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Sprachen

Anonym

Bilingualismus und Diglossie in Algerien.


Chance oder Hindernis?

Studienarbeit
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Bilingualismus und Diglossie in Algerien. Chance oder


Hindernis?

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28.04.2016

Bilingualismus und Diglossie in


Algerien – Chance oder Hindernis?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung .................................................................................................................................. 2 
Begriffsklärung.......................................................................................................................... 2 
Sprachgeschichte ....................................................................................................................... 3 
Arabisierung .......................................................................................................................... 3 
Kolonialzeit ........................................................................................................................... 4 
Unabhängigkeit ..................................................................................................................... 5 
Bilingualismus ........................................................................................................................... 6 
Die Rolle des Französischen ................................................................................................. 6 
Die Rolle des Berberischen ................................................................................................... 7 
Diglossie .................................................................................................................................... 9 
Hocharabisch ......................................................................................................................... 9 
Dialektarabisch .................................................................................................................... 11 
Sprachmischung / Frarabe ................................................................................................... 12 
Chance oder Hindernis? .......................................................................................................... 13 
Das Problem der Diglossie .................................................................................................. 13 
Reformvorschläge ............................................................................................................... 14 
Vorteile der Diglossie.......................................................................................................... 15 
Hindernisse durch Bilingualismus ...................................................................................... 15 
Lösungsansätze.................................................................................................................... 17 
Chancen des Bilingualismus ............................................................................................... 17 
Fazit ......................................................................................................................................... 19 
Literatur- und Quellenverzeichnis ........................................................................................... 20 

1
Einleitung
Algerien ist das mittlere der Maghreb-Länder und, mit einer Fläche über 6,5-mal so groß wie
Deutschland, der größte Staat des afrikanischen Kontinents. Es grenzt an Marokko, Tunesien,
Libyen, Niger, Mali, Mauretanien und die Westsahara. Die algerische Hauptstadt ist die am
Mittelmeer gelegene Stadt Algier. Mit ca. 39,5 Millionen Einwohnern ist die Bevölkerungs-
dichte des Landes sehr gering. Der Name Algerien leitet sich aus dessen arabischer Bezeich-
nung al-ǧazāʾir ab und bedeutet „die Inseln“. Arabisch und Berberisch, die Sprache der Ur-
einwohner Nordafrikas, sind die offiziellen Amtssprachen des Landes.1 Doch noch eine dritte
Sprache prägt die Sprachlandschaft Algeriens: Französisch. Aufgrund der Koexistenz dieser
Sprachen ist in Bezug auf die Sprachsituation Algeriens oft von Diglossie oder Bilingualis-
mus die Rede.
Ğamāl Laʿbīdī, Professor für Soziologie an der Universität Algier, ist ein Kritiker des franzö-
sischen Sprachgebrauchs in Algerien. In seiner Vorlesung ʾiškāliyya al-luġa wa-t-tanmiya fī
l-ǧazāʾir (Sprach- und Entwicklungsproblematik in Algerien) an der Algerischen National-
bibliothek 2014 forderte er ein Ende der Zweisprachigkeit.2 Welche Probleme sieht er darin
für die algerische Gesellschaft? Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll zunächst ergrün-
det werden, welche historischen Umstände zur heutigen Sprachsituation in Algerien führten,
um im Anschluss einen Überblick über die gegenwärtige Lage zu geben. Ziel ist es, zu erör-
tern ob Diglossie bzw. Bilingualismus für die Algerier als Chance oder als Hindernis gesehen
werden müssen.

Begriffsklärung
Einleitend muss eine allgemeine Begriffsklärung der beiden Termini Bilingualismus und
Diglossie vorgenommen werden. Laut Fishman ist „bilingualism […] essentially a character-
ization of individual linguistic behavior whereas diglossia is a characterization of linguistic
organization at the socio-cultural level“.3 Unter Bilingualismus versteht man also die Zwei-
sprachigkeit eines Individuums, während Diglossie das Phänomen einer zweisprachigen Ge-
sellschaft beschreibt.
Zur Diglossie gibt es in der Fachliteratur verschiedene Definitionen. Charles A. Ferguson
sieht in der Diglossie den Unterschied zwischen der high variety (H) und der low variety (L)

1
CIA o.J.
2
Dārīb 2014
3
Fishman 1967, 34.

2
einer einzigen (oder zweier eng verwandter Sprachen) innerhalb einer Gesellschaft. H und L
erfüllen unterschiedliche Funktionen: Die hohe Varietät wird als Bildungssprache für formel-
le und schriftliche Zwecke verwendet, die niedrige dagegen als Umgangssprache für nicht-
offizielle Anlässe. Demnach genießen sie auch unterschiedliches Prestige. Die H-Varietät
wird auf formalem Weg erlernt, d.h. in der Schule bzw. im Unterricht, während die L-
Varietät gewöhnlich auf natürliche Weise, also zuhause durch Eltern und andere Bezugsper-
sonen gelernt wird. Ferguson führt die arabische Sprache als Paradebeispiel einer Diglossie
auf. Die Hochsprache (al-fuṣḥā) entspricht der H, die Umgangssprache bzw. der regionale
Dialekt (al-ʿāmmiyya) der L.4 Hinsichtlich der Zweisprachigkeit von Arabisch/Französisch
gilt die algerische Gesellschaft gemäß Fergusons enger Definition also nicht als diglossisch.
Joshua A. Fishman schlägt dagegen eine weitere Definition des Begriffs vor: Auch Gesell-
schaften, in der zwei nicht verwandte Sprachen situationsabhängig gebraucht werden, be-
trachtet er als diglossisch. Weiterhin stellt er vier mögliche Szenarien zum Verhältnis von
Bilingualismus und Diglossie vor. 5 Als Beispiel für eine Sprachgemeinschaft, in der beide
Phänomene auftreten, nennt er „that of upper and upper middle class males throughout the
Arabic world who use classical (koranic) and vernacular […] Arabic and, not infrequently,
also a Western language (French or English, most usually)“.6 Dies trifft auf Algerien zu. Im
Folgenden wird der Begriff Diglossie jedoch im Sinne von Fergusons Definition verwendet.

Sprachgeschichte
Arabisierung

Um zu verstehen, wie sich die Mehrsprachigkeit in Algerien entwickelte, ist es wichtig zu-
nächst die Geschichte des Landes zu betrachten. Das Gebiet des heutigen Algerien war ur-
sprünglich von berberischen Volksstämmen besiedelt. Es wurden je nach Region unter-
schiedliche Berberdialekte gesprochen. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts stießen schließlich
die Araber in den Maghreb vor. Dies führte nicht nur zur Islamisierung des Gebiets, sondern
auch zur Arabisierung. Die Berber mussten sich Arabisch aneignen, um mit den Arabern
Handel treiben zu können. Außerdem wurde die arabische Sprache von Anfang an stark mit
dem Islam assoziiert.7 Bentahila schreibt dazu:

4
Ferguson 1959, 325–331.
5
Fishman 1967, 29ff.
6
Ebd., 31.
7
Bentahila 1983, 1f.

3
The Berbers admitted the superiority of Arabic over their own language, probably because of this link
between Arabic and religion, and maybe also because of the respect they felt for the written forms which
their own language did not possess. Their favourable attitude towards Arabic also reflected a more gen-
eral desire to live in harmony with the Arabs. However, although they adopted Islam and learnt Arabic,
the Berbers maintained of their own tribal customs and their native language, which is still the language
of their homes.8

Das jahrhundertelange Nebeneinander dieser zwei Sprachen, die wohlgemerkt zur gleichen
Sprachfamilie der afroasiatischen Sprachen gehören, hinterließ jedoch seine Spuren. Das
Berberische beeinflusste die Phonologie, Morphologie und Syntax des Arabischen in derarti-
gem Ausmaß, dass man in Bezug auf die nordafrikanische und insbesondere algerische Vari-
etät des Arabischen von einem berberisierten Arabisch sprechen kann.

