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ALS SPRACHKRITIK

Sprachkritische Epistémologie in üsterreich um 1900.

Eine bürgerliche Geschichtsschreibung bat sich daran mit dem spracblichen Denken gekennzeichnet ist,
gewôhnt, sich mit einem einfachen M odell von der stehen 2 Pbilosophen als Ausgangspunkt: Ernst Mach
Evolution der Kultur zu bescheiden, und so eine und Ludwig Boltzmann. Beide baben dem kulturellen
,Geschichte‘ zu konstruieren, ode von Indïviduen ge- Leben Wiens um 1900 wesentlidie Impulse sowobl
tragen zu sein scheint, welche zu „hervorragenden" durch ibre Schriften und Vorlesungen w ie auch durch
oder „überragenden" Persônlichkeiten stilis'iert wer- ihre Schüler gegeben. Die metapbysik- und psycho-
den, auf Kosten jener Personen, die in zahlreichen logie-feincüiche Haltung ihrer Philosophie gipfelt
Schritten insgesamt ein kul'turelles Setting etabliert beispielsweise im berübmten W iener Kreis (1925 -
baben, vielleicbt jene W elt 3 von Karl Popper, deren 36), dessen erster Name ja „Verein Ernst M aÀ " war.
Ergebnisse das Individuum erwirbt, um sie dann, ent-
sprechende Begabung selbstverstàndlich vorausge- E r n s t M a c h (1 8 3 8 - 1 916)
setzt, in spektakulârer und für die üffentlichkeit
verstandliche, allgemein anerkannte W eise zu resü- Mach unterrichtete 1864 - 67 Matbematik und Pbysik
mieren bzw. zu Ende zu fübren. W ir w ollen nun jene in Graz, 1867 - 95 Experimentalphysik in Prag. Von
,Subgescbicbte‘ skizzieren, auf der dieser Sacbverbalt Tbeodor Gomperz und dessen Sobn Heinricb Gom-
zutrifft, nâmlich die Entwicklung der Philosophie perz angeregt, erhielt Mach 1895 in W ien den eigens
zur Sprachkritik in üsterreich um 1900. Von Mân- für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Geschichte und
nem, die der üffentlichkeit der Gegenwart kaum Théorie der induktiven Wissenschaften. Seinen Lebr-
mebr bekannt sind, wurden in vielen Einzelscbritten stuhl bekam 1922 - 36 M oritz Schlick, der frübe Men­
und teils gewaltigen Leistungen jene allgemeinen tor des W iener Kreises. 1903 batte Boltzmann ge-
Voraussetzungen geschaffen und eine Fülle von exak- wissermaBen diesen Stuhl unter einem anderen Titel,
ten Ergebnîssen und neuen Einsicbten, Perspekt’ven, nâmlich „Methode und allgemeine Théorie der Na-
Trends erarbeitet (die oft v iel schwerer zu erfinden turwissenschaften" übernommen, 1906 - 21 Adolf
sind als der gelungene formale AbschluJB von Pio- Stôhr. Machs Vorlesungen waren berühmt. Hugo
nierleistungen), auf denen die formale Schule des von Hofmannsthal batte sie noch 1897 besucht, be-
W iener Kreises (von Kurt Gôdel bis zu Ludwig W itt- vor Mach 1898 seine Lehrtàtigkeit wegen eines
genstein) in den 20er und 30er Jabren gedeiben konn- Schlaganfalls aufgeben muBte. Hermann Broch hat
te. W ir wollen also von M ànnem wie Ernst Macb, Machs Vorlesungen ebenfalls besucht und Robert
Ludwig Boltzmann, Franz Brentano, Adolf Stôhr, Muisil über Mach 1908 dissertiert. In dieser Disser­
Richard W able und vor allem Fritz Mautbner spre- tation „Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs"
chen.I. bat er sich mit Machs Sensualismus und seiner Ele-
mententheorie (als Ergebni-s der Analyse der Empfin-
dungen) kritisch auseinandergesetzt. Ja sogar Her­
I . P H Y S IK , P H IL O S O P H IE , E R K E N N T N IS mann Bahr und der Impressionismus von ,Jung W ien'
beriefen sich auf Machs Lebre von der Auflôsung
Für jene ôsterreichische Sprachlebre, welcbe durch ailes Wirklichen in Empfindungselemente, w ie sie
eine Abwertung der Psychologie und durch eine diese verstanden.
Verknüpfung matbematisch-pbysikaliscben Denkens Neben seinen pbysikalischen und physïologischen

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Entdeckungen und seinen wissenschaftshistorischen an. Keiner ist allein vorhanden, beide sind zugleich
Schriften wurde insbesondere Machs erkenntnis- da." (Ernst Mach, Die Mechanik in ihrer Entwick­
tbeoretische Méthode zu einem einfluBreichen kul- lung. Historisch kritisch dargestellt. 1883, S. 543 in
turellen Faktor. Mach war ein Anhânger von Occams der 4 Aufl. 1901.) „W o in dem Folgenden neben
Razor {Entia non multiplicanda sunt sine necessitate) oder für die Ausdrücke „Element“ , „Elementenkom-
in den Naturwiss enschaften, .die er von allen meta- plex" die Bezeichnungen „Empfindung", „Empfin-
physischen Begriffen w ie ,absoluter Raum’, Substanz, dungskomplex" gebraucht werden, muB man gegen-
Ding an sich, etc. und anderen empirisch nicht nach- wàrtig halten, daB die Elemente nur in der bezeich-
weisbaren Hypothesen w ie Ather etc. reinigen woll- neten Verbindung und Beziehung, in der bezeichne-
te. Machs erkenntnisanalytische Méthode, die er ten funktionalen Abhângigkeit Empfindungen sind.
namentlich am Begriff ..Naturgesetz' (Naturnotwen- •Sie sind in anderer funktionaler Beziehung zugleich
digkeit, Kausalitât) und dann speziell an den Be- physikalische Objekte." (Die A nalyse der Empfin­
wegungsgesetzen der klassischen Mechanik durch- dungen, 5. Aufl. 1906, S. 13.) So kann die Farbe ein
führte, hat der modemen naturwissenschaftlichen physikalisch.es Objekt sein wie eine Empfindung.
Forschung (insbesondere A . Einstein und W . Heisen- So „unterliegt es keiner Schwierigkeitrjêdês'physi-
berg) ein positivistisches Fundament gegeben. Die sche Erlebnis aus Empfindungen, also psydnschen
Machsche Deutung der Naturgesetze, daB sie nur Elementen aufzubauen" (Ernst Mach, Erkenntnis und
funktionale Beziehungen zwischen Anderungen zu- Irrtum, 1905, S. 14 in der 3. Auflage). — •
standskennzeichnender MessungsgroBen aussprechen, Bei dieser Emeuerung des Hume'schen Sensualismus
hat nâmlich die bisher absoluten Begriffe der Physik verstand jedoch Mach unter den Empfindungen als
relativiert. Insbesondere hat er die beschleunigte letzte Elemente der Realerkenntnis und der Erfah-
Bewegung durch zwei verschiedene W eisen gekenn- rung keineswegs bloBe Sinnesdaten, sondem auf-
zeichnet, einmal als relative Bewegung, andermal als grund seines psychophysischen W eltbildes aile Be-
Auftreten von Trâgheitskràften. Dieses Machsche wuBtseinsdaten. Dabei wurde natürlich die Grenze
Prinzip hat Einsteins Relativitâtstheorie vorbereitet zwischen Innen- und AuBenwelt verschwommen und
und vorweggenommen, wie Einstein selbst bekennt. das Ich nur mehr zu einem Komplex von Empfindun­
Machs erkenntniskritiscbe Méthode w ar aber ein gen. Besonders in den Schriften von Machs Schülem
bahnbrechendes Modell, das auf die Kultur insgesamt und Bewunderern w ie Theodor Beer oder des Züri-
ausstrahlte. Erstens hat die erkenntnislogische A na­ chers Richard Avenarius (1843 - 1896) kommt jene
lyse dort, w o früher nur ein einheitlidier Begriff Version von Machs Empirio-Kritizismus zum Vor-
(beschleunigte Bewegung bspw.) gesehen wurde, schein, welche das Kulturleben seiner Zeit so nach-
eine Mehrheit von früher nicht gesehenen Begriffen haltig beeinfluBt hat. Beer schreibt bspw. in „Die
erkennen lassen, unter die ,Objekte‘ ganz verschie- Weltanschauung eines Naturforschers" (1903, S. 25):
dener A rt fallen. Zweitens ist das Machsche Prinzip „Was wir Dinge, Kôrper, Materie nennen, ist nichts
das Ergebnis der erkenntnistheoretis chen und -logi- auBer dem Zusammenhang der Farben, Tône, Düfte,
schen A n alyse einzelwissenschaftlicher (physikali- Wârme etc., nichts auBer jenen Merkmalen, unseren
