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Reibungsarme
Zylinderrollenlager
Dipl.-Ing. (FH) Roland Lippert und Dipl.-Ing. (FH) Bruno Scherb

INA-Sonderdruck aus „antriebstechnik“


Heft Nr. 4, April 1993
Vereinigte Fachverlage GmbH
Neu überarbeitet, April 1995
Reibungsarme Zylinderrollenlager
Dipl.-Ing. (FH) Roland Lippert und Dipl.-Ing. (FH) Bruno Scherb

Moderne Anlagen mit hoher 1. Einleitung Jedes dieser Lagersysteme hat ganz
Leistungsdichte verlangen vom signifikante Eigenschaften und wird
Im weiten Bereich des Maschinen-, dementsprechend den mit bestimmten
Maschinenelement Wälzlager häufig Anlagen- und Fahrzeugbaues haben sich
mehr als dieses zur Zeit zu leisten Parametern beaufschlagten Leistungs-
Zylinderrollenlager bestens bewährt. Sie trägern zugeordnet. Bei der Wahl der
vermag. Ein vorzeitiger Lager- sind die Garantie für eine zuverlässige
wechsel ist die Folge. richtigen Lagerbauform müssen oft
Kraftübertragung sowohl in radialer als Kompromisse gemacht, Vor- und Nach-
Für solche Anlagen werden Lager auch in axialer Richtung. Moderne teile gegeneinander abgewogen werden.
mit hoher Grenzdrehzahl bei Aggregate werden aufgrund optimierter Letztendlich muß sich der Konstrukteur
gleichzeitig hoher Radialbelastung Fertigungsverfahren, Hochleistungs- bei der Lagerung seiner Bauelemente für
gefordert. Dem werden konventio- werkstoffen und exakter Berechnungs- das Käfigzylinderrollenlager oder das
möglichkeiten immer kompakter. vollrollige Zylinderrollenlager entscheiden.
nelle Zylinderrollenlager im allge-
Entsprechend nimmt die Leistungsdichte Hierbei muß man sich über die Haupt-
meinen nicht gerecht. zu. Keine Konstruktion, welche hohe kriterien bei der richtigen Wahl im klaren
Die neuartigen INA-Zylinderrollen- Leistungen auf engstem Raum über- sein. Beim Käfiglager z.B. beansprucht
lager der Baureihe LSL (Scheiben- tragen soll, kommt mehr ohne diese der Käfig ca. 15 % bis 35 % des Raumes
käfiglager) und ZSL (Lager mit Lagerbauart aus. zwischen Innen- und Außenring. Die
Zwischenstücken) können die Bei dieser Lagerbauart unterscheidet theoretisch mögliche Tragzahlausnutzung
Anforderungen erfüllen und ermög- man grundsätzlich zwei konventionelle von 100 % durch die Wälzkörper, wie sie
lichen damit den sicheren und Ausführungen: vom vollrolligen Zylinderrollenlager
wirtschaftlichen Betrieb moderner • Vollrollige Zylinderrollenlager (Bild 1) erreicht wird, wird hierdurch auf ca. 85 %
Hochleistungsanlagen. • Zylinderrollenlager mit Käfig (Bild 2) bis 65 % reduziert. Dementsprechend
Nachfolgend werden zwei neue reduziert sich die relative nominelle
Lagerlebensdauer gegenüber dem voll-
Entwicklungen von INA vorgestellt.
rolligen Wälzlager auf ca. 58 % bis 24 %.
Sie vereinen die Vorteile der voll-
rolligen Lager (hohe Tragfähigkeit)
mit denjenigen der Käfiglager
(hohe Grenzdrehzahl).

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Bild 1 Vollrolliges Zylinderrollenlager Bild 2 Zylinderrollenlager mit Käfig NJ 23
SL 19 23

