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Masarykova univerzita

Pedagogické fakulta
Katedra německého jazyka a literatury

Bakalářská práce
Miroslav Janík Brno
2007
Masaryk – Universität
Pädagogische Fakultät
Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur

Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur

Bachelorarbeit

Brno 2009

Betreuung: Mgr. Jan Budňák


Vorgelegt von: Miroslav Janík

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Einleitung
Meine Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem neuen Menschen in der Expressionistischen
Literatur. Expressionismus im Allgemein ist ein besonders interessanter literarischer Still, der
zur klassischen Moderne Gehört. Es ist interessant, dass sich Expressionismus stark nur in
deutschsprachigen Ländern durchsetzte. Dazu gehört aber auch Tschechien, dann Tschechien
war ein Teil von Österreich-Ungarn. Es gibt natürlich auch expressionistische Autoren aus
verschiedensten Ländern, aber nur in den deutschsprachigen Ländern, meistens in
Deutschland, war Expressionismus ein Phänomen.
Expressionismus hat seine Besonderheiten und eine der Besonderheiten ist gerade Konstrukt
des neuen Menschen. In dieser Arbeit versuche ich den neuen Menschen ein Bisschen
genauer zu beschreiben und seine Charakteristika, die ich wichtig finde, ein bisschen genauer
zu analysieren.
Diese Arbeit versucht charakteristische Aspekte des neuen Menschen transparent und klar zu
machen. Wichtig finde ich die Zusammenhänge, Wirkungen sowie Bedeutungen für das
Verständnis des neuen Menschen. Es gibt viele Erklärungen für den Begriff „der neue
Mensch“ und viele Aspekte, die man bei der Analyse des neuen Menschen berücksichtigen
kann. Weil das Thema des neuen Menschen so komplex ist, musste ich mich nur mit einigen
Aspekten beschäftigen.
Nach dem einleitenden Kapitel über historisch-sozialen Grundlagen, knüpft sich das Gro der
Arbeit – die Erarbeitung der grundlegenden Texte und Versuch, die repräsentativen
Ausschnitte zu interpretieren. Die Analyse des neuen Menschen habe ich in zwei Teilen
geteilt. Im ersten Teil versuche ich den neuen Mensch als Individuum zu beschreiben und der
zweite Teil beschäftigt sich mit dem neuen Menschen in der Gesellschaft. Im Text versuche
ich die expressionistischen Werke zu analysieren um die Eigenschaften des neuen Menschen
zu beweisen und zu betonen.
Das Thema des neuen Menschen ist sehr kompliziert und kann auf verschiedensten Arten
erklärt werden. Das Ziel meiner Arbeit ist nicht alle Aspekte zu benennen, sondern habe ich
nur einige Aspekte gewählt, die ich wichtig für Verständnis des neuen Menschen finde und
diese Aspekte versuche ich ein Bisschen teifer eingehen.

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Inhalt

Einleitung.....................................................................................................3
Inhalt............................................................................................................4
Begriff „Expressionismus“, historisch-soziale und philosophische
Grundlagen des neuen Menschen................................................................4
Historisch-soziale Grundlagen...................................................................4
Philosophische Grundlagen.......................................................................6
Der neue Mensch als Individuum.................................................................8
Der neue Mensch als Typus......................................................................8
Der neue Mensch als Mann..................................................................10
Der neue Mensch als eine junge Person..............................................12
Antikunst in Bezug auf den neuen Menschen.........................................13
Zerfall der alten Gesellschaft und Auferstehung des neuen Menschen. .16
Beziehung zwischen dem neuen Menschen und dem Dichter................20
Der neue Mensch in der Gesellschaft.........................................................23
Rolle den neuen Menschen in der Gesellschaft......................................23
Die Stellung der Expressionisten zur Schöpfung.....................................27
Religion des neuen Menschen und sein Geist.........................................29
Schlusswort................................................................................................34

Begriff „Expressionismus“, historisch-soziale und philosophische


Grundlagen des neuen Menschen

Historisch-soziale Grundlagen

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Der neue Mensch gehört zu den beliebtesten Themen des literarischen Stilles, der als
Expressionismus bekannt ist. Der Begriff Expressionismus wurde erst nach dem ersten
Weltkrieg verwendet, aber schon im Jahr 1913 hat Kurt Hiller mit diesem Begriff junge
Berliner Autoren bezeichnet. Das war am ersten mal, was der Begriff Expressionismus für
den literarischen Still verwendet wurde.
Für den Begriff selbst gibt es keine grundsätzliche und einheitliche Erklärung, weil die
Expressionisten kein verbindliches Programm gebildet haben. Man kann keine homogene
expressionistische Epoche konstituieren, aber es gibt Übereinstimmungen, z. B. was die
Herkunft der Autoren betrifft (meist studiert, meist in großer Stadt geboren usw.).
Expressionismus ist in verschieden Ländern und Regionen entscheidend entwickelt.
Expressionistische Literatur an einem bestimmten Ort gebunden und die Literatur aus einem
Ort hat auch oft gemeinsame Merkmale.
Am ehesten haben sich die Expressionisten von Naturalismus und Wiener Moderne
abgegrenzt, obwohl Expressionismus auf selben sozialen Grundlagen entsteht (Wiener
Moderne, Naturalismus und Expressionismus sind mit Großstädten eng verbunden). Die
beiden literarischen Stillen erschienen für die Expressionisten zu passiv. Naturalismus sei ein
„Fotografieren der Wirklichkeit“ und Wiener Moderne sei nur unaktive Gefühlsart.
Expressionistische Generation verband das Lebensgefühl der Stagnation und Stillstandes.
Die Opposition zur damaligen Gesellschaft ist für Expressionismus symptomatisch. Meistens
reagieren die expressionistischen Autoren an Wilhelminismus, denen die Expressionisten
verabscheut haben.
Wilhelminismus endet mit dem Anfang des ersten Weltkrieges und ändert sich die Ansicht am
Krieg. Vor dem Krieg und kurz nach dem Anfang des ersten Krieges wurde Krieg von vielen
Autoren (nicht von allen Autoren) begrüßt, weil der Krieg eine Erneuerung der Gesellschaft
bringen sollte. Die Hoffnungen der Expressionisten auf dem Krieg haben sich aber nicht
erfüllt.
Außerdem entwickelte sich vor dem ersten Weltkrieg moderne Gesellschaft, der technische
Fortschritt war sehr schnell. Modernisierung der damaligen Gesellschaft hat viele Probleme
mitgebracht. Zum Beispiel die Diskrepanz zwischen industriell-ökonomischer und sozial-
politischer Situation oder allgemeine Depression in der Gesellschaft sind deutlich zu sehen.
Schon in 80er Jahren nahm der Anteil der akademisch ausgebildeten bürgerlichen Kräfte zu
und die Hinwendung zu den praktischen Aufgaben und Erfordernissen der Verwaltung
beweisen die Orientierung auf Sachlichkeit und Sachverstand. Davon gehen die
Versachlichung und Professionalisierung als Voraussetzung (vgl. Almai, 2005, s. 33) aus. Die

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Expressionisten haben diese Realität sehr empfindlich Wahrgenommen aber man sieht die
Hinwendung zur eigenen Weltansicht, die die Realität nicht nur beschreibt, sondern will die
Realität auch ändern.
Der andere wichtige Aspekt, der Expressionismus beeinflusst hat, war die
Novemberrevolution. Der Sieg der Bolschewiken war von einigen linksorientierten Autoren
als Vorbild der gesellschaftlichen Umwandlung. Ein schönes Beispiel ist die Erstehung der
Münchner Räterepuplik. Sie wurde aber schon im Keim erstickt.
Alle diese historischen und sozialen Aspekte haben die ganze Gesellschaft beeinflusst und
damit auch die Autoren, die sich dann als Expressionisten bezeichneten. Die Expressionisten
wollten sich von der damaligen gesellschaftlichen Situation trennen und eine literarische
Auseinandersetzung mit der Gesellschaft stellt der so genannte „neue Mensch“ dar. Der neue
Mensch spielt in dem Konzept der gesellschaftlichen Umwandlung eine besonders wichtige
Rolle. Er widerspiegelt die neuen Werte in der von Expressionisten entwickelten Welt. Die
Vorstellung des neuen Menschen ist nie von der historischen Situation zu trennen.

Philosophische Grundlagen

Für das Konzept des neuen Menschen finde ich zwei philosophische Aspekte sehr wichtig und
zwar: Dialektik, Vitalismus und Nietzsches „Übermensch“.
In dieser Zeit hat sich sehr stark die Philosophie von Nietzsche durchgesetzt. Seine
Vorstellungen waren fast zur Mode geworden und Nietzsches Zarathustra diente oft als
Vorbild für die Expressionistischen Autoren (vgl. Vietta, Kemper, 1975, s. 193). Das
Konzept des neuen Menschen ist ganz deutlich von der Nietzsches Philosophie beeinflusst.
Mindestens gibt es Übereinstimmungen zwischen den expressionistischen neuen Menschen
und den „Übermensch“, der von Nietzsche entwickelt wurde. Zum Beispiel kommt der
Übermensch aus dem ewigen Kampf und der neue Mensch entsteht oft nach der Apokalypse,
der Übermensch ist eine kultur- und wertetragende Person, das gleiche gilt auch für den neuen
Mensch. Anderseits gibt es aber auch rein pazifistische Vorstellungen des neuen Menschen.
Aus der philosophischen und ethischen Sicht ist die Entstehung des neuen Menschen auf der
pazifistischen Art ein Bisschen problematisch. Weil der neue Mensch aus der Apokalypse
aufersteht, ist das absolute Zerschlagen der Welt nötig zur Entstehung des neuen,
pazifistischen, Menschen. Anders gesagt ist Gewalt nötig zur Entwicklung der neuen

