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II.1.

 Semiotik
Stephan Kammer

1. Einleitung: Semiologik der Psychoanalyse

Theoretische Ansätze zu einer allgemeinen Semiologie gibt es um 1900  – mit


Ausnahme der allerdings zeitgenössisch nicht rezipierten Arbeiten von Charles
Sanders Peirce  – nicht. In disziplinären Zusammenhängen, die für die Eta-
blierung der Psychoanalyse implizit oder explizit einschlägig sind, spielen
gleichwohl Zeichenmodelle eine zentrale Rolle. Insbesondere in den anthropo-
logischen Leitwissenschaften der Jahrhundertwende, Physiologie und (Expe-
rimental-)Psychologie, prägen Verfahren der Zeichengebung und -deutung die
praktischen, technischen und methodischen Aktivitäten. Ihre Relevanz für die
Psychoanalyse ist in den nachfolgenden Auseinandersetzungen mit der psycho-
analytischen Semiologie gerade auch aus disziplinimmanenten Gründen gleich
doppelt vernachlässigt worden: in der strikt ‚geisteswissenschaftlichen‘ Rezep-
tion ohnehin, in der wissenschaftsgeschichtlich differenzierten Vindikation der
physiologischen und psychologischen Grundlagen der Psychoanalyse aber lange
Zeit nicht minder (vgl. u. a. Métraux 1999; Wegener 2004, 123–194). Dass Freud
als Naturwissenschaftler und Mediziner allerdings mit diesen semiologischen
Modellen vertraut ist, darf vorausgesetzt werden. Das theoretische, analytische
und behandlungstechnische Œuvre der Psychoanalyse zeigt überdies eine Viel-
zahl von semiologischen beziehungsweise zeichenaffinen Konzeptbezügen und
Termini, die in der Disziplinbildung genuin begründet werden und/oder vieldeu-
tigeren Zeichenkonzepten ein spezifisch psychoanalytisches Profil zu verleihen
suchen. Dies überrascht umso weniger, als die Axiomatik der Psychoanalyse
samt und sonders auf eine fundamentale Semiologik angewiesen ist  – verein-
facht gesagt: Repräsentations- und Verweiszusammenhänge, gekoppelt mit Ord-
nungen der Sinn- und Bedeutungsstiftung, bilden nicht nur die Voraussetzung
für das theoretische und praktische Funktionieren der Psychoanalyse, sondern
sie sind auch maßgeblich in die Konstitution ihres Gegenstandes eingegangen.
Den zentralen Verhandlungsort dieser Fundamentalsemiologie stellt Freuds
Symptomdiskussion dar (vgl. Abschnitt 3.2.).
In der Weiterentwicklung sowie (vor allem) in der kultur- und literaturwis-
senschaftlichen Rezeption der Psychoanalyse dominieren allerdings andere
semiologische Ansätze. Sie tragen weniger der konstitutiven Heterogenität von
Zeichenmodellen in der Genese der Psychoanalyse – und möglicherweise deren
Bedeutung für sie – Rechnung, sondern stülpen in Form nachträglicher Rationa-

https://doi.org/10.1515/9783110332681-002

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lisierung generalisierende beziehungsweise generalisierte Zeichenkonzepte über