Beim vollrolligen Lager hingegen wird Im Rahmen der Entwicklung von Zylinder-
durch die hohe Leistungsdichte mehr rollenlagern bei INA hat man sich nun die
Wärme produziert. Die Grenzdrehzahl Aufgabe gestellt, die positiven Eigen-
wird deshalb auf ca. 50% gegenüber schaften von vollrolligen Zylinderrollen-
dem Käfiglager reduziert. Die zulässige lagern und Zylinderrollenlagern mit Käfig in
dynamische sowie statische Axiallast, einer zukunftsweisenden neuen Genera-
welche direkt proportional der axialen tion von Zylinderrollenlagern zu vereinen.
Lastangriffsfläche zwischen Wälzkörper- Aus dieser innovativen Idee sind zwei
stirnfläche und Anlagefläche am Innen- neue Lagersysteme entstanden, welche
ringbord ist, wird mit zunehmender nachfolgend vorgestellt werden sollen:
Wälzkörperanzahl entsprechend größer. • Zylinderrollenlager mit massivem
Hier ist das vollrollige Lager im Vorteil. Scheibenkäfig (Bild 3)
Reibmoment, Erwärmung, Kühlung, • Zylinderrollenlager mit Zwischen-
Anschmiersicherheit, Verschleiß, stücken (Bild 4)
Bauhöhe bzw. Lagerleistungsdichte sind
weitere Kriterien, welche bei der Wahl
des richtigen Zylinderrollenlagers
beachtet werden müssen.
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Bild 3 Zylinderrollenlager mit massivem Scheibenkäfig, Bild 4 Zylinderrollenlager mit Zwischenstücken,


Baureihe LSL 19 23 Baureihe ZSL 19 23

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Bild 5 Zwischenstücke aus Kunststoff

2. Neue Lagerbaureihen LSL Lager der Baureihe LSL und ZSL sind auf Wälzkörper in der lastfreien Zone oft nicht
und ZSL Anfrage bei wirtschaftlichen Losgrößen achsparallel zur Lagerachse. Dieser Effekt
als Sonderlager erhältlich. Bild 7 zeigt bremst die Wälzkörper bis zum erneuten
2.1 Aufbau z. B. ein Triebmotorlager mit Scheiben- Eintritt in die Lastzone. Hier werden diese
käfig für die Eisenbahntechnik. wiederum auf ihre kinematische Solldreh-
Zylinderrollenlager mit massivem außen- zahl beschleunigt. Die dabei entstehende
geführten Scheibenkäfig und Zylinder- 2.2 Baureihe LSL Beschleunigungsleistung wird in Form
rollenlager mit Zwischenstücken sind von Wärme in das Lager eingebracht und
Der neuartige einstückige Käfig ist als
vorzugsweise Lager der NJ-Ausführung. reduziert somit das Drehzahlvermögen
plane Scheibe ausgebildet. Zum inneren
Das heißt, Doppelbord am Außenring und eines Lagers. Ein konventioneller Käfig
Durchmesser hin sind Wälzkörpertaschen
einseitiger Bord am Innenring. Die serien- kann hier keine Abhilfe schaffen.
eingebracht, welche die Wälzkörper
mäßige Auslegung dieser Baureihen ent-
aufnehmen. Der Käfig-Innendurchmesser Der zwischen den Borden am Wälzkörper
spricht der Maßreihe 23. Die Ausführung
ist bis unter die Teilkreislinie herunter- mit einem genau definierten, tangentialen
ZSL ist für die Bohrungskennzahlen 05
gezogen. Hierdurch wird eine Wälzkörper- Kraftangriffspunkt ausgeführte, mittig
bis 24 und die Ausführung LSL von 20
bis 60 ausgelegt. Sie sind voll aus- halterung erreicht, d. h. der Innenring angreifende Scheibenkäfig, übt außerhalb
tauschbar zu den bisher bekannten kann getrennt montiert werden. Zum der Lastzone keine Zwangsmomente auf
Zylinderrollenlagern der Reihen NJ 23 äußeren Durchmesser hin sitzt der die Wälzkörper um ihre Hochachse aus
