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Die Umwandlung der Lebenssubstanz im Körper

von H. K. Iranschähr

Vorwort
Seit Erscheinen der ersten Auflage, die fünf Jahre nach dem zweiten Krieg stattfand,
hat sich die Weltlage nicht viel verbessert.
Die große Hoffnung, die man auf die Jugend der Völker setzte, und der Glaube daran,
daß diese Jugend Pionier und Fackelträger der neuen herrlichen Zeit und der
heilvollen Weltkultur sein würde, ist bereits begraben worden. Denn die Mehrheit der
heutigen Jugend der Welt ist die größte Plage und Sorge der Menschheit.
Nicht der wahnsinnige Wetteifer bei der weiteren Ausrüstung der Völker mit Bomben
und Raketen bildet die große Gefahr des Unterganges der Menschheit, sondern die
Zügellosigkeit und moralische Verkommenheit dieser verdorbenen Jugend der Welt.
Für diese tragische Einstellung und Verdorbenheit ist aber nicht die Jugend allein
schuld, denn sie kommt mit einer erblich schwer belasteten Konstitution oder
Beschaffenheit voll von unheilvollen dämonischen und tierischen Neigungen,
Begierden und Leidenschaften zur Welt. Sie lebt und wächst dann in einer Umgebung
von Lug und Trug, Gewalttätigkeit, Ungerechtigkeit, Zwangsarbeit und wildfreier
Lustbarkeit auf. Sie strebt danach, all diese ihre Laster mit allen teuflischen Mitteln
wie Raub, Mord usw. zu befriedigen und erlaubt sich, grausamste Verbrechen zu
verüben.
Alles, was sie täglich sieht, liest und hört, und alles was sie ißt und trinkt, reizt und
peitscht ihre tierischen und sinnlichen Triebe und Leidenschaften auf. Durch
Gebrauch von Berauschungs- und Betäubungsmitteln vergiftet und verwildert sie sich
und ihre verführten Opfer oder Helfer. Das tägliche Leben der Menschen gibt ihr das
Vorbild und Beispiel für ihre wilden Torheiten. Die Richter sollten dies
berücksichtigen.
Für die tragische Einstellung dieser verirrten Jugend sind nicht die Eltern und Lehrer
allein schuld, wie manche Unwissenden behaupten, sondern alle Menschen sind
mitverantwortlich, denn sie haben die nötigen Mittel und sind zur Hilfe fähig und
verpflichtet. Vor allem sollten sie als Vorbild vorangehen.
Den Ursprung dieser großen Gefahr, durch die allein die Vertierung und der
Untergang der Menschheit droht, und die nötigen Mittel, um sie gründlich zu
beseitigen, habe ich in meinem Vortrag an der "Internationalen Jugendtagung der
Fraternitas", die vom 3. bis 12. August 1959 in Konstanz stattfand, ausführlich erklärt
und diesen Vortrag in den Nr. 5 und 6 der Weltharmonie von 1959 veröffentlicht.
Die vorliegende Schrift schildert den ersten Schritt bei dem heiligen Kampf gegen
diese große Gefahr und den Schlüssel zu allen Rettungsmitteln.
Diese Schrift zu studieren und ihre Ratschläge durchzuführen, ist die heilige Pflicht
und dringende Notwendigkeit für alle Menschen.
Die unverdorbene, gewissenhafte und edelgesinnte Jugend aller Völker, die reinen
Herzens und mitleidsvoll ist, hat bei diesem Kampf gegen die seelisch-geistige
Verirrung der verwahrlosten Jugend die wirksamste und heiligste Aufgabe zu
erfüllen. Denn diese verdorbene und verführte Jugend läßt sich von der erleuchteten
und opferfreudigen Jugend mit vollem Vertrauen leichter belehren und führen.
Möge der allweise Schöpfer die hier dargebotenen Anweisungen und Übungen zur
Rettung der Menschheit segnen, damit sie in den Seelen und Herzen aller Menschen
Wurzeln fassen und heilvolle Früchte tragen können.
H. K. Iranschähr

Den geistig erwachten reiferen Seelen gewidmet.

Einleitung
Der silbergraue Morgendämmerschein des neuen Zeitalters der Harmonie breitet sich
immer mehr aus. Es ist Zeit, daß wir uns um die richtige Erziehung der neuen
Generation kümmern.
Die erschütternden Weltereignisse in der heutigen Zeit sind mächtige Signale für den
Beginn des neuen Zeitalters und für die Erneuerung der Welt. Sie sind ein warnender
Weckruf für alle Seelen zur Umkehr und zur Umwandlung ihrer Denk- und
Lebensweise.
Die alte Kultur zerfällt von selbst durch die Gewalt der neuen Ideen, Entdeckungen
und Errungenschaften. Auf ihren Trümmern soll nun eine neue, gesunde und heilvolle
Kultur aufgebaut werden. Die Menschheit ist in der Tiefe ihrer Seele aufgerüttelt und
steht vor ihrer seelischen Wiedergeburt und ihrer geistigen Auferstehung.
Für die richtige und erfolgreiche Durchführung dieser Wiedergeburt und
Auferstehung braucht aber die Menschheit bewußte, geistig erleuchtete und
opferwillige Tatmenschen, welche diese gewaltige, schöpferische Aufbauarbeit
durchführen können.
Dieses Ziel kann aber nicht anders erreicht werden als durch wahre Erziehung, die
auf den Prinzipien der Gottesweisheit gegründet werden soll. Diese Erziehung soll in
erster Linie eine Erziehung durch Aufklärung und Erleuchtung, eine Schulung zu
sittlicher Reinheit und Erhebung sein. Die Rettung der Menschheit und ihre
glückliche geistige Wiedergeburt und Auferstehung hängt von der aufgeklärten
Gesinnung der heutigen Männer und Frauen und vor allem von der richtigen
Erziehung der heutigen Jugend ab, denn die heutigen Jugendlichen sind die Eltern der
kommenden Generation, die Wegbereiter und Fackelträger der neuen Zeit und Kultur.
Sie tragen daher die größte Verantwortung für das Schicksal und die Zukunft der
Menschheit.
Die heutige Jugend muß deshalb in erster Linie über die Wichtigkeit der
Lebenssubstanz (1) und die Grundlagen der Erziehung belehrt und aufgeklärt werden
(2).
(1) Mit Lebenssubstanz bezeichne ich in dieser Schrift die Zeugungskraft.
(2) Siehe meine Schrift: "Grundlagen der Neuen Erziehung", Amadeo Verlag, Olten,
1947.
Aus Mangel an wahrer Kenntnis der Bedeutung und des richtigen Gebrauchs der
Lebenssubstanz ist sehr oft die Ehe und das Familienleben zerrüttet und das heilige
Band der Seelengemeinschaft unter vielen Eheleuten zerrissen worden. Die
verderbliche Wirkung dieses Zustandes ist unleugbar.
Die Zunahme der Ehescheidungen bei allen Völkern, die Familienskandale, die
unglücklichen Ehen, die erbärmlichen Zustände der Zerrissenheit, Verlogenheit und
Untreue unter den Eheleuten und die unreinen Verhältnisse zwischen Mann und Frau
und unter den Jugendlichen sind genügende, erschütternde Beweise für die
unheilvolle Wirkung der heutigen Erziehung und Lebensauffassung. Deshalb muß
das Übel an der Wurzel gefaßt und ausgerottet werden.
Es ist Zeit, daß der ausreifende Mensch vor Verlangen brenne, zu wissen, was er ist,
welchen Sinn sein Leben hat und wie er diesen Sinn erfüllen kann. Mit andern
Worten: Er muß suchen und erkennen, was er in seinem jetzigen Leben zu
verwirklichen hat. Er soll festlegen, welchem Ziel und Ideal er folgen und welchen
Inhalt er seinem Dasein geben soll.
Er soll erkennen, daß er in seinem Wesensgrund eine edle Seele, ein schöpferischer
Geist ist und ungeahnte, machtvolle Kräfte besitzt, die er zur Erhebung seiner Seele
und im Dienst an der Menschheit einsetzen soll.
Zu diesem Zweck soll er vor allem die Heiligkeit seiner Lebenssubstanz erkennen
und den größten Teil derselben für die Belebung seines Körpers, die Veredlung seiner
Natur, die Vergeistigung seines Lebens und die Erleuchtung seiner Seele gebrauchen.
Er muß die göttliche Kunst der Umwandlung dieser schöpferischen Kraft erlernen
und sie seiner geistigen Wiedergeburt dienstbar machen.
Diese Umwandlung ist eines der wichtigsten Probleme der Liebe, der Ehe und des
menschlichen Lebens überhaupt. Es soll daher erforscht, studiert und nach den
Prinzipien der Gottesweisheit gelöst werden. In der heutigen Zeit des Übergangs, der
Gärung und Umwandlung muß die Lösung dieses Problems im Vordergrunde stehen.
Vor einigen Jahren haben mir einige reifere junge Leser meiner Schriften die Frage
nach der Kunst der Umwandlung der Lebenssubstanz gestellt und um eine Antwort
gebeten. Ich habe seinerzeit eine kurze einleitende und richtunggebende Antwort
erteilt, die sie alle sehr befriedigt hat.
Ich benütze heute diese Antwort als Grundlage, erweitere sie durch neue Erkenntnisse
und biete sie den geistig ausgereiften, besinnlichen und lichtsuchenden Männern und
Frauen als bescheidene Geistesgabe dar.
Ich betone aber, daß diese Kunst der Umwandlung keine allgemeine Forderung für
alle Menschen ist, denn alles ist individuell und relativ in dieser Welt. Diese Kunst
hat nur für jene einen Wert, die in sich ein großes Verlangen empfinden, sie zu
beherrschen.
Obgleich alle Seelen früher oder später die Kunst der Umwandlung als Voraussetzung
der Höherentwicklung lernen und ausüben müssen, darf diese Umwandlung
keinesfalls erzwungen werden, denn sie hängt von der inneren seelisch-geistigen
Reife des Menschen ab. Nur wer in sich ein inneres Bedürfnis nach Umwandlung
fühlt, ist reif und fähig für die Ausübung dieser Kunst.
Jedes Kind wird unbedingt wachsen und dann die Pflichten des Erwachsenen
erfüllen. Es darf sich aber nicht schon im Kindesalter mit diesen Pflichten
beschäftigen. So ist es auch mit der Kunst der Umwandlung oder Sublimierung. Sie
ist für die Mehrheit der heutigen Menschen ohne Bedeutung und Notwendigkeit.
Andererseits darf man sie jenen wenigen Seelen nicht vorenthalten, die in sich einen
starken Drang und ein heißes Verlangen darnach fühlen. Diese Schrift ist deshalb nur
diesen erwachten und reiferen Seelen gewidmet und beansprucht keine Anerkennung
ihrer Gültigkeit und Notwendigkeit für alle Menschen.
Die in dieser Schrift angegebenen Mittel und Regeln zur Umwandlung sind keine
strengen und gefährlichen Übungen, wie sie die Asketen und Mönche im Mittelalter
pflegten und wie sie heute von Yogis in Indien ausgeübt werden. Sie sind dem
Charakter und den Lebensverhältnissen der Abendländer, die sehr wenig Zeit zu
langen Übungen haben, angepaßt.
Der Kriya-Yoga ist heute auch im Westen weit verbreitet, was wir dem Wirken von
Paramahansa Yogananda verdanken, wir empfehlen sein Buch "Autobiographie
eines Yogi", erschienen im O. W. Barth Verlag.
Diese Regeln bilden überhaupt die Prinzipien der Gottesweisheit und die
Grundlagen des friedlich-glücklichen Lebens. Sie bringen Körper, Seele und
Geist miteinander in Harmonie und Gleichgewicht. Sie können daher von allen
reiferen Seelen, Mann und Frau, jung und alt, ohne Bedenken und Gefahr geübt
werden. Sie fordern nur große Ausdauer und Geduld, die sicher nicht ohne
Erfolg bleiben, denn Übung macht den Meister!
Möge diese Schrift den nach Aufklärung und Erleuchtung suchenden Seelen als
Wegweiser dienen!

ERSTES KAPITEL

Die Wichtigkeit der Lebenssubstanz


O Heilquell der schöpferischen Kraft in mir! Mögest du nie versiegen!
a) Die Bedeutung der Lebenssubstanz
Es herrscht unter den heutigen Menschen, auch unter den Lehrern und
Erziehern, vor allem über die sinnliche Liebe und die Lebenssubstanz eine
falsche Auffassung.
Der heutige Kulturmensch hat im allgemeinen diese beiden Gaben entheiligt,
mißbraucht und befleckt. Darin liegt der Grund für alle seine Not, sein Unglück,
Elend und Unheil und überhaupt für den Zerfall der heutigen Kultur. An diesem
Unheil tragen die materialistische Wissenschaft und der starre Dogmatismus
die größte Schuld und Verantwortung. Daher tut eine licht- und geistvolle
Aufklärung und Beleuchtung dieser allerwichtigsten und heiligsten Probleme,
besonders für die Jugend, sehr not.
Schon das Wort Lebenssubstanz besagt und beweist, daß diese im
menschlichen Samen enthaltene Flüssigkeit eine Substanz ist, die neues Leben
schafft. In der Tat zeugt diese Substanz neue Lebewesen, erschafft neue
Menschenkinder.
Sie bewahrt eine lebenspendende Energie in sich, die den Körper belebt und
ihm Jugendfrische verleiht. Sie ist der materielle Aspekt des schöpferischen
Geistes Gottes, Seines erschaffenden Willens.
Sie ist unentbehrlicher Nährstoff für alle Organe und vor allem für die Nerven
und ein Anregungsmittel für alle Kraftzentren (Tschakras (1)) des Körpers. Sie
ist kondensierte Essenz der vitalen Energie der Erde und der Sonne. Sie ist ein
feuriger Strom, der je nach dem Gebrauch der Menschen sowohl töten wie auch
heilen und lebendig machen kann.
(1) Tschakra ist ein Sanskritwort und bedeutet Wirbel und Kreis. Aus diesem Wort
stammen die europäischen Worte Zirkel, Cerele usw., wie auch das persische Wort
Tscharkh, welches ebenfalls Zirkel bedeutet. Es gibt im menschlichen Körper sieben
Hauptkraftzentren oder Tschakras.
Wie unwissend und töricht sind jene Menschen, die behaupten, daß diese
Substanz gleichwertig sei mit anderen Säften oder Absonderungen
(Sekretionen) des Körpers und keinen besonderen, größeren Wert habe als die
anderen körperlichen Flüssigkeiten! Viele glauben sogar, daß diese Substanz
nur zur Erzeugung sinnlicher Lust dasei, und jedesmal, wenn sie sich staute,
müsse sie wie der Urin ausgeschieden werden!
Diese Unwissenden ahnen nicht, welch große, göttliche Aufgabe diese
schöpferische Substanz zu erfüllen hat, nämlich die Erschaffung von Menschen
und die Belebung und Verjüngung der Zellen des Körpers.
Das Lebenswasser oder das Elixier des ewigen Lebens, das, wie die
Mythologien und Sagen der Völker erzählen, von den Helden und Göttern in der
unterirdischen Welt, im Lande der ewigen Finsternis oder in der Tiefe des
großen Meeres gesucht und erobert wurde, weil es ihnen Unsterblichkeit, ewige
Jugend und unbesiegbare Kraft verleihen konnte, ist im Grunde nichts anderes
gewesen, als die Lebenssubstanz des Menschen.
Die herrlichen epischen Dichtungen, Legenden und Heldensagen und die
schönsten Kunstwerke, welche die Eroberungskämpfe um das Lebenswasser
darstellen und die wir in der Mythologie aller antiken Völker finden, beziehen
sich auf diese sonderbare Substanz. Sie verdanken ihre Inspiration und
Entstehung der Wirkung dieses Lebenswassers. Dieses Lebenswasser ist
wahrlich jene Quelle der schöpferischen Kraft, die im Unterleib des Menschen
verborgen liegt.
Dieses Mysterium, das mit vielen Schleiern der Sagen und der mythischen
Symbole und Bilder verhüllt werden mußte, darf heute ein wenig enthüllt
werden.
Diese schöpferische Kraft als Spielzeug zur Befriedigung sinnlicher Gelüste zu
mißbrauchen oder diese Quelle der göttlichen Macht versiegen zu lassen, ist
die größte Torheit, ja geistige Verblendung, die bis heute die menschliche
Unwissenheit hervorgebracht hat.
Diese falsche Auffassung und diese Entheiligung der sakramentalen Substanz
muß nun im Lichte der göttlichen Weisheit aufgegeben werden.
Für die hohe Aufgabe der Geschlechtskraft ein Beispiel aus dem Pflanzenreich:
"Wenn aus der schlichten Heckenrose die Gartenrose in ihrer Schönheit sich
entwickeln soll, so geschieht das dadurch, daß immer mehr Staubgefäße, die
männlichen Samenelemente der Blume, in Blütenblätter umgewandelt werden,
der Samen somit statt zur Befruchtung zur Entwicklung und Veredlung der
Pflanze verwendet wird. Genau so ist es beim Menschen: Das nicht zur
Zeugung verwandte Samenmaterial wird umgewandelt, veredelt, und dient, als
"Hormon" in die Körpersäfte aufgenommen, zur vollkommenen Entfaltung der
Persönlichkeit. Durch die Sexualhormone wird das Nervensystem tonisiert
(verstärkt) und immer von neuem geladen, ähnlich wie durch Zufuhr von
elektrolytischer Flüssigkeit ein verbrauchtes Element wieder aufgefrischt wird.
Schlafende Nervenzentren und Ganglienzellen werden dadurch wachgerufen;
die feineren Sinne, die wir sonst nur bei genialen Menschen finden, bilden sich
aus, und es kommt zur Vollentwicklung der Fähigkeiten des Menschen.
Wie tief ist, o Mensch, deine Unwissenheit, wie groß das Reich deines göttlichen
Geistes, wie machtvoll und schöpferisch die in dir schlummernde Kraft und wie
herrlich die Gestalt deiner Zukunft!