scher) Sâtze. Durch letzteres, die erkenntnislogische Empfindungen." W enn wir nur Kenntnis von der
und semantische A nalyse von Sâtzen und deren W elt durch Empfindungen haben, so besteht auch
Bedeutung, hat Mach neben anderem und anderen die W elt für uns nur aus Empfindungen. „Die W elt
ein naturwissenschaftliches Fundament für die mo­ ist dann nichts anderes als die Gesamtheit ablaufen-
derne Philosophie als Sprachkritik gelegt. Seine er­ der Empfindrmgs-Komplexe" (Beer, S. 28). In diesem
kenntniskritische Méthode hat aber auch ’d azu ge~ kontinuierlicben Strom von Empfindungen, zu dem
führt, die Grundelemente erinitteln zu wollen, über die W elt solcherart gerinnt, fâllt natürhch eine Un-
welcbe die Realwissenschaften Aussagen machen. terscheidung zwischen Realitât und wahrgenomme-
Diese Reduktion auf elementare nicht mehr weiter nem Eindruck davon schwer bzw. der Eindruck einer
reduzierbare Elemente der Erkenntnis hat als zwei- Sache hat das gleiche Gewicht, den gleichen Wahr-
tes M odell für die Grundlegung der W iener Sprach- heitswert w ie die Sache selbst. In dieser W elt als
wissenschaft gedient, w ie sie im ,W iener Kreis' und M eer von Empfindungsphânomenen und von Ein-
bei W ittgenstein (vgl. den Traktat) dann deutlidi drücken fühlten sich natürlich Hugo von Hofmanns-
und weltw eit vem ehmbar zum Ausdruck gékommen thal und die Impressionisten Jung-Wiens bis zu
ist. Machs erkenntnislogische M odelle bildeten die Peter Altenberg zu Hause. Insbesondere diente
Matrix, von der z. B. Wittgenstein seine sprachlogi- Machs Ablehnung des Ichs als Konstante, wie sie
schen Modelle abzog. dann noch Adolf Stôhr und Richard W ahle ausarbeite-
Für Mach selbst bildeten die letzten Elemente bei ten, den zeitgenôssischen und nachfolgenden Dichtem
der Konstruktion wissenschaftlicher Konzepte die als Rechtfertigung ihrer eigenen Subjektivitât. Ein
Empfindungen (vgl. sein W erk „Die A n alyse der Schüler Machs, Friedrich Adler, der Sohn des Sozia-
Empfindungen", 1886). listen Viktor Adler und der -als Privatdozent in Zü-
„Alle Wissenschaft kann nur Komplexe von jenen rich auch Freund Einsteins war, schrieb wâhrend sei­
Elementen nachbilden und vorbilden, die w ir ge- ner Haft in Stein an der Donau, wohin er wegen des
wôhnlich Empfindungen nennen. Es handelt sich um Attentats auf den Grafen Stürgkh gekommen war,
den Zusammenhang dieser Elemente . . . Der Zusam- über „Emst Machs Uberwindung des mechanischen
menhang von A (Hitze) und B (Flamme) gehôrt der Materialismus" (1918). In dieser Schrift kommt der
Physik, jener von A und N (Nerven) der Physiologie Zusammenhang von Empfindung und Ich-Begriff

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einerseits wie von Empfindung und sprachlogische Machs Lehrstuhl inné. Obwohl Boltzmann und Mach
A nalyse andrerseits deutlich zum Ausdruck: „Die in vielen Punkten entgegengesetzter Meinung wa­
beiden Ausdrücke: „das Blatt ist grün" und „das ld i ren, zum Beispiel war Mach ein scharfer Gagner der
hat die Empfindung grün" reduzieren sich bei ge- Atomistik, Boltzmann hingegen ein glühender Ver-
nauerer Betrachtung auf den einen Tatbestand: Es fechter der Atom-Lehre, haben sie in ihrem gemein-
•tritt in verschiedenen „Ichs" die Empfindung grün samen Bemühen, Grundlagenprobleme der Physik
wiederholt auf. Wenn „Ich" und „das Blatt" in Re­ als erkenntnistheoretische und logische Problème
lation zueinander sind, tritt ein Grün auf. W enn ich aufzufassen, nicht nur die Philosophie auf eine empi-
wegblicke . . . ist das Blatt noch grün? V o n dem Blatt, rische Basis gestellt und befruchtet, sondem die Er-
das niemand amsieht, wissen w ir nichts” (S. 81). kenntniskritik -und die logische Analyse als Modell
Es war also Machs Lehre von den Empfindungen, po- auch für die Sprachwissenschaft aufbereitet. W ie
pularisiert auf eine Lehre des Sensationalismus Mach war Boltzmann ein erklàrter Gegner der Meta-
(Wahrnehmungsdaten) und Phanomenalismus, welche physik, doch anders als Mach w ar er auch ein Gegner
auf die Literatur seiner Zeit einen so auBerordent- jener Philosophie (Hume, Berkeley, Mach), welche
lichen EinfluJB ausübte: von Hofmannsthal (Chandos- das Verhâltnis von Sein und BewuBtsein nur vom
Brief 1902) über Schaukal, Emil Lucka, Altenberg, Standpunkt des denkenden Subjekts her bestimmen
Schnitzler, Salten bis zu Robert Musil p i e Verwirrun- will, also jenes „philosophischen Idealismus, der die
gen des ZôgMngs Tôrless, 1906). Die Fragen der Existenz der materiellen W elt leugnet". W egen der
Sinnesdatenverarbeitung (der wechselnden Empfin­ Atomistik ein erklàrter Gegner von Mach, kiitisiert
dungen), der Konstanz des Ichs und der Sprache ver- Boltzmann auch versteckt Machs Empfindungslehre.
knüpften sich in Machs W irkung auf die Literatur „Nur die Sinneswahrnehmungen sind uns gegeben,
von Jung-Wien. Hofmannsthal zweifelte, ob das daher - heiBt es - darf man keinen Schritt darüber
Individuum sida überhaupt durch das soziale Instru- hinausgehen. Aber wâre man konseguent, so müBte
mentarium Spradae ausdrücken kônne: „Das ïndivi- man weiter fragen: Sind uns auch unsere gestrigen
duum ist unaussprechfich. W as sich ausspricht, geht Sinneswahrnehmungen gegeben? W ëre man konse-
schon ins Allgemeine über, ist nicht mehr im stren- quent, so müBte m a n . . . sogar aile VorstellTmgen,
gen Sinne individuell. . . W ie kommt das einsame die man zu allen früheren Zeiten hatte, leugnen.
Individuum dazu, sich durch die Sprache mit der . . . W ill man also nicht zum Schlusse kommen, daB
Gesellschaft zu verknüpfen, ja durch sie . . . rettungs- überhaupt nur die Vorstellung, die ich momentan
los mit ihr verknüpft zu sein?" In „Inventur" (1912) habe, undsonst gar nichts existiert." (Populâre Schrif-
schreibt Hermann Bahr: „ . . . ein W eg gewesen, um ten, 1905, S. 132.) Hier wird schon in nuce der aus
•reif zu w erd en . . . für M ada. . . H ie r. : . habe idt Machs Psychophysik resultierende Physikalismus der
ausgesprochen gefunden, was mich die drei Ja h re. . . Protokollsatze von R. Cam ap und O. Neurath kriti-
gequâlt hat: ,Das Ich ist unrettbar'. Es ist nur ein siert. „ . . . so muB man schlieBlich bei aller nôtigen
Name . . . eine Illusion. . . " 1908 trafen einander M adi Vorsicht doch unsere Fâhigkeit, aus den W ahmeh-
und Bahr persônlich A u d i Arthur Schnitzler war mit mungen auf etwas, w as w ir nicht wahmehmen,
Mach gut befreundet. In den Monologen seiner frü- Schlüsse zu ziehen, zugeben, die w ir freilich immer
hen Stücke kommt auch jenes depersonalisierte zu korrigieren haben, sobald sie mit Wahmehmun-
Existenzgefühl zum Ausdruck. Allerdings sind hier gen in Widerspruch kommen" (ebenda, S. 132). In
die Rettungslosigkeit und Unrettbarkeit des Ichs auch seiner Schrift „über die Frage nach der objektiven
in den sozialen Kontext gestellt. Existenz der Vorgânge in der unbelebten Natur" von
Wâhrend es hingegen Machs Lehre von der Denk- 1897 versucht Boltzmann, die objektive Existenz von
Okonomie und seine erkenntniskritische Méthode unbelebten Dingen (wie ein grünes Blatt) und fremd-
waren, welche auf die Sprachphilosophie seiner Zeit psychischen Empfindungen zu beweisen, wobei er
einen fundamentalen EinfluB ausübten, w ie Fritz insbesondere auf die Rolle der Sprache rekurriert.
