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N I EDERSAC HSEN

D E Z E M B E R 2 0 1 0 / J A M UA R 2 0 1 1 | W W W. S P D - N I E D E R S A C H S E N . D E

EDITORIAL
GUTE ARBEIT FÜR ALLE
Es muss darum gehen, den aktuellen Aufschwung zu einem Aufschwung für alle zu machen.
Von Hubertus Heil

LIEBE GENOSSINNEN,
LIEBE GENOSSEN,
die CDU ist in den Kommunalwahlkampf
eingestiegen. Genauer gesagt, die Landes-
regierung, und zwar auf eine besonders
negative Art und Weise. Finanzminister
Möllring will die Hannoversche Beteili-
gungsgesellschaft in die CDU-Hochburg
Groß Berßen im Emsland verlegen. Damit
versucht er nicht nur, die alte Neiddebatte
zwischen Landeshauptstadt und »der Flä-
che« neu zu beleben. Dieses Manöver rich- Der Aufschwung muss bei
tet großen Schaden in der kommunalen allen ankommen.
Familie an. Jetzt sorgen McAllister und Foto: shutterstock
Möllring dafür, dass das Land zum Steuer-
flüchtling in den eigenen Grenzen wird – Die erfreulichen Entwicklungen der erreicht Deutschland nicht von alleine.
und schaden damit allen Kommunen im deutschen Wirtschaft und insbesondere Ohne eine aktive Politik für Vollbeschäf-
Lande. Denn die in Hannover fehlende eine auf dem Arbeitsmarkt gehen auf unser tigung droht die Gefahr eines gespalte-
Million Euro erhöht die Ansprüche der Stadt
auf Zahlungen aus dem kommunalen
beherztes Handeln in der Krise zurück –
und nicht auf Rainer Brüderle. Die guten
nen Arbeitsmarkts mit einem verfestig-
ten Sockel an Langzeitarbeitslosigkeit
»
Die wirtschaft-
Finanzausgleich um mehr als eine halbe Konjunkturdaten sind ein Grund für auf der einen und Fachkräftemangel auf liche Erholung
Million Euro. Dieses Geld fehlt dann den Selbstbewusstsein in unserem Land, sie der anderen Seite. Wir müssen unsere darf nicht an den
anderen Kommunen, das Land saniert sich sind jedoch kein Grund, sich selbstzufrie- Anstrengungen bei Bildung, Berufsqua- Menschen vor-
auf Kosten der Kommunen. Und welches den zurück zu lehnen. Es besteht die gro- lifizierung und Weiterbildung drama- beigehen, die
Beispiel gibt das Land damit eigentlich für ße Gefahr, dass Deutschland – wenn die tisch steigern, damit wir in Deutschland schon lange Zeit
die Unternehmen im Land? Sollen jetzt
Unternehmen im Land ihren Sitz nach den
Bundesregierung jetzt nicht die richti-
gen Entscheidungen trifft – auf Jahre
am Ende nicht zugleich einen Mangel an
qualifizierten Arbeitskräften und eine
arbeitslos sind. «
Hubertus Heil
gleichen Gesichtspunkten wie Möllring hinaus unter seinen Möglichkeiten fortgesetzt hohe Zahl von Arbeitslosen
verlegen? Politik muss dafür sorgen, dass bleibt. Die Bundesregierung droht, die haben, die nicht ausreichend qualifiziert
das nicht möglich ist und nicht mit schlech- Chancen dieses Aufschwungs zu ver- sind. Und wir brauchen eine neue Ver-
tem Beispiel vorangehen. Ein Grund mehr spielen. mittlungsoffensive mit einem besseren
für uns Sozialdemokratinnen und Sozialde- Jetzt muss es darum gehen, den Auf- Verhältnis von Arbeitsvermittlern zu
mokraten, die Kommunalwahl 2011 ge- schwung zu einem Aufschwung für alle Arbeitsuchenden. Die Bundesregierung
meinsam und geschlossen anzupacken. zu machen. Die wirtschaftliche Erholung macht das Gegenteil, in dem sie die Mit-
Lasst uns als eine SPD in Niedersachsen für darf nicht an den Menschen vorbei tel der aktiven Arbeitsmarktpolitik radi-
faire und solide Kommunalfinanzen kämp- gehen, die schon lange Zeit arbeitslos kal kürzt und nicht für ausreichend Per-
fen – die anderen tun es nicht! sind. Die Zahl der Arbeitslosen lag im sonal in den Jobcentern sorgt.
Euer Oktober diesen Jahres erstmals bei unter Aktive Arbeitsmarktpolitik, bessere
3 Millionen. Erstmals seit Jahrzehnten Vermittlung und Qualifizierungsangebo-
besteht die Chance, in den kommenden te sind das Eine. Wir müssen aber auch Im Niedersachsen-vorwärts:
Jahren Schritt für Schritt das Ziel der Voll- dafür kämpfen, dass die Arbeitsbedin- »TiL – Themen im Landtag«
beschäftigung zu erreichen. Wir können gungen besser werden, dass Diskriminie- (Mittelteil Seiten 1–4)
Olaf Lies Arbeitslosigkeit nicht nur bekämpfen, rung im Beruf aufhört und Arbeitneh-
Landesvorsitzender sondern besiegen. Doch dieses Ziel Fortsetzung auf Seite 2
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Fortsetzung von Seite 1


