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Jiddische Etymologie

Chapter · January 2002

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Georg Schuppener
University of Leipzig
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Sonderdruck aus

Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Philologisch-historische Klasse Band 76 Heft 4

Das Wort in Text und Wörterbuch

Herausgegeben von
Irmhild Barz, Ulla Fix und Gotthard Lerchner

liii
liii
Verlag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig In Kommission bei S. Hirzel Stuttgart/Leipzig
GEORG SCHUPPENER

Jiddische Etymologie
Ein Forschungsdesiderat der Lexikographie

Voraussetzungen
Für nahezu alle größeren europäischen Sprachen existieren, zum Teil schon sehr lange,
ausführliche etymologische Wörterbücher; meist liegt sogar eine Vielzahl von solchen
vor. Hinsichtlich des Jiddischen ist die Situation gänzlich anders. Obgleich vor dem
2. Weltkrieg schätzungsweise 10 bis 12 Millionen Menschen Jiddisch als Muttersprache
hatten (Best 1988, 28f.) und damit Jiddisch nach Englisch und Deutsch die dritthäufigst
gesprochene germanische Sprache war und selbst heute noch mehrere Millionen Men-
schen Jiddisch sprechen, fehlt für diese Sprache ein etymologisches Wörterbuch bislang
gänzlich.
Abgesehen von dem Fehlen eines einschlägigen Wörterbuches befindet sich auch die
etymologische Forschung zum Jiddischen weitgehend noch im Anfangsstadium. Erste
Schritte sind getan, wenngleich sie sich im lexikographischen Bereich auf die Markierung
bzw. Sammlung von Wörtern gleicher oder ähnlicher sprachlicher Herkunft beschränken.
So kennzeichnet Lötzsch u. a. jene Wörter, die aus dem Slawischen stammen (Lötzsch
1990), wobei auch hier die wesentliche Forschungsarbeit noch zu leisten ist, nämlich die
Angabe der konkreten einzelsprachlichen Herkunft, die Analyse der Übernahmeprozesse
und der semantischen Entwicklung speziell im Kontext des Jiddischen. Vor wenigen
Jahren erschien ein Wörterbuch aller Begriffe und Wendungen hebräischen und aramäi-
schen Ursprungs im Jiddischen (NiborskifNeuberg 1997), jedoch bleibt auch in diesem
Bereich die spezifisch jiddische semantische, syntaktische und wortbildnerische Ent-
wicklung noch näher zu untersuchen.
Populäre Darstellungen zum Jiddischen, (z. B. Best 1988, Rosten 1971, 537ff.) be-
schränken sich, wenn überhaupt, darauf, an Hand der Nennung einiger Beispiele zu
illustrieren, daß sich im Wortschatz des Jiddischen neben lexikalischen Bestandteilen
vorwiegend deutschen oder allgemeiner germanischen Ursprunges weiterhin solche he-
bräischen (bzw. aramäischen), slawischen sowie in geringem Maße romanischen Ur-
sprungs finden lassen. Angesichts des Anspruchs, einen Überblick geben zu wollen, ist
diese Beschränkung nicht verwunderlich. Doch auch in speziellerer Literatur werden die
„Elemente des Jiddischen" zwar ausführlicher behandelt, aber dennoch im wesentlichen
gestützt auf einige wenige exemplarische Belege. (Z. B. Bin-Nun 1973, 110 ff.) Die
diachrone jiddistische Sprachwissenschaft konzentriert sich vor allem auf die Frage nach
den sprachlichen Entstehungskontexten des Jiddischen und auf die Analyse der Entwick-
lungsgeschichte und Sprachwandelprozesse bis zur Ausformung des modernen Jiddisch.
Etymologisches wird dabei meist lediglich in belegender Form herangezogen. (Z. B. bei
176 GEORG SCHUPPENER