Kolonialzeit

Trotz des hohen Prestiges des Arabischen sprachen zum Zeitpunkt der französischen Beset-
zung im Jahr 1830, also etwa 13 Jahrhunderte nach der Eroberung der Araber, noch ca. 50%
der Algerier nur berberisch. Die französische Kolonialherrschaft bildete den Ausgangspunkt
für den gegenwärtigen arabisch-französischen Bilingualismus. Da die Kolonialherren fest
von der Überlegenheit ihrer Sprache und Kultur überzeugt waren, verbreiteten sie das Fran-
zösische massiv auf Kosten des Hocharabischen und der Dialekte. Arabisch und Berberisch
wurden herabgewürdigt und marginalisiert.9 Französisch wurde zur allgemeinen und einzigen
Bildungssprache erklärt mit dem Ziel der sprachlichen Vereinheitlichung im Maghreb. Es
sollte zur Muttersprache der Nordafrikaner werden.10
Mit der Zeit wurde die französische Politik wurde jedoch noch radikaler in ihrer Vorgehens-
weise. Zeitweise wurde gar ein Algerien ohne Algerier in Erwägung gezogen und öffentlich
zu einem Vernichtungskrieg aufgerufen. Um 1872 war die einheimische Bevölkerung um gut
eine Million geschrumpft. Zusammen mit der Ausrottung der Nordafrikaner ging auch das
allmähliche Aussterben des Berberischen einher. Die Berberische Sprachgemeinde schrumpf-
te bis zum Ende der französischen Besetzung 1966 von 50% auf 18,6%.11 Für den Erhalt des
Arabischen setzte sich insbesondere die 1928 gegründete Vereinigung der algerischen mus-
limischen Rechtsgelehrten (ʿulamāʾ) ein. Unter der Führung des Gelehrten Abdelhamid Ben
Badis verbreitete sie die Botschaft „Der Islam ist meine Religion, Arabisch meine Sprache,
Algerien mein Vaterland“ und propagierte so die nationale Identität der Algerier. Durch das

8
Bentahila 1983, 2.
9
Benrabah 2014, 44.
10
Talmūdī 1984, 22f.
11
Benrabah 2014, 44f.

4
Gründen von Schulen, den sogenannten „Médersas“ sorgte die Vereinigung für das Überle-
ben der arabischen Hochsprache.12 Der Anteil der Französischsprecher wuchs während der
Kolonialzeit stetig. Obwohl Ende des 19. Jahrhunderts teilweise mehr Spanier und Italiener
nach Algerien kamen als Franzosen, setzte sich nur das Französische als primär mündliche
Verkehrssprache durch. Das lag neben dem Schulmonopol auch an der verhältnismäßig gro-
ßen Kontaktfläche zwischen Europäern und Einheimischen. Im Jahr 1954 kamen gut eine
Million europastämmige Einwohner auf ca. zehn bis elf Millionen Einheimische.13 Dies be-
wirkte einen Anteil von 0,2% monolingualen Französisch-Sprechern sowie etwa 10,5% bi-
oder trilingualen.14

Unabhängigkeit

Im Jahr 1962 erreichte Algerien schließlich die Unabhängigkeit. Im postkolonialen Zeitalter


fehlte eine allgemeine, einheitliche Nationalsprache und es existierte massenhaft Mehrspra-
chigkeit. Das erklärte Ziel der Nationalen Befreiungsfront (französisch: FLN, Front de
Libération Nationale) war nach dem Sieg über die Franzosen die Arabisierung des Landes.
Dies wurde jedoch durch die Auswirkungen der französischen Sprachpolitik erschwert. Da
während der Kolonialherrschaft nur ein geringer Prozentsatz algerischer Kinder eine qualita-
tiv gute Ausbildung erhielt, waren zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 84% der Algerier An-
alphabeten und nur 3,6% beherrschten Hocharabisch. Hinzu kam, dass die meisten Lehrer
Franzosen waren, diese jedoch nach dem Ende der Besetzung zu Tausenden abwanderten.
Trotzdem gelang es durch Einholung ägyptischer, syrischer und irakischer Lehrkräfte, die
Analphabetenrate bis 1989 auf 46% herabzusetzen und die Einschulungsrate bis 1988 auf
96% zu erhöhen.15 Am 26. Dezember 1990 wurde schließlich ein offizielles Arabisierungsge-
setz erlassen, das die vollständige Arabisierung der Verwaltung und Hochschulbildung zum
Ziel hatte. Außerdem sollten alle Medien (mit Ausnahme einiger französischer Zeitungen)
und Verkehrsschilder ausschließlich in arabischer Sprache verfasst sein. Frankreich reagierte
geschockt auf diese Entscheidung und auch innerhalb Algeriens stieß das Gesetz vor allem
von Seiten der Berber auf massiven Widerstand.16 Die Ausgrenzung des Französischen be-
wies sich insbesondere aufgrund seiner Omnipräsenz in den Medien (Internet, Fernsehen,
etc.) als quasi unmöglich. Das erkannte beispielsweise die CNRSE (Commission de Nationa-

12
Brahimi 1993, 13.
13
Glessgen 1996, 32ff.
14
Kühnel 1995, 19.
15
Ebd., 19ff.

5
le de Réforme du Système Educatif) und sorgte im Jahr 2000 für die Wiedereinführung des
Französischen schon ab dem zweiten Schuljahr sowie die Ausbildung zusätzlicher Franzö-
sischlehrer.17 Die Arabisierung der algerischen Gesellschaft schreitet also nur langsam voran.
Obwohl sich die Bevölkerungszahl Algeriens seit 1962 mehr als verdreifacht hat, hat sich die
ethnisch-sprachliche Zusammensetzung der Bevölkerung bis heute kaum verändert. Etwa 70-
75% der Algerier sind arabischsprachig und ca. 25-30% sprechen berberisch.18

