet ewiger Frieden
in Zeiten ewiger Kriege? Was heißt Mündigkeit und Autonomie unter den
Bedingungen von NSA und digitaler Revolution? Viele der Beiträger haben auf
Deutsch geantwortet. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Philosophen Rainer
Forst soll klären, ob wir Kants Philosophie verabschieden müssen – oder ob wir
sie dringender brauchen denn je.

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