Eggers 1998) Eigens der Etymologie gewidmete Studien hingegen sind rar und beschrän-
ken sich auf wenige Detailfragen. (Z. B. Bar-El 1990, Schuppener 1999)
Es stellt sich natürlich die Frage nach den Gründen dieser Situation Eine monokausale
Erklärung erscheint hier nicht möglich, vielmehr treffen mehrere Faktoren zusammen
Eine sicher nicht unerhebliche Rolle spielt ein wissenschaftsgeschichtlicher Umstand
Ein Großteil der auch heute noch erhältlichen etymologischen Wörterbücher entstand
ursprünglich Ende des 19 Jahrhunderts oder in den ersten Jahrzehnten des 20 Jahrhun-
derts. Genannt seien hier nur einige Beispiele zur Illustration Kluges Etymologisches
Wörterbuch der deutschen Sprache erschien erstmals 1883 Skeats Etymological
Dictionary 1882 die Erstausgabe von Waldes Lateinischem etymologischem Wörter-
buch" ist nicht viel junger (1906) die Bande des Vergleichenden Wörterbuchs der
indogermanischen Sprachen von WaldelPokorny erschienen ab 1928 diejenigen von
W. von Wartburgs „Französischem etymologischem Wörterbuch" ab 1922, und A. Brück-
ners „Slownik etymologiczny jzyka polskiego" wurde 1927 erstmals veröffentlicht. Der
größte Teil dieser Wörterbücher wird heute noch fortgeschrieben oder auch unverändert
nachgedruckt. (Z. B. Pokorny 1994, Bruckner 1998, Kluge 1995)
Man kann zusammenfassen, daß in diesen Jahrzehnten die Grundlegung der etymologi-
schen Lexikographie in den meisten europäischen Sprachen, geschaffen wurde. In dieser
Blüteperiode der etymologischen Wörterbücher befand sich die sprachwissenschaftliche
Untersuchung des Jiddischen hingegen noch in einem Anfangsstadium, hatte sich doch
das Jiddische erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts endgültig als anerkannte Literaturspra-
che etabliert.' Daß in dieser wissenschaftshistorisch entscheidenden Phase der etymologi-
schen Forschung Impulse für die Beschäftigung mit der Etymologie des jiddischen
Wortschatzes aus der damaligen Situation heraus ausblieben, wirkt bis heute nach.
So ist bis heute eine dezidierte propädeutische Reflexion über Methoden, Ziele und
Konzepte von Forschung auf dem Gebiet der jiddischen Etymologie weitgehend noch
nicht erfolgt, was eine wichtige Voraussetzung für intensivierte etymologische Forschung
im Bereich des Jiddischen darstellen würde.
Zum Ausbleiben intensiverer Bemühungen um die etymologische Erforschung des
jiddischen Wortschatzes mag implizit zudem die (irrige) Ansicht beigetragen haben, daß,
wenn man nur die Spendersprache eines Wortes identifiziert habe, man auch die Etymolo-
gie des betreffenden Wortes im Jiddischen hinreichend genau beschreiben könne. Der
damit intendierte Rückgriff auf etymologische Wörterbücher des Deutschen, Englischen,
Polnischen, Tschechischen usf. ist jedoch nicht nur umständlich und wenig praktikabel,
sondern reicht für die etymologische Beschreibung des jiddischen Wortschatzes keines-
falls aus, zumal man in vielen Fällen ja gerade (bislang) nicht ohne weiteres die jeweilige
„Spendersprache" eindeutig identifizieren kann - man denke nur an die Frage nach dem
1 Das schließt natürlich nicht aus, daß auch in dieser Zeit bereits grundlegende sprachwissen-
schaftliche Werke zum Jiddischen entstanden. Genannt seien als Beispiele nur die beiden heute noch
bedeutsamen Werke von Mieses (,‚Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte") bzw. von Birn-
baum (,‚Grammatik der jiddischen Sprache"). (Mieses 1979, Birnbaum 1984) Auch in den vergange-
nen Jahrzehnten ist die sprachwissenschaftliche Untersuchung des Jiddischen nicht stehengeblieben.
Man denke nur an Franz J. Beraneks Bemühungen in der Nachkriegszeit in den „Mitteilungen aus
dem Arbeitskreis für Jiddistik" und in neuerer Zeit an Arbeiten der Trierer Jiddisten um Erika Timm.
Jiddische Etymologie 177

