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Christian Benne

Nietzsche und die historisch-kritische Philologie

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Monographien und Texte
zur Nietzsche-Forschung

Begründet von

Mazzino Montinari · Wolfgang Müller-Lauter


Heinz Wenzel

Herausgegeben von

Günter Abel (Berlin)


Josef Simon (Bonn) · Werner Stegmaier (Greifswald)

Band 49

Walter de Gruyter · Berlin · New York

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Nietzsche und die
historisch-kritische Philologie

von

Christian Benne

Walter de Gruyter · Berlin · New York

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Gedruck mit Unterstützung von
Det Humanistiske Fakultet, Syddansk Universitet

Anschriften der Herausgeber:


Prof. Dr. Günter Abel
Institut für Philosophie
TU Berlin, Sekr. TEL 12/1
Ernst-Reuter-Platz 7, D-10587 Berlin
Prof. Dr. Josef Simon
Philosophisches Seminar Λ der Universität Bonn
Am Hof 1, D-53113 Bonn
Prof. Dr. Werner Stegmaier
Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Institut für Philosophie
Baderstr. 6 - 7 , D-17487 Greifswald

©Gedruckt auf säurefreiem Papier,


das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISBN 3-11-018442-7
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen


Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

© Copyright 2005 by Walter de Gruytcr GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer-
halb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig
und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und
die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in C iermany
Einbandcntwurf: Christopher Schneider, Berlin

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für Rebecca, l^aura und Gabriel

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Die gesammte φλ[Philologie] ist gewissermaaßen nichts andres als Kritik. Die
Kritik als Kunst kann nur an Schriften geübt werden, und zwar an klassischen.
Alles ist vereinigt hier: poetische Kritik, grammat. [ische] philologische, histori-
sche, philosophische. — Dasselbe gilt auch wohl von Grammatik und Hermeneutik.
(F. Schlegel, Zur Philologie I, [154])

Je mehr das Material anwuchs, um so höher steigerten sich die Ansprüche an die
sorgfältigste Genauigkeit in der Behandlung des Einzelnen; die immer mehr in
die Breite gehende Detailforschung konnte nur durch eine in die Tiefe gehende
Auffassung des Ganzen beherrscht werden; je freier und höher die Idee dieses
Ganzen, dem man zustrebte, gefaßt wurde, um so strenger und schärfer mußte
die Disciplin der philologischen Methode und Technik in fortschreitender Aus-
bildung gehandhabt werden. (Otto Jahn, Bedeutung und Stellung der Alterthumsstudien
in Deutschland)

Die sogenannte Krise in den heutigen Geschichtswissenschaften gäbe es kaum,


so meine ich, trüge man das Wissen von den Grundlagen in Methode und Ethos
geisteswissenschaftlicher Arbeit bewußter mit sich. (Dieter Wuttke, Aby Warburgs
Methode als Anregung und Aufgabe)

Of course you can have hard-and-fast rules if you like, but then you will have
false rules, and they will lead you wrong; because their simplicity will render them
inapplicable to problems which are not simple, but complicated by the play of
personality. (A.E. Housman, The application of thought to textual aitiasm)

Dans le domaine proprement litteraire, le contexte implique une familiarite avec


d'autres textes, connus de l'auteur, ou utilises par lui, ou leurs equivalents, pour
etre bien en etat de mesurer les possibilites de sens. (Jean Bollack, Sens contre sens.
Comment lit-onf)

Gibt der Autor zu viele Belege, so wird sein Buch unlesbar; gibt er zu wenige, so
schwächt er die Beweiskraft. (Ernst Robert Curtius, Europäische 'Literatur und latei-
nisches Mittelalter)

Ein Ding, ganz allein, würde gar nicht existieren — es hätte gar keine Relationen.
Z.B. mein Buch. (Nietzsche, V 12[17]).

Ich will lange nicht verstanden sein.


(Nietzsche, VII 7[155])

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Danksagung

Es ist mir Bedürfnis, all jenen zu danken, die mir Rat und Hilfe angedeihen lie-
ßen. Für Fehler und Missverständnisse trage ich selbstredend die alleinige Ver-
antwortung.
Das vorliegende Buch ist eine leicht überarbeitete Version meiner im Jahr
2003 fertiggestellten Doktorarbeit, die ich im Juni 2004 am Institut für Allgemei-
ne und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin vertei-
digt habe. Meinem Doktorvater Gert Mattenklott gebührt Dank an erster Stelle,
und zwar nicht um der Konvention willen (nichts gegen Konventionen -), son-
dern für seine unerreichte Liberalität und subtile Anregung. Daneben möchte ich
Werner Stegmaier herausheben, dem ich entscheidende Anstöße und Hinweise
verdanke. Die Genannten ermunterten mich unabhängig voneinander, die vorlie-
gende Abhandlung, die im Keim zunächst als theoretisch-methodischer Beitrag
einer anderen Studie geplant war, zur Dissertation auszuarbeiten. Für die Über-
nahme des Zweitgutachtens danke ich besonders herzlich Bernd Seidensticker,
von dessen Vorschlägen und Korrekturen die Arbeit viel profitiert hat. Den Her-
ausgebern der „Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung", neben
Werner Stegmaier also Günter Abel und Josef Simon, sei für die ehrenvolle Auf-
nahme meines Beitrags in ihre wissenschaftliche Reihe gedankt, die im Walter de
Gruyter Verlag souverän von Gertrud Grünkorn betreut wird.
Ich danke ferner der Forschungsgruppe zur Nietzsche-Bibliographie, beson-
ders Erdmann von Wilamowitz-Moellendorff, der über die Zeit zum Freund
geworden ist und mir die nicht ganz unparteiische Auseinandersetzung mit sei-
nem illustren Vorfahr nachsehen wird. Von großem Nutzen waren mir die Be-
nutzung der Datenbank zur Weimarer Nietzsche-Bibliothek, schon bevor sie
öffentlich zugängig wurde, sowie die vielen unschätzbaren Hinweise zur Nietz-
scheforschung und den Weimarer Nietzsche-Beständen. Die Mitarbeiter des
Goethe- und Schiller-Archivs und die Bibliothekare der Anna-Amalia-Bibliothek,
besonders der kleinen Sammlung im Schloss, waren über das zu erwartende Maß
hilfsbereit, zuvorkommend und schnell. Wolfgang Ritschel hat mir an einigen
Stellen Nietzsches Handschrift gedeutet. In Weimar möchte ich außerdem Justus
H. Ulbricht und Christiane Remus vom Nietzsche-Kolleg für die Einladung zu
anregenden Nietzsche-Tagungen, für die Betreuung und die Vermittlung hilfrei-
cher Kontakte danken. Petra Dorfmüller hat mir als Archivarin der Landesschule
Pforta in Schulpforte schnell und unbürokratisch nützliches Material zur Verfü-
gung gestellt. Dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar sei für die Druckge-

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χ Danksagung

nehmigung unveröffentlichten Archivmaterials gedankt. Dank hat ebenso die


Bibliothek der Süddänischen Universität in Odense verdient, deren wunderbares
Fernleihsystem mir in kürzester Zeit auch die obskursten Bücher und Artikel
bescherte.
Meinem Freund Adam Paulsen danke ich für die richtige Mischung aus en-
thusiastischem Lob und vernichtender Kritik. Jorgen Hass, dem wahren Philoso-
phen, verdanke ich neben einer entscheidenden Anregung fundierte Kommenta-
re zu einem frühen Entwurf und immer wieder neue stimulierende Diskussionen.
Mein verehrter Kollege Bengt Algot Sorenscn war mir Vorbild in seinem uner-
müdlichen Forscherdrang und half bei der Klärung einzelner Fragen. Hans-
Gerald Hödl stellte mir dankenswerterweise, bevor ich ihn persönlich kennen
lernen durfte, das unveröffentlichte Manuskript seiner Habilitationsschrift zur
Verfügung. Für kleinere Hinweise danke ich (in alphabetischer Reihenfolge)
Steffen Arndal, Thomas Brobjer, Konstantin Broese, Giuliano Campioni, Nor-
bert Fries, Gunter Gebauer, Niels Henningsen, Birthe Hoffmann, Karl Pestaloz-
zi, Manfred Pfister, Andreas Urs Sommer, Vivetta Vivarelli, Martin Vöhler und
Wolfram Wojtecki. Reinhold Schröder und Helge Haystrup haben akribisch
Korrektur gelesen. Eine große Hilfe bei der Erstellung des Druckmanuskripts
waren mir Sabina Dabrowski und Angelika Hermann vom Walter de Gruyter
Verlag.
Bei Kollegen kann man sich mit wissenschaftlicher Großzügigkeit revanchie-
ren. Die Unterstützung, die ich im privaten Bereich erfuhr, ist eine Schuld, die
sich nicht abtragen lässt. Ich danke zuerst meinen Eltern, meiner Mutter nicht
zuletzt für ihr Korrekturlesen. Ich danke allen Freunden für Zuspruch und Ge-
duld. Hans-Otto und Ida Rosenbohm haben mir sehr geholfen, an meinem neu-
en Arbeitsort heimisch zu werden. Widmen möchte ich meine Arbeit jedoch den
drei Personen, die am meisten unter ihr gelitten haben — und sie unter ihnen...
meiner Frau, meiner Tochter und meinem Sohn, der, was auch immer dies be-
deuten mag, fast zeitgleich mit Abschluss des letzten Kapitels zur Welt kam.

Bärdeso, im Juni 2005 Christian Benne

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Inhalt

1. Einleitung: Philologie und Interpretation 1


1.1. Vernachlässigung der Philologie 1
1.2. ,Fundamentalvorgang' oder ,Texthermeneutik'? 8
1.3. Methodische Vorentscheidungen, Text- und Quellen-
grundlage 16

2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der


Alexandrinismus 20
2.1. Beruf und Berufung 20
2.2. Alexandrinismus 27
2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 56
2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 68
2.5. Die skeptische Wissenschaft 88

3. Philologische Methode I: Textkritik und Genealogie 96


3.1. Konjekturalkritik und Genealogie 96
3.2. Numismatisches 101
3.3. Chirurgisches 106
3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 111
3.5. Genealogie der Moral 129

4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren 151


4.1. Lesekunst und Reisekunst 151
4.2. Usus loquendi: Metapher und Allegorie 170
4.3. Kunst der Anspielung: Maske, Spielraum 186
4.4. Asketisches Ideal: Lesen und Interpretieren 197
4.5. Zum Perspektivismus 212

5. Wissenschaftshistorischer Exkurs 238


5.1. Alternative zu Hermeneutik und Dekonstruktion 238
5.2. Tradition der Frühromantik oder Hermeneutik der Aufklärung? .... 258
5.3. Vom Philologenkrieg zur Philologie der Zukunft 274
5.4. Nietzsche, Homer, Wilamowitz 292
5.5. Niedergang der Kritik 307

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XII Inhalt

6. Schluss: Nietzsche lesen 322


6.1. Wiedergewinnung der Kritik 322
6.2. Text und Quelle 334
6.3. Nietzscheforschung als Zukunftsphilologie 351

Literatur- und Siglenverzeichnis 374

Gesamtregister 409

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1. Einleitung: Philologie und Interpretation

1.1. Vernachlässigung der Philologie

Wissenschaft verdient nur dann von anderen Stilen des Denkens und Schreibens
unterschieden zu werden, wenn sie das Ideal der Widerspruchsfreiheit ihrer Aus-
sagen zumindest anstrebt. Im Falle Nietzsches ist dies der Forschung, sei sie
philosophisch, philologisch, theologisch oder historisch ausgerichtet, von jeher
schwer gefallen. Noch immer werden exegetische Widersprüche am liebsten
Nietzsche selbst angelastet. Die folgende Abhandlung stellt einige der gewiss
augenfälligsten Widersprüche in Nietzsches autorisiertem und nicht-autorisiertem
Werk ins Zentrum und verfolgt das Ziel, sie aufzulösen. Wenn zu diesem Zweck
eine philologisch-hteraturwissenschaftliche Lektüre vorgeschlagen wird, Regt die
Begründung dafür vornehmlich in Nietzsches Schriften selbst. Umgekehrt lässt
sich erst von dieser Begründung her bestimmen, was Philologie bzw. Literatur-
wissenschaft sei. Es gilt bei Nietzsche an methodische Traditionen anzuknüpfen,
die durch den Entwicklungsgang namentlich der Neuphilologien verschüttet
worden sind. Die Edition von Nietzsches philologischem Nachlass hat die ar-
chäologische Vorarbeit geleistet. Nun ist eine behutsame Restauration geboten —
ein Verfahren, das bewusst der Aneignung, Umwandlung und dem Einverleiben
entgegensteht und sich ihnen gegenüber als konservatorische Praxis versteht.
Nietzsche hat vom Eintritt in die Pforte bis zur Aufgabe der Basler Professur
insgesamt 21 Jahre lang, also gut die Hälfte seines bewussten Lebens, den größ-
ten Teil des Tages der Philologie gewidmet, darunter die intellektuell prägenden
Jahre der Jugend. Nietzsche, der es liebte, auf vielen Gebieten zu dilettieren,
besaß nur in dieser Disziplin gründliche und methodische Kenntnisse. Sein phi-
losophiehistorisches, naturwissenschaftliches und sonstiges Wissen war, wie von
der neueren quellenhistorischen Forschung zur Genüge belegt, meist aus zweiter
und dritter Hand angelesen. Allenfalls die eigenständige Beschäftigung mit religi-
ösen und literarischen Texten kommt noch in Betracht — sie weist freilich in
nicht geringem Maße ebenfalls Spuren der philologischen Schulung auf. Eines
der einflussreichsten Bücher über Nietzsche, die bedeutende Studie Walter
Kaufmanns, trägt den bekannten Untertitel „Philosopher, Psychologist, Anti-
christ" (Kaufmann, 31968). Der Philologe, der Nietzsche auch und zuerst war, ist
nicht nur für Kaufmann, sondern für den Großteil der Nietzscheforschung terra
incognita geblieben. Es ist die These dieser Arbeit, dass die Philologie auf Nietz-

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2 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

sches Denken, und das heißt auf seine Schriften, stärker gewirkt hat als bisher
wahrgenommen. Nietzsche ist Philosoph, Psychologe und nicht zuletzt Anti-
christ unter philologischen Vorzeichen geworden. Nietzsches eigene philologie-
kritische Äußerungen, die sich vor allem gegen den Beruf des Philologen, weniger
gegen die philologische Methodik selbst richteten, haben den Blick für die sachli-
chen Zusammenhänge verstellt. Nietzsches Begriff der Philologie sowie sein
philologischer Textbegriff erweisen sich als Schlüssel (wenngleich nicht General-
schlüssel) zu einem Werk, das bekanntlich viele Eingänge und Hintertüren hat.
Es gilt am Ende, diese Erkenntnis für den Umgang mit Nietzsche, und das heißt
auch für die Geschichte des Umgangs mit Texten insgesamt fruchtbar zu ma-
chen.
Zwar zeigt sich Nietzsche ohne Zweifel schon vor dem Ende seines Studiums
enttäuscht von der Philologie. Ubersehen wurde aber die Rückkehr zu bestimm-
ten methodischen Zügen der Philologie nach dem Bruch mit Wagner. Am 30.
August 1877, auf dem Höhepunkt der Desillusionierung vom Brotberuf, schreibt
Nietzsche an Marie Baumgartner: „Ich weiss es, fühle es, dass es eine höhere
Bestimmung für mich giebt als sie sich in meiner Baseler so achtbaren Stellung
ausspricht; auch bin ich mehr als ein Philologe, so sehr ich für meine höhere
Aufgabe, auch die Philologie selbst gebrauchen kann." (KGB 11.5:282) Hierin
liegt offensichtlich eine Bedeutung von Philologie verborgen, die sich nicht in der
oft karikierten ,Kärrnerarbeit' erschöpft. Es muss dieselbe Philologie sein, auf die
sich Nietzsche später so oft beziehen soll: „Man ist nicht umsonst Philologe
gewesen, man ist es vielleicht noch." (M Vorrede 5, 3:17). Was Philologie für
Nietzsche bedeutet und in welchem Verhältnis sie zu Philosophie oder Theologie
steht, bedarf der Klärung.
Einschlägige Arbeiten über Nietzsches Philologie älteren Datums konzen-
trierten sich auf die Schul- und Studienzeit und berücksichtigten allenfalls noch
die Fragmente zu der geplanten Ii nv^itgemässen mit dem vorläufigen Titel „Wir
Philologen" aus den frühen siebziger Jahren. Die ersten Arbeiten, die sich genau-
er mit Nietzsches Philologie beschäftigen, sind Howald (1920) und Svoboda
(1920). Letzterer beklagt schon damals ihre Vernachlässigung in der ständig
wachsenden Nietzsche-Literatur. Die Philologie spiele in Nietzsches Leben eine
wichtige Rolle und habe stark auf die Entwicklung seiner Anschauung gewirkt
(657). Einseitig auf die Jugendphase bezogen bleibt Schlechta (1948); die Grund-
züge seiner Darstellung entsprechen aber bis heute der Standardauffassung. Aus
der Perspektive der Klassischen Philologie haben sich jüngst Gigante (1999),
Porter (2000a; 2000b), Hubert Cancik (1994; 1995) bzw. Cancik/Cancik-
Lindemaier (1999; 2002) hervorgetan. Gemeinsam ist auch diesen Studien die
Konzentration auf den frühen Nietzsche. Glenn Most (1994) bescheinigt Nietz-
sches Philologie, in einer ansonsten temperamentvollen Verteidigung des Interes-
ses am Philologen Nietzsche, nur wenige Verbindungen zu seinem Hauptwerk.
Mir wird es im Gegenteil darum gehen, die beeindruckende Relevanz der Philo-

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1.1. Vernachlässigung der Philologie 3

logie für Nietzsches mittlere und späte Schriften aufzuweisen und damit sein
durchgehendes philologisches Denken nachzuzeichnen. Nicht der professionelle
Philologe Nietzsche oder seine Philologica stehen deshalb im Mittelpunkt1, son-
dern die Aufschlüsse, die sich aus der Beschäftigung mit Nietzsches Philologie
über jenes Werk gewinnen lassen, das ihn vor allem bekannt und bedeutend ge-
macht hat.
In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde mit der Edition
von Nietzsches philologischem Nachlass offensichtlich, dass das Verhältnis von
Philosophie und Philologie bei Nietzsche neu zu bewerten ist (vgl. Schaffer,
1997; Riedel, Hrsg., 1999). Diese Erkenntnis ist zunächst aus der detaillierten
Arbeit an Edition und Kommentar erwachsen. Mit Recht kritisiert etwa Barbara
von Reibnitz, dass die Nietzscheforschung sich mit Nietzsches philosophischem
Werk auf Kosten der philologischen Arbeiten beschäftigt hat (1992:2). Sie kann
zeigen, dass schon die editorische Trennung in philologische und philosophische
Schriften im Nachlass problematisch ist. Nietzsche, und zwar nicht nur der frühe,
sei nur vor seinem philologischen Hintergrund zu verstehen. Sie deutet kurz an,
dass Nietzsches (philosophische) Sprachkritik aus der methodischen Praxis philo-
logischer Interpretation erwachsen sei: hier werde ich weitergehen und präzisie-
ren. Erwähnt sei ferner ein wichtiger Aufsatz des jung verstorbenen Federico
Gerratana (1994), der ebenfalls bereits das nach wie vor geltende Vorurteil an-
greift, demzufolge sich Nietzsche nach Uberwindung eines philologischen Irr-
wegs der Philosophie zugewandt habe. Seine Philosophie sei vielmehr eine Ent-
wicklung aus der Philologie heraus. Ein anregender Beitrag aus jüngster Zeit ist
Thouard (2000), der von der richtigen Beobachtung ausgeht, dass Nietzsches
Ausfälle gegen die Philologie aus der Zeit stammen, da er ihr selbst die meiste
Energie widmete, während er ihr die meiste Ehre zukommen Keß, als er selbst
längst kein Berufsphilologe mehr war.
Die Vernachlässigung der Philologie in der Beschäftigung mit Nietzsches
Werk ist die Vernachlässigung einer bestimmten Tradition der Philologie, näm-
lich der historisch-kritischen Methode in der besonderen Ausprägung der Bonner
Schule. Vor allem ihre Auffassung vom Text hat Nietzsche stark geprägt. Als
Student und junger Professor brillierte Nietzsche in den Disziplinen der Text-
und Quellenkritik mit allen dazugehörigen Hilfs- und Unterdisziplinen von Pa-
läographie bis Konjekturalkritik in einer Weise, die seine unerhört frühe Beru-
fung nach Basel rechtfertigte (Cancik, 1995:516f). Während seine Leipziger philo-
logischen Arbeiten vor allem aus literaturhistorischen Studien bestehen,
beschäftigt er sich später eher mit Pseudoepigraphie und Werkkonstitution, also
Fragen der höheren Kritik, wie sie von seinem Lehrer Friedrich Ritsehl beson-

Der gediegene Überblick der Philologica Nietzsches in Cancik (1995) enthält auch eine Über-
sicht der Manuskripte. Viele relevante Quellen zum jungen Philologen hat zusätzlich Porter
(2000a) erschlossen. Beide Bücher könnten mit Gewinn parallel zur vorliegenden Arbeit konsul-
tiert werden.
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4 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

ders gefördert wurden. Kenn2eichnend für Nietzsches Philologie, so Barbara von


Reibnitz, seien Untersuchungen zu Motiven und Wertmaßstäben von antiken
Traditionen (1994:51) gewesen. Obwohl Nietzsche nach 1873 keine philologi-
schen Arbeiten mehr veröffentlicht, existieren viele Aufzeichnungen zu Vorle-
sungen, die er bis 1879 hält. Seine Lehrtätigkeit war dabei durchaus nicht, wie
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in seiner bekannten Polemik unterstellte,
im Sinne der Tragödienschrift angelegt. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Auf-
fassungen war Nietzsche ein absolut zeittypischer Philologe, der sich gerne, „viel-
leicht allzu gerne" der Konjekturalkritik befleißigte (Bornmann, 1994:68-71)2.
Der wissenschaftshistorische Zugang der vorliegenden Arbeit ist aus diesen
Gründen kein schmückendes Beiwerk, sondern vermag Nietzsches Texte mit
einiger Sicherheit in angemessene Kontexte zu stellen. Gibt es in der Nietzsche-
forschung, vor allem aber in der Laienrezeption eine Tendenz, Nietzsche in allen
seinen Facetten immer schon im Voraus als originalen und radikalen Erneuerer
aufzufassen, wird hier also der umgekehrte Weg gewählt. Die Verkleinerung
Nietzsches ist jedoch ebensowenig beabsichtigt wie die Reduktion seines Werks
auf den philologischen Zeitgeist. Vielmehr soll sich die Eigenart des Werks aus
dem Kontrast zum theoretischen und praktischen Umfeld der Philologie erge-
ben.
In der verbreiteten Unkenntnis von Nietzsches wissenschaftshistorischem
Standort liegt auch die Ursache dafür, dass er bis heute in der Geschichte der
Philosophie und Literaturwissenschaft ein heikles Streitobjekt geblieben ist. Weil
die konkrete philologische Tradition nicht erkannt wurde, die in Nietzsches Den-
ken hineinragt und von ihm bewusst und unbewusst weitergetragen wird, hat
man ihm jeweils einen Standpunkt untergeschoben, der zufälligerweise als Vor-
läufer der eigenen Theorie gelten kann. Durch die Untersuchung der Grenzen
dieser Art von Nietzscheauslegung, besonders aber durch die Verfolgung des
tatsächlichen Schicksals von Nietzsches Philologie lässt sich seine Entwicklung
umso deutlicher herausarbeiten. Angesichts der vorherrschenden Auffassung von
Nietzsche als Antiphilologen und Stichwortgeber verschiedener neuerer exegeti-
scher Theorien und Praktiken soll damit eine Korrektur des Nietzschebildes
erfolgen, die gleichzeitig Konsequenzen für Selbstverständnis und Historiogra-
phie der Literaturwissenschaften im allgemeinen hat — um diese Konsequenzen

Wichtige Quellenhinweise bei Crescenzi (1994): hier findet sich ein gutes Verzeichnis Nietz-
sches enormer philologischer Belesenheit, das eindeutig in dieselbe Richtung weist. Wissen-
schaftshistorisch interessant ist das Exemplar von Müller (1969a) in Nietzsches nachgelassener
Bibliothek, das mit vielen eigenhändigen Anstreichungen Nietzsches durchgearbeitet ist, wahr-
scheinlich für Vorlesungszwecke in Basel (vgl. § 3 seiner enzyklopädischen Vorlesung in KGW
II.3:357ff). Es handelt sich um einen ausfuhrlichen wissenschaftshistorischen Abriss aus kriti-
scher Perspektive (die Niederländer waren besonders in der Entwicklung der Textkritik maß-
geblich gewesen), der hier nicht im Einzelnen wiedergegeben werden kann, der aber zeigt, wie
gut Nietzsche sich in der Materie ausgekannt haben muss. Schon Barbara von Reibnitz (1992:9-
35) bietet eine Fülle an Informationen, Literatur- und Quellenhinweisen zu Nietzsches philolo-
gischer Schulung in Pforta, Bonn und Leipzig sowie der philologischen Tätigkeit in Basel.
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1.1. Vernachlässigung der Philologie 5

selbst geht es im abschließenden Kapitel dieser Arbeit. Es dürfte einleuchten,


dass die hier verhandelten Fragen Bedeutung über die engen Grenzen speziali-
sierter Nietzscheforschung hinaus haben. Sie betreffen zuletzt einige grundlegen-
de Probleme der Wissenschaftsgeschichte und der literaturwissenschaftlichen
Methodologie. Der theoretisch und methodisch geschulte Leser Nietzsches be-
findet sich deshalb in einem Zirkel, der allerdings nicht zwangsläufig als vitiosus
aufgefasst werden muss. Gibt man sich nach dem Ende der metaphysischen und
nachmetaphysischen Systematisierungsversuche von Nietzsches Werk als Dis-
kurs analytiker, Dekonstruktivist, Freudianer oder Systemtheoretiker zu erkennen,
verstummen ja gemeinhin jene, die ansonsten den ,Text' ins Feld geführt hätten
und ziehen sich hinter die mehr oder minder soliden Mauern ihrer eigenen Inter-
pretationsgemeinschaft zurück. Dasselbe wird von den Mitspielern erwartet. Sich
Nietzsche gegenüber für eine bestimmte Lesart zu erklären, ist aber mehr als das
bekenntnishafte Verweisen auf zu idealen Lesern erkorene vorangegangene In-
terpreten. Denn dass sich viele der im heutigen Wissenschaftsbetrieb zirkulieren-
den Großtheorien, wie beispielsweise die genannten, direkt oder indirekt von
Nietzsche herleiten, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Auseinanderset-
zung um die Interpretation von Nietzsches Text ist immer eine Auseinanderset-
zung um den ,richtigen' Nietzsche, selbst wenn ein solcher Anspruch die Prämis-
sen der jeweiligen Theorie hintertreibt3.
Ohne die nahehegende Rhetorik des ad fontes bemühen zu wollen, scheint
mir eine philologisch begründete Darstellung von Nietzsches eigener Ausle-
gungstheorie dringend nötig zu sein, besonders da deren wichtigste Begriffe, die
weit über den strapazierten Begriff der Interpretation hinausgehen, erstaunlich
schlecht erfasst sind. Die Tatsache, dass Nietzsche aus Sicht heutiger Ausle-
gungstheorien zwischen allen Stühlen zu sitzen scheint, lässt sich auf seine An-
lehnung an exegetische Grundsätze einer Philologie, die spätestens am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts unzeitgemäß geworden war, zurückführen. Die An-
sicht, Nietzsche habe eine normative Auffassung von ,Interpretation' vermitteln
wollen, wird in diesem Zusammenhang als zentrales Missverständnis neuerer
Nietzscheaneignungen nachgewiesen. Zum Säulenheiligen der Rekonstruktion'
und verwandter Erscheinungen taugt er jedenfalls schlecht: ihr auf ihn bezogenes
Argumentum ad verecundiam war von Beginn an brüchig und kann die Last der
Legitimation nicht tragen. Unzureichend auf ganz andere, grundlegendere Weise
ist aber auch die negative Vereinnahmung Nietzsches durch die philosophische
Hermeneutik. Obwohl Auslegung und Interpretation bei Nietzsche an so promi-
nenter Stelle verhandelt werden, spielt er in der hermeneutischen Theoriege-
schichte kaum eine Rolle (vgl. Hofmann, 1996). Schon Abel (1984:170ff) argu-
mentiert von ganz anderen Positionen heraus gegen die Einreihung Nietzsches

Vgl. etwa die berechtigte Kritik Lothar Jordans an der Vereinnahmung Nietzsches für die Sys-
temtheorie Luhmanns (Jordan, 1994). Zu Schwächen der Nietzsche-Rezeption im Umfeld des
Poststrukturalismus auch Brenner (1998:156ff und 235f).
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6 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

unter die hermeneutischen Klassiker. Für Stegmaier (1992:282f) ist Nietzsches


Auffassung vom Verstehen im Gegensatz zum hermeneutischen Klassiker Dil-
they immer schon ein „Anders-Verstehen", das Missverstehen in allem Verstehen
sei das zentrale Problem seiner Philosophie. Die Philologie sowie der Begriff des
Textes treten in Nietzsches mittleren und späten Schriften, den Nachlass einge-
schlossen, vor allem in Zusammenhang mit Auslegungsfragen auf. Die methodi-
schen Aspekte der Philologie, um die es mir hauptsächlich gehen wird, beziehen
sich — mit ständiger Rücksicht auf den weiteren Kontext — folglich vor allem auf
Nietzsches vieldiskutierte Interpretationstheorie. Erschwert wird dieser Ansatz
indes dadurch, dass die Ergebnisse ja auch auf die Lektüre Nietzsches eigener
Texte anwendbar und mit seinen impliziten Leseanweisungen kompatibel sein
müssen.
Eine Arbeit, die dergestalt zwischen Reflexion und konkreter Arbeit am Text,
zwischen historischer und systematischer Darstellung, zwischen Philosophie und
Literaturwissenschaft schwankt, stellt den Verfasser vor eine unlösbare Aufgabe
und mutet dem Leser einiges zu. Der hier gewählte Mittelweg wird dem einen zu
deduktiv, dem anderen zu detailverliebt erscheinen. Der Nietzscheforscher mag
sich weniger für literaturtheoretische Diskussionen, der Literaturwissenschaftler
weniger für die Seitenpfade der Nietzscheforschung interessieren. Um argumen-
tative Transparenz für verschiedene Fachtraditionen zu gewährleisten, wurden
auch Exkurse aufgenommen, die dem einen oder anderen banal vorkommen
mögen. Ich glaube dies um des großen Vorteils willen verkraften zu müssen, den
diese Vorgehensweise hat: Die Nietzscheforschung kann von der literaturtheore-
tischen und philologiehistorischen Perspektive profitieren, diese wiederum lässt
sich durch das Exemplum Nietzsche schärfer fassen. Alle Exkurse dienen am
Ende dem angemesseneren Verständnis Nietzsches, d.h. dem adäquaten, kriti-
schen Umgang mit seinen Schriften. Die allgemeinen Fragen dienen dazu, den
Horizont aufzuhellen, vor dem ihre Umrisse umso deutlicher hervortreten. Möge
die wechselseitige Erhellung nicht, wie das Bild suggeriert, selbstreferentiell blei-
ben.
Für die traditionelle Blindheit gegenüber der wahren Bedeutung der Philolo-
gie bei Nietzsche lassen sich vier wesentliche Gründe identifizieren. Da sie nicht
in einem gesonderten Kapitel gemeinsam behandelt werden, sondern sich aus der
Diskussion konkreter Probleme ergeben sollen, seien sie hier kurz zusammenge-
fasst. Die einseitige Rezeption von „Wir Philologen" wurde bereits bemerkt und
wird an entsprechender Stelle genauer erläutert. An zweiter Stelle steht der eben-
falls genannte Streit zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion, der dazu führte,
dass Fragen über den historischen Nietzsche kaum noch gestellt wurden. Zuletzt
tragen jedoch der Gang der Wissenschaftsgeschichte und ihrer Geschichtsschrei-
bung — beide dominiert von Nietzsches Rivalen Ulrich von Wilamowitz-
Moellendorff — die Hauptverantwortung. Wenn sie am Ende der Arbeit ausführ-

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1.1. Vernachlässigung der Philologie 7

lieh behandelt werden, so soll damit auch gezeigt werden, warum das Missver-
ständnis Nietzsches ein historisches, kein zwangsläufig-systematisches ist.
Auf die Einleitung der Arbeit folgen vier Kapitel und ein Schlusskapitel. Zu-
erst werden die theoretischen philologischen Voraussetzungen dargestellt und
Nietzsches konkrete philologische Schulung geschildert. In den beiden anschlie-
ßenden Kapiteln werden Erscheinung und Funktion philologischer Theorie und
Methode in Nietzsches Denken und Schriften beschrieben. Ein Exkurs setzt die
Ergebnisse in Beziehung zur Rezeptionsgeschichte insbesondere von Nietzsches
Gedanken über Auslegung bzw. Interpretation sowie zur Wissenschaftsgeschich-
te der philologischen Methodik. Der Umstand, dass Nietzsches Verhältnis zur
Philologie gegenläufig zur Chronologie der Entwicklung gelesen wird, ist beab-
sichtigt. Die Aufspaltung der Behandlung von Nietzsches Verhältnis zur Philolo-
gie in das zweite und fünfte Kapitel musste in Kauf genommen werden, denn der
retrospektive Blick auf Nietzsches Philologie hat sich im Verlauf der Beschäfti-
gung mit seinem Werk als fruchtbar erwiesen. Das letzte Kapitel zieht Schluss-
folgerungen für die Lektüre der Schriften Nietzsches selbst sowie für Relevanz
und Zukunft der philologischen Methodik. Es macht nicht zuletzt deutlich, wo-
hin sich die Nietzschephilologie entwickeln mag, kurz: „wie man wird, was man
ist" (EH, 6:255). Es ist mir in diesem Zusammenhang die Anmerkung wert, dass
ich meine Ergebnisse zunächst nicht gesucht habe, sondern im Zusammenhang
anderer Studien eher zufällig darauf stieß. L'appetit vient en mangeant: erst später
wurde mein Jagdeifer geweckt und von den in der Danksagung Genannten be-
fördert.
Um inhaltlichen und argumentativen Zusammenhalt zu gewährleisten, sind
die Abschnitte großzügig komponiert. Die Kosten für die Systematik blieben
überschaubar; einige wenige Wiederholungen waren unvermeidlich — sie dienen
nicht zuletzt der Betonung der wichtigsten Thesen und Resultate. Um Lesbarkeit
zu gewährleisten und die graphische Übersichtlichkeit nicht über Gebühr zu
strapazieren, wurden viele Belege in die Anmerkungen verwiesen. Für Belehrun-
gen in Bereichen, in die ich mich trotz mangelnder Kompetenz zu weit vorge-
wagt habe, bin ich ebenso dankbar wie für die Weiterführung oder Modifizierung
des hier gewählten Ansatzes. Habe ich auch nur durch Fehler und Missverständ-
nisse auf die Notwendigkeit gründlicher Forschung zur Verbindung Nietzsches
zur philologischen Methodik und Wissenschaftsgeschichte hingewiesen, ist die
Arbeit nicht umsonst gewesen.
Zur Zitierweise: Nietzsches Werke werden mit den üblichen Siglen abgekürzt
und nach der Kritischen Studienausgabe (KSA) zitiert, Zitate aus den nachgelas-
senen Fragmenten werden unter Angabe der jeweiligen Abteilung der Kritischen
Gesamtausgabe der Werke (KGW), d.h. der entsprechenden römischen Ziffer,
der Manuskriptnummer sowie der Fragmentnummer (in eckiger Klammer) nach-
gewiesen. Die Philologica werden meist nach der KGW unter Angabe des Ban-
des und der Seitenzahl angeführt. Zitate nach anderen Ausgaben oder Archiva-

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8 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

lien werden an Ort und Stelle erläutert. Nietzsches Briefwechsel wird nach der
Kritischen Gesamtausgabe der Briefe (KGB) unter Angabe des Briefdatums, der
Briefpartner sowie Bandnummer und Seitenzahl zitiert.

1.2. ,Fundamentalvorgang' oder ,Texthermeneutik?

Nietzsches Interpretationstheorie ist, zumal in den letzten Jahrzehnten, von


kaum zu überschätzender Wirkung gewesen. Mit Nietzsche verbindet man heute
die radikalste Version des Perspektivismus und der Einsicht, dass es „gerade
Thatsachen" nicht gebe, sondern „nur Interpretationen. Wir können kein Factum
'an sich' feststellen" (VIII 7 [60]). Spätestens seit Nietzsche kann sich kein Wis-
sensgebiet, keine Domäne des Universums mehr der Interpretation entziehen.
Seitdem alles Auslegung ist, ist alles immer schon ausgelegt. Zu dieser Einsicht
gehört die unvermeidliche Konsequenz, dass es keine „allein selig machende
Interpretation" gebe, wie es in dem berühmten Brief Nietzsches an seinen Musi-
ker-Freund Carl Fuchs vom 26. August 1888 heißt (III.5, 399ff). Interpretatio-
nen, so der landläufige Umkehrschluss, seien deshalb prinzipiell gleichwertig, was
insofern bedenklich ist, da laut Nietzsche jede Interpretation gleichzeitig eine
interessengeleitete Fälschung sei, zu deren Wesen das „Vergewaltigen, Zurecht-
schieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen" (GM
III.24, 5:400) gehöre. Interpretation bezeichne, kurz gesagt, ein Mittel, „um
Herr über etwas zu w e r d e n " (VIII 2[148]).
Komplizierterweise steht dieser klaren Aussage indes Nietzsches periodisch
erhobene Forderung nach philologischem Takt in der Auslegung entgegen. Der
Mangel an Philologie, dies ein an vielen Stellen erhobener Vorwurf Nietzsches,
führt unausweichlich zu Interpretations^Aifew4. Es scheint geradezu als könne
Verfälschung bzw. Falschmünzerei in der Interpretation durch Philologie um-
gangen werden. So liest man bei Nietzsche Sätze, die den Perspektivismus wieder
infrage zu stellen scheinen, etwa wenn er besonders den Theologen, bisweilen
auch den Philosophen schlechte Lesekünste vorwirft. Nicht nur an einer Stelle
wird von der „Kunst, gut zu lesen" sogar gefordert, „Thatsachen ablesen [zu]
können, ohne sie durch Interpretation zu fälschen" (AC 52, 6:233). Wie aber
kann das möglich sein, wenn es keine Fakten, sondern nur Interpretationen gibt?
Von welchem Standpunkt aus kann Nietzsche Interpretationen beurteilen? Wel-
chen Zugang zu „Thatsachen" gibt es jenseits der Interpretation? Was sind Tat-
sachen? Nietzsches Lesebegriff stößt stellvertretend für die meisten Nietzsche-
forscher in Andreas Urs Sommers großem Kommentar zum Antichrist auf

„Die bisherige Psychologie litt an dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum
geschehen sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte, weil sie an die morali-
schen Werth-Gegensätze selbst g l a u b t e , und diese Gegensätze in den Text u n d Thatbestand
hineinsah, hineinlas, hinein d e u t e t e ? - Wie? Das .Wunder' nur ein Fehler der Interpretation?
Ein Mangel an Philologie?" (JGB 3.47, 5:69)
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1.2. ,Fundamentalvorgang' oder ,Texthermeneutik' 9

Verwunderung: Nietzsche falle in die naive vorhermeneutische Urzeit zurück. Bei


der Anwendung der Welt-als-Buch-Metapher vergesse der Leser, dass er selbst
Teil der Welt sei und als Tatsache nur gelte, was zur solchen erklärt worden ist.
Sommer verzweifelt letztlich an dem Begriff der Tatsache, der so gar nicht zu
Nietzsche zu passen scheint — „Eine nähere Erörterung des prekären Tatsachen-
begriffs muss ich mir an dieser Stelle versagen." Tatsachen seien „offenbar für
sich bestehende, irgendwie substantiell sedimentierte Entitäten, die in einer Welt
der ,Dinge an sich' bestehen. Diese Tatsachen versperren jeder perspektivisti-
schen oder postmodernen Auflösung der Welt in Auslegungen unverrückbar den
Weg." (2000:506f). Das Ding-an-sich freilich, das weiß auch Sommer, gibt es zu
diesem Zeitpunkt für Nietzsche gar nicht mehr.
Die nach wie vor einflussreichste philosophische Darstellung von Nietzsches
Interpretationstheorie stammt von Günter Abel (1984). Ausgehend von Wolf-
gang Müller-Lauters wegweisender Studie (1971) deutet er Nietzsches Weltauf-
fassung als eine Gesamtheit widerstreitender „Kräfte-Zentrierungen" von dyna-
mischen Willen-zur-Macht (1984:4), ein sich selbst austarierendes Chaos von
Machtquanten, die allen Entitäten eignen, ja mit ihnen identisch sind: ,Realität'
entstehe aus dem Prozess der Kräfteorganisation, der weder finalistisch noch
kausalistisch, weder teleologisch noch mechanisch zu beschreiben sei. Abel sieht
Nietzsche damit in der Tradition eines Aristoteles, Spinoza oder Leibniz: unter
Einbeziehung und Umwandlung organizistischen Denkens weite Nietzsche den
Vorgang der Kräfteorganisation auf alles Seiende aus, auf organische und anor-
ganische, selbst auf kulturelle und generell zeichengebundene Phänomene wie
etwa die Kunst (vgl. S. 113). Den „Fundamentalvorgang" (133f) des Willen-zur-
Macht-Geschehens nennt Abel Interpretation. Alles Geschehen ist Interpretation:
„Geschehen kann nicht nicht-interpretativ sein." (172). Kräfte interpretieren
andere Kräfte nicht bestimmter Zwecke wegen, sondern aus blindem Machtkal-
kül. Der Interpretationsgedanke hat nach Abel somit eine zerstörerische Kom-
ponente. Da Sinn in einem Geschehen nie statisch sein kann, muss er immer
wieder in den Prozess hineinprojiziert werden. Durch die Zirkularität dieser Art
von Interpretation — man findet immer nur das, was man schon hineingelegt hat
- wird das Objektivitätsideal neuzeitlicher Rationalität infragegestellt wie nie
zuvor (142f).
Abel betont also den Charakter der Interpretation als Mittel, um Herr über
etwas zu werden und interessiert sich weniger für die andere Seite. Dabei geht es
ihm nicht darum, etwa mit Nietzsches Hilfe .Wirklichkeit' zu leugnen. Diese sei
lediglich immer notwendigerweise konstruiert (z.B. 173). Unklar bleibt bei Abel
jedoch, auf welche Weise und in welchem Ausmaß ,Wirklichkeit' in die Interpre-
tationen überhaupt einfließen kann, wenn sie denn schon von Interpretation
unterschieden wird. Wenn jedes Geschehen, also jedes Interpretieren, sich „mit
der sich in seinem Vollzug intern selbst-konstituierenden absoluten Notwendig-
keit" (346) vollzieht, dann ist Interpretation doch intransitiv, vom Objekt unab-

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10 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

hängig. Abel postuliert jedoch gleichzeitig einen fünfstelligen Zirkel des Interpre-
tationsgeschehens „von dem der Interpretierende bereits interpretiert ist, wenn
und indem er sich interpretierend auf anderes Seiendes bezieht, welches seiner-
seits Interpretierendes und Interpretiertes, auch ihn wiederum interpretiert."
(173) Interpretation hat demnach durchaus eine transitive Komponente, wobei
die Fünfstelligkeit dieses Prozesses wenig einleuchtet: vielmehr müsste es sich ja
um einen Prozess von unendlicher Stellenzahl handeln (die Fünfstelligkeit ist eine
nach der Logik der Theorie bereits unzulässige Fixierung).
Abels universale Theorie bezieht ausdrücklich die Interpretation in Kunst,
Wissenschaft und generell allen menschlichen Handlungen ein. So gebe es keinen
prinzipiellen, nur einen graduellen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Er-
kenntnis und ästhetischer Erfahrung — letztlich nur einen Unterschied verschie-
dener Vokabulare (176). Der Kunst komme darüber hinaus eine besondere Be-
deutung zu, als schöpferische, form- und sinnerzeugende Kraft zeigt sich in ihr
die „jeweils epochenspezifische Gestalt der Welt- und Selbst-Interpretation"
(179). Kunstwerke bauen, da sie ihre Rechtfertigung in sich selbst trügen, eine
Gegenbewegung zum Nihilismus auf, denn wenn „der platonisch-christliche Sinn
aus der Welt herausgezogen" sei und Dasein sinnlos erscheine, könne nur Kunst,
nicht Wissenschaft zur Überwindung des Sinnvakuums beitragen (179f). Damit
ist wiederum nur die eine Seite des späten Nietzsche treffend paraphrasiert. Na-
hezu ungehalten reagiert Abel auf die aber auch nicht zu ignorierenden Fälle, in
denen „Nietzsche selbst sich einer wissenschaftlich-theoretischen Ausdruckswei-
se" bedient (190f). An diesen Stellen müsse man Nietzsche mit Nietzsche gegen
Nietzsche lesen: eine eindeutig wenig befriedigende Lösung. Auch die Behaup-
tung, dass Nietzsche generell gegen „das Tatsächliche" und den Positivismus
polemisiere (z.B. 143) lässt sich leicht widerlegen; selbst im Spätwerk - wie
kommt etwa in Nietzsches als Beitrag zur Auslegekunst konzipierter Abhandlung
das Lob Taines und Rankes zustande (GM III. 19, 5:387)? Wenn außerdem, wie
von Abel vorausgesetzt, alle Entitäten aus sich selbst heraus wirken und dadurch
Realität hervorbringen, muss es auch Entitäten geben, auf die gewirkt wird. Der
Dialektik von Schöpfen und Geschöpftwerden, von Assimilieren und Assimi-
liertwerden kann man sich schwerlich entziehen (auch wenn dies im Sinne Nietz-
sches möglicherweise nur ein von der Grammatik suggerierter Fehlschluss ist).
Heißt das aber, dass es doch interpretationslose Domänen bzw. nicht-
interpretierende, nur interpretierte Entitäten gibt?5 Abel, und das ist das Haupt-
problem, konkretisiert den Begriff der Interpretation an keiner Stelle. Er setzt
voraus, dass der Leser schon weiß, was gemeint sei, und begründet nicht, warum

Ähnliche Einwände formuliert Stegmaier (1992:312f). In Abels Interpretationszirkel werde kein


Nicht-Interpretiertes mehr vorgesehen, aber dennoch vorausgesetzt. Stegmaier betont interes-
santerweise ferner, dass Nietzsche nicht so sehr an Perspektivismus und Interpretation interes-
siert sei, sondern vielmehr an Genealogie, an den Verflechtungen, Hierarchien und Dynamiken
von Interpretationen. Die folgenden Untersuchungen werden dies (freilich unter ganz anderen
Voraussetzungen) bestätigen.
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1.2. ,Fundamentalvorgang' oder ,Texthermeneutik' 11

er ihn denn überhaupt weiterhin parallel zum Begriff des Geschehens verwendet.
Ferner differenziert er nicht zwischen Nietzsches Begriffen der Interpretation,
der Auslegung, des Kommentars, des Lesens, Abiesens, Entziffems usf., die
doch alle in verschiedenen Kontexten und mit ersichtlich unterschiedlicher Ab-
sicht verwendet werden. Wenn man die Interpretation kosmisch-universal fassen
möchte, darf man gleichwohl die Augen nicht vor dem Umstand verschließen,
dass wir offenbar einen Begriff benötigen, der beispielsweise das Sprachspiel des
Umgangs mit schriftlichen Texten genauer beschreibt als eine allgemeine und
damit überfrachtete Interpretationstheorie.
Abels philosophischer Rekonstruktion von Nietzsches Interpretationstheorie
entgegengesetzt müsste deshalb ein Ansatzpunkt liegen, der von texthermeneuti-
schen Erwägungen ausgeht. Der Literaturtheoretiker Hendrik Birus (1984a und
1984b) hat ihn ausformuliert. Als erster und bisher einziger hat er etwas bemerkt,
das doch mit Händen zu greifen ist, dass nämlich die auf die Interpretation bezo-
genen, von den Philosophen immer wieder herangezogenen Fragmente aus
Nietzsches Nachlass sich gar nicht auf die Auslegung von Texten beziehen. Im-
mer dann, wenn es um Textauslegung gehe, rede Nietzsche gerade nicht der
Willkür, dem Vergewaltigen, Zurechtmachen usf. das Wort. Man solle das nicht
als hoffnungslos veraltetes und bedauerliches Erbe vorhermeneutischer Tradition
abtun, so Birus, denn gerade in Nietzsches Angriff auf Theologie und Christen-
tum spiele dieser Umstand eine herausragende Rolle. Philologische Gesichts-
punkte wurden in diesem Zusammenhang bisher außer von Birus (1984a und
1984b) nur von Figl (1984 und 1989) sowie Blondel (1986) aufgegriffen. Gerade
Blondels Buch ist eine reiche Quelle wichtiger Einzelbeobachtungen zum Ver-
hältnis Nietzsches zur Philologie und wird an entsprechender Stelle herangezo-
gen werden.
Hendrik Birus geht von hermeneutischen Uberzeugungen aus (1984b ist Ga-
damer gewidmet). Nietzsches Begriff der Interpretation stellt für ihn deshalb
keinen Paradigmenwechsel dar: so revolutionär wie immer angenommen sei
Nietzsche weder in seinen philologischen Reflexionen noch in späteren „herme-
neutischen Grundüberlegungen" (1984a:377) gewesen. Birus betont die Selbststi-
lisierung Nietzsches zum Philologen, die sich bis zum Ende nachweisen lässt.
Gleichwohl vertritt er die These (1984b), dass es falsch wäre, Nietzsche aufgrund
dessen für die Philologie in Anspruch zu nehmen, da seine Praxis der Auslegung
sich stark von dem zunftüblichen Verfahren unterschieden hätte. Man müsse also
zwischen einem wenig revolutionären Interpretations^^und einer wegweisen-
den Interpretationspraxir unterscheiden. In Nietzsches Schriften vermisst Birus
den Nachweis der von Nietzsche selbst behaupteten Herkunft seiner Ausle-
gungskunst aus der Philologie, wenige pauschale Bemerkungen seien „noch bei
weitem die explizitesten und konkretesten Äußerungen zu diesem Thema: es gibt
in Nietzsches Schriften nicht einmal in nuce einen hermeneutischen ,Discours de

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12 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

la methode'." (1984b:440)6. Johann Figl hat als erster mit wirklichem Nachdruck
auf die Bedeutung philologischer Theorie und Methode in Nietzsches Auffas-
sung vom Umgang mit Texten hingewiesen. Im Gegensatz zu Birus scheint bei
ihm Nietzsches Werk selbst jener vermisste Discours zu sein. Um Nietzsches
Hermeneutik zu verstehen, komme man an philologischer Methodik nicht vorbei
(1984:111). Figl (1989:162) stellt vor allem wegen Nietzsches zahlreicher das
Lesen betreffenden philologischen Argumentationen die Auffassung in Frage,
wonach sich Nietzsche spätestens seit der Tragödienschrift von der Philologie
abgewendet habe.
Weder Blondel noch Birus oder Figl stand ein sorgfältig edierter philologi-
scher Nachlass zur Verfügung. Auch philologiehistorische Quellen haben sie
kaum einbezogen. Ihre Ergebnisse müssen deshalb in entscheidender Weise
revidiert werden. An dieser Stelle sei zunächst festgehalten, dass es zwei Mög-
lichkeiten gibt, Nietzsches Interpretationstheorie nachzuvollziehen. Eine philo-
sophische, begrifflich-universale wie bei Abel und eine an der Praxis einer konkre-
ten Art von Interpretation, nämlich an Texthermeneutik und damit
Literaturwissenschaft orientierte wie bei Birus. Alle anderen Ansätze lassen sich
zwischen Abel und Birus einordnen und zu ihnen in Beziehung setzen. Ich
möchte einen Weg vorschlagen, der sich zwischen Abel und Birus bewegt, ohne
doch ein Mittelweg zu sein. Dabei wird es nicht nötig sein, alle anderen Ansätze
als untauglich abzuwerten. Naturgemäß liefern unterschiedliche Erkenntnisinte-
ressen auch unterschiedliche Einsichten (darin liegt die banale Essenz des Per-
spektivismus). Es können damit bestimmte Aspekte auf fruchtbare Weise unter
neuem Dach vereint werden — fruchtbar allein schon deshalb, weil so ein philo-
sophisch-literaturwissenschaftlicher Austausch entsteht, der in der quellenbasier-
ten Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaft seinen Ausgangspunkt
nimmt. Voraussetzung ist eine Arbeitshypothese, die sich aus den unterschiedli-
chen Analysen von Nietzsches Schriften fast zwangsläufig ergibt, nämlich dass es
in der Tat verschiedene Domänen der Interpretation und Auslegung gibt, deren
Differenzierung vor der relativ neuen allgemeinen hermeneutischen Theorie
noch zum Allgemeingut gehörte. Das Kriterium zur Unterscheidung dieser Do-
mänen war und ist der Grad ihrer Textualisierung. In Nietzsches Auslegung geht
es nicht um ,Wahrheit und Methode', sondern um ,Text und Methode'.
Ganz unabhängig von Standpunkt und Erkenntnisinteresse lässt sich nämlich
ein durchgehendes Merkmal aller bisherigen Kommentare zu Nietzsches Inter-
pretationstheorie feststellen: das Missverständnis über Nietzsches Textbegriff,
das Hand in Hand mit der Vernachlässigung der zeitgenössischen Philologie
geht. Günter Abels Behauptung, in der Zirkularität des Interpretationsgeschehens

In diesem Aufsatz argumentiert Birus außerdem, dass es ausgerechnet Nietzsches Philologica


seien, in denen zwischen einem orthodoxen philologischen Interpretationsbegriff und unortho-
doxer Praxis vermittelt werde. Allerdings übertreibt er die Originalität der philologischen Schrif-
ten (ihm stand freilich nicht die einschlägige neuere Forschung zur Verfügung, insofern handelt
es sich um eine anerkennenswerte Pioniertat); die entscheidenden Quellen hat er nicht rezipiert.
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1.2.,Fundamentalvorgang' oder ,Texthermeneutik' 13

werde bei Nietzsche die Unterscheidung zwischen Text und Interpretation (und
damit auch von Natur und Schein) aufgehoben (1984:182), ist zur Standardversi-
on geworden. Günter Figal, um eine aktuelle Interpretation von Nietzsches Aus-
legungstheorie zum Ausgangspunkt eigener Überlegungen zu nehmen7, findet
den Interpretationsbegriff Nietzsches vor allem deshalb schwer erklärbar, weil
ihm oft ein negativer Beigeschmack anhaftet. Das lasse sich nur als Provokation
und Überspitzung des Problems auffassen (2001:21f). Nietzsche gehe es offen-
sichtlich darum, die eigenständige Leistung des Interpreten zu betonen. Was sich
nur durch Interpretation zeige, kann natürlich nicht mit dem Interpretierten ver-
glichen werden, denn wenn es sich unvermittelt offenbarte, müsste ja gar nicht
interpretiert werden. Für die Erfahrung gibt es nichts als verschiedene Erschei-
nungsweisen, also Perspektiven. Nietzsche sei deshalb inkonsequent, wenn er an
der Unterscheidung von Realität und Interpretation festhält, was freilich durch
die Eigenschaft der Interpretation erklärbar sei, nur relativ zu anderen Interpreta-
tionen als solche erkannt zu werden, Interpretation immer von „etwas" zu sein.
Die entscheidende Pointe von Nietzsches aufrechterhaltener Unterscheidung sei,
dass die modifizierende Kraft der Interpretation der Realität erst Sinn und Wert
verleihe; eine Welt ohne Interpretation sei sinnlos, ihr Sinn verändere sich ja
deshalb auch mit der jeweiligen Perspektive (24). Die Welt ist deshalb kein Tat-
bestand, weil sie außerhalb unseres Erfahrungshorizontes liege. Figal schließt
daraus die Bestimmung der Interpretation zur „Wahrheit der Philosophie" (26)
und gar zum „Entwurf eines Erkenntnisprogramms" (28).
Man könnte dieses Erkenntnisprogramm als die doppelte Herausforderung
verstehen, der eigenen perspektivischen Beschränkung bewusst zu bleiben, ohne
dabei das außerhalb dieser Perspektive Liegende radikal zu leugnen. Eine so ver-
standene Realitätsvermittlung, in welcher Perspektiven als zueinander komple-
mentär verstanden werden, ist in der Tat eine wichtige menschliche Universalie
(wobei Nietzsches Auslegungsgedanke, vor allem in Verbindung mit dem Willen
zur Macht, das Anthropologische überschreitet). Dennoch muss Figals philoso-
phische Lesart um eine philologische ergänzt werden. Die beiden Ebenen der
,Realität' und Interpretation' reichen nämlich nicht aus. Zunächst ist fraglich,
was Nietzsche tatsächlich unter .Realität' versteht, ob er mit diesem Konzept
überhaupt operiert8 bzw. ob der Mensch sich bei ihm nicht schon immer in ei-

Figals Arbeit zeichnet sich durch ihre Kürze, Klarheit und Prägnanz vor anderen aus. Sie soll
hier nicht in Frage gestellt, sondern ergänzt werden. Eine Arbeit von minderem Rang zu wider-
legen, wäre kein Kunststück gewesen. Ich betone das, weil an dieser Stelle der Eindruck entste-
hen könnte, ich mache Figal für die Kunstfehler aller gewesenen und zukünftigen Philosophen
verantwortlich. Das Problem ist ein anderes. Figals für den philosophischen Diskurs angemes-
sene verallgemeinernde Ausdrucksweise läuft genauso Gefahr missverstanden zu werden wie
Nietzsche selbst — was man diesem so wenig vorwerfen kann wie jenem.
Für Vorsicht gegenüber dem Begriff der Realität bei Nietzsche plädiert schon Granier
(1966:326ff).
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14 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

nem Gewebe aus Zeichen bewegt (vgl. Stegmaier, 20009). Es gibt darüber hinaus
eine weitere, von Figal nicht berücksichtigte, vermittelnde Ebene zwischen Reali-
tät bzw. Zeichenwelt und Interpretation dieser Zeichen, eine Art Interpretation
erster Ordnung, die für Nietzsche außerordentlich wichtig ist: den Text. Der Text
ist eine Interpretation, die sich von anderen Auslegungsweisen durch die strenge
Methode unterscheidet, mit deren Hilfe sie gewonnen wurde. So wie der Text in
der Philologie kein factum brutum ist, darüber täuschen sich die meisten Nicht-
philologen unter Nietzsches Lesern, gibt es auch einen ,Text' der Kultur, des
Leibes und der Welt, der vor der eigentlichen Interpretation erst aus den Fakten
bzw. Zeichen konstruiert werden muss: der Tatbestand darf in diesem Sinne nicht
mit dem factum brutum verwechselt werden. In ihm steckt nämlich die Βestand-
aufnahme, die auswählende Geste der philologischen Textkritik.
Karl Jaspers sah in seiner Nietzsche-Monographie ähnlich wie Ricceur10 und
viele andere Autoren bei Nietzsche ein in der Philologie wurzelndes „Gleichnis
der Auslegung für das Grundverhältnis des Daseins zum Sein" (Jaspers,
2 1950:292); er glaubt aber fälschlicherweise, es stamme aus dem Verhältnis von

Text und Interpretation. In der philologischen Tradition, aus der Nietzsche


stammt, gilt der Text aber eben gerade nicht als „das Feststehende" (ebd.) — und
es ist deshalb nicht „die darüber hinausgehende Interpretation", die als „fragwür-
dig" angesehen werden muss. Fragwürdig ist für den Philologen vielmehr an
erster Stelle die Oberlieferung des Textes. Erst wenn sie gesichert ist, kann mit
Gewinn gelesen werden11. Nietzsches Begriff der Interpretation nimmt vor die-

Wenn ich recht sehe, entwickelt Stegmaier hier einen Ansatz Josef Simons weiter (Simon, 1986).
Dieser war vom traditionellen Begriff des Scheins ausgegangen, der philosophiehistorisch in ers-
ter Linie Gegensatz nicht zum Sein, sondern zum wahren, unvermittelten Sein gewesen sei:
Schein stelle dagegen das unwahre, dennoch Seiende dar. Für Nietzsches Perspektivismus ist
dies natürlich ausschlaggebend: alles Wissen ist Schein-Wissen, Wahrheit beziehe sich immer auf
einen bestimmten gegebenen Schein und sei selbst Schein. „Bei Nietzsche ist das Sein rein als
bestimmtes Sein Schein und nicht erst über die Reflexion auf ein wie auch immer reflektiertes
Wesen. Es ist Schein durch die perspektivische Auflösung jeder Wesensbestimmung und die
daraus resultierende Negation eines vom Sein unterschiedenen wahren Seins." Sein wird also Zei-
chen: „Nicht mehr Denken und Sein und auch nicht mehr Denken und Unterscheidung wahren
und scheinhaften Seins sind dasselbe, sondern Denken und Interpretation von Zeichen, nicht
als Interpretation auf eine gedachte feste Bedeutung hin, sondern als Übersetzung von Zeichen
in andere Zeichen." (74). Stegmaier hatte dazu übereinstimmend bemerkt (1992:319ff), dass
Nietzsche den Schein nicht wie Leibniz und Kant als Abglanz eines an sich Seienden, sondern
wie Hegel als Schein eines Scheins denke und an derselben Stelle das Schein-Problem (kein ab-
sichtliches Wortspiel...) philosophisch näher erläutert. Ich respektiere die philosophische Ab-
sicht, das Thema der Interpretation auf diese Weise gleichzeitig historisch wie zeichentheore-
tisch zu öffnen, möchte aber von Anfang an deutlich machen, dass ich selbst darauf verzichten
werde, und zwar einerseits schon aus Gründen mangelnder Kompetenz, andererseits aber auch,
weil ich bezweifle, dass Nietzsche selbst in vergleichbarer Manier systematisch gedacht hat.
Ricoeur (1965:34) weist zwar darauf hin, dass Nietzsche den Auslegungsgedanken aus der Philo-
logie geborgt habe, schließt aber keine genauere Betrachtung des philologischen Erbes in der In-
terpretation an.
Die Ausnahme unter den Philosophen ist Gadamer, der als ausgebildeter Philologe die Dialektik
von Text und Interpretation schon früh erkannte. Der Text sei durchaus nicht nur das Gegebe-
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1.2. ,Fundamentalvorgang' oder ,Tcxthermeneutik' 15

sem Hintergrund eine sehr spezifische Bedeutung an, die dem Lesen sogar entge-
gengesetzt ist.
Nietzsches Verständnis der Auslegung richtet sich an dem aus seiner philolo-
gischen Schulung vorgegebenen Muster von niederer und höherer Hermeneutik
bzw. niederer und höherer Kritik aus. Die Philologie bleibt ihm sein Leben lang
Leitwissenschaft und Ideal der Exegese — auch die ,Genealogie' hat er schließlich
in Anlehnung an sie entworfen. An der oft zitierten Stelle des erwähnten Briefs
an Carl Fuchs über die allein selig machenden Interpretationen, wird ausnahms-
los unterschlagen, dass Nietzsche expressis verbis als „der alte Philologe" spricht,
der „aus der ganzen philologischen Erfahrung heraus" spricht (III.5, 399ff.; s.o.).
Noch im Antichrist, einem seiner letzten Texte, kürt Nietzsche neben der Medizin
die Philologie zur Todfeindin des Aberglaubens (also des christlichen Glaubens).
Von einer „Umwertung" der Philologie, wie z.B. von Schrift (1988) behaup-
tet, oder gar der vollkommenen Lösung von ihr kann bei dem Nietzsche nach
der Geburt der Tragödie jedenfalls keine Rede sein12. Es wäre hingegen an der Zeit,
Jean Graniers Erkenntnis ernst zu nehmen, dass nämlich die „apologie de la
science", die Nietzsche als Polemik gegen die Metaphysik diene, auf dem Para-
digma der philologischen Methodik aufbaut (1966:75ff). Es wäre an der Zeit, sich
von der Erkenntnis des großen Karl Reinhardt leiten zu lassen, die dieser schon
in einem Vortrag des Jahres 1928 äußerte:
D i e M e t h o d e , die [Nietzsche] w ä h r e n d seiner L e h r z e i t s c h u l g e m ä ß z u h a n d h a b e n ge-
lernt hat, ist die philologische, historische M e t h o d e seiner Zeit. W o er in s p ä t e r e n
S c h r i f t e n ü b e r M e t h o d e redet, r e d e t er m i t V o r l i e b e v o n ,Interpretation'. D e r Sinn,
v o n d e m aus sein B e g r i f f der Interpretation v e r s t a n d e n w e r d e n will, b e s t i m m t sich
d u r c h d e n p h i l o l o g i s c h e n B e g r i f f der Interpretation, so w i e er i h n als P h i l o l o g g e l e r n t
hat. (Reinhardt, 1 9 6 0 b : 2 9 6 f )

Niemand hat diese Vorlage bisher aufgenommen, auch Reinhardt selbst hat sie nicht
vertieft. In den folgenden Kapiteln soll dies nachgeholt werden, um schließlich den

ne, oft führe erst die Interpretation (via Textkritik etc.) zum Text. Er sei damit selbst ein hermc-
neutischer Begriff, eine Phase im Verstehensprozess, und nicht einfach das Endprodukt, als das
ihn die Linguistik analysiere (1986:341). Aufgabe der Philologie sei es dementsprechend, Texte
zuerst „lesbar" zu machen, im extremen Falle als Ubersetzung aus einer fremden Sprache. Text-
verständnis bleibt damit von kommunikativen Bedingungen abhängig, die über den Wortsinn
hinausreichen (341 f) eine Erkenntnis, die nach der pragmatischen Wende auch in der Linguistik
unkontrovers ist. Leider hat Gadamer diesen Textbegriff nicht an Nietzsche ausprobiert. Wel-
che Gründe dafür den Ausschlag gegeben haben mögen, wird weiter unten erörtert.
Die Chronologie ist hier, wie überall bei Nietzsche, von entscheidender Bedeutung. Die Col-
Ii/Montinari-Ausgabe hat zweifelsfrei bewiesen, dass viele der für revolutionär und radikal ge-
haltenen fragmentarischen Äußerungen über die Interpretation aus dem Nachlass weit vor den
späten in sich geschlossenen Werken entstanden sind und deshalb keineswegs als Nietzsches
letztes Wort gelten dürfen. Da große Teile der bis heute einflussreichsten Nietzsche-Literatur
noch auf der Schlechta-Ausgabe beruhen (im besten Falle: besonders in Frankreich und den
USA wird bekanntlich nach wie vor mit noch unzureichenderen Übersetzungen und Nachlass-
kompilationen gearbeitet), können die falschen Vorstellungen noch lange nachwirken.
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16 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

Gründen nachzugehen, warum nach Reinhardt niemand in dieser Weise über Nietz-
sche weitergedacht hat.

1.3. Methodische Vorentscheidungen, Text- und Quellengrundlage

Die vorliegende Studie fühlt sich der philologischen, nicht der philosophischen
Nietzscheforschung verpflichtet. Für sie mögen die Namen Mazzino Montinari
oder Ernst Behler stehen — um nur jenen die Ehre zu erweisen, die sich gegen die
Vereinnahmung nicht mehr wehren können. Die quellenkritische Rekonstruktion
von Nietzsches Denken in der Nachfolge Montinaris ist ein überzeugendes For-
schungsparadigma, freilich bedarf es verstärkter Bemühungen um die Lektüre
und Auswertung der gefundenen Quellen: die bloße Verkettung von Quelle und
Text genügt heute weder dem erreichten Stand der Literaturwissenschaft noch
der Nietzscheforschung. Ich plädiere deshalb für eine zur philosophischen Nietz-
scheforschung komplementäre, philologisch-hteraturwissenschaftliche Lektüre als
einer Kombination aus Edition, Textkritik, Quellenforschung und Lektüre, die
sich am methodischen Inventar orientiert, welches in langer praktischer Arbeit
am philologischen Umgang mit Texten entstanden ist — und das den Philologien,
die sich allzu lange von ihrem eigenen methodischen Kern ablenken ließen, selbst
in Erinnerung zu rufen ist.
Ein Glaubensbekenntnis wird hier jedoch nicht abgelegt. Im Gegenteil: die
theoretischen und methodischen Grundlagen werden in dieser Arbeit nicht wie
üblich schon am Anfang breit dargestellt, sondern erst am Ende, als Resultate
einer Praxis. Weil Theorie und Methode niemals unreflektierte Voraussetzung
werden dürfen, seien sie als Schlussfolgerung aus dem Arbeitsprozess beschrie-
ben. Gewonnen sind die Ergebnisse dieser Arbeit aus der ohnehin durch keine
Absichtserklärung oder Theorie zu bändigenden zyklischen Beschäftigung mit
den Quellen und insbesondere den Schriften Nietzsches, und zwar ohne dass die
Lektüre noch durch ein Epitheton wie ,dekonstruktivistische', ,diskursanalyti-
sche', ,systemtheoretische' disqualifiziert werden müsste. Nietzsches Schriften
und die verschiedenen Quellen stehen in einem komplizierten Verhältnis der
gegenseitigen Erläuterung, das durch einen simplen Zirkel nur unzureichend
beschrieben wäre. Da eine nietzscheadäquate Auffassung philologischer Metho-
dik erst Ziel dieser Arbeit ist, muss ihre Darstellung auf das Schlusskapitel ver-
schoben werden:
Wollte ein Philosoph damit anfangen, die Methode, nach der er philosophieren will,
sich auszudenken; so gliche er einem Dichter, der zuerst sich eine Aesthetik schriebe,
um sodann nach dieser zu dichten: Beide aber glichen einem Menschen, der zuerst
sich ein Lied sänge und hinterher danach tanzte. Der denkende Geist muß seinen
Weg aus ursprünglichem Triebe finden: Regel und Anwendung, Methode und Leis-
tung müssen, wie Materie und Form, unzertrennlich auftreten. Aber nachdem man

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1.3. Methodische Vorentscheidungen, Text- und Quellengrundlage

a n g e l a n g t ist, m a g m a n d e n z u r ü c k g e l e g t e n W e g betrachten. ( S c h o p e n h a u e r , 1988,


11.1:142)

Genauer beschrieben werden soll freilich die Text- und Quellengrundlage. Alle
bisher publizierten Schriften Nietzsches, einschließlich des Briefwechsels, sowie
einige noch nicht publizierte Materialien sind berücksichtigt worden, namentlich
die Kollegnachschriften. Hier habe ich mich auf die philologischen Kollegnach-
schriften konzentriert. In ihrem Vorwort zu Band 1.4. der KGW begründen Her-
ausgeber und Bearbeiter, Johann Figl und Ingo W. Rath, ihre Entscheidung, nur
jene Kollegnachschriften Nietzsches in die gedruckte Edition dieser Abteilung
aufzunehmen, die nicht philologischen Inhalts sind. Die Begründung überzeugt
nicht. Insbesondere Figl sollte es aufgrund seiner eigenen Einsichten (s.o.) besser
wissen. Für Nietzsches „Bildungsgang" seien die philologischen Kollegs weniger
wichtig gewesen als die Handvoll theologischer und philosophischer Vorlesun-
gen, die er besonders zu Beginn seines Studiums hörte (S. ix). Bei dieser schlicht
unbewiesenen Behauptung handelt es sich um eine Nachwirkung jener unseligen
und willkürlichen Trennung des philologischen vom philosophischen Nietzsche.
Zwar geben viele der philologischen Kollegnachschriften in der Tat wenig her,
das nicht aus Nietzsches philologischen Aufsätzen besser zu uns spräche. Die
teilweise schwer leserliche oder verblasste Handschrift macht die Lektüre nicht
zum Vergnügen. Dennoch ist die Entscheidung durch nichts zu rechtfertigen. In
ihrer geballten Konzentration geben die Kollegnachschriften philologischen
Inhalts ein wesentlich realistischeres Bild von Nietzsches „Bildungsgang" als eine
verkürzende Darstellung, die Nietzsche von vornherein zum Philosophen stem-
pelt, dessen Beschäftigung mit der Philologie gleichsam bloßes Versehen war.
Da der frühe Nietzsche bzw. Nietzsche als Berufsphilologe jedoch selbst
nicht im Mittelpunkt stehen, werden die Kollegnachschriften nur in wenigen
Fällen als Belegmaterial herangezogen; die entsprechende Übersicht im Literatur-
verzeichnis dient vor allem der schnellen Orientierung und dem Nachweis des
konkreten philologischen Bildungshintergrunds, der hier behauptet wird. Nietz-
sches übrige Philologica sowie der methodisch-philologisch aufschlussreiche
Nachlass sind genauer untersucht worden, stehen jedoch gleichfalls nicht im
Zentrum. Ausgehend vom philologischen Material liegt das Hauptgewicht der
Analyse vielmehr auf Nietzsches Hauptschriften, denn sie sind es, die das Inte-
resse am Nachlass und an den ansonsten absolut zeittypischen Vorlesungsnach-
schriften erst hervorgebracht haben. Die seit Heidegger vor allem in der akade-
mischen Philosophie verbreitete Auffassung, wonach Nietzsches eigene
Veröffentlichungen nur „Vordergrund" waren und seine wahre Philosophie erst
im Nachlass der achtziger Jahre - d.h. in den Fragmenten, die den Kern des omi-
nösen Willen Macht konstituierten13 - zu finden sei (vgl. Heidegger, 61998, Bd.

Der eigentliche Skandal des von Elisabeth Förster-Nietzsche kompilierten Witten %ur Macht war
nicht so sehr die philologische Unzulänglichkeit oder der bösartige Wille zur Fälschung (letztlich
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18 1. Einleitung: Philologie und Interpretation

l:6ff), wird als unseriös abgelehnt. Aus philosophischer Sicht mag die Beschäfti-
gung mit Kernsätzen bequem sein, deren konkreten Werkkontext man vernach-
lässigen kann - die Philosophie liebt an der Literatur immer das Fragmentarische
(man denke nur an Hölderlin oder Celan). Nietzsches publizierte Schriften sind
aber um einiges komplexer und anspruchsvoller als der Nachlass der achtziger
Jahre, auch wenn dieser durchaus eine Fundgrube für den Kenner der Schriften
darstellt und wertvolle Einsichten in Nietzsches Denkwerkstatt gestattet.
Nach wie vor gibt es eine deutliche Arbeitsteilung auf dem Gebiet der Nietz-
scheforschung. Die Philosophen konzentrieren sich unvermindert auf den Nach-
lass (mittlerweile nicht mehr nur den späten, sondern auch den frühen), hier
wirkt außer Heidegger auch Schlechta nach. Die Philologen beschäftigen sich
eher mit den von Nietzsche selbst publizierten Werken; auch Montinari gab ih-
nen den Vorzug. Die zur Zeit besten Studien zu einzelnen Schriften Nietzsches
kombinieren die verschiedenen Tugenden und bearbeiten — auf ganz verschiede-
ne Weise — mit einem am Nachlass quellenkritisch und textgenetisch geschulten
Instrumentarium Nietzsches eigene Veröffentlichungen (bzw. den autorisierten
Nachlass), besonders das Früh- und Spätwerk (z.B. Groddeck, 1991; von Reib-
nitz, 1992; Stegmaier, 1994; Hödl, 1997; Sommer, 2000), in Einzelfällen inzwi-
schen auch die mittleren Schriften (z.B. Brusotti, 1997). Die Natur der Thematik
verbietet mir die Konzentration auf eine oder mehrere bestimmte Schriften.
Gleichwohl waren einige wichtiger als andere, etwa der Antichrist oder die dritte
Abhandlung zur Genealogie der Moral. Mit Werner Stegmaier, der hier einer langen
Tradition der kritischen Nietzscherezeption folgt, möchte ich besonders die Re-
levanz von Nietzsches Spätwerk verteidigen. Nietzsche dürfe man niemals ein-
fach als wahnsinnig abtun, zumal der Antichrist zeuge von „strengster gedankli-
cher Spannung" (Stegmaier, 1992:339) und stelle gemeinsam mit Ecce Homo
nochmals eine Weiterführung von Nietzsches Denken dar14. Der Nachlass ver-
mag einige Stellen in den veröffentlichten Werken zu erhellen, auch wenn diese
Art der Beweisführung mit Vorsicht anzuwenden ist. Insgesamt liegt das Haupt-
gewicht der vorliegenden Arbeit somit auf den ab Menschliches, All^umenschliches
erschienenen Texten mit Ausnahme des Zarathustra, der, da er einen ganz eigenen
Zugang erfordert, hier nicht angemessen berücksichtigt werden konnte.
Viele Quellenstudien zu Nietzsches Lektüre beschränken sich auf den Nach-
weis von Stellen, in denen der Wortlaut zwischen Quelle und Text so große Ähn-
lichkeit aufweist, dass Zufall ausgeschlossen und damit ein Einfluss bewiesen ist.
Die bloße Entdeckung einer Quelle sagt jedoch noch lange nichts über ihre Um-
funktionierung im neuen Kontext von Nietzsches Text aus, d.h. sie erlöst nicht

besteht der lVille %ur Macht ja immer noch aus Nietzsches Formulierungen), sondern der Um-
stand, dass dieses Machwerk Hauptwerkstatus beanspruchte.
Schon Willy Haas, Herausgeber der „Literarischen Welt" und einer der aktivsten Gegner des
Nietzschearchivs unter Elisabeth Förster-Nietzsche nannte Ecce Homo „eines der brilliantesten
kulturkritischen Werke der Weltliteratur" (Haas, 1929:lf). Zu dieser Tradition vgl. Bcnne
(2004a).
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1.3. Methodische Vorentscheidungen, Text- und Quellengrundlage

vom Imperativ der Auslegung, die auf diesen Kontext vor allem Rücksicht zu
nehmen hat. Ausgehend von Nietzsches nachgelassener Bibliothek habe ich mich
deshalb mit den für das Thema relevanten Quellen befasst, die Grenzen der Re-
levanz aber kaum festgelegt. Die aktuelle Nietzscheforschung orientiert sich
teilweise zu sklavisch am zufällig erhaltenen Bestand der Weimarer Sondersamm-
lung. Ich habe die Quellen aus der nachgelassenen Bibliothek um belegte oder
sehr wahrscheinliche Exemplare erweitert, die nicht (mehr) im Nietzsche-Archiv
aufgestellt wurden. So hat Nietzsche bereits nach Aufgabe seiner Basler Profes-
sur einen guten Teil der philologischen Literatur verkauft. Relevant sind darüber
hinaus frühere und zeitgenössische Autoren verschiedenster Herkunft, die sich
auf thematisch verwandtem Gebiet bewegen, — und seien sie nur als Kontrastfo-
lie geeignet. Der Nachweis, ob Nietzsche sie gekannt hat oder nicht, ist in diesen
Fällen gleichgültig.
Viele benutzte Quellen entstammen dem Bereich der Philologiegeschichte,
die in der Forschung zur Wissenschaftsgeschichte überraschend schlecht vertre-
ten ist. Paradoxerweise haben die Geisteswissenschaften, die beizeiten alle ande-
ren Wissenschaften dazu anhielten, ihre Geschichte zu reflektieren, vergessen,
vor der eigenen Haustüre zu kehren. Auch wenn sich hier immerhin gerade etwas
ändert, so gibt es heute fast mehr Literaturwissenschaftler, die sich forschungs-
mäßig mit der Geschichte anderer Wissenschaften (Medizin, Anthropologie,
Chemie usf.) beschäftigen, als mit der Geschichte der eigenen Disziplin. Meine
Versuche, Ordnung in das Archiv zu bringen, sind dementsprechend vorläufig
und tastend15. Ich ziehe ferner einige Quellen aus der europäischen Literaturge-
schichte heran, seien sie nun in Nietzsches nachgelassener Bibliothek erhalten
oder nicht16. Nietzsche kannte die Literaturgeschichte besser als die Philosophie-
geschichte, und seiner ungewöhnlichen Belesenheit (er war, trotz gegenteiliger
Beteuerungen, ein ausgesprochener Vielleser) kann man wohl nur auf kompara-
tistischem Weg gerecht werden. Gewiss gibt es in den Archiven noch ungehobe-
ne Schätze, selbst alle Schriften von Nietzsches eigener Hand sind entgegen weit
verbreiteter Annahmen noch nicht vollständig veröffentlicht. Ich erwarte von
neuen Funden jedoch keine Falsifizierung meiner Thesen. Die Arbeit mit dem
einmal ausgewählten Material erschien letztlich wichtiger als seine kontinuierliche
Ergänzung.