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friedenvollen Gesellschaft. Der neue Mensch allgemein lässt sich von der damaligen
Gesellschaft erklären und das bringt ein großes Problem mit sich.
Damit der neue Mensch überhaupt entstehen kann, müssen alle von Expressionisten
kritisierten Eigenschaften der damaligen Gesellschaft gleich berechtigt mit den neuen Werten
werden. Diese Vorstellung bestätigt nur eine andere philosophische Inspiration, von deren der
neue Mensch beeinflusst wurde. Es ist nämlich Dialektik. Dialektik ist ein Prinzip, wo zwei
Gegenkräfte eine Einheit bilden. Dialektisches Denken ist typisch für altzeitliches
Griechenland, wo sich diese philosophische Strömung entwickelt hat. Der bekannteste
Philosoph, der diese Theorie erklärt hat, war wahrscheinlich Hérakleitos. Hérakleitos war der
Meinung, dass nur Dialektik von zwei antagonistischen Prinzipen sind der leitende Kraft und
der Kampf zwischen zwei Kräften lenkt die Welt. (vgl. Kessidi, 1985, s. 109). Dialektik als
Prinzip haben auch andere Philosophen der Neuzeit benutzt, wie zum Beispiel Hegel oder
Marx. Im Prinzip tauchen sich immer zwei oder mehrere antagonistische Kräfte und diese
Kräfte sind entscheidend für die Entwicklung in der Gesellschaft (oder allgemein auf der
Welt).
Die Expressionisten folgten diesen Vorstellungen bei Typisierung zwei oppositionellen
Paradigmen. Auf einer Seite stehen Paradigmen die mit dem Merkmal „alt“ beschriebenen
sind und dominieren hier Schlagworte: „Bürger“, „Masse“, „Materialismus“, „Masse“,
„Erstarrung“ oder „Ordnung“. Sie sind auch mit Vokabeln „Fremd“ oder „Entfremdung“ eng
verbunden. In dem zweiten Paradigma dominieren diese damals hochbewerteten
Modebegriffe: „Jung“, „Leben“, „Gemeinschaft“ und „Geist“. Sie alle werden oft mit dem
Attribut „neu“ verbunden (vgl. Anz, s. 48). Diese Differenzierung der Gesellschaft ist ganz
deutlich bei Werfel zu sehen, in seinem Gedicht „Der Politische Dichter“:

„…Im Rohen weiter tanzt die wilde Masse


Mit Jakobinermützen, blutumbändert.
Gerechtigkeit, Gesetz der höchsten Rasse:
Vollende du die Welt, die sie verändert!

Ihr Freiheitskämpfer, werdet Freiheitsrichter,


Bevor die Falschen euer Werk verraten.
Von Firmamenten steigt der neue Dichter
Herab zu irdischen und größern Taten…“

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Auf diesem Beispiel sind beide Paradigmen deutlich zu sehen. Im ersten Teil spricht Werfel
über die Masse mit Jakobinermützen. Ich finde diese Metapher die „Jakobinermützen“ sehr
wichtig, weil die das Alte, Drohende und Drückende darstellt. In dem anderen Paradigma
taucht der neue Dichter (=der neue Mensch) auf, der „von Firmamenten steigt“.
Dialektik hat eine spezifische Stelle in der expressionistischen Literatur, denn
Expressionismus versucht sich von den damaligen gesellschaftlichen Werten zu trennen. Das
heißt, dass die Expressionisten einen „Feind“ gefunden haben und zur Opposition einen neuen
Menschen entwickelt haben, der die neuen, wirklichen und „richtigen“ Werte darstellt. Das ist
schon die grundlegende Voraussetzung sich zur Dialektik hinzuwenden. Der von
Expressionisten oft kritisierte Wilhelminismus ist die Grundlage auch für Expressionisten,
denn ohne die gesellschaftliche Situation gäbe es keinen Grund zum Kritisieren und einen
neuen Mensch zu entwickeln. Auch so kann die Einheit von zwei antagonistischen Kräften
verstanden werden.
Die dritte wichtige philosophische Inspiration des Expressionismus ist Vitalismus. Der
bekannteste Vertreter des Vitalismus ist Henri Bergson. Für die Entstehung des neuen
Menschen ist wichtig die Theorie über „Elan Vital“. „Elan Vital“ ist eine lebensvolle Kraft
und ist ein Prinzip des Lebens. Der neue Mensch zeigt diese lebensvolle Energie ganz
deutlich.
Der neue Mensch wird lässt sich nie von der historisch-sozialen Situation trennen, damit man
die richtige Bedeutung dieses Konzeptes wahrnehmen kann. Die neuen Beziehungen in der
Gesellschaft wurden von Expressionisten negativ gesehen und der neue Mensch steht in
Opposition zu den damals hochbewerteten Werten. Für Aufbau des neuen Menschen sind,
meiner Meinung nach, drei philosophische Aspekte wichtig. Es sind Vitalismus, Dialektik
und Nietzsches Übermensch. Zusammen bilden diese historisch-sozialen und philosophischen
Aspekte eine einzigartige literarische Erscheinung.

Der neue Mensch als Individuum

Der neue Mensch als Typus

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„Der neue Mensch“ ist eine seltsame Erscheinung, die die Expressionisten entwickelt haben.
Der Begriff ist zwar schon sehr alt, aber die Expressionisten haben den Menschen bis zum
Gott gehoben und haben aus dem Menschen fast eine phantastische Erscheinung gemacht.
Expressionistische Vorstellung des neuen Menschen entsteht aus der Verzweiflung,
Unglaube, Pessimismus und leuchtet eine Hoffnung an Zukunft. Der Aufruf zum neuen
Menschen ist mit dem Aufruf zum Umdenken und geistlichen Erneuerung gekoppelt.
Die Idee des neuen Menschen ist inhaltlich vielgestaltig, es gibt keine bestimmte Erklärung
für den Begriff „der neue Mensch“ und es gibt kein klares Charakteristika des neuen
Menschen. Es ist nur eine unbestimmte und subjektive Vorstellung der neuen Gesellschaft,
die sich von der alten Gesellschaft trennt. Wie kann man sich aber „den neuen Menschen“
vorstellen? „Der neue Mensch“ ist eine leere Formel, die sich durch Sehnsucht und Hoffnung
ausfüllen lässt. Als Vorbild würde ich einige Charaktereigenschaften nennen. Der Neue
Mensch ist ein Humanist, ein Missionar, ein Prophet, aufgeklärt und aktiv. Der Mensch ist ein
spirituelles Wesen, der Mensch ist Ziel und Selbstzweck. Das kann man Auf dem Beispiel
von Kurt Heynicke sehr gut sehen:

Ich bin über den Wäldern,


grün und leuchtend,
hoch über allen,
ich, der Mensch.
Ich bin Kreis im All,
blühend Bewegung.
Ich bin Sonne unter den Kreisenden,
ich, der Mensch,… (Heynicke in Pinthus, 1999, s.274-275)

Die expressionistische Darstellung des neuen Menschen mit ihrer typischen Rhetorik ist nicht
zu trennen von der Erfahrung der Verdinglichung und Entfremdung. Die Radikalität, mit
deren sich der neue Mensch durchsetzt, kommt zum Ersten mal in der Literaturgeschichte zur
Darstellung. Das Beispiel zeigt ganz deutlich, dass der Mensch in der expressionistischen
Literatur eine dominante Rolle spielt. Dass die Erklärung des neuen Menschen unklar ist, ist
nicht bestritten. Aber die Bedeutung des neuen Menschen versteht sich nicht von selbst. Die
Forderung nach dem neuen Mensch bringt mit sich nicht nur fast inflationären Ausmaß des
„O Mensch Pathos“, sondern hat auch eine Art von integrativer Funktion. Der Begriff „Der

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neue Mensch“ ist nämlich an keine Gesellschafts- oder Sozialschichten gebunden. Die
integrative Funktion ist sehr deutlich im Gedicht An den Leser von Franz Werfel:

…Bist du Neger, oder ruhst du noch in tiefer Mutterhut…


Bist du Soldat, oder Aviatiker voll von Ausdauer Mut… (Werfel in Pinthus, 1999, s. 279)

Der Autor hat sich die Außenseiter gewählt, die er direkt anspricht. Der Grund dafür sein
kann, dass diese Außenseiter einfach näher zum Autor stehen, weil der Autor selbst sich als
ein Außenseiter fühlt. Diese These möchte ich auf einem anderen Aufsatz aus dem gleichen
Gedicht belegen:

…Denn ich habe alle Schicksaale durchgemacht. Ich weiß


Das Gefühl von einsamen Harfenistinen in Kurkapellen,
Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Soufflkasten stellen… (Werfel in
Pinthus, 1999, s. 279)

Die von Werfel angesprochenen Gruppen zeigen die Beziehung des neuen Menschen zu der
Gesellschaft. Der neue Mensch steht in Opposition zu der damaligen sozialen Situation, zeigt
die Xenophobie und Oberflächlichkeit der Gesellschaft in dieser Zeit. Alle diese
Personaltypen, die Werfel erwähnt, sind in einem Wort vereint, und zwar im Wort „Mensch“.
Die Verbrüderung ist fast eine obsessive Erscheinung in der Expressionistischen Literatur und
wird oft mit der Suche nach dem neuen Menschen gekoppelt.

