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Wolfgang Wieland

Platon
und die Formen
des Wissens
2., durchgesehene und um einen
Anhang und ein Nachwort erweiterte Auflage

Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen

Universlöad de N"'V,.Hr"",
Servicio de Bibliotecas
• •12.0083932
r

Inhalt

Einleitung ........................................... . 7
Erstes Kapitel: Das geschriebene Werk ...................... . 13
§ 1: Platons Schriftkritk ............................. . 13
§ 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren ............. . 38
§ 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens .. . 50 !
§ 4: Formtypen des Dialogs ........................... . 70 •
§ 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dia-
loge ......................................... . 83
Zweites Kapitel: Die Ideen und ihre Funktion ................ . 95
§ 6: Zum Problem der Ideenlehre ...................... . 95
§ 7: Die Kritik derideeniehre ......................... . 105
§ 8: Ideen ohne Ideenlehre ........................... . 125
§ 9: Idee und Hypothese ............................. . 150
§ 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen .............. . 159
§ 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und die Einheit
der Tugend ................................... . 185
§ 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse ............ . 196
Drittes Kapitel: Formen des Wissens ........................ 224
§ 13: Propositionales und nichtpropositionales Wissen ........ 224
§ 14: Das Wissen und der Wissende ..................... " 236
Die Deutsche Bibliothek - CIP- Kurztitelaufnahme § 15: Technisches und praktisches Wissen .................. 252
§ 16: Der irrende Wille und die Teleologie des Handelns . . . . . .. 263
Wieland, Wolfgang : § 17: Wissen und Meinung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 280
Platon und die Formen des Wissens / Wolfgang Wieland. - § 18: Reflexive Strukturen in Wissen und Handeln ........... 309
2., durchges. und um einen Anh. und ein Nachw. erw. Auf!. -
Göttingen : Vandenhoeck und Ruprecht, 1999 Abschluß. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 323
ISBN 3-525-30133-2
Anhang .......... , . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 326
Nachwort zur Neuauflage ............................... 331
© 1999, 1982 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
Printed in Germany. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich Literaturverzeichnis .................................... 343
aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer-
halb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustim- Stellenverzeichnis ...................................... 346
mung des Verlages unzulässig 1llld strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Ein- Griechische Ausdrücke .................................. 352
speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gesamther-
stellung: Hubert & Co., Göttingen Sachregister .......................................... 354
Einleitung

Resultate philosophischen Nachdenkens sind für uns zumeist in Gestalt


von Texten greifbar. Man hat sich daran gewöhnt, dies als eine keiner
weiteren Reflexion bedürftige Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Wer
einen Weg zum philosophischen Denken sucht, steht vor der Notwendig-
keit, bestimmte Texte zu studieren; wer philosophisches Denken prakti-
ziert, wird in aller Regel bestrebt sein, den Resultaten dieses Denkens die
Gestalt von Texten oder zumindest die Gestalt von textfähigen Gebilden zu
geben. Manchmal mag es sogar scheinen, als erreiche der philosophische
Gedanke erst dann seine optimale Ausformung, wenn er in einem Text
fixiert und damit zugleich mitteilbar gemacht wird. Erst dann kann man
mit ihm, wie es scheint, als mit einem identifizierbaren Gebilde umgehen.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, daß das Studium der Philosophie zumeist am
Leitfaden der Beschäftigung mit Texten absolviert wird. Darin unterschei-
den sich die einzelnen Schulen und Richtungen der Philosophie nur wenig.
Texte sind auch die Bezugsgrößen, an denen sich Kontroversen und Kon-
sense in gleicher Weise orientieren. Die Prüfung eines philosophischen
Gedankens hat daher auch fast immer eine in einem Text fixierte oder
zumindest fixierbare Gestaltung dieses Gedankens zum unmittelbaren Ge-
genstand.
Freilich hat die Philosophie von alters her immer wieder auch mit der
Möglichkeit von Einsichten gerechnet, die aus prinzipiellen Gründen nicht
in diskursiver Gestalt dargestellt und mitgeteilt werden können und die aus
diesem Grunde auch nicht textfähig sind. Das Selbstverständnis der Phi-
losophie im Hinblick auf die Struktur und die Eigenart ihrer Arbeit ist
jedoch durch das Bewußtsein von dieser Möglichkeit, entgegen dem äuße-
fen Anschein, nur 'wenig beeinflußt worden. Denn wo immer sie sich auch
veranlafst sah, die Möglichkeit von prinzipiell nicht texttähigen Einsichten
einzuräumen, - sie konnte zumindest diese Möglichkeit als solche zum
Gegenstand diskursiver Erörterungen machen. In der Tat kann man sich
jederzeit auf eine Reflexionsstufe begeben, auf der man den Anspruch auf
universale Diskursivität erheben und durchsetzen kann. Denn vom Philoso-
phierenden, der sich auf einer solchen Stufe befindet, erwartet niemand
mehr, daß er selbst Evidenzen oder Intuitionen realisiert. Man erwartet von
ihm nur, daß er über derartige Formen nichtdiskursiven Erkennens
begründbare Aussagen macht und daß er die Richtigkeit dieser Aussagen
auch zu verteidigen bereit ist. So mag es scheinen, als bedürfte es nur einer
8 Einleitung Einleitung 9

hinreichend entwickelten Reflexionsfähigkeit, wenn es darum geht, alle die Sache des literarischen Textes ist eine Funktion dieses Textes selbst. Sie
Versuche abzuwehren, die darauf zielen, die Philosophie aus dem Zauber- wird von ihm allererst entworfen und existiert nicht unabhängig von ihm.
kreis der Texte hinauszuführen. Philosophische Texte sind ihrem Status nach nun freilich keine literari-
Niemand wird den Gewinn preisgeben wollen, der dem philosophischen ,s,henTexte, Gleichwohl geht man nicht selten mit ihnen so -um, als
Gedanken dadnrch zuwächst, daß er sich an Texte bindet, in denen er sich handelte es sich um literarische Texte. Das ist beispielsweise überall dort
zu objektivieren vermag. Diese Bindung ist dnrch die philosophischen der Fall, wo man mit der Philosophi, wie mit einer Art von Begriffsdich-
Bemühungen der Gegenwart noch enger geworden, als sie es ohnehin schon tUJ1g, wie mit dem bloßen Ausdruck von Weltanschauungen oder Lebens-
war. Die Behandlung philosophischer Texte mit Hilfe von philologischen gefühlen umgeht, gleichgültig, ob man sich dabei dieser Ausdrücke bedient
und vor allem mit logisch-analytischen Methoden hat Möglichkeiten eröff- oder nicht.' Aber auch dort, wo man der Philosophie nur die Aufgabe
net, die der Entwicklung und der Differenzierung der philosophischen zugesteht, Modelle zu entwerfen, die für die Orientierung innerhalb der
Problematik selbst zugute gekommen sind. Das gleiche gilt von den Mög- Welt die Funktion von nützlichen Werkzeugen übernehmen können, gibt es
lichkeiten, die durch die Entwicklung von Kunstsprachen eröffnet worden keine Sache, die von der Philosophie und ihren Aussagen nur dargestellt
sind. Auf diese Weise sind Standards hinsichtlich der möglichen Klarheit würde und die sich auch unabhängig von den einschlägigen Texten präsen-
und der Präzision der Aussage entwickelt worden, die die Philosophie tieren ließe. Gerade ein zu seinem Zweck taugliches Werkzeug verhält sich
schwerlich außer acht lassen kann, wenn sie sich selbst ernst nimmt. nicht in der Weise der Abbildung oder der Darstellung zu dem Gegenstand,
Dennoch ist es bedenklich, wenn man die Bindung des philosophischen an dem es sich bewährt. Doch was die Sache der Philosophie eigentlich ist,
Geäankens an Texte und textfähige Gebilde als etwas Selbstverständliches läßt sich nun einmal nicht außerhalb ihrer bestimmen. Daher kann man
ansieht. Denn man macht sich in diesem Fall gar nicht mehr klar, von auch nicht gleichsam vorweg angeben, in welcher Weise sich der philoso-
welcher Art eigentlich die Sache ist, auf die sich der Text bezieht und in phische Text auf die von ihm intendierte Sache bezieht, ob er diese Sache
welcher Weise er sich auf sie bezieht. Der Philosophiebeflissene hat zudem darzustellen und abzubilden oder ob er sie allererst zu entwerfen sucht.
zu den Texten als solchen zumeist eine naive Einstellung. Es ist eine Man darf noch nicht einmal von der Annahme ausgehen, daß diese
Einstellung, zu der auch das Vertrauen gehört, daß sich der Text auf eine Alteruative vollständig ist. Schon der semantische Status philosophischer
von ihm selbst verschiedene, identifizierbare Sache bezieht und deswegen Text.e gibt daher Probleme auf, die als solche noch kaum bekannt sind.
Einsichten in diese Sache sowohl verkörpern als auch vermitteln kann. Der Zum Glück ist es aber gar nicht unbedingt nötig, die Frage nach der
Umgang mit dem Text wird in diesem Falle von der Überzeugung geleitet, Sache der Philosophie vorweg zu beantworten, weun man mit philosophi-
daß die Kenntnis und das Verständnis des Textes die Chance eröffnet, schen Texten auf angemessene Weise umgehen will. Das gilt nicht nur im
Einsicht in die Sache zu gewinnen, auf die er sich bezieht. Hinblick darauf, daß man den Text zum Gegenstand von Untersuchungen
Eine derartige Einstellung läßt sich angesichts der Texte aus dem Bereich machen kann, die sich historischer oder philologischer, psychologischer
der alltäglichen Lebenspraxis ebenso gefahrlos kultivieren wie angesichts oder soziologischer Methoden bedienen. Es gilt selbst im Hinblick auf die
der meisten wissenschaftlichen Texte. Schwierigkeiten ergeben sich indes- Tatsache, daß man ckn_Wahrheitsal1spruch ernst nehmen kann, der mit
sen, sobald man es mit philosophischen Texten zu tun hat. Denn was die den meisten philosophischen Texten, die wir kennen, verbunden ist. Denn
Sache der Philosophie überhaupt sei, ist eine nichttriviale Frage, deren in philosophischen Texten werden nun einmal zumeist Aussagen formu-
Erörterung bereits in den Innenbereich der Philosophie gehört. Alle For- liert, mitgeteilt und begründet, für deren Wahrheit sich ihr Autor stark
meln, mit deren Hilfe man den Aufgabenbereich der Philosophie zu macht. Wie die Sache der Philosophie auch strukturiert sein mag, - der
umschreiben pflegt, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier eine Autor eines philosophischen Textes der üblichen Art verbindet mit seinen
nicht leicht zu überwindende Schwierigkeit liegt. Geht es um Texte, so stellt Aussagen jedenfalls den Anspruch, diese Sache zu treffen.
der Gebrauchstext der alltäglichen Lebenspraxis den einen Grenzfall dar. Auch ein philosophischer Text bietet natürlich viele Aspekte, denen man
Bei ihm darf man regelmäßig davon ausgehen, daß die Sache von dem Text, auch dann gerecht werden kann, wenn man von diesem Wahrheitsan-
der sich auf sie bezieht, prinzipiell unabhängig ist und daher grundsätzlich spruch absieht. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man mit Hilfe der
auch immer unabhängig vom Text präsentiert werden kann. In diesem "ben erwähnten Methoden 4en Text als solchenauf gegenständlicheWeise
Bereich besteht daher immer auch die prinzipielle Möglichkeit eines text- lllltersucht. In seiner Eigenschaft als philosophischer Text nimmt man ihn i "
freien Zugangs zu den Sachen, von denen der Text handelt. Den anderen jedoch erst dann ernst, wenn man auf seinen Wahrheits anspruch eingeht.
Grenzfall bildet der literarische Text. Hier gibt es gar keine Sache, zu der Auf diese Weise ist die philosophische Interpretation eines einschlägigen
man sich einen Zugang unabhängig vom Text verschaffen könnte. Denn Textes von philologischen oder historischen Interpretationen untetschie-
10 Einleitung Einleitung 11

den. Wer auf den Wahrheitsanspruch eingeht, ist nicht verpflichtet, diesen geben, die sich ihr Autor selbst noch gar nicht gestellt hat und die er sich
Anspruch zu akzeptieren. Im Gegenteil: Gerade wer diesen Anspruch ernst von seinen Voraussetzungen aus auch noch gar nicht stellen konnte. Darin
nimmt, wird ihm gegenüber skeptisch sein müssen. Denn er muß prüfen, ob zeigt sich gleichsam ein hermeneutischer Überschuß des klassischen Textes.
der Anspruch legitimerweise erhoben wird und ob er eingelöst werden Er macht verständlich, warum die klassischen Texte der Philosophie nicht
kann. Der Interpret kann sich in diesem Falle nicht darauf beschränken, veralten, sondern unter der Voraussetzung neuer Methoden und Fragestel-
gleichsam als neutraler Beobachter Aussagen über den Autor und seinen lungen auch selbst immer wieder in einem neuen Licht erscheinen und die
Text zu machen. Er muß sich auch selbst auf die Ebene begeben, auf der der Erkenntnis der Sache fördern können.
Autor seine Überlegungen anstellt; er muß in diese Überlegungen eintreten Es versteht sich von selbst, daß das Gesagte in besonderem Maße auch
und sie weiterentwickeln können. In diesem Fall ist der Autor Gegenstand für Platon und sein Werk gilt ' . Trotzdem nimmt Platon in Hinblick auf die
der Untersuchung, zugleich aber auch Partner einer an einer gemeinsamen hier erwähnten Probleme eine Sonderstellung gegenüber fast allen anderen
Sache orientierten Auseinandersetzung. Autoren im Umkreis der Philosophie ein. Die meisten Autoren zeigen
Nur wenn man eine derartige Einstellung realisiert, ist es möglich, nämlich zum philosophischen Text als solchem eine vergleichsweise naive
Philosophiegeschichte nicht nur als historische, sondern auch als philoso- Einstellung. Sie vertrauen auf die Fähigkeit von Texten, Erkenntnisse
phische Disziplin zu pflegen. Denn nur dann bietet sich die Chance, nicht unterschiedlichster Art und Struktur sowohl darzustellen und zu verkör-
nur über philosophische Texte Erkenntnisse zu formulieren, sondern auch pern als auch dem Adressaten mitzuteilen. Ob ein Text diese Fähigkeit
aus ihnen Wahrheit zu gewinnen. Es liegt auf der Hand, daß die Ergebnisse wirklich hat, wird gewöhnlich gar nicht mehr untersucht. Platon nimmt
eines derartigen Umgangs mit Texten nicht immer in das Schema einfacher dagegen eine bewußte und reflektierte, vor allem aber eine distanzierende
zweigliedriger Alternativen passen müssen. Man ist nämlich nicht darauf Haltung zu seinen Texten ein. Er erhebt nämlich gar nicht den Anspruch,
beschränkt, den mit dem Text verbundenen Wahrheitsanspruch entweder unverschlüsselte Behauptungen zu formulieren, die einem anderen unmit-
zu bestätigen oder zu verwerfen. So wird sich in manchen Fällen herausstel- telbar Einsicht in das verschaffen könnten, worauf sie sich beziehen. - Er
len, daß sich ein solcher Anspruch nur dann einlösen läßt, wenn bestimmte bleibt skeptisch gegenüber dem Glauben, die textfähige Aussage könnte ein
Zusatzbedingungen gegeben sind, von denen im Werk des interpretierten geeignetes Mittel sein, jenes Wissen zu verkörpern, um das es in der
Autors nicht unbedingt explizit die Rede zu sein braucht. Im Blick auf diese Philosophie geht. Er re"hnet mit der Möglichkeit von Formen des Wissens,
Möglichkeit empfiehlt es sich sogar geradezu, nach Zusatzbedingungen zu ,lie_sich nicht auf direkte Weise mitteilen und deswegen auch gar nicht
suchen, unter denen sich die im behandelten Text vertretenen Thesen unmittelbar einem textfähigen Gebilde von der Art der Aussage zuordnen
verifizieren lassen. lassen. Zwar weiß er, daß er trotz allem auf Texte nicht verzichten kann.
Die Untersuchung eines philosophischen Textes führt nicht in jedem Fall Doch er behält stets die Grenzen im Auge, die jeder Aussage und jedem
zu inhaltlich belangvollen Ergebnissen, wenn man den Wahrheitsanspruch Text auf Grund ihrer Natur gezogen sind. So macht erauf die Möglichkeit
ernst nimmt und ihn, notfalls unter Einführung von Zusatzbedingungen, aufmerksam, daß die Sache, um die sich die Philosophie bemüht, vielleicht
einzulösen sucht. Man wird sogar in der großen Mehrzahl der Fälle, in gar nicht von der Art ist, daß sie -als semantisches Korrelat textfähiger -
denen man philosophische Texte der Vergangenheit in dieser Weise auszu- Aussagen greifbar und mitteilbar wäre. Auch mit der Aufstellung einer
werten unternimmt, scheitern. Doch von Bedeutung sind nun einmal noch so gut begründeten Lehre oder Theorie würde die Philosophie in
gerade die nicht sehr zahlreichen Autoren, die einem, geht man mit ihren diesem Falle noch nicht an ihr Ziel kommen können.
Texten in der angezeigten Weise um, fruchtbare und nichttriviale Einsich- Das überlieferte Werk Platons ist ein sichtbarer Beweis dafür, daß das
ten zu vermitteln vermögen. Es sind dies die Autoren, die man als klassische Bewußtsein von Problemen, wie sie mit philosophischen Texten als solchen
Autoren auszuzeichnen gewöhnt ist. Daher ist es sinnvoll, Klassizität von verbunden sind, zur Gestaltung von Texten ganz besonderer und eigentüm-
philosophischen Texten geradezu durch ihre Fähigkeit zu definieren, Ein- licher Art führen kann. Bei diesem Werk handelt es sich bekanntlich
sichten in die von ihnen behandelte Sache zu vermitteln, wenn der mit zumeist um Dialoge, in denen ihr Autor selbst nicht auftritt. Platon macht
ihnen verbundene Wahrheitsanspruch ernst genommen wird. Diese Ein-
sichten brauchen kein Bestandteil dessen zu sein, was man als Lehrmeinung
des Autors zu bezeichnen pflegt. Die Lehrmeinung des Autors ist zwar ein J "No interpretation of Plato's teaching can be proved fuHy by historical evidence. For the
crucial part of his interpretation the interpreter has to fall back on his own resources: Plato
wichtiger, aber eben nicht der alles beherrschende Gesichtspunkt, wenn es
does not relieve hirn oE the responsibility for discovering the decisive part of the argument by
um die sachgerechte Behandlung klassischer philosophischer Texte geht. himself" (L. Strauss, Plato's political philosophy, in: Social Research 13, 1946, S. 326-367,
Gerade die klassischen Texte können Antwort oft auch noch auf Fragen vgl. S. 351).
12 Einleitung

sich niemals im eigenen Namen dem Leser gegenüber für die Richtigkeit
bestimmter Behauptungen stark. Was mit seinen Texten mitgeteilt wird, ist
daher nicht nur inhaltlich von dem verschieden, was in den Werken anderer
philosophischer Autoren mitgeteilt wird. Denn Platons Texte unterscheiden
sich bereits auf Grund ihrer Form von den Lehrtexten, die in der Philoso-
phie üblicherweise als Medium der Mitteilung fungieren. Es kann vorerst Erstes Kapitel: Das geschriebene Werk
dahingestellt bleiben, Q,,_dieDialogform auch die Aufgabe hat, philosophi-
sche Lehren einzukleiden, die sich möglicherweise auch unabhängig von
dieser Einkleidung formulieren und mitteilen ließen. Entsprechende Hypo- § 1: Platons Schriftkritik
thesen können und müssen an den Texten erprobt werden. Auf jeden Fall
bleibt die Tatsache bestehen, daß das platonische Werk auf unmittelbare In Platons überliefertem Werk finden sich einige Stellen, an denen die
und unverschlüsselte Weise jedenfalls keine philosophischen Lehren seines Frage nach der Struktur und nach der Leistung schriftlich fixierter Rede
Autors präsentiert oder mitteilt. erörtert wird. Es sind Erörterungen, in denen es vornehmlich darum geht,
Jede Platondeutung tut daher gut daran, auch die Probleme ernst zu die dem geschriebenen Wort durch seine eigene Natur gezogenen Grenzen
nehmen, die durch<iie eigentümliche Form der platonischen Schriften sichtbar zu machen. Sie orientieren sich an Erwartungen, die man auf der
aufgegeben sind. Hier wird deutlich, daß es eine nichttriviale Frage ist, ob Grundlage einer unreflektierten Einstellung der Schrift gegenüber oftmals
sich die Bemühungen Platons darin erschöpfen, Lehren aufzustellen, Zll hegt; sie wollen zugleich erklären, warum solche Erwartungen notwendi-
begründen und in verschlüsselter Form mitzuteilen. Jede Lehre hat zu ihrer gerweise enttäuscht werden. Damit ist aber auch die Frage gestellt, ob es
Grundlage Behauptungen darüber, daß ein bestimmter Sachverhalt besteht andere Instanzen gibt, die das zu leisten vermögen, was die schriftlich
oder nicht besteht. Platons Werk stellt indessen schon durch seine Form in fixierte Rede manchmal leisten soll, aber eben doch nicht leisten kann. Ob
Frage, ob jedes Wissen die Form einer Behauptung über etwas, was der Fall sich der Inhalt einer Erkenntnis oder eines Wissens überhaupt in einem
ist, aufweist. Daher läuft man Gefahr, wesentliche Seiten von Platons Schriftwerk dokumentieren und darstellen läßt, ob er auf dem Wege über
Philosophieren zu verfehlen, wenn man sich auf den Versuch beschränkt, eine derartige Dokumentation einem anderen mitgeteilt werden kann, -
auf der Grundlage der überlieferten Texte Platons etwas zu rekonstruieren, derartige Fragen sind es, die in Platons Schriftkritik erörtert und schließlich
was man dann als Platons systematische Lehre ansieh!. Dann wird man negativ beantwortet werden.
nämlich jenen Gestalten des Wissens nicht mehr gerecht, die gar nicht das Bei jedem Versuch, Platons Philosophieren zu verstehen, kommt diesen
Bestehen oder Nichtbestehen von Sachverhalten thematisch intendieren. Es Stellen und ihrer Deutung eine Schlüsselfunktion zu. Das ist noch niemals
besteht Grund zu der Annahme, daß auch die Form von Platons überliefer- ernsthaft bezweifelt worden. Denn unsere Kenntnis von der Philosophie
tem Werk mit der Anerkennung derartiger Gestalten des Wissens im Platons stützt sich nun einmal auf die unter seinem Namen überlieferten
Zusammenhang steht. Ihnen wird jedenfalls in der vorliegenden Untersu- und in Gestalt von Texten vorliegenden Werke. Von der Bewertung der
chung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Schriftkritik hängt daher auch ab, wie Platons überliefertes Werk im
ganzen zu deuten ist. Erweist sich die Schriftkritik als triftig, so muß man
prüfen, ob sie sich nicht auch auf jenes Werk bezieht, in dem Platons
Philosophie dokumentiert zu sein scheint. Daß in dem unter Platons
Namen überlieferten literarischen Werk die philosophischen Lehren ihres
Autors niedergelegt sind, kann man dann nicht mehr als selbstverständlich
voraussetzen. Gewiß ist uns auch die Schriftkritik selbst nur in schriftlicher
Form, nämlich innerhalb dieses Werks überliefert. Doch auf der Grundlage
von Überlegungen, die sich an die Feststellung dieser Tatsache anschließen
lassen, kann man die Schriftkritik schwerlich entwerten. Das wäre allen-
falls dann möglich, wenn Platons Schriftkritik darauf zielte, ein Theorem
zu begründen, das mit strenger Allgemeingültigkeit die Insuffizienz jeder
schriftlichen Mitteilung im Bereich der Darstellung und Mitteilung von
Wissen behauptete. Doch dieser Fall ist in Wirklichkeit nicht gegeben.
14 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 15

Denn in Platons Schriftkritik geht es gar nicht so sehr darum, Theoreme einer kunstgerechten Rede zu beachtenden Regeln zum Thema hat. Gegen
aufzustellen und zu begründen. Es geht vielmehr darum, eine Anleitung Ende des Dialogs geht es um die auch bereits in der zeitgenössischen
zum angemessenen Umgang mit schriftlichen Dokumenten zu geben, der Rhetorik erörterte Frage, unter welchen Bedingungen es einer Rede ange-
der oft verkannten Eigenart des Schriftlichen gerecht zu werden vermag. messen sei, schriftlich fixiert zu werden'. Die Schriftkritik selbst wird in
Deshalb läßt sich die Schriftkritik auf eine Weise deuten, bei der sich keine dem zwischen Sokrates und Phaidros geführten Dialog durch einen von
logischen Schwierigkeiten aus der Tatsache ergeben, daß auch sie selbst in Sokrates erzählten Mythos von der Erfindung der Schrift eingeleitet. An ihn
schriftlicher Gestalt überliefert ist. Platons Kritik sieht ohnehin die Schrift schließt sich eine Sacherörterung an. Mythos und Sacherörterung sind
dort, wo es darum geht, Wissen und Einsicht zu vermitteln, nicht als verzahnt: Das von Sokrates mit seinem Partner Phaidros geführte Gespräch
gänzlich wertlos an. Sie macht indessen auf die niemals ohne Rest zu schließt sich zwanglos an ein Gespräch zwischen den im erzählten Mythos
beseitigende Unvollständigkeit und Vorläufigkeit alles Schriftlichen sowie auftretenden Personen an.
auf die Voraussetzungen aufmerksam, unter denen jeder Text als Text Schon mit der Wahl der literarischen Form des Dialogs distanziert sich
steht, gleichgültig, wovon er handelt. Sie hat ihr Ziel erreicht, wenn sie in Platon zumindest partiell von der Schriftlichkeit und ihren Beschränkun-
dem, der sie versteht, die Fähigkeit erweckt hat, der Eigenart des Schriftli- gen. Der Beginn der Schriftkritik im "Phaidros" nimmt als erzählte
chen im Umgang mit Texten gerecht zu werden. Hat man sachgerechtes Geschichte aber auch dem dialogischen Kontext gegenüber noch einmal
Umgehen mit Texten erst einmal gelernt und eingeübt, so kann man es eine eigentümliche Distanz ein. Die Schriftkritik wird hier also mit den
selbst dort bewähren, wo man es mit Texten zu tun hat, die von der Techniken einer in zweifacher Hinsicht indirekten Mitteilung eingeleitet.
Leistungsfähigkeit des Schriftlichen und ihren Grenzen handeln. Der Intention des Lesers ist damit die Richtung gewiesen: Er wird nicht
Wer Platons Schriftkritik verstanden hat, wird sehr skeptisch gegenüber unmittelbar mit einem an ihn adressierten Lehrtext konfrontiert, sondern
jeder Einstellung sein, die Erkenntnis aus Schriftwerken gewinnen zu er wird Zuhörer eines auf der Ebene der literarischen Fiktion mündlich
können glaubt. Dann stellt sich freilich die Frage, wie man mit einem geführten Dialogs, an dem er selbst nicht teilnimmt. Im Rahmen dieses
philosophischen Text auf angemessene Weise umgehen sollte. Diese Frage Dialogs wird jedoch nicht gelehrt, sondern gefragt und geantwortet, erzählt
stellt sich im Hinblick auf die literarische Eigenart von Platons Dialogen und erörtert.
sogar mit besonderer Dringlichkeit. Angesichts dieser Werke geht es nicht Sokrates beruft sich auf von ihm angeblich Gehörtes, wenn er mit der
Erzählung des Mythos von der Erfindung der Schrift beginnt (274c). Das ist
nur darum, wie in ihnen Erkenntnisse ihres Autors dokumentiert sind.
Denn in diesem Falle müßte bereits ausgemacht sein, daß die Dialoge
I nichts Ungewöhnliches, wo auch immer er einen Mythos als Medium oder
jedenfalls den Zweck verfolgen, Lehrmeinungen ihres Autors darzustellen
I als Stimulans der Erörterung benutzt. Gleichwohl handelt es sich bei
!
und mitzuteilen. Man ist heute leicht anzunehmen geneigt, nur sprachliche i diesem Mythos um eine Erfindung des Sokrates, wenigstens was die
Formulierungen könnten eine sichere Basis für philosophische Analyse und
Diskussion abgeben, zumal dann, wenn man davon ausgeht, die Aufgabe
I Ausgestaltung seines Inhalts angeht. Sein Partner Phaidros bemerkt dies
auch sogleich (275b). Sokrates will sich für die Wahrheit des Mythos auch
des philosophischen Denkens erschöpfe sich darin, Sätze über Sachverhalte gar nicht verbürgen; ob er wahr ist, wissen nach seiner Meinung nur
von ganz bestimmter Art zu finden, zu begründen und zu dokumentieren. I diejenigen, die ihn überliefert haben (274c). Sokrates nimmt hier gegenüber
Hierbei macht es dann keinen Unterschied, ob man sich an Texte aus der der Wahrheits frage eine bei ihm ungewohnte Reserve ein; das hindert ihn
Geschichte der Philosophie oder aber an Formulierungen auf der Basis
I aber nicbt daran, seinen Partner zu ermahnen, sich mehr um die Wahrheit
einer Kunstsprache hält. Niemand wird den Gewinn aus der Hand geben I als um die Herkunft einer Rede zu kümmern (275b). - Mit der Reserve, die
wollen, den man aus einer Arbeit ziehen kann, die von dieser Annahme I
• Sokrates der Wahrheitsfrage gegenüber einnimmt, wird signalisiert, daß
ausgeht. Platons Schriftkritik kann einen indessen auf Formen und
Momente des Wissens aufmerksam machen, die nicht ohne Rest in einem
I
'1
auch die mündliche Rede nicht den Anspruch einlösen kann, Wahrheit
darzustellen oder einem anderen zu vermitteln, wenn die Augenzeugen, die
,0
Lehrtext mitgeteilt werden können, - auch nicht in einem platonischen allein imstande wären, diesen Wahrheitsanspruch zu sichern, nicht anwe-
Dialog. Es sind Formen und Momente, die bei keinem Versuch einer send sind und daher auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.
Deutung von Platons Werk vernachlässigt werden sollten.
1 Die Frage nach der Bedeutung der Schriftlichkeit kann implizit auch dort präsent sein, wo

sie nicht thematisiert wird. So läßt Platon zu Beginn des Dialogs Phaidros den Text einer Rede
In einer häufig zitierten und behandelten Passage aus dem Schlußteil des aus der Feder des (am Dialog nicht teilnehmenden) Rhetors Lysias mitbringen (Phdr. 227c). Es
"Phaidros" (274b-278b) wird eine Kritik an der Schriftlichkeit im Rahmen ist bei P!aton eine Seltenheit) wenn in einem Dialog einmal- wie hier - ein Text vorgelesen
einer Erörterung vorgetragen, die die bei der Anfertigung und beim Vortrag wird (230cff.; vgl. 262c, 263e).
T
I

16 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 17

Der erzählte Mythos, obwohl in der literarischen Fiktion mündlich mitge- Sokrates auch angedeutet: Als Erzähler erklärt er, es bedürfe einer langen
teilt, weist insofern also gerade Merkmale auf, wie sie für Texte charakteri- Rede, wollte man alles das durchgehen, was Thamos dem Theuth über jede
stisch sind. Denn Texte sind unfähig, selbst Rechenschaft über ihren Inhalt der von ihm erfundenen Künste gesagt habe (274e). Andeutungen dieses
zu geben. Nicht zufällig läßt Sokrates den von ihm erzählten Mythos in Typs finden sich bei Platon nicht selten. Wollte man auf sie eingehen,
einem fremden Umkreis, nämlich in Ägypten spielen. müßte man im vorliegenden Fall die von Thamos vorgetragenen Beurtei-
Der Inhalt des Mythos bietet dem Verständnis kaum Schwierigkeiten. Er lungen zu rekonstruieren versuchen. Eine derartige Rekonstruktion würde
erzählt von Theuth, einem älteren ägyptischen Lokalgott, der nicht nur beispielsweise auch Elemente einer Theorie der Mathematik enthalten. Der
Zahl und Rechnung, Geometrie und Astronomie, Würfel- und Brettspiel, Mythos, der die Schrift, die Mathematik und bestimmte Spiele auf ein und
sondern auch die Buchstabenschrift erfunden hat'. Theuth präsentiert seine denselben Erfinder zurückführt, gibt damit einen Hinweis, dessen Intention
Erfindungen dem ihm übergeordneten und über ganz Ägypten herrschen- man nicht übersehen sollte.
den Gottkönig Thamos, weil er alle Ägypter an ihrem Nutzen teilhaben Schon innerhalb des Mythos wird der Gebrauch einer Sache mit ihrer
lassen möchte. Thamos führt daraufhin mit Theuth ein Gespräch, das die Herstellung konfrontiert. Hier haben wir es mit einem Denkschema zu tun,
Frage nach dem Nutzen' einer jeden Erfindung in den Mittelpunkt stellt. das zu den wichtigsten Orientierungshilfen des platonischen Denkens
Der König beurteilt jede. Erfindung alternativ': Was Theuth über den gehört. Das Urteil dessen, der eine Sache zu gebrauchen weiß, hat nämlich
Nutzen einer jeden Erfindung vorträgt, wird von Thamos teils gelobt, teils stets einen höheren Rang als das Urteil dessen, der sie herstellt. Denn was
getadelt. Die Beurteilung der Schrift führt zu einem Dissens. Theuth preist die Schrift eigentlich ist, zeigt sich nur dann, wenn man sie in ihrem
sie als ein Mittel, Wissen und Gedächtnis bei den Ägyptern zu fördern. Gebrauch betrachtet und wenn man den Nutzen und den Schaden
Thamos widerspricht: Es seien zwei ganz verschiedene Dinge, ob man eine abschätzt, den dieser Gebrauch zur Folge hat. Zwar wird auch der Herstel-
Kunst erfinde oder ob man abschätze, welchen Nutzen und welchen ler einer Sache Meinungen über ihren Nutzen entwickeln. Doch diese
Schaden sie denen bringen kann, die von ihr Gebrauch machen. Diese am Meinungen bedürfen der Korrektur. Im Mythos muß sich denn auch
Gebrauch einer Sache, an ihrem Nutzen und Schaden orientierte Beurtei- Theuth als Erfinder der Schrift gegenüber Thamos als dem Inhaber des
lungskompetenz nimmt Thamos für sich gegenüber Theuth in Anspruch. zugehörigen Gebrauchswissens mit einer untergeordneten Rolle begnügen.
Nach seinem Urteil fördert die Schrift die Vergeßlichkeit. Denn sie verführe Theuth zeigt im Mythos noch eine naive Einstellung zu seinen Erfindungen.
dazu, das Gedächtnis zu vernachlässigen. Wer sich auf die Schrift verlasse, Er ist sich der Ambivalenz eines jeden Dinges noch nicht bewußt geworden.
erinnere sich nicht mehr von selbst; er habe sich von äußeren Dingen Es hängt nämlich von den teleologischen und den pragmatischen Zusam-
abhängig gemacht, wenn er sich von ihnen erinnern lasse. Nicht für das menhängen ab, in die man ein Ding einfügt, ob es sich als nützlich oder als
Gedächtnis der sich aus eigener Kraft erinnernden Seele sei die Schrift ein schädlich erweist. Was ein Ding eigentlich ist, weiß jedenfalls der nicht, der
Hilfsmittel, sondern nur für die äußerer Anstöße bedürftige Erinnerung'. es nicht in solche Zusammenhänge einzuordnen und aus ihnen zu beurtei-
Auch für das Wissen' ist die Schrift nach dem Urteil des Thamos nicht von len versteht. Im Mythos verkörpert Thamos die Kompetenz zu jener
Nutzen. Sie vermittele dem Schüler kein wahres Wissen, sondern höchstens Beurteilung, die über die Betrachtung des Dinges in seiner puren Gegen-
Dünkelwissen. Mit Hilfe der Schrift ziehe man Menschen heran, die sich ständlichkeit hinausgeht, weil sie sich an jener Ambivalenz orientiert, die
den Anschein von Wissenden geben, in Wirklichkeit aber doch zumeist sich an einem Ding erst dann zeigt, wenn man es in unterschiedliche
nichts wissen. Gebrauchsrelationen einfügt.
Damit endet der Mythos. Das nun folgende Gespräch zwischen Sokrates Schon diese Umstände weisen darauf hin, daß die Kritik des "Phaidros"
und Phaidros setzt in der Sache den im Mythos zwischen Theuth und keineswegs eine pauschale Entwertung alles Schriftlichen bezweckt. Die
Thamos geführten Dialog fort. Ohnehin wird im Mythos nicht alles das Kritik will vielmehr die Einsicht vermitteln, daß man der Schrift dann nicht
gesagt, was innerhalb seines Rahmens gesagt werden könnte. Das wird von gerecht wird, wenn· man sie nicht im Blick auf die pragmatischen Relatio-
nen beurteilt, in die sie sich einfügen läßt. Kritisiert wird nicht die Schrift
2 Zur Parallelbehandlung von (Brett-)Spiel und mathematischer Wissenschaft vgl. Charm.
als solche. Kritisiert wird, wer mit ihr auf unangemessene Weise umgeht
174b, G~)fg. 450 d, insbesondere Nom. 820d. Zu Theuth als Erfinder der "Grammatik" vgl. und wer ihr Leistungen abverlangt, die sie nun einmal nicht erbringen
auch Phtl. 18b. kann. Wer Aufgeschriebenes besitzt oder kennt, unterliegt leicht dem
, wrpE).{a, Phdr. 274d.
Irrglauben, damit auch bereits das zu wissen und zu verstehen, wovon es
4 hr' aJ1.Cf6T6(Ja, Phdr. 274e.

, ~vri~ry - ,j,,6~'V1/a,<;, Phdr. 275 •. handelt. Einer unreflektierten Einstellung bleibt zumeist verborgen, daß
, aorpia, Phdr. 274el. Texte selbst im günstigsten Fall nur die Funktion eines Werkzeugs erfüllen,
2 Wieland, !)!aton
18 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 19

wenn es darum geht, wirkliches Wissen zu erwerben. Hier bedarf es stets Der Kern von Platons Schriftkritik besteht also nicht in einer äußerlichen
einer Instanz, die dieses Werkzeug kompetent zu gebrauchen weiß. Nur Konfrontation graphischer und akustischer Medien der Mitteilung. Denn
über Scheinwissen verfügt, wer lediglich den Besitz eines solchen Werk- es geht in dieser Kritik darum, jenes Beziehungsgefüge vor Augen zu stellen,
zeugs demonstriert, ohne auf rechte Weise mit ihm umgehen zu können. innerhalb dessen jede Rede, sei sie nun mündlich oder schriftlich geäußert,
Darauf beruht die Möglichkeit, den Besitz von Wissen vorzutäuschen. HIer nur ein unselbständiges Moment darstellt. Dieses Beziehungsgefüge zwi-
macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob man nur andere täuscht oder schen Sprecher und Adressat gewinnt freilich im Falle der geschriebenen
außerdem auch noch sich selbst. Rede eine besonders deutliche Kontur. Denn gerade die geschriebene Rede
Der Mythos selbst deutet nur an, was die Schrift jedenfalls nicht zu zeigt oftmals - wenngleich nicht immer - eine Art von Ausfallphänomen
leisten vermag. Die an ihn sich anschließende Erörterung bestimmt die an. Gerade weil sie sich kraft ihrer gegenständlichen Fixierung aus jenem
Leistungsfähigkeit der Schrift auch in positiver Weise. Gemäß einer von Gefüge leicht herauslösen läßt, vermag sie seine Struktur gleichsam in der
Sokrates vorgetragenen Überlegung kann ein Text an das erinnern, wovon Art einer Negativkopie sichtbar zu machen. Wenn Sokrates die geschrie-
das Geschriebene handelt. Das ist aber nur dort möglich, wo er auf einen bene Rede beurteilt, so bleibt er daher stets an ihrem Urbild, nämlich an
bereits Wissenden trifft, der nur einer Erinnerungshilfe bedarf'. Die Schrift jener Rede orientiert, die mit Einsicht in die Seele des Lernenden "geschrie-
kann als solche derartiges Wissen weder hervorbringen noch mitteilen; sie ben" ist U • Anders als ihr - im eigentlichen Sinne des Wortes verstandenes-
kann höchstens Wissen reaktivieren, das bereits latent vorhanden ist. Dann geschriebenes Abbild ist sie fähig, sich zu verteidigen. Auch weiß sie, wem
fungiert sie als bloßer Anlaß für die Erinnerung an etwas, was selbst in die gegenüber sie zu reden und wem gegenüber sie zu schweigen hat12 • Man
schriftliche Fixierung gar nicht eingeht. Das Wissen ist also im schriftlichen wird also der geschriebenen Rede nur gerecht, wenn man sie zu diesem
Dokument nicht verkörpert. Einfältig wäre es, wie Sokrates betont, wollte ihrem Vorbild in Beziehung setzt und wenn man weiß, daß sie dieses
man eine Kunstfertigkeit" mit dem Mittel der Schrift zu tradieren suchen. Vorbild immer nur auf sehr unvollständige Weise darstellen kann. So bleibt
Gerade hier handelt es sich um eine Wissensform, bei der es auf der Hand die geschriebene Rede im Vergleich zu jener eigentlichen und ernsthaften
liegt, daß sie sich der vollständigen schriftlichen Objektivierung entzieht. Rede ein bloßes Spiel". Wer über wirkliches Wissen verfügt, wird daher
Sokrates macht auf weitere Eigenschaften der geschriebenen Rede auf- allenfalls zum Spiel oder zum Zweck der Erinnerungshilfe versuchen, den
merksam: Sie hat sich im Gegensatz zur gesprochenen Rede gegenüber Inhalt dieses Wissens in einem Text darzustellen. Gerade ihm ist klar, daß
ihrem Urheber verselbständigt. So findet man sie auch an Orten, an denen das, was das Wissen erst zum Wissen macht, im Text gar nicht greifbar
ihr Urheber nicht anwesend ist. Das scheint zunächst ein Vorzug zu sein, in wird. Zum Wissen gehört nämlich stets die als solche gar nicht aufschreib-
Wirklichkeit handelt es sich aber um einen Mangel. Denn die Rede vermag bare Fähigkeit, angesichts möglicher Adressaten mit ihm umzugehen und
als solche nichts; nur eine hinter ihr stehende Instanz vermag etwas, wenn Rechenschaft von ihm zu geben. Sie kommt nur dem Wissenden zu,
sie sich ihrer als eines Mittels bedient. Auf Fragen antworten kann nicht der dagegen niemals einem Text. Wo es dem Wissenden ernst ist, verläßt er sich
Text, sondern nur sein Urheber. Kein Text kann sich selbst explizieren; er daher nicht auf die Schrift. Er wird sich, wie es Sokrates ausdrückt,
signalisiert immer nur ein und dasselbe'. Sokrates kann das Geschriebene unmittelbar an eine verwandte Seele wenden und dort mit Einsicht Reden
daher auch mit dem gemalten Bild vergleichen (275d): Ein Bild kann die pflanzen und säen, die im Gegensatz zu Texten lebendig sind. Diese Reden
dargestellte Person nicht leibhaftig präsentieren; es kann allenfalls den werden nicht steril sein, sondern sie werden Früchte tragen, und sie werden
Schein der Lebendigkeit vorspiegeln. Weder das Bild des Malers noch der sich selbst ebenso wie dem, der sie gepflanzt hat, zu Hilfe kommen können
Text können auf Fragen antworten. Spricht man sie an, so schweigen sie. (vgl. 276ef.).
Das geschriebene Wort kann auch nicht aus eigener Kraft den richtigen Die Phaidrosstelle enthält keine vollständige Texttheorie. Sie macht
Adressaten finden. Es kann sich nicht verteidigen und bleibt daher jedem jedoch auf den komll1Unikativen Realkontext aufmerksam, in den eine jede
Mißverständnis schutzlos ausgeliefert. Stets bedarf es der Hilfe seines Rede, mag sie geschrieben oder gesprochen sein, von Hause aus gehört.
Urhebers (275e). Nur er weiß, für wen seine Rede bestimmt ist und für wen Was mit Hilfe einer Rede ausgedrückt und bewirkt werden soll, läßt sich
nicht lO , niemals ausschließlich ihrem Wortlaut entnehmen. Man muß vielmehr stets
7 Phdr. 275d: ... '/:"011 Elb6w vnoj.Lvfjam 1CS(JL cbv äv dLa yeY(Juppeva, vgl. 278a. den Realkontext in Rechnung stellen, innerhalb dessen der Wortlaut der
, dXV1/, Phdr. 275c.
Phdr. 275d; vgl. Prot. 329a: Bücher können weder fragen noch antworten. Sie gleichen
9 11 f..lH' br:wrr]p:rJ; y{}(XtpHat sv rfj roD ,.wvf}avovro; 'ljJvxiJ, Phdr. 276a, vgl. 278a.
Kesseln, die lange nachtönen, wenn sie einmal angeschlagen worden sind. . 12 OVVa7:oq J.tEV &J.Lvvm eavrtp, eman]/lwv 6f; AEyEW Te :J<,ui myäv Jr(JOf aUf bä, Phdr.
10 Von hier aus ist die Redeweise zu verstehen, gemäß der jemand einem Logos zu HIlfe 276a.
kommt, z.B. Phd. 88e; Theait. 164a, 13 Jrwbtd, Phdr. 276bf., 277e.
20 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 21

Rede immer nur den Status eines unselbständigen funktionellen Elementes ren, sich mit den Mitteln der Sprache auszudrücken und damit bei seinem
hat. Zu diesem Realkontext gehört ein bestimmter Urheber mitsamt seinen Partner etwas Bestimmtes zu bewirken - beispielsweise den Gewinn von
Fähigkeiten und dem in seiner Seele liegenden Wissen, ein bestimmter Einsicht. Doch der Wissende ist diesen Mitteln nicht ausgeliefert, sondern
Adressat sowie die Randbedingungen der konkreten Sprechsituation. Der er verfügt über sie. Sein Wissen wird nicht als solches unmittelbar im
Wortlaut der Rede selbst hat innerhalb dieses Realkontextes insttumenta- Wortlaut der sprachlichen Ausdrücke greifbar oder vorstellig. Es bewährt
len Charakter. Nicht die Rede selbst sagt etwas, sondern mit ihrer Hilfe sich dagegen in der Fähigkeit des Wissenden, mit solchen Ausdrücken im
wird von jemandem etwas zu jemandem gesagt. Sie erfüllt ihre Funktion Blick auf die Sache, auf den Adressaten und auf die Situation richtig
um so besser, je mehr es dem Sprecher gelingt, die Aufmerksamkeit des umzugehen. Das geschriebene Wort ist indessen dem Realkontext entho-
Adressaten mit ihrer Hilfe nicht auf ihren Wortlaut, sondern auf die ben. Es erweckt den Anschein, als wäre es ihm gegenüber invariant; es kann
intendierte Sache zu richten. Gerade wenn sie diese ihre Funktion erfüllt, so auftreten und so rezipiert werden, als wäre es nicht bloß Werkzeug oder
wird sie als solche nicht thematisiert. Dann besteht auch nicht die Gefahr Indikator eines hinter ihm stehenden Wissens, sondern als würde es dieses
des Irrglaubens, die gegenständliche Kenntnis einer Formulierung könnte Wissen selbst gegenständlich verkörpern und mitteilbar machen. Wissen
bereits das Verständnis dessen garantieren, was der Sprecher mit ihrer Hilfe läßt sich indessen nicht in der Weise mitteilen, in der Dinge übergeben oder
ausdrücken und mitteilen wollte. ausgetauscht werden können. Was wie eine Mitteilung von Wissensinhal-
Wer gesprochene Rede versteht, hat das Beziehungsgefüge dieses Real- ten aussehen mag, ist in Wirklichkeit immer nur ein Versuch, jemandem die
kontextes immer schon in Rechnung gestellt, mag ihm dies nun bewußt sein Möglichkeit zu geben, das fragliche Wissen selbst zu erwerben oder ihm
oder nicht. Sicher kann auch hier einmal die gemeinte Sache durch den wenigstens dabei zu helfen. Der Erfolg dieser Bemühung kann niemals
Wortlaut des Gesprochenen verdeckt werden. Doch der Sprecher bleibt garantiert werden. Nicht zufällig bedient sich Sokrates hier einer Metapho-
stets präsent und er hat immer die Chance, Herr der Situation zu bleiben rik, die dem Bereich des Säens, Pflanzens und Wachsens entstammt (vgl.
und jedes Mißverständnis auf der Seite seines Partners zu korrigieren, 276e).
sobald er es bemerkt. Der Angesprochene hat umgekehrt stets die Möglich- Die Wirkung des geschriebenen Wortes kann von seinem Urheber nicht
keit der Rückfrage. Diese Möglichkeit bietet sich dagegen nicht mehr, wenn in gleicher Weise wie die des gesprochenen Wortes kontrolliert werden.
man es mit einem Text zu tun hat. Hier ist der instrumentale Charakter der Gewiß ist es möglich, hermeneutische Techniken zu entwickeln, die es
Rede nicht mehr offenkundig. Denn die schriftliche Fixierung verleiht der einem erlauben, die Gegenständlichkeit und den Wortlaut eines Textes zu
Rede den Schein der Selbständigkeit und der Endgültigkeit. Es sieht aus, als relativieren und ihn auf etwas hin zu verstehen, was nicht mehr in ihm
wäre sie der Beziehung zwischen Sprecher und Adressat enthoben. Der explizit ausgedrückt ist. Doch wenn man solcher Techniken bedarf, so nur
gesprochenen Rede eignet dagegen der Charakter der Vorläufigkeit. Es deswegen, weil das geschriebene Wort zunächst wirklich oft so angesehen
wäre ein der Sache wie der Sprache gegenüber inadäquates Verhalten, wird, als könnte in ihm Wissen unmittelbar präsent sein (vgl. 275d). Der
wollte man sich selbst oder seinen Gesprächspartner auf den Wortlaut einer Wissende kann sein Wissen jedoch niemals ganz zum Gegenstand machen;
bestimmten gegenständlich fixierbaren Formulierung festlegen. Ein Spre- es geht in keiner sprachlichen Formulierung ohne Rest auf. Es gibt keine
cher, der weiß, wovon er redet, ist niemals fest an einen bestimmten, Formulierung, die sich nicht mehr angreifen ließe; ebensowenig gibt es eine
kontingenten Wortlaut gebunden. Er kann das, was er intendiert, immer Formulierung, die nicht der Explikation und der Verteidigung fähig und
auch noch mit Hilfe anderer Formulierungen ausdrücken. Der Wortlaut bedürftig wäre. Erst die Kompetenz zur Explikation und Zur Verteidigung
des Gesagten hat für ihn ebenso wie für den sich 'situationsgerecht verhal- aber zeigt das Vorliegen wirklichen Wissens an. Der Wissende bedient sich
tenden Partner nur instrumentalen Charakter. Mit seiner Hilfe kann jeman- nur der sprachlichen Formulierungen, und er kann mit ihrer Hilfe etwas
dem etwas mitgeteilt oder erschlossen werden. Um innerhalb eines Real- aussagen und zu verstehen geben. Das können die sprachlichen Formulie-
kontextes jemandem etwas erschließen zu können, braucht aber die Rede rungen selbst nicht; sie können nur noch signalisieren 14, zumal dann, wenn
im Hinblick auf die gemeinte Sache durchaus keine Abbildfunktion zu sie schriftlich fixiert sind. Die Kompetenz des Wissenden zeigt sich daher
erfüllen. Sie ist allenfalls ein Indikator, aber kein Abbild möglichen Wis- auch in seiner Fähigkeit, den möglichen Adressaten der jeweiligen Rede
sens. Das gilt selbst dann, wenn man von "Abbildung" lediglich in der richtig zu beurteilen. Er weiß also nicht nur, wie er sich der sprachlichen
logischen Bedeutung des Wortes spricht. Mittel zu bedienen hat, sondern er weiß auch, wem gegenüber er welche
Den dem Wissen zukommenden Ort findet man, folgt man den Andeu- Mittel auf gezielte Weise einsetzen muß. Es ist eine Kompetenz, die sich auf
tungen im "Phaidros", in keinem sprachlichen Gebilde, wohl aber in der
Seele. Zwar kann sich das Wissen in der Fähigkeit seines Inhabers bewäh- 14 Vgl. den Gegensatz von AEye~v und 07/11atVe~V, Phdr. 275d.
r

22 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 23

die pragmatischen Komponenten im Wissen bezieht 15• Diese Komponenten auf den jeweiligen Partner aktualisieren muß. Ein Text könnte natürlich
übersieht man, wenn man Wissen und Erkenntnis im Wortlaut schriftlicher dergleichen niemals leisten. Ohnehin ist die Bedeutung eines sprachlichen
Fixierungen finden zu können glaubt. Gebildes in einer natürlichen Sprache niemals ausschließlich durch den
Die Rolle dieser pragmatischen Komponenten wird noch deutlicher, jeweiligen Wortlaut bestimmt. An der Determination der vollen Bedeutung
wenn man eine Erörterung betrachtet, die im "Phaidros" der Schriftkritik ist stets der Realkontext beteiligt. Darauf beruht die Vieldeutigkeit eines
vorhergeht (270bff.). Es handelt sich um eine Untersuchung jener Randbe- jeden aus diesem Kontext isolierten sprachlichen Gebildes. Das Musterbei-
dingungen einer jeden Rede, mit denen jeder gute Redner vertraut sein spiel einer solchen Isolierung liegt im Falle der schriftlich fixierten Rede
muß. Für den guten Redner genügt es gemäß diesen Überlegungen nicht, vor. Diese Kontextenthebung des geschriebenen Wortes darf aber gerade
nur die technischen Kunstregeln für die Anfertigung eines Redetextes zu nicht als Kontextinvarianz mißdeutet werden. Nur unter den Bedingungen
beherrschen. Er muß eine jede Rede außerdem auch im Hinblick auf den strikter Kontextinvarianz wäre es möglich, die volle Bedeutung eines
Realkontext konzipieren und einsetzen können, innerhalb dessen er mit sprachlichen Gebildes vollständig aus seinem Wortlaut zu bestimmen. Nun
ihrer Hilfe bestimmte Wirkungen hervorbringen will. Es reicht dazu nicht sind es gerade gute Texte, in denen der Autor durch die Kunst der
aus, wenn er die verschiedenen Arten der menschlichen Seele nur in sprachlichen Gestaltung wenigstens einigen möglichen Mißverständnissen
abstracto kennt und voneinander unterscheiden kann. Er muß nämlich und Mehrdeutigkeiten vorbeugt. Daher können gerade auch gute Texte zu
auch die Fähigkeit haben, den einzelnen Menschen richtig zu beurteilen. Er der Irrmeinung verführen, sie selbst seien bereits ein Träger von Wissen und
muß also nicht nur im Besitz von Fachkenntnissen sein, sondern er muß Erkenntnis.
außerdem imstande sein, sie in der konkreten Situation auf treffende Weise In unseren Tagen bemüht man sich häufig, sich des Inhalts von Erkennt-
anzuwenden. Dazu gehört beispielsweise auch die Fähigkeit, Zeit und nissen ausschließlich auf dem Wege über eine Analyse sprachlicher Gebilde
Unzeit für die einzelnen Redearten und für das Reden überhaupt zu und deren schriftliche Dokumentationen zu vergewissern. Arbeitet man,
erkennen". Deshalb kann Sokrates den Redner mit dem Arzt vergleichen: wie dies etwa in den exakten Wissenschaften geschieht, mit einer normier-
Auch für den Arzt reicht es nicht aus, nur die allgemeinen Regeln und ten Sprache und außerdem vor allem mit normierten Realkontexten, so
Gesetzlichkeiten der Heilkunde zu kennen. Er muß außerdem auch über werden solche Bemühungen sogar Erfolg haben können. Innerhalb eines
jene Urteilskraft verfügen, die ihn befähigt, die jeweiligen konkreten mit Hilfe derartiger Normierungen ausgegrenzten Bereichs hat das
Umstände richtig einzuschätzen, unter denen er sein Fachwissen anwendet. Geschriebene seinen legitimen Platz. Nicht zufällig sind nach dem von
Er muß also nicht nur die Natur und die Wirkungsweise seiner Maßnah- Sokrates im "Phaidros" erzählten Mythos die Schrift und die mathemati-
men im allgemeinen kennen, sondern er muß außerdem auch wissen, bei schen Disziplinen Schöpfungen desselben Erfinders. Wenn die Schrift im
wem, zu welchem Zeitpunkt und bis zu welchem Grade er jede einzelne Hinblick auf ihre Unfähigkeit, Sicheres und Deutliches hervorzubringen,
Maßnahme anwenden muß". Das generelle Fachwissen hat nur den Status kritisiert wird (vgl. 275c), so läßt sich diese Kritik schwerlich auf das
und die Funktion von Vorkenntnissen. Man kann dieses Wissen alIenfalls beziehen, was innerhalb eines solchen Bereichs möglich ist. Denn einmal
noch aus Büchern lernen, die Technik der Konkretisierung des Wissens und sind die Fähigkeiten, deren man bedarf, wenn man innerhalb seiner mit
seine Anwendung auf den Einzelfall hingegen nicht. Erst bei des zusammen Geschriebenem sachgerecht umgehen will, selbst nicht von der Art, daß
macht aber die ärztliche Kunst aus. man sie ausschließlich auf dem Wege über eine Rezeption von Texten
Etwas Analoges gilt der Sache nach für jedes Wissen: Ob man eine Sache erwerben könnte. Zum anderen hat die Schriftkritik im "Phaidros" exem-
beherrscht und damit über wirkliches Wissen oder aber nur über "angele- plarisch gerade die höchsten Wissensinhalte im Blick, wenn Texten die
sene" Kenntnisse verfügt, erweist sich dann, wenn man diese Kenntnisse Fähigkeit abgesprochen wird, sichere Einsicht in das Gerechte, das Schöne
explizieren und gemäß den Bedingungen der jeweiligen Situation im Blick und das Gute zu veqnitteln'".
Die Schriftkritik des "Phaidros" zielt also gar nicht auf eine äußerliche
15 Wo bei Platon pragmatische Komponenten oder Gestalten des Wissens akzentuiert
werden, findet man häufig sprachliche Formulierungen, bei denen von einem Ausdruck für Konfrontation der geschriebenen und der gesprochenen Rede. Sie will nur
den Begriff des Wissens ein Infinitiv abhängt. Im vorliegenden Text Phdr. 275e: DUX darauf aufmerksam machen, in welcher Weise jedes sprachliche Gebilde
br{mat:m AEyEW ok bei ye "al ft~. Hier handelt es sich um ein Wissen, das dem kategorialen von Hause aus nur Moment im Rahmen eines Realkontextes ist, innerhalb
Typus der Fähigkeiten und der Dispositionen angehört. Es ist kein Wissen davon, daß etwas dessen nicht der greifbare Wortlaut, sondern die Seelen der Beteiligten die
der Fall oder nicht der Fall ist.
16 Vgl. Phdr. 272a: xW(J6q, CtiwLQ{a, dJXw(Jta.
eigentlichen Fixpunkte bilden. Nur zum Spiel kann man es legitimerweise
17 Jr(!oamün:arm xat ovmwaq cScf xat 6.n;6re Exam:a rovrwv .n;otefll, xat f1EX(!t o.n;6aov,
Phdr. 268b. . '" Vgl. Phdr. 276c, 278a.
24 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 25

aus diesem Kontext herauslösen. Im Ernst wird jedoch niemand glauben, heit einzustehen. Die Mythen, deren sich Platon gelegentlich in seinen
ein Wissen, das seinen Namen verdient, wie einen Gegenstand besitzen und Dialogen bedient, müssen auch im Blick auf diese Tatsache gedeutet
einem anderen mitteilen zu können. Deshalb kann es sich auch niemals werdenl1 ,
ganz in einem Gegenstand von der Art eines Textes verkörpern. Die Schrift An unserer Phaidrosstelle geht es darum, jenes Beziehungsgefüge deutlich
kann niemandem die Mühe abnehmen, die man aufwenden muß, wenn zu machen, innerhalb dessen der Wissende, der Lehrende und der Lernende
man eigentliches Wissen erwerben will. So wird denn auch im "Phaidros" mit ihren jeweiligen Intentionen sowie der Inhalt des Wissens selbst und die
die Dauer der Zeit herausgestellt, deren dieser Prozeß bedarf (276bf.). ihm zugeordneten sprachlichen Äußerungen mitsamt ihren schriftlichen
Im "Phaidros" begründen solche Überlegungen eine Kritik des geschrie- Dokumentationen aufeinander verwiesen sind. Nur für eine vordergrün-
benen Wortes, die jedoch nicht zu einer allgemeinen Sprachkritik ausgewei- dige Betrachtung ist die Schrift das ausschließliche Thema dieser Stelle.
tet wird. Niemand wäre überrascht, würde eine solche Ausweitung wirk- Gewiß ist die Schrift mit ihren Leistungen und ihren Grenzen der Anlaß der
lich einmal vorgenommen". Wenn gleichwohl die Schrift und die Grenzen Erörterungen. Doch sie wird zugleich als Paradigma in Anspruch genom-
ihrer Leistungsfähigkeit das Thema der Erörterung bleiben, so deswegen, men. An Hand ihrer lassen sich die Strukturen jenes Beziehungsgefüges
weil das geschriebene Wort in einem weit höheren Maße als das gespro- deswegen besonders gut sichtbar machen, weil sie es zugleich erlaubt, den
chene Wort der Gefahr ausgesetzt ist, aus dem Realkontext isoliert, mißver- Blick auf mögliche Defizienzerscheinungen zu richten. Solche Defizienzer-
standen und als selbständiger Träger möglicher Erkenntnis mißdeutet zu scheinungen können Grundlage für mancherlei Selbsttäuschungen sein, in
werden. Nur wegen der Anwesenheit eines ständig zur Explikation und zur denen sich derjenige sehr oft befindet, der von Sprache und Schrift
Korrektur des Gesagten befähigten Sprechers ist diese Gefahr beim gespro- Gebrauch macht, wenn er zugleich glaubt, in dem, was als textfähige
chenen Wort viel geringer als beim geschriebenen Wort. Grundsätzlich ist Äußerung mitgeteilt wird, schon unmittelbar das gemeinte Wissen zu
aber auch das gesprochene Wort niemals mit Sicherheit den Gefahren besitzen. Ist die Aufmerksamkeit erst einmal auf die Medien der Mitteilung
enthoben, die sich ergeben, wenn man es aus dem Realkontext isoliert, gerichtet, so geschieht es leicht, daß man ihrem instrumentalen und funk-
verdinglicht und damit seiner funktionellen Bedeutung nicht mehr gerecht tionellen Charakter nicht mehr gerecht wird. Was ein Werkzeug eigentlich
wird. Auch das gesprochene Wort kann vieldeutig werden und zu Mißver- ist, erfährt man erst dann richtig, wenn man sachgerecht mit ihm umgeht
ständnissen Anlaß geben, wenn die Einbindung in den Realkontext erst und es dabei gerade nicht als vermeintlich selbständigen Gegenstand the-
einmal gelockert ist. Man kann diese MÖglichkeiten sogar bewußt ergrei- matisiert. Ein sprachliches, textfähiges Gebilde kann durchaus ein Mittel
fen, man kann sie stilisieren und mit der Vieldeutigkeit der so isolierten sein, mit dessen Hilfe jemand, der über ein entsprechendes Wissen verfügt,
Ausdrücke zu beliebigen Zwecken spielen. Der Mißbrauch sprachlicher einem Partner etwas Bestimmtes erschließen kann. Doch was in einem
Mittel in manchen sophistischen Redetechniken hat hier seine Grundlage. solchen Fall stattfindet, hat nichts mit einem Transport von Wissensinhal-
Das "Jagen nach Worten"", das gerade deshalb die Sache verfehlt, weil es ten zu tun. Es ist nur der dingliche Charakter der Schrift, der eine derartige
an dem orientiert bleibt, was eigentlich nur sprachliches Werkzeug ist, Fehldeutung begünstigt. In Wahrheit ist das Wissen allenfalls Grundlage
bezeichnet eine Gefahr, die sich auch für den mündlichen Disput immer und Ziel, aber eben nicht unmittelbarer Inhalt und Gegenstand einer
wieder ergibt. Aber auch überall dort, wo das gesprochene Wort unter entsprechenden Mitteilung. Das Wissen als solches läßt sich nicht einfach
Bedingungen auftritt, unter denen Rückfragen, Korrekturen und Explika- mitteilen. Es hat seinen Ort in der Seele seines Inhabers, mit dem es
tionen nicht möglich sind, weist es Merkmale auf, die den Merkmalen unauflöslich verbunden bleibt. Es bewährt sich in der Fähigkeit seines
entsprechen, an denen sich die Schriftkritik orientiert: Sokrates' Abneigung Inhabers, mit ihm umzugehen und es in stets neuen Situationen immer
gegen lange Reden, die keine Rückfrage gestatten, wird auch unter diesem wieder aufs neue zu aktualisieren, zu verteidigen und darzustellen. Doch es
Gesichtspunkt verständlich. Das Wort des Dichters unterliegt bei Platon geht selbst in kein oarstellungsmittel ohne Rest ein.
der Kritik, weil der Dichter über das, was er sagt, keine Rechenschaft geben Der "Phaidros" hat es, was seine Ausgangsfrage betrifft, mit einem
und weil er es nicht explizieren kann; daran zeigt sich, daß ihm keine Thema aus dem Bereich der Rhetorik zu tun. Trotzdem braucht es nicht zu
Einsicht in das zukommt, worüber er spricht. Entsprechendes gilt schließ- überraschen, wenn man gegen Ende dieses Dialogs in den der Schriftkritik
lich auch für den Mythos. Auch hier ist niemand greifbar, der fähig wäre, gewidmeten Passagen erkenntnistheoretischen Erörterungen begegnet. Es
über den Inhalt des Erzählten Rechenschaft zu geben und für seine Wahr-

21 Im "Phaidros" beruft sich Sokrates für den von ihm erzählten Mythos von Thamos und
19 Angedeutet wird sie in einem speziellen Zusammenhang Phdr. 277e. Theuth auf angeblich Gehörtes; er will aber selbst keine Wahrheitsgarantie übernehmen
20 xar' wJr-o TO livof.la OtWX6IV, z.B. Rcp. 454a. (274c).
T

26 Das geschriebene Werk § 1: P!atons Schriftkritik 27

gehört ja gerade zu den Zielen dieses Dialogs, Rhetorik und Philosophie Eiche oder einen Felsen vermittelt worden sei". Der Grundgedanke der
aufeinander zu beziehen. Psychagogik" und das Streben nach Wissen sollen Schriftkritik zielte ins Leere, wäre es möglich, Wahrheit in einer isolierten
keine Gegensätze bleiben, die unter keinen Bedingungen vermittelt werden und jedem Realkontext enthobenen sprachlichen Formulierung zu verkör-
können. Die Vermittlung leistet im "Phaidros" das Programm einer pern.
Reformrhetorik, die VOm perfekten Redner nicht nur die Beherrschung Die Schriftkritik des "Phaidros" macht auf die Ungegenständlichkeit des
formaler und psychagogischer Techniken fordert, sondern außerdem auch Wissens aufmerksam. Sie warnt vor dem Irrglauben, in einer auch noch so
die Erkenntnis davon, wie sich die Dinge, über die er redet, in Wirklichkeit gut gelungenen sprachlichen Formulierung oder gar in einem Text über
verhalten. Auf diese Weise soll einem möglichen Mißbrauch rhetorischer Wissen wie über ein Stück Besitz verfügen zu können. Jeder sprachliche
Techniken vorgebeugt werden, der sich überall dort zeigt, wo es nicht mehr Ausdruck bleibt seiner Natur nach stets etwas Vorläufiges. Er bleibt ein
um sichere und begründete Einsicht geht, sondern nur noch darum, den Werkzeug in der Hand dessen, der mit ihm umgeht und der es gebraucht.
Adressaten zu einer bestimmten Meinung zu überreden oder zu einem Das wirkliche Wissen hat jedenfalls auch die Funktion und die Fähigkeit,
bestimmten Handeln zu verleiten. Auf der anderen Seite zeigt sich freilich, diesen Gebrauch zu regulieren. Nicht zufällig stellte schon der Mythos von
daß man auch dort, wo es um eigentliches Wissen, um Lehren und um Theuth und Thamos den Vorrang des Gebrauchswissens heraus.
Lernen geht, auf eine richtig verstandene Psychagogik niemals ganz ver- Gebrauchswissen hat seinen Ort offenkundig in der Seele dessen, der es
zichten kann, zumal da das Wissen niemals in einem Wortlaut ganz praktiziert, nicht aber in den Gegenständen, die bloße Mittel des
gegenständlich werden kann, weil es an die Seele des Wissenden gebunden Gebrauchs sind. Es ist nicht von der Art, daß man es in Gestalt von Sätzen
bleibt. fixieren und mitteilen könnte. Es ist nicht objektivierbar. Man würde den
Gegen Ende unserer Stelle trägt Sokrates eine Zusammenfassung der Sinn der Schriftkritik verfehlen, wollte man sie im Sinne eines Verweises auf
Ergebnisse des ganzen Dialogs vor (277b f.). Er läßt keinen Zweifel daran, Theorien, beispielsweise über die Seele oder über irgendwelche anderen
daß derjenige, der die Mittel der Belehrung einsetzt, nicht nur der Einsicht Inhalte deuten, die Platon nicht hätte mitteilen wollen, die er prinzipiell
in den Gegenstand seiner Rede bedarf, sondern auch Kenntnis von den aber hätte mitteilen können. Denn sie verweist auf Gestalten des Wissens,
verschiedenen Arten der Seele haben und zur situationsgerechten Anwen- die sich im Umgang mit Dingen - beispielsweise mit sprachlichen Gebilden
dung dieser Kenntnis fähig sein muß; trotzdem darf man die Person des - bewähren und für die jede sprachliche Formulierung und jeder Text
Redenden nicht ausklammern, wenn man eine Rede richtig beurteilen will. immer nur ein Werkzeug bleibt, das seine Funktion nur solange erfüllen
Im "Phaidros" wird dies indirekt auch durch das sich an die Erzählung des kann, als man es nicht zum Gegenstand macht. Insofern verweist sie nicht
Schriftmythos anschließende Intermezzo (275bf.) verdeutlicht: Phaidros auf Lehren oder Theorien, auf deren schriftliche Mitteilung Platon verzich-
macht eine Anspielung auf die Herkunft des von Sokrates Erzählten. tet hätte, sondern sie macht darauf aufmerksam, daß es innere Grenzen der
Sokrates macht ihm dies in spielerischer Weise zum Vorwurf und verteidigt Mitteilbarkeit gibt.
ihm gegenüber den Primat der Wahrheitsfrage. Hier haben wir es mit einer
der bei Platon nicht seltenen Stellen zu tun, an denen die ganze Einsicht auf Die Schriftkritik des "Phaidros" läßt sich durch Überlegungen ergänzen,
beide Gesprächspartner verteilt ist. Phaidros vertritt mit seiner Anspielung die im "Politikos" dem Problem der Leistungsfähigkeit geschriebener
auf die Herkunft des Gesagten einen Gedanken, der gerade dann nicht Gesetze gelten (293c-300c). In diesem Dialog soll der Begriff des Staats-
vernachlässigt werden darf, wenn Erkenntnis und Wahrheit zur Debatte mannes normiert werden. Der ideale Staatsmann wird dabei durch den
stehen. Sokrates bleibt in der Gesprächsführung der Überlegene; Phaidros Besitz eines bestimmten praktischen Wissens charakterisiert, das ihm und
kann seinen Gedanken selbst weder entwickeln noch verteidigen und gibt nur ihm eigen ist: Es handelt sich um das königliche Wissen", das die
Sokrates gegenüber schließlich in geradezu beflissener Weise nach. Man Ausübung von Herrschaft über Menschen zu regulieren vermag und das
darf indessen Sokrates' Insistieren auf der isolierten Wahrheitsfrage hier seinen Inhaber zum Staatsmann ganz unabhängig davon qualifiziert, ob er
nicht für bare Münze nehmen, wenn er sich ironisch auf die Altvorderen als in Wirklichkeit Herrschaft ausübt oder nicht. Es wird untersucht, ob der
Vorbild beruft, die an nichts anderem als an der Wahrheit, ohne Ansehen ideale Regent, wenn er sein Amt ausübt, geschriebenen Gesetzen unterste-
ihrer Herkunft, interessiert gewesen seien, selbst wenn sie ihnen durch eine

23 Vgl. auch Sokrates' Feststellung zu Beginn des Dialogs: Nur Menschen, aber weder
Bäume noch Felsen können ihn etwas lehren (Phdr. 230d).
21 Vgl. Phdr. 261a: 1jJvXaywy{o &d AOyWV. 24 ßamAtx:iJ hI:wr~f-t1J, Pol. 292e; vgl. auch Euthyd. 291hf.
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28 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 29

hen soll oder nicht". Der das Gespräch leitende anonyme Fremde ans Elea Besonderheiten nicht immer in jeder Hinsicht gerecht werden. Deshalb
will den durch den Besitz jenes Wissens qualifizierten idealen Herrscher muß es immer die Merkmale vernachlässigen, durch die sich die Einzelfälle
von jeder Bindung an Gesetze freistellen. Sokrates der Jüngere, sein sonst voneinander unterscheiden. Kein Einzelfall gleicht genau dem anderen; die
auffällig passiver Partner, hat Bedenken und will diese These nicht sogleich Menschen sind untereinander ebenso ungleich wie ihre Handlungen. Eben
akzeptieren (293e). deshalb kann das Gesetz niemals auf exakte Weise27 und für alle Fälle
Will man den nun folgenden Erörterungen gerecht werden, muß man alle zugleich angeben, was jeweils das Gerechteste ist. Hier handelt es sich um
Assoziationen ausklammern, die sich aus der Kenntnis der Gewaltentei- eine Unexaktheit, die nicht anf korrigierbare Formulierungsmängel des
lungslehren neuzeitlicher Staatstheorien ergeben könnten. Es steht gar nicht Gesetzes zurückgeführt werden kann. Denn diese Art von Unexaktheit ist
zur Diskussion, inwieweit eine exekutive oder eine judikative Teilgewalt nur ein Ausdruck der kategorialen Heterogenität von individuellem Einzel-
den durch die Gesetze verkörperten Normen unterliegt. Denn der ideale fall und allgemeingültiger Norm. Beides kann dieser Heterogenität wegen
Staatsmann des "Politikos" repräsentiert nicht eine der Teilgewalten, wenn niemals vollkommen kongruieren.
er auf Grund des ihn charakterisierenden Wissens handelt und entscheidet. Das Gesetz und die Instanzen seiner Anwendung sind heterogen aber
Er ist Inhaber der ungeteilten politischen Gewalt. Er ist mithin auch auch noch in anderer Hinsicht. Im Bereich der menschlichen Dinge herr-
Gesetzgeber. Als solcher bleibt er allen Gesetzen gegenüber souverän, weil schen nämlich Wandel und Veränderung ohne Ende. Das Gesetz wird
er sie sowohl in Kraft setzen als auch wieder aufheben kann. Auch andere, durch sie nicht berührt. Es will ohnehin niemals ausschließlich an die
für uns naheliegende Assoziationen müssen ausgeklammert werden: So Bedingnngen der jeweiligen Gegenwart gebunden sein. Selbst wenn es also
wird die Frage nach der Funktion geschriebener Gesetze hier unter Bedin- einmal einer individuellen Situation ganz gerecht geworden wäre, bliebe es
gungen erörtert, unter denen das Problem der Rechtssicherheit ebensowe- doch immer noch insofern "unexakt", als es auf Veränderungen in seinem
nig auftaucht wie das Problem der Begründung individueller Freiheits- Anwendungsbereich nicht reagieren könnte. Der ideale Regent hat hinge-
rechte. gen wenigstens prinzipiell die Möglichkeit, dem Einzelfall sowohl in seiner
Bleibt die Gesetzgebungskunst ein Teilbereich der königlichen Kunst, so Individualität als auch in seiner Wandelbarkeit gerecht zu werden.
bleiben auch ihre Resultate der Beurteilung und der Korrektur durch das Schwierigkeiten, wie sie im "Politikos" an Hand des geschriebenen
praktische Wissen des idealen Herrschers unterworfen. Wenn aber jedes Gesetzes entwickelt werden, zeigen sich der Sache nach überall dort, wo
Gesetz einer Legitimation auf der Grundlage eines spezifischen Wissens eine mit einem Allgemeinheitsanspruch auftretende Regel auf einen indivi-
sowohl fähig als auch bedürftig ist, wird die Behauptung verständlich, das duellen Tatbestand angewendet wird. Nur in sehr trivialen Fällen ist die
Beste sei, wenn nicht die Gesetze Macht haben, sondern der mit praktischer Zuordnung von Einzelfall und allgemeiner Regel ganz problemlos. Sonst
Einsicht versehene königliche Mann". Im Blick auf diese Idealfigur wird bedarf es immer einer besonderen Instanz, der die Kompetenz zukommt,
dann verdeutlicht, was ein geschriebenes Gesetz ist und was es zu leisten Regel und Einzelfall einander zuzuordnen. In der neuzeitlichen Tradition
vermag. wird diese Kompetenz dem Inhaber eines mit dem Namen der Urtellskraft
Das Gesetz ist mit zwei Mängeln behaftet, die es niemals ganz kompen- bezeichneten Vermögens zugesprochen. Es erfüllt seine Funktionen überall
sieren kann (vgl. 294af.): Es beansprucht nämlich für sich ohne Rücksicht dort wo Subsumptionsaufgaben nicht mehr durch schematisches Operie-
auf die Besonderheiten des Einzelfalls allgemeine Verbindlichkeit für jeden ren ~elöst werden können. Eine allgemeingültige Regel kann sich immer
Einzelfall; es beansprucht ferner ohne Rücksicht auf den Wandel aller nur an einer begrenzten Anzahl von Merkmalen orientieren. Ein konkreter
Dinge überzeitliche Geltung. Seine Mängel bestehen so gerade in solchen Einzelfall kann aber durch eine endliche Anzahl von Merkmalen memals
Eigenschaften, die nach den gängigen Auffassungen seine besondere Würde erschöpfend beschrieben werden, falls es nicht um ideale oder formale
ausmachen. Doch ein Gesetz ist niemals Selbstzweck. Sein eigentlicher Gegenstände und Sachverhalte geht. Unter den durch eine Aufzählung
Zweck wird ja imtner erst dort erreicht, wo mit seiner Hilfe individuelle nicht zu erschöpfenden Merkmalen des Einzelfalls muß man daher eine
Einzelfälle reguliert und entschieden werden. Seines Anspruchs auf gene- Auswahl treffen, bevor man eine Regel auf ihn anwendet. Merkmale, die
relle Gültigkeit wegen kann es jedoch dem jeweiligen Einzelfall und seinen die Regel selbst nicht berücksichtigt, werden in diesem Falle ausgeklam-
mert. Bei jeder Regelanwendung stellt sich aber die Frage, ob auf diese
25 Auch die Schriftkritik des "Phaidros" streift einmal das Problem geschriebener Gesetze
Weise nicht auch solche Merkmale ausgeklammert werden, deren Vorlie-
(Phdr. 277d). gen es selbst dann fraglich macht, ob man die Regel überhaupt noch
26 1"0 b' aQWTOV Oll rovq; 1I61l0V~ earlv laxVELV UM' iivbQa r:01l fJ.fT:a q;{]OV~a8aJ~
ßaatAtUOV, Pol. 294aj vgl. 296e. 27 a'}(,{!tßÖJ~, Pol. 294b; vgl. 294d: OVX oQ1'f6wwv 6 VOf.toq; vgl. unten S. 162f.
30 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 31

anwenden darf, wenn alle von der Regel geforderten Merkmale vorliegen. Hinsicht möglich: Der Regent ist nämlich ebensowenig wie der Übungslei-
Wer sich angesichts einer bestimmten Regel auf das Recht zu einer Aus- ter an seine eigenen Vorschriften gebunden. Beide dürfen ihre Vorschriften
nahme - der Sache nach also auf das Recht zur Anwendung einer höheren auf Grund ihrer Sachkunde ohne weiteres widerrufen und ändern, wenn
Regel - beruft, wird sich dabei an solchen Merkmalen des Einzelfalles dies die Situation erfordert. Das gleiche gilt für den Arzt, der auf der
orientieren, die von der ursprünglichen Regel gar nicht berücksichtigt Grundlage seiner Kompetenz seinem Patienten bestimmte Vorschriften gibt
werden. Daher bleibt die Bewertung derartiger Merkmale stets ambivalent. (295bff.). Ohnehin muß er seine Maßnahmen stets aufs neue dem sich
Wo ein konkreter Einzelfall unter eine allgemeingültige Regel subsumiert ändernden Zustand des Patienten anpassen. Begibt er sich auf eine Reise, so
werden soll, kann man die Möglichkeit, sich auf das Recht zu einer mag er seine Anordnungen zur Sicherheit schriftlich hinterlassen. Kehrt er
Ausnahme zu berufen, niemals vollkommen zuverlässig ausschließen. Es vorzeitig von der Reise zurück, so braucht er sich selbst natürlich nicht an
hängt nur von der Bildung der Urteilskraft ab, ob diese Möglichkeit diese Anordnungen zu halten. Denn er muß den Zustand des Patienten jetzt
mißbraucht wird oder nicht. von neuem beurteilen, und er wird seine Anordnungen auf Grund dieser
Diese Strukturen werden bei Platon nicht in abstrakter Form erörtert. Beurteilung bestätigen oder abändern.
Doch sie sind involviert, wenn im "Politikos" die Leistungen geschriebener Der Arzt, der Turnlehrer und später (296e) der Steuermann sind Reprä-
Gesetze erörtert werden. Denn die Gesetzeskritik hat sowohl die Vielgestal- sentanten verschiedener Arten technischen Fachwissens. Ein derartiges
tigkeit als auch die Variabilität der Einzelfälle im Blick. Sie wird sogar im Fachwissen erfüllt seinen Sinn erst dort, wo es sich im konkreten Einzelfall
Interesse dieser Einzelfälle geübt. Das Gesetz richtet sich nun einmal nicht bewähren muß. Daher läßt es sich auch in allgemeinen Regeln oder
an einen bestimmten, individuellen Adressaten. Dadurch unterscheidet es Gesetzen niemals vollständig erfassen. Denn es ist ein Wissen, das dem
sich vom idealen Regenten, der auf Grund seiner Einsicht befähigt ist, dem Typus des Könnens und der Fertigkeiten angehört. Zu den Bedingungen
individuellen Fall in seiner Besonderheit unmittelbar gerecht zu werden. eines solchen Könnens mag auch die Vertrautheit mit vielen allgemeinen
Diese Differenz spiegelt sich auch in der Unmöglichkeit, eine Rückfrage an Regeln gehören, die sich als solche schriftlich fixieren lassen. Sein Kern liegt
das geschriebene Gesetz zu richten (294c). aber in jener Kompetenz, die es ihrem Inhaber ermöglicht, diese Regeln in
Ist die Überlegenheit des idealen Regenten gegenüber dem Gesetz aner- der jeweiligen Situation auch richtig anzuwenden. Diese praktische Kompe-
kannt, braucht man ihm nicht zu verbieten, sich bei der Ausübung seines tenz ist gemeint, wenn es heißt, der Steuermann mache sich die Kunst -
Amtes der Hilfe geschriebener Gesetze zu bedienen. Der "Politikos" ten- nämlich seine Steuermannskunst - zum Gesetz". Diese Formulierung mag
diert nicht dahin, auch nicht unter der Annahme idealer Bedingungen, einer paradox erscheinen. Doch sie weist nur darauf hin, daß in der Praxis eine
gesetzesfreien Ordnung des menschlichen Zusammenlebens das Wort zu auch noch so gute Regelkenntnis noch nicht ausreicht. Auch wer nach
reden. Der Inhaber des königlichen Wissens kann höchstens im Prinzip Regeln handelt, muß sich zuvor immer erst darüber klar werden, ob die
jedem Einzelfall gerecht werden. Aber de facto kann er natürlich nicht Voraussetzungen für ihre Anwendung gegeben sind.
lebenslang immer neben jedem einzelnen sitzen und das ihm Zukommende Medizin und Steuermannskunst werden im "Politikos" als Analoga zur
exakt vorschreiben'8. In diesem - irrealen - Fall wären Gesetze allerdings politischen Kunst in Anspruch genommen. Es fragt sich, wie weit diese
nur hinderlich. Innerhalb sehr weit gezogener Grenzen bedarf indessen der Analogie reicht. Zwingt sie zu einer" technischen" Deutung der Politik und
Einzelfall gar keiner Berücksichtigung seiner individuellen Besonderheiten. des politischen Wissens? Man darf diese Frage offenlassen, solange es nur
Der "Politikos" macht dies am Beispiel der Turnübungen deutlich um die Frage geht, wo die Grenzen der Leistungsfähigkeit geschriebener
(294df.): Nehmen viele Menschen daran teil, so wird der Übungsleiter Gesetze liegen. Ob nämlich eine in ihrer Struktur der ärztlichen Kunst und
seine Anordnungen für alle einheitlich geben. Er braucht die individuelle der Steuermannskunst vergleichbare Sachkunde in den politischen Dingen
Konstitution jedes Teilnehmers nicht zu berücksichtigen, weil es ausreicht, überhaupt in der realen Welt einmal angetroffen werden kann, ist unerheb-
wenn er sich an durchschnittlichen Verhältnissen orientiert. Eine schemati- lich. Auch wenn es sich nur um eine Fiktion handelte, könnte man an Hand
sche Anwendung genereller Regeln auf jeden Einzelfall läßt sich hier ihrer noch die Vorläufigkeit jedes Versuchs einsehen, im politischen Bereich
durchaus rechtfertigen. Die vom idealen Regenten verkündeten Gesetze ein für allemal zu fixieren, was als gerecht, als schön und als gut zu gelten
lassen sich insofern durchaus den schematischen Anordnungen des hat (vgl. 295e). Ist eine endgültige Fixierung noch nicht einmal unter
Übungsleiters vergleichen. Ein Vergleich ist auch noch in einer anderen Idealbedingungen möglich, dann ergeben sich daraus aber Konsequenzen
hinsichtlich der richtigen Einschätzung jeder Norm, die in der Welt der
28 Pol. 295b: . . bta ßtov aEi 1Ca(la'Xa{hjf.levo~ examep bt' aXf'tßda; JrQomaneLv 1"0
Jrflooijxov. 29 d]v t"iXV1JV v6.uov Jra(JEx61lE:VO;, Pol. 297a.
32 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 33

