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Die Perikopen über Johannes den Täufer in der neuentdeckten mittelägyptischen

Version des Matthäus-Evangeliums (Codex Schøyen)

Uwe-Karsten Plisch

Novum Testamentum, Vol. 43, Fasc. 4. (Oct., 2001), pp. 368-392.

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Mon Jul 30 11:51:03 2007
DIE PERIKOPEN UBER JOHANNES DEN TAUFER IN

DER NEUENTDECKTEN MITTELAGYPTISCHEN

VERSION DES MATTHAUS-EVANGELIURIS

(CODEX SCH0YEN)

von

UWE-KARSTEY PLISCH

Berlin

0. Der Text

Dieser neue mittelägyptische Matthäus-Text, Bestandteil eines Papy-


ruscodex' aus dem 4. Jahrhundert, wurde 1999 von dem nom~egi-
schen Sammler Martin S c h ~ y e nfür die Handschriftensammlung, die
seinen Namen trägt, erworben.' Der erhaltene Textbestand reicht von
Mt 5:38 - Mt 28:20 und ist insgesamt recht gut erhalten, jedoch weni-
ger p t als der schon bekannte mittelägyptische Mt-Text des Codex
S ~ h e i d eDie
. ~ Betrachtung der Johannes-der-Täufer-Perikopen im Codex
S c h ~ y e nbeginnt also im Grunde mit einer Mangelanzeige: Predigt
und Wirken des Täufers einschließlich der Taufe Jesu in Mt 3 sind
nicht mehr erhalten, ebensowenig die Notiz über die Verhaftung des
Täufers in Mt 4:12. Der mittelägyptische Text des Codex S c h ~ y e n
bietet eine eigenständige Ubersetzung einer griechischen Mt-Vorlage,
die nicht nur von der seit längerem bekannten mittelägyptischen Uber-
setzung des Codex Scheide3 unabhängig ist, sondern auch von den
übrigen uns bekannten koptischen Versionen des Mt (sa, bo, fa). Die
spezifische Variante des Mittelägyptischen im Codex Schayen weist
zudem mehr Berührungen mit dem Mittelägyptisch des Mudil-Codex

' Ein Ausschnitt dieses Beitrages wurde auf dem Seventh International Congress of
Coptic Studies, Leiden, 27. August - 2. September 2000, als Vortrag gehalten.
Der Text des Matthäus-Evangeliums im Codex Schayen wird gegenwärtig von
Hans-Martin Schenke zur Edition vorbereitet. Eine erste Einführung in den Text hat
er außerdem in einem Aufsatz für Enchona gegeben (erscheint voraussichtlich 2000).
' H.-M. Schenke, Das Matthäusmangelium im mittelagptischen Dialekt des Koptischen (Codex
Sclzeide) ( T U 127; Berlin: Akademie 1981).

O Koninktijke Briü W ,Leiden, 2001 Novum Testamentum XLIII, 4


DER NEUENTDECKTE MITTELÄGYPTISCHE MATTHÄUS 369

(Psalmencodex)' als mit dem Mittelägyptisch der Mt-Handschrift des


Codex Scheide auf. Der mittelägyptische Text des Codex S c h ~ y e n
weicht nun in vielerlei Hinsicht erheblich von dem uns bekannten
"Standardn-Text5 des Matthäusevangeliums ab. Wenn auch der Verdacht
besteht, daß etliche dieser Abweichungen auf das Konto des kompe-
tenten und souveränen koptischen Ubersetzers gehen, so gilt dies doch
keinesfalls für alle feststellbaren Abweichungen. Auch die griechische
Vorlage des koptischen Ubersetzers muß sich also erheblich von dem
uns bekannten Mt unterschieden haben, sie läßt sich auch keiner der
im Apparat der NAz7-Editionverzeichneten Textzeugen zuordnen. Dem
koptischen Ubersetzer hat folglich eine bisher unbekannte griechische
Fassung des Mt vorgelegen.' Was das im einzelnen bedeutet und wel-
che Schlüsse unter Umständen daraus für die Textgeschichte des Mt
zu ziehen sein werden, uird erst nach der zu erwartenden Edition des
Textes7 die Untersuchung des ganzen erhaltenen Textbestandes erge-
ben können. Ziel dieser Untersuchung ist allein die Betrachtung aus-
gewählter Textpassagen unter ganz bestimmten Gesi~htspunkten.~

Gawdat Gabra, Der Psalter i m oqrhynchitischen (rnesokemischen/mittelä~ptiscIzen)Dialekt.


M i t Beztragen uon Na.rv Iskander, Gerd Mink undJolzn L. Shalp (Abhandlungen des Deutschen
Archaologischen Instituts Kairo, Koptische Reihe Bd. 4; Heidelberg: Heidelherger
Orientverlag 1995).
Mit Standardtext, griechischem Text beziehungsweise griechischem Standardtext
ist hier und im folgenden der Text des Nouum Testamentum Graece, ed. Nestle/Aiand,
Stuttgart ?'I993 (abgekurzt: N*i) gemeint, im Unterschied zum kritischen .4pparat die-
ser Ausgabe.
Eines der m.E. stärksten, weil rein statistischen und somit unverfänglichen Argumente
für die Andersartigkeit der griechischen Vorlage des Mt-Textes im Codex Schayen ist
die Wiedergabe griechischer Partikeln und Konjunktionen im.koptischen Text, konkret
das ungewohnlich seltene Erscheinen von &hh&,y&p, &E, e € l n € / e H J i H (für i&oU)
und br(0)YO (fur ~ a ieinerseits
) und die ungewohnliche Häufigkeit des matthaischen
Vorzugswortes .rote andererseits. Zwar werden griechische Konjunktionen und Parti-
keln nie 1:l in koptische Ubersetzungen übernommen, die Abweichungen bewegen
sich jedoch in einem überschaubaren Rahmen, wie schon der Vergleich mit anderen
koptischen Mt-Ubersetzungen zeigt. Die im Codex Schoyen zutage tretenden Abwei-
chungen lassen sich definitiv nicht mit der normalen Varianz einer koptischen Uber-
setzung erklären.
' S. Anm. 1. H.-M. Schenke hat mich dankenswerterweise den bisherigen Stand der
Texterschließung einsehen und benutzen lassen.
H Der Hauptgesichtspunkt ist die Demonstration der Andersartigkeit der Version des

hlt im Codex Schmyen an einer iiberschaubaren Anzahl von Perikopen. Daß für diese
Demonstration die Perikopen gewahlt wurden, die in irgendeiner h'eise mit Johannes
dem Taufer zu tun haben, hangt mit meinem aktuelien Interesse an der Gestalt des
Taufers zusammen. Der zweite Aspekt dieses Aufsatzes ist daher die Eigenart des
Tauferbildes im hlt-Text des Codex Schayen.
370 LWE-KARSTEN PLISCH

1 . Die Fastenfrage (Mt 9:14-17)


Da der erhaltene Mt-Text im Codex S c h ~ y e nerst Mt 5:38 beginnt,
ist die erste erhaltene Perikope, in der der Täufer (indirekt) eine Rolle
spielt, die Diskussion der Täuferjünger mit den Jüngern Jesu über die
Frage des Fastens in Rlt 9:1$-17. Im Codex S c h ~ y e nsind allerdings
nur Vers 14 (ganz) und Vers 15 (unvollständig) erhalten, die Verse 16
und 17 fehlen. Der koptische Text9 lautet - soll-eit erhalten bezie-
hungs~veiserekonstruierbar:

.14
. [ T O T H ~ A Y Y ]üJAPAY N X H M M A B H T H C N T H
I U e A N [ N H C Jl€X€]Y N€Y G€ €TB€ O Y A N A N M€N
N€$[&plCAlOC T € N ] N H C T € Y H N€KMA&HTHC N T A Y
N [ C € N H C T € Y H ] € N 15 J l [ € X € IHCN&]Oy X € NN€Y
NYH WH MJlNYM]$WN [ N N € Y N € ] y€PeH0 H eOCON
[JtNyMC@lO]C €YN[€MM€OY] € Y € J N X H g € N ' e r A O y ( -

NyM]$lOC [ -
14 P a kamen] zu ihm die Jünger von Johannes (und) sie [sagten] zu
ihm: Warum fasten wir und die [Pharisäer] (und) deine Jünger [fas-
ten] nicht? 13 Wesus sagte zu] ihnen: Die Kinder [des Brautlgemachs
können nicht trauern, solange [der Bräutigam bei ihnen ist]. Tage wer-
den kommen [-] Bräutigam [-]

Bemerkenswert sind an dieser Perikope vor allem einige textkritische


Besonderheiten. N€Y in Vers 14 hat keine Entsprechung im grie-
chischen Text; in der griechischen Cbersetzungsvorlage entspräche
N€Y ein aU.s+, doch läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob der kop-
tische Ubersetzer - entsprechend der Frage, in der Jesus ja tatsächlich
direkt angesprochen wird - hier einfach verdeutlichend übersetzt und
N€Y also selbst eingefügt hat, oder ob er tatsächlich seine griechische
Vorlage wörtlich wiedergibt. Da hEyov/hEYov.se<in Mt meist absolutio
gebraucht wird, ist das erste wahrscheinlicher. FYeiterhin hat der Codex
S c h ~ y e nin Vers 14 keine Entsprechung zu nohha und steht damit
nicht nur gegen die mittelägyptische iiberlieferung des Codex Scheide
(dort: € M A Y A ) , sondern gegen den größten Teil der koptischen

!' Text (hier wie auch sonst) nacli Schenke, s. Anm. 5. Das supralineare Punktsystem

der koptisclien Handsclirift wurde aus drucktechnisclien Grunden und weil Sprache und
Schiift des Textzeugen hier nicht naher untersuclit werden. unherucksichtigt gelassen.
"' \'gl. aher hlt 21:Z.
Eberlieferung insgesamt." Die Wendung oi 6E paeq.sai oou in Vers
14 übersetzt mae2I2 mit NCKMABHTHC N T A Y . Vers 15 beginnt
in mae2 wie im Codex Scheide ohne Aquivalent zu ~ a i Mit . der
Verwendung des negativen energetischen Futurs zeigt der koptische
Ubersetzer, daß er seine Vorlage offensichtlich nicht als Frage, son-
dern als Aussage verstanden hat - man kann also immerhin fragen,
ob seine Vorlage nicht auch tatsächlich 06 66vav.sa~(und nicht: pq
66vav.sai) gelautet haben könnte. Einen griechischen Zeugen für eine
solclle Lesart gibt es freilich nicht. NüJHPH MJlNYMd$tlN ent-
spricht dem griechischen Text (oi uioi .so< vup<povo~).
Damit steht mae2
wiederum gegen den mittelägyptischen Text des Codex Scheide (dort:
NüJHPE MJlATUJEhHT) sowie gegen die bohairische und Teile
der sahidischen Uberlieferung, die jeweils die varia lectio oi uioi .so<
vupqiou uiedergeben.'"benfalls gegen den größten Teil der gesam-
ten koptischen Uberlieferung einscl~ließlicl~ m ael bezeugt mae2 die
Lesung des griechischen Textes nev0eiv (= € P e H B H ) anstelle der
varia lectio vqo~e6eiv.

