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68. Jahrgang, 48/2018, 26.

November 2018

AUS POLITIK
UND ZEITGESCHICHTE
Nation und
Nationalismus
Christian Geulen Pierre Gottschlich
ZUR „WIEDERKEHR“ HINDU-NATIONALISMUS.
DES NATIONALISMUS INDIEN AUF DEM WEG
IN EINEN HINDU-STAAT?
Julia Angster
NATIONALGESCHICHTE Nino Löffler
UND GLOBALGESCHICHTE VON DER AUTONOMEN
GEMEINSCHAFT ZUR
Cornelia Koppetsch
UNABHÄNGIGEN NATION?
DER HEIMAT-DISKURS UND DIE
SEPARATISMUS IN KATALONIEN
TRANSNATIONALISIERUNG
VON KLASSENSTRUKTUREN Sezer İdil Göğüş
DIE NEUE DIASPORAPOLITIK
Sina Arnold · Sebastian Bischoff ·
Jana König
DER TÜRKEI UND
POSTNATIONALE POTENZIALE. TÜRKEISTÄMMIGE
PRAKTIKEN JENSEITS IN DEUTSCHLAND
DER NATION

ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE


FÜR POLITISCHE BILDUNG
Beilage zur Wochenzeitung
Nation und Nationalismus
APuZ 48/2018
CHRISTIAN GEULEN PIERRE GOTTSCHLICH
ZUR „WIEDERKEHR“ DES NATIONALISMUS HINDU-NATIONALISMUS. INDIEN
Der Nationalismus kehrt wieder. Diese oft AUF DEM WEG IN EINEN HINDU-STAAT?
gestellte Diagnose nimmt zugleich an, dass Der Hindu-Nationalismus in Indien hat eine
er einmal überwunden schien. Und ist nicht jahrzehntelange politische Tradition. Die
vielmehr ein neuer Nationalismus am Werk, der amtierende Regierung unter Premierminister
mit dem „alten“ nicht viel gemeinsam hat? Was Narendra Modi versucht weniger politisch-ins-
ist wiedergekehrt und was nicht? titutionell als vielmehr gesellschaftlich-kulturell,
Seite 04–08 Indien zu einem Hindu-Staat zu formen.
Seite 34–39
JULIA ANGSTER
NATIONALGESCHICHTE UND NINO LÖFFLER
GLOBAL­G ESCHICHTE VON DER AUTONOMEN GEMEINSCHAFT
Nationalgeschichte ist aus der Mode gekommen. ZUR UNABHÄNGIGEN NATION?
Stattdessen boomen globalgeschichtliche SEPARATISMUS IN KATALONIEN
Ansätze. Wie kann der nationale Denkrahmen in Der Konflikt um den Status Kataloniens
der Geschichtsschreibung überwunden werden, schwelt schon lange. Mit der Eskalation um
ohne die nationale Ebene und ihre Themenfelder das Unabhängigkeitsreferendum 2017 und der
aufzugeben? Festnahme des katalanischen Regionalpräsi-
Seite 09–16 denten in Deutschland 2018 ist dieser auch im
europäischen Bewusstsein angekommen.
Seite 40–47
CORNELIA KOPPETSCH
DER HEIMAT-DISKURS UND
DIE TRANS­N ATIONALISIERUNG SEZER İDİL GÖĞÜŞ
VON KLASSENSTRUKTUREN DIE NEUE DIASPORAPOLITIK DER TÜRKEI
Während die einen Heimat als Schicksal betrach- UND TÜRKEISTÄMMIGE IN DEUTSCHLAND
ten, gehen die anderen von der Möglichkeit einer Seit 2008 politisiert sich das Engagement der
(immer wieder neu) gewählten Heimat aus. Die AKP-Regierung(en) gegenüber der türkei-
unterschiedlichen Konzepte von „Heimat“ sind stämmigen Bevölkerung im Ausland deutlich.
Ausdruck neuartiger Spaltungen innerhalb einer Diese werden als „Diaspora“ angesprochen und
sich transnationalisierenden Gesellschaft. sollen als solche für (innen)politische Interessen
Seite 18–26 mobilisiert werden.
Seite 48–53
SINA ARNOLD · SEBASTIAN BISCHOFF ·
JANA KÖNIG
POSTNATIONALE POTENZIALE.
PRAKTIKEN JENSEITS DER NATION
Weltweit ist derzeit eine Renationalisierung zu
beobachten. Doch es wird auch über postna-
tionale Formen von Gesellschaft nachgedacht
und diese in Ansätzen praktiziert, bewusst und
unbewusst. Theorie wie Praxis weisen allerdings
auch Leerstellen auf.
Seite 27–33
EDITORIAL
Nationen seien, so das berühmte Diktum des Nationalismusforschers Benedict
Anderson, „vorgestellte Gemeinschaften“, weil die „Mitglieder selbst der kleinsten
Nation die meisten anderen niemals kennen (…) werden, aber im Kopf eines jeden
die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“. Wie ein Blick in die Geschichte
zeigt, bedurfte es großer Anstrengungen und teilweise auch Gewalt, um diese
Vorstellung zu formen und das Konzept vom Nationalstaat in die Realität umzu-
setzen. Vorstellungen aber sind veränderbar, und somit wären auch andere Formen
der Gemeinschaftsbildung jenseits der Nation zumindest denkbar.
Und so ist hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Ent-
stehung von Republiken überall in Europa die Europäische Republik ausgerufen
worden. Das Europa der Nationalstaaten sei gescheitert, an die Stelle der Souverä-
nität der Staaten trete nun die Souveränität der Bürgerinnen und Bürger, unabhän-
gig von Nationalität und Herkunft. „Es lebe die Europäische Republik!“, schließt
das von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, dem Schriftsteller Robert
Menasse und dem Regisseur Milo Rau verfasste Manifest, das am 10. November
2018 an verschiedenen europäischen Orten im Rahmen des European Balcony
Project von Aktivistinnen und Künstlern proklamiert wurde.
Diese Vision scheint zurzeit weit davon entfernt, Wirklichkeit zu werden.
Nicht nur in Europa, auch weltweit ist eine Rückbesinnung auf die Nation und
ihre Interessen, sind mithin nationalistische Töne wahrzunehmen. Handelt
es sich um die Wiederkehr des alten, überwunden geglaubten Nationalismus,
oder ist hier ein neuer Nationalismus am Werk, der seine Wurzeln nicht mehr
im 19. Jahrhundert sucht, geschweige denn findet? Und ist umgekehrt die
Forderung, die Zeit der Nationalstaaten endlich und endgültig hinter uns zu
lassen, angesichts der offensichtlichen geschichtlichen Wirkmächtigkeit der Idee
„Nation“ und der Verbindung auch mit Demokratie, mit Rechts- und Sozial-
staatlichkeit, nicht allzu voreilig oder sogar elitär?

Anne Seibring

03
APuZ 48/2018

ESSAY

ZUR „WIEDERKEHR“ DES NATIONALISMUS


Christian Geulen

Der Nationalismus kehrt wieder. Diese oft ge- damals vor allem in Reaktion auf jene große Wel-
stellte Diagnose nimmt zugleich an, dass er ein- le des Nationalismus, die in der zweiten Hälfte des
mal überwunden schien. Und in der Tat: Blickt 20. Jahrhunderts zwar weniger Europa, aber umso
man auf die Jahrtausendwende zurück, bietet sich mehr die sogenannte Dritte Welt beherrschte, als
ein scheinbar ganz anderes Bild als heute. Die koloniale Grenzen und Zugehörigkeiten in moder-
binneneuropäischen Grenzkontrollen waren ab- ne, nationale übersetzt werden mussten, was in den
geschafft, eine europäische Währung in Sicht, wir wenigsten Fällen konfliktfrei geschah. 01
diskutierten über eine europäische Verfassung, Und noch einen Schritt weiter in der Vergan-
und die wissenschaftliche wie öffentliche Debat- genheit zurück, in der unmittelbaren Nachkriegs-
te wurde von den Themen Globalisierung und zeit, lässt sich die Überwindung des Nationalis-
transnationale Vernetzung geprägt. Heute wer- mus – unter weitgehender Ausblendung dessen,
den die Grenzen wieder undurchlässiger, ein Zer- was sich in der sich dekolonisierenden Welt ab-
fall der EU scheint nicht mehr völlig abwegig, spielte – als so etwas wie ein Grundkonsens be-
und fast überall erstarkt ein populistischer, iden- zeichnen, als Ideal, das den weltpolitischen Groß-
titärer Nationalismus. projekten dieser Zeit zugrunde lag: den Vereinten
Nationen, den ersten Bestrebungen einer europä-
KONJUNKTUREN ischen Zusammenarbeit, dem Konzept einer frei-
DER WIEDERKEHR-DEBATTE en, westlichen Welt und – auf seine eigene Weise
– auch der sozialistischen Staatengemeinschaft des
Dennoch ist diese Diagnose eigentümlich blind Ostens. „Nationalismus“ war nach 1945 so etwas
gegenüber einer nur ein wenig weiter zurückrei- wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich
chenden Vergangenheit: Bereits die wissenschaft- die Schlachten zweier Weltkriege und die extremen
liche wie öffentliche Debatte in den 1990er Jah- Gewalterfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahr-
ren wurde vom Thema Nationalismus dominiert. hunderts bringen ließen. Der Nationalismus, ver-
Der Zerfall Jugoslawiens in seine nationalen Ein- mitteln Schulbücher bis heute, habe in den Ersten
zelgemeinschaften (inklusive ethnischer Säube- Weltkrieg geführt, kehrte danach in nochmals radi-
rungspraktiken), der Völkermord in Ruanda, die kalisierter Form wieder, um schließlich – angerei-
Frage, welche Weltordnung dem Blocksystem des chert mit antisemitischen und rassistischen Ideolo-
Kalten Krieges nachfolgen sollte, nicht zuletzt die gien – auch in den Zweiten Weltkrieg zu führen.
Rückkehr eines aggressiven, ausländerfeindlichen Entsprechend hieß es in den 1990er Jahren
Nationalismus in Deutschland (inklusive rassisti- rückblickend – auch angesichts der Tatsache, dass
scher Gewalt) – all das führte im ersten Jahrzehnt es in den Nachrichten um eben jene serbisch-kro-
nach dem Fall der Berliner Mauer zu einer massi- atisch-bosnischen Nationalitätenkonflikte ging,
ven Beschäftigung mit dem Nationalismus. Und die schon 1914 die Schlagzeilen beherrschten –, die
auch damals drehte sich die Debatte um die un- Welt kehre zum Nationalismus der Jahre vor dem
heimliche Wiederkehr eines Phänomens, das man Ersten Weltkrieg zurück. Dieser Nationalismus,
für überwunden hielt. der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hatte, sei
Wissenschaftlich beruhte die Diskussion der durch Faschismus und den Ost-West-Konflikt nur
1990er Jahre größtenteils auf einer noch älteren Na- verschüttet gewesen und tauche jetzt, am Ende des
tionalismusforschung, die mit den Namen Ernest 20. Jahrhunderts, wieder auf. In einem ähnlichen
Gellner, Benedict Anderson oder Eric Hobsbawm historischen Kurzschluss heißt es heute, wir lebten
verbunden ist. Sie alle haben ihre grundlegenden wieder in Weimarer Zeiten, und der Nationalismus
Arbeiten bereits in den 1980er Jahren geschrieben; der Zwischenkriegszeit kehre wieder. 02

04
Nation und Nationalismus  APuZ

DAS „ZEITALTER griff. 04 Denn er hatte den Vorteil, die Nation statt
DES NATIONALISMUS“ in festen Grenzen als etwas zu denken, das vom
Lokal-Familiären bis zum Globalen dehnbar war
Das 19. Jahrhundert wird bis heute als „Zeital- und dessen Erhalt und Größe von biopolitischen
ter des Nationalismus“ geführt – und das obwohl Praktiken der Reinhaltung und der Bekämpfung
dieser Begriff erst an seinem Ende populär wur- des Fremden abhing.
de. 03 Nationalgefühle, nationalistische Vorurteile In diesem Kontext entstand der Nationalis-
und nationalpolitische Bewegungen gab es mas- mus-Begriff als Name einer Ideologie, die mit dem
senhaft, doch erst um 1900 wurde all das – in af- hergebrachten Anspruch auf nationale Selbstbe-
firmativer wie in kritischer Absicht – in jenem stimmung schon kaum mehr etwas zu tun hatte
„-ismus“ zusammengefasst, den wir heute noch und sie durch Programme der nationalen Selbst-
verhandeln. Anlass für diese Begriffsbildung war erhaltung und Selbstverbesserung ablöste. Auch
aber nicht nur die sich in den vorangegangenen dort wo eine gemeinsame nationale Vergangenheit
hundert Jahren in der gesamten europäischen verherrlicht wurde, wie etwa im nationalen Denk-
und westlichen Welt vollziehende Verwandlung malskult der Jahrhundertwende, wurde nicht his-
dynastisch-ständischer in zumindest tendenzi- torisch erinnert, sondern ein mythischer Ursprung
ell demokratisch-nationalstaatliche Formen der erfunden, um zu seiner praktischen Wiederherstel-
politischen Gemeinschaft. Vielmehr war es – wie lung noch radikaler aufrufen zu können.
heute – auch im späten 19. Jahrhundert eine ei- Wie wir heute – und nicht zum ersten Mal –
gentlich gegenläufige Tendenz, die die Nation von der „Wiederkehr des Nationalismus“ spre-
nicht mehr nur als eine natürliche Lebensform der chen, ging der Nationalismus des 19. Jahrhunderts
modernen Völker und Gesellschaften, sondern als immer schon von einer Rück- und Wiederkehr
ideologisches Programm, als einen aktiv zu schüt- der Nation und des Nationalen aus. Nicht nur die
zenden Wert oder gar als eine überhaupt erst in bloße Überhöhung der eigenen Nation und die
der Zukunft wahrhaft herzustellende Einheit er- Anfeindung Anderer zeichnete ihn aus, sondern
scheinen ließ. Denn die sich mühsam herausgebil- ebenso die Idee, zu einer idealen, ursprünglich
dete „nationale“ Ordnung Europas war am Ende einmal existenten, dann aber verlorenen Einheit
des 19. Jahrhunderts schon längst überformt, ent- und Gemeinschaftlichkeit zurückzukehren be-
stellt und herausgefordert durch eine sich im Na- ziehungsweise diese um jeden Preis wiederherzu-
men des Imperialismus so gewaltvoll wie effektiv stellen. Von der nationalen Mythisierung des Ar-
vollziehende Form der Globalisierung. minius in Deutschland oder des Vercingetorix in
Es ist eine historisch illegitime Verkürzung, Frankreich um 1800 bis zum heutigen identitären
den Imperialismus der damaligen Zeit schlicht als und rechtspopulistischen Aufruf, das eigene Land
eine Art wild gewordenen Nationalismus zu ver- und die ursprüngliche Heimat zurückzuerobern,
stehen. Zwischen dem nationalen Anspruch auf finden sich in allen Nationalismen Verweise auf
partikulare Besonderheit gegenüber Anderen und eine solche mythische Ursprünglichkeit.
dem imperialen Anspruch auf globale Einverlei- Dieses Ursprungsdenken erklärt sich aus dem
bung alles Anderen liegt ein so grundlegender historischen Entstehungszusammenhang der mo-
Widerspruch, dass er zeitgenössisch nur durch dernen Nationalidee, die selbst aber mit solchen
die Einführung einer weiteren Zugehörigkeitska- Ursprüngen und fernen Idealzuständen nichts
tegorie versöhnt werden konnte: den Rassenbe- zu tun hatte. Denn nüchtern betrachtet, entstand
die Idee der Nation genau dort, wo im 18. und
19. Jahrhundert staatliche Herrschaft immer we-
01 Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, Berlin 1991
niger über das Ständische und immer stärker über
(1983); Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation: Zur Karriere
eines folgenreichen Konzepts, Frank­furt/M. 2007 (1983); Eric
das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert wur-
Hobsbawm, Nationen und Nationalismus: Mythos und Realität seit de, was die Frage aufwarf, wer zu den Trägern die-
1780, Frank­furt/M. 2005 (1990). ser neuen Legitimitätsquelle gehören sollte. Hier
02 Zur Debatte vgl. etwa Andreas Wirsching et al. (Hrsg.), Wei- ging es um die Ablösung und Überwindung herge-
marer Verhältnisse? Historische Lektionen für unsere Demokratie,
brachter Zugehörigkeiten und um die Etablierung
Stuttgart 2018.
03 Vgl. hierzu Reinhart Koselleck u. a., Art. „Volk, Nation, Natio-
nalismus, Masse“, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7, Stuttgart 04 Vgl. Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und
1992, S. 141–451. Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004.

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APuZ 48/2018

einer neuen, rationalen und politischen Willensge- cher zwar ein eigenes Volk bildeten, aber keine ei-
meinschaft, nicht um Wiederherstellung eines Ur- gene Nation waren. Erst die völkische Bewegung
sprungszustands. Die Nation war anfänglich nichts und der rassistische Nationalismus machten aus
Anderes als ein Teil der Menschheit, das sich eine dem Begriff der Nation eine politische Program-
gemeinsame staatlich-politische Ordnung gibt. Sie matik und aus dem Begriff des Volkes eine biolo-
war Ausdruck der partikularen Konkretisierung gisch-populationstheoretische Größe. Nach dieser
jener universalen und demokratischen Werte, die semantischen Verkehrung und Verwirrung war es
die Aufklärung formuliert hatte. dem Nationalsozialismus ein Leichtes, die Bedeu-
Doch um die neue politische Gemeinschaft zu tungen fast aller Zugehörigkeitsbegriffe, der Na-
begründen und gegen restaurative Kräfte durch- tion, des Volkes, der Kultur, der „Rasse“ oder des
zusetzen, wurde eine mythische Ursprungs- und Stammes, in seinem biopolitischen Konzept der
Herkunftsgeschichte erfunden. Den Deutschen „Volksgemeinschaft“ einzuschmelzen.
dienten die Germanen, den Franzosen die Galli-
er, den Engländern die Angelsachsen und den US- EIN NEUER
Amerikanern die angeblich Besten und Stärksten NATIONALISMUS
Europas als mythische Ur- und Vorbilder der ei-
gentlich völlig neu zu errichtenden Nationalge- Die Verschmelzung des politischen mit dem vor-
meinschaft. Damit wurde die moderne Nation politischen Bedeutungsgehalt im Begriff der Na-
politischer Platzhalter eben jener vormodernen, tion ist bis heute nicht rückgängig gemacht wor-
hergebrachten Bindungen, die sie eigentlich radi- den. Noch heute fällt es uns schwer, die formale
kal auflöste. Und seitdem ist sie Ausdruck eines Staatszugehörigkeit als hinreichendes Kriterium
doppelten und in sich widersprüchlichen Verspre- nationaler Zugehörigkeit zu akzeptieren. Wir wol-
chens: nämlich Zugehörigkeit zum einen als ratio- len einerseits Nationen primär als politische Ge-
nal, politisch und damit wählbar, zum anderen als meinschaften denken, wehren uns gegen Ansprü-
vorgegeben, festgelegt und unteilbar zu denken. Es che einer biologisch-ethnischen Bestimmbarkeit
sind diese Befunde, aus denen die Nationalismus- von Nationen und sind der Überzeugung, erst
forschung seit den 1980er Jahren den Leitsatz ab- kürzlich noch auf dem Weg zu Europäern und
leitet, dass nicht die Nationen den Nationalismus, Weltbürgern gewesen zu sein, für die nationale
sondern der Nationalismus die Nationen hervor- Grenzen eigentlich keine Bedeutung mehr haben.
bringt – einschließlich ihrer Herkunftsmythen. 05 Andererseits aber denken wir unsere Nation un-
Bezeichnenderweise kannte die deutsche Spra- willkürlich als etwas, das dann doch aus mehr be-
che des 19. Jahrhunderts für jene beiden Formen, steht als nur aus einem Pass und den damit ein-
nationale Zugehörigkeit zu denken – die ratio- hergehenden Rechten und Pflichten. Wir reden
nal-politische und die organisch-vorpolitische –, von notwendigen Sprach- und Integrationskursen
auch zwei verschiedene Begriffe. Während der Be- für Neubürger, von Anpassung, von Leitkulturen,
griff der Nation damals vor allem jene angeblich Werten und Traditionen, die nun mal zu uns ge-
gewachsene, auf der Gemeinsamkeit von Spra- hören; wir reden von nationalen Identitäten, Kul-
che, Kultur und Abstammung basierende Ein- turen und Eigenheiten; und wir reden von Ein-
heit meinte, wurde die rein politische Einheit eines wanderern und anderen Kulturen, die besser, und
staatlichen Verbandes als „Volk“ bezeichnet. Der solchen, die schlechter zu uns passen.
Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli formulier- Die Trennung zwischen einem politischen und
te es in seiner Ausführung des Nationalitätenprin- einem vorpolitischen Verständnis der Nation ist
zips so: „Jede Nation hat das Recht, einen Staat zu idealtypisch. Denn vorpolitische Zugehörigkeits-
bilden, das heißt: Volk zu werden.“ 06 Noch zu Be- gefühle können jederzeit politisiert werden ebenso
ginn des 20. Jahrhunderts war es für die meisten wie umgekehrt, etwa im Konzept des Verfassungs-
Zeitgenossen selbstverständlich, dass die Österrei- patriotismus, versucht wurde, aus der rechtlich-
formalen Zugehörigkeit eine emotionale Bindung
abzuleiten. 07 Dennoch scheint es gerade heute
05 Vgl. etwa Hans-Ulrich Weher, Nationalismus. Geschichte,
wichtiger denn je zu sein, an diese Unterscheidung
Formen, Folgen, München 2011.
06 Johann Caspar Bluntschli, Art. „Volk und Nation“, in: ders./Carl
Ludwig Brater (Hrsg.), Deutsches Staatswörterbuch, Bd. 7, Stuttgart 07 Vgl. Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus, Frank­furt/M.
1862, S. 155. 1990.

06
Nation und Nationalismus  APuZ

zu erinnern: nicht nur, weil die Geschichte des mo- Indiz für ein neues Nationsverständnis. So bil-
dernen Nationalismus ohne sie kaum angemessen den die nationalpopulistischen Bewegungen Eu-
zu verstehen ist, mehr noch, weil der politische ropas eine auch öffentlich auftretende Interessen-
Sinn des Nationalen heute vielleicht gefährdeter gemeinschaft, die wenig mit einer internationalen
ist, als er es je war. Denn was sich in den jüngsten, Solidarität der Nationalisten, viel aber mit einem
meist populistisch agierenden Formen des Natio- transnationalen Bund der Fremdenfeindlichkeit
nalismus zeigt, ist weit mehr als nur eine Rückbe- zu tun hat. Diese Verbrüderung der neuen, ei-
sinnung und neue Überhöhung des national Eige- gentlich streng ethnozentrischen Nationalismen
nen. Vielmehr wird dieses national Eigene derzeit greift noch weiter aus, bis nach Russland und über
in gleich doppelter Weise völlig neu erfunden. den Atlantik. Und selbst dort, wo wir es – wie in
Erstens geht es, statt um den klassischen Ruf Sachsen – scheinbar mit regional und kommunal
des Nationalismus nach politischer Anerkennung besonderen Spielformen des neuen Nationalismus
von Partikularität, heute in vielen Fällen um die na- zu tun haben, verrät schon die Namensgebung
tional-partikulare Besetzung des Politischen über- eine ganz andere Dimension: „Patriotische Euro-
haupt. So vertritt etwa der deutsche Rechtspopu- päer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.
lismus eine Nation, die faktisch eine sehr kleine, Als hätte dieser Nationalismus von der Umwelt-
geradezu eine Mikro-Partikularität darstellt: Aus- bewegung gelernt: „Think globally, act locally.“
geschlossen ist, neben den einschlägigen Feindbil- Die Nation, für die hier geworben und protestiert
dern Ausländer und Muslime, eigentlich jeder, der wird, ist eigentlich keine gegebene Partikularität
anders denkt und die „Lügenpresse“ liest. Dieser, mehr, sondern ein diffuses, aber umso flexibleres
glücklicherweise noch recht kleinen Nationalge- Programm der Stiftung von Gemeinschaftlichkeit
meinschaft, geht es in ihren Kampagnen und Slo- durch Ausgrenzung und Anfeindung von allem,
gans nicht darum, ihr besonderes Bild der Nation was irgendwie fremd erscheint.
– oder wie sie sein sollte – in den Vordergrund zu Angesichts solcher Phänomene und Merkmale
stellen und etwa durch mythische oder historische fällt es schwer, diesen neuen Nationalismus als eine
Erzählungen zu begründen. Der heutige Natio- Wiederkehr überwunden geglaubter Partikularis-
nalismus ist viel geschichtsvergessener als alle sei- men und nationaler Identitäten zu beschreiben.
ne Vorläufer, nur selten mobilisiert er Herkunfts- Vielmehr muss die uns geläufige Entgegensetzung
und Ursprungsmythen. Stattdessen stellt er sein von nationalen und sub- oder transnationalen Zu-
enges, ethnozentrisches und vollkommen vorpo- gehörigkeiten sowie das Verhältnis von politischen
litisches Nationsverständnis unmittelbar in den und vorpolitischen Bindungen hinterfragt werden.
Raum des Politischen – und das gerade nicht mehr Das betrifft nicht nur unseren Blick auf die neuen
im Namen der Nation, sondern mit dem An- Nationalismen, sondern ebenso auf den Prozess
spruch, das Politische und die Demokratie selbst der europäischen Einigung. Die Schaffung eines
neu zu erfinden: „Wir sind das Volk“. Vielleicht gemeinsamen Wirtschaftsraums ohne Zölle und
ist dieser neue Nationalismus in der Tat der ers- ohne Grenzen kann immer noch als eine erstaun-
te, der eine solche unmittelbare, fast kurzschluss- liche, wenn auch inzwischen höchst gefährdete
artige Gleichsetzung und Identität zwischen dem Leistung der europäischen Nachkriegsgeschich-
Demos und dem Ethnos herstellt. Das ist das dop- te gelten. Aber ohne eine europäische Verfassung,
pelte Versprechen, das dieser neue Nationalismus ohne europäische Öffentlichkeit, ohne eine erneu-
verkaufen will: die Neuerfindung von Demokra- erte Legitimierung der europäischen Institutionen
tie und Volkssouveränität bei gleichzeitigem Fest- und ohne europäische Solidarität wird es mit Eu-
halten an der Idee, dass dieses Volk im Kern eine ropa nicht weitergehen.
biologische Abstammungsgemeinschaft ist. We- Es wäre aber verfehlt, den europäischen Eini-
der von der Nation als politischer Willensgemein- gungsprozess als eine große, endgültige Überwin-
schaft noch von der vorpolitischen Nation als ein dung des Nationalen zu denken. Denn das würde
historisch gewachsenes Stück Menschheit bleibt in Instanz, Begriff und Idee der Nation für eben jene
dieser Melange viel übrig. An ihre Stelle treten Po- neuen Nationalismen freistellen, die jetzt schon
pulismus und Biopolitik. dabei sind, sie in ihrem Sinne in etwas ganz An-
Zweitens unterläuft oder überspringt der neue deres zu transformieren. Vor diesem Hintergrund
Nationalismus die gegebenen nationalen und na- ebenso wie angesichts der Tatsache, dass unser
tionalstaatlichen Grenzen mühelos – ein weiteres Europa einmal mit dem Versöhnungsakt vormals

07
APuZ 48/2018

verfeindeter Nationalstaaten begann, wäre es viel- geschichtliche Parallelisierungen immer auch zwei
leicht an der Zeit, die Nation gleichsam „gegen problematische bis fatale Effekte: Zum einen pro-
ihre Liebhaber und Verächter“ zu verteidigen. Po- jizieren sie gegenwärtige Verhältnisse in die Ver-
litische Gemeinschaften, das zeigt nicht zuletzt gangenheit zurück und verfälschen diese bis zu
die Geschichte der modernen Nationen selbst, ge- dem Punkt, an dem sie als eine andere Vergangen-
lingen dort am ehesten, wo sie gegebene, herge- heit, die historiografisch ein neues Licht auf die
brachte Zugehörigkeitsformen nicht einfach über- Gegenwart werfen könnte, verschwindet. Zum
wölben oder gar verdrängen, sondern auf diesen zweiten reden sie herbei, was sie als Diagnose aus-
aufbauend eine neue, übergreifende Form der So- geben: Wenn wir uns genügend einreden, in einer
lidarität stiften. Trotz aller Probleme, die sie mit Situation wie kurz vor 1933 zu leben – dann wird
sich bringen, zeugen nicht zuletzt föderale Struk- sich früher oder später auch jemand finden, der
turen von diesem Effekt. zur „Machtergreifung“ aufruft.
Die Zugehörigkeitsformen innerhalb Euro- So oft es derzeit auch zu lesen ist, wir leben
pas aber sind primär nationalstaatliche. Den von nicht in Weimarer Zeiten, denen ein überhöhter
Staatsoberhäuptern beschlossenen und umgesetz- und radikaler Nationalismus nachgesagt wird, der
ten Strukturen und Institutionen Europas müsste sich in einer schwachen Demokratie breitgemacht
also eine europäisch-demokratische Legitimitäts- habe, die ihm schließlich zum Opfer gefallen sei.
und auch Solidaritätsquelle nachwachsen. 08 Trä- Ein genauerer Blick auf die Weimarer Zeit wie
ger dieser Legitimitätsquelle können aber weder auch auf die Jahrzehnte zuvor kann demgegenüber
ein imaginäres europäisches Volk noch eine ima- auch eine ganz andere Lehre aus der Geschichte
ginäre europäische Nation sein, sondern nur die ziehen: dass nämlich nationalistische Bewegun-
europäischen Nationen selbst, die jenseits des Eu- gen ihre gewalttätigsten und grausamsten For-
ropäischen Parlaments, wie es bisher existiert, als men keineswegs nur dort annehmen, wo die Nati-
partikulare Willensgemeinschaft gleichberechtigt on überhöht und verherrlicht wird, sondern dort,
an der größeren europäischen Gemeinschaft und wo sie als politischer-partikularer und auch identi-
ihrer politischen Gestaltung teilhaben müssten. tärer Bezugsrahmen untergraben, ausgehöhlt und
Das wäre das Ideal; seine Konkretisierung wür- durch neue imaginäre Zugehörigkeiten ersetzt
de derzeit etwa den osteuropäischen Staaten wohl wird. Ebenso kann historisch erkennbar werden,
ebenso schwerfallen wie dem ökonomischen Mo- dass der größte Feind der Demokratie nicht unbe-
nopolisten Deutschland. Wichtiger aber als die Re- dingt in der Gestalt einer veralteten, sich direkt ge-
alisierbarkeit solcher Ideen ist die prinzipielle Ein- gen Modernisierung und Demokratie richtenden
sicht, dass ein Europa, das sich weiterhin primär als und rückwärts orientierten Weltanschauung auf-
Überwindung nationaler Grenzen und Differen- treten muss, sondern ebenso in Gestalt einer Ideo-
zen versteht, eben jenem neuen Nationalismus Tür logie, die unser Verständnis von Nation wie von
und Tor öffnet, der mithilfe seiner übergreifenden, Demokratie völlig neu erfinden will. Mit anderen
flexiblen und beliebig verschiebbaren Logik der Worten: Gerade die scheinbar ewige Wiederkehr
Fremdenfeindlichkeit in dieser Überwindung ge- des Nationalismus sollte uns nicht blind machen:
gebener Zugehörigkeiten schon viel weiter ist. weder für das, was heute wirklich neu und gewiss
nicht wiedergekehrt ist, noch für das, von dem wir
ZURÜCKBLICKEN, nie geglaubt hätten, dass es wiederkehren könnte.
NICHT GLEICHSETZEN
Der Beitrag beruht auf dem Einführungsvortrag zur
Historische Rückblicke können zur Lösung die- Tagung „,Wir zuerst!’ Nationalismus in Deutschland
ser Probleme im zukünftigen Umgang mit dem und Europa“ der Bundeszentrale für politische
Nationalen beitragen. Historisch zurückzubli- Bildung, die vom 5. bis 6. September 2018 in Mainz
cken heißt aber nicht gleichzusetzen, wie es der- stattfand.
zeit oft mit dem Verweis auf Weimarer Zeiten ge-
schieht. So sehr sie zum Debattieren oder sogar
zum historischen Denken anregen können, haben CHRISTIAN GEULEN
ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte und
08 So ähnlich formuliert bei Jürgen Habermas, Die postnationale ihre Didaktik an der Universität Koblenz-Landau.
Konstellation, Frank­furt/M. 1998. geulen@uni-koblenz.de

08
Kostenfrei
Bestell.-Nr. 4315
www.bpb.de/izpb
APuZ 48/2018

NATIONALGESCHICHTE UND
GLOBALGESCHICHTE
Wege zu einer „Denationalisierung“ des historischen Blicks
Julia Angster