Erfahrung mit dem Anspruch auftritt, allgemeinverbindlich und für jeden Kodifikation von Regeln oder Normen tradiert werden muß, wenn eine
Fall angeben zu können, was gerecht, schön und gut ist. Keine dera.rtIge Kunst nicht im Laufe der Zeit ganz verfallen soll.
Norm ist imstande, die politische Einsicht ganz zu ersetzen. polItIsche Damit ist der Sinn der Nachahmungsthese verständlich geworden. Wenn
Einsicht wird im übrigen auch überall dort nicht in Anspruch genommen, jedes Gemeinwesen den vollkommenen Staat mehr oder weniger gut nach-
wo man über solche Dinge durch Abstimmung entscheidet. Geht es um ahmt, so nicht deshalb, weil in seinen Gesetzen oder in seinen Institutionen
Fragen, die unbezweifelbar in den Kompetenzbereich des Arztes oder des das königliche Wissen des idealen Regenten dargestellt oder objektiviert
Steuermanns gehören, so liegt die Absurdität jedes Versuchs auf der Hand, wäre. Um Nachahmung handelt es sich nur deswegen, weil dort, wo
darüber in der Volksversammlung entscheiden zu wollen (298aff.). Gesetze gelten, stets eine Instanz nötig ist, die sich durch den Besitz einer
Nur eine auf das praktische Wissen des idealen Regenten gegründete spezifischen Einsicht auszeichnet und die mit diesen Gesetzen umzugehen
politische Ordnung repräsentiert die "richtige" VerfassungJO • Gleichwohl versteht. Nur in diesem Sinne läßt sich der Besitzer einer solchen Einsicht
werden alle von ihr verschiedenen Verfassungen, also auch der Gesetzes- als Abbild des mit dem königlichen Wissen begabten Regenten verstehen.
staat, immer noch als Nachahmungen" jener Idealverfassung bezeichnet. Es ist lehrreich, die im "Politikos" entwickelten Gedanken mit den zwei
Wie können zwei ihrer Struktur nach so heterogen erscheinende Ordnun- großen Verfassungsmodellen Platons in Beziehung zu setzen. Einfach ist
gen wie der Gesetzesstaat und der auf die an keine positiven Gesetze dies im Hinblick auf die "Politeia". In diesem Modellstaat haben Gesetz
gebundene Einsicht gegründete Staat überhaupt in einer Relation steh~n, und Gesetzgebung bekanntlich nur einen ganz untergeordneten Rang;
die sich durch den Begriff der Nachahmung charakterisieren läßt? Es 1st ohnehin würde sich auf eine nicht vollendbare Aufgabe einlassen, wer es
hier freilich unwesentlich, ob dem Gesetzesstaat ein bewußter, auf Nachah- unternähme, das Leben im Staat allein auf der Grundlage von Gesetzen zu
mung der Idealverfassung zielender politischer Wille zugrunde liegt oder ordnen (vgl. 425bff.). Die Stellung der Regenten der "Politeia" ist im
nicht. Denn mit der Nachahmungsthese soll nur erklärt werden, was übrigen der Stellung des königlichen Herrschers im "Politikos" analog. In
Staatsverfassungen sind, nicht aber, was sie selbst sein wollen oder was sie beiden Fällen wird das Handeln nicht durch geschriebene Normen, sondern
zu sein glauben. . . unmittelbar durch ein spezifisches Wissen reguliert. - Dagegen wird in den
Sokrates der Jüngere signalisiert sogleich Verständnisschwierigkeiten .m "Nomoi" ein Staat entworfen, dessen Funktionsfähigkeit nicht von der
bezug auf die Nachahmungsthese. Diese Schwierigkeiten werden dann 1m Präsenz einer Instanz abhängt, die wie der ideale Regent des "Politikos"
Dialog mit Hilfe eines einfachen Gedankenexperimentes behobe? über das höchste praktische Wissen im Sinne der königlichen Kunst ver-
(297cff.): Ein Gemeinwesen wird fingiert, das die Ausübung aller techm- fügt. Der Staat der "Nomoi" ist ein Gesetzesstaat. Detaillierte Vorschriften
sehen Fertigkeiten durch konventionelle und schriftlich fixierte Norm~n werden manchmal selbst für kleinste Einzelheiten ausgearbeitet. Doch mit
regelt. Geht es um diese Fertigkeiten, so soll es niemandem erlaubt sem, der Formulierung detaillierter Vorschriften allein ist der Gesetzesstaat noch
Untersuchungen anzustellen, um auf diesem Wege selbständig zu begründe- nicht konstituiert. So kommen die systematisch zentralen Fragen der
tem Wissen zu kommen. Die Behörden wachen über die Einhaltung des "Nomoi" gerade dort zur Sprache, wo die Grenzen behandelt werden, an
Forschungsverbotes; sie setzen auch durch, daß in jeder Disziplin die die jede Gesetzgebung stößt. Keine staatliche Ordnung beruht ausschließ-
geschriebenen Regeln immer genati beachtet und selbst dann nicht übe~tre­ lich auf Gesetzen. Denn jede Gesetzgebung ist ihrem Wesen nach lücken-
ten werden wenn bessere Einsicht dies der Sache· nach rechtfertIgen haft. So wird der Gesetzgeber mancherlei auf sich beruhen lassen, wo er
könnte. Do~h unter solchen Bedingungen ließe sich kein Fachwissen tradie- sich darauf beschränken muß, die Dinge nur umrißhaft zu regeln (770b).
ren. Das gilt für die Medizin und die Steuermannskunst ebenso wie für alle Deshalb bedarf auch das beste Gesetz noch einer Instanz, die es anzuwen-
anderen Disziplinen bis hin zur Arithmetik und zur Geometrie. Sie müßten den versteht. Das ist schon deswegen nötig, weil das Gesetz selbst nicht
untergehen, wäre ihre Ausübung und Tradierung ausschließlich du~ch feststellen kann, ob im Einzelfall die Voraussetzungen gegeben sind, mit
kodifizierte Vorschriften geregelt. In Wirklichkeit kann es nämlich keme denen bestimmte Rechtsfolgen verknüpft werden (875e). Kein Gesetz kann
Vorschrift geben, deren richtige Anwendung nicht bereits ein spezifisches ferner garantieren, daß sein Adressat die Intention des Gesetzgebers richtig
Wissen voraussetzte. Dieses Wissen ist es, das unabhängig von Jeder versteht. Wichtiger noch als die Gesetze selbst sind daher in der in den
"Nomoi" entworfenen Ordnung jene Institutionen, die die richtige Anwen-
dung und das richtige Verständnis der Gesetze garantieren.
Den Gesetzen im engeren Sinne des Wortes werden Proömien vorausge-
J() o(Jn7, :nOAt1:eia, Pol. 293e; vgl. 294d, 297d. schickt (722dff.). Sie sollen etwas leisten, was die Gesetzesvorschriften
Jl f.t~Jlt11ta'r:a, Pol. 297c; vgl. 293e, 30De. selbst nicht leisten können. Der Sinn dieser Proömien wird an der Unter-
3 Wieland, P!aton
34 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 35

scheidung zwischen freien Ärzten und Sklavenärzten deutlich gemacht nen Gesetze Gegenstand der Kritik, sondern zugleich auch das in her-
(71geff.): Der freie Arzt gibt im Gegensatz zum Sklavenarzt nicht nur kömmlichen Sitten gründende, mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht32 •
Anordnungen, sondern er kann sie dem Patienten gegenüber auch begrün- Für die kategoriale Struktur der gewohnheits rechtlich geltenden Norm ist
den. Er behandelt seinen Patienten nicht nur, sondern er läßt ihn auch die es unwesentlich, daß sie nicht schriftlich überliefert ist. In ihrer Funktion
Zusammenhänge verstehen, innerhalb deren seine Verordnungen ihre und in der Art ihrer Anwendung ist sie von der geschriebenen Norm kaum
Funktion haben. Analog dazu ist es die Aufgabe der Gesetzesproömien, unterschieden. Gerade die Behandlung des Gewohnheitsrechts lehrt daher,
über den Sinn und die Absichten zu informieren, die mit den einzelnen daß Schriftlichkeit und Mündlichkeit nicht im äußerlichen Sinn konfron-
Vorschriften eines Gesetzes verbunden sind. Auch die Gesetzesproömien tiert werden dürfen, will man die Intention der Schriftkritik nicht verfehlen.
bleiben freilich geschriebene Texte. Sie vermögen es jedoch, auf eine Denn die Schriftkritik paßt zugleich auch auf solche Gebilde, die zwar nicht
unaufhebbare Insuffizienz der eigentlichen Gesetzesvorschriften aufmerk- graphisch fixiert sind, deren Struktur aber eine solche Fixierung wenigstens
sam zu machen: Kein Gesetz kann von sich aus die Bedingungen garantie- ermöglicht.
ren, unter denen es auf verständige Weise befolgt wird. Wenn der "Politikos" die mit geschriebenen Gesetzen verbundene Pro-
Im Entwurf der "Nomoi" wird deswegen dem formellen Recht oftmals blematik entfaltet, ergänzt und exemplifiziert er das, was der "Phaidros"
der Vorrang gegenüber den materiellen Rechtsnormen eingeräumt. Das gilt über die Schriftlichkeit im allgemeinen sagt. Besonderes Gewicht kommt
vor allem für die Sorge um die Einrichtung und die richtige Besetzung der den Erörterungen des "Politikos" deswegen zu, weil sie einen Bereich zum
Behörden, die die Gesetze anwenden müssen: Werden gute Gesetze von Gegenstand haben, innerhalb dessen Geschriebenem von alters her beson-
untauglichen Behörden angewendet, so wird das dem Staat den größten dere Würde zukommt". Wenn aber selbst Geschriebenes, dem die Würde
Schaden bringen (751af.). Folgerichtig wenden die "Nomoi" auf die des Gesetzes zukommt, sich als unselbständig und ergänzungs bedürftig
Regelung der Erziehung und der Ausbildung der Amtsträger ein besonders erweist, dann wird sich schwerlich ein Bereich finden lassen, innerhalb
hohes Maß an Sorgfalt. Das gilt auch für den Bereich des Strafrechts: dessen ein Schriftwerk für sich allein etwas Sicheres und Verläßliches zu
Verfügt ein Staat über eine wohlgeordnete Rechtspflege und haben die bewirken imstande ist. Auch das Gesetz ist also, wenn es seine Funktion
Richter eine sorgfältige Ausbildung erhalten, so darf man sogar auf eine erfüllt, immer nur ein Moment innerhalb eines Realkontextes. Es ist,
detaillierte Strafgesetzgebung verzichten (876cf.). Gäbe es den im Besitz ähnlich wie jedes andere ~~hriftwerk,wenig wert, wenn hinter ihm nie-
der politischen Erkenntnis stehenden Menschen, so bedürfte es überhaupt mand steht, der anf kompetente Weise mit ihm umzugehen weiß.
keiner Gesetze (875c). Denn die Erkenntnis ist nicht dem Gesetz unterwor-
fen. Der Gesetze bedarf es nur, weil ein solcher Mensch nicht planmäßig .. Betrachtet man Platons Schriftkritik, so darf man die einschlägigen
herangebildet werden kann. Träte er einmal auf, so wäre dies ein einer Außerungen des "Siebten Briefes" nicht übergehen. Die Zweifel an seiner
göttlichen Fügung zu verdankender seltener Ausnahmefall. Die Figur des Echtheit sind trotz des positiven Votums der Mehrzahl der Sachkundigen
im Besitz der politischen Erkenntnis stehenden Menschen bleibt gleichwohl immer noch nicht ganz verstummt. Freilich ist die Echtheitsfrage gerade
als Leitbild auch für den Gesetzesstaat maßgeblich. Das zeigt sich auch in hier von besonderer Bedeutung. Es könnten sich nämlich auf der Grundlage
der Regelung der Oberaufsicht über die Behörden. Normen über die Art, der Antwort auf diese Frage sehr unterschiedliche Platonbilder ergeben.
wie die Aufsicht auszuüben ist, finden sich kaum. Dafür werden aber um so Schlecht beraten wäre, wer eine Platondeutung ausschließlich oder vor-
genauere Vorschriften über das Verfahren der Auswahl derer gegeben, die nehmlich auf der Basis dieses Briefes und im Blick auf Gedanken entwik-
mit einem einschlägigen Amte betraut werden sollen (945bff.). Auch dIe kelte, zu denen sich in anderen Werken Platons keine Parallelen finden. Im
Vorschriften über die Konstitution des nächtlichen Rates und über die Art, Zusammenhang mit der Schriftkritik ergeben sich jedoch keine derartigen
wie er seine Sorge den Gesetzen angedeihen lassen soll (961aff.), gehören in Schwierigkeiten. Was .der Siebte Brief über die Grenzen der Schrift sagt,
diesen Zusammenhang. schließt sich zwanglos den bereits behandelten Stellen an.
Wenn im "Politikos" die Leistungsfähigkeit geschriebener Gesetze Der Verfasser dieses Briefes distanziert sich von allen, die Resultate
geprüft wird, so wird das Kriterium der Schriftlichkeit nicht nur in einem philosophischer Unterweisung aufschreiben zu können meinen (340b ff.).
äußerlichen Sinn angewendet. Die wörtlich verstandene Schriftlichkeit ist Er spricht von der Mühe und von der besonderen Anstrengung, die die
hier nur das Musterbeispiel für solche Normen, deren Urheber nicht Sache der Philosophie verlange; es sei eine Anstrengung, die auch Konse-
präsent ist, die keine Rückfrage gestatten und die von sich aus weder der Jl Die parallele Behandlung geschriebener und ungeschriebener Normen wird im "Politi-
Vielfalt noch der Wandelbarkeit der menschlichen Dinge gerecht werden kos" an mehreren Stellen deutlich: 295a, e; 296c; 299a, cl; 30ta, b, e. Vgl. auch Nom. 793af.
können. Daher sind nicht nur die im engeren Sinne des Wortes geschriebe- 33 Vgl. auch Nom. R58e.
36 Das geschriebene Werk § 1: Platons Schriftkritik 37

queuzen für die Lebensführung nach sich ziehe. Die über das, mit dem es Satz und Bild". Von ihnen wird die Erkenntnis selbst in ihren verschiedenen
ihm ernst sei, Einsichten zu haben vorgäben und darüber schrieben, Gestalten unterschieden". Sie bleibt auf jene Hilfsmittel angewiesen. Die
dokumentierten damit nur ihr Unverständnis. Das gelte auch dann, wenn er Hilfsmittel dürfen aber weder mit der Erkenntnis selbst noch gar mit dem
auftrete als jemand, der diese Einsichten selbst gefunden habe. Von ihm Gegenstand der Erkenntnis verwechselt werden. Den Gegenstand der
selbst - so betont der Verfasser des Briefes - gebe es über diese Dinge weder Erkenntnis repräsentieren sie immer nur auf unvollkommene und unexakte
jetzt einen Traktat, noch werde es künftig einen solchen geben. Man könne Weise. Denn jedes Hilfsmittel kann daneben immer auch auf etwas verwei-
über sie auch gar nicht wie über andere Lehrgegenstände reden. Nur aus sen, was von dem intendierten Gegenstand der Erkenntnis nicht nur
langer Kommunikation über die Sache könne die Einsicht plötzlich in der verschieden, sondern ihm vielleicht sogar geradezu entgegengesetzt ist. Die
Seele wie ein von einem überspringenden Funken entzündetes Licht entste- Erkenntnis selbst ist von diesen ihren Hilfsmitteln aber auch deswegen
hen, das sich dann selbst unterhält (341c). Darüber dem Publikum gegen- unterschieden, weil nur die Erkenntnis, nicht aber die Hilfsmittel ihren Ort
über Mitteilungen zu machen, sei nutzlos; gut sei es allenfalls für die in der Seele haben. Der instrumentale Charakter der Hilfsmittel wird dort
wenigen, die die Sache auf Grund eines kleinen Fingerzeiges selbst finden deutlich, wo eine glücklich gewählte Metapher davon spricht, daß die
können (341df.). Jedenfalls ist diese Einsicht selbst in derartigen Hinweisen Hilfsmittel aneinandergerieben werden, bis die Erkenntnis aufleuchtet
noch nicht enthalten. (344b). Nur diese Hilfsmittel lassen sich gegenständlich fassen und mittei-
Hier geht es um den Erwerb einer Einsicht, der eine lange Vorbereitung len, nicht aber die Erkenntnis selbst. Wer zu ihr gelangen will, wird nicht
erfordert und der doch durch diese Vorbereitung nicht garantiert, sondern nur eine entsprechende natürliche Begabung mitbringen (343e), sondern
höchtens ermöglicht und erleichtert wird. Es ist eine Einsicht, die sich auch viel Zeit aufwenden müssen (344b). Daher wird niemand, dem es mit
niemals ganz von den Erfahrungen isolieren läßt, die man macht, wenn diesen Dingen ernst ist, die Erkenntnis und ihren Inhalt in sprachlichen
man sich um sie bemüht. Man kann über solche Erfahrungen sprechen; oder gar in schriftlichen Gebilden verkörpern und mitteilen zu können
trotzdem können sie als solche nicht mitgeteilt werden. Es geht um eine glauben".
Einsicht, zu deren Eigenarten es gehört, daß man sie immer nur selbst Die Schriftkritik in ihren verschiedenen Gestalten soll bei Platon darauf
erwerben kann. Wer Sätze versteht, die sich auf sie beziehen, besitzt damit aufmerksam machen, daß Texte und textfähige Gebilde entgegen dem
doch noch lange nicht diese Einsicht selbst. Um diese Zusammenhänge .zu ersten Anschein und entgegen einer gängigen Vormeinung nicht fähig sind,
verdeutlichen, bedient sich der Siebte Brief der Erleuchtungsmetaphonk. Wissen und Einsicht zu verkörpern oder mitzuteilen. Es fragt sich natürlich
Sie gibt sehr leicht Anlaß zu Mißverständnissen, vor allem dann, wenn man sofort, ob der Platz, der der Schrift, wenn die Kritik triftig ist, von Rechts
in ihr nur den Indikator einer irrationalistischen Tendenz sieht. Diese wegen nun einmal nicht zukommt, überhaupt Jegitimerweise besetzt wer-
Metaphorik bleibt jedoch, richtig verstanden und auf ihren erkenntnistheo- den kann. Eine Antwort liegt im Hinweis auf jenen Funktionszusammen-
retischen Kern reduziert, ein Ausdrucksmittel, das sich gut dazu elgnet, hang, innerhalb dessen die menschliche Rede und das, was von ihr aufge-
solche Formen und Komponenten des Wissens zu akzentuieren, die stets an schrieben werden kann, immer nur ein unselbständiges Funktionsmoment
die Person des Wissenden gebunden bleiben und daher als solche einem ist. Eine Antwort liegt aber auch im Hinweis auf jene Fähigkeiten und
anderen nicht mitgeteilt werden können. Durch solche Komponenten ist Kompetenzen, die selbst für ihren Inhaber gar nicht in verbaler Gestalt
aber nicht nur das Wissen von den höchsten Dingen bestimmt. Wie später vorliegen, die ihm aber gleichwohl auf unvertretbare. Weise ein Stück
noch gezeigt werden soll, kennt Platon Formen und Komponenten des Wirklichkeit erschließen, weil sie es ihm erst ermöglichen, den Dingen im
Wissens ganz unterschiedlicher Art, die jenseits der Grenze direkter Mitteil- Umgang mit ihnen gerecht zu werden. Daher verweist die Schriftkritik auf
barkeit stehen". etwas, das gleichsam hinter jeder Rede und hinter jedem Text steht. Es geht
Dem sogenannten erkenntnistheoretischen Exkurs des "Siebten Briefes" um Einsichten von einer Art, wie sie selbst nicht in Sätzen mitgeteilt
(342a-344d) wird man nicht gerecht, wenn man in ihm nicht auch eine werden, weil sie bei dem, der mit Sätzen sachgerecht umgeht, schon
Explikation der ihm unmittelbar vorhergehenden Schriftkritik sieht. vorausgesetzt werden müssen. Solche Einsichten können sich im richtigen
Zunächst werden drei Hilfsmittel der Erkenntnis genannt, nämlich Name,

35 ovo/-ta, A6yo~, d8wAOV, vgl. Ep. VII 342b. Es kann hier dahingestellt bleiben, ob unter
,,4 K. v. Fritz weist darauf hin, daß, "was Platon hier bezeichnet, nur die höchste Stufe von den Titel "A6yo~" Sätze überhaupt oder nur qualifizierte Sätze von der Art von Definitionen
etwas ist, was sich auf niederer Stufe alle Tage ... vollzieht" (Die philosophische Stel~e im fallen.
siebten platonischen Brief und die Frage der "esoterischen" Philosophie Platons? Phronesls 11, 36 t.7runrJf11}, voii~, aATJfHJ~ b6;:a, vgl. Ep. VII 342c.
1966, S. 122). " Vgl. Ep. VII 344c, 342e.
38 Das geschriebene Werk § 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren 39

Umgang mit menschlicher Rede bewähren. Es ist jedoch damit noch nicht stellen müssen, daß gerade die Einsichten, die für Platon zentrale Bedeu-
gesagt, daß sie einer derartigen Bewährung überhaupt bedürfen. Spricht tung hatten, gar nicht in Texten irgendwelcher Art verkörpert sind und
man von so strukturierten Einsichten, zumal wenn es um Platon und die an daher auch nicht in ihnen mitgeteilt werden. Das gilt selbst im Hinblick auf
ihn sich anschließende Tradition geht, stellt sich sehr leicht die Vorstellung Texte, in denen diese Probleme thematisiert und erörtert werden. In
der Erleuchtung ein. Doch hier muß man vor Mißverständnissen auf der welchem Sinn soll man dann aber von Platons Lehre sprechen? Soll man
Hut sein. Gewiß ist Platon die Erleuchtung im Sinne einer Erfahrung an der Platons Lehre in Behauptungen suchen, die in bestimmten Texten doku-
Grenze menschlicher Erkenntnismöglichkeiten vertraut. Es ist eine Erfah- mentiert sind oder doch zumindest in Texten dokumentiert werden kön-
rung, die alle Merkmale einer Ausnahmesituation aufweist. Die Schriftkri- nen? Oder soll man Platons Lehre in Einsichten suchen, die allenfalls hinter
tik orientiert sich jedoch nicht an derartigen Ausnahmesituationen. Sie den Texten stehen, weil sie selbst gar nicht die Struktur von Behauptungen
versucht vielmehr, auf Zusammenhänge aufmerksam zu machen, die jeder- haben? Auch solche Einsichten wären immer noch mögliche Objekte
mann zugänglich sind, der über irgendeine Art von Gebrauchswissen textfähiger Behauptungen. Doch wer Behauptungen über solche Einsichten
verfügt, und die, ist man erst einmal auf sie aufmerksam geworden, noch versteht, erwirbt damit noch nicht notwendig die Einsichten selbst, über die
nicht einmal allzu schwer zu durchschauen sind. Die Schriftkritik verweist etwas behauptet worden ist. Unterläßt man es, derartige Unterscheidungen
daher nicht auf Aussagen oder Theorien, die auf Grund einer wie auch vorzunehmen, so bleibt jede Rede von Platons Lehre schon aus formalen
immer motivierten Entscheidung von der schriftlichen Mitteilung ausge- Gründen mehrdeutig.
schlossen werden sollen. Wenn sie auf die Grenzen möglicher Mitteilbar- Dazu kommt noch eine Schwierigkeit anderer Art. Sie hängt mit der
keit aufmerksam macht, geht es ihr um Gestalten des Wissens, die gar nicht literarischen ForQlzusammen, deren sich Platon in seinem geschriebenen
in Gestalt von Aussagen präsent werden. Sie verweist auf etwas, auf das Werk bedient. Er behauptet nirgends im eigenen Namen die Richtigkeit
sich der Urheber einer Aussage verstehen muß, das aber gerade nicht in das bestimmter Sätze oder Theorien. Er verfaßt Dialoge, in denen er Personen
von ihm formulierte sprachliche Gebilde eingeht. g~_staltet, die miteinander und gegeneinander Fragen unterschiedlichster
Es ist daher nicht widersprüchlich, sich der Schriftform zu bedienen, Art erörtern. Man kann Platons Dialogen gegenüber nicht gut jene ver-
wenn es darum geht, die Voraussetzungen zu erörtern, auf denen die gleichsweise naive Haltung einnehmen, mit der man üblicherweise anderen
Schriftkritik beruht. Wenn diese Kritik zu einem angemessenen Umgang philosophischen Texten gegenübertritt. Mögen die philosophischen Texte
mit Texten angeleitet hat, hat sie eines ihrer Ziele erreicht. Die Kunst des mit denen man es sonst zu tun hat, manchmal auch noch so schwierig~
angemessenen Umgangs mit Texten kann sich dann auch an den Dokumen- Deutungsprobleme aufgeben, so steht man trotzdem immer noch insofern
ten bewähren, in denen diese Kritik überliefert ist". Man verwickelt sich auf sicherem Boden, als man sich stets auf den Wortlaut der Sätze berufen
jedenfalls in keinen Widerspruch, wenn man in einem Text auf das kann, für deren Richtigkeit der Autor geradestehen will. Bei Platon ist es
aufmerksam macht, was alles ein Text nicht leisten kann. dagegen nicht möglich, sich auch nur auf einen zweifelsfrei gegebenen
Wortlaut einer Lehre zu stützen. Ob Platon philosophische Lehren vertritt
die er dann Sokrates oder anderen Dialogfiguren in den Mund legt, ist ei~
§ 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren Problem, dessen Lösung von Voraussetzungen abhängt, die selbst wieder
einer Rechtfertigung bedürfen. Deswegen muß der Platoninterpret Begrün-
Hat man verstanden, was Platons Schriftkritik zu verstehen gibt, so wird dungspflichten bereits an einer Stelle erfüllen, an der sich der Interpret einer
man kaum mehr unbefangen von Platons philosophischer Lehre sprechen philosophischen Lehrschrift der üblichen Art noch naiv verhalten kann.
können. Hier macht es noch nicht einmal einen wesentlichen Unterschied Angesichts der Schwierigkeiten, die sich bei jedem Versuch ergeben, auch
aus, ob man sich an überlieferten Texten orientiert, wenn man von Platons nur den Wortlaut einer philosophischen Lehre Platons anzugeben, liegt es
Lehre spricht, oder aber an Texten, die bereits das Resultat eines Rekon- nahe, auch jene Uberlieferungen zu beachten, die von Lehren berichten die
struktionsversuchs oder einer Interpretationsbemühung sind. Wendet man Platon nur mündIlchll1itgeteilt haben soll und die deswegen keinen Nieder-
nämlich die der Schriftkritik zugrunde liegenden Gedanken auf die Philoso- schlag in seinem geschriebenen Werk gefllI1c!'!1habens()llen. Schon von je
phie Platons selbst an, so wird man stets die Möglichkeit in Rechnung her hatte man Schwierigkeiten, die aristotelische Platonkritik auf Platons
geschriebenes Werk zu beziehen. Andererseits könnten wir uns überhaupt
38 Nur der wird nach Sokrates' Aussage im "Phaidros" der Schrift gerecht, der ihren
keine Vorstellung von der durch die Dialoge eröffneten Dimension des
Spielcharakter nicht übersieht (276d, 277e). Dem steht auch nicht der Spiel,charakter des Wissens machen, wären wir hinsichtlich unserer Kenntnis der Philosophie
ganzen Dialoges entgegen, auf den Sokrates am Ende des Gesprächs hinweist (278b). Platons nur auf die Darstellung und die Kritik des Aristoteles angewiesen.
40 Das geschriebene Werk § 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren 41

Unter solchen Umständen ist es verständlich, daß man immer wieder rekonstruieren. Streitig bleibt aber, welche Funktion die Inhalte dieser
einmal versucht hat, die Frage nach dem Inhalt der philosophischen Lehren Lehrtätigkeit im Zusammenhang von Platons Denken haben. Sind es
Platons mit Hilfe einer Annahme zu beantworten, die die Existenz zweier gerade die zentralen und "eigentlichen". Lehren seiner Philosophie, die
voneinander unterschiedener Lehrbereiche behauptet. Zum ersten Bereich Platon nur mündlich ausformuliert und mitgeteilt, im geschriebenen Werk
gehört nach dieser Annahme das für die Öffentlichkeit bestimmte und ihr der Dialoge dagegen verschwiegen oder allenfalls angedeutet hat? Hier
zugänglich gemachte Dialogwerk; zum zweiten Bereich gehören Lehren, wird für die Erforscher der ungeschriebenen Lehre Platons Schriftkritik
die von Platon einem engeren Kreis nur mündlich mitgeteilt worden sein wichtig. Sie scheint eine Nahtst<:lle.zwischen geschriebenen und ungeschri~:
sollen, ohne daß sie von ihrem Urheber jemals schriftlich fixiert worden benen Lehren zu markieren, weil gerade hier cias geschriebene Werk seinen
wären. Strittig bleibt unter den Vertretern dieser Annahme der formale c:;eltungsanspruch selbst relativiert nnd zugleich auf einen Bereich jenseits
Status der von Platon nur mündlich mitgeteilten Lehren: Man hat in ihnen der Texte zu verweisen scheint, innerhalb dessen die v.om geschriebenen
unter dem Schutz einer Arkandisziplin stehende Geheimlehren gesehen; Werk aufgegebenen Rätsel gelöst werden können. !Doch findet man in
man hat in ihnen Bestandteile einer Alterslehre finden zu können geglaubt, diesem Bereich jenseits der Texte wirklich Behauptungen, auf deren-,chrift: .
an deren schriftlicher Fixierung Platon nur durch Alter und Tod gehindert liche Fixierung Platon zwar verzichtet hat, die er aber gn;;;dsätzlich hätte i
wurde; man hat sie schließlich auch als Sonderlehren gedeutet, die die fixieren können und die aus diesem Grunde vom modernen Forscher in
Gedankenwelt der Dialoge nicht nur zusammenfassen, sondern zugleich einem Text mitgeteilt werden können, nachdem sie von ihm rekonstruiert
ergänzen und krönen. Nach jeder dieser Deutungen aber hat Platon jeden- worden sind? Wenn die im vorigen Abschnitt vorgetragene Deutung von
falls Lehren vertreten und behauptet, die er aus bestimmten Gründen Platons Schriftkritik richtig ist, wird man dies nicht erwarten dürfen.
schriftlich nicht fixiert hat, die er aber grundsätzlich hätte schriftlich Gewiß wird im "Phaidros" das geschriebene Wort gegenüber dem gespro-
niederlegen und mitteilen können, wenn er dies gewollt hätte. chenen Wort abgewertet. Dies geschieht jedoch nicht im Blick auf die
Dieser Fragenkreis ist in letzter Zeit vor allem durch Arbeiten von H. J. äußeren Eigenschaften von Sprache und Schrift, sondern im Blick auf den
Krämer und K. Gaiser zu einem Zentrum der Platondiskussion gemacht Realkontext, zu dem sowohl der Urheber als auch der Adressat einer jeden
worden. Hier wurde auf der Grundlage der einschlägigen antiken Überlie- . Redegehör~;;: Er ist nur im Falle des gesprochenen Wortes stets präsent.
[~;~nge;:; versucht, Lehren zu rekonstruieren, die Platon im mündlichen Das geschriebene Wort läßt sich dagegen leicht aus seinem Realkontext
Vortrag vertreten haben soll, ohne sie jemals in einem Schriftwerk nieder- isolieren. Nur das gesprochene Wort zeigt sich als unselbständiges Moment
zulegen. Niemand zweifelt daran, daß es für das Platonverständnis von in einem Funktionszusammenhang, innerhalb dessen es ausgewechselt
großer Bedeutung ist, wie die hier gestellten Fragen beantwortet werden. werden kann, sobald dem Sprecher deutlich geworden ist, daß es die ihm
Das gilt unabhängig davon, wie die Antworten inhaltlich ausfallen und wie zugedachte Funktion nicht erfüllt. Am gesprochenen Wort wird evident,
sie begründet werden, unabhängig auch von dem Grad an Sicherheit, den daß die einzelne Formulierung stets etwas Vorläufiges gegeuüber dem
man bei den hier nötigen Rekonstruktionsversuchen im günstigsten Fall bleibt, was mit ihrer Hilfe jemandem zu verstehen gegeben werden soll.
erreichen kann. Wer die Existenz einer schriftlich nicht fixierten, philoso- Man geht von einem zu vordergründigen und noch immer am Ideal
phisch bedeutsamen Lehre Platons annimmt, wird das geschriebene Werk gegenständlicher Fixierbarkeit orientierten Verständnis der mündlichen
der Dialoge mit anderen Augen ansehen als wer auf diese Annahme Rede aus, wenn man Platons Schriftkritik auf den Inhalt einer nur faktisch
verzichtet oder sogar von der gegenteiligen Annahme ausgeht. Die Versu- nicht aufgeschriebenen, grundsätzlich aber textfähigen Lehre bezieht. Denn
che, eine ungeschriebene Lehre Platons zu rekonstruieren, haben das diese Kritik richtet sich auf Fehldeutungen nicht nur dessen, was bereits
unbezweifelbare Verdienst, die Selbstsicherheit eines jeden vordergründi- fixiert worden ist, sondern auch alles dessen, was - etwa am gesprochenen
gen Platonverständnisses erschüttert zu haben, das die Einsichten, in deren Wort - der schriftlichen Fixierung auch nur fähig ist. Aus diesem Grunde
Umkreis sich Platons Denken bewegt, unmittelbar und ohne Rest dem besteht aber keine begründete Hoffnung, im Resultat der Rekonstruktion
geschri~benen Werk der Dialoge entnehmen zu können glaubt. Anderer- einer nur mündlich vorgetragenen Lehre gerade das finden zu können, an
seits steht aber auch jeder, der annimmt, die Rekonstruktion von Platons dem sich Platon orientiert, wenn er ihm gegenüber den Wert jeder schriftli-
ungeschriebenen Lehren sei gelungen, vor der nichttrivialen Frage, welche chen Mitteilung relativiert. Was als Inhalt einer von Platon schriftlich nicht
Bedeutung die so rekonstruierten Lehren für das Verständnis von Platons fixierten, der Sache nach aber immerhin fixierbaren Lehre rekonstruiert
Philosophie im ganzen haben. werden kann, gehört allein dieser Möglichkeit wegen immer noch in den
Die Existenz einer mündlichen Lehrtätigkeit Platons wird man ebenso~ Einzugsbereich der Schriftkritik. Platon übt diese Kritik nicht im Blick auf
,,!enii bestreiten können wie die prinzipielle Möglichkeit, ihre Inhalte zu etwas, was er, aus welchen Gründen auch immer, schriftlich nur nicht
42 Das geschriebene Werk § 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren 43

fixieren will. Er übt sie im Blick auf etwas, was er schriftlich selbst dann ungeschriebene Lehre zu rekonstruieren. Die mit einem großen Aufwand
.nicht fixieren könnte, wenn er es wollte. Das schriftlich nicht Fixierbare, an an Scharfsinn erzielten Resultate sind inhaltlich nun einmal von extremer
dem sich die Schriftkritik orientiert, hat nicht die Struktur von Behauptun- Dürftigkeit und Simplizität. Das spricht gewiß nicht gegen die Legitimität
gen oder von Lehrinhalten. Als Bezugspunkt der Rekonstruktion und der der Rekonstruktion, wohl aber gegen die philosophische Relevanz ihrer
Bewertung einer von Platon nur mündlich vorgetragenen Lehre ist die Ergebnisse. Gleichgültig, ob man sich an Zahlenmodellen, an der Dichoto-
Schriftkritik daher nicht geeignet. mie der Einheit und der unbestimmten Zweiheit oder am Schematismus der
Auf dem Boden der Gedanken, die die Schriftkritik tragen, geht die Frage Dimensionenfolge orientiert, - in jedem Fall handelt es sich um ein
also gar nicht so sehr auf Inhalte einer ungeschriebenen Lehre, sondern formales Spiel mit Elementen, das in seiner Undifferenziertheit weit unter-
darauf, ob Platons Ungeschriebenes überhaupt im Sinne einer Lehre ver- halb des Niveaus bleibt, das von Platon in seinem geschriebenen Werk stets
standen werden kann. Welchen Inhalt eine Lehre auch haben mag, - der eingehalten wird. Es ist kaum wahrscheinlich, daß Platon in einer refle-
äußeren Form nach hat man es immer mit einem System oder wenigstens xionslosen Dogmatik von der Art, wie sie durch diese Schematismen
mit einem Aggregat von Sätzen zu tun, deren Richtigkeit behauptet wird. repräsentiert wird, das Zentrum seines Denkens und das Ziel seiner Bemü-
Man kann bestimmte Einsichten dadurch gewinnen, daß man Sätze zur hungen gesehen haben könnte. Wer hier Prinzipien glaubt finden zu
Kenntnis nimmt und versteht. Doch man erwirbt längst nicht jede Einsicht können, die als Grundlage der Erklärung aller Wirklichkeit und aller
auf diese Weise. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Gestalten des Erkenntnis dienen können, müßte eigentlich zugleich einen Erklärungsbe-
Wissens, die keine propositionale Struktur aufweisen. Die Eigenschaften griff vorstellen, der es erlaubt, einen derartigen Anspruch einzulösen. Es
der Formen des nichtpropositionalen Wissens müssen später noch ausführ- gibt weder einen antiken noch einen modernen Erklärungsbegriff, der
licher erörtert werden. Ein naheliegendes Mißverständnis muß indessen dergleichen leisten könnte. Hätte Platon gleichwohl in dieser schematisie-
schon hier abgewehrt werden. Es entsteht sehr leicht, wenn man mit Hilfe renden Dogmatik den Bezugspunkt seines Philosophierens gesehen, wäre
von Sätzen über die Formen nichtpropositionalen Wissens etwas behauptet der Interpret zwar gehalten, diese Selbstdeutung zu respektieren. Niemand
und dann glaubt, man hätte es allein deswegen, weil man dies tun kann, im könnte jedoch von ihm verlangen, dieser Selbstdeutung auch inhaltlich
Grunde eben doch mit propositionalem oder wenigstens mit propositiona- beizupflichten.
lisierbarem Wissen zu tun. Doch dieses Mißverständnis stellt sich nur ein, Der Prinzipienschematismus, der sich uns als Resultat einer Rekonstruk-
wenn man die Notwendigkeit einer hier wichtigen Unterscheidung über- tion von Platons ungeschriebener Lehre darstellt, enthält vor allem nichts
sieht: Wissen läßt sich nämlich nicht notwendig schon deswegen in Sätzen mehr von dem, was in Platons geschriebenem Werk durch die Gestalt des
darstellen und mitteilen, weil es zu den möglichen Gegenständen von Sokrates verkörpert wird. Man könnte freilich darüber streiten, ob man es
Sätzen gehört. Zu dem, was mit Hilfe von Sätzen über ein Wissen behaup- hier - im Sinne der vor allem in der "Politeia" ausgearbeiteten Stufenord-
tet und mitgeteilt werden kann, gehört nicht notwendig auch der Inhalt nung der Erkenntnis' - mit Gebilden zu tun hat, die ihrem Status nach der
dieses Wissens selbst. - Eine Analogie kann erläutern, was gemeint ist: Es Stufe des Mathematischen zugeordnet werden müssen. Die Tendenz des
ist möglich, mit Hilfe von Sätzen über Farbwahrnehmungen zu sprechen Aristoteles, Platons Philosophie vor dem Hintergrund der pythagoräischen
und etwas über sie mitzuteilen. Doch solche Sätze können niemals den Tradition in ihrem Kern als eine mathematisch orientierte Prinzipienlehre
Inhalt dieser Farbwahrnehmungen als solchen mitteilen. Sie können auf zu verstehen, wäre mit einer derartigen Deutung gut vereinbar. Mit Sicher-
diesen Inhalt immer nur rekurrieren. Sprecher und Adressat können mit heit hat man es hier aber nicht mit Inhalten eines Wissens zu tun, das man
dem Bezugspunkt eines derartigen Rekurses immer nur auf vorprädikative der höchsten Erkenntnisstufe, nämlich der Stufe der Dialektik zuordnen
Weise vertraut sein. Die Schriftkritik orientiert sich an Wissensformen, die dürfte. Eben dies müßte aber möglich sein, sollten die Inhalte der unge-
in einem ähnlichen Sinne jeder in Sätzen ausformulierbaren Lehre vorge- schriebenen Lehre wirklich den Kern von Platons Philosophieren repräsen-
ordnet sind, und zwar auch jeder Lehre, die sich mit diesen Wissensformen tieren. Doch der Zuschnitt des in Platons Dialogen überlieferten und vor
als Gegenstand befaßt. Ob solche Lehren dann aufgeschrieben werden oder Augen gestellten Philosophierens erlaubt es nirgends, das Resultat einer
nicht, ist in diesem Zusammenhang nur von geringer Bedeutung. Welchen längeren Untersuchung von dem Weg, der zu ihm geführt hat, zu isolieren
Inhalt also die Behauptungen im Umkreis von Plat.ons ungeschriebener und in einigen Schematismen zu konzentrieren. Zwei Seiten eines beliebi-
Lehre auch gehabt haben mögen: sie repräsentieren schwerlich den Bereich gen Dialogs enthalten jedenfalls ungleich mehr philosophische Substanz als
jenes Wissens, dem von der Schriftkritik die Fähigkeit, in einem Text fixiert alles, was als mitteilbarer Inhalt der ungeschriebenen Lehre bisher hat
und mitgeteilt zu werden, abgesprochen wird.
Das bestätigen auch die inhaltlichen Ergebnisse der Versuche, Platons 1 Vgl. unten S. 203 H.
44 Das geschriebene Werk § 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren 45

rekonstruiert werden können. Nach einem bekannten und vielzitierten als solche unmittelbar als Elemente einer von Platon vertretenen philoso-
Diktum A. N. Whiteheads besteht unsere ganze westliche philosophische phischen Theorie ansehen dürfte. Ist man dessen erst einmal gewahr
Tradition im Grunde nur aus Fußnoten zu Platon. Das ist weder ein bloßes geworden, so liegt es nahe, Platons philosophische Theorie an einem
Bonmot noch eine Übertreibung, sondern die nüchterne Charakterisierung anderen Ort, beispielsweise im Bereich seiner mündlichen Lehrtätigkeit zu
eines bestehenden Sachverhalts. Dieses Diktum trifft den Sachverhalt suchen. Jeder der im Rahmen der Dialoge geäußerten Sätze ist durch eine
jedoch nur dann, wenn man es auf Platons Dialoge bezieht; auf die eigentümliche Vorläufigkeit charakterisiert. Diese Vorläufigkeit ist jedoch
mündliche Lehre als auf den vermeintlichen Kern der Philosophie Platons kein Gegenbild einer nur mündlich vorgetragenen, aber mit dem Anspruch
bezogen wäre es eine Absurdität. Nicht zufällig mußten auch die Erforscher auf Endgültigkeit ausformulierten Dogmatik. Es gibt keinen Dialog, dessen
von Platons ungeschriebener Lehre einräumen, daß das Eigentliche der Ziel in der Ausarbeitung bestimmter Formulierungen erreicht wäre, die sich
platonischen Philosophie nicht in jenen Schematismen selbst, sondern in ihm finden. Jeder Dialog verweist in der Tat auf etwas, was innerhalb .,
allenfalls hinter ihnen zu suchen ist. seiner nicht mehrl" Gestalt von sprachlichen Formulierungen mitgeteilt
In jede Bewertung der philosophischen Relevanz einer Lehre geht natür- :",ird: Doch was ist das Ziel derartiger Verweise? Ph. Merlan hat die
lich als Voraussetzung eine bestimmte Auffassung von dem ein, was Antwort mit einer prägnanten und treffenden Formel gegeben: "Heißt also
Philosophie ist und was sie sein soll. Auf derartige Voraussetzungen kann mündlich das, was diskutiert wird, so könnte es sein, daß wir einem
man niemals ganz verzichten, wenn man sich mit der Geschichte der Phantom nachjagen, wenn wir hinter den Dialogen die mündliche Philoso-
Philosophie auf der Grnndlage eines an der Sache der Philosophie orientier- phie Platons suchen. Was wir finden werden, wird ein anderer Dialog
ten Interesses beschäftigt. Das gilt auch dann, wenn diese Voraussetzungen sein.'" Platons mündliche Lehre könnte für die Philosophie allenfalls dann
nur aus der Latenz wirken, weil man sich selbst über sie gar keine fruchtbar werden, wenn es einmal gelänge, einen Dialog mitsamt seinem
Rechenschaft gibt. Nicht selten werden sie durch die Ergebnisse der von Realkontext zu rekonstruieren, innerhalb dessen diese Lehre eine für sie
ihnen regulierten Untersuchung korrigiert oder modifiziert. Gleichwohl spezifische Funktion ausübte. Erst dann hätte man es mit einer Erkenntnis
können sie niemals ganz fehlen, wenn die Untersuchung überhaupt in Gang zu tun, die man nicht nur in ihrem Wortlaut rezipiere-n:, sOlidern auch-von
kommen soll. Man bedarf ihrer, wenn man überhaupt etwas sucht und ihrer Grundlage her nachvollziehen könnte. Es gibt indessen kein Anzei-
wenn man überhaupt eine Frage stellt. Nur selten wird man etwas finden, chen dafür, daß sich eine derartige Hoffnung einmal erfüllen könnte.
was man nicht zuvor gesucht hat. In diesem Sinne zeigt sich an der Die Aussicht, der esoterischen, geheimgehaltenen Lehre eines Denkers
Bewertung von Platons ungeschriebener Lehre zugleich auch, welchen auf die Spur zu kommen, ist für den Historiker naturgemäß von besonde-
Begriff von Philosophie man selbst mitbringt. rem Reiz. Scheint es doch, als ließe sich von dort aus das Verständnis
Nun soll die Bedeutung der Rekonstruktion von Platons ungeschriebener schwer verständlicher Texte erschließen, die dann vor dem Hintergrund
Lehre durch das hier Gesagte durchaus nicht verkleinert werden. Im einer esoterischen und damit "eigentlichen" Lehre zu nachrangigen Gebil-
Gegenteil: gerade der nicht nur an den bloßen historischen Fakten, sondern den degradiert werden. Dann mag man die Hoffnung hegen, die mit den
auch an den philosophischen Sachfragen interessierte Philosophiehistoriker exoterischen Texten verbundenen Schwierigkeiten durch Reduktion auf die
sollte die Ergebnisse der Rekonstruktion dankbar akzeptieren. Denn diese esoterische Lehre auflösen und aus ihrer auf diese Lehre bezogenen Funk-
Ergebnisse geben ihm die Legitimation, sich bei seinen Bemühungen um tion erklären zu können. Esoterik dieser Art zeigt die Merkmale einer
Platons Philosophieren guten Gewissens an das geschriebene Werk zu Geheimlehre und verlangt im Idealfall die Möglichkeit einer randscharfen
halten. Bemüht er sich darum, dieses Werk zu verstehen, so braucht er sich Uuterscheidung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten. Der Kreis der
dabei durch die Existenz einer ungeschriebenen Lehre und durch ihre Eingeweihten ist im Falle der im Sinne einer Geheimlehre verstandenen
Inhalte nicht sonderlich irritieren zu lassen. Doch gerade weil diese Inhalte Esoterik durch die gegenständliche Kenntnis bestimmter Sätze ausgezeich-
wenig zum Verständnis von Platons Philosophieren beitragen, sollte man net und damit gegenüber allen Uneingeweihten abgegrenzt. Hier ist es
um so mehr die legitimen Motive würdigen, die immer wieder den Blick auf möglich, Arkandisziplin zu fordern und zu üben, Geheimhaltungsvorschrif-
Platons ungeschriebene Lehre lenken und die sogar noch erklären können, ten verbindlich zu machen und Sanktionen für den Fall ihrer Übertretung
warum man die Bedeutung der Inhalte dieser Lehre so leicht überschätzt. festzusetzen. Nichts spricht jedoch für die Annahme, daß Platons Esoterik
Hier liegt nämlich die gut begründete Einsicht zugrunde, daß das Ziel von in diesem Sinne gedeutet werden müßte.
Platons Philosophieren in der Tat nicht in der Formulierung und in der
Mitteilung von Sätzen zu suchen ist, wie sie sich im geschriebenen Werk der 1 Ph. Merlan, Bemerkungen zum neuen Platonbild, Archiv für Geschichte der Philosophie
Dialoge finden. In den Dialogen werden niemals Sätze mitgeteilt, die man 51,1969, S. 117.
46 Das geschriebene Werk § 2: Geschriebene und ungeschriebene Lehren 47

Von Esoterik kann man indessen auch noch in einem ganz anderen Sinn keinen Fall überschätzen. Geht es um Geheimlehren, so muß man zunächst
sprechen. Dann meint man eine Art von Esoterik, die förmliche Geheimhal- immer nach dem äußeren Funktionszusammenhang fragen, innerhalb des-
tungsvorschriften und Sanktionen im Falle von Verstößen gegen diese sen sie ihren Ort haben. Wer bestimmte Sätze ausschließlich einem
Vorschriften gar nicht benötigt. Esoterik dieser Art bedarf auch keiner bestimmten Kreis von Personen mitteilt, kann damit beispielsweise beab-
randscharfen Abgrenzung zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten. In sichtigen, diesem Kreis ein Identitätsbewußtsein zu verschaffen. Die Funk-
dem hier gemeinten Sinne ist beispielsweise jede gute Wissenschaft esote- tion des Satzes, Kenntnis vom Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachver-
risch. Es handelt sich hier um eine Esoterik, die nicht an objektivierbaren halts zu vermitteln, tritt in diesem Falle ganz zurück. Geheimlehren haben
und mitteilbaren Wissensinhalten, sondern an Verständnisstufen orientiert zumeist Symbolcharakter. Die Kenntnis des Inhalts einer solchen Lehre ist
ist. Ihre Geheimnisse sind offenbare Geheimnisse. Sie hat es nicht nötig, die in diesem Falle ein Zeichen, das den Angehörigen eines abgegrenzten
Kenntnis bestimmter Sätze oder Texte einem Kreis von Eingeweihten Kreises das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der Unterschieden-
vorzubehalten. Jedermann steht der Zugang zu allen Dokumentationen des heit von allen Außenstehenden vermittelt. Jede Gruppenbildung, die auf
Wissens offen. Doch der Zugang zu den Dokumentationen des Wissens Dauer hin angelegt ist, braucht ihre offenbaren oder geheimen Symbole .
. garantiert noch lange nicht den Zugang zu diesem Wissen selbst. Denn der Für deren Funktionsfähigkeit ist es gleichgültig, ob sich die Mitglieder der
Wissende zeichnet sich in diesem Sinn nicht so sehr durch die Kenntnis von Gruppe über diesen Symbolcharakter im klaren sind. Es muß dahingestellt
, Sätzen aus, sondern vor allem durch die dispositionelle Fähigkeit, sie zu bleiben, ob sich unter den Inhalten von Platons ungeschriebener Lehre auch
verstehen, mit ihnen umzugehen, sie zu begründen und ihre Tragweite Elemente befinden, die innerhalb der Akademie derartige Funktionen zu
abzuschätzen. Gerade der Bereich der exakten Wissenschaften ist durch erfüllen hatten. Die Überlieferung erlaubt es nicht, hier zu einer fundierten
diese Art von Esoterik charakterisiert. Der einzelne Satz, der innerhalb Antwort zu kommen. Zumindest die Möglichkeit einer solchen Deutung
einer solchen Wissenschaft formuliert wird, läßt seinen Sinn nicht bereits darf man jedoch in Rechnung stellen. Ließe sie sich begründen, könnte sie
durch seinen bloßen Wortlaut erkennen. Sein Sinn ist nur dem erschlossen, jedenfalls auf überraschend einfache Weise jene ganz zu Recht beanstan-
der zugleich die Fähigkeit hat, mit ihm umzugehen und ihn als Moment dete "bizarre Unzugänglichkeit'" erklären, in der uns, ganz anders als das
innerhalb eines umfassenden Verständniszusammenhangs zu behandeln. geschriebene Werk der Dialoge, Platons ungeschriebene Lehre gegenüber-
Mit diesem Verständniszusammenhang wird man vornehmlich auf dem steht.
Wege der Einübung vertraut. Es genügt nicht, lediglich die Mitteilung Funktionelle Esoterik der banalen Art begegnet uns, auf die Spitze
wahrer Sätze entgegenzunehmen, die sich auf ihn beziehen. getrieben, in dem unter Platons Namen überlieferten, aber sicher unechten
Dies ist jener Typus, dem auch die platonische Esoterik angehört, auf die Zweiten Brief. Nach der in diesem Brief sich spiegelnden Auffassung muß
die Schriftkritik verweist. Es ist also keine Esoterik von der Art einer die wahre Philosophie als Geheimlehre tradiert werden, die allein aus
Geheimlehre, deren Inhalte der Kenntnis eines Kreises von Auserwählten taktischen Gründen nicht aufgeschrieben wird. Im Prinzip ist sie dagegen
vorbehalten wären. Es ist eine Art von Esoterik, wie sie auch Hegel im jederzeit fähig, schriftlich fixiert zu werden. Platon hat nach der Behaup-
Platonabschnitt seiner Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie im tung dieses Briefes über die eigentlichen Themen der Philosophie niemals
Sinn hat: "Das Esoterische ist das Spekulative, das geschrieben und etwas geschrieben: Was man jetzt so bezeichne, gehöre in Wirklichkeit
gedruckt ist und doch ein Verborgenes bleibt für die, die nicht das Interesse einem schön und jung gewordenen Sokrates (314c). Die eigentliche Phi-
haben, sich anzustrengen. Ein Geheimnis ist es nicht und doch verborgen. "3 losophie bleibt nach der Vorstellungswelt dieses Briefes jedoch dem Bereich
In diesem Sinne wären die Formulierungen irgendwelcher Lehren auch eines Arkandisziplin übenden Konventikels vorbehalten. So ist es ganz
dann nichts Esoterisches, wenn sie von Platon nur in mündlicher Form und konsequent, wenn der Verfasser den Empfänger auffordert, den Brief
nur einem engeren Kreis von Schülern mitgeteilt worden wären. Esoterik in wiederholt durchzulesen und sich seinen Inhalt einzuprägen, danach ihn
dem hier akzentuierten Sinne und die nur mündlich tradierten Lehren aber zu vernichten (314c).
Platons bilden daher zwei getrennte Bereiche. Da eine zuverlässige Doxographie der antiken Berichte über Platons
Die Existenz von Geheimlehren in Platons Umkreis läßt sich trotz allem ungeschriebene Lehre vorliegt, darf man von jeder Platoninterpretation
nicht mit Sicherheit ausschließen. Doch selbst wenn es Esoterik der banalen eine plausible Deutung der aus der Überlieferung rekonstruierten Elemente
Art hier wirklich gegeben haben sollte, so dürfte man doch ihre Inhalte auf dieser Lehre erwarten. Man wird in diesen Elementen schwerlich die

J G. W. F. HegeI, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Zweiter Band, 4 Vgl. G. Patzig: Platons politische Ethik, in: Vernünftiges Denken (Kamlah-Gedächtnis-
Jubiläumsausgabe ed. H. Glockner, Bd. 18, S. 238. schrift), 1978, S. 450.
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zentralen Bezugspunkte von Platons Philosophieren sehen können. Einige die Vorläufigkeit des Gesagten betont, so soll damit nur dem Mißverständ-
Wahrscheinlichkeit kann jedoch eine Deutung in Anspruch nehmen, die in nis entgegengewirkt werden, daß man in sprachlichen Formulierungen oder
ihnen Gebilde sieht, die dem Typus von Einteilungs- und Orientierungs- gar in Texten bereits sicheres Wissen besitzen könne.
schemata zugehören. Unter dieser Voraussetzung hätte man es hier mit Wenn sich die Nachrichten über die ungeschriebene Lehre überhaupt auf
Ordnungsbegriffen und Reflexionsgesichtspunkten zu tun, die einen Grad ein überliefertes Werk Platons beziehen lassen, so kann man sie, sieht man
formaler Abstraktion repräsentieren, mit dem man in den Dialogen nicht einmal vom "Philebos" ab, am ehesten noch mit dem "Tirnaios" in
konfrontiert wird. Man kann von diesen Schematismen Gebrauch machen Verbindung bringen. Diese Verbindungslinien sind denn auch in der For-
und sich ihrer als Topoi bei der Erörterung ganz unterschiedlicher Pro- schung längst gezogen worden. Schon die aristotelische Platonkritik hat
bleme bedienen. Hier machen auch die in Platons geschriebenem Werk von den geschriebenen Werken Platons vorzugsweise den "Timaios" im
erörterten Probleme keine Ausnahme. Daher kann man auch in den Auge. Dieses Werk ist aber bekanntlich schon durch seine Form deutlich
Dialogen noch Spuren jener Schematismen finden, wenn man nach ihnen von allen anderen Werken Platons unterschieden. Hier wird wenig gefragt
sucht. Trotzdem markieren diese Schematismen kein Ziel, an dem das und geantwortet, desto mehr hingegen erzählt und gelehrt. So kann es
philosophische Denken zur Ruhe käme, sondern allenfalls einige seiner scheinen, als sei am ehesten hier eine "Lehre" Platons Zu greifen. Dies
Hilfsmittel. Man wird den Dialogen schwerlich gerecht, wenn man sie so erklärt auch zu einem guten Teil die einzigartige Stellung, die der
deutet, als befinde sich Platon in ihnen nur auf dem zu jenen Abstraktionen "Timaios" in der Wirkungs geschichte der Philosophie Platons einnimmt.
führenden Weg. Man kann im Blick auf die Gedankenwelt der Dialoge Wie immer aber auch die Lehre des" Timaios" zu beurteilen ist - ihr eignet
allenfalls plausibel machen, daß derartige Reflexionsbegriffe und Schema- jedenfalls nicht jene Sicherheit, die ein Kennzeichen des eigentlichen Wis-
tismen eine gewisse Ordnungs- und Orientierungsfunktion ausüben kön- sens ist. So wird gerade im "Timaios" immer wieder eingeschärft, daß man
nen. Umgekehrt wäre es aber gänzlich unmöglich, allein am Leitfaden es hier, wo es um die Grundstrukturen der Wirklichkeit im ganzen geht, mit
dieser Schematismen eine Gedankenwelt von der Sachnähe und von dem einer lediglich wahrscheinlichen Erzählung zu tun hat'. Auf diese Weise
Problemniveau zu entwerfen, wie sie von den Dialogen dem Leser jederzeit wird der Geltungsanspruch dessen relativiert, was im "Timaios" vorgetra-
vor Augen gestellt wird. Es hat jedenfalls bisher noch niemals gezeigt gen wird. Relativiert wird zugleich der Geltungsanspruch einer jeden Rede
werden können, daß diese vermeintlichen Prinzipien irgend etwas zu über die Welt im ganzen und ihre Prinzipien. Gerade hier wird deutlich,
begründen oder zu erklären vermöchten. daß das menschliche Erkennen den Bereich der Bilder und Gleichnisse nicht
Gewiß wird in Platons geschriebenem Werk häufig die Vorläufigkeit, die verlassen kann.
Korrigierbarkeit und die Unvollständigkeit der jeweiligen Aussage betont. Wer nach einer esoterischen Lehre Platons und nach ihrem Inhalt
Doch das ist eine Vorläufigkeit, die ein Merkmal einer jeden sprachlichen forscht, verkennt leicht die Grenzen, die jedem Lehrinhalt schon deswegen
Formulierung und erst recht eines jeden Textes ist. Dieser Vorläufigkeit gezogen sind, weil er ausgesprochen wird und aus diesem Grunde stets
korrespondiert daher keine Endgültigkeit irgendeiner mit den Mitteln der auch aufgeschrieben werden kann. Die Formulierung und der Wortlaut
Sprache ausformulierten und mitgeteilten Sonderlehre. Dies kann man am einer jeden Lehre bleiben nämlich als solche stets im Bereich des Exoteri-
Beispiel jenes Gesprächs verdeutlichen, das die Gleichnisserie der "Politeia" schen, und zwar auch dann, wenn man von der Möglichkeit schriftlicher
einleitet. In diesen Gleichnissen soll es um die Idee des Guten gehen. Fixierung keinen Gebrauch macht. Das Esoterische ist daher ihm gegen-
Trotzdem treten sie nicht mit dem Anspruch auf, eine Theorie über die Idee über auch gar nicht in Formulierungen einer Lehre höherer Stufe zu finden.
des Guten in offener oder in verschlüsselter Form mitzuteilen. Sie enthalten Die eigentliche Esoterik ist im Verhältnis zum Wortlaut ausformulierter
kein letztes und endgültiges Wort, das sich über dieses Thema sagen ließe. Theorien aller Art in Formen des Wissens zu suchen, die dem Typus des
Das wird von Sokrates auf unmißverständliche Weise herausgestellt bewußten Könnens. und des Gebrauchswissens angehören. Es ist kein
(506df.). Ihm ist es klar, daß er über diese Dinge noch nicht einmal seine Wissen, das sich in Behauptungen über das, was der Fall ist, darstellen
bloße Meinung angemessen darstellen kann. Doch so sehr sich Sokrates ließe. Denn hier handelt es sich um dispositionelle Fähigkeiten, wie sie sich
auch der Grenzen dessen bewußt ist, was er überhaupt sagen kann, - im sachgerechten Umgang mit Dingen und Inhalten aller Art, beispielsweise
absichtlich will er jedenfalls nichts auslassen'. Was überhaupt gesagt auch mit Theorien bewähren, mögen diese nun schriftlich oder nur münd-
werden kann, soll also auch ausgesprochen werden. Hier steht daher lich mitgeteilt sein. Die rekonstruierbaren und rekonstruierten mündlichen
schwerlich eine formulierbare Sonderlehre im Hintergrund. Wird wie hier
6 dxwq {J:ufJo~, dxdJ~ A.6yo~, vgl. Tim, 29c, 30b, 44d, 48d, 53d, 55d, 56b, 57d, 59d, 68d,
5 EXWV OVX cuw)'d'IjJW, Rep. 509c. nd.
4 Wieland, P!aton
50 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 51

Lehren Platons verkörpern nicht das Wissen, um das sich Platons Philoso- sung, nach der die Form der Schriften Platons für das Verständnis der
phieren bemüht. Gerade sie bedürfen in besonderem Maße einer Instanz, Intentionen ihres Autors relevant oder sogar unentbehrlich ist und daher
die auf angemessene Weise mit ihnen umzugehen weiß. Man kann nicht von der Intention des Lesers und des Interpreten umfaßt werden muß,
hoffen, in ihnen ausgesprochen zu finden, was Platon im Bewußtsein der ebenso wie die gegenteilige Annahme. Man kann die Entscheidung für die
Grenzen der Mitteilbarkeit überhaupt in seinem geschriebenen Werk aus- zweite Seite dieser Alternative natürlich auch stillschweigend fällen. Man
zusprechen gar nicht erst versucht hat. verzichtet dann auf eine Beschäftigung mit den durch die literarische Form
der platonischen Werke aufgegebenen Problemen und beginnt sogleich mit
der Erörterung dessen, was man als die philosophische Lehre Platons
ansieht. Innerhalb der Platonforschuug ist es eher die Ausnahme, wenn
§ 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens auch einmal die Form der platonischen Schriften im Hinblick darauf
untersucht wird, ob auch sie uud nicht uur ihr Inhalt im Dienste der
Unmittelbar ist Platon nicht als Urheber bestimmter philosophischer Darstellung des philosophischen Gedankens steht. Gewiß ist diese Mög-
Lehren greifbar, sondern nur als Autor von schriftlich überlieferten Wer- lichkeit seit Schleiermacher niemals ganz in Vergessenheit geraten. Trotz-
ken, die der literarischen Gattung des Dialogs angehören. Es gibt keinen dem bewegt sich der überwiegende Teil der modernen Diskussion über
Text, in dem er im eigenen Namen eine philosophische Lehre formulieren Platons Denken in einem Umkreis, innerhalb dessen man von dieser
und mit dem Anspruch auf Wahrheit mitteilen würde. Platons Lehren Möglichkeit nur selten Notiz nimmt. Merkwürdigerweise hat gerade die
liegen im überlieferten Werk nirgends im Wortlaut vor. Was man gemein- englischsprachige Platonforschung, der man vor allem was die logische und
hin als Lehre Platons bezeichnet, ist allenfalls das Ergebnis von Rekon- semantische Präzisierung der platonischen Gedankengänge anbetrifft so
struktionsversuchen auf der Grundlage dieses Werks. Wer somit Aussagen wichtige Fortschritte verdankt, den mit der literarischen Formung dieser
über den Inhalt von Platons Lehren macht, muß zuvor immer schon die Gedanken verbundenen Problemen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Frage beantwortet haben, auf welche Weise solche Lehren aus den von Man geht von der meist uur stillschweigend gemachten Voraussetzung aus,
!'bton geschriebenen und inszenierten Dialogen gewonnen werden können, nach der Platon beabsichtigt, seine philosophischen Lehren in der Regel
Diese Antwort wird stets von offenen oder verdeckten Hypothesen abhän- durch den Mund des jeweiligen Gesprächsführers mitzuteilen. Wer dies
gig sein. hinsichtlich einer bestimmten Textstelle leugnet, hat dann die entspre-
Damit ergibt sich zugleich die Frage, ob die literarische Form der Werke chende Begründungspflicht zu übernehmen. Erörtert man die Form der
Platons für das, was mit ihrer Hilfe mitgeteilt werden soll, wesentlich ist platonischen Schriften, so geht es aber nicht nur um die Frage nach dem
oder ob der Dialog~ lediglich ein Mittel der Darstellung ist, das sich Inhalt von Platons Lehren. Es geht zugleich um die Frage, ob sich die
gegenüber seinem Inhalt indifferent verhält oder vielleicht sogar dem Intention von Platons Philosophieren in der Formulierung und Mitteilung
angemessenen Ausdruck dieses Inhalts im Wege steht. Dienen die Elemente von bestimmten Lehren erschöpft, gleichgültig, ob solche Lehren in ver-
der literarischen Gestaltung nur der Einkleidung eines von ihnen unabhän- schlüsselter oder in unverschlüsselter Gestalt mitgeteilt werden.
gigen Inhalts, oder sind sie selbst auch Träger des philosophischen Gedan- Die bei den Seiten der erwähnten Alternative sind methodisch durchaus
kens? Formung und Komposition der Dialoge sind ohne Zweifel Gegen- nicht gleichgewichtig. Wer positive Beziehungen zwischen literarischer
stand eines ausgeprägten literarischen Gestaltungswillens ihres Autors. Form und philosophischem Gehalt für möglich hält, übernimmt nämlich
Deswegen allein ist man noch nicht gehalten, mit Momenten des philoso- weitergehende Begründungspflichten als sein Gegner. Er hat die Chance,
phischen Gedankens zu rechnen, die nicht als Sinngehalt von Sätzen, alle Ergebnisse, zu denen der Gegner kommen kann, auch selbst zu erzielen,
sondern nur als Resultat der Formung sprachlichen Materials mitgeteilt darüber hinaus aber auch noch weitere Ergebnisse, die nicht mehr in der
werden. Denn man kann auch in einer noch so kunstvoll gestalteten Reichweite der Überlegungen des Gegners liegen. Mit dieser Chance ist
Dialogform immer noch eine Einkleidung sehen, die zwar didaktische und lediglich das Risiko verbunden, daß die eigene Hypothese möglicherweise
ästhetische Qualitäten aufweisen mag, die aber doch für den Lehrgehalt unbestätigt bleibt.
selbst indifferent und im Hinblick auf ihn eher zufällig bleibt. Dann könnte Wer eine philosophische Lehrschrift zu verstehen sucht, wird sich vor
man Platon sogar vorwerfen, mit der Wahl der literarischen Form des allem darum bemühen, den propositionalen Gehalt der diese Schrift konsti-
Dialogs dem Leser das angemessene Verständnis seiner Lehre unnötiger- tuierenden Sätze deutlich zu erfassen. Denn propositionale Gehalte sind es,
weise erschwert zu haben. die der Autor einer solchen Schrift behaupten und dem Leser zu verstehen
Beide Seiten der Alternative haben ihre Vertreter gefunden: die Auffas- geben will. Alle Momente des Textes einer Lehrschrift, die nicht im Dienste
52 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 53

der Akzentuierung dieser propositionalen Gehalte stehen, können zumeist ernstlich versucht, läßt sich aber auf eine kaum zu bewältigende Aufgabe
ohne Gefahr für das richtige Verständnis vernachlässigt werden. Die Den- ein. Es hat sich bislang noch kein Konsens darüber erzielen lassen, wie man
tung eines philosophischen Textes von der Art eines platonischen Dialogs, die Lehrmeinungen Platons ans den Dialogen randscharf ausgrenzen
die auch solche Formelemente in den Vordergrund rückt, die nicht dazu könnte. Zwar kann man dnrchaus einige Lehren markieren, die man in
bestimmt sind, propositionale Gehalte mitzuteilen, muß dagegen darauf jedem Fall als Platons Lehren wird ansehen dürfen. Innerhalb eines sehr
gefaßt sein, daß ihr Ästhetizismus, Romantizismus oder Irrationalismus weiten Bereichs läßt sich aber kaum eine danerhafte Einigung darüber
vorgeworfen wird. Das ist denn auch immer wieder geschehen, wenn m der erzielen, ob man es im jeweiligen konkreten Fall mit einem Bestandteil der
Nachfolge Schleiermachers Deutungen der Schriften Platons versucht wur- Lehre oder aber mit einem Element ihrer Einkleidung oder ihrer Veran-
den, zn deren Voranssetzungen die Annahme einer Interdependenz von schaulichung zu tun hat. Wer eine Entscheidung in dieser Alternative in
Form und Inhalt dieser Schriften gehörte. Bisweilen können solche Vor- jedem einzelnen Fall wenigstens prinzipiell für möglich hält, wird Platon
würfe in der Tat begründet sein. Hat man erst einmal die Möglichkeit vorwerfen müssen, dem Leser durch die literarische Gestaltung der Dialoge
entdeckt, daß auch die Form einer philosophischen Schrift im Dienste der ungemein große Schwierigkeiten bereitet zu haben, die er ihm hätte erspa-
Verwirklichung der Intentionen ihres Autors stehen kann, dann liegt die ren können. Sollte die Form des Dialogs wirklich dazu bestimmt sein, ein
Gefahr nahe, die Tragweite dieser Entdecknng zu überschätzen. Die Inhalte Lehrsystem einzukleiden und didaktisch aufzubereiten, so hätte Platon sein
eines Dialogs geraten dann sehr leicht in den Schatten seiner Form. Dann Ziel verfehlt. Denn dnrch diese Form wird das Verständnis eines möglichen
können diese Inhalte am Ende lediglich als okkasionelle Kristallisations- Lehrsystems nicht erleichtert, sondern erschwert. Ohnehin ist der Leser
pnnkte einer zum Selbstzweck gewordenen dialogischen Kommunikation eines platonischen Dialogs nicht direkt vom Autor angesprochen, wie das
erscheinen. Der Gegenstand des Gesprächs wird unwichtig gegenüber der beim Leser einer Lehrschrift der Fall ist. Der Leser eines Dialogs übernimmt
Tatsache, daß man sich überhaupt im Gespräch befindet. Die Ausrichtung eine Rolle, die der eines Zuhörers oder eines Zuschauers vergleichbar ist.
anf mögliche Wahrheit wird übersehen, sobald der Dialog zum Selbstzweck Alle Lebendigkeit, die den Werken Platons auf Grund ihrer dramatischen
oder znr Lebensform geworden ist. Form eignet, kann jene Distanz nicht aufheben, die zwischen den Dialogre-
Eine solche Deutung kann indes den Dialogen Platons nicht gerecht den und dem von ihnen nicht unmittelbar angesprochenen Leser besteht.
werden. Ist der Inhalt des Dialogs gegenüber der Form nnd gegenüber Elemente einer angemessenen Deutung der Dialogform liefert nun aber
seiner pnren Faktizität gleichgültig geworden, hat man es bereits mit einer gerade Platons Schriftkritik. Wenn diese Kritik triftig ist, so bietet sich die
seiner Verfallsformen zu tun. Ein Dialog hat nnr dort die Chance, einen Form des Dialogs als Ausweg für den an, der trotzdem nicht auf die
Sinn zn verwirklichen, wo die Partner ihre Intentionen nicht auf das Gestaltung philosophischer Texte verzichten will. Für das Verständnis
Gespräch als solches, sondern auf einen von ihm verschiedenen Inhalt dieses Zusammenhangs ist es nicht wichtig, ob historisch betrachtet Platons
richten. Das ist eine der Lehren, die man ans Platons Dialogen ziehen kann. Entscheidung zugunsten der Dialogform durch die Grundgedanken der
Der Dialog ermöglicht es, in gemeinsamer Anstrengung zu Einsichten zn Schriftkritik motiviert war, oder ob die Schriftkritik ihre Formulierung
gelangen, die außerhalb des Dialogs nicht gefunden werden können. Doch einer Reflexion auf den Dialog und seine Voraussetzungen verdankt. Der
" Einsichten dieser Art stehen nicht zur Disposition der Gesprächspartner. dnrch den historischen Sokrates und seine Wirkungs geschichte bestimmte
Gerade der geglückte Dialog bleibt an der erstrebten Einsicht immer nnr Hintergrund spricht indessen zugunsten der zweiten Seite der Alternative.
orientiert. Er kann sie weder garantieren, noch kann er sie verkörpern. Man_wird einelll platonischen Dialog schwerlich gerecht werden, weil!!
Daher kann man nicht gut den Dialog als solchen zum obersten Prinzip des man die Spannung übersieht, die zwischen dem geschriebenen Werk und
platonischen Philosophierens stilisieren. .... der durch dieses Werk entworfenen literarischen Fiktion besteht. Auf der
Ebensowenig wird man Platon gerecht, wenn man 1m DIalog em HIlfs- Ebene dieser literarischen Fiktion gelten nämlich dIe Besch~änkungen der
mittel sieht, dessen sich Platon nnr aus didaktischen Gründen bedient. Schriftlichkeit nicht mehr. Auf dieser Ebene gelten die Regeln mündlicher
Nach dieser Deutung hat die Dialogform die Aufgabe, den Schwierigkeiten Rede. Deutet man die Dialogform auf der Grundlage der Schriftkritik, so
entgegenzukommen, in die ein Anfänger oder ein breiteres Publikum genügt es aber nicht, sich nur auf dieses Faktum der Mündlichkeit zu
geraten, wenn sie mit philosophischen Lehren konfrontiert werden. W~r berufen. Denn es kommt vor allem auf die Art an, in der diese Mündlich-
diese Anfangsschwierigkeiten erst einmal überwunden hat, müßte mIt keit gestaltet ist. Hier sind nämlich gen au die Momente akzentuiert, auf die
leichter Mühe den Lehrgehalt aus der didaktisch motivierten Einkleidung sich die Schriftkritik beruft, wenn sie auf alles das hinweist, was in ein
herauspräparieren können. Er brauchte sich dann nnr noch mit dem geschriebenes Dokument nicht eingeht und nicht eingehen kann. Anders
Lehrgehalt als mit dem allein Wesentlichen zu beschäftigen. Wer dies läge der Fall, wenn auf der dramatischen Ebene nnr bestimmte Lehren
54 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 55

mündlich vorgetragen oder ausgeschmückt würden. In Wahrheit spielen den Teil, der zwischen der gespielten Zeit und der Publikation des Dialogs
sich auf dieser Ebene vielgestaltige Dinge ab: Es wird gefragt und geant- liegt.
wortet, agiert und reagiert. Die im Dialog vorgeführten Personen können Sicher sind die in den Dialogen vorgeführten Personen in vielfältiger
nämlich tun, was kein Text vermag: Sie können ihre Aussagen explizieren Weise auch das Resultat von Stilisierungen. Der zeitgenössische Leser
und verteidigen; sie können ihnen zu Hilfe kommen und Mißverständnisse konnte jedoch die Spannung zwischen Stilisierung und realem Vorbild noch
berichtigen, sobald sie im konkreten Fall sichtbar werden. Im Dialog sind wahrnehmen und für das Verständnis des Dialogs fruchtbar machen. Er
Urheber und Adressat einer jeden Rede mitsamt ihren Intentionen und konnte das zwischen Sokrates und Menon geführte Gespräch über das
Vorverständnissen zumindest auf der literarischen Ebene stets präsent. Es Wesen und die Lehrbarkeit der Tugend vor dem Hintergrund einer verräte-
wird gezeigt, wie sprachliche Äußerungen ihre volle Bedeutung erst von rischen Handlung lesen, die für Menon zur gespielten Zeit des Dialogs noch
dem Bezugsrahmen her erhalten, innerhalb dessen sie ihre Funktionen zu in der Zukunft lag. Er konnte zwei hohen Militärs wie Laches und Nikias,
erfüllen haben. wenn sie mit Sokrates über die Tapferkeit diskutieren, nicht nur praktische
Die Insuffizienz des geschriebenen Wortes hängt mit der Enthebung aus Vertrautheit mit den hier auf die Ebene des Begriffs erhobenen Problemen
seinem Realkontext zusammen. Das war einer der Grundgedanken der unterstellen, sondern er wußte von ihnen auch als von Anhängern der
Schriftkritik. Die Dialogform ermöglicht es, diese Enthebung wenigstens Friedenspartei im peloponnesischen Krieg, daß sie nicht nur Experten im
auf der dramatischen Ebene wieder rückgängig zu machen. Im platonischen Kriegshandwerk waren, sondern auch beurteilen konnten, ob es an der Zeit
Dialog wird zu jedem ausgesprochenen Satz sein Realkontext gleichsam war, dieses Handwerk zu_praktizieren oder nicht. Entsprechendes gilt natür-
mitgeliefert. Es werden indessen keine Aussagen über ihn gemacht; er wird lich auch für die Sokratesgestalt. Zu welcher Zeit der einzelne Dialog auch
vielmehr dem Leser mit Mitteln literarischer Gestaltung vor Augen gestellt. spielen mag, - der Autor wie der Leser hatten immer die ganze Biographie
Jede Rede wird erst verständlich, wenn man ihre Randbedingungen berück- des Sokrates bis zu den Umständen seines Todes vor Augen.
sichtigt, die von ihr nicht intendiert werden, sondern gleichsam hinter Kein Satz erschöpft sich darin, einen bestimmten Sachverhalt zu intendie-
ihrem Rücken liegen. Solche Randbedingungen werden in den von Platon ren oder das Bestehen dieses Sachverhalts zu behaupten. Durch seine
gestalteten Dialogen präsentiert. Dialogregie zeigt Platon, wie jeder Satz auch ein Mittel ist, dessen sich der
Der l)ialog ist also nicht nur ein äußerer Rahmen, innerhalb dessen Sprecher bedient, um beim Partner eine bestimmte Wirkung zu erzielen.
Fragen gestellt, Antworten gegeben, Sätze behauptet werden. In ihm wer- Diese Wirkung wird häufig in der Befestigung der Überzeugung vom
den zugleich immer individuelle Personen charakterisiert, die mit solchen Bestehen des im Satz ausgedrückten Sachverhalts liegen. Notwendig ist dies
sprachlichen Gebilden umgehen. Charakterisiert werden sie indessen nicht jedoch nicht. Es ist durchaus möglich, mit Hilfe von Sätzen einen
durch Aussagen, die vom Dialogautor über sie formuliert würden, sondern Gesprächspartner zu einer Einsicht zu führen, die in diesen Sätzen selbst
durch die Art und Weise, in der der Autor sie sprechen und agieren läßt. nicht ausgedrückt ist. Die Strategie eines Disputes kann an einem solchen
Dergleichen Dinge werden nicht ausgesagt, sondern - mit Hilfe der Techni- Ziel orientiert sein. Doch die Strategie kommt im Disput selbst in der Regel
ken literarischer Formgestaltung - __gezeigt, In diese Gestaltung geht auch nicht zur Sprache. Sie zeigt sich höchstens in seinem Verlauf. Gute Beispiele
derhistorische und biographische Hintergrund der am jeweiligen Dialog hierfür finden sich in den elenktischen Gesprächen, in denen Sokrates
beteiligten Personen ein. Diese Personen gehen nicht darin auf, Urheber der seinen Partner dazu bringt, sich in Widersprüche zu verwickeln und
Sätze zu sein, die ihnen im Dialog in den Mund gelegt werden. Hinter jeder schließlich seine Ratlosigkeit und sein' Nichtwissen einzugestehen. Doch
d"r Dialogfiguren steht eine historische Person. Über sie wußte der zeitge- dieses Nichtwissen, das der Partner schließlich eingesteht, istkeineswegs
nössische Leser Platons nicht nur das, was er aus dem Dialog selbst das Thema des vorhergehenden Gesprächs, sondern nur. sein - freilich
geplantes - Resultat, Die Aporie und das in ihr sich ausdrück~nde Nicht- "
'\' ;
erfahren konnte. Nicht nur Sokrates, sondern auch die Vorbilder der
meisten anderen Dialogfiguren waren im Bewußtsein der Zeit und der wissen ist eine Erfahrung, die der Partner an sich selbst macht. Den Satz, in
Umwelt noch präsent, manchem Leser sogar noch aus persönlichem dem sich die Erfahrung des eigenen Nichtwissens ausdrückt, kann man
Umgang bekannt. Historisch nicht eindeutig identifizierbare Figuren wie einem Dritten mitteilen, der diesen Satz verstehen kann. Die Erfahrung
Kallikles und Diotima oder anonyme Figuren wie der eleatische Fremde selbst läßt sich dagegen als solche nicht mitteilen. So zeigt das Beispiel der
sind hier nur die die Regel bestätigenden Ausnahmen. Die Personen bringen sokratischen Elenktik deutlich, wie ein Satz je nach dem Erfahrungshinter-
gleichsam die Biographie ihrer historischen Vorbilder in den Dialog mit. grund seines Sprechers ganz unterschiedliche Valenzen haben kann. Nicht
Das gilt noch nicht einmal nur für den zur gespielten Zeit des Dialogs der Wortlaut des Satzes, sondern sein Realkontext gibt darüber Auskunft. ._
bereits gelebten Teil der Biographie, sondern gelegentlich sogar auch für Oer Realkontext kann zeigen, wie ein sprachliches Gebilde als Werkzeug·
56 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 57

zu Zwecken eingesetzt werden kann, die sich an seinem propositionalen der in ihr nur ein Mittel zur literarischen Ausschmückung oder zur didakti-
Gehalt nicht ablesen lassen. Er kann daher auch auf die Differenz aufmerk· schen Aufbereitung einer philosophischen Lehre sieht, die prinzipiell auch
sam machen, die zwischen dem propositionalen Gehalt eines Satzes und unabhängig von dieser Form dargestellt werden könnte. Gewiß lassen sich
dem bestehen kann, was der Sprecber dieses Satzes mit seiner Hilfe dem platonische Lehren in Gestalt von Sätzen und Satzsystemen rekonstruieren.
Partner zu verstehen geben will. Ist sich der Sprecher über diese Differenz Die Intention des platonischen Philosophierens hat aber nur der erfaßt, der
klar, so kann er sie in seine Gesprächsstrategie einbauen. Häufiger sind auch die Voraussetzungen beherrscht, unter denen man mit solchen Sätzen
jedoch die Fälle, in denen er sich dieser Differenz gar nicbt bewußt richtig umgehen kann. Die Dialogform ist für Platon essentiell, weil sie es
geworden ist. Die Gesprächsstrategie des Sokrates zielt oftmals darauf ab, erlaubt, Paradigmen für einen angemessenen Umgang mit Sätzen zu gestal-
seinen Partner dazu zu bringen, diese Differenz einzusehen. Dann kann _ten und vorzuzeigen. Was von Platon zu lernen ist, wird verkürzt, wenn
dem Partner aufgehen, daß er eigentlich gar nicht weiß, was er sagt, daß er man in einer auch noch so gut begründeten Auswahl von Sätzen aus seinem
nicht ausdrücken kann, was er meint, daß er nicht sagt, was er eigentlich geschriebenen Werk die Erfüllung der wesentlichen Intentionen seines
sagen will. Wenn Polemarchos im Einleitungsbuch der "Politeia" nicht Philosophierens zu finden glaubt.
mehr weiß, was er eigentlich gesagt hat (334b), wenn in demselben Buch Der Form des Dialogs wird man aber auch dann nicht gerecht, wenn man
Thrasymachos mit Konsequenzen aus seinen Annahmen konfrontiert und ihm das Ziel unterstellt, die Identifikation des Lesers mit einem der
danach gefragt wird, was er eigentlich hat sagen wollen (340c), so handelt jeweiligen Gesprächspartner zu ermöglichen. Es ist ein eher okkasioneller
es sich nur um zwei Beispiele für Gesprächssituationen, zu denen es bei Effekt, wenn solche Identifizierungen gelegentlich einmal gelingen. Von
Platon viele Parallelen gibt'. Oft sind es die Konsequenzen aus den eigenen seiner Konzeption her ist der Dialog nicht daraufhin angelegt, den Leser
Annahmen, an Hand deren dem Sprecher seine eigenen Intentionen erst einzubeziehen. So wird auf der Ebene der literarischen Fiktion eine Abge-
bewußt werden. Mit seinen Intentionen hat man sich zunächst einmal schlossenheit präsentiert, die nicht mehr über sich hinausweist. Was im
identifiziert; zu ihnen hat man kein gegenständliches Verhältnis. Themati- Dialog gesagt wird, richtet sich unmittelbar niemals an den Leser, sondern
siert werden sie in der Regel erst dann, wenn ihre Erfüllung behindert wird. an eine auf der dramatischen Ebene agierende Dialogfigur. Der Leser kann
Gerät man aber in eine Situation, in der man seine Intentionen explizieren an Hand der ihm vorgeführten Gespräche immer nur paradigmatisch
und darstellen muß, so kann das Resultat dieser Bemühungen durchaus lernen, wie man im Rahmen philosophischer Gespräche Einsichten gewin-
auch zu einer bewußten Modifikation der zunächst unreflektierten Inten- nen und wie man auf der Basis solcher Einsichten Gespräche führen kann.
tionen führen. Ihm wird jedoch nicht die Anstrengung erspart, sich diese Einsichten selbst
Auch mit Hilfe derTechniken der Dialogregie kann freilich auf der zu erarbeiten. In dieser Hinsicht kann der Dialog immer nur paradigmati-
fiktivenEbenenurein Teil jenes Realkontextes gezeigt werden, innerhalb sche Aufgaben erfüllen. Was man ihm in Gestalt von Sätzen entnimmt,
desse;;-jede sprachliche Äußerung erst ihre bestimmte Funktion und ihre kann immer nur den Status von Meinungen, nicht aber den von Einsichten
bestimmte Bedeutung besitzt. Was sich - wie es die Schriftkritik des haben. Der Weg, der zur Einsicht und zum Wissen führt, läßt sich nicht
"Phaidros" ausdrückt - in der Seele des Wissenden abspielt, vermag auch wesentlich abkürzen. Gerade weil dies leicht verkannt wird, kann auch die
der literarisch gestaltete Dialog nicht unmittelbar vor Augen zu stellen. Im Form des platonischen Dialogs Anlaß zu Mißverständnissen geben. Sie sind
Dialog können immer nur bestimmte Verhaltensweisen im Umgang mit aber nur die Kehrseite der Chancen, die der Dialog dem eröffnet, der seinen
dem gesprochenen Wort präsentiert werden, die sich als Ausdruck dessen Gesetzen gerecht wird. Dazu gehört vor allem die Chance, stets der
deuten und verstehen lassen, was sich im Bereich der Seele abspielt. Differenz eingedenk zu sein, die zwischen der Kenntnis eines Satzes und
.Beispielsweise läßt sich ein Wissen vom Typus des Gebrauchswissens oder jenem Wissen besteht, über das derjenige verfügt, der mit diesem Satz
sles bewußten Könnens als solches auch im Dialog nicht zeigen. Zeigen umgehen und mit seiner Hilfe jemandem etwas zu verstehen geben kann.
lassen sich immer nur die Wirkungen eines solchen Wissel1.s. An ihnen wird Die Dialogform eröffnet die Möglichkeit, jenen Realkontext sichtbar zu
manifest, wie sich das Wissen im konkreten Fall bewährt. Die Fähigkeit, machen, in den ein jeder ausgesprochene Satz eingebettet ist, der aber von
mit dem gesprochenen Wort sachgerecht und dem jeweiligen Realkontext diesen Sätzen selbst nicht mehr intendiert wird. So gelingt es dem Autor mit
gemäß umzugehen, ist kein Sachverhalt, der sich in einem Satz mitteilen seiner Hilfe, die Aufmerksamkeit nicht nur einseitig auf den Wortlaut der
ließe. Deswegen wird der platonischen Dialogform derjenige nicht gerecht, Sätze und den von ihnen intendierten propositionalen Gehalt zu lenken. Im
Mikrobereich des Dialogs gelingt dies durch eine planmäßige Gestaltung
1 Einfache, aber instruktive Beispiele: Charm. 161d; Euthphr. I1b; Lys, 216c; Symp. 201b; der Frage-Antwort-Struktur. Man kann es dahingestellt sein lassen, ob es
Lach. 194b. überhaupt möglich ist, eine Aussage zu verstehen, wenn man nicht die ihren
58 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 59
Hintergrund bildenden ausdrücklichen oder unausdrücklichen Fragen in unabhängig von seinem Inhalt. Deshalb sind die Ideen bei Platon stets
Rechnung stellt. Auch das sachgerechte Interpretieren einer philosophi- präsent, auch wenn sie nur selten zum Thema eines Gesprächs gemacht
schen Lehrschrift macht es nötig, die Fragen und Teilfragen zu rekonstru- werden. Davon soll später noch ausführlicher die Rede sein.
ieren, zu denen der Text Antworten anbietet, ohne daß er jedoch selbst Zwar kann der Sinn einer Aussage nicht ohne Rücksicht auf die Frage,
diese Fragen bereits zuvor ausformuliert haben müßte. Im Dialog wird auf die sie Antwort zu geben sucht, richtig bestimmt werden. Aber Frage
hingegen die Funktion der Frage unmittelbar manifest. Hier ist es gar nicht und Antwort müssen deswegen nicht immer genau kongruieren. Das
möglich, die einzelne Aussage anders als im Horizont der Frage zu verste- Gespräch hätte ein natürliches Ende gefunden, läge einmal eine derartige
hen, auf' die sie Antwort geben will. Dem Wortlaut nach identische Kongruenz vor. Sein Fortgang wird immer durch jene Inkongruenzen
Aussagen können sogar unterschiedliche Bedeutungen haben, wenn sie als stimuliert, die zwischen Frage und Antwort im Normalfall bestehen blei-
Antwort auf unterschiedliche Fragen fungieren. Daher lassen sich sogar ben. Eine Antwort enthält gewöhnlich immer mehr oder weniger als das,
Gesprächssituationen inszenieren, in denen eine Aussage als Antwort auf wonach gefragt wurde. Umgekehrt hat man gewöhnlich immer nach mehr
die eine Frage akzeptiert, als Antwort auf eine andere Frage hingegen oder nach weniger gefragt als nach dem, was die Antwort enthält. Zwi-
verworfen werden muß (z.B. Theait. 154c). Das mögen Extremfälle sein. schen solchen Inkongruenzen und einem Aneinandervorbeireden, über das
An ihnen wird jedoch besonders deutlich, warum sich Sinn und Wahrheits- sich wenigstens einer der Gesprächspartner selbst gar nicht klar ist, besteht
bedingungen einer Aussage nicht unabhängig von der hinter ihr stehenden nur ein gradueller Unterschied. In dieser Hinsicht zeigt die Gesprächsfüh-
Frage erfassen lassen. Im platonischen Dialog kommt der Frage sogar der rung bei Platon einen sehr großen Reichtum an Formtypen, deren Mikro-
Vorrang zu. Sokrates zeichnet sich gegenüber allen seinen Partnern nicht struktur bislang noch kaum erforscht ist.
durch ein Wissen aus, das sich in Sätzen formulieren ließe, sondern durch Die Interdependenz von Frage und Antwort ist auch für den Wissen-
seine Kunst, unter den Bedingungen konkreter und individueller Realkon- schaftsbegriff wichtig, der in Platons Dialogen entwickelt wird. Die höchste
texte gezielte Fragen zu stellen und die durch die Fragestellung geschaffene Stufe des für den Menschen erreichbaren Wissens repräsentiert der Dialek-
Situation jederzeit zu beherrschen. Fragen ist keineswegs leichter als ant- tiker. Er zeichnet sich nicht durch den Besitz oder die Kenntnis bestimmter
worten, ganz im Gegensatz zu einer gängigen Vormeinung, die auch im Sätze und ihrer Begründungen aus, da er durch seine Kuust des Umgaugs
Umkreis von Sokrates' Gesprächspartnern vertreten wird, aber doch sehr mit Sätzen charakterisiert ist (vgl. Phdr. 276e). Er wird einmal geradezu so
bald revidiert werden muß (z.B. Rep. 336cf.). bestimmt, daß er es sei, der zu fragen und zu antworten wisse (Krat. 390c).
Es mag scheinen, als würde jeder Wahrheitsanspruch relativiert, wenn Sicher decken diese Bestimmungen nicht alles ab, was bei Platon über die
weder der Sinn noch der Wahrheitswert einer Aussage gegenüber den Dialektik und über den Dialektiker gesagt wird. Doch sie vermögen auf
Realkontexten, innerhalb deren sie fungiert, invariant ist. Ist es überhaupt jeden Fall die Eigenart eines Wissens deutlich zu machen, das nicht in den
noch sinnvoll, sich in einem Dialog am Leitziel der Wahrheit zu orientieren, propositionalen Gehalten von Aussagen zu finden ist, sondern dem Typ
wenn man, will man über die Wahrheit von Aussagen befinden, niemals eines bewußten Könnens angehört, das niemals ganz in die Situation
von den kontingenten Randbedingungen absehen kann, unter denen sie eingeht, in der es sich bewährt.
geäußert werden? Ohne Zweifel lassen sich diese Randbedingungen nir- Auch der Status der dichterischen Aussage läßt sich von hier aus bestim-
gends ausklammern, wo Wahrheitsansprüche mit Aussagen verbunden men. Sie ist ein Beispiel, an dem man wie an einerNegativkopie studieren
werden. Das gilt selbst dann, wenn man, wie dies in jeder wissenschaftli- k"ann, ",elche Bedeutung -dieFrage-Antwort-Struktur für das platonische
chen Disziplin möglich ist, auf standardisierte Randbedingungen zurück- ~hilosophieren hat. Wenn bei Platon die poetische Rede abgewertet wird,
greifen kann und deswegen irrigerweise glaubt, mit kontextinvariant gel- geht es nicht nur um den Nachahmungscharakter der DIchtung. [)l"
tenden Aussagen umzugehen. Doch wenn Wissen und Einsicht auch nicht Dichterkritik zeigt auch eine formale Seite. Sienilllmt den Dichter als ,! ." F
unabhängig von kontingenten Randbedingungen gesucht und gefunden K~;:'nzeugen dafür in Anspruch, daßBesitz und Kenntnis von sprachlichen"
werden können, so lassen sie sich dennoch niemals zu bloßen Funktionen Formulierungen nicht notwendig Einsicht in das anzeigen, von dem in
dieser Bedingungen herabsetzen. Sie können daher von dort her auch nicht ihnen die Rede ist. Der Dichter kann solche Formulierungen hervorbringen
begründet werden. Platons Dialoggestaltung zeigt, wie ungemein groß der ';'ndg~staltef1~' Es bedarf dazu aber keiner Einsicht in die Gegenstände, von
Bereich dessen ist, worüber Partner in einem Gespräch entscheiden können. denen er redet. Daher kann er auch nicht in einen Dialog über das
Zugleich wird aber auch gezeigt, was nicht mehr zu ihrer Disposition steht. dichterische Wort und seine Inhalte eintreten. Er antwortet nicht auf
Dazu gehört vor allem das, was bei Platon mit dem Namen der Idee Fragen, und er vermag seinen Worten, wenn sie einem Mißverständnis zum
bezeichnet wird. Sie gehört zu den Voraussetzungen eines jeden Gesprächs, Opfer fallen, nicht zu Hilfe zu kommen'llrst"htnicht_als",issende Instanz
60 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 61

hinter seiner Rede'. Deswegen ist das dichterische Wort auch nicht fähig, beruft. Hier hat man es mit einem von Platon bewußt eingesetzten Stilmittel
Wissen mitzuteilen oder zu lehren. . zu tun. Es tritt in Funktion, wenn der Dialog einmal zu stocken oder in eine
Wenn dann der Dichter als göttliche Person apostrophiert und sein Werk Sackgasse zu geraten droht. Doch auch die mythogenen Denkformen und
auf eine göttliche Eingebung zurückgeführt wird, so liegt darin nicht nur Stilinittel bleiben bei Platon in den Dialog selbst eingebunden. Jeder
eine Auszeichnung, sondern mehr noch eine Abgrenzung. per Dichter ist Mythos wird bei Platon innerhalb des Dialoges eingeführt und durch den
jedenfalls dann nicht wissender Urheber seiner Reden, wenn er nur als Gesprächsverlauf selbst motiviert. Manchmal wird überdies der Mythos
Sprachrohr eines Gottes fungiert. Welche Würde der hinter ihm stehenden dann zum Gegenstand des Dialogs gemacht und innerhalb seiner ausgewer-
Macht auch zukommen mag, - er selbst ist für den Inhalt seiner Reden tet4 , Es wäre ein Mißverständnis, wollte man in dem, was nur noch erzählt
nicht verantwortlich. Deswegen kann er nicht als Partner in einen Dialog wird Elemente einer kontextinvarianten Lehre Platons finden. Erzähltes
eintreten. Der hinter ihm stehende Gott ist hingegen selbst nicht präsent. ist, ~erglichen mit der gewöhnlichen Wechselrede des Dialogs, nicht in
Daher ist auch er kein möglicher Dialogpartner, von dem man Rechen- geringerem Maße, sondern nur auf andere Weise in einen Realkontext
schaft über das, was er sagt, verlangen könnte. Dem Wortlaut der Rede eingebunden. Daher ist auch das Erzählte nicht dazu bestimmt, passiv
selbst kann man nicht ansehen, ob ihr Urheber Einsicht in die Dinge besitzt, rezipiert zu werden. Im Gegenteil. Das nur noch Erzählte ist vom wirklichen
von denen sie handelt; schon deswegen kann sie selbst kein Wissen Wis~en noch weiter entfernt als die im Dialog erörterte und geprüfte
verkörpern. Darauf macht die Dichterkritik aufmerksam. Der Versuch, den Aussage. Die Erzählung kann innerhalb des Dialoges daher gerade dann
Urheber oder den Sprecher eines Satzes in ein Spiel von Frage und Antwort verwendet werden, wenn die Tatsache unterstrichen werden soll, daß man
zu verwickeln, kann daher als eine Art Test dienen, dessen Anwendung es hier jedenfalls nicht mit in sprachlichen Formulierungen verkörpertem
ergibt, ob man es mit wirklichem Wissen oder mit Scheinwissen zu tun hat. Wissen zu tun hat. So kann der Mythos Stellen markieren, die das Wissen
Von einer ganz ähnlichen Struktur ist die Kritik, die an der Philosophie noch nicht erreicht hat und die es vielleicht auch gar nicht erreichen kann.
der Frühzeit geübt wird. Auch sie ist weniger inhaltlich als methodisch Auf dem Weg über die Mythen führt jedenfalls kein Weg zu einer unver-
orientiert. Wird den Vorgängern vorgeworfen, sie erzählten im Grunde nur schlüsselten Lehre Platons. Auch die Mythen - und gerade sie - stehen
Geschichten3, so geht es dabei gar nicht so sehr um den Inhalt des Erzählten noch im Einzugsbereich der Schriftkritik.
als um seinen formalen Status. Denn hier liegen nur Behauptungen vor, Ein Stilmittel, dasPlaton mit besonderem Raffinement verwendet, ist das
ohne daß erkennbar wäre, wie sie in Frage und Antwort verteidigt werden der Ironie. Auch sie gehört zu den Medien, deren er sich zur Darstellung des
könnten. Heute bemühen wir uns, in den von den vorplatonischen Philoso- philosophischen Gedankens bedient. Gewiß hat sie auch ästhetische und
phen überlieferten Lehren die Momente zu betonen, die Differenzen gegen- ornamentale Funktionen zu erfüllen. Sie ist aber weit davon entfernt, in
über dem traditionellen Mythos markieren, Bei Platon wird dagegen die solchen Funktionen aufzugehen. Wer ein Ironiesignal verstanden hat,
vorsokratische Philosophie gerne von den in ihr noch virulenten Elementen richtet seine Aufmerksamkeit nicht so sehr auf den Wortlaut der jeweiligen
mythischer Denkformen her verstanden. Weder im Umkreis des Mythos Formulierung, sondern auf die niemals ohne Rest in sie eingehende Inten-
noch in dem der frühen Philosophie ist ein Urheber der Aussagen greifbar, tion des Sprechers. So läßt sich die scheinbare Eindentigkeit der sprachli-
von dem man Rechenschaft über ihren Inhalt verlangen könnte und der, chen Formulierung mit der Kunst ironischer Rede gleichsam unterlaufen
wäre er präsent, solche Rechenschaft auch wirklich geben könnte. Im und damit aufheben. Das Ironiesignal weist, wenngleich mit den Mitteln
"Phaidon" wird Kritik an Anaxagoras gerade nicht der inhaltlichen der Sprache, auf etwas hin, das selbst nicht mehr ausgesprochen wird. Es
Bestimmung des von ihm angesetzten Geistprinzips wegen geübt, sondern erfüllt seine Funktion am besten dann, wenn es nicht als solches eigens
wegen der Funktionslosigkeit, in der dieses Prinzip verbleibt: Er macht von kenntlich gemacht wird. Wer es' verwendet, setzt dabei ein nicht verbalisier-
seinem Prinzip gar keinen Gebrauch (98bf.). tes Verstehen bei seinem Adressaten voraus. Er macht von einer sprachli-
Platon kann sich aber auch selbst mythischer Denkformen bedienen. chen Formulierung bewußt als von einem bloßen Werkzeug Gebrauch und
Beispiele hierfür bieten nicht nur der "Timaios" und die Dialoge, die mit vertraut darauf, daß seine diesen Gebrauch leitende Absicht verstanden
einer Mythenerzählung abgeschlossen werden, sondern auch alle die Stel- wird. In der Gestalt des Sokrates ist bei Platon die ironische Einstellung
len, an denen sich Sokrates innerhalb eines Dialoges auf angeblich Gehörtes