2. Die Anfrge des Täufers aus dem G~ängnisi;Vt I I: I - 6)


Nicht nur textkritisch relevant, sondern auch und vor allem inhaltlich
von Interesse ist die Perikope von der Anfrage des Täufers aus dem
Gefängnis (Alt 1 1 : 1-6).

1 eACüJUJlH A€ € T e & y O y W €ye[WN] N A A A B H T H C


e A y O y O T € 0 € 0 A X A M € O Y [€YT]CßU % P H eI € N
N € y C y N A C U C H O y 2 I [ W ~ A N N H ] Ce A y C W T A e € N Jl€-
üJT€K& e & y X & O y [ € 0 A h e I T N ] N € y A + B H T H C 3 X €
NTAK J~€TNNHOY'Z€[N ANN€]&WüJT 'e'HTY NK€OY€
e A Y X H O Y U NX[H
.J.We&NNHC
4 Jl€X€Y] G€ JlW7 A A T A A H
€NH [€Te&T€TNN]€OY € P [ A ] O y MN N H
€Te&T€TNCWT[M M M A O y 5 NJ]fi€hhHOY C€N€OY €0&h
N I K A h H [ O y C€M]+üJH N€TKH[K] NJlCAfie

Die meisten saliidisclie~i Handschriften lesen Neae Ncon. dic holiairisclien


N~~NMHY.
Im folgenden verwende ich, in Anleliiiung an die Ahkurzung f i ~ rdie inittelänp-
tische Uberlieferung in NA". fur die mittela~ytisclieMt-Version des Codex Sclioyen
meist das Kurze1 inae2. f i ~ rden hlt-Text des Codex Sclieide eiitspreclieiid das Kürzel
inac 1 .
Im textkritischen .Apparat von N.4" werden als Zeugen dieser varia lectio niir D
und latt, nicht ahcr die koptisclien Zeugen genannt.
372 UWE-KARSTEN PLISCH

1 Es geschah aber, als er fertig war, die Jünger [anzuweisen], ging er


von dort weg und lehrte in ihren Synagogen. 2 [Johannes] hörte
(davon) im Gefängnis (und) sandte (die Anfrage) [durch] seine Jünger 3:
"Bist du der Kommende oder [sollen wir] auf einen anderen warten?"
4 [Jesus] anmortete [und sprach]: "Geht (und) unterrichtet Johannes
über das, [was ihr gelsehen [habt] und das, was ihr gehört habt! 5
[Die] Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen sind rein, die
[Tauben] hören, die Toten stehen auf, die Armen - ihnen wird gepre-
digt. 6 Selig ist der, der sich nicht an mir ärgern wird." (7 Sie aber
entfernten sich.)

In der mittelägyptischen Fassung unseres Alt-Textes fehlt in Vers 1


(für den der textkritische Apparat von NA" keinerlei Varianten aus-
weist) zunächst die nominale Explikation des Subjektes (8 'I~looG<),doch
ist aus dem Zusammenhang hinreichend deutlich, daß mit dem Befeh-
lenden und Lehrenden nur Jesus selbst gemeint sein kann. Auffälliger
ist, daß nicht seine Z W OJünger
~ (toic 6 h 6 e ~ apaeq~aica6toG) es sind,
denen er Befehle erteilt hat, sondern lediglich die Jünger ohne daß
-

diese näher bestimmt würden. Der Kontext (Kap. 10) wie der abso-
lute Gebrauch des Jüngerbegnffs legen freilich nahe, daß hier noch
von den Jesusjüngern die Rede ist und noch nicht von den Jüngern
des Johannes." Am Ende von Vers 1 fehlt ein Aquivalent für mp6ooeiv
im griechischen Text. Der Akzent liegt nun ganz auf dem Lhren (6i6ao-
~ e i v= .fCfiW) Jesu, das nach unserem neuen mittelägyptischen Zeugen
nicht in ihren Städten (Ev ~ a i z6heoiv
< a6t6v), sondern in ihren $nagogen
stattfindet (vgl. Mt 4:23, wo die entsprechende griechische Wendung
Ev t a i ~ouvayoyaic a6tGv erscheint). Ein verstärkt jüdisches Kolorit
läßt sich - wie hier - auch sonst im Mt-Text des Codex Schayen be-
obachten.15 In Vers 2 finden wir keine koptische Entsprechung für T&

'+ \lläre hier schon auf die Junger des Johannes abgehoben, wäre immerhin deut-
licher, wie Johannes im Gefangnis (Vers 2) von Jesu Wirken erfahren hat (vgl. Lk 7:18).
Der befehlende Jesus erwiese sich so auch als Herr uber die Johannesjunger. Bezuglich
der unklaren (verunklarten?) Zugehörigkeit von Jüngern läßt sich auch A l t 14:12 mae2
zum \-ergleich heranziehen, wo die Jünger den Leichnam des Johannes nehmen und
anschließend Jesus Bericht erstatten.
" Jesus als Lehrer (FiFao~aho</paßßi) ist ohnehin typisch fur hlt.
DER NEUENTDECKTE MITTELÄGYPTISCHE MATTHÄUS 373

Epyu TOG Xp~o~oU,'6 so daß der Eindruck des (in ihren Synagogen)
ausschließlich lehrenden Jesus' sich weiter verstärkt. Vers 3 beginnt
unmittelbar mit der Frage des Johannes, ohne vorhergehende Ent-
sprechung zu ~ ? n e vUUT@.Der koptische \Yortlaut der Frage entspricht
der des griechischen Textes, die Frage selbst erscheint allerdings, vor
allem wegen der in Vers 2 nicht erwähnten Werke des Christus, nun
schlechter motiviert." In Vers 4 entspricht die Reihenfolge von sehen
und hören der lukanischen Parallele (Lk 7:22). Ebenso entspricht das
Tempus (Koptisch: Perfekt) dem lukanischen Aorist (gegenüber dem
Präsens des griechischen Mt-Textes). Damit deckt sich der mittelägyp-
tische Zeuge des Codex Schoyen hinsichtlich Reihenfolge und Tempus
mit der bohairischen Uberlieferung des Mt, während die sahidische
wie auch die mittelägyptische Uberlieferung des Codex Scheide dem
griechischen Mt-Text entsprechen. Das Ende von Vers 5, griechisch
rc~w~oi ~.jayyeÄicov~ai,wird in mae2 mit N l e H [KH CEIKHPYCCH
N A Y wiedergegeben. ~.jan~Äicoyai, das im pechischen Mt-Text nur
an dieser Steile erscheint, ist hier in der koptischen Ubersetzung mögli-
cherweise durch ein geläufigeres griechisches Lehnwort ersetzt worden.
Denkbar ist aber natiirlich auch, daß der koptische Ubersetzer q p u o o ~ i v
bereits in seiner pechischen Vorlage gefunden hat.18

3. Jesu Rede über den Täufer ( M t 111.7-1 9)


Unmittelbar an den berichteten Weggang der Johannesjünger (Sie aber
entfernten sich, Mt 1 1:7a)Igschließt sich die aus mehreren, ursprünglich

l 6 Einzelne griechische Zeugen (D, 0233, 1424) lesen 'IqooG statt XpioroG, Zeugen

ohne die gesamte Wendung bietet der Apparat von NA" jedoch nicht. (Einen absolu-
ten Gebrauch von der Chlijtuj - ohne Jesus - gibt es vor dieser Stelle in Mt nur ein-
mal, in Mt 1:27). Von besonderem Interesse ist hier vielleicht die Minuskel 1424, in
der es 10 explizite Verweise auf Lesarten des 'IouFuYK~v, der judenchristlichen Variante
des hlatthäusevangeliums [gewöhnlich mit dem Nazaräerevangelium identifiziert, vgl.
W. Schneemelcher, Neutestamentliche Apokyphen I (Tubingen: Mohr-Siebeck, 997) 126-
127, 1341 gibt.
"
I' Wenn es richtig ist, daß der gescliichtliche Johannes mit dem Kommenden Gott

selbst verkündigt hat, ist die Frage im Munde des geschichtlichen Johannes sclilicht-
weg unvorstellbar.
Iin Lk, dessen griechischer Text E ~ C Z Y ) ' E ~ ~ < Oweitaus
~U~ häufiger, insgesamt zehn
Mal, bietet, wird in der sahidischen Uberlieferung das Verb sieben Mal mit €)'AC-
C € A l 3 € wiedergegeben, drei Mal mit TdUJ€O€IUJ (TdüJ€O€Iy ist wiederum
ein geläufiges Aquivalent für KIlp600~1~); mael bietet hlt 11:5 € Y d C C € A I 3 € . Die
zweite Annahme, daß also ~ ~ p b o o e ibereits
v in der griechischen Vorlage von mae2
gestanden habe, scheint mir etwas wahrscheinlicher zu sein.
''Im Codex Sclioyen ist Mt l l:7a ein selbstandiger Hauptsatz, der inhaltlich (und
374 UWE-KARSTEN PLISCH

selbständigen, Traditionsstücken zusammengesetzte Rede Jesu über den


Täufer an.

