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01.

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KOMPAKT

DIE VERMESSUNG DER


INTELLIGENZ
Intelligenzquotient
Das aussagekräftigste
Persönlichkeitsmaß

Hochbegabung Mathematik

BL ACKJACK3D / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


Missverstandenes Talent Wie Zahlenkünstler ticken
EDITORIAL IMPRESSUM
Michaela Maya-Mrschtik Chefredakteur: Dr. Daniel Lingenhöhl (v.i.S.d.P.)
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verspricht, genau das zu beantworten. Mit Rätseln und Dr. Michaela Maya-Mrschtik
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Aufgaben, die verschiedene kognitive Fähigkeiten auf
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die Probe stellen, ermitteln sie einen übergeordneten Fax 06221 9126-751; Amtsgericht Mannheim, HRB 338114,
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numerischen Wert: den Intelligenzquotienten. Doch was Geschäftsleitung: Markus Bossle
Marketing und Vertrieb: Annette Baumbusch (Ltg.),
steckt eigentlich hinter dieser Zahl? Was sagt sie über
Michaela Knappe (Digital)
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was nicht? Und was geht wirklich in klugen Köpfen vor?
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INHALT
04 KOGNITION
SEITE KOGNITION
Eine Frage der Intelligenz
04 Eine Frage der Intelligenz
14 FLYNN-EFFEK T
Warum der Intelligenzquotient
nicht weiter steigt
20 KOGNITIVE BEGABUNG
Woran erkennt man intelligente Babys?
23 »MOZ ART-EFFEK T«
Klüger durch Musizieren?
30 GEHIRNVOLUMEN
Mehr im Kopf
NATALI_MIS / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

35 MATHEMATIK
Wie Zahlenkünstler denken
41 STEREOT YPE
Die Geniefalle
SEITE »MOZ A RT-EFFEK T« STEREOT Y PE SEITE 50 HOCHBEGABUNG
23 Klüger durch Die Geniefalle 41
Missverstandenes Talent
Musizieren?
57 HOCHBEGABUNG
Der IQ reicht nicht mehr aus
UNSPL ASH / SINCERELY MEDIA

HOCHBEGA BUNG SEITE


Der IQ reicht nicht mehr aus 57
UNSPL ASH / JEFFERSON SANTOS

UNSPL ASH / SK

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KOGNITION

EINE FRAGE DER INTELLIGENZ


von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer
Das aussagekräftigste Persönlichkeitsmaß, das wir kennen, ist
die Intelligenz. Ohne sie helfen auch Motivation, Ausdauer und
Einfühlungsvermögen nur begrenzt im Leben weiter.

PHOTOCASE / DAVID-W
4
D
ie oben stehenden Beispiele formationen müssen zunächst gespei-
enthalten unterschiedliche chert, ihre Elemente miteinander vergli- AUF EINEN BLICK
Elemente – eines ist sprach- chen und irrelevante Aspekte außer Acht Und sie zählt doch!
licher Art, ein anderes nu- gelassen werden. Parallel dazu muss man
merisch, das dritte visuell- mögliche Lösungen erwägen und auf ihre 1 Intelligente Leistungen zeigen sich auf ver-
schiedenen Gebieten, etwa im Umgang mit
räumlich. Ihnen gemeinsam ist jedoch, Richtigkeit prüfen.
Zahlen, Sprache oder Formen. Ein gemeinsa-
dass hier aus Bekanntem logische Schlüsse Zum Beispiel: Zwischen den Wörtern mer Nenner, der generelle IQ-Faktor, gründet
gezogen werden müssen. Schlussfolgern- Wald und Baum besteht eine Beziehung, in der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses.
des Denken, also die Generierung von neu- die auf ein weiteres Wortpaar übertragen
em aus bestehendem Wissen, gilt als Kern werden soll. Dabei ist der erste Begriff (Wie- 2 Laien, aber auch Forscher halten mitunter
menschlicher Intelligenz. Daher ist »Ana- se) vorgegeben. Hat man nun die Wahl zwi- andere Eigenschaften wie die Motivation oder
logien finden« eine typische Aufgabe in schen Gras, Heu, Futter, Grün, Weide, so die Willenskraft eines Menschen für wichtiger
im Leben als den IQ. Doch kein anderes Maß
IQ-Tests. könnte man denken: Die gemeinsame Far-
hängt enger mit dem Bildungs- oder Berufs-
Das stellt hohe Anforderungen an unser be von Wald, Baum und Wiese ist grün! Die- erfolg zusammen als die Intelligenz.
Arbeitsgedächtnis. Denn die gesamten In- se Wahl wäre jedoch falsch, da es nicht um
die Gemeinsamkeit der drei Wörter geht, 3 Auch nichtkognitive Faktoren wie etwa das
sondern um die Gemeinsamkeit der Bezie- Einfühlungsvermögen werden manchmal als
Elsbeth Stern ist Psychologin und Professorin für Lehr- hung zwischen den Wortpaaren. Das zu er- »Intelligenz« bezeichnet. Allerdings ist der IQ
Lern-Forschung an der ETH Zürich. Aljoscha Neubauer das am besten erforschte Persönlichkeits-
ist Professor für Differentielle Psychologie an der Uni- kennen, erfordert eine zusätzliche Abstrak-
merkmal, das die Psychologie kennt.
versität Graz (Österreich). tionsstufe.

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Wiese steht allerdings auch zu den an-
deren Begriffen in enger Beziehung. Solche
Überlegungen gehen aber ebenso in die
falsche Richtung, da sie nichts mit der Be- Das Idealmodell der IQ-Verteilung
ziehung zwischen Wald und Baum zu tun
haben. Intelligente Menschen erkennen,
dass Wald durch die Existenz von Bäumen
definiert ist, so wie die Wiese durch die
Existenz von Gras. Die Herausforderung
bei dieser Aufgabe besteht also darin, ge-
wisse Assoziationen zu hemmen und die intelligenz-
hochbegabt
gemindert
abstrakte Beziehung »wird definiert durch«
zu aktivieren. zirka 68 % der
Wie gut jemand bei so unterschiedli- Gesamt-
chen Aufgaben abschneidet, hängt statis- bevölkerung
tisch eng zusammen. Das heißt, es macht
keinen großen Unterschied, ob schlussfol-
gerndes Denken auf numerischer, sprach- 2,1 % 13,6 % 13,6 % 2,1 %
licher oder räumlich-visueller Basis erfasst
55 70 85 100 115 130 145
wird. Bereits vor mehr als 100 Jahren hat
Intelligenzquotient
der US-amerikanische Psychologe und In-
telligenzforscher Charles Spearman die
Gemeinsamkeit unterschiedlicher Intelli-
IQ-Normalverteilung
genzaufgaben auf einen g-Faktor zurück-

SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T


geführt: die generelle kognitive Leistungs- Der IQ gilt als normalverteilt über die Gesamtbevölkerung. Die meisten Menschen liegen
fähigkeit (siehe »Eine kurze Geschichte des nah der Mitte von 100, sehr hohe und sehr niedrige Werte sind selten. Innerhalb plus/
IQ«). Dieses Maß beschreibt, wie ähnlich minus einer Standardabweichung, also zwischen 85 und 115, liegen gut 68 Prozent aller
IQ-Werte.
eine Person über verschiedene Aufgaben-
bereiche hinweg abschneidet.

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Nadelöhr Arbeitsgedächtnis be lösen soll, muss von der Situation abs-
In den letzten Jahren machten Forscher trahieren können und die Beziehungen
große Fortschritte dabei, die Intelligenz im zwischen den einzelnen Elementen begrei- Kurz erklärt
Drei-Speicher-Modell der menschlichen fen. Naturwissenschaftliche Kompetenzen
Arbeitsgedächtnis
Informationsverarbeitung zu verorten. fußen ebenso auf abstrakten Konzepten,
Speicher von eng begrenzter Kapazität,
Das Arbeitsgedächtnis – jene Instanz, die die man auf verschiedene Fälle anwenden
der Informationen vorübergehend men-
zwischen der eingehenden Information muss, etwa um die Gemeinsamkeit von Be- tal präsent hält. Gilt als wichtige Basis
und dem im Langzeitgedächtnis gespei- griffen wie Batterie und Stausee einzuse- des generellen Intelligenzfaktors.
cherten Wissen vermittelt – ist am zielge- hen (beide speichern Energie). Gleiches gilt
richteten Handeln und schlussfolgernden für das abwägende Denken: Was spricht für Erblichkeit
Denken entscheidend beteiligt. Es hat hier- und was gegen eine bestimmte Erklärung? Fast jede psychologische Eigenschaft
bei vier Funktionen zu erfüllen: Es muss Welche Variablen muss man bei einem Ex- ist sowohl genetisch als auch durch
eingehende Informationen verfügbar hal- periment variieren und welche konstant Umweltfaktoren bedingt. Hält man Letz-
ten, vorhandenes Wissen aus dem Lang- halten? Auch hier geht es darum, bestimm- tere konstant, etwa indem man Proban-
zeitgedächtnis aktivieren, nicht Benötigtes te Informationen im Hinterkopf zu behal- den aus derselben Umwelt vergleicht,
hemmen und das Ziel im Blick behalten. ten, zu vergleichen, zu deaktivieren und gewinnen die Gene automatisch an
Bei allen Aufgaben, die diese Funktionen immer wieder zu prüfen, ob man auf der Bedeutung. Wie erblich Intelligenz ist,
erfassen, schneidet eine Person ähnlich gut richtigen Spur ist. Nicht anders beim hängt also von der Stichprobe ab.
ab wie in einem IQ-Test. Obwohl es zu kurz Fremdsprachenlernen: Grammatikregeln
Korrelation
gegriffen wäre, die Intelligenz eines Men- und Vokabeln müssen beim Lesen oder
Statistisches Maß zwischen −1 und 1,
schen allein auf sein Arbeitsgedächtnis zu- Sprechen integriert werden, während man
das angibt, wie sehr zwei Variablen
rückzuführen, hat Letzteres großen Ein- die dominante Erstsprache gleichzeitig
miteinander variieren. Bei 0 besteht kein
fluss auf die Lern- und Denkfähigkeit. ausblendet – sonst funken »falsche Freun-
Zusammenhang, bei (–)1 ein perfekter.
Ähnliche Anforderungen wie bei Intelli- de« dazwischen wie in dem Satz: »When
Die IQ-Werte einer Person bei wieder-
genztests stellen sich beim schulischen will I become my lasagne?« holter Messung korrelieren mit zirka
Lernen. Um einen Text zu verstehen, muss Intelligenztests erfassen geistige Fähig- 0,7 – was für die hohe Güte der Tests
man die übergeordnete Frage präsent ha- keiten, die im Alltag selten so isoliert zu spricht.
ben, sonst verliert man den roten Faden. betrachten sind. Dennoch hängt der IQ
Wer etwa eine mathematische Textaufga- eng mit den Leistungen in Schule, Berufs-

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ausbildung oder Studium zusammen. Zu- man jedoch nur wohlhabende Familien, nen unterdurchschnittlich intelligenten
dem gestalten Menschen mit hoher Intel- war es fast umgekehrt: Die Umwelteffekte theoretischen Physiker wird man schwer-
ligenz meist ihr Leben besser: Sie ernäh- waren hier minimal, und beinahe alle IQ- lich finden.
ren sich zum Beispiel gesünder, schätzen Unterschiede gingen auf Genvariationen Wenn es darum geht, Neues zu lernen
Risiken realistischer ein und lassen sich zurück. oder bestehendes Wissen auf andere Ge-
von einer Krise nicht so leicht aus der Bahn Obwohl diese zentralen Befunde der In- biete zu übertragen, haben intelligente
werfen. telligenzforschung über Jahrzehnte im- Menschen gegenüber weniger intelligen-
Dass Intelligenzunterschiede oft in den mer wieder bestätigt wurden, fällt es vie- ten Vorteile. Der Einfluss von spezifi-
Genen wurzeln, belegen viele Zwillingsun- len Menschen – teils auch ausgebildeten schem Vorwissen stellt also nicht die Rol-
tersuchungen. Bei der Intelligenz handelt Psychologen – schwer, sie zu akzeptieren. le der Intelligenz in Frage. Er macht viel-
es sich um ein polygenetisch, also durch Eine beliebte Abwehrstrategie besteht dar- mehr deutlich, dass sie ihre Wirkung nur
viele Gene vererbtes Merkmal mit einer in, nach Eigenschaften zu suchen, die für über den Erwerb und das Nutzen von Wis-
großen so genannten Reaktionsnorm. Das den schulischen oder beruflichen Erfolg sen entfaltet.
bedeutet, dass Umweltfaktoren bei der Ent- ebenso wichtig oder sogar wichtiger sind
wicklung der Intelligenz eine beträchtliche als der IQ. Das ist an sich legitim und zeugt Die Inflation der Intelligenzen
Rolle spielen. Dabei gilt: Je ähnlicher die von einem lebendigen wissenschaftlichen Manche versuchen auch, den Einfluss der
Umwelt, desto stärker schlagen genetische Diskurs. Beispielsweise ergaben Studien, Intelligenz zu relativieren, indem sie die
Einflüsse durch. Würde unsere Gesellschaft dass auch das Vorwissen von Menschen Bedeutung anderer nichtkognitiver Eigen-
allen Mitgliedern optimale Bedingungen gewisse Leistungsunterschiede erklären schaften hervorheben. So wird der Intelli-
zur Intelligenzentwicklung bieten, wären kann. Eine weniger intelligente Person mit genzbegriff häufig erweitert auf sportliche,
nahezu 100 Prozent der Unterschiede in viel Vorwissen oder praktischen Erfahrun- soziale oder musische Fähigkeiten, selbst
diesem Merkmal durch Genvariationen er- gen erzielt daher häufig eine bessere Leis- von spiritueller oder sexueller Intelligenz
klärbar. So zeigte ein Forscherteam um Eric tung als jemand mit dem umgekehrten hört man bisweilen. Besonders verbreitet
Turkheimer in einer Studie, dass Umwelt- Profil. Das wurde etwa fürs Schachspielen ist das Konzept der emotionalen Intelli-
faktoren rund 60 Prozent der Intelligenz- gezeigt, das zwar anspruchsvoll ist, aber genz, die analog zum IQ das Label »EQ«
unterschiede zwischen ökonomisch sehr nicht so abstrakt, dass nur sehr intelligen- trägt. Wissenschaftlich fragwürdig ist dar-
unterschiedlich aufgestellten Familien be- te Menschen es sich erschließen könnten. an nicht die Suche nach zusätzlichen Ein-
dingten, während die genetischen Einflüs- Solche Befunde lassen sich dennoch nicht flüssen auf den schulischen und sonstigen
se nahezu gleich null waren. Betrachtete einfach auf andere Gebiete übertragen: Ei- Erfolg von Menschen. Niemand stellt in

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Frage, dass intelligente Personen unter-
schiedlich empathisch oder sozial ge- Eine kurze Geschichte des IQ
schickt sein können oder sich manche viel-
leicht durch eine mangelnde Impulskon- Laut einem beliebten Bonmot ist Intelligenz, was ein Intelligenztest misst. Darin kommt zum Aus-
trolle auszeichnen. Und natürlich gibt es druck, dass sich Psychologen lange uneinig waren, wie man Intelligenz wissenschaftlich am besten
beschreiben sollte – während entsprechende Tests schon früh zum Einsatz kamen. Fest steht, dass
auch im Sport oder in der Kunst bewun-
die Intelligenz des Menschen verschiedene Facetten umfasst: angefangen beim Gedächtnis und dem
dernswürdige Leistungen, die Intelligenz-
logischen Denken über den sprachlichen Ausdruck und das mathematische Verständnis bis hin zum
tests nicht gut erfassen. Wer jedoch den räumlichen Vorstellungsvermögen.
Eindruck erweckt, die genannten Eigen-
schaften ließen sich mit der gleichen Güte Zwar vertreten Forscher bis heute durchaus unterschiedliche Ansichten darüber, welche Komponen-
und Verlässlichkeit messen und erlaubten ten im Einzelnen dazuzählen und wie sie sich zusammensetzen. Unstrittig ist jedoch, dass es einen
ebenso gute oder sogar bessere Vorhersa- generellen Intelligenzfaktor gibt, der die Leistungen einer Person auf diversen Feldern beeinflusst. Der
wichtigste gemeinsame Nenner ist die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses, das wir bei allen Arten
gen wie die Intelligenz, der betreibt Etiket-
von geistigen Herausforderungen benötigen – ob wir kopfrechnen, einen Text lesen oder im Geist
tenschwindel. geometrische Figuren bewegen. Studien zur Intelligenzverteilung zeigten zudem, dass gute (oder
Kein anderes psychologisches Persön- schlechte) Leistungen auf einem Gebiet – etwa beim Wortschatz – meist auch mit hohen (oder niedri-
lichkeitsmerkmal steht annähernd auf so gen) Werten beispielsweise beim logischen Schlussfolgern oder beim Rechnen einhergehen. Isolierte
seriösen Grundlagen wie die Intelligenz. Es Inselbegabungen sind also selten.
ist nicht verboten, weitere »Intelligenzen«
Der Intelligenzquotient (kurz: IQ) ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Er entwickelte sich
auszurufen – allerdings sollten wir uns vor
aus der Annahme, es gebe ein Intelligenzalter von Kindern, das vom Lebensalter abweichen könne. Im
Trittbrettfahrern innerhalb und außerhalb
Jahr 1905 stellte der französische Psychologe Alfred Binet (1857–1911) einen Test vor, der Schülern
der Psychologie hüten, die die kognitive In- anhand unterschiedlich schwieriger Aufgaben ein individuelles Intelligenzalter attestierte – wonach
telligenz als Deckmantel nutzen, um eige- man entschied, auf welche weiterführende Schule die Kinder kamen. Der an der Stanford University in
ne, teils mit kommerziellen Interessen ver- Kalifornien tätige Psychologe Lewis M. Terman (1877–1956) erweiterte dieses Verfahren, so dass es
bundene Ideen zu verbreiten. als Stanford-Binet-Test in die Geschichte einging.
Unter Laien wie Psychologen beliebt ist
Als Erfinder des IQ gilt hingegen der Deutsche William Stern (1871–1938). Der Psychologe, der bis zu
auch die Vorstellung, die Motivation von
seiner Flucht vor den Nazis an der Universität Hamburg forschte, setzte das Intelligenzalter erstmals
Menschen könne Leistungsunterschiede
ins Verhältnis zum jeweiligen Lebensalter (daher »Quotient«) und multiplizierte das Resultat mit 100.
besser erklären als deren Intelligenz. Ange- Dies ergab einen IQ, der um einen Mittelwert von 100 variierte, wie wir es bis heute kennen.
la Duckworth von der University of Penn-