b) Die Prinzipien der Gottesweisheit


Bei der Lösung aller Probleme des Lebens und vor allem des Problems der
Liebe, der Ehe und der Umwandlung der Lebenssubstanz müssen folgende
Prinzipien immer beachtet und als Maßstab angewendet werden.
1. Alles, was Gott erschaffen hat, ist an sich gut.
2. Alles in der Welt ist relativ, bedingt und individuell.
3. Die einzelnen Ausnahmefälle können keine Gültigkeit haben für die
Allgemeinheit.
4. Jedes Geschöpf steht auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung.
5. Der Mißbrauch des Guten ist die Wurzel allen Übels und Unheils.
6. Der Mißbrauch kennzeichnet sich durch extreme Übertreibung nach rechts
oder nach links.
7. Das Bewahren des Gleichgewichts ist der Schlüssel zur Weisheit und
Glückseligkeit.
8. Durch den Mißbrauch wird das Gute in das Böse verkehrt.
9. Durch den richtigen Gebrauch kann das Böse ins Gute verwandelt werden,
wie das Gift in ein Heilmittel.
10. Liebesleben kann sehr gut mit gesteigertem Geistesleben vereint sein.
11. Es gibt große Abstufungen zwischen der Liebe und der Leidenschaft, wie
zwischen der Brunst und der Inbrunst.
12. Der Spruch: "Liebe kennt kein Gesetz und Liebe macht blind" hat nur für die
Leidenschaft Geltung.
13. Wahre Liebe hat ihre Gesetze und macht die geistig Blinden sehend.
14. Der Held aller Helden ist der Selbstüberwinder, der Beherrscher und
Umwandler seiner tierischen Natur.
Aus allen diesen Prinzipien, die einander bedingen und ergänzen, ist das Prinzip
oder das Gesetz der Relativität am wichtigsten, da es der Schlüssel zu allen
Lebensproblemen ist. Seine Wirkung auf das Leben des Menschen ist besonders
stark. Denn der Mensch ist erstens ein selbständiges Wesen, eine individuelle
Seele, die eine beschränkte Willensfreiheit, eine Vernunft und viele latente
schöpferische Kräfte besitzt.
Zweitens steht jeder Mensch auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung, hat
sein eigenes Schicksal, seinen persönlichen Charakter und verschiedenartige
Anlagen und Lebensbedingungen.
Drittens sind seine körperlichen und seelisch-geistigen Zustände infolge seiner
stetigen Entwicklung und Denktätigkeit beständig der Veränderung
unterworfen. Jeden Tag hat er andere Bedürfnisse, steht er in anderen
Verhältnissen, und das Leben stellt ihm neue Forderungen.
Auf Grund dieser Tatsachen ist es sehr schwer, ja fast unmöglich, für die
wichtigsten Probleme des Lebens eine allgemeingültige Lösung zu finden und
feste Regeln zu bestimmen.
Auf die Fragen: Ist die Ehe oder die Ehelosigkeit vorzuziehen? Sind die
Enthaltsamkeit und die Umwandlung der Lebenssubstanz unbedingt nötig? Soll
die unbeschränkte Kindererzeugung gefördert oder verhindert werden? usw.
wird der erleuchtete Weise antworten: Es kommt darauf an, es hängt von vielen
Bedingungen, Verhältnissen und Umständen ab. Diese Antwort beruht auf
Weisheit und ist eine Forderung des Gesetzes der Relativität. Deshalb muß
dieses Gesetz bei allen Problemen, die in dieser Schrift behandelt oder
angedeutet sind, berücksichtigt und in Betracht gezogen werden.
Bei der Lösung des Problems der Umwandlung der Lebenssubstanz müssen wir
daher das Gesetz der Relativität in erster Linie walten lassen.
Wie wir überall feststellen können, steigert z. B. die sinnliche Liebe bei den
Künstlern, Dichtern usw. die schöpferische Kraft des Genius und verleiht ihrem
Werk die Wärme des Herzens und den Seelenstrom. Von der Flamme der
sinnlichen Liebe erhalten alle Kunstwerke ihre Glut, ihren bezaubernden Reiz
und ihre magische Kraft.
Dagegen gibt es andere Typen, wie die Philosophen, Mystiker und Heilige, bei
denen das Umgekehrte, nämlich die Nichtbetätigung der sinnlichen Liebe, also
die geschlechtliche Enthaltsamkeit, im Vordergrund steht und zu demselben
Ziel führt, zum seelisch-geistigen Schöpfertum.
Bei den ersteren steht also die Betätigung der Lebenssubstanz und bei den
letzteren die Umwandlung derselben mit ihrer schöpferischen Leistung im
Zusammenhang. Ich muß aber betonen, daß in beiden Fällen wie in allen
Äußerungen des Lebens die Übertreibung zum Unheil und Verderben führt, wie
die Geschichte es vielfach bestätigt.
Wir müssen aber erkennen, daß die Lebenssubstanz die höchste Rolle bei der
geistigen Entwicklung des Menschen spielt. Wenn sie nur für die Fortpflanzung
oder die Befriedigung der sinnlichen Triebe und Lust bestimmt wäre, dann
bliebe der Mensch nur ein Tier. Im Grunde genommen dürfte nur 10% dieser
schöpferischen Substanz für die Zeugung gebraucht und das übrige sollte zur
Belebung und Entfaltung der wichtigen Organe des Körpers, vor allem des
Gehirns und der Nerven, angewandt werden, wie in der vorliegenden Schrift
gezeigt wird. Dadurch würde sie die höhere Entwicklung des Menschen, d. h.
seine Veredlung und Vergeistigung, beschleunigen.

c) Die Notwendigkeit der Aufklärung


Wenn man die verhängnisvollen Gefahren der Unwissenheit der Menschen und
vor allem der heranwachsenden Jugend richtig erkennt, gewinnt man die
Überzeugung, daß die Aufklärung der Jugendlichen über das Geschlechtsleben,
über die sinnliche Liebe, die Ehe und Zeugung, die Enthaltsamkeit und die
Umwandlung der Lebenssubstanz dringend nötig ist.
Ich möchte besonders betonen, daß die Rettung der Menschheit von dieser
Aufklärung abhängt. Denn einerseits sind die heutigen Jugendlichen die Eltern
der neuen Generation, und es werden jeden Tag ununterbrochen Kinder in die
Welt gesetzt. Andererseits sind die verhängnisvollen sozialen, sittlichen und
kulturellen Schäden und Gefahren, die durch Unkenntnis dieser Probleme
entstehen, unsäglich größer und erschütternder, als man sich vorstellen kann.
Wir brauchen nur einen Blick in die Statistik der sozialen Verhältnisse der Völker
zu werfen. Die furchtbaren Familienskandale, die täglich zunehmenden
Scheidungen, die verheerende Verbreitung der ansteckenden
Geschlechtskrankheiten, die Zunahme der Zahl unehelicher und vaterloser
Kinder, die tiefe sittliche Verkommenheit und Verwahrlosung der Jugend und
die aus diesen Mißständen entstehenden Verluste an Geld und Nervenkraft
geben ein tragisches Bild von der inneren Zerrissenheit und vom unheilvollen
Verderben der Menschheit.
Es sind diese verborgenen und geheimgehaltenen tief eingreifenden Wunden,
welche unaufhörlich den sozialen Organismus der Menschheit vergiften und sie
in den Abgrund des Untergangs stürzen.
Deshalb haben die einsichtigen Denker und Kulturträger der Völker oft die
Staaten und die einzelnen auf diese geheimen Wunden und Gefahren
aufmerksam gemacht, sie gemahnt und auf geeignete Rettungsmittel
hingewiesen.
Die wichtigste Frage aber, die bei dieser notwendigen Aufklärung in erster Linie
gelöst werden soll, ist: Wer soll diese Aufklärung erteilen und wie und wann soll
sie geschehen? In dieser Hinsicht sind die Meinungen ganz verschieden. Die in
übertriebener Sprödigkeit und Frömmigkeit aufgewachsenen Menschen
glauben, daß diese Aufklärung überhaupt unnötig und sogar schädlich sei.
Denn dadurch würden erst recht die Jugendlichen auf ihre Geschlechtsorgane
aufmerksam gemacht und es würde ihnen Anlaß und Gelegenheit gegeben,
sich frühzeitig mit Geschlechtsproblemen zu beschäftigen. Dies beschleunige
die Erweckung und Entfaltung der sinnlichen Triebe und verleite das Kind zum
heimlichen Mißbrauch derselben.
Andere freidenkerische Menschen sind dagegen der Ansicht, daß in jedem Fall
das Kind rechtzeitig über diese Dinge und Probleme belehrt werden soll, denn
die Gefahr der Unkenntnis dieser Kräfte und Organe sei viel größer als die der
frühzeitigen Kenntnis derselben.
Hier müssen wir das Prinzip der Relativität in Anwendung bringen, um Schäden
der beiden einseitigen und gegensätzlichen Ansichten zu vermeiden.
Über die dringliche Notwendigkeit der Aufklärung dürfen wir keinen Zweifel
haben. Es kommt aber darauf an, wer diese Aufgabe zu erfüllen hat und wie
diese schwere und zugleich heilige Pflicht erfüllt werden soll.
Deshalb schlage ich hier als Anregung folgende Maßnahmen oder Regeln vor:
1. Die Eltern zu Hause und die Lehrer in den Schulen sind moralisch
verpflichtet, den Kindern in voller Liebe und Güte die allernötigsten Kenntnisse
über das Geschlechtsleben zu vermitteln.
2. Sie sollen aber nur dann diese Belehrung unternehmen, wenn das Kind
selbst Fragen darüber stellt oder wenn sie bemerken, daß das Kind sich mit
solchen Problemen beschäftigt, aber nicht wagt, darüber etwas zu fragen. Die
Lehrer und Eltern sollen soviel Erfahrung, Beobachtungsgabe und Verständnis
besitzen, daß sie die richtige Zeit und die geeigneten Worte für diese
Aufklärung finden.
3. Die Staaten sollen die Geschlechtshygiene als den wichtigsten Teil der
allgemeinen Erziehung anerkennen und für diesen Zweck eine besondere
Abteilung in ihrem Erziehungsdepartement einrichten.
4. Die UNESCO hat auf diesem Gebiet eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie
kann durch die Gründung geeigneter Organisationen und Institute der
Geschlechtshygiene der Völker der Beseitigung des sittlichen Elends und der
moralischen Höherentwicklung der Menschheit einen großen Dienst erweisen.
5. Die Staaten sollen für die Aufklärung der Jugend geeignete Bücher, Filme
und Schauspiele schreiben, herstellen und aufführen lassen und entsprechende
private Unternehmungen unterstützen.
6. Die Belehrung und Aufklärung über das Geschlechtsleben sollten auf die
Grundlagen der Psychologie gestellt werden. Man soll den seelisch-geistigen
Zustand und die körperliche Konstitution der Kinder berücksichtigen, also das
Prinzip der Relativität sich vor Augen halten und walten lassen.
7. In jedem Lande sollen staatliche "Beratungsinstitute für
Geschlechtsprobleme" gegründet und von erfahrenen, gütigen und weisen
Ärzten und Psychologen geleitet werden.
Das beste Heilmittel gegen alle sozialen Übel ist aber die richtige Erziehung,
denn sie allein befähigt jeden Menschen, selbständig seine Probleme zu lösen,
seinen Weg zu finden und zu gehen. Ohne eine richtige Erziehung werden alle
anderen Maßnahmen, Organisationen und Mahnungen wenig nützen. Diese
werden der Veredlung des Charakters und der Hebung des sittlichen Standes
der Menschheit nicht viel dienen können. Wahre Erziehung ist das alleinige
Mittel zur Rettung der Menschheit von Elend, Unheil und Untergang.

ZWEITES KAPITEL

Die Notwendigkeit der Umwandlung


Das Vermeiden der Übertreibung und der Einseitigkeit ist der Schlüssel zur
Weisheit und Glückseligkeit.