Freuds ‚wilde‘ Fundamentalsemiologie. Das gilt insbesondere für die beiden lite-
ratur- und kulturwissenschaftlich folgenreichsten Freud-Lektüren. Im Falle von
Jacques Lacans Synthetisierung von Psychoanalyse und strukturalistischer Semi-
otik scheint dies dem methodologischen Selbstverständnis nach insofern unpro-
blematisch, als Absichten und Voraussetzungen seiner Freud-Revision erstens
von Anfang an offenliegen und zweitens die semiologischen Einsätze der Psycho-
analyse darin radikal ahistorisch, das heißt in einem paradoxen Verhältnis von
Nachträglichkeit und Vorläuferschaft gefasst werden. Erst im Licht des Saussure-
schen Sprachmodells, dessen Funktionseinsicht sie allerdings vorweggenommen
habe, kommt Lacan zufolge die Psychoanalyse, kommen mit anderen Worten ihr
Subjektbegriff und ihr Entwurf des psychischen Apparats recht eigentlich zu sich.
„[D]en Formalisierungen der Linguistik“ sei die Psychoanalyse aber gleichzeitig
nicht allein „weit voraus“ gewesen, sie habe ihnen auch, „allein durch ihr Wahr-
heitsgewicht, den Weg gebahnt“ (Lacan 1991 [1957], 38). Nach Jacques Derridas
einflussreicher Lektüre folgt Freuds Œuvre seit seinen voranalytischen Anfängen
mehr oder minder konsequent einer Modellierung des psychischen Apparats,
der zufolge dessen „Struktur […] durch eine Schriftmaschine dargestellt“ und
dessen Inhalt „von einem Text […] von unreduzierba[r] graphischer Wesensart
[…] repräsentiert“ wird; es „gibt […] keine textlose Psyche“ (Derrida 1976, 306),
lauten zugleich Ausgangshypothese und Bilanz seines Aufsatzes Freud et la scène
de l’écriture (1966; Freud und der Schauplatz der Schrift). Mehr noch: Es offenbare
sich „im Freudschen Durchstoß […] ein Selbstbezug der historisch-transzenden-
talen Szene der Schrift“ (Derrida 1976, 347): die Psychoanalyse als Vorläuferin der
Grammatologie (→ II.4. Poststrukturalistische Theorie).
Als eher unübersichtlich erweist sich die Lage dagegen angesichts eines
Zeichenkonzepts, das für sich schon eine – vorsichtig ausgedrückt – vielgestal-
tige, ja in sich vielfach strittige Begründungs- und Verwendungsgeschichte hat:
Stellt sich doch beim Symbol „von vornherein die Frage, ob und inwiefern die
einzelnen Theorien […] überhaupt etwas anderes miteinander gemein haben
als den Begriff“ (Berndt und Drügh 2009, 9). Dementsprechend hat man in der
psychoanalytischen Begriffsverwendung schon früh nach Kontur, Gebrauch und
Tragweite des Symbolbegriffs gefragt (vgl. Jones 1987 [1916], 50–114; Rank und
Sachs 1913, 11–20); dies wäre auch in Bezug auf Freuds Schriften zu diskutieren.
Unerlässlich dafür wäre indes eine konsequente historisch-kritische Ausgabe
vor allem der Traumdeutung (1900), in deren acht Auflagen gerade die Rolle der
Traumsymbolik und ihrer Deutung fundamentale, im Einzelnen aber metho-
disch nicht eingehender reflektierte Änderungen erfahren hat (vgl. Rolf 2006,
201–208). Festzuhalten bleibt, dass sich  – entgegen Freuds epistemologischen
Grundannahmen – sowohl in der Geschichte seines eigenen Œuvres und desjeni-

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gen seiner ‚orthodoxen‘ Schüler als auch in den zunächst individuellen (Imago),
dann kollektiven und universalen Ontologisierungen (Archetypus) des Symbols,
insbesondere in der ‚analytischen Psychologie‘ Jungscher Manier, eine Entdyna-
misierung nicht nur des Symbolbegriffs, sondern generell der semiologischen
Epistemik der Psychoanalyse abzeichnet.

2. Anthropologische Zeichenregimes im ausgehenden


19. Jahrhundert

Gerne wird bei der Vernachlässigung des naturwissenschaftlichen Anteils an der


Begründung der Psychoanalyse übersehen, dass Zeichenkonzepte auch für die
‚positiven‘ Leitwissenschaften der Anthropologie im ausgehenden 19.  Jahrhun-
dert von eminenter Bedeutung sind. Die drei für die Entwicklungsgeschichte der
Psychoanalyse wichtigsten seien im Folgenden knapp skizziert.

2.1. Symptom

Das Symptom als Zeichenform hat seinen Ort in der medizinischen Diagnostik.
„Die Bezeichnung ‚Symptom‘ gibt man allen anormalen Erscheinungen, die in
den Organen oder den Funktionen unter dem Einfluss der Krankheit erzeugt
werden“, definiert bündig der Dictionnaire encyclopédique des sciences médi-
cales. Bedeutsam ist dabei im fortgeschrittenen 19.  Jahrhundert die semiologi-
sche Pathogenese dieser Zeichenklasse: „Kein Symptom tritt zutage, solange der
physiologische Zustand andauert; dieser gibt ausschließlich zu Phänomenen
Anlass.“ (Hecht 1884, 155; Übers. S. K.) Kein Symptom entsteht also, frei über-
setzt, solange der physiologische Zustand andauert, weil dieser nur Erscheinun-
gen hervorbringt. Symptome sind somit, was ihre Entstehung betrifft, die natürli-
chen, ‚physikalisierten‘ Zeichen eines pathologischen Zustands beziehungsweise
Ablaufs. Sie erhalten ihren spezifischen Zeichenstatus erst und ausschließlich
aufgrund der epistemisch wichtigen Grenzziehung zwischen dem ‚Normalen‘
und dem ‚Pathologischen‘ (vgl. Canguilhem 1977 [1943/1950], 11–156) „durch die
erkennbare Abweichung vom Phänomen der Gesundheit“ (Eckart 1998, 1703).
Aus den Symptomen fügt sich das Syntagma, der ‚Text‘ der Krankheit, seit die
Epistemologie der Medizin „[j]enseits der Symptome […] keine pathologische
Wesenheit“ mehr kennt (Foucault 1973 [1963], 105). Die ärztliche Diagnosekompe-
tenz misst sich dementsprechend an der Fähigkeit, „[n]ach Feststellung der Ein-
zelsymptome […] von dem inneren Zusammenhange derselben, von ihrer gegen-

