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Redaktion: Michael Roehl

Deutschlandfunk
Studiozeit

Aus Kultur und Sozialwissenschaften

DER TOD DES OPTIMISMUS –


Das Erdbeben von Lissabon erschütterte vor 250 Jahren
die geistige Welt

von Ingeborg Breuer

Donnerstag, 20.10.2005
20.10 - 21.00 Uhr

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„Wenn das hier die beste aller Welten ist, wie muss es dann erst auf
den anderen aussehen?“
Voltaire, Candide oder das Ende des Optimismus

MUSIK: zeitgenössisch

O-Ton Günther:
Wir sind in der Mitte eines Jhds, was man das Jahrhundert der Aufklärung
nennt. Nun hat man in dieser Zeit sehr viel getan, um sich von den
traumatischen Erinnerungen des 17. Jhds., nicht nur des 30jährigen Krieges,
sondern unaufhörlicher Erbfolgekriege, Gemetzel, Verwüstungen zu lösen. Und
man ist nicht nur vernünftiger geworden, hat den Handel und die Gewerbe
gepflegt, hat auch sehr die Kolonien ausgebeutet. Und da stand Lissabon
mittendrin. Lissabon hatte Brasilien als große Kolonie, und Brasilien war zu
dieser Zeit der reichste Lieferant von Gold und auch von Diamantvorkommen.

Sprecherin:
Mitte des 18. Jahrhunderts! Horst Günther, Autor des soeben erschienenen
Buchs „Das Erdbeben von Lissabon“ schilderte gerade den Optimismus der
Epoche. Die Zeit der Glaubenskriege ist vorbei. Europa steht unter dem Zeichen
eines prosperierenden Handels. Newton hatte die physikalischen Gesetze
entdeckt, nach denen sich die Himmelskörper bewegen. Alles in der Welt scheint
rational erfassbar. Auch: dass wir, wie der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz
meint, in der „besten aller Welten“ leben. Prof. Gerhard Lauer, Germanist an der
Universität Göttingen, zur Stimmung im 18. Jahrhundert:

O-Ton Lauer:
Es gehört zu den Besonderheiten des 18. Jhds tatsächlich ein optimistisches Jhd.
deshalb zu sein, weil das Menschenbild eine positive Anthropologie voraussetzt.
Es unterscheidet sich auch vom 17. Jhd., das den Menschen schlichtweg als

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Sünder sieht und ihm deshalb auch wenig zutraut, sowohl im Negativen als auch
im Positiven. ... Der Mensch ist ein Sack voll Sünden, sagt Luther und das hält
sich auch im 17. Jhd. durch. Im 18. Jhd. spielt dieses Menschenbild keine Rolle
mehr.

Musik: s.o.

Sprecher:
Am 8. November 1755 konnten die Leser der Staats- und Gelehrten Zeitung des
Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten - der damals
renommiertesten deutschen Zeitung - folgende, unter „Glückstadt“ eingerückte
Meldung lesen. Prof. Jürgen Wilke vom Institut für Publizistik an der Universität
Mainz zitiert:

O-Ton Wilke:

‚Am Sonnabend, dem Ersten dieses Monats, bemerkte man hier ein seltsames
Phänomen, indem das Wasser des Mittags um halb 12 bei stillem Wetter und da
der Wind aus Nordwesten wehte, auf einmal eine ordentliche Bewegung der
Wellen, dass verschiedene mit Ketten festgebundene Schiffe und Flöße gegen
das Ufer gestoßen wurden. Diese Erschütterung dauerte beinahe eine Viertel
Stunde und zwar gegen die Schleusen zu am merklichsten: Nachdem dieselbe
aufgehört hatte, stieg die Flut noch bis gegen ein Uhr außerordentlich hoch.’

Sprecherin:
Die Nachrichtenwege des 18. Jhds. liefen zu Land über Boten und Kurierdienste
und über Schifffahrtslinien. Was der Hamburger Correspondent Anfang
November aus Glücksstadt, einer nördlich von Hamburg an der Elbe liegenden
Stadt, meldete, waren die Auswirkungen einer Naturkatastrophe, von der Europa
noch gar nichts wusste. Der Hamburger Correspondent beschrieb die

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Auswirkungen eines Tsunami. Er war ausgelöst worden durch ein Erdbeben, das
die Stadt Lissabon am 1. November 1755 in Trümmer und Asche gelegt hatte.
Doch davon erfuhr Europa erst später.

O-Ton Wilke:
Die ersten Meldungen dazu erschienen ... im Hamburger Correspondenten und
in Berlin zeitgleich am 2. Dezember 1755. Sie stammten in beiden Fällen aus
Madrid, wo ein Kurier sie am 8. November überbracht hatte. Bereits die ersten
Berichte lieferten ein drastisches Bild von den Umständen, die Hälfte der
königlichen Residenz, alle Kirchen, Brände und eine riesige Flutwelle trugen
das ihrige zur Zerstörung bei. Man gibt vor, das 50000 Einwohner
umgekommen sind.

Musik: Fado unterlegen

Zitator:

„Am Tage Allerheiligen, des Morgens um 9 Uhr fühlte man durch ganz Portugal
und hauptsächlich in der Hauptstadt Lissabon ein solches erschreckliches
Erdbeben, als jemals in irgend einem Weltteile gewesen ist. Diese Stadt, welche
die reichste in ganz Europa war, welche alle Nationen mit Diamanten versah,
wo fast nichts als Gold im Schwange ging, ist gegenwärtig nichts als ein
Steinhaufen, worunter mehr als 30000 Menschen lebendig begraben wurden.“

Sprecher:
Ab Dezember folgen die Informationen Schlag auf Schlag. Das Erdbeben von
Lissabon wird zu einem Medienereignis. Über Monate vergeht kaum ein Tag, an
dem nicht darüber berichtet wird. Geistliche kommentieren die Katastrophe von
der Kanzel. Bänkelsänger illustrieren das Vorgefallene mit Bildtafeln. Auf

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Jahrmärkten werden Guckkästen – als frühe Vorformen des Fernsehens -
präsentiert, in denen staunende Betrachter zusammenstürzende Kirchen und
Paläste und flüchtende Menschen sehen können. Geologische
Absonderlichkeiten häufen sich. Über alle, auch die unglaublichsten, wird
berichtet. Heute würde man von einem media hype sprechen. Und manche
Nachrichten erscheinen uns so wohlvertraut, als handele es sich um eine
Katastrophe aus unserer Zeit.