a) Die Hauptgründe der sittlichen Verkommenheit


Wie schon bemerkt wurde, hat die Notwendigkeit der Umwandlung der
Lebenssubstanz nicht für alle Menschen Gültigkeit, sondern nur für jene zur
Selbsterkenntnis erwachten reiferen Seelen, die unter dem Impuls eines
inneren Dranges sich sagen: Es ist Zeit, daß ich meine Lebenssubstanz nicht
mehr vergeude, sondern als schöpferisch wirkende und belebende Kraft im
Körper bewahre, denn sie ist eine wichtige Nahrung für meine Organe, vor
allem für Nerven und Hirn. Die Mehrzahl der Landbevölkerung fühlt sich gar
nicht genötigt, diese Kunst auszuüben, weil bei ihnen einerseits Mann und Frau
sinnlich gleichmäßig veranlagt sind und sie anderseits von den aufreizenden
Einflüssen des zermürbenden Stadtlebens fernbleiben.
Außerdem halten auch Frömmigkeit und Religiosität wie auch der moralische
Anstand viele Menschen vom Gebrauch der Reizmittel und von der
Übertreibung der sinnlichen Lust zurück.
Das Gegenteil geschieht aber bei anderen Klassen der zivilisierten Völker aus
folgenden Gründen:
1. Das tägliche Leben dieser Menschen wird von den vielen überreizenden
Darbietungen der Theater, Filme, Lustlokale, Ausstellungen usw. beeinflußt und
beherrscht.
2. Die lusterregende und nervenaufreibende Lektüre, die Kriminalromane, die
Schundliteratur wie auch die Sinnlichkeit aufpeitschende Geselligkeit und
Gesellschaften tragen viel zur Entnervung und Gemütszermürbung bei.
3. Die Rolle der üppigen, ungesunden Ernährung, vor allem der übertriebene
Genuß von Fleisch, Alkohol, Tabak und eiweißhaltigen Speisen ist bei der
Erweckung und Aufreizung der tierischen Triebe und der sinnlichen Gelüste viel
größer als man sich denkt.
Unter der zerrüttenden Gewalt dieser äußeren und inneren Einflüsse wird der
zivilisierte Mensch seelisch vergiftet und verkrampft, körperlich geschwächt
und entnervt. Diese Zustände veranlassen ihn dazu, seine Zuflucht zum Alkohol
und zur Befriedigung seiner sinnlichen Triebe zu nehmen, in der Hoffnung,
dadurch die Widerwärtigkeiten der Welt zu vergessen und sich neue
Lebenskraft und Freude verschaffen zu können. Erst später wird er aber
erkennen, daß diese Reiz- und Rauschmittel nur eine vorübergehende
Betäubung und sogar Vergiftung und Entkräftung zur Folge hatten.
Dies ist der allgemeine und bei allen Kulturvölkern herrschende Zustand, der
den Menschen in ein verelendetes Leben versetzt und zur Entheiligung seiner
göttlichen Natur und Mission geführt hat.
4. Diese Entwicklung nimmt aber bei der unaufgeklärten Jugend noch
schlimmere Formen an. Die meisten Jugendlichen beider Geschlechter
verwechseln die Liebe mit sinnlicher Lust und glauben, daß diese beiden
einander bedingen und zueinander gehören. Es gibt aber einen großen
Unterschied zwischen diesen beiden Kräften, der in Kapitel III erklärt wird.
Liebe ist eine ursprüngliche und allgemein schöpferische Kraft, die im Herzen
jedes Menschen und jedes anderen Wesens von Geburt an existiert. Deshalb
verlangt jedes Geschöpf nach Liebe, reagiert darauf und findet darin sein Wohl
und sein Glück. Jedes Geschöpf ist daher liebebedürftig und sucht nach dieser
größten Impulskraft des Lebens. Nicht nur der Säugling, sondern auch die Tiere
und Pflanzen suchen nach dem wohltuenden Strom der Liebe und reagieren
und antworten nach ihrer Weise darauf.
Die sinnliche Lust erwacht im Menschen aber erst später und gehört nicht
unbedingt zur Liebe, denn sie erstirbt im Laufe des Lebens, während die Liebe
ewig dauert, sogar über den Tod hinaus.
5. Unter dem Trieb der sinnlichen Lust glauben weiter die unerfahrenen
Jugendlichen, besonders die weiblichen, daß sie sich aus Liebe oder Mitleid
einem Geliebten oder einem Unglücklichen bedingungslos und unbedacht
körperlich hingeben und schenken sollen. Auch der schwere Lebenskampf treibt
sie oft dazu. Sie fallen dann der Verführung zum Opfer und werden betrogen,
enttäuscht und verzweifeln. Die tragischen Folgen solcher Zustände sind ja
bekannt genug.
6. Dieser Zustand nimmt aber im Ehe- und Familienleben der Kulturvölker eine
verhängnisvolle Wendung. Denn die Männer und Frauen sind in bezug auf ihr
sinnliches Bedürfnis meistens ganz verschieden veranlagt, und sie wandeln
auch körperlich und geistig auf verschiedenen Stufen. Dies bemerken die
meisten Eheleute erst später, wenn sie bereits den größten Teil ihrer
Lebenssubstanz verbraucht oder vergeudet haben. Sie fühlen sich dann müde
und lebensüberdrüssig, und die sinnliche Befriedigung gibt ihnen keine neue
schöpferische Kraft und Lebensfreude mehr. Im Gegenteil: Sie werden dadurch
entkräftet, weil sie diese sprudelnde Kraftquelle in sich versiegen ließen. Weil
sie nicht wissen, wie sie diese Quelle wiederbeleben und bereichern könnten,
empfinden sie allmählich die Befriedigung der sinnlichen Lust als Ekel, als
Selbstbefleckung und Entwürdigung und sogar als Selbstvergiftung und
Selbstmord.
7. Dieser Zustand nimmt bei vielen Eheleuten einen tragischen Charakter an,
wenn der eine der beiden Lebensgefährten immer noch starkes Bedürfnis und
Verlangen nach sinnlicher Befriedigung hat, während der andere Gefährte nicht
nur kein Verlangen danach und keine Kraft mehr dazu hat, sondern vielmehr
eine tiefe Abneigung, einen Widerwillen und Abscheu dabei empfindet und
deshalb versucht, mit allen Mitteln sich davon abzuwenden. Bekanntlich
können auch eheliche Zerwürfnisse und Disharmonien seelischer Art den
normalen Austausch der Liebe beeinträchtigen oder ganz hemmen. Beide
haben aber gemäß ihrer körperlichen Beschaffenheit und ihrer geistigen Stufe
recht. Wie soll man nun diese entgegengesetzten Triebe, Bedürfnisse und
Wünsche miteinander in Einklang bringen und vereinen? Millionen von edlen
Männern und Frauen leiden unsäglich unter diesem unglücklichen Zustand.
Der Grund der meisten Ehescheidungen, der Untreue und der Skandale in
vielen Familien liegt in dieser entgegengesetzten Veranlagung und Neigung der
Eheleute. Dies bildet eine große Gefahr und ist einer der wirksamsten Faktoren
des Untergangs der Kultur.
Diesem das menschliche Glück und die Lebensharmonie zerrüttenden sozialen
Zustand, der von Tag zu Tag weiter um sich greift, liegt die Unwissenheit
zugrunde. Denn diese Menschen leben in der falschen Auffassung, daß der
Hauptzweck des Ehelebens nichts anderes sei als die Befriedigung der
sinnlichen Lust und die gegenseitige Beglückung durch körperliche
Verschmelzung.
Sie betrachten die sinnliche Befriedigung als Hauptziel der Ehe und als ihr
Vorrecht und das Versagen des Gefährten als Verletzung dieses Rechtes. Bei
manchen Völkern anerkennt sogar das Gericht die Gewährung der Befriedigung
als gesetzliche Pflicht und das Versagen derselben als Grund für Scheidung.
Um diese inneren und äußeren Zerwürfnisse und Mißstände zu vermeiden und
zu beseitigen, müssen die Menschen eine richtige Erziehung und rechtzeitig
eine ausreichende Aufklärung erhalten. Sie müssen wahre Erkenntnis über Sinn
und Ziel des Lebens erringen.
Weiter müssen die Menschen lernen, daß sie ihre überreizte Veranlagung
ändern und den Überfluß ihrer sinnlichen Kraft oder Lebenssubstanz in
schöpferisch wirkende Geisteskraft umwandeln können. Sie sollen erkennen,
daß diese Umwandlung die Lebensharmonie in der Familie störungsfrei halten
und ihnen ein glückliches gemeinsames Leben sichern kann.
Die Aufgabe dieser Schrift ist es nun, die Möglichkeit dieser Umwandlung zu
zeigen und die Überzeugung von ihrer Notwendigkeit bei den Lesern zu
erwecken und zu stärken.
Möge die Gottesweisheit unseren Weg erleuchten und unseren Opfermut
stärken!

b) Die Vorteile der Enthaltsamkeit


Die geschlechtliche Enthaltsamkeit, besonders die außereheliche, hat große
Vorteile und schützt vor vielen Gefahren. Sie zu üben, ist gewiß für die heutigen
Kulturmenschen, vor allem für die Jugend, sehr schwer, denn diese steht
einerseits unter dem Einfluß der sinnlich anreizenden Verlockungen der
Gesellschaft und besitzt anderseits durch Mangel an richtiger Erziehung und
Aufklärung keine wahre Kenntnis von der Bedeutung der Lebenssubstanz und
der Enthaltsamkeit. Sie weiß nicht, daß trotz allen großen Schwierigkeiten die
Enthaltsamkeit möglich ist. Sie ist keine bloße moralische Vorschrift der
dogmatischen Religionen, sondern ein Grundprinzip der Gottesweisheit und des
glücklichen Lebens. Alle großen Philosophen, geistigen Führer und Mediziner
haben die Wichtigkeit und die heilvolle Wirkung der Enthaltsamkeit bestätigt
und betont. Sie hat einen dreifachen Wert: einen körperlichen oder
Gesundheitswert, einen sittlichen und einen seelisch-geistigen Wert.
Sie kann zur Quelle der schöpferischen Energie und Schönheit für Körper, Seele
und Geist werden.
Dr. med. Fritz Kahn schreibt: "Die Enthaltsamkeit gewährt den sichersten
Schutz gegen die sekundären Gefahren und Nachteile des außerehelichen
Geschlechtsverkehrs: sittliche Gefährdung durch den Umgang mit der
Prostitution, wirtschaftliche Schädigung durch Schwangerschaften und
uneheliche Geburten. Sie schützt vor den moralischen Konflikten, die vielfach
mit dem außerehelichen Verkehr verbunden sind."
Enthaltsamkeit kann zu einer Kraftquelle für das Selbstbewußtsein und für die
übrigen sittlichen Energien des Charakters werden.
Er mahnt die gewissenlosen Männer und sagt: "Durch den ersten
Geschlechtsverkehr verliert das junge Mädchen seine Jungfraulichkeit, nicht nur
die körperliche, sondern, was viel bedeutsamer ist, die seiner Seele. Der
Volksmund, der fast immer weise wie ein Philosoph ist, hat das richtige und
tiefe Wort geprägt: ,Sie verliert ihre Unschuld. ' "
Der Dichter würde sagen: Sie verliert ihr himmlisches Siegel und ihr kostbares
Kleinod.
Daher die Wichtigkeit der Keuschheit, die von allen Weisen der Welt hoch
gepriesen worden ist. Die Keuschheit übt auf den Charakter und das Leben des
Menschen eine harmonisierende Wirkung aus. Sie gewährt Freudigkeit und
Friede, Herzensgüte und Frische, Anmut und Offenherzigkeit. Sie trägt auch viel
zur Erhaltung der körperlichen und der seelischen Schönheit und Gesundheit
bei.
Dr. med. Keller-Hoerschelmann betont ebenfalls die Wichtigkeit der
Enthaltsamkeit und sagt: "Enthaltsamkeit ist die schönste Form der
,Selbstbefriedigung.' Denn es gewährt ohne Zweifel Selbstbefriedigung, Sieger
im Kampf gegen den Geschlechtstrieb zu sein, ihn und sich königlich zu
beherrschen, sich nicht an Weiber irgend welcher Art wegzuwerfen und sich so
zu gefährden, sondern sich für die Ehe mit einem geliebten Wesen rein zu
halten. Ebenso kann das Bewußtsein, daß man seine Kräfte nicht ,vergeudet',
sondern restlos in den Dienst höherer Aufgaben stellt, dem Studium oder der
Kunst, dem Sport oder der Allgemeinheit widmet, das Leben eines jungen
Menschen sonnenhaft durchstrahlen, so daß dieser durch die Jahre seiner
unbefleckten Jugend wie unter einem strahlend blauen Himmel dahinwandelt."
Um einige falsche Ansichten und Einwände, die noch heute bei vielen
Menschen herrschen, zu zerstreuen, sagt er richtig folgendes:
"Nicht den bösen Trieb unterdrücken,, sondern an ihm vorbeileben, ihn als
unwichtig betrachten! Körperlich ist durch die Enthaltsamkeit noch niemand
krank geworden, weil sich der Körper in dieser Beziehung wunderbar selbst
regulieren kann. Wir müssen in unserer Lebensweise nur darnach trachten,
starke Reizstoffe wie Gewürz, Kochsalz, Alkohol, viel Fleischgenuß usw.
wegzulassen. Die enthaltsam lebenden Junggesellen sehen ja meistens frischer
und gesünder aus.
Jene falsche geistige Einstellung, sich selbst zu bedauern und zu glauben, daß
man etwas versäumt habe, führt zur sexuellen Neurasthenie oder zur
Selbstbefriedigung, und beides ist natürlich sehr schlecht. Man sei sich deshalb
vollständig bewußt, daß die Enthaltsamkeit in jedem Falle möglich und
durchaus gesund ist.
Er schließt seine Worte mit folgendem sinnvollen Spruch:
"Leidenschaften sind schäumende Pferde,
angespannt an den rollenden Wagen;
wenn sie entmeisternd sich überschlagen,
zerren sie dich durch Staub und Erde.
Aber lenkst du ihre Zügel,
wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel;
und je stärker sie rennen und jagen,
um so herrlicher rollt der Wagen."
Nach dem Zitieren der Ansichten von Medizinern müssen wir betonen, daß
weder Verachtung und Vernichtung, noch Vergeudung dieser heilig-
schöpferischen Substanz gedacht und geübt werden darf.
Der Mensch soll Ehrfurcht und heiligen Schauer empfinden beim Gebrauch
dieser heilbringenden Kraft. Er soll lernen, die Lebenssubstanz nur für zwei
heilvolle Zwecke zu gebrauchen: für die Zeugung und für die Belebung und
Verjüngung seines Körpers. Diese letzte Anwendung kann durch die Kunst der
Umwandlung geschehen, die in dieser Schrift dargelegt wird.
Diese Auffassung will nicht besagen, daß die sinnlich-körperliche Berührung
und Verschmelzung der Liebenden unsittlich oder zu verschmähen wäre,
sondern daß diese gegenseitige Beglückung nicht blindlings und zuchtlos unter
der Gewalt des überreizten tierischen Triebes und der rohen Sinnenlust
stattfinden darf.
Die Liebe soll ihre segensreiche Wirkung durch reine, bewußte
Ausdrucksformen offenbaren, wie eine Blume ihr Wesen durch ihren Duft und
ihre Farbenpracht zum Ausdruck bringt.
Die Jugend soll darüber aufgeklärt werden und erkennen, daß diese Substanz
ein Kleinod ist, das der ausgereifte Mann und die ausgereifte Frau als
Unterpfand ihrer treuen Liebe einander schenken sollen. Es ist traurig und
tragisch genug, daß die meisten Menschen dieses Kleinod beflecken oder
verlieren. Dieses Kleinod gegen materielle Dinge oder sinnlich tierische Gelüste
dahinzugeben, bedeutet, seine Perlen gegen Glasscherben tauschen.
Ein Meister wurde von seinen Jüngern gefragt: "Welches ist die größte Reue, die
Du, ehrwürdiger Lehrer, in Deinem Leben empfunden hast?" Er hat mit großer
Offenheit geantwortet: "Als ich jung war, habe ich eines Tages meine kostbare
Perle, die Gott in mein Herz gelegt hatte, ins Meer geworfen! Dies hat in mir die
tiefste, schmerzlichste Reue entfacht!"
Die Jünger hatten den Meister richtig verstanden, denn er hatte zu ihnen oft
von der Lebenssubstanz als verborgener Perle gesprochen.
Dieses Kleinod ist die herrlichste Himmelsgabe, die jede Seele ohne Ausnahme
als magischen Ring erhält, wenn sie das Vaterhaus verläßt, um auf Erden ein
Heim zu gründen. Mann und Frau sollten diesen kostbaren Ring bei ihrer
Vermählung in voller Ehrfurcht und inniger Freude austauschen. Dieser
Austausch soll aber als heiliger Akt und Weihehandlung betrachtet und
empfunden werden. Jeder von beiden Partnern ist berechtigt, Anspruch auf
Stolz und Ehrgeiz zu haben, wenn er seine himmlische Gabe unbefleckt und
ungebrochen seinem Lebenskameraden darbieten kann. Deshalb haben die
Religionsstifter und die Weisen die Keuschheit vor der Ehe hochgepriesen,
empfohlen und verordnet.
Die Keuschheit gewährt den einzig berechtigten Stolz, den jeder Mensch haben
darf und muß. Die beseelende und erlösende Kraft, die von diesem magischen
Ring ausströmt, ist unbeschreiblich mächtig und selig machend. Die
Entzückung und Seligkeit, die von zwei Liebenden empfunden wird, die in ihrer
himmlischen Keuschheit und Reinheit dieses bezaubernde und
weltberauschende Elixier des Lebens im Becher ihres Herzens miteinander
austauschen werden, ist und bleibt unausdrückbar.
Der Kunstmaler GEN in Basel hat in einem Brief an den Verfasser seine
heilbringenden Gedanken über dieses Problem mit folgenden lichtvollen Worten
zum Ausdruck gebracht:
"Es ist äußerst notwendig, unsere zerrüttete Gesellschaft aufzuklären, welche
verheerenden Folgen die eigenwillige Verschleuderung des heiligen Samens
hat. Um dann zu zeigen, zu welcher Erhabenheit und zu welcher
unaussprechlichen Schönheit das Geistig-Seelische im Menschen erblüht, wenn
die kostbaren Samenströme sich zauberhaft wandeln im Innern des
erleuchteten Menschen."
Reine Liebe verwandelt das sinnlich übersteigerte Triebleben in besinnlich
berauschende Wonne. Sie macht die geistig Blinden sehend und die toten
Herzen lebend.
Selig, wer die himmlische Glückseligkeit reiner Liebe erlebt. Noch seliger aber
der, welcher das Elixier dieser Liebe in kristallklarem Becher seines Herzens
einer Schwesterseele schenkt!
Am seligsten aber das Liebespaar, welches nach der sympathischen
Vereinigung ihrer Körper und Seelen bewußt aufsteigt zur universellen Liebe,
welche die Lebensangst und das Mißtrauen unter den Menschen verscheucht
und Schönheit, Glück, Freude, Friede, Solidarität und Bruderschaft in Strömen
des Lichtes über unseren Planeten ausgießt