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sylvania in Philadelphia betont beispiels- Da die Intelligenz ab dem frühen Erwachsenenalter mehr oder weniger konstant bleibt, erschien der
weise, dass Ausdauer und Leidenschaft, Bezug zum Lebensalter hier wenig sinnvoll. Der Intelligenzforscher David Wechsler (1896–1981)
englisch: »grit«, für den Lebenserfolg oft nahm daher 1932 die individuelle Abweichung einer Person vom Durchschnitt seiner Altersgruppe
zum Maßstab. Wechsler setzte per Definition einen Mittelwert von 100 sowie eine Standardabwei-
ausschlaggebender seien. Ohne die Ergeb-
chung von 15 Punkten voraus. Dies gilt noch heute. Allerdings muss man die IQ-Test-Aufgaben an
nisse ihrer Studien anzuzweifeln, muss großen, repräsentativen Stichproben immer wieder nachjustieren, da sich die Intelligenz in der Bevöl-
man deren Geltungsbereich jedoch ein- kerung kontinuierlich wandelt.
schränken. An Duckworths Untersuchun-
gen nahmen überdurchschnittlich intelli- Ein globaler Intelligenzwert je Person setzt außerdem voraus, dass man bei dessen Erhebung die
gente Schülerinnen und Schüler teil; die einzelnen Intelligenzbereiche (verbal, numerisch, räumlich-konstruktiv und so weiter) ausgewogen
berücksichtigt. Bereits 1904 hatte der britische Psychologe Charles Spearman (1863–1945) ein Zwei-
dadurch bedingte geringe Varianz der IQ-
Faktoren-Modell postuliert, das neben spezialisierten sprachlichen, mathematischen und sonstigen
Unterschiede reduzierte naturgemäß auch
Komponenten einen so genannten Generalfaktor (g-Faktor) vorsah.
den Einfluss der Intelligenz auf die Schul-
leistung. Diese wurde zudem durch eher Allgemein unterscheidet man fluide und kristalline Anteile der Intelligenz. Erstere beschreiben bei-
einfache Kompetenzen wie Bruchrechnen spielsweise das flexible, schnelle Umschalten zwischen verschiedenen Anforderungen, der zweite
oder Buchstabieren erfasst – Dinge, die für Begriff bezieht sich auf feste Wissensbestände und Fähigkeiten. Während die fluide Intelligenz schon
die Teilnehmer nicht übermäßig an- ab dem frühen Erwachsenenalter allmählich nachlässt, können kristalline Anteile wie der Wortschatz
oder motorische Fertigkeiten bis ins hohe Alter wachsen.
spruchsvoll waren. Folglich können hier
weniger intelligente Probanden, die jedoch
Intelligenz ist heute als stabiles Persönlichkeitsmerkmal wissenschaftlich anerkannt und lässt sich
fleißig üben, mit den intelligenteren gleich- mit gut erprobten, geeichten Verfahren verlässlich messen. Die meisten gebräuchlichen IQ-Tests wie
ziehen. Daraus lässt sich nicht ableiten, der Wechsler-Intelligenztest (WI) erfüllen fünf Kriterien:
Fleiß und Durchhaltevermögen seien wich-
tiger als Intelligenz, wenn es darum geht, • Reliabilität (Messgenauigkeit): Zwei unabhängige Testungen stimmen im Ergebnis gut miteinander
größere Hürden in Ausbildung und Studi- überein.
um zu nehmen. Sobald schwierigere, abs-
• Intervallskalenniveau: IQ-Werte lassen sich arithmetisch berechnen und in Standardabweichungen
trakte Konzepte ins Spiel kommen, ma- vom Mittelwert darstellen.
chen sich Intelligenzunterschiede stärker
bemerkbar. • Stabilität ab dem Alter von zehn Jahren: IQ-Tests derselben Person zeigen selbst im Abstand von
Selbst unter Höchstbegabten mit einem mehreren Jahrzehnten eine hohe Übereinstimmung.
IQ weit jenseits von 140 zeigte sich, dass IQ-

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Unterschiede den beruflichen Erfolg be- • Konstruktvalidität: Oberflächlich unterschiedliche Aufgaben, etwa auf Basis von Zahlen, Formen,
stimmen. Das oberste Viertel dieser sehr oder Begriffen, hängen statistisch eng zusammen.
intelligenten Probanden stand in einer Stu-
• Kriteriumsvalidität: Der IQ eines Menschen sagt den Schul-, Berufs- und Lebenserfolg besser vorher
die von Matthew Makel und Kollegen von
als andere psychologische Merkmale.
der Duke University in Durham (USA) bes-
ser da als das unterste: Die Betreffenden Auch wenn die Intelligenz als relativ feste, kognitive Grundausstattung gilt, ist sie durchaus erfah-
hatten eher einen Doktortitel, hielten mehr rungsabhängig. Bereits Kinder und Jugendliche haben eine Vielzahl von Anregungen erhalten, die
Patente oder bekleideten häufiger Füh- ihre geistigen Anlagen mehr oder weniger gut zu entfalten halfen. Vorwissen und Übung mit entspre-
rungspositionen. chenden Testszenarien wirken sich ebenfalls günstig auf den IQ aus.
Bei Studierenden der Fächer Physik,
Ein Großteil der Skepsis, die IQ-Tests oft ernten, beruht auf der Vorstellung, sie würden dazu benutzt,
Mathematik und Maschinenbau an der
um Menschen auf Basis eines genetisch fixierten Merkmals zu selektieren, etwa für bestimmte
(als anspruchsvoll bekannten) Eidgenössi- Schultypen oder Berufe. Einerseits ist es zwar richtig, dass der IQ eine ausgeprägte erbliche Kompo-
schen Technischen Hochschule in Zürich nente besitzt – was umso mehr in Gesellschaften gilt, in denen fast alle Bürger Zugang zu Bildung,
beeinflusste der IQ ebenfalls stark die Prü- gesunder Nahrung und medizinischer Versorgung haben. Und natürlich dient der IQ teils auch dazu,
fungsergebnisse nach dem ersten Studien- geeignete von weniger geeigneten Bewerbern etwa auf Studien- oder Arbeitsplätze auszuwählen.
jahr. Dies berichtete eine von uns (Stern) Das bedeutet jedoch weder, dass Intelligenz allein genetisch bedingt ist noch dass andere Talente
keinerlei Rolle spielen. Kreativität, Empathie und Überzeugungskraft schlagen sich kaum im IQ nie-
zusammen mit Michal Berkowitz 2018.
der – sind aber für unser Zusammenleben und das persönliche Glück ebenfalls wichtig.
Etwa ein Viertel der Untersuchten konnte
als hochbegabt gelten, kaum ein Student Seines wissenschaftlichen Klanges wegen wird das Label »IQ« immer wieder auf eine Vielzahl ande-
hatte einen IQ unter 120. Die Botschaft aus rer Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale übertragen, etwa auf die emotionale, soziale oder
beiden Studien lautet: Selbst bei einge- musische Intelligenz. Diese sind allerdings weit weniger gut erforscht und messbar als die kognitive
schränkter Varianz erklärt die Intelligenz Intelligenz eines Menschen. In den 1990er Jahren machte beispielsweise der US-amerikanische
Leistungsunterschiede auf anspruchsvol- Pädagoge und Psychologe Howard Gardner (* 1943) mit seiner Theorie der »multiplen Intelligenzen«
von sich reden. Er behauptete, auch künstlerische, kommunikative, spirituelle oder andere Gaben
len Gebieten.
ließen sich analog zum IQ bestimmen. Ein solch inflationärer Gebrauch des Intelligenzbegriffs er-
scheint zwar vielen attraktiv, weil er jedem Menschen »seine individuelle Intelligenz« verheißt. In der
Motivation allein genügt nicht Forschung erwies sich bislang jedoch kein anderes Persönlichkeitsmaß als ebenso stabil und aussa-
Dies stellt die Bedeutung von Motivation gekräftig wie die kognitive Intelligenz.
und Ausdauer nicht grundsätzlich in Fra-
ge. Anspruchsvolle Inhalte können sich

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auch intelligente Menschen kaum neben- dennoch über weite Strecken Dinge tun, niger motiviert ist man nicht generell, son-
bei aneignen. Diszipliniertes Arbeiten, das die wenig motivierend sind. Sich trotzdem dern immer auf ein bestimmtes Ziel bezo-
oft mit dem Verzicht auf kurzfristige Be- »aufzuraffen«, ist eine Kompetenz, die gen. Der Satz »Eva ist überdurchschnittlich
lohnung einhergeht, ist dafür unabding- man erwerben kann und zu der Eltern so- intelligent« ist ohne weiteren Kontext
bar. Nur lässt sich mit Motivation allein wie Lehrer beitragen können. Laut der sinnvoll, »Eva ist überdurchschnittlich mo-
eben nicht alles erreichen. Mit einem un- Selbstbestimmungstheorie der Psycholo- tiviert« dagegen nicht.
terdurchschnittlichen IQ ist ein Physik- gen Edward Deci und Richard Ryan moti- Motivation und Anstrengungsbereit-
oder Mathematikstudium kaum zu bewäl- viert es Menschen, wenn sie ihre eigene schaft beeinflussen unsere Ziele, unsere
tigen – Ansporn hin oder her. Idealerweise Kompetenz, ihre Autonomie und soziale Entscheidungen und unser Verhalten. Da-
sollte daher jeder vor einer Ausbildungs- Anbindung erleben. Gelingt es Lehrern, bei ist jede Entscheidung für etwas zugleich
und Berufswahl wissen, welches Maß an dies bei der Gestaltung von Lerngelegen- eine Entscheidung gegen etwas anderes.
Anstrengungsbereitschaft nötig ist, um heiten zu berücksichtigen, steigt die An- Hört man in der Vorlesung aufmerksam zu
das jeweilige Ziel zu erreichen. strengungsbereitschaft auch unter jenen oder tippt auf dem Smartphone unter dem
Tatsächlich ist es weder sinnvoll noch Schülern, die »von sich aus« nicht übermä- Tisch? Das hängt stark davon ab, ob man
wissenschaftlich haltbar, Motivation und ßig für ein Thema brennen. aus dem Vortrag für sich Gewinn ziehen
Intelligenz als Konkurrenten zu betrach- Ein großer Irrtum mancher Lehrer be- kann. Natürlich spielt dabei die Qualität
ten. Es handelt sich um zwei Faktoren, die steht darin zu glauben, ihre Schülerinnen des Vortrags eine Rolle, aber auch die kog-
auf unterschiedliche Weise zu einer Leis- und Schüler seien nur dann zum Lernen nitiven Voraussetzungen des Zuhörers
tung beitragen. Während die Intelligenz bereit, wenn sie bereits mit hoher intrinsi- sind wichtig. Lässt sich das Gehörte an be-
ein stabiles, situationsunabhängiges Merk- scher Motivation in den Unterricht kom- stehendes Wissen anknüpfen, erweitert
mal darstellt, ist Motivation eher an den men. Umgekehrt können Lehrer durch oder korrigiert es dieses? Hier machen sich
momentanen Zustand der Person und an schlechten Unterricht viele positive Erwar- unweigerlich Intelligenzunterschiede be-
die äußeren Umstände gebunden. Die oft tungen zunichtemachen und Schüler mit merkbar, denn intelligentere Menschen
zitierte Unterscheidung zwischen intrinsi- hoher Lernbereitschaft vergraulen. Die verfügen im Schnitt über mehr und über
scher und extrinsischer Motivation – ob Botschaft lautet also: Anders als Intelligenz besser vernetztes Wissen als weniger intel-
man etwas aus Liebe zur Sache oder für Be- ist Motivation kein überdauerndes Persön- ligente. Und selbst wenn man kein detail-
lohnungen wie Geld oder Lob tut – stellt lichkeitsmerkmal, sondern beschreibt die liertes Wissen auf einem Gebiet hat, hilft
ein Kontinuum dar: Wer etwa eine Doktor- kurzfristig beeinflussbare Handlungs- und Intelligenz dabei, Beziehungen herzustel-
arbeit um ihrer selbst willen schreibt, muss Anstrengungsbereitschaft. Mehr oder we- len, die anderen entgehen.

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Wer auf Grund fehlenden Wissens und besseren Voraussetzungen, aber schlech-
niedriger Intelligenz nicht in der Lage ist, tem Unterricht. Die pädagogische Qualität
neues (wie auch immer es präsentiert wird) bestimmt mit darüber, wie gewinnbrin-
in vorhandenes Wissen zu integrieren, der gend Lernende ihre Intelligenz in den Er-
wird kaum die nötige Motivation dafür werb von Kompetenzen investieren kön-
aufbringen. Der Betreffende erlebt weder nen. Lehrende haben ihren Job also gut ge-
Kompetenzzuwachs noch Autonomie und macht, wenn alle etwas dazulernen. Nur
fühlt sich im Lernkontext fremd. Um Men- sind gerade dann Leistungsunterschiede
schen solche Erfahrungen zu ersparen, gilt vor allem eine Frage der Intelligenz. 
es bei der Berufs- und Ausbildungswahl im
Zweifel stärker die eigenen Fähigkeiten als (Gehirn&Geist, 4/2019)
die Interessen zu gewichten. Berkowitz, M., Stern, E.: Which Cognitive Abilities Make the
Inzwischen erklären zahlreiche große Difference? Predicting Academic Achievements in Advan-
Schul- und Unterrichtsstudien, wann und ced STEM Studies. In: Journal of Intelligence 6, 48, 2018
warum sich Schüler im Lernerfolg unter- Makel, M. et al.: When Lightning Strikes twice: Profoundly
scheiden. Wichtig ist dabei die Qualität der Gifted, Profoundly Accomplished. In: Psychological Sci-
Rückmeldung durch die Lehrenden sowie ence 27, S. 1004–1018, 2016
der Einsatz von geistig aktivierenden Lern-
formen, die die Schülerinnen und Schüler
wirklich zum Nachdenken anregen. Doch
gerade bei hoher Unterrichtsqualität zeigt
sich konsistent: Individuelle Vorausset-
zungen wie Intelligenz und Vorwissen er-
klären die Unterschiede im Lerngewinn
besser als der jeweilige Unterricht selbst.
Das heißt, auch bei sehr gutem Unterricht
wird ein Schüler mit ungünstigen Voraus-
setzungen sich zwar verbessern, jedoch
nicht mehr dazulernen als ein Schüler mit
FLYNN-EFFEKT

Warum der
Intelligenzquotient
nicht weiter steigt
von Theodor Schaarschmidt
Der mittlere Intelligenzquotient wuchs
über Jahrzehnte kontinuierlich an. Doch
nun schwächelt der so genannte Flynn-
Effekt, und in einigen Ländern scheint
der Durchschnitts-IQ sogar zu sinken.
Woran liegt das?
GREMLIN / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

14
F
alls Sie gerade einen miesen Tag ze zeigen, dass der Zuwachs mancherorts
haben, tröstet Sie vielleicht das allmählich abflaut. In manchen Ländern
folgende Gedankenspiel: Vor konnten Forscher sogar eine Abnahme der
100 Jahren wären Sie ein Genie Intelligenzwerte feststellen; man spricht
gewesen – zumindest den Zah- bereits von einem »Anti-Flynn-Effekt«.
len nach. Selbst mit einem mittleren Intel- Das wiederum ruft Alarmisten auf den
ligenzquotienten von 100 hätten Sie da- Plan: »Werden wir dümmer?«, fragt etwa

GREMLIN / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


mals gute Chancen auf einen IQ von 130 der deutsche Psychiater und Neurofor-
gehabt, was einer Hochbegabung ent- scher Manfred Spitzer 2018 in der Fachzeit-
spricht. Diese Marke knacken nur etwa zwei schrift »Nervenheilkunde« und hat auch
Prozent der Gesamtbevölkerung. Schlechte gleich einen Schuldigen zur Hand: Der zu-
Nachrichten für die Superhirne von da- nehmende Medien- und Internetkonsum
mals: Selbst die historischen Ausnahme- sei es, der unseren IQ in einen allmähli-
talente wären nach heutigen Testnormen chen Sinkflug versetze. Doch spricht der
gerade einmal gutes Mittelmaß. mancherorts gemessene Wachstumsknick Seit 1995 geht es hier
Schuld daran ist ein Phänomen, das als tatsächlich dafür, dass unsere Intelligenz
Flynn-Effekt bekannt ist: Seit Beginn der als solche abnimmt – gar dafür, dass die
zu Lande bergab mit
Messungen schneiden Menschen immer Menschheit immer weiter verblödet? Und dem räumlichen
besser in den IQ-Tests ab. Über eine lange warum tauchen diese Unregelmäßigkeiten
Zeit lag dieser Zuwachs in vielen Industrie- gerade jetzt auf?
Vorstellungsvermögen.
nationen relativ stabil bei rund 0,3 Punk- Schon in den 1930er Jahren bemerkten In allgemeinen IQ- und
ten pro Jahr. Das klingt vielleicht nicht viel, Intelligenzforscher, dass ihre Normwerte
doch innerhalb von zehn Jahren summiert (die Durchschnittswerte zum Vergleich un-
Vokabeltests schnitten
sich der Unterschied bereits auf 3, nach ei- ter anderem von Gleichaltrigen) mit den deutschsprachige
nem Jahrhundert gar auf 30 Punkte, was Jahren allmählich nicht mehr genau
dem Unterschied zwischen einer durch- stimmten. Der mittlere IQ stieg immer wei-
Probanden jedoch
schnittlichen und einer Hochbegabung ter an, die Eichung musste nachjustiert zunehmend besser ab
entspricht. Genau dieser Effekt stagniert werden. Wer das für Erbsenzählerei hält,
aber seit einigen Jahren. Neuere Datensät- muss sich vor Augen führen, welch weit

15
reichende Konsequenzen das Ergebnis ei- lem nordeuropäischen Ländern – offenbar
nes Intelligenztests mit sich bringen kann. wieder zurück. AUF EINEN BLICK
Der Namensgeber des Phänomens, der Am eindrucksvollsten sind die Ergeb-
neuseeländische Politologe James R. Flynn, nisse aus Norwegen. Dort musste bis Jahr- Der Anti-Flynn-Effekt
gibt ein besonders extremes Beispiel: Wer gang 1991 der Löwenanteil aller jungen 1 Seit Beginn der Intelligenzmessung nahm
in den USA etwa wegen Mordes vor Gericht Männer zu einer umfangreichen Muste- der IQ weltweit im Durchschnitt stetig
steht, darf in einigen Bundesstaaten nicht rung inklusive IQ-Test persönlich antreten. leicht zu. Aber dieser so genannte Flynn-
hingerichtet werden, wenn eine geistige Für Intelligenzforscher entstand so ein re- Effekt stagniert vielerorts oder kehrt sich
Behinderung vorliegt. Setzt ein Gutachter gelrechter Datenschatz, den die norwegi- sogar um.
zur Diagnose eine veraltete IQ-Norm ein, schen Wissenschaftler Bernt Bratsberg und
2 In Deutschland steigt die verbale Intelli-
kann es passieren, dass er eine vorliegende Ole Rogeberg 2018 in den »Proceedings of genz weiter, wohingegen es mit dem
Behinderung nicht als solche erkennt – im the National Academy of Sciences« analy- räumlichen Vorstellungsvermögen bergab
schlimmsten Fall könnte der Flynn-Effekt sierten. Sie betrachteten 30 aufeinander geht. In Norwegen sowie einigen anderen
also zu einer unrechtmäßigen Hinrichtung folgende Jahrgänge seit 1962, darunter Ländern sinkt offenbar der gesamte IQ.
führen. mehr als 700 000 Einzelpersonen. Ihr Be-
Über die genauen Ursachen des Flynn- fund: Während die IQ-Werte bis Mitte der 3 Ein beliebter Erklärungsversuch: Weniger
intelligente Eltern würden mehr Kinder
Effekts sind sich Forscher übrigens bis heu- 1970er Jahre kontinuierlich anstiegen, nah-
bekommen. Doch zumindest für Norwe-
te uneins, ebenso wie über die Gründe sei- men sie danach allmählich um knapp zwei gen ließ sich diese Ursache ausschließen.
ner allmählichen Stagnation. Fakt ist: Neu- Punkte pro Jahrzehnt wieder ab. Auch aus Vielmehr lassen sich Veränderungen in
ere Datensätze stellen den Flynn-Effekt in anderen Ländern mehren sich Ergebnisse, der Intelligenz womöglich damit erklären,
seiner bisherigen Form immer mehr in die auf eine scheinbare Umkehr des Flynn- wie gut das Abstraktionsvermögen ge-
Frage. Interessanterweise unterscheiden Effekts hindeuten: aus Finnland und Est- schult wird.
sich die Befundlagen je nach Land, zum land etwa, aber auch aus Kuwait oder der
Teil sogar enorm: In den USA ist von einem sudanesischen Hauptstadt Khartum.
IQ-Rückgang beispielsweise nichts zu spü- In anderen Teilen der Erde betrifft der Vorstellungsvermögen bergab. In allgemei-
ren, im Gegenteil setzt sich dort der Flynn- Abfall oft nur einzelne Aufgabenbereiche. nen IQ- und Vokabeltests schnitten
Effekt anscheinend ungebremst fort. Doch Eine Metaanalyse für Österreich und deutschsprachige Probanden jedoch in ei-
nach Jahrzehnten des Anstiegs geht der Deutschland resümierte etwa: Seit 1995 nem ähnlichen Erhebungszeitraum zu-
mittlere IQ seit 1995 in mehreren – vor al- geht es hier zu Lande mit dem räumlichen nehmend besser ab! In Großbritannien

