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Grundlagen des Rechts

Abschnitt 1 – GRUNDBEGRIFFE
Kapitel 1: Begriff und Wesen des „Rechts“

1. Was ist das positive Recht?


= geltendes Recht oder die Rechtsordnung in ihrer Gesamtheit, das gesatzte Recht.
Das positive Recht gibt somit an, was in einer konkreten Konfliktsituation rechtens ist.
(besteht aus Rechtsvorschriften und Sollensanordnungen – Normen, Verhaltens-
gebote)

2. Was versteht man unter Recht im rechtstheoretischen Sinn?


Das Recht im rechtstheoretischen bzw. im rechtsphilosophischen Sinn legt fest, welche
Voraussetzung zutreffen müssen, damit man überhaupt vom Vorhandensein von Recht
ausgehen kann.
(Erst wenn klar ist, dass einer Vorschrift Rechtscharakter im rechtstheoretischen Sinn
zukommt, kann diese Vorschrift als Recht im positiven Sinn eingeordnet werden und
wird somit Gegenstand der Rechtswissenschaft.)

3. Welche Funktionen hat die Definition von Recht im rechtstheoretischen Sinn?


Die Definition legt fest, welche Vorschriften als positives Recht in Frage kommen,
grenzt somit Recht von anderen sozialen Verhaltensregeln ab und klärt das Verhältnis
von Recht und Gerechtigkeit.

4. Unter welchen Voraussetzungen liegt Recht im rechtstheoretischen Sinn vor?


Um von Recht sprechen zu können, müssen
o Verhaltensvorschriften vorliegen,
o die durch staatlich organisierten Zwang durchgesetzt werden,
o von der Gemeinschaft als Recht akzeptiert wird und
o daher relativ wirksam sind.

5. Ist die Regel „Man soll grüßen!“ als Rechtsnorm anzusehen? Verneindenfalls,
welche Art von Vorschrift liegt vor? Begründung!
Es wird nicht als Rechtsnorm angesehen, weil es sich hier lediglich um Moral und Sitte
handelt. Es legt zwar ein gesolltes Verhalten fest, dennoch bedarf es anderer
Qualifikationsmerkmale um als Rechtsnorm anerkannt zu werden. Diese Regel wird
auch nicht durch staatlich organisierten Zwang durchgesetzt, obwohl es auch hier zu
Sanktionen führen kann.

6. Ist die Regel „Man soll nicht in der Nase bohren!“ als Rechtsnorm anzusehen?
Verneindenfalls, welche Art von Vorschrift liegt vor? Begründung!
Es wird nicht als Rechtsnorm angesehen, weil es sich hier lediglich um Moral und Sitte
handelt. Es legt zwar ein gesolltes Verhalten fest, dennoch bedarf es anderer
Qualifikationsmerkmale um als Rechtsnorm anerkannt zu werden. Diese Regel wird
auch nicht durch staatlich organisierten Zwang durchgesetzt, obwohl es auch hier zu
Sanktionen führen kann.

7. Ist die Regel: „Man soll nicht lügen!“ als Rechtsnorm anzusehen?
Verneindenfalls, welche Art von Vorschrift liegt vor? Begründung!
Wenn sie im Bezug „Moral und Sitte“ gebraucht wird, ist sie nur als gesolltes Verhalten
und nicht als Recht anzusehen, darum wird auch kein staatlich organisierter Zwang
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durchgesetzt. Wird es jedoch in anderen Bereichen missbraucht (z.B. nach einem


Eidschwur im Gericht), gilt es als Recht!
(Nur Tatbestand Æ keine Rechtsfolge Î lex imperfecta)

8. Was bedeutet die Aussage, dass eine Rechtsnorm eine Verhaltensvorschrift ist?
Die Beschreibung von Recht als Verhaltensvorschrift, die ein gesolltes Verhalten
vorschreiben und daher Sollensnormen sind (versuchen das menschliche Verhalten in
der Gesellschaft zu ordnen), ist alleine zuwenig, denn es sind weitere
Qualifikationsmerkmale notwendig um von Recht sprechen zu können. (Durchsetzung
mittels staatlich organisierten Zwangs, Akzeptanz durch die Rechtsunterworfenen,
Effektivität)

9. Welche Rolle spielt die Selbsthilfe für das Vorliegen von Rechtsvorschriften?
Durch den staatlich organisierten Zwang wird die Selbsthilfe weitgehend
zurückgedrängt. Denn Verhaltensvorschriften welchen sich durch Selbsthilfe oder
ähnliche Institute (z.B. Rache) durchsetzen, können grundsätzlich nicht als Recht
angesehen werden.

10. Warum ist die Einordnung von Völkerrecht als Recht im rechtstheoretischen
Sinn problematisch?
Weil es in diesem Bereich keinen zentral organisierten Zwang zur Durchsetzung
völkerrechtlicher Vorschriften gibt – darum kann es nicht als Recht, sondern eher noch
als Selbsthilfe angesehen werden.

11. Auf welche Arten wirkt der staatlich organisierte Zwang?


• repressiv (folgt als Reaktion auf die Verletzung des Rechts)
• präventiv (versucht den Verletzer und andere Rechtsunterworfene von derartigen
Rechtsverletzungen abzuhalten)

Der staatlich organisierte Zwang ist nur ein Mittel zum Zweck der Durchsetzung von
Rechtsnormen. Zwang allein begründet noch nicht Recht.

12. In welcher Beziehung stehen die Durchsetzung von Rechtsvorschriften mittels


staatlich organisierten Zwangs, ihre Akzeptanz durch die Rechtsunterworfenen
und ihre Effektivität?
Die Notwendigkeit der Durchsetzung von Recht mittels staatlich organisierten Zwangs
als auch die Akzeptanz des Rechts als solches durch die Rechtsunterworfenen dienen
dazu, die Effektivität des Rechts sicherzustellen. (Sie stehen in einer ständigen
Wechselbeziehung um eine dauerhaften Bestand eines Rechtes zu ermöglichen.

13. Was bedeutet die Aussage, dass Rechtsnormen relativ wirksam oder effektiv
sein müssen?
Es ist auch notwendig, dass Rechtsnormen unabhängig von der Einwilligung der
betroffenen Normadressanten befolgt werden.

14. Wodurch wird die Effektivität einer Rechtsordnung erreicht?


Entscheidend für die Annahme der Effektivität von Rechtsvorschriften ist, dass die
Norm überwiegend tatsächlich befolgt wird; die Nichtbefolgung einer Vorschrift wird
regelmäßig geahndet.

Eine Vorschrift ist dementsprechend nur dann nicht als Rechtsnorm anzusehen, wenn sie
auf Dauer ihre Wirksamkeit verliert oder von Anfang an nie wirksam war.
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15. Schadet die immer wieder vorkommende Nichteinhaltung von Geschwindig-


keitsbegrenzungen im Straßenverkehr der Rechtscharakter der einschlägigen
Vorschriften der Straßenverkehrsordnung?
Diese Vorschrift wird von vielen zwar übertreten, dennoch als Recht anerkannt,
weshalb auch – bei Nichtbeachtung – Sanktionen bekannt sind Æ welche durch
staatlichen Zwang durchgesetzt werden. Der Rechtscharakter ist als Norm vorhanden.
(Tatbestand + Rechtsfolge)

16. Macht der Umstand, dass in einem Dorf alle Bewohner am Sonntag in die Kirche
gehen, diese Verhaltensweise zu lokal gültigem Recht?
Nein, es ist nur „Moral und Sitte“ und die Durchsetzung erfolgt auch nicht durch
staatlich organisierten Zwang.

17. Was ist der gemeinsame Kern aller Machttheorien?


Die Machttheorien sehen die Grundlage für die Einordnung von Verhaltensregeln als
Recht
• in der Macht einer gesellschaftlichen Autorität, durch die sie in die Lage versetzt
wird,
• ihre Anordnungen unter Androhung und Anwendung physischer Gewalt
durchzusetzen.

18. Beschreiben Sie kurz die Rechtstheorie des John Austin! Welcher Gruppe von
Rechtstheorien ist sie zuzuordnen?
John Austin war Vertreter der Machttheorie. Rechtsnormen sind Befehle eines
politischen Souveräns (ist keine anderen Befehlen unterworfen), werden diese Befehle
nicht befolgt, kann es zu einem großen Übel für den Nichtbefolger werden, weshalb
dies eine Pflicht zur Befolgung auslöst.

19. Determinieren die Machttheorie, die Anerkenntnistheorie oder die Grund-


normtheorie die inhaltliche Ausgestaltung von Rechtsvorschriften?
Ja, sie schließen sie aus bzw. grenzen sie ab.

20. Was ist der gemeinsame Kern aller Anerkenntnistheorien?


Nach der Anerkenntnistheorie sind Verhaltensanordnungen dann als Rechts-
vorschriften anzusehen und haben eine verbindliche Wirkung, wenn sie von der
Rechtsgemeinschaft als Recht akzeptiert werden Î Anerkennung der Norm als Recht.

21. Was ist die Grundnorm? Welchen Inhalt hat sie?


Die Grundnormtheorie laut Kelsen besagt, dass die Geltung einer Norm als Recht nur
unter Berufung auf eine geltende höherrangige Norm erklärt werden kann, welche die
Geltung der erstgenannten Norm vorschreibt. Die aus diesem Gedankengang folgende
niemals endende Reihe von Bezugnahmen auf eine jeweils höherrangige Norm wird
durch die so genannte Grundnorm durchbrochen (deren Geltung von einer
höherrangigen Norm nicht abgeleitet werden kann).
Inhalt: „Gehorche der historisch ersten Verfassung“

22. Wann spricht man von Revolution im juristischen Sinn?


Wird die Grundnorm nicht mehr eingehalten, weil die Rechtsunterworfenen der
historisch ersten Verfassung nicht mehr gehorchen, so liegt eine Revolution im
juristischen Sinn vor.

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23. Was versteht man unter Rechtspositivismus?


Weil für die Vertreter des Rechtspositivismus Recht nur, aber auch immer das positive
Recht ist, sofern es auf entsprechende Weise erzeugt wurde und gewissen
Mindestanforderungen sozialer Wirksamkeit genügt, also hinreichend effektiv ist.
Irrelevant ist der Inhalt der Vorschriften.

24. Welchen Ansatz verfolgt die ökonomische Analyse des Rechts?


Die ökonomische Analyse des Rechts versucht, das Recht und seine konkrete
Ausgestaltung auf das Wechselspiel ökonomischer Kräfte zurückzuführen.

25. Worin liegt die Bedeutung der ökonomischen Analyse des Rechts für das
Rechtsverständnis?
Die ökonomische Analyse des Rechts stellt aber nur dort ein taugliches Hilfsmittel dar,
wo es um das in das Wirtschaftsleben eingebettete Wirtschaftsrecht geht Æ dort kann
sie wertvolle Hinweise auf die Gründe für die konkrete Ausgestaltung von Vorschriften
des positiven Rechts liefern.

26. Wie werden die beiden Grundpositionen zum Problem des Verhältnisses von
Recht und Gerechtigkeit bezeichnet?
• Naturrecht
• Rechtspositivismus

27. Was ist Inhalt der Naturrechtslehre?


Die Vertreter der Naturrechtslehre gehen im Kern davon aus, dass jeder Mensch so
genannte natürliche oder angeborene Rechte schon deshalb hat, weil er Mensch ist.
Gedanke an die fundamentalen Menschenrechte! Für sie ist das Recht an gewisse
oberste sittliche Grundsätze der Gerechtigkeit gebunden.

28. Welche Rolle spielt der Werterelativismus in der Diskussion um Recht und
Gerechtigkeit?
Vertreter des Werterelativismus sind der Auffassung, dass alle Wertesysteme letztlich
den gleichen Rang beanspruchen können und absolute Werte nicht erkannt werden
können. Daraus wird ersichtlich, dass sie eine Bindung des Rechts an irgendwelche
Gerechtigkeitsprinzipien ablehnen, da die Geltung derartiger Grundsätze nicht
nachgewiesen, sondern nur vorausgesetzt werden können.

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Kapitel 2: Recht als Gegenstand der Wissenschaft

1. Nennen sie zumindest drei wissenschaftliche Disziplinen, deren Gegenstand das


Recht ist:
• Rechtstheorie und Rechtsphilosophie
• Rechtspolitik und Gesetzgebungslehre
• Rechtstatsachenforschung
• Rechtssoziologie
• Rechtsdogmatik

2. Welche wissenschaftliche Disziplin mit dem Gegenstand Recht ist die praktisch
bedeutsamste?
Rechtsdogmatik (Ziel: das positive Recht erkennen und seinen Inhalt möglichst genau
zu erfassen)

3. Welchen Gegenstand hat die allgemeine Rechtslehre?


Rechtstheorie und Rechtsphilosophie (Ziel: Darstellung der allgemeine Strukturen
normativer Ordnung; Klärung der Fragen nach dem Rechtsbegriff, Aufbau der
Rechtsordnungen; Fragen im Hinblick auf die Methodik rechtswissenschaftlicher
Forschung.

4. Was versteht man unter der Rechtsdogmatik?


Die Rechtsdogmatik ist die Wissenschaft vom Recht mit dem Ziel, das positive Recht
zu erkennen und seinen Inhalt möglichst genau zu erfassen. Sie wird in eine Vielzahl
von Teilgebiet unterteilt, u.a. das Zivil-, das Handels-, das Arbeits-, das Straf-, das
Steuer- und das öffentliche Recht (Verfassungs- und Verwaltungsrecht)

5. Was ist Rechtswissenschaft?


Damit sind alle jene Wissenschaftszweige gemeint, in denen das Recht Gegenstand
wissenschaftlicher Untersuchungen ist (= Oberbegriff für verschiedene Lehren von
Recht) va. Rechtsdogmatik, Rechtstheorie und Rechtsphilosophie, d.h. sie beschränkt
sich auf wissenschaftliche Fächer, die eine Erforschung der allgemeinen Grundlagen
des Rechts sowie das Verständnis des positiven Rechts zum Ziel haben.

6. Was versteht man unter Rechtsquellen?


Als Rechtsquellen bezeichnet man die unterschiedlichen Ursprünge des Rechts.

7. Was sind Rechtserkenntnisquellen?


Im Gegensatz zu den Rechtsquellen wird durch sie kein Recht gesetzt, sondern nur
Recht dokumentiert.

8. Ist das Bundesgesetzblatt eine Rechtsquelle?


Nein, es ist nur eine Niederschrift der Gesetze (Verlautbarungsinstrument)
(Rechtsquelle Î gesatztes Recht)

9. Ist eine Sammlung gerichtlicher Entscheidungen eine Rechtsquelle?


Nein, für Österreich gilt es nicht (Rechtsquelle nur für Einzelentscheidungen rechtens)
Æ keinen bindenden Charakter (fungiert nur als Hinweis)

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10. Wie können die Rechtsquellen eingeteilt werden?


Es wird unterschieden zwischen:
• Nationalen Rechtsquellen (Gesetze, Verordnungen, Verträge, Gewohnheits-recht)
• Internationalen Rechtsquellen (Völkervertragsrecht, Völkergewohnheitsrecht,
Unions- und Gemeinschaftsrecht der Europäischen Union,…)
Zum andern ist zu differenzieren zwischen
• Verkehrssitte und Handelsbrauch
• Gewohnheitsrecht
• gesatztes Recht
• Richterrecht (in Österreich nicht relevant)

11. Was ist die Verkehrssitte?


Notwendig ist eine tatsächliche Übung (consuetudo) und eine Überzeugung, dass
diese Verhaltensweise in den beteiligen Verkehrskreisen gebräuchlich sind (opinio
usus). Î hat Relevanz bei Privaten

12. Was ist ein Handelsbrauch?


Notwendig ist eine tatsächliche Übung (consuetudo) und eine Überzeugung, dass
diese Verhaltensweise in den beteiligen Verkehrskreisen gebräuchlich sind (opinio
usus). Î hat Relevanz bei Kaufleuten

13. Wie unterscheiden sich Verkehrssitte und Handelsbrauch?


Handelst es sich bei den Verkehrskreisen, in denen ein Verhalten geübt wird, um
Kaufleute, so spricht man von einem Handelsbrauch, sonst von einer Verkehrssitte.

14. Was versteht man unter Gewohnheitsrecht?


Die Bildung von Gewohnheitsrecht setzt voraus, dass ein Verhalten durch längere Zeit
geübt wird (consuetudo) mit der Überzeugung, dass es sich dabei um Recht handelt
(opinio iuris).

15. Was ist gesatztes Recht?


Es umfasst alle Rechtsquellen, bei denen Rechtsnormen schriftlich fixiert werden, und
welche von staatlichen Organen in eigenen Rechtserzeugnisverfahren erlassen
werden.

16. Was ist Richterrecht?


Hierbei stellen die Entscheidungen der Gerichte selbst Rechtsquellen dar und lösen
eine Bindung des entscheidenden Gerichts selbst sowie allfälliger Unter-gerichte aus.

17. Was unterscheidet Gewohnheitsrecht von Verkehrssitte und Handels-brauch?


Bei der Verkehrssitte und Handelsbrauch wird die Übung mit der Überzeugung getätigt,
dass sie in den beteiligen Verkehrskreisen gebräuchlich ist. (opinio usus).
Beim Gewohnheitsrecht tritt die Überzeugung auf, dass es sich dabei um Recht
handelt (opinio iuris).
Verkehrssitte: sind keine Rechtsvorschriften
Gewohnheitsrecht: wird im Zivil- und Handelsrecht als Rechtsquelle angesehen

18. Welche Unterschiede bestehen zwischen dem Gewohnheitsrecht und dem


gesatzten Recht?
Das gesatzte Recht unterscheidet sich zum Gewohnheitsrecht durch seine schriftliche
Fixierung, welche von staatlichen Organen in eigenen Rechtserzeugungsverfahren
erlassen wird.
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19. Warum ist ein Vertrag nicht als gesatztes Recht anzusehen?
Verträge sind zwar privatautonome, d.h. von den Parteien des Vertrags vereinbarte
Rechtsnormen, doch werden sie nicht von staatlichen Organen erlassen.

20. Welche Bedeutung haben Gerichtsentscheidungen im österreichischen Recht?


Entscheidungen insb. der Höchstgerichte wirken zwar faktisch wie eine Rechtsquelle,
weil weder die Untergericht noch die Höchstgerichte kaum jemals von vorangegangen
Entscheidungen abgehen. Jedoch sind sie rechtlich gesehen nur für den
entschiedenen Einzelfall verbindlich und lösen keine weitergehenden Rechtswirkungen
für andere Verfahren aus.
(primär = gesatztes Recht
sekundär = Gerichtsentscheidung)

21. Welche Ziele sollen mit der Entwicklung eines allgemein anerkannten Kanons
von Auslegungsmethoden erreicht werden?
Er dient der Rationalisierung des Erkenntnisvorgangs und soll möglichste Objektivität
im Rahmen der Interpretation von Rechtsvorschriften gewährleisten.

22. Welche Arten der Auslegung gibt es?


• Gesetzesauslegung
• Vertragsauslegung
sowie ist zu unterscheiden
• einschränkende (restriktive) Auslegung
• ausdehnende (extensive) Auslegung

23. In einer gesetzlichen Bestimmung wird der Begriff „Fahrzeug“ verwendet. Ein
Gericht versteht darunter nur Autos, nicht aber andere Fahrzeuge. Ein anderes
Gericht sieht als Fahrzeuge iSd Bestimmung alles an, was der Fortbewegung
dient, also etwa auch Rollerskates. Welche Art der Auslegung verfolgt das erste,
welche das zweite Gericht?
Gericht 1: restriktive (einschränkende) Auslegung
Gericht 2: extensive (ausdehnende) Auslegung

24. Worin besteht der Unterschied zwischen der Gesetzesauslegung und der
Lückenfüllung durch Analogie?
Gesetzesauslegung: Erforschung des Sinns von Rechtsvorschriften. Man versucht
diese mittels verschiedenster Interpretationsmethoden herauszufiltern. Wird die
Beschränkung auf den äußersten Wortsinn als Grenz der Auslegung überschritten, so
liegt keine Auslegung, sondern ein nur ausnahmsweise dem Rechtsanwender
erlaubter Akt der Rechtsschöpfung durch Lückenfüllung.

25. Welche Grenze ist bei der Gesetzesinterpretation zu beachten?


Beschränkung auf den äußersten Wortsinn

26. Welche Arten von Auslegungsmethoden kennen Sie?


• Wortinterpretation
• grammatikalische Interpretation
• systematisch-logische Interpretation
• historische Interpretation
• teleologische Interpretation

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27. Was versteht man unter Wortinterpretation?


Erforschung des Wortsinns – sie stellt den Beginn jedes Auslegungsvorgangs dar und
zielt auf die Ermittlung des Bedeutungsinhalts der vom Gesetzgeber verwendeten
Wörter ab.

28. Sachverhalt wie Frage 23. Welches Gericht ist beim Begriffskern stehenge-
blieben, welches hat den Begriffshof mitberücksichtigt?
Gericht 1: Begriffskern Grammatikalische Interpretation
Gericht 2: Begriffshof (weitgefasste Auslegung)

29. Was ist die grammatikalische Interpretation?


Sie ermittelt den Sinn einer Vorschrift auf der Grundlage der Regeln der Grammatik
(z.B. Sprachregeln, Zeichensetzung, Sprachform)

30. In welchem Verhältnis stehen Wortinterpretation und grammatikalische


Auslegung? Gibt es Gemeinsamkeiten beider Interpretationsmethoden?
Sie versuchen beide anhand der einzelnen Wörter auf den Sinn einer Vorschrift zu
kommen. Jedoch stellt die grammatikalische Interpretation auf die auszulegende
Rechtsvorschrift selbst ab und so werden keine außerhalb der jeweils relevanten Norm
liegende Aspekte berücksichtigt.

31. Was ist die systematisch-logische Interpretation?


Sie ermittelt die Sprachbedeutung und den Sinnzusammenhang einer Vorschrift unter
Heranziehung anderer Rechtsvorschriften sowie uU des Systems der Rechtsordnung.

32. Nennen sie Interpretationsgrundsätze, die im Rahmen der systematisch-


logischen Interpretation entwickelt worden sind!
• Sonderform: vertragskonforme oder die gemeinschaftsrechtskonforme Auslegung
Î bei mehreren Interpretationsmöglichkeiten ist jener der Vorzug zu geben, die
keine Widerspruch zum höherrangigen Verfassung- oder Gemeinschaftsrecht
auslöst
• eine Vorschrift darf nicht so interpretiert werden, dass eine andere überflüssig
erscheint.

33. Was ist die historische Interpretation?


Die Willens-, Sinnes- oder subjektive Interpretation ermittelt den Sinn einer
Rechtsvorschrift auf der Grundlage der Absicht des Gesetzgebers, der die
auszulegende Vorschrift geschaffen hat. Î der „historische“ Wille des Gesetzgebers,
welcher aus objektiven Gegebenheiten (Gesetzesmaterialien) abgeleitet wird.

34. Was versteht man unter den Gesetzesmaterialien?


z.B. Erläuterung zu Regierungsvorlagen oder Berichte parlamentarischer Ausschüsse

35. Unter welchen Umständen scheidet die historische Interpretation eine Vorschrift
aus?
Wenn die Gesetzesmaterialien
• im Widerspruch zum Gesetz stehen,
• unklar, in sich widersprüchlich sind oder das angesprochene Problem überhaupt
nicht behandeln,
• sich auf eine inzwischen geänderte Rechtslage beziehen.

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36. Was ist die teleologische Interpretation?


= objektive Interpretation. Hierbei wird der Zweck einer Vorschrift ermittelt (ratio legis).
(„Wie würde der Gesetzgeber heute reagieren?“)

37. Nach welchen Grundsätzen ist der im Rahmen der teleologischen Interpretation
relevante Zweck einer Rechtsnorm zu ermitteln?
• Weiter- und Zuendedenken der gesetzlichen Regelung (unter Beachtung der
heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit, sozialem Ausgleich und Rechts-
sicherheit)
• Beachtung des Wertewandels

38. Was versteht man unter der verfassungskonformen und der gemeinschafts-
konformen Interpretation? Zu welcher der verschiedenen Interpretations-
methoden sind sie zu rechnen?
Sonderform der systematisch-logischen Interpretation Î bei mehreren Interpretations-
möglichkeiten ist jener der Vorzug zu geben, die keinen Widerspruch zum
höherrangigen Verfassungs- und Gemeinschaftsrecht auslöst.

39. Gibt es eine Rangordnung der Interpretationsmethoden?


IdR sind alle Methoden gemeinsam anzuwenden. Jedoch durch die schriftliche
Fixierung der Rechtsvorschriften kommt der Wortinterpretation und der
grammatikalischen Interpretation eine besondere Bedeutung bzw. Vorrang zu.

40. Was ist die authentische Interpretation?


= doktrinelle oder Legalinterpretation. Hierbei handelt es sich um einen Normsetzungs-
akt, durch den der Gesetzgeber nachträglich erklärt, in welchem Sinn eine früher
erlassene Rechtsvorschrift zu verstehen ist.

41. Worin liegt der Unterschied zwischen der authentischen Interpretation und den
anderen Methoden der Gesetzesinterpretation?
In der Gesetzesinterpretation versucht man allgemein den Sinn einer Rechtsvorschrift
herauszufiltern bzw. zu klären. Die authentische Interpretation fungiert jedoch als
Normsetzungsakt, in dem nachträglich erklärt wird, wie eine früher erlassene Rechts-
vorschrift zu verstehen ist. (der Gesetzgeber bestimmt selbst die Erklärung)

42. Nennen sie die zwischen Legaldefinition und Legalinterpretation bestehenden


Differenzen?
Bei einer Legaldefinition wird der vom Gesetzgeber verwendete Begriff noch im
Rahmen des gleichen Rechtsaktes erklärt.
Die Legalinterpretation erfolgt erst zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Gesetzgeber
die Notwendigkeit einer nachträglichen Präzisierung eines früher erlassenen Rechts-
setzungsaktes sieht.

43. In einem Gesetz steht: „Unter Fahrzeug ist zu verstehen: … .“ Liegt eine
Legaldefinition oder eine Legalinterpretation vor?
Legaldefinition, da der Begriff noch im gleichen Rechtsakt erklärt wird.

44. In einem Gesetz aus diesem Jahr wird angeordnet: „Unter Fahrzeug im Sinn des
BGBI xy/1980 ist zu verstehen: … .“ Wurde eine Legaldefinition oder eine
Legalinterpretation vorgenommen?
Legalinterpretation, bezieht sich auf einen früher erlassenen Rechtsetzungsakt

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45. Welche methodischen Probleme entstehen im Rahmen der analogen


Anwendung von Rechtsvorschriften?
Es ist schwierig festzustellen, ob eine Lücke überhaupt vorhanden ist Î echte oder
planwidrige Lücke.

46. Was geschieht bei der Lückenfüllung durch Analogie?


Hierbei wird eine gesetzliche Regelung auf einen von ihr an sich eindeutig nicht
erfassten Sachverhalt „analog“ angewendet. Man verlässt dadurch die äußerste
Grenze des Wortsinns einer gesetzlichen Vorschrift, weshalb dann ein für den
Rechtsandwender erlaubten Akt der Rechtsschöpfung vorliegt (aber nur unter sehr
eingeschränkten Voraussetzungen)

47. Welche Voraussetzungen bestehen für die Zulässigkeit eines Analogie-


schlusses?
Entscheidend ist, dass die gesetzliche Regelung eines Sachverhalts lückenhaft ist. Es
muss sich auch um eine echte/planwidrige Lücke handeln (hier ist eine Regelung zwar
vorhanden, aber derartig unvollständig), welche ohne Analogie nicht anwendbar wäre.

48. Welche Arten von Lücken kennen Sie? Welche sind rechtlich relevant?
• unechte oder planmäßige Lücke
• echte oder planwidrige Lücke Î rechtlich relevant
• verdeckte Lücke

49. Was ist ein Umkehrschluss?


= argumentum e contrario; Wenn die Existenz einer Lücke nicht nachweisbar ist, so
wird ein Umkehrschluss gezogen. Bei diesem wird aus dem Fehlen einer einschlägigen
Sonderregelung für einen bestimmten Sachverhalt abgeleitet, dass vom Gesetzgeber
gerade keine Sonderbehandlung derartiger Fälle gewollt ist.

50. Was ist der Unterschied zwischen einer echten und einer unechten Lücke?
Eine unechte Lücke liegt dann vor, wenn eine gesetzliche Vorschrift fehlt und sich der
aus dem Fehlen dieser Rechtsnorm ergebende Rechtszustand als schlecht, weil
ungerecht empfunden wird.
Eine echte Lücke liegt vor, wenn eine Regelung zwar vorhanden ist, aber diese derart
unvollständig ist, dass sie ohne Analogie nicht anwendbar wäre.

51. Was versteht man unter einer verdeckten Lücke?


Von einer verdeckten Lücke spricht man beim Fehlen einer an sich gebotenen
Ausnahmeregelung im Gesetz. (Hierbei geht also der Wortlaut des Gesetzes über den
mit der gesetzlichen Regelung verfolgten Zweck – ratio legis – hinaus).

52. Welche Folgen hat das Vorliegen einer planwidrigen Lücke? Was geschieht,
wenn das Bestehen einer planwidrigen Lücke verneint wird?
Kann das Vorliegen dieser Lücke nachgewiesen werden (eine vom Gesetzgeber
ungewollte Lücke) werden, so erfolgt der Lückenschluss durch Analogie. Wird jedoch
das Bestehen einer solchen echten Lücke verneint, so nimmt man an, dass der
Gesetzgeber diese plangemäß gewollt geschafften hat, erfolgt der Umkehrschluss.

53. Welche Arten von Analogieschlüssen gibt es?


• Einzel- oder Gesetzesanalogie
• Rechts- oder Gesamtanalogie
• teleologische Reduktion
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54. Worin besteht der Unterschied zwischen einer Einzel- und einer Gesamt-
analogie?
Die Einzel – und Gesamtanalogie unterscheiden sich durch die im Wege der Analogie
zur Anwendung kommende Rechtsvorschrift, die sog. Analogiebasis.

• Bei der Einzelanalogie kommt es zur Übertragung der mit einer bestimmten Einzel-
vorschrift verknüpften Rechtsfolge auf einen nicht geregelten Fall.
• Demgegenüber wird bei der Gesamtanalogie die Analogiebasis auf einer Mehrzahl von
Regelungen gewonnen, denen die gleichen Grundgedanken und damit die gleichen
rechtlichen Wirkungen zugrunde liegen.

55. Was ist eine teleologische Reduktion?


Die teleologische Reduktion wird bei einer verdeckten Lücke vorgenommen. Bei dieser
wird der überschießende Teil der Regelung für nicht anwendbar erklärt.

56. Welchen Inhalt haben die beiden Größenschlüsse? (Sonderfall d. Einzelanalogie)


argumentum a maiori ad minus = Hier wird aus dem Umstand, dass ein bestimmtes
Verhalten – das „MEHR“ – erlaubt ist, abgeleitet, dass auch einweniger weitgehendes
Verhalten – das „WENIGER“ – gestattet ist.
argumentum a minori ad maius = Hier wird aus dem Umstand, dass ein bestimmtes
Verhalten – das „WENIGER“ – verboten ist, geschlossen, dass auch ein
weitergehendes Verhalten – das „MEHR“ – verboten ist.

57. Was versteht man unter den natürlichen Rechtsgrundsätzen?


Die Berufung auf die natürlichen Rechtsgrundsätze stellt das letzte Mittel dar, wenn
alle bisher dargestellten Auslegungsmethoden versagen. Dabei wird das im konkreten
Fall vorliegende Auslegungsproblem durch Entwicklung einer Regelung unter Berufung
auf die allgemeinsten Wertprinzipien der Rechtsordnung gelöst.

58. Was ist die Konkurrenz von Rechtsvorschriften?


Die Konkurrenz von Rechtsvorschriften betrifft das Problem, dass auf einen Sach-
verhalt zumindest zwei voneinander verschiedene Regelungen anwendbar sind. Auch
hier muss der Wille des Gesetzgebers ermittelt werden.

59. Welche Erscheinung bezeichnet man mit dem Wort Gesetzeskonkurrenz?


Eine Gesetzeskonkurrenz liegt immer dann vor, wenn die verschiedenen anwendbaren
Regelungen einander widersprechende Rechtsfolgen haben.

60. Nach welchen Grundsätzen werden Fälle der Gesetzeskonkurrenz gelöst?


lex posterior derogat legi priori = Dieser Grundsatz besagt, dass bei einem Wider-
spruch zwischen Rechtsvorschriften die später erlassene Norm grundsätzlich der
früheren Norm vorgeht.
lex specialis derogat legi generali = Dieser Grundsatz legt fest, dass die speziellere
Bestimmung idR der allgemeineren Bestimmung vorgeht.
Î Voraussetzung für die Anwendbarkeit = beide Normen müssen im Hinblick auf ihre
Rechtsfolgen inhaltlich unvereinbar sein.

61. Welche Auslegungsmethoden sind im Rahmen der Vertragsauslegung (ABGB)


anerkannt?
• Einfache Vertragsauslegung
• Ergänzende Vertragsauslegung
• Unklarheitsregeln
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62. Welche Grundsätze beherrschen die einfache Vertragsauslegung?


Die einfache Vertragsauslegung wird überall dort vorgenommen, wo es um die
Ermittlung des Sinns einer an sich vorhandenen vertraglichen Regelung (Interpretation)
geht. Im Rahmen der einfachen Vertragsauslegung werden herangezogen:
• Wortsinn
• Absicht der Parteien
• (erklärende) Verkehrssitte

63. Welche Bedeutung hat der Wortsinn eines Vertrags?


= Erforschung des Wortsinns (jedoch geht die Absicht der Partei dem Wortlaut vor)

64. Wann greift die einfache, wann die ergänzende Vertragsauslegung ein?
Die einfache Vertragsauslegung wird dort vorgenommen, wo es um die Ermittlung des
Sinns einer an sich schon vorhandenen vertraglichen Regelung geht.
Von einer ergänzenden Vertragsauslegung spricht man dann, wenn ein auftretendes
Problem keine Regelung im Vertrag erfahren hat und diese Vertragslücke nunmehr
durch Auslegung zu schließen ist.

65. Nach welchen Prinzipien wird im Rahmen der ergänzenden Vertragsauslegung


vorgegangen?
Im Rahmen der ergänzenden Vertragsauslegung sind heranzuziehen:
• dispositive Gesetzesrecht
• echte (lückenfüllende) Verkehrssitte
• hypothetische Parteiwille

66. Was ist eine echte Verkehrssitte?


Hierbei werden (im Vertrag) die in den beteiligen Verkehrskreisen üblichen Gepflogen-
heiten als Lösung für ein im Vertrag nicht geregeltes konkretes Problem anerkannt
(trotz Schweigens im Vertrag zu einer bestimmten Frage)

67. Was versteht man unter der Auslegung nach dem hypothetischen Parteiwillen?
Dabei wird danach gefragt, wie redliche und vernünftige Personen unter
Berücksichtigung von Geschäftszweck und Parteiwillen ein Sachproblem geregelt
hätten, - dass sich nunmehr als regelungsbedürftig herausstellt – wenn sie die
Regelungsbedürftigkeit bereits bei Vertragsabschluß erkannt hätten.

68. Welche Rolle spielt die Verkehrssitte bei der Vertragsauslegung?


Entweder fungiert sie als Ermittlungselement, um die Bedeutung – ob der Verkehr mit
einem bestimmten Verhalten überhaupt einen bestimmten Sinn ergibt – zu erkennen
oder sie wird zur Problemüberbrückung, indem die in den beteiligten Verkehrskreisen
üblichen Gepflogenheiten als Lösung einfach anerkannt werden.

69. Beschreiben sie die beiden Unklarheitsregeln?


• Bei einem einseitig verpflichtenden Rechtsgeschäft (z.B. Schenkung) ist
anzunehmen, dass sich der Verpflichtete im Zweifel die geringere als die größere
Last auferlegen will.
• Bei einem zweiseitig verpflichtenden Rechtsgeschäft (z.B. Miete) wird eine
undeutliche Änderung demjenigen zum Nachteil, der sich der Äußerung bedient
hat. (der erst der die Formulierung in das Vertragsgeschehen eingeführt hat)

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70. Die österreichische Supermarktkette A kauft von der B-GmbH 100 t „Wiener“. Bei
A denkt man bei der Bestellung an die Dauerwurst, der deutsche
Geschäftsführer C der B-GmbH dagegen an jene Wurstart, die man in Österreich
als „Frankfurter“ bezeichnet und die in Deutland gemeinhin „Wiener Würstchen“
genannt werden. Kommt ein Vertrag zustande und wenn ja, mit welchem Inhalt,
wenn es sich bei der B-GmbH um ein österreichisches Unternehmen handelt?
• Einfache Vertragsauslegung (zu Lasten von B)
C muss sich an den österreichischen Handelsbrauch halten, deshalb wird es ihm
zum Nachteil.

• z.B. A bestellt Wiener „Dauerwurst“


B liefert Wiener „tiefgekühlt“
Î wird A zum Nachteil (nicht korrekt ausgedrückt)

• Handelsbrauch = B liefert A immer Dauerwurst (wird B zum Nachteil)

Ist weder der Wortlaut, noch die Absicht der Parteien ermittelbar, so ist die Verkehrssitte
heranzuziehen. (Beispiel: „Wiener“/“Frankfurter“)
Es geht dabei um die Übung des redlichen Verkehrs, wobei im Rahmen der einfachen
Vertragsauslegung die Umstände der Erklärung und die im Verkehr geltenden
Gewohnheiten zu berücksichtigen sind.

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Kapitel 3: Recht als Gegenstand der Wissenschaft

1. Aus welchen Bestandteilen besteht eine Rechtsnorm?


• Tatbestand (welche Voraussetzung müssen zutreffen damit eine in einer Rechts-
norm vorgeschriebene Rechtsfolge eintreten kann)
• Rechtsfolge (welche Auswirkungen hat ein tatbestandsmäßiges Verhalten)

2. Was ist die Subsumtion?


Hierbei wird geklärt, ob alle Tatbestandsmerkmale durch den Sachverhalt verwirklicht
werden. (Norm wird auf einen Sachverhalt angewendet)

3. Was versteht man unter einer lex imperfecta?


Nur in Ausnahmefällen gibt es Rechtsvorschriften, die zwar einen Tatbestand, aber
keine Rechtsfolgen aufweisen.

4. Am Bahnsteig steht:“ Betreten der Gleise verboten!“ Handelt es sich um eine lex
imperfecta?
Ja, der Tatbestand ist vorhanden, aber es gibt keine staatliche Rechtsfolge. (eventuell
Sanktionen von Bahnhofspersonal) Falls es überhaupt eine Rechtsfolge gibt?

5. Was versteht man unter einer generell-abstrakten Norm?


Diese Norm wendet sich nur nach Gattungsmerkmalen bestimmten Adressatenkreis
und regelt eine unbestimmte Anzahl von Fällen.

6. Was ist eine individuell-konkrete Norm?


Diese Norm wendet sich an einen nach individuellen Merkmalen bestimmten
Adressatenkreis und regelt bzw. erfasst gerade mal einen Fall oder eine abgegrenzte
Anzahl von Fällen.

7. Was unterscheidet zwingendes, relativ zwingendes und dispositives Recht?


• Zwingende Rechtsvorschriften = von denen kann durch Vereinbarung nicht
abgewichen werden
• Dispositive Rechtsvorschriften = sie haben hinter einer anders lautenden
Vereinbarung zurückzustehen
• Relativ zwingendes Recht = Hier darf zugunsten einer – der schwächeren –
Vertragspartei von den Vorschriften abgegangen und eine abweichende Regelung
vereinbart werden.

8. Was ist Recht im materiellen und im formellen Sinn?


• Recht im materiellen Sinn umfasst jene Rechtsvorschriften, die inhaltliche Regeln
aufstellen Æ regelt Sachverhalte in inhaltlicher Sicht.
• Recht im formellen Sinn sind Rechtsvorschriften, welche zum einen in einem
Verfahren erzeugt wurden, dessen Ergebnis Rechtsvorschriften darstellen Æ regelt
auch die Erzeugung und Durchsetzung anderer Rechtsnormen. (Wie kommt man
zur inhaltlichen Lösungen? – Verhandlungsrecht – wie kommt Recht zu Stande? –
Gesetzgebungsrecht)

9. Was ist Recht im objektiven und subjektiven Sinn?


Das Recht im objektiven Sinn ist die geltende Rechtsordnung. Demgegenüber ist das
subjektive Recht (begründen Rechtsansprüche) eine Regelung, die es einem Rechts-

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Grundlagen des Rechts

subjekt ermöglicht, die Einhaltung einer Vorschrift des objektiven Rechts durch
Anrufung staatlicher Organe Æ Recht auf das Recht oder das durchsetzbare Recht.

10. In welchen Verhältnisstehen das Recht im objektiven Sinn und das Recht im
subjektiven Sinn zueinander?
Das subjektive Recht setzt das objektive Recht (gesatze Recht = positive Recht)
voraus. Es gilt = Nicht jede Regelung des objektiven Rechts räumt ein subjektives
Recht ein, aber jedes subjektive Recht beruht auf einer Vorschrift des objektiven
Rechts.

11. Welche Einteilung subjektiver Privatrechte kennen Sie?


• absolute Rechte
• relative (obligatorische) Rechte
• Gestaltungsrechte

12. Worin liegt der Unterschied zwischen absoluten und relativen Rechten?
Die absoluten Rechte sind gegenüber jedermann durchsetzbare subjektive Privat-
rechte. Während die relativen Rechte nur gegenüber bestimmten Personen durch-
setzbare subjektive Privatrechte sind.

13. Welchen Inhalt haben Gestaltungsrechte?


Gestaltungsrechte sind subjektive Privatrechte, die in der Befugnis bestehen, durch
eine einseitige Erklärung und somit ohne Mitwirkung eines anderen eine Änderung
bestehender Rechtsverhältnisse herbeizuführen. (z.B. Kündigungsrechte)

14. Was ist entscheidend für die Einräumung subjektiver öffentlicher Rechte?
Sie sind die Voraussetzung für die Parteistellung (insb. beim Verwaltungsverfahren).
Nur bei Parteistellung besteht die Möglichkeit zur Einflussnahme auf die behördlichen
Entscheidungen und zur Kontrolle der behördlichen Tätigkeiten. Rechtsschutz-
einrichtungen des öffentlichen Rechts dienen grundsätzlich nur dem Schutz subjektiver
öffentlicher Rechte.