und NJ 23 VH. Innenring, Wälzkörper Scheibenkäfig mittig zwischen den und führt die Wälzkörper somit mit einer
und Außenring sind für die Baureihe ZSL Borden in einer in den Außenring einge- wesentlich höheren Drehzahl, als das bei
identisch mit denen unserer bewährten brachten Nut. Durch die besondere konventionellen Käfiglagern der Fall ist,
vollrolligen Reihe SL 19 23. Formgebung der Käfigtaschen entstehen der Lastzone zu. Hierdurch wird ein
zwischen den Wälzkörpern optimal wesentlich geringeres Wälzkörper-
Durch die Wegnahme einer Zylinderrolle geformte Stege, welche auftretende beschleunigungsmoment erreicht, was
aus dem Wälzkörpersatz wurde Platz für tangentiale Wälzkörperkräfte in sicherer wiederum weniger Reibmoment und
die gegenseitige Trennung der übrigen Weise nach außen in den geschlossenen Wärme im Lager erzeugt. Aufgrund der
Wälzkörper mit speziell entwickelten Ring leiten. Diese besondere Form- geringen Wärmeerzeugung dieser
Zwischenstücken geschaffen (Bild 5). gebung erlaubt im Gegensatz zu her- Scheibenkäfiglager lassen sich somit
Bei der Baureihe LSL sind Innenring und kömmlichen teuren Massivkäfigen (Bild 8) wesentlich höhere Grenzdrehzahlen bei
Wälzkörper ebenfalls identisch zu den die Minimierung der Stegbreite. normaler Präzision (P0) erreichen.
Typen SL 19 23 und ZSL 19 23. Der Umfangreiche Untersuchungen auf dem
Kerbspannungen, wie sie an den Steg-
Außenring ist radial geteilt und besitzt Großlagerprüfstand, wie sie unter 3.
anbindungen der Massivkäfige auftreten,
mittig zwischen den Borden eine zusätz- beschrieben werden, beweisen diese
sind beim Scheibenkäfig nicht vorhanden.
liche Nut in der Laufbahn, in die ein Theorie.
Der Steg erfüllt also in optimaler Weise
speziell entwickelter massiver Messing- Der in der Außenringnut geführte Käfig
seine eigentliche Funktion der Wälz-
scheibenkäfig eingebracht ist (Bild 6). stellt aufgrund seiner Schmiegung ein
körpertrennung. Hierdurch ist es gelungen,
Massive, wärmebehandelte Halteringe eine weitaus größere Anzahl von Wälz- optimales Gleitlager dar, welches bereits
fügen den Außenring mit integriertem körpern, wie dies bei herkömmlichen bei geringen Drehzahlen radial eine
Scheibenkäfig zu einer Einheit. Massivkäfigen der Fall ist, in das Wälz- vollkommene Festkörpertrennung erreicht
Dieser bisher einmalige Käfig der Bau- lager zu integrieren. Die Führung der und somit als hydrodynamisches Gleit-
reihe LSL 19 23 besitzt gegenüber dem Wälzkörper erfolgt sowohl beim lager mit den entsprechend niedrigen
vollrolligen Lager der Reihe SL 19 23 herkömmlichen als auch beim Scheiben- Reibwerten läuft. Da die Lebensdauer von
ebenfalls nur einen Wälzkörper weniger. käfiglager in bekannter Weise zwischen Wälzlagern durch den Hertz’schen Kon-
Dies bringt enorme Tragzahlvorteile den Borden des Außenringes. Durch das takt krümmungsbedingt zwischen Wälz-
gegenüber konventionellen Zylinderrollen- aufgrund von Fertigungstoleranzen vor- körper und Innenring bestimmt wird, wirkt
lagern jeglicher Käfigbauart. gegebene axiale Führungsspiel zwischen sich die Führungsnut des Scheibenkäfigs
Wälzkörpern und den Borden, laufen die nicht lebensdauerverringernd aus.