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seitigen Abhängigkeit ein klares Bild“ (Samuel 1889, 302) zu gewinnen. Nicht der
Zeichencharakter des Symptoms ist deshalb – wie noch in der älteren medizini-
schen Semiotik, der ein Verhältnis von wahrnehmbarem Zeichen und verborge-
nem Wesen der Krankheit zugrunde gelegen hat (vgl. Hess 1993), angenommen
wurde – dafür verantwortlich, dass sich dieser Text der Krankheit dem diagnos-
tischen Blick nur im Ausnahmefall zur Gänze offenbart, sondern der dem „Bau
des menschlichen Organismus“ geschuldete Umstand, dass lediglich „Oberhaut
und wenige sichtbare Schleimhäute der unmittelbaren Besichtigung zugänglich
sind“ (Samuel 1889, 299). Dementsprechend hält das enzyklopädisch kodifizierte
medizinische Wissen des ausgehenden 19.  Jahrhunderts auch nur wenig von
einer Kategorie „latente[r] Symptome (S. occulta)“. Was als solches erscheinen
mag, ist das Ergebnis mangelhafter diagnostischer Kompetenz, da derartige Sym-
ptome „nur dem verborgen“ bleiben, „der sie nicht richtig zu suchen versteht,
sie sind also nur schwerer auffindbar, können aber constatirt werden“ (Samuel
1889, 300).

2.2. Méthode graphique

Zugänglichkeit, Fixierbarkeit und Unverfälschtheit von Körperzeichen domi-


nieren auch die Diskussion über ein zweites, der pathologischen Grenzziehung
zwischen Normalzustand und Krankheit allerdings konzeptuell vorgelagertes
Zeichenregime. Seit den 1840er Jahren werden zunächst in der Physiologie Auf-
zeichnungsdispositive eingesetzt, dank derer die Phänomene sich selbst und in
ihrer eigenen ‚Sprache‘ schreiben sollen. Da die menschliche Sinneswahrneh-
mung für die Beobachtung elementarer organischer Abläufe unzulänglich ist
und zugleich die Sprache deren Befunde nur höchst mangelhaft auszudrücken
und zu übersetzen vermag, müssen Verfahren graphischer Selbstaufzeichnung
an die Stelle des unbewehrten Auges und der Beschreibung treten. Die méthode
graphique, wie Étienne-Jules Marey sie 1878 in seiner maßgeblichen Monogra-
phie kodifiziert, will die Komplexität von Datenmengen und/oder Abläufen in die
anschauliche Evidenz von Kurven übersetzen: „[U]ndurchschaubare Statistiken“
sollen „für den Blick verdichtet“, komplexe Bewegungsphänomene (wie etwa
der Vogelflug oder Wellenbewegungen) mittels „vielfacher Inskriptionen“ (Marey
1878, vi; xv) zerlegt und fixiert werden (vgl. de Chadarevian 2001, 161–188). Vor
allem aber soll die graphische Methode auf experimentellem Weg Zeichen erzeu-
gen. Die Apparateparks der physiologischen und bald auch psychologischen
Labors halten dann den „zeitlichen Ablauf von Bewegungsvorgängen direct in
der Form von Curven“ fest, die den optimistischeren unter den Propagatoren
der ‚graphischen Methode‘ als internationale „wissenschaftliche Weltsprache“

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erscheint – „den Gebildeten aller Zungen verständlich“ (Langendorff 1891, 10).


Die experimentellen Arrangements wollen sich aber auch von der kontingenten
Ereignishaftigkeit ‚natürlicher‘ Vorgänge unabhängig machen. Ihre instrumen-
telle Verstärkung der Beobachtung folgt dem epistemischen Register der obser-
vation provoquée und stellt ein Inventar von Sichtbarkeiten und Wahrnehmbar-
keiten her, die der nachträglichen Logik des Symptoms entgegenstehen (vgl.
Bernard 1865, 35–39). Verstanden als „Eingreifen in den Verlauf der Dinge“, dank
dem schnellere und sicherere „Kenntnis der Gesetze des Geschehens“ (Wundt
1906, 200) zu formulieren sein soll, wird diese invasive Erkenntnistechnik zur
Matrix des anthropologischen Wissens um 1900.

