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QUALITÄTSMANAGEMENT

SPORT OT rthopädie
raumatologie
Sportorthopädie · Sporttraumatologie 17, 35–37 (2001)
© Urban & Fischer Verlag
www.urbanfischer.de/journals/sportmed

Warum Qualitätsmanagement
im Gesundheitswesen?
Peter Schaff, Sabine Heinbuch, Hans-Peter Matter
TÜV Product Service GmbH, Unternehmensgruppe TÜV Süddeutschland, München

E s besteht heute kein Zweifel wesen mit anderen Versorgungs- schaulichen Selbstkostendeckungs-
daran, dass der Wettbewerbsdruck in strukturen wie der Post, Telekommu- prinzip hin zum Wirtschaftlichkeits-
den Einrichtungen des Gesundheits- nikation, Bahn, Energiewirtschaft, und Wettbewerbsprinzip, was ein
wesens ständig steigt. Gründe dafür Banken und sogar mit den Kirchen völliges Umdenken in der Betriebs-
sind die wirtschaftlichen Grenzen, teilt. Diese Einrichtungen wurden zu führung und Philosophie notwendig
an die unser solidarisches Gesund- Zeiten der Industrialisierung ge- macht. Qualitätsmanagement ist
heitssystem in Deutschland stößt. gründet und bis zum Beginn der 90er dabei nicht eine modische Floskel,
So wurden im Jahre 1998 in der Bun- Jahre weitgehend unverändert fort- sondern eine Methode, Rahmenbe-
desrepublik 560 Milliarden DM für geführt. Krankenhäuser sind heute dingungen zu schaffen, um in dem
unser lange Zeit als modellhaft ange- nicht nur baulich, sondern auch in Spannungsfeld Kostenqualität und
sehenes Gesundheitssystem aufge- ihren Strukturen 100 Jahre alt (2). Kundenzufriedenheit auf dem Markt
wendet. Das entspricht 15% des weiter bestehen zu können (3).
Bruttoinlandproduktes (1). Dass die
Kostenexplosion trotz etwa 20-jähri-
Ökonomischer Veränderungs-
ger Sparbemühungen nicht zu stop-
druck Liberalisierung des Gesund-
pen ist, ist mit der demografischen
heitswesens
Wie sollen Krankenhäuser und nie-
Entwicklung, dem voranschreitenden dergelassene Ärzte bei zunehmender Wie bereits andere Branchen erlebt
medizinischen Fortschritt, der stei- Knappheit der finanziellen Mittel jetzt auch das Gesundheitswesen eine
genden Lebenserwartung und den und Rückgang der Fallzahlen je Arzt Abkehr von der Regulierung hin zum
gestiegenen Ansprüchen der Patien- reagieren, wenn der Ausweg nicht Wettbewerb. Die Suche nach den „be-
ten zu erklären. Zeitgleich reduzie- mehr lauten kann, die Beiträge zu sten“ Krankenhäusern, die die effizi-
ren sich die Beitragseinnahmen bei den gesetzlichen Krankenkassen zu entesten, produktivsten und patien-
einem Rückgang der Beitragszahler erhöhen? Sie müssen durch Rationa- tenfreundlichsten Behandlungsstruk-
infolge der demografischen Entwick- lisierung und Modernisierungsmaß- turen aufweisen, wird künftig seitens
lung und der relativ hohen Arbeitslo- nahmen versuchen, ihre Leistungs- der Patienten und vor allem seitens
sigkeit. Zusätzlich wird der schrump- fähigkeit zu verbessern, insbesonde- der Krankenkassen eine bedeutende
fenden Gemeinschaft der Beitrags- re vor dem Hintergrund der Ein- Rolle spielen. Benchmarking – also die
zahler eine steigende Steuerlast zu- führung der DRGs in Krankenhäuser, Bereitstellung und der Vergleich von
gemutet. Dies macht die Finanzie- was indirekt auch Auswirkungen auf Betriebsdaten deutscher und in Zu-
rung unseres Gesundheitssystems in die niedergelassenen Ärzte haben kunft auch internationaler Gesund-
den bestehenden, inzwischen 100 wird. Die Qualität der erbrachten heitseinrichtungen – wird zunehmend
Jahre alten Strukturen unmöglich Leistung wird bei festem Preis in Zu- an Bedeutung gewinnen (2). Alle rele-
und zwingt zu einer radikalen Wand- kunft zu einer Variablen, die den vanten politischen Parteien beabsich-