c) Die Bedeutung und Notwendigkeit der Umwandlung


Umwandlung bedeutet im allgemeinen Sinne das Umändern der Form, der
Lage, des Zustandes eines Dinges oder des Ablaufes eines Geschehens.
Im esoterischen Sinne bedeutet Umwandlung die Erhebung der niederen
Eigenschaft einer Substanz oder Kraft in einen höheren Zustand.
In bezug auf die Geschlechtskraft bedeutet Umwandlung die Umsetzung dieser
Lebenssubstanz in feinere körperliche Elemente oder in seelisch-geistige
Kräfte.
In diesem Sinne gebraucht man auch an Stelle des Wortes "umwandeln" das
Wort "sublimieren", welches bedeutet: läutern, verflüchtigen, in Dampf
verwandeln und wieder absetzen lassen.
Die Möglichkeit und Nützlichkeit dieser Umwandlung ist seit alter Zeit von den
großen Meistern und Weisen wie auch von den modernen Medizinern und
Psychologen bestätigt und empfohlen worden.
Auf Grund der angeführten wissenschaftlichen Forschungen und Erfahrungen
müssen wir anerkennen, daß die Lebenssubstanz einen großen Einfluß auf die
Entfaltung des Willens und des Gemütslebens ausübt. Das Einsaugen oder
Verzehren der Hormone (stofflich abgesonderte Säfte oder Kraftströme der
Drüsen) der Lebenssubstanz durch die Organe dient der Ausreifung und
Entwicklung des Nervensystems. Sie erweckt die höheren geistigen Kräfte und
gewährt Charakterfestigkeit und Entschlossenheit. Sie beseitigt die böse
Wirkung der niederen Leidenschaften und die seelischen Hemmungen.
Jeder Leser wird nun nach der in dieser Schrift dargebotenen Erklärung davon
überzeugt sein, daß diese Umwandlung sowohl für Eheleute wie auch für jene
Einzelmenschen notwendig ist, die einen Reifezustand erreicht haben und
einen inneren Drang empfinden, diese Substanz nunmehr zu bewahren, in
geistige Kraft umzuwandeln und zur Belebung und Verjüngung des Körpers und
zur Entfaltung der seelisch-geistigen Kräfte und Fähigkeiten zu verwenden.
Wir müssen daher erkennen, daß weder die Unterdrückung oder Abtötung des
sinnlichen Triebes noch das restlose Sichausliefern an die sinnliche Lust eine
Lösung des Liebesproblems und eine Erlösung in sich trägt. Daher die
Nützlichkeit und Notwendigkeit der Kunst der Umwandlung der Lebenssubstanz
für reifere Menschen!
Durch das Umwandeln oder Sublimieren der Lebenssubstanz werden die
gröberen und unerwünschten sinnlichen Triebe und Neigungen nicht gelöscht,
unterdrückt oder verdrängt, sondern auf eine neue Art befriedigt, indem sie in
seelisch-geistige Kraft umgesetzt werden.
Dr. M. Hirschfeld sagt über die Wichtigkeit der Umwandlung folgendes:
"Von den Dingen und Tätigkeiten, die als sexuelle Äquivalente (gleichwertige
Werteersätze) angegeben werden, seien folgende angeführt: Kunst,
Wissenschaft und Philosophie, letztere oft mit dem Hinweis, daß die großen
Philosophen von der älteren bis in die moderne Zeit, von Plato und Aristoteles
über Descartes, Spinoza, Leibniz bis zu Kant, Schopenhauer und Nietzsche
meist unverheiratet waren. Plato selbst nannte das Denken einmal
,sublimierten Geschlechtstrieb'."
Dies alles bekundet uns, daß die Bewahrung und Umwandlung der
Lebenssubstanz für die Entwicklung der schöpferisch-geistigen Kräfte sehr
wichtig und notwendig ist.
Ich betone aber nochmals, daß es sich bei dieser Umwandlung gar nicht um die
Unterdrückung oder Vernichtung der Lebenssubstanz handelt, sondern um
deren Bewahrung, Verlagerung und Umsetzung.
In dieser Kunst müssen die Entwicklungsstufe der Menschen und ihre
persönlichen Anlagen und Bedürfnisse berücksichtigt und jegliche
Übertreibungen vermieden werden.
Ich gebe hier die Gedanken einer geistig reiferen jungen Frau zu diesem großen
Problem als Anregung an:
"1. Der geistig unerleuchtete Mensch braucht seine Geschlechtskraft und
seinen Lebenstrieb zum inneren Wachstum. Er wird durch seinen
Geschlechtstrieb zu Höherem angespornt. Die unnatürliche Unterdrückung
desselben macht den Menschen niedriger als die niedrigste Kreatur, weil er ihn
durch nichts ersetzen kann und diese schöpferische Kraft sich in negative Kraft
umwandelt und sich gegen den Menschen selbst richtet.
2. Eiserner Wille ist eine negative Kraft, die wir uns von unserem Ego
auferlegen. Sie wird von unserem irdischen äußeren Ich erzeugt und nicht von
unserer Seele, die aus Ruhe die Umwandlung schafft. Das erstere ist
gleichgesetzt mit Mord, Tötung und Unterdrückung des Göttlichen.
3. Das Sublimieren der Lebenssubstanz der Künstler: Dieser sublimiert einen
Teil – nur einen Teil – des Geschlechtstriebes als Nahrung für seine Seele und
zur künstlerischen Schöpfung. Er muß aber den Geschlechtstrieb nähren,
züchten und großziehen und immer wieder neue Impulskraft für seine Kunst
schaffen. Tut er das nicht, wird seine Kunst holzig und leblos und dies ist nicht
eine wirkliche Sublimierung (Umwandlung). Im Gegenteil, das Sublimieren des
Künstlers ist ein Züchten des Geschlechtstriebes als Nährboden für die Kunst.
4. Das wirkliche Sublimieren hat mit Willen gar nichts zu tun, sondern mit dem
Wachstum und der eigenen Erkenntnis der Seele. Es ist eine zwanglose
Verlagerung der Kräfte. Es ist verbunden mit der Erkenntnis der ,Erschaffung
der Dinge', welche geistig ist.
Zusammenfassend: Sublimieren erfordert die Erkenntnis der Gesetze der
Schöpfung. So lange man mit dem Geschlechtstrieb zu kämpfen hat, ist man
nicht reif zum Sublimieren, und Erzwingen ist falsch, da jedes Erzwingen aus
negativer Kraft kommt. Erst die innere Reife eines Menschen darf zum
Sublimieren führen."
In bezug auf dieses wichtige Problem der Umwandlung müssen wir die
Mahnung der Gottesweisheit beherzigen und uns stets vor Augen halten:
Weder die bloße Ehelosigkeit noch die bloße Enthaltsamkeit gewähren einem
Menschen die Steigerung der Leistungsfähigkeit und der geistigen
Schöpferkraft, sondern es kommt nur auf die weise Anwendung der
Lebenssubstanz für heilvolle Zwecke an.
Laßt uns darum diese heilige Kunst der Umwandlung erwerben, unser Leben
dadurch göttlich umgestalten und der Rettung und Erhebung der Menschheit
dienen!

DRITTES KAPITEL

Die Voraussetzungen der Umwandlung


Weise und naturgemäß leben und lieben sichert ein harmonisches und
glückliches Dasein.
a) Die Bedingtheit der Umwandlung
Die Umwandlung der Lebenssubstanz ist eines der wichtigsten Kulturprobleme
der Menschheit, denn davon hängt ihre geistige Wiedergeburt und ihre
Höherentwicklung ab. Auf den höheren Stufen der Entwicklung wird der Mensch
nicht mehr genötigt sein, ein Geschlechtsleben zu führen und physisch-
materiell zu zeugen; er wird sein wie die Engel.
Bis dahin ist aber ein langer Weg, und die Umwandlung setzt einige
Bedingungen voraus, die erkannt werden sollen. Was in erster Linie erfüllt
werden kann und soll, ist einerseits die Vermeidung des Mißbrauchs der
schöpferischen Lebenssubstanz und anderseits die Umwandlung des
Überflusses derselben zur Belebung des Körpers und zur Vergeistigung der
menschlichen Natur.
Im anbrechenden Zeitalter werden sich die erleuchteten geistigen Führer und
Erzieher der Menschheit wie auch die esoterisch geschulten Ärzte und
Psychologen mit diesem Problem befassen und darüber wichtige Anweisungen
und Prinzipien der Gottesweisheit ihren Völkern verkünden.
Ich biete hier über dieses große Problem nur einige Andeutungen und
Richtlinien als Voraussetzungen und Vorkenntnisse der Umwandlung dar.
Um das Problem der Umwandlung richtig zu erfassen, müssen wir uns folgende
zwei Hauptpunkte immer vor Augen halten:
1. Die Quelle der schöpferischen Lebenskraft und Substanz darf, wie schon
betont, weder vergeudet noch verschüttet werden. Die furchtbaren Folgen
dieses zweifachen Fehlers oder Mißbrauches, den viele Menschen aus
Unwissenheit begehen, sind ja genügend bekannt. Denn diese Kraft rächt sich
gegen jede Gewalt; sie muß nur weise und richtig gebraucht, geleitet und
umgewandelt werden.
2. Alles, was über die richtige Anwendung und Umwandlung dieser Kraft gesagt
worden ist und noch gesagt werden kann, bleibt relativ und individuell. Denn
ein jeder Mensch ist ein selbständiges, eigenartiges Individuum, ja eine Welt für
sich. Er hat seine besondere körperliche und seelisch-geistige Konstitution oder
Beschaffenheit, seine Lebensaufgabe, Vergangenheit und Zukunft und steht auf
einer besonderen Stufe der Entwicklung.
Deshalb haben die großen Meister und Mystiker aller Zeiten über dieses
Problem nur wenige allgemeingültige Regeln und Vorschriften angegeben. Die
vollkommenen Meister allein können für jeden Menschen die persönlichen und
geeigneten Mittel und Wege zeigen, denn vor ihren Geistesaugen sind
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jedes Menschen ein offenes Buch. Sie
geben aber solche Anweisungen nur im Notfall und nur für ihre persönlichen
Jünger, mit denen sie schicksalsmäßig verbunden sind. Denn sie dürfen mit
solchen Anweisungen die Willensfreiheit der Menschen nicht beeinträchtigen
und sich nicht in ihr Schicksal einmischen.
Jeder Mensch muß daher selber erkennen und unterscheiden, welche Regeln
und Mittel für sein persönliches Leben und für seinen Zweck am besten
anwendbar sind.
Deshalb haben auch die hier dargelegten Erklärungen nur einen allgemeinen
Charakter. Ihre Anwendung auf das persönliche Leben und für persönliche
Zwecke und die damit verbundene Verantwortung hat jeder Leser selbst zu
übernehmen.
In bezug auf den Zweck teilen sich die Menschen, die nach Umwandlung der
Lebenssubstanz streben, in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe bezweckt damit
die Gesundung des Körpers oder das Erreichen und Bewahren der
Jugendfrische, der blühenden Schönheit und der Leistungsfähigkeit auf
physischem oder intellektuellem Gebiet.
Die andere Gruppe sind die Menschen, die durch Umwandlung der
schöpferischen Substanz nach Vergeistigung, Befreiung und Erleuchtung ihrer
Seele ringen. Denn sie sind sich bewußt, daß jugendliche Frische, Schönheit
und Stärke des Körpers nicht der Endzweck des Lebens sein können, weil der
Körper veränderlich und vergänglich ist, die Seele aber als wahres Wesen des
Menschen ewig unsterblich bleibt.
Diese letztere Anschauung ist die der erwachten, erleuchteten Seelen, der
Weisen und der Heiligen. Die erstere Ansicht, die den Beweggrund der
Umwandlung nur im körperlichen oder intellektuellen Gewinn sieht, wird von
weltsüchtigen und machtgierigen Menschen und Schwarzmagiern vertreten
und erstrebt.
Diese beiden Ansichten und Einstellungen finden ihre Entsprechung in dem
zweifachen Beweggrund der Vegetarier, von denen die meisten nur aus
Gesundheitsrücksichten Vegetarier geworden sind, andere aber aus ethisch-
geistigem Grund.
Vom Standpunkt der Relativität aus kann man die Menschen in bezug auf
dieses Problem wie folgt in vier Gruppen einteilen:
1. Jene, die sich mit dem Problem der Umwandlung der schöpferischen
Lebenskraft gar nicht beschäftigen können und sich auch nicht beschäftigen
dürfen. Sie sollen in normaler Weise diese Kraft für die Zeugung verwenden
und nur jede Vergeudung und Unterdrückung derselben vermeiden. Die
Mehrheit der heutigen Menschen steht auf dieser Stufe und gehört zu dieser
Gruppe.
2. Jene, für die diese Umwandlung eine leichte Arbeit ist, weil sie entweder eine
günstige Umgebung und leichtere Lebensbedingungen haben, wie die Mönche
und Einsiedler, oder einen großen Reifezustand schon aus ihrem früheren
Erdenleben mitgebracht haben. Sie haben ihre tierisch-sinnlichen Triebe
einigermaßen veredelt und gelernt, sie zu beherrschen. Die Umwandlung
macht ihnen keine großen Schwierigkeiten. Diese Seelen nennt man die
Heiliggeborenen oder die Meister von Geburt. Für diese Menschen ist das
Geschlechtsleben kein Problem.
3. Jene, die in diesem Leben der Möglichkeit oder Fähigkeit des Gebrauchs
dieser schöpferischen Kraft beraubt sind, wie die Verschnittenen, oder jene, die
durch äußere Ursachen und Verhältnisse wie Krankheit, Gefangenschaft usw.
daran verhindert sind.
4. Jene, die erst in diesem Leben zum Lichte der Wahrheit erwacht sind und
sich entschlossen haben, diese Umwandlung für einen höheren Zweck zu
vollbringen. Diese Menschen, die jetzt nicht zahlreich sind, haben harte Kämpfe
in sich und mit sich auszufechten. Sie müssen großen Opfermut,
Standhaftigkeit und Geduld aufbringen, um dieses hohe, erlösende Ziel zu
erreichen. Sie werden Selbstüberwinder und Selbstbesieger genannt.
Auf diese drei letzten Gruppen von Menschen hat Jesus Christus hingewiesen,
indem er von drei Gruppen von Verschnittenen gesprochen hat. (Matthäus: 19,
12)
Der große Wert der Kunst der Umwandlung, die wir lernen wollen, liegt darin,
daß es uns gelingt, diesen hochwertigen Saft oder die Lebenssubstanz im
Körper zu bewahren, ihn zu verdunsten und von den wichtigsten Organen
unseres Körpers innerlich einsaugen zu lassen.
Wir müssen darum erkennen, daß die Umwandlung der Lebenssubstanz ein
sehr heikles Problem ist, welches zugleich große Ehrfurcht erfordert und
Seligkeit gewährt, eine gewaltige Macht und Verantwortung in sich birgt. Es
erfordert tiefe Erkenntnis, Opfermut, große Einsicht und Vorsicht, mit einem
Wort: göttliche Weisheit. Daher bleiben alle Mittel und Regeln, wie schon
betont, relativ und individuell.
Jeder nach höherer Erkenntnis und Erlösung strebende Mensch soll vor allem
die Überwindungskraft erringen, um diese Kunst richtig zu lernen und sie zu
seinem Heil und Wohl anzuwenden. Die Eltern und Lehrer als gütige Berater,
Wegweiser und Führer der Jugendlichen haben in dieser Hinsicht eine
verantwortungsvolle und zugleich segensreiche Aufgabe zu erfüllen.
Der Heilige Geist der Wahrheit, der als Christus in jedem Menschen wohnt, ist
immer bereit, ihn auf dem Pfade der Umwandlung zu führen und ihm zu helfen,
wenn er angerufen wird. Er ruft alle Seelen auf und verkündet:
"Wer mich von Herzen sucht und anruft, der wird mich erreichen, denn auch ich
werde nach ihm suchen, ihn führen und ihm in meinem Tempel den Heiltrank
der Erlösung darreichen!"

