Sie sind auf Seite 1von 9

Luftkrieg: Der Untergang der US Air Force über

Schweinfurt
welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article119096357/Der-Untergang-der-US-Air-Force-ueber-
Schweinfurt.html

Unscheinbar und doch unverzichtbar – das sind die oft wenige Millimeter kleinen
Metallperlen in Wälzlagern, die sich zu Hunderten in jeder Maschine finden. Motoren
und Achsen brauchen sie ebenso wie Fräsen und Drehbänke. Ohne hochpräzise
Kugellager kann keine moderne Industrie produzieren.

Es liegt also nahe, die Kugellagerfabriken eines Feindes zu zerstören, um seine


Rüstungsproduktion zu treffen. Im Zweiten Weltkrieg war fast die Hälfte der deutschen
Wälzlagerherstellung in Schweinfurt konzentriert, vor allem bei den beiden wichtigsten
Fabriken FAG Kugelfischer und Fichtel & Sachs. Das machte die unterfränkische

1/9
Kreisstadt zum strategischen Ziel von allergrößter Bedeutung. Dennoch hatten die
alliierten Luftkriegsplaner bis Mitte August 1943 Angriffe gegen Schweinfurt
zurückgestellt.

Die Briten hielten die Stadt mit ihren knapp 50.000 Einwohnern für ein nur schwer
anzusteuerndes Ziel. Zudem waren die eigentlichen Fabriken beiderseits des
Hauptbahnhofs für ihre weit streuenden Nachtangriffe relativ klein.

Bei Tageslicht dagegen wären sie gut zu sehen und anzupeilen gewesen – doch die
Amerikaner zögerten aus einem anderen Grund lange: Auf dem Weg nach Unterfranken
würden ihre Bomber jeweils gut eine Stunde auf dem Hin- und dem Rückweg auf sich
allein gestellt sein.

Zwei Drittel der Bomber kamen zum Einsatz


Denn die Reichweite der amerikanischen Begleitjäger reichte von den Fliegerhorsten im
südöstlichen Großbritannien nur bis an die deutsch-niederländische Grenze. Mindestens
120 Minuten über feindlichem Boden ohne nennenswerte Verteidigung – das war ein
sehr hohes Risiko für die eigenen Flugzeuge und Besatzungen.

Doch der grausame Erfolg der koordinierten britisch-amerikanischen Luftoffensive gegen


Hamburg ließ solche Zurückhaltung schwinden. Zudem verließ sich die Führung der 8.
US-Luftflotte auf ein taktisches Prinzip, dass Colonel Curtis LeMay entwickelt hatte.

Immer drei Staffeln Bomber sollten so eng hinter-, über- und nebeneinander fliegen,
dass die Geschosse ihrer Maschinengewehre eine „Todeswolke“ gegen feindliche Jäger
bilden würden. In der Theorie war diese „Combat Box“ genannte Idee unmittelbar
einleuchtend. In der Praxis allerdings deutlich weniger, wie die für den 17. August 1943
geplante „Operation Double Strike“ zeigen sollte. Zwei Drittel der gesamten
Einsatzstärke, insgesamt 376 viermotorige Bomber, kamen zum Einsatz.

Es gab zwei Hauptziele, neben der Kugellager-Hochburg Schweinfurt noch die


Messerschmitt-Werke bei Regensburg, außerdem zwei Ausweichziele: die Panzerfabrik
Krauss-Maffei im Nordwesten Münchens und mehrere Industriebetriebe in Frankfurt am
Main.

Der Einsatz von Boden-Raketen


Die erste Angriffswelle mit dem Ziel Regensburg konnte unter dem Kommando von
LeMay wie geplant abheben. Dagegen verzögerte sich der Start der zweite Welle um fast
drei Stunden – wegen dichten Nebels.

Statt mit fast 400 Maschinen auf einmal die deutsche Flugabwehr zu überfordern,
drangen die beiden Wellen lange nacheinander in den gegnerischen Luftraum ein. So
hatten die Jagdstaffeln der Luftwaffe genügend Zeit zu landen, aufzutanken und neue
Munition an Bord zu nehmen.

2/9
Das war nicht der einzige Grund für das Fiasko, zu dem die „Operation Double Strike“
wurde. Nach dem verheerenden Versagen der Abwehr bei der vorangegangenen
„Operation Gomorrha“ hatte die Luftwaffenführung ihren Widerstand gegen neue
Taktiken und Waffen aufgegeben. Und so setzten deutsche Jäger gegen die
amerikanischen Bomber auf dem Weg nach Regensburg und Schweinfurt eine ganze
Reihe bislang kaum erprobter Methoden ein. Jedes Mittel schien recht, um eine erneute
Katastrophe wie in Hamburg zu verhindern.

Erstmals in größerer Zahl kamen Luft-Luft-Raketen zum Einsatz. Es handelte sich um


zweckentfremdete Geschosse für den deutschen Nebenwerfer 42 im Kaliber 210
Millimeter. Die knapp 100 Kilogramm schwere Rakete war mit einem Zeitzünder
versehen worden und hatte eine Reichweite von bis zu vier Kilometern.