dialektalen Ursprung des Jiddischen relativ zum Deutschen (Eggers 1998, 59ff.) oder
auch an die Lexeme slawischen Ursprungs. Daß im Jiddischen zudem auch spezifische
Entwicklungen stattfanden, die aus den etymologischen Wörterbüchern der genannten
Sprachen nicht oder nur teilweise erklärlich sind, ist ein Faktum, das ein solches Verfah-
ren als unzureichend qualifiziert. Dies läßt sich relativ leicht zeigen an Hand einiger
jiddischer Beispiele, die in einer (hier nicht näher zu spezifizierenden) Beziehung zum
Deutschen stehen:
Eine wichtige Gruppe bilden diejenigen Wörter, die auch im Deutschen existierten,
dort aber heute gänzlich ausgestorben oder lediglich noch sehr eingeschränkt dialektal
gebräuchlich sind, im Jiddischen jedoch zum rezenten aktiven Wortschatz gehören, wie
beispielsweise 17)." 'Uhr', 112V 'Schwiegertochter' oder 7t7t"t 'übersetzen, erklä-
ren' (zu letzterem z. B. Grimm/Grimm 1991, Bd. 2, 1050f.). 2 Solche Wörter, die das
Jiddische konserviert hat, findet man als Lemmata in deutschen etymologischen Wörter-
büchern nur in Einzelfällen. Daneben existieren Lexeme, die zwar ebenso im Deutschen
wie im Jiddischen vorkommen, bei denen aber das Jiddische eine ältere Bedeutung
erhalten hat, wie beispielsweise bei 1?1 'müssen'. Weiterhin haben mehrere Wörter
auch im Jiddischen einen Bedeutungswandel (relativ zum Deutschen) erfahren, wie
beispielsweise 71tZY 'Gebetshaus' oder 7)7V 'sich unterhalten'. Schließlich gibt es im
Jiddischen eine nicht unerhebliche Zahl von eigenständigen Neubildungen, die das Deut-
sche nicht kennt, so u. a. 71"7'1? 'vermeiden', 'ausgewählt' usf.
Besonders häufig sind im Jiddischen auch Hybridbildungen, insbesondere mit deut-
schem und hebräischem Bestandteil, wie 7V?-7 'Muttersprache, Jiddisch',
71T'1? 'ausrotten', Adjektiv-Derivation von hebräischen Substantiva durch Suf-
figierung mit j7'l- oder auch Pluralbildungen mit hebräischen Plural-Morphem wie
'Bauern' oder '1tj1 'Doktoren'. Auch diese Entwicklungen sind spezi-
fisch jiddisch und bedürften einer eigenständigen etymologischen Beurteilung. Dies gilt
natürlich gleichfalls für Eigenheiten des Jiddischen in phonetischer oder morphemati-
scher Hinsicht, wie beispielsweise für die Entrundung, die Kontraktion von ursprünglich
-uge- zu -oj- bei 711' 'Kugel' oder auch die Diminutivbildungen auf
In allen diesen Fällen vermögen etymologische Wörterbücher des Deutschen für die
jiddischen Lexeme keine adäquate Beschreibung der etymologischen Entwicklung zu
bieten.
Die hier beschriebenen spezifisch jiddischen Sachverhalte lassen sich natürlich mutatis
mutandis auch bei den Wortschatzbestandteilen slawischen, hebräischen oder romani-
schen Ursprungs feststellen. Auch hier reicht das bislang zur Verfügung stehende Material
zur befriedigenden etymologischen Erklärung der betreffenden Formen im Jiddischen
häufig nicht aus.
Faßt man zusammen, so zeigt sich aus den dargestellten Aspekten relativ rasch, daß
Jiddisch als eigenständige Sprache zur diachronen Analyse seines Wortschatzes eines
eigenen etymologischen Wörterbuches bedarf. Etwaige gegenläufige Ansichten würden
den Status des Jiddischen als eigener Sprache negieren und implizit auf die Jahrhunderte
verbreitete Wertung von Jiddisch als „Jargon" rückführen.
2 Zu untergegangenen Wörtern im Deutschen vgl. Osman 1992. Hier finden sich weitere Wörter,
die im Jiddischen noch im aktiven Gebrauch sind.
178 GEORG SCHUPPENER