Bilingualismus
Die Rolle des Französischen

Französisch wird auch heute noch vorwiegend als kollektiv erlernte Zweitsprache gebraucht.
Rund 11,2 Millionen Algerier beherrschen die Sprache.19 Trotz der Bemühungen vieler Nati-
onalisten die verhasste Sprache nach der Unabhängigkeit aus ihrem Staat zu verbannen, gilt
Algerien somit immer noch als zweitgrößtes frankophones Land nach Frankreich. Das dorti-
ge moderne Französisch ist jedoch keineswegs einheitlich, sondern variiert auf diastratischer
(je nach Gesellschaftsschicht und Bildungsgrad) und diaphasischer (je nach Sprechsituation)
Ebene. Natürlich kommt es auch auf die muttersprachliche Herkunft des Sprechers an.20 Des
Weiteren weist das maghrebinische im Vergleich zum europäischen Französisch diverse
sprachinterne Eigenarten auf.21
Der Status der Sprache ist weiterhin umstritten. Man kann wohl von einer Art Hassliebe
sprechen. Einerseits ist Französisch die Sprache der Anderen, der ehemaligen Kolonialmacht,
und wird mit schmerzhaften Erinnerungen aus der Kolonialzeit assoziiert, die immer noch
nicht aufgearbeitet ist. Andererseits bedeutet sie vor allem für die jüngere Generation „den
Zugang zu westlich-europäischer Kultur, international kompatibler Hochschulbildung und
Teilnahme an der sog. Globalisierung des 21. Jahrhunderts“.22 Da das Französische im Be-
reich der Technik dominiert, werden fast alle naturwissenschaftlichen Studiengänge aus-
schließlich auf Französisch angeboten. Deshalb gilt es auch als Sprache des Fortschritts, der
Modernität und der Zukunft. Genießt sie somit ein höheres Prestige als das Arabische? Insbe-
sondere unter den Intellektuellen ist der Glaube an die Überlegenheit des Französischen je-

16
Djité 1992
17
Yamina 2009, 122ff.
18
Benrabah 2014, 45.
19
Organisation internationale de la Francophonie o.J.
20
Glessgen 1996, 39.
21
Vgl. ebd., 49 – 52.
22
Wolff 2009, 52.

6
denfalls noch stark verbreitet. Dies lässt sich auf die Indoktrination der algerischen Elite wäh-
rend der Kolonialzeit zurückführen. Entgegensatz zu Tunesien und Marokko war Algerien
nicht nur ein Protektorat Frankreichs, sondern französisches Staatsgebiet. Insgesamt lässt sich
behaupten, dass Algerien unter allen arabischen Ländern wahrscheinlich dasjenige ist, das am
stärksten einer antinationalen Sprachpolitik seiner Kolonialmacht ausgesetzt war. Der Ein-
fluss der französischen Kultur ist hier also besonders stark verwurzelt. Für viele Algerier ist
eine gute Bildung ohne Kenntnisse des Französischen deshalb undenkbar. Es ist vielsagend,
dass selbst die engagiertesten Verfechter der Arabisierungspolitik ihre Kinder lieber auf fran-
kophone Privatschulen als auf öffentliche Schulen schicken, um für sie bessere Chancen auf
dem Arbeitsmarkt zu erzielen.23 Doch die bleibende Attraktivität der französischen Kultur
und Sprache lässt sich nicht nur mit deren Vormachtstellung im Bereich der Wissenschaft
begründen. Vielmehr geht von ihr eine gewisse Anziehungskraft aus. Es sind „kaum faßbare
und analysierbare Phantasmen über den Okzident“ und die Ideale der Französischen Revolu-
tion wie „Emanzipation und soziale Gerechtigkeit ebenso wie Mythen der Lust, der Leiden-
schaft, der Befreiung von Tabus, des Genusses und Konsums in vielfältigsten Facetten“24, die
diese Anziehungskraft bewirken. Die zweisprachigen Algerier leben also gewissermaßen in
zwei verschiedenen Welten mit eigenen Wertsystemen.

Die Rolle des Berberischen

Eine ganz andere Rolle in der algerischen Gesellschaft nimmt das Berberische ein. Es ist eine
hamito-semitische Sprache, die in ganz Nordafrika verbreitet ist. Wie bereits erwähnt ist in
Algerien etwa ein Viertel der Bevölkerung berberophon. Dabei ist es umstritten, ob es sich
um mehrere Einzelsprachen handelt (parlers berbères) oder ob alle Varietäten des Berberi-
schen mundartliche Realisierungen einer einzigen Sprache sind (la langue berbère).25 Oft
benutzt man den Oberbegriff Tamazight für alle Berbersprachen oder –dialekte.
Ennaji nimmt eine Unterteilung in vier Hauptdialekte vor: Erstens gibt es Kabylisch, das
vorwiegend in der Kabylei gesprochen wird, aber auch nahe der Städte Algier und Bejaia.
Zweitens gibt es eine Varietät namens Chaouia, die vor allem von der Population des Aurés-
Gebirges genutzt wird. Der dritte Hauptdialekt ist der der Tuareg im Süden Algeriens und der
vierte ist das sogenannte Mzab-Wargla, das die Mozabiten in der Provinz Ghardaia sprechen.
Natürlich bildet diese Aufteilung jedoch nicht die exakte Wirklichkeit ab. Aufgrund der Ur-

23
Benrabah 2014, 47.
24
Hein-Khatib 1998, 147.
25
Wolff 2009, 43.

7
banisierung sind viele dieser Dialekte auch in den meisten großen Städten wie Algier oder
Oran anzutreffen. Trotzdem lässt sich feststellen, dass berbersprachige Gemeinden haupt-
sächlich in ruralen Gebieten leben.
Die Zahl der Sprecher nimmt allerdings immer weiter ab. Dafür lassen sich vier Hauptgründe
ausmachen. Zum einen liegt es an der zunehmenden Migration vom Land in die Stadt, wo
das Dialektarabische vorherrschende Alltagssprache ist. Zum anderen ist die Zunahme an
freier Bildung für den Rückgang des Berberischen verantwortlich, da das arabisierte Schul-
system es ausschließt. Der dritte Grund ist der Dialektstatus der Sprache. Es mangelt den
Berbersprachen an einer Standardisierung, festgelegten Grammatikregeln und einem Schrift-
system. Zwar geben die Tuareg seit Generationen ein altes Schriftsystem namens Tifinagh an
ihre Nachfahren weiter, jedoch ist dieser Brauch allmählich im Schwinden begriffen. Tifi-
nagh ist heute noch in weiten Teilen der Kabylei verbreitet, es existiert aber keinerlei in die-
ser Schrift abgefasste Literatur. Berberische Schriftstücke sind in Algerien meist in lateini-
scher Schrift verfasst. Viertens gibt es für Algerier schlichtweg keinen Anreiz Tamazight zu
lernen, da es ihnen (im Gegensatz zu den Weltsprachen Französisch oder Hocharabisch) im
Bereich Business, Wissenschaft, Internationale Beziehungen, etc. nicht von Nutzen ist. Es
gibt also nur sehr wenige arabische Muttersprachler in Algerien, die auch Berberisch spre-
chen, während die Mehrheit der Berber zweisprachig ist. Die genannten Gründe veranlassen
indessen auch viele berberophone Eltern dazu, ihre Muttersprache nicht an ihre Kinder wei-
terzugeben. Dementsprechend lässt sich erkennen, dass die Berbersprachen in der algerischen
Gesellschaft kein hohes Ansehen haben. Gesprochen werden sie deshalb praktisch nur noch
zu Hause im Kreis der Familie oder unter engen Freunden.
Schuld daran ist auch die Regierung, die stets sehr intolerant gegenüber Sprache und Kultur
der Berber war. In den 80er- und 90er-Jahren formte sich allerdings eine Berber-Bewegung,
die zahlreiche Demonstrationen und Streiks organisierte. Diese konnte die Regierung schließ-
lich nicht mehr länger ignorieren. So kam es zu einem Wandel in der Einstellung zur berberi-
schen Sprache. Obwohl es heute immer noch Spannungen zwischen Berbern (vor allem Ka-
bylen) und algerischen Fundamentalisten gibt, die Arabisch als Sprache des Korans für die
einzig wahre halten, erkennt die Mehrheit der Algerier mittlerweile die Verbindung zwischen
dem Berberischen und ihrer kulturellen Identität. Immerhin ist es die Sprache der Ureinwoh-
ner ihres Landes und somit das, was die Maghrebiner vom Rest der arabischen Welt unter-

