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Karl Ludwig Lupşiasca

Orawitza zwischen Geschichte und Legende


Unter den ehemaligen Banater Bergorten ist Orawitza die alte Dame. Vereinsamt und arm,
in altmodischer und abgenutzter Kleidung, der man aber ansieht, dass sie in ihrer Jugend eine
Glanzzeit erlebt hatte. Es ist natürlich, wenn der Vergangenheit einer so seltsamen Erscheinung
Legenden angedichtet werden.
Allzu alt ist Orawitza nicht. Als Dorf wird „Oravicza“ erstmals in einem Verzeichnis des
Gelehrten Luigi Ferdinando Marsigli erwähnt 1. Das nach Distrikten erstellte Verzeichnis,
„Conscriptio Districtuum“ wird im Allgemeinen dem Jahre 1690 zugeordnet. Orawitza gehörte
damals zum Palankaer Distrikt.
Luigi (auch Ludovico oder Aloysio) Ferdinando comte de Marsigli (auch Marsilli oder
Marsilius) hatte bereits 1679, im Alter von nur 21 Jahren, Konstantinopel aufgesucht und seine
Beobachtungen in zwei Studien zum „Thrakischen Raum“ untergebracht: Le Traité du Bosphore
(Rom, 1681) und Del Incremento e Decremento dell’ Imperio Ottomano (erst 1730 in Amsterdam
gedruckt)2. Ins osmanische Reich sollte er öfters kommen, ein Jahr lang (1682-1683) gar in
türkischer Gefangenschaft. Ab 1681 diente er als Offizier auf österreichischer Seite. Da er mit
Aufträgen entlang der Donau sich 1689 auch im Banat aufhielt, vermutet man, dass bei dieser
Gelegenheit das erwähnte Verzeichnis entstand. Wahrscheinlicher ist, dass das Verzeichnis knapp
vor dem Karlowitzer Frieden erarbeitet wurde. Damals und auch nach dem Friedenschluß
verbrachte Marsigli und sein Kartograph, Johann Christoph Müller, mehrere Monate im Banat, um
Vermessungen vorzunehmen und Vorlagen für eine Karte Ungarns zu schaffen. Nach dem
Karlowitzer Frieden war er innerhalb einer gemischten österreichisch-türkischen Kommission mit
der Markierung der Grenze und der vereinbarten Sprengung aller Banater Festungen, außer
Temeswar, beschäftigt.
Dass bereits 1703 eine Gruppe von 13 Tirolern nach Orawitza kam gehört zur Legende.
Verbreitet wurde sie durch einer Schrift aus dem Jahre 1859. Damals hatte die Statthalterei der
Wojwodschaft Serbien und Temescher Banat ein Rundschreiben an alle Ortsverwaltungen des
Banats geschickt mit der Aufforderung, eine ethnographisch-topographische Beschreibung“ ihrer
Ortschaft zu erstellen. Erstes Kapitel laut beigelegtem Fragebogen sollte die Geschichte des Ortes
sein. Aus Orawitza kamen zwei Beschreibungen. Die erste 3, vermutlich von der Ortsverwaltung
erstellt, enthält zur Sache der 13 Tiroler folgendes: „Erst mit dem Zurückdrengen der Türken vom
ungarischen Boden beginnt die Nachricht vom Bergsegen dieser östlichen Gegenden sich wieder im
Westen zu verbreiten und schon im Jahre 1703 werden unter der Leitung des Mathias Brunner 13
Tyroler Bergleute von der kaiserlichen Regierung herabgesendet, um die durch wallachische Hirten
aufgefundenen Erze in ihrem Vorkommen zu untersuchen. Seine Excellenz der Csanader Bischof
Baron Falkenstein hat diesen Bergknappen einen Priester gesendet, der die heilige Messe damals in
einem Blockhause las, bis durch kaiserliche Munifizenz im Jahre 1718 der Bau der jetzigen Kirche
begonnen, und im Jahre 1722 beendet wurde.“
Die zeitlichen Angaben in diesem Text sind in keiner Weise zusammenzubringen: Die
Türken wurden aus dem Banat erst 1717 nach der Einnahme der Festung Temeswar verdrengt, der
in Freiburg/Breisgau geborenen Eusebius Anton Adalbert Freiherr von Falkensten kam erst im
Jahre 1732 nach Temeswar als Tschanader Bischof 4 und noch Ende 1717, wie es aus Anweisungen

1
Pavel Binder, Lista localităţilor din Banat de la sfârşitul secolului al XVII-lea, in Studii de istorie a Banatului,
Universitatea din Timişoara, vol. II, 1970.
2
Académie Royale des Sciences, Eloge de Louis-Ferdinand Marsigli par Fontanelle, Paris, 1730.
3
Ethnographisch-topographische Beschreibung des Berg- und Marktortes Oravicza, 1859
4
Peter Petri, Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums, Th. Breit Druck und Verlag GmbH, Marquartstein,
1992

1
der Wiener Hofkammer an die Einrichtungskommissare 5 zu erkennen ist, waren die Kenntnisse des
Hofes über Erzvorkommen im Banat sehr spärlich. Dennoch mußten die Erze nicht erst von
„wallachischen Hirten“ aufgefunden werden. Wie es aus den ab 1718 verfaßten Berichten und
Anweisungen hervorgeht, gab es um Bokschan und Orawitza bzw. Tschiklowa noch brauchbare
Schächte, Stollen und industrielle Anlagen aus der Türkenzeit.
Simion Samuel Moldovan, der sich eingehend mit der Geschichte Orawitzas in mehreren
Schriften befaßt hatte, ließ sich von dieser Legende nicht einfangen. Er gibt auch das genaue Datum
der Ankunft der 13 Tiroler an: 8. September 17196. Eigentlich waren die 13 Tiroler an jenem Tag in
Wien angekommen um weiter ins Banater Bergrevier zu reisen. Die Liste der 13 in Wien
angekommenen Tiroler erscheint als Beilage einer Zuschrift der Bankalität vom 6. September 1719
und eines Reskripts der Hofkammer vom 9. September desselben Jahres 7. Dass es sich dabei um
dieselben 13 Tiroler handelt wie jene, die versehentlich für 1703 angegeben werden, geht aus ihren
Namen hervor: Joseph Doll, Johann (Hans in der Liste der Bankalität) Doll, Peter Jant, Mathias
Jant, Christoph Dändler (Därdler), Johann Haintzel (Hanß Aizel), Martin Söll, Ulrich Söll, Joseph
Paumgartner (Baumgartner), Jakob Reitter (Reutter), Sebastian Pichler (Fischer), Andree Knab und
Johann Forreker (Forrecker).
Laut einer neueren, in Ungarn erstellten, ziemlich genauen Chronologie zum Banater
Bergwesen8 heißt es, dass der Bergmeister Mathias Brunner 1703 in Orawitza anwesend war,
danach nach Karlsburg zurückberufen wurde, 1709 in Wien war, von wo er nach Schemnitz
entsandt wurde. Die 13 Tiroler werden in dieser Übersicht unter das Jahr 1718 erwähnt.
Die Wiederbelebung des Bergbaus im Banat unter österreichischer Verwaltung begann
gleich nach dem Frieden von Passarowitz (21. Juli 1718). Es gab drei Bergreviere aus der
Türkenzeit, die nun der Banater Landesadministration zufielen: Orawitza (mit Tschiklowa),
Bokschan (mit Bergwerke im Raum des späteren Eisenstein und Dognatschka) und das in Serbien
liegende Majdanpek)9. Zur Überwachung der Bergbautätigkeit in diesen Orten wurde zunächst der
Bergmeister Johann Schubert eingesetzt. Mit einer „Instruktion“ 10 an Bergmeister Schubert vom 12.
Dezember 1718 wurde Orawitza von der Banater Landesadministration zum Sitz eines
„Oberhauptes des Banater Bergwesens“ bestimmt und in dieses Amt Joseph Anton Mayrhover
Edler von Gruenbichl ernannt. Zur Eisentzung Mayrhovers hieß es, dass die Banater
Landesadministration „authorisiret Ihn Inspektor und verweist das gesamte Berg Ambt solcher
gestalten an Ihn auf, daß ohne seiner Anordnung und Vorwissen nichts darin disponiert oder an-
und abgestellt werde“.
Von Anfang an war das Banater Bergwesen der Maximilianischen Bergordnung
unterworfen. Ohne diese Ordnung zu beseitigen erschien am 25. Juli 1736 das vom Temeswarer
Kameralrat Johann Jakob Benedikt Freiherr von Neffzern ausgearbeitete „Einrichtungssystem des
Banater Bergwesens“, eine Art Grundverfassung, deren Regeln von den Banater Bergbehörden
beachtet werden mußte. Ihr sollten bis 1760 noch andere Amtsinstruktionen folgen11.

5
Instruktion für unsere getreue liebe (NN) von Kalanek als unßern… bestellten Principal Commissarium und (NN)
Ignatium Hahn, alß unßeren… Con-Commossarium (7. Dezember 1717), in Franz Anton Schmidt, Chronologisch
systematische Sammlung der Berggesetze der Königreiche Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Slawonien und des
Großfürstenthums Siebenbürgen, 6. Band, k.k. Hof- und Staats-Aerarial-Druckerey, Wien, 1834.
6
Sim. Sam. Moldovan, Geschichte der Bergstadt Orawitza, verfaßt auf Grund des neuen Schulprogramms für die
deutsche Mittelschule, Buchdruckerei Josef Kaden, Orawitza, 1931.
7
Felix Milleker, Der Anfang der Einwanderung der Deutschen ins Banat 1716-1722, J. E. Kirchners Witwe, Wrschatz,
1939.
8
Es geht los..., www.info.omikk.bme.hu/hegybansag/
9
Verordnung der Hofkammer vom 4. Januar 1721 an die Banater Landesadministration, in F.A. Schmidt (1834).
10
Instruktion der Banater Landesadministration an das Orawitzaer Bergamt vom 12. Dezember 1718, in F. A. Schmidt
(1834)
11
Costin Feneşan, Administraţie şi fiscalitate în Banatul imperial 1716-1778, Editura de Vest, Timişoara, 1997.

