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Teil II: Die Sprachen des Nahen und

Mittleren Ostens in Vergangenheit und


Gegenwart
Modul NMS3: Sprachen, Kulturen und
Religionen des
Nahen und Mittleren Ostens
9. 4. 2018: Sprache und Sprachen
Prof. Dr. Stefan Weninger
Ich bin …

• Prof. Dr. Stefan Weninger


• Geb. 1959 in Augsburg
• Studium 1981 – 1986 in München (LMU): Semitistik, Allgemeine
Sprachwissenschaft, Philologie des Christlichen Orients
• Promotion 1991 (Klassisch-arabische Literatur)
• Assistent an der LMU (Inst. f. Semitistik)
• Habilitation 1997 (Äthiopische Sprachwissenschaft)
• Lehrstuhlvertretung in Leipzig (2000-2001)
• Professor für Semitistik in Marburg seit 2001

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Themen
Die Sprachen des NMO
9.4. Sprache und Sprachen: Sprache, Dialekt, etc. - Wie beschreibt man das Phänomen
‚Sprache‘?
16.4. Die Sprachfamilien des NMO in Geschichte und Gegenwart I: Semitische Sprachen – Die
afroasiatische Makrofamilie
23.4. Die Sprachfamilien des NMO in Geschichte und Gegenwart II: Indogermanisch (iranische
Sprachen; Armenisch), Turksprachen, Kaukasische Sprachen
30.4 Sprachkontakt und Konvergenz : Arabisch - Persisch, Arabisch - Berberisch
7.5. Lehnwörter und Kulturgeschichte: Lehnwörter als Resultat von Kulturkontakt
14.5. Sprache und Schrift: Wahl eines Schriftsystems als kulturelle bzw. religiöse Verortung
21.5. Pfingstmontag
28.5. Sprache und Identität, Ethnizität, Religion; Sprache im Dienst nationalstaatlicher Diskurse
4.6. Sprachpflege: Die einheimischen Grammatik- und Lexikontraditionen

11.6. Sprachregelung – Normierung – Sprachpolitik

18.6. Entfällt wg. auswärtigem Termin.


25.6. Sprachstatus / Minderheitensprachen / Sprachtod / Sprachwechsel

2.7. Die Wiederbelebung des Neuhebräischen


9.7. Klausurtermin des Moduls
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Ziele der Vorlesung

• Kenntnis der sprachlichen Situation als Element von Geschichte und


Landeskunde
• Verständnis für Variabilität und Wandel in der Sprache
• Verständnis für die soziale Bedingtheit von Sprache
• Erkenntnis der Funktion von Sprache als Element nationaler oder
identitärer Diskurse und Konstruktionen

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Einige Sprachwissenschaftliche Grundbegriffe

• I. Was meint der Begriff ‚Sprache‘?


• II. Die Beschreibungsebenen der Sprache
• III. Zwei Perspektiven: Diachronie / Synchronie
• IV. Sprachvariation

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I.1.

• „Die Sprache Hölderlins ist von betörender Schönheit.“


• „Die arabische Sprache unterscheidet zwei grammatische
Geschlechter.“
• „Die Sprache unterscheidet den Mensch vom Tier.“
• „Endlich ein Politiker, der eine klare Sprache spricht!“
• „Seit seinem Schlaganfall ist seine Sprache sehr undeutlich.“
• „Die türkische Sprache ist ein oft zitiertes Beispiel für die
Vokalharmonie.“

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I.1. Sprache – wirklich nur éin Begriff?

• „Die Sprache Hölderlins ist von betörender Schönheit.“


• „Die arabische Sprache unterscheidet zwei grammatische
Geschlechter.“
• „Die Sprache unterscheidet den Mensch vom Tier.“
• „Endlich ein Politiker, der eine klare Sprache spricht!“
• „Seit seinem Schlaganfall ist seine Sprache sehr undeutlich.“
• „Die türkische Sprache ist ein oft zitiertes Beispiel für die
Vokalharmonie.“

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I.1. Sprache – wirklich nur éin Begriff?

• Sprachfähigkeit (‚langage‘) als anthropologische Kategorie


– s. Gebärdensprache bei Hörgeschädigten!
• Sprachsystem (‚langue‘): Einzelsprache; System aufeinander
bezogener arbiträrer Zeichen.
• Sprachverwendung (‚parole‘): Individueller Ausdruck, einzelner
Sprechakt; soziale Dimension der Sprache.

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I.1. Sprache – wirklich nur éin Begriff?