8
scheidet.26 Offiziell anerkannte Sprache Algeriens ist Tamazight nichtsdestotrotz erst seit
einer Verfassungsreform im März 2016:
‫ ﺗﻌﻤﻞ ﺍﻟﺪﻭﻟﺔ ﻟﺘﺮﻗﻴﺘﻬﺎ ﻭﺗﻄﻮﻳﺮﻫﺎ ﺑﻜﻞ ﺗﻨﻮﻋﺎﺗﻬﺎ‬.‫ ]…[ ﺗﻤﺎﺯﻳﻐﺖ ﻫﻲ ﻛﺬﻟﻚ ﻟﻐﺔ ﻭﻁﻨﻴﺔ ﻭﺭﺳﻤﻴﺔ‬.‫ﺍﻟﻠﻐﺔ ﺍﻟﻌﺮﺑﻴﺔ ﻫﻲ ﺍﻟﻠﻐﺔ ﺍﻟﻮﻁﻨﻴﺔ ﻭﺍﻟﺮﺳﻤﻴﺔ‬
‫ ﻳﺴﺘﻨﺪ ﺍﻟﻤﺠﻤﻊ ﺇﻟﻰ ﺃﺷﻐﺎﻝ‬.‫ ﻳﺤﺪﺙ ﻣﺠﻤﻊ ﺟﺰﺍﺋﺮﻱ ﻟﻠﻐﺔ ﺍﻷﻣﺎﺯﻳﻐﻴﺔ ﻳﻮﺿﻊ ﻟﺪﻯ ﺭﺋﻴﺲ ﺍﻟﺠﻤﻬﻮﺭﻳﺔ‬.‫ﺍﻟﻠﺴﺎﻧﻴﺔ ﺍﻟﻤﺴﺘﻌﻤﻠﺔ ﻋﺒﺮ ﺍﻟﺘﺮﺍﺏ ﺍﻟﻮﻁﻨﻲ‬
27
.‫ ﻭﻳﻜﻠّﻒ ﺑﺘﻮﻓﻴﺮ ﺍﻟﺸﺮﻭﻁ ﺍﻟﻼﺯﻣﺔ ﻟﺘﺮﻗﻴﺔ ﺗﻤﺎﺯﻳﻐﺖ ﻗﺼﺪ ﺗﺠﺴﻴﺪ ﻭﺿﻌﻬﺎ ﻛﻠﻐﺔ ﺭﺳﻤﻴﺔ ﻓﻴﻤﺎ ﺑﻌﺪ‬،‫ﺍﻟﺨﺒﺮﺍء‬
(Die arabische Sprache ist die nationale und offizielle Sprache [Algeriens]. […] Tamazight ist ebenso na-
tionale und offizielle Sprache. Der Staat setzt sich für ihre Förderung und Entwicklung in aller sprachli-
chen Vielfalt ein, die innerhalb des Staatsgebiets gebräuchlich ist. Auf Veranlassen des Präsidenten
der Republik wurde eine algerische Akademie der Tamazight-Sprache gegründet. Die Akademie,
die sich auf die Arbeit von Experten stützt, ist mit der Gewährleistung der notwendigen Bedingun-
gen für die Förderung des Berberischen beauftragt mit dem Ziel es langfristig als offizielle Sprache
zu integrieren.) [Hervorhebungen im Original]

Diglossie
Hocharabisch

Ein weiteres Merkmal der sprachlichen Situation in Algerien ist wie in allen anderen arabi-
schen Ländern das Nebeneinander einer geschriebenen altertümlichen Hochsprache und ei-
nem gesprochenen Dialekt. Wenn in der algerischen Verfassung von al-luġa al-ʿarabiyya als
offizielle Sprache des Landes die Rede ist, ist damit das Moderne Hocharabisch (MHA) ge-
meint. Dieses konnte sich in Algerien allerdings erst im 20. Jahrhundert ausbreiten. Vorher
war es lediglich die Sprache einer kleinen Elite und die Diglossie war keine allgemein ver-
breitete Erscheinung. Die Ursache für diese späte Ausbreitung des Hocharabischen ist zum
einen dessen Marginalisierung zu Zeiten der französischen Kolonialherrschaft. Zum anderen
kamen erst im 20. Jahrhundert Massenkommunikationsmittel auf, die zur Verbreitung der
Hochsprache beitrugen.28
Spätestens seit dem Arabisierungsgesetz ist das MHA außerdem fester Bestandteil des algeri-
schen Schulunterrichts. Aufgrund der großen Diskrepanz zwischen Dialekt und Hochsprache
erfordert das Erlernen den gleichen Aufwand wie eine Fremdsprache. Deshalb beherrscht nur
eine Minderheit der algerischen Bevölkerung das Hocharabische, insgesamt nur zwischen
20% und 40%.29 Sogar Gebildete besitzen teils nur rudimentäre Kenntnisse. Die volle Be-
herrschung der Sprache ist in der Tat nur auf eine kleine Gruppe von Leuten beschränkt, die
berufsbedingt ständig mit ihr zu tun haben (z.B. Arabischprofessoren, Geistliche oder
Schriftsteller).30

26
Ennaji 1997
27
Mašrūʿ tamhīdī li-murāǧaʿa ad-dustūr 2015, Artikel 3.
28
Diem 1974, 24.
29
Kühnel 1995, 24.
30
Diem 1974, 15f.