15. Welches Grundprinzip der Bundesverfassung ist durch die Einräumung von
subjektiv öffentlichen Rechten berührt?
Rechtsstaatliche Prinzip

16. Welche Arten von subjektiven öffentlichen Rechten kennen Sie?


• Mitwirkungsrechte
• Forderungsrechte
• Freiheitsrechte

17. Worin besteht der Unterschied zwischen Mitwirkungs- und Forderungsrechten?


Das Mitwirkungsrecht ermöglicht einem Rechtssubjekt die Mitwirkung an der
Erzeugung und Vollziehung der Rechtsordnung. (= Beteiligter; dürfen an einem
Verfahren mitwirken)
Forderungsrechte liegen dann vor, wenn durch die Verwaltungsvorschriften Ansprüche
des Rechtssubjekt gegenüber der Verwaltung begründet werden. (= Partei; darf
Rechtsansprüche fördern)

18. Welchen Inhalt haben Freiheitsrechte?


Hierbei handelt es sich um subjektive öffentliche Rechte, die auf Unterlassung gesetz-
widriger Eingriffe in die grundrechtliche Freiheitsphäre gerichtet sind.
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Grundlagen des Rechts

19. Wozu dienen subjektiv öffentliche Rechte?


Sie dienen zur Durchsetzung von den einzelnen begünstigenden Verpflichtungen der
Verwaltung durch das Rechtssubjekt.

20. Worin unterscheidet sich Kollisions- vom Einheitsrecht?


Das Kollisionsrecht beschränkt sich auf die Regelung der Frage, welches von
mehreren in Frage kommenden nationalen Rechten auf einen Sachverhalt
anzuwenden ist. Im Gegenzug dazu trifft das Einheitsrecht eine in mehreren Ländern
übereinstimmend geltende materielle, also inhaltliche Regelung bestimmter Gruppen
von Tatbeständen.

21. Was macht den Unterschied zwischen Einheits- und nationalem Recht aus?
Im Unterschied zu rein nationalem Recht werden durch das Einheitsrecht idente
Rechtsvorschriften für mehrere Staaten aufgestellt.

Einheitsrecht beruht idR auf völkerrechtlichen Rechtsakten und wirkt in seinem


Anwendungsbereich wie nationalem Recht.

22. Besteht ein rechtstheoretischer Unterschied zwischen öffentlichem Recht und


Privatrecht?
Nein, denn Recht bleibt insoweit Recht, unabhängig davon, ob es sich um Privatrecht
oder öffentliches Recht handelt.

23. In welchen Bereichen ist die Unterscheidung zwischen öffentlichem Recht und
Privatrecht von Bedeutung?
Bereiche, in denen Rechtsordnungen selbst auf sich zurückgreifen:
• Behördenzuständigkeit
• Kompetenzverteilung
• Amtshaftungsrecht

24. Ist der Landtag von Salzburg befugt, ein neues Gesetz zu beschließen, mit dem
die Bestimmungen des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches (ABGB) über
den Schadenersatz abgeändert werden? Begründung!
Nein, denn Privatrecht darf nur der Bund abändern (Gesetzgebung/Vollziehung)

25. Welche Theorien zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht
kennen Sie? Welche ist die heute herrschende?
• Interessentheorie
• Subordinationstheorie
• Subjekttheorie (die heute herrschende)

26. Welchen Inhalt hat die Interessentheorie?


Laut Interessentheorie nach dem römischen Juristen Ulpian gehört alles zum
öffentlichen Recht, was dem Schutz öffentlicher Interessen, also von Interessen der
Allgemeinheit, dient. Dem Privatrecht zuzurechnen, sind dagegen jene Rechtsnormen,
die dem Schutz privater Interessen, somit von Interessen des einzelnen, bewirken soll.

27. Was besagt die Subordinationstheorie?


Diese Theorie zur Abgrenzung des öffentlichen Rechts vom Privatrecht knüpft daran
an, dass im öffentlichen Recht durch Über- und Unterordnung gekennzeichnete
juristische Herrschaftsverhältnisse auftreten.

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Grundlagen des Rechts

28. Was ist die Subjekttheorie?


Nach dieser gehört ein Rechtsverhältnis dem öffentlichen Recht an, wenn an ihm ein
Rechtsträger mit Hoheitsgewalt – „imperium“ – beteiligt ist, dessen Organe in Aus-
übung dieser Hoheitsgewalt tätig werden.

29. Ist das Rechnungslegungsrecht Teil des öffentlichen Rechts oder des
Privatrechts?
Privatrecht, da es sich um das Handelsrecht handelt
(kann aber auch öffentliches Recht sein Æ Finanzamt)

30. Was versteht man unter einem Rechtssubjekt?


Die Rechtswissenschaft definiert als Rechtssubjekt alle diejenigen, für welche die
Rechtsordnung Rechte und Pflichten festlegt.

31. Worin liegt der Unterschied zwischen einem Rechtssubjekt und einem
Rechtsobjekt?
Wer nicht Rechtssubjekt ist, der ist grundsätzlich als Rechtsobjekt mit der Konsequenz
anzusehen, dass er als Träger von Rechten und Pflichten nicht in Frage kommt.

32. Wer kann nach der österreichischen Rechtsordnung Rechtssubjekt sein?


• natürliche oder physische Personen (Mensch)
• juristische Personen (Gebilde, die Träger von Rechten und Pflichten sind)

33. Was ist ein Sklave?


Der Sklave der Antike war trotz seines Menschenseins nicht als Rechtssubjekt,
sondern als Objekt der Rechtsordnung wie etwa heute ein Auto.

34. Was versteht man unter einer juristischen Person?


Das sind von Menschen oder Organen geschaffenen verschiedene Gebilde, die Träger
von Rechten und Pflichten sein können.

35. Inwiefern ergeben sich für juristische Personen Einschränkung im Vergleich zu


natürlichen Personen?
Gewisse Einschränkungen ergeben sich aus der Natur der juristischen Person. (z.B.
Grundrechte) Schließlich kann eine juristische Person nicht selbst handeln und
benötigt daher Menschen, die für sie ein Verhalten setzen.

36. Nach welchen Gesichtspunkten werden juristische Personen eingeteilt?


Nach dem Entstehungsgrund wird unterschieden zwischen
• juristische Personen des öffentlichen Rechts
• juristische Personen des Privatrechts (Gesellschaften, AG, GesmbH)
Auf Grund der Ausgestaltung wird differenziert zwischen
• Körperschaften
• Anstalten
• Fonds und Stiftungen

37. Wie entstehen juristische Personen des öffentlichen Rechts? Wodurch


entstehen juristische Personen des Privatrechts?
Juristische Personen des öffentlichen Rechts entstehen unmittelbar auf Grund eines
eigenen Gesetzes oder eines speziellen Hoheitsaktes.

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Grundlagen des Rechts

Entstehungsgrund der juristischen Personen des Privatrechts ist ein Privatrechtsakt,


idR der Abschluss eines Gesellschaftsvertrags.

38. Welche Arten von juristischen Personen können auf Grund ihrer Ausgestaltung
unterschieden werden? Wodurch sind sie gekennzeichnet?
• Körperschaften (ihr Bestand ist vom Mitgliederwechsel unabhängig, die interne
Willensbildung erfolgt nach dem Mehrheitsprinzip und es ist eine Drittorganschaft
vorgesehen)
• Anstalten (= Einrichtungen zur Zweckverfolgung mit nach außen in Erscheinung
tretenden sachlichen und persönlichen Mitteln)
• Fonds und Stiftungen (= Zweckvermögen, also Vermögensmassen, die zur
Verfolgung bestimmter statutarisch festgelegter Zwecke eingesetzt werden.
StiftungÎ erfolgt die Zweckverfolgung nur aus den Erträgen des Zweckvermögens
FondsÎ hierbei ist auch der Zugriff auf das Zweckvermögen selbst zulässig)

39. Was bedeutet der Begriff der Völkerrechtspersönlichkeit?


Auch auf internationaler Ebene kommt manchen Einrichtungen Rechtspersönlichkeit
zu. Diese Völkerrechtspersönlichkeit beschreibt die Fähigkeit dieser Einheiten Träger
völkerrechtlicher Recht und Pflichten sein zu können Æ können völkerrechtlich
Verträge abschließen

40. Wem steht Völkerrechtspersönlichkeit zu?


Völkerrechtssubjektivität kommt u.a. den souveränen Staaten und manchen
internationalen Organisationen zu.

41. Was versteht man unter einem souveränen Staat?


Ein souveräner Staat liegt dann vor, wenn ein derartiges Gebilde (Völkerrechts-
persönlichkeit) über
• ein Staatsgebiet
• ein Staatsvolk und
• umfassende Staatsgewalt verfügt. (Insignien Æ Fahne, Hymne)

Umfassende Staatsgewalt bedeutet, dass der Staat nach außen zumindest formell den
anderen Staaten gegenüber gleichberechtigt ist, dass ihm also keine Anweisungen erteilt
werden können.
Nach innen ist für die Annahme einer umfassenden Staatsgewalt erforderlich, dass der
Staat den übrigen Rechtssubjekten auf seinem Staatsgebiet übergeordnet ist.

42. Unter welchen Voraussetzungen spricht man von einer internationalen


Organisation?
Internationale Organisationen sind Zusammenschlüsse idR von Staaten oder anderen
internationalen Organisationen auf internationaler Ebene, die über ein Mindestmaß an
Organisation verfügen, bestimmte Zwecke verfolgen und in aller Regel durch einen
Völkerrechtsakt begründet werden. Sie können, müssen aber nicht Völkerrechts-
persönlichkeit haben.

43. Was versteht man im öffentlichen Recht unter dem Begriff „Rechtsträger“?
Welche Rechtsträger des öffentlichen Rechts kennen Sie?
Darunter werden juristischen Personen öffentlichen Rechts verstanden, welche die
Befugnis haben, Verwaltungsorgane einzurichten, zu erhalten und mit Kompetenzen
auszustatten. (Organ, Behörde)

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Grundlagen des Rechts

44. Erklären Sie die Begriffe „Organ“ und „Organwalter“?


Unter einem Organ versteht man eine Einrichtung, die bestimmte Kompetenzen hat.
(„Ein Organ ist ein Zuständigkeitsbündel“) Ein Organwalter ist eine natürliche Person,
welche die Kompetenzen des Organs tatsächlich ausübt.

Organwalter wechseln; das Organ aber bleibt grundsätzlich das gleiche.

45. Am Schluss eines Bescheides findet sich die Klausel: „Für den Landes-
hauptmann: Dr. Müller“, Erklären Sie anhand dieses Beispieles die Begriffe
„Organ“ und „Organwalter“! Kann es sich um einen im Rahmen der mittelbaren
Bundesverwaltung ergangenen Bescheid handeln? Begründung!
Organ ist die Einrichtung „LANDESHAUPTMANN“
Oranwalter = Dr. Müller, welcher die Kompetenzen des Organs ausübt
Hierbei handelt es sich um einen Bescheid der mittelbaren Bundesverwaltung.
(BVB Æ LH)

46. Erklären sie die Begriffe „Behörde“, „Dienststelle“, „Amt“!


Behörden sind jene Organe der Vollziehung, die mit Hoheitsgewalt („imperium“)
ausgestattet sind. (sie können Verwaltungsakte setzen z.B. Bescheide, Verordnungen
oder Akte unmittelbarer verwaltungsbehördlicher Befehls- und Zwangsgewalt)
Eine Dienststelle ist dagegen eine organisatorische Einheit der Verwaltung, die einem
Organ zur Besorgung bestimmter öffentlicher Aufgaben beigegeben ist Æ Hilfsapparat
Sehr oft werden derartige Dienststellen auch als Amt bezeichnet.

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Grundlagen des Rechts

Abschnitt 2 – INTERNATIONALE ORGANISATIONEN, DIE EU


UND DER STAAT ALS GESTALTER
WIRTSCHAFTSRECHTLICHER RAHMENBEDINGUNGEN
Kapitel 1 I.: Organisation, Aufbau und Struktur internationaler
Einrichtungen

1. Wodurch können sich internationale Organisationen, Vertragssystem und


sonstige Einrichtungen unterscheiden?
• In der Art ihrer Gründung
• In der Möglichkeit zum Erwerb der Mitgliedschaft
• Im Ausmaß ihrer Rechtsfähigkeit
• In ihren Aufgaben und Kompetenzen
• In ihrem inneren Aufbau

2. Wer ist Mitglied der G 8? (= Group of eight)


Staats- und Regierungschef der sieben stärksten Industrienationen (BRD, Frankreich,
Großbritannien, Italien, Japan, Kanada sowie den USA) einschließlich Russlands.
(Kommissionspräsiden EU = kein vollwertiges Mitglied)

3. Was kennzeichnet die G 8?


Sie ist ein informelles, also ohne Rechtsgrundlage im eigentlichen Sinn stattfindendes
jährliches Treffen der Staats- und Regierungschefs. Die G 8 hat auch keine Organe.
Da die G 8 keine internationale Organisation ist, besteht keine Verpflichtung der
Teilnehmer zu Einhaltung der auf den Treffen gefassten Beschlüsse oder zur
Umsetzung von dort vereinbarten Aktionsplänen.

4. Welche Aufgaben hat die G 8?


Aufgabe der G 8 ist es, ein Forum für den Gedankenaustausch zwischen den weltweit
wichtigsten Staats- und Regierungschefs zu bilden. Diskutiert werden international
bedeutende wirtschaftliche, politische und soziale Fragen. (in concreto = makro- und
mikroökonomische Probleme, der internationale Handel, die Beziehungen zu den
Entwicklungsländern sowie zwischen West und Ost, um Fragen der Energieversorgung
sowie um die Bekämpfung des Terrorismus)

5. Worin liegt die Bedeutung der G 8?


Sie bildet auf Grund der Bedeutung ihrer Mitglieder bis zu einem gewissen Grad einen
Ansatz für „global governance“ („Weltregierung“), deren Wirkungen auf der
Koordinierung und Harmonisierung von Initiativen und Maßnahmen der politisch
wichtigsten Staaten beruhen.

6. Was ist der IWF?


Der Internationale Währungsfond ist eine internationale Organisation mit Sitz in
Washington. (184 Mitgliedstaaten) Æ Stimmrecht der Mitgliedstaaten bestimmt sich
nach der Beteiligung des jeweiligen Landes am Kapital des IWF.

7. Welche Aufgaben hat der IWF? Welche Maßnahmen kann der IWF setzen?
Hauptaufgabe des IWF ist die Wahrung der Stabilität des internationalen Währungs-
und Finanzsystems. Er soll Krisen im Gefüge der Weltwirtschaft verhindern helfen
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Grundlagen des Rechts

sowie bei der Lösung von Krisen Hilfe leisen. Seine Aufgaben erfüllt er durch Über-
wachung insb. der Wechselkurspolitik der Mitgliedstaaten, die Bereitstellung
technischer Hilfe sowie durch Kreditvergabe.

8. Aus welchen Organisationen besteht die Weltbank?


• der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD)
• der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA), einem Fonds
Ferner sind Teil der Weltbank-Organisation
• die Internationale Finanz-Corporation (IFC)
• die Multilaterale Investitions-Garantie-Agentur (MIGA) sowie das
• Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID)

9. Welche Aufgaben hat die Weltbank? Welche Maßnahmen kann sie setzen?
Die Weltbank ist der weltweit größte Anbieter von Entwicklungshilfe insb. in den
Bereichen Bildungswesen, HIV/AIDS-Bekämpfung und Gesundheitsprogramme. Sie
wird tätig durch Kreditgewährung, Gewährung von Zuschüssen und technischer Hilfe.

10. Welche internationale Organisation hat als Aufgabe ua den weltweiten Schutz
von Immaterialgüterrechten?
WIPO (World Intellectual Property Organization)

11. Was sind die Ergebnisse der Tätigkeit der WIPO?


Die Tätigkeit der WIPO führt zu
• Internationalen Abkommen auf dem Gebiet des Immaterialgüterrechts (die
ungeachtet ihrer völkerrechtlichen Verbindlichkeiten noch in innerstaatliches Recht
umgesetzt werden müssen, um Wirksamkeit entfalten zu können)
• Empfehlungen, die eine schnellere Reaktion auf neue, insb. technische
Entwicklungen erlauben (aber im Gegensatz zu Abkommen auch völkerrechtlich
unverbindlich sind)

12. Welche Arten von Abkommen gehen auf die Initiative der WIPO zurück?
• Abkommen zum Schutz von Immaterialgüterrechts
• Abkommen zur Einführung globaler Schutzsysteme (z.B. Registrierungs-
voraussetzungen)
• Klassifikationsabkommen (z.B. Markenrechte)

13. Welche Aufgaben hat die WTO?


• Aufstellung globaler Regeln für den Welthandel
• die Öffnung der nationalen Märkte für den Welthandel
• die Entscheidung in Handelskonflikten (wegen Verletzung von im Rahmen der WTO
getroffenen Vereinbarungen)
• Entwicklungsmaßnahmen

14. Nennen Sie die drei wichtigsten WTO-Regeln!


• GATT (General Agreement on Tariffs and Trade)
• GATS (General Agreement on Trade in Services)
• TRIPS (Agreement on Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights)

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Grundlagen des Rechts

15. Worin liegt der Unterschied zwischen dem GATT, dem GATS und dem TRIPS?
GATT = Regeln für den weltweiten Warenhandel
GATS = Welthandel mit Dienstleistungen (wie Finanzdienstleistungen, Tourismus,
Telekommunikation)
TRIPS = Regeln für den Bereich des Immaterialgüterrechts (Marken, Urheberrecht)

16. Welche Bedeutung hat der im WTO-Abkommen vorgesehene Streitbeilegungs-


mechanismus?
Zum eine bewirken diese eine Durchsetzbarkeit der verschiedenen WTO-Abkommen
auf internationaler Ebene. Zum anderen verhindern derartige Mechanismen das
Eingreifen von Selbsthilfemaßnahmen, die in weiterer Folge zu Handelskonflikten
führen könnten.

17. Welche Ziele verfolgt die OECD?


• Erreichung einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigung in den
Mitgliedsländern unter Wahrung einer finanziellen Stabilität
• Förderung eines gesunden Wirtschaftswachstums
• Ausweitung des Welthandels auf multilateraler und nicht-diskriminierender
Grundlage

18. Nennen Sie Beispiele für juristisch bedeutsame Akten der OECD?
• OECD Musterabkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung
• OECD Konvention zur Bekämpfung der Korruption
• OECD Grundsätze zur Corporate Governance
Aber auch die von der Unterorganisation FATF („Financial Action Task Force“)
beschlossene „Vierzig Empfehlungen“ zur Bekämpfung der Geldwäschen.

19. Welche Rechtsnatur hat die ICC?


Die International Chamber of Commerce (ICC) ist eine international tätige Interessens-
vereinigung. (Sie ist nichtstaatlich, sodass sie nicht als internationale Organisation im
völkerrechtlichen Sinn eingestuft werden kann) Î privatrechtlicher Verein ohne
völkerrechtliche Rechtspersönlichkeit

20. Welche Ziele hat die ICC?


• Förderung des Welthandels
(Lobbying-Maßnahmen, Maßnahmen zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität,
Entwicklung von Regelwerken zur Selbstregulierung von Geschäftszweigen)

21. Erreicht die ICC ihre Bedeutung durch bindende Rechtsakte?


Nein, Bedeutung gewinnen die Regelwerke der ICC durch die Akzeptanz dieser
Regelwerke in den einschlägigen internationalen Geschäftskreisen (die sich insb. in
ihrer Aufnahmen in die im internationalen Handelsverkehr abgeschlossenen Verträge
zeigen).

22. Welche Aktivitäten setzt die ICC?


Die juristisch praktisch wichtigsten Tätigkeiten sind:
• die Schiedsgerichtsbarkeit und die alternative Streitbeilegung
• die Entwicklung von Selbstregulierungswerken (z.B. Codes für den Bereich e-
commerce, Werbung, Marketing, Umweltschutz)
• die Aufstellung von Mustervertragsbedingungen

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Grundlagen des Rechts

23. Was sind Incoterms? Was versteht man unter den ERA 500 sowie den ERI?
Incoterms = Standardvertragsklauseln mit vorgegebenen Inhalt
ERA 500 = Einheitliche Richtlinien und Gebräuche für Dokumentenakkreditive
ERI = Einheitliche Richtlinien für Inkassi
Im Bankbereich sehr wichtig
24. Welche Rechtsnatur hat UNIDROIT?
Die International Institute for the Unification of Private Law ist eine unabhängige
internationale Organisation, die auf dem UNIDROIT Statut beruht, eine multilaterale
Vereinbarung. Î Vereinbarungen sind unverbindlich.

25. Welche Aufgaben hat UNIDROIT?


• Erforschung der Notwendigkeit und Methoden zur Modernisierung, Harmonisierung
und Vereinheitlichung des Privat- und insb. Wirtschaftsrechts zwischen Staaten und
Gruppen von Staaten (= Schaffung von materiellem Einheits(privat)recht)

26. Welche Typen von Regelwerken werden von UNIDROIT erlassen?


• Internationale Abkommen (International Conventions) = werden auf diplomatischen
Konferenzen beschlossen, sollen unverändert in das innerstaatliche Recht der
Mitgliedstaaten übernommen werden
• Modellgesetze (model law) = sollen dem nationalen Gesetzgeber als Vorbild für die
innerstaatliche Gesetzgebung dienen
• Allgemeine Grundsätze (general principles) = sollen Rechtsanwender (Gerichte,
Rechtsanwälte) dazu bringen, Streitfälle nach dem Vorbild dieser Grundsätze zu
lösen, ohne dass eine rechtliche Bindung der Rechtsanwender eintritt
• Rechtliche Leitlinien (legal guides) = diene der ersten Orientierung, sollen bereits zu
einem sehr frühen Zeitpunkt einer Harmonisierung der nationalen Vorschriften
dienen

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Kapitel 1 II.A.: Der institutionelle Aufbau der EU

1. Was versteht man unter der Drei-Säulen-Struktur der EU?


Der Aufbau der EU wird somit beschrieben. Nach dieser Struktur bilden die
gemeinsamen Bestimmungen des EUV das Dach der EU, das auf 3 Säulen ruht.
1. Säule = Europäische Gemeinschaften
2. Säule = GASP
3. Säule = PJZS
Der Sockel dieses Gebildes wird durch die Schlussbestimmungen des EUV gebildet.

Gemeinsame Bestimmungen

EGen GASP PJZS

Schlussbestimmungen

2. Ist der EWR Teil der EU?


Nein, der Europäische Wirtschaftsraum ist eine internationale Organisation, die in
weiten Bereichen auf Unions- und Gemeinschaftsrecht beruht. (aber es stehen den
Mitgliedstaaten der EWR keine vergleichbaren Mitspracherechte wie in der EU zu)

3. Wie viele Mitglieder hat die EU? Zählen Sie diese auf!
25 Mitglieder = Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich,
Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta,
Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien,
Tschechien, Ungarn, Zypern

4. Was versteht man unter dem gemeinsamen institutionellen Rahmen?


Das bedeutet, dass die EU als solche (Ausnahme = Europäische Rat) keine eigenen
Organe hat, sondern dass die Organe der ersten Säule auch in den anderen Säulen
sowie im Rahmen der EU als solche handeln. = ORGANLEIHE

5. Welcher Rechtsstatus kommt der EU zu?


Rechtlich stellt sich die EU als völkerrechtliche (vertraglich im EUV verankert)
zwischenstaatliche Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten der EU dar.

6. Nach dem Ausmaß der Integration werden drei Arten von Staaten unterschieden.
Welche sind das, und wie ist die EU in dieses System einzuordnen?
• Einheitsstaaten
• Bundesstaaten
• Staatenbünden
Die EU wird als Staatenverbindung auf völkerrechtlicher Grundlage eingestuft.

7. Aus welchen Bestandteilen besteht das Kontinuitätsgebot?


Das Kontinuitätsgesetz bedeutet, dass bei der Weiterentwicklung der Union
• der gemeinschaftliche Rechtsbesitzstand (acquis communautaire), jedenfalls zu
wahren ist,
• eine immer engere Zusammenarbeit anzustreben ist.

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Grundlagen des Rechts

8. Was versteht man unter dem Kohärenzgebot?


Eis gebietet eine bewusste institutionelle und organisatorische Verklammerung der EU
und der Europäischen Gemeinschaft.

Es verlange eine Zusammenarbeit in der Union iS von


• Äußerer Kohärenz = gemeinsames Auftreten der Union gegenüber Dritten
• Innere Kohärenz = dient der Wahrung des wirtschaftlichen und sozialen
Zusammenhalts in der Union
• Inhaltliche Kohärenz = Abstimmung der Maßnahmen von Politiken von Gemein-
schaft und Union im Innen- und Außenverhältnis

9. Wer ist Adressat des Kohärenzgebots?


Das Kohärenzgebot ist gerichtet an den Rat, die Kommission sowie den Mitglieds-
staaten.

10. Aus welchen Einheiten wird die erste Säule der EU gebildet?
• Europäische Gemeinschaft (EG)
• Europäische Atomgemeinschaft (EAG)

11. Welche Rechtsnatur und Aufgaben haben die Bestandteile der Säule 1?
Beide Gemeinschaften sind internationale Organisationen, weisen völkerrechtliche
Rechtspersönlichkeit auf und kommen innerstaatliche Rechts- und Geschäftsfähigkeit
zu. Primäres Ziel der EG = Etablierung eines Gemeinsamen Marktes; Primäres Ziel der
EAG = Vergemeinschaftung der europäischen Atomindustrie

12. Was bedeutet Supranationalität?


Das bedeutet, dass von diesen Organisationen Rechtsakte mit unmittelbarer Wirkung
für die Rechtsunterworfenen der Mitgliedstaaten erlassen werden können.

13. Welche Bedeutung hat das Schlagwort von der Mediatisierung der Rechts-
unterworfenen?
Mediatisierung = durch eigene Rechtsakte der Mitgliedstaaten werden Regelungen für
Rechtsunterworfene verbindlich. Nur der supranationale Charakter der EG und der
EAG heben die Mediatisierung der Rechtunterworfenen zumindest zum Teil auf und
begründen unmittelbare Rechte und Pflichten der Rechtsunterworfenen der
Mitgliedstaaten auf Grund des Gemeinschaftsrechts.

14. Welchen Einheiten der EU kommt supranationaler Charakter zu?


1 Säule = EG, EAG

15. Welche Ziele werden mit der GASP verfolgt?


Es wird im Rahmen der Gemeinsamen Außenpolitik angestrebt:
• die Wahrung der gemeinsamen Werte
• die Wahrung der grundlegenden Interessen
Die Gemeinsame Sicherheitspolitik bezweckt außerdem:
• die Sicherung der Unabhängigkeit und Unversehrtheit der Union
• die Wahrung der Sicherheit der Union
Zudem dient die GASP:
• der Wahrung des Friedens
• der Stärkung der internationalen Sicherheit
• der Förderung der internationalen Zusammenarbeit
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Grundlagen des Rechts

• der Entwicklung und Stärkung der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, der


Menschenrechte und Grundfreiheiten.

16. Was versteht man unter den Petersberg-Aufgaben? Im Rahmen welches Politik-
bereichs spielen diese eine Rolle?
Ein Bestandteil der GASP bildet die „Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungs-
politik“ (GESVP), welche freiwillige militärische Zusammenarbeit bei EU- geführten
Aktionen vorsieht. Die bereitgestellten operativen Kapazitäten sollen im Rahmen der
sog. Petersburg-Aufgaben eingesetzt werden. Diese umfassen u.a.
• humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze,
• friedenserhaltende Aufgaben,
• friedensschaffende Aufgaben einschließlich von Kampfeinsätzen zur Krisen-
bewältigung

17. Was sind die Ziele der PJZS?


Ziel der „Polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen“ (PJZS) ist die
Schaffung eines Raums der Freiheit, Sicherheit und des Rechts. (notwendige Folge
durch die Grundfreiheiten – freier Personenverkehr)

18. Welche Kriminalitätsformen werden im Rahmen der PJZS bekämpft?


Die PJZS dient der Bekämpfung von:
• Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
• schwerer Formen Kriminalität wie Terrorismus, Menschen-, Drogen- und Waffen-
handel, Bestechung und Betrug
• Formen organisierte Kriminalität einschließlich der Geldwäsche

19. In welchem Verhältnis stehen die PJZS und der Schengen-Vertrag?


Dabei handelt es sich um ein Vertragssystem, dass eigentlich außerhalb der EU und
der EG angesiedelt ist. Ziel ist die Schaffung des „Schengenraums“, in dem auch aus
sicherheitspolizeilichen Gründen keine Grenzkontrollen durchgeführt werden dürfen.
Dies bedingt, dass an den „Schengengrenzen“ verstärkte Kontrollen durchgeführt
werden. Notwendige Informationen werden durch das Schengen-Informationssystem
(SIS) bereitgestellt. (außerhalb des Schengenraums z.B. Großbritannien, Irland und die
neuen Mitgliedstaaten)

20. Worin besteht der Unterschied zwischen Gemeinschaftsrecht und Unionsrecht?


Gemeinschaftsrecht = Recht der EG und der EAG (mit Einschränkungen)
Unionsrecht = Recht des Dachs, des Sockels, 2. und 3. Säule

21. Was unterscheidet primäres vom sekundären Unionsrecht?


Primäres Unionsrecht sind alle Rechtsakte, die selbst nicht auf der Grundlage von
Unionsrecht geschaffen wurden und den rechtlichen Rahmen für die EU bilden.
(Verträge bilden den rechtlichen Rahmen der Union)
Zum sekundären oder abgeleiteten Unionsrecht gehören alle Rechtsakte, die auf der
Grundlage des primären Unionsrechts nach den dort vorgesehenen Verfahren und mit
den dort vorgesehenen Mitteln geschaffen werden.

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Grundlagen des Rechts

22. Welche Rechtsquellen werden zum primären Unionsrecht gezählt?


• Geschriebene Unionsrecht (Gründungsverträge, Beitrittsverträge, Vertrag von
Nizza, Amsterdam und Maastricht)
• Ungeschriebene Unionsrecht (Völkergewohnheitsrecht, Grundrechte, völker-
rechtliche allgemeine Rechtsgrundsätze)

23. Was sind die Besonderheiten des sekundären Unionsrechts im Hinblick auf
seine Rechtsqualität?
Das sekundäre Unionsrecht hat völkerrechtlichen Charakter und kann nur die
Mitgliedstaaten binden. Außerdem genießt das primäre im Gegensatz zum sekundären
Unionsrecht Vorrang.

24. Welche Arten sekundären Unionsrechts gibt es? Kurze Beschreibung!


• Zielvorstellungen und Leitlinien (vom Europäischen Rat vorgenommene Fest-
legungen allgemeiner politischer Zielvorstellungen über die Entwicklung der Union
Î politische Bedeutung)
• Gemeinsame Strategien (sind auf die Festlegung konkreter Ziele gerichtet)
• Gemeinsame Standpunkte und Gemeinsame Aktionen (mit diesen wird das
Vorgehen der Union in einer abgegrenzten Frage festgelegt Î politische
Bedeutung, aber sie können auch rechtlich bindend sein)
• Rahmenbeschlüsse und andere Beschlüsse (dienen der Angleichung der Rechts-
und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten)
• Völkerrechtliche Übereinkommen (werden von der EU ausgearbeitet, den Mitglieds-
staaten wird eine Annahme empfohlen)
• Durchführungsbeschlüsse (dienen der Setzung konkreter Maßnahmen zur
Umsetzung Gemeinsamer Standpunkte und Gemeinsamer Aktionen)

25. Wie heißt das politisch bedeutenste Organ der GASP?


der Europäische Rat

26. Besteht die rechtliche Möglichkeit zur Beteiligung an den „Petersberg-Aufgaben“


auch für Österreich als neutraler Staat?
Ja, in der EU sind wir solidarisch.
Allfällige neutralitätsrechtliche Probleme in Bezug auf die Teilnahme an der GASP sind
gegenwärtig durch Art 23f B-VG zwar weitgehend entschärft, zumal der politische Wille
einer „flexiblen“ Interpretation der einschlägigen neutralitätsrechtlichen Bestimmungen
vorhanden ist.

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 1 II.B.1.: Der institutionelle Aufbau der EU

1. Aus welchem Grund wird von einem Mangel an Gewaltenteilung im Rahmen


insb. der EG gesprochen?
Es gibt keine Gewaltenteilung im klassischen Sinn in die Staatsfunktionen der
Legislative, Exekutive und Judikatur bei den Organen der EG. Die meisten Organe
übernehmen sowohl gesetzgebende als auch vollziehende sowie rechtssprechende
Funktionen.

2. Wie ist der Mangel an Gewaltentrennung zu bewerten?


Es ist sicherlich ein demokratiepolitisches Defizit, aber man sollte nicht vergessen,
dass es sich bei der EU um eine besondere Struktur der EG handelt. Es ist nämlich ein
freiwilliger Zusammenschluss souveräner Staaten. Außerdem wird die fehlende
Gewaltenteilung zum Teil durch andere, spezifische europarechtliche Kontroll-
mechanismen ausgeglichen.

3. Unterscheiden Sie die Begriffe authentische Sprache, Arbeitssprache und Amts-


sprache! Welche ist die für den Rechtsunterworfenen praktisch wichtigste?
• Authentische Sprache = jene Sprachen, in denen der Text der Gründungsverträge
rechtsverbindlich ist.
• Arbeitssprache = jene Sprachen, in denen der interne Betrieb der Organe abläuft
(Kommission = Englisch, EuGH = Französisch)
• Amtssprache = jene Sprachen, in denen die Organe nach außen hin tätig werden
und in denen sich die Rechtsunterworfenen an die Organe wenden können, daher
ist sich auch für diese die praktisch wichtigste

4. Nach welchen Grundsätzen bestimmen sich die Kompetenzen der EU?


• Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung
• Implied powers Theorie
• Generalermächtigung zur Rechtsetzung nach Art. 308 EG

5. Was besagt das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung?


Die Kompetenzen der Organe und der EG sollen nur dort bestehen, wo diese
ausdrücklich in den Gründungsverträgen vorgesehen werden. (z.B. zur Verwirklichung
der Grundfreiheiten und von EG durchzuführenden Politiken z.B. Verkehrspolitik,
Wettbewerbspolitik, Verbraucherschutzpolitik)

6. Was sind die implied powers iSd Rechtssprechung des EuGH?


Danach haben die EG und ihre Organe nicht nur die in den Verträgen ausdrücklich
zugewiesenen Kompetenzen, sondern darüber hinaus auch solche, die für die effektive
Ausübung der ausdrücklich zugewiesenen Kompetenzen erforderlich sind.

7. Was bedeutet die Generalermächtigung zur Rechtssetzung?


Unter bestimmten Voraussetzungen kann trotz Fehlens einer ausdrücklichen
Kompetenzvorschrift und der Unanwendbarkeit der implied-powers-Lehre dennoch
eine Kompetenz zur Rechtsetzung begründet werden, falls ein Tätigwerden der
Gemeinschaft zur Verwirklichung eines ihrer Ziele erforderlich scheint.

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Grundlagen des Rechts

8. Was besagt das Schlagwort von den Mitgliedstaaten als den Herren der
Verträge?
Die Mitgliedstaaten werden als die „Herren der Verträge“ bezeichnet, weil nur ihnen die
Befugnis zur Abänderung der unions- und gemeinschaftsrechtlichen Regelungen mit
primärrechtlichen Charakter und insb. der Kompetenzverteilung zukommt.

9. In welchem Verhältnis stehen die Kompetenztatbestände zueinander?


Das Hauptprinzip der Kompetenzverteilung ist das Prinzip der begrenzten Eigen-
ermächtigung, das von den anderen beiden Grundsätzen ergänzt wird.
Rechtliche Begründungen für die Einräumung der Kompetenzen gibt es nicht. EG
kommt keine Kompetenz zu mit der sie die Aufgabenverteilung zwischen den Mitglieds-
staaten und der Gemeinschaft von sich aus ändern könnte.

10. Welche Organe der EG kennen Sie?


• Rat
• Kommission
• Parlament
• EuGH
• ERH
• Nebenorgane mit bloß eingeschränkter Rechtsstellung
• Weitere Organe z.B. die Europäische Zentralbank (EZB), das Europäische System
der Zentralbanken (ESZB)

11. Kann die Kommission vor dem EuGH verklagt werden? Gilt das auch für den
Ausschuss der Regionen?
EuGH: Ja, Kommissionsmitglieder können enthoben werden
Ausschuss der Regionen: Ja, er hat aber keine volle Organstellung

12. Welche beiden Organe bezeichnet der Begriff Rat? Worin liegt der Unterschied
zwischen diesen beiden Organen?
• Europäische Rat (das politische Leitungsorgan – Dach – der EU)
• Rat der EU („Ministerrat“ – ein Vertreter jedes Mitgliedsstaates auf Ministerebene,
der befugt ist, für die Regierung des Mitgliedsstaates verbindlich zu handeln; z.B.
Landeshauptmann, da dieser Mitglied einer Gliedstaatregierung ist

13. Welche Rolle kommt dem Europäischen Rat zu?


Es fungiert als politisches Leitungsorgan der EU

14. Welche Sonderformen des Rats der EU kennen Sie?


• bei besonders bedeutsamen Angelegenheiten tagt der Rat mit den Staats- und
Regierungschefs
• der allgemeine Rat (die Außenminister der Staaten)
• Fachräte (z.B. ECOFIN-Rat; wird von den Finanz- bzw. Wirtschaftsministern
gebildet)
• weiters: Verkehrsministerrat, Landwirtschaftsministerrat, Gesundheitsministerrat,…

15. Wer ist der Präsident des Rates?


Im Rat wechselt der Vorsitz, die sog. Präsidentschaft, alle 6 Monate unter den
Mitgliedstaaten, wobei der Vertreter des jeweils vorsitzführenden Landes als Präsident
des Rates bezeichnet wird.

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Grundlagen des Rechts

16. Welche Abstimmungserfordernisse gibt es für die Beschlussfassung im Rat?


Die Beschlussfassung im Rat erfolgt grundsätzlich durch einfache Mehrheit. In
manchen Fällen ist Einstimmigkeit oder eine sog. qualifizierte Mehrheit vorgesehen.

17. Was bedeutet das Erfordernis der qualifizierten Mehrheit im Rat?


Den Mitgliedstaaten kommen unterschiedliche Stimmgewichte zu, welche sich insb.
nach der Bevölkerungszahl bestimmt. Doppelte Mehrheit = es muss eine bestimmte
Mindestanzahl von Stimmen vorhanden sein, aber auch eine hinreichende Anzahl von
Mitgliedstaaten muss zustimmen.

18. Welche Aufgaben hat der Rat? Was ist dabei seine Hauptaufgabe?
Neben Rechtsetzungsbefugnissen hat der Rat ua auch politische Befugnisse insb. im
Bereich der Wirtschaftspolitik.

19. Der Rat wird als das Hauptrechtsetzungsorgan der EG bezeichnet. Kann der Rat
im allgemeine von sich Rechtsvorschriften erlassen?
Nein, er kann dabei grundsätzlich nur auf Vorschlag der Kommission und idR unter
Beteiligung des EP tätig werden.

20. In welchen Einheiten der EU wird der Rat tätig?


Er wird in allen drei Säulen und in beiden Gemeinschaften der ersten Säule tätig.

21. Worin bestehen die Aufgaben von COREPER I und COREPER II?
= Ausschuss der ständige Vertreter (Comité des Représentants Permanents)
Aufgaben von COREPER ist die Vorbereitung der Tagesordnungen der Ratssitzungen
sowie die inhaltliche Vorbereitung der zu treffenden Entscheidungen.
COREPER I = für die Klärung technischer Fragen zuständig, wird durch Boschafter-
Stellvertreter gebildet
COREPER II = behandelt politische Frage und wird mit den Botschaftern der
Mitgliedstaaten beschickt

22. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche sind falsch?
• Der Vorsitz im Rat der EG wird vom „Mister GASP“, dem so genannten
Außenminister der EU ausgeübt.
• Dem Rat kommt eine wesentliche Bedeutung bei der Rechtssetzung der
EG zu.
• Auf Grund der entsprechend dem Grundsatz der Gleichberechtigung
festgelegten Stimmengewichtung hat bei Beschlüssen des Rates, die eine
qualifizierte Mehrheit verlangen, die Stimme jedes Mitgliedstaates das
gleiche Gewicht.
• Der Rat wird auch als „Hüter der Verträger“ bezeichnet.
• Zu den Aufgaben des Rats zählt auch der Abschluss völkerrechtlicher
Vereinbarungen.
• Der Vorsitz im Rat wechselt alle sechs Monate.
• Dem Rat ist zur Vorbereitung der Tagesordnung der Ratssitzungen und
der dort zu treffenden Entscheidungen ein „Ausschuss der Ständigen
Vertreter“ (COREPER) beigegeben.

23. Der Jusstudent Max behauptet, dass der Rat der EG immer einstimmig
entscheidet, um den Einfluss auch der kleineren Mitgliedstaaten zu wahren.
Stimmen Sie dieser Aussage zu?

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Grundlagen des Rechts

Nein, die Beschlussfassung erfolgt grundsätzlich durch einfache Mehrheit, nur in


manchen Fällen ist Einstimmigkeit oder eine qualifizierte Mehrheit erforderlich.

24. Was versteht man unter der Kommission?


Die Kommission ist das politische Leitorgan der EU (bzw. den gleichnamigen
Verwaltungsunterbau).

25. Welche Grundsätze bestimmen die Zusammensetzung der Kommission


allgemein?
Allgemein gilt, dass aus jedem Mitgliedsstaat mindestens ein Kommissionsmitglied
kommt (25 Mitglieder) und nicht mehr als zwei Mitglieder aus einem Mitgliedsstaat
kommen dürfen.