Nationalgeschichte ist aus der Mode gekom- mern. Dazu fehlen in der Regel schon die nö-
men. Die Vorstellung, Geschichte spiele sich im tigen sprachlichen und fachlichen Kompeten-
Rahmen von Nationalstaaten ab, erscheint seit zen. Umgekehrt darf es aber auch nicht dabei
den 1990er Jahren zunehmend überholt. Die bleiben, nationale Geschichten wie Bauklötze
Erfahrungen der „Globalisierung“, der zuneh- nebeneinander zu stellen und dabei eigentlich
menden grenzüberschreitenden Verflechtung im übergreifende historische Entwicklungen Land
ökonomischen wie kulturellen Bereich, und der für Land aus einer binnen-nationalen Perspek-
Migration brachten einen anderen Blick auf Ge- tive zu betrachten. Einsichten in die gemeinsa-
schichte mit sich. Wenn insbesondere die Zeit- men Ursachen vieler Phänomene gingen darü-
geschichtsschreibung die Aufgabe hat, nach der ber ebenso verloren wie der Sinn für über- und
„Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen“ vornationale Entwicklungslinien. Wie kann der
zu fragen, dann greift der nationale Fragehori- nationale Denkrahmen in der Geschichtsschrei-
zont zu kurz. 01 So hat sich in der jüngeren Ge- bung überwunden werden, ohne dabei die natio-
schichtswissenschaft eine Richtung entwickelt, nale Ebene und ihre Themenfelder aufzugeben?
die sich explizit gegen die Nationalgeschichte Mein Argument ist, dass es dazu mehr braucht
wendet. als eine additive Aneinanderreihung der verschie-
In diesem Beitrag werde ich nationalge- denen räumlichen Ebenen des historischen For-
schichtliche und globalgeschichtliche Ansätze schens: Es reicht nicht, sich auf der Skala, auf der
und ihre Hintergründe vorstellen, ihre Gegen- das Lokale, Regionale, Nationale, Internationale
sätze herausarbeiten und nach Wegen fragen, bei- und Globale angesiedelt sind, nach „oben“ oder
de Richtungen miteinander zu verbinden. Denn „unten“ zu bewegen. National- und Globalge-
die derzeit übliche Gegenüberstellung nationaler schichte werden gern als Perspektiven beschrie-
und globaler Perspektiven, die Vorstellung, beide ben, als Varianten des historischen Blicks, die
schlössen sich gegenseitig aus, zielt an der For- man als Voreinstellung wählt und dann beibehält.
schungspraxis des Fachs vorbei. Viele Historiker Nationalgeschichte erscheint dabei in erster Li-
und Historikerinnen verbinden in ihren Arbeiten nie als eine durch territoriale Grenzen definier-
selbstverständlich unterschiedliche Ebenen mit- te Perspektive, während Globalgeschichtsschrei-
einander. Viele Studien und Forschungsprojekte bung sich um die Überwindung dieser Grenzen
bewegen sich zwischen den Ebenen des Nationa- ­bemüht.
len und des Globalen, indem sie den für ihre The- Doch umfasst der nationale Denkrahmen
menstellung am besten passenden Rahmen wäh- meiner Meinung nach weitaus mehr an Voran-
len. Auf der konzeptionellen Ebene des Fachs, nahmen als die territoriale Begrenzung. Eine
dort, wo es um die „Theorie“ und um die Frage Überwindung dieses Denkrahmens muss daher
des methodischen Zuschnitts geht, wird jedoch auch tiefer gehen und sich mit dem Gesamtpaket
oft ein Gegensatz zwischen Nationalgeschichte dieser Vorannahmen befassen. Eine konsequente
und Globalgeschichte formuliert, den ich nicht Historisierung dieses nationalen Denkrahmens
für sinnvoll halte. würde es ermöglichen, Themenfelder der natio-
Natürlich verlangt niemand, dass sich nun nalen Ebene, wie beispielsweise Staatlichkeit und
alle als Globalhistoriker betätigen und um Rechtsordnungen, nicht mehr nur aus einer bin-
weltweite Verflechtung und Interaktion küm- nen-nationalen Perspektive zu untersuchen. Vor

10
Nation und Nationalismus  APuZ

allem, und das halte ich für zentral, ließe sich so kerung eng miteinander verbunden waren. 04 Die
die Entstehung des Nationalstaats und der nati- Zugehörigkeit zum Nationalstaat – und damit
onalen Ordnung präziser analysieren. Denn die der Zugang zu politischen und sozialen Rech-
Tatsache, dass Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und ten – wurde anhand von unterschiedlichen und
Kultur, aber eben auch Geschichte, vom späten auch veränderlichen Kriterien definiert. 05 Dazu
19. Jahrhundert bis um das Jahr 2000, zunächst gehörten Anwesenheit im Land und Zustimmung
in Europa und dann weltweit, nur im nationa- zur politischen Ordnung, Sprache, Geschich-
len Rahmen denkbar waren und teilweise noch te und Kultur, aber auch ethnische Abstammung
sind, ist selbst erklärungsbedürftig. Dies kann oder sogar Zugehörigkeit zu einer imaginierten
jedoch nicht aus einer nationalen Binnensicht ­„Rasse“. 06
untersucht werden. Wir sollten also Konzep- Tradition und gemeinsame Geschichte
te wie „Nationalstaat“, „Gesellschaft“ und der- spielten hierbei lange Zeit eine wichtige Rol-
gleichen nicht als selbstverständliche, vorgege- le: Den Nationalbewegungen im Europa der
bene Analysekategorien verwenden, sondern sie ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es da-
als „Quellenbegriffe“ behandeln: als etwas, das rum, der Fürstenherrschaft eine neue Form der
in einer bestimmten Epoche aufkam, zeit- und Herrschaftslegitimation entgegenzustellen: die
ortsgebunden und von den jeweiligen Wertvor- Volkssouveränität. Die Nation sollte als politi-
stellungen einer Zeit und einer Kultur geprägt sche Gemeinschaft ihre Interessen selbst steuern.
ist. Dies wäre der Weg zu einer „Denationali- Dazu musste jedoch festgelegt werden, wer zur
sierung“ der historischen Perspektive, zu einer Nation gehören sollte und wer nicht. Ein zen-
Geschichtsschreibung, die sich nicht auf ande- trales Kriterium dabei war die „gemeinsame Ge-
re, nicht-national konnotierte Räume und The- schichte“. Aufgabe der Geschichtswissenschaft
menfelder verlegt, sondern die alle Themen, auch war es, diese nationale Geschichte zu schrei-
die nationalen, aus einer analytisch distanzierten ben und damit gesellschaftlichen und staatlichen
Außenperspektive behandelt. Zusammenhalt zu stiften. 07 Bei der Etablierung
der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert
NATIONALGESCHICHTE wurden so die „Selbstkonstituierung als wis-
senschaftliche Disziplin“ und die „Mitarbeit an
Nationalgeschichte war seit dem späten 19. Jahr- der Konstituierung der Nation als imaginierter
hundert die dominante Form der Geschichts- Gemeinschaft“ miteinander verknüpft, „die In-
schreibung, nicht nur in Europa. 02 Dies hatte mit stitutionalisierung der Geschichtswissenschaft
der Bedeutung der Geschichtsschreibung für die [war] Teil der inneren Nationsbildung“. 08 Dies
Entstehung des Nationalstaats im 19. Jahrhun- war allerdings nicht in allen europäischen Län-
dert zu tun. Diese Form der Staatlichkeit wur- dern in derselben Weise der Fall, auch waren
de definiert als die Verbindung von Staatsvolk, nicht alle Historiker im selben Maß beteiligt.
Staatsgebiet und legitimer Staatsgewalt. 03 Sie war Zudem konnte die Nationalgeschichte durchaus
Teil einer nationalen Konstellation des 19. Jahr- mit einem liberalen, freiheitlichen Impetus ver-
hunderts, in der ein klar umgrenztes Territorium,
staatliche Institutionen, Regeln und Praktiken
04 Vgl. Charles S. Maier, Transformations of Territoriality
und eine in diesem Territorium ansässige Bevöl- 1600–2000, in: Gunilla Budde/Oliver Janz/Sebastian Conrad
(Hrsg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theori-
01 Vgl. Hans Günter Hockerts, Rezension von: Anselm en, Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag, Göttingen 2006, S. 32–55.
Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven 05 Vgl. Dieter Gosewinkel, Einbürgern und Ausschließen. Die
auf die Zeitgeschichte seit 1970, 15. 5. 2009, www.sehepunk- Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom Deutschen Bund bis
te.de/2009/05/15019.html; vgl. auch Andreas Eckert, Globalge- zur Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2001.
schichte und Zeitgeschichte, in: APuZ 1–3/2012, S. 28–32. 06 Zum Rassenbegriff siehe u. a. Stuart Hall, Rassismus und kultu-
02 Vgl. Christopher L. Hill, National History and the World of relle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Hamburg 1994; George
Nations. Capital, State, and the Rhetoric of History in Japan, M. Fredrickson, Rassismus. Ein historischer Abriss, Hamburg 2004.
France, and the United States, Durham–London 2008. 07 Vgl. für die „Ingredienzien“ der europäischen Nationalge-
03 Vgl. Georg Jellinek, Allgemeine Staatslehre, Berlin 19052, schichten Stefan Berger, Narrating the Nation. Die Macht der
S. 381–420; Jens Kersten, Georg Jellinek und die klassische Vergangenheit, in: APuZ 1–2/2008, S. 7–13.
Staatslehre, Tübingen 2000; Max Weber, Wirtschaft und Gesell- 08 Christoph Conrad/Sebastian Conrad (Hrsg.), Die Nation
schaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 19805, schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich,
S. 822; Ernest Gellner, Nations and Nationalism, Ithaca u. a. 1983. Göttingen 2002, S. 19 f.

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APuZ 48/2018

bunden sein. Sie konnte aber eben auch, wie im Nationalstaat und die nationale Gesellschaft
deutschen Fall die „borussische“ Schule, die die waren ihr Gegenstand und ihr Erkenntnis-
deutsche Reichsgründung 1871 zum Fokus ih- horizont. 13 Dabei wurden die Nationalstaa-
rer Erzählung machte, sehr obrigkeitsnah und ten durchaus im Rahmen einer internationalen
staatstragend sein. Vor allem in Deutschland Ordnung gesehen. Die Beschäftigung mit Au-
fand sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ßenpolitik und internationalem Staatensystem,
eine starke Konzentration auf staatliches Han- überhaupt die Beziehungen zu und Abgrenzung
deln in der Geschichtsschreibung, die den Weg von anderen Nationen und die Auseinanderset-
zur nationalen Einigung als staatliche Aufgabe zungen und Bündnisse mit anderen National-
in den Mittelpunkt stellte, die Großmachtpoli- staaten, gehörten zur Nationalgeschichtsschrei-
tik des Kaiserreichs unterstützte und dazu eine bung dazu.
Linie zog „von Preußens Aufgabe in Deutsch-
land zu Deutschlands Aufgabe in der Welt“. 09 GLOBALGESCHICHTE
Geschichtswissenschaft zeichnete so den Weg
zur Nationsbildung nach und konstruierte diese Dagegen regte sich seit etwa 1990 allmählich
Nation dabei zugleich selbst. Dabei war die Ab- wachsender Widerstand im Fach. Nationalge-
grenzung der „eigenen“ von der „fremden“ Ge- schichte wurde hinterfragt. Der Historiker Jürgen
schichte ein wesentlicher Aspekt. 10 Die Nation Osterhammel schrieb 2001: „Nationalgeschich-
und der Nationalstaat standen nicht nur in den te ist nicht der historiographische Normalfall.“ 14
neugegründeten Nationalstaaten im Mittelpunkt Hier lässt sich eine „historiographische Revolu-
der Geschichtsschreibung. 11 tion“ erkennen, wie es der Historiker Akira Iri-
Auch im 20. Jahrhundert blieb es, mit eini- ye nennt, eine breite Hinwendung zu transna-
gen Ausnahmen, bei der nationalen Orientie- tionalen und globalen Perspektiven. 15 Seinen
rung des Fachs „Neuere und Neueste Geschich- Ausgangspunkt hatte dieser Richtungswechsel
te“. Dies gilt besonders für die Bundesrepublik zunächst in der englischsprachigen Welt, vor al-
Deutschland, wo noch in den 1970er und 1980er lem in der US-amerikanischen und britischen Ge-
Jahren bittere Kontroversen darüber ausgetra- schichtswissenschaft und unter Historikern und
gen wurden, ob Politik- oder Sozialgeschich- Historikerinnen aus den ehemaligen Kolonien. 16
te – Regierungshandeln oder gesellschaftliche Seit Mitte der 2000er Jahre wurde diese Entwick-
Konflikte – die „eigentliche“ Geschichte aus- lung auch in Deutschland rezipiert. 17 Hintergrund
machten. 12 Beide Seiten waren dabei jedoch dieser innerfachlichen Entwicklung waren die
durch ihre nationale Perspektive geeint: Der Erfahrungen zunehmender globaler Verflechtung
sowohl im Bereich von Wirtschaft und Finanzen
als auch in den Bereichen Mobilität, Kommuni-
09 Wolfgang Hartwig, Von Preußens Aufgabe in Deutschland zu
Deutschlands Aufgabe in der Welt. Liberalismus und borussiani-
sches Geschichtsbild, in: ders., Geschichtskultur und Wissenschaft, 13 Vgl. Eckart Conze, Nationale Vergangenheit und globale Zu-
München 1990, S. 103–160. kunft. Deutsche Geschichtswissenschaft und die Herausforderung
10 Vgl. Michael Jeismann, Das Vaterland der Feinde. Studien der Globalisierung, in: Jörg Baberowski et al., Geschichte ist immer
zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte, Stuttgart–München
und Frankreich 1792–1918, Stuttgart 1992; Conrad/Conrad 2001, S. 43–65, insb. S. 52.
(Anm. 8), S. 20. 14 Jürgen Osterhammel, Transnationale Gesellschaftsgeschichte:
11 Vgl. ebd.; Stefan Berger et al. (Hrsg.), Writing National Erweiterung oder Alternative? in: Geschichte und Gesellschaft
Histories. Western Europe Since 1800, London 1999; Benedikt 27/2001, S. 464–479, hier S. 474.
Stuchtey/Peter Wende (Hrsg.), British and German Historiography 15 Akira Iriye, Global and Transnational History. The Past, Pre-
1750–1950. Traditions, Perceptions, and Transfers, Oxford 2000; sent, and Future, Houndmills–Basingstoke 2013.
Lynn Hunt, Writing History in the Global Era, New York–London 16 Vgl. Christoph A. Bayly, The Birth of the Modern World
2014; Eckert (Anm. 1); Hans Peter Hye/Brigitte Mazohl/Jan Paul 1780–1914, Malden u. a. 2004; Jane Burbank/Frederick Cooper,
Niederkorn (Hrsg.), Nationalgeschichte als Artefakt. Zum Paradig- Empires in World History. Power and the Politics of Difference,
ma „Nationalstaat“ in den Historiographien Deutschlands, Italiens Princeton 2010; Richard Drayton, Nature’s Government. Science,
und Österreichs, Wien 2009. British Imperialism and the Improvement of the World, New
12 Zur Einordnung und Bewertung dieser Debatten in der alten Haven 2000; Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-Determi-
Bundesrepublik vgl. Eckart Conze, „Moderne Politikgeschichte“. nation and the International Origins of Anticolonial Nationalism,
Aporien einer Kontroverse, in: Guido Müller (Hrsg.), Deutschland Oxford 2007.
und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert, 17 Vgl. Eckert (Anm. 1); hier auch zu Beispielen für Zeitgeschichte
Stuttgart 1998, S. 19–30. aus einer globalhistorischen Perspektive.

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Nation und Nationalismus  APuZ

kation und Kultur seit den 1980er Jahren. 18 An- und auch einige entschiedene Gegner gefunden.
fangs, in den 1990er Jahren, war es noch die so- Ihr zeitlicher Schwerpunkt liegt „deutlich auf der
genannte transnationale Geschichte gewesen, die Zeit vor 1900“, 22 ihr thematischer insbesonde-
die nationale Begrenzung des historischen Blicks re im Feld der Imperial- und Kolonialgeschichte,
aufweichen sollte. Hier ging es zuerst um die Be- der europäischen Expansion, der „Zivilisierungs-
ziehungen zwischen unterschiedlichen natio- mission“, dem Machtgefälle und den Interdepen-
nalen Gesellschaften, also um Beziehungen und denzen zwischen Metropolen und Peripherie,
Transfer jenseits des Regierungshandelns, häu- zwischen Europa und der „außereuropäischen
fig mit einer kulturgeschichtlichen Fragestellung Welt“. 23 Hier haben sich die Perspektiven der
verbunden. Bald wurde der Begriff „transnatio- Kulturgeschichte, des Postkolonialismus und der
nal“ jedoch ausgeweitet und auf Themenfelder Verflechtungsgeschichten fruchtbar niederge-
angewandt, die gar nicht mehr in den nationalen schlagen und zu einem anderen Blick auf bisheri-
Rahmen passten, die nationale Ebene ignorier- ge Selbstverständlichkeiten, zu neuen, und wenn
ten, anstatt über die nationalen Grenzen hinweg man es so nennen mag, postnationalen Paradig-
zu arbeiten. 19 Von da aus war es nicht mehr weit men geführt. 24 So geht es der Globalgeschich-
zum Konzept der „Global­geschichte“. te auch darum, die sozialwissenschaftlichen und
Globalgeschichte meint dabei nicht Welt- historiografischen Begrifflichkeiten zu reflek-
oder Universalgeschichte, nicht die geografische tieren, die einen oft sehr von europäischen Ver-
Ausdehnung des Gegenstands, meint also nicht hältnissen geprägten Blick auf die Welt vorgeben.
„überall“ oder „weit weg“, sondern eine andere Sie wendet sich gegen die Vorstellung, die euro-
Perspektive. Gemeint sind „Ansätze, die sich für päischen Nationalstaaten seien der „Motor der
Verflechtung und eine relationale Geschichte der Weltgeschichte“ gewesen, während die Kulturen
Moderne interessieren, nicht-eurozentrisch argu- sämtlicher anderer Kontinente unter die Rubrik
mentieren und nationalgeschichtliche Grenzen „außereuropäische Geschichte“ fielen und damit
überwinden wollen“. 20 Es gibt keine verbindli- über ihre Differenz zu Europa definiert wurden.
che Definition von Globalgeschichte. 21 Ihre Ver- Stattdessen wird Europa als eine Weltgegend un-
treter stellen jedoch allesamt Prozesse der Ver- ter anderen betrachtet, die miteinander in engem
flechtung, des Transfers und der Entgrenzung Austausch standen und sich gegenseitig beein-
in den Mittelpunkt. Diese Fachrichtung hat gro- flusst haben. 25
ße Aufmerksamkeit, viele überzeugte Anhänger Zwei grundsätzliche Ziele prägen also diese
Fachrichtung: die Überwindung der nationalen
Begrenztheit der Perspektive und die Überwin-
18 Vgl. Johann P. Arnason, Nationalism, Globalization and dung des Eurozentrismus in der Geschichtswis-
Modernity, in: Mike Featherstone (Hrsg.), Global Culture. Nationa-
senschaft. Antrieb war dabei vor allem die „Un-
lism, Globalization and Modernity. A Theory, London u. a. 1990,
S. 207–236.
zufriedenheit mit der (…) Tendenz, nationale
19 Vgl. Jürgen Osterhammel, Geschichte jenseits des National- Geschichten als Geschichte in sich abgeschlosse-
staats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, ner Räume zu konzipieren“. 26 Insofern lässt sich
Göttingen 2001; Kiran Klaus Patel, Nach der Nationalfixiertheit. Per- behaupten, dass das Nationale ein zentraler Be-
spektiven einer transnationalen Geschichte, Berlin 2004; Philipp Gas-
griff der Globalgeschichtsschreibung ist, wenn
sert, Transnationale Geschichte, Version: 2.0, 29. 10. 2012, http://
docupedia.de/zg/gassert_transnationale_geschichte_v2_de_2012.
auch sozusagen ex negativo: Die Abgrenzung von
20 Sebastian Conrad/Andreas Eckert/Ulrike Freitag (Hrsg.),
Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, Frankfurt–New York
2007, S. 7. Siehe außerdem u. a. Sebastian Conrad, Globalge- 22 Eckert (Anm. 1), S. 29.
schichte. Eine Einführung, München 2013; Roland Wenzlhuemer, 23 Vgl. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine
Globalgeschichte schreiben. Eine Einführung in 6 Episoden, Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009; Bayly (Anm. 16).
Stuttgart 2017; Dominic Sachsenmaier, Global Perspectives on 24 Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des
Global History. Theories and Approaches in a Connected World, Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und
Cambridge 2011; Matthias Middell, Die Verwandlung der Welt- Kulturwissenschaften, Frank­furt/M. 2002; Edward W. Said, Orien-
geschichtsschreibung. Eine Geschichte vom Beginn des 21. Jahr- talism, New York 1978; Homi K. Bhabha, The Location of Culture,
hunderts, in: Comparativ 6/2010, S. 7–19, hier S. 10; Pamela London 1994; Gayatri Chakravorty Spivak, In Other Worlds:
Kyle Crossley, What is Global History?, Cambridge 2008; Bruce Essays in Cultural Politics, New York 1987.
Mazlish, The New Global History, New York u. a. 2006. 25 Vgl. Dipesh Chakrabarty, Europa als Provinz. Perspektiven
21 Dominic Sachsenmaier spricht gar von „[t]he necessary impos- postkolonialer Geschichtsschreibung, Frank­furt/M. u. a. 2010.
sibility of defining global history“. Sachsenmaier (Anm. 20), S. 70. 26 Conrad (Anm. 20), S. 7.

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der Nationalgeschichte, von ihren Gegenständen, balen) Denkrahmens voraus und die Bereitschaft,
Ansätzen und Methoden, ist wesentlich für die sich auch – aber anders – mit denjenigen Gegen-
Definition und das Selbstverständnis der Global- ständen zu befassen, die bisher in der Regel der
geschichte. Nationalgeschichte überlassen wurden.
Damit öffnet diese Fachrichtung eigentlich
ein weites Feld für eine grenzüberschreitende WEGE ZU EINER
und verflochtene Neukonzeptionierung nationa- „DENATIONALISIERUNG“
ler Geschichte. Allerdings hat das Ziel der Über- DES HISTORISCHEN BLICKS
windung nationaler Begrenztheit bei der Wahl
der Gegenstände häufig dazu geführt, dass The- Der Weg zu einer neuen, um die Perspektiven
menfelder wie Nation und Nationalismus, Staat, der transnationalen beziehungsweise globalge-
Recht und Verwaltung eben nicht aus einer glo- schichtlich erweiterten Geschichte der nationa-
balhistorischen Perspektive analysiert, sondern len Ebene setzt zunächst also eine Auseinander-
eher gemieden wurden. 27 In der Regel werden setzung mit der Frage voraus, was im nationalen
Themenfelder bevorzugt, in denen das Transnati- Denkrahmen – über die territoriale Begrenztheit
onale sowie globale Verflechtungen leichter greif- hinaus – eigentlich alles enthalten ist und die Fra-
bar werden, wie das Feld der Imperialgeschich- gestellungen der Geschichtswissenschaft prägt.
te, die Geschichte der Ozeane, der Sklaverei oder Was meine ich mit „nationalem Denkrahmen“,
der Migration. Auch bieten sich kulturgeschicht- um welche Begriffe und Grundannahmen geht es,
liche Themenfelder eher an als „harte“ Themen, und worin bestünden hier die perspektivischen
die zudem in den vorangegangenen Jahrzehnten Angebote der Globalgeschichte?
eher als Domäne einer methodisch traditionell Zu den problematischen Grundkonzepten des
ausgerichteten Geschichtswissenschaft gegolten nationalen Denkrahmens gehört zunächst die Ver-
hatten, insbesondere in Bezug auf den Staat oder gegenständlichung des Nationalen, die Vorstel-
staatliche Institutionen und Akteure. lung, die Nation existiere als vorgegebenes Fak-
So wird meiner Meinung nach die Abgren- tum, als eindeutig bestimmbare Einheit. Anstatt als
zung der Globalgeschichte von der Nationalge- Gegenstände müssten Nation und Nationalstaat
schichte bislang noch zu stark von der räumli- jedoch als „Quellenbegriffe“ gefasst werden, als
chen Differenzierung zwischen der nationalen eine Selbstbeschreibung der jeweiligen Zeitgenos-
und der globalen Ebene, also von der Skalierung sen, die historisch geworden und wandelbar ist. Sie
her gedacht. 28 „Nur“ die nationalen Grenzen sind Teil einer nationalen „gedachten Ordnung“,
überwinden zu wollen, greift meiner Meinung die Konzepte wie Staat, Gesellschaft und Bevölke-
nach zu kurz. Die „globalhistorische Neuaus- rung sowie Raum und Territorium, Zeitkonzepte
richtung“ sollte sich stattdessen kritisch mit dem und Vorstellungen von Geschichtlichkeit verbin-
Gesamtpaket des nationalen Denkrahmens ausei- det. 29 Diese Ordnung war enorm wirkmächtig und
nandersetzen, der über die räumliche Begrenzung effektiv; so erfolgreich, dass sie seit dem letzten
weit hinausreicht. Vielmehr sind hier Fragen des Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr grundsätz-
Geschichtsverständnisses, der Zugehörigkeit und lich infrage gestellt wurde. 30 Dennoch ist „Nation“
Teilhabe, der Konzepte von Zeitlichkeit und der ein ambivalenter Begriff. Er bezeichnet einerseits
Rolle des Staates eingeschlossen. Und gerade einen politischen Verbund, also eine Gruppe, die
hier hat die Globalgeschichte wichtige perspek- sich im Willen zur politischen Selbststeuerung zu-
tivische Angebote zu machen, die sich aber noch sammenschließt. Die Nation besteht hier aus de-
stärker präzisieren ließen. Das setzt jedoch eine nen, die über politische Teilhaberechte verfügen.
Historisierung des nationalen (wie auch des glo-
29 Vgl. Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections
27 Vgl. jedoch als wichtige Ausnahme Sebastian Conrad, Globa- on the Origin and Spread of Nationalism, London 1983; Manfred
lisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 20102. Steger, Rise of the Global Imaginary, Oxford 2006, S. 6, allgemein
28 Angelika Epple, Lokalität und die Dimensionen des Globalen. S. 1–18; Charles Taylor, Modern Social Imaginaries, Durham–
Eine Frage der Relationen, in: Historische Anthropologie 1/2013, London 2004, S. 2, S. 23–26. Für die „Neuverhandlung“ dieser
S. 4–25; dies., Relationale Geschichtsschreibung: Gegenstand, gedachten Ordnung seit den 1980er Jahren siehe demnächst
Erkenntnisinteresse und Methode globaler und weltregionaler Almuth Ebke, Britishness. Die Neuverhandlung Großbritanniens in
Geschichtsschreibung, 2. 11. 2017, www.hsozkult.de/debate/id/ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München 2019 (i. E.).
diskussionen-4291. 30 Vgl. Conze (Anm. 13), S. 45.

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Nation und Nationalismus  APuZ

Der Begriff meint aber zugleich auch die Selbst- Dampfschiff revolutioniert wurde, und der Kom-
beschreibung dieser Gruppe als Personen, die von munikation, die durch die Telegrafie nun weltweit
vorneherein durch spezifische Merkmale, durch „in Echtzeit“ möglich wurde, ließ räumliche Di-
Ähnlichkeit verbunden sind. 31 Diese Lesarten des stanzen schrumpfen. Die ökonomische und sozi-
Nationsbegriffs sind nicht deckungsgleich. Dies ale „Dynamik“ der Hochindustrialisierung und
hat zu wiederholten – und stets vergeblichen – Ver- der Urbanisierung um die Jahrhundertwende tru-
suchen geführt, Klarheit darüber herzustellen, wer gen ebenfalls zu diesem Eindruck tief greifenden
denn nun zur Nation gehöre und wer nicht, wer Wandels bei. 35 Nationalismus ließe sich so gesehen
also über politische und soziale Teilhabereche ver- als Umgang mit den Erfahrungen von Differenz
fügen solle. 32 Für die Geschichtswissenschaft heißt und Fremdheit werten; die scharfe Abgrenzung
dies aber, dass die Vorstellung, es gebe klar von- der nationalen Territorien und die Zuordnung der
einander abgrenzbare Nationen, deren Geschichte Bevölkerung zu diesen Territorien durch Staatsan-
jeweils zu schreiben ist, nicht unreflektiert über- gehörigkeit, Pass, Einwohnermeldeamt und Kata-
nommen werden darf, sondern als Quellenpers- sterkarte als Versuche, Mobilität zu kontrollieren
pektive behandelt werden muss. und „klare Verhältnisse“ zu schaffen, gesellschaft-
Zu bedenken ist zudem, dass die Nationali- liche Homogenität herzustellen und territoriale
sierung von Staat und Gesellschaft im 19. Jahr- Grenzen festzulegen. Die Entstehung des natio-
hundert selbst eine Reaktion auf die wachsende nalen Paradigmas selbst ist also in enger Verbin-
globale Verflechtung war, eine Antwort auf Mas- dung mit zunehmender globaler Verflechtung zu
senmigration, auf steigende Mobilität, auf Indus- sehen. 36 Ob Historiker daher ein spezifisches Phä-
trialisierung und Welthandel. 33 Und hier wird nomen als Teil eines Nationalisierungsprozesses
deutlich, dass das Nationale und das Globale eben oder als Ausweis globaler Verflechtung betrach-
nicht als verschiedene Gegenstände oder separa- ten, hängt nicht vom Gegenstand, sondern von der
te Bereiche zu verstehen sind. Die Entstehung des Frage ab, die sie an sie richten – beides ist schlicht
Nationalstaats war vielmehr selbst mit Prozessen eine Interpretation, die je nach Kontext und Er-
der Entgrenzung verbunden, wie es der Historiker kenntnisinteresse variieren kann.
Dieter Langewiesche beschreibt: „Die Lebenswel- Daraus ergeben sich jedoch auch Nachfragen
ten der Menschen wurden weiträumiger, ihre Er- an das Geschichtsverständnis, das mit der Nati-
fahrungen griffen über die lokalen und regionalen onalgeschichte verbunden ist. Die Vorstellungen
Lebensräume hinaus, die sozialen, kulturellen und von Nation und Geschichte waren in Europa seit
ökonomischen Beziehungen dehnten sich aus.“ 34 dem 19. Jahrhundert eng aufeinander bezogen.
Dazu gehörte neben der zunehmenden Integration Die Annahme, dass „die Nation“ eine gemein-
der Weltwirtschaft vor allem die Massenmigrati- same „Geschichte hat“, ist allerdings mit einiger
on, die zur Erfahrung von inhomogenen Gesell- Vorsicht zu behandeln. Denn im Grunde steht da-
schaften, zu Bedrohungsgefühlen durch Seuchen hinter die Vorstellung, dass eben nur, wer zu einer
und Armut und nicht zuletzt auch zu Verunsiche- Nation gehört, auch Geschichte hat. „Geschich-
rung durch Kulturbegegnungen führte. Aber auch te“ wird dabei im Singular verwendet. Der heuti-
die Erfahrungen des europäischen Kolonialis- ge historische Blick, der zunehmend gewohnt ist,
mus und dessen Rückwirkungen auf Europa las- nach den Perspektiven von Minderheiten oder von
sen sich dazu zählen. Der technische Wandel im Frauen, nach kulturübergreifenden und überregi-
Bereich der Mobilität, die durch Eisenbahn und

35 Vgl. Ulrich Herbert, Europe in High Modernity. Reflections


31 Vgl. Ulrich Bielefeld, Nation und Gesellschaft. Selbstthema­ on a Theory of the 20th Century, in: Journal of Modern European
tisierungen in Frankreich und Deutschland, Hamburg 2003, History 5/2007, S. 5–21; Sebastian Conrad, Das Kaiserreich
S. 9–45. transnational. Deutschland in der Welt, 1871–1914, Göttingen
32 Vgl. demnächst Julia Angster, Staatsbürgerschaft und die 2004; Roland Wenzlhuemer, Connecting the Nineteenth-Century
Nationalisierung von Staat und Gesellschaft, in: dies./Dieter World. The Telegraph and Globalization, Cambridge 2012;
Gosewinkel/Christoph Gusy (Hrsg.), Staatsbürgerschaft im 19. und Wolfgang Kaschuba, Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum
20. Jahrhundert, Tübingen 2019 (i. E.). in der europäischen Moderne, Frank­furt/M. 2004.
33 Vgl. Conrad (Anm. 27), S. 227. 36 Vgl. Conrad (Anm. 20), S. 123; Arif Dirlik, Global Modernity.
34 Dieter Langewiesche, „Staat“ und „Kommune“. Zum Wandel Modernity in the Age of Global Capitalism, Boulder–London 2007,
der Staatsaufgaben in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Histori- S. 42; A. G. Hopkins, Global History. Interactions Between the
sche Zeitschrift 248/1989, S. 621–635, hier S. 622. Universal and the Local, Basingstoke 2006; Hill (Anm. 2).