16
Intelligenzforschern, welche Ursachen die-
se für ein mögliches Ende oder eine Umkehr
Was misst ein Intelligenztest? des Flynn-Effekts vermuten. Die Ergebnisse
SCHON IM FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT tüftelte der französische Psychologe Alfred der Umfrage machen stutzig. Beliebtester
Binet an einem Test, der bei Kindern eine allgemeine Fähigkeit zur Lösung verschiedener Erklärungsversuch: Weniger intelligente El-
Aufgaben messen sollte. Dazu absolvierten seine Prüflinge eine Batterie ganz tern würden mehr Kinder in die Welt setzen
unterschiedlicher Aufgaben. Es fing mit simplen Fragen an, die fast alle beantworten
als intelligente. Änderungen im Genpool
konnten (»Wo ist das Fenster?«), und steigerte sich dann zu harten Kopfnüssen, die nur
besonders aufgeweckte Kinder zu lösen wussten. Der nach ihm benannte Binet-Simon-Test würden dann dafür sorgen, dass die kogniti-
diente als Blaupause für zahlreiche Weiterentwicklungen, die alle eine ähnliche Zielvorgabe ve Leistungsfähigkeit in der Bevölkerung
hatten: Verschiedenartige Testfragen sollten in ihrer Summe die Intelligenz als einen immer weiter abflaut. Dieses Konzept ist
einzigen, generellen Faktor erfassen. auch als Dysgenik bekannt, eine zunehmen-
de Verbreitung von vermeintlich unvorteil-
MIT DIESEM ANSPRUCH gerieten die Tests zu einem mächtigen Werkzeug und zum
haften Genen also. Neu ist die Idee nicht;
Gegenstand kontroverser Debatten. Kritiker bemängeln, die Tests würden das Profil einer
schon der österreichische Zoologe Konrad
westlichen, akademisch geprägten Oberschicht abbilden und andere Schichten oder
Kulturkreise systematisch benachteiligen. Außerdem werde Intelligenz oft irrtümlich für Lorenz (1903–1989) warnte 1943 vor einer
eine essenzielle menschliche Eigenschaft gehalten – dabei sollen psychologische Tests ja »Verhausschweinung des Menschen«. Eini-
eigentlich als Werkzeug für ganz konkrete Fragestellungen dienen. Inzwischen sind IQ-Tests ge Intelligenzforscher vermuten, solche
aus der modernen Diagnostik nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer Hilfe erfassen Experten dysgenischen Entwicklungen hätte es schon
Lernschwierigkeiten, begutachten die Schuldfähigkeit eines Angeklagten vor Gericht oder das ganze 20. Jahrhundert über gegeben,
fahnden nach der geeignetsten Bewerberin für eine offene Stelle.
nur sei ein IQ-Abfall bislang nicht sichtbar
gewesen, weil gleichzeitig andere Prozesse
in die entgegengesetzte Richtung gewirkt
wiederum schlägt man Alarm, weil Kinder mal nach unten, mal eher nach oben, mal hätten.
in bestimmten Aufgaben zum abstrakten hängt es ganz von der Art der Aufgaben ab. Auf Platz zwei in der Umfrage folgte die
Denken immer schlechter abschneiden – Dennoch konkurrieren schon mehrere Er- Hypothese, zunehmende Migration könn-
doch auch hier weisen umfassendere IQ- klärungsversuche, wie sich denn ein (schein- te für einen Anti-Flynn-Effekt verantwort-
Tests in die umgekehrte Richtung. barer oder tatsächlicher) Anti-Flynn-Effekt lich sein. Weniger intelligente Einwanderer
Zusammengenommen ergibt das ein erklären ließe. Der Chemnitzer Psychologe seien es demnach, die in Industrieländern
eher konfuses Bild. Je nach Land geht der IQ Heiner Rindermann erkundigte sich bei 75 den mittleren IQ nach unten ziehen wür-

17
den. Erst auf den hinteren Plätzen folgten Bestimmte Erklärungsversuche schei-
Hypothesen, die bestimmte Umwelteffek- den somit von vornherein aus. Phänome-
te in den Blick nahmen, etwa Verschlechte- ne wie Migration oder Dysgenik beträfen
rungen im Bildungswesen. Die Umfrage beispielsweise eher die Zusammensetzung
offenbart viel über die Weltanschauung der Bevölkerung an sich; sie können aber
ISMAGILOV / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

mancher Intelligenzforscher. Unweigerlich keine Unterschiede in den Testwerten von


fühlt man sich an den Expolitiker und einem zum nächsten Kind derselben Fami-
Sachbuchautor Thilo Sarrazin erinnert, der lie erklären. Das Fazit der Autoren: Sowohl
in seinen Büchern ganz ähnliche Gedan- der Flynn-Effekt als auch seine Umkehr
kengänge ausbreitet. Doch können solche müssen bestimmten Umwelteffekten ge-
Hypothesen einer empirischen Prüfung schuldet sein. Das können Änderungen im
überhaupt standhalten? Bildungssystem sein, der zunehmende Ein-
In Deutschland steigt die Die Autoren der bereits erwähnten nor- fluss von Massenmedien oder eine schlech-
wegischen Studie machten die Probe aufs tere Ernährung – was genau das Auf und
verbale Intelligenz weiter, Exempel. Sie untersuchten, welche Hypo- Ab im IQ verursachte, lässt sich mit einem
wohingegen es mit dem thesen überhaupt in Frage kommen, um solchen Studiendesign nicht klären.
die IQ-Schwankungen in ihrem Land zu er- Schon der ursprüngliche (also positive)
räumlichen Vorstellungs- klären. Dazu nutzten sie einen besonderen Flynn-Effekt gibt Forschern Rätsel auf. Man-
vermögen bergab geht. Vorteil ihres Datensatzes: Da dieser gleich che sehen darin ein statistisches Artefakt,
30 Jahrgänge umfasste, konnten sie die Da- das allein durch Verschiebungen in den be-
In Norwegen sowie einigen ten von Geschwistern systematisch mitein- trachteten Stichproben zu Stande kommt.
anderen Ländern sinkt ander in Beziehung setzen. So ließ sich fest- Andere halten das Phänomen zumindest
stellen, ob die Entwicklungen eher durch für semireal. Soll heißen: Im Kern sei die
offenbar der gesamte IQ Schwankungen zwischen oder innerhalb der menschliche Intelligenz konstant geblieben.
einzelnen Familien zu Stande kamen. Ihr Doch unsere Fähigkeit zum Lösen bestimm-
Ergebnis fällt eindeutig aus: Der sinkende ter Aufgabentypen hätte sich mit der Zeit
IQ-Durchschnitt ließ sich auf Veränderun- verbessert, denn Knobeleien, wie sie in IQ-
gen innerhalb der betrachteten Familien zu- Tests vorkommen, finden sich zum Beispiel
rückführen, also von Bruder zu Bruder. auch in vielen Illustrierten, und mit »Test-

18
knacker«-Büchern kann man sich sogar ge- stagniert. Wenn der Blick durch die For- norwegischen Studie stützen sich viele
zielt auf die typischen Frageformen vorbe- scherbrille, also der Fokus auf abstrakte Ka- Ergebnisse zum Anti-Flynn-Effekt entwe-
reiten. Klüger machen solche Trainings zwar tegorien, sein Limit erreicht, ist es plausibel, der auf meist kleine Stichproben, oder sie
nicht, doch treiben sie zumindest die eige- dass auch der IQ nicht stetig weiter wächst. betreffen nur Teilbereiche der Intelligenz.
nen IQ-Werte in die Höhe; vertraute Aufga- Dass der Flynn-Effekt je nach Region so un- Was genau diese Änderungen verursacht,
bentypen lassen sich schließlich leichter be- terschiedlich ausfällt, mag auch mit landes- bleibt häufig offen. Es ist denkbar, dass ei-
wältigen. Offenkundig bestimmt unser kul- spezifischen Entwicklungen zu tun haben. nige der Studien auch schlichtweg Aus-
tureller Hintergrund, wie gut wir auf Das zeigt sich am Beispiel Khartum: Dort er- reißer, also Extremfälle darstellen. Eine
bestimmte Testarten vorbereitet sind. setzten fundamentalistische Kräfte den re- aufwändige Ursachenforschung scheint
Eine dritte Hypothese zum Flynn-Ef- gulären Schulunterricht zum Teil durch ei- verfrüht. Denn bislang deuten die Ergeb-
fekt: Über die Jahrzehnte habe sich unser nen »islamischen Lehrplan«. Fortan lernten nisse eher auf vereinzelte Turbulenzen
Arbeitsumfeld drastisch verändert. Ein die Schüler viel über die Errungenschaften hin – nicht aber auf einen drastischen
analytisch-abstrakter Denkstil werde dabei ihres Landes und ihrer Religion, während IQ-Absturz. 
immer stärker belohnt. Flynn selbst spricht abstrakte Fächer eher auf der Strecke blie-
davon, dass wir die Welt immer stärker ben. Wenn man so will, wurde den Kindern (Spektrum – Die Woche, 01/2019)
durch eine »Forscherbrille« betrachten. die Forscherbrille abgesetzt. Das mag – ne-
Hatte es früher genügt, die Dinge rein nach ben sozioökonomischen Umwälzungen im
ihrer Nützlichkeit zu beurteilen, würden Zuge des Bürgerkriegs – dazu beigetragen
wir heute eine eher wissenschaftliche Her- haben, dass der mittlere IQ in der sudanesi-
angehensweise bevorzugen: »Wir sind ge- schen Hauptstadt von 1999 bis 2010 um
wöhnt zu denken, dass wir die Welt klassifi- mehr als zwei Punkte abnahm.
zieren müssen, um sie zu verstehen, und Schlussendlich: Den vereinzelten Nach-
wir nutzen bereitwillig abstrakte Logik«, richten von stagnierenden oder sinken-
erklärt Flynn in einem Podcast für die Zeit- den Intelligenzwerten stehen bislang
schrift »Scientific American«. Genau diese deutlich mehr Ergebnisse gegenüber, die
Art zu denken ist es letztlich, die in den nach wie vor einen Anstieg vermelden.
gängigen IQ-Tests belohnt wird. Zwar sieht die Befundlage heute viel
Damit ließe sich auch erklären, warum durchwachsener aus als noch zehn Jahre
der Flynn-Effekt mancherorts allmählich zuvor. Doch jenseits der umfangreichen

19
KOGNITIVE BEGABUNG

WORAN ERKENNT MAN


INTELLIGENTE BABYS?
von Michael Kavšek
Viele Eltern wüssten gerne, ob sich aus dem Verhalten ihres
Babys bereits sein späterer Werdegang ableiten lässt. Doch
die Intelligenz von Kleinkindern zu messen, ist kniffelig.
UNSPL ASH / FILIP MROZ

20
V
on Geburt an sind Men- um Kinder mit Entwicklungsstörungen konnte man nachweisen, dass bereits sehr
schen unterschiedlich: Das optimal zu fördern. Aber geht das über- junge Babys Gesichter ziemlich sicher er-
eine Baby döst die meiste haupt? kennen und auseinanderhalten.
Zeit und reagiert kaum auf Die gängigen Säuglingstests können Zudem gibt es Hinweise darauf, was bei
seine Umwelt, das andere zwar die kognitive Leistungsfähigkeit der einem solchen Test im Babyhirn vor sich
ist hellwach und an allem Neuen sehr inte- Kleinen erfassen, sagen die spätere Intelli- geht. Die Habituation umschreibt dem-
ressiert. Lässt sich aus solchen frühen Nei- genz allerdings nur sehr eingeschränkt nach den sukzessiven Aufbau einer Ge-
gungen etwas über den zukünftigen Wer- vorher. Ein alternativer Ansatz ist das so dächtnisspur des gezeigten Objekts. Mit zu-
degang des Sprösslings schlussfolgern? genannte visuelle Habituations-Dishabi- nehmender Vervollständigung des kogniti-
Kann man gar vorhersagen, ob er einmal tuations-Verfahren. Es nimmt bloß weni- ven Abbilds verliert der Säugling nach und
hochintelligent oder von eher schlichtem ge Minuten in Anspruch und nutzt die nach das Interesse an dem Objekt. Wird im
Gemüt sein wird? Tatsache, dass Säuglinge eine Vorliebe für Anschluss ein neuer Gegenstand präsen-
Da man kleinen Kindern keinen IQ-Test alles Neue haben. Das Baby wird zunächst tiert, vergleicht der Säugling diesen mit
vorlegen kann, muss man ihr Verhalten mit einem Reiz, zum Beispiel mit einem dem gerade aufgebauten Gedächtnisbild.
beobachten, um herauszufinden, wie bestimmten Gesicht, vertraut gemacht. Stellt er einen Unterschied fest, wird er das
schlau sie sind. Tatsächlich gelten etwa Dazu zeigt der Versuchsleiter dem Kind als neu erkannte Objekt erkunden wollen.
Lebhaftigkeit und ein erhöhtes Interesse das Gesicht so lange mehrmals hinterein- Stellt das Kind dagegen keinen Unterschied
an Objekten und Personen als Hinweise ander, bis es das Interesse daran verliert fest, wendet es seine Aufmerksamkeit ab.
auf eine kognitive Begabung. Doch nicht und immer kürzer hinschaut. Diesen Vor- Habituation und Dishabituation sind
nur der aktuelle geistige Entwicklungs- gang nennt man Habituation oder Reiz- also grundlegende Vorgänge der Informa-
stand von Säuglingen ist spannend, son- gewöhnung. tionsverarbeitung und damit wesentliche
dern natürlich auch mögliche Vorhersa- Nun präsentiert der Versuchsleiter das Aspekte von Intelligenz. Sie beinhalten den
gen über den IQ im Jugend- und Erwachse- Gesicht nochmals, jedoch zusammen mit Aufbau einer Objektrepräsentation im Ge-
nenalter. Sie wären zum Beispiel wichtig, einem neuen Gesicht. Sieht das Baby wie- dächtnis, das Wiederabrufen gespeicherter
der interessierter hin und inspiziert das Informationen sowie den Vergleich zwi-
unbekannte Gesicht, kann man davon aus- schen abgespeicherten und neu wahrge-
Michael Kavšek erforscht in der Abteilung für Entwi- gehen, dass es die Gesichter unterscheiden nommenen Informationen.
cklungs- und Pädagogische Psychologie der Rheini-
schen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn die kognitive kann. Die vermehrte Blickzuwendung Säuglinge unterscheiden sich oft stark
Entwicklung über die Lebensspanne. nennt man Dishabituation. Mit ihrer Hilfe darin, wie schnell sie habituieren oder dis-

21
habituieren – allgemeiner gesagt in ihrer
Fähigkeit, neue Informationen zu verarbei-
ten. Eine Reihe von Studien belegt inzwi-
KOMPAKT
schen, dass ein enger Zusammenhang zwi-

BABYS
schen der Habituations- und Dishabituati-
onsleistung im Babyalter und den
IQ-Werten im Jugend- und Erwachsenenal-
ter besteht. Doch selbst wenn Ihr Baby bei
einem solchen Habituations-Dishabitua-
tions-Test nicht das gewünschte Blickmus-
ter zeigen sollte, ist das noch längst kein
Grund zu Sorge. Denn kognitive Fähigkei-
Die ersten Monate
ten lassen sich fördern! Vor allem soziale
Interaktionen wie die gemeinsame Be-
schäftigung mit Bilderbüchern wirken po-
sitiv. Und zum Glück beherzigen das die
meisten Eltern auch ganz von selbst. 

(Gehirn&Geist, 12/2019)
Kavšek, M.: The comparator model of visual habituation
and dishabituation: Recent insights. Developmental Psy-
chobiology 55, 2013
Reynolds, G. D.: Infant visual attention and object recogniti-
on. Behavioural Brain Research 285, 2015 Mikrobiom | Streit um den Startcocktail
Kavšek, M.: The comparator model of visual habituation Schreianalyse | Botschaften mit Unterton
and dishabituation: Recent insights. Developmental Psy-
chobiology 55, 2013
Depression | Die Känguru-Methode
Reynolds, G. D.: Infant visual attention and object FÜR NUR
€ 4, 99
recognition. Behavioural Brain Research 285, 2015
FOTOLIA / R AMONA HEIM

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»MOZART-EFFEKT«

Klüger durch Musizieren?


von Eva Wolfangel

ISTOCK / STUDIOEDJO
23
Musiker besitzen oft erstaunliche Fähigkeiten, von denen
sie auch in anderen Lebensbereichen profitieren können.
Aber macht Musizieren wirklich schlauer oder sozialer?
Und welche Rolle spielt die Begabung?

W
enn Rita Kaufmann Für Nichtmusiker ist das auch ausge- det, und entsprechend stärkere Verbindun-
Wagners »Siegfried« schlafen unvorstellbar: Wer schon einmal gen von Strukturen, die für die Koordinati-
mit den Opernsän- versucht hat, mit beiden Händen gleichzei- on der Hände und das Erlernen von Bewe-
gern zur Probe kom- tig verschiedene Dinge zu tun, kann sich gungsabläufen zuständig sind.
plett durchspielen das gut vorstellen. Und dann soll man noch Pianisten können gleichzeitige Reize
muss, von Anfang bis Ende, ohne Pause, auf verschiedene Rhythmen und Einsätze verschiedener Sinne im Gehirn besser ver-
dann ist sie sechseinhalb Stunden lang achten und keinen der Akteure aus dem arbeiten: In der Wissenschaft spricht man
hoch konzentriert. Die Konzertpianistin Blick verlieren: Wie geht das überhaupt? hier von einer verbesserten sensorischen
des Nürnberger Staatstheaters spielt die »Mein Lehrer in London hat immer gesagt: Integration. Das ergab eine Studie zweier
Noten des Orchesters zum Großteil aus Klavier ist dann doch das Schwerste«, erin- Forscherinnen des Max-Planck-Instituts
dem Kopf und teilweise vom Blatt – und nert sich Kaufmann. für biologische Kybernetik in Tübingen
behält gleichzeitig den Dirigenten im Blick Pianisten verfügen über erstaunliche 2011. Mittels funktioneller Magnetreso-
und die Aktivitäten der Sänger im Ohr. Ihre motorische Fähigkeiten – und sind allein nanztomografie (fMRT) beobachteten sie,
beiden Hände spielen in dieser Zeit parallel deshalb beliebte Forschungsobjekte. Neu- wie Pianisten und Nichtmusiker auf winzi-
verschiedene Töne und Rhythmen, und ihr rowissenschaftler finden bei ihnen vergrö- ge Unstimmigkeiten zwischen Tönen und
Gehirn beschäftigt sich zusätzlich mit an- ßerte Areale unter anderem in den für ko- Handbewegungen beim Klavierspiel re-
deren Tönen und Rhythmen – mit denen ordinative Leistungen wichtigen Hirnbe- agierten. Die Musiker bewiesen dabei ein
der Sänger. »Das geht nur, wenn ich ausge- reichen. Zudem zeigen sie dickere besonders feines Gespür dafür, wie Tasten-
schlafen bin«, sagt die 40-jährige Konzert- Nervenstränge in einer Struktur, die die bewegungen und Töne zusammenhängen,
pianistin aus Regensburg. beiden Gehirnhälften miteinander verbin- während Nichtmusikern nicht ganz syn-

24
chrone Bewegungen weniger auffielen. Das
MRT zeigte bei Musikern verstärkte Fehler-
signale in einem Schaltkreis, der sich durch
das eigene Spiel besonders ausbildet. Die
Forscherinnen sehen das als wichtigen
Hinweis darauf, wie das Gehirn plastisch
auf sensomotorische Erfahrungen reagie-
ren kann.
Aber nur, weil das Gehirn eines Musi-
kers andere Ausprägungen aufweist, heißt
das nicht, dass diese durch das Musizieren
entstanden sind. Was ist hier Ursache, was
Wirkung? Diese Frage lässt sich in allen Stu-
dien, die das Gehirn bereits aktiver Musi-
ker untersuchen, nicht endgültig beant-
worten. Vielleicht hatten diese bereits auf
Grund einer Veranlagung besser vernetzte
Hirnstrukturen und sind deshalb Musiker
geworden?
Dieses Problem begleitet die meisten
Studien, die sich mit der Frage befassen, in-
wiefern uns Musizieren in anderen Berei-

FRÜH ÜBT SICH

ALE X ANDER / STOCK.ADOBE.COM


… was ein Meister werden will: Wer jung an-
fängt und viele Stunden übt, hat die besten
Chancen, ein erfolgreicher Musiker zu werden.
Das zeigen auch wissenschaftliche Studien.