Der neue Mensch als Mann

Eine interessante Stelle in diesem Gedicht steckt sich unter diesen verschiedenen
Personaltypen, die sich vereinen sollen. Werfel hat sogar auch Harfenistinnen und
Gouvernanten angesprochen. Das ist etwas besonders in den expressionistischen Werken,
weil der neue Mensch meistens mit einem Mann assoziiert wurde. Die literarische Bewegung
des Expressionismus im Allgemein ist sogar eine Männerbewegung, und ganz deutlich
verwenden die Autoren die damals gängigen Stereotypen über Geschlechterdifferenzierung.
„Der Mann Schafft – die Frau ist; der Mann beweist sich der Welt durch das Bewußtsein –
das Weib wird von der Welt bewiesen.“ (Hatvani in Anz, s. 34). Der neue Mensch folgt

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diesen Stereotypen und der neue Mensch wird nie mit einer Frau assoziiert. Die Frauen
werden als das Passive dargestellt und der Mann zeigt sich mit höchster Potenz. Obwohl es
ausdrücklich nie geschrieben wurde, ist der neue Mensch höchstwahrscheinlich nur mit einem
Mann assoziiert und beweisen das viele Liebesgedichte, wie zum Beispiel „In der Mitte der
Nacht“ von Kurt Heynecke:

„Deine Liebe ist ein weißes Reh,


dass in Mitternacht meiner Sehnsucht flieht,
ein Baum von Tränen steht im Wald meiner Träume nach dir,
nun bist du da – …
Erfüllung wirft mir der Mond aus der Schale seines Glanzes zu –
Ich liebe dich,
du,
und stelle Nelkenduft vor deine Kammer,
und werfe Narzissen über dein Bett.
Ich selber komme silbern wie du
und wölbe mich hoch,
ein heiliger Hain
über dem Altar deiner frommen Seele.“ (Heynicke In Pinthus, 1999, s. 146)

Die Liebe von einer Frau oder von einem Mädchen wird als „ein weißes Reh“ beschrieben,
was ganz deutlich die „Machtlosigkeit“ der Frau zeigt. Die Frau spielt eine äußerst passive
Rolle. Wenn man das Gedicht ein Bisschen tiefer eingeht, stellt man fest, dass, im Bezug zu
einer Frau, benutzt der Autor die Wörter wie Baum und Wald, also die Begriffe aus Natur.
Diese Assoziation der Natur mit einer Frau beweist nur die Theorie über Passivität der
Weiblichkeit, denn Natur wird mit Harmonie verbunden und steht in Opposition zu dem
schaffenden Geist des Mannes. Der neue Mensch, nach der Vorstellungen der
Expressionisten, sollte aber aktiv sein, deswegen ist der Konzept des neuen Menschen
männlich orientiert. Inwiefern diese Orientation auf den Mann geht, sieht man im Gedicht von
Walter Hasenclever:

„Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,… (Hasenclever In Pinthus, 1999, s. 224)

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An dieser Stelle wurden die Frauen absolut abgeschlossen. Es heißt aber nicht, dass es keine
expressionistische Autorinen gibt. Zum Beispiel Else Lasker-Schüler setzte sich als
hervorragende Expressionistin durch, aber den Frauen in der Literatur wurde meistens eine
untergeordnete Rolle zugeschrieben. Der Dichter wendet sich oft nur auf einen Mann mit dem
Akzent auf seine Jugend. Jugend spielte nämlich eine besondere Rolle in der
Expressionistischen Literatur.

Der neue Mensch als eine junge Person

Expressionismus entwickelte den so genannten biologischen Model, der Jugend gehoben hat
und Jugend als Bewegungskraft wahrgenommen hat. Obwohl es schon ein alter Model ist,
schon Goethe hat dieser Model in seinem Werk „die Leiden des jungen Werthers“ benutzt,
haben die Expressionisten diesen Model noch vertiefen. Hinwendung zu diesem Model zeigt,
dass die Expressionisten sich von den Autoren der Gruppe „Sturm und Drang“ und auch
Klassikautoren inspirieren ließen. Biologischer Model heißt, dass die Autoren unter den neuen
Menschen eine junge oder „jungdenkende“ Person verstanden haben. Jugend wurde als
Prinzip wahrgenommen und hervorgehoben. Ein Beispiel kann das Gedicht „Mein Jünglig,
du!“ von Walter Hasenclever sein:

„Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,


Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!...“ (Hasenclever In Pinthus, 1999, s. 224)

Der Jüngling ist als eine äußerst lebensvolle Erscheinung wahrgenommen und der junge
Mensch irgendwie eine Chance für die neue Gesellschaft darstellt. Die Umgebung, die
typischen Autoritäten sind sehr negativ genommen.

„… Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,…“ (gleich)

An dieser Stelle sieht man ganz deutlich die Diskrepanz zwischen den Jungen, Neuen und den
Alten. Diese Problematik wurde sehr oft im Vater-Sohn Konflikt paraphrasiert. Obwohl es nie
direkt geschrieben wurde, dass die Jungen den neuen Menschen entsprechen. Diese Vater-
Sohn Problematik ist typisch für die expressionistischen Autoren, denn sie deutlich spricht die
Diskrepanz zwischen den neuen und alten Werten aus. Die Söhne sind höchstwahrscheinlich
die jungen, die neuen Menschen. Zusammengefast, der Junge oder der Neue ist eine religiös

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erweckte, beseelte Person, ein künstlicher, dynamischer und kraftvoller Mensch, denn der alte
Mensch stellt einen typischen damaligen Bürger dar. Aber der Begriff „der neue Mensch“ ist
nicht klar und alle Charakteristika sind nur formale Übereinstimmungen. Anderseits es ist
klar, dass der neue Mensch sich im Kampf mit dem Alten herausbildet. Die Problematik des
Kampfes zwischen den neuen und alten Menschen wurde oft auf Vater – Sohn Problematik
übertragen. Ein Beispiel dafür kann der Roman Der Sohn von Hasenclever deinen. Der
Roman zeigt den neuen Menschen, wie er sich gegen den alten Menschen durchsetzt. Der
Sohn rebelliert gegen seinen Vater, der ihn an Herausbildung der Individualität hindert.
Hasenclever zeigt den Kampf gegen die Väter sehr deutlich. Im Prinzip geht es nicht nur um
Rebellion gegen Vater, sondern geht es um gesamte Gesellschafterneuerung. In diesem
Roman sieht man auch ein Bisschen genauere Beschreibung des neuen Menschen. Es ist eine
zerrissene Person, die nach dem besseren und wirklichen Leben strebt, hat kein klares
Lebensziel, aber will nicht unter dem Druck von seinem Vater leiden.
Diese Ausrufe nach gesellschaftlicher Erneuerung werden oft versteckt und tauchen nicht so
direkt auf. In der Novelle Kokain von Rheiner Walter wird die Problematik hinter dem
Kokainkonsum versteckt. Die Hauptfigur, ein Jugendlicher, wird von Drogen abhängig. Sein
Leben ist voll von Halluzinationen, von starkem Drang nach Drogen und von Angst, dass ihn
seine Umgebung enttarnt. Und gerade sein Umfeld spielt eine spezielle Rolle in dieser
Geschichte, weil er einerseits immer ein Teil der „normalen Gesellschaft“ werden will, er
versucht zu studieren, anderseits fühlt er, dass seine Umgebung ihn drängt und hindert. Die
Drogen sieht er als eine Möglichkeit diese Diskrepanz zu überleben, aber zum Schluss wird er
von Drogen absolut zerschlagen und begeht Suizid. Diese Figur zeigt nicht nur die Stärke von
Drogen, sondern auch den Angst vor Gesellschaft, von den Anderen. Am Ende begeht der
Jugendliche vor einer Kirche Suizid und schießt sich in Kopf so, dass er noch vor seinem Tod
auf seinen Knien fällt. Im Bezug zu dem neuen Mensch zeigt dieses Bild eine neue Ansicht an
Religion und ihre mystische Wahrnehmung, die für Expressionismus typisch ist.
Die Verbindung des neuen Menschen und des Jugendlichen ist symptomatisch für
Expressionismus. Der junge Mensch wurde laut Expressionisten nicht so viel von den alten
Stereotypen belastet und kann in sich eine neue Kraft finden die neue Gesellschaft
aufzubauen.

Antikunst in Bezug auf den neuen Menschen

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Expressionismus zeigt die Tendenz sich von den älteren Werten zu trennen. Die
expressionistischen Autoren haben eine neue Sicht an die Kunst entwickelt, die als Antikunst
bezeichnet wurde. Antikunst des Expressionismus heißt, dass die expressionistische Kunst in
Opposition zum ästhetizistischen Schönheitspostulat um 1900 (vgl. Anz, 2007, s.38).
Im Bezug zu dem neuen Mensch ist Antikunst ein Mittel, die alte Gesellschaft aus Passivität
zu erwecken und eine neue Sicht auf das Schöne und Hässliche zu bieten. Obwohl der neue
Mensch in diesen, so thematisierten Gedichten nur selten dargestellt wird, spielt diese
Vorstellung der neuen Kunst eine wichtige Rolle für das Begreifen des neuen Menschen.
Das Hässliche und der Wahnsinn stehen oft im Vordergrund in der Expressionistischen
Literatur und gehören zu den häufigsten Themen, die von Expressionisten thematisiert
wurden. Expressionistisches Schönheitspostulat war eine Antikunst. Das heißt, dass das
hässliche wurde positiv gesehen, was auch eine Art Rebellion sein kann. Bei Texten zeigen
die Expressionisten Groteskes und Hässliches, das Pathologische und Phantastische heben sie
hervor. Deswegen sieht man oft Darstellungen des Wahnsinns und Irrtums. Als Beispiel für
diese Tendenz kann man Gedicht von Gottfried Benn „Man und Frau gehen durch die
Krebsbaracke“ sein:

„… Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern.


Kein Mensch hat so viel Blut. –
Hier dieser schnitt man
Erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.-

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. – Den Neuen


sagt man: hier schläft man sich gesund. – Nur Sonntags
für den Besuch läßt man sie etwas wacher. – …“ (Benn In Pinthus, 1999, s. 96)

Benn und andere Autoren wiederspiegelt diese Tendenz zum Ästhetisieren des Hässlichen
ganz deutlich. In diesem Gedicht ist die Bestrebung nach der neuen Ästhetik zu sehen. Das
typische Mittel der Antikunst war die schockartige Emitionalisierung. Eine Art von Humor,
die man im Gedicht sehen kann, steigert noch die Emotionen. Im Zusammenhang mit dem
neuen Menschen ist die Konzeption des Antiästhetismus eine Form der literarischen
Äußerungsmittel, mit dem sich der neue Dichter durchsetzt. Aber auch diese These gilt nicht
allgemein. Zum Beispiel gerade Benn hat „nur“ das Hässliche, ohne die Auswirkungen auf
den neuen Menschen zu berücksichtigen.

