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um ist Schellings Systembeginn immer der gleiche gewesen: immer begann er


(und er hat solches entscheidend von Spinoza übernommen, aber auch Plotin
dürfte eine Rolle gespielt haben, nicht minder die Weise, wie das Alte Testament
begann) seine eigenen philosophischen Entwürfe mit dem Absoluten, und seit
1801 wurde das Absolute auch immer gleich gefaßt (und solches hatte Schelling
nicht minder von Spinoza übernommen, der darin die „Spaltung" bei Descartes
Horst Fuhrmans hatte zu überwinden versucht): als die Einheit der großen Seinsbereiche des
Das Gott-Welt-Verhältnis in Schellings positiver Philosophie Realen und des !dealen. Gott - der Ur-sprung alles Seienden - muß beide
Seinsbereiche in sich bergen, sollen beide Rang haben. Aber führend ist für
Die systematische Nachsuche nach Nachschriften der Schellingschen Münchner Schelling auch immer die Kategorie geblieben, die er erstmals 1801 - darin
Kollegs (1827-41) hat so glückliche Ergebnisse gehabt, daß Schellings Weg Spinoza überschreitend - angewandt hat, um weltliches Sein vom Göttlichen
von 1827-1836 überaus klar in unseren Blick tritt 1, in etwa aber auch der her zu begreifen: Welt ist explicatio Dei. Welt kommt aus einem Geschehen,
Weg von 1 8 3 6 - 4 2 2• Ich habe von daher einiges in den Kantstudien zu Schel- darin in Gott zunächst Verborgenes, Unentfaltetes aus-gebreitet wird. Welt ist
lings Spätwerk zu sagen versucht, dann aber in der Festschrift für Manfred sozusagen die „Breite" (Aus-breite) des Göttlichen. Sie kommt aus einem Vor-
Schröter 3• Das dort Gesagte soll hier aufgenommen und ein kleines Stück - gang der Ent-wicklung. Von daher hat Welt nach Schelling Rang und Würde,
mehr kann es nicht sein - weitergeführt werden. Was sich mir allem zuvor ja mehr: hat sie unmittelbar Bedeutung und zwar Bedeutung für Gott selbst.
dabei immer mehr aufdrängt, ist die überwältigende Kontimtität des Schelling- In der Welt als der ex-plicatio von zuvor nur Implicativem hat Gott etwas,
schen Philosophierens. Nicht als wenn es darin nicht Wandlungen gegeben hätte was er ohne sie nicht haben kann: seine zuvor unentfaltete Fülle als entfaltete.
- es gab sie natürlich - bedeutsame Wandlungen sogar (Identitätsphilosophie Diese Sicht bestimmt den Entwurf von 1801 ff., nicht minder den von
1801-06, alles Vorhergehende fasse ich nur als Weg zum eigenen System); 1809 ff. - bestimmt also Identitätsphilosophie und Weltalterphilosophie 4• Der
1809-21 Philosophie der Weltalter; 1 8 2 1 - 5 4 Positive Philosophie); was aber Unterschied zwischen beiden Philosophieen ist eigentlich „nur" dieser, daß ex-
fundamental ist, ist, daß Phase neben Phase nicht als ein Unverbundenes steht: plicatio 1801 ff. statisch gefaßt ist, 1809 ff. dynamisch. 1801 ff. ist explicatio
sie sind vielmehr tief miteinander verbunden, indem in allen drei Phasen meiner im Anschluß an Spinoza als ein ewig Geschehenes gefaßt: Welt hat danach
Meinung nach ein einziges Problem immer tiefer durchdacht worden ist und zu nie angefangen, sondern ist ewig mitgesetzt, weil Welt als explicatio Dei so
immer neuen Fassungen gezwungen hat: das Verhältnis von Gott und Welt. Je sinnerfüllend ist für Gott selbst, daß sie eigentlich nie nicht sein, sondern je
mehr man Schellings Philosophieren durchdenkt, desto frappierender sieht man, immer schon nur von Gott mitgewollt sein kann, wobei das Ganze so statisch
wie stetig und konsequent und wie ganz ohne Sprunghaftigkeit Schelling darin gefaßt war, daß das Werden und Vergehen der einzelnen Formträger (die ein-
seinen Weg gegangen ist. zelne Rose z.B.) belanglos war, waren doch die Formen selbst „ewig" und das
Dieses Philosophieren war immer als „Weltanschauungsphilosophie" ge- in allem Wandel des Einzelnen Durchhaltende. Geschichte wurde als belanglos
meint. Nie ging es darin um Einzelnes, sondern immer um das Sein im Ganzen, abgetan.
sodaß Einzelprobleme ,darin zweitrangig waren. Eigentlich ging es immer darum, Schellings Entwurf von 1809 ff. hat solches grundlegend geändert: er hat
Welt vom Göttlichen her zu verstehen, endliches Sein vom Absoluten her. Dar- explicatio darin nicht als ewig Geschehnes gefaßt, sondern als einen großen Pro-
ceß, als den großen Proceß sich folgender "Weltalter", deren Grundphasen
1 In meinem Besitz sind inzwischen eine Nachschrift vom S. S. 1827/28 (die im Besitz (,,Aonen") diese sind, daß weltliches Sein zunächst in Gott ruht (Aon der Ver-
von Gerbrand Dekker befindlichen Nachschriften eröffnen uns das S. S. 1828, das gangenheit), dann entfaltet wird zu Welt (Aon der Gegenwart), um schließlich
W. S. 1828/9 und das S. S. 1829 - im W. S. 1829/30 hat Schelling nicht gelesen), entfaltet zurückzukehren zu Gott (Aon der Zukunft). Dies: wie weltliches Sein
vom S. S. 1830, vom W. S. 1831/32, vom S. S. 1832, vom W. S. 1832/33, vom aus Gott hervorgeht und nach langem Weg dann wieder zu ihm zurückkehrt,
S. S. 1833, vom \V/. S. 1833/34, vom S. S. 1834 und vom W. S. 1835/36.
2 Vgl. die Veröffentlichung von M. Kaktanek, Schellings Seinslehre und Kierkegaard,
ist der große Kreis, den weltliches Sein vollzieht.
München 1962, S. 85 ff über die Mittermaier-Nachschrift, die ich ganz kenne. Schellings Philosophieren gewann darin die hohe Lebendigkeit zurück, die
Schellings erstes Berliner Kolleg ist uns ziemlich genau gegeben bei H. E. G. Paulus, seinem Denken um 1797-1801 zu eigen gewesen und die durch den Einfluß
Die endlich offenbar gewordene positive Philosophie der Offenbarung, Darmstadt Spinozas 1801 ff. zurückgedrängt worden war, eine Lebendigkeit, die Schelling
1843.
3 Der Gottesbegriff der Schellingschen positiven Philosophie, Sd1ellingstudien München

1965, s. 9 ff. • Vgl. mein Buch über Schellings Philosophie der Weltalter, 1954.
dann niemehr aufgegeben hat. Die Idee des Processes hat seit 1809 ff. wieder alles in „ewigen" Verhältnissen geblieben. Die Weltalterphilosophie hat hier
sein Fascinosum zurückgewonnen und bis zu Schellings Tod behalten 5• schon ungemein geändert. Die Ges<llichte des Seins war nun entscheidend Pro-
Das Weltaltersystem ist bekanntlich nie vollendet worden - die Offentlich- zeß: Ges<llehen in Phasen. Von da aus hatte Schelling ni<llt gezögert, auch von
keit hat mehr als einen Torso (die Freiheitsschrift von 1809 und die Schrift gegen einer „Entwicklung" Gottes zu sprechen. Gott war danam „im Anfang" nicht
Jacobi 1812) nie zu Schellings Lebzeiten kennen gelernt. Schelling ist 1812 in schon „fertig", will sagen: um sich wissende Person, er war ein „werdender"
ein langes Schweigen gegangen, ,das erst 1827 gebrochen worden ist durch seine Gott und konnte es nach S<llelling nicht anders sein. Idealistisme Sicht (vgl.