Mauthner belegt, der sich als Machs Schüler verstand. „W ir bezeichnen daher diese fremden Empfindungen
Der generelle EinfluJB von Machs Philosophie war mit analogen Gedankenzeichen und W orten wie die
übrigens so groB, daB Lenin ihr in seinem Buch „Ma- eigenen — . . . Analog w ie die Empfindungen frem-
terialismus und Empirio-Kritizismus" (1908) wegen der Menschen existieren auch die Vorgânge in der
ihrer idealistischen Tendenzen entgegen zu treten unbelebten Natur für uns bloB in unserer Vorstel­
müssen glaubte. lung, d. h. wir markieren sie durch gewisse Gedan-
ken- und Wortzeichen, w eil uns dies die Konstruk-
L u d w ig B o ltz m a n n (1 8 4 4 - 1906) tion einer zur Vorherverkündigung unserer künfti-
gen Empfindungen tauglichen W eltbildes erleichtert."
Geboren in Wien, Studium der Physik in W ien, wur- Die Sprache („Gedanken- und Wortzeichen") schlagt
de Boltzmann zuerst Professor für mathematische also die Brücke zwischen eigenen und fremden Emp­
Physik in Graz, dann nach einigen Auslandsaufent- findungen und zu den Vorgangen in der Natur.
halten bei Bunsen, Kirdahoff und Helmholtz 1873 - 76 Boltzmann versucht also formate -Kriterien einzu-
Professor der Mathematik in W ien, dann wieder führen, welche von den Ich-Aussagen w ie „Ich nehme
Professor für Experimentalphysik in Graz, 1890 Pro­ w a h r. . . " usw. wegführen und schlagt statt Empfin­
fessor für theoretische Physik in München, ab 1894 dungen die Beobachtungen vor, statt solipstischer
wieder Professor für theoretische Physik in W ien, Eigenerfahrung das tertium comparationis der Spra­
ab 1903 bis zu seinem Selbstmord 1906 hatte er auch che, welche die Beobachtungsaussagen (statt der Ich-
Aussagen) in objektiver verifizierbarer Fonn dar- fahrung. Je kühner man über die Erfahrang hinaus-
stellen. Boltzmanns Kriterium der Verifizierbarkeit geht, desto allgemeinere Uberblicke kann man ge-
ist als die Testabilitât, die Vorhersage, bzw. die winnen, desto überraschendere Tatsachen entdecken,
Korrektur, sobald „unsere Schlüsse . . . mit Wahr- aber desto leichter kann man auch irren." („Entwick-
nehmungen in Widersprucb kommen1'. Hier wird lung der Methoden der theoretischen Physik in neu-
nicht nur Poppers Falsifikations-Theorem vorweg- erer Zeit.") In „Uber die Bedeutung von Theorien"
genommen, sondera (trotz der vorhin geëuBerten (1890) heiBt es: „Ich bin der Meinung, daB die Auf­
Kritik des Physikalismus) wird tendenziell der Boden gabe der Théorie in der Konstruktion eines rein in
für eine Spradhphilosophie der Basissâtze vorbereitet, uns existierenden Abbildes der AuBenwelt besteht. . .
seien es W ittgensteins Atomsâtze, Nenraths nnd Es ist ein eigentünvlicher Trieb des menschlichen
Camaps Protokollsâtze, Schlicks Konstatierangen Geistes, sich ein solches Abbild zu schaffen und es
oder Poppers Basissâtze, die nichts über erlebte der AuBenwelt immer mehr und mehr anzupassen. . .
Beobachtungen aussagen wollen, sondem nur über Die stete Vervollkommnung dieses Abbildes ist nun
beobachtbare Sachverhalte überhaupt. Natürlich steht die Hauptaufgabe der Théorie." Nach dieser Rela-
hier Poppers Auffassung der von Boltzmann am tivierung der Erfahrang durch die Théorie ist es
nàchsten (ungeachtet dessen, daB Popper Boltzmanns nur logisch, aufgrand des Abbild-Charakters seiner
Zeitphilosophie kritisierte) - w ie wir auch gleich in Theorie-Vorstellung, daB auch die Théorie selbst
der Frage der Denk-Okonomie sehen werden, da relativîert wird, nâmlich insofeme, daB verschiedene
beide auf die intersubjektive Beobachtung, auf die Bilder (Theorien) bzw. ein früheres Bild der Mecha-
intersubjektive Vermittelbarkeit gründen. Die Er- nik und ein neueres gleichzeitig nebeneinander exi-
kenntnis der Erfahrang beruht also nicht w ie Mill, stieren kônnen. W enn ein kompliziertes Lehrgebâude
Mach und der frühe W ittgenstein glaubten, auf sin- zusammenstürzt, kann dann „freilich die alte Théorie
gulâren Erlebnisaussagen, die unmittelbar wahr sind, als Bild für ein beschrëhktes Erscheinungsgebiet im
die am Anfang stehen als letzte, nicht w eiter redu- Rahmen der neuen in der Regel noch Platz finden".
zierbare Elemente, und dann verallgemeinert wer­ (über statistische Mechanik, 1904.) Gerade in der
den, sondera darauf, daB Hypothesen aufgestellt Théorie der Elektrizitët gibt es seiner Meinung nach
werden, Vorstellungen, die durch intersubjektiv mar- genügend Beispiele, die die beschrënkte Gültigkeit
kierbare Aussagen auf Grand von Beobachtungen alter Vorstellungsweisen als teilweises Bild der Tat­
nachtrâglich bestâtigt werden. sachen erlâutem. In seinem Vortrag „Uber statisti­
Dieser erkenntmstheoretische Realismus und die da- sche Mechanik" geht Boltzmann daher sogar so weit,
von abgeleitete intersubjektive Rolle der Sprache vor einem „übermâBigen Vertrauen in die sogenann-
als Erkenntnistrâger hat naturgemâB die RoÛe der ten Denkgesetze" zu wamen. Die Erfahrang wieder-
Théorie neu definiert, und zwar auf eine W eise, um kann auch „die Probe für die Richtigkeit der
welche einerseits der Mach'schen Denkôkonomie Denkgesetze" liefem „Aber als unbedingt oberste
widerstritt und andrerseits den Realismus in einen Richter môchte ich die Denkgesetze nicht anerken-
skeptischen Empirismus dampfte. Obwohl Boltzmann, nen. W ir kônnen doch nicht wissen, ob sie nicht doch
sogar in Machs Augen, ein begnadeter Experimetator noch die eine oder andere Modifikation erfahren
war, sagte er in „Uber die Bedeutung von Theorien" werden" (1899). Diese Relativierang der absoluten
(1890) von sich selbst: „Der Théorie zum Preis ist Rolle der Théorie hat zu einer weitreichenden Kon-
mir kein Opfer zu groB, sie, die den Inhalt meines sequenz geführt: „Es ist sogar die Môglichkeit zweier
ganzen Lebens ausm acht..." In seinem berühmten verschiedener Theorien denkbar, die beide gleich
W ort „Nichts ist praktischer als Théorie" faBte Boltz­ einfach sind und mit den Erscheimmgen gleich gut
mann selbst seine Theorie-Vorstellung zusammen, stimmen, die also, obwohl total verschieden, beide
aus der naturgemâB eine gewisse Kühle und Ableh- gleich richtig sind. Die Behauptung, eine Théorie sei
nung jenen Tendenzen gegenüber folgt, welche sich die einzig richtige, kann nur der Ausdruck unserer
als rein positâvistische Beschreibung mit Hilfe unmit­ subjektiven Uberzeugung sein, daB es kein anderes,
telbar meBbarer GrôBen begnügt. Boltzmann tritt für gleich einfaches und gleich gut stimmendes Bild
die Verwendung von Hypothesen ein und wendet sich geben kônne." (über die Entwicklung der Methoden
gegen Machs Phénoménologie auch in dieser Hin- der theoretischen Physik in neuerer Zeit, 1899.) Da-
sicht: „als einziges Ziel der Physik, ohne jede Hypo­ mit ist nicht nur die Unabhângigkeit der realen
thèse, ohne jede Veranschaulichung . . . für jede Reihe AuBenwelt von ihrem Abbild im Menschengeist be-
von Vorgângen Gleichungen aufzuschreiben, aus de- tont worden, was vielleicht Boltzmanns ursprüng-
nen ihr V erlauf guantitativ berechnet werden kann, liche Absicht war.
so daB die alleinige Aufgabe der Physik darin bestün- Mit dieser Feststellung, daB scheinbar widersprüch-
de, durch Probieren môglichst einfache Gleichungen liche Hypothesen komplementare, richtige Erklâran-
zu finden, welche gewisse notwendige formale Bedin- gen eines einzigen Phânomens sein kônnen, ist nicht
gungen . . . erfüllen, und sie dann mit der Erfahrang nur Niels Bohr Komplementârprinzip vorweggenom-
zu vergleichen . . . allein dies i s t . . . ein unerfüllbares men worden, sondem auch die autonome Rolle des
Idéal. Keine Gleichung stellt irgendwelche Vor- Abbildungsmechanimus selbst gegenüber der Reali­
gënge absolut genau dar, jede idealisiert sie, hebt tât und den Dehkgesetzen extrem betont worden.
