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08.

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KOMPAKT

Gesellschaft
Der Rausch ist
ein Ventil

Mikrobiom
Sucht geht durch

ALKOHOL
Zwischen Genuss und Sucht
den Bauch

Therapie
Die Belohnungserwartung
verlernen
UNSPL ASH / PATRICK FORE
EDITORIAL IMPRESSUM
Antje Findeklee CHEFREDAKTEUR: Dr. Daniel Lingenhöhl (v.i.S.d.P.)

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Alkohol ist in unserer Gesellschaft ein ganz normales
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Leserbriefe zu kürzen.

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INHALT
04 GESELLSCHAF T
SEITE GESUNDHEIT
Der Rausch ist ein Ventil
10 Wie gesund – oder schädlich – ist Alkohol?
18 NAKL AR
Stimmt es, dass Schnaps
die Verdauung fördert?
21 R AUSCHFOLGEN
Ja, Alkohol macht lustig
23 STOFF WECHSEL
Kann man sich betrunken essen?
27 HUMANE VOLUTION
Evolution macht Menschen allergisch
SK YNESHER / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

gegen Alkohol
30 SUBSTANZMIS SBR AUCH
Biomarker für Alkoholsucht entdeckt
32 ALKOHOL UND KREBS
SEITE VORGEBURTLICHES TR AUM A A LKOHOL A BH Ä NGIGK EIT SEITE Trinken schädigt Stammzell-DNA
34 Spuren des Alkohols »Die Belohnungserwartung verlernen« 53
44 SUCHT
SOUTH_ AGENCY / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

Können Drogen beim ersten Konsum


abhängig machen?
47 R AUSCHMIT TEL
Alkoholsucht – Krankheit,
keine Charakterschwäche
SUCHTPR ÄV ENTION 60 MIKROBIOM
SEITE
Wie man Jugendliche von Alkohol 67 Sucht geht durch den Bauch
und Drogen fernhält
JUANKPHOTO / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

URBA ZON / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

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GESELLSCHAFT

DER
RAUSCH
IST EIN
VENTIL
von Steve Ayan
PEOPLEIMAGES / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

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Die Soziologin Yvonne Niekrenz von der Universität Rostock erklärt, warum kollektive
Enthemmung für viele von uns ein fester Bestandteil des Lebens ist.

F
rau Doktor Niekrenz, Sie nen ist ihr stark reglementierter, fast
haben über den rheinischen schon ritueller Charakter. Anfang und
Straßenkarneval promo- Ende des Feierns, der genaue zeitliche
viert. Was war das Ergebnis Ablauf, die Verkleidungen, der Fundus an
Ihrer Untersuchung? Liedern, die man singt – diese Dinge ge-
Ausgangspunkt war für mich die Beob- ben dem scheinbar so hemmungslosen
achtung, dass es in jeder Gesellschaft be- Rausch ein recht enges Schema vor. Das
gilt für den Karneval ebenso wie etwa für

SILKE PAUSTIAN; MIT FRDL. GEN. VON Y VONNE NIEKRENZ


stimmte Enklaven gibt, in denen die übli-
chen Regeln des Alltags vorübergehend das Fanverhalten im Fußballstadion.
außer Kraft gesetzt sind. Ob das nun das
Oktoberfest ist oder der Karneval, Fuß- Es scheint, als müsse man gerade
ballspiele oder Musikfestivals, hier Ereignissen, bei denen Menschen
kommt es regelmäßig zu »rauschhaften ihre Hemmungen fallen lassen,
Vergemeinschaftungen«, wie ich es nen- einen Rahmen geben.
ne – die Ausgelassenheit und das Über- Das ist richtig. Beim Karneval etwa wird
schreiten der sonst gültigen Konventio- viel getrunken und getanzt, man singt,
nen stiftet eine besondere Form von reißt Witze, lässt sich gehen. All das sind
Zusammengehörigkeit. Mich hat interes- Formen der Enthemmung. Solche rausch- YVONNE NIEKRENZ | (geboren 1980 in Güst-
siert, wie es dazu kommt. Laut der Aus- haften Events sind jedoch sowohl zeitlich row) studierte Soziologie und Germanistik in
wertung meiner Interviews scheinen da- als auch räumlich meist eng beschränkt – Rostock. Nach Stationen an der Universität
für feste Rahmenbedingungen besonders sie dauern maximal ein paar Tage, mit ei- Bielefeld und der Leuphana Universität Lüne-
wichtig zu sein. Ein auffälliges Merkmal nem klar definierten Ende, und sie voll- burg forscht und lehrt sie derzeit an der Uni-
von solchen außeralltäglichen Situatio- ziehen sich an bestimmten, öffentlichen versität Rostock.

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Orten. Das hat auch etwas damit zu tun, Warum tun Menschen so etwas? Es gibt viele Formen des Rauschs.
dass man umso mehr »Gas gibt«, wenn Welche Funktion erfüllt es? Haben diese einen gemeinsamen
man weiß, dass Aschermittwoch schon Für viele stellt es offenbar eine Art Ventil Nenner?
wieder alles vorbei ist. Aber nicht nur dar. Diese Metapher tauchte auch in mei- Meist werden die substanzgebundenen
Karneval ist endlich, sondern auch das nen Gesprächen im Kölner Karneval im- Rauschzustände, ausgelöst etwa durch
Leben selbst. Dieser Memento-mori-Ge- mer wieder auf. Das exzessive, ausgelas- Drogen wie Alkohol, Marihuana oder
danke – die Einsicht in die Vergänglich- sene Feiern ist für die meisten Karneva- LSD, von den nicht substanzgebundenen
keit – ist zum Beispiel in bekannten Trink- listen wie eine Art Reinigungsritual, das unterschieden. Musik, Tanz und Lichtef-
sprüchen enthalten: »So jung kommen einen von der Last des Alltags befreit. fekte auf Festen, Konzerten oder organi-
wir nicht wieder zusammen.« Und wenn Das funktioniert naturgemäß aber nur sierten Events wie Gaming Conventions
wir uns an unsere eigene Sterblichkeit er- dann, wenn irgendwann auch wieder oder auch Sportveranstaltungen können
innern, ist das oft ein wichtiger Antreiber Schluss damit ist und man wieder in den berauschend wirken. Gemeinsam haben
und steigert den Exzess. üblichen Bahnen weiterlebt – und sich solche Veranstaltungen, dass sich das In-
auf die nächste Sause im folgenden Jahr dividuum dabei als Teil eines kollektiven
In der Psychologie gibt es die freut. Ausnahmezustands erleben kann.
Terror-Management-Theorie,
wonach die Konfrontation mit der Muss man für solche Sozialforschung Ist der Rausch ein Vorrecht
eigenen Endlichkeit Menschen eigentlich selbst auch karnevals- der Jugend oder gibt es ihn in
zusammenschweißt und beispiels- begeistert sein oder haben Sie damit jedem Alter?
weise patriotischer macht. Konnten privat weniger am Hut? Viele Rauschformen sind körperlich an-
Sie das bestätigen? Ich komme aus dem karnevalsfernen strengend, es geht dabei auch um Grenz-
Unbedingt. Gerade im Karneval kann Norden und hatte für meine Forschung erfahrungen wie etwa beim Durchfeiern
man beobachten, wie sich vollkommen eine gute wissenschaftliche Distanz, mit oder beim nächtelangen Computerspie-
Fremde in den Armen liegen und den Mo- der ich ganz unvoreingenommen fragen len. Das geht an die Substanz und wird
ment zelebrieren. Die Gemeinschaft der konnte, wie dieses Spektakel eigentlich entsprechend eher von jungen Leuten
Feiernden ist für kurze Zeit wie eine gro- funktioniert. Die Menschen im Rhein- praktiziert, die sich schneller wieder da-
ße, glückliche Familie. Das schließt aber land haben mir mit ihrer herzlichen Of- von erholen können. Es gibt allerdings
keine Verpflichtungen ein. Nach dem Fest fenheit alles beantwortet und mich zum durchaus auch den »seniorengerechten«
geht jeder seiner Wege. Feiern mitgenommen. Rausch – das sind dann meinetwegen

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die Wagner-Festspiele in Bayreuth oder sentiment gegenüber anderen. Rausch-
Stammtischrunden. hafte Vergemeinschaftungen sind inso-
Enthemmung fördert nicht
fern ambivalent, sie können den Einzel- nur originelle Gedanken,
Sie haben die Ventilfunktion ange- nen mitunter zu Verhalten anstiften, das
sprochen. Gibt es weitere gesell- derjenige, nüchtern betrachtet, gar nicht
sondern auch Impulse, die
schaftliche Funktionen des Rauschs? gutheißt. Exzessiver Alkoholgenuss etwa sonst durch soziale
Nun, die genannten Ereignisse haben oder auch gewalttätiges Handeln. Bei al-
häufig einen gemeinsamen Nenner: Sie len positiven Aspekten des Rauschs gilt es Konventionen gedeckelt
stiften Gemeinschaft. Statt sich allein zu darauf zu achten, dass Menschen sich und werden
Hause einem Rausch hinzugeben, hat es anderen dadurch nicht allzu sehr scha-
schon eine besondere Note, gemeinsam den. Auch aus diesem Grund sind feste
mit anderen ein Konzert oder Happe- Regeln und Grenzen wichtig. Nicht um-
ning zu erleben. Man fühlt sich dabei sonst gibt es eine ganze Reihe von Regeln
häufig als Teil eines größeren Ganzen. und Ritualen wie etwa den Karneval, die
Für jüngere Menschen steckt darin meist helfen können, den Rausch zu regulieren.
auch ein Moment der Identifikation.
Man gehört eben zu diesen oder jenen Rausch führt zu einer Enthemmung,
Musikfans. Menschen bekommen hier die mal kreative Ideen freisetzt und
eine Vorstellung von gemeinschaftli- mal dumpfen Vorurteilen und Gewalt
chem Zusammenhalt. zum Ausbruch verhilft. Wovon hängt
das ab?
Steckt darin nicht immer auch Das ist schwer zu beantworten. Sicherlich
ein Moment der Abgrenzung von an- spielen dabei der Kontext und die Erwar-
deren, bis hin zu den einander feind- tung eine große Rolle. Wer wie zum Bei-
lich gesinnten Lagern verschiedener spiel die Beat-Literaten der 1960er Jahre
Fußballklubs oder benachbarter unter Drogeneinfluss künstlerisch pro-
Karnevalshochburgen? duktiv sein will, hat im Rausch eben meist
Ja, mit dem Wir-Gefühl wächst meist auch andere Offenbarungen als etwa Rocker
das Trennende, manchmal sogar das Res- bei kollektiven Trinkriten. Natürlich wer-

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den durch Enthemmung nicht nur origi- oder auch einer lokal definierten Ge- Regeln – selbst wenn dies lediglich rituel-
nelle Gedanken oder Assoziationen ge- meinschaft. le Festlegungen sind.
fördert, sondern auch Impulse, die sonst
durch soziale Konventionen gedeckelt Sollten wir offener mit Leben wir aber nicht in einer Zeit,
werden. So können sich rassistische Aus- Rauschzuständen umgehen? die den Rausch zur Pflicht, gar zum
fälle oder andere höchst bedenkliche Ten- Der jüngste Drogen- und Suchtbericht Dauerzustand erhebt?
denzen Bahn brechen. Für die Dauer des der Bundesregierung weist deutlich dar- Rausch bedarf per Definition auch Pha-
Rauschs wird das mitunter geduldet – auf hin, welches Gefahrenpotenzial etwa sen der Nüchternheit. Permanenter
nach dem Motto: Lass den nur reden, der in der Legalisierung von weichen Drogen Rausch ist Sucht, also pathologisch. Wer
ist doch besoffen. Aber Rauschzustände wie THC liegen kann. Ich denke, das sollte sich allabendlich betrinkt oder andau-
bergen eben eine Gefahr, die man nicht man auf keinen Fall vergessen. Viele ernd in Onlinespielen den Kick sucht, hat
aus dem Blick verlieren sollte. Substanzen sind an sich verboten, der ein Problem und braucht meist Hilfe. Die
Konsum geringer Mengen wird aber ge- wachsende Zahl an Verhaltenssüchten
Viele Rauschzustände könnte man duldet oder zumindest nicht strafrecht- weist darauf hin, dass wir in der heutigen
auch allein im stillen Kämmerlein lich verfolgt. Die mit Abstand verbrei- Gesellschaft dafür zumindest stärker
herbeiführen, warum praktizieren wir tetste Droge, der Alkohol, ist dagegen na- sensibilisiert sind. Die »Festivalisierung«
das dennoch eher in Gemeinschaft? hezu frei zugänglich. Zwar gibt es ein des modernen Lebens wurde von Sozio-
Rausch dient oft dazu, Gesellschaft im Abgabeverbot an Minderjährige und logen bereits vor einiger Zeit diagnosti-
Kleinen zu erproben. Gesellschaft ist ja mancherorts kommt man nach 22 Uhr ziert. Sie wird erstens dadurch getrieben,
zunächst etwas sehr Abstraktes. In sol- nicht mehr so leicht an Alkohol heran, dass der Rausch zu einem riesigen lukra-
chen Vergemeinschaftungen wie beim aber die gesundheitlichen und gesell- tiven Markt geworden ist. Man überhäuft
Karneval wird dies in konkret Erfahrba- schaftlichen Schäden durch Alkohol sind uns mit Angeboten, uns zu berauschen.
res überführt. Das ist wichtig für den so- schon immens. Es ist durchaus sinnvoll, Zweitens haben Erlebnisse dem materi-
zialen Kitt. Das bedeutet, wir fühlen uns die Verfügbarkeit insbesondere des subs- ellen Besitz vielfach den Rang abgelau-
in diesem Ausnahmezustand der jewei- tanzgebundenen Rauschs zu regulieren. fen, was das soziale Prestige angeht. Wir
ligen Gruppe besonders verbunden und Um ihre guten Seiten hervorzubringen, zeichnen uns heute gegenüber anderen
identifizieren uns mit ihr, ob nun mit müssen rauschhafte Ereignisse und Zu- weniger dadurch aus, was wir haben, als
dem Sportklub oder einer Musikgruppe stände kanalisiert werden und brauchen vielmehr durch das, was wir erleben: exo-

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tische Urlaube, tolle kulturelle Events,
sportliche Verausgabung und so weiter.
Selbst Einkaufen oder zum Friseur gehen
soll heute zu einem besonderen Erlebnis
werden. Hier haben wir es oft mit einer
KOMPAKT FÜR NU
€ 4,99
R

Inflation dessen zu tun, was einmal ein


Rausch war. Das nutzt sich allerdings
schnell ab, es gibt keinen Rausch ohne
meist längere Pausen dazwischen.

BIER
Hilft uns der kleine, wohl dosierte
Rausch dabei, das Leben zu meistern?
Es hilft durchaus, sein Augenmerk auf und
die beiläufigen »Alltagsräusche« zu rich-
ten, die uns Befriedigung verschaffen.
Auch Gefühle können berauschen – etwa
die Nähe zu anderen Menschen, die An-
strengung im Sport oder der Genuss von
WEIN
Genussmittel mit Geschichte
Musik. Es müssen nicht immer die ganz
großen Erlebnisse damit verbunden
sein. 

(Gehirn&Geist, 1/2019) Met & Co. Faktencheck


Alkopops bei den Was Sie über Bier
alten Nordmännern wissen sollten

HIER DOWNLOADEN

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GESUNDHEIT

WIE GESUND
ODER SCHÄDLICH
IST ALKOHOL? von Ulrike Gebhardt

UNSPL ASH / TERRY VLISIDIS


10
Die Formel ist eigentlich einfach: Wer weniger Alkohol trinkt, lebt gesünder. In
Russland stieg die Lebenserwartung von Männern um acht Jahre, als Alkoholkonsum
durch rechtliche und praktische Maßnahmen generell eingeschränkt wurde.
Wie viel Alkohol ist okay?

Ü
Gefühlslage, die Aufmerksamkeit. Alko-
ber den Kater ist wissen-
schaftlich noch recht wenig hol, chemisch Ethanol, aktiviert aber
»Die Einnahme von
bekannt. Was hingegen auch Nervenzellen im Belohnungszent- Alkohol ist legal, jeder
ziemlich sicher ist: Auch rum unseres Gehirns. Endorphine und
das eine Glas Rotwein am Dopamin werden ausgeschüttet, eupho-
kann sich zu Tode saufen,
Tag ist nicht gesund. Was ist sonst noch rische Glücksgefühle stellen sich ein. Ein ohne mit dem Recht in
Konflikt­zu­kommen«
wichtig zu wissen über unser Leben und Kick, den der Körper immer wieder ha-
Sterben mit dem Alkohol? ben will, der Weg in die Sucht ist kurz.
»Die Einnahme von Alkohol ist legal, (Josef Aldenhoff)
1. Welche Schäden verursacht er? jeder kann sich zu Tode saufen, ohne mit
Von der Geburt bis zum Leichen- dem Recht in Konflikt zu kommen«,
schmaus – Alkohol ist allgegenwärtig; schrieb der Kieler Psychiater Josef Alden-
nicht nur bei den wichtigen Stationen im hoff vor einigen Jahren. Aldenhoff be-
Leben, sondern auch im Alltag. Alkohol schreibt den (immer noch aktuellen) pa-
regt an, entspannt, macht gesellig. Kaum radoxen Zustand einer Gesellschaft, in
geschluckt, überwindet er innerhalb we- der andere Drogen – pharmakologisch
niger Minuten die Blut-Hirn-Schranke nicht unbedenklich, aber weniger toxisch
und beeinflusst die Kommunikation der als Alkohol – illegal seien.
Nervenzellen. Die Wahrnehmung verän- Laut Zahlen der WHO stirbt auf der
dert sich, das Reaktionsvermögen, die Welt alle zehn Sekunden ein Mensch an

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den Folgen von Alkohol. Einer von 20 To-
desfällen wird durch Alkohol verursacht. Verkatert
Die Deutschen liegen mit ihrer Freude an
einem Getränk, das zwar Geselligkeit
stiften mag, aber genauso tiefste Einsam-
keit und Isolation sowie direkt und indi-
rekt über 200 Krankheiten verursacht,
mit dem Konsum von 13,4 Litern purem
Alkohol pro Kopf pro Jahr (Altersgruppe
über 15 Jahre) in der Spitzengruppe.
Ein kleiner Teil des Alkohols kommt

THE VISUALSYOUNEED / STOCK.ADOBE.COM


unmittelbar nach dem Schlucken über die
Schleimhäute im Mund, die Speiseröhre
und den Magen ins Blut. Der größte Teil
wird über den Dünndarm aufgenommen.
Alkohol ist wasserlöslich und verteilt sich
rasch im Körper, der zum Großteil aus
Wasser besteht. Je mehr Alkohol getrun-
ken wird, desto stärker wird der Körper
mit der giftigen Substanz konfrontiert, lichkeit und Funktion überall im Körper Alkohol ist ein Nervengift, Nervenzel-
die hauptsächlich die Zellmembranen mit einer Fülle an Folgen. Besonders hart len im Gehirn und in der Peripherie ge-
schädigt. Die Membranen umgeben jede kann es beispielsweise die Zellmembra- hen kaputt, Konzentration und geistige
Zelle als schützende Hülle, ermöglichen nen in der Dünndarmwand treffen, deren Leistungsfähigkeit insgesamt schwinden,
die Kommunikation des Innen mit dem hauptsächliche Aufgabe es ist, Nährstoffe Sprache und Gang werden unsicher. Al-
Außen über Rezeptoren, Poren und Sig- aus dem Verdauungsbrei aufzunehmen. kohol schädigt die Gefäße und das Herz.
nalmoleküle und sind das entscheidende Der Alkohol bringt hier einiges durchein- Der Blutdruck steigt, der Rhythmus gerät
Strukturelement in einem Organismus. ander, so dass es auf lange Sicht zu einer aus dem Takt, das Risiko für eine Herz-
Alkohol verändert die biologischen Unterversorgung mit Lebenswichtigem schwäche wächst. Alkohol schädigt das
Membranen, beeinträchtigt ihre Beweg- kommen kann. ungeborene Kind, senkt die Fruchtbar-

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keit des Mannes. Alkohol schädigt die Brustkrebs zu erkranken. Erst vor Kur-
»Bezogen auf das Bauchspeicheldrüse, die sich entzünden zem haben Forscher von der University
Suchtrisiko kann man und vernarben kann. Sie produziert da- of Cambridge herausgefunden, warum
durch weniger Verdauungsenzyme und schon wenig Alkohol gefährlich ist. Das
nicht sagen: Wenn Insulin, ein Diabetes kann entstehen. Molekül Azetaldehyd, das beim Abbau
du jeden Tag nicht In der Leber wird der Alkohol mit Hilfe von Ethanol anfällt, kann die DNA direkt
von Enzymen abgebaut. Dabei entsteht schädigen, Doppelstrangbrüche auch an
mehr als soundso viel als Zwischenprodukt zunächst Azetalde- der Erbsubstanz von Stammzellen ver-
trinkst, bist du auf der hyd, das noch giftiger ist als das Ethanol ursachen und damit eine Tumorent-
selbst und ebenfalls die Zellmembranen wicklung anstoßen beziehungsweise be-
sicheren Seite« schädigt. Die Leber kann bei starker Be- schleunigen.
(Falk Kiefer) lastung verfetten, sich entzünden, ver-
narben. An einer durch Alkohol verur- 2. Gibt es »unproblematische« Mengen?
sachten Leberentzündung sind Bakterien Wie viel sollten Frauen oder Männer
der Sorte Enterococcus faecalis beteiligt. Sie maximal trinken, wenn sie trinken?
können, wie Forscher der University of »Es gibt keinen Alkoholkonsum ohne Ri-
California in La Jolla herausgefunden ha- siko, aber es gibt einen risikoarmen Kon-
ben, bis zur Leber vordringen, weil der Al- sum«, sagt Jürgen Rehm vom Institut für
kohol die Darmwand löchrig gemacht hat. klinische Psychologie und Psychothera-
Der Alkoholkonsum ist nach Zahlen pie an der technischen Universität Dres-
der WHO für 4 bis 25 Prozent aller Krebs- den. Sein Kollege Michael Soyka, Neuro-
fälle weltweit verantwortlich. Betroffen loge, Psychiater und Suchtexperte an der
sind hier nicht nur die Leber, die Bauch- Klinik Chiemseeblick sieht das genauso:
speicheldrüse, Mundhöhle, der Rachen, »Die Grenzwerte für einen risikoarmen
der Kehlkopf, die Speiseröhre, Dick- und Konsum wurden über die Jahre immer
Enddarm, sondern auch das Blut bilden- weiter abgesenkt und liegen derzeit bei
de System und die weibliche Brust. Schon 20 bis 24 Gramm Alkohol pro Tag für
geringe Mengen an Alkohol erhöhen bei- Männer, was etwa zwei kleinen Gläsern
spielsweise das Risiko für Frauen, an Bier entspricht und 12 bis 16 Gramm Al-