O-Ton Wilke:
Unsere Börse befindet sich in der äußersten Bestürzung. Zum anderen wurden
rasch Hilfeleistungen in Gang gesetzt. Der britische König wolle 50000 Pfund
bereits stellen, der spanische König 11x100000 Piaster. In Hamburg liefen zwei
Schiffe mit Hilfsgütern aus...

Sprecherin:
Ob Erdbeben, Tsunami oder Hurrikan, bis heute fragen die Menschen nach dem
Warum von Naturkatastrophen. Stellen Fragen nach der menschlichen
Mitschuld. Warum Häuser nicht erdbebenfest gebaut worden sind? Warum es
kein Frühwarnsystem im Indischen Ozean gibt? Aber auch: Ob die
Herrschaftsansprüche des Menschen über die Natur an ihre Grenzen stoßen? Ob
die Menschen zu nah ans Wasser bauen? Und auch heute noch werden Fragen
nach Gott gestellt, zumindest bei gläubigen Menschen. Gerade noch erklärten
muslimische Geistliche in Pakistan in ihren Predigten, das schwere Erdbeben sei
eine Strafe Allahs. Der evangelische Bischof Wolfgang Huber wiederum
antwortete nach dem Tsunami 2004 im Indischen Ozean auf die Frage, ob er in
solchen Situationen manchmal an Gott zweifle: „Ja, ich zweifle in solchen
Situationen auch an Gott.“ Er zweifle, wenngleich er nicht verzweifle. - Warum
lässt Gott so etwas zu? Prof. Manfred Jakubowski-Tiessen vom Max Planck

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Institut für Geschichte in Göttingen hat die Reaktionen auf Naturkatastrophen
früher und heute studiert:

O- Ton Jakubowski –Tiessen:


Ich hab mir angeschaut, wie die Reaktionen auf den Tsunami war und es ist ja
ganz bezeichnend, dass eine der größten deutschen Tageszeitungen die
Schlagzeile wählte: die Strafe Gottes. Und beim zweiten großen Artikel die
Schlagzeile: Warum straft Gott?.... Aber besonders interessant fand ich auch,
ich habe mir Predigten angehört ..., die in den Tsunamigebieten gehalten
worden sind, und wenn Sie diese Predigten nehmen, dann sind das Predigten,
die bei uns im 17. Jhd. gehalten worden sind, da wird von Strafe Gottes
gesprochen, da wird von der Sündhaftigkeit der Menschen gesprochen, da wird
gesagt, die Moschee ist das einzige, was stehen geblieben ist, weshalb, das ist
doch eindeutlicher Fingerzeig Gottes.

Sprecher:
Auch Prof. Wolfgang Lauer, der gerade an der Universität Göttingen eine
Tagung zum Thema „Erdbeben in Lissabon“ mit veranstaltete, sieht heute nicht
nur wissenschaftliche Erklärungsversuche am Werk, wenn es um
Naturkatastrophen geht:

O-Ton Lauer:
Der religiöse Diskurs läuft bis zum Wirbelsturm Kathrina weiter. D.h. es gibt
selbstverständlich die Deutung, dass die Menschen aufgrund ihrer Sünde, das
kann auch verschieden gedeutet werden, z.B. dass die Regierung hat nicht
richtig gearbeitet usw.. D.h. es wird moralisch bewertet, das ist ein ganz starker
Erklärungsansatz, der immer noch präsent ist, das darf man nicht
unterschätzen, ... Vorstellungen von Verschwörung z.B. dass die ganzen
unterirdischen Atomversuche die Erde ins Ungleichgewicht bringen, sind heute

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kohärente Erklärungen für Naturereignisse. Also die religiös moralisierende
Perspektive verschwindet nicht ..

Sprecherin:
Trotz all solcher mehr oder weniger moralischen Ursachenforschung wissen wir
natürlich heute um die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge von
Naturereignissen. Bis zu der Zerstörung Lissabons jedoch hatte es vor allem
eine dominierende Antwort auf die Frage nach dem ‚Warum’ eines Erdbebens,
eines Vulkanausbruchs, einer Flut gegeben. Je weniger man durchschaute, was
im Erdinneren passierte, desto plausibler schien die Annahme, solche
Katastrophen seien Ausdruck des Zornes Gottes gegenüber einer sündigen Welt.
Aber vielleicht auch umgekehrt. Je mehr man in einem religiösen Weltbild
gefangen war, desto weniger Platz gab es für naturwissenschaftliche Deutungen
eines solchen Unglücks.

O-Ton Jakubowsi-Tiessen:
Also im frühen 18 Jhd. war noch das Strafgericht Gottes das
Erklärungsmuster... Das ist so, dass man immer ex eventu, also nach dem
Ereignis, nach Zeichen gesucht hat, die vorher waren, ein Komet oder eine
Viehseuche. Und man findet diese Zeichen natürlich und dadurch gewinnt das
Erklärungsmuster eine größere Plausibilität, wo man sagen kann, es gab ja
schon Zeichen. ... Natürlich sind auch fromme Leute gestorben, mit diesen
Problemen haben sich die Theologen auseinandergesetzt, Das war eigentlich
eine einfache Lösung, die haben gesagt, das Höchste für den Menschen ist die
Ewigkeit und diese Leute sind eigentlich früher in die Ewigkeit gekommen.