7 N T A Y A € ~ A Y C L J € N € T I [HC e A y ] A p X € C e A l
€[C€]XH N O Y € JiMHüJ€ €TBH I W ~ A N N XH € C
~ A T € T [ N ] I€ B A I €T€PHMOC € N € Y €OY €N€OY €YK€üJ
€P€TITHOY KIM MMAY 8 X € N A ~ A T € T N I€ B A I
€N[€OY] €YPWMH € O Y € N ~ E N ~ AE IY T X HHN e N TIHI
NNIEPOYI 9 X € N ~ A T € N €I B A I € N € Y € Y T I p O g H T H C
€ 2 1 TI€eO [uA € Y ] T I p O g H T H C Y < e > € M ~ ~ I 10M €TB€E
TI€I C e H O Y T [. . . (Anfang der nächsten Seite zerstört bis Mitte
Vers 1 1 ) . . . TIBATITICTHC T I J K O ~ IA € € p A y O y N + [ X
€ P A 9 TI€ e € N ] T M N T E P A NMTIH 12 X]!N N A e A Y h€
N T € I W [ ~ & N N H CTIBAJlTIC]THC ü J A [ e ] O y N € T € N O Y
C X H O Y [ N X A N C N X H ] T M N T E P A NMJlH' A y W
e € N P € q [ X I N ] + w C [ C]€TWPTI MMAC 13 TINOMOC M€[N
.Nl.W€ e] AJ Nl P[ NO Hg ]HC [ T14H €Cü]J Xe €A Y[T€TN]OY€üJLiJAv
J l P O [ $ ] H T € Y O Y H üJA
€PWTN
e H I l + [ C TI€T]NNHOY- F€15 n € T € ] O Y N T Y [M]€ZiH
ECWTM MAp€cj[CW]TM 16 A I N H ~ N T WN
T€]IL'€N€A
€NlM : A Y ~ ' N H N ~ € N K [ O Y ~N]I O Y ' h A O Y [ H € Y e A ] A C
M n m n 21 - r a r O p a eyoy [ € B A I ~ o y n e e y ~ p l1 7
€ y X W A M A C X € e A N X [ W MTIETNXACXC eANP]!MH
MnETNNHeHTI 18 [ e A ] y l üJ[A]Q [WTN N X H I O ~ A ] N N H C
€M€yCW €M€yOYOM J i € [ X € y X € O Y A A l M I O N n € T -
N€MM€y 19 e A y l A N N [ X H TIüJHPH MTIPWIMH
e y o y o ~myo eyco nezrey [XE o y p ~ y o y ~ ~ ]
O < Y > Q € [yC]W TI€ +y(W] yA N ~ B €NIK[€T€IWNHC] H ~
M € N N [ I P € ] Y € [ P N ] + B H e A T C O $ I A TMA[IA € B A I
e l T A ] T O y N[N€CüJHPH]
7 Sie aber entfernten sich. [Jesus] begann, gegenüber der Menge über
Johannes zu reden. "Ihr seid hinausgekommen in die Wüste, um was
zu sehen? Um ein Rohr zu sehen, das der JYind bewegt? 8 Oder seid
ihr hinausgekommen, um einen Menschen zu [sehen], der mit wei-
chen Kleidern bekleidet ist? Siehe, die mit den weichen Kleidern sind
in dem Haus der Könige. 9 Oder seid ihr hinausgekommen, um einen

syntaktisch) den natürlichen Abschluß der vorhergehenden Perikope bildet. Dagegen ist
Mt 11:7a im griechischen Text eine Partizipialkonstmktion (Genetivus absolutus), die
sich vom nachfolgenden Satz nicht loslösen laßt.
Propheten zu sehen? Ja, mehr [als ein] Prophet ist hier. 10 Seinetwegen
steht geschrieben [. . . (Anfang der nächsten Seite zerstört bis Mitte
Vers 11) . . . der Täufer. Der] aber kleiner ist als er, [ist] größer [als
er im Königreich der Himmel]. 12 Seit den Tagen aber von Johannes
[dem Täufer] bis jetzt erleidet das Königreich der Himmel [Gewalt],
und Gewalttäter rauben es. 13 Das Gesetz und [die] Propheten haben
prophezeit bis Johannes. 14 Wenn [ihr] es bei euch aufnehmen wollt:
[Er ist] Elia, [der] Kommende. 15 [Wer] Ohren hat zu hören, soll
hören! 16 Mit wem soll ich dieses Geschlecht [vergleichen]? Sie glei-
chen kleinen Kindern, [die] draußen auf dem Marktplatz [sitzen, ihren
Genossen] zuschreien 17 und sagen: "MTir haben gesungen [und ihr
habt nicht getanzt]; [wir haben] geweint und ihr habt nicht getrauert."
18 Johannes kam [zu euch] und trank und aß nicht - [sie sprachen:
"Ein Dämon] ist es, der bei ihm ist." 19 Auch [der Menschensohn]
aber kam und er aß und trank - sie sprachen[: "Ein Fresser], ein
Säufer ist er. p n d ] er ist auch ein Freund der [Zöllner] und der
Sünder." Die Weisheit wurde gerechtfertigt durch [ihre Kinder (?)I.

Da die Grundbedeutung von ~ahaic6<weich ist und T & Pahaic& für sich
weiche Kleider bedeutet, ist es meines Erachtens nicht zwingend notwen-
dig, die IYendung %€N%&ITH € Y X H N in Vers 8 (die sich so
im Prinzip in allen koptischen Mt-Cbersetzungen findet) als Uberset-
zung einer lukanisch beeinflußten vana lectio (Ev pahaicoi< i p a ~ i o i ~ ,
vgl. Lk 7:25) zu interpretieren, wie das der Apparat von NA" mit den
bisher bekannten koptischen Ubersetzungen tut. QENQAITH EYXHN
kann ebensogut die Ubersetzung von bloßem yahaicoi< sein, da sich
paha~oi<schwerlich wortwörtlich im Sinne von weiche Reider ins Kopti-
sche übersetzen läßt. Singulär in der gesamten Textüberlieferung des
Matthäusevangeliums ist die Wiedergabe von Ev ~ o i < olicoi< mit dem
Singular 2 N T I H ~Hier
. liegt vielleicht nur ein koptischer Schreibfehler
\~or.~ODas Ende von Vers 9: Y<e>€M TIEIME entspricht einem
griechischen &SE, wofür es weder im Text noch im Apparat von NA2'
eine Entsprechung gibt. Analoge Satzmuster mit &SE beziehungsweise
MTI€IM€ finden sich aber sehr wohl im Matthäusevangelium, zum
Beispiel zweimal in der Perikope über das Zeichen des Jona (Mt 12:41-
42). Es scheint überhaupt ein typischer Zug dieser Mt-Version zu sein,

? W s o 2 N J I H I versehentlich fur 2 N N H I . N und Jl sind leicht zu vei-v,~ech-


seln, zudem würde man vor JlHI eher eh erwarten.
376 mm-KARSTEN
PLISCH

daß bestimmte, an sich aus dem Matthäusevangelium geläufige Wen-


dungen, an anderen als den gewohnten Stellen gewissermaßen wie
"Irrläufer" erneut erscheinen.
An Mt 1 l : l l b im Codex S c h ~ y e nist nicht die spezifische Textgestalt
von Interesse, sondern die Au$asssung des griechischen Textes durch den
koptischen Übersetzer, speziell die Syntax. Die Textgestalt im Codex
S c h ~ y e nsetzt den geläufigen griechischen Text voraus. Die Text-
auffassung entspricht sowohl der der sahidischen Ubersetzung als auch
der der mittelägyptischen im Codex Scheide."

gr. 6 FE p i ~ p 6 s e p o qi v TR ß a o i h e i a TOV oUpavOv p e i j o v aUroG i o r i v .


sa J l K O Y I A € € p O y O Y N O O € P O Y TI€ 2 N T M N T P P O
NMJiH.y€
mael J l K O Y I A€ € P A 9 N A € y € p A y 2 N T M N T e p A N M J l H O y E
mae2 J ~ I K O Y AIC € p A y O Y N + [ Z
€ P A 9 Jl€ %€ N I T M N T E P A
NMJlH

Die Textauffassung, die in diesen koptischen Ubersetzungen zum


Ausdruck kommt, widerspricht in zweierlei Hinsicht der geläufigen
modernen, z.B. deutschen Auslegungs- und Ubersetzungspraxis, und
zwar erstens hinsichtlich der Auffassung der griechischen Komparative
p ~ ~ p o z a p ound
q ~ E ~ ( O Vund zweitens hinsichtlich der Zuordnung des
Adverbs Ev tfj ß a o i h a i q .s&v oUpavGv. Als Beispiele mögen die Uber-
setzungen der Lutherbibel (revidierte Fassung 1984) und der New
Revised Standard Version genügen:

Luther: der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.
NRSV: yet the least in the kingdom of heaven is greater than he.

Die zitierten koptischen Ubersetzungen verstehen die beiden griechi-


schen Komparative - übrigens im Einklang mit den Kirchenvätern2' -
als eigentliche Komparative mit Bezug auf Johannes den Täufer und
ziehen das besagte Adverb zur zweiten Hälfte des Satzes. Das meint
also: lb'er (hier/jetzt) kleiner ist als Johannes der Täufer - und das
sind alle Menschen einschließlich Jesus selbst,23denn auch er ist ja im
Sinne von Mt 1 1 : 1 1a ein Weibgeborener und unter den lb'eibgeborenen

? ' Die bohairische Cbersetzung ahmt die griechische \$Tortstellung nach und plaziert

das Adverb in die Mitte.