26. Welche Grundsätze gelten derzeit für die Bildung der Kommission?
Im Gefolge des Vertrags von Nizza wurde auf die Ausnutzung der Regelung mit zwei
Kommissionsmitgliedern verzichtet. Kommissionsmitglieder müssen Staatsangehörige
der Mitgliedstaaten sein. Amtsperiode = 5 Jahre, Wiederernennung möglich.

27. Der österreichische Kommissar wird aufgefordert, bei seiner Tätigkeit nicht
immer die Interessen Österreichs außer Acht zu lassen. Wird er diese Zurufe
befolgen? Begründung!
Nein, die Kommissionsmitglieder haben ihr Amt in völliger Unabhängigkeit auszuüben.
Sie sind keine Vertreter der Mitgliedstaaten, sondern haben allein im Interesse der EU
zu handeln.

28. Nenne Sie die beiden in der Kommission vorzufindenden Arten von Mitgliedern!
Welche Aufgaben haben Sie? Gibt es eine Aufgabenteilung?
• Kommissionspräsident = er hat die politische Führung inne und entscheidet über
die interne Organisation
• Kommissionsmitglieder (Kommissar) = jeder Kommissar führt sein eigenes Ressort.
Die Ressortverteilung spiegelt sich in der Einteilung des Verwaltungsunterbaus
Kommission in Generaldirektionen wieder.

29. Welche Grundsätze gelten für die Beschlussfassung in der Kommission?


Beschlüsse fasst die Kommission als Kollegialorgan mit absoluter Mehrheit.

30. Welche organisatorische Gliederung weist der Verwaltungsapparat Kommission


auf?
Die Ressortverteilung der Kommissare (16.000) spiegelt sich, in der Einteilung des
Verwaltungsunterbaus Kommission, in Generaldirektionen wieder. Diese wiederum
sind in Direktionen und Abteilungen gegliedert. Diese Abteilungen werden auch als
Referate bezeichnet.
Kommissionspräsident
K K K K K K
Generaldirektion Ressort

Verwaltungsunterbau
Referate
Direktionen Abteilung

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Grundlagen des Rechts

31. Beschreiben Sie den Vorgang der Ernennung der Kommission!


Die Bildung der Kommission beginnt mit der Ernennung des Präsidenten der
Kommission. Dieser wird vom Rat in der Zusammensetzung der Staats- und
Regierungschefs ernannt. (qualifizierte Mehrheit reicht aus, jedoch meist konsensual)
Der Ernennung des Kommissionspräsidenten muss das Europäische Parlament
zustimmen. Die übrigen Kommissionsmitglieder werden auf Vorschlag der einzelnen
Mitgliedstaaten vom Rat mit qualifizierter Mehrheit im Einvernehmen mit dem
designierten Präsidenten ernannt. Die so gebildete Kommission benötigt als Kollegium
die Zustimmung des Parlaments. Nach erfolgter Zustimmung des Europäischen
Parlaments wird die so bestätigte Kommission vom Rat mit qualifizierter Mehrheit
endgültig ernannt.

32. Wann endet das Amt der Kommissionsmitglieder?


• Zeitablauf (Amtsperiode = 5 Jahre; Wiederernennung möglich)
• Tod
• Rücktritt
• Amtsenthebung

33. Was bedeutet das Schlagwort von der rechtlichen und politischen
Verantwortlichkeit der Kommission?
Rechtliche Verantwortlichkeit = bei schweren Verfehlungen kann das Kommissions-
mitglied auf Antrag des Rates oder der Kommission durch den EuGH seines Amtes
enthoben werden.
Politische Verantwortlichkeit = das Europäische Parlament kann, mit der Mehrheit von
2/3 der abgegebenen Stimmen und der Mehrheit der Abgeordneten der Kommission,
das Misstrauen aussprechen. (Kommission tritt in ihrer Gesamtheit zurück)

34. Welche Aufgaben hat die Kommission?


Die Kommission wird in allen Säulen und in allen Gemeinschaften tätig.
• Initiativmonopol = d.h. der Rat wird idR nur auf Vorschlag der Kommission tätig
(„Motor der Gemeinschaft“)
• „Hüterin der Verträge“ = ihr obliegt die Kontrolle der Einhaltung des primären und
sekundären Gemeinschaftsrechts (sie kann auch Aufsichts- bzw. Vertrags-
verletzungsklagen erheben)
• ihr kommen abgeleitete Rechtsetzungsbefugnisse zu
• ist für die Außenbeziehungen der Gemeinschaft zuständig
• ihr kommt das passive und aktive Gesandtschaftsrecht zu (somit kann sie
diplomatische Vertreter entsenden und empfangen)
Sie hat die Vertretung der Gemeinschaft in den Mitgliedstaaten wahrzunehmen und sie
ist ua für den Budgetvollzug verantwortlich.

35. Welche Umstände bezeichnet das Schlagwort von der Kommission als Motor der
Gemeinschaft?
Der Kommission kommt das Initiativmonopol zu, d.h. der Rat wird idR nur auf
Vorschlag der Kommission tätig.

36. Warum wird die Kommission als Hüterin der Verträge bezeichnet?
Ihr obliegt die Kontrolle der Einhaltung des primären und sekundären Gemeinschafts-
rechts (ihr steht auch die Möglichkeit offen Aufsichts- bzw. Vertragsverletzungsklagen
zu erheben)

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Grundlagen des Rechts

37. Welche Interessen werden von der Kommission vertreten, welche vom Rat?
Auf Grund ihrer Aufgaben und der rechtlichen Unabhängigkeit der Kommissions-
mitglieder ist die Kommission funktional jenes Organ, dem die Wahrung der
Gemeinschaftsinteressen zukommt, während der Rat als Organ zur Wahrung der
Interessen der Mitgliedstaaten einzustufen ist.

38. Welche Funktion nimmt der Rat ein, welche die Kommission?
Von ihrem Tätigkeitsschwerpunkt her ist die Kommission ungeachtet ihrer legislativen
und rechtssprechenden Aufgaben va ein Exekutivorgan, dass dem primär als
Legislativorgan einzustufendem Rat gegenübersteht.

39. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche sind falsch?
• Die Europäische Kommission besteht aus 626 Abgeordneten.
• Die Mitglieder der Kommission werden auf fünf Jahre ernannt, eine
Wiederernennung ist möglich.
• Die Kommission wird als „Hüterin der Verträge“ bezeichnet.
• Der Kommissionspräsident wird von den Regierungen der Mitglieds-
staaten im gegenseitigen Einvernehmen ernannt, wobei die Ernennung der
Zustimmung des Europäischen Parlaments bedarf.
• Ein Kommissionsmitglied kann auch bei grober Pflichtverletzung erst
nach Ablauf der fünfjährigen Amtsperiode seines Amtes enthoben werden.
• Die Kommission fasst ihre Beschlüsse immer einstimmig.
• Die Kommission ist in Generaldirektionen, Direktionen und Referate
gegliedert.

40. Wie viele Abgeordnete hat das EP? Wie werden sie bezeichnet? Wie werden sie
ermittelt?
Das Europäische Parlament hat nach gegenwärtigem Stand 732 Mitglieder, die als
Mitglieder des EP (MEP) bezeichnet werden. Die Abgeordneten werden alle 5 Jahre
direkt vom Volk gewählt.

41. Wo befindet sich der Sitz des EP?


Das Plenung des EP tagt in Straßburg, seine Ausschüsse haben ihren Sitz in Brüssel,
während sich das Sekretariat in Luxemburg befindet.

42. Welche Grundsätze gelten für die Beschlussfassung im EP?


• Konsensquorum (absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen)
• Präsensquorum (1/3 der Abgeordneten; nur wenn nicht ausdrücklich festgestellt)

43. Welche Aufgaben hat das EP?


Die Aufgaben des EP lassen sich in 3 Kategorien einteilen. Es geht dabei um die
Wahrnehmung der
• Rechtsetzungsfunktion, der
• Beratungsfunktion und der
• Kontrollfunktion.

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Grundlagen des Rechts

44. Teilen Sie die Arten der Rechtsetzungsverfahren nach dem Ausmaß der
Mitbestimmung des EP ein!
• Anhörungsverfahren = der Rechtsakt wird auf Vorschlag der Kommission
durch den Rat nach Anhörung des EP erlassen Î
kann den Rechtsakt inhaltlich nicht unmittelbar
beeinflussen
• Zusammenarbeitsverfahren = Kommissionsvorschlag wird nicht nur dem Rat,
sondern auch dem EP zugeleitet. EP gibt eine
Stellungnahme ab, auf dessen Grundlage ein
gemeinsamer Standpunkt beschlossen wird Î
Rechtsakt kann zwar nicht verhindert, aber
verzögert werden
• Mitentscheidungsverfahren = Kommissionsvorschlag wird dem Rat und dem EP
zugeleitet Î hier kann das EP den Erlass eines
Rechtsaktes endgültig verhindern
• Zustimmungsverfahren = hier kann das EP einen geplanten Rechtsakt
endgültig zum Scheitern bringen

45. Welche Rechte des EP sind Ausdruck seiner Kontrollfunktion?


• Möglichkeit eines Misstrauensvotums gegen die Kommission
• (im Fragerecht gegenüber der Kommission)
• Möglichkeit zur Entlastung der Kommission für den Budgetvollzug
• Möglichkeit zur Einsetzung von Untersuchungsausschüssen

46. Warum spricht man bei einem Vergleich der Kompetenzen der EP mit nationalen
Parlamenten von einem „demokratischen Defizit“ der Union und ihrer
Gemeinschaften? Welche Kompetenzen hat das EP?
Auf Grund der fehlenden Gewaltenteilung, da jedes der Organe sowohl legislative,
exekutive und judikative Aufgaben übernimmt spricht man vom demokratischen Defizit.
Die Rechtsetzungsfunktion de EP ist diejenige Aufgabe, die das EP in die Nähe eines
nationalen Parlaments bringt. Dabei kommt dem EP grundsätzlich kein Initiativrecht zu,
sodass es auf die Vorlage der Entwürfe von Rechtsakten durch die anderen Organe
angewiesen ist.

47. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche sind falsch?
• Das EP setzt sich aus 626 Abgeordneten zusammen.
• Die Abgeordneten des EP werden alle fünf Jahre von den Regierungen der
Mitgliedstaaten bestellt.
• Das EP fasst seine Beschlüsse grundsätzlich – und sofern in einzelnen
Vertragsbestimmung nicht anders normiert ist – mit der absoluten
Mehrheit der abgegebenen Stimmen bei Anwesenheit von mindestens
einem Drittel der Abgeordneten.
• Das EP beschließt die Gesetze der EG, die als „Verordnungen“ und
„Richtlinien“ bezeichnet werden.

48. In welchen Spruchkörpern wird der EuGH tätig?


• Das Gericht erster Instanz (EuG)
• Der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaft (EuGH) im eigentlichen Sinn

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Grundlagen des Rechts

49. Wie setzt sich der EuGH zusammen?


Er besteht aus 25 Richtern, wobei aus jedem Mitgliedsstaat ein Richter zu kommen
hat. Zusätzlich weist er 8 Generalanwälte auf, wobei diese Zahl bei Bedarf erhöht
werden kann.

50. Was versteht man unter dem Grundsatz der Partialerneuerung?


Richter und Generalanwälte werden für 6 Jahre vom Rat ernannt.
Partialerneuerung = alle 3 Jahre werden abwechselnd 12 und 13 Richterstellen sowie
die Hälfte der Generalanwälte neu besetzt.

51. Welche Qualifikationen müssen Richter und Generalanwälte des EuGH


aufweisen?
Für die Ausübung der Funktion des Richters oder des Generalanwaltes ist es
erforderlich, dass der Kandidat Gewähr für seine persönliche Unabhängigkeit bietet
und juristisch besonders qualifiziert ist – d.h., dass er im Heimatstaat die Befähigung
für höchstrichterliche Ämter haben muss oder ein Jurist von anerkannt hervorragender
Befähigung ist.

52. Welche für Richter typische Eigenschaft kommt auch den Generalanwälten des
EuGH zu? Was sind die so genannten „begründeten Schlussanträge“ der
Generalanwälte? Bewirken Sie eine inhaltliche Bindung des Gerichtshofes?
Die Richter entscheiden die anhängigen Rechtfälle. Die Generalanwälte haben für
jeden am EuGH anhängigen Fall einen begründeten Schlussantrag zu stellen, der als
Entscheidungsvorschlag für die Richter dient und in den weitaus meisten Fällen auch
befolgt wird.

53. Welche Funktionen üben Richter und Generalanwälte am EuGH aus?


Sie entscheiden die anhängigen Rechtsfälle

54. In welchen Säulen wird der EuGH tätig?


Der EuGH wird in allen Gemeinschaften der ersten Säule tätig.

55. Welchem Organ kommt innerhalb der EG das Auslegungsmonopol zu? Was
bedeutet dieser Begriff?
Der EuGH hat das sog. Auslegungsmonopol, d.h.
• ihm obliegt die Sicherung der Wahrung des Rechts bei der Auslegung und
Anwendung der Gründungsverträge und des auf seiner Grundlage ergangenen
Sekundärrechts
• zum anderen sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, ihre Streitigkeiten über die
Auslegung und Anwendung des Gemeinschaftsrechts nur nach dem im Vertrag
vorgesehen Verfahren zu klären.

56. In welchem Verhältnis stehen EuGH und EuG zueinander?


Der EuG wird nur in erster Instanz tätig (z.B. Dienstrechtsfragen, Klagen gegen Organe
etwa in Wettbewerbssachen, Schadenersatzklagen sowie über sämtliche Direktklagen
natürlicher und juristischer Personen), wobei ein auf Rechtsfragen beschränkter
Rechtszug an den EuGH besteht. (zweite Instanz)

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Grundlagen des Rechts

57. Besteht gegen Entscheidungen EuG eine alle Fragen umfassende Rechtsmittel-
möglichkeit (allenfalls innerhalb welcher Frist?) an den EuGH? Wer ist befugt,
ein Rechtsmittel einzubringen? Wird der Vollzug der Entscheidung des EuG
damit aufgeschoben?
Der EuG wird in der 1. Instanz tätig, wobei ein auf Rechtsfragen beschränkter Rechts-
zug an den EuGH besteht (2. Instanz). Das Rechtsmittel muss binnen 2 Monaten
eingebracht werden und hat keine aufschiebende Wirkung.
Rechtsmittelbefugt sind:
• die Parteien des ursprünglichen Verfahrens,
• Streithelfer, soweit sie von der Entscheidung unmittelbar berührt sind,
• die Organe der Gemeinschaft und die Mitgliedstaaten, selbst wenn sie nicht als
Streithelfer im ursprünglichen Verfahren aufgetreten sein sollten.

58. Was kann aus der Geschäftszahl Rs T-117/98 einer Entscheidung abgeleitet
werden? Was aus der Geschäftszahl Rs C-12/01P?
Rs T-117/98 Î hierbei handelt es sich um eine Entscheidung des EuG
Rs C-12/01P Î hierbei handelt es sich um eine Entscheidung des EuGH in 2. Instanz

59. Nennen Sie die Grundsätze des Verfahrens vor dem EuGH!
• Schriftlichkeit
• Öffentlichkeit
• Unmittelbarkeit des Beweisverfahrens sowie des
• Vertretungszwangs

60. Welche Aufgaben hat der ERH (= Europäischer Rechnungshof)?


• Prüfung der Gebarung (Verhalten) der Gemeinschaften und ihrer Einrichtungen auf
Rechtmäßigkeit, Ordnungsmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit (= Kontrollorgan)

61. Welche Aufgaben haben die sog Nebenorgane? Warum werden sie so
bezeichnet?
Nebenorgane haben Beratungsaufgaben und Anhörungsrechte. WSA und AdR werden
als Nebenorgane bezeichnet, weil ihnen keine volle Organstellung insb. bei Klagen vor
dem EuGH zukommt.

62. Welche Interessenvertreter sind im WSA?


Der Wirtschafts- und Sozialausschuss wird aus den Vertretern der verschiedenen
wirtschaftlichen und sozialen Bereichen der organisierten Zivilgesellschaft gebildet.

63. Welche Interessen sollen im AdR gewahrt werden?


Im Ausschuss der Regionen sind Vertreter der regionalen und lokalen Gebiets-
körperschaften, die entweder ein auf Wahlen beruhendes Mandat in einer regionalen
oder lokalen Gebietskörperschaft innehaben oder gegenüber einer gewählten
Versammlung politisch verantwortlich sind.

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 1 II.B.2.: Die Rechtsquellen des Gemeinschaftsrechts

1. Worin besteht der Unterschied zwischen primärem und sekundärem


Gemeinschaftsrecht?
Das primäre Gemeinschaftsrecht ist dadurch gekennzeichnet, dass es nicht auf
Grundlage von anderen Unions- oder Gemeinschaftsrecht und auf in diesem
vorgesehenen Regeln geschaffen wurde.
Im Gegensatz dazu ist das sekundäre Gemeinschaftsrecht durch die Organe der EU
auf Grundlage des primären Gemeinschaftsrecht, nach den dort normierten Verfahren
und Regeln erzeugtes Gemeinschaftsrecht (=abgeleitetes Gemeinschaftsrecht).

2. Welche Arten des primären Gemeinschaftsrechts kennen Sie?


• geschriebenes (gesatztes) primäres Gemeinschaftsrecht (Gründungsverträge,
Beitrittsverträge, Vertragsrevisionen und völkerrechtlichen Verträgen Î
EU Æ USA; bindend für die ganze EU)
• ungeschriebenes primäres Gemeinschaftsrecht (Gewohnheitsrecht, allgemeine
Rechtsgrundsätze, Grund- und Freiheitsrechte)

3. Welche Rechtsquellen des primären Gemeinschaftsrechts kennen Sie?


Gründungsverträge mit allen Änderungen und Ergänzungen
Allgemeine Rechtsgrundsätze
Völkervertragsrecht
(Grundrechtcharta Î nicht verbindlich)

4. Welche Bedeutung haben die allgemeinen Rechtsgrundsätze im Gemeinschafts-


recht?
Sie zählen zum ungeschriebenen Primärrecht des Gemeinschaftsrechts. Darunter
werden Rechtsprinzipien verstanden, die zwar in den gemeinschaftlichen Verträgen
nicht ausdrücklich genannt werden, die aber zu den gemeinsamen Rechtstraditionen
der Mitgliedstaaten zählen und insoweit den Verträgen stillschweigend zugrunde
liegen.

5. Inwiefern besteht eine Bindung an die Grund- und Freiheitsrechte im


Gemeinschaftsrecht?
= ein Sonderfall der allgemeinen Rechtsgrundsätze Î ungeschriebenes Primärrecht
Diese wurde vom EuGH als Bestandteil der gemeinsamen Verfassungsüberlieferung
der Mitgliedstaaten angesehen und auf diese Weise als primäres Gemeinschaftsrecht
anerkannt, obwohl weder die EU noch die EG-Vertragspartner der Europäischen
Menschenrechtskonvention beigetreten sind. (Neuerdings wurde eine Charta der
Grundrechte der EU verfasst, aber diese wird nicht als verbindliches Gemeinschafts-
recht eingestuft.)

6. Welche Rechtsatzformen des sekundären Gemeinschaftsrechts kennen Sie?


Welche davon sind verbindlich?
• Verordnung
• Richtlinie verbindlich
• Entscheidung
• Empfehlungen und Stellungnahmen Î unverbindlich

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Grundlagen des Rechts

7. Was ist eine Verordnung?


= ein generell-abstrakter verbindlicher Rechtsakt (in allen Teilen verbindlich).
Sie ist diejenige Rechtsatzform, die den supranationalen Charakter der Gemeinschaft
zum Ausdruck bringt, weil sie für die Rechtsunterworfenen der Mitgliedstaaten ohne
weiteren Umsetzungsakt gilt Î Mittel der Rechtsvereinheitlichung

8. Was ist eine Richtlinie?


= ein generell-abstrakter verbindlicher Rechtsakt
Sie ist für jeden Mitgliedstaaten, an den sie gerichtet ist, hinsichtlich des zu
erreichenden Ziels verbindlich (Wahl der Mittel ist nicht vorgeschrieben); die durch die
Richtlinien vorgeschriebenen Regeln müssen in das nationale Recht umgesetzt
werden, um wirksam zu werden Î Mittel der Rechtsangleichung oder Harmonisierung

9. Was ist eine Entscheidung?


= eine individuell-konkrete verbindliche Norm, weil sie nur für die in der Entscheidung
genannten Adressaten Rechtswirkungen hat.

10. Was sind Empfehlungen und Stellungsnahmen?


= sind nicht verbindlich. Jedoch ist der vorherige Erlass von Empfehlung und Stellungs-
nahmenn, in manchen Verfahren, eine notwendige Voraussetzung für einen weiteren
Verfahrensschritt; ein Ignorieren derartiger Rechtsakte kann in weiterer Folge zu einem
verbindlichen Rechtsakt führen.

11. Welcher wesentliche Unterschied besteht grundsätzlich zwischen (nach den


Regeln des primären Gemeinschaftsrechts erzeugten) Verordnungen und
Richtlinien im Hinblick auf ihre Verbindlichkeit bzw. Wirksamkeit?
Verbindlichkeit:
Verordnung: in allen Teilen verbindlich, gilt unmittelbar in jedem Mitgliedsstaat
(=supranationaler Charakter)
Richtlinie: ist für jeden Mitgliedsstaat, an den sie gerichtet ist, hinsichtlich des zu
erreichenden Ziels verbindlich
Wirksamkeit:
Verordnung: gilt für Rechtsunterworfene der Mitgliedstaaten ohne weiteren
Umsetzungsakt Î Mittel der Rechtsvereinheitlichung
Richtlinie: bedürfen einer Umsetzung ins nationale Recht um für die Rechts-
unterworfenen wirksam zu werden Î Mittel der Rechtsangleichung

12. Warum stellen Verordnungen Mittel der Rechtsvereinheitlichung dar?


Sie bringt den supranationalen Charakter der Gemeinschaft zum Ausdruck, weil sie für
die Rechtsunterworfenen der Mitgliedstaaten ohne weiteren Umsetzungsakt gilt. (gleich
Form der Rechtsvorschrift in jedem Mitgliedstaat)

13. Warum werden Richtlinien als Mittel der Rechtsangleichung und Harmonisierung
angesehen?
Die durch Richtlinien vorgeschriebenen Regeln müssen erst ins nationale Recht
umgesetzt werden, um für die Rechtsunterworfenen wirksam zu werden. (gleiches Ziel
jedoch unterschiedliche Form der Rechtsvorschriften in jedem Mitgliedstaat)

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Grundlagen des Rechts

14. Was versteht man unter einer Höchstnorm, was unter einer Mindestnorm?
Manchmal lässt der Gemeinschaftsgesetzgeber den Mitgliedstaaten de facto keinen
Umsetzungsspielraum mehr, weil er das Ziel derart genau umschreibt, dass den
mitgliedstaatlichen Gesetzgebern überhaupt keine Handlungsfreiheit mehr bleibt. Î
Normierung von Höchstnormen.
Andere Richtlinien legen nur ein Mindestniveau fest, sodass strengere nationale
Regelungen zulässig bleiben Î Mindestharmonisierung

15. Warum sind Empfehlungen und Stellungnahmen ungeachtet der ihnen fehlenden
rechtlichen Verbindlichkeit dennoch nicht rechtlich bedeutungslos?
Weil in manchen Verfahren vorgesehen ist, dass der vorherige Erlass von
Empfehlungen und Stellungnahmen die notwendige Voraussetzung für einen weiteren
Verfahrensschritt ist Î ein Ignorieren derartiger Rechtsakte kann aber in weiterer
Folge zu einem verbindlichen Rechtsakt führen.

16. In welche Teile wird das ABI (Amtsblatt) gegliedert? Was beinhalten diese Teile?
• ABI L = hier werden verbindliche Rechtsakte veröffentlicht
• ABI C = Veröffentlichung von unverbindlichen Rechtsakten sowie von
vorbereitenden Akten der Gemeinschaftsorgane
• ABI P = Veröffentlichung von Ausschreibungen

17. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche sind falsch?
a. Die Richtlinien des sekundären Gemeinschaftsrechts gelten grundsätzlich
in jedem Mitgliedsstaat unmittelbar.
b. Verordnungen und Richtlinien werden im Amtsblatt kundgemacht.
c. Eine Stellungsnahme der Kommission – etwa vor Erhebung einer
Aufsichtsklage gegen einen Mitgliedstaat – ist zwar nicht verbindlich,
rechtlich aber nicht bedeutungslos.
d. Im Gegensatz zur Verordnung ist die Entscheidung eine individuell-
konkrete Norm, die für ihre Adressaten verbindlich ist.
e. Verordnungen sind lediglich hinsichtlich ihrer Ziele verbindlich, während
die Art ihrer Umsetzung in das innerstaatliche Recht den Mitgliedstaaten
vorbehalten bleibt.
f. Die verschiedenen Grundtypen der im EG-Vertrag festgelegten Recht-
setzungsverfahren unterscheiden sich vor allem im Ausmaß der Mit-
bestimmung des Europäischen Parlaments.

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 1 II.C.: Die Durchsetzung des Gemeinschaftsrechts

1. Welche Arten des Vollzugs von Gemeinschaftsrecht kennen Sie?


• gemeinschaftsunmittelbarer Vollzug
• unmittelbarer mitgliedstaatlicher Vollzug
• mittelbarer mitgliedstaatlicher Vollzug

2. Welche Fallkonstellationen der Überprüfung von Rechtsvorschriften fallen in die


Kompetenz des EuGH?
Es geht dabei um die Überprüfung der Übereinstimmung von
• Gemeinschaftsrecht mit anderem, höherrangigem Gemeinschaftsrecht,
• nationalem Recht mit Gemeinschaftsrecht.
Er kann nur Aussagen über das Gemeinschaftsrecht und nicht über das nationale
Recht machen. Er kann keine Kompetenz zur Auslegung des nationalen Rechts.

3. Der Jusstudent Max meint, dass der EuGH die Gewerbeordnung (öffentliches
Recht) prüfen solle. Welches Problem übersieht er dabei?
Der EuGH darf nicht das nationale Recht auslegen, sondern nur das Gemeinschafts-
recht und kann damit in diesem Rahmen nur prüfen, ob eine Regelung wie die des in
Frage stehenden nationalen Rechts nach Gemeinschaftsrecht zulässig ist.

4. Nenne Sie die wichtigsten Klagsarten!


• Vertragsverletzungsklage
• Nichtigkeitsklage
• Untätigkeitsklage
• Vorabentscheidungsverfahren

5. Was ist Gegenstand der Aufsichtsklage?


= überprüft die Übereinstimmung von nationalem Recht mit Gemeinschaftsrecht

6. Deutschen Banken ist die Beibehaltung anonymer Sparbücher nach dem EU-
Beitritt Österreichs ein Dorn im Auge. Konnten die Banken selbst gegen die aus
damaliger Sicht wahrscheinliche Verletzung von sekundärem Gemeinschafts-
recht vorgehen? Welche Möglichkeiten standen ihnen noch zur Verfügung?
Nein, es gibt keine direkte Klagmöglichkeit der deutschen Banken an die
österreichischen Banken. Möglichkeit wäre eine Klage gegen den österreichischen
Staat durch die Kommission (Vertragsverletzungsklage), sehr unwahrscheinlich. Auch
Staatshaftung wäre möglich, aber sehr unwahrscheinlich.

7. Beschreiben Sie den Ablauf eines Vertragsverletzungsverfahrens!


Das Vertragsverletzungsverfahren wird normalerweise von der Kommission eingeleitet.
Ist sie der Auffassung, dass ein Mitgliedstaat gegen Gemeinschaftsrecht verstoßen
hat, so gibt sie diesem Gelegenheit zur Äußerung zu den von ihr relevierten
Kritikpunkten Î die Aufforderung wird als „Mahnschreiben“ oder „blauer Brief“
bezeichnet. Wenn die darauf folgende Stellungnahme des Mitgliedstaats der
Kommission nicht hinreichend (ausreichend) erscheint, so gibt sie eine mit Gründen
versehene Stellungsnahme ab. (in ihr wird auch eine Frist festgelegt) Î damit wird der
Streitgegenstand einer allfälligen nachfolgenden Aufsichtsklage festgelegt.
Nach Ablauf der Frist (zur Herstellung des gemeinschaftsrechtskonformen Zustands)
kann die Kommission bei Nichtbefolgung eine Vertragsverletzungsklage erheben.

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Grundlagen des Rechts

Bei einem verurteilende Erkenntnis des EuGH hat der Mitgliedstaat den vorher
genannten Zustand herbeizuführen. Erfolgt dies nicht rechtzeitig, kann auf Antrag der
Kommission ein Zwangsgeld verhängt werden.

8. In welcher Beziehung hat das vor Erhebung der eigentlichen Vertrags-


verletzungsklage durchzuführende Verfahren Bedeutung für das nachfolgende
Verfahren vor dem EuGH?
Hierbei kann der Streitgegenstand einer allfälligen nachfolgenden Aufsichtklage
festgelegt werden.
Allfällige Verstöße des Mitgliedstaats gegen das Gemeinschaftsrecht, die von der
Kommission nicht im Vorverfahren releviert worden sind, können nicht in einer nach-
folgenden Vertragsverletzungsklage geltend gemacht werden, sondern sind in einem
neuen Vertragsverletzungsverfahren zu relevieren.

9. Was ist Gegenstand der Nichtigkeitsklage?


= zielt auf die Kontrolle der Übereinstimmung von Gemeinschaftsrecht mit anderem
Gemeinschaftsrecht.

10. Welche Bedeutung hat die Unterscheidung zwischen privilegierten und nicht-
privilegierten Klagsberechtigten? In welchem Verfahren ist diese
Unterscheidung von Relevanz?
Relevanz hat diese Unterscheidung bei der Nichtigkeits- und Untätigkeitsklage.
Privilegierte Klagsberechtigte: sie können gegen alle Handlungen von EP, Rat,
Kommission, sowie EZB (Nichtigkeitsklage) bzw.
auch gegen die Mitgliedsstaaten (Untätigkeits-
klage) eine Klage erheben, soweit es sich bei
diesen Handlungen nicht um rechtlich
unverbindliche Empfehlungen oder Stellungnahme
handelt, und soweit diese Rechtswirkungen
gegenüber Dritte erzeugen.
Nichtprivilegierte Klagsberechtige: das sind natürliche und juristisch Personen,
welche nur unter eingeschränkten Voraus-
setzungen Klage erheben können. Sie können
nämlich nur gegen an sie ergangene
Entscheidungen oder gegen andere Personen
gerichtete Entscheidungen oder gegen Ver-
ordnungen Klage erheben, soweit sie durch den
Rechtsakt unmittelbar und individuelle betroffen
sind.

11. Wo ist das Kriterium der unmittelbaren und individuellen Betroffenheit von
Bedeutung? Was besagt es?
Bei der Nichtigkeits- und Untätigkeitsklage.
Die unmittelbare und individuelle Betroffenheit bei nichtprivilegierten Klagsbefugten
macht keine Schwierigkeiten bei einer gegen den Kläger ergangene Entscheidung. Ihr
Nachweis wird bei gegen andere Personen gerichtete Entscheidungen sowie
Verordnungen insofern problematisch, als der Kläger nachweisen muss, dass die
Entscheidung/Verordnung die Individualisierung eines bestimmten Personenkreises
erlaubt und zudem der Kläger diesem Personenkreis zuzurechnen ist.

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Grundlagen des Rechts

12. Kann Nichtigkeitsklage erhoben werden, wenn


• im Anhörungsverfahren und nicht im eigentlich einschlägigen
Mitentscheidungsverfahren entschieden wird,
Ja, hierbei handelt es nicht um eine Zuständigkeitsprobleme (falsches Verfahren
wurde gewählt)
• trotz gemeinschaftsrechtlich vorgesehener Anhörung des WSA eine solche
unterbleibt,
Ja, denn das Verfahren selbst wäre mangelhaft (Verfahrensvorschriften)
• eine eigentlich zur Verwirklung des Wettbewerbs dienende Kompetenz-
vorschrift zum Erlass einer Richtlinie herangezogen wird, welche die
Werbung für ein bestimmtes Produkt aus gesundheitlichen Gründen
vollständig verbietet?
Ja, denn die Rechtsgrundlage wäre nicht heranziehbar gewesen

13. Was ist Gegenstand der Untätigkeitsklage?


Mit der Untätigkeitsklage wird die Säumigkeit eines Gemeinschaftsorgans beim Erlass
von Rechtshandlungen releviert.

14. Was bedeutet hinreichende Determinierung iZm der Untätigkeitsklage?


D.h., dass bereits auf Grund der jeweiligen Vertragsbestimmungen klar sein muss,
welche Rechtshandlungen mit welchem Inhalt und Ziel das Organ setzten hätte
müssen.

15. Was ist Gegenstand eines Vorabentscheidungsverfahrens?


Das Vorabentscheidungsverfahren ist keine Klagsart im eigentlichen Sinn. Es ist eine
Verfahrensart zur Vereinheitlichung der Auslegung des primären und sekundären
Gemeinschaftsrechts. Es dient dazu, den nationalen Gerichten bei Zweifeln über die
Auslegung und Anwendung von Gemeinschaftsrecht dadurch Hilfe zu bieten, dass die
offenen gemeinschaftsrechtlichen Fragen vom EuGH entschieden werden.

16. Unter welchen Voraussetzungen liegt ein Gericht iSd Art 234 EG vor?
Das Vorliegen eines Gerichts iSd Art 234 EG setzt voraus
• seine Unabhängigkeit, also Weisungsfreiheit,
• seine Bindung an rechtsstaatlichen Verfahrensregeln,
• die Möglichkeit zum Erlass bindender Entscheidungen auf der Grundlage von
Rechtsnormen.

17. Wer ist allgemein in Österreich im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens


vorlageberechtigt? Unter welchen Voraussetzungen besteht eine Vorlagepflicht?
Von den vom EuGH als Gerichte iSd Art. 234 EG anerkannten mitgliedstaatlichen
Einrichtungen ist jede grundsätzliche vorlageberechtigt. (in Österreich z.B. die
Unabhängigen Verwaltungssenate) Entscheidet ein Gericht in letzter Instanz besteht
eine Vorlagepflicht dieses Gerichtes. Voraussetzung für eine Vorlagepflicht oder ein
Vorlagerecht ist, dass für eine Entscheidung eines mitgliedstaatlichen Gerichts in
einem bei ihm anhängigen Verfahren eine Frage des Gemeinschaftsrechts zu klären
ist.

18. Inwieweit ist die Kompetenz des EuGH zur Entscheidung in Vor-
abentscheidungsverfahren eingeschränkt?
Der EuGH kann nicht direkt über die Auslegung des nationalen Rechts, sondern nur
über jene des Gemeinschaftsrechts entscheiden. Er entscheidet somit nicht unmittelbar
das vor dem nationalen Gericht anhängige Verfahren.
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Grundlagen des Rechts

19. Den Richter A interessiert für einen von ihm verfassten Kommentar, ob eine
österreichische Bestimmung mit Gemeinschaftsrecht vereinbar ist. Wird der
EuGH diese Frage beantworten, wenn er sie trotz ihres fehlenden Bezugs zum
eigentlichen Prozess im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens dem
EuGH zur Entscheidung vorliegt?
Die Einleitung eines Vorabentscheidungsverfahrens liegt grundsätzlich im Ermessen
des nationalen Gerichts. Es ist allein Sache des mitgliedsstaatlichen Gerichts zu
beurteilen, ob eine Frage des Gemeinschaftsrechts für das bei ihm anhängige
Verfahren von Relevanz ist und daher im Einzelfall eine Vorlagepflicht besteht.
Nein, denn damit der EuGH entscheidet muss es einen Anlassfall geben, denn bloß
hypothetische Vorlagefragen werden nicht beantwortet.

20. Ein letztinstanzliches Gericht verweigert trotz Vorliegens aller Voraussetzungen


die Einleitung eines Vorabentscheidungsverfahrens. Was kann eine Partei des
Verfahrens dagegen machen?
Diese Verweigerung stellt einen Verstoß gegen das Grundrecht auf den gesetzlichen
Richter dar. Eine Partei kann die Einleitung eines Vorabentscheidungsverfahrens aus
solchen Gründen mittelbar erzwingen.

21. In welchen Fällen darf auf die Einleitung eines Vorabentscheidungsverfahrens


verzichtet werden?
Eine Vorlage an den EuGH kann allerdings unterbleiben, falls
• eine gefestigte Rechtsprechung des EuGH in dieser Frage besteht,
• kein vernünftiger Zweifel an der Auslegung und Anwendung der betreffenden Norm
des Gemeinschaftsrechts bestehen kann,
• das mitgliedstaatliche Gericht kein letztinstanzliches Gericht ist und damit zur
Vorlage bloß berechtigt und nicht verpflichtet ist,
• im Verfahren keine Frage des Gemeinschaftsrechts berührt wird.

22. Darf das vorlegende Gericht bei seiner Entscheidung von der in einem Vor-
abentscheidungsverfahren getroffenen Entscheidung des EuGH abweichen?
Das vorlegende Gericht ist an das Ergebnis des Vorabentscheidungsverfahrens grund-
sätzlich gebunden. Das gilt allerdings nur insoweit, als es die Auslegung des Gemein-
schaftsrechts betrifft. Stellt sich im weiteren Verfahren heraus, dass die im Vor-
abentscheidungsverfahren vorgelegte Auslegungsfrage nicht mehr relevant ist, kann
das nationale Gericht das Ergebnis insoweit unbeachtet lassen.

23. Was bedeutet der Begriff der unmittelbaren Anwendbarkeit des Gemein-
schaftsrechts?
Es ist ein Instrument, um dem Gemeinschaftsrecht eine möglichst lückenlose Geltung
zu verschaffen. Bei der unmittelbaren Anwendbarkeit geht es darum, einer Vorschrift
des Gemeinschaftsrechts Wirksamkeit zu zuerkennen, ohne dass weitere
konkretisierende Rechtsakte des Gemeinschaftsgesetzgebers oder des mitglied-
staatlichen Gesetzgebers gesetzt werden müssen.

24. Unter welchen Voraussetzungen sind Gemeinschaftsnormen durch mitglied-


staatliche Vollzugsorgane unmittelbar anwendbar und begründen entsprechende
Rechte Einzelner?
Die in Frage kommende Vorschrift muss hinreichen klar und präzise sein.

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Grundlagen des Rechts

Das bedeutet, dass vorliegen müssen:


• unbedingte Wirksamkeit (keine weitere Handlung eines Organs)
• Fehlen von Ermessenspielräumen
• Unbeachtlichkeit allfälliger Auslegungsfragen

25. Welchen Gemeinschaftsrechtsakten kann unmittelbare Anwendbarkeit grund-


sätzlich zukommen?
• Grundfreiheiten
• Richtlinienrecht (vertikale bzw. horizontale Direkteinwirkung)

26. Was versteht man unter vertikaler Direktwirkung? Wird sie anerkannt?
Begründung!
Es erfolgt eine Berufung auf die Richtlinie durch den Rechtsunterworfenen im
Verhältnis zu jenem Mitgliedstaat, der die Richtlinie nicht ordnungsgemäß ins nationale
Recht transferiert hat. Man spricht von „vertikaler Direkteinwirkung“, weil sich
gleichsam in vertikaler Richtung zwischen dem Rechtsunterworfenen und dem ihm
übergeordneten Mitgliedstaat erfolgt. Der säumige Staat kann sich nicht zu seinem
Gunsten auf eine ihm zuzurechnendes Säumnis berufen.

27. Was versteht man unter horizontaler Direktwirkung? Wird sie anerkannt?
Begründung!
Sie betrifft jene Konstellation, in denen sich ein Rechtsunterworfener im Verhältnis zu
einem anderen Rechtsunterworfenen zu seinem Gunsten auf eine nicht ordnungs-
gemäße umgesetzte Richtlinie zu berufen versucht. Es heißt „horizontale
Direktwirkung“, weil sich zwei Rechtsunterworfenen auf der gleichen Stufe gegenüber
stehen. Es ist nicht eindeutig, welche der beiden Parteien schutzwürdig(er) ist, deshalb
wird diese Direktwirkung nicht anerkannt und deshalb abgelehnt.

28. Was wird mit dem Schlagwort vom Anwendungsvorrang des Gemeinschafts-
rechts beschrieben?
Diese Rechtsfigur regelt den Fall, dass nationales Recht und Gemeinschaftsrecht
einander widersprechen sollten. Bei Widerspruch besteht ein Anwendungsvorrang des
Gemeinschaftsrechts. (das nationale Recht wird unangewendet gelassen)

29. Besteht der Vorrang des Gemeinschaftsrechts gegenüber dem nationalen


österreichischen Recht nach herrschender Ansicht ausnahmslos?
Nein, der sog. integrationsfeste Kern der (österreichischen) Verfassung ist
ausgenommen.

30. Welche Wirkungen hat der Anwendungsvorrang auf entgegenstehendes


nationales Recht?
Das entgegenstehende nationale Recht wird durch das Gemeinschaftsrecht nicht
aufgehoben, sondern bloß unangewendet gelassen.

31. Der Jusstudent Max erklärt seiner Freundin, dass das Gemeinschaftsrecht
„Vorrang“ vor dem innerstaatlichen Recht hat. Was meint er damit? In welcher
maßgeblichen Entscheidung des EuGH wurde der Vorrang des Gemeinschafts-
recht erstmals begründet?
Er meint damit, dass bei einem Widerspruch zwischen nationalem Recht und
Gemeinschaftsrecht ein Anwendungsvorrang des Gemeinschaftsrechts besteht.

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Grundlagen des Rechts

32. Was besagt der Grundsatz der gemeinschaftskonformen Auslegung?


Bei mehreren Auslegungsmöglichkeiten des nationalen Rechts ist jener der Vorzug zu
geben, die zu einer Übereinstimmung des nationalen Rechts mit dem Gemeinschafts-
recht führt. Nationales Recht darf also im Zweifel nicht so ausgelegt werden, dass es
im Widerspruch zum Gemeinschaftsrecht steht.