2.3. Indiz und Spur

Das dritte, vielfältig einsetzbare, aber auch schwerer zu bestimmende Zeichen-


regime, das die kulturellen Semiopraktiken um 1900 bestimmt, hat man auf den
Begriff der ‚Spur‘ gebracht (vgl. Ginzburg 1988, 78–125; Krämer, Kogge und Grube
2007). Seit Carlo Ginzburgs grundlegendem Aufsatz zum ‚Indizienparadigma‘ in
den Humanwissenschaften der Jahrhundertwende sind die Instanzen und Orte
dieses Zeichengebrauchs und die dafür nötigen epistemischen Verfahren sicht-
bar gemacht worden. Gemeinsam ist ihnen die Aufmerksamkeit für das ‚kaum
Wahrnehmbare‘ (Sybille Krämer), das gleichzeitig und gerade aufgrund dieses
Status als verlässliches Zeichen gelten darf. Im anthropologischen Wissen der
Zeit reaktualisieren die dem Indizienparadigma zuzuordnenden Zeichen ältere
Vorstellungen des ‚natürlichen‘ und zugleich ‚unwillkürlichen‘ Zeichens, denen
seit den semiotischen Debatten um 1750 ein Wahrheitsprivileg zukommt: Da
diese Zeichen im Unterschied zu denen der Sprache, aber auch zu Körperzeichen
der Gestik und Mimik weder intentional beeinflussbar noch technisch meisterbar
seien, artikuliere sich in ihnen bevorzugt – da unverstellt – Natur und Charakter
des zeichenproduzierenden Individuums. Dieses Zeichenregime haben eigene
Lektürepraktiken besiedelt – Physiognomie, Phrenologie oder Graphologie, die
allesamt in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende Konjunktur haben bezie-
hungsweise eine Neuauflage erleben. Zwar bleibt der anthropologische Erfolg
dieser Lektüreprogramme erwartbar gering; ihr Leitparadigma des ‚Ausdrucks‘
macht aber ästhetische Karriere. Im Bereich der polizeilichen Identitätsverwal-
tung etabliert sich das Regime hingegen nachhaltig. Anthropometrische Ver-
fahren (z. B. die Bertillonnage), insbesondere aber der Fingerabdruck, sind um
1900 als Standards etabliert, in deren Erkenntnis- und Indexierungssystemen
der Körper des (kriminellen) Individuums zum unhintergehbaren Bezugspunkt
seiner archivalischen Verwaltung wird (vgl. Cole 2002). Dass sich das Zeichenre-

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gime allerdings nicht nur in solchen unmittelbar pragmatischen Kontexten etab-


liert, zeigt die Genregeschichte des Kriminalromans: Der Einsatz von Spuren und
daran geknüpfte Prozeduren des Schließens bilden darin nicht nur ein erzähleri-
sches Charakteristikum, sondern scheinen auch als Evolutionskriterium bei der
Herausbildung des Genres zu funktionieren (vgl. Moretti 2000; →  IV.10.  Krimi-
nalliteratur).

3. Die Zeichen der Psychoanalyse

3.1. Das semiologische Unbewusste

Bekanntlich ist Freud keineswegs der Einzige, der im ausgehenden 19. Jahrhun-


dert unbewusste Anteile der menschlichen Existenz annimmt und zu erschließen
beginnt. Das ‚Unbewusste‘ wäre – in einer der vielen terminologischen Varian-
ten, die in dieser Zeit kursieren – gleichsam als Grundtatsache und -zustand der
menschlichen Existenz zu betrachten, nicht etwa als „ein so großen Beschrän-
kungen unterliegendes Bewußtseyn“ (Schopenhauer 1991 [1819], 161), das viel-
mehr seinerseits als „höchste Efflorescenz“ (Schopenhauer 1991 [1819], 165) des
Unbewussten zu gelten habe. In Psychologie, Physiologie und Anthropologie
versuchen Forscher seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überdies, ‚Unbe-
wusstes‘ nicht zuletzt dadurch zu erkunden, dass sie es experimentell provozie-
ren und dann seine Effekte aufzeichnen (vgl. Abschnitt 2.2.). Von ‚hereditärem‘
oder ‚zerebralem Unbewusstem‘ ist beispielsweise die Rede (vgl. Gauchet 1992;
Schmidgen 2014) – ganz zu schweigen von den vielfältigen und heterogenen For-
schungen zu Automatismen, Suggestion oder Hypnose, in denen zum Teil schon
Jahrzehnte vor Freud das Subjekt längst nicht mehr ‚Herr im eigenen Haus‘ ist.
Die ingeniöse Annahme, die am Anfang der Psychoanalyse steht, charakterisiert
allerdings das von ihr gesetzte Unbewusste nicht nur als (unter entsprechenden
Bedingungen) spurenerzeugendes, sondern auch als zeichengebendes und zei-
chendistribuierendes. Nicht zuletzt dadurch artikuliert sich die Psychoanalyse
als discours mixte (vgl. Ricœur 1965), der trotz der beinahe zeitgleich sich verfes-
tigenden Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nur mit erhebli-
chem Erkenntnisverlust einer der epistemischen Provinzen allein zuzuschlagen
sein dürfte. Aufgrund seiner semiologischen Struktur ist das psychoanalytische
Unbewusste allein unter den Prämissen naturgesetzlicher Ordnungen wie bei-
spielsweise der Vererbungslehre oder der Gehirnphysiologie nicht zu kartieren;
genauso wenig ist ihm allerdings auch nur mit ästhetisch-intentionalen Zei-
chenkonzepten beizukommen. Es gilt, die Zusammenhänge von Repräsentation,

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Performativität und Referentialität zu zeigen, die dieses Unbewusste erzeugt


beziehungsweise benutzt; es gilt, die Mechanismen der Sinnstiftung und Bedeu-
tungsgenerierung zu beschreiben, in die es die Individuen verstrickt.

