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«Crypto-Leaks»: Das SRF hält den entscheidenden Bericht

unter Verschluss und weicht kritischen Fragen aus


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kritischen-fragen-aus-ld.1541165

Keine Transparenz: Das SRF und die «Rundschau»


verschaffen der Öffentlichkeit keinen Zugang zu dem
Bericht, auf den die teilweise gravierenden Vorwürfe im Fall
der Crypto AG zurückgehen.
Anthony Anex / Keystone

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Die «Rundschau» mauert. Sie ist nicht dazu bereit, das entscheidende Dokument zum
Fall Crypto AG zu veröffentlichen. Die Rede ist vom Minerva-Bericht, der von CIA-
Historikern stammen soll. Er beschreibt im Detail die trüben Machenschaften der Zuger
Firma, über die der CIA und der deutsche Nachrichtendienst jahrzehntelang andere
Länder abgehört haben sollen. Das Dokument ist zentral. Es ist der Auslöser und die
Basis der geballten Berichterstattung im In- und Ausland.

Das Dumme ist nur: Die Öffentlichkeit und die Medien haben keinen Zugang zum
Bericht. Das SRF hat hierzulande quasi das Monopol darüber und will es nicht teilen.
Andere Redaktionen haben vereinzelt Auszüge erhalten – aber immer nur das, was die
«Rundschau» mit ihnen teilen wollte. Problematisch ist dies etwa im Fall des früheren
Verteidigungsministers Kaspar Villiger (fdp.). Das SRF erhebt gravierende Vorwürfe gegen
ihn, die sich auf den Bericht abstützen, legt diesen aber nicht offen. Auszüge zu Villiger
hat die «Rundschau» über die Tamedia-Zeitungen publik gemacht. Sie sind teilweise
irritierend flapsig formuliert. Man weiss nicht, in welchem Kontext sie stehen, ob es
weitere Passagen gibt – kurz: Man kann sich kein eigenes Bild machen.

Die kryptische Stellungnahme des SRF


Ist das redlich? Müsste die «Rundschau» jetzt nicht volle Transparenz schaffen, wie sie
dies auch von den Behörden verlangt?

Die Fragen gehen an die «Rundschau» und die SRF-Medienstelle. Sie bleiben ebenso
unbeantwortet wie weitere Fragen. Anstelle einer Auskunft verschickt die Medienstelle
folgenden Text:

«Wir haben Verständnis dafür, dass Sie mehr über den Inhalt und die Hintergründe wissen
möchten. Sicherlich haben Sie aber auch Verständnis dafür, dass wir die Entwicklung der
Geschichte im Hinblick auf das weltweite Echo und die möglichen Folgen weiter mit grosser
Aufmerksamkeit verfolgen werden. Ob und inwieweit es weitere Veröffentlichungen aus dem
280-seitigen Geheimdienst-Dossier geben wird, entscheiden die beteiligten Medienpartner
gemeinsam und zeitnah. Wir haben grosses Vertrauen in die möglicherweise betroffenen
Schweizer Institutionen, dass sie in der Lage sind, eine unabhängige Untersuchung der Affäre
zu gewährleisten und durchzuführen. Sollte es zu einem späteren Zeitpunkt angebracht sein,
die Dokumente in grösserem Umfang zu veröffentlichen, werden wir das sorgsam prüfen. Sie
verstehen sicher auch, dass wir aus Gründen des Quellenschutzes keine weiteren Angaben
machen können.»

Man könnte meinen, die Stellungnahme sei mit einem Gerät der Crypto AG übermittelt
worden – mit dem Unterschied, dass sie sich nicht entschlüsseln lässt. Plötzlich sind die
Journalisten die Geheimniskrämer. Unbeantwortet bleiben etwa diese Fragen: Was sind
die Gründe für die Geheimhaltung? Weshalb legt das SRF nicht wenigstens die Passagen
zu Villiger integral offen? Wie hat die «Rundschau» verifiziert, dass es sich tatsächlich um
einen Bericht von CIA-Historikern handelt?

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Man will «weitere Geschichten daraus erzählen»
Andere sind gesprächiger. Zum Beispiel der deutsche Journalist Peter F. Müller, der den
Minerva-Bericht ursprünglich zugespielt erhalten und ihn unter anderem mit der
«Rundschau» geteilt haben soll: Er sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag», man werde
«zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Dokumente zugänglich machen». Die drei
ursprünglichen Empfänger hätten das so ausgemacht. Sie wollten weitere Geschichten
daraus erzählen.

Frei übersetzt: Das Ziel der Geheimniskrämerei ist, weitere, exklusive Geschichten aus
dem Bericht zu generieren. Ist dies das wahre Motiv? Auch diese Frage lässt das SRF
offen.

Warum wird ein angeblicher Mitwisser verraten?


Der Minerva-Bericht bildet nach wie vor das zentrale Dokument in dieser Affäre. Zwar ist
inzwischen auch über Papiere aus dem Bundesrat berichtet worden, die ebenfalls der
Frage nachgingen, wer in der Schweiz über die Crypto AG Bescheid gewusst habe. Aber
diese sind weit weniger eindeutig als der Minerva-Bericht. Nur darin wird explizit ein
Bundesrat (Villiger) als Mitwisser genannt.

Das wirft eine weitere Frage auf, auf die die «Rundschau»-Journalisten nicht eingehen:
Wie erklären sie sich, dass CIA-Historiker nachträglich einen möglichen Mitwisser auf
höchster Ebene verraten? Auch wenn der Bericht erst später hätte publik werden sollen,
erscheint eine solche Information brisant und unnötig riskant. Künftige Partner der CIA
könnten kopfscheu werden, wenn sie damit rechnen müssen, im Nachhinein ans Messer
geliefert zu werden.

Vielleicht gibt es bald etwas mehr Klarheit. Transparenter als das SRF informiert das
amerikanische National Security Archive (siehe Zusatztext unten): Dieses plant,
demnächst weitere Dokumente zu den Ereignissen rund um die Crypto AG zu
veröffentlichen.

US-Archiv will Transparenz schaffen

geo. · Unter dem Titel Condortel vereinheitlichten die Militärdiktaturen Lateinamerikas


in den 1970er Jahren ihre Kommunikationssysteme. Zur Verschlüsselung verwendeten
sie Geräte der Crypto AG. Dies zeigen Dokumente aus dem National Security Archive in
Washington (DC), der weltweit wohl grössten Sammlung ehemals geheimer Dokumente
ohne direkte Kontrolle durch die Regierung. Nach der Veröffentlichung der «Crypto-
Leaks» schaltete das Archiv ein sogenanntes Briefing-Book mit zusätzlichen Papieren
online, die den Spionagecoup vor allem am Beispiel Lateinamerikas dokumentieren. Nun
will das Archiv volle Transparenz schaffen und versucht, auf der Basis der Freedom of

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Information Act die Deklassifizierung aller Geheimakten betreffend die Crypto AG zu
erlangen. Die Wissenschafter sind bereits bei den deutschen Behörden vorstellig
geworden.

In der Schweiz ist unterdessen ein vermisstes Dossier im Zusammenhang mit der
Spionageaffäre aufgetaucht. Das Bundesarchiv meldet, es habe das Dossier nach einer
Suchaktion wieder gefunden. Es sei falsch abgelegt gewesen, sagte Sprecher Simon
Meyer. Zum Inhalt konnte er keine näheren Angaben machen. Das Dokument untersteht
noch einer Schutzfrist, es ist aber möglich, ein Einsichtsgesuch zu stellen.

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