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Bild 6 Massiver Messingscheibenkäfig Bild 7 Sonderlager mit Messingscheiben- Bild 8 Konventioneller Messingmassiv-
käfig käfig

Der Schmierstoffaustausch selbst erfolgt 2.3 Baureihe ZSL Die Zwischenstücke werden axial
über mittig im Käfig angeordnete radiale Die speziell für diese Baureihe entwickel- zwischen den beiden Außenringborden
Schmierbohrungen, die senkrecht auf die ten Zwischenstücke sind so ausgeführt, geführt. Die radiale Begrenzung im
axialen Durchflußbohrungen treffen. daß der Wälzkörpersatz ebenfalls selbst- montierten Zustand bilden die beiden
Für den Abtransport der Wärme im Lager haltend ist, also eine getrennte Montage Laufbahnen. Bereits bei geringen Dreh-
bei Ölschmierung müssen Wälzlager von Lager und Innenring erfolgen kann. zahlen heben die radialspielaufweisenden
möglichst große freie axiale Flächen auf- Zwischenstücke durch die auftretenden
Durch die besondere Ausbildung der Fliehkräfte von der Innenringlaufbahn ab
weisen. Nur so kann ein möglichst großer Kunststoffzwischenstücke wird der Wälz-
Ölvolumenstrom das Lager gleichmäßig und legen sich an die Außenringlaufbahn.
körpermantel in jeder Betriebssituation Die besondere Form der radialen Anlage-
durchströmen. Beim vollrolligen Wälzlager ganz definiert in tangentialer Richtung auf
ist die freie Fläche zwischen zwei fläche begünstigt mit zunehmender
der Verbindungslinie Wälzkörpermittel- Drehzahl die hydrodynamische Trennung
benachbarten Wälzkörpern und den punkt zweier benachbarter Wälzkörper
Ringborden relativ gering. Beim konven- von Zwischenstück und Laufbahn. Die
berührt. Hierdurch entstehen keine un- mittigen Ausnehmungen am Innen- und
tionellen Massivkäfiglager ist dieser freie kontrollierbaren Radialkraftkomponenten,
Querschnitt u. U. durch die Begrenzung Außendurchmesser dienen der optimalen
wie man sie aus anderen Zwischenstück- Lagerschmierung. Ein Abstreifen des
außengeführter Käfig, Innenringbord und anwendungen kennt. Dies begünstigt das
zweier benachbarter Wälzkörper noch Ölfilmes an den Laufbahnen wird
Reibverhalten im Lager bzw. an den hierdurch vermieden und das lastunab-
geringer als bei vollrolligen Lagern. Das Zwischenstücken und Wälzkörpern.
optimal axial offene Scheibenkäfiglager hängige Reibmoment durch einen freien
Dementsprechend müssen keine zusätz- Öldurchtritt reduziert. Genau wie beim
bildet auch hier die große Ausnahme der lichen Zwangskräfte überwunden
besten Öldurchflußmöglichkeit, welche Scheibenkäfig wurde auch hier bei der
werden, was sich im geringen Lagerreib- Formgebung der Zwischenstücke ein
durch axiale Bohrungen im Scheibenkäfig moment niederschlägt.
noch unterstützt wird. Augenmerk auf eine optimale Möglichkeit
der axialen Schmierstoffdurchflutung der
Lager gelegt.

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Bild 10 Meßpunktematrix

3. Experimentelle Unter- ohne jegliche Fremdeinflüsse möglich stellenden Belastungs-Drehzahl-


sein. Der Einfluß der Lastzonenrichtung, bedinungen ohne Beschädigungen am
suchungen in Schwerkraftrichtung oder dieser Lasteinleitungslager durchzuführen.
3.1 Prüfstand entgegengesetzt, wie auch diskrete Die mittige Lagereinheit kann mit den
Zwischenstellungen sollten ebenso, wie Belastungszylindern um 360° in einem
An dem in Bild 9 dargestellten Prüfstand der Einfluß einer überlagerten Axiallast
wurden umfangreiche Untersuchungen Abstützring gedreht werden, womit dann
untersucht werden können. Diese die verschiedenen Lastzonenrichtungen
zum Betriebsverhalten der LSL- und ZSL- Forderungen führten zu dem in Bild 9 realisiert werden können. Die axiale
Lager durchgeführt. dargestellten Prüfstand. Belastung der Prüflager erfolgt über vier
Die Firma INA setzt hier einen Prüfstand Das Prüflager wird über die mittige Lager- servohydraulisch geregelte Druckzylinder,
mit „fliegender“ Prüflingsanordnung ein. einheit belastet, welche über servo- die über den stillstehenden Außenring der
Dieser wurde bereits von Giese, Scherb hydraulisch geregelte Druckzylinder eine mittigen Lagereinheit auf die Welle und
[1], [2] ausführlich beschrieben. Die Idee, definierte und auch unter extremen damit über den Innenringbord auf das
die zum Bau dieses Prüfstands führte, Temperaturunterschieden konstante Prüflager wirken. Eine unterschiedliche
war eine leichte Zugänglichkeit des Prüflagerbelastung aufbringt. Für die Ansteuerung dieser Druckzylinder
Prüflings zur Applikation der Meßauf- Bestimmung der Drehzahlgrenzen der ermöglicht zusätzlich die Simulation einer
nehmer und zu visuellen Beobachtung neuentwickelten INA-Lager LSL und ZSL ungleichmäßigen Axiallastverteilung im
über Stroboskop-Videoaufnahmen oder war es zwingend erforderlich, die 2 Schräg- Prüflager. Im weiten Temperaturbereich
Aufnahmen über Hochgeschwindigkeits- kugellager der mittigen Lagereinheit werden konstante Viskositäten des
kameras zu ermöglichen. Zudem sollte durch ein Messingscheibenkäfiglager Prüflagerschmierstoffes durch leistungs-
eine leichte Montage und eine eindeutige (LSL) zu ersetzen. Erst dadurch war es starke Ölkühler und -heizungen
Messung des Prüflagerreibmoments möglich, die zur Untersuchung einzu- garantiert.