3.2. Symptom, psychoanalytisch

Den konzisesten Überblick über den psychoanalytischen Zuschnitt des Symp-


tombegriffs geben die beiden Vorlesungen, mit denen Freud im Herbst 1916 den
dritten Teil seiner Einführung in die Psychoanalyse begonnen hat, auch wenn
Struktur und Funktion des Symptoms beziehungsweise der Symptombildung –
der „Vorgang: Konflikt, Verdrängung, Ersetzung unter Kompromißbildung“ (I,
537)  – bereits sehr früh in Freuds Schriften etabliert worden sind. Der Ort, an
dem das Symptom in der Vorlesung behandelt wird, ist „die psychoanalytische
Auffassung der neurotischen Erscheinungen“ (XI, 252). Im Unterschied zum aktu-
ellen medizinischen Verständnis des Symptoms als syntagmatisches, für sich
genommen bedeutungsloses Element des Krankheitstexts (vgl. Abschnitt 2.1.)
setzt Freud auf eine komplexere und vor allem dynamischere Zeichenbeziehung.
Jede scheinbar noch so gleichgültige „Symptomhandlung“ ist als solche „nicht
zufällig“, sondern hat „ein Motiv […], einen Sinn und eine Absicht“; sie gehört „in
einen angebbaren seelischen Zusammenhang“ und gibt „ein kleines Anzeichen
von einem wichtigeren seelischen Vorgang“ (XI, 254). Freuds Umschreibungen
scheinen dabei zwischen einem im Vergleich zur etablierten Verwendungsweise
ungleich performativeren Verständnis der Symptome als „neurotisch[e] Erschei-
nungen“ (XI, 252) selbst und einer klassisch repräsentationsorientierten Auffas-
sung des Symptoms zu schwanken. Im letzteren Sinn spricht er von „Darstellung,
Wiederholung“ (XI, 270) und bezeichnet das Symptom als an sich „sinnreich[es],
gut motiviert[es]“ (XI, 260) Zeichen, dessen Motivationsgefüge und Mechanismus
allerdings zunächst Arzt ebenso wie Krankem gleichermaßen undurchsichtig
bleiben muss. Symptome sind „Abkömmlinge unbewußter Vorgänge, die sich
aber unter mannigfaltigen günstigen Bedingungen bewußt machen lassen“ (XI,
288). Dies aber ist zugleich der „Weg, [sie] zum Verschwinden zu bringen“, denn
„es besteht ein Verhältnis von Vertretung zwischen dieser Unbewußtheit und der
Existenzmöglichkeit der Symptome“ (XI, 288). Das komplexe Bedingungs- und
Funktionsgefüge des Symptoms wird in den neun ‚Formeln‘ von Freuds Aufsatz
über Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität von 1908 zusam-
mengefasst (vgl. VII, 189–199).
Dieser dynamische, komplexe Zeichenstatus des Symptoms setzt sich dort
fort, wo sich Freud genötigt sieht, zwischen ‚individuellen‘ und ‚typischen‘ Symp­
tomen zu unterscheiden und damit aber auch die medizinische Semiologik des

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Symptoms zu verlassen. Die psychoanalytische Herangehensweise zeichne die


Absicht aus, zwischen Symptom und dem „Erleben des Kranken“ einen „Zusam-
menhang herzustellen“ (XI, 278). Im Fall „,typische[r]‘ Symptome“ sei dieses so
gut wie unmöglich, glücke aber umso besser, „[j]e individueller das Symptom
ausgebildet ist“ (XI, 278). Freud zieht den Schluss, „daß wir zwar den Sinn der
individuellen neurotischen Symptome durch die Beziehung zum Erleben befrie-
digend aufklären können, daß uns aber unsere Kunst für die weit häufigeren typi-
schen Symptome derselben im Stiche läßt“ (XI, 279). An dieser Stelle wechselt die
Semiologik der Psychoanalyse in eine Zeichenpragmatik über: Nicht von unge-
fähr gilt als Gemeinplatz, dass die semiologischen beziehungsweise semiogenen
Operationen des Unbewussten – zuvörderst die von Freud anhand der ‚Traum-
arbeit‘ beschriebenen – homolog zu denen der rhetorischen elocutio sind, ihre
Gesetzmäßigkeiten auf die Basismanipulationen des Hinzufügens, Weglassens,
Umstellens und Ersetzens zurückzuführen sind (→ II.2. Rhetorik und Poetik).
Es ist aber nicht nur deshalb auch das Symptomverständnis der Psychoanalyse,
das von allen dort verhandelten Zeichenformen die strukturell höchste Affinität
zur Logik der neuzeitlichen Literatur aufweist: „[D]aß die Krankengeschichten,
die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind“, wie Freud bereits 1895 feststellt,
liegt ursächlich an der „innige[n] Beziehung zwischen Leidensgeschichte und
Krankheitssymptomen“ (I, 227). Psychoanalyse erhebt  – wie wesentliche Teile
der Literatur seit dem fortgeschrittenen 18. Jahrhundert – den epistemologisch
vertrackten, weil scheinbar paradoxen Anspruch, ein Wissen des Individuellen
zu erzeugen (→ IV.6. Fallgeschichte).