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kohol pro Tag für Frauen, die in einem Wein. »Die Leute trinken mehr. Etwa 9,5
Glas Wein enthalten sind.« Millionen Deutsche (Alter: 18 bis 64) trin-
»Selbst wenn es einen
Fast alle Folgen des Alkoholgenusses ken so viel Alkohol, dass sie dadurch lang- gesundheitsfördernden
unterliegen einer klaren Dosis-Wirkungs- fristig ihre Gesundheit gefährden, über
Kurve. Eine Untersuchung im Fachmaga- 1,8 Millionen sind alkoholabhängig«, sagt
Effekt des Alkohols geben
zin »The Lancet« hat das erst im letzten Jürgen Rehm. würde, ist dieser irrelevant
Jahr anhand der Daten von fast 600 000 Auch bei der Behandlung einer Alko-
Menschen bestätigt und einen neuen ge- holsucht sei eine Alkoholabstinenz na- für die Gesundheit einer
schlechterübergreifenden Richtwert von türlich das Idealziel, um das Risiko für Gesamtbevölkerung«
sogar nur 100 Gramm Alkohol pro Woche Folgeschäden zu minimieren, ergänzt
festgelegt, immerhin ein Glas Wein pro Falk Kiefer. Was aber, wenn die Betroffe- (Jürgen Rehm)
Tag. Die Botschaft der Wissenschaftler nen dazu nicht bereit sind, was bei neun
um Studienleiterin Angela Wood: Je weni- von zehn der Männer und Frauen der Fall
ger man trinkt, desto besser ist es für die ist? »Wenn ich an dieser Stelle sagen wür-
Gesundheit. de, ich behandele Sie nicht, ist das in etwa
Das Gleiche gilt auch für das Risiko, in so, als wenn ein Arzt einem Diabetiker
eine Abhängigkeit zu geraten. Natürlich sagen würde, ich behandele Sie nur, wenn
gäbe es einen deutlichen Zusammenhang Sie Sport treiben und sich gesund ernäh-
zwischen der Menge beziehungsweise ren«, beschreibt Kiefer das Dilemma. In
der Dauer des Alkoholtrinkens. »Doch der Klinik, in der Kiefer Entwöhnungs-
bezogen auf das Suchtrisiko kann man programme anbietet, würde daher in der
nicht sagen: Wenn du jeden Tag nicht ambulanten Betreuung bei mehreren zu-
mehr als soundso viel trinkst, bist du auf nächst mit einer Verringerung des Alko-
der sicheren Seite«, erklärt Falk Kiefer holkonsums gestartet. »Bei einigen Be-
vom Zentralinstitut für Seelische Ge- troffenen funktioniert das, besonders in
sundheit in Mannheim. der frühen Phase der Sucht, sehr gut«,
Das Hauptproblem in Deutschland sagt Kiefer. Unterstützende Gespräche
und auch anderswo auf der Welt liegt je- würden stattfinden, Ziele besprochen
doch ohnehin nicht bei dem einen Glas und in manchen Fällen Medikamente

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verabreicht. »Diese Medikamente gehö- fragten in großen Bevölkerungsgruppen. designs aufgetreten waren, drehten sich
ren zur Gruppe der so genannten Opiat- Daraus würde dann geschlussfolgert, wer die Aussagen um 180 Grad. Ein modera-
antagonisten, die bewirken, dass der Al- so oder so viel trinke, habe ein geringeres ter Alkoholkonsum hatte danach keinen
kohol weniger auf das Belohnungszent- Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreis- positiven Effekt mehr auf die Gesund-
rum in unserem Gehirn wirkt«, erklärt lauf-Systems, für Demenz, Osteoporose, heit. Er verringerte beispielsweise das Ri-
Kiefer. Altersdiabetes oder gar eine niedrigere siko für eine koronare Herzerkrankung
Sterblichkeit. und die Sterblichkeit nicht mehr.
3. Was ist mit der (angeblich) Soykas zweiter Kritikpunkt: Für die »Selbst wenn es einen gesundheits-
gesundheitsfördernden Wirkung von Aussagekraft der epidemiologischen Stu- fördernden Effekt des Alkohols geben
zum Beispiel Rotwein? dien zur Frage des gesundheitlichen Nut- würde, ist dieser irrelevant für die Ge-
Das berühmte Gläschen Rotwein am zens eines geringen Alkoholkonsums sei sundheit einer Gesamtbevölkerung«,
Abend wird gelegentlich genannt, wenn die Vergleichsgruppe entscheidend, also sagt Jürgen Rehm. Weltweit sterben laut
hochbetagte Menschen nach dem Rezept die Menschen, die keinen Alkohol trin- Rehm jedes Jahr drei Millionen Men-
für ein langes Leben befragt werden. Der ken. In Deutschland sind das etwa sieben schen an Alkoholkonsum, die durch Al-
Alkohol ist laut dem Stand der Wissen- Prozent der Bevölkerung. In dieser Grup- kohol verhinderten Todesfälle dagegen
schaft sicher nicht der Faktor, der diesem pe befinden sich häufig Menschen, die seien, wenn überhaupt, verschwindend
Ritual einen womöglich gesundheitsför- aus gesundheitlichen Gründen (zum Bei- gering. Rehm macht nicht nur in Dres-
dernden Effekt verleiht. »Ich halte es spiel als trockene Alkoholiker) keinen Al- den, sondern auch in Toronto und Mos-
nicht für belegt, dass Alkohol einen posi- kohol trinken. Ist die Gesundheit dieser kau epidemiologische Studien zum Al-
tiven Effekt auf die Gesundheit hat«, sagt Vergleichsgruppe also ohnehin schon an- koholkonsum. Wenn Menschen weniger
Michael Soyka. geschlagen, sind Aussagen über die posi- Alkohol trinken, steige die Lebenserwar-
Studien, die einen gesundheitsfördern- tiven Auswirkungen des moderaten Trin- tung, das könne man gerade eindrück-
den Effekt nachwiesen, hält Soyka aus kens in der Alkoholgruppe zweifelhaft. lich in Russland beobachten. Hier konnte
mindestens zwei Gründen für zweifelhaft. Metaanalysen von kanadischen, US- der Alkoholkonsum in den letzten Jah-
Zum einen: »Bei diesen Studien handelt es amerikanischen und australischen Wis- ren (durch Maßnahmen wie Erhöhung
sich nicht um Therapiestudien, wo gezielt senschaftlern unterstützen Soykas Skep- des Preises, der Steuern und verringerter
bestimmte Alkoholmengen getestet wer- sis. Bereinigten die Forscher die Daten in Ladenöffnungszeiten) um mehr als ein
den.« Stattdessen beruhten die Ergebnisse diesen Analysen um statistische Verzer- Drittel gesenkt werden. »Die Folge: Bei
auf subjektiven Konsumangaben der Be- rungen (»Bias«), die wegen des Studien- den Männern stieg die Lebenserwartung

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in dieser Zeitspanne um acht Jahre«, be- serentzuges, wie häufig angenommen
richtet Rehm. wird. Vielmehr seien die Symptome (die
sechs bis acht Stunden nach dem Zechen
»Je höher die 4. Was bedeutet ein Kater? auftreten, dann nämlich, wenn der Alko-
Am Morgen danach sieht die Welt meist holgehalt im Körper wieder gegen null
Alkoholverträglichkeit gar nicht mehr so rosig aus. Übelkeit, tro- geht) ein Zeichen für die Aktionen des
ist, umso höher ist das ckener Mund, Zittrigkeit, Herzklopfen, Immunsystems. Dieses reagiert offenbar
Müdigkeit sind nur einige der bis zu 50 ver- mit einer Entzündungsreaktion auf den
Risiko, eine Abhängigkeit schiedenen Symptome eines Katers. Dass starken Alkoholkonsum. Der Körper
zu entwickeln« der Kater auch die Hirnleistung beein- wehrt sich. Übelkeit und Erbrechen sind
trächtigen kann, die Konzentration, das Hinweise, dass der Organismus den gifti-
(Falk Kiefer) räumliche Vorstellungsvermögen, plane- gen Alkohol und seine Stoffwechselpro-
risches Vorgehen, ist weit weniger offen- dukte möglichst schnell wieder loswer-
sichtlich, kann jedoch im Beruf oder Ver- den will.
kehr zu gefährlichen Situationen führen. Wie viel Alkohol notwendig ist, um ei-
Die sozioökonomischen und gesund- nen Kater zu verursachen, variiert von
heitlichen Folgen des Katers würden er- Mensch zu Mensch und ist von der Tages-
heblich unterschätzt, sowohl von der wis- form abhängig. Wer viel »abkann«, ist ge-
senschaftlichen Community als auch von fährdet. »Je höher die Alkoholverträg-
politischen Entscheidungsträgern, sagt lichkeit ist, umso höher ist das Risiko,
Joris Verster von der Abteilung Pharma- eine Abhängigkeit zu entwickeln«, sagt
kologie an der Universität Utrecht. Ver- Falk Kiefer. Ob der Alkohol bei Menschen
ster ist einer der wenigen Forscher, die mit einer höheren Schwelle oder gar Ka-
sich mit dem Kater beschäftigen, einem terresistenz besonders schnell abgebaut
Phänomen, über das wissenschaftlich er- wird, ist umstritten. Eine Studie vom letz-
staunlich wenig bekannt ist. ten Jahr, die Joris Versters Team aus Ut-
Versters Forschungsarbeiten zufolge recht durchgeführt hat, zeigt jedenfalls,
ist der Kater gar nicht so sehr die Folge ei- dass der Alkohol bei Testpersonen relativ
nes durch den Alkohol verursachten Was- gleich schnell verstoffwechselt wurde, ob

16
sie nun einen Kater bekamen oder nicht. Katers nur ungenügend verstehe. Natür-
Die Strategie »Bier auf Wein, das lass
sein – Wein auf Bier, das rat ich dir«, eig-
lich können einige Medikamente Symp-
tome des Katers, Kopfschmerzen, Übel-
KOMPAKT
net sich nicht, einen Kater zu vermeiden. keit, gezielt verringern. Sie sind aber
In einer Studie an der Universität Witten/ nicht in der Lage, das gesamte Erschei-
Herdecke mit 90 Teilnehmern veränderte nungsbild des Katzenjammers, inklusive
sich durch die Reihenfolge des Trinkens Schläfrigkeit und Erschöpfung, effektiv
zumindest nichts an den Katersympto- anzugehen.
men. Wer zu viel trinkt, bekommt einen Obwohl es ein vielfältiges Produktan-
Kater, an dieser Wahrheit ändert auch die
Reihenfolge nichts. Der einzig zuverläs-
gebot für Katergeschädigte gibt – Pflan-
zenextrakte, Heilkräuter, Mineralstoffe,
GEFÜHLTE
sige Weg, um vorherzusagen, wie man
sich am nächsten Tag fühlen werde, sei
Vitamine –, fehlen robuste wissenschaft-
liche Beweise für eine tatsächliche Wirk-
WAHRHEIT
Von Pseudowissenschaft
der Grad an Betrunkenheit, die man spü- samkeit. Hilfreich könnten Wirkstoffe und Verschwörungstheorien
re, sagt Jörn Köchling, der Erstautor der sein, die die Entzündungsreaktion, also
Studie. Jeder, der trinkt, sollte die Warn- etwa die Prostaglandinproduktion, hem- Chemtrails & Co
8 Fakten zu
hinweise seines Körpers nicht beiseite- men oder solche, die den Abbau von Al-
Verschwörungstheorien
schieben. kohol im Körper unterstützen. Wer sei-
nen Körper generell gut mit Zink (enthal- Fake News
Täuschend echt?
5. Kann man medikamentös ten besonders in Fleisch, Schalentieren,
etwa gegen den Kater tun? Linsen, Bohnen) und Niacin (Vitamin B3, Alternativmedizin
Die Suche nach einem Heilmittel gegen enthalten in Fleisch, Fisch, Geflügel, Avo- Die Denkfehler
der Homöopathie
den Kater ist wohl so alt wie der Zustand cados, Erdnüssen, Vollkorn, Pilzen) ver-
selbst. Wo einst der Rollmops herhalten sorgt, unterstützt die Alkohol abbauen-
musste, sind es heute Anti-Hangover- den Enzyme optimal. Das sicherste Re-
Shots. Dabei: »Zurzeit gibt es keine effek- zept gegen einen Kater ist und bleibt
tive Behandlungsmethode eines Katers«, allerdings: keinen Alkohol trinken. 
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schreibt Joris Verster. Der Hauptgrund FÜR NUR
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dafür sei, dass man die Pathogenese eines (Spektrum – Die Woche, 50/2019)
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CATL ANE / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

NAKLAR

STIMMT ES, DASS SCHNAPS


DIE VERDAUUNG FÖRDERT?
von Uta Schindler

18
Tja nun, die Antwort ist recht eindeutig: Anstatt sie zu fördern, bremst Alkohol die Verdauung.
Das Gleiche gilt für den allseits bekannten Absacker. Positive Effekte – wie ein vermindertes
Völlegefühl – sind nur einem zuzuschreiben: dem Placeboeffekt. Wer seine Verdauung
unterstützen will, greift ihr am besten schon vor dem Essen unter die Arme: mit Bitterstoffen,
die dann durchaus auch in Kräuterschnapsform als Digestiv zugeführt werden dürfen.

F
ür viele ist er nach einem opu- Die Schweizer Forscher hatten dafür die Reizweiterleitung und bremst so die
lenten Festmahl obligatorisch: die Verdauung ihrer 20 Versuchsteilneh- Muskelbewegungen des Magens, die den
der Schnaps danach, von den mer untersucht, nachdem sie ihnen Kä- Nahrungsbrei durch den Verdauungsap-
Schweizern liebevoll »Verdau- sefondue, Brot und Getränke (mit oder parat transportieren.
erli« genannt. Schon die Mön- ohne Alkohol) serviert und danach ent- Ernsthafte, auch wissenschaftliche Be-
che im Mittelalter, die die Spirituosen- weder 20 Milliliter Schnaps oder Wasser mühungen zur Aufklärung des Zusam-
produktion perfektionierten, sahen in gereicht hatten. Zwar konnten die Wis- menhangs »Alkohol« und »Verdauung«
dem Hochprozentigen kein berauschen- senschaftler einen kurzfristigen, allge- werden seit geraumer Zeit unternommen.
des Genuss-, sondern ein Heilmittel. Ver- mein entspannenden Effekt auf die Pro- So beschreibt Joseph König – seines Zei-
dauungsfördernd wirkt das edle Stöff- banden beobachten, allerdings stellten chens Professor und Vorsteher der agrar-
chen nach dem Essen trotzdem nicht, im sie auch fest, dass der Alkohol die Magen- chemischen Versuchsstation Münster –
Gegenteil. entleerung verzögerte. Bei den Versuchs- schon 1889 (!) den Einfluss des »in mässi-
Als Beleg für die Unwirksamkeit des teilnehmern, die ausschließlich alkohol- gen Gaben genossenen Reizmittels auf
angeblichen Verdauungshelfers – der be- freie Getränke zu sich genommen hatten, die Verdauungsthätigkeit«. König beruft
sonders nach fettigen Mahlzeiten wahre funktionierte die Verdauung deutlich sich dabei auf die Ergebnisse seines japa-
Wunder wirken soll – muss in den letzten besser. Warum? Vermutlich wirkt der nischen Kollegen Ogata Masanori, der das
Jahren meistens eine Studie aus Zürich hochprozentige Alkohol auf die Nerven- Phänomen noch früher an Hunden er-
herhalten, die das »British Medical Jour- bahnen des Magens, die für die Muskula- forscht hatte. Er beobachtete dabei zu-
nal« 2010 veröffentlicht hat. tur zuständig sind. Der Schnaps hemmt nächst, dass Alkohol im Magen selbst die

19
Verdauung tatsächlich nicht beschleunigt Stunde vor der Nahrung zu sich nimmt –
sondern sogar verlangsamt. Nach dem
Verschwinden des Alkohols aus dem Ma-
und er gehörig Bitterstoffe enthält. Als
alkoholfreie Alternative zum Magenbit-
KOMPAKT
gen steigt der Säuregrad dort allerdings ter tut´s aber auch ein Espresso. Oder ein
sprunghaft an – was nun wiederum die Glas Enziantee: einen Teelöffel geschnit-
Verdauung fördert. Und so kombiniert tene Enzianwurzel in 150 Milliliter Was-
König vor knapp eineinhalb Jahrhunder-
ten: »Ein mäßiger Alkoholgenuss einige
Zeit vor dem Essen muss daher günstig
ser geben, aufkochen und 5 Minuten zie-
hen lassen. Wohl bekomm's!
GESUND
auf die Verdauung wirken.«

Der Aperitif ist der wahre Digestif


Kein schlechter Umkehrschluss, den Kö-
Jetzt (k)ein Schnaps!
Zu spät: Sie haben sich gerade den Ma-
gen vollgeschlagen, und nun drückt und
spannt es? Keine Panik. Schon 2007
ESSEN
Ein medizinischer Blick
nig hier anstellt. Allerdings – heute ist die machten sich Mediziner aus Mannheim auf den Teller
Forschung weiter – ist es nicht Alkohol, auf die Suche nach dem besten Verdau-
sondern die im Drink möglicherweise ungshelfer. Nachdem die Wissenschaft- Herzkrankheiten | Helfen Vitamin-
enthaltenen Bitterstoffe, die die Verdau- ler ihre Versuchsteilnehmer erst mit Es- pillen und Co?
ung fördern. Sie regen die Drüsen in der sen und dann wahlweise mit 40 Millili- Clean Eating | Ernährungstipps

FOX YS_FOREST_MANUFACTURE / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


Magenschleimhaut dazu an, Magensaft tern Brandy, Kräuterlikör, Obstler, mit Fragezeichen
zu produzieren. Bitterstoffe sind für den Aquavit, Espresso, Wasser, Ethanol- oder Orthorexie | Am Rand zur
Verdauungsapparat in gewisser Weise Zuckerlösung abgefüllt hatten, fanden
Essstörung
eine Art Treibstoff. sie einen eindeutigen Spitzenreiter in FÜR NUR

Viele Lebensmittel enthalten Bitter- Sachen Verdauungsunterstützung: Nichts


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stoffe – allen voran bestimmte Obst-, Ge- bringt den Magen so auf Trab wie ein
müse- und Kräutersorten –, aber eben Spaziergang. 
auch einige Spirituosen, wie Anisschnaps,
Sherry oder Portwein. Und so erfüllt der
Verdauungsschnaps tatsächlich nur dann
seinen Zweck, wenn man ihn eine halbe (Spektrum.de, 24.12.2018)
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RAUSCHFOLGEN

JA, ALKOHOL Ein paar Gläser Hochprozentiges, und schon löst


sich die Stimmung: Das funktioniert nicht nur an Silvester,
sondern auch mit Fremden im Labor.
MACHT LUSTIG von Christiane Gelitz

21
E
rst in geselliger Runde Cock- diglich so präpariert, dass sie nach Wod- fröhliche Stimmung weiter zu steigern,
tails trinken, dann gemein- ka rochen. Die übrigen Gruppen wussten, schlussfolgern die Autoren. Auch die Hu-
sam einem Comedian lau- dass sie alkoholfreie Cocktails tranken. morschwelle sank anscheinend nicht.
schen: Damit konnten sich Alle hatten dafür eine gute halbe Stunde Vielmehr sorgten die alkoholischen
Versuchspersonen an der Uni- Zeit und konnten sich währenddessen Cocktails als soziales Schmiermittel da-
versity of Pittsburgh 60 Dollar verdienen. ohne Vorgaben unterhalten. Nach weite- für, die Stimmung in den ruhigeren Mo-
Michael Sayette und seine Kollegen woll- ren 20 Minuten, in denen sie Fragebogen menten zu heben – dann, wenn sich die
ten mit dem Experiment herausfinden, ausfüllten, bekamen sie fünf Minuten Aufmerksamkeit stärker auf die eigene
wie sich Betrunkene in einer kleinen lang Aufnahmen des Stand-up-Comedi- Person richte und Gefühle der Unsicher-
Gruppe von Fremden verhalten. Die Er- ans Jerry Seinfeld vorgespielt. Dabei wur- heit oder des Unbehagens auftreten
gebnisse beschrieb das Forschungsteam den ihre Gesichter gefilmt. könnten. 
nun im »Journal of Experimental Social Ergebnis: Egal, was die Leute getrun-
Psychology«. ken hatten oder getrunken zu haben (Spektrum.de, 02.01.2020)
Die mehr als 500 Versuchspersonen meinten, im Schnitt lachten sie bei den
waren im Schnitt 22 Jahre alt und gaben Pointen des Comedians erwartungsge-
an, mehrmals pro Woche in Gesellschaft mäß öfter als in den Zeiten dazwischen.
Alkohol zu trinken. Sie wurden zufällig Aber nur in diesen witzfreien Phasen ent-
in Gruppen von drei einander unbekann- faltete der Alkohol seine Wirkung: Hier
ten Personen aufgeteilt, wobei sich gleich- lachten die betrunkenen Probanden rund
und gemischtgeschlechtliche Gruppen ein Drittel bis Viertel häufiger als die
die Waage hielten. Ein Teil der Gruppen nüchternen. Als lachende Mimik werte-
bekam zunächst einen Cocktail mit einer ten die Forscher lediglich das so genannte
an die Person angepassten Dosis Wodka Duchenne-Lächeln, ein echtes Lachen,
von rund fünf bis sieben »oz« – ein Viel- erkennbar an der Kontraktion der äuße-
faches der Menge, die ein in den USA üb- ren Augenringmuskel. Über die Witze
liches 45-Milliliter-Schnapsglas enthält. lachten die alkoholisierten nicht mehr als
Andere Gruppen erhielten vermeint- die nüchternen Versuchspersonen.
lich dieselben Cocktails, tatsächlich aber Offenbar diene Alkohol im Beisein
waren diese alkoholfrei und die Gläser le- von Fremden nicht so sehr dazu, eine

22
MOUSSA81 / GE T T Y IMAGES / ISTOCK
STOFFWECHSEL

Kann man sich


betrunken essen?
von Uta Schindler
Ob natürlichen Ursprungs oder künstlich zugesetzt: In
vielen Lebensmitteln, die wir täglich zu uns nehmen,
steckt Alkohol. Aber: Kann man sich mit den Prozenten
im Essen auch berauschen?