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Die Autoren haben durch das Hässliche eine neue Suche nach dem wirklichen Leben gezeigt.
Das wirkliche Leben ist sogar das neue Leben und das ist der Grund, warum habe ich die
Konzeption des Antiästhetismus erwähnt. In einigen Gedichten verbinden sich
Antiästhetismus mit Phänomen der Jugend, wie zum Beispiel im Gedicht von Benn: Das
schöne Jugend:

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,


sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig…
Die anderen lebten von Leben und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt… (Benn In Almai, 2007, s. 108)

Das Jugend und Lebensintensität sind hier auf grotesker Art dargestellt, was auch typisch für
Expressionisten war. Diese Vorliebe für Groteske sieht man im Gedicht an der Selle, wo der
Autor die Anderen (wahrscheinlich Raten usw.), die lebten von Leben, beschreibt und ein
Stück weiter mit schöner Jugend vergleicht. Weiter ist für Expressionismus typisch das fast
chronische Hervorheben der Jugend in allen Formen. Weil Expressionismus keine einheitliche
Gruppe oder keinen einheitlichen Still gebildet hat, ist die Ansicht auf das Jugend
Unterschiedlich. In dem Gedicht von Benn wird die Jugend auf eine morbide und groteske Art
beschrieben, was im Kontrast zu den lebensvollen und kraftvollen Vorstellungen der Jugend
von anderen Autoren steht.
Die Suche nach den wirklichen Lebenserfahrungen ist aber im Prinzip mit dem Konzept des
neuen Menschen eng verbunden. Der neue Mensch ist, meiner Meinung nach, eine
Personifikation der wirklichen Wahrnehmung der Welt. Das Hässliche vertieft die Intensität
des Gefühls beim Lesen, dient nicht nur zum Erschrecken oder zur Provokation. Natürlich
sind diese Aspekte auch wichtig, aber ich bin der Meinung, dass, im Bezug zu dem neuen
Mensch, es mehr um „Sensitivierung“ des Menschen geht. Anders gesagt, geht es um eine Art
von emotionaler „Erziehung“ des Lesers, damit er „der neue Mensch“ werden kann. Aber
Erziehung der Gesellschaft auf die neue Art und Weise. Das ist nicht mit dem klassischen
Erziehen zu verwechseln. Ich denke, dass der Ziel der Antikunst einfach die Gesellschaft und
den Mensch empfindlich zu machen war, weil die Expressionisten ein Gefühl hatten, dass die
herrschende Gesellschaft den freien und wirklichen Menschen begrenzt.

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Beschreibung des Hässlichen und Verwendung des so genannten Antiästhetismus ist für die
Expressionistische Literatur typisch. Die Autoren schilderten wieder die gleichen Themen,
wie Jugend, aber in dem Kontext bekommen diese Themen eine andere Bedeutung. Die
Ästhetisierung des Hässlichen ist auch nicht selbstzeck, es dient zur Sensibilisierung des
Menschen. Aus diesem Grund habe ich diese Kapitel in meiner Arbeit geordnet, denn der
neue Mensch eine empfindliche Person ist.

Zerfall der alten Gesellschaft und Auferstehung des neuen Menschen

Das Wort „Zerfall“ wird sehr oft mit Dekadenz verbunden. Für die expressionistischen
Autoren war im Vergleich mit Dekadenz der Zerfall nicht Selbstzweck. Der Zerfall dient in
Expressionismus als ein Reinigungsmittel der alten Gesellschaft und wurde nicht als Prinzip
wahrgenommen. Dieser Reinigung folgt die Entstehung des neuen Menschen. Anders gesagt,
der Zerfall dient zur Auferstehung des neuen Menschen. Im Vergleich, die dekadente Kunst
beschreibt die Abenteuer, ein Spiel mit Nerven und allgemeine Müdigkeit. Für
Expressionisten heißt die Antikunst eine Steigerung der Lebensintensität. Der mit
expressionistischem Pathos artikulierende „Hunger nach Leben“ ist in der Literatur jener Zeit
ein Phänomen (vgl. Anz, 2002, s. 50).
Die Vorstellung des Zerfalls ist an Antikunst verbunden, die Antikunst dient als
Äußerungsmittel bei der Darstellung des Zerfalls. Das für Expressionismus typische Pathos
zusammen mit Antikunst wiederspiegelt sich im Konzept des Zerfalls. Im Thema des Zerfalls
zeigt sich auch die enge Beziehung zu Mystik, Phantasie und Religion. Aus dieser religiösen
Perspektive scheint der Zerfall als Apokalypse, die den biblischen Traditionen folgt.
Im Werk von Alfred Kubin Die andere Seite tauchen sich diese Apokalyptischen
Vorstellungen sehr deutlich auf. Da geht es um Zerfall eines Landes, das sich als
„Traumland“ bezeichnet.
Zerfall und Auferstehung der neuen Gesellschaft sind nie zu trennen. Der Zerfall hat aber
viele Ebenen. Thematisiert wurde der Zerfall oft durch Krieg oder Revolution, aber als Zerfall
wird auch die damalige gesellschaftliche Situation verstanden. Die bürgerliche Gesellschaft
selbst wird von Expressionisten kritisiert. Man sieht das zum Beispiel im Gedicht von Jakob
van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

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In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen


An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“ (Hoddis in Pinthus, 1999, s. 39)

Schon der Name des Gedichtes zeigt, dass der Zerfall die bürgerliche Gesellschaft selbst sein
kann. Der neue Mensch steht natürlich in Gegenteil zu dieser Gesellschaft und ganz deutlich
grenzt sich von den Werten der damaligen Gesellschaft ab. Das Gedicht ist in einem
ironischen Ton geschrieben, was noch die Intensität erhöht.
Durch Revolution oder Krieg sollte die gesamte Gesellschaft erneut werden und der neue
Mensch auferstehen sollte. Nach der Apokalypse kommt der neue Mensch und der
expressionistischen Vorstellung der Apokalypse entspricht zwar der Krieg oder Revolution.
Der erste Weltkrieg wurde zunächst begrüßt und sollte das alte hinwegfegen. Die Hoffnungen
der Expressionisten auf Krieg oder Revolution haben sich nicht erfüllt. Später erweist sich
nicht Krieg als Erneuerungsmedium, der Hochtechnisierte Krieg war nur schwer, eigentlich
gar nicht im Sinne einer Vitalisierung oder Reinigung eines Menschen gesehen. Bald werden
viele Autoren zu Kriegsgegner und ähnliches kann man über Revolution sagen. Im Prinzip ist
der Krieg oder die Revolution selbst nicht so wichtig, wichtig ist das, was dem Kampf folgt.
Die symptomatische Beschreibung mit dem entsprechenden Pathos sieht man im Gedicht von
Johannes R. Becher „Vorbereitung“:

„… Menschheit! Freiheit! Liebe!

Der Neue, der Heilige Staat


Sei gepredigt, dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, eingeimpft.
Restlos sei er gestaltet.
Paradies setzt ein.
– Laßt uns die Schlagwetter-Atmosphäre verbreiten! –
Lernt“ Vorbereitet! Übt euch!“ (Becher In Pinthus, 1999, s. 213)

17
Der Ausruf nach der neuen Gesellschaft ist wirklich ein typisches Merkmal und wird durch
dem Pathos betont. Obwohl es unklar ist, was „der Heilige Staat“ eigentlich sein soll, klingelt
der Ausruf wirklich dringend.
Wie ich schon einmal erwähnt habe, die Entwürfe des neuen Menschen folgen den biblischen
Mustern. Es sind die Erzählungen über Apokalypse. Das Weltende bleibt für Expressionisten
Metapher oder wurde als Phantasie verstanden. Expressionismus ist in Allgemein von
Religion geprägt und die Verbindung der Apokalypse mit Krieg oder Revolution ist seltsam.
Wie der Kampf eng mit Gott verbunden ist, zeigt das Gedicht „an den Besiegten“ von Karl
Otten:

„… Gott zieht vor euch her, gen Himmel geht die Flucht
In Tropfen singende Barmherzigkeit –
Jeder Tropfen Blut! Jeder Schuß! Fluch! Sieg sei verleidet…

Euer herrlicher Sieg macht Gottes Herz erzittern…

Wir wollen warten bis uns vor Gottes Thron


Gemeinsam, Hand in Hand,
Als Brüder, als Brüder, ja als Brüder Flammen der Liebe entzückten.“ (Otten In Pinthus,
1999, s. 298)

Der neue Mensch ist mit Gott vereint ganz deutlich und der Mittel der Auslösung der als „ihr“
bezeichneten Feinden ist die Verbrüderung. Unter „Ihr“ kann man sich die wilhelministische
Gesellschaft vorstellen. Der Krieg hat aber in diesem Gedicht eine Besonderheit und zwar,
dass der Kampf von den Gegnern gegen den neuen Menschen geführt wird. Den Krieg hat
nicht der neue Mensch verursachtet, sondern die Anderen, die den neuen Mensch zerschlagen
wollen. Die Antwort auf dem Angriff auf den neuen Menschen ist gerade die Verbrüderung,
Leidenschaft und Gebet. Dass heißt, dass der neue Mensch an dem Kampf beteiligt ist,
obwohl er andere Mittel, wie Leidenschaft und Gebet, zum „Kämpfen“ benutzt.
Bei Werfel sieht man wieder eine pazifistische Form der Entwicklung des neuen Menschen.
Der Gewalt in allen Formen lehnt Werfel im Konzept des neuen Menschen ab.

„…Im Rohen weiter tanzt die wilde Masse


Mit Jakobinermützen, blutumbändert...

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Ihr Freiheitskämpfer, werdet Freiheitsrichter,… (Werfel In Pinthus, s. 213, 1999)

Hier steht die Masse mit Jakobinermützen in Opposition zum neuen Dichter, der als Pazifist
verstanden wird. Die Jakobiner stellen die gewaltige Art der Revolution dar, die Werfel
verabscheut. Der neue Mensch ist in diesem Konzept ein Pazifist.
Es gibt aber auch gewaltige Art der Umwandlung. Das ist ganz deutlich im Gedicht von René
Schickele „Der tote Stier träumt“ zu sehen:

„…Es lebe der Krieg!


Blut muß Gott geopfert sein: unserem Geist
und dem unserer Kinder. Alle Menschen verbluten
täglich, langsam, in den Freunden, in den Schmerzen,
Arbeit ist Krieg! Wir werden unsere Signale haben,
die langen Märsche, die Zusammenstöße…
… Es wird unser Krieg sein
und unser einiges ehrgeiziges Werk.
Keine Traurigkeit!
Menschen müssen als Helden sterben,
damit andere in ihrem hohen Schatten wachsen…

…Die Sklaven befreien sich


Es sind Könige genug in ihrer Mitte,
sehnsüchtige Schönheit, Glauben, Sitte
und Gerechtigkeit, die unsere Kränze flicht.
In unserer Arbeit werden wir unsere Herren sein,
herztoll und heiter.
Blickt der eine dem andern ins Gesicht,
spiegeln wir einender: die Menschen…“ (Schickele In Pinthus, 1999, s. 226)

Man sieht ganz deutlich, dass dieses Gedicht links orientiert ist, das ist hier nicht umstritten.
Der Zerfall ist hier durch Revolution geschildert, die aber die Arbeiter selbst führen, die
„Auferstehung“ stellt die Befreiung der Arbeiter dar. Der Ausruf nach Verbrüderung am Ende
beweist ganz deutlich den literarischen Still, dann die Verbrüderung tritt wieder als eine Art
der Heilung der Gesellschaft auf.