wiederaufgenommene Vodesungstätigkeit in München. Dieser Wiederbeginn Fichte) kannte kein „von Anfang" an fertiges Bewußtsein. Sol<lles war erst
begann dabei mit der Ankündigung, daß er über das „System der Weltalter" möglich in einem status secundus, darin das Ich durch Setzung eines Nicht-Ich
lesen werde, faktisch war das damit Begonnene der Beginn der positiven Philo- am Nicht-Ich zu si<ll selbst kommt. Das hatte alles bei S<llelling bestimmt: Faßte
sophie Schellings, von der nicht minder zu seinen Lebzeiten nichts veröffentlicht man das Sein im Ganzen als Prozeß, als Entwicklungsgeschehen, so ist Gott im
worden ist. Bis heute in ihrer Interpretation umstritten, sehe ich sie so, daß Anfang, im „anfänglichen Anfang", sozusagen im aller-aller-ersten Sein, wo
darin das 1809 ff. Konzipierte weitgehendst festgehalten, ja weitergeführt wor- alles noch ganz und gar ruht und implicativ ist, nur erst Ich an sich: sinnendes
den ist (zu einer Philosophie der Mythologie und der Offenbarung). Aber an Sein. Aber in einem (wenigstens logisch) nad1folgenden Akt ließ Schelling dann
einer entscheidenden Stelle hat Schelling aus dem 1814 (in einem seiner „Welt- die Mächte des „Realen" und „Idealen" •in Gott aufbrechen und daraus eine
alter"-Entwürfe) Erreichten fundamentale Konsequenzen gezogen, die tief an ganze Welt erstehen: die Welt der Ideen. Und sie brachten nach Schellings An-
die Fundamente des Ganzen griffen und Anlaß zu einer Neufassung und zur simt Gott das Wichtigste seines Seins: an ihnen und durch sie begriff Gott si<ll,
Auseinandersetzung mit Hegel geworden sind. kam Gott zu sich selbst, ,,wurde" er Person als um sich wissendes Sein.
Schellings Philosophie von 1801 an ist zumeist - und Schellings lässige Aus solchem Aufbrechen der Ideen leitete Schelling dann 1811 ff. die Setzung
Formulierungen waren daran nicht unschuldig - als Pantheismus interpretiert der Welt ab: die in Gott aufgebrochenen Ideen riefen (nach Schelling) Gott an,
worden. Wäre das wahr, dann wäre das System von 1801 ff. das System eines "muteten" ihm zu, ihnen doch über ihr nur ideales Sein hinaus auch reales zu
statischen (Welt ist Gott), das von 1809 ff. das eines dynamischen Pantheismus geben, ein Anruf, dem sich Gott (na<ll Schelling) nur zu bereit geöffnet hat,
(Welt ist der werdende, zu sich selbst kommende Gott), und dann wäre das sodaß er über die ideale Welt hinaus die reale setzte: Welt als die wesenhafte
System von 1809 noch „fragwürdiger" als das von 1801, indem es das Göttliche Realisierung von zuvor (nur) Idealem, wobei Schelling auch 1811 ff. diese Rea-
nicht nur mit dem weltlichen Sein identifiziert, sondern sogar einem Prozeß lisation als für Gott selbst ungemein Beglückendes faßte: schenkte sie doch Gott
ausliefert. Vom Theistischen her hätte sich darin sozusagen ein noch größerer real, was er ohne ihre Setzung nur ideal besitzt. Ja, indem nun explicatio als
,,Verrat" am Göttlichen vollzogen. Ich kann solche Interpretation nur ableh- großer Prozeß gefaßt wurde, konnte Smelling Welt und ihre Geschichte als den
nen: Schellings Philosophie war nie Pantheismus, sondern von Anfang an ex- großen Prozeß der (nicht pantheistis<ll gemeinten) ,, Verwirklichung" Gottes
plicativer „Theismus", darin Gott als Ur-schoß, als ens implicans immer von fassen. Welt und ihre Geschichte hatten nun unmittelbar Sinn für Gott selbst.
Welt als dem ens explicatum geschieden wurde (und so hat Schelling auch Spi- Sie beschenkten Gott selbst, da er durch sie seine zuvor nur implicative Fülle
noza immer gesehen), und Schellings Weg war von da aus her gerade nicht der als entfaltete empfing.
immer größere „Verrat" am Göttlichen, vielmehr genau umgekehrt: seine immer Die ganze Art aber, wie Schelling nun Sein im Ganzen als großen Entwick-
größere Erhellung und Abhebung vom weltlichen Sein zu eigener und klarer lungsprozeß faßte, hatte ungemeine Konsequenzen, die erst langsam bei Schel-
Transcendenz. Und diese Erhellung (der Hegelschen „Nacht, in der alle Kühe ling hervortraten. Schellings Gott ist 1809 ff. ein „werdender" Gott (niemand
schwarz sind"), hat die immer neuen Wandlungen der Schellingschen Philosophie kann das bestreiten). Aber Gottes entscheidendes Werden vollzieht sich nach
herbeigeführt. Genau gesagt: in Sd1ellings Denken war (wie in vielen Denkern dem Schelling von 1811 ff. nicht in der Welt, sondern in einem vorweltlichen
der christlichen Zeit) von Anfang an Plotin und das Denken der Bibel mitein- Geschehen. Gott ist smon vor dem Sein der Welt das Fundamentale geworden:
ander verbunden. Aber wenn darin anfangs Plotins Bythos den Primat hatte, Person als um sich selbst wissendes Sein 6• Ja, gerade daraus, daß Gott solches
so neigte sich alles bei S<llelling immer mehr dem „lebendigen'' Gott der beiden s<llon vor allem Sein der Welt geworden ist, wurde für Schelling 1811 ff. Welt.
Testamente zu. Wie id1 glaube, war das Absolute schon in der Identitätsphilo- Sie ist nicht der „Abfall der Idee" oder gar ein Sichhineinstürzen Gottes in die
sophie mehr oder weniger personal gefaßt. Aber das absolute Sein war von Welt und ihre Gesd1ichte, damit Gott darin zu sich selbst kommt. Solches hat
Schelling nicht näher durchdacht worden. Da alles „ewiger" Vorgang war, war
6 Was zugleid1 heißt: Personwerdung Gottes als "Verwirklichung" Gottes ist überhaupt
' wobei Schelling freilich erst in der Spätzeit begriff, daß „Proceß" nicht schon Ge- nur ein Thema des ganzen Processes, nicht das alleinige (vgl. mein Weltalterbuch
schichte i. e. S. ist. S. 297 ff.).
200 Horst ruhrmans L
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Gott „nicht nötig". Welt ist vielmeh r so u ver äne u nd f r eie, bewußte Setzung ernstnehmen, u nd Gott von alle r Nötig u ng, allem Drang und allem Zwang,
des zu sich selbst z u vor gekommenen Gottes 7 ! allem Ge n eigtsein z u . . . etc., lösen. Gott ist dann vom Wesen her vo n allem
Und hie r ist nun die Stelle, wo sich der Einsatz des späten Schelling voll- Zwang und aller Notwendigkeit freier Geist. Absolutes Sein ist los-gelöstes,
zogen u nd wo er seine Weltalterphilosophie grundlegend geändert hat. Schelling ist vo n Wesen freies Sein. Jede Philosophie, die Welt daraus ableitet, daß Gott
ließ im Gr u nde das Ganze der Weltalterphilosophie intakt und behielt die (das Absolute!) sie „irgendwie" bra u cht, nötig hat, daß si.:: ihm irgend etwas
wesentliche n Strukt u ren bei. Gott blieb wie schon 1801 ff. im anfänglichen Sein schenken soll und könnte, was er ohne sie n icht z u haben vermag, verfehlt das
die „absol u te I n differenz " . Wie 1809 ff. war er nicht schon von Anfang an Absol u te. Wahre Philosophie mu ß das Absol u te wirklich das Absolute sein
wissendes Sein, sondern wurde es erst in einem stat u s secundus: durch den Auf- lassen, das vo n Wesen her Voll-kommene und Voll-endeue: Seiendes, das je
br uch der Ideen in ihm. Aber - und das ist nun das Entscheidende und alles immer schon und vor aller Welt u nd unabhängig von ihr ins Volle „gekommen"
Bestimmende: wenn Schelling u m 1811 ff. von dahe r alles kontin u ierlich weite r - ist und sei n „volles Ende" erreicht hat. Das Vollendete muß von Wesen her,
geführt hatte (daß die aufgebrochenen Ideen Gott anr u fen u nd er sich nu r z u d. h. von Ewigkeit her Vollendetes sein u nd nicht Seiendes, das erst durch Welt
willig ihrem Anruf öffnet und sie real setzt, schenkt ihre „Realisie r u n g" ihm und ihre Geschichte solche Voll-endung erlangt. Schellings Gr u ndidee (u nd er
doch hohe Be r eicheru ng, die er ohne die Realisation nicht besitzt), so zerbrach hat sie nicht ohne Pathos immer wieder herausgestellt): anders kann niemand
er 1827 ff. seinen Entwurf an dieser Stelle - und damit alle weiterführende das Absolute wollen, wenn er das „Absol u te" wirklich als Ab-sol u tes versteht.