b) Die willkürlichen und die unwillkürlichen Verluste


der Lebenssubstanz
Die Kunst der Umwandlung beruht auf zwei Aufgaben oder Funktionen, auf
Vermeiden des Verlustes der schöpferischen Lebenskraft und auf dem
Absorbieren und Assimilieren derselben durch die Organe des Körpers. Die
letzte Funktion nennt man Sublimierung oder Transsubstantiation, d. h.
Umwandlung der Substanz.
Der Verlust der Lebenssubstanz kann unwillkürlich oder willkürlich geschehen.
Über die Ursachen und die Wirkungen des unwillkürlichen Samenverlustes, der
meist im Schlaf vorkommt, sind die Meinungen der Ärzte verschieden. Manche
bezeichnen ihn als krankhaften Zustand und schädlich und andere als
natürlichen Vorgang und Schutzmittel.
Nach meiner Auffassung, die auch durch Erfahrungen bestätigt wird, ist der
unwillkürliche Verlust dieser Kraft, der im Schlaf bei fast allen gesunden,
normalen Menschen vorkommt, als Folge der falschen Ernährung und
Lebensführung, an sich nicht schädlich, sondern für die Gesunderhaltung des
Körpers im heutigen Stadium der Entwicklung nötig. Denn sonst würde diese
gestaute Kraft im Körper Verheerungen und Krankheiten hervorbringen, wie die
Ärzte es festgestellt haben und wie auch die persönlichen Erfahrungen vieler
Menschen es bestätigen.
Der unwillkürliche und natürliche Samenverlust bei dem Mann ist die gleiche
organische Einrichtung wie die monatliche Regel bei der Frau. Wenn er nicht
von einer Krankheit herrührt, ist er ein vom menschlichen Organismus
wunderbar eingerichtetes Schutzmittel gegen die Gefahr der Stauung. Er ist
das Öffnen der Schleuse des Staudammes, um die Überflutung und Verwüstung
des Organismus, besonders des Gehirns, zu verhindern.
Durch solche Überflutung oder Überschwemmung kann der Verstand umnebelt
und Gemüt und Gefühl dumpf und trübe werden. Man wird dadurch
unschlüssig, zweifelnd, mißgestimmt, nervös, leicht erregbar, übermäßig
sensibel, empfindlich usw.
Deshalb versucht im Traum das menschliche Unterbewußtsein als Inspektor der
Werkstatt des Körpers bei der Gefahr solcher Überflutung mit allerlei
Phantasiebildern, lusterregenden Vorstellungen und Kunstgriffen den
Überschuß dieser Kraft auszuscheiden und die feineren Organe und Kanäle vor
Schaden durch Überschwemmung mit Lebenssubstanz zu schützen.
Dagegen fühlt man sich nach dem natürlichen Samenverlust wie auch nach
dem normalen, mäßigen Austausch der Lebenssubstanz wohl, erlöst und
erleichtert. Man bekommt klaren Verstand, fröhliches Gemüt, gute Stimmung,
Heiterkeit und Seligkeit. Man wird willensstark, entschlossen,
unternehmungslustig und lebensfroh.
Nun liegt aber eine Gefahr darin, daß die Organe sich sehr leicht und schnell an
ablösende und anregende Funktionen gewöhnen. Der unerfahrene und geistig
ungeschulte Mensch kann allmählich darin große Lust empfinden und es sich
öfter wünschen. Dies kann ihn zum willkürlichen Herbeiführen dieses Verlustes,
also zur gefahrvollen Selbstbefleckung (Onanie) führen.
Dr. N. Müller bestätigt aber meine Ansicht, indem er sagt:
"Unwillkürliche Verluste im Schlafe sind ein Ausdruck von Schwäche und
Überreizung der Keimdrüsen, die erst dann völlig verschwinden können, wenn
alle Verdauungs- und Darmstörungen durch geeignete Diät vermieden und die
Organe durch gegebene Pflege gekräftigt sind. Wenn die Verluste nicht zu
häufig sind, nur etwa 1—2 mal im Monate auftreten und nicht direkt durch
reizende Speisen ausgelöst werden, so sind dies einfache Reinigungsvorgänge
des Körpers, die einen anderen Charakter tragen und im Sinne der
Regeneration unschädlich sind.
Es ist nun klar und selbstverständlich, daß andererseits auch der anormale und
häufige Verlust dieser Kraft, besonders wenn er durch Selbstbefleckung
(Onanie) willkürlich und eigenmächtig geschieht, ebenso schädlich und
gefährlich sein kann wie das Unterdrücken und die Stauung derselben. Er
erzeugt den entgegengesetzten Zustand des normalen Verlustes und
verursacht viele gefährliche Krankheiten. Diese beiden gefahrvollen Vorgänge
oder Gewohnheiten der Verdrängung und der Selbstbefleckung müssen auf
jeden Fall vermieden oder durch ärztliche Behandlung beseitigt werden.
Wir sehen daraus, daß die Übertreibung, sei es nach rechts oder nach links,
immer schädlich ist. Sie ist in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten des Lebens
die Wurzel aller Übel und allen Unglücks.
Der mittlere, goldene Weg der Weisheit allein kann den Menschen vor allen
Gefahren und zerstörenden Wirkungen und Folgen des Mißbrauches oder der
Übertreibung schützen.

c) Das Unterscheiden zwischen Liebe und Leidenschaft


Die Unwissenheit über den tiefen Unterschied zwischen der Liebe und der
Leidenschaft bildet eine große Gefahr für die Menschen, besonders aber für die
heranwachsende Jugend. Denn diese unerfahrenen großen Kinder begehen
einen zweifachen Denkfehler. Erstens verwechseln sie die sinnliche Wohllust
mit Liebe und glauben, daß die Liebe ohne körperliche Berührung und
Austausch von Lebenssubstanz undenkbar sei.
Zweitens nehmen sie an, daß die Befriedigung der sinnlichen Lust und
Leidenschaft der Hauptzweck der Liebe, der Ehe und des Lebens sei. Aus
Mangel an Unterscheidungsvermögen und wahrer Erkenntnis vergeuden sie die
schöpferische Kraft und das unschätzbare Vermögen und fallen dem Dämon
der Übertreibung und der Ausschweifung zum Opfer. Neunzig Prozent allen
Unglücks und Unheils im Privat- und Familienleben entsteht aus diesem Mangel
an Unterscheidungsvermögen zwischen Liebe und Leidenschaft und an wahrer
Erkenntnis über das wahre Wesen der Liebe und den wahren Sinn des Lebens.
Deshalb tut eine tiefgehende Aufklärung über dieses Probleme in erster Linie
sehr not. Die Menschen sollen erkennen, daß das zügellose, ungehemmte
Ausleben der sinnlichen Lust oder Leidenschaft keine freie Liebe ist, sondern
Sklaverei des Geschlechtstriebes.
Prof. Forel sagt: "Dieser Liebessturm (die Leidenschaft) fälscht das Urteil, läßt
die krassesten Fehler übersehen, färbt alles mit himmlischen Farben, macht
einen oder zwei ,verliebte' Menschen gegenseitig blind und verdeckt jedem das
wahre Innere des anderen, selbst vorausgesetzt, daß diese Gefühle beiderseits
ehrlich sind und daß die Sinnlichkeit nicht mit kühlen Gefühlen egoistischer
Berechnung gepaart ist. Erst wenn der Sturm einer scheinbar unersättlichen
sexuellen Begierde, wenn die Flitterwochen der Ehe oder auch eines
unehelichen Verhältnisses vorbei sind, kommt die Ernüchterung und mit ihr die
wahre Liebe oder die Gleichgültigkeit oder gar der Haß, oder auch wechselnde,
zu einer mehr oder weniger brauchbaren Anpassung führende Gemische von
allen dreien."
Leidenschaft ist eine Brücke, die man passieren muß, auf der man aber nicht
stehen und worauf man nicht bauen darf.
Wir dürfen natürlich die Notwendigkeit der sinnlichen Triebe, Lust und
Leidenschaft nicht verleugnen, denn auch sie sind von Gott erschaffen und uns
gegeben worden wie alle anderen Kräfte und Substanzen des Körpers, und
auch sie haben eine heilige Aufgabe zu erfüllen.
Wir müssen aber den richtigen Sinn dieser Kräfte erkennen und erfüllen. Er ist
nichts anderes als die Anwendung dieser Kräfte zur Belebung und Anregung
des Körpers und die Vergeistigung desselben, d. h. die Umwandlung derselben
in seelisch-geistige Kräfte. Da der Mensch aus Körper, Seele und Geist besteht,
sollen auch alle drei gleichzeitig gepflegt werden. Der Geist aber soll allmählich
zur alleinigen Herrschaft gebracht und erhoben werden. Denn dies allein
sichert das Erreichen des Endzieles, die Vergeistigung des Körpers und des
Lebens.
Wir dürfen weder das Geschlechtliche, wie im Mittelalter, ins Reich des Bösen
und des Teufels verweisen noch das Fleisch und das Materielle als alleinige
Wirklichkeit überschätzen und das Geistige als Verzierung und Überbau
betrachten.
Der Geist soll endlich das Fleisch und das Tier im Menschen durchdringen,
beherrschen und umwandeln, d. h. läutern und vergeistigen.
Der Gottesgeist im Menschen soll also den Körper mit all seinen Trieben und
Kräften beherrschen und meistern, um seine Gottesebenbildlichkeit zu
offenbaren. Diesen Gedanken drückt der Kunstmaler GEN in Basel in einem
Brief an den Verfasser mit folgenden Worten aus:
"Der degenerierte, moderne, zivilisierte Mensch unserer Tage muß zuallererst in
aller Bescheidenheit das zurückzugewinnen suchen, was jeder Schmetterling
besitzt: die Unschuld einer kosmischen Potenz.
Ist er einmal soweit, so muß er sich bewußt werden, daß er erst ein Tierlein ist.
Aber auf dieser gesunden irdischen Basis kann er sich aufrichten, um endlich
Mensch zu werden, d. h. eine Entsprechung zu werden des Schöpfers aller
Dinge auf irdischem Plan: das ist Gestalter, Künstler zu werden seines Lebens
in Schönheit und Harmonie."
Um die Unwissenheit und den Mangel an Unterscheidungsvermögen und
Einsicht zu beseitigen und das Ziel der Selbstbemeisterung und der
Vervollkommnung zu erreichen, gibt uns die Gottesweisheit folgende
Anweisungen:
1. Die heutige Jugend hat kein großes Unterscheidungsvermögen; sie ist
nervös, rasch beeinflußbar und wenig standhaft, weil sie im harten
Lebenskampf steht und eine falsche Erziehung bekommen hat. Dies bereitet ihr
schon den Weg zur Verkrampfung, zur Unsittlichkeit und zum Verderben vor.
2. Die Jugendlichen kümmern sich mehr um ihr äußeres Leben und Aussehen
als um ihr inneres, seelisch-geistiges Vermögen. Sie sollten in erster Linie ihre
seelisch-geistigen Interessen und Ideale gegenseitig prüfen und vereinen, denn
die geistigen Reichtümer allein sind unvergänglich, haben dauernden Wert und
üben die größte Wirkung auf das Leben aus.
3. Durch weise Einsicht und rechtzeitige Aufklärung kann viel Unglück und
Unheil vermieden oder beseitigt werden.
4. Die Jugendlichen sollen vor allem unterscheiden lernen zwischen Liebe und
Leidenschaft.
5. Das Sprichwort: "Liebe kennt kein Gesetz", gilt nicht für Liebe; es kann nur
auf die Leidenschaft angewendet werden. In diesem Spruch verwechselt man
die Leidenschaft mit der Liebe. Es sollte heißen: "Die Leidenschaft kennt kein
Gesetz."
6. In der Tat kennt die Leidenschaft oder sinnliche Lust keine Gesetze, d. h. sie
nimmt keine Notiz von den Gesetzen; sie übertritt und verachtet sie. Sie treibt
hemmungslos ihr Unwesen und nimmt keine Rücksicht weder auf die inneren
moralischen noch die äußeren sozialen Gesetze.
7. Für die Leidenschaft gilt nur ein Gesetz oder Prinzip, und dies ist: ihr Ziel, die
Selbstbefriedigung, skrupellos um jeden Preis verfolgen und erreichen.
8. Leidenschaft gleicht einer Schlingpflanze, die am Baume der Liebe
hochklettert und ihn ganz überwuchert.
9. Leidenschaft kennt kein Maß ihrer Begierde und keine Grenze ihres
Wachstums und ihres Rankens.
10. Wahre Liebe als göttlich-schöpferische Kraft unterordnet sich freiwillig dem
Willen Gottes, dem moralisch göttlichen wie auch dem sittlich menschlichen
Gesetz. Sie hat ihre eigenen Gesetze und ist das Lebensgesetz überhaupt.
11. Wahre Liebe begehrt nichts zu besitzen und für sich in Beschlag zu
nehmen. Grenzenlose Güte und Geduld und freudige Hingabe bilden ihren
Wesensgrund.
12. Auch der Spruch "Liebe macht blind" gehört ins Reich der Leidenschaft. Es
ist die zügellose, gierige und unersättliche Leidenschaft, die den Menschen für
alle Prinzipien der Sittlichkeit und Gesetze des Lebens blind macht.
13. Wahre Liebe macht die seelisch-geistig Blinden sehend, denn sie besitzt die
erlösende Macht und gewährt Erleuchtung und ewige Seligkeit.
Schiller sagt im "Lied von der Glocke": "Die Leidenschaft flieht, die Liebe muß
bleiben", und Gottfried Keller schreibt: "Nicht im Wald und auf den Bäumen, in
den Herzen muß es keimen, wenn es besser werden soll!"
14. Es ist wunderbar zu bemerken, daß man in der deutschen Sprache das Wort
Lieb als Gegensatz von Leid betrachtet. Leidenschaft und Liebe vertragen also
einander nicht.
15. Leidenschaft wird oft durch künstliche Mittel wie Alkohol, Nikotin,
Schmeicheleien, Suggestionen, Tanz, sinnliche Darstellungen usw. angeregt
und erzeugt. Sie bleibt aber kurzlebig und wirkt täuschend, auch wenn sie
beglückend und edel erscheint.
16. Leidenschaft ist eine künstliche Lust, die sich schminkt und für Liebe
ausgibt. Sie betäubt das Gewissen und die reine Empfindung und führt zum
Herzleid.
17. Wahre Liebe braucht weder künstliche Mittel noch Hilfe. Ihre Reinheit und
Echtheit gewährt ihr eine natürliche Anziehung, dauernden und erlösenden
Reiz.
18. Leidenschaft ist deshalb unsittlich und schädlich, weil sie unersättlich ist,
immer zur Übertreibung führt und dadurch körperliche Schwäche und seelische
Verkrampfung verursacht.
19. Leidenschaft erzeugt schließlich Überdruß und Zwiespalt und macht dem
Glück und der Liebe ein Ende.
20. Wahre Liebe fordert Aufrichtigkeit, Achtung und Ehrfurcht. Sie erzeugt
Einigkeit im Fühlen, Denken und Lebensziel. Sie läßt aber jedem die Freiheit,
seine eigenartigen Charakterzüge zu behalten und seinen Gefühlen, Gedanken
und Wünschen freien Ausdruck zu geben.
21. Wahre Liebe kennt keinen Zwang und keine Gewalt. Sie verzehrt alle
Schlacken der Eitelkeit und der Grobheit der menschlichen Natur. Sie fließt aus
dem Innern des Herzens und gewährt unversiegbare Glückseligkeit.
22. Leidenschaft erniedrigt den Menschen, macht ihn willensschwach,
nachgiebig, feige, unterwürfig und unfrei, während wahre Liebe das Gegenteil
hervorbringt.
23. Leidenschaft führt immer zu den Extremen der Passivität und
Untertänigkeit oder der Herrschsucht und Gewalttätigkeit.
24. Wahre Liebe erweckt die in der Seele ruhenden göttlichen Kräfte und
Fähigkeiten, gewährt Erlösung und Freiheit und erzeugt Gleichgewicht, inneren
Frieden und Lebensharmonie.
25. Man sagt, freie Liebe sei die gegenseitig ohne Verpflichtung festgehaltene
Liebe. Dies trifft aber nur die Leidenschaft, denn wahre Liebe fordert die
höchste Pflichterfüllung, die freudige Selbstaufopferung.
26. Auch die freieste Liebe ist von sittlicher Bindung und Verpflichtung nicht
frei.
27. Der Weg zur freien Liebe führt über die Stufen der Leidenschaft hinaus.
28. Wahre Liebe ist mehr mit dem Geist verbunden als mit dem Fleisch und
dem sinnlichen Trieb. Denn der Geist allein kann ihr dauernde Nährkräfte und
Ewigkeitswerte darbieten.
29. Die einfältige Sittlichkeit der Naturvölker steht viel höher als die
heuchlerische Moral der Kulturvölker.
30. Die Sinnlichkeit oder Leidenschaft für Liebe zu halten, ist die größte Gefahr
für die Jugend auf dem Wege zum glücklichen Leben.
31. Frühzeitige Befriedigung der sexuellen Triebe hindert die Entfaltung vieler
geistig-schöpferischen Fähigkeiten und Talente.
32. Reine Liebe lenkt die Gedanken und Gefühle auf das Geistige und
Künstlerische und erleichtert die Umwandlung der Geschlechtssubstanz.
33. Wahre Liebe läßt Mann und Frau sich gegenseitig gründlich verstehen, sich
in die Seele des andern hineinversetzen und seine seelisch-geistigen
Neigungen, Zustände und Bedürfnisse erkennen und befriedigen.
34. Es reicht keine Kunst an das heran, was Liebe tut und Liebe kann.
35. O göttlich reine Liebe! Du bist mein Ursprung und Wesensgrund, mein
Schutz und Wegweiser, mein Schild und meine Festung!
Heil und Sieg der reinen Liebe, Heil den in reiner Liebe vereinten Seelen!