3.3. Symbol: Zwischen Zeichendynamik und Ontologisierung

Deutlich werden die Folgen dieses Anspruchs vor allem an der Geschichte des
psychoanalytischen Symbolbegriffs. Dem von symboltheoretischer Seite formu-
lierten Stoßseufzer, Freud hätte womöglich gut daran getan, der Kolonisierung
eines großen Teils der psychoanalytischen Semiologik durch den vagen, unkon-
turierten Symbolbegriff einiger seiner Schüler zu widerstehen, darf man wohl aus
zeichentheoretischer Perspektive nicht widersprechen (vgl. Rolf 2006, 201; 208).
Insbesondere der generellen Tendenz, die komplexe Zeichendynamik des Symp­
tomverständnisses durch Ontologisierung und Typisierung zu entschärfen, ja
eigentlich zu sabotieren, hat die Spielmarke des Symbols immer wieder beträcht-
lichen Vorschub geleistet; dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das jeweilige
Symbolverständnis schon früh in der Geschichte der Psychoanalyse und ihrer
Fraktionierungen gleichsam als Prüfstein der rechten Lehre hat dienen können
(vgl. Jones 1987 [1916], 83).

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Seinen ersten methodischen Auftritt hat das Symbol in Zur Ätiologie der
Hysterie, die Freud im Entwurf einer Psychologie von 1895 skizziert. Die Logik
dieses Konzepts entspricht dabei der des Symptoms. Die Herleitung akzentuiert
Korporealität und gleichzeitig Zeichenhaftigkeit des hysterischen Symptoms A,
einer „überstarke[n] Vorstellung“ mit somatischen Auswirkungen, die „in einem
bestimmten Verhältnis“ zu einer zweiten, erst in der Analyse zu ergründenden
Vorstellung B steht: „Es hat […] ein Erlebnis gegeben, welches aus B + A bestand.
A war ein Nebenumstand, B war geeignet, jene bleibende Wirkung zu tun. Die
Reproduktion dieses Ereignisses in der Erinnerung hat sich nun so gestaltet, als
ob A an die Stelle von B getreten wäre. A ist das Substitut, das Symbol für B gewor-
den.“ (N, 440)
Sowohl der Substitutionsvorgang der Symbolbildung, die im Entwurf als
phys(iolog)ischer Ablauf verstanden wird, als auch das durch ihn Verdrängte
bleiben dabei im Unterschied zu anderen Symbolsystemen unbewusst bezie-
hungsweise „vom Denkvorgang ausgeschlossen“ (N, 443). Das Hauptproblem, das
dieses Symbolverständnis aufwirft, besteht in der Kombination von Motiviertheit
und Kontingenz, ist doch einerseits der Symbolisierungsanlass durchaus Teil des
abwehrprovozierenden Erlebnisses, aber andererseits eben im Verhältnis zum
‚eigentlichen‘ Anlass der Unlusterzeugung vollkommen unbestimmt. Der the-
rapeutische Eingriff besteht denn auch wie in der Bewusstmachung der Symp-
tombedeutung darin, das Symbolisierungsgeschehen zu rekonstruieren und die
„Erinnerungsspur von B“ gegen den Verdrängungswiderstand „aufzufinden und
ins Bewußtsein zu bringen“ (N, 442).
In einem nächsten Schritt und vor allem mit der Fokussierung von Traum
und Traumarbeit kompliziert vor allem die vielgestaltige semiologische Überfor-
mung des Verhältnisses von Substitut und Substituiertem den Symbolbegriff.
Otto Rank und Hanns Sachs haben diesen semiologischen Synkretismus bereits
1913 zugespitzt, wenn sie das Symbol als „eine besondere Art der indirekten Dar-
stellung“ bezeichnen, „die durch gewisse Eigentümlichkeiten von den ihr nahe-
stehenden des Gleichnisses, der Metapher, der Allegorie, der Anspielung und
anderen Formen der bildlichen Darstellung von Gedankenmaterial (nach Art des
Rebus) ausgezeichnet ist“ und „gewissermaßen eine ideale Vereinigung all dieser
Ausdrucksmittel dar[stellt]“ (Rank und Sachs 1913, 11). Genauer besehen erhält
dabei die in der Symbolisierung bis jetzt kontingente Ersetzung selbst semiolo-
gisches Profil, womit nun die unterschiedlichsten (auch medialen) Figurationen
die Zeichengebungsmechanismen des psychischen Apparats erhellen sollen. Ob
Lettrismus, Klangähnlichkeit oder Rebus, Kofferwörter, Homophonie oder lexika-
lische Zweideutigkeit, ob Ähnlichkeit, Fehlleistung – die Freud auch „Symptom-
handlung“ (IV, 224) nennen wird – oder Witz: Die Semiologik des Unbewussten
scheint in ihren bevorzugten Mitteln nicht eben wählerisch, solange die Arbeits-