Im NPAU liegt seit kurzem ein Eintrag zur Philologiegeschichte von Joachim Latacz und Peter
Lebrecht Schmidt vor („Philologie" in Bd. 15/2, S. 238-327), der mir während der Abfassung
des Manuskripts zwar noch nicht zur Verfügung stand, dessen hervorragende Ubersicht aber ei-
ne gute Vergleichsbasis zu den von mir herausgearbeiteten Linien abgeben kann. Hier auch wei-
tere bibliographische Hinweise zum Thema.
Auf seine unsteten Wanderungen musste Nietzsche mit der Größe seiner Bibliothek haushalten.
Wir wissen, dass er fast alle belletristischen Werke, waren sie einmal gelesen, verschenkte bzw.
verkaufte oder gegen neue Bücher eintauschte.
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2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der
Alexandrinismus

2.1. Beruf und Berufung

Die Philologie ist für Nietzsche eine Lebensentscheidung gewesen. Schon in der
Schulzeit nahm die Beschäftigung mit ihr seine Abwendung vom Christentum
vorweg; sie ließ ihn auf der Universität das Studium der Theologie abbrechen, zu
dem er sich von der Familie noch gedrängt gesehen hatte17. Von Beginn an ist die
Philologie eine Entscheidung für wissenschaftliche ,Redlichkeit', für Methodik:
Nietzsche begeistert sich weniger für die Schilderung und Erforschung des grie-
chisch-römischen Altertums als für die strenge Kritik der Bonner Schule Fried-
rich Ritschis. Das Urteil der wichtigsten Biographen, die mehr als andere das
landläufige Nietzschebild geprägt haben, ist freilich einstimmig. Weder Walter
Kaufmann (31968) noch Werner Ross (21994) schenken der Philologie viel Auf-
merksamkeit. Ross stellt die Basler Zeit zwar recht umfassend dar, interessiert
sich jedoch kaum für die eigentliche berufliche Tätigkeit Nietzsches und ihre
Beziehung zu seinen anderen Lebensumständen oder gar seinen Denkweg. Die
Lösung Nietzsches von der Philologie interpretiert er als Prozess der Entfrem-
dung. Walter Kaufmann schreibt die Aufgabe der Basler Stellung vor allem ge-
sundheitlichen Gründen zu.
Curt Paul Janz ist gründlicher. Er erzählt von einem den Büchern verfallenem
Knaben, der in der Pforte methodisch und sachlich von Koryphäen der Philolo-
gie exzellent ausgebildet worden ist18 und vom Geist der Philologie völlig durch-
tränkt die Universität bezieht. Aber Nietzsches Begeisterung für Friedrich Ritsehl
und seine Art der Philologie stellt Janz als gleichsam unfreiwillige, von der cha-
rismatischen Persönlichkeit Ritschis ausgelöste, ansonsten wenig nachvollziehba-
re Faszination dar. Zwar erkennt Janz die Bedeutung der methodischen Schulung
Nietzsches durch die Philologie an, letztlich habe sie ihn aber „einen großen Teil
seines Lebens gekostet" (Bd. l:173ff). Spätestens mit der Entdeckung Schopen-
hauers und F.A. Langes in der Leipziger Zeit beginne Nietzsches innere Lösung

Paul Deusscn berichtet, wie die Schüler der Schulpforte ihre Frömmigkeit durch einen histo-
risch-kritischen, an der philologischen Methodik ausgerichteten Umgang mit der Bibel verloren
(1901:4).
Dazu neuerdings Schmidt (1991ff, Bd. II. 1). In den gut recherchierten Ausfuhrungen finden
sich viele Quellenhinweise.
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2.1. Beruf und Berufung 21

vom Fach. Wie die anderen Biographen auch behandelt Janz die Studienzeit
oberflächlich und ohne besonderes Interesse. Der Basler Dekade wird mehr Platz
eingeräumt, allerdings steht hier das Verhältnis zu Wagner im Mittelpunkt. Nietz-
sche habe die Professur dann aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Für
Janz ist wie für die gesamte traditionelle Nietzscheforschung die Philologie nach
der Basler Zeit erledigt, obwohl er es am Rande doch erwähnenswert findet, dass
Nietzsche die historisch-kritische Methode im Antichrist wiederzubeleben scheine
(Bd. 2:595). Die Biographen schreiben hinsichtlich Nietzsches Verhältnisses zur
Philologie letzlich die hagiographische Tradition seiner Schwester fort und folgen
ihrer Schilderung von Nietzsches Basler Krise und Krankheit, die ihm zuletzt die
Loslösung von der Philologie erlaubt habe (vgl. Förster-Nietzsche, 1897, Bd. 2.1.,
bes. 327f). Dies schien eine plausible Deutung, mit deren Hilfe man den schwer
zugänglichen jungen Philologen zugunsten des eigentlichen Nietzsche, des rei-
fenden und gereiften Philosophen, guten Gewissens ignorieren konnte.
Eine differenziertere Lesart muss man, wie so oft, bei Lou Andreas-Salome
suchen. Auch sie verbindet die Aufgabe der Professur mit Nietzsches Gesund-
heitszustand (2000:117f), da er sein geringes Augenlicht eben für andere Studien
als ausgedehnte philologische Mikroskopie benötigte. Auch sie betont, dass die
strenge philologische Schulung durch die Methode Ritschis die schöpferischen
Kräfte des „jungen Feuergeistfes]" (78) nicht zur vollen Entfaltung kommen ließ.
Indes verbindet sie gleichzeitig Nietzsches Affinität zur Feinheit, zur Subtilität in
Auffassung und Erkenntnis mit seiner philologischen Herkunft (83). Geht sie
schon darin über die anderen Biographen hinaus, so lässt sich ihre grundsätzliche'
Einsicht in Nietzsches Denkdynamik besonders gut auf sein Verhältnis zur Phi-
lologie anwenden:
[...] was Nietzsche am grundsätzlichsten zu bekämpfen scheint, das nimmt er schließ-
lich selbst am grundsätzlichsten in seine Theorie auf, - aber nur in den äußersten
Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel zum
Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schließlich, um es seinem End-
zweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man kann überall da, wo Nietzsche ir-
gend etwas mit ganz besonderem Hasse verfolgt und erniedrigt, mit Sicherheit an-
nehmen, daß es irgendwie tief — tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines
eigenen Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien. (239)

Es gibt in der Tat eine Phase, in der Nietzsche die Philologie aktiv zu bekämpfen
scheint. Auf sie wird später genau einzugehen sein (s. v.a. 5.3.-5.5.). Die For-
schung zu Nietzsches Auseinandersetzung mit der Philologie hat sich zu ihrem
Nachteil fast ausschließlich auf diese Phase konzentriert, nämlich auf die Entste-
hungszeit der Notizen zur geplanten Un^eitgemässen Betrachtung mit dem Titel „Wir
Philologen". Die Philologie werde sich, so heißt es dort Mitte der siebziger Jahre,
selbst die Existenzgrundlage entziehen, wenn sie ihren kritisch-zerstörerischen
Pfad weiterverfolge: „Der zukünftige Philologe als Sceptiker über unsre ganze
Cultur und damit auch als Vernichter des Philologen-Standes." (TV 5[55]) - so
lautet etwa der Entwurf einer Kapitelüberschrift. Nietzsche stilisiert die Philolo-
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22 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

gie zeitweilig zur blutarmen Beschäftigung von Hilfsarbeitern, die einer schaffen-
den Philosophie diametral entgegensteht. Das Bild vom Philologen als Antipoden
der wahren Griechen und bloßem „Kärrner" der Wissenschaft (vgl. etwa Pöschl,
1979) liefert Schlagworte bis heute19.
„Wir Philologen" hat in neuerer Zeit besonders durch die Aufnahme in den
dritten Band der einflussreichen Ausgabe Schlechtas (SA) gewirkt, nachdem sie
erstmalig in der Großoktavausgabe (GA) und danach in der lange Zeit weit ver-
breiteten Taschenausgabe von 1906 (TA) erschienen war und in der Folge in alle
auf diesen Editionen beruhende Nietzscheausgaben Eingang fand. Durch ihre
Präsentationsform erhalten die Aufzeichnungen und unfertigen Reflexionen in
Form einer Fragmentsammlung unzulässigerweise Werkcharakter, der sie unun-
terscheidbar von den aphoristischen Büchern macht. „Wir Philologen" vermittelt
die Illusion, Nietzsche habe hier zusammenhängend das letzte Wort über die
Philologie gesprochen20. Allerdings heißt es in „Wir Philologen" auch: „Man
glaubt es sei zu Ende mit der Philologie — und ich glaube, sie hat noch nicht
angefangen." (IV 3[70]). Man kann darin die Absichtserklärung einer Zukunfts-
philologie21 erkennen, die Nietzsche dann selbst doch nie verwirklicht hat. Es
könnte aber auch sein, dass Nietzsche die Philologie unbewusst oder absichtlich
in seinen künftigen Denkweg eingebaut hat. Nicht umsonst weist Nietzsche in
einer seiner bedeutendsten Arbeiten daraufhin, dass es „historische und philolo-
gische Schulung" gewesen sei, die ihn in Verbindung mit einem angeborenen
psychologischen Sinn zu seinen eigentlich neuen und revolutionären Fragen
inspirierte (GM Vorrede 3, 5:249).
Der Irrtum, dem die Forschung bis heute unterliegt, besteht darin, der histo-
risch-kritischen Kärrnerarbeit überhaupt jede Bedeutung für Nietzsche abzuspre-
chen. Kaum jemand scheint erkannt zu haben, dass sich seine philologiekriti-
schen Äußerungen in erster Linie gegen die Existenzform des Philologen, gegen
den Berufsstand richten und nicht gegen die Wissenschaft als solche. In Ecee
Homo, dem bei aller Rhetorik zumindest passagenweise direktesten und unzwei-
deutigsten Buch Nietzsches, beschreibt er, „wie nutzlos, wie willkürlich" sich
seine ganze „Philologen-Ew/i?»^" angesichts seiner „Aufgabe" ausnehme. Nur
die zehn Basler Jahre verdammt er mithin als Zeitverschwendung, nicht die philo-
logische Ausbildungszeit: „Zehn Jahre hinter mir, wo ganz eigentlich die E r n ä h -
rung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo ich nichts Brauchbares hin^ge-

Man vergleiche auch die oft amüsante Gegenüberstellung der antiken Griechen mit den zeitge-
nössischen Philologen in IV 5[59].
Zu „Wir Philologen" sind in jüngster Zeit die vorbildlichen Arbeiten Canciks und Can-
cik/Cancik-Lindemaiers (1994, 1999, 2002) erschienen, wobei pädagogische Interessen im Mit-
telpunkt stehen; die hier interessierenden methodischen Fragen spielen praktisch keine Rolle.
Die höchst aufschlussreiche textgenetische Behandlung in Cancik (1994) demonstriert deutlich
die fließenden Ubergänge der Aufzeichnungen zu später publizierten Schriften, darunter v.a.
Menschliches, All^umenschliches.
Ich benutze den von Wilamowitz spöttisch gebrauchten Begriff als neutrale Abkürzung für
Nietzsches wissenschaftliches Reformprojekt. Dazu später mehr.
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2.1. Beruf und Berufung 23

lernt hatte". Das methodische Studium der Philologie ist damit nicht getroffen,
sondern nur der Umstand, bei ihm stehengeblieben zu sein, statt darauf aufzu-
bauen. „Ein geradezu brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der
That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften".
Zu „eigentlichen historischen Studien", d.h. historisch-kritischen, sei er erst wie-
der zurückgekehrt, als „die A u f g a b e " ihn „gebieterisch dazu zwang". Der „in-
stinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten ,Beruf" gilt seine Verach-
tung — hier ist jede geregelte Berufstätigkeit gemeint. Durch sie habe er das Opiat
Wagner durch eine neue Betäubung ausbalancieren wollen. Schwarz auf weiß
steht also zu lesen, dass Nietzsche die Philologie durchaus wieder nützlich ge-
worden ist und Grundlage seiner weiteren Studien wurde (EH Menschliches,
Allzumenschliches 3, 6:325; alle Kursivierungen von mir).
Selbst in den Entwürfen zu „Wir Philologen" ist Nietzsches Verhältnis zur
Philologie nicht eindeutig negativ, sondern bestenfalls ambivalent: „Gegen die
Wissenschaft der Philologie wäre nichts zu sagen: aber die Philologen sind auch
die Erzieher. Da liegt das Problem, wodurch auch diese Wissenschaft unter ein
höheres Gericht kommt." (IV 3[3]). Zieht man die pädagogischen Aufgaben der
Philologie ab, bleibt ein Residuum, welches die Philologie überhaupt erst als
Wissenschaft legitimiert. Schon Nietzsches wichtigster Lehrer Friedrich Ritsehl
äußert diesen Gedanken, wenn er auf den Widerspruch hinweist, der darin liege,
die Philologie einerseits als Bildungsfach der Schule zu instrumentalisieren, um
sie im selben Atemzug für die reine und zwecklose Wissenschaft zu reklamieren
(1879:23).
Es fällt auf, dass auch Nietzsche sich späterhin negativ über die Philologie nur
als pädagogisches Zwangsmittel äußert (z.B. GD 29, 6:129). Dass an ihren gewal-
tigen Materialmengen vor allem „ochsen" zu lernen sei, wird freilich an anderer
Stelle wiederum als „unschätzbar" gewürdigt, da hier jene Trennung von Lust
und Pflicht eingeübt werde, welche erzieherische Grundlage vieler Tätigkeiten sei
(VIII 10[11]). Im Umfeld von „Wir Philologen" tritt ein Nietzsche auf, der aktiv
versucht, nützliche und weniger nützliche Teile der Philologie voneinander zu
scheiden. Der Titel soll eben „Wir Philologen" und nicht „Die Philologen" lau-
ten; Nietzsche sucht zu retten, was zu retten ist. Die schlimmsten Zweifel, sie
fallen bereits in die frühe Studienzeit, hat er lange hinter sich. Die Forschung hat
sich um derlei chronologische Feinheiten freilich bisher kaum gekümmert, denn
sie passen schlecht zur teleologischen Entwicklungsgeschichte vom Philologen,
der sich nach schrittweisem Desillusionierungsprozess schließlich in den Künst-
lerphilosophen und freien Geist verwandelt.
Schon im Oktober 1868 formuliert Nietzsche gegenüber Paul Deussen die
einprägsame Formel von der Philologie als „Mißgeburt der Göttin Philosophie,
erzeugt mit einem Idioten oder Cretin" (KGB 1.2:329). In einem Brief an Gers-
dorff vom 6. April 1867 — zu einer Zeit, da er in anderen Briefen noch als über-
zeugter Jünger Friedrich Ritschis auftritt — beklagt er das Fehlen einer erheben-

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24 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrimsmus

den „Gesamtanschauung des Alterthums". Die Philologen konzentrierten sich zu


stark auf einzelne Punkte; ihre Arbeitsweise, das Sichten aberdutzender Bücher,
„die den Nerv des selbständigen Denkens ausglühen", sei tödlich (I.2.208ff). Ein
knappes Jahr später bereits gibt er seine Absicht bekannt, „den Philologen eine
Anzahl bittrer Wahrheiten zu sagen", dass sie nämlich von einigen wenigen gro-
ßen philosophischen Geistern abhängen und immer abhängig waren, welche
selbst kaum Philologie getrieben haben (Brief an Rohde vom 1.-3. Februar 1868,
I.2:245ff). Die vielen philologiekritischen Äußerungen für ausgewählte Freunde
(vor allem Deussen, Rohde und Gersdorff) dienen ihnen gegenüber als Nach-
weis, auf der Höhe der Zeit zu bleiben und sich nicht als Musterschüler mit Leib
und Leben dem künftigen Broterwerb verschrieben zu haben. Immerhin besteht
die Möglichkeit, dass der Liebhaber wechselnder Masken sich nur auf die jeweili-
gen Briefpartner einlässt. Nietzsche will nicht als jemand gelten, der Schopenhau-
er missverstanden hat. Der im Vergleich zu seinen Kommilitonen so erfolgreiche
Jungphilologe relativiert ihnen gegenüber seine Leistungen, die ohne kolossales
Engagement gar nicht hätten erbracht werden können.
Es ist übrigens zu bezweifeln, ob Nietzsche tatsächlich jemals Schopenhaue-
rianer war22. Zwar sieht Nietzsche in dieser Zeit seine eigene Zukunft durchaus
eher in der Philosophie als der Philologie, die geplante Dissertation über den
Begriff des Organischen bei Kant als Mischung aus Philosophie und Naturwis-
senschaft ist aber bekanntlich eher von F.A. Lange angeregt23. Als das Angebot
der Basler Professur plötzlich über ihn hereinbricht, schreibt er am 16. Januar
1869 einen aufschlussreichen Brief an Rohde, in welchem er sich für die Absage
der lange vorbereiteten Reise nach Paris entschuldigt. Eigentlich, so Nietzsche,
habe er vor dem Angebot ja vorschlagen wollen, die Philologie zum „Urväter-
hausrath" zu werfen und gemeinsam Chemie zu studieren (1.2:360). Bereits hier
findet sich also eine Vorahnung auf jene berühmte „Chemie der B e g r i f f e
und E m p f i n d u n g e n " (MA 1.1, 2:23), mit denen Jahre später, nach dem langen

22 Bereits im R.ückblick auf meine ^wei Leipziger Jahre (KGW 1.4:506-539) schildert Nietzsche seine
Entdeckung Schopenhauers ironisch-distanziert. Sie sei in eine Phase der Vereinsamung, Orien-
tierungslosigkeit und des Weltschmerzes gefallen (512ff). Auf die Ergriffenheit folgen bald wie-
der nüchternere Tage: „In jene Zeit fällt die Gründung des philologischen Vereins." (514).
23 Vgl. Nietzsches Brief an Gersdorff vom Ende August 1866, der seine Entdeckung Langes
schildert (I.2:156ff). Für Mushacke beschreibt Nietzsche im November 1866 Langes Geschichte
des Materialismus als das bedeutendste philosophische Werk der letzten Jahrzehnte; außer Kant,
Schopenhauer und Lange benötige er keine weitere philosophische Lektüre (I.2:180ff). Das
Standardwerk zur Bedeutung Langes für Nietzsche ist Stack (1983), grundlegend nach wie vor
aber Salaquarda (1978). Nietzsche hat das 1866 erschienene Buch Langes im selben Jahr erwor-
ben und sehr schnell gelesen. Salaquarda weist gegenüber anderen Autoren nach, dass Lange
auch noch in den achtziger Jahren von großer Bedeutung für Nietzsche blieb. Wichtig ist auch
ein weiterer Brief an Gersdorff, der sich auf seine Demokritforschungen bezieht, die offensicht-
lich stark von Lange geprägt sind. Nietzsche spricht hier von seinen „ A b d e r i t c n s t r e i c h e n "
(1.2:350), was wohl als klarer Hinweis auf Wielands Roman Die Abderiien (Wieland, 1966) gedeu-
tet werden darf, der gewiss eine wichtige Anregung bei der Konzeption des Freigeistes gewesen
ist (vgl. auch WS 107, 2:599). Zu Nietzsches Demokritforschungen vgl. neuerdings Porter
(2000a).
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2.1. Beruf und Berufung 25

beruflichen Intermezzo, Menschliches, All^umenschliches anheben soll. Nietzsche ist


nicht nach einer wie auch immer gearteten Uberwindung der Philologie plötzlich
zum Philosophen mutiert. Im Gegenteil ergänzt er, bei anhaltender Skepsis ge-
genüber dem Philologenfera£ die philologische Methode schon früh mit einem
ausgeprägten, von F.A. Lange inspiriertem Interesse an den Naturwissenschaften,
deren Leitdisziplin die Chemie zu dieser Zeit noch ist.
Die Frage, warum Nietzsche nicht akademischer Philosoph geworden ist,
drängt sich angesichts der Standardversion von selbst auf. Es bereitete ihm of-
fenbar keine Schwierigkeiten, als Student der Theologie zur Philologie zu wech-
seln. Warum wechselte er später nicht zur Philosophie? Auch hier hätte ihm eine
akademische Karriere offengestanden. Andere Freunde wechseln ebenfalls das
Studienfach. Für Nietzsche, glaubt Janz stellvertretend für viele zu wissen, sei die
Philologie von Anfang an Mittel, nicht Ziel gewesen24. Die Dokumente sprechen
eine andere Sprache. Es gibt durchaus den Nietzsche, der in einer philologischen
Professur die Erfüllung eines Lebenstraumes sieht. Seine schnelle Enttäuschung
hat mit den tatsächlichen Arbeitslasten (etwa am Basler Pädagogium) und nicht
zuletzt damit zu tun, das Ziel zu schnell und in dem Wissen erreicht zu haben,
dass das bereits Geleistete den eigenen Ansprüchen nicht genügt.
Zwar bewirbt sich Nietzsche 1871 in Basel informell auf eine Philosophiedo-
zentur, wollte damit aber vor allem erreichen, dass auf seine dann frei werdende
Stelle Rohde berufen werden und sich ihm so wieder anschließen könnte25. Es
blieb bei dem einen halbherzigen Versuch, obwohl sich Mitte der siebziger Jahre
erneut Gelegenheiten boten. Hätte Nietzsche sein Ziel ernsthaft verfolgt, wäre es
ihm vielleicht geglückt. Er spürte gewiss, dass eine philosophische Professur
ebenso viele Einschränkungen mit sich führen würde, wie eine philologische26.

24 „Er hatte sich als für seinen Beruf für die Philologie entschieden, obwohl ihm schon damals klar
war, daß sie ihm nur ein Mittel, nicht das letzte Ziel sein könne." (Janz, 1978:172) So verwegen
psychologisch spekuliert Janz an nur wenigen Stellen.
25 Vgl. den Bewerbungsbrief für den philosophischen Lehrstuhl als Nachfolger Teichmüllers an
den Ratsherrn und ehemaligen Philologen Wilhelm Vischer-Bilfinger, der entscheidend für seine
Berufung verantwortlich gewesen war. Im Brief vom Januar 1871 beklagt Nietzsche am philolo-
gischen Beruf v.a. die pädagogische Belastung, eine Selbsteinschätzung, die sich in vielen ande-
ren Briefen und Dokumenten wiederholt (die hohe Stundenzahl am Pädagogium, die kurzen Fe-
rien, die Prüfungen usw. halten ihn von der eigentlichen wissenschaftlichen Tätigkeit ab). In
dem Brief gibt er zu, dass seine philosophische Kompetenz ausweisbedürftig ist, fühlt sich aber
„für jenes Amt befähigter [...] als für ein rein philologisches", wobei er ironischerweise seine so-
lide philologische Bildung hervorhebt, die es ihm ermögliche, Aristoteles und Piaton richtig le-
sen zu können (II.l:174ff)! Die Briefe im Umfeld zeigen, wie dringend er eine Wiedervereini-
gung mit Rohde wünscht, den er gleich als möglichen Ersatz vorschlägt und den er sogar zu
einer Bewerbung in Zürich drängt, um ihm näher zu sein. Im Briefwechsel lässt sich ferner ver-
folgen, wie stark die Frustration über die Philologie mit pädagogischem Misserfolg und fehlen-
der Anerkennung, insbesondere nach dem Debakel der Tragödienschrift, zusammenhängt.
26 Nietzsche begreift sich mehr und mehr als Künstler (bzw. Artist), höchstens als freien philosophe.
In Guyaus Esquisse d'une morale sans obligation ni sanction aus dem Jahr 1885 streicht er sich folgen-
de Stelle mit dem Zusatz an: „So war meine eigene Existenz in Basel." — „Supposons par e-
xemple un artiste qui sent en lui le genie et qui s'est trouve condamne toute sa vie a un travail
manuel; ce sentiment d'une existence perdue, d'une täche non remplie, d'un ideal non realise, le
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26 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Philosophische Themen ähnlich der einst geplanten Dissertation hat er nicht


mehr aufgegriffen. Nietzsche blieb auf philosophischem Gebiet ein Autodidakt,
der nur wenige Grundtexte der Philosophiegeschichte gut kannte, der von Aris-
toteles wohl nur die Rhetorik gelesen hat, dem viele philosophische Subdiszipli-
nen und Fragestellungen fremd waren. Mit neueren Philosophen kam er oft nur
über zweite Hand in Berührung.
Nietzsche, der 1872, kurz vor dem Skandal um die Tragödienschrift, sogar ei-
nen Ruf nach Greifswald erhält, gibt seine Professur aber auch nicht auf, um sich
Wagners Bayreuther Projekt zu widmen, obschon ihm dergleichen Überlegungen
nicht unbekannt waren, sondern erst dann, als er mit Wagner längst gebrochen
hat. Nietzsche bleibt ein Jahrzehnt lang professioneller Philologe, der in den
letzten Jahren zwar keine fachwissenschaftlichen Abhandlungen mehr veröffent-
licht, aber gewissenhaft Vorlesungen hält, die nicht vermuten lassen, dass es sich
um den Verfasser der Geburt der Tragödie, geschweige denn der Werke der
achtziger Jahre handelt.
Noch in Conrad Bursians Geschichte der classischen Philologie in Deutsch-
land aus dem Jahr 1883 gilt Nietzsche als konventioneller Philologe in der gram-
ma tisch-kritischen Richtung seit Gottfried Hermann27. Bis heute ist nicht nur die
Tragödienschrift ein „fruchtbares Ärgernis" der Philologie geblieben (s. Latacz,
1998), sondern werden sogar Nietzsches einschlägige fachphilologische Arbeiten
geschätzt (vgl. Barnes, 1986). In Nietzsches frühem Ungenügen an der Philologie
ringt in erster Linie eine berufliche, keine wissenschaftliche Krise nach Ausdruck.

poursuivra, obsedera sa sensibilite ä peu pres de la meme maniere que la conscience d'une
defaillance morale." (zit. nach Förster-Nietzsche, 1897, 2.1:327). Nietzsches Vorstellung vom
Philosophen ist das ausdrückliche Gegenteil des akademischen Beamten (SE 7, l:409f). Jenen
treffen vielmehr dieselben Vorwürfe wie alle anderen Gelehrten auch. Die Philologen zieht
Nietzsche dabei sogar noch allen Wissenschaftlern vor, die sich mit ein wenig dilettantischer
Naturwissenschaft oder Historie legitimieren wollen, besonders aber den Philosophiehistori-
kern, „denn bei den meisten gelehrten Arbeiten, welche Universitätsphilosophen machen, hat
ein Philolog das Gefühl, dass sie schlecht gemacht sind, ohne wissenschaftliche Strenge und
meistens mit einer hassenswürdigen Langweiligkeit." (SE 8, l:416-418ff).
Nietzsche wird hier mit der Arbeit über Diogenes Laertius erwähnt: „Für die Erforschung der
von Diogenes für die Compilation seines Werkes benutzten Quellen hat ein jüngerer deutscher
Philolog, der leider seit 1879 durch Kränklichkeit sich genöthigt gesehen hat, seine Lehrtätigkeit
an der Universität Basel und am Pädagogium in Basel einzustellen, F r i e d r i c h W i l h e l m
N i e t z s c h e (geboren in Röcken bei Lützen 15. October 1844), Treffliches geleistet." In einer
Anmerkung werden weitere „beachtenswerte Arbeiten" Nietzsches aufgezählt, außer den Arbei-
ten für das Rheinische Museum sogar die Geburt der Tragödie. (Bursian, 1883:929). Hermann Diels,
Generationsgenosse Nietzsches und Herausgeber der von diesem so geschätzten Vorsokratiker,
setzt sich offenbar noch in den neunziger Jahren ernsthaft mit Nietzsches Philologica auseinan-
der (vgl. den Brief an Usener vom 17. November 1892 in Diels/Usener/Zeller, 1992, Bd.l:436)
Zu Nietzsches Beschäftigung mit Diogenes s. Bamcs (1986) und Gigante (1994).
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2.2. Alexandrinismus 27

2.2. Alexandrinismus

Als Kontrast zu „Wir Philologen" lohnt es sich, die Philologie bei Nietzsche aus
rückwärts gewandter Perspektive, von den letzten Werken her zu betrachten,
denen Nietzsche selbst eine methodische Rückkehr zu Philologie bescheinigt hat.
Die wichtigste Qualität der Philologie in diesem Kontext lässt sich durch das
Wort ,Redlichkeit' bezeichnen. Das Motiv der Redlichkeit oder intellektuellen
Rechtschaffenheit zieht sich als der berühmte rote Faden durch Nietzsches
Schaffen. Die Philologie ist ihr Unterpfand, Philologie und Redlichkeit treten bei
Nietzsche annähernd synonym auf. Philologie bedeutet wertsetzende Selbstver-
pflichtung: einem Ethos gemäß zu forschen, das zwar nicht objektive, aber nach-
vollziehbare Ergebnisse liefert28. Ohne derartige Grundlage sind Kulturen zum
Tode verurteilt: „Lob der Philologie: als Studium der Redlichkeit. Das Alterthum
gieng am Verfall derselben zu Grunde." (V 6[240]). Diese Notiz aus dem Jahr
1880 hat Nietzsche mehrfach in abgewandelter Form verwendet. Am stärksten
ausgebaut hat er sie in einer der letzten Schriften, im Antichrist29:
Die ganze Arbeit der antiken Welt u m s o n s t : ich habe kein Wort dafür, das mein Ge-
fühl über etwas so Ungeheures ausdrückt. — Und in Anbetracht, dass ihre Arbeit eine
Vorarbeit war, dass eben erst der Unterbau zu einer Arbeit von Jahrtausenden mit
granitnem Selbstbewusstsein gelegt war, der ganze Sinn der antiken Welt um-
sonst!...Wozu Griechen? wozu Römer? - Alle Voraussetzungen zu einer gelehrten
Kultur, alle wissenschaftlichen M e t h o d e n waren bereits da, man hatte die grosse, die
unvergleichliche Kunst, gut zu lesen, bereits festgestellt — diese Voraussetzung zur
Tradition der Cultur, zur Einheit der Wissenschaft; die Naturwissenschaft, im Bunde
mit Mathematik und Mechanik, war auf dem allerbesten Wege, - der T h a t s a c h e n -
S i n n , der letzte und werthvollste aller Sinne, hatte seine Schulen, seine bereits Jahr-
hunderte alte Tradition! Versteht man das? Alles W e s e n t l i c h e war gefunden, um an
die Arbeit gehn zu können: — die Methoden, man muß es zehnmal sagen, sind das
Wesentliche, auch das Schwierigste, auch das, was am längsten die Gewohnheiten und
Faulheiten gegen sich hat. Was wir heute, mit unsäglicher Selbstbezwingung - denn
wir haben Alle die schlechten Instinkte, die christlichen, irgendwie noch im Leibe - ,
uns zurückerobert haben, den freien Blick vor der Realität, die vorsichtige Hand, die
Geduld und den Ernst im Kleinsten, die ganze R e c h t s c h a f f e n h e i t der Erkennt-

Dass Nietzsches philologische Schulung Vorbild der intellektuellen Redlichkeit war, ist zwar
andernorts auch erkannt worden (etwa Sommer, 2000:162f). Wissenschaftlich ist diese Einsicht
aber bisher folgenlos geblieben. A m einflussreichsten ist wohl die Darstellung von Jaspers gewe-
sen, der zwar allgemein die Bedeutung der Methode für Nietzsches Redlichkeit betont, aber ihre
philologische Herkunft unterschlägt, da sie ohnehin der Philosophie untergeordnet bleibe
( 2 1950:170-184). Die Verbindung von Philologie und Wahrheitstrieb wird schon am Rande von
Granier (1966) behandelt. Das ansonsten großartige Buch von Brusotti (1997) widmet sich dem
Motiv des Erkenntnistriebes und der intellektuellen Redlichkeit ohne näher auf die Philologie
einzugehen.
A m Ende sieht Nietzsche dieses Buch bekanntlich sogar als das lange geplante Hauptwerk an:
„Meine U m w e r t u n g a l l e r W e r t h e , mit dem Haupttitel ,der Antichrist' ist fertig" - Brief
an Paul Deussen, 26. November 1888 (111.5:492). Vgl. auch den Briefentwurf an Georg Brandes
von Anfang Dezember 1888 (III.5:500ff).
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28 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

niss — sie war bereits da! vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits! U n d , dazu gerech-
net, der gute, der feine Takt und Geschmack! N i c h t als Gehirn-Dressur! N i c h t als
„deutsche" Bildung mit Rüpel-Manieren! Sondern als Leib, als Gebärde, als Instinkt -
als Realität mit Einem Wort...Alles u m s o n s t ! Über Nacht bloss noch eine Erinne-
rung! - Griechen! Römer! Die Vornehmheit des Instinkts, der Geschmack, die me-
thodische Forschung, das Genie der Organisation und Verwaltung, der Glaube, der
W i l l e zur Menschen-Zukunft, das grosse Ja zu allen Dingen als Imperium Romanum
sichtbar, für alle Sinne sichtbar, der grosse Stil nicht mehr bloss Kunst, sondern Reali-
tät, Wahrheit, L e b e n geworden...- Und nicht durch ein Natur-Ereigniss über Nacht
verschüttet! Nicht durch Germanen und andre Schwerfüssler niedergetreten! Sondern
von listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutarmen Vampyrn zu Schanden gemacht!
Nicht besiegt, - nur ausgesogen!...Die versteckte Rachsucht, der kleine Neid H e r r
geworden! Alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, Von-schlechten-Gefühlen-
Heimgesuchte, die ganze G h e t t o - W e l t der Seele mit Einem Male o b e n a u f !
Man lese nur irgend einen christlichen Agitator, den heiligen Augustin zum Beispiel,
um zu begreifen, um zu r i e c h e n , was für unsaubere Gesellen damit obenauf ge-
kommen sind. Man würde sich ganz und gar betrügen, wenn man irgendwelchen
Mangel an Verstand bei den Führern der christlichen Bewegung voraussetzte: - oh sie
sind klug, klug bis zur Heiligkeit, diese Herrn Kirchenväter! Was ihnen abgeht, ist et-
was ganz Anderes. Die Natur hat sie vernachlässigt, - sie vergass, ihnen eine beschei-
dene Mitgift von achtbaren, von anständigen, von r e i n l i c h e n Instinkten mit-
zugeben... Unter uns, es sind nicht einmal Männer... [...] (AC 59., 6:247ff)

Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, auf welche Texte des Augustinus oder ande-
rer Kirchenväter sich Nietzsche hier bezieht30. Entscheidend ist vielmehr, dass in
diesem Aphorismus beinahe Nietzsches gesamte philologische Theorie der Spät-
schriften steckt. Die Kunst des guten Lesens — wie später ausführlich gezeigt
werden wird, ist sie für Nietzsche zumal im Spätwerk gleichbedeutend mit Philo-
logie31 - bildete also historisch die Voraussetzung methodischer Wissenschaft-
lichkeit insgesamt, diese wiederum verkörpert den radikalen Gegensatz zur christ-
lich-klerikalen, zur platonischen und dogmatischen Weltanschauung.
Das bedarf der Erklärung. Wieso kann Nietzsche von der „Kunst, gut zu le-
sen" behaupten, Grundlage aller Wissenschaften, einschließlich der Naturwissen-
schaften zu sein, kurz: warum steht Philologie paradigmatisch für die „wissen-
schaftlichen M e t h o d e n " ? Damit zusammen hängt eine zweite Frage: an genau
welche historische Vorbilder denkt Nietzsche? Durch Auswertung des Gesamt-
werks sowie quellenkritische Erwägungen soll in den folgenden Kapiteln u.a.
dokumentiert werden, dass Nietzsche auf die große Tradition der alexandrini-
schen Philologie des Museion anspielt, die sich die modernen historisch-
kritischen Philologen, allen voran seine eigenen Lehrer, zu Gründungsvätern

In Nietzsches nachgelassener Bibliothek befindet sich lediglich eine Teubner-Ausgabe von De


dvitate dei. Die Confessiones hat Nietzsche freilich mit Sicherheit gekannt (vgl. KSA 14:732). Schon
eine vergleichsweise frühe Stelle im Nachlass verzeichnet anhand der Confessiones die entmänn-
lichenden und entmannenden Folgen des vielen Betens (VII 34[141]).
„Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden
werden" (AC 52, 6:233).
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2.2. Alexandrinismus 29

ihrer Wissenschaft erkoren hatten32. Mehrfach beruft sich schon der mittlere
Nietzsche auf die vorpatristische Philologie der alexandrinischen Schule: „Die
Christen verlernten das Lesen, und wie hatte sich das Alterthum, in seinen Phi-
lologen, bemüht, es zu lernen!" (VI 4[235]). Der alexandrinischen Herkunft ver-
dankt sich Nietzsches Definition der Kunst des guten und richtigen Lesens sowie
ihrer Methodik als die „Herstellung und Reinhaltung der Texte, nebst Erklärung
derselben". Diese Definition ist identisch mit der Programmatik der historisch-
kritischen Philologie; das „einfache Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt"
umschreibt die kritische Rekonstruktion des historischen Sinns (ΜΑ 1.270,
2:223).
Die Bezeichnung kritikos war für die Gelehrtenpoeten ab ca. 300 v. Chr. auf-
gekommen, zu einer Zeit, da die neue Kunstübung von den Poeten Gelehrsam-
keit forderte, d.h. die Arbeit mit Glossarien oder Anspielungen auf die alten
Meister. Für die Reihe der großen alexandrinischen Gelehrten und Bibliotheks-
vorsteher, beginnend mit Zenodotus von Ephesos und gefolgt u.a. von Kallima-
chus und Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz und Aristarchos, bürgerte sich
zunächst die Bezeichnung grammatikoi ein. Im Laufe des dritten vorchristlichen
Jahrhunderts sterben die Gelehrtenpoeten aus. Eratosthenes ist der Erste, der
sich ausschließlich als Wissenschafder versteht und den Begriff des philologos
(statt grammatikos) prägt, womit offensichtlich ein Universalgelehrter gemeint
ist, der sich auf sprachlich-linguistischer Grundlage größere Wissensgebiete er-
schließt und weniger als ein Philosoph an übergeordneten Prinzipien oder Syste-
men interessiert ist (Pfeiffer, 1968:156ff). Seit Ende des dritten Jahrhunderts
etablieren sich dann die philologischen Wissenschafder (meist wieder unter dem
Titel grammatikoi), die ihre Kerntätigkeit in textkritischer und lexikographischer
Arbeit, in Quellenforschung, Aufarbeitung von Realien, dem Erstellen von
Chronologien und Kommentaren, grammatischen Analysen und metrischen
Studien finden. Die historisch-kritische Methode ist geboren, zumindest aus Sicht
des neunzehnten Jahrhunderts33.
Im Rückblick auf meine %wei Leipziger Jahre (KGW 1.4:506-539) beklagt Nietz-
sche den selbstverschuldeten Mangel an brauchbaren Mitschriften aus seiner
Studienzeit. Die Klage wird im selben Atemzug in aufschlussreicher Weise relati-
viert:

Die beste Darstellung zur alexandrinischen Philologie nach wie vor bei Pfeiffer (1968), dem die
folgenden Ausfuhrungen einiges Faktuelle verdanken. Vgl. auch Nietzsches enzyklopädische
Vorlesung, (die später ausfuhrlich behandelt wird), wo er sich über Alexandria und „jene enor-
me W e l t d e r F o r s c h u n g " verbreitet, „von der wir durch das Mittelalter getrennt wurden u.
an die erst wieder mit der Renaiss. angeknüpft wurde. Damals entstand die strenge wissensch.
M e t h o d e " (KGW 11.3:409).
In Nietzsches Aufzeichnungen aus den Jahren 1867/68 wird in einem kurzen etymologischen
Abriss der alexandrinische Begriff der philologoi als „der unsrige" bezeichnet, während die
grammatikoi den litterati entsprächen und der kritikos den rein ästhetischen Kritiker bezeichne.
(BAW Bd. 4:3-8) Vgl. auch die Vorlesung zur Enzyklopädie in KGW 11.3:344.
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30 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Im Grunde nämlich zog mich bei den meisten Collegien der Stoff durchaus nicht an,
sondern nur die Form, in der der akademische Lehrer seine Weisheit an den Mann
brachte. Die Methode wars, fur die ich lebhafte Theilnahme hatte; sah ich doch, wie
wenig auf Universitäten stoffliches gelernt wird und wie trotzdem der Werth derarti-
gen Studien allseitig aufs höchste geschätzt wird. Da wurde mir deutlich, daß das
Vorbildliche der Methode, der Behandlungsart eines Textes usw, jener Punkt sei, von
dem die umschaffende Wirkung ausgehe. (51 l f )

Diese Selbsteinschätzung wird von anderen Belegen bekräftigt. Ohnehin war die
Auffassung weit verbreitet, dass sich wissenschaftliche Methode am besten in der
Philologie erlernen lasse34. Die Philologie ist, wenigstens zu Beginn des neun-
zehnten Jahrhunderts, aufgrund ihrer Erfolge besonders in Sprachwissenschaft
sowie Text- und Bibelkritik methodische Leitwissenschaft schlechthin und wird
erst im Laufe der kommenden Dekaden von den erstarkenden Naturwissenschaf-
ten abgelöst. Möglicherweise ist es allzu kühn, die „umschaffende Wirkung", die
bereits für den jungen Nietzsche von der philologischen Methode ausgeht, zur
Umwertung aller Werte im Antichrist in Beziehung zu setzen. Wie gezeigt werden
wird, gibt es für die Stichhaltigkeit dieser These aber gute Anhaltspunkte.
Kurz vor und während der Arbeit am Antichrist las Nietzsche zum wiederhol-
ten Male F.A. Langes Geschichte des Materialismus (zuerst 1865/66 erschienen). In
der zu diesem Zweck benutzten Ausgabe von 1887 hat er, wie zahlreiche An-
streichungen im Exemplar der nachgelassenen Bibliothek beweisen, besonders
das Kapitel IV mit dem Titel „Der Materialismus in Griechenland und Rom nach
Aristoteles. Epikur" gründlich durchgearbeitet. Darin befindet sich folgende
Passage:
Die Zeit liegt noch nicht fern, in der man sich darin gefiel, alexandrinischen Geist als
das Stichwort für tatenscheue Gelehrsamkeit und pedantische Wissenskrämerei zu
gebrauchen. Selbst mit der Anerkennung alexandrinischer Forschung verbindet man
noch jetzt in der Regel den Gedanken, daß nur der völlige Schiffbruch eines tüchtigen
nationalen Lebens dem rein theoretischen Bedürfnisse der Erkenntnis einen solchen
Raum habe zugestehen können. Diesen Ansichten gegenüber ist es auch für unsern
Gegenstand von Wichtigkeit, auf den schöpferischen Geist, auf den lebendigen Fun-
ken eines großartigen und in seinem Ziel wie in seinen Mitteln kühnen und gediege-
nen Strebens hinzuweisen, daß uns die Gelehrtenwelt Alexandrias bei näherem Ein-
blicke zeigt.[...] Nun läßt sich aber in Wirklichkeit nachweisen, wie die glänzende
Naturforschung unserer Zeit in der Epoche ihres Entstehens überall anknüpft an die
Uberlieferungen der Alexandriner. [Absatz] Weltbekannt sind die Bibliotheken und
Schulen von Alexandria, die Munifizenz der Könige, der Eifer der Lehrer und Ler-
nenden. Allein alles das ist es nicht, was Alexandrias historische Bedeutung macht: es
ist vielmehr der Lebensnerv aller Wissenschaft, die Methode, die hier zum erstenmal
in einer Weise auftrat, die für alle Folgezeit entschied; und dieser methodologische
Fortschritt ist nicht beschränkt auf diese oder jene Wissenschaft, selbst nicht auf Ale-

In ähnlichem Sinne äußert sich Paul Deussen in einem Brief vom August 1866 (1.3:127). Er
bereue, die Philologie zunächst aufgegeben zu haben, denn nur hier könne man sich am besten
in der „Methode" üben, Philologie sei doch die Grundlage für alles andere.
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2.2. Alexandrinismus 31

xandria allein, er ist vielmehr das gemeinsame Kennzeichen hellenischen Forschens


nach Abschluß der spekulativen Philosophie. Die Grammatik, begründet in ihren ers-
ten Elementen durch die Sophisten, fand in dieser Zeit einen Aristarch von Sa-
mothrake, das Vorbild der Kritiker, einen Mann, von dem die Philologie unserer Tage
noch gelernt hat. [...] Es war nicht Mangel an innerer Lebensfähigkeit, sondern der
Gang der Weltgeschichte, der diesem Streben vorläufig ein Ziel setzte, und man kann
sagen, daß die Herstellung der Wissenschaften zunächst eine Herstellung der ale-
xandrinischen Prinzipien war. (Lange, 1974, Bd.l:87ff.) 35
Die wissenschaftlichen Methoden entstanden demzufolge auf dem Boden der
alexandrinischen Gelehrtenkultur, besonders ihrer Philologie und „Kunst, gut zu
lesen" — und im Anschluss an die Epoche der Spekulation. Gerade im Antichrist
spielt der Gegensatz von Glaube und Wissenschaft eine entscheidende Rolle.
Eine wirklichkeitsfremde Religion wie das Christentum ist folgerichtig Todfein-
din der Wissenschaft und lehnt „die Lauterkeit und Strenge in Gewissenssachen
des Geistes" ab. Deshalb sind die Wissenschaften, namentlich die Philologie und
die Medizin, ihre Gegner, wie sie Gegner jedes Aberglaubens seien. Die Feinde
des Paulus „sind die guten Philologen und Arzte alexandrinischer Schulung —,
ihnen macht er den Krieg" (AC 47, 6:225f). Zwei Dinge fallen hierbei ins Auge:
erstens, dass Nietzsche es für notwendig erachtet, die guten Philologen alexandri-
nischer Schule herauszusondern, mit der Implikation, dass es auch schlechte
Philologen gibt. Zweitens stellt sich die Frage, was Nietzsche zu dieser Feier der
alexandrinischen Kultur bewogen hat, die er in seiner Frühzeit, besonders im
Umfeld der Tragödienschrift, in Grund und Boden verdammt hatte. Entweder
hat Nietzsches Auffassung der Alexandriner eine Wandlung erfahren — das ent-
spräche der beliebten und bequemen Einteilung in verschiedene Schaffenspha-
sen. Oder die Verdammung des Alexandrinismus ist keine gewesen.
In der Geburt der Tragödie war die Kritik an den Alexandrinern ein kaum ver-
hüllter Angriff auf die fortschrittsgläubige Moderne, deren eigene, unerkannt
irrationale Grundlage der Glaube an die Allmacht der Ratio ist:
Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen
und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntnisskräften ausgerüsteten, im Dienste
der Wissenschaft arbeitenden t h e o r e t i s c h e n M e n s c h e n , dessen Urbild und
Stammvater Sokrates ist. Alle unsere Erziehungsmittel haben ursprünglich dieses Ideal
im Auge: jede andere Existenz hat sich mühsam nebenbei emporzuringen, als erlaub-
te, nicht als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist hier eine
lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten gefunden worden; selbst
unsere dichterischen Künste haben sich aus gelehrten Imitationen entwickeln müssen
[...] (GT 18, 1:116)

Besonders der Altertumswissenschaft, die es aufgrund ihres Forschungsgegen-


standes eigentlich besser wissen sollte, wirft Nietzsche vor, der wissenschaftli-

Diese Stelle ist in allen Fassungen, die Nietzsche benutzt hat (also auch den früheren) identisch.
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32 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

chen Methode blind zu vertrauen und dabei die existentiellen Fragen und Selbst-
befragungen zu ignorieren:
Wer überhaupt in jenen Kreisen sich nicht völlig in dem Bemühen, ein zuverlässiger
Corrector von alten Texten oder ein naturhistorischer Sprachmikroskopiker zu sein,
erschöpft hat, der sucht vielleicht auch das griechische Alterthum, neben anderen Al-
terthümern, sich „historisch" anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit
den überlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung. (GT 20,
1:130).

Bei Schopenhauer hatte Nietzsche gelernt, dass wissenschaftliche Erkenntnis


vom Allgemeinen zum Besonderen fortschreite (Schopenhauer hält deshalb die
Geschichte für keine wahre Wissenschaft), also durch die Ableitung von Bewei-
sen aus vorhergehenden Sätzen — Schopenhauer fuhrt hier das alte rationalisti-
sche Erbe weiter. In Verlängerung uralter skeptischer Dialektik identifiziert
Schopenhauer als Irrtum, nur das Bewiesene als unzweifelhaft wahr anzusehen,
während doch „vielmehr im Gegentheil jeder Beweis einer unbewiesenen Wahr-
heit bedarf, die zuletzt ihn, oder auch wieder seine Beweise, stützt: daher eine
unmittelbar begründete Wahrheit der durch einen Beweis begründeten so vorzu-
ziehen ist, wie Wasser aus der Quelle dem aus dem Aquädukt." Keine Wissen-
schaft könne durch und durch bewiesen sein, sondern ruhe auf nicht mehr be-
weisbarer Anschauung (Schopenhauer, 1988, Bd. 1:108-110). Durch die
Missachtung derartiger philosophischer Einsichten unterlässt es die Philologie
laut Nietzsche, ihre eigenen Glaubensgrundsätze mit derselben Strenge zu unter-
suchen wie ihre Forschungsobjekte.
Erst vor diesem Hintergrund lässt sich die rhetorische Rückbesinnung Nietz-
sches auf die alexandrinische Tradition der Philologie in der mitüeren und späte-
ren Zeit würdigen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Nietzsche hinter seine
frühen philosophischen Einsichten wieder zurückgeht. Da seine Zeitdiagnose
sich schlicht geändert hat, will Nietzsche vielmehr die historisch-kritische Wis-
senschaft lediglich anders dosieren als zur Zeit der Geburt der Tragödie. Als die
Wagnersche Kulturrevolution in Bayreuth abdankte und Wagner aus Nietzsches
Sicht nur folgerichtig in Religion und Staatsaffirmation heimkehrte, blieb die
Verherrlichung der griechischen Welt als Gegenwelt, die monumentalische His-
torie, zunächst auf die vorbereitende kritische Historie verwiesen. Das Christen-
tum, auf dessen Trümmern die neue-alte Kultur entstehen sollte, war noch lange
nicht besiegt. Im Kampf gegen diese Hydra wird Nietzsche nun seine Mission
sehen und die historisch-kritische Philologie zur Waffe umfunktionalisieren,
welche kommende Zeitalter einläuten soll, um sie schließlich überflüssig zu ma-
chen. Da er kein praktizierender Philologe mehr ist, muss er sein Selbstverständ-
nis nicht ausschließlich auf der Philologie gründen, sondern kann sie zum In-
strument in der Hand des freien Geistes machen.
Nietzsches Erkenntnisse der Frühzeit müssen deshalb nicht zu den Akten ge-
legt werden. Schon in Nutzen und Ν achtheil hatte, sich Nietzsche über die erfolgrei-

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2.2. Alexandrinismus 33

che Annahme der kritisch-historischen Methode in der neueren Theologie (wie


sie in der Bibelkritik eingetreten war) verwundert. Offenbar hatte diese sich „aus
Harmlosigkeit" darauf eingelassen, ohne zu merken, dass die Geschichte „im
Dienste des Voltaire'schen ecrasez steht" (HL 7, 1:296). Wenn Nietzsche be-
merkt, dass „eine Religion, die durch und durch wissenschaftlich erkannt werden
soll, am Ende dieses Weges zugleich vernichtet [ist]", und zwar weil die Wissen-
schaft „so viel Falsches, Rohes, Unmenschliches, Absurdes, Gewaltsames" zuta-
ge fördere, dass sie die pietätvolle Illusion zerstöre (ebd.)36, so war dies im Kon-
text der Frühschriften nicht positiv gemeint, ging es Nietzsche doch um eine
ganz anders geartete ,Religion', nämlich den griechischen Mythos (vgl. z.B. GT
23, 1:148f). Ihm zuliebe sollte sich die Historie zum Kunstwerk bilden und „viel-
leicht Instincte erhalten oder sogar wecken" (HL 7, 1:296). Man bedenke, dass
schon die Tragödienschrift eine Entwicklungslogik einander ablösender Zeitalter
entwirft. Die Synthese aus dionysischem Zeitalter der Titanenkämpfe und archai-
scher Lyrik sowie apollinischer Kultur des homerischen Epos und Dorertums in
der attischen Tragödie wird durch die Einseitigkeiten von Euripides und Sokrates
wieder zunichte gemacht. Die zerstörerische Wirkung der Wissenschaft kann
man sich folglich aber auch zunutze machen. Nietzsche widmet sein Buch des
Neuanfangs dem Autor des Ecrase^ (KSA 2:10) und erfindet bald den Hammer,
der zuerst zerstören muss, ehe er neue Werte schmieden kann.
Die Konsequenzen dieser Haltung liegen ab Menschliches, All^umensch liebes auf
der Hand. Einige Hinweise auf Nietzsches Rehabilitierung der historisch-
kritischen Methode sowie der alexandrinischen Schule sollen an dieser Stelle
genügen. Der Erbfehler aller Philosophen sei ihr „Mangel an historischem Sinn"
(MA I.1.2.24f) — nicht so sehr eine Rehabilitierung Hegels gegenüber Schopen-
hauer, sondern, wie der gesamte Aphorismus beweist, des empirischen Studiums
des Menschen und seiner Lebensbedingungen. „Alles aber ist geworden; es giebt
keine ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. — Demnach
ist das historische Philosophiren von jetzt ab nöthig und mit ihm die Tugend der
Bescheidung." (ΜΑ 1.1.2, 2:24f) In der 1886 veröffentlichten Vorrede zum zwei-
ten Band von Menschliches, All^umenschliches führt Nietzsche die Selbstkorrektur
seines Frühwerks offen fort: „und was ich gegen die „historische Krankheit"
gesagt habe, das sagte ich als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte
und ganz und gar nicht Willens war, fürderhin auf,Historie' zu verzichten, weil er
einstmals an ihr gelitten hatte." (MA II Vorrede 1, 2:370). Nietzsche leistet, kurz

In den Osterferien 1865 las Nietzsche Strauss' lieben Jesu (die 64er Ausgabe; vgl. Lit.-verz.) und
lernte dort im Detail die Applikation der Quellenkritik und des aus der Philologie entnommenen
Mythosbegriffs auf das Neue Testament kennen, wie sie ihm schon in der Schulzeit vorexerziert
worden waren. Dieses Leseerlebnis führte in Verbindung mit den theologischen Vorlesungen in
Bonn zum endgültigen Bruch mit der Theologie. Vgl. zu diesem Komplex Figl (1984) sowie,
ihm folgend, Hödl (2002), bes. S. 270-276. Beide sind sich über die Bedeutung der Strauss-
Lektüre für Nietzsches Wissenschaftskritik einig: der Fall Strauss habe demonstriert, dass reine,
autonome, von Glaubensgrundsätzen unabhängige Wissenschaft nicht existiere.
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34 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

gesagt, Abbitte an der wissenschaftlichen Vernunft. Mit „einigen dicken Irrthü-


mern und Ueberschätzungen" habe er die Welt beurteilt (FW 5.370, 3:619). Nun
ist es sogar „das Merkmal einer höhern Cultur, die kleinen unscheinbaren Wahr-
heiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen, als die
beglückenden und blendenden Irrthümer, welche metaphysischen und künstleri-
schen Zeitaltern und Menschen entstammen." (MA I.1.3.25)37. In Zeiten intellek-
tueller Konkurrenz, in der man, statt auf dem Dogma zu beharren, überzeugen-
dere Argumente finden muss, erweist sich „das methodische Suchen der
Wahrheit", mit dessen Hilfe nun „wirklich Wahrheiten entdeckt werden" können
(ΜΑ 1.9.634, 2,359f) wieder als nützlich. Wer Nietzsche noch immer pauschal für
den schärfsten Kritiker des Historismus hält, benötigt gute Argumente38.
In Nietzsches späten philologischen Arbeiten lässt sich dieser Übergang be-
sonders schön beobachten. Aus der Vorlesung Der Gottesdienst der Griechen, gehal-
ten im Wintersemester 1875-76 bzw. Wintersemester 1877-78 (1.5.355-520),
spricht ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zur griechischen Religion. Nietz-
sche charakterisiert den Boden, auf dem der griechische Kultus entsteht, als Be-
reich des „unreinen Denkens". Er ist ausgerechnet durch jene Eigenschaften
charakterisiert, deren Gegenteil Nietzsche mit dem streng-wissenschaftlichen
Denken verbindet und ab Menschliches, All^umenschliches einfordern wird, nämlich
durch (1.) Ungenauigkeit der Beobachtung, (2.) einen falschen Begriff der Kausa-
lität und (3.) ein selektives Gedächtnis, das nur für bestimmte „absonderliche
Fälle" wirkt, „während der Philosoph und der wissensch. Mensch gerade das
Gewöhnliche, Alltägliche als Problem faßt und interessant findet." (355f). Gerade
der letzte Punkt ist schon sehr weit entfernt von der Feier des auswählenden
Gedächtnisses der frühen siebziger Jahre, in denen Nietzsche der historischen
Methode der Alexandriner ja gerade die Beliebigkeit des Erinnerns vorgeworfen
hatte39.
Unübersehbar wird die Rückwendung zur alexandrinischen Philologie jedoch
erst im Kampf gegen die Allegorese. Dies ist ein entscheidender, wenig beachte-
ter Punkt in Nietzsches Denken, der wie kein zweiter die Wende der siebziger
Jahre verdeutlicht. Seit dem Erscheinen von Menschliches, Λ Unmenschliches gibt es

37 Musik und Philosophie seien im Gegensatz zur wissenschaftlichen Philosophie nur Nachwehen
religiöser Zeitalter (ΜΑ 1.131, 2:124: Freilich muss man „Religion und Kunst wie Mutter und
Amme geliebt haben, — sonst kann man nicht weise werden. Aber man muss über sie hinaus se-
hen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht. Ebenso
muss dir die Historie vertraut sein und das vorsichtige Spiel mit den Wagschalen: ,einerseits—
andererseits'." (ΜΑ 1.292, 2:236)
38 Vgl. schon Karl Reinhardt: „Und auf die Historie sah sich Nietzsche endlich hingewiesen durch
sein philosophisches Hauptproblem: durch das Problem der moralischen Werte. So ist Nietz-
sches Denken mit der Historie verflochten wie das keines zweiten Denkers." (1960b:297)
39 Nietzsche ist zu diesem Zeitpunkt schon stark von Jacob Burckhardt beeinflusst, der in seiner
Griechischen Kulturgeschichte die wissenschaftlichen Geister und strengen Forscher unter den Grie-
chen, sowie den Durchbruch der Philosophie gegenüber dem Mythos außerordentlich positiv
und als eigentliche Leistung der Griechen dargestellt hatte. S. bes. Bd. 4:619-625 zur Bedeutung
der Alexandriner.
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2.2. Alexandrinismus 35

in Nietzsches Werk zwar noch anspielungsreiche Auslegungen und kühne Deu-


tungen, aber keine der Allegoresen mehr, die noch die Geburt der Tragödie gekenn-
zeichnet hatten40. Bereits im ersten Teil wird die pneumatische Auslegung (also
die Allegorese) der Metaphysik im Reich der Natur im selben Atemzug wie die
theologische Bibelexegese angegriffen und mit „der strengeren Erklärungskunst"
konfrontiert, „wie jetzt die Philologen sie für alle Bücher geschaffen haben: mit
der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber nicht einen
d o p p e l t e n Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen." (MA 1.8, 2:28f) Wie auch hin-
sichtlich der Buchlektüre schlechte Auslegegewohnheiten selbst in der gebildets-
ten Gesellschaft noch nicht ausgestorben seien, treffe man ständig „auf Ueber-
reste allegorischer und mystischer Ausdeutung" (ebd.). Allegorese wittert bei
einem schwierigen Text nicht Fehler oder Fälschungen wie es der Philologe täte,
sondern nimmt ihn als gegeben hin und löst die Widersprüche durch die An-
nahme einer weiteren, verborgenen Sinnschicht. Dadurch wird die Fälschung erst
manifest und die Auslegungsgrundlage verliert ihren Anspruch, ,Text' genannt zu
werden. Allegorese ist eine Erkenntnisform, die das bereits Erkannte lediglich
wiederzufinden sucht. Sie eignet sich Texte, Dinge, Menschen an, indem sie sie
rundheraus zu dem erklärt, das sie selbst gerne in ihnen sähe.
Nietzsche hat diese Praxis mit einer in seinem Werk prominenten Metapher
bezeichnet, die aus der philologischen Teildisziplin der Numismatik stammt und
sich auf die Vernachlässigung des kritischen Sinns bezieht. Es ist die Allegorese,
die sich hinter den periodischen Vorwürfen der Fälschung und der Falschmünze-
rei verbirgt. Die Falschmünzerei ist Synonym der christlichen Weltanschauung
(z.B. FW 5.537, 3:600) sowie all jener Interpretationen, die auf unumstößlichen,
durch keine Skepsis oder Ironie gebrochenen Dogmen beruhen. In der Fäl-
schung wird der böse Wille zum Missverstehen als einem So-und-nicht-anders-
verstehen aktiv41. Eingeklagt wird von Nietzsche im Gegensatz dazu der gute
Wille zum Verstehen - über dessen Gelingen damit noch nichts ausgesagt ist. Der

40 Beispiele dazu bei von Reibnitz (1992), S. 253f und 245f zu Nietzschcs unhistorischer Behand-
lung des Odipus- bzw. Prometheus-Mythos (der Anachronismus in der GT ist ja schon seit Wi-
lamowitz einer der wichtigsten und berechtigsten Vorwürfe gegen sie). Letztlich ist die gesamte
Ableitung der griechischen Tragödie aus den Leiden des Dionysos eine Allegorese, so z.B. die
Auffassung, dass alle Figuren der griechischen Bühne Masken des eigentlichen Helden Dionysos
seien. Vgl. auch Barbara von Reibnitz' Kommentar zu GT 10 (1992:259): Nietzsches typische
Arbeitsweise bestehe darin, sich durch eklektisch-auslegende Nacherzählung der griechischen
Mythen (die oft selbst schon allegorische Auslegungen seien) einen neuen Mythos zu schaffen,
den er dann nochmals allegorisch liest („mehrfache Allegorese mehrerer (antiker) Allegoresen",
S. 261).
41 Freilich sei gleich darauf hingewiesen, dass sich Nietzsche durchaus der Tatsache bewusst ist,
dass die Fälschung „Raffinement" in die Auslegung gebracht hat. An mehreren Stellen hebt er
hervor, wie der Mensch erst durch sie tief und geistreich wurde (z.B. VIII 2[197|).
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36 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Redlichkeit bedarf es als „Daumenschraube", die all jenen anzusetzen sei, die
ihren Glauben „der ganzen Welt aufdringen wollen" (M 5.536, 3:306)42.
Die Geschichte der Fälschung beginnt für Nietzsche mit Paulus, dem Proto-
typen des Fälschers und Zurechtmachers (VIII 10[180]). Nietzsche fasst von
Paulus ausgehend vor allem die „jüdische Priesterschaft" als Fälscher par excel-
lence auf. So fälschten sie z.B. den Gottes- und Moralbegriff, die Geschichtsauf-
fassungen. Die Bibel sei das Dokument dieser Fälschung: die auf sie gestützte
kirchliche Geschichtsinterpretation habe die Menschheit bis in Nietzsches Ge-
genwart stumpf für „Rechtschaffenheit in historicis" gemacht (AC 26, 6:194f) -
eine Absage an alle Geschichtsauffassungen, die von der Theologie die Teleolo-
gie und einiges mehr übernommen haben. Im Anschluss an Paulus konstituiert
sich die theologische Exegese durch Annahme eines sensus spiritualis, der über
den sensus litteralis hinausgeht, ja diesem weit überlegen ist.
Die Schriftkritik des Paulus beginnt mit dem Gegensatz von gramma und
pneüma: „Denn der Buchstabe [gramma] tötet, aber der Geist [pneüma] macht
lebendig" (2. Kor. 3,6)43. Um die spirituelle Konsistenz der Bibelexegese zu wah-
ren, muss der Sinn von seiner Bindung an die Materialität des Zeichens gelöst
werden. Exegese in diesem Verständnis heißt, einen vorgefassten Sinn aus einem
Text dergestalt zu erstellen, dass Textpassagen, die oberflächlich nicht zu diesem
Sinn passen, eine tiefere Bedeutung zugemessen wird. Historisch gesehen entste-
hen so zwei grundlegend verschiedene Auslegungsweisen. Eine ,aposterioristi-
sche', auf rhetorischer, sprachlicher, textimmanenter Analyse beruhende und auf
die Herstellung der gemeinten, der zu rekonstruierenden Intention des Autors
gerichtete — und eine ,apriorische', theologisch-allegorische Interpretation, die
zwischen sensus litteralis und sensus spiritualis bzw. allegoricus differenziert44.
Dieser Gegensatz entfaltet sich namentlich im Hellenismus, besonders am Klas-
siker dieser Zeit, Homer (auch wenn es Formen der Homer-Allegorese schon seit

Diese Privattugend habe aber — so konsequent muss Nietzsche sein, um die Redlichkeit nicht als
Paradox ad absurdum zu führen — etwas Empörendes, wenn auch sie wieder verabsolutiert wer-
de. Nietzsche versichert den Leser, sie an sich zuerst ausprobiert zu haben.
Die Antithese von Geist und Buchstabe ist in der Tat eine paulinische Prägung, wobei gramma
eigentlich als ,Gesetz' zu übertragen ist und ursprünglich gar nicht den Unterschied zweier Ver-
stehensweisen bezeichnet, wie man später geglaubt hat (vgl. Ebelings Lemma „Geist und Buch-
stabe" in RGG, Bd. 2:1290-1295). Origenes interpretiert darin als erster einen hermeneutischen
Gegensatz, der dann in der Patristik und im Mittelalter eine wichtige Rolle spielen wird. Dies ist
jedenfalls der Ausgangspunkt Nietzsches, insofern kann die von Ebeling dargestellte ,eigentli-
che' Bedeutung beiseite bleiben. Nach der Darstellung vieler Autoritäten ähnelt Paulus' Unter-
scheidung von gramma und pneuma jedenfalls bereits Philons Unterscheidung von buchstäbli-
cher und wahrer Bedeutung (Grant, 1957:51).
Man könnte meinen, diese Kategorien seien durch die Entdeckung des hermeneutischen Zirkels
gegenstandslos. Dem ist jedoch nicht so, wie die weitere Argumentation zeigen wird. Auch
wenn zweifelsohne jede Auslegung ein nicht zu entwirrendes Chaos von top down und bottom up-
Prozessen bildet, gibt es doch wesentliche und selbst empirisch nachweisbare Unterschiede in
den Ergebnissen je nach hauptsächlich gewählter Perspektive und Strategie.
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2.2. Alexandrinismus 37

dem fünften vorchristlichen Jahrhundert gibt)45. Die alexandrinischen Gelehrten


vom Schlage eines Eratosthenes und Aristarchos, die sich durch eine fast modern
anmutende textkritische Arbeit und strenge historisch-grammatische Methodik
auszeichnen, finden ihre Gegenspieler in der pergamenischen Schule eines Krates
von Mallos, der Allegorese praktiziert und dessen Form der allegorischen Inter-
pretation, durch die Stoa vermittelt, bald von Philon von Alexandria auf das Alte
Testament, von den Kirchenvätern später auf die gesamte Bibel angewandt wird.
Unbeschadet der Modifikationen bei Augustinus, etwa der stärkeren Einbezie-
hung von Grammatik, Philologie, Geschichte, bleibt die Funktionsweise der
Allegorese dieselbe und dient letztlich immer denselben erbaulichen Zwecken.
Sie ist damit nicht mehr zuvörderst auf Bewahrung und Verständnis des Textes
um seiner selbst willen gerichtet.
Allegorese ist natürlich keine paulinische oder christliche Erfindung, wie es
bei Nietzsche bisweilen den Anschein hat. Die heidnische Allegorese der Sophis-
ten, der Pergamener und späteren stoischen Philosophen bis hin zu den Neupla-
tonikern etabliert schon vorher bzw. parallel das Prinzip, an anstößiger Stelle im
Homer oder in anderen Texten eine hyponoia, d.h. eine moralisch und philoso-
phisch befriedigendere Deutung zu suchen (vgl. z.B. Most, 1984). In der patristi-
schen Hermeneutik wird die Allegorese lediglich systematisiert, zuerst und auf
entscheidende Weise von Origenes, der als Leiter der christlichen Schule Ale-
xandrias den Quellen beider Richtungen nahe war. Er ist der erste christliche
Theologe, der sich systematisch textphilologischer Methoden sowie alexandrini-
scher Kommentartechniken bedient und diese der Bibelauslegung unterordnet.
Die alexandrinischen Techniken übernimmt er allerdings nicht in ihrer Gesamt-
heit, sondern nur insofern sie seinem Zweck dienen46. Wie für die frühe Patristik
insgesamt ist ihm die Auslegung des überlieferten Textes wichtiger als die Text-
kritik, die für die philologoi entscheidend war (Grant, 1957:145); bei textuellen
Widersprüchen durfte man keinesfalls Uberlieferungsfehler oder falsche Uberset-
zungen vermuten47.
So erfindet Origenes die Lehre vom mehrfachen Schriftsinn, der über die
doppelte Bedeutung jeder Bibelstelle hinausgeht. Der sensus spiritualis wird bei
ihm nochmals differenziert in den psychischen (moralischen) und pneumatischen
(allegorisch-mystischen) Sinn. Die pneumatische Auslegung steht dem wörtlichen

Szondi (1975) beschreibt die Entstehung der Hermeneutik aus den seit der Antike überlieferten
Auslegungsprinzipien des sensus litteralis als der grammatischen Auslegung und des sensus spi-
ritualis als der allegorischen und erzählt sie als die Geschichte der Auseinandersetzung beider In-
tentionen. An der Homer-Kontroverse werde deutlich, wie das erste Prinzip Unverständliches
verständlich zu machen sucht, indem es z.B. den Sprachwandel berücksichtigte, während das
zweite die fremd gewordenen Zeichen nicht auf die „Vorstellungswelt des Textes" beziehe,
sondern auf seine eigene (19). Zur Homer-Allegorese vgl. auch Curtius ("1993:210-215).
Vgl. z.B. Markschies (1999): u.a. mit aktuellen Forschungsergebnissen und Literaturhinweisen.
Als moderne Apologie des Origenes sowie der theologischen Allegorese lässt sich die grundle-
gende Arbeit von Grant (1957) lesen.
Grant (1957:108). Hier ist auch eine aufschlussreiche Augustinus-Stelle zitiert.
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38 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Sinn entgegen, der nun allerdings als somatischer, im buchstäblichen Verstand


mithin als (text)leiblicher konfiguriert wird. Origenes benutzt gar das Bild vom
„Fleische" der Schrift, von dem jedoch nur der „Einfältige" sich leiten lasse
(1976:709-781; vgl. auch Szondi, 1975:20).
Die triadische Auslegung nach somatischem-moralischem-pneumatischem
Sinn spiegelt Origenes' christliche Auffassung von der Aufteilung der Welt in
Leib, Seele und Geist. Jede Bibelstelle hat als geoffenbarte Schrift unbedingt
einen pneumatischen, aber nicht unbedingt einen somatischen Sinn. Widersprüche
und Ungereimtheiten im Text stellen einen Fingerzeig zur pneumatischen Erklä-
rung dar48. Aus Nietzsches Sicht vereinen sich in der pneumatischen Auslegung
deshalb allgemeine Askese und spezielle christliche Leibfeindlichkeit49. Heißt es
bereits im Neuen Testament: „Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch
ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind
Leben." (Johan. 6,63), so spitzt Origenes diese Grundhaltung zum hermeneuti-
schen Prinzip zu: „Die Niedrigkeit des Buchstabens führt uns zur Kostbarkeit
geistigen Verstehens."50
Die alexandrinischen Gelehrten hielten in der Auseinandersetzung um die Al-
legorese den Stoikern und Pergamenern ein anderes Prinzip entgegen. Schwierige
Stellen im Homer waren nicht durch Annahme eines doppelten Sinns zu erklä-
ren, sondern durch sorgfältigen Vergleich von Parallelstellen, durch Kontextstu-
dien und Textvergleich. Der Autor ist sein erster Interpret, immer muss das Ge-
samtwerk eines Autors berücksichtigt und mehrmals zyklisch gelesen werden.
Homerum ex Homero (explicate), wie das Prinzip später heißen soll: den Homer
gilt es, durch und mit Homer selbst zu erklären, nicht durch Rückgriff auf über-
geordnete philosophische Dogmen51. Die Bedeutung der Textkritik ergibt sich
daraus von selbst52. Nietzsches scheinbare Insistenz auf dem Wortlaut von Tex-

48 Origenes' Antwort auf die alte Frage (so alt wie Allegorese selbst), warum es denn in der Schrift
überhaupt Allegorien gebe und nicht vielmehr alles klar und einfach ausgedrückt sei, lautet: weil
die Heilige Schrift genau der Natur des Universums entspreche; die Natur sei selber eine Allego-
rie, welche die versteckten Operationen der Vorsehung verdecke — ohne die Hindernisse der
Natur würde sich der Mensch nicht an den Schöpfer wenden bzw. ohne Widersprüche in der
Schrift weniger genau hinschauen. (Grant 1957:95)
49 Gerade Origenes soll für seine Askese und Keuschheit berühmt gewesen sein. Es heißt er habe
sich selbst entmannt, um ungestörter weibliche Katecheten unterweisen zu können. (Quelle: Eti-
cydopedia Britannica)
50 „Unde vilitas litterae ad pretiositatem nos spiritualis remittit intelligentiae."; zit. nach Böh-
ner/Gilson ( 3 1954:57).
51 Die sog. hapax legomena, die nur selten oder gar nur einmal auftretenden Ausdrücke, mussten
freilich respektiert und nicht einfach wegredigiert werden.
52 Dieses Prinzip wird heute häufig als Aufforderung zur Werkimmanenz begriffen. In Wahrheit
entstand es im Gegensatz zur Allegorese und schloss etwa die Quellenforschung nicht aus, son-
dern berief sich sogar immer auf sie. Grundlegendes zur Methodik der Alexandriner s. Hunger
u.a. (1975). Nigel Wilson beschreibt in Nesselrath (1997:90f) die Prinzipien der alexandrinischen
Philologie in knapper und anschaulicher Form. Über die genaue Herkunft des Prinzips Home-
rum ex Homero, das häufig mit Aristarch verbunden wird, herrscht Uneinigkeit (Schäublin,
1977). Nach Pfeiffer (1968:225f) sei die Maxime eher Porphyrio zuzuschreiben, da Aristarch all-
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2.2. Alexandtinismus 39

ten — dem „einfache[η] Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt" (s.o. ) - ist
demnach nicht, wie man vermuten könnte, protestantischen Ursprungs53, son-
dern geht weiter zurück, nämlich auf die zwei gegensätzlichen alexandrinischen
Philologenschulen. Wenn er sich immer wieder auf die guten Philologen (des Al-
tertums) beruft, schließt er gleichzeitig die schlechten, jene nämlich, die Allegorese
betreiben, aus. Nietzsches ,gute Philologen' stehen, wie zu sehen sein wird, in der
Nachfolge des Museion und umfassen die historisch-kritischen Meister von F.A.
Wolf über Gottfried Hermann bis Friedrich Ritsehl, quellenkritisch fundierte,
undogmatische Historiker wie Niebuhr und Ranke eingeschlossen. Die schlech-
ten Philologen der Neuzeit sind die Erben der Pergamener und Kirchenväter, die
sich der Philologie nur zur Beförderung ihrer eigenen Ziele bedienen.
Eine Quelle für Nietzsche ist Friedrich August Wolfs Vorlesung über die En-
zyklopädie der Alterthumswissenschaft (1831:310f) gewesen, in der die Homerallegore-
se im historischen Überblick aus philologischer Perspektive dargestellt wird. Das
Buch befand sich in seinem Besitz und dürfte von ihm gründlich studiert worden
sein. Noch wichtiger waren die Prolegomena ad Homerum selbst (Wolf, 21859/1985).
In Kapitel 51, am Ende des Buches, schildert Wolf die Konkurrenz zwischen
Aristarch54 und Krates, wobei er klar Stellung für die alexandrinische Schule
bezieht. Aristarch benutzte nämlich im Gegensatz zu Krates keine anachronisti-
schen oder allegorischen Interpretationen und arbeitete „non ad novas oppinio-
nes [sie] temere affictas", d.h. ohne einfach neue Ideen zu applizieren. Wolf be-
tont die stoische Herkunft des Krates (sein Cognomen lautete Stoicus!). Die
Schülerschaft des Krates — sie bekannte sich zur Stoa — war im vergleich zur
alexandrinischen Tradition des Museion nur noch lose miteinander verbunden.
Sie leitete sich weniger aus der Dichtkunst als vielmehr aus einer Philosophie her,
die zur Allegorese enge Beziehungen aufwies:
Stoic philosophy was no longer in need of corroboration or illustration by the early
poets; on the contrary, Crates could now use the philosophy to give a complete new

gemeinen Grundsätzen wenig zugeneigt gewesen sei, auch wenn dieser spezielle Fall dem Geist
seiner Arbeit entspreche. Relativierend auch Most (1984). Die ,alexandrinische Methode' ist
letztlich wohl zu großen Teilen eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, besser: eine ide-
altypische Stilisierung zur Schaffung respektabler Vorläufer.
Auch Luther und andere Reformatoren hatten sich mit ihrem Grundsatz des scriptura sacra sui
ipsius interpres ja gegen den mehrfachen (vierfachen) Schriftsinn der Scholastik gewendet. Die
bekannteste Stelle stammt aus Luthers Tischgesprächen, in denen er gegen die „eitel Kunst" der
„Allegorien, Tropologien und Anagogik" wettert, die er als junger Theologe noch gelernt hatte.
Sie seien „lauter Dreck", und es sei im Gegensatz zu diesem gleißenden „Narrenwerk" seine
„beste und erste Kunst, tradere scripturam simplici sensu denn literalis sensus, der tuts, da ist
Leben, da ist Kraft." (1948:160f). Den Wortsinn kann er freilich nur privilegieren, weil für ihn
die Bibel als Ganzes göttlich-spirituellen Ursprungs ist; ohne Allegorese kommen seine Predig-
ten naturgemäß auch nicht aus.
Aristarch ist bei Wolf eher noch ein homme de lettres, weniger strenger Textkritiker. Er lehnte
die allegorische Interpretation Homers ab, weil er ihn aus Interesse an der Sache verbessern
wollte. Seit den 1830er Jahren setzte sich Karl Lehrs' Auffassung von Aristarch als einem durch-
aus strengen Philologen durch (vgl. Wolf, 1985:252).
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40 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Interpretation of the true meaning of the Homeric poems. He may have been uncon-
scious of doing violence to poetry; certainly a great many future scholars down to the
present day have been induced by his example to apply philosophical doctrines in
various forms to the explanation of poetic and prosaic literature. (Pfeiffer, 1968:238)

Die Allegorese setzt sich nun durch: die beiden hellenistischen Richtungen kön-
nen nicht Seite an Seite existieren. Die unterschiedlichen Schulen in Alexandria
selbst bleiben durch einen historischen Korridor getrennt. Sommer (2000:452ff
und 456) wundert sich stellvertretend für viele, warum im Antichrist ausgerechnet
Philologie und Medizin gemeinsam als Garanten der Wissenschaftlichkeit gelten
— und warum, angesichts der Polemik gegen Alexandria in der Geburt der Tragödie,
ausgerechnet die alexandrinische Schule hervorgehoben wird. Sommer macht
freilich den verbreiteten Fehler, die alexandrinische Schule nur mit Clemens und
Origenes, bzw. die alexandrinische Philologie mit Philon und der Entwicklung
der Allegorese zu verbinden: also genau dem Gegenteil dessen, worauf Nietzsche
anspielt. Dagegen assoziieren Klassische Philologen noch heute den Begriff der
„Alexandriner" in erster Linie mit dem Museion. Sommer denkt wohl v.a. an
Franz Overbecks Aufsatz zur Patristik (Clemens steht hier im Mittelpunkt der
Darstellung), der freilich erst 1882 in der „Historischen Zeitschrift" erschien
(Overbeck, 1984) — und damit als Quelle für Nietzsches Auffassung der Alexand-
riner zumindest im Frühwerk zu spät kommt, selbst wenn man mündlichen Aus-
tausch in den Basler Jahren annimmt. Zwischen den Alexandrinern, auf die
Nietzsche sich bezieht, und den späthellenistischen Alexandrinern, die die Nietz-
scheforschung häufig mit Alexandria assoziiert, liegen (berechnet auf ihren jewei-
ligen Kulminationspunkt) immerhin mehrere Jahrhunderte.
Die Stoa, die damit für den Niedergang der guten Philologie in Nietzsches
Sinne verantwortlich ist, gewinnt in der Folgezeit bekanntlich großen Einfluss auf
Rom und römisches Geistesleben und bereitet für Nietzsche den Untergang der
gesamten antiken Kultur mit vor. Ihre durchschlagende Wirkung, das ist der
springende Punkt, kann sie aber nur im jüdisch-christlichen Kontext Alexandrias
entfalten. Alexandria war nicht nur Sitz griechischer Gelehrsamkeit, sondern, als
Heimat einer großen mosaischen Gemeinde, auch jüdischer Philosophie, vor
allem in späthellenistischer Zeit. Schließlich wurde es zu einem der wichtigsten
christlichen Zentren zu einem Zeitpunkt, da Nietzsches gute alexandrinische
Philologen praktisch keine Rolle mehr spielen55. In der 1835er Originalausgabe
von Strauss' Leben Jesu, die Nietzsche gekannt haben muss56, wird die allegorische
Auslegung den „Hebräern" zugeschrieben, welche damit ein Mittel zum „star-

55 Schon lange vor dem verheerenden Brand im Museion (der möglicherweise nur Legende ist)
und ungefähr ab Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts war die alexandrinische Philo-
logie aus politischen Gründen in die Krise geraten. Die Schüler des Aristarchos werden in alle
Richtungen zerstreut, die neu entstehenden Schulen können das vormalige Niveau nicht mehr
erreichen. Mit Apollodorus beginnt nach der ununterbrochenen Kette seit Zenodotus die Reihe
der Epigonen der Alexandriner.
56 Vgl. v.a. Abschnitt 3.1.1.1. in Hödl (2002)
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2.2. Alexandrinismus 41

re[n] Festhalten am supranaturalistischen Standpunkt" gefunden hatten (1835:4).


Zwar habe es bei den Griechen schon Vorläufer gegeben (gemeint sind offen-
sichtlich die Sophisten sowie die Stoa), aber erst im jüdisch geprägten Alexandria
werde diese Methode systematisiert, zuerst von Philon. Philon, der bedeutendste
Vertreter des hellenistischen, Griechisch schreibenden Judentums der Diaspora
ist der erste, der versucht, Offenbarung und Glauben mit philosophischer Ver-
nunft zu verbinden und gilt damit als Vorläufer der christlichen Theologie.
Die Christen übernehmen nun die Allegorese von den Juden, da sie noch weit
mehr auf sie angewiesen seien — Strauss skizziert den Origenischen Dreischritt
vom buchstäblichen bzw. leiblichen, moralischen bzw. psychischen und mysti-
schen bzw. pneumatischen Sinn und weist auch daraufhin, dass Origenes den
paulinischen Korintherspruch über Geist und Buchstabe ausdrücklich auf den
Unterschied von buchstäblicher und allegorischer Auslegung bezieht. Viele weite-
re von Nietzsche benutzte Quellen beschreiben die Traditionslinie der Allegorese
von der Stoa bis Paulus sowie die Bedeutung Alexandrias fur die Ausbreitung der
Stoa, so etwa Friedrich Ueberwegs Grundriss der Geschichte der Philosophie des Al-
terthums (21865)57 oder Burckhardt in seiner Griechischen Kulturgeschichte (vgl. Burck-
hardt, 1900ff).
Der Umstand, dass Weygolds Die Philosophie der Stoa nach ihrem Wesen und ihren
Schicksalen von 1883 in Nietzsches nachgelassener Bibliothek erhalten ist, beweist,
dass er sich noch in den achtziger Jahren für das Thema interessiert haben muss.
Weygold führt die stoische Ethik in ihrem parallelen Streben nach Glück und
Tugend auf Sokrates zurück. Die Stoa sei halb orientalisch, jedenfalls passiver
ausgerichtet als das tätige Griechentum und deshalb eher der Religion und
Schwärmerei zugeneigt (S. 70ff). Sie führe deshalb direkt ins Christentum, be-
sonders Senecas Denken weise starke Affinitäten zum Christentum auf. Ent-
scheidend für den Sieg des stoisch geprägten Christentums über die Welt der
Antike war laut Weygold die Technik der Allegorese, die pneumatische Ausle-
gung:
Ohne die allegorische Auslegung, die jedes Bedenken zu beseitigen verstand, wäre der
zäh am Gesetz hängende S a u l u s vielleicht nie ein P a u l u s geworden; ohne sie, die
nicht nur Moses und die Propheten, sondern auch die griechische Weltweisheit als Re-
lief für die neue Lehre zu verwenden wusste, wäre der Sieg des Christentums zwei-
felsohne ein minder leichter gewesen. [Absatz] Die Stoa hat aber auch ganz direkt auf
Paulus und somit auf das Christentum gewirkt. [Absatz] Der cilicische Vorort Tarsos
war der berühmteste Sitz der stoischen Weisheit in ganz Asien. Fast jede Generation
bis herab in die Zeiten des Kaiserreiches hatte einen hervorragenden Stoiker aufzu-
weisen, der in Tarsos geboren und gebildet war. (Weygold, 1883:211£)

Vgl. bes. §63 im 1. Band zur jüdisch-alexandrinischen Philosophie. Die Bedeutung der allegori-
schen Auslegung sowie Philons als Bindeglied wird von Ueberweg ausführlich behandelt
(S. 197-206).
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42 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Es dürfte nun einleuchten, dass jene „listigen, heimlichen, unsichtbaren, blutar-


men Vampyrn" aus dem eingangs zitierten Aphorismus des Antichrist die jüdisch-
christlichen Allegoriker sein müssen. Der Gegensatz von Rom und Judäa, der in
Nietzsches Spätwerk in immer neuen Varianten auftaucht (s. GM 1.16, 5:285ff),
verkörpert den Gegensatz von Sinnlichkeit und Freude am Tatsächlichen auf der
einen und Askese und Spiritualität auf der anderen Seite; er ist damit auch ein
Gegensatz zweier Auslegungsarten, von guter alexandrinischer Philologie und
jüdisch-christlicher Theologie58. Nietzsches scheinbarer Antisemitismus im Spät-
werk ist eine Kritik der Wurzeln des Christentums. Den Juden, die er ja andern-
orts in Schutz nimmt und mit Lob überhäuft, wirft er nur eines vor, nämlich dass
ihre Vorväter die „Erfinder des Christenthums" (FW 2.99, 3:456) waren.
Es darf gleichfalls nicht mehr, wie noch in Sommers Antichrist-Kommentar
(Sommer, 2000b:393f), verwundern, dass Paulus' Falschmünzerei und Unehrlich-
keit zu seiner Herkunft aus Tarsus, dem Hauptsitz der stoischen Aufklärung in
Beziehung gesetzt wird (Vgl. AC 42, 6:21659). Die Zentralität des Paulus für die
christliche Auslegungspraxis, v.a. durch die gründliche Reinterpretation des Alten
Testamentes im christlichen Sinn, die durch seine Herkunft aus jüdisch-
rabbinischer Exegese und Allegorese möglich wurde, ist auch in neuerer Zeit
bekräftigt worden (Grant, 1957:47f). Zwar geht man heute davon aus, dass die
jüdische Tradition für Paulus wichtiger war als die Anregung durch die Stoa (dar-
in ist er mit Philon nicht zu vergleichen)60, aber für Nietzsche war dies unerheb-
lich61. Seine Paulus- und Stoa-Kritik tragen dieselben Züge (z.B. JGB 1.9,

In Heinrich Heines Essay Die romantische Schule findet man eine Darstellung des Gegensatzes von
Rom und Judäa, die mit ihren erstaunlichen Parallelen zur ersten Abhandlung der Genealogie der
Moral als Inspiration für Nietzsche gilt (der späte Nietzsche verehrte Heine). Auch hier steht die
sinnenfeindliche Spiritualität des aus der jüdischen Welt erwachsenen Christentums der römi-
schen Spätantike entgegen: „Nicht durch die Trennung in zwey Reiche ging Rom zugrunde; am
Bosphoros wie an der Tiber ward Rom verzehrt von demselben judäischen Spiritualismus, und
hier wie dort ward die römische Geschichte ein langsames Dahinsterben, eine Agonie, die Jahr-
hunderte dauerte. Hat etwa das gemeuchelte Judäa, indem es den Römern seinen Spiritualismus
bescherte, sich an dem siegenden Feinde rächen wollen, wie einst der sterbende Centaur, der
dem Sohne Jupiters das verderbliche Gewand, das mit dem eignen Blute vergiftet war, so listig
zu überliefern wußte? Wahrlich, Rom, der Herkules unter den Völkern, wurde durch das judäi-
sche Gift so wirksam verzehrt, daß Helm und Harnisch seinen welkenden Gliedern entsanken
und seine imperatorische Schlachtstimme herabsiechte zu betendem Pfaffengewimmer und
Kastratengetriller." (Heine, 1979:128f) Auch die Vergeistigung als positive Folge des Christen-
tums findet sich bereits bei Heine, ebenso Nietzsches Auffassung von Reformation und Renais-
sance sowie der Persönlichkeit Papst Leo X.
Dort auch folgende Stelle: „Paulus wollte den Zweck, f o l g l i c h wollte er auch die Mittel ..." —
eine Kurzbeschreibung der pneumatischen Auslegung.
Pneuma als Zentralbegriff der paulinischen Anthropologie habe nichts mit dem Pneuma der
Stoa zu tun, Pneuma bedeute für Paulus „der auferstandene, der zeitlose Christus als die Geis-
tesmacht, die in ihm selbst wie in allen Gläubigen das neue Leben wirkt". (Pohlenz, 1949:82).
Die zeitgenössische Abhandlung von streicht ebenfalls Paulus' hellenische Bildung sowie die
Kontinuität der Traditionen zur Wissenschaft in Alexandria heraus. Paulus konnte demzufolge
deshalb so erfolgreich auf dem Athener Markt sprechen, weil er den sprachlichen und kulturel-
len Hintergrund der Hörer teilte, gleichzeitig sei er aber „Semite" geblieben: „Paulus war der
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2.2. Alexandrinismus 43

5:21 f)62. Nicht von ungefähr identifiziert sich Nietzsche gern mit Epikur, dem
Gegner der Stoa und gleichzeitigem Antipoden theologisch inspirierter Weltbil-
der63. Werden die Epikuräer schon gegen die Stoiker ausgespielt, weil sie die
intellektuell reizbareren und feineren Geister gegenüber den grob und hart ge-
wordenen Stoikern seien (FW 4.306, 3:544)64, so stellt sich Nietzsche mit Epikur
auch gegen Piaton (JGB 1.7., 5:20) - mit kaum verhüllter Anspielung auf Wagner
und Schopenhauer.
Piaton trägt für Nietzsche bekanntlich die philosophische Verantwortung da-
für, dass überhaupt eine ,Hinterwelt' gegenüber der scheinbaren Welt angenom-
men wurde (vgl. z.B. Abel, 1984:104). Piaton als „das größte Malheur Europas",
wie es in einem späten Brief an Overbeck heißt (111.5:9), hat damit der Aufnahme
jüdisch-christlicher Spiritualität in der antiken Welt, also auch der Allegorese den
Weg bereitet: der doppelte Sinn ist das platonische Erbe des Abendlandes. Be-
reits das Interesse des jungen Philologen an Demokrit galt dem Opfer Piatons,
der dessen Schriften verbrennen wollte, dem Feind der „Dunkelmänner des
Altherthums", die sich dadurch an Demokrit rächten, „daß sie ihre magische und
alchymistische Schriftstellerei unter seiner Firma einschmuggelten und dadurch
den Vater aller aufklärenden, rationalistischen Tendenzen in den Ruf eines gro-
ßen Magus brachten." Das Christentum verwirklichte schließlich Piatons Plan der
Verdammung Demokrits (KGW I.4.:504f).

erste Semit, der, einem auserwählten Stamme des Völkergeschlechts angehörig, seinem Volke
treu blieb und den werthvollsten Besitz desselben, die Energie des religiösen Lebens und reine
Gottesanschauung, in hellenischer Zunge nach Hellas brachte. Damit ist er in die grosse Lücke
griechischer Bildung getreten." (1894:541). Die Stoa sei wesentlich semitisch geprägt, aber vom
Hellenismus einverleibt worden. Zu Nietzsches Auseinandersetzung mit Paulus vgl. neuerdings
Havemann (2001), der aber nicht auf die Stoa eingeht; möglicherweise wird dies in der angekün-
digten Dissertation nachgeholt.
Laut Abel (1984:108) bekämpft Nietzsche auch die spezifische Organismusvorstellung der Stoa
und der von ihr entwickelten Vorstellung der conservatio sui, dem etwa von Spinoza und Hob-
bes weiterentwickelten reinen Selbsterhaltungsdenken, das nicht mehr über sich hinauswachsen
will. Diesem Selbsterhaltungsdenken stellt Nietzsche ja letztlich den Ubermenschen entgegen (s.
z.B. Benne, 2002a)
Eine Stelle in demselben eingangs erwähnten Kapitel in Lange (1974) lädt zu der Spekulation
ein, dass sich Nietzsche sogar in seiner Arbeits- und Schreibweise direkt von seinem selbster-
fundenen und an Lange geschulten Epikur inspirieren ließ: „Unverkennbar spricht sich in dieser
Verschmähung aller Zitate jener Radikalismus aus, der sich nicht selten mit materialistischen
Anschauungen verbindet: eine Verschmähung des historischen Prinzips gegenüber dem natur-
historischen. Nehmen wir diese drei Punkte zusammen: daß Epikur Autodidakt war und sich
keiner herrschenden Schule anschloß, daß er ferner die Dialektik haßte und sich allgemein ver-
ständlicher Sprache bediente, endlich daß er nie zitierte und die Andersdenkenden in der Regel
einfach ignorierte, so haben wir hier wohl einen wesentlichen Grund des Hasses, den so manche
fachmäßige Philosophen auf ihn geworfen haben. Die Beschuldigung der Unergründlichkeit
fließt aus derselben Quelle, denn noch heutzutage ist nichts verbreiteter als die Neigung, in un-
verständlichen, durch einen Schematismus zusammenhängenden Phrasen die Gründlichkeit ei-
nes Systems zu suchen." (S. 88). Zu Nietzsches Epikur vgl. ferner Bornmann (1984).
Vgl. auch die berühmte Begegnung des Paulus mit den Epikuräern und Stoikern auf dem Areo-
pag (Apostelgesch. 17). Paulus geht hier geschickt auf die Stoiker und ihre Denkweise ein, da die
Verständigung mit ihnen aufgrund vieler Gemeinsamkeiten einfacher ist (Pohlenz, 1949:83).
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44 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Nietzsches gesamte Aufzeichnungen zu diesem Komplex sind bereits in den


Jahren 1867/68 von der Ablehnung des Piatonismus und Stoizismus gleicherma-
ßen geprägt (z.B. S. 385). Ihnen wird Demokrits Begnügen mit der gegebenen
Welt entgegengesetzt — der Skeptiker Pyrrho sowie Epikur fußen auf Demokrit
(394 u. 469). Demokrit lernt Nietzsche im Kolleg von Georg Curtius zur griechi-
schen Grammatik als ersten Grammatiker — d.h. Philologen! — der griechischen
Sprache kennen, auf dem auch die alexandrinische Grammatik und damit die
großen Alexandriner aufbauten (GSA 71/50, Blatt 5). „Strenge Wissenschaftlich-
keit und Methodik kennzeichnet den Demokrit." (KGW I.4.: 379). Paulus dage-
gen wird in einem bedeutenden Aphorismus aus der Morgenröthe als erster eigent-
licher Christ und „Erfinder der Christlichkeit" identifiziert. Durchsetzen konnte
sich dieser Fall „einer der ehrgeizigsten und aufdringlichsten Seelen und eines
ebenso abergläubischen als verschlagenen Kopfes" aber nur, weil in der Nach-
wirkung der von ihm selbst mitgestalteten Allegorese die Kunst des guten Lesens
der alexandrinischen Schule ausgestorben war:
[...] hätte man die Schriften des Paulus nicht als die Offenbarungen des „heiligen
Geistes", sondern mit einem redlichen und freien eigenen Geiste, und ohne an alle
unsere persönliche Noth dabei zu denken, gelesen, w i r k l i c h g e l e s e n — es gab an-
derthalb Jahrtausend keinen solchen Leser —, so würde es auch mit dem Christenthum
längst vorbei sein [...] (M 1.68, 3:64ff)

Die Zeitangabe verweist auf Renaissance und Humanismus, Geburtsstunde der


neuzeitlichen Philologie, die bewusst an die alexandrinische Schule anschloss. Die
naheliegende Konsequenz aus dieser Analyse fuhrt in die Aufwertung von Philo-
logie und ,gutem Lesen', wenn man sich die Bekämpfung des Christentums und
seiner Folgen auf die Fahnen geschrieben hat. Nietzsches Rehabilitierung des
Alexandrinismus seit Menschliches, All^umenschliches, die dann im Antichrist den
Gipfel erreicht hat, nimmt hier ihren Ausgangspunkt.
Freilich muss an dieser Stelle gleich einem möglichen Missverständnis vorge-
beugt werden. Epikur, der sich in seinen Garten zurückgezogen hat und die Welt
hinter seinen Masken beobachtet, ist weder Gelehrter noch Philologe. Nietzsche
hat seit Menschliches, All^umenschliches die Philologie nicht als ideale Lebensform
wiederentdeckt, sondern, wie bereits bemerkt, als praktisches Instrument in der
Hand des souveränen Individuums, als Waffe in der Hand des Erkennenden.
Philologie ist Fleiß und kaltblütiger kritischer Blick und allerdings nicht identisch
mit Geist, an dem es zumal in Deutschland, der zeitgenössischen Hochburg der
Philologie, immer gefehlt habe (vgl. VII 34 [138]). Die Leistung der Philologen ist
es, „Vernichter jeden Glaubens, der auf Büchern ruht" (FW 358, 3:603) zu sein.
Neuen Glauben können und sollen sie nicht geben.
Nietzsches Wiederentdeckung der Schlagkraft einer von den richtigen Hän-
den geführten historisch-kritischen Methode verdankt sich zum nicht geringen
Teil der Freundschaft mit Franz Overbeck. Mit Recht hat Andreas Urs Sommer
von Nietzsches und Overbecks „Waffengenossenschaft" gegen das Christentum
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2.2. Alexandrinismus 45

gesprochen (Sommer, 1997). In Overbecks Basler Antrittsvorlesung vom 7. Juni


1870, die sich auch in Nietzsches Bibliothek befand (Ueber Entstehung und Recht
einer rein historischen Betrachtung der Neutestamentlichen Schriften in der Theologie, ge-
druckt 1871; s. Overbeck, 1871) verteidigt Overbeck die historische Bibelkritik.
Die Allegorese, v.a. das System des von gelehrten Rabbinern geschulten Origenes
muss Overbeck von historisch-kritischem Standpunkt als „Systematisirung des
Verkehrten" (S. 10) ablehnen. Erst die Reformation besinne sich wieder auf die
Schrift selbst, die historisch-kritische Wissenschaft rehabilitiert vollends den
historischen bzw. buchstäblichen Sinn. Wenn Sommer in seinem Vergleich
Overbecks und Nietzsches letzterem bescheinigt, theologischer als der Theologe
Overbeck zu argumentieren (1997:43), so hat das angesichts des frühen Nietz-
sche seine Berechtigung65. Bei Overbeck kann Nietzsche jedoch die zugleich
redliche wie gefährliche historische Kritik in der Praxis beobachten. Sie trägt zu
seinem Abschied von der Wagnerschen Gegenreligion bei und lässt ihm die Wis-
senschaft wieder als nützliche Bundesgenossin erscheinen.
Zu den Vorstudien des Antichrist gehörte Nietzsches konzentrierte Beschäfti-
gung mit Julius Wellhausen, dem, so man will, gesteigerten Overbeck. Overbeck
und Wellhausen regten Nietzsche zwar an, bestätigten ihn aber letztlich nur auf
einem Weg, den er sowieso schon eingeschlagen hatte. In den bahnbrechenden
Prolegomena \-ur Geschichte Israels (s. Wellhausen, 61905) und den Shingen und Vorar-
beiten (Wellhausen, 1884) wies Wellhausen die Abhängigkeit des Pentateuch von
über lange Zeit tradierter mündlichen Überlieferung nomadischer Stammesreligi-
onen bis zu den Propheten nach und kehrte damit die im Alten Testament be-
hauptete Chronologie sowie die Verfasserschaft Mose um. Seine zersetzende
Analyse des Alten Testaments bringt bei Nietzsche offenbar eine Begeisterung
für die historisch-kritische Methode auf den Höhepunkt, die sich in den aphoris-
tischen Büchern schon lange angekündigt hatte.
Dem Einfluss Wellhausens kann die vorliegende Abhandlung nicht gerecht
werden, seit Sommers vorzüglicher Behandlung des Themas (Sommer, 2000b)
besteht daran auch kein neuer Bedarf. Nietzsches eigentlich historisch-kritische
Schulung geht ohnedies nicht auf ihn, sondern auf die Bonner Schule der Klassi-
schen Philologie zurück. Sie hat Nietzsche überhaupt erst die Neigung zu Ge-
lehrten wie Overbeck oder Wellhausen eingepflanzt und sein Denken von früh
auf in Bahnen gelenkt, die sich noch in den reifen Werken unschwer nachzeich-
nen lassen. Auf ihr soll deshalb in den folgenden Seiten das Hauptgewicht liegen.