1 Vgl. Prot, 347e; Hipp. ruin. 365c; Rep. 599aff.; Apo!. 22b; Men. 99d; Ion 533e; Nom. 4 Das gilt für den Schriftmythos des "Phaidros" (274cff.) ebenso wie für die zum Zweck
719c. der Einführung des Anamnesismodells von Sokrates im "Menon" (81aff.) vorgetragene
3 Soph. 242cff.; vgl. Symp. 195c; Krat. 402a. Erzählung.
62 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 63

allgegenwärtig; sIe wird indessen nur ausnahmsweise einmal als solche auszudrücken, was man mit den Tugendbegriffen eigentlich meint, die man
thematisiert5 • ständig im Munde führt, dann gelingt es Soktates immer wieder, seine
Das Ironiesignal weist den, der es versteht, auf den Realkontext des Partner des Nichtwissens zu überführen. Aber er erhebt auch für sich selbst
Gesagten hin. Dabei kann ihm bisweilen zugleich eine logische Funktion nicht den Anspruch, im Besitz von Formulierungen zu sein, die das Ver-
zukommen. Bei einer primitiven Form ironischer Rede fungiert das Ironie- langte wirklich leisten. Das ihn auszeichnende Wissen, das er immer wieder
signal zugleich als Negator. In diesem Fall wird mit dem Gesagten in durch die Tat bewährt, gehört einem anderen Typus an. Man darf nicht
Wahrheit das Gegenteil seines Wortsinnes intendiert. Derartige Ironie läßt übersehen, daß das Nichtwissen, das Soktates jeweils im Hinblick auf einen
sich leicht auflösen und in einen Klartext übersetzen. Hier hat man es mit bestimmten Fragenkteis eingesteht, stets Ausdruck einer Erfahrung ist. Zu
einer rhetorischen Technik zu tun, die es ermöglicht, auf indirekte Weise einer ähnlichen Erfahrung will Soktates seine Partner führen. Diese Erfah-
auszudrücken, was sich ebensogut auch direkt sagen ließe. Ihre Verwen- rung kann indes jeder immer nur selbst machen. Über sie läßt sich mit Hilfe
dung zielt nicht selten darauf, ein dem Gespräch zugrunde liegendes und in sprachlicher Formulierungen reden. Sie läßt sich dagegen einem anderen
ihm nicht thematisiertes Einverständnis den Partnern bewußt zu machen. nicht dadurch ersparen, daß man ihm solche Formulierungen mündlich
Hier bleibt es stets möglich, vom Spiel mit den Ausdrucksmitteln zum Ernst oder schriftlich mitteilt.
der unverschlüsselten Aussage überzugehen. Ironische Rede läßt sich nicht allein vom semantischen Korrelat ihres
Platon verwendet auch diese Spielart der Ironie. Solange man indes noch Wortlauts her verstehen. Man muß auch die Absichten in Rechnung stellen,
für den Wortlaut der ironisch gemeinten Rede einen Klartext substituieren die der Sprecher mit ihr verfolgt, sowie die Wirkungen, die sie beim
kann, hat man es noch nicht mit den Typen von Ironie zu tun, die Adressaten hervorruft. Wer sich ironisch ausdrückt, will nicht nur durch
unmittelbar dem Ausdruck des philosophischen Gedankens dienen. Kunst- den Inhalt, sondern auch durch die Form seiner Rede etwas zu verstehen
vollere Spielarten der Ironie bringen das Intendierte nicht in ein abstraktes geben. Ironie gehört zu den Formelementen, die von einer Rede deswegen
Gegensatzverhältnis zum Wortlaut des Gesagten. Es ist nicht notwendig ein nicht intendiert werden, weil sie sich an ihr zeigen. Ironisches Verhalten,
mit einem propositionalen Gehalt verbundenes Gebilde, das in solchen wie es von Soktates exemplarisch vorgeführt wird, kann ein eminent
Fällen intendiert wird. Hier kann man bewußt mit Mehrdeutigkeiten des sprachgerechtes Verhalten sein. Es kann der Sprache geben, was ihr
Wortlauts spielen. So kann unter Voraussetzung verschiedener Verständ- zukommt, ohne ihr zu verfallen. Es verweist mit den Mitteln der Sprache
nisstufen ein und derselbe Wortlaut Träger unterschiedlicher Bedeutungen auf etwas, das nicht ausgesprochen wird und oft noch nicht einmal
sein. Wird der Wortlaut einer Behauptung mit einem Ironiesignal verbun- ausgesprochen werden kann.
den, so ist es durchaus möglich, daß sich der Sprecher nicht nur von dieser Bei Platon gehört auch die Metaphorik zu den Formen der Rede, die als
Behauptung, sondern zugleich auch von ihrer Negation distanzieren will. solche etwas zu verstehen geben. Man wird Platons Bildern und Metaphern
Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn er sich eines Urteils überhaupt nicht gerecht, wenn man sie allein mit Hilfe von rhetorischen und poetolo-
enthalten will. Urteilsenthaltung braucht nun aber keineswegs Selbstzweck gischen Kategorien deutet. Nicht in jedem Fall läßt sich das, was gemeint
zu sein. Wer sich eines Urteils enthält, kann damit auch auf Formen des ist, auch unabhängig von einer als bloße Einkleidung verstandenen Meta-
Wissens und der Einsicht aufmerksam machen, die nicht zum propositiona- phorik darstellen. Ohne Zweifel finden sich auch bei Platon viele metapho-
len Formenkreis gehören. In solchen Fällen gibt das Ironiesignal zu verste- rische Ausdrücke, die einer derartigen Reduktion keinen Widerstand entge-
hen, daß das eigentlich Intendierte durch sprachliche Formulierungen gar gensetzen. Trotzdem kann man nicht in jedem Fall eine metaphorische
nicht mitgeteilt werden kann. Rede durch eine unverschlüsselte Rede ersetzen. Denn manchmal hat die
Als Musterbeispiel der Ironie gilt mit Recht Sokrates' Eingeständnis überlegt eingesetzte Metapher die Funktion eines exemplarischen Falles, an
seines eigenen Nichtwissens. Dieses Eingeständnis ist insofern ironisch, als dem sich die jedem sprachlichen Ausdruck eigene Vorläufigkeit nur beson-
es schlecht mit jenem Wissen zu harmonieren scheint, das Sokrates durch ders deutlich zeigt.
die Tat beweist, wenn er in den unterschiedlichsten Dialogsituationen und Metaphern stellen sich in der Philosophie gerade dort ein, wo man
gegenüber den unterschiedlichsten Partnern immer wieder der Überlegene versucht, die zentralen Inhalte und Ergebnisse ihrer Reflexion darzustellen.
bleibt. Und doch behält auch der äußere Wortsinn sein Recht. Sokrates Geht es um die obersten Prinzipien, resultiert aus dem Versuch, eine
bleibt ein Nichtwissender für jeden, der nur sprachlich formulierbares Metapher aufzulösen, nur eine andere Metapher. Ein großer Teil der
Wissen gelten läßt. Geht es beispielsweise darum, das in einer Definition Streitigkeiten, von denen die Philosophiehistorie berichtet, entzündete sich
an Metaphern, deren metaphorischem Charakter man nicht mehr gerecht
; Z.B. Rep. 337a; $ymp. 216e. wurde. Auseinandersetzungen um Metaphern werden oft als Musterpro-
--:-y--

64 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 65

zesse geführt, in deren Verlauf die Beteiligten bisweilen vergessen, daß es in glaubt niemals, in bestimmten sprachlichen Formulierungen Erkenntnis
Wahrheit nicht nur um den unmittelbaren Anlaß des Streites geht. Solche wie einen Gegenstand zu besitzen. Auch darin ist seine Überlegenheit
Auseinandersetzungen bleiben jedoch steril, wenn man den Anlaß mit dem gegenüber seinen Partnern begründet. Denn sie sind sich über diese Struk-
eigentlichen Streitgegenstand verwechselt. turen zumeist nicht im klaren. Erkenntnis läßt sich in keinem möglichen
Platon läßt an manchen Stellen erkennen, daß er sich des metaphorischen Sinn des Wortes als Gegenstand unter anderen Gegenständen verstehen; sie
Charakters einschlägiger Ausdrucksweisen bewußt ist. Dies gilt auch in läßt sich auch niemals einem anderen in der Weise mitteilen, in der
solchen Fällen, in denen keine Möglichkeit in Sicht ist, die Metaphorik zu Gegenstände übergeben werden. Das wäre nur dann möglich, wenn
eliminieren und durch einen metaphernfreien Klartext zu ersetzen. So gibt Erkenntnis ohne Rest und endgültig in sprachliche Formulierungen einge-
es Situationen, in denen Sokrates nur die Wahl hat, sich entweder metapho- hen könnte. Daß dies nicht möglich ist, gehört zu den wichtigsten Einsich-
risch auszudrücken oder auf Aussagen überhaupt zu verzichten. Das ten, die durch Platons Dialoge vermittelt werden.
bekannteste Beispiel hierfür bietet die Einrahmung der Gleichnisreden, Diese Einsicht steht auch im Hintergrund von Platons Auseinanderset-
insofern Sokrates in der "Politeia" mit ihrer Hilfe deutlich machen will, zung mit der Sophistik. Diese Auseinandersetzung entzündet sich nicht an
was unter der Idee des Guten zu verstehen ist'. Auch das Bild der Wiederer- inhaltsbezogenen Lehrdifferenzen. Der Kern der an den Sophisten geübten
innerung, an dem Strukturen des Erkennens und des Lernens abgelesen Kritik betrifft das Wissensverständnis selbst. Es geht um die Frage, ob das,
werden sollen, gehört in diesen Zusammenhang; ebenso alle Ausdrücke, was die Sophisten in ihrem Unterricht ihren Schülern vermitteln, überhaupt
die die Beziehung charakterisieren sollen, wie sie zwischen der Idee und rechtmäßigerweise den Anspruch erheben kann, Wissen zu sein. Das
dem besteht, dessen Idee sie ist'. In allen diesen Fällen hat man es mit Entsprechende gilt hinsichtlich des Anspruchs, dem Schüler im Unterricht
Metaphern zu tun, die auf etwas verweisen sollen, das auf unverschlüsselte als Lehrgegenstand sogar die Tugend vermitteln zu können. Diese gegen-
Weise nicht ausgedrückt wird. Gerade deshalb muß man sich hier vor dem ständliche Auffassung des Wissens und der Tugend ist es, die im Brenn-
Irrtum hüten, der in der Metapher unmittelbar die Sache selbst fassen zu punkt der Kritik steht. Es gibt ein Argument, das wie ein Leitmotiv auf
können glaubt. diese gegenständliche Auffassung hinweist: es bezieht sich auf die Bezah-
So ist gerade die Metapher ein Instrument, mit dessen Hilfe man auf lung, die die Sophisten für ihren Unterricht verlangen". Man wird dem auf
etwas hinweisen kann, was selbst gar nicht von der Struktur eines Sachver- diese Tatsache gegründeten Vorwurf nicht gerecht, wenn man ihn lediglich
halts ist und daher auch nicht in Form von Sätzen dargestellt und mitgeteilt ökonomisch oder psychologisch deutet. Der auf die Käuflichkeit des sophi-
werden kann. Wer eine Metapher gebraucht oder versteht, bezieht sich stischen Wissens begründete Vorwurf will den Sophisten durchaus nicht
stets auf einen Kommunikationsznsammenhang, innerhalb dessen nicht nahelegen, auf Bezahlung ihres Unterrichtes künftig zu verzichten. Als
alles verbalisiert ist. Daher zeigt sich an der Metapher nur in eminenter Platon seine Dialoge schrieb, hatte die Sophistik ohnehin schon lange nicht
Weise eine Eigenschaft, die sich an jedem fixierbaren sprachlichen Aus- mehr die Bedeutung, die sie zu der Zeit gehabt hatte, in der die Dialoge
druck aufweisen läßt. Am Beispiel der Metapher wird jedenfalls der spielen. Die Käuflichkeit des sophistischen Wissens dient bei Platon nur als
Werkzeugcharakter des sprachlichen Gebildes offenkundig. Ihr Wortsinn Indikator, der auf einen Irrtum über die Struktur des Wissens hinweist. Wer
verkörpert nicht das, was eigentlich gemeint ist. Daher können der Meta- mit Wissensinhalten wie mit Handelsware umgeht, behandelt sie als objek-
phorik gerade dort spezifische Funktionen zuwachsen, wo es um Wissens- tivierbare und identifizierbare Gegenstände. Der Sophist befindet sich
formen geht, die nicht dem propositionalen Typus angehören. Gerade dort daher in einer ähnlichen Selbsttäuschung wie derjenige, der einem geschrie-
kann der Versuch, eine Metapher zu entschlüsseln, nur immer wieder zu benen Text auf unmittelbare Weise Wissen entnehmen zu können glaubt.
einer anderen Metapher führen. Beide glauben in isolierten sprachlichen Gebilden bereits jenes Wissen zu
Platons Dialoge zeigen, wie man sich der Metaphorik bedienen kann, besitzen, über das in, Wahrheit doch nur der verfügt, der mit ihnen
ohne ihr zu verfallen. Der dort praktizierte Metapherngebrauch ist sogar umgehen kann und sich ihrer zu bedienen vermag. Der bloße Besitz oder
paradigmatisch für den angemessenen Umgang mit sprachlichen Gebilden die bloße Kenntnis solcher Gebilde begründet allenfalls Scheinwissen.
überhaupt. Denn jeder, der eine sprachliche Äußerung deutet, entschlüsselt, Platons Dialoge machen hingegen nicht so sehr durch das, was in ihnen
kommentiert oder interpretiert, gibt damit, ob er es will oder nicht, durch gesagt wird, um so mehr aber durch die Art, wie in ihnen geredet und agiert
die Tat zu verstehen, daß für ihn der gesuchte Sinn jedenfalls nicht bereits
im puren Wortlaut der Vorlage verkörpert ist. Der platonische Sokrates 8 Vg!. z.B. Apo!. 1ge, 31b, 33a; Prot. 310d, 313c, 328b, 349a; Hipp. min. 364d; Hipp.
mai, 281h, 282d, 300d; Euthphr. 3d; Lach. 186c; Krat. 384bj Soph. 224b, 233b; Theait.
6 Rep. 506d, S09c. 7 Vgl. unten S. 161H., 197. 161e, 167d; Rep. 495c.

5 Widund, P!aton
66 Das geschriebene Werk
§ 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 67
wird, auf die Eigenart des wirklichen Wissens ~uflTlerksam. Mit ihm kann
man nicht wie mit einem objektivlerbaren BesItzstuck umgehen, von dem Dialogen verborgenen geschriebenen Lehre Platons zu verzichten, wenn
man sich wenn man nur will, auch distanzieren kann. man nur von Voraussetzungen ausgeht, unter denen man streng zwischen
Wir si~d heute geneigt, vornebmlich die produktiven Chanc~n hera~szu­ Philosophie und Philosophieren unterscheidet. Dann wird man in Platons
stellen, die eine Vergegenständlichung der Sprache und des Wissens bietet. Dialogen keine Dokumente einer Lehre, sondern Muster philosophischen
Gerade in der philosophischen Diskussion unserer Tage hat man sich daran Tätigseins sehen. - Beide Auffassungen sind einseitig. Trotzdem kommt
gewöhnt, in der sprachlichen Formulierung den emzlg Slcher~n Ausga;tgs- man im Ausgang von der zweiten Alternative der Wahrheit näher. Wer den
punkt zu sehen, auf den man in allen Erörterungen lmme~ wled~r zuruck- dogmatischen Aspekt betont, wird leicht blind gegenü ber allem, was nicht
kommen kann. Gewiß wird auch heute memand ernsthch Wissen und in eine ausformulierte Lehre eingeht. Wer dagegen den Tätigkeitsaspekt
Einsi~ht mit der Kenntnis einer sprachlichen Formulierung verwechseln. betont, wird den dogmatischen Elementen der Philosophie immer noch ihr
Doch man glaubt im Besitz von Methoden zu sein, die einem die Chance relatives Recht einräumen können. Er wird gefahrlos auch von Lehren
eröffnen, Wissen und Einsicht aus sprachhchen Gebtlden auch. d~nn zu Platons sprechen können, solange er in ihrer Ausformulierung nicht das
gewinnen, wenn kein Sprecher präsent ist. Platon waren diese Moghchkel- letzte und unüberholbare Ziel des Philosophierens sieht. Andererseits darf
ten nicht grundsätzlich fremd. Zwar 1st die Entwicklung der formalen die Tätigkeit des Philosophierens nicht Zum ausschließlichen Selbstzweck
Logik nicht mit dem Namen Platons, sonder~ mit d~m des Aristoteles stilisiert werden. Platon führt in den Dialogen auf der dramatischen Ebene
verbunden. Die für den Logiker charaktenstlsche Emstellung. 1st aber Philosophieren im Vollzug vor. Doch diese Tätigkeit findet ihr Ziel in
dieselbe die nach Platon auch den Mathematiker charakterlSlert. Der einem von ihr selbst verschiedenen Resultat. Dieses Resultat mag im
Logiker' verhält sich gegenüber sprachlichen Gebild~n und Ar~umentatlO­ Gewinn einer Erfahrung oder im Erwerb einer Fähigkeit, eines Könnens
nen auf eine ganz ähnliche Weise wie der Mathematiker gegenuber Emhel- bestehen. Es muß jedenfalls kein Resultat sein, das als Gehalt eines ausfor-
ten, zählbaren Elementen und Figuren. Diese Einstellu~g wird m Plato~s mulierten Satzes faßbar wird. Die Techniken literarischer Formgestaltung,
Werk zum Gegenstand gemacht und analysiert. Es 1St aber mcht die wie sie Platon Zur Verfügung stehen, erlauben es, derartige Resultate auch
Einstellung, die Platon in seinem Philosophieren oder bel der Komposltlon dort noch darzustellen, wo thematisch von ihnen gar nicht die Rede zu sein
seines geschriebenen Werks selbst praktizierte. Deswegen 1St Platon Jedoch braucht.
keineswegs ungenauer als ein logischer Analyuker. Zwar hnden sich nur Man kann freilich derartige Zusammenhänge zum Gegenstand von
vereinzelt einmal Ansätze zur Analyse der logischen Struktur von Aussagen Aussagen und sogar von Theorien machen. Man kann versuchen, mit Hilfe
und Argumentationen. Genauigkeit wird bei Platon auf eme andere Welse von Aussagen über das zu reden, was von Platon nicht gesagt, sondern
erreicht: mit Hilfe literarischer Techmken gehngt es Ihm, die Form der durch bewußte Verwendung literarischer Formen und Stilmittel nur gezeigt
Aussage für die Mitteilung des philosophischen Ge~ankens fungibel zu wird. Das geschieht beispielsweise in der vorliegenden Abhandlung. Es
machen und zu jeder Aussage jenen Realkontext zu prasentleren, der hmter bleibt eine Frage des Ermessens, in welchem Ausmaße derartige Aussagen,
jeder sprachlichen Formulierung steht, ohne m Ihn emzugehen. Sprachhche falls sie begründet sind, den Anspruch erheben dürfen, Platons Philosophie
Gebilde werden so immer in ihrem Funkuonszusammenhang gezeigt. oder zumindest einige ihrer Elemente korrekt wiederzugeben. Ein philoso-
Wie läßt sich Platons Philosophie in seinem geschriebenen Werk fmden? phischer Autor sagt nicht nur etwas, sondern er tut auch etwas dadurch,
An den Autor einer Lehrschrift gerichtet, wäre eine solche Frage trlVlal. daß er Aussagen macht. Was er tut, braucht nicht mehr von seinen eigenen
Geht es um Platon, so verlangt schon die Form seiner Werke eme Entsch~l­ Aussagen intendiert zu sein. Wohl aber ist es ein möglicher Gegenstand von
dung darüber, ob hier überhaupt eine Leh~e ausgedrückt und mttgetetlt Aussagen, die der Interpret macht. Nur wenn man einen extrem dogmati-
wird. Wer diese Frage bejaht, muß dann fretllch Kntenen ange.ben konne~, schen Begriff von Philosophie mitbringt, wird man solche Aussagen aus der
die es erlauben, aus dem Text der Dialoge die Sätze herauszuprapanere~, m Darstellung einer Philosophie eliminieren wollen. Ein Philosophieren, das
denen Platons philosophische Lehrmeinung zu fassen sem soll. Zu emer man in einen Gegensatz zur philosophischen Lehre bringt, kann selbst
randscharfen Abgrenzung des Inhalts der platonischen Lehre ,,:ird man wieder zum Gegenstand einer Lehre gemacht werden. Doch auch das beste
freilich auf diese Weise nicht gelangen können. Die Gedanken, die sich In Verständnis einer solchen Lehre zweiter Stufe verschafft einem nicht jenes
den Dialogen finden, darf man als solche Platon zurechnen. Doch man 1St Wissen, das einem nur die Erfahrungen und die Tätigkeiten selbst vermit-
nicht berechtigt, Behauptungen in den Dialogen als Behauptungen Platons teln können, auf die sich diese Lehre richtet. Die von Platon verwendeten
zu deuten. literarischen Techniken sind vorzüglich dazu geeignet, diese Differenz zu
verdeutlichen.
Man kann allerdings auch versuchen, auf die Annahme einer in den
Platon bedient sich in den Dialogen bei der Darstellung seines Philoso-
68 Das geschriebene Werk § 3: Der Dialog als Medium des philosophischen Gedankens 69

phierens in einem ungewöhnlichen Ausmaße der Techniken deiktischer ihrer kategorialen Struktur überhaupt nicht. Selbst wenn es sich herausstel-
Mitteilung. Als Inhalt deiktischer (oder indirekter) Mitteilung soll hier alles len sollte, daß auch prädikative Sachverhalte nicht nur ausgesagt, sondern
das gelten, was ein sprachliches Gebilde nicht als sein semantisches Korre- auch gezeigt werden können, so würde dadurch nicht alles das, was gezeigt
lat intendiert, sondern was es durch seine Form und durch sein Material, werden kann, deswegen zu einem prädikativen Sachverhalt.
aber auch durch die Umstände, unter denen es geäußert wird, zu verstehen Deiktische Mitteilungen tragen ganz und gar nicht das Merkmal des
gibt. Kein sprachlicher Ausdruck erseböpft sich darin, auf ein bestimmtes Außergewöhnlichen. Das gilt selbst für diejenigen ihrer Spielarten, die im
semantisches Korrelat, auf einen Sinn oder auf eine Bedeutung zu verwei- Zusammenhang der vorliegenden Erörterungen vorrangiges Interesse bean-
sen. Jeder Ausdruck ist immer auch etwas, was nicht darin aufgeht, bloßer spruchen können, nämlich für die mit verbalen Äußerungen assoziierten
Träger einer Bedeutung zu sein. Auch die Wirkungen, die ein sprachlicher indirekten Mitteilungen. Man hätte Mühe, sich ein Gespräch voriustellen,
Ausdruck hervorruft, sind nur zum Teil durch sein semantisches Korrelat dessen Verlauf nicht zu wesentlichen Teilen durch Elemente aus dem
vermittelt. Bei den meisten philosophischen und wissenschaftlichen Texten Formenkreis der Analogkommunikation bestimmt wäre. Diese EI~mente
werden diese Dinge nicht mehr von einem entsprechenden Gestaltungswil- gehören jedoch zum größten Teil in den Bereich der deiktischen Mitteilung.
len des Autors umfaßt. Hier richtet sich die Intention des Autors nur auf Während deiktische Mitteilungen im gewöhnlichen Gespräch von der
das Was, aber nicht mehr auf das Wie des Gesagten. Platon hingegen Intention des Sprechers nicht mehr umfaßt werden, haben sie bei jedem
bedient sich literarischer Formen, die auch als solebe in den Dienst der Schriftsteller von Rang ihren Ort innerhalb des Bereichs, in dem er seine
Mitteilung des philosophischen Gedankens gestellt werd.en. Gestaltungsabsichten zu realisieren sucht. Bei Platon sind es nun aber
Direkte Mitteilungen haben prädikative Struktur: Uber Gegenstände gerade essentielle Momente des philosophischen Gedankens, die dem
wird mit Hilfe von Prädikaten etwas ausgesagt. Solche Aussagen werden Medium dieser Mitteilungsform anvertraut werden. Das unterscheidet ihn
mit dem Anspruch auf Wahrheit verbunden. Prädikative Aussagen unterlie- von den anderen großen Autoren der Philosophiegeschichte. Impropositio-
gen dem Bivalenzprinzip; sie sind entweder wahr .oder falsch. Wer sie nalen Gehalt der in seinen Dialogen ausgesprochenen Sätze ist das, was er
behauptet, behauptet zugleich immer ihre Wahrheit. Auch wenn dieser durch diese Werke mitteilt, noch längst nicht erschöpft. So wird beispiels-
Anspruch nicht eingelöst werden kann, bleibt die Aussage imm~r noch em weise immer wieder über Sokrates gesprochen. Was über ihn gesagt wird,
sinnvolles Gebilde. Direkte Mitteilungen macht Platon memals Im eigenen tritt aber an Bedeutung gegenüber dem zurück, was dem Leser durch die
Namen. Wo sie in Platons Werk vorkommen, sind sie stets einer der Art der c;estaltung und der Präsentation der Sokratesfigur mitgeteilt wird.
dramatischen Personen des Dialogs in den Mund gelegt. Daher sind sie Vor allem auf diese Weise wird dem Leser das spezifische Wissen des
zunächst immer dieser Person in der Beziehung auf ihren jeweiligen Partner Sokrates, auf dem seine Überlegenheit gegenüber seinen Gesprächspartnern
, zuzurechnen. beruht, deutlich gemacht. Die von Sokrates ausgesprochenen Sätze können
Deiktische Mitteilungen weisen dagegen gewöhnlich keine prädikative in ihrem Wortlaut mitgeteilt und aufgeschrieben werden. Aus ihnen lassen
• Struktur auf. Das Resultat einer Gestaltung sprachlichen Materials hat sich gelegentlich sogar Lehren rekonstruieren, die man Platon zuschreiben
nicht die Form einer Aussage von etwas über etwas. Hier wird etwas darf. An Bedeutung tr~ten si~ jedoch zurück gegenüber dem im Hinter-
gezeigt, dargestellt, nachgeahmt, vor Augen geführt, aber eben nicht not- grund stehenden Wissen des Sokrates, das nur mit den Mitteln der deikti-
wendig als etwas. Daher unterliegen deiktische Mitteilungen auch nicht schen Mitteilung gezeigt wird. Zu ihm gehört an erster Stelle seine Fähig-
dem Bivalenzprinzip. Man kann jemandem eine Sache zeigen, und man keit, ein Gespräch zu führen. Hier gibt es überhaupt keinen Wortlaut, den
kann darauf selbstverständlich auch verzichten. Doch man kann nicht er als solchen mitteilen könnte. Fähigkeitenund Fertigkeiten, Erfahrung
jemandem etwas Falsches zeigen. Das wäre höchstens indirekt und nur \JOd Gebrauchswissen - manchmal freilich auch der Mangel daran - stehen
dann möglich, wenn man den Partner zugleich veranlassen w!ll, mit der hilIterallem,was in einem platonischen Dialog gesagt wird. Die Formen
gezeigten Sache bestimmte Meinungen zu verbinden. Man kann allerdings der literarischen Gestaltung -ermöglichen es,. diesen Hintergrund. ständig
mit Hilfe von Prädikatoren über den Inhalt deiktischer Mitteilungen reden. präsent zu halten. Das Entsprechende gilt selbst noch für die Wirkul1g, die
Aber auch dadurch wird dieser Inhalt selbst nicht zu einem Gebilde von eine Rede hervorbringen kann. Auch sie kann zwar Gegenstand einer
prädikativer Struktur transformiert. Deiktische Mitteilungen lassen sich weiteren Rede sein. Doch es genügt, wenn sie auf der Ebene der literari-
weder bestätigen noch verwerfen. Man kann nur feststellen, ob Sie gemacht schen Fiktion gezeigt wird'. Das gilt selbst noch für diejenigen unter Platons
oder nicht gemacht worden sind; man kann ferner ihren Inhalt charakteri-
sieren. Dann redet man über deiktische Mitteilungen mit Hilfe von direkt 9 Vgl. auch die treffenden Formulierungen von]. Klein: "Answers can be given in a written
mitteilenden Sätzen. Doch dabei ändern sich die indirekten Mitteilungen in text by the very action it presents. That is what usually happens in Platonic dialogues and
70 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 71

Spätwerken, bei denen die Dialogform Fassade geworden zu sein scheint. anzupassen. Autoren wie Albinos oder Diogenes Laertius zeigen, wie man
Selbst hier noch stellt diese Form den Realkontext jedes Satzes, wenngleich bereits im Altertnm die Vielfalt im Formbereich mit Hilfe von Typologien
nur in Umrissen, vor Augen und hält das Bewußtsein davon wach, daß zu klassifizieren suchte. Freilich bleibt jede Klassifizierung immer nur ein
auch hier die Formulierung von Sätzen nicht das letzte Ziel ist. Notbehelf. Ohne Zweifel kann sie Orientierungsmarken setzen. Sie enthebt
Damit dürfte deutlich geworden sein, inwiefern bei Platon die Dialog- aber niemanden der Aufgabe, die Reflexion auf die Form auch im Hinblick
form Medium des philosophischen Gedankens ist. Der Dialog ist nicht auf das jeweilige individuelle Detail zu üben. Ohnehin wird man, selbst
Selbstzweck; er dient aber auch nicht nur der Einkleidung einer Lehre, die wenn man nur eine sehr grobmaschige Typologie voraussetzt, schwerlich
seiner im Grunde gar nicht bedürfte. Mit Hilfe dieser Form wird etwas einen Platondialog finden, der ausschließlich einen Formtypus realisierte.
gezeigt, was nicht mehr gesagt wird. Auch über das so Gezeigte ist es Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum jede Klassifizierung
'möglich, begründet zu reden. Aber auch die genaueste Rede kann den eines Dialogs auf der Grundlage einer Alteruative von Formtypen vorläufig
i Inhalt des Gezeigten nicht erschopfen. Es gibt nichts, was nicht zum bleiben muß. Der jeweilige Gesprächstypus ist nämlich kein dem einzelnen
Gegenstand sinnvollen und begründeten Redens gemacht werden könnte. Dialogpartner vorgegebenes Datum. Gewiß steht auch der formale
Doch deswegen allein läßt sich noch lange nicht jede Art von Wissen einem Gesprächstypus wie jedes andere Gestaltungsmittel zur Disposition des
anderen als Inhalt begründeter Rede vermitteln. Das Wissen, um das es Autors. Doch die Formgestaltung tritt dem Leser auf der dramatischen
Platon geht, läßt sich nicht direkt als Inhalt oder als Korrelat von Aussagen Ebene nicht nur in unmittelbarer Weise als Werk des Autors entgegen.
lllitteilen. Die Intentionen, die jemand mit dem planmäßigen Gebrauch von Nicht nur der Inhalt eines- Dialogs, sondern auch seine Formgestaltung ist
Aussagen verfolgt, und das Wissen, das sich im sachgerechten Umgang mit durch das Bewußtsein und die Absichten der in ihm redenden und handeln-
ihnen bewährt, lassen sich auch durch noch so viele Aussagen nicht ohne den Personen vermittelt. Jede der dort dargestellten Personen macht sich
Rest einholen oder gar mitteilen. Hier geht es um Wissensformen, mit ein bestimmtes Bild von der Art und von der Struktur des Gesprächs. Die
denen sich der Wissende identifiziert hat und von denen er sich eben Form eines Gesprächs ist niemals unabhängig von der Vorstellung, die sich
deswegen niemals ganz distanzieren kann. Sie sind es, deren Eigenart und die Gesprächspartner von ihr machen. Die Form, die ein Gespräch
cleren Wirkungen mit den Mitteln der Dialogregie immerhin noch gezeigt annimmt, läßt sich andererseits aber auch niemals ganz auf solche Vorstel-
werden können. Die Dialogform enthebt Platon der Notwendigkeit, alles lungen reduzieren.
zum Gegenstand von Aussagen und von direkten Mitteilungen zu machen- Die Vorstellung, die ein Dialogpartner von der Form des Dialoges hat,
und sei es anch nur auf einer Metastufe der Reflexion. Sie wird einem kann ihm selbst in sehr unterschiedlichem Grade bewußt sein. Er muß von
Philosophieren gerecht, das sich niemals auf ein Unsagbares wie anf ein dieser seiner Vorstellung durchaus kein reflexives Wissen haben, und er
factum brutum zu berufen braucht, sondern das hinter jedem Gespräch muß über sie auch nicht Rechenschaft geben können. Im Normalfall hat er
immer wieder ein weiteres Gespräch sucht und jedes Bild immer nur wieder keine Gesprächsstrategie, die diesen Namen verdiente, sondern er gibt nur
durch andere Bilder erläuteru kann. durch die Tat, nämlich durch sein faktisches Gesprächsverhalten zu erken-
nen, an welcher Art von reflektiertem oder unreflektiertem Vorverständnis
er sich hinsi~htlich der Form des Dialogs orientiert. Die von Platon
§ 4: Formtypen des Dialogs dargestellte Uberlegenheit des Sokrates beruht weder auf einem Besitz
verbalisierten Wissens noch auf einer Beherrschung formaler Diskussions-
Die Dialogform könnte schwerlich ein Medium des philosophischen techniken. Sie beruht auf seiner Fähigkeit, nicht nur aus dem Inhalt der
Gedankens sein, handelte es sich bei ihr nur um ein im Gegensatz zu der Meinungen des Partners Konsequenzen zu ziehen, -die diesem Partner
Vielfalt der möglichen Inhalte indifferentes, einheitliches Schema. In Wirk- bislang noch nicht bewußt waren, sondern auch die Vorstellungen, die er
lichkeit zeigt Platons Dialogwerk eine erstaunliche Typenvielfalt. Sie bleibt SIch von der Form des Gesprächs macht, richtig zu diagnostizieren und für
im Reichtum der Gestaltungsmöglichkeiten kaum hinter dem Reichtum der die Planung des eigenen Gesprächsverhaltens fruchtbar zu machen. Die
inhaltlichen Thematik von Platons Philosophieren zurück. Die Dialogform meisten Partner des Sokrates verfügen nur in sehr geringem Grade über
ist flexibel; sie vermag sich gleichsam hautnah dem jeweiligen Inhalt entsprechende Fähigkeiten. Sokrates kann dagegen Gesprächsstrategien
entwerfen und sie auch modifizieren, sofern die jeweilige Situation dies
what constitutes their dramatic or mimetic quality. This also corrfers on the dialogues the
ratsam erscheinen läßt. Den Partnern des Sokrates stehen solche Fähigkei-
quality oE completeness as against their unfinished (aporetic) character in terms of the verbal ten nur in sehr viel geringerem Grade zu Gebote, sieht man einmal von den
argument." (A Commentary on Plato's Menü, 1965, S. 17). ' Figuren des Protagoras und des Parmenides ab. Wer Sokrates kennt, weiß
72 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 73

zwar, wessen er sich zu gewärtigen hat, wenn er sich auf ein Gespräch mit Das Schicksal des Sokrates zeigt deutlicher als jedes verbale Argument, wie
ihm einläßt. Doch niemandem gelingt es, auf längere Sicht gegen Sokrates die Möglichkeit des Dialogs von Bedingungen abhängt, die er selbst nicht
eine Gesprächsstrategie anzuwenden, die von ihm nicht erkannt und durch- schaffen kann und deren Fortbestand er auch niemals zu garantieren
kreuzt würde. vermag. In der Person des Anytos wird die Welt greifbar, iu die der
Jeder Dialog hat eine bestimmte Form. Sie zeigt sich an ihm, aber sie sokratische Dialog nicht mehr hineinreicht und die auch die Bedingungen
gehört gewöhnlich nicht zu den Themen, über die innerhalb des Dialoges seiner Existenz aufzuheben vermag.
geredet wird. Trotzdem hat jeder Dialog wenigstens die Möglichkeit, In Platons geschriebenem Werk werden auch die Grenzen des Dialoges
jederzeit auch seine Form zum Gegenstand der Erörterung zu machen. deutlich gemacht. So werden beispielsweise Positionen vorgestellt, die als
Diese Möglichkeit wird in den platonischen Dialogen gelegentlich reali- solche nicht dialogfähig sind. Gerade sogenannte Nebenfiguren können in
siert. In solchen Fällen liegt nicht notwendig ein Wechsel der Sprachstufe solchen Zusammenhängen wichtige und unvertretbare Rollen übernehmen.
vor. Es wird nur artikuliert, was latent ohnehin in jedem Gespräch enthal- - Eine solche nicht dialogfähige Position wird durch die Figur des Philebos
ten ist. Nicht nur der Inhalt eines Gesprächs, sondern auch seine Form ist, in jenem Dialog verkörpert, der keineswegs zufällig seinen Namen trägt
wenngleich zumeist nur implizit, von den Intentionen der Partner umfaßt. und nicht etwa den des Protarchos, der an Stelle seiner das Gespräch mit
Jeder Dialog enthält die Möglichkeit seiner Metastufe noch innerhalb Sokrates fast allein bestreitet. Die wenigen Äußerungen, die man aus dem
seiner. Ohnehin ist es ein gemeinsames Merkmal aller Sprachen, sieht man Munde des Philebos vernimmt, unterstreichen nur noch die Dialogunfähig-
einmal von Primitivformen und andererseits von Kunstsprachen ab, daß ein keit seiner strikt hedonistischen Position. Zwar kann er diese seine Position
Sprecher mit Hilfe seiner Sprache nicht nur einen gegenständlichen Inhalt, gerade noch artikulieren, wenn er sich als Anhänger des Diktums präsen-
sondern zugleich auch diese Sprache selbst zu intendieren vermag. tiert, wonach das Gute in der Lust zu finden sei (Phil. 11b). Doch er ist
Ein Dialog kommt nur zustande, wenn bestimmte Randbedingungen unfähig, zwischen diesem Satz und anderen Sätzen Beziehungen herzustel-
gegeben sind. Ihre Bedeutung wird einem vor allem in Blick auf Situationen len; vor allem aber kann er diesen Satz nicht in hypothetische Zusammen-
klar, in denen sie nicht mehr realisiert sind. Solche Randbedingungen hänge einfügen. Schon einfachen derartigen Versuchen gegenüber versteift
werden auf spielerische Weise zu Beginn des ersten Buches der "Politeia" er sich auf die unbedingte Geltung seines Satzes (12a). Erörtert wird sein
vor Augen gestellt (vgl. 327c): Sokrates, von Glaukon begleitet, ist im Satz erst, nachdem sich Protarchos, selbst kein Hedonist, gleichsam als
Begriff, vom Piräus nach Athen zurückznwandern; Polemarchos und seine Treuhänder seiner angenommen und ihn damit erst dialogfähig gemacht
Freunde versuchen, ihn zum Bleiben zu veranlassen. Polemarchos deutet hat. Wer sich auf einen Dialog über die Lust auch nur einläßt, hat eben
scherzhaft die Möglichkeit an, ihn mit Gewalt zum Bleiben zu zwingen. damit bereits ein Prinzip jenseits des Lustprinzips anerkannt, ob er sich
Sokrates verweist dagegen auf die Möglichkeit, sich und Glaukon allein mit dessen nun bewußt ist oder nicht. In Schwierigkeiten gerät der Radikalhe-
Mitteln der Rede freien Abzug zu verschaffen. Doch die Mittel der Rede donist sogar schon dann, wenn er die von ihm erstrebte Lust nicht nur
vermögen nichts gegenüber jemandem, der gar nicht zuzuhören bereit ist. besitzen, sondern sich dieses Besitzes auch bewußt sein will (vgl. 21b).
Das wird durch eine entsprechende Frage des Polemarchos verdeutlicht'. Philebos hat vor dem Beginn des Dialogs ein anderes Gespräch geführt.
Zwar ist es dann gerade Polemarchos, der das Mittel der Uberredung Jetzt aber, wo seine radikalhedonistische Position geprüft werden soll, ist er
einsetzt und damit Sokrates zum Bleiben veranlassen kann. Doch da ist es erschöpft (l1c). Doch dies ist kein Zufall. Seine Unfähigkeit, in eine
bereits deutlich geworden, daß zu den Voraussetzungen jedes Dialoges die Erörterung einzutreten, beruht nicht auf einem individuellen Unvermögen,
Bereitschaft der Partner gehört, sich auf ihn überhaupt einzulassen. Will sondern auf der Eigenart seiner These'.
man sie mit den Mitteln der Überredung erst hervorbringen, kommt man Die Behauptung der Dialogunfähigkeit des radikalen Hedonismus besagt
immer schon zu spät. Daher kann auch die Teilnahmebereitschaft eines also nicht, es sei unmöglich, ein widerspruchsfreies System, von Sätzen zu
Partners innerhalb des Dialoges nicht mehr ernstlich zur Disposition ste- konstruieren, durch das diese Position dargestellt und entwickelt werden
hen. Der Dialog ist bereits endgültig gescheitert, wenn sie nicht mehr soll. Diese Behauptung stützt sich vielmehr auf reflexive Inkonsistenzen,
gegeben ist. Ein Beispiel hierfür bietet die Anytosepisode im "Menon ", vor wie sie sich ergeben, wenn man das Prinzip des Hedonismus nicht nur
allem ihr abrupter Schluß (95a). Durch die Person des Anytos, dessen Rolle hypothetisch vertritt, sondern mit einem strikt universalen und unbeding-
im Sokratesprozeß dem zeitgenössischen Leser bekannt war, wird zugleich
an die Vorgänge im zeitlichen Umkreis des Todes des Sokrates erinnert. 2 Zur Gestalt des Philebos vgl. auch H. G. Gadamer, Platos dialektische Ethik. 2. Aufl.
Hamburg 1968, S. 83 f.; ders., Die Idee des Guten zwischen Plato und Aristoteles 1978 S.
65 f. ' ,
1 ~ xai 6vvwaO' äv .. , 1retom flr, axovovm~; Rep. 327c.
74 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 75

ten Geltungsanspruch verbindet. Derartige reflexive Inkonsistenzen sind zeigt seine Stellung im Dialog an. Er gehört nicht zum Kreis der Gesprächs-
ihrer Natur nach keine Relationen zwischen Satzinhalten. Sie ergeben sich partner des Sokrates. Der Respekt, den ihm Sokrates entgegenbringt, ist
erst dort, wo die Reflexion den Inhalt einer Behauptung konfrontiert mit denn auch keineswegs ironisch gemeint (329d). Eine überlegt geführte
dem, was man tut, wenn man diese Behauptung aufstellt und sie zu Dialogregie läßt die kontroverse Erörterung des Wesens der Gerechtigkeit
begründen sucht. Wer zugunsten des Lustprinzips argumentiert, hat sich erst beginnen, nachdem sich Kephalos entfernt hat (331d). Sicher ist
zumindest vorübergehend von ihm distanziert. Er hat durch die Tat ein Kephalos sowohl fähig als auch bereit, seine eigene Position auszudrücken
Prinzip jenseits des Lustprinzips anerkannt. So hat es einen guten Sinn, daß und zu explizieren. Insofern st~ht er nicht außerhalb jedes möglichen
der Hedonismus im "Philebos" lediglich durch einen Treuhänder vertreten Dialogs. Er bekennt sich sogar zu seiner mit dem Alter verstärkten Freude
wird3 • an Gesprächen (328d). Doch schon einfache Reflexionen, wie sie schließ-
Wenn eine Position dialogfähig sein soll, müssen bestimmte Vorbedin- lich zur Definitionsfrage im Hinblick auf die Gerechtigkeit führen, finden
gungen erfüllt sein. Wer in eine Erörterung oder ein Gespräch eintritt, bei ihm keine Resonanz mehr. Kephalos verkörpert eine Position, aber er
gleichgültig über welchen Gegenstand, wer sich auf Gründe und Argu- verteidigt oder vertritt sie nicht. - Traditionen können dort nicht mehr
mente im Vertrauen darauf einläßt, einen anderen überzeugen zu können, ungebrochen fortwirken, wo man ihre Inhalte rational begründen will und
hat zwar nicht ausdrücklich, wohl aber implizit durch die Tat bestimmte sie deswegen der Frage nach ihrer Legitimation unterwirft. Das gilt unab-
Voraussetzungen akzeptiert. Er irrt sich, wenn er glaubt, sie stünden für ihn hängig davon, welche Ergebnisse solche Erörterungen zeitigen. Einer noch
innerhalb der Erörterung noch als Glieder einer Alternative ernstlich zur ungebrochen und unreflektiert wirkenden Tradition wird man als solcher
Disposition. Später wird noch zu zeigen sein, inwiefern zu diesen Voraus- bereits dann untreu, wenn man sie inhaltlich zu legitimieren sucht und
setzungen auch die Ideenannahme gehört'. Daher können also gerade die damit zur Disposition stellt. In diesem Sinne stellt Platon in der von ihm mit
nicht dialogfähigen und die nur beschränkt dialogfähigen Positionen die betonter Ehrerbietung gestalteten Figur des Kephalos auch vor Augen, was
Implikationen einer Dialogform deutlich machen, die nicht nur der äußeren man aufgibt, wenn man sich auf das sokratische Fragen und auf den
Einkleidung des philosophischen Gedankens dient. Solche Positionen kön- sokratischen Dialog einläßt.
nen einen darauf aufmerksam machen, daß man sich implizit immer schon Will man die bei Platon begegnenden Gesprächsformen typologisch
für bestimmte Optionen entschieden hat, wenn man dabei ist, sich auf gV~,4~!1l' so wird man sich zunächst an einer Unterscheidung orientieren,
einen Dialog einzulassen. Kallikles beispielsweise ist eine Gestalt, der dies die Sokrates im "Menon" trifft (75cl.). Hier werden zwei Gesprächstypen
erst nachträglich, nämlich im Verlauf seines Gesprächs mit Sokrates, miteinander konfrontiert: das zwischen Gegnern geführte agonale Streitge-
bewußt wird'. spräch' und die unter Freunden auf mildere und ,,,di~lektischere" Art
Eine Position besonderer Art wird durch die Gestalt des Kephalos im geführte Unterredung'. Wenn diese beiden Formen bei Platonauch niemals
ersten Buch der "Politeia" exemplifiziert. Es ist die Position einer unreflek- in ganz reiner Gestalt realisiert sind, so können sie gleichwohl als Idealty-
tierten, traditions gebundenen Sittlichkeit. Der greise Kephalos ist sich pen nützliche Orientierungsmarken abgeben. Denn jedes reale Gespräch
seiner selbst vollkommen sicher; Sokrates versucht auch gar nicht erst, ihn weist sowohl gntagonistische als auch synergistische Elemente auf, die in
in eine Erörterung zu verwickeln, in der seine Position ernstlich in Frage immer wieder neuen Verhältnis bestimmungen auftreten können. Die von
gestellt werden müßte. Das urbane Gespräch, das Sokrates mit Kephalos Platon gestalteten Sokratesgespräche machen hier keine Ausnahme.
führt, soll diese Position keiner Prüfung unterziehen. Sie soll in diesem Im antagonistischen, eristischen Dialog strebt jeder der Teilnehmer
Gespräch nur konturiert und charakterisiert werden. Kephalos, im Piräus danach, für sich - und das heißt hier zugleich: gegen den Partner - Recht zu
ansässig, kommt nicht mehr nach Athen (Rep. 328c). Auch dieser Umstand behalten. Er ist dort verwirklicht, wo ein Streitgespräch nach Art eines
Diskussionsspiels geführt wird. Ausgangspunkt ist stets eine Aussage, die
von dem einen Partner behauptet, von seinem Gegner aber bestritten wird.
3 Eine ähnliche Situation ergibt sich hinsichtlich der Position der Materialisten in der
Gigantomachie des "Sophistes" (246df., vgl. unten S. 107ff.). - Ein Beispiel für eine nicht Die Rollenverteilung ist insofern inhomogen, als die Funktionen des Fra-
dialogfähige Position ist auch die des Lysimachos im "Laches" (vgl. 189c). - Auch die Figur
des Theodoros im "Theaitetos" gehört noch in diesen Zusammenhang; er ist die sokratischen 6 Vgl. Men. 75c: Ei {ltv ye TWV aocpwv n~ et'l] xal. t(Jwnxwv Te "ai aywvw'T~XWV 6
Unterredungen nicht gewöhnt (146b). Seine Kompetenz als Mathematiker wird nicht in Frage t!]6f1eVo~ . ..
gestellt. Er verkörpert sogar jenen Mathematiker, der nach der Wissenschaftslehre der 7 Ei (jf waJre(J tyw Te xalaV vvvi t:p{Am OVTe~ ßOVAOtvTO aAA~AOL~ &aAtyeal'Jm, 6er ör)
"Politeia" in seinen Hypothesen bereits Prinzipien sieht und sie deshalb nicht hinterfragt n(Jg6Te!]6V n(J)~ xal. ÖWAeXnXWTe!]OV anox!]{vwiJm, Men. 75d.
(510b). Zu dieser Unterscheidung vgl. Theait. 164c, 167e; PhiL 17a, 14b; Rep. 454a, 539c; Phd.
4 Vgl. unten S. 150. 5 Vgl. Gorg. 482cff., 505dff. 90cf.
76 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 77

gen den und des Antwortenden nicht ausgetauscht werden können. Wer in Eine Strategie besonderer Art lassen die ersten beiden antagonistischen
einem solchen Streitgespräch die Rolle des Antwortenden übernommen Runden erkennen, die Kleinias als Partner der beiden Sophisten Euthyde-
hat, soll durch eine geeignete Auswahl der ihm vorzulegenden Fragen dazu mos und Dionysodoros verliert (275cff.). Kleinias ist ein in der sophisti-
gebracht werden, seine zu Beginn des Disputes eingenommene Position schen Debattiertechnik noch ganz unerfahrener Partner. So wird er in der
aufzugeben. Er mnß veranlaßt werden, die Negation seiner anfänglichen ersten Runde bei der Erörterung der Frage, ob die Dummen oder die
Behanptung zu akzeptieren. Will er sich nicht widersprechen, so muß er Klugen es sind, die lernen, mit Hilfe einfacher Äquivokationen in einen
diese Behauptung selbst zurücknehmen. Ein solches Diskussionsspiel kann Widerspruch verwickelt. Das gelingt der Gegenseite um so leichter, als sie
daher an ein natürliches Ende kommen. Dieser Fall ist spätestens dann durch zwei Personen repräsentiert wird; ihnen steht Kleinias allein gegen-
eingetreten, wenn sich der Antwortende in einen Widerspruch verwickelt über. Äquivokationen, die der Gegenseite zuzurechnen sind, lassen sich anf
oder wenn er, um einen Widerspruch zu vermeiden, eine seiner früheren diese Weise verschleiern. Euthydemos und Dionysodoros sind vorzüglich
Behauptungen revoziert. Der antagonistische Dialog von der Art des Dis- aufeinander eingespielt. Jeder kann vom anderen jederzeit die Gesprächs-
kussionsspiels ist seiner formalen Struktur nach ein Nullsummenspiel, bei führung übernehmen. Das wird dort von Bedeutung, wo sie die zwei Seiten
dem es einen Gewinner und einen Verlierer gibt. einer Alternative gleichsam unter sich aufteilen und gegenüber Kleinias
Auch antagonistische Dialoge von der Art von Diskussionsspielen sind dementsprechend taktieren". Freilich spielen sie in diesem Fall die Rolle des
nicht ohne Einverständnis und nicht ohne eine gewisse Kooperation der Fragenden. Da sie nichts behaupten, können sie sich natürlich nicht in
Partner möglich. Sie mißlingen, wenn hinsichtlich der Spielregeln und ihrer Widersprüche verwickeln. Aber die Fragen, durch deren Beantwortung sich
Anwendung keine Einigkeit unter den Partnern herrscht. Doch im Normal- Kleinias in einen Widerspruch verwickelt, sind keine Fragen, die von einer
fall versteht sich diese Einigkeit, wie in jedem guten Spiel, von selbst. Erst und nur von einer Person gestellt würden. Die den beiden Seiten des
auf ihrer Grundlage läßt sich ein Spielbereich ausgrenzen, innerhalb dessen Widerspruchs zugeordneten Fragen haben Euthydemos und Dionysodoros
sich der Antagonismus entfalten und darstellen kann. Will man einen nämlich unter sich aufgeteilt. Daher braucht sich keine der beiden Einzel-
antagonistischen Dialog angemessen beurteilen, so darf man die den Anta- personen als solche einer jener Äquivokationen schuldig zu machen, die
gonismus erst ermöglichende Übereinkunft nicht vernachlässigen. Sie Kleinias, weil er sie als solche nicht erkennt, in den Widerspruch treiben.
macht es möglich, Gewinnstrategien zu entwickeln. Sie erlaubt es aber Kleinias ist diesem eristischen Zweifrontenkrieg offensichtlich nicht ge-
auch, die Frage nach der sachlichen Richtigkeit und nach der Begründbar- wachsen.
keit der zu diskutierenden Thesen auszuklammern. Diskussionsspiele in Das Gesprächsideal des Sokrates wird durch die Konfrontation mit dem
ihrer reinen Form wollen keine Wahrheit finden oder sichern. Es geht in formalen Diskussionsspiel deutlich, wie es von Euthydemos und Dionyso-
ihnen nicht darum, wer in der Sache recht hat, sondern darum, wer sich doros gepflegt wird. So beruht der besondere Reiz des 295 a beginnenden
gemäß den Spielregeln gegenüber dem Partner durchzusetzen vermag und Gesprächsteils darauf, daß sich Sokrates, hier einmal in der Rolle des
sich durch diesen Erfolg als der Überlegene erweist. Antwortenden, über die formalen Spielregeln immer wieder hinwegsetzt.
Raffinierte Beispiele antagonistischen Argurnentierens finden sich vor Seine Antworten ergänzt er häufig durch eine Explikation, wenn er sich
allem in den eristischen Partien des "Euthydemos". Freilich gehen auch nicht ohnehin durch eine Rückfrage nach dem Sinn der ihm gestellten Frage
Verfalls formen sophistischer Diskussionstechniken in diese Partien ein. So der Identität des von beiden Partnern Gemeinten zu versichern sucht. Eben
wird gezeigt, wie sich diese Techniken anch dazu verwenden lassen, den damit durchkreuzt er die Gesprächsstrategie des Euthydemos. Diese Strate-
Partner durch fragwürdige Kniffe zu überrumpeln und durch Späße von oft gie führt nur dann zum Ziel, wenn die Antwort ausschließlich das enthält,
bescheidenem Niveau zu verwirren. In diesen Partien wird die Sophistik in worauf sich die strikt nach ihrem Wortsinn verstandene Frage richtet.
einer der Spielarten vorgeführt, wie sie in der Folgezeit ihr Bild auf eine sehr Alles, was darüber hinausgeht, aber auch alles, was den Sinn der Antwort
einseitige Weise bestimmt und damit auch verfälscht haben. Doch Platon erläutern könnte, ist durch die Spielregeln nicht mehr gedeckt. Daher ist im
arbeitet im "Euthydemos" gelegentlich auch mit Techniken der Karikatur. strikt antagonistischen Dialog auch keine Nachfrage erlaubt. Sokrates mag
Auf diese Weise werden einige Eigentümlichkeiten antagonistischer zwar der Sache nach im Recht sein, wenn er seinen Grundsätzen gemäß
Gesprächsführung überdeutlich gezeigt. Sie sind dazu bestimmt, einen zurückfragt und sich um Explikation des Gesagten und Gefragten bemüht.
Hintergrund zu bilden, vor dem sich andere Möglichkeiten der Gesprächs- Gleichwohl verstößt er damit gegen die Spielregeln. Natürlich soll damit
führung in ihrer Eigenart um so deutlicher abheben. Dem entspricht auch
die Komposition des "Euthydemos"; strikt antagonistisch geführte Runden B Vgl. Euthyd. 276c, 277b: Dionysodoros übernimmt das Gespräch - von Euthydemos-
werden von ganz andersartig strukturierten Gesprächen eingerahmt. wie einen Ball (W01Cf-{] acpaf{]Qv ex&t;aI1EVOr; rov AOyOV).
78 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 79

der Sinn solcher R~geln überhaupt in Frage gestellt werden. So wird gerade Nichtwissens, die Sokrates für seine Person schon längst gemacht hat.
In dIesem DIalogteIl klar, daß das strikt antagonistische Gespräch sowohl Sokrates verteidigt in solchen Gesprächen selbst keine Thesen' er macht
den Sinn als auch den Wahrheitsanspruch des Gesagten um des bloßen sich vor allem auch nicht für die Negate der von seinen jeweilige~ Partnern
Wortlauts willen vernachlässigen muß. Hier haben wir es mit einem vertretenen Thesen stark. Die Sätze, die von den Partnern vertreten und
Gesprächstyp zu tun, der durch Merkmale charakterisiert ist, wie sie sich in verteidigt werden, sind immer nur Anlaß, nicht aber Gegenstand dieser
ähnlicher Form an den Gebilden finden, auf die sich die Schriftkritik Gespräche. Eigentliches Thema der Gespräche ist, wenngleich zunächst
bezieht. Immer noch verborgen, die Fähigkeit der Partner, über ein bestimmtes
Das antagonistische Diskussionsspiel entspricht nicht dem Ideal des von Thema Rede und Antwort zu stehen. Es ist daher ganz ernst gemeint, wenn
Sokrates intendierten Dialogs. Sokrates distanziert sich sogar immer wieder Sokrates in solchen Fällen nichts behaupten, sondern nur die Behauptungen
von denen, die derartige Spiele kultivieren. Der von ihm intendierte Dialog anderer prüfen willII.
ist kein Spiel, das es erlaubte, am Ende einen Gewinner zu bestimmen. Der sokr~tische Elenchos exemplifiziert sehr gut jenen Gesprächsmodus,
Sokrates wirft den Eristikern geradezu vor, es gehe ihnen in Wirklichkeit bel dem dIe Partner mcht nur hinsichtlich inhaltsbezogener Positionen
gar nicht um die Sache selbst, die Gegenstand der jeweiligen Diskussion ist'. differieren, sondern auch von unterschiedlichen Vorstellungen hinsichtlich
Er gesteht ihnen zu, daß sie mit ihren Spielen vor allem im Kreise der der Struktur und der Form des Gesprächs ausgehen. Der Partner mag
Jugend Erfolg haben. Gerade deshalb will er auf die mit diesen Spielen zunächst noch glauben, es ginge um das Aufsuchen und Finden, um das
verbundenen Gefahren aufmerksam machen: Sie können nämlich den, der Begründen und Widerlegen von bestimmten Sätzen. In diesem Sinne ver-
sich an ihnen beteiligt und der ihre Regeln sowohl durchschaut als auch steht er zunächst auch das Gesprächsverhalten des Sokrates. Er sieht aber
beherrscht, dazu bringen, Reden und Gespräche schließlich nur noch als noch nicht, daß er in Wirklichkeit veranlaßt werden soll, auf dem Wege
Spielzeug anzusehen, für das er, wenn es ernst wird, nur noch Verachtung über den Umgang mit Sätzen eine Erfahrung über sich selbst zu machen die
übrig hat. Er wird dann nur noch daran interessiert sein, in jeder Unterre- er schwerlich außerhalb des sokratischen Dialogs machen könnte. Diese
dung stets Recht zu behalten. Die Möglichkeit, mit Hilfe des planmäßigen Erfahrung wird nicht zufällig auf einem Weg vermittelt, auf dem vermeint-
Gebrauchs der Rede Einsicht und Wissen zu gewinnen, steht als Alternative liches Wissen im Umkreis der Normen des menschlichen Handelns geprüft
dann gar nicht mehr im Blick. WIrd. Es geht um Dinge, über die jeder handelnde Mensch Bescheid zu
Trotzdem kann Sokrates in sehr weitem Umfang von den Techniken der wissen glaubt. Mit den obersten Normen seines Handeins hat man sich
antagonistischen Dialogführnng Gebrauch machen. Wenn er will, kann er immer schon identifiziert. Macht man die Erfahrung, daß man über sie
durch gezieltes Fr~gen seinen Partner zu Zugeständnissen veranlassen, die nicht widerspruchsfrei Rechenschaft geben kann, so ist das etwas anderes
auf den ersten BlIck ganz unbedenklich zu $ein scheinen, wenn man sie als ein Mißerfolg in einem Diskussionsspiel, in dem man sich mit den
isoliert voneinander betrachtet. Doch jedes Zugeständnis ist nur ein gleich- Sätzen, die man verteidigt, gerade nicht identifiziert. Nur im Blick auf
sam unterschwellig bleibender Schritt auf einem Weg, der zu einem vom solche Zusammenhänge kann das Ärgernis verständlich werden das der
Partner nicht vorhergesehenen und nicht gewünschten Ziel führt". Dies ist historische Sokrates für viele seiner Zeitgenossen bedeutete. '
der Weg des sokratischen Elenehos. Bei dieser Gesprächsform ist Sokrates Die Grundstruktur des antagonistischen Dialogs ist überall dort reali-
immer der "Gewinner". Doch die Betrachtung bleibt vordergründig, siert, wo die Figur eines Schiedsricbters vorkommen kann. Dieser Schieds-
solange sie nur diesen Sachverhalt feststellt. Denn Sokrates kommt es in richter braucht natürlich nicht in Person aufzutreten. Es genügt bereits,
seinen widerlegenden Reden gar nicht darauf an, die Runde eines Diskus- wenn man sich auf ihn beziehen kann. Es kommt daher weniger auf die
sionsspiels zu gewinnen. Das ist eher ein Nebenergebnis. Die Widerlegung reale als auf die prinzipielle Möglichkeit an, Erfolg oder Mißerfolg einer
des Partners ist kein Selbstzweck. Denn der Partner soll bei dieser Gelegen- Erörterung durch eine Instanz feststellen zu lassen, die mit keinem der
heit eine Erfahrung über sich selbst und über den Gewißheitsgrad seines Gesprächspartner identisch ist. Die Möglichkeit eines Schiedsrichters mar-
vermeintlichen Wissens machen. Es ist eine Erfahrung, die sich mit Hilfe kiert Gegenstands- und Problembereiche, innerhalb deren es objektive
von Sätzen sowohl provozieren als auch beschreiben läßt. Als solche läßt Entscheidungsverfahren gibt, deren Ergebnisse auch gegen die Wünsche der
sie sich aber nicht mit Hilfe dieser Sätze mitteilen. Es ist die Erfahrung des unmittelbar Beteiligten Geltung beanspruchen können. Sogar Zählen und
Messen werden bei Platon als Entscheidungsverfahren behandelt, die in
AnalogIe zur Schiedsrichtertätigkeit stehen. Sokrates lehnt jedoch für seine
, Vgl. Phd. 90df.; Cha;m. 166c; Rep. 539af.
,10 V~l. Prot. 332aff.; Rep. 487bf.; Phdr. 262a; vgl. auch R. Robinson, Plato's Earlier
Dlalectlc, 2. Aufl. 1953, S, 7ff., 84. . 11 Z.B. Charm. 165b, Apol. 23a.
80 Das geschriebene Werk § 4: Formtypen des Dialogs 81

Person die Rolle des Schiedsrichters stets ab. Er strebt das Ideal synergisti- im Blick auf das Ziel einer gemeinsamen Bemühung um die Wahrheit. Auch
scher Gesprächsführung an. Dort ist ein Schiedsrichter nicht erforderlich, ja die Gespräche, die das Erreichen jenes Ziels erst ermöglichen sollen, sind
noch nicht einmal möglich 12 • Das läßt sich auch am Elenchos verdeutlichen. selbst bereits durch die Form des synergistischen Dialogs geprägt. Das gilt
Ein Schiedsrichter kann darüber befinden, ob ein Dialogpartner seine These selbst dort, wo sich Sokrates der Techniken antagonistischer Gesprächsfüh-
mit Erfolg hat verteidigen können. Seine Kompetenz erstreckt sich jedoch rung bedient. In derartigen Fällen kommt es ihm darauf an, die Gemein-
nicht mehr auf die Tiefenstruktur des Elenehos. Ob der Partner die samkeit ans Licht zu bringen, in der er sich mit seinem Partner verbunden
Selbsterfahrung wirklich gemacht hat, zu der ihn Sokrates führen wollte, weiß, deren sich der jeweilige Partner zunächst aber noch nicht bewußt ist.
kann nicht mehr durch einen Schiedsrichter festgestellt werden. Zu diesem Zweck kann er auch das Vorwissen in Rechnung stellen, das die
Sokrates orientiert sein Gesprächsverhalten am Leitbild des synergisti- Partner mitbringen, von dem sie aber gewöhnlich gar kein reflexives
schen Dialogs. In einem solchen Dialog sind die Partner an einem gemeinsa- Bewußtsein haben und das sie selbst auch gar nicht artikulieren können. So
men Ziel orientiert, das sie auch gemeinsam zu verwirklichen suchen. Sie wird etwa im "Laches" das Wesen der Tapferkeit mit zwei Militärs als
agieren nicht gegeneinander". In einem solchen an der Wahrheit ausgerich- Partnern erörtert, deren praktische Vertrautheit mit den einschlägigen
teten Gespräch gibt es keinen Gewinner, dem auf der anderen Seite ein Problemen auch dann nicht angezweifelt wird, nachdem sich ihr Unvermö-
Verlierer gegenüberstünde. Hier kann jeder der Partner eine Behauptung gen gezeigt hat, dieses Vorwissen in der Gestalt von Definitionen auszu-
gefahrlos auch wieder zurücknehmen, wenn er sich eines Besseren hat drücken. Ähnlich ist für das Verständnis des" Theaitetos" das von Sokrates
belehren lassen. In keinem Fall ist es in einem synergistischen Dialog in Rechnung gestellte Vorwissen der Titelfigur wichtig. Dieses Gespräch
notwendig, einen Schiedsrichter anzurufen. Denn Einigkeit muß hier nicht über das Wesen der Erkenntnis wird mit einem jungen Mathematiker
nur hinsichtlich des Gesprächsrahmens und der Spielregeln bestehen; auch geführt. Er verfügt über zweifelsfreies Sachwissen, auch wenn er über
inhaltlich müssen sich die Partner an jedem Punkt des Gesprächsverlaufs im dessen Struktur keine Rechenschaft geben kann. Die Legitimität dieses
Einverständnis befinden. Wie es die die zwei Grundtypen des Dialogs Sachwissens wird jedoch durch keine der thematischen Erörterungen dieses
konfrontierende Menonstelle (75ef.) nahelegt, darf man es nicht dabei Dialogs ernstlich in Frage gestellt.
bewenden lassen, eine in der Sache richtige Antwort zu geben. Jede Das Lehrgespräch ist ein Sonderfall des synergistischen Dialogs. Einen
Antwort muß außerdem auch hinsichtlich ihrer Grundlagen und Voraus- nahezu reinen Fall eines solchen Lehrgesprächs bietet die Sklavenszene im
setzungen auf einem Einverständnis der Partner beruhen. Daher können "Menon" (82b-85b). Man sieht in diesem Stück häufig ein Musterbeispiel
nur die Partner selbst, nicht aber ein neutraler Schiedsrichter über Erfolg sokratischer Gesprächsführung. Doch man verfehlt den Sinn des sokrati-
und Mißerfolg des Gesprächs entscheiden. Ein Ziel ist immer erst dann schen Dialogs, wenn man gerade dieser Sklavenszene paradigmatische
erreicht, wenn sich die Partner auch darüber, daß es erreicht ist, einig Relevanz zuspricht. In Wirklichkeit handelt es sich hier um einen singulä-
geworden sind. ren Fall, der in Platons geschriebenem Werk keine Entsprechung findet.
Das im Sinne eines gemeinsamen Dienstes an der Wahrheit geführte Hier handelt es sich nämlich um eine in einem Satz formulierbare mathe-
synergistische Gespräch bleibt ein Idealbild. Es mag zur Orientierung matische Erkenntnis, die jemandem vermittelt werden soll, der über ein
unentbehrlich sein, doch es wird in Wirklichkeit niemals erreicht. Es gibt entsprechendes Wissen bislang jedenfalls nicht in expliziter Gestalt verfügt.
keinen Dialogtext Platons, den man als Paradigma eines reinen Falles von Das Lehrgespräch wird im übrigen nicht um seiner selbst willen geführt. Es
synergistischer Gesprächsführung vorzeigen könnte. Ein solches Idealbild soll nur der Exemplifizierung einer bestimmten erkenntnistheoretischen
wäre dort realisiert, wo Sokrates ein Gespräch mit seinesgleichen führte These dienen. Diese These ist Thema des zwischen Sokrates und Menon
oder wo er im Gespräch einen Partner zu seinesgleichen heranbildete. Ein geführten Gesprächs. Im Lehrgespräch ist Sokrates' Partner indessen eine
solcher Partner ist nirgends in Sicht. So stellen die Dialoge Platons auf als Person gar nicht faßbare, anonym bleibende Figur, von der wir nur
unterschiedlichste Weise immer wieder die Einzigkeit und die Unvergleich- erfahren, daß sie Griechisch versteht und daß sie noch keinen einschlägigen
lichkeit der Sokratesgestalt vor Augen. Sokrates führt seine Gespräche stets mathematischen Unterricht genossen hat. Auch für die Anonymität einer
Dialogfigur gibt es bei Platon sonst kein vergleichbares Beispiel.
Dieser Lehrdialog kann deswegen zum Erfolg führen, weil wenigstens
12 Zur Denkfigur des Schiedsrichters und zu den an ihr orientierten objektiven Entschei- zwei Bedingungen erfüllt sind: Einmal geht es hier um propositionales
dungsverfahren vgl. Prot, 337e, 348aj Lach. 184d; Gorg. 474a; Theait. 172df.; Rep. 348af.,
602d; Euthphr. 7b f.
Wissen, also um ein Wissen, das in einem Satz formuliert und dargestellt
13 Vgl. zu diesem Gesprächstyp Phil. 14b; Men. 7Sd; Krit. 48d; Charm. 158d; Pol. 258c,
werden kann. Zum anderen befindet sich Sokrates als 'lehrender von
277a; Gorg. 457e, S15b; Rep. 539cf. Anfang an im Besitz dieses Wissens. Er kennt den fraglichen Satz und er
6 Wieland, P!aton
82 Das geschriebene Werk § 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 83

vermag ihn zu beweisen. Eben dies ist für die Art der Gesprächsführung, die gegenüber den wechselnden Gestalten möglicher Realkontexte ausgezeich-
man sonst bei ihm gewohnt ist, ganz untypisch. Sein Ziel besteht sonst net sind. Es ist eine Invarianz, die der des mathematischen Wissens ver-
niemals darin , seinem Partner nur die Kenntnis und das Verständnis eines . gleichbar ist. Nicht zufällig tritt Sokrates weder im "Sophistes" noch im
bestimmten Satzes von der Art eines mathematischen Theorems zu vermit- "Politikos" als Gesprächsführer auf. Nur als sachverständiger Zuhörer
teln. So wichtig bei Platon die Mathematik dort ist, wo nach den Stufen der bleibt er präsent.
Bildung und des Wissens überhaupt gefragt wird, - spezielles Wis~en vom
mathematischen Typ steht in den Dialogen nicht zur Debatte. Hier wird
zwar des öfteren über die Mathematik und ihre Grundlagen gesprochen, § 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge
doch man treibt deswegen noch nicht selbst Mathematik. Das Wissen, um
das es Sokrates geht, ist nicht nur dem Inbalt, sondern auch der Struktur Läßt sich ein philosophisches Werk dem Verständnis nicht ohne weiteres
nach von dem von den Mathematikern erarbeiteten Wissen verschieden. erschließen, so ist man leicht geneigt, die Schwierigkeiten auf dem Weg
Sokrates hat zwar seinen Partnern immer auf Grund seiner Fähigkeiten über eine Beschäftigung mit seiner Genese zu beseitigen. Man hofft dann,
etwas voraus; aber in den für ihn typischen Dialogen weiß er das Ergebnis auf diese Weise leichter die Elemente freipräparieren zu können, die das
nicht in derselben Weise im voraus, in der er in der Lehrszene des "Menon" fertige Werk konstituieren. Der Autor scheint mitsamt seinen Intentionen
die Lösung der dem Schüler gestellten Aufgabe im voraus kennt. Die oftmals in den von ihm gestalteten und veröffentlichten Texten weniger gut
Einsicht, auf deren Gewinn der synergistische Dialog zielt, erfordert von greifbar zu sein als in Versuchen, in denen er sich selbst um dieses Resultat
den Beteiligten ein außerordentliches Maß an Anstrengung und Geduld. erst bemüht. Gerade im gelungenen Werk scheint er hinter dem Gegenstand
Das lehren nicht zuletzt die Überlegungen, die Platons Schriftkritik gewordenen Resultat seines Nachdenkens ebenso zu verschwinden wie der
zugrunde liegen. Die Sklavenszene des "Menon " läßt von einer dera.rtigen Weg, der ihn zu diesem Resultat geführt hat. So hofft man, dieses Resultat
Anstrengung nichts spüren. Sie besticht gerade durch die MühelOSigkeit, am besten dadurch dem Verständnis erschließen zu können, daß man jenen
mit der Sokrates einen Satz, den er selbst bereits kennt und versteht, einem Weg des Autors rekonstruiert und wiederholt. Entwürfe, Vorstadien und
anderen vermittelt. Zwischenstadien eines Werks scheinen dann einen Schlüssel zu seinem
Die Dialogform verliert an Bedeutung, wenn es um Themen geht, die angemessenen Verständnis an die Hand geben zu können.
höchstens noch mittelbar das Selbstverständnis der Gesprächspartner Die entwicklungsgeschichtlichen Methoden und ihre Anwendung haben
betreffen. Aber auch dann verzichtet Platon nicht ganz auf diese Form. die in der Philosophie früher einmal in sie gesetzten Hoffnungen nicht
Noch im Timaios" wird die Erzählung des kosmologischen Mythos in erfüllt. Sicher ist im Vorfeld der philologischen Aufbereitung der Texte
einen Dial~g eingebettet. Dieser Mythos beansprucht für sich zwar keine II nützliche Arbeit geleistet worden, deren sich der Philosophiehistoriker
Wahrheit wohl aber Wahrscheinlichkeit. Der Erzähler muß sich daher I dankbar bedienen wird. Was die entwicklungsgeschichtlich orientierte
nicht bei 'jedem Schritt und bei jeder Einzelheit des Einverständniss~s. der I Erforschung der philosophischen Klassiker zur Lösung der von ihnen
Partner vergewissern. - In anderen Fällen hat das vom Partner SignaliSierte II behandelten Probleme beigetragen hat, bleibt hingegen enttäuschend dürf-
Einverständnis nur noch formelle Bedeutung. So gestaltet Sokrate~ den tig. Das ist im Grunde kaum verwunderlich. Auf entwicklungsgeschichtlich
pseudoetymologischen Hauptteil des "Kratylos" allein. Die kurzen Auße- orientierte Fragen wird man gerade dann, wenn sie präzise gestellt sind,
rungen seines Partners haben hier nur noch die Aufgabe, die Reihe der ~on immer nur Antworten erwarten können, die über entwicklungsgeschichtli-
ihm vorgeführten Etymologien nicht abreißen zu lassen. OffenSichtlich che Tatbestände Auskunft geben. Eine ganz andere Aufgabe ist es dagegen,
wird hier dem Partner nicht zugemutet, die Etymologien für bare Münze zu solche Resultate für das Verstäudnis der Sache fruchtbar zu machen, um
nehmen. - Äußere Fassade schließlich bleibt die Dialogform in den begriffs- I, die es dem mit entwicklungsgeschichtlichen Methoden analysierten Autor
analytischen Partien des "Sophistes" und des "Politikos" . Das bei jedem I eigentlich ging. Das gelingt, wenn es überhaupt intendiert wird, nur in
Einzelschritt der Erörterung vom Partner eingeholte Einverständnis hat nur wenigen Fällen. Viel häufiger kommt es vor, daß das philosophische
noch formelle Bedeutung. Notfalls könnte man sogar darauf verzichten Sachinteresse durch ein entwicklungsgeschichtlich orientiertes Interesse
(vgl. Soph. 217d). Trotzdem ist es nicht ganz funktionslos. Die über .weite I irritiert oder behindert wird. Umgekehrt ist nicht selten die Hinwendung zu
Strecken auf die Bekundung von formeller Bejahung oder Vernemung entwicklungsgeschichtlichen Fragestellungen und Methoden durch Resi-
reduzierte Rolle des Partners signalisiert ebenso wie die Namenlosigkeit des gnation gegenüber dem Anspruch motiviert, philosophische Sachfragen
eleatischen Fremden einen Bedeutungsschwund des Realkontextes. Hier stellen und auf begründete Weise beantworten zu können.
werden Erörterungen vorgeführt, die durch eine weitgehende Invarianz In der Platonforschung sind entwicklungsgeschichtliche Fragestellungen
84 Das geschriebene Werk § S: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 85

und Betrachtungsweisen seit langem Gemeingut. Das hängt nicht nur mit verbleiben, ohne den Bereich des Wahrheitsdifferenten zu berühren. Darauf
den Sachproblemen zusammen, die in Platons Schriften und durch sie beruht ein guter Teil ihres Erfolgs. Dazu kommt noch etwas anderes. Die
aufgegeben werden und die man häufig mittels genetischer Reduktionen zu statistischen Methoden versprechen allenfalls dann Erfolg, wenn sie sich an
lösen oder wenigstens zu umgehen sucht. Die genetische Betrachtungsweise Elementen orientieren, die als solche kein Gegenstand bewußter Planung
bietet sich vor allem auch deswegen an, weil Platons geschriebenes Werk und Gestaltung des Autors sind. Für die Partikel ist unter allen Sprachele-
viele Aspekte zeigt, die sich einer Deutung mit Hilfe literarischer, psycholo- menten in Platons Werk noch am ehesten die Vermutung begründet, daß
gischer und historischer Kategorien anbieten. Die Bereiche des Astheti- ihre Verteilung von keiner philosophischen oder schriftstellerischen Inten-
schen, des Psychologischen und des Historischen sind jedoch die Domänen tion des Autors unmittelbar abhängt. Die Ergebnisse der Sprachstatistik
der genetischen Betrachtungsweise. Hier hat man es mit Fakten zu tun, die sind daher vom Inhalt der Philosophie Platons und von ihrem Wahrheits an-
als solche dem Wechsel und der Veränderung unterworfen sind. Die spruch unabhängig.
Entwicklungsvorstellung macht es möglich, die einschlägigen Prozesse in Die Frage nach der chronologischen Ordnung der Schriften Platons hätte
eine überschaubare Ordnung zu fügen. Alles, was an einem philosophi- in der Forschung gewiß nicht ins Zentrum des Interesses rücken können,
schen Werk dem Bereich des Faktischen angehört, ist ein legitimes Objekt hätte man nicht zunächst gehofft, auf diesem Umweg zu einem besseren
der genetischen Betrachtungsweise. Die Wahrheit und der Wahrheitsan- inhaltlichen Verständnis des hinter diesen Schriften stehenden Philosophie-
spruch eines Satzes oder eines Gedankens sind jedoch nichts Faktisches. rens zu gelangen. Vor allem die sogenannte Ideenlehre hatte immer wieder
Wahrheit unterliegt als solche keiner Entwicklung und keiner Verände- Rätsel aufgegeben. Seit der aristotelischen Platonkritik gilt in der gesamten
rung. Zwar wird sie immer nur unter den Bedingnngen derartiger Prozesse Tradition das, was man heute mit dem Namen der Ideenlehre bezeichnet,
gesucht und gefunden. Doch sie läßt sich niemals aus ihnen begründen. als systematischer Angelpunkt von Platons Denken. In Platons überliefer-
Die Ergebnisse der genetischen Erforschung von Platons Werk fallen tem Werk ist von Ideen jedoch in sehr unterschiedlichem Sinne die Rede.
daher nicht zufällig um so überzeugender ans, je weniger man bei ihrer Man hat sogar schon daran gezweifelt, ob wirklich immer von derselben
Begründung anf den Wahrheitsanspruch der in diesem Werk direkt oder Sache die Rede ist, wenn bei Platon die Idee zum Thema der Erörterung
indirekt mitgeteilten Gedanken rekurrieren muß. Ein gutes Beispiel hierfür gemacht wird. Man muß indessen berücksichtigen, daß von der Idee nicht
bietet der Erfolg der sprachstatistischen Methoden. Gerade die Ergebnisse nur dort die Rede ist, wo sie thematisiert wird. Oft wird sie bei Gelegenheit
der Sprachstatistik waren es, die schließlich zu einem Konsens hinsichtlich der Erörterung anderer Themen nur erwähnt. Oft ist gerade an solchen
der relativen Chronologie von Platons Schriften geführt haben. Zwar kann Stellen von ihr überhaupt nicht die Rede, wo man ihre Thematisierung oder
man nicht jedem einzelnen Werk einen eindeutig bestimmten Platz in einer wenigstens ihre Erwähnung erwarten würde; dort stellt sich dem Interpre-
Entwicklungsreihe zuweisen. Doch man kann die meisten Werke auf ten die Frage, ob an solchen Stellen nicht doch vielleicht implizit von ihr die
eindeutige Weise bestimmten Gruppen zuordnen, deren zeitliche Folgeord- Rede ist. Schließlich gibt es aber auch Stellen, an denen die Ideenannahme
nung nicht mehr streitig ist. Dieser Konsens wurde schon zu einer Zeit kritisiert wird. Unter diesen Umständen bot sich der Versuch an, mit Hilfe
erreicht, als die Anwendung statistischer Methoden in den historisch und entwicklungsgeschichtlicher Hypothesen jene Differenzen zu erklären und
philologisch orientierten Wissenschaften noch kaum gebräuchlich war. Die die mit ihnen verbundenen Schwierigkeiten aufzulösen.
Ergebnisse, auf die sich der Konsens stützt, sind freilich mit Hilfe von sehr Viele Anhänger hat eine Deutung der philosophischen Entwicklung
elementaren Methoden erreicht worden. Das spricht indessen nicht gegen Platons gefunden, die eine gleichsam ideenfreie Position an den Anfang
die Verläßlichkeit ihrer Begründung. setzt. Schwierigkeiten, die sich auf dieser Stufe ergeben, führen dann über
Die Sprachstatistik hatte Hänfigkeitsverteilungen vor allem von Parti- einige Zwischenstufen zur Konzeption der Ideenlehre. Da diese Lehre aber
keln nnd von jenen knappen Wendungen festgestellt, .mit denen im Dialog trotz einiger Modifikationen, die sie sich gefallen lassen muß, selbst immer
die Zustimmung zu einer These oder ihre Ablehnung signalisiert oder aber wieder zu Schwierigkeiten führt, verzichtet Platon schließlich auf die
die Antwort auf eine Entscheidungsfrage gegeben wird. Auf diese Häufig- Ideenannahme und erprobt an ihrer Stelle andere Denkansätze. - Diesem
keitsverteilungen ließ sich dann die Znsammenfassung von zeitlich zusam- Entwicklungsschema wird man eine gewisse Plausibilität nicht absprechen
mengehörigen Werken zu Gruppen begründen. Man kann die Methoden können. Denn es sieht so aus, als könnte man die einzelnen Stufen dieser
und die Ergebnisse dieser elementaren Sprachstatistik nicht gut deswegen Entwicklung jeweils mit bestimmten Gruppierungen von Werken, wie sie
kritisieren, weil das Material der statistischen Analyse aus Ausdrücken sich auf der Grundlage der sprachstatistischen Forschung ergeben, in
besteht, die für sich nicht als Träger inhalts bezogener Bedeutung fungieren. Zusammenhang bringen. Die Vorstellung von einer Entwicklung Platons,
Gerade deswegen kann ja die statistische Analyse im Bereich des Faktischen die zunächst zur Ideenlehre hin, später aber auch wenigstens ein Stück weit
86 Das geschriebene Werk § 5: Platons Ent\Vicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 87

wieder von ihr wegführt, gehört heute fast schon zum Gemeingut der um Platons Dialoge geht. Unter diesen Umständen sollte man den relativen
Platonforschung. Denn es scheint, als ließe sich wenigstens genetisch ein Wahrheitsgehalt einer Platondeutung würdigen, die wie die Deutung
Zusammenhang in Platons Denken aufweisen, der sich mit rein systema- Schleiermachers auf der Vorstellung einer didaktisch motivierten Gesamt-
tisch orientierten Analysen allein offenbar nicht herausarbeiten läßt. konzeption basiert. Scheinbare Lehrdifferenzen in Platons Werken lassen
Diesem genetischen Schema liegen Voraussetzungen zugrunde, deren sich unter dieser Voraussetzung überraschend einfach erklären. Gewiß
man sich als solcher zumeist gar nicht bewußt ist. Dazu gehört auch die kann man eine didaktisch orientierte Deutung ad absurdum führen, wenn
Annahme, daß es eine Ideenlehre im Sinne einer Theorie, die diesen Namen man sie allzu rigide durchführt. Platon hat schwerlich sein Leben als
verdient, wirklich gegeben hat. Unstreitig ist die Ideenvorstellung ein Denker nur damit verbracht, eine von Anfang an feststehende philosophi-
Bezugspunkt von Platons Denken, den niemand, der Platon zu verstehen sche Konzeption mit Hilfe von anspruchsvollen Literaturformen Stück für
sucht, vernachlässigen kann. Eine Ideenlehre im Sinne einer in sich Stück darzustellen und zu propagieren. Trotzdem darf man nicht anneh-
geschlossenen Theorie hingegen wird auch in den Dialogen, die man für men, daß er, wenn er ein Thema behandelt, immer alles das sagt, was er zu
diese Lehre gern in Anspruch nimmt, nirgends im Zusammenhang vorge- diesem Thema sagen könnte. Die didaktische Deutung hat jedenfalls die
tragen. Was man dort findet, sind Fragen, Behauptungen, Andeutungen, Möglichkeit, anes Gesagte auf etwas zurückzubeziehen, was von Platon -
Erwähnungen, Gleichnisse, Hinweise auf scheinbare Selbstverständlichkei- aus welchen Gründen auch immer - selbst nicht mehr gesagt wird. Auch
ten. Es mag sein, daß diese Dinge der Sache nach nur auf der Basis einer die Schriftkritik läßt es ratsam erscheinen, stets mit dieser Möglichkeit zu
umfassenden Theorie verständlich gemacht werden können. Doch eine rechnen.
solche Theorie wäre ihrem Status nach in jedem Fall eine Rekonstruktion Trotz allem wird man bei der Deutung Platons auf den Entwicklungsge-
des Interpreten. Man tut daher gut dar an, auch solche Deutungsmöglich- danken nicht verzichten können. Seine Anwendung bleibt aber äußerlich,
keiten zu berücksichtigen, die nicht darauf aus sind, von jeder expliziten solange sie keine Beziehung zwischen der Entwicklung eines Denkers und
oder impliziten Erwähnung der Ideenannahme aus auf die Existenz einer der immanenten Konsequenz seiner Gedanken sichtbar macht. Entwick-
entsprechenden Theorie im Bewußtsein Platons zu schließen. lung ist im Bereich des Denkens kein gleichsam naturhaft ablaufender
Auch im Detail führt das erwähnte Entwicklungsschema zu Schwierig- Prozeß, sondern das Resultat einer spezifischen Arbeit. Wer in der Entwick-
keiten. Das gilt vor anem im Hinblick auf die dem Spätwerk Platons lung eines Denkers verschiedene Stadien unterschei,let, darf sich nicht
zuzurechnenden Dialoge. Eine Schlüsselstellung nimmt auf jeden Fall der damit begnügen, die Folgeordnung dieser Stadien darzustellen. Er muß
"Parmenides" ein, also der Dialog, der in seinem ersten Teil die Ideenan- auch eruieren, wie in jedes Stadium das Resultat einer Auseinandersetzung
nahme einer radikalen Kritik unterzieht. Im "Timaios", also einem Werk, mit dem vorhergehenden Stadium eingeht. Im Bereich des Denkens kann
das unzweifelhaft später entstanden ist als der "Parmenides", wird aber man noch nicht einmal fiktiv die Entwicklung eines Denkers und seine
von der Ideenannahme wieder in einer Weise Gebrauch gemacht, als hätte Stellungnahme zu ihr voneinander trennen. Jede ernst zu nehmende Ent-
es jene Kritik nie gegeben. Für den Vertreter der genetischen Deutung ist es wicklung in diesem Bereich wird vom Subjekt dieser Entwicklung mitge-
schwer, sich darauf einen Reim zu machen. Angesichts der aristotelischen staltet. Kein Denkender hat die Möglichkeit, aus diesem Zusammenhang
Kritik an der Philosophie Platons wird man die Bedeutung der Ideenan- herauszutreten und sich gleichsam neben ihn zu stellen. Zielt nun aber
nahme im "Timaios" auch nicht gut relativieren können. Aristote1es hätte Platons Philosophieren, wie es schon die Schriftkritik nahelegt, auf Formen
schwerlich mit solcher Hartnäckigkeit die Ideenannahme bekämpft, wäre des Wissens, die nicht ohne Rest in einen Text eingehen, so ergeben sich
sie bereits für den alten Platon obsolet gewesen. daraus zusätzliche Schwierigkeiten für jeden Versuch, seine philosophische
Auch wer entwicklungsgeschichtlich orientierte Fragestellungen verfolgt, Entwicklung nachzuzeichnen. Der über Platons Entwicklung bislang
wird nicht gut darauf verzichten können, die Form von Platons Schriften zu geführten Debatte liegt indessen zumeist eine zu vordergründige Auffas-
berücksichtigen. Gerade er muß der Tatsache gerecht werden, daß Platon sung davon zugrunde, was als der Kern seiner Philosophie anzusehen ist.
in diesen Werken nirgends im eigenen Namen Theorien vorträgt, für deren Auch wenn es um genetische Fragen geht, muß man der Eigengesetzlich-
Richtigkeit er sich stark macht. Platons Dialoge sind keine Werke, die den keit jener Welt gerecht zu werden suchen, die in Platons Dialogen auf der
jeweils neuesten Stand der Überlegungen ihres Autors darstellen müßten. Ebene der literarischen Fiktion entworfen wird. Denn es geht nicht nur um
Es wird nicht notwendig durch den Mund einer der Dialogfiguren immer die Entwicklung, die Platon selbst durchlaufen hat. Es geht zugleich um die
alles das gesagt, was der Autor zu dem jeweils behandelten Thema hätte Entwicklung, die er die von ihm gestaltete Sokratesfigur durchlaufen läßt.
sagen können. Argumenta e silentio, die bei genetisch orientierten Untersu- Diese Entwicklung enthält eine Fülle deiktischer Mitteilungen, die man bei
chungen sonst unentbehrlich sind, haben daher wenig Beweiskraft, wenn es der Platondeutung nicht vernachlässigen sollte. Es empfiehlt sich, ange-
88 Das geschriebene Werk § 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 89

sichts dieser von Platon dargestellten Entwicklung die Frage nach dem jedem Falle möglich, die relative zeitliche Ordnung jedes beliebigen Paares
Entwicklungsgang des historischen Sokrates auf sich beruhen zu lassen. von Dialogen anzugeben. Trotzdem kann man auch im Bereich dieser
Ebenso sollte man zunächst die Frage nach möglichen Parallelen zwischen fiktiven Chronologie Dialoge zu Gruppen zusammenfassen.
Platons eigener Entwicklung und der dargestellten Entwicklung des Sokra- Die fiktive und die reale Chronologie der Dialoge hängen natürlich nicht
tes ausklammern. Denn man muß sogar mit der Möglichkeit rechnen, daß voneinander ab. Eben deswegen verdient aber die fiktive Chronologie ein
Platon mit der dargestellten Sokratesentwicklung seine eigene Entwicklung größeres Maß an Aufmerksamkeit, als ihr bislang in der Platonforschung
gelegentlich auch konterkariert. Wenn Platon als Denker hinter dem von zuteil geworden ist'. In jedem Fall ist die zeitliche Placierung des einzelnen
ihm gestalteten Werk verschwindet, so gilt dies jedenfalls in besonderem Gesprächs durch eine Intention des Autors gedeckt. Diese Placierung dient
Maße von seiner philosophischen Entwicklung. überdies in manchen Fällen als Medium indirekter Mitteilungen: Auch
Spricht man von Sokrates und seiner Entwicklung, so wird man zunächst durch die fiktive Datierung des dargestellten Gesprächs kann etwas ange-
an die Darstellung denken, die er im "Phaidon" von seinem Weg in die deutet oder gezeigt werden, was nicht eigens gesagt wird.
Philosophie gibt (96aff.). Doch diese Darstellung ist für die Platondeutung Differenzierungen werden im Bereich der fiktiven Chronologie im Hin-
nicht ganz so ergiebig wie es zunächst erscheinen mag. Die durch das blick auf die Rahmengespräche nötig. Hier muß man auch auf der fiktiven
Interesse an der Naturphilosophie bestimmte Periode am Anfang von Ebene mehrere Zeitstufen unterscheiden. Es kann sich dabei um Intervalle
Sokrates' Entwicklung ist nnr eine Folie, vor der sein weiterer philosophi- von sehr unterschiedlicher Dauer handeln. So liegt beispielsweise zwischen
scher Weg deutlichere Konturen bekommt. Als solche ist sie sonst nirgends dem Gespräch, von dem Sokrates in der "Politeia" berichtet und dem
sicher greifbar, es sei denn im Sinne einer längst überwundenen Vorausset- Bericht selbst nur ein Tag (vgl. 327a). Zwischen dem Rahmengespräch des
zung. Die Selbstdarstellnng des platonischen Sokrates im "Phaidon" gehört "Theaitetos" und dem Gespräch selbst liegen dagegen einige Jahrzehnte
zwar zu den wichtigsten Quellen für unsere Kenntnis der vorsokratischen (vgl. 142aff). Die sich durch die Existenz von Rahmengesprächen ergeben-
Philosophie. Doch sie sagt in erster Linie etwas darüber aus, wie sich den Zeitstufen sind freilich zumeist von sekundärer Bedeutung. Maßge-
Sokrates gegenüber dem Denken der Vorsokratiker abgrenzt. Diese bend bleibt die Zeit, zu der das erzählte oder dargestellte Gespräch spielt.
Abgrenzung wird durch die Flucht in die Logoi und durch die Ideenan- Entsprechendes gilt für die Fälle, in denen innerhalb eines Dialogs über ein
nahme markiert. Damit degradiert Sokrates die naturphilosophisch orien- vergangenes Gespräch berichtet wird. Auf diese Weise wird beispielsweise
tierte Phase der Philosopbie zur Vorgeschichte. Seine Abwendung von ihr das Diotimagespräch in das "Symposion" eingefügt (vgl. 201dff.).
motiviert er durch die Vergeblichkeit des Versuchs, dort eine Antwort auf Die im Sinne der fiktiven Chronologie spätesten Werke spielen unmittel-
die Frage nach dem Guten zu finden. Im Sinne der realchronologischen bar vor dem Tod des Sokrates. Hier gibt es sogar eine eindeutige Reihen-
Ordnung, also der zeitlichen Ordnung, in der Platons Dialoge entstanden folge: "Euthyphron" - "Apologie" - "Kriton" - "Phaidon". Unmittelbar
sind, ist der "Phaidon" der früheste Dialog, in dem die Ideenannahme als vor diesen Werken des Abschieds sind, in dieser Reihenfolge, die Dialoge
solche thematisiert und expliziert wird. Gerade hier läßt Platon aber "Theaitetos" - "Sophistes" - "Politikos" zu placieren. In zweien dieser
Sokrates diese Annahme so einführen, daß sie nicht als etwas Neues drei Dialoge fungiert Sokrates fast nur noch als Zuhörer. Durch diese Regie
erscheint, sondern als etwas Altes und längst Vertrantes, dessen Ursprung wird er gleichwohl nicht von der in diesen Dialogen erörterten Thematik
in einer sehr frühen, weit zurückliegenden und selbst den Freunden kaum distanziert. Im Gegenteil: Er ist es, der das Thema stellt und seinen Sinn
vertrauten Phase seiner philosophischen Entwicklung gesucht werden muß. erläutert (Soph. 217a). - Nicht alle Dialoge lassen sich auf der fiktiven
Will man die Entwicklung nachzeichnen, die Platon den von ihm gestal- Ebene einigermaßen genau datieren. Immerhin gibt es Dialoge wie den
teten Sokrates durchlaufen läßt, so muß man der Tatsache Rechnung "Menon ", der zu einer Zeit spielt, zu der Sokrates mit Sicherheit bereits im
tragen, daß die Dialoge auf der Ebene der literarischen Fiktion stets zu höheren Alter stand; .andere Dialoge wie der "Protagoras" oder der "Char-
einem bestimmten Zeitpunkt spielen. Zwar läßt sich dieses fiktive Datum mides" spielen zur Zeit der Mitte seines Lebens. Die nach dem Prinzip der
nur in Ausnahmefällen kalendarisch genau bestimmen. Trotzdem kann fiktiven Chronologie aufgestellte Reihe endet schließlich beim "Parmeni-
man im Regelfall eine Zeitspanne angeben, in die das fiktive Datum fällt. des". Hier ist es ein ganz junger Sokrates, der mit Zenon und mit dem alten
Darauf beruht die Möglichkeit, die Dialoge in eine Ordnung im Sinne einer Parmenides den ersten Teil des Gesprächs bestreitet. Sieht man von den
fiktiven Chronologie auf der Basis der in ihnen dargestellten Zeit zu fügen.
Freilich kann man hier ebensowenig eine eindeutige lineare Ordnung
1 Eine Ausnahme bildet E. Munk, Die natürliche Ordnung der platonischen Schriften,
rekonstruieren wie im Bereich der Realchronologie, in der es um die 1857. Sein Verdienst ist es, die Bedeutung der fiktiven Chronologie erkannt zu haben. Nicht
_Entstehungszeit der Dialoge als literarischer Werke geht. Es ist nicht in haltbar ist dagegen sein Versuch, fiktive und reale Chronologie zu parallelisieren.
90 Das geschriebene Werk
§ 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 91