23
D
ie Frage, ob man sich be- häuter mit der Rinde der Marula-Bäume enthalten so viel Alkohol wie ein kleines
trunken essen könnte, er- fressen. Die Elefanten sind also high, Bier: zehn Gramm Ethanol. Ein Mann
innert unweigerlich an den nicht blau. Aber warum wanken ihre Kol- mit durchschnittlichem Körpergewicht
Filmklassiker »Die lustige legen, die nicht in die Nähe der Baumrin- müsste rund 20 Bananen essen, um fahr-
Welt der Tiere«: Er führte de kommen? untüchtig zu werden. Kurzum: Selbst der
schon in den 1970er Jahren Affe & Co vor, Alkoholgehalt von sehr reifem Obst ist
die sich nach dem Genuss von vergore- Nicht nur die Dosis ... normalerweise unbedenklich – und sich
nen Früchten des Marula-Baums in der Ob in der Marula-Frucht, dem Apfel oder einen (un)gesunden Rausch anzuessen
afrikanischen Savanne ziemlich, nun ja, der Banane – jedes reife Obst kann Alko- somit mindestens sehr anstrengend.
benebelt verhalten. Mitgespielt hatten hol enthalten. Ethanol, die wissenschaft- Das gilt auch für Japaner, Vietnamesen
torkelnde Elefanten, wankende Giraffen lich korrekte Bezeichnung für den um- oder Chinesen, die es allerdings zumin-
und eine Raupe mit Schluckauf. Aber: gangssprachlich gemeinten Alkohol ist dest ein wenig leichter hätten: Sie alle ver-
Zwar ist der Streifen damals als bester platt gesagt vergorener Zucker. Reife tragen im Mittel weniger Alkohol als der
Dokumentarfilm mit dem Golden Globe Früchte enthalten Zucker, aber auch europäische Durchschnittsmann. Schuld
ausgezeichnet worden – auf ganz natür- Hefe. Hefezellen, die zum Beispiel über sind unter anderem bestimmte, weniger
liche Weise besoffene Wüstenbewohner kleine Risse in der Schale in das Frucht- effektiv arbeitenden Genvarianten des
zeigte er allerdings nicht wirklich. Das innere gelangen, bauen unter Sauerstoff- Alkohol abbauenden Enzyms Alkoholde-
liegt schon daran, dass der Alkoholgehalt mangel Zucker zu Alkohol ab. Je mehr hydrogenase. Es zerlegt Alkohol vor al-
einer frisch vom Baum gepflückten Ma- Zucker in der Frucht und je mehr Zeit für lem in der Leber, in geringen Mengen
rula-Frucht verschwindend gering ist. In dessen Umwandlung, desto größer deren aber auch in der Magenschleimbaut – also
Fallobst, das drei bis vier Tage gärt, steigt Alkoholgehalt. bevor das Gift ins Blut gelangen und Wir-
er immerhin auf etwa drei Prozent. Sehr zuckerhaltiges Obst ist die Bana- kung entfalten kann. Weniger effektiv ar-
Ein Elefant müsste für einen Schwips ne – sie wird damit zum Promilleteufel beitet das Enzym übrigens oft auch bei
trotzdem etwa das 400-Fache seiner üb- unter den Nahrungsmitteln mit natürli- Frauen.
lichen Nahrungsmenge an Marula- chem Alkoholgehalt. Selten übersteigt er
Früchten verdrücken und dabei gleich- in Früchten, Fruchtsäften und Brot 0,3 ... auch der Körper macht das Gift
zeitig auf Wasser verzichten. Forscher er- Prozent, in reifen Bananen stecken al- Abgesehen von der Aktivität ist die Men-
klären die beobachteten Rauschzustände lerdings etwa 0,6 Volumenprozent Al- ge des Enzyms entscheidend. Stare, Am-
mit giftigen Käferlarven, die die Dick- kohol. Fünf reife mittelgroße Bananen seln oder Wacholderdrosseln besitzen in

24
Relation zur Masse 14-mal so viel Alko- Bei den Betroffenen ist die natürliche geringfügigem Alkoholgehalt deklariert.
holdehydrogenase wie ein Mensch. Weil Darmflora aus dem Gleichgewicht gera- Am Beispiel der Weinbrandbohne, die
diese Vogelarten enzymatisch optimal ten: Im Verdauungstrakt sitzen übermä- man mit hochprozentigem Alkohol von
darauf eingestellt sind, bleibt der Ver- ßig viele Hefezellen, die den Zucker aus etwa 60 Volumenprozent herstellt, heißt
zehr von Weißdorn- und Rosenfrüchten der Nahrung zu Ethanol fermentieren. das in Zahlen: In einer Weinbrandbohne
mit bis zu fünf Prozent Volumenalkohol Je kohlenhydratreicher, sprich zucker- sind etwa 3,5 bis 6 Massenprozent Alko-
ohne Folgen. Hätte eine Amsel das Ge- haltiger die Kost, umso höher deren hol vorhanden. Bei einem Körpergewicht
wicht eines Menschen, könnte sie alle Blutalkoholgehalt nach dem Essen. von 75 Kilogramm müsste man innerhalb
acht Minuten eine Flasche Wein trinken, kürzester Zeit mindestens 40 Wein-
ohne betrunken zu werden. Längst nicht Prost Mahlzeit! brandbohnen verspeisen, um über 0,5
alle Vogelarten sind derart trinkfest. Im Kurzes Zwischenfazit: Sich einen Rausch Promille zu kommen.
Herbst 2006 fielen in Wien reihenweise anzuessen, ist schwer. Aber mit welchen Bleibt zuletzt noch der direkte Weg
Seidenschwänze vom Himmel, die sich Speisen – neben wirklich vielen Bana- zum Alkohol über das Essen: den großzü-
im Vollrausch an Flughindernissen das nen – hätte man zumindest eine Chance? gigen Schluck Weißwein in der Soße oder
Genick gebrochen hatten. Überreife Bee- Ein guter Start wären vielleicht die dem Spritzer Rum im Kuchen. Tatsäch-
ren und Trauben waren in den auf karge Früchtchen, die man mit einem erfri- lich ist es eine Mär, dass der Alkohol sich
Insektenkost geeichten Mägen der Vögel schenden Glas Bowle bekommt: Wer sie per se im servierten Gericht nach dem
nachgegoren. aus der Bowle pickt, um seinen knurren- Kochen verflüchtigt hat. Der Siedepunkt
Auch im menschlichen Verdauungs- den Magen zu besänftigen, hat es mit von reinem Alkohol liegt bei 78,3 Grad
trakt finden natürlicherweise Gärpro- über Stunden in hochprozentigem Ein- Celsius, der von Wasser-Alkohol-Gemi-
zesse statt. Sie bringen den physiologi- gelegtem zu tun. Ein weiterer Klassiker in schen zwischen 78,3 und 100 Grad Celsi-
sche Blutalkoholgehalt auf ungefähr der Diskussion ist alkoholhaltiges Kon- us: Wenn das Gemisch kocht, verdampft
0,02 bis 0,03 Promille – im Normalfall. fekt. Aber: Sich mit Rumkugeln, Wein- zwar mehr Alkohol als Wasser, aber eben
Es gibt allerdings Menschen, die selbst brandbohnen und Kirschlikörpralinen nur allmählich. 1992 untersuchten Wis-
bei Alkoholabstinenz sehr hohe Blutal- einen Rausch zu verschaffen, erweist sich senschaftler die Alkoholmenge von ver-
koholwerte aufweisen. Vollrausch Mar- in der Praxis als ziemlich utopisch. Denn schiedenen Gerichten. Je nach Speise und
ke Eigenbrau? Was wie ein schlechter bezogen auf ihre Masse ist der Alkohol- Zubereitungsverfahren waren darin noch
Scherz klingt, ist eine seltene Erkran- anteil der Pralinen sehr gering. So gering, zwischen 4 und 85 Prozent des ursprüng-
kung namens Eigenbrauer-Syndrom. dass man sie offiziell als Lebensmittel mit lichen Alkohols vorhanden. Dabei hängt

25
es von vielen Faktoren ab, wie viel Etha-
nol zurückbleibt. Geht es um Wein oder
Hochprozentiges? Um ein Glas oder ei-
KOMPAKT
nen Liter? Wann wird der Alkohol zuge-
geben? Trotzdem kann man sagen: Je
stärker und länger man Alkohol erhitzt,
desto mehr geht er in Dampf über und
desto weniger bleibt am Ende für den
möglichen Rausch. Auch alles andere,
was die Verdunstung begünstigt, senkt
den Alkoholgehalt der Speise: unbedeck-
te und breitere Pfannen oder Töpfe, bes-
ser auf dem Herd statt im Backofen zube-
reitet. Ob gekocht, gebacken oder flam-
biert – der Verzehr von hochprozentigen
Speisen bleibt dabei im wahrsten Sinn
DROGENWie Rauschmittel wirken
des Wortes berauschend. 

(Spektrum.de, 07.08.2017)

Alkoholsucht | Krankheit, keine Charakterschwäche


Gewohnheiten | Die Macht des Kaffees und der Zigaretten
Halluzinogene | Mit Ayahuasca auf Seelenreise
RYANJL ANE / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

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HUMANEVOLUTION

EVOLUTION
MACHT
MENSCHEN
ALLERGISCH
GEGEN
ALKOHOL
von Jan Osterkamp
Wie alle Organismen verändert die
Evolution andauernd auch den
Menschen, und Hightech-Genvergleiche
verdeutlichen nun ein paar Hotspots
der Humanevolution. Sie zeigen unter
anderem­den­Einfluss­von­Alkohol­auf­
die Menschheit.
SUSANNEB / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

27
D
ie Evolution verändert lang- nome von 2500 Menschen aus 26 unter- verschiedene ADH-Varianten entstanden,
sam, aber stetig alle leben- schiedlichen Erdregionen in vier Konti- die alle vor allem effektiver und schneller
den Organismen – auch den nenten ausgewertet, die alle ihre Gen- zu arbeiten scheinen. Das ist für Trinker
Menschen. Dabei ist für daten dem 1000-Genome-Projekt zur nicht angenehm, weil sie dann umso län-
Zeitgenossen allerdings nur Verfügung gestellt hatten. Dabei achte- ger dem giftigen, katerfördernden Ein-
schwer zu erkennen, welche Gene und wo- ten die Genetiker auf sich dynamisch fluss des Azetaldehyds ausgesetzt sind.
möglich Eigenschaften und Äußerlichkei- entwickelnde Unterschiede, die einsetz- Wenn sich diese Varianten durchsetzen,
ten in diesem Prozess gefördert, also posi- ten, seit die verschiedenen Populationen dürfte der Alkoholrausch in der Zukunft
tiv selektiert werden und welche offenbar geografisch getrennte Wege gegangen demnach immer häufiger schmerzlich
nach und nach verschwinden. Deutlich waren. Dabei ging es nicht nur um typi- bereut werden, meinen die Forscher – und
wird das bei einer Analyse des Durch- sche Verteilungsunterschiede einzelner wundern sich darüber, dass der in Afrika
schnittgenoms der Menschheit, das nach Genvarianten, die zwischen Populatio- und Asien sichtbare genetische Trend ge-
so genannten Hotspots der Evolution nen auftreten – also etwa der Laktase- rade in Europa auszubleiben scheint.
durchforstet wird: solchen Genabschnit- persistenz, die in Süd- und Mitteleuro- Andere Evolutionshotspots betreffen
ten, die aus irgendeinem Grund einer be- päern häufiger vorkommt als bei Ostasi- etwa die Produktion von Glycophorin-
sonders rasanten Veränderung zu unter- aten –, sondern um die unterschiedliche Proteinen. In den zuständigen Regionen
liegen scheinen, weshalb sie womöglich Vielfältigkeit in bestimmten Genclustern verändert sich das Erbgut von Afrikanern
für den Erfolg und Misserfolg entschei- mit bekannten Funktionen. und Asiaten sehr schnell. Vielleicht hat
dender sind als andere über lange Zeit sta- Große Unterschiede – also eine rasante das mit der Malaria zu tun, die als häu-
bile Bereiche des Genoms. Einen solchen Entwicklung – fanden die Forscher vor al- figste Tropenkrankheit ein wichtiger Se-
Vergleich haben die Genetiker Kelsey Eli- lem bei Genen, die die Verarbeitung von lektionsfaktor ist: Glycophorine sind ein
zabeth Johnson und Benjamin Voight Alkohol regeln. Schnell verändern sich Bestandteil der Membranen von roten
durchgeführt – und dabei im Wesentlichen Varianten des ADH-Gens, die das Enzym Blutkörperchen, die von den Malariapa-
fünf Gengruppen herausgearbeitet, die Alkoholdehydrogenase kodieren: ADH rasiten attackiert werden. Vielleicht ver-
sich im typischen Genom des Menschen in baut Ethanol aus alkoholischen Geträn- mitteln unterschiedliche Varianten eine
den letzten paar tausend Jahren tatsäch- ken in Azetaldehyd ab, das dann allmäh- gewisse Resistenz gegen den Erreger.
lich verdächtig schnell verändert haben. lich zu Azetat weiter verstoffwechselt In Europa wirkt die Evolution offenbar
Das Team hatte für seine Studie in wird. In den letzten paar tausend Jahren stark auf die Entstehung von Varianten
»Nature Ecology and Evolution« die Ge- sind sowohl in Afrika wie auch in Asien des Gens MTHFR, das für einen langsa-

28
meren Abbau der Aminosäure Homocys-
tein zuständig ist. Warum, ist reine Spe-
kulation, so die Forscher, es könnte im-
KOMPAKT
merhin aber sein, dass die Aminosäure in
höheren Konzentrationen Herzproble-
men vorbeugt und ein von MTHFR-Vari-
anten zunehmend kontrollierter Abbau
in den letzten 1000 Jahren ein entschei-
dender Vorteil war.
Ein letzter auffälliger Hotspot der Evo-
lution betrifft Gene eingekreuzter Nean-
dertaler, die alle Menschen außer den Af-
rikanern übernommen haben: In einigen
Fällen scheinen sich gerade diese Gene
deutlich gegenüber den Varianten des
Homo sapiens durchzusetzen. Manchmal
ist klar warum – das Gen EPAS1 vermit-
telt etwa den Tibetern ihre Höhenresis-
tenz –, in manchen Fällen ist aber völlig
unklar, welchen offensichtlichen Vorteil
die Gene älterer Formen haben. Klar ist
jedoch, dass sie treibende Faktoren in der
Evolution der Menschheit sind – und den Dunkle Facetten unseres Charakters
Trägern der geeignetsten Varianten of-
fenbar irgendwie helfen, mit den ökolo-
gischen Umständen der Moderne besser
umzugehen. 
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NASTCO / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

(Spektrum – Die Woche, 08/2018)


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SUBSTANZMISSBRAUCH

Biomarker
für Alkoholsucht
entdeckt
von Daniela Zeibig

YACOBCHUK / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


30
Während manche nur wenig Alkohol trinken, rutschen andere in eine
Sucht ab. Bei Mäusen haben Forscher nun ein Hirnnetzwerk entdeckt,
an dem sich diese Entwicklung ablesen lässt.

W
issenschaftler um konsumierte die Flüssigkeit selbst dann einmal zwanghaft Alkohol zu sich neh-
Cody Siciliano vom noch, wenn die Forscher ihr einen beson- men werden, noch Wochen, bevor sie
Massachusetts Insti- ders bitteren Beigeschmack zusetzten. dieses Verhalten überhaupt zeigen«, sagt
tute of Technology Mit Hilfe eines speziellen Bildgebungs- Mitautor Kay Tye in einer Pressemittei-
sind auf einen spezi- verfahren beobachteten die Forscher vor lung. Ob das Netzwerk nur mit einer Al-
ellen Hirnschaltkreis gestoßen, an dem dem Alkoholversuch, währenddessen koholabhängigkeit in Zusammenhang
sich offenbar ablesen lässt, ob Mäuse ein- und danach die Aktivität in zwei speziel- steht oder womöglich auch an der Ent-
mal süchtig nach Alkohol werden. Die For- len Hirnregionen, die an der Verhaltens- stehung anderer Verhaltenssüchte betei-
scher trainierten mehrere Versuchstiere steuerung beteiligt sind: dem medialen ligt ist, wisse man aber noch nicht. Eben-
zunächst darauf, ein spezielles akusti- präfrontalen Kortex und dem so genann- so ist unklar, ob sich die Erkenntnisse
sches Signal mit einer wohlschmeckenden ten zentralen Höhlengrau. auf Menschen übertragen lassen. Das
Zuckerlösung zu assoziieren. Anschlie- Siciliano und seine Kollegen entdeck- werden erst weitere Untersuchungen
ßend bekamen sie jedes Mal, wenn das Si- ten, dass sich anhand der Kommunikati- zeigen. 
gnal ertönte, Alkohol zur Verfügung ge- on dieser beiden Areale vorhersagen ließ,
stellt. Mehrere Tage lang durften die Tiere ob die Mäuse ein Alkoholproblem entwi- (Spektrum.de, 21.11.2019)
sich daran nach Herzenslust bedienen. ckeln würden. Schalteten sie das Netz-
Am Ende des Versuchszeitraums werk mit Hilfe von optogenetischen Me-
konnten die Wissenschaftler die Mäuse thoden ein oder aus, konnten sie auch das
in drei verschiedene Gruppen einteilen. Verlangen der Tiere nach Alkohol stei-
Ein Teil der Tiere schleckte nur gelegent- gern oder dämpfen.
lich am Alkohol, andere wiederum häu- »Wir haben zum ersten Mal einen
fig. Die dritte Gruppe entwickelte hinge- Hirnschaltkreis entdeckt, mit dem sich
gen ein regelrechtes Suchtverhalten und präzise voraussagen lässt, welche Mäuse

31
ALKOHOL UND KREBS

TRINKEN
SCHÄDIGT

MAKSIM TK ACHENKO / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


STAMMZELL-DNA
von Lars Fischer
Blutstammzellen werfen Licht auf den genauen
Mechanismus, über den Alkoholkonsum auf molekularer
Ebene mit Krebs zusammenhängt.

32
A
lkohol, genauer gesagt ses Enzym verhindert, dass sich das Al- Die Experimente von Patels Team deuten
sein Abbauprodukt, ver- kohoabbauprodukt Azetaldehyd ansam- auch auf den Grund hin: Schalteten die
ursacht dauerhafte Schä- melt. Dass diese Chemikalie Erbgut Forscher das Gen für p53 in den geschä-
den im Erbgut von Stamm- grundsätzlich schädigt, ist bereits aus digten Zellen aus, überlebten die Blut-
zellen, die wohl mit der Untersuchungen an Zellkulturen be- stammzellen die Übertragung in Mäuse
Entstehung von Tumorerkrankungen im kannt. Die Studie zeigt aber, dass der Ef- trotz ihrer erheblichen genetischen Schä-
Zusammenhang stehen. Darauf deuten fekt auch bei realem Alkoholkonsum im den. Die Untersuchung entschlüsselt da-
umfassende Experimente einer Arbeits- Körper auftritt: Schaltete die Arbeits- mit wohl die molekulare Basis des erhöh-
gruppe um Ketan J. Patel von der Univer- gruppe ALDH2 ab, stieg die Häufigkeit ten Krebsrisikos durch Alkohol. 
sity of Cambridge hin. Das Team be- des Schwesterchromatidaustausches, ei-
schreibt in »Nature« die DNA-Schäden in nes Indikators für Erbgutschäden, bei Al- (Spektrum.de, 04.01.2018)
Blutstammzellen, in denen zwei geneti- koholkonsum auf das Vierfache. Entfern-
sche Mechanismen zum Schutz des Erb- te das Team zusätzlich noch das Repara-
guts vor Alkohol außer Gefecht gesetzt turgen Fancd2, das an der Reparatur von
waren. Demnach waren Mäuse mit sol- Doppelstrangbrüchen beteiligt ist, sam-
chen Stammzellen schon nach zehn Ta- melten sich die DNA-Schäden so weit an,
gen Alkoholkonsum nicht mehr in der dass die Zellen ihre Funktionsfähigkeit
Lage, neue Blutzellen zu bilden – das Erb- verloren.
gut der Zellen sei so durcheinander ge- Diese stark geschädigten Zellen in
wesen, dass sie schlicht nicht mehr funk- Mäuse zu übertragen, erwies sich im Ex-
tionierten, schreibt die Arbeitsgruppe. periment als schwierig. Verantwortlich
Vermutlich gelte der Effekt auch bei an- dafür war ein zellulärer Schutzmecha-
deren Zelltypen. Die Studie gibt Hinweise nismus, den man im Zusammenhang mit
auf den bisher umstrittenen Mechanis- Krebs sehr gut kennt: das Eiweißmolekül
mus, durch den Alkohol mit verschiede- p53, das zur Gruppe der Tumorsuppres-
nen Krebsarten in Verbindung steht. sorproteine gehört und die Entstehung
Der erste genetische Mechanismus, von Tumoren unterdrückt. Mutationen,
der das Erbgut schützt, ist das Enzym Al- die das Gen für dieses Protein inaktivie-
dehyd-Dehydrogenase 2 (ALDH2) – die- ren, erhöhen das Krebsrisiko erheblich.

33
SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T / MARTIN BURKHARDT

VORGEBURTLICHES TRAUMA

Spuren des Alkohols


von Reinhold Feldmann

34
Auch Schwangere, die nur ab und zu »ein Glas zu viel« trinken, gefährden
das Ungeborene. Die Folgen einer Hirnschädigung werden erst später
sichtbar und oft nicht auf den Alkoholkonsum zurückgeführt. Wie erkennt
man betroffene Kinder, und welche Unterstützung brauchen sie?