merinnen und Arbeitnehmer gerechten beschäftigung vorgelegt und gezeigt wie kere Anreize für private Investitionen
Anteil am Aufschwung haben. Auf dem mit einer guten Politik neue Arbeitsplät- setzt. Die schwarz-gelbe Bundesregie-
Arbeitsmarkt muss wieder Ordnung ze entstehen können – in der industriel- rung macht auch hier das Gegenteil: Die
geschaffen werden, durch Mindestlöhne, len Produktion, bei produktionsnahen Kürzungen bei der Förderung Erneuerba-
durch die Stärkung der Tarifverträge und Dienstleistungen und im »klassischen« rer Energien, beim Klimaschutz und bei
der Mitbestimmung, nicht zuletzt durch Dienstleistungssektor wie in der Gesund- der Städtebauförderung verhindern
die Begrenzung der Leih- und Zeitarbeit heitswirtschaft oder der Kreativwirt- Investitionen in die Zukunft. Anstatt auf
auf ihren eigentlichen Zweck zur Abdek- schaft. Dazu bracht Deutschland eine die – auch vom Sachverständigenrat
kung von Auftragsspitzen. moderne Industiepolitik und eine Inno- geforderte – steuerliche Förderung von
Hubertus Heil MdB, Frank-Walter Steinmeier hat mit dem vationsstrategie, die neben Investitionen Forschung und Entwicklung zu setzen,
Stellvertretender Vorsitzen- Deutschlandplan eine Strategie für Voll- in Bildung und Infrastruktur auch stär- werden Klientelwünsche bedient. ■
der der SPD-Bundestags-
fraktion

KEINE SICHERHEITSPOLITIK
Fotos: SPD

NACH KASSENLAGE
SPD drängt auf transparente Prozesse bei der Standortentscheidung

Von Lars Klingbeil

wehr werden auch für Niedersachsen


nicht ohne Folgen bleiben. Es drohen
weitere Kasernenschließungen. Neben
Bayern (dem Heimatland des Ministers)
ist Niedersachsen das Bundesland, das
die meisten Standorte und Soldaten
beheimatet. Die Schließung einer Kaser-
ne ist dabei für die Gemeinde und die
Menschen zumeist ein enormer Verlust
an Arbeitsplätzen, Einwohnern und
schlichtweg an Lebensqualität.
Die SPD-Bundestagsfraktion wird
deswegen auf einen transparenten und
nachvollziehbaren Prozess bei den Stand-
ortentscheidungen drängen. Vor allem
ist es uns wichtig, dass hier keine
»Geschenke« an CDU-Kollegen verteilt
werden. Wichtig wird es für uns auch
Lars Klingbeil zu Besuch in der sein, alle politischen Ebenen frühzeitig
Lent-Kaserne in Rotenburg. in die Pläne des Ministers zu Guttenberg
Foto: privat einzubeziehen. Entscheidungen, die in
Hinterzimmern getroffen und von oben
Manchmal fällt es schwer zu folgen: Nun die Aussetzung der Wehrpflicht ist in herab zementiert werden, lehnen wir ab.
will Verteidigungsminister zu Gutten- einer Nacht-und Nebelaktion beschlos- An vielen Standorten gibt es eine enge
berg also doch keine radikale Personal- sen worden, ohne dass geeignete Kon- Beziehung zwischen Bundeswehr und
kürzung bei der Truppe sondern »nur« zepte für die Nachwuchsgewinnung auf Gesellschaft, wir haben geeignete und
eine Reduzierung von derzeit 250.000 den Tisch liegen. Nur mit attraktiven zahlreiche Übungsplätze. Dies alles
Soldaten auf 180.000 bis 185.000 Solda- Freiwilligendiensten und einer Attrakti- spricht für den Erhalt eines starken Bun-
»
Willkür auf dem
ten. So hat er es am 22. November ange-
kündigt. Für die Bundeswehr, die sich
vitätssteigerung des Soldatenberufs
wird dies gelingen. Die SPD-Bundestags-
deswehrlandes Niedersachsen.
Falls es allerdings doch zu Standort-
Rücken der seit dem Ende des Kalten Krieges in fraktion wird hierauf ein Augenmerk schließungen kommt, müssen die Fol-
Beschäftigten einem permanenten Wandel befindet, legen. Auch die Zivilbeschäftigten brau- gen der Strukturreform abgemildert
werden wir nicht ist dies ein weiterer gewaltiger Schritt. chen unsere Unterstützung. Bis heute werden. Bundes- und Landesregierung
zulassen. «
Lars Klingbeil MdB
Zur Ruhe kommen Soldaten und Zivil-
personal dabei nicht.
hat das Ministerium den Tarifvertrag
nicht verlängert, der unter anderem
stehen hier in der Pflicht, den Menschen
Perspektiven aufzuzeigen und auch mit
Ärgerlich ist, dass diese Reform nicht einen sozialverträglichen Abbau garan- finanziellen Mitteln die Konversion zu
Ergebnis einer sicherheitspolitischen tiert hat. Stattdessen wird ein weiterer gestalten. Beim bevorstehenden Abzug
Debatte ist, sondern zwischendurch den Stellenabbau angekündigt. Eine solche britischer Streitkräfte aus Niedersach-
Anschein erweckte, es ginge lediglich Willkür auf dem Rücken der Beschäftig- sen hat Ministerpräsident McAllister
um das Erreichen von Sparzielen. Wir ten ohne soziale Abfederung werden wir schon angekündigt, die Kommunen
Sozialdemokraten haben immer deut- nicht zulassen. finanziell im Regen stehen lassen zu
lich gemacht, dass wir eine Sicherheits- Die Abschaffung der Wehrpflicht und wollen. Hier werden wir weiterhin
politik nach Kassenlage ablehnen. Auch die massive Reduzierung der Bundes- Druck machen. ■
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VOLKSBEGEHREN FÜR
GUTE SCHULEN
Initiatoren haben den Staatsgerichtshof angerufen

Von Nils Johannsen

Im September hat die Niedersächsische


Landesregierung über die Zulässigkeit
des Volksbegehrens für gute Schulen
entschieden. Sie hat zwar grundsätzlich
die Zulässigkeit bestätigt, aber eine
»Maßgabe« beschlossen, die den § 3 des
von den Initiatoren vorgelegten Gesetz-
entwurfs betrifft. Dieser Paragraf befasst
sich mit den Vollen Halbtagsschulen und
hat folgenden Wortlaut: Zum 1. August
2002 bestehende Volle Halbtagsschulen
werden fortgeführt. Ihre pädagogische
Arbeit dauert in der Regel fünf Zeitstun-
den an fünf Vormittagen in der Woche.