„Dialektik" - u nd rückte die These in die Mitte seiner Spätphilosophie (und So nu n Schellings Formulierung, in der er sich von der Weltalterkonzeption
sie ist die eigentliche Kernthese der positiven Philosophie, von der her alles seine löst: gibt es in Gott scho n den Prozeß der Entstehu n g der Welt der Idee n , so
neue Akzentuierung erhielt): kommt Gott v o r aller Setzung de r Welt zu sich kann es für ihn „selbst . . . nur völlig [!!] gleichgültig sein, ob die Momente
selbst, und ist dieses „Werden" Gottes sei n eigentliches Werden - kommt er des Prozesses etwa bloß logische sind [u n d bleiben] oder a u ch reelle sind; er
doch darin entscheidend „z u sich selbst": dann braucht Gott Welt nicht, von lernt sie . . . nicht erst dadurch kennen, daß er sie als voneinander abgesetzte
Wesen her nicht. Wirklich F u ndamentales kann ihr Sein ihm nicht mehr schen- verwirklicht" (S. W. XIII. 286). Von Gott her gibt es wesenhaft keine „Nöti-
ken, besitzt er solches doch schon v o r allem Sein de r Welt. Ist Bew u ßtwerdu n g gung, au s sich hera u szugehen" . Gewiß ist „Gott . . . nicht Gott . . . ohne die
des Ich mit allem Idealism u s Kerngeschehen alles geistigen Seins, so ist Gott Welt" (a. a. 0 . 250). Aber man verfälscht diesen Satz, wenn man ihn deutet:
schon vor allem Sein der Welt dieses Bedeutsamste geistiger Existenz. Welt muß oh n e reale Welt. Ideale Welt allein genügt ihm. Er kennt a u ch ohne reale Welt
vo n Gott her nicht sein. So wurde die These von 1801 ff. u nd 1809 ff.: daß sich selbst in der Fülle sei n er Möglichkeiten u nd·Ab-Gründe. Darum kann „der
Gott Welt „irgendwie" braucht, daß sie ihm Bedeu tsames schenkt, im Spätwerk E r folg .dieses Act u s [ der Weltsetz u ng] für Gott selbst doch eigentlich und letzt-
ganz aufgegebe n z u der Gegenthese: Gott bra u cht Welt entscheidend nicht. Er, hin oh n e Resultat sein . . . da er sich auch ohne diesen Actus, in seinem ersten
von sich au s, hat sie nicht „nötig". Für ihn ist sie nicht not-we n dig. Sie braucht sich lnnewe r den [scho n ], wo er die Gestalten z u erst [ = z u m ersten Mal] von
ihm keine „Not zu wenden". Den n es gibt keine für ihn z u wen<lende Not. sich . . . unte r scheidet, in der ganzen Vollständigkeit seines Sei n s erblickt" 8
Gott bra u cht Welt nicht als Feld seiner „Verwirklichung". Von Schelling nu n
immer ne u u nd höchst pointiert so form u liert : ob er die Ideen, die in ihm in 8 li.hnlich schon im W. S. 1827/28: Warum ist Welt? ,,er hat [sie] . . . für sich nicht
suat u secundo aufgebrochen sind, nun au ch real setzt oder in ihrer Idealität nötig. Er ist seines [Seins auch so] . . . sicher. Für wen ist denn diese Selbstdarstellung
beläßt: ihm selbst verschlägt's nichts! Ihre Setz u ng oder Nichtsetz u ng ist fü r [explicatio], diese Offenbarung? Für ihn selbst nicht. Er hat nicht nötig sid1 einen
ihn gleich gültig und damit „gleichgültig". Für sein tiefstes Sein: daß er Person Spiegel zu verschaffen, in dem er sich beschaut . . . " (N. 27/28 S. 271) bzw. diesen
Spiegel hat er bereits vor dem Sein der Welt durch das Reich der Ideen; hat er ihn
ist bzw. ,,wird" liegt an ihrer „Realisieru ng" nichts. Das hat er ohne ih r e so auch nicht „sofort" - in statu primo, so doch in statu secundo. Ja, Gott verbleibt
Realisation. Anders: Gott bra u cht zwar Welt, aber ihm genügt „n u r ideale" eigentlichen .keinen Augenblick in dieser Ewigkeit [des völlig unaufgeschlossenen
Welt. Schon an ihr kommt er z u sich selbst, wobei Schelling dem allen nu n - Seins], indem sich ihm die Möglid1keit [einer Welt „von Anfang an"] . . . darstellt.
und das sicher in der Front gegen Hegel - die pointie r te Fass u ng gegeben hat: Es stellt sich ihm dar als eine vollkommene Möglichkeit, weil es für ihn die erste
Gott ist schon vor dem Sein der Welt absoluter Geist, ist es im wö r tlichsten Möglichkeit . . . ist, und die Einsamkeit seines Seins durchbricht und Er so darin
den ersten Gegenstand seiner Ergötzung sieht, womit er sich beschäftigt" (N. 27/28,
Sinne. Er ist als Seiendes, das der Welt nicht bedarf, ens absolutissimum. Seien- S. 363). ,,Alle Dinge waren als ideale Vorstellungen, gleichsam als Visionen des
des, das von allem Zwang u nd aller Nötig u ng ,u n d Not-wendigkeit „gelöst" göttlichen Bewußtseins" schon vor Welt da. Und solches genügt für Gott; es ist
ist (ab-solutum). So ist es und so muß es sei n , sagt nun Schelling. Soll Gott schon Erfüllung. Vgl. eine späte Formulierung Schellings (wohl erst aus der Berliner
wirklich ens absolutissim u m sein, so mu ß Philosophie das e n dlich ganz und gar Zeit): ,,Gott ist nicht Gott ohne die Welt, heißt in neuerer Zeit so viel: er ist nicht
. . . absoluter Geist, ohne durch die Natur . . . hindurchgegangen zu sein . . . Aber
7 Vgl. Welcalterentwurf von 1814 S. W. VIII, 281 ff. Gott ist schon vor der Welt Herr der Welt, Herr nämlich, sie zu setzen oder nicht
202 norSt. r uuJ.1ud.u:>

(a. a. 0 . 277). Gott ist Geist vor allem Sein der Welt, dem Schelling nun -
1831/3 2: ,,Denn Geist nennen wir im Allgemeinen, was frei ist, sich zu äußern
gegen Hegel - die pointierte Wendung im Spätwe rk gab: Geist ist nicht (wie
oder nicht zu äußern, sich erkenn bar zu machen oder nicht erkenn bar zu machen.