Konzeption und Realisierung


Vor diesem Hintergrund ergeben sich mehrere Fragen hinsichtlich der möglichen Reali-
sierung eines derartigen Wörterbuches. Die grundlegendste Frage ist wohl diejenige
danach, welche Ziele im Detail das Wörterbuch erreichen soll und welche Form es daher
haben soll. Mit der Klärung dessen ergeben sich natürlich unmittelbar Folgerungen für
das konkrete Vorgehen.
Definiert man die Zielgruppe, an die sich ein solches Wörterbuch richten soll, dadurch,
daß sowohl Sprachwissenschaftler wie auch inter$sierte Laien angesprochen werden
sollen, so muß das Werk in Form und Umfang als Handbuch konzipiert sein.
Hieraus ergeben sich Kriterien für den zu lemmatisierenden Wortschatz: So wün-
schenswert die Behandlung möglichst umfangreichen Wortmaterials auch sein mag, ist
doch aus pragmatischen Gründen, ebenso wie im Falle der meisten etymologischen
Wörterbücher anderer Sprachen, eine Beschränkung auf einen noch näher zu beschrei-
benden kleinen Bruchteil des Gesamtwortschatzes geboten. Alles darüber Hinausgehende
scheint vom Aufwand her in absehbarer Zeit nicht zu realisieren zu sein und wäre auch
mit dem überschaubaren Umfange eines Handbuches nicht vereinbar. 3
Es wird somit eine Auswahl notwendig, die sich, um die wichtigsten etymologischen
Fragen zum jiddischen Wortgut zumindest weitgehend beantworten und damit auch dem
Benutzer-Anspruch an ein Handbuch gerecht werden zu können, an folgenden Gesichts-
punkten orientieren muß:
Enthalten sein soll der rezent am häufigsten gebrauchte Wortschatz. Weiterhin sollen
insbesondere solche Wörter aufgenommen werden, die insofern Schwierigkeiten aufwei-
sen, als sie z. B. nicht unmittelbar auflösbar und semantisch motivierbar sind. Schließlich
soll sich das Wörterbuch vor allem auch demjenigen Teil des Wortschatzes widmen, der
speziell jiddische Spezifika, beispielsweise Neubildungen, besitzt. Grundsätzlich keine
Aufnahme als eigene Lemmata sollten leicht auflösbare Komposita finden. Häufig ge-
brauchte bzw. erklärungsbedürftige Formen sollten hingegen nach Möglichkeit unter den
Kompositionsgliedern erläutert werden. Analoges gilt für semantisch leicht motivierbare
derivierte Formen.
Auch hier lassen sich Abgrenzungsschwierigkeiten nicht vermeiden. Wie bei allen
Wörterbüchern wird sich eine letztverbindliche Motivierung nicht finden lassen und im
Einzelfall die letzte Auswahl in die subjektive Entscheidungskompetenz der Bearbeiter
fallen.
Allein schon die Auswahl eines Grundwortschatzes erweist sich auf Grund der spezifi-
schen lexikographischen Situation im Bereich des Jiddischen als durchaus auch metho-
disch problematisch: Eine empirische Auswertung der Verwendungshäufigkeit des rezen-
ten jiddischen Wortschatzes liegt nicht vor und läßt sich auf Grund des erforderlichen
Aufwandes auch nicht eigens für das etymologische Wörterbuch erstellen. Damit ver -
bleibt als praktikable Möglichkeit nur der Rückgriff auf bereits existierende Wörterbü-