33. Welche Rechtsinstrumente dienen dem Ausgleich von finanziellen Nachteilen


wegen Verstößen gegen das Gemeinschaftsrecht?
• Pflicht zur Erstattung gemeinschaftsrechtswidrig erhobener Abgaben,
• Amtshaftung der Organe der EU für Schäden, die durch ihr Fehlverhalten
verursacht wurden,
• Staatshaftung der Mitgliedstaaten.

34. Was versteht man unter Staatshaftung?


Die Staatshaftung wird durch Verstöße der Mitgliedstaaten gegen das Gemeinschafts-
recht ausgelöst und verpflichtet diese zum Ersatz der dem Einzelnen dadurch
zugefügten Schäden.

35. Wodurch unterscheiden sich Staatshaftung und gemeinschaftsrechtliche Amts-


haftung?
• Staatshaftung = Verstöße der Mitgliedstaaten
• Amtshaftung = Verstöße der Organe der EU (wenn ein Organ im Rahmen
seines Amtes einen Verstoß zum Nachteil eines anderen begeht)

36. Unter welchen Voraussetzungen wird ein Staatshaftungsanspruch begründet?


• Verstoß gegen das Gemeinschaftsrecht
• Einräumung von Rechten
• Bestimmbarkeit der eingeräumten Rechten
• Ein hinreichend qualifizierter Verstoß
• Kausalität

37. Gibt es eine Haftung für legislatives Unrecht?


Staatshaftung (Fehler des Gesetzgebers)

38. Welche Grundsätze sind im nationalen Recht bei der Aufstellung von Regeln zur
Durchsetzung von Staatshaftungsansprüchen zu beachten?
Regeln für die Durchsetzung von Staatshaftungsansprüchen ist Sache der Mitglieds-
staaten, aber sie dürfen nicht ungünstiger als für vergleichbare, auf nationalem Recht
beruhende Ansprüche sein.
Sie dürfen das Geltendmachen von Staatshaftungsansprüchen weder praktisch
unmöglich noch übermäßig erschweren.
Bei der Ermittlung der Schadenshöhe darf der entgangene Gewinn nicht vollständig
von der Ersatzfähigkeit ausgeschlossen werden. Den Geschädigten darf eine
Schadensminderungspflicht auferlegt werden.
Es darf auch von ihm verlangt werden, dass er rechtzeitig alle ihm zur Verfügung
stehenden Rechtsmittel einsetzt, um ein gemeinschaftswidriges Verhalten der
mitgliedstaatlichen Organe zu korrigieren.

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 2 I.: Der Staatsaufbau Österreichs

1. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche falsch?


a. Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt.
b. Die Amtsperiode des Bundespräsidenten beträgt sechs Jahre, die längst-
mögliche Amtsperiode kann 18 Jahre betragen.
c. Der Bundespräsident kann u.a. durch Volksabstimmung abgewählt
werden.
d. Die Umwandlung Österreichs von einer Republik in eine Monarchie kann
alleine durch ein vom Nationalrat beschlossenes Verfassungsgesetz
erfolgen. (nein, nur durch Volksabstimmung, denn hierbei würde es sich
um eine Gesamtänderung der Grundprinzipien handelnt)
e. Der Bundespräsident kann den Außenminister gegen den Willen des
Bundeskanzlers entlassen.

2. Nennen Sie die wichtigsten Aufgaben des Bundespräsidenten!


• Vertretung der Republik nach außen
• Beurkundung der Bundesgesetze
• Ernennung und Entlassung des Bundeskanzlers
• Entlassung der gesamten Bundesregierung
• Ernennung und Entlassung eines einzelnen Bundesministers auf Vorschlag des
Bundeskanzlers
• Oberbefehl über das Bundesheer
• Ehelicherklärung unehelicher Kinder
• Begnadigung in Einzelfällen

3. Was versteht man unter der rechtlichen und politischen Verantwortlichkeit des
Bundespräsidenten?
• Rechtliche Verantwortlichkeit = wegen schuldhafter Verletzung der Bundes-
verfassung kann seine Amtsperiode durch den
Verfassungsgerichtshof beendet werden
• Politische Verantwortlichkeit = er kann von dem Bundesvolk durch Volks-
abstimmung aus seinem Amt enthoben werden Î
Beliebtheit

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 2 II.: Die Gesetzgebung

1. Was ist ein Einkammersystem, was ein Zweikammersystem?


• Einkammersystem = hier ist für die Gesetzgebung nur eine Kammer zuständig.
• Zweikammersystem = hier sind zwei Kammern an der Gesetzgebung beteiligt

2. Warum ist in Österreich auf Bundesebene ein Zweikammersystem vorgesehen?


Weil an der Gesetzgebung Nationalrat und Bundesrat beteiligt sind. Jeder
Gesetzesbeschluss des Nationalrates muss dem Bundesrat zur Beschlussfassung
zugeleitet werden. (Föderalismus)

3. In welchem Bereich der österreichischen Gesetzgebung gibt es ein Einkammer-


system?
Für die Gesetzgebung der Länder sind ausschließlich die Landtage zuständig.
(Gemeinderat)

4. Was versteht man unter einem suspensiven Veto?


Der Bundesrat hat ein suspensives Veto, wenn er mit dem Gesetzesbeschluss
unzufrieden ist. Allerdings kann er damit ein Gesetz nicht endgültig verhindern, denn
sein Einspruch kann durch einen Beharrungsbeschluss des Nationalrats wirkungslos
werden.

5. Der Jusstudent Max vertritt die Ansicht, dass jedes vom Nationalrat
beschlossenes Gesetz nur dann in Kraft treten kann, wenn der Bundesrat keinen
gegenteiligen Beschluss fasst. Stimmen Sie ihm zu?
Nein, der Bundesrat hat nur ein suspensives Veto (bei Unzufriedenheit im Bezug auf
den Gesetzesbeschluss), d.h. er kann damit ein Gesetz nicht endgültig verhindern,
denn sein Einspruch kann durch einen Beharrungsbeschluss des Nationalrates
wirkungslos werden.

6. Was versteht man unter dem freien Mandat?


Der Abgeordnete (vom Landtag geschickt) kann im Parlament seine eigene
Entscheidung treffen; unabhängig vom Auftrag des Wählers und von der Meinung
seiner Partei. Er wählt aus freier Überzeugung und damit wird der „Clubzwang“
unterschlagen. (man ist an keine Weisungen gebunden Æ keine rechtliche Bindung)

7. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche falsch?


a. Der Nationalrat besteht aus 183 Abgeordneten.
b. Die Abgeordneten des Nationalrates sind an die Weisungen des Bundes-
präsidenten gebunden.
c. Herr A ist berechtigt, bei der Nationalratswahl neben seiner auch die
Stimme seines im Ausland weilenden Nachbarn, Herrn B, der ihm dazu die
Vollmacht erteilt hat, abzugeben, wobei er sich genau an die Anweisungen
des Herrn B zu halten hat.
d. Die Mitwirkung des Bundesrates an der Gesetzgebung des Bundes ist
Ausdruck des demokratischen Prinzips. (nein, bundesstaatliches)
e. Die Mitglieder des Nationalrats und des Bundesrates bilden gemeinsam
die Bundesversammlung. (lobt den Bundespräsidenten an)
f. Die Mitglieder des Bundesrates werden für die Dauer der Gesetzgebungs-
periode des Nationsrats gewählt. (Partialerneuerung)

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Grundlagen des Rechts

g. Die Mitglieder des Bundesrates sind in wichtigen Fragen an die


Weisungen des Landeshauptmannes ihres Bundeslandes gebunden.
(freies Mandat)

8. Welche Grundsätze des Wahlrechts bestehen bei der Wahl der Abgeordneten
zum Nationalrat? Was bedeuten diese Grundsätze im Einzelnen?
• Allgemeines Wahlrecht = alle Staatsbürger, die das Mindestalter erreicht haben
sind wahlberechtigt
• Gleiches Wahlrecht = das potentielle Gewicht jeder Stimme ist dasselbe
• Unmittelbares Wahlrecht = Wahlberechtigte müssen jene Personen, die sie wählen
wollen, selbst bezeichnen
• Geheimes Wahlrecht = Vorkehrung zur Geheimhaltung des Wahlverhaltens sind zu
treffen
• Freies Wahlrecht = Wähler darf nicht in rechtliche oder faktische Weise
beeinträchtigt werden
• Persönliches Wahlrecht = jeder Wähler muss seine Stimme selbst abgeben
• Verhältniswahlrecht = alle politischen Parteien, die eine bestimmte Anzahl von
Stimmen erreichen, sollen im Nationalrat nach Maßgabe ihrer Stärke vertreten sein.

9. Was versteht man unter dem aktiven, was unter dem passiven Wahlrecht?
• Aktives Wahlrecht = das Recht zu wählen
• Passives Wahlrecht = das Recht gewählt zu werden

10. Wie werden die Mitglieder des Bundesrats bestimmt?


Die Mitglieder des Bundesrates werden durch den Landtag des betreffenden Bundes-
landes für die Dauer der Landesgesetzgebungsperiode gewählt Î Grundsatz der
Partialerneuerung.

11. Was ist die Bundesversammlung?


Die Mitglieder des Nationalrats und des Bundesrats bilden nach Art. 38 B-VG
gemeinsam die Bundesversammlung.

12. Wer beschließt die Landesgesetze?


Die Landesgesetzgebung ist die zentrale Aufgabe der Landtage. Es bestehen jedoch
Mitwirkungsrechte der Bundregierung.

13. Welche Mitwirkungsrechte der Bundesregierung an der Landesgesetzgebung


gibt es?
• Zustimmungsrecht (dieses absolute Vetorecht ist eine Ausnahme)
• Einspruchsrecht nach Art. 98 B-VG (Die Bundesregierung kann wegen Gefährdung
von Bundesinteressen binnen 8 Wochen gegen den Gesetzesbeschluss einen
begründeten Einspruch erheben Æ nur suspensives Veto; Beharrungsbeschluss
der Landtage möglich)

14. Der Jusstudent Max behauptet, dass es grundsätzlich verfassungsrechtlich


möglich wäre, dass seine 17jährige Schwester bei der Landtagswahl ihres
Bundeslandes wahlberechtigt ist, obwohl sie das für das aktive Wahlrecht zur
Nationalratswahl erforderliche Mindestalter noch nicht erreicht hat. Hat er
Recht? Begründung!
Ja, es ist zulässig, dass die Landtagswahlordnungen die Bedingungen des Wahlrechts
weiter als für die Wahl zum Nationalrat ziehen. Verfassungsrechtlich ist nur geboten,
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Grundlagen des Rechts

dass die Bedingungen des Wahlrechts in den Landtagsordnungen nicht enger als für
die Wahl zum Nationalrat gezogen werden dürfen. (so darf etwas das Wahlalter bei
Landtagswahlen niedriger, nicht aber höher als bei Nationalratswahlen sein)

15. Welches Grundprinzip der österreichischen Bundesverfassung kommt durch die


Kompetenzverteilung zum Ausdruck?
Das bundesstaatliche Prinzip

16. Was besagt der Grundsatz der strikten Kompetenztrennung? Was versteht man
unter konkurrierenden Kompetenzen? Welches Modell ist in Österreich
vorrangig verwirklicht?
Im österreichischen Recht gilt der Grundsatz der strikten Kompetenztrennung. Daher
sind nur Gesetzgebung bzw. Vollziehung in einer bestimmten Angelegenheit entweder
nur der Bund oder nur das Land zuständig. Konkurrierende Kompetenzen sind Fälle, in
denen Bund und Länder die Kompetenz zur Gesetzgebung oder Vollziehung zukommt.
Diese sind im österreichischen Verfassungsrecht die Ausnahmen.

17. Was versteht man unter den Begriffen der Weder-Noch-Kompetenz und der
Kompetenz-Kompetenz?
Weder-Noch-Kompetenz = Die Gesamtregelung fällt weder in den alleinigen
Kompetenzbereich des Bundes noch der Länder. Das Regelungsgebiet ist nach
einzelnen Bereichen getrennt. Derartige Rechtsgebiete werden als Querschnitts-
materie bezeichnet, weil sowohl Bund als auch Länder gesetzgeberisch tätig werden
müssen, um ein geplantes Gesetzesvorhaben in seiner Gesamtheit kompetenzkonform
zu verwirklichen.
Kompetenz-Kompetenz = Das ist die Befugnis zur Festlegung und Änderung der
Kompetenzen zur Gesetzgebung bzw. Vollziehung. Die Kompetenz-Kompetenz steht
in Österreich grundsätzlich dem Bund zu.

18. Welche Möglichkeiten der allgemeinen Kompetenzverteilung sieht das öster-


reichische Verfassungsrecht vor?
• Gesetzgebung und Vollziehung sind Bundessache
• Gesetzgebung ist Bundessache, Vollziehung ist Landesssache
• Grundsatzgesetzgebung ist Bundessache, Ausführungsgesetzgebung und
Vollziehung sind Landessache
• Gesetzgebung und Vollziehung sind Landessache

19. Ist die Privatwirtschaftsverwaltung von der Kompetenzverteilung umfasst?


Nein, sie ist nach Art. 17 B-VG von der Kompetenzverteilung ausgenommen.

20. Für welche Bereiche existieren besondere Kompetenzverteilungen?


• allgemeines Schulwesen
• land- und forstwirtschaftliche Schulen
• Bereich des Finanzwesens

21. Was bedeutet der Grundsatz der Vollständigkeit der Kompetenzverteilung im


österreichischen Recht?
Die Generalklausel zugunsten der Länder (Gesetzgebung und Vollziehung sind
Landessache) bewirkt, dass von der Vollständigkeit der Kompetenzverteilung
ausgegangen werden kann.

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Grundlagen des Rechts

22. Was bedeutet die Generalklausel zugunsten der Länder?


Alle Angelegenheiten, die nicht ausdrücklich dem Bund zugewiesen sind, kommen
hinsichtlich Gesetzgebung und Vollziehung den Ländern zu. Diese Generalklausel
bewirkt, dass man von der Vollständigkeit der Kompetenzverteilung ausgehen kann.

23. Nennen sie Materien, bei denen Gesetzgebung und Vollziehung in die
Kompetenz des Bundes fallen!
Kompetenz-Kompetenz; nur der Bund hat die Befugnis zur Festlegung und Änderung
der Kompetenzen zur Gesetzgebung bzw. Vollziehung.

24. Um die unterschiedlichen Bestimmungen in den einzelnen Bauordnungen der


Länder zu beseitigen, beschließt der Nationalrat eine für ganz Österreich
geltende Bauordnung als einfaches Bundesgesetz. Bestehen rechtliche
Bedenken? Wie wird der damit befasste Verfassungsgerichthof vorgehen?
Gesetzgebung für Bauordnung Î Landessache
Bund werden keine Kompetenzen durch die Bundesverfassung zugeteilt, daher hat er
kein Recht zur Regelung.
Möglichkeit: Änderung der Kompetenzverteilung

25. Nennen Sie die Grundprinzipien des österreichischen Verfassungsrechts und


erläutern Sie diese!
• Republikanisches Prinzip = Eine Republik ist dadurch gekennzeichnet, dass das
Staatsoberhaupt für eine begrenzte Zeitdauer gewählt wird und seine Amtsführung
rechtlich und politisch verantwortlich ist.
• Demokratisches Prinzip = Die Bildung des Staatswillen erfolgt zwar nicht
unmittelbar unter Beteiligung des Staatsvolkes, aber durch die vom Volk gewählten
Vertreter (repräsentative Demokratie) Î „Freiheit im Staat“
• Rechtsstaatliches Prinzip = Schutz des Einzelnen vor staatlicher Willkür
• Gewaltenteilendes Prinzip = Staatsgewalt wird auf verschiedene Organe aufgeteilt.
Es soll die Machtkonzentration bei einem Organ verhindert werden.
- Gesetzgebung (Legislative)
- Verwaltung (Exekutive) Kontroll- und Abberufungsrecht
- Gerichtsbarkeit (Judikative) („checks and balances“)
• Liberales Prinzip = dem Einzelnen soll ein Freiraum eingeräumt werden Î
Grundrechte („Freiheit vom Staat“)
• Bundesstaatliches Prinzip = verschiedene Staatsfunktionen werden zT durch den
Oberstaat und zT durch Gliedstaaten ausgeübt

26. Was versteht man unter einer Gesamtänderung, was unter einer Teiländerung
der Verfassung?
Gesamtänderung = Beseitigung oder wesentliche Abänderung zumindest eines der
Grundprinzipien der Bundesverfassung (bedarf einer Volksabstimmung)
Teiländerung = sind andere Änderungen der Verfassung

27. Gibt es in Österreich ewige Verfassungsartikel?


Nein, jede Änderung der Verfassung ist möglich.

28. Existiert verfassungswidriges Verfassungsrecht?


Nein, das Verfassungsrecht ist hinsichtlich seiner Vereinbarkeit mit den Grund-
prinzipien zu überprüfen, und wenn es sich als verfassungswidrig herausstellt, ist es
aufzuheben.

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Grundlagen des Rechts

29. Der Jusstudent Max erklärt seiner Freundin, dass in Österreich für eine
Änderung der Bundesverfassung eine Volksabstimmung erforderlich ist. Hat er
Recht?
Nur wenn es sich dabei um eine Gesamtänderung der Bundesverfassung handelt.
Dazu gehören z.B. die Beseitigung oder wesentliche Abänderung zumindest eines der
Grundprinzipien.

30. Warum ist Österreich eine repräsentativ-parlamentarische Demokratie?


Die Bildung des Staatswillens erfolgt nicht unmittelbar unter Beteiligung des
Staatsvolkes (gewählte Vertreter) – diese mittelbar demokratische Willensbildung
bezeichnet man als repräsentative Demokratie. Da bei der Bildung des Staatswillens
das Parlament eine entscheidende Rolle spielt, ist Österreich eine repräsentative-
parlamentarische Demokratie.

31. Der Nationalrat beschließt bei Anwesenheit sämtlicher Abgeordneter mit den
Stimmen von 142 Abgeordneten die Einführung der Monarchie in Österreich.
Welche rechtlichen Bedenken bestehen gegen dieses Verfassungsgesetz?
Hierbei handelt es sich um eine Gesamtänderung eines Gundprinzips
(republikanisches Prinzip), weshalb eine Volksabstimmung notwendig ist.

32. Was zählt nach österreichischer Ansicht zum integrationsfesten Kern des
österreichischen Rechts?
Grundprinzipien

33. Mit welchen Maßnahmen soll die Gewaltentrennung sichergestellt werden?


• Organisatorische Trennung durch Schaffung verschiedener Organe für die
verschiedenen Staatsfunktionen
• Personelle Trennung im Wege von Unvereinbarkeitsbestimmungen (niemand darf
gleichzeitig Organwalter zweier Organe sein)
• Verbindungen zwischen den Organen der verschiedenen Funktionen (Kontroll- und
Abberufungsrechte)

34. Wäre für die Abschaffung der „immerwährenden Neutralität“ eine Volks-
abstimmung erforderlich?
Es wird oft diskutierte, ob die „Immerwährende Neutralität“ als verfassungsrechtliches
Grundprinzip anzusehen ist. Allerdings ist dieses Verfassungsgesetz nicht im Wege
einer Gesamtänderung der Verfassung Bestandteil der Rechtsordnung geworden, weil
die dafür notwendige Volksabstimmung nicht durchgeführt wurde. Für ihre Abschaffung
reicht daher innerstaatlich ein einfaches Verfassungsgesetz.

35. Welche Rechtsquellen kennen Sie?


• Grundprinzipien der österreichischen Verfassung
• Verfassungsrecht
• Einfache Gesetze
• Verordnung
• Bescheid/Urteil
• Akte unmittelbarer verwaltungsbehördlicher Befehls- und Zwangsgewalt
• Gemeinschaftsrecht
• (Stufenbau der Rechtsordnung)

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Grundlagen des Rechts

36. Wodurch unterscheidet sich das (formelle) Verfassungsrecht vom einfachen


Gesetz?
Verfassungsrecht = besondere Erzeugungsform mit erhöhten Abstimmungs-
erfordernissen sowie das Erfordernis einer Bezeichnung als Verfassungsgesetz bzw.
Verfassungsbestimmung (2/3 Mehrheit)
Einfaches Gesetz = Rechtsvorschrift, die im verfassungsrechtlich vorgegebenen
Gesetzgebungsverfahren entstanden ist (einfache Mehrheit)

37. Ist der Bundesminister für Justiz befugt, ein Gesetz zu beschließen und im
Bundesgesetzblatt kundzumachen, mit dem der Strafrahmen für fahrlässige
Körperverletzung abgeändert wird?
Nein, denn er kann keine Gesetze erschaffen, er kann nur Vorschläge abgeben.

38. Welche Arten von Verfassungsrecht und einfachen Gesetzen kennen Sie?
Verfassungsrecht = Bundesverfassungsrecht
Landesverfassungsrecht
Einfache Gesetze = Bundesgesetze
Landesgesetze

39. Was versteht man unter einer „Verordnung“?


Die Verordnung ist eine von Verwaltungsbehörden erlassene generelle Rechtsnorm,
die sich nach außen an die Rechtsunterworfenen richtet.

40. Worin bestehen Unterschiede zwischen „Verordnung“, „Bescheid“, und „Urteil“?


Die Verordnung ist eine von Verwaltungsbehörden erlassene generelle Rechtsnorm,
die sich nach außen an die Rechtsunterworfenen richtet. Î ein Akt der Rechtssetzung
durch die Verwaltung.
Dabei ist der Bescheid ein hoheitlicher, individueller, im Außenverhältnis ergehender,
somit an einen oder mehrer Rechtsunterworfene adressierter externer normativer
Verwaltungsakt (Æ subjektive öffentliche Rechte). Ein Urteil ist ein individueller,
hoheitlicher, an Rechtsunterworfene gerichteter externer Gerichtsakt (= Beschlüsse).

41. Was sind „verfahrensfreie Verwaltungsakte“?


Das Verwaltungsorgan erteilt im Rahmen der Hoheitsverwaltung einseitig und
„verfahrensfrei“ einen Befehl bzw. übt Zwang aus, wobei dieser Akt gegen individuell
bestimmte Adressaten gerichtet ist.

42. Im Rahmen einer Verkehrskontrolle wird dem alkoholisierten Lenker N.N. der
Führerschein vorläufig abgenommen. Wie ist dieser Akt zu bezeichnen?
Akt unmittelbarer verwaltungsbehördlicher Befehls- und Zwangsgewalt bzw.
verfahrensfreie Verwaltungsakte bzw. faktische Amtshandlung

43. Beschreiben Sie den „Stufenbau nach der rechtlichen Bedingtheit“ und den
„Stufenbau nach der derogatorischen Kraft“!
Stufenbau nach der rechtliche Bedingtheit = Die Erzeugung von Recht muss durch die
Rechtsordnung geregelt sein. Jene Rechtsvorschriften, welche die Erzeugung anderer
Rechtsvorschriften regeln, bezeichnet man als bedingende (erzeugende) Rechtssätze.
Rechtsvorschriften, deren Entstehung in anderen Rechtsvorschriften geregelt sind,
werden als bedingte (erzeugte) Rechtssätze angesehen. Die bedingende
(Verfassung: historische Grundnorm; Ausgangsform der Gesetze) Norm ist der
bedingten Norm übergeordnet. (Î Entscheidend ist der Inhalt der Rechtsvorschrift)

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Grundlagen des Rechts

Stufenbau nach der derogatorischen Kraft = Darunter versteht man die Fähigkeit einer
Rechtsvorschrift, andere Normen aufzuheben oder sie abzuändern. (Recht-
erzeugungsregeln, Rechtsvernichtungsregeln) Eine Norm, die gegenüber anderen
Rechtsvorschriften unter erschwerten Voraussetzungen erzeugt wird, wird als stärkere
und damit im Stufenbau als die höhere Norm angesehen. (Î Entscheidend ist die
Form der Rechtsvorschrift)

44. Zum Zeitpunkt der Beschlussfassung anwesende 60 Nationalratabgeordnete


beschließen einstimmig ein (einfaches) Bundesgesetz, mit dem die Gewerbe-
ordnung abgeändert wird. Sind die rechtlichen Voraussetzungen für das
Zustandekommen des genannten Gesetzes gegeben?
Nein, einfache Bundesgesetze werden im Nationalrat mit einfacher Mehrheit bei
Anwesenheit von min. 1/3 der Abgeordneten beschlossen (~ 61 Abgeordnete)
(Präsensquorum)

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 2 III.: Die Gerichtsbarkeit

1. Grenzen Sie das Justiz- vom Verwaltungsrecht ab!


Die Abgrenzung erfolgt formal nach der Rechtsstellung der zu Vollziehung berufenen
Organkomplexe.
Justizrecht ist jener Teil der Rechtsordnung, der in die Vollzugsständigkeit der Gerichte
fällt. Demgegenüber steht das Verwaltungsrecht, das in die Vollzugsständigkeit der
Verwaltungsbehörde fällt.

2. Welche Gerichtsorgane kennen Sie?


• Richter
• Mitwirkende aus dem Volk (Schöffen, Geschworene und Laienrichter)
• Rechtspfleger

3. Nennen Sie die Besonderheiten der Rechtsstellung von Richtern!


Sie sind unabhängig (Weisungsfreiheit), unabsetzbar und unversetzbar.
In USA -> Deal; in Ö -> Amtsmissbrauch (Staatsanwalt verhandelt mit Richter)
Weisungszug wäre denkbar: Justizminister könnte weisen

4. Welche Möglichkeiten der Mitwirkung von Laien an der Rechtsprechung gibt es?
In der Handels- sowie der Arbeits- und Sozialgerichtbarkeit

5. Geben Sie den Instanzenzug im Zivilverfahren wieder!


I II III
Bezirksgericht - Landesgericht - (OGH Î Ausnahmefall) Berufungsgericht
Landesgericht - Oberlandesgericht - OGH (Oberstergerichtshof)

6. Welche verfassungsrechtlichen Grundsätze sind bei der Ausgestaltung des


Strafverfahrens zu beachten?
• Mitwirkung des Volkes an der Rechtssprechung (Schöffen- und Geschworenen-
gerichtsbarkeit)
• Anklageprinzip
• Verbot des Zwangs zur Selbstbezichtigung
• Verbot zur Todesstrafe
• Verbot der Militärgerichtsbarkeit in Friedenszeiten
• Gericht muss dem tribunal-Begriff des Art. 6 EMRK entsprechen
• ein 2-Instanzen-Zug ist im Strafverfahren vorgeschrieben

7. Wie sieht der Instanzenzug im Strafverfahren aus?


I II
Bezirksgericht - Landesgericht (leichte Strafen; Sachbeschädigung)
Landesgericht* - Oberlandesgericht (OGH Æ nur bei Schöffen- und Geschworenengericht)
schwere Strafen

*(Geschworenengericht, Schöffengericht, Einzelrichter)

Vergehen: Straftat mit weniger als 3 Jahren Freiheitsstrafe


Verbrechen: Straftat mit mehr als 3 Jahren Freiheitsstrafe

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 2 IV.: Verwaltung

1. Wodurch sind Verwaltungsorgane charakterisiert?


Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie
• an die Weisungen ihrer vorgesetzten Organe gebunden und
• diesen für ihre amtliche Tätigkeit verantwortlich sind.
Notwenig weisungsfrei sind die obersten Organe der Verwaltung.

2. Welche Verwaltungsorgane sind notwendig weisungsfrei?


Die obersten Organe der Verwaltung sind weisungsfrei. Dazu zählen:
• der Bundespräsident
• die Bundesregierung als Kollegialorgan
• die einzelnen Bundesminister als monokratische Organe

3. Ist der Bundeskanzler befugt, dem Bundesminister für Finanzen eine Weisung zu
erteilen?
Nein, da sie bei als oberste Organe der Verwaltung angesehen werden, kommt
insoweit auch dem Bundeskanzler keine Weisungsbefugnis gegenüber den einzelnen
Bundesministern (oberster Organ) zu.
Ministerium - Verwaltungsorgan

4. Erläutern Sie den Grundsatz der Gewaltenteilung!


Das verfassungsrechtliche Bauprinzip der Gewaltenteilung wirkt sich in
organisatorischer Hinsicht aus. Daher sind entsprechend den drei Staatsfunktionen
Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit jeweils Organe der Legislative,
Exekutive und Judikatur zu unterschieden. Sowie es keine vierte Gewalt geben darf,
müssen auch die einzelnen Organe jeweils einer der drei Gewalten zuzurechnen sein.

5. Welche Folgerungen sind aus dem Grundsatz der Gewaltenteilung für die
Ausgestaltung der Verwaltung abzuleiten?
• Unzulässigkeit von Mischorganen
• Verbot von Instanzenzügen zwischen Gerichten und Verwaltungsbehörden
• Unzulässigkeit von Weisungsbeziehungen zwischen Gerichten und Verwaltungs-
behörden
• Eindeutige Übertragung aller Aufgaben entweder an die Gerichtsbarkeit oder an die
Verwaltung durch den einfachen Gesetzgeber

6. Was bedeutet der Grundsatz der Unzulässigkeit von Mischorganen?


Da jedes Organ einer der drei Gewalten (Legislative, Exekutive, Judikative)
zurechenbar sein muss, ist die gleichzeitige Einrichtung als Gericht und
Verwaltungsbehörde oder als Mischorgan von Gesetz-gebung und Vollziehung nicht
zulässig.

7. Was versteht man unter dem Verbot von Instanzenzügen zwischen Gerichten
und Verwaltungsbehörden? Welche Durchbrechungen dieses Verbots gibt es?
Gegen eine Gerichtsentscheidung darf kein Rechtsmittel an eine Verwaltungsbehörde
vorgesehen werden. Ebenso darf ein Verwaltungsakt nicht einer gerichtlichen Prüfung
unterzogen werden. Ausnahmen:
• Verfassungsrechtlich vorgesehene und daher zulässige Ausnahmen (z.B.
Kompetenzen des Bundespräsidenten, Überprüfung von Verwaltungsakten durch
VfGH und VwGH)
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Grundlagen des Rechts

• Fälle der sukzessiven Kompetenz (davon spricht man, wenn ein Gericht nach der
Entscheidung einer Verwaltungsbehörde angerufen werden kann und damit die
Entscheidung der Verwaltungsbehörde ex lege außer Kraft tritt. Das Gericht hat die
Sache neu und nicht bloß nachprüfend zu entscheiden)

8. Der Nationalrat beschließt ein Gesetz, mit dem gegen die Entscheidung der
Gewerbebehörde über die Erteilung oder Versagung einer beantragten gewerbe-
rechtlichen Genehmigung die Möglichkeit einer Berufung an den OGH normiert
wird. Welche verfassungsrechtlichen Bedenken besteht gegen dieses Gesetz?
Berufung der Verwaltungsbehörde (Gewerbebehörde-> BH erteilt einen Bescheid –
Berufung - Minister) zur Judikatur ist unmöglich (der Instanzenzug ist unmöglich). Das
würde den Grundsatz der Gewaltenteilung durchbrechen.
keine gerichtliche Berufung; Außnahme: subszensive Kompetenz (Entscheidung bei
der nächsthöheren Instanz); Pensionsversicherungsanstalt entscheidet über Pension.

9. In einem wasserrechtlichen Bewilligungsbescheid des Landeshauptmannes von


Oberösterreich wird der Gemeinde G die wasserrechtliche Bewilligung für die
Errichtung einer Kanalisationsanlage erteile. Gleichzeitig wird zu diesem Zweck
die Enteignung eines im Eigentum des Herrn E stehenden Grundstücks aus-
gesprochen. Für die Enteignung wird eine Entschädigung zuerkannt. In der
Rechtsmittelbelehrung wird darauf hingewiesen, dass gegen diesen Bescheid
(soweit er die Bewilligung bzw. die Enteignung betrifft) die Berufung an den
Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft
zulässig ist. Weiters wird darauf hingewiesen, dass gegen die Höhe der
Entschädigung keine Berufungsmöglichkeit bestehe, sondern es könne dies-
bezüglich ein Antrag an das zuständige Bezirksgericht gestellt werden. Sind die
Rechtsmittelbelehrung und der Hinweis im Bescheid korrekt? Wie nennt man die
bezeichnete Zuständigkeit des Gerichtes? Welche Konsequenzen haben eine
Berufung bzw. ein beim Gericht gestellter Antrag?
Die Rechtsmittelbelehrung ist zulässig. Auch der Instanzenzug ist komplett
(Entschädigung an Judikatur; Staat muss für die Enteignung zahlen.). Die
Zuständigkeit des Gerichtes wird als SUKZESSIVE Zuständigkeit bezeichnet. Dadurch
wäre die Entscheidung der Behörde nichtig und das Gericht würde neu entscheiden.
Das Enteignungsverfahren ist abgeschlossen, denn es besteht ein öffentliches
Interesse für die Enteignung.

10. Erläutern Sie das Legalitätsprinzip! Welches verfassungsrechtliche Grundprinzip


wird dadurch ausgedrückt?
Das Legalitätsprinzip (= Grundsatz der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung) ordnet die
Bindung der gesamten Vollziehung an das Gesetz an. („Herrschaft des Gesetzes) Das
Legalitätsprinzip ist wesentlicher Ausdruck des rechtsstaatlichen Prinzips.

11. Inwiefern besteht eine Bindung des Gesetzgebers an das Legalitätsprinzip?


Gefordert ist eine hinreichende Bestimmtheit der Gesetze. Jeder Vollzugsakt muss
dabei materiell und formell auf das Gesetz rückführbar sein. Damit müssen Tatbestand
und Rechtsfolge, dass zur Vollziehung zuständige Organ und das Verfahrensrecht,
nach dem vorzugehen ist, geregelt werden.

12. Was bedeuten Gebundenheit und Ermessen?


Gebundenheit = herrscht, wenn der Verwaltung kein Spielraum bei der
Anwendung von Rechtsvorschriften zukommt (Tatbestand Î
vorgesehene Rechtsfolge)
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Grundlagen des Rechts

Ermessen = (Tatbestände und Rechtsfolgen müssen meist jedoch weit


gefasst werden, um den Anforderung der Praxis zu
entsprechen.) Bei solchen Rechtsvorschriften steht der
Verwaltung die Befugnis zu, unter mehreren gleichwertigen
gesetzeskonformen Lösungen auszuwählen.
13. Welche Fälle von Ermessen der Verwaltungsbehörde kennen Sie?
• Handlungsermessen (Die Behörde kann, muss aber nicht handeln)
• Auswahlermessen (Die Behörde muss handeln, ihr werden verschiedene
Möglichkeiten zum Handeln eingeräumt, aus denen sie wählen kann)

14. Welche Arten fehlerhafter Ermessensausübung gibt es?


• Ermessensüberschreitung (Behörde überschreitet den vom Gesetz eingeräumten
Spielraum); betrunken gefahren: Strafe € 600-4.000 -> Behörde sagt Verwarnung.
• Ermessensmissbrauch (Entscheidung wird nicht in Übereinstimmung mit dem
Gesetz getroffen); Ersttäter gleich Höchststrafe

15. Die Regierung überlegt die Einbringung einer Regierungsvorlage im Parlament,


nach der es allen Amtsleitern generell verboten sein soll, Auskünfte über
dienstliche Angelegenheiten zu geben. Im Hinblick auf welche verfassungs-
rechtliche Prinzipien iZm dem Aufbau der Verwaltung bestehen Probleme?
Begründung!
Bundesverfassung Î Auskunftspflicht (lex imperfect); es besteht jedoch kein
subjektes Recht für mich
Liberales Grundprinzip (verfassungswidrig, jedoch besteht kein subjektives Auskunfts-
recht)

16. Der Sachbearbeiter D, der aufgrund seiner Tätigkeit in der Bezirkshauptmann-


schaft Zugang zu den Projektsunterlagen des Unternehmers U hat, gibt dem
Unternehmer K, einem Konkurrenten des U, bereitwillig Auskunft über die
geheimen Verfahrensweisen im Betrieb des U. Gegen welche Pflicht hat er
verstoßen?
Er hat gegen die Amtsverschwiegenheit verstoßen, da es zum Nachteil einer Partei
führt. Staatsrechtlich -> Amtsmissbrauch

17. Welche Rechtsformen des Verwaltungshandels kennen Sie?


• Verordnung
• Bescheid
• Akte unmittelbarer verwaltungsbehördlicher Befehls- und Zwangsgewalt
• Weisung

18. Welche Arten von Verordnungen gibt es?


• Durchführungsverordnung (sollen eines Präzisierung des Gesetzes vornehmen;
Behörde erlässt sie innerhalb ihres Wirkungsbereichs)
• Selbstständige Verordnungen (werden aufgrund einer besonderen bundes-
verfassungsrechtlichen Ermächtigung erlassen)
- Gesetzesvertretenden Verordnungen (durch sie werden in einem
bestimmten Bereich an Stelle von Rechtsvorschriften in Gesetzesform Recht
gesetzt)
- Gesetzesergänzenden Verordnungen (werden ohne gesetzliche Grundlage
erlassen, soweit keine eigenen gesetzliche Regelungen existieren)
- Gesetzesändernden Verordnungen (können einfache Gesetze abändern)
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Grundlagen des Rechts

19. Inwieweit wird der Erlass von Verordnungen durch das Legalitätsprinzip
beeinflusst?
Eine Verordnung darf lediglich eine Präzisierung des Gesetzes vornehmen. (Dies ist
Ausdruck des Legalitätsprinzips). Umgekehrt verlangt dieses Prinzip in seiner
Ausgestaltung als Bestimmtheitsgebot, dass das Gesetz den Inhalt der Verordnung
hinreichend determiniert.

20. Was versteht man unter einer formalgesetzlichen Delegation?


Eine unzulässige formalgesetzliche Delegation liegt dann vor, wenn im Gesetz nur eine
bloße gesetzliche Ermächtigung der Verwaltung zur Regelung einer Angelegenheit
durch Verordnung vorsieht.

21. Welche beiden Punkte hat die Behörde beim Erlass von Durchführungs-
verordnungen zumindest zu beachten?
Neben der Beschränkung auf die Präzisierung des Gesetzes ist weiters
Voraussetzung, dass die Behörde die Verordnung innerhalb ihres Wirkungsbereichs
erlässt. (Erlass nur im Rahmen ihrer sachlichen und örtlichen Zuständigkeit) + eine
gesetzliche Ermächtigung.

22. Welche verfassungsunmittelbaren Verordnungen kennen Sie? Nennen Sie für


jede Verordnung ein Beispiel!
• Gesetzesvertretende Verordnungen (z.B. Geschäftsordnungen der Landes-
regierung)
• Gesetzesergänzende Verordnungen (z.B. Art. 118 Abs. 6 B-VG)
• Gesetzesändernde Verordnungen (z.B. Notverordnungen Î quasi Lückenfüllung)

23. Unterscheiden Sie die Begriffe „Verordnung“ und „Bescheid“!


Verordnung = richtet sich an einen generellen Adressatenkreis, primär rechtssetzend
Bescheid = richtet sich an einen individuellen Adressatenkreis, primär rechts-
vollziehend

24. Was ist eine Weisung?


Unter einer Weisung versteht man eine von einem Verwaltungsorgan ausgehende –
generelle oder individuelle, abstrakte oder konkrete – Norm, die an untergeordnete
Organe bzw. Organwalter gerichtet ist. („intern“)

25. Was ist der Unterschied zwischen einer Rechtsverordnung und einer
Verwaltungsverordnung?
Rechtsverordnungen = selbständige Verordnung; verfassungsrechtlich erlaubt;
dazu zählen gesetzesvertretende, gesetzesergänzende und gesetzesändernde
Verordnungen
Verwaltungsverordnungen = Durchführunsverordnungen; Verwaltungsbehörde darf
geltende Gesetze nur präzisieren

26. Kann die Befolgung einer Weisung abgelehnt werden? Begründung!


Eine Weisung kann von einem nachgeordneten Organ abgelehnt werden, wenn
• die Weisung von einem unzuständigen Organ erteilt wird
• die Befolgung einer Weisung zu einem Verstoß gegen strafgesetzliche Vorschriften
führen würde.

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Grundlagen des Rechts

27. Ihm Rahmen eines gewerbebehördlichen Genehmigungsverfahren erteilt der


Sachbearbeiter S dem Konsenswerber K die „Weisung“, gegen den zu
ergehenden Genehmigungsbescheid wegen der darin vorgeschriebenen
umfangreichen Auflagen keine Berufung zu erheben. Handelt es sich dabei um
eine „Weisung“ im Sinne des B-VG? Ist K an diese „Weisung“ gebunden?
Nein, denn nur „intern“ einer Behörde erfolgen Weisungen, weshalb auch K nicht daran
gebunden ist.

28. Worin besteht der Unterschied der Privatwirtschaftsverwaltung zur Hoheits-


verwaltung?
Im Rahmen der Hoheitsverwaltung tritt der Staat in der Verwaltung als „Imperium“ auf;
er bedient sich dabei hoheitlicher Formen der Vollziehung (Verordnung, Bescheid)
Bei der Privatwirtschaftsverwaltung bedient sich der Staat zur Besorgung der
Verwaltungsaufgaben jener Rechtsformen, die auch dem Rechtsunterworfenen zur
Verfügung stehen.

29. Welche Konsequenzen hat die Vollziehung von Angelegenheiten im Wege der
Privatwirtschaftsverwaltung?
Es gibt im Bereich der Privatwirtschaftsverwaltung
• keine Bindung an die verfassungsrechtliche Kompetenzverteilung
• keinen öffentlich-rechtlichen Rechtsschutz
• nach hL keine Geltung des Legalitätsprinzips im Bereich der Privatwirtschafts-
verwaltung
• es gilt der Grundssatz der unmittelbaren Verwaltung

30. Die Gemeinde G kauft vom bisherigen Eigentümer E ein Grundstück, um darauf
ein neues Rathaus zu erricht. Da E ein Jahr nach Abschluss und Erfüllung des
Kaufvertrags plötzlich der Ansicht ist, dass der vereinbarte Kaufpreis viel zu
niedrig ist, erkundigt er sich beim Jusstudent Max über seine rechtlichen
Möglichkeiten. Dieser teilt ihm mit, dass grundsätzlich zwar eine Rechtsmittel-
möglichkeit an den Landeshauptmann bestehen würde, im konkreten Fall jedoch
die Rechtsmittelfrist abgelaufen sei. Warum kann die Auskunft des Max wohl
nicht stimmen?
Nein, es besteht keine Rechtsmittelmöglichkeit an den Landeshauptmann, da es
hierbei um einen Kaufvertrag handelt, welcher als privater Akt anzusehen ist.
(Gemeinde tritt als Privatperson auf) Hierbei handelt es sich um das Zivilrecht, weshalb
eine Möglichkeit zu Klage nur vor Gericht bestehen würde.