.Gesetzen" ab , in denen Sakrates nicht auftritt, so. wird das Werk Platans,
falgt man der Ordnung der fiktiven Chronalagie, vam .Parmenides" und
verteidigen lassen. Wenn er sich trotzdem entschließt, den ga~z j~ngen
Sakrates mit diesen Argumenten zu kanfrontieren, so. hegt dann fur Ihn
vom "Phaidon" eingerahmt. auch ein Stück Selbstinterpretatian. Auf diese Weise wird nämlich das, was
Unter den Placierungen der Dialage nach der fiktiven Chronalagie ist für der auf der dramatischen Ebene ältere Sakrates in den var dem .Parmem-
die Deutung van Platons Denken var allem die EcksteIlung des .Parmeni- des" entstandenen Werken zugunsten der Ideenannahme varbringt, nicht
des" wichtig. Die Dialagregie, die in einem dreistufig eingerahmten nur nicht widerrufen, sandern im Gegenteil geradezu bestätigt. Mittels der
Gespräch einen ganz jungen Sakrates auftreten läßt, wird nach nicht Gestaltung der fiktiven Chronalagie wird ja diesem älteren Sakrates nach-
hinreichend verständlich, wenn man Platan nur die Absicht unterstellt, eine träglich die Kenntnis der Ideenkritik unterstellt. Damit ist der Deutung der
histarisch zwar nicht ganz unmögliche, aber eben dach sehr unwahrschein- Ideenannahme in den vor dem "Parmenides" entstandenen Dialogen dIe
liche Begegnung zwischen Sakrates und .dem Begründer der eleatischen Richtung gewiesen: Die zu ihren Gunsten vargetragenen Reden müs~en
Schule deswegen zu inszenieren, weil Sakrates mit dem Traditiansgut eben dann, geht man van der Pasitian des älteren Platan ans, ~o mterpretiert
dieser Schule kanfrontiert werden sall. Eine salche Absicht hätte auch auf werden daß sie durch die im .Parmenides" vargetragene Kntik mcht mehr
zwanglasere Weise erreicht werden können. Das beweist var allem die im getroff;n werden, weil Sakrates nunmehr unterstellt wird, daß ihm .diese
.Saphistes" und im .Palitikas" auftretende Gestalt des eleatischen Argumente bereits bekannt waren. Das Entsprechende gIlt. dann naturhch
Fremden. anch für Platans Frühwerk, insafern dart dem ahne ausdruckhchen Bezug
Die Eckstellung des .Parmenides" in der Ordnung der fiktiven Chrona- auf die Annahme van Ideen agierenden und argumentierenden Sakrates die
lagie wäre nicht so. auffällig, nähme dieser Dialag unter den Werken Vertrautheit mit dieser Annahme nachträglich unterstellt wird.
Platans nicht auch inhaltlich eine Sanderstellung ein. Gerade in diesem Die Umstände unter denen Platon im .Parmenides" die Ideenannahme
Dialag wird ja die Ideenannahme einer eingehenden Kritik unterzogen. Ein und die Argume~te gegen sie vartragen läßt, desavauieren jed"n Versuch,
großer Teil der van Aristateles und seit Aristateles gegen Platan und die in diesem Dialag einen Widerruf van etwas zu fmden, was fruher emmal
Ideenannahme vargetragenen Einwände findet sich bereits im "Parmeni- mit dem Anspruch auf Wahrheit behauptet worden wäre. Unter dIesen
des". Manche Interpreten neigen einer Deutung zu, die im "Parmenides" Umständen erscheint dann aber auch die Tatsache in einem neuen LIcht,
das Dakument einer Abkehr Platans van der Ideenannahme und damit daß Sakrates stets auf sehr vorsichtige Weise van den Ideen spricht und
einer Krise in Platans Entwicklung sieht. Wer diese Deutung für richtig niemals eine Ideenlehre die diesen Namen verdiente, im systematischen
hält, müßte aber kansequenterweise die Dialagregie des .Parmenides" und Znsammenhang entwickelt. Für das Verständnis der Ideenannahme. ist
seine Placierung in der fiktiven Chronalagie für völlig mißraten halten. Es jedenfalls der Gebrauch, den Sakrates de facta va.n Ihr macht, mcht
wäre sehr befremdlich, gerade den ganz jungen Sakrates mit Argumenten weniger wichtig, als es die Argumente smd, dIe er zu Ihrer RechtfertIgung
gegen die Ideenannahme zu kanfrontieren, wenn damit die Abkehr des
varträgt. . ' .
Dialagantors van dieser Annahme daknmentiert werden sallte. Anf der Nicht nur die fiktive Chronalagie spricht gegen Jede Deutung, dIe Im
Ebene der literarischen Fiktian führte es zu einer gtaben Unstimmigkeit, Parmenides" eine Abkehr Platans van der Ideenannahme diagnastizieren
wenn Sakrates bereits als ganz junger Mann mit Argumenten gegen eine ~u können glaubt. Auch innerhalb dieses Dialags wird nämlich vor einem
Lehre ausgestattet würde, die er später im reifen Alter ganz unbekümmert vorschnellen Verzicht auf die Ideenannahme gewarnt. Nachdem Parmem-
durch eine solche Kritik vertreten wird. In den vor dem "Parmenides-' des die Argumente gegen die Ideenannahme vargetragen hat, ermahnt er
entstandenen Dialagen hat sich Sakrates bereits viel zu eindeutig mit der Sokrates, man dürfe sich nicht mit der Betrachtung der Kansequenzen
Ideenannahme und mit ihrer Unverzichtbarkeit identifiziert, als daß Platan begnügen, die sich unter einer bestimmten Voraussetzung ergeben; man
gerade ihn - dazu nach in einer sehr frühen Phase seiner Entwicklung - auf müsse auch die Kansequenzen aus der entgegengesetzten Varaussetzung
glaubwürdige Weise so. eng mit einem Verzicht auf diese Annahme in berücksichtigen (vgl. 135e). Es ist also. gerade der Kritiker der Ideenan-
Verbindung hätte bringen können. Die dramatischen Techniken, über die nahme der davar warnt, auf diese Annahme zu verzichten. Denn varerst ist
Platon verfügte, hätten es ermöglicht, eine Abkehr van der Ideenannahme nach ~nausgemacht, ab sich derjenige, der keine Ideen annimmt, nicht in
auf zwanglasere und glaubwürdigere Weise zu inszenieren. Die Einheit der noch größere Schwierigkeiten verstrickt als sein K?ntrahent .. Auch damu Ist
Sakratesgestalt hätte dabei nicht angetastet werden müssen. ein Hinweis darauf gegeben, welche FunktIOn dIe Ideenkntik zu erfullen
Sehr wahrscheinlich hat Platan die im .Parmenides" vorgetragenen hat.
Argumente gegen die Ideenannahme erst gefunden, nachdem er Sakrates Parmenides geht mit der Ideenannahme wie mit einer Hypath~se um.
diese Annahme in einer Reihe van Dialagen bereits hatte erproben und Dach darin ist durchaus nicht das Zugeständnis enthalten, daß es SICh hIer
92 Das geschriebene Werk § 5: Platons Entwicklung und die fiktive Chronologie der Dialoge 93

um eine Hypothese handelte, die zur freien Disposition des Untersuchers Selbstdarstellung schildert, wird die Hypothesis der Idee immer auch im
stünde. Der Versuch, mit der Ideenannahme wie mit einer gewöhnlichen Blick auf den Gebrauch erörtert, den man sinnvollerweise von ihr machen
Hypothese umzugehen, soll ja gerade ans Licht bringen, warum diese kann. Hier handelt es sich um einen Sokrates, der Lektionen von der Art,
Annahme vor allen denkbaren Hypothesen eine Sonderstellung einnimmt. wie sie ihm im "Parmenides" erteilt werden, bereits gelernt hat.
Denn sie ist eine Voraussetzung vernünftigen Redens überhaupt, nnabhän- Sicher ist der Text des "Parmenides l ' später entstanden als der des
gig von seinem jeweiligen Inhalt (vgl. 135b). Als solche läßt sie sich gar "Phaidon". Doch wenn Platon im "Parmenides" den ganz jungen Sokrates
nicht ernstlich znr Disposition stellen. Doch gerade deswegen ist nicht nur mit der Ideenkritik konfrontiert, so gibt er damit zugleich zu verstehen, daß
ihr Inhalt von Bedeutung, sondern auch der Gebrauch, den man von ihr inhaltlich nichts von dem zurückgenommen zu werden braucht, was er
macht. Sokrates vertritt im "Parmenides" nicht etwa eine falsche Sokrates im "Phaidon" als letztes Wort zu der Ideenannahme hat sagen
Annahme. Er kann von der Annahme nur noch nicht den richtigen lassen. "Phaidon" und "Parmenides" unterscheiden sich im Hinblick auf
Gebrauch machen. Nur deswegen steht er der von Parmenides geübten die Ideenannahme nicht so, wie sich die Bejahung eines Satzes von seiner
Kritik so hilflos gegenüber. Parmenides bleibt Sokrates gegenüber in der Verneinung unterscheidet. Diese bei den Eckdialoge in der Ordnung der
Kunst des Umgangs mit der Ideenannahme überlegen. Auch in seinen fiktiven Chronologie sind mehr durch den Gebrauch unterschieden, der in
Augen liegt Sokrates' "Fehler" nicht so sehr im Inhalt seiner Annahme, ihnen von der Ideenannahme gemacht wird. Im "Parmenides" will Sokrates
sondern in seiner mangelnden Fertigkeit, mit ihr angemessen umzugehen. die Ideenannahme zu einer Theorie entfalten. Im "Phaidon" arbeitet er
Deswegen empfiehlt er ihm, sich in einschlägiger Weise zu üben'. Der zwar mit der Ideenannahme und er reflektiert auch auf diese seine Arbeit
zweite Teil des "Parmenides" dient auch als Muster für derartige Übungen. mit ihr. Aber er enthält sich des Versuchs, den Inhalt seiner Annahme zum
Die Empfehlung des Parmenides muß aber auch unter dem Gesichtspunkt Gegenstand einer Theorie zu machen. Was der "Parmenides" enthält, ist
der fiktiven Chronologie betracbtet werden. Sie weist nämlich der weiteren daher weniger eine Selbstkritik als eine Selbstinterpretation Platons. Er
Entwicklung des Sokrates die Richtung. Der älter gewordene Sokrates wird zeigt, auf welche Weise man mit den Ideen jedenfalls nicht umgehen darf
nämlich über die Übung verfügen, die ihm in selner Jugend in der Auseinan- und läßt nicht zufällig den ganz jungen Sokrates die entsprechenden
dersetzung mit Parmenides offensichtlich noch gefehlt hat. Das gilt der Einsichten gewinnen.
Sache nach natürlich auch im Hinblick auf die Dialoge, die vor dem Interferenzen zwischen der realen Ebene des Textes und der fiktiven
"Parmenides" entstanden sind, gleichgültig, ob in ihnen explizit von der Ebene der durch ihn dargestellten Wirklichkeit treten nicht nur im Bereich
Ideenannahme Gebrauch gemacht wird oder nicht. der Chronologie auf. Ein anderer Bereich ist beispielsweise derder Schrift-
Von hier aus kann man eine Verbindungslinie zum anderen Eckdialog in lichkeit selbst. Mit Hilfe der Dialogform soll, wie gezeigt worden ist,
der Ordnung der fikriven Chronologie, nämlich zum "Phaidon" ziehen. Im "wenigstens auf der Ebene der literarischen Fiktion das Prinzip der Münd-
"Phaidon" wird deutlicher als in jedem anderen Dialog das hypothetische lichkeit realisiert und damit die Schriftlichkeit des Textes neutralisiert
Moment der Ideenannahme akzentuiert (vgl. 100aff.). Das einschlägige ;;"~~d~n.Gerade deswegen verdienen die Stellen besondere Aufmerksam-
Stück des Dialogs wird dnrch die Darstellung eingeleitet, die Sokrates von keit, an denen sich die Schriftlichkeit auch auf der dramatischen Ebene
seiner Entwicklung gibt (96afl.): Unter allen Naturphilosophen schien ihm meldet: Kein Dialog ist es, der den Rahmen der Auseinandersetzung mit
Anaxagoras den Vorrang zu verdienen. Dem von ihm eingeführten Geist- Anaxagoras abgibt, von der Sokrates im "Phaidon" berichtet, sondern die
prinzip schien eine Erklärungskraft zn eignen, wie sie keinem der von den Bekanntschaft mit seinem Buch (97b). Im "Parmenides" ist es Zenons
anderen Naturphilosophen aufgestellten Prinzipien znkam. Doch die Theo- Buch, das den Ausgangspunkt der weiteren Erörterungen bildet (127c). Im
rie des Anaxagoras leistet nicht, was sie zu leisten verspricht. Die von "Phaidros" wird die Rede des Lysias vorgelesen (230eff.). Das in den
Sokrates an Anaxagoras geübte Kritik ist denn auch nicht inhaltlich, "Nomoi" geführte Gespräch ist selbst ein Musterbeispiel für die Literatur,
sondern funktional orientiert. Sie bezieht sich auf den unangemessenen die dem Unterricht der Jugend zugrunde gelegt werden soll (811d.) .
Gebrauch, den Anaxagoras von seinem Prinzip macht (98c): Ebensowenig .. Es gibt aber auch einen ganzen Dialog, nämlich den "Theaitetos", der
wie seine Vorgänger kann er auf der Grundlage seines Prinzips die Frage nicht nur als Platons Werk, sondern auch in der literarischen Fiktion in
nach dem Guten beantworten. Damit ist zugleich klar, unter welchem schriftlicher Gestalt vorliegt. Dies ergibt sich aus der Gestaltung des
Kriterium die von Sokrates eingeführte Ideenannahme beurteilt werden Rahmengesprächs. Im Gegensatz zu den anderen Rahmendialogen, die alle
muß. Auf der Zweiten Fahrt, wie sie Sokrates dann im Rahmen seiner mündlich berichtet werden, wird der "Theaitetos" von einem Sklaven
vorgelesen, der sonst überhaupt nicht in Erscheinung tritt und auch am
l YVflvaCco{}m, YVflvaota, vgl. Parm. 135cff, Rahmengespräch selbst nicht beteiligt ist (143al.). Wie im Rahmenge-
94 Das geschriebene Werk

spräch gesagt wird, soll Sokrates sogar immer wieder um Auskunft über
Einzelheiten des Gesprächs gebeten worden sein. Eukleides, der fiktive
Verfasser, will auf dieser Grundlage den Text immer wieder revidiert
hab~? Jedenfall~ glaubt er sich für den Wortlaut des Gesprächs verbürgen
zu kannen. Irome ganz eigener Art hegt vor, wenn gerade der "Theaitetos"
z~ zeigen unternimmt, daß die Erkenntnis, deren Wesen hier gesucht, aber Zweites Kapitel: Die Ideen und ihre Funktion
mcht gefunden wird, nicht nur nicht in der Wahrnehmung zu finden ist,
sondern ~bensowemg m GebIlden von der Art der richtigen Meinung. Denn
gerade die Memung Ist Ja durch ihre Fähigkeit charakterisiert in schriftlich § 6: Zum Problem der Ideenlehre
fixierbaren Sätzen ausformuli~rt we~den zu können. In derar:igen textfähi-
gen GebIlden Ist dIe Erkenntms also Jedenfalls nicht zu finden. Das ist das- Man ist gewöhnt, in der Ideenlehre das Zentrum von Platons Philosophie
negative - Ergebnis eines auch in der dramatischen Fiktion selbst als Text zu sehen. Platonrezeption und Platonkritik fanden seit Aristoteles bis auf
vorliegenden Dialogs, der damit auf seine Weise das Resultat der Schriftkri- den heutigen Tag in ihr ihren wichtigsten Bezugspunkt. Auch die entwick-
tik bestätigt. lungsgeschichtliche Betrachtung der platonischen Schriften macht hier
keine Ausnahme. Die zentrale Stellung der Ideenlehre wurde durch sie nicht
angetastet. Zwar glaubten ihre Vertreter zeigen zu können, daß Platon
sicher nicht schon vom Beginn seines Philosophierens ab und vielleicht
auch nicht bis zum Ende seines Lebens von der Richtigkeit dieser Lehre
überzeugt war. Doch wenigstens seine Reifezeit blieb auch für sie durch die
Ideenlehre bestimmt. Damit hatten sich nun aber einige Probleme ergeben.
Es mußte der Weg nachgezeichnet werden, auf dem Platon zu dieser Lehre
gelangt war; ihre Vorstadien und ihre Wandlungen mußten erklärt werden;
schließlich mußte nach den Gründen gesucht werden, die Platon veranlaßt
haben mochten, von dieser Lehre Abstand zu nehmen und in seinem Alter
andere Denkansätze zu erproben.
An einer ganz anderen Stelle ergibt sich das Problem der Ideenlehre, das
hier erörtert werden soll. Man ist nämlich gewöhnt, mit der Ideenlehre wie
mit einer festen Größe umzugehen. Man gerät jedoch in Verlegenheit,
sobald man den Inhalt dieser Lehre präzise bestimmen soll. Das ist selbst
dann der Fall, wenn man sich auf die Werke einer bestimmten Entwick-
lungsperiode Platons beschränkt. Die Gründe hierfür liegen nicht nur in
Platons literarischer Technik, die ihn mitsamt den Theorien, die er für
richtig halten mochte, hinter den von ihm gestalteten Dialogfiguren zurück-
treten läßt. Denn auch aus dem Mund irgendeiner der von Platon gestalte-
ten Figuren vernimmt man nirgends eine systematische Darstellung der
Ideenlehre. Auch dk Sokratesfigur macht hier keine Ausnahme. Wo ist
dann aber diese Lehre zu finden? Wer sie sucht, findet natürlich in Platons
Werk eine Anzahl von Stellen, an denen von der Idee die Rede ist. Es
handelt sich um Perikopen, deren Umfang gemessen an Platons Gesamt-
werk bescheiden ist. Hier findet man Aussagen, die die Idee zum Gegen-
stand haben. Doch in manchen Fällen wird die Idee nicht thematisiert,
sondern nur - bei Gelegenheit von Aussagen über andere Gegenstände -
erwähnt. Manchmal mag die Idee auch nur Zielpunkt einer Andeutung
sein; in solchen Fällen ist es bereits eine Interpretationsfrage, ob die
-.-

96 Die Ideen und ihre Funktion § 6: Zum Problem der Ideenlehre 97

einschlägige Stelle wirklich eine Andeutung enthält. Schließlich kann die muß sich davor hüten, derartige Differenzierungen vorschnell zu nivellie-
Idee als Inhalt einer ausdrücklichen oder latenten Voraussetzung fungieren. ren. Denn die unthematischen Einstellungen repräsentieren gerade dort, wo
Eine Ideenlehre, die diesen Namen verdiente und die Aussagen über den es um die Idee geht, Formen des Wissens, deren spezifischer Gehalt nicht
logischen, den ontologischen und den axiologischen Status der Idee in gewahrt bleibt, wenn sich die thematisierende Reflexion auf eben diesen
systematischem Zusammenhang begründete, sucht man im Platontext Gehalt richtet. Wenn sich die Dinge aber so verhalten, dann muß das der
jedoch vergebens. Selbst ein griechisches Äquivalent für den uns so vertrau- Idee adäquate Wissen nicht notwendig ein thematisches Wissen sein. Ein
ten Ausdruck "Ideenlehre" fehlt im Bereich der unzweifelhaft echten unthematisches Wissen von der Idee mag zwar als solches zum Gegenstand
Schriften Platons'. einer Theorie gemacht werden. Doch auch dadnrch wird die Theorie nicht
Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, von welcher Sache derje- zum Medium des der Idee adäquaten Wissens. In solchen Zusammenhän-
nige eigentlich spricht, der Behauptungen über Platons Ideenlehre aufstellt. gen ist das Problem der Ideenlehre, von dem hier die Rede ist, zu suchen.
Was als begründete Behauptung über Platons Ideenlehre auftritt, ist seinem Dieses Problem spiegelt sich auch in einem Sachverhalt, der die Platon-
theoretischen Status nach nämlich sehr oft das Resultat einer Konstruktion, forschung immer wieder einmal beunruhigt hat. Gemeint ist die Inhaltsar-
einer Rekonstruktion oder einer Extrapolation. Dieser Fall liegt vor allem mut dessen, was gewöhnlich als platonische Ideenlehre bezeichnet wird.
dann vor, wenn man auf Grund bloßer Erwähnungen der Idee auf Behaup- Hier gilt nach wie vor die treffende Feststellung von P. Shorey: "Except in
tungen oder gar auf eine Theorie über sie zurückschließen zu können purely mythical passages, Plato does not attempt to describe the ideas any
glaubt. Eine Ideenlehre, die diesen Namen verdient, kann aber nur auf more than Kant describes the Ding-an-sich or Spencer the unknowable. He
solchen Aussagen basieren, die sich thematisch auf die Idee als auf ihren does not tell us what they are, but that they are.''' Die Textbefunde
Gegenstand richten. Eine bloße Erwähnung einer Sache oder eine auf sie vermögen diese Feststellung zu bestätigen. Das eigentliche Problem der
zielende Andeutung allein berechtigt noch niemanden dazu, dem Autor Ideenlehre liegt also weder in ihrer Genese noch in innertheoretischen
eine entsprechende Theorie oder auch nur eine auf die Ausarbeitung einer Schwierigkeiten oder Inkonsistenzen. Es zeigt sich vielmehr in der Verle-
solchen Theorie gerichtete Intention zuzuschreiben. Dergleichen leuchtet genheit dessen, der den Versuch unternimmt, den Inhalt dieser Lehre
sofort ein, wenn man es in abstracto auseinanderlegt. Ein Blick in die anzugeben. Daher ist es verständlich, wenn man versucht, diese Lehre, die
Platonliteratur zeigt jedoch, wie leicht es hier trotzdem zu Grenzüberschrei- in den Dialogen nun einmal nirgends im Zusammenhang entwickelt wird,
tungen kommt. Was als Platons Ideenlehre bezeichnet wird, ist oft nur eine im Umkreis von Platons ungeschriebenen Lehren zu suchen. In diese
Hilfskonstruktion des Interpreten, der die Aufgabe zukommt, bestimmte Richtung zielt das vielzitierte Diktum von W. Jaeger, es sei nur ein
Textbefunde zu erklären und zu einer systematischen Einheit zusammenzu- Notbehelf, wenn wir aus Mangel an anderen Quellen über Platons Ideen-
fügen. Sie läßt sich aber auch dann nicht als eine von Platon intendierte lehre aus seinen Dialogen Auskunft schöpfen'. Doch was die Beschäftigung
Theorie in Anspruch nehmen, wenn sie diese Aufgabe erfüllt. mit Platons ungeschriebenen Lehren auch an Ergebnissen gezeitigt hat, -
Man wird deswegen bei jeder Beschäftigung mit Platons Ideen gut daran das Problem der Ideenlehre ist auch auf diesem Weg nicht gelöst worden.
tun, den Status der Aussagen, auf die man sich stützt, ebenso genau zu Was ist dann aber von einer Theorie zu halten, deren Inhalt kaum greifbar
beachten wie den Status der Aussagen, deren man sich bei der Deutung ist? Hat diese Theorie überhaupt einen Inhalt, der über die Behauptung der
bedient: Eine Ideenlehre liegt nicht schon dort vor, wo einzelne Aussagen Existenz ihres Gegenstandes hinausgeht? R. C. Cross reagiert auf diese
über die Idee gemacht werden; eine Aussage über die Idee liegt nicht schon Schwierigkeiten mit einer radikalen Konsequenz, wenn er im Hinblick auf
dort vor, wo die Idee nur erwähnt wird; eine Erwähnung liegt nicht schon die Ideenlehre formuliert: "As a theory it is unworkable and in the strict
dort vor, wo die Idee allenfalls unausdrücklich vorausgesetzt wird. Hier and non-abusive use of the word largely meaningless. '" Derartige Feststel-
handelt es sich um unterschiedliche Reflexionsstufen und Einstellungen zur lungen bestätigen aber auf ihre Weise nur eine Einsicht Hegels. Er sah
Idee. Jede dieser Stufen kann freilich wieder als solche thematisiert und zum gerade in der Inhaltslosigkeit der platonischen Idee eines der Momente, die
Gegenstand von Aussagen und sogar von Theorien gemacht werden. Der den philosophischen Gedanken zwangen, in seiner Geschichte über Platon
Interpret von Platons Texten muß diesen Differenzen gerecht werden. Als hinauszugehen: "Die Inhaltlosigkeit, welche der platonischen Idee anklebt,
Interpret darf er beispielsweise unthematische Einstellungen zur Idee, die er
bei Platon vorfindet, als solche thematisieren. Weder für ihn noch für
1 P. Shorey, The Unity of Plato's Thought, 1903, S. 28.
Platon bedeutet dies jedoch schon eine Thematisierung der Idee selbst. Er
3 W. Jaeger, Studien zur Entstehungsgeschichte der aristotelischen Metaphysik, 1912, S.
140.
I Vgl. dagegen Ep. VI, 322d: ~ .Q)v etöiiJv aorp{a. 4 R, C. Cross, Logos and Forms in Plato, Mind 63, 1954, S. 433-450.

7 Wieland, Platon
98 Die Ideen und ihre Funktion § 6: Zum Problem der Ideenlehre 99

befriedigt die reicheren philosophischen Bedürfnisse unseres heutigen Gei- Gemeintem zu ziehen ist. Besonders die Wirkungsgeschichte des "Timaios"
stes nicht mehr. "5 bietet gute Beispiele hierfür. Doch das "eigentlich" Gemeinte, das man
Platon legt in der Tat eine auffallende Zurückhaltung an den Tag, wenn sucht, ist in Platons Dialogen nirgends im Klartext zu finden'. Wer eine
die Idee in den Dialogen in den Umkreis der Erörterungen emtntt. WIe 1st Metapher aufgelöst zu haben glaubt, sieht sich sogleich mit einer neuen
diese Zurückhaltung zu deuten? Hält Platon etwas zurück, was er, wenn er Metapher konfrontiert. Hier zeigt sich kein Ausweg, der zu einer Theorie
nur wollte, eine seiner Dialogfiguren sagen lassen könnte? Oder hat er alles nichtdinglich verstandener Ideen führte.
ausgedrückt, was ihm auszudrücken möglich war? An der Antwort auf Selbst wenn man auf alle anschauungsbezogenen Ausdrücke gänzlich
solche Fragen entscheidet sich, ob und gegebenenfalls in welchem Smn man verzichten könnte, wäre dadurch noch nicht die Möglichkeit einer unge-
von einer Ideenlehre Platons sprechen darf. Gesetzt den Fall, man könnte genständlichen Auffassung der Idee garantiert. Geht es nämlich um die
zeigen, daß die Idee von Hause aus immer nur Bezugspunkt eines unthema- Frage nach dem dinglichen oder nichtdinglichen Charakter der Idee, so
tischen Wissens ist, dann könnte niemand die Idee erfassen, der SIe nur als kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob man sich anschaulicher oder
Gegenstand einer Lehre oder einer Theorie intendie.rt. Man könnte zw~r vielleicht unanschaulicher Prädikate bedient, wenn man eine Aussage über
eben diesen Sachverhalt zum Gegenstand einer Theone machen, um Ihn mIt die Idee macht. Den ersten und wichtigsten Schritt zu ihrer Verdinglichung
ihrer Hilfe zu erklären. Man leistete aber nur einer Verwirrung Vorschub, hat man nämlich schon getan, wenn man sie überhaupt zum Subjekt einer
wenn man einer solchen der Reflexionsstufe zugehörigen Theorie den Aussage gemacht hat. Die vielberufene Vergegenständlichung der Idee ist
Namen der Ideenlehre beilegte. Denn eine solche Theorie der Reflexions- daher zunächst einmal ein logischer Sachverhalt. Man macht sich die hier
stufe braucht die Einsicht, auf die sie reflektiert, nicht selbst zu enthalten. auftauchenden Schwierigkeiten leicht klar, wenn man berücksichtigt, daß
Platon habe in der Idee etwas zu einem Gegenstand hypostasiert, was den Ideen im Bereich sprachlicher Ausdrücke immer nur Prädikate zuge-
von Hause aus gar nicht als Gegenstand verstanden werden dürfe. Das ist ordnet sind. Mit Hilfe von Prädikaten formuliert man mit Leichtigkeit
der Tenor eines Einwandes, der seit AristoteIes immer wieder gegen Platon Aussagen; es ist jedoch schwierig, über ein Prädikat als solches eine
erhoben wird. Darauf wird dann gern erwidert, Platons ursprüngliche korrekte Aussage zu formulieren, ohne die durch seine spezifische Funktion
Intentionen seien bereits verfehlt, wenn man die Idee verdingliche; in in der Aussage bestimmte Eigenart zu vernachlässigen. Insofern man ein
Wahrheit dürfe die Idee überhaupt nicht als Gegenstand verstanden wer- Prädikat als solches zum Subjekt einer Aussage gemacht hat, fungiert es
den auch nicht als Gegenstand höherer Art. Dieses Argument ist unter den nicht mehr als Prädikat. Es dient dann nicht mehr dazu, etwas auszusagen
Ver;eidigern Platons nachgerade schon zu einem Gemeinplatz geworden. oder etwas zu verstehen zu geben. Auch eine noch so gut begründete
Es ist leicht sich auf einen derartigen Formeikomprom1ß zu e1mgen. NICht Aussage über ein Prädikat leistet niemals das, was das Prädikat selbst zu
so leicht isr'es, genau zu bestimmen, welchen Sinn die Rede von einer nicht leisten vermag. Das Prädikat, über das man Aussagen macht, wird einem
gegenständlich zu verstehenden Idee überhaupt h~ben kann. Es 1st leIcht, daher unter der Hand sehr leicht zum Element einer besonderen Klasse von
die Grenzen jener Zweiweltenvorstellung aufzuzeIgen, dIe selt A:lStoteies Gegenständen. Dem entspricht indessen die traditionelle Auffassung von
immer wieder als Modell des systematischen Kerns von Platons PhIlosophIe der platonischen Idee. In der Sprechweise unserer Tage ausgedrückt: "We
dient. Schwieriger ist es, eine brauchbare Alternative zur ZweiweItenvor- might say, for nutshell effect, that the theory of Forms is the theory that
stellung zu entwickeln. abstract nouns are proper naffies or that being-an-instance-of is a proper
Man kann zunächst versuchen, die Anwendung bestimmter anschau- relation. "7 Damit ist ohne Zweifel die Essenz der platonistischen Option im
ungsbezogener Prädikate ausz~schließen, wenn vo? Ideen. die R~de i~t. Universalienstreit auf eine Formel gebracht. Ob damit Platons eigene
Doch es ist fraglich, ob damit dIe Gefahr emes dmghchen M1ßverstandms- Intentionen wirklich getroffen sind, ist freilich eine ganz andere Frage.
ses der Idee bereits beseitigt ist. Gewiß war die Idee für Platon kem Platon hat die Voraussetzungen geschaffen, unter denen es allererst mög-
Gegenstand der anschaulichen, sinnlichen Erfahrung. Doch Platon hat sich lich war, einen Universalienstreit zu führen. Er hat aber niemals auf eine
gerne einer auf die Anschauung bezogenen Metaphorik bedient, wenn es erkennbare Weise in diesem Streit eindeutig Position bezogen'.
darum ging, die Eigenart der Ideensphäre zur Sprache zu bnngen. Em guter 6 VgL die auf Platons "Parmenides" bezüglichen Bemerkungen von W. G. Runeiman,
Teil der Auseinandersetzungen um Platons Philosophie entzündet sich seit Plato's Parmenides, in: Harvard Studies in Class. Philol. 64, 1959, S. 92: "For we may ask, as
jeher an der Frage, wo die Grenze zwischen Metaphorik und " eigentlich " Plato and some of his commentators do not, what is the literal relation of which Parmenides
criticizes the metaphorical expression? Now there is in fact no answer to this question, either
in Plato or anywhere else."
5 G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, Erster Band, Jubiläumsausgabe hrsg. v. 7 G. Ryle, Plato's ,Parmenides', in: Mind 48, 1939, S. 134; vgl. S. 139.
H. Glockner, Bd. 12, S. 46; vgl. Bd. 18, S. 178, 199 H. . 8 Vgl. A, Wedberg, Plato's Philosophy of Mathematics, 1955, S, 32: "Between extreme
100 Die Ideen und ihre Funktion § 6: Zum Problem der Ideenlehre 101

Damit ist ein Dilemma deutlich geworden, in das man leicht gerät, wenn und thematischen Aussagen über die Idee ist in der Tat auffallend, vor
man sich für eine nicht-gegenständliche Auffassung von der Idee stark allem deswegen, weil die Idee für ihn allgegenwärtiger Bezugspunkt seines
macht. Man hat Schwierigkeiten, seine Intention zu realisieren, weil man Denkens bleibt. Auf diese Weise kann er jedoch Mißverständnissen entge-
die Idee bereits mit jeder Aussage über sie zumindest im logischen Sinne hen, wie sie mit jeder gegenständlichen Auffassung der Idee verbunden
zwangsläufig zu einem Gegenstand macht. Mit der bloßen Versicherung, sind. Er begegnet ihnen also gerade nicht mit der Konzeption einer Theorie
die Ideen seien nun einmal nichts Gegenständliches, ist offenbar noch sehr über eine ungegenständlich zu verstehende Idee. Er entgeht der Vergegen-
wenig getan. Denn verdinglicht hat im weitesten Sinne des Wortes die Idee ständlichung vielmehr de facto durch seinen Verzicht auf eine Theorie und
bereits jeder, der sie zum Gegenstand einer Aussage macht und damit den durch seine Zurückhaltung gegenüber direkten thematischen Aussagen
Anspruch verbindet, originäre Einsicht in sie darstellen und mitteilen zu über die Idee.
können. Kann man das gegenständliche Mißverständnis der Idee aber Das Fehlen einer Ideenlehre im strengen Sinne des Wortes muß daher als
vielleicht nur dann sicher vermeiden, wenn man, anstatt Aussagen über positives Phänomen gewürdigt werden, das der Deutung bedarf. Man wird
eine nichtdinglich zu verstehende Idee zn formulieren, überhaupt davon ihm nicht gerecht, wenn man die zumeist unthematischen Erwähnungen
Abstand nimmt, über die Idee in thematischer Weise etwas auszusagen? Es der Idee, die einschlägigen Andeutungen und indirekten Mitteilungen als
kommt nicht von ungefähr, wenn im Umkreis des durch Platon bestimmten Indizien einer im Hintergrund stehenden Theorie behandelt, die vom Autor
Denkens das Prinzip der Unsagbarkeit beschworen werden konnte. Der zwar entworfen, jedoch nicht mitgeteilt worden wäre und die deshalb vom
Skeptizismus, wie er in der Akademie in späterer Zeit gepflegt wurde, Interpreten auf Grund dieser Indizien rekonstruiert werden müßte. Ein
beruht anf Grundlagen, die dem Denken Platons nicht völlig fremd sind. großer Teil der Platonliteratur freilich verfährt nach diesem Prinzip. Bisher
Trotzdem darf man in derartigen Positionen nicht das Endziel von Platons ist jedoch noch kein derartiger Rekonstruktionsversuch vorgelegt worden,
Philosophieren suchen. Denn sie repräsentieren allenfalls eine Teilwahrheit der nicht gerade dort zu Schwierigkeiten und Widersprüchen führt, wo es
von Platons Philosophie. Das wäre anders, wenn jede philosophische darum geht, den Status der Idee auf eindeutige Weise zu bestimmen. Will
Bemühung ohne Rest darin aufginge, Theorien über Gegenstände oder man Platon verstehen, so darf man sich nicht damit begnügen, die Auf-
Gegenstandsbereiche zu formnlieren und zu begründen. Es ist aber nicht merksamkeit nur auf das zu richten, was in seinen Werken gesagt wird.
ausgemacht, ob alle Bedingungen der Möglichkeit von Theorien und Man muß außerdem auch berücksichtigen, was alles nicht gesagt wird. Vor
überhaupt von Aussagen selbst vollständig als Gegenstand von Theorien allem aber muß man auf das achten, was getan wird und was geschieht,
und Aussagen dargestellt werden können. Ebensowenig ist es ausgemacht, indem etwas gesagt wird. Nur dann hat man die Chance, Platons Techni-
ob es möglich ist, alle Voraussetzungen thematischen Wissens und Erken- ken der unthematischen Erwähnung und der indirekten Mitteilung gerecht
nens selbst wieder zu thematisieren. Platons Idee scheint zu jenen Voraus- zu werden. Diese Techniken werden jedenfalls in einem Bereich angewen-
setzungen zu gehören, die man gerade dann leicht verfehlt, wenn man sie - det, der einer direkten und gegenständlichen Behandlung Hindernisse
mit den Platon zur Verfügung stehenden Mitteln - thematisiert und damit entgegensetzt. Nicht zufällig ist es gerade die Metaphorik des vagen und
zum Gegenstand macht. Nach einer guten Formulierung P. Natorps im zweideutigen Traumbildes, die dort herangezogen wird, wo die Eigenart
metakritischen Anhang seines Platonbuches ist die Idee jedenfalls" verstän- jenes durch Sokrates verkörperten Wissens charakterisiert werden soll, das
digend, nicht selber verstehbar: logisierend, nicht selbst zu logisieren "9. dem Umkreis der Idee zugeordnet ist".
Unter diesen Umständen ist es kein Zufall, daß die Idee in Platons Eine Vorstellung von den mit der Idee und dem auf sie bezüglichen
Dialogen weitaus häufiger Inhalt von Erwähnungen und Andeutungen als Wissen verbundenen Schwierigkeiten kann man sich noch am ehesten dann
Gegenstand thematischer Aussagen ist. Wird sie doch einmal zum Gegen- machen, wenn man sich an den Problemen orientiert, vor denen jede
stand einer Aussage gemacht, dann ist der metaphorische Charakter dieser Theorie der Prädikation steht. Der Berührungspunkt ist nicht schwer zu
Aussage zumeist unübersehbar. Gerade hier hat man es mit einem Bereich finden: Wie der Status der Idee im übrigen auch zu bestimmen sein mag,-
zu tun, innerhalb dessen die Techniken der deiktischen Mitteilungen eine sie ist jedenfalls etwas, dem im Bereich der Sprache ein Prädikat korrespon-
unvertretbare Funktion haben. Platons Zurückhaltung gegenüber direkten diert. Unstreitig läßt sich jeder Idee ein Prädikat zuordnen; streitig kann
höchstens sein, ob sich umgekehrt auch jedem Prädikat eine Idee zuordnen
nominalism, which denies the existence of any abstract entities, and an extreme realism, which läßt. Eine Prädikationstheorie hat nun aber die Frage zu beantworten, ob
accepts more or less wholesale all significant expressions as designative entities (abstract if not
concrete), there is an entire spectrum of possible positions wirh regard to the problem of the
ein Prädikat als solches ein semantisches Korrelat hat und wie - falls diese
existence of abstract entities."
9 P. Natorp, Platos Ideenlehre, 2. Aufl. 1921, S. 471. 10 Symp. 175e; vgl. Krat. 439c; Pol. 277df.

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102 Die Ideen und ihre Funktion § 6: Zum Problem der Ideenlehre 103

Voraussetzung gegeben ist - dieses Korrelat näher bestimmt werden muß. Idee könnte nicht die Funktionen übernehmen, die nur die Idee selbst
Die Prädikationstheorien unserer Tage haben wichtige Beiträge zur Präzi- auszuüben fähig ist, wenn sie als Bezugspunkt eines unthematischen Wis-
sierung der einschlägigen Fragen geleisteL Von einer durch einen Konsens sens fungiert. Damit ist natürlich nichts gegen die Möglichkeit einer
der Sachkundigen getragenen Antwort sind wir aber heute so weit entfernt solchen Lehre ausgesagt. Wohl aber sind damit der Leistungsfähigkeit auch
wie eh und je. der besten derartigen Lehre Grenzen gezogen. Es hat daher einen guten
Alle Deutungen, die dem Prädikat irgendeine Entität als semantisches Sinn, wenn sich Platon in erster Linie darum bemüht, die Idee in ihrer
Korrelat zuordnen, haben zu Schwierigkeiten geführt. Angesichts dieser Funktion zu zeigen. Der Theorie über die Idee kommt demgegenüber nur
Schwierigkeiten ist die Aufmerksamkeit verständlich, die in unserer Zeit ein vergleichsweise bescheidener Platz zu. Eine recht verstandene Ideen-
vor allem solche Prädikationstheorien haben finden können, die auf die lehre hat deswegen immer nur den Status einer Reflexionstheorie. Sie darf
Annahme eines gegenständlichen semantischen Korrelats verzichten und die Idee in ihren Funktionen und Leistungen Zum Thema machen, wenn sie
statt dessen das Prädikat funktionell oder pragmatisch deuten. In der Tat damit nicht beansprucht, diese Funktionen selbst ausüben zu können. Als
übt jedes Prädikat eine bestimmte Funktion aus, wenn es verwendet wird. Theorie wird sie nicht umhin können, die Idee zum Gegenstand zu machen.
Dabei erbringt es eine bestimmte Leistung. Funktion und Leistung können Das braucht sie jedoch nicht daran zu hindern, diese Vergegenständlichung
auch selbst wieder zum Gegenstand von Prädikationen gemacht werden. zugleich zu relativieren. Sie kann nämlich darauf aufmerksam machen, wie
Doch es macht einen wesentlichen Unterschied, ob eine Funktion ausgeübt ein Ding seine Gegenständlichkeit in dem Augenblick verliert, in dem man
oder ob über sie mit Hilfe eines sie charakterisierenden Prädikats etwas es in Gebrauch nimmt. Genan dann hört es aber auch auf, Ziel punkt eines
ausgesagt wird. Übt ein Prädikat seine Funktion aus, so kann es etwas thematischen Wissens zu sein, jedenfalls für den, der es in Gebrauch nimmt.
erschließen, charakterisieren, verstehbar machen. Sobald dieses Prädikat Insofern unterscheiden sich Prädikate und Ideen nicht von irgendwelchen
aber selbst zum Gegenstand einer Aussage gemacht wird, kann es solche anderen Gebilden.
Leistungen nicht mehr erbringen. Das gilt natürlich auch dann, wenn es Die Bedeutung eines Prädikats läßt sich trotzdem nicht ohne Rest auf
sich um eine wahre Aussage handelt. Man hat ein Prädikat gleichsam aus seinen Gebrauch reduzieren. Wer ein Prädikat verwendet, braucht nämlich
dem Verkehr gezogen, wenn man es nicht verwendet, sondern thematisiert ein Kriterium, das es ihm erlaubt, richtigen und falschen Gebrauch vonein-
und mit Hilfe anderer Prädikate zu bestimmen sucht. Das gilt auch in ander zu unterscheiden. Wer nach einem derartigen Kriterium fragt, wird
solchen Fällen, in denen die mit höherstufigen Prädikaten verbundenen sich nicht zufrieden geben, wenn man ihn auf die Faktizität des Gebrauchs
spezifischen Probleme noch gar nicht auftauchen. selbst verweist. Zweifellos erlernt man den richtigen Gebrauch von Prädi-
Auch die beste Theorie der Prädikation könnte mithin etwas Bestimmtes katen in der Lebenspraxis an Hand von Beispielen. Will man aber einer
nicht leisten, nämlich das nicht, was allein ihr Gegenstand zu leisten fähig Sache in ihrer Funktion als Beispiel gerecht werden, so muß man bereits
ist. Grenzt man die Reichweite einer Prädikationstheorie auf diese Weise ausdrücklich oder unausdrücldich eine vorgegebene Hinsicht ausgezeichnet
ein, so geht man keineswegs von der Voraussetzung aus, daß dieser Theorie haben, unter der man sie betrachtet. Sonst bleibt unklar, wofür das Beispiel
die Einsicht in bestimmte Sachverhalte grundsätzlich verschlossen wäre. eigentlich Beispiel sein soll. Eine der Funktionen der platonischen Idee
Der möglichen Einsicht in die Struktur des Prädikats, in seine Funktionen besteht nun aber darin, den Orientierungspunkt abzugeben, dessen man
und Leistungen brauchen keine Grenzen gesetzt zu werden. Was aber selbst bedarf, wenn man richtigen und falschen Gebrauch des zugehörigen Prädi-
mit einer vollendeten derartigen Einsicht noch nicht erreicht wäre, liegt in kats unterscheiden will. Implizit ist eine Idee sogar schon dann vorausge-
einer anderen Sphäre: Wer Einsicht in die Funktionen einer Sache hat, setzt, wenn man sich über einen beliebigen Gegenstand verständigt und
braucht deswegen noch lange nicht imstande zu sein, diese Funktionen wenn man über ihn irgend etwas aussagt. Doch diese Funktion erfüllt die
auch selbst auszuüben. Auch die beste Theorie, über einen Gegenstand Idee eben nur so lange, als man sie nicht selbst zum Zielpunkt einer
verschafft einem noch nicht zwangslänfig diesen Gegenstand selbst. Das ist thematischen Intention macht. Sie ist eine der Bedingungen der Möglichkeit
trivial, wenn es um handfeste Dinge geht. Gehört dagegen der Gegenstand, von Gespräch und Verständigung. Das ist im "Parmenides" das eine
wie dies beim Prädikat der Fall ist, selbst bereits der logischen Sphäre an, so Argument, das sich gegen die Vielzahl der gegen die Ideenannahme vorge-
bedarf es besonderer Anfmerksamkeit, um derartige Unterschiede nicht zu tragenen Einwände behaupten kann (135b). Daher ist die richtig verstan-
übersehen. Was man mit der Verwendung eines Prädikats erreicht, kann dene Idee auch nichts, was in einem Gespräch noch ernstlich zur Disposi-
man durch eine Theorie über diese Verwendung auch dann nicht erreichen, tion gestellt werden könnte. Wer überhaupt prädiziert und wer in einem
wenn diese Theorie richtig ist. Gespräch einem anderen etwas zu verstehen geben will, hat damit bereits
Hier besteht eine Parallele zn Platons Ideen: Auch die beste Lehre von der Ideen anerkannt und vorausgesetzt. Eine ganz andere Frage ist es, ob er sich
104 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 105

Rechenschaft über die Strnktur dessen geben kann, was er anf diese Weise gen". Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich im Hinblick auf die unter-
vorausgesetzt hat. Er verbindet mit jedem von ihm verwendeten Prädikat schiedlichen Ausdrücke, deren sich Platon bedient, um die Beziehung
eine bestimmte Bedeutung, auch wenn es ihm unmöglich ist, diese Bedeu- zwischen der Idee und dem, dessen Idee sie ist, zu kennzeichnen 12 , Doch
tung als solche zu thematisieren und ihren Inhalt in abstracto darzustellen. solche Schwierigkeiten ergeben sich immer nur dann, wenn man die Idee
Den Sinn der Ideenannahme verstehen heißt daher zugleich einsehen, daß thematisiert und sie wie einen anderen Gegenstand durch Prädikate zu
es zu dieser Annahme keine Alternative gibt. So groß auch die Schwierig- bestimmen sucht. Sie lassen sich neutralisieren, wenn man in der Prädika-
keiten sein mögen, zu denen jede Thematisiernng der Idee führt, - die tion mitsamt der in ihrem Hintergrnnd stehenden und sie ermöglichenden
äußerste Konsequenz besteht nicht im Verzicht auf die Idee, sondern im Idee ein irreduzibles, einer Erklärnng weder fähiges noch bedürftiges
Verzicht auf ihre Thematisiernng. Phänomen sieht. Man wird dann in allen Aussagen, die bei Platon thema-
Das hier erörterte Problem der Ideenlehre hängt mit der Schwierigkeit tisch über die Idee gemacht werden, etwas Vorläufiges sehen, dem man
zusammen, die sich ergibt, wenn man etwas, was von Hause aus Inhalt gerade dann nicht gerecht werden kann, wenn man es beim Wort nimmt.
eines unthematischen Wissens ist, zu thematisieren und überdies noch zum Das Pro blem der Ideenlehre liegt also nicht so sehr darin, wie die Relation
Gegenstand einer Theorie zu machen unternimmt. Die Schwierigkeiten, die zwischen der Idee und dem, dessen Idee sie ist, zu bestimmen ist. Das
sich ergeben, nachdem man die Idee erst einmal thematisiert und damit Problem besteht darin, wie man überhaupt von der Idee reden kann, wenn
zumindest im logischen Sinne zu einem Gegenstand unter anderen Gegen- sie gar nicht als Relat einer wie auch immer gearteten Relation verstanden
ständen gemacht hat, sind demgegenüber von anderer Strnktur. Hier werden darf. Was die Idee bei Platon im übrigen noch sein mag, - sie ist
handelt es sich um die Probleme von Methexis und Chorismos. An sie jedenfalls auch das, was ein Prädikat als solches meint. Doch gerade wenn
denkt man an erster Stelle, wenn von den Schwierigkeiten der im herkömm- das Prädikat seine spezifische Funktion erfüllt, richtet man sich nicht im
lichen Sinne verstandenen Ideenlehre die Rede ist. Hat man nämlich die Sinne einer thematischen Intention auf das, was es meint. Auch dann ist
Idee thematisiert und hat man es unterlassen, die zu entwerfende Theorie man nicht daran gehindert, diesen Bezugspunkt mit Hilfe von Aussagen zu
mit Hilfe einer präzisen Unterscheidung der einschlägigen syntaktischen thematisieren. Man muß sich aber bewußt sein, daß die so thematisierte
Kategorien abzusichern, dann kann sich in der Tat die Frage stellen, wie die Idee gerade nicht mehr die Leistungen erbringen kann, die allein die nicht
Relation zu bestimmen ist, in der die Idee zu dem steht, wovon sie Idee ist. thematisierte Idee zu erbringen fähig ist. Eine recht verstandene Ideenlehre
Es ist hier nicht der Ort, die unterschiedlichen Ausdrncksweisen zu untersu- könnte demnach auch die Erkenntnis enthalten, daß sie gerade nicht fähig
chen, deren sich Platon in den entsprechenden Zusammenhängen bedient. ist, originäre Einsicht in ihren Gegenstand zu vermitteln. Dabei ist es
Denn wie man auch immer jene Frage beantworten wird, - eine Problem- gleichgültig, ob eine solche Lehre als Ergebnis einer Reflexionsbemühung
verschiebung liegt in jedem Falle vor. Denn man kann nun einmal eine des Interpreten auftritt oder ob man Platon selbst die Konzeption dieser
Prädikation nicht gut auf der Basis einer wie auch immer beschaffenen Lehre zuschreibt und unterstellt, solange nur das Bewußtsein nicht verlo-
Relation erklären, die zwischen dem semantischen Korrelat des Prädikats rengeht, daß Aussagen über die Idee und die ihr zugeordneten Formen des
und dem des Subjekts bestehen soll. Auch das Bestehen einer solchen Wissens dieses Wissen selbst nicht vermitteln können.
Relation ist etwas, das jedenfalls ausgesagt wird. Im Hinblick auf diese
Relationsaussage stellt sich aber das Prädikationsproblem sofort aufs neue.
So hat man in Wahrheit nur das Problem des einstelligen Prädikats durch § 7: Die Kritik der Ideenlehre
das Problem des zweistelligen Prädikats ersetzt. Daß damit überhaupt kein
Problem gelöst ist, bleibt freilich verborgen, solange man nicht berücksich- Für e1mge wenige Texte Platons scheint das im vorigen Abschnitt
tigt, daß es mehrstellige Prädikate gibt. Denn auch Relationsprädikate sind Gesagte nicht zu gelt~n. Denn dort wird die Idee nicht nur thematisiert,
Prädikate. Das Phänomen der Prädikation läßt sich daher nur rekursiv sondern sie wird auch zum Gegenstand von Aussagen gemacht, die im Blick
deuten. Für welche Deutung man sich auch entscheidet, die Möglichkeit auf einen systematischen Zusammenhang formuliert werden. Anders als an
von Prädikationen hat man immer schon vorausgesetzt. der großen Mehrzahl der einschlägigen Platonstellen ist die Idee dort nicht
Von der Idee kann in Platons Dialogen in sehr unterschiedlichem Sinne nur Inhalt von Erwähnungen, von ausdrücklichen oder latenten Vorausset-
die Rede sein, wenn sie erwähnt wird oder wenn sie gar Thema einer zungen, deren Kontext durch die Thematisiernng ganz anderer Dinge
Aussage ist. Die Forschung ist dadurch häufig irritiert worden. So kann
sogar ein und derselbe Kontext bald die Annahme einer transzendenten
Existenz der Idee, bald die Annahme ihrer immanenten Existenz nahele- U Vgl. Phd. 102d, 103b. 11 Vgl. unten S. 139 f.
106 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 107

charakterisiert ist. Wenn überhaupt in Platons Werk, so scheint am ehesten werden, sind ihm aus einer längst vergangenen Zeit vertraut (217c). Auf
noch im Gigantomachieabschnitt des "Sophistes" und im ersten Teil des der dramatischen Ebene haben diese Dinge ihren Platz in einer Entwick-
"Parmenides" eine Ideenlehre, die diesen Namen verdient, zwar nicht lungsphase des Sokrates, die für ihn längst Vergangenheit geworden ist.
entwickelt, aber doch wenigstens intendiert zu sein'. Auf jeden Fall sind es Diese Zeitregie dient natürlich nicht dazu, indirekte Mitteilungen über die
Elemente einer Theorie der Idee, die hier vorgeführt werden. Doch an Enrwicklung Platons oder die des historischen Sokrates zu machen. Durch
diesen beiden Stellen wird eine Ideenlehre offensichtlich nur mit der sie wird der systematische Ort der im "Sophistes" vorgetragenen Erörte-
Absicht intendiert, sie zu kritisieren. Wie ist diese Kritik zu deuten? rungen bestimmt: Im Verhältnis zu allem, was bei Platon durch den alten
Handelt es sich um Selbstkritik oder Fremdkritik, gibt Platon die Ideenlehre Sokrates verkörpert wird, handelt es sich hier um Präliminarien. Der alte
auf oder warnt er vor möglichen Mißverständnissen? Zunächst scheint sich Sokrates bedarf solcher Erörterungen nicht mehr, weil er die in ihnen
das wissenschaftliche Ethos eines Autors zu dokumentieren, wenn er nicht enthaltene Lektion längst gelernt hat. Deshalb braucht er auch nichts zu
nur die Argumente vorträgt, die für seine Lehre sprechen, sondern ohne revozieren.
Rücksicht gegenüber sich selbst auch die Gegenargumente so überzeugend Geht es um die Frage nach der richtigen Bestimmung des Seienden, so
auszuformulieren sucht, wie es ihm möglich ist. In diesem Sinne ist das von muß man sich, wie der Fremde aus Elea in seinem Gespräch mit Theaitetos
J. Stenzel formulierte Lob zu verstehen: "Es wird kaum ein zweiter Denker betont, nicht nur mit den Naturphilosophen und den Eleaten, sondern auch
alles, was man gegen mindestens mögliche Konsequenzen der eigenen noch mit zwei anderen Gruppen auseinandersetzen, die gegeneinander
Lehre sagen könnte, mit solcher Schärfe ausgesprochen haben wie Platon wegen ihrer Differenzen über das Sein eine Art von Gigantenkampf' führen.
im Parmenides und Sophistes. "2 Die einen lassen als seiend nur gelten, was sich greifen und berühren läßt;
Eine den Platonleser irritierende Merkwürdigkeit bleibt trotzdem beste- Sein und Körper 4 fallen nach ihrer Bestimmung zusammen. Ihre Gegner,
ben. Man sucht nämlich vergebens nach Platonstellen, an denen Argumente nämlich die Ideenfreunde, finden das wahre Sein nur in den geistigen und
zugunsten der fraglichen Lehre auch nur annähernd so klar und ausführlich körperlosen Ideen'.
vorgetragen würden, wie im "Parmenides" Gegenargumente vorgetragen Wenn die Auseinandersetzung zwischen den Materialisten und den
werden. Was im "Sophistes" und im "Parmenides" kritisiert wird, ist Ideenfreunden als Gigantenkampf apostrophiert wird, so handelt es sich
durchaus keine Lehre, die eines Inhalts ermangelte. Können wir daher den um eine Anspielung auf eine mythische Überlieferung. Diese Überlieferung
ursprünglichen Inhalt der Ideenlehre daher vielleicht gerade auf der Basis war dem zeitgenössischen Leser des Dialogs bekannt. Die Anspielung
der Erörterungen rekonstruieren, die zum Zweck ihrer Kritik vorgetragen bedurfte deshalb auch keiner weiteren Explikation. - Der Gigantenkampf
werden? Auf welche Weise man diese Frage auch beantworten wird, - eine gehört dem Sagenkreis um Herakles an. Er bildet das Thema einer vermut-
Schlüsselstellung für das Platonverständnis kommt diesen Texten in jedem lich im sechsten Jahrhundert entstandenen epischen Dichtung. Das Epos ist
Fall zu. nicht überliefert; dagegen kennt man manche bildliehe Darstellungen, die
Im "Sophistes" wird innerhalb des Gigantomachieabschnitts (246a-- sich auf dieses Thema beziehen. Nach der Sage sind die Giganten die
250a) eine Ideenlehre relativ einfachen Zuschnitts vorgestellt. In der Ord- Wesen, die aus der Erde und den bei der Verstümmelung des Uran os auf sie
nung der dramatischen Chronologie gehört der "Sophistes" zu den späten fallenden Blutstropfen entstanden sind. Sie werden nun von ihrer Mutter,
Dialogen. Sokrates' Tod steht noch nicht unmittelbar bevor, doch die der Erde, zum Kampf gegen die olympischen Götter aufgestachelt. Diesen
Anklage gegen ihn ist bereits eingereicht worden. An den Erörterungen Kampf gewinnen die olympischen Götter; das ist ihnen aber erst möglich,
dieses Dialogs ist Sokrates jedoch nicht aktiv, sondern nur noch als nachdem sie sich mit Herakles gegen die Giganten verbündet haben. Die
Zuhörer beteiligt, wenn man einmal von seiner Mitwirkung im Rahmenge- Gigantomachie ist also ein Kampf, der von den olympischen Göttern gegen
spräch absieht. Doch damit soll die Thematik des Dialogs aber durchaus die Giganten geführt und schließlich gewonnen wird, nicht aber ein Kampf
nicht in eine Distanz zu Sokrates gebracht werden. Es geht um Dinge, von Giganten untereinander 6•
denen der alte Sokrates ferner stehen mag, die ihm aber durchaus nicht
fremd sind. Erörterungen von der Art, wie sie im "Sophistes" vorgeführt
3 y~yavroJ.lax{a, Soph, 246a.
4 ova{a, aWl1a, vgl. Soph. 246b.
t Gerade der "Parmenides" war es auch, der in der Antike mit dem Untertitel "Über die
5 V01J1;C} arra xai aawf1ara etc5'T], Soph. 246b.
Ideen" (:rcli{}i lbfWV) tradiert wurde. Vgl. Diogenes Laertios III 58. 6 Der Mythos der Gigantomachie darf übrigens in dem in der "Politeia" konstruierten
l J. Stenzel, Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristote~
Modellstaat nicht erzählt werden (Rep. 378b); vgl. auch die Beziehung auf die Gigantomachie
les, 2. erw. Aufl., 1931, S. 55. Symp. 190c.
108 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 109

Damit sind bereits Hinweise auf den Sinn des Streites gegeben, der mit diesem Bereich Dinge entfernen, die dort zunächst ihren natürlichen Ort
dem sagenhaften Gigantenkampf verglichen wird. Die Zuordnung der haben. Nicht alle Dinge im Umkreis der Materialisten entstammen also
Kontrahenten ist leicht: Den Ideenfreunden entsprechen in der Sage die autochthon der Erde. Unter ihnen befinden sich auch Dinge, die von Hause
olympischen Götter, den Somatikern folglich die Giganten. Daran läßt aus dem himmlischen Bereich angehören. - Der Bereich der Ideenfreunde
schon die Begleitmetaphorik keinen Zweifel (246af.). Dieser Kampf liegt in ist dagegen der des Unsichtbaren. Sie verlassen diesen Bereich nicht,
der Vergangenheit. Er ist bereits zugunsten der olympischen Götter - hier sondern verteidigen sich von dort aus gegen die Materialisten, wenn sie
also: zugunsten der Ideenfreunde - entschieden worden. Die Götter und behaupten, nur in geistigen und unkörperlichen Ideen sei das wahre Sein zu
damit die Ideenfreunde haben den Kampf jedoch nicht aus eigener Kraft zu finden. In ihren Reden zerstückeln sie die Körperdinge, das wahre Sein der
ihren Gunsten entscheiden können. Sie brauchten dazu die Unterstützung Materialisten (246b).
durch eine dritte Instanz. Weder die Ideenfreunde noch die Materialisten verlassen bei dieser
Die Episode im "Sophistes" enthält freilich keinen direkten Hinweis auf Auseinandersetzung den Ort, an dem sie zu Hause sind. Trotzdem gibt es
die Entscheidung des Kampfes. Auch ist ausdrücklich von keiner dritten eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Parteien, die ihnen als solche schwer-
Instanz die Rede, die den Ideenfreunden zum endgültigen Sieg verhelfen lich bewußt ist. Sie bedienen sich nämlich beide der Rede. Bereits auf der
könnte. Wenn es sich aber bei dieser Instanz in der Sage um Herakles Ebene der Metaphorik behauptet jede der beiden Parteien etwas Bestimm-
handelt und wenn andererseits Sokrates bei Platon gelegentlich mit Herak- tes. Doch hier steht zunächst nur Behauptung gegen Behauptung. Gemein-
les verglichen wird', dann ist klar, wer imstande wäre, den Streit zu sam ist dem, was jede der beiden Parteien als wahres Sein ansetzt, der
entscheiden. Die Ideenfreunde können sich selbst jedenfalls nicht helfen. Sie Charakter der Gegenständlichkeit. Das gilt gerade auch für die unkörperli-
können mit den Ideen nicht richtig umgehen, und sie können ihre Annahme ehen Ideen der Ideenfreunde. Gerade sie werden von ihren Vertretern als
aus eigener Kraft nicht wirkungsvoll verteidigen. Dazu wäre indessen für sich und selbständig existierende Wesenheiten, als autarke Entitäten
Sokrates fähig. Im Dialog schweigt Sokrates jedoch zu der für ihn schon zur behandelt. Anders als an der Mehrzahl der einschlägigen Platonstellen sind
Vergangenheit gehörenden Auseinandersetzung. die Ideen nicht Ideen von etwas. Die Ideen der Ideenfreunde sind nicht
Unter diesen Umständen hat jede Deutung wenig Wahrscheinlichkeit für notwendigerweise auf etwas bezogen, was selbst nicht mehr von der Art
sich, die in den Ideenfreunden Zeitgenossen Platons, etwa die Megariker einer Idee wäre.
erkennen zu können glaubt. Wenig plausibel ist aber auch eine Deutung, Sodann sollen beide Parteien Rechenschaft über das geben, was sie als
die Platon hier eine von ihm früher vertretene Auffassung revozieren und das wahre Sein ansetzen (246c). Das ist, wie sogleich gesagt wird, von den
ihn damit von der Ideenlehre abrücken läßt. Gewiß lassen sich die Ideen- Ideenfreunden leichter zu erreichen als von den Somatikern. Die Somatiker
freunde als Vertreter einer Ideenlehre deuten. Doch wenu man den muß man daher zuvor, sofern dies überhaupt möglich ist, "besser machen".
zugrunde liegenden Mythos ernst nimmt, ist noch wenig damit getan, wenn Gelingt dies nicht in der Realität, so kann man es immer noch in der Rede
man eine solche Lehre vertritt, ohne sie verteidigen zn können. Viel tun und ihnen wenigstens unterstellen9 , sie wollten ordentlicher antworten,
wichtiger ist die Kunst, mit den Ideen richtig umzugehen und den richtigen als sie es jetzt tun. "Besser machen"lO bedeutet nicht, von ihnen zu
Gebranch von ihnen zu machen. verlangen, daß sie ihre Behauptungen revozieren. Verlangt wird von ihnen
Die "Sophistes"-Episode beginnt mit einer Charakterisieruug der Mate- vorerst nur, daß sie einer dritten Instanz Rechenschaft geben und sich dazu
rialisten: Sie ziehen vom Himmel und vom Unsichtbaren alles auf die Erde in Frage und Antwort auf ein Gespräch mit dieser Instanz einlassen. Bloße
und umklammern es mit ihren Händen". Nur was man berühren kann, Behauptungen, wie sie bisher aufgestellt wurden, verkörpern noch keine
lassen sie als seiend gelten. Behauptet jemand, es gebe auch Unkörperliches, Rechenschaftsgabe.
so verachten sie ihn und wollen ,ihn nicht hören. Die Metaphorik verdient Unabhängig von jedem Inhalt seiner Behauptungen hat man, wenn man
Beachtung: Der Bereich des Unsichtbaren ist nicht leer; man kann sogar aus sich überhaupt auf ein Gespräch einläßt, durch die Tat bereits ein Zuge-
ständnis gemacht. Das gilt unabhängig davon, ob man dies will und weiß
oder nicht. Es ist eine von Platon in den unterschiedlichsten Zusammen-
7 Wichtig Phd. 89c; ironische Beziehung des Sokrates auf Herakles Euthyd. 297c. hängen angewendete Methode, mit deren Hilfe man das, was einer sagt,
8 Soph. 246a. Vgl. Theait, 155e: Die in die angebliche Geheimlehre des Protagoras (vgl. mit dem konfrontiert, was er tut, wenn er es sagt. Mit Hilfe dieser Methode
152c) Uneingeweihten lassen als seiend nur gelten, was sich mit Händen greifen läßt. Damit
sind die Materialisten der Gigantomachie hinreichend deutlich auf Protagaras bezogen. Die
läßt sich plausibel machen, warum bestimmte Positionen schon von Hause
Vettreter der alten Naturphilosophie können nicht gut gemeint sein; die Auseinandersetzung
mit ihnen geht der Gigantomachie voraus und ist bereits abgeschlossen. . 9 vnor{{Jw{}at, vgl. Soph. 246d. 10 ßE).:rtov~ nou:lv, Soph. 246d.
110 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 111

aus undiskutabel sind: Unabhängig vom inhaltlichen Ergebnis einer Dis- es nicht schwerzufallen, sich mit den Ideenfreunden zu identifizieren.
kussion hat man sie de facto bereits dadurch aufgegeben, daß man sich auf Trotzdem kann er diese Identifikation nicht konsequent durchhalten. - Die
eine Diskussion eingelassen hat. Der konsequente Vertreter der materiali- Ideenfreunde akzeptieren die These der Materialisten auch in ihrer verbes-
stischen Position wäre weder bereit noch imstande, über diese seine Posi- serten Gestalt nicht; sie wollen die Fähigkeit des Tuns und des Erleidens als
tion Rede und Antwort zu stehen. Im "Sophistes" haben indessen nicht nur Charakteristikum nicht dem Bereich des Seins, sondern nur dem des
die Materialisten, sondern sogar die Ideenfreunde einen Dolmetscher als Werdens zuordnen. Der Dialog mit ihnen verhält sich reziprok zu dem mit
Treuhänder. Diese Rolle wird im Dialog von Theaitetos übernommen. Mit den Materialisten geführten Dialog: Die Ideenfreunde machen einen stren-
ihren Thesen kämpfen die Parteien gegeneinander. Das Gespräch führen sie gen Unterschied zwischen Sein und Werden. Doch sie sprechen auch von
aber - mit Hilfe des Dolmetschers - nicht miteinander, sondern mit einer der Seele und - in bezug auf das von ihnen angenommene Sein - von
an ihrem Kampf nicht beteiligten dritten Instanz. Erkennen und Erkanntwerden. Ist aber das Erkennen ein Tun, das Erkannt-
Der mit Theaitetos in seiner Rolle als Treuhänder der Materialisten werden ein Erleiden, so erreicht auf dem Weg über die Erkenntnis die
geführte Dialog (246eff.) zeigt in äußerster Verkürzung die Merkmale einer Bewegung den Bereich des Seins. Andererseits läßt sich die Erkenntnis nicht
dem Platonleser vertrauten Argumentationstechnik. Nicht schwierig ist es, ganz dem Bereich des Werdens zuweisen. Denn jedes Erkennen bedarf der
das Zugeständnis zu erreichen, es gebe Lebendiges und Beseeltes und damit Orientierung an einem dem Wandel nicht unterworfenen Identischen
auch eine Seele. Akzeptiert wird ferner, daß man von der einen Seele sagen (249bf.). Wollte man also mit der Annahme der Unwandelbarkeit und
kann, sie sei gerecht, von einer anderen Seele, sie sei ungerecht. Die Bewegungslosigkeit des wahren Seins ganz konsequent sein, so dürfte man
entscheidende Wendung liegt jetzt aber in dem Zugeständnis, jede Seele daher noch nicht einmal die Erkennbarkeit dieses Seins zugestehen. So
werde durch den Habitus und die Anwesenheit der Gerechtigkeit" gerecht; führt die Annahme der Ideenfreunde schon zu Schwierigkeiten, sobald man
ferner sei jedenfalls alles das, was in dieser Weise anwesend oder auch mit der Theorie der Idee eine Theorie der auf die Idee bezogenen Erkenntnis
abwesend sein könne, auch dann, wenn es nicht von der Art eines körperli- verbinden will. Die Ideenfreunde kennen zwar den Inhalt ihrer Theorie;
chen Dinges sei. Der Sache nach haben damit die durch Theaitetos vertrete- ihrer Voraussetzungen und Implikationen sind sie sich dagegen nicht
nen Materialisten Ideen akzeptiert, auch wenn sie hier noch gar nicht beim bewußt.
Namen genannt werden. Von den Materialisten wird also kein Zugeständ- Die Ideenfreunde müssen ihre Annahme nicht ganz aufgeben. Wohl aber
nis verlangt außer jenem, das jeder schon durch die Tat gemacht hat, der müssen sie sie revidieren. Diese Revision zwingt dazu, die Ideen in Zusam-
Ausdrücke wie "gerecht" oder" Gerechtigkeit" verwendet. Daher wird von menhänge zu stellen, die zunächst noch gar nicht berücksichtigt worden
ihnen auch nicht gefordert, eine bestimmte Theorie über dieses Unkörperli- waren. Der Prozeß der Verbesserung, in den die Ideenlehre eintritt, wird im
ehe zu akzeptieren. Hat man aber einmal etwas akzeptiert, was kein Körper Gigantomachieabschnitt nur eingeleitet, jedoch nicht zu Ende geführt. Im
ist und doch nicht einfach nicht ist, dann muß man auf ein dem Körperli- Gespräch mit Theaitetos zeigt der Fremde, wie man mit der Annahme der
chen und Unkörperlichen Gemeinsames blicken, wenn man von etwas sagt, Ideenfreunde auf eine Weise umgehen kann, die ihnen selbst nicht vertraut
daß es sei. Nachdem die Materialisten ihre Position in diesem Sinne ist. Ideenfreunde wie Materialisten werden also mit Voraussetzungen ihrer
revidiert haben, akzeptieren sie die Behauptung, das Sein bestehe in der Annahmen konfrontiert, die sie durch die Tat bereits unausdrücklich
Fähigkeit zum Tun oder zum Erleidenu. Das ist freilich, wie der eleatische zugestanden haben, wenn sie auch nur damit beginnen, ihre Theorien
Fremde einschärft, nur ein Zwischenergebnis, das später noch einer Revi- vorzutragen. Dazu gehört bei den Materialisten die Anerkennung der
sion bedarf. Prädikation, bei den Ideenfreunden die Anerkennung der dem Wissen und
Auch die Ideenfreunde sollen über ihre Grundannahme Rechenschaft Erkennen eigenen Bewegungsstrukturen. Die Positionen werden auf diese
geben (248aff.). Der fiktive Dialog mit den Materialisten war nur Gegen- Weise einander angenähert.
stand eines Berichts. Der Dialog mit den Ideenfreunden wird dagegen, Spricht man von Platons Ideenlehre, so bleibt man sehr oft an einer
zumindest eine Strecke weit, vom Fremden und von Theaitetos unmittelbar Theorie von dem Typus orientiert, der der Position der Ideenfreunde am
vorgeführt. In seiner Rolle als Dolmetscher spricht Theaitetos von den Anfang des Gigantomachieabschnitts entspricht. Schon die von Aristoteles
Materialisten stets in der dritten Person. Als Vertreter der Ideenfreunde an Platons Ideen geübte Kritik läßt sich auf eine Theorie dieses Typs
spricht er auch in der ersten Person. Einem Mathematiker wie ihm braucht beziehen. Gewiß wird im Zusammenhang mit der Erörterung der Position
der Ideenfreunde nichts über die Ideen behauptet, zu dem sich nicht
11 &xmom5y'f}~ fl;t:t XOt lrQ(lova{g, Soph. 247a.
Parallelen in anderen Werken Platons aufweisen ließen. Der besondere
12 övva{t~f: dr' Eit; TO 1ro~äv ... eh' Fit; 1'0 naiJei,v, vgl. Soph. 247d. Status der Position der Ideenfreunde bleibt trotzdem unübersehbar. Denn
112 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 113

nicht nur der Dialogregie, sondern anch der Sache nach handelt es sich hier zug bestätigt wird. Daher hat es der erste Teil des "Parmenides" mit
um eine Ideenlehre ohne Sokrates. Es ist eine Ideenlehre, die ihren Vertre· Präliminarien zu tun, die stets im Blick auf den späteren, den "eigentlichen"
tern offensichtlich nicht die Fähigkeit verschafft, mit der Ideenannahme Sokrates betrachtet und beurteilt werden müssen.
auch richtig nmzugehen. Sie verfällt der Kritik, weil sich in den Reihen der Der erste Teil des "Parmenides" ist Platons einziger Text von größerem
Ideenfreunde selbst keine Instanz findet, die im Besitz einer derartigen Umfang, der in einer gewissen Ordnung Elemente einer Theorie über die
Fähigkeit wäre. Erst eine solche Instanz könnte jedoch den Gigantenkampf Ideen vorstellt. Hier sollen begründete Aussagen über die Idee gemacht
entscheiden. werden. Hier und nur hier werden Fragen erörtert, auf die eine Ideenlehre
Eine bloße Theorie bleibt etwas Unvollständiges, weil sie weder die Antwort geben muß, die ihren Namen verdient: wovon es Ideen gibt; von
Bedinguugen ihrer Möglichkeit umfaßt noch die Bedingungen ihrer welcher Art die Beziehung zu den Dingen ist, deren Ideen sie sind; welchen
Anwendung beherrscht. Daher lassen sich auch mit der besten Theorie ontologischen Status sie haben; ob und gegebenenfalls wie sie erkannt
allein nicht all die Probleme lösen, die sich im Umkreis der Idee stellen. Es werden können. Nur hier werden die mit den Namen der Methexis und des
besteht kein Grund zu der Annahme, daß Platons Bemühungen um die Idee Chorismos verbundenen Probleme ausdrücklich diskutiert. Strenggenom-
in irgendeiner Phase seiner Entwicklung auf eine Theorie gezielt hätten, die men k<mn man freilich nicht von einer Kritik der Ideenlehre im "Parmeni-
der Lehre der Ideenfreunde im "Sophistes" gleicht. Der platonische Sokra- des" sprechen. Denn eine Ideenlehre wird auch in diesem Dialog in der
tes macht sich niemals für eine derartige Theorie stark, auch wenn er mit einleitend von Sokrates gegebenen Darstellung allenfalls skizziert (128eff.).
ihren Elementen ständig umgeht. Im "Sophistes" werden einige der Schwie- Erst auf dieser Basis stellt Parmenides die Fragen, auf die eine Ideenlehre
rigkeiten entwickelt, die sich ergeben, wenn man den Inhalt der Ideenan- Antwort geben muß. Zu jeder Frage werden alternative Antwortmöglich-
nahme thematisiert. Vielleicht ist eine Thematisierung unvermeidlich, wenn keiten durchgespielt, ohne daß es indessen zu einer begründeten Option für
man dieser Annahme nachfragt. Doch bei einer Thematisierung geht auch jeweils eine dieser Möglichkeiten käme.
etwas verloren: Von einer thematisierten Idee kann man nicht mehr Im "Parmenides" ist der eigentliche Dialog dreifach eingerahmt: Der
Gebrauch machen. Jedes Gebrauchmachen von einer Sache ist seinem Erzähler, Kephalos von Klazomenai, berichtet einem anonymen Zuhörer,
Wesen nach unthematisch. Die Ideenkritik der Gigantomachie ist keine was ihm Antiphon von einer Erzählung des Pythodoros über ein zwischen
Selbstkritik Platons. Sie warnt jedoch vor einer zu naiv vorgenommenen Parmenides und Sokrates geführtes Gespräch berichtet hat B • Dieser dreifa-
Thematisierung und Vergegenständlichung der Idee. Vor ihr als Hinter- che Rahmen soll nicht nur das Gespräch in eine weit zurückliegende
grund läßt sich Sokrates' Zurückhaltung gegenüber direkten Aussagen über Vergangenheit projizieren und - auf der dramatischen Ebene - seine
die Idee erst angemessen würdigen. Überlieferung beglaubigen. Er soll auch plausibel machen, daß hier ein
Die Ideenkritik im ersten Teil des "Parmenides" (128e-135b) geht der Bericht über die Frühphase von Sokrates' Entwicklung gegeben wird, der
im "Sophistes" geübten Kritik parallel: Auch hier geht es um Fragen, die noch nicht durch die Kenntnis des weiteren Verlaufs dieser Entwicklung
sich erst bei einer Thematisierung der Idee ergeben, und nicht darum, von beeinflußt ist. Antiphon, der Erzähler der zweiten Stufe, hat sich als junger
ihr Gebrauch zu machen. Auch hier werden Elemente einer Ideentheorie Mann das Gespräch, über das ihm von Zenons Freund Pythodoros oft
entwickelt und kritisiert. Auch hier wird diese Art von Ideenlehre und die berichtet wurde, gut eingeprägt (126c). Jetzt aber zeigt er schon lange kein
Auseinandersetzung mit ihr in die Vergangenheit projiziert, zwar nicht Interesse mehr für die Philosophie, sondern nur noch für seine Pferde. Er
durch die Techniken mythischer Einkleidung, wohl aber durch die Techni- wird also nur wenig von dem zur Kenntnis genommen haben, was später
ken der fiktiven Chronologie. Nicht zufällig ist der "Parmenides" der vorgefallen ist. Daher läuft er auch nicht Gefahr, die fiktive Frühphase von
früheste Dialog in der Ordnung der fiktiven Chronologie. Die Projektion in Sokrates' Entwicklung, über die er berichtet, mit dem Philosophieren zu
die Zeit von Sokrates' Jugend erlaubt es, die hier vorgestellten Schwierig- kontaminieren, das bei Platon durch den älteren Sokrates repräsentiert
keiten mit der Ideenannahme als Anfangsschwierigkeiten zu deuten, die wird. Ähnlich liegen die Dinge in bezug auf Kephalos, den Erzähler der
Sokrates später überwunden haben wird. Dies wird im Dialog noch unter- ersten Stufe (126b). Er kommt aus Klazomenai, der Heimat des Anaxago-
strichen durch Anspielungen auf die (relative) Zukunft: Sokrates ist noch ras; er ist schon lange Zeit nicht in Athen gewesen. Er kennt die weitere
jung, und er ist von der Philosophie nach Meinung des Parmenides noch Entwicklung des Sokrates nicht als Augenzeuge. Auch er ist nicht mit der
nicht so ergriffen, wie er es später einmal sein wird (130e). Diese Zukunft, Weise vertraut, in der der ältere Sokrates von der Ideenannahme Gebrauch
die Sokrates von Parmenides prophezeit wird, war aber dem zeitgenössi-
schen Leser aus den vor dem Parmenidesdialog entstandenen Werken 13 Auf dieses Gespräch bezieht sich gelegentlich auch der alte Sokrates (Theait. 183e, Soph.
bekannt. Der dort vorgeführte Sokrates ist es, der durch jenen Zukunfts be- 217c).