Sommer bezieht sich hier v.a. auf Nietzsches eigene Basler Antrittsvorlesung, auf die ich später
genauer eingehen werde.
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46 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrimsmus

2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule

Die Klassische Philologie in der Tradition der sogenannten Bonner Schule, wie
sie Nietzsche geprägt hat, ist heute nur noch wenigen bekannt66. Weil die Ge-
schichte der Altertumswissenschaft in Deutschland meistens aus der Perspektive
der Gräzistik erzählt wird, ist diese Schule, die von Latinisten dominiert wurde,
zusätzlich in Vergessenheit geraten. Die historisch-kritische Philologie, deren
Bedeutung für Nietzsches Denken hier behauptet wird, bildet kein genau abge-
grenztes, homogenes Paradigma: die Philologie Friedrich Ritschis weist einige
Merkmale auf, die sie vom Hauptstrom der auf Text- und Quellenkritik beruhen-
den, streng wissenschaftlichen Methode unterscheidet, der sie normalerweise
zugeordnet wird. Sie muss wegen ihrer Bedeutung für Nietzsche deshalb genauer
rekonstruiert werden67.
Der überragender Repräsentant der Bonner Schule - „vir incomparabilis Rit-
schelius", wie Nietzsche ihn in einem Brief an Mushacke vom 15. Juli 1867 mit
bewundernder Ironie nennt (1.2:220), hat Nietzsche bis an sein Lebensende fas-
ziniert. Darin unterschied er sich wenig von anderen Schülern Ritschis; wie sie
schätzte er die besondere Mischung aus wissenschaftlicher Strenge und intellek-
tueller Offenheit68. Aus seiner Kritik an der Philologie hat er ihn, dem er einiges

Die Bonner Schule ging in ihrer einstigen Geschlossenheit spätestens nach den Umbrüchen des
Zweiten Weltkriegs endgültig verloren, v.a. konnte sie durch die vielen Neuberufungen nicht
mehr in die Germanistik hineinragen, die nun zum repräsentativen philologischen Fach aufge-
stiegen war - obgleich ein Richard Alewyn natürlich ein eminent,guter Philologe' war. (Für per-
sönliche Studienerinnerungen aus dem Bonn der Nachkriegszeit danke ich meinen Odenseer
Kollegen Reinhold Schröder und Bengt Algot Sorensen.) Die letzten Verteidigungen der Bonner
Schule und ihrer methodischen Grundüberzeugungen finden sich bei Wolfgang Schmid (1969)
sowie in einem schönen historischen Abriss Hans Herters (1975); der unerbittliche Zeitgeist je-
ner Jahre drängte dergleichen jedoch soweit an die wissenschaftliche Peripherie, dass an einen
neuen Vorstoß ins Zentrum seither nicht mehr zu denken ist. Vgl. ferner Schmids Trauerrede
auf den Latinisten Ernst Bickel, der sich als einer der letzten noch offensiv zur Bonner Philolo-
gie bekannte und sich gem als dritten Nachfolger Ritschis betrachtete, sowie die Trauerrede auf
Schmid selbst {In Memoriam Ernst Bickel, 1961 bzw. InMemoriam Wolfgang Schmid, 1982).
Das Verhältnis Nietzsches zu Ritsehl ist in der Forschung kaum thematisiert worden. Die beste
Darstellung findet sich in einem frühen Werk, das in dieser Hinsicht kurioserweise keine Schule
gemacht hat, wohl auch, weil es in Deutschland nie intensiv rezipiert worden ist. Gemeint ist der
2. Band von Andler (1920-1931) mit dem Titel Lö jemesse de Nietzsche jusqu'ä la rupture avec Bay-
reuth, das ja ansonsten als Pionierwerk der heute so verbreiteten Quellenforschung zu Nietzsche
gilt. Unter der Uberschrift „L'influence de Ritsehl" (S. 60-83) gibt es viele gute Beobachtungen,
u.a. deshalb, weil der Kontextualist Andler als einer der wenigen Nietzscheforscher Ribbecks
große Ritschl-Biographie zu Rate gezogen hat. Andler vermochte freilich nicht die Tragweite
seiner Beobachtungen ermessen; für ihn blieb Philologie gleichbedeutend mit Neuhumanismus
und deshalb lediglich ein Stadium in Nietzsches früher Entwicklung, das spätestens durch die
Entdeckung Schopenhauers ein Ende fand.
Im Rückblick auf meine ^wet Ijip^iger Jahre (KGW 1.4:506-539) merkt Nietzsche die antiphiloso-
phische Einstellung Ritschis an, die mit einer Uberschätzung seines Fachs einhergehe. Gleich-
zeitig aber räumt er ein: „Dabei war er frei von jedem Credo in der Wissenschaft; und besonders
verdroß ihn ein unbedingtes urtheilsloses Hingeben an seine Resultate." (S. 520)
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 47

zu verdanken hatte69, immer ausgenommen und empfahl auch während der Bas-
ler Zeit seine Schüler an Ritsehl in Leipzig weiter.
Selbst über Ritschis Tod hinaus ist Nietzsche der Bonner Schule immer ver-
bunden geblieben. Interessanterweise bittet ihn Otto Ribbeck70 sogar noch am
24. Juni 1873, also nachdem der Verfasser der Geburt der Tragödie für die Fachwelt
wissenschaftlich erledigt war, um ein Referenzschreiben für den jungen Basler
Philologen Geizer, der für ein Extraordinariat infrage kam. Höchst bedenkens-
wert angesichts des Adressaten auch die Einschätzung Geizers durch Ribbeck:
„Sein Aufsatz über Lycurg im Rh<einischen> M<useum> ist ja gelehrt und
scharfsinnig, indessen nicht gerade geeignet, die a priori, d.h. von väterlichem
Einfluß her sich aufdrängende Besorgniß zu beseitigen, daß er geneigt sein möch-
te die Geschichte mit einiger Vorliebe und Voreingenommenheit für priesterliche
oder religiöse Gesichtspunkte zu betrachten." (II.4. 265f). Otto Ribbeck gehört
zusammen mit den alten Bonner Professoren Schaarschmidt und Windisch zu
einer sehr kleinen Auswahl von Personen, an die Nietzsche auch später noch
seine Bücher senden lässt71.
Mit der Rehabilitierung des Alexandrinismus, die mit dem Verzicht auf die
philologische Existenzweise zusammenfällt, ist nicht nur Nietzsches Anerken-
nung dessen gemeint, was an der Philologie für ihn auch künftig bewahrenswert
sein soll, sondern gleichzeitig eine Verbeugung vor Ritschi. Ritsehl, der Nietzsche
alles, auch die Tragödienschrift, verzieh, bezeichnet sich in einem ironischen
Brief (mit der spöttischen Anrede „lieber Herr Professor") vom 14. Februar 1872
nicht umsonst selbst als „Alexandriner" (11.2:541 ff)72. Das Eigenverständnis

69 Vgl. den Dankesbrief an Ritsehl nach Antritt der Stelle in Basel (2. August 1869; II.l:34f).
70 Ribbeck, Ritschis Schüler und großer Biograph, ist übrigens, auch das ist wenig bekannt, ein
Vorgänger Nietzsches in Basel gewesen. In Basel nahm man gerne Ritschl-Schüler auf. Verant-
wortlich dafür war Ratsherr Wilhelm Vischer-Bilfinger, der Philologie bei Welcker und Niebuhr
in Bonn studiert hatte. Sein Leben lang hat er Nietzsche, in dem er sich selbst wiederzuerkennen
schien, auf väterliche Weise protegiert. Man bemerke, dass er auch ein Jahr bei August Boeckh
in Berlin studiert hatte. Sein Ideal war die universalhistorische Altertumswissenschaft in Wolf-
scher und Boeckhscher Tradition und die fast künsderische Verbindung von griechischer Dich-
tung, Kunst, Religion und Mythologie Welckers, aber auf strenger wissenschaftlicher Grundlage.
Diese musste in Basel vor allem verteidigt werden — das ist der Grund, warum er sich immer
wieder an Ritsehl wandte. Nietzsche beeindruckte ihn wohl auch deshalb, weil er sich bei aller
Strenge auch „um eine historisch-mythologisch-künsderische Gesamtschau der griechischen
Antike" zu bemühen schien Qanz, 1978:306ff), dies gilt aber erst später, denn aus Nietzsches
frühen, für die Anstellung relevanten Publikationen, war das noch nicht hervorgegangen.
71 Vgl. z.B. den Brief an Verleger Naumann vom 8. November 1887; III.5:186ff. Zu dieser Grup-
pe gehören sonst außer den alten Freunden und Wegbegleitern wie Deussen, Rohde, Overbeck,
Fuchs und Gersdorff lediglich noch Burckhardt, Taine und ausgewählte Naturwissenschafder
wie Wilhelm Wundt, Helmholtz, Dubois-Reymond und Emst Mach sowie die Wagner-
Antipoden Hans von Bülow und Johannes Brahms.
72 Im Postskriptum schreibt Ritsehl: „Gegenüber Ihrer ,Fülle der Gesichte' würde es wenig am
Platze sein, wenn ich eine alexandrinische Frage an Sie richten wollte über historisch-
bibliothekarische Laertiana oder über des Alcidamas Μουσείον und dergleichen frivola: daher
unterlasse ich es. Vielleicht kommen Sie doch noch einmal von selbst darauf zurück, wenn auch
etwa nur zur Abwechslung und Ausspannung."
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48 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrimsmus

Ritschis als Alexandriner war womöglich ausgeprägter als bei anderen Zeitgenos-
sen. Mit dem Buch über Die Alexandrinischen Bibliotheken (Ritsehl, 1838) hatte er
eine wichtige Studie zum Thema verfasst, die wohl auch eine Quelle für Nietz-
sches Auffassung der alexandrinischen Philologen gewesen ist73. Entsprechend
findet sich die Selbstbezeichnung „alter Philolog", derer Nietzsche sich später
selbst gern bedient, ebenfalls schon bei ihm (Brief an Nietzsche vom 2. Juli 1872;
II.4, 32ff)74.
Ritsehl muss ein begnadeter Lehrer gewesen sein, ein wissenschaftliches Or-
ganisationsgenie und Schulhaupt, das „seine ganz singuläre Stellung in der Philo-
logie des 19. Jahrhunderts" weniger der Quantität seiner Forschung als seinem
Charisma verdankte (Schmid 1984:704) - selbst sein geplantes wissenschaftliches
Hauptwerk, eine neue kritische Plautusausgabe, wurde erst von den Schülern
vollendet. Ihm war 1867 die erste akademische Festschrift der Welt gewidmet.
Ritschis Wirkung in der Öffentlichkeit war enorm: man denke nur an die Schilde-
rung seiner Leipziger Antrittsvorlesung in Nietzsches Rückblick auf meine %wei
Leipziger Jahre (KGW 1.4:506-539). Ritsehl war ein großer Anreger; mit Respekt
spricht Hermann Diels lange nach Ritschis Tod von seinen „protreptischen Ga-
ben" (Brief an Usener vom 14. August 1888, in Diels/Usener/Zeller, 1992,
Bd. 1:238). Schon zeitgenössische Quellen betonen den „beispiellosen Erfolg"
seiner leidenschaftlichen Lehrtätigkeit mit ihrer einmaligen Symbiose aus Lehre
und Forschung — ein Erfolg, der seinen Schülern Stellen und Einfluss an vielen
Universitäten und Gymnasien verschaffte. Mehrere Universitäten im In- und
Ausland trugen ihm Lehrstühle an. Er unterhielt Beziehungen bis nach Russland
und Finnland. Nietzsches unerhört frühe Berufung nach Basel ging auf sein Pres-
tige zurück75. Ritschis Name war geradezu Synonym der „Methode" des neun-

73 Ritsehl lässt in seiner Studie keinen Zweifel an der Musterhaftigkeit der „ k r i t i s c h e [ n ] T h ä -


t i g k e i t d e r A l e x a n d r i n e r " (S. 59), also der „ Z e n o d o t u s , K a l l i m a c h u s , E r a -
t o s t h e n e s , A p o l l o n i u s , A r i s t o p h a n u s , dieser Heroen wahrhaft grossartiger Gelehrten-
bildung" (78).
74 In einem Brief an Nietzsche vom 9. Januar 1872 (II.2:502f, hier parallel zitiert nach Crusius,
1902:56, Anm. 1, da wegen eines Setzfehlers in der KGB nur unvollständig wiedergegeben)
denkt Rohde über den besten Publikationsort für die Geburt der Tragödie nach: „philologische
Specialzeitschriften" kämen nicht in Frage, denn „man denke sich das Gaffen des versammelten
Alexandria!" Dann aber heißt es weiter: „in Alexandria aber wohnen, ausser einigen k l u g e n
Ritschis — die, wie der Landpfleger sprechen werden: „Du rasest" — zahllose Dumme, und ganz
Einzelne, die nach tiefer Weisheit dürsten. Diesen Dummen klänge die neue Mähr nicht anders
als chinesisch!"
75 Vgl. Bursian (1883, Bd.2:812ff). So wichtig auch seine Vorlesungen gewesen sein mögen, so lag
sein Schwerpunkt doch eindeutig auf der „Schulung der studirenden Jugend" in Bonn und v.a in
der Leipziger „philologischen Societät" (814f), der Nietzsche ja angehörte. Jensen (1933) nennt
für den Zeitpunkt von Ritschis Tod eine Schülerzahl von über 40 (!) Universitätsprofessoren
und ebenso vielen Gymnasialdirektoren. Nietzsche hat Ritschis pädagogisches Geschick selbst
bezeugt. Im Rückblick auf meine %wei Leipziger Jahre (KGW 1.4:506-539) beschreibt er, wie sich
Ritsehl von seinem ersten Vortrag ungewöhnlich begeistert zeigte: das sei die Stunde gewesen,
da er durch „den Stachel des Lobes" zum Philologen geworden sei (S. 515). Er schildert ferner
die Anhänglichkeit und Verpflichtung, die Ritsehl gegenüber Studenten auslöste (520). In den
Briefen lässt sich verfolgen, wie Nietzsche durch Ritschis Ermunterung immer weiter in seinem
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 49

zehnten Jahrhunderts76. Er stand für das unerschütterliche Zutrauen der philolo-


gischen Zunft in die letztliche Überlegenheit der historisch-kritischen Philologie:
„Besser methodisch irren, als unmethodisch d.h. zufällig das Wahre finden."
(Ritsehl, 1879:26) Die allgemeine Züge seiner Methode hat Conrad Bursian sei-
nerzeit beschrieben als:
eine methodische Durchbildung von innen heraus, durch die der ganze Mensch ge-
packt und für sein gesammtes wissenschaftliches Leben endgültig geformt ward. Die
Zucht begann vor allem damit, jeden mit dem Gefühl seiner eigenen Unzulänglichkeit
zu durchdringen, in ihm die Ueberzeugung zu erwecken und zu stärken, daß sich in
der Wissenschaft nichts im Fluge erreichen lasse, daß die Götter vor den Erfolg den
Schweiß gesetzt haben, daß man in redlicher Arbeit von dem Kleinsten anfangen
müsse, weil in der Wissenschaft eben nichts klein sei, und das scheinbar Kleine, gering
geachtetet, auch das Große gefährde. Und wer nun an die Arbeit ging, wurde ohne
Gnade gezwungen, keiner Schwierigkeit auszuweichen, jede vielmehr scharf ins Auge
zu fassen und mindestens sich bewußt zu werden, wie weit ihre Bewältigung ihm ge-
lungen. Mit allgemeinen Wendungen oder mit bequemer Berufung auf Autoritäten
durfte niemand sich beruhigen, überall mußte selbst Hand angelegt und geprüft wer-
den, bis alles zu voller oder doch möglichst erreichbarer Klarheit gebracht war. (1883,
Bd.2:814f)

Nicht zufällig klingt das wie eine Definition von Nietzsches Begriff der intellek-
tuellen Rechtschaffenheit. Schon früh bezeichnet Nietzsche seinen Lehrer als
„eine Art wissenschaftliches Gewissen für mich" — in einem Brief an Deussen
vom 4. April 1867, der ein schönes Beispiel seiner Begeisterung für die Philologie
sowie seiner technischen Versiertheit bereits zu Beginn des Studiums ist (1.2:205).
Die von Bursian erwähnte redliche Arbeit am kleinsten Detail erinnert an den
bereits zitierten ersten Aphorismus von Menschliches, Allspmenschliches und „die
kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wur-
den" (MA 1.1, 2:23). Das Buch erscheint nicht lange nach Ritschis Tod. In sei-
nem Kondolenzschreiben an Sophie Ritsehl (II.5:213f), einem ernsten Brief, der
frei von Phrasen und in wahrhaft verehrungsvollem Ton abgefasst ist, verleiht
Nietzsche seiner großen Dankbarkeit, nicht zuletzt für Ritschis Verhalten im
Streit um die Tragödienschrift Ausdruck77:

Glauben an die Berufung zum Philologen bestärkt wird. Siehe auch Bickel (1946:18) und Rib-
beck (1879ff:36f).
Darin sind sich alle Quellen und Kommentatoren einig. Vgl. etwa CBE, S. 392: „The impor-
tance of Ritsehl lies in the brilliant handling of the critical and exegetical method perfected by
him and in the consequent historical exploitation of the material studied by him." Auch Wolf-
gang Schmid, einer der späten Nachfolger Ritschis auf seinem Lehrstuhl, sieht die „Methode"
als dessen wichtigste Leistung an. Heute seien nicht mehr die Resultate seiner Arbeiten von In-
teresse, sondern lediglich „die Wege auf denen sie gewonnen wurden" (Schmid, 1984:700f). Ne-
ben Methodenlehre, Metrik, (lateinischer) Grammatik und Wissenschaftsgeschichte hielt Ritsehl
stärker inhaltlich ausgerichtete Vorlesungen, namentlich zu Homer, Aeschylus, Aristophanes
und Plautus (ebd., S. 815f).
Während der Auseinandersetzung zwischen Wilamowitz und Rohde und trotz vehementer
Ablehnung der Tragödienschrift durch die Berliner, Leipziger und Bonner Philologen sendet
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50 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Ich bin glücklich, noch aus dem letzten Jahre ein kostbares Zeugniss seiner unverän-
derten Milde und Herzlichkeit für mich in einem Briefe zu besitzen und mir vorstellen
zu dürfen, dass er, auch w o er mir nicht Recht geben konnte, mich doch vertrauens-
voll gewähren Hess.

Nach dem Skandal um die Geburt der Tragödie baut Ritsehl Nietzsche trotz aller
persönlichen Betroffenheit wieder Brücken und akzeptiert sogar ein Jahr später
seinen (letzten) Beitrag für das „Rheinische Museum", der wieder ganz im Sinne
der Zunft gehalten ist78. Im Kondolenzschreiben bedauert Nietzsche, dass es ihm
nun nicht mehr möglich sei, Ritsehl noch zu Lebzeiten öffentlichen Dank und
Ehre zukommen zu lassen, er wolle es aber in Zukunft mit aller Kraft nachholen.
Seine letzten, den ,Alexandrinern' verpflichteten Werke, tun genau dies.
Ein realistisches Bild des jungen Nietzsche wird nur gewinnen, wer sich die
Vorbildwirkung vergegenwärtigt, die der Generationsgenosse Wagners für ihn
erlangt. Nietzsche ist in Leipzig und später in der Schweiz zwischen zwei Welten
hin- und hergerissen, nämlich Ritschis Welt und Wagners Welt, gespalten in der
Loyalität gegenüber zwei ebenbürtigen Charismatikem79. Nietzsches Briefe schil-
dern die Auseinandersetzung mit Ritsehl, der von Wagnerei auf philologischem
Gebiet wenig hält, weil Wagner „vermöge seines ganzen Bildungsganges und
seiner ganz anders gewendeten Lebensrichtung mit Quellenforschung und Bele-
gen nichts anzufangen weiß." (an Nietzsche am 2. Juli 1872; II.4, 32ff) Ritsehl
stellt dennoch weniger Forderungen als Wagner, der unbedingte Unterordnung
verlangt. Lediglich gegen den Absolutheitsanspruch von Kunst und Philosophie
wehrt sich Ritsehl und verteidigt gegen sie die Geschichte und „speciell de[n]
philologische[n] Zweig derselben" (ebd.). Die persönliche Beziehung zu Nietz-
sche weiß er von den fachlichen Differenzen zu trennen, hatte er doch schon
längst akzeptiert, dass sein Lieblingsschüler im Gegensatz zu ihm selbst eher
gräzistischen als latinistischen Studien zuneigte. Es ist nur allzu natürlich, dass
Nietzsche nach dem Bruch mit Wagner80 wieder zu Ritsehl tendiert. Noch am
Ende seines bewussten Lebens, in seinem persönlichsten Buch, hat er ihm das
schönste Denkmal gesetzt:
( R i t s e h l — ich sage es mit Verehrung — der einzige geniale Gelehrte, den ich bis heu-
te zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene angenehme Verdorbenheit, die uns

Ritsehl sogar einen kurzen Gruß an Rohde und Nietzsche, obwohl ihm Nietzsches Werk ganz
und gar nicht geheuer ist: „Herzliche Grüße und zugleich aufrichtigste Glückwünsche dem tap-
fem Dioskurenpaare zu der siegreichen Vernichtung frechsten und zugleich hohlsten Über-
muthes!" (19. November 1872; 11.4:132)
Vgl. die beiden letzten Teile der Arbeit Der Florentinische Tractat über Homer und Hesiod, ihr Ge-
schlecht und ihren Wettkampf, die 1873 im „Rheinischen Museum" erschienen (KGW 11.1:270-337).
Niemeyer (1996) beschreibt Nietzsches Verhältnis zu Ritsehl in einer ansonsten verfehlten
Analyse als Vatersuche.
Unter diesem Bruch verstehe ich keine vollständige Abwendung, sondern den Prozess der
Distanzierung in einem sehr komplizierten Dreiecksverhältnis zwischen Nietzsche, Richard und
Cosima. Siehe neuerdings Dieter Borchmeyers Zusammenfassung eigener gründlichster Studien
zum Thema in Borchmeyer (2002:445-473).
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 51

Thüringer auszeichnet und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: — wir ziehn
selbst, um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit die-
sen Worten meinen näheren Landsmann, den k l u g e n Leopold von Ranke, durchaus
nicht unterschätzt haben...)81

Die Motivik der „Verdorbenheit" und der „Schleichwege" ist von Beginn an eng
mit der Philologie verbunden82. Die Verbindung des Gelehrten mit dem Genie
behielt sich Nietzsche wohlgemerkt sonst selber vor. Doch wie kam Nietzsche
überhaupt an Ritsehl, was bewog ihn, in Bonn zu studieren? Die Beantwortung
dieser Frage wird sich u.a. als Schlüssel zu der Anspielung auf Ranke erweisen.
Die Universität Bonn war nach Berlin die zweite große preußische Neugrün-
dung gewesen und sollte ihrem Profil nach zu einer Art preußischem Oxford
werden. Ihr philologisches Seminar hatte einen hervorragenden Ruf. Seit Janz
(1978) hat sich die Auffassung eingebürgert, Nietzsches Wahl seiner Studienorte
sei abhängig von den Freunden gewesen, denen er jeweils gefolgt sei: Deussen
nach Bonn und Gersdorff nach Leipzig. Der Stand der Wissenschaft sei nur
Vorwand gewesen. Dabei wird aber übersehen, dass überdurchschnittlich viele
Pförtner das Studium in Bonn aufnahmen, die meisten von ihnen als Philologen.
Nietzsches Prägung durch die Bonner Philologie beginnt nicht erst an der Uni-
versität, sondern schon in der Schule. Was Otto Crusius über Erwin Rohde

EH Warum ich so klug bin 9, 6:295. Die von Nietzsche betonte Landsmannschaft mag durch-
aus eine Rolle gespielt haben. Beide kommen aus dem bürgerlich-protestantischen Milieu Mit-
teldeutschlands. Beide tragen sie dieselben königstreuen Vornamen. Im fremden Rheinland
muss Ritsehl etwas Heimatliches ausgestrahlt haben, das beispielsweise der Norddeutsche Otto
Jahn nicht bieten konnte. Zeit seines Lebens pflegte Nietzsche in der Fremde enge Beziehungen
zu Menschen, die ihm der sozialen oder regionalen Herkunft nach vertraut waren. Von Familie
und den Pförtner Freunden abgesehen, braucht man nur an den Leipziger Richard Wagner oder
den Erzgebirgler Heinrich Köseütz (Peter Gast) zu denken.
In Schopenhauer als Erzieher, der Schrift, die Nietzsches unverhüllteste Kritik an der Philologie
enthält, wird dies zum Ausgangspunkt einer durchaus ambivalenten Analyse von Ritschis Per-
son, auf den unter der generischen Bezeichnung des ,Gelehrten' freilich nur angespielt wird.
Nietzsche versucht hier nachzuweisen, dass der Gelehrte durchaus nicht nur, wie sein Selbstbild
es will, von reinem Wahrheitstrieb angetrieben sei, sondern selbst einen komplizierten Triebor-
ganismus darstelle wie jeder andere Mensch auch: „Man nehme zuvörderst eine starke und im-
mer höher gesteigerte Neubegier, die Sucht nach Abenteuern der Erkenntniss, die fortwährend
anreizende Gewalt des Neuen und Seltnen im Gegensatze zum Alten und Langweiligen. Dazu
füge man einen gewissen dialektischen Spür- und Spieltrieb, die jägerische Lust an verschmitzten
Fuchsgängen des Gedankens, so dass nicht eigentlich die Wahrheit gesucht, sondern das Suchen
gesucht wird und der Hauptgenuss im listigen Herumschleichen, Umzingeln, kunstmässigen Ab-
tödten besteht." (SE 6, l:394f). Dazu komme freilich eine gewisse notwendige Biederkeit:
Scharfsinn für die Nähe, aber Blindheit für große Zusammenhänge - bei den großen Zusam-
menhängen möchte Nietzsche mit der Tragödienschrift ja über seinen Lehrer hinausgehen. An-
gesichts anderer Lehrer, Kommilitonen usw. nennt Nietzsche weitere Motive zum Philologen-
beruf, die der hehren Auffassung von Berufung entgegenstehen, etwa den Broterwerb, die
Achtung anderer Gelehrter, die Eitelkeit, alleiniger Experte in einem abgelegenen Gebiet zu
sein, selbst reiner Spieltrieb (396ff). Gelehrte seien ihrem Lehrer gegenüber treu und gewöhnten
sich schnell an die Gewohnheit (ebd.) - wie die Schüler Ritschis. „Solche Naturen sind Samm-
ler, Erklärer, Verfertiger von Indices" (ebd.) - man versteht die Anspielung auf das „Rheinische
Museum".
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52 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

schrieb, mag auch auf Nietzsche zugetroffen haben: „Der Ruf F R . R I T S C H L S und
der Bonner Philologie im Bunde mit der Romantik des Rheins und des Südens
zog den hochstrebenden, lebensdurstigen Jüngling an die rheinische Hochschule"
(1902:8).
Die Pförtner Philologen scheinen von ihren Lehrern zum Studium in Bonn
ermutigt worden zu sein. Dies hat etwas mit der besonderen Ausrichtung der
Philologie an beiden Institutionen zu tun. Beide waren von der Tradition Gott-
fried Hermanns geprägt (für Schulpforte vgl. Paulsen, 31919ff, Bd.2:407ff). Einer
der drei Gründungsväter des Bonner philologischen Seminars, August Ferdinand
Naeke, war selbst Hermann-Schüler und Alumnus Portensis gewesen (dazu Jen-
sen, 1933). Die Altertumswissenschaft war in Deutschland bekanntlich seit dem
großen Philologenstreit zwischen dem ,Wortphilologen' Gottfried Hermann und
dem ,Sachphilologen' August Boeckh in zwei Lager gespalten83. Die Hermann-
Schule war in Leipzig, Breslau und eben Bonn stark repräsentiert, wogegen die
Boeckh-Anhänger sich in Halle und Berlin prestigereiche Bastionen geschaffen
hatten. Hermann stand sowohl dem Rationalismus und der Aufklärung, wie auch
dem Humanismus und sogar der Romantik nahe, von Kant inspiriert war er
gegen die rein spekulative Philosophie, aber auch gegen übertriebenen philologi-
schen Enthusiasmus eingestellt: „die sprachlichen und literarischen Erscheinun-
gen mit ihrer festen und durchsichtigen Gesetzmäßigkeit bilden das Gebiet seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit; die neuen antiquarisch-historischen, archäologisch-
ästhetischen Untersuchungen, welche von der Göttinger Schule ausgingen und
durch W O L F und B O E C K H nach Halle und Berlin verpflanzt worden waren,
zogen ihn weniger an." (Paulsen, 31919ff, Bd.2:407ff). Seine Schüler sprachen
verächtlich von Halle und Berlin, v.a. von Wolfs Seminar, „wo man von Sprache
nichts verstehe und keine Kritik treibe" (ebd., 409f). Von Gottfried Hermann,
dessen Wirkungsstätte Leipzig unweit von Naumburg liegt, stammt jener huma-
nistisch-antitheologische und historisch-kritische Geist, der Nietzsche so frühzei-
tig beeindruckt hatte84. Seine antitheologische und antiklerikale Ausrichtung war

83 Ernst Vogt hat nachgewiesen, dass der Streit zwischen Hermann und Boeckh nicht, wie ge-
meinhin angenommen, auf einem Gegensatz von grammatisch-kritischer und historisch-
antiquarischer Forschung beruhte, sondern „primär auf einem unterschiedlichen Verständnis
von Sprache." (1979:116) Für Hermann schloss Sprachbeherrschung Sachkenntnis schon mit
ein, für Boeckh war sie selbst Objekt der Philologie unter anderen Objekten (ebd.).
84 Vgl. Paulsen ( 3 1919ff, Bd.2:465ff) zum offenen Konflikt der Jahrhundertmitte zwischen an
heidnischer Antike ausgerichteter humanistisch-philologischer Bildung auf der einen sowie Kir-
che und Christentum auf der anderen Seite. Ein gutes Beispiel ist ein Vortrag Hermanns vor der
Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig vom 18. Mai 1847 (Her-
mann, 1877). In einer Argumentation, die dem Geist nach von Nietzsche stammen könnte,
sträubt er sich gegen ein bürgerlich-modernes, von christlicher Moral geprägtes Verständnis des
Altertums und setzt ihm eine historisch angemessenere Auffassung des Polytheismus entgegen:
„Diese Gewohnheit, alle für das Leben wichtigen Begriffe und Lehren nicht in der lauen Breite
wohlverknüpfter Sätze, sondern gleich in kräftige lebenswarme Gestalten verkörpert vor Augen
zu stellen, ist das charakteristische des Alterthums, das eigentlich antike. An dieses, wie jetzt ei-
nige zu thun angefangen haben, den Massstab der christlichen Lehre anlegen, verlangen, das
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 53

geradezu ein Hauptzug dieses wichtigsten Lehrers Friedrich Ritschls. Noch zum
dreihundertsten Jahrestag der Gründung der Pforte im Jahre 1843 gratuliert
Hermann mit einem antiklerikalen, wissenschaftsverherrlichenden Gedicht85.
Nietzsches Theognis-Aufsatz, seine erste Arbeit, die im „Rheinischen Muse-
um" erscheint, ist zum großen Teil schon an der Pforte entstanden. Die Her-
mannsche Schule ist hier, vor allem auf technisch-philologischem Gebiet bereits
in einer Weise reif entwickelt, die er sich niemals in so kurzer Zeit in Bonn hätte
aneignen können. Aber auch die Bonner Schule Friedrich Ritschls ist bereits
mehr als nur in Konturen vorhanden. Das lag nicht zuletzt an Diederich Volk-
mann, der zu Nietzsches Zeit ein ganz junger Lehrer war, nur sechs Jahre älter als
er selber. Er war es, der Nietzsche den Theognis als Thema seiner Valediktion-
sarbeit vorschlug. Nietzsche hatte ein enges Verhältnis zu seinem Naumburger
Lehrer, bei dem er vorübergehend auch Privatunterricht im Englischen nahm.
Mit Volkmann arbeitete Nietzsche noch während der Leipziger Zeit zusammen,
während er bisweilen die gut ausgestattete Pförtner Bibliothek benutzte. Volk-
mann war Ritschlianer und hatte von 1857 bis 1861 (mit kurzem Zwischenspiel
in Breslau) sein Studium in Bonn absolviert. Mit seiner Arbeitet De Suidae bi-
ographids quaestiones selectae promovierte er bei Ritschl. Er hat die philologische
Ausbildung an der Pforte entscheidend im Sinne der Bonner Schule gestaltet,
besonders während seines langen, freilich nach Nietzsches Zeit liegenden Rekto-
rats86.

Althertum solle seine Begriffe so bestimmt, so gereinigt, so entkleidet von allem materiellen Zu-
satz gedacht haben, wie wir es thun, heisst nicht das Althertum erklären, nicht ihm durch solche
Beziehungen einen hohem Werth geben, sondern heisst seine Kraft brechen, sein Leben ver-
nichten, seine Natur aus der sichtbaren Welt in eine unsichtbare versetzen." (S. 470)
Darunter die Verse: „Arceas a penetralibus tuis/quos seculum obtrudit/duos morbos/notitiam
rerum plurimarum sine ullius rei scientia/ [...] et/impiam pietatem tenebriorum/hominem ma-
lum esse nec nisi credendoo/impetrare gratiam/divinam dictantium." — in der Übersetzung
Hermann Josef Schmidts: „Verbanne aus Deinem Innersten/die beiden Krankheiten,/die die
heutige Zeit Dir aufdrängen will:/die Vielwisserei ohne rechte Wissenschaftlichkeit/ [...]
und/die unfromme Frömmelei der Finsterlinge,/die sagen, der Mensch sei schlecht/und könne
nur durch den Glauben Gnade gewinnen." Vgl. Paulsen ( 3 1919ff, Bd.2:467f) und Schmidt
(1991ff, Bd. II.l:183f).
Vgl. v.a. Die Ecce der Königlichen Landesschule Pforta im Jahre 1903. Verschiedene Nachrufe der
Pförtner Lehrer Nietzsches wurden mir freundlicherweise von Petra Dorfmüller, Archivarin der
heutigen Landesschule zur Verfügung gestellt. In einem verklärten autobiographischen Rück-
blick schreibt Nietzsche über die bewunderten Lehrer: „So aber lebten vor meinen Augen Philo-
logen wie Steinhart, Keil, Corssen, Peter, Männer mit freiem Blick und frischem Zuge, die mir
zum Theil auch ihre nähere Neigung schenkten." (BAW 5:253) Dass Volkmann nicht auftaucht,
ist vor dem Hintergrund eines Bewerbungsschreibens verständlich. Der blutjunge Volkmann
war unbekannt, während die Genannten als Berühmtheiten ihres Faches galten. Corssen und
Steinhart sind Universalphilologen in der Tradition Wolfs, aber auf gründlicher sprachlich-
philologischer Grundlage. Peters Spezialgebiet war die quellenkritisch fundierte römische Ge-
schichte. Keil hatte bei Hermann in Leipzig studiert, aber auch in Berlin (vgl. Pietas scholaeporten-
sis). Im Umfeld der letzten Leipziger Zeit notiert Nietzsche sich über die Pforte: „Vielleicht
würde mich die philologische Nüchternheit und Steifheit angewidert haben: aber als Bild einer
universell belebten und sein philolog. Fach belebenden Persönlichkeit war mir Steinhart von
Werth. Corssen als natürlicher Feind aller Spießbürgerei und doch in strammster wissenschaftl.
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54 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Ein anderer Gelehrter, der in der Theognis-Arbeit eine wichtige Rolle spielt,
ist Gottlieb Welcker, den Nietzsche also auch schon vor seiner Bonner Zeit ge-
kannt hat. Welcker war eine der bekanntesten philologischen Koryphäen — er hat
das Bonner philologische Seminar lange gefuhrt und u.a. das „Rheinische Muse-
um" 87 ins Leben gerufen. Welcker, besonders für seine Verbindung von Philolo-
gie und Archäologie berühmt, ist es dann auch, der die Berufung des jungen
Ritsehl betreibt. Als Nietzsche die Bonner Universität bezieht, ist Welcker aller-
dings schon lange aus dem Zentrum des Faches abgestiegen und gilt, hochbetagt,
als hoffnungslos anachronistisch. Seit 1839 hatte Ritsehl in Bonn eine neue Peri-
ode eingeleitet und dominierte das Seminar bald darauf. Als auf Betreiben
Ritschis später noch Otto Jahn nach Bonn kommt, ist die „Bonner Schule" end-
gültig etabliert und eines der renommiertesten Institute Mitteleuropas geschaffen.
Bonn wurde die Universität der ,Methode' schlechthin. Nicht von ungefähr plant
Nietzsche zunächst sogar selbst nach einem Wechsel des Studienortes zum Ex-
amen an den Rhein zurückzukehren:
Immerhin spreche ich meine große Freude darüber aus, daß ich gerade mein erstes
Jahr in B o n n zugebracht habe. Es kommt ja wesentlich darauf an, als Philologe Me-
thode zu lernen; und w o besser als hier? Gerade der Anfang des Studiums, die Ge-
w ö h n u n g an eine bestimmte Richtung ist das Wesentliche. 8 8

Thätigkeit." (BAW 5:250) Nicht vergessen werden sollte ein für Nietzsche ebenfalls wichtiger
Lehrer, der Literarhistoriker Karl August Koberstein, der 1827 auf historisch-kritischer Grund-
lage eine der ersten monumentalen deutschen Literaturgeschichten veröffentlich hatte. Eine
fundiertere philologische Ausbildung als auf der Pforte gab es sonst nirgendwo auf der Welt.
Die Zeitschrift „Rheinisches Museum" wurde Aushängeschild und Markenzeichen der Bonner
Schule. Von Welcker begründet, war Friedrich Ritsehl lange Jahre ihr wichtigster Herausgeber,
gefolgt von seinem späteren Biographen Otto Ribbeck. Das „Rheinische Museum" sei hier
nicht nur der Vollständigkeit halber genannt. Thomas Brobjer (2000) hat mit Recht die Ver-
nachlässigung der vielbändigen Reihe in der Nietzscheforschung angemahnt. Keine redliche Re-
konstruktion von Nietzsches Philologie kommt an dieser mühsamen Kärrnerarbeit vorbei. Be-
kanntlich musste Nietzsche auf Ritschis Wunsch hin den Index erstellen, eine Arbeit, die wohl
nicht wenig zu seiner Frustration über die Philologie beigetragen hat. Das „Rheinische Muse-
um" ist die beste Quelle für die Tradition der Philologie, aus der Nietzsche stammt. Ein typi-
sches Heft der Jahrgänge, die Nietzsche studiert und in denen er publiziert hat, stellt den weit-
aus meisten Raum Fragen der Textkritik, daneben der Uberlieferungs- und Quellengeschichte
sowie der Echtheitskritik zur Verfügung. Ferner gibt es Beiträge zur Literaturgeschichte, E-
pigraphie, Etymologie, Metrik und Archäologie, gelegentlich auch kunstwissenschaftliche und
mythologische Aufsätze. Alle konventionellen Gebiete der Altertumswissenschaft sind also ver-
treten; das Hauptgewicht liegt jedoch eindeutig auf der kritischen Grundlage. In den Bänden der
späten sechziger und frühen siebziger Jahre wird die Trennung von ,harter' und .weicher' Philo-
logie — Textkritik hier, Miszellen da — stärker akzentuiert, schon rein äußerlich. Hinzu kommen
nun auch gesonderte Abschnitte für Grammatisches, Antiquarisches, Historisches. Die ver-
schiedenen Beiträge erscheinen in nach Disziplinen geordneten Rubriken und demonstrieren
damit, wie schnell sich das riesige Fach ausdifferenziert und Fachleute hervorbringt, die in der
Tat langsam den Blick über das große Ganze verlieren.
Brief an Mutter und Schwester vom 10. Mai 1865 (I.2:51ff.) In den ersten Bonner Briefen an
Mutter und Schwester kann man ahnen, dass Nietzsche nicht unvorbereitet nach Bonn kam. Be-
reits im November 1864 fuhrt er sie langsam auf den wohl von Beginn geplanten Abfall von der
Theologie hin (I.2:17ff). „Daß Männer wie Ritsehl, der mir eine Rede über Philologie und Theo-
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 55

Die Bonner Schule verstand sich ferner, und das ist vor allem bei Welcker, aber
durchaus noch bei Ritsehl der Fall, als Fortfuhrer Wilhelm von Humboldts und
Friedrich August Wolfs. Bei aller Methodik und Wissenschaftlichkeit pflegte sie
freundschaftliche Beziehungen zur universalen Philologie anderer Sprachen, so
etwa der von A.W. Schlegel begründeten Sanskritphilologie, die ebenfalls unter
der Bezeichnung Bonner Schule bekannt wurde (s. dazu Windisch, 1920). Ritsehl
war persönlich mit Schlegel bekannt und korrespondierte mit ihm89.
Die geistigen Wurzeln der Bonner Tradition von Text- und Quellenkritik rei-
chen jedoch nicht nur zu den großen Philologen, sondern bis in die Geschichts-
wissenschaft hinein, in erster Linie zu dem bedeutenden Historiker und Philolo-
gen Barthold Georg Niebuhr, der ebenfalls in Bonn gewirkt hatte und dort 1831
gestorben war; er gehörte u.a. zu den Mitbegründern des „Rheinischen Muse-
ums". Niebuhrs Komische Geschichte, über die er zu lesen begann, nachdem ihn
Humboldt 1810 an die Berliner Akademie geholt hatte, machte Epoche. Die
Geschichte der ersten vier Jahrhunderte Roms sei verfälscht, schrieb Niebuhr in
der Vorrede: „Wir müssen uns bemühen Gedicht und Verfälschung zu scheiden,
und den Blick anstrengen um die Züge der Wahrheit, befreit von jenen Ueber-
tünchungen, zu erkennen." (Niebuhr, 1853:x). Auch ihm galt vor allem die ,Me-
thode' als ausschlaggebend, d.h. die kritische Analyse der Quelle, die ihren poeti-
schen und mythischen Gehalt von historischen Fakten trennte und unter
Berücksichtigung der verschiedenen Ebenen der Quelle die Historie wieder zu
rekonstruieren suchte.
Nietzsche, dessen lebenslanges Projekt es ebenfalls sein wird, die Verfäl-
schungen der (christlich geprägten) Geschichtsschreibung aufzudecken, rechnete
Niebuhr zu seinen intellektuellen Ahnen. Mehrmals zitiert er ihn wohlwollend als
Autorität. Im Kontext einer Polemik gegen die (christliche) Romantik und Wag-
ner als ihrem letzten Vertreter heißt es bei Nietzsche, das Beste, was Deutschland
gegeben habe, sei die „kritische Z u c h t " eines „Kant, F.A. Wolf, Lessing,
Niebuhr usw.", d.h. die „Lust am Neinsagen und Zergliedern" (VII 34[221]).
Anders gesagt: obwohl die deutsche Kultur keine vom archaischen Griechenland
inspirierte Kulturrevolution hervorzubringen vermochte, kann man sich dennoch
ihre eigentliche Leistung zunutze machen, um wenigstens konkurrierende Bewe-
gungen zu bekämpfen und auszuschalten90.

logie hielt, wie Otto Jahn, der, ähnlich wie ich, Philologie und Musik treibt, ohne eins von bei-
den zur Nebensache zu machen, einen großen Einfluß auf mich üben, wird sich jeder vorstellen
können, der diese Heroen der Wissenschaft kennt."(Brief vom 10.-17. November 1864; 1.2:18).
Strengste Philologie auf der einen und Musik als Ventil auf der anderen Seite anstatt der erwar-
teten Theologenlaufbahn, das sind die Attraktionen von Bonn, die sich vielleicht nur fern der
Heimat so schnell durchsetzen lassen. Am 2. Februar gibt Nietzsche dann seine Entscheidung
zur Philologie bekannt (1.2:40).
89 Auszüge in den Beilagen zum 2. Band bei Ribbeck (1879ff).
90 Vgl. auch das Niebuhr-Exzerpt im Umfeld von HL, III 29[95] - die Quelle ist unbekannt -
demzufolge Geschichte wenigstens einen positiven Nutzen hat, nämlich zu zeigen, dass selbst
die größten Geister „nicht wissen wie zufällig ihr Auge die Form angenommen hat, wodurch sie
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56 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Niebuhr galt vielen eher als Philologe denn als Historiker, so etwa noch bei
Droysen (51967:131) — der selbst als Philologe begonnen hatte. In der Historik
erkannte Droysen die große Leistung der Philologie bei der Erfindung der syste-
matischen Kritik zwar an. Gleichzeitig distanziert sich der Schüler Hegels und
Boeckhs davon, dass Quellenkritik die ganze historische Wissenschaft ausmachen
solle. Die Schuld für die Verengung des Faches in diese Richtung sowie die ein-
seitige Konzentration auf schriftliche zum Nachteil materialer und anderer Quel-
len gibt er Niebuhr — und nach ihm Ranke (Droysen, 51967:95), der als Nachfol-
ger und Statthalter Niebuhrs angesehen wurde. Ranke, der übrigens wie
Nietzsche Schulpforte besucht hatte, trifft sich mit Ritsehl nicht nur im Erbe der
historisch-kritischen Schule, sondern auch in der Gegnerschaft zu Theodor
Mommsen und der antiquarischen Tradition. Das ist wohl der wichtigste Grund,
warum Nietzsche Ritsehl und Ranke in einem Atemzug nennen wird.
Niebuhr hat eine Hymne auf die philologische Wissenschaft verfasst, die
Nietzsche bestens bekannt war. Der Herausgeber der Ausgabe des Briefs an einen
jungen Philologen, die Nietzsche besaß91, betont in seiner Einleitung die Beeinflus-
sung Niebuhrs durch F.A. Wolf, beider Methodik sei miteinander verwandt ge-
wesen. Die Kömische Geschichte war ja in ihrer Leistung und Wirkung durchaus mit
Wolfs Prolegomena ad Ilomerum zu vergleichen (Wegner, 1951:163). In der Vorrede
zum ersten Teil der zweiten Ausgabe hatte sich Niebuhr zudem ausdrücklich auf
die philologische Tradition seit Bendey berufen (s. Niebuhr, 1853) — ganz wie
Wolf selbst und nach ihm Friedrich Ritschi.
Ritsehl nämlich fühlte sich seinem Lehrer Gottfried Hermann nicht sklavisch
verpflichtet. Vielmehr ging er bewusst auf den synthetischen Ansatz F.A. Wolfs
zurück und fuhrt dadurch Hermann und Boeckh, die jeder auf ihre Weise Wolf
fortgedacht hatten (Bursian, 1883, Bd. 2:665ff), wieder zusammen. Nur deshalb
konnte er sich, von beiden Lagern geschätzt, als Vermitder einschalten und in der
Folge sein über alle Maßen hohes Ansehen im Fach erlangen92. Auf ausdrückli-

sehen, und wodurch zu sehen sie von Jedermann gewaltsam fordern": bis in die optische Meta-
phorik hinein eine Vorstufe des Perspektivismus. Von Anfang an galt Niebuhr als „Musterbil-
de" dessen, „was Kritik denn eigentlich sei", als Vorbild „eines jeden redlichen Strebens", wie es
schon bei Goethe heißt (Goethe, HA Bd. 12:346ff).
Vgl. Niebuhr (1839). Das Exemplar in Nietzsches nachgelassener Bibliothek ist zwar unaufge-
schnitten, aber in wichtigen Aufzeichnungen aus den Jahren 1867/68 (BAW Bd.4:3-8) notiert
sich Nietzsche dieses Buch immerhin als einziges Werk zum Thema „Über das Studium der kl.
Philologie".
Ritsehl nahm im Philologenstreit sogar, unerhört für einen Hermann-Schüler, ausdrücklich
Boeckhs Sprachkenntnis und Methode in Schutz. Er plädierte dafür, dass ,Wortphilologen' den
,Sachphilologen' gestatten mögen, bei dürftiger Quellenlage über diese hinauszugehen. Sonst
müssten sie auch bei sich selbst konsequent sein und auf Konjekturalkritik verzichten, d.h. nur
noch mechanisch Lesarten feststellen (s. Ribbeck, 1879ff, Bd.l:328f). Figls (1984) Annahme,
Nietzsche gehöre eher den auf Hermann zurückgehenden ,Sprachphilologen' als den auf
Boeckh zurückgehenden ,Sachphilologen' an, weil er nun einmal Ritschis Schüler war, ist des-
halb im besten Falle unpräzis. Figl folgt freilich einer verbreiteten Interpretation, die sich bis zu
Bursian und Wilamowitz' einflussreicher Philologiegeschichte verfolgen lässt, in der Ritsehl als
bloßer „Wortphilologe" abgetan wird (31998:61).
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 57

chen Wunsch Boeckhs sollte er sogar Nachfolger Lachmanns in Berlin werden.


Ritschis Kompromissangebot bestand darin, nicht die Bedeutung von antiqua-
risch-historischer Forschung an sich zu verneinen, aber als dringlichste Aufgabe
der zeitgenössischen Philologie für sie zunächst eine verlässliche Textgrundlage
zu fordern, die nur mit strenger Methodik zu erlangen sei93. Für Nietzsche gilt
der Gegensatz zwischen Hermann und Boeckh deshalb als längst überholt: in
beiden Richtungen sei die Methodik als das Wichtigste erkannt und entsprechend
fortentwickelt worden (vgl. z.B. §14 der Encyklopädie der klassischen Philologie, KGW
II.3:390£).
Ritsehl ging es nicht zuletzt um die Selbstständigkeit seiner Disziplin, deren
Befreiung aus dem Status einer theologischen Hilfswissenschaft noch nicht allzu
lange zurücklag. Dafür war Methode natürlich unerlässlich (vgl. den Vortrag
Ueber die neueste Entwicklung der Philologie in Ritsehl, 1879:1-1894). Er plädiert sogar
für einen in inhaltlicher Hinsicht äußerst umfassenden Philologiebegriff, der eine
Verwechslung mit der Historiographie der klassischen Antike als Unterabteilung
der Universalgeschichte nahelegt. Darin dürfe sich die Philologie indes nicht
erschöpfen, denn die Reproduktion des Altertums wird nur gelingen „in Erhal-
tung und Herstellung seiner realen Denkmäler", also durch Textedition, wobei
dann auch das Sprachstudium zu seinem Recht komme, nämlich als „das wahre
Organon aller philologischen Erkenntnis". Hier glaubt Ritsehl den „Centrai-
punkt" philologischer Arbeit gefunden zu haben, in dem die verschiedenen wis-
senschaftlichen Auffassungen von Philologie zusammenlaufen und in welchem
sie sich gegenseitig als gleichberechtigt anerkennen können. Die „reale Reproduc-
tion" der Texte sieht Ritsehl als bisher höchste erreichte Stufe der Philologie an95,
wenn auch nicht notwendigerweise als Ziel- und Endpunkt. Erst die Arbeit, so
lässt sich sein Ansatz bündig kennzeichnen, dann das Vergnügen. Auch darin
folgt ihm Nietzsche96.
Die Philologie hatte die Echtheitsfrage ins Zentrum ihrer Tätigkeit gerückt,
weil die Schrift das wichtigste Medium war, in dem sich die „Ueberreste alter
Zeiten" (Wolf/Buttmann, 1807:31) dokumentierten und diese schriftlichen Über-
reste als Zeugnisse einer vorbildichen Vergangenheit und ästhetisch besonders

Auch hier hatte Wolf den Weg gewiesen: „sobald die Schriftsteller interessant sind, müssen wir
sie ihrer wahren Gestalt nahe zu bringen suchen. Die Kritik ist die Basis der ganzen Al-
terthumswissenschaft; man kann auch nicht eher erklären, als bis man verbessert hat."
(1831:308)
Auch als Lemma „Philologie" im Conversations-Lexikon der neuesten 7.eit und Utteratur, Bd. III,
Leipzig, Brockhaus, 1833.
Wer antike Autoren in Ubersetzungen liest, könne immerhin ein nützlicher (Kunst-)Historiker
sein, niemals jedoch Philologe, wer sich dagegen nur mit niederer Kritik, mit Schreibfehlern und
Fragen des Spiritus etc. beschäftige, sei in jedem Falle einer. „Auf dieser Grundlage, aus diesem
Boden können Kräfte der ersten Art und Früchte jener Art erwachsen, umgekehrt niemals."
(Ritsehl, 1879:27)
IV 5[2]: „Das Alterthum in Schriften aufbaun — eine noch ganz ungelöste Aufgabe." Vgl. aber
unten, bes. Kap. 5.3. u. 5.4.
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58 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

w e r t v o l l g a l t e n ( 3 2 f ) . G r ü n d u n g s v a t e r F . A . W o l f , d a s sollte n i c h t v e r g e s s e n w e r -
d e n , ist e i n Z e i t g e n o s s e u n d V e r t r a u t e r G o e t h e s . D i e k l a s s i s c h e n T e x t e e r l a n g e n
für ihn eine fast religiöse D i m e n s i o n , die i m Zeitalter der Herausgeberfiktionen
u n d Fälschungen97 nicht kompromittiert w e r d e n darf. D e r Status klassischer
Texte w ä r e hinfällig o h n e P r ü f u n g v o n Echtheit, Alter und Richtigkeit. D a r a u s
e r g i b t s i c h m i t N o t w e n d i g k e i t die Z e n t r a l i t ä t d e r p h i l o l o g i s c h e n K r i t i k , dem
H e r z s t ü c k der A l t e r t u m s w i s s e n s c h a f t (38f). W o l f führt die rein ästhetische Schät-
z u n g des Altertums i m Sinne Winckelmanns, Lessings oder Goethes zu einer
h i s t o r i s c h e n W i s s e n s c h a f t f o r t , d i e d e n n o c h n i c h t s w e n i g e r als p o s i t i v i s t i s c h i m
m o d e r n e n V e r s t a n d ist. I u d i c i u m u n d I n t u i t i o n , k u r z : D i v i n a t i o n d e s P h i l o l o g e n ,
s i n d n o c h i m m e r n o t w e n d i g , u m e t w a H o m e r s Z e i t g e r e c h t z u w e r d e n ; sie m u s s
freilich durch wissenschaftliche Beweisführung, also durch , M e t h o d e ' nachprüf-
bar gemacht werden:

Die hohe Bedeutung der Prolegomena für die Geschichte der Philologie beruht noch
mehr auf der von W o l f angewandten Methode der Forschung als auf den dadurch
gewonnenen Resultaten: sie gaben das erste, mustergültige Beispiel einer mit richterli-
cher Strenge und Schärfe durch Abhörung aller Zeugen geführten Untersuchung über
die Geschichte eines antiken Geistesproductes von dem Zeiträume seiner Entstehung
an nach den verschiedenen Epochen der Ueberlieferung. 9 8

W e n n Ritsehl das H a u p t g e w i c h t seiner Tätigkeit auf die M e t h o d e verlegte, entwi-


ckelte er mithin direkt das E r b e W o l f s weiter u n d m a c h t e die Philologie dadurch
f ü r l a n g e Z e i t m e t h o d i s c h u n a n g r e i f b a r . „ E s ist d a s V e r d i e n s t R i t s c h i s in e r s t e r
L i n i e , w e n n d e r k l a s s i s c h e n P h i l o l o g i e d e r E r f o l g g e g l ü c k t ist, i m A l l g e m e i n b e -
w u ß t s e i n d e s 19. J a h r h u n d e r t s e i g e n s t als W i s s e n s c h a f t der Methode zu
gelten." (Bickel, 1946:31) G e m e i n s a m m i t O t t o J a h n " u n d anderen Kollegen

Man denke etwa an Ossian, der seinerzeit ja oft mit Homer verglichen wurde. In Kapitel 49
seiner Prolegomena äußert Wolf bereits hellsichtige Zweifel an seiner Echtheit (Wolf 21859/1985).
Bursian (Bd.l:526f). Informationen und Literaturhinweise zu Wolf s. auch CBE. Über F.A.
Wolf und die Begründung der Philologie aus dem Geist des Humanismus vgl. Paulsen ( 3 1919ff,
Bd. 2:210-247) - Wolf hatte seine Enzyklopädie-Vorlesung (das spätere Museum) auf Vorschlag
Goethes verfasst, dem sie auch gewidmet war. Die enge Beziehung Wolfs zu Humboldt und der
Gründung der Berliner Universität beschreibt Bursian (1883, Bd.l:536ff). Der beste neuere Ü-
berblick zur Philologiegeschichte des neunzehnten Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf
Wolf bei Horstmann (1978). Er hebt u.a. die Entwicklung der Textkritik als der philologischen
Methode schlechthin hervor.
Nietzsches Studienzeit fällt bekanntlich in die Zeit des großen Streits zwischen Ritsehl und Otto
Jahn und ihren jeweiligen Anhängern, Jahnitscharen' und Ritschlianern. In der Forschung
herrscht heute allerdings Einigkeit darüber, dass es sich dabei weniger um einen Gelehrtenstreit
als um einen Streit zwischen Gelehrten handelte. Nicht zwei unterschiedliche Auffassungen von
Philologie, sondern zwei unterschiedliche Persönlichkeiten gerieten aneinander (beide stammten
aus der Hermann-Schule). Der Anlass war eine Stellenbesetzung. Ritschls Abgang nach Leipzig
und die damit verbundene Enriassung aus preußischen Diensten wurde sogar vom König per-
sönlich bedauert, während die Sachsen sich freuten, den renommierten Hermann-Schüler wie-
der an seinem Ausgangsort zu haben. Vgl. bes. Ribbeck, (1879ff, Bd. 2:342ff). Kurzfassung bei
Calder III (1983). Zu Jahn jetzt auch Calder III/Cancik/Kytzler (Hrsg., 1991). Eine in der
Nietzsche-Forschung übersehene, sehr gründliche Darstellung bei Hübinger (1964) — mit vielen
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 59

etabliert er eine Arbeitsweise, die außer Nietzsche viele andere Schüler entschei-
dend formte. Beispiele für die Durchführung dieser Methode bieten nicht nur
Nietzsches eigene philologische Arbeiten, sondern viele Beiträge im „Rheini-
schen Museum".
Bonner Schule der klassischen Philologie heißt, um konkret zu werden, die
Verbindung von Textkritik mit prosodischen, metrischen, epigraphischen und
literaturhistorischen Studien. Besonders wichtig sind ihr die Quellenforschung,
die Etablierung von Texten und ihre kritische Auslegung zum Zwecke der Si-
cherstellung von Texten und damit der Überlieferung. Sie versteht sich als hart
und unerbittlich in der Strenge ihrer Methodik, die gleichwohl nicht rein formal
sein soll, sondern Strenge eher in der kritischen Distanz zur eigenen wissen-
schaftlichen Phantasie praktiziert. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit immer auf
kleinere, überschaubare Objekte und entwickelt größere Thesen nur am konkre-
ten Fall. Sie ist empirisch, antimetaphysisch und antitheologisch geprägt. Ihr
Ethos soll verbindlich für jede Wissenschaft sein, ihre Methode Grundlage zu-
mindest der historischen Wissenschaften. Die Art und Weise ihres Lesens unter-
scheide die Philologie als Disziplin von verwandten Disziplinen.

Quellen- und Literaturhinweisen. Ebenfalls gleichermaßen nützlich wie vernachlässigt Ehrhardt


(1982). Ob Nietzsches endgültiger Fortgang aus Bonn etwas mit dem Streit der Kollegen Ritsehl
und Jahn zu tun hat, ob Nietzsche also Ritsehl nach Leipzig folgt, ist in der Forschung umstrit-
ten und lässt sich auch nicht mehr mit völliger Sicherheit entscheiden. Tatsächlich bewundert
Nietzsche beide Lehrer, die sich wissenschaftlich und methodisch ja sehr nahe sind. Auf dem
Höhepunkt des Streits schreibt er eine große Arbeit bei dem sehr beliebten Jahn (KGB 1.2:48),
der ihm wegen seiner künstlerischen Neigungen und seines Musikverständnisses nahe ist. Noch
1869 schenkt ihm Paul Deussen Jahns jüngst erschienene Aufsatzsammlung mit der Widmung
„Dem lieben Freunde zur Erinnerung an frohe Tage und zum Zeichen unwandelbarer Dank-
barkeit, Liebe und Treue" (vgl. Jahn, 1868 in Nietzsches nachgelassener Bibliothek). Der Brief-
wechsel, der meist zur Klärung herangezogen wird, ist in diesem Fall unzuverlässig, da Nietz-
sche seine Begründung des Wechsels auf die jeweiligen Adressaten abstimmt. Im Brief an
Mutter und Schwester vom 29. Mai 1865 (1.2 58ff) nennt er Ritsehl als Hauptgrund, Leipzig zu
wählen: ihnen gegenüber muss es ein respektabler wissenschaftlicher Grund sein. Freund Gers-
dorff, der gleichzeitig auch nach Leipzig gehen will, versichert er, dass dessen Umzug der eigent-
liche Grund sei, schon vorher habe er zwar wechseln wollen, sei aber unschlüssig gewesen wo-
hin. Ritschis Umzugspläne hätten ihn nur bestärkt - obwohl er im selben Atemzug Jahn im
Philologenstreit Recht gibt (25. Mai 1865, 1.2 54ff). Selbst dass man in Leipzig besser Musik
treiben könne, was in Bonn ganz und gar unmöglich gewesen sei, wird herausgestrichen (an
Gersdorff 4.8.65 1.2 75ff). Im Rückblick auf meine qvei Leipziger Jahre (KGW I.4., S. 506-530) heißt
es dagegen, er sei vor allem aus dem Bonn der rohen studentischen Sitten geflohen (dass er in
der Frankonia nicht reüssieren konnte, ist bekannt). Ritschis Leipziger Antrittsvorlesung sei für
ihn dann das erste fröhliche Ereignis gewesen, besonders da dieser Nietzsche sofort erkennt
(aus über 100 Studenten, die Ritsehl aus Bonn gefolgt waren! vgl. Bickel, 1946:15) und ihm in
dem Kreis ehemaliger Bonner Studenten bald eine herausgehobene Stellung zumisst - Ritsehl
musste natürlich annehmen, dass Nietzsche nun ausschließlich seinetwegen in Leipzig war.
Wahrscheinlich spielten verschiedene Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt der Umstand, wieder in
der Nähe der Familie zu sein und beträchtliche Summen Geldes zu sparen; das Leben am Rhein
war kostspielig gewesen. Ob Nietzsche tatsächlich zu Jahn hält, sich aber letztlich lieber dem
stärkeren Ritsehl unterordnet wie Ross ( 2 1994:lllff) vermutet, ist deshalb letztlich unerheblich.
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60 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Zusammenfassend seien in übersichtlicher Form jene wesentlichen methodi-


schen Charakteristika der Bonner Schule im Sinne Ritschis dargestellt, die bei
Nietzsche auch außerhalb des philologischen Berufs nachgewirkt haben:
(1) Philologie baut bei Ritsehl auf einem unumstößlichen Ethos auf, das „un-
erbittliche Strenge gegen jede Halbheit im Denken" (Bickel, 1946:22) fordert.
Friedrich Paulsen berichtet eine bezeichnende Anekdote von Ritschis Wahrheits-
liebe. In seiner Homervorlesung stutzt Ritsehl und traut plötzlich der eigenen
Erläuterung eines schwierigen Ausdrucks nicht mehr. Am nächsten Tag verkün-
det er, sich doch nicht geirrt zu haben, er habe nämlich über Nacht noch einmal
„den Homer" durchgelesen, den ganzen versteht sich (Paulsen 31919ff, Bd.
2:453, Anm. I)100. Zu dieser Grundhaltung gehört die Selbststilisierung als Ale-
xandriner'.
(2) Philologie hat zwar die universale Erkenntnis des Altertums zum Ziel,
konzentriert sich aber in ihrer täglichen Arbeit auf einzelne Punkte, die möglichst
gründlich durchgeführt werden sollen. Die Methode ist immer an Einzelfragen
und Einzelproblemen ausgerichtet, rein memorierter Gedächtnisstoff wird abge-
lehnt. Gegenüber „jener flachen, arbeitsscheuen Universalität, die nirgends ei-
gentlich zu Hause ist", zieht Ritsehl es vor, sich auf einem Gebiet hervorzutun,
anstatt auf vielen nur unwichtige Rollen zu spielen (Ribbeck, 1879ff, Bd. 1:87) -
ein Erbgut der Hermannschen Tradition. Er betont die Arbeit am kleinsten,
scheinbar unwichtigen Detail, die in engem Zusammenhang mit der unter (1)
genannten Prüfung und Infragestellung jeder Autorität, auch der eigenen, steht.
Antiquarischer Sammelgeist soll durch intensive Konzentration auf ein genau
abgegrenztes Gebiet ersetzt werden (Ribbeck, 1879ff, Bd.2:457f), wobei auch die
Versenkung in einzelne Probleme maßvoll zu geschehen hatte. Ritsehl zeigte kein
Interesse an massenhaften kritischen Textausgaben, wie er auch kein Freund
riesiger allumfassender Editionen eines einzelnen Schriftstellers war101. Zwar ist
Kulturgeschichte der endgültige Referenzrahmen für den Sinn des ganzen Unter-
nehmens, aber überzeugende kulturgeschichtliche Thesen lassen sich nur induk-
tiv aus der gründlichsten Analyse konkreter ,Monumente' entwickeln:

loo Vgl. Ritschis Bruchstücke und Aphorismen ^ur Methodik (1879:19-32), in denen er u.a. die „heilige
Scheu vor der Wahrheit, der unbedingten, reinen, unerbittlichen, unbarmherzigen" (23) be-
schwört.
ιοί Vgl. schon Ribbecks Fazit: „Das Ziel seiner wissenschaftlichen Bestrebungen war die lebendige
Erkenntniss des gesammten classischen Alterthums in allen seinen culturhistorischen Momen-
ten. Wenn ihm hierzu überhaupt das unmittelbare Studium der Quellen, inbesondre Vertrautheit
mit den alten Autoren selbstverständliches Erfordemiss war, so fand er nach guter Humanisten-
art die Blüthe echt philologischer Meisterschaft in der Kunst, die Dichter zu erklären und ihren
Text zu verbessern. Während ihm aber für dieses engere Feld das grammatische Studium nur als
Mittel galt, verkannte er weder die selbständige Bedeutung, welche die Sprache als eine der we-
sentlichsten Aeusserungen des antiken Geistes fur uns haben muss, noch die Unentbehrlichkeit
des vergleichenden Sprachstudiums für das etymologische Verständniss ihrer mannigfachen Bil-
dungen." (Ribbeck, 1879ff, Bd.2:454ff)
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 61

Er setzte seinen Ehrgeiz nicht darein, zu den Nabobs der Gelehrsamkeit gerechnet zu
werden. Was seinen Geist reizte, war weniger der bequeme Besitz des Allen zugängli-
chen Wissens als das Erkennen und Erforschen verborgener Thatsachen und Zu-
sammenhänge. Nur was ihm selbst durch redliches Suchen zur Ueberzeugung gewor-
den war und was er Andren durch vollständige .Zusammenfassung und Abwägung
aller in Betracht kommenden Momente' zur Ueberzeugung zu bringen hoffte, legte er
öffentlich vor, nicht in hastiger Eile, oft erst lange Jahre nach der Entdeckung, (ebd.,
S. 456)

Diese Selbstverpflichtung macht die Größe, aber auch die Beschränkung der
Ritschl-Schule aus. Während und nach dem Studium kritisiert Nietzsche die Hin-
gabe an das Detail, welches die weiteren Zusammenhänge aus dem Auge ver-
liert102. In dem Moment, da er die Philologie verlässt und sich komplexeren Fra-
gen etwa der Kulturphilosophie und Moralgeschichte widmet, wird sie ihm
wieder Vorbild redlicher Arbeits- und Kompositionsweise, nicht zuletzt in der
Genealogie der Moral.
(3) Wesentlich bei der Behandlung der einzelnen untersuchten Punkte ist ihre
Darstellung: das Verlangen der Ritschl-Schule nach gewissermaßen künsderischer
Abrundung. „Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell künstlerischen
Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher Fragen, möglich ge-
macht durch strenge Begrenzung derselben und Concentrierung auf einen gege-
benen Punkt." Ritschis Methode, schreibt Lou Andreas-Salome, sei Nietzsche
deshalb sogar entgegengekommen (2000:79f). Mehr als andere Gelehrte dachte
Ritsehl an den Leser und forderte dies auch von seinen Schülern (Schmid,
1984:passim). „Mein alter Lehrer Ritsehl", so Nietzsche am Ende seines Schaf-
fens, „behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen Ab-
handlungen wie ein Pariser romancier — absurd spannend." (EH Warum ich so
gute Bücher schreibe 2, 6:301)
(4) Ritschis Philologie ist nicht rein formal. Sie versteht sich als weniger me-
chanisch, auch und besonders in der Textkritik, als die verwandte Praxis eines
Karl Lachmann. Intuition, die sich auf intime Kennerschaft und weitreichende
Textkenntnis stützt, ist geradezu ihr Markenzeichen. Diese auswählende und
divinatorisch-subjektive Form der Kritik soll jedoch kein zufälliges Ratespiel
abgeben, sondern durch Tatsachen abgesichert sein, die ohne Beteiligung der
Persönlichkeit des Philologen ermittelt werden. Mühsam erworbenes „gebildetes

102 Nietzsche ist in der Philologiegeschichte bei weitem nicht der einzige, dem die minutiöse Arbeit
am Detail nicht mehr genügt. Der Däne Johann Nicolai Madvig, einer der profiliertesten Lati-
nisten des neunzehnten Jahrhunderts und ein wichtiger Einfluss auf Ritsehl und die Bonner Phi-
lologie — er war ursprünglich für den Bonner Lehrstuhl im Gespräch, den dann letztlich doch
Ritsehl erhielt —, Madvig also reflektiert in aphoristischen Bemerkungen des Jahres 1884, in ho-
hem Alter, sein Ungenügen an dieser speziellen Ausprägung der Philologie: „Allmählich ekelt
mir vor der Philologie. Man dreht und wendet den erschöpften Stoff, um einen neuen Inhalt
herauszupressen und ihn zu widerlegen. Man verliert sich in Dingen, von denen man nichts
weiß, ohne sich an das Sichere und Wesentliche zu halten. — Und dann die unendliche Klein-
lichkeit der Inschriften und Kuriositäten!" (Madvig, 1917:17f; Übersetzung von mir)
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62 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Gefühl, Takt, gesunde[r] Sinn, feine[r] Blick", erst recht Routine selbst lässt sich
niemals ganz in Regeln fassen, Theorie muss immer an bedeutenden Mustern
demonstriert werden, von denen man absehen, ablernen kann. Keine Theorie
kann Anspruch auf absolute Geltung erheben, alle Regeln sind relativ und kön-
nen niemals bereits alle Möglichkeiten der Zukunft erfassen (vgl. Ribbeck,
1879ff, Bd.2:18f). Daraus erklärt sich das Desinteresse Ritschis an Philosophie
und theoretischer Systematik. Es erklärt auch, warum keine längeren theoreti-
schen Abhandlungen von seiner Hand vorliegen. Die Enzyklopädie - die Metho-
denlehre also — ist wichtig in pädagogischer Hinsicht, aber lernen lässt sich im
Zweifelsfall nur am konkreten Text. Jeder Text verlangt seine eigene Methodik,
die man sich durch Analogie mit anderen Texten erarbeiten muss. Beispiele und
eigene Forschung ersetzen abstrakte Theorie; Ritsehl verstand sein eigenes Wir-
ken als Vorbild, nicht als Muster103.
(5) Prüfstein und zugleich Zentrum der Ritschlschen Philologie ist die Text-
kritik. Das hat zwei Gründe. Im Umgang mit Texten besteht, erstens, die Kern-
kompetenz der Philologie; Texte sind die wichtigsten Monumente, in denen sich
die Uberlieferung des Altertums darstellt. Ohne verlässliche Texte und ohne
genaue Arbeit am Text ist alles andere hinfällig. Der zweite ist pädagogischer Art:
„Andere mögen an geistesgeschichtlichen Konzeptionen das Talent ihrer Schüler
erproben; Ritsehl hat sich über die Befähigung des einzelnen zu wissenschaftli-
cher Arbeit so Klarheit verschafft, daß er ihn textkritisch arbeiten ließ." (Bickel,
1946:22) In der Textkritik lässt sich die wichtigste Fähigkeit der philologischen
Methode an überschaubaren Beispielen einstudieren, nämlich kritisches Bewusst-
sein und, besonders in der Konjekturalkritik, Phantasie, die sich selbst wieder im
kritischen Zaum hält. Die Konjekturalkritik galt ja immer bis zu einem gewissen
Grad als Neu- und Nachdichtung (vgl. Jensen, 1963:89). Der Konjekturalkritiker
musste Werk und Autor kennen wie kein zweiter, wenn die Konjekturen ein
gewisses Maß an Wahrscheinlichkeit haben sollten. Die Bonner Schule wurde
immer wieder mit dem Vorwurf angegriffen, einseitig Kritik zu treiben — anstatt
Pädagogen für die Schule zu erziehen, die sich etwas mehr in den Realien aus-
kennen. In einem gemeinsamen Bericht für das akademische Jahr 1861/62 ver-
teidigten sich Ritsehl und Jahn:
Allein wenn es feststeht, dass alle Erforschung des Alterthums ihre Wurzel hat in dem
methodisch begründeten Verständniss der alten Schriftsteller, dass fast jede Schwie-
rigkeit, fast jeder Zweifel auf irgend welchem Gebiet der Alterthumswissenschaft zu-
rückzufuhren ist auf ein Problem der Kritik und Hermeneutik, so ergiebt es sich mit
N o t w e n d i g k e i t , dass die Kräfte sich heranbildender Philologen vor allen Dingen zu

103 Die strenge Methodik, schreibt Nietzsche an Rohde in einem Selbstklärungsbrief, setze immer
erst nach der geistigen Hauptarbeit ein, oft helfen in erster Linie „philologischer Witz, eine
sprunghafte Vergleichung versteckter Analogien und die Fähigkeit, paradoxe Fragen zu thun"
(Brief vom 9. Dezember 1868,1.2:340) - das sind die ,Schleichwege' Ritschis!
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 63

üben sind an den Aufgaben, welche die Herstellung corrupter Textworte, um das rich-
tige Verständniss zu erzielen, darbietet. (Ribbeck, 1879ff, Bd.2:283)1M
(6) Im Zentrum dieser angewandten Methodenlehre steht somit das Verhält-
nis von Kritik und Hermeneutik. „Überall da, wo ein strittiger Sachverhalt so
entschieden wird, daß ihn zunächst eine ,clara et distineta pereeptio' auf das
durch die Daten der Überlieferung determinierte kritisch-hermeneutische Prob-
lem zurückfuhrt, treibt man Philologie im Geiste Ritschis." (Schmid, 1984:703)
Kritik und Hermeneutik lassen sich zwar in der Praxis nicht voneinander tren-
nen, müssen aber theoretisch auseinandergehalten werden. Da diese Einsicht für
Nietzsche überaus wichtig wird, ist ihr ein gesondertes Kapitel gewidmet.
(7) Die charakteristische Tätigkeit des Philologen ist das Lesen. Das ist weni-
ger banal als es klingt. Lesen will in einem langen, möglicherweise das ganze
Leben andauernden Prozess gelernt sein105. Die bloße Aufnahme schriftlich for-
mulierten Gedankenguts ist nicht damit gemeint. Philologisches Lesen geht über
die Inhaltsanalyse hinaus und widmet der Form sowie der Überlieferung des
Textes größte Aufmerksamkeit, bis hin zur Materialität des Schriftträgers. Lesen
ist das Erkunden des Textsoma als tatsächlichem Körper bzw. Organismus. So
waren etwa metrische und rhythmische Studien für Ritsehl von hoher Bedeutung.
Lesen ist die verinnerlichte Ausübung von Kritik und Hermeneutik nach einem
Grad der Verflechtung, der sie unauflöslich macht, also einer Exegese, die sich
auf Schritt und Tritt selbst beobachtet und kritisiert. Lesen muss dem Gegens-
tand und dem Erkenntnisziel angemessen sein. Ritsehl unterscheidet zwei haupt-
sächliche Lektüreverfahren: die „tüchtige eindringliche, mit Kritik verbundene stata-
rische Leetüre" (meine Hervorhebung) — also die gründliche und langsame, in die
Tiefe dringende Lektüre - und die kursorische Lektüre, die reiche Kenntnisse
und Sicherheit der Sprache (facultatem et usum) zum Ziel hat106. Und er fährt
fort:

104 Ritsehl wurde seinen Ruf als einseitiger Textkritiker bei Gegnern wie Wilamowitz, der bald auch
die Wissenschaftsgeschichtsschreibung dominieren sollte, nicht mehr los. Der Eintrag zu Ritsehl
im 28. Band der ADB aus dem Jahr 1889 ist eine der letzten differenzierten Einschätzungen:
„Ueberhaupt machte er aus der Conjekturalkritik als solcher keinen Beruf: er machte nicht Jagd
auf Verbesserungen, sie bahnten ihm nur den Weg zu höheren Zielen. Auch nicht das Heraus-
geben von Texten gab ihm die höchste Befriedigung, sondern die methodische Lösung von
Problemen, auf welchem Gebiete der Philologie es auch sein mochte. [...] Die künstlerisch auf-
gebaute und durchgeführte Untersuchung, die umsichtige und zwingende Beweisführung, die
formvollendete Monographie war es, in der sich sein Lessing verwandter Geist am meisten ge-
nug that. Wie dieser verstand er die Leser finden zu lassen, was er selbst noch zu suchen
schien." (ADB, Bd. 28:659).
105 Ritsehl stellte zusammen mit einem Kollegen humoristisch gemeinte „Zehngebote für classische
Philologen" auf. Das fünfte, durch diese Stellung im Verhältnis zum Dekalog des Alten Testa-
ments also herausgehobene Gebot lautet: „Du sollst lesen lernen." (s. Ribbeck, 1879ff, Bd.2:45)
106 D i e s e nützliche Unterscheidung ist aus den neuphilologischen Studienordnungen in Deutsch-
land leider verschwunden. In Nordeuropa, etwa in Dänemark, spielt sie jedoch nach wie vor ei-
ne wichtige, sogar prüfüngsrelevante Rolle. Man bemerke, dass sich die statarische Lektüre bei
Ritsehl nicht mehr im traditionellen Verstand auf die Entschlüsselung dunkler Stellen bezieht,
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64 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Einen gewissen Umfang der L e e t ü r e alter Schriftsteller zu haben ist doch der K e r n
der ganzen philologischen Wissenschaft. Das kömmt immer mehr ab; die neuen Bü-
cher nehmen zu sehr in Beschlag; deshalb deren Studium von vielen verdammt; ganz
unwissenschaftlich; beides zu vereinigen; denn ohne die befruchtenden Ideen, die den
Stoff beleben, ist alle Leetüre nur Stockgelehrsamkeit oder reines Amüsement.107

Das Nonplusultra ist also die möglichst genaue Kenntnis von möglichst vielen
Texten und unterschiedlichen Textsorten; das Studium der Grammatik muss
durch die Lektüre möglichst vieler Schriftsteller ergänzt werden (Ribbeck, 1879ff,
Bd. 1:335). Erst lange Gewöhnung an komplexes Lesen und die Kombination aus
statarischer und kursorischer Lektüre macht Kennerschaft aus108. Wie das Zitat
aber auch zeigt, darf moderne Literatur durchaus genossen werden, solange sie
nicht von der Vertrautheit mit der Literaturgeschichte ablenkt und anregend auf
die Lektüreergebnisse wirkt. Die Gewichtung ist allerdings unmissverständlich:
Hauptgeschäft des Philologen ist die Beschäftigung mit der Überlieferung, die
aus Gründen des begrenzten menschlichen Aufnahmevermögens mit einer ge-
wissen Enthaltsamkeit gegenüber der zeitgenössischen Produktion erkauft wird.
(8) Diese Betonung der Belesenheit in Verbindung mit ihrer oft demonstrier-
ten philosophischen Abstinenz verweist auf den letzten methodischen Kanon der
Ritschlschen Philologie, nämlich die empirische Fundierung. Die Textkritik ist
lediglich diejenige philologische Teildisziplin, welche dieser Norm am nächsten
kommt:
In der Tat ist die Textkritik, d.h. die souveräne Beherrschung der Urkunden, so geübt
durch Verfolgung aller Belange der betreffenden Stelle, die Primärquelle für jede ge-
schichtliche Untersuchung. Damit wird die Textkritik und die Befähigung zu ihr der
Punkt, wo sich die Geister scheiden, die aus der Quelle trinken oder aus der Wasser-
leitung zapfen. Wenn an irgendeinem Punkte die Methode der Geisteswissenschaft
sich der induktiv-empirischen Methode der exakten Naturwissenschaft nähert, die der
Bestätigung der gedanklichen Aufstellung durch das Experiment bedarf, so ist es die
Textkritik der klassischen Philologie. (Bickel, 1946:23)

Bereits in einer akademischen Rede aus der ersten Bonner Zeit (1830-1848; vor
der großen Italienreise) tadelte Ritsehl „die wechselseitige Geringschätzung, wel-
che zwischen Vertretern der Natur- und der sogenannten Geisteswissenschaften

sondern gemäß der modernen Bedeutung auf die Gründlichkeit und Genauigkeit des Lesepro-
zesses selbst.
107 Nach Ribbeck, 1879f, Bd. 1:335. Man hört der Diktion an, dass sie aus einer Vorlesungsmit-
schrift stammt.
108 Ein gutes und sprachlich leicht zugängliches Beispiel fur Ritschis eigene Lektürepraxis (es ist in
Deutsch und nicht dem von ihm bevorzugten Latein verfasst) ist etwa sein Aufsatz Die Piautini-
schen Didaskalien (Ritsehl, 1845), der in selbst für den Laien faszinierender Weise editorische,
text- und quellenkritische, kultur- und theatergeschichtliche, wissenschaftshistorische, etymolo-
logische, metrische, literaturhistorische und grammatische Beobachtungen verbindet, ganz ne-
benbei große Belesenheit demonstriert und sich, nicht zuletzt in harter Auseinandersetzung mit
anderen gelehrten Auffassungen, einer überaus rationalen, syllogistischen Argumentationsweise
bedient.
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2.3. Friedrich Ritsehl und die Bonner Schule 65

geäussert werde" (Ribbeck, 1879ff, Bd.2:142). Dies sei am Ende für alle Wissen-
schaften schädlich. Maßstab des wahren Gelehrten sei geradezu sein Verhältnis
zu den Wissenschaften außerhalb des engen Spezialgebiets. Ritsehl insistierte
zwar auf fachlicher Spezialisierung, ohne die kein Erkenntnisgewinn mehr mög-
lich sei, fühlte sich indes immer der Einheit der Wissenschaft verpflichtet. So
beklagte er z.B. die Herauslösung der Archäologie aus der Philologie und wehrte
sich gegen den Anspruch auf Vorrang seitens der Theologie und der Philosophie,
besonders jener, die das Beispiel des Aristoteles vergesse, der doch wenigstens
die Empirie zu schätzen gewusst habe. Der Rangstreit unter den Künsten sei
ebenso verwerflich wie der zwischen den Nationen: Ritsehl überträgt bewusst
Goethes Kosmopolitismus auf die Wissenschaft (ebd.). Der Charakter philologi-
scher Theorie und Methode wird, immer wieder in Auseinandersetzung mit
dogmatischen Tendenzen jeglicher Philosophie „als das durch fortgesetzten Ver-
such allmälig erwachsende, nie abgeschlossene Ergebniss empirisch gewonnener
Einsicht" vertreten (ebd., Bd. 2:18f)109. Durch Suchen und Entdecken neuer
Urkunden und Dokumente lassen sich etwa quellenhistorische Thesen oder text-
kritische Konjekturen verifizieren und falsifizieren. Durch sprach- und stilhistori-
schen Erkenntniszuwachs aufgrund sprachvergleichenden Studiums sowie durch
die Parallelstellenmethode können Auslegungen modifiziert werden. Der Vor-
wurf an Ritsehl lautete häufig, zu sehr im Induktiven zu verharren. Das Experi-
ment galt ihm gleichwohl als Königsweg und die Naturwissenschaften waren ihm
Verbündete gegen dogmatische Deduktionen der Theologen und Metaphysi-
ker110.
Nietzsche wird diese Haltung mit seiner Wende nach Menschliches, All^umensch-
liches in extremer Form einnehmen. Seine Vorliebe für naturwissenschaftliche und
physiologische Studien ist bekannt. Die Nähe Nietzsches zu experimentellem
Denken ist der Forschung schon seit längerem aufgefallen, möglicherweise zuerst
Walter Kaufmann (vgl. 31968:85), der in dieser Hinsicht vor allem von der angel-
sächsischen Nietzscheforschung weitergeführt wurde. Es soll hier behauptet
werden, dass es die spezielle philologische Schulung war, die einen fruchtbaren
Boden für die Aufnahme naturwissenschaftlichen Denkens bei Nietzsche bereitet

109 Ritsehl richtet sich an dieser Stelle ausdrücklich gegen Schleiermacher.


110 Otto Jahn war sich mit Ritsehl in der Verachtung der Philosophie (besonders der zeitgenössi-
schen) vollkommen einig. Er behauptete gern, nie in seinem Leben ein philosophisches Werk
gelesen zu haben (nach Figl 1984:113). In Aufzeichnungen zur philologischen Methodenlehre
zwischen Herbst 1867 und Frühjahr 1868 notiert sich Nietzsche, dass Philologie immer im Ge-
gensatz zur Philosophie stehe. Hier gibt es auch einen ersten Hinweis auf Senecas 108. Brief an
Lucilius, der dann in der Basler Antrittsvorlesung zur Klärung des Verhältnisses von Philoso-
phie und Philologie herangezogen wird - dazu später mehr (BAW 4:3-8). Porter (2000a) hat in
diesem Zusammenhang die Wichtigkeit des (durch F.A. Lange vermittelten) Atomismus für
Nietzsche betont — und damit auch der empirischen Naturwissenschaft, und zwar keiner positi-
vistisch, sondern skeptisch verstandenen, welche weiß, dass die Sinne nur Schein, nicht Realität
transportieren, die sich der Kontingenz allen Wissens, der UnZuverlässigkeiten von Bedeutun-
gen bewusst ist. Atomismus diene Nietzsche als Waffe gegen Mythologien und Dogmen (S. 94).
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66 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

hat. Besonders die frühen Aufzeichnungen zur Philologie belegen, dass sein me-
thodisches Interesse an den empirischen Wissenschaften in der Bonner Schule
der Klassischen Philologie wurzelt 111 . In grundsätzlichen Reflexionen zur Me-
thode der Philologie misst Nietzsche ihre „Anstrebung möglichster Objektivität"
am naturwissenschaftlichen Ideal:
1. Erkenntniß der Überlieferung.
Ausgeschlossen werden die Subjekt, der Herausgeber, dann der revidier. Grammatiker
Die älteste Form wird gesucht, weil sie dem Alterthum am nächsten steht (Hülf-
sannahme: die Fehler vermehren sich progressiv.)
Dazu muß ein app<aratus> crit<icus> da sein, um die Verwandtsch. der codd.
abzuschätzen. Dies geschieht nach äußeren Handhaben, Lücken etc. (Palä-
ogr<aphie>)
2. Erkenntniß der Verderbniß
a. augenscheinl. Verderbnisse
b. durch ratio erschließbar
z.B. objektiver Anhalt: Zahlensymmetrie
subjet.: best. Ansicht über die aesthet. Vollkomm<en>h.
des Autors.
zB. eine allgemeine Ansicht über die häufigste Form der Verderbniß.
3. Erkenntn. der Heilung.
a. paläogr. Weg
b. durch Analogien (Sprachgebrau<c>h)
c. durch Logik
d. durch Betrachtung Vieler werden die Möglichkeiten erschöpft.
Die wachsende Gewißheit, daß das Richt<i>ge getroffen ist.
daß die richtige Ursache erkannt ist: analoge Fälle in überwieg. Masse
daß das richtige Wort gefunden, es fügt sich in die spezielle Grammatik xx ein.
unsre Methodik muß für jeden Naturforscher, noch mehr für den Mathematiker ein
Greuel sein, weil sie immer mit einigen verbunden<en> Möglichkeiten operirt.
Die Subjektivität prävaliert eine Menge unbewußter Mächte
hat gegen die Texte gewüthet.
Bewußte Mächte sollen dies wieder ergänzen.
Zunächst Scheidung der Einflüsse.
Die Erkenntniß eines bestimmten Einflusses beweist nichts. (KGW I.4.:475f)112

Diese Aufzeichnungen gehen zum großen Teil auf den Einfluss Ritschis zurück.
Wichtig ist die Betonung der Unmöglichkeit, die Subjektivität des Philologen
vollends auszuschalten, die ihn ja erst v o m Naturwissenschaftler unterscheidet.
Gleichwohl entwertet sie nicht die Ergebnisse des Philologen, wenn dieser nur
verschiedene halb subjektive Zugänge miteinander vergleicht und aus der Analo-

111 Einen vorbildlich konzisen Überblick gibt Gerhard (1986). Nietzsches Denken sei eindeutig an
neuzeitlicher empirisch-experimenteller Wissenschaft orientiert. Die Herkunft dieses Denkens
aus der spezifischen philologischen Methodik sieht Gerhard jedoch nicht, obschon er die Rolle
der (abstrakt verstandenen) Kritik bemerkt. Diese Querverbindungen können aber hier nicht
weiter thematisiert werden. Sie könnten zum Inhalt einer gesonderten Studie werden.
112 Erläuterung der textkritischen Zeichen a.a.O.
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2.3. Friedlich Ritsehl und die Bonner Schule 67

gie allmählich das Wahlscheinlichste herausschält. Nicht durch Einfühlung und


Intuition möchte Nietzsche den Philologen vom Naturwissenschaftler unter-
scheiden, wie es die Geisteswissenschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts
vorschlagen wird, sondern durch ein an die Naturwissenschaften angelehntes,
aber viel älteres Analogieschlussverfahren, in dem die Subjektivität sich selber
kontrolliert. In Nietzsches späten Schriften erhält dieses Verfahren eine Bezeich-
nung, der man die philologische Herkunft kaum noch ansieht. Gemeint ist natür-
lich der berühmte Perspektivismus, der an späterer Stelle ausführlicher behandelt
werden wird.
Schließlich sei von inhaltlichen und formalen Bezügen Nietzsches zur Ritschl-
Schule abgesehen, um die Persönlichkeit Ritschis und seine Vorbildwirkung auf
Nietzsche kurz zu beleuchten. Nietzsches philologischer Weggefährte Erwin
Rohde schreibt:
Ihm war einzig im Forschen und Prüfen wohl; eben darum aber wurde seine Arbeit
nie fertig. Denn wo wäre ein Abschluss des Forschens denkbar, dessen Wesen die e-
wige Bewegung ist? Wie sollte ein solcher Geist sich in einer abgeschlossenen Darstel-
lung haben genügen können, zu welcher wiederum anders angelegte Gelehrte ein un-
abweisliches Bedürfniss treibt?