31. Wer zählt zu den obersten Organen der Bundesverwaltung? Gehören Staats-
sekretäre dazu?
• Bundespräsident
• Bundesregierung als Kollegialorgan
• die einzelnen Bundesminister als monokratische Organe
Nein, Staatssekretäre gehören nicht zu den obersten Organen, da sie an die
Weisungen des Bundesministers gebunden sind.

32. Welche Folgen hat die Qualifikation als oberstes Organ?


Die Qualifikation als oberstes Organ der Bundesverwaltung bedeutet
• Ausschluss des Instanzenzugs gegen Verwaltungsakte eines obersten Organs an
andere Behörden;

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Grundlagen des Rechts

• Der Instanzenzug geht bis zum obersten Organ (sofern gesetzlich nicht anders
vorgesehen ist);
• Weisungsfreiheit der obersten Organe;
• Unzulässigkeit der Bindung an Willenserklärungen anderer Organe durch einfaches
Gesetz;
• Umfassende Leitungsgewalt gegenüber den Bediensteten der eigenen Dienststelle
und den nachgeordneten Dienststellen, die sich insb. in der Weisungs- und
Aufsichtsbefugnis ausdrückt.

33. Was ist eine Entschließung?


= Rechtsakte des Bundespräsidenten, welche als Verwaltungsakte einzuordnen sind.
(sind rechtlich bei einem individuellen Adressatenkreis als Bescheid und bei einem
generellen Adressatenkreis als Verordnung einzustufen)

34. Differenzieren Sie zwischen der Bundesregierung, dem Bundesminister und dem
Ministerium!
Bundesregierung = kollegiales Verwaltungsorgan des Bundes, tagt als „Ministerrat“
(einstimmig) Î Gesamtheit der Bundesminister; unter dem
Vorsitz des Bundeskanzlers.
Aufgaben: Befugnis zur Setzung von Rechtsakten, vor allem
aber liegt seine Tätigkeit in politischer Natur
Bundesminister = (auch Bundes- und Vizekanzler) monokratische Organe des
Bundes. Behörde ist der Bundesminister.
Aufgaben: Leitung der Bundesministerien
Ministerien = keine selbständigen Behörden, sondern administrative Hilfs-
Apparate der Bundesminister

35. Was ist das Ressortsystem?


Die Verteilung der Kompetenzen erfolgt nach sachlichen Gesichtspunkten.

36. Worin besteht der Unterschied zwischen mittelbarer und unmittelbarer


Verwaltung?
Unmittelbare Verwaltung bedeutet, dass die Rechtsträger zur Besorgung ihrer
Verwaltungsaufgaben ihre eigenen Organe heranziehen. (Bundespolizei, Finanzamt,
Umweltschutz)
Mittelbare Verwaltung bedeutet, dass sich ein Rechtsträger „fremder“ Organe zur
Besorgung seiner Aufgaben bedient. (Wasserrecht, Führerschein)

37. Geben Sie den Instanzenzug in der unmittelbaren Bundesverwaltung wieder!


I II
Bundesorgan Î zuständigen Bundesminister
Bundesverwaltung (Ausnahme)
Aufgaben durch Bundesorgan vollzogen

38. Welches verfassungsrechtliche Grundprinzip findet seinen Ausdruck in der


mittelbaren Bundesverwaltung?
Sie ist Ausdruck des föderalen Prinzips.

39. Wer ist das zentrale Organ der mittelbaren Bundesverwaltung? An wessen
Weisungen ist es gebunden?
Zentrales Organ der mittelbaren Bundesverwaltung ist der Landeshauptmann. Er ist in
den Angelegenheiten der mittelbaren Bundesverwaltung an die Weisungen des
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Grundlagen des Rechts

zuständigen Bundesministers bzw. der Bundesregierung gebunden. (Dieser hat sie


dann an ein Mitglied der Landesregierung weiterzugeben Î Landesräte; bei
sachlichem Zusammenhang mit der Landesvollziehung)

40. Welche Art der Bundesverwaltung ist der verfassungsrechtliche Regelfall?


Begründung!
Die mittelbare Bundesverwaltung; sie umfasst alle Angelegenheiten, die von der
taxativen Aufzählung der Aufgaben der unmittelbaren Bundesverwaltung
ausgenommen sind. Im Regelfall entscheidet die Bezirksverwaltungsbehörde in erster
Instanz und der Landeshauptmann in zweiter und letzter Instanz.

41. Geben Sie den Instanzenzug in der mittelbaren Bundesverwaltung wieder! Art 3 Abs 103
I II III
Bezirksverwaltungsbehörde Landeshauptmann
(Bezirksverwaltungsbehörde Landeshauptmann Bundesminister ) Ausnahme
Landeshauptmann Bundesminister
BH -> Landessachen

42. Kann im Rahmen der mittelbaren Bundesverwaltung


• ein Instanzenzug vom Landeshauptmann zum zuständigen Bundesminister
vorgesehen werden? Ja!
• ein Instanzenzug von der Bezirksverwaltungsbehörde direkt zum Bundes-
minister vorgesehen werden? Nein!

43. Wer kann oberstes Organ der Landesverwaltung sein?


• Landesregierung
• die einzelnen Landesräte
als Mitglied der Landesregierung
• Landeshauptmann

44. Stellen Sie den Instanzenzug in der Landesverwaltung dar!


I II
Bezirksverwaltungsbehörde Landesregierung bzw. (Ressortsystem)
das entsprechende Mitglied der Landesregierung

45. Wie ist die Landesverwaltung verfassungsrechtlich aufgebaut?


Sofern verfassungsrechtlich das Ressortsystem eingerichtet ist, sind zu anderen auch
die einzelnen Landesräte und der Landeshauptmann als Mitglieder der Landes-
regierung als oberste Organe anzusehen. Die Aufgaben werden durch die Bezirks-
verwaltungsbehörden besorgt.

46. Ist das „Amt der Landesregierung“ eine Behörde?


Das Amt der Landesregierung ist ein Hilfsapparat der Landesregierung. Nur
ausnahmsweise kommt ihm Behördenqualität zu. Den Abteilungen des Amtes der
Landesregierung ist insb. die Besorgung der Geschäfte der Landesverwaltung und der
mittelbaren Bundesverwaltung zugewiesen.

47. Aus welchen Mitgliedern setzt sich die Landesregierung zusammen?


Die Landesregierung ist ein Kollegialorgan mit dem Landeshauptmann als
Vorsitzenden sowie den Landeshauptmann-Stellvertretern und den Landesräten als
weiteren Mitgliedern.

48. Was sind Bezirkshauptmannschaften?


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Grundlagen des Rechts

Es sind monokratisch organisierte, erstinstanzliche Landesverwaltungsbehörden, an


deren Spitze der Bezirkshauptmann steht.
49. Was versteht man unter der „subsidiären Allzuständigkeit“ der Bezirkshaupt-
mannschaften?
Sie sind zur Besorgung aller Angelegenheiten der mittelbaren Bundesverwaltung und
der Landesverwaltung zuständig, soweit diese nicht anderen Dienststellen zugewiesen
sind.

50. Was sind Selbstverwaltungskörper? Kennen Sie einen solchen?


Die Selbstverwaltung steht außerhalb der Verwaltung von Bund und Ländern und liegt
immer dann vor, wenn es zur Wahrnehmung eigener Belange bestimmter Gruppen und
Institutionen durch deren Organe in relativer Autonomie kommt. (z.B. Gemeinde-
verwaltung)

51. Was ist der Unterschied zwischen dem eigenen und dem übertragenen
Wirkungsbereich?
Eigener Wirkungsbereich = umfasst jene Angelegenheiten, in denen die
Gemeinde zur wesungsfreien Führung der Ver-
waltung berechtigt ist.
Übertragener Wirkungsbereich = hier werden Aufgaben des Bundes oder der
Länder wahrgenommen, wobei die Gemeinde-
organe funktionell als Organe des jeweiligen
Rechtsträgers tätig werden und an dessen
Weisungen gebunden sind.

52. Welche Organe hat die Gemeinde?


• Gemeinderat
• Gemeindevorstand
• Bürgermeister

53. Erläutern Sie den grundsätzlichen Instanzenzug im eigenen und übertragenen


Wirkungsbereich der Gemeinde! -> bei Bau
Eigener Wirkungsbereich =
Bürgermeister Î Gemeinderat (weisungsfreie Führung der Verwaltung)

Übertragener Wirkungsbereich =
Bürgermeister Î Landes- oder Bundesorgan (Aufgaben des Bundes/
Landes werden besorgt)
z.B. Staatsbürgerschaftssache (Bund)

Instanzenzug:
I II
Bürgermeister Gemeinderat
NÖ Landesregierung Verwaltungsbehörde (außerordentlicher Rechtsmittel)

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Grundlagen des Rechts

Abschnitt 3 – EUROPÄISCHE UND NATIONALE RAHMEN-


BEDINGUNGEN DES WIRTSCHAFTSRECHTS
Kapitel 1: Verfassungsrechtlich gewährleistete Rechte – die
Grundrechte

1. Unterscheiden Sie die Begriffe „Grundprinzipien des österreichischen


Verfassungsrechts“ und „verfassungsgesetzlich gewährleistete Recht“ (Grund-
echte)!
Grundprinzipien (demokratische, bundesstaatliche, gewaltentrennende, liberale,
rechtsstaatliche Prinzip) des österreichischen Verfassungsrechts = die tragenden
Gesetze des Staates (Baugesetze), welche auch integrationsfester Kern genannt
(Volksabstimmung ist für eine Gesamt- oder Teiländerung notwendig) Höchtsrangigen
Grundprinzipien
Verfassungsgesetzlich gewährleistete Rechte (Grundrechte: Eigentum,…usw) =
subjektive öffentliche Rechte, die dem einzelnen durch eine Rechtsvorschrift im
Verfassungsrang eingeräumt werden. (Ausdruck des liberalen Prinzips) Bei Verletzung
kann man eine Beschwerde beim VfGH geltend machen.

2. In welchen Rechtsquellen der österreichischen Rechtsordnung sind Grundrechte


normiert?
Da es keinen zentralen Grundrechtskatalog gibt, sind die wichtigsten österreichischen
Rechtsquellen der Grundrechte:
• Staatsgrundgesetz von 1876 (StGG)
• de in Österreich im Verfassungsrang stehende Europäische Menschenrechts-
konvention (EMRK)
• B-VG
• Bundesverfassungsgesetz (BVG) über den Schutz der persönlichen Freiheit
• BVG zur Durchführung des internationalen Übereinkommens über die
Beseitigung aller Formen rassischer Diskriminierungen
• Staatsvertrag von St. Germain, Friedensvertrag 1919
• Staatsvertrag von Wien; 15. Mai 1955

3. Der Jusstudent Max vertritt die Ansicht, um die Grundrechte zu kennen, müsse
man lediglich im Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) nachlesen. Teilen Sie seine
Meinung?
Nein, nicht ganz. Da es keinen zentralen Grundrechtekatalog in Österreich gibt, wäre
das Nachlesen im B-VG nicht ganz richtig, denn für die Grundrecht gibt es
verschiedene Rechtsquellen (siehe Frage 2)

4. Wer kann Träger von Grundrechten sein?


• natürliche Personen
• juristische Personen

5. Unterscheiden Sie die Begriffe „Grundrechte“, „Menschenrechte“ und „Staats-


bürgerrechte“!
Grundrechte = sind subjektive Rechte, die dem einzelnen durch eine
Rechtsvorschrift im Verfassungsrecht eingeräumt werden
Menschenrechte = das sind Grundrechte, die allen Menschen unabhängig von
ihrer Staatsbürgerschaft zustehen
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Grundlagen des Rechts

Staatsbürgerrechte = das sind Grundrechte, die nur zugunsten von Staatsbürgern


eingeräumt werden
6. Welche Auswirkungen hat die Einräumung von Grundrechten im Hinblick auf
eine Bindung des Gesetzgeber, der Vollziehung sowie Dritter?
Vollziehung = Grundrechte weisen Vollziehung in Schranken, indem dem einzelnen
subjektive Rechte gegen die Vollziehung eingeräumt werden
Gesetzgeber = er ist insoweit gebunden, als Gesetze nicht gegen die im Verfassungs-
rang stehenden Grundrechte verstoßen dürfen Î „objektiver“ Gehalt der Grundrechte
Drittwirkung = Problemstellung, ob die Grundrechte auch im Verhältnis zwischen den
Bürger untereinander anzuwenden sind (Gesetzgeber/Vollziehung betreffen das
Verhältnis des Einzelnen zum Staat)

7. Was bedeutet die Aussage, sowohl die Vollziehung als auch der Gesetzgeber
sind an die Grundrechte gebunden?
Sowohl Vollziehung als auch Gesetzgeber müssen sich an die Grundrechte halten.
Bei Verstößen kann man dagegen klagen.

8. Was versteht man unter dem objektiven Gehalt der Grundrechte?


Das bedeutet, dass der Gesetzgeber insoweit gebunden ist, als dass Gesetz nicht
gegen die Grundrechte verstoßen dürfen.

9. Erläutern Sie den Begriff „Drittwirkung der Grundrechte“?


Drittwirkung = Problemstellung, ob die Grundrechte auch im Verhältnis zwischen den
Bürger untereinander anzuwenden sind (Gesetzgeber/Vollziehung betreffen das
Verhältnis des Einzelnen zum Staat)

10. Welche Formen der Drittwirkung der Grundrechte werden diskutiert?


• Unmittelbare Drittwirkung der Grundrechte = unmittelbare Geltung der Grundrechte
im Privatrechtsverkehr
• Mittelbare Drittwirkung der Grundrechte = bei der Auslegung der Generalklauseln
des Privatrechts („die guten Sitten“) muss dass aus den Grundrechten ableitbare
Wertesystem berücksichtig werden
• der durch Gesetz ausdrücklich angeordneten Drittwirkung von Grundrechten

11. Erläutern Sie den Begriff „Fiskalgeltung der Grundrechte“!


Fragestellung, ob die Grundrechte nicht nur gegenüber dem hoheitlich handelnden
Staat sondern auch im Rahmen der Privatwirtschaftsverwaltung anzuwenden sind.
Laut OGH = JA! Z.B. die Verwaltung ist zu Gleichbehandlung bei Vergabe öffentlicher
Aufträge/Subventionsvergabe verpflichtet.

12. Welche rechtlichen Bedenken könnten bestehen, wenn sie die Gemeinde X als
Kanalisationsunternehmen weigert die Abwässer des Herrn Z in die gemeinde-
eigene Kanalisationsanlage einleiten zu lassen, obwohl die Abwässer von Menge
und Beschaffenheit im bewilligten Konsens der Gemeinde ohne Probleme
Deckung finden würden?
Grundrechte Î Gleichheitsgrundsatz: Es besteht ein Kontrahierungszwang, da die
Verweigerung keine sachlichen Beweggründe aufweist. (Ausnahme zum Grundsatz
der Vertragsfreiheit; falls er sich weigern würde die Gebühren zu zahlen, wäre die
Verweigerung gültig)

13. Was versteht man unter absoluten Grundrechten?

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Grundlagen des Rechts

Grundrechte können grundsätzlich uneingeschränkt gewährleistet werden; es handelt


sich dann um Grundrecht ohne Gesetzesvorbehalt.

14. Was sind immanente Grundrechtsschranken?


Die Grundrechte werden nur innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze
gewährleistet.

15. Wann verletzen der Gesetzgeber bzw. die Vollziehung ein absolutes Grundrecht?
Untersagt sind der Gesetzgebung:
• Intentionale Eingriffe (Rechtsvorschriften, mit denen der Gesetzgeber direkt und
willentlich das an sich absolute Grundrecht beschränkt)
• Allgemeine (nichtintentionale) Gesetze müssen absolute Grundrechte beachten.
Die durch allgemeine Gesetze bewirkten Eingriffe sind nur dann zulässig, wenn sie
zum Schutz eines anderen Rechtsguts erforderlich sind Î dabei ist eine Abwägung
zwischen Grundrecht und dem Rechtsgut notwendig Î räumt das Gesetz der
Behörde ein.
Die Vollziehung verletzt ein absolutes Grundrecht, wenn
• sie ein Gesetz zu Unrecht so anwendet, als ob dieser einen intentionalen Eingriff
vornehmen würde,
• sich bei einer Entscheidung nicht die notwendige Abwägung zwischen dem Grund-
recht und dem anderen Rechtsgut vornimmt.

16. Welche Arten von Grundrechten unter Grundrechtsvorbehalt sind Ihnen


bekannt?
• Ausgestaltungsvorbehalten (Diese Grundrechte müssen durch den einfachen
Gesetzgeber erst näher geregelt werden)
• Eingriffsvorbehalten (bei diesen Grundrechten ist es dem einfachen Gesetzgeber
erlaubt, das Grundrecht durch das Gesetz einzuschränken)

17. Nennen Sie Beispiele für Grundrechte unter Gesetzesvorbehalt!


Ausgestaltungsvorbehalten = Art. 12 StGG gibt den Staatsbürgern das Recht Vereine
zu gründen Æ die Ausübung dieser Rechte wird durch besondere Gesetze geregelt
Eingriffsvorbehalten = Art. 6 StGG, wonach jeder Staatsbürger unter den gesetzlichen
Voraussetzungen jeden Erwerbszweig ausüben darf.

18. Unter welchen Voraussetzungen ist es dem einfachen Gesetzgeber gestattet, ein
Grundrecht unter Gesetzesvorbehalt einzuschränken?
Wenn der Eingriff
• im öffentlichen Interesse liegt;
• zur Erreichung des im öffentlichen Interesse gelegenen Ziels geeignet und
erforderlich ist;
• adäquat, also verhältnismäßig, ist.

19. Gebietet der Gleichheitsgrundsatz nach hA eine Gleichbehandlung aller


Menschen?
Nein, da der Gleichheitsgrundsatz nach hA keine Anwendung beim Verhältnis Fremde
zu Staatsbürger findet. (Wohl aber Staatsbürger Î inländischen juristischen Personen,
Fremde untereinander)

20. Nennen Sie die wichtigsten als Gleichheitsformeln bezeichneten


Konkretisierungen des Gleichheitsgrundssatzes!
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Grundlagen des Rechts

• Verbot unsachlicher Differenzierungen („Gleiches ist gleich zu behandeln“)


• Gebot einer differenzierenden Regelung („Ungleiches darf nicht unsachlicherweise
gleich behandelt werden)
• Allgemeines Sachlichkeitsgebot (es wird geprüft, ob es überhaupt eine sachliche
Rechtfertigung für eine derartige Regelung gibt)
• Vertrauensschutz (hat Bedeutung bei rückwirkend belasteten Gesetzen und bei
Eingriffen in „wohlerworbene“ Rechte)
• Weitere Gleichheitsformeln (das vom Gesetzgeber geschaffene Ordnungssystem
stellt keine Maßstab für die Sachlichkeit einer Ausnahmeregelung dar; eine
Regelung muss nur in sich dem Gleichheitssatz entsprechen)

21. Der Gesetzgeber beschließt ein Gesetz, mit dem das Pensionsantrittsalter für
Männern ab dem der Kundmachung im Bundesgesetzblatt folgenden Tag mit 70
Jahren festgesetzt wird. Der 65jährige Herr P, der mit Ende des Jahres in
Pension gehen wollte, ist empört. Zu Recht?
Der Gedanke des Vertrauenschutzes hat Bedeutung bei rückwirkend belastenden
Gesetzen = Diese werden dann als unsachlich und insoweit dem Gleichheitssatz
widersprechend angesehen, wenn sie eine nachträgliche Belastung für Personen
bewirken, die auf eine bestimmte Rechtslage vertraut haben. („Anwartschaftsrechte“)
Der Mann kann auf sein Recht bestehen mit 65 Jahren in Pension zu gehen.

22. Herr A, der sein Auto im Park- und Halteverbot abgestellt hat, muss 300,-
bezahlen, während die Lenker anderer Fahrzeuge, die neben dem Fahrzeug des
A ebenfalls falsch geparkt sind, nicht bestraft werden. Er fühlt sich ungerecht
behandelt und beruft sich auf den Gleichheitssatz. Wird sein Einwand Erfolg
haben?
Sein Einwand wird keinen Erfolg haben, denn es gibt kein subjektives Recht auf ein
Fehlverhalten der Behörde.

23. Welchen Inhalt hat das Eigentumsrecht?


In das Eigentum einer Person darf grundsätzlich nicht eingegriffen werden.
(Grundrecht, das in- und ausländischen natürlichen und juristischen Personen zusteht)
Eigentum sind aller vermögenswerten Privatrechte (auch Jagd- und Mietrecht, Recht
zum Abschluss privatrechtlicher Verträge), aus dem öffentlichen Recht ableitbare
vermögenswerte Ansprüche. (sofern ihnen eine vorher zu erbringende Gegenleistung
gegenübersteht. Gesetzliche Eigentumsbeschränkungen müssen dem Verhältnis-
mäßigkeitsgrundsatz entsprechen.

24. Mit Bescheid der Wasserrechtsbehörde wird der Gemeinde K die wasser-
rechtliche Bewilligung für die Errichtung und den Betrieb einer Kanalisations-
anlage mit Einleitung der vorgereinigten Abwässer in den Fluss F erteilt. Im
Rahmen dieses Bescheides wird Herr Z durch ein Zwangsrecht gegen
Entschädigung verpflichtet, die Verlegung eines Teilstückes des Kanals auf
seinem Grundstück zu dulden. Die Errichtung dieses Teilstückes auf gemeinde-
eigenem Grund wäre zu etwa denselben Kosten und ohne größere Schwierig-
keiten möglich gewesen, die Gemeinde wollte dieses Grundstück jedoch für
allfällige spätere Bauvorhaben „unberührt“ lassen. Könnte eine Berufung des
Herrn Z gegen den Bescheid Erfolg haben?
Eine Berufung würde Erfolg haben. Die Enteignung würde nur dann gerechtfertigt sein,
wenn der Bedarf ausschließlich nur durch die Enteignung gedeckt werden kann.

Voraussetzungen einer Enteignung wären:


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Grundlagen des Rechts

• die im öffentlichen Interesse liegende Deckung eines konkreten Bedarfs durch die
Enteignung
• die Eignung der enteigneten Sache zur unmittelbaren Deckung dieses Bedarfs;
• die Verhältnismäßigkeit der Enteignung insofern, als der Bedarf nur durch die
Enteignung gedeckt werden kann.

25. Sind Enteignungen entschädigungspflichtig?


Eine Entschädigungspflicht aufgrund des Gleichheitssatzes besteht dann, wenn durch
eine Enteignung zwar mehrer Personen gleiche Vorteile, nicht aber gleiche
Vermögensbußen entstehen. Nur der Enteignete hat ein verfassungswidriges Sonder-
opfer zu erbringen. Eine entschädigungslose Enteignung von Ausländern ist in jedem
Fall unzulässig.

26. Gegen welches Grundrecht würde ein Gesetz verstoßen, nach dem Grundstücke
eines bestimmten Gebietes von anderen Personen als Landwirten nur dann
erworben werden dürfen, wenn Landwirte von ihrem Recht keine Gebrauch
machen, und diese Regelung nicht aus allgemeinen Rücksichten (etwa aus
Grundverkehrsinteressen oder im Interesse an der Erhaltung eines leistungs-
fähigen Bauernstandes) geboten ist?
Freiheit des Liegenschaftserwerbs: Jedem Staatsbürger steht das Grundrecht zu,
Liegenschaften zu erwerben und über diese frei zu verfügen.

27. Erläutern Sie das Grundrecht auf Freiheit der Erwerbstätigkeit!


Jeder Staatsbürger und jede inländische Person hat das Recht unter den gesetzlichen
Bedingungen jeden Erwerbszweig auszuüben. Geschützt wird jede auf wirtschaftlichen
Erfolg gerichtete Tätigkeit, egal ob es sich um eine selbständige oder unselbständige
Tätigkeit handelt bzw. die Tätigkeit in den Anwendungsbereich der GeWO fällt.
Geschützt wird auch der Erwerbsantritt und die Erwerbsausübung.

28. Was versteht man unter Verfahrensgrundrechten? Nennen Sie solche!


Sie garantieren dem einzelnen keine Freiheitsphäre, sondern sie legen genaue
Regelungen für das staatliche Handeln im verfahrensrechtlichen Bereich fest.
• Recht auf den gesetzlichen Richter
• Recht auf ein gerichtliches Verfahren in Zivil- und Strafsachen

29. Welche Folgerungen können aus dem Recht auf den gesetzlichen Richter
abgeleitet werden?
Hierbei geht es nicht nur um das gerichtliche Verfahren, sondern auch um das
verwaltungsbehördliche Verfahren Î soll damit die gesetzlich begründete Behörden-
zuständigkeit schützen. (Konkurrierende Zuständigkeitsbestimmungen sind unzulässig)

30. Erläutern Sie den Begriff des „Tribunals“ iSd EMRK!


Diese Verfahren müssen vor einer unabhängigen, unparteiischen, auf Gesetz
beruhenden Instanz durchgeführt werden Æ „tribunal“ = nicht ident mit „Gericht“ iSd B-
VG. Diese Instanz ist unabhängig gegenüber der Verwaltung und den Verfahrens-
beteiligten und ihre Mitglieder weisen eine längere Amtszeit auf.

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Grundlagen des Rechts

31. Reicht es aus, dass über die Erteilung oder Versagung einer baurechtlichen
Bewilligung die Verwaltungsbehörden mit nachprüfender Kontrolle der Gerichts-
höfe des öffentlichen Rechts entscheiden, oder muss aufgrund des Grundrechts
auf ein gerichtliches Verfahren in Zivil- und Strafsachen ein Gericht
entscheiden?
Recht auf gesetzlichen Richter ist gegeben, wenn die zuständige Behörde tätig wird.
Ja, es ist ausreichend, weil es hier um die Frage auf das Recht nach dem gesetzlichen
Richter geht. Das Recht ist im Verwaltungsverfahren dann gewahrt, wenn die
zuständige Verwaltungsbehörde einschreitet, dann die zuständige Berufungsbehörde
und letztlich die Höchstgerichte zur Nachkontrolle tätig werden.
Das Grundrecht wurde wahrgenommen und nicht verletzt.
Man versucht sich hier auf das Zivilrecht und nicht auf das Baurecht zu reduzieren.
Das Recht auf den gesetzlichen Richter Î im Zivilrecht, wurde nicht verletzt.

Bezirksgericht zuständig für: Zivil- (Parteien gleichgestellt) und Strafsachen

Gerichtshöfe öffentlichen Rechts:


Baurecht: verschiedene Zivilrechtsbegriffe

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 2: Die Grundfreiheiten der EU

1. Welche Ziele verfolgt die EG?


Es geht um die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und einer Wirtschafts- und
Währungsunion sowie um die Durchführung der in den Art. 3 und 4 EGV genannten
Politiken und Maßnahmen in der ganzen Gemeinschaft zu fördern:
• eine harmonische, ausgewogene und nachhaltige Entwicklung des Wirtschafts-
lebens;
• ein hohes Beschäftigungsniveau;
• ein hohes Maß an sozialem Schutz;
• die Gleichstellung von Männern und Frauen;
• ein beständiges, nichtinflationäres Wachstum;
• einen hohen Grad an Wettbewerbsfähigkeit und Konvergenz der Wirtschafts-
leistungen;
• ein hohes Maß an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität;
• die Hebung der Lebenshaltung und der Lebensqualität;
• den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt;
• die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten.

2. Welches Ziel wird mit dem Gemeinsamen Markt verfolgt?


Der Gemeinsame Markt zielt auf die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes
durch Herstellung binnenmarktähnlicher Verhältnisse.

3. Welche Definitionsmerkmale weist der Gemeinsame Markt auf?


• die Existenz eines europäischen Wettbewerbsrechts,
• die Rechtsharmonisierung, soweit dies für das Funktionieren des Gemeinsamen
Marktes erforderlich ist.

4. Was ist der Binnenmarkt? In welchem Verhältnis steht er zum Gemeinsamen


Markt und zu den Grundfreiheiten?
Der Binnenmarkt umfasst einen Raum ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr
(Beseitigung von Hindernissen) von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital
gemäß den Bestimmungen des Vertrags gewährleistet ist Æ somit beschreibt er die
Verhältnisse innerhalb der EU und spricht die vier für die EU gekennzeichneten
Grundfreiheiten an. (Merkmal des Binnenmarktes)

5. Welche Grundfreiheiten des Binnenmarktes kennen Sie? Beschreiben Sie kurz,


was sie beinhalten, bzw, wodurch sie verwirklicht werden! Art 4 Abs 3 EG-Vertrag
Warenverkehrsfreiheit = ungehinderter Verkehr von Waren in der EU durch Schaffung
einer Zollunion Æ Verbot von Zöllen zwischen den Mitgliedstaaten, Verbot von
mengenmäßigen Beschränkungen und allen sonstigen Maßnahmen gleicher Wirkung.
Personenverkehrsfreiheit = Diskriminierungsverbote
• Freizügigkeit der Arbeitnehmer: Recht natürlicher Personen auf Ausübung
unselbständiger Tätigkeiten in den anderen Mitgliedstaaten dauerhaft und für
Entgelt.
• Niederlassungsfreiheit: Recht natürlicher und juristischer Personen auf
Niederlassung in den anderen Mitgliedstaaten zur Ausübung selbständiger
Erwerbstätigkeit.
Dienstleistungsfreiheit = Recht natürlicher (immaterielles Gut) und juristischer
Personen auf dauerhafte, grenzüberschreitende Ausübung selbständiger Erwerbstätig-
keiten in den anderen Mitgliedstaaten.
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Grundlagen des Rechts

Kapitalverkehrsfreiheit = Kapitalbewegungen zwischen den Mitgliedstaaten dürfen


keinen Beschränkungen unterworfen sein.

6. Beschreiben Sie kurz die Gemeinsamkeiten der Grundfreiheiten!


• die Grundfreiheiten richten sich an die Mitgliedstaaten und haben keine Dritt-
wirkung
• sie sind unmittelbar anwendbar Æ der Einzelne kann sich unmittelbar auf die
Grundfreiheiten berufen
• sie haben einen grenzüberschreitenden Charakter Æ bei Verletzung besteht ein
Anspruch auf Staatshaftung
• Diskriminierungsverbote, d.h. eine Differenzierung mitgliedstaatlicher Vorschriften
nach der Herkunft der Ware, der Person, der Dienstleistung oder des Kapital ist
unzulässig
• Allgemeine Beschränkungsverbote, d.h. alle Einschränkungen unabhängig von der
Herkunft der Ware, Person, Dienstleistungen oder des Kapitels ist grundsätzlich
unzulässig.

7. In welchem Verhältnis stehen die Grundfreiheiten und das Sekundärrecht?


Wenn ein Sachgebiet (eine gemeinschaftsrechtliche Regelung) durch eine sekundär-
rechtliche Regelung harmonisiert wurde, geht diese Regelung den Grundfreiheiten vor
Æ diese ist jedoch an den materiellen Grundsätzen der betreffenden Grundfreiheit zu
messen.

8. Welche Maßnahmen gibt es zur Verwirklichung der Warenverkehrsfreiheit?


• Errichtung einer Zollunion
• Umformung staatlicher Handelsmonopole
• Beseitigung innerstaatlicher, diskriminierender Abgaben
• Beseitigung mengenmäßiger Beschränkungen sowie aller sonstigen Maßnahmen
gleicher Wirkung zwischen den Mitgliedstaaten

Die Warenverkehrsfreiheit ist der grundsätzlich ungehinderte Verkehr von Waren innerhalb
des Gemeinschaftsgebiets.

9. Unterscheiden Sie die Begriffe „Freihandelszone“ und „Zollunion“! Welchem


Begriff ist die Europäische Gemeinschaft zuzuordnen?
Freihandelszone = behalten die Kontrolle über ihre Außenhandelsbeziehungen, wobei
an den Binnengrenzen innerhalb der Freihandelszone weiterhin Grenzkontrollen
durchgeführt werden müssen, Abschaffung der Binnenzölle zwischen den Mitglied-
staaten, nicht aber Vereinheitlichung des Außenzolls gegenüber dritten Ländern
(Außenzolltarif)
Zollunion = Mitgliedstaaten verzichten auf das Recht zur autonomen Gestaltung der
Außenhandelsbeziehungen. Sie beseitigt die zwischen ihren Mitgliedstaaten
bestehenden Zölle (Binnenzölle) und führt einen gemeinsamen Außenzoll gegenüber
dritten Ländern ein Æ Kontrolle nur bei Außengrenzen.
EG ist eine Zollunion.

10. Welchen sachlichen und örtlichen Anwendungsbereich hat die durch die EU
gebildete Zollunion?
Sachlich erfasst die durch die EU gebildete Zollunion nicht nur grundsätzlich den
gesamten Warenaustausch, sondern auch die Durchfuhr von Waren.

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Grundlagen des Rechts

Örtlich ist von der Zollunion das Zollgebiet betroffen; dieses besteht grundsätzlich aus
dem Staatsgebiet der Mitgliedstaaten.

11. Was sind der Gemeinsame Zolltarif, die Kombinierte Nomenklatur und der
Zollkodex?
• Gemeinsamer Zolltarif = Errichtung eines gemeinsamen Außenzolls gegenüber
Drittstaaten und gemeinsame Regelung betreffen Abgaben zollgleicher Wirkung in
bezug auf Einfuhren aus den Drittstaaten
• Kombinierte Nomenklatur = Zolltarifschema, welches eine Gliederung einzelner
Warengattungen vornimmt und ihnen Zollsätze zuordnet
• Zollkodex = kodifiziert das materielle Zollrecht der Gemeinschaft (z.B. Berechnung
des Warenwertes, formelles Zollrecht Î Zollverfahrensrecht)

12. Wem fließen die Zolleinnahmen zu?


Die Zolleinnahmen fließen der Gemeinschaft zu. (Zollbehörde der Mitgliedstaaten
erhaben sie; weshalb sich diese auch einen Teil – 10% – der Zolleinnahmen behalten
dürfen)

13. Was sind Gemeinschaftswaren?


Es sind Waren
• mit Ursprung in den Mitgliedstaaten
• mit Ursprung in Drittstaaten, die sich in den Mitgliedstaaten im freien Verkehr
befinden.
(Zigaretten sind keine Gemeinschaftswaren Î Handelsmonopol)

14. Wann befinden sich Gemeinschaftswaren in der EU im freien Verkehr?


Wenn die Einfuhrformalitäten in materieller und formeller Hinsicht erfüllt worden sind,
und für die die vorgeschriebenen Zölle und Abgaben gleicher Wirkung erhoben worden
sind. (keine Rückvergütung zulässig!) Î Waren aus Drittländern.
aus USA kommen Sportschuhe nach Hamburg, dann nach Frankreich, dann
Spanien…. sind Auslandsgüter.

15. Was versteht man unter einem Zoll, was unter einer Abgabe zollgleicher
Wirkung?
Zölle = Abgaben mit denen Waren bei der Ein- oder Ausfuhr belastet werden, ohne
dass eine entsprechende Abgabe für gleichartige inländische Waren erhoben wird.
Abgaben zollgleicher Wirkung = eine einer in- oder ausländischen Ware wegen ihres
Grenzübertritts einseitig auferlegte finanzielle Belastung – de facto ein Zoll
• unabhängig von ihrer Bezeichnung und Art ihrer Erhebung;
• unabhängig davon, ob sie zugunsten des Staates erhoben wird;
• unabhängig von einer allfälligen protektionistischen oder diskriminierenden, also die
inländischen Erzeugnisse bevorzugenden, Wirkung;
• unabhängig davon, ob die belastete Ware mit inländischen Erzeugnissen im
Wettbewerb steht.

16. Unter welchen Voraussetzungen dürfen Gebühren für an der Grenze


vorgenommene Untersuchungen und Kontrollen eingehoben werden?
• wenn sie gemeinschaftsrechtlich vorgesehen sind
• das angemessene Entgelt für einen dem einzelnen tatsächlich und individuell
geleisteten Dienst darstellen

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Grundlagen des Rechts

17. Um die heimische Textilindustrie zu unterstützen wird in Österreich eine


„Gebühr“ bei der Einfuhr sämtlicher ausländischer Textilprodukte eingeführt.
Gegen welche Grundfreiheit verstößt diese Regelung im Bezug auf die Mitglied-
staaten der EU?
Es verstößt gegen die Warenverkehrsfreiheit, weil es sich hierbei um eine
diskriminierende zollgleiche Abgabe handelt und deshalb verboten ist.

18. Was ist ein Handelsmonopol? Welche anderen Arten von Monopolen kennen Sie
noch?
Man versteht unter Handelsmonopol
• den Inbegriff von Sonderrechten in Bezug auf Ankauf und Verkauf bestimmter
Warengattungen
• die Einrichtung selbst, der diese Sonderrechte zustehen
- Produktionsmonopole (umfassen das ausschließliche Recht zur Herstellung
bestimmter Waren)
- Dienstleistung- und Finanzmonopole (Finanzmonopol dienen der Erzeilung von
Einnahmen)

19. Sind in der EG Handelsmonopole verboten?


Nein, es gibt nur ein Verbot diskriminierender Praktiken staatlicher Handelsmonopole.

20. Was wird mit Art. 90 EG bezweckt?


Beseitigung innerstaatlicher diskriminierender Abgaben = danach dürfen die Mitglied-
staaten weder unmittelbar noch mittelbar höhere inländische Abgaben gleich welcher
Art erheben, als gleichwerte inländische Waren zu tragen haben.

21. Österreich führt eine „Buchabgabe“ ein, die Bücher sowohl in- als auch
ausländischer Verlage gleich belastet. Die daraus resultierenden Einnahmen
werden zur Unterstützung der heimischen Verlage verwendet. Bestehen nach
dem EG-Recht rechtliche Bedenken gegen diese Regelung? Art 19 EG-Vertrag
Hierbei handelt es sich um einer verdeckte Diskriminierung, der einen Verstoß
(Behinderung) gegen die Warenverkehrfreiheit darstellt. Es ist eine verdeckte
innerstaatliche diskriminierende Abgabe, wegen der Rückführung der Gelder an die
Verläge.

22. Geben Sie im Überblick wieder, was die Art. 28, 29 und 30 EG regeln!
Art. 28 = Verbot mengenmäßiger Einfuhrbeschränkungen sowie Maßnahmen gleicher
Wirkung
Art. 29 = Verbot für Ausfuhrbeschränkungen/ Durchfuhr von Waren
Art. 30 = erlaubte Ausnahmen für Verbote von Einfuhr- und Ausfuhrbeschränkungen

23. Was versteht man unter einer Ware iSd Warenverkehrsfreiheit?


Der Begriff der Ware umfasst dabei alle beweglichen Sachen, die einen Geldwert
haben und deshalb Gegenstand von Handelsgeschäften sein können. (erfasst sind
Waren mit Ursprung in der EU, aber auch sich im freien Verkehr befindlichen Waren
aus Drittländern)

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Grundlagen des Rechts

24. Kann Geld eine Ware iSd Warenverkehrsfreiheit sein?


Ja, sofern es sich z.B. um eine Münzsammlung handelt (hat eine höheren Wert als die
Nominale Æ Sammlerwert) oder ist z.B. schon (z.B. Eurotaferl) oder nicht mehr im
Zahlungsverkehr (z.B. Schillingssammlungen)

25. Kann Abfall eine Ware iSd Warenverkehrsfreiheit sein?


Ja, denn die Wiederverwertung dieser Abfälle bzw. Transport und Entsorgung der
Abfälle ist Gegenstand einer Handelsgeschäftes.

26. Was fällt unter den Begriff der einen Eingriff in die Warenverkehrsfreiheit
darstellenden staatlichen Maßnahmen?
Unter einer staatlichen Maßnahme wird dabei verstanden
• staatliche Maßnahmen im engeren Sinn, die durch staatliche Stellen vorgenommen
werden
• Maßnahmen einer mit Hoheitsbefugnissen ausgestatteten Standesbehörde
• Maßnahmen von privaten Personen, die in einer Nahebeziehung zum Staat stehen

27. Können handelsbeschränkende Maßnahmen Privater gemeinschaftsrechtlich


relevant sein?
NEIN Î handelsbeschräkende Maßnahmen Privater werden normalerweise von der
Warenverkehrsfreiheit nicht erfasst, sondern sind allenfalls Gegenstand des
europäischen Kartellrechts.
JA Î wenn sie mit Hoheitsgewalt ausgestattet sind oder auf Grund ihrer Finanzierung,
der Bestellung von Aufsichtsorganen oder anderer Umstände (Nahebeziehung) dem
Staat zuzurechnen sind.

28. Was bedeutet das Verbot mengenmäßiger Beschränkungen?


Das sind alle staatlichen Maßnahmen, welche die Einfuhr oder die Ausfuhr einer Ware
dem Wert oder der Menge nach begrenzen. (erfasst sind Einfuhr-, Ausfuhr- und
Durchfuhrverbote, da sie den Grenzübertritt der Ware an sich behindern)

29. Was ist eine Maßnahme gleicher Wirkung?


Dieser Begriff erfasst nach der Entscheidung des EuGH „Dassonville“ grundsätzlich
alle Handelsregelungen der Mitgliedstaaten, die geeignet sind, den inner-
gemeinschaftlichen Handelsverkehr unmittelbar oder mittelbar, tatsächlich oder
potentiell zu behindern. Dabei handelt es sich um jede nationale Maßnahme, die
objektiv auf den Warenverkehr einwirkt. Ausreichend ist die Eignung einer Maßnahme
zur Behinderung des Warenverkehrs. Nicht notwendig ist eine tatsächliche
Beeinflussung.