2
Dass Anfangs türkische Anlagen genutzt wurden, bestätigt auch Ignaz von Born in seinen
Reisebeschreibungen12: „Der Bergbau wurde hier schon von den Türken, als dieser Ort noch unter
ihrer Botmäßigkeit stand, getrieben, obgleich nicht in solchem Vorteil als es jetzt geschieht. Nach
der Wiedereroberung des Landes, wurden die alten Gebäude auf Kosten des Kaiserl. Ärarium
gewältigt, auch verschiedene neu angelegt“. Die weitverbreitete Ansicht, der Banater Bergbau sei
erst nach der Vertreibung der Türken eingeleitet worden, gehört somit ebenfalls zur Legende.
Die ursprüngliche Absicht der Hofkammer für Münz- und Bergwesen, im Banater Bergbau
Landansässige einzusetzen und sie bloß durch deutsche Fachleute in diese Arbeit einzuführen 13,
mußte aufgegeben werden. Die rumänischen Dörfer der Umgebung waren an ihren Lehnpflichten
gegenüber der Bodenverwaltung gebunden und die Ortsknesen waren deshalb mit der Freigabe ihrer
Untertanen für den Bergbau nicht einverstanden. So überlegte man bereits Ende 1721, Häuer aus
den Erbländern anzusiedeln.
Einen Vorschlag von J.F. Kraussen an die Banater Landesadministration, die in Orawitza
und Prostian (Broşteni) lebenden Rumänen umzusiedeln, wies Gouverneur Claudius Florimund von
Mercy ab14. Es sei nur gestattet die Inwohner „zu sothaner Quittierung Bel modo zu persuadieren“,
denn „ihnen umb desto schmerzlicher ihren Grundt und Boden zu verlassen fallete, als solche durch
ihre Voreltern bies anhero mit großer Mühe cultivieret und sie selbsten dabey auferzogen worden“.
Die Schwierigkeit Ansiedlern Gründe in der Nähe der Bergbetriebe anzubieten, ergab sich daraus,
dass Orawitza, wie alle damaligen rumänischen Dörfer, aus entlegenen Gehöften bestanden und
über das gesamte Areal verstreut waren.
Eine erste Wohnsiedlung entstand laut Überlieferung in der Nähe des Goldschurfs zu dem
man auf dem Kies genannten Weg zur Schwefelkiesgrube aufsteigen konnte. Hier bauten sich die
ersten Ansiedler ein Kirchlein an dessen Stelle heute die Floriani-Kapelle steht. Eine zweite
Wohnsiedlung entstand im Tal, oberhalb der Stelle wo der Aufstieg des Kiesweges beginnt. Im Tal
konnten zwar einige Flächen zur Erweiterung der Bergbaubetriebe, zur Errichtung der Kirche und
einiger Verwaltungsgebäude freigelegt werden, aber bis zur Entstehung und Entwicklung der
Bergortschaft Deutsch- oder Montan-Orawitza sollten noch Jahre vergehen.
Ein in Wien aufbewahrtes Diarium (Tageseinträge) verzeichnete die Durchreise am 22. Juni
1722 von 247 Schwazer (Tirol) Bergknappen („samt Weib und Kinderen bey 450 Köpfen“).
Anführer der 165 ledigen und 82 verheirateten Bergknappen war der Berggerichtsschreiber Josef
Angerer. Ihnen schlossen sich in Wien einige Schmelzer und Hammerschmiede aus Böhmen, der
Steiermark und Sachsen an.
Wir wissen nicht wann Häuerdorf entstanden ist, es könnte aber um diese Zeit geschehen
sein. Felix Milleker nennt zur Gründung der Kolonie Häuerdorf das Jahr 172115. Noch 1727, nach
einer Besichtigung der Bergbetriebe seitens des aus Schwaz in Tirol angereisten Unterbuchhalter
Erlacher, verordnete die Hofkammer der Banater Landesadministration, einen Grund für die
Ansiedlung deutscher Häuer ausfindig zu machen16, „der doch etwas näher alß jener Dörffer, wohin
sie wöchentlich zugehen pflegen“ lag. In einer 1740 gedruckten, aber schon früher aufgenommenen
Karte des Banats17 erscheint das heutige Iertof (Häuerdorf) mit dem Namen Freudenthal. Es war
bereits entleert als die Karte erschien und wurde danach mit rumänischen Häuern wiederbesiedelt.
Nach dem verwüstenden Krieg mit den Türken auf Banater Boden 1738, entschloss sich die
Landesadministration die systematische Ausscheidung des Kameraldorfes Roman-Orawitza und
den Ausbau der Bergortschaft Deutsch- oder Montan-Orawitza vorzunehmen.

12
Ignaz von Born, Briefe über mineralogische Gegenstände aus seiner Reise durch das Temescher Banat,
Siebenbürgen, Ober- und Niederungarn, Johann Jakob Ferber, Wien, 1774.
13
Hofkammerdekret vom 4. Januar 1721, in F.A. Schmidt (1834).
14
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)
15
Felix Milleker, Der Anfang der Einwanderung der Deutschen ins Banat 1716-1722, J.C. Kirchners Witwe, Wrschatz,
1939
16
Hofkammerdekret vom 15. Dezember 1727, in F.A. Schmidt (1834)
17
Reiner et Joshua Ottens, Theatre de la guerre dans le Banat de Temeswar, Amsterdam, 1740.

3
Zum Bau der Kirche gibt uns eine zweite Beschreibung Orawitzas 18 aus dem Jahre 1859
genaue Auskunft: Die erste römisch-katholische Kirche wurde um 1720 erbaut, eine zweite, größere
Kirche entstand 1745 und die jetzige erst 1838. Laut den Angaben von Sim. Sam Moldovan wurde
als erster Pfarrer in Orawitza der Benediktiner Pater Wolfgang Heidinger ab den 2. März 1720
eingesetzt.
Zum Stand der Kirche im Jahre 1737 gibt uns eine ältere Handschrift Auskunft 19. Der Bau
der Kirche wurde auf Befehl der Landesadministration eingeleitet und vom kaiserlichen Ärar
finanziert. Rechnung führten Herr Friedrich und Herr Glos. In der Kirche befanden sich fünf Altare,
die Kirche hatte vier Glocken. Die Einweihung besorgte 1733 der Tschanader Bischof, Eusebius
Anton Adalbert Freiherr von Falkenstein, am Fest der Kreuzerhöhung.
Es soll eine stattliche Kirche gewesen sein, doch während des Krieges 1738 wurde Orawitza
am 4. Juni von Türken und rumänischen Aufständischen angegriffen und in Brand gesteckt. So kam
es zu einem Neubau der Kirche 1745. Waldschaffer Maier, der die Verteidigung Orawitzas geleitet
hatte, wurde erschossen und enthauptet, danach sein Kopf an den Türken ausgeliefert. Arbeitsfähige
Ansiedler, die nicht geflüchtet waren, kamen in türkischer Gefangenschaft um als Sklaven verkauft
zu werden20.
Deutsch-Orawitza blieb Gemeinde auch nachdem es 1911 mit Roman-Orawitza vereinigt
wurde bis Anfang 1926. Dennoch bekam die Ortschaft während ihrer Glanzzeit, die Mitte des 18.
Jahrhunderts einsetzte, ein städtisches Gepräge. Als Sitz des Oberbergamtes für das gesamte
Banater Berg- und Hüttenwesen zog die Ortschaft nicht nur höhere Beamte an. Auch Grubenpächter
und Unternehmer bevorzugten es, sich in Orawitza niederzulassen. Hir wirkten viel mehr Ärzte und
Lehrer als in anderen Gemeinden des Berggebiets. Hinzu kam, dass auch die in Temeswar
wirkenden Beamten, Offiziere und Ärzte gerne ihren Urlaub in Orawitza verbrachten. 1756 hatte
der Oberbergmeister 200 Gulden vom Ärar kassiert, weil in Ermangelung an Unterkünften, hohe
Gäste in seiner Wohnung einquartiert wurden21.
Nur acht Jahre hindurch befand sich die oberste Leitung des Banater Bergwesens in
Temeswar. 1760 wurde nämlich das Oberbergamt nach Temeswar verlegt, doch 1768 trat an Stelle
dieses Amtes die „Banater Bergdirektion“ mit dem Sitz in Orawitza. Bis zur Einverleibung des
Banats in Ungarn 1778 war der Landespräsident zwar auch Vorsteher des Banater Bergwesens,
doch „nur zufällig“, wie sich Griselini22 äußert. Um ihn zu beraten, wirkten innerhalb der
Landesadministration zwei Bergräte, die sich aber nicht in Angelegenheiten der Bergdirektion
einmischen konnten.
Geradezu hartnäckig wird fast in allen Schriften über Orawitza behauptet, 1929 sei hier eine
Bergschule errichtet worden. Gelegentlich wird diese Behauptung mit Zusätzen der jeweiligen
Autoren bereichert. Dass diese Schule eine unentgeltliche Eisenbergwerks-Schule gewesen23, dass
sie 1789 nach Reschitza verlegt worden sei24. Für 1729 gibt es nicht einmal Belege für das
Vorhandensein einer Volskschule in Orawitza. Noch hundert Jahre nach dieser vermeintlichen
Schulgründung hatte Orawitza nicht einmal eine sonst für Bezirksvororte übliche Hauptschule. Erst
173325 oder 1735 wird der Bau fertig, in dem die römisch-katholische Volksschule untergebracht
wurde. Allerdings kann vorausgesetzt werden, daß die Unterweisung römisch-katholischer Kinder
schon 1720 nach der Ankunft des Benediktiner Paters begonnen hatte.

18
Beitrag des Forst- und Domänenamtes zur ethnographisch-topographischen Beschreibung von Orawitza, Handschrift,
1859
19
Franz Kumher, Die Bergstadt Orawitza von 1701 bis 1777
20
Costin Feneşan, Informaţii documentare privind răscoala populară bănăţeană de la 1737-1739, in Banatica nr. 2,
Muzeul de Istorie Reşiţa, 1973
21
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)
22
Francesco Griselini, Versuch einer politischen und natürlichen Geschichte des Temeswarer Banats, Wien, 1780.
23
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)
24
Es geht los..., www.info.omikk.bme.hu/hegybansag
25
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)

4
Bis Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in ganz Europa keine Bergschule, es sei denn, eine
Allgemeinschule, die zufällig einen solchen Namen trug, wie jene in Schässburg. In
ausgesprochenen Bergschulen sollten Bergrecht, Berggewohnheiten, Markscheidekunst,
Erzaufbereitung und Probierkunde gelehrt werden. In den Ländern der österreichischen Monarchie
entstand die erste Bergschule im böhmischen Joachimsthal erst 1717. Den Erlass zur Gründung
dieser Schule unterschrieb Kaiser Karl VI. am 13. Oktober 171626. Bis dahin und noch viele Jahre
danach erfolgte die Ausbildung von sogenannten Expectanten zu Fachkräften für Berg- und
Hüttenwerke durch praktischer Anleitung innerhalb der Bergbetriebe. Eine erste Erwähnung von
Expectanten erfolgte 1632 und laut einer Instruktion der Wiener Hofkammer 1676 bekamen
Expectanten einen geringen Lohn, wenn sie innerhalb des Betriebs etwas zu leisten wußten.
Die Gründung von Bergschulen ergab sich aus der Notwendigkeit, künftige Obersteiger,
Probierer, Markscheider und Leiter der Bergbetrieb auch theoretisch auszubilden. Die
Joachimsthaler Schule erhielt diesbezüglich ein geregeltes Lehrprogramm 1733, die zweite
Bergschule in Österreich, in Schemnitz (Slowakei), 1735.
Die Schemnitzer Bergschule wurde nicht erst 1735 gegründet, wie es in den meisten
Angaben darüber heißt. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte der Bergbetrieb in Schemnitz die meisten
Expectanten. 17 waren es 1702. Die Gründung der Bergschule müsste man auf 1724 setzen, als hier
auch eine theoretische Ausbildung gewehrleistet wurde. Erfolge blieben dennoch aus. So verfügte
die Hofkammer am 22. Juni 1735 27, die Zahl der Expectanten in Schemnitz von 26 auf 8
herabzusetzen und bei der Aufnahme der Expectanten strenger vorzugehen. Die Dauer des
Studiums wurde auf zwei Jahre festgesetzt, „wer nicht dazu tauge, solle den Platz frei machen“.
Auch unterstrich das Hofkammerdekret, ein Expectant möge sich nur jenen Zweig der
Bergwissenschaften zuwenden, für den er „die natürliche Zuneigung haben würde“.
Ähnlich heißt es in der etwas schon älteren Anweisung der Banater Landesadministration
vom 22. Januar 1729 an das Orawitzaer Oberbergamt: „daß man Burschen, welche keine Vorliebe
für Bergstudien haben, nicht beeinflussen soll, Bergschulen zu besuchen und es ist zu verlautbaren,
daß solche, welche hinzu Lust zeigen, sich melden können“. Diese Anweisung wurde vermutlich
von irgendeinem Autor dahin gedeutet, daß es in Orawitza eine Bergschule gab. Andere haben dann
diese Mähr übernommen.
Tatsache ist, dass die Existenz der Bergschule in Schemnitz auch für das Banater Bergland
bedeutend war. Viele der in Orawitza und anderen Banater Bergorten tätigen Fachleute und höhere
Beamte hatten ihre Ausbildung in Schemnitz erhalten. Einer von ihnen war Christof Traugott
Delius.
Der in Wallhausen – Thüringen 1728 geborenen Delius kam im Alter von 28 Jahren ins
Banat nachdem er in Quedlinburg, Magdeburg und Wittenberg studiert und sich in Schemnitz
Kenntnisse in Bergwissenschaften angeeignet hatte. Bis 1761 war er Bergmeister in Dognatschka.
danach Bergrat in Orawitza, wo er unter anderen den Umbau der zwei Staudämme geleitet hatte.
Als hohe Beamte der Banater Bergdirektion setzten Delius und Franz Xaver Wöginger mit ihren
Eingaben an der Wiener Hofkammer für Münz- und Bergwesen den Bau der Reschitzaer Werke
durch und unternahmen eine Abschätzung der Eisenerzlager bei Slamina, zwischen Reschitza und
Doman. In Reschitza leitete Delius die Ausführung der 1723 Klafter langen Wasserführung
(Schmelzgraben) von der Stavila bis zum Eisenwerk. Noch im selben Jahr 1770 ernannte ihn Maria
Theresia zum ersten Professor für Bergbaukunde in der zur Bergakademie erhobenen Lehranstalt in
Schemnitz. Seine schon 1770 in Leipzig veröffentlichte „Abhandlung von dem Ursprung der
Gebirge und die darinnen befindlichen Erzadern“, hatte er gewiss in Orawitza zusammengestellt.
Die zum besseren Verständnis beschriebenen Beispiele beziehen sich alle auf Erzlagern des Banater
Berglands. Die Vorlesungen in der Schemnitzer Bergakademie vereinigte er in einem Band 28, den