VIERTES KAPITEL

Die physisch-körperlichen Mittel der Umwandlung


Das Gröbere in das Feinere und das Materielle in das Geistige umzuwandeln, ist
der Vorgang der Höherentwicklung und das Geheimnis der Schöpfung.
a) Der Vorgang der Umwandlung
Das Weltall entsteht durch den Willen und die Allmacht eines
allewigen, allweisen Schöpfers. Die Entwicklung und Vollendung der Welt
geschieht durch die beständige Umwandlung aus niederen Zuständen in
höhere. Die ganze Schöpfung ist eine unaufhörliche Umwandlung der Elemente
und der Kräfte.
Selig, wer die Kunst der Umwandlung der Lebenssubstanz in sich vollbringt,
denn er wird die Vergeistigung seines Körpers und die Befreiung seiner Seele
schneller erreichen und erleben.
Die Gottesweisheit lehrt uns drei große grundlegende Prinzipien, die auf allen
Gebieten und in allen Phasen des Lebens, besonders in der Kunst der
Umwandlung, angewandt werden sollen:
1. Das Vorbeugen gegen Gefahr ist viel besser als die Bekämpfung derselben.
2. Die Übertreibung ist die Wurzel alles Übels.
3. Ausdauer und Beharrlichkeit führen schließlich zum Sieg.
Diese Prinzipien sollen auch uns in der Ausübung der Kunst der Umwandlung
der Lebenssubstanz als Wegweiser dienen. Wir sollen dabei gleichfalls
eingedenk bleiben, daß, wie schon betont, alles in unserer Erscheinungswelt
relativ und individuell ist und daß die Reinheit des Herzens und des Motivs die
Hauptbedingungen dieser Kunst bleiben.
Wenn wir nun den Weg der Weisheit gefunden haben und alle Mittel des
Schutzes gegen die erwähnten Gefahren des Weges besitzen, dann erst können
wir die Umwandlung als göttliche Kunst üben. Diese Umwandlung ist die
eigentliche Alchimie, die bis heute mit vielen symbolischen Schleiern verhüllt
war und Tausende von Menschen verwirrt und stutzig gemacht hat.
Diese göttlich mächtige Kunst der Umwandlung besteht aus drei Funktionen
oder Aufgaben. Es sind dies:
1. Die Verschmelzung und Verdunstung der Lebenssubstanz.
2. Das Aufsteigen der Substanz durch den Wirbelkanal zum Gehirn.
3. Das Verteilen derselben unter die wichtigsten Organe und Zentren des
Körpers.
Die letzte Funktion oder Aufgabe ist die wichtigste von allen. Sie bildet den
Hauptpunkt und das Zentrum dieses heiklen Problems und dieser göttlichen
Kunst. Durch die Befolgung der in dieser Schrift angegebenen Regeln werden
sich diese drei Funktionen automatisch und normalerweise ohne Gefahr
vollziehen.
Alle Mißerfolge derer, die sich ohne geistige Ausrüstung mit dieser heilsamen
Kunst beschäftigt oder mit ihr gespielt und an körperlichem und seelischem
Elend gelitten haben, beruhen auf folgenden drei Gründen:
1. Auf Mangel an wahrer Erkenntnis dieser Kunst.
2. Auf Mißbrauch ihrer Kräfte für selbstsüchtige Zwecke, wie das Gewinnen von
Geld, Macht und Herrschaft, oder das Erlangen der übersinnlichen Kräfte usw.
also auf Mangel an Reinheit des Herzens.
3. Auf blindem habgierigem Eifer, das Ziel durch Gewalt und Übertreibung
schneller zu erreichen. Diese dreifache Gefahr muß von vornherein
ausgeschaltet werden.
Das Verteilen der Lebenskraft sowie ihre Aufnahme und Assimilation durch die
Zellen bildet das Hauptziel der Umwandlung. Denn dies dient der Belebung der
Organe, hindert die Stauung der Lebenssubstanz, gibt dem Körper
Jugendfrische und blühende Gesundheit, steigert die Klarheit des Verstandes
und stärkt den Willen und die anderen Kräfte der Seele. Darum muß alles
Bestreben darauf konzentriert werden, die Organe und Zellen für diese
Funktion des Aufnehmens und des Verdauens der Lebenssubstanz fähig zu
machen. Diese Aufgabe nennt man in der esoterischen Mystik das Vorbereiten
und Öffnen der Kanäle. Diese Arbeit soll aber der Hebung und Austeilung der
Lebenskraft, d. h. der Öffnung ihrer Schleusen, vorausgehen, andernfalls wird
man an großen Schmerzen zu leiden haben.
Darum sagt der Mystiker in symbolischer Sprache: "Wecke, o suchende Seele,
diese Feuerschlange nicht eher, bis du dich ausgerüstet hast, denn sonst wirst
du von ihr vergiftet oder verschlungen werden!"
Die angegebenen Regeln und Übungen werden uns vor dieser Gefahr
vollständig schützen.
Die Gefahren mancher okkulten Methoden liegen darin, daß sie durch
asketische und übertriebene Übungen diese Substanz bewußt oder unbewußt,
zum Aufsteigen zwingen, sie vergewaltigen. Diese Vergewaltigung wird
entweder den Wirbelkanal zerreißen und große Schmerzen im Rückgrat
erzeugen, oder ein großes Quantum von unverdunsteter Lebenssubstanz ins
Gehirn führen, wo sie eine Überflutung hervorbringen wird, die zur
Geistesstörung und zum Nervenzusammenbruch führen kann. Daher die ernste
Warnung vor den mit Gewalt ausgeführten Übungen und der vorzeitigen
Öffnung der Schleuse des Wirbelkanals durch künstliche Mittel.
Bei der normalen Umwandlung, wenn die nachstehenden Regeln befolgt sind,
vollziehen sich diese drei Funktionen oder Vorgänge ohne irgendwelche
Komplikation, Störung oder Schmerzen, weil die Organe sich vorher verfeinert
und für diese Funktion vorbereitet haben. Dies ist der größte Vorteil der
mystisch-esoterischen Methode und Schulung, die nur tiefe Einsicht, große
Geduld und Ausdauer und das Vermeiden jeglicher Übertreibung fordert.
Bei der Anwendung der esoterischen Methode, die hier angegeben worden ist,
wird die aufgestiegene Lebenssubstanz im Gehirn den Hirnanhang und die
Zirbeldrüse, welche die zwei Pole der geistigen Elektrizität sind, miteinander
verbinden. Daraus wird ein ätherisch-vitaler Strom entstehen, der die
Verklärung des Körpers, die Erleuchtung des Verstandes und des Intellektes
und die Befreiung der Seele hervorrufen wird.
Der Überschuß dieser veredelten und verdunsteten schöpferischen Substanz
wird sich dann durch das Blut und das Nervensystem im ganzen Körper
verteilen und der Belebung und Erstarkung aller Organe und vor allem aller
Kraftzentren, die als Kanäle vorbereitet sind, dienen. Diese normale
Umwandlung wurde in den alten Mysterientempeln gelehrt und ausgeübt und
dies war und bleibt für die Einweihung und Erleuchtung unentbehrlich.

b) Die physisch-körperlichen Mittel


Die Mittel und Regeln für die Entfaltung der dreifachen Aufgabe beim
Vollbringen der Umwandlung sind mannigfach und lassen sich in physisch-
körperliche und seelisch-geistige einteilen, die ihrerseits negativ oder positiv
sein, d. h. ein Verbot oder ein Gebot darstellen können.
Über jedes dieser Mittel müßte eine ausführliche Erklärung gegeben werden.
Ich muß mich aber aus Mangel an Raum in dieser Schrift auf kurze Angaben
beschränken. Diese kurze Erwähnung wird jedoch für den einsichtigen und
geistig geschulten Leser genügen. In meiner noch nicht veröffentlichten Schrift:
"Das Mysterium der Wiedergeburt der Seele inmitten des irdischen Lebens"
sind diese Mittel und Regeln ausführlich geschildert. Die physisch-körperlichen
Mittel und Bedingungen der Umwandlung sind:
1. Das Aufgeben oder Vermindern der tierischen Nahrung, denn es ist klar, daß
die tierischen Stoffe die sinnlichen Triebe und Veranlagungen des Menschen
wecken, aufreizen und verstärken. Die Ernährung mit tierischen Substanzen ist
besonders für die Kinder und für die Jugend gefährlich, weil ihre sinnlichen
Triebe dadurch vorzeitig geweckt und aufgereizt werden. Außerdem dient der
Vegetarismus der Gesunderhaltung des Körpers. Viele Krankheiten können
dadurch vermieden und geheilt werden. Das Aufgeben des Fleischgenusses
braucht aber nicht unbedingt gewaltsam und plötzlich zu geschehen, sondern
es kann auch allmählich, aber aus innerem Drang und Bedürfnis, die sich durch
seelisch-geistige Reife offenbaren, vollbracht werden. Jeder soll nach seinem
Gewissen und innerem Empfinden handeln. Auf den höheren Stufen der
Entwicklung, z. B. zur Erreichung der Meisterschaft ist aber der Verzicht auf alle
tierischen Produkte unbedingt nötig.
2. Das Aufgeben der alkoholischen Getränke, des Rauchens und aller andern
Rauschmittel. Diese, abgesehen davon daß sie den Organismus schädigen und
vergiften, umnebeln die Kraftzentren des Gehirns und des Sonnengeflechts,
welch letzteres in der Esoterik als das Tor zur Geisteswelt betrachtet wird. Die
anregende Wirkung dieser Mittel ist nur vorübergehend, oft eine Täuschung
durch Suggestion und Gewohnheit. Die ernsten Ärzte haben die großen
Schäden des Alkohols, auch bei der Nachkommenschaft, zur Genüge
nachgewiesen. Er führt allmählich die ganze Menschheit zur Entartung. Die
verheerende Nervosität bei den Kulturvölkern, auch bei den Jugendlichen, die
noch keinen Alkohol genossen haben, rührt von der Wirkung der vererbten
Anlage her. Alkoholische Getränke beeinträchtigen aber vor allem die
Aufnahmefähigkeit der wichtigen Zellen des Körpers für die geistigen Ströme
und spirituellen Schwingungen und dadurch die Erleuchtung der Seele.
3. Regelmäßige körperliche Bewegung in Licht, Luft und Sonne durch Sport,
Spiel, Bergsteigen, Turnen und vor allem Spaziergänge im Freien, mit Andacht
und Betrachtung der Natur oder Versenkung in der Stille. Diese Tätigkeit
beseitigt die düsteren Gedanken und Gefühle und verwendet den Überschuß
der schöpferischen Kraft zum Ersatz der verausgabten physischen Kräfte des
Körpers.
Die wohltuende und befreiende Wirkung solcher Tätigkeiten und Bewegungen
sind unleugbar, sie regulieren die Funktion der Organe und dienen der
Verteilung der Lebenssubstanz an alle Zellen des Körpers.
Die auf den Laut und die Form der Hauptvokale gegründeten, esoterischen
Harmonieübugen der mystisch-esoterischen Schule dienen am besten diesem
Zweck, denn sie bestehen aus rhythmischer Bewegung des Körpers, besonders
der Arme und Hände, aus Ton oder Gesang und Denken über den Sinn der
gesprochenen Worte. Dies alles wird von tiefem Atem begleitet. Bewegung, Ton
oder Gesang und Besinnung bilden die Grundlagen dieser Übungen. Sie
entsprechen dem Körper, der Seele und dem Geist und bringen diese drei
Prinzipien des menschlichen Wesens miteinander in Harmonie und friedliches
Zusammenwirken. Sie dienen auch der Vereinigung und der Zusammenarbeit
von Wissenschaft, Kunst und Religion, denn die Bewegung entspricht der
Wissenschaft, weil die Bewegung physisch-materielle Dinge, Organe und
Werkzeuge benötigt, und die Wissenschaft beschäftigt sich hauptsächlich mit
der Materie; der Ton oder Atem entspricht der Kunst und der Sinn oder Geist
der Worte der Religion. Einer der häufig mit rhythmischer Bewegung
durchgeführten und zugleich gesungenen Sinnsprüche dieser
Harmonieübungen lautet:
"Das Leben fließt aus Dir und wirkt in mir, o Gott!"
4. Die Reinhaltung des Körpers und die öfteren Waschungen der
Unterleibsorgane je nach dem Alter und körperlichen Zustand und Vertragen
mit warmem oder kaltem Wasser, besonders bei starker Erregung.
Der Kulturmensch hat neben seiner nervenaufreizenden, gehetzten
Tätigkeit größere Möglichkeiten und günstige Gelegenheiten zur gesunden
Lebensführung, die bei den unkultivierten Völkern fehlen. Eine dieser herrlichen
Möglichkeiten ist die Badeeinrichtung mit Duschanlagen, die man in fast allen
Häusern und städtischen Badeanstalten findet.
Auch die in den nordischen Ländern zur Gewohnheit gewordene Sauna,
begleitet von Bewegung und Atmung im Freien, übt eine wohltuende Wirkung
auf den körperlichen und seelischen Zustand aus.
5. Das Fasten in den Perioden der starken Reizbarkeit, die jeder kennt und an
sich selber feststellen kann. Nicht nur die Qualität, sondern auch die Quantität
der Speisen spielt für die Gesunderhaltung des Körpers und bei der Beseitigung
der Überreizung der Geschlechtsorgane eine große Rolle. Im allgemeinen soll
man Mäßigkeit in der Ernährung üben. Die übermäßige Ernährung ist an vielen
Krankheiten und Leiden schuld. Unruhiger Schlaf, trübe Träume und sinnliche
Erregungen rühren oft von überfülltem Magen her. Die Ernährung spielt also in
der Kunst der Umwandlung eine große Rolle.
6. Die Beseitigung der Verstopfung und der Verdauungsstörungen. Diese
verursachen Schlaflosigkeit und sinnliche Träume, Aufreizung und
unwillkürlichen Verlust der schöpferischen Kraft und wirken hemmend auf die
seelisch-geistige Stimmung des Menschen. Sie hindern die Erleuchtung des
Verstandes und sind unheilvoller als man denkt. Sie benebeln das Gehirn,
verstimmen das Gemüt und erzeugen seelische Beklemmung und
Verkrampfungen.
7. Das tiefe rhythmische Atmen. Seine Wirkung ist undenkbar größer, als man
sich vorstellen kann. Es hilft zugleich zur Reinigung und Verdunstung sowie zur
Übertragung und Verteilung der Lebenssubstanz in verschiedene Teile des
Körpers.
Das tiefe rhythmische Atmen ist, wenn es richtig ausgeführt wird, das
wirksamste physische Mittel für diese Kunst der Umwandlung oder
Sublimierung. Einige Minuten tiefes Atmen beseitigt schon die sinnliche
Erregung.
Da aber jeder Mensch eine andere organische Konstitution und Veranlagung
besitzt und das Herz als Hauptorgan der Atmung in Anspruch genommen wird,
müssen die großen Atemübungen für diesen Zweck unter der Leitung oder
Anweisung und Aufsicht eines berufenen Atemlehrers oder Arztes erfolgen.
In diesem Zusammenhang möchten wir die "Autobiographie eines Yogi" von
Paramahansa Yogananda empfehlen (O. W. Barth Verlag)
Bei der Verdunstung und Verteilung der Lebenssubstanz im Körper spielt der
Atem die größte Rolle. Die Wichtigkeit und die siebenfache Art des Atmens ist
in meiner Schrift: "Ein Weg in die Zukunft der Menschheit", Zürich 1947, erklärt
worden. Diese Rolle werde ich im nächsten Abschnitt erklären. Hier möchte ich
erwähnen: Bewußtes Atmen bedeutet, beim Atmen sich vorzustellen und zu
denken, daß man die schöpferische Kraft und den Heilstrom des Gottesgeistes
und der Worte einatmet und wirklich erfühlt und erlebt. Für diesen Zweck kann
man z. B. beim Atmen laut oder im Herzen sprechen:
"Ich atme Frieden ein und aus. Ich atme Ruhe ein und aus."
"Ich atme Heilkraft ein und aus usw."
8. Die Regulierung wie auch Verkürzung der Zeit des Schlafes, weil, wie es
bekannt ist, die Erregung der sinnlichen Lust und die meisten unwillkürlichen
Verluste der Lebenssubstanz während des Schlafes geschehen. Dies ist ein
Mittel, das mit größter Vorsicht angewandt werden soll. Jeder muß selbst den
Maßstab für sich finden und darf niemals Gewalt anwenden. Wenn aber die
andern Mittel richtig und genügend erprobt und geübt werden, wird der Schlaf
von selbst sehr ruhig und kurz werden, ohne daß der Körper dadurch zu
Schaden kommt. Die geistig geschulten und erleuchteten Menschen können
mit wenigen Stunden Schlaf gesund und dabei leistungsfähig bleiben. Den
großen Meistern genügen täglich 3 bis 4 Stunden Schlaf, um den Körper
arbeitsfähig zu erhalten. Da die unwillkürlichen Samenverluste meist im letzten
Teil der Nacht stattfinden, ist daher das Frühaufstehen als Vorbeugungsmittel
sehr zu empfehlen.
9. Die Beobachtung, Kontrolle und Beherrschung der Träume, denn diese bilden
den Schlüssel zur Selbsterkenntnis und Selbstüberwindung. Sie dienen der
Beseitigung der trüben Träume und der Feststellung der Wirkungen aller
anderen Mittel. Sie dienen auch zur Läuterung des Gemüts und zur Reinigung
des Herzens.
Man kann seine Träume durch besondere Machtworte oder Sprüche, Gebete,
Anrufungen und Suggestionen oder Willensäußerungen regulieren und läutern,
so daß man nur heilvolle Träume haben oder nur das träumen kann, was man
will. Was man beim Einschlafen als Befehl oder Suggestion dem
Unterbewußtsein zur Erfüllung erteilt, das wird es im Laufe des Schlafes
ausführen, wie man es oft für das Aufwachen zu bestimmter Stunde mit
großem Erfolg vollbringt. Zu diesem Zweck kann man z. B. folgende Gedanken
kurz vor dem Einschlafen laut oder leise einige Male aussprechen:
"O mein Körper! Du wirst ganz ruhig, entspannt und ohne Erregung
einschlafen. Du wirst nur reine, herrliche Träume haben und die Belehrungen
und Anweisungen meiner göttlichen Seele aufnehmen und sie in ihrer Reinheit
meinem Gedächtnisorgan übermitteln. Du wirst himmlisch-selige Ruhe
empfinden und erleben."
10. Ein normales und natürliches Leben führen. Das Kulturleben hat den
Menschen zugleich von der Natur und von Gott entfernt. Sein Körper kommt
selten mit Mutter Erde, Luft und Licht in Berührung und seine Seele noch
seltener in wahre, innige Gemeinschaft mit Gott, ihrem himmlischen Vater oder
geliebten Schöpfer. Alles ist heute gekünstelt und mechanisiert im Leben des
Kulturmenschen. Auch die Liebe, die herrlichste aller himmlischen Gaben der
Seele, ist entheiligt worden. Man soll sie wieder zu ihrer ursprünglichen
Reinheit und Heiligkeit erheben.
Bei allen diesen Mitteln und Übungen müssen die drei Prinzipien der Weisheit,
die ich in Abschnitt a) erwähnt habe und die ich hier wiederhole, erfüllt werden:
1. Vorbeugen gegen eine Gefahr ist viel besser als die Bekämpfung derselben.
2. Die Übertreibung ist die Wurzel alles Übels.
3. Ausdauer und Beharrlichkeit führen schließlich zum Sieg.