9
Die Aneignung von fuṣḥā ist aber wichtig, da es die einzig anerkannte Schriftsprache ist.
Beim Schreiben ist es weitestgehend verpönt, Dialekt zu benutzen, da dies als Zeichen von
Ungebildetheit angesehen wird.31 Des Weiteren wird Hocharabisch in formeller mündlicher
Rede gebraucht, also z.B. in einer öffentlichen Diskussion von Politikern oder als Unter-
richtssprache an Hochschulen. Die Wahl der mündlichen Sprache ist dabei keineswegs belie-
big. Die unterschiedlichen Rollen von fuṣḥā und ʿāmmiyya können sprachlichen Druck er-
zeugen, der zu Konformität zwingt. Der Sprecher muss sich nach anerkannten Verhaltens-
mustern richten und seine Sprache an den Formalitätsgrad der Situation anpassen, denn wer
beispielweise im Rahmen eines formellen Anlasses Dialekt spricht, lässt eine gewisse Miss-
achtung des Anlasses vermuten. Andersherum ist es möglich, dass das Sprechen der Hoch-
sprache in einer informellen Situation zum Spott der Gesprächspartner führt.32
Dies lässt sich auf das unterschiedliche Prestige der beiden Sprachen zurückführen. Schon
der im Arabischen gebräuchliche Ausdruck für die Hochsprache (al-luġa) al-fuṣḥā „die bere-
dete (Sprache)“ verrät eine deutliche Wertung. Es ist die Sprache des Korans und somit „the
language of religious and moral values“33. Ferner ist es „Kultursprache und Träger des histo-
rischen Erbes“34, das auf eine fast eineinhalbtausendjährige literate Geschichte zurückblickt.
Somit ist das Hocharabische allen arabischen Ländern als Literatursprache gemein. Zwar
können je nach Land in Bezug auf Aussprache und Wortschatz Besonderheiten auftreten -
besonders zwischen den Regionen Nordafrika und dem arabischen Osten sind Unterschiede
zu beobachten -, in Schrift und Morphologie ist das MHA aber normiert.35 Es ist also „Sym-
bol sowohl für die arabische Kultur […] als auch für den arabischen Nationalismus“36. Alles
in allem lässt sich feststellen, dass das Hocharabische wesentlich prestigereicher ist als das
Dialektarabische. Die Araber im Allgemeinen sind sehr stolz ihre Hochsprache. Ihr gilt all
ihre Bewunderung. Ihre Überlegenheit gegenüber den Dialekten begründen sie häufig mit
ihrer logischen Struktur, schriftlich festgelegten Grammatikauslegung (naḥw) und ihrem rei-
chen Wortschatz, die von einer besonderen Schönheit der Sprache zeugen.37

31
Diem 1974, 87.
32
Ebd., 22f.
33
Benrabah 2014, 47.
34
Kühnel 1995, 16.
35
Diem 1974, 1f.
36
Ebd., 126.
37
Ebd., 7.

10
Dialektarabisch

Vom Dialektarabischen wird dagegen oft behauptet, dass es keinerlei Regeln folgt. Dies ist
jedoch ein allgemein verbreiteter Irrglaube, da die Dialekte sehr wohl eine logische Struktur
haben. Jeder Dialekt besitzt seine eigene Grammatik, die linguistisch gesehen nicht besser
oder schlechter ist als die jeder anderer menschlichen Sprachform.38 Es gibt aber noch andere
Gründe für die Unterlegenheit der Dialekte. Da diese von Land zu Land sehr verschieden
sind, bedrohen sie die Idee des Panarabismus, eine Ideologie, die nach der Einheit aller Ara-
ber auf Basis der gemeinsamen arabischen Sprache strebt.39 Außerdem ist ʿāmmiyya keine
Schriftsprache. Eine Verschriftung erfolgt lediglich auf privater Ebene, beispielsweise beim
Verschicken von Kurznachrichten auf dem Handy. Junge Algerier entwickelten Strategien,
algerisches Arabisch mithilfe des lateinischen Schriftsystems wiederzugeben. Dabei ersetzen
Zahlen Morpheme, die es im Französischen nicht gibt.40 Es gibt also zwar Versuche, die Dia-
lekte zu verschriftlichen, jedoch ist die Umschrift sehr uneinheitlich und folgt keinen offiziel-
len Regeln. Aufgrund der aufgeführten Gründe lässt sich folgern, dass das Dialektarabische
allgemein eher geringgeschätzt wird und als „Zeichen für Unwissenheit, Armut und Regiona-
lismus“41 gilt. Im Übrigen lässt auch hier wie bei der Hochsprache bereits die arabische Be-
zeichnung (al-luġa) al-ʿāmmiyya „die Sprache des gewöhnlichen Volks (ʿāmma)“ eine ge-
wisse Wertung vermuten. Dennoch ist der Begriff passend, denn es ist in der Tat die Mutter-
sprache des Volks, sowohl Gebildete als auch Ungebildete denken und fühlen im Dialektara-
bischen. Gebraucht wird es in allen informellen Sprachsituationen, z.B. in Alltagsgesprächen.
Insoweit gibt es keine Unterschiede zwischen der Diglossie Algeriens und der anderer arabi-
scher Länder. Bei genauerer Betrachtung fallen trotzdem ein paar Ungleichheiten auf. Zum
einen gibt es im Gegensatz zu anderen arabischen Staaten keinen einheitlichen algerisch-
arabischen Dialekt. Was Lexik und Phonetik betrifft, bestehen zum Teil erhebliche Unter-
schiede zwischen ländlichen und städtischen Mundarten. Besonders die südalgerischen Dia-
lekte unterscheiden sich stark von urbanen Umgangssprachen, wie z.B. der von Algier oder
Oran. Im Laufe der Zeit wurde zwar eine Annäherung der Regionaldialekte an den Haupt-
stadtdialekt beobachtet, jedoch ist diese nur minimal und somit unerheblich. Des Weiteren
gilt der Dialekt Algiers verglichen mit anderen Hauptstadtdialekten wie etwa der Kairener

38
Talmūdī 1984, 18.
39
Diem 1974, 5.
40
Zitouni, 495.
41
Diem 1974, 126.

11
Dialekt in Ägypten nicht als der Prestigedialekt des Landes.42 Überdies weist das algerische
Dialektarabisch wohl die höchste Abweichung vom Hocharabischen auf und ist für viele
nicht-maghrebinische Araber deshalb nur schwer verständlich. Neben grammatischen Unter-
schieden, wie etwa das Fehlen des hochsprachlichen Duals oder femininen Komparativs, die
bei fast allen arabischen Dialekten vorzufinden sind43, verfügt das algerische Arabisch vor
allem über lexikalische Unterschiede zum MHA. Es ist ein klarer Einfluss aus den Kontakt-
sprachen Berberisch und Französisch erkennbar. Berberische Lehnwörter gibt es vorwiegend
im landwirtschaftlichen Bereich, da die meisten Berber von der Landwirtschaft leben und
Handel treiben.44 Französische Entlehnungen sind dagegen allgegenwärtig und wohl das
markanteste Merkmal der algerischen Umgangssprache.45