Rohde beschreibt nicht Nietzsche, sondern Ritsehl selbst (Rohde, 1901.457)113 -


doch hätte er ebensogut den Freund meinen können. Rohde nimmt Ritsehl fer-
ner so ausdrücklich von der typischen „gebundenen" species des deutschen Ge-
lehrten aus (ebd.), dass man unwillkürlich an Nietzsches ,freien Geist' als deren
Widerpart denken muss. Wie andere Schüler auch betont Rohde immer wieder
das Prozessuale in Ritschis Denken, dessen Scharfsinn das einmal Erreichte im-
mer wieder in Frage stellte, seine „wahrhaft bildende Kraft" in der Anregung
anderer (460f):
Jene gewaltigen Arbeiten, durch die er, wie in weitem Schwünge daherfahrend, ganze
Gebiete der Philologie von uraltem Wust und Schiingengewächs säuberte, seine Ar-
beiten im Plautus, auf dem Gebiete der lateinischen Sprachgeschichte, füllen seine
Bonner, zum Theil noch seine Leipziger Jahre. Hier schuf er zum erstenmale Licht
und Helligkeit; er regte in so unermesslichem Umfange zu theilnehmender Arbeit an,
dass, bei dem lebhaften Weiterbetreiben der von ihm in Fluss gebrachten Arbeit, man
fast in Gefahr kommen könnte zu vergessen, dass seine Schriften es waren, die zuerst
und immer wieder die Probleme hervorhoben, zu lösen begannen, einen so frohen
und belebenden Hauch in diesen ganzen Betrieb brachten, wie ihn andere Gebiete der
Forschung nicht leicht je verspürt haben. Eben wegen der so lebhaft wirkenden, geis-
tig zeugenden Kraft seiner Arbeiten wurden diese oft schnell überholt, wie er sich
selbst fortwährend überholte, (ebd.)

Als Nietzsche den Schritt weg von Wagner und zurück zu Ritsehl geht, entschei-
det er sich gegen den geschlossenen Mythos und das zusammenhängende Sys-
tem. Die Komposition seiner Bücher nach der Tragödienschrift ist auch formal

113 In seiner Rezension zu Ribbecks Ritschl-Biographie im Jahr 1879.


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68 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

vom Denkstil Ritschis geprägt — einmal abgesehen vom Zarathustra, mit dem
Nietzsche sich wieder in Konkurrenz zu Wagner begibt.

2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik

James Whitman (1986) hat in einem wenig bekannten Aufsatz Nietzsche in die
von ihm so bezeichnete „magisterial tradition" der klassischen Philologie einge-
ordnet, eine eigenwillige Bezeichnung für die Schule der stark methodisch enga-
gierten Altertumswissenschaft des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Die Ge-
lehrten aus der von Whitman identifizierten Tradition werden von ihm durch ein
besonderes Kennzeichen definiert: sie alle waren Verfasser philologischer Enzy-
klopädien (im Sinne von Methodenlehren). Nietzsche gehört zur letzten Genera-
tion, für welche die Enzyklopädie noch zentraler Bestandteil des Faches war114.
Da die Methode den Kern der für Nietzsche maßgeblichen philologischen Theo-
rie darstellte und sie es ist, deren Folgen für sein Denken im Zentrum dieser
Abhandlung stehen, steht der Enzyklopädie eine ausführliche Behandlung zu.
Die philologische Fachenzyklopädie war ursprünglich der Versuch, die dispa-
raten Teile der Altertumswissenschaft zu einem logisch verbundenen Ganzen zu
verschmelzen. Sie ist deshalb untrennbar mit der Konsolidierung der philologi-
schen Disziplin verbunden. Erst durch F.A. Wolfs Enzyklopädie (s.
Wolf/Buttmann, 1807 u. Wolf, 1831) wird die Beschäftigung mit den antiken
Sprachen und Kulturen überhaupt unabhängige Wissenschaft. Schon Conrad
Bursian würdigte die schöpferische Leistung von Wolfs Enzyklopädie, die durch
die Zusammensetzung loser Teile die Disziplin begründete und, das entscheiden-
de Moment, sie auf den Boden einer Methode stellte, die sie von anderen Diszi-
plinen abhob (1883, Bd.l:543) 115 . Seit Wolf wird die Methode deshalb getrennt
von den Realien behandelt und steht in jeder Enzyklopädie am Beginn. Die ei-
gentliche Methodenlehre oder Enzyklopädie der Philologie besteht dabei traditi-
onell aus drei Kernbereichen, die nacheinander beleuchtet werden sollen: Gram-
matik, Kritik und Hermeneutik. Nietzsche hat wohl außer F.A. Wolfs noch
August Boeckhs Enzyklopädie in ihren Grundzügen gekannt, die zwar noch
nicht publiziert vorlag, aber bereits im wesentlichen durch Vorlesungen seiner
Schüler verbreitetet war. Außerdem hat er natürlich die entsprechenden Vorle-

114 Die letzte Enzyklopädie in dieser Tradition ist wohl Birt (1913) - seine Darstellung ist z.T. in
dieses und das nächste Kapitel eingeflossen. In jüngster Zeit erscheinen wieder verstärkt Ein-
führungswerke in die philologischen Fächer, die den umfassenden ursprünglichen, also die Rea-
lia enthaltenden Fachenzyklopädien in Aufbau und Inhalt ähneln. Freilich stammen sie heute
ausnahmslos von Verfasserkollektiven (z.B. Nesselrath, Hrsg., 1997 oder Graf, Hrsg., 1997) und
verkörpern deshalb nicht länger den methodischen Entwurf eines Einzelnen.
115 Bereits in Vorlesungen Ritschis während seiner frühen Breslauer Station wird die Notwendigkeit
der Enzyklopädie damit begründet, dass wegen der späteren, unumgänglichen Spezialisierung
keinem anderen Fach so sehr wie der Philologie eine Gesamtübersicht not tue (nach Ribbeck,
1879ff, Bd. 1:243-246).
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 69

sungen Ritschis besucht, die sich in weiten Teilen rekonstruieren lassen116. Für
seine eigene enzyklopädische Vorlesung scheint er stark auf Bernhardys Grundli-
nien %ur Encyklopädie der Philologie (1832) zurückgegriffen haben117.
Bei Wolf werden die drei „Fundamentaltheile", nämlich die methodischen
Grundlagenfächer Grammatik, Kritik und Hermeneutik von den „Hauptheilen"
der Realien (Geographie, politische Geschichte, Altertümer - d.h. v.a. Verfassung
und Sitten —, Mythologie, Literatur- und Wissenschaftsgeschichte sowie Kunstge-
schichte) getrennt (Wolf, 1831). Verbreitet war auch die Einteilung Bernhardys,
der die sog. Elemente der Philologie, nämlich Kritik und Hermeneutik von der
Sprache (als Organon) unterschied und diese drei den Realien entgegensetzte (in
seinem Falle gehören Literaturgeschichte, Geographie, Geschichte und Mytholo-
gie dazu, während Kunst, Numismatik, Epigraphik und Philologiegeschichte nur
„Beiwerke" sind, also nicht im strikten Sinne zu den Realia gehören). Ritschis
enzyklopädische Vorlesungen waren schon seit frühester Zeit in einen allgemei-
nen Teil, einen zweiten Teil, der Hermeneutik, Kritik und Grammatik umfasste,
einen Abschnitt zur griechischen und römischen Literaturgeschichte sowie ein
letztes Kapitel über Mythologie und Antiquitäten eingeteilt (vgl. Ribbeck, 1879ff,
Bd.l:243ff) 118 . Für Ritsehl war die Methodenlehre idealer Mittelweg in wissen-

116 Aus dem Leipziger Universitätsarchiv Rep. I/XVI/VII C Nr. 28, Bd. 2, lfd. Nr. 98 geht außer-
dem der Besuch einer enzyklopädischen Vorlesung bei Georg Curtius hervor, von der sich frei-
lich keine Spuren mehr nachweisen lassen; sie wird sich von entsprechenden Kollegs Ritschis,
bei dem Curtius selbst in die Schule gegangen war, wenig unterschieden haben (Hinweis in
Frey/Weinkauf, Hrsg., 1995:36f).
117 In Aufzeichnungen zur Enzyklopädie zwischen Herbst 1867 und Frühjahr 1868 (BAW 4:3-8)
notiert sich Nietzsche Bernhardy zum Stichwort Literatur über Enzyklopädie. Dass er sich
Bernhardy in Basel mehrmals entlieh, beweist die Ubersicht seiner Bibliotheksbenutzung bei
Crescenzi (1994). Bernhardys Werk enthält übrigens ausgezeichnete bibliographische Angaben
und viele Quellen, die für die Wissenschaftsgeschichte noch auszuwerten wären. Allgemeines
zur Enzyklopädie und ihrer Geschichte bei Dierse (1977). Auf die philologische Enzyklopädie
geht dieser allerdings nur kurz ein, wobei er Wolf und Boeckh als ihre wichtigsten Vertreter her-
vorhebt (207-215). Erst aus der Philologie gelange die Enzyklopädie wieder in die Geschichts-
wissenschaft; Droysen übernimmt sie von Boeckh. Zu den von Whitman (1986) hauptsächlich
angeführten Vertretern der Enzyklopädie (wie Bernhardy oder wie Matthias Enzyklopädie und Me-
thodologie der Philologie von 1835) könnte man viele weitere Titel ergänzen. Außer der hier später
ausführlicher zu Wort kommenden Darstellung von F.A. Wolf etwa Barbys Encyklopädie und Me-
thodologie des humanistischen Studiums von 1805, Kochs Enzyklopädie aller philologischen Wissenschaften
von 1793, Fülleborns encyklopaedia philologica von 1798, den Grundriß der Philologe von Friedrich
Ast u.v.a. - vgl. dazu BKA, S. 3f.
118 Nah an Ritschis Enzyklopädie ist auch die Vorstellung vom Fach, wie sie Johan Nicolai Madvig
in seinen Lebenserinnerungen schildert (1887:98ff). Nietzsche griff im professionellen Leben oft
auf Werke Madvigs zurück, von denen sich eines, nämlich die berühmte Lateinische Sprachlehre fir
Schulen, noch in seinem Nachlass befindet. Madvig schildert das vollkommene Sprachverständ-
nis als Grundlage, aber nicht als Selbstzweck der Philologie. Dagegen sei die Enzyklopädie ihre
zentrale Disziplin. Philologie ist eine historische Wissenschaft, der sprachwissenschaftlich fun-
dierte Kern der Kulturgeschichte. Ihre Methode entstehe im Zusammenspiel von Kritik und
Hermeneutik. An Madvigs Enzyklopädievorlesungen schloss sich regelmäßig der Unterricht in
Quellenkritik, sowie Geschichte und Literaturgeschichte an. Pädagogisch streicht er wie Ritsehl,
mit dem er die Vorliebe für Metrik und lateinische Grammatik teilt, die einzelne genaue Behand-
lung verschiedener zentraler Autoren heraus: die Studenten sollten sich v.a. in der Auslegung
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70 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

schaftlicher Hinsicht und pädagogisches Wundermittel in einem, denn „trotz aller


Phrasen von höherer Auffassung der antiken Welt und ihres geistigen Lebens auf
der einen, und von geistloser Wortklauberei auf der andern Seite" sei „das wahre
Ziel ächter Humanitätsbildung überwiegend auf dem Wege grammatischer Inter-
pretation und ins eigne Leben dringende Leetüre der classischen Schriftsteller" zu
erreichen: höchster Wert der praktischen Übung im Seminar sei und bleibe des-
halb „die Uebung strenger Kritik und Exegese" (nach Ribbeck, 1879ff, Bd.2:17).
Die methodisch-enzyklopädischen Vorlesungen über dezidiert philologische Her-
meneutik und Kritik wurden in Bonn (und später Leipzig) deshalb immer umfas-
sender und ausgereifter (ebd.)
Die Grammatik wird von allen relevanten Autoren als Grundlage der Philolo-
gie behandelt. „Alle philologische Tätigkeit die mit Hilfe kritischer und exegeti-
scher Wissenschaft das Alterthum zu verstehen und zu entwickeln sucht, muss
sich auf die Grammatik als ihren wahren Grund und Boden stützen." (Bernhar-
dy, 1832:165). Angesichts der kritischen Auseinandersetzung Nietzsches mit der
Grammatik in seinem Spätwerk könnte man meinen, dass er dieses Erbe nicht
angetreten habe. „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die
Grammatik glauben..." heißt ein berühmtes Zitat aus der Göthen-Dämmerung (KSA
6:78). Der Kontext dieser und ähnlicher Stellen beweist jedoch, dass sich Nietz-
sche hier immer mit einem sehr engen Grammatikbegriff auseinandersetzt. Ge-
meint ist der logische Grammatikbegriff der Griechen, der im Cartesianismus
fortgesetzt. Auf ihm baut laut Nietzsche jede Metaphysik auf: Nietzsches Skepsis
gegenüber der Grammatik bezog sich immer auf die ungebührliche Übertragung
grammatischer Kategorien auf metaphysische Probleme, etwa der formalen Un-
terscheidung von Subjekt und Objekt in indogermanischen Sprachen auf die
Einteilung der Phänomene in logische Subjekte und Objekte.
Hinter dem Grammatikbegriff der Philologie verbirgt sich jedoch eine ganz
andere Auffassung von Sprache, die Nietzsche gerade nicht angreift und ohne
welche seine Kritik an der (cartesianischen) Grammatik gar nicht verständlich
wäre. Schon F.A. Wolf versteht unter Grammatik einen erstaunlich weiten Beg-
riff, der seinem Inhalt nach der Sprachwissenschaft bzw. sogar der modernen
Linguistik viel näher als jeder Schulgrammatik steht, und zwar in synchroner wie
diachroner Hinsicht (vgl. Wolf/Buttmann, 1807:36). Grammatik ist hier weder
logisch aufgebaut noch starres normatives System, sondern empirisch am jeweils
aktuellen Sprachgebrauch orientiert. Das ist insofern von Bedeutung, als Hermeneu-
tik bei Wolf als die auf der Grammatik aufgebaute „Kunst, die Gedanken eines
Schriftstellers aus dessen Vortrage mit nothwendiger Einsicht aufzufinden" be-
zeichnet wird, Hermeneutik also Teil der grammatischen, rhetorischen und histo-
rischen Auslegung ist (37).

(Fortolkning) mit gleichem Augenmerk auf Inhalt, grammatischer Form und lexikalischem
Sprachgebrauch üben (zu Madvig und mit besonders ausführlichem Teil zur Enzyklopädie vgl.
Jensen, 1963).
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 71

Bei Wolf (1831:47) heißt es sogar: „Was die Logik für alle philosophischen
Studien ist, das ist die Grammatik für alle historischen." Bernhardy (1832) unter-
teilt die Grammatik in 1. allgemeine Grammatik (die sich u.a. mit Ursprung, all-
gemeinen Bildungsgesetzen und Geschichte der Sprache, aber auch mit Typolo-
gie beschäftigt), 2. philosophische Grammatik, 3. die besondere oder philologische
Grammatik, nämlich die konkrete Formen-, Wort- und Strukturbildung des La-
teinischen und Griechischen unter Berücksichtigung ihres Sprachschatzes und
ihrer Dialekte. Sie umfasst orthographische und orthoepische Studien, Rhetorik,
Kompositionslehre, Stilistik, Metrik und Übersetzungswissenschaft. Die philolo-
gische Grammatik entsteht auf der Basis weitreichender Lektüre der konkreten
sprachlichen und literarischen Quellen. Sie versteht sich als Kombination histori-
scher und analytischer Arbeit, wobei „beide Richtungen bloss verschiedene Thä-
tigkeiten desselben Geschäftes" seien, „die auf E m p i r i e gestützt und durch
vernünftige K o m b i n a t i o n gefördert werden; sie müssen von einer K r i t i k
geleitet sein, welche das Recht der Zeiten, das Individuelle, das Anomale heraus-
findet und mit den Gesetzen der Analogie verknüpft; aber diese Bemühungen
des Fleisses und der Urtheilskraft sind nichtig, wenn nicht eine grammatische
E x e g e s e vorangeht, der Takt und die Kunst unter vorschwebenden Aehnlich-
keiten mit Unbefangenheit einen Text zu deuten, und das Ergebniss solcher
Interpretation als B e o b a c h t u n g aufzuweisen." (S. 216)
Ritsehl ist auf dem Gebiet der Grammatik Anhänger der sprachvergleichen-
den, historischen Sprachwissenschaft. In der Tradition eines Wilhelm von Hum-
boldt fasst er die Sprache als Organismus auf, „der nicht mit dem logischen Vers-
tände, sondern durch die gemeinsame Wirkung aller Geisteskräfte erwachsen ist"
— dadurch sei der bisher herrschendenden philosophischen Grammatik „der Hals
gebrochen" (Ribbeck, 1879ff Bd. 1:334). Ritsehl förderte und forderte bei seinen
Schülern die Bekanntschaft mit der Indogermanistik, auch wenn sie nach seinem
Verständnis eines gesonderten Studiums bedurfte 119 . Nietzsche hatte großen
Respekt vor den Leistungen der frühen Indogermanistik. In seinen sprachtheore-
tischen Reflexionen finden sich ferner viele Spuren Humboldts und seiner Nach-
folger (z.B. Gerber, 1871-74). Nietzsches Einwände gegen die philosophische
Grammatik sind bei Ritsehl bzw. der organischen Grammatikauffassung Hum-
boldts vorgeprägt; Originalität hat er dafür, im Gegensatz zu anderen seiner Ein-
sichten, nie beansprucht. So folgt Nietzsche auf grammatischem Gebiet schon als
Basler Professor den Vorlesungen, die er selbst gehört hat. In Ritschis Institutiones
grammaticae linguae latinae lautet der erste Satz in Nietzsches Mitschrift „Die Spra-
che ist weder Mechanismus noch Ergebniß der Spekulation, sondern ein Orga-
nismus." (GSA 71/43, Blatt 2). Eine „empirisch-philosophisch-historische", die

119
A u c h andere Philologen unterscheiden die Philologie von allgemeiner Sprachwissenschaft, der
es lediglich u m die möglichst genaue Erklärung der konkreten lateinischen, griechischen oder
anderen Sprachformen geht, nicht u m die Erklärung der Texte u n d ihrer Relevanz (z.B. Bern-
hardy, 1832:165).
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72 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Entwicklung berücksichtigende Auffassung der Sprache sei deshalb der richtige


Ansatz, um sich ihr zu nähern (Blatt 3). Nietzsches Vorlesungen über lateinische
Grammatik (s. KGW II.2) aus dem Wintersemester 1869-70 wiederholen z.T. bis
in die Wortwahl Ritschis Darstellungen (s. die allgemeine Einleitung im ersten
Kapitel, S. 185f) und legen besonderen Wert auf die Definition der Sprache als
Organismus, d.h. weder als bewusstes Erzeugnis eines Einzelnen noch einer
Mehrheit. Ein Organismus ist nie ganz zu erklären, nur zu beschreiben. Daraus
folgt die Ablehnung der philosophischen Grammatik von allein:
Die tiefsten philosoph. Erkenntnisse liegen schon vorbereitet in der Sprache. Kant
sagt: „ein großer Theil, viell. der größte Theil von dem Geschäfte der Vernunft be-
steht in Zergliederungen der Begriffe, die er schon in sich vorfindet." Man denke an
Subjekt und Objekt; der Begriff des Urtheils ist vom grammatischen Satze abstrahirt.
Aus Subjekt u. Prädikat wurden die Kategorien von Substanz und Accidenz. (ebd.)

Sprache müsse letztlich als ein Instinkt (!) aufgefasst werden, der in vergleichba-
rer Weise Kommunikation schon bei Bienen oder Ameisen hervorbringt:
Instinkt ist aber n i c h t Resultat bewußter Überlegung, nicht bloße Folge der körperli-
chen Organisation, nicht Resultat eines Mechanismus, der in das Gehirn gelegt ist,
nicht Wirkung eines dem Geiste von außen kommenden, seinem Wesen fremden Me-
chanismus, sondern eigenste Leistung des Individuums oder einer Masse, dem Cha-
rakter entspringend. Der Instinkt ist sogar eins mit dem innersten Kern eines Wesens.
Dies ist aber das eigentliche Problem der Philosophie, die unendliche Zweckmäßigkeit
der Organismen und die Bewußdosigkeit bei ihrem Entstehn. (186)

Der Philologie stellen sich allerdings keine derartigen Probleme, denn ihre Sache
sind Sprachursprungstheorien oder verwandte philosophische Spekulationen
nicht. Sie beschränkt sich auf die historische Beschreibung der Phänomene, an-
statt sie auf wenige Prinzipien zu reduzieren120. So ist bei August Boeckh (21886)
die grammatische Auslegung ebenfalls schon erstaunlich detailliert und, vom
linguistischen Standpunkt aus, modern. Wörter haben nur im konkreten Zusam-
menhang eine Bedeutung. Etymologie spielt zwar noch eine wichtige Rolle. Die
Bedeutung ergibt sich aber letztlich aus der Kernbedeutung des Lexems in Ver-
bindung mit der Einschränkung durch historische Entwicklung und konkreter

120 Vgl. auch Nietzsches Mitschriften zu Ritschis Vorlesungen Einleitung und Anleitung %ur lateinischen
Grammatik und Historische Grammatik der lateinischen Sprache nebst Einleitung in die römische Epigraphik
(GSA 71/54); alle drei genannten Vorlesungen Ritschis gehören zu den umfassendsten Mit-
schriften Nietzsches. Sie enthalten eine Fülle von Aufzeichnungen zur Schrift- oder Alphabetge-
schichte bis hin zu phonetischen Reflexionen, Lexikologie, Morphologie (hier Wortlehre ge-
nannt), selbst zu metrischen und literaturwissenschaftlichen Aspekten, etwa zu Gattungsfragen
oder zur Epigraphik. Blatt 63 in letztgenannter Vorlesung enthält viele Literaturhinweise, u.a. zu
Bopp, Schleicher und Humboldt (mit längerem Kommentar). Ein aufschlussreiches Beispiel aus
der nachgelassenen Bibliothek ist Wackernagel (1872). Der Franz Bopp gewidmete Vortrag be-
tont die logische Unmöglichkeit natürlicher Sprachen, nach strengen Regeln organisiert zu sein.
Sprache sei ein gestaltender, kreativer, instinktiver Prozess. Mit pedantischer Schulgrammatik sei
ihr nicht beizukommen, sondern nur durch empirische, sprachvergleichende Arbeit (bes. 54ff).
Wackernagel wurde nach Nietzsches Abgang sein Basler Nachfolger.
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 73

Anwendung im syntaktischen und pragmatischen Kontext. Grammatische Ausle-


gung setzt natürlich, wie Boeckh erkennt, schon generische und individuelle Aus-
legung voraus; die Interpretationsstufen fließen ineinander121. Kurz gesagt: Witt-
gensteins berühmte semantische Gebrauchstheorie war lange Zeit vorher, und
zwar in differenzierter Form, philologisches Allgemeingut. Die Philosophie hat
das Rad einmal mehr neu erfunden.
Nietzsches späte sprach- und grammatikkritische Überlegungen beziehen sich
nicht auf den Grammatikbegriff der Philologie, auf die linguistisch-pragmatische
Auslegung, sondern bauen auf ihrer Gebrauchstheorie auf, um sich gegen die
scholastische Grammatikauffassung der Metaphysik zu wenden. Die Nietzsche-
forschung hat zu ihrem Nachteil nicht beachtet, dass bei Nietzsche zwei Begriffe
von Grammatik bzw. Sprache vorkommen, nämlich einmal der logisch-
philosophische Grammatikbegriff, den er kritisiert, und der empirische, textba-
sierte und textvergleichende Grammatikbegriff der Philologie, mit dem Nietzsche
selbst arbeitet122 — man denke allein an die Rolle der vergleichenden, historischen

121 Boeckh folgt hier unmittelbar seinem Lehrer Schleiermacher. Dessen Kursus in Hermeneutik
und Kritik greift indes auf die enzyklopädischen Vorbilder der klassischen Philologie zurück (s.
Schleiermacher, 1977 bzw. 1967). Schleiermacher unterschied die grammatische von der psycho-
logischen Auslegung und verstand darunter wie die Philologen genaue Analyse sprachlicher Phä-
nomene jeglicher, keineswegs nur syntaktischer oder morphologischer Art (vgl. z.B. auch Koller,
1988:313).
122 Aus Sicht der Philologen des neunzehnten Jahrhunderts geht die Philologie eben auf die Poe-
tengelehrten, nicht auf Aristoteles' Poetik zurück, wie es die heutige Standardauffassung der Ge-
schichte der Literaturwissenschaft will, denn für die Poetengelehrten und Alexandriner war wie
für sie selbst Grammatik immer Dienerin der Textkritik und Interpretation und in erster Linie
empirisches Studium. Die formale Grammatik entwickelt sich demgegenüber erst sehr viel spä-
ter während des Hellenismus — als es mit der großen Zeit alexandrinischer Philologie schon
wieder vorbei ist. Bei den Alexandrinern ist Grammatik empirisches Wissen über Dichtung und
Prosa der besten Autoren (vgl. Pfeiffer, 1968:272). Der Grammatiker war bei den Griechen also
ursprünglich Experte für die sprachlich und sachlich richtige Uberlieferung: Grammatik umfass-
te damit die Kunst der Interpretation und alle Kenntnisse, die dazu erforderlich waren. Der alte
Grammatikbegriff muss deshalb eigentlich mit Philologie oder „Textwissenschaft" im Sinne ei-
ner umfassenden Sprach- und Literaturwissenschaft übersetzt werden — so wie die Philologie die
Grammatik in der Enzyklopädie v.a. deshalb privilegierte, weil sie dem eigenen methodischen
Selbstverständnis entsprach (vgl. Koller, 1988:19 und passim). Die philologische Grammatik ist
eine Art Corpuslinguistik avant la lettre, die in ihrer Tragweite bis heute nicht gewürdigt wurde,
weil die Texte nach wie vor weitgehend unbekannt sind. Ferdinand de Saussure trifft übrigens
auf der ersten Seite seines viel zitierten, aber wenig gelesenen Cours de linguistique generale genau
dieselbe Unterscheidung zwischen grammaire und philologie — für die erste verweist er auf die grie-
chische und französische Grammatik (Descartes etc.), für die zweite auf die alexandrinischen
Gelehrten und auf F.A. Wolf — und stellt ihnen als dritte historische Auffassung von der Spra-
che die vergleichende Sprachwissenschaft an die Seite. Mit Saussures Einsicht in die Arbitrarität
des Zeichens lässt man bekanntlich meist die Geschichte der modernen Linguistik beginnen. Es
lohnt sich darauf hinzuweisen, dass dies etwa für Madvig bereits viele Jahrzehnte früher unkon-
trovers ist: „Das Grundfaktum in der Existenz der Sprache ist dies, d a s s w e d e r d i e s e l b e n
L a u t e f ü r a l l e d i e s e l b e o d e r w e n i g s t e n s e i n e v e r w a n d t e V o r s t e l l u n g be-
z e i c h n e n n o c h d i e s e l b e V o r s t e l l u n g bei a l l e n d e n s e l b e n L a u t h e r v o r r u f t ,
u n d d a s s d i e s e s s i c h n i c h t b l o s s in den v e r s c h i e d e n e n S p r a c h e n ( S p r a c h -
g e s c h l e c h t e r n ) z e i g t , s o n d e r n im f o r t s c h r e i t e n d e n L e b e n d e r s e l b e n S p r a -
c h e . [...] D a s W o r t w e c h s e l t B e d e u t u n g , w ä h r e n d d e r L a u t b l e i b t , d e r L a u t
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74 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Etymologie in der Genealogie der Moral. Ihre Methode beruht nicht zuletzt auf
philologischer, sprachvergleichender Arbeit; der historische Inhalt moralischer
Vorstellungen wird über die sprachliche Analyse einzelner Konzepte erschlos-
sen123.
In der zeitgenössischen Philologie seit F.A. Wolf wird der Sprachgebrauch
unter dem Begriff des usus loquendi geführt; seine Bedeutung für Nietzsche soll
später ausführlich thematisiert werden. An dieser Stelle genüge der Hinweis, dass
Nietzsche diesen Begriff in eingedeutscher Form in seine Schriften integriert: es
ist, wie zu sehen sein wird, nicht der einzige Begriff der philologischen Theorie,
dem dies widerfährt. Schon im Aphorismus „ S p r a c h g e b r a u c h und Wirk-
l i c h k e i t " aus Oer Wanderer und sein Schatten greift er „die Priester und Metaphysi-
ker" dafür an, die Menschen hinsichtlich der berühmten nächsten Dinge „an
einen heuchlerisch übertreibenden S p r a c h g e b r a u c h gewöhnt" (WS 5, 2:541)
zu haben. Ihn zu analysieren und kritisieren wird er sich zur Aufgabe machen.
Die aus Nietzsches Sicht fatale Entwicklungslogik des christlich geprägten A-
bendlandes lässt sich ja nicht zuletzt darauf zurückführen, dass „offenbar die
Nichtbesitzenden und Begehrenden den Sprachgebrauch gemacht" haben (FW
1.14, 3:387). Noch in einer Anmerkung zum Fall Wagner, also zu einer Zeit, da
seine Skepsis gegenüber der philosophischen Grammatik und dem schon immer

ä n d e r t s i c h [bis zur völligsten Unkenntlichkeit], w ä h r e n d die B e d e u t u n g b l e i b t . Der


Laut der Wörter steht also in keinem natürlichen und nothwendigen Verhältniss zur Vorstellung
und ihrem Gegenstand. Das Wort hat nur eine Bedeutung für gewisse Menschen, die ihm diese
Bedeutung u n t e r l e g e n und g e b e n ; nur ist freilich dieses Verhältniss kein Verhältniss zwi-
schen einzelnen Menschen und einzelnen Wörtern, sondern ein mannigfach artikulirtes Verhält-
niss eines ganzen Volkes [...] und einer ganzen Sprache, ein Verhältniss, das sich durch den Ver-
lauf der Zeiten und die Folge der Geschlechter durchzieht" (im Aufsatz „Ueber Wesen und
Leben der Sprache"; 1875:59). Es ist genau diese, in philologischen Kreisen verbreitete Sprach-
auffassung, die zur Notwendigkeit pragmatisch-empirischer Spracharbeit an der konkreten Ein-
zelsprache und ihrem Sprachwandel fuhrt. In Standardwerken zur Geschichte der Sprachwis-
senschaft wie Arens ( 2 1969) kommt die philologische Grammatik praktisch nicht vor.
Schlimmer noch: bis heute, bis zu den neuesten, sonst über alle Zweifel erhabenen HSK-
Bänden hat sich daran nichts geändert (HSK 18.2, Auroux u.a., 2001). Ein wichtiger Grund ist
wohl darin zu suchen, dass die (Germanistische) Sprachwissenschaft sich auf die germanisti-
schen Autoren konzentrierte und den Klassischen Philologen aus Angst vor eigenem Kompe-
tenzmangel aus dem Wege ging und geht.
123 Vgl. bes. Nietzsches Preisaufgabe zur ersten Abhandlung der GM (KSA 5:288f). Dafür lässt er
sogar in letzter Minute noch das Druckmanuskript ändern (Brief an Naumann vom 18. August
1887; 111.5:130). In Nietzsches philologischen Kollegs bzw. den Aufzeichnungen dazu gibt es
viele Beispiele zur Etymologie, die an die Genealogie der Moral erinnern. Es wäre eine kleine Ne-
benarbeit für sich, die verschiedenen Typen von Etymologien, die Nietzsche in der philologi-
schen Theorie unterscheidet, durch sein Werk zu verfolgen. Als Wissenschaftler unterscheidet
Nietzsche drei Typen von Etymologien: die Volksetymologie, die auf dem Verlust der ursprüng-
lichen Bedeutung beruht und an ihren Irrtümern erkennbar ist; die gelehrte Etymologie, die ge-
waltiges Wissen ohne inneren Zusammenhang sammelt; schließlich die wissenschaftliche, die
auf den Lautgesetzen sowie den Erkenntnissen zum Sprachzusammenhang beruht (s. KGW
11.2:194 273). Auch an anderen Stellen beruft sich Nietzsche auf,grammatisches' Expertenwis-
sen, s. z.B. die Fußnote zu WA 9, 6:32).
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 75

sprachlich konfigurierten Denken unzweifelhaft ist, argumentiert Nietzsche als


philologischer Analytiker des Sprachgebrauchs (WA 9, 6:32)124.
Methodisch gesehen ist die philologische Grammatik zugleich Voraussetzung
und Rahmen der eigentlichen enzyklopädischen Kernbereiche: Kritik und Her-
meneutik. In allen philologischen Methodenlehren werden sie ausnahmslos ge-
meinsam behandelt. Dies zu verstehen fällt nach dem Siegeszug der Hermeneutik
als philosophischer Theorie schwer. Ohne Verständnis der ursprünglichen philo-
logischen Auffassung muss Nietzsches Auslegungstheorie aber widersprüchlich
erscheinen.
Hermeneutik und Kritik sind in sich nochmals in niedere und höhere Formen
gegliedert, auch die Bezeichnungen innere und äußere sowie subjektive und ob-
jektive Hermeneutik bzw. Kritik waren üblich (diese Unterteilungen gehören zum
Erbgut der Bibelkritik). Niedere Kritik und Hermeneutik bezeichnen die Phase
der Textkonstitution, der Prüfung sprachlicher und sachlicher Information. Äu-
ßere Kritik bezieht sich auf die Prüfung des konkret überlieferten Materials, wäh-
rend innere aus dem Werkkontext heraus argumentiert. Entsprechendes gilt für
die innere Hermeneutik bzw. für die Dichotomie von subjektiver und objektiver
Kritik und Hermeneutik125. Jetzt erst kommt die höhere Hermeneutik hinzu, die
zwar den Gesamtplan des Werks berücksichtigt, aber noch immer keine Inter-
pretation' bzw. Auslegung im modernen Verständnis darstellt. Sie beschäftigt sich
mit Gattungsfragen, dem Verhältnis von Persönlichkeit und Gattung, der Analy-
se des Inhalts. Die höhere Hermeneutik beinhaltet die philologische Arbeit nach
Abschluss der eigentlichen Edition, wobei jene wieder auf diese zurückführen
kann. Aus den Problemen der höheren Hermeneutik ergeben sich schließlich die
Fragestellungen der höheren Kritik, die Beschäftigung mit Quellen und Vorbil-
dern der Werke, die Frage nach Echtheit von Titel, Autor, Text (Pseudo-
epigraphie) unter Beachtung von Indizien wie Chronologie, Sprache, Zeitum-
ständen, Lehrmeinungen, Gehalt, Komposition oder literarischer Qualität. Der
Philologe wird ständig auf die niederen Ebenen von Kritik und Hermeneutik
zurückverwiesen. Durch die zyklische Arbeit am Text entsteht ein kritisch-
hermeneutischer Zirkel sui generis:
Aufgabe der Hermeneutik das V e r s t e h e n , der Kritik das U r t h e i l e n . Da man nicht
urtheilen kann, ohne verstanden zu haben, so wird von der Kritik die hermeneutische
Aufgabe als gelöst vorausgesetzt. Sehr oft kann man aber das zu Verstehende auch

124 Die ausgezeichnete Dissertation von Martin Stingelin (Stingelin, 1996) habe ich leider zu spät
wahrgenommen. Sie sollte zum Begriff des Sprachgebrauchs bei Nietzsche unbedingt herange-
zogen werden. Dennoch ist Stingelins Herleitung von Lichtenberg nicht völlig überzeugend: die
philologischen Wurzeln dieser Optik Nietzsches — sie werden von Stingelin nur angedeutet —
scheinen mir am Ende doch relevanter zu sein.
125 Bei Bernhardy (1832:123ff) stützt sich die niedere Kritik auf die konkreten Urkunden, die höhe-
re auf innere Beweisgründe — dies entspreche der Trennung in objektive und subjektive Kritik.
Von der Paläographie aufwärts gibt es also eine ansteigende Linie über die diplomatische Kritik
bis hin zur höchsten Subjektivität, die nur durch glänzende Beispiele und aus der Fülle der Er-
fahrung erworben werden könne.
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76 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

nicht verstehen, ohne schon ein Urtheil über dessen Beschaffenheit gefasst zu haben:
daher setzt das Verstehen auch die Lösung der kritischen Aufgabe voraus. So entsteht
ein Zirkel der in der Praxis immer wiederkehrt. (Ritsehl nach Ribbeck, 1879ff,
Bd. 1:334)

Friedrich Ritsehl warnt in seinen enzyklopädischen Vorlesungen vor der Illusion,


man könne allein mit streng logischen Schlüssen operieren. Doch auch das ande-
re Extrem völliger Prinzipienlosigkeit wird missbilligt. Es sei vielmehr auf dem
Mittelwege zu verfahren und historisch nach Quellen und objektiven Grundlagen
zu forschen, bevor die eher subjektive Arbeit einsetzt: „die Geschichte des Tex-
tes zu erforschen, die glaubwürdigen von den unglaubwürdigen Handschriften zu
unterscheiden, die Familien zu finden!" (ebd.)
Die Hermeneutik bezeichnete Ritsehl schon in der Breslauer Zeit als „Kunst
des Auslegens zum Behuf des Verstehens, die Kritik als die des Urtheilens zum
Behuf der Berichtigung" — es sind allgemeine Techniken, die auch für die bilden-
den Künste oder die Archäologie gelten (ebd., S. 243-246). Später wird er diese
Auffassung erweitern und Kritik und Hermeneutik als Disziplinen verstehen,
„welche lehren, wie der reale Inhalt der Wissenschaft zu gewinnen sei", wobei es
in erster Linie um eine Anleitung „zur Bewahrheitung und zum Verständniss der
Ueberlieferung (nicht: des Ueberlieferten) nach Gestalt und Gehalt" gehe, was
zunächst (!) auf die schriftlichen Quellen beschränkt bleibe (ebd., Bd.2:18).
„Kunst" ist hier in der Bedeutung von techne zu denken: Hermeneutik und Kri-
tik sind handwerklich ausgebildete, d.h. durch lange Einübung erworbene Fertig-
keiten und Spezialkenntnisse auf einem bestimmten Gebiet. So wie man die
Echtheit von Dokumenten nur durch genaue Kenntnisse des Materials eines
bestimmten Zeitraums entscheiden kann, kann man ihren Sinn ebenfalls nur
durch Fachkenntnisse und nicht kraft einer beliebigen ,Theorie' erschließen. Ziel
und Ergebnis dieser methodischen Herangehensweise an Texte bzw. Überlieferun-
gen ist in diesem Sinne somit kein allgemeines, sondern ein spezifisch philologi-
sches Verständnis, das die Kritik mit einschließt. In der Bonner Schule wird ge-
rade auf diesen Umstand größter Wert gelegt, nicht nur bei Ritsehl:
Das philologische Verständniß aber begnügt sich nicht im Allgemeinen Wort und
Sinn zu begreifen und den Inhalt einer Schrift kennen zu lernen, es will vielmehr
durch strenge Rechenschaft über jede sprachliche oder sachliche Einzelheit dahin ge-
langen, die Individualität des Schriftstellers im Ausdruck, im Stil, in der Auffassung
und künsderischen Behandlung seines Stoffes, im Verhältniß zu seinem Volk und zu
seiner Zeit, wie im Zusammenhange der ganzen Literatur, zu klarer Anschauung sich
vergegenwärtigen. (Jahn, 1868:33)

Die konkrete Verfahrensweise beim Zusammenspiel von Kritik und Hermene-


neutik ist komparatistisch. Der qualifizierte Vergleich der äußeren und inneren
Gestalt der Quellen macht die spezifisch philologische Methodik aus. Die Be-
sonderheit der historischen Kritik liegt im Aufbau eines Apparates „von bewei-
senden, ergänzenden, erläuternden Stellen, welche zusammengefasst einen tüch-

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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 77

tigen Boden der Auslegung schaffen" (Bernhardy, 1831:98f). Unabdingbar ist


dazu Quellenarbeit, denn es gilt, den Autor aus seiner Zeit heraus historisch,
literarisch-ästhetisch und antiquarisch zu verstehen. Was er Vorgängern und
Autoritäten verdankt, muss freilich durch psychologische Prüfung ergänzt wer-
den, weil die rein formale oder mechanische Zusammenstellung nichts wert ist.
Die Aussagekraft der Quellen muss durch mühsame Abwägung und Kombinati-
on geprüft werden. Die Divination spielt eine entscheidende Rolle, freilich in
Form einer methodisch inspirierten und kontrollierten Vermutung126.
In seiner eigener Methodenlehre, der bisher wenig kommentierten Engklopae-
die der klassischen Philologie und Umleitung in das Studium derselben aus dem Sommer-
semester 1871 (KGW II.3:339-437)127 scheidet Nietzsche gemäß der Tradition

126 Zur Divination siehe v.a. Schaefer (1977): Ursprünglich (z.B. bei Cicero) reine Spekulation,
konnte sie bald auch Wahrsagekunst bzw. Mantik bedeuten. Etymologisch stammt divinare na-
türlich von divinus — die Gottheit betreffend, also eine Tätigkeit aufgrund göttlicher Eingebung
(S. 196). Schaefer zeichnet die Belege in der klassischen Literatur nach und erschließt erst ab
dem zweiten Jahrhundert den „säkularisierten Sinn" im Sinne von ,ahnen' und ,vermuten' (201).
Freilich ließen sich schon bei Cicero neutrale und positive Belege des Wortes finden, nämlich
für eine Vermutung, die auf Menschenkenntnis, politischer Erfahrung, Kenntnis philosophi-
scher Schriften und eigener philosophischer Tätigkeit beruht (205), kurz einem komplexen In-
einander von Theorie und Empirie, nicht ganz verlässlich zwar, aber angesichts der divinieren-
den Person doch vertrauenswürdig, besonders wenn sich die Divinationen häufig als zutreffend
herausstellen. Der antiken (Text-)Kritik sind divinatio und coniectura nicht bekannt, beide wer-
den erst in Renaissance und Humanismus aufgegriffen, wobei die divinatio höher als die coniec-
tura bewertet wird, nun also fast ausschließlich positiv. Darin zeige sich das neue Selbstbewusst-
sein der Renaissancephilologen, die den Wert ihrer Gegenstände auf die eigene Arbeit
übertragen und denen dichterische Inspiration selbst nicht fremd ist. Bei Bentley musste der
Textkritiker neben historischen Kenntnissen und hohem Sachwissen v.a. scharfes Urteilsvermö-
gen und geradezu hellseherische Begabung besitzen, die ein Geschenk der Natur sei, genauso
wie die dichterische Inspiration. In dieser traditionellen Terminologie wurzele der selbstver-
ständliche Gebrauch des neunzehnten Jahrhunderts: die konkrete Textverbesserung wurde im-
mer noch dem guten Einfall des Philologen zugeschrieben, die eigentlich strenge Methodik be-
zog sich auf die Behandlung und den Vergleich der vorliegenden Quellen.
127 Sie ist bisher nur von Wegmann (1994), Porter (2000a) und Campioni (2001) eingehender
behandelt worden. Bei Wegmann findet sich allerdings wenig Erhellendes, ja eher Irreführendes.
Dass Nietzsche die Philologie kritisiere, die lediglich „(niedere) Kritik und Grammatik" (419)
sei, ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Nietzsches Lehrer taucht bezeichnenderweise nur ein ein-
ziges Mal und noch dazu in der Schreibweise Ritschel (422) auf. Wichtig und richtig ist Weg-
manns Betonung des kritischen Potentials, das die Philologie durch langsame, „retardierende"
Lektüre entfalte, die nicht primär auf (schnelles) Sinnerfassen angelegt ist — dazu später mehr.
Fundierter ist James I. Porters Analyse (2000a:167-224), die vielleicht an Prägnanz gewonnen
hätte, wenn er sich bei seinen wichtigen Beobachtungen zu Bernhardy darüber im Klaren gewe-
sen wäre, dass dessen Enzyklopädie eine Hauptquelle für Nietzsche gewesen ist. Porters Lektüre
der Encflopaedie verfolgt jedoch ganz andere Absichten, das Hauptgewicht liegt auf Nietzsches
inhaltlicher Auseinandersetzung mit dem Klassizismus — trotz aller (wenig überraschender) Pa-
rallelen zu Humboldt, die er nachzuweisen vermag. Bei Nietzsche werde die Enzyklopädie zur
Anti-Enzyklopädie, ihm gehe es darum, die Studenten von den gängigen Vorstellungen vom Al-
tertum und seinem Studium abzuwenden, auch lege er Wert auf die inkohärente, z.T. durch Zu-
fälle gesteuerte Geschichte der Philologie und einige normalerweise unreflektierte Schwierigkei-
ten des Faches, welche die Funktion hätten, die Studenten zu erschrecken. Porter fällt zwar auf,
dass Nietzsche die Studenten zum methodisch harten philologischen Studium auffordert und
sich der Realia weitgehend enthält, liefert aber keine überzeugende Begründung dafür (— so
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78 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

niedere und höhere Kritik von der niederen und höheren Hermeneutik. Seine
Ausfuhrungen passen insgesamt kaum zu den Vorstellungen, die bis heute das
landläufige Bild vom radikalen Verächter der zeitgenössischen Wissenschaft
prägen. Sprachliche Studien, heißt es hier zwar, vor allem solche vergleichender
Art, seien nur Mittel und Vorbereitung der eigentlichen Philologie; hingegen sei
die „kritisch-hermeneutische Methode" — oder einfach nur die „Methode" — un-
umgänglich (390f). Höhere Kritik mit ihren Fragen nach Echtheit und ästheti-
scher Beurteilung betrifft immer die Uberlieferung, Hermeneutik das Überliefer-
te. Die Kritik der Überlieferung sei bei verschiedenen Lesarten notwendig, die
Textkritik nützlich für die Vorbereitung der eigentlichen Arbeit, der höheren
Kritik, welche vor allem auf literaturhistorischen Kenntnissen und umfassenden
Quellenstudien beruht (382). Voraussetzung zur Erkenntnis von Textverderbnis-
sen sind strenge Logik, Sprachkenntnis128 und ein feinentwickelter Sinn für Ver-
derbnisse, schließlich Sachverstand. Die Kritik ist deshalb am Ende eben auch
Mittel zum (philologischen) Verständnis, das durch (niedere) Hermeneutik nur
vorbereitet wird; sie macht den wissenschaftlichen Kern, das eigentlich Philologi-
sche der Philologie aus. So steht auch bei der höheren Kritik nicht so sehr der
hermeneutische Ansatz, sondern wiederum der Vergleich im methodischen Mit-
telpunkt. Der junge Philologe müsse sich — eine unerlässliche „ethische Forde-
rung" — an „streng logische Operationen" gewöhnen. „Die Wissenschaft hat
nichts mit dem Genuß zu thun, außer in der Lust an der strengen Wahrheit."
Unwissenschaftlich ist folglich das oberflächliche Lesen der Ungeübten, das sich
unkritisch auf den nur zufällig vorhandene Textbestand stützt (373-376). Als
Vorbilder, an denen man sich zu üben habe, nennt Nietzsche Bentley, Wolf,
Hermann „u. vor allem Ritsehl" (389).
Man könnte vermuten, Nietzsche habe die im Umfeld der Tragödienschrift
erarbeitete Vorlesung nur halbherzig durchgeführt, um damit dem Erfordernis-
sen des Broterwerbs genüge zu tun. Die Vorlesung war jedoch als Gegenstück
zur Geburt der Tragödie gedacht; sie sollte auf radikale Weise die Zukunftsphilolo-
gen methodisch rüsten. Die methodische Anlehnung an die Bonner Schule ist
deshalb umso erstaunlicher. Der Aufbau der Entyklopaedie ist konventionell, sie
beginnt wie üblich mit Wissenschaftsgeschichte, behandelt dann Hermeneutik
und Kritik - mit großem Übergewicht auf letzterer - und endet mit ausgewählten
Punkten der Metrik, Paläographie, der Literaturgeschichte, Mythologie, Verfas-
sung und Geschichte. Nietzsches Vorlesung weicht von denen seiner Lehrer und
Vorbilder lediglich durch die Radikalität ab, mit der er den Studenten den tiefen
Graben zwischen der Philologie als Wissenschaft und als Schulfach, zwischen

bringt er zwar in Anmerkung 121 zu Kapitel 4, S. 373 das Zitat, wonach Nietzsche sich vor al-
lem für die Methode der Philologie erwärmt habe, greift dies aber auch nicht weiter auf).
128 Nietzsche betont an späterer Stelle die Wichtigkeit des Stilstudiums. Stilgefühl, Stilgeschichte,
Sprachgeschichte, Stilvergleichung, auch Kenntnisse in Rhythmik und Metrik seien unabdingba-
re Voraussetzungen philologischer Arbeit (KGW 11.3:394).
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 79

Gelehrsamkeit und Pädagogik vermittelt - ein Graben, der sich ihm ja durch die
eigene Unterrichtspraxis aufgetan hatte.
Zum Vergleich lohnt ein Blick auf die Methodologie August Boeckhs, dem
die klassische Philologie die ausführlichste Darstellung ihrer Theorie dankt129.
Aus Boeckhs Werk, der nicht nur bei Wolf, sondern auch bei Schleiermacher in
die Schule gegangen war, spricht deutliches Unbehagen gegen die kritische Philo-
logie, wie sie später v.a. in der Ritschl-Schule kulminiert. Er plädiert für methodi-
sche Arbeitsteilung zwischen der wissenschaftlich geprägten, zergliedernden und
vom Verstand geleiteten Kritik und dem „anschauenden setzenden Geist", der
die Philologie in ihrem Bemühen um „historische Construction" (!) des Alter-
tums der Kunst anverwandelt (21886:26). Historische Wahrheit lasse sich erst
durch die sich gegenseitig bedingenden Bestandteile der Hermeneutik und Kritik
ermitteln (178). Die Kritik hat in erster Linie die Aufgabe, Lesarten einzuschrän-
ken (170ff). Dadurch „tödtet [sie] alle leere Phantasterei, alle Hirngespinste" und
übt durch Selbstkritik des Philologen eine Wirkung auf die eigene Produktion aus
(172). Die Kritik ist zwar nicht vor Fehlern und Fälschungen gefeit, das entwerte
sie aber nicht als Methode (so wie naturwissenschaftliche Methoden ja auch nicht
durch die Möglichkeit von Fälschungen entkräftet werden). Zur wahren Kritik
gehöre eine noch höhere Begabung als zur Hermeneutik, außer Scharfsinn müs-
sen ihre Praktiker einen stark ausgeprägten „argwöhnischen Sinn" besitzen und
nicht alles für wahr und echt halten (173). Bis in den Wortlaut hinein finden sich
hier Parallelen in Nietzsches Auffassung vom künsderischen Schaffensprozess.
Der Künsder bzw. seine Phantasie schaffe und erzeuge beständig Improvisatio-
nen und Nachahmungen. Die eigentlich künstlerische Begabung großer Künsder
sei jedoch ihr Geschmack, also ihr kritischer Sinn, der die Phantasie im Zaum
hält. Er „trifft die Auswahl unter diesen Geburten und tödtet die anderen ab, mit
der Härte einer lykurgischen Amme." (IV 23[84]).

129 Es ist wahr, dass Boeckhs Darstellung um die Mitte des Jahrhunderts wenig wirken konnte, da
er sie selbst nur durch seine Vorlesungen verbreitet hatte und sie von Ernst Bratuschek schließ-
lich erst 1877 herausgegeben wurden — vgl. z.B. Landfester (1979:156). Wahr ist aber auch, dass
unter der dominierenden Philologengeneration zu Nietzsches Zeit nicht wenige Boeckh-Schüler
waren und ausnahmslos alle ihn als einen der Meister des Faches anerkannten. An seinen Auf-
fassungen wurden die eigenen Uberzeugungen entwickelt. Dass Boeckh seither völlig zu Un-
recht vernachlässigt worden ist, steht auf einem anderen Blatt; dazu u.a. Strohschneider-Kohrs
(1973). In eigenen Aufzeichnungen aus der Studentenzeit (BAW 4:3-8), machte sich Nietzsche
ausfuhrliche Notizen zu Boeckh. Er ging in der Definition der Philologie von Wolf aus und füg-
te hinzu: „Der Begriff Bökhs ist zu weit. Unterschied zwischen Philologie und Geschichte ver-
schwindet: und zu eng (vergl. z.B. die homerische Frage. Die Sprachvergleich.)". Eine Alter-
tumswissenschaft, die ganz mit Geschichte verwechselt werden kann, möchte die Ritschl-Schule
vermeiden. Die strenge Wissenschaft sollte sich zumindest auch — wie Boeckh es (noch) nicht
tat — der Ergebnisse der Indogermanistik bedienen. Schließlich zeigt der Hinweis auf die home-
rische Frage wohl einen Mangel an ästhetischer Betrachtung auf, die für Nietzsche in der Folge
Goethes Schlüssel zur Behandlung dieses alten Problems war. Boeckh bleibt freilich ein gern
benutzter Autor, in seiner Enyklopaedie zitiert Nietzsche ihn im Realia-Teil und weist u.a. auf
Boeckhs frühes Hauptwerk von 1817, Die Staatshaushaltung der Athener, hin (KGW 11.3:435).
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80 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Die Parallelen sind nicht zufällig, sondern darin begründet, dass Boeckh sei-
nerseits nur eine Spielart der Wolfschen Philologie darstellt, die Nietzsche über
die Bonner Schule aufgenommen hat. Nachdrücklich hat Riedel (1996b) die
Wichtigkeit der Wolfschen Tradition für Nietzsche herausgestrichen, allerdings
vernachlässigt er den Filter Ritsehl, der manche Positionen Wolfs modifiziert und
für Nietzsche ebenso wichtig wird. Riedel geht an dieser Stelle auch noch davon
aus, dass die Philologie v.a. eine Beschäftigung des jungen Nietzsche sei. Er be-
tont bei seiner Darstellung des Verhältnisses von Philosophie und Philologie bei
Nietzsche dessen „frühe Hermeneutik", die als ,,methodische[s] Fazit" der Aus-
einandersetzung mit Wolf gelten könne (132). Riedel will Nietzsche auf diese
Weise mit Macht in die Ahnengalerie der philosophischen Hermeneutik zwingen.
Die Auffassung von Vorverständnis u. dergl., die er bei Nietzsche auszumachen
glaubt, findet sich freilich deutlicher bei anderen Philologen, eben etwa Boeckh.
Es ist zwar richtig, dass bestimmte kritische Verfahren der Hermann-Schule wie
z.B. die Wortstatistik von Nietzsche abgelehnt werden und Kritik bei ihm immer
durch Hermeneutik vorbereitet wird (133). Gleichzeitig muss jedoch Hermeneu-
tik wiederum durch Kritik vorbereitet werden. Typisch für die Bonner Schule
Ritschis, die Riedel ganz ignoriert, ist genau der Umstand, dass sie das Schwerge-
wicht auf Kritik legt, ohne die Notwendigkeit der Hermeneutik zu leugnen. Das
Verstehen im Sinne der klassischen philosophischen Hermeneutik ist in Nietz-
sches philologischer Schulung sekundär.
Riedels Ansatz verdient Aufmerksamkeit, weil er, im Gegensatz zu den meis-
ten philosophischen Kommentatoren, das hermeneutische Potential Nietzsches
nicht einfach ignoriert. Es ist freilich verfehlt (und zugleich anachronistisch),
Nietzsche gewissermaßen zu einem der geistigen Väter hermeneutischer Theorie
im zwanzigsten Jahrhundert zu stilisieren. So kann Denis Thouards Lektüre der
Encyclopaedie Nietzsches nur mit Vorsicht genossen werden. Mit unvollständigen
Zitaten will Thouard beweisen, dass Nietzsche die Hermeneutik auf Kosten der
Kritik privilegiere — und damit die Philosophie auf Kosten der Philologie. Er
zitiert (2000, 162f; in nicht ganz einwandfreier französischer Übersetzung) fol-
gende Stelle: „In diesem Sinne ist Hermeneutik Vorbereitung der Kritik. Kritik
selbst kann nicht Ziel sein, sondern nur Mittel für das Volle Verständniß. Inso-
fern ist Kritik nur eine Phase der Hermeneutik." (KGW 11.3:375) Thouard ver-
schweigt, dass Nietzsche unmittelbar darauf fortfährt: „Hier entscheiden meist
die Individualitäten u. ihre Tendenzen, wohin sie den Schwerpunkt legen. Jeden-
falls ist Beides verwachsen." Der Fehler liegt hierbei in der Verwechslung von
,vollem Verständiß' mit,Hermeneutik'. Hermeneutik ist nach der Auffassung der
Zeit ein bloßes fachspezifisches Hilfsmittel, eine techne. Das volle philologische
Verständnis schließt Kritik als techne sowie grammatisches, d.h. sprachlich-
pragmatisches Verständnis mit ein.
Nietzsche lobt gleich im Anschluss an die zitierte Stelle Bcntlcys Schule der
Kritik. Man dürfe jedoch Kritik nicht übertreiben, wie es dort geschehen sei,

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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 81

denn wenn man alles an2weifele, käme man niemals von der Stelle. Dank der
großen Leistung der kritischen Tradition seien aber heute schon fast alle Haupt-
texte kritisch bearbeitet: „Diese sittliche Strenge ist das Charakteristikum unserer
Periode. Es wird bald möglich sein, die Dinge zu componieren, die Periode der
S y n t h e s i s nach der der [sic] A n a l y s i s . " Thouard weist mit Recht auf diese
Stelle hin. Die Tragödienschrift ist ohne Zweifel der Versuch einer derartigen
Synthese (Thouard, 2000:162). Schon fragwürdiger nimmt sich die Behauptung
aus, bei dem Zitat handele es sich um die Vergeltung (revanche) der Philosophie
und damit der Hermeneutik. Nietzsche fährt nämlich, und diesen Teil hat Thou-
ard ebenfalls ignoriert, wiederum fort: „Jedenfalls hat Jeder noch die Pflicht, sich
hier gar nichts durchgehen zu lassen. Er muß sich erst dem Zeitalter der Analysis
würdig erweisen, ehe er an das Zeitalter der Synthesis denken darf." - Durch
seine Arbeiten im „Rheinischen Museum" fühlte sich Nietzsche wie kein zweiter
berechtigt, eine große Synthese zu wagen. Die kritisch-philologischen Referenzen
von Ritschis Lieblingsschüler konnten schlechterdings nicht angezweifelt werden.
Er täuschte sich darin, aber zumindest war die Selbsttäuschung begreiflich.
Das Ziel der philologischen Auslegung von Wolf bis Ritsehl und Nietzsche ist
mit anderen Worten nicht ,hermeneutisches' Verständnis im modernen Sinne,
sondern die philologische Erklärung der Denkmäler, d.h. der zumeist schriftlich
überlieferten Quellen. Es sei daran erinnert, dass Nietzsches Philologie und
Kunst des Lesens die „Herstellung und Reinhaltung der Texte, nebst Erklärung
derselben" zum Inhalt hatte (ΜΑ 1.270, 2:223; Kursivierung von mir). Die Trag-
weite dieses bescheidenen Wortes kann nicht überschätzt werden. Denn Texte
oder andere Quellen kann nur erklären, wer die drei Fundamentalteile simultan
berücksichtigt. Die philologische Erklärung, der redliche Umgang mit Texten
umfasst grammatische Analyse, Kritik und Hermeneutik. Dieses Zusammenspiel
— und nur dieses Zusammenspiel — unterscheidet die philologische Exegese von
anderen Auslegungsweisen.
Die Sache wird nicht einfacher durch einige begriffliche Unschärfen. Bei
Bernhardy und Ritsehl sind Kritik und Hermeneutik Teil desselben Verstehens-
prozesses. Ritsehl verwendet in seiner positiven Begriffsbestimmung der Philolo-
gie sogar einen vielsagenden Singularis: „Hermeneutik und Kritik ist die wichtigs-
te Thätigkeit der Philologie, das beseelende Element, aber deshalb nicht der
Zweck." (nach Ribbeck, 1879ff, Bd.l:330; Kursivierung von mir)130. Wenn man

130 Schon bei F.A. Wolf und Friedrich Ast ist Hermeneutik immer selbstverständlich nur in Ver-
bindung mit Kritik und Grammatik denkbar: „Die Kritik ist eine Wissenschaft für sich, die man
viel umständlicher behandeln muss, als die vorige [d.h. die Hermeneutik, C.B.]. Sie schliesst ei-
nen guten Theil der Erklärungskunst in sich. Hier sondern wir sie von ihr ab, was praktisch
nicht wohl möglich ist." (Wolf, 1831:305) Vgl. auch Flashar (1979:23). Bernhardy leitet diese
Verbindung von den Alexandrinern her: „Die Gelehrten des Alterthums haben die Kritik als ei-
nen Theil des exegetischen Geschäfts behandelt [...]." (Bernhardy, 1832:111 u. 165). Schließlich
sei noch Niebuhr zum Beleg herangezogen: „Die Exegese ist eben die Frucht eines vollendeten
Studiums; bei ihr wird aus der Fülle der umfassenden Kenntnisse, beides der Sprache und der
Sachen, gegeben: sie ist nichts anderes als Ausdruck des Verständnisses, wie wo nicht die Zeit-
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82 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

,Verstehen' mit ,Hermeneutik' übersetzt, wie heute üblich, dann muss eine min-
destens dreigliedrige Hermeneutik angenommen werden: niedere und höhere
Hermeneutik als techne sowie Hermeneutik als volles Verständnis, das Kritik und
Grammatik mit einschließt. In Nietzsches Entyclopaedie entspricht der Begriff der
Interpretation den ersten beiden Erscheinungsformen der Hermeneutik; Ausle-
gung und Exegese können synonym verwandt werden. Das Verstehen dagegen
bezeichnet einzig und allein den Prozess der Überbrückung der zeitlichen und
mentalen Differenz zum Altertum, die Wiederherstellung des ursprünglichen
Sinns auf kritischer, sachlicher und linguistischer Grundlage:
Die Aufgabe erscheint zunächst leicht, einen Autor oder eine überlieferte Thatsache
zu v e r s t e h e n , ist aber etwas sehr Schwieriges, bei dieser ungeheuren Entfernung u.
Differenz der Nationalität. Wir sind nicht aus demselben Element erwachsen, das hier
erklärt werden soll. Wir müssen also mittelst Analogien uns zu nähern suchen. Inso-
fern ist unser Verstehen des Alterthums ein fortwährendes, viell. unbewußtes P a r a l -
l e l i s i e r e n . (KGW 11.3:373)

Das Auffinden von Analogien und Parallelstellen bezeichnet aber die grundle-
genden Operationen der Kritik. Hinzu kommt die gewöhnliche Langsamkeit des
philologischen Verstehens, da bis hin zu „Wort, Klang, Stilistik, Charakter" alles
am Autor fremd sei. Nietzsche entgeht natürlich nicht, dass die Kategorien des
Vergleichs und die Kriterien des Rubrizierens nicht vom Himmel fallen, sondern
gleichfalls erst durch irgendeine Form des Verstehens Zustandekommen müssen.
Er durchlebt eine intellektuelle Klärungsphase, in der er grundsätzlich über das
Verhältnis von Kritik und Hermeneutik nachdenkt. Infragestellen wird er es
nicht, auch wenn das Nachdenken im Anschluss an seine Schopenhauerlektüre
schnell grundsätzliche Züge annimmt und zum Nachdenken über das Verhältnis
von Philologie und Philosophie wird:
Wir werden doch nicht alles Rubrizieren, alle Allgemeinbegriffe als „philosophisch"
bezeichnen. Ebensowenig alles Unbewußte und Intuitive: auch selbst bei der philolo-
gischen Conjektur giebt es ein Erzeugen, das nicht ganz in bewußtes Denken aufzulö-
sen ist. (III 19 [74]).

Bereits Boeckh hatte in Fortsetzung Schleiermachers gelehrt, dass Verstehen


unabhängig von hermeneutischer Theorie immer schon stattfinde, so wie Den-
ken ja auch ohne die Kenntnis formaler Logik funktioniere. Verstehen sei
„Kunst" und beruhe deshalb auf „einer halb bewusstlosen Fertigkeit", zu der wie
zu jeder anderen Kunst Talent und Übung gehören (21886:7 5). Verstehen ist
deshalb immer auch produktiv: eine Auslegungstheorie, die sich vor allem über
die analytisch-zergliedernde Ratio der Kritik begründet, belügt sich darüber. Das
Verstehen gehört deshalb nicht so sehr ins Reich der Philosophie, sondern in das

genossen, doch wenigstens die etwas späteren Nationen, für die schon die flüchtigen Beziehun-
gen des Augenblicks verloren waren, verstanden, und dazu gehört ein reif durchgearbeiteter
Verstand, wie eine unendliche Menge von einzelnen Notizen." — und natürlich, das betont Nie-
buhr ohne Unterlass, der kritische und gewissenhafte Umgang mit Quellenmaterial (1839:136).
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 83

der Kunst, es ist produktiv und konstruktiv. Die philologische Erklärung ist
nichts anderes als die Kombination konstruktiver und zersetzender Kräfte, pro-
duzierender Hermeneutik und einschränkender Kritik. Schon bei F.A. Wolf war
das Erklären die Kommunikation der verstandenen „Ideen und Empfindungen
eines Andern" (1831:274). Verstehen oder interpretatio sind aber nicht mit der
Hermeneutik des Vcrstchensj/?ra^j'.f«j" identisch, denn mit der „Hermeneutik oder
Erklärungskunst' muss „verbunden seyn eine scharfe Beurtheilungsgabe, die in die
Analogie der Denkungsart des Andern eindringt" — also Kritik, dazu eine Menge
sachlicher Kenntnisse sowie „Kenntnis der Sprache [...] allerlei Untersuchungen
grammatischer Art", Geschichts-, Sitten- und Literaturkenntnisse. Nietzsche wird
das Erklären immer wieder von der bloßen Auslegung, d.h. der nicht durch Kri-
tik kontrollierten Hermeneutik oder Interpretation unterscheiden:
Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur eine Welt-
Auslegung und -Zurechdegung (nach uns! mit Verlaub gesagt) und n i c h t eine Welt-
Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben an die Sinne stellt, gilt sie als
mehr und muss auf lange hinaus noch als mehr, nämlich als Erklärung gelten. Sie hat
Augen und Finger fur sich, sie hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit für
sich: das wirkt auf ein Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack bezaubernd, über-
redend, ü b e r z e u g e n d , - es folgt ja instinktiv dem Wahrheits-Kanon des ewig
v o l k s t ü m l i c h e n Sensualismus. 0 G B 1.14, 5:28)

Auch die induktive Auslegung der Physik unterscheidet sich in ihrem Status des-
halb nicht von der deduktiven „Welt-Auslegung nach der Manier des Plato"
(ebd.), die mit Hilfe „blasser kalter grauer Begriffs-Netze" über die Sinne Herr
bleibt, d.h. zu ihrer selbstermächtigenden, letztlich pneumatischen Auslegungs-
praxis wenigstens mit Selbstbewusstsein steht. Erklärungen liefert keine der beiden
Auslegungsarten.
Die Scheidung der Begriffe des Erklärens und Verstehens wird normalerweise
an die aufkommende Scheidung der Natur- und Geisteswissenschaften geknüpft.
Manfred Riedel assoziiert in seinem grundlegenden Buch (Riedel, 1978) das Er-
klären mit der rationalistisch-deduktiven Tradition, das die Objekte unter Geset-
ze subsumieren möchte. Deshalb eigne es sich für die kausalistischen Naturwis-
senschaften. Riedel setzt mit seiner Analyse aber erst am Ende des 19.
Jahrhunderts, besonders bei Dilthey ein131. Zwar vertrat etwa Ritsehl (nach Rib-

131 Freilich hat Riedel sein immer noch lesenswertes Buch in einer wissenschaftshistorischen Situa-
tion verfasst, in der die Geisteswissenschaften durch einen ihren Gegenständen unangemesse-
nen Szientismus allenthalben bedroht und in der Defensive waren. Andererseits ist die Gleich-
setzung des Erklärens mit positivistisch-kausalistischem Gedankengut zu einfach. In seinem
Buch versucht Riedel aber auf originelle Weise das rationalistisch-deduktive Erklären sowie das
induktive Erklären der empirischen Naturwissenschaften gegeneinander aufzuheben, indem er
(sozusagen als Friedensangebot gegenüber der analytischen Philosophie) Kant für das Verstehen
reklamiert. Dieser habe mit seinem Verstehenskonzept leider gegen Herder und den Historis-
mus den kürzeren gezogen. Ob es hier Anknüpfungspunkte zu Nietzsche über die kantisch in-
spirierte Philologie der Hermann-Schule oder über seine intensive Rezeption des Neukantianers
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84 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

beck, 1879f, Bd. 1:330) im expliziten Anschluss an Schelling (1974) bereits die
Auffassung, dass die Philologie als historische Wissenschaft vom menschlichen
Geist im Gegensatz zur unhistorischen Naturwissenschaft stehe. Das betrifft
aber gleichsam nur das Untersuchungsobjekt, nicht die Methodik. So wie die
frühen Naturforscher und Naturphilosophen sich unbedenklich der Einfühlung
und Intuition bedienen, lehnt sich Ritsehl, wie bereits dargelegt, an gewisse Stan-
dards der empirischen Wissenschaften an. Das ,Erklären' ist deshalb bis ins letzte
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts durchaus ambivalent, von den Naturwis-
senschaften zwar beeinflusst, aber nicht auf kausale Gesetze fixiert. Nietzsche,
und das macht ihn in der Geschichte der Auslegungstheorie so schwer fassbar,
befindet sich im Grenzgebiet zwischen traditioneller Exegese und modernem
Positivismus132.
Ritsehl und Wolf geht es nicht um allgemeine Gesetze — sie betonen immer
wieder das Inkommensurable jedes einzelnen Textes — das heißt aber nicht, dass
man deswegen auf den Vergleich mit anderen Texten verzichten sollte. Das Ei-
gene und Inkommensurable entsteht ja paradoxerweise erst im Vergleich. Die
Erklärung entspricht für Wolf, Ritsehl und Nietzsche deshalb am ehesten der
explicatio als Erläuterung des konkreten Wort- bzw. Textgebrauchs, sie steht
zwischen den beiden Polen der Deduktion und Deskription; nichts anderes ist
gemeint mit dem ,,einfache[n] Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt" (MA
1.270, 2:223). Der Erklärer muss dabei nicht auf Phantasie verzichten: die Divina-
tion als durch Erfahrung erworbene Fähigkeit, methodisch fundierte Voraussa-
gen zu machen und Verbindungen zu sehen, gilt auch hier als wichtiges Supple-
ment zur Ratio.
Nietzsche wendet den Unterschied von Beobachten und Erklären auf das
empirische Studium des Menschen an. Der Erklärer stützt sich zwar auf sinnliche
Eindrücke, lässt aber auch seiner durch Ratio („Scharfsinn") und breite Kennt-
nisse gesteuerter (Er-)Findungskraft (also der Divination) freien Lauf:
Z w e i A r t e n M o r a l i s t e n . - Ein Gesetz der Natur zum ersten Male sehen und
ganz sehen, also es n a c h w e i s e n (zum Beispiel das der Fallkraft, der Licht- und
Schallreflexion) ist etwas Anderes und die Sache anderer Geister, als ein solches Ge-
setz e r k l ä r e n . So unterscheiden sich auch jene Moralisten, welche die menschlichen
Gesetze und Gewohnheiten sehen und aufzeigen — die feinohrigen, feinnasigen, fein-
äugigen Moralisten — durchaus von denen, welche das Beobachtete erklären. Die letz-

F.A. Lange gibt (die vielleicht ihrerseits nur auf der Grundlage der philologischen Schulung
möglich war), würde eine nähere Untersuchung lohnen.
132 Eine Periode, die außerordentlich schlecht erforscht ist. Zwar gibt es genügend Material zur
Aufklärungshermeneutik und Bibelkritik, dann wieder ab Dilthey, z.T. unter Berücksichtigung
Schleiermachers. Aber nahezu die gesamte philologische Reflexion des frühen und mittleren
neunzehnten Jahrhunderts, die als Ubergangszeit möglicherweise interessanteste Zeit (der
Schwächen des Ererbten wie des Kommenden gleichermaßen bewusst) — diese Literatur ist,
von spärlichen Ausnahmen abgesehen, weder in der philologie- noch der philosophiehistori-
schen Forschung behandelt worden. Hier liegt die Ursache vieler Nietzsche betreffende Miss-
verständnisse.
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 85

teren müssen vor allem e r f i n d e r i s c h sein und eine durch Scharfsinn und Wissen
e n t z ü g e l t e Phantasie haben. (M 5.428, 3:264).