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Bild 9 Großlagerprüfstand

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Bild 12 Kinematische Zonen in einem Wälzlager

Der drehzahlgeregelte Antriebsmotor er- Zudem wurden alle Meßwerte mit Hilfe Das Prüflager ist, wie unter 3.1 beschrie-
möglicht Messungen und Versuche bis eines Meßrechners überwacht und auf- ben, in die hydraulische Reibungs-
zu einer Drehzahl von 4 000 min –1. Dies gezeichnet, was eine spätere Auswertung meßwaage eingebaut. Über einen am
entspricht z. B. dem 2,1-fachen Wert der der abgespeicherten Meßsignale ermög- beweglichen Teil der Reibungswaage
Katalogdrehzahlgrenze eines Käfiglagers licht. befestigten Hebelarm wird eine Kraft-
der Größe NJ 23 32 E. Zur Beurteilung des Betriebsverhaltens meßzelle beaufschlagt, wonach die
dieser Lager wurden folgende gemessene Reaktionskraft mit der ein-
3.2 Durchführung der Versuche kalibrierten Hebelarmlänge ein Maß für
Meßgrößen kontinuierlich erfaßt:
An dem in Bild 9 gezeigten Prüfstand das Prüflagerreibmoment darstellt.
– Temperatur am Innen- und Außenring
wurden umfangreiche Meßreihen zum Am Prüfstand wurde beobachtet, daß
des Prüflagers
Reibungs- und Temperaturverhalten insbesondere bei Großlagern die Wälz-
– Temperatur des zu- und abfließenden
sowie zur Kinematik der Prüflager durch- körper nicht immer mit ihrer kinemati-
Öles
geführt. Die kinematischen Solldrehzahlen schen Solldrehzahl drehen, sondern
– Öldurchfluß durch das Prüflager
werden nach [3] berechnet. wechselweisen Beschleunigungs- und
– Lagerbelastung
Die in vorangegangenen Versuchen defi- – Lagerreibmoment Verzögerungsvorgängen unterliegen.
nierte Meßpunktematrix wurde beginnend – Größe und Richtung der Lastzone Bild 12 zeigt die verschiedenen kinema-
mit der höchsten Belastung und niedrig- – Verlagerung der Welle tischen Zonen in einem Wälzlager.
sten Drehzahl entsprechend Bild 10 – Körperschall am Wälzkörpereintritt in Der Wälzkörper erfährt somit nur in der
durchfahren. die Lastzone Solldrehzahlzone ausreichend Radiallast,
Als Versuchsträger wurden aus Ver- – Drehzahl der Welle die ihn zu einer kinematischen Rotations-
gleichbarkeitsgründen Lager der Baureihe – Mittelpunktsgeschwindigkeit des bewegung um die eigene Achse veran-
19 2332 als Scheibenkäfiglager und als Wälzkörpers laßt. In der Verzögerungszone wird der
Kunststoffzwischenstücklager ausgeführt. – Käfig- bzw. Wälzkörpersatzschlupf Wälzkörper reibungsbedingt abgebremst,
Zur Schmierung wurde ein Getriebeöl mit – Eigenrotation des Meßwälzkörpers um schließlich dann in der Beschleuni-
der Viskosität ν40 = 215 mm2 · s –1, Die wichtigsten Kenngrößen für die gungszone durch die auftretenden
ν100 = 17,5 mm2 · s –1 verwendet. Bild 11 Beurteilung des Betriebsverhaltens von Reibkräfte wieder auf seine kinematische
gibt einen Überblick über die Erfassung Großlagern liefern das Reibungsverhalten Solldrehzahl hochbeschleunigt zu
und Verarbeitung der Meßgrößen und die und die Kinematik dieser Lager. werden. Dieser Beschleunigungs- und
verwendeten Sensoren und Meßgeräte. Verzögerungsvorgang wiederholt sich
bei jedem Umlauf des Wälzkörpers
periodisch. Zudem kann sich bei geringer
äußeren Belastung Käfig- bzw. Wälz-
körpersatzschlupf einstellen, was be-
deutet, daß der Käfig ebenfalls nicht
seine kinematische Solldrehzahl erreicht.
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Bild 11 Meßkette mit Sensorik und Meßgeräten