8 Wieland, Platon
114 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 115

macht. Für den mit Platons Schriften vertrauten Leser ist Sokrates' spätere dieser seiner Schrift erkennen. So bietet die Eröffnung des "Parmenides"
Entwicklung gleichwohl in den Gestalten von Glaukon und Adeimantos immerhin ein Musterbeispiel dafür, wie Platon einen Lehrtext behandelt
präsent. Im "Parmenides" führen sie Kephalos zu ihrem Halbbruder Anti- wissen will.
phon; in der "Politeia" sind sie hingegen die Gesprächspartner des So- Der Anstoß zur Diskussion gibt ein im Dialog nur angedeutetes Argu-
krates. ment Zenons, das die Nichtexistenz des Vielen durch die Entwicklung der
Der Erzähler berichtet über einen Besuch der Eleaten Parmenides und widersinnigen Konsequenz zu erweisen sucht, daß ein Vieles sowohl ähn-
Zenon in Athen zu einer Zeit, als Sokrates noch jung gewesen sei. Sokrates lich als auch unähnlich sein müßte". Für das Verständnis des Zusammen-
sei mit vielen 14 anderen zu ihnen gekommen, um Zenon aus seiner Schrift hangs ist es nicht so sehr von Bedeutung, wie das Argument Zenons genau
vorlesen zu hören (127c). Er habe dann mit Zenon einen Disput über gelautet haben mag. Wichtiger ist die Schwerpunktverlagerung, die Sokra-
dessen erste Hypothese begonnen. - Nicht Parmenides, sondern Zenon gibt tes mit seiner Frage vornimmt, wenn er das von Zenon nur erwähnte und
den ersten Anlaß des Gesprächs. Zenon gilt in der antiken Tradition als verwendete Prädikat der Ähnlichkeit thematisiert. Er fragt Zenon, ob er
Begründer der Dialektik. Zu ihm kommt Sokrates, der sogleich seine nicht annehme, es gebe eine Idee der Ähnlichkeit an und für sich 16 und
Ideenlehre skizzieren wird, der hingegen mit dialektischem Denken bisher entsprechend auch das ihr Entgegengesetzte, das Unähnliche 17 • üb, was
noch keine Berührung gehabt hat. Er begegnet also hier - in der literari- man als das Viele bezeichne, an der Ähnlichkeit und an der Unähnlichkeit
schen Fiktion - zum erstenmal einem Vertreter des dialektischen Denkens. nur teilnehme. üb es ähnlich eben dadurch und insofern werde, als es an
Nun darf man freilich die Unterschiede zwischen der zenonischen und der der Ähnlichkeit teilnehme". Das Ähnliche selbst könne zwar niemals
platonisch-sokratischen Dialektik nicht übersehen. Zenon hat nämlich unähnlich sein. Nichts Erstaunliches sei es dagegen, wenn etwas zugleich an
unmittelbar vor dem Beginn des Gesprächs einen Text vorgelesen. Das der Ähnlichkeit und an der Unähnlichkeit teilhabe". Das Entsprechende
Faktum der schriftlichen Fixierung wird durch den zusätzlichen Hinweis gilt dann nach den Ausführungen des Sokrates auch für das Eine und das
hervorgehoben, Zenon habe seinen Text bereits als junger Mann abgefaßt, Viele. - Mit dieser Unterscheidung zwischen der Idee und dem, was an ihr
doch sei ihm später die Schrift entwendet worden (128d). Damit wird auf nur teilhat, soll Zenon zu einer Differenzierung jenes Arguments veranlaßt
die Risiken aufmerksam gemacht, die jeder läuft, der seine Gedanken werden, das auf dem Gedanken beruhte, Ähnliches könne nicht zugleich
schriftlich zu fixieren sucht. Denn man ist nicht mehr Herr über das, was unähnlich sein.
von seinen Gedanken in eine schriftliche Fixierung eingegangen ist. Die Mit dieser ersten Darlegung des Sokrates wird das, was mit einem
platonisch-sokratische Dialektik bleibt jedenfalls in einem Bereich zen- Prädikat gemeint ist, thematisiert und von dem unterschieden, von dem es
triert, der jenseits der Möglichkeiten schriftlicher Fixierung liegt. als Prädikat ausgesagt werden soll. Mit dieser Unterscheidung ist der erste
Welcher Art diese Dialektik ist, wird durch das Verhalten des Sokrates Schritt zur Verdinglichung der Idee getan, nämlich dessen, was mit
angedeutet. Er begnügt sich nicht mit dem Wortlaut des vorgelesenen
Textes wenn er mit Zenon nicht nur über den Inhalt der Schnft dlskutlert,
15 cf JroÄÄa fan oa ovra, rp~ apa ber ath'a oflm6. TE Elllat xat av6liow, Parm. 127e.
sonde:n ihn auch nach den Intentionen fragt, die er mit den im Text 16 elvm a(n:o 'Xa{}' aV'feJ dÖ6q Tt oJ.lm6nJ1:or;, Parm. 128e.
schriftlich fixierten Gedanken verbunden habe. Er verhält sich also genau 17 Ö eanv av6.uoLOv, Parm. 129a.
den Grundsätzen der Schriftkritik gemäß, wenn er das im Text Fixierte auf 18 t"lX j.l6V rfjq of1,ot6rrrraq jtsraÄaf.lßavovra Öf.lOla y{yvBa{}m raum TB uai uaTa Toaovmv
Intentionen des Autors zurückzuführen sucht, die im Text selbst nicht mehr öcrov äv f.lBTaÄaf.lßaV[]; Parm. 129a.
19 Sokrates bedient sich in seinen Darlegungen Parm. 128eff. unterschiedlicher Ausdrucks-
unmittelbar greifbar zu sein brauchen. Eine Intention ist niemals so leicht
weisen, um die Idee zu benennen oder zu kennzeichnen. Es sind die Ausdrucksweisen, deren
zu identifizieren wie ein Wortlaut. - Zenon hatte beabsichtigt, mit der in sich Platon zu diesem Zweck auch in den anderen Dialogen bedient. Er läßt Sokrates nicht nur
seinen jungen Jahren verfaßten Schrift der Lehre des Parmenides zu Hilfe zu vom "elöo~ 6f.lOL6T11ro~"., noch akzentuiert durch ein "ath:o um'}' aVl"o", sprechen, sondern
kommen (128c): Dem Wortlaut nach sagt sie etwas ganz anderes, als auch von der ,,6poL6n7~ aim]" und von "aunxu! öpow", daneben aber auch in demselben
Parmenides gesagt hat; dem Sinn nach will sie jedoch mit seinen Intentio- Sinn schlicht von der ,,6f.lotor:T}~"; er benutzt auch die Wendung "ö lanv av0f.l0WV" und
spricht allgemein von den "döry avui". Dieselbe Funktion erfüllen Abstrakta, wie sie bereits
nen konvergieren. Es geht also um den Realkontext, innerhalb dessen die von der Sprache bereitgestellt werden, z.B. :rc).:fr{jo~, im Gegensatz zu den :rcoAJ.a; ähnlich
Schrift nach der Intention ihres Autors eine bestimmte Funktion erfüllen liegen die Dinge bei xtVT}at~, OTaat~, f.lFydJO~, XaAAO~, ÖtxawaVvT}. Schließlich kann die
soll. Freilich läßt Zenon bereits eine gewisse Distanzierung gegenüber Thematisierung noch auf der Ebene dieser sprachlichen Ausdrucksweisen gleichsam wieder
zurückgenommen werden. Das geschieht, wenn Parmenides die "of.loL6l"ry~ aur:~" von der
"of.lOt6l"T}~« unterscheidet, die wir haben (BOb). - Auch die Terminologie der Teilhabe
14 Zur Deutung der ,,vielen" mit Hilfe der Dialogregie vgl. ], Klein: A Note on Plato's
(f.lEr:eXELV, j.lEWAaf.lßaVEtv) findet sich in der Darlegung des Sokrates, ebenso die der Tren-
"Parmenides". In: Orbis scriptlls (Tschizewskij-Festschrift), 1966, S. 431f. . nung (xwQi~).
116 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 117

bestimmten Prädikaten als solchen gemeint ist. Im Fortgang des Gesprächs Während Sokrates im Zweifel ist, ob die Ideenannahme auch für die
wird Sokrates versuchen, die Idee näher Zu bestimmen. Vorerst scheint er Beispiele der dritten Gruppe gelten soll, lehnt er Ideen von Haar, Kot,
jedoch gegenüber Zenon der Überlegene zu bleiben, da es ihm sein Ansatz Schmutz ab. Damit handelt er sich den Tadel des Parmenides ein, der sein
erlaubt, bestimmten Fehlschlüssen zu entgehen, die aus einer Mißdeutung jugendliches Alter apostrophiert und ihm vorwirft, er sei noch zu sehr von
der Prädikationsstruktur resultieren. Eine derartige Mißdeutung lag den den Meinungen der anderen Menschen abhängig, wenn er solche Dinge
Argumenten Zenons zugrunde, die darauf beruhten, daß Ähnliches nicht einfach nur mißachte". Wenn er ihm dann bedentet, die Philosophie habe
unähnlich, Eines nicht Vieles sein könne. ihn noch nicht ergriffen, wie sie ihn später noch einmal ergreifen werde
Die Ideenannahme tritt hier, wo sie eingeführt wird, durchaus nicht als (130e), so wird der Leser wieder an den älteren Sokrates erinnert, wie er in
schwierige und komplizierte Theorie auf, deren Verständnis außergewöhn- den später als der "Parmenides" spielenden, aber zumeist früher als er
liche Anstrengungen erfordern würde. Parmenides, an den jetzt die Füh- entstandenen Dialogen vorgestellt wird. Was im "Parmenides" zur Ideen-
rung des Gesprächs übergeht, behandelt diese Annahme vielmehr wie einen annahme gesagt wird, ist also schon aus diesem Grunde weder geeignet
klugen Einfall, der in einer bestimmten Problemsituation zur Diskussion noch gar dazu bestimmt, das zu widerrufen, was Sokrates in den von Platon
gestellt wird und den zu verstehen ihm nicht schwer fällt. Er traut Sokrates zn dieser Zeit bereits veröffentlichten Dialogen im Hinblick auf die Ideen-
durchaus zu, die Unterscheidung von Ideen und an ihnen nur teilhabenden annahme gesagt oder getan hat. Große Vorsicht ist geboten, wenn man die
Dingen selbst gefunden zu haben (BOb). Zwar scheint er selbst diese Frage beantworten will, wie in diesen Dialogen der Bereich möglicher
Annahme bislang noch nicht gekannt zu haben. Im Fortgang des Gesprächs Ideensubstrate abgegrenzt wird. Diese Frage wird in den vor dem "Parme-
bleibt er trotzdem überlegen. Gemeinsam mit Sokrates unternimmt er es nides" entstandenen Dialogen nirgends thematisch. Zwar lassen sich die
jetzt, die Tragweite der Ideenannahme zn prüfen. In drei Durchgängen dort im Zusammenhang mit der Erörterung der Ideenannahme angeführten
werden Fragen erörtert, die beantwortet werden müssen, wenn die Ideen nicht sehr zahlreichen Beispiele fast immer der ersten und der zweiten der
znm Gegenstand einer Theorie gemacht werden. im "Parmenides" unterschiedenen Gruppen znordnen. Doch daraus läßt
Im ersten Durchgang (130bff.) geht es darum, was Sokrates als mögliche sich keine Folgerung hinsichtlich der Grenzen des Ideenbereichs ziehen. Da
Ideensubstrate anzunehmen bereit ist. Parmenides stellt vier Beispielgrup- diese Frage in jenen Werken nirgends explizit gestellt wird, darf man ihre
pen zur Disknssion: Ähnlichkeit, Einheit, Vielheit - Gerechtes, Schönes, Beantwortung als für das Verständnis der Ideenannahme in der dort
Gutes - Mensch, Feuer, Wasser - Haar, Kot, Schmutz. Während Sokrates vorgetragenen Form irrelevant betrachten. Der "Parmenides" gibt jeden-
die bei den ersten Gruppen ohne weiteres als mögliche Ideensubstrate falls keinen Anlaß zu einer These, gemäß der Platon zunächst nur Ideen von
akzeptiert, gerät er hinsichtlich der Beispiele der dritten Gruppe bereits in Eigenschaften, vom "Parmenides" ab aber auch Ideen von Dingen ange-
Verlegenheit. Doch für das Verständnis ist nicht so wichtig, daß es gerade nommen hätte. Gewiß stehen zuerst abstrakte und normative Prädikate im
diese Beispiele sind, an Hand deren Sokrates zum erstenmal daran zweifelt, Vordergrund, wenn von Ideen die Rede ist. Trotzdem kann die Ideenan-
ob es hier noch angängig ist, Ideen anzunehmen. Wichtiger ist etwas nahme gelegentlich ganz zwanglos anch am Beispiel von Artefakten exem-
anderes: Sokrates hat überhaupt kein Kriterium zur Verfügung, das es ihm plifiziert werden21 • Doch die gängige Entgegensetzung "Ideen von Eigen-
gestattete, zulässige Ideensubstrate als solche eindeutig zu kennzeichnen. schaften" - "Ideen von Dingen" ist ohnehin inadäquat. "Mensch" oder
Auffälligerweise setzen Sokrates' Zweifel aber gerade dort ein, wo die "Haar" sind nun einmal nicht weniger Prädikatoren als "ähnlich" oder
Anwendung der entsprechenden Prädikate im konkreten Einzelfall trivial "schön". Auch der Ausdruck "Mensch" ist kein Name eines Individuums,
ist. Die vier von Parmenides angeführten Beispielgruppen müssen auch sondern ein Prädikator, der Individuen zu- oder abgesprochen werden
unter diesem Gesichtspunkt beurteilt werden. Im Einzelfall mag es eine kann. Ideen von Individuen werden jedenfalls nirgends als Beispiel ange-
nichttriviale Entscheidung sein, ob man einer Sache Bestimmungen wie führt.
"schön" oder "gerecht" zuordnen darf oder nicht. Geht es um Bestimmun- Der "Parmenides" gibt keine Antwort auf die Frage, wie weit sich das
gen wie "Mensch" oder "Haar", so muß man sich schon sehr abseitige Ideenreich erstreckt. Doch für das Verständnis dieses Dialogs ist hier auch
Situationen ausdenken, wenn man ein Fallbeispiel haben will, das die nur die Tatsache bedeutsam, daß diese Frage überhaupt anfgeworfen wird.
Möglichkeit von Zuordnungsschwierigkeiten zeigt. Das mag für die Syste- Ein Verzicht auf sie ist zugleich auch ein Verzicht anf ein Stück Verdingli-
matik einer Ideenlehre irrelevant sein. In einer anderen Hinsicht ist dieser chung der Idee. Hat Platon aus eben diesem Grunde diese Frage in den vor
Gesichtspunkt jedoch bedeutsam. Denn ein praktisches Bedürfnis nach dem "Parmenides" entstandenen Dialogen nicht behandelt? Die Texte
einer Thematisierung eines Prädikats ergibt sich im allgemeinen erst dann,
wenn seine Anwendung zu Schwierigkeiten führt. . 10 VgJ. dazu auch Soph. 218c; Pol. 266d. 21 Rep. 596aff.; Krat. 389a.
118 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 119

ermöglichen diese Deutung, aber sie erzwingen sie nicht. - Eine neue Stufe sich ein Konsens darüber, daß jedes im Zusammenhang mit dem Teilhabe-
der Verdinglichung wäre erreicht, wenn man Ideen annimmt, die nicht problem erörterte Modell für die Idee dem Einheitskriterium genügen muß
mehr als Ideen von etwas verstanden werden. Die Frage nach der Möglich- (131a, cl. Ein Modell, bei dem die Idee nicht nur als Eines, sondern auch als
keit derartiger "leerer" Ideen hat der Platonforschung schon manche Vieles in Anspruch genommen werden kann, ist deswegen unbrauchbar. So
Schwierigkeiten bereitet. Doch diese Möglichkeit steht im "Parmenides" muß man auf die Anwendung der Alternative Ganzes-Teil verzichten,
noch nicht einmal als Alternative zur Debatte, geschweige denn in den wenn die Teilhabebeziehung zur Diskussion steht (131e).
anderen Dialogen. Auf die Einheit der Idee hat man auch dort verzichtet, wo sich Iterations-
Im zweiten Durchgang (130eH.) soll die Beziehung der Idee zu dem strukturen ergeben. Das ist der Fall bei den Argumenten vom Typus des
,,~ritten Menschen'Q2, Im "Parrnenides" finden sich zwei Argumente, die
dessen Idee sie ist, bestimmt werden. Weniger wichtig als die einzelnen zu;
Diskussion gestellten Alternativen einer solchen Bestimmung ist auch hier dIesem Typus angehören. Zuerst wird die Iterationsproblematik am Bei-
die Tatsache, daß es eine Relation ist, die näher bestimmt werden soll. Das spiel der Größe entwickelt (132af.): Hat man es mit vielen großen Dingen
versteht sich nicht von selbst. Zwar hat sich Sokrates vorher bereits der zu tun, so scheint es sich doch nur um eine Idee zu handeln, wenn man alle
Teilhabemetapher bedient. Doch diese Metapher zwingt noch nicht zur überblickt. Faßt man jetzt diese Idee (das Große selbst) und die "anderen"
Annahme einer gegenständlichen Komponente in dem, was ein Prädikat großen Dinge 23 zusammen, so muß man, soll das ihnen Gemeinsame
meint. Gewiß kann man das, was mit einer einfachen prädikativen Aussage akzentuiert werden, eine Idee des Großen zweiter Stufe annehmen. Diese
gememt Ist, auch so ausdrücken, daß man das Bestehen einer Relation Reflexion kann dann aber unbegrenzt immer wieder aufs neue angestellt
zwischen dem Subjekt und einer aus dem Prädikat zu gewinnenden idealen werden. Unternimmt man es, die eine Idee des Großen zu suchen, kann
Wesenheit behauptet. Doch auch wenn man diese Möglichkeit realisiert man sich schließlich gezwungen sehen, eine unendliche Reihe entsprechen-
hat man die Idee noch nicht notwendig verdinglicht. Denn solange ma~ der Ideen anzunehmen.
sich der Teilhabevorstellung als einer Metapher bedient, hat man die Eine Argumentation dieses Typs ist nur möglich, wenn von der einem
Möglichkeit, nicht nur den Inhalt und die Bestimmung dieser Relation Prädikat zugeordneten Idee eben dieses Prädikat auch selbst ausgesagt
sondern auch die Relation als solche noch dem Bereich metaphorische; werden kann. Dann muß nicht nur den großen Dingen, sondern auch der
Veranschauhchungsmittel zuzuweisen. In diesem Sinne lassen sich die Idee des Großen, sogar im eminenten Sinne, das Prädikat "groß" zukom-
meisten einschlägigen Formulierungen deuten, die sich bei Platon finden. men. Mit Hilfe eines nicht sehr präzisen Ausdrucks spricht man in solchen
Hier im "Parmenides" wird dagegen die "Teilhabe" gerade auch hinsicht- Fällen häufig von Selbstprädikation. Das ist nur zulässig, wenn man sich
lich ihres relationalen Charakters beim Wort genommen. Damit ist die Idee bewußt bleibt, daß schon die Anwendung dieses Ausdrucks eine bestimmte
als ein Ding verstanden, das in Relationen eintreten kann, wie sie nur Deutung antizipiert. Ein griechisches Äquivalent für "Selbstprädikation"
zwischen individuellen Entitäten bestehen können. findet sich bei Platon jedenfalls nicht.
Dies wird dort besonders deutlich, wo sich die Aussagen über die Idee an Die Problematik der Selbstprädikation und der Iterationsstrukturen hat
einem räumlichen Modell orientierten, etwa beim Vergleich mit dem einen immer wieder das Interesse der Interpreten auf sich zu ziehen vermocht. In
Segeltuch, das über viele Menschen gespannt ist (131b). Merkmale von unserer Zeit wurde vor allem seit dem ersten Erscheinen der einschlägigen
sinnenfälligen Dingen wie Räumlichkeit und Teilbarkeit werden hier auf Arbeit von G. Vlastos24 im Umkreis dieser Fragen eine ungemein intensive
die Idee übertragen. Läßt man den Vergleich mit dem Segeltuch gelten, so Forschungsdiskussion geführt. In der Tat kann bei Platon von der Idee in
Ist das emzelne Dmg nicht der Idee als solcher zugeordnet, sondern nur der Weise die Rede sein, daß von ihr das Prädikat, dem sie zugeordnet ist,
einem Teil von ihr. Auch der Vergleich mit dem Tag, der an vielen Orten selbst ausgesagt wird. Das gilt nicht nur für den "Parmenides". Nur in
zugleich ist, hilft nicht weiter. Ohnehin führt Parmenides den Segeltuchver- diesem Dialog werden indes Konsequenzen in Richtung auf einen unendli-
gleich nur ein, um leichter Konsequenzen aus einem Ansatz anschaulich chen Regreß gezogen. Ist Platon auf diese Konsequenzen erst aufmerksam
machen zu können, den Sokrates durch den von ihm eingeführten Vergleich
mit dem Tag (131 b) charakterisiert. ZZ Diese Bezeichnung hat sich bekanntlich auch in der Platonforschung eingebürgert,

Ein an solchen anschaulichen Modellen orientiertes Verständnis der Idee obwohl sie nur auf die aristotelische Fassung des Arguments paßt. Bei Platon wird dieser
Argumentationstyp niemals am Beispiel des Menschen entwickelt. Dieser Sachverhalt ist ein
kann einer wichtigen Bedingung nicht gerecht werden: Läßt sie sich als Indiz für den Einfluß von~ aristotelischen Denkweisen in der Platonforschung.
teilbares Gebilde verstehen, kann sie nicht mehr im strengen Sinne eine 23 aUTO TO {lEya xai raMa Ta Iley6Aa, Parm. 132a.

sein. Zwar wird die Einheit der Idee an dieser Stelle noch nicht als solche 24 G. VIastos: The Third Man Argument in the Parmenides, Philosophical Review 63,1954,

thematisiert. Doch im Gespräch zwischen Parmenides und Sokrates zeigt S.319-349.


120 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 121

geworden, nachdem er von den Möglichkeiten der Selbstprädikation versteht, hat man also die mit ihrer Annahme verbundenen Schwierigkeiten
bereits einige Zeit Gebrauch gemacht hatte? Eine eindeutige Antwort läßt noch nicht überwunden.
sich auf Grund der Überlieferung nicht geben. Eindeutig ist hingegen die im Sokrates versucht schließlich, die Ideen als Vorbilder" und Standards zu
"Parmenides" verfolgte Tendenz: Die Konsequenz eines unendlichen denten. Das Teilhabeverhältnis ließe sich in diesem Fall als Abbildungsrela-
Regresses muß auf jeden Fall vermieden werden. Doch der "Parmenides" tion verstehen. Doch auch diesen Vorschlag kann Sokrates nicht verteidi-
gibt keine Auskunft darüber, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Hier setzen die gen. Denn Parmenides argumentiert sogleich auf d~r Basis der zwischen
modernen Lösungsversuche an. Sie machen zumeist von Differenzierungs- Vorbild und Abbild bestehenden Ahnlichkeit. Alles Ahnliehe ist sich näm-
möglichkeiten Gebrauch, wie sie durch die moderne Logik bereitgestellt lich stets in bezug auf etwas ähnlich, das selbst wieder Relat einer Ähnlich-
werden, wenn sie Sprachstufen unterscheiden, die Selbstprädikationen im keitsrelation werden kann und damit in einen unendlichen Regreß führt.
strengen Sinne des Wortes gar nicht zulassen. Die entsprechenden Aus- i-lier haben wir es mit dem Argument des "Dritten Menschen" in seiner
drücke, die sich bei Platon finden, müssen dann natürlich als uneigentliehe zweiten Gestalt zu tun. Auch der Begriff der Ähnlichkeit ist also ungeeignet,
oder als indirekte Ausdrucksweisen gedeutet werden, die höchstens den die Beziehung zwischen der Idee und dem, was an ihr teilhat, angemessen
Anschein einer Selbstprädikation erwecken. Derzeit scheint sich ein Kon- zu charakterisieren. Ob man also die Idee als Gedanken oder als Vorbild
sens abzuzeichnen, auf Grnnd dessen Platons scheinbare Selbstprädikatio- oder als Standard versteht, - in keinem Fall entgeht man der Gefahr ihrer
nen am ehesten noch als Identitätsbehauptungen oder als "Paulinische Verdinglichung. Man macht höchstens von subtileren Möglichkeiten der
Prädikationen "" zu deuten sind. Wie immer man dieses Problem aber auch Verdinglichung Gebrauch.
lösen wird, - man wird gut daran tun, Selbstprädikationen als Gebilde sui Der dritte Durchgang (133aff.) erörtert die Frage, ob getrennte Ideen,
generis zu behandeln und nicht als Prädikationen, die sich von anderen wie sie Sokrates annimmt, überhaupt erkennbar wären. Sokrates wird von
Prädikationen nur durch ihren Inhalt unterscheiden. Ohnehin ist die Selbst- Parmenides gewarnt: wie groß das mit der Ideenannahme verbundene
prädikation im Umkreis der Idee nur eine Verlegenheitslösung. Sie signali- Dilemma sei, wisse er noch gar nicht. Behauptete nämlich jemand, Ideen
siert die Verlegenheit, in die derjenige kommt, der überhaupt eine sachhal- seien unverkennbar, so könne man ihn nicht widerlegen, außer es handle
tige Bestimmung der Idee zu geben sucht. Würde man jede Selbstprädika- sich um einen vielerfahrenen und nicht unbegabten Gegner'", der auch
tion wörtlich nehmen, so wäre sie Dokument einer Verdinglichung der willens sei, komplizierten Erörternngen zu folgen. Diese Eigenschaften
Idee. Deutet man sie als Verlegenheitslösung, so hätte sie umgekehrt gerade werden gerade von dem verlangt, der widerlegt werden soll. Die These von
die Funktion, einer derartigen Tendenz entgegenzuwirken. Denn dann der Unerkennbarkeit der Idee kann also nach der Auffassung des Parmeni-
würde sie nur die Schwierigkeit beleuchten, die Idee überhaupt zum des nur unter anßergewöhnlichen Bedingungen widerlegt werden. In erster
Gegenstand, und sei es zum Gegenstand von Aussagen, zu machen. Näherung nnd unter der Voraussetznng des landläufigen Verständnisses
Sokrates wird von Parmenides mit der Konsequenz eines unendlichen vom Erkennen kann man daher von der Unerkennbarkeit der Ideen ausge-
Regresses konfrontiert. Doch er ist weit davon entfernt, die für diese hen. Wer also über die genannten, auf den älteren Sokrates verweisenden
Konsequenz verantwortlichen Gründe ganz zu durchschauen. Er glaubt Eigenschaften nicht verfügt, tut gut daran, die Ideen zunächst einmal für
zunächst noch, die Schwierigkeiten ließen sich dann umgehen, wenn man unerkennbar zu halten.
jede Idee als einen Gedanken versteht, der nirgends sonst vorkommt als in Die Erörternngen des dritten Durchgangs über die Unerkennbarkeit der
der Seele". Er sucht damit einen Ausweg, bei dem sich zumindest eine Idee beruhen auf der Voraussetzung, daß sie als getrennte und an und für
bestimmte Form der Vergegenständlichung der Idee vermeiden läßt. Er sich bestehende Entität aufgefaßt wird". Es wird nicht gesagt, in welchem
kann diesen Lösungsversuch jedoch nicht erfolgreich verteidigen. Parmeni- Sinne hier von Trennung die Rede ist. Der Text ist mit unterschiedlichen
des bleibt auch dieses Mal der Überlegene. Sokrates läßt sich von ihm durch Deutungen verträglich. Natürlich läßt er sich mit der Vorstellung einer
den einfachen Hinweis irritieren, daß jeder Gedanke ein intentionales räumlichen Trennung zwischen der Idee und dem, was an ihr teilhat,
Korrelat hat und deswegen ein Gedanke von etwas ist. Dieses intentionale vereinbaren. Genügt aber vielleicht für die Annahme einer "Trennung"
Korrelat des Gedankens kann nicht gnt etwas anderes sein als die Idee; bereits eine Thematisierung, durch die die Idee zum Gegenstand einer
dann aber kann der Gedanke von der Idee nicht bereits die Idee selbst sein.
Auch wenn man die Idee als einen Gegenstand von mentaler Seins art
27 :rcQqaödyp,aw, Parm. 132d.
28 .n:OAAWV ... lll:rre[(JO~ wv ... xal flry cupvrJf, Parm. 133b, vgl. 135a.
29 Vgl. die entsprechenden Ausdrücke C((pog{~ELV, 6Q{~ELV, ÖW(J{~ELV, (Parm. 133a, 13Sa);
25 VgJ. unten S. 143,321. 26 v67fl1a ... tv '1jJvxa[~, Parm. 132b. XW(}{~ (ohne verbale Entsprechung) 129d, 130b, 131a.
122 Die Ideen und ihre Funktion § 7: Die Kritik der Ideenlehre 123

Aussage gemacht wird? Wie dem auch sei, - konsequenterweise müßte man Damit sollen offensichtlich alle gegen die Ideenannahme vorgetragenen
auf jede Thematisierung verzichten, wenn die Idee unerkennbar sein soll. Argumente aufgewogen werden können. Sie sind damit freilich nicht
Zur vollendeten Unerkennbarkeit von etwas gehört nun einmal die Unmög- widerlegt. Wohl aber ist angedeutet, wo der Ausweg zu fmden 1st: schon
lichkeit irgendeiner verifizierbaren Aussage. Auch eine nur logische Thema- das jenen Argumenten zugrunde liegende Verständnis der Idee ist nicht
tisierung der Idee würde leer laufen, wäre es unmöglich, ihr auf begründete adäquat. Sind nämlich Ideen wirklich Bezugspunkte, auf dIe Jede Unterre-
Weise Prädikate beizulegen. dung angewiesen ist, dann kann zwar ihre Funktion immer noch in einem
Die Erörterungen des dritten Durchgangs brauchen hier nicht im einzel- Gespräch klargemacht werden. Sie können aber in einem Gespräch nicht
nen analysiert zu werden. Der entscheidende Gedanke besteht darin, mehr ernstlich zur Disposition gestellt werden, auch mcht m emem
sowohl der Idee als auch dem an ihr Teilhabenden jeweils eine Erkenntnis- Gespräch von der Art, wie es zwischen Sokrates und Parmenides geführt
form als gnoseologisches Korrelat zuzuordnen. Zwischen diesen gnoseolo- wird. Sind die Ideen wirklich Bedingungen der Möglichkeit eines jeden
gisehen Korrelaten soll dann eine Trennung bestehen, die der zwischen den Gesprächs, dann hat sie auch der bereits durch die Tat akzeptiert, der noch
beiden Wirklichkeitsbereichen analog ist. Unter dieser Voraussetzung bil- glaubt, sie innerhalb des Gesprächs zur Disposition stellen zu können., Als
det unsere Welt mitsamt den ihr zugeordneten Erkenntnisstrukturen Bedingungen der Möglichkeit eines Gesprächs smd sIe von den Jewe1hgen
ebenso ein in sich geschlossenes Beziehungsgefüge wie die Ideenwelt mit der Partnern immer nur auf implizite und unthematische Weise angenommen.
ihr zugeordneten Erkenntnis. Von ihr wird als von einer göttlichen Man weiß gewöhnlich gar nicht, was es ist, das man auf diese Weise
Erkenntnis gesprochen (vgl. 134cf.). Unser Wissen reicht dann nicht in den akzeptiert hat. Irrtümer und Fehldeutungen können sich daher besonders
göttlichen Bereich; umgekehrt kann sich das göttliche Wissen nicht mit leicht gerade im Zusammenhang mit dem Akt der Thematisierung des sonst
unserer Welt beschäftigen. Wie so oft bei Platon, ist die Rede vom zumeist Unthematisierten einschleichen. Gerade deswegen ist es aber nötig,
Göttlichen auch hier nicht Selbstzweck. Sie dient der Abgrenzung dessen, die Reflexionsebenen streng voneinander zu unterscheiden. Ein Argument
was dem Menschen zu erreichen möglich ist. Die Erkenntnis getrennter, an gegen die Annahme von in bestimmter Weise thematisierten Ideen bleibt in
und für sich bestehender Ideen läge jenseits der dem Menschen gezogenen seiner Gültigkeit relativ auf die Voraussetzungen, unter denen dlC Themat1-
Grenzen. sierung vorgenommen wird. Es braucht deswegen nicht die Idee in ihrer
Trotz aller dieser Gegenargumente will aber nun gerade Parmenides Eigenschaft als unvordenkliche und implizite Voraussetzung jeder Unterre-
nicht auf die Annahme von Ideen verzichten (vgl. 135b ff.). Doch wer dung und jeder Verstandestätigkeit zu treffen. . .
daraufhin die Darstellung wenigstens von Grundzügen einer verbesserten Die Ermahnung, die Sokrates von Parmemdes gegen Ende Ihres
Ideenlehre erwartet, wird enttäuscht. Platon hat auch in Werken, die später Gesprächs bekommt, weist in die Richtung eines Wissens, das seinen Inhalt
entstanden sind als der "Parmenides", von der Ideenannahme Gebrauch gerade nicht thematisiert. Woran es dem jungen Sokrates nach Parmemdes'
gemacht. Aber er hat die im "Parmenides" vorgetragenen Argumente Urteil fehlt, ist gerade nicht die Kenntnis der richtigen Theorie von der Idee.
niemals entkräftet". Doch diese Argumente brauchen auch gar nicht ent- Ginge es darum, so wäre allerdings nicht einzusehen, warum diese :rheone
kräftet zu werden. Sie behalten ihre Gültigkeit, solange man die Ideen als nicht sogleich vorgetragen wird. Woran es Sokrates noch fehlt, laßt SIch
selbständige und "getrennte" Gegenstände versteht. Sie weisen darauf hin, auch durch eine richtige Theorie nicht ersetzen oder vermitteln: Es fehlt
daß die Ideen in dieser Weise gerade nicht verstanden werden dürfen. ihm nämlich bislang noch ein bestimmtes praktisches Wissen, nämlich jene
Werden die Ideen dagegen richtig verstanden, so entfallen die Vorausset- Übung", die nötig hat, wer die Wahrheit treffen will. Man ka~n über diese
zungen, unter denen allein solche Argumente formuliert werden können. Übung und ihre Eigenschaften in Sätzen sprechen. Das geschIeht auch 1m
Statt einer verbesserten oder gereinigten Ideenlehre gibt der "Parmeni- "Parmenides" (135dff.). Doch wer solche Sätze verstanden hat, ist deswe-
des" nur einen äußerst knappen Hinweis auf Konsequenzen, die derjenige gen allein noch lange nicht im Zustand jenes Geübtseins, von dem die Rede
in Kauf nehmen muß, der keine Ideen anzunehmen bereit ist: Wer keine ist.
identische, immer sich gleichbleibende Idee zuläßt, hat nichts mehr, worauf Im zweiten Teil des "Parmenides" ist diese Übung nicht mehr ein
er seinen Verstand" richten könnte; ohne die Annahme von Ideen müßte Gegenstand der Rede. Sie wird vielmehr in einem Beispiel vorgeführt und
man ferner auf die Fähigkeit der Unterredung" überhaupt verzichten. gezeigt". Immer wieder wird die Frage erörtert, ob dIeser zweIte Tell von
30 Vgl. die Kapitelüberschrift bei R. Robinson, Plato's Earlier Dialectic, 2. Aufl., 1953, S,
Platon ernst gemeint ist oder ob es sich bei ihm um ein bloßes Spiel handelt.
237: "Plato never answered the arguments." 3J YVllvao{a, YV{tvliCeaiJm, vgl. Parm. 135cff. .
31 &avow, vgl. Parm. 135b.
34 Auch im "Sophistes" (218d) und im "Politikos" (286b) wird der Übungscharakter der
32 ()vvatt~~ wv r5ta).f.YEo{Jm, vgl. Parm. 135c.
entsprechenden Darlegungen betont.
r

124 Die Ideen und ihre Funktion 125


§ 8: -Ideen ohne Ideenlehre

Eine solche Alternative wäre sinnvoll, wenn es nur um Sätze ginge, die mit § 8: Ideen ohne Ideenlehre
dem Anspruch aufträten, Platons Lehrmeinung wiederzugeben. Im Hin-
blick auf den Wortlaut eines Satzes kann man allerdings fragen, ob er vom Vor allem zwei Dinge seien es, die man nach dem bekannten Bericht des
Sprecher ernst gemeint ist oder nicht. Anders verhalten sich die Dinge, Aristoteies im dreizehnten Metaphysikbuch dem historischen Sokrates
wenn es um die Einübnng bestimmter Fähigkeiten oder Fertigkeiten geht. zuschreiben könne: die induktiven Reden und das Definieren des Allgemei-
Man mag den Prozeß einer Einübung mit einem Spiel vergleichen. Keinen nen'. Sokrates habe sich als erster mit den ethischen Tugenden beschäftigt
Sinn mehr hätte jedoch die Behauptung, eine solche Einübung sei nicht und er habe sie als erster allgemein zu definieren gesucht. Doch er habe das
ernst gemeint. Denn hier geht es um Tätigkeiten und Handlungen, die als Allgemeine ebenso wenig wie die Definitionen zu einem Getrennten
solche Fakten setzen und die nicht zurückgenommen werden können. Der gemacht'. Das hätten im Gegensatz zu ihm dann andere getan, die dieses
zweite Teil des "Parmenides" soll ein Beispiel für Übungen vor Augen Getrennte dann als Ideen bezeichnet hätten. - Es kann dahingestellt
stellen, wie sie der absolvieren muß, der mit der Ideenannahme angemessen bleiben, ob zwischen Sokrates' Suche nach allgemeinen Definitionen und
soll umgehen können. Das Ziel solcher Übungen liegt also darin, bestimmte seinem Interesse an ethischen Fragen von der Sache her ein Zusammenhang
Fertigkeiten zu erlangen. Das Übungsmaterial mag aus Elementen beste- besteht. Aristoteles sagt nichts darüber aus, warum Sokrates nicht auch
hen, aus denen Theorien formuliert werden können. Aber selbst dann außerhalb des Bereichs der ethischen Begriffe nach Definitionen gesucht
wären ausformulierte Theorien nicht der letzte Zweck der Übung. Der hat. Ihm kommt es vor allem darauf an, daß Sokrates das Allgemeine, nach
ältere Sokrates, wie ihn Platon in den übrigen Dialogen vorführt, wird diese dem er auf der Basis eines begrenzten Problembereichs gesucht hat, im
Lektion gelernt haben. Gegensatz zu den Vertretern der Ideenlehre noch nicht als ein "Getrenntes"
Die Dialogregie im "Parmenides" macht deutlich: So jedenfalls dürfen verstand.
die Ideen nicht verstanden werden. Wie aber sonst? Platon entwickelt Wer diesen Bericht richtig verstehen will, muß den Reflexionsstandpunkt
nirgends eine verbesserte Theorie der Idee. Aber er gibt, nicht zuletzt auch in Rechnung stellen, den Aristoteles immer dann bezieht, wenn er über
in den nach dem "Parmenides" entstandenen Werken, zu verstehen, daß seine Vorgänger spricht. Er referiert nämlich niemals den Wortlaut der
man auf die Annahme von Ideen nicht verzichten kann. Er verzichtet Lehren früherer Denker. Diese Lehren sind vielmehr Gegenstand einer
jedoch darauf, selbst eine entsprechende Theorie aufzustellen. Wir glauben Beurteilung, bei der er von Gesichtspunkten Gebrauch macht, die nicht
heute die Schwierigkeiten zu sehen, mit denen jede Theorie der Prädikation mehr in den Bereich der beurteilten Lehre selbst gehören. Auch wenn das
zu kämpfen hat. Die Grundprobleme, für die eine solche Theorie eine Ergebnis einer solchen Beurteilung richtig ist, darf man es dem beurteilten
begründete Lösung anbieten müßte, sind noch nicht gelöst. Es ist noch Autor noch nicht als möglichen Bestandteil seiner Lehrmeinung zurechnen.
nicht einmal sicher, ob diese Grundprobleme überhaupt lösbar sind. Trotz AristoteIes sagt von Sokrates, er habe etwas Bestimmtes nicht getan: Er
allem läßt sich niemals ernstlich das Faktum bezweifeln, daß wir uns schon habe nämlich das Allgemeine nicht zu einem Getrennten gemacht. Aristote-
immer - und oft mit Erfolg - mit Hilfe von Prädikationen miteinander les sagt aber nicht, Sokrates habe eben dies behauptet oder gar zum Inhalt
verständigen. Platon standen die formalen Hilfsmittel nicht zur Verfügung, seiner Lehre gemacht. Wer nach einem Allgemeinen sucht, bedarf dazu
auf die die Philosophie unserer Tage so stolz ist und die es ihr trotzdem bis keiner expliziten Vorstellung vom Status des Allgemeinen als eines solchen.
heute nicht ermöglicht haben, eine vom Konsens der Kundigen getragene Aus der richtigen Aussage, Sokrates habe das Allgemeine und die Defini-
Prädikationstheorie zu entwickeln. Um so mehr ist Platons Instinkt zu tionen noch nicht getrennt, läßt sich daher nicht schließen, daß Sokrates
bewundern, der ihn von der Aufstellung einer systematischen Ideenlehre bereits bewußt in der theoretischen Alternative, entweder ein getrenntes
Abstand nehmen und ihn gleichwohl auf die Unverzichtbarkeit der Ideen- oder ein ungetrenntes Allgemeines anzunehmen, zu entscheiden gehabt
annahme und auf ihren Inhalt in einer Vielzahl von Gleichnissen, Erwäh- hätte. Der Bericht des Aristoteies enthält daher nur Informationen über
nungen und anderen Formen indirekter Mitteilung immer wieder hinwei- das, was Sokrates d~ facto geleistet hat. Man erfährt auch, daß eine Lehre
sen ließ. von getrennten Ideen von Sokrates jedenfalls nicht entwickelt worden ist.
Das Scheitern einer Ideenlehre berechtigt niemanden dazu, auf die Doch daraus folgt nicht, daß er eine Lehre von einem "ungetrennten"
Annahme von Ideen zu verzichten. Das ist eine Lehre des Dialogs, der den Allgemeinen entwickelt hätte.
Versuch einer Ideenlehre und sein Scheitern mit Bedacht im Umkreis des Die heikle Frage nach dem Verhältnis des historischen und des platoni-
ganz jungen Sokrates ansiedelt. schen Sokrates kann man hier auf sich beruhen lassen. Was Aristoteles
1 ot braxnxoi Aoym, 't'o ogü;Eo{Jm xaiJoAov; vgl. Met. M 4, 1078b 28.
2 ci!1E:v Lwx()(in1!; ra xatJ6)'ov on XOJfJima brots/' oi'Jöf 'Wv~ O(]l(J!1ov;, 1078b 30.
126 Die Ideen und ihre Funktion § 8; Ideen ohne Ideenlehre 127

nämlich über den historischen Sokrates sagt, ist auch im Hinblick auf den gilt gerade für den Normalfall, in dem diese Bedeutung gar nicht in
Sokrates richtig, den Platon in einer Reihe von Werken, vor allem in den isolierter Gestalt intendiert oder gar thematisiert wird. Die Frage bleibt, wie
aporetischen Tugenddialogen, gestaltet. Es ist ein Sokrates, der von seinen sich diese Bedeutung explizieren läßt und was es eigentlich ist, an dem sich
Partnern Auskunft über den Sinn von Moralbegriffen verlangt. Es fällt ihm der orientiert, der ein Prädikat verwendet und mit seiner Hilfe einem
oft nicht leicht, seinen Partnern auch nur den Sinn seiner Definitionsfragen anderen etwas über einen Gegenstand zu verstehen gibt.
verständlich zu machen. Doch er fordert nicht die Annahme selbständig Auf dem Boden des unreflektierten Sprachgebrauchs stehen beispiels-
existierender Entitäten als Korrelaten dieser Begriffe. Schon gar nicht weise Sokrates' Gesprächspartner in den Definitionsdialogen. Sie verstehen
versucht er, in abstracto eine Theorie über solche Korrelate zu entwickeln. zuerst gar nicht, worauf Sokrates eingentlieh hinaus will, wenn er nach der
Vor dem Hintergrund des aristotelischen Berichts gewinnt nun aber Bedeutung bestimmter Prädikate fragt'. Als Antwort auf seine Fragen
gerade Platons "Parmenides" besondere Bedeutung. Hier wird die Tren- nennen sie ihm ein oder mehrere Beispiele für die Anwendung des jeweils
nung des Allgemeinen vollzogen, die Sokrates nach Aristoteles gerade nicht erörterten Prädikats. Damit dokumentieren sie, daß ihnen der richtige
vorgenommen hat. Nun ist es aber gerade der ganz junge Sokrates, dem Umgang mit diesem Prädikat vertraut ist. Zwar kann gelegentlich schon
Platon auf der dramatischen Ebene die Aufgabe zuweist, die Annahme der Inhalt eines Beispiels Anlaß zu Einwänden geben. In jedem Fall aber
getrennt existierender Ideen zu vertreten. Wenn Platon den von ihm muß sich Sokrates bemühen, den Sinn seiner Fragen verständlich zu
gestalteten Sokrates bei dem Versuch, diese seine Annahme gegenüber machen, wenn er seinen Partnern zumutet, bestimmte Prädikate oder die
Parmenides zu verteidigen, scheitern läßt, so ist damit zugleich die Sokra- ihnen entsprechenden Substantivierungen aus dem Kontext des natürlichen
tesgestalt neu gedeutet, die Platon in den vor dem "Parmenides" entstande- Sprachgebrauchs zu isolieren und zu sagen, was man durch sie in ihrer
ueu Dialogen vorführt. Im Hinblick auf die Aunahme getrennt existieren- isolierten Gestalt eigentlich zu verstehen gibt. Doch ein unthematisches
der Ideen bedeutet dies: Das historisch wohl richtige und auch noch auf den Wissen kann er bei seinen Partnern allemal voraussetzen, wenn sie
Sokrates der aporetischen Tugenddialoge sinnvoll anwendbare "noch imstande sind, das entsprechende Prädikat zu verwenden.
nicht" wird zu einem "nicht mehr" umgedeutet. Der platonische Sokrates Man geht über die nur Beispiele enthaltenden Antworten, wie sie Sokra-
hat demnach schon als ganz junger Mann die Schwierigkeiten kennenge- tes von seinen Partnern bekommt, zumeist als über leicht zu durchschau-
lernt, die mit der Annahme getrennter Ideen verbunden sind. Seine Zurück- ende Mißverständnisse hinweg. Angesichts der in der modernen Diskussion
haltung gegenüber thematischen Behauptungen über die Idee wird nach- der Prädikationsproblematik manifest gewordenen Schwierigkeiten wird
träglich als eine Option gedeutet, die mit Bewußtsein und in Kenntnis der man für diese Antworten jedoch Verständnis aufbringen können. Man
mit der Alternative verbundenen Schwierigkeiten vollzogen worden ist. wird nämlich mit der Möglichkeit rechnen, daß sich der Sinn eines Prädi-
Dem Sokrates, der das Allgemeine und die Ideen de facto nicht trennt, wird kats nicht abgelöst von seiner Verwendung bestimmen läßt. Bei einer
unterstellt, daß die Annahme getrennt existierender Ideen eine ihm ver- derartigen Voraussetzung würden die nur Beispiele anführenden Antwor-
traute, aber längst verworfene und überwundene Alternative ist. Unter ten nicht ganz ins Leere zielen. Trotzdem wird man nicht gerade eine
solchen Umständen verbietet es sich natürlich, Äußerungen des platoni- Gebrauchstheorie der Prädikation als Maßstab der Beurteilung dessen
schen Sokrates zur Ideenannahme als Fragmente zu behandeln, die sich als wählen können, was im Dialog geschieht. Denn gerade der richtige
Material zu einer von ihm selbst niemals im Zusammenhang entwickelten Gebrauch eines Prädikats ist selbst der Erklärung bedürftig. Wer ein
Ideenlehre benutzen ließen. Prädikat verwendet, braucht jedenfalls einen Orientierungspunkt, im Blick
Die aporetischen Tugenddialoge Platons und die Werke im Umkreis auf den sich zulässiger und unzulässiger Gebrauch unterscheiden läßt. Man
dieser Dialoge fragen nach Sinn und Inhalt bestimmter Prädikate. Diese mag einwenden, ein solches Kriterium sei kein Objekt einer dem Menschen
Prädikate stehen bisweilen auch in Gestalt von Substantivierungen zur möglichen Erkenntnis mehr, wenn man es aus seinem Funktionszusammen-
Debatte. In jedem Fall aber ist die Einstellung des unreflektierten Sprachge- hang isoliert. Doch selbst wenn dieser Einwand triftig wäre, dürfte man das
brauchs aufgegeben, wenn derartige Fragen gestellt werden. Im natürlichen Faktum, nach dessen Prinzip man sucht, nämlich den faktisch richtigen
Sprachgebrauch verwendet man Prädikate, aber man thematisiert sie nicht Gebrauch eines Prädikats, noch lange nicht mit dem gesuchten Prinzip
und man fragt nicht nach ihnen. Doch was meint man eigentlich mit einem selbst verwechseln.
Prädikat als solchem? Das scheint sich zunächst von selbst zu verstehen. Sokrates mutet seinen Partnern zu, sich von dem Gebrauchswissen zu
Sokrates geht jedenfalls davon aus, daß jeder, der ein Prädikat, insbeson- distanzieren, das sich in der Fertigkeit bewährt, bestimmte Prädikate zu
dere ein Normprädikat, verwende~ mit ihm eine bestimmte Bedeutung
verbindet und sich bei der Verwendung des Prädikats an ihr orientiert. Das J Vgl. Lach. 190c; Euthphr. Sd; Men. ?le; Hipp. mai. 287ej Theait. 146c.
128 Die Ideen und ihre Funktion § 8: .Ideen ohne Ideenlehre 129

verwenden, wenn er die Intention auf den Sinn richtet, den diese Prädikate 2. Man kann ein Normprädikat auf individuelle Einzelfälle anwenden und
unabhängig von ihrer Verwendung haben. Das impliziert gewiß noch keine nach einem Kriterium fragen, an Hand dessen man entscheiden kann, ob
Anerkennung getrennt existierender Ideen oder eine Vergegenständlichung diese Anwendung im jeweiligen Fall gerechtfertigt ist oder nicht.
des Allgemeinen. An welcher Stelle und mit welcher gedanklichen Opera- 3. Man kann nach Sinn und Bedeutnng eines Prädikats fragen und dabei
tion ist dann aber jene Anerkennung vollzogen? In einer Ideentheorie, wie von allen individuellen Anwendungsinstanzen absehen.
sie der "Parmenides" anstrebt und kritisiert, ist sie vorausgesetzt; der Fragen vom ersten Typus werden vor allem in einigen Frühdialogen
Versuch, unabhängig von konkreten Anwendungsinstanzen die Bedeutung gestellt. So geht es etwa im "Gorgias" und im ersten Buch der "Politeia"
von Prädikaten zu bestimmen, bedarf dagegen mit Sicherheit noch keiner zwar auch um den Inhalt und nm die Grenzen der Anwendbarkeit des
derartigen Voraussetzung. Es ist nicht leicht, sich in dem Bereich zu Begriffs des Gerechten. In erster Linie geht es aber darum, was den
orientieren, der zwischen diesen beiden Extremen liegt. Denn schon aus Menschen überhaupt motivieren kann, in seinem Handeln das zu realisie-
Gründen, die in der Struktur der Sprache liegen, in der man über diese ren, was er für gut und für gerecht hält. In beiden Dialogen kommen die
Dinge redet, verführt jede Thematisierung eines Prädikats dazu, seine Interessen derer zur Sprache, die entsprechende Normen propagieren. Dazu
Bedeutung zu verdinglichen, mag dies auch auf eine noch so subtile Weise gehört auch das Interesse daran, eben diese Interessenlage zu verschleiern.
geschehen. Die auffällige Vorsicht, deren sich Platon bis in seine Aus- Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Thematik der Reden des Polos, des
drucksweise hinein überall dort befleißigt, wo er sich im Umkreis der Idee Kallikles und des Thrasymachos. Für Sokrates ist die Einführung des
bewegt, muß jedenfalls auch von hier aus verstanden werden. Wenn sich Interessengesichtspunktes durchaus nicht inadäquat. Denn er strebt ja eine
Platon, wie es bei ihm oft geschieht, gegenüber thematischen Aussagen über Lösung an, bei der das normgerechte Handeln und das wohlverstandene
die Idee zurückhält und es bei indirekten Mitteilungen, Erwähnungen oder Eigeninteresse des Handelnden konvergieren. Das zeigt vor allem der
metaphorischen Verschlüsselungen bewenden läßt, so wird er damit der eschatologische Seelenmythos am Ende des "Gorgias" (523aff.). Er gehört
Problemlage in der Sache gerecht, sei es auf instinktive oder auf reflexive freilich zu den Mythen, die sich nicht unmittelbar und eindeutig in den
Weise. Jede Aussage, die über ein Prädikat und seine Bedeutung gemacht Klartext einer Lehre transformieren lassen. Das Problem ist gleichwohl
wird, muß also zunächst stets relativ zur jeweiligen Thematisierungsstufe deutlich: Der Inhalt der Norm und das wahre Interesse des handelnden
verstanden werden. Schon aus methodischen Gründen ist man· nicht Menschen sind so zu bestimmen, daß sich bei einer adäquaten Einsicht in
berechtigt, Indizienbeweise zu führen, mit deren Hilfe man dann indirekte Norm und Interesse ein besonderes Motivationsproblem für den Handeln-
Mitteilungen oder Erwähnungen in thematische Aussagen transformiert, den gar nicht mehr stellt. Dieser Gedanke wird bei Platon in unterschiedli-
um das Resultat einer solchen Transformation Platon als Lehrmeinung zu chen Zusammenhängen aufgegriffen: Die richtige Erkenntnis der Norm
unterstellen. soll für den Erkennenden bereits eine hinreichende Bedingung der Realisie-
Unter den Prädikaten, deren Bedeutung Sokrates zum Zielpunkt seiner rung normgerechten Verhaltens sein. Adäquates Wissen vom Gerechten
Intention macht, haben normative Prädikate eine Vorzugsstellung. Man hätte dann also zwangsläufig gerechtes Handeln zur Folge. Sokrates sucht
kann es dahingestellt sein lassen, ob sich darin das in ethischen Fragen also nach einem Wissen, das den Bereich der Praxis nicht nur zum
zentrierte Interesse des historischen Sokrates spiegelt. Möglicherweise ist Gegenstand hat, sondern das auch selbst praktische, d.h. handlungsbestim-
das Interesse an den mit der Prädikation verbundenen Problemen erst mende Funkrionen erfüllen kann. Das Scheitern der Bemühungen um die
durch die Beschäftigung mit ethischen Fragen hervorgerufen worden. Wie Definition von Normprädikaten muß auch unter diesem Gesichtspunkt
dem auch sei, - bestimmte mit der Prädikation verbundene Probleme beurteilt werden. Die Kenntnis der korrekten Definition eines Normprädi-
werden erst virulent, wenn es um Normprädikate geht. Doch diese Tatsa- kats - gesetzt den Fall, sie wäre gefunden - könnte jedenfalls für sich allein
che zwingt einen noch lange nicht dazu, eine logische Wurzel der Ideenlehre noch keine praktische.n Konsequenzen zeitigen. So ist es gerade die im
von einer ethischen Wurzel zu unterscheiden und in diesem Sinne hetero- Zusammenhang mit der Erörterung von Normprädikaten auftauchende
gene Ursprünge der Ideenlehre anzunehmen. Motivationsfrage, die auf die Konzeption eines praktisch ausgerichteten
Es erweist sich als zweckmäßig, die bei Platon im Umkreis der Normprä- Wissens verweist. Auf sie konvergieren bei Platon Sacherörterungen unter-
dikate erörterten Probleme zu klassifizieren: schiedlichster Ausgangsthematik.
1. Die Beschäftigung mit einem Normprädikat kann die Frage provozie- Fragen vom zweiten Typus richten sich darauf, ob man einem bestimm-
ren, ob und warum man sich der Norm gemäß verhalten soll. Der Inhalt ten Gegenstand ein bestimmtes Prädikat zusprechen darf oder nicht. Ist dies
der Norm braucht dabei als solcher noch gar nicht thematisiert zu streitig, so kann man versuchen, auf dem Weg über eine genauere Bestim-
werden. mung von Sinn und Bedeutung des fraglichen Prädikats zu einer Entschei-
9 Wieland, l'!aton
130 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 131
dung zu kommen. Von einer derartigen Frage geht beispidsweise der Nur unter den Idealbedingungen eines Modellstaates, wie ihn die "Poli-
"Euthyphron" aus. Hier geht es darum, ob em bestImmtes mdlVlduelles teia" konstruiert, gelingt es Platon, Normprädikate zu definieren. Nicht
Verhalten der Titdfigur legitimerweise als fromm bezeIchnet werden kann zufällig ist dieser Modellstaat so konstruiert, daß im Zusammenhang mit
oder nicht4 • Dieses Verhalten läßt sich zwar einem bestimmten Handlungs- den zentralen Normprädikaten Subsumptionsprobleme in seinem Bereich
schema zuordnen. Seine Individualität wird dadurch jedoch nicht verdeckt. kaum noch auftauchen können. Doch das sind nicht die Bedingungen,
Die Antwort auf die von Sokrates gestellte Frage nach dem Wesen des unter denen Sokrates in den Definitionsdialogen nach der Bedeutung von
Frommen soll die Funktion haben, ein Kriterium zu liefern, das eine Normprädikaten fragt. Hier wird mit dieser Frage etwas gesucht, was
Entscheidung darüber soll begründen können, ob Enthyphrons Verhalten außerhalb von Modellbedingungen gar nicht in einer mit dem Anspruch
fromm ist oder nicht (4e, 6e). - Ganz ähnlich steht im "Charmides" am auf Allgemeingültigkeit auftretenden sprachlichen Formulierung eingefan-
Anfang die Frage, ob eine individuelle Person, nämlich die Titelfigur, gen werden kann. Die Suche nach der "richtigen", von Platon im jeweiligen
besonnen ist oder nicht (158c). Auch hier will Sokrates die Antwort auf Dialog nur versteckten Definition des zur Debatte stehenden Normprädi-
dem Weg über die von ihm vorgeschaltete Definitionsfrage finden (159a). kates verspricht daher keinen Erfolg. Einer der Gründe dafür liegt in der
Damit befindet man sich bereits im Bereich der dem dntten Typus angeho- Tatsache, daß unter Realbedingungen auch die beste Definition die Lösung
renden Fragen. Ihre Erörterung braucht also durchaus nicht Selbstzweck zu des Subsumptionsproblems nicht garantieren kann.
sein. Dem zweiten Typus lassen sich im übrigen auch alle dIe Fragen Außerhalb des Bereichs der Normprädikate ergeben sich nur selten
zuordnen, in denen ein bestimmtes Prädikat zunächst nur Inhalt emer Subsumptionsschwierigkeiten oder Definitionsprobleme. So heißt es im
Erwähnung ist, bei denen aber der Versuch, sie begründet zu beantworten, "Phaidros", wir dächten alle an dasselbe, wenn von Eisen oder von Silber
dazu zwingt, das Prädikat zu thematisieren und n~ch seiner Bedentung zu die Rede sei. Ganz anders verhalte es sich aber bei der Rede vom Gerechten
fragen. Man muß schon wissen, was Tapferkeit eIgentlIch Ist, wenn man und vom Guten; denn hier stünden wir nicht nur miteinander, sondern
danach fragt, wie man sie lehren kann'. . sogar mit uns selbst im Widerstreit (263a). Die Beantwortung der Defini-
Es sind vorzugsweise Normprädikate, bei denen sich immer wIeder dem tionsfrage scheint in manchen Fällen so leicht zu sein, daß noch nicht
zweiten Typus angehörende Fragen ergeben. Gewiß muß, formal betrach- einmal versucht wird, die Antwort wirklich zu geben. Die Natur der Biene
tet, bei jeder beliebigen Prädikation eine Subsumption vo~genommen und als das, was allen Bienen gemeinsam ist, scheint so problemlos bestimmt
daher ein Zuordnungsproblem gelöst werden. Bel den mcht normatIven werden zu können, daß man die Bestimmung sdbst auf sich beruhen lassen
Prädikaten ist die Lösung dieses Problems jedoch zumeist trivial. Manch- kann (Men. 72b). Auch über die Definition der Schnelligkeit' kann sich
mal gibt es sogar Entscheidungsverfahren, die einen Konsens über die Sokrates mit seinem Partner getadezu verdächtig rasch einigen'. Worauf
richtige Lösung garantieren können. Solche Verfa~r?n bIeten SIch an, wenn beruht in derartigen Fällen der Schein der Problemlosigkeit? Er beruht
es hinsichtlich der Anwendung quantItatIver Pradlkate zu Kontroversen darauf, daß die Lösung einschlägiger Subsumptionsprobleme hier zumeist
kommt. Wo man zählen, messen oder wägen kann, läßt sich jede einschlä- trivial bleibt. Ein Finger zeigt an sich niemals das, was das Gegenteil von
gige Kontroverse ohne besondere Mühe schlichten (Euthphr. 7b f.). Im einem Finger wäre. Daher wird die Seele aber auch nicht zur Frage nach
Bereich der Normprädikate ist dagegen die Lösung der SubsumptIonsauf- dem Wesen des Fingers provoziert (Rep. 523c). Offenbar wird die Defini-
gabe nicht in jedem Falle trivial. Geht es bei~pielsweise darum, ob eme tionsfrage immer erst dort dringlich, wo Subsumptionsprobleme auftau-
Sache schön, gut oder gerecht Ist, so gIbt es kem EntscheIdungsverfahren, chen. Das ist bei normativen und bei ideativen Prädikaten der Fall. Sie
dessen Anwendung eine Einigung garantieren· ~önnte: In ei~e~ solchen lassen sich einem konkreten Ding immer nur in einer bestimmten Hinsicht
Situation mag man versuchen, auf dem Weg uber eme DeftmtlOn des oder in einem bestimmten Grade zusprechen. Es bleibt immer ein Aspekt,
fraglichen Prädikats doch noch eine Lösung zu finden. Doch damIt hat man unter dem man sie dem Ding auch wieder absprechen kann. Es gibt in der
sich nur ein noch schwierigeres Problem eingehandelt. DIe bel Platon Wirklichkeit kein Ding, das nur schön, keine Handlung, die nur gerecht
vorgeführten Versuche, Normprädikate zu definieren,. führen jedenfalls wäre.
nirgends zu Ergebnissen, die gegenüber möglichen Emwänden Immun Prädikate werden in der natürlichen Einstellung verwendet, aber nicht
wären. Die Einwände behalten bei Platon in solchen Fällen das letzte Wort. als solche eigens thematisiert. Sie sind gewöhnlich immer nur Hilfsmittel
oder Voraussetzungen einer Thematisierung und werden als solche nur auf
4 4af., 15d. _ Streit über die richtige Anwendung von Normprädikaten gibt es im übrigen
nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Göttern (8b), 6 'f(XXO~, Lach. 192a.
5 Lach. 190bf.; vgl. Men. 71af.
7 Vgl. auch Lach. 190a; Rep. 523c; Theait. 147c; Euthphr. 12d; Tim. 48b; Alk. I ll1b.

132 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 1.13

indirekte Weise intendiert. Normprädikate unterscheiden sich insofern phisehen Gebrauch der beiden Ausdrücke übertreffen der Zahl nach bei
nicht von beliebigen anderen Prädikaten. Soll die Bedeutung eines Prädi- weitem die Stellen, an denen mit Hilfe dieser Ausdrücke Knotenpunkte des
kats als solche intendiert werden, so ist es nötig, die Grenzen der natürli- philosophischen Denkens markiert werden. Die Verbindung zu diesem
chen Einstellung zu überschreiten. Das fällt gerade denjenigen unter den vorphilosophischen Gebrauch der Ausdrücke geht bei Platon niemals ganz
Gesprächspartnern des Sokrates nicht leicht, die wie Laches, Nikias, Char- verloren. So gibt es sogar Stellen, an denen einer der Ausdrücke - oder ein
mides, Euthyphron oder Menon nicht in den Bereich seines täglichen ihm äquivalenter Ausdruck - die erwähnte Markierungsfunktion erfüllt
Umgangs gehören. Er bedient sich unterschiedlicher Hilfsmittel, wenn er und daneben in demselben Kontext zugleich in seiner vorphilosophischen
seinen Partnern den Zielpunkt seiner Frageintention klarmachen will: So Bedeutung verwendet wird 17 • Hinsichtlich einiger Stellen streitet man sogar
fragt er bei der Erörterung der Tapferkeit Laches mit Hilfe einer Formel, darüber, ob der entsprechende Ausdruck "noch" in seinem vorphilosophi-
die auf exakte und zugleich umgangssprachlich verständliche Weise nicht schen Sinne verwendet wird oder "schon" die Idee im Sinne der Ideenlehre
zu übersetzen ist, nach dem, was den bereits angeführten Beispielen bezeichnees. Vor allem die Euthyphronstellen sind im Hinblick auf diese
gemeinsam ist". Menon wird im Bienenbeispiel nach dem gefragt, wodurch Frage kontrovers. Ihre Beantwortung ist auch im Zusammenhang mit der
sich alle einzelnen Bienen nicht unterscheiden, sondern worin sie überein- Frage nach der Datierung des "Euthyphron" von Bedeutung. Wer nämlich
kommen 9 • Sokrates legt Wert auf die Unterscheidung zwischen Tugend "Eidos" und "Idea" an den erwähnten Stellen als Indizien einer Ideenlehre
(überhaupt) und einer bestimmten Tugend'"; den Sinn dieser Unterschei- deutet, wird im "Euthyphron" den frühesten Dialog sehen, in dem Platon
dung versteht Menon nicht auf Anhieb. Schließlich wird Menon aufgefor- diese Lehre "vertreten" hat. Zwingend ist eine solche Deutung jedoch
dert, allgemein ll anzugeben, was die Tugend ist. Auf diese Weise soll nicht. Unter diesen Umständen wird man sich zweckmäßigerweise an dem
Menon dazu gebracht werden, die Einstellung aufzugeben, auf Grund orientieren, was der Text explizit und zweifels frei hergibt. Das ist aber eben
deren er sich noch ausschließlich an Beispielen orientiert. Doch bezeichnen- nur die Tatsache, daß sich Platon hier der genannten Ausdrücke bedient,
derweise braucht Sokrates auch selbst wieder Beispiele, wenn er den Sinn um das zu akzentuieren, worauf die Frage nach der Bedeutung eines
seiner auf das Allgemeine als solches gerichteten Frage verständlich machen Prädikates eigentlich zielt. Über die Antwort auf diese Frage ist damit noch
wilJ1'. nicht vorentschieden. Im Falle des "Euthyphron" wird die Frage innerhalb
In solchen Zusammenhängen bedient sich Sokrates bisweilen auch der des Dialogs gar nicht endgültig beantwortet. Zweifellos wird im "Euthy-
Ausdrücke "Eidos" und "Idea"13, wenn er den Punkt akzentuieren will, auf phron" wie auch in anderen Dialogen das semantische Korrelat eines
den die Definitionsfrage zielt. So ist beispielsweise von dem einen Eidos die Prädikates thematisiert. Über die Seins weise dieses Korrelats ist damit
Rede, das die verschiedenen Tugenden haben und das den Grund dafür jedoch nichts ausgesagt.
abgibt, daß sie Tugenden sind". Euthyphron wird bei der Erörterung des Die Indizierung eines Prädikates durch den Ausdruck "selbst" ist ein
Frommen aufgefordert, statt der Beispiele für frommes Verhalten Jenes anderes Mittel, dessen sich Sokrates bedient, wenn er die Intention seines
Eidos selbst anzugeben, durch das alles Fromme erst fromm ist lS • Wenn sich Partners vom Umgang mit dem Prädikat weg auf die Bedeutung richten
Sokrates dieser Ausdrücke im angezeigten Sinne bedient, haben die Partner will, die ihm unabhängig von seiner Verwendung zukommt. So kann es
offensichtlich keine Verständnisschwierigkeiten. Wie ist dies zu erklären? Sokrates beispielsweise mit der Rede vom "Schönen selbst"" schließlich
Die bei den Ausdrücke sind in der Bedeutung von Gestalt", "Aussehen"
)l gelingen, Hippias den Sinn seiner Frage nach dem Schönen klarzumachen.
(besonders einer Person) oder "Art" in der vorphilosophischen Umgangs- Eine einfachere Form der Thematisierung führt offensichtlich nicht zum
sprache ganz gebräuchlich. Auch Sokrates verwendet sie überaus reichlich gewünschten Erfolg: Hippias begreift noch nicht einmal, wodurch sich die
in diesem vorphilosophischen Sinn". Die Belegstellen für diesen vorphiloso- Frage nach dem, was das Schöne ist, von der Frage danach, was schön ist,
unterscheidet". Auch bei der Akzentuierung eines Prädikats mit Hilfe des
i ,,( OV sv näar 'fOVml~ mvr6v sonv, Lach. 191e, vgl. die Formulierung des Laches 192c: Index "selbst" kann sich Platon an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten
TO ye &a navrwv :nE(pv'X6~.
9 eh oliMv ChaepEpovOlV dAAa ravrov etmv anaaat, Men. 72e. orientieren, die der vorphilosophischen Einstellung zugeordnet sind. Einen
10 'noTEQov aren], (h Mfvwv, ij CtQEnJ n~; Men. 73e. 11 %g-ra ÖAOV, Men. 77a. solchen Index kann man verwenden, wenn man eine Sache in ihrer Unmit-
12 na{!a&irpara, Men, 77a; vgl. Lach. 192a. 13 d(jo~, {Ma.
14 8V ye n eiSa; -raurav &naaw lxovalv 8t' ö slO'tv aeera{, Men. 72c; vgl. auch das Eidos " Z.B. Phd. 100bl.; Rep. 507bl., 508el.
der Gesundheit Men. 72d. 18 Euthphr. 5d, 6d, 6e; Hipp. mai, 298b; vgl. Phd. 73d; Men. 72cf.
0
15 EXEfvo aih;o Ta flöot; JTavra Ta öaw öma eanv, Euthphr. 6d, vgl. 5d, 6e. 19 xa~6v, Hipp. mai. 286d, 288a, 289c, 292c; vgl. Phd. 74aff., 100bff. j Euthyd.
ai/ra TO
16 Prägnante Beispiele: Prot. 315e, 352a; Lys. 204e; Charm. 154d; Symp. 18ge; Krat. 411a, 301a; Prot. 360e.
424c; Rep. 449c. . 20 rt Ean xaAOV - ön Eud TO xaAov, Hipp. mai. 287d.
134 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 135

telbarkeit bezeichnen oder wenn man sie aus allen ihren Begleitumständen, den Sprachgebrauch Platons bestätigt. Denn zur Bezeichnung der Idee
aus allen Relationen und Funktionen, in denen sie steht, herauslösen will". bedient er sich hauptsächlich der Ausdrücke, die vorher die Aufgabe
- Die Funktion des Index "selbst" in seiner Anwendung auf Prädikate kann hatten, den Zielpunkt der Intention der Definitionsfrage zu akzentuieren.
auch durch den Index "was es ist"" ausgeübt werden. Hier liegt der Ideenannahme und Definitionsfrage werden daher auf eine Weise verklam-
Zusammenhang mit der Definitionsfrage auf der Hand. mert, die im Einzelfall die Entscheidung darüber sehr schwierig macht, ob
In Dialogen wie dem "Euthyphron", dem "Hippias maior" oder dem man sich in dem einen oder dem anderen Bereich bewegt.
"Menon " wird mit Hilfe der genannten Ausdrücke der Zielpunkt einer Der Übergang vom einen zum anderen Bereich wird mit Hilfe einer
bestimmten Frageintention bezeichnet. Im einzelnen handelt es sich um formal nicht sonderlich komplizierten Technik bewerkstelligt. Es ist eine
Fragen, die unter der Voraussetzung gestellt werden, daß sie mit Hilfe der Technik, die in der Geschichte der Philosophie seit Platon immer wieder
Sprache auch beantwortet werden können". Zumindest beläßt Sokrates bemüht wurde, wenn es darum ging, zunächst unüberwindlich erschei-
seine Gesprächspartner vorläufig in diesem Glauben. Freilich ist dieser nende Schwierigkeiten bei der Beantwortung bestimmter Fragen schließlich
Glaube leicht zu erschüttern. Zwar glaubt man zu wissen, was man meint, doch noch zu neutralisieren. Läßt sich auf die Frage nach der Definition
wenn man ein Prädikat verwendet. Die Antwort auf die Frage nach seiner von Normprädikaten keine befriedigende Antwort finden, so bleibt immer
Bedeutung scheint ganz leicht zu sein, nachdem man die Frage erst einmal noch die Möglichkeit, das Erfragte als solches zu kennzeichnen und von
verstanden hat. Doch gezielte Fragen können dann leicht die Erfahrung ihm nur insofern zu reden, als es den Zielpunkt der entsprechenden Frage
provozieren, nicht sagen zu können, was man doch zu wissen glaubte14 , Der darstellt. Diese Methode läßt sich selbst in solchen Fällen anwenden, in
Versuch, eine unthematische Vertrautheit mit einer Sache in thematisierter denen die zugeordnete Frage auf der Ebene sprachlicher Formulierungen
Gestalt vorstellig zu machen, wird unter diesen Bedingungen zunächst gar nicht mehr beantwortet werden kann. Läßt sich beispielsweise nicht
scheitern. angeben, was das "Schöne selbst" eigentlich ist, so bleibt immer noch die
Welcher Weg führt von hier aus zu der Ideenannahme im Sinne des Möglichkeit, dieses "Schöne selbst" als solches zu kennzeichnen und
"Phaidon" und der "Politeia"? Nach einer von manchen Sachkundigen künftig mit ihm wie mit einer festen Größe zu operieren. In diesem Fall
vertretenen Auffassung werden auf diesem Weg Begriffe hypostasiert; kann man es dahingestellt sein lassen, ob die ursprüngliche Frage über-
damit soll dann die Annahme der Existenz von Ideen als getrennter haupt beantwortet werden kann und wie gegebenenfalls diese Antwort
Entitäten besiegelt sein. Doch näher besehen führt diese Deutung sogleich lautet.
zu Schwierigkeiten. Wer im "Phaidon" den frühesten Dialog sieht, der die Die Dcfinitionsfrage tritt bei Platon nicht gleichzeitig mit der Ideenan-
Annahme getrennter Ideen dokumentiert, muß sich einen Reim darauf nahme auf. Die Platonforschung ist auf diesen Sachverhalt schon längst
machen, daß gerade hier von den Ideen als von etwas Altbekanntem, ja aufmerksam geworden. Die hier vorgetragenen Überlegungen können ver-
Abgedroschenen die Rede ist". In Wirklichkeit wird durch die Art, in der ständlich machen, warum dem so ist. Vor allem können sie aber auch
hier von den Ideen die Rede ist, die Kontinuität mit den früheren Dialogen verständlich machen, warum bei Platon noch nicht einmal der Versuch
und ihrer an der Definition ausgerichteten Problematik gestiftet. Was im unternommen wird, einer einzelnen Idee eine Definition zuzuordnen. Auf
"Phaidon" zur Debatte steht, ist also im Grunde nichts anderes als das, was der dem "Phaidon" zugeordneten Reflexionsstufe ist es noch nicht einmal
bereits in den Definitionsdialogen intendiert worden war. Dies wird durch möglich, Merkmale anzugeben, auf Grund deren sich verschiedene Ideen
identifizieren und voneinander eindeutig unterscheiden lassen.
II Phd. 58c: es soll berichtet werden, was unmittelbar vor dem Tod des Sokrates geschah
Hält man sich die Verklammerung der Ideenannahme mit der Defini-
(ra lr€(]i avnJv TÜV tlavamv). Charm. 158b: ein Heilmittel wird allein, nämlich ohne den tionsproblematik vor Augen, so wird man nicht mehr ohne weiteres bereit
zugehörigen Spruch verabreicht. Charm. 166a: mit "aln:r, ij Emorr/llr(' wird die Erkenntnis sein, überall dort, wo. wie im "Phaidon" die Idee thematisiert und zum
selbst akzentuiert, insofern m~n von ihren Gegenständen absieht, vgl. Theait. 146a. Auch eine Gegenstand von Aussagen gemacht wird, die Hypostasierung eines Begriffs
Formulierung wie "UVTO TO döo,;" (Euthphr. 6d) gehärt noch in diesen Zusammenhang. Vgl.
auch Prot. 320a; Gorg. 496c; Rep. 363a; Phdr. 258d; Nom. 836b. zu konstatieren. Gewiß repräsentiert der "Phaidon" hinsichtlich der The-
12 Ö EO''nV, z.B. Men. 72c; Krat. 389b; Phd. 65d, 74b; Rep. 507b, 532a. Vgl. E. Kapp, The matisierung der Prädikate eine Reflexionsstufe, wie sie in den frühen
Theory of Ideas in Plato's Earlier Dialogues, S. 64: "The Ö Eonv was first merely the correlate Dialogen nicht vor Augen gestellt wird. Eine solche Thematisierung führt
of the dialecttcal question Ti emw; and in this case it signifies that which makes a thing what beispielsweise dazu, daß das, was mit einem Prädikat eigentlich gemeint ist,
it is and accordingly is involved in the knowledge of the thing and belangs to its definition."
2l Vgl. Euthphr. 6d; Men. 72c, 75a; Hipp. mai. 287d.
zum Gegenstand von Aussagen, sogar von Singuläraussagen gemacht wird.
24 Vgl. Lach. 194a; Hipp. mai. 286d. In dieser Situation eröffnet sich zweifellos die Möglichkeit einer Theorie,
2S ä {}f!VAOf)jlSV as~ 76d; Ta nOAV{}f!VA1/Ta, 100b; vgJ. auch 65d, 74a, 92d.' die die Existenz selbständiger und getrennter Ideen zur Grundlage hat.
136 Die Ideen und- ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 137