Sprecher:
Dr. Thorsten Unger von der Universität Göttingen, Mitveranstalter der Tagung
über das Erdbeben in Lissabon, über das geologische Wissen des 18. Jhds.:

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O-Ton Unger:
Es gibt im 18. Jhd. eine Enzyklopädie, da ist der Band mit dem Stichwort
Erdbeben von 1736. In dem Band gibt es zwei Artikel zum Thema Erdbeben. In
dem ersten Artikel werden dann die schon vorhandenen Erklärungsansätze
naturwissenschaftlicher Art vorgeführt, also es gibt einige kuriose Thesen.
Letztlich sagt der Artikel, das sind Dämpfe, die sich entzünden, also von
Kontinentalplattenverschiebung wusste man nichts. Und der zweite Artikel rollt
die theologische Diskussion auf, er fängt bei der Bibel an und sagt, es gibt auch
Erdbeben, die als Zeichen Gottes gewertet werden müssen, also von Gott
verursacht sind oder als Strafe, es stehen da naturimmanente und theologische
Deutungsmuster sehr gegeneinander, es zeigt doch, dass wir uns im 18. Jhd.
sehr in einer Umbruchphase befinden.

Musik: Fado

Sprecherin:
Das Erdbeben von Lissabon erschütterte nicht nur eine der blühendsten Städte
Europas und brachte zehntausenden Menschen den Tod. Vermutlich wäre davon
250 Jahre später nichts weiter als ein Eintrag in den Büchern über die
Geschichte Portugals geblieben. Das „Erdbeben von Lissabon“ jedoch schrieb
darüber hinaus „Kulturgeschichte.“ Noch Thomas Mann erwähnte es in seinem
Roman „Der Zauberberg“, Der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin
machte es zum Gegenstand eines Radioessays für Kinder. Und auch der
zeitgenössische Philosoph Peter Sloterdijk widmete der Katastrophe ein Kapitel
in seinem Buch „Der Zauberbaum“.

Sprecher:

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Schon damals, im Jahr 1755, weitete sich die geologische Erschütterung des
Jahres 1755 aus zu einer philosophischen und theologischen. Das Erdbeben
brachte damals nämlich gleichzeitig die Gewissheiten einer zwar kleinen, aber
meinungsbildenden Schicht ins Wanken. Es löste eine große Diskussion unter
den Intellektuellen Europas aus. Und im Mittelpunkt dieser Diskussion stand, ob
ausgesprochen oder nicht: Gott. Ob Naturkatastrophen wirklich als Strafe Gottes
zu erklären seien? Ob Gott wirklich gütig sei? Und ob es wirklich Anlass zu
jenem Optimismus gebe, dass wir in der von Gott geschaffenen „besten aller
Welten“ leben? Goethe, der zur Zeit des Erdbebens 6 Jahre alt war, erinnert sich
noch 50 Jahre später an jene „schrankenlose Willkür“ der Natur, die ihn als Kind
erschreckte. In „Dichtung und Wahrheit“ schrieb er über seine Erinnerung:

Zitator:
„Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe
des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755
ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in
Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken.
[...] Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht
wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden,
den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig
vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten
gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. [...] Ja
vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und
mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet.“

O-Ton Unger:
„Da kann man erkennen, wofür das Erdbeben ganz eindeutig steht. Goethe
sagt ja, dass das Zutrauen des Kindes in Gott erschüttert worden sei durch
dieses Erdbeben, also er hebt ganz klar ab auf diesen Optimismuskontext.“

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Sprecherin:

Natürlich hatte es beim Erdbeben auch die konservativen Stimmen einer


mahnenden Geistlichkeit gegeben. Vielen Theologen war nämlich die damals
sich durchsetzende Vorstellung eines friedlichen Gottes, der kaum in den Gang
der Geschichte eingreife, ein Dorn im Auge. Zeigte das Erdbeben von Lissabon
nicht, dass ein strafender und rächender Gott die Menschen zur Umkehr mahnt?
Dass diese Handelsstadt am Tejo mit ihrem ungeheuren Reichtum eine sündige,
eine gottesferne Stadt gewesen war? Insbesondere protestantischen Predigern
kamen die Ereignisse des Allerheiligentages durchaus gelegen. Denn am Tag
des Erdbebens hatte das Inquisitionsgericht tagen sollen und Ketzer sollten
hingerichtet werden. Horst Günther, Autor des soeben erschienenen Buchs über
„Das Erdbeben von Lissabon“:

O-Ton Günther:
An diesem Tag war, was die protestantischen Geistlichen heftig ausschlachteten,
war in Lissabon ein Autodafé, eine Ketzerverbrennung, angesetzt, und die
sagten, dass ist der Fingerzeig eines empörten Gottes, der das Unrecht, das in
seinem Namen dort geschieht, bestraft. ... man war sofort bei Sodom und
Gomorra und der Sintflut und den apokalyptischen Androhungen. Es war alles
in Schutt und Asche, die Eitelkeit der Welt, der Handlungsgeist, der Egoismus,
alles das konnte damit gestraft werden.

Sprecher:
Doch anders vielleicht als in früheren Zeiten wollten sich fortschrittliche Geister
nicht damit abfinden, dass Gott ein Strafgericht veranstaltet habe. Seit einiger
Zeit schon hatten die Philosophen begonnen, Gott auf sein Wirken hin zu
befragen. Sie stellten ihn, so hat es der Philosoph Odo Marquard pointiert
beschrieben, vor ein „menschliches Tribunal“. Sie forderten ihn zur

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Rechtfertigung auf. Waren seine Entscheidungen mit seiner Güte zu
vereinbaren? Warum ließ Gott – der gütige Gott – das Böse in der Welt zu? Lag
hier nicht offenkundig ein Problem? Denn wenn Gott allmächtig ist, das Übel
aber nicht verhindern will, dann ist er nicht gut. Und wenn er gut ist, das Übel
aber nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig. Obwohl es immer
wieder Lösungsversuche dieses Dilemmas gegeben hatte, setzte die eigentliche
philosophische Debatte darüber erst in der Frühaufklärung ein. Und besonders
der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz meinte in seinem
Werk „Theodizee“ Gott rechtfertigen zu können. Er versuchte nachzuweisen,
dass Gott – allen Übeln auf der Welt zum Trotz – die vollkommenste aller
Welten geschaffen habe. Denn jede Form des Übels sei letztlich notwendig und
erklärbar und diene schließlich nur dem höheren Zweck, das Gute
hervorzubringen. Das war die Geburtsstunde des „Optimismus“ – das Wort war
nämlich vorher völlig unbekannt.