'' Dazu F. Dibelius. "Zwei \$'orte Jesu 11. Der kleinere ist im Himmelreich größer
als Johannes (Mt 11,l I)," ZhW 11 (1910) 190-192. "Erst durch Hieronymus scheint
die heute übliche Auffassung aufgekommen zu sein." (192).
" Dibelius, "\Yorten 191 bezieht der Kleinere direkt auf Jesus.
DER NEUENTDECKTE MITEL~~GYPTISCHEMATTHÄUS 377

gibt es keinen größeren als Johannes" - ist in der (beziehungsweise


unter den Bedingungen der) ßaoihaia zGv oUpavGv größer als Johannes
der Täufer. Der griechische Text erlaubt diese Auffassung durchaus
und es ist zumindest zu fragen, ob sie nicht auch die sachgemäßere
sei. Die geläufige Auffassung ist ja, zumal wenn sie impliziert, daß die
ß a o t h a i a an dieser Stelle eine transzendente Größe sei, theologisch
eher banal. Das wirkliche, auch schon von Dibelius" formulierte theo-
logische Problem, ob es denn denkbar sei, daß Jesus den Täufer vom
kommenden Gottesreich ausschließe, ist vielleicht nur eine iiberforderung
des Textes. Es geht ja letztlich gar nicht um die Frage der Zugehörigkeit
des Täufers zum Gottesreich, sondern um die Größe und umfassende
Wirkung der Gottesherrschaft: Unter den Bedingungen der Gottesherr-
schaft ist jeder, der kleiner ist als der größte Mensch größer als der
größte Mensch. Insofern auch Johannes zur Gottesherrschaft zählte,
wäre er gewissermaßen größer als er selbst (unter irdischen Bedingungen).
Grundsätzlich ausgeschlossen von der Gottesherrschaft ist er nicht.
Die Ubersetzung des ersten Teiles (Vers 12) des sogenannten
Stürmerspruchs entspricht ganz wörtlich dem griechischen Text. Lediglich
die Ergänzung der letzten Lücke (im Manuskript am linken Zeilenrand)
zu C]€TOPTT ist möglicherweise zu kurz. Eine Ergänzung zu [C€-
N]€TWpJl (gegen die griechische und sonstige koptische Uberlieferung)
erscheint möglich; ein solcher Text wäre dann wohl am ehesten als eine
Interpretation von & p n & j o u o ~ vals de conatu aufzufassen.'Wit dem
Ubersetzungsäquivalent TOPTT für &pn&jeiv geht mae2 übrigens mit
der sahidischen Uberlieferung konform. Dagegen bietet der Text von
mael A Y O N U 2 1 AAAY NOANC NETCOK € e O Y N €pAC
als Wiedergabe von ~ a ßii a o t a i &pn&jouoiv aUthv. Allerdings ist höchst
zweifelhaft oder vielmehr ganz unwahrscheinlich, daß COK € e O Y N
€ P A = tatsächlich ein Aquivalent für &pn&jeiv ist. Viel wahrscheinli-
cher ist, daß der hlt-Text des Codex Scheide hier der lukanischen
Variante folgt (Lk 16:16), COK € e O Y N €PAC also eiq aUt+ ßi&je-
tai entspricht." Eine für einen Mt-Text sonst nicht belegte cberein-

" Es sei denn, man versteht Mt 11: 1 l a als versteckte Anspielung auf die Jungfrauen-
geburt, das ist aber kaum wahrscheinlich.
'' Dibelius, "Worte" 190-191. Dann in der Sache auch bei \Y. ßousset, Kjlios Clz~iths.
uon den Anfingen des Chrictenturns bis Irenaus ( F R M T NF 1);
Geschiclite des Chiistu~~laubens
Göttingen: Vandenhoeck [19 131 ' I 92 1, 43.
?" Vgl. \Y. Trilling, .4rt. apn&<w; ElZrNT I 377.

" Fur eine solche varia lectio unter Einfluß der Lukas-Parallele gibt es im Apparat
von NA" keine Einträge.
378 UWE-KARSTEN
PLISCH

stimmung mit der Lukas-Parallele bietet dagegen der Codex S c h ~ y e n


mit dem Anfang von Vers 13: JlNOMOC M€ [N N€]JlpOQH F H C ]
(= & v6poq ~ a oii npocpq~ai, Lk 16:16). Die natürliche Reihenfolge
Gesetz - Propheten begegnet im hlatthäusevangelium allerdings auch
sonst: 5:17; 7:12; 22:40; die umgekehrte und ungewöhnliche im grie-
chischen Mt-Text dagegen nur in 11: 13. Es muß sich also bei der
Textform im Codex S c h ~ y e nnicht zwangsläufig um lukanischen Paral-
lelstelleneinfluß handeln; ebenso denkbar wäre eine - in mae2 auch
sonst begegnende - innermatthäische Angleichung. Mit dieser Textform
entfallt dann zugleich das in Mt 11:13 sonst so störende y&p; Vers 13
ist ja sachlich kaum die Begründung von Vers 12. Ohne das künst-
liche y&p stehen die Verse nun noch loser nebeneinander.28
Die Erweiterung € C 0 T M (= C ~ K O ~ E L V i)n Vers 15 findet sich in
der gesamten koptischen Uberlieferung wie auch in der hlehrzahl der
griechischen Manuskripte einschließlich des Codex Sinaiticus. Vers 16
birgt eine Fdle von Varianten gegenüber dem griechischen Standardtext.
Der Plural in A Y I N H löst wohl nur den kollektiven Singular von
T€IC€N€A pluralisch auf und muß nicht zwangsläufig aus der Lukas-
Parallele (Lk 7:32) stammen, wo die Wendung Ö~oioi~ i o i vdurch die
ausdrückliche Rede von den Alensche?~dieses C;eschlechtes im vorherge-
henden Vers syntaktisch entsprechend vorbereitet ist. Die pluralische
Auflösung eines kollektiven Singulars ist ja an sich ein geläufiges
Phänomen.'" Singulär in der Textüberlieferung des r\latthäusevangeliums
ist das zusätzliche Adverb M J l & n drauj'en. Der Singular in 21
T A C O P A auf dem Marktplatz entspricht der Lukas-Parallele (Lk 7:32),
wobei mael mit % J O Y & C O p A dem \170rtlaut der Lukas-Parallele
(Ev Cryopi?) sogar noch näher steht als mae2. Die abschließende Wendung
N O Y € J l € Y H P ist von Schenke nach mael rekonstruiert worden
und deckt sich in der Sache auch mit der sahidischen Uberlieferung
( € N € Y y B € € P ) . Beide setzen wohl als griechischen Ausgangspunkt
die LYendung k ~ i p o ictU~Gv
~ voraus, kripoi~andererz möglicherweise
verstanden im Sinne von k ~ a i p o iGenossen.
~ Diese Textauffassung der
koptischen Ubersetzer deckt sich übrigens weitgehend mit der vieler
moderner Exegeten, die in Vers 16 kleine Kinder am \2!erk sehen, die
mit ihren Spielkameraden in Streit geraten. Da es hier nicht eigent-
lich zum Thema gehört, will ich nur kurz andeuten, daß ich diese
Auffassung des Textes für außerordentlich unbefriedigend halte, denn

'" Vgl. die umgekehrte Reihenfolge in Lk 16:16.


"I , 2.B. l l t 14:5; 15:10, 31
Haufig nach O X ~ O < / A H H [ Y €\.gl.
DER NEUENTDECKTE MITTELÄGYPTISCHE MATTHÄUS 379

sie erklärt erstens nicht, was Kinder denn auf dem Markt zu suchen
haben und sie impliziert zweitens Spannungen zu Vers 17, denn die
dort zitierte Wendung ist im Munde von Kindern und an andere
Kinder gerichtet nahezu sinnlos, und sie impliziert drittens Spannungen
von Vers 16-1 7 zu den in 18-19 folgenden Aussagen über Johannes
und Jesus, weshalb sich die moderne Exegese Lielfach mit der Annahme
helfen muß, daß 16 und 17 einerseits sowie 18 und 19 andererseits
. ~ ~Vers 17 geht mae2 in der
ursprünglich nicht z ~ s a m m e n g e h ö r e n In
Ubersetzung von i0pqvfioccpev mit 2ANPIMH mit der bohairischen
Uberlieferung konform - gegen mael und sa (2ANTAEIT bezie-
hungsweise ANTOEIT). Die BevorzuLpng 17on PIMH gegenüber
TA€IT ist wohl a m ehesten als Indiz für die "Nördlichkeit" des
Mittelägyptischen im Codex Schoyen zu werten. In Vers 18 bietet
der Codex S c h ~ y e nmit YAPOTN Z U euclz eine Erweiterung, die im
Apparat von NA" zwar als eine relativ schwach bezeugte varia lectio
ausgewiesen ist (0,f "', sy'.", Eus), in koptischen Zeugen aber bislang
nicht nachgewiesen war. Die Erweiterung YAPOTN kollidiert über-
dies mit dem hier allerdings ergänzten - l l € K € Y sie sagten. Um den
-

Preis dieser syntaktischen Kollision werden durch YAPOTN einige


interessante inhaltliche Akzente gesetzt: zunächst werden durch zu euch
die wenig schmeichelhaften Aussagen Jesu über dieses Geschlecht unmit-
telbar auf die Angeredeten selbst bezogen, weiterhin impliziert ZU euch,
daß die jetzigen Adressaten Jesu zugleich die Adressaten des Täufers
sind heziehungsw~eise waren. Mit €M€YCO €M€YOYOM bietet
mae2 (anders als mael, wo der Text um das lukanische Brot bezie-
hungsweise Wein erweitert ist) den normalen Mt-Text, allerdings unter
einer sonst nicht bezeugten Umkehrung der Reihenfolge.
In Vers 19 hat der koptische Zusatz 2 W Y AN keinerlei Ent-
sprechung in irgendeiner Form des griechischen Textes. €YOYOM
A Y O €YCO erscheint in Vers 19 in der richtigen Reihenfolge, so
daß zumindest die Vermutung naheliegt, daß die vertauschte Reihenfolge
von essen und trinken in Vers 18, die eine chiastische Anordnung von
trinken - essen essen - ti-inken zur Folge hat, eine bewußte stilistische
-

Variation darstellt." So~veitder etwas in Mitleidenschaft gezogene Text


eine sichere Lesung zuläßt, scheint mae2 in Vers 19 mit O<Y>f!€ -
[YC]O nur Snufer zu lesen, nicht, wie der griechische und sal~idiscl~e

"I Vg1 S. Schulz, (L Die S)ruc/iqz~e/le der Ec~niz,gelirten(Zuricli: T V Z 1972, 380-351.