25
chen ebenfalls Vorteile bringt. Macht es randomisierten Experimenten beruhen
uns sozialer oder gar intelligenter, wie vie- und damit seriös kausale Zusammenhänge
le behaupten? Zusammenhänge zu beob- belegen können. Nur eine von ihnen zeigte
achten, reicht auch hier nicht aus. Viel- einen leicht positiven, statistisch aber nicht
mehr wäre es denkbar, dass beispielsweise signifikanten Effekt des Musizierens auf an- Pianisten verfügen über
musizierende Kinder häufig aus bildungs- dere Fähigkeiten. Dass die Medien aber
nahen Elternhäusern stammen, entspre- prompt titelten »Musik macht eure Kinder
erstaunliche motorische
chend gefördert werden und schon des- nicht intelligent«, ärgerte Mehr: »Unsere Fähigkeiten – und sind
halb oft besser in Sprach- oder Mathetests Studie hat nicht ergeben, dass musikalische
abschneiden. Erziehung keine kognitiven Vorteile bringt.«
allein deshalb beliebte
Nur in diesem einen Fall von kurzzeitiger Forschungsobjekte
Keine Chance für den »Mozart-Effekt« musikalischer Früherziehung habe sich
Wie heiß dieses Thema diskutiert wird, kein Effekt gezeigt.
mussten auch die Forscher um Samuel A. Das lag vielleicht an der fehlenden In-
Mehr von der Harvard Graduate School of tensität. Das zumindest lässt eine Studie
Education erfahren. Sie entzauberten 2013 vermuten, welche die Psychologin Anne-
den Mythos um den so genannten »Mo- marie Seither-Preisler von der Universität
zart-Effekt«, der auf eine Studie von 1993 Graz gemeinsam mit dem Neurologen Pe-
zurückging, in der Probanden allein durch ter Schneider durchführte, dem Leiter der
das Anhören einer Mozartsonate in Intelli- Forschungsgruppe Musik und Gehirn an
genztests besser abschnitten als zuvor. Die- der Neurologischen Klinik Heidelberg. Sie
se Studie konnte seither nicht wiederholt begleiten 145 Kinder in einer Längsschnitt-
werden – sie gilt als widerlegt. studie seit 2009. Ein Teil der Probanden
Und auch die meisten anderen Studien erhält gar keinen Instrumentalunterricht,
zu der Frage, inwiefern Musik die kogniti- eine andere Gruppe im Rahmen eines
ven Fähigkeiten steigert, haben ein metho- Schulprojekts eine Instrumentalstunde in
disches Problem: Sie belegen Korrelationen, der Woche, und eine dritte Gruppe spielt
keine Kausalitäten. Mehr und Kollegen fan- privat ein Instrument, was mit intensive-
den 2013 nur fünf Studien weltweit, die auf rem Üben einhergeht. Schon nach 13 Mo-

26
naten zeigten sich deutliche Effekte, aller- Die US-amerikanische Neurobiologin Nina
dings vor allem bei jenen, die viel übten. Kraus und ihre Kolleginnen haben belegt,
»Eine Stunde pro Woche scheint zu wenig dass durch eine präzisere zeitliche Verar-
zu sein«, sagt Seither-Preisler. So habe sich beitung im Hirnstamm auch die Sprach-
Wer in seinem Fach der auditive Kortex bei intensiv musizie- melodie besser abgebildet wird – jener Fak-
renden Kindern schneller und besser ent- tor von Sprache, der Gefühle transportiert.
exzellent werden will, muss wickelt, auch bei Hörtests hatten sie die In Kraus' Studien zeigt sich, dass musizie-
10 000 Stunden üben Nase vorn. Zudem arbeiteten die Hörarea- rende Kinder und Erwachsene Feinheiten
le der beiden Hirnhälften präziser und in der Sprachmelodie exakter wahrneh-
synchroner zusammen, und die musizie- men und damit Emotionen besser erken-
renden Kinder zeigten eine höhere auditi- nen können, was mit Vorteilen im sozialen
ve und visuelle Aufmerksamkeit – und, Umgang einhergehen sollte.
unabhängig von ihrem sozialen Hinter- Und es gibt noch eine viel naheliegen-
grund, auch eine bessere Lese-Recht- dere Annahme, warum Musik sozial macht:
schreib-Kompetenz. Sie führt Menschen zusammen. »Wenn
In einer weiteren Erhebung wollen die Menschen Musik machen, kommen sie in
Forscher untersuchen, wie Kinder mit Kontakt mit anderen«, sagt Stefan Koelsch
ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche auf vom Leipziger Max-Planck-Institut für
Musikunterricht reagieren. Denn bei ihnen, Kognitions- und Neurowissenschaften.
so beobachteten die Wissenschaftler, weist »Eine gelungene musikalische Aufführung
der linke Hörkortex eine Entwicklungsver- erfordert außerdem Kooperation«, so
zögerung auf. »Daher könnte gezieltes Mu- Koelsch: Das stärke das Vertrauen und sei
siktraining helfen, Legasthenie oder ADHS eine Quelle der Freude. Gemeinsam zu mu-
vorzubeugen«, vermutet Seither-Preisler. sizieren, fördere außerdem die »Ko-Pat-
hie«, eine gruppenübergreifende Form der
Soziales Feingefühl Empathie, in der sich die Emotionen einer
Auch die Behauptung, Musizieren mache Gruppe angleichen. Das führe zu einem
Kinder sozialer, lässt sich auf die Wirkung Gefühl der Zusammengehörigkeit, redu-
von Musik auf das Gehirn zurückführen: ziere Konflikte und verstärke das Wohlbe-

27
finden der Einzelnen. Zudem hätten viele Inwiefern Veranlagung den Erfolg eines Tag üben, um Nervenbahnen zu verän-
Studien einen neurologischen und kogni- Musikers beeinflusst und welchen Effekt dern, die verschiedene Teile des Hirns mit-
tiven Zusammenhang zwischen Sprache fleißiges Üben hat, wird seit Jahren in der einander vernetzen. Früh anzufangen
und Musik nachgewiesen. »Für Kinder Forschung diskutiert. In der Tat scheint es lohnt sich also!
scheint die musikalische Kommunikation einen großen Einfluss auf den späteren
beim gemeinsamen Singen mit den Eltern Erfolg als Musiker zu haben, in welchem Übung macht den Meister
wichtig zu sein für die soziale, emotionale Alter man mit dem Üben beginnt – und Dass Übung insgesamt der entscheidende
und kognitive Entwicklung.« insbesondere, wie viele Stunden täglich Faktor für das Können eines Musikers ist,
Besonders spannend ist auch folgendes geübt wird. Frühes Üben erhält die dafür schien bereits eine berühmt gewordene
Ergebnis der Studie von Seither-Preisler benötigten Nervenbahnen, im Gehirn wird Studie des Psychologen K. Anders Ericsson
und Schneider: Schneider hatte bereits ihre Leitfähigkeit verbessert. Ungenutzte von der Florida State University aus dem
2002 die Gehirne erwachsener Musiker un- Nervenbahnen können bis zum Erwachse- Jahr 1993 zu belegen. Er befragte 20-jährige
tersucht und eine vergrößerte heschlsche nenalter unwiederbringlich verschwin- Violinschüler einer Musikakademie, die
Querwindung gefunden. »Bislang wusste den, entsprechende Hirnregionen werden alle bereits mit fünf Jahren mit dem Gei-
man aber nicht, ob das ein Begabungs- oder dünner. So ergab eine Studie des schwedi- genspiel begonnen hatten, wie viele Stun-
ein Trainingseffekt ist«, so Seither-Preisler. schen Karolinska-Instituts 2005, dass die den sie in ihrem Leben wohl zusammenge-
In ihrer aktuellen Untersuchung konnten entsprechenden Nervenstränge von Pia- rechnet geübt hätten. Parallel dazu bat er
die Forscher nun genau verfolgen, wie die nisten umso dicker waren, je mehr sie bis die Fakultät um Auskunft, wie gut die Spie-
Größe dieser Struktur die Übe-Motivation zu einem Alter von elf Jahren geübt hat- ler waren. Die besten Spieler hatten mit 20
der Kinder vorhersagte: Schon bei der ers- ten. Insbesondere die Bahnen einer Regi- Jahren mehr als 10 000 Übungsstunden
ten Messung stellten sie Unterschiede im on, die mit der willentlichen Bewegung angehäuft, jene Spieler, die lediglich »gut«
Volumen fest. Kinder, bei denen diese einzelner Finger assoziiert wird, waren abschnitten, knapp unter 8000 Stunden.
Struktur größer war, entwickelten sich im ausgeprägter als bei Pianisten, die in der Die am wenigsten begabten Schüler hatten
Lauf der Zeit zu motivierteren Musikern. Kindheit weniger oft geprobt hatten. Aber nicht einmal 5000 Stunden auf dem
»Die Kausalität ist also andersherum als auch ob ein Pianist im Jugendalter zwi- Probenkonto. Ericssons Schlussfolgerung:
gedacht«, so die Psychologin: »Wir sehen schen 12 und 16 Jahren noch viel übte, ver- Übung macht den Meister. Intelligenz hin-
hier eher einen Einfluss der Begabung.« änderte die Nervenbahnen – allerdings in gegen sei zweitrangig. Wer in seinem Fach
Oder mutiger gesagt: Man kann musikali- geringerem Umfang. Mit 17 Jahren müs- exzellent werden wolle, müsse eben 10 000
sche Begabung offenbar messen. sen Musiker immerhin vier Stunden am Stunden proben.

28
»Tut uns leid, ihr Streber: Talent zählt!«, insgesamt habe sie eine gute Auffassungs-
titelten dagegen die Psychologen David
Hambrick und Elizabeth Meinz von der Mi-
gabe. Aber es scheint noch andere Faktoren
zu geben, die jemanden zu einem guten
KOMPAKT
chigan State University nach ihrer Studie Musiker machen: Alfred Brendel, einer der
2010, die ergab, dass ein starkes Arbeitsge- größten lebenden Pianisten, spiele bei-
dächtnis bei Pianisten entscheidend für die spielsweise nur sehr mäßig vom Blatt. Viel-
Fähigkeit ist, vom Blatt zu spielen. Ebenso leicht müsse er länger üben, um Stücke
wie die Intelligenz lässt sich auch unser Ar- auswendig zu lernen. »Aber das ist unab-
beitsgedächtnis nur teilweise beeinflussen. hängig von der Kunst.«
Ein kleines bisschen versöhnlicher sind Samuel Mehr, Entzauberer des Mozart-
die Ergebnisse einer weiteren Studie, die Effekts und neben seiner Tätigkeit als For-
Hambrick 2014 zusammen mit Elliot scher selbst Musiker, rät, nicht zu sehr auf
Tucker-Drob von der University of Texas potenzielle Transferleistungen der Musik
veröffentlichte. Die Forscher untersuchten zu schielen, sondern sie als Wert an sich
die Bedeutung von Talent und Übung an- anzuerkennen: »Jede einzelne Kultur auf
hand der Daten von 850 Zwillingspaaren, der Welt macht Musik, es hat etwas mit
die nach ihrem musikalischen Erfolg und dem Menschsein zu tun. Wir unterrich-
ihren Übungsstunden gefragt worden wa- ten Shakespeare in der Schule ja auch
ren. In der Tat spiele die Veranlagung eine nicht deshalb, damit unsere Kinder bes-
große Rolle, so die Erkenntnis der Forscher,
die aber exponentiell mit dem Üben steige.
Wer also ein perfekter Musiker werden wol-
sere Abschlussprüfungen machen, son-
dern weil wir glauben, dass Shakespeare
wichtig ist.« 
ALZHEIMER
Auf den Spuren der Demenz
le, brauche neben Veranlagung eine hohe
Bereitschaft zu üben. (Spektrum.de, 30. März 2016) Pharmakologie | Der lange Weg zum Erfolg
Auch Konzertpianistin Rita Kaufmann Prionenhypothese | Ist Alzheimer ansteckend?
hält die Gabe, gut vom Blatt zu spielen, für Selbsthilfe | Besser leben mit Demenz
weitgehend angeboren. »Das kann man
NAEBLYS / STOCK.ADOBE.COM
nicht trainieren«, so ihre Beobachtung aus FÜR NUR
€ 4, 99
der Praxis. Ihr sei das stets leicht gefallen,
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GEHIRNVOLUMEN

MEHR
IM KOPF von Christian Wolf
Statistisch hängt der IQ eines Menschen zwar durchaus
mit der Größe seines Gehirns zusammen. Dennoch
spielt das reine Volumen dabei nur eine kleine Rolle.

GL ASKOPF: PRILL / GE T T Y IMAGES / ISTOCK; GEHIRN: DANIEL HEIGHTON / GE T T Y IMAGES / ISTOCK;


HIRSE: ALTER_PHOTO / GE T T Y IMAGES / ISTOCK; BE ARBEITUNG/COMPOSING: SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T 30
W
as hat Hirse mit der Um zu testen, ob an der These etwas
Hirngröße zu tun? dran war, begann man in der Folgezeit em- AUF EINEN BLICK
Ganz einfach: Mit dem sig die Schädel von Toten mit Kügelchen zu Nicht allein die
einen kann man das füllen – mit Hirse, Senfkörnern oder Erb-
andere messen. Als sen. Andere Forscher bestimmten den Größe zählt
Neuroanatomen im 19. Jahrhundert ver- Schädelumfang per Metermaß und schlos-
1 Menschen mit einem größeren Gehirn
suchten, die Größe des menschlichen Ge- sen daraus auf die Hirngröße. Charles Dar- sind im Schnitt intelligenter. Der Zusam-
hirns zu berechnen, gab es weder Kernspin- wins Cousin Sir Francis Galton (1822–1911) menhang ist allerdings nur schwach
tomografen noch andere moderne bildge- etwa verglich die Prüfungsergebnisse von ausgeprägt: Im besten Fall erklärt er zehn
bende Verfahren. Also mussten sie sich mehr als 1000 Studenten der University of Prozent der Intelligenzunterschiede
etwas einfallen lassen. Sie versuchten, die Cambridge mit dem Produkt aus Länge, zwischen verschiedenen Personen.
Größe unseres Denkorgans über das Schä- Breite und Höhe der Köpfe. Und tatsäch-
2 Was genau Hirngröße und Denkvermögen
delinnere zu erfassen, doch auch das war lich: Die Schädel der Studenten mit den miteinander verbindet, ist noch unklar.
nicht ganz ohne. Einen Totenschädel mit besten Noten – und somit die Gehirne, fol- Spezielle Hirnbereiche, in denen viel Volu-
Wasser zu füllen und dessen Volumen zu gerte er – waren rund zwei bis fünf Prozent men ausgesprochen förderlich wirkt, konn-
bestimmen, wäre am exaktesten gewesen. größer als die ihrer Kommilitonen. ten Forscher bislang nicht ausmachen.
Aber das Wasser sickerte durch die oft porö- Mit der Entwicklung der Magnetreso-
sen Schädel hindurch. 1837 kam der deut- nanztomografie (MRT) und standardisier- 3 Wahrscheinlich sind tendenziell Menschen
mit besonders vielen Neuronen im Vorteil.
sche Anatom und Physiologe Friedrich Tie- ter Intelligenztests machte die Forschung
Aber auch wie gut die Nervenbahnen
demann (1781–1861) deshalb auf die Idee, einen großen Sprung nach vorne. Die erste isoliert sind, scheint für unsere geistigen
Schädel mit Hirse zu füllen und anschlie- MRT-Studie zu dem Thema berichtete An- Fähigkeiten eine Rolle zu spielen.
ßend die Hirsekörner zu zählen. Er notierte: fang der 1990er Jahre von einem recht be-
»Es gibt ganz unzweifelhaft eine enge Ver- achtlichen Zusammenhang zwischen Hirn-
bindung zwischen der absoluten Größe des größe und IQ, mit einem Korrelationskoef-
Gehirns und dem intellektuellen Vermö- fizienten von rund 0,5. Rechnet man diese
gen und den Funktionen des Geistes.« Zahl um, dann würden Unterschiede in der
Hirngröße rund 25 Prozent der Abweichun-
Christian Wolf ist promovierter Philosoph und gen in der Intelligenz erklären. Doch solche
Wissenschaftsjournalist in Berlin. frühen Studien standen auf statistisch

31
wackligen Füßen, denn die Stichproben fentlichten Studien höher als bei den un- ner, und damit auch ihr Gehirn. »Und
waren sehr klein. Mit den Jahren wuchsen veröffentlichten. Wie groß der Zusammen- wenn sie bei IQ-Tests schlechter abschnei-
die Probandenzahlen – und die Korrelatio- hang nun wirklich ist, mag auf den ersten den, muss das nicht mit der geringeren
nen gingen in den Keller. Metaanalysen, Blick nicht so wichtig erscheinen. Die Be- Größe ihres Gehirns zusammenhängen.«
die systematisch Studien zusammenfass- funde können jedoch zu ideologischen Es könne auch an Umweltfaktoren wie
ten, kamen nur noch auf Werte von 0,3 bis Zwecken missbraucht werden. schlechterer Ernährung und geringerer
0,4. Zudem hatte die Forschung stets mit »Mit dieser Forschung wird seit Jahr- Bildung liegen.
methodischen Problemen zu kämpfen, da- zehnten massiv Politik gemacht«, sagt An- Zudem könnten sich herkunftsabhängi-
runter mit einer verzerrten Publikations- dreas Heinz. Dem Direktor der Klinik für ge Einflüsse wie Ernährung, Gesundheit
praxis: Herausgeber von Fachzeitschriften Psychiatrie und Psychotherapie an der und Bildung auf Hirngröße und Intelligenz
bevorzugen Studien, die große, statistisch Berliner Charité hört man eine gehörige auswirken und so den Zusammenhang
signifikante Effekte zeigen. Weniger ein- Portion Ärger an. »Man hat versucht, die zwischen ihnen verstärken – ohne dass sie
deutige Ergebnisse verschwinden infolge- Menschen in Rassen einzuteilen und ih- kausal miteinander verbunden wären. Um
dessen eher in der Schublade. nen verschieden hohe IQ-Werte und Hirn- nicht in diese Falle zu tappen, kontrollier-
größen zugewiesen.« Schon der Pionier ten Forscher um Gideon Nave von der Uni-
Für ideologische Zwecke missbraucht Francis Galton bemühte sich zu beweisen, versity of Pennsylvania für eine Untersu-
Der Psychologe Lars Penke von der Univer- dass sich anhand von Schädelgrößen In- chung von 2018 mittels Genanalysen die
sität Göttingen und seine Kollegen haben telligenzunterschiede zwischen Rassen Herkunft ihrer Probandinnen und Proban-
sich daher intensiv bemüht, auch der nicht aufzeigen lassen. Nicht selten thronten die den. Auch sonst war ihre Studie in vielerlei
publizierten Studien habhaft zu werden. »Weißen« nicht nur bei der Größe des Ge- Hinsicht vorbildlich. Sie griffen auf biolo-
Sie fanden in einer 2015 veröffentlichten hirns, sondern ebenfalls bei der Intelligenz gische Proben und Daten von mehr als
Übersichtsarbeit einen eindeutigen Effekt, ganz oben, und die »Schwarzen« fanden 13 600 Menschen aus einer britischen Bio-
der sich unabhängig vom Alter und bei bei- sich am ganz unteren Ende wieder. Doch datenbank zurück. Zusätzlich kontrollier-
den Geschlechtern nachweisen ließ. Aller- wenn man sich weltweit den Zusammen- ten sie den Einfluss möglicher anderer Fak-
dings fiel er mit einer Korrelation von 0,24 hang zwischen Hirngröße und Leistungen toren wie Geschlecht, Alter, Körpergröße
noch einmal kleiner aus als in vorangegan- in Intelligenztests anschaue, gebe es fol- und den sozioökonomischen Status der
genen Metaanalysen. Der Verdacht von gendes Problem, so Heinz: Menschen, die Probanden. Trotz der strengen Kriterien
Penke und seinen Kollegen bestätigte sich: beispielsweise nahe den Tropen lebten, stießen sie immerhin noch auf eine Korre-
Die statistischen Werte lagen bei den veröf- seien meist von der Körpergröße her klei- lation von 0,19.