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onalen Biografien und Realitäten zu fragen, sieht genau der „Eurozentrismus“, gegen den sich die
hier durchaus auch „Geschichten“ in „der Ge- Globalgeschichte wendet.
schichte“. Damit meine ich nicht nur die abwei- Ein ähnlich historisierender und analytischer
chenden Bewertungen von Entwicklungen, son- Zugriff, wie er für die „Überwindung des Euro-
dern durchaus auch alternative Pfade, die in der zentrismus“ zum Tragen kommt, ließe sich also
„Meistererzählung“ der jeweiligen Nationalge- durchaus auch auf den nationalen Denkrahmen
schichte nicht vorkommen oder aber als Devianz, und damit auf die Begriffe und Konzepte der Na-
also als Abweichung oder Widerständigkeit, und tionalgeschichte anwenden. Dazu müsste vor al-
nicht zuletzt als unzeitgemäß gedeutet werden. lem die Uneindeutigkeit des Nationsbegriffs und
Die Vorstellung einer nationalen Geschich- seine Rolle für das Geschichtsverständnis stärker
te enthält auch spezifische Zeitkonzepte. 37 Dazu reflektiert werden. Dies würde den Blick öffnen
gehört die Vorstellung, dass Geschichte gerichtet für Themenfelder der nationalen Ebene, in denen
ist, einem Zeitpfeil folgt. Zeitliche Entwicklung ist verschiedene Entwicklungswege und -geschwin-
geschichtliche Entwicklung, und diese ist einheit- digkeiten ihren Platz haben und in denen unter-
lich. Eine Grundannahme der Geschichtswissen- schiedliche Kulturen auch im nationalen Rahmen
schaft im 19. Jahrhundert war, dass „Geschichte“ miteinander verflochten sind und aufeinander
der Weg des Fortschritts der Nation ist. Staatliches einwirken. Vor allem aber sollten Themenfel-
Handeln schafft diesen Fortschritt. Geschichte ist der, die bislang im nationalen Kontext verortet
zudem schriftlich überliefert, vor allem in Form und behandelt wurden, in einen transnationalen,
staatlicher Akten. Nur wer eine solche Form der überregionalen oder globalen Fragehorizont ein-
schriftlichen Überlieferung hat, wer also in ei- gebunden werden. Dazu gehört eben nicht nur
nem Nationalstaat lebt, der Akten produziert, hat, die räumliche Ausweitung der Perspektive, son-
streng genommen, Geschichte. Diese Grundan- dern auch eine Historisierung der nationalen
nahmen über Nation, Geschichte und Zeit haben Analysekategorien. Was „eigene“ und „fremde“
sich im Lauf des 20. Jahrhunderts von der zentra- Geschichte ist, sollte nicht mehr selbstverständ-
len Rolle des Staats gelöst; die Annahme eines ge- lich sein. In letzter Zeit finden sich mehr und
schichtlichen Fortschritts – seit den 1950er Jahren mehr solcher „postnationaler“ Zugriffe und Fra-
dann unter der Rubrik „Modernisierung“, deren gehorizonte. So wird zum Beispiel nach der Rol-
Objekt nationale Gesellschaften und deren Instru- le nationaler Regierungen in der Geschichte der
ment nationalstaatliche Akteure waren – hat sich Globalisierung gefragt; oder eine spezifische na-
jedoch lange gehalten. In diesen Denkhorizont ge- tionale Identität als Produkt imperialer Expansi-
hörte auch die von den postcolonial studies und der on eines Landes gefasst. Auch die globale Aus-
Globalgeschichtsschreibung zu recht massiv kriti- breitung des Nationalismus ist ein Phänomen,
sierte und mittlerweile auch kaum mehr vertrete- dessen Erklärung beide Ebenen verbinden muss.
ne Annahme, die Völker in den Kolonien hätten Sogar die Geschichte der Demokratie und des
keine Geschichte, da sie bis zur Dekolonisierung Parlamentarismus, die ursprünglich eng mit der
keine Nationen waren. Sie hatten so gesehen auch Geschichte des Nationalstaats verbunden waren,
keinen „Fortschritt“, sondern wurden allenfalls werden mittlerweile aus einer „übernationalen“
„entwickelt“. Die europäischen National- und vor Perspektive ­untersucht. 39
allem die Imperialstaaten galten aus dieser Sicht
als treibende Kraft der Weltgeschichte. 38 Dies ist
39 Vgl. Saskia Sassen, Das Paradox des Nationalen. Territorium,
Autorität und Rechte im globalen Zeitalter, Frank­furt/M. 2008;
37 Vgl. Sina Steglich, Vom Sichern der Zeit und Zeigen der Ge- Linda Colley, Britons. Forging the Nation 1707–1837, New Haven
schichte. Zum Archiv als Zeitgeber des Fin de Siècle, in: Historische 1992; Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-Determination
Zeitschrift 305/2017, S. 689–716; Reinhart Koselleck, Vergangene and the International Origins of Anticolonial Nationalism, New
Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frank­furt/M. 1979. York 2007; Jeppe Nevers, A History of Democracy beyond
38 Für die darüber hinaus weisende Problematik der eurozen- National Narratives, in: Geschichte und Gesellschaft 44/2018,
trischen Begrifflichkeiten in der Geschichtswissenschaft und den S. 416–429; Paul Nolte (Hrsg.), Transatlantic Democracy in the
Sozialwissenschaften für eine postkoloniale und plurale Sichtweise Twentieth Century, Transfer and Transformation, Berlin 2016. Siehe
auf „außereuropäische“ Geschichte siehe Dipesh Chakrabarty, Pro- auch das laufende Projekt von Silke Mende zum Thema „Parlamen-
vincializing Europe. Postcolonial Thought and Historical Difference, tarismus als ‚europäisches Konzept‘? Dynamiken parlamentarischer
Princeton 20082; Partha Chatterjee, Nationalist Thought and the Transformation in Europa im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts“
Colonial World. A Derivative Discourse, Minneapolis 1993. am Institut für Zeitgeschichte, München.

16
Nation und Nationalismus  APuZ

FAZIT ges Vorgehen zur Anwendung nicht-eurozentri-


scher und postkolonialer Perspektiven durch die
Ein Überwinden des nationalen Rahmens in der Globalgeschichte: Auch hier ginge es um die An-
Geschichtsschreibung meint deutlich mehr als erkennung der sozialen Konstruktion und Histo-
die Frage der „Flughöhe“, des räumlichen Zu- rizität zentraler Analysekategorien der nationa-
schnitts der Untersuchung. Es reicht weder, vie- len Geschichtsschreibung. Es ginge auch um die
le nationale Geschichten aneinander zu reihen, Pluralität der Geschichten und um die Frage, wer
noch genügt es, die nationale Ebene durch einen Geschichte hat. So könnte der nationale Denk­
interkontinentalen oder ozeanischen Blick, also rahmen in der Geschichtsschreibung überwun-
durch räumliches „Höherzoomen“ zu ersetzen. den werden, ohne dabei die nationale Ebene und
Stattdessen muss das nationale Narrativ, das im ihre Themenfelder aufzugeben.
jeweiligen Thema stecken mag, herausgearbeitet
und selbst zum Gegenstand der Untersuchung
gemacht werden. 40 Eine De-Nationalisierung des JULIA ANGSTER
historischen Blicks verlangt im Grunde ein analo- ist Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste
Geschichte an der Universität Mannheim und
40 Vgl. als gelungenes Beispiel für diese Vorgehensweise, hier am Leiterin des Universitätsarchivs.
dänischen Exempel, Nevers (Anm. 39). julia.angster@uni-mannheim.de

Das Weltklima
ändert sich.

Die Folgen für Ökosysteme und Gesellschaften sind


gravierend. Das bpb-Zeitbild „Evidence of Change“
versammelt Fotoarbeiten, die die Konsequenzen des
Zeitbilder Klimawandels exemplarisch aufzeigen.
Evidence of Change
Der Klimawandel in Bildern
Bonn 2017
Bestell-Nr.: 3986 | 4,50 Euro
Bestellbar unter: www.bpb.de/zeitbilder

17
APuZ 48/2018

IN DEUTSCHLAND DAHEIM,
IN DER WELT ZU HAUSE?
Der Heimat-Diskurs und die Transnationalisierung
von Klassenstrukturen
Cornelia Koppetsch

Was ist „Heimat“? Seit der Rede des Bundespräsi- seinem Herkunftsort verwachsen war. Heimat
denten zum Tag der Deutschen Einheit 2017, spä- tritt im Rück- und Fernblick besonders prägnant
testens aber seit der Einrichtung eines Heimat- in Erscheinung, manchmal dann auch als Phan-
ministeriums auf Bundesebene nach dem Vorbild tomschmerz, weil es die Sehnsucht nach einem
Bayerns, reden plötzlich alle über sie. Der popu- Ort umfasst, den es so, wie wir ihn in Erinne-
läre Diskurs über die Heimat boomt, 01 sichtbar rung haben, vielleicht gar nicht mehr gibt oder
nicht nur an der gesteigerten Produktion von li- nie gab. Zum anderen, und das ist der interes-
terarischen oder soziologischen Heimaterzählun- santere Aspekt, ist die diskursive Konjunktur
gen, 02 sondern auch am Aufschwung des Han- von „Heimat“ Ausdruck einer wachsenden Ter-
dels mit regionalen Produkten und Trachten, der ritorialisierung sozialer Lagen und neuartiger
zu einer wahren Selbstvergewisserungsindustrie Ungleichheitskonflikte, die um Fragen der so-
geworden ist. 03 Aus soziologischer Sicht ist die zial-räumlichen Zugehörigkeit kreisen. Im Hei-
für viele unheimliche Konjunktur des Heimat- matbegriff werden soziale Ansprüche spezifi-
begriffs allerdings nicht so verwunderlich, wie scher Gruppen geltend gemacht – oder eben auch
es zunächst scheint. Die Idee der Heimat befin- zurückgewiesen.
det sich gewissermaßen am mentalen Verkehrs-
knotenpunkt von Globalisierung, romantischem ZWEI VORSTELLUNGEN
Neo-Konservatismus und neuen politischen und VON HEIMAT
gesellschaftlichen Konfliktlinien. Im Wort „Hei-
mat“ schwingen zarte Erinnerungen an Kirch- Im aktuellen Diskurs erschließt sich die gesell-
turmglocken und gemähtes Gras aus Kindheits- schaftliche Brisanz des Heimatbegriffs allerdings
tagen mit; zugleich sind darin die drängendsten erst dann vollständig, wenn die gegenwärtig in-
Probleme der Gegenwart kurzgeschlossen: Her- nerhalb der Mittelschicht aufbrechenden Kon-
kunft, Bleiberecht, Wanderung und vor allem fliktfelder um die Frage, was Heimat überhaupt
das Streben nach Zugehörigkeit, Stabilität und bedeuten soll, genauer auf ihre gesellschaftli-
­Vertrautheit. chen Hintergründe und ihre Standortbedingun-
Versuchen wir die gesellschaftlichen Hinter- gen untersucht werden. Hier zeigt sich, dass der
gründe des aktuellen Heimatdiskurses systema- Heimatbegriff sich im Zentrum neuer politischer
tisch zu erfassen, so lassen sich zunächst zwei Konflikte um Transnationalisierung, Migration
unterschiedliche Aspekte identifizieren: Zum ei- und territorialer Autonomie befindet.
nen stellt die wachsende Relevanz von Heimat Die Rollen in diesen Konflikten sind wie folgt
schlichtweg eine Konsequenz gesteigerter Mo- verteilt: Auf der einen Seite stehen die Fortschritt-
bilitäts- und Migrationserfahrungen dar. Schon lichen und Beweglichen, jene also, die unermüd-
die Vorstellung, an einem spezifischen Ort ver- lich behaupten, dass Heimat auch Zuwanderern
wurzelt zu sein, ist eine genuin moderne Erfah- offenstehe und niemals etwas sei, was man für im-
rung. Diese und die entsprechenden Heimatbin- mer haben oder besitzen könne, sondern stets nur
dungen konnten sich nämlich erst entwickeln, als das Ergebnis eines „gelungenen Heimischwer-
der Einzelne nicht mehr selbstverständlich mit dens in der Welt“ und der „tätigen Auseinander-

18
Nation und Nationalismus  APuZ

setzung mit der Umwelt“. 04 Auf der anderen Sei- on, um ein soziales Konstrukt handle und sie da-
te stehen jene, die zumeist weniger mobil sind, her keine natürliche Grundlage besitze. 06
deutlich weniger Wahlmöglichkeiten hinsichtlich In exemplarischer Weise wird diese Auffas-
ihres Wohn-, Arbeits- oder Urlaubsortes haben sung etwa von dem Kulturtheoretiker und Schrift-
und deren Identität auf Zugehörigkeit zu einem steller Klaus Theweleit artikuliert: „Ich bin ein
spezifischen Territorium, sei es eine Region, eine Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann
Nation oder ein spezifischer Ort, beruht. Hier meine neue, meine zweite schleswig-holsteini-
existiert häufig die Vorstellung einer schicksalhaf- sche Heimat. Als Jugendlicher wurde dann eng-
ten Verbindung mit dem eigenen Ursprung, der lische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich
zufolge der Mensch seine primäre Heimat nicht kenne also mindestens drei verschiedene Heima-
wählen kann, weil sie ihm zugefallen ist und er ten.“ Die Identität, die die Heimat stiftet, wird in
sie folglich immer schon besitzt. Heimat in die- dieser Vorstellung als Patchwork-Zugehörigkeit
sem Sinne verbürgt unhintergehbare Zugehörig- entworfen, die ihre Wurzeln in unterschiedlichen
keit und Identität, und die kann es aus Sicht der Gemeinschaften findet. Die verschiedenen Her-
Anhänger und Fürsprecher dieses Konzepts nur künfte werden als Ressourcen für die biografische
im Singular geben. In dieser Perspektive muss die Arbeit an der eigenen Identität behandelt. Kosmo-
„unbegrenzte Flexibilität“ einer offenen Selbst- politisch mutet diese Vorstellung deshalb an, weil
verortung dazu führen, dass am Ende niemand das Prinzip der unverbrüchlichen Verwurzelung
mehr eine Heimat hat. von Mensch und Herkunft aufgehoben scheint.
Der erstgenannten Heimatvorstellung liegt Demgegenüber liegt dem Heimat-als-Schick-
hingegen ein kosmopolitisches Selbstverständnis sal-Modell die Überzeugung zugrunde, Heimat
zugrunde, dem zufolge fremde Orte und Men- sei in erster Linie etwas für Eingeborene und
schen stets neue Möglichkeiten kultureller An- nicht für Zuwanderer. Nach dieser Logik gilt: Es
eignung und Identitätsbildung eröffnen. Heimat gibt nur eine einzige Heimat, die man sich nicht
dürfe demnach nicht exklusiv verstanden wer- aussuchen kann, weshalb Migration und Flexi-
den und zum Ausschluss anderer führen, da das bilität auf beiden Seiten unweigerlich zum Hei-
Aufnehmen des Anderen, des Neuen Chancen matverlust führen müssen. In neueren politischen
für „mehr Kompetenz“ berge. Behauptet wird Diskursen wird dieses Verständnis von Heimat
zudem, dass Migration die Heimat für beide Sei- häufig dann artikuliert, wenn Autonomieverluste
ten bereichere: Für die Einheimischen, weil der abgewendet werden sollen. Dabei geht es zumeist
„bunte Mix“ der Kulturen und die Erfahrung des um zwei Formen der Angst vor Entfremdung: ei-
Fremden zu einer Horizonterweiterung führten, nerseits um die Befürchtung der Fremdbestim-
die die Rückbesinnung auf eigene lokale oder na- mung der eigenen kleinen „heilen Welt“ durch
tionale Traditionen umso attraktiver werden las- Einmischung von als mächtig beziehungswei-
se; für die Zugewanderten, weil der Schritt in die se bedrohlich empfundenen Anderen, anderer-
Fremde „die Chance verheißt, sich neu zu erfin- seits um die Angst vor kultureller Überfremdung
den“. 05 In diesem Zusammenhang wird von den durch (massenhafte) Zuwanderung. Die Abwehr
Kosmopoliten auch gerne darauf verwiesen, dass von Fremdbestimmung durch Einmischung An-
es sich bei der Heimat, ähnlich wie bei der Nati- derer zeigt sich etwa im neu erwachten Heimat-
bewusstsein peripherer, oftmals ländlicher Regio-

01 Vgl. Christian Schüle, Heimat. Ein Phantomschmerz, München


2017. 06 Auch Familie, Geschlecht, Aktienmärkte und Berufe sind be-
02 Vgl. Juli Zeh, Unterleuten, München 2016; Thomas Wolfe, kanntlich soziale Konstruktionen. Abschaffen kann man sie deshalb
Schau heimwärts, Engel!, Hamburg 2016 (1978); Didier Eribon, noch lange nicht, denn sie stehen als „gesellschaftliche Tatsachen“
Rückkehr nach Reims, Berlin 2016. (Émile Durkheim) außerhalb der individuellen Verfügbarkeit. Kos-
03 Siehe dazu etwa Spiegel Wissen 6/2016 zum Thema mopoliten unterschätzen die Mächtigkeit des Sozialen. Tatsächlich
„Heimat“. verliert man wesentliche Teile von sich, wenn man in ein anderes
04 Nane Retzlaff/Gunter Weidenhaus, Heimat in der Fremde, in: Land auswandert. Zunächst verliert man die eigene Sprache, dann
Berliner Republik. Das Debattenmagazin 5/2015, S. 32 ff.; Patrick die Identität: als Bürgerin oder als Tochter oder Sohn, als Ange-
Gensing, Immer nur Vergangenheit. Einspruch: Die Debatte, wie hörige einer ethnischen Gruppierung, als Eingeborene. Nach und
der altdeutsche Begriff Heimat progressiv besetzt werden kann, nach jedoch kann dann der Verlust zur Bereicherung führen: Man
löst kein einziges Problem, in: ebd., S. 38 ff. lernt eine neue Sprache, nimmt eine neue Identität an und gewinnt
05 Vgl. Retzlaff/Weidenhaus (Anm. 4), S. 33. eine neue Heimat – im Idealfall.

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APuZ 48/2018

nen, die um ihren Status kämpfen und sich durch eine Selbstverständlichkeit. 10 Doch folgt aus der
die Mehrheitsgesellschaft in eine marginale Po- Fähigkeit zur Anverwandlung einer zweiten oder
sition gebracht sehen. 07 Sie ist aber kein exklu- mitunter sogar dritten Heimat tatsächlich mehr
sives Konstrukt wirtschaftlich schwacher oder Offenheit, in dem Sinne, dass man an beliebigen
abgehängter Regionen; auch ökonomisch star- Orten heimisch werden kann, Fremde nicht aus-
ke Regionen können unter bestimmten Bedin- grenzt und kulturelle Vielfalt erlebt und prakti-
gungen dazu tendieren, drohende Autonomie- ziert? Wohl kaum.
verluste durch Abschottung zu kompensieren. Wenn eine Kultur nicht durchmischt, son-
Das zeigt sich nicht zuletzt auch an separatisti- dern nahezu vollständig homogen ist, dann ist es
schen Bewegungen, wie sie etwa in Norditalien, die kosmopolitische Kultur der urbanen akade-
im Baskenland, in Irland oder aktuell in Kata- mischen Mittelklasse mit ihrem körper- und ge-
lonien zu beobachten sind. Der Traum vom ei- sundheitsbewussten, auf Selbstverwirklichung
genen Mini­staat, von der autarken, autonomen und Wissensaneignung hin orientierten Lebens-
Heimat bringt den Wunsch der regionalen Bür- stil. Kultur umreißt im kosmopolitischen Be-
ger nach Selbstbestimmung in Stellung gegen die wusstsein und im Gegensatz zum Heimat-als-
vermeintliche Fremdbestimmung durch die eige- Schicksal-Modell nicht mehr den Bereich einer
ne Nation oder etwa den „Suprastaat“ Europa. 08 normativ verbindlichen Ordnung, sie wird viel-
Am aktuellen öffentlichen Diskurs über mehr als eine Ressource verstanden, als vielgestal-
„Heimat“ wird offenbar, das jedes der beiden tiges Material, das in unterschiedlichster Weise
Modelle für sich moralische Überlegenheit rekla- geformt und zur Bereicherung des eigenen Selbst
miert. Äußerungen eines nationalen, regionalen beitragen soll. 11 Und weil prinzipiell kein Objekt
oder separatistischen Heimatbewusstseins ziehen von dieser Form der Aneignung ausgeschlossen
stets eine wahre Bekenntnisflut zur Weltoffenheit ist, weil prinzipiell von jedem Kulturgut eine Er-
seitens der Kosmopoliten nach sich. Die Gegen- weiterung der individuellen Kompetenzen oder
sätzlichkeit der beiden Lebensauffassungen soll- eine Steigerung des Genusses ausgehen kann, ist
te allerdings nicht den Blick dafür verstellen, dass der akademische Kulturkonsument ein Allesfres-
auch Kosmopoliten keineswegs uneingeschränkt ser, 12 der die Grenzen zwischen Hoch- und Po-
„offen“ sind, sondern spezifische soziale Räume pulärkultur, zwischen dem Historischen und dem
bewohnen, die sie gegenüber anderen Gruppen Gegenwärtigen, dem Eigenen und dem Fremden,
abschließen. 09 zwischen Kulturkreisen, Nationen oder Regio-
Zwar zeichnet sich die urbane akademische nen im Dienste der Erweiterung seines Wissens
Mittelklasse durch einen hohen Grad an räumli- und seines Horizontes aufhebt. Jeder Ort, ein-
cher – teilweise auch transnationaler Mobilität – schließlich der Heimat, kann als Ort der An-
aus. Dass der räumliche Lebensmittelpunkt ge- eignung von Kultur betrachtet werden. Mit an-
zielt ausgewählt wird, etwa indem man den Ort, deren Worten: Kosmopolitismus ist Teil einer
an dem man geboren wurde und aufgewachsen umfassenden De-Kontextualisierung kultureller
ist, mit Beginn des Studiums oder aber spätes- Bedeutungen.
tens mit dem Eintritt ins Berufsleben verlässt, er- Die Subjekte der urbanen akademischen Mit-
scheint für die Subjekte der akademischen Klasse telklasse sehen sich als Träger einer zukunftswei-
senden Lebensform, die sie zum gesellschaftli-
07 Vgl. Katherine J. Cramer, The Politics of Resentment. Rural chen Maßstab gelingenden und erfolgreichen
Consciousness in Wisconsin and the Rise of Scott Walker, Chicago, Lebens insgesamt erheben. 13 Auf dieser Basis
2016.
08 Vgl. Schüle (Anm. 1), S. 111.
09 Bei der Unterscheidung zwischen den beiden Heimatmodel- 10 Vgl. Cornelia Koppetsch/Günter Burkart, Die Illusion der
len handelt es sich um eine idealtypische Zuspitzung. Die realen Emanzipation. Zur Wirksamkeit latenter Geschlechtsnormen im
Lebenswirklichkeiten der jeweiligen Trägergruppen sind keines- Milieuvergleich, Konstanz 1999.
wegs so eindeutig voneinander geschieden, als hier bisweilen 11 Vgl. Kenneth J. Gergen, Das übersättigte Selbst. Identitätspro-
propagiert. Regional-heimatliche Bindungen oder ethno-nationale bleme im heutigen Leben, Heidelberg 1996, S. 21 ff.
Zugehörigkeiten sind auch für Angehörige der urbanen kosmopo- 12 Vgl. Richard A. Peterson/Roger M. Kern, Changing Highbrow
litischen Mittelschichten relevant; umgekehrt nehmen auch die Be- Taste. From Snob to Omnivore, in: American Sociological Review
fürworter des Heimat-als-Schicksal-Modells ihre jeweiligen Milieus 5/1996, S. 900–907.
mitunter als ambivalent wahr und betrachten sie keineswegs als 13 Vgl. Richard Florida, The Rise of the Creative Class, New York
„heile Welten“. 2002, S. 8 ff.

20
Nation und Nationalismus  APuZ

verteidigen und legitimieren sie Privilegien ge- Heimat“ im Zuge der Landflucht der gebilde-
genüber untergeordneten Sozialklassen. Sozio- ten Mittelschichtjugend seit den 1970er Jahren.
ökonomische Ungleichheiten werden dann nicht Angeführt von der Alternativbewegung und der
auf kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, son- städtischen Bohème hat in Deutschland ausge-
dern auf Unterschiede in Geschmack, Kompe- hend von der Besiedlung bestimmter Altbau-
tenzen und Differenzen in der Lebensführung Quartiere in den Großstädten eine Re-Urba-
insgesamt zurückgeführt. Die Lebensformen an- nisierung der Innenstädte eingesetzt. 15 Diese
derer Milieus erscheinen vor diesem Hintergrund entstanden auch in Reaktion auf die wachsende
als weniger differenziert und damit auch weniger Unzufriedenheit mit der „Unwirtlichkeit unse-
wertvoll: Aus kosmopolitischer Sicht offenbart rer Städte“ (Alexander Mitscherlich), das heißt
sich in der Vorstellung von Heimat als Schicksal mit der Monotonie der Vorstadtsiedlungen und
eine kultur-konformistische Haltung. Denn nicht dem Verfall des urbanen Lebens in der als pro-
nur die Heimat, auch das betreffende Wissen und vinziell und erstarrt empfundenen Nachkriegs-
die zugehörige Kultur werden von den Trägern ära. 16 Seine soziale Exklusivität gewinnt der ur-
des Schicksalsmodells zumeist als gegeben, das bane Lebensstil jedoch erst durch die wachsende
heißt als ein durch Sitten, Traditionen oder Au- sozialräumliche Polarisierung zwischen den von
toritäten verbürgter Ordnungsrahmen begriffen, der urbanen akademischen Mittelschicht be-
in den man sich einfügt. Aus kulturkosmopoli- wohnten postindustriellen Großstädten als Zen-
tischer Perspektive erscheint diese Auffassung tren und den übrigen Siedlungsgebieten (alte
unvereinbar mit einer in erster Linie kulturun- Industriestädte, Kleinstädte, Dörfer) als Peri-
ternehmerisch verstandenen Intelligenz, da eine pherien. Von dort wandern die Hochqualifizier-
„ehrfürchtige“ Sichtweise auf Wissens- und Kul- ten in die Großstädte.
turbestände als Kreativitätshindernis wahrge-
nommen wird. HEIMAT: SINGULÄR,
Ähnlich wie die Vertreter des Heimat-als- VERTRAUT UND EXKLUSIV
Schicksal-Modells verteidigen auch die Kultur-
kosmopoliten einen exklusiven Lebensraum. Versucht man vor diesem Hintergrund nun, den
Es sind die urbanen Zentren, die mit der Re- Begriff „Heimat“ allgemein und beide Lebensfor-
produktion historischer Stadtarchitekturen zu men umfassend zu bestimmen, so stößt man auf
privilegierten Erlebnisräumen für Kultur- und insgesamt drei essentielle Bestandteile: Singulari-
Lifestyle-Konsum, Freizeit und Tourismus ge- tät, Vertrautheit und sozialräumliche Exklusivi-
worden sind. Die Möglichkeit, sich wiederholt tät beziehungsweise Schließung. Im Unterschied
in diesen Räumen aufzuhalten oder gar dauer- zum Nicht-Ort 17 oder auch zum beliebigen Ort,
haft in ihnen zu leben, bildet vielerorts mittler- space, ist Heimat ein place, ein einmaliger, her-
weile ein Privileg. Mit zunehmender Privatisie- ausgehobener Ort, der in seiner Eigensinnigkeit
rung und Touristisierung zentraler öffentlicher angeeignet wird. 18 Die Eigensinnigkeit zeigt sich
Räume werden Straßen und Plätze auf neue Wei- sowohl im regional geprägten Heimatgefühl der
se kontrolliert, 14 wodurch Zugangsrechte unter- Schicksalsfraktion wie auch in der Anverwand-
schiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zu Stra- lung der zweiten Heimat im urbanen Raum.
ßen, Plätzen und anderen ehemals öffentlichen Auch diese ist nicht auf eine kulturindustrielle
Räumen neu verhandelt werden. Generell gilt: Schablone reduzierbar, sondern unterliegt idio-
Wer sich die teuren Mieten der attraktiven Stadt- synkratischen Aneignungsprozessen. Die zwei-
quartiere nicht leisten kann und in den Restau- te Heimat wird durch das Leben in Kiezen und
rants auf den öffentlichen Plätzen nicht konsu- Szenequartieren zu einem einzigartigen, mit der
miert, findet in den historischen Kulissen der
europäischen Großstädte keine günstigen Ver- 15 Siehe dazu die Ausführungen bei Sven Reichhardt, Authentizi-
weilmöglichkeiten mehr. tät und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und
Ursprünglich entstand die neue Urbani- frühen achtziger Jahren, Frank­furt/M. 2014.
16 Vgl. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte.
tät mit dem historischen Aufstieg der „zweiten
Anstiftung zum Unfrieden, Frank­furt/M. 1965.
17 Vgl. Marc Augé, Nicht-Orte, München 2010.
14 Vgl. Walter Prigge (Hrsg.), Peripherie ist überall, Frankfurt/M.– 18 Zur Unterscheidung von space und place vgl. Martina Löw,
New York 1998, S. 79. Raumsoziologie, Frank­furt/M. 2001.