O-Ton Günther:
Leibniz selbst schreibt von einem System des Optimum. Und das stellt er sich so
vor, dass Gott zu Beginn der Schöpfung unserer Welt eine unendliche Fülle
möglicher Welten, die also auch technisch realisierbar gewesen wären, vor sich
sah als kristallene Kugeln. Und man sagte, auch wenn es das Böse, das
Verbrechen gibt, so tragen sie denn bei zur Vielfalt, zum Reichtum wirklicher
Entscheidungen, auch zum Widerstand gegen Gewalt und zur Verwirklichung
von Freiheit. Also diese Welt ist vielfältig und es gibt in ihr auch Böses,
Schlechtes, Übles. ... Aber der Begriff ‚Optimismus’ ist erst von einem Jesuiten,
um sich über ihn lächerlich zu machen, erfunden worden, 20 Jahre nach
Leibniz’ Tod, als diese Schrift ‚Theodizee’ wieder einmal aufgelegt wurde. Und
da sagt der, dieser Leibniz ist doch ein wildgewordener Mathematiker, den es in
die Theologie geschlagen hat. Jetzt rechnet er uns aus, wie gut diese Welt ist,
während doch die Taten Gottes unberechenbar sind.

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Musik: zeitgenössisch

Sprecher:
Leibniz war nicht der Einzige, der die Welt des 18. Jahrhunderts rosig sah. Der
Philosoph Shaftesbury befand, dass am Ende allen Übels „das Gute immer die
Oberhand“ behalte. Und besonders der englische Dichter Alexander Pope war
ein unbeirrbarer Optimist. Bekannt geworden ist seine Formulierung: „Whatever
is, is right.“ – Alles ist gut. Der Satz schien der einfache Ausdruck der
philosophischen Bemühungen einer ganzen Epoche.

Sprecherin:
Es war eben ein optimistisches Zeitalter. Und bevor man das als naiv abtut,
sollte man sich daran erinnern, dass vor nicht allzu langer Zeit ein ähnlicher
‚Welt’Optimismus vertreten wurde. Als nämlich Francis Fukujama nach dem
Ende des Kalten Krieges vom „Ende der Geschichte“ schrieb, das nun anbreche,
ein ewiger Friede, sozusagen. Und so wie das „Ende der Geschichte“ ein jähes
Ende in den Ereignissen am 11. September 2001 fand, so wurde am
Allerheiligentag vor 250 Jahren der Optimismus in seinen Grundfesten
erschüttert. Der Philosoph Odo Marquard:

O-Ton Marquard:
Bisher war man der Meinung, Übel sind nur als Strafen Gottes in der Welt. Und
in dem Augenblick, wo 30- 60000 Tote da sind, da ist diese These nicht mehr
haltbar.

Sprecher:
Natürlich hatte es auch schon vorher Diskussionen über die wunderbare Sicht
auf die Welt gegeben. Die Berliner Akademie hatte sogar eine Preisaufgabe

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ausgeschrieben über den Lehrsatz Alexander Popes: „Alles ist gut“. Doch das
Erdbeben von Lissabon bündelte sozusagen die Diskussionen der damaligen
Zeit – und gab ihnen eine andere Richtung. Allmählich setzte sich ein neues
Denken in Europa durch. Prof. Gerhard Lauer, Germanist an der Universität
Göttingen:

O-Ton Lauer:

Das Erdbeben ist in der Tat, wir haben das ein ikonisches Moment genannt, weil es Diskussionen zusammenführt und zu einer
gesamteuropäischen Diskussion macht, die schon vorher verstreut geführt worden ist. Dass dies zusammengeführt werden konnte, liegt nicht
an der Größe des Ereignisses, sondern daran, dass der Chefkommentator der Aufklärung, Voltaire, sich diesem Thema angenommen hat. Und
worüber Voltaire schreibt, ist ein europäisches Thema. Natürlich innerhalb einer kleinen Schicht, aber diese Schicht, die schreibt, die
publiziert. Und insofern muss man das Erdbeben nicht so sehen, es ist ein schlimmes Ereignis, und deshalb denken die Leute plötzlich
kritischer über den Optimismus, das ist nicht der Zusammenhang. Der Zusammenhang läuft über die Mediengeschichte.

Sprecherin:
Voltaire! In Frankreich galt er schon zu Lebzeiten als so bedeutend, dass man
das ganze 18. Jahrhundert gern als „das Jahrhundert des Voltaire“ bezeichnete.
Er war einer der einflussreichsten Autoren der europäischen Aufklärung. Und
mit seiner Kritik der Missstände des Absolutismus und des Machtmonopols der
katholischen Kirche wurde er zu einem Wegbereiter der französischen
Revolution. Die Schreckensnachricht von der Zerstörung Lissabons erreichte ihn
in seiner Villa in Genf. Sie war erstaunlich schnell dort eingetroffen. Denn schon
am 24. November schreibt er an seinen Bankier Tronchin in Lyon:

Zitator:
„Da sehen Sie mein Herr, wie grausam die Natur ist. Man wird Mühe haben, zu
erraten, wie die Gesetze der Bewegung so entsetzliche Verwüstungen in der
besten aller möglichen Welten anrichten.“

O-Ton Marquard:

Voltaire hat ein Gedicht geschrieben, das vielleicht nicht gerade den
Schönheitspreis unter den Gedichten verdient, aber intellektuell ungemein
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interessant ist, das Poème sur la désastre de Lisbonne, das hat er Ende 1755
geschrieben, das ist dann 1756 veröffentlicht worden, aber schon vorher von
Mitlesern beurteilt worden. Ja, am 1. November war das Beben und Ende
November hat er das Gedicht geschrieben. Und das ist zum Auslöser geworden
einer breiten Diskussion. Und zwar unter der Frage, die Philosophen hätten
gesagt, alles ist gut, deswegen weil es von einem guten Gott geschaffen worden
ist. Und dagegen hat Voltaire Einspruch erhoben und das ist der Einspruch gegen
den Optimismus von Leibniz gewesen.