Gemeinsames heraus und sieht von Verschiedenem Die Dominanz der Théorie als Abbildungsmechanis-
ab, geht also über die Erfahrang h inaus. . . Die Er- mus, w o sogar „die Denkgesetze sich nach den glei-
fahrung, sagt Goethe, ist immer nur zur Hâlfte Er- •chen Gesetzen der Evolution gebildet haben", schuf

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natürlich auch das Terrain für eine Théorie der wissenschaftlichen Positivismus den Boden aufberei-
Sprache als Abbildungsmechanismus mit eigenstân- tet, auf dem die Sprache als Medium der Erkenntnis
digen und von der AuBenwelt nnabhângigen Ge- und Erkenntniskritik in Erscheinung treten konnte,
setzen. Unerwarteterweise ist Boltzmann mit dieser vergleichbar der Rolle der Bilder, Vorstellungen,
von der Physik und ihrer Geschichte abgeleiteten Hypothesen, Theorien in der Wissenschaft. Da Boltz­
Aufiassung der W elt, daB mehrere widersprüchliche mann also nicht nur die Erlebnisdaten, sondem auch
Theorien gleichermaBen richtig sein kônnen, weit die Erkenntnisformen relativierte, ist die Sprache als
über Machs relativistische und skeptiscbe Position Organon konzipierbar geworden, eine Idee, welche
hinausgegangen. Besonders dur ch diesen Modellbe- W ittgenstein und K. Bühler dann spâter ausbauten.
griff, daB „verscbiedene Bilder des gleidhen Objekts Im Organon-Gedanke inkludiert ist audi die Môg-
môglich sind, und diese Bilder in verschiedenen lichkeit, Umgangssprache und Wissenschaftssprache
Hinsichten differieren môgen", dessen philosophische miteinander in Beziehung zu setzen, w ie es bereits
Relevanz zunâchst unbemerkt blieb, hat Boltzmann Fritz Mauthner tat.
auf die Sprachtheorie und insbesondere auf W ittgen-
stein EinîluB ausgeübt. Diese Bild- bzw. Modell- F r a n z B re n ta n o (1 8 3 8 - 191? )
Theorie von Aussagen, nach der versdhiedene Dar-
stellungen der W elt nebeneinander bestehen und Der sprachlogischen A nalyse der Erscheinungswelt
richtig sein kônnen, hat zusammen mit dem Modell- erwuchs jedoch ein dritter Kombattant aus einer
Begriff von Heinridh Hertz für W ittgenstein sowohl unerwarteten Ecke, namlich der Théologie. Brentano
die Vorstellung der Sprache als Bild von Tatsachen hatte in Bayem Philosophie und katholische Théo­
wie auch sein spéteres Sprachspiel angeregt. Für logie studiert, war auch Philosophieprofessor in
W ittgensteins Vorlaufer Fritz Mauthner hat sie des­ Würzburg, bevor er 1874 nach W ien kam, wo er bis
sen spradhskeptisdhen Agnostizismus begriindet. 1895 als Prof essor und dann als Privatdozent an der
Boltzmanns Behandlung eines aktuellen physikali- Universitât Philosophie unterrichtete. Er sah in der
schen „Sadhverhalts" als statistisdi verteilt in der von der mittelalterlichen Scholastik abgeleiteten In-
totalen Menge môglicher Sachverhalte foeeinfluBte tentionalitât das Hauptmerkmal der psydhischen
W ittgenstein in seiner Behandlung der Sachverhalte Akte. „Psydhische Phénomène seien solche, welche
durch die Méthode der Wahrheitstafeln. W ittgen­ intentional einen Gegenstand in sich enthalten"
steins Auffassung vom „logischen Raum" ist abge- (Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1. Band,
leitet von Boltzmanns „Phasenraum" in der statisti- 1924, S. 124). Brentano unterscheidet 3 Klassen von
schen Mechanik. W ittgenstein hat selbst in einer psydhischen Phânomenen: 1. Vorstellen, 2. Urteilen,
Liste jene Denker aufgezâhlt, 'die W irkung auf ihn 3. Gemütsbewegung. Solcherart w ird natürlich wie-
hatten: Boltzmann, Hertz, Russell, Kraus, Spengler derum die Grenze zwischen Physischem und Psychi-
und Piero Sraffa. Ubrigens w ollte W ittgenstein in schem verwischt. Sein Schüler Edmund Husserl über-
jenem Jahr bei Boltzmann zu studieren beginnen, nimmt für seine Phénoménologie den Gedanken der
in dem Boltzmann in Duino Selbstmord beging: 1906. deskriptiven Psychologie, die mit apriorischen Ur-
Gerade in der Beziehung Boltzmann-Wittgenstein teilen operiert, den Gedanken des Innewohnens von
kann man erkennen, w ie sehr Uberlegungen und Gegenstanden in psydhischen Akten, den Gedanken
Methoden der Naturwissensdhaften auf die Sprach- der besonderen Seinsweise idealer (irrealer) Gegen-
philosophie übertragen wurden, was zu einer sprach- sténde, usw. Die Définition des Gegenstandes, auf
lichen Grundlegung der Philosophie und einer ana- den sich die Urteile beziehen, nôtigte jedoch Bren­
logen naturwissenschaftlichen Grundlegung der tano zu genauen satzlogisdhen Untersudhungen,
Sprachphilosophie führte. weldher Art die Dinge seien, wenn ich z. B. sage:
DaB Boltzmanns Lehre nicht nur durch seine Schüler „Die Rose hier ist rot" oder „Diese Erinnerung
wie W alter Nernst, Paul Ehrenfest und Liese Meitner schmerzt mich" oder „Es gibt keine Drachen". Durch
die Atomphysik, die Thermodynamik und die Quan- den letzteren Satz, ein Existentialurteil, falle ich ein
tenmedhanik auf entscheidende W eise initiiert hat, Urteil, das eine Unmôglichkeit ausdrüdkt, also nicht
nicht nur durch den EinfluB, den sie ebenfalls auf über ein Ding, das es gibt, sondem über einen Sach-
Einstein ausgeübt hat, davon zeugt der berühmteste verhalt, der kein W esen im Sinne realer W esen ist,
von seinen vielen Lehrsétzen, das sogenannte H- sondem ein irreales Etwas. Durch diese gleichsam
Theorem, welches den Zusammenhang zwischen dem linguistischen Analysen wurde die Logik emeuert,
thermodynamischen Begriff der Entropie und der ebenso die Philosophie, die als ein System von syn-
statistischen Wahrscheinlichkeit eines Zustandes her- thetisdhen Sétzen a priori aufgebaut wurde. Bren­
zustellen vermag: S = k log W . Die Entropie ist dem tano hat mit seinen sprachanalytisdhen, logisch-se-
Logarithmus der Wahrscheinlichkeit proportional. (S mantischen Untersudhungen auch wesentlidh dazu
bedeute den Zahlenwert der Entropie, W den der beigetragen, ein Organon-Modell der Sprache zu
Wahrscheinlichkeit, und k eine universelle Kon- entwïckeln, wie sie Brentanos Schüler K. Twardoski
stante, die sogenante Boltzmann'sche, deren Zahlen­ (1866 - 1938), der nach Lemberg berufen wurde und
wert bekannt ist.) Boltzmanns erkenntnistheoreti- die polnische logische Sdhule (Adjukiewicz, Lükasie-
scher Relativismus - der den klassischen (ethischen) wicz, Kotarbinski, dessen Schüler Tarski war) begrün-
Idealismus zertrümmerte, was wahrscheinlich seinen dete, in seiner Schrift von 1894 „Zur Lehre von Inhalt
Schüler Hermann Broch so gegen ihn aufbrachte - und Gegenstand der Vorstellungen" schon darlegte
hat durch die Abdankung des dogmatischen natur­ und 1934 Karl Bühler explizit in seiner „Sprach-

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théorie" ausbaute. Ein weiterer Brentano-Schüler, terprétation wissenschaftlicher Sëtze, Aussagen, Aus-
ALexius Meinong (1853 - 1920), der nach Graz be- drücke und Methoden trat (Mach und Boltzmann),
rufen wurde, hat die in Twardoskis Schrift deutlich unter Heranziehung der nominalistischen Logik
ausgesprochene Namenstheorie, der zufolge ein Na­ (Brentano-Schule). Diese erkenntnislogische und -kri-
ine drei Funktionen hat: die Kundgabe von Vor- tische Analyse hatte naturgemëB auch Auswirkungen
stellungsaspekten, die Erweckung von psychischen auf die Sprachphilosophie und -•wissenschaft, welche
Inhalten, also Bedeutungen, und drittens die Nen- sich in eine logische Sprachanalyse und -kritik trans-
nung von Gegenstënden, zu seiner besonders im formierte. Die Sprachphilosophen der Jahrhundert-
englischen Sprachraum berühmten Gegenstandstheo- wende nehmen zwischen der Erkenntniskritik der
rie (1904) ausgearbeitet, der zuiolge ailes, was ge- Physiker und der Philosophiekritik Wittgensteins
nannt werden kann, ein Gegenstand ist. „Den 4 und des W iener Kreises der 20er und 30er Jahre
Hauptklassen der erfassenden Erlebnisse, dem Vor- eine entwiddungsmëBige Zwischenstufe ein. Sie
stellen, Denken, Fühlen und Begehren stehen sonadi haben erstmals die Grenzen der Erkenntnis als Gren-
die Gegenstandsklassen der Objekte, Objektive, Dig- zen der Sprache gezogen, sie haben erstmals die Ver-
nitative und Desiterative gegenüber, deren Eigen- wirrungen der Philosophie als sprachliche Problème
art aber nicht etw a erst durch die Eigenart der er­ analysiert und verhôhnt, sie haben schlieBlich auch
fassenden Erlebnisse ausgemacht wird." (A. Meinong, die Problème der Existenz als Begrenzung der Spra­
Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellun- che erfahren. 3 Sprachphilosophen, w eldie die er-
gen, 1922, S. 144.) kenntnis'kritische Epistémologie der Jahrhundertwen-
A n diesem Begriff des reinen Gegenstandes, dessen de mitschufen, auf welcher der W iener Kreis auf-
Sosein unabfaângig von seinem Dasein ist, und es baute, korrespondieren solcherart mit den 3 bereits
daher auch wahre Sëtze über unmôglidie Gegen- genannten Philosophen (Mach, BQltzmann, Brentano),
stande geben kônnte, da ja jeder Gegenstand unab- nëmlich: A dolf Stôhr, Richard W ahle und Fritz
hàngig von seiner Existenz Eigenschaften habe, ent- Mauthner.