lung, die sich bereits in einer zuneh- Wettbewerb bestimmen wird, um die tigen, die Stellung der Krankenkassen
menden Liberalisierung des Gesund- Kundenzufriedenheit weiterhin zu gegenüber den Leistungserbringern
heitswesens abzeichnet. Dies ist gewährleisten. So vollzieht sich ein im Gesundheitswesen zu stärken, um
eine Situation, die das Gesundheits- Paradigmawechsel weg vom be- dem Zwang nach Veränderung Nach-

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druck zu verleihen. Zusätzlich wird es ten, sondern auch Patienten glei- Ordensregeln auf, die heute Eingang
vor allem in Deutschland, einem der chermaßen zur Verfügung. Damit in das bewährte QM-System eines
weltweiten Spitzenreiter in der Zahl wird es dem Patienten möglich, sich großen Autoherstellers gefunden
der Klinikbetten pro Einwohner, zu genauestens über sein Krankheits- haben. Ebenso wie die Mönche eine
einem Konzentrationsprozess kommen bild und die aktuellen Therapiestan- Vision haben, ist es auch für eine Ge-
müssen, der zu einem Abbau von dards zu informieren und die Qualität sundheitseinrichtung lebenswichtig,
Überkapazitäten führen wird. So soll der vom Arzt erbrachten Leistung zu eine Vision zu entwickeln, weil sie
laut einer Untersuchung von Arthur beurteilen. Gleichzeitig steigt bei den Schwerpunkt und die Energie für
Andersen bis 2015 die Anzahl der den Patienten die Nachfrage nach das Lernen liefert und daraus Unter-
Krankenhäuser um 25% zurückgegan- einer umfassenderen Versorgung mit nehmensziele, Ansätze und Wege ab-
gen sein, was einer Reduktion um Gesundheitsdienstleistungen aus geleitet werden können (6). Diese
etwa 600 Krankenhäuser in Deutsch- dem Präventionsbereich, Wellnessbe- Vision sollte jedem Mitarbeiter be-
land entspricht. reich, häuslicher Pflege bis hin zur kannt gemacht werden. Somit ist es
Sterbebegleitung (2). Damit muss notwendig, eine umfassende Kom-
der Dienstleister im Gesundheitswe- munikationsstruktur aufzubauen mit
Kürzer werdende Innovations-
sen ein breiteres Leistungsspektrum sorgfältiger Auswahl der Kommuni-
zyklen
anbieten. Entgegengesetzt wird bei kationsmedien. Die Regelung der Zu-
In den letzten Jahren hat eine rasante bestimmten Verfahren aber auch eine ständigkeiten, Förderung der Eigen-
Entwicklung der Medizintechnik und zunehmende Spezialisierung gefor- verantwortung der Mitarbeiter und
der Informationstechnologie einge- dert, wie z. B. in der Tumortherapie, Definition sowie Optimierung der
setzt, die immer weitere neue Diagno- Herzchirurgie und Transplantations- Schnittstellen zwischen verschiede-
stik- und Therapieangebote ermög- medizin. Sowohl durch den medizini- nen Funktionsbereichen steigert die
licht. Diese modernen Technologien schen Fortschritt als auch durch die Transparenz der Kommunikation und
dienen primär der Sicherheit und der demografische Entwicklung verän- beschleunigt Entscheidungsprozes-
schnelleren Genesung des Patienten, dern sich die Patientenstruktur und se. Dies führt zu mehr Mitarbeiterzu-
können aber auch dem Arzt bei sinn- damit die Anforderungen an die me- friedenheit und zur Identifikation
vollem Einsatz Kosten und Zeit sparen dizinische Versorgung. Nur durch die der Mitarbeiter mit ihrem Unterneh-
helfen. Durch Einsatz der modernen Wahrnehmung des sich wandelnden men und kann zusätzlich viel Zeit
IT-Technologien wird die Übertragung Gesundheitsmarktes und die Ein- sparen.
von Befunden, Röntgen- und Ultra- sicht, sich selbst verändern zu müs-
schallbildern möglich und der Beurtei- sen, im Sinne einer auf allen Ebenen
Globalisierung
lung eines externen Experten zugäng- lernenden Organisation, hat man die
des Gesundheitsmarktes
lich und damit überprüfbar. Dies Chance, in Zukunft zu bestehen.