30. Welche Erkenntnis des EuGH stellt die Leitentscheidung zur Auslegung des
Begriffs der Maßnahmen gleicher Wirkung dar? Was besagt es?
„Dassonville = alle Handelsregelungen der Mitgliedstaaten, die den innergemein-
schaftlichen Handelsverkehr unmittelbar oder mittelbar, tatsächlich oder potentiell
behindern, sind verboten. (KONTROLLE)

31. Welche Arten von Diskriminierungen widersprechen dem Diskriminierungs-


verbot?
• jede unterschiedliche Behandlung von eingeführten und inländischen Waren
• jede offene und jede versteckte, also mittelbare Diskriminierung von Importwaren
aus anderen Mitgliedstaaten
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Grundlagen des Rechts

o offene, unmittelbare oder formelle Diskriminierung = Regelung darf


ausländische Einfuhren nicht erschweren
o versteckte, mittelbare oder materielle Diskriminierung = Regelungen weisen
Voraussetzungen an, welche von ausländischen Produkten nicht erfüllt
werden kann.

32. Welche Grundsätze hat der EuGH im sog. Cassis-Urteil aufgestellt?


Mitgliedstaatliche Bestimmungen, die als Maßnahmen iSd „Dassonville“ Rechts-
sprechung anzusehen sind, sind nur dann zulässig, wenn sie
• nicht diskriminierend,
• verhältnismäßig,
• erforderlich,
• geeignet sind
• um zwingenden Erfordernissen gerecht zu werden (des allgemeinen Interesses)

33. Welche Art von Vorschriften unterliegen einer Prüfung nach dem Cassis-Urteil?
Produktvorschriften (Vorschriften, welche die Gestaltung der Ware regeln, etwa
hinsichtlich Bezeichnung, Form, Abmessung und Zusammensetzung der Ware)

34. Was ist unter den zwingenden Erfordernissen des Allgemeininteresses zu


verstehen?
Es handelt sich dabei um immanente Schranken der Warenverkehrsfreiheit die noch
vor der Prüfung des Ausnahmetatbestands beachtet werden müssen, für
• einer wirksamen steuerliche Kontrolle
• des Schutzes der öffentlichen Gesundheit
• des Verbraucherschutzes
• des Umweltschutzes
• der Aufrechterhaltung der Medienvielfalt
• der Lauterkeit des Handelsverkehrs

35. Was versteht man unter dem Bestimmungsstaatsprinzip?


Nach dem Bestimmungsstaatsprinzip (und dem Diskriminierungsverbot) ist eine
Gleichbehandlung von inländischer und ausländischer Ware erforderlich.

36. Was versteht man unter dem Herkunftsstaatsprinzip und dem Prinzip der
gegenseitigen Anerkennung?
Herkunftsstaatsprinzip = dieses besagt, dass Vorschriften des Bestimmungsstaates
uneingeschränkt nur für inländische Waren gelten. Eingeführte Waren müssen den
Bestimmungen des Herkunftsstaates genügen. Dies gilt nicht für Vorschriften des
Bestimmungsstaates , die zwingenden Erfordernissen genügen.
Prinzip der gegenseitigen Anerkennung = eingeführte Ware, die im Herkunftsstaat
rechtmäßig hergestellt und in Verkehr gebracht werden, müssen auch in anderen
Mitgliedstaaten akzeptiert werden (somit sind nationale Rechtsvorschriften
grundsätzlich unanwendbar) zwingende Erfordernisse: Süchte

37. Was besagt die sog. Keck-Rechtsprechung des EuGH?


Der EuGH hat in seinem Urteil „Keck“ mitgliedstaatliche Regelungen vom
Anwendungsbereich des Art. 28 EGV (Dassonville = Maßnahmen gleicher Wirkung;
Cassis) ausgenommen, sofern sie
• nichtdiskriminierend sind,
• es sich um Regelungen bestimmter Verkaufsmodalitäten handelt,
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Grundlagen des Rechts

• für alle betroffenen Wirtschaftsteilnehmer gelten, die ihre Tätigkeit im Inland


ausüben (Öffnungszeiten, Bindung des Verkaufs von Medikamenten an die
Apotheken, usw.)
• den Absatz der inländischen Waren und der eingeführten Waren rechtlich und
tatsächlich in gleicher Weise berühren.

38. Was sind bestimmte Verkaufsmodalitäten?


= vertriebsbezogene mitgliedstaatliche Vorschriften, die die Art des Verkaufs einer
Ware regeln (bestimmte Verkaufsmodalitäten dürfen den Marktzugang für eingeführte
Waren nicht stärker als für inländische Ware versperren oder behindern)

39. Welche Voraussetzungen müssen für eine Anwendbarkeit des Art. 30 EG erfüllt
sein?
Die zum Schutz dieser Rechtsgüter getroffenen Maßnahmen müssen im Vergleich zur
Bedeutung der Freiheit des Warenverkehrs verhältnismäßig sein. Ferner müssen sie
zur Erreichung ihres Ziels geeignet sein und sich auf das unbedingt Notwendige
beschränken, insoweit also erforderlich sein.
Ausnahmen nicht-wirtschaflticher Art =
• die öffentliche Sicherheit, Ordnung und Sittlichkeit
• Schutz der Gesundheit und des Lebens von Menschen ,Tieren und Pflanzen
• Schutz des nationalen Kulturgutes von künstlerischem, geschichtlichem oder
archäologischem Wert
• Schutz des gewerblichen und kommerziellen Eigentums

40. Worin liegt der Unterschied zwischen den Ausnahmen nach der Cassis-Rsp,
nach der Keck-Rsp und nach Art. 30 EG?
Cassis = Urteil des EuGH; dürfen nicht diskriminierend sein; dienen dem Schutz von
allgemeinen Interessen; notwenig und geeignet (müssen tatsächlich Schutz bieten);
verhältnismäßig (darf keinen geringeren Weg geben)
Keck = Urteil von EuGH; dürfen nicht diskriminierend sein; muss sich um
Verkaufsmodalitäten handeln
Art. 30 EG = Ausnahmeregelungen, die vertraglich vorgesehen sind, dürfen
diskriminierend sein; Ausnahmen müssen aber nicht wirtschaftliche Bereich schützen

41. Art. 28 EGV verbietet „mengenmäßige Einfuhrbeschränkungen sowie


Maßnahmen gleicher Wirkung“.
• Worauf bezieht sich dieses Verbot?
Grundfreiheit des freien Warenverkehrs
• An wen richtet sich das Verbot?
Mitgliedstaaten der EU
• Welche Arten von Maßnahmen sind davon betroffen?
Alle nationalen Maßnahmen, die auf den Warenverkehr einwirken und diesen somit
behindern
• Welches Urteil des EuGH war die Auslegung des Tatbestands des Art. 28 EGV
(„Maßnahmen gleicher Wirkung“) von besonderer Bedeutung?
Dassonville = alle Handelsregelungen von Mitgliedstaaten, die den inner-
gemeinschaftlichen Warenverkehr unmittelbar oder mittelbar, tatsächlich oder
potentiell behindern, sind verboten.
• Sind von Art. 28 EGV auch Maßnahmen umfasst, die eine neutrale
Behinderung des Marktzutritts bewirken (zB Verbot des Verkaufs unter dem

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Grundlagen des Rechts

Einstandspreis)? Mit welchem Urteil hat der EuGH diese Frage eindeutig
entschieden?
Nein, es werden lediglich die Verkaufsmodalitäten behandelt Î Keck
• Unter welchen Voraussetzungen können „Maßnahmen gleicher Wirkung“
dennoch zulässig sein?
Cassis, Keck, Ausnahmeregelungen nach Art. 30 EG

42. Aus Gründen des Verbraucherschutzes verbietet der Mitgliedsstaat A den


Verkauf von nicht nach dem Reinheitsgebot hergestelltem Bier. Welche Grund-
freiheit ist berührt? Begründung! Warum wird diese Beschränkung jedenfalls mit
Gemeinschaftsrecht unvereinbar sein?
Unvereinbar mit der Warenverkehrsfreiheit
• Dassonville = unmittelbar und tatsächlich
• Cassis = nicht verhältnismäßig (es gibt ein gelinderes Mittel = Etikettierung),
Reinheitsgebot (das Herkunftsstaatsprinzip greift), diskriminierend

43. Dänemark verbietet zum Schutz einer nur dort vorkommenden Bienenart die
Einfuhr aller anderen Bienenvölker auf einer einzigen Ostseeinsel. Welche
Grundfreiheit ist berührt? Begründung! Ist diese Beschränkung mit
Gemeinschaftsrecht vereinbar?
Vereinbar mit der Warenverkehrsfreiheit (Bienen sind in dem Fall Waren)
• Dassonville = unmittelbar und potentiell
• Art. 30 = Umweltschutz soll geschützt werden

44. Welche Freiheiten umfasst der freie Personenverkehr?


• Freizügigkeit der Arbeitnehmer (Recht natürlicher Personen auf unselbstständige
Tätigkeit gegen Entgelt in den anderen Mitgliedstaaten)
• Niederlassungsfreiheit (Recht natürlicher und juristischer Personen auf
Niederlassung zur Ausübung selbständiger Erwerbstätigkeit auf Dauer in den
anderen Mitgliedstaaten)

45. Welchen Inhalt hat die Arbeitnehmerfreizügigkeit?


Unter der Freizügigkeit der Arbeitnehmer wird das Recht natürlicher Personen auf die
Ausübung unselbständiger Tätigkeiten in den anderen Mitgliedstaaten verstanden.
Führt zu einer Abschaffung jeder auf der Staatsangehörigkeit beruhenden
unterschiedlichen Behandlung der Arbeitnehmer der Mitgliedstaaten.

46. Ein Arbeitsgeber aus Dtld beschäftigt österreichische Fernfahrer für Transporte
im Nahen Osten. Nach dt Recht sind für den Fall einer Beschäftigung
ausländischer Fahrer besondere Melde- und Aufzeichnungspflichten
vorgesehen, die beim Einsatz deutscher Fahrer im gleichen Gebiet nicht
vorgeschrieben sind. Ist diese Regelung des dt Rechts gemeinschaftsrechtlich
bedenklich?
Dies widerspricht der Arbeitnehmerfreizügigkeit, weil sie diskriminierend ist. (keine
Ausnahme vorhanden) Ordre public greift nicht. Anspruch auf Gleichbehandlung

47. Was versteht man unter einem Arbeitnehmer iSd Gemeinschaftsrechts?


Der Begriff Arbeitnehmer ist dadurch gekennzeichnet, dass er
• eine natürliche Person ist,
• gegen Entgelt
• Arbeitsleistungen
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Grundlagen des Rechts

• für eine andere Person unter deren Leitung erbringt (weisungsgebunden)


• Staatsangehörige eines Mitgliedstaates ist.

48. Der österreichische Student A erhält von einem dt Arbeitgeber einen Ferialjob. Er
arbeitet für Kost und Logis (auch Entgelt) sowie € 10,-/Tag Taschengeld. Kann A
sich bei Bedarf auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit berufen?
Ja, er kann sich darauf berufen. Immerhin ist er Unionsbürger leistet unselbständige
Arbeit gegen Entgelt. Kein Mindestentgelt.

49. Der ÖGB und die Wirtschaftskammer Österreich vereinbaren in einem


Kollektivvertrag (gilt für alle in einer Branche; legt Mindestlohn, Arbeitszeit fest),
dass österreichische Arbeitskräfte um 15 % mehr Gehalt als ausländische
Reinigungskräfte erhalten sollen. Ist das gemeinschaftsrechtlich bedenklich?
Hierbei handelt es sich um einen Verstoß gegen die Arbeitnehmerfreizügigkeit, denn
EU-Bürger müssen gleich behandelt werden. (diskriminierend)

50. Nennen Sie die Begleitrechte zur Arbeitnehmerfreizügigkeit!


• Das Recht, sich um tatsächlich angebotene Stellen zu bewerben
• Das Recht sich deswegen im Mitgliedstaat frei zu bewegen
• Das Recht, sich in einem Mitgliedstaat aufzuhalten, um dort nach den geltenden
Rechts- und Verwaltungsvorschriften eine Beschäftigung auszuüben
• Das Recht auch nach Beendigung des Dienstverhältnisses sich im Mitgliedstaat
aufzuhalten (Durchführungsverordnung der Kommission)
• Recht auf Berufsausbildung
• Gleichbehandlungsgebot im Hinblick auf alle sozialen und steuerlichen
Vergünstigungen

51. Der dt Staatsbürger X möchte in Österreich als Gabelstaplerfahrer tätig sein. Er


hat nur den dt nicht aber den vorgeschriebenen österreichischen Gabelstapler-
führerschein. Darf vor einer Beschäftigung des X als Gabelstaplerfahrer der
Erwerb des österreichischen Führerscheins verlangt werden?
Nein, hierbei handelt es sich um die gleiche Befähigung, die in allen EU-Staaten
Gültigkeit hat, weshalb keine neue Prüfung verlangt werden darf. Nationale
Befähigungsnachweise dürfen verlangt werden Î eventuell eine Nachschulung.

52. Aus welchen Gründen ist eine Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit


möglich?
• Beschäftigung in der öffentlichen Verwaltung
• aus Gründen der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit

53. Was versteht man unter de Ausübung öffentlicher Gewalt iSd Arbeitnehmer-
freizügigkeit?
Darunter fallen alle Tätigkeiten, welche
• die Ausübung hoheitlicher Befugnisse mit sich bringen,
• auf die Wahrung der allgemeinen Belange des Staates oder anderer öffentlicher
Körperschaften gerichtet ist.

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Grundlagen des Rechts

54. In einem Mitgliedstaat ist gesetzlich vorgesehen (mit Staatsbürgerschaft darf er


nicht immer dort bleiben), dass alle Ausländer nach der zweiten Bestrafung
wegen Falschparkens ausgewiesen werden. Ist diese Vorschrift
gemeinschaftsrechtlich bedenklich?
Ja, diese Vorschrift ist gemeinschaftsrechtlich bedenklich (im EG-Vertrag: sich frei zu
bewegen, Verbleiberecht(Mindestalter, -dauer), weil sie diskriminieren ist. Im Sinne der
Personenverkehrsfreiheit ist eine derartige Diskriminierung verboten.

55. Die italienische Staatsbürgerin A. Rossi bewirbt sich um eine Anstellung als
Lehrerin in einem österreichischen Gymnasium, um Italienisch und Mathematik
zu unterrichten. Dies wird ihr unter Hinweis auf ihre Staatsangehörigkeit
verweigert, weil eine Anstellung beim Staat ein besonderes Vertrauensverhältnis
erfordere. Um welche Grundfreiheit geht es? Ist ihre Einschränkung
gerechtfertigt? Kurze Begründung!
Hierbei handelt es sich um die Personenverkehrsfreiheit (Arbeitnehmerfreizügigkeit)
und sie ist insofern diskriminieren, weil es sich um keinen Ausnahmetatbestand
handelt, nicht unter die Ordre public fällt und A. Rossi in ihrer Ausübung als Lehrerin
keine Hoheitsgewalt (z.B.: Polizei) hätte.

56. Wer ist Unionsbürger? Welche Rechte hat er?


Unionsbürger ist, wer die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates besitzt.
• Recht auf freie Bewegung und freien Aufenthalt (im Vertrag geregelt)
• Aktives und passives Wahlrecht bei Kommunalwahlen und bei Wahlen zum
Europäischen Parlament
• Diplomatischer und konsularischer Schutz
• Petitionsrecht an das Europäische Parlament, Beschwerderecht an den Bürger-
beauftragten
• Recht auf Benutzung einer Amtssprache im Verkehr mit den Organen der EU

57. Worin liegt der Unterschied zwischen der Arbeitnehmerfreizügigkeit und der den
Unionsbürgern zustehenden Freizügigkeit?
Arbeitnehmerfreizügigkeit = Ausübung unselbständiger Tätigkeiten in einem anderen
Mitgliedstaat
Freizügigkeit der Unionsbürger = allgemeines Recht auf Freizügigkeit und nicht an
einen spezifischen Aufenthaltszweck gekoppelt

58. Auf welche Weise kann die Niederlassungsfreiheit in Anspruch genommen


werden?
= Recht natürlicher und juristischer Personen auf Niederlassung in den anderen
Mitgliedstaaten zur Ausübung selbständiger Erwerbstätigkeit auf Dauer.
Dienstleistungsfreiheitbeschränkt)
Natürliche Personen: durch dauerhafte Aufnahme und Ausübung einer selbständigen
Erwerbstätigkeit in einem anderen Mitgliedstaate, Gründung und Leitung von
Unternehmen
Juristische Personen: durch Verlegung (Hauptverwaltung woanders) ihres Sitzes,
Gründung von Agenturen, Zweigniederlassungen (z.B.: Büro) oder
Tochergesellschaften (überwiegender Teil gehört dem AGmbH, im Geschäftsbuch von
BGmbH steht als Gesellschafter AGmbH)

59. Was ist eine primäre, was eine sekundäre Niederlassung?


Primär = Sitzverlegung juristischer Personen
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Grundlagen des Rechts

Sekundär = Gründung oder Erwerb von Agenturen und ähnlichen Einrichtungen

60. Wer kann die Niederlassungsfreiheit in Anspruch nehmen? Welche


Voraussetzungen müssen dafür erfüllt werden?
Die Niederlassungsfreiheit könne selbständige erwerbstätige Personen in Anspruch
nehmen. Verlangt ist also eine selbständige entgeltliche Tätigkeit auf Dauer.

61. Unter welchen Bedingungen kann der 1. Wr. Neustädter Kaninchenzüchterverein


die Niederlassungsfreiheit in Anspruch nehmen?
Unter der Bedingung, dass er mit diesem Verein (juristische Person: Eigenschaften:
Hauptsitz in der Gemeinschaft nach den Regeln gegründet) Gewinn erwirtschaftet.

62. Was bedeutet der Grundsatz der Inländergleichbehandlung


• im Bereich der Arbeitnehmerfreizügigkeit;
Es gibt im Art. 39 Abs. 2 EGV ein Gebot, dass sie Abschaffung jeder auf der
Staatsangehörigkeit beruhenden unterschiedlichen Behandlung der Arbeitnehmer
der Mitgliedstaaten in Bezug auf Beschäftigung, Entlohnung und sonstige Arbeits-
bedingungen enthaltene Diskriminierungsverbote.
• iZm der Niederlassungsfreiheit?
Die Ausübung der Niederlassungsfreiheit muss unter den gleichen Bedingungen
und den gleichen Rechten wie bei Staatsangehörigen des Aufnahmemitgliedstaates
möglich sein.

63. Welche Einschränkungen der Niederlassungsfreiheit sind zulässig?


Beschränkungen aufgrund der Cassis-Rsp. (auf Grund von immanenten Schranken der
Niederlassungsfreiheit) können zulässig sein, wenn die zu prüfende Vorschrift
• nicht diskriminierend ist,
• durch zwingende Gründe des Allgemeininteresses gerechtfertigt ist,
• erforderlich zur Wahrung diese Gründe ist,
• geeignet zur Wahrung diese Gründe ist.
• Auch wird die Verhältnismäßigkeit der Beschränkung zu verlangen sein.
Ausnahmegründe:
• Ausübung öffentlicher Gewalt = hoheitliche Befugnisse, müssen besonderer
staatsbürgerlichen Loyalität bedürfen
• Schutz der ordre public (öffentliche Ordnung, Sicherheit und Gesundheit)

64. Ein österreichischer Automechaniker möchte auf Dauer in Italien tätig werden.
Dort wird von ihm zur Ausübung des Mechanikerberufs die Ablegung der
italienischen Konzessionsprüfung verlangt. Ist dies gemeinschaftsrechtlich
bedenklich?
Hierbei handelt es sich um einen Verstoß gegen die Niederlassungsfreiheit (bzw.
Arbeitnehmerfreizügigkeit), denn es darf von ihm nur ein Befähigungsnachweis
verlangt werden, nicht jedoch eine Konzessionsprüfung Î diskriminierend

65. Welche Begleitrechte gewährt die Niederlassungsfreiheit?


• Aufenthaltsrecht (Recht auf Einreise und unbefristeten Aufenthalt)
• Aufenthaltsrecht von Familienangehörigen des Begünstigten
• Rechte betreffend der sozialen Sicherheit

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Grundlagen des Rechts

66. Worin liegt der Unterschied zwischen der von der Niederlassungsfreiheit
ausgenommenen Ausübung öffentlicher Gewalt und der von der Arbeitnehmer-
freizügigkeit ausgenommenen Ausübung öffentlicher Gewalt?
Arbeitnehmerfreizügigkeit = darunter fallen alle Tätigkeiten, welche die Ausübung
hoheitlicher Befugnisse mit sich bringen und auf die Wahrung des allgemeinen
Belange des Staates oder anderer öffentlicher Körperschaften gerichtet ist
Niederlassungsfreiheit = Ausübung hoheitlicher Befugnisse, bei trennbaren
Betätigungsfeldern sind Einschränkungen nur bei jenem Teil zulässig, der die
Ausübung einer hoheitlichen Gewalt betrifft

67. Die im Sicherheitsgewerbe tätige österreichische Sekuro-Ag möchte auch in Dtld


tätig sein. Die Gründung einer entsprechenden Tochtergesellschaft in Dtld wird
ihr mit der Begründung verweigert, dass in einem so heiklen Gewerbe nur eine dt
Gesellschaft tätig sein dürfte, die überdies im Mehrheitseigentum dt Eigentümer
stehen müsse. Um welche Grundfreiheit geht es? Ist ihre Einschränkung
gerechtfertigt? Kurze Begründung!
Die Niederlassungsfreiheit ist hier betroffen. Die Einschränkung ist nicht zulässig, weil
es betrifft das ordre public nicht wirklich. Eine Privatfirma ist nicht für die öffentliche
Ordnung und Sicherheit zuständig Æ darum wird es wahrscheinlich abgelehnt werden.

68. Wann liegt eine Dienstleistung iSd Dienstleistungsfreiheit vor?


= darunter versteht man das Recht natürlicher und juristischer Personen auf nicht
dauerhafte, grenzüberschreitende Ausübung selbständiger Erwerbstätigkeiten in
anderen Mitgliedstaaten.
Die Tätigkeit muss idR entgeltlich, grenzüberschreitend, zeitlich beschränkt,
selbständig sein. Dienstleistungsfreiheit ist subsidiär Î darf keiner anderen Grund-
freiheit zuordbar sein.

69. Der österreichische Radiosender A strahlt seine Sendung auch nach Bayern aus.
Welche Grundfreiheit wird hier in Anspruch genommen? Kommen Sie zum
gleichen Ergebnis bei Verteilung von Gratiszeitschriften in München durch den
österreichischen Verleger B? Art 50
• Dienstleistungsfreiheit (immateriell), denn es handelt sich um eine Grenz-
überschreitung; jeder muss Rundfunkgebühr zahlen, weshalb auch Entgelt anfällt
• Warenverkehrsfreiheit (materiell), wird durch Keck (Vertriebsmodalität: Gratis-
zeitschriften = „Verkauf unter dem Einstandspreis) geprüft

70. Wie können die Dienstleistungen nach der Art der Verwirklichung des
grenzüberschreitenden Elements eingeteilt werden?
• aktive und passive Dienstleistungsfreiheit = Erbringer begibt sich unter Grenz-
überschreitung zum Empfänger
• passive oder negative Dienstleistungsfreiheit = Empfänger begibt sich unter Grenz-
überschreitung zum Erbringer
• Korrespondenzdienstleistung = Dienstleistung überschreitet als Produkt die Grenze
Î Erbringer/Empfänger bleiben im Heimatstaat
Produktverkehrsfreiheit:
• Erbringer und Empfänger überschreiten gemeinsam die Grenze
• Erbringer überschreitet die Grenze, um einem in seinem Mitgliedstaat ansässigen
Empfänger in einem anderen Mitgliedstaate eine Leistung zu erbringen.

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Grundlagen des Rechts

71. Bilden Sie je ein Bsp für jede der in Beantwortung von Frage 70 angeführten
Kategorien von Dienstleistungen!
Aktive Dienstleistungsfreiheit: Masseur kommt aus Deutschland zu einem
Kunden nach Österreich
Passive Dienstleistungsfreiheit: Kunde fährt nach Ungarn, um dort zum Friseur zu
gehen
Korrespondenzdienstleistung: Kunde lässt sich von dem Friseur aus Ungarn sein
Haarfarbengemisch schicken (?)

72. Der Vermögensberater A hat seine Niederlassung in Klagenfurt. Zusätzlich


unterhält er ein Büro in Udine, wo er Erstgespräche mit seinen italienischen
Klienten führt. Für alle weitergehenden Beratungen müssen seine Kunden nach
Klagenfurt kommen. Welche Grundfreiheit nimmt A in Anspruch?
Er nimmt die Niederlassungsfreiheit in Anspruch (da dieses Büro ja nicht nur
vorübergehend ist); Erstgespräch= aktiv; weitere Gespräche = passiv

73. Welche direkten Beschränkungen eines Dienstleistungsvorganges greifen in den


Kernbereich der Dienstleistungsfreiheit ein?
Die Tätigkeit muss idR entgeltlich, grenzüberschreitend, zeitlich beschränkt,
selbständig sein. Dienstleistungsfreiheit ist subsidiär Î darf keiner anderen Grund-
freiheit zuordbar sein.

74. Welche Einschränkungen der Dienstleistungsfreiheit sind zulässig?


Cassis-Rsp.: stellt immanente Schranken der Dienstleistungsfreiheit dar, sofern sie
• nicht diskriminierend sind,
• im Allgemeininteresse sind,
• zur Erreichung diese Zwecks geeignet und notwendig sind,
• dem Allgemeininteresse nicht schon durch Rechtsvorschriften Rechnung getragen
wird, denen der Dienstleistungserbringer in seinem Herkunftsstaat unterliegt,
• verhältnismäßig sind.
Ausnahmegründe:
• Ausübung öffentlicher Gewalt
• Vorbehalt hinsichtlich des ordre public des Bestimmungsstaates

75. Welche Kategorien von möglichen Arten von Eignriffen in die Dienstleistungs-
freiheit kennen Sie?
• Vorschriften, die das Erfordernis der Einrichtung einer ständigen Niederlassung für
die Erbringung von Dienstleistungen festlegen
• Vorschriften, die den Dienstleistungen selbst den Marktzutritt verwehren
• Nichtdiskriminierende Regeln, die den ausländischen Anbieter auf Grund ihrer
Unterschiedlichkeit in den Mitgliedstaaten stärker als den Inländer belasten.

76. Die A-Finanzberatungs-GmbH us Dtld wirbt Kunden dadurch an, dass sie mit
ihnen ohne vorige Einholung ihres Einverständnisses telephonisch Kontakt
aufnimmt. In den Niederlanden ist eine solche Art des Vertriebs verboten. Als die
A-Finanzberatungs-GmbH dennoch in diesem Land Kunden anzuwerben
versucht, wird sie von der niederländischen Finanzmarktaufsicht bestraft. Um
welche Grundfreiheit geht es? Ist ihre Einschränkung gerechtfertigt? Kurze
Begründung!
Es geht hierbei um die Dienstleistungsfreiheit. Die individuelle Betroffenheit wird durch
Dassonville geprüft. (tatsächlich, unmittelbar)
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Grundlagen des Rechts

Cassis: die Vorschrift ist diskriminierend, verhältnismäßig Æ aus Gründen des


Verbraucherschutzes

77. Was versteht man unter der Zahlungsverkehrsfreiheit?


Wer grenzüberschreitenden Waren- oder Dienstleistungsverkehr durchführt, wird idR
auch grenzüberschreitende Zahlungen vornehmen. Entscheidend für die Zuordnung
einer Zahlung zum Zahlungsverkehr ist, dass sie eine Gegenleistung aus einer
zugrunde liegenden Transaktion ist Æ gewährleistet somit eine uneingeschränkte
Zahlungsverkehrsfreiheit.
78. Was unterscheit die Kapitalverkehrsfreiheit von der Zahlungsverkehrsfreiheit?
Kapitalverkehrsfreiheit = einseitige Wertübertragung von Kapital von einem
Mitgliedstaat in einen anderen
Zahlungsverkehrsfreiheit = für die getätigte Zahlung wird eine Gegenleistung erbracht

79. Was ist Kapital iSd Kapitalverkehrsfreiheit?


= steht natürlichen und juristischen Personen mit Wohnsitz oder Niederlassung im
Gemeinschaftsgebiet zu.
• Geldkapital (gesetzliche Zahlungsmittel, Wertpapiere)
• Sachkapital (Immobilien, Anteile an GmbH)

80. Was versteht man unter Beschränkungen des Kapitalverkehrs?


= liegt immer dann vor, wenn eine staatliche Maßnahme für Kapitaleinfuhr- und ausfuhr
eine gegenüber dem inländischen Kapitalverkehr formell oder materiell abweichende
Maßnahmen vorsieht Î Dassonville.
Solche Beschränkungen können sein:
• devisenrechtliche Bestimmungen
• beschränkende Vorschriften nicht devisenrechtlicher Art
• an sich diskriminierungsfreie Beschränkungen, die faktisch eine stärkere Belastung
grenzüberschreitender Vorgänge bewirken.

81. Welche Maßnahmen sind von der Freiheit von Kapital- und Zahlungsverkehr
umfasst?
Solche Maßnahmen können sein:
• devisenrechtliche Bestimmungen
• beschränkende Vorschriften nicht devisenrechtlicher Art
• an sich diskriminierungsfreie Beschränkungen, die faktisch eine stärkere Belastung
grenzüberschreitender Vorgänge bewirken.

82. Welche Einschränkungen der Kapitalverkehrsfreiheit sind zulässig?


Cassis = hierbei sind immanente Schranken zu beachten. Es geht um die Wahrung
zwingender , im allgemeinen Interesse liegender Ziele. Derartige staatliche
Maßnahmen müssen folgende Kriterien aufweisen:
• nicht diskriminierend
• erforderlich
• geeignet
• um zwingenden Erfordernissen des Allgemeininteresses gerecht zu
werden
• verhältnismäßig

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Grundlagen des Rechts

Ausnahmegründe: sie dürfen weder ein Mittel zur willkürlichen Diskriminierung oder der
verschleierten Beschränkung des freien Kapital- und Zahlungsverkehrs darstellen.
Zudem müssen sie entweder
• das Steuerrecht betreffen, oder
• dem Schutz der mitgliedstaatlichen Rechtsordnung dienen.

Abschnitt 4 – GRUNDZÜGE DES VERWALTUNGVERFAHRENS


Kapitel 1: Rechtsquellen
Kapitel 2: Die Behörde
Kapitel 3: Parteien und Beteiligte
Kapitel 4: Elemente des Verfahrens

1. Nennen Sie die einfachgesetzlichen Grundlagen des (allgemeinen) Verwaltungs-


verfahrensrechts!
• Einführungsgesetz zu den Verwaltungsverfahrensgesetzen 1991 (EGVG)
• Allgemeine Verwaltungsverfahrensgesetz 1991 (AVG)
• Verwaltungsstrafgesetz 1991 (VStG)
• Verwaltungsvollstreckungsgesetz 1991 (VVG)

2. Welche Arten der Zuständigkeit kennen Sie?


• Sachliche Zuständigkeit
• Örtliche Zuständigkeit
• Funktionelle Zuständigkeit
• Sie kann auch an persönliche oder zeitliche Kriterien anknüpfen

3. Was besagt der zwingende Charakter der Zuständigkeitsvorschriften im


Verwaltungsverfahren?
• Durch Parteivereinbarung kann die Zuständigkeit der Behörden weder begründet
noch geändert werden.
• Die Unzuständigkeit der Behörde ist von Amts wegen in jeder Lage des Verfahrens
wahrzunehmen.
• Im Verwaltungsverfahren ist die sachliche Zuständigkeit grundsätzlich von Amts
wegen wahrzunehmen.

4. Welche Folgen hat die Erlassung eines Bescheids durch eine unzuständige
Behörde?
Die Bescheide sind rechtswidrig, d.h. sie sind
• anfechtbar,
• können von Amts wegen für nicht erklärt werden und
• stellen als Verletzung der gesetzlichen Zuständigkeitsverteilung grundsätzlich einen
beim VfGH bekämpfbaren Eingriff in das Recht auf den gesetzlichen Richter dar.

5. Was bedeutet sachliche Zuständigkeit?


= Aufgabenbereich einer Behörde. Eine Rechtsvorschrift weist eine bestimmte
Angelegenheit den Verwaltungsbehörden zu.

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Grundlagen des Rechts

6. Nach welchen Grundsätzen richtet sich die sachliche Zuständigkeit im


Verwaltungsverfahren?
Sie behandelt die Frage, welche Aufgaben eine Behörde zu besorgen hat.
I II
Bundesverwaltungsbehörde Æ Landeshauptmann
Innerhalb ihres Wirkungsbereiches ist die Bundespolizeibehörde zuständig!

7. Was bedeutet örtliche Zuständigkeit?


= eine normative, also durch die Rechtsordnung begründete Beziehung einer
bestimmten Rechtssache zu einem bestimmten Gebiet Æ sie verteilt die Rechtssache
unter den Verwaltungsbehörden desselben Behördentyps.

8. Nach welchen Grundsätzen richtet sich die sachliche Zuständigkeit im


Verwaltungsverfahren?
• In Sachen, die sich auf ein unbewegliches Gut beziehen Î Lage des Guts
• In Sachen, die sich auf den Betrieb einer Unternehmung oder einer sonstigen
dauernden Tätigkeit beziehen Î Ort, an dem sie ausgeübt wird bzw. werden soll
• In sonstigen Sachen, insb. nach dem Hauptwohnsitz oder dem Aufenthalt des
betroffenen Beteiligten

9. Was gilt, wenn zwar in letzter Instanz die zuständige Behörde entschieden hat,
aber in erster
• eine sachlich unzuständige Behörde entschieden hat;
nach der Rechtssprechung des VfGH wurde das Recht auf den gesetzlichen
Richter verletzt! (man kann sich auf das Grundrecht berufen)
• eine örtlich unzuständige Behörde entschieden hat?
Hier wurde das Recht auf den gesetzlichen Richter nicht verletzt.

10. Was bedeutet funktionale Zuständigkeit?


Sind mehrere Behörden sachlich und örtlich zuständig, so stellt sich die Frage, welche
von mehreren Behörden eines organisatorischen oder instanzenmäßigen
Organkomplexes zur Setzung eines bestimmten Verfahrensaktes zuständig ist Î
Bestimmung der Funktion der einzelnen Organe

11. Was versteht man unter Zuständigkeitskonkurrenz?


Hierbei geht es um die Frage, wie eine Entscheidung in einer Angelegenheit getroffen
werden kann, bei der mehrere örtliche, sachlich und funktionell zuständige Organe
vorhanden sind.

12. Was versteht man unter einem Zuständigkeitskonflikt? Welche Arten von
Zuständigkeitskonflikten gibt es?
Ein solcher Konflikt liegt dann vor, wenn zwei oder mehrere Behörden die
ausschließende Zuständigkeit in derselben Sache in Anspruch nehmen (positiver
Kompetenzkonflikt) oder ablehnen (negativer Kompetenzkonflikt), wobei einer der
beteiligten Behörden ihre Kompetenz zu Unrecht in Anspruch nimmt oder ablehnt.

13. Unterscheiden Sie die Begriffe „Zuständigkeitskonkurrenz“ und „Zuständigkeits-


konflikt“!
Zuständigkeitskonkurrenz: mehrere zuständige Organe sind vorhanden (sachlich,

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Grundlagen des Rechts

örtlich, funktionell); Verteilung unterschiedlicher


Funktionen im Verwaltungsverfahren auf verschiedenen
Organe
Zuständigkeitskonflikt: zwei oder mehrere Behörden nehmen die aus-
schließende Zuständigkeit einer Sache an (positiv) oder
lehnen sie ab (negativ) Î eine tut es zu Unrecht

14. Da der Unternehmer U und die einzige darüber hinaus als Partei im Betriebs-
anlagengenehmigungsverfahren des U in Frage kommenden Person, Herr P, mit
der Vorgangsweise des Sachbearbeiters der BH X nicht einverstanden sind,
einigen sich die beiden, dass für das weitere Verfahren die BH Y zuständig sein
soll. Ist eine solche Vereinbarung rechtlich wirksam?
Nein, eine Parteivereinbarung kann die Zuständigkeit der Behörde nicht beeinflussen.
Zuständigkeit hat einen zwingenden Rechtscharakter.

15. Herr Lästig ist mit dem sich in seiner Nachbarschaft befindlichen Betrieb des U,
dem vor vier Jahren die diesbezügliche Betriebsanlagengenehmigung erteilt
worden ist, sehr unglücklich. Als er seinen Neffen, dem Jusstudent Max, den
auch Herrn Lästig seinerzeit zugestellten Bescheid zeigt, macht ihn Max darauf
aufmerksam, dass der Bescheid von der BH A und nicht von der eigentlich
zuständigen Behörde, dem Landeshauptmann von N, erteilt worden ist.
Vorausgesetzt, die Ansicht des Max ist richtig: Besteht noch eine Möglichkeit,
gegen den Bescheid vorzugehen?
Nein, die Berufungsfrist ist längst abgelaufen, auch wenn damals von einer
unzuständigen Behörde entschieden wurde. Herr Lästig hatte damals Parteistellung
und hätte innerhalb seiner Frist berufen müssen. Somit ist es nun irrelevant, welche
Behörde entschieden hat, weil der Bescheid formell rechtskräftig ist.

16. Herr Müller ärgert sich über einen ihm soeben zugestellten Bescheid der
Wasserrechtsbehörde, da seine im Verfahren vorgebrachten Einwände gegen
das bewilligte Projekt nicht berücksichtigt wurden. Der Jusstudent Max, dem er
den Bescheid zeigt, beruhigt ihn jedoch und meint, dass der Bescheid ohnehin
nicht gültig sei, da er von der unzuständigen Behörde erlassen wurde. Er könne
das als „Bescheid“ bezeichnete Papier vernichten. Sollte sich Herr Müller auf die
Auskunft des Max verlassen?
Nein, er sollte den Bescheid nicht vernichten. Hierbei handelt es sich um eine sachlich
unzuständige Behörde, damit ist der Bescheid nicht nichtig, sondern „nur“ mangelhaft.
Man kann ihn durch eine Berufung bekämpfen bzw. richtig stellen. Der Bescheid wäre
nur dann als nichtig zu deklarieren, wenn eines der Bescheidmerkmale fehlen würde.

17. Unter welchen Voraussetzungen wird ein Verwaltungsorgan als befangen


angesehen?
Befangen gelten Organwalter, wenn
• eine Rechtssache vorliegt, in der sie als Bevollmächtigter einer Partei bestellt waren
oder noch sind;
• im Berufungsverfahren, sofern sie an der Erlassung des angefochtenen Bescheids
mitgewirkt haben;
• bestimmte persönliche Nachbeziehungen bestehen (Verwandtschaft, Verschwäger-
schaft);
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Grundlagen des Rechts

• sonstige wichtige Gründe vorliegen (ausreichend ist, wenn eine gewisse


Wahrscheinlichkeit der Befangenheit besteht)

18. Wie ist bei Befangenheit eines Verwaltungsorgans vorzugehen?


Der Organwalter muss auf die Ausübung seines Amtes verzichten und muss auf eine
Vertretung veranlassen.

19. Herr S, der als ehemaliger Sacharbeiter bei der BH A einen in einem Betriebs-
anlagengenehmigungsverfahren einen Bescheid (als Organwalter) erlassen hat,
sieht sich nun, nachdem er beruflich in die Gewerberechtsabteilung des Amtes
der Landesregierung gewechselt ist, als Sachbearbeiter mit einer Berufung des
N gegen den von ihm einst bei der BH erlassenen Bescheid konfrontiert. Herr N
ist empört und meint, S sei voreingenommen und daher als Sachbearbeiter in
diesem Berufungsverfahren untragbar. Herr S dagegen vertritt die Ansicht, es sei
ein großer Vorteil, dass er mit den örtlichen und sachlichen Verhältnissen bereits
vertraut sei, wodurch das Berufungsverfahren beschleunigt werde. Was hat Herr
S zu tun? Welche rechtlichen Möglichkeiten stehen Herrn N zur Verfügung,
sofern N als Organwalter den Bescheid „erlässt“?
Befangenheit liegt vor, Herr N muss von seinem Amt zurücktreten. (hätte dies aber
selbst beurteilen sollen) Herr S hat kein subjektives Recht Verwaltungsorgane wegen
Befangenheit abzulehnen (weder Beteiligte noch Parteien). Allerdings ist ein Bescheid,
an dessen Erlassung ein befangener Organwalter mitgewirkt hat, grundsätzlich
rechtswidrig und daher bekämpfbar. Die von der Ausübung des Amtes durch einen
befangenen Organwalter betroffene Partei kann daher gegen einen derartigen
Bescheid berufen.

20. Welche Arten von Verfahrensbeteiligten gibt es im Verwaltungsverfahren?


• Beteiligte ohne Parteistellung
• Partei

21. Inwiefern ist im Verwaltungsverfahren die rechtliche Stellung einer Partei stärker
als die eines Beteiligten?
Der Beteiligte ohne Parteistellung hat nur das Recht auf
• Teilnahme an der mündlichen Verhandlung
• Mitwirkung an der Sachverhaltsfeststellung
Dagegen hat eine Partei das Recht auf
• Akteneinsicht
• Wahrung des Parteiengehörs
• Erhebung ordentlicher und außerordentlicher Rechtsmittel
• Geltendmachung der Entscheidungspflicht
• Verkündung oder Zustellung des Bescheids
• Ablehnung eines nichtamtlichen Sachverständigen

22. Wann ist jemand – nach dem AVG – „Partei“ im Verwaltungsverfahren? Welche
beiden Arten von Parteien kennen Sie?
Partei ist nach § 8 AVG ein Rechtssubjekt, das iZm der Sache (Verwaltungssache)
eine Rechtsanspruch oder ein rechtliches Interesse hat.
• Partei kraft Rechtsanspruch: Person hat Anspruch auf eine inhaltliche bestimmte
behördliche Tätigkeit (kann somit eine bestimmte behördliche Entscheidung
begehren)

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Grundlagen des Rechts

• Partei kraft rechtlichen Interesses: Rechtsordnung sieht vor, dass bestimmte


Umstände in Bezug auf seine Person von der Behörde bei ihrer Entscheidung zu
berücksichtigen sind (Ansprüche auf ein Verfahren in eigener oder fremder Sache,
gewährt kein Recht auf Setzung eines behördlichen Verwaltungsakts bestimmten
Inhalts)

23. Wie wird ermittelt, ob eine konkrete Person in einem bestimmten Verwaltungs-
verfahren Parteilstellung hat?
Es müssen die besonderen Verwaltungsvorschriften geprüft werden. (oder wird durch
Auslegung der Rechtsvorschriften ermittelt) Bloß wirtschaftliches Interesse allei kann
keine Parteistellung im Verwaltungsverfahren begründen.