wickelte Bertrand Russell kritisch seine berühmte
Théorie der Beschreibungen. Ein Schüler Meinongs, A d o l i S tô h r (1 8 5 5 - 1921)
Ernst M ally (1879 - 1944), hat Meinongs daseins-
freie Wissenschaft der Gegenstënde als Begriffs- W ie schon erwahnt, folgte Stôhr Ernst Mach und
theorie weitergeführt, was ihn unter anderm zu einer Ludwig Boltzmann auf deren Léhrstuhl. Geboren in
Begründung der deontischen Logik geleitete. St. Pôlten, studierte Stôhr in W ien Jus, Philosophie
Der in Prag wirkende Brentano-Schüler Christian und Pflanzenphysiologie. 1885 habilitierte er sich,
von Ehrenfels (1859 - 1932), 1888 Professor der Philo­ von 1901 - 21 w ar er als Professor für Philosophie
sophie in W ien und 1899 - 1929 in Prag, hat Impulse tëtig, nebenbei noch an der Volkshochschule im
von Mach und Brentano in der Schôpfung der Gestalt- psychologischen Laboratorium. Stôhr verstand sich
theorie zusammengëfaBt. Mach sprach in seiner als Schüler von Mach und war ein Gegner von Bren­
„Analyse der Empfindungen" (1886) bereits von „Ton- tano. Seine von Mach übemommene anti-metaphysi-
gestalt" und „Raumgestalt". Doch erst auf dem Hin- sche Position hatte bereits von Anfang an stark
tergrund von Brentanos Unterscheidung zwischen sprachkritische Züge. Z. B, in seinem Essay ,Ist Meta-
Fundament (die tatsachlich wahrgenommenen Sinnes- physik môglich?' verwehrt er der M etaphysik jede
daten) und den vom Geist intendierten Gestalt- Môglichkeit der Erkeimtms: „Drei W ege führen in
qualitaten des idealen Gegenstandes konnte Ehren­ die Metaphysik. Der W eg der bauenden .Phantasie,
fels sein Gesetz formulieren: „Eine G estalt ist jenes der des leidenden Gemütes imd der des rollenden
wahrgenommene Etwas, das mehr und etwas anderes W ortes. Ein viertér, der W eg der Erkenntnis, hat
ist als die bloBe Summe seiner konstituierenden Tel­ sich als ungangbar erw iesen. . . Die Metaphysik des
le, obwohl diese für ihre Existenz essentiell sind" rollenden W ortes hat die grôBte Verbreitung." Der
(über Gestaltqualitëten, 1890). Es ist also die Tat- M etaphysiker des rollenden W ortes verwechselt laut
sache, daB Fritz Mauthner die Vorlesungen von Stôhr Sache und Benennung, verdinglicht Metaphem
Ehrenfels in Prag besucht hat, kein Zufall, sondem und Begriffe. Das bekannte Problem der Existenz
ein weiteres Glied in jener von mir versuchten Be- der AuBenwelt taucht wieder auf und Stôhr zëhlt
schreibung einer geistigen Evolution, welche für sogar unseren Kôrper zur AuBenwelt. „W o von
die Gebiete Philosophie, Sprache und Literatur seit einer AuBenwelt gesprochen wiid, dort beginnt die
100 Jahren in Osterreich. von besonderer Bedeutung' Metaphysik. Jeder der kein Solipsist sein will, ist
ist, für die auch Josef Popper-Lynkeus, ein Freund schon ein positiver Metaphysiker, auch wenn er es
von Mach, wesentlich ist: „Die ailes Erlebte Umfas- nicht zu sein überzeugt ist." Radikales Mach'sches
sung? Ist kein Ich, das es erzëhlt. Sondem hier liegt Erbe (solipsistische Wahmehmung). Es versteht sich,
das W eltratsel, über das man nicht sprechen kann, daB Stôhr als Katholik doch einen A usw eg fand,
ohne Unsinn zu sprechen." indem er nëmlich die Metaphysik als W eg des Glau-
bens zulëBt. „Für und wider den einen Glauben gibt
II. S P R A C H E , P H IL O S O P H IE , E R K E N N T N IS es weder einen induktiven noch einen deduktiven
Beweis. Das W issen kann keinen Glauben erzeugen,
W ir baben gesehen, daB in W ien fin-de-siècle an und der Glaube kann das W issen nicht ersétzen,
Stelle der transzendentalen Schau und transzenden- denn beide sind von ganz ungleicher Natur."
talen A nalyse die erkenntnislogische A nalyse und In­ Die Tradition der empirischen Philosophie fortge-

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setzt, aber auch gleichzeitig den sprachlogischen Grammatik dürfte aber darin bestehen, daB dieselbe
Untersuchungen des W iener Kreises stark vorge- die Grundlage einer philosophisch geklârten Dar­
arbeitet hat Stôhr mit den W erken ,Lehrbuch der stellung der Formenlehre und Syntax einer bestimm-
Logik in psychologisierender Darstellung' (1910), ten Sprache abzugeben vermag." (S. 140) In seiner
.Psychologie' (1917), ,UmriB einer Théorie der Namen' ,Théorie der Namen" hat Stôhr die Beziehung von
(1889), .Algebra der Grammatik. Ein Beitrag zur W ort und Bedeutung untersucht, „wie es associa-
Philosophie der Formenlehre und Syntax' (1898). In tionspsychologisch môglich sei, daB ein W ort an
ihnen hat er Machs Monismus auf die Logik ange- eine Bedeutung associiert wird. Sie interessiert sich
wandt und die traditionelle Philosophie mit Hilfe sowohl für die historische oder phylogenetische Seite
von Sprachanalyse und -kritik kritisiert. In ,UmriB der Namensgebung, als auch für die ontogenetische,
einer Théorie der Namen' vertrat Stôhr sogar die für die Erlernung der fertigen Namen durch das
Ansicht, daB die Unterscheidung von Subjekt und Kind und für den Gebrauch der erlemten Namen."
Objekt eher auf die Sprache als auf Erfahrung zu- W ir sehen, Stôhr unterschied schon zwischen langue
rückzufûhren sei. Im A ufsatz ,Uber Begriff und Auf- und langage, zwischen Sprache und Sprachkompetenz.
gabe der Philosophie" kann man zusammengefaBt Die Algebra der Grammatik setzt aile Problème der
Stôhrs Théorie der Philosophie nachlesen. Erstens Théorie der Namen als irgendwie gelôst voraus.