Das will die Landesregierung

Nach dem Beschluss der Landesregie-


rung vom 21.9.2010 soll § 3 folgenden
Wortlaut haben: Grundschulen, die zum
1. August 2002 als Volle Halbtagsschulen
geführt wurden, werden wieder als Volle
Halbtagsschulen geführt; hierzu bedarf
es, sofern die Grundschule zwischenzeit- Bunt, laut und fröhlich:
lich aufgehoben oder unter Verlust ihres Nach Überzeugung der Initiatoren hat weiteres sind die alten, d.h. die sich im Langenhagener Schülerinnen
Status zusammengelegt wurde, eines die Landesregierung ihre Prüfungskom- Umlauf befindlichen Unterschriftenbö- und Schüler demonstrierten
Antrags des Schulträgers. Ihre pädagogi- petenz überschritten: Diese bezieht sich gen weiter zu verwenden, sie behalten in Hannover für bessere
sche Arbeit dauert in der Regel fünf Zeit- lediglich darauf festzustellen, ob die in ihre Gültigkeit. Wichtig ist auch, dass die Schulen Foto:privat
stunden an fünf Vormittagen in der der Niedersächsischen Verfassung und bereits ausgefüllten Unterschriftenbö-
Woche. § 106 Abs. 1 des Niedersächsischen im Volksabstimmungsgesetz festgeleg- gen nicht gehortet werden, sondern
Schulgesetzes bleibt unberührt. ten formellen Voraussetzungen für die zügig an die Gemeinden zur Prüfung
Die Landesregierung begründet ihre Durchführung eines Volksbegehrens weitergereicht werden. Mit dem Stich-
Entscheidung, dass bei Annahme des §3 erfüllt sind. Hinzu kommt, dass der Ein- tag 15.Oktober 2010 sind dem Landes-
durch einen Volksentscheid in das ver- griff in den Gesetzentwurf gänzlich wahlleiter 178.000 rechtsgültige Unter-
fassungsrechtlich geschützte Recht der unnötig ist, weil das Anliegen der Lan- schriften gemeldet worden.
Gemeinden auf Selbstverwaltung einge- desregierung – die Wahrung der Rechte
griffen würde. Kommunale Schulträger, des Schulträgers bei der Wiedereinrich- Wir sammeln weiter!
die bereits Volle Halbtagsschulen abge- tung Voller Halbtagsschulen – problem-
schafft hätten, müssten ihre Entschei- los durch Auslegung des vorgelegten In den nächsten Wochen und Monaten SPENDEN
dung wieder rückgängig machen. Gesetzentwurfs erreichbar ist. müssen alle Unterstützer und Bündnis- Auf dem niedersächsischen
Die Initiatoren des Volksbegehrens partner noch viele Kraftanstrengungen kommunalpolitischen Kon-
Anrufung des Niedersächsischen haben folglich den Staatsgerichtshof unternehmen, damit die Anzahl sich gress der SPD in Hannover
Staatsgerichtshofes angerufen mit dem Ziel, die Entschei- erheblich vergrößert. Die Hauptforderun- Ende September wurden
dung der Landesregierung vom 21.9.2010 gen, die Neugründungen von Integrierten 1.300,00 Euro für den Verkauf
Die Initiatoren verfolgen mit ihrer Fas- aufzuheben und das Volksbegehren Gesamtschulen wesentlich zu erleichtern von »Zertifikaten: Wir klagen
sung des §3 die Wiederherstellung des uneingeschränkt zuzulassen. und die Rückkehr des Abiturs nach 13 Jah- gemeinsam – klagen Sie mit!«
Status »Volle Halbtagsschule« und nicht ren müssen noch vielen Bürgerinnen und für das Volksbegehren einge-
die Wiedereinrichtung einer geschlosse- Konsequenzen für Sammlerin- Bürger dargestellt und sie aus diesen Grün- nommen. Besten Dank an alle
nen Schule. Somit seien die Rechte der nen und Sammler: das zweite den zur Unterschrift bewegt werden. Der Zertifikatserwerberinnen und
Kommunalen Schulträger nicht betrof- Halbjahr läuft! Streit um den §3 ist kaum zu vermitteln. In – erwerber!
fen. Statistisch gesehen sind von den drei Städten sind erst die 10% der Wahlbe- Vordrucke für diese »Zertifika-
zum 1.8.2002 bestehenden 261 Grund- Einen zeitlichen Aufschub für die Samm- rechtigten überschritten – es gibt folglich te« können bei Nils Johannsen
schulen und 24 Förderschulen nur zwei lerinnen und Sammler, etwa bis zu einem noch viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, per E-Mail bestellt werden:
aufgehoben und eine unter dem Verlust sehr späten Zeitraum der Urteilsverkün- die tatsächlich noch nicht unterschrieben n.johannsen@gew-hannover.de
ihres Status zusammengelegt worden! dung, gibt es nicht. Mittlerweile hat sich haben: Wir müssen an die Menschen ran, Konto für weitere Spenden:
Mit dem Ende des Schuljahres 2009/2010 aber der Zeitrahmen zum Sammeln da hilft nichts! ■ Stichwort: »Bündnis Schulen«
gibt es in Niedersachsen keine Vollen durch diese Verfahrensabläufe durchaus Nils Johannsen ist Gewerkschaftssekretär Konto 923 028, Sparda-Bank
Halbtagsschulen mehr. bis zum 2. Mai 2011 verlängert. Bis auf der GEW-Hannover. Hannover, BLZ 250 905 00.
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DAS EISEN WEITERSCHMIEDEN


Mit einer Zukunftsschmiede stimmte sich Hannovers SPD am 20. November auf die Kommunalwahlen
im kommenden Jahr ein.
Von Lothar Pollähne

