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Ilona Feld-Knapp - Katalin Boócz-Barna

Textkompetenz und Sprachenlernen


Vorlesung BBN-NEM17-491
Wintersemester 2019
ELTE Germanistisches Institut
Lehrstuhl für Sprachpraxis und Fachdidaktik
Donnerstags 8. 15 - 9. 45 Raum 137

Sprachenlernen /19.09.2019

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Fremdsprachenlernen

Lernen als Forschungsgegenstand

• Kognitionswissenschaft: Beschäftigung mit dem menschlichen


Erkennen und dem Lernen, Untersuchung des Geistes und der
Kognition bzw. Analyse der kognitiven Systeme des Menschen,
anderer Lebewesen und maschineller Systeme → Wissensaneignung,
Lernen

• Kognitive Psychologie: Beschäftigung mit der


Informationsverarbeitung und der –speicherung des Menschen,
Untersuchung und Modellierung komplexer Lernprozesse

• Gehirnforschung: Untersuchung des Aufbaus bzw. der


Funktionierung des Gehirns und der mentalen Prozesse der
Sprachverarbeitung
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• Erziehungswissenschaft: Untersuchung der Ziele, des Verlaufs und
der Ergebnisse des Lernprozesses bzw. der institutionellen
Rahmenbedingungen der Erziehung und des Lernens

• DaF als Fremdsprachendidaktik: Erforschung von Lernen und


Lehren fremder Sprachen unter institutionellen Rahmenbedingungen
→ Erforschung, Erklärung und Optimierung der Lehr- und
Lernprozesse

• Lernpsychologie: Analyse der Lernprozesse, Untersuchung des


Erwerbs bzw. der psychischen Vorgänge und Repräsentationen


Anstöße für die Lerntheorien: Beschreibung, Erklärung und Prognose
von Lernen

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Die wichtigsten Lerntheorien zur Konzeptionalisierung und
Modellierung des Lernens und des Lernprozesses:

• Behavioristisch (Mitchian 2010; Edmondson/House 2011):


✓ Lernen und Sprachenlernen = mechanischer Prozess der
Konditionierung und der Verhaltensschulung durch Nachahmung und
Imitation
✓ Mittelpunkt: das beobachtbare menschliche Verhalten und die
Umgebung → Lernen als Veränderung des Verhaltens
✓ passive Rolle der Lernenden, ausgeklammertes Denken und Bewusstsein

• Kognitiv (Börner 1998; Krumm 1998) ~ kognitive Wende


✓ Mittelpunkt: innere, mentale, kognitive Prozesse, Leistung des
Gehirns, das lernende Individuum
✓ Lernen als kreativer Prozess, Prozess der Informationsverarbeitung
✓ aktive Rolle der Lernenden

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• Konstruktivistisch (Wolff 1996, 2000, 2002):
✓ Mittelpunkt: individuelle Lernprozesse und Lernergebnisse, Interagieren
des neuen und alten Wissens, subjektives Wissen
✓ Sprachenlernen = Konstruktionsprozess = aktiver und kreativer
Prozess der Wissenskonstruktion → aktive und selbstständige
Verarbeitung der neuen Informationen + Verbindung mit dem
vorhandenen Wissen
✓ Sprachenlernen = Erwerb individueller, komplexer, mentaler und
kooperativer Prozesse in konkreten, authentischen Situationen
✓ Lernerautonomie: „Fähigkeit, das eigene Lernen verantwortlich in die
Hand zu nehmen” (Wolff 1996) → Bestimmung der Lernziele,
Lerninhalte, der eigenen Progression, Auswahl der geeigneten Strategien
und Bewertung des Gelernten
✓ autonomes, strategisches, eigenverantwortliches Lernverhalten →
Selbstorganisation, bewusster und reflektierter Umgang mit Strategien
(Sprachlernstrategien auf kognitiver bzw. auf metakognitiver Ebene und
Sprachgebrauchsstrategien)
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• Konnektionistisch (Schmidt 2010; Schönpflug 2007):
✓ Verknüpfung neuronaler Verbindungen → Einbindung des Wissens
über die neuronalen Verbindungen in kognitive Modelle → integrierte
Behandlung der Wissenselemente und Übertragung des Gelernten auf
neue (Lern)situationen