die Unterscheidung in theoretische (Metaphysik, Na- „Sie behandelt aile Wortstâmme ganz gleich als ein
turphilosophie, Erkenntnistheorie) und praktische algebraisches a mit verschiedenen Indices. Die
(Lebenskunst, Lebensgestaltung, Ethik). Die theore­ Stemme môgen nun Dinge, Personen, Stoffe, Vor-
tische Philosophie hat nach Stôhr 3 W urzeln und gange, Zustande, Eigenschaften, Relationen oder was
demgemëB gibt es drei Arten von Philosophien: immer sonst bedeuten. Für die Algebra der Gram­
1) die theorogone Philosophie, die der Gemütsver- matik ist der Inhalt der Bedeutung von a so gleich-
fassung des nur an einer befriedigenden Anschauung gültig, wie die Beschaffenheit der gezahlten Gegen-
Interessierten entspricht. 2) die pathogone oder leid- stânde für die Technik der Addition und Multipli­
entsprungene Philosophie, die nicht nach Erkenntnis cation." (S. 2) „Es sei z. B. ,d a" die allgemeine Be-
strebt, sondem nach der Sinngebung des Lebens und zeichnung für einen abgeleiteten Ausdruck, ungefâhr
der Verminderung des Leidens. Ihr Ziel ist Trost so w ie man f (x) schreibt. M it der Ableitungsoperation
und Hoffnung spenden. 3) die glossogone oder sprach- ist die Tâtigkeit der Grammatik nicht erschôpft. Die
entsprungene Philosophie, die aus Sprachkonfusion Ausdrücke müssen, ob sie mm abgeleitet sind oder
zustande kommt, da sie den sprachlichen Ausdruck ursprünglich bleiben, zu Sâtzen aneinandergestellt
mit der W ahrheit gleich setzt. Das glossomorphe werden. Die Algebra der Grammatik verm ag nun
(an Sprache gefonnte) Denken hat z. B. einen friihen die Operation des Satzbaues derart zum Ausdruck
Hôhepunkt erreicht in Parmenides Erhebung der zu bringen, daB sie dabei von den Eigenarten des
Kopula „sein" (als Bestandteil eines Prâdikates) zu Baustiles absieht." (S. 3) Bedeutet ,a" also ein Mini­
einer M etaphysik des Seins. Stôhr klassifizierte diè­ mum von lautlichen Mitteln, an welches eine Be­
ses Denken weiters nach Wurzelnmetaphem und deutung (ein Sinn) gebunden ist, so sind zum alge-
unterschied Philosophien des Verbums von solchen braischen Ausdruck eines Satzes mehrere a erforder-
des Substantivs. Für Fritz Mauthner ist das glosso­ lich, welche sich durch ihre Bedeutungen voneinan-
morphe Philosophieren schlechthin identisch mit der unterscheiden. Die Verschiedenheit der Bedeu­
Philosophie. Um nichts weniger radikal als Mauthner tungen werden durch Indices w ie a, a", a" oder aber
und W ittgenstein wirft Stôhr der Philosophie die a (0), a (1), a (2), a (3) angegeben. „Man denke sich
Verwechslung von Sprach- und Denk-Formen vor. nun aile a-Ausdrücke einer Sprache alphabetisch
„Der Unsinn kann nur geredet, aber nicht gedacht geordnet, und jeden Ausdruck mit einer konstant
werden. Man sagt ja auch nicht ,Denken Sie keinen zugewiesenen Zahl versehen. Zwei verschieden lau-
Unsinn", sondem ,Reden Sie keinen Unsinn". Un- tende Ausdrücke a" und a", welche eine identische
sinn wird also erst durch die Sprache môglich". Oder: Bedeutung haben, erhalten gleiche Zahlen zugewie-
„In der Tat ist die Geschichte der Logik und ein sen. Ein a, welches mehrere Bedeutungen hat, erhâlt
groBer Teil der Geschichte der Philosophie die Ge­ soviele Zahlen, als Bedeutungen unterschieden wer­
schichte des Ringens mit der Glossomorpbie und den. W enn x diejenige grôBte Zahl ist, welche in
den Metaphern, die Geschichte des Kampfes des wer- diesem a-Lexikon der Sprache A derzeit erreicht
denden Denkens mit den herrschenden Reden". Deut- wird, dann ist der algebraische Ausdruck für ein a
lich spricht hier Stôhr seine Ansicht aus, daB unser mit bestimmter Bedeutung einer der Ausdrücke zwi­
Denken von der Sprache abhângt und daB die Ver- schen a (1) und a (x). M an denke sich nun ein alpha-
hexungen des Verstandes durch die Sprache ge- betisches a-Lexikon in einer zweiten Sprache B an-
schehen. gelegt. Dasjenige a der B-Sprache, dessen Bedeutung
Deshalb hat er in seiner „Algebra der Grammatik" sich mit der Bedeutung von a in der A-Sprache deckt,
(1898) auch versucht, in einem Vorgriff auf Camaps wird gleichfalls die Zahl n erhalten." (S. 8) W ir se­
.Logische Syntax der Sprache" die Voraussetzungen hen, Stôhr hat einen finiten Standpumkt, welcher
einer gereinigten formalen Sprache zu schaffen. „Die glaubt, aile Ausdrücke einer Sprache angeben zu
Algebra der Grammatik ist daher auch geeignet, kônnen und durch Kombinationen bzw. Ableitungen
das Denken von dem Banne des Unwesentlichen herstellen zu kônnen. Intéressant ist dabei die Zu-
und Zufâlligen in den Sprachfonnen zu befreien. ordmmg von Zahlen zu Namen bzw. Ausdrücken,
Der theoretische Hauptnutzen einer Algebra der was wahrscheinlich von Leibniz kommt und ein rudi-
mentâres Verfahren der Gôdelisierung darstellt, wie Stôhr, Mauthner war er sich auch in der Ablehnung
es ja dann Gôdel beim Beweise seines Unvollstân- der Metapher und der Metaphysik. Der Philosophie
digkeitssatzes 1931 gebrauchte. Der praktische Nut- warf auch er sprachkritisch vor, „daB das voile Wort
zen für Ubersetzungen ist ebenfalls klar, wenn man von dem leeren nicht unterschieden wird, und daB
mit Hilfe von Zahlen von einer in die andere Sprache sich in der Form des Abstrakten jede Ungenauigkeit,
wechseln kôxmte. Mit den fünf V okalen versncht Fehlerhaftigkeit, Lüge und jede listige Phrase breit-
er auch samtliche Konjugations- und Deklinations- machen k ann". V o r dem frühen W ittgenstein ver-
formen anzugeben. Das am Ende eines Ausdrucks kündete er das Ende der Philosophie: „In der Philo­
angehângte o bedeute die Einzahl, e die Mehrzahl, sophie sind offensichtlich aile môglichen Kategorien
usw. Stôhr erhofft sich davon, daB „beim Ausdruck erschôpft, und nunmehr kann jeder über den Agnosti-
eines Satzinhaltes auf diesen Inhalt môglichst scharf zismus hinwegsehende und hinweggehende Versuch
zu achten, also scharf zu denken" (S. 139) sei. So leicht als Unsinn erkannt werden."
sehr untauglich auch Stôhrs Technik gewesen sein
mag, die Idee einer formalen Sprache, ja einer wirk-
lichen Kunstsprache analog zur Mathematik und F r it z M a u t h n e r (1 8 4 9 - 1 923)
formalen Logik (z. B. a (p (1) o (1) f (1) e (1) t (3) =
ich werde es nicht tun), ist auf richtungsweisende Einem vergleichbarem Agnostizismus als Ergebnis
A rt (vgl. Cam ap und die Folgen: S. Kripkes Iheorie seiner sprachanalytischen Philosophie verfiel ein
der Namen, Z. S. Harris „Structural linguistics" und nicht-akademischer Denker, der jedoch an Leistung,
sein Schüler N. Chomskys „Syntactic Structures") Bedeutung und W irksamkeit Stôhr und W ahle weit
systemaüsch ausformuliert worden. A uf Seite 66 der überragen sollte, nâmlich ein anderer Bewimderer
.Algebra der Grammatik' finden w ir auch noch ein Machs, Fritz Mauthner. Mauthner w ar vielleicht der
bezeichnendes Zitat von Lichtenberg: „Man bedenkt erste Denker unseres Jahrhunderts überhaupt, der
nicht, daB Sprechen, ohne Rücksicht von was, eine die Sprachkritik radikal ins Zentram der Erkenntnis
Philosophie ist. Unsere ganze Philosophie ist Be- und der A n alyse gestellt und radikal die Erkenntnis-
richtigung des Sprachgebrauchs, also, die Berichti- funktion der Sprache negiert hat. Eine Folge davon
gung einer Philosophie, und zwar der allgemeinen." war, daB er im Gefolge von Mach, bei dem er und
Man vermeint hier W ittgenstein zu hôren, doch Chr. v. Ehrenfels 1872 in Prag Vorlesungen gehôrt
dieser hat wahrscheinlich von Stôhr, obwohl Stôhr hatten, aufgrand seiner erbarmungslosen Sprachana­
auch eine auf dem Leiden basierende Gesellschafts- ly se die M etaphysik und Philosophie als bloBen
ethik, die Bio-tik, entworfen hat, w enig gewuBt. Hat W ortaberglauben total über Bord warf.
er? Géb. 1849 in Horzitz im nordôstlichen Bôhmen, lebte
er >ab 1855 mit der Familie in Prag, 1869 Abitur und
Inskription an der Prager Universitat. Das Jus-Stu-
R ic h a rd W a h l e (1 8 5 ? - 1 93 5 ) dium brach er aber nach dem Tode seines Vaters
ab und wurde Theaterkritiker. 1876 Ubersiedlung
In der Demaskierung der metaphysischen Sprache, nach Berlin bis 1905, wo er bei verschiedenen Zei-
in der Verfolgung jeglicher M etaphysik als Schein- tungen Tageskritiker bzw. Redakteur war. Daneben
gebilde hatte der W iener Kreis in einem weiteren Arbeit an seinem Hauptwerk (ab 1893 konzentriert),
Schüler Machs, nâmlich Richard W ahle, einen wenn .Beitrage zu einer Kritik der Sprache', das 1901 - 02
auch wenig systematischen Vorlâufer und Stôhr einen in 3 Bânden erschien. Nach 1905 gab er mit dem Ver-
radikalen Mitstreiter. In W ien geboren, 1882 Pro­ lassen von Berlin die joumalistische Tâtigkeit auf.
motion und Habilitation 1885. Kurzfristig w ar er Nach v ier Jahren in Freiburg im Breisgau lebte er
mit Sigmund Freud befreundet. Freud nahm seinem bis zu seinem Tode 1923 am Bodensee in Meersburg.