26
Friedrich Sturm, 150 Jahre Montanuniversität Leoben, Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1990
27
Hofkammerdekret vom 22. Juni 1735 zur Neuordnung der Schemnitzer Bergschule, in F.A. Schmidt (1834)
28
Anleitung zu der Bergbaukunst nach ihrer Theorie und Ausübung nebst einer Abhandlung von den Grundsätzen der
Kameralwirtschaft, Druck bei Joh. Thomas Edlen von Trattens, Wien 1773.

5
er 1773 in Wien herausgegeben hat. Fünf Jahre später erschien dieses Lehrbuch in französischer
Übersetzung mit Unterstützung der französischen Akademie und auf Kosten des Königs Louis XVI
und 1806 erschien eine neue Wiener Ausgabe.
Die erste höhere Schule in Orawitza, eine vierklassige Grammatikschule, entstand 1793.
Man nannte sie „Regium Institutum Oravicensae“29. Der Leiter der Schule wurde als „decanus“
oder „director localis“ angesprochen. 1818 war Fridericus Moritz, zwei Jahre später Lhotka von
Zmislov Leiter der Schule. Johann Konstantiny schrieb über diese Schule 30: „Wenn auch dieses
Gymnasium nur eine Privatanstalt war, und der Schüler, wenn er in ein öffentliches Gymnasium
treten wollte, dort wieder geprüft werden mußte, so waren diese Schulen doch für den Ort selbst, so
wie für die nächste Umgebung vom besonderen Vorteile, weil die Kinder der Grammatikalklassen
ohne besondere Auslage ihrer Eltern absolvieren konnten, und für die entfernten Gegenden von dem
Nutzen: daß Eltern durch Tausch im Stande gewesen sind in einem civilisierten und gesunden Orte
eine reinere deutsche Sprache erlernen zu lassen.“
1802 beschließen die Bürger von Orawitza, einen ständigen Posten für einen Lehrer zu
schaffen, und erklären sich bereit, jährlich 300 Gulden, 6 Kubikmeter Brennholz und 40 Gulden für
die Miete als Entlohnung zu spenden. Vier Jahre später beschließt die Bergdirektion, die Leitung
der Schule dem Dechan Michael Fischl mit einem Lohn von einem Gulden pro Tag anzuvertrauen.
1845 gab es noch dieses „Institut der lateinischen Schule“31, wo Jakob Kriß und Niklas
Jarinay unterrichteten. Die Normalschule hatte Alois Jellmann und Johann Müller als Lehrer.
1851 begann sich der ehemalige Direktor der Schule und inzwischen zum Schulrat in
Temeswar erhobene Johann Heinrich Kümmer für die Umwandlung der Grammatikalschule in eine
öffentliche Unterrealschule und Errichtung eines Untergymnasiums in Orawitza einzusetzen. Im
Einvernehmen mit der Bergdirektion begab sich Kümmer nach Wien, wo er am 9. September 1854
ein Gesuch vorlegte. Am 6. Oktober erfolgte über einen Erlass der Temeswarer Statthalterei die
Zusicherung einer jährlichen Zahlung von 1000 Gulden seitens des Ministeriums. Es kam nicht zur
Umsetzung dieses Vorhabens. Knapp vor der Übergabe der Banater Bergbetriebe an die
privilegierte k.k. österreichische Staatseisenbahngesellschaft (StEG) wurde selbst die
Grammatikalschule aufgelöst 32.
1859 wurden als „vorhandene Lehranstalten“ in Orawitza nur die römisch-katholische
Hauptschule (Normalschule) und die griechisch-orthodoxe Elementarschule aufgezählt33. Beide
Schulen waren dreiklassige Grundschulen, doch entsprechend der unterschiedlichen Schülerzahl
beschäftigte die römisch-katholische (mit Unterricht in Deutsch) drei Lehrer und eine Lehrerin, die
orthodoxe (mit Unterricht in Rumänisch) nur einen Lehrer. In Deutsch-Orawitza lebten in jener Zeit
2571 Deutsche und 1581 Rumänen.
Alle Lehrer erhielten ihren Gehalt und „sonstige Emolumente“ von der StEG. Mitglieder der
Bruderlade und Beamten waren von der Entrichtung des Schulgeldes befreit. Bürger, die nicht
Angestellte der Gesellschaft waren, mußten für jedes Schulkind monatlicht 30 Kreuzer bezahlen.
Die rumänische Bevölkerung in Deutsch-Orawitza bestand hauptsächlich aus Bufänen,
Nachkommen der Flüchtlinge aus Oltenien nach dem Belgrader Frieden. Die orthodoxe Kirche in
Deutsch-Orawitza wurde 1781-1784 gebaut, der Turm 1803 errichtet. Zur Zeit des Kirchenbaues
bestand die orthodoxe Kirchengemeinde aus 540 Personen, die in in 85 Häuser wohnten. Außer
Bufänen gehörten dieser Kirchengemeinde auch Bürger (meist Unternehmer und Kaufleute)
serbischer, griechischer und mazedonischer Abstammung an.
Die Bauern orthodoxen Glaubens aus der Kameralgemeinde Orawitza (später Roman-
Orawitza) waren bis 1789 der Glaubensgemeinde von Deutsch-Orawitza angeschlossen. Die

29
Situaţia generală administrativă, financiară, economică şi culturală a judeţului Caraş pe anul 1934/1935
30
Johann Konstantiny, Denkschrift über die Banater Bergwerke, M. Hazay und Sohn, Temeswar, 1857
31
Johann Baptist Kraus, Allgemeiner montanistischer Schematismus des österr. Kaisertums für das Jahr 1845, Druck
bei Ferdinand Ullrich, Wien, 1845.
32
J. Konstantiny ( 1857)
33
Ethnographisch-topographische Beschreibung… (1859)

6
griechisch-katholische Kirchengemeinde (512 Seelen in 171 Familien) konnte erst 1864 mit der
Errichtung ihrer Kirche entstehen.
Ein Jahr nach der Auflösung der Grammatikal- oder Lateinschule hat der aus Lugosch
gekommene Lehrer Josef Vrabetz ein privates Untergymnasium in Orawitza eröffnet 34. Das
Gebäude scheint aber Gemeinde- oder Gesellschaftseigentum gewesen zu sein, denn in der 1873
gegründeten Bürgerschule für Knaben begann hier der Unterricht. Laut dem Erlaß vom 30.
Dezember 1872 des Ministers für Kultus und Unterricht zur Gründung der Bürgerschule hieß sie
„Magyar községi polgari iskola fiuk számára Bánya-Oraviczán“. Direktor war Josef Vrabetz35,
„sonst noch Inhaber einer Privat Lehr- und Erziehungsanstalt“. Eröffnet wurde diese Gemeinde-
Bürgerschule am 6. März 1873 durch Schuldistrikts-Inspektor Martin Bittmann36 Vorgesehen waren
sechs Klassen, begonnen hatte der Unterricht am 3. November 1873 selbstverständlich nur mit der
ersten. Die feierliche Übergabe des neuen Gebäudes für diese Bürgerschule an die Orawitzaer
Schulkommission seitens des Obmannes des Bau-Kommitees, Josef Becker, erfolgte am 28. Juni
187437.
1912 beschloss der Bezirksrat, ein Gymnasium einzurichten und die Gemeinde Orawitza
stellte 8000 Kronen als eigenen Beitrag für weitere 50 Jahre zur Verfügung. Die Eingabe wurde
vom römisch-katholischen Bischof dem Unterrichtsministerium in Budapest vorgelegt, das die
Gründung eines magyarischen Gymnasiums guthieß ("es würde eine nationale Mission erfüllen")
und Verhandlungen mit dem Finanzministerium einleitete.
Die Schwierigkeiten ergaben sich aber in Orawitza selbst. Die Leitung der Bürgerschule für
Knaben wandte sich nämlich selbst an das Unterrichtsministerium mit der Bitte, die Gründung eines
Gymnasiums nicht zu bewilligen, da kein Bedarf an höheren Schulen über die Leistungen der
bestehenden Bürgerschule vorhanden sei. Der Streit wurde schließlich in der Generalversammlung
des Karasch-Severiner Komitats vom 15. Mai 1913 beigelegt. Es wurde beschlossen, das
Gymnasium als Gemeindeschule einzurichten und die Bürgerschule aufzulösen, wobei das gesamte
Vermögen der Bürgerschule in das des Gymnasiums übergehen solle. Das Unterrichtsministerium
bewilligte den Beschluss, verfügte die Eröffnung des Unterrichts für den 15. September 1913 und
ernannte den Budapester Lehrer Jaeger Imre zum Direktor.
Das Gymnasium übernahm somit das am 28. Juni 1874 eingeweihte Gebäude der
Bürgerschule. Zur Zeit der Auflösung hatte die Bürgerschule sechs Klassen und das Schuljahr
1912/13 beendeten 182 Schüler. Am 14. August 1919 kam das Orawitzaer Gymnasium in
rumänischen Staatsbesitz und erhielt den Namen "General Drăgălina". 1921 wurde die Anzahl der
Klassen von 6 auf 8 erhöht.
Für Mädchen gab es als erste höhere Schule eine Klosterschule. Die Notre-Dame-
Schulschwestern waren am 4. Dezember 1864 in Orawitza angekommen. Das Orawitzaer Kloster
galt als die 162. Filiale des Münchener Notre-Dame Ordens38. Bischof Alexander von Bonnaz hatte
ein Gebäude des Ärars abgekauft und ließ es zu einer Klosterschule umbauen. Um den steten
Zuwachs von Schülerrinen zu entsprechen, wurde das Schulgebäude 1885 und 1912 vergrößert. Der
Unterricht begann mit einer Grundschule, wurde mit vier Vorbereitungsklassen für eine
Mittelschule erweitert, und als letztes kam in den achtziger Jahren die sogenannte Bürgerschule und
eine Gewerbeschule für Mädchen hinzu. Es war die einzige Schule im Banater Bergland mit einem
Internat für Mädchen, in dem Schülerinnen aus der Umgebung hausen konnten.
Die Mädchenschule in Orawitza war eine römisch-katholische Klosterschule und konnte
deshalb nach dem ersten Weltkrieg nicht verstaatlicht werden. So wurden im Knabengymnasium ab
dem Herbst 1919 auch 70 Schülerinnen aufgenommen. Die Einrichtung einer gesonderten
Mittelschule für Mädchen erfolgte 1921, wofür das neue Gebäude der "Notre-Dame" um 15.000 Lei