Sprachmischung / Frarabe

Je nach Sprecher und Sprechsituation variiert die Anzahl der Interferenzen aus dem Französi-
schen. Da sich diese oft extrem häufen, kann behauptet werden, dass viele Algerier eine
Mischsprache aus Arabisch und Französisch sprechen. Das Phänomen der Entstehung von
Mischsprachen tritt häufig durch den intensiven Kontakt zwischen zwei Sprachen auf, so
entstand in den Vereinigten Staaten beispielsweise das sogenannte Spanglish, eine Mischung
aus Spanisch und Englisch. Vergleichbares lässt sich auch in Algerien beobachten.
Dort hat sich der Terminus Frarabe (Kombination der französischen Wörter français und
arabe) als Bezeichnung für dieses sprachliche Phänomen durchgesetzt. Dabei wird nicht nur
ʿāmmiyya, sondern auch fuṣḥā mit dem Französischen vermischt. Obwohl sich die Grenzen
zwischen den Sprachen nicht konkret definieren lassen, geht Kühnel von einem Mischungs-
verhältnis von 50% Französisch, 40% Dialekt und 10% Hocharabisch aus. Neben intervallar-
tigen Sprachwechseln (nach ein oder mehreren Sätzen) und Wechseln innerhalb eines Satzes,
treten auch Wortmischungen auf, d.h. französische Wörter und Wortverbindungen werden
phonetisch bzw. lexikalisch arabisiert. Beispiele für derartige Wechsel sind kunt fī la plage
(Ich war am Strand) oder ḥammāl-bagage (Gepäckträger). Es ist allerdings schwer zu be-
stimmen, ob ein Sprecher den algerisch-arabischen Dialekt oder Frarabe gebraucht, da die
Grenzen zwischen diesen beiden Sprachformen fließend sind. In welchem Maße die Algerier
die Mischsprache sprechen, entscheiden sie je nach Gesprächspartner und –thema. Deshalb

42
Kühnel 1995, 15.
43
Albirini 2016, 13.
44
Ennaji 1997, 27.
45
Kühnel 1995, 22.

12
sieht Kühnel Frarabe nicht als klassische Mischsprache, sondern vielmehr als eine besondere
Form des Bilingualismus.46
Man darf sich dieses Sprachphänomen jedoch nicht als willkürliches Durcheinandermischen
zweier Sprachen vorstellen, es folgt trotz seines uneinheitlichen Charakters bestimmten
grammatikalischen Strukturen. Den Sprachwechsel innerhalb eines Gesprächs, Satzes oder
Satzteils bezeichnet man als code switching. Es ist eine bewusste Sprachhandlung, der Spre-
cher wählt eine Sprache anhand von verschiedenen Faktoren (z.B. soziale Beziehung zum
Gesprächspartner oder Formalitätsgrad der Gesprächssituation). Das Code-Switching setzt
ein, sobald der Bilinguale eine Veränderung, etwa des Themas oder des Diskurstyps, wahr-
nimmt.47
Die Meinungen über Frarabe gehen in der algerischen Sprachwissenschaft weit auseinander.
Manche sehen darin den Beweis für die sprachliche Inkompetenz vieler Bilingualer. Da sie
sich weder auf Arabisch noch auf Französisch richtig ausdrücken können, müssen sie die
beiden Sprachen mischen. Andere wiederum betrachten Frarabe in einem positiven Licht und
sehen als „einen kreativen sprachbildenden Prozess.“48 Da das Französische hauptsächlich
Einfluss auf den Dialekt hat und weniger auf das MHA, hat die algerische Bildungspolitik
der Mischsprache bis jetzt kaum Beachtung geschenkt.49 Obwohl Frarabe keine offiziell an-
erkannte Sprache ist, wird das Code-Switching von der algerischen Bevölkerung dennoch als
„quasi eigenständige Sprachform betrachtet, die bewußt eingesetzt wird.“50

Chance oder Hindernis?


Das Problem der Diglossie

Zwar ist das Auseinanderklaffen von hochsprachlicher Norm und sprachlicher Wirklichkeit
kein rein arabisches Phänomen, jedoch ist der Abstand zwischen den beiden Sprachformen
wohl nirgends so ausgeprägt wie im arabischen Sprachraum. Daraus ergeben sich viele Prob-
leme für die arabische Bevölkerung. Da die Distanz zwischen Dialekt und Hochsprache in
Algerien besonders groß ist, macht sich dort die Problematik der Diglossie im Vergleich zu
anderen Ländern noch stärker bemerkbar.

46
Kühnel 1995, 26f.
47
Brahimi 1993, 60f.
48
Kühnel 1995, 25.
49
Ebd., 33.
50
Brahimi 1993, 64.

13
Ein weit verbreitetes Problem in Algerien ist die mangelhafte Beherrschung der Hochspra-
che, selbst bei Sprechern mit guter Schulbildung. Dies hat vielfältige Gründe. Einer davon ist
sicherlich die Abneigung vieler Schüler gegen den Arabischunterricht. Bei einigen mangelt
es am Interesse für die arabische Literatur, andere wiederum schreckt die schwere Gramma-
tik ab. Außerdem ist der Unterricht oft unzureichend – die Darstellung der Grammatik ist
veraltet, moderne Unterrichtsmethoden werden nicht angewandt und der Unterricht an den
Schulen (oft sogar der Hocharabischunterricht) findet auf Dialektarabisch statt, damit die
Schüler alles verstehen. Des Weiteren erfordert das Erlernen des MHA wie bereits erwähnt
hohen Aufwand, vergleichbar mit dem des Lernens einer Fremdsprache. Aus diesen Gründen
entwickelt sich unter manchen Schülern sogar ein regelrechter Hass auf fuṣḥā. Das liegt wo-
möglich auch daran, dass die junge Generation insgeheim von der Überlegenheit der westli-
chen Zivilisation überzeugt ist, „ist doch die moderne Geschichte der arabischen Welt nichts
weiter als eine einzige Kette von Europäisierungen“ und Hocharabisch „Sprache einer Kul-
tur, die wenig zu bieten hat“51. Abgesehen davon ist die Hochsprache nicht zur Kommunika-
tion notwendig, da im Alltag stets Dialekt gesprochen wird. Weil fuṣḥā niemandes Mutter-
sprache ist, gibt es keinerlei Verständigungsschwierigkeiten. Das führt dazu, dass viele Alge-
rier schlichtweg kein Interesse daran haben, die Sprache zu erlernen.52 Wer die Hochsprache
aber nicht beherrscht, dem erschwert sich der Zugang zu Bildung erheblich. Da fuṣḥā die
einzige Schriftsprache ist und alle Bücher, Zeitungen, etc. darin verfasst sind, ist es quasi
unmöglich sich ohne dessen Kenntnisse Wissen anzueignen. Das wiederum führt in vielen
arabischen Ländern zu einem niedrigen Bildungsniveau, schlechter Lesefähigkeit oder gar
Analphabetentum.53

Reformvorschläge

Talmūdī schlägt deshalb als möglichen Lösungsansatz die Einführung von Dialektunterricht
in der Grundschule vor. Er ist der Auffassung, dass Schüler, die das Schreiben entsprechend
ihrer kognitiven Entwicklung lernen, ihre Gedanken und Gefühle eloquenter ausdrücken
können. Es würde auch dafür sorgen, dass die Gefahr des Analphabetentums sinke. Solch
eine Reform bedarf allerdings eine Modifizierung des Alphabets sowie feste Orthografie- und
Grammatikregeln.54 Obwohl vor allem Halb- und Ungebildete unter der Diglossie leiden,