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Der Zerfall scheint als eine Voraussetzung, damit der neue Mensch entstehen kann. Es ist kein
Prinzip und dient zur Reinigung der „alten“ Gesellschaft und führt zum Umdenken. Der neue
Mensch scheint als eine rein aktive Person, die an Umwandlung der Gesellschaft beteiligt ist,
aber oft wird als Pazifist dargestellt. Das leitende Motiv in diesem Konstrukt des Zerfalls und
der Auferstehung ist gerade das Absagen der alten Werten und folgende Durchsetzung der
neuen Werten, die der neue Mensch schafft.

Beziehung zwischen dem neuen Menschen und dem Dichter

Der Dichter spielt in dem Konzept des neuen Menschen eine interessante Rolle. Der Dichter
zeigt sich als ein „Wegweiser“ zu der neuen Gesellschaft. Weil sich Expressionismus an
Religion orientiert, kann der Dichter auch ein Prophet wahrgenommen werden.
Die alte, bürgerliche Gesellschaft wurde nicht von Expressionisten sozialanalytisch
wahrgenommen, sondern verkörperte eine Art von Mentalität, die sich ökonomisch
begründete. Und auf der anderen Seite widerspiegelt der Dichter die Auseinandersetzung mit
dieser gesellschaftlichen Situation. Viele Dichter haben sich nicht als die Neuen verstanden,
sondern haben sich als die „Aufgeklärten“ verstanden, die den neuen Mensch suchen. Die
Forderung nach dem neuen Mensch und die Beziehung zu dem Dichter möchte ich auf einem
Beispiel von Wilhelm Klemm: „Einleitung“ zeigen:

„… Was uns Endliches als Welt entgegenströmt:


Will ich fassen in sterbliche Worte.

Damit ich lesend doppelt weiß, daß ich lebe.


Damit du es lesen kannst, Bruder, Mensch,
Damit auch du fühlst: Ja, so ist es, so bin ich auch!
Denn wir sind alle doch nur ein einziges Gewächs!“ (Klemm In Pinthus, 1999, s. 279-280)

Der Autor zeigt sich deutlich als Person, die das Konzept des neuen Menschen verbreiten
will. Mit dem expressionistischen Pathos zeigt der Autor den Weg zu dem neuen Menschen
und zwar durch Literatur. Literatur spielte für expressionistische Autoren eine hervorragende
Rolle. Die ganze Theorie des neuen Menschen wird als eine literarische Erscheinung

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entwickelt und aus diesem Grund ist der neue Mensch auch ein belesener Mensch. Natürlich
wird meistens die expressionistische Literatur oder die Literatur, die von Expressionisten
positiv gesehen wird, geschätzt, was ich sehr arrogant finde.
Die Beziehung des Autors zu dem neuen Menschen wiederspiegelt sich auch im Gedicht von
Franz Werfel „An den Leser“:

„…So gehöre ich dir und Allen!


Wolle mir, bitte, nicht widerstehen!
O könnte es einmal geschehen,
Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!“ (Werfel in Pinthus, 1999, s. 279)

Einerseits scheint diese Anrede als Utopie und es sieht so aus, als ob der Autor selbst
verzweifelt, dass die Erfüllung der Wünsch nicht möglich ist. Der Ausruf scheint, als ob der
Autor über die gesamte Gesellschaft verzweifelt, ob sie überhaupt fähig ist, sich zu ändern. Im
Gedicht trennt sich aber der Autor von der Mehrheit und stellt sich in die Rolle des neuen
Menschen und mit Konjunktiv „könnte“ ausdrückt die Unwahrscheinlichkeit, dass die
anderen Leute überhaupt die neuen Menschen werden können. Der Autor sieht sehr
eingebildet aus in diesem Moment. Er scheint wie ein Genie und „Allwissender“. Anderseits
kann man das Gedicht als ein Ausruf verstehen, in denen der Autor eine Möglichkeit
ausdrückt, dass die Verhältnisse geändert werden können.
Der neue Mensch ist eine Vision der expressionistischen Autoren, es ist nie ein klares Ziel der
Literatur. Dichter zeigt nur die Entfremdung, Ordnungssüchtigkeit des alten Menschen und
hebt aufgrund der Auseinandersetzung mit der damaligen Gesellschaft den neuen,
lebensvollen Mensch hervor. Und natürlich das Verhalten des Künstlers entsprach nicht dem
bürgerlichen Ethos, sondern dem neuen von Expressionisten selbstentwickelten Ethos. Damit
ist auch die eigene Aktivität der Autoren verbunden. Manche waren politisch sehr aktiv (z. B.
Benn, Johst, Becher usw…). Es bietet hier die Frage, was alles ist noch erlaubt für
Durchsetzung des neuen Menschen? Ich bin aber der Meinung, dass diese Frage die
Expressionisten nicht klar beantwortet haben. Es ist aber zu erwähnen, dass viele Autoren
Pazifisten waren, also eine gewaltige Durchsetzung kommt nicht in Frage (mindestens bei
diesen Pazifisten nicht).
Anderseits waren viele Autoren politisch aktiv und schon diese Aktivität war positiv
angesehen. Auf dieser Stelle ist es nicht wichtig, ob sie auf der rechten oder linken Seite
waren. Wichtig ist gerade diese persönliche Aktivität, die eng mit der Suche nach dem neuen

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Mensch und nach der neuen Gesellschaft verbunden ist. „Die expressionistische
Überzeugung, der Mensch könne zu Güte und Vernunft überredet werden, bestand die
Erprobung an der Wirklichkeit nicht, und sobald diese Ausgangvoraussetzung zusammenfiel,
musste der aktivistische tragisch enden, ganz gleich welchem Kurs er folgte“ (Sokel, 1970, s.
240).
Die Autoren haben sehr oft das subjektive Ich hervorgehoben und sich als Genies empfunden.
„Genialität wurde dem Künstler zu treuen Händen übergegen, damit er sie entwickelte und
zur Freude und zum Wohl seiner Mitmenschen vervollkommne.“ (Sokel, 1970, s. 271). Der
Künstler ist auch die Person, die Gott benutzt, die neue Menschheit zu bilden. An dieser Stelle
sieht man wieder die Verbindung an Religion.
Eine typische expressionistische Vorstellung des Autors stellt den Autor als einen Messias
vor, denn, wie ich schon vielmals erwähnt habe, Expressionismus ist sehr stark durch
Religion beeinflusst. Die religiöse Prägung des neuen Menschen ist also logisch und
widerspiegelt die Tendenz der Vergöttlichung des Menschen. Als Messias ist ein Erlöser zu
verstehen. Einige Autoren haben sich, oder das subjektive Ich, als Erlöser empfunden. Diese
Tendenz belegt zum Beispiel Ivan Goll im Gedicht „Noemi“:

„…Zu Neumond will ich tanzen gehen.


Die Menschen aus ihrem Traume wecken… (Goll in Pinthus, 1999, s. 272)

Aber einige Autoren lassen sich auch oft mit einem Propheten vergleichen. An dieser Stelle
ist zu erwähnen, dass der Autor, oder sein subjektives Ich, sich oft als Verkünder offenbart.
Der Prophet, der dem neuen Menschen einen religiösen und „welterlösenden“ Inhalt gibt, ist
nicht das gleiche, wie Messias. An dieser Stelle ist es wieder nicht ganz klar, ob der Autor
sich schon als ein neuer Messias fühlt, oder als Prophet, der den Weg zum neuen Menschen
kennt und zeigt. Es hängt von den einzelnen Autoren ab. In diesem Kapitel möchte ich mich
aber nicht so viel mit der Religion beschäftigen. Ich wollte nur die äußerst Interessante
Beziehung zwischen dem Autor und dem neuen Menschen skizzieren.
Der neue Mensch ist ein starkes Individuum, dessen Charakteristika nicht klar sind. Man kann
nur ahnen, wie der neue Mensch eigentlich ist. Die Entstehung des neuen Menschen ist auch
unterschiedlich, es gibt nur Übereinstimmungen, die dem Muster „Zerfall→Auferstehung“
folgt. Ich bin der Meinung, dass es auch nicht so wichtig ist, seine Eigenschaften
zusammenzufassen. Es ist wichtig die Werte, die der neuen Mensch darstellt, irgendwie zu

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begreifen. Die Werte wie Freiheit, Humanismus, Toleranz, Empfindlichkeit und eigene
Aktivität würde ich in Vordergrund dieser Kapitel stellen.