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APuZ 48/2018

individuellen Biografie verwobenen Ort. 19 Auch Gemeinschaft und Territorium wird dabei gleich-
wenn Konsum eine zentrale Dimension des kul- sam naturalisiert. Nur die eingeborene Gemein-
turkosmopolitischen Urbanismus darstellt, wird schaft, nicht die Zugewanderten haben in die-
eine von oben oktroyierte Kommerzialisierung sem Modell Anspruch auf die gemeinschaftlichen
als Entfremdung erlebt. Vor diesem Hintergrund Ressourcen.
wird auch die exzessive Zunahme des Städtetou- Nichts liegt den Kosmopoliten ferner. Welt-
rismus als Verfälschung und Bedrohung des au- offenheit und die Ausgestaltung einer historisch
thentischen Lebensraums wahrgenommen, da sie und kulturell gleichermaßen gesättigten wie viel-
die Authentizität der heimatlichen Anverwand- fältigen Urbanität stehen im Zentrum des Hei-
lung insbesondere der ihrerseits Zugezogenen in- matgefühls der akademischen Mittelklasse. Al-
frage stellt. lerdings verfügen auch die vermeintlich offenen
Auch das zweite Merkmal, die Vertrautheit, ist Kulturkosmopoliten über ihre ganz spezifischen
in beiden Heimatvorstellungen anzutreffen. Hei- Grenzanlagen. Die Raumaneignung der urbanen
maten bilden „Wohlfühl-Zonen“, sie sind Orte, akademischen Mittelklasse umfasst zwar transna-
die „Seinsgewissheit“ dadurch vermitteln, dass sie tionale Bewegungen und öffnet die angestamm-
eine habituelle, präreflexive Verwurzelung in All- ten Territorien auch für die (kosmopolitischen)
tagsroutinen und im sozialen Leben ermöglichen. Bewohner anderer Länder, doch spielen sich die-
Diese Vertrautheit ist das subjektive Korrelat ei- se Öffnungen stets innerhalb desselben sozio-
ner Passung zwischen dem sozialen Ort und den kulturellen und geografischen Rahmens urba-
persönlichen Dispositionen. Das Gegenteil ist das ner Lebensräume ab. Zu den wirkungsvollsten
Gefühl der Entfremdung, das sich einstellt, wenn Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrich-
Seinsgewissheiten – etwa durch den Zuzug Frem- tung des Lebensstils, denn das eigene Territorium
der oder auch durch veränderte Machtverhältnis- wird primär im Modus ökonomischer Grenzen
se und gesellschaftliche Spielregeln – erschüttert verteidigt. Kulturelle Offenheit wird somit kom-
werden. In der Heimat-als-Schicksal-Fraktion pensiert durch ein hochgradig effektives Grenz-
wird Vertrautheit durch Identifikation mit den regime, das über Immobilienpreise und Mieten,
Eigenheiten der Herkunftsgemeinschaft, etwa über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bil-
auch durch die Beherrschung des heimatlichen dungswesen sowie über den Zugang zu exklusi-
Dialektes, hergestellt. In der kosmopolitischen ven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert
Heimat hingegen wird Vertrautheit nicht zuletzt wird. Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, son-
durch die urbanen Kieze und durch „die Kultur“, dern nach unten. Es sind vor allem die ökonomi-
das heißt durch das Ensemble der gemeinsam ge- schen Privilegien, die wirkungsvolle Schutzzäu-
teilten Praktiken des wissens- und selbstverwirk- ne gegenüber unteren Schichten und Migranten
lichungsorientierten Lebensstils gestiftet. darstellen. Gut situierte und gebildete Migranten
Schließlich ist das dritte gemeinsame Merkmal werden von den einheimischen Kosmopoliten als
beider Heimatvorstellungen die sozialräum­liche unproblematisch empfunden, sozial schwache
Exklusivität, also die Schließung des Lebens- und gering qualifizierte hingegen kommen in den
raums gegenüber unerwünschten Zuwanderern. privilegierten Quartieren gar nicht erst vor. Des-
Unterschiedlich sind lediglich die Formen der halb werden sie von den Bewohnern der kulturell
Grenzziehung wie auch die Gruppen, die jeweils homogenen Milieus auch nicht als Konkurrenten
als unerwünscht betrachtet werden – Touristen, um begehrte Güter wie gesellschaftliche Macht-
Asylsuchende oder Städter. Die Verfechter des positionen, Arbeitsplätze, günstigen Wohnraum,
Heimat-als-Schicksal-Modells verteidigen Hei- Sexualpartner, Sozialleistungen oder staatliche
mat im Modus politischer Grenzen. Begründet Zuwendungen wahrgenommen.
wird die soziale Exklusivität mit der Notwen- Das erklärt auch, warum sich Kosmopoli-
digkeit, Zusammenhalt und Identität der Ge- ten für gewöhnlich nicht von Migranten irritie-
meinschaft gegenüber Zuwanderern aus fremden ren lassen. Für Kosmopoliten in Berliner Bezir-
Kulturen zu schützen. Die Beziehung zwischen ken wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg, die
zumeist über exklusive Lebensräume und höhe-
19 Vgl. Cornelia Koppetsch, Die Wiederkehr der Konformität.
re Gehälter verfügen, besitzen fremdenfeindli-
Streifzüge durch die verunsicherte Mitte, Frank­furt/M.–New York che Anwandlungen schlicht keine lebensweltli-
2013, S. 93 ff. che Grundlage. Migranten – sofern sie nicht auch

22
Nation und Nationalismus  APuZ

zur gehobenen Mittelschicht gehören – kommen bensgrundsätze, sondern Ausdruck neuartiger


in dieser Welt zumeist als „Diener“ vor, 20 das Spaltungen innerhalb einer sich transnationalisie-
heißt als Wachschützer, Verkäuferin, Paketfah- renden Gesellschaft, die sich an der Trennungs-
rer, Kellnerin oder Hilfsarbeiter – oder eben in linie zwischen Globalisten und Nativisten oder
der Rolle hilfsbedürftiger „Flüchtlinge“. Als An- Kosmopoliten und Heimatverbundenen entzün-
gehörige eines neuen Dienstleistungsproletari- det. Sie verläuft dabei zwischen solchen Men-
ats 21 haben Migranten zwar ihren Arbeits-, aber schen, die alle Vorteile der Freizügigkeit genie-
eben nicht ihren Lebensmittelpunkt in den Vier- ßen, ihrerseits problemlos überall hin migrieren
teln der kosmopolitischen Mittelschicht. Soll- können, die Nachteile der Zuwanderung in die
ten Zuwanderer dennoch einmal Anlass zu Irri- eigene Region jedoch für gewöhnlich nicht zu
tationen geben, etwa weil Migrantenkinder mit spüren bekommen, und solchen Menschen, de-
Sprachschwierigkeiten aus dem Globalen Sü- ren Existenz auf der Zugehörigkeit zu einer be-
den oder aus „Gastarbeiterfamilien“ in die glei- stimmten Region basiert, die über geringe oder
che Schule gehen wie der hoffnungsvolle Nach- keine Ausweichmöglichkeiten verfügen und die
wuchs der gebildeten Besserverdiener, reagieren sich den negativen Folgen von Zuwanderung, wie
die betroffenen Eltern nicht selten mit der still- etwa Lohnkonkurrenz, Integrationsproblemen
schweigenden Wiederherstellung der räumlichen oder nachlassender kultureller Homogenität und
Trennung, indem sie ihre Kinder von den betref- Vertrautheit, ausgesetzt sehen.
fenden Einrichtungen abmelden und sie in ex- Daraus resultieren neuartige Ungleichheits-
klusive oder gleich in private Schulen schicken. 22 konflikte, wie sie gegenwärtig prominent in den
Für zukünftige Familien wird das vermutlich gar von populistischen Rechtsparteien angestoßenen
nicht mehr nötig sein, da die polarisierende so- beziehungsweise instrumentalisierten Konflikten
zialräumliche Segregation in attraktive Wohnge- um Migration und Asyl ebenso wie in den De-
genden und problematische Stadtteile mit hohen batten um die Bedeutung nationaler Souveränität
Migrantenanteilen mittel- bis langfristig ohnehin und Identität aufbrechen: 23 Drehte sich der poli-
für weitgehend homogene Schülerschaften sor- tische Konflikt in der zweiten Hälfte des 20. Jahr-
gen wird. Schulen in unterprivilegierten Quar- hunderts noch um die Forderung, den produ-
tieren besitzen schon heute Migrantenanteile zierten Reichtum innerhalb der Nationalstaaten
von bis zu 80 Prozent, während die Schulen in gerechter zu verteilen und die Ungleichheit der
den Quartieren der akademischen Mittelschicht Chancen zwischen den sozialen Klassen zu be-
nahezu ohne Kinder mit Migrationsgeschichte kämpfen, so resultiert der zu Beginn des 21. Jahr-
auskommen. hunderts aufkeimende Konflikt aus der viel
grundlegenderen Frage, welche gesellschaftlichen
ZUR TRANSNATIONALISIERUNG Kollektive, welche ethnischen, religiösen oder so-
VON KLASSENSTRUKTUREN zialen Gruppen im politischen Raum des Natio-
nalstaates überhaupt noch repräsentiert werden.
Worauf kann die Unterschiedlichkeit der Hei- Die Brisanz dieser Frage ergibt sich daraus, dass
matvorstellungen in den beiden Klassenfrakti- sich Gesellschaften bereits weitgehend aus der
onen der Mittelschicht zurückgeführt werden? Klammer des Nationalstaates herausgelöst und
Sichtbar wird, dass der Streit um die Heimat kei- die Welt in globale, nationale und lokale Zonen
ne Marginalie darstellt, sondern im Zentrum klas- aufgeteilt haben.
senspezifischer Konflikte um Lebensformen und Der Nationalstaat ist schon längst kein sou-
gesellschaftliche Deutungshoheiten steht. Die veräner Wirtschaftsraum mehr. 24 Dazu ha-
unterschiedlichen Konzepte von „Heimat“ sind, ben einerseits die Etablierung globaler Produk-
anders als zumeist geglaubt, keine bloßen Glau- tions- und Lieferketten und andererseits die
Entwicklung neuer Kommunikationstechnolo-

20 Vgl. Christoph Bartmann, Die Rückkehr der Diener. Das neue


Bürgertum und sein Personal, München 2016. 23 Dazu u. a. Arjun Appadurai, Die Geographie des Zorns,
21 Vgl. Philipp Staab, Macht und Herrschaft in der Servicewelt, Frank­furt/M. 2009; Ivan Krastev, Europadämmerung. Ein Essay,
Hamburg 2014. Berlin 2017.
22 Vgl. Heinz Bude, Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft 24 Vgl. u. a. Robert B. Reich, Die neue Weltwirtschaft. Das Ende
spaltet, Hamburg 2013. der nationalen Ökonomie, Frank­furt/M.–Berlin 1993.

23
APuZ 48/2018

gien beigetragen. 25 Die Herausbildung eines eu- weniger allein im eigenen Land entschieden. Eine
ropäischen Wirtschafts- und Währungsraums Unternehmensberaterin in Frankfurt am Main,
hat die ökonomische Souveränität der Natio- ein Investmentbanker in London oder eine Archi-
nalstaaten zusätzlich geschwächt. Aber nicht tektin in Taiwan bewohnen einen gemeinsamen
nur wirtschaftliche Wertschöpfungsketten, auch Verkehrs- und Transaktionsraum, selbst wenn
politische Steuerungskonzepte haben die na- sie sich nie persönlich begegnet sind und stets in-
tionalstaatlichen Grenzen in vielerlei Hinsicht nerhalb ihrer Länder verbleiben. Häufig teilen
transzendiert. Während die Politik des Steue- die transnationalen Experten, die sich vorrangig
rungs- und Wohlfahrtsstaates der Industriemo- in den Beratungs-, Finanz- und Kulturindustrien
derne eng an den Nationalstaat gekoppelt war, ist finden, nicht nur eine gemeinsame professionelle
der Bedeutungsverlust nationaler Regulierung in Identität, sondern eben auch einen gemeinsamen
der postindustriellen Gesellschaft einerseits mit kosmopolitischen Lebensstil, der aus dem Leben
dem Aufschwung supranationaler Steuerungs- in globalen Metropolen resultiert. 27 Die global ci-
instanzen und andererseits mit einem Bedeu- ties stellen gewissermaßen kosmopolitische En-
tungsgewinn politischer Akteure unterhalb der klaven dar, die in allen Ländern der Welt ähnliche
nationalen Ebene verbunden. Dabei spielen die Infrastrukturen und Konsumkulturen aufwei-
Städte, vor allem die Großstädte und Metropol- sen. Zudem sind die unterschiedlichen Territo-
regionen, als Brennpunkte globaler Investitionen rien durch ökonomische Austauschbeziehungen
eine Schlüsselrolle. und durch das Internet miteinander verbunden.
Die Zugehörigkeit zu sozialen Klassen ent- Dadurch werden sich ihre Lebensbedingungen
scheidet sich nun immer häufiger an der Frage, ob zukünftig noch stärker international angleichen.
soziale Schicksale primär durch regionale, natio- Das Zugehörigkeitsgefühl der kosmopolitischen
nale oder transnationale Vergesellschaftungsprin- Mittelschicht zur eigenen Nation dürfte sich da-
zipien geprägt werden. Es entstehen neue trans- bei in demselben Maße lockern, wie ihre trans-
nationale Klassen, wobei Transnationalisierung nationale Verflechtung innerhalb der global cities
nicht immer ein Vorteil darstellt. Diese ist auch zunimmt. Auch der neue Urbanismus hat sich
nicht mit Migration oder Plurilokalität gleich- zunehmend transnationalisiert. Wer sich in die
zusetzen, da viele grenzüberschreitende Prozes- Metropolen anderer Länder, etwa nach Shanghai,
se durch einzelne Nationen hindurchgreifen und Bangkok oder London begibt, findet überall eine
somit regionale, nationale oder transnationalisier- vergleichbare urbane Geografie von In-Vierteln,
te Lagen unter dem Dach ein und desselben Nati- gentrifizierten Stadtteilen, Museen, Theatern und
onalstaates beherbergt sind. Die hochqualifizier- Kulturdenkmälern.
ten und gut bezahlten Arbeitnehmer der urbanen Wie gesagt: Transnationalisierung ist nicht
akademischen Mittelschicht stellen gemeinsam mit Migration gleichzusetzen. Auch „sesshafte“
mit den an der gesellschaftlichen Spitze angesie- Künstler, IT-Fachkräfte, Wissenschaftlerinnen,
delten globalen Eliten 26 das transnationale Oben Architekten, Sportlerinnen oder politische Bewe-
dar. Sie verfügen über global einsetzbares kultu- gungen bewegen sich auf transnationalen Märk-
relles Kapital, transnational verwertbare Bildung ten der Kulturgüter- und Aufmerksamkeitsin-
und anerkannte Qualifikationen und sind in dem dustrien und sind in multiple geografische und
Maße eher lose mit dem nationalen Wirtschafts- wirtschaftliche Kontexte eingebunden. 28 Zwar
und Gesellschaftsraum verbunden wie ihre trans- lebt aktuell nur eine Minderheit tatsächlich trans-
nationale Verflechtung in den globalen Metropo- national in dem Sinne, dass sie sich geografisch
len zunimmt. Über ihre soziale Lage wird immer flexibel über Grenzen hinwegbewegt und sowohl
ihre Karrieren als auch ihre Beziehungen lang-
25 Die alten Produktionssysteme des Konzernkapitalismus wurden
fristig plurilokal gestaltet. Für viele Angehörige
in Einzelteile zerlegt und rund um den Erdball neu aufgebaut, wo der urbanen Mittelschicht stellt eine internationa-
immer sich Produkte am besten oder am billigsten fertigen lassen. le Berufstätigkeit jedoch schon heute zumindest
Eine globale Kultur- und Wissensindustrie hat zur Erweiterung von
Absatzmärkten für Kulturgüter beigetragen. Eine weltweite Kon-
kurrenz um einerseits die billigsten und andererseits die fähigsten 27 Vgl. Saskia Sassen, Metropolen des Weltmarkts. Die neue
Arbeitskräfte ist entfacht worden. Rolle der Global Cities, Frank­furt/M.–New York 1996.
26 Vgl. Leslie Sklair, The Transnational Capitalist Class, Oxford 28 Vgl. Anja Weiß, Soziologie globaler Ungleichheiten, Berlin
u. a. 2001. 2017, S. 167.

24
Nation und Nationalismus  APuZ

eine Option dar. Weltläufigkeit ist zu einem As- einrichtungen und sozial homogener Stadtvier-
pekt sozialer Lagen geworden, der die Identifika- tel meist unter sich bleiben. Die transnationalen
tion mit dem Nationalstaat schwächt. Das zeigt Experten bewegen sich nicht länger in nationa-
sich nicht zuletzt an dem enormen Stellenwert, len Wirtschafts- und Wohlfahrtsräumen, weshalb
den die gehobene Mittelschicht internationalen ihre Identifikation mit dem Nationalstaat und sei-
Bildungsangeboten zuschreibt. 29 Das frühe Er- nen Einrichtungen geschwächt wird. 32
lernen wichtiger Sprachen (in Deutschland nach Auf der anderen Seite entsteht ein „trans-
wie vor Englisch, in den USA inzwischen Chine- nationales Unten“. Hier finden sich Gering-
sisch), längere Auslandsaufenthalte während der verdiener aus unterschiedlichen Weltregionen,
Schul- oder Studienzeit sowie internationalisierte gering- und de-qualifizierte einheimische Ar-
Bildungsabschlüsse dienen als Distinktionsmerk- beitnehmer und Migranten aus Entwicklungs-
male, in die Jahr für Jahr erhebliche Summen in- und Schwellenländern als modernes transnatio-
vestiert werden. 30 nales Dienstleistungsproletariat wieder. Für die
Entsprechende Wanderungsbewegungen sind einheimischen Arbeitnehmer in den Ländern
kein Privileg der reichen Länder der Nordhalb- des Globalen Nordens entstehen daraus teilwei-
kugel, sondern auch in den Ober- und Mittel- se gravierende Nachteile, weil ihre Löhne an die
schichten ärmerer Länder schon länger etabliert. 31 niedrigeren internationalen Maßstäbe angegli-
Ohnehin orientieren sich die Bildungssysteme chen werden. 33 Für sie funktioniert die „soziale
in vielen Ländern des Globalen Südens an den Rolltreppe“ in die Mittelschicht nun nicht mehr,
Strukturen des kolonialen „Mutterlandes“ und da sie als Arbeitnehmer innerhalb eines transnati-
bieten so von vornherein eine mehrsprachige onalen Wirtschaftsraums faktisch nicht mehr un-
und international ausgerichtete Bildung. Vor al- ter dem Dach ihrer heimischen Volkswirtschaft
lem unter den Eliten der ärmeren Länder hat eine angesiedelt sind, selbst wenn sie als Staatsbürger
transnationale Ausrichtung als Aufstiegsschneise weiterhin über alle politischen Rechte verfügen.
eine lange Tradition. Die Herausbildung des „transnationalen Unten“
wird durch zwei komplementäre Prozesse voran-
TRANSNATIONALES OBEN getrieben: Einerseits werden geringqualifizierte
UND UNTEN, NATIONALE Arbeitsplätze aus der Produktion in sogenannte
MITTELSCHICHT Niedriglohnländer ausgelagert, wodurch Unter-
nehmen ein Drohpotenzial in der Hand haben.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Transnatio- Andererseits wandern Arbeitsmigranten aus är-
nalisierungsprozesse die sozialräumliche Auto- meren Ländern in Hochlohnländer ein und bie-
nomie privilegierter Schichten erhöhen und die ten die gleiche Arbeit günstiger an. Die polnische
Bindungen an den Nationalstaat lockern. Den Altenpflegerin, der Wachschützer aus Sri Lanka
transnationalen Akteuren steht frei, sich dort nie- oder die Haushaltshilfe aus Mexiko machen den
derzulassen, wo sie die besten Arbeits- und Le- einheimischen Arbeitnehmern Konkurrenz und
bensbedingungen vorfinden. Folglich sind sie setzen dabei nicht zuletzt die Gruppe der Ge-
schwerer zu motivieren, sich an der Produktion ringqualifizierten verstärkt unter Druck.
von Kollektivgütern innerhalb ihrer Nation zu be-
teiligen, um etwa das politische und soziale Leben 32 Dazu u. a. schon Ralf Dahrendorf, Die globale Klasse und die
zu verbessern und allgemeine Wohlfahrtsinstitu- neue Ungleichheit, in: Merkur 11/2000, S. 1057–1068; Richard
tionen herauszubilden. Ihr Leben spielt sich zu- Münch, Das Regime des liberalen Kapitalismus: Inklusion und
meist in städtischen Arealen ab, die an sich schon Exklusion im neuen Wohlfahrtsstaat, Frank­furt/M.–New York 2009.
33 Vgl. Martin Werding/Marianne Müller, Globalisierung und
transnationale Räume darstellen und in denen sie
gesellschaftliche Mitte. Beobachtungen aus ökonomischer Sicht, in:
dank privat finanzierter Bildungs- und Freizeit- Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Zwischen Erosion und Erneue-
rung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland. Ein Lagebericht,
Frank­furt/M. 2007, S. 103–161. Hier findet aktuell ein internatio-
29 Ebd., S. 95. naler Unterbietungswettbewerb um die niedrigsten Löhne und die
30 Vgl. Jürgen Gerhards/Silke Hans/Sören Carlson, Klassenlagen geringsten Arbeitnehmerrechte statt. Besiegelt wird der kollektive
und transnationales Humankapital. Wie Eltern der mittleren und Ausschluss der Geringverdiener aus den Mittelschicht-Milieus
oberen Klassen ihre Kinder auf die Globalisierung vorbereiten, durch die „Krise des Wohlfahrtsstaates“, der ihre Einkommens- und
Wiesbaden 2016. Statusverluste beziehungsweise ihr „Überflüssigwerden“ nicht mehr
31 Vgl. Weiß (Anm. 28), S. 95 ff. auffängt.

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APuZ 48/2018

Zwischen dem „transnationalen Oben“ aus Oberschicht, während die in den Regionen und
Eliten und oberer Mittelschicht und dem „trans- Kleinstädten angesiedelte mittlere und untere
nationalen Unten“ befindet sich nun die in den Mittelschicht noch im nationalen Wirtschafts-
nationalen Wirtschafts- und Wohlfahrtsraum ein- und Wohlfahrtsraum verankert ist und ein In-
gebundene untere Mittelschicht, deren Wohl- teresse an dessen Stärkung, notfalls auch durch
standsniveau vorläufig weitgehend von inner- Abkopplung von der Globalisierung, hat. Hei-
staatlichen und nationalen Institutionen geprägt mat erscheint nicht wenigen von ihnen unter die-
wird und für die die Staatsangehörigkeit in ei- sen Vorzeichen als etwas, das verteidigt werden
nem reichen nationalen Wohlfahrtsstaat ein er- muss – zur Not mit Klauen und Zähnen.
hebliches Privileg darstellt. Doch dieser Teil der
Mittelschicht verliert zunehmend seinen Einfluss Der Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete
auf die Geschicke des Landes. Über Lebenschan- Version von: Cornelia Koppetsch, In Deutschland
cen und Ressourcenzuteilungen entscheiden im- daheim, in der Welt zuhause? Alte Privilegien und
mer weniger die klassischen Anwälte der Mit- neue Spaltungen, 22. 12. 2017 www.soziopolis.de/
te, wie etwa die Gewerkschaften oder die lange beobachten/gesellschaft/artikel/​in-deutschland-
Zeit etablierten Volksparteien, sondern globa- daheim-in-der-welt-zu-hause.
le Wirtschaftsverflechtungen sowie supra- oder
transnationale Einrichtungen. Es zeichnet sich CORNELIA KOPPETSCH
somit immer deutlicher eine zentrale Spaltungs- ist Inhaberin der Professur für Geschlechter­
achse innerhalb der Mittelschicht ab: Die akade- verhältnisse, Bildung und Lebensführung an der
misch ausgebildete urbane Mittelschicht entwi- TU Darmstadt.
ckelt sich zunehmend zu einer transnationalen koppetsch@ifs.tu-darmstadt.de

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Nation und Nationalismus  APuZ

POSTNATIONALE POTENZIALE
Praktiken jenseits der Nation
Sina Arnold · Sebastian Bischoff · Jana König

Der Nationalstaat, so ist in wissenschaftlichen Portion staatlicher Politik – und Gewalt. Lange
wie öffentlichen Diskussionen seit Anfang des herrschten Formen nationaler Indifferenz vor: 05
Jahrtausends oft zu hören, sei an sein histori- Noch vor hundert Jahren war für viele in Europa
sches Ende gelangt. Popularisiert wurde dies in unverständlich, welcher Nation sie zugeord-
der Vorstellung, die Politik werde von den mul- net waren – vom Weltmaßstab ganz zu schwei-
tinationalen Konzernen ihrer Richtlinienkom- gen. Die Nation war lange Zeit abwegig. So ab-
petenz beraubt. Zunehmend gewinnt die völ- wegig wie heute das Denken jenseits der Nation
kische Variante Zulauf, etwa in der Kritik des ­erscheint.
AfD-Politikers Björn Höcke, Staaten seien zu Doch dem Aufstieg rechtspopulistischer bis
„Wurmfortsätzen global agierender Konzer- -extremer Parteien und ethnoseparatistischer
ne gemacht“ worden. 01 Doch die von dem Phi- Bewegungen werden in den vergangenen Jah-
losophen Jürgen Habermas und anderen für ren neue Versuche entgegengestellt, jenseits
das 21. Jahrhundert antizipierte „postnationale der Nation zu denken. Vielfach geschieht dies
Konstellation“ ist nicht eingetreten, es ist kein in Form einer angestrebten Europäisierung,
„kosmopolitisches Empire“ (Ulrich Beck) ent- etwa durch die zivilgesellschaftliche „Pulse of
standen. Dies zeigt sich zum einen daran, dass Europe“-Bewegung oder durch die „European
es weiterhin Nationalstaaten sind, die in interna- Alternatives“, einem Zusammenschluss von In-
tionalen Vereinbarungen und Organen als insti- tellektuellen sowie Aktivistinnen und Aktivis-
tutionalisiertes nationales Interesse den (recht- ten, der sich seit 2007 für „Demokratie, Gleich-
lichen) Rahmen schaffen, in dem Konzerne heit und Kultur jenseits des Nationalstaates“
agieren. einsetzt.
Zum anderen ist aktuell eine Re-Nationali- Auch in der Wissenschaft sind vermehrt
sierung innerhalb Europas zu beobachten, die Stimmen zu vernehmen, die statt der Re- eine
eher auf postdemokratische Verhältnisse als auf De-Nationalisierung einfordern: So konstatierte
eine Auflösung von Nationalstaaten verweist. die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot un-
Hier ist die Nation das Natürliche, Organische längst „Wir brauchen die Nation nicht mehr“. 06
oder, wie es die extrem rechte Zeitschrift „Sezes- Gemeinsam mit dem Schriftsteller Robert Me-
sion“ formuliert, die „natürliche Ordnung“, 02 nasse forderte sie, jeder Mensch müsse „in Zu-
die „in allen, in jeder einzelnen Person substan- kunft das Recht haben, nationale Grenzen zu
tiell anwesend“ sei. 03 Nichts weiß die nationale durchwandern und sich dort niederlassen kön-
Rechte hingegen davon, dass die Nationswer- nen, wo er will“. 07 Der Wirtschaftsnobelpreis-
dung eine lange Entwicklung durchlief, vielmehr träger und Yale-Professor Robert J. Shiller sah
sieht der nationale Mythos in den Nationalbe- die Welt im Herbst 2016 gar kurz „vor der anti­
wegungen lediglich das Erwachen dessen, was nationalen Revolution“. 08 Derartige Suchbe-
schon immer in der Menschenseele schlummerte. wegungen fassen wir im Folgenden mit dem
Doch in Wahrheit handelt es sich keineswegs um Begriff des „Postnationalen“. Er kann an ver-
einen automatischen, quasi teleologischen Pro- schiedene theoretische Debatten – etwa um
zess. 04 Wie die Nationalismusforschung aufzeigt, Begriffe wie „Global Citizenship“, „Kosmo-
brauchte die Herstellung des heute als natürlich politismus“ oder „Konvivialismus“ – in Sozi-
erscheinenden Zustandes, dass jeder Mensch ei- alwissenschaften oder der Migrationsforschung
ner Nation angehört und sich meist ihr auch zu- anknüpfen, speist sich aber vor allem auch aus
geneigt zeigt, sehr viel Zeit und eine gehörige aktuellen Praktiken.

27
APuZ 48/2018

MIGRATIONSBEWEGUNGEN UND von dem die ungarische Regierung sie nicht


„KLEINE KOSMOPOLITISMEN“ weiterreisen ließ, zu Fuß über Österreich nach
Deutschland auf. Im Sinne einer „Autonomie
Die nationalstaatliche Form hat sich inzwischen der Migration“ (Manuela Bojadžijev/Sandro
zwar global durchgesetzt, dennoch zeigt sich Mezzadra) fanden in diesem kurzen Zeitfens-
auch heute, dass an ein „Du bist Deutschland“ – ter Geflüchtete nicht nur mehr Schlupflöcher
so der Titel einer nationalen Marketing-Kampag- an den Grenzen, sondern destabilisierten so-
ne aus dem Jahr 2005 – stets wieder appelliert wer- gar kurzzeitig Grenzpolitiken als solche. 09 Ihre
den muss. Denn die Nation wird immer wieder kollektive Bewegung evozierte schließlich die
verunsichert, schließlich behauptet sie Einheit, Entscheidung Angela Merkels am 4. September
wo realiter gerade entlang von Klassenstruk- 2015, die deutsch-österreichische Grenze für sie
turen fragmentierte Gesellschaften existieren. zu öffnen. Wenig später wurde der von vielen als
Neben regionalen separatistischen Bestrebun- staatlicher Kontrollverlust wahrgenommene Zu-
gen – etwa in Katalonien oder Schottland –, die stand aufgehoben, als an den Binnengrenzen des
Aushandlungsprozesse innerhalb der nationalen Schengen-Raumes zeitweise wieder Grenzkon­
Form darstellen, wird dies durch nichts deutli- trollen stattfanden.
cher veranschaulicht als durch Migration. Nicht Im Herbst 2015 stellten sich nationalstaatli-
ohne Grund kam es im Sommer 2015 im Zuge che und europäische Binnengrenzen als Reakti-
der großen Fluchtbewegungen zu Diskussionen on auf die Migrationsbewegungen also als fluide
um zentrale Leitbilder und Selbstverständnis- dar und gleichzeitig die in der Vergangenheit er-
se der Nation. Die Realität und Selbstverständ- langte europäische Grenzenlosigkeit im Schen-
lichkeit von (Flucht-)Migrationsbewegungen gen-Raum als fragil. Die erneute Schließung ver-
stellten eine Herausforderung für europäische deutlicht, dass Migrationsbewegungen sicherlich
Länder dar. Denn nur ein Staat oder ein Staaten- nicht automatisch eine postnationale Welt her-
verbund, der über die eigene Grenze verfügt und stellen. Aber sie zeigen doch immer wieder, und
damit Einwanderung kontrollieren kann, besitzt zwar unabhängig von der subjektiven Motivation
die behauptete Souveränität. An den Grenzen der Teilnehmenden, dass Grenzziehungen histo-
Deutschlands, Österreichs, Mazedoniens und risch konstruiert und kontingent sind – und so-
anderswo unterwanderten Geflüchtete jedoch mit auch veränderbar.
kollektiv die staatlichen Regulierungsversuche Im Herbst 2015 geschah allerdings noch mehr:
und stellten somit zeitweise ein ordnungspoliti- Als Geflüchtete beim „March of Hope“ kollektiv
sches Problem dar. die österreich-ungarische Grenze überquerten,
Beim sogenannten March of Hope mach- trugen sie eine Europaflagge. Dabei wurde nicht
ten sich Tausende vom Budapester Bahnhof, nur der Staatenverbund an seine eigenen propa-
gierten normativen Werte erinnert und an die-
01 Vgl. Matthias Hamann, Das sind die Frontverläufe unserer se appelliert, sondern geflüchtete Menschen aus
Zeit, 30. 11. 2017, www.welt.de/politik/deutschland/171092617. Kriegs- und Krisenregionen forderten Zugehö-
02 Vgl. Wolfgang Dvorak-Stocker, Mythen – das emotionale rigkeit ein und proklamierten ihre Mitgliedschaft,
Fundament der Nationen, in: Sezession 31/2009, S. 18–21.
trotz des formalen Ausschlusses durch Staatsbür-
03 Vgl. Roland Woldag, Volk, Nation & Volkstod, 9. 2. 2016,
www.sezession.de/53084.
gerschaft (citizenship). Sie hinterfragten damit na-
04 Vgl. Henning Fischer et al., Zwischen Ignoranz und Inszenie- tionalstaatlich begrenzte Konzepte von Teilhabe
rung. Die Bedeutung von Mythos und Geschichte für die Gegen- und Bürgerrechten. Diese „Europäisierung von
wart der Nation, Münster 2012. außen“ mahnte an die Werte der ad acta geleg-
05 Vgl. zu der Debatte entlang dieses Begriffs Tara Zahra,
ten postnationalen Konstellation und stellte sie
Kidnapped Souls. National Indifference and the Battle for Children
in the Bohemian Lands 1900–1948, Ithaca 2008; James E. Bjork,
gleichzeitig ein Stück weit her.
Neither German nor Pole. Catholicism and National Indifference in Migration hat aber nicht nur das Potenzial,
a Central European Borderland, Ann Arbor 2008. nationalstaatliche Grenzen von außen porös zu
06 Vgl. Ulrike Guérot, Wir brauchen die Nation nicht mehr, machen. Sie stellt ihre Selbstverständlichkeiten
2. 5. 2017, www.derstandard.at/2000056814520.
07 Vgl. Ulrike Guérot/Robert Menasse, Grenzen abschaffen und
laufen lassen, 14. 2. 2016, www.taz.de/!5276412. 09 Entsprechende Berichte finden sich auch von Regierungsseite,
08 Vgl. Robert J. Shiller, Vor der antinationalen Revolution, vgl. etwa Christian Eckl, Dann kommen sie über die grüne Grenze
26. 9. 2016, www.sueddeutsche.de/politik/-1.3179396. wieder, 14. 9. 2015, www.welt.de/politik/deutschland/146404047.