»Hannover ist die schönste Stadt der


Welt«. Darauf hinzuweisen wird Stephan
Weil, der Oberbürgermeister der nieder-
sächsischen Landeshauptstadt, niemals
müde. Bestätigung für seine These bekam
Hannovers OB in der Zukunftsschmiede,
mit der sich die Hannoversche SPD auf
Einladung des SPD-Stadtverbandes und
»
Die SPD ist die
der SPD-Ratsfraktion am 20. November
auf den Kommunalwahlkampf im kom-
treibende Kraft in menden Jahr einstimmte. Gemeinsam
der Wohlfühlstadt mit Ingo Schoenheit vom Institut für
Hannover und Markt-Umwelt-Gesellschaft (imug) prä-
gedenkt es zu sentierte Weil die Ergebnisse einer Studie
bleiben. « Stephan Weil
zur Befindlichkeit der Stadt, ihrer Ein-
wohner und zur Außenwahrnehmung
Hannovers. Die ist, verglichen mit Städ-
ten wir Düsseldorf, Leipzig oder Stuttgart,
ausgesprochen gut. »Wir haben eine fast
perfekte Stadt«, so Stephan Weil. »Uns Ingo Schoenheit und Hannovers OB Stephan Weil präsentierten mit Moderatorin Rosa Legatis die
fehlen eigentlich nur der Dom, die Elbe Vorzüge der Landeshauptstadt. Foto: lopo
und die Alpen und das nötige Quentchen
Selbstbewusstsein, um die Qualitäten »Es geht um sinnvolle Investitionen in ten entwickeln will: nicht im stillen Käm-
Hannovers herauszustellen«. Kunst und Kultur und vor allem um den merlein, sondern in öffentlichen Veran-
250 TeilnehmerInnen machten sich sozialen Frieden in der Stadt«. Der ist staltungen. Dort kann die SPD kompetent
nach dieser Ansage in sechs Foren an die unerlässlich für den Wohlfühlfaktor in darstellen, dass sie seit Jahrzehnten die
Arbeit, dem Selbstbewusstsein auf die der Stadt. »Alle müssen am gesellschaft- treibende Kraft für die Wohlfühlstadt
Sprünge zu helfen und Konzepte für die lichen Leben teilhaben können«, so Hannover ist und zu bleiben gedenkt. Nur
künftige Entwicklung der Landeshaupt- Meinhold. »Das ist ein ursozialdemokra- eines fehlt dem Oberbürgermeister: Er
stadt zu entwickeln. Das Leitmotiv: »Was tischer Anspruch«. Der wird schon jetzt möchte endlich einmal die Innenstadt
trauen wir Hannover zu«. Offenbar jede in den Stadtbezirken bundesweit bei- gesperrt sehen um die Roten vom Rat-
Menge. Stadtentwicklung steht im Zei- spielhaft eingelöst. hausbalkon aus mit Amtskette als deut-
chen der Nachhaltigkeit.»Da sind wir auf Es zieht die Menschen wieder zurück schen Fußballmeister feiern zu dürfen. Da
einem hohen Niveau«, befand Stephan in die Stadt, und die Stadt ist darauf vorbe- hat die SPD wenig Einfluss. Ansonsten
Weil in seiner Zusammenfassung der reitet. Aufgabe der Hannöverschen SPD liegt sie in Hannover vorn. Stephan Weil
Foren. Dabei geht es nicht allein um die ist es, dafür zu sorgen, dass alle mitkom- will sich dafür einsetzen, dass es dabei
finanzielle Ausstattung der Landes- men. Dieser Anspruch ist Vorgabe für das bleibt: »Ich werde das Eisen weiterschmie-
hauptstadt, wie der SPD-Stadtverbands- Wahlprogramm, das die SPD in der Lan- den«. Das war der Zukunftsschmiede
Vorsitzende Walter Meinhold erklärte: deshauptstadt in den kommenden Mona- einen anhaltenden Applaus wert. ■

DREI FRAGEN AN JONATHAN SCHORLING


auch für Interessierte außerhalb der verstärkt auf die Themen Kommunalpo-
Jusos öffnen möchtest. Welcher Weg litik, Energie und Feminismus legen.
schwebt Dir hierbei vor? Auch der Bereich gute Arbeit und Aus-
Schorling: Einerseits möchten wir durch bildung wird stärker in der Arbeit des
eine stärkere Bündnisarbeit mit ande- Landesverbandes berücksichtigt wer-
ren Organisationen auch junge Leute den.
außerhalb der »klassischen« Juso-Ziel- Was planen die Jusos für die Kom-
Impressum gruppen erreichen und für unsere Arbeit munalwahl in 2011?
Herausgeber: werben. Zweitens werden wir durch Schorling: Wir werden zum Auftakt
SPD Niedersachsen
eine noch bessere Öffentlichkeitsarbeit einen »Kick-off-Kongress« mit den jun-
Verantwortlich: Michael Rüter
Redaktion: Lothar Pollähne, unsere Inhalte und Projekte nach Außen gen Kandidaten machen. Dieser wird
Sebastian Schumacher Der 21jährige Jonathan Schorling aus Munster tragen. voraussichtlich im Mai 2011 stattfinden.
Anschrift: Odeonstraße 15/16, ist am 7. November zum neuen Juso-Landesvor- Auf welche inhaltlichen Schwer- Außerdem soll es eine Onlineplattform
30159 Hannover sitzenden gewählt worden. Foto: Schumacher punkte werdet ihr dabei setzen? geben, auf der wir Musterpressemittei-
E-Mail: lopo.vorwaerts@gmx.de
Schorling: Neben den seit längerem lungen, Anträge und Aktionsideen den
Layout & Satz: Anette Gilke
mail@AnetteGilke.de Jonathan, Du hast angekündigt, dass bearbeiteten Feldern Wirtschaft, Sozi- örtlichen Kandidaten und den Unterbe-
Du die Arbeit des Juso-Landesverbandes ales und Bildung werden wir den Fokus zirken zur Verfügung stellen werden. ■
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RENAISSANCE
DES SOZIALSTAATES
2. Braunschweiger Sozialkonferenz von AWO, DGB und SPD