Man beachte die Wahl der Präposition durch: Scharfsinn und Wissen sind Voraus-
setzungen der gesteigerten Phantasie, d.h. einer Divination, die zur Erklärung
unerlässlich ist! Es dürfte jedenfalls deutlich geworden sein, dass es sich hier ganz
und gar nicht um eine frühe Form der Universalhermeneutik handelt. Nietzsche
unterscheidet sich deutlich von einem Theoretiker, der seither zum Klassiker der
Interpretationstheorie avanciert ist, nämlich Schleiermacher. Gerade deshalb
lohnt eine Gegenüberstellung, denn auch Schleiermacher knüpfte ja bei F.A.
Wolf an. Bis zu Wolf war Auslegung gleichbedeutend mit Explikation der jewei-
ligen als dunkel angesehenen Stellen eines Textes gewesen. Schleiermacher, der
sich im Zuge seiner Piatonübersetzungen selbst als Philologe und Editor zu be-
währen hat, erkennt genau wie F.A. Wolf, Friedrich Ast und andere, dass nicht
mehr nach dem sensus einzelner dunkler Stellen, sondern nach dem sensus des
Zusammenhangs gefragt werden muss. Nicht mehr die Sache, sondern die Au-
torintention wird ausgelegt, das ist der eigentlich neue Ansatz bei Wolf und Ast
(vgl. Flashar, 1979:22), womit sie die schon in der sog. Aufklärungshermeneutik
des achtzehnten Jahrhunderts begonnene Arbeit systematisieren. Um die Intenti-
on des Autors glaubhaft zu dokumentieren, muss der Entstehungsprozess der
Auslegung nachgewiesen werden. An die Stelle der Allegorese bzw. der Lehre
vom mehrfachen Schriftsinn tritt so die prozesshafte Auslegungsweise in histori-
scher, grammatischer, geistiger Hinsicht (vgl. Szondi, 1975:157ff)133.
Schleiermacher folgt in seiner Auslegungstheorie anfangs streng den philolo-
gischen Vorläufern. Es besteht kein Zweifel daran, dass für ihn Hermeneutik und
Kritik zunächst ebenfalls zusammen gehören, „weil die Ausübung einer jeden die
andere voraussetzt" (1977:71). Kritik ist dabei ähnlich wie in der Philologie weit
mehr als Textkritik und umfasst eben auch ästhetische und inhaltliche Urteile.
Gleichwohl beginnt mit Schleiermacher der Aufstieg der Hermeneutik auf Kos-
ten der Kritik, insofern er eine Auffassung von „Verstehen" entwickelt, die bei-
den gleichsam vorgelagert ist. Hermeneutik in diesem Sinne findet immer und
gewissermaßen unfreiwillig statt, während Kritik schon der bewussten Anstren-
gung bedarf (ebd.). Kritik und Hermeneutik gehen in seiner universalen Ausle-
gungstheorie zu großen Teilen jeweils in der grammatischen und psychologischen
Auslegung auf, ohne freilich, und das ist wiederum das eigentlich Neue bei ihm,

133 Boeckh unterscheidet z.B. einen vierfachen Schritt von grammatischer über historische und
individuelle bis zur generischen Interpretation (21886:83), wobei die Auslegungsphasen nicht
chronologisch, sondern integrativ ablaufen sollen. Auch Ritsehl unterscheidet in der Hermeneu-
tik vier Stufen „des Nationalen, Temporalen, Generischen, Individuellen" (nach Ribbeck,
1879ff, Bd.l:245). Bei jedem Text müssen nicht nur nationale und epochale Entstehungsbedin-
gungen mitgedacht, sondern auch die Gattung sowie die Individualität des Verfassers berück-
sichtigt werden, und zwar nicht in der Weise, dass jede Textstelle eine nach diesen Kriterien ge-
staffelte Bedeutungsspanne aufweist, sondern dass der Zusammenhang des gesamten Textes
unter diesem Gesichtspunkt geprüft wird.
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86 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

den Auslegungsoperationen der Kritik und Hermeneutik zu entsprechen. Die


niedere Hermeneutik wird der höheren Hermeneutik einverleibt, es folgen die
beiden Stufen der Kritik. Verstehen ist „Ineinandersein" (21928:140) von gram-
matischer und psychologischer Auslegung, beide sind vollkommen gleichberech-
tigt. Kritik kann so durchaus auch auf der Ebene der psychologischen Auslegung
stattfinden, Hermeneutik im Bereich der Grammatik. Schleiermacher kennt in
der psychologischen Auslegung zwei Verfahren, das divinatorische und das kom-
parative, die in etwa Konjektur und Kollation der philologischen Kritik entspre-
chen. In der Praxis trete gemeinsam auf, was in der Theorie künstlich getrennt
sei, denn man könne nicht ohne Divination bestimmen, was denn überhaupt
verglichen werden soll (vgl. 148 u. 153ff). Auslegung wird damit, darin folgt ihm
z.B. Boeckh, zu einer Kunst, die sowohl auf Sprachtalent wie auf Menschen-
kenntnis beruht und „nicht durch Regeln gegeben werden [kann], welche die
Sicherheit ihrer Anwendung in sich trügen" (141). Die hermeneutische Aufgabe
kann nur durch Verbindung von Spekulation mit Empirie und Geschichte gelöst
werden (204)134.
In der philologischen Tradition, von der Schleiermacher sich mit seinem
Entwurf emanzipiert, steht am Ende aber nicht das Verständnis an oberster Stel-
le, sondern die Kritik in Form des (ästhetischen) Urteils, schon die Auswahl des
zu verstehenden Textes enthielt ja ein solches Urteil. Nicht die Suche nach ir-
gendeinem wie auch immer gearteten sensus in der Auslegung steht für Ritsehl
und für den Philologen Nietzsche im Vordergrund, sondern die endgültige Be-
wertung der sensus, die sich anhand eines Textes möglicherweise feststellen las-
sen. Schleiermachers in Anlehnung an die Enzyklopädien von F.A. Wolf und
Friedrich Ast entworfene „Kunst des Verstehens" (21928:137) als universaler
Auslegungslehre (141), welche die speziellen Auslegungslehren überflüssig ma-
chen soll, fände in Nietzsches Vorstellungswelt am ehesten in einer Kunst der
kritischen Auslegung ihre Entsprechung135, die von der philologischen Lehre
wenig abweicht.

134 Wenn Stegmaier (1992:176) auf die Nähe von Nietzsches Psychologie zu Schleiermachers
IndividuaUtätslehre hinweist, weil auch in Schleiermachers Hermeneutik die methodische Arbeit
erst auf das Erraten des Individuums im divinatorischen Verfahrens folge, so liegt der Grund
wohl eher in ihrer gemeinsamen Herkunft aus der philologischen Tradition. Im Übrigen bezieht
sich Schleiermachers psychologische Auslegung zwar in der Tat auf die Rekonstruktion der Mit-
teilungsintention, aber es werden dazu durchaus nicht nur divinatorische, sondern auch kompa-
rative Verfahren eingesetzt, etwa durch den Vergleich (Opposition oder Analogie) mit anderen
Inhalten (s. auch Koller, 1988:314). Interessant ist der Umstand, dass sich Ritsehl in seinen en-
zyklopädischen Vorlesungen offenbar ausdrücklich von den philosophischen Verallgemeinerun-
gen Schleiermachers distanziert hat. In der Auseinandersetzung mit ihm und der Philosophie
allgemein betont er den Charakter seiner Methode als immer am spezifischen Objekt ausgerich-
tet, „als das durch fortgesetzten Versuch allmälig erwachsende, nie abgeschlossene Ergebniss
empirisch gewonnener Einsicht" (nach Ribbeck, 1879ff, Bd.2:18ff).
135 Der Textbestand von Schleiermachers Hermeneutik bzw. Hermeneutik und Kritik stellt selbst ein
notorisches philologisches Problem dar. Schleiermacher ist hier jedoch kein Thema, ich ver-
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2.4. Enzyklopädie: Grammatik, Kritik, Hermeneutik 87

Wer Nietzsche als kritischen Denker (möglicherweise in der Tradition Kants)


lesen will, kommt an der philologischen Kritik deshalb nicht vorbei136 und muss
auch gegenüber der diltheyschen Version hermeneutischer Theorieentwicklung
auf der Hut sein137. Nietzsche verhielt sich völlig rational: Er orientierte sich
nicht nur an der Auslegungstheorie, die seinen philologischen Lehrern als vor-
bildlich galt, sondern am unangefochtenen Musterfach der Wissenschaftlichkeit
in seiner Zeit. Schleiermachers heutige, auf Dilthey und Gadamer zurückgehende
Reputation darf bei seinen Zeitgenossen bis ans Ende des Jahrhunderts nicht
angenommen werden138. Spätestens seitdem sich ihr Fach darüber als moderne
Disziplin konstituiert hatte, galten die Philologen als die Experten der redlichen
Auslegung schlechthin. Nietzsche konnte sich als Teilhaber an einem Herr-
schaftswissen fühlen, demgegenüber Metaphysiker ebenso naiv schienen wie
Theologen oder positivistische Naturwissenschaftler. Diese Haltung lässt sich
unabhängig von allen vermeintlichen Schaffensphasen ungebrochen nachweisen.
Der oben zitierte Aphorismus 14 aus Jenseits von Gut und Böse etwa hat Vorläu-
fer in der Baseler Zeit. Ein repräsentatives Beispiel für den periodisch an Philo-
sophen oder Theologen gerichteten wiederkehrenden Vorwurf Nietzsches vom
Mangel an Philologie findet sich schon im fünften Vortrag JJeber die Zukunft unse-

wende lediglich einige aus vergleichender Sicht interessante Positionen. Insbesondere gehe ich
nicht auf die früheren Entwürfe zur technischen Auslegung ein.
136 Der neuzeitliche Begriff der Kritik stammt aus der Philologie des Humanismus, die angetreten
war, den Alleinanspruch der Theologie zu brechen. Die epochalen Kritiken Kants verdecken
diese wichtige Verbindung (vgl. Kurt Rötgers Lemma „Kritik" in GG Bd. 3:653f bzw. Rötgers,
1975:21f). Figl (1984) schält angesichts der Philologica Nietzsches zwei hermeneutische Strate-
gien heraus, eine kritische und eine im eigentlichen Sinne hermeneutische. Die Kritik befasse
sich vor allem mit Konjekturalkritik und vergleichender Uberlieferungskritik, der Restitution
von Worten bis zu ganzen Textzusammenhängen, der fast naturwissenschaftlichen Verwendung
von Sprachgesetzen, praktiziere kurz gesagt strenge Methodik, die Nietzsche stringent durchzu-
halten versuche (122). Hermeneutik müsse jedoch hinzukommen, denn die Verbesserung eines
Textes werde ja schon vor dem Horizont des Textideals durchgeführt. Da Hypothesen in der
praktischen Arbeit auf Intuition beruhen, sei der rein diskursive Weg nicht möglich und Phanta-
sie werde als Voraussetzung des wissenschaftlichen Denkens begriffen (123f). Reflexion messe
die Ergebnisse der Phantasie, wobei ihr Unterschied nur ein gradueller sei, insofern auch wis-
senschaftliche Begriffe auf Metaphern zurückgehen, es werden mithin Metaphern in verschiede-
nen Festigkeitsstufen miteinander verglichen. Wissenschaftliches Erkennen bleibe deshalb not-
wendig interpretierend, da es schon in der Selektion interpretiert. Die Leistung der rationalen
Kritik bestehe darin, die Leistungsfähigkeit der „prärational-ästhetischen Erkenntnisvollzüge"
erst richtig bewusst zu machen (126ff). Diese Fassung des Begriffs ist allzu weit und, jedenfalls
auf die Wissenschaftsgeschichte bezogen, unhistorisch. Für Nietzsche war die Kritik selbstver-
ständlich keine hermeneutische Strategie, sondern idealtypisch von der Hermeneutik getrennt.
Seine Philologie hat er unzweifelhaft als kritische, nicht als hermeneutische Wissenschaft ver-
standen.
137 In klassischen Darstellungen wie Wach (1966) werden Philologen wie Ast und Wolf zu bloßen
Vorläufern Schleiermachers degradiert. Textvergleichen und Spätausläufern der philologischen
Tradition wie eben Nietzsche hält diese These nicht stand.
138 Vgl. z.B. Stegmaier (1992:147, Anm. 52): Schleiermacher etwa im Sinne Gadamers als Herme-
neutiker zu lesen entspreche ihm kaum; Hermeneutik blieb für Schleiermacher immer zweitran-
gig gegenüber Ethik und Dialektik. Siehe femer Wiehl (1979).
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88 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

rer Bildungsanstalten. An den Universitäten sei „an Stelle einer tiefsinnigen Ausdeu-
tung der ewig gleichen Probleme ein historisches, ja selbst ein philologisches
Abwägen und Fragen getreten" (KSA l:742f), also etwa die Frage danach, ob
bestimmte Schriften tatsächlich diesem oder jenem Philosophen zuzuschreiben
seien, ob er dies oder das wirklich gedacht habe, welche Lesart zu bevorzugen sei.
Philosophie sieht Nietzsche deshalb als Zweig der Philologie und ihre Vertreter
als je nachdem gute oder schlechte Philologen an. Die meisten Philosophen las-
sen sich von philologischer Warte aus ohne weiteres als Dilettanten abtun. Das
Problem sei nur, dass dabei die Philosophie selbst verschwunden sei, die produk-
tive, schaffende Weltanschauung und Wertsetzung, die Nietzsche in dieser Zeit
wohl als positive Umdeutung von Langes „Begriffsdichtung" (vgl. z.B. Lange,
1974, Bd.2:943) denkt und möglicherweise später im Zarathustra zu praktizieren
sucht. Für Nietzsche lässt sich im Anschluss an F.A. Lange durch philosophische
Sprache keine absolute Wahrheit mehr ausdrücken. Absolute Entwürfe müssen
vielmehr durch (philologische) Kritik von ihrem Alleinherrschaftsanspruch abge-
bracht werden, sofern sie sich als lebensfeindlich erweisen. Nur eine künstlerische
und wertsetzende und jedenfalls keine klassisch-metaphysische Philosophie kann
noch Aussagen schaffen, die — kraft ihrer Form — unwiderlegbar sind139.

2.5. Die skeptische Wissenschaft

Abgesehen von der in Nietzsches Augen fatalen Strategie moderner Philosophie,


sich nur noch auf Erkenntnistheorie oder Philosophiegeschichte auszurichten,
statt an ihrer gesetzgebenden, schaffenden Rolle festzuhalten, begeht sie den
Fehler, auf Wissenschaft, d.h. auf Philologie, Physiologie, Naturwissenschaft zu
verzichten. Dergestalt von Unredlichkeit durchsäuert, nähert sie sich allmählich
wieder der Theologie an. In ähnlich unzulänglicher Manier steht ihr freilich die
Anmaßung der modernen Wissenschaft zur Seite, sich völlig unabhängig von
Philosophie zu glauben. Nietzsche möchte das Dilemma durch Rückgriff auf das
Modell sich gegenseitig kontrollierender Kritik und Hermeneutik überwinden.
Für den wahren Philosophen ist nicht Verzicht auf Wissenschaft geboten, auch

139 Siehe bereits den Brief an Gersdorff von Ende August 1866: „Also das wahre Wesen der Dinge,
das Ding an sich, ist uns nicht nur unbekannt, sondern es ist auch der Begriff desselben nicht
mehr und nicht weniger als die letzte Ausgeburt eines von unsrer Organisation bedingten Ge-
gensatzes, von dem wir nicht wissen, ob er außerhalb unsrer Erfahrung irgend eine Bedeutung
hat. Folglich, meint Lange, lasse man die Philosophen frei, vorausgesetzt, daß sie uns hinfiiro
erbauen. Die Kunst ist frei, auch auf dem Gebiet der Begriffe. Wer will einen Satz von Beetho-
ven widerlegen, und wer will Raphaels Madonna eines Irrthums zeihen? —" (1.2 160)
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2.5. Die skeptische Wissenschaft 89

wenn diese in ihrem Wahrheitsglauben und Fortschrittswahn noch so naiv wirke,


sondern ihre sinnvolle Handhabung, die nicht zuletzt der Selbstprüfung dienen
mag140. Im sechsten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse zählt sich Nietzsche
nach wie vor zu den „Gelehrten" (KSA 5:129) und, „mit Verlaub", den wissen-
schaftlichen Menschen (|GB 6.204, 5:130) - ein spöttischer Rückblick auf seine
Ausgrenzung durch die scientific community nach der Publikation der Tragö-
dienschrift. Nietzsche weist der Wissenschaft damit die Rolle einer falsifizieren-
den, kritisch kontrollierenden Instanz zu. Wissenschaft heißt Skepsis; und die
skeptische Wissenschaft par excellence wird seit jeher von der philologischen
Methode verkörpert.
Für ihre auf die Spitze getriebene Skepsis war die Bonner Schule besonders
bekannt geworden: gerade ihr Zweifel an allem und jedem scheint Widerspruch
herausgefordert zu haben141. Nur wenige Wissenschaften konnten sich mit ihrer
Detailverliebtheit und Akribie der Text- und Quellenkritik und des philologi-
schen Lesens messen. Nietzsche setzt sich in seinen Notizen und Reflexionen aus
der Philologenzeit selbst mit Leistung und Grenze der philologischen Skepsis
auseinander. Die Stärke der Skepsis liege darin, jede Art von Dogmatismus zu
bekämpfen und selbst den gesunden Menschenverstand als Produkt jeweils einer
Periode, eines Volkes, eines Individuums zu entlarven (KGW I.4.:404ff). Die
Grenzen der skeptischen Methode hält Nietzsche für noch nicht erreicht
(I.4.:394). Der gesunde Menschenverstand erhebt immer wieder neu Anspruch
auf universale Geltung, deshalb muss Skepsis fortgesetztes Prinzip sein. Als Bei-
spiel nennt Nietzsche das textkritische Prinzip, diejenige Lesart eines Textes als
am verlässlichsten anzusehen, die in den meisten Exemplaren überliefert wurde.
Erst Skepsis gegenüber diesem zunächst intuitiv überzeugenden Grundsatz ließ
die moderne Philologie weiterschreiten. Durch hierarchische Anordnung der
Textzeugen konnte gezeigt werden, dass die Verbreitung einer Lesart unabhängig
von ihrer Richtigkeit war, dass mithin die Beziehung zwischen den Textzeugen
weit wichtiger als ein rein quantifizierendes Kriterium ist:
I m G r u n d e ist m a n a u f der B a h n l i t e r a r h i s t o r i s c h e r F o r s c h u n g n u r d a d u r c h fortge-
schritten, d a ß m a n sich e n t s c h l o ß , keine F r a g e a u f d e m H e r z e n z u behalten, d a ß m a n
allmählich die ü b e r t r i e b e n e Pietät g e g e n alte Z e u g n i s s e verlernte. E s w a r g e w i ß e t w a s

140 In einer „Anmerkung für Esel" betont Nietzsche, dass bei all seiner Kritik an der Einseitigkeit
und mangelnden Unvornehmheit der wissenschaftlichen und arbeitsamen Menschen, diese
gleichwohl schätzenswert und unentbehrlich seien (VIII 1 [170]).
141 Vgl. Ribbeck (1874), eine Antwort auf einen direkten Angriff Theodor Bergks auf die ausdrück-
lich so genannte Bonner Schule, v.a. auf Ritsehl, Usener, Bücheler und Ribbeck selbst. Er ver-
teidigt den für sie typischen universalen Zweifel an aller Uberlieferung, sein letzter Satz lautet:
„Mit dem dumpfen Buchstabenglauben an die heiligen Abschreiber und theils andachtsvoller,
theils scurriler Ausräucherung der bösen Geister des Zweifels wird Niemand erleuchtet." In ei-
ner redaktionellen Anmerkung zu Müller (1869b:544) lehnt Ritsehl interessanterweise die Be-
zeichnung Bonner Schule ab. Sie stamme vielmehr von Bergk, der ihr damit Dogmatismus vor-
werfen will. Dogmatismus aber ist für Ritsehl die schlimmste Untugend der Wissenschaft und
dem eigenen skeptischen Standpunkt diametral entgegengesetzt.
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90 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Ethisches in jener verstummenden Hingabe an die Urtheile des Alterthums, aber es


war die Ethik des Weibes. In der neueren Forschung, die kein Blatt vor den Mund
nimmt, die den Kranz von dem einen Haupte Homers nahm und ihn in alle Winde
zerstreute, die den kühnen Titel Aristoteles pseudoepigraphus erfand, weht die kühne
und unerschrockene Sittlichkeit des Mannes. Hier sehen wir, wie Erkennen und Wol-
len, gesunder Menschenverstand und Moral in der allmählich heranreifenden Metho-
de einer Wissenschaft gemeinsam ihre Rolle spielen. (I.4::61f)

Wolf verkörpert den Fortschritt gegenüber Winckelmann. Die Skepsis hat einen
Wert an sich, auch wenn sie am Ende nur die alten Uberzeugungen bestätigt:
„Durch die Skepsis untergraben wir die Tradition, durch die Consequenzen der
Skepsis treiben wir die versteckte Wahrheit aus ihrer Höhle und finden vielleicht,
daß die Tradition Recht hatte, obwohl sie auf thönernen Füßen stand." (62)142
In Anlehnung an derartige philologische Betrachtungen aus der Frühzeit un-
terscheidet Nietzsche im Spätwerk zwei Formen der Skepsis: eine ,weibliche',
lediglich passive, blutsaugerische, die aus dem französischen Atheismus erwächst
und die harte, ,männliche', griechisch-deutsche Skepsis, die neue Welten erschlie-
ßen hilft. Die Skepsis der historisch-kritischen Methode ist es für ihn gewesen,
die Europa, mit Kant zu sprechen, erst aus dem dogmatischen Schlummer geris-
sen und den Weg zu neuen Werten frei geräumt hat. Im Aphorismus 209 von
Jenseits von Gut und Böse hat Nietzsche diesen Gegensatz beschrieben und der
historisch-kritischen Methode ein Denkmal gesetzt, jener „Skepsis der verwege-
nen Männlichkeit, welche dem Genie zum Kriege und zur Eroberung nächst
verwandt ist und in der Gestalt des grossen Friedrich ihren ersten Einzug in
Deutschland hielt" (5:141). In ihrer zerstörerischen Kraft wird sie beinahe schon
wieder schöpferisch. Von der Metapher des Untergrabens bis zum Bild des
Männlichen und Weiblichen knüpft Nietzsche zum Teil fast wörtlich an seine
frühen Reflexionen an:
Diese Skepsis verachtet und reisst trotzdem an sich; sie untergräbt und nimmt in Be-
sitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht dabei; sie giebt dem Geiste gefährliche
Freiheit, aber sie hält das Herz streng; es ist die d e u t s c h e Form der Skepsis, welche,
als ein fortgesetzter und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine gute
Zeit unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und seines kritischen und histori-
schen Misstrauens gebracht hat. Dank dem unbezwinglich starken und zähen Manns-
Charakter der grossen deutschen Philologen und Geschichts-Kritiker (welche, richtig
angesehn, allesammt auch Artisten der Zerstörung und Zersetzung waren) stellte sich
allmählich und trotz aller Romantik in Musik und Philosophie ein n e u e r Begriff vom
deutschen Geiste fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend hervor-

142 Interessante Ausfuhrungen zur Reflexion der Skepsis in Nietzsches frühen Philologica bei
Porter (2000a). Der der Philologie inhärente radikale Skeptizismus, so Porters These, richte sich
schließlich gegen sie selbst und werde deshalb von Nietzsche als widersprüchlich verworfen.
Porter bezieht sich nicht auf Nietzsches spätere Texte, sondern beschränkt sich auf die philolo-
gischen Schriften und besonders den frühen Nachlass. Gerade ihm gegenüber wäre jedoch ein
wenig mehr Skepsis angemessen gewesen. Nietzsche äußert sich hier in privaten Aufzeichnun-
gen, deren Zielrichtung oft nur durch einen Vergleich mit den späteren Publikationen erschließ-
bar ist. Ich vermag Porters These deshalb nicht zu folgen.
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2.5. Die skeptische Wissenschaft 91

trat: sei es zum Beispiel als Unerschrockenheit des Blicks, als Tapferkeit und Härte
der zerlegenden Hand, als zäher Wille zu gefährlichen Entdeckungsreisen, zu vergeis-
tigten Nordpol-Expeditionen unter öden und gefährlichen Himmeln. Es mag seine
guten Gründe haben, wenn sich warmblütige und oberflächliche Menschlichkeits-
Menschen gerade vor diesem Geiste bekreuzigen: cet esprit fataliste, ironique,
mephistophelique nennt ihn, nicht ohne Schauder, Michelet. Aber will man nachfüh-
len, wie auszeichnend diese Furcht vor dem „Mann" im deutschen Geiste ist, durch
den Europa aus seinem „dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so möge man
sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm überwunden werden musste, - und
wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein vermännlichtes Weib es in zügelloser An-
maassung wagen durfte, die Deutschen als sanfte herzensgute willensschwache und
dichterische Tölpel der Theilnahme Europa's zu empfehlen. (JGB 6.209, 5:141 f)

Textgenetisch lässt sich zeigen, dass Nietzsche an dieser Stelle Lessing, Herder,
Kant, F.A. Wolf und Niebuhr im Sinn hat (s. KSA 14:362f). Nur eine Philoso-
phie, die das Stahlbad der Kritik erträgt, ohne sich ganz ihr zu ergeben, kann die
Zukunft gestalten (vgl. auch JGB 6.210, 5:142ff). Die Kritik, die Nietzsche meint,
ist in Metaphern getaucht, welche, wie zu sehen sein wird, ebenfalls auf die Philo-
logie anspielen bzw. aus ihr stammen: die soldatische Strenge philologischer Red-
lichkeit gegen sich selbst, die chirurgische Präzision der Textkritik, der harte
ironische Blick, das Motiv des forschenden Reisens.
Nietzsches Beschäftigung mit dem skeptischen Potential der historisch-
kritischen Methode geht darüber hinaus im Spätwerk mit der Wiederentdeckung
der skeptischen Philosophie einher. Philologie und Skepsis teilen dieselben Vor-
und Nachteile. In Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Jahres 1888 spielt
Pyrrhon, einer der Begründer der Skepsis, eine wichtige Rolle als ,anständiger'
Typus des Philosophen auf der einen und Nihilist und halber Buddhist auf der
anderen Seite. Nietzsche scheint sich mit Pyrrhon weitgehend zu identifizieren143.
Im Antichrist feiert er den Skeptiker als einzigen intellektuell rechtschaffenen
Typus der Philosophiegeschichte (AC 12, 6:179), nachdem er kurz zuvor ein
neuerschienenes Buch von Victor Brochard entdeckt hatte, Les sceptiques grecs aus
dem Jahr 1887. Es begeisterte ihn so sehr, dass er es, eine wirkliche Seltenheit bei
Nietzsche, namentlich erwähnt:
Ich muss ein Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand er-
tappe. Was war es doch? — Eine ausgezeichnete Studie von Victor Brochard, les Scep-
tiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige
e h r e n w e r t h e Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!...
(EH Warum ich so klug bin 3, 6:284)

143 Für biographisch interessierte Nietzscheleser, besonders aber fur Hermann Josef Schmidt,
dürfte folgendes Fragment höchst bedeutsam sein: „Pyrrho, der mildeste und geduldigste
Mensch, der je unter Griechen gelebt hat, ein Buddhist obschon Grieche, ein Buddha selbst,
wurde ein einziges Mal außer Rand und Band gebracht, durch wen? — durch seine Schwester,
mit der er zusammenlebte: sie war Hebamme. Seitdem fürchten sich am Allermeisten die Philo-
sophen vor der Schwester — die Schwester! Schwester! 's klingt so fürchterlich! — u n d vor der
Hebamme! ... (Ursprung des Coelibats)" (VIII 14[162]).
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92 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

Nietzsches Begeisterung lässt sich durchaus darauf zurückführen, dass Brochard


hier tatsächlich seine philologischen Studien zu Diogenes Laertius aus dem
„Rheinischen Museum" wohlwollend zitiert (s. Brochard, 1887:48). Nietzsche
findet die Affinität zwischen Skepsis und Philologie bestätigt. Genauso stark
dürfte ihn jedoch die Analyse der Skepsis interessiert haben, die in manchem an
die eigene Analyse der Philologie seiner Jugendzeit erinnert. Die Skeptiker sind
aus Nietzsches Sicht wie die Philologen zunächst uneingeschränkt ehrenwerte
Gegner nicht nur der Stoiker, sondern all jener, die ihr Weltbild anderen aufdrän-
gen wollen. Der kritischen Tätigkeit können sie aber keine eigenen produktiven
Gegenentwürfe zur Seite stellen. Ihr letztes Ziel ist der Seelenfrieden (ataraxia),
der sie zu Nihilisten (im Sinne des Buddhismus) macht. Brochard, der sich
gründlich mit Pyrrhon auseinandersetzt, erwähnt das Problem, dass die konse-
quente Urteilsenthaltung (epoche), die die Skeptiker fordern, logischerweise in
absoluter Inertia endet (1887:359) und damit letztlich lebensfeindlich ist. Wie die
Philologie, so muss die Skepsis dosiert als Gegenspielerin philosophischer Eigen-
schöpfung eingesetzt werden.
In der Auslegungstheorie hat Paul Ricceur zwei sog. hermeneutische Stile un-
terschieden, deren einer es auf die Restauration des Sinns einer Botschaft (recol-
lection du sens) abgesehen habe und durch quasireligiöses Vertrauen (foi) auf die
Sinnfälligkeit des Textes gekennzeichnet ist (1965:36ff). Der andere strebe dem-
gegenüber nach Demystifikation und Illusionszerstörung. Ricceur nennt ihn die
Hermeneutik des Verdachts (soupcjon, S. 42). Nietzsche wird schon bei Ricceur
selbst, noch stärker jedoch im Anschluss an ihn als klassischer Verdachtsherme-
neutiker mit Marx und Freud in einem Atemzug genannt (ebd.)144. Diese einfluss-
reiche und willkürliche Einteilung hat fatale Auswirkungen für das Verständnis
Nietzsches gehabt. Nietzsches Verdacht ist nämlich von ganz anderer Art als der
marxistische oder psychoanalytische. Im Gegensatz zu ihnen ist er vor allem
Ausdruck von Skepsis und bezieht sich, philologisch geschult, weniger auf den
Inhalt des Textes selbst als auf dessen Überlieferung und die Art und Weise sei-

144 Diese Einschätzung hat sich schnell etabliert und blieb bis heute unangefochten. Vgl. noch
Brenner (1998:306): „Marx, Nietzsche und Freud haben das 20. Jahrhundert zu einem herme-
neutischen Jahrhundert gemacht, indem sie das Verfahren der Hermeneutik weit über deren tra-
ditionellen Bereich hinaus als Grundgestus des wissenschaftlichen Fragens bestimmt haben".
Bereits Paul de Man bezeichnet das mit Recht als Klischee (1979:82). Unabhängig von Inhalten
und Theorien verschiedener Verdachtshermeneutiken ist ihre Verfahrensweise immer dieselbe.
Sie räumt dem Interpreten den Primat ein und gibt vor, unabsichtliche (unterstellte) uneigentli-
che Rede aufzudecken. Foucault (1967) hat dies als eine ganz neue Art der Hermeneutik emp-
funden; wie Ricceur verband er Nietzsche, Marx und Freud in einem frühen Aufsatz durch ihre
gemeinsame Interpretationsstrategie, die letztlich in persönlicher narzisstischer Kränkung jedes
einzelnen kulminiere und durch die jedwede feste Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat
zerrissen wird, da jedes Zeichen schon Interpretation eines anderen Zeichens ist. Interessanter-
weise spielt Foucault hier lobend die Hermeneutik gegen die Semiotik aus, denn jene verneine
die Existenz ursprünglicher Zeichen, welche diese noch annimmt. Dieses Distanzieren vom
Strukturalismus wird Auftakt zur Neuentwicklung von Foucaults Methode, die sich bekanntlich
wiederum an Nietzsche anlehnt (die Hermeneutik, die Foucault meint, ist die Hermeneutik des
Verdachts, nicht jene Gadamers).
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2.5. Die skeptische Wissenschaft 93

ner Rezeption. Er ist deshalb gegenüber jeder Art von Sinn kritisch eingestellt,
nicht nur gegenüber einem oder mehreren ganz bestimmten. Ricoeur vermochte
dies nicht zu erkennen, weil er in seiner hermeneutischen Theorie bereits in einer
Tradition steht, die mit der Dialektik von Kritik und Hermeneutik nicht mehr
vertraut ist.
In der 1886 verfassten Vorrede zu Menschliches, Allv^umenschliches bemerkt
Nietzsche, man habe seine Schriften „eine Schule des Verdachts" genannt. Er
versteht dies als Kompliment, denn niemand habe „mit einem gleich tiefen Ver-
dachte in die Welt gesehn" (KSA 2:13f). Es ist ein Verdacht, wie aus dem weite-
ren Kontext hervorgeht, der sich selbst gegen Nietzsches eigene „Falschmünze-
rei", gegen seine eigene „Kunst" und Dichtung richtet. Dem Verdacht des
Philologen, dass es sich bei einem Text oder einer Textstelle um eine Fälschung
oder ein Verderbnis handele, liegt ein dynamisches Konzept zugrunde, die Vor-
stellung vom Prozess der Verwitterung oder bewussten Fälschung des Textes,
der zumindest ansatzweise nachvollziehbar ist. In der Vorrede zur Genealogie der
Moral wird der „Verdacht", der sich an die Ursprünge von Gut und Böse heftet,
sogar explizit an Nietzsches „historische und philologische Schulung" ge-
knüpft145 — daraus resultierte die Abkehr von der quasi-metaphysischen Ur-
sprungssuche hin zur Untersuchung der Entstehungsbedingungen, also der Ge-
nealogie (KSA 5:249f).
Die aphoristischen Bücher Nietzsches enthalten ganze Kataloge von Fragen
nach Herkunft und Ursprung146 der Religion, Erkenntnis, moralischen oder an-
deren Phänomenen, immer im Bewusstsein der Gefahr des Nihilismus, die durch
allzuviel Wühlen in der Vergangenheit droht. Menschliches, All^umenschliches hebt
deshalb mit einem Eingeständnis an: „Die Menschheit liebt es, die Fragen über
Herkunft und Anfänge sich aus dem Sinne zu schlagen: muss man nicht fast
entmenscht sein, um den entgegengesetzten Hang in sich zu spüren?" (MA 1.1,
2:24). Angeregt zum genealogischen Studium der Moral hat Nietzsche nach eige-
ner Aussage Paul Rees „klares, sauberes und kluges, auch altkluges Büchlein", in
welchem ihm „eine umgekehrte und perverse Art von genealogischen Hypothe-
sen" entgegentrat und zugleich anzog wie abstieß (GM Vorrede 4, 5:250). Die
„englische Art" von Rees Moralphilosophie, d.h. die Methode, Vergangenheit
an modernen moralphilosophischen Kategorien zu messen, die selbst von dieser
Vergangenheit erst hervorgebracht wurden, inspirierte Nietzsche zu einem Ge-
genprojekt, nämlich die Grundsätze der erlernten philologischen Methode auf
das neue Gebiet zu übertragen und in der Moralgeschichte den historischen Sinn zu

145 Vgl. etwa F.A. Wolf: „Beim Lesen und beim Ausgehen auf das, was fehlerhaft ist, ist Suspicion
nöthig, und dann wieder eine Unbefangenheit, mit der man sich dem Argwohn widersetzt; denn
sonst findet man in jeder Zeile einen Fehler, oder man liest mit Angst." (1831:326).
146 Der Gebrauch der beiden Begriff ist, trotz Foucault, nicht ganz scharf gegeneinander abge-
grenzt. Tendenziell bezieht sich Herkunft vor allem auf den Prozess der Bedeutungsgenese,
während Ursprung eher die ursprüngliche, später verfälschte Etymologie bezeichnet.
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94 2. Philologische Theorie: Die Bonner Schule und der Alexandrinismus

suchen, anstatt die nachteilige Abweichung der Vergangenheit von heutigen Vor-
stellungen zu demonstrieren.
Marxismus und Freudianismus dagegen, um auf die Verdachtshermeneutik
zurückzukommen, haben mit dem historischen Sinn nichts zu tun. Als Allegore-
sen des Unterbaus bzw. Unterbewusstseins sind sie statisch, insofern sie eine
Bedeutung mit einer anderen substituieren, etwa mit dem Klassenkampf oder der
frühkindlichen Konfliktbiographie. Die Verdachtshermeneutik sucht einen ver-
borgenen oder versteckten Sinn. Nietzsches philologisch inspirierter Kritik geht
es um zwei andere Dinge: der Textkonstitution (Beantwortung der Frage: was
genau soll eigentlich Sinnträger sein, wie und von wem ist dieser Text gefälscht
worden?) und anschließender Sinnprüfung und Sinnbeurteilung. Es ist ein Unter-
schied, der an die Debatte zwischen den alexandrinischen Philologen und der
Stoa erinnert. Wo diese einen Sinn „hinter der Welt" (GM Vorrede 3, 5:249)
vermutet, verdächtigt Nietzsche mit jenen eher die Überlieferung. Nietzsche ist
kein Verdachtshermeneutiker — weil er nämlich überhaupt kein Hermeneutiker
ist, sondern in übertragener Bedeutung ein Kritiker, der sich der Hermeneutik
lediglich als techne in der Erklärung bedient147.
Kritik und Hermeneutik bedeuten über ihren wissenschaftlichen Inhalt hinaus
schließlich zwei einander entgegengesetzte Umgangsweisen mit dem fremden
Objekt. Die Kritik versucht, das Fremde nach Möglichkeit in seiner Fremdheit
und seinem Eigencharakter zu bewahren. Die skrupulöse und skeptische Metho-
de der Textkritik ist lediglich Ausdruck des Wunsches, das Objekt in seinem
originalen Zustand zu belassen bzw. diesen wiederherzustellen. Nachdrücklich
verbietet sich der Kritiker selbst jede Einflussnahme. Die Kritik verneint in der
letzten Konsequenz die Möglichkeit der Übersetzung. Ihr ist jede Übersetzung
eine unredliche Vereinnahmung des Originals und nur dessen blasser Abglanz.
Die Hermeneutik dagegen sieht in dieser Not eine Tugend. Für sie ist Überset-
zung das Ziel, denn ohne sie, ohne das Zurückführen des Fremden auf eigene
Kategorien, gibt es kein Verständnis, und die Hermeneutik verlöre jede Daseins-
berechtigung.

147 Die allegorische Interpretation ist dagegen für das, was man gewöhnlich unter der Hermeneutik
des Verdachts versteht, konstitutiv geworden. Demonstrieren lässt sich das leicht an einem be-
rühmten Beispiel, Derridas Lektüre des Regenschirm-Fragments („'Ich habe meinen Regen-
schirm vergessen'"; V 12[62]). Herausgelöst aus einem Kontext den wir nicht kennen, so Derri-
da, kann dieser schlichte Satz alles und nichts bedeuten. Aber auch wenn durch Zufall ein
solcher Kontext offenbar würde, könnte man immer noch annehmen, es handele sich z.B. um
einen Geheimkode, der nur für einen unbekannten Adressaten dechiffrierbar sei. Vor dieser
Möglichkeit ist die Hermeneutik in der Tat machdos, genauso machdos wie vor der unausbleib-
lichen psychoanalytischen Lesart: der Schirm als Phallus, das Vergessen — man weiß schon. Be-
stehe nicht sogar die Möglichkeit, so Derrida, dass die Gesamtheit von Nietzsches Werk (la tota-
lite du texte de Nietzsche) in dieser Hinsicht dem Fragment gleicht? Derrida kann diese
Möglichkeit nicht ausschließen, so wie auch seine eigene Reflexion vom selben Typ sein könnte,
auch sie könnte einen Geheimkode kommunizieren etc. ad infinitum. Zu Derridas Regen-
schirmbeispiel s. auch Blondel (1981/82:539), eine exemplarische Auseinandersetzung mit fehl-
geleiteter apriorischer Nietzsche-Exegese.
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2.5. Die skeptische Wissenschaft 95

Die philologische Erklärung, deren Ansatz Nietzsche, wie zu sehen sein wird,
aus der Philologie auf andere Gebiete überträgt, teilt das Ziel der Aneignung
durch die Hermeneutik nur insoweit, als das Fremde, d.h. der fremde Text, der
antike Tempel, die anderen Sitten und Gebräuche, nicht in ihrer besonderen
Form und ihrem Eigensinn zerstört werden. Wer Piaton lesen will, muss zuerst
Griechisch lernen und antike Geschichte studieren. Hermeneutik und Kritik sind
nicht Aufgabe und Ziel der Philologie, so schon Bernhardy, sondern ihre Instru-
mente zum Verständnis der Antike und zur Überwindung der „Entfremdung"
(Bernhardy, 1832:57). Der Sinn des Altertums sei in „Denkmälern eines unglei-
chen Ranges" verteilt und noch dazu in fremden Sprachen ausgedrückt: Gram-
matik allein kann die Überwindung der Entfremdung ebenso wenig leisten wie
das Verständnis, also die Hermeneutik des vorliegenden Materials allein, denn die
„Denkmäler" müssen sowohl zuverlässig sein wie auch gemäß ihres Ranges
durch Kritik gewichtet werden (ebd., S. 57-59).
Bernhardy unterscheidet an dieser Stelle die Stoiker als Systematiker der Alle-
gorese von den alexandrinischen Philologen als Begründern der systematischen
Hermeneutik, die vor allem auf Kritik beruhe, d.h. auf sauberen Texten, Kom-
mentierung derselben sowie ästhetischer Würdigung. Das Ziel der Hermeneutik
bleibt dabei immer dasselbe, nämlich „ d a s g e i s t i g e D a s e i n d e s A l -
t e r t h u m s in s e i n e n S c h r i f t e n u n d s c h r i f t l i c h e n D e n k m ä l e r n a u s -
g e p r ä g t z u g e n i e s s e n , z u r A n s c h a u u n g u n d in d a s S e l b s t b e w u s s t -
s e i n z u r u f e n " — und zwar möglichst unter allmählicher Ausscheidung fremder
Vorurteile und Meinungen (1832:73). Nietzsche wird eine ähnlich taktvolle Aus-
einandersetzung nicht nur mit seinen eigenen Schriften fordern, sondern sie ge-
nerell obligatorisch für die Stellung des redlichen Philosophen zur Welt machen.
Wenn er allerorten den Mangel an Philologie beklagt, dann dringt er auf die Re-
habilitierung der Kritik, die eine Rehabilitierung der Skepsis ist. Hermeneutik in
der Form unbeholfener bis durchaus subtiler Aneignungsversuche gibt es immer
schon von allein.

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3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

3.1. Konjekturalkritik und Genealogie148

In seinen mittleren und späten Texten spielt Nietzsche bewusst mit dem Reper-
toire der Philologie. Die bereits genannten Beispiele sollen nun ergänzt und ver-
tieft werden. Angesichts der Traditionen der Bonner Schule kommt der Konjek-
turalkritik, Kern der niederen Kritik, besondere Bedeutung zu. Nietzsche schlägt
bei seinen Lektüren so manche Emendatio vor, freilich nicht immer so offen-
sichtlich wie in dem Beispiel aus Menschliches, All^umenschlichez „Lucas 18,14
v e r b e s s e r t . — Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden." (KSA 2:87) Aus
einem wird wird ein will, kleinste Veränderungen haben die größte Wirkung.
Theologen und Metaphysiker ahnen nicht, in welchen Untiefen des Textes sie
sich bewegen149. In der Vorstellungswelt der Philologie seit F.A. Wolf, Gottfried
Hermann und Friedrich Ritsehl ist nicht die Interpretation von Texten die zent-
rale Aufgabe des Forschers, sondern zuallererst seine Herstellung, nämlich als
Herstellung des zu erklärenden Tatbestandes. Jene Praxis der Textkritik, die heu-
te unter dem Begriff der Lachmannschen Methode bekannt ist, geht, und das ist
für die Beschäftigung mit Nietzsche natürlich von höchstem Interesse, in vielen
wesentlichen Zügen auf Friedrich Ritsehl zurück (Timpanaro, 21971:46-50)150.
Zur Herstellung eines Textes werden alle durch die Heuristik identifizierten
vorhandenen Überlieferungen zunächst kollationiert, um Übereinstimmungen
bzw. Abweichungen unter ihnen festzustellen. Die Beziehungen (Filiation) wer-
den in Stemmata festgehalten, wie sie Nietzsche selbst unzählige Male gezeichnet
hat. Im Unterschied zu Lachmann genügte es Ritsehl häufig, Verwandtschaften
von Texten aufzuzeigen; um den Urtext war er weniger bekümmert (Timpanaro,
2 1971:46-50). Texte, das lernte Nietzsche von seinem Lehrer, stehen immer in

einem komplizierten Beziehungsgewebe aus Einflüssen und Versatzstücken, die

148 Teile dieses und der folgenden beiden Abschnitte erscheinen in einer früheren Fassung in einem
vom Weimarer Nietzsche-Kolleg erarbeiteten Sammelband (Benne, 2003). Ich danke den Teil-
nehmern der Nietzschetagung Vom Umgang Nietzsches mit Büchern %um Umgang mit Nietzsches Bü-
chern vom 23.-25. September 2002 in Weimar für die Diskussion meiner dort vorgetragenen
Thesen.
149 Wenn es seinem Zweck dient, nimmt es freilich auch Nietzsche mitunter nicht so genau mit
dem Wortlaut, gerade im Neuen Testament (einige Beispiele in Sommer, 2000b:336).
150 Die Grundzüge dieser Methode sind zuletzt und auf bis heute geltende Weise bei Maas (31957)
beschrieben.
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3.1. Konjekturalkritik und Genealogie 97

ihrerseits wiederum einen zu entschlüsselnden Text ausmachen (lat. textus, Gewe-


be, Geflecht). Der Philologe ist Editor und Genealoge und hat in dieser Funktion
lediglich die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen überlieferten Textzeugnissen
festzustellen. In die endgültige Recensio wird schließlich unter konsequentem Ver-
zicht auf Interpretation die jeweils am besten belegte Lesart aufgenommen — Lach-
mann bezeichnete diesen Grundsatz an einer berühmten Stelle der Vorrede zu
seiner Ausgabe des Neuen Testaments als „Recensere sine interpretatione et
possumus et debemus." (zit. nach Karl Stackmann in Flashar u.a., Hrsg.,
1979:251).
Die Recensio wird in der Ritschl-Schule streng von der Emendatio, der T e i -
lung', geschieden, dem Beseitigen von Korruptelen, also verdorbenen Textstellen.
Die Textherstellung als Verbesserung einzelner ,dunkler Stellen' gehört damit der
Geschichte an. Emendationen sind schlagende Verbesserungen, Konjekturen
ihre spekulativere Entsprechung (plausible Vermutungen, die, modern gespro-
chen, falsifiziert und nicht verifiziert werden müssen). Zu den Voraussetzungen
philologischer Arbeit gehört deshalb die genaueste Untersuchung von Überliefe-
rungszusammenhängen, eventuellen Kontaminationen, Interpolationen und Be-
ziehungen zwischen Texten ganz allgemein. Alle nur erreichbaren Textzeugen
müssen in systematischer Weise einbezogen und beschrieben werden. Auch die
Materialität der Schriftstücke spielt eine Rolle, schließlich könnte es sich bei über-
lieferten Fragmenten etwa um Palimpseste handeln. In der ausgearbeiteten Form
dieser für Nietzsche maßgeblichen methodischen Tradition beginnt Philologie
also immer mit Kritik, genauer: mit Herstellung des Textes auf der Grundlage
von Handschriften, Exzerpten, Zitaten, Quellen, Vorbildern (manche Quellen
können nur als Zitatenschatz interessant sein, um mit ihrer Hilfe andere Texte zu
emendieren, die sie selbst ausgeschlachtet haben bzw. umgekehrt). Dieses Stadi-
um der sog. niederen Kritik wird ergänzt von der sog. niederen Hermeneutik als
erstem Stadium der Textauslegung. Der Sprachgebrauch des Textes wird mit dem
Usus verglichen, die Sacherklärung erläutert historische, biographische, lexiko-
graphische Umstände, der Text wird Satz für Satz ausgelegt, zunächst ohne Be-
rücksichtigung des Gesamtzusammenhangs, wohl aber unter Beachtung von Stil
und Gattung. Auf diese Weise entsteht der Kommentar, dessen extremste Form
wohl eine annotierte Ubersetzung darstellt. Wenn sich in der niederen Herme-
neutik Widersprüche ergeben, versucht die niedere Kritik entweder Korruptelen
zu diagnostizieren oder aber gleich eine Konjektur, das „Lieblingskind der Philo-
logen" (Birt, 1913:125) zu setzen.
Auf allen Ebenen der Kritik ist es immer wieder der Vergleich, dessen sich
Nietzsche als bevorzugtem Verfahren der Philologie bedient: „Die Vorausset-
zung, um Verwandtschaften nachzuweisen, ist Bekanntschaft mit den verschie-
denen Parteien. Es gilt Gleichförmiges nachzuweisen, das sich mit Gesetzmäßig-
keit wiederholt." So beschreibt Nietzsche sein wissenschaftliches Credo in den
Vorlesungen über lateinische Grammatik des Wintersemesters 1869/70 (KGW

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98 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

II.2:188)151. Theoretisch ist es demnach denkbar, Texte maschinell, auf der


Grundlage von Algorithmen in rein formaler Hinsicht zu vergleichen, denn der
erste Arbeitsschritt bei der Grundlegung eines Textes besteht immer darin, alle
vorliegenden materiellen Quellen rein routinemäßig zu kollationieren und die
verschiedenen Lesarten vor allem sprachlich-stilistischer Art zu notieren. Der
Vergleich ist die grundlegende wissenschaftliche Operation, weil nur er zu analy-
tischen Kategorien führt, die man zueinander in Bezug setzen kann. „Ein Phä-
nomen wird erst fixirt, dann erklärt, dh. die vereinzelte Thatsache wird in die
Rubriken eingeordnet, die eigentl. w i s s e n s c h a f t l i c h e P r o z e d u r . " (vgl. KGW
11.3:373-376) Diese Prozedur mag in die Nähe geistigen Fabrikarbeitertums gera-
ten, aber nicht aufgrund ihrer Operationen, sondern nur im Falle ihres einseitigen
und ausschließlichen Einsatzes (369f). Deutlich wird Nietzsches Arbeitsweise als
textkritisch geschulter Philologe beispielsweise in den Prolegomena den Choepho-
ren des Aeschylus, in welchen die Textverderbnis als „das unverständliche, das un-
grammatische, das unmetrische das unlogische das unaesthetische" (KGW
11.2:30) gebrandmarkt wird, das durch Verschreibungen, Auslassungen, Ein-
schiebungen, Versetzungen, kurz Fehler der Schreiber zustandegekommen ist,
aber mit großer Wahrscheinlichkeit emendiert werden kann152. In Zweifels fällen
sei jene Variante am nächstliegenden, welche am häufigsten vorkomme — ein rein
quantitatives, von der Subjektivität des Editors unabhängiges Kriterium. Bei der
Emendatio werde somit das subjektive Element der auch in der Kritik unerlässli-
chen Phantasie „am Zügel der ratio" (ebd.) gehalten.
Die rein quantitativen Kriterien verlieren, wie oben erwähnt, schon zu Nietz-
sches Zeit an Boden. Bereits in grundsätzlich theoretisch-methodischen Reflexi-
onen der Jahre 1867-68 denkt Nietzsche über die „erstaunliche Kühnheit" der
zeitgenössischen literarhistorischen Kritik nach: „Wir haben<n> erstens den
naiven Standpunkt verlassen, wo man die Zahl der Zeugnisse zusammenstellte
und der überwiegenden zustimmte." (KGW 1.4:404; vgl. auch 406f) Vielmehr
spielen nun auch bei textuellen Fragen die ästhetische Gewichtung oder literar-
historische Zusammenhänge, d.h. Fragen der höheren Kritik eine größere Rolle,
ohne freilich die quantitativen Kriterien ganz abzulösen. „Es läßt sich nichts
ausrechnen, aber die Möglichkeiten lassen sich ihrer Zahl nach durch ratio ver-
ringern: die Möglichkeiten zu sehen ist Sache der Phantasie, die eingetaucht ist in
die Sprache u. den Sprachgebrauch des Dichters, in seine Anschauungen. Gefahr,
den Dichter zu überdichten: es kommt viel auf die aesthet. Gesammtschätzung

151 Vgl. z.B. Bernhardy (1832): „Alles was wir sehen u. was wir sind, fordert die Vergleichung
heraus, darum muß der Philolog einen contemplativen Geist haben. Er soll sich an dieser Ver-
gleichung erziehen. Dabei wird er noch nicht zum Griechen: aber er übt sich an dem höchsten
Bildungsmaterial." (S. 372)
152 Vgl. auch K G W II.3:376ff über Konjekturen bei Textverderbnissen wie Vertauschung von
Buchstaben, Auslassungen, Umstellungen, Interpolationen etc.
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3.1. Konjekturalkritik und Genealogie 99

an". (KGW II.2:30)153 Angesichts der Strenge und Konzentration textkritischer


Methodik ist Nietzsches Befürchtung durchaus nachzuvollziehen, zum „Fabrik-
arbeiter im Dienste der Wissenschaft" (KGW I.4:222f) zu werden, der am Ende
keine Neigung mehr verspürt, größere Dinge zu erfassen und zum Vulgus der
philosophischen Fakultät absinkt. Von daher ist es umso bemerkenswerter, dass
er sowohl als Berufsphilologe wie auch später an der wissenschaftlichen Metho-
dik und ihrem Streben nach Freiheit vom Subjekt des Philologen festhält. Ihr
Wert steht für ihn immer außer Frage.
Die von Ritsehl vor allem entwickelte genealogische oder Stammbaum-
Methode154 war Textgeschichte im weitesten Sinne. Schon in F.A. Wolfs Prolego-
mena wurde die Bedeutung der Einteilung von Manuskripten in Familien und
Klassen als Mittel der Reduktion der Materialmassen auf die relevanten Exempla-
re erkannt. Die genealogische Methode der Ordnung überlieferter Texte in einem
stemma codicum geht von der heuristischen Grundannahme aus, dass keine zwei
Abschreiber denselben Fehler machen155. Die Überlieferung wird bis zu dem

153 So auch schon bei Ritsehl: „Die kritische Methode Ritschl's war kühn und durchgreifend. Sie
fußte auf der sorgfältigsten Feststellung und Prüfung der Ueberlieferung, ohne sich dem Buch-
staben gefangen zu geben. Von der UnZuverlässigkeit der Abschreiber war er durch reiche Er-
fahrung und unbefangenes Urtheil tief überzeugt. Die ratio, d.h. die durch gründliche Beobach-
tung gefundenen Gesetze der Sprache und des Versbau's, die consuetudo, die Angemessenheit des
Gedankens und des Zusammenhangs galt auch ihm wie Bentley mehr als 100 codices. Aus einer
alle Momente der Betrachtung zusammenfassenden Intuition heraus sprang ihm blitzartig die
evidente Verbesserung entgegen [...]" (ADB, Bd. 28:659).
154 Wichtig waren dabei ebenfalls die Beiträge des großen dänischen Latinisten Madvig, dessen
Verbindung zur Ritschl-Schule bereits erwähnt wurde. Nützlich dazu ich die Darstellung von
Rubow (1938). Im Vorwort seiner berühmten Ausgabe von De finibus bonorum et malorum (1839)
definiert Madvig Ziel und Mittel der Textkritik. Aufgabe sei es, den Text soweit wie möglich zu
rekonstitutieren, so dass er dem Zustand am nächsten komme, in dem er die Hand des Verfas-
sers verlassen habe, unabhängig davon, ob uns dies in jedem Detail gefalle, ob wir ihn so schö-
ner finden oder nicht. Mittel dazu seien vor allem die Untersuchung von Handschriften, Zitaten,
Anspielungen u. dergl.: bei unterschiedlichen Uberlieferungen gelte es, verschiedene Gruppen
zusammenzustellen und möglichst auf einen Archetypus zurückzuführen, der nicht unbedingt
mit der Handschrift des Verfassers übereinstimmen muss (nach Rubow 1938:83). Die Metho-
denverwandschaft der genealogischen Methode mit der historischen Quellenkritik ist kein Zu-
fall, sondern liegt in ihrer Entstehungsgeschichte begründet (Maas, 31957:passim) — dies bewies
bereits die Kontinuität der Bonner Schule von Niebuhr bis Ritschi. Der Name Lachmanns ist
freilich schon den Zeitgenossen Synonym dieser Methode (vgl. Bursian, 1883, Bd. 2:788ff).
Ritschis und Madvigs entscheidende Weichenstellungen gerieten in Vergessenheit, da bei Lach-
mann die reine Textkritik unter Ausschluss anderer Interessen noch viel stärker im Mittelpunkt
der philologischen Arbeit stand. Bekannt wurde seine Methode nicht nur durch die im Vergleich
zu Ritsehl mechanischere Anwendung (die sie im Klima des aufkommenden Positivismus be-
günstigte), sondern auch durch die breitere Anwendung: Lachmann verwendete sie gleicherma-
ßen und in berühmten Textausgaben auf lateinische, griechische (antike und biblische), mittel-
und neuhochdeutsche, poetische wie prosaische Texte. Schmidt (1988) hat in Auseinanderset-
zung mit Timpanaro ( 2 1971) zeigen können, dass Lachmann die ihm zugeschriebene Methode in
Wahrheit gar nicht so stark praktizierte, sondern für seine Editionen immer in relativ frühem
Stadium einen verlässlichen Text wählte, von dem er weiter ging.
155 In der ekminatio codicum descriptorum werden deshalb auch Uberlieferungen ausgesondert, die
sich für die Textherstellung als wertlos erwiesen haben, z.B. jene, die sich lediglich auf bereits
verwendete codices stützen.
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100 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Exemplar aufgespaltet, von dem nach allen vorliegenden Erkenntnissen die erste
Spaltung ausging. Dieses Exemplar ist der Archetypus, das Ziel aller philologi-
schen Bemühungen. Der Philologe sucht nach den ,Wurzeln' des Textes, um
durch Vergleich einen Archetypus zu rekonstruieren, der dem Original, also ei-
nem mit der Absicht des Autors übereinstimmenden Text, nahe kommt. Der
Archetypus wird dabei nicht naiverweise mit dem Original verwechselt, er gilt
durchaus als Konstruktion, die bei dem Erscheinen neuer Zeugen eventuell revi-
diert werden muss. Entscheidend ist aber der Wille des Editors zur Zurücknahme
seiner eigenen Individualität, auch wenn sich diese nicht völlig ausschalten
lässt156.
Das ist die entscheidende Schnittstelle der Lachmannschen und Ritschlschen
Methode, ohne deren Kenntnis Nietzsches Umgang mit dem Problem der Ausle-
gung unverständlich bleiben muss. „Zur Wiederherstellung der antiken Schrift-
werke," so fasst Bursian die Tradition der Lachmannschen-Ritschlschen Textkri-
tik zusammen, „bedarf es einer doppelten Thätigkeit: der Untersuchung über die
Person des Schriftstellers und über die ursprüngliche Gestalt seines Werkes, und
der Darlegung seiner Gedanken und Empfindungen sowie der Verhältnisse,
unter welchen dieselben entstanden sind: das erstere ist die Aufgabe der K r i t i k ,
das letztere die der I n t e r p r e t a t i o n . " (1883, Bd. 2:789f). Die Kritik besteht aus
den drei Teilen des recensere, des emendare und des originem detegere: die Auf-
deckung des Ursprungs wird durch Abhörung der Zeugen und durch Korrektur
der falschen Zeugnisse wiedergewonnen. Da auf Interpretation so lange wie
möglich verzichtet werden sollte, bezog sich Methodik und Methodenstolz der
Ritschl-Lachmannschen Methode fast immer auf die Recensio, besonders auf die
strenge Kollation und Einteilung in ein Stemma; die Recensio ist, gerade weil sie
auf Interpretation verzichtet, ihr definitorischer Kern (vgl. Schmidt, 1988)157.
Die Metaphorik des Stammbaums hat die Philologen verführt, ein Allheilmit-
tel war sie nicht. Die Ritschl-Schule ist heute naturgemäß hoffnungslos veraltet.
Da sie aufgrund ihrer raison d'etre überall nur bewusste Fälschungen oder unbe-
wusste Interpolationen sah, kam sie zu manch zweifelhafter Emendatio. Es ist
aber ihr Misstrauen, die grundsätzliche Haltung gegenüber dem Zustand des
Textes, die Nietzsche geprägt hat: wann immer er Theologie, Metaphysik und
Naturwissenschaft kritisiert, dann wegen der mangelhaften wissenschaftlichen

156
Ähnliche Untersuchungsergebnisse liefert schon Figl (1984), der in den philologischen Schriften
Nietzsches vor allem ein starkes Interesse an Quellen- und Uberlieferungsforschung bemerkt,
das auf mögliche Wiederherstellung des originalen Texts gerichtet ist und streng zwischen Ur-
sprünglichem und Hinzugekommenem unterscheidet (115f). E r diagnostiziert zu Recht „ein
grundsätzlich skeptisches Verhältnis zur vorgegebenen Gestalt des schriftlich fixierten Textes".
Die philologische Kritik soll die Genese freilegen, gesucht sei letztlich immer wieder ein ande-
rer, nicht fixierter Text (117). Die Implikationen dieser Beobachtung für Nietzsches Interpreta-
tionstheorie hat Figl nicht gesehen.
157
Ein aufschlussreicher Selbstkommentar zur Methode und ihrem Ethos findet sich in Lach-
manns kleinem Aufsatz „Rechenschaft über L. Ausgabe des N e u e n Testaments" in Lachmann
(1876a:250-272).
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3.1. Konjekturalkritik und Genealogie 101

Grundlage, denn es mangele am zuverlässigen Text, an einer sauber durchgeführ-


ten Recensio des Untersuchungsgegenstandes. Die Kombination von Recensio
und Ursprungsforschung der höheren Kritik bilden schließlich auch den meta-
phorischen Hintergrund von Nietzsches eigenem positiven Beitrag zur philoso-
phischen Methodik: der Genealogie, die er als erster in die Philosophie einführte.
Sie stammt nicht, wie allgemein vorausgesetzt, aus der Ahnen- und Stammbaum-
forschung (Stegmaier, 1994:63f), sondern unmittelbar aus der zeitgenössischen
Philologie; schon früh gibt es Belege für seine Verwendung im philologischen
Zusammenhang (z.B. KGW I.4.:360). Wohl griff die Philologie selbst metapho-
risch auf die Ahnen- und Stammbaumforschung zurück, wie dies ja auch in ande-
ren Wissenschaften wie etwa der Indogermanistik üblich geworden war158. Aber
für Nietzsche hat diese Etymologie kaum eine Rolle gespielt159.

3.2. Numismatisches

Denkt man die geschilderte Methode mit der im 2. Kapitel dargestellten philolo-
gischen Theorie zusammen, wirken Nietzsches Texte nun weniger widersprüch-
lich. Nietzsches Genealogie steht in engem Zusammenhang mit seiner Analyse
abendländischer, platonisch-christlicher Allegorese und Dogmatik. Sie ist kriti-
sches Instrument zur Entzifferung des historisch verfälschten Textes:
Die Kirche hat nie den guten Willen gehabt, das neue Testament zu verstehen: sie hat
sich mit ihm beweisen wollen. [...] Es bedurfte erst des neunzehnten Jahrhunderts [...]
u m einige der vorläufigsten Bedingungen wieder zu gewinnen, u m das Buch als Buch
(und n i c h t als Wahrheit) zu lesen, um diese Geschichte nicht als heilige Geschichte,
sondern als eine Teufelei von Fabel, Zurechtmachung, Fälschung, Palimpsest, Wirr-
warr, kurz als R e a l i t ä t wieder zu erkennen... [...] Was hilft alle wissenschaftliche Er-
ziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibel-Auslegung
wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröthe zur Leibfarbe gemacht
hat? (VIII 11 [302]; Kursivierung von mir)

158 Etwa in August Schleichers berühmter Stammbaumtheorie der Entwicklung indoeuropäischer


Sprachen, die Nietzsche naturgemäß kannte. In den bisher edierten Philologica gibt es sogar ei-
ne schöne Reproduktion eines solchen Schleicherschen Stammbaums zur Verdeutlichung der
Entwicklung der lateinischen Sprache (KGW 11.2:194).
159 Inspiriert hat mich zu dieser Auffassung u.a. mein Kollege Jorgen Hass (2001:78f). Vgl. auch
schon Hass (1982:51). Ich kann ihm aber nicht darin folgen, dass Nietzsches Auffassung, es ge-
be keine Tatsachen, nur Interpretationen, auf die Unmöglichkeit authentischer Texte im Sinne
der Lachmannschen Methode zurückzuführen sei. Erstens glauben Lachmann und Ritsehl tat-
sächlich, authentische Texte (wenn auch nicht unbedingt Originale) herstellen zu können. Zwei-
tens versteht Nietzsche, wie meine Arbeit zeigen wird, unter .Interpretation' etwas spezifisch
anderes. Dass die genealogische Philologie auf Nietzsches philosophische Genealogie gewirkt
haben könnte, hat als erster und außer Hass einziger schon Andler (1920-1931, Bd. 2:78) be-
merkt. Aber da er selbst die Tragweite dieses Gedankens nicht erkannte, wurde dieser von kei-
nem seiner Leser aufgegriffen — wohl auch weil die philologische Tradition der französischen
Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte allzu fremd war und Andler in Deutschland wenig
Leser fand.
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102 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Kritik und Hermeneutik allein — man beachte ihre Zusammengehörigkeit —


sind nicht genug, wenn es an intellektueller Redlichkeit fehlt. Trotz aller moder-
nen methodischen Schulung kann sich die theologische Exegese noch immer
behaupten. Nietzsche scheint zu sagen: die Bibel ist nur ein Buch, und zwar ein
schlecht erforschtes, ein Amalgam unzuverlässiger Textfragmente statt eines
gründlich textkritisch behandelten Archetypus. Für Nietzsche soll die traditionel-
le Bibelkritik endlich durchgreifend von philologischen Standards abgelöst und
übertroffen werden. Guter Wille ist ihre erste Voraussetzung. Das Gegenteil, die
von der Kirche gewählte Allegorese, resultiert in Fälschung und Zurechtma-
chung.
In der zitierten Notiz wird jedoch bereits über bibelkritische Fragen hinaus-
gegangen. Wie auch an anderen Stellen gezeigt werden wird, verbirgt der Angriff
auf die Theologie zumeist grundlegendere Positionen. Nietzsches Argumentation
hat die Form eines Chiasmus: innen entsprechen sich die Begriffe der „Wahrheit"
und die „heilige Geschichte", außen „das Buch als Buch" und die „Fälschung"
usw. Die Aufforderung, das Buch, also die Bibel, „als Buch" zu lesen, ist nicht
nur eine Aussage über die Heilige Schrift, sondern, durch die nähere Kennzeich-
nung seiner Eigenschaften, über das Buch als Buch im allgemeinen. Wenn man
die Bibel als heilige Geschichte liest, an der es nichts zu deuteln gibt, dann fasst
man sie als geoffenbarte Wahrheit auf. Liest man sie dagegen als ein Buch wie
andere Bücher auch, verdächtigt man sie (dieser Verdacht müsste dann bewiesen
oder entkräftet werden), gefälscht, zurechtmacht, interpoliert worden zu sein. Ein
Buch generaliter als Buch zu lesen heißt deshalb nicht anderes, als es nicht als
„Wahrheit", sondern als „Realität" aufzufassen. Nietzsche setzt den Begriff der
„ R e a l i t ä t " offenbar mit Fälschung, Verwirrung und Zurechtmachung gleich —
und parallelisiert ihn dadurch dem Begriff des Buches als Buch.
Auf das Messen der Realität an den Eigenschaften des Buches wird zurück-
zukommen sein. Bei der Beschreibung sowohl des Buches als auch der Realität
ist der Wahrheitsaspekt jedenfalls irrelevant angesichts viel grundlegenderer text-
kritischer Schwierigkeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass man in bestimmten
Bereichen laut Nietzsche Dinge oder Umstände niemals als zumindest vorläufig
„wahr" bezeichnen kann. Wenn der Philologe einen Text der Interpolation ver-
dächtigt, so schwebt ihm ja eine von Interpolationen freie Variante vor, die dem
Archetypus näher kommt. In jenen Bereichen also, wo sich die strenge Methodik
praktizieren lässt, wo sie dem Untersuchungsgegenstand angemessen ist, lassen
sich Fälschungen und Zurechtmachungen noch aufdecken, guten Willen und
entsprechendes Material vorausgesetzt. So heißt es bei Nietzsche angesichts pro-
testantischer Glaubensstreitigkeiten:
und doch wurde darüber die Welt in Flammen gesetzt, also über Meinungen, denen
gar keine Dinge und Realitäten entsprechen; während in Betreff von rein philologi-
schen Fragen, zum Beispiel nach der Erklärung der Einsetzungs-Worte des Abend-
mahls, doch wenigstens ein Streit erlaubt ist, weil hier die Wahrheit gesagt werden

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3.2. Numismatisches 103

kann. Aber wo Nichts ist, da hat auch die Wahrheit ihr Recht verloren (VM 226.,
2:481)

Dies ist nicht etwa eine Übertreibung aus Nietzsches angeblicher positivistischer
Phase. Für Nietzsche gibt es auch im Spätwerk die Möglichkeit, wissenschaftlich
unabhängig von Interpretation und Subjektivität zu arbeiten, wie eine von der
Forschung übersehene Stelle aus Jenseits von Gut und Böse beweist. Die Gelehrten
als die „eigentlich wissenschaftlichen Menschen" können vielleicht wirklich ihre
herrschenden Triebe überwinden (!) bzw. ihren Erkenntnistrieb wie „ein kleines
unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen, tapfer darauf los arbeitet, ohne
dass die gesammten übrigen Triebe des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt
sind" betreiben, wobei es gleichgültig sei, wo die kleine „Maschine" angeworfen
wird. Das unterscheide sie von den alles persönlich nehmenden Philosophen
(JGB 1.6, 5:19f). Zwar ist Nietzsche nach wie vor der Auffassung, dass über die
,maschinelle' Methode hinausgegangen werden müsse, so wie die Recensio allein
ja auch nicht weiter fuhrt. Aber die Notwendigkeit philosophischer und divinato-
rischer Schöpfung endässt nicht aus dem Imperativ intellektueller Redlichkeit, die
sich von der eigenen Subjektivität emanzipiert160.
Ein prominenter Gegenbegriff Nietzsches zur intellektuellen Redlichkeit ist
der Begriff der Falschmünzerei. Es ist auffällig, dass er in Kontexten Verwen-
dung findet, die an die Beschwörung textkritischer Redlichkeit und Methode
denken lassen. Auch er ist vor allem den christlich-platonisch geprägten Weltbil-
dern entgegengesetzt. Es sei daran erinnert, dass die Numismatik ein wichtiger
Bestandteil der philologischen Enzyklopädie war. Bernhardy behandelte die aus-
drücklich so bezeichnete „Falschmünzerei" (1832:389) in einem gesonderten
numismatischen Kapitel zur philologischen Enzyklopädie. Droysen demonstriert
die Leistung der Echtheitskritik am Beispiel der Münzkunde, die wegen der vie-
len antiken Falschmünzereien unverzichtbar war (51967:102f). Auch die Münz-
kunde wird den Kriterien historisch-kritischer Philologie unterzogen. Wer eine
falsche Münze als echtes Zahlungsmittel ausgibt, dient unter dem Deckmantel
der Solvenz eigenen Zwecken. Das Zahlungsmittel selbst wird dabei entwertet.
Misstrauen gegenüber der gängigen Münze beschützt vor dem Betrogenwerden
und hilft, wahre Motive aufzudecken. Der Leichtgläubige ist der Betrogene; und
wer nicht betrogen werden möchte, muss eine gesunde Skepsis entwickeln und
wissen, woran man Fälschungen erkennt. Die Beschaffenheit der Münze spielt
naturgemäß eine wichtige Rolle. Genaueste Analyse und Kritik sind, im übertra-
genen Sinn, das Prüfinstrument — und der Vergleich ihre bevorzugte Methode,
denn man muss viele Münzen gesehen haben, um ein einzelnes Exemplar beur-

160 Nietzsche zeigt sich außerdem mehrfach als Anhänger einer modern anmutenden wissenschaft-
lichen Heuristik im Sinne einer Methodik zur Gewinnung vorläufiger, revidierbarer Wahrheiten
(z.B. VII 25[449]). Man arbeite ja immer mit Voraussetzungen, und sei es nur mit der, dass Er-
kenntnis möglich sei (VII 1884 26[126]). Ferner appelliert er mehrfach an Ockhams Rasiermes-
ser (z.B. J G B 1.13, 5:28 oder 2.36, 5:55).
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104 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

teilen zu können. In der Gegenüberstellung von echten und falschen Münzen,


auf der Grundlage möglichst breiter numismatischer Kenntnisse, kann der Ex-
perte den Wert bestimmen, so wie der Philologe durch systematische Recensio
und, in der höheren Kritik, durch Belesenheit wachsende Gewissheit erlangt.
Selbstverständlich gibt es daneben die Ahnungslosen, die mit Falschgeld han-
deln ohne es zu wissen: Nietzsche nennt sie ,„unbewusste' Falschmünzer"; in der
deutschen Geschichte kämen sie häufig vor. Gemeint sind die idealistischen Phi-
losophen, namentlich Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, aber selbst Kant
und Leibniz. Diese „Schleiermacher" sollen „nie die Ehre haben, dass der erste
r e c h t s c h a f f n e Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die
Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden,
mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird." — Nietzsche meint naturge-
mäß sich selber (WA 3., 6:361). Warum gerade Schleiermacher in den Genuss des
wenig originellen Namenwortspiels kommt, ist leicht einzusehen. Halb Philo-
soph, halb Theologe, ist er Verbindungsmann zwischen bewussten und unbe-
wussten Falschmünzern und, besonders in seiner zweiten Rolle, derjenige, der
das Kapital aus fragwürdiger theologischer Quelle unter die Leute bringt. Schlei-
ermachers Name war wegen seiner epochemachenden Übersetzungen für die
Zeitgenossen und gerade fur Klassische Philologen natürlich untrennbar mit
Piaton verbunden. Schleiermacher wird schon in Menschliches, Alli^umenschliches
(1.132, 2:125) als Begründer der „sich frei nennende [n] Theologie" seine Art und
Weise psychologischer Erklärung religiöser Phänomene vorgeworfen161. Die

161 Gegen Schleiermacher findet sich schon ein frühes Zeugnis aus der Studienzeit, ein mögliches
Indiz, dass Nietzsche die Abneigung gegen Schleiermacher von Ritsehl erbte. „Mir persönlich
gefällt die Gestalt des Democrit gewaltig, freilich habe ich sie mir ganz neu reconstruiert, da
unsre Philosophiehistoriker weder ihm noch Epikur je gerecht werden können, weil sie frumb
sind und rechte Juden vor dem Herrn; am allerwenigsten aber der weibische, geistreichelnde,
unwahre und unklare Schleiermacher" (Brief an Gersdorff, 1.2:350). Dieser antisemitische Sei-
tenhieb sollte hier einmal mehr als Anspielung auf die platonisch-jüdisch-stoische Tradition der
Allegorese verstanden werden, zu welcher Schleiermacher als christlicher Theologe und Platoni-
ker nach Nietzsches Auffassung tendiert. Die deutsche Metaphysik ist für Nietzsche deshalb
nichts anderes als die letzte Transformation christlichen Gedankenguts. Schon Heine hatte ge-
nau dieselbe Linie gezeichnet: „Ja, wie einst die alexandrinischen Philosophen allen ihren Scharf-
sinn aufgeboten, um, durch allegorische Auslegungen, die sinkende Religion des Jupiter vor dem
gänzlichen Untergang zu bewahren: so versuchen unsere deutschen Philosophen etwas Aehnli-
ches für die Religion Christi. Es kümmert uns wenig, zu untersuchen, ob diese Philosophen ei-
nen uneigennützigen Zweck haben; sehen wir sie aber in Verbindung mit der Parthey der Pries-
ter, deren materielle Interessen mit der Erhaltung des Catholizismus verknüpft sind, so nennen
wir sie Jesuiten." (1979:191). Ähnlich auch Weygold: „Schon vor Z e n o n empfand man das Be-
dürfnis, den zumteil läppischen Göttersagen einen tieferen Sinn unterzulegen [...] Erst die Stoi-
ker haben in ihrem Bestreben, die dem Untergang verfallene Volksreligion zu retten, das Ge-
schäft der Umdeutung in dem Masse planmässig und umfassend betrieben, dass sie mit Recht
als die eigentlichen Väter der Allegorik gelten können." (1883:210). Interessanterweise verwen-
det Heine an derselben Stelle und im selben Zusammenhang den Ausdruck von „bloßem
Spinnweb" für die Systeme der (deutschen) Metaphysik — ein Bild, das auch Nietzsche immer
wieder bemüht (z.B. ΜΑ 11.194, 2:464; Μ 71, 3:69; GM III.9, 5:357; AC 11, 6:178; viele Fälle im
Zarathustrd).
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3.2. Numismatisches 105

„Tatsachen", auf die er sich stütze, seien nicht nachweisbar bzw. existierten gar
nicht; er ersetzt ihn durch einen gut verschleierten pneumatischen Sinn. Wo
keine echte Münze zu holen ist, wird Falschgeld gedruckt. Und wo es am Text
mangelt, wird er eben zurechtgemacht bzw. aus billigem Material gefälscht. In
den aphoristischen Büchern und im Spätwerk hat Nietzsche es sich zur Aufgabe
gemacht, numismatische Gutachten auszustellen. Sie fallen meist vernichtend
aus.
Ein zuverlässiger Text ist die Ausnahme, selten wie reines Gold und feine
Schmiedekunst. Die minderwertigen Legierungen sind die Regel, bedenklich,
wenn sie als echte Ware angepriesen werden. Nietzsche kontrastiert die Falsch-
münzerei der Theologen und Philosophen mit ihrem gesteigerten Gegensatz. Die
Philologie nämlich sei „Goldschmiedekunst" des Wortes (M Vorrede 5., 3:17).
Der Text, dessen Eigenschaften und Bedeutungsumfang noch näher zu bestim-
men ist, stellt keinen Fakt, sondern ein Artefakt dar, zu dessen Herstellung viel
Geduld und Könnerschaft nötig sind. Nicht zufällig kommt der Begriff der
Falschmünzerei bei Nietzsche zum ersten Mal in Zusammenhang mit seinen
philologisch-literaturhistorischen Entdeckungen über die textuellen Verfälschun-
gen Demokrits vor162. Einen Hinweis darauf, dass es sich hier um eine philologi-
sche Denkfigur handelt, liefert auch Karl Rosenkranz, der Nietzsche kaum be-
kannt gewesen sein dürfte. In der Einleitung zu seiner Ästhetik des Hässlichen aus
dem Jahr 1853 streicht er den komparativen Charakter seiner Unternehmung
heraus (1990:18f). Die deutsche Literaturgeschichte sei durch das „Zurechtma-
chen" (ein Lieblingsausdruck auch Nietzsches) der Physiologie, etwa durch das
Verschweigen von Sexualität gekennzeichnet und „für Mädchenpensionate und
höhere Töchterschulen schon ganz kastriert" worden. Dadurch sei „eine un-
glaubliche Falschmünzerei der Geschichte der Literatur in Gang gekommen, die
auch schon über die pädagogischen Rücksichten hinaus die Auffassung entstellt
und durch höchst einseitig ausgewählte traditionelle Blumenlesen unterstützt
worden ist." (9). Rosenkranz war nach Ausbildung und wissenschaftlichen Inte-
ressen ein gediegener Philologe und hatte u.a. bei Lachmann studiert.
Dass die Falschmünzerei beim späten Nietzsche im Kontrast zur Umwertung
aller Werte steht, ist mehrfach aufgefallen (ausführlich und fundiert z.B. Sommer,
2000:153ff). Man vergleiche dazu den Brief an Georg Brandes vom 23. Mai 1888:
Diese Wochen habe ich dazu benutzt, „ W e r t h e u m z u w e r t h e n " . — Sie verstehen
diesen Tropus? — Im Grunde ist der Goldmacher die verdienstlichste Art Mensch, die
es giebt: ich meine der, welcher aus Geringem, Verachtetem etwas Werthvolles und
sogar Gold macht. Dieser allein bereichert; die andern wechseln nur um. Meine Auf-
gabe ist ganz kurios dies Mal: ich habe mich gefragt, was bisher von der Menschheit
am besten gehaßt, gefürchtet, verachtet worden ist: - und daraus gerade habe ich
mein „Gold" gemacht... (III.5:317f)

162 Vgl. den Brief an Gersdorff vom 16. Februar 1868,1.2:255.


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106 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Nietzsches alchemistische Goldmacherei ist natürlich nicht notwendigerweise


dasselbe wie die Goldschmiedekunst des Wortes der Philologie. Auffällig ist aber
die Geschlossenheit der Metaphorik; die Goldschmiedekunst wäre gewisserma-
ßen der nächste Schritt. Während die Falschmünzer das Wertvolle entwerten,
wertet Nietzsches das Wertlose auf und veredelt es schließlich. Im selben Brief
heißt es gleich im Anschluss: „Daß man mir nur nicht Falschmünzerei vorwirft!
Oder vielmehr; man w i r d es thun." Gerade der Redliche muss ständig neue
Beweise für seine Redlichkeit erbringen. Die historisch-kritische Methode, sei es
in der Textphilologie oder der Numismatik, sie sei sogar übertragen auf metaphy-
sisches Gebiet, garantiert für den späten Nietzsche in ihrer kritisch-zersetzenden
die Uberwindung des Piatonismus in jeglicher Gestalt. Textuelle Unzulänglichkei-
ten nicht nur nachzuweisen, sondern selber Texte herzustellen, ist philosophische
Wertsetzung, auch wenn diese nicht notwendigerweise gegen jeden Angriff gefeit
ist. Die historisch-philologische Methode, darum nur ging es, ist an der Umwer-
tung der Werte entscheidend beteiligt. Die folgenden Kapitel sollen diese Be-
hauptung noch deutlicher belegen.

3.3. Chirurgisches

Jörg Salaquarda hat Schopenhauer und Nietzsche als die zwei zentralen Denker
im Paradigmenwechsel des neunzehnten Jahrhunderts identifiziert, die den Men-
schen nicht mehr vom Geist, sondern vom Körper her zu begreifen suchen. Dies
habe auch methodische Konsequenzen: bei beiden lasse sich der methodische
Vorrang des Leibes begründen aus seiner Unhintergehbarkeit, seiner Komplexität
im Verhältnis zum Geist; hier liege die Ursache der methodischen Nähe zum
Materialismus der modernen Naturwissenschaften, für die sich beide lebhaft
interessiert hätten — wobei sich der Leib aufgrund seiner Komplexität gleichzeitig
jeglichem platten mechanistischem Materialismus verweigere (1994:41)163. Die
enge Verbindung von Nietzsches Leibdenken zur Philologie hat Salaquarda nicht
gesehen. Die Philologie erst liefert das eigentliche Bindeglied zur Naturwissen-
schaft. In der Philologie steht der Text in seiner ganzen organischen Vielschich-
tigkeit als Soma der Auslegung bzw. Erklärung im Mittelpunkt. Die kritische
Philologie der Ritschl-Schule und Nietzsches Schriften selbst strotzen deshalb
vor einer medizinischen Metaphorik, die sich auf den Textleib bezieht. Wenn
Nietzsche „aus Geringem, Verachtetem etwas Werthvolles" herstellen möchte,
wie es im eben zitierten Brief an Brandes heißt, so beachte man zunächst, dass
laut Nietzsche vor allem der Leib gering und verachtet ist, und zwar seitdem der
Gegensatz von Rom und Judäa auf die Seite der christlichen Spiritualität aus-

163 Zur Leib-Problematik s. ferner die Beiträge der 6. Nietzsche-Werkstatt Schulpforta unter dem
Titel „'Der Leib ist eine grosse Vernunft'" - Die Aktualität der Philosophie der Leiblichkeit
Friedrich Nietzsches" vom 10.-13. September 1997, abgedruckt in Nf S/6 (2000).
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3.3. Chirurgisches 107

schlug. Die Wiedergewinnung des Leibes wird in der Tat zu Nietzsches zentra-
lem Philosophem. Er steht darin ganz in der Tradition der Rehabilitierung der
Sinnlichkeit des deutschen Organismusdenkens. Die Wiedergewinnung des Lei-
bes stellt im übertragenen Sinne aber auch die extreme Metamorphose der philo-
logischen Textkritik dar, deren Weiterentwicklung mit dem Aufkommen des
Organismusdenkens aufs engste verflochten war164. Die Besinnung auf den Leib
geht in Nietzsches Auseinandersetzung mit der Textverfälschung oder Falsch-
münzerei mit einer Besinnung auf den Textleib und den somatischen Sinn einher.
Wenn der Philologe einen ,verdorbenen' Text verbessert, spricht er von ,Hei-
lung', spricht er davon, den Finger auf die Wunden des verdorbenen Textes zu
legen. Die Heilkunde liefert die Hintergrundmetapher des philologischen Selbst-
verständnisses schlechthin. Bei F.A. Wolf heißt es bezeichnenderweise: „Es geht
in der Kritik, wie in der Medicin. Da giebt es Aerzte, die immer auf die Krankheit
los curiren, von der sie eben lesen, oder sie haben eine Parthie Krankheiten, un-
ter die sie alle bringen." (1831:329). Für Ritsehl ist der Philologe und Textkritiker
eine Art Chirurg, der aus dem Leib des Textes krankes Fleisch wegschneidet und
Wunden heilen lässt. Die Emendatio leitet sich ja etymologisch von der ,Heilung'
her. Der griechische kritikos bzw. der lateinische criticus weisen noch in der
Antike sowohl eine philologische wie medizinische Konnotation auf, und zwar
im Sinne von urteilender bzw. scheidender Funktion (vgl. HWP, Lemma „Kri-
tik", S. 1250f). „Es bleibt eine Wohltat, dass scharfe Messer erfunden sind, wenn
auch mit ihnen gelegentlich mancher Unfug getrieben und einige Unschuldige
todtgestochen werden.", so Ritsehl (1879:27). Sein bekannter Schüler Franz Bü-
cheler argumentiert ähnlich. Weil sich die klassische Philologie als Disziplin stän-
dig erweitere, müsse die methodische Grundlage, nämlich Hermeneutik und
Kritik, wieder stärker betont werden. Hermeneutik und Kritik, obschon in der
Theorie getrennt, seien doch in Wahrheit eins. Ritsehl sei der virtuose Meister der
(Text-)Kritik (1878:5ff). Diese Art von Kritik ist letztlich Maß aller Dinge, denn
sie sei „dem menschlichen Geiste, was Gesundheit dem Leibe" (26), besonders
schlagkräftig deshalb, weil sie ja, auch wenn sie gelegentlich über ihr Ziel hinaus-
schießt, als ihr eigenes „Correctiv" sofort wieder selbst dem „Gesetz der Kritik"
unterworfen ist (ebd.)165.