Hegel anzunehmen meint), Seiendes, das sich aussprechen kann, manifestieren
Ein Körpe r ist keinesw egs frei, sich zu äußern oder nicht zu äußern. Er muß
kann und will, sondern Geist ist, was sich selbst behalten kann, was Herr ist
sich äußern: Aber der Geist äußert sich nur, wenn er sich äußern will. Bei dem
seiner selbst, was Verfüg ung hat über sich; in Schellings nun immer wieder Menschen ist Freihe it eine relativ e. Schon die Bedürf tigkeit seiner Natur nötigt
herausgestellter Formulierung (und ihre Pointe gegen Hegel ist unübersehbar): ihn, sich zu äußern. Aber der absolu te Geist ist notwen dig auch der schlechthin
Geist ist jenes, was „sich äußern und nicht äußern kann". Dies also, daß Geist Bedürfnislose . . . , er ist frei sich zu äußern oder nicht zu äußern ." (N. 31/32,
sich behalte n kann, daß er sich nicht äußern muß, daß Geist von Wesen her S. 93), ,,zu wirken oder nicht zu wirken " (Paulu s S. 472). Gott besitzt ohne
freier Geist ist - das ist Mitte des Schellingschen Spätwe rks geword en. Alle Welt sein eigenes Sein und alles Wichtige, was ihm eigen sein muß. So heißt es
seine Vorlesungen haben solches immer neu in die Mitte gerückt. So im W. S. nun bei Schelling immer wieder sehr betont : Gott ist schon vor und unabhä ngig
von Welt „der vollkom mene, der in sich beschlossene, sich selbst genügende,
zu s e tze n. De r . . . w e lch e r Schöpfe r s ei n kann, i s t . . . [scho n ] de r wirkl i che Gott . . . ; nichts außer sich bedürf ende und damit „absolute Geist" (S. W. X I I I . 250).
de n n e r i st s chon w i r kl i ch Go t t al s H e rr de r bloße n Po t e n ze n, u n d wü r de al s de r
„Der vollkom mene und nur darin auch absolu te freie Geist . . . , der nach keinem
e i n e We l t se tzen könnende . . . [s chon ] Got t s e in, w e n n auch [r e ale] We l t n ie e x i -
s tie rt e, d. h. w e n n er je n e Po t e nzen au f immer al s Möglichk e it e n be i s i ch beh i elte" außer sich strebend oder gezogen, keines außer sich bedürf tig, sondern in sich
(S. W. XIII, 291). Scho n de r Aufbr u ch de r Id e e n i n Go t t be freit ihn au s dem beschlossen und vollend et . . . ist" (a. a. 0 . ) . Er ist von Wesen her Seiendes, das
.nich t wiss e n de n " Se in de s ung e glie de r ce n Se ins . Sch e llin g ha t darum in de r Sp ä t z e i t sich selbst genügt, ja, das Einzig e, was sich genügt. Alles endliche Sein ist voller
(ab e r au ch s chon 1814 S. W. VIII, 290) se hr be t on t : w e nn man Go t t al s weltfr e i e n Bedürfnisse und Nöte, voll unerfü llter Potenz en. Gott ist actus purus, Sein
Got t woll e , s o be dür f e man n ot w e n dig de s Ph i los ophems de s Id e enrci d1e s in Got t ,
be dürfe ma n ei n es vorwel t li chen Ra u mes, i n de m s i ch da s (n otwe ndige ) , Z u -s i ch- ohne alle Potenz . Er ist reine Wirklichkeit.
komm e n Go t t e s " vollz i ehe . ,,Soll di e Welt n ich t al s e i ne Emana t i on der bloß e n Und dann fast hymnisch: ,,Er ist der durch sich selbst, durch seine Natur
gö t t lich e n Na t u r, s on dern al s f r ei ge se t z t e Schöpf u ng de s gö t t li ch e n Wille n s e rs ch e i - Einsame (solita rius)", jener, der ganz bei sich und allein bleiben kann, ist er
n en, s o w i rd schlech t e rdings ge forde rt , daß zw i schen de m s ei ne r Nat u r nach e w i ge n doch Fülle und Seligke it an sich selbst. Er ist „los, ledig und frei, . . . in diesem
Se i n Go t t e s un d de r Ta t , durch w e lche . . . di e We lt ge s etz t wi r d, e t was in de r Mi t te Sinne der absolute . . . ; denn absolu t sein heißt dem Sprachgebrauch gemäß . . . :
s e i" (XIII, 292). Echte Ta t kommt i mme r au s Üb e r le gu n gen (vgl. , n is i voli t um, qu od
no n cog n i tu m" ), au s ei ne r z u vor co n ci pi e r t e n „Id e e" ; n u r kopflo s es Handeln is t ganz frei von jeder Bezieh ung oder Verbin dung sein" (a. a. 0 . 260/61 ).
.be s i nn u nglos " . Ta t en a u s Freih e it komm e n au s übe r le gen. Ed1 t e Ta t „e x i s t i e r t " Es ist unübersehbar und des Staune ns wert: Der Gott des Aristoteles, dieser
z u vor immer „i de al" , ehe s i e s ich um s e tzt i n s Real e . Da r u m is t es e i n dri n ge ndes Gott, den Aristot eles unbekümmert um Welt von Ewigk eit her in der reinen
Po s t u lat für Go t t al s de n ab s olut e n Ge is t, ,,daß wir zwi s ch e n dem an si d1 ew i ge n Noesis leben läßt, ist hier nach langer Wande rung Schellings bei ihm wieder -
Se i n Gott e s un d der Schöpf u n gstat [ da s Re i ch der Id e e n) . . . an n ehme n müs se n ,
erstanden und neu gefeier t und von da aus ist die Ausein anders etzung
um die se al s de n fre i es ten Ent s chluß zu beg r e if e n " (a. a. 0 . 303). Solche Form u lie-
ru n gen gibt e s bei Sch e llin g s chon vom W. S. 1827/8 an. So i m W. S. 1831/32: , Z u mit H e g d begonnen worde n: ist Gott wirklic h absolu ter Geist, so muß man
de m Begriff der fr e ie n Schöpfu n g w i rd be s on de r s Ei n s e r for de rt , daß z w i sch e n dem vor seinem Sein mit aller „logisc hen", will sagen: dialektischen Philosophie auf-
s eine r Na t ur nach ew i gen Se i n Go t t es und zw i s ch e n de r Tat, durch welch e di e We l t hören, mit all jenen Versuchen, aus einer Dialek tik des Absoluten Welt und
e n t s t an de n, e twas in der Mi t t e s e i . Ohn e e i n s olch e s Mi t te l kö n n t e die We l t n ur al s
Geschichte ableiten zu wollen (daß der Geist sich „realis ieren" müsse, mani-
ei n e u n mittelba r e Ema n at i on de r Go t t he it gedach t w e rde n " . , U n st r e i t i g s t an d es in
de r Macht Gott e s, di es e Möglid1kei t be i sich zu behal t en . . . ". Ga n z ähnlich form u - festieren etc.), Philoso phie muß sich ang,esichts des Absolu ten von Grund auf
lier t e Sch e llin g i m S. S. 1833: ,,E s gi bt ke i n e [fre i e] Schöpf u ng we n n n icht zwi s chen zu einer „geschichtlichen" Philoso phie bekennen, zu einer Philosophie, die nicht
i hr u nd de r ab s olut e n Ew i gk e it e t was in de r Mi tte l i e gt . In s ofer n bi e t et j e ne Ur- apriori über das Absolu te verfüg en will, die vielme hr gewillt ist, a posteriori
möglichke i t de n Geg e nst and dar, mi t w e lch e m da s göt t l i clie B e wußtsei n be s cliäftigt den „Wegen Gottes nachzu gehen" , will sagen: der Geschichte seiner in Fr,eiheit
war vor de r Sd1öpfung . . . All e s , wa s wi r frei vollbr i n ge n , muß er s t i n u nse rn Ge -
dank e n s e in, e he es in de r Wirklichk e i t is t . Soll die Wel t n icht als e i n e n otwendige gesetzten Tat-sachen. Echte Philoso phie kann um des Absoluten willen nur
Emanatio n , s onde rn al s fr e i e Schöpfu n g erkl ä rt w e r de n , so gehör t daz u , daß di e s e ,,positi ve" Philoso phie sein: Philosophie, ,die nach-denkt (im wörtlichsten, zeit-
Welt im gö t tl i ch e n Ge danke n oder zu n ä ch s t in de r gö t t licli e n Imagi n a t ion be re its lichsten Sinn) dem vom Absolu ten „Geset zten", um es nachdenkend (im üblichen
dag e we s e n ist , e he s ie du rcli gö t tl i ch e n E n t s chluß i n di e Wi r kli chkei t hervo r tr at. Wi r Sinne) zu erschließen. Echte Philoso phie kann im weitesten Sinne nur Philo-
mü s s en e s al s zu di e ser Vor s t e llung vo n e ine r fr e ien Schöpfu n g (pa s s en d] be t rach t e n,
daß . . . Go t t alle se in e Werk e be kan nt s ind vo n Ew i gke it he r" (N. 33 S. 144). A n sophie der Offenb arung sein, Philosophie, die geduld ig dem sich Zug um Zug
di e s em ze n t rale n Gedank e n s ch e iter t, wie mi r s clie i nt , je de r Ve r su cli, Sch e llin g als offen-barmachenden Absolu ten nachgeht. Echte Philoso phie muß sich der Ver-
Ver t r e te r e i n e s dynamisd1 e n Panthei s mu s zu in t e rpre t iere n, wonach Go t t (e rs t) i n zauber ung eines „System s der Notwe ndigke it", und sei es eine noch so „heilig e"
der We lt z u si ch kommt. Go t t ha t di e se n „h i s t or is d1e n Cur s " n icht nö t i g. Notwe ndigke it, darin sich „ von selbst" eins aus dem anderen „notwe ndig" und
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von Sinn her ergibt, entschlagen und sich zum einen "System der Freiheit" be-
geringe, ,, B edürftigkeit" Gottes, di e ihn nach Welt verla n gen ließ, eine „Not",
ke n nen , das in der Freiheit des Absoluten gründet, eines Absoluten, das sich
die das Sein der Welt zu wenden v e rmochte. Welt und ihre Setzung war hier
äußern und nicht äußern, so oder auch anders äußer n kan n , was aber heißt:
Gott nicht völlig gleichgültig, sonder n er gewann etwas durch ihr Sein. Wenn
echte Philosophie muß nach Schelling, nimmt sie das Absolut e w i rklich als Ab-
aber das, dann waren diese Entwürfe nicht ins Rechte gekommen.