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ziele der ‚Verschiebung‘, ‚Verdichtung‘ sowie die ‚Rücksicht auf Darstellbarkeit‘


gewährleistet bleiben (→ IV.7. Witz) .
Dann kommt die Absicht hinzu, Bedeutungs(produktions)systeme jenseits
individueller psychischer Artikulationen stabilisieren und fixieren zu wollen.
Hatte das Methodenkapitel der Traumdeutung noch auf die Problematik jeglicher
Generalisierung verwiesen und deswegen die „symbolisch[e] Deutung“ parallel
zur „Chiffriermethode“ als unbrauchbar „[f]ür die wissenschaftliche Behand-
lung des Themas“ erklärt (II/III, 102–104), so scheinen beide verfemten Verfah-
ren mit der Hinzufügung des Kapitels Die Darstellung durch Symbole im Traume/
Weitere typische Träume (VI.E) in den Ausgaben seit 1909 wieder ins Recht gesetzt
zu werden. Konterkarieren nämlich die ‚typischen Träume‘ – diese allerdings in
bescheidenerem Umfang bereits in der Erstauflage – Freuds Widerstand gegen alle
Versuche, „den Trauminhalt als Ganzes“ ausdeuten zu wollen, so widerspricht
der seit der zweiten Auflage der Traumdeutung ebenfalls ständig wachsende
Katalog symbolischer Darstellungen den Mahnungen, sich auf einen „feststehen-
den Schlüssel“ (II/III, 101–102) zur Dechiffrierung der manifesten Traumelemente
lieber nicht zu verlassen. Rank und Sachs erheben diese Entindividualisierungs-
tendenz des Symbols schon 1913 zum festen Definitionsbestandteil, wenn sie „für
das eigentliche Symbol im psychoanalytischen Sinne […] folgende Charakteris-
tika“ angeben: „Die Stellvertretung für Unbewusstes, die konstante Bedeutung,
die Unabhängigkeit von individuellen Bedingungen, die entwicklungsgeschicht-
liche Grundlage, die sprachlichen Beziehungen, die phylogenetischen Parallelen
[…].“ (Rank und Sachs 1913, 18) Ernest Jones komplementiert diese ontologischen
Charakteristika mit ebenfalls sechs funktionalen Merkmalen. Das Symbol dient
(1.) als „Substitut“, das (2.) mit dem vertretenen „ursprüngliche[n] Element […]
etwas gemeinsam hat“ und jedenfalls (3.) „konkret auf die Sinne wirkt“. Die
„[s]ymbolische Denkweis[e]“ ist (4.) ontogenetisch und phylogenetisch primiti-
ver und damit im individuellen Fall eine Art Regressionsphänomen im Gefolge
kognitiver und/oder intellektueller Beeinträchtigung. Symbole (re-)präsentieren
(5.) Ideen, „die mehr oder weniger verborgen oder geheim oder im Hintergrund
gehalten“ sind; sie entstehen (6.) „spontan, automatisch und, im weiteren Sinne
des Wortes, unbewußt“ (Jones 1987 [1916], 52–53). Die Grenzverteidigung der psy-
choanalytischen Orthodoxie gegen radikalere Generalisierungen des Symbolkon-
zepts (Herbert Silberer, Carl Gustav Jung) gelingt dann nur noch mit erheblichem
theoretischem Aufwand: Jones implantiert dem Symbol dafür die Symptomätiolo-
gie einer ‚Identifizierung‘, die Freuds früheste Verwendung des Konzepts bereits
angedeutet hat und die er auch formal mit dem Rückgriff auf die ‚Symbolformel‘
A plus B zu zitieren scheint (vgl. Jones 1987 [1916], 107; 109–110). Die aus psycho-
analytischer Perspektive unstatthaften Symbolverwendungen setzten dagegen
diese strenge psychische Zeichengenealogie aufs Spiel, indem sie Symbol mit

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II.1. Semiotik   55

Metapher verwechselten und „Analogie“ oder „Gleichnis“ (Jones 1987 [1916],


112) als Antriebsprinzipien der Zeichengenerierung behaupteten. An dieser Stelle
wiederholt die psychoanalytische Symboldiskussion im besten Fall offensicht-
lich die ästhetischen beziehungsweise aisthetischen Debatten des 18.  Jahrhun-
derts (Baumgarten, Kant, Goethe) (vgl. Berndt und Drügh 2009, 23–30), während
sich unreflektiertere Einsätze oder sorglosere Generalisierungen des Symbols in
psychoanalytischen und anderen ‚tiefenpsychologischen‘ Zusammenhängen den
unbedarften literaturwissenschaftlichen Verwendungen des Motivbegriffs anäh-
neln.

