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Europawahl: Ergebnisse der radikalen Linken nicht klein rechnen!

von Nico Biver


(15.7.2019) Glaubt man den Analysen auf der Linken, endete die Wahl für "Parteien
links der Sozialdemokratie ... in einem Desaster" (taz). In "Sozialismus" heißt es
bezogen auf die radikale Linke: "die Niederlage der Linkskräfte ist umfassend". In
einem Beitrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung war forsch von den "katastrophalen
Ergebnissen der Linksparteien bei der Europawahl (38 Sitze/ 5% Stimmenanteil)" die
Rede.
Wenn man sich mit den realen Ergebnissen der Europawahl befasst, muss man zum
Schluss kommen, dass es sich bei solchen Einschätzungen um Schwarzseherei
handelt.
Während man bei Wahlanalysen normalerweise Stimmenanteile und auch noch die
Anzahl der absoluten Stimmen vergleicht, beschränkt man sich bei der Europawahl
auf einen Vergleich der Sitzzahlen. Das ist verständlich, weil es nicht nur mühsam ist,
für 28 Länder Stimmenzahlen zu addieren, sondern man auch noch wissen muss,
welche Liste zu welcher politischen Richtung gehört.
Vergleicht man nur die Anzahl der Abgeordneten, die sich der GUE/NGL-Fraktion
angeschlossen haben, mit den Zahlen von 2014, um das Abschneiden der Parteien
der radikalen Linken zu bewerten, ist das in zweifacher Hinsicht problematisch.
Erstens, wenn die endgültige Stärke der Fraktion noch nicht bekannt ist - mittlerweile
sind es 41 statt 38 Sitze und der Verlust beträgt nicht mehr 27 % sondern nur noch
21 %. Zweitens sagt die Sitzzahl zwar etwas über die Kräfteverhältnisse im
Europaparlament aus, ist aber nicht unbedingt aussagekräftig, um Wahlerfolge zu
messen. Die Mandatsverteilung ist nämlich nicht proportional zu den
Stimmergebnissen - aus zwei Gründen:
- Die Sitzzahl für die einzelnen Länder ist nicht proportional zur Bevölkerungszahl. In
kleinen Ländern sind sehr viel weniger Stimmen für ein Mandat notwendig als in
großen.
- Kleinere Parteien, wie sie mehrheitlich in der radikalen Linken vorkommen (vor
allem wenn sie gespalten antritt), sind besonders unterrepräsentiert, da sie oft keine
Sitze bekommen, weil die Zahl der Mandate in einem Land oder in den Wahlkreisen
zu gering ist oder Prozenthürden sie daran hindern, Mandate zu gewinnen.
All das führt dazu, dass die Listen der radikalen Linken im Europaparlament
unterrepräsentiert sind (übrigens auch die Grünen) und die großen
Parteienbündnisse überrepräsentiert sind.
Wenn man die Stimmenzahlen für alle linken Listen in allen Mitgliedsstaaten und bei
allen Europawahlen seit 1979 auswertet, ist das Ergebnis, das sich für die radikalen
Linke ergibt, zwar auch nicht berauschend, aber die Verluste gegenüber 2014 sind
nicht so dramatisch wie bei den Sitzen.
Zählt man alle Parteien und Kandidaturen links von Grünen und Sozialdemokratie
zusammen, erhöht sich die absolute Stimmenzahl von 12,9 Mio. im Jahr 2014 auf
14,0 Mio. heute. Rechnet man auch die Tierschutzparteien dazu - wie bei der
Sitzzahl der GUE/NGL-Fraktion - steigt die Stimmenzahl sogar von 13,7 Mio. auf
16,0 Mio. Stimmen.
Prozentual ist aufgrund der gestiegenen Wahlbeteiligung ein Rückgang von 7,92 %
auf 7,10 % zu verzeichnen. Aber der Verlust ist nur halb so groß wie beim Vergleich
der Sitzzahlen.