solutes ernst, auch auf das Wichtigste, ja Kostbarste verzichten, was ihr anliegt:
auf ei n Begrii n denwollen von Welt vom Absoluten her. Solches ist wesenhaft Im W. S. 1833/34 hat Schelling noch ein we n ig schärfer formul i ert : Nie sei
unmöglid1 . Echte Philosophie muß sich um des Absoluten willen zu de r Wahr- in seine n einstigen E ntwürfen das Absolute wirklich als Ab-solutes gedacht
heit (die nicht oh n e le i se Bitterkeit i st) beke n n en, daß Welt für Gott nur worden, denn sicher ist, daß wir „ n ur das System wahrhaft wollen können,
gleichgültig sei n kann, Seiendes, das er n icht braucht . . . Di e große Verführung, welches die Freiheit [d e s Absoluten] in unbedingtem Sinne behauptet. Was ist
die seit Spinoza jedes „System der Notwe n digkeit" ausgeübt hat, muß auf- [ab e r) Freihe i t im unbed i ngten Sinn? - Wenn ich mi ch in dem Fall befinde,
gegeben werde n . irgendetwas tu n zu wolle n oder n icht zu wolle n , so scheine ich mir allerdings
Ma n kan n es n icht übersehe n : es ist ein n euer Ton in Schelli n gs Reden: di e ses schon dadurch frei zu sein, daß die Wahl bei mir ist. D enken Sie sidi aber den
Pathos des Absoluten, aber zugleich - man sieht es n ich t oh n e Erschrecken - Fall so, daß mit meiner Handlu n g ein unschätzbarer Lebensgewi n n verbunden
dies e s Preisgeben vo n Welt, wobei es gerade die Größe seiner voraufgehenden sei, sogar ein Gewinn für mein besseres Selbst: we n n ein solcher P l"eis auf eine
E ntwürfe gewese n war, daß si e Welt vo n da her so sehr gefeiert hatten. Aber
Handlung gesetzt ist, wäre es nicht unnatürlich, wenn id1 mich nicht zu di e ser
der späte Schelli n g ist hier un erbittlich ge wesen , un d von hi e r aus hat er Handlung entschlösse? - Zwar bin ich nicht gezwungen, aber dennoch wird e s
alles Philosophieren der Kritik unterworfen: es habe fast n ie Gott als mir natürlich sein, die Handlung nicht zu unterlassen. Nun haben wir un s ja
Absolutes erreicht: nicht Plato mit seiner un geklärten Methexis, n icht Plotin [in der früheren Philosophie] ausgedrückt, ,,Gott sei es natürlicl1 " , Welt zu
mit seinem „überströmenden" Bythos; nicht Böhme mit seiner seltsamen setzen. - ,, E i n e unbedingte Freih e it sehe ich n ur da, wo es [ völlig] gleichgültig
„Gottgebärung", vor allem n icht Spi n oza, aber aud1 n icht Leibniz - und nid1t ist, ob idi etwas tue oder nicht tue. Nun könnte es aber wohl sein, daß ich für
zuletzt: er selbst! Alle diese System e seien „negative" Systeme gewesen - sein di e erste Ursache eine solche Freiheit verlange, die nur bei einer vollkommenen
eige n es eingeschlossen: sie seien „negativ" gewese n der Freiheit des Absolute n Gleidigültigkeit hi n sichtlidi ihrer selbst stattfände. Erst darin könnte ich die
geg e nüber. Von daher hat Schelli n g beka n ntlich nicht gezögert, von 1827 an wahre Freiheit der ersten Ursache zu sehen meine n , un d we n n wir einmal ein
in seinen Vorlesu n gen sei n eigenes Philosophieren zu kritisieren, wobei freilid1 System wollen können, das die Fre i heit der höchsten Ursadie behauptet, so
(aus hier nicht zu erörternde n Gründe n ) nicht seine ei n stige Weltalterphilosophie könn e n wir (nur] . . . ein System wolle n , das die unmittelbare, unbedingte
mitvorgelegt wurde, vielmehr nur sein Philosophi e ren bis 1806 9• Aber mit- Freiheit will. Es ist uns erlaubt, zu sage n : die höchste Ursache wollen wir in
gemeint waren sicher auch die Weltalterentwürfe, we n n Schelli n g z. B. im W. S. dem Sin n e, ut peri n de sit, ob es etwas außer sidi setzt oder nicht. So ist es aber
1832/33 formulierte: In seinem frühere n Philosophieren sei das Absolute immer klar, daß diese Freiheit in dem eben dargelegte n Systeme nicht ist. " 10 Nur wenn
so gefaßt worden, daß es ihm sozusagen „natürlicher" gewesen sei, Welt zu das Absolute so gefaßt wird, daß Setzung der Welt „u n beschadet seiner selbst
setzen als nicht zu setzen. We n n aber das: ,,Was fehlte hier also zur Freiheit und sein und nicht se i n kann, da n n werden w i r es als absolut frei betrachten."
zu einem [wahrhaft] geschichtlich e n Anfang? - Hier ist es notwendig, mit Schellings eigenes System bedarf darum nad1 Sdielling neuer Fassung. E s
aller Schärf e zu unterscheide n und sich n icht täuschen zu lassen. D ieses „natür- selbst un d mit ihr alle Philosoph i e bedarf der Reform um des Absolute n willen.