51
Diem 1974, 12.
52
Ebd., 11–15.
53
Albirini 2016, 107.
54
Talmūdī 1984, 33.

14
werden Reformbestrebungen ausschließlich von Gebildeten getragen, deren Polemiken para-
doxerweise auf Hocharabisch geführt werden. Manche plädieren für das Abschaffen der
Hochsprache, dies ist allerdings schon allein deshalb unmöglich, weil sämtliche arabische
Literatur und somit das kulturelle Erbe der Araber bzw. Muslime in ihr abgefasst ist. Andere
wiederum schlagen neben der Einführung des Dialektarabischen als Schriftsprache auch die
Etablierung des Hocharabischen als Standardsprache vor oder zumindest eine Vereinfachung
der Hochsprache. Einig sind sich fast alle darüber, dass die Diglossie eine drückende Last für
die arabische Gesellschaft ist. Viele gehen davon aus, dass sich diese Last im Laufe der Zeit
durch eine Annäherung der beiden Sprachen mindern wird, jedoch hat niemand eine konkrete
Vorstellung davon, wie das geschehen soll.55

Vorteile der Diglossie

Trotz aller Nachteile gibt es auch positive Aspekte der arabischen Diglossie. Die Verständi-
gung zwischen Sprechern weit entfernter Dialekte gestaltet sich oft schwierig. Das MHA
fungiert deshalb als ein den Dialekten übergeordnetes Kommunikationsmittel für alle Ara-
ber.56 Die gemeinsame Sprache stärkt das Gemeinschaftsgefühl und wirkt im Sinne der arabi-
schen Einheit positiv vereinigend. Sie ermöglicht es den Algeriern, sich mit Millionen ande-
rer Arabischsprecher auf der ganzen Welt zu verständigen und so internationale Verbindun-
gen herzustellen.
Für viele Araber ist die funktionale Trennung zwischen Hoch- und Umgangssprache aber
auch wichtig, weil so das fuṣḥā als Sprache des heiligen Korans und des islamischen Erbes
besonders gewürdigt wird.57 Andere empfinden die Diglossie als positiv, da die beiden
Sprachvarietäten schon seit Jahrhunderten koexistieren. Außerdem sind sie „significant to
different groups of people, and are a form of linguistic richness (particularly to distinguish
different communities).“58

Hindernisse durch Bilingualismus

Wie schon in der Einleitung angemerkt, gibt es in Algerien auch kritische Stimmen zum Bi-
lingualismus. Die französische Sprache wird beispielsweise beschuldigt, für die mangelhaf-
ten Hocharabischkenntnisse in der Bevölkerung verantwortlich zu sein. Die Zeit, die für das

55
vgl. Diem 1974, 126–143.
56
Ebd., 1.
57
Brahimi 1993, 65.
58
Albirini 2016, 106.

15
Lernen des Französischen aufgebracht wird, mindere nämlich die Zeit für das Erlernen des
Hocharabischen. Tatsächlich wird in vielen fremdsprachlichen Schulen die französische
Sprache gegenüber dem fuṣḥā regelrecht bevorzugt.59
Des Weiteren ergibt sich aus dem großen Einfluss des Französischen eine spezielle Proble-
matik für die algerische Literatur. Da neben einer Volkssprache mit unterschiedlichen Dia-
lekten zweierlei Literatursprachen (MHA und Französisch) existieren, gibt es in Algerien
keine einheitliche Gegenwartsliteratur. Es ist gar eine ideologische Spaltung der Literatur zu
beobachten: Lyrik wird vorzugsweise auf Arabisch verfasst, Epik auf Französisch und Dra-
matik auf ʿāmmiyya.60
Darüber hinaus hat das Französische den Bereich der Technik und Wissenschaft komplett
vereinnahmt. Dies hat weitreichende Auswirkungen, so soll die französische Sprache eine
Mitschuld am Stadt-Land-Gefälle in Algerien tragen:
„Da vor allem die größeren Hafenstädte sich immer mehr zu ökonomischen Zentren entwickelten, konnte
sich die französische Sprache gerade hier besonders nachhaltig etablieren. Die modernen und effektive-
ren Produktionsformen sind bis heute auf die Großstädte und parallel dazu auf das Französische als
‚Funktionssprache‘ fixiert.“ 61

Im ländlichen Bereich dagegen wird überwiegend die arabische Sprache gebraucht und die
Produktionsformen sind trotz einiger Modernisierungsbemühungen in Form von Agrarrefor-
men immer noch eher rückständig. Es lässt sich also eine Interdependenz zwischen Produkti-
onsniveau und Sprachbeherrschung feststellen. Diese bewirkt einen immer größer werdenden
wirtschaftlichen Abstand zwischen Stadt und Land, der viele Algerier dazu veranlasst, in die
Stadt zu ziehen.62
Das Hauptproblem aber ist laut Ğamāl Laʿbīdī, dass die Vorherrschaft der französischen
Sprache den Fortschritt Algeriens verhindert. Die Möglichkeit des sozialen Erfolgs sei dort
eng an Französischkenntnisse geknüpft. Wer eine gute Arbeit finden wolle, sei quasi ge-
zwungen Französisch zu beherrschen, andernfalls drohe Arbeitslosigkeit. Wenn Algerier das
französische Alphabet nicht beherrschen, haben sie das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt. Das
zeige, welch hohen Stellenwert die Sprache in Algerien hat.63 Dies führe zu Konflikten in-
nerhalb der Gesellschaft: Spricht man nun Französisch, die Sprache des sozialen Aufstiegs,
oder Arabisch, die Sprache der Religion und der Kultur? Laʿbīdī geht so weit zu behaupten,
den Algeriern drohe eine (wirtschaftliche, soziale und sogar kulturelle) Teilung. Vor allem

59
Diem 1974, 14.
60
Kühnel 1995, 22.
61
Brahimi 1993, 12.
62
Ebd.
63
Dārīb 2014

16
der Süden Algeriens scheine die arabische Sprache zu bewahren, doch besonders in den Städ-
ten werde die arabische Sprache immer mehr französisiert (wie im Kapitel Sprachmi-
schung/Frarabe bereits beschrieben). Dies verursache Schwierigkeiten in der Kommunikati-
on.64

Lösungsansätze

Laut Laʿbīdī ist deshalb die Entwicklung eines Gemeinschaftsbewusstseins für das Wohl
Algeriens notwendig.65 Er fordert eine Rückkehr zum traditionellen Algerien, so wie es vor
der Kolonialherrschaft war. Das Französische sei ohnehin nur ein Überbleibsel aus der Kolo-
nialzeit. Arabisch und Berberisch müssen ins wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leben
eingegliedert werden. Um sich zu entwickeln, brauche eine Gesellschaft nämlich Kontinuität
und Homogenität. Dies könne nur durch ein Ende der Zweisprachigkeit erreicht werden.66
Yamina sieht das anders. Sie schlägt sogar vor, die Zweisprachigkeit gezielt zu fördern und
Französisch zu enttabuisieren. Ihrer Meinung nach sollte das Arabische modernisiert und das
Französische besser zugänglich gemacht werden. Zum Beispiel Lehrbuchautoren sollten
ernsthaft über eine Didaktik der Mehrsprachigkeit nachdenken. Das Ziel dabei soll sein, dass
die Algerier alle Sprachen (Algerisches Arabisch, Hocharabisch, Französisch und gegebenen-
falls Berberisch) mithilfe von erzieherischen Maßnahmen vollständig und nicht nur halbher-
zig beherrschen. 67