32
Dass die Studie von Nave und seinen Der Sitz der geistigen Fähigkeiten
Kollegen auf einen solch kleinen Wert Doch bei näherem Hinsehen ist gar nicht Kurz erklärt:
kommt, wundert den Göttinger Psycholo- so klar, inwieweit mehr Neurone eine hö-
gen Lars Penke nicht. Denn die britische here Intelligenz erklären können. Zwar Korrelation
Biodatenbank hatte lediglich die fluide In- weiß man aus dem Vergleich vieler biolo-
Der Korrelationskoeffizient gibt an, wie
telligenz der Teilnehmer gemessen – also gischer Arten, dass mehr Hirnmasse im eng zwei kontinuierliche Variablen sta-
die Fähigkeit der Probanden, logisch zu Schnitt mit höherer geistiger Leistungsfä- tistisch gesehen zusammenhängen.
denken und Probleme zu lösen – und keine higkeit einhergeht. »Aber ob sich solche Besteht überhaupt kein Zusammen-
standardisierten IQ-Tests durchgeführt. Speziesunterschiede auf Vergleiche inner- hang, ist die Korrelation (r) gleich null.
»Als das Team um Nave die schlechte Mess- halb der menschlichen Art übertragen las- Ein Wert von +1 bedeutet, dass die zwei
Größen sich exakt proportional zueinan-
qualität kontrollierte, kamen sie auf ähnli- sen, ist vollkommen fraglich«, sagt Penke.
der verhalten: Steigt der Wert der einen,
che Werte wie wir in unserer Metaanalyse: Bei Menschen verfügen Männer im Schnitt
so wächst die andere im gleichen Maß.
um die 0,24.« Trotz aller Herausforderun- über zehn Prozent größere Gehirne als Beträgt die Korrelation −1, verändern
gen, methodischer Probleme und politi- Frauen – rund 130 Gramm, was einer hal- sich die beiden Variablen ebenfalls
scher Verirrungen: »Der Zusammenhang ben Packung Butter entspricht. »Sie sind perfekt proportional zueinander, aber in
zwischen Hirngröße und Intelligenz ist ro- jedoch, was den IQ oder die allgemeine In- entgegengesetzte Richtungen. Wie der
bust und hat 200 Jahre der Forschung über- telligenz angeht, nicht schlauer.« Intelligenzforscher Richard Nisbett
beispielhaft erläutert, korrelieren Kör-
dauert«, sagt Penke. Forscher versuchen immer stärker ein-
pergröße und Gewicht ungefähr mit r =
Schaut man sich einzelne Aspekte der zugrenzen, in welchen Hirnwindungen 0,7, Intelligenzquotient und Einkommen
Hirngröße im Detail an, scheint die graue mehr Masse gleichzeitig mehr Köpfchen mit r = 0,3. Über Ursache und Wirkung
Substanz der Hirnrinde und damit die An- bedeutet. Mit Hilfe einer MRT-Methode, sagt eine Korrelation nichts aus: Wenn
zahl der Neurone am stärksten mit Intelli- der voxelbasierten Morphometrie, prüfen zwei Merkmale statistisch zusammen-
genz zu korrelieren. »Möglicherweise bie- sie beispielsweise akribisch Bildpunkt für hängen, liegt das oft daran, dass sie
ten mehr Neurone einfach mehr Möglich- Bildpunkt das Hirnvolumen auf Anteile eine gemeinsame Ursache haben, also
von derselben dritten Größe beeinflusst
keiten, kognitive Netzwerke zu knüpfen«, von grauer oder weißer Substanz. Auf die-
werden. So könnten IQ und Einkommen
vermutet Lars Penke. »Es ist ein bisschen se Weise finde man Korrelate der Intelli- zum Beispiel beide vom Elternhaus,
wie beim Lego – mit mehr Steinen hat man genz vor allem in Arealen des Kortex, aber etwa dem Bildungsgrad von Mutter und
mehr Möglichkeiten, die richtige Lösung auch in den Basalganglien, sagt die Psy- Vater, abhängen.
für ein Problem zusammenzubauen.« chologin Ulrike Basten von der Universität

33
Frankfurt. Offenbar steige die Intelligenz se verlässlich und schnell Informationen men, die Dicke der Hirnrinde und die Struk-
mit der Zahl der Nervenzellen in Hirnrin- übermitteln. tur der weißen Substanz –, machen sie
de und Basalganglien. »Das leuchtet inso- Bei Korrelationen von 0,2 bis 0,3 kön- Schätzungen zufolge insgesamt rund 20
fern ein, als man den Basalganglien in Sa- nen die Unterschiede im Volumen höchs- Prozent der Unterschiede in der Intelligenz
chen Informationsverarbeitung eine Fil- tens zehn Prozent der Unterschiede in der aus. Um die verbleibenden 80 Prozent zu
terfunktion zuschreibt.« Intelligenz erklären. Die Hirngröße spielt erklären, wird es noch viel Hirnschmalz
Nach der in den Neurowissenschaften beim Thema Intelligenz demnach nur eine und mehr als ein paar Schädel voll Hirse
populären »parieto-frontalen Integrati- untergeordnete Rolle. Die Verbindungen brauchen. 
onstheorie« sind für die Intelligenz vor al- zwischen Nervenzellen entscheiden darü-
lem Areale im Scheitellappen und im Fron- ber, welche Information leicht wohin ge- (Gehirn&Geist, 8/2019)
tallappen wichtig. Allerdings fanden Ulri- langt und wohin nicht, sagt Ulrike Basten: Basten, U. et al.: Where smart brains are different: A quanti-
ke Basten und ihre Kollegen in einer »Beides ist wichtig für die Informations- tative meta-analysis of functional and structural brain ima-
Metaanalyse 2015 kein eindeutiges Mus- verarbeitung, die unseren Denkleistungen ging studies on intelligence. Intelligence 51, 2015
ter. »Von daher kann man meiner Mei- zu Grunde liegt.« Dabei kommt es auch da- Nave, G. et al.: Are bigger brains smarter? Evidence from a
nung nach derzeit nur sagen, dass wohl rauf an, wie stark die Nervenfasern mit My- large-scale preregistered study. Psychological Science,
das Volumen der grauen Substanz im Kor- elin ummantelt, also elektrisch isoliert 2018
tex mit Intelligenz zusammenhängt«, so sind, weil das die Übertragung der Infor- Pietschnig, J. et al.: Meta-analysis of associations between
Basten. »Man kann den Zusammenhang mationen beschleunigt. human brain volume and intelligence differences: How
nicht sicher auf bestimmte Regionen der Und nicht zuletzt fällt ins Gewicht, wie strong are they and what do they mean? Neuroscience &
Hirnrinde eingrenzen.« gesund die grauen Zellen sind. Denn selbst Biobehavioral Reviews 57, 2015
Bei der weißen Substanz, den Millionen bei Menschen, die keine Beschwerden ver- Ritchie, S. J. et al.: Beyond a bigger brain: Multivariable
von Nervenfaserverbindungen zwischen spüren, findet man immer wieder Läsio- structural brain imaging and intelligence. Intelligence 51,
den Hirnregionen, kommt es offenbar we- nen oder Mikroblutungen, nachweisbar 2015
niger auf die Masse an. »Wenn man mehr unter anderem durch Eisenablagerungen. Willerman, L. et al.: In vivo brain size and intelligence.
Kabel zwischen elektrischen Geräten »Das kann sich negativ auf die Intelligenz Intelligence 15, 1991
spannt, dann ist die Übertragung nicht auswirken«, sagt Lars Penke. Nimmt man
besser«, erläutert Lars Penke. Entschei- diverse Unterschiede zusammen, die im
dend sei vielmehr, dass die richtigen Ver- Hirnscan sichtbar werden – neben besag-
bindungen geknüpft werden und dass die- ten Schäden unter anderem das Hirnvolu-

34
MATHEMATIK

WIE ZAHLENKÜNSTLER

DENKEN
von Janosch Deeg
Das Gehirn eines Zahlenprofis
arbeitet anders als das von
Nichtmathematikern. Lässt
sich an Hirnscans ablesen,
welches Kind über ein beson-
deres Rechentalent verfügt?

JOLYGON / STOCK.ADOBE.COM
35
G
rigorij Perelman gilt als ei- Wenn Sie schon beim Lesen dieser Sätze
ner der größten Mathema- nur noch Bahnhof verstehen, dann befin- AUF EINEN BLICK
tiker der Gegenwart. Im Jahr den Sie sich vermutlich in guter Gesell-
2002 gelang dem intelli- schaft: Selbst mit ausführlicher Erklärung
In den Köpfen
genten Russen, was noch dürfte sich die Poincaré-Vermutung der der Superrechner
niemand zuvor geschafft hatte: Er lieferte Vorstellungskraft der allermeisten Men-
1 Matheprofis nutzen beim Lösen von
den Beweis für die so genannte Poincaré- schen entziehen. Nicht einmal professio-
Rechenaufgaben zum Teil andere
Vermutung. Die hatte der französische Ma- nelle Mathematiker können solche Objek- Hirnregionen als Menschen mit eher
thematiker und Physiker Henri Poincaré te wirklich im Geiste erfassen – und den- durchschnittlichem Zahlentalent.
bereits 1904 aufgestellt, konnte sie aber noch schaffen sie es über Umwege, diese
nicht belegen. Das Clay Mathematics Insti- mit Hilfe von Formeln zu beschreiben. 2 Das Gehirn von Nichtmathematikern
tute (CMI) in Cambridge, Massachusetts, Doch warum gelingt es manchen, nahe- zeigt bei der Bewertung von komplexen
zählte die Hypothese bis zu Perelmans Be- zu spielerisch komplexe mathematische Gleichungen ähnliche Aktivitätsmuster wie
bei Nonsenssätzen. Höhere Mathematik
weis zu den sieben bedeutendsten unge- Konzepte nachzuvollziehen, während an-
betrachtet es also mehr oder weniger als
lösten mathematischen Problemen. Für dere schon bei der Zinsrechnung ins Strau- Kauderwelsch.
die Lösung dieser »Millennium-Probleme« cheln geraten? Diese Frage hat auch Neuro-
lobte das Institut sogar jeweils eine Million wissenschaftler in den vergangenen Jahren 3 Anhand von Unterschieden im Volumen
US-Dollar als Preisgeld aus. zunehmend beschäftigt. Sie wollten her- der grauen Substanz lässt sich schon
Die Poincaré-Vermutung handelt von ausfinden, ob sich die Unterschiede im bei Achtjährigen eine Tendenz erkennen,
wie souverän sie später einmal mit Zahlen
Beziehungen unter so genannten dreidi- Umgang mit Zahlen und Gleichungen auf
umgehen werden.
mensionalen Mannigfaltigkeiten. Hinter neuronaler Ebene ebenfalls zeigen – und
der Bezeichnung verbergen sich abstrakte ob die Hirne mancher Menschen vielleicht
Gebilde, deren umgebender Raum min- einfach besser dafür gerüstet sind.
destens vier Dimensionen haben muss. Bereits 2001 versuchten Forscher, dem
Geheimnis so genannter Blitzrechner auf
Janosch Deeg ist promovierter Physiker und Wissen- die Spur zu kommen. Solche Personen kön-
schaftsjournalist in Heidelberg. Mathe fiel ihm in der nen auch sehr komplexe Berechnungen
Schule immer leicht. Das war jedoch mit dem Beginn
des Studiums vorbei: Hier half nur noch ausdauerndes extrem schnell im Kopf ausführen. Um zu
Büffeln. durchschauen, was dabei im Gehirn pas-

36
siert, bat ein Team um Mauro Pesenti von
der Université catholique de Louvain in Rechenzentrum im Kopf
Belgien den deutschen Mental- und Re-
Sulcus intraparietalis
chenkünstler Rüdiger Gamm ins Labor. präfrontaler
Dessen Hirnaktivität beobachteten die For- Kortex
scher mit Hilfe der Positronenemissions-
tomografie (PET), während er Multiplikati-
onsaufgaben löste. Die Daten verglichen
sie anschließend mit denen von durch-
schnittlich begabten Kopfrechnern. Gamm
verfügt neben seinen außergewöhnlichen
Rechenfähigkeiten auch über ein extrem
gutes Gedächtnis, mit dem er sich etwa die
Zahl Pi auf tausende Nachkommastellen
genau einprägte – und genau das scheint
den entscheidenden Unterschied im Hin-
blick auf sein Rechentempo zu machen,
Gyrus temporalis
wie die Ergebnisse von Pesenti und Kolle- inferior
gen nahelegen.

Ungewöhnliche Gedächtnisstütze
Kleinhirn
So nutzten alle anderen Probanden beim
Bewältigen von Aufgaben wie »76 mal 68«
Areale in beiden Hirnhälften, die mit visu- RECHENZENTRUM IM KOPF
ellen Reizen, dem Arbeitsgedächtnis und Rechenprofis aktivieren beim Lösen von komplexen Matheaufgaben ein
der Multiplikation und Addition von Zah- Netzwerk, das unter anderem aus dem Sulcus intraparietalis sowie aus
len assoziiert sind. An Letzterem sind zum Bereichen des Gyrus temporalis inferior, des präfrontalen Kortex und des

YOUSUN KOH
Beispiel verschiedene Regionen des Stirn- Kleinhirns besteht. Bei Mathelaien taucht dieses Muster nicht auf.
und des Scheitellappens wie der Gyrus

37
praecentralis und der Sulcus intraparieta- vom Collège de France in Paris. Die For-
lis beteiligt. Gamm griff neben diesem scher schoben an Stelle von Kopfrechen- Kurz erklärt:
»Standardnetzwerk« aber offenbar auch genies professionelle Mathematiker und
noch auf sein episodisches Gedächtnis zu- als Kontrollgruppe andere Akademiker in Positronenemissionstomografie
rück. Das ermöglichte es ihm in den Augen den Hirnscanner und untersuchten deren Die Positronenemissionstomografie (PET)
ist ein bildgebendes Verfahren, das mit
der Forscher, die Zwischenergebnisse sei- Gehirn mit Hilfe der funktionellen Mag-
Hilfe schwach radioaktiver Substanzen, so
ner Multiplikationen wesentlich effizien- netresonanztomografie (fMRT). Dann
genannter Tracer, Stoffwechselvorgänge
ter zu speichern und wieder abzurufen. konfrontierten sie ihre Probanden mit im Körper sichtbar macht.
Die anderen Teilnehmer legten solche mathematischen und nichtmathemati-
Zwischenlösungen dagegen ausschließlich schen Aussagen, welche die Teilnehmer Graue Substanz
im Kurzzeitspeicher ab, passten sie zwi- als richtig, falsch oder sinnfrei einstufen So bezeichnen Wissenschaftler jene Berei-
schendurch an und löschten sie anschlie- sollten. che des Zentralnervensystems, die haupt-
sächlich aus den Zellkörpern von Neuro-
ßend wieder, was ein vergleichsweise auf- Im Kopf der Matheprofis wurde beim
nen bestehen. Die weiße Substanz
wändiger Prozess ist. Dass Rüdiger Gamm Lösen der Aufgaben – egal ob es dabei um umfasst dagegen vor allem die Nervenzell-
auch komplexe Rechenaufgaben in Sekun- Algebra, Geometrie oder andere Mathebe- fortsätze (Axone).
denschnelle lösen kann, ist demnach also reiche ging – ein bilaterales Netzwerk aktiv,
vermutlich nicht dem Umstand geschul- das aus Regionen des Frontal-, Scheitel-
det, dass typische Rechenprozesse bei ihm und Schläfenlappens sowie aus Bereichen
einfach schneller ablaufen. Stattdessen des Kleinhirns bestand. Im Fall von Aussa-
scheint sein Gehirn schlicht eine bessere gen ohne Mathebezug blieb das Netzwerk
Strategie zu nutzen. dagegen stumm. Bei den Mathelaien konn-
Zugegeben: Rüdiger Gamm ist ein ext- ten die Wissenschaftler dieses Muster inte-
remes Beispiel. Doch Unterschiede in der ressanterweise nicht ausmachen. Ihr Hirn
Art und Weise, wie das Gehirn mit man- reagierte auf die komplexen mathemati-
chen Mathematikaufgaben umgeht, las- schen Zusammenhänge mit ähnlicher Ak-
sen sich bereits bei einem Vergleich zwi- tivität wie auf Nonsenssätze, die nichts mit
schen Laien und »normalen« Matheprofis Gleichungen und Formeln zu tun hatten.
finden. Das zeigte 2016 ein Versuch von Man könnte also sagen: Für das Gehirn von
Marie Amalric und Stanislas Dehaene Nichtmathematikern klingt höhere Ma-

38
thematik im wahrsten Sinne des Wortes Regionen befand sich etwa der Sulcus in- tere war bei Rechenexperten vor allem im
wie Kauderwelsch. traparietalis, der sich auch in Pesentis Kopf- Stirn- und Scheitellappen besonders dicht
Die Ergebnisse von Amalric und Dehae- rechentest regte – obwohl die beiden For- gepackt.
ne liefern zusätzlich wichtige Anhalts- scher bewusst Aussagen für ihren Versuch Aydin und Kollegen gehen davon aus,
punkte zu einer Streitfrage, die schon lan- ausgewählt hatten, in denen gar keine kon- dass das in erster Linie einem Trainingsef-
ge unter Wissenschaftlern brodelt: Inwie- kreten Zahlen vorkamen. Mit jenen Regio- fekt geschuldet ist: Weil die höhere Dichte
fern hat unser Mathematikverständnis nen, die typischerweise mit Sprache und der grauen Substanz vor allem jene Areale
mit Sprache zu tun? Die einen vermuten, verbaler Semantik in Verbindung stehen, betrifft, die mit mathematischem Denken
das Verstehen von Sprache und einer kom- überlappte sich das Muster der Hirnaktivi- in Zusammenhang stehen, vermuten sie,
plexen Grammatik sei die eigentliche tät dagegen kaum. Die Wissenschaftler dass das Gehirn der Matheprofis dort nach-
Grundvoraussetzung dafür, dass sich schließen daraus, dass Sprachareale am gerüstet hat, wo es besonders häufig bean-
beim Menschen der Umgang mit Zahlen mathematischen Denken höchstens mini- sprucht wird. Ähnliche Effekte kennt man
und Gleichungen entwickeln konnte – erst mal beteiligt sind – und dass sich auch das bereits aus Studien mit Musikern oder Ta-
recht, wenn es um höhere Mathematik höhere mathematische Verständnis eher xifahrern. Ihr Gehirn organisiert sich durch
geht, die mit simplem Kopfrechnen nicht aus einem sehr rudimentären Sinn für Zah- jahrelanges Üben irgendwann so um, dass
mehr viel zu tun hat. Andere halten wie- len entwickelt hat, wie ihn manche Tiere es Aufgaben der Feinmotorik beziehungs-
derum eher nonverbale Prozesse für es- bereits besitzen. weise des Ortsgedächtnisses nahezu per-
senziell, etwa die Verarbeitung von Grö- Die Hirnregionen aus Amalrics und De- fekt beherrscht. Entsprechend stieß das
ßenverhältnissen und Mengen sowie das haenes Studie liegen in jenen Bereichen, in Team um Aydin bei seinen Matheexperten
Erfassen des Raums. denen Matheprofis zudem über eine höhe- auch auf einen eindeutigen Zusammen-
re Dichte an grauer Substanz zu verfügen hang zwischen der Zeit, die jene bereits im
Ein Sinn für Zahlen scheinen. Diesen Volumenunterschied ent- akademischen Umfeld zugebracht hatten,
Wer hat nun Recht? Die Hirnbereiche, wel- deckten bereits im Jahr 2007 Wissenschaft- und der Dichte der grauen Substanz im Be-
che Rechenprofis in Amalrics und Dehae- ler um Kubilay Aydin von der Universität reich des rechten Scheitellappens.
nes Studie zum Lösen der Aufgaben nutz- Istanbul. Die Forscher hatten professionel- Trainingseffekte spielen sehr wahr-
ten, sind jedenfalls nicht auf Sprache spe- le Mathematiker sowie eine Kontrollgrup- scheinlich auch bei den funktionellen Un-
zialisiert, sondern zumindest teilweise pe bestehend aus Medizinern und Philoso- terschieden zwischen den Gehirnen von
darauf, ein Verständnis für Mengen und phen in den Hirnscanner gelegt und deren Matheexperten und Laien eine wichtige
Raum herzustellen. Unter den aktivierten weiße und graue Substanz verglichen. Letz- Rolle. Dass es zudem bestimmte neuronale