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Nation und Nationalismus  APuZ

auch von innen infrage, durch Lebensrealitäten, mopolitismus von unten“ 11 sprechen, der – im
die nicht mehr an Herkunft oder Nation gebun- Gegensatz zum Weltbürgertum der westlichen
den sind, sondern sich multilokal verorten. So ist Ersten Moderne seit der Aufklärung – aller-
es nicht ungewöhnlich, dass Geflüchtete aus Da- dings weniger ideologisch und utopisch geprägt
maskus sich auf ihrer Flucht über einen länge- ist. 12 Statt eines „Großen Kosmopolitismus“ 13
ren Zeitraum in der Türkei aufhalten, die Sprache geht es um den Einbezug von lokal spezifischen
lernen und Kontakte knüpfen, die sie auch nach Praktiken und Wissen, die demokratische Teil-
ihrer Ankunft in Deutschland aufrechterhalten. habe in den Mittelpunkt stellen. Diese „kleinen
Möglicherweise stellt Berlin ihren neuen Lebens- Kosmopolitismen“ bleiben in lokal, historisch
mittelpunkt dar: Hier machen sie sich selbststän- und soziopolitisch spezifische Verhältnisse ein-
dig, und ihre Kinder gehen in den Kindergarten gebettet; sie beschreiben eher eine Realität des
oder zur Schule. Zugleich pflegen sie weiterhin alltäglichen Zusammenlebens als ein normatives
intensive soziale Beziehungen zu Freunden und Ideal.
Familie in Syrien oder der Türkei und zu ande- Aktuelle Migrationsbewegungen stellen also
ren Verwandten, die etwa in die USA oder nach die nationalstaatliche Form aus zwei Richtungen
Schweden geflohen sind. Neben der lokalen Ein- infrage: von außen, durch die Realität gegenwär-
gebundenheit in Berlin werden parallel trans- tiger Formen von Flucht- und Arbeitsmigration,
nationale Bezüge erhalten, soziopolitische wie und von innen, durch die damit einhergehenden
kulturelle Verbundenheit erstreckt sich über ver- veränderten Identitäten. Hier scheinen postnati-
schiedene Länder. onale Praktiken auf, wenn auch weniger als ex-
So entstehen neue soziale Räume, die als plizites politisches Projekt denn vielmehr als oft-
postnational charakterisiert werden können. Sie mals individueller und zufälliger Ausdruck einer
verweisen auf Veränderungen in globalen Mig- soziokulturellen Kondition.
rationsbewegungen, bei denen Migration immer
seltener die unidirektionale, lineare Wanderung STÄDTE
von Land A nach Land B mit anschließender DER ZUFLUCHT
dauerhafter Niederlassung bedeutet. Stattdessen
finden sich Formen von Pendelmigration – etwa Daneben existieren aber auch postnationale
das dauerhafte Leben zwischen Istanbul und Praktiken, die geplant und kollektiv, als politi-
Essen, zwischen New York und Berlin – oder sches Projekt, vollzogen werden. Ein Beispiel
von Zirkelmigration – von Afghanistan über sind die seit den 1970er Jahren in den USA und
mehrere Jahre im Iran nach Deutschland und Kanada zahlreich entstandenen sogenannten
zurück nach Afghanistan. Beides hat weitrei- sanctuary cities oder Städte der Zuflucht – da-
chende Auswirkungen, etwa auf transnationali- runter New York, Los Angeles oder Toronto –,
sierte Familienkonstellationen, die im Rahmen die auf Grundlage eines Spannungsverhältnisses
globaler Betreuungsketten (care chains) entste- der Kommunen gegenüber dem Nationalstaat
hen. Formen von flexibilisierter Bürgerschaft existieren: Als Orte der Durchsetzung national-
gehen einher mit Veränderungen auf der Ebe- staatlicher Politik sind Kommunen einerseits
ne der Identifikation, wo – entgegen der Vor- „zentraler Ort des Vollzugs der gesellschaftli-
stellung abgeschlossener kultureller Entitäten chen Grenzziehung zwischen erwünschten und
im Konzept des Multikulturalismus – hybride
Identitätsentwürfe das Selbstbild vieler junger
(Post-)Migranten und Migrantinnen prägen. 10 11 Arjun Appadurai, Cosmopolitanism from Below. Some Ethical
Lessons from the Slums of Mumbai, in: The Johannesburg Salon
Transnationalisierung ist also weniger eine Fra-
4/2011, S. 32–43. Vgl. auch Ulrich Beck/Edgar Grande, Europas
ge veränderter weltpolitischer Konstellationen, letzte Chance. Kosmopolitismus von unten, in: Blätter für deutsche
sie findet vielmehr in Alltagspraktiken statt. Mit und internationale Politik 9/2005, S. 1083–1097.
dem Ethnologen Arjun Appadurai kann man 12 Vgl. Regina Römhild, Aus der Perspektive der Migration.
bei derartigen Lebensstilen von einem „Kos- Die Kosmopolitisierung Europas, in: Das Argument 285/2010,
S. 50–59, hier S. 52, S. 58.
13 Lars Eckstein/Dirk Wiemann, Kleine Kosmopolitismen, in:
10 Vgl. Naika Foroutan/Isabel Schäfer, Hybride Identitäten – Roland Bernecker/Ronald Grätz (Hrsg.), Global Citizenship.
muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Perspektiven einer Weltgemeinschaft, Göttingen 2017, S. 44–52,
Europa, in: APuZ 5/2009, S. 11–18. hier S. 48.

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APuZ 48/2018

unerwünschten Zuwanderern“. 14 Andererseits etwa bis in das 19. Jahrhundert hinein das ius do-
sind sie aber auch die Orte, die auf einer sehr micilii, also ein von Gemeinden kontrolliertes
praktischen und somit pragmatischen Ebene Niederlassungsrecht.
mit der Tatsache umgehen müssen, dass Men- Überhaupt sollte nicht vergessen werden,
schen ohne Aufenthaltstitel Teil des alltäglichen dass das, was wir heute als weltweit standardi-
Lebens sind. Dies ist wichtig in Hinblick auf das siertes Passwesen kennen, keine 100 Jahre alt ist
Wohlbefinden aller Bewohner und Bewohner­ und bei seiner Entstehung 1920 durchaus um-
innen und geschieht somit auch aus ordnungs- stritten war. In der Resolution der Tagung des
politischem Eigeninteresse der Kommunen. Vor Völkerbunds, auf der der moderne Reisepass aus
diesem Hintergrund verschaffen sanctuary cities der Taufe gehoben wurde, hieß es sogar, man er-
den dort lebenden Menschen unabhängig von hoffe in der näheren Zukunft die totale Abschaf-
Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus Zu- fung von Reiseeinschränkungen. Und noch 1926
gang zu kommunalen Institutionen und Dienst- forderte der Vertreter der Internationalen Han-
leistungen, etwa in Form eines kommunalen delskammer auf der Passkonferenz des Völker-
Personalausweises. 15 Dies kann auch bedeuten, bundes, die Abschaffung von Pässen zu erwä-
Informationen zum Aufenthaltsstatus nicht an gen – die öffentliche Meinung würde dies sicher
Ausländerbehörden weiterzugeben oder proak- als einen Schritt in die richtige Richtung wahr-
tiv Asylsuchenden Zuflucht anzubieten. Diese nehmen. 16 Auch nach dem Zweiten Weltkrieg
Städte, die auch in Europa im Entstehen sind, fand sich diese Haltung bei den Vereinten Natio-
widersetzen sich also Vorgaben nationalstaatli- nen – was aktuell unvorstellbar erscheint, wurde
cher Politik. Sei es, wenn sie – wie etwa in Bar- damals angesichts der großen Anzahl von Staa-
celona – sich den niedrigen nationalen Quoten tenlosen breit diskutiert. 17 Dies zeigt, dass das
zur Aufnahme von Geflüchteten entgegenstel- heutige Modell von restriktiv regulierter Mobi-
len, oder – wie zahlreiche Städte der USA ins- lität der Menschen historisch eher eine Ausnah-
besondere nach der Wahl Donald Trumps – sich meerscheinung ist. Sanctuary cities sind ebenfalls
weigern, der Forderung nach Abschiebungen historisch gesehen die Regel: Stadtluft machte
nachzukommen. Auch wenn sich in Deutsch- bekanntlich schon früher frei.
land die Umsetzung von nordamerikanischen Versuche, solche Stadtpolitiken durchzuset-
Modellen aufgrund divergierender föderaler zen, stellen dabei die Nation und damit einherge-
Politiken schwierig gestaltet, gibt es doch auch hend auch nationale Identitäten von zwei Seiten
hier einige Beispiele aus der Praxis, wie etwa infrage: von Seiten der Kommunen, die Ord-
die Einführung einer Gesundheitskarte für Ge- nungsprinzipien teilweise unterlaufen und andere
flüchtete in einigen Bundesländern. Zugehörigkeitskriterien als die Staatsbürgerschaft
Indirekt angeknüpft wird in diesen Praktiken für ein kommunales Wir in den Mittelpunkt stel-
an das „Recht auf Stadt“, das der Soziologe Hen- len; und von Seiten der Subjekte, die Teilhabe ein-
ri Lefebvre propagiert hat und bei dem das Le- fordern, auf Grundlage ihrer Präsenz, nicht ihres
ben an einem Ort zu Mit- und Umgestaltung des- Passes.
selben berechtigen soll. Denkbar gemacht wird
damit auch ein anderes Verständnis von Staats- WIDERSPRÜCHE
bürgerschaft, dem eine Form der „Stadtbürger- DES POSTNATIONALEN
schaft“ entgegengesetzt wird. In einigen Städten
findet dies auch materiellen Ausdruck, werden Verschiedene Praktiken der transnationalen,
doch kommunale Ersatzdokumente ausgestellt. postmigrantischen Gegenwart, so wurde gezeigt,
Auch hierfür gibt es historische Vorläufer: Ne-
ben dem ius sanguinis und dem ius soli gab es 16 Vgl. Speranta Dumitru, When World Leaders Thought
You Shouldn’t Need Passports or Visas, 27. 9. 2016, theconver-
sation.com/when-world-leaders-thought-you-shouldnt-need-
14 Vgl. Albert Scherr/Rebecca Hofmann, Sanctuary Cities. Eine passports-or-visas-64847.
Perspektive für deutsche Kommunalpolitik?, in: Kritische Justiz 17 Vgl. Miriam Rürup, Von der Offenheit der Geschichte. Der
1/2016, S. 86–97 hier S. 88. Umgang mit Staatenlosigkeit und die weltbürgerliche Idee, in:
15 Vgl. Henrik Lebuhn, „Ich bin New York.“ Bilanz des kommu- Bernhard Gißibl/Isabella Löhr (Hrsg.), Bessere Welten. Kosmo-
nalen Personalausweises in New York City, Dezember 2016, www. politismus in den Geschichtswissenschaften, Frank­furt/M. 2017,
zeitschrift-luxemburg.de/kommunaler-perso-new-york-city. S. 71–102, hier S. 82.

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Nation und Nationalismus  APuZ

verweisen über das Nationale hinaus. Aber wie EU ließen sich Ausschlüsse zementieren und
das doing nation stellt sich auch das undoing na- die Indienstnahme der Bevölkerungen für Kon-
tion voller Widersprüche und Diskontinuitä- kurrenzverhältnisse – etwa gegen die USA oder
ten dar. Umso mehr, als dass das Nationale nahe China – begründen.
lag und liegt, schließlich verinnerlichen Subjekte Zweitens: Neben dieser Leerstelle, bei der
die objektiven Bedingungen einer Welt der Na- nicht jenseits der Nation gedacht, sondern die-
tionalstaaten, von deren Erfolg in der ökono- se lediglich erweitert wird, findet sich eine Hal-
mischen und politischen Konkurrenz auch ihre tung, die bestehende Machtverhältnisse sowie
Lebenssituation abhängt. Eine ähnliche Ten- die Materialität nationalstaatlicher Herrschaft
denz, die das undoing nation vorantreiben könn- zu wenig berücksichtigt. Wenn auch die oben
te, gibt es weder in ökonomischer noch in poli- genannten Bewegungen Konzepte nationa-
tischer Hinsicht. Theorien, die die dargestellten ler Zugehörigkeit durch gelebte Praxis konter-
Praktiken begleiten, weisen einige Leerstellen karierten und konterkarieren, so wurden diese
auf. Die drei Wichtigsten werden abschließend in vielen Fällen eingehegt: Die deutsche Gren-
problematisiert. ze wurde dichter, die Flüchtlingspolitik repres-
Erstens: Jede Vorstellung von Nation pro- siver. Unter gegebenen Bedingungen sitzt der
duziert strukturell – auf der Grundlage von Nationalstaat nicht nur diskursiv, sondern sehr
citizenship – Einschluss und Ausschluss und praktisch am längeren Hebel. Das zeigt sich
steht in einem wechselseitigen Abhängigkeits- auch in den ambivalenten Auswirkungen: So ist
verhältnis mit anderen Ausgrenzungsmecha- ein Effekt der sanctuary cities die Destabilisie-
nismen wie Rassismus, Sexismus oder Antise- rung von citizenship. Gleichzeitig war die Inten-
mitismus. 18 Entsprechend gälte es, bestehende tion, etwa in den Anfängen der 1970er Jahre in
Praktiken daraufhin zu analysieren, ob sie na- den USA, eine ordnungspolitische: die Senkung
tionale Identität infrage stellen oder bloß re- der Kriminalitätsraten durch das Herstellen von
konfigurieren beziehungsweise restabilisieren. Vertrauen in die Polizei auch bei Menschen, die
Kein modernisiertes oder erweitertes Konzept keinen legalen Aufenthaltsstatus haben. Auch in
nationaler Zugehörigkeit kann Grundlage für aktuellen Debatten argumentieren US-amerika-
eine postnationale Vision sein – das gilt auch für nische Polizeipräsidenten damit, dass die Krimi-
supranationale Institutionen wie die EU oder nalitätsrate durch den Status als sanctuary city
die Vereinten Nationen. Denn diese produzie- gesenkt würde. Während diese Städte also einer-
ren neue Ausschlüsse, Fremd- und Feindbilder seits das Nationale transzendieren, unterstützen
und stellen die nationalstaatliche Grundord- sie gleichzeitig – ob intendiert oder nicht – (nati-
nung der Welt nicht grundsätzlich infrage, son- onal)staatliche Ordnungspolitik. Das will nicht
dern erweitern diese lediglich um neue Zusam- die Möglichkeit bestreiten, dass hier postnati-
menschlüsse. Diese internationalen Modelle, onales Fühlen und Denken ermöglicht werden
das legt der Name schon nahe, wollen das Na- können, schafft aber zugleich einen realistische-
tionale verbinden, wie auch Pan-Bewegungen ren Blick auf diese Phänomene.
(so beispielsweise heute der Pan-Islamismus) Drittens: Für viele stellt der Nationalstaat
zwar die Grenzen von Nationalstaaten über- subjektiv einen Schutz dar, sie wähnen sich in
winden wollen, dabei durch eine Essentialisie- einer postnationalen Welt ohne soziale Siche-
rung kollektiver Identität allerdings meist neue rung. „Eine Welt ohne Grenzen und Nationen“
Ausschlüsse produzieren. Dies wäre auch zu er- sei eine privatisierte, wie es in der sozialistischen
warten, würde der Euroidealismus der „Pulse Zeitung „Neues Deutschland“ heißt: Die Men-
of Europe“-Bewegung – oder auch die Symbo- schen würden zu „global vagabundierende[n]
lik des „March of Hope“ – in politische Formen Lumpenproletarier[n], die in einem sozialen
gegossen werden: Auch mit der und durch die Unterbietungswettbewerb gegeneinander ausge-
spielt“ werden. 19 Und für den Linken-Politiker
Oskar Lafontaine ist „das Credo der multinatio-
18 Vgl. Étienne Balibar/Immanuel Wallerstein, Rasse – Klasse
– Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg–Berlin 1990; Klaus
Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Welt- 19 Vgl. Tobias Riegel, Sahra und der Aufstand der Easy-Jetter,
anschauung, Hamburg 2001; Nira Yuval-Davis, Geschlecht und 7. 12. 2017, www.neues-deutschland.de/artikel/1072479.linke-
Nation, Biel–Bienne 2001. und-fluechtlinge-sahra-und-der-aufstand-der-easy-jetter.html.

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APuZ 48/2018

nalen Konzerne ‚no nations, no border‘“. 20 Die- oasen nutzen – als Elitenprojekt charakterisiert
se Kritiker liegen auch nicht ganz falsch, stellt werden. In der gegenwärtigen nationalstaat-
doch die Forderung nach offenen Grenzen eine lich strukturierten Gesellschaftsformation heißt
Grundlage sogenannter neoliberaler Ideologie Staatenlosigkeit für die Mehrheit der Betroffe-
dar: Auf Kapitalverkehrsfreiheit müsse Perso- nen hingegen eine Verschlechterung der Lebens-
nenfreizügigkeit folgen. Ein prominentes Bei- bedingungen. Die Freiheit vom Nationalstaat
spiel hierfür stellt der eingangs erwähnte Robert bedeutet gegenwärtig auch die Abwesenheit von
J. Shiller dar, der in der „Süddeutschen Zeitung“ Rechten. Staatenlosigkeit, eine tatsächlich post-
die Welt vor einer „antinationalen Revolution“ nationale Existenz unter Geflüchteten und ande-
sah, da die historische Entwicklung zwangsläu- ren Prekären, ist also häufig von besonderen Zu-
fig die „wirtschaftliche Logik des Nationalstaats mutungen charakterisiert.
infrage stellen“ würde. 21 Der Zufall der Geburt Aus diesen Kritiken an gegenwärtigen post-
werde zunehmend unwichtiger, immer mehr nationalen Zugängen und Praktiken muss ihre
Menschen arbeiteten in multinationalen Unter- Erweiterung folgen: Wenn die – selbstgewählte
nehmen, und aufgrund sinkender Transport- oder von außen auferlegte – Verweigerung nati-
kosten und digitaler Arbeitsplätze könne jeder onalstaatlicher Zugehörigkeit materielle Folgen
an allen Orten seine Arbeitskraft zur Verfügung hat, dann kann sie nicht unabhängig von globa-
stellen. Dies kulminiert in Shillers Aussage: „In len ökonomischen Verhältnissen diskutiert wer-
einer idealen Welt müssen die Menschen nicht den. Das Postnationale als Elitenprojekt liegt
in ein anderes Land ziehen, um einen höheren darin begründet, dass bestimmte transnationale
Lohn zu erhalten. Letztlich müssen sie nur an Mobilitäten gefördert und ermöglicht werden,
der Produktion von Waren partizipieren, die in- andere hingegen begrenzt und verhindert. In den
ternational verkauft werden.“ Was sich für ihn gegenwärtigen postnationalen Praktiken gera-
lediglich als Chance für die gänzlich zum „Hu- ten die Ausgrenzungs- und Selektionsmechanis-
mankapital“ gewordenen Menschen darstellt, men, die jenseits von Anerkennung und Teilhabe
dürfte zumindest das wachsende Heer des Nied- stattfinden, aus dem Blick. Migrantische Anwe-
riglohnsektors ängstigen und keineswegs als senheit und kosmopolitische Alltagshandlungen
„ideale Welt“ erscheinen. mögen auch im Hier und Jetzt auf postnationa-
Die Abschaffung von Grenzen geht nicht le Momente verweisen, doch in einer kapitalis-
notwendigerweise mit progressiven politischen tischen Ökonomie sind es weiterhin Migran-
Ansichten einher. Dies zeigt sich auch in der ten, Frauen und vor allem migrantische Frauen,
angestrebten negativen Aufhebung von Nation die überproportional im Niedriglohnsektor und
durch islamistische Gruppen wie dem sogenann- hier im Bereich Pflege und Haushalt tätig sind.
ten Islamischen Staat: Eine verklärte Vergangen- Um postnationale Entwürfe vom Makel eines
heit eines wieder zu errichtenden Kalifats wird Elitenprojekts freizumachen, müsste die Suche
der als westlich gebrandmarkten Nation entge- nach einer nicht-nationalstaatlich organisierten
gengestellt. Aber vor allem zeigte sich dies in Welt auch die Suche nach grundlegend anderen
den Debatten um die Ankunft mehrerer Hun- ökonomischen Formen einschließen. Denn die
derttausend Geflüchteter im Jahr 2015, in de- Bezugnahme auf die Nation ist nicht nur Imagi-
nen Marktradikale auf die Notwendigkeit offe- nation. Vielmehr ist die Nation eine soziale Rea-
ner Grenzen hinwiesen. 22 Entsprechend können lität, der Glaube an sie manifestiert sich in den In-
auch bestimmte transnationale Praktiken – wie stitutionen moderner Staatlichkeit, die enormen
globale Führungseliten, die in einem Land leben, Einfluss auf die Lebenswelten aller Menschen
im zweiten investieren und im dritten die Steuer- hat. Ihr Aufkommen ebenso wie ihr Fortbestand
sind nicht zu trennen von der Entstehung und
20 Vgl. Oskar Lafontaine, Wer die Sozialstaatlichkeit verteidigt, der globalen Ausbreitung der kapitalistischen
wird als „nationaler Sozialist“ verschmäht, 26. 1. 2018, www. Produktionsweise. 23 So wie es materielle Grün-
nachdenkseiten.de/?p=42083.
21 Vgl. Shiller (Anm. 8).
22 Vgl. Sina Arnold/Sebastian Bischoff, Wer sind wir denn 23 Vgl. Joachim Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat,
wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten, in: APuZ 14–15/2016, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus, Berlin 1995; Im-
S. 28–34; Harald Bauder, Migration Borders Freedom, London– manuel Wallerstein, Die Konstruktion von Völkern. Rassismus, Nati-
New York 2016, S. 36–49. onalismus, Ethnizität, in: Balibar/Wallerstein (Anm. 18), S. 87–106.

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Nation und Nationalismus  APuZ

de für die Existenz und den Fortbestand von ze in sozialen Bewegungen, etwa die No-Bor-
Nationalstaaten im globalisierten 21. Jahrhun- der-Camps, antirassistische Kampagnen wie
dert gibt, ist ein Denken und Handeln in natio- „kein mensch ist illegal“ oder Teile von sich als
nalen Formen aufgrund jener nationalstaatlichen antinational begreifenden Strömungen. Sie sind
Ordnung nahegelegt. 24 Anders ausgedrückt: So- oftmals so klein, wie es manche nationalen Be-
lange politische, soziale und bürgerliche Rech- freiungsbewegungen anfangs waren. Ob sie so
te ebenso wie der eigene ökonomische Status in erfolgreich werden, bleibt abzuwarten.
großen Teilen an die nationalstaatliche Zugehö-
rigkeit gebunden sind, gibt es reale Gründe für
die Identifikation mit der Nation und für das na-
tionalistische Bewusstsein. Das bedeutet also,
dass für eine postnationale Welt ein grundlegen-
der Bruch mit gegenwärtigen Formen ökono-
mischer wie politischer Vergesellschaftung und
eine Suche nach grundsätzlich neuen Formen
der Zugehörigkeit notwendig wären.

NO BORDER,
NO NATION

Dabei stellen sich (mindestens) zwei große Fra-


gen. Die erste ist die nach dem „Was“: Wenn
Denken und Fühlen zentrale Aspekte des Na-
tionalismus wie des Postnationalismus darstel-
len, werden andere Formen von Identität und
Zugehörigkeit notwendig, die vielleicht stär-
ker auf Haltung statt Herkunft setzen. Bereits
jetzt existieren diese Zugehörigkeiten, etwa in
(Sub-)Kultur und Lebensstilen: als Fan eines
Sportvereins, als Christin, als Veganer oder als
Feministin.
Die zweite Frage ist die nach dem „Wie“:
Unter Umständen ist hier eine ähnliche Ent-
wicklung wie bei der Entstehung der Nation
denkbar, und die postnationale Ideologie geht SINA ARNOLD
dem postnationalen Zustand voraus. Vielleicht ist promovierte Sozialwissenschaftlerin und
ist die Reihenfolge aber auch umgekehrt: Der wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum
Postnationalismus entsteht aus postnationa- für Antisemitismusforschung der TU Berlin.
ler Praxis. Vermutlich besteht eine Wechselwir- arnold@tu-berlin.de
kung, denn Theorien werden in der gesellschaft-
lichen Wirklichkeit entwickelt, sie reflektieren SEBASTIAN BISCHOFF
notwendigerweise, was gesellschaftlich und po- ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher
litisch passiert, bleiben also nicht unbeeinflusst Mitarbeiter am Arbeitsbereich Neuere und Neueste
von Praxis. Der Blick in die Geschichte zeugt Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte des
von bestehenden Wissensbeständen und ver- Historischen Instituts der Universität Paderborn.
schütteten Bezugnahmen, auf die sich eine sol- sebastian.bischoff@uni-paderborn.de
che konsequent nicht-nationalstaatliche Positi-
on beziehen kann. In der Gegenwart bieten sich JANA KÖNIG
neben den dargestellten Praktiken auch Ansät- ist Sozialwissenschaftlerin und Doktorandin
am Institut für soziale Bewegungen an der
24 Vgl. Thorsten Mense, Nationalismus. Einführung, Stuttgart Ruhr-Universität Bochum.
2016. jana.koenig@hu-berlin.de

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APuZ 48/2018

HINDU-NATIONALISMUS
Indien auf dem Weg in einen Hindu-Staat?
Pierre Gottschlich

Der Hindu-Nationalismus in Indien hat eine den, eine vermeintlich vormals existierende, glor-
jahrzehntelange politische Tradition. Lange be- reiche „arische“ Zivilisation wieder aufleben zu
vor in Europa und den USA nationalistische lassen, die im Laufe der Jahrhunderte verküm-
und rechtspopulistische Parteien und Politiker mert sei. 03 Radikale Kräfte innerhalb dieser Strö-
ihre gegenwärtige Bedeutung erreichten, stellte mung wandten sich explizit gegen die britische
die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Par- Kolonialherrschaft. Nach ihrer Diagnose war
ty (BJP, „Indische Volkspartei“) die Regierung in die Fremdherrschaft durch die Briten und zuvor
Neu-Delhi. Nach ihrer zwischenzeitlichen Ab- durch die muslimischen Mogulkaiser nur durch
wahl kehrte sie 2014 unter dem umstrittenen Par- die geistig-kulturelle Degenerierung der Hindus
teiführer Narendra Modi triumphal an die Macht überhaupt möglich geworden. Die Hindus hätten
zurück und schickt sich an, die indische Gesell- „ihren Glauben verloren“ und seien „schwach“
schaft nachhaltig zu verändern. 01 geworden. Das Gegenmittel und die „Heilung“
Die Ursprünge des modernen Hindu-Natio- für diesen geistigen Verfall sahen sie in einer Wie-
nalismus liegen in der Zeit der britischen Kolo- derentdeckung der eigenen religiös-kulturellen
nialherrschaft über Südasien. Im 19. Jahrhundert Wurzeln eines aus ihrer Sicht homogenen, auf der
begannen die Briten, hinduistische Traditionen vedisch-brahmanischen Tradition beruhenden
und religiöse Praktiken zu kritisieren. Vor al- Hinduismus und in einem gemeinsamen Kampf
lem christliche Puritaner waren entsetzt über die gegen die Feinde Indiens. Politisch organisierten
„Götzenanbetung“ und Vielgötterei der Hindus. sich die Vertreter dieser Sichtweise in der 1915
Sie wiesen verstärkt auf die Missstände des Kas- gegründeten „gesamtindischen Hindu-Großver-
tenwesens, auf die problematische Rolle der Frau sammlung“ (Akhil Bharatiya Hindu Mahasabha).
im Hinduismus und auf die verabscheuenswür-
digen Traditionen der Kinderheirat und der Wit- DIE „HINDU-NATION“
wenverbrennung (Sati) hin. Manche gebildeten,
englischsprachigen Hindus zeigten sich durchaus Der Fortgang dieser Bewegung und die Definiti-
empfänglich für diese Kritik. Sie reagierten aber on einer nationalen Hindu-Identität wurden be-
nicht mit der von den Briten erwarteten Konver- sonders stark von Vinayak Damodar Savarkar ge-
tierung zum Christentum, sondern versuchten, prägt, dem vielleicht wichtigsten ideologischen
innerhalb ihres eigenen Glaubens Verbesserungen Vordenker des modernen Hindu-Nationalismus.
zu bewirken. Im Umfeld religiöser Reformatoren Mit seinem 1923 in Haft entstandenem Buch
entstanden neo-hinduistische, puristische Erwe- „Hindutva: Who is a Hindu?“ schuf er eine Art
ckungsbewegungen, die versuchten, den Hindu- Grundsatzprogramm des politischen „Hindu-
ismus von innen heraus zu erneuern. Sie übernah- tums“ (Hindutva), das bis heute Gültigkeit bean-
men die christlichen Kritikpunkte, nicht aber das sprucht. 04 Die Grundlagen der „Hindu-Nation“
Christentum. 02 Stattdessen leiteten die Reform- (Hindu Rashtra) sah Savarkar im Zusammenspiel
kräfte eine vorsichtige Modernisierung des Hin- dreier zentraler Forderungen. Die Hindus sollen
duismus ein. Zugleich legten sie großen Wert auf ein gemeinsames Land bewohnen, das als geogra-
soziales Engagement, errichteten Kranken- und fische Einheit des Gebiets zwischen dem Fluss
Waisenhäuser und bemühten sich um eine Ver- Indus, der Gebirgskette des Himalaya und dem
besserung der Stellung der Frau. Indischem Ozean verstanden wird. Sie müssen
Mit den neo-hinduistischen Reformbewegun- zudem eine gemeinsame Abstammung, also ein
gen in Indien waren auch Bestrebungen verbun- einheitliches „Hindu-Blut“, teilen und der „Ras-

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Nation und Nationalismus  APuZ

se“ der „vedischen Arier“ angehören. Schließlich ser Forderung sind seither immer wieder mit Ge-
ist eine gemeinsame Kultur, eben jenes „Hindu- waltausbrüchen verbunden. Bereits 1925 wurde,
tum“, von außerordentlicher Bedeutung, die aus- angeblich auf Anregung Savarkars, die hindu-
drücklich mehr ist als die geteilte Religion und nationalistische Kaderorganisation Rashtriya
auch ein einheitliches Sozialsystem und eine ge- Swayamsevak Sangh (RSS, wörtlich etwa „Nati-
meinsame Sprache (Sanskrit beziehungsweise onaler Freiwilligen-Bund“) gegründet, die in ih-
heute Hindi) umfasst. 05 Die „Hindu-Nation“ ist rem Wesen bisweilen mit der nur wenig später
demnach dreifach definiert und abgegrenzt: geo- in Ägypten formierten Muslimbruderschaft ver-
grafisch, ethnisch und religiös-kulturell. Dieser glichen wird. Ziel des RSS ist es bis heute, jun-
an einem europäischen Nationalitätsverständnis ge Hindus vor den Versuchungen einer säkularen
orientierte Hindu-Nationalismus unterscheidet Gesellschaft zu bewahren, ihnen die traditionel-
sich stark vom Nationalismus der indischen Un- len Werte des „Hindutums“ zu vermitteln und
abhängigkeitsbewegung. Insbesondere Mahatma sie nicht zuletzt für die gewaltsame Konfrontati-
Gandhi weigerte sich, die indische Nation mit ei- on mit den Feinden der Hindus wehrhaft zu ma-
ner einzigen Religion oder einer einzigen Sprache chen. 09 Der langjährige RSS-Führer Mahadev Sa-
gleichzusetzen. 06 Linke Intellektuelle wie Ram dashivrao Golwalkar hatte noch vor dem Ende
Sharan Sharma, die sich ebenfalls als indische Na- der britischen Kolonialherrschaft in seiner Schrift
tionalisten verstanden und verstehen, haben der über die indische Nation deutlich gemacht, dass
Hindutva-Bewegung folgerichtig die Bezeich- im unabhängigen Indien für Nicht-Hindus nur
nung „Nationalismus“ abgesprochen und statt- der Weg der totalen Anpassung und Unterord-
dessen den Begriff „Konservatismus“ genutzt. 07 nung bleibt: „Die Nicht-Hindus müssen die Hin-
Mit seinem Werk hatte Savarkar nichtsdes- du-Kultur und -Sprache annehmen, die Hindu-
totrotz eine für Hindu-Nationalisten selbstver- Religion achten und verehren lernen, und dürfen
ständliche Wahrheit klar umrissen: „Indien ist keinen anderen Ideen als der Verherrlichung der
das Land der Hindus, die indische Nation ist Hindu-Nation anhängen. (…) Wenn nicht, kön-
eine Hindu-Nation, Inder zu sein heißt Hindu nen sie nur in unserem Land bleiben, wenn sie
zu sein.“ 08 Die Versuche der Durchsetzung die- sich der Hindu-Nation ganz und gar unterord-
nen – ohne Ansprüche, ohne Privilegien, ja selbst
ohne Staatsbürgerrechte.“ 10
01 Für eine detaillierte Darstellung der hier aufgezeigten Sachver-
halte und insbesondere der aktuellen Entwicklungen in Indien siehe
Diese radikale Vision Golwalkars wurde al-
Pierre Gottschlich, Hindu-Nationalismus und geschlossene Identität in lerdings nicht das Leitbild des unabhängigen In-
Indien, in: Yves Bizeul/Ludmila Lutz-Auras/Jan Rohgalf (Hrsg.), Offene diens. Der politische Einfluss der Hindu-Nati-
oder geschlossene Kollektividentität. Von der Entstehung einer neuen onalisten blieb zunächst begrenzt. Sie hatten in
politischen Konfliktlinie, Wiesbaden 2019 (i. E.), S. 340–365.
der Unabhängigkeitsbewegung gegenüber einem
02 Vgl. Heinrich von Stietencron, Der Hinduismus, München
2010³, S. 84 ff.
übermächtigen Indian National Congress (INC,
03 Vgl. Kim Knott, Der Hinduismus. Eine kleine Einführung, Stutt- „Kongresspartei“) nur eine nachrangige Rolle ge-
gart 2009², S. 111 f. spielt und gravierende organisatorische Nachtei-
04 Vgl. Vinayak Damodar Savarkar, Extract from Hindutva: Who le gegenüber der indienweit perfekt eingespiel-
is a Hindu?, in: Christophe Jaffrelot (Hrsg.), Hindu Nationalism. A
ten Kongress-Maschinerie. Nach der Ermordung
Reader, Princeton 2007, S. 87–96.
05 Es ist ein altes, bislang aber immer gescheitertes politisches
Gandhis durch das RSS- und Hindu Mahasabha-
Projekt der Hindu-Nationalisten, Hindi im sprachlich extrem vielfäl- Mitglied Nathuram Godse 1948 wurde der RSS
tigen Indien zur alleinigen Staatssprache zu machen. verboten. 11 Auch wenn das Verbot kurze Zeit
06 Vgl. Ramachandra Guha, Patriotism vs Jingoism, 5. 2. 2018, später wieder aufgehoben wurde, hatte das At-
www.outlookindia.com/magazine/story/patriotism-vs-jingoism/​
tentat auf den Bapu („Vater“) der indischen Un-
299735.
07 Vgl. Hermann Kulke, The Early Textbook Controversy and
abhängigkeit die Hindu-Nationalisten in weiten
R. S. Sharma’s Concept of Indian Feudalism. Some Historiographic
Reflections, in: Rafael Klöber/Manju Ludwig (Hrsg.), HerStory.
Historical Scholarship between South Asia and Europe, Heidel- 09 Vgl. Mark Juergensmeyer, Die Globalisierung religiöser Ge-
berg 2018, S. 219–239, hier S. 221. walt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida, Hamburg 2009, S. 176.
08 Clemens Jürgenmeyer, Ein Land, ein Volk, eine Kultur – Ideo- 10 Zit. nach Dominik Müller, Indien. Die größte Demokratie der
logie und Politik hindunationaler Identität in Indien, in: Peter Molt/ Welt? Marktmacht – Hindunationalismus – Widerstand, Berlin
Helga Dickow (Hrsg.), Kulturen und Konflikte im Vergleich, Baden- 2014, S. 81.
Baden 2007, S. 632–647, hier S. 635 11 Vgl. ebd., S. 88.