164 Eine Vertiefung dieses Umstandes würde an dieser Stelle zu weit fuhren. Die deutsche Philolo-
gie der Neuzeit ist schon seit Winckelmann und Herder, besonders aber in der Goethezeit auf
vielfältige Weise von organizistischen Vorstellungen befruchtet worden: etwa in dem Sinne, dass
Kulturen oder Sprachen als komplexe Organismen aufzufassen sind, deren Leiblichkeit ebenso
real ist wie ihr geistiger Gehalt; dass Sprachen oder Kulturen demzufolge auch wie lebende We-
sen untersucht werden mussten usw.
165 Man vergleiche ferner das Porträt, das Büchelers Schüler Rudolf Borchardt in einem Nachruf
aus dem Jahre 1908 zeichnet. Er würdigt vor allem Büchelers textkritische Arbeit und seinen kri-
tischen Widerspruchsgeist, den dieser selbstverständlich auch von den Studenten fordert. Ein
Beispiel aus einer Übung zur Emendatio einer Plautus-Stelle: „Bücheler zeigt, dass die bisheri-
gen Verbesserungen nicht nur an sich unmöglich sondern methodisch falsch sind. Er betrachtet
nicht mehr das einzelne Wort sondern das Gefuge, in dem es steht: und siehe da, es zeigt sich
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108 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Nietzsche empfiehlt den Studenten in seiner Enzyklopädie in erster Linie me-


thodisches Studium, jeden Tag solle man sich hierin üben „wie der Mediciner an
seinem cadaver". Als Vorbilder nennt er Bentley, Wolf, Hermann und immer
wieder vor allem Ritsehl (KGW II.3:388f). Nun klingt Nietzsches kryptische
Devise, Philologie und Medizin seien gemeinsam die Gegnerinnen allen Aber-
glaubens (AC 47, 6:226), noch weniger überraschend - und die oben beschriebe-
ne Verbindung zur alexandrinischen Schule leuchtet noch mehr ein. Man sei
nicht „Philolog und Arzt", ohne nicht zugleich Gegner des Christentums zu sein:
„Als Philolog schaut man nämlich hinter die 'heiligen Bücher', als Arzt hinter
die physiologische Verkommenheit des typischen Christen. Der Arzt sagt 'un-
heilbar', der Philolog 'Schwindel'..." (ebd.). Der Philologe ist gleichsam Anatom
des Geistes. So wie es dem Priester an grundlegenden physiologischen Kenntnis-
sen mangelt und seine Ratschläge zur Leib- und Lebensführung deshalb wenig
förderlich bis schädlich sind, ist der Theologe ein schlechter Leser und Denker,
weil er die Leiblichkeit des Gedankens, die sich in der Verfassung des Textes
niederschlägt, missachtet. Ein guter Arzt ist mehr als ein versierter Anatom, aber
ein Arzt kann nichts taugen ohne anatomische Kenntnisse — schon in seiner
enzyklopädischen Vorlesung streicht Nietzsche heraus, dass Anatomie und Me-
dizin in Alexandria gleichzeitig mit Grammatik und Kritik entstanden seien
(KGW II.3:409)166.
Im Spätwerk hat Nietzsche auf dergleichen philologisch-chirurgische Schu-
lung höchsten Wert gelegt. Der ,Arzt der Kultur' aus der Frühzeit, der sich gegen
die Dekadenz des modernen Lebens richtet, scheint wiederbelebt zu werden:
„Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer fuhren — das gehört zu
uns, das ist unsre Art Menschenliebe" (AC 7, 6:174). Die medizinisch-
physiologische Metaphorik ist ferner in der Fröhlichen Wissenschaft und der Göt^en-
Oämmerung besonders auffällig, aber nicht nur hier. In immer neuen Variationen
ermahnt Nietzsche die Philosophen der Zukunft, Kritiker und Experimentatoren
zu sein — als Vorlage dient der experimentell vorgehende Textkritiker. Wenn die
kritische Wissenschaft als Werkzeug begriffen wird, kann sie die Philosophen der
Zukunft geradezu auszeichnen. Der (philologisch geschulte) philosophische Kri-
tiker ist der gesteigerte, weil methodisch gefestigte Skeptiker:
E s ist kein Z w e i f e l : diese K o m m e n d e n w e r d e n a m w e n i g s t e n jener ernsten u n d nicht
u n b e d e n k l i c h e n E i g e n s c h a f t e n e n t r a t h e n d ü r f e n , w e l c h e d e n Kritiker v o m S k e p t i k e r
a b h e b e n , ich m e i n e die Sicherheit der W e r t h m a a s s e , die b e w u s s t e H a n d h a b u n g einer

daß die Gesundheit, die anscheinend die eine wunde Stelle umgibt, ganz scheinbar ist; der Hei-
lende verwandelt sich in den Zerstörer, reißt nach links und rechts das Pflaster vom schlechten
Gewebe und grenzt das gesunde mit unfehlbarem Auge davon ab. Man sieht nun in die ganze
traurige Verstümmelung hinein, man sucht selbst schon, halb unbewußt, während das Ohr dem
Lehrer zuhört, nach Heilmitteln; da klingt die Glocke." (1990:54f)
366 Im Mittelalter wird die Grammatik häufig allegorisch als Greisin dargestellt, die in einem elfen-
beinernen Kästchen Instrumente zur chirurgischen Behandlung von Sprachfehlem aufbewahrt
(Curtius, »1993:48f).
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3.3. Chirurgisches 109

Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das Alleinstehn und Sich-verantworten-
können; ja, sie gestehen bei sich eine L u s t am Neinsagen und Zergliedern und eine
gewisse besonnene Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu fuhren
weiss, auch noch, wenn das Herz blutet. (JGB 6.210, 5:142ff)167
Das Gegenteil dieser medizinischen techne der Heilung des (Text-)Leibes ist
seine Tötung, oder schlimmer — seine Vergewaltigung. Nietzsche hat die Verge-
waltigung, wie eingangs geschildert, mit der Interpretation gleichgesetzt. Zum
Wesen der Interpretation gehöre das „Vergewaltigen, Zurechtschieben, Abkür-
zen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen" (GM 111.24, 5:400). Das
Umfälschen soll an die numismatischen Tricks der Allegoriker erinnern. Das
vergewaltigende Wesen der Interpretation bezieht sich angesichts einer Fülle von
Indizien in Nietzsches Werkkontext auf den achtlosen oder brutalen Umgang mit
(Text-)Leiblichkeit und steht im Gegensatz zum medizinisch-philologischen
Eingriff in heilender Absicht. Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstop-
fen und Ausdichten: es sind keine zufälligen Begriffe, mit denen Nietzsche die
Interpretation charakterisiert, sondern die eingedeutschten Begriffe für die ver-
schiedenen Kategorien von Textkorruptionen168! Das Wesen der Interpretation liegt in
der Missachtung des Textleibes.
Um Phänomene erklären zu können, so wollte es die philologische Theorie,
bedarf es des Zusammenspiels von Hermeneutik bzw. interpretatio und Kritik.
Wenn Kritik aber nicht möglich ist, sei es nun dem Unvermögen des Erklärers
oder der Schwierigkeit des Gegenstandes geschuldet, bleibt die Interpretation
unkontrolliert. Folglich verfälscht und vergewaltigt sie ihren Gegenstand, das zu
Interpretierende. Interpretation als Vergewaltigung findet immer dann statt,
wenn, erstens, Recensio (und Emendatio) gar nicht erst gewollt sind, wie in der
böswilligen Absicht des Falschmünzers; wenn, zweitens, nicht genügend Text-
zeugen vorliegen oder wenn, drittens, eine Recensio des Forschungsgegenstandes
selbst bei strengster Redlichkeit die Kräfte des einzelnen Menschen übersteigt.
Textualität und Textverfasstheit sind daher methodischer Prüfstein jeder Philosophie.
Es sei hier ein Exkurs in Goethes Dichtung und Wahrheit angefügt, einem Werk,
das nicht allein von Bedeutung ist, weil Nietzscheimmer wieder darauf zurück-
griff, sondern weil hier die Wolfsche Philologie von einer Seite beleuchtet wird,

167 In den unredigierten Notizheften kehrt das Motiv der chirurgischen Zergliederung immer
wieder. Siehe etwa Ν VII I S . 13 im Kontext der Auseinandersetzung mit Kritik und Wissen-
schaft und kritischer Zucht für die Philosophen. In Ν V I I I S. 17 will sich Nietzsche zwar nicht
nur als „Analysten" und Experimentator sehen, gleichwohl sei die Kritik Vorbedingung seines
Wesens als „die Lust am Neinsagen u. Zergliedern, die Sicherheit der Hand, welche das Messer führf'
(Seite durchgestrichen): die hier von mir kursivierte Stelle tritt als Einsetzung auf der nicht
durchgestrichenen S. 29 beim Lob der kritischen Zucht eines Kant, F.A. Wolf, Lessing, Niebuhr
erneut auf - vgl. VII 34[221]. Dass Nietzsche ähnliche medizinische Metaphern u.a. bei Wolf
gefunden hat, zeigen auch die Exzerpte zu „Wir Philologen", vgl. z.B. IV 3[35] zusammen mit
dem KSA-Kommentar, KSA 14:558.
168 Nämlich solcher Fachtermini wie z.B. lacunae, luxaturae, omissiones (vgl. z.B. Wolf,
1831:314ff).
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110 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

die Nietzsches eigene Position klarer hervortreten lässt. Die Stelle, um die es sich
handelt, wird — und das ist nicht uninteressant — schon in Bernhardys Enzyklo-
pädie als Einleitung zum Abschnitt über Hermeneutik und Kritik zitiert (vgl.
1832:56). Im Kontext der Auseinandersetzung mit der Bibelkritik beschreibt
Goethe seine „Grundmeinung", wonach es bei aller Uberlieferung „auf das Inne-
re, den Sinn, die Richtung des Werks" ankomme. Dieser quasi göttliche Kern sei
unverwüstlich; Zeit und äußere Einwirkung könne ihm nicht mehr anhaben „als
die Krankheit des Körpers einer wohlgebildeten Seele". Diese medizinische Me-
taphorik wird ganz im Wolfschen Sinne auf den Prozess der Exegese übertragen:
So sei nun Sprache, Dialekt, Eigentümlichkeit, Stil und zuletzt die Schrift als Körper
eines jeden geistigen Werks anzusehn; dieser, zwar nah genug mit dem Innern ver-
wandt, sei jedoch der Verschlimmerung, dem Verderbnis ausgesetzt: wie denn über-
haupt keine Uberlieferung ihrer Natur nach ganz rein gegeben und, wenn sie auch rein
gegeben würde, in der Folge jederzeit vollkommen verständlich sein könnte, jenes
wegen Unzulänglichkeit der Organe, durch welche überliefert wird, dieses wegen des
Unterschieds der Zeiten, der Orte, besonders aber wegen der Verschiedenheit
menschlicher Fähigkeiten und Denkweisen; weshalb denn ja auch die Ausleger sich
niemals vergleichen werden.

Nun bestehe die eigentliche Aufgabe darin, so Goethe, das „Innere" der Schrift
zu erforschen „und dabei vor allen Dingen zu erwägen, wie sie sich zu unserm
eignen Innern verhalte, und inwiefern durch jene Lebenskraft die unsrige erregt
und befruchtet werde". Das unwesentliche Äußere könne man dagegen getrost
der Kritik überlassen. Goethe unterscheidet freilich noch die redliche von der
unredlichen Forschung; letztere, womit offensichtlich v.a. genaue Sachkommen-
tare gemeint sind, nahm er „mit Freuden auf, und fuhr fort, allen [...] Scharfsinn
an den so werten Überlieferungen zu üben." (Goethe, HA Bd. 9:509ff).
Die Unfruchtbarkeit bloßer Kritik hatte Nietzsche, nicht zuletzt von Goethe
inspiriert, in seiner Jugend angeprangert. Nun aber ist er über ihn hinausgegan-
gen. Das Innere einer Überlieferung lässt sich von seiner körperlichen Basis nicht
mehr trennen. Eine Schrift kann nur dann befruchten, wenn sie selbst ,gesund'
ist, denn sonst wirkt sie ansteckend und überträgt ihre Krankheit auf die Verfas-
sung des auslegenden Geistes. Was Goethe an anderer Stelle bemerkt hatte, dass
nämlich die Wolfsche Kritik auf religiöse Schriften angewendet nur schädlich und
zerstörerisch wirke, während große Poesie davon profitiere und letztlich intakt
bleibe169, spricht nurmehr für sie. Auf den synthetischen Ansatz bzw. das endgül-
tige Ziel, aus der Lektüre nämlich Anleitung zum eigenen Handeln zu gewinnen,
muss damit nicht verzichtet werden. Ohne intellektuelle Redlichkeit aber ist es
nichts wert.
Im Kapitel „Von den Hinterweltlern" im ersten Teil des Zarathustra hat Nietz-
sche ein kritisches und wenig verhülltes Selbstporträt seines jugendlichen alter

169 N a c h Eckermanns Gesprächen mit Goethe (1. Februar 1827, Eckermann, 1968:214), „dem besten
deutschen Buche, das es giebt" (WS 109, 2:599)
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3.3. Chirurgisches 111

ego gezeichnet170: „Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Men-
schen, gleich allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerquälten Gottes Werk
schien mir da die Welt." Der Dionysos der Tragödienschrift ist eine hinterweltle-
rische, also letztlich unbewiesene platonische Idealisierung. Die landläufige Auf-
fassung, wonach Nietzsche mit dem Zarathustra wieder zu Positionen der Jugend-
zeit zurückkehre, könnte ungereimter nicht sein. Die Erfindung der Welt als
Traum und „trunkne Lust" des Dionysos, als das Wegsehn vom eigenen Leiden,
wird hier als „Wahn" dem „Wahnsinn" jeglicher menschlicher Erfindung gleich
welcher Götter angeprangert. Nicht aus dem Jenseits kam die Idee des Dionysos,
sondern sie entsprang dem Leiden Zarathustras an der Welt selbst: „Der Leib
war's, der am Leibe verzweifelte", der an der Erde (ver-)zweifelte und sich zum
Tröste eine Hinterwelt erfand. Gegen die Kranken und absterbenden Leibveräch-
ter, die das Himmlische erfanden, um dorthin aus ihrem Elend zu fliehen - die
Religion und Allegorese des Dionysos macht keine Ausnahme —, setzt er den
Sinn für die Erde und den gesunden Leib. Über die Dichter und Gottsüchtigen,
meist „krankhaftes Volk", wird der Erkennende und seine Tugend der Redlich-
keit erhoben: „Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommene
und rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde." (KSA 4:35ff)
Die typische Schlusskadenz, mit ihren rhythmischen Anleihen bei der Askle-
piadeischen Odenstrophe (wie Hölderlin sie gern verwendete) macht schon for-
mal die neue Zielrichtung deutlich: so wie der Gedanke von der Form sich nicht
trennen lässt, ist jede Philosophie Symptom der leiblichen Verfasstheit, die sie
erzeugte171. Das Innere, den ,Geist' einer Philosophie, einer Schrift, eines Men-
schen von seinem Äußeren, seinem Leib zu trennen, ist unredlich. Kritik muss
sich immer auf das Ganze erstrecken. Jede Annahme einer abstrakten Seele führt
über die Allegorese unweigerlich zur fragwürdigen Annahme einer Hinterwelt.
Der nüchterne Ausdruck Nietzsches für den „Sinn der Erde" außerhalb des Zara-
thustra lautet: Sinn für das Tatsächliche bzw. Tatsachensinn. Mit seiner Hilfe wird
die genealogische Methode erst eigentlich produktiv.

3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie

Die Methodik der philologischen Textkritik wurde wissenschaftshistorisch in


dem Moment angreifbar, als sie es mit Fällen zu tun bekam, in denen kein

170 Hier soll naturgemäß nicht behauptet werden, dass Zarathustra identisch mit Nietzsche oder
auch nur dessen Sprachrohr ist. Gleichwohl gibt es nicht wenige Stellen im Zarathustra, an denen
Nietzsche biographischen Stoff verarbeitet. Zweifellos gewollt ist deshalb die charakteristische
Mischung aus erster und dritter Person im Zitat.
171 „Zarathustras Philosophie ist nicht nur — und womöglich nicht in erster Linie — in dem nieder-
gelegt, was er sagt, sondern darin, wie er es sagt. Tempo und Verhaltenheit, Ducken und Stre-
cken, skandierte Rhythmik und melodisches Fließen haben ihr Maß im kollektiven Ensemble
des mythischen Leibes, für den hier — in diesem poetischsten von Nietzsches Werken — der na-
türliche Körper steht." (Mattenklott, 1982:33)
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112 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

umfangreiches Corpus an Handschriften mehr vorlag, auf dessen Grundlage man


verlässliche Texte herstellen konnte. Hier handelt es sich um eine Bruchstelle in
der Geschichte des neuzeitlichen Textbegriffs, die heute in Vergessenheit geraten
ist. Seitdem die philologische Forschung vor allem mit mediävistischen oder
neuphilologischen Forschungen assoziiert wird, mit einer Editionstechnik auf der
Grundlage entweder sehr dürftiger oder aber überreicher Uberlieferung
(handschriflich oder gar gedruckt), hat der Text einen neuen, autonomeren Status
erlangt als noch für die Klassische Philologie zu Nietzsches Zeiten. Der Text, als
Begriff der Antike unbekannt, bezeichnete anfangs den Gegenstand selbst, das
Buch, die ausgeschmückte Bibel als Schriftträger. Er ist Fachterminus der liturgi-
schen Tradition. Erst mit der Reformation und ihrem neuen Gewicht auf der
Exegese wird der Begriff ganz zur reinen Schriftlichkeit abstrahiert. Max Scher-
ner (1996), der den besten neueren Überblick zur Begriffsentwicklung vorgelegt
hat, konzentriert sich auf die hermeneutische Tradition, die den Text schon im-
mer als etwas Gegebenes, Auszulegendes ansieht. Die Anerkennung einer eige-
nen kritischen Tradition in der Begriffsgeschichte, nach welcher der Text als
etwas Herzustellendes gilt, steht noch aus. Diese Tradition aber ist, wie gezeigt
worden ist, die entscheidende für Nietzsche und bestimmt seinen Gebrauch des
Wortes.
Zu einem hergestellen Text gibt es auch einen Hersteller. Der Editor erwirbt
Autorrechte. Ein kurioser philologischer Rechtsfall mag dies verdeutlichen. Karl
Lachmann selbst, der konsequenteste Verteidiger einer interpretationsfreien Re-
censio, hatte anlässlich eines nicht vereinbarten Nachdrucks seiner Lessing-
Ausgabe auf Verletzung der Autorrechte geklagt, war aber vom Berliner Stadtge-
richt abgewiesen worden. Auch wenn der Textkritiker sich noch so sehr als
schöpferischer Urheber ansah, galt dem Gericht das Copyright nur, wenn die
Texte eigenhändig verfasst worden waren172. Lachmann protestierte und mahnte
die Eigenleistungen des Editors an; mit einem bloßen „Corrector" mochte er
nicht verwechselt werden: „Fleiss, Sorgfalt, Urtheil, Scharfsinn, sind dem Verein
nicht schöpferisch genug: was ist ihm denn genug?" (1876b: 567). Die juristische
Begründung des Stadtgerichts blieb jedoch kompromisslos: „Wie weit durch
Bearbeitung eines fremden Textes Autorrechte erworben werden können, dar-
über giebt das Gesetz keinen Wink. Wenn aber auch in einzelnen Fällen für die
Beurtheilung der Leistungen einer solchen Kritik, welche nicht bloss verbessernd,
sondern auch den Text constituirend, ja vielleicht theilweise als Schöpferin des
Textes, Schwierigkeiten daraus entstehen mögen, so verhält es sich doch im vor-
liegenden Falle mit der kritischen Thätigkeit des Klägers einfacher. In dieser
Beziehung hat er nicht frei geschaffen, sondern durch Prüfung und Vergleichung
verschiedener vorhandenen Handschriften und Ausgaben das Passende und
Richtige ausgesucht und in frühere Drucke hineincorrigirt." (563). Ihre intellektu-

172 Siehe Lachmanns Polemik „Ausgaben classischer Werke darf jeder nachdrucken. Eine Warnung
für Herausgeber" aus dem Jahr 1841, in Lachmann (1876b:558-576).
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 113

eile Redlichkeit und Strenge wurde der Recensio zum Verhängnis. Vor allem in
der Version Ritschis ist diese Tradition der Textkritik gewiss nie so naiv gewesen
wie gern angenommen (z.B. Brenner, 1998:275f), sondern wusste im Gegenteil,
dass aller angestrebten Zurückhaltung der Persönlichkeit zum Trotz der Editor
selbst eine Art Künstler ist, dem Anerkennung für seine Leistung gebührt.
Der herzustellende Text als Kern der historisch-kritischen Philologie beruht
weiter auf der Einsicht in die theoretische Unendlichkeit ihrer Aufgabe. Einer der
wichtigsten Unterschiede der neuzeitlichen Philologie zur Theologie lautete, dass
Texte nie für alle Zeiten gesichert, nie alle Schäden geheilt seien (vgl. Birt,
1913:164)173; hier radikalisierte sie die Bibelkritik. Statt einen heiligen Text für alle
Zeiten wiederzugewinnen, bleibt für die Philologie die Reinigung und Erhaltung
der Texte immer Prozess. Nicht-sakrale Texte überleben nur, wenn an ihnen
immer wieder kritisch gearbeitet wird: dies schließt die Auslegung und Kommen-
tierung auf textkritischer Grundlage ein. Schon die Kategorie des Archetypus als
Ziel philologischer Arbeit im Kontrast zum eigentlichen Original zeigt, dass der
sog. Lachmannschen Methode von vornherein eine textgenetische Matrix
zugrundeliegt. Nietzsche argumentierte überraschend modern gegen den Aus-
schluss von Wiederholungen bzw. Varianten und Lesarten aus dem textkritischen
Verfahren:
M a n m u ß sich ja ü b e r h a u p t b e s c h e i d e n , in der T h e o g n i s k r i t i k die e c h t e n L e s a r t e n o -
d e r die e c h t e n G e d a n k e n f o l g e n w i e d e r herzustellen; w a s aber erreicht w e r d e n k a n n ,
ein deutliches B i l d d e r letzten R e d a c t i o n , ihrer Z w e c k e , i h r e s T e x t v e r f a h r e n s , das v e r -
bietet diese W i e d e r h o l u n g e n g e r i n g z u a c h t e n ; v i e l m e h r d ü r f t e n die n a c h f o l g e n d e n
A u s f u h r u n g e n zeigen, w i e m a n sogar v o n b e s a g t e n W i e d e r h o l u n g e n a u s g e h e n m u ß ,
w e n n m a n ü b e r j e n e R e d a c t i o n u n d ihre Ziele sich b e l e h r e n will. 1 7 4

Der springende Punkt ist hierbei, dass Nietzsche als Textkritiker sich selbst wie-
derum kritisch mit dem ursprünglichen Redaktor der Theognis-Spruchsammlung
auseinandersetzt, der seiner Auffassung nach ein schlechter Philologe ist. Er
beschuldigt ihn, Theognis lediglich zu parodieren, um ihn als Lebemann, Trinker,
Päderast u. dergl. darstellen zu können. Der Redaktor stellt die Texte des The-

173 Dieser Grundsatz gilt selbst dann, wenn der Text frei von jeder erkennbaren Crux, d.h. jedem
nicht emendierbaren Überlieferungsfehler ist.
174 Zitiert nach Nietzsches Originalaufsatz im „Rheinischen Museum": Zur Geschichte der The-
ognideischen Spruchsammlung. RM 22 (1867), S. 162. An Fritz Bornmanns Edition dieses Auf-
satzes für die KGW ist naturgemäß nichts auszusetzen. Es lohnt sich aber bisweilen — nur des-
halb sei diese Stelle eingefügt - den Originalkontext von Nietzsches Publikationen zu
berücksichtigen, insbesondere wenn es sich, wie im vorliegenden Fall, um seine erste eigenstän-
dige wissenschaftliche Publikation handelt. Dieser Kontext geht durch die Sammelpublikation
der Philologica verloren. Im Vergleich zu den anderen Aufsätzen derselben Ausgabe des „Rhei-
nischen Museums" wird nämlich deutlich, wie eng der Bereich der Text- und Quellenkritik ist,
auf die sich Nietzsche eingelassen hat - und wie erstaunlich weit er ihr schon zu entsprechen
vermag. Seine genaue Scheidung der überlieferten Handschriftengruppen bzw. -familien endet
in einem schönen Stemma (S. 166). Man versteht sehr gut, wie beeindruckt Ritsehl von der Ge-
lehrsamkeit des knapp 23jährigen gewesen sein muss, der ,die Methode' tatsächlich schon in
Vollendung beherrschte.
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114 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

ognis aus moralischen Gründen auf unzulässige Weise verfälschend zusammen,


weil er ihn moralisch-pädagogisch kompromittieren wollte (179); um ihm zu
schaden, sammelte er Parodien auf ihn (185). Aufgrund der dürftigen Quellenlage
zu Theognis, so Nietzsche, sind schon die Alexandriner auf Schlüsse aus den
Dichtungen selbst angewiesen, um überhaupt Anhaltspunkte zu Theognis' Leben
zu haben.
Die Schwierigkeiten der textkritischen Arbeit potenzieren sich bis ins Unend-
liche, wenn ihre Methode als Vorbild wissenschaftlicher Analyse auf andere Be-
reiche übertragen wird, wenn also z.B. die Kultur, der Mensch selbst oder gar die
Natur metaphorisch als ,Text' angesehen wird, den es zu erklären gilt. Die Kom-
plexität dieser Objekte macht redliche Arbeit so gut wie unmöglich und lässt
philologische Akribie nur eingeschränkt zu. Nietzsche unterscheidet deshalb vier
Domänen nach Maßgabe ihrer Erklärbarkeit, d.h. nach dem Status ihrer Textuali-
sierbarkeit. Die scheinbare Widersprüchlichkeit von Nietzsches Aussagen zur
Interpretation kommt dadurch zustande, dass diese Differenzierung nicht wahr-
genommen wurde. Bei den vier Domänen handelt es sich um (1) schriftliche
Überlieferungen, (2) menschliche Kultur und Gesellschaft im weitesten Sinne, (3)
die „Thatsache Mensch" (WA Vorwort, 6:12) sowie (4) die ,Natur', d.h. das au-
ßerhalb des Menschen liegende Objekt der (Natur-)Wissenschaften.
Die Schwierigkeiten beim philologischen Umgang mit schriftlich überlieferten
Texten — dem Modellfall von Erklärung und Auslegung schlechthin — wurden
bereits genannt. Sie werden dann von allgemeinem, d.h. über die Wissenschaft
hinausgehendem Interesse, wenn sie bei Texten auftreten, an denen sich eine
Kultur oder Gesellschaft ausrichtet, namentlich bei sakralem Schrifttum bzw.
dessen Ersatz. Nietzsche hat besonders die Evangelien bzw. die Bibelkritik im-
mer wieder an den wissenschaftlichen Maßstäben der Philologie gemessen:
Die Zeit ist fern, wo auch ich, gleich jedem jungen Gelehrten, mit der klugen Lang-
samkeit eines raffinirten Philologen das Werk des unvergleichlichen Strauss auskoste-
te. Damals war ich zwanzig Jahre alt: jetzt bin ich zu ernst dafür. Was gehen mich die
Widersprüche der „Uberlieferung" an? Wie kann man Heiligen-Legenden überhaupt
„Uberlieferung" nennen! Die Geschichten von Heiligen sind die zweideutigste Littera-
tur, die es überhaupt giebt: auf sie die wissenschaftliche Methode anwenden, w e n n
s o n s t k e i n e U r k u n d e n v o r l i e g e n , scheint mir von vornherein verurtheilt -
blosser gelehrter Müssiggang... (AC 28, 6:199)

Während über die mit alexandrinischer Methodik redlich behandelten Überliefe-


rungen oder aber über kleine rein sprachliche Schwierigkeiten der Bibel meist die
„Wahrheit gesagt werden kann" (s.o.), ist der Textstand der Heiligen Schrift no-
torisch unzuverlässig, da er von unredlichen Verfassern und Redaktoren stammt,
die, allen wissenschaftlichen Prinzipien zum Hohn, unverhohlen ihre eigenen
Zwecke verfolgen und, wie der Redaktor des Theognis, auf moralische Einfluss-
nahme zielen. Der Fall Jesus kommt der unlösbaren Aufgabe gleich, vor die sich

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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 115

die Philologie angesichts eines codex unicus gestellt sieht, einer singulären Über-
lieferung, die eine Recensio unmöglich macht175.
Das Lob David Friedrich Strauss' wird jeden Leser der ersten Un^eitgemässen
überraschen. Es ist wohl kaum eine Entschuldigung gegenüber Strauss (so z.B.
Thouard, 2000 — der das Zitat verkürzt und ausgerechnet den entscheidenden
textkritischen Passus fortlässt). Die Ironie, die darin mitschwingt, ist vor allem
Selbstironie gegenüber dem eigenen jungen Selbst176. Sie kommentiert eine Er-
kenntnis, zu der Nietzsche erst in seinem langsamen Lösungsprozess von der
akademischen Philologie gelangte, dass die ,Methode' nämlich so universal und
intersubjektiv nicht anwendbar ist, wie sie selbst von sich glaubte. Ein geschickter
Falschmünzer, der, philologisch geschult, es darauf anlegt, kann nachfolgenden
Generationen die redliche Erklärung unmöglich machen. Wo ein Text nicht mehr
philologisch erstellt werden kann, ist der Erklärer auf psychologische Divination
zurückverwiesen. Der weiteren Zurechtmachung und Vergewaltigung sind damit
Tür und Tor geöffnet, da nur wenige Ausnahmepersonen jene intellektuelle
Rechtschaffenheit aufbringen, deren Abwesenheit den Besitz der erforderlichen
divinatorischen Kraft wertlos macht.
Das Zitat enthält, wie der vorhergehende und der folgende Aphorismus zei-
gen, eine Anspielung auf Ernest Renan. Der gesamte Antichrist ist, wie die neuere
Forschung demonstriert hat, als Kommentar zu und Auseinandersetzung mit
Renan zu lesen177, bisweilen sogar als Nietzsches eigenes „Leben Jesu" in Ant-
wort auf Strauss' gleichnamiges Werk sowie Renans IM Vie de Jesus (Thouard,
2000). So kritisiert Nietzsche gleich nach dem zweischneidigen Lob Strauss' die

175 Schon in Aufzeichnungen aus dem Jahr 1865 heißt es über Strauss' lieben Jesu: „Voraussetzungs-
los kann keine historische Kritik in diesem Falle sein. Das Verhältniß Gottes zur Welt muß dem
Forscher als feste Ansicht vorliegen. Daraus dann Verwerfung oder Annahme des Wunderbeg-
riffs." (KGW 1.4:53). „In diesem Falle" bedeutet eine Einschränkung gegenüber der normalen
philologischen Vorgangsweise, die in anderen Fällen bis zu einem gewissen Grade durchaus
voraussetzungslos sein kann. Andreas Urs Sommer hat ausfuhrlich Nietzsches Inspiration durch
Wellhausen beschrieben, dessen Nachweis der literarischen Fälschung des Pentateuch von ihm
auf die Evangelien übertragen werde (2000b:417f). Freilich kann keine Rede von einer direkten
Übernahme sein: Nietzsche fühlt sich von Wellhausen wohl lediglich in seinem philologischen
Misstrauen bestätigt.
176 David Friedrich Strauss hatte ihn in der Jugend begeistern können, da er in revolutionärer Weise
die historisch-kritische Methode auf die Person Jesu anwandte. Noch in der Göthen-Dämmerung
nennt er ihn deshalb den „ersten deutschen Freigeist" (GD Was den Deutschen abgeht 2,
6:104). Die erste Un^eitgemässe war bekanntlich eine Auftragsarbeit Wagners, die Nietzsche später
selbst bereute. Freilich war ihm Strauss auch persönlich als Repräsentant des selbstzufriedenen
Bürgertums suspekt, der ebenso wie dieses durch den vermeintlichen Sieg der deutschen Kultur
als Modellfall der „Entartung" des deutschen Geistes gelten kann. Anlass war das Erscheinen
des „Bierbank-Evangeliums" (ebd.), Strauss' vielgelesenen Der alte und der neue Glaube von 1872.
177 Vgl. bes. Shapiro (1982), Sommer (2000b) sowie Campioni (2001), hier v.a. Kap. II, S. 51-107.
Schon Barbera/Campioni (1984) konnten zeigen, wie der Antichrist aus der Polemik gegen Re-
nans Versuch, das Christentum in der Figur des Jesus als Genie zu retten, wuchs: „ein Versuch,
der von Nietzsche als Symptom der Korruption der Vernunft und der innersten Instinkte gese-
hen wird" (299). Renan werde von Nietzsche als symptomatisch für die Erkrankung der Wil-
lenskraft des modernen Frankreich gelesen (Campioni, 2001:74).
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116 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

mangelhaften psychologischen, d.h. divinatorischen Fähigkeiten Renans, dem es


angesichts der fehlerhaften Überlieferung nicht gelinge, eine angemessene „Er-
klärung" (!) des Typus Jesus zu erarbeiten (AC 29, 6:199f). Der Grund für die
heftige Auseinandersetzung Nietzsches mit Renan liegt nicht gleich auf der
Hand. Lange suchen muss man ihn freilich nicht. Im gesamten Antichrist — ein
Echo auf ein Buch Renans desselben Titels (JJAntechrist von 1873) - steht die
Verfälschung der Uberlieferung durch die Priester, etwa die Verfälschung der
Geschichte Israels und des Alten Testaments auf der Anklagebank. Renan ist der
Widergänger jener Priester, das Urbild des schlechten Philologen, von dem sich
Nietzsche unterscheiden will. Die Insistenz auf der ,guten Philologie' im Antichrist
hat genau diese Funktion. Renan ist eine Inkarnation des Paulus, die es mit den-
selben Waffen wie jenen, nämlich denen der Wissenschaft zu bekämpfen gilt. In
einem Nachlassfragment, das sich mit der Psychologie des Paulus, den Kirchen-
vätern sowie mit der Jesus-Auffassung Renans auseinandersetzt, heißt es be-
zeichnenderweise:
Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichte-Seher besaßen nicht ein Tausendstel von
jener Rechtschaffenheit der Selbstcritik, mit der heute ein Philologe einen Text liest
oder ein historisches Ereigniß auf seine Wahrheit prüft... [Absatz] es sind, im Vergleich
uns, moralische Cretins ... (VIII 14[57]; Kursivierung von mir).

Renans Jesusbuch sowie seine anderen Schriften aus der Reihe zur Histoire des
Origines du Christianisme erfüllten ja dem Anschein nach alle Forderungen des
jungen Nietzsche. Sie gaben sich wie die Tragödienschrift als dichterische Ge-
schichte mit wissenschaftlichem Anspruch, als Kunst auf dem Boden harter Kri-
tik. Auch Renans Reflexionen über das Wesen der Wissenschaft werden anfangs
von der Philologie bestimmt; selbst das Motiv des Fabrikarbeiters findet sich bei
ihm (vgl. Barbera/Campioni, 1984). Nietzsches Antichrist und Renans Werk
stammten offensichtlich aus derselben Tradition der historisch-kritischen Philo-
logie und Bibelkritik sowie der Erforschung des Ursprungs des Christentums.
Nach Ausbildung und Forschungserfahrung war auch Renan Philologe178. Re-
nans voluminöse Bände beginnen stets mit Quellenkritik, die dem Ausweis der
Wissenschaftlichkeit der nachfolgenden Erzählung dienen soll. Dem oberflächli-
chen Betrachter musste Nietzsche im Antichrist deshalb als bloßer Epigone des
Franzosen erscheinen — so wie er ja wenige Jahre zuvor im Anschluss an Paul
Ree als Epigone und Popularisierer der englischen Moralphilosophie gegolten
hatte. Nietzsche konnte sich seinem Antipoden jedoch femer nicht fühlen. Die
Angst vor der Verwechslung wird spätestens seit dem Bruch mit Wagner zu ei-
nem Grundzug seines Denkens und Schreibens, und zwar mit einiger Berechti-

178 In einem Brief an Köselitz vom 15. Januar 1888 erwähnt Nietzsche ein Buch von Georg Bran-
des mit Aufsätzen über Renan, Flaubert, die Goncourts u.a., das ihm gerade zugegangen sei:
„feines Zeug, wie es scheint." (111.5:233). Es handelt sich um den Titel, der in Nietzsches nach-
gelassener Bibliothek noch vorhanden ist. Im Aufsatz über Renan wird dieser gleich auf der ers-
ten Seite als „Philologe" vorgestellt (Brandes, 2 1887:73).
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 117

gung: selbst ein Georg Brandes wird Nietzsche mit Renan vergleichen179. Gegen
Renans unzureichende Wissenschaft setzt Nietzsche deshalb mit Nachdruck die
strengeren methodischen Anforderungen der Bonner Schule.
Renan kennt das Ergebnis seiner Untersuchungen immer schon vorher: Jesus
soll bei ihm durch den Genie- und Heldenbegriff des neunzehnten Jahrhunderts
erklärbar sein — was nebenbei auch Nietzsches Solidarisierung mit Strauss erklärt:
Strauss ging es noch, wie Nietzsche, um Demystifizierung der Jesusfigur, nicht
um ihre Verherrlichung. In Renans Sammelwerk Philosophische Dialoge und Fragmen-
te, das Nietzsche in der deutschen Übersetzung Zdekauers von 1877 sehr genau
durchgearbeitet hatte, tritt entsprechend ein Autor zutage, der den Gottesbegriff
mit moderner Wissenschaft zu vereinbaren sucht. Neuzeitliche Physik und Che-
mie vertragen sich als Wissenschaften offenbar ohne weiteres mit religiösem
Gedankengut. Der Essay „Die Naturwissenschaften und die historischen Wis-
senschaften" (S. 113-140) verlangt die induktive, positivistische Methode auch
für die Geschichtswissenschaft. Renans Wissenschaftsgläubigkeit ersetzt die
Theologie nicht, sondern bestärkt sie: absoluter Fortschritt in der Wissenschaft
wird gleichbedeutend mit dem absoluten Zustand Gottes. In hegelianischer
Denkfigur wird der Mensch zum Werkzeug der Natur, damit diese sich selbst
erkenne und auf diese Weise zur absoluten Herrschaft des Geistes fortschreite
(bes. S. 134ff). Renan musste auf Nietzsche als durch die deutsche Metaphysik
noch weiter als ohnehin schon durch das Christentum verdorbener theologischer
Schriftsteller erscheinen: „Was wir in allen Fällen behaupten können das ist, daß
die schließliche Auferstehung sich durch die Wissenschaft vollziehen wird" (Re-
nan, 1877:139). Ausdrücklich gegen Renan gerichtet heißt es deshalb bei Nietz-
sche: „Was hilft alle Freigeisterei, Modernität, Spötterei und Wendehals-Ge-
schmeidigkeit, wenn man mit seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar
Priester geblieben ist!" (GD Streifzüge 2, 6:111 f).
Nietzsche gesteht Renan durchaus Wissenschaftlichkeit zu, kritisiert aber ih-
ren Missbrauch für christliche Zwecke180. Der Missbrauch unterscheidet sich von
einer Instrumentalisierung oder Nutzung der Wissenschaft, wie sie Nietzsche
selbst vorschwebte, dadurch, dass sie in den Dienst der Allegorese gestellt und
damit ad absurdum geführt wird. Wenn Nietzsche Renan als unmännlich, gar als
Eunuchen darstellt (GM III.26, 5:406f) hat dies also System: diese Eigenschaft

179 Vgl. Brandes (1901). Dagegen Nietzsche: „Ich will mit Niemandem mehr verwechselt werden".
So Nietzsche an Köselitz am 17. April 1883, nach dem Ende seiner Beziehung zu Paul Ree, mit
dem er ja in der Tat verwechselt worden war. „ V e r w e c h s e l t m i c h v o r a l l e m n i c h t ! "
(EH Vorwort 1, 6:257) ist ein Imperativ, der allen seinen Schriften eingeschrieben ist und seine
heftigen Ausfälle gerade gegen jene Autoren erklärt, die ihm besonders wichtig waren. Renan
war übrigens einer der wenigen Franzosen, die im Hause Wagner geschätzt wurden (Näheres in
Campioni, 2001). Vgl. auch den Brief Nietzsches vom 18. April 1873: „Der verehrungswürdigs-
ten Frau Gemahlin schicke ich heute, mit den besten Grüßen, den Paulus von Renan (sie)."
(11.3:145).
180 Zu Nietzsches Wahrnehmung Renans als religiösem Schriftsteller s. auch Zitat und Kommentar
i n J G B 3.48, 5:69f.
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118 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

gehört im Antichrist zu den schlechten Philologen, die zwar die wissenschaftliche


Methode schlecht und recht zu handhaben wissen, aber ihren ungesund-
unheilvollen Zwecken unterordnen. Für Texte aller Art, besonders für die zwei-
deutige Literatur der Heiligenlegenden benötige man dagegen gute Philologie.
Die Funktion der Feier der Philologie im Antichrist Regt vor allem darin, Renan
auf dessen eigenen Prämissen zu begegnen und ihn durch ihre Widerlegung zu
kompromittieren. Die Wolfsche und Ritschlsche Tradition der Philologie gestat-
tet Nietzsche, sich gegenüber einer der Theologie dienenden Bibelkritik sowie
gegen die Exzesse des Positivismus gleichermaßen abzugrenzen. An den Metho-
den verraten sich auch die Absichten181.
Sind schon bei schriftlich überlieferten Denkmälern, dem Metier des Philolo-
gen, die Problemlagen mangelnder Zeugen, komplexer Sujets oder simplen bösen
Willens unübersehbar, so potenzieren sich diese ins kaum noch Fassbare, wenn
ganze geschichtliche Epochen untersucht werden sollen. Es will bei der Beschäf-
tigung mit historischen Ereignissen bedacht sein, dass von redlicher Kritik nicht
mehr die Rede sein kann, denn ein ,Text', den man sachlich kommentieren dürf-
te, ist vom Einzelnen gar nicht mehr herzustellen. Anlässlich seiner Renan-
Lektüre äußert sich Nietzsche in einem Brief skeptisch gegenüber dessen Opti-
mismus, dass „Geschichte überhaupt möglich" sei, da ja alles in steter Verände-
rung begriffen ist (an Overbeck, 23. Februar 1887,111.5:28). So spielt der Mangel
an Philologie, der ein Mangel an Text ist, beispielsweise eine Rolle für die Erklä-
rungsgeschichte der Französischen Revolution, in der schon zu ihrer Zeit „die
schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange und so

181 Günther Pflug hat Nietzsche in einem wichtigen Aufsatz bestätigt. Renan kannte sich nämlich in
der neueren Philologie seit F.A. Wolf gar nicht aus, sondern meinte immer die alte Bibelkritik —
er stützte sich v.a. auf die Literatur des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Methodisch
lasse sich bei ihm kein massiver Einfluss der deutschen Philologie und Bibelexegese nachweisen.
Er habe sich später dann in erster Linie mit dem Positivismus (Comte etc.) beschäftigt und also
die eigentliche deutsche Altertumswissenschaft und ihre Methodologie gewissermaßen über-
sprungen. Immer wieder versucht er, Wissen und Glauben zu vereinbaren: Wissenschaft solle
experimentelle Bestätigung schon offenbarter Wahrheiten sein. Ausgerechnet durch Philologie
findet er einen Glauben wieder, dem Wissenschaft als moderne Form der Religion untergeord-
net wird. Die Philologie ist für ihn eine besonders herausgehobene Wissenschaft, weil sie als
Vorstufe der Philosophie und exakteste Wissenschaft des menschlichen Geistes zwischen Wis-
sen und Glauben vermittelt, vergleichbar der Chemie in den Naturwissenschaften. Methodisch
entnimmt er der deutschen Philologie keine weltanschaulichen Elemente, sondern lediglich eine
gewisse Pedanterie, d.h. die Wichtigkeit der Detailforschung etwa in der Textkritik ganz isolier-
ter und unabhängiger Spezialisten. In den Arbeiten Renans, die für Nietzsche wichtig geworden
sind, hat er sich schon längst von aller eigenen philologischen Forschung entfernt und benutzt
ihre Resultate nur noch als Belege. Said (1983) enthält zwar einige nützliche Hinweise auf Re-
nan, aber seine Darstellung Nietzsches sowie der Versuch, mit Hilfe von „Wir Philologen" zu
einem Verständnis der Philologie des neunzehnten Jahrhunderts zu kommen, ist mehr als frag-
würdig; „whenever ,philology' is spoken of around the end of the eighteenth century and the
beginning of the nineteenth, we are to understand the new philology, whose major successes
include comparative grammar, the reclassification of languages into families, and the final rejec-
tion of the divine origins of language." (197). Said reflektiert hier, wohl nicht zuletzt aufgrund
mangelnder deutscher Sprachkenntnis, die Grenzen von Renans eigener Philologieauffassung.
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 119

leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen hinein interpretirt


haben, bis der Text unter der I n t e r p r e t a t i o n v e r s c h w a n d " . (JGB 2.38,
5:56). Die schwärmerische Auslegung der Revolution ist politische Theologie,
denn sie allegorisiert darin ihre eigenen Wunschvorstellungen, statt, wie es philo-
logisch geboten wäre, kalt die Details zu analysieren. Die gesamte Auslegung
historischer und kultureller Phänomene leidet an der UnZuverlässigkeit eben
jener textuellen Basis, die überdies durch Interpretation zusätzlich vergewaltigt
und verfälscht wird. Alle Historiker erzählen von Dingen, die nur in der Vorstel-
lung je existierten, da aus notwendigem Mangel an Kritik nur eine unkontrollierte
Interpretation übrig bleibt:
F a c t a ! J a F a c t a f i c t a ! — Ein Geschichtsschreiber hat es nicht mit dem, was wirk-
lich geschehen ist, sondern nur mit den vermeintlichen Ereignissen zu thun [...] Sein
Thema, die sogenannte Weltgeschichte, sind Meinungen über vermeintliche Handlun-
gen und deren vermeintliche Motive, welche wieder Anlass zu Meinungen und Hand-
lungen geben, deren Realität aber sofort wieder verdampft und nur als Dampf w i r k t .
(M 4.307, 3:224f)

Als Gegenprogramm entwirft Nietzsche in seinem optimistischen Neuanfang als


freier Geist zunächst eine Art philologisch geschulter Kulturhistorie. Die philolo-
gisch-komparatistische Methodik auf die Geschichte anzuwenden gehörte zu den
logischen Folgerungen aus den Grundsätzen der Bonner Schule. Bereits Ritsehl
hatte in seinen Vorlesungen dargelegt: „In der That ist zwischen einer Lesart und
einem historischen Verhältniss des Staats-, Religionslebens u. s. w. durchaus gar
kein wesentlicher Unterschied, beide sind Thatsachen, entweder klar und unver-
fälscht, oder verdunkelt und verdorben überliefert." (nach Ribbeck, 1879, Bd.
1:329f) — einschränkend hatte Ritsehl freilich hinzugefügt, dass in letzterem Falle
Hypothesen zu Gebote stünden, „die nur möglichst viel innere Wahrscheinlich-
keit haben müssen." Ohne Urteilsvermögen und Divination geht es eben auch
hier nicht. Gegenüber der Konjunkturalkritik ist sogar ein erheblich gesteigertes
Maß an schöpferischer Phantasie vonnöten.
Schon früh ruft Nietzsche das „Zeitalter der Vergleichung" aus (ΜΑ 1.23,
2:44), das „eine alle bisherigen Grade übersteigende Kenntniss der Bedingungen
der Cultur, als wissenschaftlicher Maassstab für ökumenische Ziele" (ΜΑ 1.25,
2:46) zur Voraussetzung macht, um in Zukunft überhaupt noch moralische und
allgemeine gesellschaftliche Fragen diskutieren zu können. Ein immenses Projekt.
Der ,Arzt der Kultur', zu dem sich Nietzsche in dieser Zeit gern stilisiert, muss
zunächst eine umfangreiche Recensio liefern, ehe ans Emendieren, also Heilen
dieser Kultur überhaupt zu denken ist. Hier wird die philologische Attitüde be-
wusst angenommen, und zwar durchaus unter Verwendung philologischer Be-
grifflichkeit, die freilich in den veröffentlichten Werken häufig wieder verschleiert
wird. Die Hoffnung, kulturelle Phänomene gewissermaßen textlich dingfest zu
machen, ihnen eine materiale Gestalt zu verleihen, an welcher der Philologe seine
Lesekünste und seine heilende Kritik erproben könnte, lässt sich geraume Zeit

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120 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

lang beobachten. In Der Wanderer und sein Schatten beschreibt Nietzsche etwa den
Kultus als einen ,,feste[n] Wort-Text", der im Laufe der Geschichte funktionell
bestehen bleibt, aber immer wieder neu „ausgedeutet" würde (KSA 2:587):
Man kann durch Vergleichung der Völker beweisen, daß d i e s hier als g u t und d o r t
als s c h l e c h t empfunden wird: aber der G e g e n s a t z selbst von „gut" und „schlecht"
ist überall vorhanden: nur daß die Handlungen anders e i n r u b r i z i e r t werden. (VII
7[75])

Nietzsches Arbeitswut kennt auf diesem Gebiet keine Grenzen und begleitet ihn
durch seine gesamte intellektuelle Biographie. Anlässlich des Verhältnisses von
Buddhismus und Christentum äußert er den indischen Gelehrten gegenüber seine
Dankbarkeit, dass man beide jetzt vergleichen könne (AC 20, 6:186). Aus diesem
philologischen Komparatismus stammt letztlich das erstaunliche und erstaunlich
frühe Interesse Nietzsches an der zeitgenössischen Ethnologie, das seit den sieb-
ziger Jahren nachweisbar ist und intensive Beschäftigung mit völkerkundlichen
Fragen schon des Basler Gelehrten zur Folge hat. Zu nennen sind hier vor allem
Ethnologen aus dem angelsächsischen Raum wie Edward Tylor und John Lub-
bock, aber auch deutsche Kulturanthropologen wie Adolf Bastian182. Nietzsche
arbeitet ferner solche Abhandlungen wie die rechtswissenschaftlichen Darstel-
lungen auf ethnologischer Grundlage eines Joseph Kohler, Das Recht als Kulturer-
scheinung oder eines Albert Hermann Post, Hausteine für eine allgemeine Rechtswissen-
schaft auf vergleichend-ethnologischer Basis, durch183. Zum ersten Mal begegnet
Nietzsche die vergleichende Ethnologie und Kulturanthropologie bei F.A. Lange,
wie überhaupt fast alle nicht-belletristischen Autoren, mit denen sich Nietzsche
später am intensivsten auseinandersetzt, hier erstmalig in seiner Lesebiographie
auftauchen. Lange lobt die Arbeiten Humboldts, Bopps und Steinthals zur ver-
gleichenden Sprachforschung. Leider seien die wissenschaftlichen Reisen (ge-
meint ist ethnologische Feldforschung) aufgrund der Vorurteile der Berichterstat-
ter, „ihrem Rassenstolz und ihrer Unfähigkeit, sich in den Zusammenhang eines
fremdartigen Kulturlebens oder in die Denkweise niederer Kulturstufen hinein-

182 Tylors grundlegendes Werk Primitive Cultures von 1871 hat Nietzsche nachweislich gekannt. Von
Lubbock las er On the Origin of Civilisation and the Primitive Condition of Man. Mental and Soäal Condi-
tions of Savages (1870) in der deutschen Ubersetzung, die in der nachgelassenen Bibliothek erhal-
ten ist (John Lubbock, Die Entstehung der Zivilisation und der Urzustand des Menschengeschlechtes, erläu-
tert durch das innere und äußere Leben der Wilden. Ubers, v. A. Passow, nebst einleitendem Vorwort
v. Rudolf Virchow, Jena, 1875). Diese Seite Nietzsches ist noch immer zu wenig erforscht, bis-
her lassen sich guten Gewissens allenfalls die höchst aufschlussreiche Quellenstudie von Orsucci
(1996) sowie Thatcher (1983) empfehlen. Ein Hinweis auf die Lektüre Lubbocks findet sich
schon in MA 1.111,2:112.
183 In Nietzsches nachgelassener Bibliothek sind diese Werke erhalten: Joseph Kohler, Das Recht als
Kulturerscheinung. Einleitung in die vergleichende Rechtswissenschaft, Würzburg, Stahel'sche Univers.-
Buch- & Kunsthandlung, 1885 und Albert Hermann Post, Hausteine für eine allgemeine Rechtswissen-
schaft auf vergleichend-ethnologischer Basis. 2 Bd. Oldenburg, Schulzesche Hof-Buchhandlung und
Hof-Buchdruckerei, 1880-81. Das Buch ist sehr genau durchgearbeitet worden. Man beachte
hier wiederum S. 2 des ersten Bandes und den Verweis auf die hervorragende „comparative Me-
thode" namentlich Bastians, Tylors und Lubbocks.
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 121

zuversetzen" wenig ertragreich gewesen (Lange, 1974, Bd. 2:832f). Erst in jüngs-
ter Zeit habe sich dies gebessert, namentlich werden Bastian sowie Lubbock und
Tylor gelobt; letztere zitiert Lange immer wieder gern und ausgiebig.
Indes erweist sich für Nietzsche die Vorstellung, einen Text der Geschichte,
der Kultur- und Moralvorstellungen etablieren zu können, als schwierig, ja im
Grunde unmöglich, nicht zuletzt da „in der gesamten Geschichte der Menschheit
bisher kein Zweck, keine vernünftige geheime Leitung, kein Instinkt, sondern
Zufall, Zufall, Zufall" gewirkt haben (V 1 [63]). Nun hatte zwar schon F.A. Wolf
mit seinen Prolegomena ad Homerum bewiesen, dass man keinen einzelnen Autor
und damit keine einheitliche intentio auctoris zur Herstellung eines zuverlässigen
Textes annehmen muss. Wer sollte dieser Autor der Geschichte auch sein? Für
Nietzsche kommt eine göttliche Instanz nicht in Frage. Aber die einzelnen Frag-
mente der Geschichte sind ja durchaus intentional, wenn möglicherweise auch
nur einem blinden Willen unterworfen. Die Konsequenz wäre, jeden einzelnen
Willen, jedes einzelne Subjekt im chaotischen Zusammenspiel berücksichtigen zu
müssen: eine unlösbare Aufgabe. Denkt man Nietzsches Einsichten zu Ende —
und er selbst hat es getan —, dann ist jede Moralphilosophie (als Ziel und Ausfluss
jeder Kulturbetrachtung) schlechte Philologie. „Es giebt gar keine moralischen
Phänomene; sondern nur eine moralische Interpretation gewisser Phänomene
( - eine irrthümliche Interpretation!)" (VII 3[1]) - in VIII 2[165] auch als „Haupt-
satz" bezeichnet! Kultur- und moralhistorische Phänomene sind schlicht zu
komplex, um ihnen gerecht zu werden. Jede bescheidene Auswahl ist deshalb
unredlich und ihrerseits eine moralische, d.h. von bestimmten Wertvorstellungen
geleitete Interpretation. Der Ausdruck „gewisse Phänomene" betont diesen
Auswahlcharakter der Moralphilosophie, verweist aber ebenfalls auf die Herkunft
der Moralsysteme selbst, die in den Motiven der einzelnen Individuen, sie mögen
bewusst oder unbewusst sein, liegt.
Deskriptiv betrachtet sind die Moralen (Plural!) nur eine Zeichensprache der
Affekte, eine Zeichensprache des individuellen Leibes (VII 7 [58] bzw. [268]). Alle
Religionen und Philosophien sind folglich Symptome eines bestimmten leibli-
chen Befindens (VII 25[407])184. Normativ bedeutet Moral den Versuch, den
Fluss der Geschichte zu verfestigen: „Die Thatsache ist der ewige Fluß. Der Staat
bemüht sich, aus seinen Bürgern etwas von bleibendem Charakter zu machen,
die Moral aus jedem Individuum etwas Festes" (V 4[35]). Die Begriffe Zeichen
und Symptom benennen bei Nietzsche (nicht- bzw. vorsprachliche) ikonische
Beziehungen. Ihnen muss nachgespürt werden, um auf dem Grund der ober-
flächlichen Moralen den Archetypus lebensbejahender und —fördernder Moral zu
rekonstruieren185. Dieser Archetypus aber muss am Leib ausgerichtet sein, am

184 Vgl s c hon V 6[7]: „Oft wird ein Trieb mißverstanden, falsch gedeutet z.B. der Geschlechtstrieb,
der Hunger, die Ruhmsucht. Vielleicht ist die ganze Moral eine A u s d e u t u n g physischer Trie-
be."
185 In der Tat stammt Nietzsches Forderung an die Philosophen, ,jenseits von Gut und Böse' zu
denken, aus der Erkenntnis, dass es Moralphilosophie gar nicht geben kann, da es an morali-
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122 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Leib verstanden als eine Art Palimpsest, den es vorsichtig zu entziffern gilt186.
Erst dann, nach dem Vergleich unzähliger entzifferter Leib-Palimpseste, läge ein
zur Auslegung geeigneter Text vor. Nur indem Nietzsche nach den leiblichen
Voraussetzungen von Kulturen fragt, kann er seinem von Beginn an verfolgten
Ziel näherkommen, nämlich jene Bedingungen zu isolieren, die zur Blüte der
griechischen Kultur führten.
Wer daraus die Schlussfolgerung zöge, Nietzsche würde angesichts eines Ar-
beitspensums, das jegliche menschliche Kräfte übersteigt, auf redliche Arbeit in
der Domäne menschlicher Geschichte und Kultur verzichten, hätte ihn gründlich
missverstanden. Dies würde ja der Falschmünzerei und jeglicher unredlich moti-
vierter Auslegung den Weg ebnen und bei den zeitgenössischen Machtverhältnis-
sen den Fortbestand des Christentums dauerhaft sichern. In den Notkbüchern
kommt sein philologischer Widerwille gegen unredliche Verfälschungen beson-
ders deutlich zum Ausdruck. Folgendes Zitat wird nach der Manuskriptedition
wiedergegeben, die genauer als die verkürzende Entsprechung der KGW ist187:
E b e n s o w i e ein g u t e r P h i l o l o g e [(und ü b e r h a u p t jeder philol. g e s c h u l t e Gelehrte)] ei-
n e n W i d e r w i l l e n g e g e n falsche [ T e x t - ] A u s d e u t u n g e n (zb. die der [protest.] P r e d i g e r
auf d e n K a n z e l n ) hat [— w e s h a l b die g e l e h r t e n S t ä n d e nicht m e h r in die K. g e h e n —],
e b e n s o , u n d nicht in F o l g e g r o ß e r „ T u g e n d " „ R e d l i c h k e i t " u s w . g e h t e i n e m die
F a l s c h m ü n z e r e i der [moral, u. religiösen] Interpretation aller E r l e b n i s s e g e g e n d e n
G e s c h m a c k . (Ν V I I I S. 163).

Um dem Missverständnis vorzubeugen, die Einsicht in den interpretativen Cha-


rakter jeder Moralphilosophie begründe ihre Beliebigkeit, besonders die Beliebig-
keit ihrer Genese, prägt Nietzsche nun den Ausdruck „Thatsachen-Sinn", der im
publizierten Werk zum ersten Mal (und zwar bereits in antimetaphysischer Funk-
tion) im zweiten Band von Menschliches, All^umenschliches verwendet wird (VM 33,
2:395).
In der Fröhlichen Wissenschaft werden die Anhänger Schopenhauers dafür kriti-
siert — Nietzsche setzt sich dabei versteckt nicht nur mit Wagner, sondern auch
mit seinen eigenen frühen Positionen auseinander —, nur die wenig wertvollen
Beiträge Schopenhauers aufzugreifen, seine „mystischen Verlegenheiten und

sehen Phänomenen gebricht. „Das moralische Urtheil hat Das mit dem religiösen gemein, dass
es an Realitäten glaubt, die keine sind" (GD Die „Verbesserer der Menschheit 1, 6:98). Moral ist
deshalb nur eine Missdeutung bestimmter Phänomene (ebd.), es fehlt am Text - „Das morali-
sche Urtheil ist insofern nie wörtlich zu nehmen: als solches enthält es immer nur Widersinn.
Aber es bleibt als S e m i o t i k unschätzbar: es offenbart, für den Wissenden wenigstens, die
werthvollsten Realitäten von Culturen und Innerlichkeiten, die nicht genug w u s s t e n , um sich
selbst zu jVerstehn'. Moral ist bloss Zeichenrede, bloss Symptomatologie: man muss bereits wis-
sen, w o r u m es sich handelt, um von ihr Nutzen zu ziehen." (ebd.)
186 Im Rückblick auf meine %n>ei Leipziger Jahre (KGW 1.4:506-539) beschreibt Nietzsche sein Interesse
an Palimpsesten. Am regelmäßigsten und eifrigsten habe er deshalb Paläographie bei Tischen-
dorf gehört sowie, durch Ritsehl vermittelt, viel mit Handschriften gearbeitet (522ff).
187 In eckigen Klammern stehen hier an syntaktisch passender Stelle die später hinzugefugten
Stellen, die im Original über dem Text stehen bzw. hineingezeichnet sind.
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 123

Ausflüchte" dort, wo er sich „vom eitlen Triebe, der Enträthseler der Welt zu
sein, verführen und verderben liess" (FW 2.99, 3:453ff). Nietzsche nennt die
metaphysische Lehre von dem einen Willen, der allen Erscheinungen zugrunde
liege, nennt Ideenlehre, Genieästhetik und Mideidsmoral. Stattdessen hätten
seine Anhänger lieber die voltairistischen Seiten Schopenhauers wahrnehmen
sollen, seinen ,,gute[n] Wille[n] zu Helligkeit und Vernunft", die „Stärke seines
intellectuellen Gewissens", seine „Reinlichkeit in Dingen der Kirche und des
christlichen Gottes", seine Erkenntnisse über das Apriori der Kausalität, „der
Werkzeug-Natur des Intellects und der Unfreiheit des Willens" — kurz: seinen
harten „Thatsachen-Sinn" (ebd.). Der Tatsachensinn, der als „der letzte und
werthvollste aller Sinne" in Griechenland entstanden sei (AC 59., 6:247ff), ging
mit dem Aufkommen des Christentums wieder zugrunde. Erst die Neuzeit ver-
mochte ihn wiederzubeleben.
Der Tatsachensinn bezeichnet seit Nietzsches Abwendung von Wagner den
Kontrast zu jeglichem Piatonismus. Die eigentliche Größe der Griechen habe
darin gelegen, die menschliche Natur nicht verneint oder vernichtet, sondern in
Kulten und Festen beschränkt und kanalisiert zu haben. Ihr Staat ist auf mensch-
liche Eigenschaften hin ausgerichtet und bezeugt ihre Beobachtungsgabe, ihren
„Sinn für das T h a t s ä c h l i c h e " , der sie eben auch zur Wissenschaft befähigte
(IV 5[146]; vgl. VM 220, 2:473). Die Christen haben Sinn und Instinkt für wahre
Dinge und Realitäten zerstört (AC 58, 6:246). Tatsachensinn ist die Anerkennung
der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in allen Domänen, die sich nicht auf
Dinge an sich reduzieren lassen188. Tatsachensinn und Hinterweltlersinn schlie-
ßen einander aus. So bezweifelt Nietzsche Schopenhauers Annahme eines einge-
borenen metaphysischen Bedürfnisses; dieses sei vielmehr umgekehrt erst aus der
Religion erstanden, unter deren Herrschaft man sich daran gewöhnt habe, eine
andere Welt als die je existierende anzunehmen189. Der redliche Umgang mit Tat-
sachen — Erscheinungen — lässt sich jedoch, und das ist entscheidend, nur anhand
von Tatbeständen praktizieren. Tatbestände sind textualisierte (also nicht notwen-
digerweise kausale) Zusammenhänge von Tatsachen, die von einem beobachten-
den Subjekt zum Zwecke ihrer Erklärung zusammenredigiert worden sind. Der
Tatbestand ist die eigentlich interessante Ebene zwischen nicht direkt erkennba-
rem factum brutum auf der einen und Interpretation auf der anderen Seite.
Die Tatsache der Erscheinung kann und muss gegen dogmatisch geleitete
Auslegungen immer wieder ins Feld geführt werden. Dieser Grundsatz gilt nicht
nur für die nach Nietzsches Auffassung unproblematische Domäne schriftlicher
Texte: für sie gibt es ja, entsprechende Überlieferung vorausgesetzt, ausgebildete
Philologen. Er gilt auch, wie gerade gezeigt, für die Domäne der menschlichen
Kultur und Gesellschaft. Schließlich gilt er ebenso für die grundlegendere und

188 Das Ding an sich ist für Nietzsche nur die letzte Inkarnation des christlichen Gottesbegriffs
(s. z.B. AC 17, 6:184).
189 FW 3.151, 3:494f; vgl. Schopenhauer, 1988, Bd.2, 17. Kapitel des 1. Buches, S. 184-218.
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124 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

noch kompliziertere Domäne der menschlichen Psyche. Der Typus des Heiligen
beispielsweise beziehe seinen Ruf nur daher, dass man seine „Seelenzustände"
falsch auslege, seine Bedeutung liegt mithin im „Zeichencharakter", den er für die
Nicht-Heiligen gewinnt. Er selbst versteht „die Schriftzüge seiner Stimmungen,
Neigungen, Handlungen nach einer Kunst der Interpretation, welche ebenso
überspannt und künstlich [ist], wie die pneumatische Interpretation der Bibel."
Statt zunächst den Text zu etablieren, konstruiere er lieber gleich den pneumati-
schen doppelten Sinn. „Das Verschrobene und Kranke in seiner Natur, mit ihrer
Zusammenkopplung von geistiger Armuth, schlechtem Wissen, verdorbener
Gesundheit, überreizten Nerven, blieb seinem Blick ebenso wie dem seiner Be-
schauer verborgen." (ΜΑ 1.143, 2:139). Es gibt noch keinen ,Text' des Heiligen-
typus — Nietzsche wird sich an einem solchen versuchen. Die herkömmliche
Psychologie habe dagegen angesichts des Menschentypus Heiliger versagt, indem
sie moralische Wertgegensätze „in den Text und Thatbestand" hineingedeutet
habe. Das scheinbar unerklärliche, allen psychologischen Grundannahmen wider-
sprechende „Wunder" verdankte sich nur einem Mangel an Auslegungskunst und
letztlich einem „Mangel an Philologie" (JGB 3.47, 5:69).
Mangel an Philologie ist gewissermaßen der Normalfall und kann nur durch
höchste Kraftanspannung und intellektuelle Redlichkeit auf kurze Zeit gebannt
werden. In der eigenen Person so wie in einem Text zu lesen ist nicht möglich, da
kein Text vorliegt190. Mag man auch ein noch so versierter Selbstbeobachter und
-erkenner sein, so kann man doch die eigene Triebstruktur, den Grundtext unse-
rer Existenz, nie wirklich erfassen, wie Nietzsche in seinem wichtigen, die Psy-
choanalyse vorwegnehmenden Aphorismus 119 in der Morgenröthe schreibt. Statt
kritisch-philologisch gelesen zu werden, wird diese Triebstruktur nurmehr platt
interpretiert, am offensichtlichsten im Traum: Träume haben den Sinn, die aus-
bleibende Befriedigung bestimmter Triebe zu kompensieren (bestimmte morali-
sche' Triebe lassen sich im Gegensatz zum Hunger auf diese Weise befriedigen)
und seien nichts als sehr freie und willkürliche Interpretationen der Nervenreize,
„von Bewegungen des Blutes und der Eingeweide, vom Druck des Armes und
der Decken, von den Thönen der Thurmglocken, der Wetterhähne, der Nacht-
schwärmer und anderer Dinge dieser Art. Dass dieser Text, der allgemein doch
für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich bleibt, so verschieden commentirt
wird" habe verschiedene Ursachen, jedenfalls sei immer ein anderer Trieb oben-
auf (KSA 3:111-114). Das wache Leben habe zwar nicht diese Freiheit der Inter-
pretation, aber der grundlegende Mechanismus sei derselbe; unsere Triebe inter-
pretieren auch im Wachen lediglich die Nervenreize und schreiben ihnen je nach
Bedürfnis bestimmte Ursachen zu. Nietzsches resignierte Schlussfolgerung lautet,
dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Wachen und Träumen gebe
und dass ferner „selbst bei einer Vergleichung sehr verschiedener Culturstufen"

,,unbezwingliche[s] Misstrauen gegen die Möglichkeit der Selbst-Erkenntniss" (JGB 9-281,


5:230)
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 125

die Freiheit der einen Interpretation im Wachen möglicherweise dem Traum-


Erleben der Person einer anderen Kultur entspricht. Alles Bewusstsein ist viel-
leicht „ein mehr oder weniger phantastischer Commentar über einen ungewuss-
ten, vielleicht unwissbaren, aber gefühlten Text".
Von hier ist es nur ein Schritt zu der Auffassung, dass auch die bewusste Ausle-
gung der Welt sich an den Prozess der unbewussten anlehnt, dass also alle Ausle-
gung typischerweise einem phantastischen, keinem philologischen Kommentar
entspricht. Alle bewussten Motive sind nämlich nur Oberflächenphänomene,
Übertragungen des Kampfes der Triebe, der ein Kampf um Gewalt ist (vgl. VIII
1 [20])191. Der Mensch legt unverstandene körperliche Leiden fälschlich als mora-
lische Leiden aus, mit dem Zweck, diese Leiden an sich selbst und an anderen zu
rächen (VII 26[206]; vgl. oben). Der eigene Leib kann deshalb nicht mehr als
Text begriffen werden, den es auszulegen gilt, sondern höchstens als zurechtge-
machter, verfälschter, interpolierter Text, der auf diese Weise schon eine Inter-
pretation darstellt. So ist im Grunde jede Philosophie eine Auslegung und ein
Missverständnis des eigenen Leibes des Philosophen (vgl. FW Vorrede 2, 3:348f).
Die Philosophie kann sich deshalb auch nicht mehr über sich selbst aufklären,
sondern bedarf der divinatorischen Prüfung von außerhalb. Die ,Psychologie'
muss ihr vorgeordnet sein.
Nietzsches Psychologie ist die unter philologischen Vorzeichen stehende me-
taphorische Fortschreibung neukantianischen Gedankenguts, wie er es bei F.A.
Lange kennengelernt hatte. Welche Konsequenzen hat es eigentlich, wenn die
Divinatio aufgrund unzuverlässiger oder unzureichender ,Textzeugen' privilegiert
werden muss? Die Aufgabe lautet zunächst, auch ihr wiederum ein methodisches
Gepräge zu geben, sie, gerade wenn es wie in der Selbstbeobachtung um Er-
kenntnis auch der eigenen Beobachtungsfähigkeit geht, aus der Selbstreferentiali-
tät zu befreien, einen Ort zu finden, der demjenigen des Redaktors gegenüber
den Uberlieferungen gleicht — dies alles muss Inhalt redlicher Forschung sein.
Langes Kapitel „Die naturwissenschaftliche Psychologie" (Lange, 1974, Bd. 2:
818-849) hat Nietzsche deshalb gründlich gelesen. Hier tauchen neben den ge-
nannten Vertretern der sog. Völkerpsychologie wie Lubbock, Tylor und Bastian
auch andere Namen erstmals auf, die ihn bald stark beschäftigen sollen, Darwin
und Spencer etwa, John Stuart Mill, Henry Buckle oder Alexander Bain; allesamt
Verfasser, die in Nietzsches nachgelassener Bibliothek und in zahlreichen seiner
Lektürefrüchte figurieren. In seiner Abhandlung warnt Lange vor den überzoge-
nen Hoffnungen des Jahrhunderts, die Psychologie rein naturwissenschaftlich
betreiben zu können. Auch Kants empirische Psychologie, die statt auf Selbstbe-

191 Das Thema des Menschen als „Vielheit" von Willen zur Macht, deren jeder einer mit einer
Vielheit von Ausdrucksmitteln ausgestattet ist und die Leidenschaften als fiktive Einheiten, die
Seele als „zusammengedichtet" bloßlegt (VIII 1[20]), beschäftigt Nietzsche in dieser Zeit sehr.
Das Selbstbewusstsein ist folglich ebenso fiktiv (ebd.) und Gedanken nur Zeichen von Spiel und
Kampf der Affekte (VIII 1[75]). Vgl. auch die Theorie der Machtquanten in VIII 14[79].
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126 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

obachtung auf die Beobachtung anderer gerichtet ist, verwirft er, selbst kantia-
nisch argumentierend: innere und äußere Beobachtung Keßen sich nicht trennen:
Die äußere Beobachtung würde nie zu einer sichern empirischen oder gar zu einer ex-
akten Wissenschaft gefuhrt haben, wenn nicht jede Beobachtung hätte geprüft werden
können. Die Elimination der Einflüsse vorgefaßter Ansichten und Neigungen ist das wichtigste
Element des exakten Verfahrens, und dies Element gerade wird bei denjenigen Beo-
bachtungen, die sich auf eigne Gedanken, Gefühle und Triebe richten, unanwendbar;
es sei denn, daß man die eignen Gedanken etwa ganz unbefangen durch Schrift oder
andre Mittel fixiert hat und nun nachträglich den Vorstellungsverlauf prüft, wie den
eines Fremden. (1974, Bd. 2:827)

Aus den sich daraus ergebenden Aporien und dem Umstand, dass die impressio-
nistische Methode zwangsläufig Mittel bleibt, „den willkürlichsten Gebilden der
Metaphysik den Schein empirischer Ableitung verleihen zu können" (ebd.),
stamme erst eigentlich die Hoffnung auf naturwissenschaftlich strenge Metho-
den192. Die Sache wird für Nietzsche insofern interessant, da Lange nun aus den
genannten Gründen einen engen Zusammenhang von Psychologie und Physiolo-
gie postuliert, durch deren Beobachtung in Zukunft verlässliche Ergebnisse zu
erwarten sein mögen. Obgleich Lange den Erfolgsaussichten gegenüber grund-
sätzlich skeptisch ist, will er zunächst Ergebnisse entsprechender empirischer
Arbeit abwarten; seine Verweise auf die Tierpsychologie und Experimente mit
Säuglingen lassen vermuten, dass er sich höchstens eine Art Behaviourismus
erhoffte. Neben Langes Erkenntnis, dass es keinen Naturzustand des Menschen
gibt, dass insbesondere der von Rousseau beklagte Verlust des Naturzustandes
des Menschen Fiktion sei (833f), wird für Nietzsche somit vor allem das Plädoyer
für die „somatische Methode" (!) wichtig, an die Nietzsches Insistenz auf dem
Textsoma, der leiblichen Bedingtheit alles Denkens und Fühlens, gut anschließ-
bar ist:
Diese Methode fordert, daß man bei der psychologischen Untersuchung sich so weit
als irgend möglich an die körperlichen Vorgänge hält, welche mit den psychischen Er-
scheinungen unauflöslich und gesetzlich verknüpft sind. Man ist aber, indem man sie
anwendet, keineswegs genötigt, die körperlichen Vorgänge als den letzten Grund des
Psychischen oder gar als das eigentlich allein Vorhandene zu betrachten, wie dies der
Materialismus tut. Ebensowenig darf man sich freilich durch die wenigen Gebiete,
welche der somatischen Methode bisher unzugänglich sind, verleiten lassen, hier ein
psychisches Geschehen ohne physiologische Grundlage anzunehmen. (835)193

192 „[...] Anwendung einer Methode, deren ebenso kunstvoll entfaltete als naturgemäße Lehren sich
der Menschheit erst nach langem Streben enthüllt haben, und von deren Anwendbarkeit man
die Grenzen nicht kennt. Oer Kimpunkt aller der zahlreichen Vorsichtsmaßregeln dieser Methode liegt aber
gerade darin, daß der Einfluß der Subjektivität des Forschers neutralisiert wird. Die subjektive Natur des
einzelnen Menschen ist es aber gerade, welcher die Spekulation ihre jedesmalige Gestaltung ver-
dankt." (Lange, 1974, Bd. 2: 829)
193 Es sei betont, dass Lange im anschließenden Exkurs in die Assoziationspsychologie die Katego-
rie der Kausalität für die psychologischen Prozesse und Beobachtungen problematisiert und den
Positivismus somit weit hinter sich lässt.
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 127

Auf ähnliche Weise ist auch für Nietzsche das Verhältnis des Leibes zu den psy-
chologischen Oberflächenphänomenen nicht einfach ein kausales, sonst wäre
ihre Erklärung ja kaum so schwierig. Noch in einem bedeutenden Fragment aus
der Spätzeit mit dem Titel „Der P h ä n o m e n a l i s m u s der . i n n e r e n W e l t " '
wird die innere Erfahrung zur Erfindung von Ursachen, nachdem die Wirkungen
bereits eingetroffen sind. Einmal mehr beschreibt Nietzsche sie in philologischen
Metaphern. Die Erfindung der Ursachen, ein kreativer Prozess, sei Interpretation
bzw. Fiktion. Den Text als Text ablesen zu können, würde auf diesem Gebiet
bedeuten, sich selbst zu beobachten, ohne zu interpretieren, d.h. ohne Fiktionen
hinzuzudichten. Eigenes Befinden zu beschreiben, ohne einen Grund dafür an-
zugeben oder zu erfinden, wäre eine mithin gute „Philologie" als die „späteste
Form" der inneren Erfahrung, die „vielleicht" (!) kaum möglich sei. (VIII 15 [90]).
In diesem unscheinbaren „vielleicht" steckt eine Grenze, die regelmäßig dann
überschritten wird, sobald man den Bereich des Menschlichen verlässt, d.h. den
Bereich menschlicher Erzeugnisse von literarischen Texten bis hin zu gesell-
schaftlichen und moralischen Systemen, den Bereich des Individuums selbst,
kurz: des jeweiligen Bewusstseins, das durch einen Leib von anderen Leibern mit
entsprechender Psyche abgegrenzt ist. In diesen drei Domänen ist mit abneh-
mender Sicherheit redliche Erkenntnis bzw. Erklärung möglich — durch philolo-
gisch geschulte Wissenschaft lassen sich hier in günstigen Fällen ,Texte' herstel-
len, die nicht zuletzt auf die divinatorischen Fähigkeiten des Redaktors
zurückgehen, der mit seinen Untersuchungsobjekten ein Minimum an Erfahrun-
gen teilt, welche das empathische Hineinversetzen (das schließlich methodisch
kontrolliert wird) überhaupt erst ermöglichen. In der letzten Domäne, der außer-
halb des Menschen Kegenden Natur ist dies nicht mehr möglich. Sie ist dem
menschlichen Bewusstsein inkommensurabel. Zwar: insofern der Mensch selbst
Teil der Natur ist, kann er ein gewisses limitiertes Erklärungspotential ausschöp-
fen, das immer auf ihn bezogen bleibt. Aber die Komplexität des Größen-
Ganzen übersteigt seine Möglichkeiten. Ein ,Text' der Natur, den der philologi-
sche Künstler auszulegen habe, bleibt romantische Utopie. Jeder Versuch in diese
Richtung endet in Falschmünzerei. Wenn schon die Fixierung eines schriftlichen
Textstandes als Archetypus aus der Genese komplexer Beziehungen überlieferter
Dokumente ans Fragwürdige grenzt und Intellekt und Divinationsvermögen
eines Forschers voll in Anspruch nimmt, trifft dies umso mehr auf die Welt der
Erscheinungen außerhalb schriftlicher Texte zu194. Jedwede Auswahl daraus ist in

194 In Otto Liebmanns Gedanken und Thatsachen von 1882, einem Buch, das Nietzsche gründlich
gelesen und mit vielen Anstreichungen versehen hat, werden interessante Parallelen zwischen
der altertumswissenschaftlichen Teildisziplin der Numismatik und der Naturforschung gezogen.
Die komparative Methode der einen wird auf das Gebiet der anderen übertragen: „Wenn an
mehreren Stellen Europas eine Anzahl altrömische Münzen von ganz gleichem Gepräge, etwa
mit demselben Bildniß des Kaisers Vespasian, ausgegraben wird, so schließt jedermann von der
Gleichheit ihres Gepräges darauf, daß sie aus demselben Prägestock hervorgegangen sind. Wenn
eine Anzahl Naturproducte, seien es Krystalle oder Gewächse oder Thiere, von gleicher Form
uns vor Augen tritt, so sehen wir uns zu einem analogen Rückschluß von der Gleichheit des
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128 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

einem sich ständig in Entwicklung befindlichen Kosmos notwendigerweise unzu-


länglich: „In einer w e r d e n d e n Welt ist ,Realität' immer nur eine S i m p l i f i k a -
tion zu praktischen Zwecken oder eine T ä u s c h u n g auf Grund grober Organe,
oder eine Verschiedenheit im t e m p o des Werdens." (VIII 9[62])
Nietzsche geht in dieser Ausdifferenzierung der Domänen also über die ro-
mantische Philologie hinaus. So galten beispielsweise noch in Schellings Vorlesun-
gen über die Methode des akademischen Studiums (1803), die für die Philologie in der
ersten Phase ihrer Etablierung wichtig waren, philologische Methoden als univer-
sal ausdehnbar und anwendbar:
Der Physiker, wenn er erkannt hat, daß unter gewissen Bedingungen eine Erschei-
nung wahrhaft möglich sei, hat auch erkannt, daß sie wirklich ist. Das Studium der
Sprache als Auslegung, vorzüglich aber als Verbesserung der Lesart durch Konjektur,
übt dieses Erkennen der Möglichkeiten auf eine dem Knabenalter angemessene Art,
wie es noch im männlichen Alter auch einen knabenhaft bleibenden Sinn angenehm
beschäftigen kann. [Absatz] Es ist unmittelbare Bildung des Sinns, aus einer für uns
erstorbenen Rede den lebendigen Geist zu erkennen, und es findet darin kein anderes
Verhältnis statt, als welches auch der Naturforscher zu der Natur hat. Die Natur ist
für uns ein uralter Autor, der in Hieroglyphen geschrieben hat, dessen Blätter kolossal
sind, wie d e r K ü n s t l e r bei Goethe sagt. Eben derjenige, der die Natur bloß auf
dem empirischen Wege erforschen will, bedarf gleichsam am meisten S p r a c h -
Kenntnis von ihr, um die für ihn ausgestorbene Rede zu verstehen. Im höheren Sinn
der Philologie ist dasselbe wahr. Die Erde ist ein Buch, das aus Bruchstücken und
Rhapsodien sehr verschiedener Zeiten zusammengesetzt ist. Jedes Mineral ist ein
wahres philologisches Problem. In der Geologie wird der Wolf noch erwartet, der die
Erde ebenso wie den Homer zerlegt und ihre Zusammensetzung zeigt. (Schelling,
1974:40f)
Nietzsche setzt anfangs große Hoffnungen in die Naturwissenschaft. Nicht weil
er glaubt, mit ihrer Hilfe zu objektiven Erkenntnissen gleich welcher Art zu ge-
langen. Ihre Rolle könnte eher die einer Schule der Redlichkeit gleich der Philo-
logie sein: die „Methode der mechanistischen Weltbetrachtung" sei einstweilen
die redlichste, „der gute Wille zu allem, das sich controlirt, alle logischen Control-
Forderungen, alles das was nicht lügt und betrügt" (VII 25 [447] und [448]). Die
Physik soll also gegenüber der Metaphysik eine ähnliche Rolle spielen wie die
Philologie gegenüber der Theologie und den Sinn zur Beobachtung der mannig-
faltigen Erscheinungen und der Selbsterkenntnis, kurz: den Tatsachensinn schär-
fen. Im Aphorismus 335 der Fröhlichen Wissenschaft mit dem bezeichnenden Titel
„Hoch die P h y s i k ! " (KSA 3:560ff) wird diese als Unterpfand genauer und
redlicher Beobachtung gefeiert.
Freilich führt der eigentlich wertvolle Tatsachensinn der Physik angesichts des
unendlichen Gegenstandes nicht viel weiter als bis zum Schutz vor den gröbsten

Typus dieser Dinge auf die Identität der formgebenden Ursachen gedrängt. Dieser naturphilo-
sophische Schluß wird genau ebenso berechtigt sein wie jener numismatische. Nur sind wir bei
Artefacten, z.B. Münzen, über die Beschaffenheit der Ursache ihrer Formgleichheit äußerst klar,
während sie bei Naturproducten für uns in ein räthselhaftes Dunkel gehüllt bleibt." (1882:89)
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3.4. Tatsachensinn: Domänen der Genealogie 129

dogmatischen Ansprüchen. Die Physik ist am Ende auch nur eine „Welt-
Auslegung", keine „Welt-Erklärung" (JGB 1.14, 5:28) - weil sie nämlich ihrerseits
der für die Erklärung notwendigen Kritik ermangelt. Physiker wie Metaphysiker
glauben, die Welt zu erklären, aber sie haben ja nichts, das sie erklären könnten.
Insofern ist ihre Auslegung nur der erste Schritt: die Zurechtmachung eines Tex-
tes, die sie schon mit Erklärung verwechseln:
Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit nicht lassen kann,
auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu legen: aber jene „Gesetzmässigkeit
der Natur", von der ihr Physiker so stolz redet, wie als ob besteht nur Dank eurer
Ausdeutung und schlechten „Philologie", - sie ist kein Thatbestand, kein „Text",
vielmehr nur eine naiv-humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr
den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam entgegenkommt! (JGB
1.22, 5:37)

Dieser Naivität zieht Nietzsche selbst einen unverblümt machthungrigen Pla-


tonismus vor, der gegenüber der plumpen „Sinnfälligkeit" des Sensualismus Vor-
nehmheit verkörpert: „Es war eine andre Art G e n u s s in dieser Welt-
Überwältigung und Welt-Auslegung nach der Manier des Plato, als es der ist,
welchen uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und
Antiteleologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip der
'kleinstmöglichen Kraft' und der grösstmöglichen Dummheit." (JGB 1.14, 5:28).
Wie schon die Philologie wird die Physik zum Problem, wenn sie die Grenzen
ihrer Domäne nicht anerkennt, v.a. aber sobald sie sich Wertsetzungskompetenz
anmaßt und ihre Erkenntnisse als Offenbarung auffasst. „Gesetzt, dass auch dies
nur Interpretation ist — und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? —
nun, um so besser. —" (ebd.)

