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Walther Rathenau

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Walther Rathenau

Walther Rathenau (* 29. September 1867 in Berlin; † 24. Juni 1922 in Berlin-Grunewald)
war ein deutscher Industrieller, Schriftsteller und liberaler Politiker (DDP). Während des
Ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der Organisation der Kriegswirtschaft und setzte sich
für einen „Siegfrieden“ ein. Nach dem Krieg kam er schließlich zur linksliberalen DDP und
wurde im Juni 1922 Reichsaußenminister. Zahlreiche publizistische Angriffe gegen ihn
warfen ihm vor, dass er sich an der „Erfüllungspolitik“ beteilige: Die Zusammenarbeit mit
den Siegermächten liefere Deutschland an diese aus. Rathenau wurde im Juni des Jahres von
Rechtsradikalen ermordet, was für die Regierung der Anlass war, ein Gesetz zum Schutz der
Republik auf den Weg zu bringen.

Rathenau war ein deutscher Jude, der nationalistisch dachte und zahlreiche größere und
kleinere Schriften zum Nationalstaat, zur gelenkten Wirtschaft, zum Krieg und zur Revolution
veröffentlichte. Ein nach ihm benanntes Institut, das der FDP nahe steht, verwaltet sein
geistiges Erbe.

Leben
Kindheit und Jugend

Walther Rathenau wurde als ältester Sohn des deutsch-jüdischen Industriellen Emil Rathenau
(des späteren Gründers der AEG) und seiner Ehefrau Mathilde (geb. Nachmann) in Berlin
geboren. Er wuchs dort zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Erich (1871–1903) und
Edith (1883–1952) auf und besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium. 1886–1889
studierte er in Straßburg und Berlin Physik, Philosophie und Chemie bis zur Promotion (Die
Absorption des Lichts in Metallen). 1889/90 studierte er Maschinenbau an der Technischen
Hochschule München.

Rückblickend schrieb er über seine Jugendzeit:

„In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an
den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger
zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus
dieser Lage befreien kann.[1]“

Die traumatisch erlebte Kluft zwischen Zugehörigkeit zur Elite und gleichzeitiger
Diskriminierung begleitete ihn und bestimmte sein Handeln und Denken sein Leben lang.[2]

„Sein Leben kann […] auch so gesehen werden, dass es die Quintessenz der deutsch-
jüdischen Geschichte enthält, nämlich den Versuch, die jüdische und die deutsche Identität
miteinander in Einklang zu bringen, ohne sich je in der einen oder in der anderen zu Hause zu
fühlen.“

– Shulamit Volkov[3]

Industrieller

Rathenau im Jahr 1891 als Vizewachtmeister im Garde-Kürassier-Regiment

Nach gescheiterten Versuchen, dem Berufsbereich des Vaters durch die Hinwendung zur
Kunst oder einer Offiziers- und Diplomatenkarriere zu entgehen, fügte sich Rathenau und
übernahm 1893–1898 den Aufbau der von der AEG gegründeten Elektrochemischen Werke
in Bitterfeld und Rheinfelden. Seit 1899 war er in leitenden Positionen für die AEG tätig,
zunächst im Vorstand, 1902–1907 als Geschäftsinhaber in der nahestehenden Berliner
Handels-Gesellschaft (BHG), seit 1904 vom Aufsichtsrat der AEG aus, dessen Vorsitzender
er 1912 wurde. Zugleich vereinigte er seit 1904 nach und nach mehr als 80
Aufsichtsratsposten auf sich. Seine führende Stellung in der deutschen Wirtschaft wurde auch
durch seine Aufnahme in die Gesellschaft der Freunde deutlich. In der kritischen
Rezessionszeit der deutschen Elektroindustrie setzte er sich erfolgreich für
Konkurrenzverminderung durch Kartelle, Syndikate und Fusionen ein. Die erfolgreich von
ihm betriebene Kartellpolitik ließ ihn ab 1914 als den geeigneten Mann für die Organisation
der deutschen Kriegsrohstoffversorgung erscheinen. Er wurde engster Berater seines Vaters,
aber dessen Nachfolger wurde 1915 Felix Deutsch, während Rathenau Sondervollmachten
und den Titel „Präsident der AEG“ erhielt.
Porträt Rathenaus von Hermann Burte, um 1912