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Bild 13 Reibmomentverläufe des LSL 19 2332 Bild 14 Reibmomentverläufe des ZSL 19 2332

Für die Erfassung der Eigenrotation des 3.3 Ergebnisse der Auffällig sind die sehr kleinen Reib-
Meßwälzkörpers wurde ein inkrementaler Untersuchungen momentschwankungen des Scheiben-
Drehgeber, mit sehr niedrigem Massen- Wie in Kapitel 3.2 beschrieben sind die käfiglagers bei gleichzeitig sehr niedrigem
trägheitsmoment und sehr niedriger inne- wesentlichen Größen für die Beurteilung Absolutreibmoment.
rer Reibung, der über ein Kardangelenk des Betriebsverhaltens von Großlagern Diese niedrigen Reibmomentschwankun-
koaxial mit einem Wälzkörper verbunden das Reibungsverhalten und die Lager- gen lassen vermuten, daß auch in der
ist, eingesetzt. Der inkrementale Dreh- kinematik. Im nachfolgenden wird auf das Kinematik Unterschiede herauszumessen
geber ist dabei auf einer Scheibe befestigt, Reibungsverhalten der Neuentwicklungen sind.
welche über einen vom Meßwälzkörper näher eingegangen.
entfernt liegenden weiteren Wälzkörper 3.3.2 Kinematik
angetrieben wird und somit mit der Dreh- 3.3.1 Reibungsverhalten Wie bereits unter 3.2 beschrieben, wird
zahl des Käfigs rotiert. Die mit Käfigdreh- Die Bilder 13, 14 und 16 zeigen die der Wälzkörper periodisch beschleunigt
zahl rotierende Scheibe ist mit Bohrungen charakteristischen Reibmomentverläufe und verzögert.
versehen, die mittels eines induktiven in Abhängigkeit der Drehzahl und
Näherungsschalters abgetastet ein Maß Bild 18 zeigt hierzu den Drehzahlverlauf
Belastung. des Meßwälzkörpers in Abhängigkeit
für die Käfigdrehzahl darstellt. Das Signal
des inkrementalen Drehgebers wurde Aus den Diagrammen (Bild 13, 14 und seiner Winkellage vergleichend für die
einem f-U-Wandler zugeführt, und das 16) kann ein signifikanter Reibmoment- Lagerbauformen LSL (Scheibenkäfig),
gewandelte Spannungssignal ist dann ein vorteil des Scheibenkäfiglagers ZSL (Zwischenstücke), NJ (Messing-
Maß für die augenblickliche Drehzahl des LSL 19 2332 festgestellt werden. Fensterkäfig) und SL (vollrollig).
Wälzkörpers. Durch eine weitere Bohrung Dieser Unterschied im Reibmoment ist
auf der mit Käfigdrehzahl drehenden für den Betriebspunkt 25 (Fr = 100 kN;
Scheibe, die auf der Winkelposition des n = 960 min –1) im Bild 15 verdeutlicht.
Meßwälzkörpers angebracht ist, wurde Der zeitliche Verlauf des dynamischen
mittels eines ortsfesten induktiven Nähe- Reibmoments läßt auch Rückschlüsse
rungsschalters die Winkelstellung des auf das Betriebsverhalten des Lagers zu.
Meßwälzkörpers lokalisiert. Bild 17 zeigt den Vergleich der dynami-
schen Reibmomente im Betriebspunkt 25
(Fr = 100 kN; n = 960 min –1).
Reibmoment in Nm

40

SL
vollrollig

NJ
Messing-
30 Fensterkäfig
ZSL
Zwischenstücke

LSL
20 Scheiben-
käfig

10
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Bild 15 Reibmomentvergleich der


verschiedenen Lagervarianten

8
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Bild 16 Reibmomentverläufe des NJ 23 32 E Bild 17 Dynamische Reibmomentverläufe