c) Die Rolle des bewußten Atmens und des Sonnengeflechts


Die materielle Umwandlung der Lebenssubstanz oder die physikalische
Alchimie im Körper muß mit der seelisch-geistigen Umwandlung oder Alchimie
Hand in Hand gehen.
In dieser Kunst spielen das Sonnengeflecht und das bewußte esoterische
Atmen eine große Rolle. Dies soll hier andeutungsweise ganz kurz erklärt
werden.
In der Kunst der Umwandlung wie auch in der esoterischen Meditation spielt
das bewußte Atmen eine große Rolle. Wie in der physikalisch-materiellen
Alchimie die eingeblasene Luft das Feuer des Ofens erhält, so ist es auch mit
dem bewußten Atmen in der körperlichen Alchimie.
Durch das bewußte Atmen werden neben der Belebung der Organe des
Körpers, die äußere und die innere Welt, mit andern Worten, das geistige und
das materielle, das objektive und das subjektive Leben miteinander verbunden.
Daraus wird eine Wechselwirkung der Aktion und Reaktion zwischen den beiden
Welten entstehen, und diese werden sich gegenseitig befruchten.
Durch esoterische Meditation gelangen wir zur Erkenntnis, daß zwischen dem
Materiellen und dem Geistigen im Menschen ein Ineinanderwirken, eine
Verschmelzung stattfindet und daß diese beiden Welten eigentlich eine Einheit
bilden.
Bewußtes und geistiges Atmen besteht darin, daß man sich beim Ein- und
Ausatmen durch die Vorstellungskraft einen schöpferischen Strom des seligen
Friedens vorstellt und ihn mit Hilfe der Willenskraft auf die wichtigsten
Kraftzentren oder Organe des Körpers überträgt. Wer z. B. den Sinnspruch "Das
Leben fließt aus Dir und wirkt in mir, o Gott!" im Herzen spricht und dabei tief
atmet, muß sich zugleich ganz klar vorstellen, daß ein neuer Lebensstrom in
seinem Körper eindringt und diesen belebt und stärkt.
Er kann dann diesen Heilstrom bewußt empfinden und ihn willkürlich auf ein
Organ, das er beleben und stärken will, übertragen.
So muß es mit allen Meditationssprüchen geschehen. Man soll alles empfinden
und erleben, was man ausspricht oder sich vorstellt und denkt. Folgende
Vorstellungsbilder können für diesen Zweck gebraucht werden:
1. Wir stellen uns vor, daß wir unter einer Lichtbrause stehen, die den geistigen
Heilstrom über unseren Körper ergießt.
2. Oder wir stehen unter einem Springbrunnen aus Licht, der mit seinem
heilwirkenden Lichtstrom unseren Körper reinwäscht.
3. Wir stellen uns vor, daß wir unter den belebenden Strahlen der Geistessonne
stehen, die unseren Körper durchströmt und durchflutet.
4. Wir können uns vorstellen, daß ein goldenes Licht aus unserem Herzen
aufsteigt und sich immer mehr vergrößert, bis es wie eine Sonne unseren
ganzen Körper umhüllt und durchströmt.
5. Wir können uns vorstellen, daß unser Körper wie ein Punkt im Zentrum einer
glühenden Sonne liegt, die unseren göttlichen Geist darstellt und die unsere
Umgebung beleuchtet und mit ihrem Heilstrom durchdringt.
Vom Standpunkt der esoterischen Mystik aus sind unter allen Organen des
Körpers das Herz, das Sonnengeflecht und das Gehirn die wichtigsten, worauf
sich der esoterisch Meditierende konzentrieren kann. Sonnengeflecht und Herz
sind Kraftzentren für Triebe und Gefühle, das Gehirn für den Willen und die
Gedanken. Durch Übung des bewußten Atmens werden also Triebe, Gefühle,
Wille und Gedanken gereinigt, geläutert und erleuchtet, d. h. göttlich
umgestaltet. Dies ist der Vorgang der seelisch-geistigen Alchimie.
Ich muß aber wiederum betonen, daß der Beweggrund aller Übungen von
Herrschsucht und Gier nach magischen Kräften, nach Geld und Macht, frei sein
muß, denn sonst verwandelt sich der Heilstrom in vernichtendes Gift und
erzeugt Elend und Unheil, wie bei den Schwarzmagiern.
Da vielen Menschen die Wichtigkeit und die geistige Rolle des Sonnengeflechts
unbekannt ist, mögen folgende Worte andeutungsweise zur Erklärung dienen.
Das Sonnengeflecht bildet das Hauptgeflecht des sympathischen
Nervensystems und liegt etwa in der Höhe des Magens bzw. der
Brustbeinspitze auf der Wirbelsäule. Wegen der sonnenartigen Form seiner
nach allen Richtungen hinziehenden Ausläufer wird es Sonnengeflecht genannt.
Es ist die hochempfindliche Empfangs- und Sendestation des sympathischen
Nervensystems. Es untersteht nicht so sehr der Bewußtseinskontrolle und dem
Willensimpuls. Deshalb sind seine Regungen und Wirkungen unbewußt und
unwillkürlich.
Dr. Herbert Fritsche sagt:
"Der ,Lebensleib', der also in gewissem Sinne ein ,Sonnenleib' ist und im
Sonnengeflecht ein wichtiges Zentrum besitzt, das die Verbindungsstation
zwischen ihm und dem körperlichen Leben einerseits, ihm und dem geistigen
Leben anderseits darstellt, ist in allerhöchstem Maße mit den Sonnenrhythmen
verbunden.
Unser Sonnengeflecht ist beeindruckbar und erziehbar durch Bilder, durch
starke bildhafte Vorstellungen, die wir mit Hilfe des Geistes in unserer Seele
schaffen und formen."
Der med. F. Schwab bezeichnet das Sonnengeflecht als "strahlend, in den
Kosmos hinausragend, als Schwerpunkt des Leibes und der Seele." Er sagt:
"Das Herz des Menschen ist in Wirklichkeit das Sonnengeflecht."
Das Sonnengeflecht ist aber zugleich das Tor zum Eindringen der Eindrücke der
äußeren irdischen Welt, vor allem aber unserer unmittelbaren Umgebung,
welche unsere seelischen Zustände und dadurch auch den Zustand unseres
Körpers beeinflussen. Daher die Bedeutung dieses Organs. Durch tiefes
bewußtes und freiflutendes Vollatmen können wir das Sonnengeflecht stark
beleben und reinigen. Dies dient dann zur Verfeinerung und Veredlung unserer
sinnlichen Triebe und Gefühle und erleichtert den Vorgang der Umwandlung.
O Mensch! Du großes Mysterium der Schöpfung! Wie geheimnisvoll aufgebaut
ist dein Organismus!

FÜNFTES KAPITEL

Die seelisch-geistigen Mittel der Umwandlung


Durch reines Fühlen und Denken wird der Mensch Meister über seine Triebe und
Sinne.

a) Die seelisch-geistige Alchimie


Die gewaltige Wirkung des Geistes und der Seele auf den Körper, besonders bei
der Entstehung und Heilung der Krankheiten, ist eine unleugbare Tatsache, die
auch von den modernen Ärzten bestätigt wird.
Da der Geist das Primäre im Menschen ist und die größte schöpferische Kraft
besitzt, spielen die Gedanken in der Kunst der seelisch-geistigen Alchimie, die
mit der körperlich stofflichen Umwandlung Hand in Hand gehen muß, die
größte Rolle. Reine Gesinnung und lichtvolle Gedanken bilden daher den
Schlüssel zur Kunst der Umwandlung und der Seelenheilung.
Die Wirkung des Denkens in der Gestaltung des Lebens und des Schicksals des
Menschen ist jedem einsichtigen Denker klar. Die großen geistigen Führer der
Menschheit haben dies genug betont, wie z. B. Gautama Buddha mit seinem
bekannten Spruch: "Im Denken ruht des Schicksals Saat."
In der Kunst der seelisch-geistigen Alchimie kommt in erster Linie die
Beherrschung und Umwandlung der drei Hauptkräfte der Seele, nämlich der
Gefühle, Gedanken und Willenskraft in Frage. Diese üben ja auf das
menschliche Leben und Schicksal die größte Wirkung aus.
Bei der Ausführung dieser Kunst müssen wir uns eine sehr wichtige Tatsache
vor Augen halten:
Die unreinen niederen Gefühle und Gedanken, welche die unedlen Metalle
darstellen, die in der physikalischen Alchimie in Gold verwandelt werden sollen,
haben im Grunde genommen kein selbständiges Dasein.
Dies ist der größte Unterschied zwischen den beiden Arten der materiellen und
der seelisch-geistigen Alchimie, der immer festgehalten werden muß.
In der physischen Alchimie sind die unedlen Metalle, wie
z. B. Blei, Quecksilber usw. selbständige, ursprüngliche Elemente wie die edlen
Metalle. In der seelisch-geistigen Alchimie dagegen haben die unedlen Gefühle
und Gedanken, welche die Laster und die negativen Geisteskräfte bilden, kein
ursprüngliches Dasein, sie sind die Schatten oder verdorbenen Formen der
Tugenden und der positiven Geisteskräfte. Sie entstehen nur aus dem
Mißbrauch der positiven Kräfte. Die Laster, wie z. B. Haß, Neid, Grausamkeit,
Lüge usw., sind mißbrauchte oder verdorbene Liebe, Wohlwollen, Güte,
Wahrhaftigkeit usw.
Unter den Tugenden und schöpferischen Geisteskräften und ihren Gegensätzen
besteht also keine Polarität, sondern eine Dualität. Deshalb sind die negativen
Gegensätze der Tugenden und der positiven Geisteskräfte zeitliche und
vergängliche Erscheinungsformen und daher überflüssig. Sie müssen also
unbedingt beseitigt, d. h. umgewandelt werden.
Dieses wichtige Gesetz und diesen großen Unterschied zwischen den polaren
und den dualen Gegensätzen habe ich in meiner Broschüre "Die
Harmonisierung des täglichen Lebens", welche das 4. Heft der
allgemeinverständlichen Schriften über die wichtigsten Lebensprobleme bildet,
ausführlich erklärt. Dieses wichtige Gesetz erleichtert undenkbar die Ausübung
der Kunst der seelisch-geistigen Alchimie.
Bei dieser Umwandlung handelt es sich nicht um zwei verschiedene Kräfte, von
denen die eine unedel und die andere edel ist, wie Blei und Gold, sondern nur
um eine einzige Kraft oder geistige Substanz, die befleckt worden ist und
reingewaschen werden muß. Haß und Liebe z. B. sind im Grunde nicht zwei
selbständige Dinge, sondern der Haß ist nichts anderes als befleckte,
mißbrauchte Liebe. Wenn wir die Liebe von allen Flecken der Selbstsucht
reinwaschen, dann verschwindet der Haß von selbst, gleich wie die Finsternis
verschwindet, sobald das Licht angezündet wird. So ist es auch mit allen
anderen Lastern und negativen Seelenkräften.
Danach ist die geistige Alchimie oder Umwandlung einer gröberen Substanz in
eine feinere nichts anderes als die Reinwaschung einer befleckten, seelisch-
geistigen Substanz. Sie ist also eine chemisch-geistige Reinigung.
Auf Grund dieser großen Erkenntnis und Tatsache gelangen wir zu der
erlösenden Wahrheit, daß wir, um uns von allen Lastern und negativen
Gefühlen und Gedanken zu befreien, uns nur mit ihren positiven Formen oder
Gegensätzen beschäftigen sollen. Dies bedeutet, daß wir überall und immer
nur die positiven Gefühle und Gedanken bejahen, betonen und hervorheben
sollen. Dann verschwinden ihre negativen Gegensätze, die nur Schatten und
Flecken sind, von selbst.
Wir brauchen und dürfen uns überhaupt nicht darum kümmern und quälen,
wieviel wir gesündigt und welche Laster und Schwächen wir haben, sondern wir
müssen alle unsere Kräfte daransetzen, um reine, edle und göttliche Gefühle
und Gedanken zu schaffen und auszustrahlen. Diese werden dann unsere
Wünsche, Worte und Handlungen rein und göttlich gestalten und alle Keime der
bisherigen, ungöttlichen Gefühle und Gedanken reinigen und ihre
Rückwirkungen umändern.
Dies ist die erlösende Wirkung der göttlich erhabenen Kunst der seelisch-
geistigen Alchimie oder Umwandlung.
Selig, wer sich diese Kunst erringt, denn er wird nicht nur die Erlösung seiner
Seele vollbringen, sondern auch als Vorbild einen großen Dienst zur Befreiung
der Menschheit leisten.
Ich bemerke noch, daß die Ausdauer das Kennzeichen des diamantenen Willens
und der Stein der Weisen in dieser geistigen Alchimie ist. Wer das herrliche Ziel
der Erlösung erreichen will, der muß unermüdlich mit voller Hingabe und
Beharrlichkeit nach Selbstüberwindung ringen und diese Kunst ohne Unterlaß
ausüben. So wird er unbedingt sein Ziel erreichen und die Krone des Sieges auf
seinem Haupte tragen dürfen.
Er wird berechtigt, seine himmlische Seligkeit und Macht wie folgt zum
Ausdruck zu bringen:
Lange habe ich mit freudigem Opfermut tiefe Schluchten und steile Felsen bei
Tag und bei Nacht durchwandert. Glaube, Mut und Gottvertrauen, Zuversicht,
Geduld und Ausdauer sind stets meine Rüstung gewesen. Manche
herzbrechende Leiden hab ich zu ertragen erhalten. Die Hoffnung hat mir nie
versagt! Allumfassende Liebe, Opferwilligkeit, Hingabe und Standhaftigkeit
haben mich zum Ziele geführt. Umgewandelt und erlöst, will ich mein Leben in
Demut und Dankbarkeit der Erlösung der Menschheit weihen!