' Das analoge Phänoii~cnbcgegnct iin Codex Schoycn in Xlt 12:40: \Vie ahcr Jona
drei Ta,ge tliid drei .i\nC/ilp im Baucli des hlecruiigelicucrs zugehraclit hat, so wird aucli
dci- Xlcnschci~sohndrri .hiic/iit iiizd h e i Ta,ge im Innci-ii der Erde zubringen.
380 UWE-KmSTEN PLISCH

Text sowie der von mael Weinsäufer. Keine Entsprechung bietet der
Text für das vorausgehende i606 &vOpwiloc (sa: €IC O Y P O M € , mael:
2 1 O Y P O M € ) , dagegen stellt das K€ vor T C X O N H C eine Erwei-
terung dar. Schenkes Ergänzung der h<nder im letzten Satz von Vers
19 folgt dem Text von mael , eine Ergänzung von Werke ( 2 h H O Y H )
wäre ebenso möglich.

4. Das Zeichen des Jona (Mt 12:38-42/Mt 16:l-4)


Zu den anerkanntermaßen eher dunklen Passagen des Matthäuse-
vangeliums gehört die doppelt überlieferte Perikope vom Zeichen des
Jona (Mt 12:38-42 und 16:l-4). Wenn die - nicht völlig neue" -

Vermutung richtig ist, daß das Wort vom Zeichen des Jona in Mt
12:39 / Mt 1 6 4 im Grunde auch ein Wort über Johannes den Täufer
ist beziehungsweise - abzüglich seiner Deutung ursprünglich war,
-

dann gehört auch die Untersuchung von Mt 12:38-42/Mt 16:1-4 eigent-


lich hierher. Dann müßte allerdings eine umfassende Begründung der
eben angedeuteten These vorausgehen, die an dieser Stelle nicht zu
leisten ist. Ich will daher meine Auffassung hier nur kurz skizzieren
und die besonders zahlreichen Varianten in einem exemplarischen Vers
(Mt 12:41) vorstellen sowie einige grundsätzliche Bemerkungen zur
Dublette in Mt 16:l-4 hinzufügen. Nach meiner Ansicht ist "das Zeichen
des Jona" in Mt 12:39/ 16:4 eine Metapher für die Bußpredigt Johannes
des Täufers, die als einziges Zeichen diesem Geschlecht gegeben wird,
wobei der Name Jona zugleich einen w~ortspielerischen ,4nklan$%n
den Namen des Täufers darstellt - wodurch die Metapher überhaupt
erst zu entschlüsseln ist. Daß Jona und Johannes durchaus austausch-
bare Namen waren, zeigt ja schon der Vatersname des Petrus, der
nach Mt 16:17 Barjona (Bapiwvol) lautete, nach Joh 1:42 (u.ö.) und
nach der Lesart des Judaikon zu Mt 16:17 (NT Cod. 566, 1424)j4uibq
'Iw&vvou." Wenn also das Wort vom Zeichen des Jona auf Johannes
den Taufer zielte, dann wäre hlt 12:41, wo ausdrücklich auf die Buß-
predigt Jonas in Ninive Bezug genommen wird, eine sinnvolle und

" V g l . J.H. Michael, "The Sign of John," J7hS 2 1 (1920) 146-159.


"' O b dieser Anklang etymologisch korrekt ist, ist dabei ganz unerheblich; das ganze
Alte Testament ist voll von sogenannten "Volksetymologien".
'++Vgl.Synopszi Quattuor Euan~eliomnz,e d. K . Aland (Stuttgart j1996) 232.
" Die Lesart des Codex Schmyen zu Mt 16:17 lautet fi&PIO.[ , wobei der letzte
Buchstabenrest vor der Lücke vermutlich von einem N stammt. Zu ergänzen wäre also
0&plON[A.. .I.
geschickte Fortsetzung von Mt 12:39, die von Mt 12:40 gegen den
ursprünglichen Sinn und Zusammenhang unterbrochen wäre." In Mt
12:41 bietet der Codex S c h ~ y e nnun einige interessante Varianten:

NPOMH N[7NI]N€YeH €Y€TOYNOY e € N T€KPICIC


M€N [ ~ € I ~ ? - € N € ] A
N P O M H € Y € K A T A K P I N € MMAC X €
N N [ A O y ] n I C T € y € €JCKHpyl?-MA NIONA A O Y O
[ ~ A o ~ M € ] T A N o[I] J l N A X CION'A' M ~ € [€ I+
Die Menschen von Ninive werden sich erheben im Gericht mit [die-
sem Menschengeschlecht] und sie werden es richten, denn sie haben
der Verkündi,gung Jonas geglaubt und taten Buße. Was größer ist als
<Jena, ist hier.

Zunächst hat TCI~CNEA hier den Zusatz N P O M H , so daß jetzt


also ausdrücklich vom Menschengeschlecht die Rede ist. Eine wirkliche
Bedeutungsverschiebung erhält der Text durch das zusätzliche Verb
TIICT€Y€, dem die Wendung E J l K H P Y r M A (= Ei< .so icilpuypn)
unmittelbar angeschlossen ist. Der Glaube an die Verkündigung Jonas
geht jetzt der Buße (als Bedingung) voraus. Ein Äquivalent für i606
fehlt in mae2. Die Wendung (siehe), hier ist mehr als Jona (mae2: J l N A X
~IoN'A' MTICI+[C) kann sich nach dem oben skizzierten Verständnis
des Jonazeichens mindestens ebensogut wie auf Jesus auch auf Johannes
den Täufer beziehen, denn Johannes der Täufer ist, wie wir aus Mt
1 1 : 1 1 wissen, hier der Größte unter den Weibgeborenen (und also auch
größer als Jona).
Die Dublette in Mt 16: 1-4 bietet nur die Verse 1, 2a und 4, bezeugt
also wie zum Beispiel mael und die sahidische Uberlieferung, aber
eben auch wie die Codices Sinaiticus und Vaticanus, den ältesten
rekonstruierbaren Text ohne den späteren Zusatz 2b.3. Vers 2a fällt
besonders knapp aus, dort gibt es auch kein Aquivalent für 6 6E 6x0-
~ ~ i e a i Vers
< . 4a enthält zwei Zusätze:

T€Ic€N€A] € T e A O y N N [A]€IK C B I N H N C A O ] Y M € I N
€ 0 A n [e]N TJlH A [ u ] O N N ~ [ Y . ~N IM
A O~
Y IAN
MMHTI
n [M]€€IN N I [OINAC JT€ P p O g H T H C

'"Vgl. die Lukas-Parallele Lk 11:29-32, die die mattliäische Deutung auf die drei
Tage und drei Nachte nicht hat.
382 UWE-KARSTEN
PLISCH

Dieses] böse, ehebrecherische [Geschlecht sucht nach] einem Zeichen


vom Himmel, aber es wird ihnen kein [Zeichen gegeben] werden außer
dem Zeichen Jonas, des [Propheten

Der erste Zusatz, vom Himmel, ist bisher nicht bezeugt und dürfte wie-
derum eine innermatthäische Angleichung an Mt 16:1 darstellen; der
zweite Zusatz, des Propheten, ist aus dem kritischen Apparat von NA'"
wohlbekannt.

5. Der Tod des 7äufers (Mt 14:l-12)


Die letzte umfangreiche Perikope im Matthäusevangelium, die von
Johannes dem Täufer handelt, ist der Bericht vom Tod des Täufers
unter Herodes.

1 PHI A€ e € N J I € o y A f ü J [€TMM€OY e A Y ] C O T € M
N X H e H P O A H C p T € [ 7 p A A A P X H C EJICAIT NIE 2
J l € X H y K € Jl€y JI€ I + ~ [ A N N H C N T A y € P T O Y ] N Y
e € N N [ € T ] M A O ~ T €TBH ~ € 1 ] N X A M C[€CO]T€M
N€Y 3 e H W O A H C FAP e A y e l O y H ] N [ ~ ' ] + ~ A N [ N H c ]
€JI€üJT€K[A - - €TB€[ e H ] p + [ A l A C - - (Vers 4 fehlt
ganz) -1 5 +YO N+YOY€üJ e A T € 0 Y J t H 2AY.p [ e A T H
€TB]H J t M H ü J H € J t l A H N A Y X I N I O ~ A N N [ HeCO C
O ] Y J T p O ~ H T e C .6 € T e A J t e O Y M I C H N e H G [ O A H C ]
üJOJIH e A C K A C X C N X H e J I P O A l A C e + C [OK eTHY]
N e H P O A H C 7 e A Y O P K N € C e A Y e O M 0 2 \ O [ C € I €.f
N€C M]JI€TCOY€üJY N T A T Y 8 eAC€püJA<p>Jt JIH
€C [ X I C 0 O N I T A T C NT€CM€OY JtH lJ€K€C N€Y K € M [ A
N ~NT]+JIH
I N I O ~ A N N HJ C I~AJ~TICTHC 21 O Y C + [ n A
9 T O T H e A Y 0 O A K N X H n€pA €TBH N € N O P K A€ [M€N]
N K A O Y H € T N A O Y e € N T O Y O O Y e A Y K € A € Y H 10
[ e ~ yy11 N T A J ~ H < N > I O ~ A N N H C 1 1 2 ~ y . MMAC
f NEC
2 1 o y [ c a ] ~ m2my.f M M m c N T A O Y A O Y emc-rec
N T E C M [ C O Y 12 ~ ] A Y IN K H N M A B H T H C e A Y Y I
MJtCOMA [eAYT]+M€
1 Zu [jener] Zeit aber hörte der [Tetrarch] Herodes [die Kunde von]
Jesus. 2 Er sprach: Dies ist Johannes, [der] von den Toten auferstan-
den ist. Deshalb [. . .] gehorchen ihm die Kräfte. 3 p e n n Herodes
hatte] Johannes ins Gefängnis [geworfen - - wegen Herodias - -

4 (fehlt ganz) ] 5 Und er wollte ihn töten, [fürchtete sich (jedoch)


DER NE~ENTDECKTE MITTELÄGYPTISCHE MATTHÄUS 383

wegen] der Volksmenge, weil sie Johannes [für] einen Propheten hiel-
ten. 6 Als der Geburtstag Herodes' kam, tanzte Herodias und sie gefiel
Herodes. 7 Er schwor ihr und versprach, [ihr zu geben], was sie von
ihm wollte. 8 iYie sie zuvor von ihrer Mutter [belehrt worden war],
sprach sie zu ihm: [Gib mir das] Haupt Johannes des Täufers auf
einer Schale! 9 D a zürnte der König. Wegen der Schwüre aber und
der anderen Umsitzenden gab er Befehl. 10 [Er entlhaupete Johaiines.
11 Man gab es ihr auf einer Schale und gab es dem Mädchen. Es
gab es seiner hlutter. 12 Die Jünger kamen, nahmen den Leib und
unterrichteten Jesus.