Zitator:
„’Alles ist gut’, sagt ihr, ‚und alles ist notwendig.’ / Was? Die Welt im Ganzen,
ohne den Höllenschlund, / Der Lissabon verschlang, sei weniger gut gewesen? /
Seid ihr gewiss, dass die ewige Ordnung, / Die alles tut, weiß und für sich
erschafft, / Uns auf die traurige Erde nicht hätte werfen können. / Ohne Vulkane
uns unter den Füßen zu entzünden?“

Sprecher:
Mit seinem Gedicht stellte Voltaire die optimistische Selbstdeutung des
gesamten Jahrhunderts in Frage. Das sollte nun die bestmögliche aller Welten
sein? Eine Welt, in der „einige verdammte Schufte ein paar Narren (als Ketzer)
verbrennen“, während „die Erde die einen wie die anderen (verschlingt)“. Es
dauerte einige Jahre, bis Voltaire den Schock über die offensichtliche
Unordnung der Welt mit distanzierter Ironie ausdrückte. Im Jahr 1759
veröffentlichte er anonym die Romansatire „Candide oder der Optimismus“.

Sprecherin:
Im fröhlichsten Tonfall beschreibt er da die Welt, wie sie sich ihm zeigt:
grausam, absurd und randvoll mit Krieg, Mord, Folter, Verfolgung und Wahn.
Candide, ein Knabe am Schlosse des westfälischen Freiherrn von Donnerstruck,

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dem „die Natur die sanftesten Sitten verliehen hatte“, wird von dem Gelehrten
Pangloss unterrichtet. Und zwar in einer unsinnigen „Meta-physico-theologo-
cosmologo-nigologie“ -letzteres geht auf Nigaud, den Narren, der alberne
Possen treibt, zurück. Unverkennbar trägt Pangloss die Züge des Philosophen
Leibniz. Und allzu leichtfertig glaubt Candide seinem Lehrer Pangloss, dass die
Welt absolut gut sei und alles Geschehen unausweichlich zum besten Ende
führen werde. Während seiner Lehrjahre durch diese närrische, grausame Welt
freilich wird er eines anderen belehrt. Er gerät mit seinem Lehrer Pangloss in
das Erdbeben von Lissabon und entkommt nur knapp dem Tod. Doch Pangloss
tröstet ihn und alle anderen dem Tod entronnenen Bürger mit der Versicherung,
die Dinge könnten gar nicht anders sein.

Zitator:
“Denn“, so sagte Pangloss, „all dies ist so am besten. Wenn es nämlich in
Lissabon einen Vulkan gibt, so kann das Erdbeben nicht woanders sein, denn es
ist ja selbstverständlich, das sich die Ereignisse dort abspielen müssen, wo sie
entstehen. Also ist alles gut“.

Sprecher:
Doch damit nicht genug des Irrsinns. Denn die Universität von Coimbra in
Portugal hatte nach dem Erdbeben entschieden, dass allein „das mit feierlichem
Gepränge veranstaltete langsame Verbrennen mehrerer Menschen“ – kurz eine
Ketzerverbrennung – „ein unfehlbares Mittel zur Verhütung von Erdbeben sei“.
Und der Roman fährt fort:

Zitator:
„Daraufhin hatte man einen Mann aus der Provinz Biskaya, der der
Eheschließung mit seiner Base überführt worden war, sowie zwei Portugiesen
aufgegriffen, die ein Hühnchen verzehrt und dabei den Speck achtlos

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fortgeworfen hatten. Nach jener Mahlzeit legte man auch den Doktor Pangloss
und seinen Schüler Candide in Fesseln, den einen, weil er gesprochen, den
anderen, weil er mit beifälliger Miene zugehört hatte. ... Acht Tage später setzte
man ihnen spitze Papiermützen auf“ – die Kleidung der zu einem Autodafé
Verurteilten – und „so angetan zogen sie in feierlicher Prozession dahin und
bekamen eine höchst pathetische Predigt und ein sehr schönes, aber monotones
Kirchenlied zu hören. Während man sang, wurde Candide im Takt gepeitscht.
Der Biskayer und die beiden Leute, die keinen Speck hatten essen wollen,
wurden verbrannt, und Pangloss wurde gehängt, obwohl das sonst nicht üblich
war. Noch am gleichen Tage erbebte die Erde unter fürchterlichem Getöse von
neuem.“

Sprecherin:
Candide allerdings entkommt der Inquisition. Und während er seine
Wanderschaft fortsetzt, dämmert ihm die Naivität von Pangloss’ Optimismus.
„Wenn das hier die beste aller Welten ist, wie muss es dann erst auf den anderen
aussehen?“ Und er stellt sich schließlich die Frage, was denn der Optimismus in
Wahrheit sei?

Zitator:
„Ach! Es ist Raserei, alles für gut zu halten, wenn es einem schlecht geht.“

O-Ton Günther:
Er hat also einen Helden geschaffen, der die Naivität verkörpert, die eigentlich
Voltaires eigene war. Und das Buch ist deshalb so charmant immer wieder zu
lesen ... weil es mit diesem ungeheuer knappen Witz einer fettlosen Prosa, ... es
passiert eben alles erdenkbare Übel. Und dieser Candide taucht eben immer
wieder mit seiner unerschütterlichen Miene auf und lernt am Ende ausgerechnet
in der Nähe von Istanbul, dass man nicht untätig faulenzen darf, sondern dass

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man etwas tun muss, um nicht zu verkommen: Und so endet dieses Buch mit dem
wahren Satz, wir müssen unseren Garten bebauen.