39
Merkmale geben könnte, die schon sehr hatte, damals übrigens nicht angenom-
früh festlegen, wie talentiert wir im Um-
gang mit Zahlen sind, legt eine Studie von
men. Auch die Fields-Medaille, die sozusa-
gen als der Nobelpreis für Mathematik gilt
KOMPAKT
Forschern um die Neuropsychologin Ta- und die Perelman 2006 als Auszeichnung
nya Evans nahe. Die Wissenschaftler von für seine Leistung verliehen werden sollte,
der Stanford University untersuchten 2015, lehnte er ab. Er wollte nicht einmal eine
ob man anhand der Gehirnstruktur von detaillierte Herleitung für seinen Beweis
Kindern bereits vorhersagen kann, wie sich in einem renommierten Fachmagazin pu-
deren Rechenkünste in Zukunft wohl ent- blizieren. Das taten an seiner statt dann
wickeln werden. Dabei entdeckten sie, dass andere Wissenschaftler. Was wirklich im
ein größeres Volumen der grauen Substanz Kopf so mancher großer Zahlenkünstler
im Alter von acht Jahren in verschiedenen vor sich geht, bleibt wohl weiterhin ein
Kortexregionen tatsächlich mit den späte- Rätsel. 
ren mathematischen Fähigkeiten zusam-
menhing. Welche Fortschritte die Kinder DES RÄTSELS
LÖSUNG
im Lesen machten, war dagegen unabhän-
gig von den Ergebnissen. (Gehirn & Geist, Februar 2017)
Die Forscher hoffen, dass ihre Erkennt- Amalric, M., Dehaene, S.: Origins of the Brain Networks for
nisse eines Tages dazu dienen, möglichst Advanced Mathematics in Expert Mathematicians. In: Pro-
frühzeitig Kinder mit einem Risiko für Ma- ceedings of the National Academy of Science USA 113, S. Mathematische Beweise
theprobleme aufzuspüren: Dann könnte 4909–4917, 2016 und ihre Entdecker
man bei ihnen bereits in jungen Jahren mit Aydin, K. et al.: Increased Gray Matter Density in the Parie-
Fördermaßnahmen gegensteuern. Umge- tal Cortex of Mathematicians: A Voxel-Based Morphometry Gruppentheorie | Rettung des Riesentheorems
kehrt sollte es dann auch gelingen, Kinder Study. In: American Journal of Neuroradiology 28, S. 1859– Polygone | Das Ende der Fünfecksaga
mit einem ausgeprägten Mathetalent aus- 1864, 2007 Zahlentheorie | Von Unendlichkeit
findig zu machen und zu fördern. Evans, T. M. et al.: Brain Structural Integrity and Intrinsic
zu Unendlichkeit
Grigorij Perelman hat die eine Million Functional Connectivity Forecast 6 Year Longitudinal
US-Dollar, die das Clay-Institut für den Be- Growth in Children’s Numerical Abilities. In: The Journal of TEPUNQT / GETTY IMAGES / ISTOCK FÜR NUR
€ 4, 99
weis der Poincaré-Vermutung ausgelobt Neuroscience 35, S. 11743–11750, 2015
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STEREOTYPE

Die Geniefalle
von Andrei Cimpian und Sarah-Jane Leslie
In manchen Fächern gilt ein überragender
Intellekt als entscheidend für die Karriere.
Wegen hartnäckiger Vorurteile haben Frauen
an den Hochschulen dann oft das Nachsehen.

UNSPL ASH / LUCREZIA CARNELOS


41
Z
u Beginn der 1980er Jahre war beiden Fächern höchst unterschiedliche
unter amerikanischen Philoso- Erfolgskriterien. Philosophen legen größ- AUF EINEN BLICK
phen oft die Rede von »The ten Wert auf das persönliche Auftreten,
Beam« – einem Strahl intellek- am besten als schillernder Superstar mit
Wie wichtig ist ein
tueller Brillanz, der die kom- herausragenden geistigen Fähigkeiten. brillanter Geist?
pliziertesten philosophischen Rätsel zu er- Hingegen glauben Psychologen eher, die
1 In Studienfächern, deren Vertreter eine
hellen vermochte. Nur wenige Denker sei- führenden Köpfe des Fachs hätten ihren
herausragende intellektuelle Begabung oft
en mit dieser Gabe ausgestattet, und ihr Status durch harte Arbeit und Erfahrung für notwendig erachten, promovieren in
Werk repräsentiere den Maßstab für geis- erworben. den USA besonders wenige Frauen und
tiges Gelingen. Wem der Glanz fehle, der Zunächst sahen wir in der Geniebeses- Afroamerikaner.
sei auf ewig dazu verdammt, im Schatten senheit der Philosophen nur eine Marotte,
zu stehen. ein bisschen seltsam, aber harmlos. Für 2 Obwohl angeborene kognitive Fähigkeiten
Das Thema kam jedes Mal zur Sprache, Leslie stand vielmehr im Vordergrund, dass nachweislich nicht von Geschlecht oder
Ethnie abhängen, schreibt man diesen
wenn wir beide uns bei einer Konferenz ihr Fach keine Anziehung auf Frauen und
zwei Gruppen seltener außerordentliche
trafen. Wir hatten zwar unterschiedliche Minderheiten auszuüben schien. Trotz al- Intelligenz zu.
Fächer studiert (Leslie Philosophie, Cimpi- ler Versuche, das Blatt zu wenden, waren in
an Psychologie), bearbeiteten aber ähnli- den Vereinigten Staaten bloß 30 Prozent 3 Vorurteile entmutigen offenbar sowohl
che Themen. Also tauschten wir uns regel- aller anno 2015 in Philosophie promovier- Frauen als auch Schwarze, eine akademi-
mäßig über unsere Erfahrungen im jewei- ten Personen weiblich, und Afroamerika- sche Karriere in Fächern wie Mathematik
oder Physik anzustreben, die als Voraus-
ligen Fachgebiet aus. Psychologie und ner beiderlei Geschlechts stellten sogar nur
setzung einen scharfen Geist betonen.
Philosophie haben dieselben Wurzeln; bis ein Prozent der promovierten Philoso-
ins 19. Jahrhundert war die Psychologie phen. Ganz anders die im selben Jahr ver-
eine philosophische Teildisziplin. Den- liehenen Doktorgrade in Psychologie: 72
noch galten unseren Eindrücken nach in Prozent Frauen und immerhin sechs Pro-
zent Afroamerikaner – womit Letztere je-
doch noch immer stark unterrepräsentiert
Andrei Cimpian ist Assistenzprofessor für Psychologie waren.
an der New York University. Sarah-Jane Leslie lehrt als
Professorin für Philosophie an der Princeton University Aus der Diskrepanz wurden wir einfach
im US-Bundesstaat New Jersey. nicht schlau. Unsere Fächer haben so viel

42
gemeinsam – beide fragen, wie Menschen harren auf einem scharfen Intellekt als brillantem Geist mit Männlichkeit Frauen
die Welt wahrnehmen und begreifen, wie Eintrittsvoraussetzung in ein spezielles davon abschreckt, ein wissenschaftliches
sie zwischen richtig und falsch unterschei- Gebiet praktisch gleichbedeutend mit ei- Gebiet zu betreten, in dem diese Qualität
den, wie sie Sprache lernen und gebrau- nem Verbotsschild für jeden Neuling, der einen hohen Stellenwert genießt. Außer-
chen, und so weiter. Selbst die wenigen Un- anders aussieht als die drinnen? dem dürften die bereits etablierten Mit-
terschiede, beispielsweise die Anwendung Auf den ersten Blick wirkt die Betonung glieder eines solchen Felds Männer und
von Statistik und randomisierten Experi- der Intelligenz nicht diskriminierend, Frauen unterschiedlich einschätzen und
menten in der Psychologie, verwischen denn nach wissenschaftlichem Kenntnis- sie deshalb nicht gleichermaßen unter-
sich, seit die so genannte experimentelle stand hängen kognitive Fähigkeiten weder stützen. Dasselbe gilt für die ethnische Zu-
Philosophie ebenfalls Befragungen und von sexueller noch von ethnischer Zuge- gehörigkeit: In den USA haben Afroameri-
Versuchsanordnungen verwendet, um hörigkeit ab. Philosophen erstreben eine kaner seit jeher als intellektuell unterle-
Themen wie Moral und Willensfreiheit zu bestimmte Geisteshaltung, unabhängig gen gegolten, was sich natürlich verstärkt
erforschen. Wie können derart eng ver- davon, wem der Geist gehört. Diese schein- in einem Bereich auswirkt, der großen
wandte Gebiete so unterschiedliche Perso- bar selbstverständliche Präferenz wird al- Wert auf geistiges Brillieren legt. Ange-
nenkreise anziehen? lerdings sofort zum Problem, wenn be- sichts dieser Stereotype, für die es keine
stimmte Stereotype ins Spiel kommen, die wissenschaftliche Begründung gibt, lag
Scharfer Intellekt als Eintrittskriterium einen überlegenen Intellekt fälschlicher- der Verdacht nahe, dass der unter Philoso-
Unser gemeinsames Aha-Erlebnis hatten weise primär mit gewissen Gruppen asso- phen verbreitete Geniekult die sexuelle
wir vor einigen Jahren. Am Rand einer Kon- ziieren – zum Beispiel mit männlichen und ethnische Vielfalt der ganzen Diszi-
ferenz aßen wir mit einer Gruppe von Phi- Weißen. plin negativ beeinflusst.
losophen und Psychologen zu Abend, und Selbst unter den an jenem Abend anwe- Wir überlegten dann, ob das auch für
zufällig kamen kurz hintereinander der senden Akademikern war zu hören, dass andere Fachgebiete gilt. Unter Akademi-
Geniekult der Philosophen und der unter Männer und Frauen einfach verschieden kern ist generell viel von Brillanz die Rede,
ihnen herrschende Frauenmangel zur dächten. Frauen seien praktischer und re- vor allem in Fächern wie Naturwissen-
Sprache. Das brachte uns erstmals auf die alistischer, während Männer eher zu je- schaft, Technik, Ingenieurwissenschaft
Idee, zwischen beidem bestehe ein Zusam- nem spekulativen, abstrakten Räsonieren und Mathematik, in denen die Diversität
menhang. Wir fragten uns, ob geistige Be- neigten, das nun einmal als Zeichen philo- ebenfalls zu wünschen übrig lässt. Verriet
gabungen bei Frauen und Afroamerika- sophischer Brillanz gelte. Wir begannen unser eher zufälliger Vergleich von Philo-
nern leichter übersehen werden. Ist das Be- uns zu fragen, ob die Gleichsetzung von sophie und Psychologie gar etwas über den

43
80 Kunstgeschichte promovierte Frauen
Psychologie Sozial- und Geisteswissenschaften
Pädagogik Naturwissenschaften, Mathematik,
70 Technik
Kommunikationsforschung
Prozentsatz aller Promotionen pro Fach in den USA 2011

Soziologie Spanisch Literaturwissenschaft


60 Anthropologie
Komparatistik
Linguistik
Linguistics
Molekularbiologie vorwiegend Frauen
Archäologie
50 Neurowissenschaft Evolutionsbiologie Gleichstand

Geschichte Biochemie vorwiegend Männer


Statistik Altphilologie
40 Politologie
Orientalistik
Chemie
Geologie

GENDER DISTRIBUTIONS ACROSS ACADEMIC DISCIPLINES. SCIENCE 347, 2015 / SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2017
Wirtschaft Philosophie
30 promovierte Afroamerikaner
(beiderlei Geschlechts) Astronomie Mathematik
Sozial- und Geisteswissenschaften Technik
20 Naturwissenschaften, Mathematik, Technik Informatik
Neuro- Molekular- Physik Kompositionslehre

JEN CHRISTIANSEN, NACH: LESLIE, S.-J. E T AL.: E XPECTATIONS OF BRILLIANCE UNDERLIE


wissenschaft biologie Statistik
10 Pädagogik Chemie Biochemie
Psychologie Technik
Physik Mathematik Philosophie
Geologie
0
Evolutionsbiologie Astronomie Informatik

geringere Betonung brillanter Begabung stärkere Betonung brillanter Begabung

3,2 3,7 4,2 4,7 5,2


fachspezifisches Brillanz-Betonungsmaß

Wie akademische Stereotype Frauen und Minderheiten diskriminieren


Eine Befragung von fast 2000 Akademikern aus 30 Fachgebieten erhob, wie sehr sie glaubten, dass intellektuelle Brillanz für Erfolg in ihrer Disziplin
ausschlaggebend sei. In Fächern wie Physik, Mathematik und Philosophie, in denen besonders großer Wert auf Genialität gelegt wurde, gab es in den
USA weniger Promotionen von Frauen und Afroamerikanern als etwa in Neurowissenschaft oder Psychologie, wo Brillanz eine geringere Rolle spielte.
Die Ergebnisse zeigen, dass Genie vorwiegend weißen Männern zugetraut wird.

44
Mangel an Frauen und Minoritäten in be- schaft hält, vertritt gemäß Dwecks Termi- bination mit gängigen Vorurteilen über
stimmten Disziplinen? nologie einen »starren Denkstil« (fixed die geringere geistige Begabung ganzer
Vielleicht konnte unsere Brillanz-Hypo- mindset): Die Person will ihr Talent bewei- Menschengruppen kann dies Frauen und
these ja erklären, warum die geschlechtli- sen und keine Fehler machen, welche die Afroamerikanern leicht zum Nachteil ge-
che und ethnische Diskriminierung so Grenzen ihrer Begabung sichtbar machen raten. Immerhin nimmt man Fehler und
deutlich variiert, wenn man unterschiedli- würden. Wer hingegen einen »wachstums- Mängel bevorzugt dort wahr, wo man sie
che akademische Fächer betrachtet. Bei- orientierten Denkstil« (growth mindset) von vornherein erwartet.
spielsweise gibt es fast 50 Prozent weibli- vertritt, sieht seine aktuelle Fähigkeit als
che Promovierte in Biochemie, aber in or- eine formbare Größe, die sich im Prinzip Karriere aus der Binnenperspektive
ganischer Chemie nur etwas mehr als 30 durch Anstrengung und geschickten Ein- Gemeinsam entwickelten wir einen Plan,
Prozent. Die Differenz lässt sich weder satz steigern lässt. Für eine solche Person um unsere Ideen zu testen. Wir wollten
durch die recht ähnlichen Forschungsin- sind Fehler kein Verhängnis, sondern wert- Akademiker aus vielen verschiedenen Dis-
halte erklären noch durch die Geschichte, volle Signale, die anzeigen, an welchen Fer- ziplinen fragen, ob der Erfolg in ihrem Fach
denn die Biochemie trennte sich von der tigkeiten sie noch arbeiten muss. ein außerordentliches intellektuelles Ta-
organischen Chemie ungefähr so spät wie Ursprünglich untersuchte Dweck Indi- lent erfordere. Dann würden wir Statisti-
die Psychologie von der Philosophie. Also viduen; kürzlich jedoch stellte sie zusam- ken der National Science Foundation kon-
fragten wir uns, ob die demografischen Un- men mit Mary Murphy, die jetzt an der sultieren, die über die geschlechtliche und
terschiede zwischen so eng verwandten Indiana University in Bloomington ethnische Zusammensetzung der in die-
Feldern etwas damit zu tun haben, wie sehr forscht, die These auf, dass auch organi- sen Disziplinen promovierten Personen
sie herausragendes intellektuelles Talent sierte Gruppen wie Firmen oder Klubs Auskunft geben. Falls wir mit unserer Ver-
als Schlüssel zum Erfolg betonen. derartige Denkstile pflegen. Wir trieben mutung Recht hätten, gäbe es in den Fä-
Bei diesen Überlegungen fielen uns die die Idee noch ein Stück weiter und über- chern, die gesteigerten Wert auf Brillanz le-
umfangreichen Arbeiten der Psychologin legten, ob diese womöglich ganze Fachge- gen, weniger promovierte Frauen und Af-
Carol Dweck von der Stanford University biete beherrschen. Der in Philosophie roamerikaner. Das sollte nicht nur im
in Kalifornien ein. Wie Dweck gezeigt hat, und anderen Fächern übliche Geniekult Großen und Ganzen beim Vergleich zwi-
wirkt sich die Einstellung zur eigenen Fä- erzeugt offenbar eine Atmosphäre, in der schen Natur- und Geisteswissenschaften
higkeit stark auf den Erfolg aus, den man das Zurschaustellen seines Intellekts be- gelten, sondern auch im Kleinen für eng
schließlich erringt. Eine Person, die Talent lohnt wird und Unzulänglichkeiten um benachbarte Felder wie Philosophie und
für eine unveränderliche Charaktereigen- jeden Preis verheimlicht werden. In Kom- Psychologie.

45
Nach mehr als einem Jahr und Tausen- hat im Lauf der Jahre viele andere Erklä-
den von E-Mails besaßen wir gemeinsam rungen für akademischen Frauenmangel
mit Meredith Meyer von der Otterbein vorgeschlagen. Beispielsweise herrsche in
University in Ohio und Edward Freeland dem betreffenden Fach eine besondere Ar-
von der Princeton University Antworten beitsbelastung, mit der Junggesellen sowie
Der Geniekult sagte den von fast 2000 Akademikern aus 30 For- mit Hausfrauen verheiratete Männer bes-
Frauenanteil in allen 30 schungsfeldern. Sie bestätigten unsere An- ser zurechtkämen. Oder: Frauen hätten
nahme: Je stärker die Fixierung auf Bril- eine natürliche Vorliebe, sich mit lebenden
untersuchten Disziplinen lanz, desto weniger Doktorgrade wurden Organismen zu beschäftigen statt mit leb-
besser voraus als andere an Frauen und Afroamerikaner verliehen. losen Objekten. Wir mussten herausfin-
Deren jeweiliger Anteil war zum Beispiel in den, ob unsere Hypothese wirklich etwas
mögliche Erklärungen Psychologie größer als in Philosophie, Ma- Neues brachte; vielleicht war sie nur eine
thematik oder Physik. alte Erklärung in neuem Gewand.
Dann analysierten wir die Antworten Sorgfältig prüften wir die gängigsten Al-
aus den physikalischen und biologischen ternativen. Gab unser Maß für Brillanz bei-
Wissenschaften getrennt von denjenigen, spielsweise bloß die unterschiedlich große
die von Geistes- und Sozialwissenschaft- Rolle der Mathematik in verschiedenen
lern stammten. Wie sich ergab, traf unsere Forschungsgebieten wieder? Wir betrach-
Annahme auch dann zu, wenn wir Unter- teten den Mathematikanteil in den Zulas-
gruppen bildeten und etwa Physik mit Bio- sungsprüfungen für Doktoranden: Die Be-
logie verglichen oder Philosophie mit So- tonung des brillanten Geistes sagte den
ziologie. Anscheinend gilt die Brillanz-Hy- Frauenanteil viel besser voraus als andere
pothese ganz allgemein für das gesamte mögliche Erklärungen. Ebenso wenig fan-
akademische Spektrum. den wir einen Beleg für die verbreitete Mei-
Allerdings hatten wir damit zunächst nung, in »fordernden« Fächern seien Frau-
nur einen statistischen Zusammenhang en unterrepräsentiert, weil sie sich mehr
zwischen Geniekult und Diskriminierung Zeit für die Familie wünschten. Wir fragten
in bestimmten Bereichen hergestellt, aber die Akademiker unserer Stichprobe, wie
nicht Ursache und Wirkung bewiesen. Man viele Stunden pro Woche sie arbeiteten.

46
EIN HÖRSAAL VOLLER MÄNNER
Mathematik, Physik, Philosophie: Hier be-
herrschen Männer die Hörsäle besonders
deutlich. Nicht weil Frauen sich weniger für
abstrakte Formeln und Gedanken interessier-
ten, sondern weil es ihnen – so das gängige
Vorurteil – qua Geschlecht an geistiger
Brillanz fehle.