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Lernen im Kontext der Sprachentwicklung (SE)

A) Spracherwerb B) Sprachenlernen
acquisition learning

• SE durch soziale Kontakte • SE unter institutionellen


Bedingungen, im FSU
• natürlicher Prozess • gesteuerter Prozess
• intuitiv • bewusst
• implizit • explizit

Unterscheidung von Krashen (Königs 2007):


➢ Acquisition: Sprach- und Regelbewusstsein ausschaltender Aneignungsvorgang
➢ Learning: von außen gesteuerte Maßnahmen bzw. durch einen Monitoreinsatz
gekennzeichneter Prozess

Lernen-Erwerben-Dichotomie → Trennung oder Synthese der beiden


Bereiche? 7
Sprachenbezeichnung im Kontext der Sprachentwicklung

• Erstsprache bzw. Muttersprache bzw. L1 (First Language,


Language one)

➢ Die Sprache, die von Kindern zuerst in natürlicher Umgebung als ihre
erste Sprache, als ihre Muttersprache erworben wird. (z.B. Ungarisch für
die Ungarn)

➢ Perspektivenwechsel in Bezug auf den Begriff der Muttersprache im


Kontext der Mehrsprachigkeit

➢ Rolle der Muttersprache: Emotionalität und Identitätsstiftung

➢ Im Kontext der Mehrsprachigkeit: Etablierung der Begriffe der


Erstsprache (zeitliche Dimension in Bezug auf das Verhältnis der
Sprachentwicklung, der kognitiven Entwicklung und Emotion) bzw. der
L1 (Verweis auf das mögliche Erlernen weiterer Sprachen, Offenheit)
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Sprachenbezeichnung im Kontext der Sprachentwicklung

• Zweitsprache bzw. L2

➢ Im weiteren Sinne: alle nach der Erstsprache angeeigneten Sprachen


➢ Im engeren Sinne: die auf natürlichem Wege, ungesteuert angeeignete
und verwendete Sprache (z.B. Deutsch für Menschen mit
Migrationshintergrund in Deutschland)

• Fremdsprache

➢ Die nach der Erstsprache unter institutionellen Rahmenbedingungen


gesteuert gelernte Sprache (z.B. Deutsch für ungarische Lernende ~
DaF)

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Spracherwerbshypothesen

Theorien und Ansätze zur Abbildung und Modellierung des


Aneignungsvorgangs der Sprachen (Königs 2010)

Fokuspunkte des Aneignungsvorgangs:

1. Lerngegenstand

2. Lernvorgang

3. Interaktion

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1. Lerngegenstand = die jeweilige gelernte Fremdsprache

• Kontrastivhypothese
✓ Wirkung der Mutter- und der Fremdsprache auf den
Sprachaneignungsprozess → Einfluss der erstsprachlichen Strukturen auf
die Mechanismen des Zweitspracherwerbs → Ähnlichkeiten =
Erleichterung, Unterschiede = Lernschwierigkeiten und Fehler

Beispiele: Ähnlichkeiten auf der Wortebene


L2: friend (engl.) → L3: Freund (dt.)
L2: house (engl.) → L3: Haus (dt.)

Unterschiede auf der morphosyntaktischen Ebene


L1: okos diákok (ung.) → L2: kluge Schüler (dt.)
L1: a szorgalmas hallgatók (ung.) → L2: die fleißigen Studenten (dt.)

positiver Transfer: L2: I have a book. (engl.) → L3: Ich habe ein Buch. (dt.)

negativer Transfer (Interferenz): z.B. falsche Freunde


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L2: art (engl.) ≠ L3: die Art (dt.)
1. Lerngegenstand = die jeweilige gelernte Fremdsprache

• Identitätshypothese
✓ Identischer Verlauf des Erst- und Zweitsprachenerwerbs und
Aktivierung angeborener mentaler Prozesse

Beispiele:

Intralinguale Fehler entstehen durch:

Übergeneralisierung: machen – machte → fliegen – fliegte*

Simplifizierung: Wenn ohne Fahrschein fahren, dann muss bezahlen.* (Wenn man
ohne Fahrschein fährt, muss man bezahlen.)