3.5. Genealogie der Moral

Die von Nietzsche nach dem Grad ihrer Textualisierungs- und Auslegungsfähig-
keit unterschiedenen Domänen werden im zeitlichen Verlauf seines Schaffens
mit ungleich verteilter Aufmerksamkeit bedacht. Im Spätwerk sowie im späten
Nachlass erscheint der Begriff der Interpretation nicht deshalb häufiger, weil
Nietzsche nun eine neue Interpretationstheorie zu formulieren sucht, sondern
lediglich, weil sich seine Interessen verschoben haben und er sich folglich eher in
psychologischen und naturwissenschaftlichen Domänen bewegt: Domänen der
Interpretation, also der durch Kritik kaum mehr kontrollierbaren Hermeneutik,
weil in ihnen per definitionem kein Text mehr vorliegt oder vorliegen kann195. In

155 Zu Nietzsches instrumentaler Auffassung der Naturwissenschaft und der naturwissenschaftli-


chen Psychologie existiert in der nachgelassenen Bibliothek ein wenig beachtetes Werk. Harald
Hoffdings Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung (Höffding, 1887) war ein Buch, des-
sen Titel Nietzsche sehr ansprechen musste. Es hat es gründlich durchgearbeitet; es könnte für
das Spätwerk, besonders den Antichrist und Ecce Homo, einige Bedeutung gehabt haben.
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130 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

der Studenten- und frühen Professorenzeit widmet er seine Kraft der ersten
Domäne, nämlich Texten (und Kunstwerken) aller Art. Die dabei erworbenen
methodischen Grundsätze überträgt er im Anschluss daran auf das Gebiet, das
ihn für die nächsten Jahre am meisten beschäftigen soll, auf historische und kul-
turphilosophische sowie moralische Phänomene. Auf das gesamte Schaffen
hochgerechnet gewann diese mittlere Domäne die größte Bedeutung für Nietz-
sche, also die Auseinandersetzung mit kulturellen und moralphilosophischen
Problemen im weitesten Sinne. Die kulturphilosophischen Reflexionen bilden
den Kern seines bleibenden Erbes196.
Diese mittlere Domäne stellt eine gerade noch realistische Herausforderung
für jemanden dar, der in der ersten Domäne, an der er sich schulen konnte, be-
reits alles erreicht hat und dem für die anderen Gebiete die Kompetenz und die
Aussicht auf tiefergehende Einsichten fehlt. Es ist auch die Domäne, die den
individuellen Menschen am unmittelbarsten betrifft. Durch den Versuch einer
zugleich redlicheren wie subtileren Moralphilosophie und Kulturgeschichte kön-
nen zumindest einige der schädlichsten Entwürfe bekämpft werden. Es lohnt

Hoffdings Auffassung des Materialismus — damit ist hier naturwissenschaftliche Methodik ge-
meint — entspricht genau derjenigen Nietzsches: er selber, so H0ffding, sei kein Materialist, be-
diene sich aber gern materialistischer Methodik. Sein Methodenideal ist empirisch und phäno-
menologisch; Metaphysik darf es erst geben, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft
seien. Folgenden Satz hat sich Nietzsche gleich doppelt angestrichen: „Als naturwissenschaftli-
che Methode ist der Materialismus unangreifbar. Etwas andres ist es, wenn die Methode ohne
weiteres zu einem System umgebildet wird." (S. 74) Interessant musste für Nietzsche der Ver-
such des dänischen Forschers sein, die Psychologie von objektbezogener Naturwissenschaft auf
der einen und Metaphysik auf der anderen zu unterscheiden, hier hat Nietzsche besonders heftig
angestrichen, wie z.B. dies: „Die unmittelbare Selbstbeobachtung und das unmittelbare Bewußt-
sein sind sowohl dem Physiologen als dem Metaphysiker die Quelle, woraus sie schöpfen, die sie
aber oft übersehen, weil ihr wesentliches Interesse nicht eben diese unmittelbare Beobachtung
ist, sondern das, was sie daraus schließen zu können glauben." (20). Bewusstsein hat freilich kei-
ne Grenzen im Raum: „Die erste Schwierigkeit, die sich hier darbietet, entspringt daraus, daß die
seelischen Zustände keine ruhenden und festen Objekte sind wie diejenigen, welche den Ge-
genstand der physischen Beobachtung bilden." Hoffding gibt Anleitungen zur Selbstbeobach-
tung, die von Nietzsche am Rand mehrmals mit ,gut' und ,ja' kommentiert werden, z.B. auf
S. 21 f: „Während des Erlebens soll man nur das Netz mit allem darin Befindlichen ans Land
ziehen, oder wie der Botaniker die Pflanzen einsammeln, die sich zufällig darbieten. Das völlig
und klar Erlebte wird in der Erinnerung bleiben und durch diese untersucht werden können."
Wenn diese Schwierigkeiten evtl. überwunden werden können, so besteht noch die Schwierig-
keit der individuellen Verschiedenheit der Beobachter, das gelte aber auch für Physik. Der Ver-
gleich ist hier das probate Mittel — auch Hoffding bezieht sich öfters auf Ethnologen wie Lub-
bock, Tylor, Spencer, aber auch auf die vergleichende Sprachwissenschaft. Man müsse sich
immer mit anderen Selbstbeobachtern vergleichen und das Chaos der Beobachtungen dann in
eine Klassifikation überführen. Die Tatsachen der Beobachtungen bilden nur die Grundlage, die
nun noch erklärt werden müssen, indem man Gesetze und Regeln für ihr Wechselverhältnis auf-
stellt, eben das sei die psychologische Analyse, wobei es aber nie erschöpfende Sicherheit gebe
(24f). Die Parallelen zu Nietzsches Perspektivismus (s.u.) liegen auf der Hand.
156 Man muss durchaus nicht gleich so weit gehen wie schon Jean Granier: „Ainsi, on peut affirmer
que Nietzsche a ecrit, pour l'etude des phenomenes moraux, un nouveau Discours de la Metho-
de, car il est le premier ä avoir, d'une maniere systematique, fixe les regies d'une critique de tou-
tes les valeurs." (1966:169f)
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3.5. Genealogie der Moral 131

sich deshalb unter den hier vorgeschlagenen Gesichtspunkten einen erneuten


Blick zurück auf jene Domäne zu werfen, deren Mittelpunkt Nietzsches Genea-
logie der Moral darstellt. Nicht um die abschließende Würdigung des Buches mit
dem gleichnamigen Titel soll es gehen, sondern um die Grenzen des hier vorge-
schlagenen Zugangs.
Nietzsches genealogische Rekonstruktion der moralischen Archetypen ist
keine plötzliche Inspiration der Spätzeit, sondern beginnt bereits im ersten Teil
von Menschliches, Α Unmenschliches. Die aus der historisch-kritischen Philologie
stammende Metaphorik der chirurgischen Strenge und der unerbittlichen For-
schung nach Ursprung und Genese ist hier längst ausgeprägt. In ihrem Rahmen
fordert Nietzsche eine wissenschaftliche Gegendarstellung zur „falschen Erklä-
rung" der Philosophen, die durchaus analytisch-langatmiger sein müsse als die
allzu schönen synthetischen Entwürfe, die bisher bekannt waren:
in dem gegenwärtigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist die Auf-
erweckung der moralischen Beobachtung nöthig geworden, und der grausame An-
blick des psychologischen Seciertisches und seiner Messer und Zangen kann der
Menschheit nicht erspart bleiben. Denn hier gebietet jene Wissenschaft, welche nach
Ursprung und Geschichte der sogenannten moralischen Empfindungen fragt und
welche im Fortschreiten die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und
zu lösen hat: - die ältere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und ist der Unter-
suchung von Ursprung und Geschichte der moralischen Empfindungen unter dürfti-
gen Ausflüchten immer aus dem Wege gegangen. Mit welchen Folgen: das lässt sich
jetzt sehr deutlich überschauen, nachdem an vielen Beispielen nachgewiesen ist, wie
die Irrthümer der grössten Philosophen gewöhnlich ihren Ausgangspunct in einer fal-
schen Erklärung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen haben,
wie auf Grund einer irrthümlichen Analysis [...] eine falsche Ethik sich aufbaut [...] so
bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht müde wird, Steine auf Steine,
Steinchen und Steinchen zu häufen, so bedarf es der enthaltsamen Tapferkeit, um sich
einer solchen bescheidenen Arbeit nicht zu schämen [...] (ΜΑ 1.2.37, 2:59f)

In seiner gegen den Positivismus in der Geschichtswissenschaft gerichteten Teoria


e storia della storiografica von 1916 identifiziert Benedetto Croce drei der Ge-
schichtsphilosophie feindliche Lager, die er mit seinem Neuentwurf endgültig
überwinden möchte197. Es handelt sich erstens um die philologische Geschichts-
schreibung, also die historisch-kritische Schule der Altertumswissenschaft, die,
bewusst unphilosophisch, von der Quellenkritik ausgeht. An zweiter Stelle nennt
Croce die diplomatische Geschichte im Stile Rankes, die ebenfalls freiwillig auf
philosophische Reflexion ihrer Tätigkeit verzichte, dabei freilich Großes geleistet
habe. Schließlich gebe es noch die eigentlich positivistische Richtung, für welche
Fakten Fakten sind, zwischen denen kausale Beziehungen oder gar gesetzesmäßi-
ge Zusammenhänge herzustellen seien; Croce nennt als Beispiel Hyppolite Taine.
In der Genealogie der Moral erhebt Nietzsche im Anschluss an Gedanken wie er sie
seit der zitierten Stelle in Menschliches, All^umenschliches entwickelt hat, ausgerech-

197 Ich habe die französische Fassung unter dem Titel Theorie et Histoire de l'Histonographie benutzt.
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132 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

net die Kombination aus historisch-philologischer Quellenkritik (s. GM Vorrede


3, 5:249), Ranke und Taine (GM 111.19, 6:387) zum methodischen Ideal. Seine
Rhetorik bedient sich bedenkenlos beim Wissenschaftsdiskurs der philologischen
Lehrer. Zwar gibt es für ihn nach wie vor keine voraussetzungslose Wissenschaft
(GM III.24, 6:399f). Auch schafft Wissenschaft selbst niemals Werte und unter-
wirft sich immer einem Ideal, denn „wo der Geist heute streng, mächtig und
ohne Falschmünzerei am Werke ist", werde das Ideal entbehrt (III.27, 6:409). Es
führt indes kein Weg daran vorbei, dass Nietzsche, der von der (u.a. von Croce
inspirierten) Geistesgeschichte immer als einer der ihren reklamiert worden ist, an
erster Stelle jenen Gelehrten und Philologen verpflichtet war, von denen die
Geistesgeschichte sich abzusetzen versuchte. Die Genealogie der Moral ist eine
historische Studie. Eine geschichtsphilosophische Arbeit will sie gerade nicht
sein.
Auch auf dem Gebiet der Kultur- und Moralgeschichte, so die Botschaft der
Genealogie der Moral\ müssen sich die Interpretationen an Tatbeständen (nicht
Fakten) messen lassen, d.h. an auf redlichem Weg erlangten historisch-
genealogischem Vergleichsmaterial198. Dies ist der Grund, warum die Interpreta-
tion in der Genealogie negativ konnotiert und vom Tatbestand unterschieden wird.
So sei die „Sünde" nur Interpretation, nicht Tatbestand, als eine falsche „Causal-
Auslegung [...] von bisher (!) nicht exakt zu formulirenden Thatbeständen" (GM
III.16, 5:376f). Ähnlich der Vorwurf vom „verhängnisvollste[n] Kunststück der
religiösen Interpretation" der priesterlichen Umwertung der tierischen, rückwärts
gewendeten Grausamkeit des schlechten Gewissens als Schuld, unter Missach-
tung des physiologisch begründeten Leidens an sich selbst (GM III.20, 5:389f).
Nietzsches hohe Meinung von Ranke konnte bereits mit der gemeinsamen
geistigen Herkunft aus der Pforte sowie der Schule Niebuhrs in Verbindung
gebracht werden. Die historisch-kritische Tradition der altertumswissenschaftli-
che Philologie kam ebenfalls ausführlich zur Sprache. Erklärungsbedürftig ist nur
noch die Rolle Taines. Es lässt sich zeigen, dass Taines Denken, bzw. die Aspek-
te, die Nietzsche daraus auswählt, die logische Fortsetzung der Übertragung phi-
lologischer Methodologie auf das Feld der Kultur und Geschichte darstellt.
Über die Beurteilung Taines kommt es noch 1887 zum Bruch mit Nietzsches
engstem und längsten Freund, Erwin Rohde, der Taine ablehnte. Die meisten
Kommentatoren Nietzsches haben Taine bisher vernachlässigt, weil er unbe-
quemerweise nicht zum Bild des Philosophen passt, der im Spätwerk seine .posi-
tivistische' Phase überwunden habe. Indes bezieht sich Nietzsche gerade in den
späten achtziger Jahren enthusiastisch auf Taine; seine Werke in Nietzsches
nachgelassener Bibliothek gehören zu den am gründlichsten durchgearbeiteten

198 Auf ähnliche Weise will ja selbst Croce in seiner neuen Geschichtsschreibung nicht auf die
Anreicherung des Materials mit Fakten verzichten, sondern dieses, ähnlich wie der Nietzsche
der zweiten Un^eitgemässen, lediglich neu mit philosophischem Bewusstsein verbinden. Woher, so
fragt Croce, nehmen denn die Positivisten und Philologen ihren Methodenstolz, wenn nicht aus
der Präromantik: er verweist u.a. auf die Philosophie im Umfeld F.A. Wolfs.
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3.5. Genealogie der Moral 133

Bänden. Es existiert sogar ein kurzer, von gegenseitigem Respekt geprägter


Briefwechsel. Es gilt, sich von dem Hinweis leiten zu lassen, den Nietzsche in
seiner emotionalen Verteidigung Taines gegenüber Rohde selbst abgibt, dass
Taine nämlich seiner (Rohdes) „species", also den Philologen, verwandter sei, als
dieser annehme199.
In der dritten, als M.\x$,X.z.iauslegung (GM Vorrede 8, 6:255) konzipierten Ab-
handlung der Genealogie der Moral, polemisiert Nietzsche zum wiederholten Mal
gegen Renan und fährt fort: „Um wie viel lieber will ich noch mit jenen histori-
schen Nihilisten durch die düstersten grauen kalten Nebel wandern!" (GM III.26,
6:406). Dahinter verbirgt sich eine Anspielung auf Taine, genauer auf dessen
erstes Kapitel in der Histoire de la Utterature anglaise, die für Nietzsche besonders
wichig war. Das Lob ist, wie die Bezeichnung Nihilist deutlich macht, nicht un-
eingeschränkt, aber Taines Historiographie muss aus Nietzsches Sicht Renans
diametral entgegengesetzt sein, um eine derartige Verwendung zu rechtfertigen.
In der Geschichte der Literaturwissenschaft ist vor allem die Vorrede der
Histoire de la Utterature anglaise zu einem Meilenstein geworden, nämlich zum ers-
ten wichtigen Dokument einer Literatursoziologie. Ehe daraus freilich der vorei-
lige Schluss gezogen wird, Nietzsche sei von der bekannten, hier erstmals einem
großen Publikum präsentierten Analysetriade von race, milieu, moment inspiriert
worden, mag ein Blick in den Text von Nutzen sein, den Nietzsche schon am 11.
März 1878 bei seinem Buchhändler Schmeitzner bestellte. Im selben Sommer
liest er ihn gründlich durch (dazu auch Campioni, 2001:148ff); er bleibt in den
achtziger Jahren sein konstanter Begleiter (s. z.B. VII 27[79]).
Nietzsche schätzt an Taine das klare Urteil und die Rhetorik methodischer
Strenge, die jedoch nicht zu dogmatischen Ableitungen führt 200 .Obwohl Taine,
im Unterschied zu seiner Reputation, durchaus kein lupenreiner Positivist war —
so spielte etwa Comte nie eine Rolle für ihn — geht es ihm in durchaus in positi-
vistischer Manier um „la conception des lois et des causes" (21866:iv). Kausale
Beziehungen werden jedoch nicht im Sinne der Einflussforschung zwischen

"» Siehe den entrüsteten Brief vom 19. Mai 1887 (III.5:76f).
200Einige Urteile macht sich Nietzsche gleich zu eigen, wie das folgende Beispiel zeigt. Nietzsche
kopiert zwar z.T. fast wörtlich, aber, und das ist charakteristisch für seine Aneignungsweise, ver-
schärft den ursprünglichen Gedanken noch. Konkret geht es um den Vergleich von Goethes
Faust und Byrons Manfred, seit frühester Jugend eines der wichtigsten Werke für Nietzsche. Der
Vergleich fällt bei Taine sehr zum Nachteil Goethes aus. Dessen Faust sei eigentlich eine trauri-
ge, völlig untragische Gestalt: „Triste heros, qui pour toute ceuvre parle, a peur, etudie les nuan-
ces de ses sensations et se promene! Sa plus forte action est de seduire une grisette et d'aller
danser la nuit en mauvaise compagnie, deux exploits que tous les etudiants ont accomplis." (Bd.
4:387f) Bei Nietzsche klingt dies, nicht lange nach der Lektüre des Taine'schen Buches so: „ D i e
F a u s t I d e e . — Eine kleine Nähterin wird verführt und unglücklich gemacht; ein grosser Ge-
lehrter aller vier Facultäten ist der Uebelthäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zuge-
gangen sein? Nein, gewiss nicht! Ohne die Beihülfe des leibhaftigen Teufels hätte es der grosse
Gelehrte nicht zu Stande gebracht. — Sollte diess wirklich der grösste deutsche ,tragische Ge-
danke' sein, wie man unter Deutschen sagen hört?" (WS 124, 2:606) Nietzsches Version wird
noch gem zitiert; die Originalstelle ist heute vergessen.
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134 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Dokumenten hergestellt oder auf ganz abstrakte Einheiten bezogen. Das Studi-
um der Dokumente diene vielmehr einzig und allein der Erkenntnis des individu-
ellen Menschen dahinter. „Au fond il n'y a ni mythologie, ni langues, mais seule-
ment des hommes qui arrangent des mots et des images d'apres les besoins de
leurs organes et la forme originelle de leur esprit." (ν). Die Geschichte spreche
nur durch das Individuum; auf seinen Charakter, seine Sitten und Handlungen
habe sich der Historiker zu konzentrieren. Taine zitiert u.a. Lessing als Autorität
für die Forderung, den lebendigen Menschen der Vergangenheit vor das innere
Auge zu bringen. Wenn das Bild auch notwendigerweise unvollständig bleibe, so
müssten doch möglichst viele Beobachtungen und Kenntnisse darin einfließen.
Taines Grundannahme besteht mithin in der Uberzeugung, dass der homme
exterieur den homme interieur verrät, also ein Studium der (Ver-)Äusserungen
des Menschen Rückschlüsse auf seine wahre innere Verfassung zulässt. Da es
Taine um den Menschen als plastisches, immer von seiner Kultur geformtes
Wesen geht — das Gegenteil einer konstanten genetischen Tatsache —, um ein
Wesen, das sich in ständiger Entwicklung und Veränderung befindet, lässt sich
am ehesten noch der biographische Ansatz innerhalb der positivistischen Litera-
turwissenschaft von ihm herleiten.
Das Forschen in den Komplexitäten der Vergangenheit stilisiert Taine zur
feinsten psychologischen Arbeit, zur subtilen Lektüre eines schwierigen Textes,
deren methodische Beherrschung sich der Forscher durch eine „education criti-
que" (xi) aneignet: „tout luit est un indice; tandis que ses yeux lisent un texte, son
äme et son esprit suivent le deroulement continu et la serie changeante des emo-
tions et des conceptions dont ce texte est issu; il en fait la Psychologie." (xi). Taines
Erläuterungen deuten daraufhin, dass es sich dabei um eine Art geschulte empa-
thische Divination handelt: dies sei eine ganz neue Form der Geschichtsschrei-
bung. Er bezeichnet seine Methode deshalb als „divination precise et prouvee des
sentiments evanouis" (xif). Entscheidend für den Erfolg sei jedoch, dass die Me-
thode mit der Beobachtung und dem Sammeln von Fakten beginne und erst
dann nach Ursachen suche (la recherche des causes). Taine bedient sich, ein Mus-
ter, das sich in seinen anderen Werken wiederholt, immer wieder einer induktiv-
naturwissenschaftlichen Ausdrucksweise, gerne aus den klassifikatorischen Sys-
temen von Zoologie und Mineralogie201. Die berühmte Triade von race, milieu,
moment als den drei hauptsächlichen Ursachen für die individuellen Unterschie-
de der Menschen soll vor allem auf die Wichtigkeit der Interaktion von individu-
eller Anlage des Menschen mit Umwelt und Zeitalter, mit dominanten Gedanken
und Diskursen hinweisen. Dies sei nicht zuletzt für die Entstehung der jeweiligen
Moral ausschlaggebend (xliii). Auch Taine geht es damit letztlich um eine Genea-
logie' der Moral des Individuums in seinem kulturellen Kontext. Die Kultur sei
dabei als Körper aufzufassen — Taine geht von organizistischen Vorstellungen im

201 „Ich behandle meinen Gegenstand, wie der Naturforscher ein Insekt behandeln würde." (Taine,
1877f, Bd. l:xxiv) — so Taine in seinem Vorwort seines Werks zur französischen Geschichte.
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3.5. Genealogie der Moral 135

Sinne Herders aus, der auch namentlich erwähnt wird: „Une civilisation fait
corps, et ses parties se tiennent a la fa9on des parties d'un corps organique"
(xxxixf). Wenn sich im Organismus etwas verändert, habe dies immer Auswir-
kungen auf das Ganze. Deshalb müsse immer der ganze Kontext beachtet wer-
den. In seinen Arbeiten zur Geschichte Frankreichs will er die Krankheit des
Jahrhunderts therapieren: Nietzsche als ,Arzt der Kultur' kann sich hier in einem
Gleichgesinnten entdecken.
Nietzsche hat die Positivisten oft scharf angegriffen. Einen wirklich positivis-
tischen Historiker wie Henry Thomas Buckle bezeichnet er als seinen „stärksten
Antagonisten" und erteilt ihm in der Genealogie der Moral eine deutliche Absage —
nicht zuletzt aus Furcht vor Verwechslung202. Schon zur Zeit der fröhlichen Wis-
senschaft leitet er das Verlangen nach Halt und Gewissheit, „welches sich heute in
breiten Massen wissenschaftlich-positivistisch endadet" (FW 5.347, 3:581f) aus
einem „Instinkt der Schwäche" ab (583); der freie Geist tanze dagegen an Ab-
gründen, d.h. finde zu „Lust und Kraft der Selbstbestimmung [...] bei der ein
Geist jedem Glauben, jedem Wunsch nach Gewissheit den Abschied giebt, ge-
übt, wie er ist, auf leichten Seilen und Möglichkeiten sich zu halten". Um der
naheliegenden Verwechslung der genealogischen Methode mit dem soziologi-
schen Positivismus französischer Schule zu entgehen, kritisiert Nietzsche aus-
drücklich das (an sich redliche) „Stehenbleiben-Wollen vor dem Thatsächlichen,
dem factum b r u t u m " und den damit zusammenhängenden moralischen Überle-
genheitsanspruch (GM 111.24, 5:400f). Obwohl Taine dem Nihilismus der Positi-
visten laut Nietzsche ja nicht allzu fern steht, ist es unwahrscheinlich, dass er ihn
selbst zu den Positivisten gezählt hat. Die Forschungsrichtung des „petit faitalis-
me" (ebd.), wie Nietzsche sie in einem schönen Wortspiel beschreibt, ist kein
Kennzeichen Taines. Nietzsche ist vielmehr fasziniert von seinem Ausgangs-
punkt im naturwissenschaftlich überhöhten Organismusdenken, das einem nai-
ven Materialismus ebenso fern steht wie der reinen Spekulation. Wie bei ihm

202 Buckles History of Civilisation in England (1857-61) sollte eine streng naturwissenschaftliche Art
der Geschichtsschreibung demonstrieren, die den Menschen als determiniert von Klima, Ernäh-
rung, Boden und anderen natürlichen Voraussetzungen zeigte. Auf Comte und John Stuart Mill
gestützt verwarf Buckle jegliche Spekulation und wollte nur Fakten und Gesetze gelten lassen.
Dazu Nietzsche: „[...] der berüchtigte Fall Buckle's; der P l e b e j i s m u s des modernen Geistes,
der englischer Abkunft ist, brach da einmal wieder auf seinem heimischen Boden heraus, heftig
wie ein schlammichter Vulkan und mit jener versalzten, überlauten, gemeinen Beredsamkeit, mit
der bisher alle Vulkane geredet haben.—" (GM 1.4, 5:262). An Köselitz schreibt Nietzsche am
20. Mai 1887: „Die Bibliothek in Chur, ca. 20 000 Bände, giebt mir dies und jenes, das mich be-
lehrt. Zum ersten Male sah ich das vielberühmte Buch von Buckle „Geschichte der Civilisation
in England" — und sonderbar! es ergab sich, daß B<uckle> einer meiner stärksten Antagonisten
ist." In Nietzsches Nachlass gibt es einige Stellen, die sich kritisch gerade mit Milieutheorien
auseinandersetzen (z.B. VIII 7[33]).
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136 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

selbst stehen auch bei Taine der Leib und die physiologischen Grundlagen psy-
chischer Phänomene im Zentrum der Analyse203.
Die Kritik am petit faitalisme kommt einer Kritik an mangelhafter textueller
Grundlage gleich, an einer Forschung, die gleichsam im atomistischen Sammel-
stadium verharrt und ihre dürftigen Resultate auf unzulässige Weise verknüpft.
Taines erklärte Absicht — aus Nietzsches Sicht der wesentlichste Unterschied zu
Renan — ist es im Kontrast dazu, Geschichte — und zwar nicht nur Literaturge-
schichte — auf der Grundlage literarischer Quellen zu schreiben. Das heißt nicht,
dass die Quellenauswahl beliebig oder weniger umfangreich ist. Literarische
Quellen sind für Taine ein praktisches Arbeitsmittel, weil er sie für komprimierte
Kompendien des jeweiligen Zeitalters hält. Am Ende der Vorrede zur englischen
Literaturgeschichte begründet er ihren Status als Hauptquelle jedes Historikers.
Vorausgesetzt man wisse sie zu deuten, stellten sie die besten und repräsentativs-
ten psychologischen Quellen dar: durch die Arbeit des Philologen lässt sich auf
diese Weise auch Moral- und Sittengeschichte betreiben. Literarische Texte als
Äußerungen einzelner Persönlichkeiten (und Leiber) haben als Arbeitsgrundlage
eine besondere Affinität zur divinatorisch-psychologischen Herangehensweise.
Taines großes Vorbild ist Stendhal, der als bisher einziger auf intuitive Weise
seinem methodischen Ideal der künstlerischen Divination auf der Grundlage
genauer Beobachtungen von race, milieu, moment nahegekommen sei204.

203 Hinzu kommt, dass Taine, der im Gegensatz zu Renan dem christlichen Glauben fernsteht, die
Bedeutung des wissenschaftlichen Ethos ganz im Sinne der Philologie betont. Sein Griechenbild
entspricht Nietzsches eigenen Idealisierungen (vgl. Taine, 21866:vii).
204 Empfehlenswert zu Taines Methodik Jieger (1917), bes. der Abschnitt über Taines englische
Literaturgeschichte (S. 63-91). Jsger hebt Taines Versuch hervor, über reine Analyse und Ana-
tomie hinauszugehen; die von Jseger bei Taine diagnostizierte Diskrepanz zwischen Forderung
naturwissenschaftlicher Methode, zoologischer Taxonomie und mangelnder eigener Anwen-
dung trifft auch auf Nietzsche zu. Hier wie dort hat die Beschwörung der Wissenschaft den rhe-
torischen Zweck, die eigene Redlichkeit über Zweifel erhaben zu machen. Die Standardbe-
schreibung von Taines heute vernachlässigtem Werk aus literaturwissenschaftlicher Sicht findet
sich bei Wellek (1966). Wellek betont die Bedeutung der Physiologie als Grundlage der Moral
bei Taine. Den Begriff der race übersetzt er passend mit dem (herderschen) ,Volksgeist', wäh-
rend unter moment eher eine Art,Zeitgeist' zu verstehen sei. Auch er zögert, Taine als Positivis-
ten einzuordnen, dies gelte allenfalls in einem sehr weiten Sinn, insofern Taine die Naturwissen-
schaften bewunderte. Sein Werk sei vielmehr (trotz großem Einfluss Hegels) als Reaktion gegen
den Idealismus zu sehen. In jüngerer Zeit hat Nordmann (1992) eine Rehabilitierung Taines ge-
wagt und die Bedeutung der komparatistischen Methode Taines, den experimentellen Charakter
seiner Kritik sowie die Rolle der Lektüreerfahrung (experience) betont — nicht gerade Kennzei-
chen eines Musterpositivisten. Texte seien für Taine Symptome nicht für Dinge, sondern Zei-
chen des inneren, zu ergründenden Menschen. Erfahrung stehe im Mittelpunkt; Taine gehöre an
eine zentrale Stelle des humanistischen Menschenbilds und der Geschichtsschreibung. Taine ge-
he konsequent vom Werk aus, das als Zeichen (signe) seiner Materialität, der Psychologie seines
Verfassers und der Soziologie seiner Entstehung gelesen werde: Stilistik, Psychoanalyse und So-
ziologie seien nur die Fortsetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts; Taine sei deshalb als Vater
des kritischen zwanzigsten Jahrhunderts zu lesen. Auch zur Ikonologie Panofskys bestehe eine
Verbindung. Die Stichhaltigkeit all dieser Thesen und Argumente muss die Taine-Forschung
prüfen. Hier sei hinzugefügt, dass Nietzsche Taine bei aller Bewunderung nicht unkritisch ge-
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3.5. Genealogie der Moral 137

Wie beeindruckt Nietzsche ist, lässt sich u.a. am Kult um Stendhal („dieser
letzte grosse Psycholog", JGB 2.39, 5:57) ablesen, den er im Anschluss an seine
Taine-Lektüre entfaltet. Für die eigenen methodischen Grundüberzeugungen
ergeben sich gleich mehrere Anschlussmöglichkeiten. Zunächst fasst er Taines
Methode als eine mit naturwissenschaftlicher Rhetorik unterfutterte Fortführung
Burckhardts auf, der ihm seit Basel als Modell des Historikers galt. In den Vorle-
sungen, die Nietzsche eifrig verfolgt hatte, war ebenfalls die Literatur, besonders
die Poesie (aber auch andere Kunstformen) als hervorragendste Quelle des His-
torikers gefeiert worden, in der Ewig-Allgemeinmenschliches mit individuellen
Besonderheiten, nationalen und epochalen Spezifika vereint sind.
Die unüberschaubare Menge historischer Ereignisse, die ganze „Enormität"
der Geschichtsforschung mit ihrer unendlichen Detailforschung, zu deren
Durchführung „tausend Menschenleben mit vorausgesetzter höchster Begabung
und Anstrengung lange nicht ausreichen" würden (Burckhardt, 1963:17), führten
Burckhardt zur Uberzeugung, das Studium der Geschichte mit dem Studium des
Geschichtlichen zu ersetzen. Er erkennt zwar an, dass Quellenstudium zu wel-
chem Thema auch immer „nach den Gesetzen der Erudition" sehr viel Zeit kos-
tet (19) und verlangt von jedem Historiker ein streng durchgeführtes ordentliches
Studium, in dem der Respekt für Wissenschaftlichkeit eingeübt wird. Aber gerade
wenn man den modernen Quellenbegriff, demzufolge alles Quelle sein kann,
zugrundelegt, komme man nie sehr weit. Da Burckhardt auf Quellen zu verzich-
ten aber nicht gewillt ist, verlangt er lediglich ihre strenge Auswahl. Burckhardts
Quellen sollen so viel wie möglich, der Historiker nur so viel wie nötig sprechen.
Man müsse zwar möglichst auf einem Gebiet Spezialist sein, solle sich aber auf
anderen ruhig einen gewissen Dilettantismus erlauben, wenn man überhaupt
noch einen bescheidenen Überblick behalten wolle. Lieber vertiefe man sich nach
und nach, als ganz im Freien zu schweben205.

genüber stand. So sei Taine etwa durch Hegel verdorben worden (EH Warum ich so klug bin 3,
6:285).
205 Im Wintersemester 1870/71 hörte Nietzsche Burckhardts Vorlesung über das Studium der
Geschichte, die später unter dem Titel Weltgeschichtliche Betrachtungen in Buchform erscheint (s.
Burckhardt, 1963). Diese Vorlesung hat Nietzsches Ansichten über Kultur und Kulturen stark
beeinflusst. Nicht zuletzt hier lernte Nietzsche die „Wandelbarkeit" und „Vielheit", „das Ne-
beneinander von Völkern und Kulturen" als historische Grundtatsache zu würdigen (s. Burck-
hardt, 1963:7f). Burckhardt gab wie Nietzsche sein Theologiestudium wegen der Skepsis auf, die
ihm die philologische Bibelkritik vermittelt hatte. Wie sein Lehrer Ranke blieb er zeit seines Le-
bens von der grundlegenden Bedeutung der Kritik sowie der Primärquellen überzeugt (in Berlin
studierte er auch bei Boeckh und Droysen). Burckhardt warnte seine Schüler vor Lehrbüchern,
Einfuhrungen, Anthologien und Interpretationen, und zwar nicht in erster Line wegen deren
UnZuverlässigkeit, sondern weil die wissenschaftliche Einbildungskraft erst durch den Kontakt
mit authentischen Quellen stimuliert werde (vgl. Heller, 1988). Burckhardts Griechische Kulturge-
schichte (Burckhardt, 1900ff) ist ein besonders reicher Fundus zum Studium seiner wissenschaft-
lichen Praxis. Sein Ansatz ist insgesamt der einer ,fröhlichen Wissenschaft': gewollt unsystema-
tisch, da jede Methode anfechtbar sei. So kann er nach Belieben manches weglassen, das ihn
nicht interessiert, wie z.B. die damals beliebten Exkurse in den Einfluss von Boden und Klima,
die Rassenlehre u. dergl. (s. 1963:4). Burckhardt bekennt ohne weiteres, von der eigenen Zeit
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138 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Auch Nietzsche weiß ja, dass jede redliche Moralphilosophie langsames, em-
pirisches, kulturvergleichendes Studium heischt (z.B. FW 1.7, 3:378ff). Nietzsche
beklagt in einem frühen Stadium, dass ihm keine Heerscharen von Gelehrten zur
Verfügung stünden, die er auf das gewaltige Ziel ansetzen könnte. Freilich sei es
schwierig, entsprechend geeignete Gelehrte mit der nötigen Feinheit und Tiefe —
der erforderlichen divinatorischen Begabung — zu finden206. Der Rückgriff auf
literarische Quellen, wie ihn Burckhardt und Taine demonstriert hatten, weist
dagegen einen Ausweg, der angesichts des Dilemmas den besten Kompromiss
auf dem Weg zu dem von Nietzsche angestrebten Text der Kultur darstellt. Lite-
rarische Werke haben als öffentlich verhandelte Symptome bestimmter Leiber
einen repräsentativen Charakter angenommen, der sie in ihrer Summe als ,Text'
der jeweiligen Kultur ausweist. Sie sind Abkürzungen auf dem steinigen Weg der
Erudition, allerdings nur für den, der sie kritisch zu handhaben und subtil zu
lesen vermag.
Auf diese Weise kommt die Philologie doch wieder ins Spiel: seine hochspe-
zialisierte literarisch-philologische Kompetenz, glaubt Nietzsche, kommt seinem
psychologischen Talent entgegen und kann über Umwege auch für das Studium
kultureller Phänomene fruchtbar werden. Kritisch-divinatorische Literaturge-
schichte ist die einzige redliche Möglichkeit, Kulturgeschichte zu betreiben.
Nietzsches scheinbar so subjektive Auseinandersetzung mit der Weltliteratur, die
sich durch das gesamte Werk zieht, hat hier ihren Ausgangspunkt207: Autoren
werden im Sinne Burckhardts und Taines als Schnittpunkte individueller und
kollektiver leiblicher Prozesse gedeutet. Ihre Werke lassen sich kraft ihres ästheti-
schen Mehrwerts darauf allerdings nicht reduzieren, sondern geben immer wieder
Anlass zu Revisionen der eigenen Theorie, die automatisch dadurch entstehen,
dass sich die Texte in ihrem Zusammenhang gegenseitig je neu beleuchten; dem
Studium von Kultur in diesem Sinne ist der Perspektivismus somit von vornher-
ein eingebaut.
Schlüsselkonzept ist dabei die Metaphorik des Organischen, die Nietzsches
Denkweise genauso konfiguriert wie jene Burckhardts oder Taines. Wenn die
Sprache selbst ein komplexer Organismus ist, sind es Texte, als aus ihrem Materi-
al hergestellte Artefakte, auch. Den organischen Charakter wiederum haben sie

und Persönlichkeit nicht loszukommen, interesselose Betrachtung der Geschichte gebe es nicht.
Hochinteressant seine Reaktion auf die Zusendung der zweiten Un^eitgemässen am 25. Februar
1874, die gleichzeitig zustimmend und verwahrend ist. Er selbst habe ja die Geschichte nie ver-
absolutiert, sondern immer nur als propädeutisches Fach verstanden: „ich mußte den Leuten
dasjenige Gerüste beibringen das sie für ihre weitern Studien jeder Art nicht entbehren können
wenn nicht Alles in der Luft hängen soll"; selbstverständlich müsse sich jeder die Vergangenheit
selbst zu Eigen machen (KGB II.4:394f).
206 N ν π ι s 97f (genauer als die verfälschende Stelle in VII 34[147]). Vgl. auch JGB 3.45, 5:65f.
207 „Nietzsche ist ein höchst subjektiver, ein genialischer Leser, der nur aufnimmt, was er gerade
nötig hat, und bei dem es an Fehldeutungen nicht mangelt [...]." (Wuthenow, 1994:40) Dies ist
selbst eine Fehldeutung, weil sie die Rhetorik und Instrumentalisierung von Nietzsches Lektü-
ren verkennt (vgl. dazu Benne, 2004b).
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3.5. Genealogie der Moral 139

mit dem Menschen, mit allem Lebendig-Individuellen gemein. Kulturen werden


von Nietzsche in einer langen Tradition ebenfalls als Organismen aufgefasst, da
sie aus einzelnen Individuen komponiert sind, jedoch mehr als die Summe ihrer
Teile darstellen. Die organische Gemeinsamkeit der verschiedenen Entitäten
begründet die Berechtigung wie die Notwendigkeit eines parallelen Zugangs. Wie
der menschliche Leib so sind Texte wie Kulturen unendlich, antiteleologisch,
komplex und nie kausal deutbar, sondern immer nur genetisch nachzuvollziehen:
„Der Leib [...] ist mehrsprachig. Entsprechend komplex, womöglich gar in sich
widersprüchlich ist sein Ausdruck. Und vor allem bleibt auch das Unterdrückte,
Abgewiesene, Unentwickelte stets als solches sichtbar. Der Leib kann nicht lü-
gen." (Mattenklott, 1982:30)208 Ein Text ist nicht in erster Linie durch kausale
Verknüpfungen seiner Glieder gekennzeichnet, sondern durch eine mannigfalti-
gere Reihe von z.T. nur assoziativen Verbindungen. Die Forderung nach Text
und Tatbestand entspricht deshalb gerade nicht den positivistischen Uberzeu-
gungen der Zeit. Durch Nietzsches Schriften ziehen sich antikausalistische Moti-
ve wie ein roter Faden, und angebliche kausale Verbindungen sind eines der
Hauptmerkmale schlechter Interpretationskünste209.

208 Das Organismusdenken Nietzsches kann hier nicht in dem Maß diskutiert werden, das es ver-
dient hätte. Es lässt sich aber an vielen Stellen nachweisen. Richtmaß des Organismus ist bei
ihm immer der menschliche Leib; an ihm werden letztlich sogar die größeren Organismen ge-
messen, die aufgrund ihrer Dimensionen aber noch nicht unbedingt komplexer sind. Einmal
mehr bestätigt sich die Einteilung der Domäne menschlicher Kultur unterhalb des individuellen
Leibs: „Unser Leib ist etwas viel Höheres Feineres Complicirteres Vollkommneres Moralische-
res als alle uns bekannten menschlichen Verbindungen und Gemeinwesen [sie!]: die Kleinheit
seiner Werkzeuge und Diener ist kein billiges Argument dagegen! Was S c h ö n h e i t betrifft, so
steht seine Leistung am höchsten: und unsre Kunstwerke sind Schatten an der Wand gegen die-
se nicht nur s c h e i n e n d e , sondern l e b e n d i g e Schönheit!" (VII 7[133]). Auffällig ist auch
Nietzsches Pflanzenmetaphorik, die in nahezu allen Domänen immer wieder durchdringt:
„Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch" am prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das
vergleichende Studium der Historie nöthig." (VII 34[74]) Geht man aber über den Bereich des
Menschlichen hinaus und in die Welt des Kosmischen bzw. die Domäne der Naturwissenschaft,
ist selbst eine Aussage über den organischen Charakter des Universums bereits unredlich. Diese
Domäne ist für Nietzsche scheinbar auf eine Weise unzugänglich, dass man hier höchste Vor-
sicht praktizieren sollte: „Hüten wir uns, zu denken, dass die Welt ein lebendiges Wesen sei [...]
Wir wissen ja ungefähr, was das Organische ist: und wir sollten das unsäglich Abgeleitete, Späte,
Seltene, Zufällige, das wir nur auf der Kruste der Erde wahrnehmen, zum Wesentlichen, Allge-
meinen, Ewigen umdeuten, wie es Jene thun, die das All einen Organismus nennen?" (FW
3.109, 3:467ff- der gesamte Aphorismus, zu lang um hier in Gänze zitiert zu werden, ist äußerst
aufschlussreich für die Problematik des Organischen bei Nietzsche). Die Entstehung des Orga-
nismusdenken (nicht identisch mit der organologischen Naturphilosophie der Romantik) ist mit
der Geburt der Wolfschen Philologie untrennbar verbunden; der Geist Humboldts hat ebenso
darauf gewirkt wie der Geist Winckelmanns oder Goethes. In den altertumswissenschaftlichen
und sprachtheoretischen Texten, die Nietzsche studiert hat, findet es sich allerorten. Hinweise
auf Nietzsches Organismusdenken bei Benne (2004b) sowie Gebhard (1995).
209 „Gesetzt, ich halte Jemanden für meinen Vater, so folgt daraus vielerlei für jede seiner Äuße-
rungen gegen mich: sie werden anders i n t e r p r e t i r t . - Also unsere Auffassungen und Ausdeu-
tungen der Dinge, unsere Interpretation der Dinge geben, so folgt, daß alle ,wirklichen' Einwir-
kungen dieser Dinge auf uns daraufhin anders erscheinen, neu intepretirt, kurz a n d e r s
w i r k e n . Wenn nun alle Auffassungen der Dinge falsch waren, so folgt, daß alle Einwirkungen
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140 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Die Anlehnung an Burckhardt und Taine, die Nietzsche einmal als die einzi-
gen wahren Leser seiner eigenen Schriften bezeichnete210, erlaubt Nietzsche so-
mit, souveräne Distanz zum naiven Positivismus zu halten und dennoch als Ma-
ximalziel immer wieder ein empirisches, an den Naturwissenschaften orientiertes
Studium der Kultur- und Moralgeschichte als „Naturgeschichte" zu fordern, als
strenge Wissenschaft, die zunächst Material sammelt, ordnet und systematisiert,
um eine „Typenlehre" der Moral, kurz: eine Recensio, zu erstellen (z.B. JGB
5.186, 5:105f). Die „Fröhliche W i s s e n s c h a f t " — d.h. der souveräne, essayisti-
sche, spielerische Umgang mit den Resultaten der Forschung - ist nur möglich
nach einer Periode des „langen, tapferen, arbeitsamen und unterirdischen
Ernstfes], der freilich nicht Jedermanns Sache ist", sie ist der „Lohn" dafür (GM
Vorrede 7, 5:255).
Ob es nicht der Maulwurf, Nietzsches Symbol des Philologen ist, der da un-
terirdisch am Werk ist? Schon in einem Brief an Rohde vom 20. November 1868
werden die Philologen als Maulwürfe bezeichnet (1.2:334). In der Vorrede zur
Morgenröthe von 1886 bezeichnet sich Nietzsche als „einen Bohrenden, Graben-
den, Untergrabenden", kurz als „Maulwurf, der er lange gewesen sei, der in
seiner Einsamkeit lange Licht und Luft entbehrte und nun wieder an den Tag
zurückkehre, um seine Erlösung und Morgenröte zu erleben (KSA 3:11). Dieses
Bohren und Graben wird in der Folge übrigens nicht als unfreiwillig beschrieben,
sondern eher als Wagnis und Schicksal mit reicher Ausbeute — wenige Seiten
darauf folgt der berühmte Aufruf zur ,guten Philologie' an seine eigenen Leser
(M Vorrede 5, 3:17).
Wenn sich Nietzsche, wie bereits erwähnt, zu Beginn der Genealogie der Moral
von jenen Anthropologen und Ethnologen distanziert, von denen er ursprünglich
ausgegangen war, also besonders Tylor und Lubbock, aber auch John Stuart Mill,
Darwin und Spencer und, nicht zu vergessen, Ree selbst (vgl. bes. GM Vorrede 4,
5:250f), so kritisiert Nietzsche nicht nur die irreführende Version ihrer genealo-
gischen' Methode, die sich an fiktiven Nützlichkeitspostulaten endanghangelt,
sondern, grundlegender, ihren Mangel an historischem Sinn, den sie mit den
idealistischen Philosophen teilen:

der Dinge auf uns auf e i n e f a l s c h e C a u s a l i t ä t hin empfunden und ausgelegt werden: kurz,
daß wir Werth und Unwerth, Nutzen und Schaden abmessen auf Irrthümer hin, daß die Welt,
die uns e t w a s a n g e h t , falsch ist. (VIII 5[19]). Gegen falsche Kausalitätsschlüsse argumen-
tiert schon Schopenhauer, von dem Nietzsche in dieser Hinsicht viel gelernt hat (z.B. 1988,
1. Buch §15, S. 127f).
210 Burckhardt und Taine nennt Nietzsche gemeinsam mit nur einer weiteren Person, nämlich
Bruno Bauer, in einem Briefentwurf an Reinhart von Seydlitz: im Grunde habe er nur jene drei
Leser. Uber Taine fugt er hinzu: „Das ist endlich ein Leser, dessen Cultur umfänglich genug ist,
um mich zu verstehn" (Briefentwurf vom 26. Oktober 1886, III.3:270f). Zu Bauer s. den Kurz-
eintrag von Andreas Urs Sommer in NH, S. 413. Interessanterweise hob Bauer, in der Tat einer
der wenigen frühen Nietzscheleser, den ,mittleren', europabegeisteten Nietzsche heraus, den er
als neuen Montaigne, Pascal und Diderot feierte. In der Christentumskritik traf er sich ebenfalls
mit Nietzsche, nicht zuletzt in der Herleitung von Teilen des Christentums aus der Stoa sowie in
der Ablehnung der historischen Verfälschung Jesu durch die Kirche.
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3.5. Genealogie der Moral 141

Aber gewiss ist leider, dass ihnen der h i s t o r i s c h e G e i s t selber abgeht, dass sie ge-
rade von allen guten Geistern der Historie selbst in (sie) Stich gelassen worden sind!
Sie denken allesammt, wie es nun einmal alter Philosophenbrauch ist, w e s e n t l i c h
unhistorisch; daran ist kein Zweifel. (GM 1.2, 5:258)

Hier spricht der ,alte Philologe', der seine Stärke gegenüber der akademischen
Philosophie ausspielt. Mangel an historischem Sinn bedeutet bei Nietzsche des-
halb nichts anderes als die bloße Betrachtung geschichtlicher Entwicklung unter
teleologisch-normativem Aspekt. Der Mangel an historischem Sinn reproduziert
den Erbfehler aller Philosophen, nämlich den Menschen als endgültiges Wesen
mit universalen Eigenschaften anzusehen, statt als wandelbares mit plastischer
Natur211. Wie einst die Stoiker, versuchen auch die neuzeitlichen Anthropologen
ihr Menschenbild dem Rest der Menschheit aufzuzwingen, ein Menschenbild, das
in einer ganz konkreten historischen Situation entstanden ist: an der Schnittstelle
von niedergehender Religion, d.h. dem nur mehr nachwirkenden Christentum,
und aufgehendem industriellen Zeitalter, das seine eigenen Götzen in den Begrif-
fen dieser Religion interpretiert. Mangel an historischem Sinn bedeutet deshalb
schließlich auch die Vernachlässigung des sensus historicus der philologischen
Erklärung gegenüber dem sensus allegoricus in der theologischen Tradition.
Der Gegenentwurf einer philologisch, d.h. historisch-kritischen Moralphilo-
sophie kleidet sich unmissverständlich in die entsprechende Begrifflichkeit:
Nietzsche wirft der bisherigen Moralphilosophie fehlenden „Argwohn" dafür
vor, „dass es hier etwas Problematisches gebe." Doch nicht nur die text- und
quellenkritische Skepsis fehlt, sondern ebenso jede „Prüfung, Zerlegung, An-
zweiflung, Vivisektion" des eigenen Glaubens. Die Moralphilosophie kenne „die
moralischen facta" nur in groben Bruchstücken und Auszügen, und beziehe sie
häufig nur auf die eigene Umgebung „ihres Zeitgeistes", statt auf viele „Völker,
Zeiten, Vergangenheiten"; deshalb führe letztlich erst eine „Vergleichung vieler

„Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist? ... Zum Beispiel ihr Mangel
an historischem Sinn, ihr Hass gegen die Vorstellung selbst des Werdens, ihr Ägyptizismus. Sie
glauben einer Sache eine Ehre anzuthun, wenn sie dieselbe enthistorisiren, sub specie aeterni —
wenn sie aus ihr eine Mumie machen. Alles, was Philosophen seit Jahrtausenden gehandhabt
haben, waren Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches lebendig aus ihren Händen. Sie tödten,
sie stopfen aus, diese Herren Begriffs-Götzendiener, wenn sie anbeten, — sie werden Allem le-
bensgefährlich, wenn sie anbeten. Der Tod, der Wandel, das Alter ebensogut als Zeugung und
Wachstum sind für sie Einwände, — Widerlegungen sogar. Was ist, w i r d nicht; was wird, ist
nicht..." (GD Die „Vernunft" in der Philosophie 1, 6:74). Oder auch viel früher: „ E r b f e h l e r
der P h i l o s o p h e n . — Alle Philosophen haben den gemeinsamen Fehler an sich, dass sie vom
gegenwärtigen Menschen ausgehen und durch eine Analyse desselben an's Ziel zu kommen
meinen. Unwillkürlich schwebt ihnen ,der Mensch' als eine aeterna Veritas, als ein Gleichblei-
bendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge vor. Alles, was der Philosoph über den
Menschen aussagt, ist aber im Grunde nicht mehr als ein Zeugniss über den Menschen eines
sehr b e s c h r ä n k t e n Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philo-
sophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjüngste Gestaltung des Menschen, wie eine
solche unter dem Eindruck bestimmter Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse ent-
standen ist, als die feste Form, von der man ausgehen müsse." (ΜΑ 1.1.2, 2:24f)
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142 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

Moralen" weiter (JGB 5.186, 5:106)212. Tylor, Lubbock, Spencer, Mill und die
anderen „englischen Psychologen" lassen ihre ethnologische Feldarbeit und ihr
anthropologisches Urteil von den Wertmaßstäben der eigenen Epoche leiten,
auch wenn sie immerhin die einzigen gewesen seien, die sich an einer Entste-
hungsgeschichte der Moral versucht hätten (GM 1.1, 5:257). Nietzsche möchte
gerne annehmen „dass diese Forscher und Mikroskopiker der Seele im Grunde
tapfere, grossmüthige und stolze Thiere seien" (258) und empfindet „Achtung
[...] vor den guten Geistern, die in diesen Historikern der Moral walten mögen"
(GM 1.2, 5:258)213. Allerdings sind sie anscheinend doch nur „kalte, langweilige
Frösche" ( G M I . l , 5:258).
In Nietzsches Werk gibt es nämlich einen auffälligen Kontrast zwischen den
Maulwürfen und Fröschen, der viele Parallelitäten zum Kontrast unterschiedli-
cher Philologen- bzw. Gelehrtenschulen aufweist. Während die Maulwürfe, blind
zwar gegenüber den großen Zusammenhängen, immer auf der Suche sind und in
ihrem rastlosen Wühlen durchaus fündig werden, sind die Frösche durch ihre
kalte Leidenschaftslosigkeit und ihr abträgliches Biotop, den unergründlichen
Sumpf gekennzeichnet. Seine philologischen Lehrer auf der Pforte hat Nietzsche
ausdrücklich vom froschartigen Charakter sonstiger Gelehrsamkeit ausgenom-
men: „Wenn ich damals gerade Lehrer gehabt hätte, von der Art, wie sie auf
Gymnasien mitunter gefunden werden, engherzige, froschblütige Mikrologen, die
von der Wissenschaft nichts als den gelehrten Staub kennen: ich hätte den Ge-
danken weit weggeworfen, jemals einer Wissenschaft anzugehören, der solche

212 „In England meint man Wunder, wie freisinnig die höchste Nüchternheit in Sachen Moral
mache: Spencer, Stuart Mill. Aber schließlich thut man nichts als seine moralische Empfindun-
gen zu f o r m u l i r e n . Es erfordert etwas ganz anderes: wirklich a n d e r s einmal e m p f i n d e n
zu können und Besonnenheit hinterher zu haben, um dies zu analysieren! Also neue innere Er-
lebnisse, meine werthen Moralisten!" (V 7[247]). Die „Moral-Historiker" schlössen aus der Exis-
tenz verschiedener Moralsysteme höchstens auf moralischen Relativismus, d.h. auf die Unver-
bindlichkeit jeglicher Moral, oder sie nähmen, in gleicher Weise naiv, irgendeinen konstruierten
Konsensus zumindest der christlichen Völker an: „sie stehen selbst unter dem Regiment einer
Moral, ohne es zu wissen und thun im Grunde nichts anderes als ihrem Glauben an sie zum Sie-
ge zu verhelfen: — ihre Gründe beweisen nur ihren eigenen Willen, daß das und das geglaubt
würde, daß das und das durchaus wahr sein solle." Kritisieren sie die Meinung eines Volkes über
seine Moral, glauben sie die Moral selbst kritisiert zu haben, allein durch die Bloßlegung des
„Unkrautfs] von Unvernunft" (VIII 2[163]).
213 „Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmässigen Köpfen erkannt werden, weil sie ihnen
am gemässesten sind, es giebt Wahrheiten, die nur für mittelmässige Geister Reize und Verfuh-
rungskräfte besitzen: — auf diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade jetzt hinge-
stossen, seitdem der Geist achtbarer, aber mittelmässiger Engländer — ich nenne Darwin, John
Stuart Mill und Herbert Spencer — in der mittleren Region des europäischen Geschmacks zum
Übergewicht zu gelangen anhebt. In der That, wer möchte die Nützlichkeit davon anzweifeln,
dass zeitweilig s o l c h e Geister herrschen? Es wäre ein Irrthum, gerade die hochgearteten und
abseits fliegenden Geister für besonders geschickt zu halten, viele kleine gemeine Thatsachen
festzustellen, zu sammeln und in Schlüsse zu drängen: sie sind vielmehr, als Ausnahmen, von
vornherein in keiner günstigen Stellung zu den „Regeln" Zuletzt haben sie mehr zu thun, als nur
zu erkennen — nämlich etwas Neues zu s e i n , etwas Neues zu b e d e u t e n , neue Werthe d a r -
z u s t e l l e n ! 0 G B 8.253, 5:196f)
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3.5. Genealogie der Moral 143

Schacher dienen." (BAW 5:253)214. Den Fröschen unter Philologen und ver-
wandten Forschern ist Wissenschaft zum Selbstzweck geworden, zum asketi-
schen Ideal, das Nietzsche ja in der dritten Abhandlung der Genealogie der Moral
dann ausführlich als nihilistische Besetzung der menschlichen Sinnleerstelle be-
handelt. Wenn Nietzsche in einem u.a. gegen „Frösche und Schwächlinge" ge-
richteten Aphorismus eine „Kritik der moralischen Werth-urtheile" fordert, die
sich von der „ E n t s t e h u n g s g e s c h i c h t e " unterscheide, so schwingt darin die
philologische Kombination aus niederer und höherer (urteilender) Kritik mit
(FW 5.345, 3:577f). ,Maulwürfe' verkörpern die positiven Aspekte der Gelehr-
samkeit bzw. Philologie;,Frösche' all das, was Nietzsche an ihr abstößt.
Wer dergestalt als gnadenloser Richter und wissenschaftlicher Gutachter auf-
tritt, steht selber in der Pflicht. Die Genealogie der Moral ist Nietzsches ambitionier-
tester Versuch auf dem Feld der Moralphilosophie und -geschichte. Es ist der
Versuch, über die fröhliche, auf literarischen Quellen beruhende Wissenschaft
hinauszugehen — als Demonstration dessen, was eigentlich vonnöten wäre.
Nietzsche macht aus der wissenschaftlichen Not eine Tugend, indem er sich, statt
umfangreiche Quellenstudien nachzuweisen, drastisch auf einige wenige ausge-
wählte Moralkonzepte beschränkt, die für einen einzelnen Forscher gerade noch
zu handhaben sind, — diese aber nach allen Regeln der Kunst genealogisch-
vergleichend ableitet. Gegenüber Paul Ree und dem „englischen Hypothesenwe-
sen" richtet er sich deshalb auf „das Urkundliche, das Wirklich-Feststellbare, das
Wirklich-Dagewesene, kurz die ganze lange, schwer zu entziffernde Hierogly-
phenschrift der menschlichen Moral-Vergangenheit" (GM Vorrede 7, 5:254).
Trotz Verzichtes auf den bislang unerreichbaren ,Text' der Kultur bleibt das
philologische Grundprinzip der Orientierung am ,Stemma' erhalten: durch Kolla-
tionierung historischer Ausprägungen von Moralbegriffen (bzw. den Motiven, die
zu ihnen führten) wird ihre Herkunft jeweils ableitbar. Die gängige Auffassung
von Nietzsches Genealogie dahingehend, dass „der anfängliche Sinn einer Sache
keineswegs identisch mit den Trieben, Blättern, Blüten und Früchten [sei], die im
Laufe der Zeit aus dieser Wurzel spriessen" (Sommer, 2000:140) lässt sich damit
nicht nur vereinen, sondern beschreibt durchaus treffend das Grundprinzip des
Stammbaums215. So wie der Philologe den Archetypus bzw. die Textgeschichte

214 „Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und Wahrheiten: ein Geruch ist oft
an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den
Frosch aus ihr quaken!" (Za II „Von den Gelehrten", 4:161). Immerhin lebt auch „ d e r G e -
w i s s e n h a f t e d e s G e i s t e s " im Sumpf (Za IV Der Blutegel, 4:309ff).
215 Eine Sammlung verschiedenster Ansätze zur Bestimmung des Genealogiebegriffs findet sich in
Schacht (Hrsg., 1994). Besonders sei auf den Beitrag von Alexander Nehamas (Nehamas, 1994)
hingewiesen, der einige der hier gemachten Beobachtungen bestätigt. Die Genealogie versteht
Nehamas als antikausalistischen Interpretationsprozess des radikalen Historismus: auch wenn er
diesen Begriff wohl kaum verwenden würde („For genealogy is a process of interpretation
which reveals that what has been taken for granted is the product of specific historical condi-
tions, an expression of a particular and partial attitude toward the world, history, or a text that
has been taken as incontrovertible.", S. 275). Er sei schon in der zweiten Un^eitgemässen vorge-
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144 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

unter Berücksichtigung späterer Varianten und Eingriffe rekonstruiert, arbeitet


sich Nietzsche über die Genese der Begriffe an ihre möglichst unverfälschten
Ursprünge vor.
Der Aphorismus 32 im zweiten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse
spricht eine noch deutlichere Sprache. Die vormoralische Epoche (die Epoche
vor dem Imperativ des Erkenne dich selbst) bewertete Handlungen nach ihren Fol-
gen. Die Einpflanzung aristokratischer Werte kehrte den Blick um und fragte
nach der Herkunft von Handlungen, um ihren Wert zu ermitteln. Das war der
erste Schritt zur Selbsterkenntnis. Auf verhängnisvolle Weise übernahm man
jedoch die Kausalitätsvorstellung und interpretierte die Herkunft jeweils als Ab-
sicht. Nietzsche fordert einen erneuten Blickwechsel und eine weitere Vertiefung
des Menschen. Der Wert einer Handlung liege gerade in dem, was nicht absicht-
lich an ihr ist. Herkunftsuntersuchungen haben also zuoberst ihren Wert an sich,
sie dienen, wie in der Philologie, nicht kausalen Erklärungen, sondern entwerfen
ein komplexes Netz aus Zusammenhängen:
Kurz, wir glauben, dass die Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der
Auslegung bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich fur sich allein fast
nichts bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also Absichten-Moral ein Vo-
rurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vorläufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom
Range der Astrologie und Alchymie, aber jedenfalls Etwas, das überwunden werden
muss. Die Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstände sogar die Selbst-
überwindung der Moral: mag das der Name für jene lange geheime Arbeit sein, wel-
che den feinsten und redlichsten, auch den boshaftesten Gewissen von heute, als le-
bendigen Probirsteinen der Seele, vorbehalten blieb.- (KSA 5:50f)

Die Redlichkeit ist also sowohl Ausfluss der Moral wie Instrument ihrer eigenen
Überwindung. Der Intellekt in der Selbstbeobachtung befindet sich damit im
Zustand permanenter Evolution.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die weitere Ent-
wicklung der Kulturanthropologie. Er zeigt, wie revolutionär Nietzsches Absicht
einer Recensio von Moralsystemen anhand ausgewählter Konzepte wirklich war.
Das Paradigma Tylors, das lange Zeit Geltung hatte, wurde erst im zwanzigsten
Jahrhundert in Frage gestellt. Clifford Geertz, der sich, ausgehend von Max We-
ber (der hierin wiederum stark von Nietzsche geprägt ist) sowie der einfühlenden
Feldarbeit eines Malinowski, kritisch gegen Tylor absetzte, versucht eine herme-
neutische Kulturanalyse zu begründen, die dem Ansatz Nietzsches, bis auf einen
entscheidenden Punkt, recht nahe kommt. Seine eigene Kulturauffassung sei
semiotisch, schreibt er am Anfang eines der einflussreichsten Bücher der letzten
Jahrzehnte, in The Interpretation of Cultures (Geertz, 1975:5). Kultur sei ein Netz

bildet gewesen. Die Leistung der GM sei es gewesen, erstmals Phänomene wie Moral und Aske-
se als interpretierungsbedürftige Phänomen eingeführt zu haben (besser wäre hier: erklärungs-
bedürftige) und Moral selbst bereits als Interpretation vor allem physiologischer Tatbestände
entlarvt zu haben.
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3.5. Genealogie der Moral 145

von Bedeutungen, die der Mensch selbst erzeugt hat und welche nach Interpreta-
tion verlangen216:
D o i n g e t h n o g r a p h y is like trying to r e a d (in the s e n s e o f ' c o n s t r u c t a r e a d i n g o f ) a
m a n u s c r i p t - foreign, faded, full of ellipses, i n c o h e r e n c i e s , s u s p i c i o u s e m e n d a t i o n s ,
a n d t e n d e n t i o u s c o m m e n t a r i e s , b u t w r i t t e n n o t in c o n v e n t i o n a l i z e d g r a p h s o f s o u n d
b u t in transient e x a m p l e s o f s h a p e d b e h a v i o u r . (10)

In der Übertragung der Netzwerkmetapher der Kultur in den Textbegriff erweist


sich Geertz' Ansatz als philologischer217. Geertz erkennt natürlich die Gefahr der
Textmetapher, die darin besteht, dass der Anthropologe sich als Außenstehender
zu diesem Text der Kultur erklärt. Eben das funktioniere nicht, der Text sei keine
Ansammlung uninterpretierter Daten, sondern enthalte schon die Auswirkung
der Interpretationen auf den Beobachter selbst (z.B. S. 15). Geertz' berühmte
,thick descriptions' unterscheiden sich wenig vom kulturhistorischen Ansatz
Burckhardts, nämlich die Quellen sprechen zu lassen, kombiniert mit dem Ein-
geständnis der Beteiligung des Anthropologen, ja der Fruchtbarmachung dieser
Beteiligung218.
Das eigentliche Problem der Textmetapher liegt jedoch an anderer Stelle.
Wenn Kultur von Geert2 und anderen Ethnologen ohne weiteres als Text aufge-
fasst wird, der gedeutet werden muss und dessen Verfasser die Handelnden der
jeweiligen Kultur sind, dann liegen die Wurzeln dafür zwar durchaus in der Philo-
logie (vgl. auch Lenk, 1996), das Verfahren zur Identifizierung dieses ,Textes' ist
aber völlig unphilologisch. Der ,Text' müsste von den Ethnologen nämlich zu-
nächst in mühsamer empirischer Arbeit erstellt werden: die Herauslösung ver-
schiedener Kulturelemente zur ethnologischen Bearbeitung müsste entsprechend
begründet werden; sich mit schlechthin allen relevanten Phänomenen zu beschäf-
tigen, ist gewiss unmöglich. Dieser Herauslösungsprozess als Definition der jewei-
ligen ,Kultur' stellt aber schon die eigentliche Arbeit dar. Carsten Lenk nennt
diesen Prozess deshalb richtigerweise das Textualisieren des Gegenstandes der
Ethnologie. Der angebliche ,Text' einer Kultur besteht deshalb schon aus „Inter-
pretationen erster Ordnung", nämlich den Beobachtungen des Ethnographen,

216 Geertz benutzt den Begriff der Erklärung (explication) interessanterweise synonym zur Interpre-
tation.
217 Es ist hier nicht der Ort, die Entwicklung der amerikanischen Kulturanthropologie nachzu-
zeichnen. Es ließe sich aber leicht zeigen, dass sie in ihrer Begründungsphase ohne den Import
philologischen Denkens nicht denkbar gewesen wäre. Sie wurde wesentlich von deutschen, kul-
turphilologisch geschulten Einwanderern wie Franz Boas geformt.
218 „anthropological interpretation is constructing a reading of what happens" (Geertz, 1975:18)
und fixiert "the flow of social discourse" (20f). Die Hauptarbeit gilt dem mikroskopisch-kleinen
Detail, die großen Themen sollen allenfalls aus den kleinen, konkreten Kontexten entwickelt
werden. Dergleichen philologische Metaphorik zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte
Studie. Wer Geertz genau liest, wird jedoch schnell feststellen, dass seinem Textbegriff die Edi-
tionsphilologie angelsächsischer Prägung zugrundeliegt. Die europäische Kultur, davon kann er
sich schwerlich befreien, gilt ihm gleichsam als copy text, auf dessen Basis definitive Texte ande-
rer Kulturen erstellt werden.
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146 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

den Darstellungen der Informanten etc. (Lenk, 1996:119). Erst mit dieser Er-
kenntnis schließt die Ethnologie an den Erkenntnis stand Nietzsches bzw. der
historisch-kritischen Philologie an. Nietzsches Selbstbeschränkung in der Genealo-
gie der Moral bzw. der Rückgriff auf literarische Quellen andernorts war Hellsicht
gegenüber den eigenen Grenzen — aus dem philologischem Gewissen heraus. Es
entbehrt nicht der Ironie, wenn — gewiss nicht aus Zufall! — die interpretative
Ethnologie gegenwärtig als eine Art philologischer Rückimport auf die literatur-
wissenschaftliche Beschäftigung mit Texten übertragen wird 219.
Abgesehen von dergleichen Konvergenzerscheinungen hat Nietzsches Ge-
nealogie methodisch einige sehr deutliche Spuren hinterlassen, von denen drei
repräsentative Beispiele herausgegriffen werden sollen, um den Bezug der Genea-
logie zur philologischen Methodik abschließend zu klären. Am bekanntesten ist
der Versuch Foucaults; seine Diskursanalyse hat ihre Verwandtschaft zu Nietz-
sches Denken ja nie geleugnet. Jetzt erst lässt sich die ganze weidäufige philologi-
sche Familie erkennen, aus der Foucault durch den Filter Nietzsche sein kompa-
ratistisches Arsenal und seine wissenschaftliche Rhetorik rekrutiert. Die
philologische Inspiration seiner Art der Historiographie erklärt den langen Wi-
derstand der nachpositivistischen Geschichtsschreibung gegen ihn. Sie erklärt vor
allem seine auf den ersten Blick unverständliche Ablehnung der Interpretation:
M a i s si interpreter, c'est s ' e m p a r e r , par v i o l e n c e o u s u b r e p t i o n , d ' u n s y s t e m e de regies
qui n'a pas en soi de signification essentielle, et lui i m p o s e r u n e direction, le p l o y e r ä
u n e v o l o n t e nouvelle, le faire entrer d a n s u n autre jeu et le s o u m e t t r e ä des regies se-
c o n d e s , alors le d e v e n i r de l ' h u m a n i t e est u n e serie d'interpretations. E t la g e n e a l o g i e
doit en etre l'histoire: histoire des m o r a l e s , des i d e a u x , des c o n c e p t s m e t a p h y s i q u e s ,
histoire du c o n c e p t d e liberte ou d e la vie ascetique, c o m m e e m e r g e n c e s
d'interpretations differentes. (Foucault, 2 0 0 0 : 1 1 5 )

Die Genealogie steht in diesem wegweisenden Aufsatz von 1971 jedoch nur
scheinbar außerhalb der Interpretation, denn sie ist sich ihres Perspektivismus
bewusst, versteht sich aber, wie bei Nietzsche, als Vergleich von Interpretationen

219 Vgl. z.B. Bachmann-Medick (1996). Bachmann-Medick lässt sich auf die Metaphorisierung von
Kultur als Text ein, ohne zu bemerken, dass es sich letztlich um strukturalistisches Erbgut han-
delt: Handlungen und Ereignisse sollen als Text betrachtet werden, um dadurch Bedeutungen
erschließen zu können, bezeichnenderweise kennzeichne es deshalb Kultur und Text gleicher-
maßen, „zu verschiedenen Lesarten" aufzurufen (10). Bedenklich ist dabei nicht nur, dass die
Allegorese wieder zu neuen Ehren kommt (31 ff), sondern dass der vermeintliche Hauptgegner
des Dekonstruktivismus mit seiner Textzentrierung (44) in Wahrheit gar keiner ist. Im „Ver-
ständnis der Textvermitteltheit von Kulturen ebenso wie von kulturellen Implikationen literari-
scher Texte" (45), der durchaus nicht neuen Beachtung sozialer Kontexte also, sollen der Eth-
nologie und der Literaturwissenschaft zwar wichtige neue Gegenstandsbereiche zuwachsen, die
sich sogar politisch betätigen, weil sie gegen Marginalisierung bestimmter Gruppen und Kultu-
ren gerichtet sind, obwohl die viel grundlegendere Frage nach der Konstitution der entspre-
chenden Texte gar nicht erst angesprochen wird. Resultate, Gegenstände und Methoden des
New Historicism und verwandter Strömungen wirken denn auch häuflg beliebig und nur ober-
flächlich überzeugend. Dem Kampf gegen die Marginalisierungen hat sich die Dekonstruktion
mittlerweile ohnehin selbst verschrieben.
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3.5. Genealogie der Moral 147

und kommt deshalb dem perspektivischen Lesen Nietzsches nahe, das im Zent-
rum der nächsten Kapitel stehen wird. Diskursanalyse als die Geschichte nicht
vorhersagbarer Machtdynamiken von Interpretationen, die sich um der zukünfti-
gen Einflussnahme willen jeweils ein System von Regeln schaffen, muss auch
methodisch eben jenem dynamischen Charakter gerecht werden. Der Siegeszug
der Foucaultschen Genealogie in der Literaturwissenschaft verdankt sich ihrem
Ursprung in der philologischen Tradition (obwohl es sowohl Foucault wie der
Literaturwissenschaft verborgen geblieben ist), denn sie gab ihr einmal mehr die
Möglichkeit, die eigene Praxis neu zu rechtfertigen. Nicht umsonst versteht sie
sich als Methodik der kleinen Schritte, als „un certain acharnement dans
Ferudition" (103). Programmatisch lautet der erste Satz: „La genealogie est grise:
eile est meticuleuse et patiemment documentaire. Elle travaille sur des parche-
mins embrouilles, grattes, plusieur fois recrits." (102). Parallel zu Nietzsches Ab-
lehnung der Suche nach dem Ursprung der Dinge als einer Suche nach dem We-
sen220, so Foucault, komme fur die langsame, harte Historie als Genealogie
ebenfalls nur die weitaus bescheidenere Suche nach der Herkunft der Werte oder
der Moral in Betracht, eine Beobachtung kontingenter Machtkämpfe. Sie muss
sich durchaus bei Einzelheiten aufhalten und mit Zufällen beschäftigen und wir-
ke so dem Mythos des Ursprungs entgegen. Der Leib sei dabei der Ort der Her-
kunft schlechthin, ihm seien die Ereignisse eingeschrieben. Er gehorche deshalb
nicht nur den Gesetzen der Physiologie, sondern auch der Geschichte: Foucault
bedient sich folgerichtig ganz wie die kritischen Philologen medizinischer Meta-
phern, um das Verhältnis des Genealogen zu seinem Gegenstand zu erläutern
und betont wiederholt die Nähe des historischen Sinns zur Medizin.
Am anderen Ende des Spektrums versuchte jüngst Bernard Williams (2002)
unter Berufung auf Nietzsches intellektuelle Redlichkeit eine Art wissenschaftli-
ches Ethos zurückzugewinnen. Man müsse die Wahrheit (truth) von Wahrhaftig-
keit (truthfulness) unterscheiden. Nietzsches genealogische Methode sei die ex-
emplarische Methode der Wahrhaftigkeit. Abgesehen von der skandalösen und
völlig unverständlichen Ignoranz deutschsprachiger Sekundärliteratur, vom Man-
gel an Quellenkenntnis ganz zu schweigen (hier wurden gute Chancen vertan,
selbst intellektuelle Redlichkeit zu praktizieren), enthält Williams' Buch richtige
Einsichten über Nietzsches Genealogie. So erkennt er, dass Nietzsches Tatsa-
chensinn und Wahrheitsliebe etwas mit seiner Selbststilisierung als ,alter Philolo-
ge' zu tun haben (2002:16), verfolgt das Thema jedoch nicht weiter. Die Genea-
logie selbst definiert er als Erzählung (narrative), welche die (mögliche)
Entstehungsweise eines kulturellen Phänomens erkläre (explain, S. 20). Diese
Verteidigung der Relevanz fiktionaler Erzählmodi zur Erklärung der Genese von
Phänomenen kann bei einigem guten Willen als Intuition über Nietzsches Hin-
wendung zu literarischen Quellen gedeutet werden. Andererseits liegt aber eine

220 Nietzsche selbst unterscheidet freilich nicht so eindeutig wie Foucault den Ursprung von der
Herkunft.
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148 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

sowohl aus Unkenntnis der Wissenschaftsgeschichte wie der Nietzscheliteratur


erwachsene Fehldeutung vor. Ein „narrative" ist die Genealogie der Moral nicht -
will sie, wie vor allem Gary Shapiro (1982) demonstrieren konnte, gerade im
Kontrast zu Renans Arbeiten nicht sein. Die Genealogie ist sogar einer der am
strengsten diskursiven Texte Nietzsches; sie soll das analytische Gegenstück zur
verfrühten Synthese eines Renan und verwandter Geister darstellen.
Bedeutender und gerade in diese Richtung bis heute wegweisend sind die Ar-
beiten Eric Blondels. Nietzsche, so heißt es in einem frühen Aufsatz, bilde den
physiologischen in einen philologischen Diskurs um, und es sei erstaunlich, wie
Nietzsche beide Diskurse im Spätwerk miteinander verbunden habe. Nietzsche
spreche vom Leib nicht als empirischer, biologischer Realität, als Gegenstand,
sondern als zu entzifferndem, auszulegendem Text, „so daß die Philologie als
Transzendentales des genealogischen-physiologischen Diskurses über das unbe-
kannte An-sich des Leibes figuriert (wohl gemerkt also weder Realität noch pures
Zeichen, reiner Schein)." Es handele sich um eine kantische Denkfigur: Nietz-
sches Leib verhalte sich zum Text wie das Ding an sich zur Erscheinung. Der
Leib erscheine als Ursprung des Textes, als dessen „grosse Vernunft"
(1981/82:536)221.
Es erscheint unverständlich, warum Blondel nicht von der These ausgegangen
ist, die schon die Chronologie von Nietzsches geistigem Werdegang suggeriert,
dass nämlich Nietzsche umgekehrt den philologischen Diskurs in den physiologi-
schen umgebildet habe. In seinem wichtigen Buch Nietzsche. Le corps et la culture:
La philosophie comme genealogie philologique, das leider nie ins Deutsche übersetzt
wurde, hat Blondel das Thema denn auch weiter gefasst bzw. die Perspektive
umgedreht. Blondel stellt bei Nietzsche nun eine metaphorische Übertragung
philologischen Denkens auf den Bereich der Kultur fest. Er untersucht die bis
dato wenig beachtete Körpermetaphorik Nietzsches, in der sich die Andersartig-
keit von Nietzsches Texten besonders ausspreche, und arbeitet klar die metapho-

221 In dem Brief an Gersdorff von Ende August 1866, der von seiner Entdeckung F.A. Langes
berichtet, macht Nietzsche zwar deutlich, dass auch unsere (sichtbaren) Organe nur Teil der Er-
scheinungswelt seien und die eigene Organisation, also der eigene Leib so unbekannt wie die
Außenwelt bleibt (1.2 160). Aber das rettet noch nicht das von Blondel noch verwendete Ding
an sich: dies würde ja schon eine Erkenntnis des Leibes voraussetzen, zu der es kein erkennen-
des Subjekt geben kann. Der Leib kann nichts als seine Erscheinungsformen sein. Wenn wir al-
so Texte, welcher Art auch immer, als Zeichen des Leibes ansehen, dann macht die Summe die-
ser Zeichen eben den erkennbaren Leib aus. Eine Essenz dahinter zu vermuten wäre
Metaphysik und angesichts des steten Wandels nicht nur des Leibes auch unredlich. Möglicher-
weise hat Blondel dies ja auch gemeint und nur missverständlich ausgedrückt oder ich habe ihn
schlecht gelesen. Freilich sieht Blondel noch 1994 Nietzsches Genealogie in der kritischen Tra-
dition Kants. Er verweist u.a. auf Kants Verwendung des Begriffs in der ersten Auflage der Kri-
tik der reinen Vernunft, was mich nicht überzeugt. Die Genealogie sei auch Rees Ursprung entge-
gengestellt — ähnlich argumentierte ja Foucault —; wobei der Unterschied wohl darin liegt, dass
Nietzsche, der in der Tat nicht den Ursprung an sich verfolgt, vielmehr bemüht ist, die ver-
schiedenen möglichen Ursprünge zu kollationieren, um die Genese, also die genealogische Be-
ziehung zum aktuellen Gebrauch zu erforschen. Die einseitige Konzentration auf das kantische
Erbe scheint mir für den späten Nietzsche nicht plausibel.
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3.5. Genealogie der Moral 149

tische Nähe von Philologie, Physiologie und Medizin heraus. Es ist nur zu be-
dauern, dass Blondel während dieser Studien nicht mit der tatsächlichen philolo-
gischen Tradition vertraut war, die für Nietzsche maßgeblich gewesen ist.
Vor allem Blondels Textbegriff entspricht dem Textbegriff Nietzsches kaum,
wie nicht zuletzt seine Analyse des Genealogiebegriffs deutlich macht. Aufgabe
der Philologie als Genealogie des Textes sei es, ihren leiblichen Ursprung
(l'origine corporelle) an den Tag zu bringen (1986:52). Es zeigt sich aber, dass
diese Herleitung immanent auf den bereits vorliegenden Text bezogen bleibt.
Blondels Textbegriff ist, wie in der französischen Tradition üblich, polemisch
dem Werkbegriff entgegengestellt, als eine Art pluralisierend-offene, interpretier-
bare Struktur, in der nicht nur der propositionale Inhalt zählt, sondern auch die
stilistische Verfasstheit, ja diese als Leiblichkeit des Textes sogar Vorrang genießt
(z.B. 134f)222. Der tendenziell inkohärente Text und seine Strukturen sind für
Blondel deshalb Ausgangspunkt der Philologie statt, wie für Nietzsche, End- und
Höhepunkt. Während für Nietzsche Philologie zunächst bedeutet, einen Text zu
erstellen, setzt Blondels Auffassung der Philologie voraus, dass das jeweilige
Analyseobjekt (wie etwa die Kultur) ohne weiteres als Text aufgefasst werden
kann, der dann zu lesen sei (194). Blondels wichtigster Intuition, Nietzsche habe
als Philologe die Philosophie lehren wollen, die Kultur als Text zu lesen bzw. die
Philologie als generelles Modell der Kulturanalyse anzunehmen, ist deshalb nur
bedingt zuzustimmen.
Dennoch hat Blondel eine wichtige Beobachtung gemacht. Betrachtet man
die Genealogie der Moral isoliert, könnte man in der Tat zu der Auffassung kom-
men, Philologie sei in erster Linie eine Anleitung zum richtigen Lesen, nicht zu-
letzt von Nietzsches eigenen Schriften223. Für Blondel ist die genealogische Me-
thode letzlich identisch mit einer gewissenhaften Lektüre, mit genauer Beachtung
semantischer und phonologischer Feinheiten, mit dem sensiblen Ohr für rhetori-
sche und stilistische Nuancen. Es kann ferner kein Zufall sein, dass die Vorrede
zur Genealogie der Moral (GM. Vorrede 8, 5:255f) Nietzsches vollständige Lesetheo-
rie enthält. Es sei daran erinnert, dass Nietzsches gute Philologie zwei Bestandtei-
le enthielt: die Herstellung und die Kommentierung von Texten. Beides ist logisch
voneinander unabhängig. Es leuchtet ein, dass sich selbst zu dem verlässlichsten
Text nicht automatisch ein adäquater Leser einstellt (und umgekehrt). In der
dritten Abhandlung der Genealogie untersucht Nietzsche die Herkunft und die
Beweggründe der Gelehrten- und Philosophenexistenz. Die Abneigung der Phi-
losophen gegen Sinnlichkeit und Ehe sei eine Universahe (Abschnitt 7), sie zeig-

222 Vgl. auch Silverman (1994): der Begriff des Werks ist heute abhängig von der Idee des Autors,
während der Text als System verschiedener, vom Autor unabhängiger Codes auffassbar ist.
223 „Cet appel de Nietzsche ä la philologie est d'abord une exhortation ä s'inspirer de la methode
philologique pour lire les textes de Nietzsche d'une maniere ä la fois consciencieuse, conser-
vatrice et nouvelle par rapport aux autres textes philosophiques. [...] Mais surtout, Nietzsche
evoque la philologie parce que le style de son texte est intimement lie ä la pratique d'une metho-
de de lecture philologique appliquee au 'texte' de la culture." (Blondel, 1986:137)
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150 3. Philologische Methode I: Text und Genealogie

ten generell eine Vorliebe für das asketische Ideal. Aber: „man muss diesen
Thatbestand erst interpretiren: an sich steht er da dumm in alle Ewigkeit, wie
jedes ,Ding an sich'". Immerhin gilt es festzuhalten, dass es sich hier zumindest
schon um einen Text handelt, der auf einem vorgeführten Vergleich der philoso-
phischen Existenzweise durch die Zeiten und Kulturen, nicht auf bloßer Behaup-
tung beruht224. Nietzsche scheut sich nicht, falsche Auslegungen der von ihm in
der Genealogie identifizierten Tatbestände beim Namen zu nennen. Um der Genea-
logie der Moral und anderen Texten Nietzsches gerecht zu werden, muss daher das
hesen als zweiter wichtiger Bestandteil der Philologie untersucht werden. Erst
dann lässt sich endgültig bestimmen, was Nietzsche mit dem Begriff der Inter-
pretation verbunden hat und in welcher Beziehung er zum Perspektivismus steht.