Von Michael Meißner

»Bekämpfung von Armut und sozialer »Was nützt so eine Chipkarte, wenn die
Ausgrenzung« lautete der Titel der 2. Infrastruktur nicht vorhanden ist?«
Braunschweiger Sozialkonferenz. In vier »Rente mit 67 ist Mist«, brachte Michael
Workshops und einer anschließenden Kleber, DGB-Regionsvorsitzender, die Posi-
Podiumsdiskussion erörterten die Teil- tion der Gewerkschaften zur Rentendis-
nehmer Ursachen und Möglichkeiten kussion auf den Punkt. »Wir brauchen
der Bekämpfung von Armut. Themen- mehr sozialversicherungspflichtige
schwerpunkte waren Kinder- und Alters- Arbeitsplätze. Weg mit Mini- und Midi-
armut, Bildungsgerechtigkeit, Mindest- Jobs, weg mit Leiharbeit. Dann können wir
lohn und soziale Netzwerke. uns auch eine Rente mit 62 leisten.«
»Die drei Organisatoren dieser Kon- Carola Reimann, Vorsitzende des
ferenz sitzen alle in einem Boot, wenn es Gesundheitsausschusses des Deutschen
darum geht, Menschen, die Hilfe benöti- Bundestages, forderte eine Anpassung
gen, auch teilhaben zu lassen«, sagte der Infrastruktur an die bestehenden
Wilhelm Schmidt, Vorsitzender des und künftigen Verhältnisse: »Wir sind
AWO-Bundespräsidiums. eine älter werdende Stadt!« Um Kinder- Michael Kleber (DGB),
Hubertus Heil, Vorsitzender des SPD- armut zu beheben, sei die Kindergelder- staates«, fasste AWO-Bezirksgeschäfts- Moderator Uwe Hildebrandt,
Bezirks Braunschweig, sprach sich gegen höhung der falsche Weg. Stattdessen sei führer Rifat Fersahoglu-Weber seine For- Rifat Fersahoglu-Weber
die von der Bundesregierung geplante der Ausbau von Kitas, Ganztagsbetreu- derungen zusammen. »Ich wünsche mir, (AWO) und Carola Reimann
Einführung einer Chipkarte aus, die von ung und Ganztagsschulen notwendig. dass wir gemeinsam für unser Land Ver- (SPD) im konstruktiven
Hartz IV betroffenen Kindern den Zugang »Mein Hauptwunsch zur Armutsbe- antwortung übernehmen und alle stark Gespräch. Foto: privat
zu Bildungsangeboten ermöglichen soll: kämpfung ist die Renaissance des Sozial- machen.« ■

SOLIDARITÄT MIT vorwärts

ATLAS-BESCHÄFTIGTEN PERSONALABTEILUNG

Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil ist auf der SGK-Delegier-


tenversammlung in Bremen am 12. November zum SGK-Vorsitzenden
gewählt worden.

Von links nach recht: Olaf Lies MdL, Sigmar Gabriel MdB, Werner Magnus (Betriebsratsvorsitender
Atlas Delmenhorst), Ralf Lenski (Betriebsratsvorsitender Atlas Vechta), Holger Rigbers (Betriebsrats-
vorsitender Atlas Ganderkesee), Hartmut Tammen-Henke (IG Metall) Foto: Olaf Reichert

Sigmar Gabriel und Olaf Lies haben sich geht um die Frage von Recht und Ordnung
aus erster Hand über die Situation bei den auf dem Arbeitsmarkt«, sagte Gabriel nach
Atlas-Werken erkundigt. Der SPD-Bundes- dem Gespräch. Lies ergänzte: »Es darf kei-
und der Landesvorsitzende ließen sich in nen Dammbruch geben. Schon jetzt wer-
Hannover von Vertretern des Betriebsrates den viel zu häufig auf dem Rücken der Neuer Vorsitzender: Bernhard Witthaut, Polizeihauptkommissar
und der IG Metall über den Arbeitskampf Beschäftigten unter hohem Druck Einzel- aus Georgsmarienhütte, ist auf dem GdP-Bundeskongress in Berlin
in Delmenhorst, Vechta und Ganderkesee vereinbarungen getroffen. Atlas darf nicht am 22. November zum Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der
informieren. Die Beschäftigten dort strei- zum Negativ-Beispiel für andere Unter- Polizei (GdP) gewählt worden.
ken seit Wochen für einen Tarifvertrag. »Es nehmen werden.« ■
VI NIEDERSACHSEN 12/2010 | 01/2011 vorwärts

EIN JAHR LISSABON-VERTRAG


Was hat sich aus Sicht des Europäischen Parlaments verändert?