b) Die seelisch-geistigen Mittel


Folgende Regeln und Übungen dienen zugleich zum Erlangen der körperlich-
stofflichen wie auch der seelisch-geistigen Umwandlung oder Alchimie. Sie
erfüllen einen zweifachen Zweck: den Verbrauch der Lebenssubstanz für
schöpferische Werke und die Ablenkung des Gemüts von den sinnlichen
Gefühlen und Gedanken und das Konzentrieren desselben auf göttlich
erhabene Ideen und höhere Geistessphären.
1. Künstlerische Betätigung in jeder Form und Art, vor allem das Singen,
Rezitieren, Vortragen und auch lautes Lesen. Alles, was uns mit der Schönheit
und Harmonie der Natur verbindet, wirkt heilvoll und erlösend. Jeder Mensch
hat ohne Ausnahme irgendeine künstlerische Begabung, die erweckt und
betätigt werden soll. Die künstlerischen Tätigkeiten verbrauchen den
Überschuß der Lebenssubstanz, veredeln die niederen Regungen, besänftigen
die erregten Nerven und erheben die Schwingungen der Zellen auf eine
höhere, spirituelle Ebene.
2. Das Vermeiden der die Sinnlichkeit erregenden und die niederen Triebe
aufreizenden Lektüre in jeglicher Form, die sich verführerisch auswirken kann.
Viele reine, unschuldige Menschen, besonders unter der Jugend, werden
dadurch verführt und verdorben. Die vergiftende Wirkung der unreinen Lektüre
auf Körper und Seele ist viel größer als man sich denkt. Es gibt aber
glücklicherweise genug reine, erhebende und gesunde Literatur und
Kunstwerke, welche edle Gefühle und Gedanken erwecken und die Seele
ernähren und entzücken.
Die Kunst hat bei der Erweckung der göttlichen Gefühle und Gedanken eine
wichtige Aufgabe zu erfüllen. Der seelisch-moralischen Erhebung und
Vergöttlichung der Natur des Menschen zu dienen, ist die heilvolle
Hauptaufgabe der wahren Kunst. Sie ist berufen, überall das Wahre und das
Schöne in der Natur wie auch im Menschen hervorzuheben und erlebbar zu
machen. Die göttliche Aufgabe der Kunst ist in meiner noch nicht
veröffentlichten Schrift "Die Fortschritte der Kunst im neuen Zeitalter"
eingehend erklärt worden.
Kunstmaler GEN schreibt treffend folgendes: "Das Vorbild für unsere Zeit der
Harmonie muß der spirituelle Künstler, nicht der einseitige Wissenschaftler und
nicht der weltfremde Heilige sein. Im Zeitalter der Harmonie muß die Geist-
Seele den Körper und den Intellekt führen. Statt unerleuchtete Tatmenschen
braucht die neue Zeit: schöpferische Gestalter des Lebens, also wieder
Künstler, in denen sich Wissen und religiöses Empfinden vereinigt."
3. Das Vollbringen und Erleben religiöser Kulte, Riten und Handlungen. Diese
können zur Läuterung des Gemüts und zur Umwandlung der niederen Triebe
und der Lebenssubstanz beitragen, wenn sie im Geiste der neuen Zeit erfaßt
und ausgeführt werden. In diesen kultischen Handlungen sollen nicht nur die
Gefühle, sondern auch der Verstand und die Vernunft des Menschen genährt
und aufgeklärt werden. Die Art solcher erhebenden und von jeder Seele
erlebbaren Kultform habe ich in meinem Manuskript "Der religiöse Kult im
neuen Zeitalter" mit vielen Beispielen dargelegt. Vor allem können Gebete,
Anrufungen und Meditationen, besonders wenn sie laut und inbrünstig
gesprochen oder gesungen werden, sehr viel der Veredlung der Natur und der
Erhebung der Gefühle und Gedanken dienen. Die Machtsprüche und Lieder der
mystisch-esoterischen Schule z. B. sind am besten für diesen Zweck geeignet.
4. Die Pflege der erhebenden guten Musik. Die höheren, feineren
Schwingungen der guten Musik lösen alle seelischen Hemmungen und
Verkrampfungen und entgiften den Körper von schädlichen Elementen und
Schwingungen. Jede Seele ist je nach der Stufe ihrer Entwicklung für eine
bestimmte Musik oder Melodie besonders aufnahmefähig. Dennoch kann auch
die Empfänglichkeit für höhere Tonschwingungen durch Übung erworben
werden. Musizieren kann nicht jeder, aber singen und hören können fast alle
Menschen. Dies wirkt ebenfalls befreiend und erhebend.
Im neuen Zeitalter wird die Musik in der Heilkunde und vor allem in der
psychologischen Heilkunst eine eminente Rolle spielen. Wie oft hat ein
Musikstück, ein Lied oder ein Gedicht die stärkste sinnliche Erregung
vollständig beseitigt und in Seligkeit verwandelt!
5. Die vollständige Beherrschung der Gefühle und der Vorstellungskraft, so daß
jedes unreine und unerwünschte Gefühl oder Vorstellungsbild sofort
aufgehoben oder durch reine, erhabene Gefühle und Vorstellungsbilder ersetzt
wird. Diese Fähigkeit der Umwandlung der negativen Gefühle und Bilder in
positive ist sehr wichtig. Dadurch können Herz und Gemüt ständig von stark
erregenden Eindrücken frei und rein und für heilsame Gefühle und Gedanken
aufnahmefähig erhalten werden.
Auf der ersten Stufe der Meditation der mystisch-esoterischen Schulung wird
die Vorstellung der erwünschten Objekte, z. B. einer weißen Rose, des Bildes
eines Meisters, eines Heiligen usw. gepflegt und geübt, um die Kunst der
Konzentration und der Umwandlung meistern zu lernen.
Auf der höheren Stufe der Schulung und der Meditation werden die Bilder und
sogar die Gedanken völlig ausgeschaltet und die Entleerung des Gemütes
gelernt und vollzogen. Auf dieser höheren Stufe wird völlige Ruhe,
Losgelöstsein, Selbstvergessen oder Entrückung erreicht werden.
Auf der ersten Stufe herrscht Glauben, Sich-vorstellen und Erkennen, auf der
letzten Stufe aber inneres Schauen, Erleben und Schweigen vor. (Siehe darüber
mein Buch: "Wie sollen wir meditieren?", 2. Auflage, Zürich 1938. Neue Auflage
erscheint im Jahre 1950.)
6. Die Beherrschung der Gedanken, die Beseitigung aller düsteren, unreinen
Vorstellungen und Gedankenbilder und ihre Ersetzung durch reine, positive,
harmonische und göttliche Gedanken und Vorstellungsbilder. Die
Gedankenzucht oder die Meisterung des Denkvermögens ist die unentbehrliche
Bedingung für das Vollbringen der Umwandlung und der Wiedergeburt der
Seele. Durch tägliche systematische Prüfung und Kontrollieren kann man die
Beherrschung und Umgestaltung der Gedanken leicht lernen und vollbringen.
7. Das Erwecken und Herrschenlassen des höheren göttlich geistigen Willens,
um mit seiner gebieterischen Macht alle angegebenen Regeln und Gebote
ungehemmt ausführen zu können. Mit Hilfe dieses geistig-diamantenen Willens
können alle unerwünschten, negativen und zerstörenden Gefühle, Wünsche,
Triebe und Gedanken sofort in positive und göttliche umgewandelt oder ihre
zerstörenden Wirkungen aufgehoben und beseitigt werden. Durch die Macht
eines solchen, von Gottesweisheit erleuchteten und geleiteten Willens können
alle Versuchungen und Verführungen überwunden werden.
Nach der Lehre der großen erleuchteten Weisen sind diese drei letzteren Mittel,
nämlich die Beherrschung der Gedanken, Gefühle, Vorstellungs- und
Willenskraft das wirksamste Mittel für die Umwandlung. Denn dadurch wird der
Mensch Herr über seinen Körper und sein Leben; er wird sie meistern. Dadurch
erst wird die Ausführung der andern erwähnten Bedingungen ermöglicht und
erleichtert.
Einen sicheren Weg für diese Selbstbeherrschung bietet die mystisch-
esoterische Schulung. Die Yogalehrbriefe von Paramahansa Yogananda zählen in
dieser Hinsicht zum Besten (zu beziehen durch: Gemeinschaft der
Selbstverwirklichung, 90482 Nürnberg, Laufamholzstr. 369)
Hier möchte ich die Leser nochmals an zwei bereits erwähnte Gebote oder
Prinzipien der göttlichen Weisheit erinnern:
1. Vermeide jede Überanstrengung und Übertreibung und das Gewaltantun,
denn sie können nur zu Mißerfolg und Vernichtung führen. Geduld und
Ausdauer sind aber die sichersten Mittel zu Erfolg und Sieg.
2. Halte das Motiv, d. h. den Beweggrund der Umwandlung und aller deiner
Taten, überhaupt von unreinen Absichten der Gewinn- oder Machtsucht rein
und frei. Diese führen zur schwarzen Magie, d. h. zum Mißbrauch der Kräfte für
selbstsüchtige und böse Zwecke und schließlich zum Abgrund des Elends und
Verderbens.
Hüte dich, diese heilig-göttliche Kunst der Umwandlung mit unreiner Absicht
des Erringens magischer Kräfte erwerben zu suchen, denn du wirst nur bittere
Reue und großes Unheil ernten. Dein Beweggrund soll immer sein, dich geistig
auszurüsten, um der Wahrheit und der leidenden Menschheit zu dienen und zu
helfen.
Heil dem, der mit reinem Herzen nach einem göttlichen Ideal strebt!
Der schöpferische Geist Gottes in dir, als dein wahres, höheres Selbst, ist die
Quelle der göttlichen Macht und Weisheit in dir. Laß ihn sich in dir offenbaren
und dein Leben leiten. Er allein vermag alle Schlacken in deiner Brust zu
verzehren, dein Herz zu läutern und deinen Verstand zu erleuchten, wenn du
dein eitles Ich opferst und dich ihm völlig hingibst!
Heil dir und Heil allen Wesen!

c) Die Heiligung der Liebe


Die Wirkung der seelisch-geistigen Umwandlung oder neuen Denk- und
Lebensweise wird vor allem und am stärksten in unserer Liebe spürbar. Die
sinnlich-persönliche Liebe wird sich allmählich umgestalten und in
allumfassende, unpersönliche Liebe umwandeln, d. h. sich läutern und
vergöttlichen.
Wir werden den wahren, edlen Zweck der sinnlichen Liebe richtig verstehen
und sie für das Wohl der Menschheit verwenden.
Die Gottesweisheit wird uns folgende Wahrheiten erkennen lassen:
1. Mann und Frau haben die Pflicht, durch reine Liebe zur Entfaltung der
göttlichen Kräfte ihrer Seele sich gegenseitig zu helfen.
2. Mißbrauchte oder mißgeleitete Liebe kann mehr Unheil stiften als irgendeine
Schwäche oder ein Laster.
3. Kein Mensch kann sich von der Liebe frei machen, d. h. ohne Liebe bleiben.
Selig aber der, welcher seine Liebe von allen Begierden frei hält.
4. Durch die Glut reiner, göttlicher Liebe werden die Triebkräfte sich
verschmelzen und in schöpferische Fähigkeiten umwandeln. Der triebhafte
Mensch wird zum Licht- und Geistesmenschen.
5. Alles in der Welt hat eine Entwicklungs- und Reifezeit, sowohl das geistige
Erwachen als auch die sinnliche Liebe und Lust.
6. Vorzeitige Befriedigung der sinnlichen Triebe hat viele unschuldige Menschen
ins Verderben und Unglück geführt. Selig, wer durch Selbstbeherrschung die
Kunst des Abwartens gelernt hat.
7. Mäßigkeit ist der Eckstein des Tempels der Weisheit.
8. Jede Tat wie auch jede Tugend soll das ihr zukommende Maß einhalten.
9. Die seelisch-geistige Verbundenheit verwandelt die sinnliche Leidenschaft in
göttlich erhabene allumfassende Liebe.
10. Die geistig unreifen Menschen lassen ihren Körper sich zügellos ausleben
und leiden später darunter. Körperliche Lust macht sie geistig blind.
11. Sinnliche Lust ist keine wahre Liebe, sondern nur Leidenschaft, denn wahre
Liebe hat ihre Heimat im seelisch-geistigen Bereichen des Lebens.
12. Wahre Liebe schafft Reinheit und Klarheit im Fühlen, Denken und Handeln.
Viele Menschen müssen aber erst durch Leiden, Bitterkeit und Not zu dieser
Klarheit gelangen.
13. Wahre Liebe hat mit Gefühlsduselei nichts zu tun, und sie kennt kein
Begehren und keine Gewalt, sondern nur Hingabe und Selbstaufopferung. Sie
gebietet gegenseitige Achtung, Ehrlichkeit, Offenheit, Freiheit und Vertrauen.
14. Wahre Liebe erlaubt keine Träumerei und gebiert weder Täuschung noch
Enttäuschung, sondern macht den Menschen zum Meister über den Körper und
gewährt ihm unerschütterliche Zuversicht, Treue und Seligkeit.
So soll die Liebe geheiligt und vergöttlicht und zum unversiegbaren Quell
ewigen Heils und Segens werden!
Selig, wer reine, heilige Liebe in sich zur Herrschaft bringt, denn er wird die
Meisterschaft erlangen. Aus dem Herzen seiner befreiten Seele wird der
weltberauschende Sang des "Hymnus an die göttliche Liebe" im Weltall
erklingen:

Hymnus an die göttliche Liebe!


Ehre und Preis sei Dir, Du himmlisch reine Liebe!
Mich in Deine Herrlichkeit versenkend, betrachte ich die Wunder dieser Welt!
Ich erkenne tief im Weltall das tausendfache Wirken Deiner Macht.
Dieses Schauen Deiner Wunderwerke gibt mir Frieden, Kraft und Harmonie!
Deine Allgegenwart gewährt mir das unaussprechlich reine Glück!
Durch Dich habe ich nun mich selbst, mein Ziel, die Welt und Gott erkannt!
Noch einmal erschalle, o Schöpfungswort, und mache der Menschheit Seele
frei!
Laß auferstehen die geistig Toten und führe sie dem Lichte der Wahrheit zu!
Im Heiligtum Deines großen Tempels gib ihnen der Erlösung göttliche Weihe!
Daß sie durch Deiner Allmacht Kraft das Leben schöpferisch durchwirken!
Dein Heil und Dein Segen allen Wesen!