Da die AEG stark an der deutschen Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg beteiligt war,
war Rathenau als ihr Aufsichtsratsvorsitzender auch in die Kriegsplanungen der
Reichsregierung eingebunden. Am 16. September 1916 nahm er an einer Konferenz im
preußischen Kriegsministerium teil, auf der Carl Duisberg und andere führende Industrielle
angesichts des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels die Deportation belgischer Zivilisten zur
Zwangsarbeit nach Deutschland forderten. Rathenau unterstützte ihre Forderung in einem
Brief an den OHL-General Erich Ludendorff, in dem er sich für scharfe Maßnahmen gegen
die belgische Zivilbevölkerung aussprach. Die Deportationen wurden dann tatsächlich
durchgeführt. Der Publizist Maximilian Harden, der sich mit seinem langjährigen Freund
Walther Rathenau bereits 1913 zerstritten hatte, griff diesen später aufgrund seiner
Verwicklung in die Deportationen scharf an. In Belgien wurde sogar überlegt, Rathenaus
Auslieferung zu verlangen.[4]

Schriftsteller

Die ausgedehnte berufliche Arbeit bildete nur einen Teil von Rathenaus Aktivitäten. Während
er praktisch zur Fortführung des väterlichen Großunternehmens beitrug, wollte er theoretisch
als Schriftsteller die moderne Welt des Kapitalismus und Materialismus kulturkritisch
durchdringen und verbessern. Hier förderte ihn Maximilian Harden, in dessen
Wochenzeitschrift Die Zukunft seine ersten Aufsätze erschienen, als erster 1897 „Höre,
Israel!“, eine Polemik gegen das moderne Judentum. Politisch und ästhetisch gehörte
Rathenau zur Opposition gegen den herrschenden Wilhelminismus. Durch die Freundschaft
mit Gerhart Hauptmann kam er in den Autorenkreis des S. Fischer Verlags und
veröffentlichte hier 1912 und 1913 seine Bücher Zur Kritik der Zeit und Zur Mechanik des
Geistes, in denen er die moderne „Mechanisierung der Welt“ beklagte und seine
neuidealistische Weltanschauung vom „Reich der Seele“ darlegte. Politisch setzte er sich für
eine stärkere Beteiligung des liberalen, industriell tätigen Bürgertums an der Außenpolitik ein
und suchte selbst durch Mitwirkung in der Kolonialpolitik Einfluss zu gewinnen. Neben
anderen Kontakten in die völkische Szene war Rathenau von 1913 bis zu seinem Tod mit dem
rechtskonservativen Publizisten Wilhelm Schwaner befreundet, in dessen Zeitschrift Der
Volkserzieher in dieser Zeit einige Aufsätze Rathenaus abgedruckt wurden, was zu
erheblichem Unmut in nationalistischen Kreisen führte.

Politiker
Walther Rathenau, 1921

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs machte Rathenau als Erster auf die unzureichende
wirtschaftliche Vorbereitung des Reiches aufmerksam und empfahl die rasche Errichtung
eines „Rohmaterialamtes“ zur zentralen Bewirtschaftung kriegswichtiger Rohstoffe.
Kriegsminister Erich von Falkenhayn richtete daraufhin im preußischen Kriegsministerium
die Kriegsrohstoffabteilung ein, um die Verteilung der kriegswichtigen Rohstoffe zu
organisieren und hierbei eine staatliche Beaufsichtigung der deutschen Industrie durch
Kriegswirtschaftsgesellschaften einzuführen. Die Leitung übernahm der Initiator Rathenau
von August 1914 bis März 1915.[5] Wahrscheinlich verhinderte er damit eine schwere
Materialkrise in Deutschland, sah selbst darin aber auch Ansätze für neue
gemeinwirtschaftliche Formen. Es gelang ihm, die durch die britische Blockade sofort
spürbaren Defizite bei kriegswichtigen Rohstoffen zumindest einzudämmen.[6]