kommt der Sicherheit des Patienten Heute passt sich zunehmend weniger Auch die Europäisierung wird insbe-
zugute, vermeidet Doppeluntersu- der Patient an die überkommenen sondere bei den Krankenhausunter-
chungen, fordert aber gleichzeitig ein Strukturen der Krankenhäuser an, nehmen zu tiefgreifenden Verände-
Umdenken des Arztes in Bezug auf die sondern muss sich umgekehrt das rungen führen. Bereits wurden erste
Qualität seiner Leistungen, die er nun Krankenhaus bzw. die Arztpraxis an Urteile zur grenzüberschreitenden
nach außen darlegen muss. Er hat sich die Bedürfnisse des Patienten anpas- Arzt- und Krankenhauswahlfreiheit
hierbei an einer stetig wachsenden sen. Bereits heute entscheiden 60% gefällt, und es ist eine Ausweitung
Zahl von neuen wissenschaftlichen Er- der Patienten selbst über die Arzt- des Krankenversicherungsschutzes
kenntnissen, Standards und Leitlinien als auch Krankenhauswahl (6). über die nationalen Grenzen hinaus
zu orientieren, deren Implementie- zu erwarten (2). Damit geht die Not-
rung in die tägliche Arbeit die ärztli- wendigkeit einher, europaweite Be-
Notwendigkeit
che Berufsordnung (4) und der § 135a handlungsstandards und Qualitäts-
zur Organisationswandlung
SGB V (5) gebietet. kriterien festzulegen und auch ein-
Dass unklare Zielbestimmungen und zuhalten. Mit der Normenreihe DIN
mangelhafte Abgrenzungen von Ver- EN ISO 9000:2000 besteht eine pro-
Änderung der Ansprüche und
antwortungen und Befugnissen zessorientierte, international aner-
Struktur der Patienten
nicht zum Ziel führen, erkannten be- kannte Norm zur Implementierung
Gesundheitsinformationen stehen im reits vor etwa 1500 Jahren die Bene- und Zertifizierung von Qualitätsma-
Zeitalter des Internets nicht nur Ärz- diktiner-Mönche und erlegten sich nagementsystemen. Die Einhaltung

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von international anerkannten Stan- 1991 nur 159 Mio. DM aufgewendet Bestätigung für ihr Engagement und
dards wird vom Dienstleister in im Vergleich zu 800 Mio. DM im die Motivation ihrer Mitarbeiter er-
nachvollziehbarer Weise gefordert Jahre 2000. Dabei handelt es sich fahren haben und dem Patienten ein
werden, um eine Vergütung der Leis- bei mehr als 50% der Fälle nicht um Kriterium zur Bewertung der Qualität
tung zu erlauben. Behandlungsfehlervorwürfe im en- ihrer Dienstleistung an die Hand
geren Sinne, sondern um – oft mit geben.
einfachen Mitteln vermeidbare – or-
Gesetzliche Forderungen
ganisatorische Fehler wie Nichtein-
Mit Inkrafttreten des Gesundheits- haltung der erforderlichen Dokumen- Literatur
strukturgesetzes vom 01.01.1993 tation, Aufklärung, hygienischen
wurde die Qualitätssicherung als un- Anforderungen und Mängeln in der 1 Gesundheitsbericht für Deutschland: Ge-
verzichtbarer Bestandteil der ärztli- horizontalen und vertikalen Arbeits- sundheitsberichterstattung des Bundes/
chen Versorgung rechtsbindend fest- teilung (7). Statistisches Bundesamt. Metzler-Poeschel,
gelegt (SGB V §§ 135–139). Um bei Wie können diese Forderungen sinn- Stuttgart, 1998, ISBN 3-8246-05969-4
2 Der Gesundheitssektor: Chance zur Er-
einer zunehmenden Umstellung des voll umgesetzt werden, damit die
neuerung. In: Kerres M, Lohmann H
Vergütungssystems auf Fallpauscha- Qualität der Dienstleistung bei gerin- (Hrsg): Vom regulierten zum wettbe-
len (DRGs) nicht einen Anreiz zur geren Kosten umfassend verbessert werbsfähigen Gesundheitszentrum. Wirt-
Qualitätsminderung zu schaffen, und die Zufriedenheit der internen als schaftsverlag Ueberreuter, Wien, 1999,
wurden die gesetzlichen Anforderun- auch externen „Kunden“ steigt? Seit ISBN 3-7064-0617-9
gen an die Qualitätssicherung präzi- Jahren hat sich in der Industrie die 3 Qualitätsmanagement für Senioreneinrich-
siert. Damit verpflichtet der §135a Methode des Qualitätsmanagements tungen. In: Schmitz M, Hofmann W (Hrsg):
SGB V alle stationären Einrichtun- bewährt. Die grundlegenden Inhalte Medico Plan in Zusammenarbeit mit dem
gen, ein Qualitätsmanagementsys- der verschiedenen Qualitätsmanage- TÜV Süddeutschland. Schlütersche, Han-
tem einzuführen und weiterzuent- ment-Modelle sind zunächst die Be- nover, 2000, ISBN 3-87706-551-1
wickeln. Gleichzeitig sind alle Leis- reitschaft der Leitung, sich zur Philo- 4 Qualitätsmanagement in der Arztpraxis.