Daß selbst die reine Erfassung des jiddischen Wortschatzes bisher erst in Bruchstücken geleistet
werden konnte, belegt das Schicksal des monumental angelegten Thesaurus „Groyser werterbukh".
Die Arbeit hieran harrt seit Jahren einer Wiederaufnahme, ohne daß bisher ein größerer Teil des jiddi-
schen Wortschatzes in den wenigen erschienenen Bänden erfaßt worden wäre.
Jiddische Etymologie 179

eher, was wiederum nicht unproblematisch ist. Dabei erweist sieh nicht nur als Schwierig-
keit, daß ein Vollständigkeit anstrebender Thesaurus des Jiddischen nicht zur Verfügung
steht, da das entsprechende Vorhaben „Groyser werterbukh" Fragment geblieben ist,
sondern daraus resultierend eben auch, daß man sich beim Rückgriff auf die vorhandenen
Wörterbücher implizit von deren methodischen Asgangsbedingungen und Ansätzen und
somit zugleich von den Auswahlkriterien für den behandelten Wortschatz abhängig
macht. Die unterschiedlichen Ansätze, die z. T. recht normativ sind, (z. B. Weinreich
1977) erschweren eine repräsentative Auswahl. Eine zumindest teilweise Egalisierung
dieser Unterschiede läßt sich jedoch durch die Zusammenschau möglichst vieler Wörter-
bücher anstreben.
Vor dem Hintergrund der formulierten Zielrichtung des Wörterbuches lassen sich
inhaltliche und formale Anforderungen an die Gestaltung der einzelnen Wörterbucharti-
kel formulieren: Wünschenswert ist dabei neben einer Darstellung der Etymologie des
Wortes allgemein und dem Anschluß an parallele Formen in anderen Sprachen vor allem
die Schwerpunktsetzung auf den spezifisch jiddischen Entwicklungen. Dabei muß, wie
oben bereits angedeutet wurde, außer auf semantische und phonetische Aspekte noch auf
eine Reihe anderer Punkte eingegangen werden. Hierzu gehört insbesondere auch die
spezielle graphische Repräsentation, die das Jiddische von den anderen Kontaktsprachen
(Hebräisch/Aramäisch ausgenommen) unterscheidet. 4
Weiterhin sollten syntaktische Besonderheiten, soweit sie sich an einem bestimmten
Lemma besonders manifestieren, Berücksichtigung finden; ebenso in besonderem Maße
Wortbildungen, die entweder aus formalen Kriterien, wie z. B. im Falle von speziellen
Diminutiv-Bildungen, oder auch aus Gründen ihrer besonderen semantischen Entwick-
lung beachtlich sind. Erwähnung sollten schließlich auch etwaige Entlehnungen des
betreffenden Lexems aus dem Jiddischen in andere Sprachen finden. Am Ende des
Artikels sei in Kurzform auf die (hauptsächlichen) Quellen und eventuell vorhandene
weiterführende Literatur verwiesen.
An Hand einiger Beispiele, nämlich an einigen ausgewählten Verben, die sich in ihrer
Semantik im Jiddischen signifikant von verwandten Formen im Deutschen unterscheiden,
kann hier die beschriebene Form der Artikel veranschaulicht werden. Naturgemäß handelt
es sich dabei um Entwurfsfassungen:

dt. lächeln, lachen


Jidd. ist eine
Kreuzbildung aus mhd.
smeichen „glatt streichen,
streicheln, schmeicheln",
woraus iterativ gebildet
frnhd. schmeicheln entstand,
und mhd. smielen „lächeln"
(verwandt sind eng!. smile,
4 In diesem Zusammenhang ergibt sich die unterschiedlich beantwortbare Frage, ob bei der
Darstellung transkribierte oder nicht-transkribierte Formen gebraucht werden sollen.
180 GEORG SCHUPPENER

ndl. smuylen „lächeln"). Der


spezifisch jidd.
Bedeutungsübergang von
„schmeicheln" zu „lächeln",
der von der Intension „schön
tun" nicht weit ist, wurde
u. U. im slaw. Umfeld
unterstützt durch dort
präsente ähnlich lautende
(und mit mhd. smielen
wurzelverwandte) Formen, wie
poln. imiech, tsch. ismech
„Gelächter, Spott", tsch.
smdti, smji se „lachen",
die lautlich mhd. sineichen
nahestehen. Aus dem Jidd.
ist schmeichlen in der Bed.
„lächeln, lachen" wiederum
ins Rotwelsche eingegangen.
POKORNY 1994, Bd. 1, 966ff.,
KLUGE 1995, 731, MACHEK 1997,
559f., WOLF 1993, 289,
BRÜCKNER 1998, 532