4. Revisionen des psychoanalytischen Symbolbegriffs

Die programmatische Verwechslung von Ontogenese und Phylogenese, der Hang


zur anthropologischen Ontologisierung, denen viele der psychoanalytischen und
psychoanalytisch inspirierten Symbolverwendungen aufsitzen, liegt keineswegs
in der Sache des Symbols begründet. Die Freudsche Symbolkonzeption kann
vielmehr gerade aus literaturwissenschaftlicher Perspektive in doppelter Hin-
sicht gewinnbringend gegen den Strich der psychoanalytischen beziehungsweise
psychologischen Fraktionsbildungen gelesen werden.
Zum einen wäre an die von Alfred Lorenzers Kritik des psychoanalytischen
Symbolbegriffs (1970) pointierte Feststellung zu erinnern, dass das Symbol als
genuine Schnittstelle zwischen individueller Psychodynamik und kulturellem
Darstellungsinventar psychodynamischer Artikulationen dient: „Die privaten
Inhalte, die den Symbolisierungen zugrundeliegen, erweisen sich […] im selben
Maße gesellschaftlich vorgegeben wie privat.“ (Lorenzer 1970, 38) Anstatt die
Artikulationen jedes individuellen Unbewussten als Reinszenierung anthropo-
logisch universaler Sachverhalte zu entschärfen, erlaubt das Festhalten an der
Ambivalenz des Symbols, das Spannungsverhältnis von psychischen Abläufen
und kulturellen Prägungen wahrnehmbar zu machen: „Die Gehalte sind bei Sym-
bolen wie bei Symbolisierungen […] zugleich subjektiv angeeignet und gesell-
schaftlich vermittelt, weil [sich] die Symbolbildungen beide Male innerhalb der
Sprachlichkeit […] abspielen.“ (Lorenzer 1970, 38) Man wird ‚Sprachlichkeit‘ in
diesem Zusammenhang auf semiologische Relationalität im Allgemeinen ausdeh-
nen müssen; indes ist die Einsicht, dass Symbole psychoanalytischer Relevanz
nicht als Artikulationen eines ahistorischen, überindividuellen Bedeutungssys-
tems verstanden werden sollen, sondern aus der Relationsbildung zwischen indi-
vidueller Psychodynamik und historisch beziehungsweise kulturell kodifiziertem
Zeicheninventar Relevanz und Brisanz gewinnen, nicht nur für das psychoana-

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56   Stephan Kammer

lytische Subjektverständnis bedeutsam, sondern auch und insbesondere für die


kulturwissenschaftlichen Aneignungen psychoanalytischer Interpretamente.
Aus der Methodenperspektive der Literaturwissenschaft vermag womöglich die
Gegenüberstellung der starren Universalien von Motiv- und Stoffkatalogen und
einer figuren-, handlungs- und darstellungsspezifizierten Textanalyse die kon-
zeptuellen Unterschiede zwischen diesen beiden Symbolverwendungen zu erhel-
len (→ II.5. Kulturtheorie).
Zum anderen sind die impliziten Präzisierungen festzuhalten, die das
an­thropologische Zeichenregime um 1900 durch die psychoanalytische Semio-
logik erfährt. Die Differenzierungen des psychoanalytischen Symbolbegriffs
(vgl. Abschnitt 3.3.), die dem individuellen Symbolisierungsgeschehen ein semio-
logisches Profil geben, unterlaufen das Neutralitätsversprechen der méthode
graphique, indem sie die Unbeeinflussbarkeit der Aufzeichnungs- und Zeichen-
gebungsverfahren grundsätzlich infrage stellen. Gleichzeitig wird das aus der
anthropologischen Ideologie des späten 18. Jahrhunderts überkommene Ideolo-
gem des ‚unwillkürlichen Zeichens‘ und seine Aufrichtigkeitsgarantie zur Dispo-
sition gestellt (vgl. Abschnitt 2.3.). Diese ambivalente Haltung setzt sich bis zu
den behandlungstechnischen Prämissen der Psychoanalyse fort. Zwar scheint
Freuds Semiologie mit dem dominanten Indizienparadigma in den Wissenschaf-
ten vom Menschen insofern kompatibel, als er selbst immer wieder von ‚unbe-
wusst-verräterischen‘ Artikulationen des Individuums spricht. Berücksichtigt
man allerdings, dass diese Artikulationen auf das (mediale, topische, techni-
sche) Inventar der Zeichengebung ganz grundsätzlich angewiesen sind, müsste
sich das Phantasma unwillkürlicher und als solcher natürlich-wahrheitsfähiger
Zeichenproduktion streng genommen erledigt haben. Wenn Freuds Anleitungen
zum therapeutischen Verhalten des Analytikers Neutralität und Transparenz
einer Aufzeichnung, wie sie die méthode graphique versprochen hat, durch die
rezeptionsleitende Prämisse ‚gleichschwebender Aufmerksamkeit‘ ersetzen,
trägt das dieser Verschiebung Rechnung: Es gibt keine psychische Artikulation
ohne Darstellung, dementsprechend aber auch keine Analyse solcher Artikula-
tionen, die Verfahren und Regeln solcher Darstellung ignoriert. Die Einsicht in
die Unhintergehbarkeit der Vermittlung darf man wohl getrost als Prüfstein jeder
psychoanalytischen beziehungsweise psychoanalytisch orientierten Semiologie
oder Mediologie bezeichnen (→ II.8. Medientheorie).

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II.1. Semiotik   57

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