K ASTO80 / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


Doch selbst bei Berücksichtigung unter- unter anderem die vielen Zweige der Philo- Minoritäten prägt. Wir testeten unsere
schiedlicher Arbeitsbelastung sagte der sophie, die vom Menschen handeln und Idee bei Studenten, die einen Bachelor-
Geniekult den Frauenanteil in allen 30 un- dennoch von Männern dominiert werden. Abschluss hatten. Beeinflussen Aussagen
tersuchten Disziplinen am besten voraus. über die Wichtigkeit intellektueller Bega-
Wir untersuchten auch die vorherrschen- Mehr Bewunderung für bung die Wahl des Fachs, in dem junge
de Meinung, dass Frauen lieber mit Men- männliche Professoren Frauen und Afroamerikaner ihr Studium
schen arbeiten und sie intuitiv besser ver- Nun wollten wir wissen, ob die Einstellung fortsetzen?
stehen, während Männer unbelebte Syste- zur Brillanz schon in frühen Phasen des Die Antwort ist Ja. In einer im Jahr 2016
me bevorzugen. Dagegen sprechen aber Studiengangs den Anteil von Frauen und publizierten Arbeit analysierten wir ano-

47
nyme Bewertungen von Dozenten durch chen Gruppen gehäuft brillante Leute Schränken diese kindlichen Stereotype
ihre Studenten auf der Website »RateMy- gibt? Einerseits könnte diese Meinung erst die Interessen von Kindern ein? Wir stell-
Professors.com«. Die Vorlesungskritiken relativ spät durch nachhaltige Beeinflus- ten eine andere Gruppe von Fünf-, Sechs-
beschrieben männliche Professoren fast sung etwa durch entsprechende Darstel- und Siebenjährigen vor ungewohnte spie-
doppelt so häufig als »brillant« oder »geni- lung in den Medien entstehen. Anderer- lerische Aufgaben, die nur etwas für »wirk-
al« wie weibliche. Hingegen gebrauchten seits legen entwicklungspsychologische lich, wirklich schlaue Kinder« seien. Dann
die Studenten Ausdrücke wie »hervorra- Befunde nahe, dass bereits kleine Kinder verglichen wir das Interesse von Jungs und
gend« oder »toll« gleich oft für Männer begierig die kulturellen Einflüsse ihrer Mädchen an diesen Aufgaben. Bei Fünfjäh-
und Frauen. Wie wir feststellten, hing die Umgebung aufsaugen. Tatsächlich haben rigen fanden wir keinen Geschlechtsunter-
Häufigkeit, mit der in den Vorlesungskriti- offenbar schon Grundschulkinder die Ste- schied, aber ein deutlich größeres Interes-
ken von Brillanz und Genialität die Rede reotype absorbiert, die Rechnen mit Jun- se bei sechs- und siebenjährigen Jungen.
war, eng mit mangelnder Diversität am gen und Lesen mit Mädchen assoziieren. Die kindlichen Stereotype bedingen somit
Ende des Studiums zusammen. Demnach könnten auch Brillanz-Stereoty- unmittelbar das Interesse an neuartigen
pe früh verinnerlicht werden. Aufgaben.
Vorurteile entstehen schon Um das zu klären, befragten wir Hun- Je mehr ein Kind im Test Genialität mit
im Kindesalter derte von Fünf-, Sechs- und Siebenjähri- dem anderen Geschlecht assoziierte, des-
Weitere Untersuchungen ergaben, dass gen, ob sie das Etikett »wirklich, wirklich to weniger Lust hatte es, an unseren Spie-
auch Nichtakademiker ähnlich voreinge- schlau« – unsere kindgerechte Überset- len für »wirklich, wirklich schlaue Kinder«
nommen sind in Bezug auf die Frage, wel- zung von »brillant« – mit ihrem Ge- teilzunehmen. Dieser Befund spricht für
che Fächer Brillanz erfordern. Diese Mei- schlecht assoziierten. Unsere im Januar eine frühe Verbindung zwischen Brillanz-
nungen können potenzielle Wissenschaft- 2017 im Fachjournal »Science« publizier- Stereotypen und kindlichem Ehrgeiz. Das
ler oder Ingenieure entmutigen, eine ten Resultate belegen die frühe Übernah- dürfte viele begabte Mädchen schon in
bestimmte Laufbahn einzuschlagen, lange me geschlechtsspezifischer Stereotype: der Kindheit von Fächern abbringen, die
bevor sie den Fuß in eine Universität set- Im Alter von fünf Jahren unterschieden sich nach gängiger Meinung vor allem für
zen. Deshalb mussten wir ergründen, wie sich die Kinder in ihrer Selbsteinschät- überdurchschnittlich intelligente Leute
solche Stereotype überhaupt erworben zung noch nicht, doch schon sechsjährige eignen.
werden. Mädchen meinten seltener als Jungen, Was kann man dagegen unternehmen?
Wann beginnen in unserer Kultur Her- dass ihr Geschlecht »wirklich, wirklich Relativ einfach und wirksam wäre es schon,
anwachsende zu glauben, dass es in man- schlau« sei. gegenüber Schülern und Studenten mög-

48
lichst wenig von Brillanz und Genialität zu
reden. Angesichts der herrschenden Vorur-
teile können Aussagen, die diese Eigenschaf-
KOMPAKT
ten als Voraussetzung für den beruflichen
Erfolg darstellen, talentierte Mitglieder so-
zial benachteiligter Gruppen entmutigen.
Doch wie unsere Forschungen zeigen, be-
ginnt die Prägung der Stereotype bereits in
der Grundschule. Deshalb wäre es falsch,
mit Gegenmaßnahmen bis zur Hochschul-
reife zu warten. Wir sollten die Heranwach-
senden möglichst früh zu einem wachs-
tumsorientierten Denkstil ermuntern, da-
BE-/VERKANNT
Frauen in der Wissenschaft
mit sie nicht fatalistisch in der starren
Denkweise verharren, die gängige Vorurtei-
le bestätigt. 

(Gehirn&Geist, 4/2018)
Kington, R. S.: On Being an »African American Scientist«.
In: The Scientist 27, Mai 2013 Online unter: www.the-scien-
tist.com/?articles.view/articleNo/35251/title/On-being-an-
African-American-Scientist
Leslie, S.-J. et al.: Expectations of Brilliance Underlie Gen-
der Distribution across Academic Disciplines. In: Science
347, S. 262–265, 2015
Ada Lovelace | Der erste Computer
Storage, D. et al.: The Frequency of »Brilliant« and »Genius« Ada Yonath | »Sie nannten mich eine Verrückte«
in Teaching Evaluations Predicts the Representation of
Lise Meitner | Doppeltes Unrecht FÜR NUR
Women and African Americans across Fields. In: PLoS One
JOZEFMICIC / STOCK.ADOBE.COM

€ 4, 99
11, e0150194, 2016
HIER DOWNLOADEN
STURTI / GE T T Y IMAGES / ISTOCK
HOCHBEGABUNG
von Tanja Gabriele Baudson
MISSVERSTANDENES Über hochbegabte Menschen hält sich hartnäckig
eine ganze Reihe von Irrtümern. Wir stellen sieben
TALENT Mythen auf den Prüfstand.

50
»Hochbegabte sind schlecht nen auch erfolgreicher sind. In manchen

1. in der Schule«
Der Film »Good Will Hunting«
aus dem Jahr 1997 erzählt die
Geschichte eines brillanten
jungen Manns, dessen mathematisches Ta-
lent rein zufällig entdeckt wird. Denn ei-
gentlich arbeitet der mehrfach vorbestraf-
Fällen kann das allerdings anders sein, zum
Beispiel bei so genannten Underachievern.
Das sind Personen, die deutlich schlechte-
re Leistungen zeigen, als gemäß ihrer Intel-
ligenz zu erwarten wäre. Schätzungen zu-
folge sind rund 10 bis 16 Prozent der Hoch-
begabten betroffen. Ein hohes Potenzial ist
AUF EINEN BLICK

Intelligenz mit
Turbolader
1 Rund zwei Prozent der Bevölkerung errei-
chen in IQ-Tests Werte von 130 und mehr.
Sie gelten als hochbegabt.
te Will Hunting als Putzkraft am renom- daher kein Garant für gute Leistungen. Es
mierten Massachusetts Institute of hängt sowohl von der Persönlichkeit des 2 Um diese Menschen ranken sich viele
Technology in Cambridge, als er dort eines Hochbegabten als auch von der Umgebung Mythen. So sollen sie sozial inkompetent
Tages komplexe mathematische Aufgaben ab, ob sich die Begabung entfalten kann. sein. Zudem ist die Annahme verbreitet,
löst, die er auf einer Tafel entdeckt. Die Me- dass schlechte Schulleistungen auf ein
verkanntes Talent hindeuten.
dien stellen besonders intelligente Zeitge- 2. »Hochbegabte sind sozial schwierig«
nossen häufig so dar – und das prägt auch Sheldon Cooper aus der US-amerikani- 3 Tatsächlich zeigen Hochbegabte keine
die öffentliche Wahrnehmung. So glauben schen Fernsehserie »The Big Bang Theory« sozialen Defizite sowie im Schnitt bessere
viele Menschen, dass schlechte Leistungen ist der Klischee-Hochbegabte par excel- Leistungen als Gleichaltrige. Im Unterricht
auf Hochbegabung hinweisen. Tatsächlich lence: Er ist hochintelligent, aber sozial in- langweilen sie sich aber häufig. Daher ist
besteht statistisch betrachtet jedoch ein kompetent; und seine logischen, jedoch es wichtig, sie zu erkennen und zu fördern.
mittlerer positiver Zusammenhang zwi- unter sozialen Gesichtspunkten oft frag-
schen Intelligenz und Leistung. Das heißt: würdigen Verhaltensweisen zeigen dem
Es ist wahrscheinlicher, dass schlaue Perso- Publikum, dass Normalsein eigentlich auch
ganz schön ist. Gemäß einem gängigen Ste-
reotyp hat hohe Begabung ihren Preis: Die
Tanja Gabriele Baudson vertritt die Professur für Entwi-
cklungs- und Allgemeine Psychologie an der Universität
Betroffenen neigen demnach eher zu emo-
Luxemburg und forscht seit vielen Jahren zum Thema tionalen und sozialen Problemen. Schon
Hochbegabung. Sie bloggt für das wissenschaftliche Aristoteles glaubte, dass »jedem Genie ein
Blogportal »SciLogs«. Vom Deutschen Hochschulver-
band wurde sie im April 2018 als »Hochschullehrerin Schuss Wahnsinn innewohne«. Wie weit
des Jahres 2018« ausgezeichnet. diese Annahme in der Bevölkerung verbrei-

51
tet ist, zeigte sich in einer 2016 veröffent-
lichten repräsentativen Befragung von gut Wie kann man hochbegabte Schüler fördern?
1000 Personen: Zwei Drittel von ihnen hiel-
ten Hochbegabte für sozial schwierig und Die Begabungsforschung unterscheidet zwei Arten von Förderangeboten: Maßnahmen, die
emotional labil. Allerdings stimmt diese das Lerntempo beschleunigen (Akzeleration), und anreichernde Maßnahmen (Enrichment),
bei denen Schülerinnen und Schüler zusätzliche, über den normalen Lernstoff hinausgehende
Vermutung nicht mit der Befundlage über-
Aufgaben erhalten. Welche Maßnahme am besten geeignet ist, muss individuell entschieden
ein. 2016 nahmen Rosanna Francis von der werden – eine Patentlösung gibt es nicht.
University of Sydney und ihre Kollegen 18
Studien in einer Übersichtsarbeit unter die Akzeleration (Beschleunigung):
Lupe. Ihrer Analyse zufolge neigen Kinder Hochbegabte lernen schneller. Daher ist ein Unterricht, dessen Tempo sich an durchschnittlich
und Jugendliche mit einem IQ von über 125 begabte Heranwachsende richtet, für viele Hochbegabte zu langsam und nicht fordernd genug.
entgegen der landläufigen Meinung nicht Durch eine vorzeitige Einschulung sowie das Überspringen von Klassen können Hochbegabte
die Jahrgangsstufe besuchen, in der sie mit ihren Fähigkeiten am besten gefördert werden
häufiger, sondern sogar etwas seltener zu
können. Der Grundgedanke dieser Maßnahme ist, dass Lernen dann besonders gut gelingt,
sozialen und emotionalen Problemen wie wenn das Anforderungsniveau einer Aufgabe optimal zu den Voraussetzungen des Schülers
beispielsweise Ängsten, Schüchternheit, ei- passt.
nem niedrigen Selbstwertgefühl, Aggressi-
vität oder Straftaten. Das ist durchaus nach- Enrichment (Anreicherung, Bereicherung):
vollziehbar. Denn Hochbegabung lässt sich Hochbegabte erhalten die Möglichkeit, Inhalte des Unterrichts zum Beispiel in herausfordern-
den Zusatzaufgaben, Projekten oder freiwilligen Arbeitsgruppen (wie etwa Experimentiergrup-
als allgemeines kognitives Potenzial defi-
pen) zu vertiefen. Ebenso können sie Zusatzangebote außerhalb des regulären Unterrichts
nieren, mit dem man pro Zeiteinheit mehr
besuchen, beispielsweise Wochenendkurse, Wettbewerbe wie »Jugend forscht« oder Schüler-
Informationen unterschiedlichster Art ver- akademien in den Ferien.
arbeiten kann und das sich bei ganz ver-
schiedenen Herausforderungen des Alltags Einige Angebote kombinieren Akzeleration und Enrichment, zum Beispiel wenn hochbegabte
nutzen lässt – so auch in sozialen Interakti- Schülerinnen und Schüler Lehrveranstaltungen an Universitäten besuchen. Sie können dadurch
onen. Insofern sollten wir von der Auffas- zum einen Inhalte des Studiums vorziehen (Akzeleration), zum anderen werden sie gefordert,
indem sie außerhalb der Schule besonders anspruchsvolle Inhalte lernen (Enrichment).
sung wegkommen, dass Hochbegabung an
Daher ist die Maßnahme auch dann sinnvoll, wenn die Jugendlichen später ein ganz anderes
sich ein Problem ist. Stattdessen ist sie eine Studienfach wählen.
großartige Ressource.

52
Wer ist hochbegabt?
Unter intellektueller Hochbegabung versteht man in der Regel eine überdurchschnittlich ausgeprägte Intelligenz. Diese Denk- und Lernfähigkeit
spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle bei der Vorhersage des Bildungs- und Berufserfolgs und ist in der Bevölkerung annähernd normalverteilt.
Das bedeutet: Nur wenige Menschen weisen einen besonders hohen oder besonders niedrigen Intelligenzquotienten (IQ) auf. Die meisten
erreichen einen Wert zwischen 85 und 115. Nur gut zwei Prozent der Bevölkerung haben einen sehr hohen IQ von über 130; sie gelten als hoch-
begabt. Das entspricht in Deutschland 1,6 Millionen Menschen.

Hochbegabung

Standardabweichung
–4 –3 –2 –1 0 1 2 3 4

40 55 70 85 100 115 130 145 160 Intelligenzquotient

SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T


68 Prozent 2,3 Prozent

95 Prozent der Bevölkerung

3. »Hochbegabung ist nur eine Erfindung schaft oder kein Talent hat. Natürlich gibt unerfüllten Hoffnungen und Träume auf
überehrgeiziger Eltern« es einzelne Eltern, die gerne ein hochbe- ihr Kind projizieren. Doch diese Eltern
Das Klischee der »Eislaufmami« ist wohl- gabtes Kind hätten oder jegliches sozial scheinen in der Minderheit zu sein. Chris-
bekannt, die ihr Kind zu Höchstleistun- unverträgliche Verhalten als Ausdruck be- tine Koop, die für die Karg-Stiftung das
gen auf einem Gebiet antreibt, für das es sonderen Potenzials deuten. Und es gibt Ressort »Frühe Förderung und Beratung«
möglicherweise gar keine große Leiden- auch Mütter und Väter, die ihre eigenen, leitet, und Franzis Preckel, Professorin für

53
Hochbegabtenforschung und -förderung
an der Universität Trier, erfassten 2014 die Tipps für hochbegabte Kinder und
Anliegen, mit denen sich Menschen an
Hochbegabten-Beratungsstellen wand- Jugendliche, Eltern und Pädagogen
ten. Überwiegend suchten die Eltern po-
Broschüren und Bücher
tenziell hochbegabter Kinder den Kon-
takt, und kaum jemand kam nur aus Inte- Bundesministerium für Bildung und Forschung: Begabte Kinder finden und fördern.
resse am IQ des Sprösslings. Fast immer Berlin, unveränderter Nachdruck 2017.
nannten sie gleich mehrere Gründe, zum Ein übersichtlicher Wegweiser für Eltern und Pädagogen
Beispiel den Wunsch nach Hilfe bei Prob-
Karg-Stiftung: Fragen und Antworten zum Thema Hochbegabung.
lemen (zum Beispiel Langeweile oder Stö- Frankfurt am Main, 4. aktualisierte Auflage 2014.
ren des Kindes im Unterricht) sowie die Wie erkennt man Hochbegabung? Und welche Fördermöglichkeiten gibt es?
Suche nach Informationen zu Fördermög- Die Broschüre beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.
lichkeiten wie einer vorzeitigen Einschu-
lung. Dabei besuchten die Familien die Preckel, F., Baudson, T. G.: Hochbegabung: Erkennen, Verstehen, Fördern.
C.H.Beck, München 2013
Sprechstunde keineswegs (wie häufig un-
Knapp und verständlich erklären zwei Hochbegabungsforscherinnen
terstellt) überwiegend mit »Luxusproble-
die wichtigsten Erkenntnisse.
men«: In 47 Prozent der Fälle schätzten
die Berater das Anliegen als dringend ein. Weblinks
Eltern, die eine Beratungsstelle aufsu-
chen, sehen vor allem eins: Ihrem Kind https://www.fachportal-hochbegabung.de/beratungsstellen
geht es nicht gut, und daran wollen sie et- Das Onlineverzeichnis der Karg-Stiftung liefert eine Übersicht über Beratungsstellen in der
Nähe, die sich auf das Thema Hochbegabung spezialisiert haben.
was ändern. Sie wünschen sich Anhalts-
punkte, was sie tun können, um ihm zu www.bildung-und-begabung.de/begabungslotse/laender-special
helfen, wieder glücklich zu sein. Und oft Die Übersichtstabelle des deutschen Begabtenförderungswerks »Bildung & Begabung«
erleben es die Familien dann tatsächlich listet alle Schwerpunkte und Besonderheiten der Begabungs- und Talentförderung in
als befreiend, wenn die Hochbegabung 13 Bundesländern auf.
(endlich) erkannt wird.