dt. dürfen, erlaubt sein


Jidd. 72Y7 schließt sich mit
Entrundung des Stammvokals
ö>.e an mhd. mögen, eine
Nebenform zu mhd. mugen,
mügen „vermögen, können,
dürfen", an. Vorgängerform
ist and. mugan, magan, das
sich wie andere parallele
germ. Formen, z. B. an.
mega, afries. muga über das
germ. Prät.-Präs. *mag
„vermag, kann" auf die idg.
Wurzel *mag h „können,
vermögen" zurückführen läßt.
Die Bedeutungsveränderung im
Dt. zu mögen „lieben,
bevorzugen" hat sich erst im
16. Jh. aus der negierten
Jiddische Etymologie 181

Verwendung nicht mögen


„nicht in der Lage sein">
„nicht wollen" ergeben.
Demgegenüber folgt die Bed.
im Jidd. der bereits im Mhd.
belegten Intension „imstande
sein, dürfen". Diese
semantische Spezialisierung
ist insbes. im Gesamtkontext
des Systems der Modalverben
im Jidd. zu erklären: Da
mhd. durfen „Grund, Ursache
haben; brauchen" im jidd.
71?1 die Bed. „müssen, sich
gehören" annahm, entstand
eine semantische Lücke, die
von 72.V7Z gefüllt wurde. Der
Gebrauch des Wortes
beschränkt sich im Jidd. im
übrigen weitgehend auf
positive Sätze, für negative
existiert mit - T'1 $ t2 eine
Komplementärform.
Die Formenbildung im Präs.
erfolgt im Jidd. anders als
im Dt. vereinfacht ohne
Vokalwechsel regulär.
WEINREICH 1977, 542, LEXER
1992, Bd. 1, 2218f., KLUGE
1995, 565, PAUL 1992, 582f.,
PFEIFER 1993, 883, EGGENSPERGER
1995, 14, SIMoN 1993, 175

dt. [nicht] dürfen


Jidd. 7'1$t2 wird nahezu
ausschließlich negiert als
negative Komplementärform zu
- T2Y72 verwandt. Das Wort
stammt vom Prät.-Präs. mhd.
turren „wagen, sich
erkühnen, dürfen"; früher
belegte Formen sind and.
giturran, as. gidurran, die
182 GEORG SCHUPPENER

wiederum auf idg. *dhers


„wagen, kühn sein"
zurückgehen. In der auch im
Jidd. vorhandenen Lautung
auf Stammvokal -o- ist das
Wort u. a. im Ungarndt.
belegt. Die Geminate -rr-
ist im Jidd. wegen der
Kontraktion der Endsilbe
unter Wegfall des tonlosen
-e- entfallen. Schon im Dt.,
wo turren Ende des 16. Jhs.
verschwunden ist, wurde das
Verb meist in Sätzen mit
negativer Satzaussage
gebraucht. Diese Verwendung
hat sich im Jidd.
verfestigt, insbes. in der
semantischen Konkurrenz von
pY73 und 7112. Bei der
Erklärung der semantischen
Entwicklung ist der jüd.
kulturelle Kontext zu
berücksichtigen, in dem in
Geboten die Bed. „nicht
wagen, sich nicht erkühnen"
näher liegt als die Negation
von 72Y7Z im Sinne von „nicht
imstande sein".
Die Bedeutungsdifferenz wird
im folgenden Phraseologismus
zum Ausdruck gebracht:
T1? '' P7 Ufl
.tW' P' ' 7-iNti
WEINREICH 1977, 601, LEXER
1992, Bd. 2, 1586f., GRIMM
1991, Bd. 2, 1743 ff.,
EGGENSPERGER 1995, 14, POKORNY
1994, Bd. 1, 259, BEEM 1992,
135