Von Matthias Groote

Zahlreichen Europäern fiel ein Stein vom Vertrag, hinsichtlich der anstehenden kann internationale Verträge nur noch
Herzen als sich vor einem Jahr das irische Erweiterungen wenig zukunftstauglich mit Zustimmung des Europaparlamen-
Volk per Referendum im zweiten Anlauf ist und eine solide Europapolitik kaum tes abschließen. Dem inzwischen in
doch noch für den Lissabonner Vertrag möglich wäre. Außerdem muss man Kraft getretenen Bankdatenabkommen
Matthias Groote MdEP entschied. Nachdem die Staats- und bedenken, dass die EU mit einer Bevölke- SWIFT haben die Europaabgeordnete
Regierungschefs den Verfassungstext, rung, die größer ist als die der USA und dicke Steine in den Weg gelegt und Was-
der zuvor sehr offen in einem Konvent Russland zusammen, nicht nur die größ- hington war sichtlich nicht darüber
vorbereitet worden ist, im Oktober 2004 te Handelsmacht der Welt ist, sondern erfreut.
unterschrieben, gab es in vielen Mit- zwangsläufig ein »globaler Akteur«. Die Die Abgeordneten bestellen heute
gliedsstaaten offene Kritik. Verfassungs- EU musste ihrer wachsenden Rolle in der mit großer Selbstverständlichkeit die
gerichtsurteile in Deutschland, ableh- Welt gerecht werden und zugleich inner- designierten EU-Kommissare zum Vor-
nende Referenden in Irland. Ein langes lich zusammenwachsen. stellungsgespräch ein und haben auch
Gezerre, endlose Diskussionen, zahlrei- Wenn sich das Inkrafttreten des Ver- in diesem Jahr wieder eine Umbesetzung
che Verhandlungen und 5 Jahre später trags im Dezember dieses Jahres zum nicht fähiger Kommissare erwirkt.
trat der Vertrag von Lissabon endlich in ersten Mal jährt, wird es in der Öffent- Das EP mischt sich über seine Bud-
lichkeit zu einer Zwischenbilanz kom- getkompetenz mit eigenen Konzepten in
men und selbstverständlich Resumée den Aufbau des Europäischen Auswärti-
gezogen. gen Dienstes ein und denkt strategisch,
Der Vertrag von Lissabon hat institu- nicht lediglich bürokratisch über die Rol-
tionelle Neuerungen geschaffen und das le des neuen Dienstes nach. Die Legislati-
politische System der Europäischen Uni- ve kann die Interessen der Menschen
on grundlegend verändert. Es steht nicht nun noch konsequenter vertreten. Und
länger auf drei, sondern auf vier Beinen: kann Kurskorrekturen bei EU-Kommissi-
Europäischem Rat, Ministerrat, Kommis- on und Rat erzwingen.
sion und auch dem Parlament. Ein Jahr Europaabgeordnete treiben die
nach Inkrafttreten des Vertrags lassen Umsetzung der Europäischen Bürgerin-
sich deutliche Veränderungen gegen- itiative entschieden voran und setzen so
über »Nizza« feststellen. Mit dem Vertrag auf eine neue Form der Bürgerbeteili-
von Lissabon ist die EU demokratischer gung in Europa. Die nächste langfristige
geworden: die nationalen Parlamente Budgetplanung der Union steht an und
werden stärker einbezogen, die Europä- das Parlament lässt es sich nicht nehmen
ische Bürgerinitiative ist geschaffen seine neuen Rechte im Haushaltsverfah-
worden, die Kompetenzen des Europa- ren auch anzuwenden. Mit Lissabon hat
parlaments wurden erweitertet; mehr das Europäische Parlament an Macht
Sichtbarkeit durch die Schaffung eines dazu gewonnen und kann Kurskorrektu-
permanenten Präsidenten des Europä- ren bei EU-Kommission und Rat erzwin-
ischen Rates; mehr Kompetenzen für die gen. Es ist abzusehen, dass sich die Kom-
Hohe Vertreterin für Außen- und Sicher- mission mit den Bestimmungen von Lis-
heitspolitik; mehr Effizienz durch die sabon neben einem gestärkten Europä-
verstärkte Zusammenarbeit und der ischen Rat und einem selbstbewussten
Ausdehnung des Mehrheitsstimm- Parlament schwer tun wird.
rechts.
Das Europäische Parlament gehört Wie geht es weiter?
zu denjenigen Institutionen, deren Kom-
petenzen durch den neuen Vertrag am Wie geht es nun weiter mit dem Vertrag
stärksten ausgebaut werden. Es übt von Lissabon? Angesichts des langen
inzwischen gemeinsam mit dem Rat die und steinigen Weges bis zur Ratifizie-
Rechtsetzung der EU aus. Dabei ist das rung wird es nicht darum gehen, so
sogenannte Mitentscheidungsverfah- schnell wie möglich einen neuen Ver-
ren, das dem Rat und Parlament annä- tragsentwurf auf den Tisch zu legen.
hernd gleiche Rechte einräumt, nun zum Allerdings wächst der Druck nach
»ordentlichen Gesetzgebungsverfah- Reformbedarf und engerer Zusammen-
ren« geworden, das bei den meisten Poli- arbeit: Durch die Euro-Krise sind die
Seit dem Lissabon-Vetrag tikbereichen Anwendung findet. Insbe- Regierungen gezwungen, die Vorgaben
geht es vor allem für das Kraft. Die Europäische Union hat ein sondere die Agrar-, Umwelt-, Verkehrs- zur Überwachung des Stabilitäts- und
Europäische Parlament neues Regelwerk, das es ihr erlaubt, sich politik und die justizielle Zusammenar- Wachstumspakts zu stärken und die
aufwärts. für die Zukunft institutionell besser auf- beit wurden neu in die Zuständigkeit des Schwächen der Währungsunion in der
Foto: photocase zustellen. Diese Änderung war bitter Parlaments überführt. wirtschaftspolitischen Koordinierung
nötig, denn die damals 15 EU-Mitglieder Das Europäische Parlament nutzt sei- auszugleichen. Notwendige Maßnah-
stellten beim Gipfel von Nizza im Jahre ne neuen Rechte als Mitgesetzgeber und men führen höchstwahrscheinlich auch
2000 fest, dass der dort beschlossene löst die alten Konstellationen auf. Die EU zu einer Veränderung der Verträge.. ■
12/2010 | 01/2011 vorwärts NIEDERSACHSEN VII