34
Situaţia generală… (1935)
35
Orawitzaer Wochenblatt, Jahrgang III, Nr. 26, 28. Juni 1874
36
OW (III/10, 9. März 1873)
37
Orawitzaer Wochenblatt (III/27, 5. Juli 1874)
38
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)

7
jährlich gemietet wurde. Die neue Schule hieß Regina Maria (Königin Maria). Im September 1928
galt die Schule als Gymnasium mit drei Klassen, die IV. Klasse verblieb nur noch für den
Abschluss des laufenden Schuljahres. Drei Jahre später wurde die Anzahl der Klassen wieder auf
vier erhöht. Den Lehrkörper bildeten bis 1925 die Lehrer des Knabengymnasiums, zusätzlich zwei
Lehrerinnen. Danach erhielt das Mädchengymnasium eine eigene Verwaltung und sieben, später
neun eigene Lehrerinnen39.
Die österreichische Verwaltung legte viel Wert auf die sanitäre Betreuung der Banater
Bevölkerung40. In Bergorten deckten die Bruderladen die Kosten ärztlicher Betreuung der
Bergangestellten und der Arzneien. Landesadministrationsrat Neffzern hatte 1735 den Vorschlag
gemacht eine Bergapotheke in Orawitza einzurichten, weil in der vorhandenen Apotheke die
Arzneien gefälscht würden und außerordentlich teuer wären41. 1790 gab es in Orawitza außer der
Bergapotheke, wo Johann Lederer wirkte, noch eine Privatapotheke des Philipp Winter. Im selben
Jahr verfügte die Hofkammer, daß Arzneien auch für Mitglieder der Bruderlade nicht mehr
unentgeltlich auszufolgen seien. Nach weiteren sechs Jahren, am 19. Oktober, schloß deshalb
Johann Lederer mit der Bergdirektion einen Vertrag ab, demzufolge er die Bestände der inzwischen
aufgelassenen Winterschen Apotheke aufkaufen sollte und eine gut ausgestattete Bergapotheke
einzurichten hatte, wo Mitglieder der Bruderlade Arzneien um zu zwanzig Prozent ermäßigten
Preisen beziehen könnten. In anderen Bergorten konnte der Arzt unmittelbar Medikamente
ausfolgen. Als 1819 Karl Knobloch (Knoblauch) von Iranyosi um elftausend Gulden die
Bergapotheke in Orawitza abkaufte und den Vertrag mit der Bergdirektion erneuerte, war in dem
Preis auch der Wert von Arzneien enthalten, die sich bei den Ärzten von Neumoldowa, Saska,
Steierdorf, Dognatschka, Bokschan, Reschitza und Franzdorf befanden. Die Einrichtung der
Knoblochschen Apotheke wurde nach ihrer Enteignung 1948 ihres musealen Wertes wegen
innerhalb des Orawitzaer Theaters aufbewahrt, heute ist sie in einem gesonderten
Apothekenmuseum untergebracht.
Für Anfang Oktober 1817 erwarteten die Einwohner Orawitzas ein besonderes Ereignis: den
Besuch des Kaisers Franz I. und seiner Gemahlin Karoline-Auguste. Man hatte die Dinge so
eingerichtet, dass die feierliche Eröffnung des neuen Schauspielhauses anlässlich des allerhöchsten
Besuchs stattfinden sollte.
Die Dilettanten-Gesellschaft hat für dieses Ereignis zwei Vorstellungen „in dem hiesigen
dem Armenfonds gewidmeten Theatergebäude“ vorbereitet und die entsprechenden Plakate drucken
lassen. Für den 8. Oktober war „Die beschämte Eifersucht“ der damals sehr beliebten
Bühnendichterin Johanna Franul von Weißenthurm, für den 10. Oktober „Der Lorbeerkranz oder
die Macht des Gesetzes“ von Friedrich Wilhelm Ziegler vorgesehen. Je ein Plakat wurde auf Seide
gedruckt, eingerahmt und als Andenken im Raum neben den Eingang ins Parterre ausgehengt 42. Die
Besucher des Theaters konnten diese zwei Plakate bis vor dem zweiten Weltkrieg sehen und so
prägte sich die Überzeugung ein, die Vorstellungen seien an den angegebenen Tagen und in
Anwesenheit des Kaisers geboten worden.
Leider deckte sich das Reiseprogramm des Kaisers nicht mit den für seinen Empfang
vorbereiteten festlichen Vorführungen. Wie aus der vom Kaiser aufgestellten Reisebeschreibung
hervorgeht43, kam die Suite des majestätischen Besuchs aus Saska am 6. Oktober 1817 in Orawitza
an, am 7. Oktober wurde die Münzprägestätte in Tschiklova besucht und am Morgen des 8.
Oktobers erfolgte die Abreise. So wurde „Anfang Oktober“44 nur „Der Lorbeerkranz“ gespielt. Der

39
Situaţia generală… (1935)
40
Carol Brindza, Aus der Geschichte der Gesundheitsbetreuung im Banater Montanindustriegebiet, Serie der Zeitung
„Neuer Weg”, Okt.-Nov., 1982
41
Costin Feneşan, Asistenţa socială şi lupta minerilor în sec. XVIII., in Banatica 1, Muzeul de Istorie Reşiţa, 1971
42
R. S. Molin, 110 ani de la ridicarea teatrului din Oraviţa, in Banatul – revistă islustrată, anul II, nr. 12, 1927,
Timişoara.
43
Costin Feneşan, Insemnări despre românii bănăţeni într-un jurnal de călătorie din 1817, in Banatica, Muzeul de
Istorie al judeţului Caraş-Severin, Reşiţa, 1993
44
Oraviczaer Wochenblatt (II/14, 6. April 1873)

8
Kaiser war aber „unpäßlich“ und zur Vorstellung nicht erschienen. Es kam aber Karoline Auguste.
Diese Vorstellung fand am Abend des 7. Oktober statt.
Dass der Kaiser zu dieser Zeit „unpäßlich“ war, wissen wir auch aus einer Schilderung des
Kaiserbesuchs am nächsten Tag in Weißkirchen45. Am 8. Oktober 1817 vormittags erwartete
Weißkirchen den Kaiser und seine Gemahlin in Begleitung des ehemaligen Kommandierenden
Generals Peter von Duka und zahlreichen Gefolges. Zum Empfang erhoben sich am Rande der
Ortschaft zwei Triumphbogen, geschmückt mit Tannenzweigen und mit der Aufschrift "Heil denen
lange Ersehnten". Eine halbe Kompanie des Regiments unter Oberst von Mamula, mehrere
Stabsoffiziere aus Karansebesch und die Musikkapelle hatte man herbeordet. Das ganze Magistrat,
die Bürgerschaft, Zünfte, eine gerade neu uniformierte Landwehrkompanie mit ihrem
Kommandanten an der Spitze waren für den Empfang aufgereiht. Alle warteten im strömenden
Regen, doch "die lange Ersehnten" beachteten kaum die versammelte Menge und stiegen nicht aus.
Gleich nach der Ankunft wechselte der Troß schnell die Pferde und der Kaiser mit seiner Suite eilte
in Richtung Werschetz davon.
Zur Geschichte des Orawitzaer Theaters sind ganze Bücher und ausführliche Studien
erschienen46. Merkwürdigerweise entgeht den meisten Forschern eines der wichtigsten Quellen für
die frühen Jahre des Theaters und der Dilettanten-Gesellschaft. Es handelt sich um einer Geschichte
des Orawitzaer Theaters, die in mehreren Folgen des „Oraviczaer Wochenblatts” 1873 erschien 47.
Der Autor wird zwar nicht genannt, es muss sich aber um einen guten Kenner der Sache handeln.
Im folgenden werden wir uns deshalb hauptsächlich nach den Angaben dieser Schrift richten.
Eine erste Dilettanten-Gesellschaft entstand in Orawitza 1788 und schlug im Schoppen des
Postamts ihre „lustige Bühne” auf. Kurz danach richtete der Erbschankeigentümer Peter Eirich
einen Teil seines Wirtshauses „Zur ungarischen Krone” als beständiges Theater ein. Dekorationen
bekam dieses Theater erst 1806 durch Unterstützung des damaligen Präses der Banater
Bergdirektion Prokop Lhotka von Zmislow.
Der Aufruf an die Orawitzaer Allgewerkschaft, zur Erbauung eines Theaters das ehemalige
Amalgamationsgebäude der Dilettanten-Gesellschaft zu überlassen, erfolgte am 23. Januar 1816.
Die Allgewerkschaft war eine Vereinigung der sogenannten Gewerken, Pächter von Bergwerken.
Nachdem diese ihre Zustimmung gegeben hatte wurde am 24. März 1816 die Eröffnung einer
Subskription zugunsten des Theaterbaus durch Lhotka von Zmislow bekannt gegeben.
Neben den 5153 Gulden aus der Subskription gab es Einnahmen aus Vorstellungen (1178
Gulden) und mit dem aufgenommenen Kapital sammelten sich insgesamt 8631 Gulden Wiener oder
3625 Gulden österreichischer Währung. Hinzu kam, dass Kaufleute und Gewerbetreibende
unentgeltkich Fuhren boten. Neben dem Eingang ins Parterre richtete sich die Allgewerkschaft
einen Raum ein, der später als „Consultationszimmer” des Ärars galt.
Zum Thema „deutsches Theater im vielsprachigem Umfeld” muss festgehalten werden, dass
das neue Theater kein deutsches war. Die reichsten Unternehmer waren Mazedorumänen
orthodoxen Glaubens, deren Beitrag zum Entstehen des Theaters beträchtlich war. Weder der
Mentor des Theaters, Lhotka von Zmislow, noch der Leiter der Dilettanten-Gesellschaft und
Bauleiter des Theaters, Johann Niuny, waren Deutsche. Deutsch war allerdings die bevorzugte
Umgangs- und Schriftsprache der Bürger und deutsche Wandertruppen, die Siebenbürgen und das
Banat bereisten waren am meisten geneigt, Spielzeiten in Orawitza aufzunehmen.
Deutsche Wandertruppen hatten schon lange vor der Einrichtung einer beständigen Bühne
Orawitza aufgesucht. Felix Milleker hat im Matrikelbuch des Kudritzer Magistrats einen Vermerk

45
Leonhard Böhm, Monographie der privilegierten Militär-Kommunität Weißkirchen, Julius Wunder, Weißkirchen,
1871.
46
Ionel Bota, Istoria teatrului vechi din Oraviţa, vol. I (1817-1940), 2003; vol. II (1940-2000), 2005, Editura Timpul,
Reşiţa; Ion Crişan, Teatrul din Oraviţa (1817-1967), Comitetul de Cultură şi Artă al judeţului Caraş-Severin, Reşiţa,
1968; Horst Fassel, Ein deutsches Theater im vielsprachigen Umfeld, in Banatica III, München, 1996.
47
Oraviczaer Wochenblatt (ab II/14, 6. April 1873)