D
er fünfjährige Leon sitzt im burt wurde er von seiner Mutter getrennt, AUF EINEN BLICK

Restaurant keine fünf Mi- kam in ein Heim, erst ein halbes Jahr spä- Unterschätzte
nuten still. Plötzlich greift ter zu ihnen. Sind diese traumatischen
er sich das Besteck und Erlebnisse die Ursache für Leons Verhal-
Gefahr
rennt damit wild herum- ten? Oder müssten sie mit ihm wirklich 01 In Deutschland kommen jährlich
fuchtelnd durch die Gegend. Seine Mut- viel strenger sein? etwa 6500 Kinder zur Welt, die im
Mutterleib durch Alkohol geschädigt
ter will ihn zurückhalten, aber er reagiert Viele Adoptiv- und Pflegeeltern, die
wurden.
nicht auf ihr Schimpfen. Die anderen Rat in unserer Ambulanz (Tagesklinik
Gäste sind irritiert: Was ist denn mit dem Walstedde) suchen, schildern ähnliche 02 Oft sehen sie unauffällig aus, ihr
Kind los? Eine Frau sagt kopfschüttelnd: Erfahrungen und ahnen bereits: Die Pro- Gehirn wurde aber in Mitleidenschaft
»Der ist aber frech – und offenbar sehr bleme könnten noch tiefer wurzeln, näm- gezogen. Das kann später zu gravie-
renden geistigen, sozialen und emo-
schlecht erzogen!« lich schon in der Zeit vor der Geburt.
tionalen Problemen führen.
Einmal mehr beschleichen Leons El- Nicht selten bestätigt sich der Verdacht.
tern Schuldgefühle. Der Junge ist ihr Ad- Nach unseren Schätzungen leiden von 03 In diesem Fall brauchen die Betrof-
optivkind, und sie wissen: Er hatte keinen den jährlich in Deutschland geborenen fenen bis ins Erwachsenenalter hinein
guten Start. Ein paar Tage nach der Ge- Kindern zirka 6500 unter den Folgen eine besondere Förderung, Betreuung
und Unterstützung.
mütterlichen Alkoholkonsums in der
Schwangerschaft. Die Symptome sind
Reinhold Feldmann ist promovierter Psychologe und sehr unterschiedlich ausgeprägt. Rund
psychologischer Psychotherapeut. Er forscht am Univer-
sitätsklinikum Münster und leitet die FAS-Ambulanz der 2000 davon, also etwa 3 von 1000 Kin-
Tagesklinik Walstedde in Drensteinfurt. dern, zeigen das Vollbild – das »fetale Al-

35
koholsyndrom«, kurz: FAS. Zahlen aus
den USA und Frankreich bewegen sich in
ähnlicher Größenordnung.
Bei der Diagnose FAS muss die Schädi-
gung an körperlichen äußerlichen Merk-
malen, etwa typischen Veränderungen
im Gesicht und Minderwuchs erkennbar
sein. Diese eindeutigen Fälle stellen aber
nur die Spitze des Eisbergs dar: Alkohol
hemmt beim Ungeborenen das Wachs-

MIT FRDL. GEN. VON REINHOLD FELDMANN


tum sämtlicher Organe. Und das trifft be-
sonders das komplexe Gehirn. Sehr viel
häufiger als äußerlich sichtbare Folgen
sind daher alkoholbedingte Hirnschädi-
gungen, die später zu geistigen, sozialen
und emotionalen Beeinträchtigungen Fetales Alkoholsyndrom
führen können.
Sind die körperlichen Anzeichen nur
schwach ausgeprägt oder gar nicht er- Kinder sind Pflege- oder Adoptivkinder. gebären Kinder mit FAS. Selbst bei Kin-
kennbar, muss für die Diagnose eines Oft sind die leiblichen Mütter nicht er- dern, deren schwangere Mütter glaub-
»partiellen FAS« oder von »entwick- reichbar. Darüber, ob und wie viel Alko- haft versichern, lediglich ein Glas pro
lungsneurologischen Schäden nach vor- hol sie konsumiert haben, können wir Woche getrunken haben, häufen sich laut
geburtlicher Alkoholexposition« zwin- dann nur spekulieren. verschiedenen Studien FAS-typische
gend die Vorgeschichte herangezogen Die Studienergebnisse zu den Folgen Verhaltensprobleme. Die Gefahr durch
werden. Das ist aber oft schwierig bis un- mäßigen Alkoholkonsums in der moderaten Alkoholkonsum bestätigte
möglich: Welche Mutter gibt schon offen Schwangerschaft sind widersprüchlich. 2014 auch eine unserer eigenen Untersu-
zu, dass sie während der Schwanger- Deshalb bezweifeln manche, dass er eine chungen. Wir werteten Befragungsdaten
schaft getrunken hat? Rund 80 Prozent ernsthafte Gefahr darstellt. Fest steht von mehr als 7000 Kindern im Alter zwi-
der in unserer Ambulanz vorgestellten aber: Nicht nur alkoholkranke Frauen schen drei und zehn Jahren und ihren El-

36
tern aus. Dabei fanden wir Hinweise dar- ten, variierten sie bei den zweieiigen
auf, dass sich Auffälligkeiten bereits Zwillingen deutlich -manchmal galt ei-
Kurz erklärt
Fetales Alkoholsyndrom (FAS) be-
mehrten, wenn die Mütter während der nes der Zwillingsgeschwister sogar als
zeichnet das voll ausgeprägte Krank-
Schwangerschaft mäßig getrunken, und gesund. So kann es auch passieren, dass heitsbild einer Schädigung des Emb-
noch verstärkt, wenn sie zusätzlich ge- von zwei Frauen, die ähnlich viel Alkohol ryos durch Alkohol im Mutterleib. Bei
raucht hatten. getrunken haben, nur eine ein FAS-Kind jüngeren Kindern ist es an typischen
Weltweit sind sich FAS-Forscher darin zur Welt bringt. äußerlichen Merkmalen im Gesicht zu
einig, dass Schwangere Alkohol ganz Die Folgen des Alkoholkonsums in der erkennen.­So­sieht­man­im­Profil­bei­
diesem dreijährigen Mädchen gut den
meiden sollten. Denn bis heute ließ sich Schwangerschaft fielen schon vor mehr
verkürzten Nasenrücken und das
kein linearer Zusammenhang zwischen als 150 Jahren auf. Bereits 1865 beschrieb
fliehende­Kinn.­Weitere­Diagnosekrite-
der Menge des getrunkenen Alkohols und Wilhelm Busch (1832–1908) in seiner Bil- rien neben solchen Veränderungen
dem Ausmaß der Symptome nachweisen. dergeschichte »Max und Moritz« erst- sind eine Wachstumsverzögerung
Deshalb existiert auch kein Grenzwert, mals ein vorgeburtlich alkoholgeschädig- sowie Anomalien des Gehirns.
der ein Risiko für das ungeborene Kind tes Kind. Buschs Werke entstanden in der
Beim »partiellen FAS« fallen die Be-
ausschließt. künstlerischen Epoche des Realismus.
troffenen lediglich in zwei dieser drei
Fern von idealisierenden Darstellungen Bereiche auf. Sehr viele alkoholge-
Der Einfluss der Gene des Menschen und seines Schicksals gab schädigte Kinder sehen aber auch
Die Wirkung dieses Zellgifts ist sehr viel- der Dichter und Zeichner präzise und oft ganz unauffällig aus und zeigen »nur«
schichtig: Sie hängt nicht nur davon ab, zugespitzt wieder, was er in der Wirklich- ein charakteristisches Muster an
wann in der Schwangerschaft und damit keit seinerzeit vorfand. Im 19. Jahrhun- kognitiven, sozialen und emotionalen
Störungen.
in welcher Phase der Entwicklung der dert hatte in Deutschland mit der Aufhe-
verschiedenen Organe und Körperteile bung alter Schank- und Zunftgrenzen der
getrunken wurde. Schon in den 1990er Konsum von hochprozentigen Spirituo-
Jahren legte eine Zwillingsstudie von Ann sen erheblich zugenommen. Der beliebte
Streissguth und Philippe Dehaene in den und billige Kartoffelschnaps führte zu ei-
USA zusätzlich eine genetische Kompo- ner regelrechten »Branntweinpest«. Mit
nente nahe: Während sich die Symptome Sicherheit begegnete Busch häufiger al-
bei eineiigen alkoholexponierten Ge- koholgeschädigten Kindern. Er zeichnete
schwistern nach der Geburt sehr ähnel- Moritz' Gesichtszüge mit zahlreichen

37
Kennzeichen eines Jungen mit FAS, etwa
fehlt ihm – im Gegensatz zu Max – die SCHRITT FÜR SCHRITT
Rinne zwischen Nase und Mund, die auf- ANZIEHEN | Solche
fallend weit voneinander entfernt sind. Kärtchen helfen alko-
Auch einige Verhaltensmerkmale illust- holgeschädigten Kin-
rierte er treffend: Der clevere Max plant dern dabei, alltägliche
die Streiche, der arglose, nicht gerade Aufgaben wie das An-
schlaue Moritz macht mit, wobei er die ziehen einzuüben.
Konsequenzen der Missetaten offenbar
nicht abschätzen kann.
Eine erste französische Studie von
Jacqueline Rouquette zur Symptomatik
im Jahr 1957 blieb zunächst unbeachtet.
Erst ein Jahrzehnt später griff sie der
französische Kinderarzt Paul Lemoine
auf und veröffentlichte eine eigene Un-
tersuchung an 127 Kindern alkoholkran-
ker Mütter. Er formulierte die Bestim-
mungskriterien des FAS so exakt, dass sie
noch heute die Grundlage der verschie-
denen Diagnoseschemata darstellen. Die
Amerikaner Ken Jones und David Smith
beschrieben 1973 gleich lautende For-

MIT FRDL. GEN. VON REINHOLD FELDMANN


schungsergebnisse zu nur acht Kindern
mit Alkoholschädigung auf Englisch und
gaben dem Phänomen seinen Namen.
Erst diese Publikation weckte internatio-
nal Interesse und löste auch in Deutsch-
land Forschung zum FAS aus.

38
Häufig kann man nur in den ersten ge. Auch übersehen sie häufig Hindernis- Schule: Sie vergessen schnell wieder, was
drei Lebensjahren den Schweregrad der se, stolpern oder stoßen sich beispiels- sie zuvor gelernt haben, können daher
Alkoholschädigung bestimmen. Viele weise immer wieder an der Tischkante. schlecht Zusammenhänge von aufeinan-
körperliche Merkmale schwächen sich im Dabei scheinen sie bemerkenswert wenig der aufbauenden Aufgaben erkennen oder
Lauf des Lebens ab. Dennoch konzentrie- Schmerzen zu spüren. zuvor gelernte Lösungswege auf Neues an-
ren sich die Diagnosesysteme auf äußer- Ebenso ist das Wärme- und Kälteemp- wenden. Selbst alltägliche Pflichten müs-
liche Symptome, festgestellte Anomalien finden oft gestört, und noch im Jugendal- sen vielen Kindern immer wieder aufs
im Gehirn und bekannten mütterlichen ter bemerken die Betroffenen meist nicht, Neue erklärt werden. »Das haben wir dir
Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. wenn sie nicht witterungsgemäß angezo- doch schon 100-mal gesagt!«, entfährt es
Wie wir 2015 bei einer Untersuchung von gen sind. Da sie weniger aufnahmefähig auch Leons Eltern hin und wieder.
30 betroffenen zweijährigen Kindern sind, Informationen nicht gut filtern und Vor allem aber bereiten logisches Den-
feststellten, entwickelt sich aber die Hälf- unwichtige Reize schlecht ausblenden ken und komplexe Probleme Schwierig-
te von ihnen motorisch und auch geistig können, werden ihnen Lärm und Trubel – keiten. Am Universitätsklinikum Müns-
deutlich verzögert. Dies fällt bei den (eher etwa im Kindergarten – schnell zu viel. ter testeten wir 135 Kinder mit Alkohol-
selten) termingerecht geborenen FAS- Beim Sprechenlernen tun sich alkoholge- schäden im Alter von 2 bis 18 Jahren. Nur
Kindern sogar noch stärker auf als bei schädigte Kinder typischerweise schwe- ein Viertel erzielte annähernd normale
FAS-Frühchen. Letztere profitieren of- rer als Gleichaltrige. Sie artikulieren Intelligenzwerte (IQ ≥ 80), durchschnitt-
fenbar davon, nicht ganz so lange dem schlechter, machen mehr Fehler beim lich erreichten die Kinder lediglich einen
Alkohol ausgesetzt gewesen zu sein. Satzbau, und ihr Wortschatz wächst nicht IQ von 75. Dieses Minus von im Schnitt
so schnell an. Früher oder später spre- 25 IQ-Punkten fanden wir auch bei den
Veränderte Wahrnehmung chen die Kinder aber meist normal und äußerlich unauffälligeren Kindern mit
Unserer Ansicht nach sollten neuropsy- oft auch sehr viel. der Diagnose »partielles FAS«. Insofern
chologische Auffälligkeiten künftig schon Jedoch können sich FAS-Kinder oft nur kann man dieses nicht als abgeschwäch-
bei der Diagnose stärker beachtet wer- auffällig kurz konzentrieren. Dann fehlt te Form des Syndroms verstehen. Lang-
den. So können Kinder mit FAS bereits ihnen die Geduld, und sie brechen Tätig- zeitstudien belegen vielmehr, dass sich
im Kleinkindalter bei Tests Formen und keiten vorzeitig ab. Zusammen mit einem die kognitiven und emotionalen Fähig-
Figuren schlechter erkennen und Höhen eingeschränkten Kurzzeitgedächtnis führt keiten ähnlich ungünstig entwickeln wie
nicht so gut einschätzen wie Gleichaltri- das meist zu Lernschwierigkeiten in der bei Kindern mit dem Vollbild.

39
Zu wenig Angst
Auf den ersten Blick vermuten Außenste-
Wie wirkt Alkohol auf das Ungeborene?
Alkohol kann wegen seiner geringen molekularen Masse und guten Fett- und Wasser-
hende vielleicht, FAS-Kinder litten »nur«
löslichkeit problemlos die Plazentaschranke passieren. Dadurch stellt sich beim Emb-
an ADHS. Hyperaktivität, also motorisch ryo schnell die gleiche Blutalkoholkonzentration ein wie bei der Mutter. Bei ihr wird der
unruhiges und unkontrolliertes Verhal- Alkohol von der Leber relativ rasch abgebaut, die unreife Leber des Kindes ist dazu
ten, ist bei ihnen ungemein häufig. Auch nicht in der Lage. Daher wandert das Zellgift nur sehr langsam zurück in den mütterli-
Leon ist immer in Bewegung, springt, chen Blutkreislauf.
rennt, tobt. »Einfach mal still spielen, das
Alkohol behindert den Transport von Eiweißbaustoffen (den Aminosäuren) über die
schafft er einfach nicht«, erzählen seine Plazenta. Dadurch kommt es zu einem verminderten Aufbaustoffwechsel, so dass
Eltern. Den Kindern fehlt zudem oft die FAS- Kinder trotz angemessener Ernährung während der Schwangerschaft nicht gut
natürliche Angst vor Gefahren. So sind wachsen. Bei Geburt sind sie daher meist zu leicht und zu klein.
sie waghalsig, übermütig und bringen
Alkohol und seine Abbauprodukte wirken zudem unmittelbar giftig auf alle Körperzellen
sich im Straßenverkehr oder beim Klet-
und behindern die Zellteilung. Da sich die kritischen Schwangerschaftsphasen für ein-
tern in Gefahr, scheinen aber aus schlech- zelne Körperteile und Organe zeitlich unterscheiden, hängen mögliche Fehlbildungen
ten Erfahrungen wenig zu lernen. vom Zeitpunkt der Alkoholeinwirkung ab: Alle Körperteile können betroffen sein – ne-
Stets versuchen die Kinder die Auf- ben dem Gesicht etwa auch das Skelett, das Herz, die Atemwege, die Leber und der
merksamkeit auf sich zu lenken. Im Kin- Verdauungstrakt.
dergarten stören sie im Stuhlkreis, in der
Ganz­besonders­empfindlich­auf­die­Wirkung­des­Alkohols­reagiert­aber­das­Gehirn,­das­
Schule den Unterricht und geben den sich während der gesamten Schwangerschaft stark entwickelt. Zahlreiche Schäden
Klassenclown. Trotzdem schließen wurden beobachtet: Wasserkopf, Veränderungen im Hirnstamm, in den Basalganglien,
Gleichaltrige die impulsiven und unge- eine dünnere Ummantelung der Nervenfortsätze und noch viel mehr.
duldigen FAS-Kinder häufig vom Spiel
Insgesamt entstehen bei Alkoholexposition weniger Nervenzellen, dazu ist ihre Entwick-
aus. Ohnehin verlieren Letztere schnell
lung in die verschiedenen Zelltypen gestört. In Tierversuchen gingen außerdem bis zu
die Lust, vor allem, wenn ihnen die Re- 30­Prozent­der­heranwachsenden­Hirnzellen­unter­Alkoholeinfluss­wieder­zu­Grunde.­
geln zu kompliziert sind. Selbst wenn sie Das »Massensterben« könnte eine der Ursachen für ein geringeres Hirnvolumen bei den
älter werden, spielen sie daher lieber mit betroffenen Kindern sein.
deutlich Jüngeren, denen sie sich weniger
unterlegen fühlen. Dennoch gehen die
Kinder auf mögliche Spielkameraden oft

40
sehr unbefangen zu und suchen Körper- nerin mitunter zur Verzweiflung – im
kontakt. Manchmal halten sie sich an an- Grunde jedoch, so findet sie, ist er ein
deren fest, um das Geschehen genauer »gutmütiges Kerlchen«.
mitverfolgen zu können, und bemerken
nicht, wenn das nicht gut ankommt.
Wir haben 125 Biografien betroffener
Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein
FAS-Frühchen­profitieren­
Das geringe »Distanzgefühl« fällt bei analysiert. Unser Fazit: Die Folgen einer offenbar davon, nicht
den meisten betroffenen Kindern auf: Sie Alkoholschädigung bleiben lebenslang
suchen spontan die Nähe sogar unbe- spürbar. In der Schule tun sich die Kin-
ganz so lange dem
kannter Erwachsener und setzen sich der häufig sehr schwer, sie müssen eine Alkohol ausgesetzt
beispielsweise bei ihnen auf den Schoß. Klasse wiederholen, wechseln die Schul-
Gerade bei ehemaligen Heimkindern form oder brechen die Schullaufbahn gewesen zu sein
liegt ein solches Verhalten nahe: Sie sind ganz ab. Mehr als zwei Drittel der von
daran gewöhnt, sich an alle möglichen, uns untersuchten FAS-Kinder besuchten
gerade verfügbaren Personen zu wen- eine Förderschule.
den. Während aber bei diesen Kindern Die Betroffenen sind außerdem leider
die Distanzlosigkeit und andere Folgen oft sehr leichtgläubig. Noch als Jugendli-
eines frühkindlichen Traumas in einer che begegnen sie anderen Menschen arg-
fürsorglichen Pflegefamilie zusehends los und lassen sich finanziell, sexuell oder
schwinden, halten sich solche Sympto- als Mitläufer bei Straftaten ausnutzen. Ju-
me bei alkoholgeschädigten Kindern oft gendliche mit FAS geraten zwar aus eige-
hartnäckig. nem Antrieb nicht häufiger mit dem Ge-
In der Pubertät suchen sie vermehrt setz in Konflikt als ihre Altersgenossen.
den Kontakt zu Altersgenossen, werden Sie lassen sich aber leichter von anderen
aber häufig abgelehnt oder verspottet. für kriminelle Zwecke wie Diebstahl oder
Trotz allem können die Kinder und Ju- Sachbeschädigung einspannen.
gendlichen durchaus beliebt sein. Denn Bei einer Studie mit 60 jungen Erwach-
sie sind meist sehr fröhlich und außeror- senen beobachteten wir: Selbst als Voll-
dentlich hilfsbereit. So ist auch Leon zwar jährige sind ehemalige FAS-Kinder über-
anstrengend und bringt die Kindergärt- wiegend nicht in der Lage, ein selbststän-

41
diges Leben zu führen. Sie laufen Gefahr, stehen und nicht mehr so viel Angst ha- Verletzungen, und die Sorge um das Kind
sich zu verschulden und zu verwahrlo- ben, bei der Erziehung zu versagen. kann die Familie erheblich belasten. Man-
sen. Die jungen Frauen zeigten vermehrt che Eltern befürchten, ein Medikament
depressive Symptome, und ein Viertel Wege in ein gutes Leben wie Methylphenidat (»Ritalin«) würde
der Erwachsenen hatte keine Freunde. Obwohl die Alkoholschäden nicht »heil- die Persönlichkeit ihres Kindes verän-
Beunruhigenderweise waren drei von bar« im engeren Sinn sind, bestehen gute dern. Aus meinen Erfahrungen heraus
vier der betroffenen Erwachsenen selbst Möglichkeiten, die Kinder auf ihrem Le- sehe ich das anders: Es ermöglicht man-
Opfer von Straftaten geworden, darunter bensweg zu unterstützen. Eine auf FAS chen von ihnen erst, zu den Persönlich-
am häufigsten sexueller Missbrauch. Dies zugeschnittene Therapie gibt es zwar keiten zu reifen, die sie ohne diese Beein-
macht klar, dass die Kinder auch als junge nicht. Durch therapeutische Maßnah- trächtigungen eigentlich wären.
Erwachsene Anleitung, alltagspraktische men lassen sich jedoch Begleiterschei- Für Eltern mit FAS-Kindern haben wir
Hilfe und Schutz durch eine wachsame nungen wie Aggressionen, Störungen in Münster einen »Erste-Hilfe-Koffer«
Bezugsperson brauchen. von Impulskontrolle, Wahrnehmung, zusammengestellt. Er enthält kurze,
Trotz dieses bedrohlichen Szenarios Spracherwerb und Motorik gezielt posi- leicht verständliche Erklärungen zum ty-
sollten Eltern nicht resignieren. Unsere tiv beeinflussen. Nutzbringend sind pischen Verhalten und zugleich prakti-
Studie von 2012 bestätigt: Eine frühe Dia- Frühförderung, Krankengymnastik, Lo- sche Tipps zum Umgang damit. Feste
gnose (die heute leider noch selten ist) gopädie, Ergotherapie sowie therapeuti- Strukturen und Rituale, etwa beim Auf-
beugt der Erfahrung von Missbrauch vor sches Reiten. Auch verhaltenstherapeu- stehen, Essen oder Zubettgehen, sind im
und führt insgesamt zu einer besseren tische Maßnahmen sind ergänzend sinn- Alltag sehr hilfreich. Positiv sind auch
sozialen und emotionalen Entwicklung. voll, wenn sich die Inhalte sehr eng am eine insgesamt ruhige Atmosphäre sowie
Zum einen werden dadurch unnötige Un- Alltag orientieren und die Kinder das ge- eine eher reizarme Umgebung mit wenig
tersuchungen und unwirksame Thera- wünschte Verhalten dabei konsequent Spielzeug und klar strukturierten Berei-
pien vermieden sowie schneller eine ge- einüben. chen im Kinderzimmer. Belohnungssys-
eignete Betreuung und Förderung gefun- Medikamente können helfen, Proble- teme (Punkte oder Smileys für gewünsch-
den. Zum anderen reduziert der Wechsel me der Aufmerksamkeit und Hyperakti- tes Verhalten) funktionieren – im Gegen-
in eine geeignetere Schulform Lernprob- vität zu mildern. Viele Kinder mit FAS to- satz zu Kindern mit ADHS – bei solchen
leme, und die Kinder fühlen sich weniger ben so wild und ohne jegliches Bewusst- mit Alkoholschädigungen nicht gut. Sie
überfordert. Außerdem berichten die El- sein für Risiken, dass sie sich und andere vergessen die angekündigte Belohnung
tern, dass sie ihre Kinder nun besser ver- Kinder gefährden. Das führt zu häufigen oft wieder.