Chancen des Bilingualismus

Die französische Sprache kann auch als Chance für die Algerier gesehen werden. Gegenüber
Hocharabisch hat sie nämlich einige Vorteile. Zum einen ist sie aufgrund der lateinischen
Schrift leichter zu lernen. Die Konsonantenschrift der arabischen Sprache hat zur Folge, dass
sich die hochsprachliche Form beim Lesen nicht ständig von selbst einprägt und somit
schwieriger erlernt wird. Vielmehr bringt es die Unbestimmtheit der arabischen Schrift mit
sich, dass ein im fuṣḥā verfasster Text in Abhängigkeit von Dialekt, Bildungs- und Formali-
tätsgrad verschieden gelesen werden kann. Es ist also möglich, einen Text trotz Unsicherhei-
ten bezüglich der genauen Aussprache aller Wörter zu lesen und zu schreiben. Dies ist bei
französischen Texten nicht der Fall. Sie lassen keine Unklarheiten zu, da es nur eine richtige

64
Šaʿīr 2010
65
Šaʿīr 2010
66
Dārīb 2014
67
Yamina 2009, 127.

17
Lesung der Texte gibt.68 Außerdem ist der Unterschied zwischen Schrift- und Umgangsspra-
che im Französischen - wahrscheinlich gerade wegen der Eindeutigkeit der Schrift - bei wei-
tem nicht so groß wie im algerischen Arabisch.
Viel wichtiger ist allerdings die bereits angesprochene französische Vorherrschaft auf dem
Gebiet von Wissenschaft und Technik. Der Wortschatz des Hocharabischen weist gerade in
diesem Bereich erhebliche Lücken auf, da sich die Terminologie der modernen Wissenschaf-
ten wie z.B. der Informatik in klassischen Texten nicht finden lässt. Es ist aber schwierig,
Fremdwörter der internationalen Wissenschaftssprache zu arabisieren. Dies würde entweder
die Bildung von Neologismen oder die Verwendung von Wörtern fremder Herkunft erfor-
dern. Selbstverständlich ist es dabei nicht leicht, sich innerhalb aller arabischen Länder auf
einheitliche Begriffe zu einigen.69 Somit ist die französische Sprache für algerische Wissen-
schaftler quasi unentbehrlich.
Meines Erachtens bietet der Bilingualismus den Algeriern aber noch mehr Chancen. Wer
neben Arabisch auch Französisch beherrscht, hat es leichter, sich auf dem internationalen
Arbeitsmarkt zu behaupten. Als eine der offiziellen Arbeitssprachen der EU ist Französisch
vor allem in Europa eine in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht wichtige Sprache. Sie
ermöglicht eine interkulturelle Verständigung zwischen der arabischen und der westlichen
Welt. Da sie in vielen Ländern, z.B. in Deutschland, als zweite Fremdsprache unterrichtet
wird, gibt es auf der Welt sehr viele frankophone Menschen mit denen die Algerier dank ih-
rer Bilingualität kommunizieren können.
Trotzdem sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass alle in diesem Kapitel be-
schriebenen positiven Faktoren der Fremdsprache auch auf das Englische zutreffen. Zwar
haben sowohl die französische als auch die englische Sprache Weltstatus, jedoch ist letztere
eindeutig die international gefragtere. Entscheidend ist aber, dass Englisch im Gegensatz zu
Französisch keine kolonialistische Vergangenheit in Algerien hat. Es hat sich in vielen Län-
dern im Nahen Osten bereits etabliert und ist auch in Algerien bereits auf dem Vormarsch.
Deshalb sind die oben genannten Argumente in den Augen der Kritiker des Französischen
nichtig.70

68
Diem 1974, 14f.
69
Kühnel 1995, 10.
70
Yamina 2009, 124f.; vgl. auch Benrabah 2014, 49-54.

18
Fazit
Abschließend ist festzuhalten, dass die sprachliche Situation in Algerien von zwei Haupt-
merkmalen geprägt ist: Diglossie und Bilingualismus. Die Diglossie Dialekt-Hocharabisch
gibt es seit der Arabisierung des Landes im 7. Jahrhundert. Die französische Kolonialherr-
schaft ab Mitte des 19. Jahrhunderts bewirkte eine Französisierung Algeriens, was zu einer
Herausbildung des Bilingualismus Arabisch-Französisch oder Berberisch-Französisch und
des Trilingualismus Arabisch-Französisch-Berberisch führte. Die Nachwirkungen der Kolo-
nialzeit sind in Algerien bis heute spürbar. Es hat sich gezeigt, dass sich eine Weltsprache
wie Französisch nicht mit einem Arabisierungsgesetz verdrängen lässt. Trotz einiger Kritiker
genießt die Sprache im Allgemeinen ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung und ist qua-
si ein Statussymbol. Das Berberische dagegen wurde stets eher geringgeschätzt, jedoch findet
gerade ein Umbruch in Bezug auf diese Haltung statt. Die algerische Diglossie zeigt sich
gemäß Fergusons Definition in der Existenz einer hochsprachlichen Varietät für formelle
Zwecke und einer umgangssprachlichen Varietät, die im Alltag gebraucht wird. Das Hoch-
arabische ist die einzige Schriftsprache und hat als Sprache der Religion, Literatur und Kultur
einen besonders hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Im Gegensatz dazu genießt das Dia-
lektarabische so gut wie kein Prestige. Es ist stark geprägt von Einflüssen aus dem Berberi-
schen und Französischen. Letztere sind so markant, dass in der Sprachwissenschaft in Bezug
auf den algerischen Dialekt oft von einer Mischsprache zwischen Arabisch und Französisch
gesprochen wird, dem sogenannten Frarabe. Es ist also festzuhalten, dass Algerien ein mehr-
sprachiges Land ist. Ist dies nun Vor- oder Nachteil für die Einwohner des Landes? Die
Diglossie bietet den Algeriern jedenfalls wenige Vorteile, sie wirkt sich vor allem auf das
Bildungsniveau eher negativ aus. Deshalb gibt es zahlreiche Reformbestrebungen, die aber
wahrscheinlich nie verwirklicht werden, weil sich deren Umsetzung als sehr schwierig gestal-
tet. Demgegenüber steht der Bilingualismus, der für die Algerier sowohl als Chance als auch
als Hindernis gesehen werden kann. Einerseits bewirkt er Verstädterung und Arbeitslosigkeit,
was den Fortschritt des Landes verhindert. Andererseits ist es auch vorteilhaft die französi-
sche neben der arabischen Sprache zu beherrschen, da letztere im Bereich der Technologie
weltweit stagniert. Französisch dagegen ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch
politisch und wirtschaftlich international bedeutsame Sprache. Zusammenfassend lässt sich
folgendes feststellen: Diglossie und Bilingualismus sind zwar von Vorteil für einen einzelnen
Algerier, jedoch von Nachteil für die gesamte algerische Gesellschaft.

19
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