Vers 1 gibt zunächst ganz exakt den bekannten griechischen Text


wieder, abgesehen von dem zusätzlichen A€ zu Beginn, das für den
griechischen Text nur wenige Handschriften bezeugen. Vers 2 bietet
dann allerdings eine gegenüber dem griechischen Text erheblich kür-
zere Fassung. Für r o i ~naioiv aUroG (nach e?nev/JT€KHY) und i>
ßctnriorfic (nach I U ~ A N N H C gibt
) es im Text des Codex S c h ~ y e n
keine Entsprechung. Die Wendung "auferstehen von den Toten"
erscheint hier - wie immer im Codex S c h ~ y e n- ohne €fiAn." Im
Anschluß an die Wendung vom Auferstehen von den Toten zeigt sich
eine wirklich komplizierte und kaum mehr sicher aufzuhellende
Textgestalt des Verses. Auf €T8H (das sicher mit JT€I fortgesetzt
wurde) folg eine Lücke von etwa halber Kolumnenbreite und dann erst
die ungewöhnliche Wiedergabe (?) von a i ~UVOIFEIG EvepyoUoiv EV aUr@
mit der schon und bisher ausschließlich aus dem Codex Scheide bekann-
ten Sonderlesart N L i A A C[€CU]T€A N€Y. Für die Füllung der
Lakune gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entlveder man unter-
stellt hier eine Dittographie (bei Lakunenfüllungen ist das natürlich
problematisch), nimmt also an, in der Lakune habe auch schon N K A A
C € C U T € A N€Y gestanden, oder man erwägt, in der Lücke habe
sich eine korrekte(re) Wiedergabe von ai 6 u v & ~ eEvepyouoiv
i~ Ev aUr@
befunden - dann gelangte man zu einer zweiteiligen Aussage (die Kräfte
wirken in ihm und die Kräfte gehorchen ihm), die also aus einer
Kombination des Standardtextes mit der sonst nur noch aus mael
bekannten Sonderlesart bestünde. Letztere Annahme ist natürlich außer-
ordentlich hy~othetisch,weshalb mit einer Dittographie zu rechnen,
hier wohl doch die einfachere Lösung darstellt. Die Variante mit
C U T € A statt € N € P C € I könnte überdies als eine durch hlt 8:27

" Vgl. M t 17:9; 27:64; 28:7. Ähnlicli liegen die Dinge im Codex Scheide, in dem
mit einer .4usnahme (Mt 17:9) die M'endung ebenfalls ohne €BA& auskommt.
384 UWE-KARSTEN PLISCH

motivierte innermatthäische Textangleichung verstanden werden, wie


sie in mae2 öfter begegnet. In V e r s 5 wird Johannes ausdrücklich mit
Namen genannt, nicht - wie sonst immer - nur mit einem Pronomen
(aUz6v) bezeichnet.
Inhaltlich wahrhaft Aufregendes bietet dann der sechste Vers, wie
das bloße Lesen des Textes unmittelbar zeigt:
Ais der Geburtstag Herodes' kam, tanzte Herodias und sie gefiel Herodes."'

Gegenüber dem griechischen Standardtext ist der mittelägyptische


zunächst einmal deutlich kürzer: Es gibt keine Entsprechung für 77
Ouy&zqpund für Ev pEoy, e H P O A l A C ist überdies das nominale
Subjekt zu e A C i C A C X C . Da die Gestalt der Herodias hier nicht
näher erklärt wird, ist zunächst nicht klar, um wen es sich eigentlich
handelt, um Frau oder Tochter des Herodes. Erst der weitere Kontext
(Vers 8 und 11) verdeutlicht, daß mit Herodias nur die Tochter (!) des
Herodes gemeint sein kann. Daß "Herodias" (auch) der Name der tan-
zenden Tochter des Herodes ist (und nicht nur der seiner Frau) ist
nun aber der exakte Sinn des wohl schon von antiken Lesern häufig
mißverstandenen Genetivus absolutus in Mk 6:22:

Ais seine Tochter Herodias hereinkam und tanzte

Die verwirrende Namensgleichheit von Mutter und Tochter - die ange-


sichts der politisch so verhängnisvollen Liebe des Herodes zu Hero&asJ"
historisch durchaus vorstellbar ist: ihre erste gemeinsame Tochter heißt
eben nach der geliebten Frau - hat schon für den Markustext zahl-
reiche variae lectiones hervorgebracht. Der matthäische Standardtext
hat dann den verwirrenden markinischen Genetivus absolutus zu einem
Hauptsatz entwirrt: Wp~fioazofi 0uyaqp z q ~'Hpy6~a605.Aber auch in
der Uberlieferung des Mt-Textes gibt es Spuren der ursprünglichen
und richtigen markinischen Textbedeutung, so im Codex Bezae Can-
tabrigensis (D): Wp~T(oazofi Ouy&zqp aUzoU 'Hpy6~&60<.Schon der
Wortlaut der Codex-D-Version zeigt aber, daß mae2 keine mittelägp-
tische Variante des Codex Bezae Cantabrigensis ist, mit dem mae2
auch sonst keineswegs immer zusammengeht.

'Verwiesen sei hier nur kurz auf die grammatische Besonderheit des Relativsatzes
(€Ted) in der Funktion eines temporalen Nebensatzes zu Eingang des Verses.
" Herodes Antipas verlor erst einen Krieg gegen den Nabataerkönig Aretas IV, sei-
nen ehemaligen Schwiegervater, und schließlicli seine Tetrarchie und uvrde 39 n. Chr.
mit Herodias nach Gallien verbannt.
Auch Vers 7 enthält gegenüber dem griechischen Standardtext etli-
che Abweichungen. Am Satzanfang fehlt eine Entsprechung zu Öeev;
e A Y O P K N€C e A Y e O A O i O t ? € I ist zumindest eine sehr freie
Wiedergabe von FE@'Ö ~ K O VO ~ o h O y r p ~aU.rn.
v Eben dieselbe Wendung
findet sich interessanterweise auch in mael. Die wörtliche griechische
Entsprechung zu e A Y O P K N€C wäre allerdings wpooev aU~9 exakt -

der Wortlaut von Mk 6:23. Die Ubersetzung von o E&v ai.rGoq.rai mit
A J I € T C O Y € Y Y ist zwar etwas ungewöhnlich, eine Ubersetzung von
ai.reiv mit O Y O Y ist aber durchaus möglich (vgl.Joh 4:9sa). N T A T Y
am Ende des Verses ist ein sonst nicht belegter Zusatz, der einem grie-
chischen &X' aU.roG entsprechen dürfte. JI€iC€C N€Y in Vers 8 ent-
spricht wohl e?nev ~ U T @ähnlich
, einigen Apparatlesarten in NA"', die
e?nev (ohne a b @ )lesen und dafür <pqoiv streichen. Für ein Aquivalent
zu &&E (mael liest € J I € f A € ) ist in mae2 kein Platz. Die Wiedergabe
von rrivac mit CA?\& (im Zusammenspiel mit den Wortresten in Vers
1 1 dürfte die Ergänzung sicher sein) ist singulär in der koptischen
Uberlieferung und wirft ein neues Licht auf den Bedeutungsgehalt die-
ses Lexems." Vers 9 beginnt mit TOTH statt AYO (Kai) - nur
eines der zahlreichen Beispiele für das gänzlich anders geartete System
von Konjunktionen und Partikeln in mae2. Das A€ nach N € N O P K
impliziert, daß die Syntax des Satzes der der Apparatvariante in NA"
entsprochen haben muß. N K A O Y H ist ein Zusatz, bei dem sich
allerdings schwer beurteilen läßt, ob er wirklich einen abweichenden
griechischen Text voraussetzt. Der Vers endet mit e A Y K € i € Y H ,
besitzt also kein Aquivalent für 600ijva~( a h n ) . Vers 10 bietet eine
auf die notwendigsten Informationen geschrumpfte Fassung: ol-ine
Entsprechungen für K a i nEpyrac am Anfang und Ev .rg c p v h a ~ 9 am
Schluß. Die auffällige Andersartigkeit von Vers 11 im ersten Teil
dürfte wohl eine Textverderbnis auf Grund von Homoioarkton dar-
stellen, ist mithin keine echte Textvariante. Bemerkenswert ist jedoch
e A C T € C am Ende des Verses, das einem griechischen E&OKEV a 6 . r ~ ~
entsprechen dürfte, wie h4k 6:28 es liest.
Auch der letzte Vers, Mt 14:12, ist um einiges kürzer als der grie-
chische Standardtext: es fehlt ein Aquivalent zu K a i EOavav aU.rbv K a i
Eh06v.rec. Wegen der Ahnlichkeit von e A Y T A A C Y (= E0ayrav a U ~ 6 v )
mit e A Y T A A € IHC könnte hier ein einfacher Zeilenausfall die

'" \V. Westendorf, Ko,htiscizes Handzvortetbuclz (Heidelherg: Carl \+'inter 1965/ 1977) 183:
C A L O , C A A U , C A p O Korb; lY.E. Crum, A Coptic Dictionay (Oxford: Clarendon
1939) 330h: basket
386 LWE-KARSTEN PLISCH

Ursache sein. Bemerkenswert ist der Anfang des Verses: Nicht seine
(d.h.Johannes' des Täufers) Jünger kamen, sondern die Jünger (NMA-
B H T H C , so liest auch mael!). Kann absolut gebrauchtes die Jünger
tatsächlich Jünger Johannes des Täufers bezeichnen?" Oder sind die
Jünger nicht automatisch als die Jünger Jesu zu verstehen? Kümmern
sich hier also bereits die Jünger Jesu fürsorglich um den Leichnam des
Johannes und unterrichten anschließend ihren Meister? Dann träte eine
ja auch im griechischen Standardtext vorhandene Tendenz, nach der
die Johannesjünger nach dem Tode ihres Meisters zu Jesus (über-)gehen
hier noch gewendet und verschärft in Erscheinung: Die Jesusjünger
sind auch für Johannes mikerantwortlich und Johannesjünger im stren-
gen Sinne gibt es eigentlich gar nicht (oder jedenfalls mit dem Tod
ihres Meisters nicht mehr).