lich" schließt [gewiß] nicht alle Freiheit aus. Aber e s ist doch nicht in jeder Hin- „D i e wahre Reform wird erst die sein, weldie an Stelle des ungeschid 1tlidi en
sicht rei n e und vollkommene Freiheit - eine solche ist n ur da, wo es für mich [mit irgend e iner Dialektik des Absoluten arbeitende n ] das wahrhaft geschicht-
selbst vollkommen gleichgiiltig [gleich gültig) ist, welches von beide n ich tue. lidie System aufstellt" (N. 32/33 S. 13), ei n System echter Freiheit. , D ie Welt
Die höchste Ursache . . . soll [aber] ei n e in diesem Sinne freie sein, ut perinde als eine frei gesetzt e wollen und demnad1 eine n freien Geist als Setzenden der
sit, ob sie etwas außer sich . . . setzt: daß dieses relativ auf sie völlig gleich sei" Welt: di e s muß die Philosophie entschieden ausspredie n . . . D amit [aber] dieser
(N. 32/33, S. 131). Nimmt man irge n dein Bedürf n is in Gott an, un d se i es auch Geist . . . wirklidi frei sei, je n es Sein zu setzten oder nicht zu setzen, zu diesem
nur das geri n gste, irgend eine Not-wendigkeit, d. h. ei n e Not, die zu w e nden
wäre, so hat ma n das Absolute in sei n er Absolutheit nid1t erfaßt. Solches geschah 10 Die Nachschrift von Bernhard Fuchs (vgl. dazu mein Buch „Schellings letzte Philo-
aber in den ei n stigen Entwürfe n . Immer gab es da eine, we n n auch n och so sophie" S. 312 und: Blätter f. deutsche Philosophie 1940, S. 265 ff) setzt noch hinzu:
N u r da ist „ u nbedingte Freiheit, wo es einerlei und vollkommen gleichgültig ist, ob
• Vgl. Kantst u dien Bd. 47 (1955/56) S. 384, dort auch Schellings Kritik vom W. S. ich etwas tue oder nicht tue. Wenn ich z. B. einen Spaziergang aus der Stadt machen
1827/28. will - ohne alle Ncbenabsid1ten - so liegt doch nichts daran, ob id1 links oder
rechts u m sie herumgehe . . . "
206 Horst Fuhrmans Das Gott-Welt-Verhältnis in Schellings positiver Philosophie 207

Ende muß er eben vollkommener Geist sein, d. h. in sich beschlossen und voll- ken, das schon in Erlangen so verheerend begann. Welt hatte für Schelling ihren
endet . . . " (N. 31/32, S. 93). In einer anderen Formulierung Schellings, die bald Glanz verloren - zu solchem paßt nur zu sehr, daß die Spätphilosophie den
höchstes Gewicht bekam: Gott muß von Wesen her Herr sein und als Sein vor 1809 so großen Mythos des „Realen" wieder aufgegeben hat, dieses Faszinie-
aller Welt Sein in absoluter Herr-lichkeit. Kein Drang darf ihn bedrängen. rende seines damaligen "Real-Idealismus", der das „Reale" nicht als das Gegen-
Keine Notwendigkeit ihn zu einem bestimmten Handeln veranlassen wollen. geistige faßte, sondern als die große, allem Werdenden Dynamik gebende Macht,
Dann wäre Gott nicht absoluter Herr seiner selbst und seines Tuns: Herr seiner ohne die Seiendes nicht wahrhaft lebendig zu sein vermag. Solches verkündet die
Entschlüsse. An Gottes Herr-lichkeit muß echter Philosophie alles gelegen sein". Spätphilosophie nicht mehr, so wenig, wie sie Welt noch als Beglückendes für
Ich bin der Meinung, daß hier die Mitte des Schellingschen Spätwerks liegt: Gott faßt (obwohl Ansätze dazu nicht völlig aufgegeben sind) 13• Die Spät-
dieses späte Philosophieren ist der leidenschafl:liche, ja pathetische Kampf um philosophie ist kaum noch „Welt"-Philosophie. Sie grübelt - und es begann
die Absolutheit des absoluten Geistes. Um dessentwillen ist die Weltalterphilo- schon 1811 - fast nur noch um Gottes Sein und seiner Erhellung gilt fast die
sophie geändert worden, so sehr auch Wesentliches davon geblieben ist. Geht ganze denkerische Arbeit. Alles war nun einzig darauf gezielt, die absolute
man den Vorlesungen Schellings in den Münchner Jahren nach, so erfährt man Absolutheit endlich zu gewinnen, so daß die Entwicklung des göttlichen Seins
erst wirklich, wie wesentlich ihm das genannte Anliegen war. Die ganzen Vor- in den „Weltaltern" nicht mehr gültig bleiben konnte . . . Aber neben solchem
lesungen sind im Weg der Münchner Jahre nicht sonderlich geändert worden - gab es natürlich noch andere Gründe: allen zuvor war Hegels Aufstieg bedeut-
aber es gab immer neue Einschübe, neue Formulierungen, ,,Ausflüge" Schellings, sam: 1812 das Erscheinen des 1. Bandes der „Logik", dann aber vor allem 1817
um sein eigentliches Anliegen weiter zu nuancieren und klarer herauszustellea. das Erscheinen der „Encyklopädie". Grübelte Schelling über einem neuen Ge-
Ich muß es mir im Rahmen dieses Aufsatzes versagen, im Einzelnen den samtentwurf, ohne daß er ihm gelang, so mußte er nun sehen, wie der einstige
Gründen nachzugehen, aus denen heraus sich Schelling so geändert hat. Es gibt Freund jetzt einen solchen vorlegte. Aber hier begann auch Schellings Anstoß:
der möglichen Antworten viele. Nahe läge es, anzunehmen, daß der einstige grübelte er seit längerem um ein umfassenderes System aller "Weltalter", das
Theologe Schelling wieder ins Theologische zurückgekehrt ist, daß das Pathos aus göttlicher Freiheit beginnen und in Gott enden sollte, wollte auch er einen
Gottes bzw. des Absoluten ihn überfallen hat, wonach Theo-logie primär Aus- alles verbindenden Zusammenhang dieses großen Prozeß des Seins, aber aus
sage sein muß (Logos) über GOTT; mag dann aus allem anderen werden, was Freiheit und Entschluß, so sah er in Hegels „Encyklopädie", wie hier ein unge-
immer. Nahe läge auch, darauf hinzuweisen, daß der späte Schelling weitere mein dialektischer Kopf wieder alles in eine einzige, umfassende Dialektik zu
Nähe zum Christlichen gesucht hat. Solches war sicher im Spiel. Aber ich glaube, fassen versuchte: in eine Dialektik des absoluten Geistes bzw. der Idee. Aber
anderes war bedeutsamer. Allem zuvor dies, daß Welt für den späten Schelling je tiefer Schelling darüber nachsann - und er tat es sicher mit dem wachen
ihren Rang, ja ihren großen Mythos verloren hatte 12, jenes, was in den Jahren Blick des Gegners - desto mehr schien ihm klar, daß hier ein Denken nicht zur
1801 ff. so groß gewesen war, aber auch - wenn auch in leise gewandelter Klarheit gekommen war. Im Gegenteil, der einstige Freund, der ihm 1807 vor-
Form - in der Weltalterphilosophie. Denn wenn sich Schelling auch in dieser geworfen hatte, sein Absolutes sei unerhellt (,,Die Nacht, in der alle Kühe
Phase der „Nachtseite" des Seins zugewandt hatte, so kann doch niemand über- schwarz sind"), schien seinerseits in einer „Nacht" seines Absoluten geblieben zu
sehen, daß solches nicht zuletzt sich aus romantischer Faszination ereignet hatte, sein. Da wurde zwar oft vom absoluten Geist gesprochen, von einem „Sich-
darin Böhmes große Welt alles bestimmte. entlassen der Idee", einem „Sichentschließen", aber war dieser „absolute Geist"
Aber mitten in solch neuem Unterwegssein ist dann Caroline gestorben. wirklich absoluter Geist? War er nicht auf Welt hin drängendes Sein, das sich
Manch „Romantisches" ist da bei Schelling abgebröckelt und hat allem anderen manifestieren will und muß als alles bestimmende Idee? Da wurde beim Über-
Akzent gegeben. Vor allem sind aber dann die schweren unfruchtbaren Jahre gang der „Logik" zur Naturphilosophie zwar vorn „Sichentlassen der Idee"
von 1814 ab gekommen, in denen Schelling die Vollendung seiner „Weltalter K gesprochen (und meinte das Ganze nicht im Tiefsten den „Übergang" des Ab-
nicht gelang, diese Jahre, die die eigentlich schweren Schellings gewesen sind - soluten zur Setzung von Welt?), aber gab es hier wirklich Freiheit, war das
was sich jedem, der sich mit Schellings Briefen dieser Zeit beschäftigt, mühelos Absolute überhaupt Person? Absoluter, von allem Zwang losgelöster Geist?