Der neue Mensch in der Gesellschaft

Rolle den neuen Menschen in der Gesellschaft

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Expressionismus war in seiner Zeit wirklich ein Phänomen. Das hat natürlich Effekt der
Vereinfachung und Abwendung von den ursprünglichen expressionistischen Ideen
mitgebracht. Die versuche nach Ablehnung der „Mitläufer“ oder „modischen
Expressionisten“ wurden von vielen Autoren ausgesprochen. Zum Beispiel Edschmid hat
diese Tendenz in seiner Definition des Expressionismus beschrieben (vgl. Sokel, 1970, s.
251). Die „falschen“ Expressionisten strebten nach Extremen und entwickeln nie etwas
daraus, oder pflegten radikale politische Einstellungen ohne ganze Kompliziertheit des
Expressionismus zu begreifen, die sich hinter Verknüpfung des Geistes, Menschen und Gottes
steckt. Die „richtigen“ Expressionisten suchten die innere Einigkeit der Menschen, strebten
nach einer wirklichen Gemeinschaft und setzten eine allgemeine Verbrüderung durch. Die
neue Gesellschaft stellt die Idee von absolutem Glück und Gerechtigkeit vor, ohne Rücksicht
auf die geschichtliche Wirklichkeit zu nehmen.
Das heißt, die Idee des neuen Menschen hängt immer mit Schaffung einer neuen
Gemeinschaft oder Gesellschaft zusammen. Die Rolle der neuen Menschen in der neuen
Gesellschaft ist aufgrund des Zerfalls der alten Gesellschaft nicht ganz klar. Der neue Mensch
taucht wie ein Weltlöser auf, aber seine Position wiederspikegelt sich in zwei verschiedenen
Ebenen. Die erste Ebene stellt den neuen Menschen als ein soziales Wesen mit Betonung auf
Gemeinschaftsgefühl vor. Die zweite Ebene ist die Religiöse Prägung des neuen Menschen.
In diesen beiden Vorstellungen zeigt sich der neue Mensch als eine extrem starke
Individualität, die aber von Gemeinschaft abhängig ist. Die beiden Ebenen stehen nicht in
Opposition gegen einender, diese Diskrepanz wird durch Kritik an der damaligen Gesellschaft
überwinden.
Die Kritik wendet sich ganz deutlich gegen die Entstehung der großen Städte, in denen sich
Einsamkeit und Individualismus (aber Individualismus als Resultat wirtschaftlicher
Modernisierung) entwickelt haben. Die These, dass die Gesellschaft in Krise geraten ist,
belegt die Stellung der Expressionisten zu der logischen, technisierten Schöpfung, die als
Resultat Expansion der Betriebe, Rationalisierung, Modernisierung und Industrialisierung
wahrgenommen wurde (vgl. Almai, 2005, s. 37).
Ökonomiesierung der Gesellschaft reflektierte auch der literarische Markt, wo sich die
ökonomischen Prinzipien durchgesetzt haben. Die Antwort der expressionistischen Autoren
war gerade Prozess der Gruppierung, der eine Beihilfe bei Durchsetzung auf dem Markt
dienen sollte.
Die Bündnisse waren nicht so fest gebunden (wie z. B. im „George Kreis“) und die Gruppen
hatten nicht den exklusiven Charakter. Meistens waren diese Gruppen mit einem Herausgeber

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verbunden. Zum Beispiel in München bildete sich eine Gruppe um den Verleger Heinrich F.
S. Bachmair (vgl. Anz, 2002, s. 27). Die Tendenz der Ökonomiesierung der Literarischen
Produktion steht in Opposition zu dem neuen Mensch. Der neue Mensch entspricht nicht den
bürgerlichen Vorstellungen der Gesellschaft, in deren diese ökonomische Werte hochbewertet
wurden.
Man sieht auch die Parallel zwischen Bündnisse der expressionistischen Autoren und
Gemeinschaftpathos in der expressionistischen Literatur. Gemeinschaften, die
expressionistischen Autoren oft bildeten, widerspiegelten sich natürlich in der Literatur, und
das Thema der Verbrüderung wurde von Expressionisten oft verwendet. Im Bezug zum neuen
Mensch geht es darum, dass der Mensch mit der Gesellschaft verbunden ist und bildet eine
Gemeinschaft. Der neue Mensch ist eine gesellige Person und Freundschaft spielt eine für ihn
bedeutende Rolle. Auch Kameradschaft ist eine geistliche Grundlage für das Konzept des
neuen Menschen. Freundschaft wurde fast wie eine rettende Kraft wahrgenommen, die in der
neuen Welt herrschen wird. Diese Tendenz möchte ich auf dem Gedicht „die Friedensstadt“
von Alfred Wolfenstein beweisen:

… Mensch bei dem Menschen – und die Welt ist wieder!


Gewalt erblaßt, Gewalt sinkt vor dir nieder,
O Freund – ! Kaserne flieht um unserer Haupt,
Um Schönheit, die sich plötzlich gleicht und glaubt!... (Wolfenstein in Pinthus, 1999, s 307)

Freundschaft und Kameradschaft sollte eine Grundlage für die neue Gemeinschaft in der
Gesellschaft. Beide diese Begriffe sind natürlich mit der Menschheitsverbrüderung eng
verbunden. Die neue Gemeinschaft ist aber nicht etwas Abstraktes, sondern stellt die
wirkliche Liebe zu den anderen konkreten Menschen. Anderseits Gibt es keine klare
Erklärung für die Begriffe „Gemeinschaft“, „Verbrüderung“, oder „Freundschaft“. Ich meine,
dass die Expressionisten diese Begriffe als Grundsteine der Menschheit verstanden haben und
dachten, dass jeder Mensch selbst fähig ist, diese Wörter richtig aufgrund eigener
Empfindlichkeit zu definieren. Meiner Meinung nach, geht es nicht um ein „Geheimnis“, oder
um etwas mystisches, es gibt nur keine eindeutige Erklärung.
Im Konzept der gesamten Verbrüderung der Gesellschaft taucht sehr oft das „O-Mensch“
Pathos in unangemessener Ausmaß auf. Obwohl das Thema der Gemeinschaft ein leitendes
Thema des Expressionismus ist, die zu oft benutzte Ausrufe nach Verbrüderung haben einen
inflationären Charakter. „ Der Mensch soll seine innere Gemeinschaft mit dem Menschen

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entdecken, ein Gedanke, der angesichts des in chauvinistische Nationalinteressen zerrissenen
Europas immerhin eine positive Funktion hatte“ (Vietta, Kemper, 1975, s. 191). Ein
exemplarischer Beleg für das Gemeinschaftsgefühl ist das Gedicht „Ergriffenheit“ von
Wilhelm Klemm:

… Wo du auch stehst, die Hälfte der Welt


Liegt vor dir, die andere hinter dir,
Und weil du flüchtig bist und begrenzt
Deshalb kannst du das Unbegrenzte nicht fassen.

Aber Körper, blitzend im Feuer der Gottähnlichkeit,


Leuchten auf, Gatten und Brüder von dir!
In deine Arme, Menschheit, geliebte,
Blühende Wunderheimat des Unvergänglichen. (Klemm in Pinthus, 1999, s. 307)

Die Verbrüderung ist in diesem Gedicht als Voraussetzung der richtigen Weltwahrnehmung
geschildert. Sie hat zwar einen logischen Grund und ist nicht Selbstzweck. Die Verbrüderung
der Menschen kommt aus dem tiefen Innern, die neue Gemeinschaft ist also eine Vorstellung
des gemeinsamen Gefühls, der aber aufgrund der innerlichen und individuellen Entscheidung
aufgebaut wird. Das heißt, dass der neue Mensch ein freier Mensch in der neuen Gesellschaft
ist. Das entsprechend ist die neue Gesellschaft eine äußerst humanistische und freie
Gesellschaft mit Betonung an den Gemeinschaftsgefühl. Alle Ausdifferenzierungen der neuen
Gesellschaft zum Beispiel in Parteien oder politischen Richtungen wären im Rahmen der
literarischen Vorstellungen der neuen Gesellschaft virulent. Einerseits hatte jeder Autor oder
Gruppe eine eigene Vorstellung der neuen Gesellschaft (Expressionismus hat kein
einheitliches literarisches Programm), anderseits das Ziel war eine gesamte Verbrüderung und
eine Differenzierung steht in Opposition zur, von Expressionisten gewünschten, allgemeinen
Verbrüderung. Das Ergebnis dieser Diskrepanz ist eine völlig unklare Definition der neuen
Gesellschaft, der Verbrüderung und anderen grundsätzlichen Begriffen. Die neue Gesellschaft
hat aber ganz eigendeutliche Eigenschaften, sie scheint einheitlich und widerspruchslos. Der
neue Mensch schafft eine einheitliche Gesellschaft, die aufgrund der Verbrüderung gebaut ist.
Innerlich ist also die neue Gesellschaft einheitlich, was aber in dem wirklichen Leben nicht
möglich ist, aus diesem Grund ist die neue expressionistische Gesellschaft eine Utopie. Kurt

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Heynecke zeigt die Beziehungen innerhalb der neuen Gesellschaft im Gedicht
„Freundschaft“:

„Freund,
wenn du lächelst,
lächelt mein Herz…

wir schenken einender das Ich und das Du –


ewig eint uns das Wort:
MENSCH…“ (Heynecke In Pinthus, 1999, s. 301)

Das Ideal der neuen Gemeinschaft wurde aufgrund der Einheit unter Menschen aufgebaut und
auf diesem Beispiel ist der Ausruf nach Vereinigung der gesamten Menschheit deutlich zu
sehen. Man sieht auch die völlig phantastische Vorstellung der neuen Gesellschaft ohne
Wirklichkeit oder konkrete historische Erfahrung zu berücksichtigen. Anderseits ist die
allgemeine Vereinigung der Menschen aufgrund der Menschheit ein äußerst logisches
Konstrukt, denn Menschheit als eine Eigenschaft allen Menschen ist wirklich das
Gemeinsame, was alle Menschen haben. Das ist ein ethisches Prinzip, das sehr inspirierend
ist. Wenn man ein Mensch ist, muss er auch die Eigenschaft der Menschheit besitzen und
wenn man ein allgemeingültiges Prinzip sucht, das uns alle vereint, ist das gerade diese
Menschlichkeit, die wir alle gleich haben. Aber eine Voraussetzung für dieses Prinzip ist, dass
alle Menschen den gleichen Wert haben. Dieses Prinzip ist wirklich revolutionär. Im
praktischen Leben wäre das möglich, dieses Prinzip zu durchsetzten, aber nur unter einer
Bedingung. Es müsste Konkrete Regeln für die Gesellschaft herausgebildet werden. Es gibt
nämlich einige Grundlegende Regeln, die man in allen Kulturen der Welt findet. In keiner
Kultur darf man jemanden freilich ermorden, oder freilich stehlen. Zum Beispiel diese Regeln
sind natürlich für die ganze Menschheit. So weit sind aber die Expressionisten die
Verbrüderung nicht gegangen. Aus der ethischen Sicht ist diese Vorstellung der Verbrüderung
äußerst humanistisch und meiner Meinung nach soll eine Inspiration für heutige Gesellschaft
sein.