24. Was ist ein Beteiligter im Verwaltungsverfahren?


Beteiligter ist nach § 8 AVG, wer die Tätigkeit einer Behörde in Anspruch nimmt.
Es gilt = Jede Partei ist Beteiligter, aber nicht jeder Beteiligter ist Partei. Die Stellung
eines Beteiligten wird insb. durch Anhörungsrechte vermittelt.

25. Unterscheiden Sie die Begriffe „Parteifähigkeit“, „Prozessfähigkeit“ und


„Postulationsfähigkeit“!
Parteifähigkeit: Fähigkeit, in einem Verfahren Partei zu sein
(Æ Rechtsfähigkeit; steht jedem Rechtssubjekt zu)
Prozessfähigkeit: Fähigkeit, durch eigenes Verhalten oder durch das eines
gewillkürten Vertreters prozessuale Rechte und Pflichten zu
begründen (Æ Handlungsfähigkeit)
Postulationsfähigkeit: postulationsfähig ist, wer rechtswirksame Verfahren-
handlungen setzen kann (sonst benötigt man einen Vertreter)

26. Muss sich ein Beteiligter im Verwaltungsverfahren vertreten lassen? Kann er


sich vertreten lassen?
Es besteht keine Anwaltspflicht im Verwaltungsverfahren, dennoch ist die Möglichkeit
einen Vertreter in Anspruch zu nehmen vorhanden. (Sofern das persönliche
Erscheinen nicht ausdrücklich gefordert wird oder eine Verpflichtung zur Vertretung
besteht)

27. Der Jusstudent Max klärt seinen Onkel, Herrn Lästig, darüber auf, dass dieser in
einem wasserrechtlichen Berufungsverfahren keinen Rechtsanwalt benötigte.
Wenn er sich jedoch vertreten lassen wolle, müsse dies durch einen Rechts-
anwalt geschehen. Dasselbe gelte für eine allfällige spätere Einbringung einer
Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof. Teilen Sie die Meinung des Max?
Nein, sofern kein persönliches Erscheinen gefordert ist, können sich Beteiligte nach
§ 10 AVG durch eigenberechtigte natürliche Personen, durch juristische Personen,
Personengesellschaften des Handelsrechts oder eingetragene Erwerbsgesellschaften
vertreten lassen. Er muss eine schriftliche Vollmacht aufwesen oder vor der Behörde
mündlich bevollmächtigt werden. Ein Rechtsanwalt braucht sich nur auf die ihm erteilte
Vollmacht berufen. Er kann sich aber auch selbst vertreten, denn er ist partei-,
prozess- und postulationsfähig.
Verwaltungsgerichtshof: Die Parteien könne die Sache selbst vor dem VwGH vertreten
oder sich durch einen Rechtsanwalt, aber grundsätzlich durch keine andere Person,
vertreten lassen. (In Abgaben- und Abgabenstrafsachen ist eine Vertretung auch durch
einen Wirtschaftsprüfer möglich. Allerdings bedürfen Beschwerden an den VwGH der
Unterschrift eines Rechtsanwalts oder Wirtshaftsprüfers).

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Grundlagen des Rechts

28. Was ist der Unterschied zwischen einem Termin und einer Frist?
Termin: rechtlich erheblicher Zeitpunkt (Endpunkt)
Frist: rechtlich erheblicher Zeitraum
Innerhalb dieser Zeiträume müssen bestimmte Handlungen gesetzt werden, um
Rechtswirkungen auszulösen. Termin ist der Endpunkt der Frist.

29. Wann beginnt der Fristenlauf im Verwaltungsverfahren?


Der Beginn des Fristenlaufs ist entweder gesetzlich festgelegt, oder wird durch ein
bestimmtes Ereignis ausgelöst. Dabei beginnen
• nach Tagen bestimmte Fristen an dem Tag zu laufen, der dem Tag folgt, an dem
das fristenauslösende Ereignis eingetreten ist;
• nach Wochen, Monaten oder Jahren bestimmten Fristen am Tagt des
fristauslösenden Ereignisses zu laufen.

30. Wann endet der Fristenlauf im Verwaltungsverfahren?


Der Fristenlauf endet
• bei nach Tagen bestimmten Fristen mit dem Ablauf des letzten Tages der Frist;
• bei nach Wochen, Monaten oder Jahren bestimmten Fristen mit dem Ablauf
desjenigen Tages der letzten Woche oder des letzten Monats, der durch seinen
Benennung oder Zahl dem Tag entspricht, an dem die Frist begonnen hat.
Fällt das Ende einer Frist auf einen Samstag, Sonntag, einen gesetzlichen Feiertag
oder den Karfreitag, so ist der nächste Werktag als letzter Tag der Frist anzusehen.

31. Unter welchen Voraussetzungen gilt eine Handlung als rechtzeitig innerhalb
einer Frist vorgenommen?
Mündliches Anbringen: müssen innerhalb der Amtsstunden eingebracht werden
Schriftliches Anbringen: zur Wahrung der Frist müssen sie der Post vor Ablauf
der Frist zur Beförderung an die richtige Stelle
übergeben werden (= die Tage des Postenlaufs sind
nicht in die Frist einzurechnen)
Telefax, im Wege der automationsgestützer Datenübertragung: müssen binnen offener
Frist eingebracht werden, können aber auch außerhalb
der Amtsstunden bei der Behörde einlangen.

Behördliche Entscheidungsfristen beginnen jedoch erst mit Wiederbeginn der


Amtsstunden zu laufen.

32. Frau B erhält am Dienstag, den 1. August, eine Bescheid zugestellt, gegen den
sie berufen möchte. Wann muss sie eine rechtzeitige Berufung spätestens
einbringen (der 15. 8. ist der einzige Feiertag im August)?
Berufungsfrist: 2 Wochen
Beginn: Dienstag, 1. August
Ende: Mittwoch, 16. August (weil Dienstag, 15. August Feiertag ist)

33. Was versteht man unter einem Anbringen?


Darunter versteht man alle Verfahrenshandlungen, mit der jemand an die Behörde
herantritt. (z.B. Anträge, Gesuche, Anzeigen, Beschwerden oder sonstige Mitteilungen)

Durch den Gegenstand des Anbringens wird die Verwaltungssache bestimmt, was
entscheidend für den weiteren Gang des Verfahrens ist.

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Grundlagen des Rechts

34. Sind Anbringen an eine bestimmte Form gebunden? Bejahendenfalls, welche


Form ist einzuhalten?
Anbringen sind grundsätzlich formfrei. Formgebundenheit besteht nur,
• wenn dies die Verwaltungsvorschriften anordnen. (Diese legen fest, welche Form
einzuhalten ist)
• Schriftlichkeit ist vorgeschrieben für Rechtsmittel und Eingaben, die an eine Frist
gebunden sind oder durch die der Lauf einer Frist ausgelöst wird. (+ Unterschrift)
35. Wie hat eine Behörde vorzugehen, wenn ein Anbringen mangelhaft ist?
• Z.B.: Bei Fehlen einer eigenhändigen und urschriftlichen Unterschrift kann die
Behörde bei Zweifel über den Ursprung des Anbringens der darin angeführten
Person eine Bestätigung durch ein schriftliches Anbringen mit eigenhändiger und
ursprünglicher Unterschrift auftragen.
• Bei sonstigen Mängeln schriftlicher Anbringen hat die Behörde einen Auftrag zur
Verbesserung innerhalb angemessener Frist zu erteilen. Wird der Mangel innerhalb
der gesetzten Frist behoben, gilt das Anbringen als ursprünglich richtig eingebracht.

36. Herrn Lästig ruft beim Amt der Landesregierung an und teilt telefonisch mit,
dass er hiermit gegen einen von der BH A als Wasserrechtsbehörde erlassenen
Bescheid Berufung einbringe. Der Sachbearbeiter S teilt ihm darauf mit, dass er
die Berufung erstens schriftlich und zweitens bei der erstinstanzlichen Behörde
einbringen müsse. Herr Lästig beruft sich auf die Formfreiheit im Verwaltungs-
verfahren und besteht darauf, die Berufung telefonisch einzubringen. Welche
Rechtsansicht ist richtig?
Diese Berufung muss schriftlich erfolgen, da sie an eine Frist gebunden ist.
(§ 13 Abs. 2 AVG) Falls er die Berufung jedoch unbedingt mündlich abgeben möchte,
muss er persönlich (oder durch Entsendung eines Vertreters) zur erstinstanzlichen
Behörde gehen und es zu Protokoll geben. Wenn er sie jedoch per E-Mail schickt
(keine Unterschrift vorhanden), wird sie zur Unterfertigung zurückgesendet.

37. Was ist eine Niederschrift?


Darunter wird eine formgebundene Beurkundung einer Verfahrenshandlung unter
Mitwirkung der Beteiligten verstanden.

38. In welchen Fällen ist eine Niederschrift aufzunehmen?


Zwingend ist die Aufnahme einer Niederschrift vorgesehen
• über den Verkauf und Inhalt von mündlichen Verhandlungen sowie
• über Inhalt und Verkündung eines mündlich erlassenen Bescheids.

39. Worin besteht die Mitwirkung der Beteiligten bei einem Protokoll?
• Beteiligten Personen könne bis zum Schluss die Zustellung einer Ausfertigung
verlangen und binnen zwei Wochen ab Zustellung Einwendungen erheben.
• Die Niederschrift ist von den beigezogenen Personen eigenhändig zu
unterschreiben, unterbleibt die Unterfertigung, so ist die unter Angabe der Gründe
in der Niederschrift festzuhalten. Dies muss nicht geschehen, wenn die
Niederschrift nicht an Ort und Stell auszudrucken ist oder mehr als 20 Personen
beigezogen sind.

40. Der 90jährige Altbauer Y verweigert die Unterschrift unter das Protokoll über
eine Verhandlung in einem Wasserrechtsverfahren. Wie wird die Behörde
reagieren?

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Grundlagen des Rechts

Grundsätzlich ist die Unterschrift laut § 14 Abs. 5 AVG vorgeschrieben. Unterbleibt


jedoch die Unterfertigung, so ist dies unter Angabe der Gründe in der Niederschrift
festzuhalten.

41. Was ist ein Aktenvermerk?


Er dient zur Beurkundung von Verfahrenshandlungen. Er kommt ohne Mitwirkung der
Beteiligten zustande, ist nicht formstreng und weist in aller Regel eine anderen Inhalt
auf Æ muss vom Amtsorgan durch Datum und Unterschrift bestätigt werden.

42. Welche Arten der Ladung kennen Sie?


• einfache Ladung
• Ladungsbescheid (Erscheinen wird durch Einsatz von Zwangsmittel erzwungen)

43. Welche Folgen kann die Nichtbefolgung einer Ladung haben?


• Verpflichtung zum Kostenersatz
• Verlust der Parteistellung
• Durchführung der Verhandlung in Abwesenheit des Antragstellers bzw. zur
Verlegung auf einen anderen Termin auf seine Kosten
• Beim Ladungsbescheid wird es zur Verhängung der angedrohten Zwangsmittel
führen.

44. Herr Maier wurde von der BH vorgeladen. Unter welchen Voraussetzungen muss
er persönlich erscheinen? Welche Folgen können entstehen, wenn Herr Maier
der Ladung nicht Folge leistet?
Er muss nur dann persönlich erscheinen, wenn es für die Erfüllung der Aufgaben der
Behörde notwenig ist. Die Ladung begründet eine Verpflichtung des Geladenen zum
Erscheinen, diese entfällt nur bei Krankheit, Gebrechlichkeit oder einem sonstigen
begründeten Hindernis. (§ 19 Abs. 5 AVG). Wenn Herr Maier ungerechtfertigt der
Ladung nicht Folge leistet, kann es zur
• Verpflichtung zum Kostenersatz
• Verlust der Parteistellung
• Durchführung der Verhandlung in Abwesenheit des Antragstellers bzw. zur
Verlegung auf einen anderen Termin auf seine Kosten
• Beim Ladungsbescheid wird es zur Verhängung der angedrohten Zwangsmittel
führen.

Wird in der Ladung nicht das persönliche Erscheinen des Beteiligten vorgeschrieben, ist
die Entsendung eines Vertreters ausreichend. Andere geladene Personen müssen
grundsätzlich persönlich erscheinen.

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Grundlagen des Rechts

Kapitel 5: Das Verfahren erster Instanz

1. In welche Teile zerfällt das Verwaltungsverfahren erster Instanz?


• Einleitungsverfahren
• Ermittlungsverfahren
• Erledigung

2. Was besagt die Offizialmaxime?


Soweit die Verwaltungsvorschriften nicht anderes vorsehen, ist nach § 39 AVG das
gesamte Verfahren von Amtswegen durchzuführen. Gilt für das ganze Verwaltungs-
verfahren, insb. für Verfahren 1. Instanz. Die Behörde kann/soll/wird von Amts wegen
tätig. (sie entscheidet ob es zu einer Verhandlung kommt oder nicht)

3. Was sind verbundene Verfahren? Welche Besonderheiten gibt es in solchen


Verfahren?
Verbundene Verfahren liegen dann vor, wenn für ein Vorhaben mehrere Bewilligungen,
Genehmigungen oder bescheidmäßige Feststellungen erforderlich sind und diese unter
einem, also ein einem Schriftsatz beantragt werden.
Die Besonderheiten der verbundenen Verfahren sind
• grundsätzliche Verbindungspflicht,
• gemeinsame Durchführung der notwendigen mündlichen Verhandlungen,
• Entscheidung in einem Bescheid
• besondere Ausgestaltung des Spruchs,
• Zweifelsregeln hinsichtlich der Entscheidungsfrist bei unterschiedlichen
Entscheidungsfristen in den anzuwendenen Rechtvorschriften.

4. Wem steht das Recht auf Akteneinsicht zu?


Den Parteien des Verwaltungsverfahrens.

5. Welchen Inhalt hat das Recht auf Akteneinsicht?


Es erstreckt sich auf die Einsicht, die Abschrift bzw. Photokopieren von Akten und
Aktenteilen, sofern es die Verwaltungsvorschriften nicht anderes bestimmen.

6. Was gilt bei einer zu Unrecht vorgenommenen Verweigerung der Akteneinsicht?


Da allen Parteien im gleichen Umfang Akteneinsicht zu gewähren ist, darf bei einer
Verweigerung der Akteneinsicht gegenüber einer Partei auch den anderen Parteien
Akteneinsicht nicht gewährt werden, selbst wenn in Bezug auf sie kein Verweigerungs-
grund vorliegt. Eine Verletzung führt zur Mangelhaftigkeit des Verfahrens und zur
Rechtswidrigkeit des Bescheids. Rechtsmittel = Berufung gegen den Bescheid bzw.
Beschwerde an den VwGH.

7. Was sind „Akten“ iSd Rechts auf Akteneinsicht? Welche Aktenteile können von
der Akteneinsicht ausgenommen werden?
Akten = Schriftstücke, aber auch Filme und Gegenstände.
Alle Aktenteile sind ausgenommen, bei deren Einsichtnahme es
• zur Schädigung berechtigter Interessen einer Partei oder einer dritten Person;
• zur Gefährdung der Aufgaben des Behörde;
• zur Beeinträchtigung des Zwecks des Verfahrens kommen würde.

8. Herr Lästig möchte mit allen Mitteln die Errichtung des Betriebes des Herrn U in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft verhindern. Im Laufe des Bewilligungs-
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Grundlagen des Rechts

verfahrens beantragt er bei der Behörde Akteneinsicht in die Projektsunterlagen.


Unter welchen Voraussetzungen hat Herr Lästig ein Recht auf Akteneinsicht?
Besteht dieses Recht auf Akteneinsicht uneingeschränkt? Was kann Herr Lästig
tun, wenn ihm die Behörde die Akteneinsicht verweigert?
Laut § 17 AVG hat er nur Recht auf Akteneinsicht, wenn Herr Lästig Partei des
Verwaltungsverfahrens ist. Den Beteiligten kann die Behörde Akteneinsicht gewähren,
ohne dazu jedoch verpflichtet zu sein. Nein, das Recht auf Akteneinsicht besteht nicht
uneingeschränkt, denn alle Aktenteile sind ausgenommen, bei deren Einsichtnahme es
• zur Schädigung berechtigter Interessen einer Partei oder einer dritten Person;
• zur Gefährdung der Aufgaben des Behörde;
• zur Beeinträchtigung des Zwecks des Verfahrens kommen würde.
Das Recht auf Akteneinsicht ist ein subjektives prozessuales Recht und seine
Verletzung bewirkt die Mangelhaftigkeit des Verfahrens und die Rechtswidrigkeit des
Bescheids. Gegen die Verweigerung der Akteneinsicht besteht wie bei jeder
Verfahrensanordnung jedoch kein – eigenständiges – Rechtsmittel; seine Verletzung
ist vielmehr mit Berufung gegen den Bescheid bzw. mit Beschwerde an den VwGH
geltend zu machen. Er darf Kopien und Abschriften machen.

9. Was versteht man unter der Manuduktionspflicht der Behörde?


Gegenüber einer Person hat die Behörde eine Anleitungs- und Belehrungspflicht. Die
Behörde hat ihr
• die zur Vornahme ihrer Verfahrenshandlungen nötigen Anleitungen zu geben und
• sie über die mit ihren Handlungen bzw. Unterlassungen unmittelbar verbundenen
Rechtsfolgen zu belehren Î Manuduktionspflicht

10. Auf welche Arten kann ein Verwaltungsverfahren eingeleitet werden?


Das Verfahren wird durch ein Anbringen der Partei (Parteiantrag) oder von Amts
wegen eingeleitet (Offizialmaxime).

11. Welche Zwecke verfolgt das Ermittlungsverfahren?


Das Ermittlungsverfahren dient
• der Feststellung des für die Erledigung maßgebenden wahren Sachverhalts und
• soll den Parteien Gelegenheit zur Geltendmachung ihrer Rechte und rechtlichen
Interessen geben.

12. Was besagt der Grundsatz der materiellen Wahrheit?


= Verpflichtung der Behörde zur Feststellung des wahren Sachverhaltes.

13. Erläutern Sie den Begriff des rechtlichen Gehörs im Verwaltungsverfahren!


Der Umstand, dass den Parteien Gelegenheit zur Geltendmachung ihrer Rechte und
rechtlichen Interessen zu geben ist, wird als Grundsatz des Parteiengehörs bezeichnet.

14. Wer kann das rechtliche Gehör in Anspruch nehmen?


Das Recht auf Gehör steht nur den Parteien, nicht aber den Beteiligten zu.

15. In welcher Weise ist das rechtliche Gehör zu gewähren?


Die Behörde muss den Parteien das Parteiengehör ausdrücklich, in förmlicher Weise
und von Amts wegen einräumen.

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Grundlagen des Rechts

16. Welche Rechte leiten sich aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs ab? § 37 AVG
• Recht auf Erstattung von Vorbringen durch die Partei (es darf alles vorgebracht
werden, was den Rechtsstandpunkt stützt Æ „Überraschungsverbot“)
• Recht auf Stellung von Beweisanträgen
• Recht auf Äußerung (der Partei muss die Möglichkeit gegeben werden sich zu allen
relevanten Tatsachen zu äußern)
• Fragerecht

17. Was versteht man unter dem Überraschungsverbot?


Die Behörde darf in ihrer rechtlichen Würdigung keine Sachverhaltselemente
einbeziehen, die den Parteien nicht bekannt waren. Keine neuen Zeugen, Beweise.

18. Welche Folgen hat die Verletzung des rechtlichen Gehörs? Ist eine Heilung
derartiger Verletzungen möglich?
Mängel des Ermittlungsverfahrens können mit Berufung bzw. Beschwerde an den
VwGH geltend gemacht werden. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs wird im
Berufungsverfahren saniert, wenn im angefochtenen Bescheid die Ergebnisse des
Ermittlungsverfahrens dargelegt sind oder wenn die Partei im Berufungsverfahren
Gelegenheit zur Stellungnahme hatte. (§ 37)

19. Herr Besserwisser erhebt Berufung gegen eine Bewilligungsbescheid der BH A,


mit dem Unternehmer U die Bewilligung zur Errichtung eines Betriebes erteilt
wurde. Unter anderem bringt er vor, dass er von einem Sachverständigen-
gutachten, das im erstinstanzlichen Bescheid „verwertet“ wurde, erst mit der
Zustellung des Bescheides erfahren habe. Die Berufungsbehörde bringt ihm in
weiterer Folge das gesamte Gutachten mit dem Hinweis zur Kenntnis, dass er
dazu binnen einer (ausreichen bemessenen) Frist eine Stellungsnahme abgeben
könne. Herr Besserwisser lässt diese Frist untätig verstreichen, weil er die
Ansicht vertritt, dass ihm das Sachverständigengutachten von der erst-
instanzlichen Behörde zur Kenntnis gebracht hätte werden müssen und er sich
deswegen gegenüber den anderen Parteien benachteiligt fühle. Die Berufungs-
behörde erlässt daraufhin den Berufungsbescheid, mit dem – so wie in erster
Instanz – die Bewilligung erteilt wird. Wird eine sich auf diesen Punkt beziehende
Beschwerde des Herrn Besserwisser beim VwGH Erfolg haben?
Das Recht auf das rechtliche Gehör wurde zwar verletzt, aber danach durch seine
Chance zur Stellungnahme im Berufungsverfahren wurde die Verletzung des
Parteigehörs wieder saniert. Dadurch, dass er seine Chance nicht genutzt hat, wird er
keinen Erfolg bei einer Beschwerde beim VwGH haben.

20. Inwieweit wird die Offizialmaxime durch Parteipflichten eingeschränkt?


Die Parteien sind nach der Rechtssprechung verpflichtet, an der Ermittlung des
maßgeblichen Sachverhalts mitzuwirken, insb. konkrete Beweisangebote zu stellen
oder fundierte Einwendungen gegen Beweismittel zu erheben.
Die konkrete Ausgestaltung des Verfahrens obliegt der Behörde Æ es muss aber den
Grundsatz der materiellen Wahrheit und das Recht auf Parteiengehör gewähren.

21. An welchen Orten kann eine mündliche Verhandlung im Verwaltungsverfahren


durchgeführt werden? Wer darf daran teilnehmen? § 40 Abs 1 AVG
= nicht öffentlich; Sie ist unter Zuziehung aller bekanten Beteiligten, der erforderlichen
Zeugen und Sachverständigen durchzuführen. Verhandlungsort ist der Ort des Augen-

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Grundlagen des Rechts

scheins – Verhandlung an Ort und Stell -, der Sitz der Behörde oder sonst der
zweckmäßigste Ort.
22. Was bedeutet die Aussage, dass die mündliche Verhandlung Präklusions-
wirkung hat? Unter welchen Voraussetzungen tritt diese ein?
= Rechtsfolge infolge versäumter Geltendmachung eines Rechts
• Rechtsfolgen der Versäumung der Verhandlung (wird in Abwesenheit des Antrag-
stellers durchgeführt oder auf seine Kosten auf einen anderen Termin verlegt)
• Rechtsfolgen bei Nichterhebung von Einwendungen (es müssen spätestens am
Tag vor Beginn der Verhandlung bei der Behörde Einwendungen erhoben werden
Æ Verlust der Parteistellung)
Voraussetzung für das Eintreten der diese Parteien betreffenden Präklusionswirkungen
ist die Kundmachung der mündlichen Verhandlungen in einer qualifizierten Form (z.B.
Ediktalladung und in einer in den Verwaltungsvorschriften vorgesehenen besonderen
Form)

23. Herr Lästig wird zu einer den Unternehmer U betreffenden mündlichen


Verhandlung unter Hinweis auf die Rechtsfolgen nach dem AVG geladen. Er
nimmt jedoch an der Verhandlung nicht teil, weil er meint, dass seine Bedenken
gegen das Projekt ohnehin keine Berücksichtigung finden werden. Ein halbes
Jahr später erfährt er, dass dem U die Genehmigung inzwischen erteilt worden
ist. Herr Lästig spricht daraufhin bei der Behörde vor, verlangt eine Ausfertigung
des Genehmigungsbescheides und teilt mit, dass er Berufung erheben möchte.
Ein Behördenvertreter teilt ihm mit, dass seine Anliegen nicht berücksichtigt
werden können. Begründen Sie, warum! § 82 Abs 7 AVG
Er hat seine Parteistellung verloren, weil er beim Verfahren nicht teilgenommen hat
bzw. keine Einwendungen geäußert hat. Î Präklusionswirkung ($ 42 Abs 1)
Er wurde ordnungsgemäß geladen und hätte bis spätestens einen Tag vor der
Verhandlung bzw. direkt bei der Verhandlung bei der Behörde seine Einwendungen
erheben sollen.
Nach § 42 Abs. 3 ist eine Wiedererlangung der Parteistellung nicht möglich, da er aus
eigener Schuld nicht an dem Verfahren teilgenommen hat. (kein unvorhergesehenes
oder unabwendbares Ereignis hat ihn daran gehindert) Keine Parteistellung, keine
Berufung.
Zurückweisung – keine inhaltliche Auserandersetzung

24. Was versteht man unter einer Einwendung?


Einwendungen bestehen in der Behauptung (+ Begründung) einer Verletzung eines
subjektiven Rechts des Einwenders (muss bis spätestens am Tag vor Beginn der
Verhandlung bei der Behörde oder während der mündlichen Verhandlung mündlich
vorgetragen werden)

25. Welche Arten von Tatsachen müssen nicht bewiesen werden?


• Offenkundige Tatsachen (= allgemein bekannt)
• Tatsachen, für deren Vorliegen das Gesetz eine Vermutung aufstellt

26. Welche Grundsätze gelten im Beweisverfahren?


• Grundsatz der Mittelbarkeit des Verfahrens
• Offizialmaxime
• Recht auf Parteiengehör
• Recht der materiellen Wahrheit

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Grundlagen des Rechts

• Grundsatz der freien Beweiswürdigung (es besteht keine Bindung an Beweisregeln;


Ausnahme = Urkundenbeweis)
• Grundsatz der Unbeschränktheit der Beweismittel (Beweismittel ist alles, was zur
Feststellung des maßgeblichen Sachverhalts geeignet und nach Lage des
Einzelfalls zweckdienlich ist)
27. Was besagt der Grundsatz der Mittelbarkeit des Beweisverfahrens?
Dass zur Entscheidung berufenen Organ muss im Verwaltungsverfahren an der
Beweisaufnahme selbst nicht teilnehmen. Besonderheiten gelten insb. für das
Verfahren vor den UVS (mündliche Verhandlung)

28. Herr Lästig erhebt Berufung gegen einen Bescheid der Gewerbebehörde mit der
Begründung, dass der Sachbearbeiter A den Bescheid erlassen, zuvor jedoch
der Sachbearbeiter B die mündliche Verhandlung durchgeführt habe. Zur
Sicherheit hat er sich zuvor noch bei seinem Neffen, dem Jusstudenten Max,
erkundigt, der ihm erklärt hat, dass die Unmittelbarkeit des Verfahrens ein
wichtiger Grundsatz der gesamten österreichischen Rechtsordnung sei. Wie
beurteilen Sie diesen Fall? (muss nicht anwesend sein)
Der Grundsatz der Mittelbarkeit im Verwaltungsverfahren ist gültig. Aber Max hat nur
teilweise Recht, denn es handelt es hierbei nicht um einen wichtigen Grundsatz der
GESAMTEN österreichischen Rechtsordnung. (Besonderheiten: z.B. UVS)
§ 55 (1) AVG: Die Behörde kann Beweisaufnahmen auch durch ersuchte oder
beauftragte Verwaltungsbehörden oder einzelne dazu bestimmte amtliche Organe
vornehmen lassen oder durch sonstige Erhebungen ersetzten oder ergänzen.
Insbesondere können Amtssachverständige außer dem Fall einer mündlichen
Verhandlung mit der selbständigen Vornahme eines Augenscheines betraut werden.
Zivil- /Strafrecht: gilt Unmittelbarkeitsgundsatz

29. Welche Auswirkungen hat die Offizialmaxime im Beweisverfahren?


Es besteht keine Bindung an Beweisanträgen der Parteien; der maßgebliche Sach-
verhalt ist von Amts wegen festzustellen. Die Behörde hat alle zur Feststellung des
Sachverhalts notwendigen Beweiserhebungen anzuordnen und durchzuführen; insb.
bestimmt sie Art und Reihenfolge der aufzunehmenden Beweise.

30. Erläutern Sie den „Grundsatz der freien Beweiswürdigung“!


Die Behörde hat unter sorgfältiger Berücksichtigung aller Ergebnisse des Ermittlungs-
verfahrens nach frier Überzeugung zu beurteilen (Erfahrungswerte = Begründung), ob
eine Tatsache als erwiesen anzunehmen ist Æ keine Bindung an Beweisregeln.
(Ausnahme= Urkundenbeweis) Die Beweiswürdigung muss jedoch immer schlüssig
(logisch) aufgebaut sein.

31. Welche Beweismittel kommen in einem Verwaltungsverfahren in Betracht?


• Urkundenbeweis
• Zeugenbeweis
• Beteiligtenvernehmung
• Sachverständigenbeweis
• Augenschein

32. Unter welchen Voraussetzungen spricht man davon, dass Urkunden


• echt sind;
sie muss vom darin genannten Aussteller stammen
• richtig sind?
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Grundlagen des Rechts

Wenn die in ihr beurkundeten Vorgänge mit der Wirklichkeit übereinstimmen

33. Welche Pflichten haben Zeugen?


Sie sind verpflichtet, der behördlichen Ladung nachzukommen und eine wahrheits-
gemäße und vollständige Aussage abzulegen.

34. Welchen Inhalt hat die Wahrheitserinnerung?


Der Zeuge muss sich dazu verpflichten, die Wahrheit zu sagen. Bei Verletzung
strafbar, es gibt jedoch Aussageverweigerungsgründe.

35. Aus welchen Gründen hat eine Vernehmung einer Person als Zeuge zu unter-
bleiben?
• Aussageunfähigkeit
• Wahrnehmungsunfähigkeit bei
- Geistlichen (Siegel der geistlichen Amtsverschwiegenheit)
- Organe des Bundes, der Länder, Bezirke und Gemeinden (Pflicht zur
Geheimhaltung)
(Aussageverweigerungsrecht)

36. Unter welchen Voraussetzungen darf ein Zeuge die Aussage verweigern?
Ein Aussageverweigerungsrecht des Zeugen besteht bei Fragen, deren Beantwortung
• dem Zeugen, seinem Ehegatten, Verwandten und Verschwägerten bzw. Personen
mit Nahebeziehung
ƒ einen unmittelbaren bedeutenden Vermögensnachteil zufügt,
ƒ die Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung bewirken würde oder
ƒ deren Beantworten dieser Personen zur Schande gereichen würde.
• ein Kunst-, Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis oder eine staatlich anerkannte
Pflicht zur Verschwiegenheit (z.B. Arzt)
• Offenlegung der Ausübung des Wahl- oder Stimmrechts
• eine zur berufsmäßigen Parteivertretung befugte Person über Tatsachen aussagen
soll, die ihr in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Partei von dieser anvertraut wurde.

37. Was ist der Unterschied zwischen Aussageunfähigkeit und Wahrnehmungs-


unfähigkeit?
Aussageunfähigkeit: die Person ist zur Mitteilung ihrer Wahrnehmung unfähig
Wahrnehmungsunfähigkeit: Personen, die zur Zeit auf die sich ihre Aussage
beziehen soll, zur Wahrnehmung der zu beweisenden
Tatsachen unfähig waren

38. Herr W wird beschuldigt, im alkoholisiertem Zustand aus Jux und Tollerei den
Inhalt mehrerer Benzinkanister in das Bachbett seiner Heimatgemeinde geleert
zu haben, worauf hunderte Fische verendeten und umfangreiche Sanierungs-
arbeiten notwenig wurden. Seine Ehegattin soll nun von der BH als Zeugin
befragt werden. Der Jusstudent Max meint dazu, dass Frau W gar nicht aussagen
dürfe, weil sie befangen sei. Sein Studienkollege Moritz meint hingegen, dass
Frau W sogar aussagen müsse, da sie sich sonst strafbar machen würde. Wer
hat Recht?
Keiner der beiden hat Recht. Sie ist weder befangen noch würde sie sich strafbar
machen, wenn sie nicht aussagen würde. Frau W kann, muss aber nicht aussagen,
denn sie hat ein Aussageverweigerungsrecht: sie muss nicht aussagen, wenn dies für
eine nahe stehende Person die Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung bewirken
würde.
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Grundlagen des Rechts

39. Was ist die Aufgabe eines Sachverständigen? Welche Art von Aussagen stehen
ihm daher nicht zu?
Der Sachverständige hat Tatsachen zu erheben und aus diesen Tatsachen auf Grund
seiner besonderen Kenntnisse tatsächlichen Schlussfolgerungen zu ziehen. Er darf
weder Rechtsfragen lösen, noch Fragen der Beweiswürdigung erörtern.
40. Der Sachverständige S soll im Verfahren des U über die Auswirkungen des von
diesem eingebrachten Projekt auf die Umwelt ein Gutachten zu erstellen. S und U
treffen einander einmal wöchentlich zum Kegeln und sind bereits jahrelang
befreundet. Wie ist die Rechtslage zu beurteilen, wenn S ein Amtssach-
verständiger bzw. ein nicht amtlicher Sachverständiger ist?
Amtssachverständiger: (er ist dauernd für die Behörde tätig) laut § 7 AVG ist er
befangen („Amtshaftung“)
Nicht amtlicher Sachverständiger (jeder mit gewissen Fachkenntnissen; im Zivilrecht):
Ist Teil der Befangenheitsgründe, hier ist es schwieriger die Befangenheit
nachzuweisen. Es besteht zwar eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass eine Befangen-
heit besteht, aber diese ist im Zusammenhang des konkreten Falls zu prüfen (§ 7)

41. Nach ausführlichem Befund und detailliertem Gutachten äußert sich der Sach-
verständige S abschließend wie folgt: „ Auf Grund der dargestellten Sachlage
besteht jedenfalls gemäß § 105 Wasserrechtsgesetz eine Beeinträchtigung des
Grundwassers. Die beantrage Bewilligung ist deshalb zu versagen. Die Gegen-
argumente des Konsenswerbers sind fachlich und rechtlich nicht haltbar. Auf
das Vorbringen des P braucht nicht eingegangen zu werden, da er präkludiert
und deshalb seine Parteistellung verloren hat.“ Bestehen rechtliche Bedenken
gegen diese Ausführungen des Sachverständigen?
Ja, es gibt rechtliche Bedenken, denn der Sachverständige darf keine Rechtsfragen
lösen und Fragen der Beweiswürdigung erörtern. Er darf nur aufgrund seiner Fach-
kenntnisse gewisse Umstände werten.

42. Was ist ein Augenscheinbeweis?


Der Augenschein ist eine sinnliche Wahrnehmung von Tatsachen durch behördliche
Organe zu Beweiszwecken.

43. Welchen Arten der Erledigung gibt es?


Die Erledigung erfolgt entweder auf Grund eines Anliegens oder von Amts wegen.

44. In welcher Form ist eine Erledigung vorzunehmen?


Es gilt Formfreiheit = mündlich, telefonisch, schriftlich, telegraphisch, fernschriftlich
oder mit Telefax

45. Welche Merkmale muss ein Verwaltungsakt grundsätzlich aufweisen, um als


Bescheid qualifiziert zu werden?
• die ausdrückliche Bezeichnung als Bescheid
• Bezeichnung der bescheiderlassenen Behörde
• Anführung des Datums (Zustelldatum ist entscheidend)
• Bezeichnung des Adressaten
• Spruch (Entscheidung der Behörde)
• Begründung des Bescheids
• Rechtsmittelbelehrung (grundsätzlich gilt eine zweiwöchige Mindestfrist)
• Unterschrift

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Grundlagen des Rechts

• (Hinweis: nur bei der letzten Instanz)

46. Kann ein Verwaltungsakt auch dann als Bescheid zu qualifizieren sein, wenn er
nicht ausdrücklich als „Bescheid“ gekennzeichnet ist?
Ja, aber nur wenn der Inhalt des betreffenden Verwaltungsaktes an seiner Bescheid-
qualität keinen Zweifel aufkommen lässt.
47. Was tritt bei einem mündlich verkündeten Bescheid an die Stelle einer
ausdrücklichen schriftlichen Kennzeichnung eines Verwaltungsaktes als
Bescheid?
Hierbei ist auch eine gewisse Förmlichkeit zu wahren = Die Verkündung des Bescheid
ist als Formalakt zu gestalten, welcher der Partei als solcher zu Bewusstsein kommen
muss. (Inhalt und Verkündung ist zu protokollieren und auszuhändigen)

48. Genügt die Anführung der bescheiderlassenden Behörde bloß auf dem
Briefumschlag? Begründung!
Nein, weil sonst kein rechtsgültiger Bescheid vorliegt (führt zur Nichtigkeit)

49. Aus welchen Bescheidbestandteilen kann der Adressat ermittelt werden?


Der Adressat kann etwa aus der Anschrift des Bescheids, aus dem Spruch oder aus
der Zustellverfügung ermittelt werden.

50. Was ist der Spruch? Was bewirkt sein Fehlen?


Der Spruch ist der wichtigste Bestandteil des Bescheids, weil der den Inhalt der mit
dem Bescheid erlassenen Norm wiedergibt = der rechtsverbindliche Teil.
(Entscheidung der Behörde) Fehlt der Spruch, so bewirkt dies die absolute Nichtigkeit
des Bescheids.

51. Welchen Inhalt muss der Spruch eines Bescheides haben?


Der Spruch hat die Hauptfrage grundsätzlich zu Gänze zu erledigen. (wird die
Erbringung einer Leistung angeordnet, so muss eine angemessene Leistungsfrist
angegeben werden) Er hat allfällige Nebenbestimmungen, wie Bedingungen und
Auflagen, sowie die angewendeten Gesetzesbestimmungen anzuführen und eine
allfällige Kostenentscheidung zu enthalten. Über von den Parteien erhobene
Einwendungen ist grundsätzlich im Spruch abzusprechen. Eine allfällige Aberkennung
der aufschiebenden Wirkung der Berufung ist in den Spruch aufzunehmen. Nur dieim
Spruch angeordnete Rechtsfolge ist vollstreckbar.

Der Spruch hat sich auf den im Zeitpunkt der Bescheiderlassung bestehenden Sach-
verhalt zu beziehen und der im Zeitpunkt der Erlassung bestehenden Rechtslage zu
entsprechen.

52. In welchen Fällen ist ein Bescheid zu begründen? Wann kann daher die
Begründung eines Bescheids unterbleiben? § 58 Abs 2 AVG
Bescheide sind immer dann zu begründen,
• wenn dem Standpunkt einer Partei nicht vollinhaltlich entsprochen wird oder
• über Einwendungen oder Anträge von Beteiligten abgesprochen wird.
• Bescheide der Berufungsbehörden sind selbst dann zu begründen, wenn dem
Berufungsantrag stattgegeben wird. Eine Begründung kann daher allenfalls bei
einem erstinstanzlichen Bescheid entfallen.

53. Was muss die Begründung eines Bescheids enthalten?

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Grundlagen des Rechts

• eine Sachverhaltsfeststellung; also eine Darstellung der Ergebnisse des


Ermittlungsverfahrens einschließlich der Stellungnahmen der Parteien
• die für die Beweiswürdigung maßgebenden Erwägungen unter Anführung der
Beweismittel
• die darauf gestützte Beurteilung der Rechtsfrage

54. Der Rechtsmittelbelehrung des an Herrn Lästig zugestellten Bescheides ist


(irrtümlich) zu entnehmen, dass eine allfällige Berufung binnen vier Wochen
einzubringen ist. Der im konkreten Verfahren maßgebliche § 63 Abs. 5 AVG
normiert jedoch eine lediglich zweiwöchige Berufungsfrist. Innerhalb welcher
Frist kann Herr Lästig gegen den Bescheid Berufung erheben?
Hierbei handelt es sich um eine unrichtige Rechtsmittelbelehrung. Dennoch gelten für
die Berufungsfrist die angegebenen vier Wochen, da sie Herrn Lästig zum Vorteil sind.
Bei einer kürzeren Frist als der Mindestfrist (nachteiliger Frist), wäre die Mindestfrist
gültig. (§ 61 AVG)

55. Welcher Unterschied besteht zwischen einer „Abweisung“ und einer „Zurück-
weisung“ eines Antrages? Welche Konsequenzen kann dieser Unterschied für
ein allfälliges Berufungsverfahren haben?
Zurückweisung: Ablehnung eines Antrags, insb. eines Rechtsmittels, ohne
Entscheidung in der Sache selbst (z.B. bei Formfehlern) [Frist
verläuft, braucht man sich mit dem Inhalt nicht mehr
auseinanderzusetzten]
Abweisung: Ablehnung eines Antrags aufgrund einer in der Sache selbst
gefällten Entscheidung (z.B. bei geringfügigen Beweggründen)

56. Wie kann ein Bescheid grundsätzlich erlassen werden?


• Mündliche Verkündung
• Zustellung oder Ausfolgung

57. Herr P erfährt, dass in einem dem U betreffenden Verwaltungsverfahren bereits


vor zwei Monaten ein Bescheid erlassen, er jedoch dem Verfahren nicht
beigezogen worden und ihm auch keine Ausfertigung dieses Bescheides
zugestellt worden ist, obwohl er – berechtigte – Einwendungen erheben hätte
können. Bei der Behörde wird ihm auf seine Anfrage mitgeteilt, dass man leider
nichts mehr machen könne, da auch die Rechtsmittelfrist bereits abgelaufen und
kein Rechtsmittel erhoben worden sei. Was kann Herr P unternehmen? (Die
Bestimmungen des AVG sind anzuwenden!)
Wenn er Partei gewesen wäre, hätte P berechtige Einwände um eine
Wiedereinsetzung in den vorherigen Stand zu beantragen. Voraussetzung wäre aber,
dass P kein Verschulden an der Verspätung seiner Berufung hatte bzw. es sich hierbei
um einen Fehler der Behörde handelt.