erschließt. In jenen Jahren ist viel in Schelling zerbrochen - wie sehr, das zeigt Doch offenbar nicht. Hier war - so schien es Schelling - nicht nur vieles un-
nicht zuletzt die mühsame Diktion der Spätphilosophie, jenes formelhafte Den- geklärt; hier schien eindeutig nach Spinoza ein zweites großes „System der Not-

11 Vgl. dazu meinen Aufsatz in den Schellingstudien 1965. Er zeigt, wie weit Schclling 13 In der Welt wird nach dem späten Schclling nicht Gott als Person, aber Welt bringt
sein Ringen um die Freiheit Gottes vorgetrieben hat. die Entfaltung der göttlichen Personen - eine Idee, die Schellings späten Entwurf
I! Vgl. mein Buch „Schellings letzte Philosophie", S. 207 ff, 228 ff. sehr bestimmt.
208 Horst Fuhrmans LJa.s \..:J'ULL- W t a L - Y C:1Uc:U.&.U1.') LU. •.1'.I.L\.,.L.U.&&&.> yv,u.1,.1. _
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wendigkeit" zu erstehen, das alles aus der N o twendigkeit der Idee zu begreifen hätte dann endlich seine Rehabilitierung finden können. Ist doch im Weg des
versuchte. Und von daher dürfte Schelling bald seine Aufgabe gesehen haben: abendländischen Denkens, fast v o n seinen Anfängen an, der eine P o l des Seins
es galt die einstige „Weltalter"-Philos o phie (das „System der Weltalter") nicht immer wieder als minderwertig, ja als nicht-ig abgedrängt und diskreditiert
zuletzt gegen Hegel klar und eindeutig als „System der Freiheit" aufzubauen; w o rden: der P o l des „Realen", des Materiellen, des „Sinnlichen". Es begann
eine gr o ße positive Philosophie, die sich (endlich) positiv zur abs o luten Freiheit schon bei Plat o , wo die große „Entdeckung" des Geistes alles andere über-
des Absoluten bekannte und alles v o n daher darzustellen versuchte. strahlte, aber auch bei Arist o teles kam es nidit zu klarer Würdigung, und dann
So ist, wie ich glaube, Hegels „Encykl o pädie" zur entscheidenden Frage an verlor sich bald alles, bei Phil o , Pl o tin, Origenes, Augustinus, den mittelalter-
Schelling geworden 14 und Anlaß zu dem höchst überraschenden, daß er seit lidien augustinistisdien Phil o so phen und Theologen, bei Descartes bis hin zu
1827 sich zu allen jenen Denkern bekannt hat, die um die Personalität des Fichte. Der Ausbau der Weltalterphil o so phie unter Festhaltung der wichtigen
Göttlichen gerungen und sie gegen Spinozas Denken geltend gemacht haben: zu C o nceptio n des Gesamt-real-idealen Seins hätte gerade in der Abhebung gegen
Jacobi, Hamann, und nicht minder zu Friedrich Schlegel 15• Hegel der Zeit viel schenken können. Aber Schelling, den so Pr o blemo ffenen
Alles k o nzentrierte sich nun bei Schelling auf dieses neue Anliegen, dem und sich darum immer wieder wandelnden, riß nur das Eine hin: eine Philo-
seine ganze denkerische Arbeit dann von 1827 bis zu seinem T o de geg o lten hat. sophie des Absoluten. Das schien Hegel gegenüber aufgegeben und im Ringen
Gro ßes wurde dabei ge o pfert ( - o der hatte seine Bedeutsamkeit verl o ren) : der der Zeit.
Ausbau des um 1809 ff. co ncipierten umfassenden Systems des „Real-Idealis- Indem Schelling aber sich in diese neue Pr o blematik immer tiefer einb o hrte,
mus", das gegen Hegels „Monismus des Idealen" so bedeutsam hätte sein und mußte sein Denken no twendig zu ganz Wesenhaftem vorst o ßen: das Verhältnis
so gültig neben ihm seinen Platz hätte einnehmen können. Lang Verdrängtes v o n G o tt und Welt war neu zu überdenken. Es k o nnte o ffenbar nicht mehr so
gefaßt werden, wie es in der Identitätsphil o so phie und Weltalterphilos o phie
" Schellings Angriff gegen Hegel ist pnmar immer von dem in der .Logik" und gefaßt war. Dazu sei abschließend ein kurzes Wort gesagt.
.Encyklopädie" Gesagten ausgegangen. Dabei hat Schelling Hegel nicht dynamischen
Pantheismus vorgeworfen, sondern Ungeklärtheit der Position. Gemeint war damit Wenn G o tt wesenhaft ens abs o lutissimum sein soll, dann bleibt offenbar
etwa das 1812 in der „Logik" Gesagte: .So wird noch mehr der absolute Geist, der nur dies, daß Welt in ihrem Sein o der Nichtsein für ihn völlig gleichgültig ist.
als die konkrete und letzte und höchste Wahrheit alles Seins sich ergibt, erkannt An diesem harten W o rt war dann o ffenbar nicht vorbeizuk o mmen - und
als am Ende der Entwicklung sich mit Freiheit entäußernd und sich zur Gestalt einer
Welt sich entschließend, welche alles das enthält, was in die Entwicklung, die jenem Sdielling hat es denn auch immer neu f o rmuliert. Der große Bezug G o ttes zur
Resultat vorangegangen, fiel . . . " (1812, S. 9). Dabei hat Schelling wohl keine Klä- Welt, der in Identitäts- und Weltalterphil o so phie so bezwingend und faszinierend
rung darin gefunden, wenn Hegel in der 2. Auflage formuliert hat (sie erschien erst gefaßt worden war, daß Gott sidi expliciert, um sich das Explicierte zu schen-
nach Hegels Tod 1833): ,,So wird nicht mehr der absolute Geist, der als die letzte
. . . Wahrheit des Seins sich ergibt, erkannt als am Ende der Entwicklung sich mit
ken - war dann aufzugeben. Mo dite Welt immer noch als explicati o gefaßt
Freiheit [ ! !] entäußernd und sich zur Gestalt eines unmittelbaren Seins entlassend - werden (und der späte Schelling hat es nie aufgegeben), so k o nnte diese ex-
zur Schöpfung einer Welt sich entschließend, welche alles das erhält . . . " usw. (1833, plicati o nicht explicati o für Gott selbst sein. Gott braucht Welt nicht. Welt war
S. 58). Schelling bemängelte dann vor allem die ihm nicht minder unklaren Formu-
lierungen Hegels in der „Encyklopädie" beim Übergang von der „Logik" zur Natur-
damit zunächst preisgegeben - preisgegeben und „geopfert" vor der „L o gik "
philosophie: .Die absolute Freiheit der Idee aber ist, . . . " (vgl. Ausgabe Pöggeler, des Abs o luten. Tieferhin: wenn es vom Begriff des Absoluten her abgelehnt
Nicolin S. 196/7. Hegels Anderung von der Auflage von 1817 zu der von 1827 werden muß, Welt in ihrem Sein v o m Abs o luten her Sinn zu geben: war
und 1830 ist hier gering). Es muß im übrigen offengelassen werden, wann Schelling dann „abs o luter" Sinn des weltlichen Seins überhaupt no ch möglich? War Welt
Hegels .Encyklopädie" wirklich gelesen hat (erst um 1821?). In Erlangen nahm
Schelling erstmals im August 1822 Stellung gegen Hegel. Was er dabei wirklich gesagt dann nicht von Grund auf „un-sinniges" Sein? Wie eine Antinomie schien alles
hat, ist uns verschlossen (vgl. S. W. X , 161). In München sagte Schelling anfangs - und die The o l o gie hat seit längerem darum gewußt: will phil o so phisches
(W. S. 1827/28) gegen Hegel fast nichts. Die Stellungnahme gegen Hegel begann so Denken der Welt Rang geben, w o möglidi v o m Abs o luten her, so ist so lches
i.e.S.crst nad1 Hegels Tod, im W. S. 1832/33, wo Schelling schon ein Großteil dessen
sagte, was heute in S. W. X. 126 ff. vorliegt. Ein Mitschreiber von Schellings Kolleg o ffenbar nur durch einen „Verrat" am Abs o luten als Abs o luten möglich. Und

vom W. S. 1831/32 weiß übrigens am 10.1.1832 zu berichten, Schelling habe von umgekehrt: will man das Absolute als ens absolutissimum, so ist eine Preisgabe
einem „berühmten Lehrer" gesprochen und Hegel damit gemeint. Der Mitschreiber des weltlichen Seins o ffenbar nicht zu umgehen. Schelling war so lches nicht ver-
notiert dabei: .Hegel . . . dessen kurz vor diesem Vortrag erfolgten Tod Schelling
beklagte" (N. S. 31/32, S. 145). bo rgen, und wenn er bis dahin immer Welt Rang gegeben hatte, - aber nicht,
15 Genaueres darüber werde ich an anderer Stelle vorlegen. o hne dem Göttlichen nahezutreten, so war er nun gewillt, ganz dem Abs o luten
210 Horst Fuhrmans

zu geben, was ihm zu gebühren schien, mochte Welt dabei auch frag-würdig
werden. Denn wenn Gott Welt nicht »braucht" und nicht notwendig haben
·1 Da s Gott-Welt-Verhältnis in Schelling s positiver Philosophie

absoluten Geist. Auch wenn Philosophie den Sinn nicht


daß es ihn gibt 16•
findet, glaubt sie doch,
211

darf, ja, wenn Gott schon an sich und vor aller Welt seliger, um sich wissender Nur von daher ist ihr Werk möglich . . .