9
gefunden, laut dem ein Schauspieler, Arnold Bacher, aus der Wandertruppe des Antonius Eintrag
am 9. August 1763 nach Abfahrt der Truppe aus Orawitza auf dem Wege gestorben ist 48.
Die erste Aufführung im neuen Theater fand seitens der Dilettanten-Gesellschaft am 1. Juli
1817 statt. Laut Satzungen der Dilettanten-Gesellschaft war ihr Zweck, sich und der Bevölkerung
Kunstgenüße zu verschaffen und dies mit der Unterstützung der Armen zu verbinden. Nach Tilgung
der Schulden sollten deshalb 10% des reinen Ertrags dem Armenfonds zufließen 49. So wird der
Verweis der Plakate 1817, „dem Armenfonds gewidmeten Theatergebäude”, verständlich und läßt
vermuten, dass auch Reingewinne aus der Pacht des Theaters an Wandertruppen dieser Regelung
unterlagen.
Um 1830 übersiedelte der Vereinsdirektor Johann Niuny nach Ruskberg und die Gründer
des Theaters beschlossen, die Garderobe zur Tilgung der Schulden an Ernest Hofmann (Ruskberg)
zu verkaufen und das Theatergebäude zu vermieten, da die Dilettanten nicht mehr spielen wollten.
Eine Versammlung zur Klärung der neuen Lage konnte erst am 30. Juni 1831 stattfinden. Man
entschloss sich, zur Verwaltung des Theaters eine „Theater-Regie” aus 5 Mitgliedern zu wählen.
Die Leitung des neuen Kommitees übernahm Hüttenmeister Bernhard Kappus von Pichelstein.
Gleichzeitig wurde beschlossen, die Bedachung des Theaters zu verbessern und dafür Geld
einzusammeln.
Nachdem am 30. August 1836 die eigenen Statuten der Theater-Regie genemigt worden
waren und Gustav von Graenzenstein zum Protektor gewählt wurde traf es sich, dass Niuny nach
Orawitza zurückkam. Dilettanten Vorführungen wurden wieder aufgenommen und die Einnahmen
für den Bau eines Garderobenraums und für Reparaturen der Bühne eingesetzt werden konnten.
Auf Vorschlag des Theaterverwalters Max von Jendrassik wurde das Theater 1838 mit
einem Stockwerk versehen und die zusätzlich entstandenen Räume dem im Vorjahr (6. Januar
1837) gegründeten „Casino-Verein der Bergdirektion” verpachtet. Gleich nach der Gründung hatte
der Casino-Verein eine Subskription eingeleitet um die notwendigen Mitteln zur Ausstattung
eigener Räume mit Möbeln und einer Bibliothek einzusammeln. So konnte die Einrichtung der
Casino-Räume gleich nach ihrem Bau erfolgen.
Vor der Revolution 1848 gab es in Orawitza außer dem Gewerkenverein (Allgewerkschaft),
der Dilettantengesellschaft und dem Casino-Verein noch zwei Lesevereine: einen deutsch-
französischen und einen ungarischen mit je einer „Lese-Bibliothek”50. Beide Lese-Vereine lösten
sich während der Revoltion auf. Die Annahme mancher Autoren, der ungarische Verein Aranykör
wäre 1846 gegründet worden, entspringt der Verwechslung mit dem erwähnten Leseverein. In
Wirklichkeit war Aranykör ein Verein zur Verbreitung der ungarischen Sprache und diese Art
Vereine entstanden im Banat erst um die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts.
Auch die Dilettanten-Gesellschaft litt an den Folgen der Revolution und gab nur selten
Vorstellungen, obwohl beim Übergang von der Kameral- zur StEG-Verwaltung im Bergwesen und
mit der Auflösung der Banater Bergdirektion die Dilettanten-Gesellschaft als Eigentümer des
Theaters im Grundbuch eingetragen wurde. Auch die Nutzung des Consultationszimmer seitens des
Ärars entfiel und geriet in der Zuständigkeit der Dilettanten-Gesellschaft. 1868 war die
Mitgliederzahl auf insgesamt 16 gesunken. Von diesen 16 gab es nur 3 die nach der Revolution zu
den Dilettanten gekommen waren.
Um die Vereinstätigkeit zu beleben, beschlossen die Leiter der zwei im Theatergebäude
beheimateten Vereine, die Vereinigung in einem „Bürger Theater- Kasino- und Leseverein”. Die
Satzungen des einheitlichen Vereins wurden zwei Jahre später, am 25. Mai 1870, angenommen.
Ab der Gründung des geeinten Vereins wuchs die Zahl der Vorstellungen und die
Dilettanten veranstalteten auch Sondervorstellungen um Gelder zur Neugestaltung des

48
Felix Milleker, Geschichte des Theaters im Banat, J.E. Kirchners Witwe, Wrschatz, 1937
49
Ethnographische und topographische Beschreibung… (1859)
50
Ethnographische und topographische Beschreibung… (1859)

10
Zuschauerraumes zu sammeln. Für den 14. April 1873 (Ostermontag) meldete das Orawitzaer
Wochenblatt die erste Aufführung im renovierten Theater 51.
Umbauten und Renovierungen des Theaters sollten auch später vorgenommen werden 52.
1893 wurden nach Plänen des Architekten Johann Bibel sen. die Bänke im Parterre mit gepölzterten
Sesseln ersetzt, die Gallerie mit Stahlbalken verstärkt und Verzierungen im Theatersaal angebracht.
1912 ersetzte man den seit 1817 bestehenden Luster mit einen neuen für elektrischer
Beleuchtung, den aber serbische Soldaten 1919 abbauten und beim Verlassen des Banats
mitnahmen. Einige Arbeiten (Einsatz eines neuen Lusters, Einbau von Stahlbalken in den Fußböden
des Stockwerks und Umbauten am rechten Flügen des Gebaudes erfolgten Schrittweise in der
Zeitspanne 1922-1926.
Der Vorraum wurde 1941 umgestaltet und mit Mosaik und Steinplatten belegt. Im Juni 1942
stürzte während eines heftigen Sturmes die Wand eines Nebengebäudes auf das Theater, was zur
Einstellung der Theateraufführungen und zu Reparaturen führte53. Renovierungen erfolgten danach
1946, 1963, 1983 und 1997. Die letzten drei können als Totalsanierungen angesehen werden.
Während der kommunistischen Äre war es nämlich gang und gäbe, Unsummen für Investitionen
einzusetzen danach aber die Bauten und Ausstattungen durch unzureichender Pflege und Wartung
verkommen zu lassen. Leider hat man bei der letzten Sanierung drei plumpe Gedenktafeln an der
Wand vor dem Eingang angebracht, die in Anbetracht eines alten Baudenkmals wie eine Faust im
Auge wirken.
Die Aussicht, Steinkohle der Donauschiffahrtsgesellschaft zu verkaufen, führte Anfang der
vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu dem Entschluß, eine Eisenbahnverbindung zwischen
Steierdorf über Orawitza nach Basiasch herzustellen. Ursprünglich sollte eine Pferdebahn bis
unterhalb von Marilla durch einen Stollen fahren, also bis knapp vor Orawitza. Während einer
Beratung am 31. Oktober 1846 wurde jedoch beschlossen, den Stollen nur 1864 Klafter lang, vom
Theresiental bis Jitin, zu treiben, wo er auf den Kolowratschacht stoßen konnte. Ein zweiter Stollen,
232 Klafter lang, doch 80 Klafter tiefer, sollte von Jitintal in entgegengesetzter Richtung bis
Lischawa zur Endstation einer acht Meilen langen Strecke, Lischawa-Basiasch, führen. Die
Verbindung Jitin-Lischawa hätte eine Seilbahn auf schiefer Ebene übernehmen müssen. Bis zur
Ausführung des Erzherzog-Stefan-Stollens, dessen Dauer auf neun Jahre geschätzt wurde, sollte der
Kohlentransport auf einer provisorischen Bahn erfolgen, stellenweise eine Pferdebahn, stellenweise
schiefe Ebenen mit Seilzug. Die Leitung der Arbeiten übernahm Eisenbahningenieur Karl Bach für
die Strecke Lischawa-Basiasch und Inspektor Dullnig für die Strecke Steierdorf-Lischawa.
Zur Ausführung gelangten bis in den fünfziger Jahren nur Teile dieser Vorhaben. Mit der
Revolution hatte man die Arbeiten eingestellt und erst wieder nach zwei Jahren aufgenommen.
Nach weiteren zwei Jahren war selbst der König-Ferdinand-Stollen zwischen Jitin und Lischawa
nicht durchbohrt und mit dem Erzherzog-Stephan-Stollen war man bloß auf 207 Klafter gekommen.
Eine Littenkluft erschwerte den weiteren Abbau. Dennoch, als die Fertigstellung der unterirdischen
Pferdebahn 1853 aufgegeben wurde, hatte man den größten Teil des Tunnels, fast 3000 m,
durchbohrt, und auch die provisorische Pferdebahn unter Tag war fast fertig 54.
Mehr als die noch zu erwartenden Schwierigkeiten und die als Verlust verbuchten Beträge
hatte die sich anbahnende Absicht, die Verwaltung des Banater Bergwesens abzutreten, zur
Einstellung der Arbeiten geführt. Immerhin wurde am 20. August 1854 der Güterverkehr auf der
Strecke Orawitza-Basiasch aufgenommen. Auch die Strecke von Orawitza bis Lischawa war fast
fertig, so daß im Konzessionsvertrag mit der StEG die Lischawa-Basiasch Linie in einem
gesonderten Protokoll vom Oktober 1855 enthalten war.
Nach abgeändertem Entwurf setzte die StEG den Bau der Strecke Lischawa-Steierdorf fort.
Sie sollte nun als Normalspurbahn über Tage ausgeführt werden. Mit der Abweichung nach Norden

51
OW (II/15, 13. April 1873)
52
H. Fassel (1996); I. Bota (2003,2005)
53
H. Fassel (1996)
54
Wilhelm Slovig, Kurzer Umriss der Geschichte von Steierdorf-Anina, Honterus, Hermannstadt, 1940