Von Metallsplittern durchsiebt


Mit dieser Waffe kam der eigentlich für Einsätze bei Tage nicht mehr ausreichend
leistungsfähige Zerstörer Messerschmitt Bf-110 zu neuer Bedeutung. Die relativ
schwerfälligen zweimotorigen Maschinen hielten sich außerhalb der Reichweite der
amerikanischen MG-Schützen und schossen in aller Ruhe ihre Raketen ab.

Nun zeigte sich, dass LeMays Idee der „Combat Box“ im Einsatz mörderisch war. Denn
wenn inmitten eines Bomberpulks von rund 20 Maschinen eine solche Rakete
explodierte, wurden alle nächstfliegenden Maschinen von Splittern durchsiebt. Die
weiter entfernten Maschinen bekamen vom Luftdruck des Geschosses einen Schlag, der
sie oft zum Ausbrechen aus der Formation zwang. Mindestens in vier Fällen kam es dabei
zu Kollisionen mit anderen US-Bombern.

Die deutsche Luftwaffe nutzte auch weitere neue Taktiken. So warfen hochfliegende
Jagdmaschinen konventionelle Bomben mit Zeitzündern in die amerikanischen
Formationen. Ein fataler Treffer war nur eine Frage der Rechenkunst des Piloten. Nach
wenigen Minuten erkannten das auch die Staffelkommandeure der US-Bomber. Sie
befahlen die Auflösung der gefährlichen Formationen.

Nun griffen die deutschen Messerschmitt Bf-109 und Focke-Wulf FW-190 weitere
Methoden: Mal attackierten sechs Maschinen auf einmal, Flügelspitze an Flügelspitze,
den gleichen Bomber. Dann bildeten sie regelrechte Schlangen, um nacheinander
koordiniert einzuschwenken und Bomber konzentriert anzugreifen.

Von den 127 Maschinen der ersten Welle, die Regensburg erreicht hatten, wurden 24
abgeschossen und weitere 50 beschädigt. Viele von ihnen konnten nicht mehr repariert,
sondern nur noch ausgeschlachtet werden.

Der Produktionsausfall war gleich null

3/9
Knapp drei Stunden später steuerten etwa 220 „Fliegende Festungen“ der zweiten
Angriffswelle Schweinfurt an. Die Zeit hatte gereicht, um die deutschen Jäger voll
aufzumunitionieren. Die Piloten waren keineswegs erschöpft, sondern siegesgewiss von
ihrem ersten Erfolg an diesem Tag.

Zwar waren die US-Flieger klug genug, den strengen Formationsflug zu vermeiden und
so weniger gute Ziele für die deutschen Raketen und Bomben abzugeben. Dennoch
wurden 36 Maschinen abgeschossen und 122 beschädigt, davon 27 so schwer, dass sie
nur noch als Ersatzteillager dienen konnten.

Von den Zerstörungen am Boden aus betrachtet, waren beide Angriffe „Erfolge“: Das
Messerschmitt-Werk bei Regensburg wurde schwer beschädigt, und in Schweinfurt sank
die Kugellager-Produktion kurzzeitig um etwa ein Drittel. Doch mit 60 abgeschossenen
und mehr als 50 schrottreifen Bombern sowie mehr als 600 Toten, Verletzten und
Vermissten waren die Verluste verheerend. Nach nur fünf ähnlichen Einsätzen würde die
8. US-Luftflotte nicht mehr existieren.

Das war ein bedeutend zu hoher Preis. Doch das Ziel, die deutsche Kugellager-Industrie
entscheidend zu treffen, blieb aktuell: Zwei Monate später wiederholten die US-Bomber
die Attacke – mit noch schlimmeren Folgen. Der Angriff am 14. Oktober 1943 führte statt
zu 15 Prozent Totalverlusten zu mehr als 20 Prozent. Als „schwarzer Donnerstag“ ging
dieser Tag in die Annalen der 8. US-Luftflotte ein.

Laut den Statistiken des Rüstungsministeriums unter Albert Speer wurde übrigens
wegen der Angriffe auf Schweinfurt kein einziger deutscher Jäger oder Panzer weniger
gebaut: Trotz des zeitweiligen Produktionsausfalls war genügend Vorrat am Kugellagern
vorhanden. Gerade weil sie unverzichtbar waren.

4/9
177 viermotorige Bomber vom Typ B-24 „Liberator“ starteten am 1. August 1943 zum Angriff auf die
rumänischen Erdölfelder von Ploiesti. Nach mehr als 2000 Kilometer Flug gingen die amerikanischen
Maschinen in den Tiefflug über.
Quelle: USAF

5/9
Bereits auf dem Anmarsch waren die ersten Bomber abgestürzt. Zwar gelang es der ersten Gruppe,
einen Teil der Raffinerien zu treffen.
Quelle: United States. Office of War Information. Overseas Picture Division

6/9
Aber nach sechs Wochen hatten Deutsche und Rumänen die Produktion wieder im Griff, dabei wurden
unter anderem 10.000 Zwangsarbeiter eingesetzt.
Quelle: picture alliance / akg-images

7/9
Vor allem beim Rückflug gerieten die B-24 in heftiges Abwehrfeuer. Fast alle Maschinen wurden
beschädigt.
Quelle: National Museum

8/9
Insgesamt 54 „Liberators“ wurden abgeschossen, die Air Force verlor 532 Soldaten. (Das Foto zeigt den
Abschuss einer B-24L 1945 über Italien).
Quelle: USAAF

9/9