Brader Fritz W ahle Martha Bem ays w eg, seine spâ- Berühmt war er zu Lebzeiten nicht so sehr wegen
tere Fr au. Bis 1895 las W ahle mit Stôhr gleichzeitig, seiner „Erkenntnistheorie und Sprachwissensdiaft im
dann Berufung nach Czernowitz, von 1919 - 1933 Dienste sprachkritischer Gedahken", sondem vor
wieder in W ien. Seine Hauptwerke sind ,Das Ganze allem durch seine Parodien „Nach berühmten Mu-
der Philosophie und ihr Ende' (1894), ,Uber den Me- stem. Parodistische Studien" (2 Bande 1878 - 80) und
chanismus des geistigen Lebens' (1906), ,Die Tragi- seine historischen Romane, die er gelegentlich. mit
komôdie der W eisheit. ,Die Ergebnisse und die Ge­ dem Historiker Mommsen verfaBte („Hypathia“).
schichte des Philosophierens' (1915). W ahle beein- Fritz Mauthners Hauptleistung liegt eigentlich schon
fluBte Heinrich Gomperz (1873 - 1942), der wiederum darin, die Sprache als Medium der Erkenntnis erst-
für den W iener Kreis von Bedeutung w ar (Edgar mals einer genauen nominaldstischen Analyse unter-
Zilsel war sein Schüler, Gôdel schâtzte seine Vor- zogen zu haben. Somit hat er auch zur Begründung
lesungen, auch Popper, Camap, Hahn, Neurath ver- der Linguistik als selbstândige Wissenschaft beige-
kehrten im Gomperz-Zirkel). W ahle lieferte anfâng- tragen. Zwangslâufig hat er so die Sprache eng auf
lich der impressionistischen Psychologie von Schnitz- das wissenschaftliche Denken bezogen, und so zu-
ler und Jung-W ien ebenfalls Argumente, indem er nëchst die Eigenschaften der Denksprache untersucht,
die Psychologie stârker als Mach oder Stôhr auf bevor er die Leistungen der Sprache im Dienste der
Physiologie reduzierte und das Gedâchtnis als künst- Erkenntnis beurteilte. Das Ergebnis war aber dann
liches Klassifikationssystem gegen die Erfahrang der (man erinnere sich der Argumente Boltzmanns):
unerkennbaren Wirklichkeit ausspielte. Einig mit „Meine augenblickliche Erfahrang ist einzigartig, da-

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her hat sie in diesem Augenblick keinen Namen, Sprache anderen Menschen nicht oder nur verzerrt
und in dem Augenblick, in dem ich sie benenne, mitteilen kônne. Die Sprache verbarg also Wirklich-
ordne ich sie bereits dem Lager meiner Erinnerungen keit, Erfahrung und Gedanke. „Die Sprache ist ein
zu und die Einzigartigkeit ist dahin. Dalier ist die W erkzeug, mit dem sich die W irklichkeit nicht fas-
Erfahrung der Sprache immer um einen Schritt vor- sen lâBt."
aus." Diese Auseinandersetzung mit Erfahrung, Er- Dieser Sprachzweifel, in den letzten Jahren Gegen-
innerung im Gefolge von Machs Monismus ist uns stand zahlreicher Symposien, ist von Mauthner zu
nun schon vertraut (siehe auch Wahle), neu ist nur, Beginn unseres Jahrhunderts ausschlaggebend, nicht
daB sie so radikal auf die Sprache selbst bezogen nur für das philosophische Denken, sondem auch
wird. Neben diesem Argument der Einzigartigkeit für das dichterische Schaffen, angeschlagen worden.
der Erfahrung, gab Mauthner noch andere an, die Mauthners Sprachzweifel hat denn auch eine groBe,
bezeugen, warum die Sprache ungeeignet ist, ge- wenn auch verborgene W irkung auf die fortge-
dankliche Inhalte und rationale, allgemeingültige Er- schrittene Dichtung unseres Jahrhunderts ausgeübt.
kenntnisse zu vermitteln. Die Allgem eingültigkeit Mauthner selbst ist eine Intégration von Sprach-
der Sprache bezweifelt er, w eil er davon ausgeht, skepsis und Dichtung nicht gelungen auBer in seinem
«daB die Individualsprache eines Menschen niemals W erk «Mârchenbuch der W ahrheit". Umso stàrker
der irgend eines anderen Menschen vollkommen war der EinfluB seiner «Beitrâge zu einer Kritik der
gleich ist, und daB ein und derselbe Mens ch in ver- Sprache" (1901 - 02) auf jene an der Unzulânglich-
schiedenen Lebensaltem nicht die gleiche Sprache keit des sprachlichen Ausdmcks ver/zweifelnden
redet" (Band I, S. 6, Kritik der Sprache). Man er- Dichter. Anstreichungen in Hugo von Hofmannsthals
innere sich an Hofmannsthal. Die Idee der Indi- Handexemplar von Mauthners «Kritik der Sprache"
vidualsprache wurde dann in den 20er und 30er w ie sein Briefwechsel mit Mauthner legen die Ver-
Jahren, ebenso in den 50er und 60er Jahren wie- mutung nahe, daB sein «Brief des Lord Chandos",
der exemplarisch aufgegriffen. So kann auch eine dieser frühe dichterische Ausdruck von Sprachskepsis
môglichst abstrahierte und allgemeingültige Begriffs- und Verstummen, von Mauthner beeinfluBt ist, eben­
sprache ihre Anschaulichkeit, ihren Ausgang von so von Ernst Mach, dessen Vorlesungen er besucht
konkreten individuellen Erfahrungen nicht verleug- hatte. Mauthner führte auch einen Briefwechsel mit
nen, sodaB in die metaphorische Sprache die Meta- Mach. Der Expressionist Gustav Sack beruft sich
physik schon eingelagert ist, bevor ich sie überhaupt in zw ei Mauthner gewidmeten Aufsâtzen (Moderne
spreche. Die Sprache ist demnach nicht ein reines M ystik, Ein Traum nach Mauthner) auf die Sprach­
Abbild, sondem schon Prâgung, Weltbild, das uns in kritik Mauthners als Grundlage für sein Dichten
bestimmte Gedankenbahnen drëngt, ohne daB wir und Denken, ebenso Christian Morgenstern zur Zeit
es wissen. Das setzt auch der Begriffssprache Grenzen der Galgenlieder (1906 - 08). Zu Mauthners 57. Ge-
im Dienste der Erkenntnisvermittlung. Das ergibt burtstag verfaBte er die Vorankündigung eines Fritz-
den dritten Einwand, daB die Struktur des Dexikens Mauthner-Tages für das Jahr 2407. Otto Julius Bier-
wesentlich durch die Sprache bestimmt ist. Seine baum, Franz Blei, Martin Buber, Hermann Bahr, A l­
sprachphilosophischen Untersuchungen zeigen an- fred Dôblin, Hermann Hesse, G. Hauptmann, Rilke -
hand der Begriffsbildung und der kategorialen Ein- sie aile kannten Mauthners Sprachkritik. Ebenso
teilungen der Struktur des BewuBtseins, w ie sehr zwei Dadaisten: Oberdada Johannes Baader stand
Sprachformen auch Derikformen sind. «Sprache und mit Mauthner sogar in Briefwechsel. Hugo Bail hatte
Vernunft sind zwischen den Menschen, sind soziale Mauthners Sprachphilosophie durch zw ei W erke Gu­
Erscheinungen. Vielleicht auch nur: als w ie eine Spiel- stav Landauers («Skepsis und M ystik", 1903, und
regel. Kritik der Vernunft muB Kritik der Sprache «Révolution", 1907), der Mauthners eigentlicher
werden. A ile kritische Philosophie ist Kritik der Schüler war, kennengelemt. Beide W erke beschëftig-
Sprache." Mauthners viertes Argument, dieW andlun- ten sich mit Mauthners Sprachkritik als Grundlage
gen und Flüchtigkeiten der Sprache, ihre traumhafte für ein neues Handeln, die Révolution. Im Gefângnis
Unruhe und Flüssigkeit, kurz ihre Irrationalitët wi- von Tegel hatte der Rëterepublikaner und utopische
derspreche der rationalen Gesetzlichkeit des Denkens, Sozialist Landauer Mauthners W erk kennengelemt,
kehrt wieder zum Ausganspunkt seiner Kritik zurück, ist mit ihm in Kontakt getreten und ging ihm spëter
die also aus 2 parallelen, aber gegensinnigen Linien sogar bei der Abfassung der 3 Bënde Sprachkritik
besteht: a) die Eigenschaften der Sprache (ihr a poste­ zur Hand, als Mauthner von Blindheit bedroht war.