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APuZ 48/2018

Teilen der Bevölkerung politisch delegitimiert mas aus seinem „muslimischen Gefängnis“. 14 Die
und unwählbar gemacht. Die 1951 gegründe- (Wie­der)Errichtung des Rama Janmabhumi Man-
te hindu-nationalistische Partei Bharatiya Jana dir („Rama-Geburts-Tempel“) in Ayodhya ist
Sangh (BJS, „Indische Volksvereinigung“), eine nach wie vor ein zentrales Ziel der hindu-natio-
direkte Vorgängerorganisation der heutigen BJP, nalistischen Bewegung. Hierbei geht es um weit
blieb weitgehend wirkungslos. Der Schatten der mehr als nur den Bau eines Tempels. Ayodhya
ideologischen Verantwortung für die Ermordung symbolisiert für Hindutva-Anhänger den bevor-
Gandhis konnte erst mit der Gründung der BJP stehenden Aufbruch in ein neues, segensreiches
1980 mehr oder weniger abgelegt werden. Mit Zeitalter und damit zugleich die Rückkehr zu ei-
der Neuaufstellung wurden nun unter günstigen ner angeblich vormals vorhandenen zivilisatori-
Rahmenbedingungen größere Erfolge bei demo- schen Größe und Harmonie. Es gilt, Indien voll-
kratischen Wahlen möglich. kommen neu auszurichten und seine Geschichte
neu zu interpretieren. 15
AYODHYA UND DER Die Ayodhya-Kampagne erwies sich für die
POLITISCHE AUFSTIEG Hindu-Nationalisten als effektive Mobilisie-
rungsstrategie. Die Betonung des Hindu-Mus-
Die „Politik der Angst“ und die Konstruktion lim-Gegensatzes als unauflöslicher Konflikt in
eines bedrohlichen „Anderen“ haben sich für der Geschichte Indiens und das Schüren von
hindu-nationalistische Parteien wie die BJP als Überfremdungsängsten wurden wesentlicher Teil
überaus wirksame Instrumente zur politischen der politischen Rhetorik, beispielsweise in den
Mobilisierung erwiesen und ihren politischen Reden der radikalen Aktivistin Sadhvi Ritham-
Aufstieg begleitet und ermöglicht. 12 Insbesondere bara. Der immer lautere Ruf nach Taten führte
die Angst vor einer „Islamisierung“ Indiens und schließlich am 6. Dezember 1992 zur Zerstörung
einer damit einhergehenden Marginalisierung der der Babri Masjid, als hunderttausende Anhän-
Hindus im eigenen Land wurde und wird gezielt ger von RSS und VHP die Moschee zum Teil
geschürt. Ein wichtiger Kristallisationspunkt des mit bloßen Händen dem Erdboden gleichmach-
vermeintlich unabwendbaren Hindu-Muslim- ten und damit das Signal für landesweite Unru-
Konfliktes ist die Ayodhya-Kontroverse. 13 hen mit zahlreichen Todesopfern gaben. Das um-
Die Stadt Ayodhya in Nordindien wird von strittene Gelände wurde abgesperrt und aufgrund
Hindu-Nationalisten als Geburtsstätte des Got- ungeklärter Eigentumsfragen bis heute nicht für
tes Rama, der siebenten Inkarnation des Vishnu, den Bau des Rama-Tempels freigegeben. Die BJP
angesehen. Seine Lebensgeschichte, das Ramaya- übernahm die politische Verantwortung für den
na („Weg des Rama“), zählt zu den bedeutendsten Abriss der Babri Masjid und feierte die Tat als
Epen Indiens und gilt als ein zentrales Element des Symbol für die Überwindung der muslimischen
Hindu-Glaubens. Die folgenschwere Kontroverse Fremdherrschaft über Indien. Meinungsumfra-
bezieht sich auf eine Moschee, die 1528 vom ersten gen zeigten jedoch, dass eine Mehrheit der indi-
indischen Großmogul Babur in Ayodhya errichtet schen Bevölkerung die Zerstörung der Moschee
und als Babri Masjid („Baburs Moschee“) bekannt nicht billigte. 16 Gleichwohl hatte sich die BJP mit
wurde. Hindu-Nationalisten behaupten, dass die der Ayodhya-Kampagne eine verlässliche Hindu-
Moschee genau an der Geburtsstelle Ramas ge- Wählerbasis geschaffen und sich in Nord- und
baut und ein hier zuvor befindlicher, Rama ge- Zentralindien als ernst zu nehmender politischer
weihter Hindu-Tempel zerstört wurde. Seit Mitte Akteur etabliert. Sie gilt als Schlüsselmoment im
der 1980er Jahre forderten hindu-nationalistische Ringen um die politische und kulturelle Hegemo-
Organisationen wie der Vishwa Hindu Parishad nie in Indien. 17
(VHP, „Welt-Hindu-Rat“) immer lautstärker den
Abriss der Babri Masjid und die Befreiung Ra-
14 Vgl. Juergensmeyer (Anm. 9), S. 182 f.
15 Vgl. Skoda (Anm. 13), S. 99.
12 Vgl. Dibyesh Anand, Hindu Nationalism in India and the 16 Vgl. Hermann Kulke/Dietmar Rothermund, Geschichte Indiens.
Politics of Fear, New York 2011, S. 151–159. Von der Induskultur bis heute, München 2006³, S. 418.
13 Vgl. Uwe Skoda, Ayodhya. Ein Symbol des Hindu-Nationalis- 17 Vgl. Thomas Stauber, Safranfarbene Schocktherapie. Wie der
mus, in: ders./Klaus Voll (Hrsg.), Der Hindu-Nationalismus in Indien. Hindunationalismus die indische Gesellschaft spaltet, in: Blätter für
Aufstieg – Konsolidierung – Niedergang?, Berlin 2005, S. 83–113. deutsche und internationale Politik 2/2017, S. 99–108, hier S. 101.

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Nation und Nationalismus  APuZ

VON AYODHYA zungsweise 150 000 Menschen. 22 Im folgenden


NACH GUJARAT Wahlkampf für die anstehenden Regionalwahlen
instrumentalisierte die BJP die Spaltung der Ge-
Im westindischen Bundesstaat Gujarat, einer sellschaft und stilisierte die in Godhra ums Leben
Hochburg der BJP und Heimat des amtierenden gekommenen Hindus als Märtyrer. Modi gelang
Premierministers Narendra Modi, zeigt sich seit schließlich im Dezember 2002 ein überwältigen-
Mitte der 1990er Jahre exemplarisch die Verfes- der Wahlsieg mit fast 50 Prozent der Wählerstim-
tigung der politischen Macht der Hindu-Nati- men. Manche Politikwissenschaftler sahen nun in
onalisten. Die BJP nutzte eine Strategie der ge- den vorangegangenen Gewalttaten sogar eine ge-
sellschaftlichen Polarisierung und den Ausbruch zielte Wahlkampfstrategie zur Mobilisierung der
von Gewalt auf kommunaler Ebene für ihre Zwe- niedrigkastigen Hindu-Wähler für die traditio-
cke. Im Februar 2002 kam es nahe des Bahnhofs nell eher von höheren Kasten dominierte BJP. Die
Godhra im Bundesstaat Gujarat zu einem Brand Ausschreitungen brachen demnach überproporti-
in einem Zug mit Hindu-Pilgern, der sich auf der onal häufig in besonders umkämpften Wahlkrei-
Rückreise aus Ayodhya befand. Die Brandursa- sen aus und führten bei den Wahlen zu substan-
che ist bis heute nicht vollständig geklärt, knapp ziellen Stimmengewinnen für die BJP. 23 Aus dieser
60 Hindus starben in den Flammen. 18 Für den Perspektive diente das Pogrom von Gujarat vor
Brand wurden unabhängig von der unklaren Be- allem der inneren Festigung der Hindus und der
weislage Muslime verantwortlich gemacht. In der Konsolidierung ihres Wahlverhaltens. Die Bedro-
Folge kam es im ganzen Bundesstaat zu antimus- hung durch die vermeintlich von Muslimen aus-
limischen Gewaltausbrüchen, die in einem der gelöste Gewalt sollte nun auch diejenigen Hindus
schlimmsten Pogrome seit der Unabhängigkeit an die BJP binden, die zuvor aus verschiedenen
Indiens gipfelten. 19 Die Ausschreitungen hielten Gründen nicht für die Partei gestimmt hatten. Die
tagelang an, ohne dass die Sicherheitskräfte ein- BJP regiert Gujarat bis heute mit absoluter Mehr-
griffen. Modi, damals gerade als Ministerpräsi- heit und hat bei den letzten Regionalwahlen im
dent von Gujarat ins Amt gekommen, verharm- Dezember 2017 erneut fast die Hälfte der Wähler
loste die Gewaltwelle als „natürliche Reaktion“ für sich mobilisieren können.
auf den Brand in Godhra und sprach vom „ge-
rechtfertigten Volkszorn“. 20 Die Untätigkeit der ÜBERNAHME DER
Staatsorgane und das gezielte und koordinierte NATIONALEN MACHT
Vorgehen der gewalttätigen Gruppen deuteten
für viele Beobachter auf eine vorherige Planung Auf nationaler Ebene konnte sich die BJP seit Be-
der Attacken und auf eine staatliche Unterstüt- ginn der 1990er Jahre auf ein stabiles Stimmenpo-
zung der Angreifer hin. 21 tenzial von 20 bis 23 Prozent stützen. Das genügte
Die erschreckende Bilanz der Ausschreitun- dank der Verzerrungen des Mehrheitswahlrechts,
gen waren mindestens 2000 überwiegend mus- um nach der Parlamentswahl 1996 zum ersten Mal
limische Tote, ungezählte Körperverletzungen die meisten Sitze im indischen Unterhaus (Lok
und Vergewaltigungen, die Zerstörung von etwa Sabha) zu stellen. Die Schwäche des INC und
270 Moscheen und islamischen Heiligtümern, die die Uneinigkeit der übrigen Parteien spülten die
Plünderung und Brandschatzung tausender musli- BJP kurzzeitig in Neu-Delhi in die Regierungs-
mischer Geschäfte und die Vertreibung von schät- verantwortung. 1998 übernahm die BJP mit Pre-
mierminister Atal Behari Vajpayee an der Spitze
einer breiten Koalition erneut die Regierung und
18 Vgl. Prateep K. Lahiri, Decoding Intolerance. Riots and the
gewann nach dem Zerfall des Bündnisses auch die
Emergence of Terrorism in India, New Delhi 2009, S. 232 f.
19 Vgl. Christoph S. Sprung, Macht durch Gewalt und Religion –
vorgezogene Wahl 1999. Die neue Allianz erwies
Das hindu-nationalistische Pogrom in Gujarat 2002, in: Skoda/Voll sich als stabiler und trug die Hindu-Nationalis-
(Anm. 13), S. 279–297. ten über eine komplette Legislaturperiode. Die
20 Zit. nach Priya Parker, Reconciliation in Gujarat, in: Peace
Prints. South Asian Journal of Peacebuilding 1/2008, S. 1–15, hier
S. 3. Übersetzung des Autors. 22 Vgl. Parker (Anm. 20), S. 2 f.
21 Vgl. Siegfried O. Wolf/René Schultens, Hindu-Nationalismus 23 Vgl. Thad Dunning, Fighting and Voting. Violent Conflict
– (k)ein Ende in Sicht!, in: Der Bürger im Staat 3–4/2009, and Electoral Politics, in: Journal of Conflict Resolution 3/2011,
S. 164–173, hier S. 169. S. 327–339.

37
APuZ 48/2018

Heterogenität des Bündnisses zwang die BJP je- Die ausgeprägte Wechselstimmung ließ die
doch zu einer pragmatischen und moderaten Poli- BJP einen Anti-Establishment-Wahlkampf ge-
tik und verhinderte die Durchsetzung einer natio- gen die von Korruptionsskandalen erschütterte
nalen „Hindu-Leitkultur“. 24 Die BJP konnte den INC-Regierung führen. Hindu-nationalistische
markigen Ankündigungen von RSS und VHP, die Rhetorik spielte lediglich eine untergeordne-
mit anderen hindu-nationalistischen Gruppen in te Rolle, auch Modi hielt sich hierbei auffällig
der Sangh Parivar (wörtlich etwa „Organisations- zurück. Stattdessen wurden seine bescheidene
Familie“) zusammengeschlossen sind, kaum poli- Herkunft aus einer niederen Kaste und sein as-
tische Taten folgen lassen. 2004 endete die Regie- ketisches, abstinentes und zölibatäres Leben als
rungszeit der BJP-Koalition, ohne in Indien einen RSS-Funktionär stärker in den Mittelpunkt ge-
fundamentalen Wandel im Sinne einer Umsetzung stellt. Zum Image des „Machers“ kam damit das
der Hindutva-Leitlinien des Parteiprogramms ge- Bild des unabhängigen und nicht korrumpierba-
bracht zu haben. ren Außenseiters, der nur das Wohlergehen der
Spätestens jetzt wurde deutlich, dass die Nation im Sinn hat und hierbei weder an sich
Hindutva-Karte allein nicht genügen würde, selbst denkt noch einer Familiendynastie ver-
um dauerhaft auf nationaler Ebene ernsthaftes pflichtet ist – für viele Wähler genau der richtige
Machtpotenzial entfalten zu können. Neben die Mann, um die lange verschleppten Reformen in
Propagierung einer geschlossenen Hindu-Identi- Neu-Delhi anzugehen und dem gesamten Land
tät und dem Versuch, aus dem säkularen ein hin- neuen Schwung zu geben. Die persönliche Popu-
duistisches Indien zu machen, trat nun verstärkt larität dieses „neuen“ Narendra Modis trug die
ein weiteres politisches Standbein: ökonomische BJP zu einem Wahltriumph, der in dieser Form
Reformen. Erneut war Gujarat das „Labor“ der kaum vorherzusehen war. Der BJP glückte, was
Hindu-Nationalisten. Modi hatte hier als Mi- zuvor nur dem INC in der Hochphase seiner
nisterpräsident mit einer klassisch neoliberalen Macht gelang, nämlich eine absolute Mehrheit in
Wirtschaftspolitik im indischen Vergleich über- der Lok Sabha zu erreichen. Ein solches Szena-
durchschnittliche Wachstumsraten erreicht. Da- rio war angesichts eines stark ausdifferenzierten,
bei musste sich die BJP keineswegs völlig neu er- zunehmend fragmentierten und regionalisierten
finden. Unternehmerfreundliche Klientelpolitik Parteiensystems in Indien von den meisten Ex-
gehörte schon immer zum Kern der mehrheitlich perten ausgeschlossen worden. 27 Modi hat eine
im städtischen und höherkastigen Milieu angesie- Machtfülle erreicht, wie sie seit den Zeiten Indira
delten Partei. Auch ideologisch ist ein neolibe- Gandhis kein indischer Politiker mehr innehat-
raler Marktradikalismus durchaus anschlussfä- te. 28 Der politische Aufstieg des Hindu-Nationa-
hig an Hindutva-Prinzipien. 25 Nur wurde dieser lismus hat damit seinen vorläufigen Höhepunkt
Teil der BJP-Agenda nun deutlich stärker in den erreicht.
Vordergrund gerückt und betont. Aus Modi,
dem früheren RSS-Aktivisten und ideologischen AUF DEM WEG IN
Hardliner, wurde Modi, der Wirtschaftsreformer. EINEN HINDU-STAAT?
Der Mann, der aufgrund seiner Verstrickungen in
das Pogrom von Gujarat nach 2002 weder in die An der grundlegenden Zielsetzung des hindu-
USA noch in die EU einreisen durfte, wurde zum nationalistischen Projekts mit der Homogenisie-
Spitzenkandidaten der BJP. Das ihm zugeschrie- rung des Hindu-„Volkskörpers“ hat sich seit den
bene entwicklungspolitische „Modell Gujarat“ Tagen Savarkars und Golwalkars wenig geän-
avancierte im Vorfeld der Parlamentswahl 2014 dert; das republikanische Modell indischer Poli-
zum Hoffnungsbild vieler von der Kongresspar- tik wird abgelehnt. Anstelle des säkular-pluralisti-
tei enttäuschter Stimmberechtigter. 26 schen Staatswesens soll ein Hindu-Suprematismus
mit korporatistischen Elementen treten. Die föde-
rale Struktur Indiens soll einem starken, homoge-
24 Vgl. Pierre Gottschlich/Jakob Rösel, Indien im neuen Jahr-
hundert. Demokratischer Wandel, ökonomischer Aufstieg und
außenpolitische Chancen, Baden-Baden 2008, S. 24–31. 27 Vgl. Tobias Wolf, Extremismus im Namen der Religion. Wie
25 Vgl. Stauber (Anm. 17), S. 103 f. der Hindu-Nationalismus die Demokratie in Indien gefährdet,
26 Vgl. Pierre Gottschlich, Die Parlamentswahlen in Indien 2014, Aachen 2012, S. 160.
in: Internationales Asienforum 3–4/2014, S. 301–331, hier S. 312. 28 Vgl. Gottschlich (Anm. 26), S. 328.

38
Nation und Nationalismus  APuZ

nen Zentralstaat weichen. Der Universalismus de- treter liefern sich einen bizarren Überbietungs-
mokratischer Teilhabe soll langfristig durch den wettstreit um die Frage, wie viele Kinder eine
Hegemonialismus einer „Hindu-Demokratie“, in gute und vaterlandsliebende Hindu-Frau zum
der nur vollwertige Hindus zugelassen sind, er- Wohle der Hindu-Nation zur Welt bringen soll-
setzt werden. 29 te – vier, sechs oder doch lieber gleich zwölf?
Die Versuche, diese Ziele zu erreichen, voll- Parlamentsabgeordnete und Kabinettsmitglieder
ziehen sich weniger politisch-institutionell als mit RSS-Verbindungen greifen religiöse Minder-
vielmehr gesellschaftlich-kulturell. Es deutet heiten mit „Hassreden“ an, bezeichnen Muslime
wenig darauf hin, dass die BJP ernsthaft den for- als „Bastarde“ und feiern den Gandhi-Attentäter
malen Versuch unternehmen könnte, die säku- Godse als „Patrioten“. 32 Die aggressive Rhetorik
lare Verfassung und damit die Grundfesten der schürt Ängste und schafft ein Klima, in dem sich
indischen Demokratie strukturell zu verändern. radikale Hindus ermutigt fühlen, offensiver auf-
Die größere Gefahr für ein freiheitlich-demokra- zutreten und ihren Forderungen teilweise auch
tisches Zusammenleben in Indien geht von den gewaltsam Nachdruck zu verleihen. Kritische
hindu-nationalistischen Organisationen aus, die Stimmen aus der Zivilgesellschaft werden drang-
außerhalb des politischen Spektrums agieren. 30 saliert und eingeschüchtert – zum Teil mit tödli-
RSS, VHP und andere, zum Teil noch radikale- chen Folgen. 33
re Gruppen fühlen sich seit Modis Machtantritt Nichtsdestotrotz verweisen optimistische Be-
ermutigt, aktiv zu werden und das (vermeintli- obachter darauf, dass das Fundament der Demo-
che) Recht auch gewaltsam in die eigene Hand kratie in Indien gefestigt ist und sich auch die
zu nehmen. Hindu-Bürgerwehren aus dem Um- BJP-Regierung freien und fairen Wahlen stellen
feld der Sangh Parivar gehen beispielsweise im muss. 34 Die Durchsetzung einer reinen Hindu-
Namen des Schutzes der Kuh rigoros gegen ver- Nation ist in Indien auch unter einer 2019 mög-
meintliche Schlachtviehtransporteure und Rind- licherweise im Amt bestätigten BJP-Regierung
fleischschmuggler vor. Immer wieder kommt es eher nicht zu erwarten. Diese Idee wäre nur un-
bei Aktionen dieser unkontrolliert operieren- ter Preisgabe des freiheitlich-demokratischen
den, selbsternannten Gesetzeshüter zu Lynch- Charakters des Landes realisierbar und wür-
morden. Staatliche Organe reagieren auf solche de auf entsprechend großen Widerstand stoßen.
Gewaltakte bislang nur sehr zögerlich oder blei- Gleichwohl könnte eine fortgesetzte chauvinisti-
ben gänzlich untätig, die Regierung hüllt sich in sche Hindu-Identitätspolitik von hindu-nationa-
Schweigen. 31 listischen Regierungen auf nationaler und regio-
Ohnehin hat die hindu-nationalistische Ad- naler Ebene in Verbindung mit den frei und zum
ministration schon nach kurzer Zeit für eine Teil gewalttätig agierenden Kräften der Sangh
spürbare Veränderung der politischen Kultur Parivar den ohnehin nur geringen gesellschaftli-
gesorgt, in der sich die Grenzen des Denk- und chen Zusammenhalt in Indien weiter unterminie-
Sagbaren verschieben. Führende Hindutva-Ver- ren. Doch nicht nur religiöse und ethnische Min-
derheiten, auch viele Hindus teilen die Ziele der
Hindutva-Ideologie keineswegs. Sie sind bislang
29 Vgl. Gottschlich/Rösel (Anm. 24), S. 24–28.
und zukünftig der beste Bestandsgarant für eine
30 Vgl. Wolf (Anm. 27), S. 156.
31 Vgl. Stauber (Anm. 17), S. 107.
offene Gesellschaft in Indien. Es obliegt in ers-
32 Vgl. Tavleen Singh, Fifth Column. Stop Hindutva Now, ter Linie ihnen, dass Abrutschen Indiens in eine
14. 12. 2014, https://indianexpress.com/article/opinion/columns/ entlang religiöser Zugehörigkeit definierte „eth-
fifth-column-stop-hindutva-now. nische Demokratie“ 35 abzuwenden.
33 Vgl. Dominik Müller, Schriftsteller im Zeitalter des Hindu­
nationalismus, 1. 9. 2017, www.deutschlandfunkkultur.de/​
indien-schriftsteller-im-zeitalter-des-hindunationalismus.​976.​de.​
html?dram:article_id=394917.
34 Vgl. Marcel M. Baumann, Narendra Modis Dilemma.
Zwischen Hindu-Nationalismus, Regierungsalltag und politischem PIERRE GOTTSCHLICH
Pragmatismus, in: Michael Arndt/Marcel M. Baumann (Hrsg.), Indi-
ist promovierter Politikwissenschaftler und wissen-
en verstehen. Thesen, Reflexionen und Annäherungen an Religion,
Gesellschaft und Politik, Wiesbaden 2016, S. 55–75, hier S. 72.
schaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politik- und
35 Vgl. Christophe Jaffrelot, Toward a Hindu State?, in: Journal Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock.
of Democracy 3/2017, S. 52–63, hier S. 59 ff. pierre.gottschlich@uni-rostock.de

39
APuZ 48/2018

VON DER AUTONOMEN GEMEINSCHAFT


ZUR UNABHÄNGIGEN NATION?
Separatismus in Katalonien
Nino Löffler

Spätestens mit der Festnahme des katalani- dem linken, liberalen sowie konservativen Spek-
schen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont trum – und würden sich in anderen politischen
in Deutschland im März 2018 ist der Kataloni- (Sach-)Gebieten als „Erzfeinde“ betrachten. 04
en-Konflikt auch hier im Bewusstsein angekom- Sie eint der „Mythos der Ausbeutung“, den die
men. Dieser schwelt schon seit einigen Jahren; Separatisten geschickt ausschlachten und der im-
die Polizeieinsätze rund um das Unabhängig- mer mehr Zuspruch erfährt.
keitsreferendum am 1. Oktober 2017 bildeten le-
diglich einen (vorläufigen) Höhepunkt. Dabei ist WAS IST
der Separatismus in Spanien nicht allein ein ka- SEPARATISMUS?
talanisches Phänomen, der Terror der ETA (Eu-
skadi Ta Askatasuna) und der baskische Wunsch Die Debatte und Analyse um den katalanischen
nach Sezession prägten Spanien über viele Jahr- Separatismus verlangen eine Trennschärfe der Be-
zehnte. 01 Das Land gliedert sich nach der Verfas- griffe, um sich nicht in unpräzisen Formulierun-
sung von 1978 in 17 Autonome Gemeinschaften, gen, die sich rund um die Thematik des Regiona-
die über ein divergierendes Autonomieniveau lismus, Nationalismus und Separatismus drehen,
verfügen. Die Unzufriedenheit der Katalanen zu verlieren. Katalonien ist zunächst eine Region
mit ihrem Autonomieniveau und der Kompe- in Spanien, definiert als „bestimmter Raumaus-
tenzverteilung im gesamtspanischen Gefüge ist schnitt innerhalb einer größeren Raumeinheit“. 05
historisch immer wieder erkennbar, blicken sie Insbesondere die Regionalisierung innerhalb der
doch auf eine Geschichte politischer Unabhän- Europäischen Union erlaubt es Regionen, inner-
gigkeit zurück. Der Konflikt speist sich insbe- halb des Nationalstaats eigene Handlungseinhei-
sondere um Fragen der kulturellen Identität: ten zu konstruieren, um dabei – je nach Verlaut-
Der Kern der Unabhängigkeitsbewegung will barung des Nationalstaats – eigene Programme
die „Würde“ der Katalanen erhalten und ihre zu implementieren. Der Vorteil davon ist es, ei-
Kultur anerkannt sehen, ein „diffuses Gefühl nen systemischen Rahmen zu schaffen, in dem die
von Nicht-ernst-genommen werden“ 02 aus Ma- Interessen der Regionen begründet werden und
drid stützt ihr Anliegen. Ebenso wollen sie als durch Selbstverwaltung auch Demokratie geför-
Angehörige einer eigenen Nation im gesamt- dert werden kann.
spanischen Konstrukt akzeptiert werden. Dabei In Westeuropa hat sich der Regionalismus
stoßen sie vor allem gegenüber dem spanischen in den 1970er Jahren ausgebreitet und ist nicht
Verfassungsgericht auf Grenzen; dieses versteht nur in Katalonien zu einer relevanten politischen
den Begriff der Nation im Spanischen nicht als Kraft geworden. Als Regionalismus bezeichnet
Kollektiv von Menschen, sondern als territorial- wird der Versuch, eine regionale Struktur und ein
rechtliche Einheit, weswegen Katalonien als Teil Programm von „innen“ zu gestalten, indem ein
der spanischen Nation gilt. Die katalanischen Akteur in das politische System integriert wird,
Nationalisten, die in den vergangenen Jahren der diese Interessen widerspiegeln kann. 06 Dieser
mit dem Separatismus eine grundlegende Ideo- Akteur will meist auf subnationaler Ebene als po-
logie verfolgten, versuchten insbesondere durch litische Bewegung agieren, um die Rechte in der
Referenden, eine Form der Staatlichkeit herzu- Region zu verteidigen und fordert zugleich eine
stellen. 03 Die zentralen Akteure kommen aus „Verlagerung von staatlichen Kompetenzen auf

40
Nation und Nationalismus  APuZ

die regionale Ebene ein“. 07 Abgegrenzt davon abhob. 1714, noch heute als Schicksalsjahr der ka-
wird der regionale Nationalismus, der im Ge- talanischen Bevölkerung gehandelt, brachte radi-
gensatz zum Regionalismus noch stärker den Na- kale Veränderungen mit sich: Nach jahrelangen
tionenbegriff in den Vordergrund stellt. Akteure Auseinandersetzungen mit den Bourbonischen
versuchen, ihre Interessen im Gesamtgefüge einer Truppen des spanischen Königs Philipp V. musste
distinktiven nationalen Gemeinschaft zur Gel- Barcelona am 11. September 1714 kapitulieren. 08
tung zu bringen. Münden kann diese Einstellung Die königliche Herrschaft wollte eine gesamtspa-
häufig im Ruf nach einer vollständigen Emanzi- nische Vereinheitlichung der Verwaltung herbei-
pation, um de facto eine politisch-territoriale Se- führen, die Ausnahmestellung Kataloniens wur-
zession zu beanspruchen. de als störend empfunden. Infolge der Ereignisse
Schlussendlich soll der Begriff des Separatis- 1714 wurden die katalanischen Institutionen auf-
mus festgelegt werden, der als Folge eines extre- gelöst und durch den Bourbonischen Zentralis-
men regionalen Nationalismus die Maximalfor- mus ersetzt, 09 unter anderem wurde die Generali-
derung einer Sezession formuliert. Separatismus tat als Gesamtheit der politischen Institutionen in
beschreibt gemeinhin die politische Absicht ei- Katalonien abgeschafft. Dennoch erlebte Katalo-
nes bestimmten Teils der Bevölkerung, sich aus nien im Verlauf des 18. sowie später im 19. Jahr-
einem zentral organisierten Staatenverbund zu hundert demografisch und wirtschaftlich einen
lösen, um einen eigenen Staat zu gründen oder Aufschwung. Durch Migrationsbewegungen und
sich einem anderen bereits existierenden Staat an- ökonomische Faktoren verdoppelte sich die Be-
zugliedern. Das Beispiel Katalonien zeigt, dass völkerung. Im Zuge dessen begann ein Prozess
es meist vielschichtige Gründe sind, die eine Se- des Erwachens katalanischer Identität, der kul-
parationsbewegung erstarken lassen – sprachli- turell-literarisch geprägt war. Die Renaixença
che, kulturelle oder ökonomische. Das Verhältnis gab den Katalanen neues Selbstbewusstsein und
zum Zentralstaat und die (eingeschränkten) Mög- brachte eine Weiterentwicklung des Katalani-
lichkeiten, eine autonome Region auszugestal- schen als Schriftsprache. Dabei formierte sich mit
ten, spielen ebenfalls eine Rolle. Ungelöste Fra- Centre Catal eine politische Bewegung, die For-
gen nach dem Status einer Nation oder ethnische derungen nach mehr Autonomie artikulierte. 10
Konfliktlinien, die nicht miteinander in Einklang Der Katalanismus übersprang im 19. Jahrhundert
zu bringen sind, sind weitere Ursachen. die Hürde der kulturellen Ebene auf eine politi-
sche Bühne und wuchs zu einer nationalen Be-
HISTORISCHE EINORDNUNG wegung heran.
DES KATALONIEN-KONFLIKTS Wie viele Länder in Europa war auch Spani-
en in den 1920er Jahre von Krisen geprägt. Ge-
Historisch wird der Konflikt in Katalonien auf die neralstreiks, Kämpfe innerhalb des Militärs und
Geschichte der vergangenen 300 Jahre zurückge- ein Aufkeimen des katalanischen Nationalismus
führt. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts be- setzten das zentralistische System unter Druck.
saß Katalonien politisch eine Sonderverfassung, Als 1923 der General Miguel Primo de Rivera
die es rechtlich vom gesamtspanischen Konstrukt in Madrid die Macht ergriff, wurde jede Form
des Separatismus unterdrückt. Rivera verfolgte
01 Zum Vergleich der beiden Regionen siehe Walther L. Berne-
eine antikatalanische Politik, 11 er verbot identi-
cker, Zwischen „Nation“ und „Nationalität“: das Baskenland und tätsstiftende Merkmale wie die Hymne und die
Katalonien, in: APuZ 36–37/2010, S. 14–20. Flagge ebenso wie die katalanische Sprache in of-
02 Vgl. Gero Maas, Katalonien. Von der Unabhängigkeitsillusion fiziellen Dokumenten. Der Zusammenschluss di-
zur Zwangsverwaltung, in: ifo-Schwerpunkt 23/2017, S. 15–18.
03 Vgl. Egbert Jahn, Die katalanische Unabhängigkeitsbewe-
gung – eine von Spanien und der EU verdrängte Herausforde- 08 Vgl. Walther L. Bernecker, Katalonien von der Entstehung bis
rung, Frank­furt/M. 2018. zum Ende des Franquismus, in: ders./Torsten Eßer/Peter A. Kraus,
04 Vgl. Sabine Riedel, Katalonien im Brennglas der EU-Krisen, Eine kleine Geschichte Kataloniens, Frank­furt/M. 2007, S. 11–147,
Forschungshorizonte Politik & Kultur 1/2018, S. 2. hier S. 60.
05 Peter Schmitt-Egner, Handbuch zur Europäischen Regionalis- 09 Vgl. Rainer S. Elkar, Europas unruhige Regionen, Stuttgart
musforschung, Wiesbaden 2005, S. 23. 1981.
06 Vgl. ebd., S. 61. 10 Vgl. Carlos Collado Seidel, Kleine Geschichte Kataloniens,
07 Patrick Eser, Fragmentierte Nation – globalisierte Region?, München 2018, S. 144.
Bielefeld 2013, S. 47. 11 Vgl. Bernecker (Anm. 8), S. 117.