In: Häussler B, Koch C (Hrsg): Schriften-
tungserbringer verantwortlich für sophie des QM zu bekennen, die Ver-
reihe des Bundesministeriums für Gesund-
die Sicherung und Weiterentwick- änderungsbereitschaft der gesamten heit, Band 117. Nomos Verlagsgesell-
lung der von ihnen erbrachten Leis- Organisation, die stete Bemühung schaft, Baden-Baden, Berlin, 1999
tungen. Krankenhäusern, die ihrer um die Patientenbedürfnisse, lang- 5 SGB V Gesetzliche Krankenversicherung.
Verpflichtung zur Qualitätssicherung fristiges Planen, die Verpflichtung zur Dtv, 9. Auflage, 2000, ISBN 3423 05559
nicht nachkommen, drohen Vergü- kontinuierlichen Verbesserung mit 6 Angewandtes Qualitätsmanagement. In:
tungsabschläge (§137 SGB V). Ver- dem Ziel, Prozesse zunehmend effizi- Liebelt J (Hrsg): Gesundheitseinrichtun-
tragsärzte müssen sich an einrich- enter zu gestalten, das Streben nach gen als lernende Organisationen. Sprin-
tungsübergreifenden Maßnahmen einer Reduktion der Fehlerhäufigkeit, ger-Verlag, Berlin Heidelberg New York,
der Qualitätssicherung nach § 136a das verstärkte Mitarbeitertraining 1998, ISBN 3-540-64998-3
SGB V beteiligen (5). mit Ausweitung der Mitarbeiterkom- 7 Die Arzthaftung. In: Bergmann K-O
(Hrsg): Ein Leitfaden für Ärzte und Juris-
petenzen, die flexible Leistungser-
ten. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg
bringung und im Sinne von Deming, New York, 1999, ISBN 3-540-66397-5
Haftungsrechtliche Aspekte die stetige Überprüfung der eingelei- 8 Zertifizierungsliste XIX. Qualitätsmanage-
teten Verbesserungsschritte und ment in Klinik und Praxis. Zeitschrift für
Beachtung muss auch weiteren nachfolgende Korrektur mit erneuter angewandtes Qualitätsmanagement im
rechtlichen Aspekten, wie z. B. der Überprüfung (4). Die Umsetzung Gesundheitswesen. 2000, Sonderheft
Forderung aus der MPBetriebV, alle eines derartigen Konzeptes erfordert
Abläufe in Gesundheitseinrichtun- einen nachhaltigen betrieblichen
gen zu dokumentieren und nachvoll- Wandel und eine erhebliche Verände- Korrespondenzadresse:
Dr. med. H.-P. Matter/Dr. med. Sabine Hein-
ziehbar zu machen, geschenkt wer- rung in den Köpfen der in den Ge-
buch
den. Haftungsfragen erlangen für die sundheitsinstitutionen tätigen Men- Bereich: Gesundheitswesen, Orthopädie &
ärztliche Tätigkeit bei immer aufge- schen. Dass dies möglich ist, zeigen Traumatologie
klärteren und klagefreudigeren Pati- über 100 bereits zertifizierte Kran- TÜV Product Service GmbH
enten zunehmend an Bedeutung. So kenhäuser und Kliniken und knapp Unternehmensgruppe TÜV Süddeutschland
haben die Betriebshaftpflicht-Versi- 100 zertifizierte Arzt- und Zahnarzt- Ridlerstraße 65
cherer der Krankenhäuser im Jahre praxen (8), die damit eine positive D-80339 München

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