Aber auch die auf die angezeigte Weise vorgenommene Thematisierung von man den Ausdruck "Gerechtigkeit" verwenden. Die Akzentuierung des
Prädikatbedeutungen zwingt einen nicht dazu, von dieser Möglichkeit semantischen Korrelats eines Prädikatausdrucks erzielt daher ein Resultat,
Gebrauch zu machen. Denn unter den gegebenen Umständen darf man jede das ebensogut mit Hilfe eines im Bereich der Sprache schon zur Verfügung
Aussage, die die Annahme einer selbständig existierenden Idee vorauszuset- stehenden oder leicht zu bildenden Abstraktums ausgedrückt werden
zen scheint, in einer Weise deuten, bei der man in der Zweiweltenvorstel- könnte. In diesem Sinne ist bei Platon nicht nur von Gerechtigkeit und
lung ein bloßes Veranschaulichungsmittel sieht, dessen man sich bedient, Besonnenheit, Tapferkeit und Frömmigkeit, sondern auch von Gesundheit
wenn man auf Aussagen nicht überhaupt verzichten will. Daher ist bei und Schönheit, von Größe und Kraft die Rede'". Daß mit solchen Ausdrük-
Platon das, was über die Idee gesagt wird, mindestens so wichtig wie das, ken eben das intendiert werden kann, was auch mit einer gewöhnlichen
was alles nicht über sie gesagt wird. Auch auf der Basis des "Phaidon" und Akzentuierung des entsprechenden Prädikats intendiert wird, ergibt sich
der "Politeia" wird daher eine Ideenlehre, die diesen Namen verdient, stets aus manchen Stellen, an denen beide Ausdrücke parallel und gleichbedeu-
das Resultat einer Extrapolation bleiben. tend verwendet werden29 • Sie finden sich in Kontexten, in denen es um die
Durcbmustert man die Aussagen, die bei Platon im Zusammenhang mit Ideenannahme geht, ebenso wie in Kontexten, in denen der Zielpunkt einer
der Idee gemacht werden, so fallen besonders die Formulierungen auf, die Definitionsfrage akzentuiert wird. Die Rede von der "Idee des Gerechten"
noch die Funktion des hinter der Idee stehenden Prädikats erkennen lassen. intendiert daher nichts anderes als das, was auch mit dem Ausdruck
Schon in den Frühdialogen wird mit Hilfe der logischen Technik der "Gerechtigkeit" intendiert wird.
Kennzeichnung von dem gesprochen, an dem man sich orientiert, wenn Nun kann allerdings gelegentlich auch ein Abstraktum noch einmal mit
man einem Gegenstand ein bestimmtes Prädikat beilegt. So ist im "Menon " Hilfe eines "selbst" indiziert werden. Gleichwohl darf man in solchen
vom einen Eidos der verschiedenen Tugenden insofern die Rede, als es Fällen keine Iterationsstruktur vermuten. So ist beispielsweise im "Protago-
dasjenige ist, auf das man blicken muß, wenn man angeben soll, was ras" in einem einheitlichen Kontext und im gleichen Sinne nacheinander
Tugend eigentlich ist". Im "Laches" wird danach gefragt, wohin Nikias von der Frömmigkeit und von der Frömmigkeit selbst die Rede 30 • Die des
blickt, wenn er den Namen der Tapferkeit verwendet". Ob in solchen öfteren vorkommende Indizierung des Abstraktums ist gleichwohl nicht
Fällen die Idee bezeichnet oder der Zielpunkt einer Definitionsfrage mar- überflüssig. Denn für die Einstellung des gewöhnlichen Sprachgebrauchs
kiert wird, ist nicht immer eindeutig zu entscheiden. Verwendet man ein stehen Abstrakta der erwähnten Art trotz ihrer substantivischen Form den
Prädikat oder gestaltet man ein Werkstück, so gibt es immer einen Bezugs- gewöhnlichen Prädikaten noch sehr nahe. Wäre dem nicht so, könnte
punkt, an dem man sich in seinem Tun orientiert. Mißlingen die Versuche, beispielsweise Laches auf die Frage, was Tapferkeit sei, kaum mit der
diesen Bezugspunkt als solchen genauer zu bestimmen, so bleibt immer Angabe einer Bedingung antworten, unter der es seiner Meinung nach
noch die Möglichkeit, ihn als dasjenige zu kennzeichnen und zu thematisie- geboten ist, jemanden als tapfer zu bezeichnen31 • Auch Sokrates kann von
ren, an dem man sich orientiert, wenn man das Prädikat verwendet oder der Tapferkeit als von etwas reden, was derjenige "besitzt", der tapfer ist32 •
das Werkstück gestaltet. Damit hat man ohne Zweifel im Hinblick auf die Für die natürliche Einstellung sind das nur~ Variationen des Sprachge-
Prädikatbedeutung den Schritt von der Ebene der Erwähnung zur Ebene brauchs, die als solche kaum einmal Mißverständnisse provozieren, solange
der thematischen Aussage getan. Getrennte Ideen hat man damit aber sich nicht die Reflexion mit ihnen beschäftigt. Auch von den Abstrakta
gerade noch nicht angenommen. macht man nun einmal zumeist einen Gebrauch, bei dem man sie konkre-
Eines der wichtigsten Hilfsmittel, dessen sich Platon bedienen kann, ten Anwendungsinstanzen zuordnet. Freilich handelt es sich dann nicht
wenn es darum geht, die Bedeutung von Prädikaten zu thematisieren, wird mehr um eine Zuordnung vom Typus der gewöhnlichen einstelligen Prädi-
bei der Erörterung der mit der Ideenannahme zusammenhängenden Pro- kation. Gerade unter diesen Umständen empfiehlt es sich dann, auch die
bleme oft vernachlässigt. Gemeint ist die schon von der vorphilosophischen Abstrakta mit einelT\ Index zu versehen, wenn die Intention auf das
Sprache gebotene Möglichkeit, prädikative Ausdrücke zu substantivieren gerichtet werden soll, was diese Ausdrücke unmittelbar und unabhängig
und mit Hilfe bestimmter Ableitungsformen Abstrakta zu bilden. Will man
von dem sprechen, was das Prädikat "gerecht sein" eigentlich meint, kann 28 VgL besonders Men. 72d; Charm. 16ge; Phd. l02b.
29 Z.B. 00 öawv und 6at6rt]~ (Euthphr. 14c, vgl. Prot. 330d); "0 ötxawv und Chxawovvl1
(Rep. 336a); taort]t;, mhä 1;0 taoy und aV1."O t"o ö sanv taay (Phd. 74cf.); vgl. Rep. 472bj
26 , •• El~ 0 "aAw~ /rov EXeL ci1wßÄbpavr:a 1:dY C:X1roxl:Jtv6pcvov, Men. 72c. Parm. 129af., 131a.
27 ... önm nOTe ßÄbrwv r:ovvol1a lOfrro TiftrWL 't"1)v av6gdav, Lach. 197cj vgl. Euthphr. 30 6m6nu;- ath~ ~ 6aL6T17~, Prot. 330d; vgl. Rep. 479a, S17d:
~~~,~;~~.~~38%;~~50Ib,~;~.~;_. 31 d eanv aVol?Sla - ... sb raßton avo(lETo; äv 8117, Lach 190e.
965c. 32 Lach. 191e; vgl. Charm. 159a; Men. 7id; Phd. 102dj Rep. 444a.
138 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 139

von solchen Zuordnungen meinen". Auch die oft diskutierte Stelle im Handeln auf langsame Weise als ein solches bestimmt wird, das mit
"Phaidon" , die eine" Größe selbst" einer" Größe bei uns" konfrontiert, ist Langsamkeit realisiert wird'". Der Fangschluß selbst ist für die gegenwär-
von hier aus zu verstehen 34 • Wenn die "Größe bei uns" nur eine Umschrei- tige Thematik nicht weiter von Interesse. Seine Fehlerhaftigkeit beruht
bung für das ist, was man normalerweise mit Hilfe einer gewöhnlichen nicht auf jenen sprachlichen Äquivalenzen. Die Übergänge zwischen den
Prädikation ausdrückt, so hat man keine Veranlassung, diese Stelle in einzelnen Ausdrucksweisen sind vielmehr trivial und problemlos. Gerade
Richtung auf eine Theorie zu deuten, die immanente Ideen von transzen- diese Trivialität ist ein Mittel, das dazu dient, den eigentlichen Fehler des
denten Ideen unterscheidet. Fangschlusses vor dem Gesprächspartner zu tarnen. Der Übergang der
Verwendet man Abstrakta, wie sie bereits von der vorphilosophischen Rede vom "Handeln auf besonnene Weise" zur Rede vom "Handeln durch
Sprache zur Verfügung gestellt werden, so ist man nicht genötigt, ihnen Besonnenheit" zwingt nicht zur Anerkennung der Existenz idealer Wesen-
Klassen von gegenständlichen Korrelaten zuzuordnen. Die Regeln des heiten. Wäre dies anders, könnte der Fangschluß sein Ziel schwerlich
Sprachgebrauchs garantieren, daß mit ihrer Verwendung dasselbe Ziel erreichen. Wer daher derartige Übergänge akzeptiert, erkennt nur etwas an,
erreicht werden kann, das auch mit einer gewöhnlichen Prädikation was zu seiner Legitimation nur einer Berufung auf die Regeln des Sprachge-
erreicht wird. Allerdings ist es dann nötig, sich spezifischer Aussageweisen brauchs bedarf.
zu bedienen. Denn ein substantivisches Abstraktum kann einem Indivi- Betrachtet man die von der Sprache bereits zur Verfügung gestellten
duum nicht wie ein gewöhnliches Prädikat zugesprochen werden. Eine substantivischen Abstrakta, so darf man eine für Platons Philosophie
Sache ist schön, wenn sie Schönheit hat; sie ist schnell, wenn sie Schnellig- besonders wichtige Zuordnung nicht übersehen. Gemeint ist die Beziehung,
keit hat". Wein kann allenfalls bitter sein, aber gewiß nicht Bitterkeit die zwischen den Ausdrücken "gut" und "Tugend" (Arete) besteht". Zwar
(Theait. 15ge); sie kann er nur haben. Entsprechend kann eine Person groß ist es durchaus möglich, den Ausdruck "gut" nur mit Hilfe des Artikels zu
sein; Größe kann sie aber nur haben oder Größe ist an ihr (Phd. 102bf.). substantivieren. Platon macht auch von dieser Möglichkeit Gebrauch, etwa
Von hier aus bedarf es nur noch eines kleinen Schrittes, um zu einer wenn er Sokrates fragen läßt, ob nicht durch das Gute alle guten Dinge gut
Ausdrucksweise zu gelangen, bei der das Abstraktum im Dativ steht und sind". Im Normalfall ist es jedoch der Ausdruck "Tugend" (Arete), der die
den Grund dafür anzugeben scheint, daß man an der Sache das durch das Funktion des dem Ausdruck "gut" zugeordneten substantivischen Abstrak-
Prädikat ausgedrückte Merkmal findet. Die Gerechten sind durch die tums zu erfüllen hat". Daher kennt Platon zwar eine Idee des Guten, aber
Gerechtigkeit gerecht, die Weisen sind durch Weisheit weise, alle schönen keine Idee der Arete.
Dinge sind durch das Schöne schön". Haare, die mit dem Alter weiß Auch die viel diskutierte Metaphorik der Teilhabe und des Teilnehmens"
wurden, sind durch die Anwesenheit des Weißen weiß, - im Gegensatz zu gründet noch in den Möglichkeiten, die der Sprachgebrauch für den
Haaren, auf die nur äußerlich Farbe aufgetragen worden ist". Umgang mit substantivischen Abstrakta bereitstellt. Es handelt sich um
Ein besonders instruktives Beispiel für den Umgang mit substantivischen eine Metaphorik, die jener Relation zugeordnet ist, deren man bedarf,
Abstrakta bietet ein im "Protagoras" vorgeführter Fangschluß (332aff.). wenn man die gewöhnliche Prädikation in eine Aussage transformiert, die
Der Übergang zwischen seinen Stufen ist mehrmals durch die Zuordnung von einem substantivischen Abstraktum Gebrauch macht. So geht es im
äquivalenter sprachlicher Ausdrücke vermittelt. Es mag wie ein bloßes Spiel "Charmides" zunächst um die Frage, ob die Titelfigur besonnen ist oder
mit Worten aussehen, wenn zunächst vom besonnenen Handeln die Rede nicht. In transformierter Ausdrucksweise: ob Charmides der Besonnenheit
ist, so dann vom Handeln auf besonnene Weise und schließlich vom Han- teilhaftig ist oder ob er ihrer ermangelt". In ähnlichem Sinn ist es möglich,
deln durch Besonnenheit und auf Grund von Besonnenheit'", oder wenn das von einem Teilhaben an der Gerechtigkeit, an der Tapferkeit oder schließ-

33Z.B. Hipp. mai. 292d; Rep. 435b, 612c; IJhdr. 247d, 250ej Parm. 133e.
34 auto Ta f1,EydJot; -
00 ev i}/1lv f1.Eyt:{}O;, Phd. 102d. .19 fJfra ß(Ja(jvrf/1:o~ - ßpaMw~, Prot. 332b. ~o aya06v - ai]Enj.
35 örav raxo~ nt; Exn, raxv;, 'Xai örav xaAAoS', xa},6q, xal öwv yvwmv, y~yvwaxwv, 41 ouxoDv ... n'iJ ayaf}0 mivta Tal'aßd ayaßa; Hipp. mai. 287c.
Charm. 16ge. 42 ayaOo{ ye eawv xal r,fJt:t~ xai -ra,Ua Jravw oa' ayaßa eanv, aperfJ~ nvoq Jra(JaYEvo-
36 ou &xmoavvn fj{xaw{ E[atV ol b{xmot; ... ovuovv ual aocp{q. oi aocpo{; ... ou ual l"Il fJEV"'~, Gorg. S06d; d(JErfJ y' eafJEV aya{}o{, Men. 87e. VgL Apo!. 20b; Men. 73af.; Symp.
uaAa Jravta n'iJ uaÄ(p Ea'f:l. xaÄa; Hipp. mai. 287c. 184e; Rep. 335c, 381c, 403d, 433d; Phdr. 253d.
37Lys. 217d; vgl. Gorg. 497d, 498df., S06c; Charm. 158e; Lach. 191ej Hipp. mai. 292d, 43 fJeOE~tq, fJErEXELV, fJeraAafJßavav. Das Substantivum "piOEl.;tq", in der Literatur oft als

294b, 300 a; Men. nef., 73b, 78df.; Euthyd. 301a; Phd. lOOdff.; Rep. 335e, 434d; Theait. Leitwort für die systematischen Probleme der Ideenlehre behandelt, kommt bei Platon nur im
145d; Soph. 247a. "Parmenides" (132d, I41d, I5Ie) und i11! "Sophistes" (256b, 259a) vor.
Ja awcp(Jovt:tv - a(.()jpQ6vw~ Jrl}(irr;e~v - awcp(JoaVvn Jr(Jarr;e~V - VJrO awcppoaVv",~ JrpaT- 44 awcppoavvflS' f1.aeXEW ~ EVbEr,~ Elvm, Charm. 158c; vgl. I5Se: Er am Jrai]EaTLY

rnv, Prot. 332a ff. awcp(JQ01JV1} ... ; 159a: d-rE ao~ lVEanv EhE fJ1. VgL Symp. 196c; Tim. 27c.
140 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 141

lieh an irgendwelchen Eigenschaften zu sprechen". Das sind Wendungen, Der Übergang zur Ideenannahme vollzieht sich also fast unmerklich.
die niemandem erklärt zu werden brauchen. Es ist auch nicht nur Sokrates, War zunächst nach der Bedeutung von Prädikaten gefragt worden, so wird
der sich ihrer bedient. Man bedient sich unmittelbar verständlicher Formu- nunmehr auf eine inhaltliche Antwort verzichtet, nachdem das, wonach
lierungen, wenn man sagt, ein Mensch sei einer Kunst teilhaftig, er nehme gefragt wird, als solches mit Hilfe von Elementen der Frageformel selbst
an einem Gespräch teil, er habe Anteil an der Regierungsgewalt oder gekennzeichnet worden ist. Damit ist die Schwierigkeit einer inhaltlichen
jemand lasse sich auf Philosophie oder Politik" ein. In allen derartigen Antwort auf die Definitionsfrage umgangen und zugleich für weitere
Fällen dürfte es schwer fallen, ein Methexisproblem in dem Sinne zu finden, Erörterungen eine Basis bereitgestellt, hinter die man nicht mehr zurückzu-
in dem es vielen der herkömmlichen Deutungen der Ideenlehre den Orien- fragen braucht. Das ist der Grund für die von manchen Autoren ganz
tierungspunkt abgibt. - Das Entsprechende gilt auch für alle anderen richtig beobachtete Inhaltsarmut der "Ideenlehre"". H. F. eherniss hat die
Ausdrucksweisen, deren man sich im Umgang mit substantivischen Formel von der philosophischen Ökonomie der Ideenlehre geprägtso. Wenn
Abstrakta bedient, wenn man sich an Vorstellungen wie der der Anwesen- man dieser Formel einmal einen von den Intentionen ihres Urhebers ganz
heit, der Gemeinschaft oder des Dazukommens orientiert". Macht man abweichenden Sinn geben darf, so zeigt sich diese Ökonomie vor allem im
von diesen Möglichkeiten in prononcierter Weise Gebrauch, so mag die Blick auf die Fragen, die mit der Annahme der Idee ausgeklammert werden.
Sprache bisweilen sogar einmal strapaziert werden (vgl. Phd. l02d). Aber Man verfehlt den Sinn dieser Ausklammerung, wenn man in Platons Werk
auch dann bleiben diese Ausdrucksweisen immer noch im Bereich dessen, nach Indizien sucht, von denen man hofft, daß sie die Rekonstruktion einer
was prinzipiell noch vom Sprachgebrauch her verständlich ist. die Ideen auch inhaltlich bestimmenden systematischen Theorie Platons
Bezieht man alle derartigen Ausdrucksweisen in die Betrachtung mit ein, erlauben. Eben deshalb muß man nicht nur auf das achten, was bei Platon
so wird deutlich, daß es aussichtslos ist, den Punkt angeben zu wollen, an über die Idee behauptet wird, sondern ebenso auch auf das, was anes nicht
dem bei Platon erstmals von Ideen als solchen die Rede ist. Denn das über sie gesagt wird.
Entscheidende ist gar nicht die Metaphorik, die die Vorstellung getrennt Platon enthält sich gleichwohl nicht aller Aussagen über die Idee. Doch
existierender Ideen nahelegt, sondern jener Wechsel der Einstellung, der es sind immer Aussagen besonderer Art, die über die Ideen gemacht
sich vollzieht, wenn man ein Prädikat nicht mehr nur gebraucht, sondern es werden. Dazu gehört zunächst einmal alles das, was dazu dient, den
aus seinem pragmatischen Zusammenhang herauslöst und zum Zielpunkt Unterschied zwischen der Idee und den gewöhnlichen Dingen unserer Welt
einer ausdrücklichen Intention macht. Sokrates hat mitunter große Schwie- zu akzentuieren. Was die Idee im übrigen auch immer sein mag, - sie
rigkeiten, seinen Partner zu veranlassen, jene Einstellung einzunehmen, auf existiert jedenfalls außerhalb des Raumes und außerhalb der Zeit; sie ist
Grund deren eine Definitionsfrage gestellt und verstanden werden kann. nicht dem Wandel und der Veränderung unterworfen; schließlich bietet sie
Wer aber die auf die Bedeutung eines Prädikats gerichtete Einstellung sich nicht der sinnlichen Erfahrung, sondern nur dem Denken dar. Von
realisiert, hat keine Schwierigkeiten mehr, den Sinn der Ideenannahme zu dieser Art sind die Aussagen, die über die Idee dort gemacht werden, wo sie
verstehen. Daher können die Ideen von den Partnern des Sokrates an vielen Zielpunkt einer thematischen Intention ist'l. Nimmt man zu diesen Bestim-
Stellen als Inhalt einer relativ problemlosen Annahme leicht und ohne viel mungen noch die der Einheit - im Gegensatz zur Vielfältigkeit des an der
Aufhebens akzeptiert werden'". Denn mit ihr ist zunächst nur das inten- Idee Teilhabenden - hinzu", so hat man die wesentlichen Merkmale der
diert, auf das man sich immer schon bezogen hat, wenn man mit den Idee bereits aufgezählt. Es sind die Merkmale, die Platon von der eleati-
entsprechenden Prädikaten umgeht. Doch wer die Existenz eines Schönen schen Tradition übernimmt und die bei ihm vor allem die Funktion haben,
an sich oder eines Gerechten an sich akzeptiert, hat damit noch nicht für die Andersartigkeit der Idee gegenüber den ihr zugeordneten Dingen zu
eine bestimmte Existenzweise optiert. akzentuieren.
Was darüber hinaus noch über die Idee ausgesagt wird, läßt sich, sofern
45 'lE'r:Exe~v &xatOaVV1J~ 7:e "ai rii.!;' aAAl1; JrOA[lTxij; Ct(JE1:ij;, Prot. 323a; wrEivm, 323c; es sich nicht wie im "Phaidros" oder im "Timaios" offenkundig um
el tour' saäv (Sc. avogo; a(}En)J ov bef ncXvraq /.u;r6XE[V "ai /1Era tnvrov navr' äv(5~:w ...
oürw JrparrE[V, 325a. Vgl. Lach. 193e, 197ej Prot. 324d; Gorg. 467ej Symp. 208b; Rep.
367b, 444a, 472c, 503d, 528b.
46 Gorg. 448c, 485a; Euthyd, 271b, 305e; vgl. auch Symp. 197ej Rep. 520c, 551h; Tim. 49 Vgl. oben S. 97.
45b. 50 H. F. Cherniss: The Philosophical Economy of the Theory of Ideas, Atnerican Journal of
47 JW(JovaCa, umvwv{a, n(JoayiveGL~, vgl. z.B. Gorg. 497e, 498d, 5D6d; Lys. 217bff.j l'hilosophy 57, 1936,5. 445-456.
Euthyd. 301a; Hipp. mai. 293e; Phd. 100d, 102bll.; Rep. 402a, 476a. " Phd. 78hff.; Rep. 500b, 507b, 511d; PhdL 247d; 50ph. 246b; Phil. 59a; Tim. 37c1.
48 Euthphr. 5d; Phd. 65d, 74a, 76d, 92d, IDDb; Euthyd. 3DDe; Krat. 3?9a, 439d; Rep. " Phd. 78bff.; Rep. 476a, 479a, 507b, 596aff.; Phdr. 249b, 265df.; Poem. 129aff.; Phil.
476b, 493e, 501b, 507b, 596a; Parm. BOa. 15all.; Nom. 965blf.
r

142 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 143

metaphorische Ausschmückuugen handelt, von den schon behandelten gerade hier die sprachliche Formulierung beim Wort genommen werden
Funktionalbeziehungen her verstehen, die für die Formulierung der Defini- darf. Es wäre jedenfalls dem Umgang, den Platon sonst mit der Sprache
tionsfrage so wichtig waren. Das läßt sich besonders gut an Hand der der pflegt, sehr wenig gemäß. Man ist durchaus nicht gezwnngen, von einer
Idee zugeschriebenen ursächlichen Funktion deutlich machen. Zunächst sogenannten Selbstprädikation auf ein Verständnis der Idee als Standard
wird nach dem gesucht, was bewirkt, daß die schönen Dinge schön sind. und von da aus auf ein dingliches Verständnis der Idee zu schließen. Hinter
Durch eben diese Funktion kann dann aber die Idee als das Gesuchte Ausdrücken wie "das Schöne selbst ist schön" oder "Gerechtigkeit ist
gekennzeichnet und charakterisiert werden53 • Durch das Schöne selbst gerecht" brauchen durchaus keine gewöhnlichen Prädikationen zu stehen.
werden und sind alle schönen Dinge schön: wer einem solchen Satz Es kann sich auch der Intention nach um Identitätsbehauptungen oder um
zustimmt, hat nicht zugleich schon für eine schwierige und anfechtbare sogenannte paulinische Prädikationen handeln59 •
metaphysische Theorie optiert. Das wird vor allem im "Phaidon" deutlich. Dem widersprechen auch die Stellen nicht, an denen die Beziehung
Hier berichtet Sokrates von seinen enttäuschenden Erfahrungen mit ande- zWISchen der Idee und dem an ihr Teilhabenden auf der Grundlage einer
ren Ursachentheorien (96aff.). Der Ansatz der Idee als Ursache zeigt einen Eponymle gedeutet wird": Ursprünglich kommt der jeweilige Prädikataus-
Ausweg aus den Schwierigkeiten, die sich im Zusammenhang mit den druck - oder die ihm entsprechende Substantivierung - nur der Idee zu; den
anderen Ursachentheorien ergeben hatten. Doch gerade hier wird die konkreten Instanzen läßt sich das Prädikat nur vermittels der Idee zuspre-
Simplizität dieser Annahme betont. Wer die schönen Dinge durch das chen 6l • Akzentuiert man aber diese Beziehung der Eponymie, so hat man
Schöne selbst schön sein läßt, behauptet zwar etwas sehr Sicheres, aber keineswegs die Prädikation erklärt. Man hat nur darauf hingewiesen, daß
zugleich auch etwas sehr Einfältiges". Eine inhaltliche Bestimmung der das Prädikat jedenfalls nicht als Name dessen verstanden werden darf, dem
fraglichen Idee ist also gar nicht beabsichtigt. Die Art, in der bei Platon der es zugesprochen wird. Es ist von hier aus gesehen deshalb nur konsequent,
Idee auch ursächliche Funktionen abverlangt werden, berechtigt nicht zur wenn an Stellen, an denen es auf diese Differenzierung ankommt, der
Annahme einer eigenständigen ontologischen oder kosmologischen Wurzel prädikative Charakter auch solcher Bestimmungen betont wird, deren
der Ideenannahme. sprachliche Bezeichnung eine andere Deutung nahelegen könnte. Strengge-
Analog liegen die Dinge dort, wo die Probleme erörtert werden, die sich nommen stellt der Tischler kein Bett her, sondern er macht nur etwas zu
im Zusammenhang mit der Teilhabebeziehung ergeben. Die schönen Dinge etwas, was eine entsprechende Beschaffenheit hat", nämlich von der Art
sind schön, weil sie am Schönen selbst teilhaben 55 • Auch hier wird keine eines Bettes.
schwierige und anfechtbare Theorie aufgestellt, die ihren Urheber ver- In einem ähnlichen Sinne lassen sich die Stellen verstehen, an denen den
pflichten würde, ein "Methexisproblem" zu lösen. Wird jene Beziehung Ideen ein höherer Seinsrang gegenüber den an ihnen nur teilnehmenden
einmal thematisch, so wird sogleich klargestellt, daß es auf ihre genauere Instanzen zugesprochen wird. Der höhere Seinsrang der Idee zwingt nicht
Bestimmung gerade nicht ankommt". Gerade durch einen Verzicht auf dazu, die Idee als ein Ding höherer Art anzusetzen. Gerade umgekehrt läßt
genauere Bestimmungen dieser Art entgeht man noch am ehesten der sich nämlich von Dingen nur dann sinnvoll reden, wenn man von ihnen
Gefahr, die Idee zu verdinglichen. etwas aussagt und sie damit auf Ideen bezieht. Ohne daß von einem Ding
Ein solches dingliches Verständnis mag naheliegen, wo von der Idee im etwas ausgesagt wird, läßt es sich noch nicht einmal identifizieren. Um
Sinne eines Standards oder eines Paradigmas gesprochen wird, dem das Dinge zu identifizieren und voneinander zu differenzieren, bedarf es der
Prädikat, für das es steht, auch selbst - und sogar in eminenter Weise - Prädikationen und damit der Ideen. Gewiß muß Platon, wenn von der Idee
zukommt". Es bietet sich ferner überall dort an, wo von der Idee als einem die Rede ist, auch das bezeichnen können, worauf die Idee bezogen wird
Bezugspunkt möglicher Nachahmung die Rede ist". Es fragt sich jedoch, ob
5~ Vgl. G. VIastos, The Unity of the Virtues in the Protagoras, Review of Metaphysics 25,
1972, S. 415--458. Ders., A Note on "Pauline Predication" in Plato, Phronesis 19, 1974, S.
53 .0 xaAiJ navra t'Ct XaACt y{YVt:TW uaAa, Phd. lOOd; vgl. Hipp. mai. 287c u. passim;
95-101. Vgl. auch Unten S. 321.
6Q Vgl. Th. W. Bestor, Common Properties and Eponymy, Philosophical Quarterly 28
Euthphr. 6d.
" Vgl. Phd. 100d, IOle, IOSc. 1978, 189-207. '
55 cl d eonv aAAo XaAOY Jr,h,v all1;o 00 :1CaAOV, ovöE. Öl' EV äUo xaAov clvm ij bl6n
61 T01h:wy (sc. rwv dbÖJV) n.t1.).a WTaAullßavovra avrwv rovowv rr,v e:!U.oyv/liav [OXeLv
J1.8tEXCt Exdvov TÜV xaAOV, Phd. tODe. Phd. 102b; vgl. Phd. 103b; Pa>m .. 130ef., 133d; Phdr. 250e; Soph. 234bj Tim. 520. •
56 ovx äAAO Tl 1CO~Ei auro xaAov Ij /j Exdvov TOV xaAov dtE na(}ovata du xOLvwyia 61 OtncOÜY cl fJ.'" a Eonv nOLd, DUX äv TO GY .nmoL, aAAa TL WWVWY oray 1'0 GV, GV bE ou,

du onn b~ ",ai öJrw~ JT(]oaYEvOltEV/7' 011 rar EU mvTO öuaxvpiCol1w, Phd. lOOd. Rep. 597a, vgl. 350c, 472b; Tim. 49d. Platon war sich mithin über den prädikativen
57 Vgl. Hipp. mai. 288df.; Prot. 330c; Phd. 74af.; Symp. 210ef.; Farm. 129aff. Charakter der zur Charakterisierung von Dingen verwendeten Artbegriffe durchaus im
S8 VgJ. Rep. 402c, 472cf" SODe, 520c, 540a; Phdr. 250af.; Tim. 29bf. u. passim.
klaren.
144 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 145

und woran sie teilhat. Doch aus diesen Ausdrucksweisen läßt sich weder Prädikate können beispielsweise zueinander in der Beziehung von Gattung
auf die Existenz noch auch nur auf die Möglichkeit einer Theorie schließen, und Art stehen. Auch hier darf man freilich bei Platon keine terminologi-
die über "Dinge" unabhängig von allen Ideen etwas aussagen könnte. Es ist sche Fixierung erwarten. Die entsprechenden griechischen Ausdrücke"
ein modernes, allenfalls ein aristotelisches Mißverständnis, auf Grund werden vielmehr zumeist promiscue gebraucht. Man wird sich daher vor
dessen man Platon eine bestimmte Konzeption von der Existenz individuel- allem an die Stellen zu halten haben, an denen die Tätigkeit des Einteilens
ler oder partikulärer Dinge unterstellt. Die Welt außerhalb und unterhalb gemäß der Arten" praktiziert oder thematisiert wird. Man hat schon
der Ideen ist so sehr in Bewegung, daß ohne einen Bezug auf Ideen noch geglaubt, Platons Hinwendung zur Dihairese als gleichzeitige Abkehr von
nicht einmal individuelle Dinge als solche fixiert und identifiziert werden der Ideenannahme deuten zu können. In Wahrheit ist die Ideenproblematik
könnten. Bei Platon werden daher die Ideen nicht verdinglicht, sondern die allenfalls suspendiert. Denn hier geht es um Strukturgesetzlichkeiten des
Dinge werden idealisiert, weil sie sich unabhängig von der Bezugnahme auf Ideenbereichs, die man auch dann mit Aussicht auf Erfolg erörtern kann,
Ideen weder identifizieren noch differenzieren lassen. wenn man die Frage danach, was eine Idee als solche ist, auf sich beruhen
Daraus folgt jedoch nichts hinsichtlich der Identifizierbarkeit und Diffe- läßt. Man kann nach einer Ordnung im Bereich der Prädikate auch dann
renzierbarkeit der Ideen selbst. Die wenigen Prädikate, die bei Platon den fragen, wenn man das eigentliche Prädikationsproblem einklammert und
Ideen zugesprochen werden, dienen dazu, den ganzen Bereich zu charakte- darauf verzichtet, danach zu fragen, wie das semantische Korrelat eines
risieren. Mit ihrer Hilfe lassen sich jedoch innerhalb dieses Bereichs keine Prädikatsausdrucks zu bestimmen ist und auf welche Weise ein Prädikat
Unterscheidungen vornehmen. In den sogenannten "Ideendialogen " sucht mit dem Gegenstand verbunden ist, von dem es ausgesagt wird.
man vergebens nach einem Kriterium, das es gestattete, zwei Ideen vonein- Alle Anzeichen sprechen dafür, daß Platon die dihairetische Methode
ander zu unterscheiden und in ihrer jeweiligen Eigenart zu charakterisieren. nicht schon in einem der früheren Stadien seiner philosophischen Entwick-
Solange Prädikate nur verwendet werden, um mit ihrer Hilfe Aussagen lung ausgearbeitet hat. Trotzdem handelt es sich hier der Sache nach um
über Gegenstände zu machen, scheint es ein triviales Problem zu sein, einen Präliminarien. Es hat einen guten Sinn, wenn Platon diese Methode im
Gegenstand zu identifizieren. Anders verhält es sich, wenn es um die "Sophistes" und im "Politikos" nicht von Sokrates, sondern von einer
Prädikate und die ihnen zugeordneten Ideen selbst geht. Das wird bei anderen Dialogfigur entwickeln läßt. Doch Sokrates bleibt als Zuhörer
Platon vor allem an Hand des Problems der Einheit oder der Vielheit der anwesend. Diese Dialogregie signalisiert die Distanz, die der ältere Sokrates
Tugenden vor Augen gestellt. Vor allem der "Protagoras" zeigt, daß es sich zu diesen Problemen einnimmt, obwohl er es ist, der das Thema der beiden
hier um ein nichttriviales Identifikationsproblem handelt. Die Erörterung Dialoge stellt (vgl. Soph. 217a). Die Beziehung auf das weit zurückliegende
gerade dieses Problems kann aber auch deutlich machen, daß für die Ideen Gespräch mit Parmenides (217c) signalisiert die Bekanntschaft des Sokrates
selbst offensichtlich andere Bedingungen gelten als für die durch sie mit Dingen, die er inzwischen hinter sich gelassen hat.
bestimmten und durch sie identifizierbar gemachten Dinge. Freilich wird Auch wenn man die dihairetische Methode anwendet, lassen sich die
bei Platon nirgends expressis verbis behauptet, daß das Merkmal der Definitionsfragen nicht endgültig beantworten, deren Erörterung in den
Identifizierbarkeit und der Zählbarkeit bei Gebilden von der Art der Idee sogenannten Definitionsdialogen immer wieder in die Aporie führen. Denn
nicbt gegeben sei. Achtet man jedoch nicht nur auf das, was bei Platon einmal kann die Dihairese allein niemals die Probleme lösen, die sich wie
gesagt wird, sondern auch auf das, was nicht gesagt wird, vor allem aber das Subsumptionsproblem und das Motivationsproblem vorzüglich im
auf das, was im Dialog getan wird und geschieht, so ist man berechtigt, die Umkreis von Normprädikaten stellen. Zum anderen kann aber auch im
Hypothese zu erproben, nach der Ideen nicht wie Dinge identifiziert und Bereich deskriptiver Prädikate eine mit Hilfe der dihairetischen Methode
gezählt werden können. Erst im Umkteis derartiger Überlegungen läßt sich gefundene Formulierung im günstigsten Fall nur eine Teillösung bieten.
auf angemessene Weise das Problem erörtern, ob bei Platon die Ideen nach Denn man kann im Hinblick auf die Bestandteile einer Definition die
dem Modell von Dingen verstanden werden oder nicht. Definitionsfrage immer wieder aufs neue stellen. So führen Definitionsfra-
Gleichwohl hat Platon eine Methode entwickelt, die es erlaubt, innerhalb gen entweder ins Unbegrenzte oder sie gelangen zu letzten Elementen, die
des Bereichs der Prädikate Differenzierungen vorzunehmen. Es handelt sich
um die dihairetische Methode, die in Dialogen wie dem "Sophistes" , dem
"Politikos", dem "Phaidros" und dem "Philebos" nicht nur praktiziert,
elöo~ - ytvo~.
63
sondern auch thematisiert wird. Hier ist Platon einer Ordnung im Bereich
xar' EtbrJ chmpElaiJm bzw. &a{(JEm~, vgl. Soph. 264c, 267d; Pol. 262b, 285aff.; Phdr.
M
der Prädikate auf der Spur, die nicht von der Art einer Ordnung ist, wie sie 265cf., 273d, 277b; Phi!. 19bff.; vgl. auch Rep. 454af. - Eine Ordnung besonderer Art
im Bereich identifizierbarer und unterscheidbarer Gegenstände besteht. herrscht zwischen den obersten Gattungsbegriffen; sie wird Soph. 254bff. erörtert.

10 Wicland, Platon'
146 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 147

einer Definition weder fähig noch bedürftig sind und denen dann eine bei seiner Arbeit orientiert. Als Hersteller des idealen Urbildes wird nun
Wissensform ganz eigener Art zugeordnet werden muß". aber Gott ins Spiel gebracht (597b f.). Wie ist das zu verstehen? Diese Stelle
An einigen wenigen Stellen ist in Platons Werk auch von Ideen die Rede, hat bereits im Altertum Schwierigkeiten gemacht. In der Tat bedeutet es
die Artefakten zugeordnet sind". Die Platonforschung hat sich durch diese eine Härte, wenn Gott in der "Politeia", in der nur selten von ihm die Rede
Stellen immer wieder irritieren lassen. Schien es doch bisweilen, als sei hier ist, gerade als Hersteller der Idee des Bettes in Anspruch genommen wird.
allenfalls zu didaktischen Zwecken, aber jedenfalls nicht im vollen Ernst Vielleicht läßt sich die Härte abmildern, wenn man eine kosmologisch
von Ideen die Rede. Denn an fast allen anderen Stellen, an denen bei Platon orientierte Interpretation versucht". Doch man bedarf solcher Versuche in
die Ideen erwähnt werden, ist von ihnen in einer solchen Weise und im Wahrheit gar nicht. Der Gott hat bei Platon hier wie auch sonst in manchen
Hinblick auf solche Beispiele die Rede, daß man von selbst schwerlich auf Fällen die Funktion einer Gegeninstanz, an der sich zeigen soll, was der
den Gedanken käme, Ideen auch von Artefakten anzunehmen. Mensch gerade nicht ist und nicht kann. Der Tischler, der ein Bett
Korrekt gedeutet können diese Stellen jedoch geradezu ein Schlüssel zum herstellen will, bedarf eines Urbildes. Doch das Urbild, an dem er sich
richtigen Verständnis der Ideenannahme sein. Denn hier hat man es nicht orientiert, hat er nicht selbst gemacht. - Der Gesichtspunkt des Gebrauchs,
mehr nur mit dem semantischen Korrelat von Prädikaten zu tun. Die Idee in der Diskussion der Beispiele des Tisches und des Bettes ausgespart,
steht hier vielmehr im Blick als Orientierungspunkt handwerklicher prakti- kommt in einem Nachtrag ins Spiel (601cf.). Hier orientiert sich die
scher Tätigkeit. Es geht nicht mehr nur um die verbale Beurteilung von Erörterung am Beispiel des Zaumzeugs: Es ist gerade der Gebrauchende,
Dingen, sondern um Vorgänge, die sich bei ihrer Herstellung und bei ihrem also der Reiter, ·dem das auf das Zaumzeug bezügliche adäquate Wissen
Gebrauch abspielen. - Im "Kratylos" handelt es sich um das Beispiel des zukommt, nicht aber der Hersteller. Er muß sich bei seiner Tätigkeit stets
Weberschiffchens. Wer ein solches Werkstück verfertigt, bedarf eines am Gebrauchenden und an dessen Wissen orientieren. Die Idee ist dasje-
Orientierungspunktes, im Blick auf den er seine Tätigkeit reguliert. Das nige, an dem der. Gebrauchende orientiert bleibt, wenn er mit einer Sache
zeigt sich vor allem dann, wenn ein Weberschiffchen zerbrochen ist. Will bestimmungsgemäß umgeht. Doch er intendiert sie nicht als Gegenstand.
man es erneuern, blickt man nicht etwa auf das zerbrochene Exemplar, Sein Wissen ist ein unthematisches Wissen.
sondern auf jene Idee, nach der auch dieses Exemplar einst angefertigt Die Beispiele für Ideen von Artefakten sind lehrreich in verschiedener
worden war". Diese Idee erfaßt man aber nicht schon dann, wenn man sich Hinsicht. Zunächst verweisen sie auf eine Einstellung, bei der die Idee zwar
die äußere Form dieses Werkzeugs vorstellt. Man erfaßt sie erst dann, wenn intendiert ist, aber doch nicht zum Gegenstand eines ausdrücklichen the-
man sich an seiner Funktion orientiert'". Ob das Weberschiffchen aber matischen oder gar verbalisierten Wissens wird. Das den Reiter auszeich-
richtig gemacht ist, hat denn auch nicht der Hersteller zu beurteilen, nende Wissen ist ein Gebrauchswissen, das sich im Umgang mit dem
sondern der Weber, der mit diesem Werkzeug umgehen kann (vgl. 390b). Zaumzeug bewährt. Dieses Zaumzeug braucht für ihn jedoch nicht zum
Der Inhaber des jeweiligen Gebrauchswissens ist es also, dem sich derjenige Gegenstand eines ausdrücklichen Interesses zu werden. Gebrauchswissen
unterordnen muß, der ein Werkzeug zwar herstellt, aber nicht selbst ist ungegenständlich und unthematisch. Es läßt sich durch eine Thematisie-
gebraucht. rung auch nicht vervollkommnen. Im Gegenteil: durch eine Thematisierung
Dem Gedankengang im zehnten Buch der "Politeia" liegt dasselbe kann es seines Charakters als Gebrauchswissen gerade verlustig gehen. Es
Muster zugrunde, wenn er die Idee akzentuiert, an der sich der Hersteller übt seine Funktion nur dann in vollkommener Weise aus, wenn es sich zur
eines Gebrauchsdinges von der Art eines Tisches oder eines Bettes orien- Idee als seinem Orientierungspunkt nicht wie zu einem Objekt verhält. Das
tiert. Leitthema ist hier freilich das Verhältnis von Nachahmung und Problem getrennter Ideen kann schwerlich auftauchen, solange die Idee wie
Herstellung. Es wird im Blick auf ein dreistufiges Entsprechungsverhältnis im Falle der Aktualisierung eines Gebrauchswissens nur indirekt intendiert
erörtert, wie es zwischen dem idealen Urbild eines Gebrauchsdings, dem wird. Es kann vorerst dahingestellt bleiben, ob sich von hier aus auch
konkreten Ding selbst und seinem gemalten Abbild besteht. Der Maler hat Konsequenzen in Richtung auf Platons Vorstellung der Prädikation ziehen
das Bett, das er malt, nicht selbst hergestellt. Ebensowenig hat aber der lassen. Wäre dies möglich, so könnte sich die dem Prädikat zugeordnete
Tischler, der das Bett anfertigt, das Urbild selbst hergestellt, an dem er sich Form des Wissens als eine besondere Form des Gebrauchswissens erweisen.
Das Prädizieren wäre dann nur ein Spezialfall eines von der Orientierung
65 Vgl. Men. 7Sc; Theait. 201dff.
an Ideen geleiteten HandeIns und Tätigseins überhaupt. Platons Dialoge
'" Rep. 596bff.; Krat. 389aff.; vgl. Gorg. 503d; Nom. 965b; Ep. VII 342d.
67 aut"() Ö lanv XE(!xt~, Krat. 389b. _
68 ;ror ß)'brWY 0 -rbffWV t"t]v xe(!xa5a nmef; ag' ou Jr{!O~ 'tOwv.6v TL 0 brE(pv]('E~ 69 Das könnte beispielsweise die Verwendung des Begriffs der cpVOlq und die Bezeichnung
XE(J"{~ELV; Krat. 389a. Gottes als cpurovQyaq (Rep. 597d) nahelegen.
148 Die Ideen und ihre Funktion § 8: Ideen ohne Ideenlehre 149

erlauben keine eindeutige Entscheidung in der Frage, ob es sich hier um Wissensformen adäquat, bei denen sie nicht die Rolle eines direkt intendier-
einen Spezialfall oder nur um eine Analogie handelt. ten Gegenstandes übernehmen muß.
Die Beispiele für Ideen von Artefakten machen auch deutlich, wie eine Die Idee ist unmittelbar kein möglicher Gegenstand einer diskursiven
Sache spätestens in dem Augenblick Anlaß einer Ideenreflexion wird, in Erkenntnis. Es ist daher kein Zufall, wenn Platon Formen der intuitiven
dem ihre Herstellung oder ihr Gebrauch zur Debatte steht. Solange Erkenntnis herausstellt, wenn es um die der Idee adäquate Form des
bestimmte Dinge nur als Bett, als Tisch oder als Zaumzeug bezeichnet und Wissens geht. Die Konzeptionen der Erleuchtung und der Ideenschau sind
angesprochen werden, ist die Annahme von Ideen zwar möglich, aber es denn auch gewesen, die von der sich auf Platon berufenden Tradition
trivial. Das ist regelmäßig dann der Fall, wenn es sich, wie hier, um immer wieder fruchtbar gemacht worden sind. Die Konzeption der intuiti-
deskriptive Prädikate handelt. Geht es aber nicht um die Bezeichnung, ven Ideenschau hat jedoch nur die Funktion einer Grenzbestimmung. Es ist
sondern um die Herstellung und um den richtigen Gebrauch von Dingen, noch nicht einmal so sehr von Bedeutung, ob es sich hier zugleich um eine
so bedarf man eines Orientierungspunktes, der freilich als solcher nicht realisierbare Möglichkeit des Bewußtseins handelt. Sokrates beruft sich bei
thematisiert zu werden braucht. Diese unthematische Intention auf die Idee Platon jedenfalls niemals darauf, eine entsprechende Intuition realisiert zu
bedarf auch nicht mehr der Vermittlung durch eine Prädikation. Von hier haben. Niemals werden im Dialog unter Berufung auf sie Wissensansprü-
aus wird es verständlich, warum bei Platon von Ideen von natürlichen, che legitimiert. Daher wird man gut daran tun, in der Metaphorik der
durch deskriptive Prädikate zu charakterisierenden Dingen vor allem dort Ideenschau nur ein Musterbild für Formen nichtdiskursiver Erkenntnis
die Rede ist, wo diese Dinge unter der Voraussetzung eines an Vorbildern überhaupt zu sehen. Jeder, der seinen Verstand betätigt und jeder, der sich
orientierten Herstellungsvorgangs gedeutet werden. Das ist bekanntlich im in der Hoffnung, verstanden zu werden, an einem Gespräch beteiligt, hat
"Timaios" der Fall. Hier wird das Modell einer an Ideen orientierten bereits Ideen vorausgesetzt. Darauf beruht das entscheidende Argument,
Naturbetrachtung entworfen. Zu den Randbedingungen dieses Entwurfs das im "Parmenides" (vgl. 135b) alle gegen die Ideenannahme vorgetrage-
gehört die Vorstellung eines Demiurgen, der sich bei der Tätigkeit der nen Argumente aufwiegen soll. Die so vorausgesetzten Ideen brauchen SIch
Weltbildung an Ideen orientiert, die er nicht selbst hervorgebracht hatlO • aber nicht in einem besonderen Intuitionsakt präsentiert zu haben. Sie
Werden die Dinge unter dem Gesichtspunkt betrachtet, daß sie nach einem erfüllen zumeist die Funktion von nicht thematisierten Voraussetzungen,
Muster hergestellt sind, so kann man ihre Bestimmungen in Analogie zu von denen derjenige, der auf ihrer Grundlage denkt und redet, kein
normativen Prädikaten deuten. gegenständliches Wissen hat.
Es mag deutlich geworden sein, in welchem Sinn man von einer Ideen- Ideen werden bei Platon immer nur so weit und in dem Umfang
lehre Platons sprechen kann und in welchem Sinne nicht. Gewiß kann man thematisiert, als es für die Erörterung des jeweiligen Problemzusammen-
versuchen, die Aussagen, die über die Idee gemacht werden, zu sammeln hanges unbedingt erforderlich ist. Nirgends wird auch nur versucht, das
und in eine systematische Ordnung zu fügen. Eine solche systematische Ideenreich zum Zwecke einer Bestandsaufnahme als ganzes zu durchmu-
Ordnung ließe sich dann als Lehre oder Theorie von der Idee bezeichnen. stern. Daher kann sich Platon mit erstaunlich wenigen Beispielen begnügen.
Doch die Kenntnis und das Verständnis einer solchen Theorie würde noch Eine Beispielreihe kann dort, wo sie begonnen worden ist, schon nach
keine adäquate Einsicht in die Idee vermitteln. Andererseits wird gerade wenigen Gliedern mit einer Wendung wie " ... und alles derartige"71 abge-
durch die Beispiele aus dem Bereich der Artefakten deutlich, daß es Formen brochen werden. Daher lassen sich manche auf die Ideen bezogene und in
adäquater Einsicht in die Idee gibt, die durch keine Theorie vermittelt sind der Platonforschung immer wieder erörterten Fragen nicht eindeutig auf
und keiner Theorie bedürfen. Das Wissen, das den Gebrauch eines Prädika- der Grundlage des Textes, sondern allenfalls auf der Grundlage von
tes reguliert, ist ebenso wie das Wissen dessen, der ein Gebrauchsding Extrapolationen und von voraussetzungsreichen Indizienbeweisen beant-
bestimmungsgemäß verwendet, nicht von der Art, daß es seinen Inhalt wie worten. Dazu gehört die Frage nach der Existenz leerer Ideen ebenso wie
einen Gegenstand thematisierte. Nun kann eine Theorie versuchen, diese die Frage nach der Existenz von Ideen, die negativen Prädikaten zugeordnet
Zusammenhänge vom Standpunkt der Reflexion aus zu klären. Sie kann sind. Die Aporien des "Parmenides" beginnen mit der Erörterung der
aber selbst nicht jenes Wissen vermitteln, das sie zu ihrem Gegenstand Frage, wovon alles Ideen angenommen werden sollen (130bf.). Doch man
macht. Als Theorie kann sie immer nur ein gegenständliches Verhältnis zu wird die Frage schwerlich noch in dieser Form stellen, wenn man auf die
ihren Inhalten haben. Der Idee sind aber gerade solche Einstellungen und Eigenart der Idee aufmerksam geworden ist. Denn man hat Ideen schon
dann vorausgesetzt, wenn man damit beginnt, Dinge zu benennen und zu

70 Vgl. Tim. 27dff., 37cf., 48e, S1af.; Soph. 265c. 71 Z.B. Rep. SOlb: ... xal navw 'ni TOwVra.
150 Die Ideen und ihre Funktion § 9: Idee und Hypothese 151

unterscheiden, um sie auf ihre mögliche Eigenschaft, Ideensubstrat zu sein, mene Gesetzlichkeit zur Einheit einer Erfahrung zusammenzufügen. Die
hin zu untersuchen. Hypothese geht dabei ganz in dieser ihrer Funktion auf und kann außer-
Wer Ideen in Frage stellen will, kommt immer schon zu spät. Wer halb ihrer keinen Eigenwert beanspruchen. Der Sinn der vor diesem
überhaupt redet, wer mit einem Gebrauchsding bestimmungsgemäß Hintergrund gedeuteten Ideenannahme Platons schien daher für Natorp
umgeht, hat sie bereits vorausgesetzt und bezieht sich in unthematischer darin zu liegen, den Vorrang der Methode gegenüber allen ihr unterworfe-
Weise auf sie. Platon unternimmt es, deutlich zu machen und zu zeigen, daß nen und zu unterwerfenden Gegenständen herauszustellen und zu be-
die Idee deswegen allgegenwärtig ist: Zur richtig verstandenen Ideenan- gründen.
nahme kann es keine Alternative geben. Das gilt ganz unabhängig davon, Es ist nicht schwer, die Grenzen einer Deutung aufzuzeigen, die Platons
ob diese Verhältnisse von der Reflexion eingeholt und adäquat dargestellt Idee analog zu einem im neuzeitlichen Sinne verstandenen Naturgesetz
werden. Alle Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn die Idee von einer auf versteht. Das ist in der Platonliteratur denn auch immer wieder geschehen.
sie gerichteten theoretischen Intention thematisiert wird, können nicht das Gerade deshalb sollte man aber die unbezweifelbaren Verdienste dieser
Faktum aufheben, daß jeder, der ein Gebrauchsding oder auch sein Prädi- Deutung nicht verkennen. Gewiß arbeitet sie mit Gedanken, die sich nicht
kat verwendet, sich vor aller Theorie an etwas orientiert, was diese alle als Glieder von Alternativen verstehen lassen, in denen Platon zu
Verwendung reguliert. Eben dies ist die Idee, die in originärer Weise immer entscheiden' hatte. Doch man würde die Möglichkeiten des Verstehens
nur als nicht direkt intendierbarer Bezugspunkt eines unthematischen allzusehr einengen, wollte man bei der Beurteilung eines Denkers der
Wissens gegeben sein kann. Vergangenheit auf alle Kategorien verzichten, mit denen dieser Denker
nicht schon selbst gearbeitet hat. Natorps Deutung zeichnet sich immerhin
dadurch aus, daß sie nicht nur Platons Lehrmeinungen zu verstehen und zu
§ 9: Idee und Hypothese rekonstruieren sucht, sondern auch den Wahrheitsanspruch von Platons
Philosophie ernst nimmt und auf ihn eingeht. Nirgends ist diese Philosophie
Eine unmittelbare Thematisierung der Idee vermeidet man auch dann, in ihrem sachlichen Wahrheitsanspruch seit Hegel so ernst genommen
wenn man sich auf sie als auf den Inhalt oder den Bezugspunkt einer worden wie bei den Neukantianern.
Hypothese bezieht. Wer einen Satz vom Typus "wenn p, dann q" behaup- Es ist kein vermeidbarer methodischer Fehler, wenn ein Interpret Frage-
tet, thematisiert unmittelbar nur das Bestehen der in ihm ausgedrückten stellungen und Kategorien seiner Zeit in die Platondeutung einbringt. Denn
Folgebeziehung. Seine Elemente, beispielsweise "p" werden dabei nur ein im strengen Sinne voraussetzungsloses Verstehen kann es nicht geben.
erwähnt und lediglich auf indirekte Weise intendiert. Die Möglichkeit, mit Das ist ein bleibender Ertrag der hermeneutischen Reflexion unserer Tage.
der Idee als mit dem unthematisierten Bezugspunkt einer Hypothese umzu- Was mit dem Anspruch der Voraussetzungslosigkeit auftritt, hängt in
gehen, wird von Platon an manchen Stellen realisiert. An einer für das Wahrheit zumeist von Voraussetzungen ab, die als solche dem Interpreten
Verständnis der Ideenannahme entscheidenden Stelle wird diese Methode entweder gar nicht bewußt sind oder aber zu selbstverständlich zu sein
selbst Gegenstand der Erörterung. Es handelt sich um jene Stelle im scheinen, als daß er sich veranlaßt sähe, sie zur Sprache zu bringen. In der
"Phaidon" (9geft.), an der Sokrates die Idee als Inhalt einer Voraussetzung Philosophie kann es jedoch keine Selbstverständlichkeiten auf Dauer geben.
einführt, auf deren Basis er weiterzuarbeiten gedenkt. Gerade hier verzich- Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht darin, faktische Selbstverständlichkei-
tet er jedoch darauf, die Idee unabhängig von ihrer Funktion innerhalb der ten zum Gegenstand methodischen Fragens zu machen.
Hypothese zu thematisieren oder sie gar zum Gegenstand einer Theorie zu Alles Erkennen und Verstehen wird durch seine Voraussetzungen nicht
machen. nur begrenzt, sondern andererseits auch erst ermöglicht. Auch wenn man
Der Umgang mit der Ideenannahme als mit einem Funktionsglied inner- diese Voraussetzungen seines Erkennens und Verstehens in Abzug bringen
halb eines Hypothesengefüges hat bekanntlich das besondere Interesse der könnte, gelangte man keineswegs zu einer voraussetzungsfreien Einsicht.
durch den Neukantianismus bestimmten Platonforschung auf sich gezogen. Denn in diesem Fall hätte man sich der Möglichkeit von Erkennen und
Vor allem P. Natorps Interpretation findet hier einen Schlüssel zum Ver- Verstehen überhaupt begeben. Daher wäre es sinnlos, vom Interpreten
ständnis der platonischen Philosophie überhaupt. Platon erscheint dabei als einen Verzicht auf Voraussetzungen zu fordern. Man kann von ihm nur
Vorläufer des Methodenideals der neuzeitlichen Naturwissenschaft, das- verlangen, auf seine Voraussetzungen zu reflektieren und sie zu kennzeich-
gemäß der neukantianischen Deutung - in Kants Philosophie eine hinrei- nen. Die Platondeutung Natorps läßt ihre Voraussetzungen mit außerge-
chende philosophische Begründung erfahren hatte. Gemeint ist die wöhnlicher Deutlichkeit sichtbar werden. Vor allem der metakritische
Methode, die Daten der Empirie im Blick auf eine zunächst nur angenom- Anhang zur zweiten Auflage von Natorps Platonbuch zeigt die ungewöhn-
152 Die Ideen und ihre Funktion § 9: Idee und Hypothese 153

liehe Intensität, mit der sich sein Autor um die Voraussetzungen und um die Lehrbarkeit der Tugend, verwickelt werden soll (70a). Die Frage nach der
Grenzen seiner Deutung bemüht hat. Lehrbarkeit der Tugend will Sokrates aber nicht sofort beantworten:
Ein wesentliches Merkmal der Hypothese im neuzeitlichen Sinn ist ihre Zuvor müsse man wissen, was die Tugend eigentlich sei. üb einer Sache
Vorläufigkeit und ihre Überholbarkeit. Sie gilt immer nur gleichsam auf eine bestimmte Eigenschaft zukomme oder nicht, könne nur derjenige
Abruf, nämlich nur so lange, bis sie durch eine andere Hypothese ersetzt entscheiden, der wisse, was die Sache selbst sei (71b). Das ist eine Argu-
wird, die - aus welchen Gründen auch immer - als die bessere Hypothese mentationsfigur, deren sich Sokrates auch in anderen Zusammenhängen
gilt. Auch Platon ist der Gedanke eines Hypothesenwechsels vertraut (vgl. bedient'. Freilich hätte er auch danach fragen können, was Lehre und
Phd. 101d). Doch nirgends findet sich auch nur die Andeutung des Gedan- Lehrbarkeit eigentlich ist. Es ist sogar der häufiger vorkommende Fall,
kens, die Ideenhypothese könnte schließlich auf Grund bestimmter Erfah- wenn er in vergleichbaren Fällen zunächst nach der Wesensbestimmung des
rungen verworfen und durch eine bessere Hypothese ersetzt werden. Auch Prädikats fragt'. Hier aber fragt er nach dem Wesen dessen, was in der
ein allfälliger Hypothesenwechsel würde sich stets innerhalb des Ideen- Eingangsfrage unbezweifelbar die SubjektsteIle vertritt. Das wird durch
reichs abspielen. - Trotzdem ist Natorps Deutung der Idee als einer sein Erläuterungsbeispiel verdeutlicht. Dieses Beispiel weist sogar ein "ech-
Gesetzeshypothese den meisten anderen Platondeutungen in einem wichti- tes" Subjekt auf, das mit einem Individuennamen bezeichnet wird: Wer
gen Punkt überlegen. Deutet man nämlich die Idee im Sinne eines Naturge- wissen will, ob Menon schön ist oder nicht, muß ihn zunächst einmal
setzes, so hat man von einem Modell Gebrauch gemacht, bei dessen kennen (71b). Dieser Vergleich reicht freilich nur so weit, als die grammati-
Anwendung Mißverständnisse, die auf einer unzulässigen Verdinglichung schen Strukturen vergleichbar sind. Ungeklärt bleibt, welche Struktur das
der Idee beruhen, ausgeschlossen sind. Gesetze, unter denen Dinge stehen, Kennen eines Individuums hat und inwieweit dieses Kennen mit jenem
haben jedenfalls eine völlig andere Seinsweise als diese Dinge selbst. Es ist Wissen vergleichbar ist, das man nach Sokrates' Auffassung hinsichtlich
leicht, Platondeutungen zu kritisieren, die die Ideen als Dinge neben des Wesens der Tugend voraussetzen muß, wenn man die Frage beantwor-
anderen Dingen verstehen. Ebenso leicht ist es, zu fordern, die Idee dürfe ten will, ob sie lehrbar sei.
nicht nach dem Muster von Gegenständen und Dingen verstanden werden. Die Erörterung der Frage nach dem Wesen der Tugend fördert keinen
Viel schwieriger ist es dagegen, dem Verständnis mit einem Modell zu Hilfe Satz zutage, der als befriedigende Antwort akzeptiert werden könnte.
zu kommen, das jener Forderung genügt. Mag das Modell des Naturgeset- Ähnlich wie in den anderen Definitionsdialogen gelingt es Sokrates, mit
zes in der Anwendung auf Platons Idee auch noch so anachronistisch sein, - Hilfe unterschiedlicher Techniken jeden Definitionsvorschlag Menons als
es vermag wenigstens ein Beispiel für ein ungegenständliches Verständnis unzulänglich zu erweisen. So wird Menon in die Aporie geführt und muß
der Idee anzubieten. zugeben, wenngleich sehr unwillig, nicht sagen zu können, was die Tugend
Auch die Rede von Hypothesen kann bei Platon an einen vorphilosophi- eigentlich sei (79bf.). Die Erörterung der Frage nach der Lehrbarkeit der
schen Sprachgebrauch anknüpfen. So kann das zugehörige Verbum ver- Tugend kann also nicht auf einem sicheren, in einer Definition faßbaren
wendet werden, wenn es um Anordnungen des Arztes oder des Turnlehrers Wissen aufbauen. Die ausdrücklich und als solche eingeführte hypotheti-
geht'. Manchmal wird, auch mit Hilfe des Substantivs, ein Satz markiert, sche Methode stellt hier jedoch einen Ausweg in Aussicht (86eff.).
den man im Augenblick nicht in Frage stellt, den man aber durchaus in Zuvor bedient sich Sokrates jedoch der hypothetischen Methode, ohne
Frage stellen könnte'. In solchen Fällen mag der Geltungsanspruch des sie als solche zu kennzeichnen: Er stellt eine These über das Lernen auf,
Satzes als relativiert erscheinen; von der Anwendung einer hypothetischen nach der das Lernen seinem Wesen nach Wiedererinnerung ist. Die Pseudo-
Methode, die diesen Namen verdient, ist man trotzdem noch weit entfernt. begründung, die der Wiedererinnerungsthese beigegeben wird, hat nichts
Im "Menon" wird der Umgang mit Hypothesen im logischen Sinne des mit den Begründungen gemein, wie sie von Sokrates sonst immer gefordert
Wortes nicht nur praktiziert, sondern auch thematisiert. Es ist die Geome- werden. Er beruft sich nämlich auf etwas, was er von Priestern und
trie, die hier das Paradigma für die Verwendung der hypothetischen Dichtern erfahren haben will (81aff.). Es kann hier dahingestellt bleiben,
Methode auch außerhalb des mathematischen Bereichs abgibt. - Der welchen Ursprung die hier ins Spiel gebrachte Reinkarnationsvorstellung
Dialog beginnt damit, daß Sokrates von Menon in einen Disput über ein hat und welcher Art die Einflüsse sind, die Platon hier auf sich hat wirken
gängiges zeitgenössisches Traktandum, nämlich über die Frage nach der lassen. Denn es kommt hier, wie der Kontext zeigt, allein auf die Funktion
der These an, nicht aber auf ihren Ursprung. Sokrates will denn auch für
1 vnor;{{}ea{}m z.B. Pol. 295c; Rep. 346b. Zum Sprachgebrauch Platons vgl. R. Robinson,
Plato's Earlier Dialectic, 2. ed., S, 93 H. J Vgl. Lach. 190b; Prot, 360e.
2 {m;6{J8(Jt~, z.B. Charm. 160d; Gorg. 454c; Phdr. 236b; Euthphr. 9d, 11e; Rep. 437a. 4 Vgl. V. Goldschmidt, Les dialogues de Platon, 2. AuEl., 1963, S. 32ff.
154 Die Ideen und ihre Funktion
r § 9: Idee und Hypothese ISS

den Inhalt der Wiedererinnerungsthese selbst keine Verantwortung über- bestimmte Art des Wissens 5 • üb diese Voraussetzung wirklich zutrifft, steht
nehmen. Das wird schon durch die mythische Einkleidung und durch die im "Menon~' ebensowenig zur Debatte wie die Frage nach dem Wesen des
Berufung auf Gehörtes deutlich gemacht. Vor allem aber wird es durch den Wissens. Gleichwohl bleibt die Erörterung nicht ergebnislos. Auch wenn
Schluß des Abschnitts noch einmal bestätigt. Dort distanziert sich Sokrates über die Richtigkeit der Voraussetzung nichts ausgemacht ist, kann mit
auch ausdrücklich von der Verantwortung für den vollen Inhalt der Wie- ihrer Hilfe ein Gebiet ausgegrenzt werden, innerhalb dessen man sichere
dererinnerungsthese (86b). Damit wird noch einmal verdeutlicht, daß hier Ergebnisse erzielen kann. Diese Sicherheit wird im Dialog hervorgehoben,
eine Methode eigener Art praktiziert worden ist. wenn Sokrates zum Abschluß dieses Gesprächsteils erklärt, den Satz,
In der Tat wird im "Menon (. mit der Wiedererinnerul1gsthese wie mit gemäß dem sich die Lehrbarkeit der Tugend als Konsequenz aus ihrem
einer Hypothese gearbeitet. Sie bildet den Rahmen der Geometrielektion, Wissenscharakter ergibt, wolle er auf keinen Fall revozieren, unbeschadet
die Sokrates dem Sklaven Menons erteilt. Diese Lektion soll den Prozeß des seiner Zweifel an der Richtigkeit der Voraussetzung (89d).
Lernens exemplifizieren, der dann auf der Grundlage der vorausgesetzten Auch im Bereich der kompositorischen Gestaltung der Dialoge wendet
These gedeutet wird. Die einzelnen Etappen der Lekrion werden von Platon nicht selten Techniken an, die der hypothetischen Methode ähneln.
Sokrates immer sogleich gedeutet. Dabei geht es um die Frage, inwieweit Im "Menon " erfragt Sokrates von der Titelfigur gelegentlich Antworten
die These eine Deutung dessen ermöglicht, was soeben praktiziert wurde. nur auf mittelbare Weise. Menon soll in solchen Fällen angeben, was er
Die These steht also nur im Hinblick auf ihre Funktion, bestimmte Erklä- antworten würde, wenn man ihm eine bestimmte Frage vorlegte 6 • Hier
rungen zu geben, zur Debatte. Sie soll begründen, aber nicht selbst begrün- handelt es sich um ein Kunstmittel von nicht nur stilistischer Relevanz.
det werden. Wird eine Frage auf diese Weise gleichsam hypothetisch eingeklammert, so
Im folgenden Abschnitt (86e H.) wird dann die bis dahin nur praktizierte wird damit die Aufmerksamkeit des Lesers vom Inhalt des jeweiligen
hypothetische Methode zum Gegenstand der Erörterung. Dieser Abschnitt Traktandums weg auf dessen Funktion gelenkt. Käme es nicht vor allem
greift auf die Ausgangsfrage nach der Lehrbarkeit der Tugend zurück. Da auf diese Funktion an, so könnte sich Sokrates schwerlich als Erwiderung
die vorgeschaltete Frage nach dem Wesen der Tugend nicht beantwortet auf eine hypothetisch gestellte Frage mit der Versicherung des Partners
werden konnte, soll jetzt die hypothetische Methode einen Ausweg weisen. begnügen, er sei imstande, die verlangte richtige Antwort zu geben (72c).,-
Kann man schon nicht angeben, was die Tugend eigentlich ist, so kann man Innerhalb der Geometrielektion erscheint die hypothetische Denkform m
die Gültigkeit eines entsprechenden Satzes wenigstens voraussetzen. Dann anderer Gestalt: Eine gezeichnete Figur wird daraufhin betrachtet, daß sie
kann man immerhin prüfen, ob sie sich dann als lehrbar erweist, wenn ein Quadrat darstellen soll; daß die Seite des Quadrates zwei Fuß lang ist,
diese Voraussetzung gilt. Die Frage nach dem Wesen der Tugend wird wird nicht gemessen, sondern vorausgesetzt. Es würde im vorliegenden
freilich auch auf diese Weise nicht beantwortet. Die hypothetische Zusammenhang nichts ausmachen, wenn die gezeichnete Figur größer oder
Methode erlaubt es jedoch, die Wesensfrage vorerst zu suspendieren. kleiner wäre (82c). Hier hat man es bereits mit Voraussetzungen und
Die hypothetische Methode soll zunächst am Beispiel einer Aufgabe aus Fiktionen zu tun, die den Hypothesen gleichen, die im Zentrum von Platons
dem Bereich der Geometrie exemplifiziert werden (86e). Der Inhalt dieses Theorie der Mathematik stehen'.
sowohl berühmten als auch berüchtigten Beispiels hat sich, obwohl Im "Phaidon" wird eine Hypothese besonderer Art erörtert. Sie ist
Lösungsvorschläge in großer Zahl vorliegen, bis heute immer noch nicht dadurch gekennzeichnet, daß sie die Idee zum Inhalt hat. Mit ihrer Hilfe
auf befriedigende Weise aufklären lassen. Es handelt sich um eine Aufgabe, sollen die Schwierigkeiten überwunden werden, die sich stets dann ergeben,
die nur unter der Voraussetzung einer zusätzlichen Annahme leicht gelöst wenn man mit den Mitteln der Philosophie, wie Sokrates sie vorfand,
werden kann. Der überlieferte Wortlaut des Textes läßt aber eine eindeu- Fragen nach der Ursache und nach dem Guten zu beantworten sucht.
tige, mathematisch einwandfreie und zugleich einfache Lösung der Aufgabe Sokrates schildert diese Schwierigkeiten in der Darstellung, die er von
offenbar nicht zu. Auf die Forderung nach Einfachheit wird man keines- seiner philosophischen Entwicklung gibt (96a H.). Die Naturphilosophen
wegs verzichten dürfen. Denn im Gesprächszusammenhang bietet die der Tradition führten immer nur Dinge auf andere Dinge zurück. Nicht
Lösung den Partnern, die ja beide keine Fachmathematiker sind, keinerlei einer von ihnen, auch Anaxagoras nicht, konnte von den von ihm angesetz-
Schwierigkeiten. Wenn der Inhalt dieses Beispiels daher auch dunkel blei- ten Ursachen den Gebrauch machen, der es erlaubt hätte, die in der Welt
ben muß, so wird das Verständnis seiner Funktion dadurch zum Glück
dennoch nicht beeinträchtigt.
" cl M y' eodv emanJp1J n~ 1} aQEr1, biJAOV ön &oaXTOV äv EL?], Men. 87c.
Im Blick auf diese Funkrion soll im Dialog nun gezeigt werden, daß die 6 Men. 72a, 74bff.; vgl. 75c.
Tugend jedenfalls dann lehrbar ist, wenn man voraussetzt,sie sei eine 7 Vgl. unten S. 209ff.
156 Die Ideen und ihre Funktion
r § 9: Idee und Hypothese 157

herrschende Ordnung und ein sich an der Vorstellung des Guten orientie- wieder auf vertrautem Boden, zumal da Sokrates die Ideenannahme auch in
rendes Handeln zu erklären. Alle zu diesem Zweck angesetzten Ursachen den früheren Teilen des Gesprächs bereits als eine wohlbekannte und leicht
erweisen sich bei näherem Hinsehen als bloße Bedingungen, nämlich als verständliche Sache zur Sprache bringen konnte". Neu ist also nur die
etwas, ohne das die Ursache nicht Ursache sein könnte". Wo sind dann aber Beurteilung, der eine längst vertraute Sache unterzogen, und die Darstel-
die wahren Ursachen zu suchen? Sokrates macht einen zweiten Ansatz, lnng, die von ihr von einem Reflexionsstandpunkt aus gegeben wird.
wenn er in die Logoi flüchten und die Dinge durch ihre Vermittlung Man kann darüber streiten, was es eigentlich ist, das im "Phaidon" als
betrachten will. Er will künftig jedesmal von der Voraussetzung ausgehen, Hypothese bezeichnet wird. Ist es ein Satz, der die Existenz der Idee
die nach seinem Urteil die stärkste ist'. Was ihm mit ihr zu harmonisieren behauptet, oder ist es die Idee selbst, deren Existenz in einem solchen Satz
scheint, will er als wahr ansetzen, was nicht, als nicht wahr". Es handelt behauptet wird? Ein deutliches Bewußtsein dieser Differenz gehört indessen
sich also nicht um eine Hypothese, die sich an dem Material zu bewähren nicht zu den Randbedingungen, unter denen im "Phaidon" der Dialog
hätte, auf das sie angewendet wird. Sie gibt vielmehr selbst das Richtmaß geführt wird. Zwar finden sich einige Formulierungen, die man als Exi-
ab, mit dessen Hilfe darüber entschieden wird, was als wahr zu gelten hat. stenzsätze deuten könnte. Doch Sokrates macht von ihnen als Sätzen wenig
Kebes, der Partner des Sokrates, zeigt an dieser Stelle Verständnisschwie- Gebrauch. Er arbeitet mit ihnen nicht als mit Elementen, aus denen
rigkeiten. Sokrates erläutert: Es handle sich um gar nichts Neuartiges", satzlogische Gefüge konstruiert werden könnten. Sätze wie "es gibt ein
sondern um etwas, was er schon immer sowohl bei anderen Gelegenheiten Schönes an sich" treten als solche noch nicht einmal in Implikationsbe-
als auch im gegenwärtigen Gespräch traktiert habe. Es ist also von einer hauptungen ein. Sokrates macht also von derartigen Existenzsätzen als
altbekannten Sache die Rede, die Kebes nur deshalb nicht sogleich wieder- Sätzen wenig Gebrauch. Um so mehr arbeitet er jedoch mit der Konzeption
erkannt hat, weil sie ihm von Sokrates auf eine ihm ungewohnte Weise der Ideen selbst, deren Existenz er behauptet. An ihnen - und nicht an den
präsentiert worden ist. Sokrates hat hier nämlich einen Reflexionsstand- über sie formulierten Existenzsätzen - orientiert er sich, wenn er davon
punkt eingenommen. Daher ist die Art seiner jetzigen Rede verschieden von spricht, daß die schönen Dinge nur auf Grund des Schönen selbst schön
der Art der Rede, die seine Partner von ihm gewöhnt sind. Trotzdem kann seien. Er formuliert Sätze über Dinge, speziell über Ursachen von Dingen,
er sich mit Recht darauf berufen, daß es sich im Grunde um altbekannte, im Blick auf Ideen und allenfalls sekundär im Blick auf Sätze über Ideen.
sogar abgedroschene Dinge handle (lOOb). Denn hier beurteilt er nur, was Nun ist man freilich, wenn man überhaupt eine Aussage formuliert,
er eigentlich tut, wenn er die ihm gewohnten Reden führt. Hier reflektiert schon deshalb, weil man ein Prädikat verwendet, an einer Idee orientiert,
er auf das, was er sonst immer nur praktiziert hatte: Die Hypothesen, die gleichgültig, ob man sich dessen bewußt ist oder nicht. In der unreflektier-
Sokrates ansetzt, haben nämlich nur zum Inhalt, daß es ein Schönes, ein ten Einstellung richtet man sich thematisch auf den Gegenstand seiner
Gutes, ein Großes und dergleichen mehr jeweils an und für sich gebe". Aussage und nur in indirekter Weise auf das Prädikat und auf das, was mit
Diese Ideenannahme wird sofort als Hypothese in Anspruch genommen, dem Prädikat als solchem eigentlich gemeint ist. Die Prädikate stehen einem
wenn den Ideen ursächliche Funktionen abverlangt werden: Ein Ding ist dabei wie ein Gebrauchsmaterial zur Verfügung, über dessen Struktur man
schön nur deswegen, weil es an der Idee des Schönen teilhat. Sokrates sich so lange keine Rechenschaft gibt, als der Gebrauch selbst nicht gestört
kommt es gerade nicht auf die nähere Bezeichnung der Art und Weise an, ist. Sokrates' Hypothesenansatz im "Phaidon" gründet daher weniger in
wie das Schönsein einer Sache mit der Idee des Schönen zusammenhängt; er einer Einführung und Behauptung neuer Sätze als in einer Umkehrung der
braucht nicht in der Alternative zu entscheiden, ob es sich um eine Blickrichtung und in einer Verlagerung des Schwerpunkts. Sokrates inten-
Beziehung der Teilhabe, der Gemeinschaft, der Anwesenheit oder um diert hier die Prädikate und ihre Bedeutungen, und er spricht von Dingen
irgendeine andere Beziehung handelt (lOOd). Denn es genügt, daß es nur insofern, als ihnen das jeweilige Prädikat zugesprochen werden kann
jedenfalls das Schöne ist, durch das alle die schönen Dinge schön werden 13 • oder nicht. Die Dinge erscheinen bei dieser Einstellung nur noch als
Kebes' Verständnis schwierigkeiten sind damit behoben. Er befindet sich Instanzen der Anwendung von Prädikaten. Eine inhaltliche Bestimmung
der Prädikate und der ihnen zugeordneten Ideen braucht indessen nicht
8 avev 0(; 1'0 al'nov DUX av nOT:' d" al"nov, Phd. 99b. gegeben zu werden, wenn die Ideen nur in Zusammenhänge vom Typus des
9 {m:o{Ief1t;YO~ bufarore itoyov öv äv xQ{vw t(JQWJ1.evEarar:ov elvm, Phd. 100a. Hypothesengefüges eingebracht werden, innerhalb deren sie gar nicht mehr
10 Vgl. auch Krit. 46b. als solche thematisiert werden.
11 ovMv xmv6v, Phd. 100b.
11 {m:o{)-e{1Evo~ eivai n xaAov aura if,u{}' aVoD xai aywlOv xai !lEra xai r6Ala ,mxvm,
Mit der Skizzierung der hypothetischen Methode reflektiert Sokrates auf
Phd. 100b.
13 up xaAQJ navw "Cl xaAu Y{YVeTW xaAa, Phd. load, H Vgl. Phd. 65d, 76d, 78d, 92d.
158 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 159

das, was er schon immer getan hat. Daher bezieht sich diese Reflexion der wesensnotwendig verbundene Wärme sein. Was zur Entstehung des Feuers
Sache nach auch auf die im vorhergeheuden Abschnitt der vorliegenden beiträgt, gehört dagegen nicht zu den Ursachen der Wärme, sondern nur zu
Untersuchung behandelten Techniken des Umgangs mit Ideen. Das läßt den Bedingungen, ohne die die Ursachen nicht Ursachen sein könnten. Das
sich besonders gut an Hand der gedanklichen Operationen klarmachen, die Beispiel des Feuers macht deutlich, welchen Umgang Sokrates .mit der
sich der logischen Technik der Kennzeichnungen bedienen. Wenn beispiels- Ideenannahme pflegt. Er fragt nämlich gerade nicht nach dem Wesen der
weise danach gefragt wird, was das Schöne selbst sei, und wenn dann das Wärme, sondern er kennzeichnet nur das, was mit dem Prädikat des
Schöne selbst als dasjenige bestimmt wird, an dem man sich orientiert, Warmseins eigentlich gemeint ist, ohne es inhaltlich näher zu bestimmen.
wenn man schöne Dinge schön nennt, dann liegt dem ohne Zweifel eine Damit hat die Untersuchung jedoch einen Bezugspunkt gewonnen, der im
Einstellung zugrunde, die von der unreflektierten Haltung, auf deren Basis Gegensatz zur natürlichen Einstellung nicht in den Dingen liegt, von denen
man von den Prädikaten nur Gebrauch macht, deutlich unterschieden ist. etwas prädiziert werden soll, sondern in den Prädikaten selbst.
Der eigentliche Übergang liegt dort vor, wo das, wonach gefragt worden Die Technik, mit der Idee als dem Inhalt einer Hypothese zu arbeiten,
ist, lediglich als solches, nämlich nur mit Hilfe der bei der Fragestellung enthebt Platon der Aufgabe, eine Ideenlehre zu entwickeln. Eine Lehre von
verwendeten Elemente gekennzeichnet wird. Dann spricht man von demje- der Idee, die diesen Namen verdiente, braucht von Sokrates daher auch im
nigen, wodurch die schönen Dinge erst schön sind, oder von demjenigen, "Phaidon" nicht entwickelt zu werden. Trotz mancher Beispiele für Ideen
auf das man blickt, wenn man die schönen Dinge als schön bezeichnet. wird nicht gesagt, welche Ideen und welche Arten von Ideen es gibt, wie der
Dieser Übergang entspricht in seiner Funktion genau jenem Schritt, der auf Bereich der Ideen umgrenzt ist, wie das Ideenreich in sich geordnet ist, wie
der Reflexionsebene des "Phaidon" als Hypothesenansatz charakterisiert sich einzelne Ideen identifizieren lassen. Definitionsfragen werden nicht
wird. gestellt. Die Frage nach der Art und Weise, in der die Idee mit den ihr
Hypothesen können in Frage gestellt werden. Man kann auch, wenn es zugeordneten Instanzen verbunden ist, wird beiseite geschoben. Hinsicht-
verlangt wird, über eine Hypothese mit Hilfe einer anderen Hypothese lich der Erkenntnis der Idee wird zwar die Konzeption der Wiedererinne-
Rechenschaft geben. Diese Methode kann man solange anwenden, bis man rung herangezogen (74a ff.). Aber auch sie ermöglicht keine differenzieren-
zu etwas "Hinreichendem"15 kommt. Hinreichend in diesem Sinne ist aber den Aussagen über einzelne Ideen. Die Deutung der Idee als einer Hypo-
vor allem die Ideenannahme. Sie kann von dem, der ihren Sinn verstanden these macht es möglich, sich derartiger Aussagen legitimerweise zu ent-
hat, nicht mehr angegriffen werden. Sokrates räumt ein, daß es sich um eine halten.
sehr einfache, ja einfältige Annahme handelt. Doch diese Einfachheit ist nur
die Kehrseite jener Sicherheit, hinsichtlich derer sich die Ideenhypothese § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen
von keiner anderen Hypothese übertreffen läßt". Diese Sicherheit macht
. die Ideenannahme gegenüber allen eristischen Angriffen immun. Verglichen mit allen übrigen Ideen hat es mit der Idee des Guten bei
Im Rahmen der Erörterungen über die Unsterblichkeit gibt Sokrates Platon eine besondere Bewandtnis. Der Textbefund im sechsten und im
Beispiele für den Umgang mit der Ideenhypothese. Fragt man danach, siebten Buch der "Politeia" ist zu eindeutig, als daß sich diese Behauptung
wodurch ein Körper warm ist, so kann man zweifellos auf die Wärme als mit Gründen bestreiten ließe. Doch man gerät sofort in Schwierigkeiten,
auf den Grund des Warmseins verwiesen werden. Eine solche Antwort ist wenn man präzisieren will, wodurch diese Sonderstellung der Idee des
sicher und einfältig zugleich (105c). Bei Auskünften dieses Typs will Guten begründet ist. Beruht diese Sonderstellung lediglich auf einem Primat
Sokrates jedoch nicht stehen bleiben. Denn es kommt nun darauf an, eine im Reich der Ideen? Markiert die Idee des Guten gleichsam die Spitze der
Sache ausfindig zu machen, der es wesensnotwendig zukommt, Wärme zu Ideenhierarchie? Oder ist sie von allen anderen Ideen nicht nur durch ihren
haben. Das Feuer erfüllt diese Bedingung. Der Frage nach der Ursache des Inhalt, sondern auch durch ihre kategoriale Struktur in der Weise unter-
Warmseins einer Sache ist, damit eine Richtung gewiesen. Denn als Ursache schieden, daß sie jener Ideenhierarchie selbst gar nicht angehört? Unter-
des Warmseins eines nicht von Natur aus warmen Dinges kommt alles das scheidet sie sich von den anderen Ideen in der Weise, in der sich diese von
in Frage, dem es notwendigerweise zukommt, warm zu sein (vgl. 103cf.). jenen Instanzen unterscheiden, die an ihnen teilhaben? Läßt sie sich als Idee
Der durch solche Überlegungen begründbaren Behauptung, ein Ding sei der Ideen verstehen? Oder akzentuiert man nur etwas, was einer jeden Idee
durch die Wirkung des Feuers warm, kann man Einfältigkeit nicht mehr von Hause aus als Moment zukommt, wenn man von der Idee des Guten
vorwerfen. Ursache des Warmseins kann also das Feuer und die mit ihm spricht? Das wenige, was bei Platon ausdrücklich über die Idee des Gnten
gesagt wird, reicht offensichtlich nicht aus, wenn es darum geht, derartige
15 lxav6v, Phd. lOle. " Vgl. Phd. 100d, lOld, lo5b. Fragen eindeutig zu beantworten.
160 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 161

Im Mittelpunkt des für die Behandlung der Idee d,s Guten "klassischen" ausmachen. Die an sich gut begründete Auskunft, wonach in der Idee des
Textes im sechsten und im siebten Buch der "Politeia" steht bekanntlich die Guten das oberste Prinzip alles Seins, Werdens, Erkennens und Handeins
berühmte Gleichnisserie. Entgegen manchen Deutungsversuchen besteht zu suchen ist, hilft wenig, solange ungeklärt bleibt, in welchem Sinne man
die Funktion dieser Gleichnisse nicht darin, den Sinn der Ideenannahme mit hier überhaupt von einem Prinzip sprechen kann und auf welche Weise
den Mitteln bildlicher Rede zu verdeutlichen. Denn das Verständnis dieser dieses Prinzip die ihm abverlangten Begründungsfunktionen auszuüben
Annahme wird hier bereits vorausgesetzt. Glaukon und Adeimantos, den vermag. Gerade deswegen empfiehlt es sich aber, von der Betrachtung der
Dialogpartnern des Sokrates, bereitet diese Annahme jedenfalls keine Ver- Funktionen auszugehen, die für die Idee des Guten spezifisch sind.
ständnisschwierigkeiten mehr, nachdem sie gelernt haben, sich auf den Das für eine derartige Kennzeichnung der Idee des Guten wichtigste
Boden der entsprechenden Einstellung zu begeben. Den Gleichnissen bleibt Textstück ist die Rep. 503e beginnende und die Gleichnisserie vorberei-
daher nur die Aufgabe, die Sonderstellung der Idee des Guten zu symboli- tende Passage. Hier werden die Probleme und die Themen charakterisiert,
sieren. Das geht eindeutig aus dem Gespräch hervor, durch das die Gleich- deren - freilich nur indirekte - Erörterung dann die Aufgabe der Gleichnis-
nisserie eingerahmt wird. Sokrates erzählt die Gleichnisse, weil er sich serie ist. Diese Passage ist eingebettet in das Gespräch, in dem es um die
dessen bewußt ist, daß er über die Idee des Guten nicht in derselben Weise Ausarbeitung eines für die designierten Regenten des Modellstaates
reden kann, wie er über alles andere, auch über die gewöhnlichen Ideen, zu bestimmten Erziehungsprogramms geht. Für die körperliche, musische und
reden gewohnt ist'. Denn die Einsicht in die Idee des Guten läßt sich, wenn die praktische Ausbildung ist das Programm bereits entworfen worden.
überhaupt, nur auf einem mühevollen Weg und nach langwieriger Arbeit Jetzt wird danach gefragt, welches die obersten Lehrgehalte' sind, die dem
erreichen. Im Modellstaat der "Politeia" zielt die ganze Erziehung der Absolventen dieses Erziehungsprogramms vermittelt werden sollen. Sokra-
designierten Regenten auf den Erwerb dieser Einsicht, durch die sie allererst tes knüpft dabei ausdrücklich an das bereits früher entwickelte Modell der
zur Wahrnehmung des Wächteramtes befähigt werden. Diese Einsicht wird dreigeteilten Seele und an die Bestimmung der Gerechtigkeit und der
ihnen nicht vor ihrem fünfzigsten Lebensjahr zuteil (540a). anderen Kardinaltugenden auf der Grundlage dieses Modells an'. Die
Freilich finden sich bei Platon auch manche Stellen, die gegen die Erörterungen, auf die sich Sokrates hier bezieht, hatten zur Bestimmung der
Annahme einer Sonderstellung der Idee des Guten zu sprechen scheinen. So Gerechtigkeit als des Zustandes der Idiopragie geführt. Dieser Zustand ist
kommt sie oft als Glied in einer Reihe vor, innerhalb deren auch von realisiert, wenn ein jeder nicht Vieles, sondern nur Eines, nämlich das
anderen Ideen die Rede ist'. Im "Phaidon" ist sie sogar das bevorzugte Seinige tut'. Das gilt nicht nur für die Stände im Staat, sondern vor allem
Beispiel einer Idee überhaupt. Selbst in einem Zusammenhang, innerhalb auch für die Teile der Seele und deren Tätigkeiten.
dessen ihre Sonderstellung bereits thematisiert ist, kann sie noch als Idee Doch diese Bestimmung der Gerechtigkeit war nur vorläufig. Zwar
unter anderen Ideen erscheinen (Rep. 507b). Offensichtlich weist die Idee wollen sich Sokrates' Partner auch jetzt noch mit ihr zufriedengeben.
auch Merkmale auf, die sie mit anderen Ideen teilt. Wo jedoch ihre Sokrates macht ihnen aber klar - insofern einen schon bei Gelegenheit der
Sonderstellung zur Debatte steht, ist es angängig, von solchen Merkmalen früheren Erörterung gegebenen Hinweis aufgreifend -, daß hier noch die
einstweilen einmal abzusehen. Mühen eines längeren Weges aufgewendet werden müssen'. Denn bei der
Was die Idee des Guten ihrem Inhalt nach ist, wird bei Platon nirgends in damaligen Behandlung dieser Dinge hätte noch die nötige Genauigkeit'
einem Satz oder gar in einem System von Sätzen ausformuliert. Auch gefehlt. Bei den jetzt zu erörternden höchsten Lehrgehalten, die noch höher
Sokrates ist uicht im Besitz einer begründeten Theorie über die Idee des als die Gerechtigkeit und die anderen Tugenden stünden, dürfe man sich
Guten. Insofern hat man es hier in der Tat mit einer Situation zu tun, die hingegen nicht mehr mit einem bloßen Umriß" begnügen. Damit ist bereits
derjenigen vergleichbar ist, in der man sich auch im Hinblick auf alle klargeworden, worin der Mangel der am Modell der Idiopragie gegebenen
"gewöhnlichen" Ideen befindet. Denn auch wo es um diese Ideen geht, Bestimmung der Gerechtigkeit besteht: Es handelt sich um ein bloßes
wird nirgends mitgeteilt, was es eigentlich ist, das derjenige erkennt, der Schema, um eine Leerformel, die die ihr abverlangten Leistungen nicht zu
eine bestimmte Idee erfaßt oder sich auf sie bezieht, - es sei denn auf dem
Umweg über eine Betrachtung der der Idee abverlangten Funktionen. Auch 3 ra I1Eyun:a f.wtw,I-ww, Rep. S03e.
über die Idee des Guten läßt sich allenfalls auf eine derartige Weise etwas , Rep. 504a; vgl. 427cff., 435all.
5 n1- avwv 1r(laneLV, Rep. 433aj vgl. auch die entsprechende Formel Charm. 161h, die
dort mit einem Rätsel verglichen wird.
, Vgl. Rep. 506df., 509c, 517b. ~ p,a'X,(JorEpa :re(Jto6o~, Rep. 504b, vgl. 435d.
2 Z.B. Hipp. mai. 287cj Krat. 439c; Phd. 65d, 75c, 76d, 77a, 100b; Rep. 476aj Parm. 7 cot(J{ßew, Rep. 504b, vgl. 435d.
l30b. H vJmy(}wPrl, Rep. S04d.

11 Wielalld, P!aton
162 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 163

erbringen vermag. Sie ermangelt noch der "vollendetsten Ausarbeitung"'. wenn er das Verhalten als fromm charakterisiert, das ihn selbst dazu
Dieser Mangel macht es nötig, einen im Verhältnis zur Gerechtigkeit noch gebracht hat, gegen seinen eigenen Vater Anklage zu erheben. Der "Enthy-
höheren Lehrgegenstand ins Auge zu fassen. Der hier geforderte zweite phron" macht deutlich, welche Schwierigkeiten gerade mit der sachgerech-
Durchgang, der "längere Weg", soll sich zwar an dem im ersten Durchgang ten Beurteilung des Einzelfalls verbunden sind. Über schematische Leerfor-
gegebenen Umriß orientieren. Doch seine Aufgabe besteht gerade nicht meln kanu man sich leicht einigen, beispielsweise über den Satz, daß
darin, diesen Umriß auszufüllen, - etwa durch die Ausarbeitung differen- bestraft werden muß, wer Unrecht getan hat. Man streitet nicht über die
zierterer Schemata, die die nur eine Skizze markierende Idiopragieformel zu Gültigkeit dieses Satzes, sondern darüber, wer welches Unrecht zu welchem
spezifizieren vermöchten. Die geforderte, aber bislang noch nicht erreichte Zeitpunkt getan hat (8b f.). In einem ähnlichen Sinne ist an einer schon
Genauigkeit wird in der "Politeia" weder hier noch an einer späteren Stelle oben erörterten Stelle 12 im "Politikos" von Genauigkeit die Rede, insofern
realisiert oder gar in Gestalt einer Formel vor Augen gestellt. Denn eine sie eine Eigenschaft ist, die dem geschriebenen Gesetz gerade abgeht
Formel, wie sie auch lauten mag, ist schon von Hause aus unfähig, die (294b). Es geht um den strukturellen Mangel des Gesetzes, der sich gerade
geforderte Genauigkeit zu verkörpern. Wenn aber auch die Genauigkeit darin zeigt, daß es seiner abstrakten Allgemeinheit wegen dem konkreten
selbst im Dialog nicht erreicht werden kann, so läßt sich gleichwohl Einzelfall nicht genau gerecht werden kann. Was das Gesetz nicht vermag,
wenigstens das Prinzip kennzeichnen, das die noch ausstehende Genauig- vermag dagegen der ideale Regent, der als Inhaber der königlichen Kunst
keit ermöglicht. Dies ist indessen nichts anderes als die Idee des Guten. an Gesetzesvorschriften nicht gebunden ist 13• - Auch bei Aristoteles ist noch
Will man dieser Funktion der Idee des Guten gerecht werden, so tut man in demselben Sinn von Genauigkeit die Rede. Zu seiner Konzeption der
gut daran, zunächst danach zu fragen, in welchem Sinn in diesem Zusam- praktischen Philosophie gehört der Gedanke der niemals ganz aufhebbaren
menhang überhaupt von Genauigkeit die Rede ist. Wenn Platon von Ungenauigkeit dieser Disziplin. Sie kann ihren Gegenstand immer nur im
Genauigkeit, von Akribie spricht, so geht es gewöhnlich nicht um das Ideal Umriß behandeln. Denn sie kann dem Handelnden zwar helfen, der
einer Exaktheit im mathematischen Sinn". Ohnehin bezieht sich das Wort konkreten Situation gerecht zu werden, doch sie kann ihm diese Aufgabe
"Akribie" ursprünglich gar nicht auf einen Bereich, der durch Formel~ und niemals ganz abnehmen 1\
Schemata charakterisiert wäre. Das Wort entstammt dem handwerklIchen Wenn in der "Politeia" der bereits früher herausgearbeiteten Gerechtig-
Bereich und meint zunächst die Genauigkeit, mit der konkrete Werkstücke keitsformel mangelnde Genauigkeit bescheinigt wird, so verweist diese
aufeinander und zueinander passen. Von hier aus wird seine Verwendung Charakterisierung auf die Tatsache, daß man auf der Basis einer solchen
im allgemeinen griechischen Sprachgebrauch verständlich. Es wird nämlich Formel allein noch nicht dem konkreten Einzelfall gerecht werden kann 's .
gerade dort gerne benutzt, wo von einer Handlung oder von einer Tätigkeit Sie mag angeben, was Gerechtigkeit im allgemeinen ist, aber sie kann nicht
festgestellt werden soll, daß sie der konkreten Situation "genau" gerecht sagen, was genau im individuellen Fall zu tun gefordert ist, wenn Gerech-
geworden ist. Daher wird das Wort auch in der Gerichtssprache häufig tigkeit realisiert werden soll. Wenn nun die Rede von der Genauigkeit im
verwendet. Dort ist es gerade der eigene Augenschein, der einen befähigt, hier entwickelten Sinne verstanden werden muß, dann steht die Idee des
einen konkreten Sachverhalt "genau" zu beurteilen. Akribie ist also etwas, Guten in einem Funktionszusammenhang, in dem sie die Aufgabe hat,
das sich vornehmlich dort bewährt, wo es darauf ankommt, auf einen etwas zu leisten, was keine Definition, keine Abstraktion und kein Schema-
konkreten Einzelfall einzugehen und ihm gerecht zu werden. Es ist also von tismus zu leisten vermag, wenn es gilt, dem Einzelfall gerecht zu werden.
einer Genauigkeit die Rede, wie sie von einer Formel oder von einem Das ist gerade dann eine nichttriviale Aufgabe, wenn konkrete Dinge und
Schema gerade nicht erreicht werden kann. Handlungen unter normative Prädikate zu subsumieren sind. Keine
Von dieser vorphilosophischen Verwendung des Wortes aus läßt sich
auch der Gebrauch erklären, den Platon von ihm macht. So nimmt bei- " Vgl. oben S. 29. B Vgl. Pol. 284d, 301d.

spielsweise im "Euthyphron" die Titelfigur für sich in Anspruch, genau ll zu 14 Vgl. Aristoteles NE 1094b 13 ff.; l104a Hf.

15 In dieselbe Richtung zielt der in ein Wortspiel eingebettete Hinweis auf das unvollkom-
wissen, was fromm ist. Damit ist durchaus nicht der Anspruch verbunden,
mene Maß (11ET:(?OV, Rep. S04c), mit dem in Wirklichkeit nichts gemessen werden kann. Auch
im Besitz einer korrekten Definitionsformel zu sein. Euthyphron glaubt das Maß ist dazu bestimmt, dem Einzelfall gerecht zu werden. - Vgl. auch Euthphr. 7bf., wo
vielmehr, einem individuellen und konkreten Einzelfall gerecht zu werden, vom Messen in Parallele zum Zählen und zum Wägen noch im landläufigen Sinne die Rede ist.
Die erweiterte Meßkunst im Sinne des "Politikos" (WT{Jt!U1fft - sc. TEXVt!-, 284e) soll
dagegen geeignet sein, konkrete Handlungen und Verhaltensweisen zu bewerten. Am Ideal des
9 t:EAeW7:(h1J an'E(Jyaata, Rep. S04d. Genauen ((('}t(![ßE~, 284d) ist sie orientiert, insofern sie Situationsmerkmale wie das {tEr(!WV,
10 Zur Wortgeschichte vgl. vor allem D. Kurz, AKPIBEIA, Diss. phil. Tübingen 1970. das n(}bwv, das DEOV sowie den richtigen Zeitpunkt ("mf'6~, 284e) zu bestimmen sucht. -
" CfX(J~ßiiJ~, Euthphr. Sa. ' Vgl. auch Phil. 66a.
164 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 165

Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit, auch nicht die Idiopragieformel, den zu können, der sich durch den Besitz und den sicheren Gebrauch dieser