224 In der gesamten Abhandlung konstruiert Nietzsche mehrere solcher, durch Kulturvergleich
gewonnene fragmentarische Texte. Die Voraussetzung zur guten Philologie ist also gegeben.
Freilich stellt der 8. Abschnitt diese Einsicht schon wieder ironisch in Frage, denn sie sei ja von
einem Philosophen gekommen, für den die Determination durch Triebstruktur genauso Gesetz
sei wie für andere auch; psychologisches Misstrauen gegen sich selbst praktiziert Nietzsche
mehrfach (vgl. auch GM 111.20, 5: 387). Wie immer warnt Nietzsche besonders vor falschen
Kausalitätsschlüssen. Die Frage nach der Bedeutung des asketischen Ideals, so lautet letztlich die
Botschaft, dürfe man auch mit einem Verweis auf ihre Wirkung beantworten.
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4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

4.1. Lesekunst und Reisekunst

Lesen ist bei Nietzsche neben der (Text-)Kritik das zweite Merkmal der Philolo-
gie, das sie von anderen Wissenschaften bzw. Tätigkeiten unterscheidet. Es be-
zeichnet das grundlegende philologische Verfahren, ohne das Kritik selbst auch
nicht existierte. Im Gegensatz zu den Philologen haben etwa Philosophen „nicht
gelernt o r d e n t l i c h z u l e s e n und zu interpretieren" (IV 23[22]) - man beachte
schon an dieser Stelle die Unterscheidung des Lesens v o m Interpretieren. Selbst
Schopenhauer habe z.B. Kant und Piaton völlig missverstanden. Das „Abzei-
chen" der Theologen sei ebenfalls ihr Unvermögen zur Philologie, denn Philolo-
gie heißt „Thatsachen ablesen können ohne sie durch Interpretation zu fälschen"
(VIII 14 [60]). Eine Variante im Nachlass ist noch expliziter, hier ist die Interpre-
tation eine völlig willkürliche Zutat zum Auslegungsprozess: „Das nenne ich den
M a n g e l an P h i l o l o g i e : einen Text als Text ablesen können, ohne eine Inter-
pretation dazwischen zu mengen" (VIII 15 [90]). Der Stellenvergleich beweist,
dass mit Mangel an Philologie nicht der Verzicht auf Interpretation gemeint ist,
sondern das genaue Gegenteil, ein Zuviel an Interpretation. Die Ellipse des zwei-
ten Zitats hat einige Interpreten in die Irre gefuhrt. Das Missverständnis eines
Lesens ohne Auslegung ist aber keine zwingende Lesart. Der Satz schließt zu-
nächst naturgemäß nicht aus, dass man fälschen kann, ohne zu interpretieren.
Verfälschende Auslegung ist überdies noch immer Auslegung. Interpretation
selbst aber scheint, wie bereits dargelegt, in der Tat per se Fälschung zu bedeu-
ten. Aus der Theorie der philologischen Enzyklopädie folgte mit Notwendigkeit
der fälschende, überwältigende und aneignende Charakter der Interpretation,
sobald sie durch Grammatik und besonders durch Kritik nicht mehr in Schach
gehalten wurde. Dann wird nicht mehr abgelesen, d.h. ein Text etabliert oder
gelesen, sondern hineingelesen.
Ablesen und Lesen sind indes nicht synonym. Ablesen bezeichnet bei Nietz-
sche eher den Prozess der niederen Kritik, deren Resultate mit strenger Methode
gewonnen werden, wogegen Lesen selbst ein umfassenderer Begriff ist, der in
eigener Weise im Gegensatz zur Interpretation steht. Es handelt sich um einen
operativen Unterschied: im Antagonismus des Lesens und Interpretierens, den
Nietzsche entfaltet, stehen sich zwei verschiedene Arten des exegetischen Zu-
gangs gegenüber. Interpretation bzw. Hermeneutik tendieren zur unredlichen,

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152 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

statisch-pneumatischen Auslegung, während das Lesen eng an die Kritik ange-


lehnt wird. Nietzsche definiert die gute Philologie deshalb als Zusammenspiel
von Lesen und Kritik gegenüber der unredlichen Antiphilologie kirchlicher und
metaphysischer Allegorese. Es gehöre zum „Humor der europäischen Cultur",
notiert er Ende der achtziger Jahre, dass man die „Kunst des Lesens und der
Kritik" zwar schätze, aber nichtsdestoweniger die kirchliche „Interpretation" der
Bibel aufrechterhalte (VIII 11 [319]).
Neben der genuinen und professionellen Tätigkeit des Philologen, die der
schlechten, oberflächlichen und verfälschenden Auslegung anderer Disziplinen
überlegen ist, kennt Nietzsche eine weitere Bedeutung des Lesens. Lesen kann
auch Flucht vor dem Leben, Schwäche und Nihilismus bedeuten. Im exzessiven
Lesen — und vor allem im philologischen Lesen — liegt die Gefahr der Verküm-
merung der Individualität des Lesers. Beide Aspekte des Lesens hängen, wie zu
sehen sein wird, eng zusammen; der Unterschied ist ein gradueller, kein absolu-
ter.
Lesen, soviel sei vorausgeschickt, ist für Nietzsche in erster Linie im Bereich
schriftlicher Texte möglich. Das ist weniger banal als es klingt. Nietzsche weist
damit auf die textuellen Schwierigkeiten außerhalb des philologischen Kompe-
tenzgebietes hin, die Lesen in den meisten Fällen zur fruchtlosen Anmaßung
machen. Das Wort ,Lesen' ist so unscheinbar, dass man ihm kaum begriffliche
Schärfe zutrauen mag. Kaum ein Literaturwissenschaftler, Historiker oder Philo-
soph, der auf sich hält, spricht heute noch davon, Bücher oder Quellen zu lesen.
Stattdessen wird interpretiert, analysiert, dekonstruiert. So ist es freilich nicht
immer gewesen. Neben der Begründung auf philologischer Kritik hat sich die
Philologie als Disziplin über das Lesen konstituiert.
Schon frühzeitig erkennen sich die Philologen eine besondere Kompetenz im
Lesen zu und benutzen es zur Abgrenzung von anderen exegetischen Disziplinen
wie der Theologie oder Jurisprudenz. Für Boeckh liegt der Unterschied zwischen
Philosophie und Philologie vor allem darin, dass erstere „primitiv" erkenne, wäh-
rend letztere wiedererkenne, und zwar wesentlich durch die Tätigkeit des Lesens.
Das Lesen sei die „hervorragend philologische Tätigkeit, der Lesetrieb die erste
Aeusserung des philologischen Triebes" (21886:16f). Philosophiegeschichte, das
folgt bereits aus dieser Definition, sei deshalb eigentlich Philologie (18). Ritsehl
nennt das Lesen die wichtigste Tätigkeit des Philologen und fordert die Schüler
auf: „Lesen, viel lesen, sehr viel lesen, möglichst viel lesen." (1879:28). Gleich auf
der ersten Seite von Birts Kritik und Hermeneutik heißt es: „Der Philologe muß
Texte lesen; er muß sie lesbar machen." Einschlägige Belege finden sich bei fast
allen wichtigen Autoren der philologischen Tradition. Nietzsche ermahnt seine
Studenten in der Tincyclopaedie\ „Da die Überlieferung gewöhnlich die Schrift ist,
so müssen wir wieder lesen lernen. Wir müssen wieder lesen lernen: was wir,
bei der Übermacht des Gedruckten, verlernt haben." (KGW 11.3:404) Man müsse
tiefer lesen, heißt es an derselben Stelle, denn der Umstand des Gedrucktseins

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4.1. Lesekunst und Reisekunst 153

suggeriere schon einen Tatbestand, der vielleicht nicht hinlänglich begründet ist.
Nietzsche hält die Studenten damit nicht nur zum Studium von Handschriften,
Manuskripten, zu Paläographie und Textgenese an, sondern fordert vor allem
immer wieder das gründliche, mehrfache Lesen derselben Schrift — erst dann
nehme man die entscheidenden Punkte wahr, so wie die Korruptele einer ver-
dorbenen Stelle sich auch erst langsam eröffne (ebd.).
Auch außerhalb des Seminarraums entwirft Nietzsche seinen idealen Adressa-
ten als Leser, und zwar als Leser, der „ruhig sein und ohne Hast lesen" muss, der
„nicht immer sich selbst und seine ,Bildung' dazwischen" bringe, der „noch nicht
in die schwindelnde Hast unseres rollenden Zeitalters hineingerissen" ist (Όeher
die Zukunft unserer Bildungsanstalten, KSA l:648f). Neben Feinheit und Takt sind
Langsamkeit und Gründlichkeit immer wieder hervorgehobene Eigenschaften
der Kunst des guten Lesens. Nietzsche bezieht sich bewusst auf ein unzeitgemä-
ßes Zeitverständnis; das philologische Lesen ist im vorindustriellen Zeitalter
entstanden. Der Philologe ist der „Lehrer des langsamen Lesens", und das be-
deutet „langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelas-
senen Thüren, mit zarten Fingern und Augen" zu lesen (M Vorrede 5, 3:17). Den
schlechten Leser dagegen erkennt man an seiner Hast: „Beachten Sie wie schnell
er liest, wie er die Seiten umschlägt — genau nach der gleichen Sekundenzahl Seite
für Seite. Nehmen Sie die Uhr zur Hand. Es sind lauter einzelne wohlüberdenk-
bare Gedanken schwerere leichtere — und er hat für alle Einen Genuß! Er liest sie
durch, der Unglückliche, als ob man je Gedanken-Sammlungen durchlesen dürf-
te!" (IV 47 [7]). Die Art und Weise des Lesens und seine Geschwindigkeit muss
also der Textsorte angemessen sein. Aphorismen, ein literarisches Genre, lese
man nicht zur schnellen Sinnerfassung. Ihr Sinn eröffnet sich nur dem langsamen
Leser: ein Grund, warum Nietzsche sich in seinen Schriften bevorzugt literari-
scher Gattungen bedient.
Im Kontrast zur voreiligen pneumatischen Auslegung, die schnell mit dem
doppelten Sinn bei der Hand ist, bezeichnet das Lesen offensichtlich das Einlas-
sen auf fremde Gedanken und damit eine gewisse Passivität — „in fremden Wis-
senschaften und Seelen spazieren gehn" (EH Warum ich so klug bin 3, 6:284).
Offnet sich der Leser diesen Perspektiven des Textes, ist er ein guter Leser225.
Die schlechten Leser dagegen gehen vor „wie plündernde Soldaten", denn „sie
nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwir-
ren das Uebrige und lästern auf das Ganze." (VM 137, 2:436). Gutes Lesen teilt
mithin wichtige Eigenschaften der Kritik — das Einlassen auf das Fremde, dem
seine Individualität zugestanden wird, den Takt der zarten Finger und Augen.
Schlechtes Lesen hingegen entspricht der Interpretation, die, auf sich allein ge-
stellt, nach Möglichkeit alles unterwirft und einverleibt. In der Passivität des gu-
ten Lesens liegt freilich die Gefahr alles Schwachen — vor allem im Vergleich

225 Gutes Lesen, durch das man sich auf Fremdes einlässt, hilft sogar, dem entstehenden (europäi-
schen) Nationalismus entgegenzuwirken (WS 87, 2:593).
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154 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

gegenüber den „Soldaten" —, nämlich vom anderen Geist fremdbestimmt zu


werden, nur noch zu reagieren. Genau das macht ja den Philologen (also den
Fachmann des Lesens) zum decadent (vgl. EH Warum ich so klug bin 8, 6:292f).
Von einer platten Projektion eigener Vorstellungen und Empfindungen wie ihn
das Bild der Interpretation als Vergewaltigung nahelegt, kann jedenfalls beim
guten Lesen Nietzsches keine Rede sein. Im Gegenteil erfordert es den Willen zu
einer gewissen Distanzierung von sonstigen Motiven. Schon F.A. Wolf schreibt:
W e n n w i t e t w a s lesen w o l l e n , m ü s s e n w i r u n s v o n a l l e m V o r u r t h e i l l o s m a c h e n , d.h.
m i t gar k e i n e m W u n s c h e d a z u g e h e n , w a s w i r w o h l da f i n d e n m ö c h t e n , s o n d e r n u n s
blos d e m Schriftsteller überlassen. D i e s ist eine sehr w i c h t i g e R e g e l , z u d e r eine grosse
N ü c h t e r n h e i t des G e i s t e s gehört, die nicht j e d e r m a n n eigen ist. ( 1 8 3 1 : 2 9 5 )

Man könnte meinen, spätestens Gadamers Rehabilitierung des Vorurteils habe


dies als Restbestand aufklärerischer Naivität oder romantischer Utopie endarvt.
So einfach liegen die Dinge indes nicht.
Natürlich glaubt Nietzsche nicht, dass die Distanzierung von eigenen Affek-
ten und Motiven, von eigenen Schemata, wie sie die moderne Lesetheorie
nennt226, vollständig gelingt. Aber was sollte der Appell an das gute Lesen bezwe-
cken, der zu fast jedem von Nietzsches Werken seit Menschliches, All^menschliches
gehört, wenn dieses Lesen nicht verspräche, dem Geschriebenen bzw. Gemein-
ten näher zu kommen als jede beliebige andere Interpretation? Um ihn zu verste-
hen, so Nietzsche, müsse man eben „rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis
zur Härte" — und das bedeute u.a.: „Man muss gleichgültig geworden sein, man
muss nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängnis wird...." Auch
die unbedingte Freiheit gegen sich selbst gehört zum guten Leser (AC Vorwort,
6:168). Ausgerechnet jenes Buch, das die Interpretation generell als Vergewaltigung
definiert, feiert das „Lesen als K u n s t " (GM Vorrede 8, 5:255f)! Die „Lesbarkeit"
(Nietzsches Begriff) nicht zuletzt seiner eigenen Schriften kann nur durch lang-
sames Wieder- und Wiederlesen — „Wiederkäuen" 2 2 7 - zustande kommen (ebd.).
Es unterläuft die Schemata, indem es immer wieder neue Schemata anwendet —
und immer wieder wenigstens versucht, die Perspektive des Texdeibes einzu-
nehmen: gramma statt pneüma. Denn der ideale Leser liest gleichsam mit seinem
eigenen Leib, bis hinein in die kleinsten und scheinbar oberflächlichen Zeichen:
„Kommata, Frage- und Ausrufezeichen, und der Leser sollte seinen Körper dazu
geben und zeigen, daß das Bewegende auch bewegt." (IV 47[7]).
Der offensichtliche Gegensatz von Lesen und Interpretieren ist keine Spezia-
lität der Genealogie der Moral, sondern prägt Nietzsches Schriften von Anfang an.

226 Einen schnellen Uberblick der aktuellen interdisziplinären Leseforschung bietet Franzmann u.a.
(Hrsg., 1999), darin bes. die Abschnitte „Geschichte des Lesens" von Erich Schön, „Psycholo-
gie des Lesens" von Ursula Christmann und Norbert Groeben sowie „Neurobiologie des Le-
sens" von Marc Wittmann und Ernst Pöppel.
227 Das Wiederkäuen gehört in der Frühzeit noch zu den Topoi der Philologiekritik, s. z.B. HL 1,
1:250. In der Untyklopaedie heißt es aber dezidiert: „Oft Lesen ders. Schrift ist viel wichtiger als
zerstreuende Vielleserei" (s. auch den Kontext: K G W II.3:404ff).
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 155

In seinen wissenschaftlichen Schriften zieht Nietzsche, wie die meisten zeitge-


nössischen Philologen, den Begriff des Lesens dem der Interpretation vor — auch
wenn die interpretatio bzw. Interpretation als Synonyme zum Fachterminus der
hermeneutischen techne oder auch allgemein als Auslegung auftauchen (sie be-
zeichnen dann meist die inhaltliche Auslegung, d.h. den sog. Sachverstand). Auf
dem Höhepunkt der Auseinandersetzung über die Geburt der Tragödie schreibt
Nietzsche in einem Brief an Rohde über den jungen Wilamowitz: „Nur durch die
frechsten Interpretationen erreicht er, was er will. Dabei hat er mich schlecht
gelesen, denn er versteht mich weder im Ganzen noch im Einzelnen." (8. Juni
1872, 11.3:7). Interpretation scheint hier sogar im Kontrast zum richtigen Lesen
ein böswilliges Missverstehen zu bezeichnen. Um erklären zu können, was Nietz-
sche unter dem Lesen versteht, reicht die isolierte Betrachtung seiner Schriften
oder Briefe jedoch nicht aus. Erst durch einen kurzen Blick in die Geschichte des
Lesens lässt sich die besondere Bedeutung herausarbeiten.
Lesen bedeutet ursprünglich das Sammeln, besonders das Aufsammeln und
Einlesen von Früchten oder Wein und wird im Sinne des lateinischen lectio nach
und nach auf das erbauliche Lesen der Schrift und das Lesen zum Vergnügen
angewendet, wobei die übertragene Bedeutung immer mehr Bereiche erfasst —
jemandem im Gesicht lesen, im Buch der Welt lesen usf.228 Spätestens in dem
Moment, da das Lesen zur verbreiteten Tätigkeit wird, also ungefähr seit der
zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, kommt es zur bewussten Aufglie-
derung in verschiedene Arten und Weisen des Lesens. Sobald das hastige, rein
konsumierende Lesen zur Regel wird, erklärt sich die mehrmalige gründliche
Lektüre ein- und desselben Buches als Konsumverweigerung und die Zuständig-
keit für eine Kunst des Lesens, die den Lohn aus sich selbst schöpft und ihr Ziel
jenseits vom bloßen Durchlesen sucht, das ohnehin nur die Lektüre des nächsten
und übernächsten Buches vorbereitet229. Das Grimmsche Wörterbuch fasst den Un-

228 Vgl. z.B. das Lemma Thesen im GW. Lesen stammt etymologisch vom Auflesen und Zusammen-
stellen mit Runen gekerbter Stäbchen und bezieht sich auf das Zusammenstellen dieser Stäb-
chen überhaupt, dann auf die Fähigkeit des Lesens an sich. Bekanntlich ist Lesen zunächst vor
allem das laute Lesen, also auch das Vortragen und Rezitieren. Im Begriffswandel spiegelt sich
auch seine Sozialgeschichte. Schon im Mittelalter wird jedoch der Leser dem Verfasser gegen-
über gestellt, also eine Antithese gebildet, die am Gegensatz vom Schöpferischen zum Rezepti-
ven ausgerichtet ist. Der Sammler von Früchten ist eben nicht notwendigerweise ihr Erzeuger.
229 „Jetzt, da jeglicher liest und viele Leser das Buch nur/Ungeduldig durchblättern [...]" kommen-
tierte Goethe (BA Bd. 1:213). In Nietzsches Lieblingsbuch, Eckermanns Gesprächen mit Goethe
(s.o.), heißt es unter dem Datum des 25. Januar 1830: „Er scherzte darauf über die Schwierigkeit
des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien und vorbereitende Kenntnis-
se sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten, als wenn es eben
nichts weiter als ein Roman wäre. [Absatz] »Die guten Leutchen,« fuhr er fort, »wissen nicht,
was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen 3u lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu ge-
braucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.«" (1968:635). Die zweite Hälfte
des 18. Jahrhunderts erfindet das extensive gegenüber dem intensiven Lesen im institutionellen
Rahmen der Lesegesellschaften, Leihbibliotheken und Clubs. Ein starker Anstieg der Produkti-
on, nicht zuletzt an Kalendern, Almanachen, Reisebeschreibungen, Zeitschriften, Journalen und
Wochenschriften tun ein Übriges (s. z.B. von König, 1977).
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156 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

terschied so: „Der ernst und die anhaltende geistesarbeit beim lesen wird gezeichnet, wenn das
verbum auch zugleich das zurechtlegen und das durchdringen des dunkeln, das man geschrieben
findet, mit ausdrückt, wie ^b- beim philologischen lesen. [...] umgekehrt aber ist lesen auch
ein vergnügen, und heutiges tages eine allgemeine Unterhaltung (GW, Bd. 6.1:780).
.Folgerichtig entstehen schon am Ende des achtzehnten Jahrhunderts die ers-
ten Anleitungen zum richtigen Lesen, wie etwa Johann Adam Bergks Die Kunst,
Bücher %u lesen aus dem Jahr 1799230, das bereits viele Topoi versammelt, die sich
auch bei Nietzsche nachweisen lassen. So lehnt Bergk eine allzu große Zahl von
Büchern sowie umfangreiche Bibliotheken ab, da sie Überdruss und Ekel erzeu-
gen und es auch bei geistiger Nahrung Maß zu halten gelte. „Nur nüzliche Bü-
cher und Meisterwerke müssen unsere Gesellschafter seyn." (1799:33) Nietzsche
bevorzugt angeblich eine kleine Zahl „bewiesener" Bücher, zu denen er immer
wieder Zuflucht nehme: „Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei
zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank." (EH Warum ich so klug bin 3,
6:284). Man begehe nicht den Fehler, dies wörtlich zu nehmen. Nietzsche war ein
geradezu unersättlicher Leser des „Viel und Vielerlei", wie die umfangreiche
Forschung zu seiner Lektüre in den letzten Jahren nachweisen konnte231. Er
schreibt sich lediglich in die Tradition des Connaisseurs ein, da die Lesewut zu
Nietzsches Zeit natürlich längst die Gelehrtenkreise erreicht hatte. Deren „obli-
gatorisches Verhältnis zum Buch" wächst sich in Zeiten des Buchdrucks zur
extremem Belastung aus; bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts waren die Bü-
cher ja fast ausschließlich an Gelehrte gerichtet (Fabian, 1977). Ihr kursorisches
Lesen, erfunden zur schnellen Informationserfassung, bildete das Muster für die
hastige Romanlektüre. Spezialisierung vermochte offensichtlich bis heute das
Problem der Literaturüberflutung nicht zu überwinden — eher scheint das Gegen-
teil der Fall zu sein.
Schon Schopenhauer kritisiert übermäßiges Lesen und Studieren als Ausdruck
von Gedankenleere und als insgesamt der Entwicklung eigener Gedanken wenig
förderlich (1988, Bd. 2, 1.7:93). Der Mangel an Originalität im Vergleich mit den
wahren Philosophen, den „Selbstdenkern", hat ernste Konsequenzen. Schopen-
hauer zitiert den schönen Vers aus Alexander Popes Dunäad. „For ever reading,

230 Ein Hauptgedanke Bergks lautet, dass bei der verwirrenden Vielfalt der Erscheinungen des
Menschen und der Welt nur genaue Beobachtung Aufschluss bringen kann. Bücher seien als
Weltmodelle leichter zu beobachten und leichter zugänglich: „Unser Geist ist gegen Betäubung
gesichert und hat Muße, sich alles verständlich zu machen und dasselbe an seine bisherigen Er-
fahrungen anzureihen." (1799:10). Ferner wird die aktive Tätigkeit des Lesens, d.h. die Rolle der
schöpferischen Einbildungskraft betont. Lesen bedeute nicht zuletzt, durch Anregung von au-
ßen den jeweiligen Stoff in sich selbst wachzurufen, in sich selbst zu lesen (62). Ein guter Leser
sei deshalb nicht Sklave des Autors, sonder beherrsche das Material (66) — die Schauspielkunst
wird zum Vergleich bemüht, Lesen sei nur durch Übung, nicht durch Regeln zu erlernen (69)
und ist also eine Art empathisches Nachempfinden (s. z.B. 200).
231 Vgl. insbes. die Bände der Nietzsche-Studien aus dem vergangenen Jahrzehnt sowie die im Litera-
turverzeichnis unter B3 aufgeführten Titel.
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 157

never to be read." Allen Hymnen auf das Lesen zum Trotz schlägt Nietzsche in
dieselbe Kerbe:
Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher „wälzt" - der Philologe mit massigem
Ansatz des Tags ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich
aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz ( - einen
gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagirt zuletzt bloss noch. (EH Warum ich
so klug bin 8, 6:292f)

Schon der Hochschullehrer findet bei allem Lob des guten Lesens auch kritische
Worte: „Bei der Lektüre erprobt der Einzelne seine Originalität und Tiefe allge-
meiner Voraussetzungen: ob nämlich alles sich in Fleisch u. Blut umsetzt; mitun-
ter ist der G e l e h r t e durch fortwährendes Einpumpen völlig abgestumpft. Im
Allgem. ist es das sicherste Mittel, um keine eigenen Gedanken zu haben, in jeder
freien Minute ein Buch in die Hand zu nehmen." Nietzsche zitiert dazu den be-
kannten Vers aus dem Faust. „Was du ererbt von deinen Vätern hast,/Erwirb es,
um es zu besitzen." (KGW 11.3:406) In Schopenhauer als Erzieher wird das übertrie-
bene Lesen des Philologen als Flucht vor der Langeweile interpretiert, als Flucht
vor der Muße (die den Gegensatz zum wahren Denker bezeichnet), „das heisst,
er hört zu, wie jemand Anderes denkt und lässt sich auf diese Art über den lan-
gen Tag hinweg unterhalten." (SE 6, 1:396). Nicht die Methode des Lesens wird
kritisiert, sondern ihre übertriebene Anwendung. Es kommt auf das Wie, Wozu
und Wieviel des Lesens an, Lesen an sich ist noch kein Verdienst. Nietzsche will,
gerade weil er das Lesen an vielen Stellen feiert, betonen, dass er trotz allem kein
Stubengelehrter mit den typischen Statussymbolen mehr ist232. So wie sich die
Philologie durch die statarische Lektüre aus der Gelehrtengemeinschaft der Poly-
historie herausdifferenziert und im Genre der Fachenzyklopädie nicht zuletzt den
Versuch unternimmt, die unendliche Bücherflut einzudämmen, besteht Nietz-
sche auf dem Unterschied des freien Geistes zum gebundenen Professor.
Eine weitere Implikation aus Nietzsches Lesekritik ist jedoch weitaus interes-
santer. Es ist dem Gelehrten offenbar durchaus möglich — in der Rezeptionsge-
schichte von Nietzsches ,Interpretationstheorie' absolut keine Selbstverständlich-
keit — fremde Gedanken aufzunehmen. In der daraus resultierenden
Fremdbestimmung hegt ja gerade die beschriebene Gefahr. Lesen scheint eine
passive Tätigkeit zu sein, zu der Nietzsche die guten Leser auffordert, damit sie
für seine Gedanken empfänglich werden. Sein idealer Leser soll ein guter Philo-
loge sein, der unermüdlich die philologische, d.h. die statarische, zyklische Lektü-
re aller seiner Schriften praktiziert — „ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich
liest, wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen." (EH Warum ich so gute Bücher
schreibe 5, 6:305). In der Bonner Schule hatte die Lektüre immer ein konstrukti-
ves Ziel gehabt, nämlich die Etablierung des Textes. Von reiner passiver Hingabe
konnte keine Rede sein. Die Kritik, und zwar niedere wie höhere, besteht ja aus

232 Fabian (1977:60ff) hat u.a. die (ja bis heute andauernde) Selbststilisierung der Gelehrten durch
ihre Privatbibliothek beschrieben, die für das deutsche Sprachgebiet besonders typisch wurde.
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158 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

beträchtlichen Bewertungen und Eingriffen in das Gelesene. Noch in Nietzsches


Charakeristik des guten philologischen Lesens als „Goldschmiedekunst und -
kennerschaft" des Wortes (M Vorrede 5, 3:17) kommt dieser konstruktive Aspekt
zum Ausdruck. Lesen, erfährt man an derselben Stelle, will deshalb gelernt sein -
was aber gäbe es zu lernen, wenn der Leser nur passiver Empfänger wäre?
„Liest doch nur jeder/Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest
er/In das Buch sich hinein, amalgamiert sich das Fremde." So heißt es in einem
ironischen Gedicht Goethes, das Skepsis darüber bekundet, ob Menschen sich
durch Schriften verändern lassen233. Der gute Leser Nietzsches gibt zwar seine
Individualität nicht völlig auf, aber er verfällt auch nicht ins andere Extrem, näm-
lich nur sich selbst und seine eigenen Uberzeugungen im Fremden zu suchen.
Das Fremde, dem er mit Neugier und Respekt begegnet, und das Eigene gehen
in ihm eine neue Verbindung ein. Obwohl damit die Grundfrage der Hermeneu-
tik berührt wird, kann hinter dieser Auffassung vom Lesen nicht einfach der
hermeneutische Zirkel stecken, denn dies würde ja nicht erklären, warum Nietz-
sche die Interpretation so deutlich vom Lesen unterscheidet.
Ein Hinweis auf den entscheidenden Unterschied beider Begriffe ist bereits in
der Aktionsart der Wörter selbst verborgen: Lesen bezeichnet einen Vorgang,
Interpretation ein (statisches) Resultat. Die Aktionsart als eine Kategorie des
Verbs bleibt hier in ihrer Semantik, konkret der dynamischen Bedeutung in der
Nominalisierung des Verbs ,lesen' erhalten (kein ungewöhnlicher Vorgang bei
sog. Infinitivkonversionen), während man bei der Interpretation nicht mehr an
den Vorgang des Interpretierens denkt, sondern vielmehr seinen Abschluss be-
tont. Es fällt auf, dass Nietzsche das Lesen häufig mit Metaphern der Fortbewe-
gung bzw. Reise beschreibt: anhand der oben zitierten Beispiele etwa als Spazier-
gang durch fremde Seelen oder aber als Raub- und Kriegszug. Auch die wohl
meistzitierte Stelle aus der Vorrede zur Morgenröthe, das Lesen mit „offen gelasse-
nen Thüren" (s.o.) evoziert einen Erkundungsgang durch ein unbekanntes Haus.
Interpretation ist substitutiv, sie bleibt auf der Stelle stehen, um Bedeutungen
beliebig untereinander auszutauschen. Lesen ist Bewegung.
In Nietzsches Schriften kommt ein durchgängiges Interesse am Reisen in al-
len seinen Formen zum Ausdruck, das dem Leser die Augen über das Lesen
selbst öffnen mag. Lesen und Reisen scheinen für Nietzsche nämlich verwandte
Erfahrungen zu beschreiben. „Ein Buch, wie dieses," formuliert Nietzsche in der
Morgenröthe, „ist nicht zum Durchlesen und Vorlesen, sondern zum Aufschlagen,
namentlich im Spazierengehen und auf Reisen, man muss den Kopf hinein- und
immer wieder hinausstecken können und nichts Gewohntes um sich finden."

233 Gedicht „Erste Epistel", BA Bd. 1:213-216. Goethe ist nicht der Auffassung, wie man anhand
dieser isolierten Stelle auch annehmen könnte, dass Lektüre generell Allegorese sei. Die Zahmen
Xetiien etwa kennen immerhin den Unterschied des Aus- und Unterlegens: „Im Auslegen seid
frisch und munter!/Legt ihr's nicht aus, so legt was unter." (HA, Bd. 2:329).
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 159

(M 5.454, 3:274f) Die meisten Menschen glauben, notiert er sich Anfang der
achtziger Jahre,
sie werden h ö h e r e N a t u r e n , w e n n jene schönen ruhigen Gegenstände auf sie
eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen usw. alles Lesen und Thea-
ter-besuchen. Sie w o l l e n s i c h f o r m e n l a s s e n - das ist der Sinn ihrer Cultur-
Arbeit!
Aber die Starken Mächtigen wollen f o r m e n u n d n i c h t s F r e m d e s m e h r
um sich haben!
So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht um sich zu finden, sondern
um sich in ihr zu verlieren und vergessen. Das „ A u ß e r - s i c h - s e i n " als Wunsch aller
Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen. (VII 7 [145])

Reisen und Lesen werden hier gemeinsam für ihre Passivität angegriffen. Eine
Passivität wohlgemerkt, die Nietzsche bei seinen eigenen Lesern wünscht, inso-
fern er sie ja formen möchte. „Der nämlich bin ich von Grund und Anbeginn,
ziehend, heranziehend, hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und
Zuchtmeister, der sich nicht umsonst einstmals zusprach: ,Werde, der du bist!"'
(Za IV 4:297). Wie beim Lesen, so gibt es auch beim Reisen zwei Varianten, die
abgelehnt werden: die rein empfangende und die rein plündernde. Erst ein Reisen
bzw. Lesen, das eine Balance der beiden Tendenzen erreicht, das seinen Stoff
formt ohne ihn zu verwerfen, findet Nietzsches Zustimmung.
Die Parallelen zwischen Lesen und Reisen finden sich nicht nur bei Nietz-
sche, sondern scheinen systematischer Art zu sein. Auch hier lohnt ein kurzer
historischer Rückblick. Das neuzeitliche Lesen und das neuzeitliche Reisen ent-
stehen nämlich im selben geschichtlichen Augenblick und teilen nicht wenige
Voraussetzungen und Eigenschaften. In den Β riefen ^ur Beförderung der Humanität,
veröffentlicht in den Jahren 1793 bis 1797, bemerkt Herder:
Ehe Buchdruckerei da war, ging jede europäische Nation in einem engeren Bezirk von
Ideen umher; ihr Charakter war vielleicht fester. Durch Reisen und Liesen ist allem Bösen
und Guten fremder Nationen die Tür geöffnet, und wenn es sich durch den Namen
Geschmack, „ n e u e r , f r e m d e r G e s c h m a c k , " Aufmerksamkeit erwerben kann, so
hat es ohne weitere Überlegung die Menge für sich. (8. Sammlung, 96; Herder, 1967f,
Bd. 18:92; Kursivierung von mir)

Wie das Lesen, so erreicht auch das Reisen erst im achtzehnten Jahrhundert brei-
tere, d.h. bürgerliche Bevölkerungsschichten. Ist die frühe Neuzeit bis ins 17.
Jahrhundert hinein vor allem die Ära der großen Entdeckungsreisen, so spaltet
sich das Reisen anschließend in die Forschungsreise und Expedition der Gelehr-
ten auf der einen sowie die Bildungs- und Vergnügungsreise auf der anderen
Seite auf. An Italien, dem von Nietzsche erwähnten Reiseziel schlechthin, schei-
den sich alsbald die Geister. Seit Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der
Griechischen Werke (Winckelmann, 21756) kommen die einen als Archäologen, die
anderen wegen der Ruinen-Romantik. Aus der traditionellen Kavalierstour wird
freilich bald bürgerlicher Standard, der, besonders nach Erfindung der Eisenbahn

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160 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

im europäischen Fremdenverkehr, schließlich im Massentourismus mündet. Spä-


testens mit der Entdeckung der Berge und des Massen-Alpinismus seit etwa der
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sowie der Etablierung der Badereise (die
Gründung von Seebädern und Badeorten erfolgte verstärkt seit dem Ende des
achtzehnten Jahrhunderts) entsteht eine Form des Reisens, die mit Entdeckung,
Erforschung oder Bildung nichts mehr zu tun hat234.
Seitdem die Welt im Wesentlichen entdeckt ist, richtet sich der Blick mehr
aufs Detail, auf Geographie und Geologie, auf Botanik, Ethnologie, Geschichte,
auf Kunst und Kultur (dazu Wuthenow, 1980). Der traditionelle Gegensatz von
Gelehrtenreise und Kavalierstour235 wird in der modernen Entwicklung zu einem
Gegensatz von ernsthaftem, bildungsbeflissenem Reisen und oberflächlichem,
vergnügungssüchtigem Reisen umfunktioniert. Vergleichbar den ersten Anleitun-
gen zum ,richtigen' Lesen entstehen zur selben Zeit die ersten Universitätsvorle-
sungen zum ,richtigen' Reisen. So sollten die Studenten an der Universität Göt-
tingen236 lernen, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Sinnen zu
empfinden. Um des Ziels größerer Gelehrsamkeit willen, sollen sie lernen, die
Augen aus den Büchern zu heben (vgl. Neutsch, 1999).

234 Ein aktueller kulturgeschichtlicher Überblick des Reisens bei Bausinger/Beyrer/Korff (Hrsg.,
1999). Der beste Ausgangspunkt zur Erforschung gerade des hier interessierenden Zeitraums ist
die Forschungsstelle zur historischen Reiseliteratur in der Landesbibliothek Eutin, Schleswig-
Holstein. Vgl. auch die Beiträge in Brenner (1989).
235 Vgl. z.B. Siebers (1999). Die Kavalierstour zur Vollendung der adligen Sozialisation und zur
Schaffung nützlicher Kontakte gibt es schon seit der frühen Neuzeit. Sie versiegt in dieser Form
aber seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts fast völlig. Die bürgerliche Version der grand tour
schafft hier z.T. Ersatz, aber durch die darin angelegt Bildungsbeflissenheit auch Konkurrenz zu
den bürgerlichen Gelehrten, die sich nun durch ihre Gründlichkeit ernsthaft von den Dilettan-
ten absetzen mussten, nachdem die Vergangenheit dies nur sporadisch gefordert hatte. Eines
der frühesten und verbreitetsten Beispiele dafür ist die Italienische / Dalmatische / Griechische und
Orientalische Reise-Beschreibung von Jacob Spon und George Wheler (1690). Die Vorrede beginnt in
aufschlussreicher Manier: „Es ist gar gemein, daß die jenige, welche eine Reise-Beschreibung ans
Liecht geben, selbige auch nach ihrem Kopff und Sinn einrichten. Etliche gedencken nur der
schönen Paläste, Kirchen, und dergleichen Gebäude. Theils berichten den Leser von der Situa-
tion oder Lage der Städte, von deren Völckern, Vestungs-Bau, und Policey-Ordnungen. Andere
gehn noch weiter, und erzehlen von der Religion, Sitten, und Gebräuchen der Länder, welche
sie gleichwol nur durchreiset haben. Einige beschreiben die Erd-Gewächse, Metallen, und Han-
delschafft der Orte, die sie durchzogen. [...] Mich anlangend, habe ich in Warheit alle solche Par-
ticularitäten fleissig beobachtet, da ich sie ohne sondere Mühe und Unkosten erfahren können.
Es würde einem aber unschwer fallen zu mercken, ob ich schon mit aufrichtiger Bekanntnus zu-
rück hielte, daß mein gröster Zweck dahin zielete, wie ich die alten Monumenta, derer von mir
auf dieser Reise besehenen Länder, recht entdecken, und mir bekandt machen möchte, und daß
solches meine vornehmste Inclination war. Ich habe mich niemals sehr darum bemühet, wie ich
denen stattlichen Ceremonien zu Rom, oder den lieblichen Musiquen, und schönen Comödien
in Italien, beywohnen möchte [··.]·"

236 Die Göttinger Universität, geboren aus dem Geist der Aufklärung, war natürlich auch eine
Vorreiterinstitution der modernen Philologie. Vgl. z.B. Vöhler (2002). Aufschlussreich hier v.a.
sein Hinweis auf das starke Interesse Gotdob Heynes, F.A. Wolfs wichtigstem Lehrer, an Reise-
berichten und ethnographischen Studien.
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 161

In seinen Vorlesungen über l^nd- und Seereisen vom Ende des achtzehnten Jahr-
hunderts, die sich im Unterschied zur herkömmlichen Aufzählung von Sehens-
würdigkeiten v.a. als Kompendium allerlei praktischer Hinweise verstehen, unter-
scheidet z.B. Schlözer (s. Schlözer, 1962) zwei Arten des Reisens, nämlich die
Geschäftsreise sowie die Reise um ihrer selbst willen: „Im ersten Falle ist Reisen
nur ein Mittel. Ist es Zweck, so ist es entweder a. special oder b. die Reise ist an
sich Zweck, beabsichtigt Humanität." (54). Ist letzteres gewollt, müsse man zu
„sehen, hören, sammeln und schreiben" lernen (ebd.), wozu auch Sprachkennt-
nisse unabdingbar seien. In diesem „Sammeln" schließt sich der Kreis zur Ety-
mologie des Lesens. Reisen und Lesen, mit Herder zu sprechen, sind die beiden
Wege, Neues aufzunehmen, sich dem Fremden auszuliefern. Bücher „zeigen uns
den Weg, den wir gehen müssen, um Auffschluß über uns und über die Welt zu er-
halten", schreibt entsprechend Bergk (1799:ix; Kursivierung von mir). „An
English man does not travel to see English men", heißt es bei einem von Nietz-
sches Lieblingsautoren (s. VM 113., 2:424ff), in Laurence Sternes Sentimental Jour-
ney (1967:85). Wenig bekannt ist der Umstand, dass Nietzsche Mitte der achtziger
Jahre den Protagonisten dieses Werks aufgreift und einen Gedichtband konzi-
piert, der in enger Beziehung zum Wanderer und sein Schatten steht. Der geplante
Titel: „Der neue Yorick. Lieder eines empfindsamen Reisenden." (Nachweise s.
KSA 14:712f).
Empfindsamkeit und Aufnahmefähigkeit akzeptiert Nietzsche als Kriterien
des erfolgreichen Reisens. In Burckhardts sprichwörtlich gewordenem Cicerone ist
immer wieder vom „aufmerksamen Beobachter" (1978:238) die Rede, obwohl
das Buch dem flüchtigen Reisenden lediglich „die notwendigen Stilparallelen"
geben will und keinen Anspruch auf Tiefe und Versenkung ins Einzelwerk erhebt
(ix) — das bleibt offensichtlich dem Einzelnen überlassen. Der Cicerone bestärkt
den Grundsatz, dass ohne Lesen kein erfolgreiches Reisen stattfinden kann — und
umgekehrt237: für die Philologen gehört der oft mehrjährige Italienaufenthalt zum
obligatorischen Studienprogramm. In Nietzsches Encyklopaedie gelten Reisen und
Ausgrabungen als „Hauptmittel", um sich in die Lebenswelt der Antike hinein-
zuversetzen (KGW 11.3:436).
Ritsehl, der 1836/1837 in Italien verlebte, notiert in seinen Aufzeichnungen
u.a. den Satz: „Damals, als die Alpen noch nicht so leichten Fusses überschritten
wurden und das Touristengeschwätz über Italien noch nicht Mode war, konnten
Reiseberichte noch auf empfänglichere Leser rechnen." (nach Ribbeck, 1879, Bd.
l:165ff). Faszinierend sind die Reisebriefe Ritschis mit sehr genauen Beobach-
tungen und Betrachtungen und der Absicht, „seinen Lesern den möglichst vollen
und scharf präcisirten Inhalt des Gesehenen, Erfahrenen, Empfundenen vorzu-

237 Auch Burckhardt kleidet die Lektüreerfahrung in die Metaphorik der Reise (vgl. Burckhardt,
1900ff, Bd.l:5). Sowohl das Exemplar von Burckhardts Cicerone als auch Goethes Italienische Reise
sind, den Anstreichungen in den Exemplaren von Nietzsches Bibliothek nach geurtcilt, fleißig
benutzt worden.
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162 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

legen, das Charakteristische der Landschaften wie der Leute und ihrer Sitten in
lebensvollen, abgerundeten Bildern wiederzugeben, ohne je in die ausgetretenen
Geleise des Reisebeschreibers zu gerathen." (ebd.). In Leipzig sorgt er für ein
ständiges Reisestipendium, weil es unentbehrlich für das philologische Studium
sei (Bd. 2:404)238. Niebuhrs Brief an einen jungen Philologen wiederum, den Nietzsche
wie erwähnt für seine Vorlesungen zur Methodenlehre benutzte, umschreibt das
gesamte philologische Studium mit den Begriffen der genau beobachtenden,
vergleichenden Gelehrtenreise239:
Das Alterthum ist einer unermeßlichen Ruinenstadt zu vergleichen, über die nicht
einmal ein Grundriß vorhanden ist, in der sich jeder selbst zurecht finden und sie be-
greifen lernen muß, das Ganze aus den Theilen, die Theile aus sorgfältiger Verglei-
chung und Studium, und aus ihrem Verhältniß zum Ganzen. Wenn jemand, der nur
einen Anstrich von architektonischen Kenntnissen hat, von Hydrostatik gar nichts
weiß, den größten Theil der Ruinen Rom's kaum gesehen, außer Rom nun vollends
gar nichts, wenn ein solcher über die Ruinen der Wasserleitungen schreiben wollte,
der würde etwas machen, wie ein Schüler, der über einen Zweig der Alterthumskunde
dissertiert. (1839:135) 240 .

Nietzsche, der unermüdliche Spaziergänger und Wanderer, der selbst das halbe
Leben ein Reisender ist, macht sich die enge Verbindung des Reisens und Lesens,
die er als Philologe kennengelernt hatte, zunutze. Die Figur seines ,Wanderers' ist
eng verwandt mit dem guten Leser. „Wer nur einigermassen zur Freiheit der
Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wan-
derer, — wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses
giebt es nicht." So steht es im Aphorismus „Der W a n d e r e r " (ΜΑ 1.9.638,
2:362ff), der außer der Freude an der Beobachtung von Wechsel und Vergehen
auch die Anfechtungen des Wanderers schildert, die Müdigkeit und das Verlan-
gen, irgendwo einzukehren. Welchen Zweck diese allegorische Darstellung ver-
folgt, wird an einem anderen Aphorismus aus dem näheren Umfeld deutlich. Die
,Wanderung' gehört zur Welt der Methode und Wissenschaft:
In d e r W ü s t e d e r W i s s e n s c h a f t . — Dem wissenschaftlichen Menschen erschei-
nen auf seinen bescheidenen und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüstenrei-
sen sein müssen, jene glänzenden Lufterscheinungen, die man „philosophische Sys-
teme" nennt: sie zeigen mit zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller

238 Ein gutes Beispiel der zeitgenössischen Gelehrtenreisen aus Nietzsches nachgelassener Biblio-
thek: Dr. H. Geizer, Eine Wanderung nach Troja. Basel, Schweighauserische Verlagsbuchhandlung
(Benno Schwabe.), 1873
239 Eine Reiseform, mit welcher der Sohn eines der bedeutendsten Reiseschriftstellers aller Zeiten,
Carsten Niebuhrs nämlich, bestens vertraut war.
240 Die Entdeckungsreisen seit der Renaissance änderten nicht nur das Bild von der Welt sondern
auch die Weise der Welterfahrung. Navigatorische Metaphorik wird auf die Erschließung auch
neuer geistiger Welten übertragen, auf den Kosmos der gedruckten Texte, der zu erobern sei.
Die relativ statische Welt der Gelehrtenexistenz bedient sich in der dynamischen Welt der rei-
senden Durchdringung neuer Erdteile, beide Erfahrungen werden als nie abschließbarc Aufgabe
wahrgenommen, (s. Fabian 1977:56ff).
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 163

Räthsel und den frischesten Trunk wahren Lebenswassers in der Nähe; das Herz
schwelgt, und der Ermüdete berührt das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und
Noth beinahe schon mit den Lippen, so dass er wie unwillkürlich vorwärts drängt.
Freilich bleiben andere Naturen, von der schönen Täuschung wie betäubt, stehen: die
Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie todt. Wieder andere Naturen, wel-
che jene subjectiven Tröstungen schon öfter erfahren haben, werden wohl aufs Aeus-
serste missmuthig und verfluchen den Salzgeschmack, welchen jene Erscheinungen
im Munde hinterlassen und aus dem ein rasender Durst entsteht — ohne dass man nur
Einen Schritt damit irgend einer Quelle nähergekommen wäre. (VM 31, 2:393)

Die beiden zitierten Aphorismen stammen aus der Phase der Selbstklärung nach
dem Desaster um die Geburt der Tragödie. Bekanntlich war Nietzsche selbst für
wissenschaftlich tot erklärt worden241, weil scheinbar der ,schönen Täuschung'
der Wagnerschen Kunstreligion und des Schopenhauerschen philosophischen
Systems erlegen. Nietzsche denkt sich nun selbst als den Suchenden, der das
Zeitalter der Synthese allzu nahe glaubte, aber einsehen muss, dass die Suche
weitaus mühsamer und langwieriger war als erhofft. In Ulrich von Wilamowitz-
Moellendorffs 1873 in Berlin erschienener Erwiderung auf Erwin Rohdes Vertei-
digung der Tragödienschrift hieß es:
Nicht von dem wonnig lockenden rufe des dionysischen vogels, der uns den weg in
die längst verlorene heimat zeigt, hab' ich heut zu reden; wir tun einen ritt ins staubig
trockne land der philologischen erudition, doch ich denke mir auch nicht dionysische
vögel als publicum, sondern philologen, die zwar aus dem borne der ewigen jugend zu
trinken gewohnt sind, aber wol wissen, dasz man dorthin nicht im Ikarosfluge gelangt,
sondern in mühseligem wandern, nicht ohne „die askese selbstverläugnender arbeit",
wenn ich da verspreche, jeden unnützen aufenthalt zu vermeiden, kann ichs wol wa-
gen; für etliche erfrischende aufheiterung sorgen schon die Zukunftsphilologen [...] (in
Gründer, Hrsg., 1969:114)

Kein Zweifel: Nietzsche hat aus der schmerzlichen Erfahrung gelernt und sich
selbst wieder auf den Weg begeben. Er sympathisiert wohl am meisten mit jenem
rasend Durstigen, der sich erneut auf die Suche ad fontes macht — und wie Nietz-
sche die historische Kritik neu entdeckt. Es überrascht nicht, wenn das Bild der
nie abgeschlossenen Reise als Entwurf von Nietzsches geistigem Selbstverständ-
nis bereits im frühen Nachlass von 1867/68 auftaucht, und zwar in Vorarbeiten
zu einer Studie über die Literaturgeschichte. Hier rügt Nietzsche die gewöhnliche
„Laxheit in litterarischen Untersuchungen" (KGW 1.4:395), die naturwissen-
schaftlichen Maßstäben nicht genügen. Er legt deshalb die strengen Kriterien
Ritschis an, den er in dem Entwurf an anderer Stelle feiert (KGW 1.4:466). Nietz-
sche fährt fort:
Meine Methode ist, für eine einzelne Thatsache zu erkalten, sobald der weitere Hori-
zont sich zeigt usw. So ist unser Streben eine Wanderung ins Unbekannte mit der un-
steten Hoffnung, einmal ein Ziel zu finden, w o man ausruhen kann.
Solche Ziele sind aber nur Einsichten voll wesentlichem Einfluß auf uns selbst.

241 Brief an Rohde vom 25. Oktober 1872 (II.3:70f)


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164 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

Das Ergebniß einer Forschung erregt unsren Verstand, aber unser Wesenskem bleibt kalt.
Aber endlich stößt man doch einmal an Auffassungen, Analogien usw. die uns kräftig in Bewe-
gung setzen.
Es ist bei naturwiss. Forschung nicht anders. Das Treibende sind immer jene unbekannten
fernen Gebiete, wo wir die Resultate des Forschens mit dem des Lebens im Einkla<n>g sehn.
Manche bescheiden sich u. sind mit dem Wege zufrieden; es genügt ihnen nach Zielen zu
wandern, sie sind zufrieden, ein Streben nach Zielen zu besitzen. (KGW I.4:395f)

Die vage Hoffnung auf ein Ziel, bei dem man ausruhen möge, hat Nietzsche
spätestens in den siebziger Jahren aufgegeben (wenn er sie denn überhaupt je
hegte). Das Wandern als Bild der mühsamen wissenschaftlichen (philologisch
geprägten) Arbeit, als Kombination kritisch-komparatistischer Quellenforschung
und teilnehmenden, subtilen Lesens bleibt erhalten und wird von nun an ein
Lieblingsausdruck Nietzsches zur Charakterisierung seines Denkens. Auch Zara-
thustra wandert und ist überhaupt „ein Freund aller Solchen, die weite Reisen
thun" (Za III Vom Gesicht und Räthsel, 4:197). Die gegen Renan gerichtete
Anspielung auf Taine (s. 3.5.) sei unter diesem Gesichtspunkt wiederholt: „Um
wie viel lieber will ich noch mit jenen historischen Nihilisten durch die düstersten
grauen kalten Nebel wandern!" (GM 111.26, 6:406). Noch schöner heißt es in
Jenseits von Gut und Böse:
Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen, welche bisher
auf Erden geherrscht haben oder noch herrschen, fand ich gewisse Züge regelmässig
mit einander wiederkehrend und aneinander geknüpft: bis sich mir endlich zwei
Grundtypen verriethen, und ein Grundunterschied heraussprang. 0GB 9.260, 5:280).

,Wandern' bzw. philologisches Lesen ist dynamische, bewegliche Auslegung, die


die wichtigsten Elemente der Kritik schon integriert hat — im Beispiel aus Jenseits
von Gut und Böse etwa die Recensio der Moralen, die zu zwei Archetypen führte.
Wandern ist kritisches Interpretieren (niedere und höhere Kritik), also Erklären und
Bewerten, eine Weltbetrachtung, die sich zuerst den Text erschafft, nämlich er-
wandert, der alsdann näher zu analysieren ist: „wir haben eine K r i t i k der morali-
schen Werthe nöthig, der W e r t h dieser W e r t h e ist selbst erst e i n m a l
in Frage zu stellen — und dazu thut eine Kenntniss der Bedingungen und
Umstände noth, aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich entwickelt und
verschoben haben" (GM Vorrede 6, 5:253). Und gleich im Anschluss: „Es gilt,
das ungeheure, ferne und so versteckte Land der Moral — der wirklich dagewese-
nen, wirklich gelebten Moral — mit lauter neuen Fragen und gleichsam mit neuen
Augen zu bereisen: und heisst dies nicht beinahe so viel als dieses Land erst ent-
decken?..." (GM Vorrede 7, 5:254). In seiner Vorschule der Ästhetik, die Nietz-
sche wohl kannte, schreibt Jean Paul: „Will man sich einen größten Dichter den-
ken, so vergönne man einem Genius die Seelenwanderung durch alle Völker und
alle Zeiten und Zustände und lasse ihn alle Küsten der Welt umschiffen: welche
höhere, kühnere Zeichnungen ihrer unendlichen Gestalt würd' er entwerfen und
mitbringen!" (Jean Paul, 1967:32). Andere Zeiten sind für Jean Paul eben auch

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4.1. Lesekunst und Reisekunst 165

andere „Seelen-Zustände" (ebd., S. 240). Nietzsches Wanderung durch die Mora-


len ist der künstlerische Versuch, die antike Metempsychose mit Hilfe anthropo-
logischer Wissenschaft und Divination von Kunstwerken nachzuvollziehen, die
sich gegenseitig durchdringen.
Im Wandern steckt natürlich auch der im Vergleich zum Berufsphilologen
leichtere, unabhängigere Schritt. Der Wanderer ist Herr seiner selbst. Der gute
Leser ist ein guter Reisender, der zu Fuß unterwegs ist — sich allerdings von der
Landschaft auch nicht überwältigen lässt. Die Behauptung der Wanderleiden-
schaft bei Taine ist nicht zufällig, denn die literarischen Quellen, von denen oben
die Rede war, garantieren erst den freieren Zugang: sie erst fordern und gestatten
die gaya scien^a als Einübung in die Souveränität. Nietzsches Aphorismus über
„Reisende und ihre G r a d e " ist in diesem Sinne als Allegorie seiner Er-
kenntnistheorie als einer spezifischen Weiterentwicklung des philologischen Le-
sens zu verstehen:
Unter den Reisenden unterscheide man nach fünf Graden: die des ersten niedrigsten
Grades sind solche, welche reisen und dabei gesehen w e r d e n , — sie werden eigent-
lich gereist und sind gleichsam blind; die nächsten sehen wirklich selber in die Welt;
die dritten erleben Etwas in Folge des Sehens; die vierten leben das Erlebte in sich
hinein und tragen es mit sich fort; endlich giebt es einige Menschen der höchsten
Kraft, welche alles Gesehene, nachdem es erlebt und eingelebt worden ist, endlich
auch nothwendig wieder aus sich herausleben müssen, in Handlungen und Werken,
sobald sie nach Hause zurückgekehrt sind. — Diesen fünf Gattungen von Reisenden
gleich gehen überhaupt alle Menschen durch die ganze Wanderschaft des Lebens, die
niedrigsten als reine Passiva, die höchsten als die Handelnden und Auslebenden ohne
allen Rest zurückbleibender innerer Vorgänge. (VM 228, 2:483f)242

Bis in den Wortlaut hinein erinnert diese Stelle an den oben zitierten Vers Goe-
thes über die Amalgamierung des Fremden. Reisen bzw. Lesen — jegliche Auf-
nahme des Fremden — darf sich nicht in reiner Empathie und Empfänglichkeit,
dem ,gereist werden' erschöpfen. Diese Uberzeugung gibt Nietzsche auch nach
dem Bruch mit Wagner nicht preis. Gleichzeitig ist es nur die ,Reise', welche
Erkenntnis des Fremden überhaupt ermöglicht. Die Reise, die eine Wander-
schaft, eine suchende, gründliche, langsame, einfühlende Tätigkeit ist, steht daher
mit Recht im Gegensatz zum vergewaltigenden Kriegszug der Soldaten, die das
Fremde nicht kennenlernen, sondern lediglich besitzen wollen. Nietzsche hat
deshalb an mehreren Stellen das gute und schlechte Reisen nach Maßgabe der
Reisemittel und Reiseart unterschieden und der Arbeitsweise der Gelehrten sowie
dem Prozess des guten und schlechten Lesens verglichen:
Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes
oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und Jedermann gleicht den Reisenden,
welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vor-

12 Inspiriert hat Nietzsche möglicherweise auch hier Laurence Sterne: vgl. dessen Kategorisierung
der Arten von Reisenden (1967:80f).
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166 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

sichtige H a l t u n g der E r k e n n t n i s s schätzt m a n b e i n a h e als eine A r t V e r r ü c k t h e i t ab,


der Freigeist ist in V e r r u f g e b r a c h t , n a m e n t l i c h d u r c h G e l e h r t e , w e l c h e a n seiner
K u n s t , die D i n g e z u b e t r a c h t e n , ihre G r ü n d l i c h k e i t u n d i h r e n A m e i s e n f l e i s s v e r m i s -
sen u n d i h n g e r n in e i n e n e i n z e l n e n W i n k e l der W i s s e n s c h a f t b a n n e n m ö c h t e n : w ä h -
r e n d er die g a n z a n d e r e u n d h ö h e r e A u f g a b e hat, v o n e i n e m e i n s a m g e l e g e n e n S t a n d -
orte aus d e n g a n z e n H e e r b a n n der w i s s e n s c h a f t l i c h e n u n d g e l e h r t e n M e n s c h e n zu
b e f e h l i g e n u n d i h n e n die W e g e u n d Ziele der C u l t u r z u zeigen. ( Μ Α 1.5.282, 2 : 2 3 0 f )

Der Freigeist geht offenbar noch über den Gelehrten hinaus, dessen Reiseart sich
selbst längst dem Industriezeitalter angepasst hat. Der Freigeist hält einerseits
unzeitgemäß an der Fußreise fest, die die Gelehrsamkeit ursprünglich erst her-
vorgebracht hatte, andererseits kann er auf den „Ameisenfleiß" akribischer Wis-
senschaftstouristen ebenso verzichten, da seine souveräne Perspektive ihm Ein-
sichten gestattet, die anderen aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit verwehrt bleiben.
Hier besteht kein Zweifel, wen Nietzsche mit dem Heerführer meint. Zu seinen
Heerscharen, zu seiner Grundlage des „Sehen und Urtheilen" werden die von
ihm gelesenen Bücher.
Nietzsche bedient sich mit seiner Allegorie nicht nur eines bis heute beliebten
Mittels, nämlich durch Reisekritik gleichzeitig Lese- und Kulturkritik zu üben (ein
jüngeres Beispiel etwa Barthes, 1957), sondern stellt das eigene Lektüreverhalten
als Wanderung oder Spaziergang in eine Tradition, die in der engen Verbindung
von Landschaft und Buch von der Gesellschaft sich abkehrt, ein Reaktionsmus-
ter, das bereits das achtzehnte Jahrhundert hervorgebracht hatte243. „Natursehn-
sucht, Weltschmerz und Gesellschaftskritik" (von König, 1996:13), wie sie zu-
nächst im Spazierengehen symbolisiert werden, gehen dann auf das Wandern
über. Der Wanderer übernimmt, angestiftet vom romantischen Zeitgeist, die
inhärente Kulturkritik. Später schließen die Urbanen Flaneure in ihrer Ablehnung
der Massengesellschaft industriellen Typs an diese Verweigerungshaltung wieder
an244. Genau in dem Moment, da Raum- und Zeiterfahrung des industriellen
Zeitalters durch den Eisenbahnverkehr völlig verändert werden und die Bil-
dungs- und Bäderreisen mit ihren fest umrissenen Zielen sich längst vom Privileg
der Oberschichten zum bürgerlichen Mainstream entwickelt haben, verwandelt
sich das Wandern von der zweckgerichteten Fortbewegung von Α nach Β hin
zum Selbstzweck als „langsame, den Raum gleichsam körperlich abtastende
Fortbewegung durch Landschaft und Gesellschaft — sie dient nun als Mittel, um
sinnliche Erfahrung und Anschauung zu sammeln" (Kaschuba, 1999).245 Diese

243 Ygi v o n König (1996:53ff). Zur engen Verbindung von Spazierengehen und Lesen im Freien
auch Koebner (1977).
244 Etwa der berühmte Flaneur Franz Hessel in einem Feuilleton mit dem Titel „Von der schwieri-
gen Kunst spazieren zu gehen" (Hessel, 1932), in welchem das langsame Spazierengehen als
Gegenmittel zur Beschleunigung der technischen Moderne begründet wird. Nur der Flaneur
könne die Zeit richtig genießen, der Spaziergänger „liest die Straße wie ein Buch, er blättert in
Schicksalen, wenn er an Häuserwänden entlang schaut."
245 Einer der bedeutendsten Wanderreiseschriftsteller, Johann Gottried Seume, schreibt in Mein
Sommer. „Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch (!) und kosmisch mehr, als wer fährt.
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 167

neue Art der Fortbewegung entspricht in wesentlichen Zügen dem langsamen,


am Textleib orientierten philologischen Lesen gegenüber der Lesewut des begin-
nenden Massenzeitalters; das Zusammentreffen ihrer Entstehungsgeschichten ist
nicht dem Zufall geschuldet.
Wie Wandern und Flanieren ist das Lesen regellos, der Eingebung folgend,
fröhlich. Zur Kunst wird es einerseits als techne, als Kenner- und Meisterschaft,
die nur durch lange Übung zu erlangen ist, andererseits durch den Willen zur
Form; zur Wissenschaft wird es, nach Nietzsches Verständnis, durch ständige
Rücksicht auf die textuelle Basis. Der gute, philologisch geschulte Leser gleicht
dem langsamen Fußgänger, der sein Ziel nicht genau kennt und die Gegend nach
allen möglichen Gesichtspunkten betrachtet, der sich aus der Beschleunigung des
Zeitalters herausnimmt. Der schlechte Leser fährt Eisenbahn und weiß genau,
wo er ankommt — der allerschlechteste fällt als christlicher Kreuzritter in fremde
Lande ein. Gert Mattenklotts Versuch, Nietzsches Aphorismenkunst mit einem
Ausdruck Lichtenbergs als „spatzierengehende[s] Denken" zu erfassen (1997:227)
trifft daher, wenn man das metaphorische Feld ein wenig erweitert, ins Schwarze.
Nietzsches Denken versteht sich in erster Linie zwar als Wanderschaft, geht
bisweilen aber durchaus spazieren oder flanieren 246 .
In Nietzsches nachgelassener Bibliothek befindet sich ein Buch, dessen inte-
ressanteste Seiten zum Zeitpunkt der Katalogisierung zwar teilweise noch unauf-
geschnitten waren, das aber dennoch als zeittypisches Dokument die neue Be-
deutung des Reisens und die Verbindung des Reisens zum Lesen und Studieren
verdeutlicht. Der beiliegende Prospect zu David Kaltbrunners Oer Beobachter. Allge-
meine Anleitung Beobachtungen über hand und heute für Touristen, Exkursionisten und
Forschungsreisende (Kaltbrunner, 1881) beginnt mit der Feststellung: „Wir leben in
einer Zeit der Reisen und geographischen Studien." Da Reisen so verbreitet sei,
wolle die vorliegende Publikationsreihe eine Anleitung zum Reisen, also v.a. zum
genauen Beobachten, eine Einfuhrung in die „Kunst" des Reisens geben. In der
ersten Lieferung werden Eigenschaften und Fähigkeiten des idealen Reisenden
beschrieben, z.B. außer Beobachtungsgabe und Forschungstrieb ein kritischer
Sinn, um die zu vergleichenden Tatsachen auch gebührend beurteilen zu können:
die Anleihen bei der zeitgenössischen Philologie sind deutlich spürbar. So wird
denn auch die Bedeutung des Lesens in Verbindung mit der Reise hervorgeho-
ben, denn nur im Verhältnis zu den eigenen Kenntnissen könne man überhaupt
sehen und beobachten. Man müsse sich vollkommen auf das fremde Volk einlas-
sen, die Sprache lernen, mit ihm leben (S. 146f). Dabei müsse man ständig fort-
laufende Notizen machen, am besten täglich (167). Der ideale Reisende achte auf

Überfeine und unfeine Leute mögen ihre Glossen darüber machen nach Belieben; es ist mir
ziemlich gleichgültig. Ich halte den G a n g für das Ehrenvollste u n d Selbständigste in dem Manne
u n d bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn m a n m e h r ginge." (Seume, 1962:638)
246 Volker Gerhardts bei Nietzsche diagnostizierter experimenteller „Methodenpluralismus des
aphoristischen D e n k e n s " (1989:263) steht gewiss in enger Beziehung zum spazierengehenden
D e n k e n der aphoristischen Kunst.
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168 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

jede Kleinigkeit, bis hin zu grammatischen Phänomenen; er sammele und verglei-


che alles, auch die Sitten und Gebräuche, Klima, Kleidung und Ernährung.
Wo Wissenschaft selbstreflexiv wird, greift sie auf ein metaphorisches Voka-
bular zurück, das außerhalb ihrer Grenzen liegt und dennoch die eigenen Beson-
derheiten veranschaulicht. Bis heute hat sich die Reisemetapher für das philologi-
sche Lesen gehalten. Zwar verwenden fast alle Wissenschaften das Klischee vom
Betreten des Neulands, wenn sie Weiterentwicklungen innerhalb der Disziplin
beschreiben, aber die philologische Lektüre ist hier besonders konsequent. Als
ein Beispiel von vielen sei Jean Bollack angeführt, einer der wenigen Philologen,
die das philologische Lesen immer gegen außerphilologische Zumutungen vertei-
digt haben. In seinem jüngsten Buch über Celan werden langjährige Notizen und
Lesefrüchte zum „Expeditionsbericht" und „Logbuch" der „Erkundungsreisen"
(Bollack, 2000b: 11) stilisiert247. In der Philologie ist seit Entstehung der Ethnolo-
gie und Kulturanthropologie gerade die Textsorte der Feldforschung zum belieb-
ten Bild geworden; Nietzsches Schriften sind lediglich ein früher Beleg dafür.
Die Literaturwissenschaft unserer Tage geht den umgekehrten Weg und ver-
sucht über den Anschluss an die ethnologische Forschung das philologische
Lesen zurückzugewinnen. Möglicherweise hat hier auch die Konjunktur der wis-
senschaftlichen Beschäftigung mit dem Genre der Reiseliteratur seinen Ursprung,
die sich in den letzten Jahrzehnten beobachten lässt. Gert Mattenklott entdeckt
Segalens und Malinowskis248 reisende Feldforschung als Paradigma poetischer
Wissenschaft und wissenschaftlicher Kunst zugleich (Mattenklott, 1996). Dass
gerade Segalens Werk eine „Rhetorik und Topik" bescheinigt wird, die der „des
erobernden Jägers" entgegengesetzt sei und die „das Erleiden" an die Stelle des
„Tuns" setze, ist nur umso einleuchtender durch die dokumentierte Beeinflus-
sung Segalens durch Nietzsche. Die reisenden Nachfolger Nietzsches, zu denen
Mattenklott außer Segalen und Malinowski noch Aby Warburg zählt (von dem

247 Nebenbei bemerkt ein sehr empfehlenswerter Kommentar zur literaturtheoretischen Metho-
dendiskussion und zum Begriff des Lesens. Von Barthes geprägt beschreibt auch ein Michel de
Certeau das Lesen immer wieder unter dem Aspekt des Reisens und spricht vom reisenden Au-
ge (l'ceil voyageur) des Lesers (1980:287): „les lecteurs sont des voyageurs; ils circulent sur les
terres d'autrui, nomades braconnant ä travers les champs qu'ils n'ont pas ecrits" (292).
248 Malinowski ist in der Geschichte der Ethnologie durch seine teilnehmende Beobachtung be-
rühmt geworden, für die Einsicht, dass erst durch langes Leben vor Ort und Erlernen der Spra-
che Einsicht in Kulturen möglich sei. Malinowski, auf den sich ja auch, wie bereits erwähnt,
Geertz mit seiner interpretativen Ethnologie berief, verkörpert die Radikalform des Reisens als
,Lesen' in einer fremden Kultur; philologisch ausgedrückt die hyperstatarische statt der kursori-
schen Lektüre des modernen Tourismus. Malinowski bestand darauf, Beobachtungen, Eigenin-
terpretationen der „natives" und Schlussfolgerungen des Ethnologen sauber zu trennen (1983:3)
und notiert die Schwierigkeiten, das riesige Quellenmaterial, welches noch nicht einmal in
Schriftform aufbewahrt ist, überhaupt aufzuarbeiten. Der „cardinal point of method" — übrigens
in Berufung nicht nur auf Tylor und Morgan, sondern auch auf die philologisch inspirierte deut-
sche Völkerpsychologie und auf Bastian — liege im breitestmöglichen Studium konkreter Phä-
nomene (17). Zum wichtigsten Ziel ethnologischer Arbeit wird die Suche nach „the typical ways
of thinking and feeling, corresponding to the institutions and culture of a given community"
(23).
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4.1. Lesekunst und Reisekunst 169

später noch ausführlicher die Rede sein wird), seien einerseits durch eine Abkehr
vom rein enzyklopädischen Reisen gekennzeichnet, andererseits vermögen sie
gleichfalls der doppelten Verführung zu entgehen, dem Fremden gegenüber
entweder naiv-imperial oder aber naiv-verklärend aufzutreten. Historische Be-
trachtung entgehe ganz wie das Reisen selbst „nur dann dem Selbstverlust, wenn
es als Kunst betrieben wird, die sich zuallererst um den Reisenden selbst zu küm-
mern hat" (44) und müsse auf der Ebene zwischen Unterjochung des Fremden
bzw. der Bereitschaft, sich selbst vom Fremden unterjochen zu lassen, angesie-
delt sein. Mattenklott beschreibt damit eine Dialektik von Selbst- und Fremder-
fahrung, die als Übertragung von Nietzsches Lesetheorie verstanden werden
kann. Nietzsche nämlich macht die Operation des philologischen Lesens zum
Maßstab des Umgangs mit dem Fremden und dem Ich zugleich — parallel zum
Maßstab der Kritik. So wie sich der Textbegriff nur mit Mühe und angespannter
Redlichkeit auf Bereiche außerhalb der Schrift übertragen lässt, benötigt der Le-
ser ein stetig wachsendes Maß an Subtilität und Übung, wenn er das Auge aus
dem Buch hebt und nach innen bzw. nach außen richtet. Im Lesen ergänzen die
Blickrichtungen einander in einem ewigen Fluss, dessen Erkenntnisgrenzen noch
längst nicht abgemessen sind:
W o h i n m a n r e i s e n m u s s . - D i e unmittelbare Selbstbeobachtung reicht nicht lan-
ge aus, um sich kennen zu lernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangenheit
strömt in hundert Wellen in uns fort; wir selber sind ja Nichts als Das, was wir in je-
dem Augenblick von diesem Fortströmen empfinden. Auch hier sogar, wenn wir in
den Fluss unseres anscheinend eigensten und persönlichsten Wesens hinabsteigen
wollen, gilt Heraklit's Satz: man steigt nicht zweimal in den selben Fluss. - Das ist ei-
ne Weisheit, die allmählich zwar altbacken geworden, aber trotzdem ebenso kräftig
und nahrhaft geblieben ist, wie sie es je war: ebenso wie jene, dass, um Geschichte zu
verstehen, man die lebendigen Ueberreste geschichtlicher Epochen aufsuchen müsse,
— dass man r e i s e n müsse, wie Altvater Herodot reiste, zu Nationen - diese sind ja
nur festgewordene ältere C u l t u r s t u f e n , auf die man sich s t e l l e n kann —, zu soge-
nannten wilden und halbwilden Völkerschaften namentlich, dorthin wo der Mensch
das Kleid Europa's ausgezogen oder noch nicht angezogen hat. (VM 223, 2:477f)

Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis ist nur durch die simultane Erforschung


des Fremden zu haben. Sie lehrt uns die Genese der eigenen Bedingtheit. Die
ethnologische Feldforschung erinnert an die geschichtliche Relativität jeder indi-
viduellen Verfassung, an den historischen Sinn. Die Reise fördert so das Lesen
im eigenen Ich. Es gebe freilich, so fährt Nietzsche fort, noch „eine f e i n e r e
Kunst und Absicht des Reisens", diejenige nämlich, die nicht an die physische
Fortbewegung gebunden ist, sondern es erlaubt, „Culturfärbungen" auch in der
Nähe zu beobachten, in Menschen und Gegenden, in denen sich ältere Ge-
schichtsmomente erhalten haben, namentlich fern der Großstädte. Man könne
„nach langer Uebung in dieser Kunst des Reisens" sogar zum „hundertäugigen
Argos" werden, dem es schließlich leicht fällt, sich selbst, seine eigene Individua-
lität („sein ego"), in beliebige vergangene Zeiten und Orte zu versetzen, d.h. jene
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170 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

ungeheuren Abstände zu überwinden, die der geschichtliche Strom aufgerissen


hat: „So wird Selbst-Erkenntniss zur All-Erkenntniss in Hinsicht auf alles Ver-
gangene" (ebd.). Die multiperspektivische Sehweise, die noch genauer untersucht
werden wird, setzt also das gute, empfängliche Reisen im übertragenen Sinne
voraus. Ein derartig geschultes, plastisches Ich hat sich aber eben nicht völlig in
der Empfindsamkeit aufgegeben, sondern exportiert sich wiederum gleichsam
selbst in jene fernen Regionen. Nietzsches Gedankensprung von der Reise zur
Wissenschaft und zum allgemeinen Verstehen hat seinen systematischen Grund
im Unterschied des philologischen Lesens zur Theorie der Interpretation. Der
hundertäugige Argos, der die Kunst des Reisens beherrscht, ist Antipode eindi-
mensionaler und einäugiger Plünderer. Es dürfte — als vorläufiges Resümee —
jedenfalls deutlich geworden sein, dass Nietzsches wanderndes Lesen und spazie-
rengehendes Denken mit der Interpretation als Vergewaltigung nicht identisch
sein können und dass Nietzsches Lektürebegriff sich nicht dem Begriff der In-
terpretation subsumieren lässt.

4.2. Usus loquendi: Metapher und Allegorie

Die Kunst des Reisens geht wie jene des guten Lesens mit einem Verbot der
Allegorese einher. Das Allegoreseverbot ist bei Nietzsche, wie anfangs demonst-
riert, unverzichtbar und geradezu Signatur der redlichen Philologie. Die „Philolo-
gie des Christentums", und das heißt die Theologen „bringen ihre Muthmaassun-
gen so dreist vor wie Dogmen und sind über der Auslegung einer Bibelstelle
selten in einer redlichen Verlegenheit." Auf diese Weise — durch „eine unver-
schämte Willkürlichkeit der Auslegung" — bringe das Christentum dem ganzen
Volk die „Kunst des Schlecht-Lesens" bei, das Nietzsche detailfreudig anhand
von Beispielen belegt: „wo nur ein Holz, eine Ruthe, eine Leiter, ein Zweig, ein
Baum, eine Weide, ein Stab genannt wird, da bedeute diess eine Prophezeiung
auf das Kreuzesholz" (M 84, 3:79f).
Problematisch wird nun der Umstand, dass Nietzsches Reflexionen über das
Lesen und Reisen selbst allegorisch geschildert werden, und dies ist nur ein Bei-
spiel von vielen. Verbietet Nietzsche dem Leser nicht die Annahme von Allego-
rien? Bedeuten das „einfache Verstehenwollen dessen, was der Autor sagt" (MA
1.270, 2:223) oder die Forderung, Tatsachen abzulesen „ohne sie durch Interpre-
tation zu fälschen" (AC 52, 6:233) somit die Beschränkung des guten Lesers auf
den sensus litteralis? Dagegen spricht ja nicht nur die allegorische Behandlung
des Reisemotivs, sondern auch Nietzsches Hinweis, in seinen eigenen Schriften
gebe es manches „zu lesen [...] was nicht gerade darin geschrieben steht" (VM
175, 2:455). Dagegen spricht z.B. auch die durchaus glaubwürdige Anekdote
Sebastian Hausmanns, der Nietzsche Mitte der achtziger Jahre auf Spaziergängen
in Sils Maria begegnete. Hausmann beklagt seine Lektüreschwierigkeiten; als
Beispiel fällt ihm die bekannte Stelle über Frauen aus dem Zarathustra ein („Ver-
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4.2. Usus loquendi: Metapher und Allegorie 171

giß die Peitsche nicht!" - Za I, 4:86). Nietzsche antwortet: „Aber ich bitte Sie,
das kann Ihnen doch keine Schwierigkeit machen! Ich meine, es ist doch klar
verständlich, daß das nur eine scherzhaft übertriebene, symbolistische Aus-
drucksweise ist. Wenn du zum Weibe gehst, so laß dich nicht von der Sinnlich-
keit unterjochen, vergiß nicht, daß du der Herr bist, daß es die wahrlich auch
nicht geringe Aufgabe des Weibes ist, dem Mann als freundliche Begleiterin, als
Verschönerin seines Lebens zu dienen." (nach Gilman, 21985:410). Da die Re-
konstruktion der Bedeutung von Lesen und Interpretieren bei Nietzsche natur-
gemäß auch Auswirkungen auf unseren Umgang mit seinen eigenen Texten hat,
muss hier nochmals weiter differenziert werden. Es gilt zunächst, die Mechanis-
men der grundlegenden ersten Domäne, der Domäne schriftlicher Texte, bloßzu-
legen. In Verlängerung des letzten Kapitels dürfte es einleuchten, dass man es
erst verstehen muss, ins Innere von Nietzsches Schriften zu dringen, ehe man
mit seiner Hilfe die übrigen Domänen bereisen darf.
Verglichen mit philosophischen Verfassern wie Kant und Hegel und mit dem
Großteil der akademischen Philosophie wirken Nietzsches Texte gerade wegen
ihrer „symbolistischen Ausdrucksweise" literarisch. Nietzsche gilt spätestens seit
Sarah Kofmans wegweisender Studie (Kofman, 21983) als der Philosoph der
Metapher. Die Metapher sei es, die ihn aus der philosophischen Tradition he-
raushebe und einzigartig mache. Die Metapher sei bei ihm von Beginn an mehr
als nur ein Übertragungsmittel im Sinne der Rhetorik, also (im aristotelischen)
Sinn sekundär zum Begriff. Im Gegensatz zu Aristoteles sei für Nietzsche der
Mensch geradezu das metaphorische Tier249. Wenn Nietzsche die Allegorese der
Theologen und Metaphysiker, der Christen und Idealisten angreift, kann er die
Selbstbeschränkung auf den sensus litteralis nicht gemeint haben.

249 Der Wille zur Macht äußere sich metaphorisch. Da die Metapher sich aber nicht mehr auf etwas
Reales bezieht, sondern ihrerseits schon auf Interpretation, müsse Nietzsche sie als Begriff fallen
lassen, weil sie sonst zum gefährlichen metaphysischen Dogma werde. Wenn Nietzsches Meta-
phemtheorie zunächst strategisch eingesetzt werde, um jegliche Essenz zu dekonstruieren, wer-
de sie später durch das Wechselspiel von Text und Interpretation ersetzt. Die Metapher werde
,Text', Produkt einer jeweils einzigartigen Perspektive, weil die Bedeutung, die in ihr liegt, nicht
mehr die Essenz der Welt betrifft; sie selbst ist diese Perspektive als Ausdruck eines bestimmten
Willens zur Macht. Die Genealogie, die historisch ist, weil jedes Konzept eine Geschichte hat,
sei auch deshalb vonnöten, weil die Metaphern als Symptome eines bestimmten Willens gelesen
werden müssen. Die genealogische Etymologie will nicht den Ursprung und die akkurate Bedeu-
tung herausfinden, sondern mannigfaltige Ursprünge, die dann hierarchisiert werden (Kofman
bezieht sich hier auf den 3. Abschnitt des Vorworts zur Genealogie der Moral). Kofman erkennt an
dieser Stelle das philologische Vorbild des Stemmas nicht, auch ihr Textbegriff entspricht kaum
dem Nietzsches, obgleich sie sich durchaus selbst philologischer Metaphern bedient. Die genea-
logische Lektüre lehre, dass die Sprache der Moral eine verfälschende Interpretation darstellt,
indem der Text des Leibes metaphorisch in die oberflächliche Sprache des Bewusstseins über-
führt wird. Der Genealoge, also Nietzsche, bessere den wahren Text der Moral wieder aus, in-
dem er die Metapher umkehrt und die natürliche Hierarchie der verschiedenen Symbolsysteme
wiederherstelle. Dionysos sei die mythische Figur des ursprünglichen Texts des Lebens: nackt
und ohne metaphysisches Feigenblatt, frei von Scham, unschuldig. Gut lesen lernen heißt dann
für Kofman nichts anderes, als den verfälschten sekundären Text zu entziffern und die Eigent-
lichkeit der Triebe zu entdecken, die hier überschrieben waren.
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172 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

Allem Anschein zum Trotz liegt darin kein Widerspruch zur Forderung nach
,einfachem Verstehenwollen' oder anderen theoretischen Äußerungen Nietzsches
zur Exegese. Nur vermeintlich ist die allegorische Praxis unvereinbar mit der
allegoresefeindlichen Theorie. Die Annahme einer ,wörtlichen Bedeutung' im
klassischen Sinne setzt sie nicht voraus. Der sog. sensus litteralis existiert nämlich
nur als Gegenstück zum sensus spiritualis. Wer diesen ablehnt, lehnt jenen gleich
mit ab. Wie Gerhard Kurz bemerkte, erscheint der sensus litteralis nur deshalb
als ,wörtliche' Bedeutung, weil das Augenmerk beim fraglichen Text auf der alle-
gorischen Bedeutung liegt, wobei es natürlich zwischen interpretierter und unin-
terpretierter Bedeutung keinen Unterschied gibt — selbst die scheinbar wörtliche
Bedeutung kann ja ihrerseits wieder metaphorisch sein usf. (1982:30). Die Privi-
legierung des Wortsinns etwa im Anschluss an die Reformation ist somit ein
historisch gewachsenes kulturelles Artefakt, das nur auf der Grundlage einer
schon etablierten Trennung von eigentlicher und uneigentlicher Rede beruht.
Diese Trennung aber ist die ursprüngliche theologische Operation250. Im Gegensatz zu ihr
steht nicht die Betonung des sensus litteralis, sondern die rhetorische Auffassung
der Sprache. Sprache ist danach schon immer tropologisch und kennt keine es-
sentialistische ,Normalbedeutung' und damit keinen wesentlichen Unterschied von
eigentlicher und uneigentlicher Bedeutung. Es ist diese Sprachauffassung, der
sich Nietzsche verpflichtet fühlt. Nietzsche meint also nicht, man müsse die
Sprache seiner Texte im traditionellen Sinne ,wörtlich' nehmen, um dem Allego-
reseverbot Rechnung zu tragen.
Das Problem ist damit freilich nur verschoben, nicht gelöst; denn wo verläuft
die Grenze zwischen allegorischer Schreibweise und Allegorese, zwischen Meta-
pher, Symbol und Allegorie? Wie löst Nietzsche das Dilemma, auf Allegorese
verzichten zu wollen, ohne gleichzeitig die subtilsten Leistungen der Sprache und
des Interpretierens einzuschränken? Wie ist redliches Lesen angesichts der stän-
digen Möglichkeit von ironischer, allegorischer, metaphorischer oder symboli-
scher Rede und Bedeutung überhaupt möglich? Es ist dies die Grundfrage der
Literaturwissenschaft, ja der Exegese überhaupt (vgl. auch Szondi, 1962:270), und
zwar bis heute. Mit Anklängen an die Reise- und Eroberungsmetaphorik, der sich
schon Nietzsche bedient, heißt es noch jüngst bei Walter Haug: „Kritische Ver-
weigerung gegenüber allem allegorischen Interpretieren ist für den Literaturwis-
senschafder erstes Gebot, denn die Allegorese ist die krudeste Form der Usurpa-
tion des Fremden — auszunehmen ist selbstverständlich jene Literatur, die sich

250 In Die Welt als Wille und Vorstellung einem der wenigen philosophischen Bücher, die Nietzsche
wirklich gründlich gelesen hat, im bedeutenden Kapitel „Ueber das metaphysische Bedürfniss
des Menschen", erläutert Schopenhauer die Notwendigkeit des allegorischen Charakters aller
Religionen, da sie „für die Unzähligen bestimmt" seien, „welche, der Prüfung und des Denkens
unfähig, die tiefsten und schwierigsten Wahrheiten sensu proprio nimmermehr fassen würden". Es
genüge dementsprechend, dass Religionen nur „sensu allegorico" wahr seien: als Mysterien und
Dogmen aller Art, die nur nach Glauben verlangen (1988, Bd.2, 17. Kapitel des 1. Buches,
S. 184-218).
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4.2. Usus loquendi: Metapher und Allegorie 173

schon selbst einem Modell ausgeliefert hat, die also genuin allegorisch ist."
(Haug, 1999:76f) Das Erkennen des allegorischen Modells bedarf aber bestimm-
ter Kriterien, hängt mithin bereits wieder vom Verstehen ab. Die Sprache eines
beliebigen Textes kann noch so akribisch linguistisch analysiert werden: jede
Analyse versagt vor der potentiellen übertragenen Bedeutung, vor der generellen
Eigenschaft sprachlicher Äußerungen, mehrdeutig zu sein. Diese Mehrdeutigkeit
ist kein Problem, das den sensus litteralis betrifft und demzufolge linguistisch zu
lösen wäre, sondern ein Problem des Meinens und Verstehens251 — letztlich der
Kommunikation zwischen Individuen.
Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat sich fast ausschließlich auf die Me-
tapher konzentriert, obgleich diese nur im Kontrast und Vergleich zu verwandten
Phänomenen zu erklären ist. Freilich schließt der Gebrauch des Metapherbegriffs
häufig die Allegorie ein. Bei Nietzsche kommt man um eine Differenzierung von
Allegorie und Allegorese, bildlichem Ausdruck und figurativem Sprechen schon
deshalb nicht herum, weil sie für ihn selbst noch unangefochtene Tatsache war.
Es kann in diesem Rahmen freilich nicht um eine neue Theorie der Metapher
oder um eine vollständige Aufarbeitung etwa der Metapherntheorie in den Schrif-
ten Nietzsches gehen252. Hier interessiert allein die Bedeutung der Metapher und
ähnlicher Phänomene für das Verhältnis der exegetischen Theorie zum Lesen
und Interpretation bzw. zur Philologie. Über die mittlerweile traditionelle Frage
nach der Rolle von Metaphern in begrifflich-philosophischer Sprache, wie sie
etwa Sarah Kofman in ihrem eben erwähnten Werk stellt, wird damit hinausge-
gangen.
Kofman bezeichnet mit ,Metapher' jede absichtliche bzw. unabsichtliche ü-
bertragene Redeweise. Ähnlich wie bei Blumenberg ist diese nur ein Spezialfall
von Unbegrifflichkeit (Blumenberg, 1973:77). Dies ist insofern problematisch, als
von Nietzsche ja gerade die Existenz begrifflich-unmetaphorischer Rede bezwei-
felt wird, wie Kofman selbst behauptet — und somit in zwei Widersprüche läuft.
Erstens kann man nicht die Ubiquität der Metapher behaupten und gleichzeitig
ihren Gebrauch bei Nietzsche hervorheben. Es handelt sich letztlich um das
Dilemma, das die Dekonstruktion nicht nur in Kauf nimmt, sondern provoziert:
es gibt keinen Ausweg mehr, wenn die Metapher zugleich Objekt und Instrument
der Analyse ist. Zweitens, und dies hängt eng damit zusammen, kann Kofman
sich nicht vollständig vom Dualismus des eigentlichen/uneigentlichen Sprechens
lösen. In ähnlicher Manier hat schließlich auch die linguistische Metaphemtheorie
bis heute den unseligen Gegensatz nicht überwunden. Sie geht meist davon aus,
dass im Verstehensprozess erst dann eine Metapher angenommen wird, wenn es

251 Vgl. dazu schon Fries (1980), der die Schwierigkeit demonstriert, Mehrdeutigkeit linguistisch zu
bestimmen. Er unterscheidet Ambiguität (vom gewählten Grammatikmodell abhängige Mehr-
deutigkeit) von genereller Vagheit (unabhängig vom gewählten Grammatikmodell), die eben in
keiner Weise exegetisch aufhebbar ist.
252 Dazu etwa Otto (1998). Allgemeine Informationen s. neuerdings die ausgezeichneten Einträge
zur Metapher von E. Ebbs und zur Allegorie von W. Freytag im HWR.
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174 4. Philologische Methode II: Lesen statt Interpretieren

in der (syntaktischen) Sprachverarbeitung Probleme mit der ,normalen' lexika-


lisch-prototypischen Bedeutungskombination einer Aussage gibt. Daraufhin
werde eine neue Bedeutung angenommen, die in den Kontext der Äußerung
passe. Diese neue kontextuelle Bedeutung könne dann auf lange Sicht in einer
Sprachgemeinschaft verfestigt, d.h. in das lexikalische System der Polysemie ü-
berführt werden (vgl. Abraham, 1998). Davon abgesehen, dass für die Literatur-
wissenschaft das Problem vor allem in der Möglichkeit liegt, Sätze und Texte
beliebig metaphorisch zu lesen, bzw., um nicht selbst in die Falle zu tappen: in
der generellen Mehrdeutigkeit sprachlicher Äußerungen, kann ohne weiteres
zugegeben werden, dass Lexeme prototypische Bedeutungen aufweisen und
grammatische Fügungen bestimmten, linguistisch rekonstruierbaren Restriktio-
nen unterliegen — sonst wäre Kommunikation gar nicht möglich. Ihren konkreten
Sinn erhalten sprachliche Ausdrücke aber erst im konkreten Kontext. Sprache
muss plastisch sein, um, wie schon Wilhelm von Humboldt erkannte, mit be-
schränkten Mitteln unendliche Bedeutungen ausdrücken zu können. Die soge-
nannte uneigentliche Sprechweise ist also ein alltägliches Phänomen, und zwar
nicht nur auf der Ebene der ,toten' Metapher. Das hebt den idealisierten Wort-
sinn völlig auf, denn der Rezipient, zumindest in der schriftsprachlichen Kom-
munikation, muss nicht erst darauf warten, bis etwas (für den idealen Leser!)
,unverständlich' wird, die metaphorische Lektüre kann von Anfang an praktiziert
werden.
Unterscheidet man dennoch, wie etwa Searle (1979), Satz- und Äußerungsbe-
deutung, so kommt auf diesen Unterschied gar nichts an, denn außerhalb der
Theorie treten Sätze bzw. Texte naturgemäß nur im Gebrauch auf. Die Interpre-
tation metaphorischer wie nicht-metaphorischer Ausdrücke beschränkt sich mit-
hin auf die (Vor)Auswahl des richtigen Kontexts zum Verständnis der Äußerung
— was sich unter anderem daran zeigt, dass bei entsprechend angemessenem
Kontext beide Arten von Ausdrücken gleich schnell und leicht verarbeitet wer-
den (vgl. schon Rumelhart, 1979). Mit Searle lässt sich aber erhärten, dass für die
Interpretation der Metapher keine außersprachlichen Konventionen, sondern in
erster Linie die Beobachtung der Konversationsmaximen (z.B. im Sinne von
Grice) und Sprechaktregeln nötig sind: „metaphorical meaning is always Spea-
ker's utterance meaning." (1979:93). Um eine Metapher als Metapher zu interpre-
tieren muss ich annehmen, sie stamme vom Urheber der Rede bzw. des Textes.
Folglich muss es auch regelmäßige Beziehungen zwischen Satzbedeutung (nicht
Wortbedeutung!) und Metaphorik geben. Die meisten Metaphertheorien253 sind

253 Szondi (1975:177) ordnete eine brauchbare und umfassende Metaphernlehre den wichtigsten
„Desideraten" der Allgemeinen Literaturwissenschaft zu. Sie ist bis heute Desiderat geblieben.
Wer sich auf dieses Gebiet wagt, muss Ausdauer mitbringen. Aus dem Rennen geschieden sind
mittlerweile jedoch die diversen Spielarten der Vergleichstheorie, v.a. deshalb, weil Metaphern
Ähnlichkeiten erst schaffen, statt, wie e