Der Schlupf, den der Wälzkörper ein- Bild 18 läßt hier erkennen, daß durch Bild 19 zeigt hierzu den Vergleich der im
nimmt kann in Extremfällen bis zu 100% diese Konstruktion des Scheibenkäfigs Meßpunktekennfeld aufgetretenen maxi-
betragen, was bedeutet, daß der Wälz- sehr niedrige Wälzkörperschlupfwerte malen Beschleunigungsleistungen.
körper bis zum Stillstand abgebremst erreicht werden. Auch das Zwischen- Die niedrigen Reibmomente und die sehr
wird. Der maximale Wälzkörperschlupf stücklager weist im Vergleich zum kleinen Wälzkörperschlupfwerte führen zu
wird zum einen von den inneren konventionellen Käfig niedrigere Wälz- sehr niedrigen Wälzkörperbeschleuni-
Reibungsverhältnissen im Lager an den körperschlupfwerte auf (Bild 18). gungsleistungen und haben ein sehr
Kontaktstellen Rolle – Bord, Rolle – Rolle Beim Eintritt der Wälzkörper in die Last- günstiges thermisches Verhalten dieser
oder Rolle – Käfig beeinflußt. zone werden diese innerhalb weniger Lager zur Folge. Ein weiteres Kriterium für
Einen wesentlichen Einfluß auf der Millisekunden von einer Anfangsdrehzahl niedrige Reibmomente und optimale
anderen Seite übt auch die Schmierstoff- auf ihre kinematische Solldrehzahl hoch- Kinematik ist die Öldurchströmung und
reibung auf den maximalen Wälzkörper- beschleunigt. Dabei muß die Energie, die somit der Wärmeabtransport. Auch dies
schlupf aus. Dieser Einfluß wurde bei den während des Beschleunigungsvorgangs wurde bei der Konstruktion des
Versuchen durch Verwendung eines auftritt, im Schmierfilm übertragen Scheibenkäfigs und der Zwischenstücke
Schmierstoffes bei exakt gleicher werden. Dieser abrupte Beschleunigungs- berücksichtigt und durch die Form-
Viskosität und gleicher Ölversorgung der vorgang hat sich bei den Versuchen als gebung und Gestaltung optimal gelöst.
Prüflager eliminiert. Somit bleiben als anschmierkritischer Betriebszustand All dies führt dazu, daß die Drehzahl-
Einflußgrößen auf den maximalen erwiesen und ist unter dem sogenannten grenze der Neuentwicklungen hochgesetzt
Wälzkörperschlupf die inneren Reibungs- Beschleunigungsanschmieren bekannt. werden kann.
verhältnisse und die konstruktive
Gestaltung des Käfigs.

Wälzkörperbeschleunigungsleistung in W

NJ
Messing-
Fensterkäfig
200
ZSL
Zwischenstücke

150

100

50
LSL
Scheibenkäfig
150 127

150 128

Bild 18 Drehzahlverläufe der Meßwälzkörper Bild 19 Vergleich der maximalen Wälz-


körperbeschleunigungsleistungen

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Bild 20 Reibmomentverläufe – Ermittlung der Drehzahlgrenze

3.3.3 Ermittlung der Drehzahlgrenze


Für die Neuentwicklungen wurden die
Drehzahlgrenzen entsprechend den in [4]
festgelegten Versuchsbedingungen für Lagertyp LSL 19 2332 ZSL 19 2332 NJ 2332 E SL 19 2332
die Bestimmung der Grenzdrehzahl Käfigtyp Scheibenkäfig Zwischenstücke Fensterkäfig vollrollig
durchgeführt. Die Drehzahlen wurden Messing Kunststoff Messing
stufenweise durchfahren, und die bei rel. dyn. Tragzahl (%) 121 121 100 129
C0/P = 20 gemessenen Reibmomente
rel. stat. Tragzahl (%) 110 110 100 120
zeigt Bild 20.
rel. Lebensdauer (%) 190 190 100 232
Bild 21 zeigt den Vergleich der Drehzahl-
grenzen für Lager der Baureihe NJ 23 32. rel. Reibwert (%) 75 95 100 150
Bezieht man die bei diesen Lagergrößen rel. Drehzahlkennwert (%) 210 147 100 42
ermittelte Drehzahlgrenze auf den mittle-
ren Durchmesser, so erhält man die in
Bild 22 dargestellten Drehzahlkennwerte.
Damit konnte der Drehzahlkennwert Tabelle 1 Vergleich der für die Lagerauswahl wesentlichen Größen
n · dM des vollrolligen Zylinderrollenlagers
von 200 000 mm/min um das 5-fache er-
höht werden und bedeutet vergleichend
zum Messing-Fensterkäfiglager eine
Erhöhung des Drehzahlkennwertes auf
das 2,1fache. Diese Drehzahlsteigerung
konnte mit Lagern normaler Präzision (P0)
erzielt werden.