41
APuZ 48/2018

verser linker Parteien führte wenig später nach und Gemeinden unterschiedlichster Couleur. 13
dem Scheitern der Diktatur zu einer Hochphase Die Assemblea diente als Sprachrohr der katala-
des Katalanismus. Nach der Kommunalwahl im nischen Opposition und sprach die Liberalisie-
April 1931, als die republikanische Linke Kata- rung des Regimes sowie die Autonomiefrage an.
loniens siegte, rief deren Gründer Francesc Ma- Tatsächlich umgesetzt werden konnten die For-
cià die Katalanische Republik aus, die Teil einer derungen jedoch erst nach dem Tod Francos, der
Iberischen Föderation sein sollte 12. Macià pro- die politischen und gesellschaftlichen Rahmen-
klamierte die Anerkennung der Generalitat und bedingungen in Spanien veränderte. Infolge der
forderte die Ausarbeitung eines Autonomiesta- Transición entstand ein demokratisches, parla-
tuts. Dies wurde im August 1931 via Plebiszit be- mentarisches System.
stätigt und ein Jahr später eingeführt. Die Zen- Zwischen den katalanischen Parteien, die sich
tralregierung ging diesen Kompromiss zwar ein, im Verlauf der Transición bildeten, lag ein Kon-
lehnte jedoch strikt ab, den spanischen Zentral- sens vor, die Strukturen des Einheitsstaats zu bre-
staat in einen föderalistischen Bundesstaat umzu- chen. Vor allem die sozialistische Partit Socialista
wandeln. Das Statut von Nuria gab den Katala- de Catalunya (PSC) und die christdemokratische
nen weitreichende Kompetenzen, auch in Form Convergencia Democratica de Catalunya (CDC)
gesetzgeberischer Tätigkeiten durch das katala- forderten Autonomie und gingen aus der Wahl
nische Parlament. So regelten 26 Gesetze Fragen 1977 für die verfassungsgebende Cortes gestärkt
der Gesundheit, Finanzen oder Wirtschaft. Zu- hervor. Mit dem Statut von Sau fand der langwie-
dem besaß Katalonien neben einem eigenen Par- rige Autonomieprozess und die Wiederherstel-
lament einen Präsidenten als Regionaloberhaupt lung der Generalitat ein vorläufiges Ende. Das
und ein regierungsähnliches Exekutivkomitee. vorgeschlagene Kompetenzniveau wurde zwar
Der spanische Bürgerkrieg zwischen 1936 durch das spanische Parlament gesenkt, jedoch
und 1939 veränderte die Rahmenbedingungen, bestand die Generalitat dem Statut nach aus ei-
die starke Machtposition Kataloniens wurde nem Parlament, das den katalanischen Haushalt
durch Francisco Franco abgeschafft. Auch die aus verabschieden konnte und zugleich Gesetzge-
dem Bürgerkrieg resultierende Machtübernahme bungsbefugnisse besaß.
Francos 1939 prägte das katalanische Selbstver- Die bürgerlich nationalistische CiU (Conver-
ständnis. Es folgte eine repressive Herrschaft, in gència i Unió) prägte nach ihrem Wahlerfolg im
der Franco Katalonien besetzen ließ, weswegen März 1980 fortan für die nächsten Jahrzehnte die
führende Kräfte ins Exil nach Frankreich flohen. katalanische Politik. Mit dem Wahlerfolg begann
Per Dekret wurde das Statut von Nuria aufgeho- die 23 Jahre lang andauernde Ära Jordi Pujols.
ben, das Katalanische verlor den Status als offizi- Getrieben vom Charisma und der Persönlichkeit
elle Sprache und wurde aus dem öffentlichen Le- Pujols erfolgte eine Personalisierung der katala-
ben verbannt, kurzum: Franco wollte jegliches nischen Politik. 14 Der Regionalpräsident vertrat
regionales Nationalbewusstsein unterbinden und einen schillernden Nationalismus mit dem Ziel
setzte dies – auch mithilfe ökonomischer Sankti- maximaler Autonomie. Bereits zu diesem Zeit-
onen – durch. punkt besaß Katalonien einen Sonderstatus mit
Die katalanische Identität fand in der Folge weitreichenden Kompetenzen im kulturellen,
zivilgesellschaftlich statt, eine wirtschaftspoliti- sprachlichen und bildungspolitischen Bereich.
sche Neuausrichtung unter Franco sorgte für eine Forderungen nach Unabhängigkeit waren kaum
Phase beschleunigter Industrialisierung in Kata- erkennbar; zunächst sollten die Kompetenzen
lonien. Die Region blühte in den 1960er Jahren institutionalisiert und übertragen werden. Pu-
kulturell wieder auf, die Vitalität der regionalen jol verfolgte in seiner Amtszeit die Strategie des
Identität wurde sichtbar, und zugleich fand eine Pactismo: punktuell sollte die privilegierte Auto-
Politisierung der antifranquistischen Bewegung nomie weiter ausgebaut werden. Ihren Ursprung
statt, die zuvor lediglich im Untergrund agiert fand diese Politik bereits in dem Papier „Progra-
hatte. Aus den zahlreich entstandenen Gruppie- ma 2000“, in dem eine Strategie der „Rekatala-
rungen trat 1971 die Assemblea de Catalunya
hervor, ein Zusammenschluss von Verbänden 13 Vgl. Collado Seidel (Anm. 10), S. 193.
14 Vgl. Peter A. Kraus, Katalonien im demokratischen Spanien,
12 Vgl. Elkar (Anm. 9), S. 184. Bernecker/Eßer/Kraus (Anm. 8), S. 149–247, S. 176.

42
Nation und Nationalismus  APuZ

nisierung“ aufkam und das Konzept des nation troffen war – unter anderem stieg die Arbeitslo-
building rezipiert wurde. Grundlagen bestanden sigkeit von 9,4 (2004) auf über 18 Prozent (2010).
in der Stärkung der katalanischen Identität in All- Erkennbar ist daher ein Zusammenhang zwi-
tag, Schulen und Medien. 15 schen dem Aufkommen einer zivilgesellschaftli-
Die Forderungen nach einem gesteigerten chen Bewegung, die sich explizit für die Sezession
Kompetenzniveau wurden spätestens ab 2004 vi- ausspricht, und einem Umschwung auf der poli-
rulent. Mit der Esquerra Republicana (ERC) ge- tischen Ebene, bei dem das Thema seit 2010 von
wann eine für den Separatismus eintretende Par- Jahr zu Jahr stärker verbalisiert wurde.
tei signifikant an Stimmen. Der Eintritt der ERC Bei der Regionalwahl im November 2010
in die Regierung unter dem Sozialisten Pasqual konnte die CiU mit ihrem Spitzenkandidaten
Maragall als Regierungschef bedeutete qualitativ Artur Mas nach sieben Jahren wieder die Mehr-
eine andere Ebene der Forderungen nach Auto- heit erlangen. Ein Jahr später fand in Spanien die
nomie und einem neuen Statut. Auch in Madrid vorgezogene Parlamentswahl statt, bei der die
war Dialogbereitschaft vorhanden; der Sozialist PP die sozialistische Partido Socialista Obrero
José Luis Zapatero versprach, die Reform des Español (PSOE) ablöste und Mariano Rajoy Mi-
Statuts zu einem seiner Kernstücke in der Regie- nisterpräsident wurde, der bis zu seiner Abwahl
rungstätigkeit zu machen. 16 im Juni 2018 den Separationsbestrebungen äu-
Durch ein Autonomiestatut wollte die kata- ßerst kritisch gegenüberstand. Schon zu diesem
lanische Regierung das Geflecht zwischen Ma- Zeitpunkt ließ sich eine erste Radikalisierung der
drid und Barcelona strukturieren: Eine Neuord- Unabhängigkeitsbestrebungen erkennen. Mas,
nung der Kompetenz- und Finanzzuweisungen zuvor aus Rücksicht gegenüber dem wirtschafts-
sollte wie der plurinationale Charakter Spaniens liberalen Flügel seiner Partei eher vorsichtig in
geregelt werden. Das aktualisierte Statut wurde den Formulierungen, sprach sich für eine Sezes-
von beiden Kammern des spanischen Parlaments sion aus. 17 Auch in der Zivilgesellschaft wurden
verabschiedet und im Juni 2006 ratifiziert, die die Forderungen ab 2012 deutlicher. Am Jahres-
Durchsetzung des Statuts schien trotz Verwässe- tag der Einnahme Barcelonas gingen 1,5 Mil-
rung durch Madrid auf einem guten Weg. lionen Katalanen auf die Straße, um unter dem
Doch die Situation eskalierte wenig später mit Motto „Katalonien – ein neuer Staat in Europa“
einer Verfassungsklage der christdemokratischen ihre Unabhängigkeit einzufordern. Gleich-
Partido Popular (PP) gegen das Statut. Begründet sam machte die Krise deutlich, dass das bishe-
wurde dieser Schritt mit dem Risiko einer mögli- rige System der Zusammenarbeit in Form der
chen Anerkennung Kataloniens als Nation. Vier Transferleistungen nicht funktioniert. Mas for-
Jahre später traf das Verfassungsgericht eine Ent- derte gegenüber Madrid eine Neuformulierung
scheidung: Das Urteil besagte, dass 14 der 223 des Finanz- und Transfermodells nach Vorbild
Artikel verfassungswidrig seien, insbesondere des Baskenlandes. Die Basken müssen einen ge-
Kompetenzen in Fiskalfragen. Folge dessen war ringeren Anteil an Solidarzahlungen abgeben;
eine Mobilisierung der Kräfte – noch heute wird das bislang existierende Modell der Finanzaus-
das Urteil als maßgeblicher Indikator der Ereig- gestaltung sollte auslaufen, neuerliche bilatera-
nisse 2017 gesehen, die politischen Vertreter sa- le Abmachungen zwischen Katalonien und dem
hen sich in ihrem Selbstentscheidungsrecht be- Zentralstaat vereinbart werden, was jedoch von
schnitten. Unmittelbar nach dem Urteil gingen in Rajoy schroff abgelehnt wurde.
Barcelona hunderttausende Demonstranten auf
die Straße und forderten ihr Recht auf Selbstbe- ZUSPITZUNG DES KONFLIKTS
stimmung ein. Verschärft wurde die Situation in AB 2014
dieser Phase durch die europäische Finanz- und
Wirtschaftskrise, von der Katalonien stark be- Erstmalig wurden im Februar 2013 Ideen über
die Abhaltung eines Referendums diskutiert, als
Mas einen Rat der nationalen Transición einsetz-
15 Moritz Glaser, Katalonien: Region oder Nation?, in: Zeithisto-
te, der die juristischen Voraussetzungen prüfen
rische Forschungen 15/2018, S. 115–127, hier S. 122.
16 Vgl. Klaus-Jürgen Nagel, Der spanische Autonomiestaat – ist
das Ende der Fahnenstange erreicht?, in: Jahrbuch des Föderalis- 17 Vgl. Michael Ehrke, Katalonien: Geld oder Identität?, Berlin
mus 2010, Baden-Baden 2010, S. 287–305, hier S. 289. 2014.

43
APuZ 48/2018

sollte. Rajoy beharrte darauf, dass die Abstim- wurde. Deutlich wurde auch, dass die Parteien
mung in ganz Spanien stattfinden oder aber die sich selbst nicht einig darüber waren, welcher
katalanische Regierung sich um eine Verfassungs- Weg zur Unabhängigkeit bestritten werden soll,
änderung bemühen müsse. Dies war aber uto- was einen einheitlichen Auftritt gegenüber Ma-
pisch, da weder das Kabinett Rajoy noch die Re- drid erschwert.
gierungsfraktion zu Gesprächen bereit waren. Bei der Wahl konnten die separatistischen
Rajoy verwies auf Artikel 147, nach dem die spa- Parteien die absolute Mehrheit erzielen, jedoch
nische Verfassung keine provinzielle oder lokale nicht die Mehrheit der Stimmen der Wahlbe-
Souveränität kennt. 18 Dennoch verkündete Mas rechtigten einholen (47,7 Prozent zu 51,7 Pro-
die Durchführung eines Referendums am 9. No- zent). Junts Pel Si erreichte 62 Sitze, die neomar-
vember 2014, bei dem die Katalanen zwei Fragen xistische Candidatura d’Unitat Popular (CUP)
beantworten sollten: „Wollen Sie, dass Kataloni- zehn, was eine Mehrheit aufgrund des beson-
en ein Staat wird?“ und „Wollen Sie, dass dieser deren Wahlsystems ermöglichte. 22 Auffällig war
Staat unabhängig ist?“ bei der Wahl die Heterogenität der katalanischen
Letztendlich wurde nach zahlreichen fehl- Gesellschaft: Das Stadt-Land-Gefälle wurde
geleiteten Wegen, die Befragung (legal) vorzu- deutlich, in ländlichen Gebieten erhielten die se-
nehmen, 19 am 9. November eine Ersatzumfra- paratistischen Parteien eine Mehrheit, in Indust-
ge durchgeführt, die lediglich den plebiszitären riestandorten wie Barcelona oder Tarragona sind
Charakter einer Volksbefragung besaß. Knapp sie in der Minderheit. Offensichtlich wurden im
81 Prozent der Befragten stimmten für eine Un- Anschluss die Konflikte der Regionalregierung:
abhängigkeit, das heißt etwa 30 Prozent der in Während die CUP einen vollständigen Bruch
Katalonien Abstimmungsberechtigten votierten mit Spanien forcierte, wollte Mas einen 18 Mo-
bei einer Wahlbeteiligung von 37 Prozent mit ei- nate lang andauernden Übergang, in dem staat-
nem doppelten Ja für den unabhängigen Staat. 20 liche Strukturen aufgebaut werden können. Re-
Mas kündigte im Januar 2015 vorgezogene Neu- sultat dessen war, dass die CUP Mas nicht weiter
wahlen für den 27. September an. In Katalonien als Regionalpräsidenten tolerierte, nur knapp
schlugen die Forderungen nach mehr Autono- wurde im Januar 2016 eine Neuwahl verhindert.
mie infolge des Referendums Wellen in Rich- Mas verzichtete auf das Amt, die CUP akzep-
tung Selbstbestimmung, gleichzeitig agierte Ra- tierte Carles Puigdemont für das Amt. Dieser
joy weiter mit einer „Politik der permanenten war zuvor auch in Spanien relativ unbekannt, je-
Funkstille, des Legalismus und der selektiven doch als Bürgermeister von Girona Oberhaupt
Rezentralisierung“. 21 Die Wahl wurde als Vo- einer Stadt, die als Hochburg der Separationsbe-
tum für ein Unabhängigkeitsplebiszit inszeniert, wegung gilt. Mit seiner Partei Partit Demòcrata
wofür Mas eine breite politische wie zivilgesell- Europeu Català (PDeCat) sowie einer Koalition
schaftliche Basis schaffen wollte. Kurz vor der mit ERC und der CUP bildete Puigdemont eine
Wahl wurde das Bündnis CiU wegen interner heterogene Koalition, die nur wenige Sachfragen
Spannungen aufgelöst; Mas trat daraufhin mit verabschieden konnte und den Fokus hatte, die
einem neuen Bündnis Junts Pel Si (Zusammen Separation voranzutreiben.
für das Ja) an, in das auch die ERC integriert
ESKALATION RUND
UM DAS REFERENDUM
18 Spaniens Parlament lehnt Referendum für Katalonien ab, AM 1. OKTOBER 2017
9. 4. 2014, www.spiegel.de/politik/ausland/​a-963371.html.
19 Mas wollte zunächst mit Artikel 150 der Verfassung das
Madrid sah auch nach dem Amtswechsel keine
Referendum über eine Kompetenzübertragung legitimieren. Dies
wurde aber vom spanischen Parlament als verfassungswidrig ab-
Basis für Verhandlungen. Für die katalanische
gelehnt. Auch ein in Katalonien verabschiedetes Gesetz, eine „nicht Regierung stand fest, dass eine Sezession das ein-
referielle-Volksbefragung“ stattfinden zu lassen, wurde in Madrid zig logische Ergebnis von Verhandlungen wäre.
außer Kraft gesetzt. Ein erster Indikator für die Zuspitzung des Kon-
20 Vgl. Sabine Riedel, Die Befragung zur Unabhängigkeit Kata-
loniens, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Arbeitspapier FG
Globale Fragen 3/2014, S. 15. 22 Katalonien ist in vier Wahlkreise unterschiedlicher Größe ein-
21 Susanne Gratius/Kai-Olaf Lang, Das katalanische Labyrinth, geteilt. Dadurch sind ländliche Wahlkreise begünstigt, ein Kandidat
SWP-Aktuell 5/2015, S. 8. braucht für ein Mandat deutlich weniger Stimmen.

44
Nation und Nationalismus  APuZ

flikts, der im Verlauf des Jahres 2017 kontinuier- In Katalonien gewannen nach dem Referen-
lich verschärft wurde, fand sich in der Ankündi- dum die „Stimmen von der Straße“ 26 verstärkt an
gung vom 9. Juni 2017 wieder, als Puigdemont Einfluss. Puigdemont wollte eine Neuwahl nach
ein Referendum für den 1. Oktober festlegte. Die dem Referendum ansetzen, wurde aber von der
Katalanen sollten dabei die Fragestellung „Wol- CUP und der ERC sowie zivilgesellschaftlichen
len Sie, dass Katalonien ein unabhängiger Staat in Akteuren unter Druck gesetzt, unmittelbar die
Form einer Republik ist?“ beantworten. Idealty- Unabhängigkeit Kataloniens auszurufen. Paral-
pisch wird nach Vorstellung der Regierung Kata- lel stimmte der spanische Kongress am 11. Ok-
lonien eine Republik, die sowohl der EU als auch tober zu, Artikel 155 der Verfassung zu aktivie-
der Eurozone und der NATO angehört. Umfra- ren, ein bis dato einmaliger Vorgang. Dadurch
gen sahen Puigdemont in seinem Vorhaben be- wird die Autonomie Kataloniens außer Kraft ge-
stärkt: Drei Viertel der spanischen Bevölkerung setzt, die Gemeinschaft von Madrid aus regiert.
meinten, dass das Vorgehen Rajoys den Kon- Am 27. Oktober fanden die beiden Entwicklun-
flikt eher verschärfen würde, 23 ebenso betonten gen zusammen: Puigdemont proklamierte einsei-
zwei Drittel der Katalanen die Unzufriedenheit tig die Unabhängigkeit, während Madrid die Au-
mit der aktuellen Position ihrer Gemeinschaft. tonome Gemeinschaft auflöste und die Neuwahl
Mit dem Referendumsgesetz, das am 6. Septem- für den 21. Dezember ausrief. Drei Tage später
ber durch das katalanische Parlament entgegen klagte die Staatsanwaltschaft Puigdemont und
jeglicher demokratischer Gepflogenheiten „ge- dessen gesamte Regierung wegen Volksverhet-
peitscht“ wurde, 24 konnte die regionale Gesetz- zung, Korruption und Rebellion an – der Regi-
gebung genutzt werden, um das (illegale) Refe- onalpräsident floh nach Brüssel ins Exil. Die Re-
rendum zu legitimieren. Es entstand jedoch der gionalwahl organisierte Puigdemont von Belgien
Eindruck, dass das Unabhängigkeitsprojekt in aus und war – trotz körperlicher Abwesenheit –
Katalonien eines einer sehr gut organisierten so- Fixpunkt des Wahlkampfs. Auch wenn die Wahl
wie finanziell breit aufgestellten sozialen Bewe- aus Madrid mit Anwendung von Artikel 155 an-
gung ist, die den demokratischen Willen über- geordnet wurde, bestand von Seiten der Separa-
geht. 25 Deren Vorgehen führte zwangsläufig zur tisten die Hoffnung, ihre Bewegung stärker zu
weiteren Eskalation, als zehn Tage vor dem Re- ­legitimieren.
ferendum die spanische Polizei zwölf Mitarbei- Die Wahlliste Puigdemonts Junts per Cata-
ter der Regierung festnahm und diese mit dem lunya ging mit 34 Mandaten als Siegerin hervor.
Vorwurf des Abhaltens eines „illegalen Referen- Ähnlich wie bei der Wahl 2015 konnten die se-
dums“ und dem „Einsetzen öffentlicher Mit- paratistischen Bewegungen zwar die Mehrheit
tel“ konfrontierte. Die Bilder aus Barcelona am erzielen (70 von 135 Mandaten), das Kräftever-
1. Oktober 2017 gingen schlussendlich durch hältnis wippte leicht zugunsten Spaniens, da die
die Welt: Polizeieinsätze gegen die Unabhängig- liberale, sich gegen die Unabhängigkeit ausspre-
keitsbefürworter führten zu Gewalt, Wahlurnen chende Ciudadanos Stimmen dazu gewann. Das
und Stimmzettel wurden beschlagnahmt, es kam Wahlergebnis brachte wenig Veränderung, auch
zu Knüppeleinsätzen und Barrikaden. Offiziel- ließen die justiziablen Ermittlungen den Ton
len Ergebnissen nach stimmten 90 Prozent der schriller werden. Da die ERC keine Wiederwahl
Wähler für die Unabhängigkeit, allerdings mehr- Puigdemonts akzeptierte und dieser nicht nach
ten sich Stimmen über Unregelmäßigkeiten beim Spanien einreisen konnte, wurde nach langen
Ablauf der Wahl, die Wahlbeteiligung lag bei le- Verhandlungen Mitte Mai 2018 Quim Torra als
diglich 42,3 Prozent. Regionalpräsident gewählt, der politisch Puigde-
mont nahe steht, aber von der veränderten Situ-
23 Vgl. Thomas Urban, Der Traum von der Republik, in: Süddeut-
ation in Madrid profitierte und eher den Dialog
sche Zeitung, 10./11. 6. 2017, S. 8. mit der Zentralregierung suchen konnte. Daher
24 Eine Mindestbeteiligung wurde nicht festgesetzt, die einfache sprach Torra kurz nach der Übernahme des Am-
Mehrheit der Stimmen genügte für die Verabschiedung des Geset- tes zwar davon, das „Mandat des 1. Oktober“
zes; die eigentlich für das Gesetz notwendige Zweidrittelmehrheit
war nicht gegeben.
25 Vgl. Matthias vom Hau, Katalonien: Staatskrise ohne Ende?, 26 Vgl. Julia Macher, Katalonien: Eskalation ohne Ende, in: Blät-
in: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2017, ter für deutsche und internationale Politik 5/2018, S. 25–28, hier
S. 13–16, hier S. 14. S. 27.

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APuZ 48/2018

aufrechtzuerhalten, allerdings will er keine „uni- Katalonien als „Nation“ anerkannt und Spanien
lateralen Wege“ gehen und andere Lösungen der als Staat von „Nation von Nationen“ definiert
Konfliktbefriedung suchen. 27 wird. 31 Zwar geben die Separatisten ihr Ziel der
Unabhängigkeit nicht auf, auf Seiten der ERC
AKTUELLE DEBATTEN meldeten sich aber auch Stimmen der Zurück-
UND ENTWICKLUNGEN haltung. Durch die PSOE erfolgte kein radikaler
IN KATALONIEN Kurswechsel, aber eine für Entspannung sorgen-
de Korrektur. Deutlich wurde dies auch durch ein
Zwei Aspekte prägen die Debatte in Katalonien erstes Treffen zwischen Torra und Sánchez im Juli
derzeit in besonderem Maße: Zum einen ist dies 2018, bei dem ein erster Schritt Richtung kon-
die veränderte Lage in Madrid: Die sozialistische struktiven Dialog gelang.
PSOE übernahm mit Pedro Sánchez aufgrund ei-
nes Misstrauensvotums Anfang Juni 2018 Regie- FAZIT
rungsverantwortung. Zum anderen ist die katala-
nische Separationsbewegung nach wie vor aktiv Deutlich wird bei einer Analyse der separatisti-
und verfolgte zuletzt vor allem eine Internatio- schen Bewegung in Katalonien, dass ein Groß-
nalisierung des Konflikts, was durch die Flucht teil der Bevölkerung eine Veränderung des Status
Puidgemonts nach Brüssel und dessen kurzzeitige quo will; zwar hat eine Abspaltung Kataloniens
Inhaftierung in Deutschland gelang. Zwar brach- keine demokratische Legitimation, ein „Weiter
te die Polizeigewalt am 1. Oktober 2017 nicht wie so“ erscheint in dem Konflikt aber nicht sinnvoll.
von den Separatisten erhofft internationale Soli- Ähnlich dem Abstimmungsverhalten des Brexit
darisierung, da sowohl die EU als auch die Ver- ist Katalonien derzeit in zwei Lager unterteilt,
einten Nationen und die Vereinigten Staaten den was dadurch bedingt wird, dass die nordspani-
Schulterschluss mit Rajoy suchten. 28 Dennoch sche Region eine traditionelle Einwanderungsge-
konnte Puigdemont durch die Haft in Deutsch- sellschaft ist, die zwar stark plural ist, durch den
land die anschließende Debatte um die juristische Nationalismus mit Elementen kultureller Souve-
Bewertung der Anklage in Spanien den Konflikt ränität aber Forderungen nach Sezession ableitet.
europäisch führen. 29 Die katalanische Gesellschaft ist keine homogene,
Auch wenn Sánchez und die PSOE das Refe- was auch die Vorbehalte gegenüber einer Abspal-
rendum abgelehnt und die Absetzung der Regi- tung in den urbanen Regionen erklärt. Diese He-
onalregierung durch Artikel 155 mitgetragen ha- terogenität kann künftig für politische Instabilität
ben, verlor der Konflikt zuletzt an Schärfe. Das sorgen, zumal seit 2014 Bündnisse wie die Societat
zeigt sich sowohl durch die personelle Besetzung Civil Catalan mit Befürwortern eines Verbleibs
einzelner Ministerien 30 als auch durch politische Kataloniens in Spanien auf die Straße gehen. Pri-
Handlungen wie der Lockerung der Ausgaben- mär sind es jedoch historische und aus dem Auf-
kontrolle in Katalonien. Zudem verhandelt eine bau des spanischen Staates entwickelte Probleme,
Kommission, die bereits Rajoy im Oktober 2017 die die Grundlage der katalanischen Separations-
eingesetzt hatte, über ein neues Autonomiestatut bestrebungen bilden. Als während der Transición
beziehungsweise versucht, Anpassungen zu re- die spanische Dezentralisierung entwickelt wur-
geln. Die PSOE stellt einen gerechteren Finanz- de, legte man die Ungleichheit zwischen den Re-
ausgleich in Aussicht, zudem ist vorstellbar, dass gionen durch die Verfassung fest. Eine sukzessi-
ve Angleichung in den Jahren darauf wurde von
den Katalanen nicht akzeptiert, zumal multinati-
27 Vgl. dies., Spanien: Die Stunde der Sozialisten, in: Blätter
onale Elemente, die die verschiedenen Teile Spa-
für deutsche und internationale Politik 7/2018, S. 21–24, hier
S. 23.
niens miteinander verbinden könnten, nicht vor-
28 Vgl. vom Hau (Anm. 25), S. 13. handen sind.
29 Die Anklage wegen Rebellion konnte nicht aufrechterhalten Die politische Entwicklung gepaart mit his-
werden, da der Protest „gewaltfrei“ verlief. Aus diesem Grund wur- torischen Erfahrungen und der ökonomischen
de der zuvor verhängte europäische Haftbefehl fallen gelassen,
Krise in Spanien bildeten das Fundament dafür,
Puigdemont droht eine Anklage wegen Korruption und Veruntreu-
ung öffentlicher Mittel.
30 Mit Meritxell Batet wurde eine katalanische Föderalistin zur 31 Vgl. Kanzler Kurz in Madrid bei König Felipe und Premier
Ministerin für Verwaltungs- und Territorialfragen benannt. Sanchez, 12. 9. 2018, www.sn.at/politik/weltpolitik/-39959605.

46
Nation und Nationalismus  APuZ

dass ab 2012 aus dem gemäßigten Nationalismus denken, in dem Madrid durch ein neues Autono-
ein radikaler Separatismus wurde. Die regionale miestatut den spanischen Finanzausgleich anpasst
Identität ist in Katalonien stark ausgeprägt, je- und diese zentrale Frage des Konflikts angeht.
doch bedarf es zusätzlich ökonomischer Fakto- Auch könnte Katalonien noch weitere Kompe-
ren, die den Konflikt ausarten ließen. Katalonien, tenzen im Bereich der Kultur- und Identitätspo-
ähnlich wie die Region Madrid mit etwa 19 Pro- litik zugestanden werden. Denn notwendig wird
zent am spanischen BIP beteiligt, gilt als indust- dies sein: Investoren gehen Katalonien (und Spa-
rialisierte Region, die zudem vergleichsweise ex- nien) gegenüber bereits auf Distanz, einige Un-
portstark ist. Zwar kann von einer ökonomischen ternehmen haben ihren Zentralsitz in Katalonien
Dominanz nicht zwingend gesprochen werden, aufgegeben. Einen langwährenden Konflikt kann
dennoch leistete Katalonien in Spanien einen be- sich keine der beiden Seiten leisten; auch die EU
trächtlichen Anteil bei der Bewältigung der Kri- schaut genau darauf, wie sich dieser Konflikt, der
se. 32 Die Enttäuschung über die unverständliche momentan Gefahr läuft, die Gesellschaft nachhal-
Ausgestaltung des spanischen Finanzausgleichs tig zu polarisieren, weiterhin entwickelt.
sowie die aus Sicht der Katalanen ungerechte
Verteilung finanzieller Mittel fand Nährboden
in einer generellen Unzufriedenheit. Die öko-
nomische Frage an sich bietet zwar eine Lösung
unterhalb der Sezession an, ist jedoch Folge da-
von, dass der Sezessionswunsch seit 2010 stärker
wurde. Dazu gesellte sich ein innerkatalanischer
Wettbewerb, in dem sich die ERC, die CiU (be-
ziehungsweise deren Nachfolgeparteien) und die
CUP mit Forderungen nach Selbstbestimmung
übertrumpften.
Separatistische Bewegungen in Europa for-
dern nationale Souveränität, Demokratie und
Partizipation ein. Jedoch fördert dies auch Miss-
gunst und Streit, etwa um territoriale Grenzen,
wenn etwa die CUP ein „Gesamt-Katalonien“
bilden will, das auch Teile Frankreichs umfassen
soll. Der Separatismus in Spanien wird so lange
bestehen, bis ein gesellschaftlicher Konsens ge-
funden ist. Separatismus lässt sich nicht mit Po-
lizisten oder Paragrafen nachhaltig lösen, son-
dern mit Dialog, Begegnungen und Vertrauen. 33
Madrid und Barcelona waren lange nicht fähig,
eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, wie
der Volkswille nach einer Veränderung des Sta-
tus quo sich ausdrücken lässt. Madrid pochte auf
den Rechtsstaat sowie die Gesetze, stellt die Ver-
fassung in Artikel 2 doch die „unauflösliche Ein-
heit der spanischen Nation“ fest. Barcelona hin-
gegen argumentiert mit Ungleichbehandlung, die
aus ökonomischen und kulturellen Elementen
Kraft schöpft. Möglicherweise gelingt ein Um-

NINO LÖFFLER
32 Vgl. Klaus Schrader/Claus Friedrich Laaser, Die Bedeutung
ist Politikwissenschaftler und Volontär in der
Kataloniens für die spanische Volkswirtschaft, Kiel Policy Brief
2017, S. 17.
Stabstelle Kommunikation der Bundeszentrale
33 Vgl. Stefan Ulrich, Recht und Furor, in: Süddeutsche Zeitung, für politische Bildung.
13. 7. 2018, S. 4. nino.loeffler@bpb.de