Über diese Zukunftsziele äußerte Rathenau sich 1917 in seinem bedeutendsten Buch Von
kommenden Dingen.[7] Wirtschaftliche Rationalisierung und Verfassungsreformen hielt er für
wichtig; aber noch notwendiger erschien ihm eine Bewusstseinsveränderung. Ein zweiter
Interessenpunkt Rathenaus an der Leitung der Kriegsrohstoffabteilung war die vergebliche
Hoffnung einer weiterführenden Berufung zum Staatssekretär im Reichsschatzamt. Auch aus
Enttäuschung zog er sich daher nach acht Monaten wieder aus der Kriegsrohstoffabteilung
zurück und konzentrierte sich bis zum Ende des Krieges auf die Organisation der
Rüstungsfabrikation der AEG und Planungen zur Rückumstellung auf die
Friedensproduktion.[8] Hatte Rathenau dem Krieg 1914 noch kritisch gegenübergestanden,[9]
wandelte er sich während seiner Arbeit für das Kriegsministerium immer mehr zum „Falken“.
So sprach er sich für die Bombardierung Londons mit Zeppelinen und die Deportation
belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland aus.[10]

Rathenau, der die Methoden des Wiener Kongresses für überlebt hielt, weil „Länderteilungen
hinfällig geworden“ seien, wollte eine mitteleuropäische Zollunion, die Deutschlands Sieg
und Dominanz in Europa bedeuten würde.[11] Die Leitung des mitteleuropäischen
Wirtschaftsverbandes war einer zwischenstaatlichen Organisation zugedacht, „in der
Deutschland eine stärkere Stellung beanspruchen könnte, als Preußen sie im Bundesrat
einnimmt“. Er propagierte die Idee der Wiederbelebung des Frankenreiches, die von der
Bevölkerung angeblich besser begriffen würde als ein Programm weitreichender direkter
Annexionen.[12] Über den Frieden von Brest-Litowsk urteilte er hingegen, Deutschland würde
durch diesen Frieden „in einem Abgrund von Feindschaft und Konflikten leben“.[13]

1918 kritisierte Rathenau sogar den Waffenstillstand und plädierte für die Fortführung des
Krieges, um die späteren Verhandlungen aus einer besseren Position heraus führen zu
können.[9] Trotz seiner harten Haltung im Krieg wurde er später zur Zielscheibe von
antisemitisch motivierten Angriffen durch Anhänger der Dolchstoßlegende.

Wegen seiner widerspruchsvollen politischen Haltung von vielen Seiten angefeindet, hatte
Rathenau nach dem Krieg zunächst Mühe, für eine neue Politik tätig zu werden. Als
Wirtschaftssachverständiger und Mitglied und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen
Partei (DDP) arbeitete er 1920 in der Sozialisierungskommission und nahm an der Konferenz
in Spa teil. Wegen seines entspannungsfördernden Verhandlungsgeschicks und seines
internationalen Ansehens wurde er im Mai 1921 Wiederaufbauminister im Kabinett des
Reichskanzlers Joseph Wirth und schloss im Oktober mit Frankreich das Wiesbadener
Abkommen über privatwirtschaftliche deutsche Sachlieferungen an französische
Kriegsgeschädigte. Ende Oktober trat Rathenau zurück, war aber in London und der
Konferenz von Cannes weiterhin für die Regierung tätig.

Am 31. Januar 1922 wurde Rathenau zum Außenminister im Kabinett Wirth II ernannt, um
Deutschland bei der Weltwirtschaftskonferenz von Genua zu vertreten. Hier gelangen ihm
keine Fortschritte in der Reparationsfrage, aber er fand sich unter Bedenken bereit, am 16.
April 1922 mit Sowjetrussland in Rapallo einen bilateralen Sondervertrag abzuschließen, um
Deutschland außenpolitisch mehr Handlungsfreiheit zu verschaffen. Dieser Schritt wurde
gerade von nationaler Seite begrüßt; er hielt die rechtsradikale Organisation Consul (O. C.)
aber nicht davon ab, später ein Attentat gegen Rathenau zu verüben.