Musik: zeitgenössisch

Sprecher:
Bald freilich war Voltaires Roman „Candide“ in halb Europa verboten. In Genf,
wo Voltaire lebte, wurde das Buch sogar öffentlich verbrannt. Doch ein
Riesenerfolg wurde es trotz alledem. Denn die Fragen, die es aufwarf, waren die
Fragen der Zeit und nicht zu unterdrücken. Wie kann Gott Naturkatastrophen,
Kriege, Hungersnöte zulassen, bei denen unzählige Unschuldige sterben
müssen? Erste Vorboten einer Welt ohne Gott, einer Welt ohne höheren Sinn,
scheinen hier auf. Der Philosoph Odo Marquard pointiert, was die Zeit so noch
nicht auszusprechen wagte: Gerade die Annahme eines gütigen Gottes lege
nahe, dass dieser nicht existiere. Oder zumindest schweige, wenn es ihn denn
überhaupt gibt. Sich nicht um die Menschen kümmert. Und so wird der Himmel
nach und nach der Verantwortung für die Welt enthoben.

Sprecherin:
Statt dessen wird dem Menschen die gesamte Last aufgebürdet. Er tritt das Erbe
Gottes an. „Arbeiten wir also, ohne viel zu grübeln, ... Das ist das einzige Mittel,
um das Leben erträglich zu machen“, heißt es am Ende des „Candide“ und der
letzte Satz des Romans ist: „Wir müssen unseren Garten bestellen“. Der Mensch
selbst ist für Glück und Unglück zuständig, und für die beste aller Welten. D.h.
aber auch: der Mensch ist – allein.

Odo Marquard:
Also, die These ganz grob gesagt, ist, nicht Gott hat die Welt geschaffen wenn er
sie geschaffen hätte, wäre sie wirklich gut ... sondern der Mensch. Und das ist

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zunächst eine happige These, aber der Mensch schafft seine Geschichte und ...
die Geschichte wird es schon machen. Auf die Dauer wird man durch Fortschritt
oder Superfortschritt dazu kommen, dass die Welt immer besser wird und
schließlich für den Menschen da ist. ... da übernimmt der Mensch die
Verantwortung für die Welt, die vorher bei Gott lag, und diese Verantwortung zu
tragen ist ungemein schwierig.

Sprecher:
Der Umgang mit dem Übel in der Welt, meint Odo Marquard, ist nun in die
Hände des Menschen gelegt. Hier, im aufgeklärten 18. Jhd., als der gütige Gott
sich aus der Welt zurückzog, fiel dem Menschen die Verantwortung für den
Fortgang der Weltgeschichte zu. Doch diese Verantwortung führte nun – im
Namen „der besten aller Welten“ – zu Strafgerichten, bei denen Menschen über
Menschen richteten.

O-Ton Marquard:
Die Verantwortung zu übernehmen für dies und das in der Welt, das ist
menschenmöglich, aber die Verantwortung für die ganze Welt zu übernehmen,
das ist nicht menschenmöglich. ... Also wenn ein Mensch sagt, ich bin
verantwortlich für die Welt, aber das Schlimme der Welt, das waren immer nur
die anderen Menschen, dann ist man der Meinung, dass die anderen Menschen
der Tendenz nach liquidiert werden können... (fortgesetzt)

Musik: zeitgenössisch

Sprecherin:
Voltaire selbst schickte sein Gedicht über das Erdbeben von Lissabon an die
großen französischen Denker seiner Zeit. An Diderot, an d’Alembert und an
Rousseau. Und Rousseau vor allem fühlte sich herausgefordert. Voltaire war
sein Gegner. Hatte Rousseau doch schon seine Heimatstadt Genf verlassen, als
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Voltaire sich dort niederließ, weil er befürchtete, dass er sich unaufhörlich
schlagen müsse.

Sprecher:
Voltaire zog Gott in Zweifel, wies Leibniz mit seinem Optimismus in die
Schranken und protestierte im Namen der Vernunft gegen die Unvernunft der
Natur. Und Rousseau? In einem langen Antwortschreiben an Voltaire verteidigte
er den Optimismus, weil er den Menschen auch in schweren Zeiten Trost gebe.
Doch insbesondere bezieht er Stellung gegen Voltaires Entrüstung über eine
grausame Natur. Denn, so war ja die Kernidee von Rousseau, die Natur ist gut
und allein der Mensch mit seiner Zivilisation wendet alles ins Übel. Zwar
gesteht Rousseau zu, dass es wünschenswert gewesen wäre, wenn dieses
Erdbeben sich in der Wüste ereignet hätte, wie Voltaire das in seinem Gedicht
erwähnt. Aber den Grund für die verhängnisvolle Wirkung des Bebens sieht
Rousseau in der Vermessenheit der zivilisierten Menschen, die versuchen, die
Natur ihren eigenen Gesetzen zu unterwerfen. Denn die Natur selbst richte nur
geringe Schäden an. Vielmehr seien es verhängnisvolle menschliche Fehler,
welche in die Katastrophe führten. In diesem Fall liegen die Fehler in der zu
schweren, engen Bauweise und in einer von Geiz und Habgier bewirkten
Verzögerung der Flucht, als das Beben begann.

Zitator:
„Ohne Ihren Gegenstand von Lissabon zu verlassen, gestehen Sie mir zum
Beispiel, dass nicht die Natur zwanzigtausend Häuser von sechs bis sieben
Stockwerken zusammengebaut hatte, und dass wenn die Einwohner dieser
großen Stadt gleichmäßiger zerstreut und leichter beherbergt gewesen wären, so
würde die Verheerung weit geringer, und vielleicht gar nicht geschehen sein.“

O-Ton Günther:
Also da, wo Voltaire den Optimismus bekämpft, sagt Rousseau, ja ich brauche

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ihn, da ich arm und leidend bin, um überhaupt leben zu können. Ja, und müssen
denn die Leute überhaupt mehrstöckige Häuser errichten, können sie nicht -
jetzt tönt bei jedem das Stichwort ‚Zurück zur Natur’ - , können sie nicht in
schlichten Hütten wohnen, das Land bebauen, so dass ein Erdbeben in der
Regel sie nicht schädigen würde? Und es kam zu einer heftigen Debatte ... und
das gab für das lesende Europa einen herrlichen Disput, wenn die wichtigsten
Köpfe in der europäischen Verkehrssprache, Französisch, sich heftig streiten.