11
und der Ausführung über Tage war man neuen Schwierigkeiten begegnet. Auf einer Länge von
knapp 21 km mußten zehn Talüberbrückungen von insgesamt 843 m und 14 Tunnels von insgesamt
2084 m gebaut werden. Außerdem lag die Endstation 339 m höher als der Orawitzaer Bahnhof. Der
neue Verlauf der Strecke, mit seinen 138 Krümmungen, hatte aber den Vorteil, daß er die Freigabe
für den Personentransport in Aussicht stellte.
Im Spätherbst 1863 erfolgte die erste Probefahrt zwischen Lischawa und Steierdorf, und am
15. Dezember fand die feierliche Eröffnung des Eisenbahnverkehrs auf dieser Strecke statt.
Zwischen Orawitza und Basiasch verkehrten unterdessen schon gemischte Züge. Die Aufnahme des
Personenverkehrs war bereits am 1. November 1856 erfolgt 55. Der Zug verließ den Orawitzaer
Bahnhof täglich um 7 Uhr und erreichte Basiasch um 10.02 über die Stationen Răcăşdia, Jam,
Jassenowa und Weißkirchen. Um 13.30 begann die Rückfahrt, um 16.38 war der Zug wieder in
Orawitza.
Auch von Temeswar konnte man nun per Eisenbahn Orawitza erreichen. Die feierliche
Eröffnung der Strecke Temeswar-Jassenowa hatte am 30. August 1858 stattgefunden, doch schon
im Juli stand im Lugoscher Anzeiger: "Mit dem 20. d.M. erst sind wir vollkommen in das große
Schienennetz Europas aufgenommen worden, da wir seit der Eröffnung der Temeswar-Basiascher
Bahnstrecke nicht mehr den Endpunkt desselben bilden."
Eines der ersten und wichtigsten Vorhaben des Bürger Theater-, Kasino- und Lesevereins
war die Veranstaltung einer „Ausstellung von montanistischen, industriellen, gewerblichen, forst-
und landwirtschaftlichen sowie Kunsterzeugnissen“. Den Garantiefond schuf man mittels 200
Anteilscheine zu je 5 Gulden, den vom Verein eingesetzten 1500 Gulden und den 154 Gulden der
Temeswarer Handelskammer 56.
Die Eröffnung der Ausstellung fand am 10. August 1869 auf dem Gelände des ehemaligen
Pochwerks beim Mercy-Hochofen statt. 219 Aussteller hatten insgesamt 1931 Objekte eingesandt.
Nach der Preisverleihung am 15. September wurde die Ausstellung geschlossen.
Vor der Orawitzaer Ausstellung hatte es im Banat bloß eine Ausstellung von Erzeugnissen
gegeben. Es war die 1857 in Werschetz veranstaltete Weinausstellung. Der große Erfolg der
Orawitzaer Ausstellung veranlaßte die Temeswarer Gewerbe- und Handelskmammer eine ähnliche
Ausstellung in Temeswar für den 18. September 1870 zu planen. Das Vorhaben scheiterte, der
Termin wurde zweimal auf 1871 (Frühjahr, Herbst) verschoben, mit dem Ausbruch des deutsch-
französischen Krieges mußte das Vorhaben endgültig aufgegeben werden. Ein zweiter Versuch
1880, eine Industrie- und Landwirtschaftsausstellung in Temeswar zu eröffnet, scheiterte ebenfalls.
Erst 1891 gelang es, nun aber groß angelegt, die „Südungarische und Gewerbliche Ausstellung“ am
19. Juli zu eröffnen.
Gerade in einer Zeit, als die Tätigkeit der Dilettanten-Gesellschaft ins Stocken geraten war,
fand die Gründung des „Gesang- und Musikvereins 1863” statt. Wie damals üblich handelte es sich
zunächst um einen Männergesangsverein, doch schritt der Verein bald zur Einstudierung von
Operetten und Opern, was die Heranziehung auch der Damen bewirkte. Auftritte dieses Vereins
fanden ebenfalls auf der Bühne des Orawitzaer Theaters statt. Als Folge der guten Zusammenarbeit
mit dem Bürger Theater- Kasino- und Leseverein erhielt der Musikverein im Jahre 1873 das
ehemalige „Consultationszimmer” als Proberaum.
Die Einbeziehung des Gründungsjahres im Namen des Vereins hatte seinen Sinn. In
Orawitza gab es mehrere Gruppen von Musikliebhabern, die sich regelmäßig trafen um zu
musizieren oder zu singen. Eine dieser Gruppen, der auch Lehrer Josef Vrabetz angehörte, bildeten
einen Musikverein, der zwar nicht nach eigenen Satzungen geführt wurde aber unter dieser
Bezeichnung bekannt war und auch öffentlich „zur Pflege der Salon- und Kammermusik” auftrat.
Oft werden Auftritte dieses Vereins mit denen des „Gesang- und Musikvereins 1863” verwechselt.

55
Dionisie Károly, Contribuţii la istoria construcţiilor de căi ferate în Banat, in Banatica, vol. 2, Muzeul de Istorie al
Judeţului Caraş-Severin, Reşiţa, 1973; Ilie Popescu, Căi ferate – construcţii clasice şi moderne, Editura Ştiinţifică şi
Pedagogică, Bucureşti, 1987
56
Felix Milleker, Geschichte der Banater Ausstellungen, J. E. Kirchners Witwe, Wrschatz, 1927

12
Im Frühjahr 1874 berichtete das schon angesehene Leipziger „Musikalische Wochenblatt”
über zehn Kammermusik-Soirées in Orawitza. Erwähnt werden Henriette Seymann (Klavier) und
das Streichquartett Slunicko, Alois Seymann, Emil Seymann und Josef Vrabetz 57. Aus dem
Repertoire werden aufgezählt: Klavierquartette von Brahms (f, g und A), Streichquartette von
Beethoven (c und B), Brahms (a), Haydn (d), Schubert (d), Klaviertrios von Beethoven (op.70 No.
1 und op. 97), Brahms (H), Mendelsohn (c und d), Raff (D und c) sowie Solostücke. Das Blatt stellt
fest „dass die erstgenannten Klavierquartette von Brahms in Deutschland noch als Novitäten gelten
und als solche auch aufgeführt werden; hier sind dessen Kammermusikkompositionen sowie auch
seine Lieder längst schon vorteilhaft gekannt und gewürdigt”. Zu den im Musikverein wirkenden
Instrumentisten gehörten noch Josef Stara, Johann Müller und Josef Wessely 58.
Nach der Gründung 1872 des rumänischen Gesang- und Musikvereins, Reuniunea de
Cântări şi Muzică din Oraviţa Montană, gab es häufig Vorstellungen in rumänischer Sprache auf
der Bühne des Theaters. Dieser Verein ist aus dem gr. orth. Kirchenchor hervorgegangen. Ab 1882
veranstaltete auch der gr. kath. Kirchenchor Darbietungen im Theater, eine Tätigkeit, die er später
unter dem Vereinsnamen „Concordia” weiterführte.
Ausgesprochene ungarische Geangsvereine hat es in Orawitza nicht gegeben obwohl die
Zahl der ungarisch gebotenen Vorstellungen insbesondere nach 1900 gewaltig zunahm. Ungarische
oder gemischte deutsch-ungarische Auftritte hatten die zwei deutschen Kulturvereine ab 1881. Der
Verein zur Verbreitung der ungarischen Sprache, Aranykör, hatte keine eigene Musik- oder
Theatergruppe, förderte aber die ungarischen Auftritte und übernahm gelegentlich die Patenschaft
und Organisation der Vorstellung.
Mit der Auflösung der Banater Bergdirektion verlor Orawitza die führende Rolle als
zentraler Verwaltungsort des Banater Bergwesens. An Stelle der Bergdirektion trat zwar eine
staatliche Bergbehörde, die Berghauptmannschaft, doch hatte diese bei weitem nicht mehr die
Zuständigkeiten der ehemaligen Direktion. Sie hatte die für das Ärar zu übernehmenden
Edelmetalle mit den StEG-Betrieben zu regeln und überprüfte die Einhaltung des Berggesetzes. Die
grundherrschaftlichen Rechte waren auf die StEG übergegangen, die Gerichtbarkeit war dem
Landesgericht übertragen worden und örtliche Verwaltungsgeschäfte vielen im Bereich der
Gemeinde und Komitatsbehörden. Im Bereich der Bergwerkstätigkeit gab es eine Oberverwaltung,
die aber nur für den engeren Raum um Orawitza zu sorgen hatte, und gegen Ende der StEG-Ära
eine Forstdirektion. Mit dem Rückgang der Produktion von Nichteisenmetallen verlor Orawitza
auch an wirtschaftlicher Bedeutung. Dennoch blieb Orawitza der kulturelle Mittelpunkt der Region
und die einzige Bergortschaft, die ein städtisches Gepräge aufzuweisen hatte. Hier wohnten die
meisten Unternehmer, ehemalige Gewerken, Handelsleute, selbständige Gewerbetreibende, Lehrer,
Ärzte und viele Pensionisten aus dem ehemaligen Beamtenstand. Die Zahl der Beamten war noch
beträchtlich, und hier war auch der einzige Tummelort unter den Bergortschaften, wo sich Offiziere
und Soldaten ständig aufhielten. Die drei Kuranstalten im Marillatal lockten im Sommer hohe und
reiche Gäste an, im Theater spielten nicht nur die örtlichen Dilettanten, sondern auch
Beruftsschauspieler, es gab Konzerte und Auftritte angesehener Künstler oder des Musikvereins, in
manchen Häuser wurde das klassische Quartett von Haydn bis einschließlich Brahms gepflegt.
Die Verhüttung von Nichteisenmetallen fiel in den siebziger Jahren gänzlich aus, doch
hatten sich andere Industriezweige mittlerweile in Orawitza eingerichtet. Es gab eine Zementfabrik,
eine Kalkbrennerei, eine Paraffin- und Mineralölfabrik, ein Sägewerk und zwei Dampfmühlen.
Die 1877 von der StEG eingerichtete Säge- und Spänemühle hatte als Antriebsmaschine
eine Girardturbine von 15 PS und als Reserve ein Lokomobil von 8 PS, das bei Wassermangel
eingesetzt werden konnte. Bauholz wurde hauptsächlich in Werschetz verkauft, während die mit
einem mechanischen Hobel erzeugten Buchenspäne meist als Schusterspäne bis Großwardein und
Budapest Absatz fanden.

57
OW (III/16, 19. April 1874)
58
OW (III/19, 10. Mai 1874)

13
Eine erste Getreidemühle der StEG war seit 1860 in Betrieb, reichte bald den
Anforderungen nicht mehr, und so entstand eine Dampfmühle, die am 16. Juni 1873 eingeweiht
wurde. Sie war mit einer Dampfmaschine von 75 PS ausgestattet und verfügte über - für jene Zeit -
modernste Einrichtungen. 1895 errichtete Gustav Böll in der Nähe des Bahnhofes eine eigene
Dampfmühle mit Walzen59.
Die Blütezeit Orawitzas hatte mit dem Rückgang der Bergwerkstätigkeit nicht aufgehört.
Gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt sie die derzeitige urbanistisdche Gestalt,
während die nun für die industrielle Tätigkeit der StEG wichtigeren Ortschaften Reschitza und
Steierdorf sich zu einem ziemlich düsteren Gemisch von Anlagen und Arbeitersiedlungen
verwandelten. Auch in Orawitza mengten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Industrieanlagen, Amts-, Geschäfts- und Wohnbauten. Mitten in der Gemeinde, wo sich heute das
Stadthaus und ein Park befinden stand der Mercy-Hochofen und das Pochhaus.
Ab den siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts entfaltete sich ein reges Vereinsleben in
Orawitza. Es gab einen Bürgerlichen Schützenverein (gegründet 1872), einen Freischützenverein
oder Freischützenkorps (1873), einen Jägerverein, eine Freiwillige Feuerwehr (1874), einen vom
Bürger-, Theater- und Leseverein unterschiedlichen Kasinoverein (1873), einen Turn- und
Fechtklub, den Verein Wohltätige Frauen, einen Sparkassaverein, eine Mitgliedergruppe des
Allgemeinen Beamtenvereins, eine Abteilung des Südungarischen Karpatenvereins (1892). Hinzu
kamen zwei Freimaurerlogen: „Glückauf”, die der großen Loge der symbolischen drei Grade, und
„Kosmos”, die dem schottischen Großen Orient angehörte.
Am 15. Januar 1878 wurde in Orawitza die Subskription zur Gründung einer "Kaltwasser-,
Inhalations- und Molkereikuranstalt mit Fichtennadelbädern" eröffnet. Das auf 45.000 Gulden
vorgesehene Gründungskapital sollte auf Inhaber lautende Aktien, insgesamt 450 zu je 100 Gulden,
aufgeteilt werden, wovon sich die Gründer 100 Aktien behielten. Das Gründungsprogramm sah den
Bau einer Anstalt im Marillatal mit 16 Zimmern, einem Kursalon, zwei Konversationslokalitäten
samt Baderäumen und einem Inhallationssalon vor. Den Grund hatte der Großbetschkereker
Bezirksarzt Dr. Moritz Hoffenreich von der StEG für 90 Jahre gepachtet. Hoffenreich bot sich als
leitender und einziger Kurarzt an, wofür er 10% des Reingewinns beanspruchte. Für den Fall, daß
die Generalversammlung von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen sollte und Hoffenreich seiner
vorbestimmten Stellung entheben oder ein zusätzlicher Kurarzt bestellt werde, behielt sich
Hoffenreich das Recht vor, für die Überlassung des Pachtvertrags als Entgelt 10.000 Gulden zu
fordern, das sofort nach Eintritt des einen oder anderen Falles ausgezahlt werden müsse. Die
Führung sollte einer Direktion übertragen werden: sechs ordentliche Mitglieder, zwei
Ersatzmitglieder und der leitende Arzt60.
Siebzehn Jahre später schrieb die Reschitzaer Zeitung: "Die Kneippsche Heilanstalt und
Eisenmineralbad des Franz Sittner in Orawitza, welche sich seit Jahren überaus zahlreicher
Frequenz erfreut und mannigfache Heilerfolge aufwies, begann die heurige Saison am 1. Mai" 61.
Schon 1789 hatte der in Orawitza tätige Chirurgus Bernard Lindenmayer den Eisengehalt
Orawitzaer Quellen nachgewiesen. Lindemayer siedelte 1810 nach Groß-Keweresch um und war
der erste Untersucher der naheliegenden Busiascher Heilquellen. Den Orawitzaer Quellen schenkte
auch der Arzt Anton Zebracky seine Aufmerksamkeit. Auch er setzte seine Forschungen in
Busiasch fort, wo er 1856 Kurarzt wurde.
Von der raschen Entwicklung des damals noch jungen Busiascher Badeorts beeindruckt,
eröffnete der Architekt Franz Sittner ein "Natur- und Stahlbad" in Orawitza, wobei er sich der
eisenhaltigen Quelle im Marillatal bediente. Die bekannt gewordenen Erfolge des Pfarrers Sebastian
Kneipp veranlaßten ihn, 1893 mit dem Orawitzaer königlichen Notar Aurel Maniu und dem StEG-
Arzt Georg Scheda eine Reise nach Wörishofen zu unternehmen. Unter persönlicher Anleitung von
Kneipp studierte Scheda anschließend, zusammen mit dem Bademeister des Natur und Stahlbads,