kann garantieren, daß sie auf den konkreten Einzelfall richtig angewendet Fertigkeit auszeichnet.
wird. Will man sich an einem neuzeitlichen Begriff orientieren, so kann Wir haben vorgegriffen. Denn an der Stelle, von der wir ausgegangen
man in der Idee des Guten ein Prinzip sehen, dem unter anderen Aufgaben waren, wird die Idee des Guten zunächst noch nicht beim Namen genannt.
auch die Aufgabe zukommt, die Betätigung der Urteilskraft zu regulieren. Der höchste Lehrgehalt in der Ausbildung der designierten Regenten wird
Die erkenntnistheoretische Tradition pflegt in der Urteilskraft nicht gerade vielmehr via negationis charakterisiert: Es handelt sich um einen Lehrge-
das oberste der kognitiven Vermögen des Menschen zu sehen. Daher mag halt, zu dessen Funktionen es gehört, dem Mangel an Genauigkeit abzuhel-
es zunächst überraschen, daß gerade die Idee des Guten als Prinzip der fen, der mit der bislang erarbeiteten Bestimmung der Gerechtigkeit verbun-
Urteilskraft fungieren soll. Doch die Orientierung an den kognitiven Fähig- den war. Sokrates' Gesprächspartner Adeimantos signalisiert Verständnis-
keiten bleibt einseitig. Gewiß tritt die Bedeutung des Vermögens der schwierigkeiten, als ihm bedeutet wird, diese Bestimmung der Gerechtig-
Urteilskraft zurück, wenn es darum geht, mit Hilfe abstrahierender Metho- keit repräseutiere noch nicht den höchsten Lehrgehalt (504d). Er kann sich
den Erkenntnisse zu gewinnen, die den Anspruch auf Allgemeingültigkeit nicht vorstellen, daß es sich beim höchsten Lehrgehalt in der Regentenerzie-
erheben können. Die Erkenntnis kann vom Einzelnen absehen, nicht dage- hung um etwas anderes handeln könnte. Daraufhin erklärt ihm Sokrates,
gen das Handeln. Im Bereich des Handelns - nicht so sehr in der Theorie wie er doch schon oft gehört habe, handele es sich um die Idee des Guten
des Handelns -, kommt es aber immer darauf an, individuelle Situationen (505a). Sokrates spielt damit auf etwas schon Bekanntes an. Doch von der
zu bewältigen und ihnen gerecht zu werden, wenngleich stets auf der Idee des Guten war bisher ja noch gar nicht die Rede, wenigstens nicht
Grundlage allgemeingültiger Normen und Regeln. Gerade hier wird die unter diesem ihrem Namen. Weder in der "Politeia" noch in den anderen
Urteilskraft mit Aufgaben beansprucht, deren Lösung ihr von keiner ande- zur Zeit der Abfassung der "Politeia" schon vorliegenden Werken Platons
ren Instanz abgenommen werden kann. Wenn eine Handlung gelungen ist, wird die Idee des Guten unter diesem ihrem Namen abgehandelt. Doch
dann verdankt sie dies jedenfalls vor allem der Betätigung der Urteilskraft. Sokrates will, wenn er Adeimantos gegenüber auf die Idee des Guten als auf
Zeichnet sich das in der "Politeia" gesuchte oberste Prinzip durch seine etwas oft Gehörtes hinweist, nicht einfach nur ältere Darlegungen zitieren.
auf die Regulieruug des konkreten Einzelfalls bezogenen Funktioneu aus, Was er hier tut, ist in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Er reflektiert auf
so ist es schon deswegen verständlich, daß man eine sachhaltige Bestim- bereits früher Erörtertes. Daher verweist er auf etwas, was in früheren
muug dieses Prinzips vergeblich sucht. In der Tat wird nirgeuds auch nur Darlegungen bereits latent vorhanden war, aber erst jetzt explizit und für
der Versuch gemacht, in Gestalt einer Formel eine derartige Bestimmung die gegenwärtige Fragestellung fruchtbar gemacht werden soll. Erst im
anzugeben. Jeder derartige Versuch würde sofort zu einem Anwendungs- gegenwärtigen Zusammenhang werden diese Dinge akzentuiert und mit
problem führen und damit einen unendlichen Regreß einleiten. Auch aus Hilfe des Namens der Idee des Guten eigens bezeichnet. In formaler
diesem Grund kann man von den Erörterungen des "längeren Weges" nicht Hinsicht ähnelt diese Art der Einführung der Idee des Guten der bereits
einfach erwarten, daß er nur die Leerstellen ausfüllt, die die Formeln des früher erörterten Einführung der Ideenhypothese im "Phaidon"". Hier wie
ersten Durchgangs freigelassen haben. Wer dergleichen vom zweiten dort soll etwas, das im Grunde schon längst bekannt ist, mit Hilfe einer
Durchgang erwartet, wird enttäuscht. Zwar wird dort immer wieder das neuen Begrifflichkeitder Reflexion unterworfen und damit erstmals thema-
Prinzip umkreist, welches garantieren soll, daß es nicht bei einer nur tisiert und beurteilt werden. Was Sokrates an unserer Stelle unter dem
umrißhaften und damit ungenauen Einsicht in die Gerechtigkeit und in die Namen der Idee des Guten thematisiert, ist Adeimantos zwar bekannt, aber
anderen Tugenden bleibt. Die durch dieses Prinzip regulierte Beurteilung es ist ihm eben noch nicht als solches bekannt.
des Einzelfalls könnte ohnehin von keiner Theorie über dieses Prinzip Worauf sich Sokrates hier bezieht, wird klar, nachdem Sokrates eine
vorweggenommen werden. Eine Theorie kann einen Rahmen für solche weitere Funktion der -Idee des Guten hervorgehoben hat: Sie hat nämlich
Beurteilungen anbieten. Es gibt aber keine Theorie, die ihre richtige die Funktion, Nutzen zu stiften. Gerechtes und alles andere wird brauchbar
Anwendung selbst garantieren könnte. Erst recht kann die gleichnishafte und nützlich erst dadurch, daß es die Idee des Guten zu Hilfe nimmt 17 •
und indirekte Rede von der Idee des Guten, die Sokrates mit außergewöhn- Ohne sie wäre nichts für uns von Nutzen, selbst wenn wir ohne sie alles
lichen Kautelen einleitet (Rep. 506df.), das nicht vermitteln, was nur die andere auch noch so gut verstünden; auch kein Besitz würde uns ohne den
Idee des Guten selbst und die Einsicht in sie leisten kann. Entsprechend
erwirbt man auch Urteilskraft nicht dadurch, daß man wahre Sätze über sie 16Vgl. oben S. 156.
zur Kenntnis nimmt und versteht. Treffende Behauptungen über sie J7q -':OV ayaDoii lMa p.EyunOy ll6.fJruw . .. fl M, ')tai Muma nai l'dMa Jr(}oGXQ'Yjaaflcva
braucht andererseits nicht ausschließlich derjenige formulieren und begrün- X(J~awa ')tai WrpiALj.ta y{yvt;Wt, Rep. S05a.
166 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 167

Besitz des Guten nützen". Damit ist man auf die Stellen verwiesen, an einen bestimmten Zweck. Spricht man von einer derartigen Beziehung,
denen vom Nutzen und vom Nützlichen die Rede ist. Insofern handelt es kann man SIch auch des Ausdrucks "gut" bedienen, freilich nur in seiner
sich also nicht um etwas gänzlich Unbekanntes. Neu ist allenfalls die Verwendung als mehrstelliger Prädikator. Nützlich ist daher das, was in
Tatsache, daß man es immer schon indirekt mit der Idee des Gnten zu tun Beziehung auf ein bestimmtes Ziel gut ist. Deshalb vermag der Begriff des
hatte, wo vom Nützlichen die Rede war. Es könnte freilich befremden, daß Nützlichen bei Platon auch jene teleologische Ordnung des Handelns zu
man gerade dort anf das Nützliche verwiesen wird, wo es um das höchste akzentuieren, die ihrer Natur nach immer an der Vorstellung eines Guten
Prinzip geht. Denn in der Tradition der praktischen Philosophie sieht man als einer Bestimmung ihres letzten Ziels orientiert bleibt. Dadurch wird
im Nützlichen zumeist einen Wert minderen Ranges. Das zeigt sich bereits auch verständlich, daß bei Platon, trotz des engen Zusammenhangs der
in der aristotelischen Philosophie. Doch bei Platon ist offensichtlich vom beiden Begriffe, zwar von der Idee des Guten, nicht aber von einer Idee des
Nützlichen in einem anderen Sinne die Rede, wenn es durchaus keinen Nützlichen die Rede ist. Will man der Funktion gerecht werden, die der
Wert minderen Ranges bezeichnet, sondern sogar ein Kriterium abgibt, an Begriff des Nützlichen bei Platon hat, so darf man seine zentrale Stellung in
Hand dessen man unterscheiden kann, ob ein vermeintliches Gut wirklich der populären Ethik nicht übersehen. Sie läßt sich beispielsweise durch die
ein Gut ist. Reden des Isokrates, vor allem aber durch die Argumentationen des von
Schon eine Betrachtung des platonischen Sprachgebranchs zeigt, daß die Xenophon gestalteten Sokrates dokumentieren. Gewiß ist dort vom Nützli-
Ausdrücke für das Gnte und für das Nützliche" in einer engen funktionel- chen oft in einem ganz trivialen Sinne die Rede. Trotzdem weist auch dieser
len Beziehnng zueinander stehen, wenn sie nicht sogar, was bisweilen der Nützlichkeitsbegriff Merkmale auf, an denen man sich mit Gewinn orien-·
Fall ist, gleichbedeutend verwendet werden und austauschbar sindlO • Das tieren kann, wenn man Platons Rede vom Nützlichen gerecht werden will.
gilt für die Thematisierungen des mit diesen Ausdrücken Gemeinten ebenso Es sind Vorstellungen, die auch in der Popularethik wirksam sind. An sie
wie für die Stellen, an denen vom Guten und vom Nützlichen nur in der kann der platonische Sokrates anknüpfen, wenn er sich des Begriffs des
Weise der Erwähnung die Rede ist. Trotzdem gibt es auffällige Unter- Nützlichen bei der Erörterung von Fragen bedient, die sich im Umkreis der
schiede im Gebrauch der entsprechenden Ausdrücke. Diese Unterschiede letzten Prinzipien des Handelns stellen.
betreffen sogar den logischen Status. So läßt sich der Ausdruck "gut" als Will man also die an Adeimantos gerichtete Bemerkung des Sokrates
einstelliger wie auch als mehrstelliger Prädikator verwenden (vgl. Rep. richtig verstehen, wonach der höchste Lehrgehalt in der durch ihre nutzen-
357af.): Man kann von einer Sache behaupten, sie sei in Beziehung auf stiftende Funktion charakterisierten, im übrigen ihm wohlbekannten Idee
etwas anderes gut; man kann aber auch behaupten, sie sei an und für sich des Guten zu suchen sei, dann wird man, da die Idee des Guten ja nun
gut. Der Ausdruck "nützlich" wird dagegen ausschließlich als mehrstelliger einmal bisher unter diesem ihrem Namen nicht thematisiert worden ist vor
.
allem auf dIe Zusammenhänge achten müssen, innerhalb deren die Rela-
'
Prädikator verwendet. Nützlich ist eine Sache niemals an und für sich
selbst, sondern immer nur in bezug auf eine bestimmte Person oder auf tion des Nützlichen von Bedeutung ist. Nun erfüllt der Begriff des Nutzens
in früheren Abschnitten des Politeiagesprächs vor allem dann eine unver-
18 aVEV OE w{rr;T}~ cl ön /1-aAUna "t'&AAa brurr;a{I1c!Ja, olaf}' ört ovbEv ~f.llv ÖcpcAOq,
tretbare Funktion, wenn er einen Gesichtspunkt abgibt, unter dem die
wanEp OVO' cl UE'}t1:nfls{}a n aVEv TOD ayaDoiJ, Rep. S05a. Haltbarkeit von Vorschlägen zur Bestimmung der Gerechtigkeit beurteilt
Der kurze Abschnitt Rep. SOSaf. macht zugleich auch klar, daß es auf die sprachlichen werden soll. Eine Schlüsselstellung kommt diesem Begriff im Zusammen-
Mittel, mit deren Hilfe das Gute bezeichnet wird, nicht so sehr ankommt. Sokrates variiert hang mit der Erörterung der Motivationsfrage zu. Nicht zufällig werden bei
unter den ihm zur Verfügung stehenden Ausdrucksweisen: Zunächst erwähnt er die Idee des
Platon die Fragen nach dem Wesen der Gerechtigkeit und nach der
Guten (löSa wD aya{}ov); sodann spricht er von dem Guten (ro ayaD6v). Wenn vom guten
Besitz die Rede ist, wird das Wort attributiv gebraucht (xtijmq ayath}). Schließlich wird das möglichen Motivation, dieser Norm gemäß zu handeln, nicht unabhängig
Wort auch ohne Artikel zur Bezeichnung eines Objekts verwendet (ayaiJov fPpovElv). Wie voneinander diskutiert.
immer man das Wort "gut" auch verwenden mag, - man bleibt stets auf die Idee des Guten Erörtert man die Motivationsfrage, dann geht es einem nicht um die
bezogen, wenngleich auf der Basis unterschiedlicher Einstellungen. inhaltliche Bestimmung oder um die Legitimation einer Norm. Es geht um
19 ayaiJ6v bzw. dJfPE).~flov, X(!1}mfloV, avflfP8(!OV, ).vam,).oDv, x8(!8aUov. Die Bedeu~
tungsdifferenzen zwischen den einzelnen Ausdrücken für das Nützliche (vgl. dazu etwa Hipp.
die Frage, was einen eigentlich dazu bestimmen kann, der Norm gemäß zu
mai. 294df.) können im vorliegenden Zusammenhang vernachlässip;t werden. handeln. Auch durch eine noch so gute Legitimation der Norm wird die
W Vg!. Apo!. 28b; Lach. 1920; Ch"m. 163el.; 169b, 172J, 174b ff.; Euthphr. 13b; Lys. Motivationsfrage noch nicht beantwortet. Was nützt es dem Gerechten,
210d, 217b, 220c; Hipp. mai. 284df., 295c, 296d, 303e; Men, 77bf., 87eH" 96e, 98c, 99b; gerecht zu sein? Platon hat die "Politeia" im ersten Buch mit einem
Gorg. 468c. 470a, 474d, 477a. 499d, 513e, 525b; Prot. 333e, 358b; Euthyd. 280bl., 291cf., Gespräch eingeleitet, das von der Frage nach der Definition der Gerechtig-
292d; Rep. 333b, 335d, 343b, 348c, 35701.; 379b, 457d, 461a, 518dl., 55,8e, 608d; Krat.
416elf., 419a; Theait. 177d; Phi!. llb; Alk.1114ef., 116c; Nom. 652a, 904b. keIt ausgeht, bald Jedoch dIe Frage nach der Motivation, die jemanden zum
[
I
168 Die Ideen und ihre Funktion I § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 169
I
gerechten Handeln veranlassen kann, in den Mittelpunkt rückt. So wird tung ist das Motivationsproblem gelöst: Man bedarf keiner besonderen
sogar der Versuch gemacht, das Wesen der Gerechtigkeit von den ihre Motivation zum gerechten Handeln mehr, wenn man erst einmal eingese-
Verwirklichung befördernden Motivationen her zu bestimmen. hen hat, daß einem das, W"S wirklich gerecht ist, auch nützt. Denn man
Im ersten Buch der "Politeia" stößt sich Thrasymachos daran, daß erstrebt im Grunde immer das, was für einen selbst von Nutzen ist. Gerade
Sokrates immer Ausdrücke zur Bezeichnung des Nützlichen anführt, wenn deshalb kann dann aber Sokrates schließlich die Idee des Guten in ihrer
es darum geht, das Gerechte zu bestimmen. Er sieht in diesen Ausdrücken Funktion als nutzenstiftendes Prinzip als den obersten Gegenstand der
nur Leerformeln. Daher ist es gerade Genauigkeit und Deutlichkeit, was er Lehre und der Erkenntnis bezeichnen.
bei Sokrates verrniß!". Doch diese Rüge bildet nur den Auftakt für die Sokrates hatte behauptet, nur in der Beziehung auf die Idee des Guten
Exposition von Thrasymachos' eigener These, gemäß der das Gerechte könne alles für uns nützlich" sein. Die Formulierung legt die Annahme
nichts anderes ist als das, was dem Stärkeren nütz!". Sokrates greift die nahe, daß hier vom individuellen Nutzen die Rede ist. Dafür spricht auch,
These des Thrasymachos an, aber nicht etwa deswegen, weil sie das daß die Problematik des Nutzens in den früheren Teilen der "Politeia", vor
Gerechte mit Hilfe des Begriffs des Nutzens zu bestimmen sucht. Seine allem im ersten Buch, in engem Zusammenhang mit der Motivationspro-
Kritik setzt dort an, wo Thrasymachos vom Nutzen als von einer gegebe- blematik steht. Trotzdem kann man daran zweifeln, ob hier vom Nutzen
nen Größe ausgeht, deren konkrete Bestimmung für den einzelnen Fall wirklich immer nur in individueller Abzweckung die Rede ist. Könnte
unproblematisch zu sein scheint. So orientiert sich seine Dialogstrategie an nicht, zumal iu der "Politeia", ebensogut der Nutzen des ganzen Staates
der Einsicht in die Irrtumsfähigkeit aller Vorstellungen vom Nützlichen gemeint sein? Man kann in der Tat in Schwierigkeiten geraten, wenn man
(339bff.): Wirklich nützlich ist einem eine Sache nicht schon deswegen, den Relationscharakter des Nutzenbegriffs übersieht und daher den Nutzen
weil man sie für nützlich hält. Eben deswegen muß man den wahren nicht genau unterscheidet, den eine Sache für verschiedene Individuen oder
Nutzen von einem nur scheinbaren, irrtümlich angenommenen Nutzen aber für die Allgemeinheit haben kann 2S • Ohne Zweifel steht der Begriff des
unterscheiden. Zwar handelt jeder so, wie es ihm für ihn selbst am Nutzens bei Platon gelegentlich in der Spannung zwischen universalisti-
nützlichsten zu sein scheint. Auch Sokrates bestreitet dies nicht. Doch er scher und individualistischer Ausrichtung. Diese Spannung läßt sich beson-
macht gerade deswegen auf die Möglichkeit von Irrtümern über das ders gut im ersten Buch der "Politeia" diagnostizieren. Doch es gehört ja
aufmerksam, was wirklich von Nutzen für einen ist. gerade zu den Aufgaben der Konstruktion des Modellstaates, diese Span-
Muß man indessen stets die Irrtumsfähigkeit seiner Vorstellungen vom nung zu harmonisieren und die durch sie bedingten Diskrepanzen aufzulö-
Nutzen einkalkulieren, dann erweist sich die von Thrasymachos vorge- sen. Denn der Modellstaat der "Politeia" ist so konstruiert, daß individuel-
schlagene Formel zur Bestimmung des Gerechten als ambivalent. Zwar ler Nutzen und allgemeiner Nutzen konvergieren. Darauf ist sowohl die
scheint diese Formel zunächst die Gerechtigkeit dem Belieben und der Staatsverfassung als auch die Erziehung der Staatsbürger, insbesondere die
Macht des Stärkeren unterzuordnen. Doch die Irrtumsfähigkeit der Vor- der Regenten, ausgerichtet. Auch die Erörterungen der Stelle, von der die
stellungen vom Nützlichen weist auf den Punkt hin, an dem auch die Macht gegenwärtigen Überlegungen ausgegangen waren, sind noch an diesem
des Stärkeren an eine Schranke stößt. Über das, was wirklich und nicht nur Modell orientiert.
scheinbar nützlich für ihn ist, kann auch der Mächtige nicht einfach Gleichwohl behält die Orientierung am individuellen Nutzen zumindest
entscheiden. Denn er kann das für ihn wahrhaft Nützliche sowohl erfassen in methodischer Hinsicht den Vorrang. Denn nur im Ausgang von ihm läßt
als auch verfehlen. Es kommt daher selbst für den, der sich an die sich die Motivationsproblematik auf sinnvolle Weise erörtern, da nun
Gerechtigkeitsformel des Thrasymachos hält, vor allem anderen auf die einmal jedes Handeln letztlich ein individuell motiviertes Handeln bleibt.
richtige Einsicht in das an, was wirklich von Nutzen ist. So ist es verständ- Das gilt erst recht dort, wo die Bedingungen des idealen Staatsmodells nicht
lich, wenn Sokrates darauf hinaus will, die Begriffe des Nutzens und der mehr gegeben sind und wo daher Diskrepanzen zwischen individuellem
Gerechtigkeit so zu fassen, daß das gerechte Handeln zugleich immer dem und allgemeinem Nutzen unaufhebbar sind. Denn hier bedarf es in allen
wohlverstandenen Nutzen des Handelnden dient. Das wird im Gespräch Fällen besonderer zusätzlicher individueller Motivationen, wenn der allge-
der "Politeia" immer wieder deutlich gemach!". Bei einer derartigen Deu- meine Nutzen realisiert werden soll. - Der methodische Vorrang des
individuellen Nutzens wird im übrigen auch an Hand einer Stelle im
21nai Ö1r(J)~ 11m f1.n e~efq ön TO c5tov üniv flYJÖ' ön td O:}(pEAtll-0V f1.TJÖ' ön TO AVaLTeAOVV
ön TO uEgöaMov flrJö' ön TC; OVf.upe(Jov, &AAa aaqYI): ,1101 xai CtX(!tßwq AryE ön äv
flrJÖ'
Airnq, Rep. 336c. 22 nJ mir xvdrrOl'o; aV!lCfJ8(JOV, Rep. 338c. 24 l111f1l orpeAoq, Rep. S05a.
23 Rep. 343bff., 345a, 357d, 360c, 365b, 367d, 368b, 392c, 445a; vgl. auch 588bf., 25 Vgl. etwa Gorg. 474cff., dazu den Kommentar von E. R. Dodds, P!ato's Gorgias, 1959,
612bff.; Charm. 174d; Gorg. 477.; Alk. I 113dff. zur Stelle (S. 249 f.l.
T
I
170 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 171

"Menon" besonders deutlich (77bf.): Menon hat zunächst Schwierigkei- Glaukons Modell, durch den Gyges-Ring symbolisiert, markiert im
ten, den Satz zu akzeptieren, daß niemand für sich das Schlechte, sondern Dialog nur ein Durchgangsstadium. Die Komposition des Dialogs macht
jeder immer nur das Gute begehrt. Sokrates beseitigt die Schwierigkeiten, hinreichend deutlich, daß es sich hier nicht um eine Position handelt, die
indem er die Korrespondenz zwischen dem Guten und dem Nützlichen dauerhaft und erfolgversprechend verteidigt werden soll. Sokrates will
sowie zwischen dem Schlechten und dem Schädlichen ins Spiel bringt. Jetzt denn auch darauf hinaus, daß der Mensch im Grunde Ungerechtigkeit gar
kann Menon den Satz akzeptieren. Denn daß niemand sich selbst ernstlich nicht wollen kann. Glaubt er sie jedoch wollen zu können, so liegt dem eine
schaden will, ist für ihn evident und bedarf daher keiner weiteren Begrün- Selbsttäuschung hinsichtlich seines Wollens und seiner Ziele oder eine
dung mehr. Es ist daher gerade die Vorstellung individuellen Nutzens und Fehldeutung der Gerechtigkeit zugrunde. Gerade deshalb gibt es einen
individuellen Schadens, die unmittelbar motivierend zu wirken vermag". Bereich, innerhalb dessen das Gyges-Modell seine Erklärungskraft entfal-
Im Zusammenhang mit der Erörternng von Motivationsproblemen steht ten kann. Das ist dort der Fall, wo der Staat und der in ihm aufgewachsene
auch die Sage von Gyges und seinem Ring, die von Glaukon im zweiten und daher seine Verfassung in der Seele repräsentierende Bürger so beschaf-
Buch der "Politeia" erzählt wird (359b ff.). Diese Sage von dem Ring, der fen sind, daß individueller und allgemeiner Nutzen nicht mehr konvergie-
durch seine Zauberkraft seinen Träger unsichtbar zu machen vermag, dient ren können. Unter diesen Bedingungen ist es freilich für den Bürger so gut
als eine Art Modell, an dem man ablesen soll, unter welchen Bedingungen wie unmöglich, gerecht zu sein und damit zu tun, was er eigentlich will.
von einem Menschen zu erwarten ist, daß er sich zu gerechtem Handeln im Daher repräsentiert das Gyges-Modell nicht eine simple Fehldeutung des
landläufigen Sinne des Wortes bestimmen läßt. Diesem Modell liegt als Handelns im Sinne einer falschen und korrekturbedürftigen Theorie. Es
Voraussetzung der Gedanke zugrunde, daß Gerechtigkeit im landläufigen repräsentiert vielmehr - und zwar auf korrekte Weise - eine bestimmte
Sinne des Wortes von den meisten immer nur um bestimmter Zwecke Selbstdeutung des Handelnden, die zwar objektiv inadäquat ist, aber als
willen erstrebt wird (vgl. 358a). Es fingiert Bedingungen, unter denen der solche eben doch das Handeln in einer bestimmten Weise reguliert. Sie ist
Handelnde nicht mehr unter einem äußeren Druck steht, der ihn veranlaßt, sogar unaufhebbar, solange die Randbedingungen bestehen, unter denen
sein Handeln auch dann gegebenen Normen gemäß auszurichten, wenn sie möglich geworden ist.
dies seinen eigentlichen Intentionen zuwiderläuft. Ist er nämlich durch die Der in Orientierung an der Idee des Guten aufgebaute und regierte
Zauberkraft des Ringes unsichtbar geworden, so braucht in die Motivation Modellstaat der "Politeia" 'soll Bedingungen vorstellen, unter denen
seines Handeins nicht mehr die Furcht vor einer möglichen Entdeckung sowohl die Diskrepanzen zwischen individuellem und allgemeinem Nutzen
und vor den mit ihr möglicherweise verbundenen Sanktionen einzugehen. als auch die entsprechenden Selbsttäuschungen des Handelnden über das,
Dann kann deutlich werden, worin der Handelnde seinen eigentlichen was er eigentlich will, getilgt sind. Hier wird eine Gerechtigkeit möglich,
Nutzen sieht und wie die sein Handeln in letzter Instanz bestimmenden die nicht nur um äußerer Konsequenzen willen erstrebt wird und hinsicht-
Motive beschaffen sind. Glaukon glaubt an Hand dieses Modells plausibel lich deren man sich auch nicht mit dem äußeren Anschein zufriedengibt. Es
machen zu können, daß das eigentliche Wollen des Menschen Ungerechtig- ist daher konsequent, wenn Sokrates am Schluß der "Politeia" noch einmal
keit intendiert, wenn dem nicht die Furcht vor Entdeckung und vor an die Moral des Gyges-Modells anknüpft (612b): Wer wirkliche Gerech-
möglichen Rückwirkungen des Handelns entgegensteht. Insofern besteht tigkeit praktiziert, würde auch dann nicht anders handeln als sonst, wenn
eine Parallele zu der von Thrasymachos entwickelten Gerechtigkeitsvorstel- er sich durch den Ringzauber unsichtbar machen und sich damit den
lung: Die Herrschenden können sich gerade deswegen unmittelbar an dem Konsequenzen seines Handelns entziehen könnte.
orientieren, was sie für ihren Nutzen halten, weil sie keine für sich selbst Die Erörterungen der beiden ersten Bücher der "Politeia" werden vor
nachteiligen Rückwirkungen zu fürchten haben, wenn sie auf eine den dem Hintergrund sophistischer Diskussionen über das Wesen der Gerech-
landläufigen Normen zuwiderlaufende Weise handeln". Geht es also um tigkeit und über die Motive gerechten Handelns geführt. So sind Elemente
landläufige Vorstellungen von einer Gerechtigkeit, die man nicht um ihrer der im ersten Buch durch die Figur des Thrasymachos verkörperten Posi-
selbst willen, sondern immer nur als Mittel zu einem Zweck erstrebt, dann tion für uns unabhängig von Platon auch beim Sophisten Antiphon greif-
kann es unter Umständen sinnvoll sein, nur den Schein der Gerechtigkeit, bar'". Seine Unterscheidung zwischen natürlichem und positivem Recht
nicht aber diese selbst zu erstreben. macht er mit Hilfe eines Kriteriums deutlich, dessen Funktion eine Analogie
zu der des Rings im Gygesmythos aufweist. Das natürliche Recht ist
26 Vgl. auch Apo!. 25c; Euthyd, 279a, 280b, 288e, 292a; Gorg. 468c; Rep. 58ge; Symp.
204e.
nämlich nach Antiphon von der Art, daß nicht nur anderen, sondern auch
27 In eine ähnliche Richtung zielt der Hinweis, daß die Erzieher gewöhnlich nur im Blick a-uf

die äußeren Konsequenzen des Handelns zur Gerechtigkeit ermahnen, Rep. 362e. 18 Diels-Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, 2. Bd., Nr. 87, Frg. B 44.
172 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 173

sich selbst Schaden zufügt, wer ihm entgegenhandelt. Damit ist zugleich die in Parallele stehen". Das ist bei Platon ohnehin die Regel, wie sie sich in
Differenz zum positiven Recht angedeutet. Denn das positive Recht wird, zahlreichen Beispielen immer wieder bestätigt32 • Insofern steht Platon in
wenn seine Normen nicht zufällig gerade einmal mit den Normen des einer Tradition, die sich am Existenzideal des Schönen und Guten" orien-
natürlichen Rechts übereinstimmen, nur so lange befolgt, als es Zeugen tiert. Um so auffallender ist es, wenn Gutes und Schönes gerade dort
gibt, die den Handelnden beobachten können. Nur die Normen des natürli- auseinandertreten, wo es um die Normierung des menschlichen Handelns
chen Rechts haben die Kraft, den Handelnden zu veranlassen, sich auch im ganzen geht. Hier wird manifest, daß nur der Begriff des Guten, nicht
dann noch normgerecht zu verhalten, wenn kein Zeuge zugegen ist. Inhalt- aber der des Schönen auf jene Ziele verweist, von denen man sich nicht
lich unterscheiden sich Sokrates' und Antiphons Ansichten über das, was mehr distanzieren kann und die man auch nicht mehr als Mittel zu weiteren
unabhängig von menschlicher Satzung gerecht ist. Gemeinsam ist ihnen Zielen fungibel machen kann, weil man sich mit ihnen immer schon
hingegen die Konzeption einer wahren Gerechtigkeit, die sich dadurch identifiziert hat. Man kann etwas, was schön oder gerecht zu sein nur den
auszeichnet, daß die Einsicht in sie den Menschen unmittelbar zu gerech- Anschein hat, allein unter der Voraussetzung erstreben, daß man es für gut
tem Handeln zu motivieren vermag. Es bedarf keines zusätzlichen Motivs, und nützlich hält, eben dies zu tun. In diesem Falle fügt man Primärziele
die Norm zu realisieren, wenn die wahre Norm nur vorschreibt, was der ihr oder Teilziele des HandeIns in eine umfassendere teleologische Ordnung
Unterworfene im Grunde immer schon will, weil es ihm zu seinem wahren ein, die dem Handeln vorgegeben ist und nicht mehr zu seiner Disposition
Nutzen gereicht. steht. Daher ist es möglich, etwas zu wollen, was man selbst für unschön
Wird eine Sache nützlich gemacht, so wird sie dadurch in einen teleologi- oder für ungerecht hält - jedenfalls solange, als man sich an vorgegebenen
schen Zusammenhang eingefügt. In diesem Sinn macht die Beziehung auf Standards der Schönheit oder der Gerechtigkeit orientiert. Es ist dagegen
die Idee des Guten alles andere erst nützlich (Rep. 505a); denn sie fügt es in nicht möglich, in letzter Instanz etwas zu wollen, was man selbst nicht für
die Ordnung dessen ein, was der Mensch im Grunde schon immer will und gut und für nützlich hält".
an dem er sein Denken und Handeln trotz aller Verkehrung durch Selbst- Das Gute ist in jedem Handeln präsent, weil jedes Ziel, - wie es die
täuschungen stets orientiert. Diese Funktion der Idee des Guten wird in der spätere Tradition ausdrückr -, immer nur sub ratio ne boni angestrebt
die Gleichnisserie der "Politeia" einleitenden Passage auch noch auf eine werden kann. Das Gute steht als solches nicht mehr zur Disposition des
andere Weise beleuchtet: Geht es um Gerechtes oder um Schönes, etwa um Handelnden. Wohl aber kann sich der Handelnde irren, und zwar sowohl
Handlungen oder um Besitz, so entscheiden sich viele für das, was für über das Ziel selbst als auch über die Tauglichkeit der Mittel, das Ziel zu
gerecht oder schön nur gehalten wird, in Wirklichkeit aber gar nicht erreichen. Natürlich hat man von diesen Zusammenhängen gewöhnlich
gerecht oder schön ist. Sie nehmen es nicht nur in Kauf, daß sie mit ihrem kein thematisches oder differenziertes Wissen. Man kann gewöhnlich keine
Besitz und mit ihrem Handeln bloß den Anschein des Gerechten und des Rechenschaft geben über jenes Gute, das man für sich immer erstrebt und
Schönen erwecken. Denn hier handelt es sich ja um ein bewußt eingesetztes in bezug auf das man alles andere nützlich zu machen bestrebt ist. Im
Mittel zu einem bewußt intendierten Zweck. Es gibt also ein Motiv, das Gegenteil: Die Seele bezieht sich gewöhnlich auf das Gute immer nur in der
einen in diesem Falle veranlaßt, jenen Anschein zu erstreben. Ganz anders Weise einer undeutlichen Ahnung". Sie befindet sich in Verlegenheit, weil
liegen die Dinge dagegen beim Guten. Es gibt keine Gründe, die einen sie nicht adäquat erfassen kann, was es eigentlich ist. Anders als bei
veranlassen könnten, sich mit dem zufriedenzugeben, was gut zu sein nur anderen Dingen, hinsichtlich deren sie sich in Verlegenheit befindet, kann
den Anschein hat, was man aber nicht selbst für gut hält. Man erstrebt sie sich hier noch nicht einmal anf einen sicheren Glauben" stützen. Der
immer das wirklich Gute". Es ist das, dem jede Seele nachjagt. Um designierte Regent des Modellstaates soll hinsichtlich seines Wissens vom
seinetwillen tut sie alles andere". Guten über den Status der undeutlichen Ahnung hinausgeführt werden. Er
Es gibt also einen Gesichtspunkt, unter dem es möglich ist, das Gerechte soll beurteilen können, auf welche Weise Gerechtes und Schönes gut sein
und das Schöne in ein Gegensatzverhältnis zum Guten zu bringen. Das fällt kann (Rep. 506a). Am Ende seines Bildungsgangs kennt er nur noch ein
um so mehr auf, als kurz vor und kurz nach dieser Stelle Gutes und Schönes
31 Rep. S05b, S07b.
32 Als Beispiel für einen Gegensatz zwischen Gutem und Schönem vgl. aber Gorg. 474cff.
29 Vgl. Rep. SOSd: r6& DU tpaVfQOV, Wf 6txaw flE.V nal xaAd lto)J.oi av eAowr;o ra _13 xaAof "ai ayaD6f.
c5oXOVVTa, "a1l Ei 11~ Et1], Öf..lWf tm}ra JtQ(ll,:eW "ai XS')(1:i'ja{Jm "ai öoxEi:v, aya#d (je .1. Vgl. auch Gorg. 467cff., 49ge; Prot. 358c; Men. 77bff.; Lys. 218df.; Rep. 382a, 438a;
ovbevi ht a(nteL T/X c5oxovvra wr:t!a#m, a)J.a Ta ovra SIJ1:0VatV, P}v OE b6sav evTafJ{}a Symp. 205a; Phi!. 20d.
ffS" Jrfi~ &nJui(et; 35 (Vro,WVTEVOp,ev'Yj, Rep. 505e; vgl. 519c; Phil. 64a.
30 Ö br, öuoxet fltv ä1waa 'IjIvxi'f "ai mthnv IJvfxa Jtavra Jt{}ChtBL, Rep. 50Sd. 36 li{an~ p,6v~p,o~, vgl. Rep. 505e.
174 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 175

Ziel und vermag ihm alles andere unterzuordnen (vgl. 519c). Eben diese garantieren. Erst wenn man sich an der Idee des Guten orientieren kann,
Fähigkeit soll ihm die Einsicht in die Idee des Guten vermitteln. Sie erlaubt weiß man daher auch, welches Handlungsmuster auf welche Weise in
es ihm, das bewußt zu erstreben, was alle im Grunde wollen, von dem sie welcher Situation realisiert werden muß, wenn das realisiert werden soll,
aber nur eine undeutliche Ahnung haben und in bezug auf das sie sich was man eigentlich schon immer will.
daher ständig täuschen. Wenn davon die Rede ist, daß Standards und Schemata der Gerechtigkeit
Die Abhebung des Guten gegenüber dem Gerechten und Schönen hilft auf die Idee des Guten bezogen werden, um sie auf diese Weise erst nützlich
auch bei dem Versuch, jenes Gerechte zu identifizieren, von dem kurz zuvor zu machen, mag man erwarten, daß auch die Idee des Gerechten zur
(505a) gesagt worden war, es werde, gleich allem anderen, erst durch die Sprache kommt, zumal man ohnehin gewöhnt ist, ihr bei Platon als eines
Hinzunahme der Idee des Guten brauchbar und nützlich. Was ist mit der Glieder der Trias der Ideen des Schönen, Guten und Gerechten zu
diesem Gerechten gemeint, das der Güte und der Nützlichkeit durchaus begegnen. Doch im vorliegenden Zusammenhang wird sie nirgends beim
auch ermangeln kann? Hier kann nicht etwa die Idee des Gerechten Namen genannt. Gehört sie vielleicht selbst in den Umkreis jenes Gerech-
gemeint sein. Das ist schon wegen des Gebrauchs des Plurals unwahr- ten, das erst durch die Beziehung auf die Idee des Guten nützlich gemacht
scheinlich 37 • Aber auch wenn man die Rede vom Gerechten auf die einzel- wird? Dann wäre sie freilich von Hause aus zunächst ambivalent. Eine
nen und individuellen gerechten Handlungen bezieht, ergibt sich kein solche Annahme läßt sich jedoch mit der Art, in der sonst bei Platon von
befriedigender Sinn. Gemeint sein dürften hier in Wirklichkeit solche der Idee des Gerechten die Rede ist, schlecht vereinbaren. Besser dürfte man
Typen und Schemata von Handlungen, die gemeinhin mit dem Anspruch Platons Intentionen erfassen, wenn man in der Beziehung auf das Gute ein
auftreten, als Standards für die Normierung individueller Handlungen der wohlverstandenen Idee des Gerechten schon von Hause aus zukom-
fungieren zu können. Daß es nicht nur partikuläre Instanzen, sondern mendes Wesensmerkmal sieht. Spricht man von der Idee des Gerechten, so
manchmal gerade Muster und Schemata sind, die bei Platon der Idee will man ja gerade etwas akzentuieren, was nicht mehr ambivalent ist. Was
entgegengesetzt werden, ist vor allem von J. Gosling in einem richtungwei- wirklich gerecht und schön ist, hat man erst dann richtig erkannt, wenn
senden Aufsatz gezeigt worden3•• Unsere Stelle läßt sich in der Tat auf man weiß, in welcher Weise es auch gut ist". Eine derartige Deutung
Schemata beziehen, von denen im Dialog bereits vorher die Rede war. Dazu vermag zu erklären, daß hier, wo die Funktionen der Idee des Guten im
gehört natürlich in erster Linie die Idiopragieformel, derzufolge für jeden Blick stehen, die Idee des Gerechten gerade nicht beim Namen genannt
die Gerechtigkeit darin besteht, das Seinige zu tun. Dieses Schema ist noch wird.
nicht brauchbar und nützlich, weil es mehrdeutig ist und in unterschiedli- Ist diese Deutung richtig, dann wird mit Hilfe der Idee des Guten nur
chen und sogar gegensätzlichen Zweckzusammenhängen fungibel gemacht etwas akzentuiert, was zu jeder Idee, wenigstens aber zu jeder einem
werden kann. "Nützlich" wird es erst, nachdem es auf die Idee des Guten normativen Prädikat zugeordneten Idee immer mit hinzugehört. Daher
bezogen worden ist. Alles, was innerhalb des Bereichs des Normierbaren steht die Idee des Guten auch nicht zu den "anderen" Ideen im Gegensatz.
lediglich einem Muster oder einem Schema genügt, läßt sich immer noch Im Gegensatz zu ihr stehen vielmehr jene Standards und Schemata, die
nach Gesichtspunkten differenzieren, die am Ende auf die Unterscheidung ohne Beziehung auf sie ambivalent bleiben. Hier mag man sich daran
zwischen gut und schlecht sowie zwischen nützlich und unnütz hinauslau- erinnern, wie in den einschlägigen Dialogen die Versuche, einzelne Tugen-
fen. Dafür bieten schon die aporetischen Dialoge Platons instruktive Bei- den unabhängig voneinander zu definieren, in die Aporie führen. Solange
spiele. - Zu jenen Mustern und Schemata, die ohne Beziehung auf die Idee Einzeltugenden als solche bestimmt werden sollen, kommt man immer nur
. des Guten ambivalent bleiben, gehören im übrigen auch jene Lehren39 , die zu Schemata, die als solche stets ambivalent bleiben. So scheitern diese
man von Kind an über das Gerechte und über das Schöne kennt, weil man Versuche auch deswegen, weil sich zeigt, daß es keine Einzeltugend gibt, die
auf ihrer Grundlage erzogen worden ist. Ihnen verwandt sind die Normen", ohne ihre Beziehung auf das Gute verstanden werden könnte 42 • Implizit ist
an denen man sein Handeln und Urteilen ausrichtet, weil ihre Geltung daher stets auch vom Guten die Rede, wenn von den einzelnen Tugenden
allgemein anerkannt ist. Wegen der ihnen innewohnenden Ambivalenz gesprochen wird.
bleiben solche Schemata jedoch stets der Gefahr des Mißbrauchs ausge- Die Koppelung an den Begriff des Nützlichen ist geeignet, ein anderes
setzt. Denn kein Standard kann von sich aus seine richtige Anwendung wichtiges Merkmal des Guten deutlich zu machen. Das Gute ist nämlich
37 8txata, Rep. S05a. 41 Mxaui 7:8 "ai xaAu ayvoovllcva ö;ru :Jro7:e ayaß'6 emw, GV nOMov tWO; &;wv
38 J. Gosling, Republic Baok V: Ta nOAAa xaAa etc., Phronesis 5, 1960, S. 116-128. tpuÄaxa xEwrfja{}at äv eav-rc:i)v'(GV raiJm ayvoovvm' pGVTeU0J.lat Se J.lTJfieva av-ra nQ01'E-
39 oOYllara, Rep. 538c; vgl. 493a; Prot. 325d. eov yvwoeaiJw LxaväJq, Rep. S06a.
40 v6!UI.W, Rep. 479d, 484dj vgL auch S17d; Gorg. 488d; Theait. 172a. 42 Vgl. Lach. 199cf.j Charm. 174bf.j Prot. 359aff.j Rep. 345af., 357aff.
:'f

II
176 Die Ideen und ihre Funktion , § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 177

kein Gegenstand möglicher Konventionen. Es gibt im Gegenteil den ober- terkönig Thamos. Er kann den Nutzen der Erfindung beurteilen, weil er die
sten Orientierungspunkt ab, im Hinblick auf den Konventionen abge- Folgen abschätzen kann, die man bei ihrem Gebrauch zu gewärtigen hat
schlossen werden können. Es ist evident, daß man über das, was nützlich (Phdr. 274df.). Analoges gilt für die Gesetzgebung: Die oberste Kompetenz
oder unnütz ist, nicht beschließen oder abstimmen kann. Das ist ein zur Beurteilung von Gesetzen kommt nicht dem Gesetzgeber zu, sondern
Gedanke, der im "Theaitetos" expliziert wird, und zwar in der Episode, die demjenigen, der mit den Gesetzen umzugehen und von ihnen Gebrauch zu
das Gespräch zwischen Sokrates und Theodoros enthält (177cff.): Geht es machen hat (Krat. 390c).
darum, was gerecht ist, so mag man zunächst noch glauben, daß der Staat I Im "Euthydemos" werden derartige Strukturen zum Thema der Erörte-
die Kompetenz hätte, eine entsprechende Festsetzung zu treffen. Anders rung gemacht". Dort soll gezeigt werden, warum es kein Ding gibt, das
verhalten sich die Dinge hinsichtlich des Nützlichen und Guten. Niemand schon von Hause aus ein Gut wäre. Zu einem Gut wird es immer erst dann,
hält eine Sache nur deswegen, weil sie von einem Staat als nützlich wenn es in eine Gebrauchsrelation eingefügt und innerhalb ihrer nützlich
deklariert worden ist, auch in Wirklichkeit für nützlich. Das läßt sich vor gemacht wird". Solange neben dem guten Gebrauch eines Dings aber
allem dann zeigen, wenn man in Rechnung stellt, auf welche Weise jede immer noch die Möglichkeit des Mißbrauchs besteht, bleibt das Ding
Gesetzgebungstätigkeit auf die Zukunft bezogen ist". Gibt ein Staat ambivalent. Es bedarf jedoch eines spezifischen Wissens, wenn es darum
Gesetze, so tut er dies in der Erwartung, daß sie für ihn so nützlich wie geht, den einem jeden Ding zukommenden richtigen Gebrauch zu regulie-
möglich sein werden". Über den Inhalt der Gesetze, also über das, was als ren'". Nicht nur für den Umgang mit handfesten Dingen, wie ihn der
gerecht zu gelten hat, kann er beschließen. Er kann aber nicht mehr darüber Handwerker pflegt, ist ein derartiges Gebrauchswissen nötig, sondern auch
beschließen, ob sich diese Erwartungen erfüllen. Insofern richtet sich also für den Umgang mit Reichtum, Gesundheit und Schönheit. Alle diese Dinge
auch der Staat bei der Gesetzgebung an einem Ziel aus, hinsichtlich dessen sind also nicht von Hause aus gut und nützlich, sondern erst dann, wenn
er sich zwar irren, über das er aber nicht mehr verfügen kann. Wenn er also sie, geleitet durch ein entsprechendes Wissen, in Gebrauch genommen
auch darüber befinden kann, was als gerecht gelten soll, so kann er werden. Da nun die Kunst, ein Ding herzustellen, nicht mit der Kunst
andererseits jedoch darüber nicht mehr befinden, ob es sich dabei um eine zusammenfällt, es richtig zu gebrauchen, und da man andererseits bei der
für ihn gute und nützliche Gerechtigkeit handelt". kunstgerechten Herstellung eines Dings wiederum von anderen Dingen
Wenn der Begriff des Nützlichen bei Platon auf einen Bereich verweist, Gebrauch machen muß, ist es möglich, am Leitfaden der Gebrauchsrelation
der kein Gegenstand möglicher Konventionen mehr ist, so bezieht er sich eine hierarchische Ordnung der einzelnen Künste zu entwerfen. In dieser
zugleich auf eine vorgegebene teleologische Ordnung. Es ist eine Ordnung, Ordnung haben auch die theoretischen Disziplinen ihren Platz. Der Jäger
in die auch jedes menschliche Wollen und Handeln eingefügt bleibt. übergibt seine Beute dem Koch zum Gebrauch; in ähnlicher Weise müssen
Ausschnitte aus dieser Ordnung sind bereits überall dort greifbar, wo man nach dem "Euthydemos" der Mathematiker und der Astronom ihre Beute
es mit der Gebrauchsrelation zu tun hat. Wer eine Sache zu gebrauchen dem Dialektiker zum Gebrauch übergeben (290b). Auch alles Wissen muß
versteht, wird ihr in höherem Maße gerecht, als wer sie nur herstellen kann also daraufhin beurteilt werden, inwiefern es nützlich und wissenswert ist.
oder wer sie gar nur besitzt. Dieser Gedanke war uns bereits in verschiede- Das ist ein Gedanke, der bei Platon auch an anderen Stellen erörtert wird".
nen Zusammenhängen begegnet. Ob es sich um nützliches und damit um Der Primat des Gebrauchswissens wird im "Euthydemos" vor allem am
gutes Zaumzeug handelt, hat nicht der Hersteller, sondern der Reiter zu Beispiel des Unsterblichkeitsgedankens deutlich (289a): Selbst eine Kunst,
beurteilen (Rep. 601e). Denn nur ihm kommt das adäquate Wissen darüber die den Menschen unsterblich machen könnte, wäre für den nutzlos, der
zu, was Zaumzeug eigentlich ist. Auch die Schriftkritik im "Phaidros" ging von dieser Unsterblichkeit nicht den richtigen Gebrauch zu machen ver-
vom Vorrang des Gebrauchs aus: Nicht Theuth, der Erfinder der Schrift, stünde.
vermag diese seine Erfindung angemessen zu beurteilen, sondern der Göt- Jede Kunst bleibt ambivalent, solange man von den Resultaten ihrer Be-
tätigung auf gegensätzliche Weise Gebrauch machen kann. Das gilt selbst
43 TO dJcpi},,~!1ov ... eon tH ,taV xat fCe(]i TOV ,ufAAovra XQovov, Theait. 178a. dort, wo es noch gar nicht um die Alternative von Nutzen und Schaden
44 w; d)(PBALf.lW"C'6:r:ov~ (sc. TOU; vo/wv;) eavTfj r,{{}l'/fm, Theait. 177e. geht, sondern um den allgemeineren Gedanken, daß zur Beherrschung einer
45 Im "Theaitetos" liefert der Begriff des Nützlichen in einem anderen Zusammenhang dort

ein wichtiges Argument, wo es um die Widerlegung des protagoräischen Relativismus geht .. Euthyd. 280bff., 288dff.
(172a). Der Homomensurasatz mag sich mit den gewöhnlichen Auffassungen von den xaAa, 47Vgl. auch Men. 88aj Gorg. 517ej Rep. 342a.
den ~i'Xma und den oma noch vereinbaren lassen. Er scheitert jedoch schließlich an den 48 TO O(JfJÖJ~ näm TOi:~ TOWVTOtq X(J~of}m lmenfll-tT] ~v ~YOVf.livrJ xai XUTO(JfJovaa n)v

aVlupEgoVr:a. Was für den Menschen nützlich ist oder nicht, steht nicht mehr in seinem n(Jä;tv, ij aJJ..o n; - hrwnlf.lT], Euthyd. 281a.
Belieben. " Vgl. Charm. 171d; Rep. 518df.; Pol. 304bf.

12 Wieland, P]aton

~I
178 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 179
I
Kunst die Fähigkeit gehört, über Alternativen zu verfügen. Wer die Rechen- ler am Ende doch wieder ganz auf sich selbst angewiesen. Es handelt sich
kunst beherrscht, kann über Gegenstände seiner Disziplin treffend Aus- i um eine Diskrepanz, die den Sophisten selbst gar nicht zum Bewußtsein
kunft geben. Aber seine Kunst verleiht ihm zugleich auch die Fähigkeit, auf I gekommen zu sein braucht. Sokrates zeigt sie auf und gibt damit zugleich
wirkungsvolle Weise auf seinem Gebiet bei einem anderen Täuschungen zu
erregen und zu unterhalten. Vor allem im "Hippias minor" wird an Hand I eine Erklärung für das Unbehagen, das viele Zeitgenossen den Sophisten
gegenüber empfanden und das in einem auffallenden Kontrast zu der
derartig strukturierter Beispiele, gelegentlich freilich mit karikierender Wertschätzung steht, deren sie sich zugleich erfreuen konnten.
Tendenz, die Ambivalenz der Künste aufgezeigtSO. Ambivalenz liegt selbst In der "Politeia" wird die Idee des Guten als höchster Lehrgehalt durch
dort noch vor, wo man zunächst noch am ehesten Eindeutigkeit erwarten die Funktion charakterisiert, alle anderen Dinge erst brauchbar und nütz-
würde, nämlich im Bereich der ärztlichen Kunst. Auf Grund seiner Kunst lich zu machen. Daß schon äußere Güter nicht schlechthin und unter allen
kann nämlich der Arzt einen Menschen sowohl heilen als auch erst recht Umständen nützlich sind, sondern stets des richtigen Gebrauchs bedürfen,
krank machen. Doch selbst wenn er Heilung sowohl intendiert als auch ist im übrigen schon der vorphilosophischen Lebenserfahrung bekannt, wie
bewirkt, fügt er sie in einen Zweckzusammenhang ein, den er als Arzt sie in der "Politeia" durch die Gestalt des Kephalos verkörpert wird.
weder beurteilen noch bewerten kann. Im Blick auf einen derartigen Kephalos weiß, daß Reichtum nicht jedem nützt, sondern nur dem Anstän-
umfassenden teleologischen Zusammenhang kann auch die einzelne Hei- digen (331a). Auch Macht ist als solche noch kein Gut, jedenfalls nicht für
lung, die als solche Erfolg hatte, ambivalent bleiben. Es ist ein bei Platon den, der nicht richtig mit ihr umgehen kann. In der "Politeia" will Sokrates
wiederholt erörterter Gedanke, daß es sich keinesfalls von selbst versteht, überdies zeigen, inwiefern nicht nur äußere Güter, sondern auch alle
ob es für den Patienten wirklich in jedem Fall gut und nützlich ist, geheilt zu Verhaltensstandards im Sinne landläufiger Tugendideale notwendigerweise
werden. Es gehört jedenfalls nicht mehr zur Kompetenz des Arztes, darüber ambivalent bleiben müssen. Ein Verhalten kann, auch wenn es einem dieser
zu entscheiden. Nur eine übergeordnete Instanz könnte wissen, in welchen Ideale entspricht, im Einzelfall durchaus einmal schädlich sein. Dieser
Fällen es überhaupt gut ist, von der ärztlichen Kunst Gebrauch zu machen. Gedanke wird in einer Passage, die der thematischen Behandlung der Idee
Entsprechendes gilt von der Steuermannskunst: Auch der Steuermann weiß des Guten vorhergeht, ausführlich erörtert (491bff.). Er wird hier freilich
als solcher nicht, welchen Passagieren er wirklich dadurch genützt hat, daß auf Tugenden bezogen, die im landläufigen Sinne als natürliche Begabun-
er sie wohlbehalten an Land brachteS!. gen und Fähigkeiten gedeutet werden. Nicht zufällig erscheint es Sokrates'
Die Reflexion auf den Nutzen und auf den richtigen Gebrauch einer Partner Adeimantos zunächst ungereimt, daß diese Tugenden unter
Sache wird auch in der Auseinandersetzung mit Sophistik und Rhetorik Umständen auch schädlich sein könnten. Der Aufweis ihrer Ambivalenz
von Bedeutung. So wird im "Gorgias" die Frage erörtert, ob der Redelehrer bildet dann den Hintergrund für die spätere Behandlung der Idee des
auch für den unrechten Gebrauch verantwortlich ist, den seine Schüler Guten. In einem ähnlichen Sinne wird im "Menon" die Notwendigkeit des
möglicherweise von der Redekunst machen. Im Dialog will Gorgias selbst richtigen Gebrauchs betont, desseu die hier zunächst noch im landläufigen
den Lehrer von dieser Verantwortung entlasten. Weil er andererseits aber Sinne verstandenen Tugenden der Tapferkeit, der Besonnenheit und der
nicht zugeben will, daß der Rhetoriker möglicherweise mit seiner Kunst Gerechtigkeit ebenso bedürfen wie die Güter von der Art der Schönheit
auch Unrechtes bewirken kann, gerät er in die AporieS1 , Im "Protagoras" oder des Reichtums (87ef.). Als nützlich will Sokrates diese Güter und
wirft Sokrates den Sophisten vor, sie verkauften lediglich Kenntnisse, aber Tugenden nur dann anerkennen, wenn sich ihrer eine spezifische Einsicht
sie wüßten selbst nichts von deren Nutzen und deren Schaden; insofern annimmt, die hier unter dem Namen der Phronesis vorgestellt wird. Sie
unterschieden sie sich nicht von Händlern, die gegenständliche Waren wäre demnach das eigentlich Nützliche". In einem ähnlichen Sinne werden
feilböten (313cf.). Auch Wissensinhalte und Kenntnisse sind also von in der "Politeia" im Anschluß an die Gleichnisserie die sogenannten
Hause aus ambivalent. Auf diese Ambivalenz, nicht so sehr auf die Inhalte Tugenden der Seele in die Nähe der körperlichen Vorzüge gerückt; ihnen
der sophistischen Lehre als solche, bezieht sich die Kritik, die Sokrates an wird als eigentlich göttliche Tugend die Phronesis entgegengesetzt", die
den Sophisten übt. Denn die Sophisten können, wie Sokrates richtig freilich, soll sie Nntzen stiften, der richtigen Erziehung und der richtigen
erkennt, ihren Schülern nicht die Fähigkeit vermitteln, mit den ihnen
beigebrachten Kenntnissen auch richtig umzugehen. Hier bleiben die Schü-

'" Hipp. min. 366cfl., 374ell.; vgl. Rep. 333eff.; Phd. 97d. 53 rovT/:p 7:0 J.oyrp q;(J6yrw~~ ä1l drJ 1:"0 wq;eAtlwv, Men. 89a.
51 Vgl. Lach. 195c; Charm. 164b; Gorg. 511df.; Rep. 40ge. 54 Genauer: ~ -roD qJ(Jovfww (sc. rl(Jt:Ti}), Rep. 518e; vgl. auch Lach. 192c; Prot. 352b;
" Gorg. 456cff., 460bff. Euthyd.28tb.
180 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 181

Umwendung55 bedarf. Es ist aber gerade die Beziehung auf die Idee des wenn es darum geht, die wichtigsten Dinge im Staat in Angriff zu nehmen".
Guten, durch die die Nützlichkeit gestiftet wird". Ein durch einen spezifischen Inhalt gekennzeichnetes Ressort kommt ihr
Das auf den obersten Lehrgehalt, die Idee des Guten bezogene Wissen also im Gegensatz zu allen anderen Disziplinen nicht zu. So hat sie
erfüllt mithin die Funktion eines obersten Gebrauchswissens. Daher ist es beispielsweise auch nicht darüber zu befinden, wie man Krieg zu führen
auch verständlich, daß nirgends ein Objekt dieses Wissens als solches näher hat, wenn die Entscheidung zum Krieg erst einmal gefallen ist. Zu befinden
beschrieben wird. Denn Gebrauchswissen bezieht sich gar nicht in dem hat sie aber darüber, ob man im jeweiligen Fall Krieg führen oder ob man
Sinn auf ein Objekt, in dem sich die gegenständlichen Formen des kogniti- verhandeln soll". Ausschließlicher als alle anderen Disziplinen hat sie es
ven Wissens auf ein Objekt beziehen. Es ist ein Wissen, das statt dessen die damit zu tun, den zeitlichen Verhältnissen und individuellen Situationen im
Funktion hat, bestimmte Tätigkeiten zu motivieren und zu regulieren. Weil Staat gerecht zu werden und sie zu regulieren. Insofern erschöpft sich ihre
es ein tätigkeitsbezogenes Wissen ist, kann es auch seine Resultate nicht in Funktion niemals darin, zeitlose und abstrakte Handlungsschemata zu
allgemeingültiger Form darstellen und mitteilen. Denn jedes Gebrauchswis- realisieren. Sie hat ihre Funktionen innerhalb des wirklichen, in der Zeit
sen hat sich stets an individuellen Instanzen der Anwendung zu bewähren. stehenden Staates zu erfüllen, innerhalb dessen die Wechselfälle des
Auf diese Weise erreicht es jene "Genauigkeit", wie sie in der Politeia von Geschehens niemals genau vorausgesehen werden können. Wenn sie ihre
der Einführung der Idee des Guten als des obersten Lehrgehalts erwartet Aufgabe erfüllt, realisiert sie eben jene Genauigkeit", die nach der "Poli-
wird. Gerade weil es ein Wissen ist, das nicht darauf aus ist, einen teia" durch die Beziehung auf die Idee des Guten ermöglicht wird.
Gegenstand vorzustellen, läßt es sich nur durch die Funktionen charakteri- Durch die Zeitbeziehung ist freilich nicht nur jenes oberste Gebrauchs-
sieren, die es ausübt. wissen charakterisiert, über das der Inhaber der politischen Kunst verfügt.
Dazu gehören auch die politischen Funktionen. Die designierten Regen- Eine ähnliche Zeitbeziehung weist nämlich auch jede einzelne praktische
ten des Modellstaates der "Politeia" werden bekanntlich erst durch den Disziplin auf. Dabei handelt es sich allerdings um eine Zeitbeziehung, die
Erwerb des an der Idee des Guten orientierten Gebrauchswissens für ihr nur ihren Innenbereich betrifft. Daher hat man es im Bereich dieser
Amt qualifiziert. Hier besteht eine auffällige Parallele zu jenem königlichen Disziplinen stets mit einer Dichotomie zu tun: Auf der einen Seite stehen
Wissen im Sinne des "Politikos", dessen Besitz den idealen Regenten zeitlose, abstrakte Regeln und Inhalte, auf der anderen Seite bedarf es der
ausmacht (303eff.). Auch dieses Wissen hat die Struktur eines obersten Kunst, diese Regeln auf konkrete Situationen unter Zeitbedingungen anzu-
Gebrauchswissens. So werden im "Politikos" die unterschiedlichsten Kün- wenden 60 • Der Arzt, der die Regeln seiner Kunst nur in abstracto kennt,
ste daraufhin untersucht, ob ihre Beherrschung jenes Wissen ausmacht, das beherrscht sein Fach noch lange nicht. Zwar ist es nicht seine Aufgabe,
den idealen Regenten zu seinem Amt qualifiziert. Doch von jeder einzelnen darüber zu befinden, ob seine Kunst im Einzelfall überhaupt angewendet
Kunst, die namhaft gemacht wird, kann gezeigt werden, daß sie von der werden soll. Wird sie aber angewendet, so muß er beurteilen können, bei
politischen Kunst nur in Gebrauch genommen wird und daher nicht mit ihr wem und zu welchem Zeitpunkt es geboten ist, eine bestimmte Kunstregel
zusammenfällt. Das gilt selbst für solche Künste, die wie die des Feldherrn, anzuwenden". Das gleiche gilt für den Redner; auch er muß fähig sein, die
des Richters oder des Redners der politischen Kunst nahe verwandt zu sein Situation richtig zu beurteilen, in der er die Regeln seiner Kunst anwenden
scheinen. Doch auch sie bedürfen einer ihnen übergeordneten Instanz, die will. Die Differenz zu dem obersten Gebrauchswissen ist jedoch nicht zu
mit ihnen umzugehen weiß. Denn es läßt sich nicht mehr innerhalb ihres übersehen: Denn das Wissen, das den Inhaber der politischen Kunst
Bereichs entscheiden, unter welchen Umständen von ihren Diensten und auszeichnet, ist nicht mehr durch den Gegensatz zwischen allgemeinen
Resultaten Gebrauch gemacht werden soll. Schon wenn es nur um die Regeln und ihrer Anwendung im konkreten Fall charakterisiert. Für ihn
handwerklichen Künste geht, bedarf es einer außerhalb ihrer stehenden gibt es keine übergeordnete Disziplin mehr, von der die Resultate seiner
Instanz, wenn man wissen will, ob man eine bestimmte Kunst erlernen soll Tätigkeit noch einmal in Gebrauch genommen werden könnten. Er nimmt
oder nicht. Die politische Kunst hat es indes mit den stets im Wandel vielmehr alle anderen Disziplinen in Gebrauch, wenn er über die Bedingun-
befindlichen Verhältnissen unter den Menschen zu tun (294af.). Die Auf- gen befindet, unter denen sie angewendet werden sollen.
gabe, die ihr schließlich im Unterschied zu allen anderen, inhaltlich
bestimmten Disziplinen bleibt, besteht darin, Zeit und Unzeit zu erkennen, .17 y~yvwaxovaay TI]V aPX1]v TE /Cai 6pIliJv TI:VV f.u:y{m;wv ev rai;- nOAEmv 8y'XmQ{a~ "CE
nE(Ji xai axmQ{a~, Pol. 30Sd .
.\"8 Pol. 304e; vgl. Alk. I lO7cf.

55 n:e(,uayw}'1], vgl. Rep. 51Se. 59 avnJ nix(J~ßE~, Pol. 284d; av"Co "Co aAt;n'fEOTarov, 300e; vgl. 29Saf.

56 Schon Rep. 442c war der oberste Seelenteil durch den "Besitz eines auf den Nutzen der '" Vgl. Rep. 370b, 374b.
einzelnen Teile und des Ganzen bezogenen Wissens charakterisiert worden. . 61 Phdr. 268af., 271e, 276e; vgl. oben S. 22.
182 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 183

In Orientierung an den platonischen Leitbegriffen der Genauigkeit und Anstrengungen erfordert. Mit einer ähnlichen Tendenz wird im "Politikos"
der Nützlichkeit sollten die Funktionen der Idee des Guten deutlich die Tatsache unterstrichen, daß der gesuchte Staatsmann ein Mensch und
gemacht werden, auf Grund deren sie Beziehungen sowohl zum Einzelfall damit gerade kein Gott ist (274e). An solchen Stellen dient die Beziehung
als auch zu jener umfassenden teleologischen Ordnung herstellt, in die jedes auf das Göttliche vornehmlich der Abgrenzung. Es wird akzentuiert, was
individuelle Handeln trotz aller Irrtümer über sich selbst und der aus ihnen dem Menschen als Menschen aufgegeben ist.
resultierenden Verfehlungen eingebettet bleibt. Damit stellt sich aber die Bei der Erkenntnis der göttlichen Kugel im Sinne des "Philebos" handelt
Frage, wie sich die Idee des Guten zu den anderen Ideen verhält. Bleibt jede es sich immerhin um ein Wissen, das dem Menschen zu erreichen möglich
Idee auf die Idee des Guten bezogen oder hat es Sinn, von Ideen auch ist. Es ist das Wissen dessen, der reine Mathematik treibt und der deswegen
insofern zu sprechen, als sie aus dieser durch die Idee des Guten markierten von allen Anwendungen der Mathematik auf konkrete Sachverhalte abse-
Ordnung isoliert sind? Es war schon davon die Rede, daß von der Idee des hen kann. Er betrachtet seine Objekte so, als handelte es sich bei ihnen
Gerechten auffallenderweise gerade dort nicht gesprochen wird, wo es um bereits um die eigentlichen Prinzipien". Vom wahren obersten Prinzip hat
die Idee des Guten geht, insofern sie das Gerechte und alles andere erst er dabei abgesehen. Innerhalb seines Bereichs braucht er seine Objekte auch
nützlich macht. Denn spricht man von der Idee des Gerechten, so meint nicht durch die Beziehung auf dieses Prinzip "nützlich" zu machen. Die
man kein ambivalentes Handlungsschema, von dem man einen nützlichen idealen Gebilde, mit denen er es zu tun hat, muß er freilich immer mit Hilfe
oder auch unnützen Gebrauch machen kann. Man meint in diesem Falle von realen, sinnenfälligen Dingen unserer Welt exemplifizieren. Doch es ist
stets eine gute und nützliche Gerechtigkeit, die als Tugend, als Arete, schon nicht seine Absicht, sich mit diesen realen Dingen zu befassen und sie etwa
von Hause aus eine spezielle Gestalt des Guten ist. So ist es verständlich, von jenen idealen Gebilden her zu beurteilen. Diese Dinge sind als solche
daß die einzelnen Ideen, insbesondere die Tugendideen dort zurücktreten, gar nicht Objekt seiner Intention. Die Frage, welcher ideale Standard zu
wo es um die Idee des Guten geht. einem gegebenen individuellen Ding paßt, taucht daher hier gar nicht auf,
Trotzdem ist es möglich, von Ideen zu reden und von einer Beziehung auf und es stellen sich weder Subsumptionsprobleme noch Anwendungspro-
die Idee des Guten abzusehen. Diese Möglichkeit ist einer Einstellung bleme. Anders liegt der Fall, wenn man mit Hilfe von idealen Gebilden
zugeordnet, wie sie für den Mathematiker charakteristisch ist. Dieser einem konkreten Einzelfall gerecht werden will. Erst dann wendet man sie
unterschiedliche Umgang mit Ideen läßt sich an Hand einer Passage aus als Normen an. Dazu bedarf man dann aber der Orientierung an einem
dem "Philebos" gut verdeutlichen. Dort vertritt Sokrates die These, wer Prinzip, das diese Anwendung reguliert. Diese Einstellung realisiert man
nur über die Idee des Kreises und der Kugel- hier auch als göttliche Kugel beispielsweise dann, wenn man konkretes menschliches Handeln bewertet.
bezeichnet62 - Bescheid wisse, aber von der "menschlichen" Kugel nichts Doch man realisiert sie keineswegs ausschließlich in solchen Fällen. Das
verstehe, verfüge noch nicht auf hinreichende Weise über Wissen (62af.). Gute ist - übrigens ganz in Übereinstimmung mit dem griechischen Sprach-
Protarchos überträgt die Metaphorik des Göttlichen sogleich auf die zuge- gebrauch - zwar im Bereich menschlichen Handelns und Verhaltens zen-
hörige Erkenntnis, wenn er der göttlichen Kugel ein göttliches Wissen" triert, jedoch keineswegs auf ihn beschränkt. Jede Prädikation, insbeson-
zuordnet. Ihm erscheint es lächerlich, sich mit dem Besitz dieses göttlichen dere jedes Singulärurteil enthält stets ein normatives Moment".
Wissens zufriedengeben zu wollen. Es mag zwar innerhalb seines Bereichs Unter diesen Umständen ist es angemessen, nicht von normativen und
unübertreffbar sein. Doch kann es seine Inhalte nicht auf die Dinge bei uns von mathematischen Ideen zu sprechen, sondern von Ideen im normativen
beziehen. Dazu bedarf es einer anderen Instanz. Die Einsicht, auf die es für und im mathematischen Gebrauch, je nachdem, ob sie auf das Gute
den Menschen letztlich ankommt, erschöpft sich also nicht in jenem bezogen werden oder ob diese Beziehung gleichsam eingeklammert wird.
göttlichen Wissen, das im Bereich idealer Allgemeinheiten verbleibt und Nur der mathematische Gebrauch beruht auf einer Fiktion, die davon
von sich aus den menscblichen Dingen noch nicht gerecht werden kann. ausgeht, Ideen ließen sich wie Gegenstände thematisieren. Daher ist der
Wenn Sokrates in der "Apologie" seine Weisheit als menschliche Weisheit" Mathematiker - und nur er - der eigentliche "Platoniker" im landläufigen
bezeichnet, so handelt es sich dabei nur scheinbar um einen Ausdruck von Sinne des Wortes. Geht es dagegen um den normativen Gebrauch, so
Bescheidenheit. In Wirklichkeit ist es nämlich gerade das durch seine werden die Ideen gerade nicht thematisiert. Man geht auf eine durchaus
Person verkörperte spezifisch menschliche Wissen, das außergewöhnliche unthematische Weise mit ihnen um, wenn man zugleich an der Idee des

61 arputr a avdj r, fJe{a, vgl. Phi!. 62a. 65Vgl. unten S. 213.


63 {jeia tmarrlfl'Y/, vgl. Phi!. 62b. 66Von hier aus läßt sich verstehen, daß die Idee des Guten nicht nur Prinzip des Handelns,
64. av{}gu)lf;{Vll oO(p{a, Apol: 20d .. sondern auch des Seins und des Erkennens ist (Rep. 517b, vgl. 50Saf.).
184 Die Ideen und ihre Funktion § 10: Die Idee des Guten und ihre Funktionen 185

Guten orientiert bleibt. So wird man gegenüber allen Versuchen skeptisch stellung ein. Es sind Funktionen, die denjenigen, der sich an der Idee des
bleiben müssen, die darauf zielen, zwei inhaltlich charakterisierbare Sacb·· Guten zu orientieren vermag, jedenfalls nicht endgültig über die wirkliche
gebiete randscharf voneinander abzugrenzen. Ohnehin stebt es nicht ein für Welt hinausführen, in der der Mensch lebt und handelt. Es mag scheinen,
allemal fest, wie weit sich der Bereich des im platonischen Sinne Mathema- als würden die Ideen, zumindest in ihrem mathematischen Gebrauch, den
tischen erstreckt. Platon ist jedenfalls weit davon entfernt, einen historisch Blick auf einen Bereich außerhalb dieser Welt lenken. Die Idee des Guten
zufälligen Stand der Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen festzu- lenkt ihn aber wieder auf diese Welt zurück, wenn sie ihrer Funktion
schreiben, wenn er - in der "Politeia" (529cff.) - die Begründung neuer gerecht wird, Genauigkeit und Nützlichkeit in bezug auf alle anderen Dinge
Wissenschaften fordert. Die mathematische Einstellung läßt sich sogar auf zu stiften. Sie ermöglicht es, eben dieser wirklichen Welt gerecht zu werden.
Themen aus dem Bereich der menschlichen Dinge anwenden. Dafür spricht Denn wer sich an der Idee des Guten zu orientieren vermag, hat damit
nicht zuletzt der Modellstaatsentwurf der "Politeia" selbst. Die Konstruk- zugleich Kenntnis von dem, was er im Grunde will. Damit ist es auch
tion dieses Modells und der Umgang mit ihm gehört in methodologischer möglich, zu erkennen, was einem wirklich und nicht nur scheinbar nützt.
Hinsicht selbst in den Bereich einer Einstellung, wie sie gerade für den Gewiß würde es im Hinblick auf Platon anachronistisch erscheinen,
Mathematiker charakteristisch ist. Es ist freilich ein Modell, das von wollte man die Idee des Guten als Prinzip der Urteilskraft, insbesondere als
Sokrates entwickelt und vorgestellt wird. Er gewährleistet durch seine Prinzip der praktischen Urteilskraft deuten. Trotzdem kann man sinnvoll
Präsenz, daß niemals das Bewußtsein von der Notwendigkeit einer Instanz behaupten, daß der Idee des Guten jedenfalls die Funktionen eines Prinzips
verloren geht, die mit diesem Modell umzugehen versteht, weil sie sowohl der Urteilskraft abverlangt werden. Eine derartige Orientierung würde
seine Voraussetzungen als auch seine Grenzen kennt. jedenfalls einem wesentlichen Merkmal der Idee des Guten gerecht werden
In der "Politeia" finden sich allerdings auch Aussagen über die Idee des können, nämlich ihrer Ungegenständlichkeit. Denn ein Prinzip, das die
Guten, die den Anschein erwecken, als sei von der Möglichkeit einer Urteilskraft reguliert, läßt sich nun einmal, wie man spätestens seit Kant
unmittelbaren Erkenntnis dieses Prinzips die Rede", die dann nach Analo- weiß nicht als Gegenstand intendieren oder als Inhalt einer Erkenntnis
gie zum Sehen zu verstehen wäre. Doch gerade hier handelt es sich um eine gege~ständlich mitteilen. Diese Ungegenständlichkeit der Idee des Guten ist
Erkenntnis, die nur nach langer Vorbereitung und nur unter den Bedingun- es denn auch, die in der berühmten Formel zum Ausdruck kommt, die sie
gen des für den Modellstaat eingerichteten Erziehungssystems möglich ist. einem Bereich jenseits des Seins zuordnet"". Die Einsicht in die Idee des
Sie bleibt den designierten Regenten des Modellstaats am Ende ihres Guten ist keine Einsicht, die irgendeinen Gegenstand in dieser Welt träfe.
Ausbildungsgangs vorbehalten. Es fragt sich, ob damit eine gegenständliche Trotzdem bleibt sie auf diese Welt bezogen. Denn sie verleiht ihrem Inhaber
Erkenntnis der Idee des Guten doch in den Bereich des dem Menschen die Fähigkeit, dieser Welt und sich selbst in ihr gerecht zu werden.
prinzipiell Erreichbaren gerückt werden soll, oder ob man die Formulierun-
gen, die einer derartigen Deutung Vorschub leisten, im Sinne uneigentlieher
und umschreibender metaphorischer Ausdrucksweisen deuten soll. Diese § 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und
Frage läßt sich ebensowenig eindeutig beantworten wie die Frage nach dem die Einheit der Tugend
Status des Modellstaats im ganzen. Handelt es sich um ein realisierbares
Programm oder um ein unrealisierbares Ideal, dem nur die Funktion Erst durch die Beziehung auf die Idee des Guten wird Gerechtes und alles
zukommt, die Orientierungspunkte abzugeben, im Blick auf die alles, was andere nützlich (Rep. 505a). Von dieser Stelle gingen unsere Überlegungen
in der Erfahrung vorkommt, sachgerecht beurteilt werden kann? Man kann zur Funktion der Idee des Guten aus. Außerhalb dieser Beziehung bleiben
jedoch diese Frage auf sich beruhen lassen. Denn zumindest auf der Ebene, alle Dinge ambivalent. Wie weit erstreckt sich dieser Bereich möglicher
auf der dieses Modell entworfen wird und auf der man mit ihm umgeht, Ambivalenzen? Änßere Güter wie Reichtum oder Macht lassen sich miß-
also auf der durch Sokrates repräsentierten Ebene, wird nirgends der brauchen und können dann ihrem Besitzer auch zum Schaden gereichen.
Anspruch einer direkten gegenständlichen Erkenntnis der Idee des Guten Güter sind sie also nicht unter beliebigen Bedingungen. Dergleichen ist dem
erhoben. Sokrates jedenfalls spricht von der Idee des Guten nur im Hin- moralischen Bewußtsein schon vor aller philosophischen Reflexion ver-
blick auf ihre Funktionen. Nirgends tritt er auf als jemand, dem eine direkte traut. Platon versucht nun aber, vor dem Hintergrund der Sophistik
objektive Erkenntnis dieses Prinzips zuteil geworden wäre. analoge Ambivalenzen in allem aufzuweisen, was das gewöhnliche Lebens-
Daher nehmen diese Funktionen auch für den Interpreten eine Schlüssel- verständnis als Vorbild akzeptiert. Das gilt besonders im Hinblick anf jene

" Rep. 540a: vgl. S11b, 516b, 517b, 519c, S32b, S34b. 68 oux ova{a~ övro~ mv aya{}oii, aAA' /in e:abcELva ri]; ovo{w;, Rep. 509b.
"1
iI
186 Die Ideen und ihre Funktion § 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und die Einheit der Tugend 187

normierten Muster menschlichen Verhaltens, an denen sich das vorrefle- sion gestellten Handlungsmuster können mangelhaft aber auch aus einem
xive Bewnßtsein als an Tngendstandards orientiert. Die Idee des Guten anderen, meist übersehenen Grund sein: Sie können nämlich im Hinblick
bezeichnet dann jenen Punkt, in bezng auf den der ambivalente Charakter auf die ihnen zugedachte Normierung ambivalent sein'. In diesem Falle
aller Standards oft allererst deutlich wird. Man ist gewöhnlich allzu leicht können sie noch nicht einmal ihre Funktion als Beispiele auf eindeutige
bereit, P!aton die Annahme der Gültigkeit eines Systems von inhaltsbezoge- Weise erfüllen. Ein Handlungsmuster kann nämlich unter variablen Rand-
nen und zum Teil schon sehr speziellen Normen zuzugestehen. Seltener bedingungen realisiert werden. Darauf beruht seine mögliche Ambivalenz.
macht man sich klar, wie sehr sich Platon darum bemüht, die Geltungsan- Diese Ambivalenz wird evident, wenn es gelingt, eine Situation zu konstru-
sprüche spezieller Normen zu relativieren. ieren, in der es auch nach dem Urteil des nicht reflektierenden Dialogpart-
Ambivalenzen im Bereich der Normen können in unterschiedlichen ners normwidrig wäre, das zur Diskussion stehende Handlungsmuster zu
Beziehungen vorkommen. Einmal kann eine Norm deswegen ambivalent realisieren. Die gesuchte Norm kann unter diesen Umständen natürlich
sein, weil das Resultat ihrer Realisierung bisweilen gut und nützlich, nicht mit eben diesem Handlungsmuster verbunden werden. Wer dies dann
bisweilen schlecht und schädlich sein kann. Welcher Fall vorliegt, läßt sich zugibt, hat damit bereits eine höhere Norm in Anspruch genommen, ob er
nicht an der Norm selbst ablesen, sondern erst an den Randbedingungen sich dessen bewußt ist oder nicht. Nach ihr wird dann im weiteren
ihrer Anwendung. Zum anderen können sich Ambivalenzen gerade umge- Gespräch gesucht.
kehrt auch dann ergeben, wenn ein und derselbe Einzelfall unter verschie- Besonders lehrreich ist in diesem Zusammenhang der Gesprächsverlauf
denen Hinsichten auf verschiedene, ja gegensätzliche Weise bewertet wird. im Definitionsteil des "Laches". Sokrates fragt, was Tapferkeit eigentlich
Gerade Normprädikate von hohem Allgemeinheitsgrad wie "gut" oder sei. Laches erwidert, wer entschlossen in der Schlachtreihe standhaltend
"schlecht" werden einem Ding oft nicht schlechthin, sondern nur insofern gegen den Feind kämpfe und nicht die Flucht ergreife, sei tapfer (190dff.).
zugesprochen, als es in bestimmten Relationen zu anderen Dingen steht. Das ist ein Verhaltensmuster aus dem Umkreis traditioneller Wertvorstel-
Das ist - sofern das reflexive Bewußtsein von diesen Zusammenhängen in lungen, die sich auf den Bereich des Militärischen beziehen und die für uns
Frage steht - keine Selbstverständlichkeit, sondern der Inhalt einer folgen- noch besonders gut etwa bei Tyrtaios greifbar sind. Sokrates kritisiert die
reichen Entdeckung. Mit den "Dissoi Logoi'" ist ein Text überliefert, der von Laches vorgeschlagene Bestimmung. Die Kritik betrifft zunächst die
von einem noch naiven Vergnügen an den durch diese Entdeckung sich mangelnde Allgemeingültigkeit dieses Definitionsvorschlags: Es gibt auch
eröffnenden Verblüffungsmöglichkeiten geprägt ist. Gewiß handelt es sich noch viele andere Handlungsmuster, die ebensogut als Beispiele tapferen
hier um einen Text von sehr bescheidenem intellektuellem Niveau. Trotz- Verhaltens genannt werden könnten. Unter ihnen befinden sich aber auch
dem werden die Probleme deutlich, die hinter dem Spiel mit den Ambiva- solche Muster, die in wenigstens einem Merkmal der von Laches vorge-
lenzen stehen. Es sind Probleme, die auch in Platons Dialogen an vielen schlagenen Norm geradezu widerstreiten. Tapferkeit kann sich nämlich in
Stellen präsent sind. bestimmten Situationen gerade darin bewähren, fliehend gegen den Feind
Soll menschliches Verhalten normiert werden, so orientiert sich das zu kämpfen (191a). Die von Sokrates im Blick auf diese Möglichkeit gezielt
unreflektierte Bewußtsein zunächst immer an bestimmten Schemata und ausgewählten Gegenbeispiele sind geeignet, gerade einen Militär wie
Mustern. Sie scheinen ihm das Primärobjekt der Normierung zu sein. Laches zu überzeugen'. Die erste Antwort des Laches ist also in einer
Individuelle Handlungen bewertet es dagegen in der Weise, daß es prüft, Hinsicht zu speziell, in einer anderen Hinsicht zu allgemein. Es hängt von
inwieweit sie bestimmte, in einem Repertoire greifbare, bereits normierte den jeweiligen Randbedingungen ab, ob ein dem von Laches angegebenen
Handlungsmuster realisieren. Auch in Platons Dialogen orientiert sicb die Schema entsprechendes oder ein ihm widerstreitendes Verhalten am ehe-
Diskussion über die Tugenden zunäcbst an solchen Mustern. Aus ihrem sten dem Tapferkeitsideal entspricht.
Bereich kann jeder Mitunterredner etwas beisteuern, wenn Tugendbegriffe Im ersten Buch der "Politeia" wird in ähnlicher Weise die Ambivalenz
erörtert werden. Doch niemals wird ein Handlungsmuster genannt, das der herkömmlicher und im Grunde allgemein anerkannter Verhaltensmuster
Prüfung standhalten könnte, der es Sokrates unterzieht. Manchmal liegt am Beispiel der Gerechtigkeit demonstriert. Gemäß einem der dort erörter-
dies daran, daß Sokrates' jeweiliger Partner in seiner Antwort den geforder- ten Definitionsvorschläge soll sie darin bestehen, einem jeden das Geschul-
ten Allgemeinheitsgrad verfehlt, weil er nur ein Beispiel für das angibt, was
er eigentlich hätte angeben sollen. Die von Sokrates' Partnern zur Diskus-
1 Vgl. V. Goldschmidt, Les dialog.!les de Platon, 2. Aufl., 1963, S. 37 ff.; H. Gundert,
Dialog und Dialektik, 1971, S. 310f.
I Diels-Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, 2. Bd., Nt. 90. - Diese~ Muster folgt ] Im ersten Teil des Dialoges war Sokrates von Laches gerade seines Verhaltens auf der
noch Protagoras' Argumentation Prot, 334af. Flucht wegen gelobt worden (Lach. 181b).
5 . B . h der Normen und die Einheit der Tugend 189
Die Ideen und ihre Funktion § 11: Die Ambivalenzen Im erelC
188
. . k' 8 k" nte Tapferkeit sein. Dieses Zugeständnis
dete zu leisten4 • Sokrates fällt es nicht schwer, mit Hilfe geeigneter situati- vernünftige Beharrlich elt on f k it müsse schön und gut sem; eme
T
ver Randbedingungen - (ein wahnsinnig Gewordener verlangt Waffen erwirkt er mit dem Argdmen~, h::rl~:h:eit sei dagegen schädlich und. v~r­
zurück, die er früher ausgeliehen hatte) - einen Fall zu konstruieren, auf mit Unvernunft verbun ~ne e . ezei t in der dIe endguluge
den die vorgeschlagene Formel zur Bestimmung der Gerechtigkeit offen- derblich. Damit ist zugleIch dIlle Rlchhtui~~t ~~!tier:n' lassen, wenn Sokrates
sichtlich nicht paßt. Gerechtigkeit ist also nicht schon dann verwirklicht, .. chen 1st Man so te SIC n .. k" .
Losung zu su '.. der Tapferkeit wieder ruc ganglg zu
wenn eine Handlung einem bestimmten Schema entspricht. Es kommt die zuletzt gegebene B~sUT~ung .t Hilfe von Beispielen Gründe für dIe
vielmehr darauf an, ob dieses Schema auf gerechte oder auf ungerechte machen scheint. Immer m U. rt er m: um ekehrt unvernünftige Beharr-
ade
Weise realisiert wirds. Über Normgemäßheit oder Normwidrigkeit wird Vermutung an, TapferkeIt konn~e ge h 'hm ~elbst ist jedoch diese Alterna-
no c
also gleichsam hinter dem Rücken des jeweiligen Schemas entschieden, lichkeit sein (193d). Weder L~c es k . Zl f 11 daß auch diese MöglichkeIt
wenn man letztlich doch nicht von der Art und Weise absehen kann, auf die h Trotzdem 1st es em u a , . tl· h
tive ganz ge euer. . h die natürliche Basis des eIgen lC
es realisiert wird'. Schemata und Muster sind also von Hause aus ambiva- durchgespielt wird. Denn hIer g~ä~:\~le~ständnis der Tapferkeit orientiert
lent. Es kommt darauf an, unter welchen Umständen und Bedingungen tapferen Verhaltens. Das popu .
man von ihnen Gebrauch macht. sich zumeist an dIeser Naturanl~re. ä t Nikias vor. Tapferkeit schemt
Der zweite Versuch, die Tapferkeit zu definieren, ist im "Laches" bereits Den dritten DeflmtlOnsvorsc ag tr g f" chten muß und von dem,
o cl zu seIn was man ur , . all
nicht mehr an äußeren Handlungsmustern orientiert. Die Tapferkeit wird ihm das WIssen von em , hl im Krieg als auch m en
hier von Laches als eine gewisse Beharrlichkeit der Seele bestimmt'. Sokra- was man nicht zu fürchten bra.uchBt, - .'owo g die von Laches abgelehnt
· . 9 Das 1st eme estlmmun, . , . l'
tes hat diese Bestimmung mit seiner Forderung nach einem möglichst anderen SItuatlOnen. b .. ksichtigt daß ihm dIe natur 1-
umfassenden Tapferkeitsbegriff vorbereitet: Die gesuchte Definition soll wird. Das ist verständlich, wenn bm~n er~~als gadz aus dem Blickfeld
nicht nur auf die Tapferkeit im Kriege passen, sondern auch auf die che Basis tapferen Verhal:e:s enISv~~ ~ieser Basis ebenso wie von den
Tapferkeit gegenüber Krankheit und Not und gegenüber den Gefahren des geraten ist. NlkIas SIeht d g g Verhaltensschemata ab, wenn er versucht,
Meeres; schließlich soll sie auch der Tapferkeit im Umgang mit Schmerz, äußeren und den lDw:nallSlerten F des Wissens zu verstehen. DIe
Furcht, Begierde und Lust gerecht werden (191d). Kein Muster äußeren die Tapferkeit als. elDe b?summte. dO~'1d auch auf der terminologischen
Verhaltens kann diesen unterschiedlichen Situationen gerecht werden, in nunmehr nötige DIfferenZIerung wIr. a . h verstandenen _ Tapferkeit
. Von der - eplstemlSc ch T'
denen sich Tapferkeit zu bewähren vermag. So ist es verständlich, wenn das Ebene vorgenommen. . .. ch' K"hnheit wie sie au leren
Wesen der Tapferkeit nunmehr in einer Haltung der Seele gesucht wird. - unterscheidet Ni~ias dci, ~tki~:~st s~~eeig~ntlich jene Kübnheit, die die
Mit dieser Wendung ist indessen weniger erreicht, als es zunächst den zukommen kann. Na I. S' hat wenn sie von TapferkeIt redet
Anschein haben mag. Reduziert man die Tapferkeit auf eine seelische Menge - und auch Laches - 1m lDn I ' b Nikias mit dieser Deutung
f
Disposition, so ersetzt man nur ein äußeres Handlungsmuster durch ein (197b). Man darf jedochdara n zw~~~ n;c~eint eher dadurch charakteri-
internalisiertes Pendant. Auch hier ergeben sich Schwierigkeiten; sie sind recht hat. Denn dIe populare Vorstd g t rschiedenen Begriffe miteinan-
. d ß i die beiden von 1h m un e k" d
von ähnlicher Struktur wie die des ersten Durchgangs. Sokrates fällt es
auch hier nicht schwer, Randbedingungen zu konstruieren, unter denen
niemand seelische Beharrlichkeit als Ausweis tapferen Verhaltens würde
siert zu selD, a ~ e
der vermengt. Wurde
.
t
ese
V te11un eindeutig der von Ni las mIt em
;ch ors Beg~ff zugrunde liegen, hätte Sokrates
Namen der KühnheIt ezel net~. h . d r Form führen können, in der es
anerkennen wollen. Auch seelische Haltungen sind nicht bereits von Hause sein Gespräch mIt L~ches s~h~er lC lDbe~geht. Nikias differenziert, und er
aus eindeutig gut oder eindeutig schlecht. Auch derartige Haltungen blei- dem Nikiastell des DIalogs e acto voEr . ht noch nicht daß die wirkliche
. f" . S' te der Alternative. r sIe , .
ben ambivalent, weil sie immer noch einer Instanz bedürfen, im Blick auf optiert ur eme el . d Al t" als ihre Momente angewlCSen
die sie sich als gut oder als schlecht erweisen. Ohne Mühe erhält Sokrates Tapferkeit auf beide Selten er terna Ive
von Laches sogleich die Zustimmung zu einer Präzisierung: Allenfalls die ist.
2d. 1 192c' J.lfdx cpQovr,aewq XG(J7:E(Jia.
8 qJ(Jovtf.wq fW(JT:8gta, Lach. 19 " vg; '" JrOAEt.tfP "ai, 8V mlq aAAOtq l'xnamv, vgl.
4 Rep. 331el., vgI. 331al. 9 ~ t"wv &tVWV xal. {}a(J(JaAEW1! eJU01:TJf11J 'Xat ev
5 Ötuatw~ - aöb,w~, Rep. 331c; vgl. 332a: 111, uWf[!(JOVW;. Lach. 194e. , nd der -r6A/ta entgegengesetzt; (auf der Ebene cl:!
10 Die avß(Jeia wird der {h2
aovVJQ" U " cl w(Jov")' mit der avb(Jeia wird dIe
Vgl. Men. 73a (uwcp(Jovw; xai &xaiw;), 73d (&xa{w;, a6{xw(; (je f1,r,), ?Bd ((hxa(w;
Adjektive steht "av6(J,elov" gegen "acpo~o\ L~dt. 'i~7af. _ Vgl. auch Prot. 34geff., 360b;
6

xat 6atw;- cu5ixw;), 88b (avEv voii - aVv vip); vgl. auch Charm. 159b; Gorg. 470b; Symp.
181a. Voraussicht - Jr:p0f.trrfha - eng verbunden, vg .
7 XarrCE(!ta n; ri}; 1jJuxij;, Lach. 192b. Rep. 37Sb, 410d; Men. 88b.
190 Die Ideen und ihre Funktion § 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und die Einheit der Tugend 191

Die Tapferkeitskonzeption des Nikias wird in der "Politeia" wieder entgeht Nikias. Auch Sokrates thematisiert sie nicht; doch er wird ihr in der
aufgenommen (430bff.). Daraus läßt sich indessen noch nicht schließen, Sache gerecht und kann daher Nikias im Redestreit besiegen. Mit der
daß Platon die Formulierung des Nikias als die richtige und endgültige Zeitbezogenheit des den Tapferen auszeichnenden Wissens hängt es jeden-
Antwort auf die Frage nach der Definition der Tapferkeit angesehen hätte. falls zusammen, daß nicht ein für allemal mit Hilfe einer Formel ohne Rest
Zwar handelt es sieb um den Vorschlag einer Definition, gegen den sich festgelegt werden kann, was im Hinblick auf die Norm der Tapferkeit im
wenigstens keine ihre Form betreffenden Einwände erheben lassen. Doch individuellen Fall zu tun gefordert ist".
die Einwände, die Sokrates im "Laches" gegen diesen Vorschlag sogleich Nikias' Versuche, das Wesen der Tapferkeit zu bestimmen, bringen
erhebt, sind kein bloßes Spiel. Auch mit der besten Definition läßt sich die Sokrates im "Laches" am Ende zu der Konsequenz, sie müßte eigentlich das
Tapferkeit, insofern sie sich in konkreten Situationen zu bewähren hat, Wissen von allem Guten und allem Üblen sein (199c). Damit sieht er aber
noch nicht einfangen. Auch die beste Definition kann nicht die vernünftige von den Merkmalen ab, durch die sich die Tapferkeit von den anderen
Anwendung des Definiendums auf den Einzelfall garantieren. Dessen ist Tugenden unterscheidet. Denn jene Bestimmung paßt auf jede Tugend. Der
sich Nikias nicht bewußt; aus diesem Grunde bleibt auch sein Vorschlag Weg, der bei der Untersuchung von Handlungsmustern begonnen hatte,
etwas Vorläufiges. Wenn in der "Politeia" dieser Vorschlag wieder aufge- führt also über den Aufweis der mit jedem Schema notwendig verbundenen
nommen wird, so handelt es sich auch dort um eine nur vorläufige Ambivalenz am Ende zu jenem Prinzip, das den Umgang mit solchen
Bestimmung der Tapferkeit. Sie wird später ebenso wie die Bestimmungen Schemata reguliert. Das ist in der Sprache der "Politeia" die Idee des Guten.
der anderen Einzeltugenden durch die Beziehung auf die Idee des Guten Sie wird im "Laches" nicht bei ihrem Namen genannt. Doch die Analyse
relativiert. wird andererseits so weit vorangetrieben, daß Sokrates in der "Politeia"
Im "Laches" vermag Nikias seinen Definitionsvorschlag zunächst noch glaubhaft bleibt, wenn er die Idee des Guten als etwas einführt, was im
zu verteidigen. In Schwierigkeiten gerät er, nachdem er Sokrates zwei Grunde längst bekannt ist. Sie ist es jedenfalls, die die einzelnen Tugenden
Zugeständnisse gemacht hat. Er akzeptiert nämlich den Satz, es sei ein und erst zu Tugenden macht.
dasselbe Wissen, das sich innerhalb eines Gegenstandsbereichs sowohl auf Man erkennt von hier aus die Bedeutung, die für Platon die Frage hatte,
Zukünftiges als auch auf Gegenwärtiges und Vergangenes beziehe (199a). ob es eine Tugend oder viele Tugenden gebe". Zugleich versteht man,
Er ist ferner mit der Behauptung einverstanden, das zu Fürchtende im Sinne warum man bei Platon keine endgültige Antwort auf die Frage nach der
seiner Definition sei das zukünftige Üble, das nicht zu Fürchtende dagegen Einheit oder der Vielheit der Tugenden finden kann, die eindeutig einer der
das zukünftige Gute (199b). Für den Charakter des Wissens ist es nun aber beiden Seiten dieser Alternative zuzuordnen wäre. Zwar steht die Einheit
anscheinend irrelevant, welchen Zeitmodus seine Gegenstände aufweisen. der Idee des Guten als des obersten Prinzips außerhalb möglichen Streits.
Dann müßte sich die Tapferkeit freilich auch auf vergangene Dinge bezie- Daraus folgt aber nicht die Einheit dessen, was nur in bezug auf sie und
hen können. Das kann Nikias natürlich nicht akzeptieren. Aus diesem durch sie ein Gutes ist. In allem, was legitimerweise mit dem Anspruch,
Dilemma findet er aus eigener Kraft keinen Ausweg. Tugend zu sein, auftritt, arbeitet Sokrates die Wissenskomponente heraus.
Diese Aporie zeigt den Mangel, der Nikias' Definitionsvorschlag anhaf- Hier handelt es sich aber um ein Wissen vom Typus des Gebrauchswissens,
tet. Mit seiner Bestimmung der Tapferkeit als eines Wissens besonderer Art nicht um ein Wissen, das sich in Sätzen ausdrücken und mitteilen ließe.
scheint zwar eine Position erreicht zu sein, der keine Ambivalenzen von der Dieses Gebrauchswissen bewährt sich in der Anwendung auf Inhalte von
Art mehr drohen, wie sie sich auf der Grundlage der vorhergehenden ganz unterschiedlichem Typus. Betrachtet man die Typen dieser Inhalte
Definitionsvorschläge konstruieren ließen. Doch statt dessen muß man eine unabhängig von ihrer Beziehung auf jenes einheitliche Prinzip, dann mag es
Zweideutigkeit anderer Art in Kauf nehmen. Sie ist mit dem Begriff des sinnvoll erscheinen, von einer Mehrzahl von Tugenden zu sprechen. Es
Wissens verbunden. Einmal gibt es ein Wissen, das sich auf zeitlose kommt in diesem Pali noch nicht einmal darauf an, ob zu jenen unter-
Gegenstände und Strukturen richtet oder aber wenigstens von dem konkre-
ten Zeitmodus absieht, der seinen Gegenständen zukommt. Zum Typus des ärztlichen Kunst exemplifiziert (198d). Im Sinne der im "Phaidros" (268af.) getroffenen