• Sprachfähigkeit (‚langage‘) als anthropologische Kategorie


– s. Gebärdensprache bei Hörgeschädigten!
• Sprachsystem (‚langue‘): Einzelsprache; System aufeinander
bezogener arbiträrer Zeichen.
• Sprachverwendung (‚parole‘): Individueller Ausdruck, einzelner
Sprechakt; soziale Dimension der Sprache.

• Unterscheidung durch Ferdinand de Saussure (1857-1913): Cours


de linguistique générale (1916). Begründer des
sprachwissenschaftlichen Strukturalismus.

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I.1. Sprache – wirklich nur éin Begriff?

• „Die Sprache Hölderlins ist von betörender Schönheit.“ (parole)


• „Die arabische Sprache unterscheidet zwei grammatische
Geschlechter.“ (langue)
• „Die Sprache unterscheidet den Mensch vom Tier.“ (langage)
• „Endlich ein Politiker, der eine klare Sprache spricht!“ (parole)
• „Seit seinem Schlaganfall ist seine Sprache sehr undeutlich.“
(parole)
• Die türkische Sprache ist ein oft zitiertes Beispiel für die
Vokalharmonie.“ (langue)

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II.1. Die Beschreibungsebenen der Sprache

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II.1. Die Beschreibungsebenen der Sprache

• Phonologie (Lautlehre)
• Morphologie (Formenlehre)
• Syntax (Satzbau)
• Semantik (Bedeutungslehre)

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II.1. Die Beschreibungsebenen der Sprache

Ausdrucksseite Inhaltsseite
Phonologie
Morphologie Semantik

Syntax

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II.2. Phonologie

• Kleinste Einheit der Phonologie:


• Phonem (n.)
– phon- (griechisch) ‚Laut, Klang etc.‘ (vgl. Telefon)
– -em: Systemeinheit
– Definition: Kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit einer
Sprache (i.S.v. langue)
– Beispiel aus dem Deutschen: Glut / Blut unterscheiden sich
lautlich an nur einer Stelle (hier: Wortanfang) und haben
offensichtlich verschiedene Bedeutung. -> g und b sind im
Deutschen zwei verschiedene Phoneme. g und b bilden ein
Minimalpaar.

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II.2. Phonologie

– Beispiel aus dem Arabischen: ‫ كلب‬kalb ‚Hund‘ / ‫ قلب‬qalb ‚Herz‘


unterscheiden sich lautlich an nur einer Stelle (hier ebenfalls:
Wortanfang) und haben offensichtlich verschiedene Bedeutung.
-> k und q sind im Arabischen zwei verschiedene Phoneme.
• Ein Phonem kann verschiedene konkrete Ausprägungen haben. Zu
diesen sagt man ‚Allophone‘. Allophone sind Postitionsvarianten
eines Phonems.
– Beispiel aus dem Deutschen: Das Phonem d hat die Allophone
[d] und [t]. Vgl. [ra:t] Rat / [ra:t] Rad. Regel im Deutschen:
Stimmhafte Konsonanten werden im Auslaut stimmlos
gesprochen (‚Auslautverhärtung‘). Der Unterschied von d und t
ist in dieser Position neutralisiert.

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II.2. Phonologie

– Dass in dem genannte Beispiel tatsächlich zwei Phoneme


zugrunde liegen, sieht man z.B. an den Pluralen: [ˈʀɛːtə ] Räte
/ [ˈʀɛːdɐ] Räder
• Phoneme (und Allophone) beschreibt man anhand ihrer Merkmale.
• Merkmale zur Beschreibung von Konsonanten:
– Artikulationsort
– Artikulationsart
– Stimmhaftigkeit
– (ggfls.: Sekundärmerkmale)

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Artikulationsorte

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II.2. Phonologie

• Artikulationsorte:
– labial
– labiodental
– interdental
– alveolar
– palatal
– ...

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II.2. Phonologie

• Artikulationsarten:
– Verschlusslaut (Plosiv): z.B. t, g, k [jeweils deutsch]
– Reibelaut (Frikativ): z.B. s, f
– Approximant: j
– Nasal: n, m
– Vibrant: r
• Stimmhaftigkeit
– stimmhaft: Mit Beteiligung des Stimmtons
– stimmlos: Ohne Beteiligung des Stimmtons

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II.2. Phonologie

• Sekundärmerkmale: z.B. Velarisierung („Emphase“) im Arabischen


– t [t] ‫ ت‬/ ṭ [ŧ] ‫ط‬
• Drei Beispiele von Beschreibungen eines Konsonantenphonems:
– Deutsches k ist ein stimmloser palataler Verschlusslaut.
– Arabisches ḍ (‫ )ض‬ist ein velarisierter stimmhafter alveolarer
Verschlusslaut.
– Arabisches m ist ein (stimmhafter) bilabialer Nasal.