59
Sim. Sam. Moldovan (1931)
60
Die Berzava, Jahrgang III, Nr. 8 und 9, 24. Februar und 3. März 1878
61
Reschitzaer Zeitung, Jahrgang IX, Nr. 18, 5. Mai 1895

14
Emil Klotz, die Anwendung und Wirkung der Wasserkuren. In der nach dem Wörishofener Modell
am 1. Juni 1893 unter neuer Bestimmung eröffneten Anstalt konnte man täglich zwei Kneippsche
Güsse um wöchentlich 1 Gulden und 20 Kreuzer haben, mußte aber dem Bademeister zusätzliche
50 Kreuzer zahlen. Eisenbäder wurden im Steinbad (25 Kreuzer) oder im Wannenbad (20 Kreuzer)
geboten. Eine Massage kostete 40 Kreuzer. Für die ganze Saison kostete das Wassertreten und
Graslaufen 1 Gulden und 50 Kreuzer. Als Kursalon der "Kneippgäste" diente die Orawitzaer
Bierhalle62. Am Bahnhof erwartete die Kurgäste eine eigene Equipage. Georg Scheda wurde Arzt
der umgestalteten Anstalt, zum Apotheker setzte Sittner den Magister Julius Schopper ein, und die
Wasserkuren besorgte der aus Wörishofen gekommene Johann Teufel mit Hilfe seiner Frau. Die
Kurgäste genossen eine vielseitige Verpflegung, physische und psychische Ausschaltung, und die
Diät wurde nach speziellen Rezepten - Kneippkaffee, Kneippsuppe, Honigwein - verabreicht. Als
Sensation schrieb das Wochenblatt "Oravicza és vidéke" (Orawitza und seine Umgebung), daß
einige Damen während des Wassertretens ihre Röcke bis zur Knie aufheben.
Die Kneippanstalt in Orawitza ist nicht mit dem Sanatorium in Marilla zu verwechseln,
schon gar nicht mit dem heutigen. Die Kneippanstalt befand sich in Orawitza im Marillatal und die
meisten Gäste waren in der Stadt untergebracht. Das Marillasanatorium befand sich einige
Kilometer weiter auf dem Weg nach Steierdorf, in einer Vertiefung der Predetter Hochebene bei
760 m Höhe, abseits vom später erbauten stockhohen Sanatorium. Heute stehen dort nur einige
Ruinen an der Stelle, die in der Zwischenkriegszeit Brădişorul, später Brădişorul de Sus hieß. Das
Sanatorium, mit pneumatischer Kammer, Inhalationssaal und Kaltwasseranstalt konnte seine Gäste
in 126 Zimmern unterbringen und bestand aus 6 Bauten, inmitten eines schönen und gepflegten
Parks. Der noch im Jahre der erwähnten Subskription eingerichtete Kurort wurde in dem
Bäderalmanach für Zentral- und Südosteuropa 1884 als ein Ort, wo "idyllische Ruhe und
Staubfreiheit herrscht" vorgestellt. Angewendet wurden Wassertherapie, Inhalation, Molken- und
Traubenkur, Massage, Heilgymnastik und Elektrotherapie. Man empfahl die Anstalt bei Lungen-
und Kehlkopfkrankheiten, Rekonvaleszenz und Anämie.
1900 entstand bei dem Großen Teich, auf der Stelle einer alten Wassermühle die Kuranstalt
"Mühltal", irrtümlich auch Bányavölgy (Grubental) genannt. Auch hier standen schöne Kurbauten
in einem gepflegten Park. Besitzer war Franz Grau, Direktor Georg Petrovits und als Kurärzte
wirkten Johann Verzar und Otto Nettel. Auch hier wendete man die Kneippschen Wassergüsse an.
Bademeister wurde Emil Klotz. Man empfahl die Heilanstalt bei chronischen Lungenkrankheiten,
Neurasthenie, Basedowkrankheit, chronischer Dyspepsie und Rekonvaleszenz.
Der wachsende Zustrom von Kurgästen veranlaßte Aurel Maniu, einen "Kneippweg" bis
hinauf nach Marilla zu bauen63, der auch den Zugang zu den zwei Kneippanstalten sicherte. In der
Gegend entstand ein wahrer Kneippkult. Die Anhänger der Wasserkur und Kneippschen
Lebensregeln aus Orawitza, Steierdorf und Bokschan schlossen sich 1893 der Kneipp Gesellschaft
aus Budapest an. Während der turbulenten Tage nach dem 1. November 1918 tobte sich der Haß
gegen alles Reiche auch um Orawitza aus. Heimgekehrte Soldaten und rumänische Bauern
plünderten die drei Kurorte aus und zerstörten sie in einer Weise, daß die Tätigkeit nicht mehr
aufgenommen werden konnte.
Bis zur Revolution 1848 gehörte das gesamte Banater Bergrevier zum Karascher Komitat
(Krasso Vármegye), danach zum Lugoscher Kreis der „Wojwodschaft Serbien und Temescher
Banat”64. 1860 wurde das Banater Zivilgebiet wieder an Ungarn angeschlossen und die
Komitatsverwaltung eingeführt. Mit der Auflösung der benachbarten Militärgrenze wurde der
größte Teil des Roman-Banater Regiments bis zur vollstänigen Angleichung an die Verhältnisse
einer zivilen Verwaltung zu einer gesonderten Verwaltungseinheit ausgeschieden und am 31. Juli

62
Karl Erdély, Wegweiser des südungarischen Karpatenvereins, Heinrich Uhrmann, Temeswar, 1895
63
Julius Galfy, Kurorte und Heilanstalten im Banater Bergland, Echo der Vortragsreihe, Jahrgang IX, nr. 9, Reschitza,
1998
64
Teodor Filipescu, Voivodina serbească, at. Grafice „Cultura Naţională” Bucureşti, 1929

15
1873 erfolgte seitens des k.k. Komissariats des Grenzlandes die Ausrufung des Severiner Komitats.
Vorort war Karansebesch. 1882 erfolgte die Angliederung des Severiner an das Karascher Komitat
unter einer neuen Benennung: Karasch-Severiner Komitat (Krasso-Szörény Vármegye). Vorort
blieb Lugosch. Offiziell blieb das Karasch-Severiner Komitat bis einschließlich 1925 bestehen,
obwohl die Teilung des Banats nach dem ersten Weltkrieg einige Korrekturen an der Grenze
bewirkt hatte.
Nach der am 13. Juni 1925 wirksam gewordenen verwaltungsmäßigen Vereinigung
Siebenbürgens und des Banats mit Rumänien, erschien am 7. Oktober desselben Jahres ein
königlicher Erlaß zur Neueinteilung der angegliederten Provinzen in Komitate (judeţe), Bezirke
(plăşi) und Gemeinden (comune) und Dörfer (sate). Es gab Vororte der Komitate (comune reşedinţă
de judeţ), Stadtgemeinden (comune urbane) und ländliche Gemeinden (comune rurale).
Ab den 1. Januar 1926 sollte das Karasch-Severiner Komitat in zwei geteilt werden. Im
Gebiet des abzusondernden Karascher Komitat gab es keine einzige Stadtgemeinde, während das
des Severiner Komitats drei Städte hatte (Lugosch, Karansebesch und Orschowa). So wurde
Orawitza zur Stadt und zugleich zum Vorort des neuen Karascher Komitats erklärt.
Begründet wurde die Einrichtung eines gesonderten Karascher Komitats mit
nationalistischen Parolen: „Hier an der Grenze Rumäniens ein rein rumänisches Komitat zu
schaffen, mit einer glorreichen Vergangenheit im Kampfe gegen jenen, die in vergangenen Zeiten
das nationale Bewusstsein zu unterdrücken versuchten.” Und weiter hieß es, dass dieses Komitat
„hier an der Grenze als starke Festung des Rumänientums und als Leuchtturm für das nationale
Selbstbewusstsein unserer jenseits der Grenze verbliebenen Brüder dienen soll” 65.
Die Erwartung, Orawitza werde als Vorort eines Komitats eine besondere Entwicklung
erfahren, erfüllte sich nicht.
Schon die Teilung des Banats nach dem ersten Weltkrieg hatte den Raum um Orawitza in
eine sichtbare Abgeschiedenheit geführt. Die wichtigsten wirtschaftlichen und kulturellen
Bindungen ergaben sich bis dahin in Richtung Werschetz und Weißkirchen. Mit der Hauptstadt des
Karasch-Severiner Komitats war Orawitza durch der Werschetz-Lugoscher Bahn verbunden. Nun
war die Strecke nach Jassenowa bei Jam, die Werschetz-Lugoscher Bahn bei Großscham
durchschnitten.
Um dieser Isolation zu entkommen, war die Gründung eines gesonderten Komitats in dieser
Gegend die schlechteste Lösung.
Als 1938 das restliche Banat den höchsten wirtschaftlichen Stand der Zwischenkriegszeit
erreicht hatte, war die Zahl der Handwerker in Orawitza auf 93 gesunken. Die für Orawitza
wichtige Bierfabrik in Tschiklowa wurde 1938 an die Temeswarer Fabrik verkauft und zur
Ausschaltung der Konkurrenz geschlossen worden. Die große Mühle der UDR in Orawitza wurde
geschlossen, weil durch die Auflösung der Bruderlade 1924 die Verpflichtung der Gesellschaft, ihre
Arbeiter mit billigen Hauptnahrungsmitteln zu versorgen, entfallen war.
Über die Lage in Orawitza schrieb Sim. Sam. Moldovan: „Das gesellschaftliche Leben
nahm einen regen Aufschwung, doch die Wirtschaft wurde immer mehr brach gelegt, bis heute die
weltbekannte Arbeitslodigkeit auch hier, im reichsten Gebiete Großrumäniens, die
Leistungsfähigkeit unseres tüchtigen Volkes zur Untätigkeit verurteilte.” 66
In seinem Buch über das benachbarte Tschiklowa äußert sich Sim. Sam Moldovan heftiger:
„ Die Romänen als Uhreinwohner hungern, die fachgeschulten Deutschen mußten auswandern und
die privilegierten Zigeuner äußern ihr heutiges Elend in den traurigsten Weisen. Die Intelligenz
plazierte sich an anderen Orten als Beamte und die das Glück hatten als Deputierte oder Senatoren
in das Parlament zu gelangen, vergessen, aus angeblich eigenen Sorgen, das Elend ihrer Heimat und
das Interesse ihres Landes.”67