Das ist zwar kein überragendes Ergebnis, liegt aber im Schnitt der linken Ergebnisse
seit 1994. Nimmt man die Tierschutzparteien dazu, ist der Stimmenanteil lediglich
von 8,38 auf 8,11 % zurückgegangen. Statt von starken Verlusten kann man also
eher von Stagnation bei der radikalen Linken reden.
In 15 Ländern erleiden die radikal linken Parteien Verluste bis zu 6,3 % (Niederlande)
und verzeichnen in zehn Gewinne bis zu 4,7 % (Frankreich).
Zählt man alle linken Stimmen zusammen (Sozialdemokraten, Grüne, radikale Linke,
inkl. Piraten und linksnationalistische Parteien) ist ein Rückgang von 41,4 auf 37,6 %
festzustellen, den vor allem die Sozialdemokratie zu verantworten hat. Sie verfügt
zwar noch über 20,5 % der Sitze im Europaparlament, sank aber von 24,8 auf 17,9
% der Stimmen.
Da sich die Zusammensetzung der EU seit 1979 fast laufend durch die Aufnahme
neuer Staaten geändert hat, sind die Ergebnisse der einzelnen Wahlen nur bedingt
untereinander vergleichbar. Deshalb macht es Sinn, die Ergebnisse der ersten 10
Staaten, die bei den ersten Europawahlen 1979 bzw. 1981 (Griechenland) der EU
angehörten, getrennt zu vergleichen. Das Ergebnis der Parteien der radikalen Linken
war 2019 in absoluten Stimmen das beste, das nach 1989 und dem Wechsel der PCI
auf sozialdemokratische Positionen erzielt wurde. Mit 7,25 % wurde nur 2009 ein
vergleichbarer Stimmenanteil erzielt. Zusammen mit den Tierschutzparteien wären
es sogar 8,5 %. In diesen Ländern ist der Niedergang der Sozialdemokratie
gegenüber 2014 besonders ausgeprägt (-11,2 %) und der Zuwachs der Grünen
besonders stark (+ 5,7 %).
Es ist auch merkwürdig, dass die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland
als Beispiele für den Misserfolg der radikalen Linken dargestellt werden. Dabei hat
die radikale Linke in Frankreich den stärksten Zuwachs aller Staaten (+4,7 %).
Problem ist dort, dass die Linke extrem gespalten antrat. Dass France Insoumise
weit von ihrem Präsidentschaftsergebnis entfernt abschnitt ist zwar richtig, aber das
ist ein Vergleich, der auch ziemlich hinkt.
Ähnlich auch bei Griechenland. SYRIZA hat leicht von 26,6 % auf 23,8 % verloren,
aber die radikale Linke hat insgesamt mit 35,3 % sogar etwas zugelegt. Das Resultat
mit den nationalen Parlamentswahlen zu vergleichen, verbietet sich, weil dort dem
Sieger ein Bonus von 50 Sitzen winkt, was eine Konzentration der Stimmen auf die
beiden bestplatzierten Parteien bewirkt. Ein Vergleich der Wahlergebnisse der letzten
15 Jahre zeigt nicht nur, dass die radikale Linke auf sehr hohem Niveau stabil ist,
sondern auch, dass die großen Parteien in der Regel bei Europawahlen jeweils
schlechter abschneiden als bei Parlamentswahlen und die kleinen besser.
Das wusste auch Tsipras als er vorgezogene Neuwahlen für den 7. Juli ankündigte,
bei denen es SYRIZA auf beachtliche 31,5 % brachte, nur 4 % weniger als 2015.
Bemerkenswert ist auch, dass von den linken Abspaltungen SYRIZAs lediglich
DIEM25 von Yannis Varoufakis den Einzug ins Parlament schaffte und die KKE auf
niedrigem Niveau stagniert. Die gesamte radikale Linke brachte es auf 42,7 %, 2 %
weniger als 2015. Von solchen Verhältnissen können radikale Linke in anderen
Ländern nur träumen.