vo r wä r t s KU LTU RG UT

DER RING DER NIEDERSACHSEN


»Geschichte ist langweilig« wird land- Geschichte ist eben nicht trocken, son- nachhaltig bis hinein in die postfaschisti-
läufig immer wieder behauptet, und dern ausgesprochen schmackhaft und, sche deutsche Gegenwart: Ein Lesevergnü-
Generationen von Schülerinnen und wenn sie entsprechend zusammenge- gen für die Tage zwischen den Jahren und
Schülern fallen auf diesen Unsinn her- fasst wird, hochgradig spannend. Da gibt darüber hinaus. ■ lopo
ein, obwohl deren Geschichte nicht es also einen Ring, den Sephuris-Ring,
mehr mit Bismarck beginnt und nicht dem Kleopatra nicht widerstehen kann
mit Bismarck endet. Antonius teilte das und der das Ende ihrer Herrschaft bedeu-
Bett mit Kleopatra. Aus Langeweile? tet. Dieser gelangt über Augustus, Tiberi-
Arminius putschte gegen seine römi- us und Arminius nach Germanien und
schen Arbeitgeber. Aus Verzweiflung damit nach Niedersachsen und er bringt
oder Spaß am Umsturz? Es geht einfach Tod, Verrat und Verderben mit sich. Wo
um Sex und Verbrechen. »Geschichte der Ring ist, ist die Pest. Seine Besitzer, ob
ist nichts anders als die Garderobe des Hure, Herr oder Revoluzzer, werden nicht
menschlichen Geistes« schrieb Hein- glücklich mit dem Schmuckstück, egal in
rich Heine nach einer seiner vielen Rei- welchem Abschnitt der Geschichte es
sen, und damit hat er vollkommen auftaucht. Neugierig geworden?
recht. Geschichte verhüllt vieles, das Neun Krimi-AutorInnen aus Nieder-
offen liegen sollte und alle, die sich an sachsen beschreiben in einem Fortset-
der Enthüllung beteiligen, seien geprie- zungsroman den Weg des Sephuris-Ringes
sen. Dazu braucht es nicht die aberma- von Kalkriese bis nach Hannover und
lige Biografie des Herrn Bismarck oder schreiben damit eine Geschichte Nieder- Susanne Mischke, Richard
anderer Großkopferter. Auch Bismarck sachsens, die dieses Land so spannend Birkefeld (Hg.), Der Ring der
hatte seinen Koch; oder wer sonst wäre erscheinen lässt, dass andere Landstriche Niedersachsen, zu Klampen
auf die Idee mit dem Hering gekom- auch krimitechnisch einfach abstinken Verlag, Springe, 2010, 320 S.,
men. müssen. Der Ring der Niedersachsen ist 12,80 Euro
VIII NIEDERSACHSEN 12/2010 | 01/2011 vorwärts