65
Situaţia… judeţului Caraş (1935)
66
Sim. Sam. Moldovan (1931, Orawitza)
67
Sim. Sam. Moldovan, Versuch aus der Geschichte des Banats die verklungenen Ereignisse des Wallfahrtortes
Montan-Ciclova zu erfassen, J. Kaden, Orawitza, 1931

16
Auch das Interesse an Theatervorstellungen der Orawitzaer Bürger hatte nachgelassen nach
dem ersten Weltkrieg. Von Bukarest sind Bemühungen ausgegangen, Tourneen rumänischer
Theatergesellschaften in den neuen Provinzen zu unterstützen. Nachdem die Truppe Fotino in
Orawitza und Bokschan aufgetreten war, begegnete Valeriu Branişte den Direktor des Theaters,
Mişu Fotino, in Reschitza. In Bokschan hatte die Truppe fünf Tage lang gastiert, die Vorstellungen
waren aber schwach besucht. Wie vordem in Orawitza. Am Ende der fünf Vorstellungen in
Bokschan fand eine große Unterhaltung statt. Branişte: "Diese scheint gelungener gewesen zu sein
als alle Vorstellungen.” Die Gastspiele waren aber vom Ministerium finanziert und die lokalen
Behörden waren so nett, den „großen” Publikumserfolg der Gastspielreise schriftlich zu
bestätigen.68
Orawitza hatte sein gepflegtes Aussehen nicht verloren, an Bausubstanz kam aber in der
Zwischenkriegszeit wenig hinzu. An Stelle einer Steg Mühle kam das Gebäude der Präfektur, in der
Nähe des Bahnhofes das Komitatsspital. Den Bau des Komitatsspitals und eines Sanatoriums für
Lungenkranke in Marilla hatte das Gesundheitsministeriums 1934 genehmigt. Das Sanatorium in
Marilla konnte aber erst nach dem Krieg (1946) vervollständigt werden. 1922 war der Anschluß der
Gemeinde an das Stromnetz der knapp vorher in Betrieb gesetzten elektrischen Zentrale erfolgt, das
Straßenpflaster wurde ab 1925 gelegt und 1924 vom Mühltal aus die Kanalisation angelegt.
1932 genehmigte das Bürgermeisteramt vor dem nach Plänen der Architektin Henriette
Delavrancea-Gibory erbaute Präfekturgebäude einen Park anzulegen. Auf diesem Gelände war die
Ausstellung 1869 angelegt, danach fanden hier die Schweinemärkte statt. Im Park wurden drei
Büsten aufgestellt, Werke des Bildhauers Romul Ladea: König Ferdinand, Mihai Eminescu und
Damaschin Bojincă
Die feierliche Enthüllung der Denkmäler erfolgte am 2. Juni 1933 in Anwesenheit von
König Carol II. und Großfürst Mihai. Nach Orawitza waren zu diesem Anlaß ungefähr 50.000
Gäste gekommen, unter ihnen die für Vorführungen bestellten 120 Chöre und Blaskapellen. Das
Festmahl für 300 Gäste zu Ehren des Königs besorgte der aus Temeswar gebrachte Gastwirt Josef
Scheer69.
Am 21. Juni 1941, ein Tag vor der Bekanntgabe des Einmarschbefehls in die Sowjetunion,
gab das Innenministerium eine Verfügung Antonescus, wonach strengste Maßnahmen bezüglich der
Juden zwischen Sereth und Pruth vorzunehmen waren. In anderen Landesteilen sollen die jüdischen
Stadtbewohner in die Vororte des jeweiligen Komitats umgesiedelt werden. Für ihre Sicherheit
verantwortete der betreffede Präfekt70.
Die Juden aus Reschitza und den Gemeinden des Karascher Komitats nach Orawitza
gebracht. Laut der Volkszählung 1930 bestand die jüdische Gemeinde in Orawitza aus 101
Personen. Jene Ankömmlinge, die in Orawitza keine Unterkunftsmöglichkeit fanden, wurden in
einem Barackenlager zwischen Lischawa und Ciudanoviţa untergebracht und beim Steinbruch
beschäftigt. Diejenigen, die in Orawitza lebten, Einheimische, wie Zwangsumgesiedelte, mussten
den wöchentlichen Arbeitsdienst leisten, durften vor 10 Uhr nicht am Markt erscheinen und hatten
abends und nachts Ausgehverbot.
Der verpflichtende Arbeitseinsatz, meist schwerste physische Arbeit, wurde gelegentlich auf
längere Zeitabschnitte zusammengefasst. Als im Frühjahr 1943, nach der Schneeschmelze, die
Nerabrücke in Deutsch-Saska einstürzte, richtete die Straßenbaudirektion ein Arbeitslager ein und
ließ die Arbeiten mit Juden aus Orawitza ausführen.
Jüdische Kinder durften nicht die rumänischen Staatsschulen besuchen. Deshalb richtete die
jüdische Gemeinde eine Schule im Orawitzaer Tempel ein. Unterricht wurde auch
Gymnasialschülern erteilt. Da es nur einen geschulten Gymnasiallehrer gab (Armin Marosi), lehrten
Ärzte, Rechtsanwälte und der Rabbiner. Prüfungen mussten im Temeswarer israelitischen

68
Valeriu Branişte, Memorii, in Magazinul Istoric, anul VII, nr. 10, 1973
69
Calendarul Banatului întocmit de Iosif Velceanu, anul II., Periam, 1934
70
Matatias Carp, Holocaust în România, Andrew l. Simon, Akron, 2002

17
Gymnasium abgelegt werden. Um zu den Prüfungen zu Fahren mussten die Schüler eine
Genehmigung des Sicherheitsdienstes der Polizei vorweisen 71.
Nach dem Umsturz vom 23. August 1944 richtete die sowjetische Armee am 9. September
eine Kommandostelle in Orawitza auf und schon am ersten Abend drangen einige sowjetische
Soldaten ins „Notre-Dame” Kloster ein und vergewaltigten einige der hier aus der Moldau
geflüchteten rumänischen Nonnen. Einigen Nonnen war es gelungen aus dem Kloster vorzeitig zu
entkommen72. Weil diese im Wald oder bei Nachbarn des Kloster Zuflucht gefunden, und dadurch
unwillkürlich Aufsehen in der ganzen Stadt erregt hatten, veranstaltete der Kommandant ein
„Strafkommando” aus acht oder zehn Soldaten. Die Nonnen samt Oberin wurden in die Kapelle
geführt, gezwungen sich auszuziehen, es wurde die jüngste ausgesucht und der Reihe nach von den
Soldaten vergewaltigt. Mit Gewehren bedroht durften die anderen Nonnen ihre Blicke vom Ort der
Schändung nicht abwenden.
Am selben Tag startete eine zweite Kolonne der von Oberst Hillebrand befehligten
deutschen 92. Motorisierte Grenadiebrigade von Weißkirchen aus einen Vormarsch Richtung
Orschowa über Orawitza und Steierdorf. Eine erste Kolonne der Brigade war bereits seit dem 6.
September entlang der Donau im Einsatz. Die zweite Kolonne erlag während der Kämpfe in
Bosowitsch, die versprengten Überlebenden der Brigade versuchten in Richtung Semenik oder
jugoslawische Grenze der Einkesselung zu entkommen.
Wahrend dieser Zeit waren aus Steierdorf die meisten Deutschen geflüchtet, für jene aus
Orawitza hatte man sich noch Zeit gelassen. Mit deutschen Soldaten, die während des Rückzuges
aus Griechenland und Bulgarien über Weßkirchen gekommen waren, wurde in aller Eile ein
Alarmbataillon zusammengestellt, der gegen einen sowjetischen Vortrupp in Steierdorf vorgehen,
und Orawitza so lange abschirmen sollte bis auch Orawitza evakuiert werden könne 73.
Der Einsatz führte nur teilweise zum erwünschten Ergäbnis. Eine letzte Zuggarnitur für
Flüchtlinge wurde von Sowjets erreicht und zum Transport von Truppen nach Jugoslawien
eingesetzt. Auch die Reste des Alarmbataillons konnten die deutschen Verbände in Jugoslawien
nicht mehr erreichen. Die Rote Armee hatte sie überholt.
Einen harten Schlag erlitt das wirtschaftliche Leben Orawitzas durch das am 11. Juni 1948
erschienene und noch am gleichen Tag durch Kommissionen der sogenannten Arbeiterpartei
durchgeführte Gesetz zur Nationalisierung der wichtigsten Industrie-, Bergbau-, Bank-,
Versicherungs- und Transportbetriebe.
Der Begriff „wichtigste Betriebe” wurde bei der Durchführung der Nationalisierung
willkürlich gehandhabt. Es wurden auch kleine Werkstätten beschlagnahmt wenn dort Angestellte
oder Lehrlinge beschäftigt waren, auch wenn irgend ein lokaler Entscheidungsträger der Partei
seine Wut auf seinen ehemaligen Meister auslassen wollte.
Da der Staat kein Interesse hatte die kleineren Betriebe zu Verwalten und die vom Staat
kontrollierten Produktiongenossenschaften erst später gegründet wurden, begnügte man sich mit der
Beschlagnahmung und Auflösung der meisten „nationalisierten” Kleinetriebe. Die Ausstattungen
dieser Betriebe wurden in der Regel unter Kontrolle der Partei zerstört, um nicht „den Kapitalismus
generierenden” Tätigkeiten anderer Handwerker nützlich zu werden. In Orawitza gab es zu jener
Zeit kaum noch Großbetriebe, so dass hier die Auswirkungen der Nationalisierung besonders
verheerend waren.
Orawitza blieb noch Vorstadt des Komitats Karasch, ab September 1950 Vorstadt des
Kreises (Raion) Orawitza. Nur bis zur nächsten Einteilung der Verwaltungsgebiete des Landes in
Regionen. Orawitza verkümmerte gänzlich durch Bedeutungslosigkeit und wirtschaftlicher
Schwäche.
Eine spärliche Hoffnung der Wiederbelebung ergab sich Ende der siebziger Jahre, als sich in
Orawitza eine Filiale des staatlichen Unternehmens für Industriebauten niederließ. Diese

71
Emeric Miki Marosi, Nori negri asupra Reşiţei, in Timpul, Reşiţa, 4. September 2002
72
Therese Marcu, Die Russen in Orawitz, in „Banater Berglanddeutsche 14/82, September-Oktober 1998, München.
73
Peter J. Kurtenbach, Der Balkanrückzug 1944-1945, Verlag Andreas Stangl, 2004.

18
Niederlassung ergab sich mit dem Bau des Kraftwerks Crivina bei Steierdorf. Was heute von
diesem gescheiterten Vorhaben in Orawitza selbst übrig blieb, sind die verlassenen und
ruinenhaften Wohnblocks in der Nähe des Bahnhofs.

19

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