Ermordung

Attentat und Fahndung

Vorwärts-Ausgabe zur Ermordung Walther Rathenaus

Am Morgen des 24. Juni 1922, einem Samstag, wollte Rathenau ins Auswärtige Amt in der
Wilhelmstraße, um einer Prüfung von Konsularsanwärtern beizuwohnen. Am Abend zuvor
hatte er noch bis in die frühen Morgenstunden bei einem Essen mit dem amerikanischen
Botschafter Alanson Houghton und Hugo Stinnes den deutschen Standpunkt in der
Reparationsfrage erläutert und eine Abkehr von seiner bisherigen Erfüllungspolitik erkennen
lassen. Wohl auch deshalb hatte er sich verspätet und war erst um 10:45 Uhr in den Fond
seines offenen NAG-Kabrioletts gestiegen. Obwohl es im Vorfeld immer wieder konkrete
Attentatswarnungen gegeben hatte, fuhr Rathenau ohne Polizeischutz. Auf dem Weg von
seiner Villa in der Koenigsallee 65 in Berlin-Grunewald bemerkten weder er noch sein
Chauffeur, dass sie von einem Wagen verfolgt wurden. Kurz vor der Kreuzung Erdener-
/Wallotstraße, als Rathenaus Chauffeur angesichts der folgenden S-Kurve abbremsen musste,
überholte der verfolgende Wagen, ein offener Mercedes-Tourenwagen, den der 20-jährige
Maschinenbaustudent Ernst Werner Techow steuerte. Im Fond saßen der 23-jährige Student
der Rechtswissenschaften Erwin Kern und der 26-jährige Maschinenbauingenieur Hermann
Fischer. Während Kern mit einer Maschinenpistole MP18 auf Rathenau feuerte, warf Fischer
eine Handgranate in den Wagen. Der von fünf Schüssen tödlich getroffene Rathenau starb
binnen weniger Minuten. Den Attentätern gelang die Flucht durch die Wallotstraße und
anschließend die Herbertstraße.

Maschinenpistole vom gleichen Typ Bergmann MP18/1 wie die Tatwaffe

Die Polizei stellte schnell einen Zusammenhang mit vorangegangenen Attentaten auf
Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann her, und noch am Tag der Ermordung
Rathenaus ordnete der Kasseler Oberstaatsanwalt die Festnahme von Funktionären der
rechtsextremen Organisation Consul (O. C.), darunter Karl Tillessen, Hartmut Plaas und
Friedrich Wilhelm Heinz, an. Tatsächlich waren die Attentäter allesamt Mitglieder der O. C.
Am 26. Juni wurde der Student Willi Günther verhaftet, der an der Vorbereitung der Tat
beteiligt gewesen war und sich öffentlich der Mittäterschaft gerühmt hatte. Nach Günthers
rückhaltlosem Geständnis wurden weitere Tatbeteiligte verhaftet, darunter Hans Gerd
Techow, ein Bruder des Fahrers. Ernst Werner Techow wurde nach einem Fahndungsaufruf
am 29. Juni verhaftet. Nach Fischer und Kern begann eine fieberhafte Suche. Sie wurden nach
Zeugenhinweisen schließlich am Morgen des 17. Juli auf der Burg Saaleck, wo sie beim
Burgbesitzer, dem O. C.-Mitglied Hans Wilhelm Stein, Unterschlupf gefunden hatten, von
zwei Kriminalbeamten gestellt. Während der Konfrontation gab einer der Beamten fünf
ungezielte Schüsse auf ein Turmfenster ab, von denen einer Kern tödlich am Kopf traf.
Fischer erschoss sich daraufhin selbst.[14]

Verfahren gegen die Täter

Vom 3. bis zum 14. Oktober 1922 wurde vor dem neugebildeten Staatsgerichtshof zum
Schutze der Republik gegen 13 Personen verhandelt. Neben drei Berufsrichtern mit
Senatspräsident Alfred Hagens als Vorsitzendem wurden nach den Bestimmungen des
Gesetzes zum Schutze der Republik sechs Laienrichter bestellt, darunter Hermann Müller für
die SPD, Hermann Jäckel für die USPD und Gustav Hartmann für die DDP. Durch diese
Besetzung sollte eine Rechtsprechung im republikanischen Geist gewährleistet werden.
Oberreichsanwalt Ludwig Ebermayer klagte unter anderem Ernst Werner Techow des
Mordes, Hans Werner Techow und Ernst von Salomon, der bei den Attentatsvorbereitungen
als Verbindungsmann fungiert und Fahrtstrecke und Wohnhaus Rathenaus ausgespäht hatte,
der Beihilfe zum Mord sowie Karl Tillessen und Hartmut Plaas der Nichtanzeige eines
geplanten Verbrechens an. Die Anklageschrift klammerte dabei den gesamten Komplex O. C.
vollständig aus und beschränkte sich auf die Rekonstruktion der Tat. Auch die Angeklagten
bemühten sich während der Verhandlung, jeden Bezug zur O. C. zu vermeiden.