54
4. »Hochbegabte brauchen keine sichtsarbeiten zufolge sowohl positiv auf higkeit. Ähnlich kann auch hohe Begabung
Förderung. Wahre Begabung setzt sich die Leistungen der hochbegabten Kinder verkümmern, wenn das geistige Futter
gegen widrige Umstände durch« und Jugendlichen aus als auch auf deren so- fehlt – oder sich zumindest weniger entfal-
Im Umkehrschluss hieße das dann vermut- ziale und emotionale Entwicklung. Insbe- ten. So zeigte eine Längsschnittstudie an
lich »... und wenn sich die Begabung nicht sondere Maßnahmen, die das Lerntempo der Vanderbilt University, dass besonders
durchsetzt, war die Person wohl von vorn- beschleunigen, wie etwa eine vorzeitige Ein- begabte Schülerinnen und Schüler, die eine
herein nicht hochbegabt«. Dass das nicht schulung, erwiesen sich als Erfolg verspre- Klasse übersprungen hatten, später eine er-
stimmt, zeigt die Forschung an Underachie- chend. folgreichere wissenschaftliche Karriere hin-
vern. In der Schule, die sich eher am Niveau legten als vergleichbar talentierte Alters-
durchschnittlicher Kinder orientiert, sind 5. »Kinder muss man Kinder sein genossen, die das nicht getan hatten. Anre-
Hochbegabte zu wenig gefordert. Vor allem lassen, und Jugendliche sollten ihre gungen sind also grundsätzlich gut. Wenn
zu Beginn der Schulzeit gelingt ihnen vieles, Jugend ausleben« Ihr Kind zum Beispiel lesen will, sollten Sie
ohne dass sie groß dafür arbeiten. Die Folge: Hinter diesem Mythos steckt die Auffas- es nicht daran hindern, nur weil das erst in
Ihnen fehlt die Erfahrung, dass man sich für sung einer natürlichen Entwicklung: »Wenn der Schule drankommt.
Erfolge anstrengen muss. Solange die An- man nichts tut, wird schon alles gut.« Ist es
forderungen auf einem niedrigen Niveau schlimm, wenn sich bereits ein Dreijähriger 6. »Hochbegabtenförderung ist unfair«
bleiben, funktioniert die Strategie dennoch für Zahlen interessiert? Und macht eine Wieso sollte man dem biblischen Matthäus-
gut. Aber im Lauf des Lebens werden sie im- 16-Jährige, die lieber liest, als auf Partys zu Prinzip folgen und denen, die haben, noch
mer komplexer und erreichen irgendwann gehen, etwas falsch? Sinnvoll wäre es doch mehr geben? Ist das nicht ungerecht? Nein,
den Punkt, an dem sie durch hohe Intelli- anzuerkennen, dass alle Menschen unter- ist es nicht: weil Gerechtigkeit nicht heißt,
genz allein nicht mehr zu bewältigen sind. schiedlich sind und ganz verschiedene Be- allen das Gleiche zu geben, sondern jedem
Nun müsste man sich anstrengen. Wer das dingungen brauchen, um sich zu entfalten. das, was er oder sie braucht. Menschen sind
nie gelernt hat, dem fällt das nun schwer. Einem hochbegabten Menschen zusätzli- unterschiedlich, und dieser Vielfalt müssen
Daher benötigen Hochbegabte eine speziel- che intellektuelle Stimulation vorzuenthal- wir auch in der Bildung gerecht werden. Im
le, für sie anspruchsvolle Förderung. Solche ten, ist etwa so, wie jemandem, der Leis- Zuge der Verbreitung der so genannten In-
Förderangebote (beispielsweise das Über- tungssport betreibt, nur noch die Kalorien- klusion von behinderten Kindern wird
springen eines Schuljahrs oder der Besuch menge zuzugestehen, die der Durch- mehr und mehr deutlich, dass die Akzep-
einer Schülerakademie in den Sommerferi- schnittsmensch zu sich nehmen sollte. Die tanz dieser Verschiedenheit schwierig ist
en) wirken sich wissenschaftlichen Über- Folge: Der Körper verliert an Leistungsfä- und neue Herausforderungen mit sich

55
bringt. Es ist erstaunlich, dass man Hochbe- sichtlich: »Jedes Kind ist sehr musikalisch« Baudson, T. G.: The Mad Genius Stereotype: Still Alive and
gabung nicht von Anfang an in die Debatte oder »Jedes Kind ist extrem sportlich«. Die Well. In: Frontiers in Psychology 7, 368, 2016
eingeschlossen hat und sich ausschließlich meisten Heranwachsenden können ver- Francis, R. et al.: Intellectual Giftedness and Psychopatho-
auf das untere Ende des Fähigkeitsspekt- mutlich in eine Flöte blasen oder ein Stück logy in Children and Adolescents: A Systematic Literature
rums konzentrierte. Definiert man Hochbe- weit laufen, aber Niveauunterschiede las- Review. In: Exceptional Children 82, S. 279–302, 2016
gabung als einen IQ-Wert von mindestens sen sich nicht einfach wegdiskutieren. Kim, M.: A Meta-Analysis of the Effects of Enrichment Pro-
zwei Standardabweichungen über dem Mit- Wenn alle hochbegabt wären, wäre letzt- grams on Gifted Students. In: Gifted Child Quarterly 60, S.
telwert von 100 (das entspricht einem IQ lich niemand hochbegabt. Was also macht 102–116, 2016
von 130 und mehr), wird schnell deutlich: die Hochbegabung so attraktiv? Einerseits Steenbergen-Hu, S., Moon, S. M.: The Effects of Accelerati-
Der Abstand zwischen Hochbegabung und sind es vermutlich die positiven Merkma- on on High-Ability Learners: A Meta-Analysis. In: Gifted
durchschnittlicher Begabung ist so groß wie le, die damit einhergehen. Wer hochbegabt Child Quarterly 55, S. 39–53, 2011
der zwischen durchschnittlicher Begabung ist, hat statistisch gesehen gute Chancen
und geistiger Behinderung (gemäß Defini- im Leben: Intelligentere Menschen sind
tion ein IQ unter 70). Was wäre denn, wenn Studien zufolge leistungsstärker und er-
durchschnittlich Begabte nur das lernen folgreicher, sie verdienen später mehr, und
dürften, was ihre Klassenkameraden mit in- sie leben sogar länger. Darüber hinaus gilt
tellektueller Beeinträchtigung lernen? Sie Hochbegabung aber auch als etwas Beson-
würden sich langweilen. Und stören. Auf je- deres; und die meisten Menschen wollen
den Fall würden sie ihr Potenzial nicht opti- vermutlich außergewöhnlich sein. Das
mal entfalten können, weil das Lernangebot sind sie aber auf Grund ihrer Individualität
nicht mit ihren Bedürfnissen zusammen- sowieso! Ebenso hat jedes Kind Stärken, die
passt. Und darum geht es bei der Förderung, gefördert werden sollten. Möglicherweise
auf die jeder gleichermaßen ein Anrecht wäre der umgekehrte Weg daher sinnvol-
hat, egal wie intelligent, groß oder sportlich ler: Intellektuelle Hochbegabung sollte ge-
er oder sie ist. nauso normal sein wie jede andere mensch-
liche Eigenheit, auf die man Rücksicht
7. »Jedes Kind ist hochbegabt« nimmt. 
Überträgt man diesen Satz auf andere Do-
mänen, wird die Absurdität schnell offen- (Gehirn&Geist, 8/2018)

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PEGBES / STOCK.ADOBE.COM

HOCHBEGABUNG

DER IQ REICHT
NICHT MEHR AUS
von Tanja Gabriele Baudson
Wie viel ist Intelligenz wirklich wert? Vielleicht gar
nicht so viel. Hoch begabt ist, wer der Menschheit
nützt, kommentiert Tanja Gabriele Baudson.

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D
er von mir sehr verehrte Wil- Wozu Hochbegabung fördern? Fall ist es umgekehrt: Hier liegt die Bring-
liam Stern hat es einmal so Wenn man aber andersherum von der Ge- schuld eher bei der Gesellschaft, die dann
formuliert: »Begabung ist sellschaft aus die Frage stellt, wozu man zwar hoffen darf, dass sich das Individu-
kein Verdienst, sondern eine dann Begabung überhaupt erkennen und um für sie engagiert, wenn sie es fördert.
Verpflichtung.« Mit dem fördern sollte, gibt es zwei Arten von Ant- Die Gesellschaft erhöht dadurch jedoch al-
Können geht seiner Ansicht nach also eine worten. Zum einen gibt es diejenigen, die lenfalls ihre Chancen. Denn eine Person,
Verantwortung einher; aber wer sind dieje- besagen, dass Begabungsentfaltung zur Per- die ihre Bedürfnisse erfüllt sieht, will ein
nigen, die bereit sind, diese zu übernehmen? sönlichkeitsentfaltung insgesamt gehört System möglicherweise aufrechterhalten,
Vor einiger Zeit brachte mich ein wissen- und somit dazu beiträgt, dass Menschen im das sich für ihr Wohlergehen einsetzt. Sie
schaftlicher Artikel um den Schlaf, und ob- Leben glücklich werden. Das ist die huma- fühlt sich diesem stärker zugehörig und
wohl ich am nächsten Tag wirklich früh raus nistische Perspektive – Begabung impliziert nimmt vielleicht auch eine größere Ver-
musste, konnte ich ihn nicht aus der Hand eine Verantwortung sich selbst gegenüber, antwortung wahr, dass das auch in Zu-
legen. Das ist mir schon lange nicht mehr und idealerweise sollte die Gesellschaft das kunft so bleibt. Eine Sicherheit gibt es in-
passiert, und deshalb wollte ich dies mit Ih- Individuum dabei unterstützen. Die eher des nicht.
nen teilen. Robert J. Sternberg, der Autor des materialistische Sicht besteht darin, dass Sternberg erweitert deswegen die Pers-
Beitrags, stellte sich nämlich die Frage, ob Begabungsentfaltung der Gesellschaft ins- pektive vom begabten Individuum auf die
der IQ überhaupt noch ein hinreichendes gesamt nützt. Wer gemäß herkömmlichen Gesellschaft. Denn worum geht es eigent-
Kriterium dafür ist, dass wir von einer Hoch- Erfolgskriterien etwas aus seinem Potenzial lich? Was sind die wirklich wichtigen Prob-
begabung sprechen können. Auf den ersten macht, verdient besser, bringt dem Staat da- leme, die in unserer Welt gelöst werden
Blick mag man das für ziemlich unsinnig durch mehr Steuern ein und schafft unter müssen, und was charakterisiert Persön-
halten. Wir haben mit den zahlreichen vor- Umständen sogar noch Arbeitsplätze. lichkeiten, die das Potenzial haben, diese
handenen IQ-Tests objektive und präzise Die beiden Argumentationsstränge globalen Herausforderungen erfolgreich
Messinstrumente, die Schulnoten, Bildungs- schließen sich keineswegs aus, aber sie un- zu meistern? Klimawandel, Extremismus
abschlüsse, sozioökonomischen Status, Ein- terscheiden sich in ihren Auswirkungen. und Terror, Umweltverschmutzung, der
kommen und sogar die Lebenserwartung Im zweiten Fall hat das Individuum eine Aufschwung autokratischer Herrschafts-
gut vorhersagen – alles Dinge also, die man klare Bringschuld gegenüber der Gesell- formen, Bildungsungleichheit, Epidemien
nach konventionellen Kriterien durchaus schaft, die von ihm erwartet, dass es sich oder die Integration von Flüchtlingen sind
als »Erfolg im Leben« verbuchen könnte. für das Gemeinwohl einbringt. Im ersten nur einige Beispiele.

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Hochbegabung ohne Intelligenz? nicht wirklich davor, kurzfristige egoisti-
Doug Detterman, der Gründer der Interna- sche Ziele vor nachhaltige gemeinverträg-
tional Society for Intelligence Research, liche zu setzen und ethisch inakzeptabel
sagte bei der letzten und vorletzten Konfe- zu handeln. »The problem is not a lack of
renz dieser Fachgesellschaft (und mögli- ideas about how to solve any of these prob-
cherweise auch schon bei diversen voran- lems; rather, it is a lack of people wanting
gegangenen, bei denen ich noch nicht da- to take fully into account interests other
bei war), Intelligenz sei die wichtigste than their own«, schreibt Sternberg.
Ressource zur Bewältigung dieser Proble- Verschiedene IQ-Tests erfassen je nach
me. Ich hatte ihm gegenüber bereits 2016 Zielsetzung unterschiedliche Aspekte der
meine Zweifel an dieser ausschließlichen Intelligenz; Sternberg nennt exemplarisch
Sichtweise geäußert (anscheinend ohne abstraktes logisches Schlussfolgern, men-
nachhaltigen Erfolg). Natürlich ist Intelli- tale Geschwindigkeit, Wortschatz, aber
genz wichtig, um komplexe Zusammen- auch metakognitive Fähigkeit wie Zeitma-
hänge zu verstehen – aber was man aus nagement und Strategien wie Entscheiden
dieser Erkenntnis letztlich macht, ist ein unter Unsicherheit (educated guessing).
ganz anderer Punkt, bei dem auch ganz an- Das Leben stelle dagegen ganz andere An-

CL AUS MARTIN
dere Merkmale der Persönlichkeit ins Spiel forderungen. Klar definierte Aufgaben mit
kommen. einer richtigen Lösung sind eher die Aus-
Hochintelligente Konzernchefs, die Un- nahme; oft genug muss man überhaupt Tanja Gabriele Baudson
ternehmen vor die Wand fahren, schlaue, erst einmal definieren, wo das Problem
aber skrupellose Politiker (erstaunlich vie- liegt. Auch braucht man in der Regel länger
le der zwischen 1945 und 1949 in den Nürn- als ein paar Minuten, um sinnvolle lebens-
berger Prozessen verurteilten Nazigrößen relevante Entscheidungen zu treffen, nicht
waren überdurchschnittlich intelligent), zuletzt deshalb, weil oft viel daran hängt –
clevere Manager, die Daten fälschen lassen, für einen selbst, aber auch für andere, die
um nicht nur für ihre Firma, sondern auch unter Umständen ganz andere Interessen
für sich selbst satte Gewinne einzufahren – verfolgen als man selbst. Was eine gute
anscheinend schützt einen Intelligenz Antwort auf eine »große« Frage ist, ist dar-

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über hinaus viel stärker kulturabhängig, Kultur Erfolgreichen gemeinsame Fähig- verantwortungsvolle Menschen, die die
als das bei IQ-Tests der Fall ist. keit«. Nun ist »Erfolg« ja ein eher unschar- wichtigen Probleme erkennen und etwas
fer Begriff – und, wie die Definition impli- dagegen tun wollen – und andere mitzie-
IQ-Tests, eine selbsterfüllende ziert, hochgradig kulturabhängig. Nun kann hen. »The ACCEL model recognizes that the
Prophezeiung man Erfolg ja nicht nur kurzsichtig-indivi- greatest problem we have in our society is
Der Erfolg von IQ-Tests, so Sternberg wei- dualistisch konzipieren, sondern auch nach- not a lack of leaders with high IQs or ster-
ter, sei zumindest teilweise eine sich selbst haltig. Wenn alle Menschen ein glückliches ling academic credentials, but rather of
erfüllende Prophezeiung. Denn ein gutes und gesundes Leben in Frieden führen kön- transformational leaders who behave in et-
Testergebnis eröffnet Chancen auf dem nen, in dem es auch der Umwelt gut geht hical ways to achieve, over the long- as well
weiteren Bildungsweg, von denen Perso- und Ressourcen geschont werden, wäre das as the short-term, a common good for all«.
nen mit schlechterem Testergebnis von auf globaler Ebene sicherlich ein schöner
vornherein ausgeschlossen sind; und das Erfolg. So, wie es aktuell läuft, werden wir Sinn und Unsinn von IQ-Tests
akkumuliert sich über die Zeit. (Dass da- den Karren über kurz oder lang auf jeden Sein Hochbegabungsbegriff ist also ein völ-
durch auch die sozioökonomische Schere Fall an die Wand fahren. lig anderer als der, den wir bislang kennen.
im Lauf der Zeit immer weiter aufgeht, Die Unterstützung der Hochbegabten, Sternberg sieht das Individuum in seinem
kann man sich lebhaft vorstellen.) In den so Sternberg, können wir also gut brau- Wirkkontext und definiert Hochbegabung
USA mit einer ausgeprägten Testkultur chen: Menschen, die nicht egoistisch ihre von ihrem Zweck her. IQ-Tests verfolgten
(und einem Evaluationssystem, in dem eigenen kleinen Misthaufen verteidigen, den gesellschaftlich relevanten Zweck, die
beispielsweise Schulen dann als erfolg- um von dort herabzukrähen, sondern die kurz davor eingeführte Schulpflicht über-
reich gelten, wenn ihre Schüler/innen gute das große Ganze im Blick haben und ver- haupt praktisch umsetzen zu können. Mit
Testergebnisse erhalten – eventuelle Paral- antwortungsvoll daran arbeiten, die Welt einem Mal war die Gruppe der Schulkinder
lelen auf nationaler Ebene zu Pisa sind rein für alle besser zu machen. Wie aber finden extrem heterogen geworden, und man
unzufällig), brennt das Thema natürlich wir solche Menschen? Sternberg hat ein brauchte Anhaltspunkte, wie »weit« ein
noch einmal stärker unter den Nägeln als Modell namens ACCEL entwickelt: Active einzelnes Kind geistig war, um es gegebe-
hier zu Lande; doch im Zuge der steigen- Concerned Citizenship and Ethical Leader- nenfalls angemessen fördern zu können.
den Quantifizierung unserer Lebenswelt ship, durch das aktive Menschen, die sich Heute, im Zeitalter der Globalisierung, sind
betrifft das auch uns. um das Gemeinwohl sorgen und kümmern die Anforderungen eine Nummer größer –
Peter Hofstätter definierte Intelligenz und auf ethische Weise führen, erkannt deshalb brauchen wir andere Indikatoren
1957 als »den innerhalb einer bestimmten und gefördert werden sollen. Wir brauchen als den IQ.

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Auf welche Eigenschaften sollte man also sächlich auf Studierende und junge Erwach- müssen sie deshalb erkennen und fördern.
achten? Zumindest reicht ein hoher IQ nicht. sene, aber ich finde, man kann damit nicht Derzeit belohnt unser System verantwort-
Sternberg nennt folgende Merkmale: früh genug anfangen. Die Welt verändert liches Handeln jedoch nur bedingt; Whistle-
sich kontinuierlich und mit ihr die Nütz- blower, Wissenschaftler und Wissenschaft-
• kritisches (analytisches) Denken, sich also lichkeit von Konstrukten wie Intelligenz. lerinnen, die Forschung transparenter ma-
nicht für dumm verkaufen lassen und Ich halte den IQ nach wie vor für ein sehr chen wollen, und viele andere kritisch
unredliche Argumentationen durch- wichtiges Maß und Intelligenz für eine Ei- Denkende und Handelnde stoßen auf mas-
schauen genschaft, die wir bei der Definition von sive Widerstände. Systeme sind träge; nicht
• Kreativität, wozu beispielsweise Flexibili- Hochbegabung weiterhin berücksichtigen zuletzt, weil diejenigen, die von ihnen pro-
tät im Denken, eine maßvolle Risikobe- sollten; um komplexe Zusammenhänge zu fitieren, von ihren Pfründen nur ungern
reitschaft oder Widerstandsfähigkeit durchschauen, ist sie zweifelsohne ziemlich lassen, die sie häufig genug durch Verfol-
beim Auftreten von Hindernissen (etwa hilfreich. Aber um den Herausforderungen gung eher egoistischer als gemeinschafts-
auch, dass Leute eine tolle Idee nicht der Welt von heute, morgen und übermor- dienlicher Ziele errungen haben. Auch hier
gleich willig annehmen, sondern man sie gen zu begegnen, reicht das nicht. Ein erwei- muss sich also etwas ändern. Leistung für
ihnen verkaufen muss) gehören terter Begabungsbegriff kann also dazu bei- das Gemeinwohl muss sich wieder lohnen.
• »praktische Intelligenz«, so etwas wie tragen, dass weitere wichtige menschliche Das Konstrukt Hochbegabung von sei-
»gesunder Menschenverstand«, der ei- Eigenschaften wertgeschätzt und gefördert nem Zweck her zu denken, hat seinen Reiz –
nem hilft, im Leben klarzukommen werden – und möglicherweise das Leben für und aus meiner Sicht auch seine Berechti-
• Weisheit und Ethik – die Balance zwischen alle so ein bisschen besser wird. gung. Denn wozu sollte eine Gesellschaft
eigenen, fremden und höheren Zielen zu Begabungen identifizieren und fördern,
finden, Werte zu haben beziehungsweise Ist der IQ also überholt? wenn es ihr nicht nützt? Vielleicht müssen
zu entwickeln und entsprechend zu han- Hier werden dicke Bretter gebohrt, keine wir einen anderen Begriff finden als »hoch-
deln Frage; und der IQ wird uns vermutlich noch begabt«? Ich finde den Ansatz auf jeden Fall
• Leidenschaft: etwas zu finden, was einen eine ganze Weile begleiten, weil Änderun- interessant und kontrovers; die Diskussion
wirklich begeistert und wofür man brennt gen Zeit brauchen. Sternberg denkt die um den Hochbegabungsbegriff wird er si-
Hochbegabtenförderung »von oben«: Wir cherlich beleben. Was meinen Sie? 
Einige erfolgreiche Ansätze zur Erfassung brauchen mittel- und langfristig ethisch
und Förderung dieser Merkmale werden im verantwortliche Vordenker, wenn unsere
Artikel genannt. Sie beziehen sich haupt- Welt nicht vor die Hunde gehen soll, und (Spektrum.de, 15.09.2017)

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