47
APuZ 48/2018

DIE NEUE DIASPORAPOLITIK


DER TÜRKEI UND TÜRKEISTÄMMIGE
IN DEUTSCHLAND
Sezer İdil Göğüş

Die Geschichte der Türkei im 20. Jahrhun- kisch-Islamische Union der Anstalt für Religion
dert war stark von Auswanderung geprägt. Ak- e. V.) am 29. September 2018 in Köln in Anwesen-
tuell leben mehr als 5,5 Millionen türkische heit von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zeigte.
Staatsbürger*innen laut dem türkischen Minis- Im Folgenden skizziere ich zunächst die Pha-
terium für auswärtige Angelegenheiten im Aus- sen der Migration aus der Türkei nach Deutsch-
land; 4,6 Millionen davon haben ihren Wohnsitz land. Vor diesem Hintergrund analysiere ich die
in einem westeuropäischen Land. 01 Die meis- ab 2002 erfolgte Neuausrichtung der „Diaspora-
ten türkeistämmigen 02 Einwohner*innen hat politik“ der türkischen Regierung und frage ab-
Deutschland: etwa drei Millionen, darunter so- schließend nach den Reaktionen der Türkeistäm-
wohl türkische Staatsbürger*innen als auch Men- migen auf diese Mobilisierungsstrategien.
schen türkischer Abstammung, die entweder die
deutsche und die türkische oder nur die deutsche AUS DER TÜRKEI
Staatsbürgerschaft besitzen. 03 Aufgrund verschie- NACH DEUTSCHLAND
dener Phasen der Auswanderung setzt sich die
türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland aus Die türkische Migration in die westeuropäischen
vielen unterschiedlichen Gruppen zusammen, die Länder begann in den 1960er Jahren als Arbeits-
sich teilweise aktiv voneinander abgrenzen und migration im Zuge des Wiederaufbaus nach dem
zuweilen auch Konflikte aus dem Herkunftsland Ende des Zweiten Weltkrieges. 05 Deutschland
hier austragen: Kurd*innen und Türk*innen, war eines der bedeutendsten Aufnahmeländer
Alevit*innen und Sunnit*innen, säkulare und re- und schloss bilaterale Abkommen über die An-
ligiöse Türkeistämmige, AKP-Anhänger*innen werbung von Arbeitskräften mit verschiedenen
und AKP-Kritiker*innen. Ländern: etwa mit Italien 1955, mit Spanien und
Die türkische Politik gegenüber den im Aus- Griechenland 1960 und mit der Türkei 1961. 06
land ansässigen Türkeistämmigen wurde seit dem Die Arbeitsmigrant*innen wurden als „Gastar-
AKP-Wahlsieg von 2002 verstärkt und ausgewei- beiter“ bezeichnet, was den vorübergehenden
tet. Dieses Engagement basiert auf drei Prinzi- Wohnsitz in Deutschland betonen sollte, 07 – und
pien: Erstens werden die Angehörigen der Nati- damals die Vorstellung beider Seiten wiederspie-
on im Ausland als „Diaspora“ definiert; zweitens gelte. Ab Mitte der 1970er Jahre verschob sich
wurde die Teilnahme an Wahlen und Referenden der Schwerpunkt der türkischen Migration: Seit
für türkische Staatsbürger*innen im Ausland er- dem „Anwerbestopp“ von 1973 fand Einwande-
möglicht, ohne dass diese ins Land reisen müs- rung vor allem im Rahmen des Familiennachzugs
sen, und drittens wird die Verbindung von mus- statt 08 – und als nicht intendierte Folge wurden
limischer und türkischer beziehungsweise eine aus vielen „Gastarbeitern“ Einwander*innen und
neo-osmanische Identität betont.04 Die AKP be- Deutschland zum Einwanderungsland. 09
treibt eine aktive Politik zur Förderung der Iden- Eine weitere Immigration aus der Türkei
tifikation mit der Türkei unter Türkeistämmigen setzte ein, als die politische Lage in der Tür-
im Ausland und zur Mobilisierung der Türkei- kei unmittelbar vor und in den Jahren nach dem
stämmigen in Deutschland für innertürkische be- Militärputsch 1980 viele Menschen auf der Su-
ziehungsweise ihre eigenen Belange, wie zuletzt che nach Asyl nach Deutschland und in ande-
etwa die Eröffnung der Ditib-Moschee (Tür- re europäische Länder trieb. In den 1980er und

48
Nation und Nationalismus  APuZ

1990er Jahren erfolgte so eine Diversifizierung re Definition lieferte einen Archetyp: Mitglieder
der Immigrant*innen aus der Türkei. 10 Viele der so verstandenen Diaspora wurden vertrieben,
der Asylsuchenden waren linksgerichtete Akti­ fühlen den Verlust und hegen den Wunsch nach
vist*innen. Zudem kamen viele Kurd*innen, die Rückkehr in das Heimatland. 13 Zeitgenössisch
wegen der fortwährenden Zusammenstöße zwi- wird hingegen eine transnationale Perspektive
schen Sicherheitskräften und der PKK (Arbeiter- auf Gruppen in der Diaspora eingenommen und
partei Kurdistans) in den südöstlichen und östli- davon ausgegangen, dass Diasporagemeinden
chen Provinzen der Türkei das Land verließen. 11 nicht unbedingt zurück in das Land ihrer Vor-
Eine in vielerlei Hinsicht vergleichbare Zuwan- fahren wollen, sondern sie aufgrund des zirkulä-
derung wurde jüngst ausgelöst durch die „Säu- ren Austausches und der transnationalen Mobi-
berungspolitik“, die nach dem Putschversuch in lität 14 eine Verbundenheit für mehr als ein Land
der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 einsetz- (Heimat und Aufnahmeland) empfinden kön-
te. Viele der aktuell Geflüchteten sind gut ausge- nen. So gewinnt die Diaspora auch an Bedeutung
bildete Journalist*innen, Akademiker*innen und für die Entsendeländer. Einige davon nutzen die
Aktivist*innen, weshalb in diesem Zusammen- Diaspora­politik zur Vernetzung oder zur Instru-
hang auch von einem neuerlichen brain drain ge- mentalisierung für unterschiedliche Interessen. 15
sprochen werden kann. Das Engagement kann dabei wirtschaftlicher, so-
zialer, kultureller oder politischer Natur sein. Die
DIASPORAPOLITIK Politikwissenschaftlerin Eva Østergaard-Nielsen
IM WANDEL definiert den politischen Bereich dieser Bemü-
hungen als „extension of political rights to non-
Historisch betrachtet, wurde der Begriff Dias- resident nationals or attempts to influence and
pora anhand der jüdischen, armenischen oder control expat political activities abroad“. 16
griechischen Diaspora definiert, die als „Opfer- Während in den 1970er Jahren den im Aus-
Diaspora“ bezeichnet wurden. 12 Diese frühe- land ansässigen Türkeistämmigen vor allem kul-
turelle und soziale Angebote gemacht wurden,
01 Vgl. Turkish Ministry of Foreign Affairs, Turkish Citizens Living zeigte der türkische Staat seit den 1980er Jahren,
Abroad, www.mfa.gov.tr/the-expatriate-turkish-citizens.en.mfa. als deutlicher wurde, dass viele der als kurzfris-
02 Der Begriff „Türkeistämmige“ schließt alle Gruppen aus der Türkei
tige Arbeitsmigration intendierten Ausreisen zu
mit ein, darunter unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen.
03 Laut einer Studie von Statista wohnten 2017 1,5 Millionen tür-
Daueraufenthalten in den Aufnahmeländern ge-
kische Staatsbürger*innen in Deutschland, de.statista.com/statistik/ worden waren, vermehrt wirtschaftliches und po-
daten/studie/152911/umfrage/tuerken-in-deutschland-seit-2001. litisches Interesse an ihnen. Seit Beginn der Amts-
04 Vgl. Yasar Aydın, Die neue türkische Diasporapolitik. Ihre Zie- zeit der AKP 2002 ist eine Neuausrichtung des
le, ihre Grenzen und Herausforderungen für die türkeistämmigen
Engagements der AKP-Regierung(en) gegenüber
Verbände und die Entscheidungsträger in Deutschland, Stiftung
Wissenschaft und Politik, SWP-Studie 14/2014, S. 7 ff.
den Türkeistämmigen im Ausland zu beobach-
05 Vgl. Özge Bilgili/Melissa Siegel, From Economic to Political ten. 17 Insbesondere das Jahr 2008 markiert einen
Engagement: Analysing the Changing Role of the Turkish Diaspora, bedeutenden Politikwechsel hin zu einer stärke-
in: Michael Collyer (Hrsg.), Emigration Nations. Policies and
Ideologies of Emigrant Engagement, Hamshire 2013, S. 277–301,
hier S. 278. 13 Vgl. Steven Vertovec, The Political Importance of Diasporas,
06 Siehe dazu auch die APuZ 43/2011 mit dem Schwerpunkt 2005, www.compas.ox.ac.uk/wp-content/uploads/WP-2005-​013-​
„50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei“ (Anm. d. Red.). Vertovec_Political_Importance_Diasporas.pdf.
07 Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in 14 Vgl. Thomas Faist, Diaspora and Transnationalism: What Kind
Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flücht- of Dance Partners?, in: Rainer Bauböck/ders. (Hrsg.), Diaspora and
linge, München 1990; Gökce Yurdakul, From Guest Workers into Transnationalism: Concepts, Theories and Methods, Amsterdam
Muslims: The Transformation of Turkish Immigrant Associations in 2010, S. 9–34, hier S. 13.
Germany, Cambridge 2009. 15 Vgl. Bahar Baser, Diasporas and Homeland Conflicts. A Com-
08 Vgl. Yurdakul (Anm. 7). parative Perspective, Ashgate 2015, S. 25 ff.
09 Vgl. Klaus J. Bade, Anwerbestopp 1973. Als Deutschland zum 16 Era Østergaard-Nielsen, Sending Country Policies, in: Blanca
Einwanderungsland wurde, 24. 11. 2013, www.zeit.de/gesellschaft/ Garcés-Mascareñas/Rinus Pennix (Hrsg.), Integration Processes and
zeitgeschehen/2013-11/einwanderung-anwerbestopp. Policies in Europe, S. 147–165, hier S. 150.
10 Vgl. Bilgili/Siegel (Anm. 5), S. 279. 17 Vgl. Bahar Baser, Turkey’s Diaspora Engagement Policy under
11 Vgl. ebd., S. 279 ff. the Justice and Development Party, 24. 4. 2017, www.imi.ox.ac.uk/
12 Vgl. Robin Cohen, Global Diasporas. An Introduction, London blog/turkey2019s-diaspora-engagement-policy-under-the-justice-
2008. and-development-party.

49
APuZ 48/2018

ren Politisierung: In diesem Jahr änderte das tür- lich Köln als die „Hauptstadt der Diaspora“ und
kische Parlament das Wahlgesetz und erlaubte betonte ihre Bedeutung für die „Bewahrung von
erstmals türkischen Staatsbürger*innen, die au- Identität, Kultur und Sprache“. 22 Bei einer Ver-
ßerhalb der Türkei leben, bei Wahlen und Refe- anstaltung der Union Europäisch-Türkischer
renden abzustimmen, ohne in die Türkei reisen Demokraten (UETD) sprach Präsident Erdoğan
zu müssen. Das Gesetz wurde erstmals bei der von „neuen Dienstleistungen“ für türkische
Präsidentschaftswahl 2014 vollzogen. Ein Zu- Bürger*innen in der Diaspora, um die türkische
satzartikel dieses Wahlgesetzes ermöglichte es Sprache und Kultur besser zu fördern. 23
dem türkischen Staat außerdem, Wahlbüros im Die Neuausrichtung schlägt sich auch insti-
Ausland einzurichten. Dafür bedarf es in einigen tutionell nieder: Bereits vor der Regierungszeit
Ländern, wie Deutschland, der Zustimmung und der AKP gab es staatliche Institutionen wie die
Genehmigung staatlicherseits. 18 Generaldirektion für auswärtige Angelegenhei-
Mit dieser Neuerung änderte sich auch die ten und Dienstleistungen für Arbeitnehmer im
Art und Weise, wie Türkeistämmige adressiert Ausland (Dış İlişkiler ve Yurt Dışı İşçi Hizmetle-
wurden: Seit dem Amtsantritt der AKP-Regie- ri Genel Müdürlüğü), die 1967 gegründet wurde.
rung 2002 wurde immer häufiger der Begriff der Zudem fungierten Attachés in türkischen Kon-
„Diaspora“ verwendet. Diese sprachliche Ver- sulaten als Ansprechpartner für die Türkeistäm-
schiebung erfolgte im Kontext einer breiteren migen. Zeynep Şahin Mencütek und Bahar Baser
Neuausrichtung der türkischen Außenpolitik. 19 sprechen von einer Zeit „intensiven Engagements
Der Sprecher des türkischen Präsidenten, İbra- und der Institutionalisierung“ ab 2003. 24 Als Be-
him Kalın, erklärte 2011, dass die Strategie ei- leg führen sie einen Bericht der Parlamentari-
ner verstärkten öffentlichen Diplomatie eine Me- schen Untersuchungskommission vom 17. Juni
thode zur Förderung nationaler Interessen sei. 20 2003 an, in dem legislative und institutionelle Än-
Ziel der neuen Diasporapolitik ist, die öffentli- derungen angesprochen werden, die dabei helfen
che Meinung im Ausland und damit nach Mög- sollen, mögliche Probleme der Bürger*innen im
lichkeit die Politik der Aufnahmeländer so zu Ausland anzugehen. Beispielsweise wurde die
beeinflussen, dass wirtschaftliche und politische Einrichtung einer Direktion für Diaspora-An-
Vorteile für die Türkei wahrscheinlicher werden. gelegenheiten empfohlen. 25 Die Gründung des
Dies lässt sich beispielsweise aus der Rede des Amtes für Auslandstürken und verwandte Ge-
damaligen Außenhandelsministers Kürşad Tüz- meinschaften (Yurtdışı Türkler ve Akraba Toplu-
men bei einem Forum des Ausschusses für Au- luklar Başkanlığı, YTB) 2010 kann als ein Ergeb-
ßenwirtschaftsbeziehungen 2009 herauslesen. nis der Empfehlungen der Kommission gewertet
Tüzmen beschrieb dort die Türkeistämmigen als werden. Die YTB organisiert Veranstaltungen
„Diaspora“ und betonte die Bedeutung ihres Bei- für Türkeistämmige im Ausland und nutzt auf-
trags für den türkischen Handel. 21 Seitdem taucht fällig oft den Begriff der „Diaspora“. So hat
der Diaspora-Begriff immer wieder in Statements etwa die „Diaspora Youth Academy“ des YTB
verschiedener türkischer Staatsbeamter in unter- zum Ziel, „gebildete Individuen heranzuziehen,
schiedlichen Kontexten auf. So bezeichnete der die die Zukunft der türkischen Diaspora bilden
Leiter des Amtes für Auslands­türken und ver- könnten“. 26 Dies spiegle die „neue Vision für die
wandte Gemeinschaften Mehmet Köse erst kürz-
22 Köln ist die Hauptstadt der türkischen Diaspora, 23. 3. 2018,
18 Vgl. Resmi Gazete, Das Gesetz über die grundlegenden Bestim­ www.hurriyet.com.tr/avrupa/ytb-baskani-kose-koln-turk-diaspo-
mungen der Wahlen und die Änderungen des Wählerverzeichnis, rasinin-baskentidir-40782221.
22. 3. 2018, www.resmigazete.gov.tr/eskiler/​2008/​03/​2008​032​ 23 Die Rede von Erdoğan am 20. 5. 2018 in Bosnien-Herzegowi-
2M1-3.htm, siehe dazu auch Yüksek SeÇim Kurulu, 26. 2. 2011, na ist zu finden unter www.tccb.gov.tr/konusmalar/353/94022/6-
www.​ysk.gov.tr/doc/karar/dosya/2816/​2011-120.pdf. uetd-genel-kurulunda-yaptiklari-konusma.
19 Vgl. Baser (Anm. 17); Yasar Aydın (Anm. 4); Can Ünver, The 24 Vgl. Zeynep Şahin Mencütek/Bahar Baser, Mobilizing
Changing Diaspora Politics of Turkey, in: Turkish Policy Quarterly Diaspora: Insights from Turkey’s Attempts to Reach Turkish Citizens
1/2013, S. 181–189. Abroad, in: Journal of Balkan and Near Eastern Studies 1/2018,
20 Vgl. İbrahim Kalın, Soft Power and Public Diplomacy in Turkey, S. 86–105, hier S. 93.
in: Perceptions 3/2011, S. 5–23, zit. nach Aydın (Anm. 4), S. 14. 25 Vgl. ebd.
21 Vgl. Türkische Diaspora ist zuständig, 11. 4. 2009, www. 26 Diaspora Jugend Akademie (Diaspora Genclik Akademisi),
haberturk.com/ekonomi/makro-ekonomi/haber/140025-turk- 17. 10. 2018, www.ytb.gov.tr/yurtdisi-vatandaslar/diaspora-
diasporasi-isbasinda. genclik-akademisi.

50
Nation und Nationalismus  APuZ

Türkei“ wider. Weiterhin sei die YTB bestrebt, die „COUNTERPARTS“


im Ausland lebenden Bürger*innen und Famili- IN DEUTSCHLAND
en zu koordinieren. Nach Einschätzung mancher
Forscher*innen könnten hier auch außenpoliti- Das neue Engagement der Türkei im Ausland hat
sche Ambitionen der Türkei sichtbar werden, die „Counterparts“ in Organisationen, die in den Auf-
mit der „Entdeckung“ der Fähigkeiten als soft po- nahmeländern von türkischen Immigrant*innen
wer in Verbindung stehen. 27 selbst (teilweise mit Unterstützung aus der Türkei)
Schließlich steht die neue türkische Dias- als Kulturvereine oder politische Parteien gegrün-
pora-Politik im Kontext der nationalen Identi- det wurden, starke Verbindungen zur AKP und in
tätspolitik. Die mehrheitlich muslimische Iden- die Türkei unterhalten und dabei politische und/
tität der AKP-Anhänger*innen entspricht der oder religiöse Positionen vertreten. Besonders prä-
„neo-osmanischen Haltung“ der Parteilinie, die sent sind hier Organisationen der Ditib oder der
in einer breiten Definition der Nation zum Aus- UETD. Ditib wurde 1984 im Rahmen des Komi-
druck kommt. 28 Der Begriff der „Nation“ wird tees für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) der
gezielt mit dem Begriff der „Gemeinschaft“ ver- Türkei in Köln gegründet, um die religiösen Be-
mischt – vor allem mit einer religiösen Gemein- dürfnisse der Immigranten in Deutschland zu be-
schaft, die nationalstaatliche Grenzen überschrei- dienen. Ditib hat derzeit über 960 Filialen, die je-
tet. 2017, als der damalige Premierminister Binali weils als Kulturvereine eingetragen sind, wobei die
Yıldırım in Oberhausen eine Rede zum Verfas- Imame, die in den Ditib-Moscheen arbeiten, mehr-
sungsreferendum hielt, beschwor er die religi- heitlich aus der Türkei entsandt sind. 32 Die 2004
öse Gemeinschaft, als er erklärte, dass „die Ge- ebenfalls in Köln gegründete UETD wird von ei-
bete der Ummah [Religionsgemeinschaft] hinter nigen als Lobbyorganisation der AKP angesehen.
ihnen [Türkeistämmigen im Ausland] stehen“. 29 Bei der Generalversammlung der Organisation im
Mit dieser Wortwahl sprach er die muslimischen Kosovo im Mai 2018 wurde der offizielle Name in
AKP-Anhänger*innen an. Wie Abadan-Un- Union Internationaler Demokraten (UID) geän-
at et al. gezeigt haben, verstehen sich AKP-An­ dert, was eine strategische Neuausrichtung signali-
hänger*innen in Deutschland in erster Linie als siert. Beide Organisationen engagieren sich vor al-
Muslim*innen. 30 Über die Betonung der musli- lem im Bereich türkeibezogener Themen, politisch,
mischen Identität soll deren Gemeinschaftsbil- gesellschaftlich und religiös, interessieren sich aber
dung gestärkt werden. Auch der Sozialwissen- auch für deutsche und europäische Politik.
schaftler Yaşar Aydın stellt fest, dass die AKP Als Vertretung von muslimischen und vor al-
und staatliche Eliten den „muslimischen Natio- lem türkeistämmigen Migrant*innen gegründet
nalismus“ (Jenny B. White) fördern, der „sich an wurden 2010 das Bündnis Innovation und Ge-
einer historischen türkisch-osmanischen Identität rechtigkeit (BIG) , 33 eine Partei, die bei verschie-
orientiert“ und „eine religiös motivierte, exklusi- denen Landtagswahlen angetreten ist, und 2016
ve gruppeninterne Solidarität“ ermöglicht. 31 die AD-Demokraten, 34 die bisher bei der Bun-
destagswahl 2017, aber nur in Nordrhein-West-
falen, und bei der Landtagwahl in Hessen 2018
27 Vgl. Kerem Öktem, Turkey’s New Diaspora Policy. The Chal-
angetreten ist.
lenge of Inclusivity, Outreach and Capacity, Istanbul Policy Center
Publication, 2014, ipc.sabanciuniv.edu/wp-content/uploads/​
2014/08/14627_Kerem%C3 %96ktenWEB.18.08.pdf. 32 Vgl. Anna Amelina/Thomas Faist, Turkish Migrant Associations
28 Vgl. Aydın (Anm. 4), S. 12. in Germany: Between Integration Pressure and Transnational
29 Vgl. Premierminister Yıldırım spricht die Staatsbürger an, Linkages, in: Revue européenne des migrations internationals
18. 2. 2017, www.haberturk.com/dunya/haber/1395726-basbakan- 2/2008, S. 91–120, hier S. 95 ff.
yildirim-almanyada-vatandaslara-sesleniyor. 33 Die BIG-Partei (Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit) ist
30 Vgl. Nermin Abadan-Unat et al., Voting Behaviour of Euro- eine deutsche Kleinpartei, die 2010 von Haluk Yıldız gegründet
Turks and Turkey’s Presidential Elections of 2014, Friedrich-Ebert- wurde. Die Partei gilt als AKP-nah: Ein damaliger AKP-Abgeord-
Stiftung Report 2004, S. 31. neter, Nevzat Yalçıntaş, hat BIG 2011 öffentlich unterstützt. Vgl.
31 Aydın (Anm. 18), S. 12. Nach der Sozialanthropologin Jenny B. Maximillian Popp/Markus Sehl, Erdogans Berliner Lobby-Truppe,
White haben die neuen muslimischen Eliten unter Rückgriff auf das 16. 9. 2011, www.spiegel.de/politik/deutschland/-a-​786207.html.
Osmanische Erbe eine neue Nation erschaffen, die im Kontrast steht 34 AD-Demokraten (Allianz Deutscher Demokraten) ist eine neue
zum alten nationalen, kemalistischen Denken, das auf gemeinsamer deutsche Partei. Sie wurde 2016 gegründet. Der Gründer der Par-
Abstammung, Sprache und Kultur beruhte. Vgl. Jenny B. White, tei, Remzi Aru, war früher Mitglied der UETD. Für ihre Wahlkampa-
Muslim Nationalism and the New Turks, Princeton 2013. gne 2017 nutzten sie ein Foto Erdoğans.

51
APuZ 48/2018

Vieles spricht dafür, dass die genannten Verei- türkische Bürger*innen bei der türkischen Präsi-
ne, Verbände und Parteien eine „two-track strate- dentschaftswahl und der Parlamentswahl ab; die
gy“ verfolgen: 35 Einerseits stärken sie die Identifi- Wahlbeteiligung lag bei 45,7 Prozent, davon ha-
kation der Türkeistämmigen mit ihrer Herkunft, ben 64,78 Prozent Erdoğan und 56,3 Prozent die
andererseits engagieren sie sich für ihre Mitglie- AKP gewählt. 37
der aber auch im Aufnahmeland und versuchen, Die Verbundenheit mit der Türkei unter Tür-
die politische Öffentlichkeit des Aufnahmelandes keistämmigen nimmt laut einer aktuellen Studie
für die Belange der Immigrant*innen zu interes- zur Identifikation und politischen Partizipation
sieren. Zudem haben die migrantischen Selbstor- türkeistämmiger Zugewanderter in Nordrhein-
ganisationen eine „Vermittlerfunktion zwischen Westfalen und in Deutschland seit 2011 stetig zu,
einheimischen und Türkeistämmigen“. 36 Mit an- die Verbundenheit nur mit Deutschland hingegen
deren Worten sind diese Organisationen in hohem ab. Fühlten sich 2010 noch 29,5 Prozent der Be-
Maße mit beiden Ländern verbunden und spielen fragten mit der Türkei heimatlich verbunden, lag
eine Rolle bei der Mobilisierung und politischen der Anteil 2017 bei knapp über 50 Prozent. Die
Meinungsbildung, aber eben auch als Brücken- Heimatverbundenheit nur mit Deutschland sank
bauer. Dass diese institutionelle Infrastruktur in im gleichen Zeitraum von 25,4 auf 17,0 Prozent.
Deutschland so starke Resonanz findet, weist in- Mit beiden Ländern gleichermaßen verbunden
sofern auch auf integrationspolitische Defizite im fühlen sich gut 30 Prozent – ein Rückgang von
Aufnahmeland hin: Für die politischen Interessen 10 Prozentpunkten seit 2010. 38 Daneben wurde
derjenigen Türkeistämmigen, die nicht deutsche auch der Grad der Länderzugehörigkeit (von sehr
Staatsbürger*innen wurden und in den vorhan- stark bis gar nicht) abgefragt. Dabei zeigte sich,
denen deutschen Parteien Politik mitzugestalten dass eine sehr starke Zugehörigkeit zu Deutsch-
suchten, gab es praktisch keine Vertretung. land von 37,5 Prozent und eine eher starke Zuge-
hörigkeit von 43,3 Prozent der Befragten angege-
WIRKUNGEN ben wurden, insgesamt 80,8 Prozent. Sehr stark
DER DIASPORAPOLITIK der Türkei zugehörig fühlen sich 61,1 Prozent,
IN DEUTSCHLAND eher stark 27,2 Prozent, insgesamt 88,3 Prozent. 39
Sowohl die gestiegene Wahlbeteiligung als
Die Wahlbeteiligung unter türkischen Staats­bür­ auch die zunehmende Verbundenheit mit der
ger*innen im Ausland ist im Laufe der Zeit ge- Türkei sind Indizien dafür, dass die neue Diaspo-
stiegen, was auf die Möglichkeit zurückzuführen rapolitik der Türkei Wirkung zeigt – wenn auch
ist, nicht dafür in die Türkei reisen zu müssen – nicht bei allen Türkeistämmigen gleichermaßen,
und auf das Wissen um diese Möglichkeit. Von ist dieser Bevölkerungsteil doch, wie bereits er-
etwa 2,8 Millionen Wahlberechtigten im Aus- wähnt, heterogen. Vor allem die „türkisch-sun-
land haben bei der Präsidentschaftswahl 2014 nitischen Organisationen haben auf das Engage-
gut 530 000 ihre Stimme abgegeben; 2015, bei der
Parlamentswahl im Juni, stieg die Zahl auf etwa 37 Die Wahlergebnisse wurden der Website des Höchsten
eine Million, und bei der Wiederholung im No- Wahlaussschusses (Yüksek Seçim Kurulu) entnommen, www.ysk.
gov.tr/tr/secim-arsivi/2612; https://sonuc.ysk.gov.tr/module/
vember waren es fast 1,3 Millionen Wähler*innen
GirisEkrani.jsf.
im Ausland. 2018 stimmten etwa 1,5 Millionen 38 Vgl. Martina Sauer, Identifikation und politische Partizipation
(von mittlerweile über drei Millionen Wahlbe- türkeistämmiger Zugewanderter in Nordrhein-Westfalen und in
rechtigten) bei der Parlamentswahl ab, ebenso Deutschland, ZfTI-Mehrthemenbefragung, 2018, cdn.website-
viele bei der Präsidentschaftswahl. Diese Ten- editor.net/09fe2713f5da44ff99ead273b339f17d/files/uploa-
ded/2017.pdf, S. 130.
denz lässt sich auch für Deutschland beobach-
39 Ebd., S. 18. Eine 2016 veröffentlichte Studie kam unter
ten: Von den etwa 1,4 Millionen Wahlberechtig- Einsatz einer ähnlichen Befragung anhand einer Skala zur Ver-
ten gingen 2014 nur etwas über Hunderttausend bundenheit (sehr eng bis gar nicht) auf 87 Prozent der Befragten,
zur Wahl, 2015 stieg die Zahl auf fast eine halbe die sich mit Deutschland sehr eng oder eng verbunden sahen, und
Million im Juni und überschritt die halbe Million auf 85 Prozent, die dies mit Bezug auf die Türkei angaben. Vgl.
Detlef Pollock et al., Integration und Religion aus der Sicht von
im November. 2018 stimmten sogar über 600 000
Türkeistämmigen in Deutschland, 2016, www.uni-muenster.de/im-
peria/md/content/religion_und_politik/aktuelles/2016/06_2016/
35 Vgl. Baser (Anm. 15), S. 24. studie_integration_und_religion_aus_sicht_t__rkeist__mmiger.pdf,
36 Aydın (Anm. 4), S. 10. S. 3.

52
Nation und Nationalismus  APuZ

ment der Türkei in der Diasporapolitik positiv zeptanz und Teilhabe in der deutschen Gesell-
reagiert“, so die Politikwissenschaftlerin Ayca schaft und Politik erfahren. Dabei sollte es im
Arkilic; andere Migrantenorganisationen wie ale- demokratischen Streit legitim sein, dass manche
vitische oder nicht-islamische Organisationen von ihnen ihre Positionen explizit als Tür­ kei­
seien „nicht Teil dieses inneren Zirkels“. 40 Zu den stämmige vertreten wollen. 41 Schon darin eine
Wirkungen auf verschiedene Gruppen und deren vermeintlich fehlende Integrationsfähigkeit und
Perspektiven auf die Diasporapolitik ist weitere -willigkeit zu sehen, hilft dagegen vor allem der
Forschung notwendig. türkischen Regierung, in Deutschland lebende
Türkeistämmige für ihre (innen)politischen Ziele
FAZIT zu instrumentalisieren.

Unter Führung der AKP wurde der Austausch


zwischen der Türkei und den Türkeistämmi-
gen im Ausland intensiviert. Ein Grund dafür ist
die politische Bedeutung der türkischen Staats­
bürger*innen im Ausland als Teil des Wahlvol-
kes. Als „türkische Diaspora“ angesprochen,
werden Türkei­stämmige zunehmend breit mo-
bilisiert. Dieser Trend ist vor allem in Deutsch-
land sichtbar, wo die meisten Türkeistämmigen
außerhalb ihres Herkunftslandes den Haupt-
wohnsitz haben. Dabei sind es insbesondere
AKP-nahe Organisationen, die Informationen
und Positionen zu Entwicklungen in der tür-
kischen Innenpolitik gezielter verbreiten, als es
zuvor – etwa über nicht institutionell gebunde-
ne digitale Medien – der Fall war. Türkeibezoge-
ne Themen werden regelmäßig über die institu-
tionellen Kanäle kommuniziert, und kollektive
Identitäten, die im Einklang mit religiösen und
nationalistischen Einstellungen der AKP stehen,
scheinen von diesem Wagenheber-Effekt beson-
ders zu profitieren.
Eine starke Verbundenheit mit der Türkei
bedeutet aber nicht, dass sich Türkeistämmi-
ge nicht auch mit Deutschland verbunden füh-
len. Es ist wichtig, diese gleichzeitigen Verortun-
gen und auch mögliche doppelte Loyalitäten der
Türkeistämmigen ernst zu nehmen. Und es wäre
falsch, sie einfach als Integrationsdefizit abzutun.
Die Verbundenheit mit Deutschland kann ge-
stärkt werden, indem Eingewanderte mehr Ak-

40 Ayca Arkilic, Alte Heimat, neue Heimat. Auch die Türkei beein-
flusst die Integration von Migranten in Europa, Wissenschaftszen-
SEZER İDİL GÖĞÜŞ
trum Berlin für Sozialforschung, WZB-Mitteilungen 144/2014, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut
S. 46. Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
41 Davon abzugrenzen sind Meinungen, wie sie etwa die (HSFK) und promoviert zum Thema „Eine neue
ultranationalistische Bewegung der „Grauen Wölfe“ vertritt, die
Diaspora? Rekonfigurationen der politischen
extremistisch zu nennen sind und damit den demokratischen
Meinungskorridor verlassen. Vgl. Kemal Bozay, Graue Wölfe – die
Positionierung von türkischen Institutionen und
größte rechtsextreme Organisation in Deutschland, 24. 11. 2017, Türkeistämmigen in Deutschland“.
www.bpb.de/260333. idil.goegues@hsfk.de

53
14. Bundeskongress Politische Bildung

Was uns bewegt.


Emotionen in Politik
und Gesellschaft
7. – 9. März 2019 in Leipzig
Keynote: Eva Illouz

Welche Rolle spielen Emotionen in der Politik, in der politischen Auseinandersetzung und in der
Öffentlichkeit? Sind Fakten und Rationalität als Grundlage politischen Denkens und Handelns
auf dem Rückzug? Welche Strategien des Umgangs mit emotionaler politischer Auseinander-
setzung in Gesellschaft, Politik und der Bildungspraxis gibt es? Wie sollten Emotionen in politi-
schen Bildungsprozessen berücksichtigt werden?

Der Bundeskongress Politische Bildung stellt in Sektionen und Workshops kontroverse


Gesellschaftsdiagnosen, wissenschaftliche Ergebnisse, politische und gesellschaftliche
Herausforderungen sowie fachliche Fragen zum Thema Emotionen zur Diskussion.

Anmeldung (ab Dezember 2018) und weitere Informationen unter:


www.bpb.de/bundeskongress

Auch dieses Mal sind Akteurinnen und Akteure der politischen Bildung herzlich eingeladen,
einen Workshop im Rahmen des Kongresses anzubieten. Vorschläge können bis zum
30.11.2018 über die Website eingereicht werden.

Veranstalter:

Lokaler Kooperationspartner:
Herausgegeben von der
Bundeszentrale für politische Bildung
Adenauerallee 86, 53113 Bonn
Telefon: (0228) 9 95 15-0

Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 16. November 2018


Nächste Ausgabe
REDAKTION 49–50/2018, 3. Dezember 2018
Lorenz Abu Ayyash
Anne-Sophie Friedel MÜLL
Christina Lotter (Volontärin)
Nino Löffler (Volontär)
Johannes Piepenbrink
Anne Seibring (verantwortlich für diese Ausgabe)
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