Das Verfahren endete mit zehn Verurteilungen und vergleichsweise drastischen Strafen. Am
meisten Aufsehen erregte jedoch, dass Ernst Werner Techow der Todesstrafe entging und
wegen Beihilfe zum Mord zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Dennoch erhielten Ernst
von Salomon mit fünf Jahren Zuchthaus sowie Tillesen und Plaas mit drei bzw. zwei Jahren
Gefängnis Strafen, die sich gemessen am jeweils angeklagten Vergehen im oberen
Strafrahmen bewegten. Das tatsächliche Maß der jeweiligen Tatbeteiligung wurde dabei indes
nicht aufgedeckt. Ebermayer hatte in seinem Schlussplädoyer zwar selbst vermutet, dass
insbesondere Tillessen einer der Hauptorganisatoren des Anschlags gewesen sein müsse,
konnte es jedoch nicht beweisen. Das Gericht ließ in seiner Urteilsbegründung offen, ob
hinter dem Mordanschlag ein organisiertes Komplott gesteckt hatte.[15] Vielmehr führte es das
Verbrechen auf die Wirkung antisemitischer Hetzparolen zurück, um den Mord als isolierte
Tat junger unreifer Fanatiker darzustellen. Zweifellos waren viele Offiziere der Brigade
Ehrhardt „von tiefem Hass auf den Juden und Erfüllungsgehilfen Rathenau erfüllt“. Kern,
Fischer und Techow waren überdies Mitglieder des Deutsch-Völkischen Schutz- und
Trutzbundes. Dennoch verwahrten sich Salomon und die Brüder Techow dagegen, dass ihnen
judenfeindliche Tatmotive zugeschrieben würden.[16]

Ein zweiter Rathenaumordprozess wurde im Juni 1925 gegen zwei Tatbeteiligte geführt, die
man erst später hatte fassen können. Der eine, Johannes Küchenmeister, hatte seinen Wagen
für die Tat zur Verfügung gestellt, der andere, Georg Brandt, den Wagen von Dresden nach
Berlin überführt und an Fischer und Kern übergeben. Auch in diesem Verfahren wurden die
Hintergründe nicht aufgeklärt. Vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord freigesprochen, erhielt
nur Brandt vier Jahre Gefängnis für die Nichtanzeige eines Verbrechens.[17]

Motive der Verschwörer

Kapitän Hermann Ehrhardt (links, im Auto sitzend) während des Kapp-Putsches in Berlin,
März 1920

Der Historiker Martin Sabrow kommt bei seiner Rekonstruktion zu dem Schluss, dass hinter
der Ermordung Walther Rathenaus tatsächlich ein Komplott der Organisation Consul steckte.
Für ihn steht außer Zweifel, dass Hermann Ehrhardt als Chef des Geheimbundes die
Ermordung Rathenaus persönlich anordnete, wenngleich die Münchner Zentrale alles daran
setzte, dass ihre Verbindung zu den Attentätern nicht ruchbar wurde. Rathenaus Ermordung
sei Teil einer terroristischen Eskalationsstrategie gewesen, um einen Bürgerkrieg zu
entfesseln. Der Tod Rathenaus, der nach Ansicht der Attentäter „alle Fäden in der Hand“
hatte, würde, so ihre Erwartung, den Sturz der gesamten Regierung nach sich ziehen und die
Linksradikalen zu Aktionen veranlassen. Ehrhardt, der in Bayern ausgezeichnete Beziehungen
zur rechtsgerichteten Regierung und den Behörden unterhielt, hoffte, in diesem Fall mit
seinen Leuten als Ordnungsmacht zur Hilfe gerufen zu werden und eine von ihm abhängige
Regierung oder Militärdiktatur errichten zu können. Offenbar waren zu diesem Zweck auch
noch weitere Anschläge auf führende Politiker der Weimarer Republik geplant.[18]
Titelblatt einer antisemitischen Hetzschrift Alfred Roths