Wenn er Partei gewesen wäre, hätte er aufgrund neuer Erkenntnisse (oder falscher
Aussagen) eine Wiederaufnahme begründen können.

Bund gibt Rechtssprechung

Problematik: er war aber nicht Partei, Bescheid ist schon rechtskräftig (unanfechtbar)
Er wurde nicht als Partei anerkannt, weil er dem Verfahren nicht beigezogen ist.
Dadurch hat er seine Parteirechte verloren, da er auch einen Tag vor der Verhandlung
seine Einwendungen nicht erhoben hat. (§ 41/42 AVG)
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Grundlagen des Rechts

§ 42 Abs. 3: Wiedereinsetzung nach diesem § ist auch nicht möglich, weil die
Entscheidung schon rechtskräftig ist.

§ 68: Abänderung von Amtskräften möglich, aber nur wenn es niemanden aufgrund der
Entscheidung ein Recht erwachsen ist (gilt noch 3 Jahre nach Erlassung). P kann sie
zwar beantragen, aber die Behörde wird dies nur bei einem großen Verfehlen auch für
gültig erklären)

Nein, er hat keine Möglichkeit um jetzt seine Einwendungen noch einzubringen.


58. Welche Rechtswirkungen können mit der Erlassung eines Bescheides (und bei
Vorliegen allfällig weiterer notweniger Voraussetzungen) verbunden sein? Wem
gegenüber treten sie ein?
• Materielle Rechtskraft des Bescheids
• Formelle Rechtskraft des Bescheids
• Unwiederholbarkeit des Bescheids
• Bindungswirkung des Bescheids
• Vollstreckbarkeit des Bescheids
Die Rechtswirkungen treten nur gegenüber jenen Personen ein, denen gegenüber der
Bescheid erlassen wurde.

59. Was versteht man unter der formellen sowie de materiellen Rechtskraft?
Materielle Rechtskraft: die Behörde kann den Bescheid grundsätzlich nicht mehr
widerrufen (Æ tritt mit der Erlassung des Bescheids ein)
§ 68 AVG
Formelle Rechtskraft: er ist unanfechtbar, d.h. das kein ordentliches Rechts-
mittel mehr zu seiner Bekämpfung zur Verfügung steht
Î keine Berufung mehr möglich!
letztinstanzlicher Bescheid -> außerordentliches
Rechtsmittel (VwGH & VfGH Beschwerde) 6 Wochen
Frist.

60. Wann ist ein Bescheid unanfechtbar?


Das ist der Fall bei
• letztinstanzlichen Bescheiden;
• ungenütztem Verstreichen der Rechtsmittelbelehrung
• einem rechtswirksamen Rechtsmittelverzicht.

61. Was versteht man unter der res iudicata-Wirkung?


Anträge, die auf eine neuerliche Entscheidung bei unverändertem Sachverhalt und
unveränderter Rechtslage abzielen, sein wegen „entschiedener Sache“ (res iudicata)
zurückzuweisen.

62. Was ist die Bindungswirkung eines Bescheids?


= der Bescheid ist verbindlich; es gilt für die Parteien und die Behörden, was der
Bescheid ausspricht. (Æ tritt mit der Unanfechtbarkeit ein)

63. Wann tritt die Vollstreckbarkeit eines Bescheids ein?


Erst unanfechtbare Bescheide sind vollstreckbar. Wird jedoch in einem Bescheid der
Berufung die aufschiebende Wirkung aberkannt, so ist dieser Bescheid bereits vorher
vollstreckbar.

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Grundlagen des Rechts

64. Stellen Sie einen erstinstanzlichen Bescheid schematisch, aber möglichst genau
dar!

Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt (Bezeichnung der


Postanschrift, 2700 Wiener Neustadt Behörde)

Silvia Handler (Bescheidadressat)


Stadlgasse 3, 2801 Katzelsdorf
Geschäftszahl: 1258-251-01 (Geschäftszahl)

(Datum) 17. Jänner 2005

BESCHEID (Bezeichnung als Bescheid)

(Spruch) Ihren Antrag von 14. Jänner 2005 über eine Betriebs-
anlagengehmigung wird unter folgenden Auflagen (das wäre eine so
genannte Nebenbestimmung) stattgeben. (eventuell Kostenentscheidung)

Begründung (Begründung)

Ihrem Antrag wird stattgegeben, weil ihre Betriebsanlage den gesetzlichen


Bauverordnungen enstpricht…
• Darstellung des Parteivorbringens
• „Festgestellt wird folgender Sachverhalt“…
• „Beweis wurde erhoben:“ (Anführen der Beweismittel)
• „Die Feststellungen ergeben sich aufgrund folgender Überlegungen:“ (Beweis-
würdigung)
• „Rechtlich ergibt sich daraus:“ (Beurteilung der Rechtsfrage)
• Begründung der Aberkennung der aufschiebenden Wirkung und der Kosten-
entscheidung
Es war daher spruchgemäß zu entscheiden.

Rechtsmittelbelehrung (Rechtsmittelbelehrung)

Gegen diesen Bescheid kann binnen zwei Wochen nach Zustellung


schriftlich/telegraphisch etc. bei der … berufen werden. Die Berufung hat die
oben angeführte Geschäftszahl anzugeben, einen Antrag zu enthalten und ist
zu begründen.
• Gegen diesen Bescheid ist kein ordentliches Rechtsmittel zulässig. (bei einem
Berufungsbescheid)

Hinweis (nur bei der letzten Instanz)

Binnen … Tagen ab Zustellung dieses Bescheids kann eine Beschwerde an den


VwGH/VfGH erhoben werden. Dies muss/müssen von einem Rechts-anwalt

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Grundlagen des Rechts

unterschrieben sein. Für diese(s) Rechtsmittel sind Gebühren in Höhe von ... zu
entrichten.
Name/Unterschrift des Genehmigenden
Max Mustermann
Zustellverfügung: (nur wenn kein Bescheidadressat angegeben ist)
Ergeht an: Bezeichnung der Parteien
Kapitel 6: Rechtsschutz
Kapitel 7: Weitere Rechtsschutzeinrichtungen
Kapitel 8: Rechtsmittel an die Gerichtshöfe öffentlichen Rechts
Kapitel 9: Zivilrechtliche Haftung für staatliches Fehlverhalten

1. Durch welche Instrumente wird der Rechtsschutz im Verwaltungsverfahren


gewährleistet?
• ordentliche Rechtsmittel (Berufung)
• außerordentliche Rechtsmittel (Beschwerde an VwGH oder VfGH)
• Rechtsbehelfe (Wiedereinsetzung in den vorigen Stand, Wiederaufnahme)

2. Welchen Zweck hat die Berufung?


Die Berufung ist das regelmäßig zur Verfügung stehende ordentliche Rechtsmittel
gegen Bescheide. Die Berufung dient der Überprüfung der Entscheidung einer
Behörde unterer Instanz durch die Berufungsbehörde.

3. Welche Voraussetzungen bestehen für die Zulässigkeit einer Berufung?


• das Vorliegen eines Bescheids
• das Vorhandensein eines Instanzenzugs
• die Berufung durch eine Partei
• die Einhaltung der Berufungsfrist
• eine mängelfreie Berufung

4. Wie hat die Berufungsbehörde bei Unzulässigkeit einer Berufung vorzugehen?


Die Berufung wird zurückgewiesen.

5. Was bedeutet es, wenn ein Bescheid „absolut nichtig“ ist? Unter welche
Voraussetzungen liegt ein absolut nichtiger Bescheid vor?
Überhaupt kein Bescheid liegt vor
• bei Fehlen der Bezeichnung der den Bescheid erlassenden Behörde,
• bei Fehlen der Bezeichnung des Bescheidadressaten,
• bei Fehlen eines Spruchs,
• bei Fehlen einer ordnungsgemäßen Unterfertigung,
• bei mangelnder Behördenqualität der bescheiderlassenden Stelle,
• bei mangelnder Ermächtigung der dem Akt genehmigenden Person, für die
Behörde tätig zu werden, oder bei Unmöglichkeit der Feststellung des
Genehmigenden,
• nach der Rsp bei unzulässiger Verwendung einer anderen als der deutschen
Sprache.
Î der „Bescheid“ ist absolut nichtig. Ein solcher Nichtbescheid löst keinerlei Rechts-
wirkungen aus. (da er ja eigentlich nicht existiert)

6. Worin besteht der Unterschied zwischen absoluter und relativer Nichtigkeit eines
Bescheids?
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Grundlagen des Rechts

Absolute Nichtigkeit: Vorliegen (Frage 5); ein solcher Nichtbescheid löst keinerlei
Rechtswirkungen aus
Relative Nichtigkeit: bewirkt nur die mit Berufung geltend zu machende Vernicht-
barkeit des Bescheids. Sie liegen bei derarten Fehlern vor, zu
deren Bekämpfung im Gesetz ausdrücklich ein Rechtsmittel
vorgesehen ist.
7. Wie kann der Nachweis der absoluten Nichtigkeit eines Bescheids geführt
werden?
Die absolute Nichtigkeit eines „Bescheides“ kann etwa dadurch nachgewiesen werden,
dass gegen diesen Akt berufen wird (Die Berufung ist dann aufgrund des Fehlens
eines Bescheides zurückzuweisen). Ferner dadurch, dass ein Antrag auf Feststellung
des Nichtvorliegens eines Bescheids eingebracht wird.

8. Herrn Lästig wird von der Wasserrechtsbehörde im erstinstanzlichen


Bewilligungsverfahren ein Gutachten eines wasserbautechnischen Amtssach-
verständigen mit dem Hinweis übermittelt, dass er binnen zwei Wochen ab Erhalt
dieses Schreiben eine Stellungsnahme abgeben könne. Herr Lästig erhebt
dagegen „Berufung“ und beantragt, „dass die Berufungsbehörde diesen
Bescheid aufhebt“. Wird er mit seinem Rechtsmittel Erfolg haben?
Er wird keinen Erfolg haben, da er nur gegen einen Bescheid berufen könnte – hierbei
handelt es sich jedoch „nur“ um ein Gutachten. Die Behörde wird diesen „Bescheid“
zurückweisen.

9. In welchen Fällen ist jedenfalls kein Instanzenzug für eine Berufung vorhanden?
• Gegen Bescheide eines obersten Organs
• Berufung gegen letztinstanzliche Organe

10. Unter welchen Voraussetzungen fehlt einer Partei die Rechtsmittellegitimation?


(Berufung gegen den Bescheid) Diese fehlt einer Partei,
• wenn dem Antrag der Partei vollinhaltlich stattgeben wurde,
• wenn auf das Rechtsmittel nach Zustellung oder Verkündung des Bescheids
ausdrücklich verzichtet wurde.

11. Wann beginnt für eine Partei, wann endet die Berufungsfrist? Wo ist die
Berufung einzubringen?
Die Berufungsfrist beträgt grundsätzlich zwei Wochen. Die Frist läuft für jede Partei mit
der Erlassung des Bescheids ihr gegenüber. Sie muss bei der Einbringungsbehörde
eingebracht werden.

12. Inwieweit ist eine Berufung formgebunden? Schadet es, wenn sie als Einspruch
bezeichnet wird?
Eine Berufung ist grundsätzlich schriftlich und in einfacher Ausfertigung einzubringen.
Grundsätzlich unzulässig ist eine mündliche „Berufung“. Nicht notwendig ist die
ausdrückliche Bezeichnung des Schriftstücks als „Berufung“ sowie die Angabe der
Berufungsbehörde. Muss aber eine Vollmacht enthalten, auf die Bezug genommen
wird.

13. Welche sind die wesentlichen Teile einer Berufung? Was beinhalten sie?
• Berufungserklärung (= Bezeichnung des Bescheids, gegen den die Berufung sich
richtet, erklärt werden muss auch, inwieweit der Bescheid angefochten wird, ob also
der ganze Bescheid oder nur ein Teil bekämpft wird)

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Grundlagen des Rechts

• Berufungsantrag (= ist der Antrag, den Bescheid zu „beheben“, ihn also ersatzlos
zu beseitigen oder in einer bestimmten Weise abzuändern)
• Berufungsbegründung (= enthält die Gründe, warum die Berufung nach Ansicht des
Rechtsmittelwerbers gerechtfertigt ist, hier können auch neue Beweismittel
angeboten und neue Tatsachen vorgetragen werden)

Die Berufungserklärung gibt an, wogegen sich der Berufungswerber mit seiner Berufung
wendet, der Berufungsantrag, was der Berufungswerber möchte, die
Berufungsbegründung, warum er es will.

14. Welche Berufungsgründe kennen Sie? Was besagen sie?


• Verfahrensverletzungen (z.B: Unzuständigkeit der Behörde, Mitwirkung befangener
Organwalter an der Entscheidung, Verletzung des Grundsatzes des rechtlichen
Gehörs, Mangel der Vollmacht des Vertreters,…)
• Mängel der Sachverhaltsfeststellung (der Sachverhalt wird von der Behörde als
unrichtig festgestellt oder ergänzungsbedürftig)
• Unrichtige Beweiswürdigung
• Aktenwidrigkeit (Widerspruch zwischen dem Akteninhalt und den im Bescheid fest-
gehaltenen wesentlichen Sachverhaltsfeststellungen)
• Unrichtige rechtliche Beurteilung (= wenn der Bescheid materiell rechtswidrig ist,
weil etwa die falsche Rechtsvorschrift angewendet wurde Æ dabei ist vom von der
der Behörde festgestellten Sachverhalt auszugehen)

15. Was ist bei Geltendmachung des Berufungsgrundes der unrichtigen rechtlichen
Beurteilung besonders zu beachten?
• Bescheid muss materiell rechtswidrig sein
• Man muss von dem von der Behörde festgestellten Sachverhalt ausgehen.

16. Im Baubewilligungsverfahren des Herrn Huber wird statt dem richtigen Datum
„4.8.XXXX“ irrtümlich „8.4.XXXX“ als Datum des Bescheids vermerkt. Sein
Nachbar, Herr Lästig, bemerkt dies sofort und erhebt gegen den Bescheid
deswegen Berufung, weil seiner Ansicht nach alles seine Richtigkeit haben
müsse. Wie hat die Berufungsbehörde zu entscheiden?
Die Berufung (gegen Spruch) wird abgewiesen werden, weil die Datierung rechtlich
nicht relevant ist. Nur das Datum der Zustellung und das Tatdatum sind von rechtlicher
Relevanz.

17. Kann gegen den Bescheid des Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft,
Umwelt und Wasserwirtschaft Berufung erhoben werden?
Nein, denn hierbei handelt es sich um einen Bescheid eines obersten Organs der
Verwaltung ist (Spitze des Instanzenzuges). Die einzige Möglichkeit wäre ein
außerordentliches Rechtsmittel (Beschwerde an den VwGH oder VfGH).

18. Welche Wirkung hat die Berufung auf die Vollstreckbarkeit von Bescheiden?
Unter welchen Bedingungen tritt diese nicht ein?
Bei einem vollstreckbaren Bescheid kann das bescheidmäßig gebotene Verhalten mit
Mitteln des Exekutionsrechts durchgesetzt werden. Rechtzeitig erbrachte zulässige
Berufungen haben eine aufschiebende Wirkung, d.h. sie „schieben“ die Vollstreck-
barkeit hinaus. Wird in einem Bescheid der Berufung die aufschiebende Wirkung nach
§ 64 AVG aberkannt, so ist dieser Bescheid bereits vorher vollstreckbar.

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Grundlagen des Rechts

• Zum einen kann diese aufschiebende Wirkung aber durch Verwaltungsvorschriften


ausgeschlossen werden.
• Zum anderen kann die aufschiebende Wirkung durch die Behörde ausgeschlossen
werden, sofern die vorzeitige Vollstreckung im Interesse einer Partei oder des
öffentlichen Wohls wegen Gefahr im Verzug geboten ist.

19. Dem Unternehmer U wird mit Bescheid der BH aufgetragen, die konsenslose
(nicht erlaubte) Einleitung von Betriebsabwässern in den Fluss F unverzüglich
einstellen. Gleichzeitig wird in dem Bescheid die aufschiebende Wirkung einer
Berufung aberkannt. Darf U, der gegen den Bescheid Berufung erhebt, bis zur
Erlassung des Berufungsbescheides weiterhin die Abwässer in den Fluss
einleiten?
U darf seine Betriebsabwässer nicht weiterhin in den Fluss F einleiten, da eine auf-
schiebende Wirkung der Berufung ausgeschlossen wird. Immerhin liegt dies im
öffentlichen Interesse. Der Bescheid ist nicht formell rechtskräftig, aber bereits voll-
streckbar.

20. Auf welche Arten kann eine Berufungsvorentscheidung beendet werden?


• Berufungsvorentscheidung
• Zurückweisung der Berufung
• Entscheidung in der Sache durch die Berufungsbehörde
• Ersatzlose Behebung des Bescheids mit oder ohne Zurückweisung der Sache

21. Was ist eine Berufungsvorentscheidung? Welches Rechtsmittel kann gegen eine
Berufungsvorentscheidung erhoben werden? Welche rechtlichen Konsequenzen
hat ein zulässiges Rechtsmittel zur Folge?
Innerhalb von zwei Monaten ab Einlangen der Berufung bei der Behörde erster Instanz
kann die Behörde, gegen deren Bescheid sich die Berufung richtet, nach eigenem
Ermesse eine Berufungsvorentscheidung erlassen. Durch diese kann der Bescheid
nach einer allenfalls durchgeführten Ergänzung des Ermittlungsverfahren als
unzulässig oder verspätet zurückgewiesen, aufgehoben sowie nach jeder Richtung
abgeändert oder ergänzt werden. Gegen eine Berufungsvorentscheidung steht der
Vorlageantrag als Rechtsmittel offen (ursprüngliche Berufung wird der Berufungs-
behörde vorgelegt). Mit dem Einlangen des zulässigen Vorlageantrags bei der Behörde
tritt die Berufungsvorentscheidung außer Kraft (wird kein Vorlageantrag gestellt =
Rechtssache erledigt!!!)

22. Was ist der Unterschied zwischen einer meritorischen und einer kassatorischen
Entscheidung?
Meritorisch: Entscheidung in der Sache selbst Æ die Berufungsbehörde hat wie die
Behörde unterer Instanz vorzugehen (sie kann es in jede Richtung
abändern)
Kassatorisch: erfolgt nur eine Aufhebung des Rechtsaktes, Entscheidung in der
Sache wird durch die Vorinstanz vorgenommen (wird an die letzte
Instanz zurückgeschickt) Î VwGH, VfGH

23. Welche Ergebnisse kann die Berufungsbehörde bei einer Entscheidung in der
Sache erzielen?
• Sie kann den Bescheid als unbegründet abweisen

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Grundlagen des Rechts

• Sie kann ihn in jeder Richtung abändern (= keine Bindung an die vorgebrachten
Berufungsgründe Æ diese Änderung kann auch zum Nachteil des Berufungs-
werbers werden)

24. U, dem eine Bewilligung erteilt wurde, erhebt als einziger gegen den
Bewilligungsbescheid Berufung, da er mit der als Auflage vorgeschriebenen
Untersuchungshäufigkeit der in seinem Betreib anfallenden Abfälle nicht
einverstanden ist. Darf die Berufungsbehörde die Zeitintervalle zwischen den
einzelnen Untersuchungen weiter erhöhen und damit den Bescheid zu
Ungunsten des U abändern?
Ja, die Behörde darf sie in jede Richtung abändern (Ausnahme: Verwaltungs-
strafverfahren)

25. Was ist eine Berufungsmitteilung? Wann wird sie erlassen?


Im Berufungsverfahren müssen die anderen Parteien nur über eine Berufung durch
Berufungsmitteilungen informiert werden, wenn neue Tatsachen oder Beweise
vorgebracht werden Æ ist Voraussetzung um eine Berufungsvorentscheidung erlassen
zu können.

26. Unter welchen Umständen ist ein Bescheid ersatzlos zu beheben?


• Wenn die untergeordnete Behörde unzuständige war (ein allfälliger Antrag der
Partei ist an die zuständige Behörde weiterzuleiten oder zurückzuweisen). Ferner
• wenn der Antrag durch die Partei zurückgezogen wird.

27. Wann kann die Berufungsbehörde mit Behebung des Bescheids und Zurück-
verweisung vorgehen?
Die Berufungsbehörde darf nur mit Behebung und Zurückweisung vorgehen, wenn der
Sachverhaltsmangel die Durchführung einer mündlichen Verhandlung unumgänglich
macht. (Sie kann jedoch die mündliche Verhandlung selbst durchführen und in der
Sache selbst entscheiden)

28. Inwieweit bestehen Rechte der Parteien iZm der Möglichkeit einer Zurück-
verweisung?
Ein Rechtsanspruch der Parteien auf Zurückverweisung besteht nicht; sehr wohl gibt
es aber einen Rechtsanspruch, dass die Zurückverweisung nur bei Vorliegen der
gesetzlichen Voraussetzungen vorgenommen wird.

29. In welchen Angelegenheiten sind die UVS zur Entscheidung zuständig?


• in Verfahren wegen Verwaltungsübertretungen (Ausnahme: Verfahren in
Finanzstrafsachen des Bundes)
• über Maßnahmebeschwerden (Ausnahme: Verfahren in Finanzstrafsachen des
Bundes)
• „in sonstigen Angelegenheiten“ (einfachgesetzliche Verwaltungsvorschriften
sehen die Zuständigkeit der UVS als Berufungsbehörde zu)
• ferner als Säumnisschutz bei Verletzungen der Entscheidungspflicht in Privat-
anklagesachen, im landesgesetzlichen Abgabenstrafrecht und in den „sonstigen
Angelegenheiten“

30. Wer kann Partei im Verfahren vor dem UVS sein?


Parteistellung haben
• der Berufungswerber,

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Grundlagen des Rechts

• die Parteien des Verwaltungsverfahrens,


• die Behörde, die den angefochtenen Bescheid erlassen hat.

31. Wer darf an einer Verhandlung vor dem UVS teilnehmen?


• Zur öffentlichen Verhandlung sind die Parteien und alle zu hörenden Personen,
insb. Zeugen und Sachverständige, zu laden.
• Volksöffentlichkeit Æ grundsätzlich darf jedermann der Verhandlung beiwohnen.

32. Erläutern Sie die Besonderheiten des Verfahrens vor den UVS?
• Abweichungen sind ersichtlich aufgrund der zugeteilten Parteistellung:
Parteistellung haben der Berufungswerber, die Parteien des Verwaltungs-
verfahrens, die Behörde, die den angefochtenen Bescheid erlassen hat.
• Öffentliche mündliche Verhandlung; von Amts wegen oder auf Grund einer
Berufung durchzuführen; Volksöffentlichkeit mit bestimmten Einschränkungen z.B.
aus Gründen der Sittlichkeit,…
• Eine Entscheidung kann nur von jenen Mitgliedern des UVS gefasst werden, die an
der Verhandlung teilgenommen haben
• Der Bescheid des UVS und seine Begründung sind zu beschließen und öffentlich
zu verkünden
• Die Verkündung des Bescheids ist zu beurkunden (allen Parteien ist eine
schriftliche Ausfertigung zuzustellen)
• Die UVS hat nur dann in einer Sache zu entscheiden, wenn die Vorlage der
Berufung der belangten Behörde nicht unter Bedachtnahme auf eine wesentliche
Vereinfachung oder Beschleunigung des Verfahrens widerspricht.

33. Was versteht man unter einer „Maßnahmebeschwerde“? Wer ist zur
Entscheidung darüber berufen? Welche Besonderheit weist sie auf?
Die Maßnahmebeschwerde ist binnen 6 Wochen ab dem Zeitpunkt einzubringen, in
dem der Beschwerdeführer von der Ausübung der verwaltungsbehördlichen Befehls-
und Zwangsgewalt Kenntnis erlangt hat. Sie ist schriftlich und unmittelbar beim UVS
einzubringen und muss enthalten:
• Bezeichnung des angefochtenen Verwaltungsaktes,
• die Angabe, welches Organ den Verwaltungsakt gesetzt hat und welcher Behörde
es zuzurechnen ist, soweit dies zumutbar ist,
• die Gründe für die behauptete Rechtswidrigkeit,
• das Begehren, den Verwaltungsakt für rechtswidrig zu erklären,
• die erforderlichen Angaben für die Beurteilung der Rechtzeitigkeit der Beschwerde.
Î eine öffentlich mündliche Verhandlung findet statt. Die Beschwerde kann vom UVS
mit Bescheid zurückgewiesen werden, als unbegründet abgewiesen werden oder für
rechtswidrig erklärt werden Î muss aber immer begründet werden!

34. In welchem Zeitraum haben Behörden – sofern nicht ausdrücklich anderes


normiert ist – über Anträge zu entscheiden? Welche Möglichkeit besteht andern-
falls? Welche rechtliche Möglichkeit besteht im letztinstanzlichen Verfahren? § 73
AVG
Die Behörden haben über die Anträge von Parteien so schnell wie möglich, spätestens
aber nach sechs Monaten nach deren Einlagen einen Bescheid zu erlassen. Wurde die
Entscheidungspflicht durch die Behörde verletzt, so steht der Partei die Möglichkeit
eines Devolutionsantrags offen.

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Grundlagen des Rechts

35. Was ist ein Devolutionsantrag? Unter welchen Voraussetzungen ist ein
Devolutionsantrag berechtigt?
Der Devolutionsantrag enthält das Verlangen an die sachlich in Betracht kommende
Oberbehörde, dass die Zuständigkeit zur Entscheidung über den Antrag auf sie
übergeht. Voraussetzung dafür ist, dass die Entscheidungspflicht verletzt wurde und
die Behörde überwiegendes Verschulden an der Verzögerung hat.

36. Welche Möglichkeiten hat die Behörde zur Behandlung eines Devolutions-
antrags?
• Er ist zurückzuweisen, wenn er verfrüht eingebracht wurde
• Er ist abzuweisen, wenn zwar die Entscheidungspflicht verletzt wurde, aber kein
überwiegendes Verschulden der Behörde an der Verzögerung gegeben ist.
Wird der Devolutionsantrag weder zurück- noch abgewiesen, hat die Oberbehörde in
der Sache zu entscheiden. Sie entscheidet dann in erster Instanz. Bei einer Abweisung
geht die Kompetenz wieder auf die Unterbehörde über.

37. Welche Rechtswirkungen hat ein Devolutionsantrag?


Mit dem Einlangen des Devolutionsantrag bei der Oberbehörde geht die Zuständigkeit
zur Entscheidung über den zugrunde liegenden Antrag auf diese über. Mit Rechtskraft
der Abweisung geht die Kompetenz wieder auf die Unterbehörde über. Wird der
Devolutionsantrag weder zurück- noch abgewiesen, hat die Oberbehörde in der Sache
zu entscheiden. Sie entscheidet dann in erster Instanz.

38. Was ist eine „Vorstellung“? Welche Arten kennen Sie?


• Vorstellung im Gemeinderecht: Rechtsmittel gegen letztinstanzliche Bescheide der
Gemeinde in Angelegenheiten des eigenen Wirkungsbereichs. Die Vorstellung ist
gerichtet an die jeweilige Aufsichtsbehörde der Gemeinde und muss innerhalb von
zwei Wochen nach Erlassung des Bescheids eingebracht werden.
BGM Æ GR
(Aufsichtsbehörde)
Landesaufsichtsbehörde = Landesregierung
Bundesaufsichtsbehörde = Landeshauptmann
In beiden Fällen kann die BVB zuständig gemacht werden Æ Anrufung des VwGH
und VfGH ist nach Erhebung der Vorstellung möglich.
• Vorstellung nach AVG: ordentliches Rechtsmittel gegen Mandate (= ohne
vorangehendes Ermittlungsverfahren erlassene Bescheide). Über Vorstellungen
gegen derartige Mandate entscheidet die Behörde, die das Mandat erlassen hat
(Æ Ermittlungsverfahren), diese Mandate dürfen nur in Ausnahmefällen erlassen
werden. Anrufung des VwGH und VfGH ist nach Erhebung der Vorstellung möglich.

39. Was versteht man unter Wideraufnahme des Verfahrens?


Sie ist die Verfügung, ein bereits rechtskräftig abgeschlossenes Verfahren neuerlich
durchzuführen.

40. Welche Wiederaufnahmegründe gibt es?


• Wiederaufnahmegrund der strafbaren Handlung oder der Bescheiderschleichung
• Wiederaufnahmegrund der Neuerungen
• Wiederaufnahmegrund der abweichenden Vorfragenentscheidung

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Grundlagen des Rechts

41. Herr Lästig erhebt gegen eine Baubewilligungsbescheid rechtzeitig Berufung


und beantragt, dass das Verfahren „in erster Instanz wieder aufgenommen“
werde. Kann es sich dabei um eine „Wiederaufnahme“ iSd AVG handeln?
Um eine Wiederaufnahme iSd AVG aufzunehmen, müssen die Wiederaufnahme-
gründe vorliegen. (strafbare Handlungen, falsche Aussagen,…) Herr Lästig möchte
aber nur, dass nur in der Sache neu entschieden wird (unrichtiger Sachverhalt,
Verletzung der Manuduktionspflicht, Formvorschrift), was damit keine klassische
Wiederaufnahme bewirkt. Er kann bei derartigen Fehlern für die Sanierung berufen.

42. Dem Unternehmer U wird eine Bewilligung entzogen, da er mehrere Auflagen des
Bewilligungsbescheids trotz mehrmaliger Auforderung durch die Behörde nicht
eingehalten hat. Der Bescheid wird rechtskräftig. Vier Monate später teilt Herr U
der Behörde mit, dass er in seinem Betrieb in der Zwischenzeit Maßnahmen
gesetzt hat, die es ihm ermöglichen, die angesprochenen Auflagen einzuhalten.
Wird ein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens nach dem AVG Erfolg
haben?
Nein, den die Frist ist schon längst abgelaufen. (Wiederaufnahme ab Wegfall der
Hindernisses; 2 Wochen) Außerdem liegt kein schwerwiegender Grund oder eine
Tatsache vor (welche er ohne sein Verschulden erfahren hat), um eine Wieder-
aufnahme zu bewirken. Da keine neuen Tatsachen vorhanden sind wird auch kein
neues Verfahren eingeleitet werden.

43. Was ist eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand?


Der Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand ist ein Rechtsbehelf einer
Partei, um die Rechtsfolgen einer unverschuldeten Säumnis zu beseitigen.

44. Welche Wiedereinsetzungsgründe gibt es?


• ein unvorhergesehenes oder unabwendbares Ereignis, dass zur Versäumung führt
• die Versäumung einer Rechtsmittelfrist, weil der Bescheid keine Rechtsmittel-
belehrung, keine Rechtsmittelfrist oder fälschlich die Angabe enthält, dass kein
Rechtsmittel zulässig ist.

45. Der an Herrn Unglück adressierte Bescheid wird hinterlegt, da der Bescheid-
adressat nicht an seiner Wohnadresse angetroffen werden konnte. Herr Unglück
hatte eine Woche vor Bescheiderlassung eine schweren Unfall und musste zwei
Monate im Krankenhaus verbringen. Herr Unglück möchte gegen den Bescheid
etwas unternehmen, obwohl die Berufungsfrist bereits abgelaufen ist. Was kann
er tun?
Ja, Herr Unglück kann gleichzeitig eine Wiedereinsetzung (innerhalb von zwei Wochen
ab Wegfall des Hindernisses) in den vorigen Stand (unvorhergesehenes Ereignis ohne
sein Verschulden) und die Berufung erheben.

46. In welchen Angelegenheiten entscheidet der Verwaltungsgerichtshof?


• Bescheidbeschwerden
• Säumnisbeschwerden
• Weisungsbeschwerden
Ausgenommen sind
• Angelegenheiten, die in die Zuständigkeit des VfGH fallen;
• Angelegenheiten des Patentwesen;
• Angelegenheiten, in denen in letzter Instanz Kollegialbehörden mit richterlichem
Einschlag entscheiden

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Grundlagen des Rechts

47. Was gilt hinsichtlich der Postulationsfähigkeit der Parteien vor dem VwGH?
Die Parteien können die Sache selbst vor dem VwGH oder sich durch einen
Rechtsanwalt vertreten lassen. (In Abgaben- und Abgabenstrafsachen ist eine
Vertretung auch durch einen Wirtschaftprüfer möglich. Allerdings bedürfen
Beschwerden an den VwGH nach §24 VwGG der Unterschrift eines Rechtsanwalts
oder Wirtschaftsprüfers.)

48. Was ist eine Parteibeschwerde?


Diese kann von jemandem erhoben werden, der behauptet, durch einen Bescheid in
seinen Rechten verletzt zu sein. Î Verletzung eines subjektiven Rechts. Die
Parteibeschwerde steht erst nach Erschöpfung des Instanzenzugs offen; alle
ordentlichen Rechtsmittel müssen erschöpft sein. Die Parteibeschwerde ist innerhalb
von sechs Wochen ab Erlassung des Bescheids zu erheben.

49. Was versteht man unter einer Säumnisbeschwerde?


Für die Erhebung einer Säumnisbeschwerde ist die Parteistellung im Verwaltungs-
verfahren und grundsätzlich die 6-monatige Säumnis jener obersten Behörde bei der
Erlassung eines Bescheids notwendig, die zur Entscheidung gegenüber der Partei
verpflichtet ist.
Sofern die Möglichkeit eines Devolutionsantrags offen steht, muss dieser bis zu den
obersten Behörden genutzt werden. Gibt es diese Möglichkeit nicht, steht die Säumnis-
beschwerde gegen die Säumnis der unteren Instanz zu. (unzulässig in Verwaltungs-
strafsachen)

50. Herr Lästig, der als einziger gegen einen Bescheid ein Rechtsmittel ergreifen
möchte, stellt – um das Verfahren zu beschleunigen – den Antrag, die
Berufungsinstanz zu überspringen und sofort den Verwaltungsgerichtshof
anzurufen? Ist das rechtlich möglich?
Beschwerde an den VwGH ist erst nach Erschöpfung des Instanzenzuges möglich.
Eventuell ist eine Säumnisbeschwerde möglich, falls die Behörde länger als sechs
Monate benötigt.

51. Nennen Sie einige Kompetenzen des Verfassungsgerichtshofes!


• Kausalgerichtsbarkeit
• Kompetenzgerichtsbarkeit
• Prüfung von Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern und Ländern
untereinander
• Wahlgerichtsbarkeit
• Staatsgerichtsbarkeit
• Völkergerichtshof (derzeit nicht aktuell)
• Verordnungsprüfung
• Gesetzesprüfung
• Wiederverlautbarungsprüfung
• Prüfung von Staatsverträgen
• Sonderverwaltungsgerichtsbarkeit

52. Was gilt hinsichtlich der Postulationsfähigekeit der Parteien vor dem VfGH?
In der Sache können sich die Parteien selbst vor dem VfGH vertreten oder sich durch
einen Rechtsanwalt vertreten lassen.

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Grundlagen des Rechts

53. Was ist eine Verordnungsprüfung?


= Prüfung von Verordnungen eines Bundes- oder Landesbehörde; werden auf ihre
„Gesetzwidrigkeit“ geprüft. (z.B. verfassungswidrige Verordnungen sowie
Verordnungen, die einer ihnen übergeordneten Verordnung widersprechen…)

54. Was versteht man unter einer Gesetzesprüfung?


Die Kompetenz des VfGH bei der Gesetzesprüfung erstreckt sich auf einfache Bundes-
und Landesgesetze sowie auf Bundes- und Landesverfassungsgesetze; werden auf
ihre „Verfassungswidrigkeit“ geprüft. (z.B. Verstoß gegen die Grundprinzipien der
Verfassung oder gegen Verfassungsbestimmungen)

55. Was ist die Sonderverwaltungsgerichtsbarkeit des VfGH?


Dabei entscheidet der VfGH über Bescheide von Verwaltungsbehörden, auch solche
der UVS, wenn der Beschwerdeführer behauptet,
• durch den Bescheid in einem verfassungsgesetzlich gewährleisten Recht oder
• durch die Anwendung einer gesetzeswidrigen Verordnung, einer gesetzeswidrigen
Kundmachung, eines verfassungswidrigen Gesetzes oder eines rechtswidrigen
Staatsvertrags in seinen Rechten verletzt zu sein.
Î Verletzung von Rechten bei der Anwendung einer rechtswidrigen generellen Norm.
In diesem Zusammenhang steht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit
einer Beschwerde an die Europäische Kommission für Menschenrechte und den
Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte offen.

56. Was ist ein „Individualantrag“? Wogegen richtet er sich? Unter welchen
Voraussetzungen kann er erhoben werden?
Zur Anfechtung einer Verordnung unter bestimmten Voraussetzungen ist jede Person
berechtigt. Dieser Individualantrag ist zulässig, wenn
• die Verordnung ohne Erlass eines Bescheids oder einer gerichtlichen Entscheidung
für diese Person wirksam geworden ist und
• die betroffene Person behauptet, unmittelbar durch die Gesetzwidrigkeit der
Verordnung in ihren subjektiven, durch Gesetz eingeräumten Rechten verletzt zu
sein.

57. Welche zivilrechtlichen Instrumente zum Schutz vor und zum Ausgleich von
staatlichem Fehlverhalten kennen Sie?
• Amtshaftungsrecht (Amtshaftungsgesetz [Zivilrecht]:Schadenersatzrecht wird
geregelt)
• Organhaftungsrecht
• Polizeibefungis-EntschädigungsG (dadurch wird der zivilrechtliche Schutz
verwirklicht) [außerhalb d. Dienst -> haftet selber, im Dienst -> haftet Bund]

58. Was versteht man unter dem Organhaftpflichtrecht?


Es regelt die Schadenersatzpflicht von Organen für Schäden am Vermögen, die sie
den Rechtsträger, als deren Organe sie gehandelt haben, in Vollziehung der Gesetze
durch ein schuldhaftes und rechtswidriges Verhalten unmittelbar zugefügt haben.

59. Was ist Amtshaftung?


Danach haften der Bund, die Länder, die Bezirke, die Gemeinden, sonstige
Körperschaften des öffentlichen Rechts und die Träger der Sozialversicherung nach
den Bestimmungen des bürgerlichen Rechts für den Schaden am Vermögen oder an

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Grundlagen des Rechts

der Person, den die als ihre Organe handelnden Personen in Vollziehung der Gesetze
durch rechtswidriges Verhalten wem immer schuldhaft zugefügt haben.
60. Wann spricht man von einem Handeln in Vollziehung der Gesetze iSd Amts-
haftungsrechts?
Um ein Amtshaftungsanspruch auszulösen, muss der Schädiger nicht nur ein Organ
des Rechtsträgers sein, sondern überdies in Vollzeihung der Gesetze handeln.
Handeln in Vollziehung der Gesetze umfasst die Gerichtsbarkeit und die Verwaltung. In
Vollziehung der Gesetze meint hoheitliches Handeln. Aus dem Anwendungsbereich
des AHG fallen dementsprechend alle Akte, die im Zusammenhang mit dem privaten
Bereich des Organwalter stehen, ferner grundsätzlich die Gesetzgebung und der
Bereich der Privatwirtschaftsverwaltung (soweit er nicht in einem engen, unmittelbaren
Zusammenhang mit der Vollziehung – hoheitliche Tätigkeit – steht).

61. Welche Rolle spielt das Aufforderungsverfahren im Amtshaftungsrecht?


Vor der klagsweisen Geltendmachung ist der betreffende Rechtsträger, bei Amts-
haftungsansprüchen gegen den Bund die Finanzprokuratur, durch den Geschädigten
schriftlich aufzufordern, binnen einer Frist von drei Monaten zu erklären, ob der Ersatz-
anspruch anerkannt oder ganz oder zum Teil abgelehnt wird. Wird das Aufforderungs-
verfahren nicht durchgeführt, hat dies uU Kostenfolgen.

62. Worin liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Staatshaftung,


gemeinschaftlicher und nationaler Amtshaftung und Organhaftung?
Gemeinsamkeiten: alle führen zu einem Schaden durch staatliches Handeln

Unterschiede: Staatshaftung Î Gemeinschaftsrecht wird verletzt


Gemeinschaftliche Amtshaftung Î Europäische Recht wird verletzt
(Kommission fügt der EU einen Schaden zu)
Nationale Amtshaftung Î Nationalstaatliches Recht wird verletzt
Organhaftung Î Nationalstaatliches Recht wird verletz

63. Welche der folgenden Aussagen sind richtig, welche falsch?


• Das AHG befasst sich mit Schäden, die Dritten durch als Organe (u.a.) des Bundes
und der Länder handelnde Personen in Vollziehung der Gesetze rechtswidrig und
schuldhaft zugefügt wurden.
• Unter dem Begriff „Amtshaftung“ fallen z.B. auch Schäden, die ein Organ-walter
des Landes in seiner Freizeit mit seinem Privat-PKW verursacht.
• Die Senatsmitglieder des Verwaltungsgerichtshofes können für eine „falsche“
Entscheidung nach den Bestimmungen des Amtshaftungsrechtes haftbar gemacht
werden. (Gerichtsentscheidungen nie was machbar [außer zu unrecht verurteilt –
eigene Regelung])
• Vor der klagsweisen Geltendmachung eines Amtshaftungsanspruches ist der
betreffende Rechtsträger aufzufordern, sich dazu zu äußern, ob der Ersatz-
anspruch anerkannt oder abgelehnt wird. Das Unterlassen des
Aufforderungsverfahrens kann u.U. Kostenfolgen haben.
• Das Organhaftpflichtgesetz regelt die – unter bestimmten Voraussetzungen
vorliegende – Schadenersatzpflicht von Organen für Schäden am Vermögen, die
sie den Rechtsträger, als deren Organe sie gehandelt haben, zugefügt haben.

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