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2. Lernvorgang
• Identitätshypothese
✓ Identischer Verlauf des Erst- und Zweitsprachenerwerbs und Aktivierung
angeborener mentaler Prozesse
✓ Unterschiedliche Verarbeitungsmodi bei der Aneignung von Sprachen beim
Lernen und beim Erwerben

• Interlanguage-Hypothese (Selinker)
✓ Aneignungsvorgang = Ausprägung eines der lernerspezifischen Bedingungen
und Verarbeitungsprozeduren folgenden besonderen Systems
✓ Ausgangspunkt: die vom Lernenden entwickelte spezifische Sprache =
Interlanguage → Merkmale der Erst- und Zielsprache, eigenständige Merkmale
und Fehler

Beispiel: Stadien der Lernersprache

Ich gehen Kino. (richtige V2-Wortstellung)


Ich gehe Kino. (Kongruenz)
Ich gehe in Kino. (Richtungsangabe durch die richtige Präposition)
Ich gehe ins Kino. (richtige Deklination des Artikels) 13
2. Lernvorgang

• Monitorhypothese (Krashen)
✓ Mittelpunkt: Monitor als mentale Instanz → Überwachung des Spracherwerbs-
und –produktionsvorgangs
✓ Reflexion über das eigene Produktionsverhalten in der Fremdsprache

Beispiel:

Drei Typen der Monitorbenutzer:

Overuser: zu häufige Monitorüberprüfung, korrekter Sprachgebrauch als oberstes


Ziel, langsames Sprechen

Underuser: seltene Monitorüberprüfung, Spontaneität, intuitive Äußerungen

Optimaluser: Monitorüberprüfung, wenn es die Zeit ermöglicht, ohne das Gespräch


zu stören

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2. Lernvorgang
• Inputhypothese (Krashen)
✓ Mittelpunkt: bedeutungsvoller, kommunikativer sprachlicher Input →
Herausforderung für Lernende
Beispiel: Input z.B. schriftliche Texte, mündliche Lehreräußerungen,
audiovisuelle Filme → Input muss verständlich, für Lernende interessant und
relevant, ausreichend vorhanden sein und ein wenig über die erreichte
Sprachkompetenz liegen

• Outputhypothese
✓ Mittelpunkt: Voraussetzung des erfolgreichen Spracherwerbs sind die
Benutzung der zu erwerbenden Sprache in der Interaktion und die bewusste
Reflexion seitens der Lernenden
✓ Funktionen des Outputs: Bedeutungsaushandlung, Sicherstellung der
Kommunikation, Ergebnis des Aneignungsvorgangs
✓ lernerseitige Reflexion, Aufmerksamkeitsfokussierung, strategisch motivierte
kognitive Prozesse sind Elemente der Beschreibung des Aneignungsvorgangs

Beispiel: Produkte der Lernenden, z.B. Lernertexte oder Lerneräußerungen


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2. Lernvorgang

• Teachability-Hypothese (Lehr- und Lernbarkeitshypothese von


Pienemann)
✓ Voraussetzung des Spracherwerbs: Abstimmung der unterrichtlichen
Maßnahmen auf den Entwicklungsstand der Interlanguage der Lernenden

Beispiel: für die Aufnahme neuer Inhalte im FSU stellt der aktuelle Kenntnisstand
der Lernenden eine Voraussetzung dar (Vorkenntnisse usw.)

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3. Interaktion

• Interaktionshypothese
✓ Interaktion als Voraussetzung für das Sprachenlernen
✓ Metasprachliche Reflexionsfähigkeit und entsprechende Reaktionen des
sprachlichen Gegenübers als Voraussetzung die erfolgreiche Sprachaneignung
✓ durch Interaktion Internalisierung und Verarbeitung des Inputs

Beispiel: Interaktion ermöglichende Aufgaben, Sozialformen bzw. Projekte


im FSU

• Akkulturationshypothese
✓ Beschreibung des Aneignungsprozesses nach der psychischen und sozialen
Distanz

Beispiel: Bereitschaft der Lernenden, sich mit der Sprache und der Kultur zu
beschäftigen → „Je näher ein Lernender auf sozialer und psychischer Ebene
der Zielsprache und Zielkultur ist, bzw. je positiver diese Nähe belegt ist, desto
erfolgreicher ist der Spracherwerb” (Roche 2008). 17