–1
Drehzahlgrenze in min Drehzahlkennwert n · dM

LSL
Scheibenkäfig LSL
Scheibenkäfig
4000
6
1·10

ZSL
Zwischenstücke ZSL
3000 Zwischenstücke

NJ
Messing- NJ
Fensterkäfig Messing-
Fensterkäfig
2000
5·10 5

SL SL
vollrollig vollrollig
1000
157 035

157 036

0 0

Bild 21 Drehzahlgrenze – Bild 22 Drehzahlkennwert –


Lagerbaureihe NJ 23 32 Lagerbaureihe NJ 23 32

10
4. Zusammenfassung Tabelle 1 zeigt zusammenfassend die Literaturverzeichnis
Gegenüberstellung der für die Beurteilung [1] Giese, P. und Scherb, B.: Bestim-
Im Rahmen dieses Aufsatzes konnte des Betriebsverhaltens und des Einsatzes
gezeigt werden, daß die im Hause INA mung der Knatterlast von vollrolligen
von Großlagern wesentlichen Größen am Zylinderrollenlagern, antriebstechnik 31
neu entwickelten Zylinderrollenlager, die Beispiel der Baugröße 2332.
Anwendungsmöglichkeiten eines konven- (1992) Nr. 3, S. 64 – 73
tionellen Radialzylinderrollenlagers bei Die Vorteile des Zylinderrollenlagers mit [2] Giese, P. und Scherb, B.: Wälzkörper-
weitem übertreffen. Scheibenkäfig und des Zylinderrollen- satzschlupf bei Zylinderrollenlagern,
lagers mit Zwischenstücken lassen sich
Es ist bei der Konstruktion des antriebstechnik 31 (1992) Nr. 5,
also wie folgt zusammenfassen:
Zwischenstücklagers und des Scheiben- S. 54 – 60
käfiglagers gelungen, die Vorteile der – hohe statische und dynamische
[3] Eschmann, P., Hasbargen, L. und
extrem hohen Tragzahlen der vollrolligen Tragfähigkeit
Weigand K.: Die Wälzlagerpraxis,
Lagerausführung und die Vorteile, die ein – hohe Drehzahlgrenze
– niedriges Reibmoment im gesamten R. Oldenbourg Verlag München-Wien,
Käfiglager mitbringt zu vereinen. Zudem 1978
konnte durch die Gestaltung des Schei- Drehzahlbereich
– ruhiger Lauf durch optimale [4] Hauptkatalog 307: INA Wälzlager
benkäfigs und der Zwischenstücke eine
Wälzkörperkinematik Schaeffler oHG, Herzogenaurach,
Minimierung des Reibmoments und des
– Anschmiersicherheit Ausgabe 1997
Wälzkörperschlupfes erreicht werden,
was als Folge ein sehr günstiges dynami- – hohe zulässige Axiallasten
sches Reibungsverhalten mit sehr kleinen – thermische Stabilität durch optimale
Reibmomentschwankungen mit sich Wärmeabfuhr
bringt.

Autorenhinweis:
Dipl.-Ing. (FH) Roland Lippert ist Abtei-
lungsleiter für die Anwendungstechnik
im Branchenmanagement Antriebe für
den Maschinenbau, Bau-, Kunststoff-
und Landmaschinen bei der Firma
INA Wälzlager Schaeffler oHG in
Herzogenaurach
Dipl.-Ing. (FH) Bruno Scherb ist Leiter der
Gruppe Radiallager in der Versuchsabtei-
lung. Er ist für die Planung, Kalkulation
und Durchführung der Versuche in der
Gruppe verantwortlich. Seine Themen-
schwerpunkte sind die Untersuchungen
zum Reibungsverhalten und zur Lager-
kinematik an Radiallagern.

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· Printed in Germany
Sach-Nr. 002-540-002/RZL D-D 08991

INA Wälzlager Schaeffler oHG


D-91072 Herzogenaurach
Telefon (0 91 32) 82-0
Telefax (0 91 32) 82-49 50
http://www.ina.com