zeitbezogenen Wissens gehört dagegen das praktische Wissen und das Unterscheidung kann es sich bei diesem Wissen nur um die Vorkenntnisse handeln, über die
Gebrauchswissen. Es intendiert keine zeitlosen Strukturen, sondern orien- der Arzt bei der Ausübung seiner Kunst verfügen muß. Zeitbezogen ist dagegen das diese
tiert sich höchstens an ihnen, wenn es individuellen Situationen in der Zeit Ausübung selbst und die Anwe,ndung der Vorkenntnisse regulierende Wissen. Vgl. oben S. 22.
12 Vgl. Pol. 295e: Was gerecht und ungerecht, schön und häßlich, gut und schlecht ist, kann
gerecht werden will". Die Differenz zwischen diesen beiden Wissensformen
nicht ein für allemal fixiert werden, wenn es mit dem Anspruch verbunden wird, dem
Einzelfall gerecht zu werden.
11 Im "Laches" wird die Zeitinvarianz des entsprechenden Wissens auch am Beispiel der 13 Vgl. Frot. 324d, 329cff., 349aff.; Men. 74a, 79af.; Lach. 198aff.; Nom. 963aff.
192 Die Ideen und ihre Funktion § 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und die Einheit der Tugend 193

schiedlich gearteten Inhalten nur Verhaltensmuster, sondern auch natürli- wird in der "Politeia" besonders durch die Aufmerksamkeit deutlich
che Fähigkeiten und Talente gehören. Denn jene Inhalte erweisen sich, gemacht, die ihnen im Zusammenhang mit der Regulierung der Auswahl
genau besehen, in jedem Falle als ambivalent, solange sie nicht auf das und der Ausbildung der Kandidaten für die bei den oberen Stände geschenkt
oberste Prinzip bezogen sind. Wer von Tugend im landläufigen Sinne wird'". Die Sorgfalt, mit der Sokrates im dritten Buch der "Politeia" die
spricht, orientiert sich indessen gewöhnlich an jenen unterschiedlichen Fragen der vorkognitiven, der gymnastischen und der musischen Erziehung
Inhalten. behandelt, wird nur verständlich, wenn man berücksichtigt, daß es hier
Auf dieser Grundlage wird eine begriffliche Präzisierung verständlich, die zugleich um die Formierung der natürlichen Grundlagen geht, von denen
sich bei Platon dort findet, wo von der Tugend im landläufigen Sinne im die eigentliche, im Wissen zentrierte Tugend dann Gebrauch machen muß.
Gegensatz zu der durch die oberste Einsicht regulierten Tugend die Rede Denn alle diese natürlichen Grundlagen der Tugenden und die ihnen
ist. Sokrates kann in solchen Fällen geradezu von einer Tugend für das zugeordneten Handlungsmuster sind in Beziehung auf das Gute von Hause
Volk, von einer populären Tugend sprechen 14 • Mit diesem Ausdruck kön- aus zunächst einmal ambivalent und der Möglichkeit des Mißbrauchs
nen auch Tugenden wie Gerechtigkeit und Besonnenheit bezeichnet wer- ausgesetzt.
den, wenn damit Verhaltensmuster gemeint sind, die auf Gewöhnung Das Verhältnis dieser eigentlichen Tugend zu ihrer natürlichen Basis
beruhen und nicht durch Einsicht geleitet sind". So entspricht die im wird ausführlich im Schlußteil des "Politikos" erörtert (306aff.). Hier wird
populären Sinne verstandene Tapferkeit der Furcht vor einem noch größe- eine ausdrücklich als schwierig bezeichnete Angelegenheit abgehandelt, die
ren Übel. Im Verhältnis zur wirklichen, mit praktischer Urteilskraft verbun- These nämlich, es sei möglich, daß ein Teil der Tugend in gewisser Weise
denen Tugend" handelt es sich bei ihr ebenso wie bei den im populären mit einem anderen Teil im Streit liege. Der Fremde aus Elea erörtert diese
Sinne verstandenen Tugenden der Gerechtigkeit und der Besonnenheit um These als Gesprächsführer gemeinsam mit Sokrates dem Jüngeren an Hand
etwas, das den gemalten Bildern der Theaterkulissen vergleichbar ist (Phd. der Beispiele der Tapferkeit und der Besonnenheit. Der These von der
68cff.). Diese noch nicht von der Phronesis in Gebrauch genommenen Feindschaft zwischen diesen beiden Tugenden liegt keineswegs ein Argu-
populären Tugenden sind es, die bald nützlich, bald schädlich sind (Men. mentationsfehler zugrunde, bei dem die Verschiedenheit von zwei Dingen
88b). Sie lassen sich immer noch im Rahmen von Zweckzusammenhängen mit einem Gegensatzverhältnis verwechselt würde, dessen beide Relate sich
instrumentalisieren. Trotzdem werden sie von Sokrates nirgends verwor- gegenseitig ausschließen l '.
fen. Sie erfüllen unvertretbar eine Funktion bei allen denen, die jene Stufe Der Eleate argumentiert wie folgt: Wollen wir an manchen Verhaltens-
des Wissens nicht erreichen, auf der das Handeln durch die Einsicht in das weisen die Schnelligkeit, die Heftigkeit und die Schärfe" des Geistes, des
oberste Prinzip reguliert wird. Körpers oder der Stimme loben, so bedienen wir uns des Namens der
Das Entsprechende gilt im Hinblick auf die natürlichen Ausstattungen Tapferkeitu. Wollen wir im Bereich des Geistes etwas wegen seiner Ruhe
und Anlagen des Menschen. Auch von ihnen kann er, geleitet durch die und Besonnenheit, im Bereich des Handelns etwas wegen seinet Bedächtig-
Einsicht in das Gute, Gebrauch machen. Doch trivialerweise müssen sie keit und Sanftheit" bewundern, sprechen wir dagegen von Anständigkeit23 •
zunächst einmal schon vorliegen, wenn sie in Gebrauch genommen werden Das gilt jedoch nur dann, wenn alle diese Verhaltensweisen situationsge-
sollen. Die natürliche Kühnheit, die auch Tieren zukommen kann, wird im recht und zum richtigen Zeitpunkt" realisiert werden. Werden sie jedoch
"Laches" von der Tapferkeit im strengen Sinne unterschieden (197af.). Das zur Unzeit realisiert, dann tadeln wir sie und bedienen uns entgegengesetz-
populäre Verständnis sieht jedoch bereits in ihr die eigentliche Tapferkeit. ter Ausdrucksweisen.
Bei der Tapferkeit, die im "Protagoras" in einen Gegensatz zu den übrigen Es ist nicht schwer zu erkennen, daß hier eine auch schon in den früheren
Tugenden gebracht wird (349ef.), handelt es sich, genau genommen, um
eine natürliche Veranlagung, die höchstens eine Voraussetzung der eigentli-
npaUeLV xui r,avxfl); Rep. 430e. Zur Ambivalenz der im Gegensatz zur eigentlichen
chen Tapferkeit ist. Der "Protagoras" lehrt, was sich aus dieser Differenz Besonnenheit als natürliche Anla~e verstandenen a{&»~ vgJ. Charm. 160e und Hesiods Erga
ergibt: Alle Tapferen sind kühn, aber nicht alle Kühnen sind tapfer 31611. - Vgl. auch Rep. 518d. -
(351a)17. Die Bedeutung derartiger natürlicher Grundlagen der Tugenden " Rep. 374dff., 41Obl., 485all., 490cfl., 503bl., 535aff.; vgI. Nom. 963el.
19 Ein derartiger Fehlschluß liegt dagegen der Argumentation Prot. 330bff. zugrunde.

.. b~ßonx~ clQer1j, Rep. 500d; b~ßonx~ xal "o).mx~ clQer1j, Phd. 82.1. Vgl. Rep. 430b, 20 raxof, acpo/5(!67:TJf, OSVTl}t;, Pol. 306e .

619c; Nom. 968a. 21 avoge{a, Pol. 306e.

lS f~ f{Jov~ TE uai J1EUt1J~ yeyovvi'av aVeV qitAOOOlp{aq TE xui vov, Phd. 82b. 22 r,avxalov, oWipQowuov, ßpa(5v, ,uuAax6v, Pol. 307aj vgl. Rep. 410hf.
" cl)'~nr" clQBnJ Wn'< 'I'Qo1'1jaew" Phd. 69b. 23 xoa,u uJrl1t;, Pol. 307b.

17 Zur _natürlichen Grundlage der Besonnenheit vgl. Charm. 159b (xoaplwq Jtavra l4 ev ,)WL(HjJ, Pol. 307b.

13 Wieland, l'laton
194 Die Ideen und ihre Funktion § 11: Die Ambivalenzen im Bereich der Normen und die Einheit der Tugend 195

Werken Platons latent wirksame Betrachtungsweise auf die Spitze getrieben Frage, woran man sich orientiert, wenn man solche· Ambivalenzen fest-
wird. Auf der einen Seite stehen die natürlichen Ausstattungen. Ob ein stellt. Für diesen Orientierungspunkt zumindest beansprucht man eine
Mensch mehr zur Tapferkeit oder mehr zur Anständigkeit hinneigt, ist Position, die in letzter Instanz nicht mehr relativiert werden kann. In einem
bereits durch die Natur" vorgegeben. Doch die Naturanlagen sind der ähnlichen Sinne gilt, daß sich sehr viele Streitfragen durch den Abschluß
Bildung fähig. Der Staat braucht indessen Bürger der einen ebenso wie der von Konventionen regeln lassen. Die Gründe, aus denen man es für
anderen Art. Wegen der unterschiedlichen Temperamente kann es zwar zweckmäßig hält, eine Konvention abzuschließen, sind aber selbst nicht
zwischen den Bürgern beider Gruppen immer wieder zu Streit kommen. So mehr Inhalt eines möglichen Beschlusses. Mit der Idee des Guten ist
tendieren die einen zu einer mehr friedlichen, die anderen zn einer mehr jedenfalls der Punkt bezeichnet, der jeder Konvention vorgeordnet ist und
kriegerischen Lebensweise. Es ist die Aufgabe des Regenten, beide in die an dem jeder sein Handeln letztlich orientiert, mag das Bewußtsein davon
Einheit eines Staates zu fügen. Er hat die Umstände zu bestimmen, unter auch noch so sehr verdunkelt und durch Irrtümer verstellt sein.
denen die Angehörigen beider Gruppen ihrer jeweiligen Natur gemäß Der Gedanke der Ambivalenz aller vorfindbaren Dinge kann auch dort
agieren können. Er muß die naturgegebenen Temperamentsunterschiede wichtig werden, wo die Einführung der Ideenannahme legitimiert werden
zunächst einmal hinnehmen. Doch er muß seine eugenischen Planungen auf soll: Kein Ding in unserer Welt ist ganz und ausschließlich das, als was man
das Ziel ausrichten, daß beide Temperamente stets im richtigen Verhältnis es anspricht, wenn man es beurteilt. Das gilt in besonderem Maße für alle
vorhanden sind (310bf.)". normativen Prädikate. Stets lassen sich an der Sache, auf die man ein
In diesem Schlußabschnitt des "Politikos" sind die Tugenden in einem solches Prädikat anwendet, Merkmale aufweisen, die einen dazu berechti-
System aufgegangen, das aus den naturgegeben~n Temperamenten und der gen, der Sache in einer bestimmten Hinsicht auch wieder das entgegenge-
Kunst besteht sie richtig einzusetzen nnd auf die richtige Welse mit Ihnen setzte Prädikat zuzusprechen. So gibt es unter den Dingen unserer Welt
umzugehen. Etwas Gutes oder Schlechtes sind die Temperamente nicht von nichts Schöne" das nicht auch Momente der Häßlichkeit aufwiese". Kein
Hause aus. Sie sind es immer nur in Beziehung auf die Situation und auf den Ding unserer Welt kann daher die Funktion eines Standards erfüllen, wenn
Zeitpunkt ihres Agierens. Wer darüber ein treffendes Urteil a~geben kann, es um die Bewertung anderer Dinge geht. Man kann es gewiß als Beispiel
hat den Sinn des Guten erfaßt. Der zu diesem Urte!l befahlgte Ideale verwenden. Doch gerade dann betrachtet man es selbst bereits im Blick auf
Staatsmann befindet sich also gegenüber den Temperamenten in keiner einen schon vorausgesetzten Standard. Von allem, was durch den Standard
anderen Situation als gegenüber den einzelnen Künsten, wenn er zu erken- nicht abgedeckt ist, hat man in diesem Falle abgesehen.
nen hat, wann man überhaupt von der Redekunst oder von der Kriegskunst Den hier erörterten Ambivalenzen liegt eine einheitliche Struktur
Gebrauch machen soll (304df.)". zugrunde. Das Muster, der Standard, die Norm passen niemals exakt auf
Platon denkt die Ansätze konsequent zu Ende, die man mit dem Namen das Konkretum, auf das sie angewendet werden. Daher kann man die
des sophistischen Relativismus zu bezeichnen pflegt. Die Ambivale~z aller Ambivalenz sowohl von der Seite der Norm als auch von der Seite des
Dinge soll in' ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen, slc~tbar Sachverhalts her artikulieren. In beiden Fällen ergibt sich jedoch das
gemacht werden. Das betrifft gewiß auch alles d~s, was gememhm fur. em Problem der Anwendung und der Zuordnung. In vielen Fällen mag dieses
Gut gehalten wird. Daß ein Gut solange noch kem wahres Gut Ist,.. als Ihm Problem trivial sein; ganz zum Verschwinden bringen kann man es jedoch
die Möglichkeit des Mißbrauchs droht, ist ein Gedanke, dessen Gultlgkelt niemals. Weder die Norm noch das Konkretum können garantieren, daß
niemals ernstlich erschüttert wird'". Solche Ambivalenzen werden mallen die Zuordnung gelingt. Auch deswegen bedarf es noch eines höheren
Dingen aufgezeigt, in den äußeren Gütern ebenso wie in den natürlichen Prinzips, zu dessen Funktionen es auch gehört, derartige Zuordnungen zu
Fähigkeiten und den Temperamenten, in den einzelnen Künsten ebenso wI.e regulieren. Gerade deswegen weist dieses höchste Prinzip eine besondere
in jenen Handlungsmnstern, die nur für die natürhche Emstellung: fest m.lt Beziehung auf die Individualität des jeweiligen einzelnen Konkretums auf.
den Tugenden verbunden zu sein scheinen. Doch dann ergibt Sich bald die Das bleibt auch noch im "Philebos" Sokrates' letztes Wort; Nachdem Lust
und Einsicht ausführlich als Kandidaten für das höchste Gut geprüft
15 cpvm~, vgl. Pol. 307c, 309a, 30ge, 310d. . . worden sind, wird der Rang des "höchsten Besitztums"30 am Ende nicht
26 Vgl. Symp. 219cff.: Es ist Sokrates, der sich gemäß der Lobrede des Alktbtades sowohl inhaltlich bestimmt, sondern mit Hilfe solcher Kategorien charakterisiert,
durch Besonnenheit als auch durch Tapferkeit auszeichnet.
17 Schon in der "Politeia" ist es das Verfehlen eines richtigen Zeitpunktes, das den

allmählichen Verfall des Staates verursacht (Rep. 546cf.).


28 Men. 87dff.; Lach. 195c; Prot. 333df.; Euthyd. 280bff" Charm. 164aj Phdr. 274cf.;
29 Hipp. mai. 289aff.; Phd. 90a; Symp. 180e; Rep. 479af., 523af., 538d; Ep. VII 343a.
Rep. 331cf,; Nom. 660ef. 3D Jl:'Qa)'wv'x:rfnw , Phi!. 66a.
196 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 197

die wie die des Maßes und des Rechtzeitigen'i eine Beziehung auf jenes verwendeten Metapher immer nur wieder zu einer anderen Metapher
individuelle Konkretum anzeigen, die es zu realisieren gilt, wenn eine Norm führen können. Im Bereich der deiktischen Funktionen der Rede kann es
oder ein Schema angewendet werden sollen, die aber weder die Norm noch keinen Klartext geben. Was man außerhalb des Bereichs formalisierter
das Schema von sich aus herstellen kann. Es bedarf also des höchsten Gutes I Sprachen als Klartext ansieht, ist in der Regel eine Rede, die im Bereich
gerade dann, wenn es darum geht, der individuellen Situation in ihrer ihrer deiktischen Funktionen Metaphern aufweist, an die man sich als an
Zeitlichkeit gerecht zu werden. allgemeine Verständigungsmittel schon so sehr gewöhnt hat, daß man sie
als solche kaum mehr wahrnimmt.
Die drei Gleichnisse der "Politeia" werden von Sokrates in einem einheit-
§ 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse lichen Zusammenhang vorgetragen. Sie treten mit dem Anspruch auf, daß
sie sich aufeinander beziehen lassen und sich gegenseitig erläutern. Will
Die Gleichnisserie im sechsten und im siebten Buch der "Politeia" ist ein eine Deutung dieser Tatsache gerecht werden, so kann sie beispielsweise
Angelpunkt fast eines jeden auf das Verständnis von Platons Philosophie- versuchen, einen gemeinsamen Kern der Gleichnisse herauszupräparieren.
ren im ganzen gerichteten Interesses. Wenn überhaupt in irgendeinem In diesem Fall werden sie gleichsam übereinanderkopiert; das dabei greif-
Textstück, so laufen hier die Fäden zusammen, die die verschiedenen Teile bar werdende metaphorische Sondergut jedes Gleichnisses wird dann leicht
und Ansätze dieses Philosophierens miteinander verbinden. Daß diese verworfen. Deutungen dieses Typs laufen Gefahr, wesentliche Mitteilungen
Gleichnisserie eine Schlüsselstellung in Platons geschriebenem Werk ein- zu übersehen. Zweckmäßiger ist es daher, jedes Gleichnis wenigstens im
nimmt, hat denn auch noch kein Sachkundiger mit Erfolg in Frage stellen ersten Durchgang aus sich selbst zu verstehen. In diesem Fall hat man die
können. So sind es Platondeutungen unterschiedlichster Art und Herkunft, Chance, auch dem metaphorischen Sondergut jedes Gleichnisses gerecht zu
die sich an diesem Text zu bewähren suchen. werden. Ohnehin ist es bislang noch niemals gelungen, ein jedes Element
Wer mit einem Gleichnis konfrontiert wird, mag versuchen, es zu des einen Gleichnisses jeweils genau einem Element jedes der beiden
entschlüsseln und das in Gestalt von Bildern und Metaphern Ausgedrückte anderen Gleichnisse eineindeutig und auf überzeugende Weise zuzuordnen.
auf einen sogenannten Klartext zu reduzieren. Das ist immer dann möglich, Gerade wenn sich die Metaphorik der Gleichnisse nicht ohne Rest
wenn die metaphorischen Elemente die Funktionen einer bloßen Einklei- auflösen läßt, muß man die Vorsichtsklauseln ernst nehmen, mit denen
dung erfüllen. In solchen Fällen geht man mit den Intentionen des Autors Sokrates seine Darstellung der Gleichnisse versieht: Er weiß, daß er das
konform, wenn man einen hinter der Metaphorik stehenden .. Sinn zu Gute nicht in derselben Weise erörtern kann, in der er vorher die Gerechtig-
eruieren und auszudrücken sucht. Stellt man hingegen Uberlegungen von keit und die Besonnenheit erörtert hat. Daher will er jetzt gar nicht erst
der Art an, wie sie Platons Schriftkritik zugrunde liegen, so wird man sich versuchen, das Gute selbst zu bestimmen'. Nur über einen Abkömmling des
darauf gefaßt machen, einer Metaphorik zu begegnen, die zwar interpre- Guten sieht er sich derzeit zu reden imstande. Nach der Darstellung des
tiert, aber eben nicht ohne Rest in einen begrifflichen Klartext übersetzt ersten Gleichnisses wird noch einmal an diese Vorbehalte erinnert: Sokra-
werden kann. Metaphorik dieser Art tritt vor allem dort in Funktion, wo tes ist sich dessen bewußt, daß er in dieser seiner Erörterung des Guten
sich die Intention des Autors darauf richtet, mit Hilfe sprachlicher Mittel Vieles übergehen muß. Doch was ihm zu sagen möglich ist, will er sagen:
nicht nur etwas zu sagen, sondern auch etwas zu zeigen. Auch dann kann mit Absicht und wissentlich will er nichts auslassen'. Gerade deshalb darf
man immer noch über das sprechen, was gezeigt worden ist. Trotzdem man hinter der Gleichnisserie keine Sonderlehre suchen, die Sokrates nur
handelt es sich um ganz unterschiedliche Weisen, mit Hilfe sprachlicher nicht mitteilen möchte, die er aber doch mitteilen könnte, wenn er wollte.
Mittel jemandem etwas zu erschließen. Die Leistungen der apophantischen Sokrates ist nicht im Besitz einer Geheimlehre. Er sagt alles, was er sagen
und die der deiktischen Funktionen der Sprache können sich gegenseitig kann, auch wenn es ihm klar ist, den Gegenstand damit niemals auschöpfen
niemals vollständig, sondern allenfalls in einem Teilbereich vertreten. Wird zu können.
von einem Autor die Metaphorik überlegt in den Dienst der deiktischen Explikandum jedes der drei Gleichnisse ist die Idee des Guten. Das ergibt
Funktion der Sprache gestellt, so drückt diese Metaphorik nicht ausschließ- sich nicht nur aus dem Einleitungsgespräch (504all.), sondern auch aus der
lich Inhalte aus, die ohne Rest auch auf andere Weise dargestellt und Rekapitulation am Ende der Serie (517b). Freilich werden die Gleichnisse
vermittelt werden könnten. Daher wird die Deutung einer in diesem Sinne nicht selten so gedeutet, als ginge es in ihnen primär um den Sinn der

1 aln:o J.lf:V rl nOT' earl rayaOov 6aGOJj16V 1:0 vüvelval, Rep. S06d.
31 IJErQOV, ,.tir:(!WV, 'Xai(!wv, Phi!. 66a. 2 E'XWV DU" anoJ...d1/Jw, Rep. 509c.
198 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 199

Annahme von Ideen überhaupt. Doch dort, wo die Gleichnisserie vorberei- gen Welt verhält sich die Sonne so zum Sichtbaren und zum Sehvermögen,
tet wird, ist die Ideenannahme als solche in Wahrheit gar nicht problema- wie sich im intelligiblen Bereich die Idee des Guten znm Denkbaren und
tisch. Schon in den vorhergehenden Abschnitten des Gesprächs war diese zum geistigen Erkenntnisvermögen verhält4 • Somit handelt es sich um zwei
Annahme zur Sprache gekommen. Dort hatten Sokrates' Partner keine verschiedene Proportionen: Einmal verhält sich das Gute zum geistigen
Schwierigkeiten, ihren Sinn zu verstehen 3 • Insofern befindet sich Sokrates Erkenntnisvermögen ebenso wie die Sonne zum Gesichtssinn; zum anderen
mit seinen Partnern auf sicherem und vertrautem Boden. - Auffällig ist die verhält es sich zum Denkbaren ebenso wie die Sonne zum Sichtbaren. Nicht
kurze Rekapitulation der Ideenannahme, mit der die Erzählung des ersten behauptet wird hingegen das Bestehen einer ähnlichen Proportion zwischen
Gleichnisses eingeleitet wird. Hier erinnert Sokrates an die Annahme eines den Erkenntnisvermögen und den ihnen in ihren jeweiligen Bereichen
nur durch das Denken erfaßbaren "Schönen selbst" und "Guten selbst", zugeordneten Objekten. Denn hier kommt es gerade auf die Merkmale an,
das den vielen schönen und guten Dingen gegenübersteht, die lediglich auf Grund deren sich beide Bereiche unterscheiden.
Gegenstände der Wahrnehmung sind (S07b). Auffällig ist dies deswegen, Sehvermögen und Sichtbares sind einander zugeordnet. Es bedarf indes-
weil hier das Gute noch als Beispiel für eine Idee überhaupt fungiert. Die sen eines Dritten, nämlich des Lichts, um Sehenkönnen und Gesehenwer-
Sonderstellung der Idee des Guten, wie sie durch die Gleichnisserie expli- denkönnen in aktuelles Sehen und Gesehenwerden zu transformieren.
ziert werden soll, wird hier also gerade noch nicht akzentuiert. Ursprung des Lichts ist die zu den himmlischen Göttern gehörende Sonne.
Das Sehen kann sich also nicht selbst aktualisieren. Dazu bedarf es einer
von außen kommenden Instanz. Sonne und Licht sind im übrigen auch
a) Zum Sonnengleichnis
nicht ständig präsent. Daher ist das Sehvermögen, von dem das Gleichnis
Die einzelnen Gleichnisse sind nicht nur durch ihren jeweiligen anschau- spricht, nicht ständig in Tätigkeit; das ihm korrespondierende Objekt wird
lichen Gehalt voneinander unterschieden. Differenzen bestehen auch in denn auch nicht ständig aktuell gesehen.
formaler Hinsicht. Denn sie unterscheiden sich bereits hinsichtlich ihrer Mit dem Denkbaren sind natürlich die Ideen gemeint. Nicht zufällig
Struktur als Gleichnisse. Das Sonnengleichnis (S07df.) soll Verhältnisse im wnrde denn auch die Darstellung des Sonnengleichnisses mit einer Rekapi-
Bereich des Intelligiblen mit Hilfe von Vorstellungsinhalten symbolisieren, tulation der Ideenannahme eingeleitet. Das Gleichnis zwingt aber nicht
die dem Bereich der sensiblen Welt angehören. Es arbeitet mit der Vorstel- dazu, in der Alternative zu entscheiden, ob selbständig existierende und
lung einer Proportionalitätsanalogie, die zwischen dem Bereich der Abbil- getrennte Ideen oder aber ungetrennte Ideen gemeint sind. Ebensowenig
dung und dem des Abgebildeten bestehen soll. Doch die Abbildung hat bedarf man der Unterscheidungen, die später das Liniengleichnis hinsicht-
nicht nur die Funktion, etwas anderes darzustellen nnd zu veranschauli- lich der Möglichkeiten des Umgangs mit den Ideen vornimmt. Denn hier
chen; zwischen Abbildung nnd Abgebildetem besteht daher nicht nur eine soll akzentuiert werden, wie sich die Idee des Guten von allem anderen
semantische Relation. Abbildung nnd Abgebildetes vertreten nämlich im Denkbaren unterscheidet.
Gleichnis zugleich die beiden Hemisphären einer umfassenderen Ordnnng. Trotzdem gibt es Merkmale, die die Idee des Guten mit den anderen
Das Sinnliche dient dazu, Intelligibles zu veranschaulichen. Gleichzeitig soll Ideen gemeinsam hat. Als Idee wird sie von demselben Denken berührt, das
jedoch eine hierarchische Ordnung verständlich gemacht werden, inner- auch den übrigen Ideen zugeordnet ist. Das ergibt sich auch aus der
halb deren Sensibles und Intelligibles voneinander unterschieden und Entsprechung, in der sie zur Sonne und zu ihren Funktionen steht. Aktuell
zugleich aufeinander bezogen sind. Sokrates entwirft also nicht nur zum gesehen werden können die sichtbaren Dinge nur unter der Bedingung des
Zweck der Darstellung der Verhältnisse im intelligiblen Bereich ein Abbil- von der Sonne gespendeten Lichts. Doch die Sonne gehört dieser Welt der
dungsverhältnis. Denn dieses Abbildungsverhältnis soll zugleich als solches sichtbaren Dinge auch selbst an. Freilich nimmt sie in dieser Welt eine
eine Fundamentalstrnktur der Wirklichkeit im ganzen repräsentieren. Die einzigartige Stellung ein. Deswegen darf man sie auch wieder allen anderen
semantische Zuordnung des Gleichnisses zu seinem Bezugsbereich ist hier sichtbaren Dingen gegenüberstellen. So gehört die Sonne zu den sichtbaren
also verschränkt mit der Darstellung der Existenz einer analogen, die Dingen und kann trotzdem ihnen gegenüber Funktionen eines Prinzips
Wirklichkeit im ganzen bestimmenden Zuordnungsrelation. Das Gleichnis erfüllen. Analog hierzu soll das Verhältnis der Idee des Guten zu den
soll also auch noch die Strukturen deutlich machen und zeigen, durch die es übrigen Ideen verstanden werden.
selbst als Gleichnis erst ermöglicht wird. Diese gnoseologische Proportion wird durch eine ontologische Propor-
Den Kern des Sonnengleichnisses bilden Proportionen: In der sinnenfälli- tion ergänzt. Sonne und Idee des Guten sind für die ihnen zugeordneten

3 Vgl. Rep. 476al., 479al., 493e, SOlb, S07b. 4 61jJ~~ - oQW/1E:VOV, vov~ - VOOV/-lCVOV, Rep. 508e.
200 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 201

Bereiche nicht nur Erkenntnisprinzipien, sondern auch Seinsprinzipien. Sie den Bereich des Unveränderlichen und Intelligiblen beschränkt, sondern sie
sind auch als Realursachen auf die Dinge bezogen, deren aktuelle Erkennt- kann sich auch auf das richten, was dem Wandel unterworfen ist. Das ist
nis sie ermöglichen. Die Sonne ermöglicht den Lebewesen der sichtbaren immer dann der Fall, wenn sie ihre Gegenstände nicht im Licht der Idee des
Welt Erzeugung, Wachstum und Unterhalt. Entsprechend ermöglicht die Guten betrachtet. Es ist schwerlich nur das dem sensiblen Bereich zugeord-
Idee des Guten dem Intelligiblen das Sein' als die ihm zukommende nete Sehen und Gesehenwerden gemeint, wenn von der Seele die Rede ist,
Existenzweise. Diese Entgegensetzung zeigt, daß hier besonders auf die die sich dem Entstehenden und Vergehenden zuwendet. Denn die auf den
Unveränderlichkeit des Intelligiblen abgehoben werden soll. - Die onti- Bereich der Wandelbaren sich richtende Seele hat die Beziehung aufs
schen Leistungen der Sonne und des Guten sind von ihren gnoseologischen Intelligible nicht in jedem Fall aufgegeben: Es ist die Meinung, die es, selbst
Leistungen unabhängig: Jedes dieser beiden Prinzipien weist die von ihm wandelbar, sowohl mit den wandelbaren Dingen als auch mit Ideen zu tun
gestifteten gnoseologischen Eigenschaften auch selbst auf. Nichts Entspre- hat, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Sie ist es, die die Bereiche des
chendes gilt aber hinsichtlich der von ihm gestifteten ontischen Merkmale. Sensiblen und des Intelligiblen auf eine Weise, die ihr selbst nicht deutlich
Zwar ist die Sonne sichtbar und die Idee des Guten denkbar. Doch die ist, miteinander verklammert.
Sönne gehört nicht mehr zum Bereich des Werdens, und die Idee des Guten Das Sonnengleichnis ist das einfachste der drei Gleichnisse. Es knüpft an
gehört nicht mehr zum Bereich des Seins, sondern liegt noch jenseits dieses eine kurze Rekapitulation der Ideenannahme an und scheint zunächst nur
Bereichs'. die Aufgabe zu haben, die Vorstellung zweier in einer eindeutigen Rangord-
Die Sonne fungiert im Gleichnis nicht nur als Element einer Proportiona- nung und in einem Analogieverhältnis stehenden Welten zu illustrieren.
litätsanalogie. Sie erfüllt außerdem eine Vermittlungsfunktion zwischen Doch es bleibt bei diesem Analogieverhältnis nicht stehen. Denn durch die
den Sphären des Sensiblen und des Intelligiblen. Sie ist im Gegensatz zu Meinung werden die beiden Sphären in einer Weise aufeinander bezogen,
allem anderen Sichtbaren nichts Entstandenes. Doch ihre Seinsweise ist die sich nicht mehr aus jenem Analogieverhältnis ergibt. So zeigt sich am
deswegen nicht die der Intelligibilia. Daher werden durch sie die beiden Beispiel der Meinung gerade die Asymmetrie der Zweiweltenvorstellung.
Bereiche miteinander verklammert. Diese Verklammernng verbietet es, im Hier werden Differenzierungen nötig, die sich am Modell des Sonnen-
Sonnengleichnis ausschließlich eine Symbolisierung intelligibler Sachver- gleichnisses zwar noch andeuten, aber nicht mehr gut entwickeln lassen.
halte durch anschauliche Modelle zu sehen. Die Betonung des göttlichen Damit sind die Aufgaben gestellt, die mit Hilfe des nächsten Gleichnisses,
Charakters der Sonne im Gleichnis ist ebenfalls von hier aus zu verstehen. nämlich des Liniengleichnisses, bewältigt werden sollen.
Auch mit der Bezeichnung der Sonne als eines Abkömmlings der Idee des
Guten wird die Verklammernng zwischen den bei den Bereichen deutlich
gemacht. b) Das Liniengleichnis und der Bereich des Mathematischen
Geht es um die Beziehung, wie sie in jedem der beiden Bereiche zwischen Das Liniengleichnis (S09dff.) schließt fast unmittelbar an das Sonnen-
Erkenntnisvermögen und Erkenntnisobjekt besteht, so sind die Merkmale gleichnis an. Es ist nur durch ein ganz kurzes Zwischengespräch von ihm
von Bedeutung, die nicht mehr durch ein Proportionalitätsverhältnis getrennt. Das anschauliche Material, mit dem das Sonnengleichnis arbei-
gedeckt sind (S08d.): Richten sich die Augen auf das, was von der Sonne tete, hatte die Aufgabe, bestimmte Proportionen darzustellen. Im Linien-
beleuchtet wird, so können sie ihren Gegenstand deutlich sehen. Des gleichnis sind hingegen Proportionen als solche das Darstellungsmittel, mit
Nachts scheinen sie dagegen fast blind zu sein. Richtet sich die Seele auf dessen Hilfe unanschauliche Sachverhalte symbolisiert und verständlich
das, was vom höchsten Prinzip beleuchtet wird, so erfaßt sie es; dabei gemacht werden sollen. Dieses Gleichnis kommt mit einem Minimum an
erweist es sich, daß sie Vernunft' hat. Richtet sie sich aber auf den Bereich, Anschaulichkeit aus. Denn das Veranschaulichungsmittel ist lediglich eine
der mit dem Dunkel vermischt ist, nämlich auf das, was im Entstehen und mathematische Konstruktion. Wohl kann man die nach einer bestimmten
im Vergehen begriffen ist, scheint sie keine Vernunft mehr zu haben. Dann Konstruktionsvorschrift geteilte Linie in einem anschaulichen Bild darstel-
hat sie es nur noch mit Meinungen" zu tun, die sie fortwährend wechselt. - len. Der Bezugspunkt dessen, was mit Hilfe des Liniengleichnisses mitge-
Die Differenz ist deutlich: Das Auge hat es mit sensiblen Dingen zu tun, die teilt werden soll, bleibt aber auch in diesem Fall das Konstruktionsschema
es - je nach Beleuchtung - deutlich, schwach oder gar nicht sieht. Der Seele selbst und nicht etwa ein sinnenfälliges Bild dieses Schemas. Es ist kein
entspricht dagegen nicht nur eine Gegenstandsklasse. Denn sie ist nicht auf Zufall, daß gerade im Zusammenhang des Liniengleichnisses die Grund-
züge einer Theorie der Mathematik entwickelt werden. Aber schon das
5 ro elvai 1:e uai 1} ouala, vgl. Rep. 509b. 6 br:iI~eLva 1:~q ovaia~, Rep. 509b. Darstellungsmittel selbst verkörpert mathematisches Denken. Wer es ver-
7 voii~, Rep. S08d. • Mgw, vgl. Rep. 508d. stehen will, muß die Einstellung realisieren, durch die im Gleichnis selbst
202 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 203

der Mathematiker charakterisiert wird. Das Gleichnis zeigt daher auch an man die vier durch die Teilungen entstehenden Sekundärabschnitte als A,
sich selbst etwas von dem, wofür es steht und worauf es bezogen ist. B, C, D, so ergibt sich auf Grund der Konstruktionsvorschrift:
Das Gleichnis knüpft an die Unterscheidung der Sphären des Sensiblen A : B = C : D = (A + B) : (C + D)
und des Intelligiblen an. Anders als zu Beginn des Sonnengleichnisses steht Eine elementare Zwischenrechnung ergibt, daß "B = C" gilt.
das Sensible hier aber nicht mehr als möglicher Gegenstand der sinnlichen Sokrates weist auf diese sich aus seiner Konstruktionsvorschrift erge-
Wahrnehmung im Blick, sondern als Bezugspunkt der Meinung. Das wird bende Konsequenz nicht eigens hin. Auf diese Tatsache darf man jedoch
durch die später dem Bereich des Sensiblen zugeordneten Wissensformen nicht die Meinung gründen, die Existenz einer mittleren Proportionale sei
evident. Doch im Liniengleichnis ist die Unterscheidung jener beiden ohne Bedeutung für das, was mit Hilfe des Gleichnisses gezeigt werden soll.
Sphären nur der Ausgangspunkt weiterer Differenzierungen, die innerhalb Ohnehin ist man beim Studium von Platons Dialogen stets gehalten, auf die
jeder der beiden Sphären vorgenommen werden: Dem Sensiblen und dem Möglichkeiten indirekter Mitteilung zu achten. Hier liegt ein sehr einfacher
Intelligiblen werden die verschieden langen Abschnitte einer Linie zugeord- und leicht durchschaubarer Fall einer indirekten Mitteilung vor. Wer eine
net, die in ungleichem Verhältnis geteilt worden ist; jeder der beiden Konstruktionsvorschrift angibt, darf sich jedenfalls auch alles das zurech-
Abschnitte wird sodann noch einmal geteilt, und zwar in demselben nen lassen, was sich ergibt, wenn man diese Vorschrift befolgt.
Verhältnis, in dem schon die ursprüngliche Linie geteilt worden war. Die meisten Deutungen des Liniengleichnisses sehen von der für die
Wenn sich Sokrates eines derartigen Veranschaulichungsmittels bedient, Teilung maßgeblichen Konstruktionsvorschrift ab. Oft sind sie nur an dem
tut man gut daran, jedes Element der Konstruktionsvorschrift ernst zu Faktum orientiert, daß eine Linie durch irgendwelche Schnitte in zweimal
nehmen. Das braucht durchaus nicht zur Mikrologie oder zur Überinter- zwei Teilstrecken geteilt wird. Dann legt sich eine Deutung nahe, die im
pretation zu führen. Jedenfalls ist es sinnvoll, zumindest von der Arbeits- Liniengleichnis nur das Symbol einer viergliedrigen Stufenordnung sieht.
hypothese auszugehen, daß jedes Element eine spezifische Bedeutung hat. Der Gedanke einer Stufenordnung oder eines Schichtenmodells ließe sich
Geht man von einer solchen Hypothese aus, so hat man die Chance, jedoch durch andersartige Teilungen der Linie - etwa im Sinn einer
Zusammenhänge zu entdecken, die ohne sie oder auf der Basis der gegentei- geometrischen Reihe - auf eine zweckmäßigere Weise symbolisieren als
ligen Hypothese gewiß unentdeckt blieben. Das mit der Annahme der durch eine Teilung, die sich durch die von Sokrates angegebenen Konstruk-
Hypothese verbundene Risiko besteht dagegen lediglich darin, daß sie sich tionsvorschrift ergibt. Die Eigenart dieser Teilung spricht daher gegen jede
als unfruchtbar erweisen könnte. Deutung, die sich nur an der Vorstellung einer vierstufigen Klimax oder an
Im Gleichnis wird nicht etwa ein komplexes Gebilde aus Elementen einem Vierschichtenmodell der Wirklichkeit orientiert. Es gilt daher, nach
aufgebaut, sondern es wird eine zunächst einheitliche und kontinuierliche Strukturen zu suchen, denen das Faktum der sich bei der Teilung ergeben-
Linie in ungleiche Teile geteilt'. Dieser ersten Teilung der Linie entspricht den mittleren Proportionale entspricht".
die Differenzierung der Wirklichkeit im ganzen in eine sinnliche und eine Sokrates interpretiert das Modell der geteilten Linie im Blick auf die
intelligible Sphäre. Nichts wird darüber ausgesagt, welcher der beiden Unterscheidung sowohl von Gegenstandsbereichen als auch von Formen
Sphären der größere und welcher der kleinere Linienabschnitt zuzuordnen des Wissens und Erkennens. Dabei lassen sich Wissensformen und Linien-
ist. Sicher ist daher nur, daß beide Sphären nicht koextensiv sind. - Werden abschnitte eineindeutig aufeinander beziehen. Dagegen ist es schon nicht
beide sich durch die Primärteilung ergebenden Abschnitte in demselben mehr möglich, jedem Linienabschnitt genau einen Gegenstandsbereich oder
Verhältnis geteilt wie die ursprüngliche Linie, dann entstehen aus jedem jedem Gegenstandsbereich genau eine Wissens form zuzuordnen. Eine
dieser beiden Abschnitte je zwei ungleich lange sekundäre Teilabschnitte. befriedigende Deutung des Liniengleichnisses muß daher gerade diesen
Ein sekundärer Teilabschnitt des einen durch die Primärteilung entstande- Inkongruenzen gerecht werden können.
nen Abschnitts wird nun aber auf Grund der Konstruktionsvorschrift Den durch die erste Teilung der Linie entstandenen Primär abschnitten
gleich lang wie einer der sekundären Teilabschnitte des anderen Primärab- der Linie werden das Sichtbare und das Denkbare" als Gegenstandsberei-
schnitts. Hier handelt es sich um die mittlere Proportionale. Bezeichnet che zugeordnet. Damit ist der Anschluß an die Vorstellungswelt des
Sonnengleichnisses hergestellt. Als Wissensformen werden den Primärab-
schnitten nun aber nicht etwa Wahrnehmung und Denken zugeordnet.
9 Man hat wiederholt am " ävwa " (Rep. 5,09d) Anstoß genommen. Weder die Textüberlie-
ferung noch der Zusammenhang des Arguments berechtigen einen jedoch an dieser Stelle zu
Eingriffen in den Text. Der Gedankenzusammenhang, der durch das Liniengleichnis mitgeteilt 10 Vgl. dazu besonders den Aufsatz von J. S. Morrison, Two Unresolved Difficulties in the

werden soll, würde sogar weniger deutlich werden, verzichtete man darauf, für die durch die Line and Cave, Phroncsis 22,1977,212-231.
Primärteilung entstehenden Abschnitte ungleiche Längen zu fordern. . 11 O{}Wl1fVOV yevOf - VOOU/lEVOV yivoS', o{}arOV ftc5oS' - v01Jr6v elc50S', vgl. Rep. S09d.
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204 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 205

Denn jedes sinnenfällige Ding ist zugleich auch ein Objekt der Meiuung". aber muß man eine Reflexion vollziehen, die nach dem Standpunkt fragt,
Zwar .bezieht sich die Meinung vornehmlich auf den Bereich der wahr- von dem aus die einzelnen Wissensformen unterschieden werden. Wer
nehmbaren Dinge. Doch sie selbst ist etwas ganz anderes als die schlichte nämlich Wissensformen voneinander unterscheidet, steht selbst nicht
Wahrnehmung, iusofern nämlich, als sie ihre Gegenstände jeweils als etwas außerhalb des Bereichs, der durch solche Unterscheidungen gegliedert
Bestimmtes auffaßt. Das gnoseologische Korrelat des ersten Primärab- werden soll. Dann macht es aber für die Charakterisierung von Eikasia und
schnittes der Linie bilden mithin nicht Wahrnehmungen, sondern Meinun- Pistis einen wesentlichen Unterschied aus, ob sie nur gleichsam "objektiv",
gen über sie. Auch wenn sich die Meinung auf wahrnehmbare Gegenstände d. h. vom Standpunkt eines außenstehenden allwissenden Betrachters aus
richtet und sie beurteilt, enthält sie stets Elemente, die nicht aus der den Abbildern und den Urbildern im Bereich der sinnenfälligen Welt
Wahrnehmung stammen. zugeordnet werden, oder ob der Erkennende, der über beide Wissensfor-
Durch die Teilung des ersten Primärabschnitts entstehen zwei Sekundär- men verfügt, auch selbst für jeden einzelnen Fall unterscheiden kann, ob
abschnitte, denen Sokrates einerseits Pflanzen, Tiere und Artefakte (510a), gerade die Eikasia oder aber die Pistis in Funktion ist. Eine ausschließlich
andererseits die Abbilder dieser Dinge vom Typus der Schatten und Spiegel- objektive Unterscheidung der beiden Wissensformen wäre für den Erken-
bilder zuorduet (50ge). Schon innerhalb der sinnenfälligen Welt ist es also nenden selbst folgenlos. Denn er hätte keine Möglichkeit, diese beiden
möglich, Realitätsstufen im Sinne einer eigentlichen und einer abgeleiteten Formen und die ihnen zugeordneten Gegenstandsbereiche sicher zu unter-
Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden. Diesen beiden Gegenstandsbe- scheiden. Eine Unterscheidung zwischen Eikasia und Pistis wäre für den,
reichen werden auch unterschiedliche Wissensformen zugeordnet, und der beide Wissensformen realisiert, solange nutzlos, als er keine Einstellung
zwar dem Bereich der Abbilder die Eikasia, dem Bereich der soliden Dinge kennt, auf Grund deren er diese Unterscheidung auch selbst vornehmen
die Pistis 13 • In beiden Fällen handelt es sich also um Gestalten nicht des könnte. Man muß daher fragen, ob zu den einzelnen Wissensformen nicht
Wahrnehmens, sondern des Meinens. Da alle bisher erprobten Übersetzun- immer schon bestimmte Gestalten der Selbstdeutung gehören. Möglicher-
gen dieser beiden Ausdrücke fast zwangsläufig Irrtümer provozieren, ist es weise läßt sich die Frage danach, was eine bestimmte Wissensform, bei-
am zweckmäßigsten, hier einmal die griechischen Ausdrücke einfach als spielsweise die Eikasia, eigentlich ist, nicht unabhängig von der Frage
Termini zu übernehmen. danach beantworten, wie sie sich selbst sieht und deutet.
Die beiden ersten Sekundärabschnitte der Linie haben der Deutung von Die Zulässigkeit derartiger Reflexionen läßt sich nicht gut in Zweifel
jeher Schwierigkeiten bereitet. Es ist denn auch kaum einzusehen, warum ziehen. Das beweisen vor allem die von Sokrates im Zusammenhang mit
man dem Bereich der Sensibilia zwei verschiedene Erkenntnisstufen zuord- dem dritten und dem vierten Linienabschnitt vorgetragenen Überlegungen.
nen soll. Es scheint zunächst jeder Erfahrung zu widersprechen, daß Für die Bestimmung der dem Mathematiker zugeordneten Wissensform
Spiegelbilder und Schatten von Dingen der sinnenfälligen Welt eine andere wird dort nämlich die Unterscheidung wichtig zwischen dem, was mathe-
Wissensform erfordern sollen als diese Dinge selbst. Es wäre denn auch matisches Wissen ist und der Selbstdeutung, die der Mathematiker diesem
noch nicht einmal eine Verwechslung zwischen Ding und Abbild möglich, seinem Wissen angedeihen läßt. Die Inkongruenz zwischen beidem ist nach
wäre Jedem von bei den genau eine Wissensform eineindeutig zugeordnet. der Lehre des Liniengleichnisses für das Verständnis der dem Mathemati-
Eine Wissensform oder ein Erkenntnisvermögen, dessen Gegenstände aus- ker zugeordneten Wissensform sogar essentiell (510bf.).
schließlich Abbilder und Reflexe innerhalb des Bereichs des Sensiblen Die Proportionalitäten der geteilten Linie berechtigen dazu, analoge
wä~en, kommt zudem in unserer unmittelbaren Selbsterfahrung nicht vor. Verhältnisse im Bereich von Eikasia und Pistis zu suchen. Die Eikasia
Uber die Struktur von Eikasia und Pistis werden im Zusammenhang der würde dann im Bereich der Meinung ein Analogon zur Einstellung des
Erörterung des Liniengleichnisses ebensowenig nähere Aussagen gemacht Mathematikers im Bereich des Wissens bilden. Man darf also die Frage
wie über die Merkmale, auf Grund deren sich beide Wissensformen vonein- stellen, ob die Eikasia selbst weiß, was sie ist, - und sei es anch nur auf
ander unterscheiden lassen. Will man trotzdem nicht darauf verzichten, der latente Weise. Diese Frage zu stellen, bedeutet zugleich, sie zu verneinen.
Unterscheidung dieser beiden Gestalten der Meinung einen ausweisbaren Eine Eikasia, die genau wüßte, daß sie sich auf Abbilder und nur auf
Sinn zu geben, muß man Analogien von der Art aufsuchen, wie sie von der Abbilder richtet, wäre eben deswegen keine Eikasia mehr. Denn sie würde
Struktur des Liniengleichnisses her ohnehin nahegelegt werden. Vor allem ja Abbilder als Abbilder erkennen. Ihre Zuordnung zur Stufe der Abbilder
muß dann aber einen anderen Sinn haben. Man darf daher eine Dentung
12 ()o~aar6v, Rep. S10a; die schon 478af. verwendete Unterscheidung öo';aar6v _
versuchen, nach der sie das Abbild als solches gerade noch nicht erfaßt und
yvwarov läßt sich sinnvoll nur den durch die Primärteilung entstehenden Abschnitten
zuordnen; vgl. vor allem 533ef. daher noch nicht einmal innerhalb der sinnenfälligen Welt zwischen Urbild
13 elxaaia - ~/.an~, vgl. Rep. 511e. und Abbild unterscheidet. Nicht schon die bloße Existenz von Schatten-

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206 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 207

und Spiegelbildern rechtfertigt es, eine besondere Wissensstufe anzusetzen, dem dritten Linienabschnitt zugeordneten Stufe wichtig: Der Mathemati-
sondern allein die Möglichkeit, die Abbilder mit dem zu verwechseln, ker benutzt als Abbild, was sonst als Urbild gilt (510b). Die Abbilder, mit
dessen Abbilder sie sind 14 • denen er es zu tun hat, sind jedoch Abbilder nicht in demselben Sinn, in
Diese Möglichkeit liefert Argumente, die in der bei Platon an Mythos dem es die dem ersten Linienabschnitt zugeordneten Schattenbilder und
und Kunst geübten Kritik wichtig werden. So läßt es Sokrates dahingestellt Spiegelreflexe sind. Die Rede vom Abbild hat auf der Stufe des Mathemati-
sein, welchen verborgenen und in ihrem anschaulichen Gehalt nicht greif- kers selbst einen bildlichen Sinn. Dann stellt sich die Frage, wo man es im
baren Sinn die Geschichten von den Göttern möglicherweise haben. Auf wörtlichen Sinn mit Abbildungen zu tun hat. Das ist indessen vornehmlich
jeden Fall bleiben viele Göttergeschichten im Modellstaat .der "Politeia" dort der Fall, wo es um Spiegelreflexe und Schattenbilder geht. Das
schon deswegen verboten, weil der junge Mensch nicht zwischen der anschauliche Urbild des im Liniengleichnis auch im übertragenen Sinne
faßbaren Außenseite des Mythos und dem hinter ihr verborgenen tieferen verwendeten Modells der Abbildung wird also noch innerhalb seiner
Sinn unterscheiden kann". - Auch die Mimesiskritik der "Politeia" präsentiert.
erschöpft sich nicht darin, den Werken der darstellenden Kunst nur deswe- Diese Dinge sind auch für das Verständnis der bei Platon in überreichem
gen einen doppelt geminderten Wirklichkeitsrang zuzusprechen, weil sie - Maß ver~endeten bildlichen Ausdrucksweisen von Nutzen. Schon längst
von der Idee aus gesehen - nur Nachahmungen von Nachahmungen sind. hat man sich darüber gewundert, daß Platon die Bilder kritisiert und sich
Die darstellende Kunst verfällt vor allem deswegen dem Verdikt, weil ihr ihrer dennoch ständig bediene". Was jedoch in Wirklichkeit kritisiert wird,
Nachahmungscharakter allzuleicht verkannt wird. Wer sich auf der ist nicht das Bild selbst, sondern jene Einstellung, die das Bild noch gar
Erkenntnisstufe der Kinder und der unverständigen Leute befindet, kann nicht in seinem Charakter als Bild zu erfassen imstande ist und die daher
gerade in diesem Bereich durch Täuschungen leicht hintergangen werden glaubt, im Bild schon unmittelbar die Sache selbst zu besitzen. Trotzdem
(598bf.)I'. kann man auf Bilder nicht verzichten, solange man sich überhaupt der
Ist eine Deutung vertretbar, die die Eikasia als eine Gestalt der Meinung Sprache bedient. Man muß daher lernen, mit Bildern als Bildern umzuge-
versteht, die noch nicht einmal innerhalb des Bereichs der sinnenfälligen hen. Dann wird man nicht mehr Gefahr laufen, die Sache selbst mit ihrem
Welt zwischen Urbild und Abbild zu unterscheiden weißI', dann liegt es Abbild zu verwechseln, auch dann nicht, wenn die Sache selbst nicht
nahe, der nächsthöheren Erkenntnisstufe eben dieses Unterscheidungsver- unmittelbar, sondern allein im Abbild erfaßt werden kann I'.
mögen zuzusprechen. Die Pistis wäre dann nicht nur objektiv den soliden Die überaus knappen Ausführungen, die im Zusammenhang des Linien-
Dingen der Sinnenwelt zugeordnet. Sie wäre überdies fähig, innerhalb der gleichnisses über Eikasia und Pistis vorgetragen werden, erlauben es nicht,
Sinnenwelt auch selbst die Unterscheidungen zu treffen, zu denen man ihre Struktur und ihre Funktionen allein auf der Grundlage des Textwort-
fähig sein muß, wenn man Vorspiegelungen nicht mit der Wirklichkeit lauts aufzuklären. Will man diese Fragen nicht ganz auf sich beruhen
selbst verwechseln will. Die Pistis würde also nicht jeder der sich schon lassen, so muß man bereit sein, mit Analogien und Extrapolationen zu
innerhalb dieser Welt bietenden Täuschungsmöglichkeiten zum Opfer fal- arbeiten. Man wird sein Ziel erreicht haben, wenn man eine Deutung
len. Freilich wäre sie deswegen noch lange nicht gegen Irrtümer immun. gefunden hat, die in die Lücke paßt, die bei Platon durch das Fehlen
Wohl aber könnte sie die Möglichkeit einer Täuschung stets in Rechnung differenzierender Bestimmungen der Eikasia und der Pistis markiert wird.
stellen. Dieser Möglichkeit fiele die Eikasia gerade deswegen zum Opfer, Es bleibt aber immer noch die Möglichkeit, diese Lücke auf ganz andere
weil sie mit ihr gar nicht rechnet. Weise auszufüllen.
Die beiden ersten Abschnitte der Linie erfüllen aber auch noch eine Der dritte und der vierte Abschnitt der Linie stellen Zuordnungspro-
andere Funktion. Zwar wird die Abbildrelation im Gleichnis auch auf der bleme besonderer Art. Zwar wird bei den Abschnitten zusammen der
Bereich des Intelligiblen zugeordnet. Doch eine Lehre von den Ideen als den
14 Eine Parallele zeigt die Vorstellungswelt des Höhlengleichnisses. Die unterste Erkenntnis-
Gegenständen der intelligiblen Welt wird man hier vergeblich suchen. Man
stufe hat es hier nur mit Schattenbildern zu tun (Rep. 515a). Wer sich auf dieser Stufe befindet,
richtet sich auf Schatten, ohne zu wissen, daß es Schatten sind. Für ihn ist die Schattenwelt findet auch keine Einteilung der Intelligibilia, die es erlauben würde, zwei
bereits die ganze Wirklichkeit. Erst wer aus der Oberwelt in die Höhle zurückgekehrt ist, sieht echte Teilklassen zu bilden, von denen jede genau einem Linienabschnitt
nicht nur die Bilder, sqodern weiß auch, daß es Bilder von etwas sind (520e). Vgl. auch 476c,
402b.
15 Rep. 377d, 378d. 18 Vgl. z.B. Robinson, Plato's Earlier Dialectic, 2. Aufl. 1953, S. 218ft
16 Zur Deutung der Eikasia vgl. auch u~ten S. 218. 19 Im Bereich der Sinnenwelt ist die Sonne insofern ein gutes Beispiel, als sie vom Auge nur
17 Vgl. dazu auch G. Patzig, Platons Ideenlehre, kritisch betrachtet, Antike und Abend- indirekt, beispielsweise durch die Vermittlung von Spiegelungen, betrachtet werden kann;
land 16, 1970. S. 113-126. - Phd. 99d. Vgl. aber Rep. 516b.

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208 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 209

entsprechen würde. Denn dem dritten und dem vierten Linienabschnitt stufe realisiert. Es hat also einen guten Sinn, wenn der zweite und der dritte
werden gar keine gesonderten Gegenstandsbereiche zugeordnet, sondern Abschnitt der Linie auf Grund der Teilungsvorschrift gleich lang ausfallen.
unterschiedliche Tätigkeiten der Seele. Als Abgrenzungskriterium dienen Denn es handelt sich um identische Gegenstandsbereiche, die jedoch Ziel
die verschiedenen Weisen, auf die die Seele von den Gegenständen des unterschiedlich gerichteter Intentionen sind.
intelligiblen Bereichs Gebrauch machen kann. Nur so läßt sich der Dialekti- Die dem dritten Linienabschnitt zugeordnete Wissensform wird von
ker vom Mathematiker unterscheiden. Sokrates zunächst nur in abstracto charakterisiert. Erst als Glaukon Ver-
Es wird gesagt, in bezug auf den einen Abschnitt des Intelligiblen - also ständnisschwierigkeiten signalisiert (511b), erläutert Sokrates mit Hilfe der
den dritten Linienabschnitt - müsse die Seele von Hypothesen ausgehend Beispiele der Geometrie und der Rechenkunst, was eigentlich gemeint ist.
forschen, und zwar so, daß sie das, was vorher Urbild von Nachahmungen Diese beiden Beispiele haben zwar eine herausgehobene Stellung. Sie hören
war, jetzt als Abbild gebrauche". Von einem dem dritten Linienabschnitt deswegen aber nicht auf, Beispiele zu sein. Der Bereich der dem dritten
und nur ihm zugeordneten spezifischen Gegenstandsbereich ist hier also Linienabschnitt zugeordneten Wissensform wird durch sie noch nicht
nicht die Rede. Die Hypothesen bilden jedenfalls ebensowenig einen derar- erschöpft. Wohl aber kann man sich vorzugsweise am Vorgehen der
tigen Gegenstandsbereich wie die Dinge, die von der Seele als Abbilder Geometrie und der Rechenkunst orientieren, wenn man danach fragt, wie
benutzt werden. Es ist gerade die Zuordnung von Hypothesen und Dingen, die Hypothesen, von denen hier die Rede ist, verstanden werden wollen
die als Abbilder benutzt werden, die die Eigenart des dem dritten Linienab- (5IDc).
schnitt entsprechenden Bereichs ausmacht. Diese Zuordnung ist nicht Wer hier an den modernen Begriff der Hypothese denkt, mag vermuten,
gleichsam von Natur aus gegeben. Sie wird nicht vorgefunden und ent- es sei von bestimmten Sätzen die Rede, die innerhalb eines Satzsystems eine
deckt, sondern sie muß von der Seele praktiziert werden. Daher ist hier präzise angebbare Stellung einnehmen. Derartige Hypothesen sind stets
nicht lediglich die durch das Verhältnis des ersten zum zweiten Linienab- wahrheits differente Gebilde. Sie lassen sich verifizieren oder wenigstens
schnitt symbolisierte Abbildungsrelation um eine Stelle verschoben. Denn falsifizieren. Doch Hypothesen dieser Art sind an unserer Stelle nicht
die sinnenfälligen und soliden Dinge der zweiten Stufe gehen nicht darin gemeint. Ebensowenig können Axiome gemeint sein, wie sie in bestimmten
auf, Abbilder zu sein. Sie werden es erst, wenn die Seele mit ihnen als mit formalisierten Systemen von Sätzen eine ausgezeichnete Stellung einneh-
Abbildern umgeht. men. Schon die von Sokrates genannten Beispiele für Hypothesen gehören
Der dritte Linienabschnitt repräsentiert eine bestimmte Art der Vermitt- gar nicht dem kategorialen Typus des Satzes an". Hier handelt es sich um
lung zwischen Sensiblem und Intelligiblem. Daher sind diesem Abschnitt die geometrischen Figuren, die Unterscheidung des Geraden und des Unge-
sowohl die Intelligibilia als auch die dem zweiten Abschnitt entsprechenden raden sowie um die drei Winkeltypen und dergleichen. Es geht also nicht
soliden Sensibilia zugeordnet; freilich gehören beide nur insofern zum um Sätze des Mathematikers, sondern um die Gegenstände, auf die sich
dritten Abschnitt, als sie ganz bestimmte Funktionen erfüllen. Die soliden diese Sätze beziehen. Der Geometer macht in diesem Sinne eine Hypothese,
Dinge kommen daher im Linienschema zweimal vor, wenngleich in unter- wenn er ein bestimmtes Ding aus dem Bereich der sensiblen Welt als Kreis
schiedlicher Funktion. Einmal.sind sie Korrelate des zweiten Abschnitts. bezeichnet und es als Abbild dessen behandelt, im Blick auf das er seine
Als solche können sie Gegenstand der Wahrnehmung, vor allem aber Sätze formuliert und beweist". Die hier gemeinten Hypothesen sind also
Gegenstand der Meinung sein. Von der Meinung sind sie immer dann durchaus keine Sätze; sie sind etwas, was der Mathematiker bereits
direkt intendiert, wenn mit Hilfe von Prädikaten irgendwelche Aussagen zugrunde gelegt und vorausgesetzt hat, wenn er auch nur einen Satz aus
über sie gemacht werden. Zum anderen können diese Dinge aber auch als dem Bereich seiner Disziplin formuliert.
Abbilder in Anspruch genommen werden. Dann werden sie nicht mehr in Der Mathematiker bleibt nämlich stets an dem orientiert, was er seinen
ihrer Gegenständlichkeit intendiert, sondern nur noch indirekt in ihrer Sätzen gemäß der ihn charakterisierenden Einstellung zugrunde gelegt
Funktion als Abbilder. Zielpunkt der direkten Intention ist in diesem Falle hat'3: Er benutzt die sinnenfälligen Dinge nur als Abbilder. Seine Hypothe-
das intelligible Urbild. Dieses kann jedoch auf der dem dritten Linienab- sen stehen jedoch nicht unter dem Zwang, sich an empirischem Material
schnitt zugeordneten Bewußtseinsstufe nur dann intendiert werden, wenn
man sich eines sinnenfälligen Dinges als eines Hilfsmittels bedient. Man 21 -r6 u: n'Ef't'l"tov ",ai TO apnov nat Ta ax1f.tara xai ywvtmv l'Qtna &rÖt] "ai 6AÄa

bedarf seiner, solange man die dem dritten Abschnitt zugeordnete Wissens- oo111:"w1I aOc?qx! xaf}' bcaOTlJv f.lE{Joc5ov, Rep. 510c.
22 Vgl. dazu K. v. Fritz: Platon, TIleaetet und die griechische Mathematik, Neudruck
1969, Nachtrag S. 201.
20 1"0~ -rOTe j.uj.t77{}Efmv ~ eiXOatV XflOJj.tBVT/ I/fvxr, (rrrefv avayxa(;erat s,; V:rcO{}SOEWV, Rep. 23 mv Tetpaywvov avrov fve'Xa 1:OVf AOyOVf lrmOVf..leVOL xat öWllt-Qlov aVriif, aA}.' 'OV
510b. . ta{n;1J~ ~v Yl?aqJovaw, "al -raAAa oihw~, Rep. SIOd.

14 Wieland, !)!aton
210 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 211

bewähren zu müssen. Es sind keine Hypothesen, die bei mangelnder Hypothese zugrunde gelegt worden ist. Es ist daran gezweifelt worden, ob
Bewährung durch andere Hypothesen ersetzt würden. Die Hypothese des Platon wirklich recht daran tat, beide Disziplinen in dieser Hinsicht parallel
Mathematikers, von der hier die Rede ist, wird durch Dinge der sinnenfälli- zu behandeln 24 • So kann man etwa argumentieren, zwar sei der gezeichnete
gen Welt schon deswegen nicht falsifiziert, weil sie kein Satz ist und daher Kreis niemals exakt ein Kreis; er dürfe daher immer nur als unvollkom-
auch gar nicht dem Bereich der falsifizierbaren Gebilde angehört. Geome- mene Repräsentation eines bereits vorausgesetzten Standards behandelt
trische Einsichten über den Kreis lassen sich auch an Hand eines noch so werden. Eine Menge von drei Dingen repräsentiere dagegen den Standard
schlecht gezeichneten Kreises entwickeln und demonstrieren. Der vom der Dreiheit nicht nur in einer gewissen Annäherung, sonderu auf exakte
Mathematiker intendierte Kreis wird daher durch eine schlechte Qualität Weise. So scheint es, als bedürfe nur der Geometer, nicht aber der Arithme-
des Veranschaulichungsmirtels niemals "widerlegt". Zwar kann der tiker der Hypothesen. - Doch mit Überlegungen dieser Art läßt sich nicht
Mathematiker jederzeit ein mangelhaftes Veranschaulichungsmittel durch begründen, daß hinsichtlich des Hypothesengebrauchs in der Arithmetik
ein besseres ersetzen. Aber auch noch so große Mängel der als anschauli- prinzipiell andere Verhältnisse vorlägen als in der Geometrie. Sicher verhält
ches Bild des Kreises benutzten Figur werden ihn niemals zu einem Hypo- sich eine Menge von drei Dingen nicht auf genau dieselbe Weise wie der
thesenwechsel veranlassen, auf Grund dessen er im Veranschaulichungs- gezeichnete Kreis zu dem jeweils in Anspruch genommenen Standard.
mirtel etwas anderes als einen Kreis sehen würde. Es hängt allein von der Sicher ist jeder gezeichnete Kreis immer nur ungefähr ein Kreis, während
seiner Wissensstufe entsprechenden theoretischen Einstellung und von drei abgezählte Dinge niemals nur nngefähr drei Dinge sind. Trotzdem
seiner Intention ab, welches ideale Gebilde er durch eine bestimmte sinnen- liegen auch hier Hypothesen zugrunde. Man muß sie nur an einer anderen
fällige Figur veranschaulicht wissen will. Stelle suchen. Zählen kann man nämlich nicht, bevor m~n festgelegt hat,
Den bei den mittleren, koextensiven Abschnitten der Linie entsprechen was als Element, genauer: was als ein zählbares nnd zu zahlendes Element
unterschiedliche Einstellungen. Beide Einstellungen haben es, wenngleich in angesehen werden soll. Hier haben die Hypothesen also1genau die Funk-
sehr unterschiedlicher Weise, sowohl mit Inhalten des sinnlichen als auch tion, die Einheit jedes zu zählenden Gegenstandes zu konstituieren.
mit solchen des intelligiblen Bereiches zu tun. Auf Grund bei der Einstellun- Es hängt immer von einer Voraussetzung ab, ob nnd wann man etwas als
gen werden Aussagen gemacht, die sich auch auf Gegenstände der Sinnen- ein Ding und nicht etwa als viele Dinge behandelt. In unserer Welt gibt es
welt beziehen. In bei den Fällen bleiben die Aussagen aber auch auf etwas nichts, was von Hause aus nur Einheit und nicht zugleich auch Vielheit
bezogen, was selbst nicht mehr als Gegenstand der Sinnenwelt unmittelbar wäre. Zwar ergeben sich in der alltäglichen Lebenspraxis keine Probleme,
greifbar ist. Die Pistis sucht, als eine Gestalt der Meinung, den Gegenstand; solange man beispielsweise Münzen oder Tiere zählt. Hier hat man sich
auf den sich ihre Intention richtet, durch Prädikate zu bestimmen. Sie mag schon immer darauf geeinigt, was als ein Gegenstand zu gelten hat. Die
dabei die Erfahrung machen, daß auf ihren Gegenstand manche Prädikate Funktion, die die hypothetische Setzung der Einheit beim Zählen hat, wird
nicht genau oder nicht immer zu passen scheinen. In manchen Fällen mag sofort klar, wenn man versucht, Wolken oder Wasserwellen zu zählen.
es sogar so aussehen, als ließen sich einem Gegenstand gegensätzliche Selbst im Bereich der Lebewesen und der Artefakte bedarf man nicht selten
Prädikate zusprechen. Doch darin zeigt sich nur die Unsicherheit und die ausdrücklicher Hypothesen. üb es sich bei einem komplexen Gebilde um
Unbeständigkeit der Meinung. Keine Prädikation kann in diesem Bereich ein Haus oder um mehrere Häuser, um eine Pflanze oder deren viele
den Charakter der Vorläufigkeit jemals ganz verlieren. - Bei der Einstellung handelt, läßt sich immer nur im Blick auf einen bereits vorausgesetzten
des Mathematikers wird dagegen kein sinnenfälliges Ding durch wech- Standard entscheiden. Platon wußte, daß es in unserer Welt nirgends reine
selnde Prädikate bestimmt. Wenn das sinnenfällige Ding nur als Abbild Einheiten gibt, sondern stets nur solche Einheiten, die in anderer Hinsicht
benutzt wird, so bedeutet dies zugleich, daß sich die Intention primär auf auch wieder als Vielheiten angesehen werden können". Diese Einsicht
jene prädikative Bestimmung richtet, für die das Ding nur als anschauliches bildet einen der Knotenpunkte seines philosophischen Denkens.
Beispiel fungiert. Bei dieser Einstellung wird die prädikative Bestimmung - In Platons Akademie war die Frage nach der Existenz eines den Gegen-
und nicht der Gegenstand, dem sie zugeordnet wird - fixiert, wenn ein ständen der Mathematik vorbehaltenen Bereichs ein vielerörtertes Thema.
Ding nur noch als Abbild des mit dieser Bestimmung Gemeinten fungieren
soll. Die Wandelbarkeit der Meinung ist daher auf dieser Stufe bereits 24 Vgl. W. D. Ross, Plato's Theory of Ideas, 1951, S. 48ff.; G. Martin, Platons Ideenlehre,

überwunden. 1973, S. 541.


25 Vgl. Rep. 524bff., sowie Theait 153e. Welche Verwirrungen möglich werden, wenn eine
Geometrie und Rechenkunst werden als Beispiele für die dem dritten
entsprechende Hypothese nicht wirksam ist, zeigen die von Sokrates im Zusammenhang
Linienabschnitt zugeordnete Einstellung genannt, weil von bei den sinnliche seiner Selbstdarstellung im "Phaidon" (96ef.) vorgetragenen Überlegungen. Vgl. auch Phil,
Dinge als bloße Abbilder von Intelligiblem gebraucht werden, das als 14eff.; Theait. 152df.; Parm. 129c; Soph. 251af.; Nom. 963cf.
212 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 213

In der Platonforschung ist bis heute noch nicht der Streit darüber endgültig Frage, was alles geeignet ist, als Hypothese zu fungieren, für die Dinge
geschlichtet worden, ob Platon wirklich einmal einen zwischen Sinnenwelt unserer Welt als Abbilder in Anspruch genommen werden können. Nun
und Ideenwelt liegenden eigenständigen Bereich mathematischer Gegen- werden Zahl und Rechnung schon in allen anderen Disziplinen vorausge-
stände angenommen hat". Wer diese Frage im positiven Sinne beantworten setzt und von ihnen in Anspruch genommen28 • Die "Politeia" entwickelt
will, kann sich jedenfalls nicht gut auf das Liniengleichnis berufen. Zwar zudem ein Programm zur Mathematisierung von Einzeldisziplinen. So wird
erlaubt es das Liniengleichnis, von einem Bereich des Mathematischen zu eine mathematische Astronomie gefordert, die sich von der bis dahin
sprechen. Doch dieser Bereich ist gerade nicht durch die Existenz von betriebenen bloß empirischen Astronomie insofern unterscheiden soll, als
spezifischen Gegenständen charakterisiert, die sich nicht auch in einem sie die sichtbaren Vorgänge am Himmel nicht als solche konstatiert,
anderen Bereich fänden. Wer Mathematik treibt, ist nicht unmittelbar und sondern sie als anschauliche Beispiele für unanschauliche intelligible Ver-
ausschließlich mit spezifisch mathematischen Gegenständen befaßt. Die hältnisse betrachtet (529df.). Analog dazu wird auch eine nicht mehr
Intention richtet sich in diesem Fall auf Intelligibles und auf Sensibles ausschließlich auf die hörbaren Töne sich richtende mathematische Har-
zugleich: Das Intelligible fungiert als Hypothese, unter der das Sensible als monik gefordert (530cf.). Hier wird, wenn auch im Blick auf einen immer
Abbild betrachtet wird. Zwar haben innerhalb dieses Strukturgefüges die noch sehr beschränkten Anwendungsbereich, die Konzeption einer mathe-
intelligiblen Elemente den Vorrang, weil sich auf sie die primäre Intention matischen Naturwissenschaft entwickelt. Es läßt sich nichts Genaues dar-
des Mathematikers richtet. Doch sie sind selbst dann nicht eigenständige über ausmachen, wie weit sich Platons Intentionen hinsichtlich dieser
mathematische Gegenstände, wenn sich zeigen läßt, daß nicht alle Intelligi- Dinge erstreckt haben. Jedenfalls läßt sich der Sache nach auch noch das
bilia als mögliche Hypothesen für den Mathematiker in Betracht kommen. Vorgehen der mathematischen Physik der Neuzeit auf der Grundlage von
Sähe man vom Bereich der sensiblen Dinge ganz ab und verzichtete man Überlegungen deuten, wie sie im Zusammenhang mit dem dritten Linienab-
darauf, sich ihrer als Abbilder zu bedienen, würde man sich keinesfalls die schnitt vorgetragen werden. Die Einstellung, auf Grund deren man eine
Möglichkeit eröffnen, auf reinere oder exaktere Weise Mathematik zu prädikative Bestimmung intendiert und konkrete Dinge und Sachverhalte
treiben. Denn man hätte im Gegenteil damit auf die Möglichkeit von nur noch als Abbilder und Beispiele solcher Bestimmungen in Anspruch
Mathematik überhaupt verzichtet. Man kann sich demgegenüber auch nimmt, charakterisiert der Sache nach nicht nur den Mathematiker, son-
nicht gut auf die fraglos gegebene Möglichk'eit berufen, Mathematik aus- dern jeden, der sich um eine allgemeingültige Gesetzesaussagen intendie-
schließlich im Bereich des Imaginativen und der Vorstellung zu betreiben. rende Wissenschaft bemüht.
Denn auch dann hat man nicht vollkommen auf die Möglichkeit sensibler Bisher war vorn Mathematiker nur insoweit die Rede, als das, was seine
Repräsentanz des Intelligiblen verzichtet. Man hat vielmehr diese Möglich- Tätigkeit ausmacht, auf zutreffende Weise beurteilt werden sollte. Noch
keit nur auf die Ebene des Imaginativen projiziert. Denn man hat es in nicht berücksichtigt wurde die Selbstdeutung, die der Mathematiker sich
diesem Falle immer noch mit einem vorgestellten Sensiblen zu tun. - In der und seiner Tätigkeit angedeihen läßt. Diese Selbstdeutung kongruiert nicht
Gedankenwelt des Liniengleichnisses ist für die Annahme spezifisch mathe- mit dem Resultat der gegenständlichen Beurteilung der Tätigkeit des
matischer Gegenstände kein Platz. Eine solche Annahme wird erst auf der Mathematikers. Man könnte diese Inkongruenz auf sich beruhen lassen,
Grundlage einer Simplifizierung möglich, die den komplexen Verhältnissen wenn die Tätigkeit des Mathematikers durch seine Selbstdeutung nicht
im Bereich der Mathematik nicht mehr gerecht wird. So gibt das Gleichnis tangiert würde. Doch der Sache nach handelt es sich um eine Selbstdeu-
immerhin einen Hinweis auf die mögliche Genese jener Annahme. tung, die jene Tätigkeit nicht nur begleitet, sondern sie in ihrer Eigenart erst
Mit der Tätigkeit des Geometers und des Arithmetikers ist das noch nicht ermöglicht. Sokrates sagt, die Mathematiker verhielten sich in bezug auf
erschöpft, was dem dritten Linienabschnitt zuzuordnen ist. Beide fungieren die Hypothesen wie Wissende". Hier ist nicht gemeint, sie seien wirklich
nur als Beispiele und als Anfangsglieder einer Reihe, die sich fortsetzen Wissende oder aber sie seien mit Wissenden vergleichbar. Gemeint ist, daß
läßt". Sokrates führt diese Beispiele an, weil Glaukon Schwierigkeiten hat, sie sich selbst für Wissende halten: Sie glauben, über ihre Hypothesen als
die allgemeinere und abstraktere Formulierung zu verstehen (510b). Han- über etwas, was ohnehin jedermann evident sei30, keine Rechenschaft mehr
delt es sich aber nur um Beispiele, so stellt sich die Frage, wie weit sich der geben zu müssen, weder sich selbst noch anderen. Sie machen daher die
Bereich des dritten Abschnitts eigentlich erstreckt. Das ist zugleich die Hypothesen, mit denen sie umgehen, zu Prinzipien (vgl. 511b). Eben
26 Vgl. W. D. Ross, Plato's Theory of Ideas, 1951, S. 58ff.; J. Annas, On the "Intermedi-
ates", Archiv für Geschichte der Philosophie 57, 1975, S. 146-166. 28 rovw Ti) %OLv6v, 0 miaut Jr(}OaX(}WVTW TtXVat Te nat &aVOWl xui br:uJTr,f.w~, Rep,
27 ot JrE(!t 7:a~ yewßE7:(!{a; "(;e nut AOYWftOV; xai ta TOWV'W JrpUYIlUTeVO/1EVOL, Rep. 522c.
510c; vgl. 511b, cl, 533b. . 29 w~ eü56r:e~, Rep, 510c, 3U w~ n:avr:i tpavEQwv, Rep. 510d.
214 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 215

deswegen gelangen sie aber nicht zum wahren Prinzip. Sie erfassen die Gegenständen läßt sich allenfalls auf der Grundlage der der Einstellung des
Hypothesen nicht als das, was sie sind, und können daher auch nicht hinter Mathematikers zugeordneten Wissensstufe verständlich machen. Doch was
sie zurückfragen. Da sie ihre Hypothesen als Prinzipien deuten, gelangen sie allenfalls in bezug auf diese Wissensstufe gilt, darf man nicht als das letzte
nicht über sie hinaus, sondern langen schließlich wieder dort an, wo sie mit Wort Platons über diese Dinge ansehen. Nicht die Wissensform der Mathe-
ihrer Betrachtung begonnen hatten3l • matiker bezeichnet die höchste Stufe, sondern die des Dialektikers.
Der Mathematiker befindet sich mithin als solcher im Zustand einer Vor dem Hintergrund derartiger Überlegungen läßt sich eine sonst kaum
strukturellen Selbsttäuschung. Man kann diese Selbsttäuschung nicht auf- verständliche Formulierung deuten, die Sokrates von Platon in den Mund
heben, ohne zugleich auf die Möglichkeit zu verzichten, Mathematik zu gelegt wird: Die Mathematiker gehörten zwar zu denen, die etwas vom Sein
treiben. Natürlich kann ein Mathematiker für seine Person den Hypothe-, erfaßt hätten; jedoch träumten sie nur von ihm und könnten es im Wachen
sencharakter seiner Hypothesen einsehen. Aber in seiner Arbeit wird er nicht sehen, solange sie von Hypothesen Gebrauch machten, die sie unbe-
auch dann noch mit seinen Hypothesen so umgehen, als wären es Prinzi- weglich ließen und von denen sie keine Rechenschaft geben könnten
pien, die einer begründenden Erörterung weder fähig noch bedürftig sind. (533b). Die Traummetapher kann bei Platon sehr unterschiedliche Funk-
Die für den Mathematiker konstitutive Selbsttäuschung zeigt sich also tionen übernehmen. Hier soll sie die der Wissensstufe des Mathematikers
gerade an der Evidenz, die er für das in Anspruch nimmt, was in Wahrheit eigene strukturelle Selbsttäuschung symbolisieren. Der Träumende weiß
nur den Status einer Hypothese hat. nicht, daß er träumt. Er - und nur er - spricht seinen Traumbildern einen
Den Status seiner Hypothesen verkennt der Mathematiker auch in bezug Realitätsstatus zu, der ihnen in Wahrheit gar nicht zukommt. Solange sich
auf ihre Funktion, die Hinsicht zu markieren, in der sinnenfällige Dinge als in entsprechender Weise der Mathematiker keine Rechenschaft vom Status
Abbilder und Beispiele gebraucht werden. Hypothesen im Sinne des Linien- seiner Hypothesen gibt, wird er ihrem funktionellen Charakter nicht
gleichnisses sind immer Hypothesen für etwas. Man verkennt ihren Status gerecht. Dann hält er sie für etwas anderes, als sie wirklich sind. Aus
daher auch dann, wenn man davon absieht, daß der Mathematiker als solchen Gründen wird der Mathematik später sogar die Eigenschaft abge-
solcher stets auf die Dinge der Sinnenwelt angewiesen bleibt. Zwar inten- sprochen, Wissen34 im strengen Sinne des Wortes zu repräsentieren. Sie und
diert er etwas, was selbst nicht mehr sinnenfällig ist, sondern nur mit dem die ihr verwandten Künste würden nur gewohnheitsmäßig mit Hilfe dieses
Verstand" erfaßt werden kann. Er verkeimt dabei aber leicht, daß die Namens gekennzeichnet; strenggenommen bedürften sie jedoch eines ande-
Sinnendinge, die er als Abbilder benützt, im Zusammenhang seiner Tätig- ren Namens". Auf diese Weise begründet Sokrates die Einführung einer
keit eine unvertretbare und unverzichtbare Funktion ausüben. Schon die besonderen Bezeichnung für die Verstandeserkenntnis (Dianoia) als für
Sprache des Liniengleichnisses unterscheidet die Weisen, in der die Mathe- eine in der Mitte zwischen Wissen und Meinung stehende Erkenntnisstufe.
matiker jeden ihrer beiden Bezugsbereiche intendieren: Sie machen zwar Damit gelangen wir zu der dem vierten Linienabschnitt entsprechenden
Aussagen über sichtbare Dinge, doch im Sinn haben sie dabei nicht diese Erkenntnisstufe. Auch hier gibt es keinen Gegenstandsbereich, der dieser
Dinge selbst, sondern die Gebilde, denen sie gleichen; umwillen ihrer Stufe eineindeutig zugeordnet wäre. Ähnlich wie die dritte Stufe wird auch
machen sie ihre Aussagen33 • sie durch eine bestimmte Tätigkeit der Seele charakterisiert. Die Seele hat es
Der Mathematiker ist der eigentliche "Platoniker" im gängigen Sinne des auch hier mit Hypothesen zu tun. Doch sie bedient sich keiner Abbilder
Wortes. Er - und nur er - ist durch eine Einstellung charakterisiert, der eine mehr, wenn sie ihren Weg geht, der von der Hypothese zum vorausset-
Zweiweltenvorstellung entspricht und die es ihm nahelegt, den Hypothe- zungslosen, zum nichthypothetischen Anfang führt". Hier handelt es sich
sencharakter seiner Voraussetzungen zu verkennen und in ihnen gegen~ um etwas, das nur noch mit der dialektischen Fähigkeitl7 erfaßt werden
ständliehe Elemente einer höheren Wirklichkeitsstufe zu sehen. Manches kann. Der Dialektiker sieht, anders als der Mathematiker, in den Hypothe-
von dem, was gemeinhin mit dem Namen des Platonismus bezeichnet wird, sen nicht schon die eigentlichen Prinzipien. Er nimmt sie als das, was sie
hängt mit Platon nur insofern zusammen, als es jene Wissensstufe ausge- wirklich sind, nämlich als Hypothesen'". Sie dienen ihm nur als Ausgangs-
staltet, die in der "Politeia" auf exemplarische Weise dem Mathematiker
zugeordnet wird. Auch die Annahme von spezifisch mathematischen J4 enurr"f1f/, Rep. 533c.
JS öEoV'rw öf: 6v6f1aro~ äAAOV .. Dtavowv M aVT1)v EV Y8 -r:tp np6a1J8v nov WpWa/-l8{}a,
Rep. 533d, vgI. 511d.
31 TeAwn:VOiV ... br;i raum oJ äv hri aXf1/nv 6Q/lrlowm, Rep. S10d. 36 in' apXtlv avvno{}crov ig vno{}EaEw~ loiJaa xat aV8V '"wv nE(Jilxävo eluovwv, Rep.
32 Ötavow, Rep. 511a, cl, 533d. 510b, vgI. 511af.
33 TO~~ A6yov~ nE(]i ath:wv JWWUVWL, DU :nE[Ji rovrwv c:'havOOVf18VOL, dAA' Exdvwv 37 1jj miJ DtaUY8at'Jm ÖVva/1n, Rep. 511b.
Jr E(} L o{r; wfn:a EOL'Xe, mu TE1:{WYwvov avrov EV EX a mvS' A6yov~ nOLOVf1EVOt, Rep. 51 Od. 38 OlX~ vnO{}EaEL~ nOL01jf18VO~
oux aQXa~ aUa Hp Dvn vnO{}Ean~, Rep. 511b.
216 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 217

punkt. Zum obersten Prinzip gelangt er jedenfalls nur deshalb, weil er die die dem vierten Linienabschnitt zugeordnete Wissensform gemacht wer-
Hypothesen als das nimmt, was sie wirklich sind. Nur unter dieser Voraus- den. Der Inhalt der dem Dialektiker zukommenden Erkenntnis wird allen-
setzung kann er das tun, was später als "Aufheben der Hypothesen "39 falls gekennzeichnet, aber jedenfalls nicht - auch nicht exemplarisch -
bezeichnet wird. selbst mitgeteilt. So hat es der Dialektiker mit den Ideen rein als solchen zu
Damit ist die zwischen dem dritten und dem vierten Linienabschnitt tun, ohne daß er sich dabei sinnenfälliger Dinge als ihrer Abbilder zu
bestehende Verklammerung deutlich geworden. Mathematiker wie Dialek- bedienen brauchte". Im Gegensatz zum Mathematiker erkennt er ihren
tiker haben es beide mit Intelligibilia zu tun. Sie unterscheiden sich aber hypothetischen Charakter und kann insofern Rechenschaft von ihnen
durch die Art, wie sie mit ibnen umgehen und wie sie sie intendieren. Der geben". Doch das Gleichnis sagt nichts darüber aus, in welcher Weise der
Mathematiker hat seine intelligiblen Gegenstände jedenfalls mit dem Dia- Dialektiker auf die Ideen bezogen ist. Der Text zwingt nicht zu der
lektiker gemeinsam. Es mag sein, daß das Umgekehrte nicht gilt. Vielleicht Annahme, daß er sich zu ihnen wie zu Gegenständen verhielte". Minde-
können nicht alle Intelligibilia des Dialektikers vom Mathematiker in stens ebensogut ist mit dem Text eine Deutung verträglich, die das ihn
Anspruch genommen werden. Mit Sicherheit gilt dies für das oberste auszeichnende Wissen als nichtpropositionales Gebrauchswissen versteht.
Prinzip, die Idee des Guten. Damit stimmt im Gleichnis die Umfangsver- Der Dialektiker wäre dann derjenige, der mit den Ideen umzugehen ver-
schiedenheit des dritten und des vierten Linienabschnitts gut zusammen. steht. Auffällig bleibt auch die Bewegungsmetaphorik, deren sich Sokrates
Im Gegensatz zum Mathematiker kann der Dialektiker von seinem bei der Erörterung der obersten Wissensstufe bedient. Anders als der auf
Wissen und von dessen Elementen und Voraussetzungen Rechenschaft die Sinnendinge angewiesene Mathematiker bewegt sich der Dialektiker
geben. Das ist nicht so zu verstehen, als würde er etwas zunächst nur durch den ganzen intelligiblen Bereich; er steigt im Ausgang von den
hypothetisch Angenommenes nunmehr ableiten und beweisen. Inhalt, Hypothesen bis zum obersten Prinzip auf, kehrt jedoch wieder um, um den
Methode und Ergebnisse der dem dritten Linienabschnitt zugeordneten ganzen intelligiblen Bereich bis an seine Grenze zu durchmessen (511b). Zu
Disziplinen bleiben als solche von der Tätigkeit des Dialektikers unberührt. dieser Bewegung durch den ganzen Bereich des Intelligiblen ist er auch
Der Dialektiker hat nicht die Aufgabe, die Hypothesen des Mathematikers deswegen befähigt, weil er - anders als der Mathematiker - nicht mehr auf
zu sichern. Nirgends wird das Programm einer Übermathematik oder einer Dinge der Sinnenwelt angewiesen ist".
Mathematik mit nichthypothetischen Voraussetzungen entworfen. Der Man wird dem Liniengleichnis nicht gerecht, wenn man hinter ihm einen
Dialektiker kann daher als solcher den Bereich mathematischer Erkennt- Entwurf von der Art einer Zweiweltentheorie sucht. Die Unterscheidung
nisse auch nicht erweitern. Dagegen kann er unzutreffende Auffassungen einer sensiblen und einer intelligiblen Sphäre steht freilich am Anfang. Sie
vom Wissen des Mathematikers erkennen und berichtigen. Das gilt natür- entspricht der Primärteilung der Linie. Als Folge der durch die beiden
lich auch in bezug auf die Selbstdeutung des Mathematikers. Sekundärteilungen symbolisierten Unterscheidungen zeigen sich jedoch
Der Weg des Dialektikers führt zum voraussetzungslosen obersten Prin- vielfältige Verklammerungen zwischen beiden Bereichen. Was den einzel-
zip. Es läßt sich nicht gut bezweifeln, daß damit die Idee des Guten gemeint nen Abschnitten der Linie zugeordnet wird, sind in erster Linie Wissensfor-
ist. Zwar wird sie im unmittelbaren Kontext des Gleichnisses nicht beim men und Einstellungsmodalitäten und erst in zweiter Linie Gegenstandsbe-
Namen genannt. Das geschieht erst im Zusammenhang der auf die Darstel- reiche. Den beiden ersten Linienabschnitten entspricht nicht die Wahrneh-
lung der drei Gleichnisse folgenden Deutung". Doch auch unabhängig von mung, sondern die Meinung als eine vornehmlich den Dingen der sensiblen
dieser Deutung wäre die Identität des voraussetzungslosen obersten Prin- Welt zugeordnete Wissensform. Wo man es aber mit Meinungen zu tun
zips mit der Idee des Guten schon durch die Tatsache gesichert, daß die
ganze Gleichnisserie von Anfang an nur bezweckt, die Konzeption der Idee
des Guten zu erläntern. Dieses oberste Prinzip wird auch vom Dialektiker " Rep. 510b, 511c, 532a, 533b.
42 Rep. SiOe, 531e, 534b ()"oyov &c56vm bzw. Aaf1ßaVftV, Cm:oöiXEoiJm).
nur berührt (511b). Diese Metapher kommt nicht von ungefähr. Denn
43 Formulierungen wie Rep. S10b (avror~ dc5wl fn' Cn)TWV T~V I1Effobov JrOlOVf1.EVf/)
weder hier noch an einer anderen Stelle wird auch nur versucht, den Inhalt sprechen sogar eher dagegen; vgl. 511c.
der durch jene Berührung vermittelten Einsicht in einer sprachlichen For- 44 Viel behandelt ist das Problem, wie sich die Hypothesismethode im "Phaidon" (100aff.)
mulierung mitzuteilen. zu der in der "Politeia" im Zusammenhang mit dem Liniengleichnis vorgetragenen Lehre von
Entsprechendes gilt im übrigen auch für die anderen Aussagen, die über der mathematischen Erkenntnis verhält. Die Inkongruenzen zwischen heiden Ansätzen sind
offenkundig, Doch es ist nach dem Liniengleichnis nicht nur der Mathematiker, der mit
Hypothesen zu tun hat; auch der Dialektiker geht mit ihnen um, wenngleich auf ganz andere
39 avwpäv 1:"a~ v:rro{JEaf~~, Rep. 533c; vgl. 5"11a: 'rWlI VJrOiftOfWV Q:lIWrEgw exßa{vftv. Weise, Der von Sokrates im "Phaidon" erwähnte und praktizierte Umgang mit Hypothesen
" Rep. 532b, 534b. steht der Einstellung des Dialektikers näher als der des Mathematikers.
r
218 Die Ideen und ihre Funktion § 12: Beiträge zur Deutung der drei Gleichnisse 219

hat, ist auch immer bereits der Bereich des Intelligiblen mit intendiert". Die c) Zum Höhlengleichnis
Bedeutung der Unterschiede im Einstellungsmodus zeigte sich vor allem im
Verhältnis der zweiten zur dritten Stufe: Das Intelligible ist auf der zweiten Das Höhlengleichnis (514aff.) schließt ohne Zäsur an das Liniengleich-
Stufe nicht weniger, sondern nur auf andere Weise präsent als auf der nis an. Seine plastische Anschaulichkeit könnte gegenüber der durchsichti-
dritten Stufe. Auf der zweiten Stufe wird das Sinnen ding von der Intention gen Rationalität des Liniengleichnisses als Rückschritt erscheinen. Wichti-
fixiert und mit Hilfe von wechselnden, manchmal sogar gegensätzlichen ger ist jedoch die von den drei Gleichnissen gebildete Klimax: Im Sonnen-
Prädikaten bestimmt, die aber als solche noch gar nicht Gegenstand einer gleichnis wird der Gedanke mittels eines statischen Bildes symbolisiert. Das
bewußten Intention sind. Die dritte Stufe kehrt das Verhältnis um. Hier ist Liniengleichnis beginnt ebenfalls statisch; es geht dann aber bei der Erörte-
es eine prädikative Bestimmung, die direkt intendiert wird; das Sinnending rung des dritten und vierten Abschnitts zu einer Betrachtungsweise über,
hat nur noch akzidentelle Bedeutung, weil es nur noch im Hinblick auf die sich an der Tätigkeit und an den Bewegungen der erkennenden Seele
seine Funktion, jene Bestimmung zu veranschaulichen, betrachtet wird. Die orientiert. Im Höhlengleichnis schließlich stehen Bewegungen im Mittel-
Einstellung der dritten Stufe ist daher zwar noch auf irgendein sinnliches punkt. Dazu gehören nicht nur die verschiedenartigen Bewegungen, die
Substrat, aber eben nicht mehr auf ein bestimmtes Substrat angewiesen. Die sieb innerhalb des Höhleuraumes abspielen, sondern auch die Bewegungen
Substrate können bei dieser Einstellung variiert werden. dessen, der die Höhle verläßt und schließlich wieder aus der Oberwelt in sie
Beim Intentionsmodus der vierten Stufe schließlich wird auch kein zurückkehrt. Auch in diesem Gleichnis repräsentieren die einzelnen Teile
bestimmtes Prädikat mehr fixiert. Dieser Stufe entspricht die Fähigkeit, sich bestimmte Wissensformen. Diese Wissensformen werden hier jedoch vor-
unter den Prädikaten und den ihnen entsprechenden Intelligibilia zu bewe- nehmlich als Stufen eines Bildungsgangs betrachtet, den der designierte
gen und mit ihnen umzugehen. Damit wird auch deutlich, worin die durch Regent des Modellstaats zu durchlaufen hat. Zugleich sollen die Anstren-
die Konstruktionsvorschrift der Linienteilung geforderte Analogie zwi- gungen anschaulich gemacht werden, die derjenige auf sich zu nehmen hat,
schen der zweiten und der vierten Stufe besteht. Diese beiden Stufen der diesen Bildungsgang absolviert. Damit schließt das Höhlengleichnis
kommen nämlich darin überein, daß auf ihnen die Intention mit einer unmittelbar an die Thematik an, die die Erörterung der Idee des Guten erst
Mehrheit von prädikativen Bestimmungen zu tun hat, aber keine von ihnen nötig gemacht hatte, nämlich an die Frage nach dem Aufbau und den
fixiert. Die vierte Stufe ist dabei aber nicht mehr an einem Sinnending Inhalten des für die Bildung der Regenten zu entwerfenden Erziehungspro-
orientiert. Darin besteht die Differenz zur zweiten Stufe. gramms.
Eine entsprechende Analogie muß gemäß der Konstruktionsvorschrift Das Gleichnis beginnt mit der Schilderung der Höhle und des Zustandes
zwischen der ersten und der dritten Stufe bestehen. Zwar werden im der in ihr lebenden Menschen. Diese Menschen sind von Geburt an auf
Zusammenhang des Liniengleichnisses, wie schon erwähnt, über die Eika- vielfältige Weise gefesselt. Sie können sich in keiner Weise an ihrem Platz
sia als Intentionsmodus keinerlei inhaltlich differenzierende Aussagen bewegen; erst recht können sie diesen Platz nicht verlassen. Nur diese
gemacht. Darf man sich jedoch, wie durch das Analogiepostulat gefordert, Ausgangssituation ist durch die Abwesenheit jeder Bewegung charakteri-
an der dritten Stufe orientieren, dann könnte der Intentionsmodus der siert. Sie bildet den Hintergrund der im Gleichnis dargestellten Bewegun-
ersten Stufe dadurch charakterisiert sein, daß auch er an einem bestimmten gen. So bewegen sich Menschen auf einem Weg, der sich hinter einer
von ihm fixierten Prädikat orientiert bleibt, freilich ohne daß er das niedrigen Mauer im Rücken der Höhlenmenschen befindet. Sie tragen
zugehörige Subjekt als ein bloß veranschaulichendes Beispiel oder Abbild Gegenstände, die über die Mauer hinausragen. Alle diese Gegenstände sind
auffassen würde. Eine derartige Deutung ist vom Text freilich nicht gefor- Artefakte, nämlich plastische Nachbildungen von Lebewesen. Ein im Hin-
dert, wohl aber mit ihm vereinbar. Nach ihr läßt sich dann die erste Stufe tergrund brennendes Feuer läßt diese Artefakte Schatten auf die im Blick-
zwanglos als jenes abstrakte Denken im Sinne Hegels deuten, das seinen feld der Höhlenmenschen liegende Wand werfen. Schatten auf diese Wand
Gegenstand von einer und nur von einer seiner Bestimmungen _her versteht.