42
Anweisungen an das Kind sollten (Gehirn und Geist, September 2015)
schrittweise erfolgen: eine einfache und (Spektrum – Die Woche, Schwangerschaft und Geburt – In
präzise Anforderung nach der anderen, 280 Tagen auf die Welt)
die zweite erst, wenn die erste beendet ist. Beena Sood, M.D. et al.: Prenatal Alcohol Exposure and
Statt viel zu erklären, ist es besser, das ge- Childhood Behavior at Age 6 to 7 Years: I. Dose-Response
wünschte Verhalten vorzumachen und es Effect. In: Pediatrics 108, e34, 2001
mit dem Kind praktisch einzuüben. Beim Fallgreen Eriksen, H.L. et al.: The Effects of Low to Modera-
Start einer neuen oder auch bei einer te Prenatal Alcohol Exposure in Early Pregnancy on IQ in
schon bekannten Aufgabe darf und soll 5-Year-Old Children. In: International Journal of Obstetrics
geholfen werden. Gut angenommen wer- & Gynaecology 119, S. 1191–1200, 2012
den beispielsweise Kärtchen, die zu Ler- Kelly, Y et al.: Light Drinking in Pregnancy, a Risk for Behavi-
nendes abbilden. Auch Leon macht es oural Problems and Cognitive Deficits at 3 Years of Age? In:
Spaß, die aufgemalten Tätigkeiten zu imi- International Journal of Epidemiology 38, S. 129-140, 2009
tieren und die einzelnen Handlungs- Nordhues, P. et al.: Das fetale Alkoholsyndrom: Eine Studie
schritte erfolgreich abzuarbeiten. zur Erfassung der Prävalenz bei Pflegekindern. In: Feld-
Es ist wichtig, den Kindern auf die best- mann, R. et al. ,(Hrsg.): Perspektiven für Menschen mit
mögliche Weise zu helfen. Nach unseren Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD). Schulz-Kirch-
Berechnungen belaufen sich die Kosten in ner, Idstein, S.18-34, 2013
Deutschland pro FAS-Patient bis zum Al- Pfinder, M., et al.: Alcohol During Pregnancy From 1985 to
ter von 24 Jahren auf ungefähr eine Milli- 2005: Prevalence and High Risk Profile. In: Sucht, Zeit-
on Euro. Die Unterbringung im Heim oder schrift für Wissenschaft und Praxis 59, S. 165–173, 2013
in Pflegefamilien, der Besuch einer För- Sanders, J.: »A Window of Opportunity«: The Proposed
derschule, vielfältige Therapiemaßnah- Inclusion of FASD in the DSM-5. In: Journal on Developmen-
men, betreutes Wohnen und Arbeiten im tal Disabilities 19, S. 7-14, 2013
frühen Erwachsenenalter – all das kostet
viel Geld. Das ist nicht der wichtigste, aber
auch ein Grund, warum der Genuss von
Alkohol in der Schwangerschaft auf kei-
nen Fall verharmlost werden sollte. 
BACK YARDPRODUCTION / GE T T Y IMAGES / ISTOCK
SUCHT

Können Drogen
beim ersten Konsum
abhängig machen?
von Wolfgang Sommer

44
Wie lange dauert es, bis sich feste Konsumgewohnheiten herausbilden?

D
iese Frage habe ich kürz- Weg in eine Sucht ebnen kann. Dieses Die Erfahrung beim ersten »High«-
lich einem meiner Patien- »Belohnungslernen«, auch operante Kon- Sein bestimmt, ob man erneut zur Droge
ten gestellt. Er hatte nach ditionierung genannt, ist enorm wichtig greift oder in Zukunft lieber die Finger
vielen Jahren seine Opiat- für die Herausbildung grundlegender davon lässt. War das Erlebnis positiv,
abhängigkeit überwunden Verhaltensweisen wie Nahrungssuche können sich stabile Konsummuster her-
und engagiert sich jetzt in der Drogen- oder Fortpflanzung. Zudem beeinflusst ausbilden. In dieser Phase ist der Ge-
prävention. Seine Antwort war eindeutig: es die Vermeidung von Schmerzen und brauch von psychoaktiven Substanzen in
»Ja!« Aus seiner Sicht hatte schon die ers- Gefahren: Was uns einmal Lust verschafft der Regel zielgerichtet: Der Nutzer möch-
te berauschende Erfahrung bei ihm zum hat, wiederholen wir; was uns wehtut, te mit ihrer Hilfe seinen geistigen oder
Kontrollverlust geführt. meiden wir. emotionalen Zustand verändern, bei-
Das mag sich für die Betroffenen sub- Das neuronale Belohnungssystem wird spielsweise sein Konzentrationsvermö-
jektiv so anfühlen. Aus medizinischer immer dann aktiv, wenn wir Glücksge- gen oder Selbstbewusstsein steigern oder
Perspektive muss man dem jedoch klar fühle empfinden. Daran beteiligt sind Bo- sich schlicht einen »Kick« verschaffen.
widersprechen. Eine Sucht zeichnet sich tenstoffe wie Dopamin und körpereigene Im Lauf der Zeit kann daraus eine Ge-
dadurch aus, dass der Abhängige sein Opiate, etwa Endorphine. Genau hier wohnheit entstehen. Der Griff zur Droge
selbstzerstörerisches Verhalten nicht greifen auch Substanzen mit Suchtpoten- erfolgt dann nicht mehr intentional, son-
aufgeben kann. Bis es so weit kommt, sind zial an. So kann beispielsweise Kokain dern wird unbewusst wie ein gelernter
einige Zwischenschritte nötig. Was mein schon beim ersten Konsum bestimmte Reflex ausgelöst. Das ist nicht viel anders
Patient beschrieb, ist vielmehr ein evolu- Synapsen im Belohnungssystem verän- als beim berühmten pawlowschen Hund,
tionär sehr alter Lernprozess, der den dern. Allerdings sind diese zellulären der beim Klang einer Glocke wie auf
Umbauten nicht Auslöser des Suchtver- Knopfdruck Speichel absondert. Oft reicht
Wolfgang Sommer ist Professor für Psychiatrie an der haltens, sondern stellen eher eine vorü- eine bestimmte Situation aus, um das Ver-
Universität Heidelberg und Oberarzt am Zentralinstitut bergehende Anpassungsreaktion dar. langen zu entfachen. So greifen viele Rau-
für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er untersucht
die neurobiologischen, genetischen und psychologi- Ohne fortgesetzten Drogenkonsum bil- cher in geselliger Runde oder nach dem
schen Grundlagen von Suchterkrankungen. den sie sich über kurz oder lang zurück. Essen automatisch zur Zigarette.

45
Wie lange es dauert, bis sich feste Kon- se jeder Dritte in diesem Sinn abhängig,
sumgewohnheiten herausbilden, hängt
von unterschiedlichen Faktoren ab. Ne-
bei Alkoholkonsumenten beträgt der An-
teil etwa fünf Prozent.
KOMPAKT
ben der Wirkung der jeweiligen Droge so- Selbst »harte« Drogen müssen also
wie der Häufigkeit und den Umständen entgegen der landläufigen Meinung nicht THEMEN
der Einnahme spielen auch die Persön- zwangsläufig in die Sucht führen. Die
lichkeitsmerkmale des Nutzers eine Rol- meisten amerikanischen Vietnamkriegs- AUF DEN PUNKT
le. Das Rauchen habitualisiert schnell, da
die Wirkung des Nikotins unmittelbar
veteranen, die im Dschungelkampf re-
gelmäßig Heroin genommen hatten,
GEBRACHT
nach der Inhalation zu spüren ist und das konnten nach ihrer Rückkehr in die Hei-
Rauchritual sehr häufig wiederholt wird. mat ohne große Probleme damit aufhö-
Bei zehn Zügen pro Zigarette und zehn ren. Warum der pathologische Prozess
Zigaretten pro Tag sind das allein schon bei manchen Menschen eintritt, während
100 Gelegenheiten. andere die Kontrolle behalten, bleibt Ge-
Sowohl der zielgerichtete Gebrauch genstand intensiver Forschung. 
als auch der gewohnheitsmäßige Kon-
sum unterscheiden sich jedoch funda- (Gehirn&Geist, 4/2018)
mental von einer echten Drogenabhän- Sommer, W. H.: Pathophysiology of Alcohol Addiction. In:
gigkeit. Bei einer Sucht fällt es dem Be- Boyle, P. et al. (Hg.): Alcohol. Science, Policy, and Public
troffenen sehr schwer aufzuhören, selbst Health, 2013, S. 84–96
wenn er sich damit offensichtlich im-
mens schadet. Er leidet zugleich unter ei-
ner chronisch negativen Stimmung und
einem zwanghaften Verlangen. Die Sucht
steht am Ende eines pathologischen Lern-
prozesses, bei dem es zu langfristigen
Fehlanpassungen auf molekularer und
psychologischer Ebene kommt. Unter re- UND ÜBER 200 WEITERE AUSGABEN

WILL SWANN / UNSPL ASH.COM


gelmäßigen Rauchern ist schätzungswei-
ZUR ÜBERSICHT
RAUSCHMITTEL

ALKOHOLSUCHT
Krankheit, keine Charakterschwäche
von Ulrike Gebhardt
Der Konsum von Alkohol ist in unserer
Gesellschaft fest verankert. Echte
Suchtprobleme­werden­deshalb­häufig­
lange übersehen oder ignoriert. Das ist
vor allem mit Blick auf Jugendliche
fatal, bei denen gute Präventionsarbeit
ein Abrutschen in die Abhängigkeit
noch verhindern könnte.

HARTMUT KOSIG / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


47
B
enommen erwacht Johannes* Zeitpunkt meist noch keiner. »Das Koma-
am Morgen in einem frem- saufen ist eher ein Signal dafür, dass et-
den Zimmer. Die Feier am was nicht stimmen könnte«, so der Psy- »Die Eltern sind oft
Vorabend war völlig aus dem chiater.
Ruder gelaufen, und so lan- Teil des Problems«
dete der 16-jährige Gymnasiast schließ- Gründe für die Abhängigkeit (Ulrich Zimmermann)
lich mit 2,6 Promille in einem Hildes- Zimmermann und sein Team erforschen,
heimer Krankenhaus. Dem jungen Mann wovon es abhängt, ob speziell junge Men-
ist die Sache peinlich, doch gerade das schen alkoholabhängig werden oder
macht ihn am Tag darauf offen für ein nicht. Im Rahmen einer Langzeitstudie
Gespräch mit Christiane Aßmann vom in Dresden befragten die Forscher 277
Caritas-Team der Suchthilfe. Die Caritas junge Erwachsene bis 13 Jahre, nachdem
beteiligt sich am bundesweiten Präventi- diese wegen Komasaufens in einem Kran-
onsprojekt HaLT, bei dem Jugendliche kenhaus gelandet waren. Dabei wollten
noch im Krankenhaus auf ihren riskan- sie von ihren Teilnehmern vor allem wis-
ten Umgang mit Alkohol angesprochen sen, wie es um deren aktuelle Lebenssitu-
werden. ation und den Umgang mit Alkohol be-
»Wenn man Jugendliche direkt am stellt war. Die Ergebnisse zeigen: Etwa je-
Krankenbett fragt: ›Was ist los in deinem der zehnte der früheren Komasäufer war
Leben?‹, stellt sich heraus, dass etwa ein der Untersuchung zufolge schon mit Mit-
Fünftel der mit einer Alkoholvergiftung te 20 schwer alkoholabhängig, doch bei
Eingelieferten massiv durch Probleme allen anderen deutete nichts in Richtung
belastet ist, seien es Depressionen, Schul- Alkoholismus. »Wer sind die Hochge-
probleme, Schwänzen, Selbstmordge- fährdeten, und wie kann man eine Sucht
danken, körperlicher und sexueller Miss- in dieser Gruppe vermeiden?«, fragt Zim-
brauch«, sagt Ulrich Zimmermann vom mermann.
Forschungsbereich Suchterkrankungen Prävention sei an dieser Stelle mög-
am Universitätsklinikum in Dresden. Ein lich, wenn Jugendliche und Eltern mit-
echtes Suchtproblem habe zu diesem ziehen würden. »Aber die Eltern sind oft * Name von der Redaktion geändert

48
Teil des Problems, von denen dann kaum rer zwei Millionen ist gesundheitlich be- schutzgesetzes machten demnach abso-
Unterstützung zu erwarten ist«, weiß der denklich. »Die Alkoholsucht wird im Ge- lut Sinn, und es gelte, sie einzuhalten.
Psychiater. Auch Christiane Aßmann gensatz zu anderen psychischen Das jugendliche Gehirn ist noch beson-
kennt das elterliche Desinteresse. Leere Erkrankungen, wie etwa der Depression, ders wandelbar. Heranwachsende sind
Stühle an Infoabenden, und montags, in der Öffentlichkeit weit weniger als Pro- deshalb stärker gefährdet, eine Abhängig-
nach dem peinlichen Wochenende, ist blem angesehen, das Aufmerksamkeit keit zu entwickeln. Frühes Trinken kann
das Thema dann oft schnell wieder vom und Behandlung verlangt«, schreiben zudem weit reichende Folgen haben: Es
Tisch. »Alkohol ist in unserer Gesell- Karl Mann vom Zentralinstitut für Seeli- kann im Erwachsenenalter die Neubil-
schaft immer noch ein Tabuthema«, sagt sche Gesundheit in Mannheim und ande- dung von Nervenzellen verringern, Ge-
Aßmann. Zwar geht der Alkoholkonsum re Suchtexperten in den Leitlinien »Scree- dächtnis und Schlaf beeinträchtigen und
bei männlichen und weiblichen Heran- ning, Diagnose und Behandlung alkohol- über epigenetische Veränderungen die
wachsenden leicht zurück. Laut Daten bezogener Störungen«, die 2016 erstmals Aktivität von Genen beeinflussen. Bei
aus Niedersachsen berichteten dort im erschienen sind. Kampagnen zur Alkoholprävention müss-
Jahr 2013 zum Beispiel noch 31,5 Prozent ten diese langfristigen Schädigungen un-
der Jugendlichen von Rauschtrinkerleb- Alkohol und das jugendliche Gehirn bedingt zum Thema gemacht werden, for-
nissen, 2015 waren es nur noch 27,1 Pro- Die Wirkungen von Alkohol sind vor al- dert Zimmermann. Eine aktuelle Analyse
zent. Anlass zu Entwarnung bieten diese lem auf den heranwachsenden Körper von 72 solcher Kampagnen zeigt jedoch,
nach wie vor sehr hohen Zahlen aller- und das jugendliche Gehirn folgenschwer. dass es hier durchaus Nachholbedarf gibt.
dings nicht. »Gerade bei jungen Männern ist die Hirn- Laut Melanie Wakefield und ihren Kolle-
»Das Trinken von Alkohol besitzt weit- reifung erst mit Anfang 20 abgeschlos- gen vom Centre for Behavioural Research
gehend gesellschaftliche Anerkennung«, sen«, sagt Psychiater Zimmermann. Und in Cancer in Melbourne wird bei den Akti-
schreibt die Deutsche Hauptstelle für es mache eben einen Unterschied, ob eine onen hauptsächlich auf die akuten Folgen
Suchtfragen in einem Infoblatt. Doch zu toxische Substanz wie das Ethanol auf ei- des Trinkens hingewiesen, vor langfristi-
welchem Preis? Weltweit sterben mehr nen jungen, heranreifenden Körper oder gen Effekten aber kaum gewarnt.
als sieben Prozent aller Männer und vier auf einen erwachsenen treffe. »Wenn es Je früher ein junger Mensch mit dem
Prozent aller Frauen an den Folgen des auf ein Haus regnet, wird es nur nass. Trinken anfängt, desto gefährdeter ist er,
Alkoholkonsums. In Deutschland sind Schaden entsteht, wenn das Haus noch in die Abhängigkeit abzurutschen. Ein
mehr als zwei Millionen Menschen alko- im Bau ist und kein Dach den Regen ab- erhöhtes Risiko besteht auch für all dieje-
holabhängig, der Alkoholkonsum weite- hält.« Die Bestimmungen des Jugend- nigen, die »viel abkönnen«. Die Suchtfor-

49
scher in Dresden luden 18-Jährige der eine Alkoholabhängigkeit. Man müsste
sächsischen Landeshauptstadt zu einem sie entsprechend eher als »Schutzgene«
Experiment ein. Per Knopfdruck sollten bezeichnen.
sie sich im Labor intravenös denjenigen
Alkoholgehalt im Blut einstellen, den sie Eklatante Therapielücke
auf einer Party als angenehm empfinden Eine gute Prävention ist die eine, die Be-
würden. »Der Wohlfühlpegel der Teil- handlung einer bereits bestehenden Ab-
nehmer schwankte stark«, sagt Ulrich hängigkeit die andere Seite des Alkohol-
Zimmermann. Ein Viertel arbeitete sich problems. Und die gestaltet sich bei Ju-
zielstrebig auf 1,2 Promille vor, andere gendlichen wie Erwachsenen schwierig.
blieben bei 0,3 Promille und fühlten sich Es gäbe viele wirksame Therapien, sagt
damit schon ziemlich betrunken. »Wir der Suchtforscher Karl Mann vom Mann- »Viele denken,
gehen davon aus, dass sich in der ersten heimer Zentralinstitut für Seelische Ge-
Gruppe diejenigen befinden, die anfälli- sundheit. »Das größte Problem besteht dass es sich bei der
ger für eine Alkoholabhängigkeit sind.« nicht darin, festzustellen, ob nun Metho-
(Laut dem Dresdner Team steigern solche de A oder B besser ist, sondern darin, die
Alkoholsucht um eine
Laborstudien das Trinkverhalten der Teil- Menschen überhaupt in die Behandlung Charakterschwäche
nehmer im wahren Leben übrigens nicht.) zu bekommen – nur rund zehn Prozent
Wie gut ein Mensch Alkohol verträgt, der Patienten werden hier zu Lande an-
und nicht um eine
ist auch genetisch bedingt. Von den bis- gemessen versorgt.« Damit steht die Al- Krankheit handelt«
lang diskutierten Risikogenen für eine koholabhängigkeit weitaus schlechter da
(Karl Mann)
Alkoholsucht gelten aktuell nur zwei als als andere psychische Erkrankungen; bei
sichere Kandidaten: Variationen im so ge- Depressionen erreicht man rund die
nannten ADH1B-Gen bei Europäern und Hälfte, bei der Schizophrenie gar 80 Pro-
im ALDH-Gen bei Ostasiaten. Die Genva- zent der Betroffenen mit den verfügba-
rianten sorgen dafür, dass der Körper Al- ren Therapien. Schätzungen zufolge
kohol schlechter abbauen kann und schon könnten in Deutschland jedes Jahr 2000
auf geringe Mengen mit Unwohlsein re- Leben gerettet werden, wenn nicht nur
agiert. Sie verringern daher das Risiko für zehn Prozent, sondern 40 Prozent der

50
Alkoholkranken angemessen behandelt
würden.
Was kennzeichnet eine Alkoholsucht?
Gemäß Diagnostischem und Statistischem Leitfaden psychischer Störungen (DSM-5) liegt eine so
Die Gründe für diese Therapielücke
genannte Alkoholkonsumstörung vor, wenn die Betroffenen durch ihren Alkoholkonsum zuneh-
sind vielfältig. Die Diagnose »Alkoholab- mend beeinträchtigt sind und mindestens zwei der folgenden Kriterien innerhalb eines Zeitraums
hängigkeit« ist nach wie vor mit einem von zwölf Monaten erfüllt sind:
Stigma behaftet. »Immer noch denken
viele, dass es sich bei der Alkoholsucht 01.­­Der­Betroffene­trinkt­häufig­Alkohol­in­größeren­Mengen­oder­länger­als­beabsichtigt.
um eine Charakterschwäche und nicht 02. Der Betroffene wünscht sich oder versucht vergebens, weniger zu trinken oder den
um eine Krankheit handelt«, sagt Sucht- Alkoholkonsum stärker zu kontrollieren.
forscher Mann. Hausärzte wüssten oft
03. Der Betroffene investiert viel Zeit, um sich Alkohol zu beschaffen, diesen zu konsumieren
nicht genau, was zu tun sei, und thera-
oder sich von dem Konsum zu erholen.
pierten lieber Begleiterscheinungen wie
Magenprobleme als die verursachende 04. Der Betroffene verspürt ein starkes Verlangen nach Alkohol.
Sucht. Zusammen mit insgesamt 80 un-
05.­­Der­Betroffene­trinkt­so­häufig­Alkohol,­dass­er­seinen­Verpflichtungen­bei­der­Arbeit,­
abhängigen Fachleuten hat Karl Mann in
in der Schule oder daheim nicht mehr nachkommen kann.
den vergangenen fünf Jahren eine Leitli-
nie erarbeitet, die den Kollegen ein Raster 06.­­Der­Betroffene­trinkt­auch­weiter­Alkohol,­wenn­dadurch­zwischenmenschliche­Konflikte­
anbieten soll, an dem sie sich bei der Be- entstehen oder verschärft werden.
handlung von Patienten mit einer Alko- 07.­­Der­Betroffene­schränkt­wichtige­berufliche,­soziale­oder­Freizeitaktivitäten­durch­seinen­
holsucht entlanghangeln können. »Die Alkoholkonsum ein oder gibt diese ganz auf.
Hälfte der empfohlenen Methoden sind
evidenzbasiert, und von vielen Ärzten 08. Der Betroffene bringt sich durch seinen Alkoholkonsum wiederholt in körperliche Gefahr.
und Verbänden gab es schon ein positives 09. Der Betroffene ignoriert körperliche oder psychische Probleme, die womöglich mit seinem
Echo«, so Mann. Alkoholkonsum in Verbindung stehen.
Das medizinische System liefert noch
10. Der Betroffene muss seinen Konsum zunehmend steigern, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
weitere Gründe für die Therapielücke.
»Rund zwei Drittel aller männlichen Pati- 11. Der Betroffene leidet ohne Alkohol an Entzugssymptomen, die sich etwa in Angst, Übelkeit
enten auf chirurgischen Stationen in deut- und Erbrechen oder Unruhe äußern. Oder er konsumiert Alkohol oder ähnliche Substanzen,
schen Krankenhäusern liegen dort auf um diese Entzugssymptome zu vermeiden oder zu lindern.