Musik: zeitgenössisch

Sprecherin:
Sowohl Voltaire als auch Rousseau markieren mit ihren Argumenten jene
Bruchstelle, an der ein stets auf Gott bezogenes Denken in eine moderne
Reflexion übergeht. In eine Reflexion über die Stellung des Menschen in einer
Welt, aus der Gott sich zurückgezogen hat. Voltaire bereitet diese Rückzug
Gottes sozusagen vor, indem er mit der Vorsehung hadert und seine Frage
„Warum?“ keine Antwort mehr findet. Und Rousseau findet eine neue Antwort
auf die Frage nach dem „Warum?“. Die Menschen leben falsch. Doch leben sie
nicht mehr in Zustand einer Sünde gegen Gott. Sondern sie leben gegen die
Gesetze der Natur und bereiten sich damit selbst ein Strafgericht. Eine Idee
übrigens, die noch heute im ökologischen Denken verbreitet ist.

Sprecher:
Sowohl Voltaire allerdings als auch Rousseau argumentieren auf ihre Art
moralisch. Voltaire, indem er sich über die grausame Unvernunft der Natur
empört, gegen die er „im Namen der Vernunft“ protestiert. Rousseau, indem er
umgekehrt den Hochmut des Menschen als Grund für die Vernichtung tausender
Menschenleben anklagt.

Sprecherin:

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Doch möglicherweise kann man der Natur nicht mit moralischen Argumenten
begegnen. Möglicherweise folgt die Natur eigenen Gesetzen, die keiner Moral,
keinem menschlichen Wohlverhalten zugänglich sind. - Aber was wusste man
überhaupt im 18. Jahrhundert über die Vorgänge im Inneren der Erde?
Schließlich hatte noch im 17. Jahrhundert der irische Erzbischof James Usher
die Entstehung der Welt auf Montag den 23. Oktober 4004 vor Christus datiert.
Und als einziges Ereignis, das die Gestalt der Erde nach der Schöpfung noch
wesentlich verändert hatte, die Sintflut gelten lassen. Erst im Verlaufe der
Aufklärung ging der Glaube an die biblische Zeitskala verloren. Und man
versuchte eine Brücke zu schlagen zwischen praktischen Erfahrungen und
Erkenntnissen sowie theoretischen Spekulationen von Naturgelehrten und
Philosophen.

Sprecher:
Mitte des 18. Jahrhunderts wusste man von der geologischen Beschaffenheit von
Erdkruste und Erdmantel noch wenig: Von driftenden Kontinentalplatten, den
wirklichen Ursachen von Erdbeben, war überhaupt nicht die Rede. Vielmehr
verglich man die Wirkungen von Erdbeben gern mit denen von
Vulkanausbrüchen oder von Sprengungen. Für plausibel hielt man Hypothesen,
die beispielsweise besagten, dass Erdbeben durch Dampf ausgelöst würden, der
explosionsartig entstehe, wenn große Mengen Wasser plötzlich auf unterirdische
Feuer stießen. Oder dass Erdbeben durch unterirdische Explosionen von
Salpeter-Schwefel-Gemischen ausgelöst würden. Diskutiert wurden zudem
Beobachtungen, die man kurz vor großen Erdbeben hatte machen können:
Verfärbungen von Gewässern beispielsweise, Schwefelgeruch in deren Nähe
und übrigens auch auffällige Verhaltensänderungen von Tieren in betroffenen
Regionen.

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Musik: zeitgenössisch

O-Ton Unger:
Kant hat sich zunächst auseinander gesetzt mit dem Erdbeben, indem er
geologische Fragen aufgreift. Er hat sich dazu geäußert, was denn die
Ursachen von Erdbeben seien und hat die geologischen Zusammenhänge -
Wasser hängt unterirdisch zusammen und Dämpfe, die entstehen. Und da ist er
auf der Höhe des naturwissenschaftlichen Diskurses.

Sprecherin:
Mit den Äußerungen Kants zum Erdbeben von Lissabon vervollständigt
sich der moderne Diskurs über Gott, den Menschen und die Welt.
Pointiert gesagt: Voltaire stellt das Eingreifen Gottes in Frage und
entlässt den Menschen in die Selbstverantwortung. Rousseau gibt dann
dem selbst verantwortlichen Menschen die Schuld an dem
katastrophischen Ausmaß des Erdbebens. Kant schließt sich übrigens
zunächst einmal der Meinung Rousseaus an, es sei nicht nötig,
prächtige Häuser über instabilem Grund zu bauen. Denn möglicherweise
müssten von Zeit zu Zeit Erdbeben auf der Welt geschehen, so dass es
erforderlich sei, dass „der Mensch ... sich in die Natur schicken“ lerne.
Aber dann verlässt Kant den moralischen Diskurs, um diese Natur erst
einmal zu erforschen. Denn er war von dem Beben fasziniert. Der
Philosoph sammelte alle Informationen, die er bekommen konnte, um
daraus eine Theorie über die Entstehung von Erdbeben zu formulieren.
Diese Theorie, die annahm, dass es unter dem Meeresboden riesige, mit
heißen Gasen gefüllte Höhlen gebe, wurde zwar später als falsch
widerlegt. Aber sie war einer der ersten systematischen Versuche,
Erdbeben auf natürliche Ursachen zurückzuführen.