VORWÄRTS
RÄTSEL
»WIR SIND GEGENWÄRTIG KEINE
GESUNDE INSTITUTION«
Die Verbraucherzentrale ist die einzige
Organisation für unabhängige Verbrauche-
rinformationen. In Niedersachsen hat die
Als sie am Abend des 15. Verbraucherzentrale aber einen schweren
August 1969 auf die Bühne Stand. Der vorwärts sprach mit der Vor-
kommt, ist sie bereits seit standsvorsitzenden Sigrid Leuschner und
über zehn Jahren im Geschäft dem Landesgeschäftsführer Olaf Weinel
und hat sich den Ehrentitel über die Zukunft der Verbraucherzentralen.
»Jeanne d‘Arc der Folk-
Musik« redlich verdient. Ihr vorwärts: Verbraucherschutz ist ein
Auftritt endet mit jener Hym- weites Feld. Fallstricke im Internet, Bau-
ne, die weltweit bei Prote- finanzierungen, energetische Gebäude-
sten gegen Krieg, Unterdrük- sanierung, Lebensmittelsicherheit, Sigrid Leuschner und
kung und Rassentrennung Gesundheitsdienstleistungen. Kaum Olaf Weinel
gesungen wird. Danach ein Lebensbereich, den die Verbraucher- Foto: Sebastian Schumacher
kommt der große Regen, der zentrale nicht im Blick hat. Mit welchen
das Festival-Gelände zur Fragestellungen wenden sich die Bür- bände sowie der Mieterbund und Gewerk- gegenwärtig keine gesunde Institution.
Schlammwüste werden lässt. ger hauptsächlich an die Verbraucher- schaften die Verbraucherzentralen in den vorwärts: Heißt das, die Verbrau-
Entdeckt wird sie 1959 beim zentralen in Niedersachsen? Ländern gründeten, wurden zunächst cherzentrale muss über kurz oder lang
legendären Newport Folk Olaf Weinel: Generell haben 80 Prozent Informationen für Hausfrauen bereitge- dicht machen?
Festival. Mit ihrem engelhaft- der Anfragen einen direkten Bezug zum stellt. Mit dem Einzug des Wohlstandes in Leuschner: Wir haben bereits mehr als die
hypnotischen Gesang trägt so genannten »wirtschaftlichen Ver- deutschen Haushalten rückten immer Hälfte unserer Beratungsstellen schließen
sie dort Folksongs und sozial- braucherschutz«. Hierzu gehören neben stärker Fragen des Verbraucherrechtes in müssen. Von ehemals 43 Beratungsstellen
kritische Lieder von Woody den alltäglichen Kaufverträgen die Berei- den Mittelpunkt. Sehr rasch erweiterte sind noch 20 übrig, vor allem in der Fläche
Guthrie vor. Ein Jahr später che Energie, Altersvorsorge und Versi- sich das Spektrum an Beratungsangebo- können wir deshalb nur reduzierte Bera-
veröffentlicht sie unter eige- cherungen, aber auch die Telekommuni- ten, das ehrenamtliche Engagement wur- tungsangebote vorhalten. Und sogar diese
nem Namen ihre erste LP, die kation. Das war ein ganz großes Thema de professionalisiert. Das Gesetz über die Struktur ist betriebswirtschaftlich mit den
es bis auf Platz 15 der Hitpara- für Verbraucherinnen und Verbraucher Allgemeinen Vertragsbedingungen gibt Mitteln wohl nicht mehr aufrecht zu erhal-
de schafft. Gemeinsam mit im vergangenen Jahr. Das geht von es seit 1977, seitdem hat der Bereich der ten. Gegenwärtig ist das nur unserem
ihrem zeitweiligen Lebensge- Abzocke im Internet über unerlaubte Rechtsberatung einen großen Raum ein- engagierten Personal und dem guten
fährten singt sie 1963 nach Telefonwerbung bis hin zu fehlerhaften genommen. Es war übrigens ein langer Betriebsklima zu verdanken. Es ist jedes
dem legendären Marsch Mar- Telefonrechnungen. Hier gibt es einen Kampf mit den Anwaltskammern, bis in Jahr eine neue Zitterpartie.
tin Luther Kings in Washing- großen Beratungsbedarf. Das ist kein den 80er Jahren die Rechtsberatung durch Weinel: Die Verbraucherzentrale in Nieder-
ton vor dem Lincoln Memori- Wunder, denn es gibt zirka 4.000 unter- die Verbraucherzentralen endgültig sachsen ist an der Grenze angekommen, die
al. Die Beziehung des Traum- schiedliche Tarife bei Mobiltelefonen durchgesetzt werden konnte. Hier hat radikalen Kürzungen durch die Landesre-
paares der Folk-Musik bilan- und ständig wechseln die Konditionen. sich die Verbraucherzentrale eine große gierung haben uns 2003 fast in die Insol-
ziert sie 1975 auf ihrem kom- Sigrid Leuschner: Im besonderen Maße Glaubwürdigkeit erarbeitet. venz getrieben. Wir haben jetzt noch etwas
merziell erfolgreichsten hiervon betroffen sind Jugendliche. Durch Leuschner: Die Verbraucher wissen, dass über 50 Mitarbeiterinnen, umgerechnet
Album mit dem Song »Dia- die zielgruppenspezifische Werbung vieler wir sie neutral und in ihrem Sinne beraten. aber nur 32 Vollzeitstellen. Ich bin mir nicht
monds and Rust«. Ihren Pro- Telekommunikationsunternehmen lassen Wir gelten als »lobbyfrei«. Es gibt sonst kei- sicher, ob wir alle Beratungsstellen halten
test gegen den Vietnam- sich viele Jugendliche zu kostspieligen und ne unabhängige Organisation für Verbrau- können. Auch wollen wir kein Lohndum-
Krieg untermauert sie mit häufig dubiose Vertragsabschlüssen ver- cherinformationen. Außerdem ist es so, ping in der Verbraucherzentrale – wir
einem jahrelangen Steuer- leiten, Stichwort »Klingeltöne«. Die Ver- dass wir keine soziale Ausgrenzung vor- bezahlen analog zum TV-L, den Qualifika-
boykott. Dafür wird sie sogar braucherzentrale Niedersachen hat des- nehmen: unsere Beratungsgebühren sind tionen unserer Mitarbeiter leider nicht
in Beugehaft genommen. halb das Internetportal »DeinDing« einge- aus diesem Grund sehr moderat. immer angemessen. Es bleibt nur eine
Das allerdings beeinflusst richtet. Hier werden Fragen von Fachbera- vorwärts: Was zu der Frage führt, Lösung: Die institutionelle Förderung muss
ihren aufrechten Gang und terinnen bearbeitet, hier können sich wie die Verbraucherzentrale ihr breites wieder deutlich angehoben werden.
ihre musikalische Botschaft Betroffene mit ihren Erfahrungen austau- Angebot finanziert. vorwärts: Hat die Landesregierung
nicht. Am 9. Januar 2011 wird schen. Dieses Angebot ist sehr nachgefragt, Weinel: Die institutionelle Förderung kein Interesse an hochwertigen Verbrau-
70 Jahre alt. Der vorwärts wir haben jährlich mehr als 400.000 Besu- durch das Land Niedersachsen, genauer, cherinformationen?
gratuliert und fragt: Wer ist cher auf dieser Seite und viele Einträge durch das Wirtschaftsministerium, macht Weinel: Zumindest hat seit 2003 kein Wirt-
gemeint? Zu gewinnen gibt rund um das Thema »Internetabzocke«. den Großteil unserer Einnahmen aus. Seit schaftminister persönlich mit uns gespro-
es den Silberling »Play me vorwärts: Woher kommt das große 2003 ist dieser Betrag durch die Landesre- chen. Und dass, obwohl das Wirtschafts-
backwards«. ■ lopo Vertrauen, das der Verbraucherzentrale gierung aber ständig verringert worden. ressort die Fördermittel bereitstellt. Ein
entgegengebracht wird? Im Jahresbe- Gab es im Jahr 2003 noch 1,6 Millionen Austausch über Sachfragen findet mit der
Die Lösung bitte an den
richt 2009 werden alleine für Nieders- Euro, sind es seit 2007 nur noch eine Milli- Landesregierung nur punktuell statt. Da
vorwärts, Odeonstr. 15/16,
achsen 1,7 Millionen Verbraucherkon- on Euro institutionelle Förderung. bleibt viel Fachwissen ungenutzt. Politik
30159 Hannover
takte aufgeführt. Leuschner: Die Kommunen, in denen die sollte sich immer wieder vergewissern,
Weinel: Das hat mit der über 50-jährigen Verbraucherzentrale Standorte hat, beteili- wie ihre Entscheidungen in der Finanz-
Im November war Anna Wirkungsgeschichte der Verbraucherzen- gen sich ebenfalls an den Kosten. Dennoch marktkrise und bei sozialen Umschichtun-
Seghers gesucht. Gewonnen tralen in Deutschland zu tun. Seit den sind wir immer stärker auf Eigenmittel gen, aber auch in der Bildungsarbeit, bei
hat Wilfried Vagts aus Stade. 50er Jahren, als die Frauen- und Sozialver- angewiesen. Um es kurz zu sagen: Wir sind den Verbrauchern ankommen. ■