51
Grund von Unfällen im Zusammenhang Das medizinische System sei an vielen die Sinnhaftigkeit des Lebens durch den
mit Alkohol«, sagt Andreas Heinz, Direk- Stellen zu kurzsichtig und nicht gut ge- Verlust des Partners oder der Arbeit ver-
tor der Klinik für Psychiatrie und Psycho- nug organisiert. Und auch ein qualifizier- loren geht«, weiß Mann. Im Gegensatz zu
therapie an der Charité in Berlin. Hier ter Entzug, der eine Entgiftung sowie die früher empfehle man heutzutage älteren
könne man eigentlich gut ansetzen. »Doch therapeutische Bearbeitung psychischer, Patienten nicht unbedingt immer, kom-
in vielen Kliniken herrscht teilweise gera- sozialer und medizinischer Probleme plett auf den Alkohol zu verzichten, sagt
dezu ein therapeutischer Nihilismus; bis einschließt, sei in Deutschland nicht der Suchtforscher. »In vielen Fällen ist es
hin zum Ausschank von alkoholischen Standard, sagt Andreas Heinz. »Viele Pa- hilfreich, gemeinsam mit dem Arzt einen
Getränken, damit sich die Liegezeiten tienten, die nach der Entgiftung eine Plan zu machen, wie der Alkoholkonsum
durch etwaige Entzugserscheinungen Chance hätten, gehen so verloren.« Nach zu verringern ist.« Wenn sich der Patient
nicht verlängern.« einem qualifizierten Entzug würden etwa auf nur noch ein bis zwei Gläser Wein
Studien hätten gezeigt, dass mit Kurz- 50 Prozent der Betroffenen rückfällig, oder eine Flasche Bier am Tag einlässt,
interventionen bereits in dieser Phase nach einem rein körperlichen Entzug da- könnte es der Leber bald schon wieder
viel erreicht werden könne. Würden die gegen rund 80 bis 90 Prozent. besser gehen. 
Patienten durch eine qualifizierte Kraft Im Zuge der demografischen Entwick-
auf die Problematik an sich angespro- lung wird nicht zuletzt auch das Thema (Spektrum – Die Woche, 20/2017)
chen und (ohne erhobenen Zeigefinger) Alkohol im Alter künftig immer bedeut-
auch wiederholt auf mögliche Konse- samer werden. Suchtforscher Mann un-
quenzen der Sucht, begäben sich bis zu terscheidet bei älteren alkoholabhängi-
40 Prozent der Betroffenen nach dem gen Menschen zwei verschiedene Typen:
Krankenhausaufenthalt zur weiteren Be- Die einen haben schon immer getrunken
handlung in die Obhut therapeutischer und erreichen oftmals gar kein wirklich
Gruppen oder Ansprechpartner, so An- hohes Alter, sondern sterben schon 15 bis
dreas Heinz. »Je früher eine Alkoholsucht 20 Jahre früher als im Durchschnitt er-
erkannt und je früher eingegriffen wird, wartet.
desto besser. Die Gesundheit ist noch »Dann gibt es diejenigen, die spät im
nicht zerstört, die Ehe noch nicht kaputt, Leben ihren Alkoholkonsum steigern,
und der Job ist noch nicht weg«, erklärt etwa um das 60. Lebensjahr herum. Der
Karl Mann. Alkohol wird zum einzigen Freund, wenn

52
ANDRESR / GE T T Y IMAGES / ISTOCK
» Die ALKOHOLABHÄNGIGKEIT

Belohnungserwartung
von Christiane Gelitz
verlernen
Den meisten Alkoholikern gelingt es auch nach einem Entzug nicht, ihre Sucht «
dauerhaft zu überwinden. Wie sich das Rückfallrisiko senken lässt, erforscht der
Psychiater Falk Kiefer, Direktor der Suchtklinik am Zentralinstitut für Seelische
Gesundheit in Mannheim.

53
H
err Professor Kiefer, eine Belohnung – und je häufiger diese
was hilft einem Alkoho- tatsächlich folgt, desto mehr wird die
liker am meisten, um Trinksituation mit der Belohnung assozi-
nicht wieder zur Flasche iert und desto präsenter wird sie in der
zu greifen? Wahrnehmung. Deshalb reagiert ein Al-
Die Abstinenz selbst! Denn nur dann koholiker in aller Regel auf eine Kneipe
kann er die nötigen Kompetenzen erwer- anders als auf eine Wäscherei oder ein
ben, um weiter abstinent zu bleiben. Zum Blumengeschäft. Je häufiger er an dem
einen lernt er erst in dieser Phase, mit Lokal vorbeigeht, ohne zu trinken, desto

MIT FRDL. GEN. VON FALK KIEFER


kritischen Situationen wie einer Feier eher lernt er unbewusst: Es kommt keine
oder einer privaten Krise umzugehen, Belohnung mehr!
ohne exzessiv zu trinken. Zum anderen
verlernt er in dieser Phase die automati- Bedeutet das also, dass sich ein
sche Belohnungserwartung, die er unbe- Alkoholiker zwangsläufig Abstinenz
wusst mit den Situationen verknüpft, in zum Ziel setzen muss – und nicht
denen er getrunken hat. So nimmt das etwa »kontrolliertes Trinken«? FALK KIEFER | Falk Kiefer, geboren 1969 in
Bedürfnis zu trinken ab. Nicht unbedingt! Würden Sie einem Dia- Hannover, studierte Medizin an der Universität
betiker sagen, ihm sei nur zu helfen, wenn Erlangen-Nürnberg. Nach der Promotion 1996
Was genau ist eine automatische er eine perfekte Diät einhält und sein Ide- bildete er sich am Uniklinikum Hamburg-Ep-
Belohnungserwartung? algewicht hält? Dasselbe gilt für die Al- pendorf zum Facharzt weiter und habilitierte
Uns allen springen Umweltreize schnel- koholabhängigkeit. Sicher wäre es opti- sich dort 2004. Seit 2005 ist er Professor für
ler ins Auge, wenn sie eine Belohnung er- mal, wenn ein Alkoholiker vollständig Psychiatrie und Psychotherapie an der Univer-
warten lassen. Der dafür nötige neurona- abstinent bliebe. Es wäre für ihn langfris- sität Heidelberg sowie seit 2014 Ärztlicher
le Filter basiert auf dem Hirnbotenstoff tig auch leichter, wenn er gar nichts mehr Direktor der Suchtklinik am Zentralinstitut für
Dopamin; das so genannte mesolimbi- trinken würde, denn sonst muss er sich Seelische Gesundheit in Mannheim. Unter an-
sche Belohnungssystem ist daran betei- jeden Tag aufs Neue entscheiden: Trinke derem erforscht er, wie sich Verlangen und
ligt. Wenn Alkoholiker etwas trinken, ich ein, zwei oder drei Bier? Aber wir Rückfallrisiko bei Alkoholabhängigen mindern
wird es aktiviert und damit die betreffen- müssen auch Leuten helfen, die sagen: lassen und auf welche Weise Anti-Craving-
de Situation »markiert«: Sie verspricht »Warum soll ich mein Leben lang keinen Mittel wirken.

54
Alkohol mehr trinken? An vielen Tagen
schaffe ich es ja, nach dem dritten Glas
Diagnose Alkoholabhängigkeit
Laut der Weltgesundheitsorganisation müssen dafür innerhalb eines Jahres drei
aufzuhören.« Nur ein Teil der Alkoholiker
der folgenden Kriterien wiederholt oder mindestens einen Monat lang gleichzeitig
kann nach dem ersten Glas grundsätzlich erfüllt sein:
nicht mehr aufhören, aber nicht alle. Ge-
rade in den Frühstadien der Abhängig- • ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken
keit können sie sich unter bestimmten • Verlust über den Zeitpunkt, die Dauer oder die Menge des Alkoholkonsums
Bedingungen noch kontrollieren und ge-
hen zum Beispiel nüchtern zur Arbeit • körperliche Entzugserscheinungen, wenn der Konsum reduziert wird
oder zum Arzt.
• Toleranzentwicklung: Die gleiche Alkoholmenge wirkt nicht mehr so stark

Und das wiegt sie in Sicherheit: • Vernachlässigung anderer Interessen zu Gunsten des Alkoholtrinkens
die Überzeugung, es noch im Griff
• anhaltender Alkoholkonsum trotz eindeutiger körperlicher, psychischer oder
zu haben? sozialer Folgeprobleme
Ja, denn es gibt nicht den einen Zeitpunkt,
wo sich der Schalter umlegt – und plötz-
lich ist man süchtig. Die Sucht entwickelt Es gibt zahlreiche Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Opiat-
sich kontinuierlich: Schon mit der ersten angeblich dabei helfen sollen, die abhängigen zugelassen war. Aber Nalme-
Vorliebe für alkoholische Getränke be- Kontrolle zu behalten. Stimmt das? fen ist verträglicher für die Leber. Außer-
ginnt es; dann ist man mehr und mehr Es gibt zumindest Hinweise, dass einige dem hat es an den Rezeptoren zusätzli-
bereit, dafür auch Nachteile wie den Ka- Substanzen Patienten dabei unterstützen che Effekte, die den Alkoholgebrauch
ter am nächsten Tag in Kauf zu nehmen. können, ihren Alkoholkonsum zu redu- weiter senken.
Es fängt harmlos an: Eigentlich habe ich zieren: Es fällt ihnen leichter, wenn sie
mir vorgenommen, heute nichts zu trin- vorher ein solches Medikament einge- Wie wirken diese Medikamente?
ken, aber dann sitzt man da in der netten nommen haben als ohne oder mit einem Nach ihrer Einnahme lässt sich das me-
Atmosphäre mit den anderen Jungs, die Scheinmedikament. 2014 wurde »Nal- solimbische Belohnungssystem weniger
auch alle was trinken … Dieser zunächst mefen« eingeführt, ein so genannter Opi- durch Alkohol aktivieren als vorher. Das
leichte Kontrollverlust weitet sich immer atantagonist, ähnlich wie »Naltrexon«, bedeutet, dass Alkohol seinen verstär-
mehr aus. das schon länger auf dem Markt ist und kenden Effekt verliert oder zumindest re-

55
duziert. Die Belohnungserwartung, die
mit dem nächsten Bier geknüpft ist, wird
Der »Cage-Test«
Wer zwei dieser vier Fragen bejaht, neigt zu übermäßigem Alkoholkonsum.
gemindert.
• Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
Nutzen Sie das auch bei Ihrer (»Cut down« – reduzieren)
praktischen Arbeit mit Patienten?
• Haben Sie sich schon mal über Kritik an Ihrem Trinkverhalten geärgert?
Ja – wenn sie sich nicht zur Abstinenz mo- (»Annoyed« – sich ärgern)
tivieren lassen oder wenn nach dem Ent-
zug das Verlangen nach Alkohol groß ist • Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?
und vereinzelt Rückfälle auftreten. Im (»Guilty« – schuldig fühlen)
Idealfall berichten Patienten dann nach • Haben Sie jemals morgens zuerst Alkohol getrunken, um sich nervlich zu
der Einnahme der Medikamente, dass sie stabilisieren oder den Start in den Tag zu erleichtern?
beim Anblick von Alkohol oder nach dem (»Eye Opener« – erwachen)
ersten Bier weniger Drang verspürten
weiterzutrinken. Allerdings sind Nalme-
fen und Naltrexon als Opiatantagonisten Placebomedikament weniger Alkohol, Gramm, eine Frau mehr als 40 Gramm
nicht geeignet für Patienten, die Opiate oder es fällt ihnen nach einem Rückfall reinen Alkohol pro Tag. Ebenso wie Nal-
einnehmen, zum Beispiel gegen chroni- leichter, den weiteren Konsum zu begren- trexon ist Nalmefen deshalb für die Alko-
sche Schmerzen oder weil sie opiatabhän- zen. Wirksam ist schon allein ein thera- holismustherapie zugelassen und wird in
gig sind. Es gibt auch Nebenwirkungen peutisches Angebot, das darauf abzielt, der klinischen Praxis auch eingesetzt.
wie Übelkeit und Durchfall, die aber in der die Trinkmenge durch kurze Kontakte
Regel vorübergehend sind. Wenn die Ne- und durch Erfassung der Trinkmenge zu Gibt es noch weitere Mittel oder zu-
benwirkungen den Nutzen überwiegen, reduzieren. Dieses Vorgehen fördert die mindest Hoffnung auf neue wirksa-
setzt man das Medikament wieder ab. Achtsamkeit und Veränderungsbereit- me Medikamente für Alkoholiker?
schaft der Patienten. Zusätzlich dazu ver- Bei drei weiteren Substanzen gibt es
Ist die Wirkung durch empirische ringert die Behandlung mit Nalmefen die ebenfalls Hinweise, dass sie wirksam
Untersuchungen belegt? Zahl der schweren Trinktage von 19 auf sind: Ondansetron, ein Medikament mit
Ja, Patienten trinken bei Einnahme dieser knapp 7 Tage pro Monat. Ein Trinktag be- Wirkung auf das Serotoninsystem, Topi-
beiden Substanzen im Vergleich zu einem deutet: Ein Mann konsumiert mehr als 60 ramat, das über die Botenstoffe GABA

56
Alkoholismus behandeln
1. Schritt: Entzug oder Entgiftung
Findet in der Regel auf einer Entgiftungsstation für Alkoholkranke statt. So können Ärzte die Entzugssymptome
behandeln, darunter Fieber, Übelkeit, Nervosität, Gereiztheit, Schlafstörungen und Depressionen – und bei Le-
bensgefahr eingreifen. In schwierigen Fällen kann es zu einem Entzugsdelir (Delirium tremens) kommen: epilep-
tischen Anfällen, visuellen und taktilen Halluzinationen, Verkennung von Personen oder Umwelt, starkem Schwit-
zen und Zittern, Bluthochdruck und schnellem Puls bis hin zu lebensgefährlichen Kreislaufstörungen. Nach vier
bis fünf Tagen ist der Entzug körperlich weit gehend überstanden.

Um die Entzugserscheinungen zu mildern, sind verschiedene Medikamente im Einsatz: als erste Wahl Clomethia-
zol und Benzodiazepine, alternativ ein Neuroleptikum kombiniert mit einem Antiepileptikum. Auch blutdrucksen-
kende­Mittel­sowie­sedierende­Antidepressiva­können­helfen.­Im­Fall­eines­Delirs­werden­häufig­Antipsychotika­
und Antiepileptika eingesetzt.

2. Schritt: Entwöhnung (Langzeittherapie)


Nach der Entgiftung erleidet in der Regel jeder Zweite einen Rückfall, denn zu diesem Zeitpunkt gilt nicht die
Sucht, sondern nur die körperliche Abhängigkeit als überwunden. Die Entwöhnungsphase dauert manchmal ein
Leben lang, denn die Sucht kann auch nach vielen Jahren Abstinenz wieder zu Tage treten.

Psychotherapie, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker können helfen, dem
FOX YS_FOREST_MANUFACTURE / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

psychischen Verlangen zu widerstehen und die Abstinenz oder das kontrollierte Trinken aufrechtzuerhalten.
Medikamente können die Entwöhnung unterstützen – den Durchhaltewillen jedoch nicht ersetzen. Sie dämpfen
aber zumindest den Suchtdruck (»Craving«), die gravierendste psychische Entzugserscheinung.

Die zugelassenen Präparate gibt es nur auf Rezept nach der Entgiftung. Dazu zählen drei Medikamente, die den
belohnenden Effekt von Alkohol und somit das Verlangen mindern: Naltrexon und Nalmefen, die Opiatrezeptoren
blockieren,­und­Acamprosat,­das­Glutamatrezeptoren­an­den­Nervenzellen­besetzt.­Das­Medikament­Disulfiram­
wirkt auf andere Weise: Es verhindert den Abbau von Alkohol und erzeugt so eine vorübergehende Alkoholunver-
träglichkeit. Auch eine geringe Trinkmenge provoziert dann Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen, und die
Angst­davor­hält­viele­vom­Trinken­ab.­Der­Entzug­mit­Disulfiram­kann­wegen­der­Vergiftungsreaktion,­die­infolge­
des Alkoholabbaustopps entsteht, tödlich enden. Deshalb wird das Medikament nur noch selten verschrieben.

57
und Glutamat wirkt, und das Muskelrela- eingesetzt. Kokain und Amphetamine
Kurz erklärt xans Baclofen. Sie sind aber bisher nicht hingegen wirken primär auf das dopa-
Mesolimbisches Belohnungssystem
für die Alkoholismustherapie zugelassen, minerge System und Nikotin hauptsäch-
Neuronales Netzwerk, das Teile des
Mittelhirns und des limbischen Sys- weil die Datenlage als noch nicht ausrei- lich über die nikotinergen Acetylcholin-
tems umfasst. Ist es aktiv, erwarten chend eingeschätzt wird. Man kann sie rezeptoren.
oder­empfinden­wir­Lust­–­deshalb­ »off-Label« einsetzen, sofern man das mit
wirkt seine Aktivität motivierend und dem Patienten bespricht. Es gibt außer- Wird es eines Tages möglich sein,
verstärkend. Es spielt eine zentrale dem noch mehrere Dutzend Substanzen, Alkoholiker rein medikamentös
Rolle bei Süchten und kann unter ande- für die man in Tiermodellen Indizien ge- zu behandeln?
rem durch Drogen wie Nikotin, Alkohol funden hat, dass sie vielleicht auch beim Sicher nicht allein. Zu einer Alkoholab-
oder Opiate, aber auch durch körper-
Menschen in der Suchttherapie wirksam hängigkeit tragen wesentlich soziale und
eigene Opioide aktiviert werden. Die
Neurone im mesolimbischen System sein könnten. Aber der Weg von den ers- seelische Faktoren bei. Konkret bedeutet
schütten dann Dopamin aus und akti- ten Hinweisen bis zur Zulassung ist weit. das: Der Patient muss sich ein Leben auf-
vieren so wiederum andere Hirnstruktu- bauen, in dem es ihm möglich ist, ohne
ren wie den Nucleus accumbens. Lassen sich Medikamente, die für oder mit weniger Alkohol zu leben. Er
die Alkoholismustherapie zugelassen muss lernen, sich in Situationen, die er
Off-Label-Use Anwendung eines zuge-
sind, auch bei anderen Süchten bisher mit Alkohol bewältigt hat, anders
lassenen Arzneimittels außerhalb der
genehmigten Anwendungsgebiete. einsetzen? zu verhalten, Krisen durchzustehen oder
Ärzte sollten Medikamente off-Label Das ist unterschiedlich: Nalmefen und auch auf andere Weise Spaß zu haben.
nur auf Basis von gültigen Leitlinien, Naltrexon können auf Grund ihrer Phar- Medikamente können ihn aber dabei un-
Empfehlungen oder anerkannter wis- makologie auch bei anderen Abhängig- terstützen, sein Leben entsprechend um-
senschaftlicher Literatur verordnen und keiten helfen, vor allem bei Verhaltens- zugestalten. Sie dienen als Krücke – so
die Patienten besonders gut aufklären. süchten wie Spielsucht. Das liegt daran, wie eine reale Krücke, die das Bein ent-
Die Off-Label-Anwendung ist laut
dass die Glücksgefühle bei Geldgewin- lastet, damit der Knochen wieder heilen
Bundessozialgericht zulässig, wenn
nen über Endorphine – also körpereige- kann. Ohne Krücke geht es eben manch-
eine schwer wiegende Erkrankung
vorliegt, keine andere Therapie verfüg- ne Glückshormone – vermittelt werden, mal nicht. 
bar ist und auf Grund der Datenlage die ebenfalls an Opiatrezeptoren bin-
begründete Aussicht auf Erfolg der den. Deshalb werden die Opiatantago-
Behandlung besteht. nisten hier ebenfalls schon »off-Label« (Gehirn&Geist, 1/2015)
Faustregeln
Volumenprozent und reiner Alkohol Risikoarmer Konsum
1 Vol.-% Alkoholgehalt enthält 0,8 Gramm reinen Alkohol. Das bedeutet: an zwei bis drei Tagen pro Woche auf
Beispiel: Alkohol vollständig verzichten.
Und an jedem anderen Tag sollten es nicht mehr sein als:
1 Flasche Bier (330 ml; 4,8 Vol.-%):

ANKE HEINZELMANN; FARBIGE BILDER: FOTOLIA / MACROVECTOR; BE ARBEITUNG: SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T; WEISSE SYMBOLE: ANKE HEINZELMANN
• zirka 0,6 l Bier oder
330 ml • 48/100 • 0,8 = 12,7g Alkohol • 0,3 l Wein/Sekt oder
• 8 cl einer Spirituose (Likör, Korn)

0,5 l Bier (4,8 Vol.-%) = 19 g


• zirka 0,3 l Bier oder
• 0,15 l Wein/Sekt oder
• 4 cl einer Spirituose (Likör, Korn)

0,2 l Wein/Sekt (11 Vol.-%) = 18 g


Für Schwangere gilt: Auch kleine Mengen Alkohol können
dem Baby schaden!

0,02 l Whisky (40 Vol.-%) =7g


Die Alkoholkonzentration in »Promille« (‰)
bezeichnet die Alkoholmenge in Gramm pro 1000 Gramm Blut
und berechnet sich näherungsweise nach folgender Formel:

0,02 l Tequila (38 Vol.-%) =6g


Alkohol in g
=
Körpergewicht in kg • 0,7

0,02 l Korn (33 Vol.-%) =5g


Alkohol in g
=
Körpergewicht in kg • 0,6

59
Wirkung ‰
Ab 0,2 Promille steigt das Unfallrisiko. 0,2
Bis 0,5 Promille:
• gelöste Stimmung
• steigende Kontaktfreudigkeit und Risikobereitschaft
• eingeschränkte Bewegungskoordination 0,5 Ab 0,5 bis 1 Promille:
• nachlassendes Seh-, Konzentrations-, Urteils- und
• um 25 Prozent eingeschränktes Sichtfeld (Tunnelblick)
Reaktionsvermögen
• um 30 bis 50 Prozent verlängerte Reaktionszeit
• nachlassendes Hörvermögen
• falsches Einschätzen von Geschwindigkeiten und
Entfernungen
Ab 1 bis 2 Promille: 1,0 • zunehmende Enthemmung, Euphorie, Selbst-
• stark eingeschränkt: räumliches Sehen, Reaktions-
überschätzung und Reizbarkeit
vermögen, Kritikfähigkeit
• starke Gleichgewichtsstörungen (Torkeln),
Sprechstörungen (Lallen)
• Orientierungsstörungen, Verwirrtheit
• verändertes subjektives Befinden, oft heiter-
läppisch oder depressiv
2,0 Ab 2 bis 3 Promille:
• Betäubung
• Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit
• kaum noch Reaktionsvermögen, Muskelerschlaffung
• Erbrechen
Ab 3 Promille: 3,0
• Unterkühlung
• Reflexlosigkeit, Lähmungen
• unkontrollierte Ausscheidungen Der Blutalkoholgehalt sinkt pro Stunde
• schwache Atmung, Atemstillstand bei Männern: um 0,15 ‰,
bei Frauen: um 0,13 ‰.
• Bewusstlosigkeit, Koma, Tod
ANKE HEINZELMANN

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA),


Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
60
MIKROBIOM

Sucht geht
durch den
Bauch
von Anna Clemens
Der Darm und die dort
angesiedelten Bakterien
können eine Drogensucht
beeinflussen.­Das­bietet­
womöglich Ansatzpunkte
für neue Therapien.