riori, ihr Wandel) widerstreben der Vermittlung von Insoferne ist es mehr als eine Pointe der Geschichte,
Erfahrung und Gedanken, b) wenn schon gedacht daB sich um 1930 in Paris der nahezu erblindete
wird, dann sind die Gedanken durch die Eigenschaften James Joyce, der mit der Abfassung von Finnegans
der Sprache pràformiert. So fordert Mauthner die W ake beschaftigt war, von Samuel Beckett Ab-
Denker zum Schweigen auf. Mauthner selbst, von schnitte aus Mauthners Beitrëgen zu einer Kritik
M eister Eckhart beeinfluBt, schrieb eine vierbândige der Sprache vorlesen lieB. Versteht sich, daB wir
Arbeit, „Der Atheismus und seine Geschichte im auch in Becketts Dichtung vom Leerlauf der Sprache
Abendlande" (1920 - 23), und fand seine Zuflucht Gedanken Mauthners wiederfinden. Ein weiterer
in einer gottlosen M ystik des Tao, namenlos und nahezu Erblindeter gehôrt zu Mauthners Fan-Club,
durch die neutrale Silbe „das" ersetzbar. Vom Agno- nëmlich Jorge Luis Borges, zu dessen Lieblingslek-
stizismus seiner Sprachkritik kam er zu einer A rt türe Mauthners «Wôrterbuch der Philosophie" zëhl-
Gnosis der solipsistischen Erfahrung, welche die te. Auch der weltberühmte Topologe und Mengen-

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tb.eoretik.er Félix Hausdorff, der miter dem Pseu- kennt, wenn er durch sie - auf ihnen — über sie
donym Paul Mongré lange versucht bat, in W erken hinausgestiegen ist. (Er muB sozusagen die Leiter
wie „Sant" Ilario" (1897) und „Das Chaos in kosmi- wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegenisL)"
sdier Auslese" (1898), in dem er eine absolute Er- (6.54) stammt von Mauthner: „W ïll ich emporklim-
kenntnis leugnet und die vôllige W illkür unseres men in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschëft
W eltbildes behauptet, Dichtung und Philosophie zu der denkenden Mensdhheit ist, so muB ich jede Spros-
verbinden, stand mit Mauthner und Landauer in se der Leiter zertnimmern, indem ich sie betrete.
Briefwechsel. Die wohl letzte unter dem Pseudonym W er folgen will, der zimmere die Sprossen wieder,
Mongré verôffentlichte Schrift Hausdorffs, bevor er um sie abermals zu zertrümmem". Auch W ittgen­
sich ganz der Mathematik zuwandte, w ar eine hym- steins Spâtphilosophie hat in Mauthner ihre Wur-
nische Rezension von Mauthners „Kritik der Spra­ zeln, z. ÎB. Wittgensteins Théorie vom Sprachspiel
che". Bei Hausdorff, Landauer und Bail erkennen lautet bei Mauthner so: „Die Sprache ist aber kein
wir bereits eine Konsequenz aus Mauthners Sprach­ Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Ge-
kritik, der Mauthner selbst nicht mehr zu folgen brauch, Sprache ist Sprachgebrauch. Die Sprache ist
bereit war. W en n nâmlich eine Erkenntnis der W irk- nur ein Scheinwert w ie eine Spielregel, die auch
lichkeit durch die Sprache unmôglich ist, wenn nàm- umso zwingender wird, je mehr Mitspieler sich ihr
lich die Sprache den Zugang zum Denken und zur unterwerfen, die aber die Wirklichkeitswelt weder
Erfahrung verhindert, dann muB Sprachskeptik nicht ëndem noch begreifen will." W ittgenstein schreibt:
mehr nur einen Endpunkt bedeuten, sondem die „Die Bedeutung eines W ortes ist sein Gebrauch in
daraus hervorgehende W illkürlichkeit unseres W elt­ der Sprache!" Wittgensteins M ystik: „W ir fühlen,
bildes kann dem Geist die Freiheit verleihen, die daB selbst, wenn aile môglichen wissenschaftlichen
W irklichkeit so zu setzen, wie er sie will, die W irk- Fragen beantwortet sind, 'Unsere Lébensprobleme
lichkeit zu verândem und neu zu schaffen. „GewiB", noch gar nicht berührt sind." (6.52) und „Es gibt
schreibt Landauer 1907, „ist Sprachkritik untrennbar allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist
zu dem gehôrig, w as ich meinen Anarchismus und das Mystische." (6.522) hat Mauthner so formuliert:
Sozialismus nenne", doch seine Antwort auf den „Der Kern unseres W esens hat mit dér Sprache und
Agnostizismus lautet d é v o lu tio n " (1907). Diese Ver- dem Denken nichts zu tun" oder „Das wëre freilich
bindung von Sprachkritik und heroischem Individua- die erlôsende Tat, wenn Kritik geübt werden konnte
lismus, von Sprachkritik und revolutionârer Sozial- mit dem ruhig verzweifelnden Freitode des Denkens
philosophie sollte auch im W iener Kreis seine Fort- oder Sprechens." Der Freitod des Sprechens als Er-
setzung finden, z. B. in der Person und Philosophie lôsung, das Schweigen, in dem sich das unaussprech-
Otto Neuraths, der ja schlieJBlich selbst an der Münch- liche Mystische zeigt: „W ovon man nicht sprechen
ner Raterepublik Landauers und Tôliers teilgenom- kann, darüber muB man schweigen." (7) heiBt es bei
men hatte und sich nur durch Flucht der Verhaftung Wittgenstein.
entziehen konnte. Diese Verbindung von Sprach- Nach seinem umfangreichsten W erk „Atheismus
skepsis und individueller Sozialrebellion hat auch und seine Geschichte im Abendlande" erschien 1924
in den Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre, Mauthners letztes W ort „Gottlose M ystik", worin
ebenso in dafür bezeichnenden W erken (von Oswald er bezeichnenderweise wieder einmal das Unsagbare
W ieners „Verbesserung von Mittelemopa, Roman" zu sagen versucht". Mauthners Kritik der Sprache
über Peter Handkes „Kaspar Hauser" und „Publi- hat eine Révolution der Philosophie eingeleitet. Da
kumsbeschimpfung" bis zu Fritz Teufels „SpaB- er sich einer daraus resultierenden Révolution der
guerillja"), ihr en emeuten Ausdruck gefunden. W ie­ Gesellschaft verweigerte, endete seine Skepsis im
ner hat sich eingehend mit Mauthner beschâftigt und Schweigen. Führte die Sprachkritik zu Agnostizismus
Handke eingehend mit Wiener. Beide haben W itt­ (wie bei Wahle), führte dieser zur mystiscben Gno-
genstein studiert. sis (wie bei Wittgenstein). Die sprachzweiflerische
Ludwig W ittgenstein selbst hat Mauthners W erk Dichtung (von Dada bis zur konkreten Poesie) und
besser gekannt als er zugibt. Selbstverstandlich hat die Sprachphilosophie (von Wittgenstein bis Chom­
Wittgensteins Sprachphilosophie durch ihre formal- sky) des 20. Jahrhunderts haben in Fritz Mauthner
logische Basis, durch ihre naturwissenscbaftliche und ihren ersten Advokaten gefunden. Dies ist, nebenbei
mathematische Methodik, dmch ihre analytische sei's bemerkt, auch ins ôffentliche BewuI3tsein ge-
Tiefe und Systematik zurecht eine grôBere Ge- drungen, sodaB es seit einiger Zeit wiederum einige
schichtsmëchtigkeit und W irkung gezeitigt, dennoch Reprints von W erken Mauthners gibt, unter anderem
gibt es im Denken beider überraschend v iele Ge- beim Diogenes Verlag.
meinsamkeiten und hat Mauthner vieles vor W itt­ W ie sehr diese sprachkritische Epistémologie um
genstein formuliert. Zuerst einmal hat W ittgenstein 1900 (von Mach bis Mauthner), wie ich sie hier zu
von Mauthner das Programm „A lle Philosophie ist entwerfen versucht habe, für die Dsterreichische
Sprachkritik" übernommen, sozusagen den Slogan, Literatur von 1950 - 70 den Boden vorbereitet hat, ist
•auch wenn er etwas anderes daraus gemacht hat: für die W issenden klar. Es geht dennoch nicht nur
„A lle Philosophie ist Sprachkritik. (Allerdings nicht darum, einen ôsterreichischen Denkstil bzw. dessen
im Sinne Mauthners)" (Tractatus 4.0031). Auch das be- Kontinuitat zu reklamieren, oder für die Avantgarde
rühmte Leiter-Bild am Ende von Wittgensteins Trac­ eine Tradition zu besorg.en bzw. für das Experiment
tatus „Meine Sâtze erlâutern dadurch, daB sie der, eine Légitimation, sondem vor allem darum, für ein
welcher mich versteht, am Ende als unsinnig er- neues Dicbten und Denken Klërung zu schaffen.

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