6 . Das Petrusbekelzlztlzis (Aft 16.13-20)


Die Eiwähnung Johannes des Täufers in h4t 16:14 im Rahmen des
Petrusbekenntnisses bei Caesarea Philippi zeigt keine augenfalligen
Besonderheiten.

7 . T'om Kommen des Elia (Aft 17.1 0-13)


Im Anschluß an die Verklärungsgeschichte finden wir auch in mae2
Jesu Rede vom Kommen des Elia mit der Deutung Johannes des
Täufers als des schon gekommenen Elia.

10 [e]AyrJy€NTy I i H N X H <M>MABHTHC € Y 2 5 0 MMAC


X € €T8H O Y N C € e C € X O A M A C X € A N + F ] K H N T €
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N€MM€OY €TBH I W ~ A N [ N H C TIBAJITICTHC
] (14) TOTH
e A y 7 € p € T y N X H NCYMABH F H C ]

" Vgl. den Einleitungsvers der Peiikope von der Tauferanfrage aus dem Gefangnis
Mt 1 1: 1 in der Fassung des Codex Schnyen.
DER NEUENTDECKTE MITTELÄGYPTISCHE MATTHÄUS 387

10 <Die> Jünger fragten ihn und sagen: "Warum sagen die Schrift-
gelehrten, daß es nötig sei, daß Elia zuvor komme?" 1 1 Er antwor-
tete und sa,gte: "Elia wird zwar kommen und er wird alles vollenden.
12 Ich sage euch aber: Elia ist schon gekommen, und sie haben ihn
nicht erkannt, sondern verfuhren mit ihm, wie sie wollten. So wird
auch der Menschensohn eine Vielzahl Leiden durch [sie] empfangen."
13 Da erkannten <die> Jünger, daß er mit ihnen über Johannes den
Täufer redete. (14) Da kamen seine Jünger zu ihm.

In Vers 1 0 gibt es zunächst (wie in mael) kein Aquivalent für o6v."


Die griechische Konstruktion 6ei + Infinitiv wird mit A N A C K H +
Konjunktiv wiedergeben, was aber eine geläufige koptische Wendung
ist und nicht auf eine vom Standardtext abweichende griechische
Vorlage schließen läßt. Die Ubersetzung (in Vers 12) wie sie wollten
statt was sie wollten scheint eher ein griechisches LOG statt Öoa voraus-
zusetzen, wofür es im kritischen Apparat von NAj7 aber bisher keine
Zeugen gibt. Die Wendung eine Vzelzahl Leiden (als Entsprechung zu
x o h h a xaeeiv) dürfte uiederum eine innermatthäische Angleichung an
den Sprachgebrauch von Alt 16:21 darstellen, uie wir sie auch in mael
und einigen sahidischen Manuskripten finden. Die Wiedergabe von
ouvfiicav mit ~ A Y N O Iin Vers 1 3 dürfte wohl nur der größeren
Geläufigkeit von voeiv im Koptischen geschuldet sein und stellt keine
wirkliche Textvariante dar.
Der hier als Anfang von Vers 1 4 ausgewiesene Satz Da kamen seine
Jünger zu ihm ist vollkommen sinplär in der Textüberlieferung und
könnte ebensogut den Schluß von Vers 13 markieren - je nachdem,
wie man ihn deutet. Zunächst ist zu konstatieren, daß in Vers 10 seine
Jünger bereits eingeführt wvrden - sie sind also schon da. Die Jünger,
die in Vers 14 dazukommen, können daher nicht dieselben sein, die
in Vers 10 schon fragen. Man kann zwei Interpretationsmöglichkeiten
annehmen:
1. Mt 1 7: 10 schließt auch saclilich unmittelbar an die Verklärungs-
geschichte an. Die in Vers 10 fragenden Jünger sind dann nur die
ausgewählte Schar, die bei der Verklärung zugegen war, die in Vers
14 dazukomnlenden Jünger sind dann die ühigen Jünger, die dazustoßen.
Ifit allen Jüngern begegnet Jesus anschließend der Volksmenge. Oder

'' Wenn mae2 griechisches o6v wiedergibt, dann mit O Y N . Dies geschieht aller-
dings selten und gehört mit zu dem sclion envähriten vöilig anders gearteten Konjunktions-
und Partikelnsystein in mae2, vgl. 4nin. 6.
388 UWE-KARSTEN PLISCH

2. Die Rede vom Kommen des Elia schließt sachlich nicht direkt
an die Verklärungsgeschichte an - durch das Hinabsteigen vom Berge
war ja eine Zäsur markiert - und die in Vers 10 fragenden Jünger
sind bereits alle Jesusjünger. Dann können seine Jünger in Vers 14 nicht
die Jünger Jesu sein, vielmehr müßte es sich um Johannes jünger han-
deln, die aufgrund der Würdigung ihres Meisters durch Jesus zu ihm
kommen.
Etwas wahrscheinlicher dürfte hier wohl sein, daß Mt 17:14a in
mae2 ein späterer Zusatz ist, der auf einen Redaktor zurückgeht, der
den Textablauf im Sinne von Interpretation 1 verstanden und durch
den Zusatz einen logischeren Ubergang zur folgenden Perikope her-
zustellen versucht hat.

8. Die l~7011maclztsj?age (Mt 21:23-27)


Die letzten - und zwar grundsätzlich positiven Erwähnungen des
-

Täufers im Matthäusevangelium finden sich in den beiden unmittel-


bar aufeinander folgenden Perikopen von der Vollmachtsfrage und dem
Gleichnis von den ungleichen Kindern. Die erste Perikope enthält vor
allem einige textkritische Besonderheiten.

[23 € ~ e ] + y [ I A € € e O y N € ] J l e i ' € p ~ ~
~ A Y€ pI € T y
€y.fC60 NZsH N + p X I € P € Y C ] M€N N€JIP€CBYT€POC
MJI'AAOC €yZ$C$ MM[AC X € e ] € N € Y N € 3 O y C l A K I P H
NNEI [NIIM JI€P[.f N€K] N T € I € ~ O Y C I A 24 e A y € Q O Y W
NXH € Y X O M[MAC X ] € A N A K 20 .fN€Y€NTHNOY
€ Y C € X H [ € y O J l ] H A T € N y A Z s A y N ~[ AII N A K
.fN€TAM[OTN X ] € A € I P H NNCI e € N [€]Y N C 3 0 Y C I A
25 JIBAJI [71CMA] NIO~ANNHC OYI€BA'A T 0 N J l € OYI
EBA'A [ e € N TJIIH JI€ Zs€N OYCBA'A [e]€N J I K € e H J I H
N T A Y [AC e ] A O y M H O y H e € N v ] € Y e H T € Y Z s 0 MMAC
X[€ E ~ O J I I H A N ~ A N X A C [ z l e o y e ~ m ~ ~ E TJIH
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JI€ [ y N € X € C ] N € N X € €TBH [O]Y M J I € T € N J I l C T € O Y H
f [ P A y 26 € ] Y O J I H A N AN[Zs]AC X € OYCBA'A e € N
<N>€NpO[MH H€] ? € N A N e A T H [ e A T e H M J i M H y H
O y A N N I M C A P A Y Z s 1 N I W ~ A N N H2 C 0C Oy-
JI]PO@[HTHC] 27 T O T H e A Y Z s H O Y C $ € Y X O MM[AC N
I]HC Zs€ N[7€]NCAOYN €N e A Y X H O Y 0 Jl€ZsHy N A O W
Zs€] A N A K 20 N N A T A M O T C N Zs€ e € N € Y N € 3 0 Y C l A
[ A ] € l p H NN€€I
Bemerkung zu V. 26 Ende: Das hier erganzte 2OC + art. indef. ist kein
Regelverstoß, sondern entspricht in diesem Text der Norm.

23 [Ais] er [aber hineingekommen war in] den Tempel, kamen zu


ihm, als er lehrte, die [Hohenpriester] und die Altesten des Volkes
und sagten[:] "In welcher Vollmacht tust du dies? w e r ] ist es, der
[dir] diese Vollmacht [gegeben] hat?" 24 Jesus antwortete und sagte:
"Auch ich will euch nach einer Sache fragen. [Wenn] ihr sie mir sagt,
werde auch ich [euch] unterrichten, in welcher Vollmacht ich dies tue.
25 Die Taufe des Johannes, woher ist sie? Ist sie vom Himmel, oder
ist sie von der Erde?" Sie [aber] dachten in ihrem Sinn und sagten:
PYenn] wir sagen, daß sie vom Himmel ist, [wird er] uns [sagen]:
Warum habt ihr [ihm] nicht geglaubt? 26 Wenn wir aber sagen, daß
sie von Menschen ist, fürchten wir uns [vor der Menge. Denn jeder
hält Johannes für einen Propheten]. 27 Da antworteten sie und sag-
ten [zu] Jesus: "Wir wissen's nicht." Er antwortete und sprach zu ihnen
[:] "Auch ich werde euch nicht unterrichten, in welcher Vollmacht ich
dies tue."

Die erste bemerkenswerte Abweichung gegenüber dem Standardtext


findet sich in Vers 25. Anders als in Vers 26, wo es entsprechend
dem griechischen Text O'f€BAA e € N <N>€NPOMH (für 65
BvOpOnwv) heißt, lautet in Vers 25 der Gegensatz zu "vom Himmel"
"von der Erde" statt "von Menschen". Für eine solche Lesart gibt es
in der gesamten Textüberlieferung keine Parallele, sie ist vollkommen
singulär, es gibt sie auch nicht bei den synoptischen Seitenreferenten.
Möglicherweise handelt es sich um eine ad-hoc-Bildung aus Gründen
der stilistischen Abwechslung, die natürlich nicht erst im Zuge der mit-
telägyptischen Uberlieferung entstanden sein muß. Himmel und Erde
als Gegensatzpaar zur Bezeichnung der göttlichen und der menschli-
chen Sphäre ist neben dem Gebrauch von "Himmel und Erde" als
-

Ausdnick für die ganze Welt - im matthäischen Sprachgebrauch grund-


sätzlich möglich.'Vers 27 beginnt mit einem im griechischen Text
nicht bezeugten TOTH. Der Satzanfang von Vers 27b lehnt sich in
seiner Struktur an Vers 27a (und 24a) an: e&YZiHOYO l l € Z i H y
N&OY kann schwerlich die Ubersetzung von Eqq aixoiq ~ a crUt6q i
sein. Interessantem~eiseberührt sich der Text von mae2 an dieser Stelle
eng mit dem von mael, ohne sich doch völlig mit ihm zu decken, vgl.