K ATARZYNABIAL ASIE WICZ / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


61
J
eden Montag beziehen vier neue schwierig. Abhängig machende Substan- AUF EINEN BLICK
alkoholabhängige Patienten ihre zen aktivieren nämlich das Belohnungs- Darm im Rausch
Zimmer im Krankenhaus Saint- zentrum des Gehirns und regen es an,
01 Eine Sucht entsteht im Kopf –
Luc, östlich von Brüssel. Über ei- Botenstoffe wie Dopamin auszuschüt- doch neuere Forschungsergebnisse
nen Zeitraum von drei Wochen be- ten. Das fühlt sich gut an. Das Gehirn ge- deuten darauf hin, dass der Darm und
gleiten Ärzte sie bei ihrem Entzug und wöhnt sich schnell an die Belohnung und seine mikrobiellen Bewohner zu ihrer
unterstützen sie mit psychologischen verlangt Nachschub – der Konsument Entstehung beitragen können.
und medikamentösen Therapien. Anders wird süchtig.
02 Sowohl vom Verdauungstrakt pro-
als bei einem typischen Entzugspro- Vermutlich spielt bei einer Abhängig- duzierte Stoffe wie Ghrelin als auch
gramm bat das Klinikpersonal von 2010 keit noch ein weiteres Organ eine Rolle: Stoffwechselprodukte von Darmmik-
bis 2013 jedoch einige Patienten zu Be- der Darm mit seinen mikrobiellen Be- roben verändern die Wirkung verschie-
ginn und am Ende ihres Aufenthalts um wohnern. In unserem Körper leben Milli- dener Drogen.
Stuhlproben. Diese insgesamt 90 Perso- arden Bakterien und Pilze – in Verdau-
03 Manche Wissenschaftler wollen
nen waren Teil einer Studie, die Philippe ungstrakt, Mund, Vagina und auf der Haut diese Prozesse therapeutisch nutzen:
de Timary und Nathalie Delzenne von der bilden die Mikroorganismen dynamische Medikamente, die in die Darm-Hirn-
Université Catholique de Louvain in Bel- Gemeinschaften. Forscher finden immer Achse eingreifen, sowie Prä- und Pro-
gien leiteten. Sie sollte zeigen, ob die mehr Hinweise darauf, dass Mikroben in biotika könnten helfen, Abhängigkei-
Darmflora der Patienten das Verlangen unserem Darm mit dem zentralen Ner- ten besser zu behandeln.
nach Alkohol beeinflusst. vensystem kommunizieren. Unter ande-
Allein in Deutschland sind 1,6 Millio- rem mit der Entstehung von Autismus,
nen Menschen alkoholabhängig. Rund Parkinson, Schizophrenie, Angststörun-
12 Millionen rauchen, und nach Schät- gen und Depression wurde die »Darmflo-
zungen des Bundesgesundheitsministe- ra« bereits in Verbindung gebracht. Nun
riums weisen 600 000 einen problemati- schauen Wissenschaftler auch bei Abhän-
schen Konsum von illegalen Drogen auf, gigkeitserkrankungen genauer hin. Sie
während rund 2,3 Millionen medika- wollen herausfinden, wie ein gestörtes
mentenabhängig sind. Suchterkrankun- Mikrobiom eine Sucht beeinflussen kann
gen sind nicht nur weit verbreitet, ihre und ob Eingriffe in den Darm beim Ent-
Behandlung ist oft auch langwierig und zug und bei der Rehabilitation helfen.

62
Einige Studien deckten zunächst Un- Psychologische Gutachten zeigten, dass Eine andere Möglichkeit, wie Hirn und
terschiede in der Darmflora von gesun- sie im Schnitt besonders stark alkoholab- Darm bei einer Alkoholsucht kommuni-
den und suchtkranken Menschen auf. Im hängig waren: Sie hatten nach dem drei- zieren könnten, ist das Peptid Ghrelin,
Magen von Rauchern befanden sich in ei- wöchigen Entzug ein größeres Verlangen das auch Hungerhormon genannt wird.
ner Untersuchung im Schnitt mehr Mik- zu trinken und schwerwiegendere De- Ghrelin wird in Magen und Darm produ-
robenarten als in dem von Nichtrauchern. pressions- und Angstsymptome als an- ziert und gibt dem Gehirn ein Appetitsig-
Die Darmflora von Kokainkonsumenten dere Suchtpatienten. nal, wenn wir länger nichts gegessen ha-
setzte sich anders zusammen als die von Die Forscher spekulierten, dass die ge- ben. In einer Studie beobachteten For-
Nichtkonsumenten, zeigte eine weitere. störte Darmflora die Darmwände un- scher, dass sich Alkoholkranke mit
In Mäusen besiedelt schon einen Tag nach dichter macht. Von den Darmbakterien höheren Ghrelinwerten im Entzug stär-
der Einnahme von Morphin vermehrt produzierte Stoffe könnten dann durch ker nach Alkohol sehnen und häufiger
das Bakterium Enterococcus faecalis den die poröse Wand in den Rest des Körpers rückfällig werden als solche mit niedrige-
Darm, ein Keim, der Entzündungen ver- eindringen und Entzündungen hervor- ren Werten.
ursachen kann. Obendrein nehmen die rufen. Eine solche Entzündung würde
förderlichen Laktobazillen ab. laut dieser Hypothese über die Blut- Hunger nach Alkohol
Bisher am besten untersucht ist der Hirn-Schranke ins Gehirn gelangen und In diesem Fall blieb es nicht bei einer Kor-
Einfluss von Alkohol auf die Darmflora so das psychische Wohlbefinden der Pa- relation. Wie Leggio und seine Kollegen
von Menschen und Tieren. Ein irisch- tienten beeinträchtigen. »Es gibt hier al- an den National Institutes of Health in
amerikanisches Forscherteam beschrieb lerdings einen Fallstrick«, gibt der Sucht- Bethesda, USA, nachwiesen, beeinflusst
2017, dass weniger Bakterienstämme im experte Lorenzo Leggio zu bedenken. Ghrelin das Verlangen nach Alkohol.
Darm von Mäusen zu finden waren, nach- »Die Forscher beobachten eine Korrelati- Dazu injizierten sie Studienteilnehmern,
dem die Nager vier Wochen lang immer on – das muss keine Kausalität bedeu- die regelmäßig sehr viel Alkohol konsu-
wieder Alkoholdämpfe einatmen muss- ten.« Durchlässigere Darmwände und mierten, vorab entweder Ghrelin oder
ten. Auch bei der anfangs vorgestellten ein verändertes Mikrobiom sind also ein Placebo – weder die Patienten noch
Studie in der belgischen Entzugsklinik nicht unbedingt für die Sucht- und Ent- die Ärzte wussten, wer das Hormon und
war bei einem Teil der alkoholabhängi- zugssymptome verantwortlich. Auch wer die Scheinbehandlung erhalten wür-
gen Studienteilnehmer die Darmflora aus Jahre nach Erscheinen der Studie steht de. In der folgenden zweistündigen Sit-
der Balance geraten. Diese Patienten hat- ein Beleg für den vorgeschlagenen Me- zung konnten sich die Probanden dann
ten zudem durchlässigere Darmwände. chanismus noch aus. selbst intravenös so viel Alkohol verab-

63
reichen, wie sie wollten. Patienten mit schiedene Belohnungssysteme im Gehirn In einem nachfolgenden Test maßen
mehr Ghrelin im Blut drückten den Alko- aktiviert, wirkt Kokain vor allem auf das sie, wie viel sich die Mäuse nach der Ko-
holknopf nicht nur häufiger, sondern fin- Dopaminsystem. Die Droge verhindert, kaingabe bewegten. Ein Kokainrausch
gen auch schneller damit an. Nach Ende dass der Botenstoff von den Synapsen führt bei Menschen und Tieren nämlich
dieses Experiments baten die Forscher abtransportiert wird – bei Konsumenten oft zu hyperaktivem Verhalten. Wieder
die Probanden in den Magnetresonanz- löst dies das euphorische Gefühl, das Ko- zeigte sich bei den Nagern ein deutlicher
tomografen, um sich deren Gehirn anzu- kain-High, aus. Unterscheid bei der geringeren Drogen-
sehen. Bei der Gruppe mit erhöhtem Für ihre Experimente unterteilten die dosis: Die Antibiotikamäuse waren nach
Ghrelinspiegel im Blut maßen sie eine Forscher Mäuse in zwei Gruppen. Einer der Kokaineinnahme deutlich aktiver als
verstärkte Aktivität in verschiedenen Gruppe mischten sie Antibiotika ins Nager in der Kontrollgruppe.
Hirnregionen – in einem Teil der Amyg- Trinkwasser, um die Bakterienvielfalt in Die Forscher um Kiraly suchten dar-
dala, die mit Alkoholkonsum in Zusam- deren Darm zu reduzieren. Danach verab- aufhin nach Veränderungen im Gehirn
menhang steht, sowie im orbitofrontalen reichten sie beiden Gruppen Kokain und der Mäuse und stellten fest: Bei den mit
Kortex und im Nucleus accumbens, die führten Verhaltenstests durch, angefan- Antibiotika und Kokain behandelten Tie-
beim Essen aktiviert werden. In Zukunft gen mit der so genannten konditionierten ren waren bestimmte Gene im Nucleus
wollen Leggio und sein Team untersu- Platzpräferenz. Dazu steckten sie jede accumbens aktiver als bei den anderen
chen, inwieweit das Mikrobiom an dem Maus in einen speziellen Käfig mit ver- Gruppen. Die Hirnregion spielt eine zen-
Effekt beteiligt ist. schiedenen Kammern. In einer der Kam- trale Rolle im Belohnungssystem und bei
Der bei Drogenkonsum vermehrt aus- mern gaben sie dem Tier wiederholt Koka- der Entstehung einer Sucht. Unter den
geschüttete Neurotransmitter Dopamin in. Würde es sich anschließend überwie- aktiveren Genen war auch jenes, das für
kann ebenfalls mit der Darmflora wech- gend in dem Areal aufhalten, in dem es die einen Dopaminrezeptor codiert, also die
selwirken. Das zeigt eine 2016 veröffent- Droge erhalten hatte? Bei mit Antibiotika Ausschüttung des Botenstoffs direkt be-
lichte Studie von Drew Kiraly, Psychiater behandelten Tieren war das der Fall – zu- einflusst. Zusammen weisen die Daten
und Neurowissenschaftler an der Icahn mindest bei einer Kokainmenge von fünf darauf hin, dass eine gestörte Darmflora
School of Medicine at Mount Sinai in New Milligramm pro Kilogramm Körperge- die Kokainsucht verstärken könnte.
York. Seine Mitarbeiter hatten getestet, wicht. Bei der doppelten Dosis fanden die
wie eine gestörte Darmflora das Verhal- Wissenschaftler keinen Unterschied zwi- Fettsäuren gegen das Kokainverlangen?
ten von Mäusen verändert, wenn sie Ko- schen den beiden Mäusegruppen. Warum Die Wissenschaftler mutmaßten, dass
kain erhalten. Während Alkohol ver- das so ist, müssen sie noch herausfinden. bakteriell hergestellte Moleküle, insbe-

64
sondere kurzkettige Fettsäuren, darauf erzielen. Je mehr Morphin sie bekom- Zudem würden bei niedrigerer Dosie-
Einfluss haben. Mikroben der Darmflora men, desto mehr Bakterien sterben ab. rung die schwersten Nebenwirkungen
erzeugen sie aus Ballaststoffen aus der der Opioidtherapie vermieden werden.
Nahrung. Als Antibiotikamäuse, die die Mehr Jogurt, weniger Schmerzmittel Auch so genannte Präbiotika könnten
niedrigere Kokaindosis erhalten hatten, Ein Team um Sabita Roy von der Univer- Patienten womöglich beim Drogenent-
zusätzlich kurzkettige Fettsäuren verab- sity of Miami in Florida will diese Ab- zug unterstützen. Präbiotika bestehen
reicht bekamen, verschwand der zuvor wärtsspirale durchbrechen. Gelingen soll aus für den Menschen unverdaulichen
gemessene Effekt. Die Tiere verhielten das mit Probiotika – Pulver oder Jogurt- Ballaststoffen, die aber Nahrung für
sich im Platzpräferenztest plötzlich wie produkte, die mit lebensfähigen Bakte- wertvolle Mikroorganismen darstellen.
die in der Kontrollgruppe. rien angereichert sind. An Nagern testen Man findet sie vor allem in Obst, Getrei-
Eine Sucht nimmt zu, wenn die Tole- die Forscher, ob eine Mikrobenkur die To- de und Gemüse. Bei alkoholgeschädigten
ranz für die Droge steigt. Das passiert, leranz für Opioide senken kann. Ihre im Ratten, die täglich pro Kilogramm Kör-
weil sich der Körper an die suchtauslö- Juni 2019 veröffentlichte Studie liefert pergewicht zehn Gramm Haferflocken
sende Substanz gewöhnt. Auch daran aussichtsreiche Ergebnisse: Mäuse benö- verspeisten, gingen Darmdurchlässig-
könnte das Mikrobiom mitwirken. Bei tigten für denselben schmerzstillenden keit sowie Leberschäden zurück. In einer
Opioiden, zu denen die starken, ver- Effekt weniger Morphin, wenn sie zuvor weiteren Studie an den Tieren zeigte sich,
schreibungspflichtigen Schmerzmittel ein Probiotikum zu sich genommen hat- dass Präbiotika die Bildung von Protei-
wie Morphin, Oxycodon, Fentanyl und ten. Dies zeigte sich sowohl bei Nagern, nen ankurbeln, die Depressions- und
Buprenorphin zählen, haben Forscher ei- die ein gestörtes Mikrobiom aufwiesen, Suchtsymptome lindern. Untersuchun-
nen solchen Effekt belegt. Morphin wird als auch bei Tieren, deren Darmflora in- gen an alkoholabhängigen Menschen
nach der Einnahme zunächst in der Leber takt war und denen die Wissenschaftler fehlen aber noch.
verstoffwechselt. Im Darm wandeln Bak- vorbeugend förderliche Bakterienstäm- Ob und wie Darmbakterien Sucht för-
terien es wieder zu Morphin um, bevor es me verabreicht hatten. Sollte sich bei dern, wird derzeit kontrovers diskutiert.
über das Blut ins Gehirn gelangt und dort Menschen ein ähnlicher Effekt einstel- Denn längst nicht alle Forscher sind von
seine Wirkung entfaltet. Gibt man Mäu- len, hätte das großes therapeutisches Po- einem Zusammenhang überzeugt. »Das
sen das Opioid über längere Zeit, werden tenzial: Nach der Anwendung von Pro- Feld der Darmmikrobiom-Forschung ist
genau diese Bakterienstämme dezimiert. biotika könnten Ärzte so eventuell die gespalten«, sagt Lorenzo Leggio. Auf der
In der Folge brauchen die Tiere mehr Morphindosis senken, ohne dass Patien- einen Seite stünden Wissenschaftler, die
Schmerzmittel, um denselben Effekt zu ten mehr Schmerzen erleiden müssen. allerlei Assoziationen zwischen Erkran-

65
kungen und der Darmflora herstellen. Alkohol eingenommen werden kann. Die SPEKTRUM KOMPAKT

APP
»Manche vermuten, dass das Mikrobiom Probanden vertrugen die Arznei nicht
mitentscheidet, ob wir uns noch ein Glas nur gut, sie verspürten auch weniger Lust
Bier einschenken oder zu einem Stück auf Alkohol. »Die Resultate sind viel ver-
Kuchen greifen.« Andere hingegen seien sprechend, doch es gibt noch eine Menge
eher skeptisch, denn bisherige Untersu- zu tun«, meint Leggio. Das Team testet
chungen konnten kaum Aufschluss darü- den Ghrelinblocker aktuell in einer grö-
ber liefern, in welcher Weise die Darm- ßer angelegten Studie. Bis zum marktfä-
flora Krankheitsprozesse steuert. Zudem higen Medikament ist es jedoch ein lan-
beruhen viele Ergebnisse auf Tierversu- ger und steiniger Weg: Eine Zulassung
chen, die sich nicht ohne Weiteres auf den dürfte noch mindestens fünf bis zehn
Menschen übertragen lassen. Jahre dauern – sofern sich der Wirkstoff
Leggio selbst interessiert sich vor al- in klinischen Tests bewährt. 
lem für den praktischen Nutzen etwai-
ger Effekte. »Ich bin nicht nur Wissen-
schaftler, sondern auch Arzt«, sagt er.
»Ich möchte meinen Patienten helfen.« (Gehirn&Geist, 11/2019)
Auf Basis seiner Forschungsergebnisse, Farokhnia, M. et al.: Exogenous ghrelin administration in-
wonach das Alkoholverlangen mit der creases alcohol self-administration and modulates brain Lesen Sie Spektrum KOMPAKT
Ghrelinkonzentration im Blut steigt, functional activity in heavy-drinking alcohol-dependent optimiert für Smartphone und
testet sein Team nun einen Wirkstoff, individuals. Molecular Psychiatry 23, 2017 Tablet in unserer neuen App!
der an die Ghrelinrezeptoren im Körper Kiraly, D. D. et al.: Alterations of the host microbiome affect
Die ausgewählten Ausgaben
bindet und sie blockiert. Das soll der behavioral responses to cocaine. Scientific Reports 6, 2016
Sucht entgegenwirken und Menschen Leclercq, S. et al.: Intestinal permeability, gut-bacterial
erwerben Sie direkt im
beim Entzug unterstützen. dysbiosis, and behavioral markers of alcohol-dependence App Store oder Play Store.
Für eine vorklinische Studie unter- severity. PNAS 111, 2014
suchten die Forscher an zwölf Personen, Zhang, L. et al.: Morphine tolerance is attenuated in germ-
die regelmäßig viel Alkohol tranken, ob free mice and reversed by probiotics, implicating the role of
das Medikament sicher zusammen mit gut microbiome. PNAS 116, 2019
SHER ALEES / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

SUCHTPRÄVENTION

WIE MAN
JUGENDLICHE
VON ALKOHOL
UND DROGEN
FERNHÄLT
von Emma Young

67
Ob Tabak, Alkohol oder andere Drogen – nirgendwo in Europa
konsumieren Jugendliche so wenig Suchtmittel wie in Island.
Dafür gibt es einen Grund.

D
ie Uhr zeigt kurz vor drei; Heute weist die europäische Statistik Oder gerade einen Ausflug mit ihren El-
der Schulunterricht ist die isländischen Teenager als diejenigen tern machen.
längst aus an diesem son- mit dem vorbildlichsten Lebenswandel Den Umschwung im Lebenswandel der
nigen Freitagnachmittag. aus. Der Anteil der 15- und 16-Jährigen, Jugendlichen hat das Land durch drasti-
Doch der Laugardalur- die im letzten Monat betrunken waren, sche Maßnahmen herbeigeführt – indem
Park nahe dem Stadtzentrum von Reyk- fiel von 1988 bis 2016 von 42 auf 5 Pro- es eine »vernünftige« Lebensgestaltung
javik erscheint menschenleer. Nur hin zent. Statt vormals 17 Prozent haben heu- mit Nachdruck durchsetzte. Aber wie kam
und wieder sieht man einen Erwachse- te nur noch 7 Prozent von ihnen jemals es dazu?
nen mit einem Buggy. Dabei liegt der Park Cannabis probiert, und lediglich 3 Pro- »Zur Zeit der psychedelischen Dro-
inmitten von Wohnblocks und Mehrfa- zent rauchen täglich Zigaretten. genbewegung befand ich mich im Auge
milienhäusern. Wo sind all die Kinder? Wir nähern uns einem großen Gebäu- des Orkans«, erzählt Milkman bei einer
Auf meinem Spaziergang begleiten de. »Hier ist das Eislaufstadion«, erklärt Tasse Tee in seiner Wohnung in Reykja-
mich der Psychologe Gudberg Jónsson von Jónsson. Kurz zuvor haben wir eine Bad- vik. Das war Anfang der 1970er Jahre, er
der Universität Island sowie der amerika- minton- und eine Tischtennishalle pas- machte gerade als Student ein Prakti-
nische Psychologieprofessor Harvey Milk- siert. Nun kommen wir an einem Sport- kum an der psychiatrischen Klinik Belle-
man, der einen Teil des Jahres ebenfalls in platz und einem geothermisch beheizten vue in New York City. LSD war bereits in
der isländischen Hauptstadt lehrt. Vor 20 Schwimmbad vorbei. Endlich treffen wir Mode, viele rauchten Marihuana, und
Jahren gehörten die isländischen Teenager auch auf einige Kinder und Jugendliche, die Heroinsucht erreichte ihren ersten
zu den trinkfreudigsten in ganz Europa, die begeistert auf einem Kunstrasenfeld Höhepunkt. In seiner Doktorarbeit kam
erzählt Jónsson, und Milkman fügt hinzu: Fußball spielen. Laut Jónsson sieht man Milkman zu dem Schluss, dass die Ent-
»Da konnten Sie freitags abends nicht zu kaum junge Leute im Park herumlun- scheidung für Heroin oder Amphetami-
Fuß durch Reykjaviks Innenstadt gehen. gern, weil sie stattdessen schulische ne vom individuellen Umgang mit Stress
Ganze Horden von Jugendlichen betran- Nachmittagsangebote nutzen. Oder in abhing. Wer Heroin nahm, wollte sich
ken sich auf offener Straße!« Musik-, Tanz- oder Kunstvereine gehen. betäuben. Wer dagegen Amphetamin

68
Sucht bei Jugendlichen in Deutschland
Die gute Nachricht vorweg: Auch bei uns rauchen und trinken Jugendliche heute weniger als früher. Griffen 2001
rund­28­Prozent­der­12-­bis­17-Jährigen­regelmäßig­zur­Kippe,­taten­das­2015­laut­der­Drogenaffinitätsstudie­der­
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur noch knapp acht Prozent – ein historischer Tiefstand. Die
Erhebung zeigt außerdem, dass jeder zehnte Jugendliche schon einmal E-Zigaretten ausprobiert hat. Seit April
2016 sind diese allerdings für Minderjährige verboten.

Auch­das­gefährliche­Rauschtrinken­ist­rückläufig.­Während­2004­rund­23­Prozent­der­Jugendlichen­angaben,­
mindestens einmal im vergangenen Monat mehr als vier bis fünf Gläser Alkohol getrunken zu haben, waren es
2015 noch 14 Prozent. Jeder Zehnte zwischen 12 und 17 Jahren trinkt einmal pro Woche ein alkoholisches Ge-
tränk oder sogar mehrere. Das sind halb so viele wie elf Jahre zuvor.

Cannabis hingegen wird offenbar beliebter. Nachdem der Anteil der Jugendlichen, die in den zwölf Monaten vor
der Befragung gekifft hatten, zwischen 2004 und 2011 gesunken war, stieg er zuletzt von fünf auf sieben Prozent
an.­Noch­stärker­wächst­die­Zahl­der­­­Online-­und­Videospielabhängigen.­Mittlerweile­gelten­600 000­Jugendliche­
und junge Erwachsene als internetabhängig. Die Betroffenen haben ihre Computernutzung nicht mehr im Griff,
vernachlässigen andere Lebensbereiche und entwickeln Entzugssymptome, wenn sie nicht vor dem Bildschirm
sitzen. Von 2011 bis 2015 hat sich diese Verhaltenssucht stark verbreitet, bei den Mädchen sogar verdoppelt. Die
Folgen sind mitunter Schlafprobleme, Hyperaktivität, Konzentrationsschwierigkeiten und Sprachstörungen.

Staatliche Präventionsprogramme setzen in Deutschland immer noch hauptsächlich auf Bildung und Informatio-
nen über die Gefahren der jeweiligen Substanz. Dabei zeigt eine Metaanalyse der Expertin für Gesundheitskom-
munikation Kim Witte von der Michigan State University, dass Abschreckung allein nicht besonders effektiv ist,
um Menschen von gesundheitsschädlichem Verhalten abzuhalten.

PITCHWAY Z / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


Schon seit den 1950er Jahren ist erforscht, dass reine Furchtappelle, wenn überhaupt, nur kurzfristige Effekte
haben. Botschaften, die uns nicht passen oder die im Kontrast zu unserem bisherigen Verhalten stehen, blenden
wir nämlich nur zu gerne aus. Folgt auf die Angst machende Botschaft keine konkrete Handlungsanweisung,
können Präventionsmaßnahmen sogar den gegenteiligen Effekt erzielen. Deshalb brauchen Jugendliche eine
Alternative, wie sie ihren Alltag positiv und drogenfrei gestalten können. Hier bieten freizeitpädagogische Ansätze
eine Chance.