Die Stellung der Expressionisten zur Schöpfung

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Die Hoffnung an Schöpfung lehnen die Expressionisten ab. Damit ist aber nur die
„Technisierung“ der Gesellschaft gemeint, weil die Entwicklung des neuen Menschen schon
eine Art von Schöpfung ist. Dass die Expressionisten die technisierte Welt kritisiert haben,
beweist sehr deutlich die Bestrebung nach dem neuen Mensch. Die technische, logische
Schöpfung gerät laut Expressionisten in Krise, verursacht die allgemeine Entfremdung in der
Gesellschaft und kann keine Lösung bieten. Diese Verzweiflung und Gefühl der Einsamkeit
ist für die expressionistische Moderne symptomatisch. Das Leben hat sich in dieser Zeit
wirklich grundsätzlich geändert. Die Städte sind riesig geworden, die Technik verkörperte den
Erfolg des damaligen Denkens. Die Expressionisten haben aber diesen Trend sehr negativ
wahrgenommen. Die Auseinandersetzung mit dem Aufschwung der Technik und mit der
Durchsetzung der bürgerlichen Werte ist deutlich im Gedicht „Weltende“ von Jakob van
Hoddis deutlich zu sehen:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,…


… Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“ (Hoddis in Pinthus, 1999, s. 39)

Die Eisenbahn stellt sogar die technische Schöpfung dar und im Gedicht ist gerade diese
expressionistische Vorstellung des Weltendes mit der Technik verbunden. Der neue Mensch
setzt sich ganz deutlich gegen der technischen Schöpfung zur Wehr, und versucht neue,
menschliche und „gemeinschaftfreundliche“ Schöpfung durchzusetzen. Der neue Mensch ist
nämlich eine aktive Person, das ist auch nicht umstritten und die alte, technisierte Gesellschaft
sollte von ihm auf aufgelöst werden. Das möchte ich auf einem Beispiel von Ludwig Rubiner
„Der Mensch“ zeigen:

„…In fliegenden Leuchtnetzen aufglühend und löschend wie Pulsschlag


schwebt der Mensch,
Er löscht und zündet, wenn das Denken durch ihn rinnt,
Er wiegt auf seinen strahlenden Leib den Schwung, der wiederkehrt.

Er dreht den flammenden Kopf und malt um sich die abgesandten,


die sinkend hinglühenden Linien auf schwarze Nacht:… (Rubiner In Pinthus, 1999,
s.274)

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In den neuen Menschen steckt sich eine Art Dynamik und Energie und führt auf keinem Fall
zur Passivität. Der neue Mensch schafft eine neue Schöpfung, die auf Basis der Menschheit
gebaut ist. Dass der neue Mensch eine Aktive Person ist beweist auch der nächste Aufsatz.
Iwan Goll hebt die Dynamik in seinem Gedicht „Wassersturz“ auf:

„Wasser und Mensch,


Ihr seid die ewige Bewegung!
Ihr seid der Trieb von allen Trieben: ihr seid der Geist!
Da steht kein Felsen starr und keine Gottheit hoch:
Von eurem Strahl zersplittern die Blöcke Granit,
Vor euer Stimme birst das Schweigen des Todes...“ (Goll In Pinthus, 1999, s. 313)

Der Mensch selbst ist laut Goll eine Art von Schöpfung. Die für Expressionismus typische
Welterlösung ist an den aktiven Mensch verbunden. Die Rolle des Menschen hat einen
egozentrischen Charakter und der Mensch ist seiner Egoismus bewusst. Weil der Mensch in
diesem Konzept eine rein Aktive Person ist, scheint hier auch als Schöpfer der neuen
Gesellschaft und als ein Schöpfer des Lebens.

Religion des neuen Menschen und sein Geist

Weil Religion eine gesellschaftliche Erscheinung ist, gehört diese Kapitel zu den anderen, die
sich mit den gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, obwohl expressionistische Religion
nicht den eingewöhnten Vorstellungen entspricht. Religion und Glaube sind für den Konzept
des neuen Menschen äußerst wichtig. Expressionisten ließen sich von dem neuen, aber auch
alten, Testament inspirieren, das sieht man sehr deutlich an der Vorstellung des Zerfalls und
Auferstehung. Die Idee des neuen Menschen hat einen fast messianischen Ton. Der Mensch
steht im Vordergrund und zeigt sich als einen einzigen Weg zum Umdenken. Anders gesagt,
wenn man die ganze Gesellschaft ändern will, muss man erstmal sich selbst ändern. Der neue
Mensch wurde eine mystische Erscheinung, die sich mit Gott vergleichen lässt. Die
expressionistischen Vorstellungen der Religion sind oft mit dem Mensch fest verbunden. Ein
Beispiel von Kurt Heynecke beweist das ganz genau:

„… Deinen Willen will ich an mich binden,

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gottüberströmt will ich den Ursprung finden,
Herr, ich bin wie Du!...“ (Heynicke in Pinthus, 1999, s.205)

In dem pathetischen Ausruf am Ende vergleicht Heynecke den Mensch mit Gott und hebt den
Menschen auf der mystischen Ebene auf. Die Beschreibung des Menschen ist ähnlich, wie
sich Gott selbst in Bibel beschreibt. Allgemein gilt, dass es in der literarischen Geschichte
erstmal ist, dass sich der Mensch direkt mit Gott vergleichen lässt. Das finde ich unverschämt
und eingebildet. Die Konsequenzen sind die Vergöttlichung des Menschen und
Verschmelzung des Gottes, denn wenn sich jeder Mensch mit Gott vergleichen lässt und
wenn wir als Voraussetzung nehmen, dass jeder Mensch anders ist, muss auch der Gott für
jeden Mensch anders sein. Die Lösung ist, dass Gott für Expressionisten als ein so
allgemeines Prinzip dient, dass er alle Menschen betreffen kann und gleichzeitig individuell
gezielt sein kann. Die individuelle Beziehung zum Gott ist im Gedicht „Zweigespräch“ von
Ernst Stadler zu sehen:

„Mein Gott, ich suche dich. Sieh mich vor deiner Schwelle knien.
Und Einlaß betteln. Sieh, ich bin verirrt, mich reißen tausend Wege fort ins Blinde…“
(Stadler in Pinthus, s. 202)

Schon in der ersten Zeile wendet sich Autor auf „meinen Gott“, denen er sucht. Im Gedicht
sieht man das Streben nach dem eigenen, individuellen Weg zum Gott. Meistens schauen die
Dichter hoch zu Gott und versuchen dem Gott zu nähren.
Die Expressionisten sehnten nicht nach dem Gott, der von der Kirche vermittelt wurde,
sondern sehnten nach einem neuen, mystischen Gott, der uralten, mittelalterlichen oder
altjüdischen Traditionen folgt. Der neue Mensch spielt eine aktive Rolle beim Suchen des
Gottes, er lässt sich nicht von der Kirche beeinflussen. Prototyp des neuen Menschen ist sogar
eine religiöse Person, aber dem Muster der Kritik der Autoritäten folgt auch in der religiösen
Umgebung. Das heißt, dass die Kirche und ihre Institutionen genauso negativ gesehen
wurden, wie die Verhältnisse in der ganzen damaligen Gesellschaft. Der Gott galt als ein
„Vorbild“ des expressionistischen Menschen. Das Gedicht „Zebaoth“ von Else Lasker-
Schüler erklärt diese These:

„Gott, ich liebe dich in deinem Rosenkleide,


Wenn du aus deinen Gärten trittst, Zebaoth

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O, du Gottjüngling,
Du Dichter,
Ich trinke einsam von deinen Düften…“ (Lasker-Schüler In Pinthus, 1999, s. 199)

Im Gedicht sieht man nicht nur die Wendung zur alttestamentarischen Konnotation des
Gedichtes, sondern auch die typische expressionistische Vorstellung des Gottes als Jüngling
und als Dichter. Beide erwähnten Personaltypen (Jüngling und Dichter) werden von
Expressionisten hoch bewertet und im Gedicht als göttliche beschrieben. Noch Prinzip der
Verbrüderung ist für Expressionismus wichtig und taucht sich auch auf der religiösen Ebene
auf. Die Verbrüderung mit dem Gott äußert Kurt Heynicke im Gedicht „Lieder an Gott“:

„…Gott,
Bruder, spricht die stille Stimme in die Nacht.
Mein Bruder, alle Wahrheit ist erwacht,
aus Schutt und Asche glüht ein Flammenturm empor,
o Bruder, Menschen knien Dir am Ohr in brausenden Gebeten!
O Menschen – Gott,
gib viele Sünden, Dich zu finden!“ (Heynicke in Pinthus, 1999, s.205)

Der Mensch zeigt sich nicht schon als Gott mehr, aber es sieht so aus, als ob der Mensch den
Gott sucht. Der Gott wird als „Bruder“ beschrieben und lässt sich nicht gerade mit Mensch
verglichen. Gott ist in diesem Konzept mit Menschen verbunden, steht nicht weit von dem
einzelnen Mensch und scheint „greifbar“ für den Mensch. Deswegen ist in solchem Konzept
kein Vermittler des Gottes mehr nützlich. Durch Verbrüderung kann auch Gott
wahrgenommen werden. Der expressionistische Gott unterstützt eindeutig das Konzept des
neuen Menschen und gibt ihm eine religiöse Ebene.
Der Gott wird aber auch mit dem Geist verglichen. Der Geist ist für Expressionisten mit der
Religiösen Konnotation gefüllt. Der Geist wird nicht als Opposition zu Gott wahrgenommen,
sondern fungiert als ein Ersatz oder fungiert in Kooperation mit Gott. Der Unterschied
zwischen Gott und Geist ist wieder nicht ganz klar. Ich bin der Meinung, dass der Geist mehr
an dem Menschen verbunden ist und der Gott mehr ein selbstständiges und allgemeines
Prinzip darstellt. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es nur mein Gefühl ist. Ich bin
sogar der der Meinung, dass den Gott niemand haben oder besitzen kann. Und ich habe auch
keine Äußerung gefunden, wo der Mensch den Gott besitzt. Den Geist kann der Mensch

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schon haben oder besitzen und aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass der Geist mehr an
dem Menschen geknüpft ist. Im Gedicht von Hasenclever sieht man, dass der Mensch den
Geist verlieren und gewinnen kann und dass heißt, dass der Geist die Eigenschaft hat,
besessen worden zu sein:

„Du Geist, der mich verließ, den ich gewinne…“ (Hasenclever In Pinthus, 1999, s. 327)

Der Geist bildet mit dem Gott eine Einheit, aber es nicht so, dass der Geist ein Vermittler des
Gottes ist. Der expressionistische Geist hat wahrscheinlich tausende Erklärungen, ich bin der
Meinung, dass der Geist eine Art von Bündnis zwischen dem menschlichen Vernunft und
Gott.
Der Geist ist für die Expressionisten nicht nur eine philosophische Erscheinung, sondern hat
auch einen aktiven Hintergrund und bindet sich mit der Vorstellung der Gemeinsamkeit. Für
die Expressionisten war der Geist zugleich eine Äußerungsform Gottes gegenüber dem
Menschen, die eine Gemeinsamkeit für alle Menschen bildet. Geistige (= Menschen, die den
Geist gefunden haben) sind Menschen, die durch diese Gemeinsamkeit sich in einer besonders
großen Verantwortlichkeit gegenüber den anderen Menschen verpflichtet fühlen (vgl. Anz, s.
65).
In einigen Werken ist der Geist als ein allgemeines Phänomen beschrieben. Wie ich schon
erwähnt habe, wurden dem Geist oft göttliche Eigenschaften zugeschrieben und der Geist
wurde in einem riesigen Ausmaß verwendet. Ein schönes Beispiel ist das Gedicht „Noemi“
von Iwan Goll, wo sich der Begriff „Geist“ mehr als zwanzigmal auftaucht. Dazu verbindet
Goll den Geist mit der Religiösen Umgebung:

„…Mit deinem Geiste wirst du alle Tode der Welt verlebendigen:


Dein Geist ist Pforte zum Eden,
Dein Geist ist die Flucht nach Nirvana,
Dein Geist ist die Barke gen Elysium!
Dein Geist! Deine Erkenntnis! Dein Alleswissen!