Nach 1945 wurde das Schlagwort von Rathenau als dem „Ersten Opfer des ‚Dritten Reiches‘“
populär. Dies bezieht sich einerseits auf die Vielzahl antisemitischer Anfeindungen, die
Rathenau zeit seines Lebens über sich ergehen lassen musste. In völkischen und
nationalistischen Kreisen galt Rathenau spätestens nach seiner Ernennung zum Außenminister
als „Kandidat des Auslandes“ und Befehlsempfänger der Weisen von Zion. Der DNVP-
Abgeordnete Wilhelm Henning hatte in der Konservativen Monatsschrift anlässlich des
Vertragsschlusses von Rapallo geschrieben: „Kaum hat der internationale Jude Rathenau die
deutsche Ehre in seinen Fingern, so ist davon nicht mehr die Rede. […] Sie aber, Herr
Rathenau, und Ihre Hinterleute, werden vom deutschen Volk zur Rechenschaft gezogen
werden.“[19] Bekannt ist auch das vor allem in den Freikorps verbreitete Hetzlied:

„Auch Rathenau, der Walther,


Erreicht kein hohes Alter,
Knallt ab den Walther Rathenau,
Die gottverdammte Judensau!“[20]

Auf der anderen Seite arbeitete Adolf Hitler beim Aufbau seiner Bewegung bereits früh mit
Ehrhardts Organisation zusammen. Die Nationalsozialisten solidarisierten sich noch während
der Weimarer Republik mit den Attentätern und veranstalteten am 17. Juli 1933 eine Feier am
Grab Kerns und Fischers in Saaleck. In Anwesenheit Ehrhardts, Heinrich Himmlers und Ernst
Röhms wurde eine Gedenkplatte am Burgturm angebracht und Mitglieder der thüringischen
Staatsregierung legten Kränze nieder. Im Oktober 1933 wurde auch noch ein neues Grabmal
auf Kosten des Reiches eingeweiht. Allerdings weist Martin Sabrow darauf hin, dass die
Mörder Rathenaus keine faschistische Nationalrevolution, sondern eine monarchistische
Gegenrevolution auslösen wollten und Rathenau daher ebenso sehr ein erstes Opfer des
Dritten wie ein letztes Opfer des Zweiten Reiches, des Deutschen Kaiserreiches, gewesen
sei.[21]

Unmittelbare Folgen des Mordes und Nachleben


Staatsakt für Walther Rathenau im Reichstag am 27. Juni 1922

Die politischen Reaktionen auf das Attentat waren enorm. Als die Todesnachricht im
Reichstag bekannt wurde, kam es zu Tumulten. Vor allem der deutschnationale Abgeordnete
Karl Helfferich, der tags zuvor noch Rathenaus Erfüllungspolitik scharf angegriffen hatte,
wurde mit „Mörder, Mörder“-Rufen bedrängt. Harry Graf Kessler verfolgte das Geschehen
von der Tribüne aus und hielt in seinem Tagebuch fest, dass es Reichstagspräsident Paul Löbe
erst nach etwa zwanzig Minuten gelang, die Ruhe im Saal wiederherzustellen, um seinen
Nachruf auf den Ermordeten zu halten. Nach ihm sprach Reichskanzler Joseph Wirth vom
Zentrum, so Kessler, „neben dem leeren, umflorten Stuhl von Rathenau, vor dem auf dem
Tisch ein Strauß weißer Rosen lag. Wirths Rede, die energisch, aber maßvoll war und scharfe
Maßregeln gegen die Mörderbanden und ihre Helfershelfer ankündigte, wurde wiederholt von
tosendem Beifall auf der Linken und bei den Demokraten und Zentrum unterbrochen. […]
Einmal erhob sich das halbe Haus und rief donnernd dreimal: ‚Es lebe die Republik!‘ Die
Rechte hörte wie das übrige Haus die Rede Wirths stehend an.“[22]

In der Sondersitzung des Reichstages einen Tag danach ergriff Wirth erneut das Wort zu einer
Aufsehen erregenden Rede, in der er ausrief:

„Da steht (nach rechts) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da
steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts! (Stürmischer
langanhaltender Beifall und Händeklatschen in der Mitte und links und auf sämtlichen
Tribünen. – Große langandauernde Bewegung.)“