' Vgl. h4t 6: 19-20 und Mt 5:18.


WVE-KARSTEN PLISCH

gr. Eqq aU~oi5~ a aiG r 6 ~


sa NTOY A€ 2WWY Fi€LZAY N A Y
maei % A Y Z € O Y W 2WY N € Y €YLZO MMAC
mae2 ~ A Y Z L H O Y OJiELZHy N A O Y

Auffällig ist weiterhin, daß i p & in Vers 24 und hiyw in Vers 27 -


jeweils im Munde Jesu - koptisch mit dem starken Ausdruck T A A O
miedergegeben werden, was, zumindest auf der koptischen Sprachebene,
die Vollmächtigkeit der Rede Jesu unterstreicht, auch wenn, da T&AO
ein mögliches Aquivalent für beide griechische Verben ist, sichere
Rückschlüsse auf eine eventuell vom Standardtext abweichende grie-
chische Vorlage nicht möglich sind.

9. Das Gleichnis uon den ungleichen h5nde~n(Mt 21:28-32)


Die Textgeschichte dieses matthäischen Sondergutgleichnisses gehört
ohnehin zu den kompliziertesten innerhalb des Matthäusevangelium."
Der neue mittelägyptische Mt-Zeuge im Codex S c h ~ y e nfügt dieser
vernickelten Textgeschichte noch einige neue Aspekte hinzu.

28 O Y Jt€T€T€NZiO AAAY O Y P O A H €Y€NT€Y N Y H P H


CN€OY AACOY: üJA Jl€eo'f [IT] J i € Z i € < y > N € y
X € AAüJ A J I A O Y A p I e O f 5 e € A JlAAA[N]€;l\Al\H: 29
J l € X H y 2 i € "A" A O y O AJIYüJH 30 A€NNCO[C] e & ~ y
y a n ~ q <Zg > a y z r a c N C AN ~ N T ~ Ineaey ~ H ZEN
N N a ~ Y ~ A AH€ e A y € p e T H y eAyüJH 31 N I A A A d O Y
J l H J l € p i ' p ~A J i € T € e N € Y AJJ€YIOT : T1[€2iHOY ZiH
n y a p n < n s: ~ ~ [ c ~ i~e layo Ny[ Z ~ H IIHC 2ie %&AHN
e A A H N f 2 i O AA[&C NH]T€N 2 i € N I T C l O N H C A € N
N I J l O p N O C C € N [€€P]üJ+ [ P ] c f [ P O ] T € N € e O Y N
.C. T A ~ N T ' N~ A~ ~~ H32 [ g a y 1 1 c a p y a p o ~ NXH e ~
I O e A N N H C e € N O Y ~ J [ HN T € O Y A l K ] A l O C Y N H
A J l € T € N J l I C T € Y H € P A Y N [ I T € l O N ] H C A€(N) N I n O P -
NOC e A Y J I I C T € O Y H €pArJ [NTOTN A l € e A T [ € T € ] N N €
AJl€T€N€Pe{ ]THT€N e!
[ e A H N]T€[7€]NJlICT€OYH
EPaY
28 "\Vas ist es, das ihr sagt? Ein Mann, der zwei Kinder hatte, kam
zu dem ersten und sprach zu ihm: Geh heute und arbeite in meinem
il'einberg! 29 Er sprach: Ja, und ging nicht. 30 Danach kam er zu

++ Vgl. B.hl. Metzger. A Textilnl COininenla~~ 011 tlie Greek hew T e ~ t a m e ~ (UBS
lt 'iYY4)
15: "Tlie tcxtual traiismission of tlie parable of tlie two soiis is vei-) inucli confused."
DER NEUENTDECKTE MITTELÄGWTISCHE MATTHAUS 39 1

dem zweiten. Er redete auch mit ihm so. Er sprach: Nein! Schließlich
aber bereute er und ging. 31 Wer von ihnen ist der, der getan hat,
was ihr Vater wollte?" Sie sprachen: "Der erste." Jesus [sprach] zu
ihnen: "Amen, amen ich sage euch: Die Zöllner und die Hurer wer-
den euch ins Königeich der Himmel vorangehen. 32 Denn Johannes
Fam] zu euch auf einem LVeg [von] Gerechtigkeit und ihr habt ihm
nicht geglaubt. Die [Zöllner] und die Hurer haben ihm geglaubt. Uhr
aber], ihr habt gesehen und [schließlich] nicht bereut, so daß ihr ihm
glaubtet."

Die erste Auffälligkeit in Vers 2 8 ist die Wiedergabe (?) von ~ O K E ~ V


mit 2 20 sagen. Sofern nicht schon die griechische Vorlage von mae2
ein anderes Wort enthielt, ist diese Cbersetzung zumindest sehr frei.
Die Anrede T ~ K V O V hat im koptischen Text keine Entsprechung, was
in der Textgeschichte dieser Perikope bisher nicht bezeugt ist. %€M
J l A M A N € & A & H (= Ev TI$ Clpnsh6vi pou) ist dagegen eine verbrei-
tete varia lectio. Die Textabfolge innerhalb der Verse 29-31 ent-
spricht nicht dem gegenwärtigen Standardtext von NA'i. Metzger
(Commentary 45) nennt drei Typen der Uberlieferung für dieses Textstück.
Typ a (z.B. Codex Sinaiticus): Das erste Kind sagt Nein und bereut,
das zweite Kind sagt Ja und tut nichts. \.Ver tat den Willen des Vaters?
Antwort: Der erste.
T)? b (z.B. Codex D): Das erste Kind sagt Nein, das zweite Ja,
Antwort: Der letztere.
Typ C (z.B. Codex Vaticanus): Das erste sagt Ja, das zweite Nein,
Antwort: Der letztere/zweite.
In der Reihenfolge der Kinder entspiicht mae2 Typ C, hat jedoch
nicht die dazu passende Antwort. Hier berührt sich mae2 sachlich mit
Metzgers Typ b (von ihm als "nonsensical" eingestuft), in dem aber
die Reihenfolge der auftretenden Kinder genau umgekehrt ist. Allerdings
ist auch die Textabfolge Lron mae2 (Ja-Sager - Nein-Sager - Antwort:
Der erste) nicht vollkommen singulär. führt als einzigen Zeugen
für diese Lesart einen Zweig (!) der georgischen Uberlieferung ( g e ~ . ~ ) ~ '
an. Die "sinnlose" Variante ist interessanterweise Hieronymus so ver-
traut gewesen, daß er eine theologische Deutung derselben versucht
hat: Die angesprocheilen Juden hatten absichtlich eine absurde Antwort
gegeben, um die Pointe des Gleichnisses zu unterlaufen.+"'
- - - -

'-' \;$I. T7ze Creek ,I.ex~ Teslnmeizt. 4th re\.iscd Edition, ed. B. .Aland. K. ,l\lai~d ct al.
(Stuttgai-t 1993).
I'' Rcsurncc nach hfctzgei-. G111tizenlng 45.
392 ~WE-KARSTEN PLISCH

Neben der eigentümlichen Textabfolge bietet mae2 auch im Detail


noch zahlreiche variae lectiones. Die Antworten der Kinder fallen mit
"'Ja" beziehungsweise "Nein" denkbar knapp aus, in Vers 29 gibt es
keine Entsprechung zu K U ~ L E . 30 beginnt mit MENNCOC danach,
Vers
wofür es sonst in der Textgeschichte kein Aquivalent gibt. Andererseits
gibt es in Vers 30 keine Entsprechung zu Orno~piesi~ (= 2 A Y X H O Y O ) .
Zu Beginn von Vers 31 heißt es "wer von ihnen" statt "wer von den
zweien", die Lesart M T T € Y ~ U T "ihres Vaters" für zoG n a z p 6 ~ist aber
wohl nur idiomatisches Koptisch und keine echte Variante.i7 Für die
Lesart NIJIOPNOC (= oi n o p v o ~statt ai n o p v a ~ )in Vers 31b und
32 gibt es in der Textüberlieferung keinen Anhalt. Auffallig ist auch
das - eigentlich typisch johanneische und in Mt sonst nicht belegte -
doppelte Amen zu Anfang von Vers 31b. Eine Angleichung an den
gewöhnlichen matthäischen Sprachgebrauch dürfte dagegen die Lesart
€TM€NT€PA NMJIH (= eiq z+v ßaoiheiav zGv oVpavGv statt e i ~
z+v ßaoiheiav zoG 0 ~ 0 %sein,
) eine bereits, wenn auch schwach, bezeugte
varia lectio."
Ein kurzes Fazit: Die Andersartigkeit des Textes in diesem neuge-
fundenen mittelägyptischen Zeugen für das hfatthäusevangelium dürfte
schon anhand der hier präsentierten ausgewählten Textbeispiele hin-
reichend deutlich geworden sein. Der Text des Codex S c h ~ y e nläßt
sich keinem bekannten Texttyp zuordnen, sondern repräsentiert eine
eigene, bisher nicht bekannte Textform - wie auch immer man diese
letztlich zu interpretieren haben wird.
Schwieriger ist ein Fazit über das Johannesbild im Codex Sch~yen,
zumal entscheidende Texte für das Bild des Täufers im Matthäus-
evangelium wie die Taufe Jesu und die Täuferpredigt fehlen. Mit
einiger Vorsicht läßt sich eine Akzentverschiebung im Blick auf die
Johannesjünger konstatieren: hier geht die Tendenz zu einer stärkeren
Vereinnahmung der Täufer- durch die Jesusbewegung.

<'Der , An€y€IUT.
Zeuge mael liest ebenfalls J ~ € ~ I o T sa
''INicht verzeiclinet im Apparat zu NA", aber im Apparat der Sytzopsis Quattuol-
Euangeliontm. ed. K . Aland.