Hör, Israel!

Dein Geist ist die glänzende Neugeburt,


Dein Geist ist der alte Gott,

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Zum Sohne der Menschheit verjüngt.
Dein Geist ist das Leben!
Hör, Israel, dein Geist ist dein Gott, dein Geist ist einzig!...“ (Goll in Pinthus, 1999, s. 272)

Die biblische Geschichte des Noemi assoziiert die Neugeburt des neuen, durch den Geist
geprägten, Menschen. Das Umgehen mit der biblischen Thematik im Bezug auf Reinigung
der Welt ist einzigartig. Jüdische Nation, die hier als eine höchst mystische und religiöse
Nation beschrieben wird, zeigt das Interesse an die abgeschossene und diskriminierte Teilen
der Gesellschaft. Die religiöse Mystik ist in diesem Gedicht nicht zu übersehen. Die
Neugeburt des neuen Menschen auf der Mystischen Art sieht man im Gedicht ganz deutlich
auf diesem Beispiel:

„…Zu Neumond will ich tanzen gehen.


Die Menschen aus ihrem Traume wecken,
Über den Städten das neue Licht anstecken.

Zu Neumond will ich auferstehen!


Den hohen Geist wie Phönix aus der Asche heben,
Dem alten Glauben den Namen Erkenntnis geben.“ (Goll in Pinthus, 1999, s. 272)

Die Neugeburt des neuen Menschen hängt mit dem Zerfall und Auferstehung zusammen. An
dieser Stelle ist der religiösen Dimension der Auferstehung zu betonen. Interessant finde ich
die Stelle, wo „dem alten Glauben den Namen Erkenntnis geben“ steht. Es hat mit
Wissenschaft oder Technik nichts zu tun. Die alten Glauben sollen wiedergefunden werden,
wieder begriffen und wahrgenommen werden, aus diesem Grund soll man dem alten Glauben
den Namen Erkenntnis geben.
Die Beschreibung der Neugeburt aus der Asche enthält den religiösen Inhalt, denn wendet
sich zu der im alten Testament geschilderte Apokalypse hin. Die Auferstehung bekommt den
mystischen Ton auch durch die Phönix-Metapher. Die Phönix-Metapher stellt die zyklische
Neugeburt dar, die für alten, mystischen Sagen und Legenden typisch ist. Zyklische
Wiederholung ist sogar typisch für das altzeitliche Denken und im Gedicht wendet sich Goll
gerade zum altzeitlichen Thema der Geschichte der Juden. Der Autor stellt sich in die Rolle
des Propheten, der persönlich „die Menschen aus ihrem Träume“ wecken will. Dieser
Messianismus ist typisch für Expressionismus im allgemein.

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Eine andere Ansicht bietet die Möglichkeit, dass der Geist Angst vor Kunstvoller und
Technischer Welt bezeichnet (obwohl einige Autoren dem Geist mehr eine schöpferische und
göttliche Konnotation geben). Die moderne Schöpfungen, wie zum Beispiel der
Massenbetrieb, müssen wieder durchgebrochen werden, denn die nur instrumentalisieren den
Menschen. Die einzige Heilungsmethode scheint für die Expressionisten der autonome und
subjektive Geist. Subjektivität des Geistes sieht man im Gedicht von Walter Hasenclever „Du,
Geist, der mich verließ“:

„Du Geist, der mich verließ, den ich gewinne,


Der tausendfältig meines Werkes harrt:
Erkämpf mich bis zum letzten meiner Sinne,
Auf einem andern Stern beginn, o Fahrt!
Ich bin von neuem in die Welt geboren…“ (Hasenclever In Pinthus, 1999, s. 327)

In diesem Gedicht ist der Geist eine völlig subjektive Erscheinung. Der Geist ist an dem
Mensch fest geknüpft und hat eine Funktion, die Welt und den Menschen zu ändern.
Die neue Religion hat einen mystischen Ton, der seltsam in der Literatur ist. Einzigartig finde
ich die Vorstellung des Geistes, der sich mit Gott vergleichen lässt, aber der Geist und der
Gott sind zwei verschiedenen Wesen. Der Gott ist von Expressionisten fast im inflationären
Ausmaß geschildert und hat eine besonders wichtige Rolle in der Expressionistischen
Literatur. Die Versuchungen die damalige Realität zu berühren und eine neue einzusetzen,
bleiben aber als Hauptmotiv in der Expressionistischen Vorstellungen auch in der religiösen
Dimension.

Schlusswort
Der neue Mensch ist eine seltsame Vorstellung in der Literatur, das ist nicht umstritten.
Einerseits scheint der neue Mensch als Utopie, anderseits bietet das Konstrukt des neuen
Menschen kein einheitliches Program und aus diesem Grund würde ich sagen, dass der neue
Mensch nur ein Vorbild oder Phantasie ist.

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Der neue Mensch ist sehr stark durch Religion beeinflusst. Unter Religion kann man aber
nicht die traditionale Religion, die an Kirche gebunden ist. Die Expressionisten haben eine
neue Art der Religion Entwickelt, die sich an alten, mystischen Sagen und Legenden wendet
und gehen dem alten Testament aus. Der neue Mensch ist ganz sicher eine religiöse Person.
Der neue Mensch ist kraftvoll, energisch und dynamisch. Er wird oft mit einem Jugendlichen
verglichen, denn Jugend als Prinzip wurde von Expressionisten positiv angesehen.
An dieser Stelle möchte ich mich auch mit der ethischen Ansicht beschäftigen, weil der,
meiner Meinung nach, Hauptpunkt des Konstrukts des neuen Menschen ist. Der neue Mensch
stellt eine starke Reduktion des Menschen an seine Menschlichkeit dar. Die Menschlichkeit
ist gerade das, was für alle Menschen gemeinsam ist und daraus entwickelt sich die
Bestregung nach Verbrüderung. Ich denke, dass diese Vorstellung revolutionär ist, weil sie
eine integrative Funktion hat und zu Toleranz führt. Die Expressionisten haben durch den
neuen Menschen ein grundsätzliches Vorbild für die ganze Gesellschaft gefunden, das
wirklich integrativ fungieren kann, weil das gemeinsame für alle Menschen gerade die
Menschlichkeit gestellt wurde. Das Problem ist, dass die Expressionisten den Begriff
Menschheit nur als lose Formel benutzt haben, ohne dieses Konstrukt der Verbrüderung ins
reale Leben überzuführen. Ob es eigentlich überhaupt möglich ist, bleibt also von
Expressionisten unbeantwortet.
Ich bin der Meinung, dass dieses Konstrukt revolutionär ist, weil es aus den für den Menschen
natürlichen Voraussetzungen ausgeht. Es ist das erste mal, was man ein allgemeines Prinzip
aufgrund der Menschlichkeit überhaupt gesucht und gefunden hat. Ein weiterer Schritt haben
die Expressionisten nicht geschafft, aber sowieso ist das Schaffen der neuen Gesellschaft
schon eine großartige Leistung.
Ich bin darüber überzeugt, dass diese Idee nicht nur idealistisch ist, sondern hat auch
praktische Wirkungen, wenn man diese Idee ein Bisschen genauer eingeht. Diese Idee heiß,
dass man das Gemeinsame suchen soll und nicht das, was die Gesellschaft zersplittert. Das ist
auch für die heutige Gesellschaft wichtig, weil wir in einem Staat mit vielen Kulturen leben,
und damit wir friedlich nebeneinander leben können, müssen wir einige gemeinsame Regeln
stellen, die wir alle respektieren werden. Und dieses Prinzip kann man auch auf
zwischenstaatliche Beziehungen übertragen und damit es keine Kriege mehr gäbe.
Natürlich ist diese Vorstellung sehr naiv, aber anderseits ist es besser naiv zu sein, etwas
Gutes durchsetzen wollen, als nur einfach zu Hause zu bleiben und nichts zu machen!

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Literatur
ALMAI, FRANK: Expressionismus in Dresden. Dresden: Eduard Richter & Co, 2005. ISBN
3-935712-20-0
ALMAI, FRANK: Reader - Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft.
Dresden. 2007

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ANZ, THOMAS: Literatur des Expressionismus. Stuttgart: Metzler, 2002. ISBN 3-476-
10329-3
KESSIDI, FEOCHARIJ CHARLAMPIJEVIČ: Hérakleitos. Praha: Svoboda, 1. vydání, 1985.
KUBIN, ALFRED: Die andere Seite. München: Georg Müller, 1990. ISBN 3-89409-051-0
PINTHUS, KURT: Menschheitsdämmerung. Berlin: Rowohlt, 1999. ISBN 3-499-45055-0
RHEINER, WALTER: Kokain. Dresden: Dresdner Verlag, 1918.
SOKEL, WALTER H.: Der Literarische Expressionismus. München: Albert Langen, Georg
Müller Verlag, 1970.
VIETTA, SILVIO/KMPER, HANS-GEORG: Expressionismus. München: Wilhelm Fink
Verlag, 1975.

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