Geist ist: Warum ist dann überhaupt Welt? Warum blieb Gott dann nicht allein,
in seiner allesgenügenden Seligkeit, da nur er ist und sonst nichts, sondern
warum entschloß er sich „eines Tages" dazu, daß neben und „außer" ihm Welt
sein solle? Warum schien es ihm - um alles zu verschärfen - gut, daß neben
ihm als dem Absoluten noch Endliches sei? In Schellings berühmt gewordener
Formulierung: ,,So treibt alles zur letzten verzweiflungsvollen Frage: Warum
ist überhaupt etwas [sc. außer dem Absoluten!), warum nicht nichts?" (S. W.
X I I I . 7). Warum ist überhaupt weltliches Sein? Das ist zu einer fundamentalen
Frage der positiven Philosophie Schellings geworden - und von seinem ganzen
Ansatz her konnte Schelling nicht zögern zu sagen: fragt Philosophie so, so
kann sie nicht ohne weiteres hoffen, darauf eine Antwort zu finden. Denn
Person ist Geheimnis, Sein in sich selbst, das apriori nicht durchschaubar ist,
Seiendes, dem es freisteht, sich zu äußern oder nicht zu äußern, so oder so zu
äußern. Nur die Ent-schließungen der Person er-schließen sie. Und auch das
nicht ohne weiteres. Denn alle Tat-Sachen aus Freiheit sind viel-deutig, und es
ist oft nid1t klar, wie sie „gemeint" sind. Es gibt auch vorläufig Gemeintes, ja
bewußt Ver-stelltes. Gewiß ist jede Tat schon irgendwie Offen-barung, Offen-
barmachen von Person. Aber vieles offenbart sich in seinem eigentlichen Sinn
erst nach vielen Tat-Sachen und nach langem Geschehen. Genauer gesagt: bei 16
Vgl. »E s liegt in der Natur de s freien Geistes überhaupt, nur durch seine l\ußerungen
menschlicher Person kann man manches zuvor „ahnen", denn endliches Sein hat erkennbar zu sein und zwar durch seine freie l\ußerung. Auch vom Men s chen sagt
Bedürfnisse, steht in Not-wendigkeiten, die bestimmtes Handeln nahe-legen. Das man: wer weiß, was in ihm ist. Vorzug s weise liegt es aber in der Natur de s sd1lecht-
Absolute aber ist absolut, ist ge-löst und frei von allen Bedürfnissen. So ist das hin freien Geiste s , nur durch seine freien l\ußerungen erkennbar zu sein" (N. 32/33
S. 42) . • Die E rfahrung, welcher die positive Philo-sophie zugeht, ist nicht nur eine
Absolute auch absolutes Geheimnis und sein faktisches Handeln souveräner als gewisse, sondern die ge s amte E rfahrung von Anfang bis zu E nde . . . ; die ganze
alles menschliche Handeln insgesamt. Philosophie ist darum nur möglich, wenn positive Philo- s ophie . . . ist nichts anderes als der fortgehende, immer wachsende,
sie „geschichtlich" ist, ,,positive" Philosophie ist: wenn sie bereit ist, in langem mit jedem Schritt sich ver s tärkende Erweis des wirklich exi s tierenden Gotte s , und
weil da s Reich der Wirklichkeit, in welchem er s ich bewegt, kein vollendetes und
Weg (Geschichte) den Wegen Gottes nachzugehen und dem „Gesetzten" nach- abgeschlossenes ist . . . , ist doch in der Geschichte noch Bewegung und unablä ss iges
zudenken. Fortschreiten - weil insofern da s Reich der Wirklichkeit nicht ein abgeschlossenes,
Von Welt und ihrem Sinn her gefragt, heißt das aber: Welt ist. Das ist un- sondern ein seiner Vollendung entgegengehendes [ ! !) ist, s o ist auch der Beweis nie
abgeschlos s en, und darum auch diese Wissenschaft nur Philo-sophie" (S. W. XIII, 131).
bestreitbare Tat-Sache. Gott gefiel es offenbar, da er erwog, ob Welt sein solle
Sie beginne dabei mit einer fundamentalen Voraussetzung: . E s gibt (gäbe) keine
oder nicht, daß sie sei. Aber der Sinn ihres Seins ist uns damit nicht schon offen- Weisheit für den Menschen, wenn im objektiven Gang der Dinge keine ist. Die er s te
bar. Ihn sucht vielmehr die Philosophie; sie ist Suche nach dem Sinn des welt- Voraus s etzung der Philo-sophie als Streben nach Weisheit ist al s o, daß . . . in dem
lichen Seins, eines Sinnes, den sie nicht o. w. weiß. Philosophie ist darum nach Sein, in der Welt s elbs t Wei s heit s ei". Der Men s ch muß sich nach Schelling der The s e
einer aus reinem Zufall gekommenen Welt versagen." Ich verlange [da ich nach Sinn
Schelling nur als Philo-sophie möglich, als Sitche. Aber indem sich Philosophie verlange und ihn geradezu »f ordern" muß) ein mit Weisheit, Voraussicht, Freiheit
auf die Suche nach diesem Sinn macht, ist ihr nach Schelling etwas vorgegeben, gesetzes Sein" (a. a. 0 . 203). Daran hängt geradezu der mögliche Sinn unseres Seins,
von dem her sie lebt: echte Philosophie glaubt an diesen Sinn, glaubt um dessent- das sonst dem Sinnlosen ausgeliefert ist. Schclling hätte im übrigen wohl tief dem
Wort des Buches der Weisheit zuge s timmt - es hätte geradezu Ausgangspunkt seine s
willen an ihn, weil sie glaubt, daß Welt nicht aus Zufall und Irrationalem ge- Denkens über die Welt sein können: »Herr, Du lieb s t alles, wa s Du ge s chaffen
kommen ist, sondern gesetzt ,durch ein sinnbestimmtes Wesen: gesetzt vom Hättest Du es nicht geliebt (verachtet], Du hätte s t es nicht ge s chaffen . . . " (Weis-
heit 11, 24).