69
Aktuelle Drogentrends (12- bis 17-Jährige)
40
Anteil der Jugendlichen in Prozent

30 Cannabiskonsum
2015
Onlinesucht zirka 7 %
2015
20 Alkoholkonsum zirka 6 %

Zigarettenkonsum
2011
10 zirka 5 %

SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T


2011
zirka 3 %
0
1 3 4 5 7 8 0 1 2 4 5
200 200 200 200 200 200 201 201 201 201 201 Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2017

konsumierte, tat dies, um sich aktiv mit Drogen zur Stressbewältigung missbrauch ihrer individuellen Strategie
dem Stress auseinanderzusetzen. Jeder Erstsemesterstudent könne beant- zur Stressbewältigung entsprach.
Nachdem er seine Arbeit veröffent- worten, warum jemand Drogen auspro- Der Psychologe entwickelte seine
licht hatte, sollte sich Milkman im Auf- biere, meint Milkman. Da sind zum einen Ideen an der US-amerikanischen Me-
trag der US-Drogenbehörde zusammen die Verfügbarkeit, zum anderen die Risiko- tropolitan State University of Denver
mit anderen Wissenschaftlern weiteren freude, manchmal Entfremdungsgefühle, weiter. Konfrontationsfreudige Jugendli-
Fragen widmen: Warum greifen Men- vielleicht sogar eine Depression. »Aber wa- che brauchen den Kick, so lautete seine
schen überhaupt das erste Mal zu Sucht- rum kommen viele nicht mehr davon los?« Hypothese. Den holten sie sich, indem sie
mitteln? Weshalb machen sie weiter? Milkman vermutete, dass die Betroffenen Radkappen, Radios und später ganze Au-
Wann hören sie auf? Und aus welchen bereits vor ihrem ersten Drogenkonsum tos stehlen – oder eben, indem sie stimu-
Gründen werden sie rückfällig? gefährdet waren, weil der Suchtmittel- lierende Drogen nehmen. »Letztlich kön-

70
nen Menschen von Alkohol, Autos, Geld, ten, um besser mit ihrem Leben klarzu-
Sex, Kalorien, Kokain und von allem Mög- kommen – ob sie nun von ihren Ängsten
Innovative
lichen abhängig werden«, so Milkman. loskommen wollten oder einfach nur den Präventionsprojekte
»Wir betrachteten damals Drogenabhän- Kick suchten. Gleichzeitig erhielten sie Die in Island erfolgreiche Idee, Teen-
gigkeit als Verhaltenssucht – das war un- eine Art Lebensschulung. Hier ging es da- agern natürliche »Highs« zu verschaf-
ser Markenzeichen.« Und daran entzün- rum zu lernen, sich selbst und das Leben fen­–­offline­und­ganz­ohne­Drogen­–,­
verfolgen auch in Deutschland einige
dete sich auch ihre nächste Idee: Warum mehr wertzuschätzen und besser mit an-
gemeinnützige Initiativen:
nicht eine Initiative gründen, die Jugend- deren zurechtzukommen. Drei Monate
lichen die Gelegenheit gibt, auf natürli- sollten die Kinder dabeibleiben; bei eini- Mountain Activity Club
che Weise »high« zu werden – aber ohne gen wurden daraus fünf Jahre. Ermöglicht ehemaligen Drogen-
zerstörerische Drogen? Schon 1991 hatte Milkman eine Einla- abhängigen unter dem Motto »Kick
durch Klettern« Bouldertrainings und
Bis 1992 hatte Milkmans Team in Den- dung nach Island erhalten, um über seine
Bergtouren in den Alpen.
ver Fördergelder in Höhe von 1,2 Millio- Arbeit zu sprechen. Er beriet auch das
nen US-Dollar für das Projekt Self-Disco- erste isländische stationäre Drogenthe- Podcast »HiLights«
very (sich selbst entdecken) beschafft. Es rapiezentrum für Jugendliche in der Stadt Prominente, Experten und Betroffene
sollte Jugendlichen helfen, ohne Sucht- Tindar, wo man seine Ideen guthieß. Hier erzählen, was sie persönlich
»high« macht – ohne Drogen und
mittelkonsum in Hochstimmung zu kom- traf er auf Jónsson, der damals als Psy-
Suchtmittel.
men. Aufgenommen wurden Teenager ab chologiestudent ein Praktikum an der
14 Jahren. Die Kinder sahen sich selbst Einrichtung absolvierte. Seitdem sind sie KMDD – Keine Macht den Drogen
nicht als hilfebedürftig; ihre Lehrer oder befreundet. Bietet und unterstützt zahlreiche Prä-
die Schulkrankenschwester hatten sie ventionsprojekte, darunter dreitägige
Abenteuercamps.
wegen Problemen mit Drogen oder Klein- Vorbeugen statt therapieren
kriminalität hingeschickt. Danach kam Milkman regelmäßig zu
»Wir erzählten den Kids nichts von ei- Vortragsreisen nach Island. Seine Vorträ-
ner Behandlung. Stattdessen boten wir ge und die neue Herangehensweise des
ihnen an: ›Wir bringen euch alles bei, was Therapiezentrums inspirierten schließ-
ihr lernen wollt: Musik, Tanz, Hiphop, lich eine junge Soziologin an der Univer-
Malen, Kampfkunst.‹« Die Idee war, den sität Island, Inga Dóra Sigfúsdóttir. Sie
Jugendlichen zu geben, was sie brauch- fragte sich: Könnte man den Ansatz, Kin-

71
der sinnvoll zu beschäftigen, nicht für ein schützend erwies sich: häufig (drei- bis Ein interdisziplinäres Team machte
umfassendes Präventionsprogramm nut- viermal wöchentlich) an Gruppenaktivi- sich daran, schrittweise den landeswei-
zen, also nicht nur Jugendliche mit Sucht- täten (insbesondere Sport) teilzunehmen, ten Plan »Jugend in Island« einzuführen.
problemen ansprechen, sondern alle kontinuierlich viel Zeit mit den Eltern zu Sogar Gesetze wurden geändert: Tabak
Kids, damit diese gar nicht erst mit Dro- verbringen, das Gefühl, in der Schule durfte fortan nur noch an Personen über
gen anfangen? ernst genommen zu werden, und: sich 18 Jahre, Alkohol nur noch an über 20-Jäh-
»Hast du schon mal Alkohol probiert? spät abends nicht mehr auf der Straße rige ausgegeben werden, die Werbung für
Wenn ja, wann hast du zum letzten Mal herumzutreiben. beides wurde verboten. Außerdem muss-
getrunken? Warst du schon mal betrun- Zu diesem Zeitpunkt hatten die islän- ten alle Schulen Elternorganisationen
ken? Hast du schon mal geraucht? Wenn dischen Behörden bereits alle möglichen einrichten, und im Schulrat saßen fortan
ja, wie oft? Wie viel Zeit verbringst du Anstrengungen gegen Drogenmissbrauch auch Eltern. Diese ermutigte man aus-
mit deinen Eltern? Hast du eine enge Be- unternommen, berichtet Inga Dóra Sig- drücklich, möglichst viel Zeit mit dem
ziehung zu ihnen? An welchen Aktivitä- fúsdóttir, die als wissenschaftliche Mitar- Nachwuchs zu verbringen – ab und zu ge-
ten nimmst du teil?« 1992 beantworteten beiterin an der Befragung mitwirkte. Die meinsame »quality time« reiche nicht. Es
sämtliche 14-, 15- und 16-Jährigen in Is- meisten hatten Bildungscharakter: Die geht darum, mit den Kindern über ihr Le-
land erstmals solche und weitere Fragen, Jugendlichen wurden vor den Gefahren ben zu sprechen, zu wissen, mit wem sie
dann noch einmal 1995 und 1997. Die Er- von Alkohol und Drogen gewarnt. Was ihre Zeit verbringen, und letztlich dar-
gebnisse waren alarmierend: Fast 25 Pro- aber weitgehend wirkungslos war, wie um, dass sie abends zu Hause bleiben. Aus
zent der Teenager rauchten jeden Tag Zi- Milkman schon in den USA beobachtet dieser Zeit stammt auch ein weiteres Auf-
garetten, und mehr als 40 Prozent hatten hatte. »Wir brauchten etwas anderes.« sehen erregendes Gesetz: Jugendlichen
sich im Monat zuvor betrunken. Für eine neue Herangehensweise inte- zwischen 13 und 16 Jahren wurde es in Is-
Als das Team die Daten weiter auf- ressierte sich auch Reykjaviks Bürger- land untersagt, sich im Winter nach 22
schlüsselte, konnte es Schulen mit den meister. Sowie viele Eltern, ergänzt Jón Uhr und im Sommer nach Mitternacht
größten und die mit den geringsten Prob- Sigfússon, Inga Dóras Bruder und Kolle- draußen aufzuhalten.
lemen identifizieren. Dabei zeigten sich ge am 1999 neu gegründeten Isländi- Der nationale Dachverband der El-
deutliche Unterschiede zwischen Jugend- schen Zentrum für Sozialforschung und ternorganisationen »Zuhause und Schu-
lichen, die sich auf den Konsum von Al- -analyse (ICSRA). »Die Lage war ernst«, le« gibt schriftliche Vereinbarungen her-
kohol, Tabak und Drogen einließen, und erklärt der zweifache Familienvater: »Es aus, welche die Eltern unterschreiben
denen, die es nicht taten. Als besonders war klar, dass etwas geschehen musste.« können. Darin verpflichten sie sich bei-

72
spielsweise, den Teenagern keine Partys gen aus: 1997 verbrachten nur 23 Prozent
ohne Aufsicht zu erlauben, keinen Alko- der 15- und 16-Jährigen häufig oder an
hol für die Minderjährigen zu kaufen fast allen Wochentagen Zeit mit ihren El-
1997 verbrachten nur oder bei Festen auch andere Kinder im tern. Bis 2012 hatte sich der Anteil auf 46
Auge zu behalten. Die Vereinbarungen Prozent verdoppelt. Die Zahl derjenigen,
23 Prozent der 15- und verleihen den Empfehlungen erzieheri- die mindestens viermal pro Woche Sport
16-Jährigen­häufig­ schen Nachdruck und stärken die elterli- treiben, stieg von 24 auf 42 Prozent.
che Autorität, argumentiert Hrefna Si- Gleichzeitig sank die Anzahl derer, die
oder an fast allen gurjónsdóttir, Direktorin des Dachver- Zigaretten rauchen, trinken oder Canna-
Wochentagen Zeit mit bands. Das Argument »Aber alle anderen bis konsumieren. Zwar lasse sich auf die-
dürfen das!« zieht dann nicht mehr. se Weise kein ursächlicher Zusammen-
ihren Eltern. Bis 2012 hang beweisen, räumt Álfgeir Kristjáns-
hatte sich der Anteil auf Sport treiben, musizieren, malen
Zudem erhöhte der Staat die Fördergel-
son ein, der die Daten analysierte und
jetzt an der US-amerikanischen West Vir-
46 Prozent verdoppelt der für Sport-, Musik-, Kunst-, Tanz- und ginia University School of Public Health
andere Vereine. Sie sollen Jugendlichen forscht: Der Trend sei allerdings sehr klar
verschiedene Möglichkeiten bieten, sich erkennbar. »Die Schutzfaktoren sind ge-
als Teil einer Gruppe gut zu fühlen, ohne stiegen, die Risikofaktoren gesunken, der
Alkohol oder andere Drogen. Kinder aus Drogenmissbrauch ging zurück. In Island
einkommensschwachen Familien wer- ist das deutlicher als in jedem anderen
den bei der Teilnahme finanziell unter- europäischen Land.«
stützt. So erhalten Familien in Reykjavik Jón Sigfússon entschuldigt sich für sei-
(hier lebt etwa ein Drittel der isländischen ne Verspätung: »Es gab einen Notruf!« Er
Bevölkerung) über eine »Freizeitkarte« möchte nicht sagen, von wem, aber es ging
pro Kind jährlich einen Zuschuss von um eine der Städte irgendwo auf der Welt,
etwa 300 Euro. die Ideen von »Jugend in Island« über-
Die Befragungen an Islands Teenagern nommen haben. Sigfússon leitet das Pro-
werden fortgesetzt. Bis zu 20 000 Ju- jekt »Youth in Europe« (Jugend in Euro-
gendliche füllen jährlich einen Fragebo- pa), das 2006 startete, nachdem man die

73
bemerkenswerten Daten aus Island bei ei- direkt auf den betroffenen Ort beziehen,
nem Treffen der Organisation »Europäi- können Schulen, Eltern und die Verwal-
sche Städte gegen Drogen« präsentiert tung genau sehen, welche Probleme bei
hatte. Es spielt sich mehr auf städtischer ihnen existieren.
als auf nationaler Ebene ab. Im ersten Jahr 99 000 Fragebogen von so weit ent- Wie das Beispiel Bukarest
hatten sich acht Stadtverwaltungen ge- fernten Orten wie den Färöer-Inseln,
meldet, inzwischen nehmen 35 Bezirke Malta, Rumänien und Südkorea hat das mit seinen großen
aus 17 Ländern teil. Das Vorgehen ist im- Team bereits ausgewertet. Kürzlich ka- sozialen Problemen zeigt,
mer gleich: Sigfússon und sein Team spre- men Nairobi und Guinea-Bissau hinzu.
chen mit Vertretern der örtlichen Verwal- Im Prinzip wirken hinsichtlich des Dro- greift das isländische
tung und entwerfen einen Erhebungsbo- genkonsums von Jugendlichen überall
gen mit im Kern den gleichen Fragen, wie die gleichen Schutz- und Risikofaktoren.
Modell auch unter ganz
sie in Island gestellt werden. Dabei wird Mit wenigen Ausnahmen: An einem Ort anderen Bedingungen
er nur etwas angepasst: In einigen Orten an der Ostsee erwies sich erstaunlicher-
etwa wurden in letzter Zeit Onlineglücks- weise die Teilnahme an organisierten
spiele zu einem Problem. Hier wollte man Sportangeboten als Risikofaktor. Es stell-
wissen, ob ein Zusammenhang mit weite- te sich heraus, dass junge Exsoldaten die-
rem Risikoverhalten besteht. se Gruppen leiteten, und die hatten eine
Zwei Monate nachdem die Fragebogen Vorliebe für muskelaufbauende Substan-
wieder in Island eingetroffen sind, ver- zen, Alkohol und Nikotin. Hier gab es also
schickt das Team bereits einen ersten Er- ein klar definiertes lokales Problem, das
gebnisbericht sowie Vergleichswerte von man angehen konnte.
anderen teilnehmenden Regionen. »Wir Was die einzelnen Kommunen ange-
sagen immer, Informationen müssen sichts ihrer individuellen Ergebnisse un-
frisch sein, genau wie Gemüse«, meint ternehmen, bleibt ihnen selbst überlas-
Sigfússon. »Präsentiert man die Ergeb- sen. Gelegentlich unternehmen sie gar
nisse später, sagen die Leute: Ach, das ist nichts. Ein überwiegend muslimisches
ja lange her und hat sich vielleicht schon Land etwa, das Sigfússon nicht nennen
wieder geändert …« Wenn sich die Daten möchte, zog sich aus dem Projekt zurück,

74
nachdem die Daten einen unangenehm gemeinnützige Organisationen, die sich beiden älteren Söhnen, dem 21-jährigen
hohen Alkoholkonsum offenbart hatten. dem Erhalt der psychischen Gesundheit Jón und dem 15-jährigen Birgir. Jón, der
In manchen Städten – wie jener, aus der widmen. seit Kurzem an der Universität Island
der »Notruf« kam – steht man den Er- Seit 2015 bietet die Stadt zudem drei- Wirtschaft studiert, trinkt Alkohol, doch
gebnissen zwar offen gegenüber. Aber mal die Woche gratis Sportkurse an. Für sein jüngerer Bruder meint, er kenne
mitunter sind Gelder für die gesundheit- Familien mit geringem Einkommen soll niemanden an seiner Schule, der raucht
liche Prävention offenbar ungleich ein kostenloser Fahrdienst für Kinder oder trinkt. Wir unterhalten uns auch
schwieriger zu erlangen als für nachträg- eingerichtet werden, die weiter entfernt über Fußball: Birgir spielt fünf- bis
liche Therapien. wohnen. Daraufhin fiel zwischen 2006 sechsmal, Jón fünfmal die Woche. Beide
und 2014 die Zahl der 15- und 16-Jährigen begannen im Alter von sechs Jahren mit
Kostenlose Erziehungsberatung in Kaunas, die sich laut eigener Aussage dem regelmäßigen Training nach der
In ganz Europa ist der Alkohol- und Dro- im vorangegangenen Monat betrunken Schule. »Musstet ihr trainieren, obwohl
genmissbrauch bei Jugendlichen in den hatten, um ein Viertel; der Anteil derjeni- ihr lieber etwas anderes getan hättet?«
letzten 20 Jahren zurückgegangen, nir- gen, die täglich rauchten, sank um mehr »Nein, es hat uns einfach Spaß gemacht«,
gends jedoch so dramatisch wie in Island. als 30 Prozent. meint Birgir. Jón fügt hinzu: »Wir haben
In Großbritannien könnte die Tatsache, Das Team in Island ist klein. Ginge es es ausprobiert und uns daran gewöhnt,
dass Jugendliche sich inzwischen eher on- nach Sigfússon, sollte sich eine zentrale also sind wir dabeigeblieben.« Fußball
line als persönlich austauschen, einer der Institution mit eigenen Fördergeldern ist nicht ihre einzige Freizeitbeschäfti-
Hauptgründe für den gesunkenen Alko- des Projekts »Youth in Europe« anneh- gung. Jónsson und seine Frau Thórunn
holkonsum sein. Kaunas in Litauen dage- men: »Wir machen das zwar schon seit planen zwar nicht bewusst eine be-
gen ist ein Beispiel dafür, was man mit ak- zehn Jahren, aber es ist ja nicht unsere stimmte Anzahl von Stunden pro Woche
tiver Intervention erreichen kann: Schu- Hauptbeschäftigung. Es wäre schön, für Familienausflüge ein, doch sie versu-
len, Eltern, Gesundheitsorganisationen, wenn wir Mitstreiter fänden.« chen regelmäßig zusammen mit ihren
Kirchen, Polizei und Sozialdienste setzten Kindern ins Kino, ins Theater, zum Es-
sich im Kampf gegen Drogenmissbrauch Gemeinsam Schafe hüten sen, zum Wandern oder zum Angeln zu
zusammen. Seither erhalten Eltern acht- Nach unserem Spaziergang durch den gehen. Und jeden September, wenn die
oder neunmal im Jahr eine kostenlose Laugardalur-Park nimmt uns Gudberg isländischen Schafe aus dem Hochland
Erziehungsberatung, und es gibt Sonder- Jónsson mit zu sich nach Hause. Drau- herunterkommen, gehen sie gemeinsam
mittel für öffentliche Einrichtungen oder ßen im Garten plaudere ich mit seinen Schafe hüten.

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Jón wurde ein Fußballstipendium an schen in den USA, 330 000 in Island. Von »Gehirn&Geist« übersetzte und bearbeitete Fassung
der US-amerikanischen Metropolitan 33 000 Banden dort, praktisch keine hier. von Young, E.: Iceland knows how to stop teen substance
State University of Denver angeboten, Und etwa 1,3 Millionen obdachlosen ame- abuse but the rest of the world isn′t listening.
Birgir hat man inzwischen in die islän- rikanischen Jugendlichen stehen auf der In: Mosaic / CC BY 4.0. Mosaic ist eine Publikation der
dische U17-Nationalmannschaft beru- Insel nur eine Hand voll gegenüber. An- Wellcome-Stiftung.
fen. Könnte das Programm womöglich dererseits zeigt das Beispiel Bukarest mit
einer der Gründe sein, warum Island seinen großen sozialen Problemen und (Gehirn&Geist, 12/2017)
England bei der Fußball-Europameis- starker relativer Armut, dass das isländi- Literaturtipp
terschaft 2016 vernichtend geschlagen sche Modell auch unter ganz anderen Be- Milkman, H. B., Wanberg, K. W.: Pathways to Self-Discovery
hat? Auf diese Frage antwortet Inga dingungen greift. Dennoch habe ein nati- and Change: A Guide for Responsible Living. The
Dóra Sigfúsdóttir augenzwinkernd: onales, langfristiges Unterfangen ähnlich Participant′s Workbook. SAGE Publications, Inc., Thou-
»Wir sind auch musikalisch erfolgreich, »Jugend in Island« in den USA wohl kaum sands Oaks, California, 2. Auflage 2012
etwa mit ›Monsters and Men‹«. Das sind eine Chance, vermutet Milkman: »Mit Ein Arbeitsbuch für die jugendlichen Teilnehmer des in den
junge Menschen, die man quasi zum ›Self-Discovery‹ schienen wir das beste USA angewandten Programms Self-Discovery and Change
Musikmachen drängte, erklärt sie. Eini- Programm der Welt zu haben. Ich wurde Quellen
ge hätten sich später bedankt. Kinder zweimal ins Weiße Haus eingeladen. Wir Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und
und Jugendliche brauchen keine Dro- gewannen nationale Preise. Ich dachte: Suchtbericht. Bundesministerium für Gesundheit, Berlin
gen, wenn ihnen das Leben Spaß macht, Das wird in jeder Stadt und in jedem Dorf 2017
ist sich die Soziologin sicher. eingeführt. Wurde es aber nicht.« Kristjánsson, A. L. et al.: Data Collection Procedures for
In Bukarest nahm nach der Einfüh- Der Psychologe geht davon aus, dass School-Based Surveys among Adolescents: The Youth in
rung von »Youth in Europe« neben dem Islands Modell in etlichen Ländern an Europe Study. In: Journal of School Health 83, S. 662-667,
Alkohol- und Nikotinkonsum auch die mangelndem Engagement scheitert. Hin- 2013
Selbstmordrate unter Jugendlichen ab. In zu kommen grundsätzliche Vorbehalte: Kristjánsson, A. L. et al.: Population Trends in Smoking,
Kaunas ist die Zahl der straffälligen Kin- »Wie viel Kontrolle können wir dem Staat Alcohol Use and Primary Prevention Variables among Ado-
der innerhalb eines Jahres um ein Drittel über unsere Kinder einräumen?« und lescents in Iceland, 1997-2014. In: Addiction 111, S. 645–
gesunken. Harvey Milkman denkt ange- »Darf sich die Regierung überhaupt so 652, 2016
sichts der Erfolge an sein eigenes Land, stark in die individuelle Lebensgestal- Witte, K., Allen, M.: A Meta-Analysis of Fear Appeals: Impli-
die USA. Könnte das Modell dort eben- tung einmischen?«. In Island hat sie es cations for Effective Public Health Campaigns. In: Health
falls funktionieren? 325 Millionen Men- getan – und nicht bereut.  Education&Behavior ticle 27, S.591-615, 2000

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