– Joseph Wirth: Im Reichstag (236. Sitzung), 25. Juni 1922[23]

Wirth zitierte damit eine Formel der Sozialdemokraten, Der Feind steht rechts, die Philipp
Scheidemann in einer Rede vor der Weimarer Nationalversammlung am 7. Oktober 1919
geprägt und nach dem Attentat auf sein Leben wiederholt hatte und die auch Otto Wels
verwendet hatte, als er am 30. März 1920 im Reichstag zum Kapp-Putsch sprach.[24] Wirth
wurde wegen seiner Kritik am rechten politischen Lager in der eigenen Partei, die sich als
Partei der politischen Mitte verstand, scharf kritisiert.[25] Historiker wie Hagen Schulze und
Hans Mommsen zollen der Rede Respekt, halten sie aber für politisch unklug, weil die
pauschale Kritik gemäßigte Kreise und damit mögliche Koalitionspartner wie die DVP vor
den Kopf gestoßen habe.[26] Wirth selbst verteidigte sich, er habe ganz konkret auf im
Reichstag sitzende Politiker vor allem der DNVP gewiesen, welche die Mordatmosphäre
geschürt hätten.[27]
Gedenkfeier für Walther Rathenau, Juni 1923

Millionen Deutsche demonstrierten in Protestkundgebungen und Trauerzügen gegen den


konterrevolutionären Terror, aber der Bürgerkrieg, auf den die Terroristen gesetzt hatten,
blieb aus.[28] Während der Beerdigung Rathenaus am 27. Juni 1922 legten die Mitarbeiter aller
Verkehrsbetriebe am Nachmittag die Arbeit nieder. Lediglich die Berliner Ringbahn befand
sich in Betrieb, was eine Überfüllung der Züge zur Konsequenz hatte und den
Eisenbahnunfall von Berlin Schönhauser Allee verursachte.

Bestattet wurde Walther Rathenau im Familiengrab auf dem in der Wuhlheide gelegenen
landeseigenen Waldfriedhof des Berliner Ortsteils Oberschöneweide. Die Grabstätte wurde
von seinem Vater, dem AEG-Gründer Emil Rathenau, dort angelegt, wo er auch selbst
begraben liegt. Das Grab von Walther Rathenau ist als Ehrengrab der Stadt Berlin
gekennzeichnet und mit einer Gedenktafel versehen. Die Familien-Grabanlage befindet sich
im Feld I/1.[29]

Enthüllung einer Rathenau-Gedenktafel am Tatort, Juni 1929; im Vordergrund Reichskanzler


a. D. Wirth (x) und Reichswehrminister Wilhelm Groener (xx).

Reichspräsident Friedrich Ebert erließ noch am Tage der Ermordung Rathenaus eine
Notverordnung zum Schutze der Republik,[30] der am 21. Juli 1922 das zuvor vom Reichstag
verabschiedete Republikschutzgesetz folgte.[31] Zugleich wurde das „Gesetz über Straffreiheit
für politische Straftaten“ erlassen, die sogenannte „Rathenau-Amnestie“. War das
Republikschutzgesetz vor allem als Schutzmaßnahme gegen den Rechtsextremismus
intendiert, die alsbald zum – mit Ausnahme Bayerns – reichsweiten Verbot der NSDAP
führte, sollte die Amnestie die harten Strafurteile korrigieren, die nach dem Mitteldeutschen
Aufstand gegen die kommunistischen Aufrührer gefällt worden waren.[32]

Die Reaktionen auf die Ermordung Rathenaus stärkten letztendlich die Weimarer Republik.
Während ihres Bestehens blieb der 24. Juni ein Tag des öffentlichen Gedenkens, wobei
Rathenau zunehmend von der Arbeiterbewegung geehrt wurde. Das Deutschlandlied wurde
zur Nationalhymne erhoben und der 11. August zum Verfassungstag erklärt. Rathenaus Tod
erschien in der öffentlichen Erinnerung zunehmend als ein bewusst erlittenes Opfer für die
Demokratie.[33]
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Andenken an Rathenau demonstrativ getilgt.
Die Gedenktafel am Ort seiner Ermordung wurde entfernt.