Sprecher:
Die Wege der Vorsehung wollte Kant jedenfalls nicht ergründen oder gar
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mit ihnen hadern. Er hielt sie für un-ergründlich. Später führte er aus,
dass alles, was mit Gott zu tun hat, nicht erkannt oder gar bewiesen
werden könne, sondern allein – in den Bereich des Glaubens gehöre.
Erkennen könne man allein die Gesetze der Natur, dann könne man
vielleicht auch deren Auswirkungen beherrschen. Kant verkörpert damit
den Typus des modernen Forschers, dessen Naturerkenntnis sich allein
durch Vernunft, keineswegs aber durch Theologie oder Moral leiten lässt.
So heißt es in Kants „Kritik der reinen Vernunft“:

Zitator:
„Die Vernunft muss mit ihren Prinzipien, nach denen allein
übereinkommende Gesetze für Erscheinungen gelten können, in einer
Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der
anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber
nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen lässt, was
der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt,
auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt.“

O-Ton Günther:
Kant hat vom fernen Königsberg kluge Argumente darüber geschrieben,
ein paar Jahre nach dem Erdbeben. Und dann sehr viel später, als
schon ein großes politisches Beben, die französische Revolution, die
Welt erschütterte, eine Schrift, die sehr schön weise auch sanft ironisch
ist, wo er sowohl Rousseau als auch Voltaire als Denker nahe kommt,
wo er über das Misslingen aller philosophischen Versuche der
Theodizee schreibt. Und sagt, das, was die Konsistorien und Pastoren
da ausgeklügelt haben, das ist wie Hiobs falsche Freunde: wollt ihr Gott
verteidigen mit Unrecht? ... Und ... er ... sagt, ja wir können die Weisheit
eines Schöpfers bewundern, wir können uns auch manches denken über
eine weise Weltregierung, ..., aber wir können uns nicht mit Gründen

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eine weise Leitung dieser Welt denken. Und deshalb muss man das
sittliche Handeln auf einen Glauben gründen und nicht umgekehrt
warten, dass alles gut ist, damit man selber auch ein guter Mensch sei.

Sprecherin:
So trennte man – allmählich – zwischen „natürlichen Übeln“ und
„moralischem Bösen“. Und natürliche Übel wurden dann nicht länger mit
Begriffen wie „Sintflut“ oder „Sünde“ versehen. Sondern nun begann man
von „Katastrophen“ zu sprechen. Und von „Risiken“ mit denen man sich
zu arrangieren habe. An die Stelle religiöser Deutungen trat die
Naturkunde. Statt um Fürbitten und Opfer ging es fortan um Geologie,
Seismologie und andere Wissenschaften, die einen starken Aufschwung
erfuhren. Und ein modernes Versicherungswesen entsteht, damit die
Geschädigten das finanzielle Risiko von Feuer- oder Wasserschäden
minimieren konnten. Prof. Manfred Jakubowski-Tiessen vom Max Planck
Institut für Geschichte in Göttingen:

O-Ton Jakubowski-Tiessen:
Erst in dem Augenblick wo eine Naturkatastrophe mit säkularen Augen gesehen
werden kann, folgt auch ein besonders hohes Risikobewusstsein. Solange das
noch als eine Strafe Gottes gedeutet wird, kann man das nicht mit einem Risiko
gleichsetzen, denn eine Strafe Gottes kann natürlich immer eintreffen, ob man in
der Stadt ist oder in den Bergen. Aber wenn ein Naturereignis von seinem
religiösen Bezug entkleidet ist, entsteht das, was Risiko ist.

Sprecher:
Im Sommer 1756 begann der 7 jährige Krieg, ein Krieg an dem große
Teile Europas beteiligt waren. Er verdrängte das Erdbeben aus den
Schlagzeilen der damaligen Presse. Doch Immanuel Kant wies darauf
hin, dass ein Krieg kein natürliches Übel sei, sondern eine politische
Katastrophe. Eine Katastrophe, die, so Kant, ein Fürst „durch ein edles
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Herz getrieben“ ... durchaus von jenen abwenden könnte, „welchen von
allen Seiten überdem schwere Unglücksfälle drohen“.

O-Ton Lauer:
Das heißt nicht, dass es ganz verschwindet, das Erdbeben von
Lissabon, aber die Aufmerksamkeit driftet dahin. Zumal der 7jährige
Krieg desaströse Auswirkungen hatte auf die Landschaften, die
Ernährungssituation, Hungersnöte, die doch große Probleme auch für
die Menschen dargestellt haben.

Musik: Fado

Sprecherin:
Und Lissabon? Was wurde aus der zerstörten Stadt? „Die Toten
begraben, für die Lebenden sorgen“, hatte der Marques de Pombal, der
erste Minister Portugals damals, pragmatisch geantwortet, als man ihn
unmittelbar nach der Katastrophe fragte, was er zu tun gedenke. Das
stieß durchaus auf Widerstand. Dachten doch viele Priester, dass Beten
und Fasten und nicht pragmatisches Handeln die angemessene
Reaktion sei. Doch völlig unbeeindruckt von solchen Einwürfen und
ebenso von den europäischen Debatten um das Erdbeben, organisierte
Pombal höchst konzentriert den Wiederaufbau Lissabons im Geiste des
aufgeklärten Absolutismus. Breite Straßen und eine begrenzte
Geschosshöhe sollten bei künftigen Erdbeben Sicherheit gewährleisten.
Um die Erdbebensicherheit zu prüfen, wurden Holzmodelle der Häuser
gebaut, und man ließ Soldaten um sie herum marschieren, um
Erschütterungen zu erzeugen. Bereits ein Jahr nach dem Beben war
Lissabon frei von Schutt und der Wiederaufbau hatte begonnen. Ein
Wiederaufbau mit schachbrettartigem Grundriss, breiten Straßen und
großen Plätzen. Nach dem Sinn solch breiter Straßen gefragt, soll
Pombal geantwortet haben, dass sie eines Tages klein sein würden.
25
Sprecher:
Und damit hat er recht behalten, wenn man das Verkehrschaos im
heutigen Lissabon ansieht. Zum Beispiel am Kreisverkehr des Platzes
des „Marques de Pombal“. Mitten auf diesem Platz erhebt sich –
verkehrsumtost - das prächtige Denkmal des Wiedererbauers der Stadt.
Da steht der Marquis auf der Spitze einer Säule mit einer Hand auf
einem Löwen und überschaut sein Meisterwerk: die Baixa Pombalina
von Lissabon.

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