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II.2. Phonologie

• Beschreibung von Vokalen:


– Öffnungsgrad (geschlossen, mittel, offen)
– vorne – Mitte – hinten
– Rundungsgrad

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II.2. Phonologie

Das Vokal-Trapez (Notierung der Vokale nach IPA)


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Exkurs: Umschriften

• In der Sprachwissenschaft wird oft nicht Originalschrift verwendet


(Gründe: Vergleichbarkeit, Verdeutlichung; Kommunikation)
• Umschrift nach IPA: Phonetisch genau, aber umständlich und oft
nicht leicht zu lesen)

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Exkurs: Umschriften

• In der Sprachwissenschaft wird oft nicht Originalschrift verwendet


(Gründe: Vergleichbarkeit, Verdeutlichung; Kommunikation)
• Umschrift nach IPA: Phonetisch genau, aber umständlich und oft
nicht leicht zu lesen)
• DMG-Umschrift: Phonemisch (ohne phonetische Details), gut an
Sprachen des NMO angepasst; weit verbreitet.

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Exkurs: Umschriften

• Buchstaben mit diakritischen Zeichen nach der DMG-Umschrift für


Arabisch:
• ʾ, ʿ
• ṯ, ḏ
• ǧ, ġ, š
• ḥ, ṣ, ṭ, ḍ, ẓ
•ḫ
• ā, ī, ū

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Exkurs: Umschriften

• Buchstaben mit diakritischen Zeichen nach der DMG1-Umschrift für


Arabisch:
• ʾ, ʿ
• ṯ, ḏ
• ǧ, ġ, š
• ḥ, ṣ, ṭ, ḍ, ẓ
•ḫ
• ā, ī, ū

1 DMG = Deutsche Morgenländische Gesellschaft

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II.3. Morphologie

• Morphologie: ‚Formenlehre‘ (nicht nur in der Sprachwissenschaft,


auch Biologie, Geologie, usw.)

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II.3. Morphologie

• Morphologie: ‚Formenlehre‘
• Kleinste Einheit der Morphologie: Morphem
• ‚Morphem‘: Kleinste bedeutungstragende Einheit einer Sprache
• Morpheme werden durch Segmentieren und Substituieren
identifiziert.
• Beispiel aus dem Arabischen:
– kataba ‚er schrieb‘ – katabtu ‚ich schrieb‘
– qatala ‚er tötete‘ – qataltu ‚ich tötete‘

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II.3. Morphologie

• Morphologie: ‚Formenlehre‘
• Kleinste Einheit der Morphologie: Morphem
• ‚Morphem‘: Kleinste bedeutungstragende Einheit einer Sprache
• Morpheme werden durch Segmentieren und Substituieren
identifiziert.
• Beispiel aus dem Arabischen:
– katab-a ‚er schrieb‘ – katab-tu ‚ich schrieb‘
– qatal-a ‚er tötete‘ – qatal-tu ‚ich tötete‘
• -> -a und –tu sind substituierbar und begründen jeweils eine andere
Bedeutung. -> Es handelt sich um Morpheme.

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II.3. Morphologie

• Morphemtypen:
– Wortstämme
– Suffixe (treten hinten ans Wort)
– Präfixe (treten vor das Wort)
– Infixe (werden ins Wort eingefügt)
– diskontinuierliche Morpheme (z.B. arab. Wurzeln)
– ...

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II.4. Syntax

• Syntax: Lehre vom Satzbau


– Wortstellung
– Satzteile (Subjekt, Prädikat, Objekt ...)
– Kongruenzregeln
– Satzbauplan
– Regeln über Nebensätze
– etc.

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II.5. Semantik

• Semantik: Lehre von der Bedeutung


– Beziehung zwischen den Zeichen und ihren Designaten.
– Gliederung des Wortschatzes: Synonymie, Homonymie,
Hyperonymie, Antonymie, ...
– Funktionen grammatischer Zeichen.
– Die Notwendigkeit zu semantischer Untersuchung ergibt sich
aus der Tatsache, dass Sprachen ihren Wortschatz
unterschiedlich strukturieren.
– z.B. dt. ‚Onkel‘ [Bruder eines Elternteils] gegenüber arab. ʿamm
‚Vaterbruder‘ vs. ḫāl ‚Mutterbruder‘

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II. Die Beschreibungsebenen der Sprache