Die Beispiele zeigen in mehrfacher Hinsicht deutlich Entwicklungen, die originär jiddi-
schen Ursprungs sind und nur unter den spezifischen Entstehungs- und Entfaltungsbedin-
gungen des Jiddischen erklärbar sind: Beim Verb 71t läßt sich nicht nur die Tatsache
exemplarisch erkennen, daß Lexeme, die im Deutschen untergegangen sind, im Jiddi-
schen fortexistieren, sondern auch, daß sich von der ursprünglichen Bedeutung im Deut-
Jiddische Etymologie 183

schen aus diejenige des jiddischen Lexems eigenständig weiterentwickelt hat. Anderer-
seits ist beachtlich, daß das Jiddische die alte, noch im Mhd. vorhandene Semantik
beispielsweise bei den Modalverben erhalten hat. Das System der Modalverben im
Jiddischen hat, verglichen mit dem im Deutschen, eine eigenständige und in vielen Be-
reich abweichende Entwicklung genommen. Insgesamt sind die Modalverben im Jiddi-
schen sowohl hinsichtlich ihrer Semantik wie auch ihrer syntaktischen Funktionsbreite
erst teilweise untersucht. (Eggensperger 1995) Insofern könnte ein jiddisches etymologi-
sches Wörterbuch auch für die deutsche Sprachgeschichte ein interessantes Hilfsmittel
darstellen.
Gleichfalls wird der Einfluß der slawischen Sprachumgebung im Einzelfall deutlich.
Phonetische Eigenheiten des Jiddischen, wie die Synkopierung von Endsilben mit Schwa-
Laut, die Entrundung, Hebungen und Senkungen usf., die jeweils vor dem Hintergrund
der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Jiddischen gesehen werden müssen, sind po-
tentiell an derartigen Einträgen von Fall zu Fall belegbar. Bei der konkreten Begründung
und ursächlichen Zuordnung dieser Phänomene macht sich aber bemerkbar, daß trotz
wesentlicher Beiträge zur Sprachgeschichte des Jiddischen (z. B. Simon 1993, Eggers
1998) auf diesem Gebiet, insbesondere hinsichtlich der historischen Laut- und Formen-
lehre noch erhebliche Lücken offenstehen.
Grundsätzliche Beachtung verdient, wie beim Eintrag für 7'1$t2 bereits angedeutet,
auch der spezielle religiöse und kulturelle Kontext des Jiddischen, der insbesondere die
semantische Entwicklung zahlreicher Lexeme (vgl. nochmals 7W „Gebetshaus") we-
sentlich beeinflußt hat.

Resümee
Faßt man die Resultate zusammen, so konnten vielfältige Ansatzpunkte gezeigt werden,
für die ein jiddisches etymologisches Wörterbuch wichtige Beiträge und Erkenntnisge-
winne liefern könnte. Zugleich ließen sich aber auch die vielfältigen Schwierigkeiten
erkennen, die sich aus der in vielen Bereichen noch unzulänglichen Forschungslage
ergeben. Ohne Zweifel böte ein derartiges Wörterbuch einen nicht nur lohnenswerten,
wertvollen Beitrag zur Sprachgeschichte des Jiddischen, sondern könnte auch über das
Jiddische hinaus in vielen Fällen die Erklärung lexikalischer Zusammenhänge und Ent-
wicklungen wesentlich befördern. Schließlich könnte es auch interessante Aufschlüsse zu
kulturgeschichtlichen Details bieten.
Auf Grund der Vielzahl an Schwierigkeiten, aber auch der Vielgestaltigkeit der Her-
kunft und der Herkunftswege des jiddischen Wortschatzes ist die Realisierung eines
solchen Vorhabens nur als Gemeinschaftswerk mit entsprechender, auch finanzieller
Forschungsförderung denkbar. Bis zu einem solchen Stadium verbleiben als Möglichkei-
ten nur, exemplarische Vorstudien zu leisten und lexikalisches Material zu sichten.

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184 GEORG SCHUPPENER

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