Ausdrucksseite Inhaltsseite
Phonologie
Morphologie Semantik

Syntax

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III. Zwei Perspektiven

• Diachronie / diachrone Sprachwissenschaft


– gr. dia- ‚durch‘, chronos ‚Zeit‘
– sprachgeschichtliche Perspektive
– z.B.: ‚Welche phonologischen Entwicklungen gab es zwischen
dem Mittelpersischen und dem Neupersischen?‘
• Synchronie / synchrone Sprachwissenschaft
– gr. syn – ‚zusammen mit‘, chronos ‚Zeit‘
– Sprachbetrachtung, die sich strikt auf die Analyse der zu einer
bestimmten Zeit bestehenden Erscheinungsformen beschränkt
– z.B.: ‚Wie ist das Phoneminventar des modernen Ägyptisch-
Arabischen‘ beschaffen?‘

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III. Zwei Perspektiven

• Synchronie und Diachronie sind zwei gleichwertige Perspektiven,


die einander ergänzen können.

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III. Zwei Perspektiven

• Man kann ...


– Phonologie ...
• diachron oder synchron untersuchen.
• Man kann ...
– Morphologie ...
• diachron oder synchron untersuchen.
• Man kann ...
– Syntax ...
• diachron oder synchron untersuchen.
• Man kann ...
– Semantik ...
• diachron oder synchron untersuchen.
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IV. Sprachvariation

• Sprache – Dialekt
• Dialekt – Soziolekt
• Soziolekt – Idiolekt
• Varietät
• Register

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IV.1. Dialekt

• Dialekt
• Variation von Sprache im geographischen Raum
• ‚Dialekt‘ ist sprachwissenschaftlich kein abwertender Begriff.
• Abgrenzung des Begriffs ‚Dialekt‘ vom Begriff ‚Sprache‘ ist schwierig
und nur im Einzelfall möglich.
• „A language is a dialect with an army and a navy.“
• Mehrere Dialekte können unter dem Dach einer gemeinsamen
Hochsprache existieren.
• Dialektgrenzen können scharf oder diffus sein.

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IV.2. Soziolekt

• Beispiel: Bagdadisch-Arabisch (Stand vor WK II)

Muslime Christen Juden


‚ich sagte‘ gelet qeltu qeltu
(h.-arab. ‫ قلت‬qultu)
‚du (m.) sagtest‘ gelet qelet qelt
(h.arab. ‫ قلت‬qulta)
‚offen‘ (f.) maftūḥa maftūḥa meftūḥa
(h.-arab. ‫مفتوحة‬
maftūḥa)

Quelle: Haim Blanc: Communal dialects in Bagdad (1964)

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IV.2. Soziolekt

• Def.: Soziolekt ist die Sprachvarietät einer durch ökonomische,


ethnische, religiöse oder andere soziale Merkmale definierten
sozialen Gruppe.
• Obwohl auch Soziolekte nicht gänzlich losgelöst von
geographischen Faktoren vorstellbar sind, fokussiert diese Definition
auf die soziale Gruppe und nicht auf die regionale Verteilung.

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IV.3. Idiolekt

• Auch innerhalb eines Dialektes oder Soziolektes existiert Variation.


Vorgeschlagene Lösung des Dilemmas: Idiolekt
• Etymologie: (gr.) ídion ‚eigen(tümlich)‘
• Definition: „Spezifische Sprechweise einer Person“.
• „Nachweis im Einzelfall äußerst schwierig“ ... „eher ein
hypothetisches Konstrukt“ (U. Ammon, in Glück (ed.) 255)
• Kritik: Das Idiolekt-Konzept vernachlässigt die soziale Komponente
der menschlichen Sprachfähigkeit und die Fähigkeit der meisten
Sprachbenutzer, situationsadäquat verschiedene Varietäten
gebrauchen zu können.

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IV.4. Register

• Def.: Ein Register ist eine funktionelle Sprachvariante, die an


bestimmte soziale (z.B. berufliche) Situationen gebunden ist.
• Die meisten Sprecher einer Sprache verfügen über mehrere
Register.

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IV.5. Varietät

• Neutraler Oberbegriff für Dialekte, Soziolekte, Gender-spezifische


und andere –lekte.

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Literatur

• H. Glück (ed.): Metzler Lexikon Sprache (11993 – 52010)


• H. Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft (11983 - 42008)
– Insbesondere für sprachwissenschaftliche Begrifflichkeit, aber
auch Angaben zu Einzelsprachen
• S. Guth: Die Hauptsprachen der Islamischen Welt (2012)

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Danke für die Aufmerksamkeit!

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